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-The Project Gutenberg eBook, Das wandernde Licht, by Ernst von Wildenbruch
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-Title: Das wandernde Licht
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-Author: Ernst von Wildenbruch
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-Release Date: September 19, 2017 [eBook #55580]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WANDERNDE LICHT***
-
-
-E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
-(http://www.pgdp.net)
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-
-Hinweise zur Transkription
-
- Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
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- Symbole für abweichende Schriftarten:
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- ~kursiv~
- #fett#
- =Antiqua=
- ^Schwabacher^
-
-
-
-
-
-Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.
-Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.
-Zehnter Jahrgang. Band 3.
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-DAS WANDERNDE LICHT.
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-Novelle
-
-von
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-ERNST VON WILDENBRUCH.
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-Stuttgart.
-Verlag von J. Engelhorn.
-1893.
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-Alle Rechte, namentlich das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
-
-Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
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-An der kleinen Station, die nicht weit hinter Breslau an dem großen
-Schienenstrange liegt, der, Schlesien durchquerend, Berlin mit Wien
-verbindet, war zu später Abendstunde der Eisenbahnzug angekommen.
-
-Es war keiner von den Kurierzügen; wenige Fahrgäste nur saßen in den
-Wagen verteilt; auf der Station stiegen nicht mehr als zwei Reisende
-aus. Dies waren zwei Männer, von denen der eine, der bejahrter und
-dicker als der andre war, sogleich von dem Gepäckträger des Bahnhofs in
-Empfang genommen und begrüßt wurde. Er schien am Orte bekannt zu sein,
-und das war natürlich genug, denn es war der Arzt, der in der kleinen,
-etwa zwei Meilen hinter der Station landeinwärts gelegenen Stadt seinen
-Wohnsitz hatte.
-
-»Ist der Wagen da?« fragte er den Gepäckträger, dem er seine Reisetasche
-anvertraute; er war offenbar nur zu einem kurzen Ausfluge von Hause fort
-gewesen.
-
-»Is da, Herr Dukter,« erwiderte jener; »die Frau Dukter hat och den
-Mantel für'n Herrn mit eingelegt, wird aber nicht nötig sein, is
-scheenes Wetter heut abend zur Nacht.«
-
-Jetzt wandte sich der Arzt an den Mitreisenden.
-
-»Wollen Sie nicht auch nach -- fahren?« Und er nannte den Namen des
-Städtchens.
-
-Der Angeredete bejahte. Er wollte am nächsten Tage noch weiter ins Land
-hinein; darum hatte er die Absicht gehabt, in der Stadt zu übernachten.
-
-Mit einem raschen Blick stellte der Doktor fest, daß außer einem Koffer
-nichts weiter an ihm hing.
-
-»Wenn's Ihnen also recht ist,« meinte er, »steigen Sie mit ein, und wir
-fahren zusammen.«
-
-Das wurde angenommen, und bald darauf rasselte der Wagen mit seinen
-Insassen durch das Gitterthor des Bahnhofgebäudes auf die Chaussee
-hinaus, die sich im Mondlicht wie ein weißes flimmerndes Band in das
-Land hinein verlor.
-
-Es war, wie der Gepäckträger gesagt hatte, schönes Wetter heut abend zur
-Nacht.
-
-Man befand sich im Juli; zu beiden Seiten der Chaussee stand das
-reifende Korn auf den Feldern; über dem weiten, flachen Lande lag die
-tiefe, süße Stille der Sommernacht, nicht unterbrochen, sondern nur
-eindringlicher gemacht durch das Gequak der Frösche, in das sich von
-Zeit zu Zeit der dumpfe Ruf der Rohrdommel mischte.
-
-Um die Fahrt zu verkürzen, bog jetzt der Kutscher von der Chaussee in
-einen Weg ab, der quer durchs Land einen Bogen der großen Fahrstraße
-abschnitt. Obschon man hier stellenweise durch sandigen Untergrund
-hindurch mußte, blieben die kräftigen Braunen, die vor den Wagen
-gespannt waren, in munterem Trabe, so daß man gut vom Flecke kam.
-
-Nach einer halben Stunde etwa tauchten vor den Reisenden die dunklen
-Umrisse eines baumreichen Parks auf, und indem man näher kam, sah man
-über den Bäumen ein Haus emporsteigen. Vielleicht war es das Dunkel der
-Nacht, welches die Linien des Gebäudes undeutlich machte -- jedenfalls
-erschien es, von hier unten gesehen, außerordentlich groß, beinahe
-kolossal.
-
-»Ist das das Schloß, das zu dem Park gehört?« unterbrach der zweite
-Reisende, der im Lande fremd zu sein schien, die Stille, die bisher im
-Wagen geherrscht hatte.
-
-»Jawohl, das ist das Schloß,« erwiderte der Arzt. »Ein gehöriger Kasten!
-Nicht wahr?«
-
-Die Bezeichnung traf zu. Einem ungeheuren finstern Kasten sah das
-Bauwerk ähnlich, wie es in seiner schweren Masse, lautlos, scheinbar
-leblos, auf der Terrasse über dem Parke lag, und mit den schwarzen,
-lichtlosen Fenstern in die dunkle Nacht hinausstierte.
-
-Indem die Blicke des Reisenden noch an dem merkwürdigen Bilde hafteten,
-griff der Kutscher mit einem plötzlichen Ruck in die Zügel, so daß die
-Pferde zum Stehen kamen.
-
-»Herr Dukter,« wandte er sich vom Bocke zum Wagen um, »itze sucht er
-wieder -- da!«
-
-Mit dem Peitschenstiele deutete er auf das Schloß hin; die Augen des
-Arztes und seines Begleiters folgten der angegebenen Richtung.
-
-In dem toten Hause war es lebendig geworden.
-
-Hinter einem der dunklen Fenster, und zwar demjenigen, welches sich an
-der äußersten Ecke des Hauses befand, dämmerte ein Lichtschein auf, der
-sich allmählich verstärkte, so daß es aussah, als käme eine Leuchte aus
-dem hinteren Teile eines weitläufigen Gelasses langsam nach vorn.
-
-Dann blieb das Licht stehen, flackerte eine Zeitlang hin und her, als
-würde die Leuchte von der Hand, die sie trug, im Kreise umhergeführt;
-alsdann verdunkelte sich das erste Fenster, das danebenliegende wurde
-hell -- das Licht wanderte. Man konnte wahrnehmen, wie es aus dem ersten
-Zimmer in das anstoßende Gemach ging. Dort blieb es abermals stehen, und
-der Vorgang von vorhin wiederholte sich. Aus dem zweiten wanderte es
-in das dritte, und so die ganze lange Flucht von Zimmern entlang, und
-jedesmal das flackernde Umherfahren, jedesmal aber hastiger, als würde
-die Hand, die die Leuchte trug, immer erregter, als suchte das Licht
-etwas in den Ecken der Gemächer, und fände nicht, wonach es suchte. Wie
-das Ringen einer stummen, verzweifelten Seele, beinahe gespensterhaft
-sah das alles aus.
-
-Zwölf Fenster befanden sich in der langen Front des Schlosses; an allen
-zwölf wanderte das Licht entlang, bis daß es endlich in das letzte, von
-dem ersten Zimmer entfernteste Gemach gekommen zu sein schien.
-
-Hier wurden die Bewegungen noch ungestümer als zuvor, das Licht fuhr
-herauf und herab, daß es aussah, als suchte es am Fußboden umher.
-
-»Itze is er in ihrem Schlafzimmer,« sagte der Kutscher, der kein Auge
-von dem Vorgange verwandt hatte.
-
-»Ja, jetzt ist er in ihrem Schlafzimmer,« bestätigte der Arzt. In dem
-Augenblick aber trat eine neue Erscheinung ein: das Licht, das ganz
-tief am Boden umhergeglitten war, als suchte es unter Möbeln und Betten,
-wurde plötzlich hoch gehoben und stand ruhig und still, ohne weiter
-umherzuirren und zu flackern. Es sah aus, als wäre eine andre, festere
-Hand hinzugekommen, die es der ersten abgenommen hatte und emporhielt.
-Dies dauerte einige Zeit, dann verdämmerte der Lichtschein nach dem
-Hintergrunde des Zimmers, verschwand sodann völlig, und gleich darauf
-lag das Schloß wieder finster und leblos da, wie es zuvor gelegen hatte.
-
-»Itze is der Johann gekommen und hat ihn geheißen vernünftig sein,«
-sagte der Kutscher, indem er leise in sich hineinlachte, wie jemand, der
-sich gegrauelt hat und froh ist, daß der Spuk zu Ende ist.
-
-»Es scheint,« erwiderte der Arzt, »jetzt ist der Johann gekommen. Also
--- fahr auch zu.«
-
-Er lehnte sich zurück; der Kutscher schnalzte mit der Zunge, und
-die Pferde zogen wieder an. Wenige Minuten später lag das Schloß den
-Fahrenden im Rücken.
-
-Der zweite Reisende, der das abenteuerliche Schauspiel schweigend
-beobachtet hatte, wandte sich jetzt an seinen Begleiter. Aus dem
-Gespräche des Arztes und des Kutschers hatte er entnommen, daß der
-rätselhafte Vorgang ihnen verständlich erschien.
-
-»Können Sie mir denn sagen,« fragte er, »was das alles für eine
-Bewandtnis hat?«
-
-Es erfolgte zunächst keine Antwort. Der Arzt saß in seiner Wagenecke
-und brummte vor sich hin; er schien nicht recht aufgelegt, Auskunft zu
-erteilen.
-
-»Sie sind wohl nicht aus der Gegend?« fragte er dann zurück.
-
-»Nein -- warum?«
-
-»Hm -- nu ja --« meinte der Arzt, »weil sonst -- haben Sie nie von den
-Fahrenwalds gehört?«
-
-»Fahrenwalds?«
-
-»Nu ja -- die Freiherren von Fahrenwald.«
-
-»Niemals gehört,« versicherte der Gefragte.
-
-Der Arzt brummte wieder vor sich hin; es klang beinahe wie Mißbilligung.
-Als echter Schlesier konnte er kaum begreifen, daß jemand von einem
-Geschlechte, wie das der Fahrenwalds, nichts wissen sollte.
-
-»Gehört denen das Schloß?« fuhr der Reisende nach einer Pause fort.
-
-»Nu, das versteht sich,« entgegnete der Arzt, »der Baron, der jetzt da
-oben sitzt, ist der letzte von ihnen.«
-
-Er drückte sich tiefer in seinen Sitz.
-
-»Aber wenn Sie fremd sind -- es sind Sachen -- man thut schon besser,
-man spricht nicht viel davon.«
-
-Der andre wurde immer neugieriger.
-
-»Ist etwas los mit dem jetzigen Baron?«
-
-»Nu -- was soll mit ihm los sein?« sagte der Arzt, dessen Antworten
-immer zögernder wurden, »man könnte halt eben von ihm sagen: es blakt
-bei ihm ein wenig.«
-
-»Es -- blakt?« fragte der Gefährte. »Was meinen Sie damit?«
-
-Der Arzt lachte in sein feistes Doppelkinn.
-
-»Nu, sehen Sie, das Gehirn der Menschen, damit ist's so ungefähr wie
-mit den Lampen. Bei den einen brennt das ruhig und manierlich, bei den
-andern flickert's und flackert's, und endlich gibt's welche, bei denen
-die Lampe blakt.«
-
-»Also -- irrsinnig?«
-
-Der Arzt schlug mit der Hand durch die Luft und wandte den Kopf nach der
-andern Seite.
-
-Eine längere Pause entstand.
-
-Dann fing der andre wieder an.
-
-»Und -- er hat also eine Frau?«
-
-Der Arzt warf den Kopf herum.
-
-»Wieso?« fragte er.
-
-»Nun -- weil Sie doch vorhin sagten, daß er jetzt in ihrem Schlafzimmer
-wäre.«
-
-Der Arzt stieß einen schnaubenden Seufzer aus. Es war ihm offenbar
-nicht lieb, daß er so ausgeholt wurde, und er ärgerte sich, daß er schon
-zuviel gesagt hatte.
-
-»Eine Frau,« sagte er dann, »kann ja sein, daß er eine hat, oder
-wenigstens gehabt hat. Aber das ist eine Sache, wo es schon am besten
-ist, wenn man halt gar nicht davon spricht.«
-
-Er seufzte noch einmal; seine Stimme sank herab, daß es wie ein
-Selbstgespräch klang: »Die Frauensleute -- das ist ja manchmal nicht
-viel anders als die Schafe, die ins Feuer laufen, weil es glänzt.
-Nachher, wenn sie drinnen sind, merken sie, daß es auch brennt, aber
-dann ist's zu spät.«
-
-Er schüttelte die Achseln und reckte sich auf.
-
-»Aber, wie gesagt -- da wird alles Mögliche geredet -- denn wovon reden
-die Leute nicht -- und wenn man nachher zusieht, wer etwas weiß, ist
-niemand, der etwas Sicheres weiß. Darum mein' ich schon, es ist halt das
-beste, man spricht nicht davon. Und ich für mein Teil, ich meine, es
-ist gut, wenn einer keine Verpflichtung hat, sich um gewisse Dinge zu
-bekümmern. Dann soll er sich auch nicht darum bekümmern. Und ich habe
-keine Verpflichtung, mich geht's nichts an -- also bekümmere ich mich
-nicht drum.«
-
-Damit lehnte er sich tief in die Wagenecke zurück, wie jemand, der genug
-gesagt hat und nichts weiter sagen will. Der andre schien es zu fühlen
-und schwieg. Die Andeutungen des Arztes hatten ihm die Sache beinahe
-noch dunkler gemacht, als sie gewesen war. Irgend ein Vorgang mußte sich
-da oben abgespielt haben, vielleicht sogar ein schrecklicher, aber was?
-
-Immerfort sah er das stumme Licht hinter den Fenstern des toten Hauses
-dahinwandern, von Zimmer zu Zimmer, wie ein schlummerloses böses
-Gewissen, immerfort das zuckende Umherfahren der Leuchte, das Suchen in
-den Ecken der Gemächer, am Fußboden entlang, unter Möbeln und Betten,
-das wilde verzweifelte Suchen. Wer war der nächtliche Wanderer? Wen
-suchte das Licht? Ein Schauder bedrückte ihm das Herz -- was mochte das
-finstere Haus gesehen haben?
-
- * * * * *
-
-In den Breslauer Gesellschaftskreisen war vor einiger Zeit eine
-Persönlichkeit aufgetreten, deren Erscheinen in den Familien, denen
-sie Besuch machte, jedesmal eine gewisse Aufregung, eine Mischung von
-geschmeicheltem Stolz und von beklommener Sorge hervorrief. Das war der
-Baron Eberhard von Fahrenwald.
-
-Alle Welt kannte den Namen und den Reichtum des Geschlechts, alle Welt
-aber munkelte auch, daß es mit den Fahrenwalds nicht recht richtig sei.
-
-Jahrelang nach dem Tode des Vaters war der Baron Eberhard unsichtbar,
-wie verschwunden gewesen. Wo hatte er gesteckt? Einige behaupteten, er
-hätte Reisen um die Welt gemacht, andre, er wäre gar nicht von seinem
-Schlosse fortgekommen, sondern hätte vergraben und verborgen unter
-seinen Büchern gelebt, eine dritte Art von Berichterstattern endlich
-wußte zu erzählen, daß er ganz einfach in einer Anstalt untergebracht
-gewesen sei. Anverwandte, von denen man Gewisses und Genaues hätte
-erfahren können, waren nicht vorhanden; die Fahrenwalds waren wie ein
-alter, verdorrender Baum, der keine Aeste mehr treibt, von dem nur noch
-der Stamm übrig geblieben ist.
-
-Und nun tauchte diese geheimnisvolle Persönlichkeit plötzlich auf,
-machte Besuche und that alles das, wodurch Menschen anzudeuten pflegen,
-daß sie mit Menschen verkehren wollen. Und doppelt auffällig -- seine
-Besuche galten vornehmlich den Familien, wo Töchter im Hause waren. Was
-hatte das zu bedeuten? Etwa, daß er daran dachte --? Man konnte es den
-Eltern im Grunde nicht verdenken, wenn sie sich aufgeregt fühlten.
-
-Einen Freiherrn von Fahrenwald zum Schwiegersohn zu besitzen, die eigene
-Tochter als Gebieterin eines großen Vermögens, als Besitzerin eines
-von aller Welt gepriesenen Herrensitzes zu wissen -- unter normalen
-Umständen wäre es ja ein Ziel gewesen, »aufs innigste zu wünschen«. Aber
-so -- wie nun einmal die Verhältnisse jetzt lagen --
-
-Erklärlicherweise bemächtigte sich die Aufregung der Eltern in noch
-stärkerem Maße der Töchter selbst. Neugier mischte sich mit Grauen; es
-war eigentlich ein noch nie dagewesener Gesellschaftsreiz.
-
-Sobald es feststand, daß der »verrückte Baron« -- denn unter dieser
-Bezeichnung ging er kurzweg -- zu einer Gesellschaft eingeladen sei und
-erscheinen würde, flogen die jungen Damen auf, von Haus zu Haus, herüber
-und hinüber, und es gab ein Gewisper und Geflüster, ein Kichern und
-Lachen, und ein wollüstig wonnevolles Graueln.
-
-Wie doppelt begehrenswert man sich erschien! Wie man sich gegenseitig
-darauf ansah, auf welche von ihnen wohl der unheimliche Mensch die
-Augen richten, nach welcher von ihnen er die Hand ausstrecken würde! Die
-blühenden Wangen beugten sich zu einander, die kleinen Hände drückten
-sich mit gegenseitigem Verständnis -- es war wie ein erregter
-Taubenschwarm, über dem der Habicht in Lüften steht.
-
-Man kann sich hiernach vorstellen, wie eigentümlich und gepreßt der
-Empfang war, der dem Baron Eberhard von Fahrenwald zu teil wurde, so oft
-er in Gesellschaften erschien.
-
-Seine persönliche Erscheinung und die Art seines Auftretens bestärkte
-alles das, was über ihn gemunkelt und geredet wurde.
-
-Man wußte, daß er stets von seinem Diener begleitet wurde, der nie von
-seinen Schritten wich und ihm zu jeder Gesellschaft folgte.
-
-Dieser Diener war ein langer, hagerer, eisgrauer Mann, mit einem von
-schweren Runzeln durchfurchten Gesicht, aus dem eine starke, gekrümmte
-Nase hervorragte. Stets in schwarzem Frack und weißer Krawatte, wie ein
-versteinerter Ueberrest aus der Zeit, da es noch große Herren und große
-Kammerdiener gab.
-
-Nie hatte man ein Wort aus seinem Munde vernommen, kaum einmal hatte
-man gesehen, daß er nach rechts oder links blickte -- an einem einzigen
-Gegenstande haftete sein Denken und Sinnen, das war sein Herr.
-
-Jeden Abend, wenn er den Baron zu einer Gesellschaft begleitete,
-wiederholte sich ein besonderer Vorgang: er stand hinter seinem Herrn
-und nahm ihm mit schweigender Würde den Mantel ab; währenddem wandte der
-Baron sich zu ihm um und sagte: »Geh nach Haus, Johann, und hole mich
-nachher ab.« Jedesmal, so oft der Baron dieses sagte, verneigte sich der
-alte Johann, feierlich wie ein Senator, nahm den Mantel seines Herrn an
-sich und ging nicht nach Haus. Im Dienerzimmer setzte er sich nieder,
-ernst, würdevoll und schweigsam, und wartete, bis die Gesellschaft zu
-Ende war. Sobald der Baron dann heraustrat, stand der Alte schon wieder
-da, den Mantel in beiden Händen, stumm, regungslos, wie eine Bildsäule.
-Natürlich hatten die Diener und Hausmädchen der Häuser, wo die
-Gesellschaften stattfanden, sich bemüht, den komischen alten Kerl zum
-Sprechen zu bringen und über seinen Herrn auszuholen, aber sie hatten
-ihre Versuche aufgeben müssen; sie hätten ebensogut zu einem Stein
-sprechen können; der Alte hatte nicht einmal gethan, als ob er sie
-überhaupt vernähme.
-
-Ein einziges Mal hatte er ein Lebenszeichen gegeben -- der Fall
-war sorgfältig registriert worden -- als einmal ein schnippisches
-Stubenmädchen in seiner Gegenwart gesagt hatte, nun würde der Herr Baron
-wohl nächstens heiraten und eine Frau Baronin nach Haus bringen. Er
-wäre so zusammengezuckt, erzählte das Mädchen, als er das gehört, daß
-es nicht anders ausgesehen hätte, als wenn er sich schüttelte, und
-dann hätte er sie mit einem Blick angesehen -- ganz gräßlich, sagte das
-Mädchen. Und dann hätte er die Achseln gezuckt, ganz hoch hinauf,
-und alsdann wieder stumm dagesessen. Und das Achselzucken, das hätte
-ausgesehen, als wollte er sagen: »Was redst du denn? Weißt du denn
-nicht, daß er verrückt ist?«
-
-Seitdem stand es für die Dienerschaft fest: der Baron von Fahrenwald
-war verrückt. Der alte Johann war sein Wärter, und der Wärter hatte es
-gesagt.
-
-Und aus dem Dienerzimmer flüsterte sich das, wie es ja stets geschieht,
-in die herrschaftlichen Zimmer hinüber: der Baron von Fahrenwald war
-verrückt.
-
-Und wer, der ihn ansah, hätte zweifeln können, daß es wirklich also war?
-
-Wenn die Thür sich aufthat und er hereintrat mit langsam schleppendem
-Schritt, ein langer, eckiger Mann, mit dunklem, fast schwarzem Haar,
-das bleiche, beinahe marmorweiße Gesicht von dunklem Barte umrahmt, dann
-legte es sich unwillkürlich wie ein Alp auf die Anwesenden, Wirte und
-Gäste, Herren und Damen.
-
-Und dieser Bann ging hauptsächlich von den Augen des Mannes aus, die
-ganz tief, wie zwei dunkle tiefe Löcher in dem bleichen Gesichte lagen,
-und aus denen ein starrender, suchender, bohrender Blick hervorgekrochen
-kam, langsam, beinahe wie ein Wurm.
-
-»Er sieht eigentlich kolossal interessant aus,« hatte die junge Komtesse
-Karmsdorf, als sie ihn zum erstenmal erblickte, hinter dem Fächer hervor
-zu ihren Freundinnen gesagt, »aber da man weiß, wie es mit ihm steht,
-ist es des Interessanten denn doch ein bißchen zu viel.«
-
-Die Freundinnen hatten kopfnickend und kichernd bestätigt, daß es so
-sei, und als der Baron Miene machte, auf sie zuzutreten, waren sie samt
-und sonders, wie von einem panischen Schrecken erfaßt, nach einer andern
-Ecke des Saales entwischt, und es hatte nicht viel gefehlt, so hätten
-sie laut aufgekreischt.
-
-So erging es dem Baron Eberhard von Fahrenwald. Die Wirte, die ihn
-eingeladen hatten, konnten sich seiner Begrüßung natürlich nicht
-entziehen. Aber wenn er alsdann mit schwerer, eckiger Verbeugung auf
-sie zutrat, sah man ihm an, wie wenig er in fröhlich ausgelassene
-Gesellschaft paßte. Er versuchte, sein Gesicht zu einem verbindlichen
-Ausdruck zurechtzulegen, zu lächeln, aber das Lächeln wollte sich so gar
-nicht mit dem bleichen, schwermütigen Gesicht verstehen, es sah aus, als
-thäte es ihm weh.
-
-Beim Tanze blieb er Zuschauer, am Kartenspiel nahm er nicht teil, so
-blieb er einsam, und das wiederholte sich in jeder Gesellschaft, so daß
-man sich unwillkürlich fragte, wie lange er die zwecklosen Besuche und
-Versuche fortsetzen würde.
-
-Offenbar fühlte er das selbst, denn der Ausdruck dumpfer Schwermut
-in seinem Gesichte verstärkte sich von einem zum andern Mal, seine
-Bewegungen wurden immer schleppender, es sah aus, als ermüdete der Mann
-unter der Last des Daseins.
-
-So näherte sich der Winter seinem Ende. Ein großes Ballfest wurde
-gegeben, dem der Baron, einsam und teilnahmlos wie gewöhnlich,
-beiwohnte.
-
-Indem er, an den Thürpfosten des Nebenzimmers gelehnt, dem wirbelnden
-Tanze zuschaute, der im Saale auf und nieder flog, richtete er plötzlich
-das Haupt zur Seite -- es war ihm gewesen --
-
-Auf einem Stuhle, dicht an die Wand gerückt, saß ein junges Mädchen. Sie
-nahm nicht teil am Tanze, offenbar, weil sie nicht aufgefordert worden
-war, ein Mauerblümchen, wie man zu sagen pflegt.
-
-Wenn man sie ansah, begriff man das einigermaßen; sie hatte etwas
-Unscheinbares; sie war nicht besonders hübsch und, wie es schien, arm.
-Ein schmaler Silberreif um den Hals, das war der ganze Schmuck des
-jungen Körpers; ihr dürftiges weißes Tüllkleidchen stach von den
-Gewandungen ihrer reicheren, glücklicheren Altersgenossinnen ab.
-
-Indem der Baron den Kopf nach ihr umwandte, bemerkte er, daß sie ihn
-schon längere Zeit von der Seite betrachtet hatte. Er sah zwei runde,
-nicht besonders schöne, aber unendlich gutmütige Augen, die stumm
-beobachtend, aber ohne Neugier auf ihm ruhten. Jetzt, da er zu ihr
-hinblickte, senkte sie die Augen, und er gewann Zeit, sie von seiner
-Seite zu betrachten.
-
-Sie war in Verlegenheit etwas errötet; um den kleinen Mund, der sich ein
-wenig nach vorn zuspitzte, war ein unmerkliches Zittern; dadurch
-erhielt das ganze Gesichtchen etwas Trauriges, beinahe, als wenn es mit
-verhaltenem Weinen kämpfte.
-
-Er war also nicht der einzige Einsame heute abend; da war noch eine, und
-er sah es ihr an, sie fühlte sich unglücklich. Solch ein junges Mädchen,
-das zum Balle eingeladen, nicht zum Tanze aufgefordert wird und in der
-Ecke sitzen bleibt, leidet ja in Wirklichkeit ganz bitterlich; alle
-Qualen der Zurücksetzung lasten auf der armen jungen Seele.
-
-Jetzt schrak die einsame Kleine leise auf, die Röte auf ihren Wangen
-wich einer tiefen Blässe, ihre Hände, die einen mageren Fächer im Schoße
-hielten, preßten sich zusammen -- der Baron Eberhard von Fahrenwald
-hatte sich neben sie gesetzt. Sie hatte natürlich, wie alle andern, von
-dem »verrückten Baron« erzählen gehört, und nun saß er plötzlich neben
-ihr, nicht durch Zufall, sondern weil er sie aufgesucht hatte. Es wurde
-ihr unheimlich zu Mute.
-
-Vorhin, als sie den blassen einsamen Mann, dem man das Unglück am
-Gesicht ansah, an der Thür hatte lehnen sehen, war ihr Herz ganz von
-tiefem Mitleid erfüllt gewesen -- jetzt fühlte sie eine Angst, die ihr
-die Nähe des unheimlichen Menschen verursachte.
-
-Eine Zeit lang saßen beide schweigend, dann erhob der Baron das Gesicht.
-
-»Es thut mir so leid,« sagte er, »daß ich nicht tanze, gnädiges
-Fräulein, sonst würde ich um die Erlaubnis bitten, Sie dort hineinführen
-zu dürfen.«
-
-Er hatte mit dem Kopfe nach dem Tanzsaale gedeutet; mit unwillkürlichem
-Staunen wandte sie sich zu ihm um und sah ihm ins Gesicht. War das die
-Stimme eines »Verrückten«?
-
-Ein so tiefer, milder Wohlklang lag in den einfachen Worten; etwas so
-Sanftes, so Warmes, so Gütiges kam von ihm zu ihr herüber, daß es
-ihr war, als hätte eine Hand ihre Hand erfaßt, mit liebem, tröstendem
-Drucke.
-
-Schweigend blickte sie ihn an und war sich kaum bewußt, daß sie es
-that. Schweigend hielt er die Blicke in die ihrigen gerichtet; in seinen
-tiefen geheimnisvollen Augen erwachte etwas, wie eine sehnende Frage,
-wie ein Hoffen, das sich nicht hervorgetraut, wie ein verstohlenes
-Leuchten in lichtloser Nacht.
-
-So saßen die beiden, von niemand beachtet, nach niemand fragend, wie
-zwei Leidensgefährten, die unausgesprochenes Verständnis zu einander
-führt, und nach einiger Zeit schob er, ohne ein Wort zu sagen, die Hand
-zu ihr hin, und ohne ein Wort zu erwidern, löste sich ihre kleine Hand
-vom Fächer, den sie immer noch krampfhaft umspannt hielt, und senkte
-sich zitternd in seine Hand. Und als sie nun den leidenschaftlichen
-Griff fühlte, mit dem er ihre Finger zusammenpreßte, erschrak sie; aber
-als sie dann fühlte, wie er sogleich, indem er ihren Schreck empfand,
-den Druck mäßigte, faßte sie neues Vertrauen. Welche Aufmerksamkeit
-sprach aus seiner Bewegung, welche Zartheit; es war, als streichelten
-seine Finger ihre erschreckte Hand, als spräche seine Hand: »Ich thue
-dir nichts, fürchte dich nicht.«
-
-Sie kamen dann ins Gespräch, und im Verlaufe desselben erfuhr er
-Genaueres über die Kleine.
-
-Anna von Glassner hieß sie und war eine Waise. Ihre Eltern hatten ihr so
-gut wie nichts hinterlassen, und weil sie doch irgendwo bleiben mußte,
-war sie von einem entfernten Onkel, einem alten pensionierten Major und
-dessen Frau aufgenommen worden. Bei denen wohnte sie in Breslau, und es
-war nicht schwer, aus ihren Andeutungen zu entnehmen, daß der Aufenthalt
-ein ziemlich trübseliger war.
-
-Die alten, kränklichen, kinderlosen Leute besuchten keine
-Gesellschaften, weil sie sie nicht erwidern konnten; bei Gelegenheiten,
-wie die heutige eine war, ließen sie das junge Mädchen allein gehen und
-durch das Dienstmädchen aus der Gesellschaft abholen.
-
-»Wollten Sie mir sagen,« fragte sie nach einiger Zeit den Baron, »welche
-Zeit es ist? Ich darf nicht zu spät nach Haus kommen.« Der Baron sah
-nach der Uhr. Sie raffte ihr dünnes Kleidchen zusammen. »Dann muß ich
-gehen.«
-
-»So früh schon?«
-
-»Mein Onkel und meine Tante schlafen so schlecht,« erwiderte sie, »und
-haben es nicht gern, wenn ich sie so spät in der Nacht störe.«
-
-Sie erhob sich; zugleich mit ihr stand er auf.
-
-»Ich werde auch gehen,« sagte er.
-
-Sie senkte das Köpfchen und errötete.
-
-Auf dem Flure draußen saß die Köchin, die sie erwartete. Eine Person
-mit groben, mißmutigen Zügen, der man ansah, wie wenig Vergnügen es ihr
-bereitete, daß sie, neben der gewöhnlichen Tagesarbeit, jetzt auch
-noch durch die Winternacht laufen mußte, um das »Fräulein« nach Haus zu
-bringen.
-
-Ein Paar Gummischuhe standen neben ihr, die sie dem jungen Mädchen mit
-nicht übermäßiger Verbindlichkeit zuschob. Während Anna ihre kleinen,
-mit weißen Atlasschuhen bekleideten Füße in die Ueberschuhe zwängte,
-stand der Baron hinter ihr und sah zu. Die Köchin trat heran und gab ihr
-den Mantel um, ein dickes, schweres Kleidungsstück von grobem, dunklem
-Tuch, unter dem die jugendliche Gestalt ganz unkenntlich und unförmlich
-wurde. Jetzt wandte sich Anna, und da sie den Baron noch immer stehen
-sah, wollte sie mit einer flüchtigen Neigung des Kopfes an ihm vorüber.
-
-Mit einem hastigen Schritte war er an ihrer Seite.
-
-»Darf ich Sie um eine Gnade bitten?« fragte er.
-
-Erstaunt, beinahe erschreckt, blickte sie auf.
-
-»Wollen Sie meinen Wagen benutzen, damit er Sie nach Haus bringt?«
-
-Nun erschrak sie wirklich.
-
-»Ach nein -- wie könnte ich das -- nein wirklich --«
-
-Er wich einen halben Schritt zurück; ihre Schüchternheit erschien ihm
-als Angst; sie fürchtete sich also auch vor ihm. Als er so jählings
-verstummte, erhob sie unwillkürlich das Haupt. Sie sah, wie der Kummer
-in seine Züge zurückgekehrt war.
-
-»Ich -- weiß wirklich gar nicht« -- begann sie stockend. »Sie -- sind
-wirklich -- so gut zu mir --«
-
-Wie neubelebt trat er wieder heran.
-
-»Ach, wenn Sie es annehmen wollten,« flüsterte er, »wenn Sie wüßten, was
-für eine Freude Sie mir damit bereiten würden.«
-
-Nun konnte sie nicht mehr »nein« sagen; mit einer leisen Neigung senkte
-sie das Haupt.
-
-Der Baron wandte sich rasch zurück. Hinter ihm stand der alte Johann,
-den Pelzmantel seines Herrn in Händen, regungslos wie eine Bildsäule,
-mit starren, sonderbaren Augen auf den Baron und das Fräulein blickend.
-
-»Ist der Wagen da?« fragte der Baron.
-
-Der Alte verneigte sich mit schweigender Würde. Hurtig fuhr der Baron in
-den Mantel, dann bot er Anna von Glassner den Arm.
-
-»Darf ich Sie hinunterführen?«
-
-Von ihm geleitet stieg das junge Mädchen die Treppe hinab; die Köchin
-folgte hinterdrein.
-
-Vor der Hausthür stand ein verdecktes Coupé mit einem mächtigen Pferde
-bespannt; zwei strahlende Wagenlaternen warfen ihr Licht in die Straße
-hinaus.
-
-Anna wich beinahe zurück -- in solch' eleganten Wagen sollte sie sich
-hineinsetzen?
-
-Der Baron aber hatte bereits den Schlag geöffnet und bot ihr die Hand
-zum Einsteigen. Indem er ihre Hand ergriff, zog er sie an die Lippen,
-und sie fühlte, wie er den Mund darauf preßte, einmal, zweimal,
-leidenschaftlich.
-
-»Leben Sie wohl,« sagte er leise, »leben Sie wohl, ich sehe Sie wieder?
-Nicht wahr, ich sehe Sie wieder?«
-
-Anna war keiner Antwort fähig. Wie in Betäubung stieg sie in den Wagen
-und sank in eine Ecke, nach ihr kam die Köchin, die sich gesperrt
-und geweigert hatte, und erst auf ein »nur zu« des Barons sich zum
-Einsteigen entschloß.
-
-Der Baron ließ sich Straße und Hausnummer angeben, rief sie dem Kutscher
-zu, und im nächsten Augenblick rasselte der Wagen von dannen.
-
-In ihren Mantel gewickelt saß Anna da und fragte sich, ob das alles ein
-Traum sei, was sie erlebte.
-
-Für gewöhnlich reichten ihre Mittel gerade zu einer Fahrt auf der
-Pferdebahn -- und jetzt sauste sie durch die Straßen von Breslau, daß
-das Pflaster unter den Rädern knatterte!
-
-Die Köchin, die ebenfalls ganz sprachlos vor Staunen gewesen war, hatte
-angefangen, mit tastenden Händen den Stoff der Polster zu untersuchen,
-auf denen sie saß. Jetzt seufzte sie in Bewunderung auf.
-
-»Du meine Gütte -- gnä' Fräulen,« sagte sie, »die reine Seide alles, die
-reine Seide!«
-
-Die weibliche Neugier siegte über Annas Befangenheit; sie zog den
-Handschuh von der einen Hand und tastete ebenfalls auf den Wagenpolstern
-herum. Die Köchin hatte recht gehabt. Alles Seide -- die Polster, die
-Wände des Wagens, alles Seide. Lautlos sank sie in ihre Ecke zurück. Was
-bedeutete das alles und wohin ging das alles?
-
-Sie, das arme, unscheinbare Mädchen, das sich zu Gesellschaften ein paar
-armselige Fähnchen zusammenstückelte, um nur nicht gar zu erbärmlich
-gegen den Reichtum der andern abzustechen, plötzlich, wie durch die Hand
-eines Zauberers, mitten hineinversetzt in Fülle, Glanz und Pracht!
-
-Ihr, an der die Menschen auf der Straße vorübergingen, wie an einem
-Nichts, die man auf Bällen in der Ecke sitzen ließ, weil es sich nicht
-der Mühe lohnte, mit ihr zu tanzen oder gar sie zu unterhalten -- ihr
-näherte sich plötzlich ein Mann, einer der reichsten Männer von ganz
-Schlesien, und bat sie schüchtern, ängstlich und demütig, ihm zu
-erlauben, daß er seinen Reichtum in ihren Dienst stellen dürfe. Sie
-schloß die Augen; war das Wirklichkeit, was ihr geschah? Dann aber
-schrak sie innerlich auf: der Mann war ja ein Wahnsinniger; alle Welt
-sagte es ja? Und also war es nur die Phantasie seines kranken Hirns, die
-ihn zu alledem getrieben hatte, was er heute abend gethan? Aber, indem
-der Schauder sie übermannen wollte, kam ihr die Erinnerung an den Ton
-seiner Stimme zurück, die zu ihr gesprochen hatte, wie noch keines
-Menschen Stimme je zuvor. Nein, nein, nein -- es war ja doch nicht
-möglich; es konnte ja nicht sein!
-
-Während Anna unter solchen wechselnden Empfindungen zu ihrer in der
-fernen Vorstadt gelegenen Wohnung fuhr, wanderte der Baron Eberhard von
-Fahrenwald, von seinem Diener gefolgt, zu Fuß nach Haus.
-
-Sein Haupt, das für gewöhnlich zur Erde hing, war aufgerichtet, seine
-ganze Gestalt hatte etwas Aufatmendes, Befreites, ein Glücksgefühl wie
-heut abend hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht empfunden.
-
-Welche Wonne, daß das Mädchen arm war! Immer wieder vergegenwärtigte
-er sich den süßen Augenblick, als sie in ihrer Bescheidenheit gezögert
-hatte, den prächtigen Wagen zu besteigen -- und dieser Wagen war der
-seinige! All die Behaglichkeit, all die weiche Ueppigkeit, die sie jetzt
-umgab, kam ihr von ihm! Er lachte still glückselig vor sich hin. All
-sein Denken und Thun war ein beständiges brütendes Grübeln über sich
-selbst, über seinen Zustand und über das Verhängnis, das auf ihm lastete
--- zum erstenmal konnte er an etwas andres denken, an einen andern
-Menschen; und dieser andre Mensch, dieses liebe Wesen konnte glücklich
-werden durch ihn. Glücklich durch ihn, der sich wie ein zum Unglück
-Geborener, wie eine Last der Menschheit empfand! Hatte er nicht den
-dankbar erstaunten Ausdruck in ihrem bescheidenen Gesichtchen gesehen
-und hatten ihre Augen ihm nicht gesagt, daß er stark genug sei, um
-Glück auf Menschen ausgehen zu lassen? Ja, ja, ja, es war so, und
-unwillkürlich, indem er so seinen Gedanken nachhing, reckte er die
-Arme aus, als wollte er dem Kraftgefühle Ausdruck geben, das ihn
-durchströmte.
