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-The Project Gutenberg EBook of Das Weiberdorf, by Clara Viebig
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Das Weiberdorf
-
-Author: Clara Viebig
-
-Illustrator: Max Liebermann
-
-Release Date: September 16, 2017 [EBook #55565]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WEIBERDORF ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Norbert Müller, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
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- Das Weiberdorf
-
-
-Einundzwanzigste Auflage
-
-
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-
- Von =C. Viebig= sind folgende Werke im Verlage von
- #Egon Fleischel & Co. / Berlin W# / erschienen:
-
- =Romane=: Rheinlandstöchter / Dilettanten des
- Lebens / Es lebe die Kunst / Das tägliche Brot
- / Das Weiberdorf / Die Wacht am Rhein / Vom
- Müller-Hannes / Das schlafende Heer / Einer Mutter
- Sohn / =Novellen=: Kinder der Eifel / Vor Tau und
- Tag / Die Rosenkranzjungfer / Naturgewalten /
- =Theater=: Barbara Holzer. Schauspiel / Pharisäer.
- Komödie / Der Kampf um den Mann. Dramenzyklus.
-
-
-
-
- Das Weiberdorf
-
- Roman aus der Eifel
-
- von
-
- C. Viebig
-
- Mit Umschlagzeichnung von
-
- Professor Max Liebermann
-
- Egon Fleischel & Co.
- Berlin
- 1907
-
-
-
-
- Alle Rechte
- vorbehalten
-
-
-
-
- I.
-
-
-Trapp, trapp -- hart klingen die Schritte auf der steinigen Landstraße.
-Männer, ein ganzer Trupp! Und nun noch ein Trupp und etwas weiter
-zurück kommt noch ein dritter. Männer mit Schweiß auf den Stirnen, mit
-Staub auf den Stiefeln, mit der ganzen Glut des frühen Sommers und
-des hastigen Wanderns auf den geröteten Gesichtern. Jeder trägt sein
-Bündel am Stecken über der Schulter, paarweise schleppen sie auch ein
-Köfferchen; alle haben sie die Taschen der städtischen Sonntagsröcke
-vollgestopft zum Platzen.
-
-Nun halten sie an auf der Höhe von Schwarzenborn und verschnaufen.
-
-Da unten liegt das Salmthal, schmal und grün und lieblich. Die klare
-Salm schlängelt sich als Silberband; dort, an der letzten Krümmung,
-ragen die Ruinen von Kloster Himmerod, schon verschleiert vom
-Abendduft, und da, dicht zu Füßen, scheinbar mit einem Steinwurf zu
-erreichen, Eifelschmitt! Daheim, daheim!
-
-Ein froher Schein glitt über die heißen Gesichter, ein tiefer Atemzug
-hob jedem der Wanderer die Brust unter dem zerknüllten Hemd. Da wurden
-rasch die Hüte vom Kopf gerissen und geschwenkt. »Hurrah! Helao!
-Derhäm!«
-
-Der jüngsten einer, der schlanke Kerl mit dem Feldblumensträußchen am
-Strohhut, fing ein Lied an; er schmetterte aus Leibeskräften, sein
-starker, etwas kratziger Tenor zitterte in mächtigen Schallwellen
-über die Bergrücken. Unten im Thal erwachte ein Echo. Das machte ihm
-Vergnügen; er hielt den einen Ton an, gleich stark, endlos, die Bänder
-am Halse schwollen ihm, sein Gesicht wurde blaurot, die Augen quollen
-ihm vor -- immer noch!
-
-Die anderen bewunderten ihn: »Dän kann et!«
-
-Immer noch -- da knacks, der Ton brach ab! In gekränkter Eitelkeit
-versuchte der Bursche noch einmal, aber die Stimme gehorchte nicht mehr.
-
-»En Krümmel in der Tröt, saon se lao unnen zu Cöllen. Haha, en Krümmel
-in der Tröt.« Die Männer lachten.
-
-Der Sänger wurde zornesrot und räusperte sich gewaltsam.
-
-»Looß sin,« sagte begütigend einer der älteren und klatschte ihn
-freundschaftlich auf die Schulter. »Hal dei Maul, Jong! Sei net e su
-bubsterzig[1], de Stimm kann mer net kommandieren, se es ken Maschien
-on ken Framensch.« Und dann augenzwinkernd. »Wat maanste, Lorenz, ob
-Lenzen Bäbb heit awend besser pariert?«
-
-»Dat Bäbbchen?!« Lorenz zeigte, schnell getröstet, die tadellosen
-Zahnreihen. »Et gitt gäckig vor Freid. Se maanen all, mir kommen erscht
-morjen.« Er patschte sich auf die Lenden. »Helao, dat gitt ebbes! Seit
-Weihnachten en halw Jaohr ohne Schatz gesäß! Dat es net pläsierlich.«
-
-»Nä, nä, dat es et aach net!« Eine gewisse Rührung bemächtigte sich
-ihrer sämtlich; ein jeder dachte an die, die an seiner Brust liegen
-würde. Die Ehemänner dachten an ihre Frauen, die Ledigen an die
-Mädchen, die sie beim letzten Besuch zu Weihnachten am heißesten
-geküßt, heiß geküßt im kalten Schnee. Und jetzt war Sommer -- die
-hatten lange fasten müssen!
-
-»Dat gitt en Freid!« Man warf sich in die Brust, man brachte ja das
-Glück. Schnell noch einen Blick hinunter in's dämmernde Thal. Da
-warteten die Hütten im milden Abendlicht, leichter Rauch kräuselte sich
-vom heimischen Herd. Da träumten die Wiesen, und die Büsche am Waldsaum
-lockten mit verschwiegenem Dunkel.
-
-Es schwebte etwas herauf, es kam mit dem Wind und flüsterte im
-Gras; die Luft koste leise und weich, Nebelstreifen wie winkende
-Brautschleier stiegen aus dem Grund am Bach, Bäume streckten
-verlangende Arme aus. Jetzt -- hier -- da -- dort glomm ein Lichtchen
-auf! Blasse Sterne, sehnsüchtige Augen in einsamer Kammer.
-
-Niemand mehr auf den abschüssigen Äckerchen. Alles still, wie begraben.
-
-»Häh! Halloah! Gieht noch net schlaofen, eweil sein mir elao! Halloah
--- -- -- oa -- -- oah -- --!« Einer da oben hielt die hohlen Hände vor
-den Mund und tutete hinein, dann warf er lustig sein Bündel in die Höh.
-»Lorenz, Josef, Mathesen, Hanni! Wän es dän erschten unnen? Hopp! Bonz
-unnen, Bonz owen[2], voran gemaach!«
-
-Wie Pfeile schossen die Burschen bergunter, sie verschmähten die
-vielfach gewundene Fahrstraße, auf steilen Richtwegen schnitten sie die
-Serpentinen ab; polternd, prasselnd stürzte ihnen loses Geröll nach.
-Auch die gesetzteren Männer eilten sich, eine plötzliche Ungeduld hatte
-sie alle ergriffen, das Blut floß nicht mehr träge in den Adern, es
-kreiste unruhig und stieg ihnen zu Kopf.
-
-Heller und heller flimmerten unten die Lichtchen, sie warfen einen
-trauten Schein aus den engen Kammerfenstern. Voran, voran! Süße
-Vogelstimmen piepten im Nest. Voran, quer durch's Brombeergestrüpp!
-Da saß schon eine weiße Hauskatze auf der Lauer, sie sprang nicht
-fort, sondern stieß den sammetweichen Kopf schnurrend gegen die sie
-streichelnden Hände. Aber weiter -- die warteten!
-
-Der Berghang wimmelte von dunklen kletternden Gestalten. Nun kam der
-letzte Absatz, man rutschte, man glitt, man sprang -- nun lag das
-Dorf ganz nah, melodisch tönte das »Muh« einer Kuh, ein sehnsüchtig
-langgezogener Liebesschrei.
-
-Noch atemlos, begann Lorenz zu schmettern, da war keiner, der nicht mit
-einstimmte:
-
- »Kommen wir in dieser Nacht,
- Fein Liebchen, fein!
- Seid ihr tot oder lebt ihr noch,
- Fein Liebchen, fein?« -- -- --
-
-Da war schon das erste Haus.
-
- »Will das Mädchen net obstohn,
- Fein Liebchen, fein!
- So wollen wir's in die Blotz drohn[3]
- Fein Liebchen, fein!« -- -- --
-
-Immer lauter wurde der Gesang, er schwoll an und wuchs und drängte:
-
- »Will das Mädchen sich net tummeln,
- Wollen wir die Thür auftrummeln« -- -- --
-
-Horch! Ein heller Schrei: »Jesses, die Mannsleit!«
-
-Die Thür des ersten Hauses war aufgeflogen, ein Weib in Unterrock und
-halb geöffneter Taille stürzte heraus, mit einem Satz stand sie mitten
-unter den Männern, wild sah sie sich um -- wieder ein Aufkreischen --
-da, sie stürzte dem einen an den Hals.
-
-»Jesses, Hubert, lao biste! Komm erein, Mahn, komm erein. Ech haon uf
-dech gelauert! Dag on Naacht, onsen Hährgott waaß et. Gelowt sei de
-Jongfra Maria!« Sie bekreuzte sich und ihn. »Könner, Könner« -- schon
-sprang sie wieder zur Thür -- »Könner, dän Vadder es elao!« Sie zog
-ihren Mann hinter sich drein, kaum daß sie ihm Zeit ließ, den Kameraden
-zuzunicken; sie hielt ihn so fest am Ärmel, als fürchte sie, ihn
-gleich wieder zu verlieren. Die Frau mit dem schon faltigen Gesicht,
-mit dem schlaffen Busen und den Zahnlücken, zeigte die Glut einer
-Zwanzigjährigen.
-
-»Se sein hei, se sein hei!« Nur dieser eine Ruf, und alle Häuser waren
-plötzlich belebt, alle Fenster hell, alle Thüren geöffnet. Kinder,
-in Hemden und barfüßig, wie sie aus dem Bett gesprungen, standen auf
-der Schwelle; Frauen und Mädchen eilten auf die Gasse. Der weiche
-Sommernachtwind spielte mit ihrem halbgelösten Haar und den hastig
-übergeworfenen Kleidern. Laternen tauchten auf vor den Ställen, in den
-Höfen, im Wirtshaus wurden alle Lampen angezündet; Peter Krumscheid
-stieg eilig in den Keller und stach ein Faß an. Die Straße wimmelte
-von Menschen, wie mit Zauberschlag waren sie alle erschienen, alle
-umringten die Ankömmlinge. Das war ein Gesumm, ein Lachen, ein
-Geschrei. »Se sein hei, se sein hei!«
-
-Lorenz Schneider stand an der Ecke am Prellstein. Hier ging's hinein
-in ein dunkles Gäßchen, erst zwischen Stallwänden, dann zwischen
-Hecken -- nichts rührte sich darin, -- und da war die Straße, hell vom
-Lichtschein, der aus den geöffneten Fenstern und Thüren fiel. Alle,
-die er kannte, standen da umher, aufgeregt, lachend und schwatzend;
-die Weiber hatten die Männer untergefaßt, die Mädchen begrüßten ihre
-Schätze.
-
-Immer wieder suchten seine Blicke; enttäuscht fing er leise an zu
-fluchen: Dunnerkiel, wo war das Bäbb? Schlief sie schon so fest, daß
-sie den Lärm nicht hörte? War sie ihm untreu geworden? Da mußte er
-doch lachen, war denn hier wohl ein Mannsbild gewesen, um das sich's
-verlohnte, ihn zu vergessen?! Er ärgerte sich; warum kam sie nicht? Ob
-er nach ihr fragte?
-
-Vor dem Wirtshaus hatten sich die ganz jungen Mädchen, die heurigen
-Hasen, in einer Reihe aufgepflanzt; neugierig und ein wenig neidisch
-guckten sie zu, wie die älteren Schwestern und Bekanntinnen mit ihren
-Burschen abzogen. Die Augen funkelten ihnen im Kopf, sie brachten die
-Mäuler nicht zusammen. Sie stießen sich mit den Ellenbogen an und
-kicherten, als Lorenz nach ihnen hinsah.
-
-Den Schnurrbart aufdrehend, trat er zu ihnen. Das Gekicher wurde
-stärker. -- »'n Aowend, dir Mädercher!«
-
-»Boschur, Lorenz,« sagte keck die erste.
-
-»Tina?« fragte er erstaunt. Zu Weihnachten war sie noch halbwüchsig
-gewesen, und jetzt trug sie einen langen Rock und sah ihn an mit
-dreisten, unbewußt begehrlichen Augen. »Es dat Bäbbche net mieh hei,
-Tina?« fragte er hastig. »Lenzen Bäbb?«
-
-Tina zeigte lachend ihre weißen Zähne. »Ech waaß net!« Mutwillig
-blinzelte sie den Gefährtinnen zu, er fühlte seine Hand ergriffen,
-kräftig geschüttelt und dann festgehalten. In einem Augenblick hatten
-ihn die Mädchen umringt; er stand mit Tina in der Mitte, die anderen
-hopsten im Kreis, ausgelassen wie junge Böcklein, um ihn und die Dirne
-herum.
-
-»Dommhaaten! Laoß los!« Unwirsch suchte er sich frei zu machen.
-
-»Autsch, autsch!« Tina schlenkerte ihre Finger, gleich darauf packte
-sie ihn auf's neue; wie ein Wall stemmten sich die Mädchenleiber ihm
-entgegen.
-
-»Schneidersch Lorenz, kucktelhei, Schneidersch Lorenz! Haha, hahahaha!«
-Sie lachten wie die Tollen; dem Burschen schwirbelte es vor Augen
-und Ohren, er wurde hin- und hergerissen, von einer gegen die andere
-gepufft, Tina hing sich an ihn, er wurde sie nicht los, nirgendwo
-konnte er den Kreis durchbrechen.
-
-»Dunnerknippchen, noachehs, wuh es dat Bäbb?« stieß er mit einer
-letzten Anstrengung heraus.
-
- »Bäbb hin, Bäbb här,
- Bäbb, dat es en Zoddelbär -- hahaha --!«
-
-Immer dichter umdrängten sie ihn, immer schallender wurde das Lachen,
-immer wilder das Drehen; er fühlte Tinas Hände an seinem Rock, sie
-preßte ihm seine beiden Arme fest an den Leib. Jedesmal, wenn sie
-aufhüpfte, kitzelten ihn ihre krausen Haare unter der Nase, ihr Gesicht
-kam dem seinen ganz nah. Da, ehe sie sich's versah, hatte er die Arme
-frei; er schlug sie ihr um die Taille, ein derber Schmatz brannte ihr
-auf dem Mund.
-
-Sie schrie hell auf und wandte sich zur Flucht; mit lautem Gekreisch
-stoben sämtliche Mädchen davon, er hinterdrein. Hier suchte er noch
-eine zu fassen und da eine -- die Röcke flatterten -- jetzt waren sie,
-um das Wirtshaus herum, im Dunkel verschwunden.
-
-»Verflixte Rotznaosen,« schimpfte der Bursche, und doch schmunzelte er
-dabei. Die Tina war gar nicht garstig, noch schmeckte er ihre frischen
-Lippen. Er schnalzte mit der Zunge, sein Durst war erwacht -- wo blieb
-die Bäbbi?
-
-Langsam kehrte er zu seinem Prellstein zurück, in verdrossenen
-Gedanken blieb er dort stehen. Da -- er schreckte auf, jemand zupfte
-ihn von hinten am Ärmel. Am Eingang des Heckengangs stand eine
-weibliche Gestalt.
-
-»Bäbbchen?« fragte er zweifelnd. Sie kam ihm so wenig schlank vor,
-Lenzen Bäbb war lang nicht so völlig gewesen. »Bäbbi?«
-
-»Heihin!« Schon zerrte sie ihn hinein in das dunkle Gäßchen; es schien
-ihr noch nicht dunkel genug, sie schob ihn hinter die Regentonne an
-der einen Stallwand. Jetzt schlang sie die Arme um ihn und küßte ihn,
-daß ihm der Atem verging. Sie gebärdete sich wie närrisch, lachte und
-schluchzte und drückte ihn, ohne ein Wort zu reden; ihre warme Brust
-bebte an der seinen, schwer hing sie ihm am Halse. Immer wieder preßten
-sich ihre Lippen auf seinen Mund, sie saugten sich förmlich daran fest.
-
-Ein lange nicht gekanntes Wohlgefühl durchrieselte den Burschen -- so
-küßt doch nur der Schatz in der Heimat! Sein Blut, durch das eilige
-Wandern und hastigen Trunk ohnehin erhitzt, schäumte über; nun war
-er es, der sie immer mehr hinein in's Dunkel drängte und gegen die
-Stallwand preßte. Er erstickte sie fast.
-
-»Lorenz,« ächzte sie endlich, »laoß!« Ein schmerzlich zitternder
-Seufzer folgte.
-
-»Bäbb,« flüsterte er zärtlich, »mei Mädche! Eweil sein ech widder hei,
-eweil wolle mer ons verlustieren. Dat gitt en Pläsier! Komm!« Er zog
-sie kosend dem Ausgang des Gäßchens zu. »Komm ehs zom Krumscheid, ech
-traktieren dech!«
-
-»Jao, jao.« Sie schmiegte sich fester an ihn und drängte ihn doch immer
-wieder tiefer hinein in's Dunkel.
-
-»Nä, nä,« flüsterte sie dann hastig und verlegen, »eech kann net ehnder
-met der giehn, ech moß der erscht ebbes saon.«
-
-»Wat dann? Waorom kannste net met mer giehn?« Er hielt sie von sich ab,
-etwas erstaunt; nun fiel ihm auch sein Verdruß von vorhin ein. »Waorom
-haste mech e su lang lauern laossen, dau sakramentsch Dingen? Wollste
-mech for en Naor halen? Eweil es et schuns e su spät, ech han Honger on
-Dorscht!« Von einem plötzlichen Ärger erfaßt, rüttelte er sie. »Haste
-geschlaof?«
-
-»Nä, nä!« Sie drängte sich wieder ganz dicht an ihn. »Ech wollten
-der nor vorerscht ebbes saon. Saog« -- wie von einer dringenden
-Notwendigkeit getrieben, faßte sie seine Hand -- »wanneh wolle mir
-onsen Hillig[4] haalen?«
-
-»Waorom?« fragte er verwundert und beunruhigt zugleich. Und dann nach
-einer Pause des Bedenken:
-
-»Zo Christdag; wat fraogste? Wann ech Vormann gänn!«
-
-»Nä, ehnder,« sagte sie rasch und küßte ihn heftig. »E su bal als
-miëlich[5]! Ech moß der ebbes saon.« Jetzt flüsterte sie, aber ihr
-Flüstern war eindringlich, jedes Wort hob sich deutlich heraus. »Ech
-sein im sechsten Monat!«
-
-»Kreizdonnerparaplüi!« Es entfuhr ihm so wider Willen -- das kam zu
-plötzlich! Er stieß sie zurück und erhob die Hand wie zum Schlag.
-»Maach! Gott verzeih mer de Sünd -- dau Onglöcksmensch!«
-
-Sie fing an zu weinen.
-
-Stumm stand er neben ihr und schob den Hut von einem Ohr auf das andere.
-
-Auf der Straße war der Lärm verstummt, auch die Helle war weg, die
-Thüren hatten sich hinter den Glücklichen geschlossen. Kein Mensch mehr
-draußen, die meisten saßen im Wirtshaus. Jetzt tönte da der Jubel;
-bis in den dunklen Winkel hinter der Regentonne verirrte sich das
-Gläserklingen und Juchzen.
-
-Die Sterne waren aufgezogen, immer mehr entfalteten sie ihren Glanz.
-Nachttau fiel, man hörte ihn in den Hecken tropfen; dazwischen
-klang leises Schluchzen. In dem verschleierten, bleichen und doch
-durchdringenden Licht, das vom Himmel niederzitterte, sah Lorenz zum
-erstenmal deutlich die entstellte Gestalt seines Mädchens.
-
-Mit einem: »Dunnerkiel!« fuhr er zurück, aber gleich darauf streichelte
-er die Weinende.
-
-»Kreisch net, Bäbbchen,« sagte er gutmütig, er war heute nun einmal in
-einer so weichen Stimmung. »Kreisch net e su, domm Dingen! Wat passiert
-es, es passiert, duh kann niemand neist dran ännern. Sonndag es Peter
-on Paul, dän erschten Kirmesdag; onsen gaastlichen Hähr verkünn ons,
-ein for allemaol. Hän es su ebbes gewehnt, annere han aach schuns Malör
-gehatt. Mir maachen stracks Hochzeid, on dann« -- er kratzte sich
-hinter'm Ohr -- »jao, dann es dän Urlauw zu End. Mir Bochumer han zehn
-Dag, de annern von Dortmund on Steele han aach net länger. Äwer uf dän
-Momang mösse mir redur kommen. Kreisch net, Bäbb!«
-
-Er schlang den Arm um ihre Hüfte; langsam wandelten sie den Heckengang
-weiter.
-
-Rechts Gärten, links Gärten. Obstbäume hängen ihre Zweige über dichte
-Weißdorn- und Wildrosenhecken; zuweilen wechseln sie ab mit morschen
-Bretterzäunen, die sich schief neigen und ihren modernden Holzgeruch
-mit dem süßlichen Duft der Gebüsche mischen.
-
-Wie zwei Schatten schleichen die Liebenden unter'm Blätterdach dahin,
-von weißlichem Dunst in einer Wolke umschwebt. In dem nahen Wiesengrund
-erheben die Frösche ein leidenschaftliches Liebeskonzert; jetzt
-verstummen die auch. Nichts regt sich, nichts lebt scheinbar rundum,
-und doch ist ein stummberedtes Fordern in der Frühsommernacht, eine
-warme treibende Sehnsucht.
-
-Stärker und stärker fällt Tau, silbrig glänzt er auf den Gräsern und
-auf den gesenkten Scheiteln. Wie ein feuchtes Tuch legt es sich um
-die heißen Gesichter, um die heißen Glieder; schauernd schmiegen sich
-beide Gestalten fest aneinander. Sie stehen still und küssen sich, im
-schmachtenden Sternenlicht scheinbar in Eins verschmolzen.
-
-
-
-
- II.
-
-
-Die Männer von Eifelschmitt hatten nie viel Zeit; rasch wurde geliebt,
-rasch wurde gefreit. Zweimal im Jahr -- im Winter zu Weihnachten, im
-Sommer zu Peter und Paul -- kamen sie heim in's enge Salmthal. Sie
-konnten da nicht ihren Lebensunterhalt verdienen; der Erwerb ist knapp
-in der Eifel, karg hängen die Äckerchen an den Bergen, lang sind die
-Winter, kurz die Sommer.
-
-Es war kurz nach dem deutsch-französischen Kriege. Das Aufblühen der
-rheinischen Eisenindustrie machte das Heranziehen vieler Arbeitskräfte
-notwendig.
-
-So hatte ein Agent irgend einen Eifelschmitter hinausgelockt, der kam
-zu Besuch heim, Geld in der Tasche; nun zogen die anderen hinter ihm
-drein, wie die Schafe hinter'm Leithammel. Vater, Sohn, Gatte, Bruder,
-alles wanderte aus nach Westfalen und tief in's Rheinland, wo auf der
-meilenweiten Ebene düstre Fabrikstädte sich zusammendrängen und mit
-ihrem nie stockenden schwarzen Atem aus Riesenschornsteinen den Himmel
-anfauchen. Die Luft ist dick vom Kohlenstaub, die reinen Wolken selbst
-sind angegraut; ewiger Rauch, Geprassel, Gerassel, Gekeuch, Geächz,
-Gestampf, Sausen von Rädern, Schnauben von Maschinen, Pfeifen von
-Lokomobilen, Pusten und Stöhnen von Dampfkesseln. Kein Rasten, kein
-Ruhen. Zur Nachtzeit bricht lodernde Glut aus Riesenbauten, an den Öfen
-stehen Männer, nackt bis zum Gürtel, heiß und berußt wie Teufel, die
-Höllenfeuer schüren. Schweißtropfen rinnen, Funken sprühen.
-
-Hier konnte man die Eifelsöhne finden: umglüht von Flammen, eingeengt
-von Mauern, sehnsüchtig des Heimathimmels gedenkend, der sich rein und
-kühl über den Eifelkuppen wölbt; unter dem die wohnen, die ihnen das
-Leben gegeben; die auf sie warten, denen sie die Ehe versprochen, oder
-die sie schon gefreit haben; wo die Kinder nach den Vätern verlangen.
-
-Aber dann die Heimkehr! Durchjubelte Tage, durchjubelte Nächte. -- --
-
-Heute saßen sie alle bei einander im Wirtshaus. Der alte Krumscheid
-mit seinem vertrockneten Holzgesicht kommandierte hinter'm Schenktisch.
-Ein ganzes Regiment Weiber war zur Bedienung gedungen; mit lachenden
-Gesichtern, flink wie Wiesel, liefen die Dirnen ab und zu. Bald wurde
-die von ihrem Schatz gerufen, bald jene; dann setzte sie sich für zwei
-Augenblicke neben ihn, wohl auch auf seinen Schoß, trank aus seinem
-Glas und ließ sich die glühenden Wangen streicheln.
-
-Die schmalen Holzbänke längs der gescheuerten Tische waren dicht
-besetzt. Mann reihte sich an Mann. Nur wenige Frauen waren da, die
-kamen erst gegen abend, wenn das Tanzen losging und die Musik; wenn das
-Vergnügen so groß wurde, daß der Boden dröhnte vom Stampfen der Füße,
-Bänke umpolterten, Gläser in Scherben klirrten.
-
-Auf dem Platz vor der Kirche, um die paar Buden, darin Halsketten,
-Fingerringe, Rosenkränze, Lebkuchenherzen und Gerstenzuckerstangen
-feilgeboten wurden, trieben sich Kinder herum, große Stücke
-Kirmeskuchen in den Händen, die mit Blaubeerenmus beschmierten
-Mäuler begehrlich gespitzt. Es hockten auch ihrer welche auf der
-Kirchentreppe, bliesen in die neuen Trompeten oder zeigten einander die
-vom 'Pappa' mitgebrachten Puppen.
-
-Noch war die Straße feiertäglich still. Hinter den kleinen Fenstern
-putzten sich die Weiber; das vom vormittäglichen Kirchgang her über's
-Bett gespreizte Sonntagsgewand wurde einer eingehenden Musterung
-unterzogen. Wer noch ein besseres Kleid hatte, zog's heute nachmittag
-an; glücklich die, die was Neues anthun konnte, das der Mann oder der
-Schatz mitgebracht. Die Haare glänzten vom Strählen mit Wasser und
-Fett, die Röcke rauschten, die Gesichter waren blankgerieben, die Ohren
-rot.
-
-Die Sonne fiel schon schräg in's Thal und malte huschende, rasch
-verschwindende Goldkringel an die weißgetünchten Hauswände.
-
-Die sich bauschenden Röcke sorgsam gerafft, spazierten jetzt Mädchen am
-Wirtshaus vorbei, immer hin und her. Kinder balgten sich um den besten
-Platz vor den Fenstern, schleppten Steine herzu und Schemel, krochen
-hinauf und drückten die Nasen an den Scheiben platt.
-
-Drinnen in der Schenkstube, die zugleich den Kramladen des Orts
-vorstellte, war die Luft dick, durchwürzt vom Duft eines ganz infamen
-Knasters. An den geschlossenen Fensterscheiben krochen summende Fliegen
-und drehten sich oben an der Decke in surrendem Spiel.
-
-Man war noch ziemlich schweigsam, der erste Kirmestag verlief immer am
-wenigsten stürmisch. Doch jetzt -- lautes Halloh!
-
-»Hä, Pittchen! Helao, Pittchen. Uf dein Spezielles, Prost!«
-
-Peter Miffert war eingetreten; das linke Bein etwas nachziehend,
-näherte er sich langsam dem ersten Tisch. Nicht jeder reichte ihm die
-Hand; er schien das garnicht zu bemerken, er hatte für alle das gleiche
-halb gutmütige, halb verschmitzte Lachen. Als sie zusammen rückten,
-ließ er sich auf dem schmalen Plätzchen am Ende der Bank nieder. Er
-sagte nicht: »Röckt noch ebbes« -- er sagte: »Met Verlöw« und placierte
-seine Beine so bequem als möglich unter dem Tisch.
-
-»No, Pittchen,« rief Niklas Densborn, einer der älteren, der obenan
-saß, »wat schaffste? Dau giefst jao fett wie en Hammel! Dat glauwen ech
-der, dau has jao aach en Läwen wie onsen Hährgott in Frankreich!«
-
-»Spaor dei Red,« schrie Thomas Laufeld, ein stämmiger Bursche mit
-einer Stupsnase. »Dän kann dat Läwen jao bal net mieh mantenören[6]!
-Kucktelhei dat Pittchen!« Er brüllte, um sich in dem allgemeinen
-Gelächter verständlich zu machen, packte den neben ihm sitzenden
-Miffert bei'm Handgelenk, streifte ihm den Ärmel zurück und hielt
-gewaltsam den mageren Arm in die Höhe. »Kucktelhei, Haut on Knochen, ke
-halw Pündche Fleisch!«
-
-Peter strebte, sich frei zu machen, aber ohne Gewalt, ganz sanft; sein
-hübsches Gesicht lächelte noch immer. »Laoß de Dommhaaten,« sagte er
-gelassen.
-
-Laufeld brüllte weiter, er schien einen besonderen Ingrimm zu hegen.
-
-»Dau thätst aach besser, dau gingst met ons uf Arweit. Wat hockste
-hei bei de Fraleider?! Kuck« -- er hielt seinen fleischigen Arm neben
-den dürren des Peter und schlug sich auf die herausgedrückte Brust,
-daß es klatschte -- »dat es en Kerl! Dat micht de Arweit, on wann mer
-net alleweil de Menscher am Schörzenzippel hängt! Dau deierlicher[7]
-Schmachtlappes, dürr wie en Axstill, dein Fra haot dech wohl« --
-
-»Mein Fra aus em Spill,« sagte Miffert plötzlich und machte eine kurze
-Bewegung, als ob er eine Fliege wegscheuche -- da lag auch schon der
-Laufeld unter der Bank, wie niedergeschmettert.
-
-Man half dem Gestürzten auf; ganz verdutzt stand er da und klopfte den
-Staub von seinen Hosen. Die anderen lachten, einige schimpften.
-
-»Dürr wie en Axstill, äwer Kraft wie en Ochs,« brummte anerkennend
-Niklas Densborn; und dann sich zu Miffert wendend, der dasaß, als ginge
-ihn all das nichts an, sagte er vorwurfsvoll: »Et es en Schand, Peter,
-dat dau net erunner maachst in die Fabrik; dau has Schlosser gelernt,
-dat kömmt der lao zo paß. On guden Verdienst gitt et lao unnen; bei
-owen kannste Hongerpoten kötschen!«[8]
-
-Miffert zog das Maul schief; er sah unbeschreiblich faul aus in der
-nachlässigen Haltung, mit der etwas hängenden Lippe und dem schläfrigen
-Blick unter schweren Lidern. Er sprach auch schläfrig, kaum daß er die
-Zähne von einander brachte:
-
-»Dir wollt mech wohl pisacken?! Hei« -- er wies auf sein lahmes Bein
--- »dat es mer zu schanierlich, ech kann net e su trawalljen[9] wie en
-annern.« Seine Stimme wurde kläglich: »Ech haon dat Wieh im Enkel; ech
-haon et met uf de Welt gebraach, lao es neist bei zo maachen!«
-
-»Ojeh, Alfanzerei,« schrie Mathesen Martin und schlug auf den Tisch,
-daß die Gläser sprangen, »wat micht dän for Fisematenten! Wieh im Enkel
--- haha, wän dat zweifelt![10] Laoß de Comedi, faules Luder! Schlaofen
-on erum lungern on de Weibsbiller karessieren, dat es sein Gu!«[11]
-
-Miffert verzog keine Miene, er hatte die Ellenbogen aufgestützt und
-guckte in sein Glas.
-
-»Hän es faul, faul, dat et stinkt!«
-
-»Jao, jao,« stimmte der vorhin zu Boden geworfne Laufeld eifrig bei.
-»Faul wie de Sünd! Sitzt im Dreck on röhrt sech net!«
-
-»Ehnder gänn Brameln[12] Weinbeeren, als dat Pittchen arweiten duht,«
-schrie irgend einer.
-
-Die ganze Gesellschaft stimmte zu: »Jao, Brameln gänn ehnder
-Weinbeeren, hahahaha!«
-
-Peter Miffert lachte selbst mit, ein lautloses Lachen, das ihn aber
-inwendig ordentlich stieß; er kniff die Augen zusammen und schüttelte
-sich.
-
-»Waorom sollen ech mech e su afrackern,« sagte er dann gutmütig, »dat
-Läwen es korz, mir haon nor einmaol Pläsir dervon. Wat de gaastlichen
-Hähren aach saon, wat mer haot, haot mer. Uf dat, wat mer versproch
-krieht« -- er lachte verschmitzt und stieß einen leisen Pfiff aus --
-»dat gilt en Dreck!«
-
-Die Männer sahen ihn verdutzt an. Er ließ seinen schläfrigen Blick, in
-dem es zu funkeln begann, reihum gehen.
-
-»Wer waaß, wie bal hän verspillt haot! Ech muß en Dauer met eich haon,
-ihr Leit, dat dir eich e su schindt. Awer jeden naoch senem Ehs!«[13]
-Er zuckte die Achseln.
-
-Sie nickten betroffen. »Recht haot hän!« Auf viele Gesichter lagerte
-sich ein plötzlicher Ernst; da waren Falten eingegraben, Furchen, wie
-im aufgewühlten Acker, die man vorher nicht gesehn.
-
-»Mer moß sech schinnen, on wat haot mer dervon?« murmelte der Densborn
-und ließ die Faust schwer niederfallen.
-
-Eine Weile schwiegen sie alle, dann sagte der Densborn mit einem
-Seufzer: »Äwer et es doch emaol net anners. Hal dei dreckig Maul,«
-schrie er plötzlich Pittchen an, »dau schandlusen Kerl.«
-
-Dieser musterte mit pfiffigem Lächeln die stumpfen Gesichter. »Mer moß
-wissen, wän mer dreiwt, wann mer en Esel vor sech haot!« sagte er.
-
-Sie verstanden ihn nicht -- was wollte er damit sagen? Sie sahen nur
-sein spöttisches Lächeln, und das genügte. Die Köpfe wurden rot, eine
-gewisse Unruhe fuhr in die Beine, Fäuste ballten sich heimlich.
-
-Ein paar von den jungen legten sich herausfordernd über den Tisch.
-»Wat? Wat? Esel --?! Esel haot hän gesaot! Wän es dän Esel? Hä, saog
-dat noch ehs!«
-
-Ein Murren ging von einem Ende der Stube zum andern. »Esel, Esel!«
-Die Füße scharrten ungeduldig, die Augen funkelten, das Murren wurde
-grollender. Die schönste Prügelei schien in Aussicht.
-
-Martin Mathes hielt schon drohend dem Miffert die Faust unter die Nase:
-»Maach!«
-
-Pittchen duckte sich wie eine Katze. Aus seinen tiefliegenden Augen
-schoß ein versteckter Strahl, aber seine Stimme klang geschmeidig: »Wat
-willste? Wat haon ech dann gedahn?«
-
-»Esel -- Esel! Mir wollen dech liehren, Esel saon! Dau Hongerlieder.
-Saog noch ehs: Esel! Mir schlaon der alle Rippen im Leif dorch, dattste
-ke Glied mieh röhre kanns!«
-
-»Jesses, seid dir gäckig?!« Peter that sehr verwundert. »Esel -- Esel
--- wän haot ebbes von Esel gesaot?!« Er drehte den Kopf hin und her,
-als ob er jemanden suche. »Su ebbes von Ausverschämtheit. Wän kann sech
-onnerstiehn, ebbes von 'Esel' zo saon?!«
-
-Er war ganz Empörung, Erstaunen und beleidigtes Ehrgefühl. Sein Gesicht
-trug den Ausdruck ruhiger Unschuld und harmlosester Verwunderung; mit
-offenem Lächeln sah er einen nach dem andren an und hob dann sein Glas.
-»Zogott,[14] dir sollt läwen! Ech duhen der Bescheid, Nikla! Mathes!
-Thom! Zogott!«
-
-Zögernd stießen sie mit ihm an; sie waren ganz unsicher geworden.
-
-Peter seufzte und stützte den Kopf schwer in die Hand. »Jao, et es en
-dreckig Welt, ech haon et bal saat! Dir haot et noch gud, äwer ech arm
-Luder!« Er gähnte. »Ech kriehn neist von der Welt zo siehn. Mer hockt
-alleweil hei in der buckeligen Gäjend, on de Weibsbiller sein mer bis«
--- er fuhr mit dem Handrücken unter'm Kinn her -- »bis heihin!«
-
-Das hätte er nicht sagen sollen, mißtrauische Blicke trafen ihn; da
-war besonders der Mathesen Martin, der schien ihn auf dem Strich zu
-haben. Man munkelte im Dorf, dem Mathesen sein Zweiter sei dem Pittchen
-wie aus den Augen geschnitten.
-
-»Dau Faxenmaacher,« schrie Martin. »Glauwt net, wat hän babbelt! Dän de
-Fraleider saat --?!« Er lachte zornig. »Dau Filu!« Er sprang auf und
-ging drohend auf Miffert zu. »Hinner jeder Diehr sticht hän, an jeder
-Schörz hängt hän! Waart, ech will dech Conduiten liehren!« Rot vor Wut
-wollte er sich auf Peter stürzen, dieser blieb gelassen sitzen.
-
-»Gemaach, gemaach, Martin,« mischte sich der Densborn ein, »laoß hän!
-Mir wollen ke Streit anfänken, heit am erschten Kirmesdag. Wat willste
-maachen? Wat geschehn es, es geschehn. Framenscher sein Framenscher. On
-Dag on Naacht allein! Mer moß en Dauer met ihnen haon. Dän elao« -- er
-wies auf den Wirt hinter'm Schenktisch -- »dän on de paor annern alden
-Knackstiebel kannste doch net für voll rechnen!«
-
-Der alte Krumscheid hatte trotz seiner Harthörigkeit verstanden;
-nun war er beleidigt. Er warf sich in die Brust und pustete die
-eingesunknen Backen auf. »Dau Lausbub,« schrie er herüber, »kömmst hei
-erin geschneit on willst ebbes saon? Dattste net de Blaatz kriehst
-vor Eingebildhaat! Lao sein Mädercher genog, de nach mer kucken. Gäl,
-Nettche?!« Er kniff eine der Kellnerinnen in die Backe.
-
-»Laoßt!« Das Mädchen schlug ihn derb auf die Finger. »Ech haon eweil
-ebbes Schieneres zo siehn, wie su en Stück Dörrflaasch!«
-
-Brüllendes Gelächter dröhnte durch die Stube.
-
-Miffert lachte nicht mit; er schlich vom Tisch weg, um sich unbemerkt
-zu entfernen. Er war schon an der Thür, da sprang ihm Mathes nach. »Hei
-gebliewen,« schrie er und drängte ihn zum Tisch zurück. Peter ließ sich
-drängen, er widersetzte sich nicht.
-
-»Kucktelhei,« schrie der andere weiter, dem schon ein Rausch zu Kopf
-stieg, »dän Kalmäuser![15] Dat es dän Bock, dän mir zom Gärtner gemaach
-haon! Frißt de Blumen in anner Leit's Gaarten! Äwer hol dech in Aacht,
-dattste net ausgezaohlt giefs -- dein Fra, dat Zeih, dat haot Aagen im
-Koap! Ech dähten er net drauen uf fünnef Schritt. In der Not frißt dän
-Deiwel Fliegen; äwer laoß nor en annern kommen! -- Dat Zeih, dat es en
-staatsch[16] Luder, en schnipp-schnappig[17] Mensch, dat -- --«
-
-Ein furchtbarer Schlag auf den Mund ließ Mathes jäh verstummen, betäubt
-taumelte er zurück.
-
-Mit sprühenden Augen und erhobner Faust stand Miffert; nichts mehr
-von schläfriger Trägheit war an ihm, ein lebendiger Mensch stand da,
-mit rollendem Blut in den Adern, jede Muskel straff. In grimmiger
-Wildheit biß Pittchen die Zähne aufeinander, und dann brüllte er: »Hal
-dei Maul!« Seine erhobene Faust sauste nieder. »Dat es für dat 'Luder'
--- on dat« -- wieder hob und senkte sich die Faust -- »dat es für dat
-'schnipp-schnappig Mensch' -- on dat -- on dat -- onnerstieh dech noch
-ehs!«
-
-Wie der Hammer auf den Ambos, so sauste die Faust nieder -- hierhin,
-dorthin -- hei, waren das Schläge! Da mußten Funken sprühn und Eisen in
-Stücke gehn.
-
-Kein Mensch hatte sich gerührt, starr vor Überraschung standen sie
-alle. Aber jetzt brach's los, mit Geschrei und Fluchen sprang man dem
-Mathes zu Hilfe. Pittchen wurde weggerissen; in eine Ecke gedrängt,
-wehrte er sich mit Händen und Füßen. Bänke stürzten um, Gläser klirrten
-zu Boden -- Schimpfen, Lachen, Drohen, Schreien, Stampfen, Fluchen,
-Toben -- da -- die Thür ging auf!
-
-Wie erschrocknes Hühnervolk in die Ackerfurche, wenn aufscheuchende
-Schüsse knallen, so fiel es in die Stube ein, mit Rauschen und Rascheln
-und Schwirren -- die Weiber! Voran eine, die anderen alle durch ihre
-üppige Fülle in Schatten stellend.
-
-»Schkandal?« rief Lucia Miffert fragend.
-
-Entschlossen stieß sie die vordersten bei Seite, stellte sich vor ihren
-Mann und deckte ihn mit ihrer kräftigen Gestalt.
-
-»Wat gitt et hei?« rief sie hell. »Ruhig, Pitter! Dao haste ebbes!« Sie
-teilte dem ersten, der wieder auf sie eindrang, eine Maulschelle aus,
-halb scherzhaft, halb im Ernst; jedenfalls zeichneten sich alle ihre
-fünf Finger auf der Wange des Getroffenen ab.
-
-»Dunnerkiel!« Der Mann fuhr zurück und rieb sich das Gesicht.
-
-»Kuckste,« lachte sie heiter, »dat kömmt dervon! Laoßt de Dommhaaten,
-heit wolle mir Pläsier haon, ihr Mannsbiller!« Aus ihren schönen runden
-Augen sandte sie einen vollen Blick über die ganze Gesellschaft, ihre
-weißen Zähne blitzten, ihre Stimme übertönte allen Lärm. »Jesses, die
-Mannsleit, e su ebbes! Haha! Haun sech wie de Könner! Hahahaha!«
-
-Sie wollte sich ausschütten vor Lachen; ihre gesteiften Röcke
-raschelten, ihr braunrotes Sonntagskleid, das sich knapp über die volle
-Brust spannte, krachte in allen Nähten. »Hahahaha!« Wieder das Lachen.
-Es klang so lustig, so leichtherzig; es wirkte ansteckend, die Mäuler
-zogen sich breit, alle Gesichter grinsten. Die geballten Fäuste thaten
-sich auseinander oder versenkten sich in die Hosentaschen.
-
-Frau Lucia ersah ihren Vorteil; wieder sandte sie einen vollen Blick
-umher und wiegte sich lachend in den Hüften.
-
-An der Thür standen die anderen Weiber zusammengedrängt, jetzt wagten
-auch sie sich heran; jede packte ihren Mann unter dem Arm, die Mädchen
-hingen sich an die Burschen. »Danzen! Danzen!«
-
-Wie gerufen tönte in der Ferne Musik.
-
-»Muhsik! De Muhsik!«
-
-Das waren die Musikanten von Manderscheid, fünf Mann hoch kamen sie
-eben vom Berg herunter. Sie spielten sich selber zum Einzug was auf.
-
-»De Muhsik kömmt! Helao, de Muhsik!« Die Kinder auf der Straße stießen
-ein gellendes Freudengekreisch aus, pfeilgeschwind rannten sie den
-Fünfen entgegen, umringten sie und begleiteten sie hüpfend und
-jauchzend zur Wirtshausthür.
-
-Unentwegt fiedelnd und blasend, zogen die Musikanten in die
-Schenkstube; man ließ ihnen kaum Zeit, einen Trunk zu thun. Mit starken
-Armen schleppten die Männer die Tische auf die Straße, die Weiber
-rückten die Bänke längs der Wände -- nun war der Tanzsaal fertig. Der
-schwenkende Rheinländer hub an, auf dem engen Platz drehten sich an die
-dreißig Paare auf einmal.
-
-Das war ein Stoßen, Drängen und Puffen. Jeder wurde auf die Füße
-getreten und trat wieder; noch keine halbe Stunde war vergangen, und
-die Luft war undurchdringlich von Staub. Man konnte kaum sehen; durch
-den Dunst schimmerten die glühenden Gesichter wie rote Flecke. Man
-öffnete kein Fenster, nur die Thür stand offen, in dem dunklen Hausflur
-tanzten auch noch welche.
-
-Lucia Miffert war eine begehrte Tänzerin; sie tanzte nicht leicht, man
-fühlte eine volle Last, aber gerade das war schön, man wußte, was man
-hatte, und sie verstärkte das noch, indem sie sich recht fest auf den
-Arm ihres Tänzers lehnte. Und dabei war sie nicht stumm wie die andren
-Weiber, die sich drehen ließen, immer mit dem gleichen feierlichen
-Ausdruck des Gesichts. Sie schwatzte und lachte, ihre lustigen Augen
-blitzten nah in die des Tänzers, ihr warmer Atem kitzelte seine Wange;
-kein Wunder, daß die Männer sie immer fester und fester drückten.
-
-Von einem Arm wanderte sie in den andren, ihre gesteiften Röcke wurden
-schlaff, das dunkle Haar hing ihr verwirrt in's Gesicht. Ihr helles
-Lachen übertönte die Musik; wo sich in den Tanzpausen die Männer am
-dichtesten zusammenknäulten, da stand sie.
-
-Dem Peter wurde zugetrunken: »Prost, dat Zeih soll läwen!«
-
-Mit verdrossnem Gesicht stand er hinter der Stubenthür und folgte ihr
-mit den Augen. Er tanzte nicht mehr; als ein besonders helles Lachen
-die Musik überschrillte, hatte er mit einer heftigen Bewegung plötzlich
-seine Tänzerin stehen lassen, die er vorher, trotz seines lahmen
-Beines, mit viel Gewandtheit geschwenkt.
-
-Die Männer tanzten mit der Cigarre im Mund, über die Schulter der
-Tänzerin paffend; durch den undurchdringlichen Qualm bohrte Peter die
-Blicke -- wo war sie? Mit wem tanzte sie?
-
-Gerade jetzt schwenkte sie der Bursche, auf dessen Wange sie vorhin
-ihre fünf Finger abgedrückt; es schien dem Peter, als schmiege sie sich
-besonders fest an den, als flüstre der ihr was Verliebtes in's Ohr.
-
-Mit einem Satz stürzte er sich auf das Paar; rechts, links im Gewühl
-Püffe austeilend. Nun hatte er sie erreicht. »Gief Obacht, Zeih,« sagte
-er, halb bittend, halb grollend, »danz net e su vill, ons Josefche
-schreit sons de ganz Naacht!«
-
-»Laoß hän schreien,« lachte sie und tanzte weiter. Sie hatte seiner
-nicht Acht.
-
-Verzweifelt ging er vor's Haus, er konnte das da drinnen nicht mehr mit
-ansehen.
-
-Auf dem Prellstein an der Ecke saß ein altes Weib mit einem fest
-eingewickelten Kind auf dem Schoß.
-
-»Kömmt se noch net?« kreischte sie Miffert entgegen. »Dat Könd gitt
-schuns ganz blao[18] für Schreien!«
-
-Er beugte sich über das quiekende Bündel. Die Augen hatte das
-Sechswochen-Kind geschlossen, aber das Mäulchen stand durstig offen,
-immer jammerndere Laute drangen daraus hervor.
-
-Finster sah der Vater auf das verquollne Gesichtchen; langsam, in
-Gedanken, ging er dann zur Wirtshausthür zurück. Er schickte einen
-Knaben hinein. »Saog dem Lucia Miffert, et soll ehs erauskommen.
-Äwer saog net, wän naoch er schickt,« schärfte er ihm ein. »Saog: et
-pressiert!«
-
-Sie kam, die Wangen heiß gerötet, schnell atmend, mit wogender Brust
-und geöffneten Lippen. Neugierig spähte sie aus.
-
-»Dau --?! Wat willste?« fragte sie verwundert ihren Mann.
-
-»Ons Josefche,« sagte er nur vorwurfsvoll und wies mit dem Daumen nach
-der Ecke hinüber. Klägliches Schreien kam von dort her.
-
-»Jesses, ons Josefche! Dän hatt ech ganz vergäß! Mein arm Josefche!«
-Frau Lucia riß der alten Frau das Bündel vom Schoß, wiegte es tänzelnd
-hin und her, setzte sich dann auf den Prellstein, knöpfte ihre Taille
-auf und legte das Kind an die volle Brust.
-
-Das hungrige Josefchen war still; sie selbst lehnte den Kopf hintenüber
-an die Hauswand. Mit geblähten Nasenflügeln, schwer atmend, die Lider
-halb geschlossen, lauschte sie mit verzücktem Lächeln nach der Musik im
-Tanzsaal.
-
-Es war noch nicht dunkel genug, Peter sah die weiße Haut schimmern, die
-so weich und sammetig war, wie das Fell einer jungen Katze.
-
-Zärtlich murmelte er: »Zeih, danz ehs met mer!«
-
-»Gären, e su gären,« flüsterte sie, schlug die Augen auf und sah ihn
-voll an.
-
-»Zeih -- dau Framensch -- ech -- ech sein gäckig naoch der,« stieß
-er lauter hervor, zwischen zusammengepreßten Zähnen. »Saog, datste
-mech noch liew has -- Zeih, saog et!« Sein mißtrauischer Blick glitt
-zwischen ihr und der Wirtshausthür hin und her.
-
-Sie lachte so herzlich, daß das Kind wimmerte. »Ksch -- ksch -- hahaha!«
-
-»Laach net!« Er stampfte mit dem Fuß und sah sie von unten herauf unter
-zusammengezogenen Brauen an.
-
-»Jesses Maria, wat michste für en Visasch,« sagte sie heiter.
-»Pittchen, ech sein eweil e su fidel! Dau wirst mer doch net dat
-Pläsier verfumfeien[19]? Pittchen!« Sie streckte die Hand aus und zog
-ihn zu sich heran; ihre Augen baten. »Sei net unkommod, Pittchen, et es
-jao nor om en klein Verännerung zo maachen. Ech danzen aach met der.«
-
-»Su komm,« drängte er, »komm!«
-
-Er ließ ihr keine Zeit mehr; lachend schob sie der Alten das Kind in
-die Arme, knöpfte ihre Taille zu, schüttelte ihre Röcke und hing sich
-an den Arm ihres Mannes.
-
-Es dunkelte jetzt stark. Immer noch eilten Gestalten in's Wirtshaus;
-unter den Spätkommenden waren auch Lorenz und seine Verlobte, die heute
-zum ersten und letzten Mal Aufgebotenen.
-
-Bäbbi sah verweint, aber doch strahlend aus; der Bursche weniger
-strahlend, mit einer gewissen gleichgiltigen Energie gewappnet. Sie
-hatten heut einen schweren Stand gehabt, den ganzen Nachmittag hatten
-sie bei den alten Schneidersch um die Kammer neben dem Stall gebettelt;
-da sollte die junge Frau wohnen, wenn der Mann wieder über alle Berge
-war.
-
-Noch schluckte Bäbbi an ihren Thränen, aber stolz erhobnen Hauptes ging
-sie an der Hand ihres Lorenz -- wer konnte ihr jetzt etwas nachsagen?!
-
-In der engen Thür stießen sie mit den Mifferts zusammen, etwas unsanft
-prallte Pittchen gegen die Braut. Sein Mund verzog sich, er zwinkerte
-pfiffig. »Helao, dat Lenzen Bäbb! Ech dachten, et wär en Luftballon!«
-
-Lucia kicherte.
-
-Lorenz schnob ihn wütend an: »Kehr vor deiner Diehr! Duh nor net e su,
-als ob dat Zeih alleweil uf 'm Extrastiehlche gesäß hätt. On dau, dau
-sollst et doch sälwer wissen, dau Schörzenhänker --«
-
-»Still biste!« Lucia legte ihm die Hand auf den Mund. »Net e su
-onmanierlich, mein Jong!« Ihre weichen, wenig verarbeiteten Finger
-drückten fest und warm, jedes zornige Wort starb dem jungen Mann auf
-den Lippen.
-
-»Neist for ongud,« murmelte er. »Laoß los, Zeih!«
-
-»Ech gradelieren der, Lorenz,« sagte sie freundlich; und dann sich mit
-ihrem strahlenden Lächeln zu Bäbbi wendend, schüttelte sie der herzlich
-die Hand. »Ech gradelieren der, Bäbb, dau sollst glöcklich gänn!«
-
-»Merci!« Das Mädchen brachte den Mund nicht zusammen, die Gratulation
-machte ihr so viel Vergnügen. »Mir maachen kein groß Hochzeid,« sagte
-sie dann wichtig, »en Stöcker fünneszehn oder zwanzig; äwer wenn dir
-forliew nehme wollt, et soll ons freien!«
-
-»Merci!« Die Miffert knixte zierlich. »Met Verlöw, mir sein gären von
-der Pardi!«
-
-Lorenz machte ein böses Gesicht -- hatte der Pitter nicht auch einmal
-um sein Mädchen herumgeschnuppert? Die Bäbb hatte es ihm selber
-erzählt. Daß ihm das nicht eher eingefallen war! Wie lang war's her?
-Traue einer den Frauenzimmern! Er glaubte ein Blickewechseln zwischen
-den beiden zu bemerken. Zornig riß er Bäbbi mit sich fort: »Komm doch!«
-
-Auch Peter sagte ungeduldig: »Komm!« Keine war doch wie seine Zeih!
-Er hätte mit ihr fort mögen, dahin, wo kein ander Mensch war; keiner
-sollte sie sehen, keiner sie lachen hören!
-
-Als er mit ihr tanzte, preßte er sie, daß ihr der Atem verging.
-
-Rund herum wirbelten die Paare. Immer rascher wurden die Tanzweisen,
-immer wilder schwenkten die Röcke, stampften die Schuh; die
-glattgeflochtenen Zöpfe lösten sich, hie und da hingen einer schon die
-losen Haarsträhnen über den Rücken.
-
-Immer fester packten die Männer zu. Die kleine Tina hatte auch einen
-Schatz gefunden. Der stupsnasige Laufeld hielt sie in den Pausen auf
-dem Schoß und ließ sie aus seinem Glase trinken.
-
-Heute nachmittag erst hatte sich das angebandelt. Tina hatte in ihres
-Vaters Garten gestanden und den Hals gereckt, als der Bursche vorüber
-kam. Ihre begehrlichen Augen zogen ihn an, er blieb stehen; die Arme
-auf den Zaun gestützt, sprach er zu ihr herüber. Sie war im hellen
-Staat, Blumen hatte sie vor die Brust gesteckt. Lange hatten sie
-miteinander geschwatzt, sie schnippisch, neugierig und verliebt; er im
-Ton eines Eroberers.
-
-Nun war sie sein erklärter Schatz. Da konnten noch so viele kommen und
-mit einem Kratzfuß bitten: »Leih mer dei Mensch!« -- nur er tanzte mit
-ihr. Er war galant und bestellte Wein, Bier und süßen Likör.
-
-Sie trank alles durcheinander; zuletzt wußte sie nicht mehr, was sie
-sprach, was sie that, sie saß unbeweglich und starrte mit glasigen
-Augen vor sich hin. Da führte er sie hinaus.
-
-Das war kein Tanzen mehr, das war ein Rasen. Kein Takt, kein Schritt,
-kein Drehen mehr, nur ein wildes Durcheinanderhopsen. Lenzen Bäbb war
-mitten dazwischen. Der Lorenz war schwer betrunken, er wirbelte sie
-herum, daß sie gegen alles anstießen, gegen Menschen, Bänke, gegen den
-Schenktisch; zuletzt kam er mit ihr zu Fall. Kein Mensch half ihr auf;
-man stolperte über sie weg, jeder hatte mit sich zu thun, keiner stand
-mehr fest auf den Füßen.
-
-Wer noch gehen konnte, stahl sich mit seinem Schatz zur Thür hinaus.
-Ein Paar nach dem andren schlich um die Regentonne an der Stallwand,
-hinein in's dunkle Heckengäßchen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Und weiterhin die nächtlichen Felder in Tau und ahnungsvoller
-Dämmerung. Eine unendliche Reinheit ist in der Luft, eine unendliche
-Reinheit am Himmel; die Sterne funkeln in überirdischer Klarheit, ehe
-sie erbleichen. Unendliche Reinheit weht über die Berge, unendliche
-Reinheit steigt zu Thal. Mit angehaltenem Atem lauscht die Natur und
-schauert und bebt vor der unendlichen Reinheit des Morgens.
-
-Horch! Im Dorf der erste Hahnenschrei! Er klingt wie eine Fanfare, wie
-ein Trompetenstoß zum Beginn neuer Lust. Der zweite Kirmestag bricht an.
-
-
-
-
- III.
-
-
-Es ist früh am Morgen, die Sonne noch nicht aufgegangen, nur über den
-Bergen im Osten rötet sich schwach eine Wolkenschicht. Grau liegt das
-Thal; von Frühnebel die Wiesen überwogt, wie von wallendem Wasser. Die
-Hähne schreien sich heiser, Hunde schlagen an.
-
-Ganz fern am Horizont blinkt noch ein Stern, ein schwaches Abbild
-früheren Glanzes. Drei Uhr.
-
-So früh ist man sonst in Eifelschmitt nicht auf den Beinen. Heut
-klappen alle Thüren; Weiber, notdürftig bekleidet mit Hemd und
-Unterrock, eilen hinaus in den grauen Morgen zum Brunnen. Feucht geht
-es nieder, als hätte es geregnet; die niedrigen Scheiben der Fenster
-sind dick angelaufen.
-
-Aus jedem Schornstein kräuselt schon Rauch und steigt mühsam durch die
-schwere Luft zum farblosen Himmel.
-
-Mit finster durchfurchten Stirnen stehen die Frauen am Steinherd
-und kochen den Kaffee; unter'm hängenden Kessel schwehlt das feuchte
-Reisig, der Dampf beißt in die Augen, daß sie weinen. Die Küche ist
-kalt, das Herz schwer wie Blei.
-
-Drinnen im Ehebett liegt noch der Mann und wälzt sich in den Federn;
-er kann gar nicht herausfinden, der Kopf ist ihm schwer vom letzten
-durchzechten Abend. Er stöhnt und flucht.
-
-Wie Gespenster schleichen die Weiber herum, blaß, übernächtig,
-hohläugig; die blühendste Wange ist heute bleich, der lachendste Mund
-schmerzlich verzogen. Langsam tappen die bei der Kirmes müde getanzten
-Füße.
-
-Der letzte Morgen!
-
-Rasch, rasch, die Zeit vergeht! Noch haben sie weit zu wandern, und
-die Eisenbahn wartet nicht. Mit vor Hast ungeschickten Händen hilft
-die Frau dem Mann in die Kleider; Zärtlichkeiten werden nicht mehr
-getauscht, die haben sich erschöpft in den paar Tagen -- und wozu auch?
-Er geht jetzt fort in die weite Welt, und sie bleibt sitzen im engen
-Thal. So ist's nun mal! Mit der gewöhnlichen Alltagsstumpfheit nimmt
-man schon wieder sein Geschick auf sich.
-
-Die kleinsten Kinder nur schlafen noch, die größeren bringen Hut und
-Stock und stecken dem 'Pappa' noch ein Brot und ein Stück altbacknen
-Kirmeskuchen in's Bündel; sie wagen nicht zu sprechen, der Vater ist
-unwirsch, die Mutter haut beim geringsten Lärm zu.