-
-Einige Schritte hinter ihm kam der alte Johann. Den Kopf weit
-vorgebeugt, kein Auge von seinem Herrn verwendend, ging oder schlich
-er vielmehr hinter dem Baron einher. In seiner ganzen Haltung war etwas
-Beobachtendes, Lauerndes. Als er sah, wie der Baron die Arme ausreckte,
-war er unhörbar mit einem Sprunge ganz dicht hinter ihn herangekommen,
-das hagere Gesicht zu einer Aufmerksamkeit gespannt, die beinahe
-feindselig aussah. Seine Hände, die er in den Taschen des Ueberziehers
-getragen, hatte er hervorgezogen und frei gemacht, so daß es den
-Anschein bekam, als bereitete er sich darauf vor, sich im nächsten
-Augenblick auf seinen Herrn zu stürzen, wie der Wärter eines
-Wahnsinnigen sich auf seinen Schutzbefohlenen stürzt, um ihn von irgend
-einer schrecklichen That zurückzuhalten. Denn der Mensch da vor ihm war
-ja ein Kranker, ein Wahnsinniger, Verrückter, das wußte er ja wohl genau
-genug, er, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, der ihn hatte
-heranwachsen sehen und um ihn gewesen war zu jeder Zeit und an jedem
-Orte. Und seit heute abend wußte er ja auch, daß er seine Aufmerksamkeit
-verdoppeln und vervierfachen mußte. Für den unglücklichen Menschen da
-vor ihm gab es nur eine Möglichkeit zum Leben, Ruhe, Ruhe und immerdar
-Ruhe. Das hatte ihm vor Jahren der Arzt gesagt, und wenn es der Arzt
-nicht gesagt hätte, würde sein Instinkt es ihm verraten haben. Ein Tag
-mußte sein wie der andre, gleichmäßig, immer, immer gleichmäßig. Und
-heute abend hatte er mit ansehen müssen, wie dieser Mann anfing, sich zu
-verlieben!
-
-Verlieben! Wohl etwa gar heiraten?
-
-Er war ganz wütend, er knirschte beinahe mit den Zähnen. So wenig also
-kannte der unglückselige Mensch seinen Zustand? Na -- es war nur gut,
-daß er da war, der alte Johann; er würde schon acht auf ihn geben, ja,
-das würde er, ja!
-
-Und er schob die Hände, indem er sie zu Fäusten ballte, in die Taschen
-seines Ueberziehers zurück, weil er sich überzeugt hatte, daß der Baron
-vorläufig nichts weiter Gefährliches unternahm.
-
-Am nächsten Vormittag, und zwar am ziemlich frühen Vormittag, klingelte
-es an der Wohnung von Annas Onkel, und als die Köchin öffnete, ging ein
-verständnisvolles Grinsen über ihre Züge; der Herr von gestern stand vor
-der Thür, der Baron Eberhard von Fahrenwald.
-
-Ein sprachloses Erstaunen bei dem Onkel und der Tante, ein glühendes
-Erröten bei Anna -- und im nächsten Augenblick, noch bevor man ihn
-eigentlich hereingebeten hatte, stand er schon auf der Schwelle. Auch
-wenn man ihn abgewiesen hätte, er würde sich nicht haben abweisen
-lassen, das sah man ihm an. Seine Brust ging auf und nieder, und in dem
-bleichen Gesicht glühten die Augen wie Kohlen.
-
-Beinahe wie ein Spieler, der das letzte Geld auf eine Karte gesetzt hat,
-so sah er aus.
-
-Es kostete ihn Mühe, die äußerlichen Regeln der Höflichkeit
-innezuhalten; seine Blicke hingen an Anna, unverwandt, beinahe mit
-angstvollem Ausdruck, als fürchtete er, daß sie hinausgehen, daß sie ihm
-entfliehen könnte.
-
-Nachdem er den alten Major und dessen Frau begrüßt hatte, trat er auf
-das junge Mädchen zu.
-
-»Darf ich Sie sprechen?« fragte er. »Darf ich Sie allein sprechen?«
-
-Seine Stimme war heiser vor innerer Erregung.
-
-Anna stand gesenkten Hauptes mitten im Zimmer. Herz und Kehle waren
-ihr durch die Angst wie zugeschnürt; sie hatte in diesem Augenblick die
-sichere Empfindung, daß sie es mit einem Wahnsinnigen zu thun hatte.
-Etwas Aehnliches schienen auch der Onkel und die Tante zu empfinden, die
-sich gegenseitig stumm fragend ansahen.
-
-Der Baron bemerkte das alles. Plötzlich ging er auf die beiden alten
-Leute zu, streckte beide Hände aus und faßte den Onkel an der linken,
-die Tante an der rechten Hand.
-
-»Aengstigen Sie sich nicht,« sagte er, und das Wort kam feierlich aus
-der Tiefe seiner Brust; in seinen Augen war ein flammendes Leuchten.
-
-Die beiden alten Leute sahen ihn ganz verdutzt an, machten eine
-verlegene Verbeugung und zogen sich in das Nebenzimmer zurück.
-
-Anna stand noch immer, wo sie gestanden hatte. Als sie sich jetzt mit
-ihm allein sah, überkam sie die Angst so heftig, daß sie sich nicht mehr
-zu raten und zu helfen wußte. Sie zog ihr Taschentuch hervor, drückte es
-an die Augen und fing an zu weinen. Der Baron stand einige Schritte von
-ihr entfernt und sah ihr schweigend zu.
-
-»Bin ich Ihnen so schrecklich?« fragte er endlich. Der Ton klang wieder
-so sanft und herzlich, daß sie einigermaßen zu sich selbst kam. Sie
-steckte das Tuch in die Tasche und schüttelte leise das Haupt.
-
-»Denken Sie denn gar nicht mehr an gestern?« fuhr er fort. »Gestern
-abend waren Sie doch so -- so lieb und gut, denken Sie denn gar nicht
-mehr daran?«
-
-Er war zu ihr herangetreten und hatte sie an beiden Händen erfaßt; Anna
-fühlte, wie behutsam er sie berührte, trotzdem vermochte sie noch nicht,
-das Gesicht zu ihm zu erheben.
-
-Er behielt ihre Hände in den seinigen.
-
-»Gestern abend,« sagte er, »bin ich so glücklich gewesen, und darum bin
-ich heut so früh wiedergekommen. Bitte, seien Sie doch nicht böse darum.
-Wenn Sie sich auch vor mir fürchten, dann habe ich ja niemand mehr.«
-
-Seine Stimme war ganz leise geworden.
-
-»Denken Sie doch einmal,« sprach er weiter, »Sie gehen auf der Straße,
-und indem Sie da gehen, sehen Sie einen Menschen am Wege liegen, dem
-irgend ein Unglück geschehen ist, und der ruft Sie um Hülfe an. Und Sie
-könnten ihm helfen, wenn Sie wollten, aber Sie fürchten sich und laufen
-davon -- glauben Sie nicht, daß Sie sich einmal Vorwürfe machen würden,
-wenn Sie dann erfahren, daß der Mensch zu Grunde gegangen ist?«
-
-Das alles war so einleuchtend, kein Vernünftiger hätte es klarer
-auseinandersetzen können. Sie wurde wieder schwankend, wieder ganz
-verwirrt. Vor ihr stand ein Mann, der über Reichtümer gebot, von denen
-sie sich kaum eine Vorstellung machen konnte, und sagte ihr, daß sie
-ihm helfen könne, sie, die in der ärmlichen Wohnung, in einem
-fadenscheinigen Morgenanzuge, in Morgenschuhen mit abgestoßenen Spitzen,
-in aller Kläglichkeit eines ärmlichen, erbärmlichen Lebens steckte. War
-es denn möglich, das alles?
-
-Sie erhob das Gesicht und sah seine Augen mit dem fragenden, flehenden
-Ausdruck vom gestrigen Abend auf sich gerichtet. Ja ja, es war ja
-derselbe Mensch -- leise drückte sie seine Hände, und indem sie es that,
-leuchtete sein Gesicht auf.
-
-»Darf ich sprechen?« flüsterte er.
-
-»Aber ich -- Ihnen helfen --« stammelte sie -- »wenn ich nur
-begriffe --«
-
-Er zog sie an den Händen zu einem Stuhle.
-
-»Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie, bitte, setzen Sie sich, ich will
-Ihnen eine Geschichte erzählen, eine ganz kurze.«
-
-Sie setzte sich nieder, er schob einen Sessel neben den ihrigen und
-legte den einen Arm über die Rücklehne ihres Stuhles, so daß sein
-Oberleib sich zu ihr hinüberbeugte und sein Mund nahe an ihrem Ohre war.
-
-»Ich kenne einen Menschen,« begann er, und seine Stimme war so gedämpft,
-als wollte er verhüten, daß irgend jemand, außer Anna, seine Worte
-vernähme, »ich kenne einen Menschen, der in einem Boote auf einem Wasser
-fährt. Er sitzt ganz allein in dem Kahn, und das Wasser, auf dem er
-fährt, ist ein breiter Fluß, und der Fluß hat einen starken Strom, denn
-er fließt einem Abhang zu, über den er sich hinunterstürzen wird. Der
-Abhang ist gar nicht mehr weit und er ist sehr hoch, so daß man den
-Donner des Wassersturzes bereits hört. Und da treibt nun der Kahn hin,
-in dem der Mann sitzt. Und obschon er weiß, daß er zerschmettert werden
-wird, wenn er in den Sturz gerät, läßt er den Kahn dennoch treiben
-und thut nichts, um ihn aufzuhalten -- ist das nicht sonderbar von dem
-Mann?«
-
-Er unterbrach sich und blickte Anna von der Seite an. Sie saß
-aufgerichtet, wie erstarrt, ihre Hände hatten sich ineinandergeschoben,
-ihre Augen blickten vor sich hin. Es ahnte ihr, wer der Mann war, von
-dem er erzählte.
-
-Er beugte sich noch näher zu ihr.
-
-»Soll ich Ihnen nun sagen, warum er das thut?«
-
-Sie blieb regungslos; nur ihre bleichen Lippen bewegten sich.
-
-»Warum?« fragte sie tonlos.
-
-»Sehen Sie,« fuhr er fort, »weil im Wasser neben dem Kahn etwas
-einherschwimmt, und weil er nichts thun und nichts denken kann, als
-immer und immer und immerfort auf das, was da neben ihm schwimmt,
-hinzublicken.«
-
-Seine Stimme sank zu einem heiseren Flüstern herab.
-
-»Und das, was da schwimmt, sehen Sie, das ist etwas Schreckliches,
-etwas Gräßliches, das ist ein Ungeheuer, so etwa, verstehen Sie, wie die
-Seeschlange, von der die Schiffer erzählen, daß sie ihnen auf der See
-begegnet sei. So müssen Sie sich das denken. Mit einem schuppigen Leibe,
-verstehen Sie, und ganz lang. Und das Schrecklichste an dem Dinge, sehen
-Sie, das ist der Kopf. Der läßt sich eigentlich gar nicht beschreiben,
-aber er sieht so ungefähr aus, wie ein ungeheurer Papageienkopf. Ein
-Schnabel ist daran, ein großer krummer Schnabel, und zwei Augen sind in
-dem Kopfe --«
-
-Er verstummte. Anna vernahm, wie sich die Luft in seiner Kehle
-zusammenpreßte, als fände sie keinen Ausweg.
-
-»Die Augen,« fuhr er fort, »sehen Sie, die sind es, auf die der Mann in
-dem Kahne immerfort hinschauen muß. Die Augen sind fürchterlich, ganz
-groß und ganz grün, wie die Augen von einem furchtbaren bösen Menschen.
-Und die Augen blicken immerfort zu dem Manne herauf, und wenn sie ihn
-ansehen, dann ist's wie ein Lächeln darin, wie ein grauenvolles, und
-als wollten sie sagen: >ich habe dich, du entkommst mir nicht<. Und das,
-sehen Sie, das ist es, was den Mann gefesselt hält und gefangen hält und
-gebannt hält, daß er nichts thun und nichts denken und sich nicht helfen
-und nicht retten kann, obschon er hört, wie der Wassersturz immer näher
-und näher kommt.«
-
-Abermals verstummte er, und da auch Anna, von Grauen versteinert, keinen
-Laut hervorbrachte, herrschte eine Zeit lang ein beklommenes Schweigen.
-
-Dann that er einen tiefen, seufzenden Atemzug und seine Stimme nahm
-wieder den ruhigen, sanften Ton vom gestrigen Abende an.
-
-»Und nun, sehen Sie, nun kommt ein Augenblick, da gelingt es dem
-Manne, einmal für eine Sekunde den Blick über das Ding da im Wasser
-hinwegzubringen, und da sieht er am Ufer ein menschliches Wesen stehen.
-Und das menschliche Wesen, sehen Sie, das ist eine Frau, ein junges
-Mädchen, und er merkt, daß sie ihm zugesehen hat, eine ganze Zeit lang,
-und sich gewundert hat, was er da treibt. Und mit einemmal kommt ihm
-der Gedanke: wenn du dahin gelangen könntest, wo die steht, wenn du ihre
-Hand fassen könntest, daß sie dir hülfe, aus dem Kahn und dem Wasser
-herauszukommen, dann wärest du mit einemmal das Ding da los, das
-gräßliche, und brauchtest nicht in den Wassersturz hinunter und wärest
-gerettet! Und da, sehen Sie, faßt er mit einemmal das Ruder und wendet,
-und fährt auf die Stelle zu, wo sie steht -- und dann, wie sie ihn
-kommen sieht, faßt sie der Schreck, weil sie denkt, er käme, um ihr ein
-Leides zu thun, und sie wendet sich, um davonzulaufen -- und er sieht
-das, und schreit ihr nach -- bleib doch, ich thue dir nichts! Sei doch
-barmherzig! Ich komme ja nur, damit du mich rettest! Und da --«
-
-Mit einem Griffe hatte er ihre Hände erfaßt, sein Gesicht war dicht
-an ihrem Gesichte, so daß sie seinen keuchenden Atem auf ihrer Wange
-fühlte. Weiter bog er sich vom Stuhle und immer weiter zu ihr hinüber,
-bis daß er plötzlich auf beiden Knieen vor ihr lag.
-
-»Anna -- was thut sie da? Anna -- läuft sie dennoch fort? Läuft sie
-dennoch fort?«
-
-Sein totenbleiches Antlitz war zu ihr erhoben, kalter Schweiß netzte
-seine Stirn, seine Augen hatten den Blick eines Menschen, der den Spruch
-über Leben und Tod erwartet, und an ihren Knieen, an die seine Brust
-sich preßte, fühlte Anna das Herz in seinem Leibe pochen.
-
-Ein namenloses Mitgefühl überschwoll ihr Herz. Ohne zu wissen, was sie
-that, breitete sie beide Arme um sein Haupt, und indem sie in Thränen
-ausbrach, drückte sie das Gesicht auf sein Haupt.
-
-»O Sie armer, unglücklicher Mann,« sagte sie schluchzend.
-
-Ein Stöhnen drang aus seiner Brust hervor. »Du gehst nicht? Du läufst
-nicht davon? Läufst nicht davon?«
-
-»Nein, nein, nein, ich will nicht davonlaufen.«
-
-Jählings fühlte sie sich von zwei gewaltigen Armen umfaßt. Er war
-aufgesprungen und hatte sie, wie ein Kind, an seine breite Brust
-gerissen.
-
-»Ach du -- mein Leben -- meine Seligkeit -- mein heiliges Heiligtum --
-mein Alles!«
-
-Und er küßte, küßte und küßte sie.
-
-Endlich beruhigte er sich einigermaßen, so daß Anna wieder zu Atem kam.
-Unter seinen Küssen und Umarmungen waren ihre Wangen ganz heiß geworden,
-so daß sie hübscher aussah als zuvor. Der Baron war einen Schritt von
-ihr hinweggetreten und blickte sie mit strahlenden Augen an, wie sie
-verwirrt und verschämt vor ihm stand. Sie drehte den Kopf zu ihm herum.
-
-»Aber wenn ich nur wüßte, was ich thun soll?«
-
-Mit einer stürmischen Bewegung hatte er sie an beiden Händen erfaßt.
-
-»Gar nichts sollst du thun!«
-
-Sie schüttelte langsam das Haupt.
-
-»Gar nichts thun soll ich?«
-
-Er lachte laut auf vor Vergnügen.
-
-»Nur da sein sollst du und dir gefallen lassen, was ich thue.«
-
-Sie lächelte leise. »Was wird denn das sein, was Sie vorhaben?«
-
-Nun legte er beide Arme um ihren Leib, so sanft, so vorsichtig, als
-fürchtete er, sie zu erschrecken oder ihr weh zu thun.
-
-»Dich glücklich machen,« sagte er.
-
-Das Wort kam so aus der Tiefe eines von Liebe erfüllten Herzens hervor,
-daß das junge Mädchen unwillkürlich an seine Brust sank.
-
-»Du guter Mann,« sagte sie. Ihre Augen suchten die seinen. Er hielt sie
-in den Armen, seine Hände strichen leise an ihren Seiten hinunter.
-
-»Siehst du,« sagte er, »indem ich dich so halte, ist mir, als wäre der
-ganze liebe Körper und alles, was darinnen ist, ein Gefäß, ein zartes,
-zerbrechliches, und daß es so zerbrechlich ist, das ist gerade das Gute
-daran. Nun darf ich an nichts mehr denken, als daß es in meinen Händen
-nicht entzweigeht, und das gerade ist ja so gut. Siehst du, nun will
-ich in das Gefäß hineinthun alles, was der Mensch sich für den Menschen
-ausdenken kann an Gutem und Glücklichem. Und wenn wir da draußen auf
-meinem Gute leben, das nun auch dein Gut ist, wir beide ganz allein,
-jedesmal, wenn dann ein neuer Tag anbricht, will ich nach deinem lieben
-Gesichte sehen; und du brauchst mir nie zu sagen, daß du mich liebst,
-das verlange ich nicht, nur ob du glücklich bist, will ich in deinem
-Gesichte sehen, und wenn ich das sehe, siehst du, dann werde ich
-glücklich sein, glücklich, o -- so glücklich.«
-
-Seine Worte erstarben in einem tiefen leisen Flüstern. Sie hielt das
-Haupt gesenkt, als wollte sie lauschen und immer länger lauschen; als er
-schwieg, richtete sie sich auf und wiegte das Haupt und legte beide Arme
-um ihn her.
-
-»Wie, soll ich dir denn nicht sagen, daß ich dich liebe,« sprach sie,
-und ihre Stimme war ruhig und fest geworden, »da ich dich jetzt schon
-liebe, von ganzer Seele, du teurer, du geliebter Mann.«
-
-Sie hielten sich schweigend umschlungen, dann richtete sie sich auf.
-
-»Komm,« sagte sie, »nun wollen wir den Onkel und die Tante rufen.«
-
-Sie faßte ihn an der Hand und ging mit ihm an die Thür des Nebenzimmers,
-die sie öffnete. Die alten Leute traten heraus und blieben verblüfft
-stehen, als sie Anna Hand in Hand mit dem Baron gewahrten.
-
-Mit einem ruhigen Lächeln sah sie sie an.
-
-»Lieber Onkel,« sagte sie, »liebe Tante, ich teile euch mit, daß ich
-mich mit dem Herrn Baron von Fahrenwald verlobt habe.«
-
-Am Nachmittag erst verließ der Baron seine Braut und deren Angehörige.
-
-Als er die Treppe hinunterstieg und den letzten Absatz erreicht hatte,
-sah er im Hausflur einen Mann, der mit aufgeregten Schritten hin und her
-ging; es war sein Diener, der alte Johann.
-
-Verwundert blieb er stehen; in dem Augenblick hatte der Alte den Kopf
-herumgedreht und seinen Herrn erkannt; er unterbrach seinen Gang und
-stand wie angewurzelt.
-
-»Was soll denn das?« fragte der Baron. »Ich hatte dir doch gesagt, daß
-du mich nicht begleiten solltest.«
-
-Der Alte lüftete den Hut, ohne die Augen von seinem Herrn zu lassen.
-
-»Gnädiger Herr blieben so lange --« erwiderte er.
-
-Der Baron lachte. Er war in so fröhlicher Stimmung, daß er sich über
-nichts geärgert hätte, am wenigsten über die übertriebene Sorgfalt
-seines alten Dieners.
-
-»Hast gedacht, mir wäre ein Unglück passiert?« meinte er. »Na, du kannst
-dich beruhigen.«
-
-Er ging die Stufen vollends hinunter und schlug ihn auf die Schulter.
-
-»Will dir eine Neuigkeit sagen, Johann, ich habe mich verlobt.«
-
-Der Alte riß die Augen weit auf und wich zwei Schritte zurück; der Mund
-stand ihm halb offen.
-
-»Das Fräulein -- da oben, im zweiten Stock?« stotterte er.
-
-»Jawohl, das Fräulein da oben, im zweiten Stock,« erwiderte gutlaunig
-der Baron. »Und nächster Tage ist die Hochzeit.«
-
-Er wandte sich nach der Hausthür, und indem er ihm den Rücken drehte,
-konnte er nicht sehen, was der Johann hinter seinem Rücken für ein
-merkwürdiges Gesicht schnitt. Er warf einen wütenden, geradezu giftigen
-Blick nach der Treppe, die das Haus hinaufführte, dann glättete er mit
-dem Aermel seines Ueberrocks den Cylinderhut, den er noch in der Hand
-hielt, und während er das that, neigte er das Haupt, wie jemand, der
-sich plötzlich in eine schwere Notlage versetzt sieht und Mittel und
-Wege überdenkt, die nun zu ergreifen sind. Dann stülpte er den Hut mit
-einem Rucke auf, biß die Zähne aufeinander und folgte seinem Herrn.
-Die Hausthür fiel schmetternd zu, weil der Alte sie wütend ins Schloß
-geworfen hatte.
-
-Am nächsten Tage ging bei Anna ein Brief ein.
-
-Sie erhielt selten Briefe und zögerte ein Weilchen, den Umschlag zu
-öffnen. Die Handschrift war ihr nicht bekannt und sah so sonderbar
-aus; man hätte kaum sagen können, ob sie von einem gebildeten oder
-ungebildeten Menschen herrührte.
-
-Endlich entschloß sie sich, und nun las sie folgende Zeilen:
-
-»Haben Sie auch bedacht, was Sie thun? Sie wissen doch, daß der Mensch,
-mit dem Sie sich verlobt haben, ein Verrückter ist?«
-
-Ein Name stand nicht darunter. Der Brief war unterschrieben:
-
-»Ein Wissender.«
-
-Anna hielt das widerwärtige Blatt in den Händen. Was sollte sie thun?
-
-Das beste bei solchen Gelegenheiten ist ja, demjenigen, vor dem man
-gewarnt wird, den anonymen Wisch ruhig zu zeigen, damit man kein
-Geheimnis vor ihm behält. Aber das war doch in diesem Falle nicht
-möglich. Durfte sie den unglücklichen Mann lesen lassen, wie das, wovon
-er sich an ihrer Seite zu befreien und zu erlösen hoffte, ihm in so
-roher und gemeiner Weise auf den Kopf zugesagt wurde?
-
-Sie faßte sich kurz, riß den Brief samt dem Umschlage in Fetzen und
-steckte sie in den Ofen. Die Sache war abgethan.
-
-Eine Stunde später kam der Baron, und nun pries sie ihren Entschluß. Er
-sah so heiter aus, so klar; man merkte ihm an, wie in Annas Gegenwart
-der dunkle Schleier sich hob und lüftete, der seine Seele umdüsterte.
-Hätte sie, deren Nähe ihm die Gesundheit bedeutete, ihn in sein Leiden
-zurückstoßen sollen, indem sie ihn daran erinnerte? Nimmermehr!
-
-Heut brachte der Baron ihr den Verlobungsring mit, einen goldenen Reif,
-der einen Brillanten umfaßte. Mit schüchternem Erröten ließ sie sich den
-Ring an den Finger stecken, und während sie die Hand hin und her drehte,
-um das Licht in dem geschliffenen Steine aufzufangen, griff der Baron
-schon wieder in die Rocktasche. Er holte ein Schmuckschächtelchen
-hervor, das er vor ihren Augen aufspringen ließ. Anna blickte hinein
-und fuhr zurück. Ein goldenes Armband mit einem prächtigen Amethyst
-leuchtete ihr entgegen.
-
-»Aber nein!« erklärte sie, »nein, nein, das geht ja nicht, daß du mich
-so überhäufst! Das kann ich ja nicht annehmen!«
-
-Er sah glücklich lächelnd zu ihr hinüber.
-
-»Aber Anna,« sagte er, »weißt du denn nicht, daß ich mich beschenke,
-wenn ich dir ein Geschenk mache?«
-
-Sie mußte es sich gefallen lassen, daß er ihren Arm ergriff und ihr das
-Armband umlegte. Die Haut an der Hand und dem Handgelenk war rot und
-aufgesprungen; man sah es ihr an, wie schonungslos die Hände des jungen
-Mädchens in der Hauswirtschaft mitarbeiten mußten. Anna deutete mit den
-Augen darauf hin.
-
-»Sieh doch nur selbst,« sagte sie: »für solche Hände paßt doch ein so
-wundervolles Armband gar nicht.«
-
-Der Baron hob ihre kleine gerötete Hand empor.
-
-»Das ist Anna von Glassner,« sagte er. Dann schob er den Aermel ihres
-Kleides so weit zurück, daß die weiße, zarte Haut des Armes sichtbar
-wurde.
-
-»Und hier kommt die Baronin von Fahrenwald heraus,« fügte er lächelnd
-hinzu. »In einigen Tagen sind auch die Händchen so weiß und zart wieder,
-wie das.« Er drückte die Lippen auf ihren entblößten Arm und schob das
-Armband so hoch hinauf, daß es auf der weißen Haut lag.
-
-»Siehst du,« sagte er, »wie gut es sich hier ausnimmt!«
-
-Sie mußte lächelnd zugestehen, daß er recht hatte, und dann siegte die
-weibliche Freude am Schmuck über alle ihre Bedenken.
-
-Mit leuchtenden Augen fiel sie ihm um den Hals.
-
-»Du wirst mich noch so verwöhnen, daß ich ganz hochmütig und schlecht
-werde.«
-
-Er hielt sie an sich gedrückt.
-
-»Sei was und wie du willst, nur sei glücklich.«
-
-Es wurde alsdann zwischen ihnen verabredet, daß die Hochzeit möglichst
-bald stattfinden sollte.
-
-»Wie ist es denn?« fragte er, »möchtest du eine Hochzeitreise machen?«
-
-Anna lächelte.
-
-»Nicht wahr,« sagte sie, »das ist doch dein Park, den sie das
-Schlesische Paradies nennen?«
-
-»Wirklich?« erwiderte er, »davon habe ich ja noch gar nichts gewußt.«
-
-»Ja, ja,« versicherte sie, »er soll ja auch wunderschön sein!«
-
-»Nun, er ist groß genug, das ist wahr; nur vielleicht ein bißchen
-verwahrlost.«
-
-Sie legte die Hände auf seine Schultern.
-
-»Und da fragst du mich, ob ich eine Hochzeitreise machen will? Nach dem
-Schlesischen Paradies reise ich mit dir und da bleiben wir.«
-
-»Das wolltest du? Wirklich?« Man sah ihm die Freude an, die ihre
-Entscheidung ihm bereitete.
-
-»Aber daß du nur keinen Schreck bekommst,« fuhr er fort, »wenn du da
-hinauskommst; es ist etwas einsam, verstehst du. Ich habe da ganz allein
-mit meinem alten Johann gehaust.«
-
-»Ach Gott,« versetzte sie, »das denke ich mir ja gerade so wunderschön!
-Siehst du, ich bin ja auch mein Leben lang so allein gewesen, so an die
-Einsamkeit gewöhnt. Nun richten wir uns das alte schöne Schloß ein, wie
-es für uns beide paßt, dann gehen wir durch den Park, und nicht wahr,
-den Park gibst du in meine Obhut? Ich denke mir das so köstlich,
-Gärtnerin zu sein!«
-
-Sie war ganz lebhaft geworden; ihr Gesicht glänzte. Der Baron sah sie
-hingerissen an. Vor seinem Geiste erschien eine Reihe der lieblichsten
-Bilder: er sah seine junge Frau durch die düsteren Räume des alten
-Schlosses wandeln, wie den Geist des neuen jungen Lebens; er sah sie im
-Park umherschalten, anmutig zur Arbeit aufgeschürzt, und Haus und Garten
-wurden jung und lebendig und schön unter ihren Händen und seine Seele
-ward jung und freudig und stark in ihrer geliebten Nähe.
-
-»Alles soll so sein, wie du es sagst,« rief er jauchzend, indem er sie
-an sein Herz drückte, »sobald das Wetter einigermaßen wird, fahren wir
-hinaus und ich zeige dir alles, und dann kommen wir zurück und kaufen
-Tapeten und Möbel und Blumensamen und alles was der Mensch sich denken
-kann. Und nachher, da leben wir da draußen zusammen, wie auf einer Insel
-im weiten Meer. Wir beide ganz für uns, und fragen nach keinem Menschen
-und nach keiner Welt!«
-
-Er war wie trunken von Freude, als er sie endlich verließ, und auch
-vor Annas Phantasie begann die Zukunft wie ein helles freundliches Land
-emporzusteigen.
-
-Am nächsten Tage aber erhielt ihre fröhliche Stimmung einen Stoß. Genau
-zu der Stunde, an der gestern der anonyme Brief gekommen war, erschien
-heute, von derselben Hand verfaßt, ein zweites Schreiben.
-
-Gar nicht erst aufmachen, sondern ohne weiteres in den Ofen stecken, das
-war Annas erstes Gefühl -- aber die Neugier war stärker als die Wallung
-der Vernunft, und sie folgte dem verhängnisvollen Triebe, der in uns
-ist, Dinge, von denen wir wissen, daß sie uns gräßlich widerwärtig sein
-werden, daß sie unsern Seelenfrieden stören werden, recht genau und in
-der Nähe anzusehen.
-
-Das, was sie heute las, war dies:
-
-»Haben Sie denn das Verhältnis noch nicht gelöst? Noch immer nicht?
-Bedenken Sie sich, es wird Zeit! Es wird hohe Zeit!!!«
-
-Diesmal war der Brief unterschrieben »der Warner«. Nun nachdem sie
-gelesen, stand sie da und bereuete, daß sie gelesen hatte. Es war ihr zu
-Mute, wie einem Kinde, das man vor giftigen Beeren gewarnt hat und das
-trotzdem genascht hat. Mochte sie das Geschreibsel auch zerreißen und
-in den Ofen stecken, vergessen konnte sie ja doch nicht, was darin
-gestanden hatte. Dazu kam der sonderbare Ton und die Form des Briefes;
-beides war so aufgeregt. Die drei Ausrufungszeichen am Schluß, und die
-Unterschrift war mit ganz merkwürdigen Schnörkeln verbrämt und verziert.
-
-Das Ende ihres Ueberlegens war, daß auch dieser Brief in Fetzen ging und
-in den Ofen wanderte.
-
-Am darauf folgenden Tage aber lauschte sie schon mit aller Spannung, ob
-heute auch der Briefträger erscheinen würde. Und richtig, als die Stunde
-schlug, klingelte es, und ein dritter Brief lag in ihren Händen. Heut
-überlegte sie schon nicht mehr, ob sie lesen sollte, oder nicht, mit
-einer Art von Heißhunger fiel sie darüber her.
-
-Der unbekannte Verfasser betitelte sich heute »Prüfer von Herz und
-Nieren«; das, was er verkündete, lautete folgendermaßen:
-
- »Verblendete!! Das gefällt Ihnen wohl, daß der unglückselige Mensch
- Sie mit Schmuck und Flitter überhäuft? Wollen Sie denn mit Gewalt
- blind und taub sein? Daran sollten Sie doch merken, daß er ein
- Wahnsinniger ist!! Ein Wahnsinniger!!!«
-
-Ein unheimlicher Schauder überlief Anna, als sie diese Worte las. Es
-klang wie eine dumpfe Wut daraus, eine Wut gegen sie und zugleich gegen
-ihn. Sie versank in Gedanken, und so geschah es, daß der Baron
-sie überraschte, bevor sie noch Zeit gefunden hatte, den Brief zu
-vernichten. Sie hatte ihn gerade noch in die Tasche stecken können, als
-er eintrat, und sie mußte sich beinahe Zwang anthun, um dem Bräutigam
-unbefangen und heiter entgegenzugehen.
-
-Als er aber jetzt, vergnüglich schmunzelnd wie ein Kind, das jemandem
-eine rechte Ueberraschung zugedacht hat, eine große Schachtel zum
-Vorschein brachte, und als sie darin ein prachtvolles Perlenhalsband
-erblickte, fuhr sie zurück, und diesmal war es nicht Schüchternheit noch
-Bescheidenheit, was sie zurückfahren ließ, sondern Schreck, wirklicher,
-wahrhaftiger Schreck.
-
-Die Worte des unbekannten Briefschreibers fielen ihr ein, und die
-schrecklichen Worte hatten ja recht gehabt; so rasend verschwenden
-konnte ja nur ein Wahnsinniger!
-
-Mit hängenden Armen stand sie da und starrte, wie geistesabwesend, auf
-den Schmuck, der ihr vom dunkelblauen Sammet, auf dem er gebettet lag,
-entgegengleißte.
-
-Der Baron hielt den geöffneten Schrein mit beiden Händen vor sie hin und
-lachte still in sich hinein. Er ahnte nicht, was in ihr vorging, und
-sah in ihrer Starrheit nur das hülflose Staunen der Armut, die sich
-plötzlich vom Reichtum überflutet sieht.
-
-»Aber Anna,« sagte er endlich, als sie noch immer wie leblos vor ihm
-stand, »freust du dich denn gar nicht ein bißchen?«
-
-Sie hörte wieder den Ton seiner Stimme, sie blickte auf und sah
-sein Gesicht mit einem Ausdrucke unsäglicher Güte und Liebe auf
-sich gerichtet, und plötzlich brach sie in Thränen aus und fiel ihm
-schluchzend um den Hals.
-
-Dieser Ueberschwall von Gebensfreudigkeit -- das sollte alles nur eine
-Ausgeburt des Wahnsinns sein? Dieser Mensch, der sich auflöste, nur um
-ein Lächeln auf ihrem Gesicht hervorzurufen, das sollte ein Verrückter
-sein? Nein, nein, nein! Und sie drückte das Gesicht an seinen Hals und
-schüttelte, wie in Verzweiflung, das Haupt.
-
-Der Baron stand ratlos. Diese Thränen sahen doch gar nicht wie Uebermaß
-von Freude, sondern wie echter Schmerz aus. Bevor er aber noch zu Worte
-kommen konnte, fing sie an.
-
-»Eberhard,« sagte sie, indem sie die Arme von seinem Halse löste,
-»siehst du, es ist ja so himmlisch gut von dir, und ich bin dir ja so
-maßlos dankbar für alles, aber ich bitte, ich beschwöre dich, laß es
-genug sein, schenke mir nichts mehr.«
-
-Die Heiterkeit wich von seinem Gesichte.
-
-»Ich hatte geglaubt,« sagte er langsam, »es würde dir Freude machen --
-und nun willst du es gar nicht haben?«
-
-Er schickte sich an, den Schrein zu schließen, und dabei sah er so
-kummervoll aus, daß ein reißender Schmerz durch ihre Seele ging.
-
-»Nein, nein,« rief sie, »ich will es ja nehmen, gern nehmen, und ich bin
-dir ja so, so dankbar dafür, aber ich wollte ja nur sagen: dann nichts
-mehr, Eberhard. Laß es damit genug sein, bitte, versprich es mir, bitte,
-bitte!«
-
-Er drückte den Kasten ins Schloß und sah sie an, als begriffe er nicht,
-was sie wollte.
-
-Sie faßte seine Hand mit beiden Händen.
-
-»Siehst du,« sagte sie, »du mußt doch bedenken, daß ich an so etwas
-nicht gewöhnt bin; du weißt ja doch, daß ich ganz arm bin; ich habe
-doch früher nie Schmuck getragen, und an so etwas muß man sich doch
-allmählich gewöhnen. Und wenn das dann so mit einemmal, so massenhaft
-kommt, siehst du, Eberhard, lieber guter Eberhard, das mußt du dir doch
-selbst sagen, daß einen das geradezu ängstigt. Das erstickt einen ja und
-erdrückt einen und das hält man gar nicht aus.«
-
-Ihre Worte waren hastig erregt von ihren Lippen gekommen, aber sie
-beruhigten ihn. Er entnahm daraus, daß es wirklich nur die Armut in ihr
-war, die vor dem plötzlichen Reichtum erschrak.
-
-»Du liebes, bescheidenes Kind,« sagte er zärtlich, indem er den Arm um
-sie legte, »ich glaube wirklich, du hast vollkommen recht, und es war
-falsch, daß ich zu rasch gewesen bin. Aber du weißt ja doch, warum ich
-es gethan habe und bist mir nicht böse?«
-
-»Ich -- dir böse sein --« erwiderte sie stockend, und die Thränen
-drängten ihr von neuem empor, so daß sich ihr die Kehle zuschnürte.
-
-Er stellte den Schmuckkasten auf den Tisch.
-
-»Also mag er da bleiben,« sagte er, indem er seinen Ton zur Heiterkeit
-anstrengte, »und vorläufig genug damit.«
-
-Sie blieben dann noch eine Zeit lang bei einander, aber eine unbefangene
-fröhliche Stimmung wollte nicht mehr recht aufkommen. Der Vorgang von
-vorhin wirkte in beiden nach, und zwischen ihnen, auf dem Tische stand
-der verhängnisvolle Schmuckkasten, der an dem allen schuld war.
-
-Am nächsten Tage blieb Anna verschont; es lief kein Brief ein. Als der
-Baron indessen erschien, lag ein Schatten auf seinem Gesicht und in
-seinen Augen war ein dumpfes Glühen.
-
-Anna erschrak einigermaßen, als sie ihn sah; sein Ausdruck war so anders
-als an den vergangenen Tagen.
-
-Sie forschte nach dem Grunde seines Mißmuts, aber er wollte nicht mit
-der Sprache heraus.
-
-»Bist du mir böse wegen gestern?« fragte sie endlich, indem sie sich
-neben ihn setzte.
-
-Er strich mit freundlicher Hand über ihr Haar.
-
-»Nein, gar nicht, lieber Engel,« sagte er, »verlaß dich darauf, gar
-nicht.«
-
-Sie fragte nicht weiter, sie wollte nicht in ihn dringen, aber ihre
-Augen blieben stumm besorgt an ihm hängen.
-
-»Ach weißt du,« sagte er endlich, indem er sich aus seinem Brüten
-aufraffte, »es ist wirklich gar nicht der Mühe wert, und es ist unrecht,
-daß ich dich damit quäle. Ich habe einen Auftritt mit meinem Diener
-gehabt, das ist die ganze Geschichte.«
-
-Er war aufgestanden und ging im Zimmer hin und her. Anna folgte ihm von
-ihrem Sitze aus mit den Blicken.
-
-»Mit deinem alten --«
-
-»Mit meinem alten Johann, ja.«
-
-»Aber ich denke,« wandte sie ein, »er ist dir so treu und ergeben?«
-
-»Freilich ist er das,« gab er zur Antwort, »treu beinah bis zum
-Uebermaß, und das ist es ja eben --« er brach mitten im Satze ab und
-wanderte wieder schweigend auf und nieder.
-
-»Siehst du,« fuhr er nach einer Weile fort, »solche alten Diener, die
-man vom Vater überkommt, die einen als Kind auf dem Arm getragen haben,
-die einen immerfort begleitet haben, sind ja einerseits ein Schatz,
-und darum kann man sie nicht so aus dem Hause schicken, wie man es
-vielleicht mit andern machen würde.«
-
-Ein Zucken ging über sein Gesicht und in seinen Augen flimmerte es, wie
-die Erinnerung an einen schweren Grimm, den er durchgemacht hatte.
-
-»Du wirst doch nicht an so etwas denken!« sagte Anna, indem sie
-aufstand. Eine innere Stimme flüsterte ihr zu, wie notwendig ihm die
-stetige Begleitung eines treuen, mit seiner Natur vertrauten Menschen
-sein mochte.
-
-»Ich denke ja nicht daran,« versetzte er, »nur das wollte ich sagen,
-siehst du, solche alten Diener werden andrerseits auch manchmal zu
-einer Art von Last. Sie wollen den Haushofmeister, gewissermaßen den
-Schulmeister spielen, und das -- na, indessen --« er brach wieder ab.