-
-Still, still! Als wäre ein Toter im Haus, so schleichen sie; winselnd
-schnuppert der Hund herum und drückt sich dem Herrn an die Füße. --
-
-In der Kammer der jungen Schneiderschen Eheleute brannte noch das
-Lämpchen; es war so dunkel hier neben dem Stall, nicht Licht noch Luft
-kam durch das schmale Fensterchen.
-
-Bäbbi wankte vom Herd zum Tisch, vom Tisch zum Bett, vom Bett zum
-Schrank, immer vergaß sie noch etwas. Nackt und kahl engten die
-rotgetünchten Wände die dürftige Kammer ein; wirr glitt ihr Blick
-darüber hin, ein Grauen kam sie an, -- und war's gestern nicht noch
-hier wie ein Paradies?!
-
-Sie war das rasche Abschiednehmen vom Ehemann noch nicht gewöhnt; vor
-zwei Tagen war erst die Hochzeit gewesen. Schluchzend sank sie auf den
-Schemel am Tisch: »Wanneh kömmste widder?!«
-
-Lorenz saß ihr gegenüber, die Ellbogen aufgestemmt, und stierte in
-seinen dampfenden Kaffeenapf. »Kreisch net, Bäbbi,« sagte er endlich;
-aber es würgte ihn selber in der Kehle, seine Stimme war beklommen.
-
-Sie sagten nichts mehr.
-
-Die bunte Wanduhr in der Ecke tickte, der Zeiger rannte rasend schnell
--- schon zeigte er beinah vier. Eine fahle Dämmerung schlich durch den
-düstren Raum; Bäbbi pustete in das Lämpchen, daß es stinkend erlosch.
-
-»Eweil giehn ech,« sprach er und stand auf.
-
-»Noch net!« Sie hing sich an ihn, von einer verzweifelten Angst erfaßt.
-»Dau has noch Zeid, bleiw« -- krampfhaft packte sie seine Hand --
-»bleiw noch ebbes!« Sie schrie laut auf: »Nor ein Minut!«
-
-»Nä!« Er machte sich los. »De anneren waarten!«
-
-»Ech siehn dech gewiß net widder -- Jesses Mari Juseb -- ech graulen,
-wann ech stärwen moß!«
-
-»Dommhaaten!« Mit verzognem Mund versuchte er zu lachen. »Haal dech
-gesond, on schreiw bal, hörste?! Adjes, Bäbb!« Er setzte sich den Hut
-auf und griff nach seinem Bündel, mit dem freien Arm zog er sie an
-sich. »Jesses, Bäbbchen, kreisch net e su! Bäbbchen, biste gäckig?!
-Bäbbche, mei liew Bäbbche!«
-
-Wütende Küsse brannten auf seinem Mund, glühende Thränen flossen auf
-seine Wange, zitternde Arme hielten ihn umklammert. Mit Gewalt machte
-er sich endlich los.
-
-Ganz benommen taumelte er zur Thür -- noch ein Blick zurück, noch ein
-Kopfnicken -- nun stolperte er über die Schwelle. Nun war er fort.
-
-Sich aufbäumend stand das junge Weib in der Kammer -- da, horch! --
-noch einmal seine Stimme! Er nahm Abschied von Vater und Mutter. Jetzt
-eilende Tritte -- jetzt nichts mehr!
-
-Mit furchtbarem Schreien warf sie sich vor der Bettstatt auf die Kniee
-und verbarg das Gesicht in dem noch warmen Kissen. --
-
-Am Wirtshaus trafen sie sich alle; Lorenz war der letzte. Sie foppten
-ihn, daß er sich nicht hatte trennen können. Auch viele Frauen und
-Mädchen waren hier, die den Männern das Geleit geben wollten; mit
-verstörten Gesichtern und fröstelnd standen sie umher.
-
-Oben, längs der Chaussee, auf der Höhe von Schwarzenborn, stand ein
-Busch, wie ein Haarschopf auf kahlem Scheitel; das war die Grenze,
-soweit gingen sie immer mit. Da war schon manche Thräne auf den nackten
-Felsgrund gefallen, und der einsame Busch hatte wie eine dornige Wand
-letzte Umarmungen versteckt.
-
-Niklas Densborn kommandierte zum Abmarsch, es war hohe Zeit. Noch
-ein Schluck aus der Branntweinbuttel, die der Krumscheid in die Runde
-reichte, und dann: -- »Voran gemaach!«
-
-Seine Frau am Arm ging der Densborn voran. Die Kathrine hatte schon
-manches Mal Abschied genommen, die verzog keine Miene. Bald war ihr
-ältester Sohn fünfzehn, dann wanderte der auch mit; 's war Zeit, daß
-der fortkam.
-
-Trapp -- trapp -- -- --. Hart tönen die Schritte auf dem holprigen
-Dorfpflaster. Trapp -- trapp -- das klingt wie Hammerschläge auf einen
-Sargdeckel.
-
-Haus nach Haus vorüber; verödet bleiben sie alle zurück. Leer sind die
-Gärtchen, thränenschwer nicken die Blumen am Zaun. --
-
-Stumm schreiten sie die Straße gen Schwarzenborn hinan. Alle Gesichter
-sind grau, alle Blicke trüb, traurig suchen sie den Himmel -- oben auf
-dem Scheitel des Berges ragt der einsame Busch. Eine gelbliche Helle
-ist um ihn, die ihn dunkler erscheinen läßt, fast schwarz; scharf hebt
-er sich ab vom weiten Hintergrund des Himmels.
-
-Und dieser Hintergrund färbt sich röter und röter; die wie träumend
-hingelagerte Wolkenschicht belebt sich, bewegt sich, wird durchschossen
-von rosenfarbnen Bändern, von goldnen Linien, von feurigen Blitzen.
-Alles Grau der Wolken ist schon verdrängt. Eine Flamme loht auf, voll,
-stark, groß -- riesengroß -- sie leckt himmelan mit gierigen Zungen,
-mit Windesschnelle greift sie um sich; auf dem Gipfel des Berges
-entfacht, schlägt ihre lodernde Glut höher und höher, breitet sich
-weiter und weiter.
-
-Der Busch ist eine Fackel; jeder Zweig ist feurig durchglüht, jeder
-Dorn, jedes Blatt.
-
-Er brennt, er brennt! Der ganze Berggipfel brennt! Der Himmel brennt!
-
-Ein Riesenbrand ist entglommen, staunend schauert die Erde; ein
-Feuervorhang verhüllt den Himmel -- da -- jetzt -- jetzt hebt er sich,
-er zerteilt sich! Ruhig, in majestätischer Größe schwebt ein Ball empor
-hinter'm Felsgrat, eine goldne Scheibe, eine Welt voll Glanz -- die
-Sonne!
-
-Über Schwarzenborn stand die Sonne; und sie wanderten mitten hinein in
-die Flut von Licht. Der Goldglanz fiel auch auf die grauen Gesichter;
-die der Männer erhellten sich, die Frauen bedeckten die Augen mit der
-Hand.
-
-»Voran gemaach,« rief der Densborn und hob mahnend die Hand. »De Sonn'!«
-
-Und Lorenz stimmte den 'Abschied' an; er mußte singen, da saß was auf
-der Brust und in der Kehle, das mußte weg.
-
-Er schmetterte der Sonne entgegen:
-
- »Der, der, der, on der Abschied fällt mir schwer!
- On die, die, die, on die Abreis' noch viel mehr!
- Also fällt mir dieser Trost noch ein,
- Ech kann net immer an einem Ort sein,
- Mein Glück muß ech probieren,
- Marschieren!«
-
-Sie sangen alle mit:
-
- »Hinaus, hinaus, zum engen Thal hinaus!
- Wir haben hier gehauset im besten Saus und Braus;
- Wir wünschen euch zu guterletzt
- Ein andern, der die Stell ersetzt,
- Damit sei'n alle Wunden
- Verbunden!«
-
-Gegen den Schluß fiel der Gesang schon etwas auseinander; die Weiber
-schluchzten, der einsame Busch war nah. Da war manch einer, der ein
-wenig zurückblieb und die Seine auf offener Straße umfing.
-
-Die junge Tina hing Thomas Laufeld am Hals; er hatte sie in den
-Chausseegraben, hinter ein vorspringendes Stück Fels gezogen, da küßte
-er sie noch ordentlich ab. Die Augen funkelten ihr im Kopf, bei ihren
-Küssen biß sie, bei ihren Umarmungen kniff sie; immer, wenn sie ihn
-schon losgelassen hatte, stürzte sie sich noch einmal auf ihn.
-
-Ihre kleine Schwester, die mitgelaufen war, zog sie am Rock: »Komm ehs,
-Tina!«
-
-»Frech Dingen!« Ein Schlag brannte auf der Wange der Kleinen, aber
-diese ließ nicht nach, sie zerrte die andre am Rock, dabei spitzte
-sie den Mund und lächelte den Burschen an: »Adjes, Thomas!« Der küßte
-zuletzt das hübsche Kind auch noch.
-
-Die Kathrine Densborn reichte ihrem Mann nur die Hand, dann machte sie
-das Zeichen des Kreuzes.
-
-»Jesus! Maria! Josef! Datste gesond widder kömmst! Zu Weihnacht --
-vergeß net! -- für ons Trautche en Kleid von Kottong,[20] sechs Ehlen
--- äwer, dat de Farf net schanschört![21] On für mech en Gedrucks, elf
-Ehlen, et es nor fünnef Viertel breit. Adjes, Nikla!«
-
-»Adjes, Kättche! -- Hä, allons,« schrie der Densborn.
-
-Lorenz wandte sich noch einmal zurück und schaute in's Thal hinunter;
-er schwenkte seinen Hut, eigentlich war ihm nun schon ganz leicht um's
-Herz. »Adjes, Bäbb,« murmelte er, und dann pfiff er hell. Da lag die
-Welt, sonnbeschienen, vor der Arbeit scheute er sich nicht, Pläsier
-gab's auch, zu Weihnachten kam man schon wieder nach Hause -- warum
-denn grämen?!
-
-Küsse, Umarmungen, Abschiedsblicke, Abschiedsworte. »Adjes, bring mer
-ebbes Schienes met!« -- »Schreiw als bal!« -- »On dau aach!« -- »Bleiw
-gesond!« -- »Grüß ons Könner!« --
-
-Händeschütteln, Nicken, Winken. Trapp, trapp, fort geht's! Trapp,
-trapp! Hohl verklingen die Schritte, hinter der nächsten Erdwelle sind
-die Männer verschwunden.
-
-Allein. -- Da standen sie nun um den einsamen Busch, eine verlassene
-Herde. Der herbe Morgenwind wehte scharf über's kahle Plateau; er
-blähte die Röcke der Frauen, daß sie flatterten wie Flaggen, in der Not
-gehißt.
-
-»Eweil sein se weg,« sagte eine und starrte trübselig hinter den
-Entschwundenen drein.
-
-
-
-
- IV.
-
-
-Peter Miffert saß vor seiner Thür auf dem Bänkchen. Die Beine hatte
-er weit von sich gestreckt, die Hände hielt er in den Hosentaschen;
-behaglich schabte er den Rücken an der sonndurchwärmten Hauswand.
-
-Still war die Luft, sehr heiß; zwischen den Bergwänden hatte sie sich
-gefangen und kochte und brütete da, wie in einem Kessel. Kein Windchen
-rührte sich, die Bäume regten kein Laub, lautlos schlängelte die Salm
-ihr sehr schmal gewordenes Silberband gen Himmerod hin.
-
-Hier herauf zur letzten Hütte, abseits von allen übrigen, drang kein
-Ruf, kein einziger Hall. Im Sonnenbrand lag weiter unten das Dorf, ohne
-Leben, wie versunken in einen Märchenschlaf; seine kleinen, weißen
-Häuser, blendend im flimmrigen Licht, duckten sich scheu im engen
-Thälchen.
-
-Peter dehnte und rekelte sich; dann saß er ganz still, die schweren
-Lider fielen ihm noch tiefer über die Augen, die Mütze rutschte ihm
-bis auf die Brauen, er gähnte, daß man seinen allerhintersten Zahn
-sah. Willenlos wackelte sein Kopf nach der linken, nach der rechten
-Schulter, dann sank er ihm auf die Brust. Pittchen schlief. -- -- -- --
--- -- -- -- -- --
-
-Frau Zeih war heut nicht zu Hause; ein Reisender in Knöpfen, Litzen
-und Kleiderstoffen hatte das Dorf passiert, auf dessen Wagen war sie
-in aller Frühe mit dem Kind zu ihren Verwandten nach Manderscheid
-gefahren. Sie hatte die Gelegenheit benutzt.
-
-Peter hatte sie vor's Wirtshaus gebracht und abfahren sehen, hatte dann
-beim alten Krumscheid einen gekippt und war dann langsam nach Hause
-geschlendert, um die Ziege und die Hühner zu füttern. Eben wollte er
-sich von dieser Anstrengung erholen, da kam der Hubert, der Enkel vom
-alten Steffes, gerannt; der Pflug war nicht in Ordnung, die Stoppel
-sollte gepflügt werden, es pressierte!
-
-»Gieh nor als voran, ech kommen e su bal als ech kann,« sagte Pittchen
-wichtig und schob den kleinen Boten zur Thür hinaus. Dann lachte er in
-sich hinein -- das sollte ihm fehlen, bei der Hitz sich auch noch mit
-Arbeit echauffieren! Morgen war auch noch ein Tag, vielleicht war's da
-kühl genug.
-
-»Uf, dat es en Strawatz!« Er riß das Hemd auf der Brust von einander
-und warf sich querüber, mit den Stiefeln, auf das noch ungemachte Bett.
-Mit schläfrigen Augen starrte er zur niedrigen Decke auf, die der Rauch
-schwarz gebeizt hatte, an der die Spinnweben in langen Festons hingen,
-und dachte an seine Frau. Donnerwetter, sah die staats aus, als sie
-bei dem Reisenden auf dem Wagen saß. Wie 'ne Dam'! Ihr bestes Kleid
-hatte sie an, auf Kleider hielt sie was; wie lange lag sie ihm schon
-in den Ohren, um ein neues! Und einen Hut hatte sie auf, den hatte sie
-sich zurecht gestutzt mit allen möglichen Bandschnippelchen; halbe
-Tage konnte sie sitzen und an so was herumputzen. Aber wie stand ihr
-der auch! Unter dem Strohrand mit den blauen und roten Schlupfen lag
-das dichte Haar schön wellig an den Schläfen; bis auf die Augenbrauen,
-die wie ein dunkler Strich über die lustigen, hellen Augen zogen, hing
-es in glänzenden Kräuseln. Dem Reisenden war auch das Wasser im Mund
-zusammengelaufen, das hatte der Peter wohl bemerkt.
-
-Kotzdonner, war er nicht ein großer Esel, daß er die Zeih mit dem
-fremden Mannskerl allein fahren ließ?!
-
-Er zog die Stirn kraus; in einer ärgerlichen Unruhe sprang er auf -- da
--- es klopfte schon wieder!
-
-Die Thür ging auf; ohne ein 'Herein' abzuwarten, steckte Tina Pötsch
-den Kopf in die Stube. Schlau lächelnd sah sie sich um.
-
-»Es dat Zeih net derhäm?«
-
-»Nä!« Er sagte es ziemlich grob; sie kam ihm ungelegen, er hatte so
-viel nachzudenken.
-
-Wie ein Kätzchen schlich sie sich näher, ihre Augen funkelten. »Es dat
-Zeih metgemaach bis nao Manderscheid?«
-
-Woher wußte sie das? Er sah sie verwundert an.
-
-Sie sagte nichts, aber ihr Lächeln verriet sie. Aha, die hatte
-aufgepaßt!
-
-Sie stand vor ihm, den Kopf zur Seite geneigt, und blinzelte ihn an. Er
-konnte nicht umhin, sie hübsch zu finden; das helle Kopftuch stand ihr
-gut zu dem bräunlichen Gesicht, einen Mund hatte sie, so rot wie eine
-Kirsche.
-
-»Wolltste ebbes vom Zeih?« fragte er viel freundlicher.
-
-»Nä, von Eich,« sagte sie keck, hob ihren Rock auf und krabbelte lange
-in der Tasche ihres Unterrocks. Dabei wandte sie keinen Blick von ihm
-und lächelte ihn an mit ihrem Kirschenmund.
-
-Endlich brachte sie ein kleines Packetchen zum Vorschein, mit spitzen
-Fingern wickelte sie die Zeitungspapierfetzchen auseinander. Ein
-Schmuckstück war darin, ein vergoldetes Kreuzchen, die Gestalt Christi
-als winziges Püppchen hing daran.
-
-»Kuckt!« Sie legte es vor ihn hin und beugte sich zugleich über seine
-Schulter.
-
-Er nahm es prüfend in die Hand; das Kreuzchen war verbogen, unten ein
-Stück abgebrochen. »Wat sollen ech dermit?«
-
-»Heil maachen!«
-
-»Dat kann ech net.«
-
-»Ojeh« -- sie lehnte sich von hinten her fest an ihn -- »wän dat
-zweifelt! Se saon, Ihr seid e su gescheidt, Ihr haot dat Tolent, Ihr
-könnt ales maachen!«
-
-»Laoß mech gewärden[22],« brummte er.
-
-»Dat Pittche haot heit kei gud Schur[23],« lachte sie. »Schnauzt mech
-doch net e su ahf!« Sie griff über seine Schulter nach dem Kreuzchen
-und streifte dabei zart seine Wange. »Kuckt, lao maacht Ihr ebbes Neies
-dran -- wupptich, su schnell wie gespauzt[24] -- ons Hährgöttche es
-färdig!«
-
-»Dau Fladdiererin,« schmunzelte er und strich ihr die Wange. »Saog ehs,
-Mädche, von wem haste dat Hährgöttche? Von deim Schatz?«
-
-»Nä, nä.« Sie that sehr verschämt. »Ech haon ken Schatz. Ech sein eweil
-noch vill zo jong!«
-
-»Hm, hm.« Er betrachtete sie interessiert. »On dän Thomas Laufeld --
-no?!« Er kniff sie augenzwinkernd in den Arm.
-
-Sie schlug ihn auf die Finger. »Autsch! Bah, dän domme Jong.« Sie warf
-die Lippen auf. »Eweil es dän weit weg, waaß Gott, wat dän micht! Et
-gitt'r aach noch annere -- haha!« Sie lachte hell und neigte sich ganz
-zu ihm hinüber.
-
-»Dao haste rächt in,« stimmte er zu.
-
-Sie gefiel ihm immer besser, er begriff nicht, daß er nicht längst mit
-der Tina angebändelt hatte; so jung wie die, war keine von den andren
--- und Augen hatte sie! Da kam selbst die Zeih nicht gegen an. Die
-hier hatte brennende Zündhölzchen im Kopf, mit denen flackerte sie ihm
-in's Gesicht, als wollte sie sagen: 'Brenn dich an; ich brenn' schon
-lichterloh!'
-
-»Dau Racker,« sagte er, zog sie an sich und küßte sie mitten auf den
-Mund.
-
-Sie erwiderte seinen Kuß, und dann kicherte sie: »De Katz es net zo
-Haus, eweil haon de Mäus frei danzen! Dat Zeih --«
-
-»Dat Zeih,« unterbrach er sie rauh; es schien, als wolle er das Mädchen
-von sich drängen.
-
-»Ojeh,« kicherte sie, »dat Zeih werd sech aach schuns amesieren, dän
-Hähr waor e su onöwel net!« Sie sah ihn von der Seite an. »Puh, maacht
-ken e su garschtig Visasch -- köß mech, sons kössen ech dech!«
-
-Sie warf sich ihm so stürmisch an den Hals, daß er hintenüber auf einen
-Schemel fiel. Ihre brennenden Augen sahen ihm gierig in's Gesicht,
-ihre Lippen schimmerten blutrot über den spitzigen Zähnchen -- das
-war die junge Katze, die erst kürzlich das Rauben gelernt, auf deren
-Zungenspitze noch der Blutgeschmack des ersten Fraßes schwebt und sie
-lüstern auf neuen macht.
-
-Sie saß auf seinem Schoß, ihre Arme umstrickten ihn fester, fester. Er
-dachte nicht daran, sich zu wehren. Junger Most berauscht am meisten;
-und dazu kam die geschmeichelte Eitelkeit.
-
-Es war ein heißes Schäferstündchen in der schmutzigen Stube unter
-der rauchgeschwärzten Decke. Das Herrgöttchen lag am Boden, achtlos
-trat Tinas Fuß darauf; der goldne Zierrat knirschte unter dem
-nägelbeschlagenen Schuh. Sie achtete es nicht, sie hörte auch nicht das
-Huschen unter'm Fenster und das Kraspeln auf der Schwelle.
-
-Jetzt öffnete sich die Thür spaltbreit, grade weit genug, daß Tinas
-Ebenbild, Schwester Billa, den Kopf hereinstecken konnte. Ihre
-altklugen Kinderaugen sahen alles. Mit einem Wutschrei fuhr Tina auf,
-Peter stand sehr betroffen.
-
-»Dau sollst erunner kommen.« Billa riß die Thür sperrangelbreit auf.
-»Äwer tutswit[25]!«
-
-»Maach, datste weg kömmst,« schrie die andre und ballte die Faust.
-
-»Bäh.« Billa streckte ihr die Zunge heraus und rannte dann fort mit
-Geschrei, den Weg zum Dorf hinunter. »Ech waaß ebbes! Helao, ech saon
-et, ech saon et!«
-
-Tina wie eine Furie hinterdrein.
-
-»Kreizgewieder!« Pittchen sah ihr verdutzt nach; Hören und Sehen war
-ihm vergangen.
-
-»En hongrig Laus beißt am stärksten,« brummte er, und dann schloß er
-seine Thür. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, es war ihm sehr warm
-geworden.
-
-Er hockte sich auf den Schemel und stützte den Kopf in die Hand. --
-'Dat Zeih werd sech aach schuns amesieren!' Jetzt, wo er wieder zur
-Besinnung gekommen, peinigte ihn der Gedanke: 'Wo war die Zeih jetzt?
-Was trieb sie?'
-
--- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Da -- »Kreizdunner,« fluchte er -- schon wieder Klopfen!
-
-Ei, da kam die Mutter vom Hubertche selber, die junge Frau Steffes, die
-allein mit dem alten Großvater hauste; der Mann war unten in der Fabrik.
-
-»Ech haon als ons Hubertche geschickt,« stammelte sie atemlos und
-setzte sich auf einen Schemel, »wollt Ihr net kommen?«
-
-»Gewiß, gewiß,« versicherte er. Die Annemarie Steffes war eine hübsche
-Frau, keine von den großen, aber munter und wohlgeformt wie eine
-Wachtel.
-
-»Et es pressant,« sagte sie und legte die Hand auf die heftig wogende
-Brust; gelaufen mußte sie sein wie der Wind, sie war hochrot und
-keuchte.
-
-Und doch schien es ihr jetzt nicht zu eilen; behaglich sah sie sich um
-und musterte die armselige Stube.
-
-»Dat Zeih es net zo Haus?« sagte sie dann.
-
-»Nä.«
-
-»Et es nao Manderscheid?«
-
-»Jao.«
-
-»Duh kömmt et wohl erscht diesen Awend widder?«
-
-»Jao.«
-
-»Jesses, on dir haot niemand, dän Eich ebbes for zo äßen kocht! Nä,
-su en Fra, läßt dän armen Mahn ganz allein!« Sie schlug die Hände
-zusammen. »Es et menschenmiëlich?!«
-
-Er nickte, es that ihm wohl, bemitleidet zu werden, während seine Frau
-mit dem Reisenden durch den einsamen Wald fuhr. Ja, die Zeih, die ließ
-ihn schön im Stich! Aber wart, das wollte er der eintränken!
-
-»Su en armen Mahn,« rief die Steffes wieder, sie konnte sich gar nicht
-beruhigen. Ȁwer waart, ech duhn Eich ebbes schicken; oder -- Pittchen,
-wißt Ihr wat? Kommt bei ons, mir haon heit ebbes extra Feines:
-Grombieren met Griewen on Kaabes! On en Flasch Bitburger spendieren ech
-aach derzu!«
-
-Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, so gut hatte er lange nicht
-gegessen.
-
-»Kommt nor,« sagte sie dringend und kam auf ihn zu.
-
-Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, und dann legte er
-den Arm um ihre Taille und zog ihre Gestalt an sich. »Dat es net zo
-veraachten,« seufzte er.
-
-Sie spitzte den Mund und lehnte sich an ihn. »On des Dauner Käs haon
-ech aach noch derhäm!«
-
-Donnerwetter, Dauner Käs! Den aß Pittchen für sein Leben gern. Dauner
-Käs! Er drückte ihr einen Kuß auf den Mund, daß es schallte. Sie küßte
-wieder. Kuß auf Kuß. Sie packte ihn beim Kopf, sie war heiß und rot,
-ihre Hitze steckte ihn an -- da -- sie schreckten auseinander.
-
-Von der Thür her sagte jemand: »Met Verlöw,« und die Kathrine Densborn
-stand mit spöttisch verzognem Mund in der Stube.
-
-»Exkusört! Ech kommen wohl onpaß bei der schienen Onnerhaalung? Ech
-haon gekloppt on gekloppt!«
-
-Sie warf einen verächtlichen Blick auf die kleine Steffes.
-
-»Dau has wohl kein Ohren mieh?! Dein Könner kreischen, dat mer se
-hunnert Schritt weit hört. Dat Sußche es de Trepp erunner gefaal, dän
-Jakob on dän Jobann haun sech. Dat Hubertche haot met Steiner naoch ons
-Äppeln geschmiß, duh haot em ons Hannickel ordentlich de Bux verwixst;
-eweil haste ebbes zo flicken!«
-
-»Jesses Maria!« Die Steffes rannte zur Thür, auf der Schwelle drehte
-sie sich noch einmal um: »Komm dau mer ehs, dau ale Schatehk!«
-
-Die Densborn lachte grimmig. »Dau denkst: 'Besser half geleiert, als
-ganz gefeiert' -- dech kennen ech nau, dau mannsdoll Mensch! Waart, ech
-schreiwen deim Mahn e Briefche, dat hän sech net hinner dän Spiegel
-sticht!«
-
-»O dau -- dau --« Die Steffes wollte noch etwas sagen, aber die
-Densborn schob sie über die Schwelle und krachte die Thüre zu.
-
-»Gemaach, gemaach,« sagte Peter; er war ärgerlich, die junge, saubere
-Frau war ihm bei weitem lieber, als die starkknochige ältliche.
-
-Entrüstet wandte sich die Kathrin gegen ihn.
-
-»Ech moß mech siehr wonnern, dat Ihr Eich met su aner inlaoßt! Duh es
-dat Zeih doch en anner Persohn, su alert on freindlich on artlich im
-Omgang, on de Schienste weid on breid!«
-
-Sie lobte die Zeih über alle Maßen. Peter war ganz verdutzt, er hatte
-nie geahnt, daß die da was von der Zeih hielt -- im Gegenteil. Aber es
-schmeichelte ihm gewaltig, daß die angesehene Densbornin seine Frau
-lobte.
-
-Er lächelte und strich sich den Schnurrbart. »Womit kann ech ufwaarten,
-Fra Densborn?«
-
-Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und der zu Leder verbrannten
-Haut schmunzelte. »Ech wollten Eich nor fraogen, ob Ihr net e su gud
-sein wollt, on mer de Adreß an dän Densborn schreiwen, ech haon net
-e su en schien Handschriwt. On de annren hei sein e su ongebildt, se
-können net emaol ihren eignen Naomen schreiwen, dat mer hän läse kann.
-Hei!« Sie zog ein Briefcouvert aus der Tasche, hinten sorgfältig mit
-Siegellack verklebt; der Fingerhut hatte als Petschaft gedient.
-
-»Nä, wat Ihr geliehrt seid,« sagte sie bewundernd, als er die Adresse
-schrieb und noch einen kecken Schnörkel unter das 'Densborn' zog. »Ihr
-könnt besser, wie dän Hähr Lährer zo Oberkail; äwer dat es aach schuns
-e su en Alden, de Alden sein for neist mieh notz. Wat bin ech Eich
-schullig, Pittchen?«
-
-»Neist, neist,« beeilte er sich zu versichern; er war immer galant,
-wenn er sich dabei nicht allzusehr anzustrengen brauchte.
-
-»Merci, merci! Kommt doch ahf on an, on drinkt e Dröppche; von meim
-Bruder onnen an der Musel hammer noch e Fäßche im Keller.« Sie drückte
-ihm die Hand und sah ihn dabei an mit breitgezognem Mund und sanften
-Blicken der sonst so strengen Augen, daß ihm ganz bänglich wurde. Er
-war erleichtert, als sie ging.
-
-Aber noch hatte er keine Ruh, das Gelauf nahm kein Ende.
-
-Da waren noch mehrere gekommen, die schwarze Vrun, die blonde Leis,
-und zuletzt des Mathesen Martin Frau, die Traut; die hatte über ihren
-Mann geklagt, daß sie der schimpfe und mit Eifersucht quäle, sie hatte
-geweint und geschluchzt und Pittchen an 'früher' erinnert.
-
-Mit der einen lachen, die andere trösten und -- alle karessieren, das
-war ein bißchen viel verlangt! Pittchen schwirbelte der Kopf, er war
-ganz abgemattet; kein Wunder, daß er nun vor seiner Hüttenthür saß und
-schlief. --
-
-In der heißen Mittagsluft summten honigbeladene Bienen, ein starker,
-fast strenger Geruch stieg von den Wiesen um die Salm auf; sie standen
-hoch im Gras, längst that ihnen das Mähen not.
-
-Auf den Äckerchen an den Hängen schimmerten weiße Kopftücher, wie
-hellere Flecken auf blaßgelblichem Grund -- da schafften jetzt die
-Weiber.
-
-Aber keine Sense blitzte und legte in langen Schwaden das Korn nieder;
-die Weiber rutschten auf den Knieen und schnitten den Roggen mit der
-Sichel, wie man Gras schneidet. Sie arbeiteten hart, der Schweiß rann
-in Strömen; das Hemd klebte, naß zum Auswinden, am Leib, die braunen
-Beine, von den Stoppeln zerkratzt und zerstochen, steckten nackt
-unter'm kurzen Rock.
-
-Kein Mann zwischen den Arbeitenden; nur hier und da saß so ein Alter
-am Grasrain, als Aufseher, und stopfte sich die Pfeife, oder ein paar
-halbwüchsige Jungen hetzten mit 'Hot und Hahrüh' eine magere Kuh, die
-mühsam den Pflug durch die Stoppel schleifte.
-
-Glühend heiß der Sonnenprall an die steilen Wände; mager, mager die
-Erdkrume, darunter harter Fels. Erbärmlich das Getreide; in winzigen
-Mandeln stand es da, dünn im Stroh, gering in der Ähre.
-
-Auch Bäbbi war bei der Arbeit. »Jesses,« sagte sie und richtete sich,
-schwer atmend, aus ihrer gebückten Stellung auf.
-
-Die alte Schneidersch, die hinter der Schwiegertochter das Korn
-raffte, keifte: »Voran gemaach! Sei net e su faul!«
-
-»Ech kann net mieh!«
-
-»Ech kann net mieh,« äffte die Alte nach. »Hammer dech dafor in de
-schiene Stuw einloschiert? Hei gieft net gefaullenzt! Mir haon ke Gäld,
-om onnötze Mäuler zo fudern!«
-
-Bäbbi verbiß die Thränen; es wollte sich ihr wie ein Schrei aus der
-Kehle ringen: 'Wenn das der Lorenz wüßt'!'
-
-Aber sie schwieg, mit der Schwiegermutter war nicht gut Kirschen
-essen. Neulich, als der Lorenz Geld geschickt, hatte die es wie
-selbstverständlich an sich genommen; der jungen Frau, die schüchtern
-ihr Teil verlangte, wurde grob über den Mund gefahren.
-
-Lenzen Bäbb hatte keinen Anhang, ihre Eltern waren tot. Der alte
-schwachköpfige Lenzen-Ohm, bei dem sie halb als Tochter, halb als
-Magd gewohnt, hatte ihr das, was er ihr vermacht hätte, zur Hochzeit
-ausgezahlt; nun war das verjubiliert, kaum für die notwendigsten
-Anschaffungen war etwas geblieben.
-
-'Wenn er doch hier wäre! Wenn er bald wiederkäm'!' Das war der
-Stoßseufzer, der sich stündlich von Bäbbis Lippen rang; mit einer
-verzehrenden, krankhaften Sehnsucht gedachte sie seiner, Tag und Nacht.
-Schwer wie die Bürde ihres Leibes, schleppte sie ihr Leben hin. 'Wär'
-er nur wieder da!'
-
-In der Ecke ihrer Kammer machte sie mit Rötel jeden Abend einen Strich
-an die Wand -- wieder ein Tag vorüber! Noch hundertzwei Tage, dann kam
-er!
-
-Die Sichel in der Hand, auf den Knieen liegend, starrte das junge Weib
-traumverloren in den blendenden Sonnenflimmer.
-
-Nebenan auf der Stoppel pflügte die Tina Pötsch. Sie hatte ihre beiden
-jüngeren Geschwister, den dreizehnjährigen Karl und die vierzehnjährige
-Billa in den Pflug gespannt; nur wenige im Dorf konnten sich den
-leisten, die meisten arbeiteten den Acker mit der Hacke um. Stolz
-schwang sie die Peitsche, mit einer besonderen Wollust hieb sie sausend
-durch die Luft. Das Schnurende traf Villa am Hals, mit einem Aufschrei
-drehte die sich um.
-
-Tina lachte.
-
-»Waart, dau frech Dingen,« kreischte die jüngere wütend.
-
-Tina lachte noch immer.
-
-»Hü, hott, meine Peerdches!«
-
-»Ech sein net dein Peerd!« Billa warf sich in der Furche nieder.
-
-»Hü, hott! Willste ziehn?!«
-
-Sie blieb halsstarrig in der Furche liegen, kein Peitschenschlag trieb
-sie zum Aufstehen; aber als Tina hinter dem Pflug vorsprang und sie mit
-dem Fuß in die Weiche stieß, packte Billa zu. Ihre Finger krallten sich
-in Tinas Wade, mit einem Aufkreischen riß sie die Überraschte zu sich
-nieder. Sie wälzten sich beide auf der Stoppel.
-
-Karl, nicht faul, nahm die Partei der jüngsten Schwester; es war ihm
-gelungen, sich loszusträngen, nun warf er sich über die beiden Mädchen,
-auf Tinas Rücken mit den Fäusten trommelnd. Billa, zu unterst am Boden
-liegend, erstickte fast unter der doppelten Last.
-
-Das war aber alles noch Spaß, in das Gekreisch mischte sich Lachen;
-jedoch nun wurde es Ernst.
-
-Tina hatte den Bruder in's Bein gekniffen, dafür riß er sie an den
-Haaren; mit der einen Hand zerrte er ihren Kopf in die Höhe, mit der
-andern Faust schlug er ihr in's Gesicht. Das Blut floß ihr aus der
-Nase, das Wasser aus den Augen; sie schrie laut.
-
-Verschiedene kamen herzu und umstanden die Wolke von Staub, in der
-sich die drei wälzten. Die Meinungen waren geteilt.
-
-»Dat schadt dem Tina neist, wann dat ordentlich wat uf de Schnöß
-krieht,« sagte eine.
-
-»Jesses, hän haut se kappores!«
-
-»Speck on Schwart sein von einer Art -- die duhn sech neist!«
-
-»Haal dem Jong de Bein fest, hän trampelt dat Bill zo Schannen!«
-
-»Ä wat, Onkraut vergieht net!«
-
-»Et blut jao!«
-
-»Hilf! Hilf!« kreischte Tina. Ihr Hilfeschrei gellte weit über die
-Äcker.
-
-Von allen Seiten liefen jetzt neugierig die Weiber herbei.
-
-»Wat es passiert? Wän schreit e su? Kuckt elao! Jeßmarijusep!«
-
-»Et es en Schand,« rief die Densborn, »dat dir dat Tina half dud
-schlaon laoßt! Krieht hän beim Schlawittchen! Läßte los, dau infamichte
-Karnallij!« Sie zerrte den Jungen am Bein.
-
-»Laoßt hän nor,« schrie die Steffes gegen, »kömmert Eich erscht om
-Eiren Jong! Dän Karl haot ganz rächt, dat Tina pisakt se Dag on Naacht.
-Wän onschullige Könner schlät, es sälwer Prüjel wert. Eier Hannickel
-soll mer nor kommen! Hän haot dat Hubertche geschlaon, dat em ale
-Rippen wieh duhn; ech verklaogen hän bei de Hähren vom Gericht, on Eich
-derzu, Eich scheinheilig Luder!«
-
-»Wat -- wat,« zeterte die Densborn, »Ihr wollt noch räden?! Su en
-Mensch, su en mannsdoll Mensch, su en« -- in der Wut versagten ihr die
-Ausdrücke -- »dat zu de Mannsleit rennt, e su bal als de Fra net derhäm
-es! Pfui!« Sie spuckte aus. »Su en --«
-
-»Et es net waohr, et es net waohr,« kreischte die Steffes; sie war
-blutrot im Gesicht und wirbelte auf die große starkknochige Gegnerin
-zu. »Ihr seid nor neid'sch -- jao, neid'sch! Haha!« Sie lachte
-krampfhaft. »Ihr wollt sälwer gären, Ihr« --
-
-Die andre schlug ihr auf den Mund: »Liegnersch!«
-
-»Ihr wollt sälwer gären -- haha -- alde Schatehk!«
-
-»Haha! Alde Schatehk!« Wie einen Schlachtruf nahmen die jüngeren Weiber
-das auf.
-
-Die schwarze Vrun, die blonde Leis gesellten sich zur Steffes; sie
-hatten längst einen heimlichen Groll auf die Densborn, die allem
-nachschnoberte. »Annemarei, dat es rächt! Laoß der neist gefaalen,
-Annemarei! Dat scheel Luder maant, et könnt hei kommandieren?! Su
-hammer net gewett! Olau, Schatehk, alde Schatehk! Hahahaha!« Ein nicht
-endenwollendes Gelächter pflanzte sich fort.
-
-Die paar, die noch arbeiteten, erhoben sich auch von den Knieen; in
-großen Sprüngen stürzten sie herzu, die Sichel in der Hand schwingend,
-mit flatternden Röcken und Geschrei.
-
-Da wurden Haare gelassen!
-
-Kathrine Densborn hatte Annemarie Steffes am Schopf gepackt.
-
-»Dau mannsdoll Mensch, dau -- saog et noch ehs -- dau!«
-
-»Neid'sch, dir seid neid'sch! Alde Schatehk!«
-
-»Liegnersch!«
-
-»Wolltst sälwer gären!«
-
-»Waart, ech will dech liehren!«
-
-Der Kampf wurde ernsthaft. Die große Gegnerin schüttelte die kleine wie
-ein Bündel Kleider; diese schlug mit Händen und Füßen aus. Ließen sie
-sich einen Augenblick los, um Atem zu schöpfen, gleich stürzten sie
-wieder aufeinander.
-
-Schreie, Schimpfworte, Kreischen, Lachen, ohrenbetäubendes Geschnatter.
-
-Zwei Parteien hatten sich gebildet, Frau stand gegen Frau; so manche
-hatten heimlichen Groll auszufechten, es waren nicht mehr die Densborn
-und die Steffes allein, die aufeinander losgingen.
-
-Die Geschwister Pötsch waren vergessen. Karl, die Hände in den Taschen
-seiner zerlumpten Hose, sah grinsend dem Tumult zu; Billa lag heulend
-am Boden. Tina wischte mit dem Handrücken das Blut von der Nase, dann
-schlich sie mit funkelnden Augen dem Weiberknäuel näher. Sie hatte auch
-ihre Feindinnen darunter -- rasch der Steffes ein Bein gestellt! Warum
-hatte ihr die vorhin nicht beigestanden?!
-
-Nun steckte sie mitten drin im Kampf; die blonde Leis, das Bäschen
-von der Steffes, und, mit ihren goldnen Zöpfen, Tinas gefährlichste
-Nebenbuhlerin -- war sie nicht erst vorhin aus Pittchens Thür
-geschlichen? -- versetzte ihr eins.
-
-»Hol dech in Aacht, dau Schleckermaul,« zischelte Tina hinter
-zusammengebißnen Zähnen.
-
-»Dau Rotznaos,« schrie die Blonde verächtlich; sie war um ein oder zwei
-Jahr älter.
-
-»Dau öwerstännige Kwetsch!«[26]
-
-»Dau unreifen Appel!«
-
-»Ech roppen der dein rot Börschten[27] aus!« Tina griff kräftig in die
-goldnen Zöpfe.
-
-»Vrun, Vrun,« rief Leis die Freundin zu Hilfe. »Komm ehs här! Gief dem
-dao eins hinnen druf, ech halen derweil der verliewten Katz de Poten.«
-
-»Hal dau dein Schnöß! Vrun, komm bei mech,« schrie Tina. »Ech saon der,
-dat Leis -- Vrun, Vrun! -- et es heit beim Pittchen gewest, et haot zom
-Pittchen gesaot: et hält dech für en Naor! Vrun, Vrun!«
-
-»Wat?!« In einem Augenblick hatte sich das Blättchen gewendet, die
-Schwarze kehrte sich gegen die Blonde. »Beim Pittchen gewest? Mech für
-en Naor halen? -- O dau falsch Dingen!«
-
-Mit triumphierenden Augen sah Tina zu, wie die beiden Freundinnen auf
-einander losfuhren.
-
-Das war ein Spektakel! Ein Lärmen, ein Schimpfen, ein Schreien. Vom
-Berghang tönte es nieder zum Thal, an Pittchens Hütte vorbei -- der
-schlief ruhig weiter -- und und brach sich schallend an der jenseitigen
-Höhenwand.
-
-Sie hörten alle nicht das Mittagsglöcklein; nur Bäbbi. Die stand
-abseits und starrte mit großen traumverlornen Augen in's Gewühl. Früher
-hätte sie auch frischweg am Kampf teilgenommen, -- aber jetzt?! Es war
-alles untergegangen in der großen Sehnsucht.
-
-Als das Glöcklein läutete, bekreuzte sie sich; die Sichel entfiel ihr,
-langsam sank sie auf die Kniee und faltete die Hände. Was that der
-Lorenz wohl jetzt? Dachte er jetzt auch an sie? -- -- Wär' er doch erst
-wieder hier -- ach! -- -- -- -- -- --
-
-»Steh uf,« schrie die alte Schneidersch sie an. »Schläfste?« Die Alte
-hatte sich auch am Zank beteiligt, besonders mit dem Mundwerk; sie
-hatte aber auch bald darin ihren Meister gefunden, nun ergoß sich die
-ganze aufgestaute Flut von Scheltworten über die Schwiegertochter,
-diesen Dorn in ihrem Auge.
-
-Mit einem wilden Ingrimm fuhr die Alte auf sie los. Es wurde Bäbbi
-nichts erspart; laut und gellend, vor aller Welt, wurde ihr ihr
-Fehltritt vorgeworfen. Kein Mädchen war je so schlecht gewesen, so
-lumpig, so armselig und so berechnend dazu. Was hätte der Lorenz für
-Partien machen können, aber sie hing ihm ja wie ein Klotz am Bein,
-merkte es gar nicht, daß er sie gern los geworden wäre -- ja, er hatte
-sie satt, der Mutter hatte er's vertraut!
-
-Schwerfällig richtete sich Bäbbi auf, stumm, mit düstren Augen
-hatte sie auf den Kampf der Weiber gestarrt -- Heulen, Schreien,
-geschwungene Fäuste, verzerrte Gesichter, ein wildes Durcheinander
-erregter Gestalten -- jetzt schien sich auch ihr Blick langsam daran zu
-entzünden. Als die Schwiegermutter schloß: »Hän haot dech saat, saat
-bis zom Ekel, hän wünscht dech, wuh dän Peffer wächst,« flammte er auf.
-
-Sie kehrte sich gegen die Alte, raffte die Sichel auf; ihr Gesicht
-glühte, ihr Auge glitzerte unheimlich, ein irres wildes Lachen rang
-sich aus ihrer gequälten Brust. Sie hob drohend die Sichel -- aber,
-da, sie ließ sie wieder fallen. Statt dessen schwang sie die Faust und
-schmetterte sie nieder auf den Rücken der Schwiegermutter, daß der
-Hören und Sehen verging.
-
-Die Alte knickte in die Kniee, schützte den Kopf mit beiden Armen und
-schrie laut.
-
-Hageldichte Schläge. Die Alte duckte sich und wand sich wie ein Wurm,
-Bäbbi stand über ihr gleich einer Rächerin, totenbleich, die Lippen
-fest aufeinander gepreßt. Sie schlug darauf los mit einer Art von
-Befreiung, von Erlösung.
-
-»Hör uf,« kreischte die Alte, »ech zeigen dech an! Ech fluchen der!«
-
-Ununterbrochen fielen die Schläge.
-
-»Hör uf, ech saon et dem Lorenz! --«
-
-»Lorenz --!«
-
-Jammernd, beschwörend, bittend zugleich schrie Bäbbi den Namen nach;
-der erhobne Arm fiel ihr zur Seite, sie starrte verwirrt drein, als
-erwache sie aus einem Traum. Ein Zittern, ein Rütteln ging durch ihren
-ganzen Körper; sie schwankte, die Füße schienen sie nicht länger zu
-tragen. Mit einem dumpfen Laut schlug sie die Hände vor's Gesicht.
-
-
-
-
- V.
-
-
-»Bimmel, bimmel, bimmel« tönt das Glöckchen der Kirche. Sein dünner
-heller Klang fliegt durch's Dorf und steigt an den Thalwänden in die
-Höhe; oben von Schwarzenborn antwortet ein anderes Glöckchen. »Bimmel,
-bimmel, bimmel« -- Vesper.
-
-Aus den Steinfliesen der Kirche lag Bäbbi. Ihr Gesicht war blaß, ihre
-Augen rot, vom Weinen dick verschwollen. Sie hob die Hände zu dem
-Marienbild, das in der Nische des Seitenaltares stand; weiße und rote
-Papierrosen umkränzten die Heilige, ein paar dünne Kerzchen flackerten
-ihr zu Füßen.
-
-Kein Mensch war sonst mehr in der Kirche. Die braunen Holzbänke
-standen leer; hie und da war ein Gebetbuch liegen geblieben, ein buntes
-Heiligenbildchen steckte als Zeichen darin. Derbe Lederschuhe hatten
-vom Kot der Dorfstraße mit herein geschleppt; die ausgetretenen Fliesen
-vor dem Marienbild waren am meisten beschmutzt, da hatten die Weiber
-vorhin gekniet, die Stirn tief gesenkt, unablässig die Lippen bewegend.
-
-Ein Gewitter war am Nachmittag aufgezogen, rasch kam es, ungeahnt, ohne
-vorherige Anzeichen; schwarz war der Himmel, schwer wie Blei. Er drohte
-mit Hagel. Angstvoll schauten die Frauen aus -- sollte das schon die
-himmlische Strafe sein für den heutigen Zank?
-
-Sie glichen heute alle blessierten Kriegern nach der Schlacht; einen
-Kratz, einen Stoß, einen Schlag, einen Tritt hat jede wegbekommen.
-Mit funkelnden Augen waren sie vom Acker heimgekehrt, Schimpfworte,
-Verwünschungen auf den Lippen. Die Hüttenthüren wurden zugeschmettert,
-die Kinder verkrochen sich scheu, die Schüsseln klapperten -- manch
-eine ging heut in Scherben; mit noch nicht gestilltem Zorn verzehrte
-man ein sehr verspätetes Mittagbrot, es schmeckte wie Galle.
-
-Da -- krach -- der erste Donner!
-
-Furchtbar rollte er im engen Thal; wie ein böses Tier im Käfig, das
-keinen Ausweg findet, so grollte er zwischen den Bergwänden. Krach,
-krach -- Hall und Widerhall. Und der Himmel so drohend, und die Blitze
-niedersausende Schwerter.
-
-»Jeßmarijusep!« Wie eine Herde Schafe, vom Wolf gescheucht, flüchteten
-sie in die Kirche. Da lagen sie auf den Fliesen und schlugen die Brust
-und beteten und seufzten zum Steinerweichen. Sie waren ganz zerknirscht.
-
-»Maria, Jongfra voller Gnaden, bewaohr ons!«
-
-»Heiliger Donatus, sänftig dat Ongewieder, dau kannst et! Heiliger
-Donatus, ech flehen dech an, laoß meine Gerscht net zu Schannen gänn --
-se stieht als in Mandeln!«
-
-»Heilige Maria, Moddergotts, ech haon et net e su bees gemaant, wie ech
-dem frech Mensch eins appliciert haon. Dau wirst en Einsiehn haon -- o
-liew Moddergöttesche, rechen et mir net an!«
-
-Draußen kracht der Donner. Kanonenschüsse feuert er durch's Thal, von
-einem Ende zum andren.
-
-»Gegrüßet seist du, Maria -- hilf, hilf, heiliger Donatus!«
-
- »Meerstern, ich dich grüße,
- Gottes Mutter süße -- --«
-
-Der Tag ist schwarz wie die Nacht, in den Winkeln der Kirche hockt
-grauliche Dämmerung. Jetzt bebt der alte Bau -- jetzt loht ein feuriger
-Blitz durch die Dunkelheit, noch feuriger durch das bunte Glas des
-Fensters, darauf das Bildnis des heiligen Donatus steht, mitten
-zwischen Blitzen. Ein gellendes Aufkreischen drinnen antwortet der
-dröhnenden Stimme draußen, immer lauter wird das Murmeln, immer rascher
-bewegen sich die Lippen.
-
-»Heiliger Donatus, ech grüßen dech, gelowt seist du!«
-
-»Maria, Moddergotts, bitt for ons!«
-
-»O Maria, ech grüßen dech, dreiunddreißigtausendmal!«
-
-Die Stirnen neigen sich bis auf die Fliesen; Gelöbnisse, Versprechungen
-werden den Wunderthätigen gemacht.
-
-Sie brauchten nicht allzulange mehr zu beten; so rasch wie es gekommen,
-so rasch ließ das Unwetter nach, es zog über die Berge ab in einem Hui.
-Vor der Kirchthür gackerten schon wieder die Hühner und scharrten nach
-Würmern, Spatzen schirpten vergnügt und lupften das nasse Gefieder.
-Die Jauche floß, durch den Regen von den Misthaufen weggespült, quer
-über die Gasse; aber am blauen Himmel stand schon wieder die Sonne und
-lachte.
-
-Sie knixten und bekreuzten sich noch einmal an der Kirchthür und
-tunkten den Finger in's steinerne Weihwasserbecken.
-
-»Dunnerknippchen, waor dat en Wäder,« sagte die eine. Und die andre:
-»Deiwel aach, dat konnt en bees Onverlegenhaat gänn!«
-
-Sie waren alle guter Dinge, lachten und schwatzten. Die Feindinnen
-sprachen wieder miteinander; mit Geschäker machte man sich selbander
-auf, aus dem Wald das abgeschlagne Dürrholz zu holen.
-
-Bäbbi war allein zurückgeblieben. Ihr Murmeln hallte wider im einsamen
-Raum; sie hatte nicht beten können zwischen den andren, jetzt betete
-sie. Sie wußte selbst nicht, was sie sprach; Worte waren es kaum, nur
-ein Gestammel, ein schmerzvolles Lallen.
-
-Flehend richtete sie den trüben Blick auf das Marienbild; das lächelte.
-
-Sie nickte traurig -- ja, die war rein und heilig, darum lächelte sie
-auch so stumm; die verstand so viel Sündhaftigkeit nicht!
-
-»Erbarm dech!«
-
-Mit einem Stöhnen schlug Bäbbi die Stirn auf den kalten Stein. Sie
-hatte die Hand erhoben gegen die, die den Lorenz geboren hatte, sie
-hatte seine Mutter geschlagen! Was würde der Lorenz sagen?!
-
-Wenn sie das Schreckliche, das ihr Gewissen bedrückte, doch nur einem
-Menschenohr anvertrauen könnte! Wenn ein reinerer Mund für sie bei der
-da oben den Fürsprecher machte, dann würde auch der Lorenz ihr verzeihn!
-
-Eine furchtbare Angst erfaßte sie. Wenn er sich von ihr wendete, wenn
-er nicht wiederkehrte!
-
-Halb irr vor Furcht, wand und krümmte sie sich und rang die Hände.
-
-»Maria, Moddergotts, verzeih mer! Lorenz, komm widder! Lorenz! Ech will
-dein Modder uf Händen dragen, se soll mech schlaon, half dud schlaon,
-ech mucksen net! Komm widder, komm widder!«
-
-Es raschelte in den Papierrosen um's Marienbild, ein Zugwind hatte sie
-gestreift; oben am Orgelchor klappte ein Fenster -- die Sakristeithür
-hatte sich geöffnet.
-
-Bäbbi hörte nicht, inbrünstig flehte sie.
-
-Der geistliche Herr war eingetreten, sein gutes bäuerliches Gesicht
-glänzte rot und zufrieden. In der Sakristei hatte es nicht eingeregnet,
-im Pfarrgarten war auch nicht eine von den kostbaren Speckbirnen
-abgeschlagen! Gelobt sei der heilige Servatius, der Schutzpatron von
-Eifelschmitt!
-
-»Ei, Lenzen Bäbb,« sagte er freundlich und tupfte die
-Zusammengekauerte auf die Schulter. »Was machst du hier?«
-
-Sie hob den Kopf und sah ihn verstört an. »Hähr Pastor -- Hähr!« Sie
-stotterte, verlangend glitt ihr Blick hinüber zum Beichtstuhl an der
-jenseitigen Wand, in dem das grüne, verschleiernde Gardinchen so
-hoffnungsvoll schimmerte. »O Hähr Pastor« -- sie stieß es heraus mit
-einer Art Gier -- »wann ech eweil zor Beicht giehn dörft!« Ihre Hände
-haschten nach dem Zipfel seines speckig glänzenden, langen Rockes; sie
-drückte die Lippen darauf. »Hähr Pastor, zor Beicht!«
-
-»Jetzt nicht, meine Tochter,« sagte er etwas verwundert, »nächsten
-Freitag! Du weißt doch, nach der Messe morgens, und nachmittags von
-fünf bis sieben. Heut ist Montag. Warst du denn gestern nicht im
-Hochamt? Es ist doch abgekündigt worden. Nächsten Freitag« -- er
-betonte nachdrücklich jedes Wort -- »von fünf bis sieben ist Beichte.
-Behalte, nächsten Freitag!«
-
-»Oh,« wimmerte sie, »Hähr Pastor!«
-
-»Also am Freitag, meine Tochter!« Er hob mit einer segnenden Bewegung
-die Hand zum Abschiedsgruß.
-
-Sie sah ihn an, wie ein verhungerndes Tier.
-
-Lächelnd fuhr er in die abgegriffene Tasche der Soutane und brachte
-ein Bildchen heraus, ein weißes Cartonkärtchen mit Spitzenpapierrand;
-ein rotes, flammendes Herz war darauf gemalt, von einem Pfeil
-durchbohrt -- 'das süße Herz Jesu'.
-
-»Hier, meine Tochter!« Er machte das Zeichen des Kreuzes über sie.
-
-Sie küßte das Bildchen, sie küßte seine Hand; und dann war sie wieder
-allein. Der Herr Pastor ging, um sein Brevier zu beten; das that er,
-wie täglich, auf seinem Spaziergang gen Himmerod zu, da führte der Weg
-lieblich im Bergschatten und wanderte sich sacht und eben.
-
-Lange noch lag Bäbbi vor dem Altar; süßlächelnd blickte das Marienbild
-nieder, kein Zug in dem Wachsgesicht veränderte sich. Ein grenzenloses
-Gefühl der Verlassenheit überkam die Einsame; da war niemand, der ihr
-helfen konnte! Zerschlagen an allen Gliedern schlich sie sich endlich
-fort.
-
-Als sie bald darauf, die Hotte auf dem Rücken, den andren Weibern
-nach, zum Kunowald hinaufwanderte, schloß sich ihr Peter Miffert an. Er
-wollte der Zeih entgegengehen. Seinen zerlumpten Werktagsanzug hatte er
-mit dem Sonntagsstaat vertauscht; viel war an dem auch nicht dran, aber
-die Hosen, die ihm sonst schlotterten, hatte er stramm heraufgezogen,
-die Mütze mit dem blanken Wachstuchschild saß ihm verwegen auf den
-dunklen Ringelhaaren.
-
-Er pfiff und sang, aber sein Singen war mißtönend wie das Gekrächz
-des Hähers, der, aufgeschreckt, in den Baumwipfeln flatterte und
-argwöhnisch von dort niederäugte. Die Zeih mochte sich heut schön
-'veramesiert' haben! Pittchen hatte sich eine Haselgerte abgeschnitten,
-mit der hieb er rechts und links, daß die Blätter der Büsche flogen.
-
-»Duht dat net!« Bäbbi sah ihn aus ihren traurigen Augen beweglich an.
-»De arm Dinger! Am Busch sein se e su lostig grün, Ihr haut se ahf, duh
-liejen se kapot uf der Straß on gänn zertret!«
-
-»Waorom net gaor,« sagte er leichthin; aber er hieb doch nicht mehr.
-
-Schweigend gingen sie beide weiter, jeder in seine Gedanken versunken.
-Plötzlich schluchzte Bäbbi auf, schwer ließ sie sich auf einen Stein
-am Weg fallen. »Glauwt Ihr, dat dän Lorenz widder kömmt?« stieß sie
-hervor; ihr Blick bohrte sich mit angstvoller Frage in Pittchens
-Gesicht.
-
-Er fühlte ihre Angst heraus und lachte gutmütig: »No, waorom dann
-net?! Waor soll hän dann annerschter giehn?!«
-
-»Maant Ihr? Maant Ihr werklich?« Sie preßte seine Hand. O wie gut that
-ihr seine Zuversicht! Schluchzend hielt sie ihn am Ärmel fest und
-lehnte die Stirn gegen seinen Rock.
-
-»Äwer, Bäbb, seid doch net gäckig!« Ob schön oder häßlich, er konnte
-kein Frauenzimmer weinen sehen; er war ganz gerührt von ihren Thränen,
-er quetschte sich neben sie auf den Stein und streichelte ihre Hand.
-»Bäbb, Bäbbchen, kreisch doch net e su!«
-
-»Wann hän mech net mieh liew haot, duhn ech mer en Leid an,« murmelte
-sie mit finsterer Entschlossenheit.
-
-Das traf Pittchen wie ein Schlag. Wenn ihn die Zeih nicht mehr lieb
-hätte, was würde er dann thun -- -- --?!
-
-Er sprang so hastig auf, daß Bäbbi ihn erschrocken ansah.
-
-»Eweil giehn ech. Adjes!«
-
-Das war nicht sein gewöhnlicher fauler Schlendergang, bei dem er die
-Füße kaum hob und nur langsam weiter schlorrte; er rannte.
-
-Tannen rechts, Tannen links. Schwarze Riesenwände, die einen schmalen
-Streifen Himmel einrahmen. Keine Hütte, kein Stückchen bebautes Land
-mehr. Kein Mensch; keine grasende Kuh, keine meckernde Ziege, auch kein
-Wild, kein Vogel.
-
-Ohne eine Nadel zu regen, in majestätischer Größe stehen die Tannen,
-wie aus der Urwelt stammend, mit ihren Riesenbärten von abgestorbenem,
-grauem Moos, ihren überhandlangen, braunen, schuppigen Zapfen, ihrem
-dunkelflüssigen Harz, das in zähem Rinnsal aus der zerklüfteten Borke
-sickert.