-»Lassen wir die dumme Geschichte; sie ist abgethan und, wie gesagt, gar
-nicht der Rede wert.«
-
-Anna war zu ihm herangetreten und sah ihm bittend in die Augen.
-
-»Mir zuliebe,« sagte sie, »sei geduldig mit dem alten, treuen Menschen;
-er meint es gewiß so redlich und gut mit dir.«
-
-Der Baron blickte mit einem eigentümlichen Lächeln auf sie nieder.
-
-»Das sagst du,« erwiderte er langsam. Seine Lippen bewegten sich,
-als wollte er noch etwas hinzusetzen; aber er sprach es nicht aus.
-Allmählich aber, indem seine Augen auf ihrem Gesichtchen ruhten, kehrte
-der Ausdruck stiller Zufriedenheit in seine Züge zurück.
-
-»Du bist ein Engel,« sagte er, »und so gut, wie du selbst es gar nicht
-weißt.«
-
-Bald darauf verließ er sie.
-
-Es war, wie der Baron gesagt hatte; zwischen ihm und dem alten
-Johann hatte es am Morgen dieses Tages einen Auftritt gegeben, einen
-merkwürdigen, schrecklichen Auftritt.
-
-In sein junges Glück versenkt, hatte der Baron nicht weiter acht auf den
-Alten gegeben, sonst hätte es ihm auffallen müssen, daß dieser seit
-dem Tag, als er mit ihm das Haus verlassen hatte, wo Anna von Glassner
-wohnte, ein seltsames Wesen angenommen hatte.
-
-Jeden Vormittag, wenn der Baron ausging, um sich zu seiner Braut
-zu begeben, schlich der Alte geräuschlos hinter ihm drein. Dem
-Juwelierladen gegenüber, in den er seinen Herrn eintreten sah, auf der
-andern Seite der Straße, stellte er sich auf und wartete, bis der Baron
-wieder herauskam; und wenn dieser zu Annas Hausthür gelangt war, ahnte
-er nicht, daß wenige Schritte hinter ihm sein Diener stand und ihn mit
-Augen verfolgte -- mit Augen, die den lauernden Ausdruck eines wilden
-Tieres hatten. Wenn er alsdann in die Behausung zurückgekehrt war, wo
-er mit dem Baron wohnte und wo ihm ein geräumiges Zimmer angewiesen war,
-setzte der Alte sich an den Tisch, der inmitten des Zimmers stand, und
-dort saß er Stunden und Stunden lang. Er aß nicht, er trank nicht, er
-rauchte nicht; er war ganz versunken in dumpfes, stumpfes Brüten. Die
-einzige Thätigkeit, zu der er sich aufraffte, war, daß er sich alsdann
-erhob, eine große Schreibmappe auf den Tisch legte, Tinte und Feder
-herbeiholte und nun mit fanatischem Eifer zu schreiben anfing. Was er da
-schrieb -- niemand sah es, denn niemand war dabei; jedesmal, bevor er an
-seine Schreiberei ging, riegelte er sorgfältig die Thür seines Zimmers
-ab. Es schienen jedoch Briefe zu sein; denn das Papier, worauf er
-schrieb, waren Briefbogen, und jedesmal, nachdem er geendigt und das
-Geschriebene wohl zehnmal mit gerunzelter Stirn und stumm glühenden
-Augen durchgelesen hatte, steckte er den Bogen in ein Couvert, das er
-mit einer Adresse und Postmarke versah. Leise schloß er alsdann seine
-Thür wieder auf, steckte horchend den Kopf hinaus, und wenn er sich
-überzeugt hatte, daß niemand ihn hörte und sah, schlüpfte er behutsam
-aus der Wohnung, aus dem Hause, um den Brief in den nächsten Briefkasten
-zu stecken.
-
-Abends fand der Baron, wenn er nach Haus kam, die Lampen in seinen
-Gemächern bereits angezündet, alles zu seinem Empfange bereit, und den
-alten Johann, einmal wie allemal fertig, ihn des Mantels zu entledigen,
-ihm den Thee zu bereiten und alles zu thun, woran er von jeher gewöhnt
-war. Was der Baron nicht beachtete, das waren die Blicke, mit denen der
-Alte ihn lauernd beobachtete, und was er nicht sah, das war, daß der
-Alte, nachdem er sich zurückgezogen hatte, draußen auf dem Flur
-stehen blieb, lautlos an die Thür gepreßt, hinter der sein Herr saß,
-stundenlang horchend, lauschend, ob er nicht da drinnen plötzlich ein
-verdächtiges Geräusch, irgend etwas vernehmen würde, das ihn nötigte,
-zuzuspringen und Hand anzulegen. Denn er wußte ja doch, daß da drinnen
-ein Wahnsinniger saß und daß es sein Beruf und seine Pflicht war, den
-Wahnsinnigen zu bewachen.
-
-An dem Vormittag dieses Tages nun, als der Baron gefrühstückt und darauf
-dem Diener geklingelt hatte, damit er ihm beim Anziehen behilflich sei,
-hatte dieser sich, im Bewußtsein seiner Pflicht, ein Herz gefaßt und
-beschlossen, mit seinem Herrn einmal ein Wort zu reden.
-
-Es kam ihm nicht leicht an, denn er war ein echter Schlesier, und daher
-steckte ihm ein knechtischer Respekt vor seinem Gebieter in Fleisch und
-Bein. Aber es mußte sein, es mußte.
-
-Den Pelz seines Herrn in den Händen, trat er in das Zimmer ein; als der
-Baron aber in den Mantel fahren wollte, ließ der Diener ihn sinken.
-
-»Gnädiger Herr wollen mir eine unterthänige Frage erlauben -- gehen
-gnädiger Herr wieder zu dem Fräulein?«
-
-Der Baron sah sich überrascht um; ein Lachen zuckte über sein Gesicht.
-
-»Interessiert dich das so? Allerdings gehe ich zu ihr.«
-
-Der Alte senkte das Haupt und stierte auf den Teppich.
-
-»Nun, was gibt's? Worauf wartest du?« fragte der Baron, indem er ein
-Zeichen machte, daß er den Pelz anzulegen wünschte.
-
-»Gnädiger Herr, wollen entschuldigen,« erwiderte der Alte, ohne die
-Augen zu erheben, »ob gnädiger Herr es sich nicht noch einmal überlegen
-möchten?«
-
-»Was soll ich mir überlegen?«
-
-»Daß gnädiger Herr das Fräulein wirklich heiraten wollen.«
-
-Der Baron machte auf dem Absatze kehrt, so daß er seinem Diener
-unmittelbar gegenüberstand. Er war einen Augenblick ganz sprachlos vor
-Erstaunen.
-
-»Was geht das dich an?« stieß er hervor. »Was fällt dir denn ein?«
-
-»Gnädiger Herr wissen ja doch,« murrte der Alte mit hohler Stimme von
-unten herauf, »daß ich gnädigen Herrn von Kindesbeinen her kenne -- daß
-ich vom seligen Herrn Baron --«
-
-»Weiß ich, weiß ich, weiß ich alles!« rief der Baron, indem er
-ungeduldig aufstampfte. »Was gehört das hierher?«
-
-»Und daß ich weiß, was gnädigem Herrn gut thut und gnädigem Herrn nicht
-gut -- weil ich weiß, wie es steht.«
-
-Der Baron trat einen halben Schritt zurück.
-
-»Wie was steht?«
-
-Jetzt richtete der Alte das gesenkte Haupt so weit auf, daß er einen
-schrägen, lauernden Blick in die Augen seines Herrn bohren konnte. Seine
-Stimme wurde dumpf und leise.
-
-»Wie es -- mit gnädigem Herrn steht.«
-
-Das bleiche Gesicht des Barons wurde noch um eine Färbung bleicher, so
-daß es ganz weiß aussah, und in dem weißen Gesichte glühten die Augen
-auf. Ein Zittern durchlief seine Gestalt, seine Hände schlossen sich,
-er konnte keinen Laut hervorbringen. So standen sich die beiden Männer
-stumm gegenüber. Am Leibe des alten Johann regte sich keine Fiber, nur
-seine Augen hafteten stieren Blicks an dem Baron. Er sah ja, daß
-der Mann dort unmittelbar vor einem Ausbruche von Tollwut stand, und
-Tobsüchtige darf der Wärter nicht aus den Augen lassen.
-
-Es dauerte geraume Zeit, bis daß der Baron seine Fassung einigermaßen
-zurückgewann. Seine Brust keuchte, indem er zu sprechen begann; die
-Worte kamen abgebrochen heraus.
-
-»Johann -- weil ich weiß -- daß du es gut meinst -- will ich dir
-verzeihen, was du -- da eben gesagt hast. Aber, wenn du es noch einmal
-thust, dann nimm dich in acht!« Er hob den rechten Arm mit geballter
-Faust empor. »Nimm dich in acht!« wiederholte er, »nimm dich in acht!«
-
-Seine Stimme war immer lauter angeschwollen, so daß sie zuletzt beinahe
-brüllend geworden war. Sein Körper schüttelte sich wie im Krampf. Dann
-plötzlich ließ er den erhobenen Arm sinken, warf sich stöhnend in einen
-Sessel und legte beide Arme auf die Lehne, das Gesicht auf die Arme
-drückend.
-
-Regungslos stand der Alte; in seinen Augen war etwas, wie ein wilder
-Triumph, indem er auf seinen Herrn niederblickte. Wer hatte nun recht
-gehabt? War der Mann da, der unglückselige, etwa kein Wahnsinniger?
-
-Zunächst sprach keiner von beiden ein Wort; eine schwüle, beängstigende
-Stille trat ein. Dann erhob der alte Johann wieder die Stimme.
-
-»Und wenn gnädiger Herr heiraten, thut es gnädigem Herrn nicht gut.«
-
-Der Baron erwiderte nichts; er gab überhaupt kein Zeichen, als hätte er
-gehört.
-
-»Und wenn ein Fräulein kommt,« fuhr der Alte fort, »und will den
-gnädigen Herrn heiraten, weil das Fräulein Frau Baronin werden möchte
-und reich werden möchte, weil sie selber nichts hat --«
-
-Jetzt richtete der Baron das Haupt auf; seine Hand griff in den
-Stoffüberzug des Sessels, man sah, wie sie sich hineinkrallte, seine
-Augen drehten sich zu dem Alten herum, mit einem gefährlichen Ausdruck.
-Der Alte aber hörte nicht auf, wollte nicht aufhören; indem er des
-Mädchens gedachte, war es, als überkäme auch ihn eine dumpfe, schwälende
-Wut. Seine Augen unterliefen rot. »Dann ist das nicht recht von dem
-Fräulein,« polterte er rauh und rücksichtslos heraus.
-
-In diesem Augenblick rollte der Stuhl, auf welchem der Baron gesessen
-hatte, bis mitten ins Zimmer; mit einem jähen Satze war der Baron
-aufgesprungen.
-
-»Mach, daß du 'rauskommst!« brüllte er den Alten an. Der Alte stand wie
-an den Boden gewachsen.
-
-»Gnädiger Herr dürfen nicht heiraten,« sagte er.
-
-»Halt 's Maul und mach, daß du 'rauskommst!« donnerte der Baron noch
-einmal. Seine Hände flogen, sein Körper erbebte konvulsivisch. Es
-war aber, als wenn seine Aufgeregtheit den andern nur um so eisiger
-erstarren machte.
-
-»Ein Arzt hat mir gesagt, der jetzt tot ist, wenn gnädiger Herr
-heiraten, werden gnädiger Herr jemand umbringen.«
-
-Kaum daß er das gesagt hatte, warf er jedoch den Pelz, den er immer noch
-in Händen hielt, über den nächsten Stuhl und zog sich eilends nach der
-Thür zurück. Der Baron hatte den schweren gepolsterten Sessel mit
-beiden Händen an der Lehne gepackt und mit einer Kraft, wie sie nur der
-Paroxismus verleiht, emporgeschwungen. Es sah aus, als wollte er
-den Alten im nächsten Moment zu Boden schmettern. Mit einer hurtigen
-Bewegung riß dieser die Thür auf und verschwand.
-
-Eine halbe Stunde später, während er lautlos horchend in seinem Zimmer
-gesessen hatte, vernahm er, wie der Baron aus seinen Gemächern trat und
-mit schweren Schritten die Wohnung verließ. Er eilte an eines der
-nach der Straße gehenden Fenster und blickte ihm nach. Richtig -- die
-gewohnte Richtung, er ging zu seiner Braut. Also doch!
-
-Der Alte kehrte in sein Zimmer zurück, warf die Mappe auf den Tisch und
-gleich darauf saß er wieder vor seinen Briefbogen. Heute knirschte das
-Papier unter seiner kratzenden Feder; seine Augen brannten, und die
-Muskeln seines Gesichts spannten sich zu einem Ausdruck grimmiger
-Verbissenheit, indem er schrieb.
-
-Am Abende des Tages erhielt Anna von Glassner folgenden Brief:
-
- »Zum letztenmal werden Sie gewarnt! Sie ruinieren ihn und gehen in
- Ihr Verderben! Heute war der unglückselige Mensch dicht daran, daß
- er seinen Wärter und treuesten Begleiter totgeschlagen hätte.
-
- Wer Augen hat, zu sehen, der sehe!!!
-
- Der Pflichterfüller.«
-
-Scheinbar beruhigt war der Baron von Anna hinweggegangen, in seinem
-Innern aber saß die Erinnerung an das, was er mit dem alten Johann
-erlebt hatte. Und diese Erinnerung war wie ein gärender Keim in seinem
-Blute, sie ließ ihn nicht mehr zur Ruhe kommen.
-
-Es erging ihm, wie es dem Menschen geht, wenn er sich mit einem andern
-gestritten hat. Im Augenblick, da uns der Gegner seine Behauptung ins
-Gesicht wirft und wir sie ihm leidenschaftlich zurückschleudern, sind
-wir darüber hinweg -- nachher, wenn die Leidenschaft verraucht
-ist, kommt das Wort uns wieder, leise, schleichend und in seiner
-Geräuschlosigkeit eindringlicher als vorher, und nun kommt das Grübeln,
-ob das Wort nicht vielleicht doch recht gehabt haben könnte.
-
-»Ich weiß, wie es mit gnädigem Herrn steht« -- immer wieder war es da,
-das Wort, immerfort und immerfort, wie der Wassertropfen, der unablässig
-auf den Kopf des Gefolterten fällt. Und indem es in seinem Ohre
-nachklang, war ihm, als käme das Ungetüm wieder herangeschwommen, von
-dem er Anna erzählt hatte, als höbe es die gräßlichen grünen Augen
-wieder auf, und das, was aus diesen Augen sprach, war ja nichts andres
-als das: »Ich weiß, wie es mit dir steht.«
-
-Und, war es denn etwa so ganz unberechtigt? War nicht in ihm
-selbst etwas gewesen, das ihn mit Schauder erfüllte, wenn er daran
-zurückdachte? Immer wieder hörte er eine fürchterliche Stimme, die das
-Zimmer durchtönte, und das war seine Stimme; der Mensch, der so gebrüllt
-hatte, war er selbst gewesen. Immer wieder empfand er den Krampf,
-der plötzlich in seinem Rückenmark losgebrochen war, seine Glieder
-durchschüttelt, seinen Arm erhoben und seine Fäuste geballt hatte. Es
-ließ ihn gar nicht los; immer und immer wieder mußte er sich bis ins
-einzelne vergegenwärtigen, wie das gekommen, wie ihm dabei zu Mute
-gewesen war. Wie wenn etwas von außen über ihn herfiele, so war es
-gewesen, wie wenn ihn etwas anspränge, sich seiner bemächtigte, eine
-fremde, furchtbare Gewalt, beinahe wie ein wildes Tier, das jählings
-in ihn eingedrungen war und aus ihm hervortobte. Dazu diese plötzliche,
-unbegreifliche Kraft, die er in den Armen gefühlt hatte. Wenn er jetzt
-den schweren gepolsterten Sessel anschaute, begriff er gar nicht, wie es
-ihm möglich gewesen war, ihn wie eine Keule emporzuschwingen. Und in
-dem Augenblick war es doch so gewesen, und in dem Augenblick war ihm
-das mächtige Ding so federleicht erschienen. Unwillkürlich schloß er die
-Augen. Hatte er nicht gehört und gelesen, daß Menschen in der Tollwut
-eiserne Stangen zerbrechen? Was war das gewesen, was ihm die Muskeln so
-schrecklich gestählt hatte? Brütend saß er in seinem Zimmer und wagte
-sich nicht Antwort auf das zu geben, was in ihm fragte.
-
-So also stand es mit ihm? Und wie viel hatte gefehlt, so hätte er seinen
-alten Johann niedergeschlagen und totgeschlagen. -- Freilich, der Alte
-hatte ihn gereizt; aber wußte er denn nicht, wie er an ihm hing, treu
-wie ein Hund? Und er hätte ihn beinahe umgebracht!
-
-Und wie hatte der Alte von Anna gesagt? »Wenn ein Fräulein kommt und den
-gnädigen Herrn heiraten will, weil sie reich werden möchte --«
-
-Hier aber sprang er auf. Das war falsch und gelogen, das wußte er, so
-weit war er noch vernünftig. Das waren die Gedanken, wie sie in einer
-Knechtsseele sich zusammenkleistern! Er wußte ja doch, daß er zu ihr
-gekommen war, nicht sie zu ihm. Mit den Armen griff er in die Luft. Daß
-sie nur da gewesen wäre in diesem Augenblick, daß er sie an sich hätte
-pressen können! Denn mächtiger und bestimmter als je zuvor empfand er in
-diesem Augenblick, daß es nur ein Ziel und eine Rettung für ihn gab, und
-das war sie, an die er dachte, nach der er verlangte, Anna, Anna, Anna!
-
-Wie eine Todesangst erfaßte ihn der Gedanke, daß sie ihm doch noch
-entgehen könnte, und mit krampfhafter Ungeduld sah er dem Tage entgegen,
-da sie Hochzeit machen würden, da sie ihm ganz gehören, immer und
-allerorts bei ihm und mit ihm sein würde.
-
-Das nächste, was er darum zu thun beschloß, war, daß er seine Braut zu
-seinem Schlosse hinausführte. Sie sollte den Ort kennen lernen, wo sie
-mit ihm zusammen sein würde, die künftige Heimat.
-
-Man befand sich zu Anfang April; der Winter war überstanden, aber noch
-nicht überwunden, er kämpfte noch mit dem nahenden Frühling. Trotzdem
-wollte der Baron nicht länger warten. Es mußte etwas geschehen, wodurch
-Anna körperlich mit dem neuen Dasein verknüpft würde, und sie selbst
-hatte Lust dazu. Auch in ihr war ein Bedürfnis, die Umgebung des
-künftigen Lebens kennen zu lernen; daneben regte sich die Neugier, das
-schlesische Paradies endlich einmal mit Augen zu sehen.
-
-So wurde der Besuch denn für einen der nächsten Tage beschlossen.
-
-Mit seinem alten Diener hatte der Baron seit jenem verhängnisvollen
-Vormittage kein Wort mehr gesprochen; schweigend waren sie umeinander
-hergegangen; es war wie ein Waffenstillstand zwischen ihnen.
-
-Als er damals seine Wohnung verließ, um zu Anna zu gehen, hatte Eberhard
-von Fahrenwald ernsthaft erwogen, ob er den Alten nicht fortschicken
-sollte. Es war das erste Mal, daß ihm der Gedanke kam.
-
-Er hatte ihn von seinem Vater ererbt und es bisher wie eine Art von
-Naturnotwendigkeit empfunden, ihn fortwährend um sich zu haben. An
-dem Tage zum erstenmal erhob sich eine Stimme in ihm, die ihm zurief:
-»Schick' ihn fort!« Er würde ihm natürlich eine für seine alten Tage
-ausreichende, ja eine glänzende Pension zahlen, aber er wollte ihn los
-sein.
-
-Als er dann aber zu Anna gekommen war, und diese für den Alten gebeten
-hatte, war sein Entschluß wieder schwankend geworden. Er war sich nun
-wieder bewußt geworden, daß er gegen den ausdrücklichen letzten Willen
-seines Vaters handeln würde, wenn er so thäte, und er sagte sich, daß
-er es doch gewesen war, der durch seine Heftigkeit den widerwärtigen
-Auftritt verschuldet hatte. Kampf mit sich selbst, das war ja nun
-einmal die Aufgabe, die ihm vom Schicksal auferlegt worden war, und dazu
-gehörte, daß er auch den Widerwillen, den unheimlichen, niederkämpfte,
-der sich in ihm gegen den Alten zu regen begann.
-
-Also schwieg er; der alte Johann schwieg auch, und äußerlich schien es,
-als wäre alles, wie es früher und immer gewesen war.
-
-Jetzt, am Tage, bevor er mit Anna hinauszufahren beschlossen hatte,
-befahl der Baron dem Alten, vorauszufahren und das Schloß einigermaßen
-zum Empfange vorzubereiten. Die Zimmer sollten gelüftet, in den Oefen
-und Kaminen sollten Feuer angezündet werden. In den Wegen des Parks,
-die vom Tauwetter jedenfalls aufgeweicht sein würden, hieß er ihn Sand
-aufschütten und an besonders morastigen Stellen Bretter legen. Endlich
-sollte für ein Frühstück gesorgt werden.
-
-Alle diese Weisungen erteilte der Baron in kurzem, bestimmtem Tone; der
-alte Johann nahm sie mit schweigender Unterwürfigkeit entgegen; er war
-in diesem Augenblick nichts weiter, als der demütige, gehorsame Knecht.
-
-Ein grauer, nasser Himmel lag über der Erde, als der Baron am nächsten
-Morgen mit seinem Wagen bei Anna von Glassner vorfuhr, um sie zum
-Bahnhofe abzuholen.
-
-Als er bei ihr eintrat, stand sie schon reisefertig in ihrem grauen
-Reisemantel da. Lächelnd wickelte er einen Gegenstand, den er in Händen
-trug, aus dem umhüllenden Papier; es war ein Paar nagelneuer, mit Pelz
-gefütterter Gummischuhe.
-
-»Das ist kein Schmuck,« sagte er, »das darfst du annehmen, und im Park
-draußen wird es feucht sein.«
-
-Sie sah ihm dankbar ins Gesicht.
-
-»Auch an so etwas denkst du?«
-
-Sie setzte sich, um die Gummischuhe anzulegen, und dabei konnte sie
-nicht verhindern, daß er sich auf ein Knie vor ihr niederließ, um ihr
-beim Anziehen behilflich zu sein.
-
-Zärtlich drückte er ihre kleinen Füße.
-
-»Aber Eberhard!« mahnte sie.
-
-Er sprang auf, schloß sie in seine Arme und küßte sie auf den Mund.
-
-»Komm,« sagte er, »heute fährst du als Anna von Glassner hinaus; das
-nächste Mal als Anna von Fahrenwald.«
-
-Nach einer Eisenbahnfahrt von etwa einer Stunde kamen sie an der kleinen
-Station an, von der man zum Gute des Barons gelangte. Als der Zug
-einlief, stand bereits ein grauhaariger Mann mit abgezogenem Hute und
-gebeugtem Rücken auf dem Bahnsteige; es war der alte Johann.
-
-»Sieh, wie pünktlich und aufmerksam er ist,« flüsterte Anna, mit dem
-Kopfe nach dem Alten deutend, dem Bräutigam zu. Dieser erwiderte nichts,
-und als Johann hinzutrat, um dem Fräulein beim Aussteigen behilflich zu
-sein, verhinderte er, daß er sie berührte.
-
-»Ist der Wagen da?« fragte er kurz.
-
-Der Wagen war da.
-
-Indem sie dahin gingen, drückte sie mit leisem Vorwurfe den Arm des
-Bräutigams; er war so freundlich und gut, nur dem alten Diener gegenüber
-erschien er ihr so barsch.
-
-Der Wagen war zugedeckt, weil es vorher geregnet hatte; jetzt aber hatte
-der Regen aufgehört.
-
-»Möchtest du ihn lieber offen haben?« fragte der Baron.
-
-»O ja,« bat sie. Es war ja eine neue Welt, in die sie kam, und die
-will man doch gern ordentlich sehen können. Also wurde das Verdeck
-zurückgeschlagen; im Wagen befanden sich Fußsäcke und Decken; zwei
-prächtige Rappen stampften an der Deichsel. Der Ueberfluß kam ihr
-entgegen und breitete beide Arme aus.
-
-Nachdem er sie in eine Wagenecke gepackt und sorgfältig in die Decken
-gewickelt hatte, setzte er sich neben sie; die Pferde zogen an und der
-Wagen rollte auf die Landstraße hinaus. Wege und Stege trieften von
-Nässe, in den Feldern rechts und links standen breite Wasserlachen, so
-daß sie wie Sümpfe aussahen; am Himmel, der kalt und grau wie Stahl war,
-taumelten die Wolken, vom Aprilwinde gejagt, in dicken schwärzlichen
-Ballen dahin. Alles in allem war es kein freundlicher Empfang, den die
-neue Welt dem jungen Mädchen bereitete.
-
-Der Baron sah sie von der Seite an und sah, wie ihr Stumpfnäschen keck
-und vergnügt aus Hüllen und Decken in die graue Luft ragte.
-
-»Ist dir kalt?« fragte er.
-
-»Nicht im geringsten!« erwiderte sie.
-
-»Aber schön ist es nicht?«
-
-»Himmlisch,« gab sie zur Antwort. »Was denkst du denn? So eine
-Stadtpflanze, wie ich; das ist ja die reine Wonne, so über Land zu
-fahren!«
-
-Er war ganz glücklich und legte den Arm um sie; durch die Decken und
-Tücher, mit denen er sie umwickelt hatte, war sie aber ganz unförmlich
-geworden, so daß sein Arm nicht um sie herumreichte. Sie kicherte vor
-Vergnügen.
-
-»Siehst du,« sagte sie, »wenn du mich so weiter verwöhnst, werde ich
-noch so dick werden, daß du mich gar nicht mehr umarmen kannst -- es
-fängt schon an damit.«
-
-Er hörte ihrem Geplauder zu. Wie ihn das beglückte, daß sie so zufrieden
-war! Wie wenig sie brauchte, um zufrieden zu sein!
-
-Der Wagen war inzwischen von der Landstraße abgebogen und quer
-durchs Land gefahren. Jetzt tauchten in einiger Entfernung die kahlen
-Baumkronen eines weit ausgedehnten Parkes vor ihnen auf.
-
-Plötzlich kam Annas Hand unter den Decken hervorgekrochen und erfaßte
-die Hand des Barons.
-
-»Eberhard,« fragte sie leise, indem sie sich zu ihm hinüberbog, »ist es
-das?«
-
-Er sah ihr ins Gesicht.
-
-»Das ist es,« erwiderte er.
-
-Sie verstummte; ihre Augen wurden groß und ernst.
-
-»Gefällt es dir?« fragte er nach einiger Zeit.
-
-»Es scheint ganz wundervoll,« gab sie flüsternd zurück. Dann zeigte sie
-mit dem Finger nach vorn.
-
-»Und das da -- das ist das Schloß?«
-
-Ueber den Wipfeln des Parks stiegen die Mauern eines großen Gebäudes
-finster empor.
-
-»Das ist das Schloß,« versetzte er.
-
-Dann ergriff er ihre Hand, die langsam niedergesunken war. »Gefällt dir
-das auch?«
-
-Sie nickte gedankenvoll mit dem Haupte. Nachdem sie dann ein Weilchen
-geschwiegen, schmiegte sie sich an ihn.
-
-»Eberhard,« bat sie leise, »könnten wir nicht am Park aussteigen und
-durch den Park zum Schlosse geh'n?«
-
-»Wäre dir das lieber?« fragte er.
-
-Sie nickte wieder; sie hätte kaum sagen können, warum, aber es war
-ihr wirklich lieber. Vielleicht, daß ihr das große düstere Gebäude
-unwillkürlich einen Schreck einflößte.
-
-Der Park öffnete sich in das umgebende Gelände; weder Mauer noch Zaun
-schloß ihn ab.
-
-Als jetzt der Wagen die Stelle erreicht hatte, wo die Parkwege sich mit
-der Fahrstraße kreuzten, befahl der Baron, anzuhalten.
-
-»Also komm,« sagte er zu Anna, »wir wollen aussteigen und zu Fuße
-gehen.«
-
-Rasch entledigte sie sich ihrer Umhüllungen, und auf seine Hand
-gestützt, sprang sie hinab.
-
-Während der Wagen zum Schlosse weiterfuhr, schritten die beiden, Arm in
-Arm, in den Park hinein.
-
-Ihr Weg führte sie eine Allee entlang, die von hochstämmigen, uralten
-Buchen gebildet wurde. In den blätterlosen Wipfeln brauste der Wind, der
-immer stärker angeschwollen und jetzt beinahe zum Sturm geworden war.
-Die Bäume neigten und beugten sich, die kahlen Aeste schlugen klatschend
-aneinander, ein Chor von tausend seltsamen Lauten, ein Krachen, Pfeifen
-und Heulen erfüllte die Luft.
-
-Unwillkürlich schloß Anna sich dichter an ihren Begleiter. Zum erstenmal
-setzte sie den Fuß auf Fahrenwaldschen Grund und Boden, und es war,
-als wenn die Geister und Dämonen, welche dieses Gebiet bewohnten, sie
-begrüßten.
-
-Der Baron fühlte ihre ängstliche Bewegung; er sagte sich, daß er sie
-nun da hatte, wo er sie haben wollte, haben mußte, aber es war wie ein
-Gefühl des Unrechts in ihm. Er kam sich vor, wie ein Jäger, der in einem
-fremden Erdteile ein Wild gefangen und es in seine Heimat geschleppt
-hat. Wird das fremde Geschöpf sich an die Luft der neuen Umgebung
-gewöhnen?
-
-In Gedanken verloren, waren sie schweigend fürbaß geschritten. Dann fing
-Anna an.
-
-»Siehst du,« sagte sie, »nun begreif' ich, warum sie deinen Park das
-schlesische Paradies nennen; das find' ich so schön, daß der Garten so
-offen ist; da können die armen, müden Leute, wenn sie von den Feldern
-draußen kommen, hereintreten und sich unter den schönen schattigen
-Bäumen erholen.«
-
-»Gefällt es dir?« fragte er zurück, »das freut mich. Früher, verstehst
-du, war ein Gitter rings um den Park herum; ich habe es wegnehmen
-lassen.«
-
-»Das hast du gethan?«
-
-»Ja,« sagte er einfach.
-
-Sie ruckte an seinem Arm; beide blieben stehen.
-
-»Eberhard,« sagte sie leise, indem sie ihm in die Augen sah, »weißt du,
-was ich glaube? Daß du der beste, gütigste Mensch bist, den es auf Erden
-gibt.«
-
-Er wandte das Haupt zur Seite, als wolle er ihrem Blicke ausweichen.
-Es gibt Menschen, die es nicht vertragen, daß man sich mit ihnen
-beschäftigt; vielleicht auch, daß er an den Vormittag zurückdachte, da
-er nahe daran gewesen war, den alten Johann zu erschlagen, und daß
-ihr Lob ihm darum ungerechtfertigt erschien -- er erwiderte nichts und
-drückte nur hastig ihre Hände. Dann schlang er ihren Arm wieder in den
-seinen und setzte den Weg mit ihr fort.
-
-Von der Allee bogen sie in einen Seitenweg ab, und indem sich nun der
-Park tief wie ein Wald vor ihr aufthat, sah und empfand Anna erst, wie
-schön und herrlich er war.
-
-»O Eberhard,« fuhr sie bewundernd heraus, »wie muß das alles herrlich
-sein, wenn es erst Frühling wird und alles in Laub und Blättern steht!«
-
-Nun warf er den Arm um sie her; sie fühlte seinen leidenschaftlichen
-Druck.
-
-»Meinst du, daß es schön sein wird? Glaubst du, daß es dir gefallen
-wird? daß du glücklich sein wirst? Glaubst du's?«
-
-»Ja doch, ja gewiß,« erwiderte sie, indem sie sich bemühte, ihn
-den Schreck nicht fühlen zu lassen, den seine plötzliche
-Leidenschaftlichkeit ihr eingejagt hatte.
-
-»Dann will ich dir etwas sagen,« fuhr er fort, indem er sie eng an sich
-preßte, »sprich nie von mir! Hörst du? Sag nie, daß ich gut bin! Von
-mir, siehst du, muß nie die Rede sein; das ist mir gerade recht, ist mir
-das allerliebste! Nur du bist da, und du sollst glücklich und zufrieden
-sein. Siehst du, ich will mal ein Bild brauchen, damit du's verstehst:
-du bist für mich wie die Sonne, und ich bin wie die Erde. Und wenn die
-Sonne scheint, siehst du, dann ist die Erde glücklich, daß sie sich um
-die Sonne drehen kann. Und mehr will ich nicht und brauch' ich nicht.
-Und darum gibt's für die Sonne nur eine Verpflichtung: nämlich, daß sie
-da ist und leuchtet, weiter gar nichts. Und nun sag' mir, wirst du
-daran denken? Und da sein für mich und leuchten? Wirst du's? Versprichst
-du's?«
-
-Was blieb ihr anders übrig, als es zu versprechen? Aber während sie es
-that, fühlte sie beklommenen Herzens, daß es nicht immer leicht sein
-mochte, nichts weiter als »Sonne« zu sein und immerdar zu leuchten.
-
-Indem sie dem Schlosse näher kamen, lichtete sich der Park, das
-Baumdickicht blieb hinter ihnen und der Weg führte an Rasenflächen und
-Blumenbeeten vorüber.
-
-Anna riß sich vom Arme des Bräutigams los und schlug in die Hände.
-
-»O herrlich!« rief sie, »hier beginnt mein Reich!«
-
-Sie lief einige Schritte voraus und achtete nicht darauf, daß ihre
-Füße in dem aufgeweichten Boden beinahe bis an die Knöchel einsanken.
-Zwischen den kahlen Blumenbeeten ging sie auf und ab.
-
-»O Eberhard,« rief sie, »Eberhard, wie sieht das hier aus! Da bekomme
-ich Arbeit! Da bekomme ich Arbeit!«
-
-Der Baron war hinter ihr stehen geblieben.
-
-»Geh nicht zu weit,« warnte er scherzend, »du ertrinkst mir am Ende
-noch, bevor du an deine Arbeit kommst.«
-
-Jauchzend flog sie zu ihm zurück. Blumen gab es also auch hier in
-dem verwunschenen Hause, und da wo Blumen sind, ist ja auch Licht!
-Im Augenblick aber, da sie ihm in die Arme fallen wollte, blieb sie
-jählings stehen. Jetzt erst bemerkte sie, was sie vorhin nicht gesehen
-hatte, daß sie unmittelbar vor dem Schloß standen.
-
-Auf einem Unterbau von mächtigen Granitquadern, der nur von wenigen,
-engen, vergitterten Fenstern durchbrochen war, erhoben sich zwei
-Stockwerke, deren jedes zwölf Fenster zeigte. Himmelhoch sah es von hier
-unten aus, die Mauern ganz grau, beinahe schwärzlich, wie angeblakt vom
-schweren Atem der Jahrhunderte; wie ein Gebirge lag es da, und obschon
-keine Sonne am Himmel stand, war es, als wenn es einen schweren Schatten
-über die Menschen würfe, die schweigend zu ihm aufblickten.
-
-»Du mußt nicht erschrecken,« sagte der Baron, als er in Annas Zügen den
-Eindruck wahrnahm, den die düstere Behausung in ihr hervorrief, »es
-ist ein altes Komtureigebäude, daher ist es so alt und sieht so finster
-aus.«
-
-»Aber weißt du,« erwiderte sie, indem sie sich in seinen dargebotenen
-Arm hing, »wenn du es mit frischer Farbe anstreichen ließest, würde es
-gewiß viel freundlicher aussehen.«
-
-Er nickte zufrieden.
-
-»Siehst du,« sagte er, »das ist gleich ein vortrefflicher Gedanke. Ich
-merke schon, es kommt mit dir ein neuer Geist ins alte Haus.«
-
-Er führte sie darauf durch eine Halle, die vom Garten nach dem Hofe
-hindurchging, und als Anna, mit offenem Munde, stehen bleiben und
-den großen, seltsam ausgeschmückten Raum bewundern wollte, zog er sie
-weiter.
-
-»Komm,« mahnte er, »es ist kalt hier drin.«
-
-In dem schwachen Lichte, das durch enge Fenster hereinfiel, hatte
-sie nur soviel sehen können, daß die Wände von oben bis unten
-mit Jagdtrophäen und Jagdgeräten behangen waren. Hirschgeweihe,
-Wildschweinsköpfe und Köpfe von Elentieren, mit lang herabhängenden
-Schnauzen, ragten aus den Mauern hervor; das Jagdgerät und die Waffen
-schienen uralt zu sein; ein riesiger Kamin, in dem kein Feuer brannte,
-befand sich in der einen Wand.
-
-Sie traten auf den Hof hinaus, den auf der einen Seite das Schloß, auf
-der andern ein Wirtschaftsgebäude umgab, und hier öffnete sich das Thor,
-das zu den oberen Räumen führte.
-
-Durch einen Vorflur, dessen Boden mit Steinfliesen belegt war, und wo
-rechts und links zwei alte große Bilder an den Wänden hingen, Pferde
-in Lebensgröße darstellend, die von Stallknechten in der Kleidung des
-siebzehnten Jahrhunderts geführt wurden, gelangte man an die Treppe.
-
-Es war eine Stiege von altem dunklen Eichenholz, mit so flachen Stufen,
-daß man das Steigen kaum gewahr wurde. Schwere Geländer liefen zu beiden
-Seiten hinauf.
-
-Anna wußte kaum, wie ihr zu Mute war, als sie in diese wuchtige, von
-Jahrhunderten gesammelte und aufgespeicherte Pracht hineinschritt; die
-Erinnerung an den Abend kam ihr zurück, als sie zum erstenmal in seinem
-Wagen nach Hause gefahren war.
-
-Der Mann an ihrer Seite aber preßte ihren Arm und ließ ihr keine Zeit
-zum Besinnen.
-
-»Hast du gehört,« fragte er, indem er sie die Stufen hinaufzog, »wie die
-alte Treppe geknackt hat? Das ist eine gute Vorbedeutung; sie hat die
-neue Herrin erkannt und sie begrüßt.«
-
-Stumm drückte sie ihm die Hand. Sie hätte so gerne etwas Fröhliches
-erwidert, aber das fremdartige Neue, das sie umgab, lastete auf ihrer
-Brust.
-
-Es war ein altertümlich gebautes und verbautes Haus mit lichtlosen
-Räumen. Die Treppe mündete in einen Flur, der keine Fenster hatte,
-sondern nur durch eine hoch oben im Dache angebrachte Glasscheibe so
-viel Helligkeit empfing, daß man die Gegenstände ringsumher erkennen
-konnte. Eine schmalere Treppe leitete vom ersten zum zweiten Stockwerke
-hinauf; der Haupttreppe gegenüber öffnete sich ein Gang, an dessen
-rechter, nach dem Hofe gelegener Seite sich eine Reihe kleiner, winklig
-ineinander geschobener Gemächer befand; die eigentlichen Wohn- und
-Staatszimmer lagen vom Eintretenden links, durch eine Glasthür vom Flure
-getrennt.
-
-Als der Baron mit Anna die Treppe bis zum ersten Stock hinaufgestiegen
-war, öffnete sich die Glasthür und es erschien eine Gestalt, die Anna,
-in dem Dämmer, der sie umgab, kaum zu erkennen vermochte. Es war der
-alte Johann, der lautlos daran ging, seinem Herrn und dessen Begleiterin
-die Mäntel abzunehmen.
-
-Hinter der Glasthür war noch ein Vorraum, und hier herrschte eine so
-völlige Dunkelheit, daß Anna nur tappend weiter zu schreiten vermochte.
-Plötzlich aber brach Licht herein. Der Baron hatte eine Thür geöffnet,
-die Anna nicht gesehen hatte; an der Hand zog er sie über die Schwelle,
-und mit einem unwillkürlichen »Ah« -- des Staunens und der Bewunderung
-stand sie mitten im Zimmer.
-
-Der Raum, der sie umgab, war ein großer, viereckiger Saal, dessen Decke
-in gotischen Spitzbogen gewölbt war und dessen Wände von großen, vom
-Fußboden bis an die Decke reichenden Bücherschränken eingenommen
-wurden. Die Schränke waren durch dicke, rotbraune Holzsäulen voneinander
-getrennt, die kunstvoll, in Gestalt von Palmbaumstämmen ausgeschnitzt
-waren. In den Schränken drängte sich eine Masse von Büchern; vom Knaufe
-der Decke, in dem die Spitzbogen des Gewölbes zusammenliefen, hing ein
-schwerer, altertümlicher Kronleuchter herab und unter dem Kronleuchter,
-inmitten des Raumes, stand ein Frühstückstisch für zwei Menschen
-zugerichtet.
-
-Der Baron trat an den Tisch.
-
-»Du mußt hungrig geworden sein,« sagte er, »wollen wir gleich
-frühstücken?«
-
-Anna aber stand in Staunen befangen und erstarrt.
-
-»Nachher,« erwiderte sie auf die Einladung des Barons, »erst muß ich mir
-das alles ansehen. Das ist ja zu merkwürdig!«
-
-Sie ging von Schrank zu Schrank, sie befühlte mit den Händen die
-geschnitzten Säulen und sah erst jetzt, welche Fülle erfinderischer
-Kunst dahineingelegt war. An den Palmen kletterten, in Holz geschnitzt,
-Affen, Leoparden und andre fremdartige Tiere auf; in den Wipfeln, die
-sich unter der Deckenwölbung ausbreiteten, sah man Papageien und andre
-Vögel sich wiegen.
-
-»Wie wundervoll,« sprach sie staunend vor sich hin, »wie wundervoll.«
-
-Der Baron verfolgte schweigend ihr Umherwandern.
-
-»Das ist Holzschnitzerei aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts,«
-erklärte er.
-
-Aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts -- Anna blieb stehen und
-sah zu ihm hinüber. Das war ja ein königliches Besitztum -- und in
-dem sollte sie gebieten? Sie, das dürftige Gewächschen des neunzehnten
-Jahrhunderts?
-
-Sie trat vor den Kamin, in dem ein Feuer von mächtigen Holzscheiten
-prasselte; dann ging sie an die Fenster und bemerkte, daß sie auf den
-Park hinausgingen und daß sie sich hier am Ende der Schloßfront befand.
-Zu ihrer Rechten war die Thür geöffnet, durch die man in die anstoßenden
-Gemächer blickte. Die Thüren all dieser Zimmer standen offen, so daß
-sich der Blick in einer schier endlosen Flucht von Räumen verlor, aus
-denen ein unbestimmtes Leuchten und Glänzen zu ihr drang. Sie ahnte,
-daß in allen diesen Gemächern eine gleiche Pracht wie in diesem ersten
-herrschen mochte. Stärker als Hunger und Durst war die Neugier.
-
-»O Eberhard,« sagte sie leise, indem sie die Hände zusammenlegte,
-»thu mir's zuliebe, zeig mir das alles erst. Frühstücken können wir ja
-nachher.«
-
-Er war bereit, und an seiner Seite ging sie nun über den spiegelglatten
-Parkettboden in das nächste Zimmer und von da weiter.
-
-Die Räume waren, wie man das in alten Häusern findet, launenhaft
-unsymmetrisch gebaut; bald in Form von langen, schmalen Gängen, bald zu
-tiefen Gelassen ausgeweitet.
-
-Allen gemeinsam aber war die reiche Pracht der Ausstattung. Ein
-altertümlicher schwerer Prunk herrschte in dem Mobiliar. Tiefrückige
-Sofas, mit vergoldeten, in Löwenköpfen auslaufenden Armlehnen;
-Lehnstühle von schwarzem Ebenholz; dazwischen, einer jüngeren
-Epoche entstammend, kleine Stühle von zartem, vergoldetem Holz und
-Rohrgeflecht. Dunkelroter Sammet in dem einen, dunkelblauer Sammet in
-dem nächsten Zimmer, dann wieder Polster von goldgepreßtem Seidenstoff.
-An den Wänden große Spiegel in massiv goldenen oder silbernen Rahmen und
-eine Fülle von Bildern. Unter diesen, die sämtlich von älteren Meistern
-herrührten, vielfach hervorragende Werke; wie denn überhaupt die ganze
-Ausschmückung der Räume den Eindruck erweckte, daß ein hochentwickelter
-Kunst- und Schönheitssinn zur geistigen Erbschaft der Fahrenwalds
-gehörte.
-
-Am liebsten wäre Anna vor jedem einzelnen Bilde stehen geblieben; aber
-dann hätte sie bis zum Abend stehen können, und heut abend wollten
-sie doch wieder in Breslau zurück sein. Darum ließ sie sich von ihrem
-Begleiter weiterführen, und nur in einem der Gemächer machte sie
-unwillkürlich vor den Gemälden Halt.
-
-Es war dies ein gangartiger Raum, ungefähr wie eine Galerie. Auf
-der Tapete von dickem purpurrot gefärbten Leder hing eine Reihe von
-Porträts, Männer und Frauen darstellend, offenbar die hauptsächlichen
-Vertreter des Geschlechts.
-
-Aus dem sechzehnten Jahrhundert kamen sie hervor und gingen bis in die
-Neuzeit, eine gemalte Chronik der wandelnden Tracht und Kultur.
-
-Die Augen des jungen Weibes hafteten an den Kleidungen, daneben
-aber beschäftigte es sie, den stark hervortretenden Zug von
-Familienähnlichkeit wahrzunehmen, der die Gesichter innerlich verband.
-Lauter edle, fein ausgearbeitete Physiognomieen, mit bleichen Zügen und
-dunklen, schwermütigen Augen, eine Reihe von Menschen, von denen der
-vorhergehende immer dem nachfolgenden die schwere Bürde des Lebens
-auf die Schultern zu legen schien, froh, daß er sie nicht länger zu
-schleppen brauchte.
-
-Annas Blicke gingen zu Eberhard hinüber, dem letzten Fahrenwald, der mit
-offenbarer Ungeduld an der Thür zum nächsten Zimmer ihrer wartete, und
-sie stellte fest, daß sein Aeußeres ihn als echten Nachkommen seiner
-Vorfahren verkündete.
-
-Als sie seine Ungeduld bemerkte, riß sie sich los, um ihm zu folgen,
-an der Thür zum Nebenzimmer aber hing ein Bild, das ihre Schritte wider
-ihren Willen bannte.
-
-Ein alter, weißhaariger Mann, in langem schwarzen Rock, über den am
-Halse ein breiter, spanischer Spitzenkragen fiel, saß an einem Tische,
-auf dem sich Phiolen, Retorten und all die Geräte befanden, wie sie vor
-Zeiten die Alchimisten gebraucht hatten.
-
-Das aber, was den Beschauer an das Bild fesselte, waren die Augen des
-alten Mannes; diese Augen waren schrecklich. Stier und starr, mit einer
-Wut im Ausdruck, die lebendig geblieben zu sein schien, nachdem der
-Körper des Mannes längst im Grabe zerfallen war, bohrten sie aus der
-Leinwand hervor.
-
-Während Anna sprachlos vor dem Gemälde stand, trat der Baron zu ihr
-heran und faßte sie, beinah heftig, am Arm.
-
-»Komm fort,« sagte er. Der Ton seiner Stimme war rauh, wie nie zuvor.
-
-Von dem unheimlichen Anblick gefesselt, stand sie noch immer.
-Jetzt wandte er sich nach der Thür, durch welche sie in die Galerie
-eingetreten waren.
-
-»Hatte ich dir nicht befohlen, das Bild fortzunehmen?«
-
-Sie drehte den Kopf -- zu wem sprach er?
-
-In der Thür stand der alte Johann, der, wie es schien, lautlos hinter
-ihnen drein gekommen war.
-
-Sie sah, wie er langsam den Kopf vorstreckte und die Augen auf den Baron
-richtete.
-
-»Gnädiger Herr,« sagte er, »haben nichts davon befohlen.«
-
-In dem Augenblick fühlte Anna, deren Arm in dem des Barons lag, wie
-ein Zucken durch dessen Körper ging. Seine Gestalt reckte sich in allen
-Gelenken, so daß er Anna um mehr als Kopfeslänge überragte.
-
-»Wenn ich's also wirklich noch nicht befohlen haben sollte,« fuhr er
-fort, indem er über sie hinweg sprach, »so befehl' ich es jetzt. Das
-Bild kommt fort von der Wand! Gleich auf der Stelle! Jetzt!«
-
-Nun kam der alte Diener, immer den Kopf vorgestreckt, und immer die
-Augen auf seinen Herrn gerichtet, zwei Schritte näher.
-
-»Das soll fort? Das Bild von dem alten Herrn?«
-
-»Ja -- hast du mich nicht verstanden?« erwiderte der Baron, und seine
-Stimme rollte dumpf empor.
-
-»Wohin -- soll ich's denn bringen?«
-
-Der Baron überlegte einen Augenblick.
-
-»Oben hinauf,« befahl er dann, »in die grüne Kammer.«
-
-In den Augen des alten Dieners zuckte ein grelles Licht auf; es sah aus,
-als traute er seinen Ohren nicht.
-
-»Das Bild --« fragte er, beinah drohenden Tons, »von hier fort? in die
-grüne Kammer?«
-
-Und jetzt geschah etwas, das Anna mit eisigem Schreck überlief; von dem
-Mann an ihrer Seite, von dessen Mund sie bisher nur Töne sanftester Güte
-vernommen hatte, kam plötzlich ein unbeschreibbarer Laut.
-
-»Wenn dir das also nicht paßt,« schrie er, »dann also anders: auf den
-Boden mit dem Bild!«
-
-Der alte Johann erwiderte nichts, rührte sich aber auch nicht vom Fleck,
-nur sein Mund that sich halb auf, daß man die langen Zähne darin sah.
-
-In der Brust des Barons stieg etwas herauf, gurgelnd und rauschend, wie
-eine steigende Flut.
-
-»Auf den Boden damit, hast du mich gehört?«
-
-Diesmal schrie er nicht, er brüllte. Anna blickte auf; sein Gesicht war
-verzerrt.
-
-Ein furchtbares Entsetzen überkam sie.
-
-»Eberhard!« kreischte sie auf.
-
-Als er den Schrei vernahm, senkte er den Blick zu ihr. Sie stand
-leichenblaß, mit schlotternden Gliedern, die Hände wie flehend und
-zugleich wie abwehrend zu ihm erhoben. In dem Augenblick war es, als
-knickte sein aufgestraffter Körper in sich zusammen, die lodernde Wut in
-seinen Augen erlosch, um einem maßlosen Erschrecken zu weichen, und mit
-einem dumpfen »o mein Gott« schlang er beide Arme um sie, riß sie an
-seine Brust, und so, indem er sie an sich gepreßt hielt, zog er sie
-aus der Galerie in das anstoßende Gemach, wo er sie auf das Sofa
-niedersinken ließ.
-
-Sobald sie Platz genommen, sank er knieend zu ihren Füßen, das Haupt in
-ihren Schoß gedrückt, die Hände um sie gelegt, als fürchtete er, daß
-sie aufspringen und entfliehen würde. Daran aber hätte Anna wohl kaum
-gedacht, sie fühlte sich von dem eben erlebten Schreck ganz kraftlos
-und gebrochen. Sie mußte die Zähne aufeinanderpressen, damit sie nicht
-klappernd zusammenschlugen, ihre Glieder zitterten wie im Frost.
-
-Als der Baron das Beben ihres Leibes verspürte, hob er das Gesicht zu
-ihr auf.
-
-»Aengstige dich nicht,« flehte er, »ängstige dich nicht.«
-
-Aber er sah ihre Augen mit stummem Grauen auf sich gerichtet.
-
-»Es war ja um deinetwillen, daß ich so heftig wurde,« fuhr er fort,
-»weil ich sah, daß das Bild dich erschreckte.«
-
-Und als sie noch immer nicht im stande war, ein Wort zu erwidern,
-drückte er das Haupt wieder in ihren Schoß und schüttelte es und faßte
-sie fester mit den Händen.
-
-»Geh nicht von mir!« stöhnte er, »verlaß mich nicht!«
-
-Bei diesem Worte wurde ihr wieder weich und warm. Schweigend breitete
-sie die Arme um ihn her, senkte das Gesicht auf sein Haupt und ein Strom
-von Thränen, der lautlos aus ihren Augen brach, verkündete, daß das Eis
-geschmolzen war, das sich für einen Moment um ihre Seele gelegt und sie
-von ihm getrennt hatte.
-
-So saßen sie schweigend bei einander, lange Zeit. Das einzige Geräusch,
-das man vernahm, war das Knistern des Holzes im Kamin, das in sich
-zusammenfiel, um sich in Kohle zu verwandeln und danach zu Asche zu
-werden. Sonst regte sich kein Laut, und es war, als hauchten die alten
-Möbel, die Bilder an den Wänden die dumpfe Stille aus, die wie eine Last
-im Zimmer lag. Es war, als thäten sich geräuschlos in Winkeln und Ecken
-und in der Luft umher Augen auf, dunkle, schwermütig forschende Augen,
-als blickten sie fragend auf die beiden in sich versunkenen Menschen
-dort, und als blinzelten sie sich gegenseitig zu, Gedanken tauschend,
-wie die Abgeschiedenen sie verstehen, die Lebenden aber nicht.
-
-Endlich hatte Anna ihre Fassung wieder erlangt.
-
-»Komm weiter,« sagte sie, indem sie sich vom Sofa erhob.
-
-Er stand auf.
-
-»Nun wirst du wohl nichts mehr sehen wollen?« fragte er.
-
-Sie fühlte, daß sie ihm Mut machen müsse.
-
-»O ja, gewiß,« versetzte sie, »du hast es mir versprochen, und
-Versprochenes muß man halten.«
-
-Sie hing sich in seinen Arm, sie bemühte sich, einen leichten Ton
-anzuschlagen und ihm zu zeigen, daß alles überwunden und vergessen sei.
-
-So führte er sie denn weiter, bis daß sie am andern Ende der
-Zimmerflucht in zwei kleinere, freundlichere Gemächer gelangten.
-
-»Siehst du,« sagte er, stehen bleibend, »dies, hatte ich gedacht, sollte
-dein Wohnzimmer sein, und dort nebenan solltest du schlafen.«
-
-Anna blickte umher.
-
-»O ja,« meinte sie, »hier könnte es mir gefallen.«
-
-Sie ging ans Fenster.
-
-»Da hab' ich ja gerade meine Blumen vor mir,« sagte sie, indem sie in
-den Garten hinunterblickte. »Das macht sich alles ganz vortrefflich.
-Nur, weißt du, was ich möchte? Daß das Zimmer vielleicht eine andere
-Tapete bekäme.«
-
-Sie trat an die Wand und befühlte den dicken, dunkelbraunen Stoff, mit
-dem sie bekleidet war.
-
-»Das ist ja alles ganz prachtvoll,« fuhr sie fort, »und die eingepreßten
-Goldmuster geradezu kostbar, aber siehst du, ich bin nun einmal ein
-Kind unsrer Zeit und möchte es gern ein bißchen heller haben und
-freundlicher.«
-
-Der Baron machte ein Gesicht wie ein vergnügtes Kind.
-
-»Aber Anna,« rief er, »das ist ja mein Gedanke gewesen von Anfang an!
-Alle Zimmer miteinander möchte ich umtapezieren lassen, damit mehr
-Licht in die alte Finsternis kommt. Und in Breslau habe ich ein Muster
-gesehen, weißen Untergrund mit goldenen und blauen Blumen, etwas reizend
-Freundliches, den suchen wir uns, gleich morgen, nicht wahr?«
-
-Sie nickte ihm zu.
-
-»Gleich morgen,« sagte sie.
-
-Er ergriff ihre Hände. Es sah aus, als wolle er sich bei ihr bedanken.
-
-»Und andre Möbel darf ich dir auch hineinstellen? Nicht wahr? Diese
-alten, schweren Sessel mit den riesigen Lehnen, diese bauschigen Sofas,
-das ist doch alles nichts für dich? Nicht wahr? Etwas recht Zartes,
-Luftiges und Duftiges suchen wir uns aus, das erlaubst du mir? Nicht
-wahr? Hast du Rosenholz gern?«
-
-Sie sah ihm in die Augen und neigte das Haupt.
-
-»Alles, was dir gefällt, wird auch mir gefallen, und was du mir
-schenkst, nehme ich gern.«
-
-Ein Freudenschein zuckte über sein Gesicht. Er machte eine Bewegung,
-um sie zu küssen, bevor er aber dazu gelangte, bog er den Kopf wieder
-zurück. Der ängstliche Ausdruck, mit dem er sie ansah, verriet, daß er
-sich nicht getraute. Er dachte an den Auftritt von vorhin.
-
-Anna schob langsam die Hände an seinen Armen hinauf, bis daß sie auf
-seinen Schultern ruhten. Da stand er vor ihr, der Besitzer all dieser
-Pracht und Herrlichkeit, der gegenüber sie sich wie eine Bettlerin
-erschien, da stand er, der starke Mann, in dessen Armen sie wie Glas
-zersplittert wäre, wenn seine Kraft sich gegen sie gewandt hätte -- und
-bat sie, demütig wie ein Knabe, ihr all seinen Reichtum zu Füßen legen
-zu dürfen, und wie ein Schuldbewußter wagte er nicht, sie zu küssen. Und
-worin bestand denn seine Schuld? Ein unaussprechliches Mitleid quoll ihr
-im Herzen empor, die Thränen drängten sich ihr in die Augen. Aber sie
-wollte ihn keine Thränen sehen lassen, sie zwang sich zum Lächeln, und
-so, weil ihr trotz allem Widerstand die Augen dennoch übergingen, hob
-sie sich auf den Fußspitzen empor, und unter Thränen und Lächeln
-suchte sie mit ihrem Munde seinen Mund. Aufatmend, wie nach tiefer
-überstandener Qual, beugte er sich zu ihr herab, und der Kuß, in dem sie
-sich zusammenfanden, war wie ein gegenseitiges Versprechen, daß sie nun
-ein neues Leben begründen wollten in dem alten, ausgestorbenen Hause.
-
-Raschen Schrittes kehrten sie darauf zu dem Saale zurück, wo das
-Frühstück angerichtet stand. Die warmen Speisen waren inzwischen kalt
-geworden, aber das störte die Laune nicht. Auch war neben den warmen
-Gerichten kalter Braten in genügender Fülle da, um sich daran satt zu
-essen. Während der alte Johann die Teller wechselte, schenkte der Baron
-ihr Wein ein, und sie trank ein tüchtiges Glas. Sie war nun ganz
-heiter, ganz ihrem Berufe als »Sonne« treu, und der Baron, ihre »Erde«,
-leuchtete in ihrem Lichte auf.
-
-Das einzige, was sie einigermaßen hätte stören können, war der Anblick
-des alten Dieners, der schweigend aufwartete und, während sie aßen und
-tranken, hinter dem Stuhle seines Herrn stand.
-
-Unwillkürlich gingen ihre Blicke von Zeit zu Zeit zu ihm hin, und immer
-sah sie ihn dann in einer ganz seltsamen Haltung, regungslos, den Kopf
-wie in brütendem Sinnen zu Boden gesenkt, an seinem Platze stehen.
-
-Offenbar dachte er immer noch darüber nach, wie furchtbar und eigentlich
-grundlos der Baron ihn vorhin angefahren hatte. Das that ihr so leid
-um den alten Mann. Sie fühlte das Bedürfnis, ihm irgend eine kleine
-Freundlichkeit zu erweisen. Zwischen Herrn und Diener war offenbar eine
-Spannung; es wäre ihr so lieb gewesen, wenn sie das Verhältnis zu einem
-guten hätte machen können; Menschen, die so einsam leben, wie sie drei
-nun bald leben würden, müssen sich doch verstehen, dürfen nicht mit
-feindseligen Gedanken umeinander hergehen.
-
-»Aber wissen Sie, Johann,« fing sie möglichst unbefangenen Tones an,
-indem sie den Kopf zu ihm erhob, »ich muß Ihnen wirklich mein Kompliment
-machen, wie das Schloß im Stande gehalten ist. Da ist ja kein Stäubchen
-und kein Fleckchen, und das Feuer in den Kaminen --« Sie brach im Satze
-ab.
-
-Der Alte, als er seinen Namen von ihrem Munde hörte, hatte langsam, wie
-aus einem Traume zurückkommend, den Kopf erhoben und die Augen auf sie
-gerichtet, und als sie seine Augen sah, konnte sie nicht weiter.
-
-Was für Augen waren das! Stierend, bohrend, als wollten sie sich durch
-ihre Augen hindurch bis in das Mark ihres Lebens hineinwühlen. Dabei
-that sich, wie sie es vorhin schon an ihm wahrgenommen hatte, sein Mund
-halb auf, so daß die langen Zähne sichtbar wurden, der Kopf schob sich
-nach vorn, und das ganze Gesicht nahm einen Ausdruck an -- ja, was war
-es nur für ein Ausdruck? Anna begriff ihn zuerst gar nicht, dann kam ihr
-das Bewußtsein: das war ja Haß! Wütender Haß! Sie hing wie gebannt an
-diesem Gesicht. -- Was hatte sie ihm gethan? War er so erbittert über
-sie, weil sie ahnungslos die Ursache gewesen war, daß sein Herr so
-heftig gegen ihn wurde?
-
-Der Baron, der nervös aufgezuckt war, als sie sich an den Alten wandte,
-hatte ihr plötzliches Verstummen bemerkt. Jetzt sah er ihr totenblasses
-Gesicht und ihre verstörten Augen.
-
-»Ist dir etwas?« fragte er.
-
-Er faßte nach ihrer Hand; ihre Hand war eiskalt.
-
-»Ist dir unwohl?« wiederholte er hastig seine Frage.
-
-Sie schüttelte den Kopf. Von der Stuhllehne, an die sie zurückgesunken
-war, richtete sie sich gewaltsam auf. Sie drückte seine Hand, als wollte
-sie ihn beruhigen.
-
-»Nein, nein, nein,« erwiderte sie. Ihre Stimme war gepreßt, ihre Augen
-gingen zu den Büchern hinüber und von den Büchern in irgend eine Ecke.
-Es war, als flüchteten sie sich, als wüßten sie nicht mehr, wo sie
-hinblicken sollten. Aufzuschauen wagte sie nicht, denn da stand ja der
-Alte; den Baron anzuschauen vermochte sie auch nicht, denn sie spürte,
-wie die wilde Unruhe in sein Gesicht zurückkehrte. Der seltsame Raum, in
-dem sie sich befand, die fremdartigen Tiergestalten in den geschnitzten
-Palmen -- es war, als wenn das alles zu einem lautlosen, unheimlichen,
-gespenstischen Leben erwachte, als wenn es wirklich ein verwunschenes
-und verzaubertes Haus sei, in das sie sich tollkühn hineingewagt hatte,
-und aus dem es nun kein Entrinnen mehr gab. Eine betäubende Angst legte
-sich auf sie, es war ihr zu Mute, als würde ihr eine schwere bleierne
-Haube über den Kopf gezogen.
-
-Jählings stand sie auf.
-
-»Ach, weißt du,« sagte sie mit taumelnder Stimme, »ich glaube, wir
-möchten nach Haus fahren -- ich glaube, es wird Zeit.«
-
-Mit einem Sprunge war er neben ihr; er hatte gesehen, wie sie wankte;
-er schlang den Arm um sie; mit lastender Wucht lehnte sie an seiner
-Schulter.
-
-»Der Wagen soll vorfahren!« herrschte er dem Alten zu.
-
-Sobald dieser hinaus war, beugte er sich zu ihr.
-
-»Was ist dir?« forschte er voller Besorgnis, »ist dir etwas geschehen?
-Hat dir jemand etwas gethan?«
-
-Sie suchte mit den Augen umher -- der Alte war fort. Ihre Lippen
-bewegten sich lallend.
-
-»Er -- ich weiß nicht, was ich ihm gethan habe -- hat mich so
-schrecklich angesehen.«
-
-»Der Johann?«
-
-Sie drückte das Gesicht an seine Brust.
-
-»Um Gottes willen bleib ruhig,« bat sie. Schon hörte sie, wie die
-steigende Flut in seiner Brust wieder zu rauschen begann; schon fühlte
-sie, wie der Griff seiner Hand, mit der er sie umschlungen hielt, wieder
-eisern wurde.
-
-»Ich schicke ihn fort!« knirschte er.
-
-»Nein,« flehte sie, »nicht um meinetwillen!«
-
-»Ich jage ihn fort!« wiederholte er drohend.
-
-Sie waren, indem er das sagte, auf den Flur hinausgetreten; er hatte so
-laut gesprochen, daß seine Worte durch den ganzen Treppenraum hallten.
-Am Fuße der Treppe stand der alte Johann; er hatte hören müssen, was der
-Baron eben gesagt hatte. Und nun begab sich etwas Unerhörtes.
-
-Indem der Baron mit Anna die Treppe hinabzusteigen begann, knickte der
-Alte da unten in die Kniee und fiel zu Boden, beide Hände nach oben
-ausgestreckt. Das Haar hing ihm wirr übers Gesicht, seine Augen waren
-ganz rot; seine Brust arbeitete und sein Mund war weit offen. Aber er
-brachte nichts hervor, als ein dumpfes Keuchen; mit plattem Leibe warf
-er sich auf die Treppe, so daß sein grauer Kopf auf den Stufen lag.
-
-»Jesus, Gottes Sohn --« stammelte Anna, indem sie, von Grausen gepackt,
-den Arm ihres Begleiters umklammerte und ihn zum Stillstehen zwang.
-
-Jetzt fing der Alte mit dumpfer, heulender Stimme an: »Gnädiger Herr
-wollen mich fortjagen -- und ich habe gnädigen Herrn auf den Armen
-getragen -- und ich bin immer mit gnädigem Herrn gewesen -- und habe
-immer nichts andres gedacht, als was gnädigem Herrn gut wäre und gesund
--- und gnädiger Herr wollen mich fortjagen --«
-
-Annas Hand krallte sich in den Arm ihres Bräutigams, sie wußte
-kaum mehr, was sie that; sie fühlte, wie die Ohnmacht ihre Augen zu
-verdunkeln begann.
-
-»Sag ihm, daß du ihn behältst,« raunte sie mit fliegendem Atem; »wenn du
-mich lieb hast, sag ihm, daß du ihn behältst!«
-
-Der Baron strich mit leiser Hand über ihr glatt gescheiteltes Haar; die
-Ruhe war ihm zurückgekehrt.
-
-»Steh auf, Johann,« sagte er, »du sollst bleiben, ich jage dich nicht
-fort.«
-
-Schwerfällig raffte sich der alte Mann auf und trat an den Fuß der
-Treppe zurück. Er blickte nicht auf, seine Arme hingen herab, mit der
-rechten Hand wischte er den Treppenstaub von seinem Rock.
-
-»Und hier, bei dem gnädigen Fräulein bedanke dich,« fuhr der Baron fort,
-indem er mit Anna bei ihm vorüberschritt, »küß ihr die Hand, sie hat für
-dich gebeten.«
-
-Knechtisch gebeugten Hauptes trat der Alte auf Anna zu, um ihr die Hand
-zu küssen. Solcher Bezeigungen ungewohnt, wollte Anna es nicht dulden.
-Der Baron stieß sie heimlich an.
-
-»Thu's,« flüsterte er ihr zu, »es muß sein!«
-
-Nun überließ sie ihm ihre Hand, die der Diener, ohne die Augen zu
-erheben, an den Mund führte.
-
-Indem sie die gebrochene Gestalt vor sich sah, überkam sie ein wahres
-Jammergefühl. Unwillkürlich drückte sie seine Hand.
-
-»Das alles wird vorübergehen,« sagte sie mit wohlwollendem Trost, »ich
-weiß ja, wie treu Sie dem Herrn Baron immer gewesen sind, und das sollen
-Sie auch in Zukunft bleiben, und dann werden wir ganz gewiß gute Freunde
-werden, ganz gewiß.«
-
-Sie vermochte nicht zu erkennen, welche Wirkung ihre Worte auf den Alten
-hervorbrachten; ohne aufzublicken, zog er sich zurück, und gebeugten
-Hauptes blieb er stehen, bis Anna mit ihrem Begleiter auf den Hof
-hinausgetreten war. Sie stiegen ein; der Wagen rollte ab, und als das
-Schloß hinter ihnen lag, fühlte Anna es wie eine Erleichterung. Aus dem
-Bereiche der Gespenster und Dämonen kehrte sie zu den Menschen zurück.
-
-Von den Aufregungen erschöpft, die sie durchlebt hatte, lehnte sie blaß
-und schweigend in der Wagenecke; der Baron saß gleichfalls mit seinen
-Gedanken beschäftigt; so kamen sie auf der Bahnstation an, und als der
-Abend einbrach, waren sie wieder in Breslau.
-
-In seinem Coupé brachte er sie zu ihrer Wohnung; im Hausflur nahmen sie
-Abschied voneinander.
-
-»Du siehst so müde aus,« sagte er, indem er sie in die Arme nahm. »Wirst
-du auch gut schlafen?«
-
-Sie nickte stumm.
-
-Er stand noch immer und hielt sie umschlungen; sie fühlte, wie schwer
-es ihm wurde, von ihr zu gehen. Es war, als wenn er noch eines guten
-Wortes, eines Trostes bedürfte. Sie nahm sich zusammen und sah ihn
-freundlich lächelnd an.
-
-»Ich werde gut schlafen,« versicherte sie, »sei ganz unbesorgt, und
-morgen holst du mich ab, damit wir uns die Tapeten ansehen.«
-
-Das gab ihm das Leben wieder. Freudig drückte er ihre Hand.
-
-»Ja, ja, morgen komm' ich, und dann holen wir uns das neue Leben in das
-alte Haus!«
-
-Als Anna zu dem Onkel und der Tante zurückkam, saßen die beiden
-alten Leute und spielten »Rabouge«, ein Kartenspiel ältester Art, das
-heutzutage kaum jemand mehr kennt. Das war ihre Beschäftigung, einen
-Abend wie alle Abende. Von dem jungen Mädchen, das mit leisem »guten
-Abend« zu ihnen eintrat, nahmen sie so gut wie keine Notiz. Man konnte
-zweifeln, ob sie überhaupt wußten, daß sie den Tag über fortgewesen war.
-
-Anna war daran gewöhnt. Ohne weiter zu sprechen, setzte sie sich in
-einiger Entfernung von den Spielenden nieder, so daß die Lampe, die
-auf dem runden Tisch stand, gerade noch genug Licht für ihre Handarbeit
-abgab, dann häkelte sie still vor sich hin und dachte nach.
-
-Welch ein Kontrast! Heut am Tage das Fahrenwaldsche Schloß, und jetzt
-hier diese Behausung! Daß die Wohnung ärmlich war, hatte sie wohl immer
-gewußt -- wie erbärmlich sie war, fühlte sie heut abend zum erstenmal
-ganz. Als sie nach Haus gekommen war, hatte sie das Behagen empfunden,
-daß sie wieder in Sicherheit sei -- jetzt, da sie in Sicherheit saß,
-fühlte sie, daß diese gleichbedeutend mit Oede und Langeweile war.
-
-Hier diese dumpfen, stumpfen alten Menschen, die vom Leben nichts mehr
-wissen wollten, die kein Wort, kaum einen Blick für sie übrig hatten
--- und dort drüben der Mann, der nur ein Verlangen hatte, aus Nacht
-und Grauen ins helle gesunde Leben zu gelangen, der nach ihrer
-Persönlichkeit lechzte, wie der Verschmachtende nach dem Wasser!
-
-Als sie heute mittag auf Schloß Fahrenwald beim Frühstück gesessen
-und das Todesgrauen empfunden hatte, mit dem all das Unverständliche,
-Unbegreifliche über sie herfiel, war der Gedanke in ihr aufgestanden,
-daß es ihr unmöglich sein würde, dort in Zukunft zu leben, daß sie
-das Verhältnis mit Eberhard von Fahrenwald abbrechen müsse -- jetzt
-verblaßten die Schrecken und das Schöne blieb.
-
-Sie dachte an den Park zurück, den herrlichen, walddunkeln, waldtiefen
-Park, und vergegenwärtigte sich, wie schön es sein würde, wenn er im
-Frühling, Sommer und Herbst ihr zu Häupten rauschte. An die Räume des
-Schlosses dachte sie, die schweigenden, feierlichen Gemächer, an die
-Bilder der Männer und Frauen, mit den edlen leidvollen Gesichtern. War
-es ihr nicht, indem sie an sie dachte, als wenn sie die Lippen aufthäten
-und sprächen: »Fürchte dich nicht vor uns -- wir sind nur unglücklich,
-nicht böse.« War es nicht, als zeigten sie mit den stummen dunklen Augen
-auf ihn, den Letzten ihres Stammes, und als sprächen sie: »Hilf ihm --
-nur du kannst ihm helfen -- und auch er ist nicht böse.«
-
-Ach -- ob sie es wußte, daß er nicht böse war!
-
-Als sie am späteren Abende ihr Schlafkämmerchen aufgesucht hatte, lag
-sie knieend vor ihrem dürftigen Bett, die gefalteten Hände in die Kissen
-gestützt, bitterlich weinend.
-
-Es war ihr, als stände er vor ihr und sähe sie an mit den schwermütigen,
-bittenden Augen, als hätte er in ihrem Herzen die Gedanken gelesen, die
-ihm die Treue gebrochen hatten, und als müßte sie ihm abbitten, alles
-was sie gedacht.
-
-»Nein, nein, nein, ich will dich nicht verlassen! Furcht und Feigheit
-sollen nicht stärker sein in mir, als die Liebe in deinem gütigen,
-geliebten Herzen! Was auch das Leben bringen mag, an deiner Seite will
-ich ihm entgegengehen -- das will ich -- ja.« Und während ihre Lippen
-noch das beteuernde »ja« sprachen, sank ihr Köpfchen in die Kissen
-zurück, und sanft und ruhig schlief sie ein.
-
-Am nächsten Vormittage, seinem Versprechen getreu, erschien der Baron,
-um Anna abzuholen.
-
-Bei drei Tapetenhandlungen fuhr man vor, und alle drei Lager wurden von
-oben bis unten durchstöbert, bis man das Muster gefunden hatte, das für
-die beiden Zimmer als das passendste erschien; eine weiße Tapete
-mit blaugoldenen Frucht- und Blumenstücken für das Wohngemach, eine
-himmelblaue für das Schlafzimmer; beide das Lieblichste, Freundlichste,
-was man sich denken konnte. Anna war ganz erschöpft, der Baron zeigte
-keine Spur von Müdigkeit.
-
-»Jetzt,« meinte er, »sollten wir gleich noch an die Möbel denken.«
-
-Anna verweigerte lachend den Gehorsam.
-
-»Morgen,« sagte sie, »das hat Zeit bis morgen.«
-
-»Gut, so wollen wir jetzt aber frühstücken.«
-
-Es half ihr nichts, daß sie auf das nah bevorstehende Mittagessen
-verwies.
-
-»Ach was, dein Onkel und deine Tante können auch ohne dich essen.«
-
-Er war ganz ausgelassen, ganz glücklich, daß er das geliebte Wesen
-einmal in seiner Gewalt hatte.
-
-So mußte sie ihm zu einem Restaurant folgen, und es war natürlich nicht
-das schlechteste von Breslau. Dort tafelten sie.
-
-Als sie auf die Straße hinaustraten und den Wagen wieder bestiegen,
-glühte Annas Gesicht und ihr Köpfchen sank ganz schwer zurück.
-
-»Aber Eberhard,« sagte sie, »du hast mich ganz betrunken gemacht mit dem
-vielen Champagner.«
-
-Sie lächelte, ihre Augen hatten einen schwimmenden Glanz; indem sie
-sich lässig in die Wagenkissen zurücklehnte, war eine Auflösung in ihrer
-ganzen Gestalt, wie er sie noch nie an ihr gesehen hatte.
-
-Er schlang den Arm um sie und küßte sie mit einer Glut, wie nie zuvor.
-
-»Weißt du,« sagte er, »das ist köstlich. So wollen wir es jetzt alle
-Tage machen; so reizend wie heut bist du mir noch nie erschienen.«
-
-Ihr Körper lag warm und weich in seinen Armen; das nachgiebige
-Widerstreben des jungen Leibes verlieh ihm eine berauschende
-Lebendigkeit; es war das erste Mal, daß das Blut der beiden Menschen zu
-einander zu sprechen begann.
-
-Am nächsten Tage ging es in gleicher Weise durch alle Möbelhandlungen
-der Stadt, und endlich war ein Mobiliar für die beiden Zimmer ausfindig
-gemacht, so zart und duftig, als wären die Gemächer für eine Elfe
-bestimmt. Das Frühstück durfte natürlich auch heut nicht fehlen, und so
-folgte nun ein Tag dem andern.
-
-Der Baron war unerschöpflich in der Erfindung von Notwendigkeiten.
-
-An Teppiche war ja noch gar nicht gedacht worden, und als auch diese
-besorgt waren, fiel es ihm ein, daß Portieren über den Thüren, Gardinen
-und Vorhänge vor den Fenstern fehlten.
-
-Anna ergab sich lachend. Der Rausch, der ihn erfüllte, teilte sich ihr
-allmählich mit; die täglichen Rundfahrten und Einkäufe fingen an, ihr
-gar nicht übel zu gefallen. Es war ja, als wenn sie das Märchen vom
-»Tischlein deck' dich« leibhaftig erlebte; kaum daß sie einen
-Wunsch gedacht hatte, war er schon erfüllt. Und wie unter seinen
-leidenschaftlichen Küssen ihr Blut in immer heißeren Wellen zu rollen
-begann, war es, als reckte und streckte sich ihre ganze Persönlichkeit;
-aus der unscheinbaren Hülse des kleinen Mädchens blühte die Jungfrau
-auf.
-
-An einem dieser Tage, als sie durch Blumen- und Samenhandlungen
-gestreift waren, um Sämereien für den Garten zu kaufen, und nun wieder
-im Wagen saßen, rückte er, den Arm um sie geschlungen, dicht an sie
-heran.
-
-»Weißt du,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nun hätte ich eine große Bitte.«
-
-Sie lächelte vor sich hin; sie wußte ja, daß, um ihm etwas zu geben, sie
-nur still zu halten brauchte und zu nehmen.
-
-»Was denn also?« fragte sie.
-
-»Siehst du, ich habe mir das in meiner Phantasie so ausgedacht: Wenn ich
-dich so in den Armen halte und an mir fühle, komme ich mir vor, wie ein
-Gärtner, der eine Blume groß zieht. Den Winter hindurch hat meine Blume
-ihr altes, unscheinbares Gewand getragen, aber nun wird es Frühling,
-siehst du, und da ist es doch in der Natur geboten, daß sie sich anders
-und reicher und schöner kleidet? Nicht wahr?«
-
-Anna senkte die Augen und sah stumm an sich hernieder. Aermlich genug
-war sie ja freilich angezogen.
-
-»Und siehst du,« fuhr er fort, »was ich dich nun bitten wollte: daß
-wir morgen in Kleiderhandlungen und Modemagazine gehen und uns Stoffe
-aussuchen zu Kleidern für dich, wie sie dir gefallen und am besten
-stehen?«
-
-Sie errötete in Scham.
-
-»Aber Eberhard,« erwiderte sie leise, »für seine Ausstattung muß doch
-ein jedes Mädchen selbst sorgen!«
-
-Indem sie das aber sagte, fragte sie sich im stillen, wer denn ihre
-Ausstattung besorgen sollte. Der Onkel und die Tante etwa? Oder
-sie selbst, aus ihrem eigenen Vermögen? Ja, wo war denn ihr eigenes
-Vermögen?