-
-Tiefstes Schweigen. Ein Schweigen, in dem auch der leichtherzige
-Wanderer stumm wird; eine gebieterische Hand streckt sich aus dem
-Dunkel der Äste und legt sich auf seinen Mund: »Still!«
-
-Hinter den finstren Stämmen tauchen Gedanken auf, dämmernde,
-ahnungsbange Gedanken; tückisch brechen sie hervor, wie Räuber aus dem
-Hinterhalt, und überfallen den Harmlosen. Man erschrickt vor dem eignen
-Fußtritt, man hält den Atem an und steht und lauscht; und dann packt
-einen die Angst im Genick, wie ein schwarzes Tuch fällt es einem über
-den Kopf -- weg ist der Frohsinn. Ein grüblerischer Ernst hält den
-Menschen umklammert und läßt ihn nicht los in dieser Einsamkeit.
-
-Weltabgeschieden ist der gewaltige Wald. Wer hier um Hilfe schreit,
-wird nicht gehört; was man hier treibt, wird nicht gesehen; wer etwas
-verbergen will vor andrer Augen, kann's hier dreist, ein Schutzdach
-wölbt sich über ihn und um ihn.
-
-Pittchen pfiff und sang nicht, er rannte auch nicht mehr; argwöhnisch
-bohrte sich sein Blick rechts und links in die Tannen. -- Ob die Zeih
-allein daher kam? Wenn sie nun hier ginge, begleitet von einem andren
--- -- --?!
-
-Der verfluchte Wald! Hätte der Weg über freies Feld geführt, würde er
-sich gar keine Gedanken machen, aber so -- -- --!
-
-Grüblerisch hing er den Kopf auf die Brust. -- -- Da ging die Zeih von
-Manderscheid fort, auf der Chaussee begegnete ihr einer, es schlich
-ihr wohl gar einer nach von Manderscheid -- hätte er's denn nicht
-selber so gemacht? -- Nun kam der große Wald, nun gingen die zwei mit
-einander hinein, immer tiefer in's heimliche Versteck. Kein Mensch sah
-sie, nicht einmal die Sonne lugte verstohlen; es dämmerte bereits,
-Abendwolken verschleierten das Himmelsauge. Dem Mann wurde warm an der
-Seite der schönen Zeih, er redete verliebtes Zeug, und sie lachte dazu.
--- Peter hörte ihr halblautes Gekicher, so kicherte sie auch, wenn er
-zärtlich wurde -- sie wiegte sich in den Hüften, der Dreiste faßte sie
-um die Taille, sie wehrte sich nicht, sie lachte nur -- -- -- -- --
-
-»Kotzdonner noch ehs!« Peter fluchte ingrimmig in sich hinein -- jetzt
-fuhr er zusammen; deutlich erklang das Lachen, das verfluchte Lachen!
-Er stand, wie der Teckel vor'm Fuchsbau, zitternd, lauernd, aufgeregt.
-
-Im dürren Gezweig knackte es -- Rehe waren das nicht! Wieder das Lachen
--- und jetzt --
-
-»Haalt,« schrie es hell.
-
-Ein Rudel junger Weiber setzte aus dem Dickicht und verstellte den Weg.
-
-Peter sah verblüfft drein.
-
-»Helao,« lachte die wilde Tina, »hei gitt et Wegzoll bezaohlt, eweil
-sein mir de Sperrbarriär!«
-
-Sie faßten sich an den Händen und bildeten eine feste Kette; die Tina,
-die Leis, die Vrun, das Kättchen, das Nettchen, die Billa und noch ein
-paar Halbwüchsige, in Röckchen, die grade bis unter's Knie langten.
-
-Mit ihren bloßen Füßen, die gebräunt von der Luft, beschmutzt vom
-nassen Moos, zerkratzt vom Reisig waren, trippelten sie ungeduldig. Sie
-schrieen alle:
-
-»Sperrbarriär! Pittchen, helao, Pittchen, wat zaohlste?!«
-
-Er suchte, sich geschwind an der Seite vorbeizustehlen.
-
-»Hei gitt et net strawätzt[28]!« Tina hielt ihn fest.
-
-Sie ließen ihn nicht durch; drohend ragten die Hotten mit den
-quergelegten Reisigbündeln über ihren Köpfen.
-
-»Laoßt mech dorch, ihr Mädercher!«
-
-Ein vielstimmiges. »Nä!«
-
-»Wat wollt ihr dann?«
-
-»Wegzoll! Dau moßt zaohlen, zaohlen!« Sie lachten und drängten sich um
-ihn her und hopsten und reckten sich an ihm in die Höhe.
-
-Kein Durchkommen. Was sollte er machen, er konnte sich doch nicht mit
-Gewalt befreien?
-
-»Wegzoll,« lachte Tina, »dau kömmst net ehnder dorch!«
-
-»Net ehnder, nä, nä,« schrie der Chor.
-
-Scherzend riß Miffert Tina an sich.
-
-»E Küßche,« raunte sie ihm zu.
-
-Lachend ließ sie sich küssen, und lachend küßte Peter weiter, eine
-nach der andren nahm er beim Kopf; kreischend und doch willig ließen
-sie sich's gefallen, der stille Wald hallte wider von den jauchzenden
-Mädchenstimmen.
-
-Weg war die bange Einsamkeit. Peter schäkerte; je toller, je lieber,
-die warmen Lippen hatten ihn ganz berauscht. Ganz benommen torkelte er
-weiter -- es dunkelte hier innen schon; nun fiel ihm die Zeih wieder
-ein.
-
-Tina war hinter den andren zurückgeblieben, er hörte ihr leises: »Pst,
-pst!« Sie winkte ihm.
-
-Er that, als ob er's nicht sähe. Ein andermal gern; aber jetzt hatte er
-Eile. Er setzte sich in Trab. -- Donnerwetter, da kamen noch welche!
-Waren denn heut alle Weiber auf den Beinen?!
-
-Er wollte sich seitwärts unter die tiefhängenden Äste drücken --
-umsonst -- sie hatten ihn schon gesehen. Die Steffes, mit ihren
-harmlosen Augen, konnte ausschauen, scharf wie ein Falke; die Kathrine
-Densborn nicht minder, und die Traut erst recht. Auch noch ein paar
-andre waren dabei. Himmel, so viel Weiber!
-
-Pittchen fühlte einen leisen Schauer den Rücken hinabrieseln, und doch
-war ein gewisses Wohlgefühl dabei. War er nicht der Herrscher über alle
-die da?!
-
-Sie kamen seinem Gruß zuvor, ihre Blicke hingen an ihm.
-
-»'n Aowend,« nickte er herablassend und wollte weitergehen.
-
-Sie hielten ihn an, jede hatte was mit ihm zu sprechen, eine immer
-dringender wie die andre.
-
-Er kam nicht los; grob konnte er doch nicht sein! Als sie sich endlich
-trennten -- schon war er ein paar Schritte fort -- da drehte die Traut
-noch einmal um: »Hä, Pittchen! Hä!«
-
-Und hinter der Traut lief wieder die Steffes drein.
-
-»Uf ein Wort, Pittchen! Ech moß Eich ebbes saon, Pittchen!«
-
-Da gab er Fersengeld.
-
-»Hä! Hollah, Pittchen! Waartet ebbes -- haalt!«
-
-Da rannte er in den Wald hinein, was hast du, was kannst du. Hinter
-sich hörte er das Rufen der Weiber. Mischte sich nicht jetzt auch Tinas
-Stimme darein? -- Lachen, Schreien, nun verfolgende Tritte!
-
-Er verließ den Weg und sprang über den Graben, quer durch's Unterholz,
-daß dürres Reisig knickte und krachte und überhängende Zweige ihm in's
-Gesicht stachen.
-
-Es peitschte ihn mit Ruten; er rannte, daß ihm der Schweiß ausbrach.
-
-Immer glaubte er, rufende Stimmen zu hören; wie mit Armen griff es
-nach ihm, heißer Atem blies ihm in's Genick, Röcke rauschten und
-raschelten -- hochatmend hielt er endlich inne. Ach, das war ja nur der
-Buchenwald, der rauschte so!
-
-Erleichtert sah er um sich. Das Tannendickicht hatte nun ein Ende;
-unter den grünen luftigen Buchen war's weit heller, sanftes Licht floß
-an den glatten Stämmen nieder, und die Blätter regten sich traulich
-flüsternd im Abendwind.
-
-Er suchte den Weg wieder auf, rückte sich den Rock zurecht und
-schlenkerte die Mütze aus, Tannennadeln und dürre Zweiglein hingen
-daran.
-
-Kam die Zeih denn noch nicht?! Er hatte sich verspätet, aber sie
-scheinbar noch viel mehr. -- Der würde er aber einen schönen
-Empfang machen, die Lust sollte ihr vergehen, sich so spät im Wald
-herumzutreiben!
-
-Da war ja der Kaisergarten. Da zweigte der Weg nach Großlittgen ab,
-und da, unter dem Trupp himmelhoher Fichten, die abgegrenzt mitten im
-Buchengrün sich hoben, stand die Moosbank, so recht ein Versteck für
-Liebespaare.
-
-Er stutzte. Ein Chaischen war quer über die Straße gefahren, der
-braune Gaul mit hängenden Zügeln rupfte friedlich die Gräser am
-Grabenrand ab. Waren das nicht Pferd und Wägelchen vom Gastwirt Pauly
-zu Oberkail?! War der hier?!
-
-Leises Kinderweinen schlug an Peters Ohr. War das nicht das Josefchen?
-Zwischen den Stämmen blinkerte eine Uniform. Wer war da?!
-
-Jetzt Lachen -- das war die Zeih!
-
-Mit einem Satz war er unter den Fichten. Richtig, die Zeih saß auf der
-Moosbank und neben ihr -- traute er denn seinen Augen recht? -- neben
-ihr saß ganz gemütlich der schöne Gendarm von Oberkail!
-
-»Zeih!« Er rief es so laut, daß der friedliche Gaul einen Satz machte
-und das Josefchen gellend aufschrie.
-
-»Aha, der Herr Gemahl,« sagte der Gendarm und legte höflich die Hand an
-den Helm. In seinem vollwangigen Milch- und Blutgesicht vertieften sich
-zwei Grübchen. Er hatte nicht umsonst bis zuletzt als Unteroffizier
-bei der Garde in Berlin gestanden, er wußte, daß man gegen die Männer
-hübscher Frauen artig zu sein hat, und wären es auch die größten Lumpe
-und Lüderjahne.
-
-»Na, Herr Miffert,« -- er rückte in die Ecke der Bank und legte das
-Seitengewehr über die Kniee -- »wollen Sie nicht Platz nehmen?«
-
-»Nä,« sagte Pittchen kurz. »Komm, Zeih!« Er sah sie zornig an; sie
-schien das gar nicht zu bemerken; umständlich nahm sie von dem Gendarm
-Abschied und lächelte ihn an, die Lippen dabei spitzend, daß ihr
-Pittchen am liebsten einen Schlag drauf gegeben.
-
-»Merci, merci, Hähr Schandarm, et waor e su freindlich, dat Sie mech
-metgeholt haon. Pittchen, bedank dech aach ehs. Dän Hähr Schandarm waor
-zo Manderscheid, hän haot mech invitiert, met uf dem Wägelche redur zo
-faohren. Duh haon ech et kommod gehaot!« Sie lachte vergnügt.
-
-Peter sagte kein Wort.
-
-Der Gendarm erhob sich und steckte zwei Finger hinter den mittleren
-Brustknopf der Uniform. »Ich hab's Ihnen schon gesagt, wenn Sie den
-Umweg über Großlittgen nicht scheuen, schöne Frau, können Sie auch
-noch weiter mitfahren. Habe da noch Wichtiges zu thun; unser einem
-wird zu viel aufgepackt, keine Minute Pause, strammen Dienst bis
-zum späten Abend. Für mein schweres Geld hab' ich mir den Wagen vom
-Pauly genommen, nur um keine Zeit zu verlieren.« Er gab sich ein sehr
-wichtiges Aussehen.
-
-Lucia sah ihn mit offnem Mund bewundernd an.
-
-Er machte eine einladende Handbewegung: »Steigen Sie nur auf, schöne
-Frau!« Zu Pittchen sprach er mit Gönnermiene. »Für Sie ist auch noch
-Platz, Miffert!«
-
-Peter schielte ihn von unten herauf an. »Willste met de grußen Hähren
-Kerschen äßen, maach, datste de Steiner net an dän Koap kriehst -- nä,
-merci!«
-
-»Was wollen Sie damit sagen?« Der Gendarm verstand den Dialekt noch
-nicht und witterte immer gleich eine Verhöhnung der Obrigkeit. Er
-versuchte seinem harmlosen Knabengesicht einen martialischen Ausdruck
-zu verleihen und zwirbelte den Schnurrbart aufwärts. »Nanu, was wollen
-Sie damit sagen?«
-
-»Neist!« Pittchen sah ihn unbefangen, etwas blöde an, aber in seinem
-Innern kochte es: 'Waart, dir spielen ech aach als en Possen!' »'n
-Aowend!« Er zog Zeih unwiderstehlich mit sich fort.
-
-»Tappert,« brummte der Gendarm, als er ihnen nachsah. 'Tappert,' das
-war ungefähr das einzig Eiflerische, was er bis jetzt gelernt; es war
-gleichbedeutend mit dem hochdeutschen 'Dummes Luder', und wurde hier
-bei den 'dämlichen Bauern' mit Vorliebe von ihm angewendet.
-
-»Autsch, reiß mech doch net e su,« schmollte Lucia, als sie ein Stück
-weiter weg waren. Sie blieb stehn und sah sich um. »Wat soll eweil dän
-Hähr Schandarm denken?! Jesses, laoß mech doch los!«
-
-Er hatte sie unsanft am Handgelenk gefaßt, sie machte sich frei, mit
-Thränen in den Augen. »Autsch, ech giehn jao schuns allein! Laoß los!
-Ech haon e su als schuns schwer zo schleppen, et es mer net kommod!«
-
-Schweigend nahm er ihr das Kind ab, dieses ganz in ein großes
-Tuch gewickelte Bündel; nun trug sie nur noch ein Packet, das war
-verschnürt, und sie trug es mit besondrer Sorgfalt.
-
-»Wat haste lao?« brummte er.
-
-»Raot ehs!« Ihr Gesicht hellte sich schon wieder auf, ihre Augen
-glänzten vor Vergnügen. »O su ebbes Schienes, su ebbes Wonnerschienes!
-Waart, Pittchen, ech zeigen et der!«
-
-Lebhaft kniete sie nieder, legte das Packet sacht auf's weiche Moos und
-begann es aufzuschnüren. »Dau sollst dein blao Wonner siehn,« schwatzte
-sie dabei, »su ebbes Schienes! Kuck ehs hei, Pittchen! Kuck ehs!« Sie
-schlug die Hände zusammen in eitel Glückseligkeit und lachte wie ein
-Kind.
-
-Da lag ein schöner roter Flanellunterrock und schimmerte grell auf dem
-dunklen Moos. Und daneben eine Tändelschürze von schwarzem Seidenstoff,
-unten mit bunter Blumenguirlande bestickt.
-
-»Haste su ebbes schuns gesiehn?« stammelte sie entzückt; und dann
-griff sie mit beiden Händen zu und hielt sich das viel zu kleine
-Seidenläppchen vor den starken Leib. »Wat werden se saon!« Sie jauchzte
-förmlich.
-
-Er staunte auch über die Pracht, aber zugleich ergriff ihn eine
-plötzliche Unruhe, ein jähes Unbehagen -- wie kam die Zeih dazu?
-
-»Wuhär haste dat?« fragte er finster.
-
-Sie lachte fröhlich: »Geschenkt kritt!«
-
-»Geschenkt kritt?« wiederholte er. »Von deim Tant doch sicher net; on
-dein Modder haot sälwer neist!« Er sah sie lauernd von der Seite an.
-
-»Olau, von dänen -- nä!« Nun lachte sie, daß sie sich schüttelte. »Von
-dänen, su ebbes Schienes?! Hahahaha!«
-
-»Von wäm dann?« fuhr er sie an.
-
-»Olau, dau domm Pittchen,« -- noch immer lachend stieß sie es heraus
--- »von dem Hähr Reisenden, von dem freindlichen Hähr! Von wem
-annerschter?!«
-
-»Biste doll?!« Er sprang auf sie zu wie ein Rasender und riß ihr die
-Schürze vom Leib. »Gief her!«
-
-Das Lachen verging ihr, jammernd suchte sie ihm die Schürze wieder zu
-entreißen. »Mein Schörz, Pittchen! Mein Schörz, mein schien Schörz!«
-
-»Dän Lappen, dän Dreck!« Er knäulte die Seide zusammen und schmiß sie
-hin; auf dem roten Rock trampelte er herum. »Onnerstieh dech noch ehs
--- ebbes aanzonähmen von Hähren, von fremde Hähren! Ech schlaon dem
-Kerl ale Rippen im Leiw dorch, ech schlaon hän kapores, ech schlaon
-hän dud. -- Dau Mensch, dau lidderlich Mensch, wat haot hän dafor
-gekritt? Saog!« In seiner Wut gab er ihr einen Stoß, daß sie zu ihren
-mißhandelten Schätzen auf's Moos niederfiel. »Saog de Waohrhaat --
-lüg net! Wat haot hän dafor gekritt?!« Er schrie; unter den schweren
-Augenlidern sah er sie durchbohrend an mit stechenden, gefährlichen
-Blicken.
-
-Sie suchte die Geschenke zusammenzuraffen; er schleuderte sie in weitem
-Bogen auf die schmutzige Straße.
-
-»Wat haot hän dafor gekritt -- willste't nau saon?!«
-
-»E Küßche,« wimmerte sie, »nor en anzig Küßche. For den Rock zwaa --
-for de Schörz ans -- nä, aach zwaa! Föhrwaohr on enklich, ech saon de
-Waohrhaat. -- Pittchen, Pittchen!« Sie hatte Angst bekommen.
-
-»Neist mieh? Lüg net!« Er knirschte mit den Zähnen. »Dau kömmst
-net labendig hei aus em Wald, wannste net de Waohrhaat saost. Ech
-raoten der!« Er hob die Faust, jede Muskel seines hagren Körpers war
-angespannt; er war nicht so groß und kräftig gebaut wie seine Frau,
-aber in diesem Augenblick erschien er ihr wie ein Riese.
-
-»Hän haot mech uf dän Schoß geholt,« stotterte sie scheu. »Hän haot
-dat Josefche hinnen in et Chaische gelät. Hän saot, hän wollt mer
-noch ebbes vill Schieneres metbringen, wann hän dat nächste Maol nao
-Eifelschmitt käm. -- O mein Schörz! Mein rot Röckche! Mein schien
-Schörz!«
-
-Die Thränen liefen ihr stromweis über die blühenden Wangen, jammernd
-rang sie die Hände: »Ech arm Dier! Hätten ech dech nie geheiraod!
-Hätten ech uf mein Vadder sälig geheert! Ech konnten en annern kriehn!
-Duh sitzen ech eweil zo Eifelschmitt in dem dreckige Loch -- ke Gäld --
-ken Penning -- mer waaß oft net, wat mer äßen soll -- dän Mahn stiehlt
-onsem Hährgott dän Dag ahf -- im Winter friert mer sech zo Schannen --
-im Sommer haot mer net emaol en anstännig Kleid, om uf de Kirmes zo
-giehn! Hei dat Fähnche« -- sie hob ihr verschossenes, an allen Enden
-zu knappes Kleid in die Höhe -- »dat dragen ech schuns e su lang mir
-verheiraod sein -- zwaa Jaohr! On im Dienst zo Manderscheid haon ech
-et aach als drei Jaohr gehatt. Mer moß sech schämen for de Leit!« Das
-Schluchzen erstickte sie fast: »Ech arm -- arm Dier -- ech deierlich
-Fra!« Sie warf sich ihren Kleiderrock über den Kopf und saß nun ganz
-vermummt.
-
-Das Kind auf Pittchens Arm fing kläglich an zu schreien; er warf es der
-Mutter in den Schoß: »Dao lieg, dau Bankert!«
-
-Aber gleich darauf packte ihn die Reue; sie schluchzte so herzbrechend,
-so hatte er sie noch nie gesehen. Sonst war sie immer fröhlich. Die
-hörte wohl nie mehr zu weinen auf!
-
-Und hatte sie nicht recht, ging's ihnen nicht erbärmlich genug? Hatte
-er ihr nichts Besseres versprochen, als er die schöne, lustige Zeih
-freite?! Er stand betroffen.
-
-»Zeih,« sagte er sanfter, und dann räusperte er sich. »Zeih!«
-
-Wenn sie ihn auch nicht sah, nun wußte sie doch, woran sie war;
-sie schluchzte jetzt noch jämmerlicher und krümmte sich wie in
-unerträglichen Schmerzen.
-
-»Zeih,« sagte er ganz kleinlaut und zog ihr den Rock vom Kopf.
-
-Sie sah ihn gar nicht an, nahm das Kind in den Arm und herzte es unter
-Thränen: »O dau mein Josefche, mein arm Josefche.« Sie küßte es mit
-stürmischer Zärtlichkeit. Der Hut war ihr vom Kopf geglitten, das Haar
-hing ihr lang und wellig an den Schläfen nieder, ihr lieblicher Mund
-zuckte wie bei einem Kind, das sich ausgeweint hat und dem nur noch
-stoßweise ein letztes Schluchzen kommt. Die Lider hielt sie beharrlich
-gesenkt, ihr Blick ruhte auf dem Kinde; die goldig-braunen Wimpern
-lagen auf den schwellenden Wangen, die die Sommersonne nicht verbrannt,
-nur mit einem pfirsichähnlichen Anhauch überzogen hatte.
-
-Keine war doch so hübsch wie sie -- und alleweil so fidel!
-
-Peter sah unverwandt auf sie nieder. »Haste de Waohrhaat gesaot, Zeih?
-Schwör! Beim Josefche bei!« Er legte die Hand auf das Kind.
-
-Sie legte die ihre dazu. »Ech schwören!«
-
-Nun hob sie den Blick und blinzelte ihn an: »Biste mer bees,
-Pittchen?« Ein Schluchzen stieß sie noch. »Ech kann doch neist dafor!«
-
-»Nä, nä, kreisch nor net -- Kotzdonner, dau sollst net kreischen,
-Zeih!« Er stieß mit dem Fuß auf. »Ech haon et jao net e su bees
-gemaant. Äwer dau moßt mer aach net ontreu gänn -- hörste, Zeih, net
-ontreu. Zeih!« Er rüttelte sie schon wieder.
-
-»Nä, nä -- o mein schien Röckche! Mein Schörz!«
-
-Er ging schon auf die Straße und holte beides. »Dao haste dän Dreck!«
-
-»O Pittchen!« Sie faßte seinen Kopf und zog ihn zu sich herunter, beide
-Hände legte sie an seine Wangen. Ganz zart flüsterte sie -- es war
-schon wieder was von dem früheren vergnügten Klang in der Stimme --:
-»Eweil biste mer widder gud, gäl? On en anner Kleid kaafste mer aach,
-gäl? E su bal dän Hähr Reisenden widder kömmt. Ech saon der, dän haot
-Kleider!« Schmeichelnd rieb sie ihr Gesicht an dem seinen. »Gäl, dau
-kaafst mer ans?« Sie wartete auf seine Antwort; als keine kam, warf sie
-den Kopf zurück: »Dän wollt mer ans schenken!«
-
-Er zuckte zusammen. »Dau sollst kans geschenkt kriehn, dau därfst kans
-geschenkt kriehn, ech leiden dat net, ech -- jao« -- er nickte und
-kratzte sich nachdenklich hinter den Ohren -- »ech kaafen der sälwer
-ans!«
-
-Mit einem Freudenschrei riß sie ihn ganz zu sich herunter, preßte seine
-Lippen auf ihren Mund und küßte ihn heiß.
-
-Er lag mit seinem Kopf neben dem Kind in ihrem Schoß; sie streichelte
-seine Haare und wickelte sie um ihre Finger.
-
-»Gäl, Pittchen, dau kaafst mer ans? Jesses Maria, haon ech en Freid.
-Pittchen, ech haon dech su liew!«
-
-»On dän Schandarm?« fragte er leise, noch einmal von einem düstren
-Argwohn beschlichen.
-
-Sie lachte hell auf. »Dän Lappes! Waaßte, wie dän micht? Kuck hei.« Sie
-drückte die Augen heraus, warf sich in die Brust und zwirbelte an ihrer
-rosigen Oberlippe. »Alleweil micht dän e su. O dän! Hahaha!«
-
-Er hatte sich halb aufgerichtet; auf den Ellbogen gestützt, sah er
-verliebt in ihr lachendes Gesicht.
-
-Sie strich ihm die Falten auf der Stirn glatt und kitzelte ihn mit
-einem Halm unter der Nase. Er mußte mit ihr lachen. Und dann tuschelte
-er ihr etwas zu und drückte ihren Fuß.
-
-Das Kind schlief unbeachtet. Das Moos war weich, der Wald einsam,
-dunkler und dunkler wurde der Abend. So weich, so zärtlich ging die
-Luft, und die Blätter lispelten sacht, als hätten sie sich heimlich,
-ganz verschämt etwas anzuvertrauen.
-
-Als sie gingen, hing sie an seinem Arm, und er schleppte beides,
-das Kind und das Packet. Sorgfältig hatte er selbst die Geschenke
-eingepackt und verschnürt, dann hatte er sich den Bindfaden um den Hals
-gehängt; das Päckchen baumelte, bei jedem Schritte spürte er's.
-
-Der Weg schimmerte kaum erkennbar, im Tannenforst war's stockfinster.
-Zeih that furchtsam; bei jedem Knistern der Rinde, jedem Niederrieseln
-einer Nadel fuhr sie zusammen und schmiegte sich fester an ihn. Sie
-ruhte mit ihrer ganzen Schwere auf ihm, unter dem dünnen Fähnchen
-spürte er ihren warmen vollen Körper.
-
-Es war ihm sehr heiß, sein Atem ging unruhig; er schwitzte, trotzdem es
-nun bergab ging und der Nachtwind feucht und scharfkühl wehte.
-
-Dunkel lag Eifelschmitt; nur in wenigen Häusern schwacher Lichtschein,
-die Straße leer. Am eintönig plätschernden Brunnen standen noch ein
-paar Weiber und wuschen ihre Füße in dem ausgehöhlten Baumstamm, der
-als Brunnentrog diente. Sie hatten ihre Röcke hochgeschürzt; in dem
-Mondstreif, der jetzt durch's Nachtgewölk brach, schimmerten ihre
-nackten Arme und Beine lockend silberweiß.
-
-Peter fühlte wieder das seltsame Gruseln, jenen wunderlichen Schauer,
-der ihm leise über den Rücken hinabrieselte, sein Blut für Augenblicke
-erstarren machte, um es dann desto heißer anzutreiben.
-
-Unweit ihrer Hütte strich eine Gestalt an ihnen vorbei; Peter glaubte
-Tina zu erkennen an ihren glitzernden Augäpfeln und den geschmeidigen
-Bewegungen. Sie schlüpfte zwischen ihm und der Hecke durch; für eine
-Sekunde fühlte er seine Hand gestreift von heißen, feuchten Fingern --
-dann war's vorbei, verschwunden wie ein Spuk. In der Ferne noch ein
-leis verklingendes Lachen. --
-
-In der Nacht träumte Pittchen schwer.
-
-Er ging denselben Weg, den er heut der Zeih entgegengegangen. Aber oben
-am Kaisergarten wandte er sich rechts, gen Großlittgen zu; er mochte
-wollen oder nicht, er mußte dahin. Es puffte ihn von hinten was in den
-Rücken, ein starker Wind blies ihn fort.
-
-In der Ferne hörte er Stimmen, sie riefen und lockten: »Pittchen!
-Komm, Pittchen!«
-
-Lachen klang dazwischen -- jetzt hörte er die Zeih rufen, und jetzt die
-Tina -- jetzt fielen andre bekannte Stimmen ein: »Pittchen! Pittchen!«
-
-Wo war er denn? Erschrocken sah er sich um. Da ging er durch die öde
-Heide, der Wind stöhnte drüber hin mit unheimlichen Klagelauten.
-
-Er wollte nicht weitergehen, umkehren -- sein Fuß strauchelte über
-abgestorbne Strünke, es roch nach Pech und Schwefel. Eine glühende Luft
-schlug ihm entgegen wie Flammenhauch, versengte ihm Haar und Brauen und
-tief innen im Leibe das Herz.
-
-Er wollte Hilfe schreien und konnte nicht. Fern, fernab tönte heisres
-Hundegebell -- das waren die Hunde von Großlittgen. Hilfe, Hilfe,
-dorthin!
-
-Er wollte laufen und konnte nicht. Er stand wie festgewurzelt.
-
-Der Boden war heiß, als brenne unterirdisches Feuer darunter. Und da
-war ein Kreis seltsamer grüner Pflänzchen, wie abgezirkelt standen sie
-im Kranz mitten auf totem verbranntem Land; im schwefligen Licht, das
-die Nacht erhellte, sah er deutlich ihr giftiges Grün.
-
-Hilfe, Hilfe! Der Hexenkranz! Hatte ihn seine Mutter nicht schon als
-Kind dort, sich bekreuzend, vorüber geführt und scheu geflüstert:
-»Hei es't net geheuer!« Da tanzten vormals die Hexen, und loderndes
-Feuer prasselte auf. Der Boden verbrannte unter ihren Füßen; nur diese
-Pflänzchen sproßten, grüne Stengel, ohne Blatt und Blüte, das einzig
-Lebendige ringsum.
-
-»Pittchen, Pittchen!«
-
-Wer rief?
-
-Im Flammenschein hüpften ihm Gestalten entgegen mit raschelnden
-Röcken und flatternden Haaren, sie lachten und winkten und riefen und
-streckten die Arme nach ihm und reichten sich die Hände und wirbelten
-um ihn in tollem Tanz. Immer toller, toller -- immer wilder, wilder --
-Weiber, Weiber, lauter Weiber!
-
-Und auf einmal stand die Zeih mitten im Kreis, sie hatte die
-Seidenschürze wie ein Mäntelchen um die Schultern hängen und den neuen
-roten Unterrock an -- weiter nichts. Sie schlug die andren auf die
-ausgestreckten Finger und lachte hell.
-
-»Dän es mein!« Sie warf den Unterrock und die Schürze ab -- da stand
-sie nackt und schön im Flammenschein und sprach gebieterisch: »Kaaf mer
-e nei Kleid!«
-
-Laut kreischten die andren auf, heulend sprangen sie in die Höhe, sie
-wurden zu Flammen, die ihm entgegenzüngelten -- -- --
-
-»Jesus! Maria! Josef!« -- Da, der Boden wich ihm unter den Füßen, er
-that einen tiefen Fall, abgrundtief -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Mit einem Schrei erwachte Pittchen.
-
-Der Mond schien hell durch's unverhängte Fensterchen, mitten auf das
-zerlumpte Federbett. Der Kopf der Zeih lag schwer auf seiner Brust und
-drückte ihn.
-
-Sie schlief mit offnem Mund und schnarchte regelmäßig.
-
-Noch vom Grauen des Traumes erfaßt, rüttelte er sie: »Zeih, Zeih, Zeih!«
-
-Sie wachte nicht ganz auf, schlaftrunken öffnete sie nur ein Spältchen
-die schwarzen Lider.
-
-»Dat Kleid,« lallte sie. -- »Kleid -- kaaf mer e schien nei Kleid!«
-
-
-
-
- VI.
-
-
-Lucia Miffert hatte ihren Mann seit Wochen gequält, den ganzen Tag und
-die Nacht auch. Sie hatte sich angeschmiegt wie ein bittendes Kind
-und ihn dann wieder spröde von sich gestoßen. Sie hatte gebettelt,
-geschmollt, gedroht; sie bestand auf ihrem Recht, sie wollte ihr neues
-Kleid.
-
-Seit gestern war der Reisende wieder im Dorf. Mit Wut und Angst
-im Herzen hatte Pittchen das Wägelchen ankommen sehen; hinten
-aufgeschnallt wankten zwei hohe Musterkoffer.
-
-Beim alten Krumscheid war der Reisende abgestiegen, da hatte er
-seine Muster und Waren zur Schau ausgelegt. Die Weiber rannten hin
-und staunten und feilschten; auch Lucia war unter ihnen. Sie blieb
-stundenlang aus; längst waren die andren zurück -- Peter hatte
-aufgepaßt -- noch immer kam sie nicht! Da ging er hin, sie zu holen.
-
-Es war ein trüber Herbsttag. Unten im Thal an geschützten Stellen
-war's zwar noch leidlich, aber oben auf den Höhen sauste der
-Oktoberwind mit Ungestüm und fegte ganze Lawinen welker Blätter die
-Hänge hinunter. Der Wald stand traurig.
-
-Die Dorfstraße war schmutzig, zum Durchwaten; an Stellen, wo das
-Pflaster fehlte, sank man ein bis über die Knöchel. Ein modriger Geruch
-stieg von Hütten und Ställen auf, es hatte acht Tage ohn' Unterlaß
-geregnet.
-
-Gegen das Ende des Thales, nach Himmerod, war die Aussicht versperrt;
-die Ruinen des heiligen Bernardus hüllten sich in Regendunst und
-Nebelwolken. Quirlend, brausend wirbelte die Salm dahin; ihr klares
-Wässerchen war zu lehmigten Wogen geworden mit Köpfen von milchigem
-Gischt.
-
-An allen Ecken und Enden tropfte es; vom Himmel herab, der sich wie ein
-Trauertuch spannte; von den Bäumen, die zitternd die schwarzen Äste
-reckten -- hie und da hielt noch eine Eberesche an der Chaussee eine
-Dolde verschrumpelter, roter Beeren fest --; von den Dächern, die,
-triefend, tief über den durchweichten Hausmauern hingen.
-
-Alles war dunkler von Nässe, ohne Farbe, schwer und unlustig.
-
-Als Peter am Schneiderschen Häuschen vorbeiging, hörte er hinten vom
-Stall her, über den Hof weg, jammernde Rufe schallen, Heulen und
-Winseln. Er guckte in das papierverklebte Fenster vorn neben der
-Hausthür. Drinnen in der Stube lag der alte Schneider im Bett, da
-kroch er hinein, sowie es kalt wurde; die Frau saß am Tisch, hatte
-ihren Kaffeenapf vor sich und tupfte mit dem Finger die letzten
-Brotbröselchen von ihrer Schürze.
-
-Wieder das Geheul, das nichts Menschliches hatte! Und doch schrie kein
-Tier.
-
-Peter klopfte an die Scheiben: »Hä, ihr! Wat es denn hei passiert?«
-
-Die Schneidersch öffnete das Fenster ein Ritzchen und steckte ihre
-spitze Nase heraus. »Dat Bäbb,« sagte sie lakonisch und wollte eilends
-wieder zuschlagen, als fürchte sie, ein Atom Wärme möge von drinnen
-entweichen.
-
-»Haalt!« Pittchen klemmte die Faust zwischen das Fenster. »Et schreit
-doch e su! Gieft dann de Weis-Fra von Oberkail net geruf?«
-
-»Saogt doch liewer gleich: dän Hähr Dokter!« Die Alte wackelte
-ärgerlich mit dem grausträhnigen Kopf. »Ihr haot wohl dat gruße Los
-gezillt[29]? Mir sein arme Leit, mir haon neist öwrig. Laoßt se
-schpektaklen, se werd schuns rohig gänn!«
-
-Und vom Bett her schalt die zornige Stimme des Alten: »Wat es dat
-for en Manier?! Dat Fenster zugemaach, Zapperloot.« Er hüstelte und
-schimpfte; rasch schlug die Schneidersch zu.
-
-Peter zögerte noch einen Augenblick. Horch, wieder schlug der
-scharfe, gellende Jammerschrei an sein Ohr! Das Blut wich ihm aus dem
-Gesicht, sein Herz setzte den Schlag aus; ein Grausen kam ihn an.
-Noch deutlich stand ihm die Stunde vor Augen, in der das Josefchen
-geboren worden. Aber da hatte die weise Frau am Lager gesessen, ein
-Strom der Beruhigung ging von ihrer gewichtigen, geheimnisumwobenen
-Persönlichkeit aus; sie hatte den fetten Zeigefinger erhoben: »Dat elao
-kömmt e su leicht dervon wie en Katz. -- Pittchen, kocht mer en Kaffee!«
-
-Und jene da, abseits in der Kammer neben dem Stall, lag verlassen wie
-ein hilfloses Tier. Peter rannte weiter, er konnte das Jammern, das
-jetzt in ein ruckweises Stöhnen überging, nicht mehr anhören; das Herz
-wurde ihm davon zusammengepreßt und die Tropfen herausgequetscht. Sie
-traten ihm in die Augen.
-
-Geld, Geld! Ja, wer Geld hatte, der konnte sich alles gewähren, auch
-Hilfe in der Not! Der brauchte nicht zu leiden.
-
-Geld, Geld! Eine Gier überkam ihn. Er fuhr sich in die Tasche --
-verflucht, nur ein paar lumpige Kupferpfennige darin!
-
-Ja, wenn da Thaler geklappert hätten, harte Silberthaler! Dann konnte
-er der Zeih ein Kleid kaufen -- noch mehr -- alles, was ihr Herz
-begehrte! Dann würde sie nicht im Wirtshaus sitzen und dem Reisenden
-um den Bart gehen; sie würde nicht mehr schmollen, nicht mehr weinen,
-nein, sie würde die Arme um seinen Hals schlingen und unter Küssen
-flüstern: 'Pittchen, mein anziger Schatz, wat haon ech dech liew!'
-
-Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, tropfte herunter und vermischte
-sich mit dem Naß seiner Augen. Und dabei überlief ihn ein Frösteln.
-'Mir sein arme Leit', hatte die Schneidersch gesagt -- -- -- -- --
-
-'Arme Leit -- armes Pittchen' pfiff der Wind ihm entgegen. Wie mit
-Geisterhand strich es ihm über's Gesicht. Wenn die Bäbbi nun umkam,
-krepierte da hinten in der verlassenen Kammer --?! Wenn die Zeih ihm
-untreu wurde --?! Er schüttelte sich wie im Fieber, eine unbezwingliche
-Angst packte ihn und zugleich ein Grimm. Er ballte die Faust im Sack in
-ohnmächtiger Wut. -- Geld, Geld!
-
-Immer noch hörte er das Jammern, es mischte sich mit dem Sausen des
-Windes und dem Brausen der Salm. Zweifelnd, unschlüssig stand er.
-Sollte er nicht hinlaufen nach Oberkail und auf eigne Faust die weise
-Frau holen? War es nicht Menschenpflicht, Christenpflicht? Würde ihm
-die Gutthat nicht vergolten werden vom himmlischen Vater, schon hier
-auf Erden, bald, jetzt?
-
-»Hahaha!«
-
-Wer hatte da gelacht?! Erschrocken sah er sich um, das eigne
-Hohngelächter gellte ihm in den Ohren.
-
-Der da oben -- haha -- ja, das hatte sich was mit der Vergeltung. Die
-gab's nicht.
-
-Er hatte ein Hungerleben geführt, seit er denken konnte; war's nun
-nicht endlich Zeit, daß er in der goldnen Kutsche fuhr und seiner Zeih
-Kleider kaufen konnte, so viele die wollte?
-
-Die Zeih, ja die -- hin, schnell! Der mußte er das Scharmuzzieren
-legen. Nur schnell, sehen, was die macht! Dann hin nach Oberkail.
-
-Dicht vor'm Wirtshaus stieß er auf Tina. Sie trug einen Kamm
-mit großen, blauen Steinen im Haar und ein bunt-schottisches
-Knüpftüchelchen um den Hals. Sie schlenkerte den Rock und drehte sich;
-sie wurde alle Tage hübscher, das sah er doch.
-
-»Pittchen,« rief sie und lachte, daß alle ihre Zähne blitzten. »Eweil
-sein ech fein, gäl? Dän Kamm haon ech gekaaft, dat Düchelchen« -- sie
-verdrehte die Augen in der fruchtlosen Anstrengung, sich selber zu
-bewundern -- »dat haon ech zukritt.«
-
-»Maanswäjen,« brummte er.
-
-»Pittchen,« -- schon hing sie schmeichelnd an seinem Arm -- »kaaf mer
-noch ebbes!«
-
-Ohne etwas zu sagen, schüttelte er verneinend den Kopf.
-
-»Dau moßt -- Pittchen, nor e klaan Andenken.« Schnell sah sie sich
-um, dann strich sie ihm rasch über die Backe, ihr Ton war bittend:
-»Pittchen!«
-
-»Ech haon ke Gäld!«
-
-»Dau Lappes!« Sie stieß ihn von sich, daß er gegen die Hauswand
-taumelte.
-
-Mißmutig trat er in die Schenkstube. Da saß der Reisende auf dem
-einzigen Polsterstuhl des Hauses, und auf der Bank, dicht neben ihm,
-die Zeih. Sonst war kein Mensch im Zimmer.
-
-Eine Flasche Erdener hatten sie vor sich, eine geleerte stand schon am
-Boden. Der mußte der Zeih fleißig eingeschenkt haben; sie glühte wie
-roter Mohn, ihre Augen waren kleiner geworden und schwimmend.
-
-Als sie ihren Mann erblickte, sprang sie freudig auf. »Pittchen! Eweil
-kommste?! Hähr Reisender,« -- vertraulich legte sie ihre Hand auf den
-Arm des Städters -- »wollen Se eweil net su gud sein, on Ihr Mustren
-nehme giehn? Dat Pittchen es hei, for dat Kleid zo kaafen!«
-
-War sie toll? Peter zupfte sie am Rock, er riß ihn ihr fast aus den
-Falten; sie hörte nicht. Beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt,
-studierte sie das Musterbuch, das ihr der Reisende vorgelegt hatte.
-
-»Dat rote oder dat blaoe? Wat es nau schiener?« Sie legte zweifelnd den
-Kopf auf die Seite.
-
-»Nehmen Sie das blaue,« redete der Reisende zu, »die Elle kostet nur
-ein Kastemännchen[30] mehr. Sie haben dafür aber ganz andre Ware. Ein
-Kastemännchen spielt doch keine Rolle!«
-
-»Nä,« sagte Lucia.
-
-Peter gab ihr einen Puff. »Biste gäck?« raunte er ihr zu.
-
-»Also das blaue?« fragte der Reisende.
-
-»Dat blaoe. On wie vill Ehlen haon ech netig?«
-
-»Siebzehn. Pro Elle fünfzehn Silbergroschen, macht fünfundzwanzig Mark
-fünfzig Pfennig, oder -- die neue Währung werden Sie hier noch nicht so
-recht kapieren -- acht Thaler fünfzehn Silbergroschen. Für dieses Kleid
-ein Spottgeld!«
-
-»Jao, dat es et aach. Gäl, Pittchen?« Freudig erregt drehte sich Lucia
-nach ihm um.
-
-»Acht Thaler --?!« Er stand betroffen. Acht Thaler -- --! Die Stube
-schien mit ihm herum zu tanzen, es schwindelte ihm. Acht Thaler --
-woher sollte er die nehmen?!
-
-»Gäl, Pittchen, mei nei Kleid es wonnerschien?!« Sie jauchzte fast.
-
-»Komm -- eweil kann ech net -- ech -- net heit, en annermal --
-villeicht morjen,« murmelte er verlegen. Er faßte über ihre Schulter
-und schlug ihr das Musterbuch vor der Nase zu. »Pisack' mech net e su!«
-Und dann klang seine Stimme rauher, ganz heiser: »Ech haon ke Gäld.«
-
-»Ach was!« Der Reisende lächelte. »Für so'n hübsches Weibchen muß man
-immer Geld haben!«
-
-Dies verdammte Lächeln! Peter krampfte die Hände zusammen und riß
-sie wieder auseinander, daß alle Gelenke knackten. Lucias Blick ruhte
-flehend auf ihm; jetzt glaubte er eine gewisse Verachtung darin
-zu entdecken, jetzt wendete sie ihre Augen ab. Ihre Brauen waren
-zusammengezogen, ihre Lippen aufgeworfen; sie kehrte ihm den Rücken.
-
-»Zeih, hör ehs!«
-
-Sie gab gar nicht Acht auf das, was er sagte. Sie stand dicht vor dem
-Reisenden -- der war ein großer hübscher Mann und paßte gut zu der
-großen hübschen Frau -- und flüsterte ihm etwas zu.
-
-Was hatten die miteinander zu tuscheln?! Als wäre der Ehemann garnicht
-dabei, so ungeniert benahmen die sich! Immer dichter steckten sie die
-Köpfe zusammen.
-
-»Zeih!« Zitternd stieß Pittchen ihren Namen hervor.
-
-Der Reisende lächelte, und Lucia kicherte.
-
-»Eweil maachste en End!« Miffert schlug auf den Tisch, daß die Gläser
-klirrten.
-
-»Seien Sie doch nicht ungemütlich.« Der Reisende zwinkerte der jungen
-Frau zu und klopfte dem Erregten auf die Schulter. »Ich bitte Sie,
-Herr Miffert, was ist denn da lange Überlegens?! Ich will Ihnen gern
-entgegenkommen; Sie zahlen mir jeden Monat einen Thaler ab, das merken
-Sie gar nicht, in achteinhalb Monaten sind wir quitt.«
-
-»Nä.« Peter sah unschlüssig zu Boden, aber er bemerkte doch, wie die
-Zeih den Herrn zupfte.
-
-»Wahrhaftig kein Geschäft! Ich will Ihnen noch mehr entgegenkommen
--- 's thut mir wahrhaftigen Gott leid, daß die junge Frau nicht das
-Plaisir haben soll -- den halben Monat, die fünfzehn Groschen will
-ich gar nicht von Ihnen haben. Nur acht Thaler! Halb geschenkt!
-Menschenskind, seien Sie doch nicht so stierköpfig! Wenn ich so'n
-hübsches Weibchen hätte -- gelt, mein Kind?!« Er kniff Lucia in die
-tiefgerötete Wange.
-
-Peter fühlte einen bitteren Geschmack auf der Zunge; das Blut wallte
-ihm so jäh zu Kopf, daß seine Augen undeutlich sahen. Ein wirres
-Durcheinander wogte um ihn, durchschossen von feurigen Punkten. Und die
-feurigen Punkte fügten sich zu Buchstaben: Geld, Geld! -- Und aus allen
-Ecken kreischte es: Geld, Geld! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Lucias erwartungsvolles Gesicht tauchte dicht vor ihm auf: »Gäl,
-Pittchen, eweil kaafste't?«
-
-Sie lächelte ihn an; nun spielte sie mit seiner Hand und puffte ihn
-mit dem runden Ellbogen leicht in die Seite. »Pittchen!« Tausend
-Bitten, tausend Versprechungen lagen in dem einen Wort!
-
-»Acht lumpige Thaler! Seien Sie doch nicht so ungalant!«
-
-»Hol mech der Deiwel, här met dem Kleid!« Peter wußte kaum mehr,
-was er sprach. Ȁwer uf Ahfzaohlung will ech net, mir sein kein
-Lumpenpackasch. Här met dem Dreck -- wat kost de Welt, ech will se
-zaohlen!«
-
-»Ich werde unserem Geschäftshaus Order geben, daß man Ihnen mit
-wendender Post per Nachnahme das Gewünschte zugehen läßt, Herr Miffert!«
-
-»Wohl, wohl,« nickte Peter. Lucia hing an seinem Hals, ganz närrisch
-vor Freude.
-
-»Es 't waohr, es 't aach wirklich waohr? Kriehn ech dat Kleidche? O
-Pittchen, ech haon dech e su liew!«
-
-Das war's, worauf er gewartet hatte. Nun mit ihr allein sein, nun sie
-herzen und drücken und sich betäuben an ihren Küssen! Er wollte sie zur
-Thür ziehn; willig wäre sie mit ihm gegangen, aber der Reisende vertrat
-ihnen den Weg.
-
-»Das wäre! Ne, Sie dürfen mich nicht hier mutterseelenallein sitzen
-lassen, bei dem abscheulichen Wetter, in diesem öden Drecksnest! Habe
-ich Ihnen dafür zu dem Kleid verholfen, schöne Zeih? Kommen Sie,
-Miffert, wir trinken en Schöppchen!« Er pfiff und sang:
-
- »Dann setzen wir uns hin,
- Wohl auf das Kanapee,
- Und singen: Dreimal hoch
- Das Kanapee!
-
-Das neueste vom Jahr, frisch importiert aus der Haupt- und
-Residenzstadt Berlin. Ja, seit wir Siebzig-Einundsiebzig hinter uns
-haben, haben wir Pli gekriegt. Sowas kennen Sie hier noch nicht, was?«
-
-»Dat es schien!« Zeih riß begierig die Augen auf. »Sein Se so gud,
-singen Se't noch ehs!«
-
-Als er den Singsang wiederholte, summte sie mit; sie hatte ein
-gelehriges Ohr.
-
-Und der Reisende gab Couplet auf Couplet zum besten, sie konnte sich
-gar nicht satt hören; ihre Augen tanzten förmlich, ihre Lippen bewegten
-sich, leis murmelnd, wie beim Rosenkranzbeten.
-
-Pittchen hatte den Arm um sie gelegt. Der Reisende hatte ihm
-eingeschenkt, nun wurde auch er fidel.
-
-Der Nachmittag ging schon in den Abend über; die frühe Dämmerung stahl
-sich in's Fenster, noch früher als sonst durch den finster umzogenen
-Himmel und die regenschwangere Luft.
-
-Der Krumscheid brachte schon wieder eine Flasche und zwar nicht vom
-schlechtesten. Das war ein Mosel, der sich süffig trank, aber der's in
-sich hatte; er lief durch die Adern, wie prickelndes, fröhliches Leben.
-
-»Spielen Sie auch Karten, Herr Miffert?« fragte der Reisende. Die
-hübsche Frau fing an, ihn zu langweilen; da er doch nicht mit ihr
-allein war, was nutzte ihm da ihre Bewunderung?! »Machen wir 'n
-Spielchen!«
-
-Peter dachte an seine paar Kupferpfennige. Verflucht, wenn er jetzt
-Geld hätte! Die Eifeler spielten nicht gern mit ihm, sie schimpften ihn
-'Fauteler'[31], und wenn er gewann, gab's jedesmal Prügelei. Fatal, nun
-hatte er so schöne Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu nutzen, und
-da mußte er nun kein Geld haben, nicht einmal den niedrigsten Einsatz!
-Geld, Geld -- --! Seine Augen funkelten.
-
-Der Reisende warf einen Thaler auf den Tisch. Als hätte er Pittchens
-Gedanken erraten, sagte er: »Ich pumpe Ihnen. Was spielen wir denn?«
-
-»Sechsunsechzig. Hä, Wirtschaft, Kaarten! Licht.« Peter mischte; die
-verfetteten, vom Schmutz dick gewordenen Karten flogen durch seine
-Hände, als seien es Rosenblätter. Und dabei wendete er keinen Blick von
-dem Thalerstück auf dem Tisch, wie ein Magnet zog ihn das runde Silber
-an. Solcher Dinger brauchte er acht -- nein, noch mehr, mehr! Er hatte
-das Hungerleben satt.
-
-Unwillkürlich, fast wider seinen Willen, streckten sich seine Finger
-aus; er nahm den Thaler in die Hand und betrachtete ihn.
-
-»So gut wie neu,« sagte der Reisende, »und ganz echt. Unser Kassierer
-hat sich mal 'nen falschen anschmieren lassen; den haben wir ihm an die
-Kasse genagelt -- haha! Aber nu los; nu wollen wir sehn, wer mehr Glück
-in der Liebe hat -- Sie oder ich!« Er sah dreist die junge Frau an und
-lachte.
-
-Peter lachte auch; ein schlaues und zugleich grimmiges Lächeln verzog
-seine Lippen.
-
-Sie spielten. Den Reisenden amüsierte es, wie eifrig der arme
-Teufel bei der Sache war. Hätte man wohl einem hier aus dieser
-'zurückgebliebenen, unkultivierten Gegend' so viel Gewandtheit
-zugetraut? Und Glück hatte der. Immer bekam er die besten Karten; er
-gewann.
-
-Zeih sah dem Spiel zu, das heißt, sie blinzelte mit verschlafenen
-Augen drein, der ungewohnte Weingenuß hatte sie müde gemacht; sie
-lehnte sich hintenüber an die Wand. Pittchen bemerkte nicht, daß der
-Reisende unter'm Tisch ihr Knie drückte. Sie ließ es sich gefallen, sie
-rückte ihm näher, ihr Kopf neigte sich immer mehr zur Seite, bis er ihm
-an die Schulter sank. Sie hatte einen kleinen Rausch.
-
-Draußen war es stockdunkel. Regen klatschte an's Fenster, ein starker
-Wind hatte sich aufgemacht und heulte mit wilder Stimme. Ungestüm stieß
-er gegen das Haus, die Läden klapperten, lose Riegel drehten sich
-kreischend. Es war ein seltsames Pfeifen und Ächzen, ein unheimliches
-Wimmern in der Nacht.
-
-Peter war ganz beim Spiel, auf seinen Backenknochen zirkelten sich
-rote Flecken ab. Der Reisende schenkte ihm wacker ein; er trank wacker
-aus. Er hatte einen unauslöschlichen Brand in sich, einen Durst, der
-gar nicht zu stillen war. Schon wurde sein Blick unklar, er sah alles
-doppelt. -- -- -- -- -- Da war das Thalerstück, nicht einmal, nein,
-zwei, drei, vier, fünf, sechs, siebenmal -- hundertmal! Hei, die
-Thaler! Das war schön, wenn die sich so mehrten. Thaler -- wie die sich
-in der Hand fühlten, glatt und rund! Thaler -- die klapperten im Sack;
-herrliche Musik! Thaler -- die machten den Knecht zum Herrn, das arme
-Pittchen zum reichen Peter! Thaler -- Thaler -- -- -- --!
-
-Er schnalzte mit der Zunge und leckte sich die Lippen; der Gaumen war
-ihm trocken, sein Schlund war so ausgebrannt, wie oben der Krater auf
-dem Mosenkopf. Mechanisch ergriff er sein schon wieder gefülltes Glas
-und trank es leer auf einen Zug.
-
-»Glück im Spiel, Unglück in der Liebe,« lachte der Reisende und legte
-der verschlafenen Zeih den Arm um die Schultern. »Da, stecken Sie ein,
-Sie haben ihn gewonnen!« Er schob den Thaler über den Tisch.
-
-Peter faßte gierig zu und hielt dann das Thalerstück fest in der
-krampfhaft geschlossenen Faust. Er achtete es nicht, daß der Herr jetzt
-die Zeih küßte; all seine Sinne, sein ganzes Denken waren bei dem
-runden Silber. Es blinkte überall, auf dem Tisch, auf dem Boden, an den
-Wänden, es füllte den Raum von der Diele bis zur Decke.
-
-»Tha--ler,« lallte er.
-
-»Ehr--lich -- ge--won--nen!« sagte der Reisende. Jede Silbe kam
-zwischen einem Schlucken. Er war auch nicht mehr ganz nüchtern.
-
-»Mei -- mei Kleid,« stammelte die Zeih.
-
-Es wurde still in der Schenkstube, das Spiel hatte ein Ende.
-
-Der Reisende hielt die Zeih im Arm; sie staunte mit starr aufgerissenen
-Augen, in stummer Bewunderung, seine dicke goldene Talmikette und die
-falsche Brillantnadel in seinem Schlips an.
-
-Peter saß am Tisch in seiner beliebten Stellung, beide Ellbogen
-aufgestützt, den Kopf zwischen die Hände geklemmt und stierte vor sich
-hin. In seiner Brusttasche brannte der Thaler, durch Rock und Hemd
-durch fühlte er ihn, bis auf die bloße Haut.
-
-Da schlorrte was draußen an der Thür. Nun wurde sie geöffnet, die alte
-Schneidersch wankte herein. Ein großes Tuch hatte sie über den Kopf
-gezogen; geblendet, wie eine lichtscheue Eule guckte sie darunter vor.
-
-»Was ist denn das für ein Hutzelweib? Haha! Nur herein,
-Hutzelweibchen,« schrie der Reisende.
-
-Träumte der Peter, oder wachte er? Wie hinter einer dicken Mauer,
-die den Schall dämpft, hörte er die Alte sprechen. Horch! Sagte sie
-nicht, das Bäbb wäre tot, und der Peter Miffert sollte kommen, den Sarg
-zunageln? -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- -- -- --
-
-Er fuhr auf aus seinem Dusel; die scharfe Stimme der Alten zeterte
-nach dem Krumscheid, und als dieser kam, verlangte sie Branntwein, ein
-halbes Mäßchen.
-
-»Dat Bäbb es schwaach gefaal[32], eweil moß et ebbes Herzliches
-einholen.« Sie kostete und leckte sich dann die Lippen. »Duh werd et
-schuns noch ehmaol ufgerappelt gänn. Ah --!«
-
-»Reiwt er aach ebbes unner de Naos,« riet der Wirt.
-
-»Sauft hän net onnerwegs aus,« schrie Peter.
-
-Er wurde plötzlich so wütend, daß er Miene machte, sich auf die
-Schneidersch zu stürzen. »Wat haot Eich dat arm Dier gedahn, dat Ihr et
-krepiere laoßt, lao hinnen im Stall -- hä?«
-
-Er rüttelte die Alte. »Wuh es de Weis-Fra, hä, dau schandluse, alde,
-knahschtige[33] Hex?!« Seine Hand hob sich zum Schlag, die Alte wich
-aus, das Mäßchen wackelte, kippte über, der Branntwein floß auf die
-Diele.
-
-Kreischend und schimpfend kauerte sich die Schneidersch nieder und
-tupfte mit dem Finger den köstlichen Fusel auf; sie leckte und
-schleckte, am liebsten hätte sie die Diele mit der Zunge aufgewischt.
-
-Der Reisende wand sich vor Lachen -- war dieses arme Volk urdrollig!
-Er lachte Thränen.
-
-Peter stand mit geballten Fäusten; wollte er die Alte niederschmettern?
-Nein, er gab sich selbst eins vor die Stirn, daß er ein paar Schritt
-zurücktaumelte.
-
-»Wirt, geben Sie der Frau doch 'n ordentlichen Droppen für ihren
-Durst,« rief der Reisende. »Hahaha! Auf meine Rechnung!«
-
-Krumscheid näherte sich mit Schnapsflasche und Mäßchen; fluchend riß
-ihm Pittchen die noch halbvolle Buttel aus der Hand, setzte sie an und
-trank sie leer. Grell lachend taumelte er dann gegen die Wand.
-
-Er hatte genug. Jetzt fühlte er nicht mehr Gewissensbisse, jetzt hörte
-er nicht mehr Jammern und Winseln draußen in der Nacht. Jetzt plagte
-ihn der Thaler nicht mehr, der Teufel, der rund und blank über den
-Tisch kollerte.
-
-Mit verglasten Augen, den Kopf auf die Brust hängend, torkelte er zur
-Stubenthür.
-
-Zeih sprang auf. »Eweil moß ech giehn, ech kann eweil net mieh hei
-bleiwen!«
-
-»Warum nicht gar?!« Der Reisende zog sie mit Gewalt nieder. »Jetzt
-bleibst du erst recht hier, mein Schätzchen!«
-
-»Ech moß hän hämführen. Hän könnt en Malör kriehn, mei Pittche!«
-
-»Der?! Haha! Wenn er im Dreck liegt, wird er schon aufstehn.
-Donnerwetter, was der Wind heult! -- Scheert Euch fort, alte Madam, so
-verlegne Ware wird nicht mehr verlangt -- haha! -- -- -- auf meinen
-Schoß, schöne Zeih!
-
- Dann setzen wir uns hin
- Wohl auf das Kanapee -- --«
-
-
-
-
- VII.
-
-
-Erster Flatterschnee war gegen Morgen gefallen, in die Lachen und
-Pfützen gesunken und da zerflossen; aber er strömte, auch nicht mehr
-sichtbar, eine winterliche Kälte aus. Er steckte in der Luft, die
-naßkalt und scharf wie mit Messern schnitt; er dräuete in dem Himmel,
-der gleichmäßig grau und schwer über'm Thal hing.
-
-Verschrumpelter schienen die wenigen Blätter, die Ebereschen hatten
-ihre letzten Beeren verloren; Krähen kamen unruhig von den Bergen
-herunter und saßen krächzend auf den Dachfirsten.