-
-»Nein, siehst du,« nahm er wieder eifrig auf, »das ist mit uns etwas
-ganz andres. Das hab' ich dir ja gesagt, daß du das Licht in meinem
-Leben bist, und ein Licht, siehst du, das muß man sich selbst anzünden.
-Und sein Glück muß man sich selbst erschaffen, wenn's ein echtes Glück
-sein soll und einem Kraft und Mut verleihen soll. Und darum, verstehst
-du, wenn ich dich so von Kopf bis zu den Füßen einkleide in Stoffe, die
-ich dir geschenkt habe, dann wird mir zu Mute sein, als hätte ich mir
-die ganze geliebte Gestalt, die dann vor mir steht, selber erschaffen,
-und das wird mir dann eine solche Kraft und Wonne und Seligkeit
-verleihen, und das wirst du mir nicht verweigern. Nicht wahr? Nicht
-wahr?«
-
-Sie vermochte nichts zu erwidern. Anfänglich, als sie nur Mitleid mit
-dem Mann gefühlt hatte, der um ihre Liebe flehte, war nur ihre Seele
-wach gewesen; jetzt, da er stark und fröhlich war und sie am lebendig
-klopfenden Herzen hielt, waren auch ihre Sinne erwacht. Sie hatte
-angefangen, sich in ihn zu verlieben, und in dem großen Strome des
-süßen, unbestimmten Gefühls trieb sie willenlos dem Manne zu. Sie
-drückte ihr erglühendes Gesicht an seinen Hals.
-
-»Thu, wie du willst,« flüsterte sie.
-
-Und nun war es, als wären alle diese Besorgungen nur Vorbereitungen für
-das Eigentliche und Wahre gewesen.
-
-Die Seidenwarenlager wurden förmlich geplündert, und als sie damit
-fertig waren, wollte er sie in Wäschehandlungen führen. Dem aber
-widersetzte sie sich.
-
-»Ich müßte mich ja zu Tode schämen, wenn mich ein Mann dabei
-begleitete.«
-
-Er fügte sich ihrem Willen. Aber sie mußte versprechen, daß sie sich
-das schönste Linnen, die zartesten seidenen Strümpfe und das zierlichste
-Schuhwerk kaufen wollte. Die Rechnungen sollten auf ihren Namen
-geschrieben werden, er würde sie bei ihr abholen und alles abmachen.
-
-Wenn sie nicht gewußt hätte, daß er reich war, so hätte sie ihn für
-einen rasenden Verschwender halten müssen.
-
-Ganze Ballen von Seidenstoffen und Leinen liefen nun bei Anna ein;
-vierzehn Tage lang wurde geschneidert und geschustert, als gälte es, den
-Brautstaat einer jungen Königin fertigzustellen; der Onkel und die Tante
-gingen mit dumpf verblüfften Gesichtern umher und wußten nicht, was sie
-sagen sollten. Anna wußte es selber kaum; die Welt war nicht mehr die
-Welt.
-
-Der Baron ließ sich in diesen Tagen nur von Zeit zu Zeit sehen, und
-wenn er kam, war er in fliegender Hast. Er war jetzt vielfach auf dem
-Schlosse draußen, wo die Zimmer für Anna eingerichtet wurden. So oft
-er bei ihr in der Stadt erschien, wurde er rasch wieder
-hinauskomplimentiert -- Frauen, die in solcher Thätigkeit stecken,
-können Männer nicht brauchen. Gegen Ende der vierzehn Tage aber, als sie
-ihn auf den Flur hinausbegleitete, hielt sie ihn an der Hand fest.
-
-»Heute abend,« sagte sie leise, mit lieblichem Erröten, »wird das
-crèmefarbige Seidenkleid fertig, das du so besonders gern magst. Es hat
-einen sehr hübschen Schnitt und wird mir vielleicht leidlich stehen.«
-Sie beugte sich näher zu ihm.
-
-»Wenn du willst, kannst du morgen mittag kommen, und ich will mich dir
-zeigen.«
-
-Er schloß sie an die Brust, als wollte er sie erdrücken.
-
-»Du Engel,« erwiderte er.
-
-Ein Glutstrom floß aus seinen Augen. Dann riß er sich los, eilte die
-Treppe hinab, kehrte vom Absatz noch einmal zurück, schloß sie noch
-einmal wie rasend in die Arme und schoß dann zum Hause hinaus.
-
-Anna begriff kaum, was ihn so erregt hatte; aber die Glut, die
-ihn erfüllte, setzte auch sie in Feuer, und als das Kleid am Abend
-angekommen war, beschloß sie, sich am nächsten Vormittage recht schön
-für ihn herauszuputzen.
-
-Es war das erste Mal im Leben, daß sie sich in so kostbare Stoffe
-hüllte. Sie schloß sich in ihr Schlafkämmerchen ein und kleidete
-sich von Kopf bis zu Füßen um, weil es sie nun doch gelüstete, die
-neuangeschafften Sachen wirklich einmal zu probieren.
-
-Wie das alles anders war als das, was sie bisher getragen hatte! Wie
-grob das Hemd war, das sie auszog, und wie weich sich das neue zarte
-Linnen um ihren Leib schmiegte! Und die seidenen Strümpfe, in die ihre
-Füßchen, nachdem sie die alten baumwollenen abgestreift hatte, beinahe
-schüchtern hineinschlüpften, als wagten sie gar nicht zu glauben, daß
-sie wirklich da hinein gehörten! Sie saß ganz schamrot auf ihrem Stuhl
-und kicherte vor sich hin, wie ein Kind, das etwas Unerlaubtes thut und
-jeden Augenblick gewärtig ist, daß es ertappt und ausgescholten werden
-wird. In den Spiegel zu sehen, hatte sie noch kaum gewagt, auch befand
-sich in ihrem Schlafzimmer nur ein kleiner Handspiegel, der ihr
-nicht sagen konnte, ob das Kleid ihr saß. Dazu mußte sie in das
-Gesellschaftszimmer gehen, wo zwischen den Fenstern ein größerer
-Wandspiegel angebracht war.
-
-Als sie nun hier, die Bänder an ihrer Taille zurechtzupfend, vor dem
-Spiegel, mit dem Rücken gegen die Thür stand, wurde diese von außen
-aufgerissen und auf der Schwelle erschien der Baron. Sie sah, wie er
-stehen blieb und ihre Gestalt mit den Augen verschlang; in seinem Blick
-war eine verzehrende Gier. Anna sah wirklich niedlich genug aus.
-Das Kleid war tief ausgeschnitten, am oberen Rande und an den
-Aermel-Oeffnungen mit einem Spitzenbesatze eingefaßt, und aus den zarten
-Spitzen quollen die runden, weichen Schultern, die nackten Arme in
-jugendlicher Fülle hervor.
-
-Sie wollte ihn bedeuten, daß er sich noch einen Augenblick gedulden
-müsse, aber bevor sie dazu gekommen war, stand er schon hinter ihr,
-und gleichzeitig fühlte sie sich von seinen Armen umfaßt, vom Boden
-emporgehoben und mit einer Gewalt, wie von einem Orkane, an seine Brust
-gerissen. Ihre Schultern, ihr Nacken und ihr Hals loderten unter seinen
-Küssen.
-
-»Du zerdrückst mir ja das ganze Kleid,« wandte sie ein. Der Ueberfall
-war ihr zu jäh gekommen; sie sträubte sich in seinen Armen, aber
-er hörte nicht auf ihre Worte, achtete nicht auf ihre sträubenden
-Bewegungen; in der Art, wie er mit ihr umging, war etwas Gewaltsames.
-Seine Liebkosungen hatten etwas Erstickendes, Erdrückendes,
-Zermalmendes; seine Küsse fühlten sich an, als wenn er am liebsten in
-Annas Fleisch hineingebissen hätte.
-
-Den einen Arm hatte er unter sie geschoben, so daß sie halb darauf saß,
-mit dem andern drückte er ihren Oberleib an seine Brust, ihr Gesicht an
-sein Gesicht, und so, indem er sie in seinen riesenstarken Armen wie ein
-Kind, wie eine Puppe, ein Spielzeug drückte, preßte und trug, ging er
-mit ihr im Zimmer auf und ab, dumpf abgerissene Laute von sich gebend,
-wie trunken, beinah wie sinnlos.
-
-Er merkte gar nicht, wie peinvoll dem jungen Mädchen die Lage wurde, in
-der sie sich befand, wie keuchend ihre Brust sich hob und senkte, weil
-sie, an ihn gepreßt, kaum noch Luft zum Atmen fand. Endlich warf sie mit
-äußerster Anstrengung den Kopf zurück, stemmte beide Hände gegen seine
-Brust und »laß mich los!« stieß sie wie in Verzweiflung hervor.
-
-Der Ton kam so rauh, so zornig heraus, daß er erschrak. Er hielt in
-seinem Auf- und Niedergehen inne, sah ihr ins Gesicht und sah, daß sie
-die Augen geschlossen hatte.
-
-Nun ließ er sie aus den Armen gleiten; sie warf sich in den Lehnstuhl,
-der ihr zunächst stand, drehte sich mit ganzem Leibe von ihm ab, legte
-beide Arme auf die Lehne des Sessels, das Gesicht auf die Arme, und
-brach in schluchzendes Weinen aus.
-
-Der Baron stand totenblaß vor ihr. »Anna,« stammelte er, »was ist dir?«
-
-Sie gab keine Antwort und weinte immer heftiger.
-
-Mitten im Zimmer lag einer von ihren kleinen seidenen Schuhen, der ihr
-vorhin, als er sie vom Boden emporgehoben hatte, vom Fuße geflogen war.
-In seiner Ratlosigkeit hob der Baron ihn auf, als er sich aber zu Anna
-niederbeugte, um ihr den Schuh wieder anzuziehen, riß sie denselben aus
-seiner Hand und verbarg ihren Fuß unter dem Kleide.
-
-»Nein!« rief sie, »faß mich nicht an! Du sollst mich nicht mehr
-anfassen! Ich weiß gar nicht, wie du bist!«
-
-Sie sprach aus, was sie empfand; sie konnte sich in der That die Art des
-Mannes nicht erklären. Das war ja gewesen, als wenn ein wildes Tier sich
-über sie gestürzt hätte.
-
-Bei der zornigen Bewegung, mit der sie ihm den Schuh entrissen hatte,
-war er einen Schritt zurückgewichen; jetzt stand er wie zerschmettert
-da.
-
-»Aber Anna,« fing er wieder an, »bist du mir denn böse, daß ich dich so
-liebe?«
-
-Sie warf den Leib herum und heftete die verweinten Augen auf ihn.
-
-»Liebe?« sagte sie zornig, »ist das Liebe, wenn man jemand so anfaßt? so
-behandelt? Faßt man eine Frau so an?«
-
-Sie blickte an sich herab und strich mit bebender Hand das zerknitterte
-und zerdrückte Kleid glatt, dann schlüpfte sie wieder in den Schuh, und
-als sie den Fuß aufsetzte, stampfte sie beinah auf.
-
-»Du hast keine Achtung vor mir,« fuhr sie fort, »du denkst, weil du mir
-all die schönen Sachen geschenkt hast, die ich da trage, ich gehöre dir,
-und du kannst mit mir machen, was dir beliebt! Und darum gehst du so
-mit mir um -- und behandelst mich wie -- wie --« sie wollte von neuem in
-Thränen ausbrechen, aber sie kam nicht dazu. Indem sie die letzten
-Worte dem Baron ins Gesicht schleuderte, sah sie, wie seine Gestalt
-zusammenzuckte, als wenn ein Stich ihm mitten durch den Leib gegangen
-wäre.
-
-»Anna --« sagte er schweren Tones, »das kannst du von mir denken?«
-
-Er war langsam in die Kniee gesunken, seine Augen waren den ihrigen nah
-gegenüber, und indem sie das namenlose Leid in seinen Augen gewahrte,
-fühlte sie, daß sie dem Manne mit häßlichen Gedanken ein häßliches
-Unrecht angethan hatte.
-
-»Nein, Eberhard,« sagte sie, »was ich da eben gesagt habe, das war nicht
-recht; ich fühl's, das war häßlich; und ich bitte dich um Vergebung
-dafür.«
-
-Nun legte er auch seinerseits die Arme um sie, aber so leise, als
-fürchtete er, sie zu zerbrechen, und ihr Köpfchen lag wieder an seinem
-Halse.
-
-»Aber siehst du,« fuhr sie zagend fort, »wenn du so bist, wie vorhin, so
-wild, so -- ich weiß gar nicht, wie ich's nennen soll -- dann verstehe
-ich dich nicht, und dann -- siehst du -- muß ich mich ja vor dir
-fürchten.«
-
-Sie hatte das letzte ganz leise, wie eine Beichte, ihm ins Ohr
-geflüstert, und wie eine solche nahm er es auf. Aber nicht ihre Schuld
-war es, die sie ihm beichtete, es war die seine, seine Schuld, der
-er nicht geachtet hatte auf die Scham, auf die Angst des lieben,
-vertrauenden Geschöpfes, der er nahe daran gewesen war, das Wesen,
-das ihm Leben und Seligkeit bedeutete, in seinen wahnwitzigen Armen
-zu zertrümmern, wie ein Knabe, der eine unersetzliche Kostbarkeit mit
-thörichten Händen zerstört.
-
-Von dem allen hatte er nichts gefühlt -- das alles kam ihm jetzt zum
-Bewußtsein.
-
-Ein peinvoller Gram lagerte sich auf seinen Zügen, mit leiser Hand schob
-er Anna von sich hinweg.
-
-»Armer Engel,« sagte er dumpf und schwer.
-
-Dann erhob er sich, trat von ihr hinweg, und mitten im Zimmer, den Kopf
-nachdenklich gesenkt, blieb er stehen.
-
-Eine schweigende Pause trat ein, und als sich Anna nach ihm umwandte,
-sah sie ihn noch immer, in düsteres Sinnen verloren, an seinem Platze.
-Ein Schatten überwölkte sein Gesicht; man sah ihm an, wie er mit den
-finsteren Gewalten Zwiesprache hielt, die in seinem Innern emporstiegen.
-
-»Eberhard,« rief sie ihn an, »warum gehst du von mir fort?«
-
-Es war, als wenn er aus seinem Brüten erwachte. Langsam kam er zu ihr
-zurück. Er schob einen Sessel neben den Stuhl, auf dem sie saß, ließ
-sich nieder und verharrte dann abermals, den Blick zu Boden gesenkt,
-in langem Schweigen. Endlich rückte er sich dichter an ihre Seite, aber
-ohne aufzusehen, ohne sie zu berühren.
-
-»Anna,« sagte er, »ich muß dir etwas anvertrauen.«
-
-Wieder stockte er -- das Bekenntnis wurde ihm schwer. Er nahm ihre Hand
-in seine Hand.
-
-»Anna -- ich hatte bis heute noch nie eine Frau berührt -- heute war es
-das erste Mal -- und du bist die erste gewesen, die ich geküßt habe.«
-
-Sie drückte leise seine Hand.
-
-»Aber du hattest mich doch schon vorher geküßt.« --
-
-»Ja,« versetzte er, und eine dunkle Röte färbte sein Gesicht, »aber es
-war mir noch nie so zu Mute gewesen, wie heute. Damals, siehst du, war
-es noch weit bis zu unsrer Hochzeit, und jetzt steht es nahe vor der
-Thür, daß wir heiraten. Und darum -- siehst du -- als ich vorhin zu dir
-hereintrat, war mir doch in dem Augenblick, als wäre es schon so weit
-und wir wären schon Mann und Frau. Und wie ich dich nun so stehen sah --
-siehst du -- da überkam mich etwas --«
-
-Er verstummte, sein Oberleib bog sich vornüber, als läge eine
-Centnerlast auf seinem Rücken, langsam glitt er vom Stuhle, ihr zu
-Füßen, und seiner Gewohnheit nach drückte er das Gesicht in ihren Schoß.
-
-»Ich kann's dir ja nicht beschreiben,« murmelte er, »was es war; und ich
-kann dich ja nur anflehen, daß du mir verzeihst; und wenn du jetzt
-den Fuß aufhöbest und mich trätest, so geschähe mir ja nur recht; aber
-siehst du, ich konnte nicht anders, und es war etwas so Wundervolles, so
-rasend göttlich Herrliches, Himmlisches --«
-
-Er hatte beide Arme um ihre Kniee geschlungen und preßte ihre Kniee
-aneinander, als wollte er sie zermalmen.
-
-»Bleib ruhig,« flüsterte Anna.
-
-Sie fühlte, wie die verzehrende Glut wieder in ihm aufstieg.
-
-Ein wundersames Gemisch von Grauen und Lust schwoll ihr zum Herzen,
-indem sie schweigend auf ihn hinabsah, auf den riesenstarken Mann, der
-sich gebrochen zu ihren Füßen wand.
-
-Kein Weib hatte er noch berührt -- sie war die erste, und sie war die
-Brandfackel, die ihn verzehrte.
-
-Vernunft und Gewissen sagten ihr, daß sie aufstehen, ihn wecken mußte
-aus seiner Phantasie -- aber stärker als Vernunft und Gewissen war
-in diesem Augenblicke das Weib, das mit heimlicher, beinahe lüsterner
-Neugier zu erfahren begehrte, was für einen Eindruck sie auf den Mann zu
-machen vermocht hatte.
-
-Sollte sie immer nur Arzt sein? Immer nur Wärterin? War sie nicht auch
-ein Weib? Mit jungem, blühendem Fleisch und Blut? Stand nicht auch
-sie zum erstenmal vor der dunklen, geheimnisvollen Flut, in die
-alle Geschöpfe der Erde hinein müssen, sei es zum Leben, sei es zum
-Ertrinken, die man die Liebe nennt? War nicht die warme Welle des
-großen Wassers auch zu ihr schon herangerollt und hatte ihr den Saum des
-Kleides und die nackten Füße genetzt, leise winkend und rufend: »Komm
-herab -- steig herab!«
-
-Von der Stirn herab, über Wangen und Hals und bis tief in die Brust,
-die schwer atmend aus der seidenen Umhüllung des Kleides hervorstrebte,
-senkte sich purpurne Glut, als sie sich über den Mann zu ihren Füßen
-herbeugte, die Lippen an sein Ohr andrückend.
-
-»Sag mir,« hauchte sie, »was du gefühlt hast, als du mich sahst?«
-
-Er beugte sich zurück, so daß er ihr ins Gesicht sehen konnte. Warum
-fragte sie? Als er jedoch ihr glutübergossenes Gesicht gewahrte, merkte
-er, daß der Dämon auch in ihrem Blute zu wühlen begann. Rasch war er
-vom Boden empor, auf seinem Stuhle, und nun saßen sie, wie zwei
-Schuldgenossen, die sich gegenseitig ein Geheimnis anvertrauen.
-
-»Siehst du,« hob er leise an, indem er mit dem Kopfe nach dem Fenster
-deutete, »es ist doch heut ein grauer Tag, und nun denk dir, wie
-merkwürdig: im Augenblick, als ich die Thür aufmachte und dich stehen
-sah -- aber du mußt nicht denken, daß ich übertreibe oder in Bildern
-rede -- war mir's, als wäre hier im Zimmer heller Sonnenschein.
-Richtiger Sonnenschein, siehst du, war es eigentlich nicht, sondern es
-war wie eine Feuersbrunst, wie wenn das Licht, das im Zimmer war, von
-Flammen herrührte. Und mitten in den Flammen standest du drin. Aber
-es war, als wenn sie dir nicht weh thäten, denn es sah mir in dem
-Augenblick so aus, als ob du mich ansähest und die Arme nach mir
-ausstrecktest und riefest: Komm herein.«
-
-»Aber, Eberhard,« unterbrach sie ihn, »ich drehte dir doch den Rücken zu
-und habe kein Wort gesagt?«
-
-»Das weiß ich ja,« erwiderte er hastig, »das weiß ich ja, ich sage dir
-ja nur, wie es mir in dem Augenblick erschien. Und als ich das sah,
-siehst du, da mußte ich hinzuspringen und dich in die Arme schließen,
-und nun war mir's, als stände auch ich in der Flamme, und das Feuer
-schlug in mich hinein, daß ich fühlte, wie es in mir hinaufstieg, in die
-Brust, in die Augen, ins Gehirn, daß ich nichts mehr sah, nichts mehr
-hörte und nur noch fühlte, daß ich etwas in den Armen trug, etwas
-Köstliches, Göttliches, Unbeschreibliches, wie ich es nie im ganzen
-Leben noch gefühlt hatte, etwas Warmes und Weiches, und wie ich das so
-an meinem Leibe fühlte, da überkam mich ein Verlangen --«
-
-Er brach plötzlich ab.
-
-Anna wartete, daß er fortfahren sollte, aber er schwieg.
-
-»Also --« forschte sie leise, »da kam dir ein Verlangen --«
-
-Er wandte das Haupt zur Seite.
-
-»Nein, nein,« sagte er, wie in Angst, »frage danach nicht.«
-
-Sie blickte ihn von der Seite an; sie faßte seine Hand und drückte
-sie; dann schob sie ihre heiße Wange an seine Wange; die Neugier war zu
-mächtig in ihr geworden, sie mußte erfahren, was für ein geheimnisvolles
-Verlangen das gewesen war.
-
-»Sag's mir doch,« hauchte sie, »sag's mir, ich bitte dich.«
-
-Er wandte den Kopf zurück und drückte ihn an ihre Schulter, als wollte
-er sich verbergen, zugleich aber fühlte sie, wie seine Hände sich an
-ihren Leib preßten.
-
-»Da überkam mich ein Verlangen,« sagte er dumpf, »dieses, was ich in
-den Armen trug, dies Köstliche, dies Warme, Weiche in meinen Armen zu
-zerdrücken, zu ersticken, zu zermalmen --«
-
-Seine Stimme, anfänglich dumpf und schwer, war immer lauter geworden;
-sein Atem flog, und als er jetzt die flackernden Augen auf Anna
-richtete, sah es aus, als würde er sich von neuem über sie herstürzen,
-wie er vorhin gethan hatte. Von Annas Gesicht war die Röte jählings
-gewichen, unwillkürlich streckte sie, wie abwehrend, die Hände gegen ihn
-aus.
-
-»Eberhard --« preßte sie hervor.
-
-Im Augenblick, als er ihre erschrockene Stimme vernahm, ließ der Taumel
-von ihm ab; sein Körper sank kraftlos in sich zusammen. Er ließ die Arme
-an ihr niedergleiten, drehte sich im Sessel herum und legte das Gesicht
-auf die Stuhllehne.
-
-»Warum fragtest du auch?« stöhnte er dumpf.
-
-Anna stand vor ihm; sie fühlte sich so schuldig. Begütigend streichelte
-sie über sein Haar.
-
-»Eberhard,« sagte sie, »sei doch nicht so außer dir; es war ja alles nur
-eine Einbildung.«
-
-Er gab keine Antwort, aber er schüttelte das Haupt, daß es aussah,
-wie ein trostloses »Nein«. Dann sprang er auf, und beide Hände an die
-Schläfen gedrückt, ging er im Zimmer auf und ab.
-
-Endlich blieb er stehen, plötzlich und wie mit einem Ruck. Sein Körper
-richtete sich straff empor, beide Arme streckte er vor sich hin,
-wagerecht und mit geballten Fäusten.
-
-»Nein!« sagte er laut, »nein! nein!«
-
-Es sah aus, als spräche er mit irgend einem Unsichtbaren. Anna blickte
-sprachlos zu ihm hinüber, sie wagte nicht zu fragen, mit wem er sich
-unterhielt.
-
-Er ließ die Arme sinken und wandte sich um. Als er ihren entsetzten
-Blick gewahrte, kam er auf sie zu.
-
-»Aengstige dich nicht,« sagte er, »ich habe es in der Gewohnheit,
-manchmal laut zu denken.«
-
-Er war völlig beruhigt, seine Stimme klang sicher und fest.
-
-Sie schöpfte wieder Mut.
-
-»Was dachtest du denn?« fragte sie, zärtlich an ihn geschmiegt.
-
-»Ich habe mir das Versprechen gegeben,« erwiderte er, »daß mir das nie
-wieder begegnen soll. Das, was ich dir vorhin erzählt habe, ist in mir
-gewesen, ja. Aber es ist gewesen, verstehst du, und nun ist es nicht
-mehr da. Nun kommt es nicht wieder, das verspreche ich mir, das
-verspreche ich dir! Niemals!«
-
-Er hatte den Arm um sie gelegt, er stand neben ihr, stark und gesund,
-wie einer, der Herr seiner selbst ist, wie ein ganzer Mann.
-
-»Siehst du,« fuhr er fort, »ich habe dir kein Hehl gemacht über meine
-Schwäche, darum darfst du mir glauben, was ich dir jetzt sage: ich liebe
-dich, Anna. Ich liebe dich so unsäglich, daß der Gedanke, es könnte dir
-ein Leid geschehen, mich umbringt und vernichtet. Glaubst du mir das?«
-
-Er blickte auf sie nieder; ein Strom von tiefem, warmem Gefühl floß
-über sie hin; aus allen Schatten und Wolken, die unverständlich,
-unbegreiflich und unberechenbar in dieses Menschen Seele wogten, tauchte
-immer wieder das edle, herrliche Herz wie ein leuchtender Stern empor.
-
-»Ja, Eberhard,« versetzte sie, »das glaube ich dir so sicher, daß ich es
-weiß.«
-
-Sie legte die Arme um ihn und drückte die Lippen auf seine Brust.
-
-»Wo solch ein Herz ist,« sagte sie, »da ist ja alles andre ganz
-gleichgültig. Darum glaube auch du mir, was ich dir sage: ich fürchte
-mich nicht vor dir, Eberhard, gar nicht. Ich liebe dich, Eberhard, wie
-nur eine Frau einen Mann lieben kann.«
-
-Er küßte sie auf den Scheitel, und die Berührung seiner Lippen war
-wie ein Hauch. Man fühlte, wie er nur seiner Seele noch Zutritt zur
-Geliebten gestatten wollte und seinen Sinnen Einhalt gebot. Und so kam
-nach der Erregung, die vorangegangen war, eine Stunde so tiefer Ruhe für
-die beiden Menschen, wie sie sie kaum je zuvor genossen hatten.
-
-Als er dann aber von ihr ging und die Thür hinter sich geschlossen
-hatte, so daß Anna ihn nicht mehr sah, schwellte ein Seufzer seine Brust
--- der schwere Seufzer der Entsagung.
-
-Inzwischen war es Mai geworden, und der Frühling hielt seinen
-siegprangenden Einzug.
-
-Eines Tages, als der Baron vom Schlosse draußen hereinkam, brachte er
-Anna die Kunde mit, daß auch im Fahrenwalder Parke der Lenz eingekehrt
-sei, daß die Kastanien blühten und der Flieder.
-
-»Auch in deinen Zimmern im Schlosse selbst,« sagte er, »ist es Frühling
-geworden; sie sehen aus, wie zwei junge fröhliche Augen in einem alten
-Gesicht -- die Einrichtung ist fertig -- wenn du nun willst, so ist die
-Zeit gekommen, daß Frau von Fahrenwald ihr Reich betritt -- willst du?«
-
-Sie wollte.
-
-Er hatte ihr seine Mitteilungen leise und beinahe feierlich gemacht,
-wie jemand, der an eine große Entscheidung herantritt. In derselben Art
-hatte Anna sie hingenommen. Die Vorbereitungen zum neuen Dasein waren
-vollbracht, nun kam das neue Dasein selbst; durch dunkle und helle
-Stunden war sie hindurchgegangen, nun sollte es sich entscheiden, ob
-ihr Leben fortan ein großes Licht oder ein großes Dunkel sein würde.
-Ein Schauer ging über ihr Herz -- aber ihr Entschluß war gefaßt, sie
-wollte. --
-
-In verborgenster Stille, beinahe verschwiegen, fand die Hochzeit statt.
-
-Der standesamtlichen Trauung folgte eine kirchliche Einsegnung im Hause,
-wo Anna bei dem Onkel und der Tante gewohnt hatte. Anna fühlte kein
-Bedürfnis, sich in einer Kirche öffentlich zur Schau zu stellen und die
-klatschsüchtige Neugier zu Gast dazu zu laden.
-
-Ihr Gesicht war kaum minder weiß, als das weiße Brautkleid, in dem sie
-erschien; als sie, mit dem Myrtenkranze im Haare, vor dem Geistlichen
-kniete und ihre Hand in die Hand des Bräutigams legte, mochte mancher
-von den wenigen Trauzeugen für sich denken: »Ein Opfer, das zum Altar
-geführt wird.«
-
-Blaß, schweigsam, mit einem Ausdruck unergründlichen Ernstes in den
-Zügen, stand Eberhard von Fahrenwald an ihrer Seite.
-
-Ein leises Mittagsmahl, dem nur wenige Gäste anwohnten, schloß die
-Feierlichkeit ab. Reden wurden nicht gehalten; es lag wie ein Gewölk
-über der Versammlung. Bei jeder Hochzeit steht man wie vor einem
-geschlossenen Vorhang. Hier aber war der Vorhang von dunkler Farbe und
-geheimnisvolle Zeichen waren in ihn verwebt.
-
-Nachdem die Tafel aufgehoben war, kehrte Anna zum letztenmal dahin
-zurück, wo sie als Mädchen gewohnt hatte. In aller Stille wollten sie
-beide am Nachmittage nach Fahrenwald hinaus fahren. Koffer und Kisten
-waren schon am Tage vorher vorausgegangen.
-
-Nachdem sie den Brautstaat abgelegt und das Reisekleid angethan
-hatte, erschien ihr Gemahl, um sie abzuholen. Bald darauf saßen sie im
-Eisenbahnwagen, und wieder einige Zeit darauf stampften die Rosse vor
-dem Wagen, der sie zum Schlosse hinaustragen sollte -- heute für immer.
-
-Wie anders, wie viel schöner sah sich heut alles an, als damals, da sie
-zum erstenmal diesen Weg gefahren war. Der reiche Ackerboden, der so
-lange unter Schnee und Regen begraben gelegen hatte, kochte förmlich
-von Fruchtbarkeit; die jungen Saaten schossen empor, daß es aussah, als
-wollte ein Feld das andre im Wachstum überbieten; die Sonne, die sich
-zum Untergange neigte, warf lange, warme, rotgoldene Lichter über das
-junge samtartige Grün.
-
-Heute brauchte man keine Fußsäcke und keine Decken. Schweigend, Hand
-in Hand, saßen Anna und der Baron in ihrem Wagen, mit stillen Augen
-hinausblickend in das stille Land, die Wangen von der linden Abendluft
-umspielt, den Duft einatmend, der aus der frühlingsfeuchten Erde
-emporstieg.
-
-Die Dorfbewohnerschaft hatte das junge Paar mit schmetternder
-Festlichkeit empfangen wollen; der Baron hatte alles abgelehnt
-und, damit die Leute nicht um ihre Freude kämen, sich durch reiche
-Geldspenden von dem geplanten Empfange losgekauft. Damit hatte er ganz
-in Annas Sinn gehandelt. Auch ihr war nicht nach rauschendem Jubel
-zu Mute; Arm in Arm mit ihm, wie sie es am ersten Tage gemacht hatte,
-wollte sie auch heute durch den Park zum Schlosse gehen.
-
-An der bewußten Stelle, wo die Parkwege sich mit der Fahrstraße
-vereinigten, hielt darum auch heute der Wagen an und beide Fahrenwalds
-stiegen aus.
-
-Da lag er wieder vor ihr, der Park, an den sie so oft in stillen Stunden
-gedacht, nach dem sie sich gesehnt, den sie so lieb gewonnen hatte, der
-ihr wie ein Vermittler zwischen dem bisherigen und dem zukünftigen Leben
-erschien; da lag er, und wenn die Bezeichnung, die er trug, jemals auf
-ihn gepaßt hatte, so war es heute der Fall: »das Schlesische Paradies«.
-
-An der Kreuzung der Wege blieb Anna stehen, beide Arme in kindlicher
-Wonne ausbreitend.
-
-»O Eberhard!« seufzte sie aus tiefster Brust, »wie herrlich! wie schön!«
-
-Am Eingang des Parks, wie ein Grenzpfahl, stand ein mächtiger Eichbaum.
-Am knorrigen Stamme, einige Fuß über dem Erdboden, war ein Kranz
-aufgehängt, von bunten Bändern umflattert, in dessen Mitte sich eine
-Tafel mit einer Inschrift befand.
-
-»Was ist denn das?« fragte Anna.
-
-Sie trat heran und las:
-
- »Tritt gern herein, in Freuden bleib,
- Und sei mein Leben und mein Weib.«
-
-Sie wandte sich um.
-
-»Von wem ist denn das?«
-
-Eberhard von Fahrenwald stand ganz verlegen da.
-
-Jauchzend flog sie ihm um den Hals.
-
-»Eberhard, du? Du hast das gedichtet?«
-
-Er hielt lächelnd ihr Haupt in seinen Händen.
-
-»Gedichtet?« erwiderte er, »nun -- jedenfalls siehst du, ein großer
-Dichter bin ich nicht.«
-
-Sie blickte ihm in die Augen.
-
-»Ach, siehst du, das ist nun wirklich ein ganz entzückender Gedanke
-von dir! Auf so etwas, siehst du, kann wirklich nur ein so guter Mensch
-kommen, wie du es bist! Nun aber mußt du mir den Kranz herunterholen,
-damit ich ihn bei mir aufhängen kann.«
-
-»Aufhängen willst du ihn? Bei dir?«
-
-»Ja!« erklärte sie. »Den hänge ich in meinem Zimmer, womöglich in meinem
-Schlafzimmer auf, und alle Abend, wenn ich zu Bette gehe, und jeden
-Morgen, wenn ich aufstehe, lese ich, was du geschrieben hast.«
-
-»Gut,« versetzte er, »heute bekomme ich ihn nicht herunter, dazu braucht
-es eine Leiter, aber morgen soll er in deinem Zimmer sein.«
-
-Den Weg, den sie das erste Mal gegangen waren, die Buchenallee,
-wandelten sie nun entlang. Heute war kein Aufruhr in der Natur wie
-damals; das magere junge Laub hing still zu ihren Häupten; heute
-brauchte sie sich nicht an ihn zu drängen in ängstlicher Beklommenheit;
-alles war so friedlich, so ruhig, auch er, an dessen Arm sie ging. Ja --
-er war so ruhig, daß es beinahe wie eine leise Schwermut aussah.
-
-In den Seitenweg bogen sie alsdann ein, und nun war es wirklich ein
-Meer von wogenden grünen Wipfeln, das ihr entgegenrauschte. Die weißen
-Kastanien hatten schon abgeblüht, aber wie versprengte Rubinen flammten
-hie und da die Blüten der roten im Blätterdickicht auf. Am Himmel lag
-purpurner Wiederschein der gesunkenen Sonne, und alles war so groß, so
-wunderbar und schön, daß Annas Herz in tiefer, wonnevoller Seligkeit
-überschwoll.
-
-»O Eberhard,« flüsterte sie, »freust du dich denn auch so wie ich?«
-
-Er blickte zärtlich auf sie nieder und drückte schweigend ihren Arm. Sie
-befanden sich gerade an der Stelle, wo er ihr damals gesagt hatte, daß
-sie seine Sonne sein sollte und daß er die Erde wäre, die sich um die
-Sonne dreht.
-
-Wie wild hatte er sie damals umfaßt -- wie sanft und ruhig war er heute.
-Hatte sich etwas in ihm verändert seitdem? Nun -- jedenfalls war es
-besser so, wie es heute war. Jetzt kamen sie in die Nähe des Schlosses,
-und wieder blieb Anna mit einem Ausrufe der Ueberraschung stehen;
-von oben bis unten war das mächtige alte Gebäude mit frischem hellen
-Farbenanstrich versehen.
-
-Eberhard lächelte.
-
-»Es war eigentlich noch zu früh im Jahre zum Anstreichen,« sagte er,
-»aber ich wollte, daß dir das Haus ein freundlicheres Gesicht zeigen
-sollte, als das erste Mal.«
-
-Sie neigte das Haupt in stummen Gedanken. Jeder ihrer Wünsche war in
-seinem Gedächtnis niedergelegt, wie ein Wertstück in den Händen eines
-treuen Verwalters.
-
-Durch die Halle mit den Jagdtrophäen schritten sie hindurch, welche
-heute abend durch zwei große, in den Ecken aufgestellte Kandelaber
-erhellt wurde, und eben solche Kandelaber standen im Flure am Fuße
-der großen Treppe. Große, schwere, altertümliche Leuchter, mit steif
-gestreckten Armen von Messing, mit dicken Wachskerzen besteckt.
-
-Auf jedem Treppenabsatze stand ein solcher Kandelaber und in gleicher
-Weise waren Flur und Gänge beleuchtet. Ein stilles, schweres, goldiges
-Licht.
-
-»Heut gehen wir nicht durch die Bibliothek, sondern gleich in dein
-Zimmer,« sagte der Baron, als sie die Treppe erstiegen hatten. Er führte
-sie den Gang entlang, der auf den Flur stieß, dann that er eine Thür
-auf, die sich von links auf den Gang öffnete, und nun schlug Anna,
-geradezu entzückt, beide Hände ineinander. Sie waren in ihren Gemächern
-angelangt, die Fenster standen offen, und durch sie hinaus blickte man
-in den Park und über den Park hinaus in die weite grünende Landschaft.
-Im Kamin, den Fenstern gegenüber, flackerte ein lustiges Feuer von
-Fichtenscheiten; der harzige Duft des brennenden Holzes vermengte
-sich mit der einströmenden Frühlingsluft zu einem feinen, köstlichen
-Wohlgeruch. An den Wänden, die mit einer hellfarbigen, mit blaugoldenen
-Mustern geschmückten Tapete bedeckt waren, hingen Landschaftsbilder, die
-aus den nebenanliegenden Gemächern hierhergeschafft worden waren; ein
-Schreibtisch in allerliebstem Schnörkelstile in einer Fensterecke,
-Stühle mit silberdamastenen Polstern, und ein Ruhebett von dem gleichen
-Stoffe; zwischen den Fenstern ein hoher Wandspiegel, in schwerem
-goldbronzenen Rahmen, und das Ganze überflutet vom sanften Lichte eines
-zierlichen, von der Decke herabhängenden Kronleuchters, und mehrerer,
-in den Ecken verteilter Lampen, deren Glocken mit roter Seide umhüllt
-waren. Ein Aufenthalt, wie für eine Fee, hergerichtet von einem guten
-Geiste.
-
-Der Baron öffnete die Thür zum Nebenzimmer, wo eine große Glasglocke,
-blau verschleiert, von der Decke schwebte und ein trauliches Licht
-verbreitete. An der gegenüberliegenden Wand, unter einem Zelte von
-mattblauer Seide, stand ein Bett, kostbar und reich im Gestell,
-schneeweiß leuchtend mit seinen Kissen und Linnen vom feinsten Gespinst.
-
-Sprachlos, von Dankbarkeit überwältigt, hing Anna am Halse ihres Gatten;
-so viel hatte sie von ihm empfangen, dies aber war doch das Höchste. So
-beschenkt nur ein Mensch, dessen Seele uns nachgeht, ununterbrochen und
-überall.
-
-»Ich denke,« sagte der Baron, »wir rufen jetzt deine Jungfer, damit du
-die Reisekleidung abthust und es dir bequem machst!«
-
-Er ließ den Blick umhergehen; auf Stühlen und Sofas des Schlafzimmers
-lagen Annas eben ausgepackte Kleidungsstücke verstreut; eine Haus-
-und Morgentoilette von rosarotem Wollenstoff lag obenan, zum Gebrauche
-bereit.
-
-»Ich gehe unterdes zu mir hinauf,« fuhr er fort, »und wenn ich
-wiederkomme, abendbroten wir, und wenn es dir recht ist, lassen wir hier
-in deinem Zimmer anrichten, hier ist es gemütlicher, als da drüben.«
-
-»Zu mir hinauf,« hatte er gesagt -- sie sah ihn fragend an.