-
-Wer kein Reisig aufgestapelt hatte, fror; die Hütten waren dumpf wie
-die Keller.
-
-Peter Miffert lag noch im Bett; die zerlumpte Decke hatte er bis an die
-Nase gezogen, aber er schlief nicht. Mit düstren Augen starrte er nach
-Lucia, die am kalten Herd saß, das Kind an der Brust.
-
-Sie hatte sich einen alten Deckenfetzen um die Schultern gehängt,
-fröstelnd zog sie ihn fest um sich. Sie war ganz blaß, nur ihre
-Nasenspitze rot verfroren; jetzt nieste sie, und das Josefchen hustete.
-
-Peters Stirn zog sich in noch tiefere Falten; über der linken Braue
-hatte er eine mächtige Beule, das Auge war schwarz-blau unterlaufen.
-Der Kopf schmerzte ihn und war so schwer wie ein Wackelstein; er
-stöhnte.
-
-»Willste ebbes, Pittchen?« Zeih sah nach ihm hin.
-
-»Et es kalt, -- brrrr.« Er klapperte mit den Zähnen.
-
-»Ech hoan ken Holz.«
-
-»Verflucht!« Peter drehte sich nach der Wand um und sprach nicht mehr.
-
-Sie sagte auch nichts.
-
-In der Stube war's frostig, noch frostiger durch das Halbdunkel,
-das darinnen herrschte; Zeih hatte einen Lappen vor das Fensterchen
-gehängt, sonst pfiff der Wind allzu ungehindert durch die Ritzen.
-In trauriger Mißfarbe schimmerten die nackten Wände, hie und da war
-der Bewurf abgebröckelt, und der rohe Stein kam zum Vorschein. Im
-Estrich waren tiefe Mulden ausgetreten. Der Holztisch war lange nicht
-gescheuert, Bank und Schemel auch nicht; auf dem Tellerbord standen die
-Schüsseln zerbrochen.
-
-Lucia gähnte, es war ihr recht öd im Magen; prüfend sah sie sich um --
-war denn gar nichts da, um die Flauheit wegzubringen und den Hunger,
-der allmählich anfing, ihr den Magen zusammen zu krampfen? Ein warmer
-Kaffee würde ihr gut thun. »Ha!« Sie schmeckte ihn schon in Gedanken.
-
-Leise, um ihren Mann nicht zu stören, schlich sie auf den Zehen an den
-Tellerbord. Auch nicht eine Bohne mehr in der Düte, kein Happen Brot
-mehr da!
-
-Trübselig starrte sie vor sich hin; da fiel's ihr plötzlich ein, hatte
-der Peter nicht was gewonnen, gestern abend beim Kartenspiel? Daß sie
-das vergessen konnte! Ja, einen Thaler, einen ganzen harten Thaler!
-Vor Freuden machte sie einen Satz, daß ihr das Kind fast aus den Armen
-geglitten wäre; sie lief an's Bett.
-
-»Pittchen, hä, Pittchen, mir haon jao wat vergäß!« Sie lachte und fing
-an, Hose und Rock, die am Fußende lagen, zu untersuchen. »Hei!« Sie
-hielt triumphierend den Thaler in die Höhe, »eweil sein mir aus aler
-Bredullich!«[34]
-
-Er hatte sich halb aufgerichtet, mit blöden Augen starrte er sie an.
-Jetzt schien ihm plötzlich das Verständnis zu dämmern, mit einem Satz
-war er aus dem Bett und zog ihr den Arm herunter. »Giefste här!«
-
-Sie nahm das als Spaß und lachte vergnügt.
-
-Er riß ihr unsanft das Geldstück aus der Hand. »Onnerstieh dech noch
-ehs. Dän Dahler es mein!«
-
-»Äwer Pittchen!« Ganz betroffen sah sie ihn an -- was war ihm denn?
-Sonst behielt er doch nichts für sich!
-
-Sie streckte wieder die Hand aus: »Gief doch här, ech moß ebbes kaafe
-giehn. Et es su kalt hei, ons Josefche hust!«
-
-»Laoß mech zofrieden,« murmelte er, sprang wieder in's Bett und hielt
-den Thaler in der geschlossenen Faust unter der Decke versteckt.
-
-»O Jesses, on ech haon e su en Appetitt!« Thränen füllten rasch ihre
-Augen, aber sie sagte nichts mehr; Vorwürfe machen, war nicht ihre Art,
-sie nahm's eben, wie's kam. Resigniert setzte sie sich wieder auf ihren
-Schemel.
-
-Das Kind fing kläglich an zu wimmern; Peter sah das erbärmliche
-Gesichtchen, so welk und alt wie das eines Alraunen. Er sah die dünnen
-winzigen Hände, die in der Luft herumgriffen, und jetzt hörte er das
-Husten, das Rasseln auf der kleinen Brust und den pfeifenden Atem. Er
-sah auch, daß Zeih weinte. Die dicken Thränen rollten ihr über die
-heut gar nicht blühenden Wangen. Sie kam ihm plötzlich ganz elend und
-abgezehrt vor.
-
-Es gab ihm einen schmerzhaften Stich durch's Herz; nur ein Wort hätte
-es ihn gekostet, eine Handbewegung: 'Da hast du den Thaler', und sie
-wäre aufgesprungen mit einem lustigen Juchhe, Freudenröte auf den
-Wangen.
-
-Nein, nein! Wie ein Verzweifelter preßte er den Thaler zwischen den
-Fingern; er konnte sich nicht von ihm trennen. Der lag wie Blei in
-seinen Händen, der klebte daran fest. Als hätte das tote Metall Leben
-bekommen, so dehnte es sich in seiner Hand -- es wurde größer und
-größer, immer schwerer und schwerer, es nahm ihn ganz in Beschlag mit
-Leib und Seele, es wuchs und wuchs. -- -- -- -- Und eine Stimme bekam
-es, die flüsterte, nur ihm allein verständlich, flüsterte und flüsterte
--- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Durch Peters Kopf rasten seltsame Gedanken. Sie wurden darin
-herumgewirbelt, wie welke Blätter im Gewittersturm. Düster hafteten
-seine Blicke auf dem weinenden Weib und dem elenden Kind, glitten
-an den öden Wänden auf und nieder und fuhren unstet durch die kalte
-armselige Stube.
-
-Immer dringlicher flüsterte die verführerische Stimme, immer
-verständlicher, immer klarer; und er lauschte ihr, den Kopf auf die
-Brust geneigt, ganz versunken.
-
-Es klopfte; er fuhr aus seinem Brüten auf.
-
-Ein kleiner Schuljunge trat ein, Tafel und Federrohr unter den Arm
-geklemmt; sehr wichtig und hochgeehrt durch den ihm gewordenen Auftrag,
-brachte er seine Botschaft vor:
-
-»Dän Pittchen soll eweil gleich beim Hähr Pastor in de Kerch kommen,
-dän Kronleuchter es erunner geporzelt. Hän leit eweil uf em Boden!«
-
-»Laoß hän liegen,« brummte Peter. Er war unwillig, wollte nicht
-gestört sein; er mußte lauschen, der Stimme lauschen, die so
-vernehmlich zu ihm sprach. 'Arm, arm -- warum brauchst du arm zu sein?
-Es liegt nur in deiner Hand -- in deiner Hand --!' Ja, in seiner Hand
-lag das Thalerstück, das kleine und doch so mächtige Ding, das, nur von
-Menschenhand geschaffen, doch die Welt regierte, tausendmal mächtiger,
-wie der Herrgott im Himmel.
-
-»Wat stiehste noch hei?« fuhr er den Knaben an. »Hei gänn kein
-Maulaffen feil gehaal!«
-
-»Ihr sollt eweil kommen, bei den Hähr Pastor,« beharrte der Junge.
-
-»Jao, gieh doch, Pittchen,« mischte sich die Zeih ein.
-
-»Ech haon ken Zeit!«
-
-»Äwer bei den Hähr Pastor,« sagte Lucia vorwurfsvoll, »bei dän
-gaastlichen Hähr?! Daor muß mer doch giehn!«
-
-»Gaastlich oder net gaastlich, ales ein Packasch! Laoß mech zufrieden!«
-Er hob die Hand gegen den Knaben.
-
-»Maach, datste eraus kömmst!«
-
-»Gieh daor, Pittchen,« redete Lucia zu. Sie hatte das Kind hingelegt
-und faßte ihren Mann nun kräftig unter die Achseln. »Eweil kriehste
-villeicht ebbes zu verdienen!«
-
-»Ae, verdienen! Ech peifen druf!«
-
-»O Jeß, dän Honger!« Zeih hielt sich den Leib und krümmte sich.
-»De Gedärm sein mer eweil schuns binnewennig zusammengeschnorrt --
-Pittchen, gieh doch!«
-
-»In drei Deiwels Naomen!« Fluchend streckte er ein Bein aus dem Bett,
-wie ein Pfeil schoß der Knabe zur Thüre hinaus, er fürchtete Prügel.
-
-Lucia lachte hinter ihm drein, und dann hielt sie ihrem Mann die Hose
-hin. »Dein Buxen, Pittchen! Hei es dat rechte Bein, hei dat linke!« Sie
-half ihm in die Kleider.
-
-Wie im Traum ließ sich Peter anziehen, seine Gedanken waren weit weg.
-Zwischen den zusammengezogenen Brauen saß eine grüblerische Falte; er
-brütete in sich hinein und schrak zusammen, als ihm Zeih mit einem
-lachenden: 'Färdig' die Mütze auf's Haar stülpte.
-
-Er sah nicht rechts noch links; mit hängendem Kopf, den Blick zu Boden
-gesenkt, mit schlaff baumelnden Armen und schlorrenden Füßen ging er
-die Dorfstraße hinunter. Er beachtete kein 'Gutentag' und keinen Zuruf;
-er hörte auch nicht den Schrei eines neugeborenen Kindes, der hell und
-kräftig über den Schneiderschen Hof gellte.
-
-Ehe er in die Kirche trat, zog er in dem versteckten Winkel beim
-Weihwasserbecken rasch noch einmal den Thaler hervor. Sein düstrer
-Blick wurde heller, wie er das Silberstück betrachtete; falkenscharf.
-Ein triumphierendes Lächeln umspielte seinen Mund, und um seine Augen
-zuckten schlaue Fältchen; er stand ganz in Betrachtung verloren. Da,
-Geräusch! Er fuhr zusammen, blitzschnell verschwand der Thaler in der
-Tasche.
-
-Pferdegetrappel, Räderrasseln. Ein Wägelchen nahte; der Reisende
-fuhr vorbei, zum Dorf hinaus. Peter streckte den struppigen Kopf um
-die Ecke und sah ihm mit höhnischem Grinsen nach, dann tunkte er
-gewohnheitsmäßig den Finger in's Weihwasser, bekreuzte sich flüchtig
-und trat in die Kirche.
-
-Drinnen war der geistliche Herr. Die Hände über'm Bauch gefaltet, auf
-dem guten Gesicht den Ausdruck ratloser Verzweiflung, stand er vor den
-Trümmern des ehrwürdigen Kronleuchters.
-
-Mitten in's Schiff war der heruntergestürzt; viele, viele Jahre hatte
-er schon an der weißgetünchten Decke gehangen, seine tropfenden Kerzen
-hatten an hohen Feiertagen gebrannt, mit ihrem zitternden Licht den
-Andächtigen geleuchtet und dem geheiligten Raum eine noch höhere Weihe
-verliehen. Wie ein himmlischer Strahlenkranz, ewig wie Sonne, Mond
-und Sterne, hatte er über der Gemeinde geschwebt; da war kein Mensch
-im Dorf, der nicht mit Stolz zu dieser Hauptzierde des Kirchleins
-hinaufgeblickt und bei besonderen Gelegenheiten eine Kerze in den Kranz
-gestiftet hätte.
-
-Nun lag der Kronleuchter unten. Die Vergipsung an der Decke hatte sich
-gelöst, in einer Wolke von Staub war er niedergefahren, mit einem
-dumpfen Dröhnen aufschlagend; Schutt und Kalk kamen nachgeprasselt, ja,
-ein ganzer Mauerstein.
-
-Schreckensbleich eilte der Küster zum Pfarrer. Wer sollte den Schaden
-nun reparieren? Das Einmauern war nicht so schwer, aber der schöne
-Kronleuchter war arg zugerichtet; seine zinnernen Arme waren verbogen,
-die Stacheln, drauf die Kerzen gespießt wurden, und viele der flachen
-Lichttellerchen darunter, abgebrochen.
-
-Der Pfarrer rang die Hände, der Küster jammerte. Was würde das kosten,
-ließ man einen Künstler kommen, der das wieder herstellen konnte?!
-Oder gar das kostbare Stück per Axe weit über die Berge zu schaffen!
-Immer wieder wischte sich der geistliche Herr mit dem Sacktuch über die
-Stirn, nahm auch eine Prise um die andre und trommelte nachdenklich auf
-die Schnupftabacksdose.
-
-Endlich sprach eines der Weiber, die sich neugierig eingefunden hatten,
-von Pittchen.
-
-Der konnte alles. Der einen hatte er einen neuen Boden in den
-Milcheimer gesetzt; der andren die Wanduhr, die immer stehen blieb, zum
-Gehen gebracht; dieser das plattgetretene und verbogene Amulettchen
-mit den heiligen drei Königen schön aufgehämmert; jener den in zwei
-Stücke gebrochenen Ehering so zusammengeflickt, daß ihm kein Mensch
-mehr was ansah. Ohrringel, Broschen und Kreuzchen, Uhren und Ringe und
-Hausgerät, alles konnte der Peter ganz machen, wenn er nur wollte.
-Warum denn dies nicht?
-
-»Pittchen, holt Pittchen!«
-
-Der Herr Pastor drehte auf seinem Heimweg, den er schon trübselig hatte
-antreten wollen, noch einmal um.
-
-Und nun war der Peter da. Die Hände in den Hosentaschen, mit
-gespreizten Beinen, das Maul schief gezogen, stand er und besah den
-Schaden.
-
-»Jao, jao, e su es et. Jao, jao, et es nau e su!« Er wiegte den Kopf
-und sah schläfrig drein, ohne jegliches Interesse.
-
-»Könntet Ihr das nicht wieder reparieren?« sprach der Pfarrer.
-
-»Nä, nä, dat es net mein Metjä!«
-
-»Seht einmal, Miffert,« -- der geistliche Herr bückte sich selber und
-hob eins der abgebrochenen Stücke auf -- »ich denke, das ließe sich
-wieder anlöten. Das ist Euch gewiß leicht möglich; mit Metall und so
-was hantieren, löten und hämmern und gießen und feilen, was weiß ich,
-das schlägt doch in Euer Fach!«
-
-Einen raschen Blick, von unten herauf, warf Pittchen auf den
-Geistlichen; es war ein eigentümlicher Blick, ein schlauer Blick, in
-dem zugleich plötzlicher Argwohn dämmerte. »Wat beliewt?« fragte er
-lauernd. »Wie maant dän Hähr Pastor dat? Ech haon ganz simpel Schlosser
-gelernt, met su ebbes Apartem haon ech nie neist im Sinn gehatt. Nä,
-duh mößt Ihr bei ener anneren Dühr ankloppen. Lao kann ech neist bei
-maachen!«
-
-»Aber Ihr könnt es doch versuchen,« bemühte sich der Pfarrer ihn zu
-überreden. »Sie sagen alle, Ihr seid so geschickt!«
-
-»Wän haot dat gesaot?« Peter warf einen unruhigen Blick um sich.
-
-»Nun, nun,« -- der geistliche Herr lächelte arglos -- »das ist doch
-keine Beleidigung! Du bist zu bescheiden, mein Sohn. Was du zur Ehre
-der Kirche versuchst, wird dir schon gelingen. Die Heiligen werden
-deine Arbeit segnen, die allergnädigste Himmelskönigin wird sich
-deiner erbarmen.« Er hob die Hand. »Sei ohne Furcht.« Und dann in
-minder weihevollem Ton: »Wir haben da vielerlei altes Zinngerät in
-der Sakristei; wir wollen einmal nachschauen, Miffert, ob Ihr davon
-nichts zum Ausbessern verwenden könnt. Zinn schmilzt leicht; schön
-verarbeitet, ja, ja, kann man's von Silber kaum unterscheiden!«
-
-Wieder dies seltsame, rasche Aufblitzen in Peters Augen. Er widersprach
-nicht mehr.
-
-In der Sakristei war es kellrig und roch nach Moder und Weihrauch;
-Peter schloß die Thür hinter sich.
-
-Da hingen Chorhemden und Meßgewänder; ein in Schweinsleder gebundenes
-Buch lag auf dem Tisch, lauter Requisiten für den Gottesdienst.
-Peter entsann sich wohl, wie er als kleiner Junge hier einmal
-hineingeschlüpft war und mit andachtsvoller Neugier alles durchmustert
-hatte. Die Neugier war noch da, aber die Andacht war weg.
-
-Seine Blicke stöberten in allen Winkeln herum und blieben dann auf dem
-alten Schrank in der Ecke haften; da mußte das Zinngerät drin sein! Er
-hätte hinstürzen mögen, ihn aufreißen -- Zinn, Zinn! Bald hielt er's
-in der Hand, ein Metall, aus dem sich was formen und gießen ließ, man
-mußte es nur verstehen.
-
-Seine Hand tastete verstohlen nach dem Thaler in der Brusttasche. Der
-war noch da! Er preßte die Hand fest dagegen; so drückte er ihn an's
-Herz.
-
-Umständlich rasselte der geistliche Herr mit dem Schlüsselbund; endlich
-hatte er den richtigen Schlüssel gefunden. Knirschend drehte sich der
-rostige Bart im Schloß; widerwillig gab es nach und sprang so schwer
-auf, daß Wurmmehl aus der zerfressenen, dunkelgebeizten Schrankthür
-stäubte.
-
-Da stand die Monstranz, verhängt mit weißem Mulltüchlein, neben Kelch
-und Hostienschrein; im zweiten Gefach ein paar Weinflaschen zur
-Stärkung für den Geistlichen. Und da, im alleruntersten Fach, verstäubt
-und zerbrochen, lauter altes Gerümpel; darunter eine verbeulte
-Taufschale. Und hier, mit den gebrochenen Enden herausragend, ein paar
-in Stücke gegangene Altarleuchter.
-
-Der Geistliche bückte sich und kramte in dem Wust. Peter beugte sich
-über seine Schulter, den Mund offen, die Augen aufgerissen, rasch
-atmend.
-
-»Da,« sagte der Kaplan und streckte ihm ein paar Leuchterarme hin, »nur
-Zinn, aber jetzt Goldeswert. Ist das genug zur Reparatur?«
-
-Peter hatte mit einem raschen Blick alles überflogen; auf die
-Taufschale sehen und sie über die Schulter des andren weg herauszerren,
-war eins. »Nä,« sagte er schnell, wog die Schale einen Augenblick in
-der Hand und versteckte sie dann halb hinter'm Rücken, »dat haon ech
-eweil aach noch nedig!«
-
-»Nimm dir nur! Nimm dir nur, was du brauchst, mein Sohn,« schmunzelte
-der Pfarrherr, erfreut über Peters Willfährigkeit. »Alles noch aus
-dem vorigen Jahrhundert, wertloser Plunder; da mußte sich unsere
-Kirche zu ihren heiligen Zwecken armseliger Zinngefäße bedienen. Aber
-die Heiligen werden es in deiner Hand segnen. Uff« -- er erhob sich
-seufzend von den Knieen und stäubte seine Hosen ab -- »ist das eine
-Ungelegenheit! Hätt' ich das heute morgen geahnt, als ich so friedlich
-schlummerte! Nun geh, mein Sohn!« Er legte seine Hand, wie segnend, auf
-Peters Schulter. »Du leihst deine geschickte Hand zu gutem Werk. _Quod
-bonum felix faustumque sit._ Hol dir den Kronleuchter beizeiten ab, der
-Küster wird dir helfen.«
-
-Peter antwortete nicht mehr; die Taufschale vorn unter'm Rock
-versteckt, die Leuchterarme, allen sichtbar, in der Hand, eilte er zur
-Kirche hinaus.
-
-Draußen gesellte sich Tina zu ihm; sie sah verfroren aus und drängte
-sich dicht an ihn, als suche sie Wärme bei ihm.
-
-»Biste mer bees, Pittchen?«
-
-»Nä,« murmelte er zerstreut.
-
-Sie trippelte neben ihm her. »Pittchen, maachste am Sonntag met nao
-Oberkail? Se danzen beim Pauly. Holste mech bei de Muhsik, dann« -- in
-ihrem Blick lag eine glühende Verheißung.
-
-Als er schwieg, funkelten ihre Augen; sie verzog spöttisch den Mund.
-»Olau, et es nor gud, dat dernaoch de Mannsleider widder kommen. Dau
-bis e su en power Luder, hast net emaol e Kastemännche, om dei Mädche
-zo traktieren!«
-
-Das traf! Er fuhr in die Brusttasche und ließ seinen Thaler um ein
-weniges herausblinkern. »Kuckste eweil, dat ech net e su power bin, hä?
-Wann ech nor will. Äwer« -- er schüttelte verneinend den Kopf, drehte
-ihr den Rücken und ging mit großen Schritten davon; er lahmte heute gar
-nicht, er ging so aufrecht und forsch, wie einer, der den Sieg in der
-Tasche trägt.
-
-Mit offnem Mund sah ihm Tina nach -- einen Thaler, so viel Geld?! Wie
-der Wind lief sie hinter ihm drein; als sie ihn erreicht hatte, faßte
-sie ihn am Rockschoß. »Hä, Pittchen, hä, wuher haste dän Dahler? Sao't
-mer doch, Pittchen, mei liew Pittchen!«
-
-Er besann sich einen Augenblick, dann lächelte er verschmitzt.
-»Geärwt,« flüsterte er ihr in's Ohr. »Pst, pst, Maul gehaal! Dau darfst
-niemand neist dervon saon, ech kriehn noch mieh. Äwer« -- er schlug
-sich selbst auf den Mund.
-
-»Ech saon neist, waohrhaftgen Godds,« versicherte sie.
-
-»Eweil holste mech aach bei de Muhsik, gäl?« Sie schmeichelte ihm und
-zog ihn abseits zwischen die Hecken, die, obgleich entlaubt, doch noch
-guten Schutz boten. Dort küßte sie ihn stürmisch und gierig.
-
-Ihm wurde ganz duselig im Kopf, eine wilde Freude bemächtigte sich
-plötzlich seiner. Alles konnte er haben, alles! Mit einem Juchzer
-schlang er den Arm um Tinas geschmeidigen Leib und lupfte sie in die
-Höhe. --
-
-So fleißig wie diesen Nachmittag war Peter noch nie in seinem Leben
-gewesen. Aus allen Ecken stöberte er seine selten benutzten Werkzeuge
-auf, schimpfte laut, wenn ihm eins fehlte, und ruhte nicht eher, als
-bis er alle zusammen hatte.
-
-In der Rumpelkammer neben der Stube, die nur durch eine Luke
-spärliches Licht erhielt, richtete er seine Werkstatt her. Den Tisch
-schleppte er dorthin, die einzige Lampe und den Schemel.
-
-Lucia sah lachend zu, sie wußte nicht, was sie davon denken sollte. Als
-sie den Einwand machte, daß er ihr das Beste aus der Stube weg trage,
-kniff er sie zärtlich in die Wange und kitzelte sie unter'm Kinn.
-
-»Dau sollst et schuns kommod kriehn,« brummte er und lachte in sich
-hinein; nahm dann einen Hammer und probierte ihn auf dem Tisch. »Eweil
-noch net, äwer bal. Dän Pittchen es en Filu. Gudendag, Dahlerpittchen,«
-er machte einen Kratzfuß, »wat kost de Welt?!«
-
-Stolz richtete er sich auf, warf sich in die Brust und summte:
-
- »Dahler, Dahler, dau mußt wannern
- Von der anen Hand zor annern,
- Dingderlink, Dahler dau -- -- -- --
-
-Himmelkreizgewieder!« schrie er, zusammenschreckend, dann plötzlich
-seine Frau an, »wat willste hei? Weibsbiller haon hei neist zo suchen!«
-Er schob sie aus der Kammer und schloß zu.
-
-Mit dem Kind auf dem Arm ging Lucia hinunter in's Dorf. Trotz des
-unlustigen Wetters ständerte sie an den Thüren herum und schwatzte.
-Diese und jene rief sie herein; dann setzte man ihr einen Kaffee vor
-und ein Schmierchen und fragte sie aus nach Leibeskräften.
-
-Wie ein Lauffeuer hatte sich's im Dorf verbreitet: der Miffert hatte
-eine Erbschaft gemacht! Wer es aufgebracht, wußte man nicht recht; aber
-man schwur darauf, wie auf das Amen in der Kirche.
-
-Lucia lachte harmlos dazu, sie sagte nicht 'nein' und nicht 'ja' -- was
-wußte sie denn davon? Aber sie nützte die Gelegenheit; so bereitwillig
-zum Geben waren die Weiber noch nie gewesen. Als sie wieder zur Hütte
-hinaufstieg, war sie schwer beladen, mit Kartoffeln, Brot und Speck;
-sie hatten für ein paar Tage genug daran. Satt und behaglich schlief
-sie ein.
-
-Erst lange nach Mitternacht, die Hähne krähten schon den grauenden
-Morgen an, suchte Pittchen sein Lager auf.
-
-Aus dem Spiegelscherben neben dem Bett starrte ihn ein fahles,
-seltsames Antlitz an. So hatte der Peter noch nie ausgesehen, er
-erschrak vor sich selber. Seine Lippen waren fest aufeinander gepreßt,
-als hätten sie ein Geheimnis zu verschließen; seine Augen fuhren scheu
-lauernd umher, wie die eines Diebes, der Überraschung befürchtet.
-
-Eine Maus kraspelte; er schrak zusammen und löschte rasch das Lämpchen.
-
-Ein Mondstrahl stahl sich durch das verhängte Fensterchen und malte
-helle, runde Lichtflecke auf die Thür zur Nebenkammer. Peter schlüpfte
-im Hemd, auf bloßen Füßen an's Fenster und zog den Lumpen fester vor,
-prüfte sorgsam, ob die Thür der Werkstatt verschlossen, und verbarg den
-Schlüssel hinter einem losgebrochnen Stein des Herdes.
-
-Dann erst kroch er fröstelnd in's Bett. Aber er wurde nicht warm. Von
-Schauern überrieselt, mit brennenden, weitoffnen Augen lag er, von
-Zweifeln und Ängsten beschlichen. Würde es ihm auch gelingen?! -- -- --
--- Was hatte der Pfarrer gesagt? 'Die Himmelskönigin wird sich deiner
-erbarmen!' -- -- -- -- »Ech gelowen der en Kerz, e su dick wie mein
-Arm, nä, noch dicker,« murmelte er. »Nä, zwa! On en Kleid von Seid, on
-Messen for de armen Seelen im Fegfeuer.«
-
-Bah, was ging denn nur mit ihm vor?! Er riß die gefalteten Hände
-auseinander -- so rasch ein Betbruder geworden? Das sollte ihm fehlen!
-Seine Gesichtsmuskeln zuckten in einem höhnischen Grinsen -- nur keine
-Furcht!
-
- »Wän net wagt, dän net gewinnt,
- Wän net sucht, dän net findt,«
-
-sagte er sich laut vor. Wo Reichtum und Armut so ungerecht verteilt
-sind, muß man da nicht selber suchen, sich was zu verschaffen? Wer
-zuerst beim Weihwasser ist, segnet sich zuerst. Und hatte ihm die
-Heilige nicht selber den Weg gewiesen?
-
-»Jao, jao,« -- er bekreuzte sich nun doch unter der Bettdecke --
-»unsre liebe Fra, gelowt sei se!« Die hatte das so gewollt; die war
-dem Pittchen gut, wie alle Weiber. Die hatte den Kronleuchter stürzen
-lassen; die hatte ihm das Zinn und das silberne Taufbecken in die Hände
-gespielt; die hatte dem armen Pittchen helfen wollen, die würde ihn
-auch ferner nicht im Stich lassen.
-
-Seine Aufregung legte sich allmählich, die finstren Falten auf seiner
-Stirn glätteten sich.
-
-Allerhand liebliche Bilder kamen. Wenn er sich auch erst unruhig warf
-und stöhnte, daß die Zeih aufwachte und erschrocken den Arm um seinen
-Hals schlang, bald schlief er sanft.
-
-Er lag noch und schnarchte, als der Pfarrherr den Küster schickte und
-fragen ließ, wie dem Pittchen die Arbeit gelinge?
-
-
-
-
- VIII.
-
-
-Der alte Krumscheid knallte mit seiner Peitsche, daß Krähen und
-Spatzen entsetzt aufflatterten und magere Häschen sich in den kotigen
-Ackerfurchen versteckten. Wenn die lange Peitschenschnur sich in
-den nackten Ebereschenzweigen, rechts und links von der Straße,
-verfing, fluchte er und riß und zerrte. War es ihm endlich gelungen,
-loszukommen, weifelte er hin und her und setzte dann in Bogen und
-Zickzacklinien seinen Heimweg fort.
-
-Er kam von Spang-Dahlem, da hatte er eine trächtige Kuh verkauft; ein
-gut Stück Geld trug er im Lederbeutel, unter'm Mantel versteckt, auf
-dem Leib. Kein Wunder, daß er einen Kleinen sitzen hatte; in Oberkail
-war er auch noch einmal eingekehrt.
-
-Als er zum Dorf hinaus war, stieß er auf Pittchen; fast schien es so,
-als hätte der da auf ihn gepaßt. Pittchen kam auch von Oberkail, hatte
-sich beim Maurer dort ein Säckchen Gips geholt, eine recht reichliche
-Portion, zum Eingipsen des Kronleuchters in der Kirche.
-
-Sie redeten dies und das. Der Krumscheid war sehr guter Laune, und
-Pittchen ging ihm um den Bart, so geschmeidig, wie eine schnurrende
-Katze ihrem Herrn um die Füße streicht. Zuletzt wurde der Alte
-vertraulich; wenn er gar so sehr schwankte, stützte Peter ihn.
-
-»Gud gelaoden,« lallte Krumscheid und schlug sich auf den Bauch, daß
-es lieblich im Lederbeutel klimperte. Und dann blinzelte er, von der
-Seite her, dem andren dummpfiffig in's Gesicht. »No, bei Eich werd et
-eweil aach bal klimpern, wat? Saot« -- er flüsterte wichtig und spitzte
-neugierig die Ohren -- »mir könnt Ihr't eweil dreist anverdrauen,
-wän -- wän« -- der Schlucken stieß ihn -- »wän haot Eich -- ebbes --
-ver--vermaacht?«
-
-»Jongfra Maria!« Peter flüsterte auch und legte dann, sich scheu
-umsehend, dem Angetrunkenen die Hand auf den Mund. »Still, äwer still,
-dat se 't net hört! Dat haot se net gären. Wann mer dervon babbelt,
-krieht mer de Krankhaat!«
-
-»Wän haot Eich -- ebbes -- ver--maacht -- wän?« Der Alte riß blöd die
-Augen auf.
-
-»Hei dän Däumerling,« lachte Peter und streckte seinen Daumen in die
-Höhe.
-
-»O dau Filu!« Der Krumscheid stieß ihn kichernd in die Seite. »Ihr
-spillt jao Kumedi! Ihr wollt et nor net saon!«
-
-»Kann sein, kann aach net sein!« Peter zuckte die Achseln. »Äwer,
-Krumscheid, hört ehs« -- er zwinkerte vertraulich -- »seid eweil e su
-gud, on lehnt mer e paor Dahler, Stücker aacht oder ziehn. Ihr krieht
-se met Zönsen widder, e su bal ech -- no, Ihr waaßt jao schuns! -- E su
-bal ech ausgezaohlt gänn!«
-
-»Lehnen -- Dahler --?!« Trotz seiner Trunkenheit wurde der Alte
-argwöhnisch; er hielt die Hände vor den Bauch, als wolle er so die
-Thaler schützen.
-
-Sie waren unweit Schwarzenborn, ein starker Wind blies über die kahle
-Höhe; der Alte torkelte, daß er sich kaum aufrecht halten konnte.
-
-Peter packte ihn fest unter den Arm. »Met Zönsen widder,« raunte er
-ihm in's Ohr. »Anstatts ziehn, fünnefziehn Dahler! Dat es en Geschäft,
-gäl? Hört Ihr dän Wind? Wie dän heult! Wann ech Eich loslaoßen, eweil
-kullert Ihr hei dän Berg erunner, bonz onnen, bonz owen! Se können Eier
-Knöchelcher anzeln ufsuchen.«
-
-»Jesses!« Der Alte klammerte sich fest an den stützenden Arm. »Kriehn
-ech se dann aach widder, mein Dahlersch?« stammelte er ängstlich.
-
-»Uf Ehr on Säligkaat,« sagte Pittchen feierlich. »Hopp! Maacht, gieft
-Obacht, eweil kunnt Ihr dat Genick brächen, wann ech net derbei waor!«
-
-»Jeßmarijusep!« Der Alte knöpfte schon seinen Mantel auf; Pittchen half
-ihm dabei, allein konnte der Krumscheid nicht mehr damit zu stande
-kommen.
-
-Auf einem Stein am Weg kramten sie den Beutel aus; die Papierscheine
-schob Pittchen mit Verachtung zurück, aber die harten Thaler, die darin
-waren -- grade acht -- packte er mit Gier. Er betrachtete sie scharf --
-lauter Thaler verschiedener Prägung, schon durch viele Hände gegangene;
-die Bildnisse verwischt, die Schrift nicht mehr leicht leserlich, das
-fein Gekerbte des Randes etwas abgegriffen. Er klopfte sie prüfend an
-den Stein. Waren sie auch echt? Sie gaben keinen sonderlich hellen
-Silberklang mehr.
-
-Mit einem tiefen Aufatmen, sehr befriedigt, steckte er sie in die
-Tasche. Dann führte er, sorgsam wie eine Mutter, den jetzt völlig
-Sinnlosen den abschüssigen Weg in's Thal, leitete ihn gutmütig bis in
-die Schenkstube und half ihm sogar selber noch in's Bett.
-
-Es war ganz dunkel, als er nach Hause ging.
-
-Zeih hatte ein Talglicht brennen; eine leere Flasche diente als
-Leuchter. Sie hatte es auf den nun einzigen Schemel der Stube gestellt
-und kauerte davor am Boden, wie ein Türke, mit untergeschlagenen Beinen.
-
-Josefchen schlief fest in seinem Weidenkorb; sein Gesichtchen, mit dem
-unkindlich spitzen Näschen und den wachsgelben Wänglein, sah aus wie
-das eines toten Kindes.
-
-Das armselige Licht flackerte mit langer Schnuppe und stank abscheulich
-nach ranzigem Fett; auf dem Herd schwehlte Reisig, warf ab und zu einen
-aufzuckenden Schein über die Wände und sank dann jäh wieder zusammen.
-Das gab dem öden Raum etwas Leeres, Ausgestorbenes. Die nackten Mauern
-glichen Grabmauern in der gespenstischen Beleuchtung.
-
-Nur Zeih atmete volles Leben. Über ihrer üppigen Brust straffte
-sich die bunt-baumwollene Nachtjacke, der oberste Knopf war nicht
-geschlossen, man sah die weiße Kehle schimmern. Aus den Flechten hatte
-sie die Haarnadeln gezogen, nun hingen sie ihr halbgelöst herunter, und
-das flackernde Licht warf einen goldenrötlichen Glanz auf ihr Braun.
-So sah sie fast mädchenhaft aus, trotz ihrer Fülle von einer keuschen
-Lieblichkeit.
-
-Mit flinken Fingern kramte sie in dem bunten Gelappe auf ihrem Schoß --
-hier ein Bandflickchen, da ein Spitzenendchen -- es war rätselhaft, wo
-sie das alles aufgetrieben hatte. Nun langte sie neben sich und hielt
-die Taille des roten Sonntagskleides gegen's Licht -- an der Brust
-ganz speckig gerieben, alle Nähte blank, der Stoff so fadenscheinig
-abgetragen, daß das Licht durchschimmerte, wie durch ein Spinngewebe.
-
-Sie seufzte. Schade, daß das neue Kleid nicht schon fertig war! Der
-Stoff war noch nicht einmal angekommen; was hätte sie sonst für einen
-Staat machen können, morgen zu Oberkail! Jammerschade!
-
-Ein paar Augenblicke ließ sie die Lippen hängen, aber gleich darauf
-hoben sich die Mundwinkel wieder in einem vergnügten Lächeln. Ei was,
-amüsieren würde sie sich auch in dem alten Kleid, war nicht der schöne
-Gendarm da?! Und wenn der nicht, dann doch andre!
-
-Es wurde ihr heiß, wenn sie an die Lustbarkeit dachte; sie öffnete die
-Nachtjacke weiter über der Brust. Pittchen mußte mit ihr hingehn, er
-mußte; hei, das würde fidel werden! Sie hielt den hübschen Kopf schief
-über ihre Arbeit geneigt und summte sich halblaut eins.
-
-Da knarrte die Thür; Peter trat ein.
-
-Mit einem unterdrückten freudigen 'Jesses' sprang sie ihm an den Hals.
-
-Er war durchfroren; das Haar hing ihm, vom Nebel genäßt, in die Stirn.
-
-Sie ließ ihn gar nicht zu Atem kommen. »Pittchen, mir maachen morjen
-nao Oberkail, gäl? Dau giehst met mer danzen, gäl?« Sie flüsterte und
-drückte ihn heftig an ihre weiche volle Brust.
-
-»Watt dann?« Er sah sie verwundert an. »Wie kömmste e su im Momang dao
-druf? Wän haot dir dat in dän Koap gesetzt?«
-
-»Dat Tina waor hei,« sagte sie hastig. »Et saot, dau hättst em
-versproch, dau wollst et metholen nao Oberkail. Kuckste hei?« Sie
-hielt ihm die Wange hin, über deren weiches Fleisch sich ein scharfer
-Kratz zog. »Mir haon en ordentlichen Diskurs gehaott. Äwer ech giehn
-met. Jesses« -- sie machte einen kleinen Hopser -- »ech hören se
-schuns fiedeln! Gäl, Pittchen, mir giehn daor?« Sie blinzelte ihn mit
-schwimmenden Augen an.
-
-»Dat Tina, dat frech Mensch,« murrte Peter und kratzte sich mißmutig
-hinter den Ohren. »Ech giehn net nao Oberkail, ech haon ken Zeit!«
-
-»Olau!« Lucia lachte ihm in's Gesicht, und dann sagte sie ernsthafter:
-»Dän Küster waor hei, hän wollt kucken, wie weit datste als met dem
-Kronleuchter wärst. Hän wollt et absolut wissen; hän saot, dän Hähr
-Pastor däht em schicken. Mir wollten in de Kammer kucken, mir haon
-versucht --«
-
-»Onnerstieh dech noch ehs!« Peter fuhr sie so heftig an, daß sie
-betroffen zurückwich. Mit großen Schritten eilte er zur Kammerthür, zog
-den Schlüssel aus seiner Tasche und stieß ihn in's Schloß; dann krachte
-er hinter sich zu. Zeih hörte, daß er zweimal herum zuschloß.
-
-Er blieb sehr lange in der Kammer; als sie ihn zur Abendsuppe rief, war
-ein dumpfes Grunzen seine einzige Antwort.
-
-Sie klopfte und schlug gegen die Thür. »Pittchen, hörste dann net?
-Pittchen! Eweil sollste kommen, Pittchen!«
-
-Urplötzlich, mit einer solchen Vehemenz trat er heraus, daß er ihr
-die Thür gegen den lauschend vorgeneigten Kopf stieß. Er beachtete
-nicht, daß ihr die Thränen in die Augen schossen; stumm und hastig
-schlingend, verzehrte er am Herdrand das Mus und die paar vom Mittag
-übrig gebliebenen kalten Schalenkartoffeln.
-
-Als er satt war, kam eine ruhigere Stimmung über ihn; er ließ seinen
-heißen Kopf, wie erschöpft, an Lucias Schultern sinken und umfaßte
-ihren Leib. »Dat waor en Strawatz,« stieß er unwillkürlich heraus,
-»hährjeh!«
-
-»Wat dann?« fragte sie zerstreut; sie dachte nur an den morgenden Tanz.
-
-Ohne zu antworten, wühlte er den Kopf immer tiefer.
-
-Sie strich mechanisch über sein Haar, vor ihren Augen drehten sich die
-Tänzer.
-
-Er murmelte in sich hinein: »Mer kann jao eweil dat Läwen net mieh
-mantenören.« Und dann fuhr er plötzlich auf: »Zeih, freu dech!«
-
-»Dau giehst met mer nao Oberkail? O dau Pittchen!« Froh überrascht
-drückte sie ihm einen schallenden Kuß auf die Backe. »Nao Oberkail!«
-
-»Gieh met wäm datste willst! Laoß mir mein Ruh!«
-
-Heftig sprang er auf und eilte in die Kammer; wieder schloß er hinter
-sich zu. -- -- --
-
-Zum zweiten Mal schon wachte Lucia in dieser Nacht auf, und noch immer
-lag ihr Mann nicht neben ihr. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen.
-Unter der Schwelle der Kammerthür stahl sich noch ein Lichtstreif
-in die Stube; nun hörte sie auch drinnen noch hantieren, hastiges
-Hinundhergehn und unterdrücktes Fluchen.
-
-Sie bedauerte ihren Mann; was der sich plagen mußte!
-
-Seit der Kronleuchter im Hause war, war das arme Pittchen wie behext;
-wär' der nur geblieben, wo der Pfeffer wächst!
-
-Leise schlich sie sich aus dem Bett und lugte, mitleidig und neugierig
-zugleich, durch den Spalt, der mitten im Holz der Kammerthür klaffte.
-Nichts zu sehen, von innen war er verklebt.
-
-»Pittchen,« rief sie und klopfte.
-
-Keine Antwort.
-
-Innen Gemurmel, als ob einer betet oder Geister beschwört.
-
-Draußen erhob der Nachtwind ein stöhnendes Geheul. Das pfiff und
-ächzte und tobte und johlte; das Wodesheer jagte im Kunowald, oder der
-Teufel rief die Hexen auf dem Tanzplatz bei Großlittgen zusammen. Der
-wilde Herbststurm riß am Strohdach, nicht viel fehlte mehr, und die
-Hütte wurde abgedeckt. Eine schauerliche Nacht.
-
-Sie fror in dem dünnen Hemd, das ihr nur bis zu den Knieen reichte.
-Zitternd schlich sie in's Bett zurück. -- -- --
-
-Vorwurfsvoll blickte Lucia Miffert am andren Morgen in der
-Sonntagsmesse zur Kirchenwölbung auf, an der ein großes Loch die Stelle
-zeigte, wo der Kronleuchter gehangen. »Dau,« murmelte sie drohend und
-ballte die Faust in den Falten ihres Kleides. »Brauchst dau erunner zo
-porzeln, konntste net waarten bis morjen? Eweil däht hän heit met mer
-nao Oberkail giehn!«
-
-So war mit dem Peter nichts anzufangen; der bastelte den ganzen
-heiligen Sonntag in seiner Werkstatt und wurde unwirsch, wenn man ihn
-störte.
-
-Sie betete recht angelegentlich zur Jungfrau Maria; wenn die ihr doch
-einen schickte, der sie mitnähme!
-
-Am frühen Nachmittag wusch und strählte sie sich noch einmal; die
-Haare glänzten ihr wie Seide auf dem wohlgeformten Kopf, das Kleid
-sah doch noch erträglich aus, nun sie es mit einem Spitzenkrägelchen,
-von einer gelben Bandschleife geschlossen, ausstaffiert hatte. Mit
-Wohlgefallen guckte sie in den Spiegelscherben. Hei, wie die Ohrringel
-blitzten, wie pures Gold! 's war zwar nur blankgeputztes Messing, ein
-Hausierer hatte ihr die Ringelchen einmal eingetauscht gegen alte
-Lumpen; freilich, ein paar handvoll Federn aus dem Bett hatte sie auch
-noch mit dreingeben müssen.
-
-Mit naiver Freude besah sie sich lange, dann trat sie vor die Hausthür,
-stemmte die Arme in die Seiten und lugte aus.
-
-Jesus, Maria, Josef! Wer kam denn da mit Säbelgerassel die Dorfstraße
-herauf?! Sie traute ihren Augen nicht; einen hellen Freudenschrei stieß
-sie aus -- das war ja der schöne Gendarm von Oberkail!
-
-Ihr Kleid raffend, sprang sie in großen Sätzen ihm entgegen. Daß ihr
-nur keine zuvorkam!
-
-Die einsame Dorfstraße hatte sich plötzlich belebt, aus allen
-Fenstern fuhren Köpfe; Thüren klappten. Rufen, Laufen, Lachen. Mit
-Zauberschnelle war Leben, wo eben noch alles ausgestorben erschienen.
-Da waren schon die Tina, die Brun und die Leis! Die kleine Billa kam
-auch gerannt, und noch ein ganzer Schwarm andrer.
-
-Der schöne Gendarm versandte rechts und links freundliche Blicke aus
-seinen blanken Augen und lachte über das ganze runde Kindergesicht, daß
-sich die Grübchen in seinen Backen zu zwei Löchelchen vertieften.
-
-Wen suchte er?
-
-Nun war Lucia bei ihm. »Hähr Schandarm, Hähr Schandarm,« stammelte sie
-atemlos, mit ihrem strahlendsten Lächeln.
-
-»Verfluchtes Schwein -- pardon, wollte sagen: riesiges Jlück!« Er
-legte zwei Finger an den Helm und betrachtete sie mit der Miene eines
-Eroberers. »Ich dachte jrade an Sie, schöne Frau!« Er gab sich Mühe,
-das ein wenig von oben herab zu sagen, aber im Grunde war er so erfreut
-über die Begegnung, daß er schmunzelnd den Mund breit zog. Er strich
-sich unternehmend den Schnurrbart. »Riesig erfreut!«
-
-»Es et waohr?« fragte sie treuherzig. Die Häuser tanzten vor ihren
-Augen einen wiegenden Walzer, ihr Herz klopfte in kindischer
-Glückseligkeit -- den hatte ihr die Jungfrau Maria geschickt!
-
-Sie waren bald einig. Der schöne Gendarm hatte in Eifelschmitt beim
-Krumscheid, dem Ortsvorstand, etwas zu thun gehabt; das sagte er aber
-nicht, er behauptete, einzig und allein nur gekommen zu sein, um die
-schöne Zeih zum Tanz abzuholen. Nun wollte er auf sie warten, unten am
-Berg, wo das Fußfällchen[35] steht.
-
-Vor Freuden hüpfend, eilte sie zurück in ihre Hütte; sie küßte und
-bekreuzte das Josefchen in der Wiege, wickelte es fest ein, daß es sich
-nicht rühren konnte, und steckte ihm den Zulp mit gekautem Brot in's
-Mäulchen.
-
-Jetzt rasch ein Tuch um die Schultern gehängt und dann an die
-Kammerthür geklopft. »Pittchen, adjes! Ech giehn derweil!«
-
-Drinnen fuhr einer erschreckt auf, wie aus tiefem Schlaf, man hörte den
-Schemel umpoltern.
-
-»Ech giehn nao Oberkail, adjes!« Sie wartete keine Gegenrede ab,
-schnell war sie auf und davon; die Thür ließ sie in der Eile offen, ein
-starker Zugwind blies in's Haus.
-
-Als sie mit ihrem Begleiter die Höhe gen Schwarzenborn hinaufstieg,
-folgten ihr viel neidische Blicke.
-
-Was wollte die denn mit dem? Die hatte ja zuhause einen Mann! Die
-Weiber standen zusammen, Enttäuschung und Ärger in den Mienen, und
-schimpften hinter ihr drein; heute wurde Lucia Miffert von allen gehaßt.
-
-Tina schmählte, gegen ihre sonstige Gewohnheit, wenig; sie lahmte
-merklich mit dem linken Fuß. Auf den hatte ihr die Zeih gestern den
-Schemel geworfen; da hatte sie ordentlich Respekt bekommen.
-
-Als es dunkelte, schlich sich Tina zu Mifferts Hütte, sie hörte ihn
-drinnen poltern und fluchen.
-
-Vor einer Viertelstunde war Peter erst aus der Kammer gekommen; sein
-blasses Gesicht zeigte scharlachrote, abgegrenzte Flecken auf den
-Backenknochen, seine Augen, die tief in den Höhlen lagen, glänzten
-übernatürlich.
-
-»Zeih,« schrie er aufgeregt, »Zeih!« Für heute war er fertig, und nun
-mußte er einen Menschen haben, mit dem er reden konnte, einerlei was,
-nur reden, reden! Eine wilde Unruhe quälte ihn.
-
-»Zeih!« schrie er, daß die Wände widerhallten. Sie antwortete nicht,
-nur das Josefchen wimmerte, halberstickt in seiner festen Umwicklung.
-
-Die Thür stand sperrangelbreit offen, eiskalt war's in der Stube -- die
-Zeih nicht da, wo war sie?
-
-Verstört fuhr er sich über die Stirn -- hatte sie's ihm denn nicht
-zugerufen: 'nao Oberkail' --?!
-
-Wie ein Keulenschlag traf es ihn in's Genick; er brüllte auf: »Nao
-Oberkail!«
-
-Und mit wem --?! Hatte er denn keine Ohren gehabt, keinen Verstand?!
-Wie ein Wahnsinniger rannte er in der Hütte umher -- nach, ihr nach! Er
-wollte sich anziehen und fand seine Sachen nicht, wütend warf er alles
-durcheinander; am liebsten hätte er geweint, wie ein altes Weib.
-
-Da kam Tina.
-
-Erst war er grob, sie ließ sich nicht abschrecken; schlau wie ein
-Kätzchen umschmeichelte sie ihn. Sie küßte ihn und streichelte ihn; sie
-sah schön aus in dem Sonntagskleid, mit dem goldenen Kamm in den Haaren
-und frisiert wie ein Fräulein.
-
-Er wurde schwach. Und hatte er denn nicht auch versprochen, sie
-mitzunehmen?!
-
-Sie drängte ungeduldig zum Aufbruch. Nur so viel Zeit ließ sie ihm
-noch, daß er von neuem Feuer anzündete und das Kind loswickelte; die
-Zeih hatte es ja eingepackt, daß es ersticken mußte.
-
-Dann gingen sie mit einander fort, aber Peter verschloß das Haus
-sorgfältig und legte sogar die morschen Läden vor.
-
-Sie waren kaum zwanzig Schritt weit, da rief die Leis sie an; die
-hatte wohl hier auf der Lauer gelegen. Sie war vollständig zum Gehen
-gerüstet, nur die schönen blonden Haare trug sie unbedeckt, als goldig
-umstrickende Fäden wehten sie im Herbstwind. Sie sagte, sie wolle auch
-nach Oberkail, und schloß sich ihnen an, ohne weiter aufgefordert zu
-sein.
-
-Die schwarze Brun war auch nicht weit. Wenn Tina auch ein noch so
-wütendes Gesicht machte, die beiden stahlen sich an Pittchens andere
-Seite.
-
-Und so fanden sich ihrer noch mehrere ein. Die Steffes kam daher, ganz
-sittsamlich ihr Hubertche an der Hand führend; gleich darauf die Traut,
-die immer noch ein besonderes Anrecht auf Pittchen geltend machte, von
-früher her.
-
-Als sie endlich die Chaussee gen Schwarzenborn hinaufstiegen, trabte
-Pittchen inmitten von zehn Weibern. Als letzte hatte sich die kleine
-Billa eingefunden, atemlos war sie nachgerannt in ihrem flatternden
-kurzen Rock. -- »Tina, waart! Waart!« Sie kreischte immerfort: »Helao,
-ech saon et! Dau sollst net allein giehn! Tina, Tina!«
-
-Zuletzt hing sie sich dem Peter an den Rockschoß. --
-
--- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die letzten Lichter von Oberkail schimmerten wie vereinzelte
-Glühwürmchen durch die Finsternis, als die Eifelschmitter heimkehrten.
-Es war spät, gegen Mitternacht, und noch hatten sie eine gute Stunde
-Wegs.
-
-Ihre Gesichter glühten trotz des scharfen Bergwindes, der die Haut
-schnitt wie mit Messern; ihre Kleider blähten sich, flatternd gleich
-Fledermausflügeln. Irgend jemand trug eine Laterne, aber sie löschte
-bald aus; nur der Mond, der für Augenblicke zwischen jagenden Wolken
-hervorlugte, zeigte den Weg. Er war ein sehr unsicherer Führer -- jetzt
-verschwand er ganz; mit Gekreisch drängten sich die Weiber in der
-tiefen Dunkelheit um Pittchen. Wohin der tappte, weiche Leiber.
-
-Das war ein 'Jux' gewesen zu Oberkail!
-
-Als der Peter mit seiner Eskorte angekommen war, tanzten sie schon;
-mitten im dicksten Knäuel drehte sich die Zeih. Sobald sie ihren Mann
-erblickte, ließ sie ihren Tänzer, den Gendarmen, stehen und lief
-lachend auf Pittchen zu. Dieser aber that patzig, sah sie gar nicht
-an und tanzte los mit einem herausfordernden Trotz. Und als er gar
-Apfelwein kommen ließ und die Eifelschmitter Damen traktierte, war er
-König des Tanzbodens; die dummen Bauernburschen von Oberkail trauten
-sich ihm nicht in's Gehege, von denen hatte ohnehin jeder sein Mädchen
-mitgebracht.
-
-Lustig, lustig! So toll hatte es der Peter noch nie getrieben; sein
-lahmes Bein schien vergessen, er sprang wie ein jähriges Kalb, immer
-gab ihm was inwendig einen Peitschenschlag: »Hü, hott, trab, trab!«
-Gestachelt durch Eifersucht, geschmeichelt von der Bewunderung, gejagt
-von -- was war es nur, das ihn so hetzte?!
-
-Er schwang die Tina und die Leis, er schwang die Vrun und die Traut --
-alle. Erst gab es ihm einen schmerzhaften Stich, wenn er sah, wie der
-Gendarm und die Zeih sich gar nicht losließen; dann ging alles unter in
-einem wilden Dusel.
-
-Der letzte Groschen von dem Vorschuß, den er vom geistlichen Herrn auf
-seine Arbeit erbeten, war verjubelt; was kümmerte es ihn, er schrie
-immer weiter nach Bier, Schnaps und Wein und ließ es auf Rechnung
-schreiben.
-
-Jede drängte sich dazu, mit ihm zu tanzen; jeder mußte er zutrinken.
-Rechts hatte er die Tina neben sich, um den Platz an seiner Linken
-stritten sich Vrun und Leis erbittert mit der Traut; zuletzt wurden sie
-dahin einig, sie saßen nacheinander ihre Zeit ab. Sie schmeichelten ihm
-alle, er that mit jeder schön; zuletzt konnte er sie nicht mehr von
-einander unterscheiden. Keine nahm's ihm übel, sie waren schon alle
-halbvoll.
-
-Billa war zuerst abgefallen. Sie fing plötzlich, mitten im Lachen,
-laut an zu weinen, legte den Kopf auf den Tisch und schluchzte, daß es
-sie stieß. Als jemand nach einer Weile sie aufrichten wollte, sank sie
-wieder schwer vornüber; sie schlief fest, unbekümmert um das dröhnende
-Gelächter der andren und das Gedudel der Musik.
-
-Pittchens Augen starrten trüb und glasig, wie die eines toten
-Schellfisches. Er sah nicht mehr, daß der schöne Gendarm drüben mit
-Zeih in einer Ecke saß und ihr Wein und Kuchen bestellt hatte; er
-merkte nicht, daß sie miteinander verschwanden.
-
-Er riß unflätige Witze, lachte, schlug auf den Tisch, drückte jetzt
-die, dann die, und wurde zuletzt windelweich.
-
-Sie hielten ihn umstellt, wie ein Rudel ausgehungerter Wölfe den
-waidwunden Bracken; ihre Augen glänzten und glitzerten, sie maßen sich
-untereinander mit Raubtierblicken -- wem fiel er zu? Dumpf knurrend
-zeigten sie sich die Zähne.
-
-Der Kampf des Abends wurde auf der mitternächtigen Straße fortgesetzt.
-In der schwarzen Finsternis gab es heimliche Tritte und Püffe, alles
-still, ohne Laut. Jede suchte die neben sich von Pittchen weg zu
-drängen und allein was von ihm zu erhaschen; sie warfen ihn fast um.
-
-Peter war schwer betrunken. Er war kein Gewohnheitssäufer, es war
-zu zählen, wie oft er in seinem fünfunddreißigjährigen Leben bezecht
-gewesen; aber in letzter Zeit warfen ihn schon ein paar Gläser um, er
-goß sie zu aufgeregt, zu hastig hinunter.
-
-Willenlos ließ er sich von den Weibern schieben und zerren; wie ein
-unlöslicher Klumpen hingen sie dicht um ihn geballt. So kamen sie
-langsam voran.
-
-Nun zeigte sich wieder einmal der Mond -- da fiel's der Tina auf, die
-Bill fehlte. Richtig, die hatten sie oben vergessen im Tanzsaal. Da
-lag sie auf der Ofenbank wie eine Tote, mit wirrem Haar, die Kleider
-halbgelöst um den noch kindlich hagren Körper; die Bauernburschen
-standen darum her, glotzten und machten ihre Scherze.
-
-Auch das Hubertche war abhanden gekommen; das schlief wohl auch
-in irgend einem Winkel. Niemand beunruhigte sich wegen der
-zurückgebliebenen Kinder.
-
-Ganz zurück in der Ferne zeigte sich ein wanderndes rötliches
-Pünktchen, das war die Laterne, die der Gendarm trug; er gab
-seiner Liebsten bis Schwarzenborn das Geleit. Sie verabredeten ein
-Stelldichein am nächsten Tage, dann ließ sich Zeih einen zärtlichen
-Abschied gefallen und bedankte sich vielmals 'für alles Pläsir.'
-
-Noch ein Kuß. Dann rief sie laut nach ihrem Mann, daß es durch die
-Nacht gellte, und stolperte, so rasch sie konnte, den Vorangegangnen
-nach. --
-
-Ein Ungeheuer, vielfüßig vielköpfig, schiebt sich langsam die
-Weiberschar bergab. Sie hat den Weg verloren.
-
-Über Gestein und Geröll, durch Acker und Gestrüpp, ohne Pfad wälzt
-sie sich zu Thal, mitfortreißend, was nicht Kraft hat, sich zu wehren.
-Einer Lawine gleich, die verheert und zerstört; furchtbar in fühlloser
-Lebendigkeit, unheimlich in unerbittlichem Vorrücken, todbringend in
-grausamer Geschlossenheit.
-
-
-
-
- IX.
-
-
-Allerseelen.
-
-Die Gräber des kleinen Kirchhofs, draußen an der Straße gen Himmerod,
-waren geschmückt mit Tannenzweigen und Papierrosen. Hoch hatte sich
-schon der Schnee auf den Hügeln getürmt und sie alle weiß und gleich
-gemacht; nun waren sie sorgsam reingefegt und geschaufelt, zierliche
-Kreuze, Kränze, Herzen und Buchstaben waren von roten Beeren gelegt und
-Lichtchen zwischen hineingesteckt. Aus der erstarrten Erde schien es
-zu brennen; die da unten ruhen, sprechen zu denen oben mit ängstlich
-flackernden kleinen Flämmchen, die der leiseste Windhauch verlöschen
-kann.
-
-Aber kein Wind wehte. Noch einmal war der Winter gewichen, über den
-Bergen die Sonne erschienen; bleich zwar und müde, aber doch eine
-Sonne. Das hängende, verschrumpfte Laub der Friedhofsrosen schien sich
-noch einmal zu heben; um die Mittagszeit war es lind und still im Thal,
-der Himmel zeigte ein blasses Blau. Allerheiligensommer.
-
-Da haben die Toten ihren Festtag. Die längst Vergessenen kommen wieder
-zu ihrem Recht, rühren sich in den morschen Särgen und senden einen
-Gruß hinauf in's Leben. Allerheiligen -- Allerseelen.
-
-Die Weiber von Eifelschmitt hatten ihr Bestes gethan, ihre Gräber waren
-so schön geschmückt, wie die im reichsten Dorf. Schon am Morgen strömte
-die ganze Schaar hinaus zum Kirchhof; man sprengte die geschmückten
-Hügel mit geweihtem Wasser, lag lange auf den Knieen und betete für die
-ewige Ruhe der Verstorbenen. --
-
-Am Nachmittag, als sie alle bei Festtagskaffee und Kuchen saßen,
-schlich sich Pittchen hinaus; er ging gebückt wie ein Alter, und die
-Schale mit geweihtem Wasser in seiner Hand schwankte.
-
-Daheim saß die Zeih bei dem kranken Josefchen und weinte sich die Augen
-rot; die 'Gichter' plagten das Kind, warfen bald seinen kleinen Leib
-hoch in die Höhe und reckten ihn dann wieder lang.
-
-Seit jenem Sonntag in Oberkail war das Josefchen krank; da waren die
-Eltern spät in der Nacht heimgekommen, ohne einen Blick auf die Wiege
-zu werfen, torkelten sie sinnlos in's Bett. Am Morgen lag das Josefchen
-nackt da, steif und blaugefroren; bald kamen die Krämpfe.
-
-»Kreischt net e su,« sagte die Weise-Frau, die Peter in seiner Angst
-holte, »bal hatt ihr e schien Engelche im Himmel!« Davon wollten die
-Eltern nichts wissen; Anschuldigungen flogen hin und her, es gab einen
-heftigen Zank. Der Schluß war, daß sich Peter finster und wortkarg in
-seiner Werkstatt verschloß und Zeih betend und weinend an der Wiege
-verblieb.
-
-Aber bald ertönte ihr Singen, erst leise, dann schallend; die Leute
-sagten immer bewundernd. »Dat Zeih haot en Stimm, om de Duden
-ufzoerwecken.« Sie sang:
-
- »Hoch uf em Daach, uf em Daach,
- Haot sech en Könd half dud gelaach,
- Et fiel erunner, erunner --
- Rube-de-bub -- Rube-de-bub!«
-
-Das wiederholte sie ein paar Mal, beim Kehrreim stieß sie jedesmal an
-die Wiege, daß sie heftig schaukelte.
-
-»Rube-de-bub -- Ruube-de-bub!« Und dann weinte sie wieder ein Weilchen.
-
-Peter war nicht so leicht getröstet; wenn er nicht in der Werkstatt
-steckte, stand er bei der Wiege und starrte finster brütend, mit
-zusammengekniffenen Lippen auf das kranke Kind.
-
-Heute schlich er wie ein armer Sünder auf den Kirchhof; auf den Gräbern
-seiner Eltern warf er sich nieder und krallte die Finger in die kalte
-Erde. Er suchte eine Zuflucht bei ihnen vor den eigenen Gedanken.
-
-Lange war er nicht hier gewesen, wohl das ganze Jahr nicht; aber
-nun sollte es besser werden, er versprach es denen da unten hoch
-und heilig. Und einen Marmorstein sollten sie kriegen mit goldner
-Inschrift; koste es, was es wolle, er konnte es ja zahlen. Zahlen --!
-
-Er fuhr auf und sah sich scheu um. Wenn er nur Mut gehabt hätte! Er
-knirschte mit den Zähnen und ballte die kalten Finger zu Fäusten --
-den Mut, den Mut! Da lag was in seiner Werkstatt verborgen, nicht
-Sonne noch Mond hatten es beschienen, niemand hatte es gesehn, und
-doch ängstigte es ihn Tag und Nacht. Es konnte ihn reich und glücklich
-machen, und doch --
-
-Mit einem unterdrückten Fluch sprang er empor, sein Fuß trat in
-die Schale geweihten Wassers, daß sie umstürzte und ihr Naß in den
-aufgetauten Pfad ergoß.
-
-Nur Mut! Er fuhr sich in die Tasche -- klapperte es nicht schon darin?
-Nein, nein -- leer, ganz leer! Und zu Hause weinte die Zeih, wimmerte
-das Josefchen; kalt war die Hütte, der Tod stand auf der Schwelle -- --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Der Angstschweiß brach ihm aus, mit der verkehrten Hand wischte er sich
-über die Stirn; die Hand zitterte.
-
-»Feiges Luder,« murmelte er zwischen den Zähnen. Nur ein bißchen
-Courage brauchte er zu haben, dann wurde alles wieder gut. Dann lachte
-die Zeih, dann kam der Doktor und heilte das kranke Kind -- er sah es
-schon mit roten Bäckchen, auf flinken Füßchen durch die Hütte trippeln,
-ein großes Butterbrot in der Hand, -- und die Zeih küßte ihn, heiß
-fühlte er den Kuß. Und am Kirchhof vorüber zog eine ganze Schar --
-nickende, winkende Weibergestalten. Verjubelte Tage, verjubelte Nächte
--- immer fidel --!
-
-Die Hütte würde er ausbauen lassen, nein, eine neue kaufen, einen
-Bauernhof! Vielleicht gar die Eichelhütte, drüben gen Himmerod zu,
-deren schloßähnlicher Bau über die Eichenwipfel ragte.
-
-Da hatte ihn sein Vater vorbeigeführt, als er noch ein Knabe war; da
-hatten sie am Gitter gestanden und neugierig in den Park gelugt. Ein
-reicher Herr hatte im Schlößchen gewohnt, der war längst tot, und der
-jetzige Besitzer wollte verkaufen. Wenn er nun der Herr Besitzer würde
---?!
-
-Wie die Zeih sich freuen würde! Was die da unten im Grab wohl dazu
-sagen würden?!
-
-Er kniete nieder, legte sein Ohr an den Hügel und horchte.
-
-Tief, tief innen in der Erde glaubte er was zu hören, ein Summen und
-Rauschen, ein Flüstern und Raunen; hohl, wie aus einem Gewölbe, drang's
-an sein Ohr. Ein Schauder überlief ihn, -- das kam aus der Ewigkeit! --
--- -- -- -- -- --
-
-'Wie mer sech bett', su schläft mer,' -- hatte so sein Vater nicht
-immer gesagt?
-
-Zitternd flüsterte Peter: »Sollen ech et duhn? Sollen ech et net duhn?«
-
-Und die Stimme aus der Tiefe antwortete: »Du sollst!«
-
-Da sprang er auf. Der Kirchhof war leer. Hinter den Bergen verkroch
-sich schon die Sonne, und im Säuseln eines Lüftchens flackerten die
-Gräberkerzen höher.
-
-Von Schauern überrieselt ging Peter, die Füße waren ihm wie gelähmt;
-langsam, ungewiß machte er Schritt für Schritt. Auf dem großen Kreuz,
-das sich mit der Gestalt des Heilands inmitten des Kirchhofs erhebt,
-lag ein blendender Schein; gerade auf die Inschrift fiel er, die sich
-in goldenen Buchstaben über den breiten Sockel zieht.
-
-'_Amor me cruci affixit_'
-
-Was hieß das? Nie hatte Peter darüber nachgedacht, nun stand er in
-Sinnen verloren. Er buchstabierte, und dann starrte er hinauf zu dem
-dornengekrönten Leidensantlitz, bis ihm die Augen übergingen.
-
-Plötzlich schreckte er zusammen, eine Hand legte sich auf seine
-Schulter. Ah, der Herr Pastor! Er riß die Mütze vom Kopf.
-
-»Seh einer, der Miffert!« sagte der Geistliche wohlgelaunt und schlug
-ihm mit dem Brevierbüchlein, das er stets bei dem täglichen Spaziergang
-mit sich führte, leicht auf den Rücken. »Na, wie steht's mit dem
-Kronleuchter? Seid Ihr bald fertig?«
-
-»Nä, nä,« stotterte Peter erschrocken; die gutmütige Stimme klang ihm
-wie die Posaune des jüngsten Gerichts. »Eweil sein ech noch net e su
-weit, ech -- eweil -- äwer bal -- ech --«
-
-»Ich glaube es wohl, das ist kniffelige Arbeit!« Der Geistliche legte
-ihm selber die Entschuldigung in den Mund, Peter schnappte danach, wie
-ein Fisch nach dem Köder.
-
-»Dat es et, dat es et,« beeilte er sich zu versichern. »Ech arweiden
-Dag on Naacht, äwer --«
-
-»Ich habe es gehört,« unterbrach ihn der Pfarrherr freundlich. »Das
-ist brav, mein Sohn. Deine Arbeit wird schon wohlgelingen; Mariä Sohn
-selber« -- er wies hinauf zum Kreuz, das sie hoch und breit überragte
--- »wird dich in seine Fürbitte aufnehmen!«
-
-Ein Stich ging Peter durch und durch, er fühlte, wie eine heiße
-Blutwelle ihm in's Gesicht schoß; scheu sah er hinauf zu dem verzerrten
-Leidensantlitz.
-
-Der goldne Glanz vom Himmel hatte sich gewandelt, rot wie Blut war er
-geworden und umspielte mit flammendem Schein die eingemeißelte Schrift.
-Sie flimmerte vor seinen Augen.
-
-»Lao stieht wat,« stammelte er und zeigte mit dem Finger hinauf. »Wat
-heißt dat?«
-
-»_Amor me cruci affixit_ -- Liebe hat mich an's Kreuz geschlagen,«
-sprach der geistliche Herr und wandte sich zum Gehen. Er nickte noch
-einmal zurück: »Guten Abend, guten Abend, ich komme in den nächsten
-Tagen selber zu Euch, Miffert, und sehe nach Eurer Arbeit.« Mit
-segnendem Gruß hob er die Hand. Sein Brevier murmelnd, tauchte er
-hinter den Hügeln unter.
-
-Einsam war wieder der Kirchhof; so still war's um Pittchen, daß er das
-eigne Atmen als lautes Geräusch hörte.
-
-Schwerfällig ließ er sich auf dem Sockel des Kreuzes nieder.
-
-'Liebe hat mich an's Kreuz geschlagen' -- ja, die Liebe! Seine
-Brust hob sich unter einem tiefen Seufzer -- die war's! Eine große
-Erleichterung kam über ihn. Was er that, that er ja auch nicht für
-sich, nur aus Liebe zu andren! Da waren die Zeih, das Josefchen und die
-andren alle -- aus purer Liebe!
-
-Sein unsteter Blick wurde ruhiger, er heftete ihn fest auf das Bild des
-Gekreuzigten. Der da oben litt, und er selbst litt auch -- ja, leicht
-war's nicht, am Kreuz zu hängen! Aber die Angst, die Angst, die er
-hatte, war die nicht noch schrecklicher?!
-
-»Wann se mech atrappieren, gänn ech villeicht aach ufgehang,« murmelte
-er finster. »Nä, dat duhn se eweil net mieh, äwer se sperren mech ein,
-wuh Sonn on Mond net scheinen, wuh mer kein Luft krieht, wuh mer -- ha
---!« Er holte tief und zitternd Atem, der Kopf sank ihm auf die Brust.
-Aber gleich darauf hob er ihn wieder.
-
-Die Gestalt des Heilands verschwamm schon im Grau des rasch sinkenden
-Abends, nur um das Haupt wob sich noch ein flüchtiger Schimmer wie eine
-Glorie. Es schien sich zu neigen.
-
-Mit unterdrücktem Schrei streckte Peter die Hände aus. Ja, der da oben,
-der verstand ihn! '_Amor me cruci affixit_' -- der würde ihn nicht zu
-Schanden werden lassen!
-
-Er warf sich am Fuß des Kreuzes nieder und betete, wie er es noch nie
-gethan. Getröstet stand er auf; einen vertraulichen Gruß sandte er noch
-hinauf, ein verständnisvolles Nicken.
-
-Festen Fußes schritt er an den Gräbern entlang. Es war fast dunkel, die
-Lichtchen niedergebrannt, nur hie und da flackerte noch eins wie ein
-Irrwisch mit aufzuckendem Schein.
-
-Als er das Gatter des Friedhofs schloß, pfiff er. Er fühlte sich so
-leicht, so vergnügt; nun wußte er, was er zu thun hatte, nun wurde
-nicht länger gefackelt.
-
-Von der Eichelhütte her kam ein Wägelchen über die Chaussee, es rollte
-dicht an ihm vorüber. Er erkannte den Besitzer der Eichelhütte, den
-Herrn van Beuren, darauf, der immer nur zweimal im Jahre ein paar
-Tage zur Jagd herkam; der neben ihm sitzende dicke Mann, mit einem
-Wollenshawl vermummelt und mit Ohrenklappen an der Mütze, war ihm
-fremd. Wer war denn das? Neugierig sah Peter dem Gefährt nach.
-
-Dicht vor'm Dorf stieß er auf Krumscheid. Donnerwetter, der kam ja von
-seiner Hütte heruntergestelzt, was wollte denn der da oben? Aha --
-Peter lachte in sich hinein -- der hatte wohl Angst um sein Geld?!
-
-Geschmeidig grüßte er den Alten: »'n Aowend, Vadder Krumscheid!«
-
-Dieser hielt ihn fest. »Saot, Pittchen, wie stieht et eweil met mein
-Dahlersch, hä?« Man merkte es dem Alten an, er wollte es nicht gern
-mit dem Pittchen verderben; er suchte einen Vorwand. »Et duht mer
-laad, dat ech ebbes dervon saon moß, äwer ech -- ech sein sälwer in
-Onverläjenhaat, ech haon ebbes zo zaohlen; et pressiert!«
-
-Pittchen lächelte.
-
-Krumscheid deutete dies Lächeln falsch, die Angst überkam ihn. »Ech moß
-mein Gäld haon,« stieß er grob heraus.
-
-»Tutswit,« sagte Peter gelassen. »Ihr könnt et jeden Momang haon,
-wann Ihr wollt. Kommt bei mech eruf, lao könnt Ihr se metholen, de
-Dahlersch!«
-
-»Nä, nä!« Der Alte traute nicht recht, er fürchtete Prügel. »Kommt
-liewer bei mech, dann drinke mir e Schöppche.«
-
-»Nä!« Jetzt, wo es zur That ging, bebte Peter doch plötzlich zurück;
-eine jähe Angst überfiel ihn, sein Herz hämmerte, daß er's bis in den
-Hals spürte. »Eweil kann ech net,« sagte er hastig. »Heit net. Morjen
--- morjen.«
-
-»Morjen, gewiß on waohrhaftig?« Der Alte packte ihn am Rockschoß.
-
-»Morjen,« sagte Pittchen gepreßt und entwand seinen Rock den knöchernen
-Fingern.
-
-Eilig rannte er heim, er fand die Zeih, in Thränen aufgelöst, an der
-Wiege. Das Josefchen verdrehte die Augen, ballte die Fäustchen und zog
-die Beinchen krampfhaft herauf an den Leib.
-
-»Wann mer noren dän Hähr Dokter hätten! Wann ons Josefche dem sein
-Medezin einhole könnt, gäb et gesond! Josefche, mei Josefche, ech duhn
-mer e Laad an -- stärw net, Josefche, mei Josefche!« Schreiend warf sie
-sich über das Kind.
-
-Peter konnte es nicht mehr mit ansehen, an allen Gliedern zitternd,
-stand er da. Er wollte sprechen und konnte nicht, so trocken war es ihm
-im Halse; er schluckte und schluckte. Leeren Blickes stierte er auf das
-Bettchen -- da lag sein Kind, es glich ihm genau; so hatte er wohl auch
-einst der Mutter in der Wiege gelegen. Wie ihm, so fehlte dem Josefchen
-das unterste Stückchen am linken Ohrlapp, auch die Brauen waren so über
-der Nase zusammengeschoben und die Haare in dunklen Ringeln so tief in
-die Stirn gewachsen. Sein Kind -- sein Ebenbild! Der heiße Wunsch stieg
-in ihm auf, das Kind zu behalten.
-
-Und glühend heiß fielen ihm die Thränen der Zeih auf's Herz, er konnte
-ihr Jammern nicht mehr hören; schwankenden Schritts, wie ein Trunkener,
-taumelte er nebenan in seine Kammer.
-
-Als er nach einer Weile wieder herauskam, war er ruhiger. Auf seiner
-Stirn stand ein Entschluß; seine Lippen waren fest zusammengepreßt.
-
-Beim Morgengrauen würde er den Doktor holen, sagte er der Zeih.
-
-Und dann eilte er noch einmal zum Hause hinaus; er lief, wie gejagt.
-Durch eine Gutthat wollte er sich den Beistand des Himmels sichern.
-
-Er wußte, wohin er zu gehen hatte. Da war die Hütte der Schneidersch;
-mit der Bäbbi ging's schlecht, die konnte sich nicht erholen.
-Zweimal schon hatte der Kauz nachts an ihrem Fenster geschrien.
-Krokodilsthränen vergießend, erzählte es die Alte im Dorf herum, aber
-ihr Jammern galt mehr der eignen gestörten Nachtruhe, als den Leiden
-der Schwiegertochter; wenn sie sich auch dreidoppelt ein Tuch um die
-Ohren band, sie hörte doch durch die rissigen Lehmwände das Stöhnen
-der jungen Frau und das Schreien des halbverhungerten Säuglings. Die
-Bäbbi fieberte und fieberte; ein paarmal hatte sie schon versucht,
-aufzustehen, nach wenigen Schritten war sie mit einem schmerzlichen
-Schrei zusammengebrochen.
-
-Vorsichtig tappte Peter über den Hof, bis zur Thür neben dem Stall.
-Drinnen hörte er ein Kind greinen und eine kranke Stimme sprechen: »Sei
-still -- sch -- sch -- waart nor, bis dän Pappa kömmt! O Jeß, wann hän
-net bal kömmt, sein ech dud -- sch -- sch --!«
-
-Der sehnsuchtsvolle Ton verzitterte in einem langen Seufzer. Die
-sprach ja, wie eine Sterbende! Peter erschrak. Leise schlich er an's
-Fensterchen und guckte hinein.
-
-Da saß sie im Bett, das einzige Kissen hatte sie sich in den Rücken
-gestopft; sie war so schwach, daß sie den Kopf nicht halten konnte,
-bald sank er ihr zur linken, bald zur rechten Seite.
-
-Wie traurig hatte die sich verändert! Sie war nicht häßlich, nein,
-vielleicht hübscher, als sie jemals zuvor gewesen. Schmerzen und Gram
-hatten ihr Gesicht verfeinert, die sonst gebräunte Haut war abgeblaßt,
-silbrig schimmernd wie Perlmutter. Das straffe Haar bauschte sich ihr
-lockrer um den Kopf, und im Blick ihrer weitgeöffneten großen Augen lag
-etwas Überirdisches.
-
-Es fröstelte Peter. Sacht klopfte er an die Thür und trat zugleich ein.
-
-Verwundert drehte Bäbbi den Kopf nach ihm, sie erkannte ihn nicht
-gleich. Dann aber flog ein freudiger Schein über ihr Gesicht, sie
-wollte seine Hand gar nicht loslassen. »Es dat schien, dat Ihr mech
-besuche kommt -- oh -- dat es schien!«
-
-Er beugte sich über sie und suchte hinter einem Lachen und einem
-Scherz seine Rührung zu verbergen. »No ruhig, Bäbbche, ruhig! Jao, wann
-dän Ehmahn net derhäm es, dann kömmt onser anen e su apropos wie Räjen
-im Mai. Gäl, Bäbb?« Er strich ihr gutmütig über die schmale Wange.
-»Wanneh danzen mir zwa dann zosammen?«
-
-Sie blieb ernst. »Ech haon de Engel schuns Hallelujah singe gehört; ech
-danzen net mieh!«
-
-»Gott bewaohr, Bäbb,« sagte er erschrocken, »Ihr werdt doch net
-himmeln?«[36]
-
-Sie sah ihn wehmütig lächelnd an. »Duht mer de Liew -- ech verlangern e
-su -- schreiwt mer e paor Wörtcher an dän Lorenz! Ech haon heiwel[37]
-vill Däg gelauert, dat ans kömmt, wat schreiwe kann.« Sie machte einen
-Versuch, sich höher aufzurichten, traurig schüttelte sie den Kopf.
-
-»Ech kann jao net ufstiehn, ech sein innewennig wie ausenanner. Lao im
-Schößche[38] sticht Papier on Feder -- lao es de Dint -- schreiwt --
-schreiwt!«
-
-Mit ängstlicher Hast trieb sie ihn an. Sie diktierte schwerfällig,
-ruckweise, zu jeden paar Worten machte sie eine neue Anstrengung.
-
-Beim Schein des winzigen Lämpchens schrieb Pittchen:
-
- 'Deurer Lorenz!
-
- Ech grüßen dech vill dausendmaol! Ons Könd leit
- in der Heija[39] on dräumt von seim Pappa. Ech
- haon e su lang neist von Dir zo hören kritt, ech
- verlangern e su, datste bei mech kömmst, ehnder ech
- --'
-
-Hier stockte Bäbbi; in schmerzliche Thränen ausbrechend, schlug sie die
-Hände vor's Gesicht.
-
-»Kreischt net, Bäbb,« tröstete Peter mit weicher Stimme.
-
-»Nä, nä!« Sie raffte sich schon wieder zusammen. »Streicht dat vom
-Verlangern on Stärwen aus, ech will em dat Herz net schwer maachen.
-Schreiwt nor:
-
- 'lang neist von Dir zo hören kritt, ech hoffen, Dau
- bis gesond on veramesterst Dech aach. Ech beten Dag
- on Naacht for Dech, ech --'«
-
-Sie schöpfte zitternd tief Atem.
-
- »'Ech sein eweil ganz alert[40] --'«
-
-Peter sah sie verwundert an.
-
-»Nä, nä, neist vom Kranksein,« sagte sie rasch. »Schreiwt dat 'alert'
-dick on groß, dann freut hän sech.
-
- 'Adjes, mein villdeurer Lorenz, bis in die Ewigkaat
-
- Dein Bäbbchen.'«
-
-Erschöpft sank sie zurück, Totenblässe überzog ihr Gesicht; ihre
-Lippen wurden weiß, sie war halb ohnmächtig.
-
-»Bäbbi, Bäbbi,« Peter faßte sie am Arm, »wat es Eich? Ihr mößt Stärkung
-haon.« Verstört sah er sich um. »Haot Ihr dann bei gaor neist for zo
-drinken?«
-
-Sie schüttelte den Kopf. »Neist,« sagte sie tonlos.
-
-Da lag sie in dem elenden Bett, seit Tagen war es nicht gemacht; sie
-lag wie eine Sterbende, blutleer und hilflos.
-
-Das Kind schrie auf, besorgt versuchte sie nach der Wiege zu blicken.
-Peter nahm das kleine Bündel und legte es ihr an die Brust; da suchte
-es wimmernd, mit gespitztem Mäulchen.
-
-»Ech haon ken Milch mieh,« sagte sie leise.
-
-Ein Krampf ging über Peters Gesicht; er wurde blaß und rot, einen
-argwöhnischen Blick warf er in alle Winkel, und dann fuhr er rasch in
-die Tasche und legte drei harte Thaler vor sie auf's Bett. »Dao,« sagte
-er mit gepreßter Stimme. »Kaaft davor, wat Ihr braucht!«
-
-Für ein paar Augenblicke sah sie ihn verständnislos an.
-
-Er nickte. »Morjen holen ech dän Dokter, dän besten, dän zo kriehn es;
-ons Josefche es krank. Duh kann dän Eich aach ebbes ufschreiwen for
-gesond zo gänn!«
-
-Eine jähe Röte flog über ihr Gesicht, in ihren matten Augen blitzte es
-auf, sie haschte nach seiner Hand; ehe er's hindern konnte, hatte sie
-die geküßt.
-
-»Merci, merci! Onsen Hährgott sei met Eich! -- Pittchen -- o Ihr --!«
-Sie war ganz außer sich, sie lachte und schluchzte, zog ihn an sich und
-küßte ihn mit ihren matten blutleeren Lippen; wie Schnee fühlte er den
-Kuß auf seiner Stirn.
-
-»Ech danken, ech danken Eich villdausendmaol, Pittchen! Es et denn
-wirklich waohr -- Gäld, Gäld -- drei Dahler -- Dahler?!« Sie drückte
-die Geldstücke liebkosend an ihre Wange. »Ech kann eweil ebbes kaafen
-beim Krumscheid, on Milch for dat Könd, alle Dag! On ech sälwer« --
-sie faßte ihren Kopf mit beiden Händen -- »dän Dokter kömmt bei mech!
-Ech soll gesond gänn -- ech kann dän Lorenz widdersiehn! Jesus, Maria,
-Josef -- oh Pittchen, Pittchen!«
-
-Langsam sank er an ihrem Bett nieder; ein abergläubischer Schauer und
-zugleich eine freudige Wollust des Gebens zog ihn auf die Kniee.
-
-Ihre Hände falteten sich über seinem Kopf, sie betete; mit rührender
-Stimme flehte sie den Segen des Himmels auf ihn herab.
-
-Er wagte nicht, sich zu rühren. Ein himmlischer Gruß, weihrauchduftend,
-rein und heilig, schien ihm durch die verlassene Kammer zu wehen.
-Schwebten nicht Engel mit großen Flügeln gen Himmel und trugen auf
-goldner Schale die Dankesthränen der armen Bäbbi? Und seine Gutthat,
-als weiße Taube, flog voran.
-
-Eine mächtige Erschütterung ging ihm durch den Körper, er lag wie
-niedergeschmettert. Die ganze Qual der letzten Wochen, die gehetzte
-Arbeit der Nächte, das Versuchen und Grübeln, das Sorgen um's Gelingen,
-Zweifel und Furcht, wilde Freude und dann wieder kindische Angst, all
-das brauste und brandete auf einmal durch sein Gehirn.
-
-Bäbbi betete, und die wilden Gedanken wurden plötzlich so glatt wie
-Meereswogen, auf die man Öl gießt.
-
-Thränen brachen ihm aus den Augen, erlösende Thränen; sie liefen ihm
-über das hagre Gesicht und rannen nieder auf das elende Bett.
-
-
-
-
- X.
-
-
-Der Winter war über Eifelschmitt hingezogen, es mit seiner Schneelast
-verschüttend. Weihnachten war dagewesen und hatte die Männer nach Hause
-gebracht. Jubel in den Hütten, Gedudel im Wirtshaus, Gläserklingen und
-Kuchendüfte. Heilig Dreikönigstag hatte der Lust ein Ende gemacht;
-morgens darauf waren die Männer wieder abgezogen, und die große
-Wintereinsamkeit hatte das Dorf in ihre Arme genommen und eingelullt,
-bis daß es schlief.
-
-Jetzt wollte es lenzen.
-
-Unter der modrig feuchten Decke des abgefallenen Buchenlaubes sproßte
-der Waldmeister, an besonders heimlichen Stellen trieb schon ein erstes
-scheues Reis, und in den noch toten Chausseebäumen lärmten die Staare.
-
-'Naoch Lichtmeß es et Aushalt' sagen die Eifeler, 'warm oder kalt, de
-Dag gänn lang on dän Fuß krieht sein Gang.'
-
-Sankt Matheis hatte das Eis gebrochen; auf den überschwemmten Wiesen um
-die Salm ruderten lustig die Dorfenten.
-
-Auf dem Äckerchen der Schwiegereltern arbeitete Bäbbi. Sie hackte mit
-starken Armen den Boden auf, drehte die Schollen um, zerstieß und
-klopfte und verkleinerte die harten Erdklöße, und bückte unermüdlich
-den Rücken. Verschnaufend hielt sie wohl eine kurze Weile inne und
-blickte prüfend über die Berghänge.
-
-Noch keine im Dorf hatte an die Frühjahrsbestellung gedacht, und
-sie wußten doch alle: Schneifurr -- Gedeihfurr! Da lotterten sie zu
-Hause herum, in Unterrock und Nachtjacke, und verschliefen den halben
-Tag. Ernst, fast vorwurfsvoll, ruhte Bäbbis Blick auf dem Dorf; sie
-schüttelte den Kopf, und dann spuckte sie in die Hände und griff von
-neuem zur Hacke und arbeitete wieder, bis ihr der Schweiß die vom
-scharfen Wind zerwühlten Haare an die Stirn klebte.
-
-Sanct Gertraud mußte den Acker bestellt finden; und der Lorenz sollte
-sich darauf verlassen können: da war eine daheim, die für sein Kind und
-seine alten Eltern schaffte.
-
-Ein warmes Rot stieg ihr in die Wangen, ihr Mund wölbte sich stolz.
-Mit frischer Kraft, neu belebt, trieb sie die Hacke in den Boden, daß
-die noch winterharte Rinde tief auseinander barst und ein feuchter,
-treibender Erdduft aufstieg. Die Muskeln an ihren Armen strafften sich,
-man sah's unter dem fadenscheinigen Blaudruck-Kleid; sie arbeitete wie
-ein Mann.
-
-Jetzt machte sie keine Pause mehr; gleich einer Maschine, regelmäßig,
-ohne Ermüdung, hob und senkte sie die Hacke, Furche nach Furche
-wurde abgeschritten. Der Schweiß fiel in Tropfen in die gelockerte
-Erde, die das warme Naß gierig einsog. Blitzschnell bückte sie sich
-zwischen den Schlägen, hier einen Stein aus dem Acker zu lesen und
-dort; in mächtigem Schwung flog der dann den felsigen Abhang hinunter,
-aufprallend, sich überschlagend und prasselnd andres Geröll mit sich in
-die Tiefe reißend. Laut hallte es im einsamen Thal nach, die Stille gab
-das Geprassel doppelt stark wider, es wurde zum Gepolter; drüben an der
-Berglehne antwortete dumpf ein verschlafenes Echo.
-
-Der Unkrautstellen im Ackerland wurden weniger und weniger, die
-schwachbegrünten Flecke verschwanden einer nach dem andren -- nun
-breitete sich das gleichmäßige Schwarz bis zum Wegrain aus. Im Dorf
-bimmelte das Glöckchen; die reine Luft trug den Klang hell hier herauf;
-mit einem Seufzer der Befriedigung ließ Bäbbi die Hacke zum letzten Mal
-niedersausen. Fertig für heute!
-
-Morgen wurde wieder von frischem angefangen und übermorgen wieder,
-und dann wieder, bis die lehmigen Erdklöße -- sie bückte sich und
-zerbröckelte einen in der Hand -- so fein waren wie Mehl; dann wollte
-sie zufrieden sein. Dann gab's auch eine gute Ernte, Kartoffeln genug
-und auch ein wenig Korn. Was würde der Lorenz sagen, wenn sie so viel
-erübrigte, um eine Ziege zu kaufen? Wie gut würde die Milch dem Kind
-und den beiden Alten thun! Auch zu einem Ferkel würde es vielleicht
-noch langen, das wurde fett gemacht und dann auf dem Markt zu Wittlich
-verkauft.
-
-Sinnend ging der Blick der jungen Frau in's Weite und verlor sich im
-duftigen Blaugrau, jenseits der Berge. Da weilte der Lorenz, weit,
-weit. Ein Ausdruck sehnsüchtiger Liebe machte ihren herben Mund weich.
-Kam wohl je eine Zeit, in der nicht mehr so viel Berge, so viel Wald,
-so viel Wasser sie von einander trennte?!
-
-Bäbbis Gestalt reckte sich höher auf, ein tiefer Atemzug hob ihre Brust
--- die Zeit #mußte# kommen!
-
-Mit der schwieligen Hand strich sie sich das Haar zurück, zog das
-Kopftuch tiefer in die Stirn, schulterte ihre Hacke und schritt rasch
-dem Abhang zu. Scharf umrissen zeichnete sich ihre Gestalt vom lichten
-Horizont ab. Sie schien gewachsen, groß und stark hob sie sich über der
-Umgebung.
-
-Eilenden Schrittes stieg sie den Pfad gegen das Dorf abwärts, ihre
-derben Nägelschuhe trapsten fest. Elf Uhr, nun warteten die Alten
-daheim schon, daß sie kam und das Mittagessen kochte. Die waren beide
-recht hinfällig geworden in diesem Winter, der Vater lag immer im
-Bett, und der Schwiegermutter Maulwerk war nicht halb mehr so scharf
-geschliffen; sie greinten wie die Kinder, wenn sie ihren Willen nicht
-kriegten.
-
-Und dann der Kleine! Ein glückliches Lächeln verschönte das ernste
-Gesicht der jungen Frau -- ach, der kannte die Mutter schon! Wenn die
-kam, strampelte er und reckte die Ärmchen und wollte nicht mehr bei der
-Großmutter bleiben.
-
-Rasch und rascher schritt sie zu; nun war sie unten auf dem Thalweg.
-Aber trotz ihrer Eile sah sie die jungen Blätter des Wegebreits am
-Grabenrand -- die waren heilsam zum Auflegen für den offenen Fuß der
-Schwiegermutter; erfreut kniete sie nieder und pflückte die ab. Und da
-sproßte der erste Löwenzahn -- geschwind griff sie zu -- und da noch
-einer, und weiter drinnen im Gras noch mehrere! Das sollte ein Salat
-werden für den Alten, so lecker, wie ihn nur Herren an der Tafel haben,
-und dazu so gesund für's Geblüt. Sie sammelte eifrig.
-
-Plötzlich hob sie lauschend den Kopf. Ein Stöhnen klang an ihr Ohr --
-war da jemand in Not? Sie rief.
-
-Wieder ein Stöhnen, und dann ein Fluch. Jetzt sah sie erst: unten
-im Graben lag einer und suchte vergebens an den steilen Rändern
-aufzuklimmen. Sie hatte ihn vorhin in ihrem Eifer gar nicht bemerkt.
-
-Das war ein Betrunkener! Furchtlos ging sie näher und streckte ihm
-die Hand hin. »Jesses,« sagte sie unwillkürlich und blieb stehen, wie
-angewurzelt; es war Pittchen.
-
-»Wat stiehste elao on hälst Maulaffen feil, Framensch?« grunzte er sie
-an. »Siehste dann net, eweil stechen ech in der Bredullich. Ech sein
-net si--si--sicher, ech haon hei im Dr--Dreck geläjen -- de -- de ganz
-Naacht,« schloß er weinerlich.
-
-Er sah danach aus. Rock und Hose waren von oben bis unten beschmutzt,
-er hatte sich recht im Schlamm gesielt. Eine Mütze hatte er nicht; von
-nasser Erde verklebt, starrten seine Haare, ein paar Zotteln hingen ihm
-in's fahle Gesicht. Seine Lippen waren blau, die Augen verglast, noch
-hatte er seinen Rausch nicht ausgeschlafen.
-
-Ohne Wort beugte sie sich zu ihm nieder und hielt ihm die Hand hin. Er
-haschte mit seinen verklammten Fingern danach; so steif durchfroren war
-er, daß er sich kaum rühren konnte. Fast riß er auch sie hinab.
-
-»Olau,« grinste er, »dau willst e Küßche? Verliewt wie de Weibsbiller
-al!« Er schmatzte mit den aufgesprungnen Lippen. »Küß mech, dau
-Leckermaul,« -- erschrocken fiel er zurück -- »Dunnerwäder, dat Bäbb!«
-
-»Miffert,« sagte sie bestimmt, »seid net e su gäckig! Hei, faßt de Hack
-an! On hei es mein anner Hand! Däut[41] gäjen, däut! Ans, zwa un ans --
-ech trecken[42] Eich eruf!«
-
-Sie stemmte die Füße ein und zog mit Kraft; unfähig, sich selber zu
-helfen, ließ er sich willenlos zerren. Nun hatte sie ihn oben, wie ein
-Klotz lag er am Rand auf den Knieen.
-
-»Pittchen,« sagte sie betrübt, »es et dann waohr, wat se im Dorf saon?
-Ihr sauft?! Pittchen,« -- sie faßte ihn unter den Achseln und stellte
-ihn auf die Füße -- »ech haon et net glauwen wollen, wat se saon. Laoßt
-doch dat Tina laufen on de Fraleider al, bleiwt derhäm! Ihr rujiniert
-Eich. Wat haot Ihr dann von al Eirem Gäld?«
-
-»Willste ebbes?« lallte er und suchte nach der Tasche.
-
-»Nä!« Sie hielt seine Hand fest und sah ihn voll herzlicher Teilnahme
-an. »Ke Gäld! Ihr hatt mir als e su vill Gudes gedahn; Eire drei Dahler
-haon mer Säjen gebrach, ech mechten Eich davor --«
-
-Er unterbrach sie mit einem lauten Auflachen: »Haha, Säjen! Säjen!« Die
-Zähne klapperten ihm aufeinander, und er schauderte.
-
-»Gieht häm,« riet sie besorgt, »Ihr hatt Eich verkält -- Jesses, de
-ganze Naacht hei im Grawen! -- Kommt, kommt!« Sie wollte ihn unter den
-Arm fassen und führen, er stieß sie zurück.
-
-»Dau willst mer Mores liehren, bleiw mer vom Leiw, dau Quiesel[43]! Ech
-haon kein Predigt nedig -- gieh -- gieh!« Er strampelte mit Händen und
-Füßen, verlor das Gleichgewicht und stürzte wieder rücklings in den
-Graben.
-
-Hatte er sich weh gethan? Erschrocken wartete sie ein paar Minuten,
-dann blickte sie hinunter. Da lag er mit geschlossenen Augen und
-offnem Mund, blaß wie ein Toter; aber jetzt ertönte sein regelrechtes
-Schnarchen. --
-
-Bäbbi lief dem Dorf zu; sie hatte ihren Salat vergessen.
-
-Kräftig pochte sie an Mifferts Hütte und trat zugleich ein. »Zeih! Eier
-Mahn leit drau --«
-
-Das Wort blieb ihr im Halse stecken. Da saß der Gendarm von Oberkail
-und hielt die Zeih auf dem Schoß. Etwas verlegen sprang die auf.
-
-»Was ist denn los?« fragte der Gendarm unwillig.
-
-Bäbbi stotterte: »Eier Mahn leit draußen im Grawen, kommt, kommt!«
-
-»Laßt ihn ruhig liegen,« sprach der Gendarm und strich sich den
-Schnurrbart auf.
-
-»Äwer hän kann sech den Dod holen, hän es eweil als ganz verklomm!«
-
-»Wat Ihr net saot?!« Zeih horchte nun doch auf, sie ließ sich den
-Hergang umständlich erzählen, keinen Augenblick verlor sie dabei
-ihr vergnügtes Lächeln. »Im Grawen -- de ganz Naacht?! Jeß, dat arm
-Pittchen! Jao e su es hän, alleweil strawätzt hän erum. Bäbb, seid e su
-gud, weist mer de Stell!«
-
-Als die beiden Frauen die Hütte verließen, kamen Tina, Leis und Vrun
-daher; sie hatten die Bäbbi so rasch laufen sehen. Ihre Augen funkelten
-neugierig. »Wat es passiert?!« Zeih berichtete.
-
-»Dat Pittchen -- im Grawen?! Hahahaha!« Tina krümmte sich vor Lachen
-und hielt sich die Seiten; vor Vergnügen juchzend, warf sie den Kopf
-hintenüber, daß ihre dunklen Haarsträhnen sich lösten.
-
-»Hahaha,« lachten Vrun und Leis, und Zeih lachte mit.
-
-»Wir wollen hän hole giehn! Hole giehn, olau!«
-
-Im Laufschritt, ausgelassen kreischend, mit fliegenden Haaren und
-flatternden Röcken, sich neckend und jagend, stoben sie hinter Bäbbi
-drein. --
-
-Es war nicht das erste Mal, daß Peter betrunken nach Hause kam. Er
-machte sich ein Gewerbe daraus, von Dorf zu Dorf zu wandern und die
-Wirtshäuser abzusitzen.
-
-Seit er 'geerbt', arbeitete er gar nichts mehr; nicht, daß er früher
-viel geschafft, aber er hatte doch wenigstens hie und da etwas
-gebastelt, und mit der Reparatur des Kirchenkronleuchters sogar ein
-Meisterstück geliefert. Der geistliche Herr hatte ihn auch öffentlich,
-von der Kanzel herunter, deswegen belobt.
-
-»Eweil haot hän dat Arweiden net mieh nedig,« sagte die Zeih und
-sah wohlgefällig an ihrem schönen Kleid herunter. Bald nach dem
-Tanzvergnügen in Oberkail war der Stoff gekommen, und der Peter hatte
-dem Postboten stolz acht harte Thaler auf's Fensterbrett gezählt; es
-waren noch dieselben alten Thaler, die er vom Krumscheid geborgt,
-Thaler mit verschiedenen Randschriften, wie: 'Gott mit uns,' 'Gott
-segne Sachsen,' 'Gott -- Ehre -- Vaterland.' Auf den Stücken, die der
-Alte wieder erhalten, waren Kopf und Schrift weniger deutlich; sie
-waren wohl schon durch sehr viele Hände gegangen. Ordentlich fettig
-fühlten sie sich an, das Gekerbte an den Rändern war abgegriffen. Aber
-es waren vollgewichtige Thaler, und schmunzelnd verschloß der Alte sie
-in seinem Sparkasten, glücklich, so ohne weiteres Drängen zu seinem
-Gelde gekommen zu sein.
-
-Eine seltsame Rastlosigkeit hatte sich Peters bemächtigt. Es gab
-Nächte, in denen er gar nicht heimkehrte, andre, in denen er wohl
-zuhause war, aber zu Zeihs größter Verwunderung erst bei Morgengrauen
-zu ihr in's Bett schlich. Sie gewöhnte sich an beides. In ihrer
-gedankenlosen Art, fragte sie nun auch nicht mehr: 'Saog ehs, Pittchen,
-wat maachste e su lang lao binnen in der Kammer?' Er hatte sie ein
-paarmal angefahren: 'Hal dei Maul, schär dech om dein Saachen!' Jetzt
-rekelte sie sich bequem, wenn sie ihn drinnen noch hantieren hörte, und
-drehte sich gähnend auf die andre Seite.
-
-Sie war immer guter Dinge; seelenvergnügt fiel sie ihm um den Hals,
-wenn er ihr etwas von seinen Wanderungen mitbrachte.
-
-Bald war er in Oberkail, bald in Spang-Dahlem; den einen Tag in
-Großlittgen, den andren in Ober-Öfflingen; heut in Musweiler, morgen,
-in entgegengesetzter Richtung, in Bettenfeld; diesseit in Landscheid
-und jenseit in Hupperath, immer die kreuz und quer, von Dörfchen zu
-Dörfchen. Bis nach Manderscheid lief er und gar bis gen Daun; in der
-ganzen Gegend war er bekannt, im näheren und weiteren Umkreis. Die
-Wirte sahen ihn gern kommen, er hatte eine flotte Art, den blanken
-Thaler auf den Tisch zu werfen: 'Dao, zieht de Rechnung ahf!' Mitunter
-ließ er sich auch von einem Bäuerlein wechseln, das froh war, seine
-grünspanigen Kupferpfennige und abgeschabten Gröschchen einzutauschen
-gegen das blanke Silberstück.
-
-Sie litten keine Not mehr, und doch sah Peter elend aus; so tief hatten
-ihm nie die Augen im Kopf gelegen, scheu und gedrückt schlug er den
-Blick zu Boden, nur nach ein paar Gläsern Schnaps flammte der auf.
-Dann glühten die düstren Augen, wie hell brennende Kohlen; in wilder
-Lustigkeit schlug Pittchen auf den Tisch: 'Wat kost' de Welt?!' Und
-dann trank er und trank, bis daß er sinnlos davon taumelte. Regen
-und Schnee ernüchterten ihn nicht, torkelnd zog er über die einsamen
-Landstraßen und durch den nachtdunklen Wald. Dann sprach er wild vor
-sich hin; schrie, laut schimpfend, die Bäume an und focht mit den Armen
-wie ein Verrückter.
-
-Die Kleider schlotterten ihm um den Leib, sein Gesicht war abgezehrt,
-und doch hingen die Weiber an ihm wie die Kletten. Heute die, morgen
-die. Die Tina beherrschte ihn ganz; die loderte um ihn her, wie eine
-Flamme um ein dürres Holzscheit, und züngelte und leckte, bis daß er
-Feuer fing. Dann konnte er auch aufflammen, und alle 'Wiehduhns'[44]
-gingen in Rauch auf; zwar nur für Augenblicke, aber um diese
-Augenblicke that er ihr allen Willen.
-
-Sie war unersättlich, bald begehrte sie dies, bald das: eine Brosche,
-eine Schleife, einen Ring, eine Schürze, Zuckerzeug und wohlriechende
-Pomade. Bald mußte er sie dahin führen, bald dorthin. Sie schmeichelte
-und trotzte, sie versprach und versagte, und wenn er zuletzt gequält
-rief: 'Laoß mech in Ruh, maach, datste weg kömmst,' lachte sie ihm in's
-Gesicht. 'Maach dau, datste weg kömmst! Lauf bei dein Zeih, lao kannste
-zukucken, wie dän Oberkailer dat caressiert!'
-
-Sie hatte nicht die Unwahrheit gesprochen. Als er zum ersten Mal den
-Gendarm bei der Zeih antraf, brüllte er in sinnlos eifersüchtiger Wut.
-Die geballten Fäuste schwingend, sprudelte er wilde Drohungen: »Eraus,
-eraus! Ech schlaon Eich dod, ech -- eraus, tutswit, eraus!«
-
-Der Gendarm ging schon, ganz gekränkte Würde; nur auf der Schwelle
-drehte er sich noch einmal um und drohte mit dem Zeigefinger der
-wildleder-behandschuhten Rechten: »Nehmen Sie sich in Acht! Beleidigung
-der Obrigkeit wird mit Gefängnis bestraft. Sie überhaupt -- Sie --« er
-spuckte aus; es schien Peter, als hefte sich sein Blick durchdringend
-gegenüber auf die Kammerthür. -- »Sie haben überhaupt jar keine Ehre
-mehr, mitzureden. Bitte mir Achtung aus, werde Ihnen sonst mal auf die
-Bude rücken, Sie -- Tappert!« Rasch die Thür zuwerfend, verließ er
-schleunigst das ungastliche Haus.
-
-»Wat maant hän dermit?« schrie Pittchen die Zeih an; seine Augen
-rollten hin und her.
-
-»Bis still, Pittchen! Bis still!« Sie war in Angst vor ihrem Mann.
-
-»Ech sollen mech in Aacht holen -- uf de Bud rücken?!« murmelte Peter.
-Und dann brüllte er: »Wat haot hän von der Kammer gesaot -- wat?
-Antwort!«
-
-Sie sah ihn betroffen an und stotterte verlegen: »Mir -- mir -- hän
-haot gesaot, mir wollten lao erin giehn, lao --«
-
-»Kreizgewieder!« Schwer fiel Peter auf den Schemel und stützte den Kopf
-in die Hände. So saß er lange regungslos, wie aus Stein.
-
-Sein Schweigen machte sich Zeih zunutze. Nun hatte sie Oberwasser; mit
-großer Geläufigkeit, halb ärgerlich, halb lachend warf sie ihm seine
-Grobheit vor. »Och Jesses, wann ech noren dän kleinsten Diskurs met
-anem haon, stracks bis dau e su schroh![45] Wat soll hän nau von ons
-denken, dän Hähr Schandarm?! Mer kann nie wissen, wie ei'm e su anen
-trillsen[46] on tribelieren kann; et es doch alleweil besser, mer haot
-ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat!«
-
-»Ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat,« sprach er ihr nach und
-schüttelte sich, als liefe es ihm kalt über den Buckel.
-
-Von nun an bekomplimentierte er den Oberkailer höflich, wenn der
-Zufall ihn den in seiner Hütte finden ließ. Sein blasses Gesicht trug
-dabei aber einen so verbissenen Ausdruck, daß der schöne Gendarm es
-vorgezogen hätte, die Zeih draußen im Freien zu treffen; wäre es nur
-nicht gar so kalt gewesen! Der Miffert war ihm riesig ungemütlich,
-und ebenso war er's dem Miffert; sie gingen beide umeinander herum,
-vorsichtig schnuppernd, wie Füchse um die Falle.
-
-'Es muß doch mal Frühjahr werden, auch in dieser verfluchten Gegend,'
-tröstete sich der Gendarm. Dann gab der Buchenwald einen angenehmen Ort
-für's Stelldichein, es saß sich gut auf dem weichen Moos. Er hatte noch
-keinen Eifelwinter mitgemacht, und der dünkte ihn schier endlos, zum
-Sterben langweilig mit seinen ungeheuren Schneelasten, die das Bergland
-von jedem Verkehr abschnitten.
-
-'Eweil moß et bal Frühjaohr gänn,' tröstete sich auch Pittchen. Dann
-war das Wandern von Dorf zu Dorf nicht mehr so beschwerlich, man
-konnte 'kommoder' über Land gehn und seinen Rausch gemächlich im Wald
-ausschlafen. -- -- --
-
-»Frühjaohr,« kreischten auch jubelnd die Weiber, als sie nun längs der
-Wiesen dahinliefen, um den Betrunkenen heimzuholen.
-
-Ein feuchter Dunst stieg auf, ein Duft nach jungem Gras und erdiger
-Kraft. Sie atmeten mit geblähten Nüstern, ihre Gesichter waren rot,
-glühend vor Übermut. Mit einem Schrei riß sich Tina das Tuch vom Hals
-und ließ es wie eine Flagge in der Luft wehen.
-
-»Frühjaohr! Hä, helao, Pittchen, wuh stichste?[47]« Mit verschmitztem
-Lachen erhob sie einen durchdringenden Gesang:
-
- »Im Mai, im Mai,
- Moß mer sein zo zwei --«
-
-»Still,« sagte Bäbbi und drehte sich um. »Hör uf met dem
-schnippschnappig Lied! Hörste dann net de Lerch? Still! Se es Gottes
-Vogel.«
-
-Auf einem nahen Grasbüschel saß die Lerche. »Tirili, tirili!« Mit den
-Flügelchen schlagend, erhob sie sich, jetzt schoß sie aufwärts wie
-ein Pfeil; in Kreisen, höher und höher steigend, schmetterte sie ihr
-jauchzendes Tirili himmelan.
-
-»Iwickelchen, Liwickelchen,«[48] schrien die Mädchen und sprangen, in
-die Hände klatschend, wie die Tollen in die Wiese hinein. Sie rauften
-mit beiden Händen das kurze Gras aus und schleuderten es sich in's
-Gesicht, wie ein Regen rieselte es ihnen über Haar und Schultern;
-sie trappten hin und her, mit Gelächter und Gekreisch, ihre schweren
-Nägelschuh traten die zarten sprossenden Hälmchen tot.
-
-Zeih blieb ein wenig zurück, die hageren Dinger liefen ihr denn doch
-zu schnell. Und da sah sie auch ein paar gelbe Blumen des Löwenzahns,
-erfreut pflückte sie sie ab und steckte sie sich in's Haar -- glänzten
-die nicht wie eitel Gold? Anmutig nickten die leuchtenden Blüten auf
-den braunen Scheitel.
-
-Kaum sah Tina die also Geschmückte, riß sie ihr auch schon die Blumen
-vom Kopf. Zeih schalt lachend und riß ihr Eigentum wieder an sich; das
-ging hin und her, ein förmlicher Kampf begann, ein halb spielerisches,
-halb ernsthaftes Balgen. Zuletzt schleuderte Tina die zerknickten
-Stengel von sich: »Lao haste dän Dreck!« Die Füße der Weiber schritten
-achtlos darüber weg.
-
-Bäbbi war den anderen weit voraus; jetzt blieb sie stehen und wartete
-auf die Nachzügler. Mit zusammengezogenen Brauen sah sie ihnen
-entgegen. »Kommt, kommt!« rief sie unwillig. »Laoßt de Alfanzereien!«
-
-»Alfanzereien?!« Tina lachte spöttisch und hob keck ihre Nasenspitze zu
-der um einen Kopf Größeren, »sei dau nor net e su fürnehm, Lenzen Bäbb,
-mer waaß jao doch, wän dau bis!« Kichernd stieß sie die Vrun an, und
-die Vrun stieß die Leis an, und die Leis die Zeih.
-
-Eine dunkle Röte stieg Bäbbi in die Wangen, aber sie sagte nichts; mit
-einem ernsten Blick sah sie von oben herunter auf die Kleinere.
-
-»Haha,« fing Tina wieder an -- sie hatte den Blick wohl verstanden und
-boste sich darüber -- »dau wills ons Conduitten liehren -- dau?! Dau
-maanst wohl, dau därfst dat, weil de noch in der elften Stund onner de
-Hauw gekommen bis? Olau, e su domm! Mer kennt dän Vogel an sein Federn,
-wann hän sein Stimm aach noch e su verstellen duht. Hahaha!«
-
-Die Mädchen schlugen ein Gelächter auf, auch Zeih lachte, ihr
-gedankenloses, fröhliches Lachen.
-
-»Zeih, kommt!« sagte Bäbbi und faßte sie am Arm. »Laoßt eweil dat Tina!
-Ein faul Ei verdirbt dän ganzen Brei!«
-
-»Hollah« -- Tina packte die Zeih am andren Arm -- »hei gebliewen!
-Wat saoste, Lenzen Bäbb? Ein faul Ei -- wän maanste dermit, hä?« Sie
-fauchte die Große böse an, ihre Augen funkelten. »Dau Sauerpot, dau
-Quiesel, onnerstieh dech! Stillwässer -- Grundfresser. Duh dei Maul uf,
-dau Grundfressersch, laoß ehs hören, waorum ech faul sein? Faul!« Sie
-ballte die Fäuste. »Saog!« Nun stampfte sie mit den Füßen. »Saog!«
-
-»Je mieh mer im Kot rührt, desto mieh stinkt hän. Ech haon ken Lust
-derzu,« sagte Bäbbi ruhig und drehte sich kurz um.
-
-Sie hatte die Lacher auf ihrer Seite, aufkreischend vor Entzücken
-fielen sich Vrun und Leis in die Arme; Zeih hing sich ihr
-freundschaftlich an den Arm.
-
-Jämmerlich abgeschlagen zog Tina allein hinterher; einer andren wäre
-sie auf den Rücken gesprungen und hätte ihr das Fell mit den Nägeln
-zergerbt. Der da traute sie sich nicht. Die ging so ruhig und sicher
-ihren Weg und führte die drei anderen wie selbstverständlich mit sich
-fort.
-
-Tinas Augen kniffen sich zusammen, wie die einer lauernden Katze;
-der Bäbbi konnte sie nicht ankommen, aber der Leis und der Vrun, und
-besonders der Zeih, denen wollte sie's eintränken.
-
-»Eweil sein mer elao,« sagte Bäbbi und wies auf einen Dornbusch, dicht
-am Grabenrand. »Bei dem Busch liegt hän unnen.« Mitleidig beugte sie
-sich über, mit einem Ruf der Uberraschung fuhr sie zurück. Da unten
-lag wohl noch der Peter und schnarchte; aber neben ihm hockte eine
-Frauensperson, den Oberrock über den Kopf gezogen, ihr grellroter
-Unterrock blähte sich wie eine große Mohnblume. Die Traut!
-
-Mit einem triumphierenden Lächeln sah diese aufwärts in die verblüfften
-Gesichter; sie hielt Pittchens Kopf in ihrem Schoß.
-
-Ein vierstimmiger Schrei antwortete dem Lächeln, mit einem Satz war
-Tina unten, Vrun und Leis stürzten nach; dann folgte die Zeih. Das war
-ein Gewälze von Leibern im Graben, ein Gewirr von Armen und Beinen, ein
-Schimpfen und Lachen, Zanken und Zerren. Einen Augenblick sah Bäbbi
-darauf nieder, dann machte sie Kehrt.
-
-Mit raschen Schritten ging sie davon. Kurz vor'm Dorf blickte sie
-noch einmal zurück; die stille Luft trug ein Getöse an ihr Ohr, ein
-Stimmengewirr, als ob ein Heer anrücke.
-
-Da tauchten sie in der Ferne auf, von der Märzsonne grell beschienen,
-wie von goldnem Flimmer umhüllt. Als Kernpunkt der Peter; von den einen
-geschoben, von den anderen gezogen, nahte er wankend.
-
-
-
-
- XI.
-
-
-Eine Aufregung war im Dorf, kaum weniger groß, als bei der Heimkehr
-der Männer. In das stille Thal war's gefallen wie ein Kanonenschuß und
-hallte unaufhörlich von allen Ecken und Enden wider: ein Mann, ein
-Herr! Ein reicher Herr!
-
-In der Eichelhütte würde er wohnen, die hatte er dem van Beuren
-abgekauft. Aber nicht bloß ein paar Jagdtage wollte er da verweilen,
-nein, den ganzen Sommer sicher, und vielleicht auch den Winter. Der
-Krumscheid hatte es erzählt und sich schmunzelnd dabei die Hände
-gerieben; er witterte einen sicheren Verdienst. Denn der Fremde hatte
-einen zartrötlichen Hauch auf der Nase, und seine etwas verschwommenen,
-blaßblauen Augen blickten gemütlich in die Welt.
-
-Gleich bei der ersten Einkehr hatte der Wirt das nähere und nächste
-erfahren. Herr Anton Nikolaus Schmitz, 'Rentner', wie er sich schrieb,
-hielt durchaus nicht mit seinen Angelegenheiten hinter'm Berge; er
-erzählte gern.
-
-Er stammte aus der Eifel. Als armer Waisenknabe war er ausgewandert
-und hatte sich durchgefochten bis unten an den Niederrhein, wo ein
-entfernter Verwandter von ihm wohnte; der that ihn zu einem Gerber in
-die Lehre. Es glückte ihm; der Lehrling wurde Geselle, der Geselle
-Meister -- jetzt paßte bald das Sprichwort:
-
- 'Häutchen, wie stinkst du,
- Geldchen, wie klingst du!'
-
-Zuletzt hatte er eine große Gerberei in Köln besessen. Aber was sollte
-er sich noch länger schinden? Junggeselle war er, nähere Verwandte
-hatte er nicht, sein Haar war grau geworden, die Gicht suchte ihn
-öfters heim, und der Hals kratzte ihn vom Lohstaub. Jetzt war's Zeit,
-sich zur Ruhe zu setzen.
-
-Da meinte der Herr van Beuren, den er beim Frühschoppen in der
-'Kevverndoos'[49] kennen gelernt, das grüne Salmthal, das so geschützt
-und lieblich zwischen den Bergen läge, das wäre recht der Ort für
-so einen. Sie besuchten miteinander die Eichelhütte, und was noch
-mächtiger wirkte, als das eifrigste Zureden des Herrn van Beuren, das
-war das Heimatsgefühl, das plötzlich in dem geborenen Eifeler erwachte.
---
-
-Nun standen die Fenster der Eichelhütte weit offen, der laue
-Frühlingswind durchfächelte die Stuben und spielte mit den großblumigen
-Vorhängen des gemütlichen Himmelbetts. Mit allem, was da lag und
-stand, hatte der Schmitz das Haus gekauft, von den Geweihen und
-rostigen Flinten an den Wänden bis herab zum Wildschweinsfell vor der
-Thürschwelle. Er wanderte in seinem doppeltgefütterten Schlafrock, die
-lange Pfeife im Mund, von einem Raum in den anderen, trieb freundliche
-Scherze mit den Weibern, die da fegten und scheuerten, und fühlte sich
-ganz als Herr und Besitzer.
-
-Gestern war er durch's Dorf spaziert und hatte die ausgesucht, die ihm
-zur Arbeit am tauglichsten schienen. Alle waren gelaufen gekommen und
-hatten sich angeboten, selbst die alte Schneidersch und die kleine
-Bill. Die hübschesten waren die tauglichsten; Herr Schmitz hatte sich
-schon ein Trüppchen zusammengestellt, da kam die Zeih des Wegs --
-Donnerwetter, war das ein Frauenzimmer!
-
-Der alte Junggesell riß seine blauen Äuglein auf. Merkwürdig, Jahre
-lang hatte er keine Anfechtung mehr gehabt, nur an seine Häute gedacht
--- Gerberlohe trug ihm die schönste Farbe -- nun blieb sein Blick auf
-diesen braunen Flechten haften, die sich so glänzend, zu einem dicken
-Nest gesteckt, zeigten. Und ein Fellchen hatte die! Hell und zart, wie
-ein junges Kalb.