-
-»Wo wohnst denn du eigentlich?«
-
-»O -- ziemlich weit von hier,« gab er zur Antwort, »da oben im zweiten
-Stock.«
-
-Er sah die Ueberraschung auf ihrem Gesicht; aber es war, als wollte er
-weitere Fragen abschneiden. Er nahm ihren Kopf zwischen die Hände, küßte
-sie auf den Scheitel und mit einem »auf Wiedersehen« ging er hinaus.
-
-Von der Thür aus hatte er ihr lächelnd zugenickt. Bildete sie es sich
-nur ein, oder war in seinem Lächeln etwas Gezwungenes gewesen?
-
-Sie begab sich in ihr Schlafgemach, wo die Jungfer bereits auf sie
-wartete. Es war ein Mädchen vom Dorfe, nicht übermäßig geübt in den
-Künsten feinerer Bedienung. Schweigend, und nicht ohne Verlegenheit
-wartete sie ihres Amtes. Kaum weniger verlegen aber war die Gebieterin
-selbst. Es war das erste Mal, daß Anna sich beim Aus- und Ankleiden
-bedienen ließ; mit innerlichem Lächeln gestand sie sich, daß das
-Prinzessinsein gelernt sein wollte.
-
-Als sie in ihr Wohnzimmer zurückkehrte, stand inmitten desselben der
-Tisch mit dem Abendbrote bereits angerichtet. Eberhard war noch nicht
-wiedergekommen, sie war allein. Sie trat an eines der beiden Fenster,
-kniete auf einen Stuhl und lehnte sich auf das Fensterbrett, in die
-weiche dunkle Luft hinausträumend.
-
-Nachdem sie ein Weilchen so gelegen, fuhr sie auf und sah sich um -- und
-richtig, da stand er hinter ihr in der Thür. Sie hatte ein Gefühl, als
-hätte er sie schon längere Zeit schweigend betrachtet.
-
-Er stand so regungslos -- in seiner aufgereckten Gestalt war eine Art
-von lautloser Spannung, in seinen Gesichtszügen eine Art von Starrheit,
-als hätte ein Kampf getobt, der zur Ruhe gezwungen worden war.
-
-Indem Anna sich aufrichtete, glitt ihr eines der braunsamtnen
-Pantöffelchen, die sie trug, vom Fuße; jählings neigte er sich herab und
-küßte sie auf die Fußsohle, die nur noch vom seidenen Strumpfe bedeckt
-war.
-
-Ebenso rasch richtete er sich wieder auf.
-
-»Verzeih!« sagte er. In Verwirrung trat er zurück.
-
-Lachend warf sie sich an seine Brust.
-
-»Aber was soll ich dir denn verzeihen?«
-
-In seinen Augen flackerte es auf, um gleich darauf wieder zu erlöschen.
-Er küßte sie, beinah wie abwehrend, auf die Stirn.
-
-»Ja, ja,« sagte er heiser, »nichts, nichts!«
-
-Dann rückte er ihr den Stuhl zurecht und setzte sich mit ihr an den
-Tisch.
-
-Das Abendessen zu zweien verlief in glücklicher Gemütlichkeit, man aß,
-man trank und plauderte. Als sie abgespeist hatten, sah Anna mit
-einer gewissen Aengstlichkeit nach der Thür. Würde nun der alte Johann
-erscheinen, um abzuräumen?
-
-Eberhard schien ihre Gedanken erraten zu haben.
-
-»Der Johann wartet nicht mehr bei Tische auf,« beruhigte er sie. »Ich
-denke, wir lassen alles, wie es ist. Wozu sollen wir uns stören lassen?«
-
-Damit war sie einverstanden. Sie ließ sich von ihm Champagner
-einschenken.
-
-»Aber du trinkst ja gar nicht!« unterbrach sie sich.
-
-»Doch, doch,« erwiderte er, und hastig leerte er sein Glas.
-
-Sie hatte aber ganz recht gesehen; er trank nur sehr wenig. Er saß vom
-Tische etwas abgerückt, und sah seine junge Frau an und sah, wie der
-Wein ihr Blut zu erwärmen begann, so daß ihr Gesicht sich leise
-rötete und der junge Leib aus dem zarten rosafarbenen Morgenkleide
-hervorzuatmen und herauszublühen schien.
-
-Einen starren, beinah stieren Ausdruck nahmen seine Augen dabei an,
-bis daß er, wie plötzlich zu sich kommend, den Blick von ihr hinweg zur
-Seite wandte.
-
-Anna merkte nichts davon. Sie erzählte von ihren Blumen, mit denen
-sie gleich morgen anfangen wollte; daneben plante sie einen großen
-Gemüsegarten, der natürlich auch unter ihrer Obhut stehen sollte. Sie
-war ganz vertieft in ihre Entwürfe und glücklich wie ein Kind.
-
-Unterdessen saß der bleiche Mann schweigend ihr zur Seite. Ob er hörte,
-was sie sprach? Ob er acht darauf gab? Es sah nicht so aus. Seine Seele
-schien mit den dunklen Gewalten beschäftigt, die wieder übermächtig über
-ihn wurden.
-
-Es war spät geworden; die Stutzuhr auf dem Kaminsimse schlug elf Uhr.
-Zeit zum Zubettegehen.
-
-Anna wurde still, der Baron blieb stumm wie bisher -- es trat das
-verlegene Schweigen ein, wenn zwei Menschen dasselbe denken und keiner
-von beiden zu sprechen anfängt.
-
-Annas Gesicht erglühte immer tiefer, ihre Hände spielten mit den Quasten
-der Schnur, mit der ihr Kleid gegürtet war; sie senkte die Augen in den
-Schoß und blickte verstohlen zu ihm auf. Jetzt erst bemerkte sie, wie
-verschattet sein Antlitz war.
-
-Noch eine Weile peinlichen Schweigens, dann erhob er sich. Seine
-Bewegung hatte etwas Unsicheres, wie die eines Menschen, der nicht recht
-weiß, was er thun soll.
-
-Langsam war auch Anna aufgestanden; nun stand sie mitten im Zimmer,
-Nacken und Haupt schamhaft geneigt.
-
-Sein unstäter Blick ging rund im Zimmer umher, dann blieb er an ihr
-haften, und der Ausdruck flackerte wieder darin auf, wie an dem Tage in
-Breslau.
-
-Wie sie vor ihm stand! Unbewußt in keuscher Hingabe, wie eine demütige
-Magd! Wie sie lieblich war, wie sie reizend, schön und entzückend war!
-
-Ein dumpfer Laut rang sich aus seiner Brust; wie damals, als sie vor
-dem Spiegel stand, umschlang er sie und riß sie an sich; mit dem Munde
-drückte er ihr Haupt nach hintenüber und dann wühlten sich seine Lippen
-auf ihren Mund, in ihr Gesicht, in ihren Hals.
-
-Halb erstickt hing sie in seinen Armen; ihr Gesicht war ganz blaß
-geworden, ihre Augen geschlossen, unwillkürlich, wie damals, stemmte sie
-die Hände gegen ihn.
-
-»Eberhard,« ächzte sie.
-
-Und nun geschah, was an jenem Tage geschehen war: jählings ließ er von
-ihr ab, stürzte ihr zu Füßen und umschlang ihre Kniee.
-
-»Verzeih mir,« stöhnte er, »verzeih mir und schlaf wohl, schlaf wohl,
-schlaf wohl!«
-
-Mit einem Sprunge war er auf den Füßen, an der Thür, und ohne sich
-umzusehen, wie ein Gejagter, Verfolgter, zur Thür hinaus.
-
-So rasch war dieses alles geschehen, daß Anna nicht Zeit gefunden
-hatte, ihm nachzurufen. Einsam blieb sie zurück, in völliger dumpfer
-Ratlosigkeit.
-
-Sollte sie ihm nachgehen? Durch das fremde, dunkle Haus? Wo sie nicht
-einmal seine Gemächer kannte? Es grauete ihr. Auch hätte sie sich
-schämen müssen.
-
-Was also blieb zu thun? Zu Bette gehen.
-
-Seufzend ging sie in ihr Schlafzimmer. Die Jungfer, die ihr beim
-Entkleiden behülflich sein wollte, schickte sie hinaus; in der Stimmung,
-in der sie war, brauchte sie keine fremden Augen, die ihr zusahen. Das
-Bett mit dem schön verzierten Untergestell, das seidene Zelt darüber --
-wie prachtvoll alles. Aber in all dieser Pracht, welche Einsamkeit!
-Die frischen Linnen des Betts berührten sie mit fröstelnder Kühle; sie
-huschte tief in die Decken und unter Thränen schlief sie zum erstenmal
-auf Schloß Fahrenwald ein.
-
-Aber während sie schlief, war droben im zweiten Stock einer, der nicht
-schlief, das war ihr Mann, der Baron Eberhard von Fahrenwald, der in
-sein Zimmer gelangt war, die Thür verriegelt hatte und nun in seinem
-Zimmer auf und nieder ging, ohne Aufhören und ohne Rast, wie ein wildes
-Tier hinter den Stäben des Käfigs.
-
-Die Ruhe, die er sich den ganzen Tag hindurch aufgezwungen hatte, war
-dahin, abgesprengt von seiner Seele, wie die Kruste, die sich auf die
-Lava im Krater gelegt hat und die in alle vier Winde fliegt, sobald der
-Vulkan da drunten lebendig wird. All die dunklen Gewalten, die in den
-Tiefen seiner Seele brodelten, hatten Feuer gefangen, all die wilden
-Instinkte, die da drunten, wie Ungeheuer im Tropenschlamme, vergraben
-lagen, reckten plötzlich die Häupter; sie wollten sich nicht mehr
-bändigen lassen, wollten nicht mehr dem befehlshaberischen »nein«
-gehorchen, mit dem er sie damals für einen Augenblick niedergezwungen
-hatte, wollten nicht mehr; jetzt hatten sie ihn, jetzt schüttelten sie
-ihn, daß ihm die Glieder am Leibe flogen, und wie mit feurigen Geißeln
-peitschten sie seine Phantasie. Immerfort sah er es vor sich, das Weib
-da unten, das junge, blühende Weib, zu dem es ihn hinriß. Jeden
-ihrer Schritte begleitete er mit seinen Gedanken. Er sah, wie sie ihr
-Schlafgemach betrat, wie sie langsam anfing, sich zu entkleiden. Ganz
-deutlich, ganz handgreiflich sah er das. Stück nach Stück sank die
-Gewandung herab; jetzt breitete sie die schneeweißen Arme nach ihm, und
-jetzt geschah etwas -- mitten im Zimmer blieb er jählings stehen, die
-Hände an die Schläfen gedrückt, die Augen weit offen, wie fest gebannt
-von einer furchtbaren Vision. War das er, den er da sah, der sich wie
-ein reißendes Tier über das hüllenlose Weib herstürzte: Ja, ja, ja!
-Wie hatte der Alte damals gesagt? Wenn er heiratete, würde er jemanden
-umbringen. So hatte der Alte gesagt, und das hatte ein Arzt dem Alten
-gesagt. Also mußte es so sein, und so war es ja auch, und nun wußte er
-ja auch, wer das war, den er umbringen würde! Und also kam der Wahnsinn
-doch! Und all das Kämpfen, all das Ringen, all das Sichzurwehrsetzen war
-vergeblich gewesen, alles, alles?
-
-An einem Sessel brach er in die Kniee; mit beiden Fäusten griff er
-sich ins Haar; er schlug die Stirn auf den Stuhl; ein heiseres Keuchen,
-beinah wie ein dumpfes Geheul, brach aus seiner Kehle.
-
-»Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will nicht!«
-
-Dann ließ der Sturm nach; gebrochen blieb er am Boden liegen, und nach
-einer Stunde dumpfen kraftlosen Vorsichhinstarrens raffte er sich auf
-und schleppte sich nach seinem Lager.
-
-Während sich dies begab, war dort oben im zweiten Stock noch jemand
-wach. Das war der alte Johann.
-
-Er schlief nicht. Nein. Er wußte ja, daß er von jetzt an überhaupt nie
-mehr schlafen durfte. Seit heute war die »Einbrecherin« im Schloß. Das
-Unheil war eingezogen, jetzt hieß es, Wache halten! Das war sein Amt,
-seine Pflicht. Darum von nun an die Augen aufbehalten! Nicht mehr
-schlafen! Nie mehr schlafen!
-
-Der Baron hatte ihm verboten, sich zu zeigen, wenn er heute nachmittag
-mit seiner jungen Frau ankommen würde.
-
-Natürlich hatte er gehorcht; alte Haushunde sind gehorsam, aber wachsam
-sind sie auch. Und sie haben Zähne!
-
-Er hatte auch ganz recht gehabt, der Herr Baron, daß er ihn
-fortschickte, daß er »die Person« in Sicherheit vor ihm brachte, ganz
-recht, ganz recht, ganz recht.
-
-In seinem Zimmer eingeschlossen, drei Stunden lang und mehr war er
-ununterbrochen hin und her gegangen, die knochigen Hände reibend,
-immerfort das eine Wort murmelnd »ganz recht, ganz recht, ganz recht«.
-
-»Ganz recht, daß du mich nicht an sie heranläßt -- denn wenn ich ihr zu
-Leibe könnte --« Bei diesem »wenn« knirschten seine Zähne, seine Fäuste
-streckten sich in die Luft.
-
-Dann, als es elf Uhr geschlagen, hatte er gehört, wie jemand mit
-hastigen Schritten, als wenn er liefe, als wenn er flüchtete, die Treppe
-draußen heraufgekommen war. Er hatte gelauscht, hatte gehört, wie die
-Thür zum Zimmer des Barons aufgerissen, schmetternd zugeworfen und dann
-von innen verriegelt wurde.
-
-Aha -- also, schon heut am ersten Abend fing es an! Das war der Baron,
-den er da hatte kommen hören, der jetzt da drüben in seinem Zimmer saß,
-wie die Maus im Loch, wie die dumme Maus, der man Speck gestreut hat und
-die genascht hat und jetzt dahinter kam, daß der Speck vergiftet gewesen
-war! Er grinste übers ganze Gesicht, er mußte an sich halten, daß er
-nicht laut herauslachte, laut, daß man's durchs ganze Haus hörte.
-
-Die dumme, dumme Maus! Es war doch eigentlich zu komisch! zu lächerlich!
-
-Dann war er über den Flur geschlichen, an die Thür seines Herrn, hatte
-sich mit dem Ohr an das Schlüsselloch gebeugt und gehorcht, und wie er
-da drinnen das Hin- und Hergehen, das Rasen, das Keuchen und Schnaufen
-hörte, hatte er grinsend mit dem Kopfe genickt: »Siehst du, siehst du,
-siehst du wohl?«
-
-Die ganze Nacht hätte er so stehen können und horchen, denn es
-verursachte ihm ein namenloses Vergnügen, zu hören, wie sein Herr da
-drinnen litt. Das hatte er nun davon, der unglückselige, verrückte
-Mensch, und das geschah ihm recht! Ein Glück nur, daß wenigstens ein
-Vernünftiger noch da war, einer, der noch zum Rechten sehen und die
-verfahrene Geschichte wieder herausreißen konnte. Und das war er, der
-alte Johann; und er würde sie wieder herausreißen, ja, das würde er!
-Noch wußte er nicht genau wie, aber fertig bringen würde er es, das
-wußte er, das sagte er sich, indem er jetzt über den Flur zu seinem
-Zimmer zurückging, nicht mehr schleichend wie vorhin, sondern
-hocherhobenen Hauptes. Denn ein Stolz erfüllte seine Brust, daß er sich
-vorkam, als wäre er jetzt eigentlich der Herr im Hause, als hätte er zu
-befehlen und kein andrer sonst.
-
-Er konnte sich noch gar nicht entschließen, in seine Kammer
-zurückzukehren; es war ein Gefühl in ihm, als müßte er noch irgend etwas
-thun, etwas vollbringen; ein solches Kraftgefühl, daß er am liebsten
-laut gebrüllt hätte. Darum stieg er noch einmal die Treppe hinunter und
-wandelte durch alle Gänge des Hauses, alles im Dunkeln, ohne Licht,
-wozu brauchte er denn Licht? Er fand sich ja auch im Dunkeln zurecht in
-seinem Hause. Sein Haus -- er drückte sich mit den Fingern die Lippen
-zu, damit sein Kichern nicht zum lauten Gelächter ward. Als er endlich
-zu seinem Zimmer zurückkehrte und über die Schwelle trat, bückte
-er sich. Er wußte, daß er plötzlich gewachsen war. Ja, ja, es war
-merkwürdig, aber wahr, er war gewachsen, mindestens um einen Kopf, darum
-mußte er sich in acht nehmen, sonst wäre er mit dem Kopfe oben an die
-Thür gestoßen. --
-
- * * * * *
-
-Der Frühling that seine Pflicht. Zu allen Ritzen und Löchern des
-Schlosses Fahrenwald schickte er am nächsten Morgen die Sonnenstrahlen
-hinein, als wollte er dem alten Kasten bis in die finstersten Eingeweide
-hineinleuchten und wärmen.
-
-Als der Baron an das Fenster seines Zimmers trat und hinunterblickte,
-sah er, daß andre schon früher aufgestanden waren als er. Einen Strohhut
-auf dem Kopf, das Kleid hoch aufgeschürzt, wandelte im Blumengarten
-unten eine Gestalt zwischen den Beeten auf und ab, bald rechts sich
-niederbeugend, bald links, so daß der breitkrämpige Hut bedächtig auf
-und nieder schwankte. Es war seine junge Frau.
-
-Die Sonne hatte sie früh am Morgen geweckt und ihr keine Ruhe im Bette
-gelassen.
-
-Als er ihrer ansichtig wurde, war ihm, als sänke die Nacht und alles,
-was in der Nacht gewesen war, wie ein Spuk hinter ihm nieder, in eine
-endlose Tiefe. Ohne sich zu besinnen, riß er das Fenster auf und »Anna!«
-rief er laut hinunter.
-
-Als sie seine Stimme vernahm, richtete sie den Kopf zu ihm auf, und als
-sie ihn erblickte, hob sie die Hände an den Mund und warf ihm Kußfinger
-zu. Ihr Antlitz, vom gelben Hute umrahmt, strotzend von Fülle und
-Jugend, sah aus wie eine Sonnenblume.
-
-»Komm herunter Eberhard,« rief sie zu ihm hinauf, »hier unten ist's
-wundervoll.«
-
-Wie der Morgenruf der Lerche drang ihre Stimme an sein Ohr. Das Leben
-war ihm wiedergegeben, und da unten stand es vor ihm, leibhaftig
-verkörpert in dem geliebten Geschöpf.
-
-Er lehnte sich weit über die Fensterbrüstung hinaus. »Gleich komm' ich,
-gleich,« sagte er; aber während er das sagte, blieb er ruhig im Fenster
-liegen. Er konnte sich nicht satt sehen an ihr.
-
-Sie stand und lächelte ihm zu und nickte; er nickte zurück. Dann zog
-sie ihr weißes Taschentuch hervor und wie mit einem Fähnchen winkte sie
-hinauf.
-
-»Komm doch,« rief sie wieder, »komm doch endlich.«
-
-Nun erhob er sich, um sich anzukleiden, und jetzt erst spürte er, wie
-schwer die Nacht ihn angegriffen hatte. Er taumelte beinah, und erst das
-kalte Brunnenwasser, mit dem er sich überströmte, brachte ihn wieder
-zu sich. Als er aber in den Garten zu ihr hinunterkam, vergaß er seine
-Schwäche und alle Leiden. Blaß war er freilich, aber das war sie ja an
-ihm gewöhnt; sie hüpfte ihm entgegen; er fing sie in seinen Armen auf,
-und als sie an seinem Herzen lag und die Liebe fühlte, die wie ein Strom
-aus diesem Herzen über sie dahinging, vergaß auch sie, daß sie gestern
-abend in Thränen eingeschlafen war.
-
-Der Tag blieb dem Morgen treu, heiter und schön bis zum Ende. Aber weil
-er so schön war, wurde er für Eberhard von Fahrenwald anstrengend. Anna
-nahm ihn vollständig in Beschlag und schleppte ihn vom Morgen bis zum
-Abend im Park umher. Kaum daß sie ihm zu den Mahlzeiten Ruhe vergönnte.
-
-Der Park hatte es ihr angethan; sie war geradezu darein verliebt. Bisher
-hatte sie ihn nur im allgemeinen kennen gelernt, nun sollte Eberhard ihr
-alle Winkelchen und Eckchen zeigen. Sie war in der Stadt groß geworden;
-die Natur, in die sie zum erstenmal hineinblickte, war für sie wie ein
-Märchenbuch, das man vor den Augen des Kindes aufschlägt. Jeder kleinste
-Vorgang darin war ihr ein Gegenstand des Staunens und Bewunderns. Unter
-jedem Baume, in dem eine Nachtigall saß, mußte Eberhard mit ihr stehen
-bleiben und dem Gesange lauschen; wenn ein Buchfink über den Weg
-vor ihnen herhüpfte, hielt sie ihren Begleiter am Arme fest, mit
-ausgestrecktem Finger zeigend: »Sieh doch nur, sieh! was für ein
-reizendes Tierchen!« Sie war vollständig zum Kinde geworden; sie
-brauchte nichts weiter, verlangte nichts weiter, sie war glücklich.
-
-Der gestrige Abend mit seiner schwülen Erregung, seiner dumpfen
-Niedergeschlagenheit war in ihr ausgelöscht. Sie hatte ja ihren
-Gatten nicht recht begriffen, allerdings, aber sie hatte ja auch durch
-Erfahrung gelernt, daß man in solchen Augenblicken nicht in ihn dringen,
-ihn nicht fragen durfte; also fragte sie nicht.
-
-Eine sinnliche Natur war sie nicht. Es kamen wohl Stunden und waren
-sogar dagewesen, wo ihr Blut heißer wurde -- aber für gewöhnlich war
-ihr das Verlangen der Sinne fremd, und es bereitete ihr keine
-Schwierigkeiten, sich eine Ehe zu denken, in welcher die Eheleute wie
-zwei gute Freunde nebeneinander hergingen.
-
-Und sie begann sich mit der Vorstellung vertraut zu machen, daß ihr
-beiderseitiges Verhältnis fortan in dieser Art weitergehen würde.
-
-Ob der Mann, der müden Schrittes hinter ihr drein kam, diese Gedanken in
-ihrer Seele las? Vielleicht.
-
-Er war etwas hinter ihr zurückgeblieben, denn weil er ihr zu langsam
-ging, hatte sie sich von seinem Arme losgerissen. Nun sah er sie
-vor sich dahintrippeln mit hastigen, fröhlichen Bewegungen, den grün
-übersponnenen Laubgang entlang, durch dessen Dach die Sonne ihr Licht
-in verstreuten Funken herniederschickte, die junge Gestalt wie mit
-Edelsteinen übersäend.
-
-Wie glücklich sie war! Und wie ihr Glück ihm die tiefste Seele erwärmte!
-
-Aber wie harmlos auch, wie sorglos sie war! Wie so keine Ahnung sich in
-ihr regte von dem, was gestern abend in ihm vorgegangen war, von all dem
-Dunklen, Entsetzlichen!
-
-War es nicht gut, daß es also war? Freilich war es gut. Aber warum
-seufzte er trotzdem innerlich auf?
-
-Er fühlte, daß er dieses alles vor ihr verstecken mußte. Den einen
-Menschen, der in ihm war, den gütigen, liebevollen, edlen Menschen, den
-durfte er ihr zeigen, -- den andern mußte die Nacht bedecken und das
-Dunkel, daß sie nie in sein Gesicht sah -- denn wenn sie es gesehen
-hätte -- Und also mußte er stark sein und immer stark, und allein für
-sich tragen und schweigen.
-
-Und so, indem er sie vor sich herschlendern sah, im Sonnenlichte
-gebadet, sie selbst wie ein verkörperter Sonnenstrahl, kam er sich vor
-wie das dunkle Gewölk, das hinter dem Lichte einherzieht, in dessen
-Schoß das Ungewitter brütet, der Untergang des Lichtes und sein Tod. Wer
-war vorhanden, um das vertrauensvolle Licht davor zu bewahren, daß das
-Ungewitter es verschlang? Nur er selbst. Er selbst war ihre Gefahr
-und sollte ihr Beschützer vor ihm selbst sein. Indem er die furchtbare
-Anforderung empfand, die von nun an jede Stunde und Minute, jeder
-Anblick des ersehnten Weibes an seine Selbstbeherrschung stellte,
-überlief es ihn wie ein Grausen.
-
-Würde er Kraft behalten? Immer? Es legte sich schwer auf seine Brust,
-beinahe wie eine Todesangst.
-
-Und dieses Angstgefühl verließ ihn nicht mehr; es wurde zu einer
-bleibenden, körperlichen Beklemmung, und diese Beklemmung wuchs, je mehr
-der Tag sich zum Ende neigte. Das Dunkel erschreckte ihn; er fürchtete
-sich vor der Nacht. Als er daher gegen Abend mit seiner Frau ins Schloß
-zurückgekehrt war, ließ er alles, was an Lampen aufzutreiben war,
-anzünden, damit Licht würde, damit er sich das Tageslicht einbilden
-könnte. Denn bei Tage, so schien es ihm, hatte der Dämon keine Gewalt
-über ihn. Nur hatte er dabei vergessen, daß in dem Lichte, das jetzt,
-aus allen Spiegeln widerstrahlend, die Gemächer füllte, auch die Gestalt
-des Weibes um so leuchtender hervortreten mußte. Und gerade vor ihr
-fürchtete er sich ja am meisten. Heute, im Laufe des Tages, als sie mit
-ihm den Park durchtändelt hatte, war sie ihm wie ein kleines Mädchen,
-wie ein Kind erschienen, dem gegenüber die Sinne schweigen -- jetzt, da
-die Nacht kam, wurde sie wieder zum Weibe. Jede Bewegung ihrer Glieder
-wuchs in seiner Phantasie zu einer verstrickenden Umarmung, jedes
-Rauschen ihres Kleides zu einem sinnbethörenden Lockruf.
-
-»Ich ziehe mir meinen Morgenrock an,« hatte Anna gesagt, als sie ins
-Schloß zurückkehrten, und es hatte ihm auf der Zunge geschwebt, zu
-sagen, »thu's nicht!«
-
-Aber er sagte es nicht. Was hätte sie denken müssen? Wie hätte sie es
-verstehen können? Sollte er sagen, daß er wahnsinnig sei? Er selbst? Er
-lächelte.
-
-»Freilich, freilich; wir gehen wohl heute früh zu Bett? Du wirst dich
-müde gelaufen haben?«
-
-Als er zu ihr zurückkam, stand sie vor einem Bilde, mit einer Lampe
-hinaufleuchtend. Der weite Aermel des Schlafrocks war zurückgefallen,
-der volle weiße Arm kam bis über den Ellbogen hervor. Alles vergessend,
-wollte er mit einem Sprunge sich über sie stürzen -- da wandte sie sich
-lächelnd um. Ein harmloses, ahnungsloses Kinderlächeln. Alles war für
-den Augenblick vorbei. Ruhig trat er zu ihr heran und nahm ihr die Lampe
-ab.
-
-Heute, nachdem sie zu Abend gespeist hatten, wartete er nicht, bis die
-Uhr auf dem Kamin elf schlug.
-
-»Du bist müde?« fragte er.
-
-Sie nickte ihm mit traumverschleierten Augen zu.
-
-In einem Armstuhl saß sie da, behaglich hintenüber gelehnt, die Füße
-weit ausgestreckt und übereinander gelegt.
-
-»Die Frühlingsluft macht so müde,« sagte sie mit dämmernder Stimme, »und
-es ist so schön, einzuschlafen, während man die Nachtigallen singen hört
--- horch doch nur, wie das klingt -- entzückend.«
-
-Er war an das geöffnete Fenster getreten -- sie hatte recht. Wie
-die Stimme des Frühlings drang der süße Ton der Nachtigallen aus dem
-nachtdunklen Parke herauf. Liebe war es, die ihren Gesang erweckte, und
-es war, als riefen sie allen Geschöpfen der Erde zu »liebt euch, jetzt
-ist die Zeit der Liebe«. Und da stand er und durfte nicht lieben. Die
-Qual, die er empfand, war so groß, daß er lange Zeit lautlos am offenen
-Fenster stehen bleiben mußte. Dann trat er zu ihr.
-
-»Nun gute Nacht,« sagte er. Er stand über sie gebeugt; sie blickte
-lieblich zu ihm auf.
-
-Plötzlich griff er mit der Hand hinunter und riß ihr den einen Schuh vom
-Fuße.
-
-Sie erschrak beinah.
-
-»Aber Eberhard.«
-
-Sie wollte nach ihrem Schuh greifen, aber er hielt ihn fest.
-
-»Ein Andenken,« rief er, »ein Andenken,« er lachte dabei laut, beinahe
-gellend, und dann, indem er den Schuh, in dem noch die ganze Wärme
-ihres Fußes war, an die Lippen drückte, schoß er auf die Thür zu und war
-hinaus. Kopfschüttelnd saß Anna und sah ihm nach; dann erhob sie sich,
-und den einen Fuß im Schuh, den andern im Strumpfe, wanderte sie in ihr
-Schlafgemach.
-
-Eine Reihe von Tagen folgte, alle diesem Tage gleich. Luft und Himmel
-voll Sonnenschein, das Laubgezelt des Parks immer dichter anschwellend
-zum grünen, rauschenden Wald, von Düften durchflutet, von Vogelstimmen
-durchtönt, und durch die grünende Wildnis dahinwandelnd die rosige
-blühende Frau und der bleiche hohläugige Mann.
-
-Immer größer wurde der Abstand, in dem sie gingen; immer weiter flog sie
-ihm voran, immer müder blieb er zurück, und es kam auch schon vor,
-daß er sich auf eine Bank niedersetzte und sie allein auf Entdeckungen
-ausziehen ließ.
-
-Die schlaflosen Nächte griffen ihn zu furchtbar an. Seine Nerven waren
-des Morgens wie aufgeweicht, um sich dann im Laufe des Tages allmählich
-aufzustraffen, bis daß sie am Abende wieder angespannt waren, wie die
-Saiten eines Streichinstrumentes, jeden Augenblick zum Springen bereit.
-
-Jeden Abend dann wieder das Aufsteigen des wütenden Verlangens und das
-Niederkämpfen desselben, so daß sein Inneres einem Schlachtfelde glich,
-und jeden Abend die Wiederkehr einer Erscheinung, die er sich nicht zu
-erklären vermochte, und die trotzdem vorhanden war, die er empfand, mit
-Grauen empfand:
-
-Jeden Abend, wenn er in sein Zimmer gekommen war, hatte er ein Gefühl,
-als stände etwas hinter ihm, irgend etwas, er hätte nicht sagen können,
-was. Etwas Fürchterliches, das unablässig auf ihn hinblickte, mit grünen
-Augen, mit einem wartenden Blick. So deutlich empfand er die Anwesenheit
-dieses schrecklichen, unsichtbaren Etwas, daß ihm manchmal geradezu
-war, als hörte er ein leises, keuchendes Atemholen, so daß er die Lampe
-aufnahm und Winkel und Ecken seiner Zimmer durchstöberte, bis daß er die
-Lampe wieder niedersetzte und sich sagte, daß niemand da war und nichts,
-daß alles nur in ihm selbst war, ein Spukgebilde seiner Seele, der
-Wahnsinn, der Wahnsinn.
-
-Eines freilich sah er bei diesen Gelegenheiten nicht: wenn er mit der
-Lampe in der Hand durch seine Zimmer stöberte und der Thür nahe kam,
-die zum Flur ging, dann sah er nicht, wie sich draußen an der Thür eine
-hagere Gestalt aufrichtete, die bis dahin lauernd zum Schlüsselloch
-gebeugt, mit leise keuchendem Atemholen gestanden hatte und nun, wenn
-sie seine Schritte nahen hörte, über den Flur hinweg huschte und sich
-in den Schatten des großen Schrankes drückte, der an der Wand des Flurs,
-neben der Thür stand.
-
-Anna hatte in den letzten Tagen sein übles Aussehen bemerkt und ihn
-zärtlich besorgt gefragt, ob ihm etwas fehle. Aber er hatte hastig und
-entschieden verneint, »Gar nichts fehlte ihm, er war vollkommen wohl!«
-Und um sie zu beruhigen, hatte er sogleich einen weiten Spaziergang mit
-ihr durch den Park gemacht.
-
-Mit aller Gewalt hatte er sich zusammengenommen und zusammengerafft;
-liebenswürdig und freundlich war er gewesen, wie nur je zuvor.
-
-»Daß nur sie nichts merkte! Um Gottes willen, nur nicht sie!«
-
-Aber diese letzte gewaltsame Anspannung gab ihm den Rest.
-
-Da er sich heute, seiner Versicherung nach, so wohl fühlte, hatte Anna
-ihn wieder durch den ganzen Park mit sich genommen, herauf und herab,
-die Kreuz und die Quer. Mehrere Vogelnester hatte sie entdeckt, die
-noch im Bau begriffen waren, und das Treiben der Vögel dabei war doch zu
-reizend, jedes einzelne mußte sie ihm zeigen. Und nachdem das erledigt
-war, hatte er ihr dahin folgen müssen, wo sie ihren Gemüsegarten
-anzulegen gedachte; sie hatte ihm die einzelnen Felder schon gezeigt,
-wo Salat gebaut werden sollte, und Bohnen, Rüben und Tomaten, und was es
-alles gab.
-
-Am Abend war sie daher schläfrig geworden wie ein Kind, das sich
-tagsüber müde gespielt hat.
-
-»Heute werde ich aber gehörig schlafen,« sagte sie, als sie sich erhob,
-um ihm gute Nacht zu wünschen.
-
-Er war heut so besonders liebenswürdig gewesen, dafür war sie ihm Dank
-schuldig. Zärtlich hing sie sich um seinen Hals, um ihn zu küssen. Wie
-es jetzt in seiner Gewohnheit lag, richtete er den Oberleib steif auf,
-als wollte er ihren Lippen ausweichen, aber sie hatte es sich in den
-Kopf gesetzt, heute sollte er einmal seinen Kuß bekommen. Lachend
-versuchte sie, mit ihrem Munde an den seinen zu gelangen, und weil ihre
-Körperlänge dazu nicht ausreichte, stieg sie mit den Füßen auf seine
-Füße. Indem sie sich auf den Spitzen erhob, reichte sie ihm bis an den
-Mund, und nun erhielt er einen langen, warmen, liebevollen Kuß.
-
-Ihre Lippen lagen auf den seinen, ihr junger Leib drängte sich an ihn,
-auf seinen Füßen empfand er ihre warmen weichen Füßchen.
-
-In dem Augenblick war ihm zu Mute, als risse etwas in ihm, beinah, als
-spränge eine Saite, so daß er das Nachsummen des Schlags in seinen Ohren
-zu vernehmen meinte.
-
-Er schob sie von sich.
-
-»Gehst du jetzt zu Bett?« fragte er; der Ton seiner Stimme war lallend.
-
-»Freilich geh' ich zu Bett.«
-
-An der Thür des Schlafzimmers blieb sie noch einmal stehen und warf ihm,
-traumselig nickend, Kußfinger zu.
-
-Kaum daß sie dann ihr Lager erreicht hatte, war sie schon eingeschlafen.
-
-Einige Zeit später, sie hätte kaum sagen können, ob Stunden oder nur
-Minuten, wurde sie durch ein Geräusch geweckt, und als sie blinzelnd die
-verschlafenen Augen öffnete, bemerkte sie, daß ein Lichtschein im
-Zimmer war. Wie kam das? Sie hatte doch vor dem Einschlafen alles Licht
-gelöscht?
-
-Indem sie sich allmählich ermunterte, sah sie, daß das Licht von der
-Thür herkam, und durch den blauseidenen Bettvorhang hindurch gewahrte
-sie eine dunkle Gestalt, die in der Thür stand. Genau zu erkennen
-vermochte sie nicht, wer es war.
-
-»Bist du's, Eberhard?« fragte sie schläfrig.
-
-Es erfolgte keine Antwort. Die Gestalt rührte sich nicht. Sie richtete
-sich auf den Ellenbogen auf.
-
-»Eberhard, bist du's?« fragte sie noch einmal.
-
-Jetzt kam die Gestalt mit einem Schritt heran, bis an das Fußende ihres
-Bettes, schlug den Vorhang zurück -- ein Licht in Händen, stand ihr
-Gatte vor ihr, Eberhard von Fahrenwald.
-
-Er gab keinen Laut von sich, seine Augen ruhten auf ihr, mit stierendem,
-beinahe gläsernem Blick.
-
-Sie wußte nicht, was sie denken sollte, verwirrt schaute sie ihn an.
-Dann streckte sie den Arm nach ihm aus.
-
-»Aber Eberhard -- was machst du denn?«
-
-In dem Augenblick hatte er das Licht auf den Nachttisch gesetzt und
-ihren Arm mit beiden Händen ergriffen. Als wäre ihr Arm in einen
-Schraubstock gespannt -- so war es. Es wurde ihr unheimlich.
-
-»Aber -- so sprich doch nur ein Wort,« bat sie leise.
-
-Er sprach nicht; es war, als hörte er sie überhaupt nicht. Plötzlich
-ließ er ihren Arm fahren, griff sie mit beiden Händen an den Schultern
-und drückte sie in die Kissen zurück. Sie lag wie gefesselt unter seinen
-Händen, unfähig sich zu bewegen; ihre Augen blickten angstvoll in
-sein Gesicht empor, das mit steinernem, rätselhaftem Ausdruck über sie
-gebeugt war.
-
-»Was thust du denn?« stammelte sie; dabei warf sie die Schultern hin und
-her und versuchte, sich seinem Griffe zu entwinden.
-
-Als er die windenden Bewegungen ihres Körpers fühlte, bog er plötzlich
-den Oberleib zurück, richtete sich auf, sein Anblick wurde wie der eines
-wilden Tieres, das sich zum Sprunge auf die Beute anschickt.
-
-Von Todesangst gepackt, fuhr sie auf und aus dem Bette. Keuchend stand
-sie, zu ihm hinüberblickend, der auf der andern Seite des Bettes stand.
-In das Zimmer ihrer Jungfer zu gelangen, vermochte sie nicht, weil er
-zwischen Bett und Thür war.
-
-Als er jetzt aber eine Bewegung machte, als wollte er auf sie zu, stieß
-sie einen gellenden Schrei aus, und so wie sie war, mit nackten Füßen,
-nur im Hemd, rannte sie durch die Thür, durch die er gekommen und die
-hinter ihm offen geblieben war, in ihr Wohnzimmer. Halb sinnlos
-vor Angst drückte sie sich hinter dem Ruhebett nieder, das an der
-gegenüberliegenden Wand stand. Ein Augenblick verging -- dann erschien
-der Verfolger auf der Schwelle, das Licht haltend, mit dem Lichte nach
-ihr suchend.
-
-Jetzt hatte er sie entdeckt -- und wieder sprang sie auf und flüchtete
-weiter, in das nächste Zimmer. Hinter ihr kam er her, mit langen
-Sprüngen. Aus dem zweiten Zimmer ging es in das dritte, in das vierte
-und weiter, immer weiter, durch alle Zimmer hindurch, die Galerie
-entlang, bis daß sie endlich im Bibliotheksaale, am Ende der
-Zimmerflucht angelangt war und sich bewußt wurde, daß es nun nicht
-weiter ging, daß sie gefangen war, verloren war. -- Mitten im Saale, die
-entsetzten Augen auf ihn gerichtet, blieb sie stehen, beide Arme reckte
-sie in die Höhe, -- ein verzweifeltes Geschrei -- und jählings, mit
-schwerem Fall schlug sie auf den Fußboden nieder, ohnmächtig, wie eine
-Leiche anzusehen.
-
-Als dies geschah, als er den Schrei vernahm und die weiße Gestalt
-zusammenbrechen sah, blieb der Mann stehen und sah sich einen Augenblick
-wie verwundert um. Es sah aus, als müßte er seine Erinnerung sammeln.
-Dann kam er, das Licht hoch haltend, mit vorsichtigen Schritten da
-heran, wo das da am Boden lag, das Weiße. Er senkte das Licht und
-leuchtete über die regungslose Gestalt hin, richtete sich wieder auf und
-trat einen Schritt zurück. Er setzte das Licht auf den Tisch, und auf
-die Tischplatte niederstarrend, fing er wieder an, sich zu besinnen,
-nachzudenken, nachzudenken. Dann erhob er die Augen, richtete sie dumpf
-brütend den Fenstern zu, hinter denen die schwarze Nacht hing, und nun
-war es, als käme aus weiter Ferne der Nacht ein Licht heran, ganz fern
-erst, ganz klein, aber näher kommend, immer näher, bis daß es sein
-Gesicht erreicht hatte, bis daß es in seine Augen gestiegen war. Und
-nun begannen die Augen, die bis dahin gläsern gestiert hatten, wieder zu
-sehen, die Züge des verwandelten Gesichts wandelten sich wieder zurück,
-und nun war es wieder Eberhard von Fahrenwald, der dort am Tische stand.
-
-Mit einem Ruck, daß die Gelenke in seinem Leibe krachten, richtete er
-sich plötzlich in die Höhe, ergriff noch einmal das Licht und trat heran
--- im nämlichen Augenblick aber flog er rückwärts, als wenn ein Stoß ihn
-zurückgeworfen hätte. Auf dem glatten Parkett des Fußbodens schlug er
-der Länge lang hin, mit dem Gesicht am Boden, beide Hände in den Mund
-stopfend, mit den Zähnen in die Hände beißend, daß das Blut herabtroff.
-Ein gurgelndes Röcheln, ein ersticktes Heulen wühlte sich aus ihm heraus
-und in den Fußboden hinein; dann kroch er bis zu dem nächsten Stuhle,
-arbeitete sich mühselig an dem Stuhle auf, bis daß er auf den Füßen
-stand, und nun, wie ein Mensch, der nicht mehr gehen kann, dem das
-Rückgrat gebrochen ist, schleppte er sich, die Augen immerfort auf
-die Gestalt am Boden dort gerichtet, bis an die Thür, die aus dem
-Bibliotheksaale auf den Flur führte. An der Thürklinke hielt er sich
-mit beiden Händen aufrecht, das Haar klebte ihm im Gesicht, eine
-dicke Feuchtigkeit -- war es Schweiß, war es Blut, waren es Thränen --
-rieselte ihm vom Gesicht; es war, als wenn er weinen wollte, aber er
-vermochte es nicht -- als wenn er etwas sagen wollte, aber er vermochte
-es nicht -- nur ein Aechzen wurde vernehmbar: »Anna -- Anna -- Anna« und
-diesen Namen wiederholend und fortwährend, sinnlos wiederholend, schob
-er sich zur Thür hinaus. Sobald er aber die Thür hinter sich hatte,
-fühlte er sich von einem eisernen Arm umschlungen und aufrecht gehalten.
-Der Mann war da, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, und dem
-er nun wieder gehörte, der alte Johann.
-
-»Kommen Sie nur, gnädiger Herr,« sagte er mit starker, harter Stimme,
-»kommen Sie nur und lassen Sie mich machen. Jetzt wird sich alles wieder
-geben.«
-
-Er führte den gebrochenen Mann, der hülflos, willenlos in seinem Arme
-schwankte, die Treppe hinauf, in sein Zimmer; er brachte ihn zu Bett,
-wie ein Kind; er deckte ihn zu.
-
-»Nun schlafen Sie,« sagte er laut, beinah befehlend; dann sah er sich
-noch einmal in den Zimmern um: kein Messer da? Keine Schere? Kein
-Werkzeug irgend welcher Art? Nichts. Er rieb sich die Hände; so stolz
-war er! so vergnügt! An den Fenstern machte er sich noch zu schaffen,
-und es dauerte ziemlich lange, bis er damit fertig war; er hatte einen
-Schraubenbohrer in der Tasche und Schrauben; sämtliche Fenster in den
-Zimmern des Barons schraubte er zu -- für alle Fälle -- man konnte ja
-nicht wissen. -- Dann riegelte er die Räume seines Herrn von außen
-ab und nun war er fertig, nun hatte er ihn da drin, nun hatte er ihn
-sicher. Als er auf dem Flur draußen stand, reckte er sich lang auf. »Ah«
--- sagte er laut vor sich hin und jetzt brauchte er sich ja keinen Zwang
-mehr anzuthun, jetzt konnte er lachen und er lachte, laut, immer lauter,
-zuletzt brüllend. Mit den flachen Händen schlug er sich auf die Lenden;
-»wer hatte nun recht behalten?«
-
-Vom Augenblick an, als der Baron in der Nacht sein Zimmer verlassen
-hatte und hinuntergegangen war, hatte er ja alles mit angehört.
-
-»Jetzt kommt's,« hatte er sich gesagt, indem er im Dunkel hinter
-ihm hergeschlichen war. Dann hatte er den Ruf in Annas Schlafgemach
-vernommen, das Jagen und Laufen durch die Zimmer, endlich den letzten
-Schrei und das Fallen des Körpers im Bibliotheksaale.
-
-»Jetzt hat er sie totgeschlagen,« hatte er sich gesagt, und er hatte an
-sich halten müssen, um nicht schon da lachend herauszuplatzen. In
-dem Augenblick war er ja noch Diener gewesen, da hätte es sich nicht
-geschickt.
-
-Aber jetzt -- jetzt blieb nur noch zu thun, daß er sich danach umsah, wo
-der Leichnam lag. Zu dem Zwecke ging er jetzt nach dem Bibliotheksaal.
-
-Einen dicken Stock trug er in der einen, eine brennende Laterne in der
-andern Hand. Warum er den Stock mitnahm? Er hatte so ein Gefühl, als
-könnte sich möglicherweise eine Gelegenheit bieten, -- er wünschte
-sich eine Gelegenheit -- er hatte so ein Bedürfnis, auf irgend etwas
-loszuhauen, irgend etwas zu zerschmettern, irgend etwas, am liebsten
-aber menschliche Glieder und einen menschlichen Körper. Er hieb mit dem
-Stock auf das Treppengeländer, daß es krachte. Ah -- wie ihm das wohl
-that! Wenn »sie« so vor ihm gelegen hätte! Wenn er so auf »sie« hätte
-loshauen können, daß ihre Glieder unter seinen Streichen zerflogen wären
-wie Glas! Aber der Baron hatte ihm ja schon vorgearbeitet. Jetzt war
-er nur noch neugierig zu sehen, wie er es gemacht haben, wie er »sie«
-zugerichtet haben würde. Mit der lüsternen Begier der blutdürstigen
-Natur, die dem Anblick von irgend etwas Gräßlichem entgegengeht, trat er
-in den Bibliotheksaal ein, sah sich um -- und blieb enttäuscht stehen.
-Der Saal war ja leer?
-
-Die Jungfer, die Thür an Thür mit ihrer Gebieterin schlief, war von
-dem dumpfen Rumoren in Annas Schlafzimmer aufgewacht. Anfangs nur halb
-ermuntert, war sie ganz wach geworden, als sie den gellenden Schrei
-nebenan vernahm.
-
-Rasch war sie aufgestanden, hatte Licht angezündet und war eingetreten.
-Nun sah sie Annas zerstörtes Bett, von dem die Decken heruntergeworfen
-waren, in dem die Kissen wüst und wild durcheinander lagen. Sie sah
-die Thür zum Nebenzimmer offen, und in dem Augenblick vernahm sie von
-drüben, aus der Ferne, Annas verzweifelten Schrei. Im ersten Augenblick
-hatte sie in ihr Zimmer zurücklaufen und den Kopf unter die Bettdecke
-stecken wollen. Aber dann hatte sie sich gesagt, daß das nicht recht
-wäre, daß der Frau Baronin etwas zugestoßen sein müßte, der armen jungen
-Frau Baronin, die so gut zu ihr war, von der sie nie ein böses Wort zu
-hören bekam, und daß es ihre Pflicht sei, zuzusehen, was geschehen war.
-Darum hatte sie sich rasch in die notdürftigste Kleidung gesteckt, und
-zitternd, mit schlotternden Gliedern, war sie die Zimmerflucht entlang
-bis nach dem Bibliotheksaale gegangen.
-
-Wie sah es hier aus! Ein Leuchter lag am Fußboden; das Licht war nicht
-erloschen, die Flamme hatte schon angefangen, ein glimmendes Loch in
-das Parkett zu brennen, und einige Schritte weiter war noch etwas, etwas
-lang Hingestrecktes, Weißes, das sich jetzt stöhnend zu regen begann,
-die junge Frau Baronin, die nur mit dem Hemde bedeckt, mit aufgelöstem
-Haare ohnmächtig am Boden lag.
-
-Bei dem Anblick brachen dem Mädchen die Thränen aus den Augen. Sie hob
-das schwälende Licht auf, kniete zu ihrer Gebieterin nieder und nahm
-ihren Kopf in ihren Schooß.
-
-»Gnädige Frau Baronin,« sagte sie, »Frau Baronin, Frau Baronin!«
-
-Anna schlug die Augen auf, und als sie die Jungfer erkannte, klammerte
-sie sich um ihren Hals.
-
-»Hilf mir!« seufzte sie, »hilf mir!«
-
-Das Mädchen riß den Mantel ab, den sie um die Schultern geworfen hatte,
-und verhüllte damit die schutzlosen Glieder ihrer Gebieterin, dann
-umfaßte sie sie unter den Achseln und half ihr aufstehen. Aengstlich
-aneinandergeschmiegt wanderten die beiden Frauen nach Annas Schlafgemach
-zurück.
-
-Hier sank Anna auf einen Stuhl, wie in Betäubung vor sich
-niederstarrend. Das Mädchen holte ihre Kleidungsstücke heran und begann
-sie anzuziehen; eine Ahnung sagte ihr, daß man sich auf weiteres gefaßt
-zu machen hatte und daß man sich rüsten müsse. Anna ließ sie schweigend
-gewähren.
-
-»Wo ist denn mein Mann?« fragte sie nach einiger Zeit.
-
-»Der Herr Baron? Ich weiß nicht,« versetzte das Mädchen. »Soll ich
-einmal nach ihm seh'n?«
-
-»Ja, ja,« sagte Anna.
-
-Das Mädchen schlüpfte hinaus, auf den Flur, die Treppe zum oberen
-Stockwerk hinauf. Sie kam gerade zurecht, um zu sehen, wie der alte
-Johann die Thür des Barons von außen verriegelte, wie er dann in sein
-Zimmer ging und mit der Laterne in der einen, dem Stock in der andern
-Hand wieder herauskam; unhörbar glitt sie die Treppe hinab, dann kam sie
-zu Anna zurückgelaufen.
-
-»Gnädige Frau Baronin -- eben hab' ich's geseh'n -- der Johann hat den
-gnädigen Herrn eingesperrt -- und ich glaube jetzt kommt der Johann
-herunter -- und einen dicken Stock hat er mit sich -- und er sieht aus,
-wie ich's gar nicht sagen kann -- gar so fürchterlich -- o Herr Jeses
-ne, Herr Jeses ne!«
-
-Sie war ganz außer sich, ihr Atem flog, zu Annas Füßen niedergekauert,
-umschlang sie sie mit den Armen. Hülflos, ratlos drückten sich die
-beiden Frauen aneinander.
-
-Nach einiger Zeit vernahmen sie ein dumpfes Geräusch; schwere Schritte
-stampften vom Bibliotheksaale heran. Dazwischen hörten sie eine Stimme;
-es sprach jemand ganz laut.
-
-Das Mädchen beugte lauschend den Kopf vor.
-
-»Das ist der Johann,« flüsterte sie.
-
-Anna saß, wie in Eis gebadet.
-
-»Mit wem spricht er denn nur?«
-
-Das Mädchen zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf.
-
-Jetzt konnte man schon einzelnes von dem verstehen, was er sagte: »Aber
-tot muß sie sein! Muß sie sein! Lebendig aus'm Haus lass' ich sie nicht!
-Lass' ich sie nicht!«
-
-Dann plötzlich blieb er stehen, und im nächsten Augenblick gab es einen
-fürchterlichen Krach; mit dem dicken Knotenstock hatte er in einen der
-hohen Spiegel hineingehauen, die vorn in den Zimmern hingen.
-
-»Siehste du!« kreischte er, und während das klirrende Glas zu Boden
-rauschte, stieß er ein Gelächter aus, daß den beiden Frauen die Haare zu
-Berge stiegen.
-
-Weiter gingen die Schritte, Stühle flogen beiseite, Tische schmetterten
-zu Boden, wie wenn ein Ungeheuer durch die Zimmer stapfte und alles
-hinwegschleuderte, was ihm in den Weg kam. Im nächsten Zimmer war wieder
-ein Spiegel zwischen den Fenstern -- klirr -- ging der Knüppel hinein
-und -- klirr -- kam das splitternde Glas herunter. Wieder kam das
-»siehste du!« wieder das gellende Lachen und das wahnwitzige Schwatzen:
-»Tot muß sie sein! tot muß sie sein! muß sie sein!«
-
-Jetzt war kein Zweifel mehr, auf das Schlafzimmer kam er zu.
-
-»Frau Baronin!« sagte das Mädchen, indem es, kreideweiß im Gesicht, auf
-die Füße sprang.
-
-Anna saß wie leblos.
-
-»Frau Baronin!« sie schüttelte sie an den Schultern, »um Jesus und aller
-Heiligen willen, kommen Sie fort!«
-
-Mit einem Griff packte sie Anna um den Leib, riß sie vom Stuhle auf und
-zog sie aus dem Schlafzimmer in ihre nebenanstoßende Kammer, deren Thür
-sie hastig von innen verriegelte.
-
-Es war höchste Zeit gewesen.
-
-Im Augenblick, als sie sich hinter die Thür gebracht hatten, erdröhnten
-die Schritte in Annas Wohnzimmer, und im nächsten Augenblicke erschien
-auf der Schwelle des Schlafgemachs eine grauenvolle Gestalt, die Gestalt
-eines Wahnsinnigen, Tobsüchtigen, des alten Johann.
-
-In der Linken hielt er die Laterne hoch, dann hörten die Frauen, die
-sich draußen zähneklappernd an die Thür drängten, seine Stimme, die
-jetzt pfeifend, in schneidenden Fisteltönen herauskam: »Siehste du,
-Kurnallje! Itze hab' ich dich!«
-
-Dann ein Sausen durch die Luft und ein schwerer schmetternder Streich;
-sein Stock hatte mit aller Gewalt in Annas Bett hineingeschlagen. Die
-gepolsterte Rolle die unter Annas Kopfkissen gelegen hatte, war
-während des Kampfes verschoben worden und lag jetzt mitten im Bett. Die
-längliche runde Gestalt des Polsters täuschte seinen wahnsinnumnachteten
-Sinnen vor, daß die junge Frau selber vor ihm läge; auf sie hatte er
-eingehauen.
-
-Ein wütendes Lachen folgte dem Streiche.
-
-»Hat's gut gethan? Hat's gut gethan?«
-
-Dann wurde seine Stimme undeutlich und verworren, als hätte er einen
-Brei im Munde, den er nicht mehr zu Worten zu zerkauen vermochte, wie
-die Stimme eines bösen Hundes, den die Wut so übermannt hat, daß er
-nicht mehr bellen kann.
-
-»Noch leben willst de? Noch mucken willst de? Tot mußt de sein! Tot mußt
-de sein! mußt de sein!«
-
-Und »krach«, »krach« und »krach« wie eine schaudervolle Begleitung
-zu den schaudervollen Worten schmetterte der Stock wieder, wieder und
-wieder in das Bett hinein.
-
-Nun schien er befriedigt.
-
-Ein langgezogenes »so -- siehste itze war's recht«, dann noch ein
-wortloses unverständliches Wühlen und Rumoren, und dann vernahmen
-die Frauen, wie er stampfenden Schrittes, so wie er gekommen war, das
-Schlafzimmer wieder verließ.
-
-Was that er jetzt? Wo ging er hin? Den Finger auf den Mund gelegt,
-bedeutete das Mädchen Anna, daß sie sich ruhig verhalten, daß sie
-zurückbleiben sollte, dann öffnete sie leise, leise, die Thür, streifte
-die Schuhe ab und schlich barfuß dem Alten im Dunkel nach. Nach längerer
-Zeit erst kam sie zurück.
-
-»Frau Baronin,« sagte sie, »Frau Baronin, kommen Sie schnell, seh'n Sie,
-was er jetzt angibt.«
-
-Sie warf Anna einen Mantel um, dann ergriff sie sie an der Hand und riß
-sie durch die dunklen Räume des Schlosses, über eine Hintertreppe in den
-Garten hinunter.
-
-In einiger Entfernung vor ihnen schritt der Alte, die Laterne in der
-einen, statt des Stocks jetzt einen Spaten in der andern Hand. Im linken
-Arme trug er die weiße Kopfrolle aus Annas Bett, die infolge seiner
-Streiche mitten durchgeknickt war und in zwei bammelnden Enden über
-seinen Arm hing.
-
-»Er glaubt, das sind Frau Baronin, die er da trägt,« stammelte das
-Mädchen Anna ins Ohr.
-
-Anna blickte starr.
-
-Das Mädchen zog sie am Arme und bedeutete sie, weiterzugehen; »aber
-leise,« mahnte sie, »leise!«
-
-Mit angehaltenem Atem schlichen sie hinter dem Alten her, so weit
-entfernt, daß sie seine von der Laterne beleuchtete Gestalt gerade noch
-zu erkennen vermochten.
-
-Jetzt sahen sie, wie er vom Wege in das Gebüsch abbog, und nachdem er
-sich einige Schritte weit hineingearbeitet hatte, blieb er stehen. An
-der Stelle, wo er sich befand, war eine kleine Lichtung im Dickicht,
-einige Fuß im Geviert. Er hing die Laterne an einen Ast, warf das
-Polster zur Erde, spuckte sich in die Hände und mit einem »nu jetzt
-aber 'mal« stieß er den Spaten in die Erde und fing an, eine Grube
-auszuwerfen.
-
-Die beiden Frauen hatten sich bis an den äußeren Rand des Gebüsches
-herangemacht; sie verfolgten jede seiner Bewegungen.
-
-Er arbeitete mit grimmiger Verbissenheit; ein dumpfes Grunzen begleitete
-jeden Spatenwurf. Dann richtete er sich auf, so daß das Licht der
-Laterne sich in seinen blutunterlaufenen, gräßlichen Augen spiegelte. Er
-raffte das Polster vom Erdboden auf, hob es mit beiden Armen empor und
-dann mit aller Gewalt schleuderte er es in das gähnende schwarze Loch,
-so daß man den dumpfen Puff vernahm, mit dem es unten aufschlug.
-
-Er stierte in die Grube hinunter.
-
-»Da gehste nein,« sagte er, »da bleibste und kommst all dein Lebtag
-nicht wieder heraus!«
-
-Dann griff er wieder zum Spaten und schaufelte das Loch zu.
-
-»Frau Baronin, kommen Sie fort,« flüsterte das Mädchen. Der Alte hatte
-sein Werk vollbracht, gleich würde er jetzt zurückkommen, auf die Stelle
-zu, wo die beiden standen. Sie wichen einige Schritte in dem dunklen
-Laubgang zurück. Durch das Dickicht brach er sich hindurch und an ihnen
-vorbei trottete er nach dem Schloß zurück.
-
-»Jetzt meint er, hat er Frau Baronin begraben,« sagte das Mädchen.
-
-Anna konnte nichts erwidern.
-
-Die gutgemeinte aber plumpe Art, mit der ihre Begleiterin ihr all
-das Schreckliche, was sie erlebte und sah, noch einmal wiederholte,
-steigerte die Entsetzensqual, die auf ihr lastete, bis zum
-Unerträglichen; der Atem versagte ihr, sie schluckte, schluckte und
-schluckte noch einmal, dann taumelte sie und wäre ohnmächtig zur Erde
-gefallen, wenn sie nicht mit dem Rücken gegen einen Baumstamm gesunken
-wäre, und wenn nicht das Mädchen mit beiden Händen zugegriffen und sie
-aufrecht gehalten hätte.
-
-Erst allmählich hob sich der Druck, der ihr wie ein eiserner Reif die
-Brust umspannte. Endlich vermochte sie tief Atem zu holen, und nun brach
-sie in einen endlosen Thränenstrom aus.
-
-»Was soll ich jetzt machen?« schluchzte sie, »ins Schloß kann ich doch
-nicht mehr zurück!«
-
-Vom Jammer überwältigt, kniete das Mädchen vor ihr nieder und umfing sie
-mit den Armen.
-
-»Frau Baronin,« sagte sie flehend, »liebe, gutte, gnädige Frau Baronin,
-weinen Se och nich so! Gott is gutt, Gott wird Sie nicht verlassen! Ins
-Schloß dürfen Frau Baronin nicht zurück, das is ja klar; also will ich
-Frau Baronin etwas sagen: Frau Baronin gehen mit mir, zu meinen Eltern
-ins Dorf« -- in ihrer Erregung hatte sie all ihr Hochdeutsch vergessen
-und war wieder ganz das schlesische Landmädchen geworden --, »meine
-Eltern haben halt nur a paar kleene Stiebchen, aber 's sind gutte Leite,
-gutte Leite! Frau Baronin können ganz gutt a paar Tage bei ihnen wohnen.
-A Bett für Frau Baronin find't sich schon und a Brinkel zum essen auch,
-und murne is wieder a Tag, und da werden wir schon weiter seh'n, schon
-weiter seh'n.«
-
-Mit diesen Worten hatte sie Anna unter den Arm gefaßt und führte sie,
-die willenlos alles mit sich geschehen ließ, durch den Park auf das
-freie Feld hinaus und dann im weiten Bogen in das Dorf, zum Hause ihrer
-Eltern, wo sie in tiefer nächtlicher Stunde an die Fensterläden klopfte
-und die alten Leute aus dem Schlaf pochte.
-
-Eine halbe Stunde später lag Anna im Bette der alten Tagelöhnersfrau,
-während diese und ihr Mann sich mit ihrer Tochter, der Franzel, nebenan
-in die Küche setzten und mit offenem Mund und Augen die fürchterlichen
-Dinge anhörten, die sich droben auf dem Schlosse begeben hatten.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen saß Eberhard von Fahrenwald oben in seinem Zimmer, in
-einen Armstuhl geschmiegt, die Kniee mit einer wollenen Decke umhüllt,
-müde, gebrochen, wie ein plötzlich alt gewordener Mann.
-
-Die Thür that sich auf, und der alte Johann erschien, eine Platte in
-Händen, auf der er ein Frühstück trug. Er setzte sie auf den Tisch neben
-seinen Herrn.
-
-»Frühstücken Herr Baron jetzt!« befahl er.
-
-Seine ehemalige demütige Haltung war nicht mehr; er stand neben seinem
-einstigen Herrn wie ein Aufseher bei einem Gefangenen.
-
-Der Baron senkte die Augen, es sah aus, als fürchtete er sich vor seinem
-Diener.
-
-»Frühstücken Sie,« gebot dieser noch einmal, und während Eberhard von
-Fahrenwald einige Bissen zum Munde zu führen versuchte, ging er, die
-Hände in den Hosentaschen, in den Zimmern auf und ab, die Fenster
-und Thüren untersuchend. Dann kam er zurück, um das Frühstück wieder
-abzuräumen.
-
-Eberhard sah mit scheuen Blicken an ihm vorbei. Seine Hände zupften an
-der wollenen Decke; man merkte ihm an, daß eine Frage auf seiner Seele
-lag, die sich nicht über die Lippen getraute. Endlich kam sie heraus:
-»Wo -- ist denn -- meine Frau?«
-
-Der Alte zuckte die Achseln, als verlohnte es sich nicht, auf solche
-Frage überhaupt zu antworten, und ging auf die Thür zu.
-
-»Wo ist meine Frau?« wiederholte Eberhard mit heiserer Stimme.
-
-Jetzt drehte der Alte die Augen zu ihm herum, die giftigen Augen.
-
-»Denken Herr Baron denn immer noch daran? Wäre abgethan, die Geschichte,
-hätt' ich gemeint. Wär' schon am besten, Herr Baron fingen an, an andres
-zu denken.«
-
-Eberhard ruckte und zuckte in seinem Stuhl; es sah aus, als ob er
-aufstehen wollte, aber der gefährliche Blick des Alten hielt ihn am
-Platze fest.
-
-Beide sahen sich eine Zeitlang stumm in die Augen. Dann traten
-Schweißtropfen auf die Stirn des Barons; erst nur vereinzelt, dann immer
-mehr, immer dicker, so daß ihm der Schweiß plötzlich über das Gesicht
-zu laufen begann. Er wollte sprechen, aber es sah aus, als wären seine
-Kinnladen verrenkt.
-
-»Aber -- sie ist nicht --«
-
-Er kam mit der Frage nicht zu Ende.
-
-»Ja, versteht sich!« fiel ihm der Alte mit wüster Brutalität ins Wort.
-»Was soll sie denn sonst auch sein? Da können Herr Baron warten, eh' die
-wiederkommt!«
-
-Eberhard stierte ihn an.
-
-»Fortgegangen?« fragte er tonlos.
-
-Jetzt kam der Alte von der Thür zurück, setzte die Platte wieder auf den
-Tisch und sah grinsend auf ihn herab.
-
-»Tot ist sie! Was haben Sie denn auch gedacht?«
-
-Eberhards Kniee zogen sich wie im Krampfe empor, sein Mund ging auf, als
-wenn er nach Luft schnappte, er stopfte beide Fäuste in den Mund,
-dann fiel sein Oberleib vornüber, so daß seine Brust beinah die Kniee
-berührte. Ein konvulsivisches Zucken ging durch seinen Körper.
-
-Wie ein Teufel stand der Alte neben ihm.
-
-»Das alles,« sagte er mit eiserner Stimme, »habe ich Herrn Baron zuvor
-gesagt, Herr Baron haben nicht hören wollen.«
-
-Eberhard gab keine Antwort. Er hatte die Hände unter den Kopf gestützt,
-er dachte nach. Merkwürdig -- mitten in der Zerrüttung seiner Seele
-fühlte er deutlich, daß er ganz klar dachte. Der ganze gestrige Abend
-war ihm gegenwärtig, alle Einzelheiten standen vor seiner Seele. Mit
-einem Ruck warf er den Kopf auf.
-
-»Aber als ich sie zuletzt sah, war sie nicht tot,« sagte er.
-
-Es war ihm plötzlich in Erinnerung gekommen, daß als er aus dem
-Bibliotheksaale ging, Annas lebloser Körper sich zu regen begonnen
-hatte.
-
-Der Alte that einen Schritt zurück; seine herabhängenden Hände ballten
-sich. Wollte der elende, verrückte Mensch da sich unterstehen, ihm zu
-sagen, daß sie nicht tot wäre? Es kam ihm vor, als sollte er um sein
-gutes Recht bestohlen werden.
-
-Eberhard hatte sich erhoben.
-
-»Wo ist meine Frau?« fragte er keuchend.
-
-»Tot ist sie!« brüllte ihm der Alte ins Gesicht. »Und das hab' ich Herrn
-Baron immer gesagt, und Herr Baron haben nicht hören wollen, und nun
-ist es gekommen, wie ich's gesagt habe! Und wenn Herr Baron mir nicht
-glauben wollen, dann ziehen Herr Baron sich an und kommen mit hinunter;
-will ich Herrn Baron zeigen, allwo daß sie da unten liegt!«
-
-Eberhard drückte beide Hände an den Kopf.
-
-»Gib mir meine Sachen!« sagte er dann, »gib mir meine Sachen!«
-
-In fliegender Hast kleidete er sich an.
-
-»Also jetzt,« sagte er dann, »vorwärts!«
-
-Schwankenden Schritts trat er auf den Flur, am Geländer sich haltend,
-wie ein Greis, arbeitete er sich, Stufe nach Stufe, die Treppe hinunter,
-und so ging es weiter, bis in den Garten hinab.
-
-Der Alte faßte ihn unter den Arm, weil er seine hülflose Schwäche sah.
-Eberhard machte eine Bewegung, als wollte er es nicht dulden, aber die
-Zeit war vorüber, da er zu gebieten hatte.
-
-»Kommen Sie,« sagte der Diener barsch. Jetzt hatte der gnädige Herr zu
-gehorchen.
-
-Den Laubgang führte er ihn entlang, bis an das Gebüsch, dann brach
-er sich durch die Büsche hindurch, und einen Augenblick darauf stand
-Eberhard vor dem frisch zugeworfenen Loch.
-
-Als er das sah, fiel er mit einem heulenden Schluchzen nieder,
-dann griff er mit den Händen in das Erdreich und begann, die Erde
-aufzuwühlen. Mit rauher Gewalt riß der Alte ihn fort.
-
-»Ah, was soll denn so etwas!« sagte er.
-
-Er nahm ihn wieder unter den Arm, noch fester als vorhin, ungefähr wie
-ein Polizist, der einen Entsprungenen geleitet. So führte er ihn aus dem
-Laubgange auf den Rasenplatz hinaus, in den Sonnenschein, und dort an
-eine Bank.
-
-»Setzen Herr Baron sich hier,« gebot er.
-
-Eberhards Widerstandskraft war gebrochen, er ließ sich nieder und
-drückte sich in die Ecke der Bank.
-
-Der Alte ging um den Rasen herum und dann, auf der andern Seite des
-Platzes, so daß er Eberhard fortwährend unter Augen behielt, auf und
-nieder. Mit dem Knüppel, den er jetzt immer bei sich trug, schlug er in
-den Erdboden, daß der Kies raschelte. Dann setzte er sich auf eine Bank,
-Eberhard gerade gegenüber, und von dort aus stierte er unverwandt auf
-diesen hin. Er hätte tagelang so sitzen können, ohne sich zu langweilen.
-
-Die »Einbrecherin« war beseitigt, er war wieder, was ihm von Gottes und
-Rechts wegen zukam, der Wärter seines »elenden, verrückten« Herrn -- er
-war zufrieden.
-
-Und inzwischen saß der unglückliche Mann, die Augen zu Boden gesenkt,
-weil er unablässig den fürchterlichen Beobachterblick auf sich gerichtet
-fühlte, erdrückt unter der Last seines Bewußtseins, das ihm jede
-Willens- und Widerstandskraft raubte, das ihn zum hülflosen Kinde in
-den Händen des grauenvollen Alten da drüben machte. Er war ja ein
-Verbrecher, ein Mörder! Was für ein Recht hat ein solcher, sich
-aufzulehnen? Er hat zu schweigen und dankbar zu sein, wenn man ihm das
-Leben läßt. Und warum ließ man ihm das Leben? Weil man annahm, daß er
-verrückt sei. Also -- er war verrückt. Sein Kinn senkte sich auf die
-Brust, sein Körper kroch förmlich in sich zusammen.
-
-Und dann kam immer wieder das merkwürdige Bewußtsein, daß er trotzdem
-ganz klar dachte. Er sträubte sich beinah dagegen. Kann ein Verrückter
-klar denken? Und dennoch war es so, und immer wieder und wieder tauchte
-die Erinnerung auf, daß sie sich zu regen begonnen hatte, als er aus
-dem Bibliotheksaale ging. Wäre nur der Alte nicht gleich bei der Hand
-gewesen, der ihn fortriß, so daß er nicht mehr Zeit behielt, noch einmal
-zurückzugehen und sich nach ihr umzusehen!
-
-Und dennoch also war sie tot? So war sie wohl nachher gestorben, nachdem
-er den Saal verlassen hatte? Er hatte ja die Grube mit eigenen Augen
-gesehen, in der sie lag -- also tot war sie wirklich?
-
-Und während er sich das alles sagte, kam immer und immer wieder ein
-Gefühl, als sei alles nicht so, als wäre sie nicht tot, nur irgendwo
-versteckt. Von der Bank, auf der er saß, konnte er die Buchenallee
-hinuntersehen, durch welche er damals mit ihr in den Park eingetreten
-war, bis hinunter an den Eichbaum, an den er damals den Kranz gehängt
-hatte. Immerfort gingen seine Augen die Allee entlang, immer war es
-ihm, als würde er dort unten am Ende der Allee plötzlich eine Gestalt
-erscheinen sehen, von der Sonne umleuchtet, eine ersehnte, geliebte
-Gestalt, als würde er auf sie zustürzen und sie ihm entgegenfliegen,
-als würde er in ihren Armen aufwachen aus gräßlichem, gräßlichem Traume,
-aufwachen als ein glückseliger Mensch zu neuem glückseligen Leben.
-
-So stark war seine Einbildung, daß er unwillkürlich von der Bank
-aufstand. Im selben Augenblick aber war schon der Aufpasser an seiner
-Seite. Er hatte die Blicke des Barons verfolgt, er sah in die Allee
-hinein -- war da etwas? Nichts.
-
-»Kommen Herr Baron,« sagte er, »es wird Zeit, daß Herr Baron etwas
-essen.« Er faßte ihn unter den Arm und schleppte ihn ins Schloß.
-
-So kam der Abend heran, und als es dunkel wurde, erfaßte eine qualvolle
-Unruhe den gepeinigten Mann. War es denn wirklich wahr, daß sie da
-draußen in der finsteren Nacht in dem finsteren tiefen Loche lag? Nein,
-nein, nein! Wenn er sich nur hätte überzeugen, nur die Grube aufwühlen
-und hineinschauen können, ob sie wirklich da unten war! Aber der Alte
-stand hinter ihm; er fühlte, wie er ihn von hinten ansah; seine Blicke
-lagen auf ihm wie Keulen. Wenn er den Versuch gemacht hätte, in den
-Garten hinauszukommen, würde jener sich wie ein Bullenbeißer auf ihn
-geworfen haben. Es schauderte ihn, schweigend kroch er wieder in sich
-zusammen.
-
-»Gehen Herr Baron jetzt zu Bett,« sagte der Alte, indem er, mit dem
-brennenden Lichte in der Hand, an die Thür des Bibliotheksaales trat.
-
-Eberhard erhob sich, dann aber, mit einem plötzlichen Griff, entriß er
-dem Diener das Licht, und ehe dieser es zu hindern vermochte, stürzte er
-damit ins Nebenzimmer.
-
-»Anna!« rief er laut und klagend, »Anna! Anna!«
-
-So lief er durch die Galerie und so von Zimmer zu Zimmer, das Licht
-emporhebend, im Kreise umherführend, mit den Augen umhersuchend in allen
-Ecken, ob er sie nicht irgendwo entdecken würde, irgendwo. Aber sie war
-nicht mehr da.
-
-So kam er in ihr Wohnzimmer, wo ihre Möbel standen und ihr Schreibtisch
-und ihre Blumen, wo alles noch erfüllt schien vom Dufte ihrer
-Persönlichkeit, und so endlich in ihr Schlafgemach. Da stand noch
-das Bett, in dem sie gelegen hatte, das einst so zierliche, jetzt so
-verwüstete Bett, und nun erfaßte es ihn wirklich wie Raserei, und er
-fing an, mit dem Lichte unter die Sofas zu leuchten und unter das
-Bett, als müßte sie da irgendwo versteckt sein, als müßte, müßte er sie
-finden.
-
-In dem Augenblick aber ertönte hinter ihm die eiserne Stimme: »Was soll
-denn so etwas? Herr Baron stecken ja noch das ganze Schloß in Brand.«
-
-Die harte Faust des Alten riß das Licht aus seiner Hand und hielt es
-hoch, so daß es ruhig stand, dann zog er ihn vom Boden empor, nahm
-seinen Arm unter seinen Arm, und indem er ihn wie in einer Zwinge
-gefangen hielt, führte er ihn hinaus, die Treppe hinauf in sein Zimmer.
-Er brachte ihn zu Bett, wie ein Kind, untersuchte noch einmal die
-Fenster.
-
-»Nun schlafen Herr Baron,« befahl er; dann riegelte er von außen die
-Thür zu.
-
-So verging Tag nach Tag, und so ein Abend nach dem andern. Jeden Tag das
-stundenlange Sitzen am Rasenplatze auf der Bank, das stumme Suchen mit
-den Augen in der Allee, jeden Abend das wandernde Licht von Zimmer
-zu Zimmer, das Suchen und Suchen und Nichtfinden, und bei Tage und
-am Abend, immerfort der Alte um ihn, hinter ihm, neben ihm, immer und
-immerfort.
-
-Im Dorfe und in der Umgegend verbreitete sich unterdessen die Nachricht,
-daß die junge Frau Baronin plötzlich gestorben sei, und dieser Nachricht
-folgte ein Gerücht, das man sich nur unter der Hand zuraunte: Der Herr
-Baron hatte seine eigene Frau umgebracht.
-
-Er war verrückt geworden, der Baron, und der alte Johann bewachte ihn.
-Der brave alte Johann!
-
-Er hatte immer großes Ansehen im Dorfe genossen, jetzt aber war er
-geradezu eine imposante Persönlichkeit geworden. Eigentlich war doch er
-jetzt der Herr vom Schloß.
-
-Wenn er mit seinem dicken Stock die Dorfstraße entlang kam, flogen
-die Mützen und Hüte von den Köpfen; er aber war ein stolzer Mann, er
-erwiderte keinen Gruß; wie ein Stier mit vorgestrecktem Kopf ging er
-seines Wegs. »Er hat jetzt halt so einen zornigen Blick,« flüsterten
-sich die Leute zu, wenn er vorüberging.
-
-Ja, er hatte einen zornigen Blick, und besonders, wenn er bei dem
-Taglöhnershause vorbeikam, wo die Eltern des Mädchens, der Franzel,
-wohnten.
-
-Die Frau war tot und hin, das wußte er ja, aber das Mädchen, das seit
-dem Abende verschwunden war, wo war das Mädchen geblieben?
-
-Jeden Vormittag, bevor er seinen Herrn herausließ, ging er durch das
-Dorf und jeden Vormittag trat er bei den alten Leuten ein.
-
-»Wißt ihr's immer noch nicht, wo daß euer Mädchen ist?«
-
-Die alten Leute zitterten am ganzen Leibe.
-
-»Nein, gnädiger Herr Johann, nischte wissen wir.«
-
-Das war die Antwort, die ihnen die Franzel eingelernt hatte, und
-währenddem saß diese auf dem Heuboden, unter dem Heu versteckt, zitternd
-wie Espenlaub.
-
-Anna war fort. Im Morgengrauen des Tages, der auf die schreckliche
-Nacht folgte, war sie, von der Franzel begleitet, zu Fuß nach der
-Eisenbahnstation gegangen. In der Tasche ihres Kleides hatte sie ihr
-Portemonnaie und in diesem ein paar Groschen Geld gefunden. So war sie
-nach Breslau zurückgelangt und hatte bei dem Onkel und der Tante
-wieder angeklopft. Wo sollte sie sonst bleiben? Und nun saß sie, eine
-verheiratete Frau, da, wo sie als Mädchen gesessen hatte, in wahrhaft
-jammervollem Zustande. Wie eine Prinzessin ausgezogen, war sie wie eine
-Bettlerin zurückgekommen.
-
-Dem Onkel und der Tante hatte sie erklären müssen, warum sie kam;
-schweren Herzens hatte sie es gethan, denn indem sie die Ereignisse
-jener Nacht andeutungsweise enthüllte, war ihr, als beginge sie einen
-Verrat an dem unglücklichen, trotz allem immer noch tief geliebten
-Manne.
-
-Der Onkel hatte nun mit einemmal »von vornherein gewußt und
-vorhergesagt, daß die ganze Geschichte Blödsinn sei und schlimm endigen
-würde«. Er gab sich kaum die Mühe, Anna zu verheimlichen, wie lästig
-ihre Anwesenheit ihm war, die er noch dazu, um nicht ins Gerede der
-Leute zu kommen, vor aller Welt verschweigen mußte. Der Zustand wurde
-mit der Zeit schier unerträglich. Da eines Tags kam aus Fahrenwald ein
-Brief für Anna, mit plumpen Schriftzügen zusammengefügt, ein Brief von
-der Franzel.
-
-Im Dorfe war es ruchbar geworden, wie der Baron Tag für Tag stundenlang
-am Rasenplatze saß, in die Allee blickend, wie er am Abend mit dem
-Lichte in der Hand durch die Zimmer lief und nach seiner Frau suchte und
-nach ihr rief. Dies alles berichtete ihr die Franzel.