-
-Machte es die Frühlingsluft, die stark und lebenerweckend von den
-Bergen wehte? Machte es der Dunstkreis all des Weibervolks, das sich um
-ihn drängte? Herr Schmitz fühlte eine seltsame Unruhe in den Beinen,
-das Wasser lief ihm im Mund zusammen.
-
-Linkisch galant zog er die Mütze. »He, junge Frau. Guten Tag!«
-
-Lucia lächelte, daß man all ihre weißen Zähne sah; das leicht
-bewegliche Blut schoß ihr in die Wangen, sie waren rot wie reife Äpfel.
-
-'Fett wie ein Hammel,' dachte Schmitz und ließ einen väterlich
-wohlwollenden Blick über die junge Frau gleiten; er liebte das
-'Völlige'. Wohlbeleibte Menschen waren immer gemütlich im Umgang; er
-selbst hatte sich ja auch ein Bäuchlein zugelegt. Ein instinktiver
-Selbsterhaltungstrieb zog ihn zu Zeihs angenehmer Fülle, die doppelt
-auffiel zwischen den sehnig schlanken, fast hageren Gestalten der
-übrigen Weiber.
-
-Das war was für ihn! Die wollte er zur Aufwärterin wählen! Ihr
-freundlich heitrer Blick aus klaren, braunen Augen bestärkte ihn noch
-darin.
-
-»No, junge Frau,« sagte er, »haben Se et auch als jehört, dat der
-Schmitz hier sein Residenz aufschlage will? He? Ich brauch en
-Frauensperson, die mer et Bett macht un en Taß Kaffee kocht; ich bin
-simpel jewöhnt, aber en Buttel muß se aufziehn können un auch en Spaß
-verstehn. Im übrigen hab ich jern mein Ruh.«
-
-Zeih sah ihn mit offnem Mund an; sie verstand den Herrn nicht, aber sie
-lächelte.
-
-Sie gefiel ihm immer besser; die anderen waren ihm viel zu geschwind
-mit dem Mundwerk, besonders die eine, die junge Schwarze, die sie Tina
-nannten und die mit ihren dreisten Blicken unheimlich herumfunkelte.
-
-»No,« sagte er wieder und klopfte Zeih auf die Schulter, »können Sie
-bei mer die Aufwartung machen? Wie steht et dermit, he? Oder sind Sie
-zu fein derzu?« Jetzt erst war ihm ihr ausgeputztes Kleid aufgefallen,
-das handbreit länger war, als die Röcke der anderen.
-
-Die umstehenden Weiber stießen sich an und kicherten halblaut.
-
-»Se es dem Pittchen sein Fra,« rief Tina keck, »dän haot geärwt.
-Eweil haot dat Zeih dat Arweiden net mieh nedig. Wann hän net bal
-ales versoff haot; dann gieft dat freilich en anner Mod! On wann dän
-Oberkailer Schandarm net schplendid --«
-
-»Bis still,« fiel ihr Zeih hastig in's Wort und zupfte sie am Rock.
-Und sich mit dunkelrotem Kopf wieder zu dem Herrn wendend, flüsterte
-sie schüchtern, die Wimpern gesenkt: »Ech moß erscht dat Pittchen
-fraon, hän es e su -- e su -- ech glauwen net, dat dän et gären sieht.«
-Zögernd sagte sie es, sie hätte für ihr Leben gern die Aufwartung
-übernommen, nicht das Geld war's, das sie lockte -- zu essen und
-trinken hatte sie ja -- aber so ein Herr aus der Stadt konnte allerlei
-Präsente machen, von denen man hier nichts ahnte. Schade, daß mit dem
-Pittchen jetzt so gar nichts anzufangen war! Wie ein Rasender war er
-auf und nieder gerannt und hatte geflucht und geschimpft, als er von
-dem neuen Besitzer der Eichelhütte gehört hatte.
-
-Mit einem Seufzer schlug sie die Augen auf, die feucht schimmerten.
-»Ech därf jao net!«
-
-Mitleidig sah ihr Schmitz nach, als sie mit gesenktem Kopf
-davonschritt -- das war ja eine rechte Kreuzträgerin, und so ein
-sanftes, kreuzbraves Weibchen! -- -- -- --
-
-Heute, als der Besitzer der Eichelhütte die Schar der fegenden Weiber
-besichtigte, bedauerte er wieder auf's neue, die hübsche Zeih nicht
-darunter zu sehen. Die hätte gewiß nicht so gepoltert und unbändig
-hantiert, sondern so nett gemächlich, wie es einem Mann in seinen
-Jahren angenehm war. Fast wollte es ihn bedünken, als trieben die
-Weibsbilder ihren Possen mit ihm; die kecke Schwarze, hoch oben auf der
-höchsten Leitersprosse, wippte hin und her, daß ihm der Angstschweiß
-ausbrach; und die mit den blonden Zöpfen goß ihm einen vollen Eimer
-Wasser grade vor den Füßen aus. Er flüchtete vor die Hausthür.
-
-Da stand er nun in seinen grasgrünen Pantoffeln, die Hände in den
-Schlafrocktaschen vergraben, einen Shawl um den Hals, mächtige
-Tabakwolken in den hellen Morgen hinausqualmend. Mit behaglicher
-Rührung musterte er die Umgebung. So waren ihm die Heimatberge mit
-ihren runden Buckeln und den daranhängenden, winzigen Äckerchen
-manchmal im Traum erschienen! Und dann dachte er an das 'Mus', an
-'Kabes met Grombieren on Griewen', die er sich für heut mittag beim
-Krumscheid bestellt, und sein Eifeler Magen knurrte in süßer Erinnerung.
-
-Schmunzelnd blickte er die Straße zum Dorf hinunter. Alles ruhig
-und friedlich, kein Wagen, kein störender Lärm. Nur eine einsame
-Frauengestalt kam des Weges; als diese sich bemerkt sah, zögerte sie
-und trat dicht an die Mauer des Kirchhofs heran.
-
-Schmitz ständerte noch ein wenig vor der Hausthür herum und besichtigte
-dann seinen Garten. Wenn die hohen Bäume sich erst belaubten, mußten
-sie einen köstlichen Schatten geben. Mochte die Sonne noch so brennen,
-hier war's angenehm; man konnte eine Hängematte aufhängen und sanft
-darin duseln, und dort auf dem grünbemoosten Steintisch mit der
-rätselhaften, eingemeißelten Inschrift hielt sich der Moselwein gewiß
-kühl.
-
-Sehr befriedigt kehrte er aus dem Garten zurück; da sah er am Gitter
-eine Gestalt vorbeischleichen, die jetzt still stand und neugierig
-durch die Stäbe lugte. Als er die Brille aus der Tasche gezogen, mit
-seinen plumpen Fingern daran gewischt und sie auf die Nase geschoben
-hatte, erkannte er die Zeih.
-
-»Sieh ens an!« sagte er erfreut. »Weißt du auch, mein Dochter, dat ich
-heut als an dich jedacht hab?!«
-
-Sie stand verlegen lächelnd. Hinter sich her hatte sie ein
-Holzwägelchen gezogen; darin saß ein erbärmlicher, kleiner Junge. Er
-ließ die Unterlippe hängen, der Sabber lief ihm ununterbrochen aus dem
-Mund und vereinte sich mit dem Brünnlein, das aus der Nase quoll, vorn
-auf dem Lätzchen.
-
-»Dat es ons Josefche,« sprach die Zeih, als sie den Blick des Herrn
-bemerkte.
-
-»So so. Hm hm!« Er konnte seine Verwunderung kaum verbergen -- wie kam
-das hübsche, frische Weib zu dem elenden Kind?! Der Vater mußte doch
-gar nichts taugen. Die Leute hatten sicher recht, die den Miffert einen
-Säufer und Weiberjäger nannten; so allerlei war ihm hintenherum über
-den Kerl zu Ohren gekommen. Das arme Weib!
-
-»Kommt doch herein,« sagte er freundlich, öffnete das Gitterthor und
-zog selbst das Wägelchen in den Garten.
-
-Schüchtern trat die Zeih ein und ließ ihre Blicke an den hohen Stämmen
-hinauf und hinunter gleiten; vor lauter Verlegenheit nahm sie dann das
-Josefchen auf den Arm und herzte es.
-
-Das Gesicht des alten Junggesellen trug alle Zeichen der Anteilnahme.
-Er klopfte dem Kind die aufgedunsenen Bäckchen und nahm das welke,
-blasse Händchen zwischen seine fleischigen, roten Finger. »Du, du, kß,
-kß, kß,« machte er und kitzelte es am Hälschen.
-
-Josefchen verzog das Gesicht und fing an zu weinen; es war kein lautes,
-kräftiges Schreien, nur ein jämmerliches, dünnes Greinen.
-
-Zeih war heute auch einmal schlechter Stimmung. Als sie das Kind weinen
-hörte, zogen sich ihre Mundwinkel abwärts; schon hingen ein paar
-Thränen in ihren langen Wimpern.
-
-Mit dem Peter war eben gar kein Aushalt mehr, heut in der Frühe war
-er nach Hause gekommen, sternhagelvoll. Gelärmt hatte er nicht, er
-war in einem weit schlimmeren Stadium, dem der verbissenen Wut. Sie
-traute sich nicht heran; aber nachdem er dann ein paar Stunden fest
-geschlafen, glaubte sie ihn in der richtigen Verfassung, um ihr
-Anliegen wegen der Aufwartstelle vorzubringen. Aber da kam sie gut an!
-
-Wie ein Verrückter trommelte er mit den Fäusten auf's Bett und schrie
-sie an: ob sie denn noch nicht genug an einem hätte? Noch einen neuen
-dazu?!
-
-»Nä, nä,« brüllte er, raffte sein Kissen auf und warf es ihr an den
-Kopf. »On bei däm Stehler? Mein es dat Schlößche -- mein mußt et sein
--- Stehler! Hal dei Maul!«
-
-Sie wagte gar keine Gegenrede mehr; aber er sprang aus dem Bett, drang
-auf sie ein und trommelte mit seinen Fäusten auf ihrem Rücken, wie
-vorher auf's Bett.
-
-Das waren die ersten Schläge, die sie von ihm erhielt; und wenn
-er auch durch seine Betrunkenheit zu entschuldigen war, übel nahm
-sie ihm die Prügel doch. Um sich zu trösten, war sie mit dem
-Josefchen herausgebummelt, in der Richtung nach der Eichelhütte.
-Eine schmerzliche Neugier trieb sie; vielleicht, daß sie, am Gitter
-lauschend, das Gelächter der anderen hören und einen Blick erhaschen
-konnte in die ihr verschlossene Herrlichkeit!
-
-»Hei es et schien,« sagte sie und sah sich, mit offnem Munde, staunend
-um; noch nie hatte ihr Fuß diesen vornehmen Grund und Boden betreten.
-Sie ging wie auf Eiern.
-
-Schmitz fühlte sich sehr geschmeichelt, er führte sie in's Haus -- das
-Josefchen konnte derweil draußen im Wägelchen sitzen -- und zeigte ihr
-alle Räume. Mit neidischen Blicken glotzten die anderen Weiber; sie
-standen nun mit geschürzten Röcken und zerzaustem Haar in Nässe und
-Kehricht, und die da wurde herumgeführt, wie eine Dame!
-
-Zeih kostete einen vollen Triumph aus; rasch kehrte ihre gute Laune
-zurück, die Augen tanzten ihr ordentlich vor Vergnügen, zärtlich
-streichelte sie über den verblichenen grünen Bezug des eingesessenen,
-breitlehnigen Sofas. Ihre naive Bewunderung machte dem Alten das
-größte Vergnügen. Dadurch wurde es ihm erst so recht klar, was er
-doch eigentlich für ein verteufelter Kerl war, solch einen Besitz zu
-erstehen. Er fühlte sich ordentlich jung; und als sie in den Keller
-hinabstiegen, um den Platz anzusehen, wo das Moselweinfaß liegen
-sollte, nahm er auf der dunklen Treppe ihre warme Hand und patschte die
-und stieg so flink die steilen, schlüpfrigen Stufen hinab und wieder
-hinauf, als wäre er sechzehn und nicht nahe sechzig, und als hätte die
-leidige Gicht ihm nie einen Knüppel gegen die Beine geworfen.
-
-Schade, schade, daß er dies Frauenzimmer nicht immer hier haben konnte!
-Er fragte sie noch einmal wegen der Aufwartung, und sie berichtete ihm
-haarklein den Vorfall des Morgens. Mußte der Miffert ein unangenehmer
-Patron sein! Er schimpfte weidlich, und Zeihs Zunge rührte sich auch
-munter -- nä, ihr Pittchen war gar nicht mehr kommod; seit der geerbt
-hatte, war er alleweil kaprizig![50]
-
-»Von wem hat er denn geerbt?« fragte Schmitz neugierig.
-
-»Dat waaß ech net,« lachte sie. »Mir saon hei: 'Met Schweigen verredt
-mer sech net' -- hän saot neist.«
-
-Schmitz sah sie verwundert an.
-
-»Jao, Ihr könnt et glauwen,« fuhr sie wichtig fort, »dat Pittchen, dat
-es anen!« Ein geheimer Stolz auf ihren Mann regte sich nun doch in ihr.
-»Dän es klug, dän hört dat Gras wachsen. Dän saot neist, wat hän net
-saon will; net emaol, wann hän besoff es!«
-
-»So, so.« Das zweifelhafte Lob Pittchens interessierte Herrn Schmitz
-weiter nicht, seine Meinung stand einmal fest: ein unangenehmer Patron.
---
-
-Von nun an fühlte es Pittchen, er hatte einen geheimen Widersacher im
-Dorf. War es sein schlechtes Gewissen, das ihn so argwöhnisch machte,
-oder die Eifersucht, nicht mehr der einzige Hahn im Hühnerhof zu sein?
-Wahrhaftig, da brauchte er doch den alten 'Knickstiewel' nicht zu
-fürchten, der im warmen Sonnenschein einen dicken Flauschrock trug,
-Filzpantoffeln und um den Hals einen doppelten Shawl. Er fühlte einen
-unbestimmten Haß gegen den Alten in der Eichelhütte, größeren Haß, als
-auf den schönen, jungen Gendarm von Oberkail. Der Schmitz hatte einen
-verdammten Blick; sah er nicht den Peter mit seinen Schweinsäuglein so
-von der Seite an, als wollte er sagen: 'Ich weiß was' --?
-
-Als Peter den Alten zum ersten Mal in Krumscheids Wirtsstube treten
-sah, sprang er aus seiner Ecke auf, scharrte einen Kratzfuß und setzte
-sich mit einem: »Met Verlöw!« dem Herrn gegenüber an die Breitseite des
-Tisches. Zutraulich fing er eine Unterhaltung an, schwatzte harmlos und
-zutäppisch, aber er hatte kein Glück damit. Seine Blicke, die flink und
-unruhig umherhuschten, entdeckten keinen Zug des Wohlwollens auf dem
-dicken, roten Gesicht gegenüber; Schmitz blieb zugeknöpft, das blühende
-Fett der Wangen deckte jede Regung, die schlauen Äuglein verschwanden
-ganz in ihren Schlitzchen. Er trank rasch aus, zahlte und ging; Peter
-blieb sitzen wie ein Dummer.
-
-Er fluchte in sein Glas hinein, fing an, mit dem Wirt zu krakehlen, und
-schimpfte dabei auf, den 'alden Knickstiewel', den 'Kalmäuser', das
-'Mastschwein'.
-
-Was die Zeih nur an dem finden konnte?! 'Herr Schmitz' blieb ihr
-zweites Wort. Von dem grünen Zitzsofa, über das sie einmal hatte
-streicheln dürfen, erzählte sie, als sei es lauter Sammet und Seide.
-Ganz beseligt kam sie heim, als der Herr Schmitz sie zur Veilchenzeit
-in seinen Garten gerufen und ihr erlaubt hatte, für das Josefchen einen
-Strauß Veilchen zu pflücken. Als ob es deren nicht auf der Flur unter
-den Hecken weit blauere und duftendere gäbe! Peter riß ihr die Blumen
-aus der Hand, zertrat sie und visitierte ihr dann die Tasche -- hatte
-sie nicht noch was Anderes geschenkt bekommen?
-
-Er glaubte ihr nicht, als sie beteuerte: »Nor Veilcher, su waohr ech
-läwen, nor Veilcher!« Er riß ihr den Rock aus den Falten, kehrte alles
-an ihr um und um, und als er nichts fand, schlug er sie.
-
-Sie heulte, daß die Wände widerhallten; er schrie und lärmte wie
-besessen. Zuletzt versöhnten sie sich wieder. Noch einmal schien in
-Peter das frühere Pittchen zu erwachen; er schlug sich mit der Faust
-vor die Stirn, nannte sich einen 'Wuodeswoor'[51], umarmte die Zeih,
-bat ihr kläglich ab und küßte sie wild. Schnell versöhnt, gab sie seine
-Küsse zurück; einander herzend und drückend, verabredeten sie auf den
-nächsten Tag, den Jahrmarkt in Wittlich zu besuchen.
-
-Zeih träumte die Nacht von einem Karrussel, von Buden mit allerhand
-Herrlichkeiten, vom Oberkailer und von Herrn Schmitz, während Pittchen,
-den Arm um ihre Schultern gelegt, mit brennenden Augen in's Dunkel
-starrte und den Schlaf nicht finden konnte.
-
-So jämmerlich hatte er sich noch nie gefühlt. War er denn krank? Wohl
-zitterten seine Hände, wenn er ein Glas zum Munde führte, seine Beine
-waren oft wie abgeschlagen; aber krank, nein, krank war er nicht. Im
-Dunkel streckte er den Arm aus -- mager aber sehnig! Seine Finger
-spreizten sich -- war das nicht eine Hand, recht gemacht, den Thaler
-auf den Tisch zu schleudern und danach aufzuschlagen, daß Flaschen und
-Gläser hoch sprangen? Wenn er nur mehr Freude davon hätte!
-
-Freude -- -- --?! Er unterdrückte ein Hohnlachen; bei allem, was er
-that, schlich ja etwas um ihn herum und tuschelte ihm in die Ohren,
-legte eine Hand auf seine Brust und drückte ihn da, daß er nicht frei
-atmen konnte.
-
-Jüngst war er mit der Tina in der Sonntagnacht spät heimgekehrt; die
-Arme umeinander geschlungen, schlenderten sie durch den Kunowald. Im
-tiefsten Dunkel zog sie ihn auf's Moos; da zitterte plötzlich ein
-Mondstrahl durch's dichte Geäst, mitten auf ihr lachendes Gesicht.
-Es verzerrte sich zusehends zu einer Grimasse, die dunklen Augen
-schimmerten in grünlichem Licht, die weißen Zähne fletschten, als
-wollten sie ihn beißen. Mit einem Fluch hatte er sich losgerissen. Und
-da stand der Mond plötzlich in einer Lücke zwischen den Tannen und
-grinste über das ganze, volle Gesicht. Und den ganzen Weg ging er mit,
-und über Eifelschmitt blieb er stehen mit seinem verdammten Grinsen und
-wankte und wich nicht. Accurat so lachte der Schmitz.
-
-In Peter war der Wunsch aufgestiegen, sich einer Seele anzuvertrauen.
-Ein paarmal war er wieder auf den Gräbern seiner Eltern gewesen, aber
-keine Stimme aus der Tiefe hatte ihm zugesprochen; vielleicht, daß sie
-böse waren, weil noch kein Denkstein stand. Aber so rasch ging das
-doch nicht. Alle Tage konnte er nicht einen harten Thaler wechseln, so
-dumm waren die Bäuerlein am Ende auch nicht; und seit der Schmitz, der
-Schlauberger, in Eifelschmitt hockte, war ihm ein Aufpasser gesetzt.
-Einen immer weiteren Kreis mußte er auf seinen Wanderungen beschreiben.
-
-Wenn er sich der Tina anvertraute! Die war schlau. Wenn er mit der
-Halbpart machte! Rasch kam ihm der Gedanke, wie eine Erlösung -- nur
-nicht allein sein mit der Angst! -- aber ebenso rasch verwarf er ihn
-wieder.
-
- 'Weiber haon lange Röck,
- Äwer en korzen Verstand', --
-
-nein, das durfte er nicht wagen! Und zudem noch Halbpart machen?! Er
-hatte ja für sich selber nicht genug; wie Butter unter der Sonne,
-so zerrann ihm das Geld unter den Fingern, er wußte nicht, wo's
-hinschwamm. Die Hütte war kahl, nach wie vor; und wenn sie auch
-nicht mehr hungerten, ein Hundeleben blieb's doch. Zumal jetzt, wo
-er dem Frieden nicht recht traute war's oft knapp. Und diese zerrte
-an ihm, und jene; die zog ihn hier, und die dort -- das mußte ein
-unversiegbarer Bronn sein, aus dem sie alle schöpfen konnten.
-
-Eine gewaltige Erschütterung kam über Peter, eine Todesmattigkeit. Der
-Kopf sank ihm vornüber, er hätte sich gern aufgerichtet, es war ihm
-beklommen; aber er konnte nicht, sein Rücken war so schwach, als sei
-kein Mark mehr darin.
-
-
-
-
- XII.
-
-
-Warme Tage waren über die Eifel gekommen, Früh-Sommertage. Die Sonne
-brannte auf die nackten Kuppen, die Felsen schleuderten die Strahlen
-zurück. Gewitter zogen jäh auf und gingen jäh nieder; oft stand ein
-Regenbogen über'm Thal, hie einen Fuß, drüben den andren.
-
-Was da gesäet war, ging der Reife entgegen.
-
-Auf Bäbbis Acker stand der Roggen so hoch, wie das Lorenzchen war.
-'Lukas Evangelist' hätten die alten Schneidersch gern ihren Enkel
-genannt -- so war der Tag seiner Geburt im Kalender benamst, -- aber
-Bäbbi hatte trotz ihrer Krankheit und Schwäche darauf bestanden, er
-mußte nach seinem Vater getauft werden.
-
-Sinnend schritt Bäbbi den Ackerrain entlang und ließ ihre Hand sacht
-durch die leiswogenden Ähren streichen. Wie lange noch, drei Wochen
-kaum, dann war Peter und Paul; dann fing das Korn an, sich zu bleichen
--- und die Männer kamen heim! Der Lorenz kam!
-
-Mit einem Seufzer der Befriedigung sah sie über ihr Feld hin. Das
-konnte sich sehen lassen! Gleich einer Bürste stand das Getreide, und
-nebenan streckten die Kartoffeln, wohlgesetzt in Reih und Glied, ihre
-steifen, dunkelgrünen Bäumchen. Wie eine Oase lag dies Fleckchen in der
-Wüste der andren Äcker; kaum handhoch stand auf denen das Korn, und
-manch Kartoffelland sah aus, als hätten Wildschweine darin gewühlt.
-
-Mit der arbeitsrauhen Hand strich Bäbbi dem kleinen Lorenz die wehenden
-Löckchen aus der Stirn und sah, das Kind, das kräftig aufgerichtet
-auf ihrem Arm saß, liebevoll an sich drückend, mit selig verträumtem
-Ausdruck in die Ferne.
-
-Was würde er sagen, wenn er kam?! Bald, bald! Ihr Herz klopfte stark,
-vor Freude. Hierher wollte sie ihn führen, gleich am ersten Abend --
-kaum konnte sie's erwarten -- was würde er für Augen machen, wenn er
-sah, wie gut alles stand?! Ja, es war ein rechter Gottessegen. Dankbar
-faltete sie ihre Hände um die kleinen des Kindes und ließ sich auf den
-Grasrain niedergleiten.
-
-Da saß sie still. Heut durfte sie ja feiern am Sonntagnachmittag.
-Sinnend ließ sie die Augen auf der Landschaft ruhen.
-
-Bergland, so weit der Blick reicht; armes Bergland. Unter der mageren
-Erdschicht starrer Fels; winzige Äckerchen, dem trocknen Heideboden
-abgerungen oder dem Herzen des Waldes entrissen.
-
-Und doch liebte sie dieses Land. Mit tiefem Atemzug sog sie die herbe
-Luft ein, die ihr stark entgegenwehte. Wo gab's noch eine solche Luft?!
-Als könne sie nicht genug davon bekommen, öffnete sie die Lippen und
-schlürfte und schluckte, wie ein Trinker köstlichen Wein. Sie faßte
-das Kind unter den Achseln und ließ es frei in der Luft schweben; es
-zappelte mit den Beinchen und jauchzte vor unbewußter Lust.
-
-Lange hielt sie es so mit starkem Arm. Eifelluft, Heimatluft -- sie
-konnte ihm gar nicht genug davon geben. Durchwehen, sich durchwehen
-lassen von dem reinen Wind, dann wurde man groß und stark; und wohnte
-man auch im Rauch der Städte und sah statt der Bergspitzen die
-Fabrikschornsteine ragen.
-
-»Wuh ons Pappa es, lao sein mir aach zo Haus, gäl, Lorenzche?« fragte
-sie das unverständige Kind und küßte es zärtlich. Sie dachte an die
-eingeengten Straßen, an die graue Luft, an das Gestampf und Geächz der
-Maschinen, und für Augenblicke irrte ein Bangen über ihr Gesicht; aber
-gleich darauf lächelte sie freudig. »Wann hän ons ruft, mir kommen,
-gäl? Mir giehn zo onsem Pappa on bringen ihm sein Heimat!«
-
-Als hätte sie schon zu lange gesäumt, sprang sie auf. Schade, daß heute
-Sonntag war, am liebsten hätte sie gleich weiter geschafft. Arbeiten
-ohn' Unterlaß, nicht müde werden! Dann kam vielleicht die Zeit, in der
-sie aufladen konnte, was not that, und ihm nachziehen durfte, hinunter
-in's fremde Land. Mit praktischem Sinn berechnete sie, daß sein Lohn
-ja dann auch viel weiter reichen würde. Er hatte wohl guten Verdienst,
-aber es blieb -- außer dem, was er an Geschenken mitbrachte und beim
-Besuch zuhause draufgehen ließ -- blutwenig davon übrig. Es spart sich
-nicht viel, wenn man jedes Stück Brot, jede Handreichung an Fremde
-bezahlen muß; die ziehen einem das Fell über die Ohren. Da durfte man
-sich ja nicht trauen, ein frisches Hemd anzuthun! Mit Schaudern dachte
-sie an die schönen, selbstgesponnenen Hemden, die sie ihm geschickt --
-wie mochten die jetzt schon aussehen?!
-
-Oh, sie wollte ihm wohl alles instand halten und ihm ein ordentliches
-Essen kochen, und ihm den rußigen Schweiß von der Stirn wischen. Da
-brauchte er in kein Wirtshaus mehr zu gehen, und der Gesellenverein
-that auch nicht mehr nötig; dann hatte er seinen Diskurs. Er würde bei
-ihr sitzen; im Winter am warmen Küchenherd, darüber das Lämpchen mit
-seinem blanken Schild wie ein Sönnchen strahlte -- im Sommer vielleicht
-auf dem Gartenfleck, den sie mit Kartoffeln und Salat bebaut; ein
-paar Blumen mußten auch darauf wachsen. Am Himmel, zwischen den
-Schornsteinen durch, blinkten die Sterne, dieselben Sterne, die auch
-über den Eifelbergen leuchteten. Und er hielt ihre Hand, und er sprach
-zu ihr: »So gut is mer't noch nie ergangen, Bäbb!« -- -- -- -- -- -- --
--- --
-
-Mit einem tiefen, zitternden Seufzer fuhr sie aus ihren Träumen auf.
-Sie hatte seine Hand gefühlt, seine Stimme gehört -- ach, es war nur
-der Wind, der über ihre Stirn gestrichen, und das Lorenzchen, das
-kindisch gelallt hatte! Weit war der Lorenz, weit jene Zeit! Und hier
-waren die alten Eltern, die der Versorgung bedurften, die konnte sie
-doch nicht im Stich lassen. Schrumplige Äpfel halten oft fester am Ast,
-als rotbackige; und schütteln darf man nicht in fremder Leut's Garten.
-Die konnten noch lange leben! Und die mußten auch #hier# zu Ende leben;
-alte Bäume verpflanzt man nicht. Aber die jungen, die jungen?! Bäbbi
-schüttelte den Kopf; in ihrem einfachen Sinn war es ihr klar: den
-jungen that das Hierbleiben nicht gut! Die mußten hinaus, den Männern
-nach!
-
-Mit schwimmenden Augen sah sie in die rote Sonne, die dort langsam
-hinter den Wald tauchte. Die Wipfel strahlten in lauterem Gold. So
-unermüdlich die am Abend niederging und am Morgen wieder auf, so
-unermüdlich mußte auch #sie# ihr Tagewerk immer wieder von neuem
-beginnen, freudig in Geduld, gewiß in Hoffnung.
-
-Hoffnung! Hoffnung!
-
-Ja, der Tag der Vereinigung kam -- jetzt wußte sie's genau. So sicher,
-wie diese Sonne, die diesseit hinter'm Wald versank, morgen jenseit
-über Schwarzenborn stand im neuen, vollen Strahlenkranz und den
-einsamen Busch in blendenden Glanz hüllte -- so sicher!
-
-Ihre ernsten Augen erhellten sich, ein heiliges Feuer schien sich darin
-zu entzünden. Höher und höher reckte sich ihre aufrechte Gestalt; wie
-die Wurzeln eines starken Baumes standen ihre Füße fest im heimischen
-Felsenboden, aber ihr offner Blick ging in's Weite.
-
-Sie hob das Kind über sich und schwang es mit einem Jubelruf hoch in
-die Lüfte. »Heissah, flieg! Lorenzche, flieg! Dein Vadder on dau on
-ech, mir hören #zosammen#. Flieg, flieg!«
-
-Eine namenlose Freude schien über sie gekommen, ihre Stimme erhob sich
-zu einem langen Jauchzen. Es hallte in's Thal hinunter, drang in die
-Hütten, weit über's Thal hinaus und verlor sich jenseit der Berge. Es
-klang wie ein Weckruf: Auf, auf! Wie ein anfeuernder Schrei und ein
-Locken zugleich: Kommt, kommt!
-
-Strahlender Glanz lag auf Bäbbis Gesicht, strahlend wie die Lichtflut,
-die die Sonne mit letzter Kraft auf ihren blonden Scheitel goß.
-
-Starken Trittes stieg sie zu Thal, kraftstrotzend und siegessicher.
-
-Tief im Thalhintergrund lagen die mächtigen Ruinen von Himmerod, schon
-schwarz im Abendschatten, während die Eichelhütte mit ihren weißen
-Mauern noch als heller Fleck am dämmrigen Waldrand glänzte. Alles
-still, sonntäglich friedlich. In einer weihevollen Feierstimmung
-schritt Bäbbi dahin. Da, horch! Geschrei schallte zu ihr herüber;
-unweit der Eichelhütte stand ein Trupp Menschen auf der Straße. Sie
-schrien alle durcheinander mit lauten Stimmen.
-
-Was war geschehen? Bäbbi näherte sich rasch -- vielleicht eine
-Nachricht von denen draußen, vom Lorenz?! Warum hatten sie sich nur
-alle hier zusammengefunden, der Herr Pastor und der Herr Schmitz,
-der Krumscheid und der Küster? Sie umstanden ein Bäuerlein, das, den
-Stecken unter den Arm geklemmt, mit den Fäusten herumfuchtelte.
-
-Ei, das war ja der Kemper aus Großlittgen! Bäbbi erkannte den
-Handelsmann, der jahraus, jahrein mit seinem Karren voll Irden-Geschirr
-die Eifel durchquerte. Er machte auch nebenbei Geschäfte mit Hasen-
-und Marderfellchen, mit Lumpen und Knochen und allerhand anderem
-Kram. Seine lustigen Scherze waren wohlbekannt; heut schienen sie ihm
-vergangen.
-
-Er schrie: »Et es en Schand on en Sünd! Mer schindt sech halw dud, mer
-rennt sech den Odem aus em Leiw, mer schäst[52] dorch't miserabelste
-Wäder! Wann mer ahf on an e Kastemännche eröwrigt, es mer als heilfroh;
-on onseranen gieft bedrogen! Dat elao es schänderlich, schänderlich es
-dat elao!« Er heulte laut.
-
-»Wuh haot Ihr dän dann gekritt -- wuhähr? Jesses, saot doch!« Der
-Krumscheid rüttelte ihn.
-
-»Ech waaß net,« stöhnte das Hausiererchen und schlug sich vor die
-Stirn. »Ech Dummkoap! Kann sein als vor Wochen uf der Wittlicher Meß,
-kann aach net sein. Duh haot ech der Dahler mieh. Onsem Hährgott sei't
-geklaogt, mer kann se jao nie lang behaalen. Onseranen kömmt heihin on
-daor, duh kritt mer dat Stöck on duh dat, heit en Penning, morjen en
-Groschen, öwermorjen en Dahler -- ech sein beschummelt met Bedaacht,
-schänderlich beschummelt! Verfluchtes Schinnaos, dat mech e su beschiß
-haot! En heilig Kreizdunnerwäder soll hän --«
-
-»Aber, Kemper, Kemper,« begütigte der Pfarrer, »flucht doch nicht so!
-Wer sagt Euch dann, daß Ihr mit Absicht betrogen seid? In unserer
-Eifel ist man fromm und ehrlich; aus der bösen Welt wird uns die Sünde
-eingeschleppt. Hier betrügt keiner den andren.«
-
-»Äwer ech sein doch befautelt,« ächzte der Unglückliche, »ob met
-Bedaacht oder net. Kuckt hei« -- er zog ein Thalerstück aus dem Kittel
-und zeigte es auf der flachen Hand herum -- »dän es falsch!«
-
-Falsch --?! Bäbbi stand mit offnem Mund.
-
-Ein Murmeln, ein Raunen, ein hörbares Staunen ging durch den Kreis; sie
-rückten enger zusammen, jeder drängte heran und reckte den Hals. »Es et
-waohr? Wirklich waohr?! Es dat miëlich, menschenmiëlich?«
-
-»In der That,« -- Schmitz hatte die Brille aufgesetzt und hielt sich
-den Thaler dicht unter die Nase -- »der is falsch!«
-
-»Ech sein beschiß, ech sein beschiß,« heulte Kemper.
-
-Der geistliche Herr nahm den Thaler zur Hand. »Ich kann das noch immer
-nicht glauben -- nein, nein!« Er schüttelte den Kopf.
-
-»Sie können't schon glauben.« Schmitz fühlte sich ganz als
-welterfahrener Mann. »Ich hab' zu Köllen als der Dinger mehr jesehn.
-Drum hat ja auch der von Bismarck eben jetzt die Joldstücker
-einjeführt; der is schlau, die sind nit e so leicht nachzumachen.
-Der hier is falsch! Kiek ehs an« -- sein Portemonnaie aus der Tasche
-ziehend, suchte er daraus einen Thaler hervor -- »der is echt!« Er
-probierte beide Geldstücke auf einem Stein. »Hört, wie hell den klingt,
-un wie anders den! Da heißt et aufjepaßt. Wo einen is, sind auch ihrer
-mehr.«
-
-Betroffen sahen sich alle an.
-
-»Zom Schandarm, zom Schandarm nach Oberkail!« zeterte der Küster.
-
-»Duh kommen ech jao als här,« jammerte der Handelsmann. »Duh sein
-ech stracks hingerennt, e su bal als onsen Wirt zo Großlittgen saot,
-dän Dahler wär falsch. Äwer dän Schandarm es net derhäm. Se saon
-zu Oberkail: hän wär nao Schwarzenborn; on in Schwarzenborn: nao
-Eifelschmitt. On hei, dän Krumscheid saot: hän wär nao Karl --«
-
-»Lao kömmt hän,« schrie Bäbbi auf. Ihre scharfen Augen hatten den
-Schimmer einer Uniform am Waldrand gesehen. »Lao kömmt hän aus em
-Büsch, ech siehn de Knöpp blinkern!«
-
-»On en Framensch haot hän bei sech,« brummte schmunzelnd der alte
-Krumscheid. »Hä, Hähr Schandarm! Helao!«
-
-»Hollah,« brüllte Schmitz. »Sie da!«
-
-»Feuer, Feuer,« zeterte der Küster.
-
-Sie erhoben alle die Stimmen, selbst der geistliche Herr rief. Endlich
-schien der Oberkailer zu hören; das Frauenzimmer verschwand, wie vom
-Boden verschluckt, er selbst sprang in großen Sätzen vom Waldrand auf
-die Straße herunter. Nun kam er angetrabt. -- --
-
-Wer die Kunde vom falschen Thaler in's Dorf getragen, wußte man
-nicht. Obgleich der Gendarm den Erstwissern strengstes Stillschweigen
-auferlegt -- »denn,« sagte er, »der Hallunke darf beileibe keinen
-Wind davon kriegen, sonst macht er sich dünne« -- hatte einer doch
-geplaudert.
-
-Wie ein Lauffeuer ging's von Haus zu Haus: »Wißt ihr't schuns? Hatt
-ihr't als gehört? Jesses, e su ebbes! Sollt mer't glauwen? En Dahler,
-en falschen Dahler!«
-
-Die Weiber standen alle auf der Gasse; außer Bäbbi war keine im Haus
-geblieben. Sie schlugen die Hände über'm Kopf zusammen und rissen Augen
-und Mäuler auf. Alle möglichen Geschichten tauchten auf im Anschluß an
-den falschen Thaler; wer was zu erzählen wußte, erzählte: von Räubern
-und Mördern und Einbrechern. Selbst der Schinderhannes, der vor siebzig
-Jahren zu Mainz Geköpfte, trat leibhaftig wieder auf. Sie drängten sich
-zusammen und schauderten und machten einander graulen. Das summte und
-wirrte durcheinander, wie ein aufgestörter Bienenschwarm.
-
-Das Wirtshaus wurde belagert; neugierige Gesichter drückten sich an
-die Fenster, denn drinnen saßen ja die Herren und hielten Rat. Und da
-war auch der Thaler zu sehen. Wie der nur ausschauen mochte?! Hie und
-da machte sich eine eine Ausrede; zum Beispiel die Tina, die ging keck
-herein und kaufte für einen Groschen 'Klümpcher'[53], aber es half ihr
-nichts, der Krumscheid war ganz verstört und hatte kein Ohr für ihre
-Fragen, und niemand von den Herren rief sie an den Tisch, so sehr sie
-auch hinschielte. Sie kriegte den Thaler nicht zu sehen.
-
-Der Schmitz führte das Hauptwort. Zu seiner Zeit hatte in Köln einmal
-ein Falschmünzerprozeß gespielt, den gab er nun mit allen Einzelheiten
-zum besten. Eine ganze Bande war's gewesen, zehn Mann hoch, mit so und
-so viel Helfershelfern; was Ähnliches würde wohl auch hier dahinter
-stecken.
-
-Immer martialischer wurde das Gesicht des Gendarmen, er drehte den
-Schnurrbart auf, daß ihn die Spitzen fast in die Augen stachen, und
-fühlte verstohlen nach dem sechsläufigen Revolver, den er unter der
-Uniform auf der Brust trug. 'Im Namen des Gesetzes' -- ha, wie sie
-zitterten!
-
-Darin waren sich fast alle einig, ein Eifeler konnte der Missethäter
-nicht sein. Der Pfarrer sprach warm für die seiner Kirche anvertrauten
-Schafe. Nun war er hier schon dreißig Jahre im Amt, nie, nie war etwas
-Böses vorgefallen; er hätte es doch erfahren müssen durch die Beichte.
-
-Schmitz, als geborener Eifeler, war ganz seiner Ansicht. Ja, draußen
-waren sie alle raffiniert, aber hier?! »Ne,« sagte er, »hier sind se zu
-ehrlich!«
-
-Der Gendarm nickte dazu: »Und viel zu dämlich!«
-
-Nur das Hausiererchen sagte kein Wort zur Entlastung der Einheimischen.
-
-Er stöhnte und jammerte, am meisten darüber, daß der Gendarm den
-Thaler eingezogen hatte, um ihn seinem Vorgesetzten, dem Obergendarmen
-zu Wittlich, abzuliefern. »Jeß, Jeß,« klagte er, »duh sein ech vom
-Räjen unner de Trauf gekomm! Hähr Scha--Schan--darm -- ech will mein
-Dahler re--redur!« Er lallte schon, sie hatten ihm zum Trost wacker
-eingeschenkt.
-
-Heute brannten die Lichter in den Häusern länger denn je, nur Pittchens
-Hütte lag still und finster.
-
-Spät in der Abenddämmerung kam Zeih in's Dorf geschlichen; Tannennadeln
-hafteten ihr im Haar, und am Kleid klebte ihr Waldmoos. Ungesehen
-hoffte sie ihre Hütte zu erreichen, aber schon wurde sie angehalten.
-»Hatt Ihr't gehört? Hatt Ihr't gehört vom falschen Dahler?«
-
-Mit Ungestüm platzte sie daheim in die Stube, wo Pittchen quer über'm
-Bett lag, die Augen starr gegen den Deckbalken gerichtet. Er hatte eben
-den Rausch der vorigen Nacht ausgeschlafen, nach der Frühmesse war er
-erst heimgekommen; nun schmerzte ihn der Schädel noch. Stumpfsinnig
-brütete er. Als er seine Frau erkannte, schnauzte er sie an: »Wuh haste
-dech widder erumgedriewen, dau --«
-
-Sie achtete gar nicht darauf, gleich fuhr sie mit der Neuigkeit heraus:
-»Haste't gehört? Se haon en Dahler, en falschen Dahler gefunnen! Se
-sein dem Kerl als uf der Spur.« In grausenvollem Entzücken schlug sie
-die Hände zusammen: »Dän hänken se uf, wann se dän kriehn! Pittchen,
-wat saoste nau?«
-
-Keine Antwort.
-
-Sie beugte sich über ihn -- schlief er schon wieder? »Pittchen, en
-falschen Dahler! Denk ehs! Hörste dann net?« Sie packte ihn am Arm.
-
-»Ech hören.« Ihre Hand zurückstoßend, richtete er sich mühsam ein wenig
-auf, seine Stimme klang heiser.
-
-»Nä, datste dech aach e su wenig inderessierst,« sagte sie ordentlich
-beleidigt, »e su ebbes passiert doch net alle Dag! Denk ehs, wann se
-dän kriehn, dän --«
-
-»Wän es et dann?« Sich auf den aufgestemmten Ellbogen stützend, sah er
-sie stier an.
-
-»Huh,« kreischte sie lachend, »maachst dau en Visasch! Eweil könnt mer
-sech jao graulen!«
-
-»Wän es et -- wat saon se?« stieß er hervor. Seine Lippen zitterten,
-seine Hände auch.
-
-Sie zuckte die Achseln. »Dat waaß ech net. Äwer waart,« -- sie ergriff
-gern eine Gelegenheit, wieder fortzukommen -- »ech giehn noch ehs on
-hören mech om!« Schon war sie zur Thür hinaus.
-
-Allein!
-
-Er stöhnte auf in verzweifelter Wut. Mit einem Satz war er aus dem Bett
-und nebenan in der Kammer. Mit angstvoll prüfendem, scheuem Blick sah
-er sich um -- nichts zu entdecken! Friedlich lag sein Handwerkszeug auf
-dem Tisch, das niedrige Öfchen stand an der Wand, der Schemel daneben.
-Sonst alles leer.
-
-Erleichtert atmete er auf. Aber da, da in der Ecke, wo Lehm und Steine,
-von der bröckligen Mauer herabgefallen, einen Schutthaufen bildeten --?!
-
-Stechend bohrte sich sein Blick dort ein. Und dann räumte er in
-fiebernder Hast den Schutt in eine andre Ecke, riß von der Wand noch
-mehr darauf herunter und ließ den schmutzigen Estrich der ersten Stelle
-unbedeckt. So war nichts verdächtig.
-
-Draußen ging jemand in einiger Entfernung vorüber, dumpf hallten die
-Schritte. Was, was, paßten sie ihm gar schon auf?! Blitzschnell löschte
-er das Licht.
-
-Mit angehaltnem Atem schlich er im Dunklen aus der Kammer in die Stube
-zurück, und aus der Stube an die Hausthür. Vorsichtig öffnete er sie
-spaltbreit und lauschte nach dem Dorf hinunter. Flimmernde Lichter und
-Hundegebell, verworrene Stimmen und Rufen und Lachen.
-
-Blätter säuselten im Nachtwind, durch das Gras huschte etwas --
-er schreckte zusammen. Was war das?! Ach, nur eine Katze, die den
-geschmeidigen Leib über den taufeuchten Rasen zog und sich, leise
-raschelnd, unter'm nächsten Zaun verkroch.
-
-Mit bebenden Fingern strich Pittchen das wirre Haar aus der Stirn;
-dann stahl er sich, gewandt wie die Katze, im Schutz der Hecken zum
-Dorf hinunter und, jeden Lichtstreif, der aus den Fenstern fiel,
-vermeidend, schlich er lauschend um die Häuser.
-
-
-
-
- XIII.
-
-
-Das Kreisblatt zu Wittlich hatte eine Warnung erlassen, und die genaue
-Beschreibung des falschen Thalers stand dazu gedruckt; auch im Dauner
-Kreisblatt war's zu lesen.
-
-Ein panischer Schrecken hatte die Bevölkerung ergriffen, manch
-Bäuerlein rannte nach der Wittlicher Sparkasse und ließ von den
-Sachverständigen daselbst seine paar Thälerchen prüfen. Sonst hatte
-man der Sparkasse nicht viel Vertrauen geschenkt; da schienen doch
-die Thaler viel sichrer daheim im Kasten, warm unter'm Bett, oder im
-Strumpf zu unterst in der Lade.
-
-Auch der Krumscheid begab sich nach Wittlich und borgte extra dazu das
-Chaischen vom Pauly zu Oberkail; den Sparkasten stellte er neben sich,
-sorgsam mit einer Decke verhüllt. Als er durch den dunklen Wald fuhr,
-setzte er sich darauf.
-
-Ein geschlagner Mann kam er heim -- elf von seinen Thalern waren
-falsch! Die hatten sie gleich dabehalten zu Wittlich und hatten ihn
-ausgefragt, daß ihm der Verstand knackte; er dachte nach und dachte
-wieder nach, aber wie sollte er's noch wissen, von wem er die Thaler
-bekommen?! Und der Obergendarm, mit dem -- weiß Gott! -- nicht zu
-spaßen war, hatte ihn zum Stillschweigen verpflichtet, unter der
-Drohung, ihn sonst in Untersuchungshaft zu nehmen. Das war das
-bitterste, nicht einmal erzählen durfte er's!
-
-Und noch mehr falsche Thaler tauchten auf, hier und da. In Hupperath
-und Karl, in Oberkail und Spang-Dahlem, in Manderscheid und Bettenfeld,
-in Oberöfflingen und Niederöfflingen, in Stadtfeld und Daun; die ganze
-Gegend war verseucht.
-
-In der ersten Zeit lief fast jeden Tag ein neues Gerücht um; bald
-sollte am Rhein eine ganze Falschmünzerbande aufgehoben worden sein,
-bald an der Mosel, bald waren die falschen Thaler von Holland über
-die Grenze gekommen, bald von Frankreich. Die Weiber von Eifelschmitt
-hatten soviel zu erzählen, daß sie gar nicht mehr zu ihrer Arbeit
-kamen; sie brannten vor Neugier und Aufregung, und Pittchen stand
-mitten unter ihnen auf der Gasse und schürte den Brand.
-
-Seine Erzählungen überboten noch alle anderen; es war ein ganzes
-Gewebe von Lügen, das er sich in seinen schlaflosen Nächten aussann und
-den Dummen über den Kopf warf. In guten Stunden frohlockte er -- waren
-die alle einfältig! Aber es kamen auch böse Stunden, in denen packte
-ihn die Angst am Schopf und drückte ihm die Kehle zu.
-
-Er traute sich nicht, etwas auszugeben, auch nicht, beim Krumscheid zu
-borgen; der hätte so wie so jetzt nichts hergeliehen, da er immer von
-'Verhungern' sprach. In den Wirtshäusern konnte Pittchen auch nicht
-sitzen; in die allerentlegenste, im fernsten Waldwinkel versteckteste
-Schenke war die Kunde von den falschen Thalern gedrungen.
-
-Schmalhans war wieder eingekehrt in Mifferts Hütte, und zwar so
-plötzlich, daß Zeih sich nicht in den jähen Wandel finden konnte. Was
-half es dem Peter, daß er ihr kläglich beteuerte: es sei alles alle
-geworden. Sie glaubte ihm nicht; soviel Geld konnte gar nicht alle
-werden.
-
-Sie lag ihm in den Ohren Tag und Nacht und quälte ihn und bettelte um
-Geld und weinte; an was sie früher gar nicht gedacht, das brauchte sie
-jetzt zur allerdringendsten Notdurft. Sie hatte eben das Bessere kennen
-gelernt.
-
-Und wenn er zur Tina kam, dann tribulierte auch die ihn. Was würde
-die gucken, wenn er auf einmal sagte: 'Ech haon ken Gäld mieh!' Er
-fürchtete sich vor ihren schlauen Blicken und ihrer Spürnase.
-
-Und Spürnasen waren die Weiber alle; sie verfolgten ihn auf Schritt und
-Tritt, sie hefteten sich an seine Fersen, hingen sich ihm an und zogen
-ihn nieder.
-
-Er spielte den Kranken, da kamen sie in seine Hütte und brachten ihm
-Suppen. Und Thee mußte er trinken und Latwergen schlucken, höllischen
-Mischmasch von allerhand Blattzeug und Gewurzel; und Einreibungen und
-Umschläge mußte er probieren von Schneckenspeichel und gekautem Brod.
-
-Da er sie so nicht los wurde, that er böse und schmollte, besonders mit
-der Tina. Aber je mehr er sich abkehrte, desto mehr rannten sie ihm
-nach; und die Tina kam ganz frech zu ihm am helllichten Mittag; setzte
-sich ihm auf den Schoß, in Gegenwart der Zeih, und fragte ihn, wann er
-sie ausführe? Und gab ihm lachend einen Nasenstüber, daß ihm das Wasser
-vor Wut und Schmerz in die Augen schoß.
-
-Kaum war die weg, machte ihm die Zeih einen Skandal. Also dafür mußte
-sie hungern, daß er mit dem Mensch, der Tina, das Geld verpraßte?!
-Bitterlich weinend rang sie die Hände:
-
-»O ech arm Dier! Wären ech nor dud, ech on dat Josefche! Mir sein ganz
-verlaoß, mir haon niemand, dän for ons sorgt!«
-
-Ihr Jammern that ihm in der Seele weh -- sie war doch immer noch die
-beste, hatte ihm nie ein schiefes Maul gezogen; und wenn sie jetzt
-klagte, wahrhaftig, sie hatte ganz recht. Zerknirscht versprach
-er ihr ein buntes Tuch, wie er der Tina eins von der Wittlicher
-Messe mitgebracht, und dem Josefchen einen Zuckerkringel; auf den
-Sonntag verhieß er sogar ein Stück Fleisch in den Topf. Selbst ganz
-gerührt, wischte er ihr die Thränen von den Wangen, immer wieder
-strich er ihr mit zitternder Hand über's Gesicht; sein Herz war wie
-entzweigeschnitten, ganz auseinander in einem schmerzhaften, seltsam
-öden, katzenjämmerlichen Gefühl.
-
-Er wußte nicht mehr aus noch ein; in gräßlicher Ungewißheit und
-qualvoller Unentschlossenheit verrannen ihm die Tage.
-
-Währenddessen sänftigten sich draußen die erregten Gemüter, das
-Geschwätz von den falschen Thalern war schon nicht mehr das einzige.
-Bald wurde der gewohnte Alltagsklatsch wieder aufgenommen und
-verdrängte das bis dahin herrschende Gespräch. Zudem rückte Peter
-und Paul näher, bald kamen die Männer; die Weiber besannen sich auf
-ihre Pflicht. Hütten wurden geweißt, Tische, Schemel, Töpfe und Bänke
-gescheuert, Wäsche gewaschen, helle Kleider gesteift und in der Kirche
-für glückliche Heimkehr gebetet. Auch die Zeih wurde still.
-
-Pittchen atmete auf; in der gezwungenen Ruhe und bei dem Mangel an
-geistigen Getränken erholten sich seine erschütterten Nerven. Er hatte
-nun doch wieder einige Spannkraft, etwas von der alten Elasticität;
-dabei kitzelte ihn eine gewisse Schadenfreude, den gar so Dummen ein
-Schnippchen zu schlagen.
-
-Vorsichtig ließ er seine Augen um und um gehen -- nichts Verdächtiges!
-Wer würde es merken, wenn er einmal wieder einen wandern ließ?! Sie
-brannten ihn ordentlich in der Tasche.
-
-Er besuchte das Kreuz auf dem Kirchhof und saß lange auf dem steinernen
-Sockel.
-
-Merkwürdig, so spöttisch der Peter früher gewesen, so fromm war er
-jetzt. Seit dem vergangnen Herbst ging er fleißig zur Kirche und lag
-oft vor dem Bild der Himmelskönigin auf den Knieen; sie war seine
-Schutzpatronin.
-
-Und wie er sich einmal in abergläubischer Scheu den Segen des Himmels
-durch eine Gutthat erkauft, so that er auch diesmal.
-
-Die heilige Jungfrau würde ihm lächeln. -- --
-
-Wohlgemut pfeifend, die Hände in den Hosentaschen, schlenderte
-Pittchen heute wieder herum. Mit besonderer Zuvorkommenheit grüßte
-er den Oberkailer Gendarm, der mit blitzenden Knöpfen, in Helm und
-Sonntagsuniform, das Dorf passierte.
-
-Der Oberkailer wanderte zu seinem Vorgesetzten nach Wittlich, um
-dort Bericht zu erstatten. Sein dienstliches Notizbuch im Busen war
-vollgepfropft mit allem möglichen Unwesentlichen; in der Hauptsache
-konnte er nur melden: 'Nichts Neues vorgefallen, alles ruhig.'
-
-Mit einem höhnischen Grinsen sah Pittchen ihm nach.
-
-Es war eine kolossale Hitze. Die Straße lief wie ein blendendes Band
-hin, in weißlichen Staub gehüllt; kein Gräschen am Rain, kein Blatt am
-Baum rührte sich. Die Mittagsonne sog mit gieriger Glut jeden Tropfen
-Flüssigkeit aus dem Körper.
-
-Kein Wunder, daß der wohlbeleibte Oberkailer, stöhnend, einen
-Augenblick im Schatten der großen Bäume vor der Eichelhütte anhielt
-und, sich verschnaufend, die enge Halsbinde lockerte. Dankbar nahm er
-den kühlen Trunk Bitburger Biers an, den ihm Herr Schmitz zum Fenster
-heraus kredenzte.
-
-»No, wohin dann?« fragte neugierig der Alte.
-
-»Nach Wittlich zum Obergendarm -- bei der Bullenhitze! Verfluchte
-Thalerjeschichte!«
-
-»Kotzdausend -- wat -- wo?!« Schmitz riß die zwinkernden Äuglein weit
-auf und rollte sie hin und her. »Haben Se wat auf'm Kieker?«
-
-»I bewahre!« Ärgerlich preßte der Gendarm den Gurt seines
-Seitengewehres tiefer herunter. »Lausenest, diese Eifel! Reineweg
-nischt los; am besten, man verschliefe die janze Zeit.«
-
-»Oha« -- der Alte machte ein wichtiges Gesicht -- »sagen Se dat nit!
-Ich sage Ihnen« -- er dämpfte die laute Stimme zum Flüstern und wies
-mit dem Daumen zurück gen Eifelschmitt -- »da is't nit geheuer! Seien
-Se auf'm Quivive!«
-
-»Wissen wir längst, wissen wir ja längst,« sagte der andere abweisend.
-»Denken Sie denn, werter Herr Schmitz, die Polizei hat keine Augen
-im Kopfe? Nee, Jott sei Dank, so helle sind wir auch noch! Der
-Obergendarm hat längst die Meldung nach Trier abjejeben; seit der olle
-Krumscheid die elf falschen -- Donnerwetter!« Er schlug sich auf den
-Mund. »Na, angter nanu, Sie werden ja nischt davon verlauten lassen!
-Auf Eifelschmitt liegt ein Verdacht und zwar auf den Eifelschmitter
-Männern. Die stecken da unten in den Fabriken, mitten zwischen den
-Werkzeugen und all dem Krempel, -- und dann sind sie jedenfalls
-Sozialdemokraten, und die --.« Er spuckte aus. »Sehen Sie, die Kerle
-sind die Attentäter, die Weiber in Eifelschmitt machen die Hehler. Aber
-warte man! Weitjehende Recherchen sind sofort in den Fabrikdistrikten
-anjestellt. Ja!«
-
-»Wat Sie schlau sind,« sagte pfiffig schmunzelnd der Alte. »Ja, die
-Preußen! Die Berlinersch besonders, die hören et Jras wachsen! Ich
-würd' nu viel eher auf den Schlosser, den Miffert, en Verdacht haben.
-Dat is en schlau Luder un en geschickten Kerl. Da war neulich sein
-Frau bei mer un hat sich wat Jeld jeborgt. Von dem Momang, wo hier der
-Rumor wejen dem falschen Thaler losjejangen is, rückt der Kerl nix mehr
-eraus. Is Ihnen dat nit sehr verdächtig?«
-
-»Nanu? Hahaha!« Der Gendarm amüsierte sich köstlich; da sah man doch
-wieder, wie die Dummheit sämtlichen Eifelern angeboren war! »Mein
-werter Herr Schmitz -- haha -- da sind Sie nett reinjefallen mit Ihrer
-Schlauheit! Der Miffert -- haha! Den kenne ich wie meine Tasche, der is
-das dümmste Luder, wo existiert. Nenee, haha! -- Na, Morjen!«
-
-Kopfschüttelnd sah der Alte ihm nach. »Grünschnabel,« brummte er
-ziemlich respektlos und schlug das Fenster zu. --
-
-Als der Nachmittag sich neigte und die Bergwand angenehmen Schatten auf
-den Thalweg warf, klopfte der geistliche Herr an die Eichelhütte. Es
-war ihm zur lieben Gewohnheit geworden, dort einzukehren; nur wenn er
-Herrn Schmitz nicht zuhause wußte, dehnte er den täglichen Spaziergang
-bis Himmerod aus. Die alte Klosterruine kannte er längst in- und
-auswendig, aber der Schmitz, der war ihm etwas Neues, ein Stück Welt,
-das in seine Vereinsamung gedrungen war. Dann saßen die beiden beim
-Gläschen Moselwein, die 'Kölnische Volkszeitung' lag auf den Tisch
-gebreitet. Die hielt sich Herr Schmitz, der Freigeist; der Pfarrer
-konnte nur mit dem 'Paulinusblättchen' aufwarten.
-
-Sie politisierten mit Vorliebe. Schmitz sprach in einem belehrenden
-Ton, schlug gern zur Bekräftigung seiner Kannegießereien auf den Tisch
-und wurde krakehlig, wenn man nicht seiner Meinung war. Der Pfarrer
-hörte zu mit stillem Lächeln; er war es gewohnt, sich zu fügen.
-
-Heute politisierten sie nicht. Unentfaltet lag die Zeitung; der
-Sonnenstrahl, der sich durch das dichte Dach der Bäume bis zu dem
-steinernen Gartentisch stahl, blinzelte auf noch immer nicht geleerten
-Gläsern. Ganz bekümmert lehnte der geistliche Herr in seinem Stuhl; den
-einen Arm über die Lehne gehängt, den andren wie zur Abwehr erhoben,
-starrte er sein Gegenüber an.
-
-»Aber, Herr Schmitz, aber, aber! Der Miffert ist ein durchaus ehrlicher
-Kerl, für den kann ich bürgen. Wie schön hat er den Kirchenkronleuchter
-repariert! Das war im vergangnen Herbst. Aus altem Zinn und Blei und
-der Himmel weiß was, hat er ihn wieder hergerichtet. Tag und Nacht hat
-er dran gearbeitet.«
-
-»So.«
-
-Weiter sagte Schmitz nichts, aber er spitzte die Ohren und pfiff in
-eigentümlicher Weise durch die aufeinandergebissenen Zähne.
-
-»Nein, nein, auf den Peter laß ich nichts kommen, der ist wirklich
-fromm. Wie oft treff' ich den nicht in der Kirche! Erst kürzlich sah
-ich ihn in andächtigem Gebet versunken vor'm Altar unserer lieben Frau
-auf den Knieen liegen. Und glauben Sie, daß der was dafür genommen hat,
-als er dazumal mit der Arbeit fertig war? Den Heiligen hat er's zu
-Gefallen gethan; nur einen Vorschuß zur Anschaffung einiger notwendiger
-Werkzeuge hat ihm die Kirche gezahlt. Nein, nein, lieber Herr Schmitz,
-ein bißchen leicht ist der Peter wohl, das liegt nun mal in den
-Verhältnissen« -- der Pfarrer stieß einen Seufzer aus -- »da muß man
-sich eben mit abfinden. Aber sonst --!«
-
-»So?!« Der Alte zog die Augenbrauen hoch und hob den dicken
-Zeigefinger. »Der Grünschnabel, das Berliner Großmaul, lacht zwar
-derzu, aber ich« -- er schlug auf den Tisch -- »ich weiß, wat ich
-weiß!« Er war heftig geworden und ganz rot im Gesicht; jetzt hatte er
-seinen Kopf aufgesetzt.
-
-»Aber, aber, Herr Schmitz,« sagte der Geistliche ganz kleinlaut.
-»So ein guter Mensch wie Sie! Wie können Sie einen Nebenmenschen so
-verdächtigen?!«
-
-»Ich verdächtige ja gar keinen, ich sage bloß, wat ich weiß. Ich bin en
-aufjeklärter Mensch, der sich in der Welt umjekuckt hat. Hat mir auch
-erst nit in den Kopp jewollt, dat en Eifeler en so raffiniertes Luder
-sein sollt, aber mer is doch kein Esel. En juter Mensch braucht doch
-kein dummer Mensch zu sein. Ich will auch jar kein juter Mensch sein,«
-schrie er krakehlig, »wer sagt Ihnen, dat ich en juter Mensch bin?!«
-
-»Ach, Herr Schmitz« -- der Pfarrer legte ihm begütigend die Hand auf
-den Rockärmel, -- »Sie haben ja erst grade so was Gutes gethan, unsrer
-armen Kirche eine so reiche Spende gegeben --«
-
-»Ich? Ne!«
-
-»Thun Sie doch nicht so! Die rechte Hand soll freilich nicht wissen,
-was die linke thut.«
-
-»Ich weiß nit, auf wat Sie anspielen, Herr Pastor, ich --«
-
-»Ich habe Ihren Thaler in der Büchse gefunden,« sprach lächelnd der
-geistliche Herr. »'Zur Ausschmückung des Altars der Hochheiligen
-Jungfrau!' Zufällig schüttete ich gestern abend die Büchse aus; sonst
-thu' ich's nur alle halbe Jahr; es lohnt sich nicht eher. So was ist
-ein rarer Vogel unter all den Kupferpfennigen!«
-
-»En Thaler --?! Von mir?! Dunnerkiel, ich bin doch nit toll! Wann't
-noch en Buxenknopp jewesen wär'! Der Thaler is nit von mir.«
-
-»Nicht von Ihnen?! Aber --«
-
-»Ne, wahrhaftig in's Gott nit!«
-
-Verblüfft sahen sich beide an.
-
-»Aber, aber« -- der Pfarrer faßte sich an die Stirn -- »von wem
-kann der Thaler sein? Hier in Eifelschmitt?! Ein Thaler in der
-Kirchenbüchse?! Mir steht der Verstand still.«
-
-»Dat jlaub ich,« sagte trocken Herr Schmitz. »Mir scheint, der Spender
-von dem Thaler is nit e so weit. Wann einer zu fromm is, hört de
-Klugheit auf. Wat meinen Sie, Herr Pfarrer? Lassen mir mal jehen, ich
-möcht ihn mer doch emal ankucken, den --« er machte eine Pause und sah
-den anderen bedeutungsvoll an -- »den Thaler!«
-
-Und sie gingen. Der geistliche Herr fast widerwillig, in sich gekehrt,
-ohne Wort, nur ab und zu den Kopf schüttelnd. Schmitz eilig, in einer
-gewissen neugierigen Spannung.
-
-In des Pfarrers Studierstube ließ er sich mit einem Seufzer der
-Erleichterung in den alten Ohrensessel fallen. »So, nu zeijen Se mal
-her!«
-
-Mit zitternden Händen kramte der Geistliche in seinem tannenen
-Schreibtisch; erst hatte das Schloß nicht schließen wollen, dann fand
-er den Schlüssel zu dem Kästchen nicht, in dem er die Kirchenkasse
-verwahrte. Der bloße Verdacht schon hatte ihn ganz außer Fassung
-gebracht. Endlich hatte er den Thaler; aufgeregt hielt er ihn Schmitz
-hin.
-
-Dieser warf nur einen kurzen Blick darauf, nahm ihn dann in die Hand
-und ließ ihn auf die Platte des Tisches niederkollern.
-
-»Da haben wir't -- falsch!«
-
-»Aber wie kommt der in die Sammelbüchse für den Altar der
-Hochheiligsten?« jammerte der geistliche Herr. »Ein falscher Thaler in
-die Kirche -- oh, die Sünde!«
-
-»Oh, die Dummheit!« sagte der andere mit einer, eigentlich etwas
-respektwidrigen Nachahmung im Ton.
-
-»Wer kann das gethan haben?« ächzte der Pfarrer und hielt sich den
-Kopf. »Keins meiner Beichtkinder, nein, nein!«
-
-»Jedenfalls keins, dat en Weiberrock anhat!«
-
-Schmitz betrachtete wieder den Thaler und brummte vor sich hin:
-
-»Die sind ja hier so arm wie die Feldmäus' bei Mißernt', un Weiber
-sind auch all viel zu geizig derzu. Bleibt niemand übrig, wie der
-Peter mit der Erbschaft. Schlosser is den auch noch obendrein. Hm, hm
--- freilich, for so en dumm Luder hätt ich den nit jehalten, jeht un
-schmeißt beim Muttersgöttesche en Thaler erein! Die Dummheit könnt ei'm
-fast irr machen. Hm, hm!«
-
-»Er hat es nicht gethan; er kann es nicht gethan haben,« stritt der
-arme Seelenhirt; er war so entsetzt, als sei der Wolf über seine Schafe
-geraten. »Er hat es nicht gethan!«
-
-»Werden mir ja sehn,« sagte trocken Herr Schmitz. »Ich jeh' nach
-Wittlich!«
-
-
-
-
- XIV.
-
-
-Es ist gegen zehn Uhr abend -- eine schwüle, dunkle Sommernacht; auf
-leisen Sohlen geht sie über die Flur.
-
-Am Himmel flimmern die Sterne, matt, bis sie ganz verschwinden hinter
-undurchdringlichen Wolkenschichten. Nur zu ahnen sind die Berge; in's
-Ungeheuerliche vergrößert, schmelzen sie in eins zusammen mit den
-Wolkenballen, die auf sie niederhängen. Die einzelnen Felsnasen, die an
-den Berglehnen vorragen, schauen fratzenhaft verzerrt in's Thal. Wie
-ein schwarzer Raubvogel mit ausgebreiteten Schwingen hängt der Wald
-über'm Dorf, bereit, sich niederzustürzen und die Wehrlosen mit seiner
-Last zu erdrücken.
-
-Vereinzelter Lichtschein blinzelte in den Hütten von Eifelschmitt.
-Die faulsten der Weiber schliefen schon, die weniger faulen schafften
-noch im stillen. Der Tag trödelte sich so hin, da mußte der späte Abend
-herhalten; denn lange konnten die Männer nicht mehr ausbleiben.
-
-Hier wusch noch eine, hinter dem mit alten Fetzen verhängten
-Fensterchen. Da prügelte eine ihren Kindern das 'Artigsein' für den
-Vater ein und erstickte das Geschrei, indem sie ihnen das bleischwere
-Deckbett über die Köpfe zog. Dort saß eine ganz junge bei unruhig
-flackerndem Kerzenschein und nähte sich rote Strumpfbändel zum Tanz.
-
-In den Fugen der bröckligen Mauern zirpten die Grillen, in den
-Ställen schnaufte das Vieh; die Stille trug beides weit in die Runde.
-Verschlafen meckerte eine Ziege, ein Säugling greinte, ein Hund knurrte
--- dann alles ruhig, in Lautlosigkeit begraben.
-
-Man hörte das Schweigen der Sommernacht.
-
-Aber jetzt regte sich etwas zwischen den Hecken, die den schmalen Pfad
-zu Mifferts Hütte einfaßten. Es streifte rauschend an den Büschen
-entlang, die wild überhängenden Zweige knackten.
-
-Ein paar dunkle Gestalten tappten vorsichtig die Steige hinan, man
-hörte unterdrücktes Flüstern und dann ein warnendes: 'Pst, pst.'
-
-In einiger Entfernung folgten noch zwei Gestalten, neugierig schlichen
-sie hinterdrein.
-
-»Es et dann wirklich waohr?« wisperte der Krumscheid dem neben ihm
-Schleichenden in's Ohr. »On Se sein sicher, Hähr Schmitz? Jeßmarijuseb,
-dän Pittchen!«
-
-»Er is et,« antwortete ziemlich laut und bestimmt die Stimme des
-Schmitz. »Meint Ihr, ich wär' umesonst stracks nach Wittlich geschäst,
-wat haste wat kannste, un hätt' Alarm geblasen?! Der Kerl, der Esel --«
-
-»Pst,« warnten die vorderen.
-
-Zu spät! Schon wurde Mifferts Hüttenthür von innen aufgerissen, ein
-Lichtschein fiel in's Dunkel hinaus. Und mitten im Lichtschein zeigte
-sich eine Gestalt, Pittchen, in lauschender Stellung vorgeneigt, wie
-ein aufgescheuchtes Wild nach allen Seiten spähend.
-
-Den Männern stockte der Atem, sie drückten sich dichter in den Schutz
-der Hecke.
-
-»Wän es elao?« rief Peter argwöhnisch; seine Stimme klang aufgeregt.
-»Kotzdunner, wän ramurt lao erum, dat mer net --«
-
-»Im Namen des Gesetzes!« Mit einem Satz stand der Obergendarm vor ihm.
-
-Blitzgeschwind duckte sich Pittchen und schien an der, wie aus dem
-Erdboden aufgeschossnen Gestalt vorbeischlüpfen zu wollen. Vergebens!
-Schon hatte ihn ein zweiter fest am Kragen.
-
-»Peter Miffert, im Namen des Gesetzes!« wiederholte der Obergendarm
-noch einmal mit Würde.
-
-Einen Schrei stieß Pittchen aus, einen einzigen, kurzen Schrei, der
-durch die Nacht gellte, wie ein Trompetenstoß, über das schweigende
-Dorf hinfuhr, hin über die Wiesen und Äcker, und von der Bergwand
-widerhallte. Die Kniee knickten ihm ein, in schlotternder Haltung stand
-er auf seiner Schwelle.
-
-Aber jetzt raffte er sich schon wieder auf. Sein erblaßtes Gesicht
-rötete sich, mit Kraft entwand er sich der haltenden Faust, und, den
-Oberkailer zurückstoßend, schimpfte er:
-
-»Zackerloot noch ehs, wat soll dat haaßen?! Es dat en Manier, de Leit
-zo erschrecken! Ech haon gemaant, de Räuwer fielen öwer mech här. Wat
-wollt Ihr dann? Ha--o--uh« -- er zwang sich zu einem unterdrückten
-Gähnen -- »mir wollten justement schlaofe giehn; ons Josefche es eweil
-widder onpaß[54]. Ha--o--uh -- wat sein ech müd!«
-
-»Laßt die Fisematenten,« sagte streng der Obergendarm. »Voran, zeigt
-uns Eure Wohnung!«
-
-»Die es bal gezeigt -- haha!« Pittchen brach in ein kurzes,
-krampfhaftes Lachen aus. »En anzige Stuw, on neist mieh. Äwer Scherz
-bei Seit, Ihr Hähren, wat wollt Ihr eweil in meiner Stuw, dat Zeih es
-justement beim Ausduhn[55]!«
-
-»Schadt nischt,« sagte der Oberkailer. »Voran, marsch!«
-
-Peter zögerte, seine Blicke flogen nach allen Seiten.
-
-»Voran!« Der Gendarm hielt ihm den sechsläufigen Revolver unter die
-Nase. »Voran, im Namen des Gesetzes!«
-
-Ein verächtlicher Blick Peters traf diesen; dann machte er, mit der
-Energie der Verzweiflung sich bezwingend, eine einladende Handbewegung:
-»Angtré!«
-
-Miffert voran, traten sie alle in die Stube. Da war nicht viel zu
-sehen; ein elendes Licht beleuchtete die kahlen Wände. Aufgeschreckt
-vom Lärm draußen, stand die Zeih, halbentkleidet, im Zimmer und starrte
-mit aufgerissenen Augen die Eintretenden an.
-
-Schmitz, als letzter, fuhr ordentlich zurück -- Donnerwetter, was
-hatte die für ein paar Arme! Und was für einen Busen! Er genierte sich
-und konnte doch nicht wegsehen.
-
-»Jesses,« rief die Zeih, halb erschrocken, halb amüsiert. »Pittchen,
-biste gäck, wat führste de Hähren heihin?! Ech --.« Mit einer
-verschämten Gebärde raffte sie ihr Kleid vom Boden auf und warf dabei
-einen raschen Blick auf den Oberkailer.
-
-Der hatte jetzt kein Auge für sie, sondern hing nur an den Lippen des
-Vorgesetzten.
-
-Der Obergendarm verzog keine Miene. Mochten da alle Frauenzimmer der
-Welt im Hemde stehen; er hatte eisgraue Haare, was ging's ihn an?! Er
-sprach nur das eine Wort: »Haussuchung!« Und wie ein Spürhund stürzte
-sich der Oberkailer in alle Ecken.
-
-Er riß die Kleider von der Wand und schüttelte sie um und um, guckte
-in den Herd und stöberte die Asche auf, legte sich platt auf den Boden
-und bohrte seine Blicke in jeden Winkel, stürzte sich auf's Bett, riß
-es auseinander, wühlte in den Kissen und durchstocherte den Strohsack
-mit seinem Seitengewehr.
-
-Ein Hohnlächeln auf den, doch vor geheimer Angst verzerrten Lippen,
-sah Peter ihm zu. Er stand mitten im Zimmer, die Arme ließ er schlaff
-herunterhängen; den Oberkörper etwas vorgeneigt, mit aus dem Kopf
-gequollnen Augen, schien er eine Gelegenheit zum Entwischen zu erspähen.
-
-Aber vor die Thür hatte sich die vierschrötige Gestalt des Schmitz
-gepflanzt. Neben dem stand der Krumscheid; zitternd vor Aufregung
-schrie er Peter an: »Elf Dahler! Elf falsche Dahler! O dau Schubjack,
-dau Filu! Dech mössen se hänken, su hoch dän Mosenkoap es! Dau
-Bedröger, dau Befauteler, dau --«
-
-»Ruhe,« gebot der Obergendarm. »Krumscheid, keine Schimpfereien!« Er
-wandte sich an den Oberkailer: »Sie haften mir für den Miffert. Die
-zwei Herren da bewachen das Frauenzimmer. Ich will derweil emal selber
-dadrinnen Nachsuchung halten!« Er deutete auf die Kammerthür, die,
-durch einen alten Schrank halb verstellt, ganz im Schatten lag.
-
-Ein unartikulierter Laut rang sich von Pittchens Lippen.
-
-»Sagtet Ihr was?« fragte der Obergendarm, sich auf der Schwelle noch
-einmal umdrehend. »He, Miffert?!«
-
-Keine Antwort.
-
-Eine kleine Laterne, die er am Gürtel getragen und angezündet hatte,
-hochhaltend, verschwand er in Mifferts Werkstatt.
-
-Totenblaß, mit Augen, die unstät umherrollten, stand Peter wie
-angewurzelt. Er fühlte an seinem Halse den Griff des Oberkailers,
-aber schlimmer war der Griff jener eisigen Angst, die ihm das Herz
-zusammenpreßte, daß es den Schlag aussetzte. In seinem Kopf war ein
-wüstes Durcheinander, aus dem sich ihm nur der eine klare Gedanke
-hervordrängte: 'der durfte nichts finden, nichts!' In ohnmächtiger
-Wut knirschte er mit den Zähnen. Fand der da drinnen etwas -- fand er
-nichts?!
-
-Mit verzehrender Angst hing sein Blick an der Kammerthür.
-
-Kein Wort wurde gesprochen. Mit einem dumm-leeren Ausdruck wanderten
-Zeihs Augen von einem zum anderen; sie hatte keine Ahnung, was
-eigentlich vorging, und doch wagte sie keinen Laut. Die Arme über der,
-durch die hastig übergezogene Taille nur notdürftig bedeckten Brust
-verschränkt, die Zöpfe, aus denen der Pfeil schon herausgezogen war,
-lang über den Rücken hängend, hockte sie auf dem Schemel. Was wollten
-die Männer? Was hatte ihr Pittchen gethan?! In unbestimmter, kindischer
-Furcht fing sie an zu weinen.
-
-Fünf Minuten vergingen, zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine Ewigkeit.
-
-Man hörte den Obergendarm drinnen hin und her trappsen und polternd
-das Gerät um und um kehren. Für Minuten wurde es wieder ruhig. Und dann
-hörte man sein Klopfen an den Wänden, sein Füßescharren -- jetzt sein
-Fluchen, und jetzt -- dumpfe Schläge.
-
-Dann Stille.
-
-Schon atmete Pittchen auf, ein erlösender Seufzer wollte sich seiner
-angstgepreßten Brust entringen -- da -- die Thür knarrte. Der
-Obergendarm trat aus der Kammer, beschmutzt und bestaubt; aller Blicke
-hingen an ihm.
-
-Er trug etwas.
-
-Peter wurde leichenblaß, vor seine Augen legte sich ein Schleier.
-
-»Da,« sagte der Wittlicher kurz und ließ mit einem Plumps einen
-geöffneten, schmutzigen Leinenbeutel auf den Herdrand fallen; ein paar
-Thaler sprangen heraus und rollten mit bleiernem Geklapper über den
-Fußboden. »Unter'm Estrich verstochen. Aber doch gefunden!«
-
-»Hah!« Ein einziger Atemzug ging durch die Stube; kein Mensch wagte
-ein Wort. Sie standen alle wie angenagelt, die Hälse gereckt, mit
-aufgerissenen Augen.
-
-Schmitz fand zuerst die Sprache wieder. »Da hammer de Jeschicht!« Und
-sich aufreckend, schrie er: »Hab' ich et nit jesagt, hab' ich et nit
-jesagt? Wat nu?!«
-
-Ein Fauchen, wie das eines wilden Tieres, antwortete. Peter schien sich
-auf den Alten stürzen zu wollen, aber gleich darauf ließ er den Kopf
-auf die Brust sinken; ein zitterndes Stöhnen entrang sich seiner Kehle.
-
-»In flagranti erwischt,« sprach der Obergendarm weiter. »Werkzeuge,
-alle möglichen Dinger, ein Schmelztiegel, Blei, Zinn und so'n Zeugs,
-alles lag da unten bei den Thalern. Das richtige Hamsterloch hat sich
-der Kerl unter'm Estrich ausgegraben. Mehr brauchen wir wirklich nit --
-hier!« Er zog eine Gipsmatrize aus der Tasche und zeigte sie herum. Und
-dann verschloß er die Kammerthür. »Das bleibt alles stehen und liegen,
-Ortsvorstand!«
-
-Krumscheid grunzte ein: »Jaowoll!«
-
-»Sie passen auf, daß nix wegkömmt. Hier den Thalerbeutel nehmen wir
-gleich mit. Und nu allons!«
-
-»Miffert,« wandte er sich an Peter und legte ihm die Hand schwer auf
-die Schulter, »Sie sind überführt. Im Namen des Gesetzes verhafte ich
-Sie!«
-
-Peter rührte kein Glied.
-
-»Sagt Eurer Frau adjö! Voran! Wird en Meng Wasser die Mosel erunner
-laufen, bis ihr euch wieder zu sehn kriegt. So'n Falschmünzer!«
-
-»Hau,« sagte des Krumscheid Stimme von der Thür her, »hau, eweil kömmt
-hän in't Kittchen[56]!«
-
-Peter zuckte zusammen.
-
-'In't Kittchen' -- das hatte Zeih verstanden. Sie schrie hell auf:
-»Jeßmarijuseb, in't Kittchen?! Pittchen, wat haste dann pexiert?
-Pittchen! O die Schand! Wat werden se al saon?! Dat öwerläwen ech
-net. In't Kittchen -- Jesses! Josefche, Josefche!« Sie stürzte an
-die Wiege und riß das Kind heraus; es mischte sein durchdringendes
-Jammergeschreih mit dem ihren.
-
-»Dat arme Weib,« murmelte Schmitz und wischte sich den Schweiß ab.
-
-»On dat Josefche,« flüsterte Krumscheid, »su en deierlich Worm!«
-
-»Wat haot hän dann gedahn?« jammerte die Zeih und packte den
-Obergendarm vorn an der Uniform. »O, liewer Hähr, laoßen Se ein doch
-giehn! Hän es e su en gude Mahn, hän duht niemand neist Onüwels!« Sie
-warf sich nieder und umklammerte seine Kniee. »O liewer Hähr, sein Se
-doch als barmherzig, laoßen Se em doch hei! Wat sollen ech anfänken ohn
-dat Pittchen?! Hän es e su brav, e su ordentlich --«
-
-»Dat könnt Ihr ja alles vor Gericht aussagen!« Der Obergendarm machte
-sich ungeduldig von ihr los. »Ihr habt Euch ohnehin vom Verdacht der
-Beihilfe bei der Falschmünzerei zu reinigen. Ihr habt doch sicher drum
-gewußt! Das Gericht --«
-
-»Gerich -- wat? Ech vor't Gerich?!« Die Zeih fuhr auf, wie von einer
-Schlange gebissen. »Ech vor't Gerich -- Jesses, Jesses! Ech haon
-niemand neist Beeses gedahn! -- O hätten ech doch uf mein Vadder sälig
-gehört, on dän Pitter net gefreit, eweil säßen ech net e su in der
-Bredullich! Nä, nä, ech sein onschullig! Onschullig, dir Hähren, wie en
-schnieweiß Lamm!«
-
-»Dat is se, Herr Obergendarm,« rief Schmitz. »Ich bürge für die Lucia
-Miffert!«
-
-»Ich kann ihr auch nur das beste Zeugnis geben,« sagte etwas schüchtern
-der Oberkailer.
-
-»Huh, vor't Gerich, vor't Gerich! Ech sein onschullig,« kreischte Zeih
-ohne Unterlaß, ihre Zähne schlugen aufeinander, in sinnloser Angst
-klammerte sie sich an Herrn Schmitz. »Huh, vor't Gerich, vor't Gerich!«
-
-Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr Beschützer mußte ihr das Josefchen
-abnehmen, das hätte sie sonst fallen lassen.
-
-Der Obergendarm beruhigte sie: »Es geschieht Euch ja nichts, nur ruhig,
-Frau! Ihr braucht nur Euer Aussag' zu machen!«
-
-»Jao, dat will ech, dat will ech aach,« schrie sie heulend. »Hän haot
-mech bedrogen, dän Lomp! Bedrogen, Dag on Naacht -- fraot noren dat
-Tina on de annren Fraleider! Ech moßten hongren on derhäm sitzen, on
-eweil haot hän de Ärwschaft verjuchheht! On wann hän besoff waor,
-haot hän mech geschlaon. -- Kucktelhei!« Sie riß das Kleid von ihrem
-weißen Nacken und zeigte Striemen, die darüber hinliefen. »Duh haot hän
-mech geschlaon, derlätzt met der Haselgert. Ihr könnt et glauwen, dir
-Hähren, ech kann dat Läwen bal net mieh mantenören -- o ech onglöcklich
-Persohn, ech miserabel Framensch! Wän soll for ons sorgen, wann hän im
-Bulles[57] sitzt?!«
-
-»Ich!« sagte der Junggesell, trat heran, das Kind auf dem Arm, und
-schnäuzte sich krampfhaft.
-
-»O Hähr Schmitz!« Weinend haschte sie nach seiner Hand, die das rote
-Taschentuch hielt, und packte sie mit ihren beiden Händen. Immer näher
-neigte sie sich gegen ihn; sie standen dicht beieinander.
-
-Ein Schrei gellte.
-
-»Maach!«
-
-Schäumend, zitternd vor Wut, stand Pittchen plötzlich vor Schmitz. Wie
-ein Tiger war er gesprungen; die geballte Faust schlug er dem Alten auf
-den Kopf, daß dieser betäubt zurücktaumelte. »Ech schlaon Eich dud! Ech
-raoden Eich, laoßt Eier Fingren vom Zeih! Mein es se. Weg, weg, weg!«
-Er schlug wie ein Rasender um sich, vergebens suchten ihn die Gendarmen
-zu bändigen. »On wann dir mech einsperrt im tiefsten Bulles, Wochen on
-Monat on Jaohr -- on wann dir mech köppt -- on wann dir mech ufhänkt --
-ech kommen widder!«
-
-Wie ein Schwur klang es, der Krumscheid zitterte vor Grausen; leise
-stahl er sich zur Thür hinaus.
-
-»Onnerstieh dech!« Peter packte die Zeih und riß sie hin und her,
-daß sie auf die Kniee fiel. »Ech kommen widder, haste't gehört?« Mit
-furchtbarer Drohung brüllte er sie an: »Dau bis mein!«
-
-Und dann schmolz plötzlich seine Wut, jäh wie sie gekommen, auch jäh
-dahin. In heiserem Schluchzen zusammenbrechend, ließ er sich willig
-vom Oberkailer die Handschellen anlegen. »Zeih, Zeih,« schluchzte er,
-»vergeß mech net!«
-
-»Ech vergessen dech net, nie, nie!« Ebenfalls schluchzend hing sie an
-seinem Halse; sie umklammerten sich beide, als könnten sie sich nicht
-lassen.
-
-»Ech vergessen dech net, e su waohr ech läwen, Pittche, mei Pittche!«
-
-Herzzerreißend klang ihrer beider Schluchzen, und das Josefchen
-wimmerte dazu in schrecklichen Schmerzenstönen. -- -- -- -- -- -- -- --
--- -- -- -- --
-
-Als sie die Hütte verließen, wankte Peter wie ein Betrunkener, er
-lahmte so stark, wie nie zuvor. Die Hände hatten sie ihm auf dem Rücken
-zusammengeschlossen; neben ihm schritt der Wittlicher, hinter ihm der
-Oberkailer.
-
-Herr Schmitz war bei der Zeih zurückgeblieben, die brauchte Beistand.
-Sie lag, ganz zusammengefallen, in einer Ecke und schlug wie eine
-Rasende die Stirn gegen die Mauer. »Pittche, mei Pittche!« Dem alten
-Junggesellen kamen selber die Thränen, er hob sie auf, suchte sie zu
-beruhigen und erschöpfte sich in Trostreden.
-
-»Jao, ech glauwen et sälwer,« schluchzte sie an seiner Brust, »ech moß
-mech eweil verdrösten. Dän Pittchen« -- sie hob den Kopf und strich
-sich resolut die Haare aus der Stirn -- »Hähr Schmitz, ech sein sicher,
-dat dän net widder kömmt. Dän hänken se uf!« --
-
-* * *
-
-Vorsichtig tappten die Gendarmen mit ihrem Arrestanten den Heckenweg
-hinunter; zur Sicherheit hielt ihn der Oberkailer hinten am Rock.
-
-Noch war es dunkel, aber keine so tiefe Finsternis mehr, wie vorher;
-der Mond hatte sich hinter einer schweren Wolkenwand vorgestohlen und
-kämpfte jetzt mit zerrissenem Gewittergewölk. Über den fernen Bergen
-wetterleuchtete es.
-
-Blitzähnlich erhellten ab und zu scheue Mondstrahlen den Pfad; von
-den nächsten Hütten fiel auch Lichtschein herüber. Das unsichre Gehen
-hatte bald ein Ende, schon schimmerte heller die breite Straße -- da --
-Gemurmel! Ein dunkler Trupp nahte sich und verstopfte den Ausgang der
-Heckengasse.
-
-Die Weiber!
-
-Zu einer Kolonne geschlossen, harrten sie in trotzigem Schweigen.
-Im huschenden Schein des Mondlichts sah man ihre herausfordernden
-Gesichter und ihre funkelnden Augen.
-
-Keine von ihnen rührte sich, als die Gendarmen nahten; sie hielten den
-Weg besetzt.
-
-»Platz,« sagte der Obergendarm und stieß die nächste mit dem Ellbogen
-an.
-
-Es war Tina. »Oho,« sagte sie und drängte sich, statt zu weichen, näher
-an ihn heran. »Waorum schubst Ihr mech?! Hei haot jeden dat gleiche
-Rächt!«
-
-»Platz für die Obrigkeit,« wiederholte schneidig der Oberkailer und
-warf sich in die Brust.
-
-Ein allgemeines, schallendes Gelächter antwortete ihm.
-
-»O dau Lappes,« schrie eine Stimme aus dem Hintergrund, »gieh nor
-on laoß der dein Rotznaos wischen. Mir peifen uf dein 'Platz for de
-Obrigkeit'!«
-
-»Platz, Platz!« Sie äfften ihm alle nach.
-
-»Seid ihr doll?« rief der Obergendarm. »Verrückte Fraumenscher macht
-Platz! Wenn ihr nicht auf der Stelle geht, laß ich euch sammt und
-sonders einsperren -- hört ihr, einsperren!«
-
-»Können! Erscht können! Haha!« Tina lachte gellend. »Et wär' noch
-gaor e su unöwel net, met dem Pittchen zosammen im Bulles. Äwer, gäwt
-Obaacht!« Ihre zehn Finger wirbelten plötzlich dem alten Mann vor'm
-Gesicht, ihre Stimme klang drohend: »Laoßt hän los!«
-
-»Jao, laoßt hän los!« kreischte der Weiberchor.
-
-»Heihin!« Tina packte Pittchen am Ärmel und zog ihn zu sich herüber.
-»Ihr, laoßt hän! Wat wollt ihr vom Pittchen? Hän haot neist gedahn!«
-
-»Das wird sich finden!« Wütend stieß der Obergendarm Miffert in den
-Rücken. »Voran!«
-
-Ein ohrenbetäubendes Gekreisch der Weiber erhob sich, in drohender
-Haltung rückten sie näher und näher.
-
-Die Gendarmen waren vollständig umzingelt. Dem Oberkailer brach der
-Angstschweiß aus -- immer neue Weiber rückten heran, aus den Häusern
-kamen sie gelaufen, mit Schimpfen und Lachen, und verstärkten den
-Trupp. Und rückwärts knackten und raschelten die Hecken, ungestüm brach
-eine Bande halbwüchsiger Mädchen durch, Bill voran, und verstellten
-auch #den# Ausweg.
-
-Mit der Linken packte der Obergendarm seinen Gefangnen fester;
-er hätte das nicht nötig gehabt, Peter machte keine Anstalten,
-zu entfliehen, mit niedergeschlagenen Augen stand er, bebend wie
-Espenlaub. Mit der Rechten zog der Alte das Seitengewehr, die blanke
-Waffe glitzerte im Mondlicht.
-
-»Platz!« schrie er, »oder --!« Vielsagend fuchtelte er durch die Luft.
-
-Der Oberkailer hielt den Revolver vor.
-
-Die vorderen wichen zurück, die hinteren drängten vor. »Gäwt dat
-Pittchen eraus, ons Pittchen! Hoho -- ho --!«
-
-Das war ein furchtbares Lärmen. Drohend erhobne Arme reckten sich wild
-durcheinander. »Ons Pittchen! Pittchen!«
-
-»Ruhig, Weibsbilder!« brüllte der Wittlicher, Pittchen mit sich
-reißend; die blanke Waffe vorgestreckt, erzwang er sich einen Durchgang.
-
-Kreischend wichen die Weiber zu beiden Seiten auseinander, aber
-gleich darauf schlossen sie sich wieder eng zusammen; der etwas
-zurückgebliebene Oberkailer wurde hart umdrängt. Es regnete Püffe und
-Stöße; da war manch eine, die ihm heimlich grollte, daß er kein Auge
-für sie gehabt.
-
-Er hielt den Revolver ausgestreckt und wagte doch nicht zu schießen.
-Sich wie ein Kreisel drehend, um sich nach allen Seiten zu decken,
-schrie er: »Ich schieße -- ich schieße! Platz!«
-
-»Laoßt dän Lappes laufen,« rief verächtlich die blonde Leis, deren
-Zöpfe halb gelöst flogen.
-
-Noch ein Tritt gegen die Kehrseite -- nun stolperte der Oberkailer aus
-dem Kreis und stürmte in mächtigen Sätzen seinem Vorgesetzten nach.
-
-Alle Weiber hinterdrein.
-
-Auf der stillen Straße, gen Himmerod hin, fegte die wilde Jagd. Das
-war ein Getrappel, ein Gekreisch, ein Johlen und grelles Schreien,
-ein Huschen flüchtiger Gestalten. Das quirlte durcheinander, wogte,
-hüpfte und sprang. An der weißen Kirchhofsmauer zeigten sich, in's
-Ungeheuerliche verzerrt, flatternde Schatten; unheimlich gespenstisch
-tauchten sie auf und nieder, wischten vorbei und verschwanden.
-
-Und hinter der bleichen Wand ragte das Kreuz aus dem Dunkel des
-Friedhofes; wie ein Wahrzeichen stieg es empor und schien endlos bis in
-den Himmel zu wachsen.
-
-Peter wagte einen scheuen Blick dorthin; einen noch scheueren warf er
-hinter sich auf die nachdrängenden Weiber; sein Fuß zögerte. Sollte er
-sich wenden, jene zu Hilfe rufen?!
-
-Ihn schauderte.
-
-»Voran, voran!« trieb der Obergendarm.
-
-Und Pittchen trottete wieder weiter.
-
-Die Jagd wurde langsamer, jetzt fehlte es ihnen allen an Atem.
-
-Schnaufend trabte der Oberkailer an des Gefangnen andrer Seite; rechts
-und links hielten ihn beide Gendarmen gepackt, ab und zu wandten sie
-sich um und streckten den in geringer Entfernung Folgenden die Waffen
-entgegen.
-
-Das laute Geschrei war verstummt, es hatte einem dumpfen Murren
-Platz gemacht. Gleich einer bösen Bestie schlich die Weiberkolonne
-hinterdrein; sie knurrte und lauerte und drohte in unheimlicher Tücke.
-
-Näher und näher kam man dem Thalende, hoch und finster hoben sich die
-Ruinen von Himmerod, dahinter schwarz ragende Bäume des unendlichen
-Waldes.
-
-Voll Besorgnis sahen die Männer darauf hin; schon gellten wieder einige
-Schreie.
-
-»Laoßt hän los! Pittchen, ons Pittchen!«
-
-Ein Stein wurde geschleudert -- noch einer -- eine dreiste Stimme
-schimpfte. Das Murren, das bis dahin ein halb unterdrücktes gewesen,
-erhob sich lauter, kecker. Es schwoll an, wuchs und wuchs, wurde stark
-und stärker, drohender und drohender, grollend wie Ungewitter. Fester
-packten die Männer ihre Waffen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
---
-
-Da -- ein Schrei!
-
-Die Weiber stutzten.
-
-Ein Ruf, der das Thal durchhallte von einem Ende zum anderen!
-
-Wie versteinert standen sie alle.
-
-Noch einmal der Ruf -- ein Ruf aus kräftiger Männerkehle:
-
-»Hallo--o--oh.«
-
-Das Echo war erwacht, jubelnd gab es den Ruf zurück:
-
-»Hallo--o--oh!«
-
-Und durch die Nacht flammte es auf, dort auf der Höhe von
-Schwarzenborn. Erst wie ein Stern, dann rasch größer werdend, weithin
-leuchtend, immer heller und heller, gelb und rot -- eine Sonne, eine
-Riesenflamme, ein Freudenfeuer.
-
-Der einsame Busch auf dem kahlen Scheitel zeigte sich deutlich; wie bei
-Sonnenaufgang umlohte ihn Glanz und Glut. Aber jetzt brannte er selber.
-Seine vertrockneten Äste hüllten sich blitzschnell in sprühendes
-Geprassel, gierig züngelnd loderte es auf in feurigem Entzücken.
-
-Eine Freudenfackel streckte sich empor zum nächtlichen Himmel.
-
-»Se sein dao!«
-
-Wie aus einem Mund kam's, nur ein einziger Schrei.
-
-Das waren nicht der Weiber viele mehr, das war nur ein Weib noch --
-#das# Weib! Jählings wandte es sich, alles vergessend, und stürzte in
-rasendem Lauf dem Mann entgegen.
-
-
-
-
-Verlag von #Egon Fleischel# & Co., Berlin W 35
-
-Das schlafende Heer
-
-#Roman# von #C. Viebig#,
-
-Preis: geheftet M. 6.--; gebunden M. 7.50
-
-
-Aus den Besprechungen:
-
-=Pfarrer Naumann= schreibt in der =»Hilfe«=: Dieser Roman ist in
-jeder Richtung eine große Leistung. Er ist zunächst ein Beitrag zur
-Frauenfrage, denn er ist eine Frauenarbeit, die jedem Manne Hochachtung
-abzwingt, er ist ein Dichterwerk, denn alles in ihm ist unmittelbar
-lebendig von einer bewundernswert sicheren Einbildungskraft geschaut,
-er ist gleichzeitig ein politisches Lehrbuch, denn er zeigt die
-Polenfrage in ihrer ganzen Wucht und Verworrenheit, besser als eine
-historisch-politische Untersuchung sie darstellen könnte. Es will
-uns scheinen, daß nichts, was Clara Viebig bis jetzt geschaffen hat,
-so voll, so rund, so einheitlich ist als diese Geschichte, die sich
-zwischen drei Rittergütern, einem polnischen Dorf, einer Kleinstadt
-und einer Kolonie der Ansiedelungs-Kommission irgendwo bei Lissa oder
-sonst hinter Posen abspielt. Es ist fabelhaft, daß die Dichterin der
-Eifelgeschichten und der Wacht am Rhein das polnische Leben so in sich
-hineingenommen hat, daß man seine Wiedergabe ohne weiteres als einfach
-wahr empfindet. Der Titel des Buches hängt ein wenig äußerlich an der
-Geschichte, aber das schadet nicht viel. Es ist der Traum eines alten
-polnischen Schäfers, daß unter dem Berge polnische Gewappnete ihrer
-Wiederkunft warten, bis einmal das Volk selbst bereit ist, in seinen
-Befreiungskampf einzutreten. Diese Gewappneten sind das schlafende
-Heer, gleichsam die Vertreter aller der gespensterhaften Gedanken, die
-über die Köpfe der verlorenen Nation hinfahren. Wir sehen als Glieder
-des wachenden Heeres den Geistlichen, der alle Fäden in seiner Hand
-hat, den Rittergutsbesitzer, der sich in den Reichstag wählen läßt,
-den armen kopflosen, verängstigten Schullehrer, den schon erwähnten
-Schäfer, die Bettelfrau und vor allem die gnädige Frau und ihre
-Jungfer, die den deutschen Männern die Köpfe verdreht, und daneben ein
-polnisches Mädchen voll Geduld und Treue. Auf deutscher Seite haben
-wir den Edelmann, der sich als deutschen Vorposten fühlt und sich und
-andere durch mangelndes Gefühl für die wirkliche Lage elend macht,
-seine tapfere, feine Frau, einen alten deutschen Inspektor und eine
-Kolonistenfamilie vom Rhein, die es unter mancherlei Leid drei Jahre
-im baum- und berglosen Osten aushält. Die eigentlichen Verderber sind
-die polnisch gewordenen Deutschen, ein Förster und ein Inspektor.
-Nicht erhaben, aber auch kein Unhold ist der jüdische Krämer, dessen
-Karren durch alles dieses Getriebe hin und her fährt. Aber was nützt
-es, die Personen aufzuzählen? Damit ist ja doch weder die Stimmung
-noch der Verlauf gekennzeichnet. Die Stimmung ist leidenschaftslose
-Naturmalerei menschlicher Vorgänge. Man kann nicht sagen, daß die
-Dichterin irgendwo selbst hervortrete, am ersten noch in der Gattin
-des deutschen Gutsherrn. In gewisser Art erinnert ihre Art der
-Darstellung an den »Büttnerbauer« oder den »Grabenhäger« von Polenz,
-aber ihre Kunst ist darin größer, daß sie die Einheitlichkeit eines
-Vorganges herzustellen weiß, ohne sich an Einzelpersonen zu binden.
-Der Gegenstand, über den sie schreibt, ist der bewußte und unbewußte
-Kampf zwischen Polentum und Deutschtum, gerade auch den unbewußten,
-instinktmäßigen Kampf beschreibt sie gut. Und das Ergebnis ist die
-Niederlage der Deutschen. Zwar wird uns im Schluß eine neue Generation
-deutscher Kämpfer verheißen, die den Polen verstehen und zu nehmen
-wissen, aber für jetzt schließt die Geschichte mit deutschem Tod und
-Rückzug. Vergeblich, vergeblich! Und niemand sieht, wie es anders
-werden soll, denn die Kräfte, die hier siegen, werden ja bis zur
-nächsten deutschen Generation nicht schwächer. Clara Viebig zieht keine
-politische Lehre aus ihrer Dichtung; es gehört nicht zum Schauen,
-Vorschläge und Anträge zu bringen. Der Leser aber nimmt ihr Buch in die
-Hand und denkt an Bismarcks Polenreden, an Caprivi, Hansemann, Delbrück
-und vieles andere. Was nützt aber alles Politisieren gegenüber dieser
-Kirche und diesem Gefühlsleben? Kann man die Polen zu preußischen
-Staatsbürgern machen? Was soll ihnen versprochen werden, welche
-Phantasie, welches politische Schaustück? Ich weiß es nicht. Die erste
-Wirkung der Lektüre ist die Vergrößerung der politischen Ratlosigkeit
-gegenüber der Polenfrage. Aber auch das ist etwas Gutes, wenn es dazu
-hilft, schnellfertige Programme zu überwinden, wie Germanisierung durch
-deutschen Unterricht oder Einheit aller Deutschen im Osten. Unter
-allen Umständen gebührt der Schriftstellerin, die die Dokumente zur
-Beurteilung der Polenfrage vermehrt hat, der Dank auch der politischen
-Leute.
-
-
-Auszüge aus Besprechungen.
-
- =»Neue Freie Presse«, Wien=: Das starke und
- ausgeprägte nationale Bewußtsein der Dichterin
- trübt nicht die Klarheit ihres Urteils über die
- Germanisierungspolitik der Reichsregierung in
- Preußisch-Polen und benimmt ihr nicht das schöne,
- edle Verständnis für die träumerische Sehnsucht
- eines besiegten Volkes... #Sie ist in ihrem
- jüngsten Werke über sich selbst hinausgewachsen
- und hat sich in die erste Reihe deutscher
- Sittenschilderer geschoben.#
-
- =Robert Jaffé= in der =»Neuen Hamburger Zeitung«=:
- Zu der erstaunlichen Schärfe der Charakteristik und
- der Stimmungskraft kommt noch ein goldener Dämmer
- hinzu, der über den Landschaften und Menschen
- dieses Buches liegt. Etwas von der Lieblichkeit und
- Reife, welche die Lektüre eines Fontaneschen Romans
- für manche geradezu zu einem glückseligen Ereignis
- macht, haftet auch an den Romanen von Clara
- Viebig, und #es findet sich unter den deutschen
- Romandichtern der Gegenwart wohl kaum einer, der
- mit dieser ungewöhnlichen Kraft der Darstellung
- noch so viel Anmut und Schönheit verbände#.
-
- =Paul Raché= im =»Hamburger Fremdenblatt«=: Es ist
- ein Kunstwerk in der einfachen Kraft der Sprache,
- in der Anschaulichkeit der Darstellung, in der
- wunderbaren Klarheit des Schauens von Personen,
- Verhältnissen, Gegenständen. Und es ist das Werk
- einer Dichterin.
-
- =»Hamburgischer Correspondent«=: Wir können den
- Roman als ein bedeutsames Kunstwerk, zugleich aber
- als packende Darstellung eines der wichtigsten
- Gebiete deutscher Kulturarbeit zu Anfang des
- 20. Jahrhunderts unsern Lesern aufs lebhafteste
- empfehlen.
-
- =»Kölnische Volkszeitung«=: Alle die
- Gestalten erstehen in Fleisch und Bein vor dem
- Leser. Von bedeutender Wirkung sind auch die
- Naturschilderungen, und in der Darstellung
- einzelner Szenen von dramatischer Kraft und
- stimmungsvoller Weichheit bekundet die Verfasserin
- ihre gewohnte Meisterschaft. Alles in allem ein
- bedeutsames Werk.
-
- =»Prager Tageblatt«=: Wenn wir das Buch zuschlagen,
- stehen wir -- fern von jedem national-politischen
- Raisonnement -- ganz und gar im Bann einer rein
- menschlichen Erschütterung, die wir über die
- Schicksale der fesselnden, uns lieb gewordenen
- Gestalten des Romans empfinden. Und Clara Viebig
- hat in der Tat Menschen vor uns hingezaubert, die
- wir nie mehr vergessen können.
-
- =»Leipziger Neueste Nachrichten«=: Clara Viebig
- hat sicherlich nicht die Absicht gehabt, einen
- Beitrag zur Lösung des deutschen Ostmarken-Problems
- zu geben, aber sie hat uns das Land und die
- Menschen dort mit packender Energie vor Augen
- geführt. Man sieht das wirklich vor sich, den
- Lysa Góra, das Treiben auf den Feldern, die
- Hütten der Komorniks, die Herrenhäuser mit ihren
- Höfen, Treppen und Salons, die Dinergesellschaft
- auf Chawilorczyce, das Volksleben an Mariä
- Verkündigung und hunderterlei sonst. Eine feine
- und feinste Beobachtungsgabe geht Hand in Hand
- mit einem treffsicheren, prägnanten und sachlich
- erschöpfenden Stil.
-
- =Ferdinand Svendsen= in der =»Nation«=: #Ein
- echter Epenstoff: der Kampf der in die Provinz
- Posen eindringenden deutschen Landbebauer mit
- den ihren Grund und Boden und ihre Nationalität
- gleichzeitig verteidigenden Polen. Es ist etwas
- ungemein Kraftvolles in ihrer Darstellung. Ihre
- Romangestalten sind Menschen von Fleisch und Blut,
- und was sie uns schildert, ist wert, geschildert zu
- werden.#
-
- =Ernst Kreowski= im =»Vorwärts«=: #Der Roman
- besitzt unbestreitbare Vorzüge. Alles ist
- mit realistischer Kraft gestaltet und voll
- dichterischer, wenn auch schwer atmender Stimmung.
- So etwas wie Erdgeruch entströmt dem Ganzen.
- Desgleichen entspricht es nur der »poetischen
- Gerechtigkeit«, wenn Clara Viebig ihr Werk mit der
- zuversichtlichen Hoffnung auf das Erwachen einer
- neuen Aera des Deutschtums, welche die Sünden der
- Väter wieder gut zu machen, dem Land und dem Volke
- Glück und Frieden zurückzugeben berufen sein werde,
- frohgemut beendigt.#
-
- =Fritz Engel= im =»Berliner Tageblatt«=: Kein
- Tendenzroman! Die deutsche Feder wollte dem
- deutschen Pfluge zu Hilfe kommen. Aber an Ort und
- Stelle -- und das macht der Dichterin in ihr alle
- Ehre -- wurde nur noch ihre künstlerische Teilnahme
- rege. Nicht mehr die Parteien, nur noch die
- Menschen interessierten sie. Sie sah und lauschte.
- Daraus gestaltete sich dann wie von selbst das
- weitumfassende Gemälde, das seine Lichter und seine
- Schatten nicht mehr von der Willkür nationalen
- Eifers erhält.
-
- =»Die Zeit«, Wien=: Es ist vorauszusehen, daß
- dieser neue Roman eine erregte Debatte in deutschen
- und polnischen Blättern entfesseln wird. Um seinen
- künstlerischen Wert wird man erst in zweiter Reihe
- fragen. Und doch muß auch von diesem die Rede
- sein. Es ist ein Kulturbild voll jener warmen,
- pulsierenden Lebendigkeit und frischen Farbe, die
- alle Bücher der Viebig auszeichnen. Und ein feiner
- Schimmer jener Sentimentalität liegt oft auf diesen
- Blättern, wie er in Clara Viebigs »Wacht am Rhein«
- am hellsten war.
-
- =K. v. Perfall= in der =»Kölnischen Zeitung«=: In
- diesen Volksfiguren bietet sie wieder ein ganz
- hervorragend Lebendiges und zeigt sich als eine
- Menschengestalterin ersten Ranges, die frisch
- und unbefangen ins Leben hineingreift.... Wir
- möchten behaupten, »Das schlafende Heer« sei
- das bedeutendste Werk, das Clara Viebig bisher
- geschaffen hat. Es bringt ein bedeutungsvolleres
- Kulturbild, als »Das Weiberdorf« und »Das tägliche
- Brot« oder der »Müllerhannes« es waren, und der
- künstlerische Aufbau ist reiner, fester gefügt als
- in der »Wacht am Rhein«.
-
- _»=The Academy and Literature« (London)=: Clara
- Viebig's work bears many of the characteristics
- of that of George Eliot, Thomas Hardy and George
- Moore. She sees into the human heart, and describe
- what she sees with an ease and sureness that lend
- her books a charm not always to be found in novels
- that from the choice of their subject contain
- events spreading over a long space of years and
- deal with a wide field of locality._
-
- =J. Norden= in der =»Magdeburgischen Zeitung«=:
- So ist es kein politischer Tendenzroman geworden,
- obschon politische Verhältnisse und persönliche
- Schicksale der jüngsten Vergangenheit unserer
- Ostmark hineinspielen. Es ist gut, daß im
- Vordergrund die Kunst steht, die einen packenden
- und ergreifenden Kulturroman zu erschaffen
- vermochte.
-
- =Arthur Eloesser= in der =»Vossischen Zeitung«,
- Berlin=: #Clara Viebigs Buch ist gut deutsch, aber
- es schmettert keine chauvinistische Fanfare so
- wenig, wie es entmutigt zum Rückzug bläst, es ist
- ein Buch der Sorge, und in diesem Gefühl wird es
- die meisten einigen, die nicht nur die Erhaltung
- der politischen Herrschaft, sondern auch die
- Existenz unserer deutschen Kultur an der Grenze des
- Slaventums gesichert wissen wollen.#
-
- =A. Traeger= im =»Berl. Börsen-Courier«=:
- Ueberreich schier ist des Buches Inhalt, und mit
- staunender Bewunderung erfüllt uns aufs Neue die
- überwältigende Treue und Kraft der Schilderung,
- diese Belebung des Leblosen, überall nimmt die
- Dekoration mitwirkend teil an der Aktion, gehören
- Land und Leute unlösbar zusammen. #Clara Viebig#
- sieht mit dem Verstand und schreibt mit dem Herzen,
- das voll tiefen Gefühls und unerschrockenen Mutes.
-
- =Harry Maync= in der =»Deutschen
- Litteraturzeitung«=: Ueber alle herbe Wahrheit ist
- leicht der Schleier der Dichtung geworfen. Bezogen
- auf die großen kulturgeschichtlichen Zusammenhänge
- kommt überall das Menschliche rein zur Entfaltung.
- Wohl heben sich dramatische Gruppenszenen packend
- aus der Breite des langsamen, ereignislosen
- Dahinlebens heraus, aber im allgemeinen sind
- die Mittel dieser Darstellung ganz schlicht und
- einfach. Ohne Beredsamkeit und Schwung, aber mit
- sicherem Realismus und runder Schilderung sagt uns
- #Clara Viebig#, was sie uns zu sagen hat, und das
- ist nicht wenig.
-
-
-FUSSNOTEN:
-
-[1] eigensinnig.
-
-[2] Kopf über, Kopf unter.
-
-[3] in die Pfütze werfen.
-
-[4] Hochzeit.
-
-[5] möglich.
-
-[6] ertragen.
-
-[7] erbärmlich.
-
-[8] Hungerpfoten kauen.
-
-[9] arbeiten.
-
-[10] glaubt.
-
-[11] Geschmack.
-
-[12] Brombeeren.
-
-[13] nach seinem Geschmack.
-
-[14] Zogott: statt »Prost« gebraucht.
-
-[15] Duckmäuser.
-
-[16] stattlich.
-
-[17] leichtfertig.
-
-[18] Blau.
-
-[19] verderben.
-
-[20] Kattun.
-
-[21] changiert.
-
-[22] ungeschoren.
-
-[23] keinen guten Tag.
-
-[24] gespuckt.
-
-[25] sogleich.
-
-[26] Zwetsche.
-
-[27] Bürste.
-
-[28] strawätzen: weglaufen, herumstreichen.
-
-[29] gezogen.
-
-[30] Zweieinhalb Silbergroschen.
-
-[31] Betrüger.
-
-[32] ohnmächtig geworden.
-
-[33] geizige.
-
-[34] Verlegenheit.
-
-[35] Heiligenhäuschen.
-
-[36] sterben.
-
-[37] seit.
-
-[38] Schublädchen.
-
-[39] Wiege.
-
-[40] gesund.
-
-[41] Däuen: drücken, stemmen.
-
-[42] ziehen.
-
-[43] Betschwester.
-
-[44] Schmerzen, Kummer.
-
-[45] heftig, böse.
-
-[46] quälen, peinigen.
-
-[47] steckst du.
-
-[48] Kosenamen für Lerche.
-
-[49] Käferdose (alte Kölner Weinkneipe).
-
-[50] launenhaft.
-
-[51] Wüterich.
-
-[52] fährt.
-
-[53] Bonbons.
-
-[54] krank.
-
-[55] Ausziehn.
-
-[56] Gefängnis.
-
-[57] Gefängnis.
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn
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- verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden
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-
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-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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-Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Das Weiberdorf, by Clara Viebig
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Das Weiberdorf
-
-Author: Clara Viebig
-
-Illustrator: Max Liebermann
-
-Release Date: September 16, 2017 [EBook #55565]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WEIBERDORF ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Norbert Müller, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<h1>Das Weiberdorf</h1>
-
-
-<p class="spaced">Einundzwanzigste Auflage</p>
-
-
-
-<blockquote>
-
-<p>Von <span class="bigger">C. Viebig</span> sind folgende Werke im Verlage von
-<span class="bigger"><em class="gesperrt">Egon Fleischel &amp; Co. / Berlin W</em></span> / erschienen:</p>
-
-<p><span class="bigger">Romane</span>: Rheinlandstöchter / Dilettanten des
-Lebens / Es lebe die Kunst / Das tägliche Brot / Das
-Weiberdorf / Die Wacht am Rhein / Vom Müller-Hannes
-/ Das schlafende Heer / Einer Mutter
-Sohn / <span class="bigger">Novellen</span>: Kinder der Eifel / Vor Tau und
-Tag / Die Rosenkranzjungfer / Naturgewalten /
-<span class="bigger">Theater</span>: Barbara Holzer. <span class="smaller">Schauspiel</span> / Pharisäer.
-<span class="smaller">Komödie</span> / Der Kampf um den Mann. <span class="smaller">Dramenzyklus</span>.</p></blockquote>
-
-<p class="title">
-Das Weiberdorf
-</p>
-<p class="center">
-Roman aus der Eifel
-</p>
-<p class="center light-spaced">
-von
-</p>
-<p class="author">
-C. Viebig
-</p>
-<p class="center light-spaced">
-Mit Umschlagzeichnung von
-</p>
-<p class="center gesperrt light-spaced">
-Professor Max Liebermann
-</p>
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/title_logo.png" width="100" height="114" alt="" />
-</div>
-<p class="center">
-Egon Fleischel &amp; Co.
-</p>
-<p class="center">
-Berlin
-</p>
-<p class="center">
-1907
-</p>
-
-<hr class="r20-above" />
-<p class="center">
-Alle Rechte<br />
-vorbehalten
-</p>
-<hr class="r20-below" />
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="I" id="I">I.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Trapp, trapp &mdash; hart klingen die Schritte auf
-der steinigen Landstraße. Männer, ein ganzer Trupp!
-Und nun noch ein Trupp und etwas weiter zurück
-kommt noch ein dritter. Männer mit Schweiß auf den
-Stirnen, mit Staub auf den Stiefeln, mit der ganzen
-Glut des frühen Sommers und des hastigen Wanderns
-auf den geröteten Gesichtern. Jeder trägt sein Bündel
-am Stecken über der Schulter, paarweise schleppen sie
-auch ein Köfferchen; alle haben sie die Taschen der
-städtischen Sonntagsröcke vollgestopft zum Platzen.</p>
-
-<p>Nun halten sie an auf der Höhe von Schwarzenborn
-und verschnaufen.</p>
-
-<p>Da unten liegt das Salmthal, schmal und grün
-und lieblich. Die klare Salm schlängelt sich als Silberband;
-dort, an der letzten Krümmung, ragen die Ruinen
-von Kloster Himmerod, schon verschleiert vom Abendduft,
-und da, dicht zu Füßen, scheinbar mit einem
-Steinwurf zu erreichen, Eifelschmitt! Daheim, daheim!</p>
-
-<p>Ein froher Schein glitt über die heißen Gesichter,
-ein tiefer Atemzug hob jedem der Wanderer die Brust
-unter dem zerknüllten Hemd. Da wurden rasch die
-Hüte vom Kopf gerissen und geschwenkt. &bdquo;Hurrah!
-Helao! Derhäm!&ldquo;</p>
-
-<p>Der jüngsten einer, der schlanke Kerl mit dem
-Feldblumensträußchen am Strohhut, fing ein Lied an;
-er schmetterte aus Leibeskräften, sein starker, etwas
-kratziger Tenor zitterte in mächtigen Schallwellen über
-die Bergrücken. Unten im Thal erwachte ein Echo. Das
-machte ihm Vergnügen; er hielt den einen Ton an,
-gleich stark, endlos, die Bänder am Halse schwollen
-ihm, sein Gesicht wurde blaurot, die Augen quollen ihm
-vor &mdash; immer noch!</p>
-
-<p>Die anderen bewunderten ihn: &bdquo;Dän kann et!&ldquo;</p>
-
-<p>Immer noch &mdash; da knacks, der Ton brach ab! In
-gekränkter Eitelkeit versuchte der Bursche noch einmal,
-aber die Stimme gehorchte nicht mehr.</p>
-
-<p>&bdquo;En Krümmel in der Tröt, saon se lao unnen
-zu Cöllen. Haha, en Krümmel in der Tröt.&ldquo; Die
-Männer lachten.</p>
-
-<p>Der Sänger wurde zornesrot und räusperte sich
-gewaltsam.</p>
-
-<p>&bdquo;Looß sin,&ldquo; sagte begütigend einer der älteren und
-klatschte ihn freundschaftlich auf die Schulter. &bdquo;Hal
-dei Maul, Jong! Sei net e su bubsterzig<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, de Stimm
-kann mer net kommandieren, se es ken Maschien on ken
-Framensch.&ldquo; Und dann augenzwinkernd. &bdquo;Wat maanste,
-Lorenz, ob Lenzen Bäbb heit awend besser pariert?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dat Bäbbchen?!&ldquo; Lorenz zeigte, schnell getröstet,
-die tadellosen Zahnreihen. &bdquo;Et gitt gäckig vor Freid.