-
-Als Anna dieses las, als sie erfuhr, wie er nach ihr verlangte, traf es
-sie wie ein Vorwurf ins Herz. Sie kam sich wie eine Pflichtvergessene
-vor, die von ihrem kranken Manne davongelaufen war, statt bei ihm
-auszuharren. Ein Entschluß stand in ihr auf, von dem sie zu niemand
-ein Wort sagte -- am nächsten Morgen war sie lautlos aus dem Hause des
-Onkels und der Tante verschwunden.
-
- * * * * *
-
-Es war um die Mittagsstunde. Die Sonne stand hoch, und im Sonnenschein
-saß Eberhard von Fahrenwald, in Decken gehüllt, auf seiner Bank. Ihm
-gegenüber, wie immer, der Alte als Aufpasser. Plötzlich sah dieser, wie
-der Baron, die Augen in die Allee gerichtet, aus der einen Ecke der Bank
-in die andre rutschte. Er schlug ein paarmal mit dem Stock in die Erde,
-als wollte er dem da drüben sagen, »nimm dich in acht, ich passe auf«.
-
-Aber der Baron achtete nicht auf ihn.
-
-Das war doch keine Täuschung, was er da eben gesehen hatte, daß da
-hinten eine Gestalt in hellem Kleide hinter den Büschen des Parks
-entlang und hinter den Eichbaum geschlüpft war, hinter dem sie sich
-jetzt verbarg?
-
-Und diese Gestalt -- war das nicht --?
-
-Und jetzt bog sich ein Hutrand hinter dem Baumstamme vor, ein gelber
-Hutrand, und unter dem Hutrande ein Gesicht --
-
-Gerade aufgereckt wie eine Eisenstange stand er von der Bank auf --
-in demselben Augenblick trat die Gestalt hinter dem Baume hervor und
-breitete beide Arme aus --
-
-»Anna!!« -- Es war Eberhard von Fahrenwald, der den Schrei ausgestoßen
-hatte, aber es hatte geklungen, wie wenn zehn Männer aufschrieen.
-
-Jetzt aber kam der Alte in Sprüngen über den Rasenplatz heran. Ein
-Blick in die Allee -- ein momentanes Erstarren -- dann ein Geifern und
-Knirschen wie von einem tollen Hunde. Die Allee entlang, gerade auf
-den Rasenplatz zu kam eine geschritten -- und diese eine war sie --
-die Tote! Jählings, bevor Eberhard, der immer noch wie in Erstarrung
-dastand, es verhindern konnte, stürmte der Alte, mit gesenktem Haupte,
-auf die Allee zu, Anna entgegen. Den Stock hatte er wie zum Schlage hoch
-erhoben, ein Gebrüll ertönte aus seinem Munde. Anna war unwillkürlich
-stehen geblieben, jetzt wandte sie sich um und fing an, die Allee
-zurückzulaufen. Endlich war Eberhard zu sich gekommen und zum Bewußtsein
-dessen, was sich begab. Mit einem Ruck schleuderte er den dicken
-Ueberzieher ab, den ihm der Diener heute früh angezogen hatte. Dann kam
-er gestreckten Laufes hinter dem Alten her.
-
-»Johann!« donnerte er. Seine Stimme hatte wieder den Klang früherer
-Tage, es war wieder die Stimme des Herrn.
-
-Für einen Augenblick regte sich in dem Alten wieder der Knecht; sein
-Gebrüll verstummte und einen Augenblick schwankte er auf die Seite.
-
-Dann aber brach die Wut von neuem in ihm los.
-
-»Das ist nicht wahr, daß sie lebendig sein will! Tot ist sie! Tot ist
-sie! Tot ist sie!«
-
-Und jetzt mit verdoppelter Wut raste er hinter dem flüchtenden Weibe
-her.
-
-Annas Kniee wankten und schwankten -- immer näher kamen die dröhnenden
-Schritte -- immer deutlicher vernahm sie das heisere Keuchen in ihrem
-Rücken, das belfernde Schnappen -- ihre Kräfte verließen sie -- vor
-ihren Augen wurde es dunkel -- ein schriller Schrei: »Eberhard --«
-
-Und in dem Augenblick hörte sie hinter sich ein Geräusch, wie sie es
-bis dahin nie gehört -- und als sie zusammenbrechend gegen einen Baum
-taumelte und sich umsah, erblickte sie Eberhard von Fahrenwald, der sich
-in dem Augenblick über den Alten gestürzt, ihn mit beiden Händen an der
-Gurgel gepackt hatte und mit einer Gewalt zu Boden schleuderte, daß der
-Körper sich um und um rollte und krachend in die Büsche flog.
-
-Mit einem gräßlichen Schrei raffte der Alte sich auf, mit geschwungenem
-Stock ging er seinem Herrn zu Leibe, und nun entspann sich zwischen den
-beiden Männern ein Kampf wie zwischen zwei Bären.
-
-Den Stock hatte ihm der Baron beim ersten Anprall entrissen, mit
-fletschenden Zähnen drang der Alte auf ihn ein, mit beiden Händen hielt
-Eberhard ihn am Halse gepackt, um ihn am Beißen zu verhindern. Und
-nun straffte der Körper des Barons sich zu einer letzten ungeheuren
-Anstrengung auf; mit einer Kraft, als wenn es gälte, einen Baum aus der
-Erde zu reißen, schwenkte er den Alten von rechts nach links und von
-links nach rechts, so daß er zu taumeln begann und seine Füße den Halt
-verloren, dann gab es einen schmetternden Krach, der Länge lang fiel
-der Alte zur Erde und im selben Augenblick kniete Eberhard auf seinem
-Rücken, ihm die Hände hinter dem Rücken zusammenpressend.
-
-Ein Gebrüll, das nichts Menschliches mehr hatte, ein Geblöck, wie das
-eines wütigen Stieres, brach aus der Brust des Alten; mit den Zähnen biß
-er in die Erde; bläulicher Schaum stand auf seinen Lippen.
-
-In diesem Augenblick kamen mehrere Männer, die auf den Feldern in der
-Nähe beschäftigt gewesen waren und die furchtbaren Töne im Innern des
-Parks vernommen hatten, eilend die Allee entlang.
-
-»Hierher, Leute, hierher!« rief Eberhard ihnen entgegen.
-
-Als sie aber den Baron auf dem Johann knieen sahen, wurden sie stutzig
-und blieben stehen. Sie glaubten nicht anders, als daß der Wahnsinnige
-seinen Wärter überwältigt hatte. Was sollten sie thun?
-
-Jetzt trat Anna auf sie zu.
-
-»Helft dem Herrn Baron, lieben Leute, helft ihm!«
-
-Die Männer prallten zurück -- die Frau Baronin? Aber die Frau Baronin
-war ja tot?
-
-Anna begriff ihr Zaudern und Stutzen.
-
-»Es ist nicht wahr, was euch der Johann gesagt hat! Ich bin nicht tot;
-der Johann ist wahnsinnig, nicht der Baron, nicht der Baron!«
-
-Noch einen Augenblick standen die Männer wie besinnungslos; ihre
-schweren Gehirne konnten einen so völligen Umschwung aller Verhältnisse
-nicht so rasch fassen.
-
-Dann aber kamen sie im Sturm heran; im nächsten Augenblick war der Alte
-von zehn kräftigen Händen gepackt, weggerissen und unschädlich gemacht.
-
-»Bringt ihn ins Schloß,« gebot Eberhard von Fahrenwald, noch atemlos,
-aber mit ruhiger Sicherheit in der Stimme. »In die Stube unten, neben
-der Küche, mit den Eisengittern vor dem Fenster. Heute nachmittag fahre
-ich selbst mit ihm nach Breslau und bringe ihn ins Irrenhaus.«
-
-»Is gutt, gnädiger Herr Baron, is gutt,« kam es zur Antwort. Wer so
-sprechen und befehlen konnte, war vernünftig, das war ihnen klar.
-
-Die Männer zogen mit dem Wahnsinnigen ab; Anna und der Baron blieben
-zurück; an der Stätte, die eben von dem furchtbaren Lärm erfüllt gewesen
-war, trat eine tiefe Stille ein. Annas Kraft war zu Ende; sie saß am
-Rande des Wegs, hatte ihr Taschentuch hervorgezogen und weinte still in
-ihr Tuch hinein.
-
-Ihr gegenüber, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, stand Eberhard
-von Fahrenwald. Seine breite Brust arbeitete noch von dem überstandenen
-Kampfe; seine Augen ruhten stumm auf seiner Frau.
-
-So verging geraume Zeit. Dann erhob sie langsam das Haupt und wandte es
-zu ihm herum. Er that einen Schritt auf sie zu; es sah aus, als wollte
-er etwas sagen, aber bevor er noch dazu gelangt war, sprang sie auf,
-breitete die Arme aus und mit einem Schrei der Liebe flog sie an seine
-Brust.
-
-»Umarme mich,« sagte sie, »ich will, daß die Arme mich umfangen, die
-mich vom Tode gerettet haben!«
-
-Als sie das sagte, brachen auch ihm die Thränen aus den Augen,
-unaufhaltsam, wie ein Strom. Ja -- er hatte sie zum Leben errettet; und
-sie wußte es und hatte es ihm gesagt.
-
-Er drückte sie an sich, nicht mit der wilden Glut und nicht mit der
-ängstlichen Scheu der früheren Tage, sondern mit der Sicherheit der
-warmen bewußten Liebe.
-
-»Anna,« sagte er leise und innig; und er küßte ihr Gesicht, das
-hingegeben zu ihm aufblickte.
-
-Dann legte er die Arme um sie, und sie schlugen den Weg zum Schlosse
-ein.
-
-»Siehst du nun,« sagte er, »wie es mir ergangen ist; dreißig Jahre bin
-ich alt geworden, und heute ist der erste Tag, da ich lebe. Siehst du,
-es ist wunderbar, wie sich einem das ganze Leben in einem Augenblick
-zusammendrängen kann: solch ein Augenblick ist es für mich gewesen,
-als ich den Alten zu Boden gekriegt hatte und auf ihm kniete. In dem
-Augenblick -- ich kann's mir nicht anders erklären -- ist der Bann
-gebrochen gewesen, der mich dreißig Jahre lang gehalten hat. Der Alte,
-siehst du, war mir gewissermaßen von meinem Vater vermacht; darum ist er
-von meiner Kindheit an fortwährend um mich gewesen und ich habe wie an
-etwas Unfehlbares an ihn geglaubt. Und weil er sich vom ersten Tage an
-eingebildet hat, daß er zum Wärter eines Wahnsinnigen bestellt wäre, so
-ist es ihm allmählich zur fixen Idee geworden, daß ich wahnsinnig sei
-und nichts andres sein dürfte.«
-
-Von der schrecklichen Vorstellung überwältigt, schwieg er. Dann preßte
-er sie leise mit dem Arm.
-
-»Mir ist das alles in dem einen Augenblick klar geworden. Kannst du es
-dir vorstellen?«
-
-An seine Schulter gelehnt, mit ihm dahinschreitend, drückte Anna seine
-Hand.
-
-»Ja, vollkommen,« erwiderte sie, »das was sich in dir geregt hat,
-war die Gesundheit, die sich wider die Krankheit wehrte, die man ihr
-aufzwingen wollte. Du warst vernünftig und bist bewacht worden von einem
-Wahnsinnigen. Nun aber wollen wir leben!«
-
-Es war, als wenn ein frischer Lebensquell in ihr aufgesprungen wäre; in
-der Stunde, da sie auf der Schwelle des Todes gestanden und ihr Gatte
-sie ins Leben zurückgerissen hatte, war sie zur Lebensgefährtin ihres
-Mannes gereift.
-
-Sie betraten das Schloß.
-
-An den Wänden hingen die zerschmetterten Spiegel, das Glas bedeckte noch
-jetzt den Fußboden, Annas Schlafgemach stand noch in der Unordnung, in
-der es sich befunden hatte, als sie damals das Schloß verließ -- ein
-Bild der Verwahrlosung und Verwüstung.
-
-Anna blieb stehen und faßte ihren Gatten an beiden Händen.
-
-»Eberhard,« sagte sie, »wir müssen zu einem Entschluß kommen. Dein Vater
-hat dir den alten Diener vermacht; er hat geglaubt, dir einen Segen
-damit zu bereiten -- du hast erfahren, was es gewesen ist. Siehst du,
-wie soll ich's dir sagen, ich meine, man kann nur leben, wenn sein Leben
-einem gehört; und dein Leben hat dir bis heute nicht gehört. Du hast es
-wie ein Erbteil empfunden, das zur Hälfte dir, zur andern Hälfte deinen
-Vorfahren gehörte. Komm und laß uns überlegen, wie wir's anfangen, daß
-wir nun wirklich unser eigenes Leben leben.«
-
-Er sah sie mit strahlenden Augen an.
-
-»Den Anfang dazu weiß ich,« versetzte er. »Diese Ahnengalerie, die
-hier seit Jahrhunderten gehangen hat und jetzt als eine Sammlung
-Abgeschiedener immer noch mitten in unsren Wohnräumen hängt, lass' ich
-hinaufschaffen in den oberen Stock. Da mögen sie hängen, als das, was
-sie sind, als historische Reliquien. Denn die Erinnerung, scheint mir,
-ist schließlich doch wie ein Leichnam im lebendigen Dasein, und
-darum ist mir immer zu Mute gewesen, als lebte ich fortwährend in der
-Gesellschaft von Toten.«
-
-»So ist's recht,« erwiderte sie, »und nun noch eins. Wir können über die
-Erinnerung an jenen bewußten bösen Abend nicht so hinweg, und wenn
-wir's mit Gewalt versuchen, werden wir wieder krank. Du hast mich einmal
-gefragt, ob wir eine Hochzeitreise machen wollten, ich hab's damals
-nicht gewollt -- nun schlag' ich dir vor, Eberhard, wir wollen reisen,
-und wenn wir wiederkommen, bringen wir die große weite Welt in unsren
-Seelen mit und schließen uns nicht mehr, wie bisher, in unsrem Schlosse
-ein, sondern denken und sorgen für die Menschen um uns her -- und
-wenn man für Menschen zu sorgen hat, behält man keine Zeit, sich vor
-Gespenstern zu sorgen.«
-
-In tiefer Freude schloß er seine junge, kluge, mutige Frau in die Arme.
-
-»Heute nachmittag,« sagte er, »fange ich mit meinen Pflichten an, indem
-ich den Alten nach Breslau in die Anstalt bringe, und morgen früh reisen
-wir in die Welt. Reisen wir ganz allein?«
-
-»Nur eine soll uns begleiten,« erwiderte sie lächelnd, »die gute treue
-Franzel.«
-
-Und so geschah es.
-
-Im August reiste der Freiherr von Fahrenwald mit seiner Gattin ab, und
-als im Mai des nächsten Jahres der Frühling wieder in das schlesische
-Paradies herabstieg, kamen sie zum Schlosse Fahrenwald zurück.
-
-Heute stiegen sie nicht am Parkrande aus, heute fuhren sie durch das
-Dorf, heute gingen sie nicht, einsam wie damals, vor der Welt versteckt,
-durch den einsamen Park, heute durchschritten sie, Hände schüttelnd,
-grüßend und lächelnd, die Bewohnerschaft des Dorfes, die sich festlich
-gesammelt hatte und, den Schulzen an der Spitze, die Herrschaft
-bewillkommnete.
-
-Der Schritt des Barons war elastisch und frisch, der der jungen
-Frau Baronin, die an seinem Arme hing, etwas gehemmt, und auf ihrem
-freundlichen Gesichte lag eine leise schamhafte Röte.
-
-»Nu sag mir, Franzel,« sagte am Abende nach der Ankunft die alte
-Taglöhnersfrau, die in der Zwischenzeit mit ihrem Manne die Obhut über
-das Schloß geführt hatte und jetzt auf ihm als wohlbestallte Verwalterin
-eingesetzt war, »nu sag mir. Mit unsrer Frau Baronin -- hm?«
-
-Die Franzel nickte und kicherte, und was die beiden sich mit halben
-Worten unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatten, kam im
-Juni ans Licht, als in dem Schlafgemache, zu dessen geöffneten Fenstern
-die Frühlingsluft hereinströmte und der Sang der Vögel hereintönte,
-unter dem blauseidenen Betthimmel ein reizender, rosiger, kleiner
-Fahrenwald neben der blassen, glückseligen jungen Mutter lag.
-
-»Daß du doch das Schenken nicht lassen kannst, du Unverbesserlicher,«
-sagte sie lächelnd zu dem Manne, der glücküberströmt neben ihr stand
-und soeben einen großen köstlichen, mit einem Brillantenbande
-zusammengebundenen Blumenstrauß auf ihr Bett gelegt hatte.
-
-»Seit einem Jahr das erste Mal wieder,« entgegnete er, indem er sein
-Gesicht auf das ihrige niederbeugte und sie mit tiefer Seligkeit auf
-Mund und Stirn und Augen küßte.
-
-Und wieder einige Zeit später, als der Sommer in voller schwerer Wucht
-auf der Erde lag, vernahm der Mann, der dort oben in seinem Bette eben
-vom Schlaf erwachte, einen Ruf von unten, wie den Ruf der Lerche,
-die zum Leben weckt. Aber es war nicht die Lerche und auch nicht die
-Nachtigall, und als er ans Fenster stürzte, sah er im Garten dort unten,
-zwischen den Blumenbeeten wandelnd, seine Frau, seine Anna, die heute
-zum erstenmal ins Freie gekommen war.
-
-Das Kindermädchen ging hinter ihr, den Kleinen im Kissen tragend; und
-als am Fenster droben das Gesicht des Vaters erschien, nahm Anna das
-Kind in ihre Arme. Nicht mit dem Taschentuche wehte sie heute, heute
-winkte sie mit dem Kinde: »Komm herunter, Eberhard, hier unten ist's
-wundervoll.«
-
-Und er kam, wie ein Sturmwind kam er hinunter zu Mutter und Kind, und es
-war, wie sie gesagt hatte -- wundervoll -- wundervoll.
-
-
-Ende.
-
-
-
-
-=ENGELHORNS=
-
-~Allgemeine~
-
-~#Romanbibliothek#~.
-
-Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.
-
-Alle vierzehn Tage erscheint ein Band.
-
-Preis pro Band 50 Pf. Elegant in Leinwand geb. 75 Pf.
-
-
-Als vor nunmehr zehn Jahren unsre roten Bände ihren ersten Flug in die
-Welt wagten, begegneten sie manchen Zweifeln, ob ihr Prinzip #billig und
-gut# ihnen Bahn zu brechen im stande sein werde.
-
-Bald aber zeigte es sich, daß der Gedanke, dem deutschen Volke
-die besten Erzeugnisse der Romanlitteratur aller Nationen zu einem
-beispiellos billigen Preise bei guter und geschmackvoller Ausstattung
-und in handlicher Form zu bieten, nicht nur lebensfähig, sondern
-geradezu zündend war.
-
-Seither hat sich unser Unternehmen mehr und mehr eingebürgert, und
-auf Schritt und Tritt begegnet man den schmucken Bänden, die sowohl am
-häuslichen Herd, als auch auf der Reise und im Bade zum unentbehrlichen
-Freund und Begleiter geworden sind.
-
-Der bisher erzielte Erfolg ist uns nicht nur ein Sporn geworden, sondern
-macht es uns auch möglich, nicht stillzustehen, vielmehr rüstig auf der
-betretenen Bahn weiterzuschreiten. Mit wachsamem Auge verfolgen wir die
-Romanproduktion, und kein Opfer soll uns zu groß sein, wenn es gilt, ein
-hervorragendes Werk für unsre Sammlung zu erwerben.
-
-Die bisher erschienenen, in dem nachfolgenden Verzeichnis aufgeführten
-Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung zum Preise von
-#50 Pf.# für den broschierten und #75 Pf.# für den gebundenen Band
-bezogen werden.
-
-
-Erster Jahrgang.
-
- #Der Hüttenbesitzer.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französ. 2 Bände.
-
- #Aus Nacht zum Licht.# Von ^Hugh Conway^. Aus dem Englischen.
-
- #Zéro.# Eine Geschichte aus Monte Carlo. Von Mrs. ^Praed^. Aus dem
- Englischen.
-
- #Wassilissa.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- #Vornehme Gesellschaft.# Von ^H. Aïdé^. Aus dem Englischen.
-
- #Gräfin Sarah.# Von ^G. Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- #Unter der roten Fahne.# Von Miß ^M. E. Braddon^. Aus d. Englischen.
-
- #Abbé Constantin.# Von ^L. Halévy^. Aus dem Französischen.
-
- #Ihr Gatte.# Von ^G. Verga^. Aus dem Italienischen.
-
- #Ein gefährliches Geheimnis.# Von ^Charles Reade^. Aus d. Engl.
- 2 Bde.
-
- #Gérards Heirat.# Von ^André Theuriet^. Aus dem Französischen.
-
- #Dosia.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen.
-
- #Ein heroisches Weib.# Von ^J. I. Kraszewski^. Aus dem Polnischen.
-
- #Eheglück.# Von ^W. E. Norris^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- #Schiffer Worse.# Von ^Alex. Kielland^. Aus dem Norwegischen.
-
- #Ein Ideal.# Von ^Marchesa Colombi^. Aus dem Italienischen.
-
- #Dunkle Tage.# Von ^Hugh Conway^. Aus dem Englischen.
-
- #Novellen# von ^Hjalmar Hjorth Boyesen^. _Glitzer-Brita._ -- _Einer,
- der seinen Namen verlor._ Deutsch von _Friedrich Spielhagen_. --
- _Ein Ritter vom Danebrog._ Aus dem Englischen.
-
- #Die Heimkehr der Prinzessin.# Von ^Jacques Vincent^. Aus d.
- Französ.
-
- #Ein Mutterherz.# Von ^A. Delpit^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
-
-Zweiter Jahrgang.
-
- #Der Steinbruch.# Von ^G. Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- #Helene Jung.# Von ^Paul Lindau^.
-
- #Maruja.# Von ^Bret Harte^. Aus dem Englischen.
-
- #Die Sozialisten.# Aus dem Englischen.
-
- #Criquette.# Von ^L. Halévy^. Aus dem Französischen.
-
- #Der Wille zum Leben. -- Untrennbar.# Von ^Adolf Wilbrandt^.
-
- #Die Illusionen des Doktor Faustino.# Von ^Valera^. Aus d. Span.
-
- #Zu fein gesponnen.# Von ^B. L. Farjeon^. Aus dem Englischen.
- 2 Bände.
-
- #Gift.# Von ^Alexander Kielland^. Aus dem Norwegischen.
-
- #Fortuna.# Von ^Alexander Kielland^. Aus dem Norwegischen.
-
- #Lise Fleuron.# Von ^G. Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- #Aus des Meeres Schaum. -- Aus den Saiten einer Baßgeige.# Von
- ^Salvatore Farina^. Aus dem Italienischen.
-
- #Auf der Woge des Glücks.# Von ^Bernhard Frey^. (_M. Bernhard._)
-
- #Die hübsche Miß Neville.# Von ^B. M. Croker^. Aus dem Engl. 2 Bde.
-
- #Die Verstorbene.# Von ^Octave Feuillet^. Aus dem Französischen.
-
- #Mein erstes Abenteuer und andere Geschichten.# Von ^Hans Hopfen^.
-
- #Ihr ärgster Feind.# Von Mrs. ^Alexander^. Aus d. Englischen. 2 Bde.
-
- #Ein Fürstensohn. -- Zerline.# Von ^Claire von Glümer^.
-
- #Von der Grenze.# Novellen von ^Bret Harte^. Aus dem Englischen.
-
- #Eine Familiengeschichte.# Von ^Hugh Conway^. Aus d. Englischen.
- 2 Bde.
-
-
-Dritter Jahrgang.
-
- #Die Versaillerin.# Von ^Ernst Remin^. 2 Bände.
-
- #In Acht und Bann.# Von Miß ^M. E. Braddon^. Aus dem Englischen.
-
- #Die Tochter des Meeres.# Von ^Johanne Schjörring^. Aus dem
- Dänischen.
-
- #Lieutenant Bonnet.# Von ^Hector Malot^. Aus d. Französ. 2 Bände.
-
- #Pariser Ehen.# Von ^E. About^. Aus dem Französischen.
-
- #Hanna Warners Herz.# Von ^Florence Marryat^. Aus d. Englischen.
-
- #Eine Tochter der Philister.# Von ^Hjalmar Hjorth Boyesen^. Aus dem
- Englischen. 2 Bände.
-
- #Savelis Büßung.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen.
-
- #Die Damen von Croix-Mort.# Von ^Georges Ohnet^. Aus d. Französ.
- 2 Bände.
-
- #Die Glocken von Plurs.# Von ^Ernst Pasqué^.
-
- #Fromont junior und Risler senior.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem
- Französischen. 2 Bände.
-
- #Der Genius und sein Erbe.# Von ^Hans Hopfen^.
-
- #Ein einfach Herz.# Von ^Charles Reade^. Aus dem Englischen.
-
- #Baccarat.# Von ^Hector Malot^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- #Mein Freund Jim.# Von ^W. E. Norris^. Aus dem Englischen.
-
- #Hanna.# Von ^Heinr. Sienkiewicz^. Aus dem Polnischen.
-
- #Das beste Teil.# Von ^Léon de Tinseau^. Aus dem Französischen.
-
- #Lebend oder tot.# Von ^Hugh Conway^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- #Die Familie Monach.# Von ^Robert de Bonnières^. Aus dem Französ.
-
-
-Vierter Jahrgang.
-
- #Eine neue Judith.# Von ^H. Rider Haggard^. Aus d. Englischen.
- 2 Bde.
-
- #Schwarz und Rosig.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französischen.
-
- #Das Tagebuch einer Frau.# Von ^Octave Feuillet^. Aus dem Französ.
-
- #Jahre des Gärens.# Von ^Ernst Remin^. 2 Bände.
-
- #Gute Kameraden.# Von ^H. Lafontaine^. Aus dem Französischen.
-
- #Die Töchter des Commandeurs.# Von ^Jonas Lie^. Aus dem Norweg.
-
- #Zita.# Von ^Hector Malot^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- #Die Erbschaft Xenias.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen.
-
- #Kinder des Südens.# Von ^Rich. Voß^.
-
- #Daniele Cortis.# Von ^A. Fogazzaro^. Aus dem Italienischen.
- 2 Bände.
-
- #Die Herz-Neune.# Von ^B. L. Farjeon^. Aus dem Englischen.
-
- #Sie will.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- #Die Kinder der Excellenz.# Von ^Ernst v. Wolzogen^.
-
- #Um den Glanz des Ruhmes.# Von ^Salvatore Farina^. Aus dem Ital.
-
- #Der Nabob.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Französischen. 3 Bände.
-
- #Der kleine Lord.# Von ^F. H. Burnett^. Aus dem Englischen.
-
- #Der Prozeß Froideville.# Von ^André Theuriet^. Aus d.
- Französischen.
-
- #Stella.# Von Miß ^M. E. Braddon^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
-Fünfter Jahrgang.
-
- #Robert Leichtfuß.# Von ^Hans Hopfen^. 2 Bände.
-
- #Der Unsterbliche.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Französischen.
-
- #Lady Dorotheas Gäste.# Von ^Ouida^. Aus dem Englischen.
-
- #Marchesa d'Arcello.# Von ^Memini^. Aus dem Italienischen. 2 Bände.
-
- #Was der heilige Joseph vermag.# Aus dem Französischen.
-
- #Alessa. -- Keine Illusionen.# Von ^Claire von Glümer^.
-
- #Wie in einem Spiegel.# Von ^F. C. Philips^. Aus d. Englischen.
- 2 Bände.
-
- #Schnee.# Von ^Alexander Kielland^. Aus dem Norwegischen.
-
- #Jean Mornas.# Von ^Jules Claretie^. Aus dem Französischen.
-
- #Auf der Fährte.# Von ^H. F. Wood^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- #Satisfaction. -- Das zersprungene Glück. -- La Speranza.# Von
- ^Alexander Baron von Roberts^.
-
- #Die Scheinheilige.# Von ^Karoline Gravière^. Aus dem Französischen.
-
- #Doktor Rameau.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französ. 2 Bände.
-
- #Frau Regine.# Von ^Emil Peschkau^.
-
- #Zwei Brüder.# Von ^Guy de Maupassant^. Aus dem Französischen.
-
- #Mein Sohn.# Von ^Salvatore Farina^. Aus dem Italienischen. 2 Bände.
-
- #Dosias Tochter.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen.
-
- #Der Lotse und sein Weib.# Von ^Jonas Lie^. Aus dem Norwegischen.
-
- #Numa Roumestan.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Französischen.
- 2 Bände.
-
-
-Sechster Jahrgang.
-
- #Die tolle Komteß.# Von ^Ernst v. Wolzogen^. 2 Bände.
-
- #Eine Sirene.# Von ^Léon de Tinseau^. Aus dem Französischen.
-
- #Jack und seine drei Flammen.# Von ^F. C. Philips^. Aus dem
- Englischen.
-
- #Mr. Barnes von New-York.# Von ^A. C. Gunter^. Aus d. Engl. 2 Bde.
-
- #Gertruds Geheimnis.# Von ^André Theuriet^. Aus dem Französischen.
-
- #Wunderbare Gaben# und andere Geschichten. Von ^Hugh Conway^. Aus
- dem Englischen.
-
- #Letzte Liebe.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
-
- #Die Sabinerin. -- Felice Leste. -- Die Mutter der Catonen.# Von
- ^Richard Voß^.
-
- #Mia.# Von ^Memini^. Aus dem Italienischen.
-
- #Diana Barrington.# Von ^B. M. Croker^. Aus d. Englischen. 2 Bände.
-
- #Der reine Thor.# Von ^Karl v. Heigel^.
-
- #Ein Kirchenraub. -- Junge Liebe.# Von ^H. Pontoppidan^. Aus dem
- Dänischen.
-
- #Die Könige im Exil.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus d. Französ.
- 2 Bände.
-
- #Die verhängnisvolle Phryne.# Von ^F. C. Philips^ u. ^C. J. Wils^.
- Aus dem Englischen.
-
- #Sergius Panin.# Von ^Georges Ohnet^. Aus d. Französischen. 2 Bände.
-
- #Achtung Schildwache!# und andere Geschichten. Von ^Mathilde Serao^.
- Aus dem Italienischen.
-
- #Salonidylle.# Von ^H. Rabusson^. Aus dem Französischen.
-
- #Mr. Potter aus Texas.# Von ^A. C. Gunter^. Aus dem Engl. 2 Bände.
-
- #Ein gefährliches Werkzeug.# Von ^D. C.^ u. ^H. Muray^. Aus d. Engl.
-
-
-Siebenter Jahrgang.
-
- #Preisgekrönt.# Von ^Alexander Baron von Roberts^. 2 Bände.
-
- #Die Seele Pierres.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französischen.
-
- #Zum Kinderparadies.# Von ^André Theuriet^. Aus dem Französischen.
-
- #Imogen.# Von ^Hamilton Aïdé^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- #Port Tarascon.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Fanzösischen.
-
- #Ein Mann von Bedeutung.# Von ^Anthony Hope^. Aus d. Englischen.
-
- #Ohne Liebe.# Von ^Fürst Galitzin^. Aus dem Russischen. 2 Bände.
-
- #Die Erbin.# Von ^W. E. Norris^. Aus dem Englischen.
-
- #Die kühle Blonde.# Von ^Ernst v. Wolzogen^. 2 Bände.
-
- #Mein Pfarrer u. mein Onkel.# Von ^Jean de la Brète^. Aus d.
- Französ.
-
- #Der Mönch von Berchtesgaden# und andere Erzählungen. Von ^Rich.
- Voß^.
-
- #Oberst Quaritch.# Von ^H. Rider Haggard^. Aus dem Engl. 2 Bände.
-
- #Noras Roman.# Von ^Emil Peschkau^.
-
- #Auf Vorposten# und andere Geschichten. Von ^F. de Renzis^. Aus dem
- Italienischen.
-
- #Versiegelte Lippen.# Von ^Léon de Tinseau^. Aus d. Französ.
- 2 Bände.
-
- #Aus den Papieren eines Wanderers.# Von ^Jeffery C. Jeffery^. Aus
- dem Englischen.
-
- #Mein Onkel Scipio.# Von ^André Theuriet^. Aus dem Französischen.
-
- #Wie's im Leben geht.# Von ^A. Delpit^. Aus dem Französischen.
- 2 Bde.
-
- #Verhängnis.# Von ^F. de Renzis^. Aus dem Italienischen.
-
-
-Achter Jahrgang.
-
- #Irgend ein Anderer.# Von ^B. M. Croker^. Aus d. Englischen.
- 2 Bände.
-
- #Fräulein Reseda. -- Ein Mann der Erfolge.# Von ^Julien Gordon^. Aus
- dem Englischen.
-
- #Künstlerehre.# Von ^Octave Feuillet^. Aus dem Französischen.
-
- #In frischem Wasser.# Von ^Helene Böhlau^. 2 Bände.
-
- #Die geprellten Verschwörer.# Von ^W. E. Norris^. Aus dem
- Englischen.
-
- #Daphne.# Nach =A Diplomat's Diary= von ^Julien Gordon^, deutsch
- bearb. von _Friedrich Spielhagen_.
-
- #Ein Genie der That.# Von ^Ernst Remin^. 2 Bände.
-
- #Mischa.# Von ^Maguerite Poradowska^. Aus dem Französischen.
-
- #Der Thronfolger.# Von ^Ernst von Wolzogen^. 2 Bände.
-
- #Im Reisfeld. -- Ohne Liebe.# Von ^Marchesa Colombi^. Aus d. Ital.
-
- #Eine Künstlerin.# Von ^Jeanne Mairet^. Aus dem Französischen.
-
- #Miß Niemand.# Von ^A. C. Gunter^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- #Marienkind.# Von ^Paul Heyse^.
-
- #Schwarzwaldgeschichten.# Von ^Hermine Villinger^.
-
- #Jack.# Von ^Alphonse Daudet^. Aus dem Französischen. 3 Bände.
-
- #Der schwarze Koffer.# Aus dem Engl.
-
- #Der Affenmaler.# Von ^Jeanne Mairet^. Aus dem Französischen.
-
- #Schwer geprüft.# Von ^J. Masterman^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
-
-Neunter Jahrgang.
-
- #Im Schuldbuch des Hasses.# Von ^Georges Ohnet^. Aus d. Französ.
- 2 Bände.
-
- #Meine offizielle Frau.# Von ^Col. Richard Henry Savage^. Aus d.
- Engl.
-
- #Sein Genius.# Von ^Claus Zehren^.
-
- #Ein Zugvogel.# Von ^B. M. Croker^. Aus dem Englischen. 2 Bände.
-
- #Violette Merian.# Von ^Augustin Filon^. Aus dem Französischen.
-
- #Fräulein Kapitän.# Eine Eismeergeschichte von ^Max Lay^.
-
- #Ein puritanischer Heide.# Von ^Julien Gordon^. 2 Bde. Aus d. Engl.
-
- #Das Stück Brot und andere Geschichten.# Von ^François Coppée^. Aus
- dem Französischen.
-
- #In der Prairie verlassen.# Von ^Bret Harte^. Aus dem Englischen.
-
- #Zwischen Lipp' und Kelchesrand.# Von ^Charles de Berkeley^. Aus dem
- Französischen. 2 Bände.
-
- #Mein erster Klient und andere Geschichten.# Von ^Hugh Conway^. Aus
- dem Englischen.
-
- #Auf steinigen Pfaden.# Von ^Léon de Tinseau^. Aus dem
- Französischen.
-
- #Heimatlos.# Von ^Hector Malot^. 3 Bände. Aus dem Französischen.
-
- #Baronin Müller.# Von ^Karl von Heigel^.
-
- #In guter Hut.# Von ^Jeanne Mairet^. Aus dem Französischen.
-
- #Das Kind.# Von ^Ernst Eckstein^.
-
- #Das Haus am Moor.# Von ^Florence Warden^. Aus d. Englischen. 2 Bde.
-
- #Giovannino oder den Tod! -- Dreißig Prozent.# Von ^Mathilde Serao^.
- Aus dem Italienischen.
-
- #Des Seemanns Tagebuch.# Von ^Gustave Toudouze^. Aus d. Französ.
-
-
-Zehnter Jahrgang.
-
- #Das Geheimnis des Hauslehrers.# Von ^Victor Cherbuliez^. 2 Bände.
-
- Ein wirklich herzerfreuendes Buch ist es, das der beliebte Erzähler
- hier darbietet; ein Kunstwerk, bezaubernd in Form und Inhalt. Zwei
- reizvolle Vertreterinnen der heutigen Jugend hat er erwählt, und mit
- Geist und Grazie weiß er sie zu schildern.
-
- #Das wandernde Licht.# Von ^Ernst v. Wildenbruch^.
-
- Diese Novelle des berühmten Dichters ist das durchaus ungewöhnliche
- Werk eines selbständigen Geistes, voll Leben und dramatischer Kraft.
-
-
-Die nachstehenden Romane sind auch in einer #zu Geschenken ganz
-besonders geeigneten#
-
-=Salon-Ausgabe=
-
-auf #feines, extra starkes Papier# gedruckt und in #elegantem
-Liebhaber-Einband# zum Preise von #M. 2.-- für den einfachen und M. 3.--
-für den doppelten Band# erschienen.
-
-
-Einfache Bände:
-
- ^Burnett^, #Der kleine Lord#.
- ^Feuillet^, #Das Tagebuch einer Frau#.
- ^Paul Lindau^, #Helene Jung#.
- ^Voß^, #Kinder des Südens#.
- #Was der heilige Joseph vermag#.
- ^v. Wolzogen^, #Die Kinder der Excellenz#.
-
-
-Doppel-Bände:
-
- ^Conway^, #Eine Familiengeschichte#.
- ^Croker^, #Die hübsche Miß Neville#.
- ^Hopfen^, #Robert Leichtfuß#.
- ^Ohnet^, #Der Hüttenbesitzer#.
- ^v. Wolzogen^, #Der Thronfolger#.
- " #Die tolle Komteß#.
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Hinweise zur Transkription
-
-Die Verlagsreklame wurde am Buchende zusammengefasst.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Schooß"
--- "Schoß",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 22:
- "." eingefügt
- (Erstaunt, beinahe erschreckt, blickte sie auf.)
-
- Seite 42:
- "," eingefügt
- (»Ich hatte geglaubt,« sagte er langsam)
-
- Seite 68:
- "," geändert in "."
- (Stumm drückte sie ihm die Hand.)
-
- Seite 72:
- "," eingefügt
- (fuhr er fort, »weil ich sah)
-
- Seite 90:
- "«" entfernt hinter "Vermögen?"
- (Ja, wo war denn ihr eigenes Vermögen?)
-
- Seite 99:
- "," geändert in "."
- (ihre Kniee aneinander, als wollte er sie zermalmen.)
-
- Seite 109:
- "," eingefügt hinter "trug"
- (eines der braunsamtnen Pantöffelchen, die sie trug, vom Fuße)
-
- Seite 123:
- "Entsetz-ichen" geändert in "Entsetzlichen"
- (von all dem Dunklen, Entsetzlichen!)
-
- Seite 127:
- "," eingefügt
- (»Bist du's, Eberhard?« fragte sie schläfrig.)
-
- Seite 130:
- "«" eingefügt
- (»Aber Eberhard -- was machst du denn?«)
-
- Seite 134:
- "," eingefügt
- (»Hilf mir!« seufzte sie, »hilf mir!«)
-
- Seite 141:
- "," geändert in "."
- (und in zwei bammelnden Enden über seinen Arm hing.)
-
- Seite 155:
- "»" entfernt vor "dreißig"
- (ergangen ist; dreißig Jahre bin ich alt geworden)
-
- im Reklameteil:
- "Fortsetzung siehe am Schluß dieses Bandes." wurde entfernt
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WANDERNDE LICHT***
-
-
-******* This file should be named 55580-8.txt or 55580-8.zip *******
-
-
-This and all associated files of various formats will be found in:
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-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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