-Se maanen all, mir kommen erscht morjen.&ldquo; Er patschte
-sich auf die Lenden. &bdquo;Helao, dat gitt ebbes! Seit
-Weihnachten en halw Jaohr ohne Schatz gesäß! Dat
-es net pläsierlich.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä, dat es et aach net!&ldquo; Eine gewisse Rührung
-bemächtigte sich ihrer sämtlich; ein jeder dachte an die,
-die an seiner Brust liegen würde. Die Ehemänner
-dachten an ihre Frauen, die Ledigen an die Mädchen,
-die sie beim letzten Besuch zu Weihnachten am heißesten
-geküßt, heiß geküßt im kalten Schnee. Und jetzt war
-Sommer &mdash; die hatten lange fasten müssen!</p>
-
-<p>&bdquo;Dat gitt en Freid!&ldquo; Man warf sich in die Brust,
-man brachte ja das Glück. Schnell noch einen Blick
-hinunter in&rsquo;s dämmernde Thal. Da warteten die
-Hütten im milden Abendlicht, leichter Rauch kräuselte
-sich vom heimischen Herd. Da träumten die Wiesen,
-und die Büsche am Waldsaum lockten mit verschwiegenem
-Dunkel.</p>
-
-<p>Es schwebte etwas herauf, es kam mit dem Wind
-und flüsterte im Gras; die Luft koste leise und weich,
-Nebelstreifen wie winkende Brautschleier stiegen aus dem
-Grund am Bach, Bäume streckten verlangende Arme
-aus. Jetzt &mdash; hier &mdash; da &mdash; dort glomm ein Lichtchen
-auf! Blasse Sterne, sehnsüchtige Augen in einsamer
-Kammer.</p>
-
-<p>Niemand mehr auf den abschüssigen Äckerchen.
-Alles still, wie begraben.</p>
-
-<p>&bdquo;Häh! Halloah! Gieht noch net schlaofen, eweil
-sein mir elao! Halloah &mdash; &mdash; &mdash; oa &mdash; &mdash; oah &mdash; &mdash;!&ldquo;
-Einer da oben hielt die hohlen Hände vor den Mund
-und tutete hinein, dann warf er lustig sein Bündel in
-die Höh. &bdquo;Lorenz, Josef, Mathesen, Hanni! Wän es
-dän erschten unnen? Hopp! Bonz unnen, Bonz owen<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>,
-voran gemaach!&ldquo;</p>
-
-<p>Wie Pfeile schossen die Burschen bergunter, sie
-verschmähten die vielfach gewundene Fahrstraße, auf
-steilen Richtwegen schnitten sie die Serpentinen ab;
-polternd, prasselnd stürzte ihnen loses Geröll nach. Auch
-die gesetzteren Männer eilten sich, eine plötzliche Ungeduld
-hatte sie alle ergriffen, das Blut floß nicht mehr
-träge in den Adern, es kreiste unruhig und stieg ihnen
-zu Kopf.</p>
-
-<p>Heller und heller flimmerten unten die Lichtchen,
-sie warfen einen trauten Schein aus den engen Kammerfenstern.
-Voran, voran! Süße Vogelstimmen piepten
-im Nest. Voran, quer durch&rsquo;s Brombeergestrüpp! Da
-saß schon eine weiße Hauskatze auf der Lauer, sie sprang
-nicht fort, sondern stieß den sammetweichen Kopf
-schnurrend gegen die sie streichelnden Hände. Aber
-weiter &mdash; die warteten!</p>
-
-<p>Der Berghang wimmelte von dunklen kletternden
-Gestalten. Nun kam der letzte Absatz, man rutschte, man
-glitt, man sprang &mdash; nun lag das Dorf ganz nah,
-melodisch tönte das &bdquo;Muh&ldquo; einer Kuh, ein sehnsüchtig
-langgezogener Liebesschrei.</p>
-
-<p>Noch atemlos, begann Lorenz zu schmettern, da
-war keiner, der nicht mit einstimmte:</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Kommen wir in dieser Nacht,<br /></span>
-<span class="i0">Fein Liebchen, fein!<br /></span>
-<span class="i0">Seid ihr tot oder lebt ihr noch,<br /></span>
-<span class="i0">Fein Liebchen, fein?&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Da war schon das erste Haus.</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Will das Mädchen net obstohn,<br /></span>
-<span class="i0">Fein Liebchen, fein!<br /></span>
-<span class="i0">So wollen wir&rsquo;s in die Blotz drohn<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a><br /></span>
-<span class="i0">Fein Liebchen, fein!&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Immer lauter wurde der Gesang, er schwoll an
-und wuchs und drängte:</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Will das Mädchen sich net tummeln,<br /></span>
-<span class="i0">Wollen wir die Thür auftrummeln&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Horch! Ein heller Schrei: &bdquo;Jesses, die Mannsleit!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Thür des ersten Hauses war aufgeflogen, ein
-Weib in Unterrock und halb geöffneter Taille stürzte
-heraus, mit einem Satz stand sie mitten unter den
-Männern, wild sah sie sich um &mdash; wieder ein Aufkreischen
-&mdash; da, sie stürzte dem einen an den Hals.</p>
-
-<p>&bdquo;Jesses, Hubert, lao biste! Komm erein, Mahn,
-komm erein. Ech haon uf dech gelauert! Dag on Naacht,
-onsen Hährgott waaß et. Gelowt sei de Jongfra
-Maria!&ldquo; Sie bekreuzte sich und ihn. &bdquo;Könner, Könner&ldquo;
-&mdash; schon sprang sie wieder zur Thür &mdash; &bdquo;Könner, dän
-Vadder es elao!&ldquo; Sie zog ihren Mann hinter sich drein,
-kaum daß sie ihm Zeit ließ, den Kameraden zuzunicken;
-sie hielt ihn so fest am Ärmel, als fürchte sie, ihn gleich
-wieder zu verlieren. Die Frau mit dem schon faltigen
-Gesicht, mit dem schlaffen Busen und den Zahnlücken,
-zeigte die Glut einer Zwanzigjährigen.</p>
-
-<p>&bdquo;Se sein hei, se sein hei!&ldquo; Nur dieser eine Ruf,
-und alle Häuser waren plötzlich belebt, alle Fenster hell,
-alle Thüren geöffnet. Kinder, in Hemden und barfüßig,
-wie sie aus dem Bett gesprungen, standen auf der
-Schwelle; Frauen und Mädchen eilten auf die Gasse.
-Der weiche Sommernachtwind spielte mit ihrem halbgelösten
-Haar und den hastig übergeworfenen Kleidern.
-Laternen tauchten auf vor den Ställen, in den Höfen,
-im Wirtshaus wurden alle Lampen angezündet; Peter
-Krumscheid stieg eilig in den Keller und stach ein
-Faß an. Die Straße wimmelte von Menschen, wie mit
-Zauberschlag waren sie alle erschienen, alle umringten
-die Ankömmlinge. Das war ein Gesumm, ein Lachen,
-ein Geschrei. &bdquo;Se sein hei, se sein hei!&ldquo;</p>
-
-<p>Lorenz Schneider stand an der Ecke am Prellstein.
-Hier ging&rsquo;s hinein in ein dunkles Gäßchen, erst zwischen
-Stallwänden, dann zwischen Hecken &mdash; nichts rührte sich
-darin, &mdash; und da war die Straße, hell vom Lichtschein,
-der aus den geöffneten Fenstern und Thüren fiel. Alle,
-die er kannte, standen da umher, aufgeregt, lachend und
-schwatzend; die Weiber hatten die Männer untergefaßt,
-die Mädchen begrüßten ihre Schätze.</p>
-
-<p>Immer wieder suchten seine Blicke; enttäuscht fing
-er leise an zu fluchen: Dunnerkiel, wo war das Bäbb?
-Schlief sie schon so fest, daß sie den Lärm nicht hörte?
-War sie ihm untreu geworden? Da mußte er doch
-lachen, war denn hier wohl ein Mannsbild gewesen,
-um das sich&rsquo;s verlohnte, ihn zu vergessen?! Er ärgerte
-sich; warum kam sie nicht? Ob er nach ihr fragte?</p>
-
-<p>Vor dem Wirtshaus hatten sich die ganz jungen
-Mädchen, die heurigen Hasen, in einer Reihe aufgepflanzt;
-neugierig und ein wenig neidisch guckten sie zu, wie die
-älteren Schwestern und Bekanntinnen mit ihren Burschen
-abzogen. Die Augen funkelten ihnen im Kopf, sie
-brachten die Mäuler nicht zusammen. Sie stießen sich
-mit den Ellenbogen an und kicherten, als Lorenz nach
-ihnen hinsah.</p>
-
-<p>Den Schnurrbart aufdrehend, trat er zu ihnen.
-Das Gekicher wurde stärker. &mdash; &bdquo;&rsquo;n Aowend, dir
-Mädercher!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Boschur, Lorenz,&ldquo; sagte keck die erste.</p>
-
-<p>&bdquo;Tina?&ldquo; fragte er erstaunt. Zu Weihnachten war
-sie noch halbwüchsig gewesen, und jetzt trug sie einen
-langen Rock und sah ihn an mit dreisten, unbewußt
-begehrlichen Augen. &bdquo;Es dat Bäbbche net mieh hei,
-Tina?&ldquo; fragte er hastig. &bdquo;Lenzen Bäbb?&ldquo;</p>
-
-<p>Tina zeigte lachend ihre weißen Zähne. &bdquo;Ech waaß
-net!&ldquo; Mutwillig blinzelte sie den Gefährtinnen zu, er
-fühlte seine Hand ergriffen, kräftig geschüttelt und dann
-festgehalten. In einem Augenblick hatten ihn die Mädchen
-umringt; er stand mit Tina in der Mitte, die anderen
-hopsten im Kreis, ausgelassen wie junge Böcklein, um
-ihn und die Dirne herum.</p>
-
-<p>&bdquo;Dommhaaten! Laoß los!&ldquo; Unwirsch suchte er
-sich frei zu machen.</p>
-
-<p>&bdquo;Autsch, autsch!&ldquo; Tina schlenkerte ihre Finger,
-gleich darauf packte sie ihn auf&rsquo;s neue; wie ein Wall
-stemmten sich die Mädchenleiber ihm entgegen.</p>
-
-<p>&bdquo;Schneidersch Lorenz, kucktelhei, Schneidersch Lorenz!
-Haha, hahahaha!&ldquo; Sie lachten wie die Tollen; dem
-Burschen schwirbelte es vor Augen und Ohren, er wurde
-hin- und hergerissen, von einer gegen die andere gepufft,
-Tina hing sich an ihn, er wurde sie nicht los, nirgendwo
-konnte er den Kreis durchbrechen.</p>
-
-<p>&bdquo;Dunnerknippchen, noachehs, wuh es dat Bäbb?&ldquo;
-stieß er mit einer letzten Anstrengung heraus.</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Bäbb hin, Bäbb här,<br /></span>
-<span class="i0">Bäbb, dat es en Zoddelbär &mdash; hahaha &mdash;!&ldquo;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Immer dichter umdrängten sie ihn, immer schallender
-wurde das Lachen, immer wilder das Drehen; er fühlte
-Tinas Hände an seinem Rock, sie preßte ihm seine
-beiden Arme fest an den Leib. Jedesmal, wenn sie
-aufhüpfte, kitzelten ihn ihre krausen Haare unter der
-Nase, ihr Gesicht kam dem seinen ganz nah. Da,
-ehe sie sich&rsquo;s versah, hatte er die Arme frei; er schlug
-sie ihr um die Taille, ein derber Schmatz brannte ihr
-auf dem Mund.</p>
-
-<p>Sie schrie hell auf und wandte sich zur Flucht;
-mit lautem Gekreisch stoben sämtliche Mädchen davon,
-er hinterdrein. Hier suchte er noch eine zu fassen und
-da eine &mdash; die Röcke flatterten &mdash; jetzt waren sie, um
-das Wirtshaus herum, im Dunkel verschwunden.</p>
-
-<p>&bdquo;Verflixte Rotznaosen,&ldquo; schimpfte der Bursche, und
-doch schmunzelte er dabei. Die Tina war gar nicht
-garstig, noch schmeckte er ihre frischen Lippen. Er schnalzte
-mit der Zunge, sein Durst war erwacht &mdash; wo blieb
-die Bäbbi?</p>
-
-<p>Langsam kehrte er zu seinem Prellstein zurück, in
-verdrossenen Gedanken blieb er dort stehen. Da &mdash; er
-schreckte auf, jemand zupfte ihn von hinten am Ärmel.
-Am Eingang des Heckengangs stand eine weibliche
-Gestalt.</p>
-
-<p>&bdquo;Bäbbchen?&ldquo; fragte er zweifelnd. Sie kam ihm
-so wenig schlank vor, Lenzen Bäbb war lang nicht so
-völlig gewesen. &bdquo;Bäbbi?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Heihin!&ldquo; Schon zerrte sie ihn hinein in das
-dunkle Gäßchen; es schien ihr noch nicht dunkel genug,
-sie schob ihn hinter die Regentonne an der einen Stallwand.
-Jetzt schlang sie die Arme um ihn und küßte
-ihn, daß ihm der Atem verging. Sie gebärdete sich
-wie närrisch, lachte und schluchzte und drückte ihn, ohne
-ein Wort zu reden; ihre warme Brust bebte an der
-seinen, schwer hing sie ihm am Halse. Immer wieder
-preßten sich ihre Lippen auf seinen Mund, sie saugten
-sich förmlich daran fest.</p>
-
-<p>Ein lange nicht gekanntes Wohlgefühl durchrieselte
-den Burschen &mdash; so küßt doch nur der Schatz in der
-Heimat! Sein Blut, durch das eilige Wandern und
-hastigen Trunk ohnehin erhitzt, schäumte über; nun
-war er es, der sie immer mehr hinein in&rsquo;s Dunkel
-drängte und gegen die Stallwand preßte. Er erstickte
-sie fast.</p>
-
-<p>&bdquo;Lorenz,&ldquo; ächzte sie endlich, &bdquo;laoß!&ldquo; Ein schmerzlich
-zitternder Seufzer folgte.</p>
-
-<p>&bdquo;Bäbb,&ldquo; flüsterte er zärtlich, &bdquo;mei Mädche!
-Eweil sein ech widder hei, eweil wolle mer ons verlustieren.
-Dat gitt en Pläsier! Komm!&ldquo; Er zog
-sie kosend dem Ausgang des Gäßchens zu. &bdquo;Komm
-ehs zom Krumscheid, ech traktieren dech!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jao, jao.&ldquo; Sie schmiegte sich fester an ihn und
-drängte ihn doch immer wieder tiefer hinein in&rsquo;s Dunkel.</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä,&ldquo; flüsterte sie dann hastig und verlegen,
-&bdquo;eech kann net ehnder met der giehn, ech moß der erscht
-ebbes saon.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wat dann? Waorom kannste net met mer giehn?&ldquo;
-Er hielt sie von sich ab, etwas erstaunt; nun fiel ihm
-auch sein Verdruß von vorhin ein. &bdquo;Waorom haste
-mech e su lang lauern laossen, dau sakramentsch Dingen?
-Wollste mech for en Naor halen? Eweil es et schuns
-e su spät, ech han Honger on Dorscht!&ldquo; Von einem
-plötzlichen Ärger erfaßt, rüttelte er sie. &bdquo;Haste geschlaof?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä!&ldquo; Sie drängte sich wieder ganz dicht an
-ihn. &bdquo;Ech wollten der nor vorerscht ebbes saon.
-Saog&ldquo; &mdash; wie von einer dringenden Notwendigkeit
-getrieben, faßte sie seine Hand &mdash; &bdquo;wanneh wolle mir
-onsen Hillig<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> haalen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Waorom?&ldquo; fragte er verwundert und beunruhigt
-zugleich. Und dann nach einer Pause des Bedenken:</p>
-
-<p>&bdquo;Zo Christdag; wat fraogste? Wann ech Vormann
-gänn!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, ehnder,&ldquo; sagte sie rasch und küßte ihn heftig.
-&bdquo;E su bal als miëlich<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>! Ech moß der ebbes saon.&ldquo;
-Jetzt flüsterte sie, aber ihr Flüstern war eindringlich,
-jedes Wort hob sich deutlich heraus. &bdquo;Ech sein im
-sechsten Monat!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Kreizdonnerparaplüi!&ldquo; Es entfuhr ihm so wider
-Willen &mdash; das kam zu plötzlich! Er stieß sie zurück
-und erhob die Hand wie zum Schlag. &bdquo;Maach!
-Gott verzeih mer de Sünd &mdash; dau Onglöcksmensch!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie fing an zu weinen.</p>
-
-<p>Stumm stand er neben ihr und schob den Hut
-von einem Ohr auf das andere.</p>
-
-<p>Auf der Straße war der Lärm verstummt, auch
-die Helle war weg, die Thüren hatten sich hinter den
-Glücklichen geschlossen. Kein Mensch mehr draußen,
-die meisten saßen im Wirtshaus. Jetzt tönte da der
-Jubel; bis in den dunklen Winkel hinter der Regentonne
-verirrte sich das Gläserklingen und Juchzen.</p>
-
-<p>Die Sterne waren aufgezogen, immer mehr entfalteten
-sie ihren Glanz. Nachttau fiel, man hörte
-ihn in den Hecken tropfen; dazwischen klang leises
-Schluchzen. In dem verschleierten, bleichen und doch
-durchdringenden Licht, das vom Himmel niederzitterte,
-sah Lorenz zum erstenmal deutlich die entstellte Gestalt
-seines Mädchens.</p>
-
-<p>Mit einem: &bdquo;Dunnerkiel!&ldquo; fuhr er zurück, aber gleich
-darauf streichelte er die Weinende.</p>
-
-<p>&bdquo;Kreisch net, Bäbbchen,&ldquo; sagte er gutmütig, er war
-heute nun einmal in einer so weichen Stimmung. &bdquo;Kreisch
-net e su, domm Dingen! Wat passiert es, es passiert,
-duh kann niemand neist dran ännern. Sonndag es Peter
-on Paul, dän erschten Kirmesdag; onsen gaastlichen Hähr
-verkünn ons, ein for allemaol. Hän es su ebbes gewehnt,
-annere han aach schuns Malör gehatt. Mir maachen
-stracks Hochzeid, on dann&ldquo; &mdash; er kratzte sich hinter&rsquo;m
-Ohr &mdash; &bdquo;jao, dann es dän Urlauw zu End. Mir
-Bochumer han zehn Dag, de annern von Dortmund
-on Steele han aach net länger. Äwer uf dän Momang
-mösse mir redur kommen. Kreisch net, Bäbb!&ldquo;</p>
-
-<p>Er schlang den Arm um ihre Hüfte; langsam
-wandelten sie den Heckengang weiter.</p>
-
-<p>Rechts Gärten, links Gärten. Obstbäume hängen
-ihre Zweige über dichte Weißdorn- und Wildrosenhecken;
-zuweilen wechseln sie ab mit morschen Bretterzäunen,
-die sich schief neigen und ihren modernden Holzgeruch
-mit dem süßlichen Duft der Gebüsche mischen.</p>
-
-<p>Wie zwei Schatten schleichen die Liebenden unter&rsquo;m
-Blätterdach dahin, von weißlichem Dunst in einer
-Wolke umschwebt. In dem nahen Wiesengrund erheben
-die Frösche ein leidenschaftliches Liebeskonzert;
-jetzt verstummen die auch. Nichts regt sich, nichts
-lebt scheinbar rundum, und doch ist ein stummberedtes
-Fordern in der Frühsommernacht, eine warme treibende
-Sehnsucht.</p>
-
-<p>Stärker und stärker fällt Tau, silbrig glänzt er
-auf den Gräsern und auf den gesenkten Scheiteln. Wie
-ein feuchtes Tuch legt es sich um die heißen Gesichter,
-um die heißen Glieder; schauernd schmiegen sich beide
-Gestalten fest aneinander. Sie stehen still und küssen
-sich, im schmachtenden Sternenlicht scheinbar in Eins
-verschmolzen.</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="II" id="II">II.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Die Männer von Eifelschmitt hatten nie viel Zeit;
-rasch wurde geliebt, rasch wurde gefreit. Zweimal im
-Jahr &mdash; im Winter zu Weihnachten, im Sommer zu
-Peter und Paul &mdash; kamen sie heim in&rsquo;s enge Salmthal.
-Sie konnten da nicht ihren Lebensunterhalt verdienen;
-der Erwerb ist knapp in der Eifel, karg hängen die
-Äckerchen an den Bergen, lang sind die Winter, kurz
-die Sommer.</p>
-
-<p>Es war kurz nach dem deutsch-französischen Kriege.
-Das Aufblühen der rheinischen Eisenindustrie machte
-das Heranziehen vieler Arbeitskräfte notwendig.</p>
-
-<p>So hatte ein Agent irgend einen Eifelschmitter
-hinausgelockt, der kam zu Besuch heim, Geld in der Tasche;
-nun zogen die anderen hinter ihm drein, wie die Schafe
-hinter&rsquo;m Leithammel. Vater, Sohn, Gatte, Bruder,
-alles wanderte aus nach Westfalen und tief in&rsquo;s Rheinland,
-wo auf der meilenweiten Ebene düstre Fabrikstädte
-sich zusammendrängen und mit ihrem nie stockenden
-schwarzen Atem aus Riesenschornsteinen den Himmel anfauchen.
-Die Luft ist dick vom Kohlenstaub, die reinen
-Wolken selbst sind angegraut; ewiger Rauch, Geprassel,
-Gerassel, Gekeuch, Geächz, Gestampf, Sausen von Rädern,
-Schnauben von Maschinen, Pfeifen von Lokomobilen,
-Pusten und Stöhnen von Dampfkesseln. Kein Rasten,
-kein Ruhen. Zur Nachtzeit bricht lodernde Glut aus
-Riesenbauten, an den Öfen stehen Männer, nackt bis
-zum Gürtel, heiß und berußt wie Teufel, die Höllenfeuer
-schüren. Schweißtropfen rinnen, Funken sprühen.</p>
-
-<p>Hier konnte man die Eifelsöhne finden: umglüht
-von Flammen, eingeengt von Mauern, sehnsüchtig des
-Heimathimmels gedenkend, der sich rein und kühl über
-den Eifelkuppen wölbt; unter dem die wohnen, die
-ihnen das Leben gegeben; die auf sie warten, denen
-sie die Ehe versprochen, oder die sie schon gefreit haben;
-wo die Kinder nach den Vätern verlangen.</p>
-
-<p>Aber dann die Heimkehr! Durchjubelte Tage, durchjubelte
-Nächte. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Heute saßen sie alle bei einander im Wirtshaus.
-Der alte Krumscheid mit seinem vertrockneten Holzgesicht
-kommandierte hinter&rsquo;m Schenktisch. Ein ganzes
-Regiment Weiber war zur Bedienung gedungen; mit
-lachenden Gesichtern, flink wie Wiesel, liefen die Dirnen
-ab und zu. Bald wurde die von ihrem Schatz gerufen,
-bald jene; dann setzte sie sich für zwei Augenblicke
-neben ihn, wohl auch auf seinen Schoß, trank
-aus seinem Glas und ließ sich die glühenden Wangen
-streicheln.</p>
-
-<p>Die schmalen Holzbänke längs der gescheuerten
-Tische waren dicht besetzt. Mann reihte sich an Mann.
-Nur wenige Frauen waren da, die kamen erst gegen
-abend, wenn das Tanzen losging und die Musik; wenn
-das Vergnügen so groß wurde, daß der Boden dröhnte
-vom Stampfen der Füße, Bänke umpolterten, Gläser
-in Scherben klirrten.</p>
-
-<p>Auf dem Platz vor der Kirche, um die paar Buden,
-darin Halsketten, Fingerringe, Rosenkränze, Lebkuchenherzen
-und Gerstenzuckerstangen feilgeboten wurden, trieben
-sich Kinder herum, große Stücke Kirmeskuchen in
-den Händen, die mit Blaubeerenmus beschmierten Mäuler
-begehrlich gespitzt. Es hockten auch ihrer welche auf
-der Kirchentreppe, bliesen in die neuen Trompeten oder
-zeigten einander die vom &sbquo;Pappa&lsquo; mitgebrachten Puppen.</p>
-
-<p>Noch war die Straße feiertäglich still. Hinter den
-kleinen Fenstern putzten sich die Weiber; das vom vormittäglichen
-Kirchgang her über&rsquo;s Bett gespreizte Sonntagsgewand
-wurde einer eingehenden Musterung unterzogen.
-Wer noch ein besseres Kleid hatte, zog&rsquo;s heute
-nachmittag an; glücklich die, die was Neues anthun
-konnte, das der Mann oder der Schatz mitgebracht.
-Die Haare glänzten vom Strählen mit Wasser und
-Fett, die Röcke rauschten, die Gesichter waren blankgerieben,
-die Ohren rot.</p>
-
-<p>Die Sonne fiel schon schräg in&rsquo;s Thal und malte
-huschende, rasch verschwindende Goldkringel an die weißgetünchten
-Hauswände.</p>
-
-<p>Die sich bauschenden Röcke sorgsam gerafft, spazierten
-jetzt Mädchen am Wirtshaus vorbei, immer hin
-und her. Kinder balgten sich um den besten Platz vor
-den Fenstern, schleppten Steine herzu und Schemel,
-krochen hinauf und drückten die Nasen an den Scheiben
-platt.</p>
-
-<p>Drinnen in der Schenkstube, die zugleich den Kramladen
-des Orts vorstellte, war die Luft dick, durchwürzt
-vom Duft eines ganz infamen Knasters. An den geschlossenen
-Fensterscheiben krochen summende Fliegen
-und drehten sich oben an der Decke in surrendem
-Spiel.</p>
-
-<p>Man war noch ziemlich schweigsam, der erste Kirmestag
-verlief immer am wenigsten stürmisch. Doch jetzt &mdash;
-lautes Halloh!</p>
-
-<p>&bdquo;Hä, Pittchen! Helao, Pittchen. Uf dein Spezielles,
-Prost!&ldquo;</p>
-
-<p>Peter Miffert war eingetreten; das linke Bein
-etwas nachziehend, näherte er sich langsam dem ersten
-Tisch. Nicht jeder reichte ihm die Hand; er schien das
-garnicht zu bemerken, er hatte für alle das gleiche halb
-gutmütige, halb verschmitzte Lachen. Als sie zusammen
-rückten, ließ er sich auf dem schmalen Plätzchen am Ende
-der Bank nieder. Er sagte nicht: &bdquo;Röckt noch ebbes&ldquo; &mdash;
-er sagte: &bdquo;Met Verlöw&ldquo; und placierte seine Beine so
-bequem als möglich unter dem Tisch.</p>
-
-<p>&bdquo;No, Pittchen,&ldquo; rief Niklas Densborn, einer der
-älteren, der obenan saß, &bdquo;wat schaffste? Dau giefst jao
-fett wie en Hammel! Dat glauwen ech der, dau has
-jao aach en Läwen wie onsen Hährgott in Frankreich!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Spaor dei Red,&ldquo; schrie Thomas Laufeld, ein
-stämmiger Bursche mit einer Stupsnase. &bdquo;Dän kann dat
-Läwen jao bal net mieh mantenören<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>! Kucktelhei dat
-Pittchen!&ldquo; Er brüllte, um sich in dem allgemeinen
-Gelächter verständlich zu machen, packte den neben ihm
-sitzenden Miffert bei&rsquo;m Handgelenk, streifte ihm den
-Ärmel zurück und hielt gewaltsam den mageren Arm
-in die Höhe. &bdquo;Kucktelhei, Haut on Knochen, ke halw
-Pündche Fleisch!&ldquo;</p>
-
-<p>Peter strebte, sich frei zu machen, aber ohne Gewalt,
-ganz sanft; sein hübsches Gesicht lächelte noch
-immer. &bdquo;Laoß de Dommhaaten,&ldquo; sagte er gelassen.</p>
-
-<p>Laufeld brüllte weiter, er schien einen besonderen
-Ingrimm zu hegen.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau thätst aach besser, dau gingst met ons uf
-Arweit. Wat hockste hei bei de Fraleider?! Kuck&ldquo; &mdash;
-er hielt seinen fleischigen Arm neben den dürren des
-Peter und schlug sich auf die herausgedrückte Brust,
-daß es klatschte &mdash; &bdquo;dat es en Kerl! Dat micht de
-Arweit, on wann mer net alleweil de Menscher am
-Schörzenzippel hängt! Dau deierlicher<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> Schmachtlappes,
-dürr wie en Axstill, dein Fra haot dech
-wohl&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Mein Fra aus em Spill,&ldquo; sagte Miffert plötzlich
-und machte eine kurze Bewegung, als ob er eine Fliege
-wegscheuche &mdash; da lag auch schon der Laufeld unter der
-Bank, wie niedergeschmettert.</p>
-
-<p>Man half dem Gestürzten auf; ganz verdutzt stand
-er da und klopfte den Staub von seinen Hosen. Die
-anderen lachten, einige schimpften.</p>
-
-<p>&bdquo;Dürr wie en Axstill, äwer Kraft wie en Ochs,&ldquo;
-brummte anerkennend Niklas Densborn; und dann sich
-zu Miffert wendend, der dasaß, als ginge ihn all das
-nichts an, sagte er vorwurfsvoll: &bdquo;Et es en Schand,
-Peter, dat dau net erunner maachst in die Fabrik; dau
-has Schlosser gelernt, dat kömmt der lao zo paß. On
-guden Verdienst gitt et lao unnen; bei owen kannste
-Hongerpoten kötschen!&ldquo;<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p>
-
-<p>Miffert zog das Maul schief; er sah unbeschreiblich
-faul aus in der nachlässigen Haltung, mit der etwas
-hängenden Lippe und dem schläfrigen Blick unter
-schweren Lidern. Er sprach auch schläfrig, kaum daß er
-die Zähne von einander brachte:</p>
-
-<p>&bdquo;Dir wollt mech wohl pisacken?! Hei&ldquo; &mdash; er
-wies auf sein lahmes Bein &mdash; &bdquo;dat es mer zu schanierlich,
-ech kann net e su trawalljen<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> wie en annern.&ldquo;
-Seine Stimme wurde kläglich: &bdquo;Ech haon dat Wieh
-im Enkel; ech haon et met uf de Welt gebraach, lao
-es neist bei zo maachen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ojeh, Alfanzerei,&ldquo; schrie Mathesen Martin und
-schlug auf den Tisch, daß die Gläser sprangen, &bdquo;wat
-micht dän for Fisematenten! Wieh im Enkel &mdash; haha,
-wän dat zweifelt!<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> Laoß de Comedi, faules Luder!
-Schlaofen on erum lungern on de Weibsbiller karessieren,
-dat es sein Gu!&ldquo;<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a></p>
-
-<p>Miffert verzog keine Miene, er hatte die Ellenbogen
-aufgestützt und guckte in sein Glas.</p>
-
-<p>&bdquo;Hän es faul, faul, dat et stinkt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jao, jao,&ldquo; stimmte der vorhin zu Boden geworfne
-Laufeld eifrig bei. &bdquo;Faul wie de Sünd! Sitzt
-im Dreck on röhrt sech net!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ehnder gänn Brameln<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> Weinbeeren, als dat
-Pittchen arweiten duht,&ldquo; schrie irgend einer.</p>
-
-<p>Die ganze Gesellschaft stimmte zu: &bdquo;Jao, Brameln
-gänn ehnder Weinbeeren, hahahaha!&ldquo;</p>
-
-<p>Peter Miffert lachte selbst mit, ein lautloses Lachen,
-das ihn aber inwendig ordentlich stieß; er kniff die
-Augen zusammen und schüttelte sich.</p>
-
-<p>&bdquo;Waorom sollen ech mech e su afrackern,&ldquo; sagte
-er dann gutmütig, &bdquo;dat Läwen es korz, mir haon nor
-einmaol Pläsir dervon. Wat de gaastlichen Hähren
-aach saon, wat mer haot, haot mer. Uf dat, wat
-mer versproch krieht&ldquo; &mdash; er lachte verschmitzt und stieß
-einen leisen Pfiff aus &mdash; &bdquo;dat gilt en Dreck!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Männer sahen ihn verdutzt an. Er ließ seinen
-schläfrigen Blick, in dem es zu funkeln begann, reihum
-gehen.</p>
-
-<p>&bdquo;Wer waaß, wie bal hän verspillt haot! Ech
-muß en Dauer met eich haon, ihr Leit, dat dir eich
-e su schindt. Awer jeden naoch senem Ehs!&ldquo;<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> Er zuckte
-die Achseln.</p>
-
-<p>Sie nickten betroffen. &bdquo;Recht haot hän!&ldquo; Auf
-viele Gesichter lagerte sich ein plötzlicher Ernst; da
-waren Falten eingegraben, Furchen, wie im aufgewühlten
-Acker, die man vorher nicht gesehn.</p>
-
-<p>&bdquo;Mer moß sech schinnen, on wat haot mer dervon?&ldquo;
-murmelte der Densborn und ließ die Faust
-schwer niederfallen.</p>
-
-<p>Eine Weile schwiegen sie alle, dann sagte der
-Densborn mit einem Seufzer: &bdquo;Äwer et es doch emaol
-net anners. Hal dei dreckig Maul,&ldquo; schrie er plötzlich
-Pittchen an, &bdquo;dau schandlusen Kerl.&ldquo;</p>
-
-<p>Dieser musterte mit pfiffigem Lächeln die stumpfen
-Gesichter. &bdquo;Mer moß wissen, wän mer dreiwt, wann
-mer en Esel vor sech haot!&ldquo; sagte er.</p>
-
-<p>Sie verstanden ihn nicht &mdash; was wollte er damit
-sagen? Sie sahen nur sein spöttisches Lächeln, und
-das genügte. Die Köpfe wurden rot, eine gewisse Unruhe
-fuhr in die Beine, Fäuste ballten sich heimlich.</p>
-
-<p>Ein paar von den jungen legten sich herausfordernd
-über den Tisch. &bdquo;Wat? Wat? Esel &mdash;?! Esel haot
-hän gesaot! Wän es dän Esel? Hä, saog dat noch ehs!&ldquo;</p>
-
-<p>Ein Murren ging von einem Ende der Stube zum
-andern. &bdquo;Esel, Esel!&ldquo; Die Füße scharrten ungeduldig,
-die Augen funkelten, das Murren wurde grollender.
-Die schönste Prügelei schien in Aussicht.</p>
-
-<p>Martin Mathes hielt schon drohend dem Miffert
-die Faust unter die Nase: &bdquo;Maach!&ldquo;</p>
-
-<p>Pittchen duckte sich wie eine Katze. Aus seinen
-tiefliegenden Augen schoß ein versteckter Strahl, aber
-seine Stimme klang geschmeidig: &bdquo;Wat willste? Wat
-haon ech dann gedahn?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Esel &mdash; Esel! Mir wollen dech liehren, Esel saon!
-Dau Hongerlieder. Saog noch ehs: Esel! Mir
-schlaon der alle Rippen im Leif dorch, dattste ke Glied
-mieh röhre kanns!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jesses, seid dir gäckig?!&ldquo; Peter that sehr verwundert.
-&bdquo;Esel &mdash; Esel &mdash; wän haot ebbes von Esel
-gesaot?!&ldquo; Er drehte den Kopf hin und her, als ob er
-jemanden suche. &bdquo;Su ebbes von Ausverschämtheit.
-Wän kann sech onnerstiehn, ebbes von &sbquo;Esel&lsquo; zo
-saon?!&ldquo;</p>
-
-<p>Er war ganz Empörung, Erstaunen und beleidigtes
-Ehrgefühl. Sein Gesicht trug den Ausdruck ruhiger
-Unschuld und harmlosester Verwunderung; mit offenem
-Lächeln sah er einen nach dem andren an und hob
-dann sein Glas. &bdquo;Zogott,<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> dir sollt läwen! Ech
-duhen der Bescheid, Nikla! Mathes! Thom! Zogott!&ldquo;</p>
-
-<p>Zögernd stießen sie mit ihm an; sie waren ganz
-unsicher geworden.</p>
-
-<p>Peter seufzte und stützte den Kopf schwer in die
-Hand. &bdquo;Jao, et es en dreckig Welt, ech haon et bal
-saat! Dir haot et noch gud, äwer ech arm Luder!&ldquo;
-Er gähnte. &bdquo;Ech kriehn neist von der Welt zo siehn.
-Mer hockt alleweil hei in der buckeligen Gäjend, on
-de Weibsbiller sein mer bis&ldquo; &mdash; er fuhr mit dem Handrücken
-unter&rsquo;m Kinn her &mdash; &bdquo;bis heihin!&ldquo;</p>
-
-<p>Das hätte er nicht sagen sollen, mißtrauische Blicke
-trafen ihn; da war besonders der Mathesen Martin,
-der schien ihn auf dem Strich zu haben. Man munkelte
-im Dorf, dem Mathesen sein Zweiter sei dem Pittchen
-wie aus den Augen geschnitten.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau Faxenmaacher,&ldquo; schrie Martin. &bdquo;Glauwt
-net, wat hän babbelt! Dän de Fraleider saat &mdash;?!&ldquo;
-Er lachte zornig. &bdquo;Dau Filu!&ldquo; Er sprang auf und
-ging drohend auf Miffert zu. &bdquo;Hinner jeder Diehr
-sticht hän, an jeder Schörz hängt hän! Waart, ech will
-dech Conduiten liehren!&ldquo; Rot vor Wut wollte er sich
-auf Peter stürzen, dieser blieb gelassen sitzen.</p>
-
-<p>&bdquo;Gemaach, gemaach, Martin,&ldquo; mischte sich der
-Densborn ein, &bdquo;laoß hän! Mir wollen ke Streit
-anfänken, heit am erschten Kirmesdag. Wat willste
-maachen? Wat geschehn es, es geschehn. Framenscher
-sein Framenscher. On Dag on Naacht allein! Mer moß
-en Dauer met ihnen haon. Dän elao&ldquo; &mdash; er wies
-auf den Wirt hinter&rsquo;m Schenktisch &mdash; &bdquo;dän on de paor
-annern alden Knackstiebel kannste doch net für voll
-rechnen!&ldquo;</p>
-
-<p>Der alte Krumscheid hatte trotz seiner Harthörigkeit
-verstanden; nun war er beleidigt. Er warf sich in
-die Brust und pustete die eingesunknen Backen auf. &bdquo;Dau
-Lausbub,&ldquo; schrie er herüber, &bdquo;kömmst hei erin geschneit
-on willst ebbes saon? Dattste net de Blaatz kriehst vor
-Eingebildhaat! Lao sein Mädercher genog, de nach mer
-kucken. Gäl, Nettche?!&ldquo; Er kniff eine der Kellnerinnen
-in die Backe.</p>
-
-<p>&bdquo;Laoßt!&ldquo; Das Mädchen schlug ihn derb auf die
-Finger. &bdquo;Ech haon eweil ebbes Schieneres zo siehn,
-wie su en Stück Dörrflaasch!&ldquo;</p>
-
-<p>Brüllendes Gelächter dröhnte durch die Stube.</p>
-
-<p>Miffert lachte nicht mit; er schlich vom Tisch weg,
-um sich unbemerkt zu entfernen. Er war schon an der
-Thür, da sprang ihm Mathes nach. &bdquo;Hei gebliewen,&ldquo;
-schrie er und drängte ihn zum Tisch zurück. Peter ließ
-sich drängen, er widersetzte sich nicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Kucktelhei,&ldquo; schrie der andere weiter, dem schon
-ein Rausch zu Kopf stieg, &bdquo;dän Kalmäuser!<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> Dat es
-dän Bock, dän mir zom Gärtner gemaach haon! Frißt
-de Blumen in anner Leit&rsquo;s Gaarten! Äwer hol dech
-in Aacht, dattste net ausgezaohlt giefs &mdash; dein Fra, dat
-Zeih, dat haot Aagen im Koap! Ech dähten er net
-drauen uf fünnef Schritt. In der Not frißt dän Deiwel
-Fliegen; äwer laoß nor en annern kommen! &mdash; Dat
-Zeih, dat es en staatsch<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> Luder, en schnipp-schnappig<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a>
-Mensch, dat &mdash; &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Ein furchtbarer Schlag auf den Mund ließ Mathes
-jäh verstummen, betäubt taumelte er zurück.</p>
-
-<p>Mit sprühenden Augen und erhobner Faust stand
-Miffert; nichts mehr von schläfriger Trägheit war an
-ihm, ein lebendiger Mensch stand da, mit rollendem
-Blut in den Adern, jede Muskel straff. In grimmiger
-Wildheit biß Pittchen die Zähne aufeinander, und dann
-brüllte er: &bdquo;Hal dei Maul!&ldquo; Seine erhobene Faust
-sauste nieder. &bdquo;Dat es für dat &sbquo;Luder&lsquo; &mdash; on dat&ldquo;
-&mdash; wieder hob und senkte sich die Faust &mdash; &bdquo;dat es
-für dat &sbquo;schnipp-schnappig Mensch&lsquo; &mdash; on dat &mdash; on
-dat &mdash; onnerstieh dech noch ehs!&ldquo;</p>
-
-<p>Wie der Hammer auf den Ambos, so sauste die
-Faust nieder &mdash; hierhin, dorthin &mdash; hei, waren das
-Schläge! Da mußten Funken sprühn und Eisen in
-Stücke gehn.</p>
-
-<p>Kein Mensch hatte sich gerührt, starr vor Überraschung
-standen sie alle. Aber jetzt brach&rsquo;s los, mit
-Geschrei und Fluchen sprang man dem Mathes zu Hilfe.
-Pittchen wurde weggerissen; in eine Ecke gedrängt,
-wehrte er sich mit Händen und Füßen. Bänke stürzten
-um, Gläser klirrten zu Boden &mdash; Schimpfen, Lachen,
-Drohen, Schreien, Stampfen, Fluchen, Toben &mdash; da &mdash;
-die Thür ging auf!</p>
-
-<p>Wie erschrocknes Hühnervolk in die Ackerfurche,
-wenn aufscheuchende Schüsse knallen, so fiel es in die
-Stube ein, mit Rauschen und Rascheln und Schwirren
-&mdash; die Weiber! Voran eine, die anderen alle durch
-ihre üppige Fülle in Schatten stellend.</p>
-
-<p>&bdquo;Schkandal?&ldquo; rief Lucia Miffert fragend.</p>
-
-<p>Entschlossen stieß sie die vordersten bei Seite,
-stellte sich vor ihren Mann und deckte ihn mit ihrer
-kräftigen Gestalt.</p>
-
-<p>&bdquo;Wat gitt et hei?&ldquo; rief sie hell. &bdquo;Ruhig, Pitter!
-Dao haste ebbes!&ldquo; Sie teilte dem ersten, der wieder
-auf sie eindrang, eine Maulschelle aus, halb scherzhaft,
-halb im Ernst; jedenfalls zeichneten sich alle ihre fünf
-Finger auf der Wange des Getroffenen ab.</p>
-
-<p>&bdquo;Dunnerkiel!&ldquo; Der Mann fuhr zurück und rieb
-sich das Gesicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Kuckste,&ldquo; lachte sie heiter, &bdquo;dat kömmt dervon!
-Laoßt de Dommhaaten, heit wolle mir Pläsier haon,
-ihr Mannsbiller!&ldquo; Aus ihren schönen runden Augen
-sandte sie einen vollen Blick über die ganze Gesellschaft,
-ihre weißen Zähne blitzten, ihre Stimme übertönte allen
-Lärm. &bdquo;Jesses, die Mannsleit, e su ebbes! Haha!
-Haun sech wie de Könner! Hahahaha!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie wollte sich ausschütten vor Lachen; ihre gesteiften
-Röcke raschelten, ihr braunrotes Sonntagskleid,
-das sich knapp über die volle Brust spannte, krachte in
-allen Nähten. &bdquo;Hahahaha!&ldquo; Wieder das Lachen. Es
-klang so lustig, so leichtherzig; es wirkte ansteckend, die
-Mäuler zogen sich breit, alle Gesichter grinsten. Die
-geballten Fäuste thaten sich auseinander oder versenkten
-sich in die Hosentaschen.</p>
-
-<p>Frau Lucia ersah ihren Vorteil; wieder sandte
-sie einen vollen Blick umher und wiegte sich lachend in
-den Hüften.</p>
-
-<p>An der Thür standen die anderen Weiber zusammengedrängt,
-jetzt wagten auch sie sich heran; jede packte
-ihren Mann unter dem Arm, die Mädchen hingen sich
-an die Burschen. &bdquo;Danzen! Danzen!&ldquo;</p>
-
-<p>Wie gerufen tönte in der Ferne Musik.</p>
-
-<p>&bdquo;Muhsik! De Muhsik!&ldquo;</p>
-
-<p>Das waren die Musikanten von Manderscheid, fünf
-Mann hoch kamen sie eben vom Berg herunter. Sie
-spielten sich selber zum Einzug was auf.</p>
-
-<p>&bdquo;De Muhsik kömmt! Helao, de Muhsik!&ldquo; Die
-Kinder auf der Straße stießen ein gellendes Freudengekreisch
-aus, pfeilgeschwind rannten sie den Fünfen
-entgegen, umringten sie und begleiteten sie hüpfend und
-jauchzend zur Wirtshausthür.</p>
-
-<p>Unentwegt fiedelnd und blasend, zogen die Musikanten
-in die Schenkstube; man ließ ihnen kaum Zeit,
-einen Trunk zu thun. Mit starken Armen schleppten
-die Männer die Tische auf die Straße, die Weiber
-rückten die Bänke längs der Wände &mdash; nun war der
-Tanzsaal fertig. Der schwenkende Rheinländer hub an,
-auf dem engen Platz drehten sich an die dreißig Paare
-auf einmal.</p>
-
-<p>Das war ein Stoßen, Drängen und Puffen. Jeder
-wurde auf die Füße getreten und trat wieder; noch
-keine halbe Stunde war vergangen, und die Luft war
-undurchdringlich von Staub. Man konnte kaum sehen;
-durch den Dunst schimmerten die glühenden Gesichter
-wie rote Flecke. Man öffnete kein Fenster, nur die
-Thür stand offen, in dem dunklen Hausflur tanzten
-auch noch welche.</p>
-
-<p>Lucia Miffert war eine begehrte Tänzerin; sie
-tanzte nicht leicht, man fühlte eine volle Last, aber
-gerade das war schön, man wußte, was man hatte, und
-sie verstärkte das noch, indem sie sich recht fest auf den
-Arm ihres Tänzers lehnte. Und dabei war sie nicht
-stumm wie die andren Weiber, die sich drehen ließen,
-immer mit dem gleichen feierlichen Ausdruck des Gesichts.
-Sie schwatzte und lachte, ihre lustigen Augen
-blitzten nah in die des Tänzers, ihr warmer Atem
-kitzelte seine Wange; kein Wunder, daß die Männer sie
-immer fester und fester drückten.</p>
-
-<p>Von einem Arm wanderte sie in den andren, ihre
-gesteiften Röcke wurden schlaff, das dunkle Haar hing
-ihr verwirrt in&rsquo;s Gesicht. Ihr helles Lachen übertönte
-die Musik; wo sich in den Tanzpausen die Männer
-am dichtesten zusammenknäulten, da stand sie.</p>
-
-<p>Dem Peter wurde zugetrunken: &bdquo;Prost, dat Zeih
-soll läwen!&ldquo;</p>
-
-<p>Mit verdrossnem Gesicht stand er hinter der Stubenthür
-und folgte ihr mit den Augen. Er tanzte nicht
-mehr; als ein besonders helles Lachen die Musik überschrillte,
-hatte er mit einer heftigen Bewegung plötzlich
-seine Tänzerin stehen lassen, die er vorher, trotz seines
-lahmen Beines, mit viel Gewandtheit geschwenkt.</p>
-
-<p>Die Männer tanzten mit der Cigarre im Mund,
-über die Schulter der Tänzerin paffend; durch den
-undurchdringlichen Qualm bohrte Peter die Blicke &mdash;
-wo war sie? Mit wem tanzte sie?</p>
-
-<p>Gerade jetzt schwenkte sie der Bursche, auf dessen
-Wange sie vorhin ihre fünf Finger abgedrückt; es schien
-dem Peter, als schmiege sie sich besonders fest an den,
-als flüstre der ihr was Verliebtes in&rsquo;s Ohr.</p>
-
-<p>Mit einem Satz stürzte er sich auf das Paar;
-rechts, links im Gewühl Püffe austeilend. Nun hatte
-er sie erreicht. &bdquo;Gief Obacht, Zeih,&ldquo; sagte er, halb
-bittend, halb grollend, &bdquo;danz net e su vill, ons Josefche
-schreit sons de ganz Naacht!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Laoß hän schreien,&ldquo; lachte sie und tanzte weiter.
-Sie hatte seiner nicht Acht.</p>
-
-<p>Verzweifelt ging er vor&rsquo;s Haus, er konnte das
-da drinnen nicht mehr mit ansehen.</p>
-
-<p>Auf dem Prellstein an der Ecke saß ein altes
-Weib mit einem fest eingewickelten Kind auf dem Schoß.</p>
-
-<p>&bdquo;Kömmt se noch net?&ldquo; kreischte sie Miffert entgegen.
-&bdquo;Dat Könd gitt schuns ganz blao<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> für Schreien!&ldquo;</p>
-
-<p>Er beugte sich über das quiekende Bündel. Die
-Augen hatte das Sechswochen-Kind geschlossen, aber
-das Mäulchen stand durstig offen, immer jammerndere
-Laute drangen daraus hervor.</p>
-
-<p>Finster sah der Vater auf das verquollne Gesichtchen;
-langsam, in Gedanken, ging er dann zur Wirtshausthür
-zurück. Er schickte einen Knaben hinein. &bdquo;Saog
-dem Lucia Miffert, et soll ehs erauskommen. Äwer
-saog net, wän naoch er schickt,&ldquo; schärfte er ihm ein.
-&bdquo;Saog: et pressiert!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie kam, die Wangen heiß gerötet, schnell atmend,
-mit wogender Brust und geöffneten Lippen. Neugierig
-spähte sie aus.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau &mdash;?! Wat willste?&ldquo; fragte sie verwundert
-ihren Mann.</p>
-
-<p>&bdquo;Ons Josefche,&ldquo; sagte er nur vorwurfsvoll und
-wies mit dem Daumen nach der Ecke hinüber. Klägliches
-Schreien kam von dort her.</p>
-
-<p>&bdquo;Jesses, ons Josefche! Dän hatt ech ganz vergäß!
-Mein arm Josefche!&ldquo; Frau Lucia riß der
-alten Frau das Bündel vom Schoß, wiegte es tänzelnd
-hin und her, setzte sich dann auf den Prellstein, knöpfte
-ihre Taille auf und legte das Kind an die volle Brust.</p>
-
-<p>Das hungrige Josefchen war still; sie selbst lehnte
-den Kopf hintenüber an die Hauswand. Mit geblähten
-Nasenflügeln, schwer atmend, die Lider halb geschlossen,
-lauschte sie mit verzücktem Lächeln nach der Musik im
-Tanzsaal.</p>
-
-<p>Es war noch nicht dunkel genug, Peter sah die
-weiße Haut schimmern, die so weich und sammetig war,
-wie das Fell einer jungen Katze.</p>
-
-<p>Zärtlich murmelte er: &bdquo;Zeih, danz ehs met mer!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gären, e su gären,&ldquo; flüsterte sie, schlug die Augen
-auf und sah ihn voll an.</p>
-
-<p>&bdquo;Zeih &mdash; dau Framensch &mdash; ech &mdash; ech sein gäckig
-naoch der,&ldquo; stieß er lauter hervor, zwischen zusammengepreßten
-Zähnen. &bdquo;Saog, datste mech noch liew has
-&mdash; Zeih, saog et!&ldquo; Sein mißtrauischer Blick glitt
-zwischen ihr und der Wirtshausthür hin und her.</p>
-
-<p>Sie lachte so herzlich, daß das Kind wimmerte.
-&bdquo;Ksch &mdash; ksch &mdash; hahaha!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Laach net!&ldquo; Er stampfte mit dem Fuß und
-sah sie von unten herauf unter zusammengezogenen
-Brauen an.</p>
-
-<p>&bdquo;Jesses Maria, wat michste für en Visasch,&ldquo;
-sagte sie heiter. &bdquo;Pittchen, ech sein eweil e su fidel!
-Dau wirst mer doch net dat Pläsier verfumfeien<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>?
-Pittchen!&ldquo; Sie streckte die Hand aus und zog ihn zu
-sich heran; ihre Augen baten. &bdquo;Sei net unkommod,
-Pittchen, et es jao nor om en klein Verännerung zo
-maachen. Ech danzen aach met der.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Su komm,&ldquo; drängte er, &bdquo;komm!&ldquo;</p>
-
-<p>Er ließ ihr keine Zeit mehr; lachend schob sie
-der Alten das Kind in die Arme, knöpfte ihre Taille
-zu, schüttelte ihre Röcke und hing sich an den Arm
-ihres Mannes.</p>
-
-<p>Es dunkelte jetzt stark. Immer noch eilten Gestalten
-in&rsquo;s Wirtshaus; unter den Spätkommenden
-waren auch Lorenz und seine Verlobte, die heute zum
-ersten und letzten Mal Aufgebotenen.</p>
-
-<p>Bäbbi sah verweint, aber doch strahlend aus;
-der Bursche weniger strahlend, mit einer gewissen
-gleichgiltigen Energie gewappnet. Sie hatten heut
-einen schweren Stand gehabt, den ganzen Nachmittag
-hatten sie bei den alten Schneidersch um die
-Kammer neben dem Stall gebettelt; da sollte die
-junge Frau wohnen, wenn der Mann wieder über alle
-Berge war.</p>
-
-<p>Noch schluckte Bäbbi an ihren Thränen, aber stolz
-erhobnen Hauptes ging sie an der Hand ihres Lorenz
-&mdash; wer konnte ihr jetzt etwas nachsagen?!</p>
-
-<p>In der engen Thür stießen sie mit den Mifferts
-zusammen, etwas unsanft prallte Pittchen gegen die
-Braut. Sein Mund verzog sich, er zwinkerte pfiffig.
-&bdquo;Helao, dat Lenzen Bäbb! Ech dachten, et wär en
-Luftballon!&ldquo;</p>
-
-<p>Lucia kicherte.</p>
-
-<p>Lorenz schnob ihn wütend an: &bdquo;Kehr vor deiner
-Diehr! Duh nor net e su, als ob dat Zeih alleweil
-uf &rsquo;m Extrastiehlche gesäß hätt. On dau, dau sollst
-et doch sälwer wissen, dau Schörzenhänker &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Still biste!&ldquo; Lucia legte ihm die Hand auf den
-Mund. &bdquo;Net e su onmanierlich, mein Jong!&ldquo; Ihre
-weichen, wenig verarbeiteten Finger drückten fest und
-warm, jedes zornige Wort starb dem jungen Mann
-auf den Lippen.</p>
-
-<p>&bdquo;Neist for ongud,&ldquo; murmelte er. &bdquo;Laoß los,
-Zeih!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ech gradelieren der, Lorenz,&ldquo; sagte sie freundlich;
-und dann sich mit ihrem strahlenden Lächeln zu Bäbbi
-wendend, schüttelte sie der herzlich die Hand. &bdquo;Ech
-gradelieren der, Bäbb, dau sollst glöcklich gänn!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Merci!&ldquo; Das Mädchen brachte den Mund nicht
-zusammen, die Gratulation machte ihr so viel Vergnügen.
-&bdquo;Mir maachen kein groß Hochzeid,&ldquo; sagte sie dann
-wichtig, &bdquo;en Stöcker fünneszehn oder zwanzig; äwer wenn
-dir forliew nehme wollt, et soll ons freien!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Merci!&ldquo; Die Miffert knixte zierlich. &bdquo;Met Verlöw,
-mir sein gären von der Pardi!&ldquo;</p>
-
-<p>Lorenz machte ein böses Gesicht &mdash; hatte der Pitter
-nicht auch einmal um sein Mädchen herumgeschnuppert?
-Die Bäbb hatte es ihm selber erzählt. Daß ihm das
-nicht eher eingefallen war! Wie lang war&rsquo;s her? Traue
-einer den Frauenzimmern! Er glaubte ein Blickewechseln
-zwischen den beiden zu bemerken. Zornig riß er Bäbbi
-mit sich fort: &bdquo;Komm doch!&ldquo;</p>
-
-<p>Auch Peter sagte ungeduldig: &bdquo;Komm!&ldquo; Keine war
-doch wie seine Zeih! Er hätte mit ihr fort mögen, dahin,
-wo kein ander Mensch war; keiner sollte sie sehen, keiner
-sie lachen hören!</p>
-
-<p>Als er mit ihr tanzte, preßte er sie, daß ihr der
-Atem verging.</p>
-
-<p>Rund herum wirbelten die Paare. Immer rascher
-wurden die Tanzweisen, immer wilder schwenkten die
-Röcke, stampften die Schuh; die glattgeflochtenen Zöpfe
-lösten sich, hie und da hingen einer schon die losen Haarsträhnen
-über den Rücken.</p>
-
-<p>Immer fester packten die Männer zu. Die kleine
-Tina hatte auch einen Schatz gefunden. Der stupsnasige
-Laufeld hielt sie in den Pausen auf dem Schoß und ließ
-sie aus seinem Glase trinken.</p>
-
-<p>Heute nachmittag erst hatte sich das angebandelt.
-Tina hatte in ihres Vaters Garten gestanden und den
-Hals gereckt, als der Bursche vorüber kam. Ihre begehrlichen
-Augen zogen ihn an, er blieb stehen; die Arme
-auf den Zaun gestützt, sprach er zu ihr herüber. Sie
-war im hellen Staat, Blumen hatte sie vor die Brust
-gesteckt. Lange hatten sie miteinander geschwatzt, sie
-schnippisch, neugierig und verliebt; er im Ton eines
-Eroberers.</p>
-
-<p>Nun war sie sein erklärter Schatz. Da konnten
-noch so viele kommen und mit einem Kratzfuß bitten:
-&bdquo;Leih mer dei Mensch!&ldquo; &mdash; nur er tanzte mit ihr. Er
-war galant und bestellte Wein, Bier und süßen Likör.</p>
-
-<p>Sie trank alles durcheinander; zuletzt wußte sie
-nicht mehr, was sie sprach, was sie that, sie saß unbeweglich
-und starrte mit glasigen Augen vor sich hin.
-Da führte er sie hinaus.</p>
-
-<p>Das war kein Tanzen mehr, das war ein Rasen.
-Kein Takt, kein Schritt, kein Drehen mehr, nur ein
-wildes Durcheinanderhopsen. Lenzen Bäbb war mitten
-dazwischen. Der Lorenz war schwer betrunken, er wirbelte
-sie herum, daß sie gegen alles anstießen, gegen Menschen,
-Bänke, gegen den Schenktisch; zuletzt kam er mit ihr
-zu Fall. Kein Mensch half ihr auf; man stolperte über
-sie weg, jeder hatte mit sich zu thun, keiner stand mehr
-fest auf den Füßen.</p>
-
-<p>Wer noch gehen konnte, stahl sich mit seinem Schatz
-zur Thür hinaus. Ein Paar nach dem andren schlich
-um die Regentonne an der Stallwand, hinein in&rsquo;s dunkle
-Heckengäßchen. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Und weiterhin die nächtlichen Felder in Tau und
-ahnungsvoller Dämmerung. Eine unendliche Reinheit
-ist in der Luft, eine unendliche Reinheit am Himmel;
-die Sterne funkeln in überirdischer Klarheit, ehe sie erbleichen.
-Unendliche Reinheit weht über die Berge,
-unendliche Reinheit steigt zu Thal. Mit angehaltenem
-Atem lauscht die Natur und schauert und bebt vor der
-unendlichen Reinheit des Morgens.</p>
-
-<p>Horch! Im Dorf der erste Hahnenschrei! Er klingt
-wie eine Fanfare, wie ein Trompetenstoß zum Beginn
-neuer Lust. Der zweite Kirmestag bricht an.</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="III" id="III">III.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Es ist früh am Morgen, die Sonne noch nicht
-aufgegangen, nur über den Bergen im Osten rötet sich
-schwach eine Wolkenschicht. Grau liegt das Thal; von
-Frühnebel die Wiesen überwogt, wie von wallendem
-Wasser. Die Hähne schreien sich heiser, Hunde schlagen an.</p>
-
-<p>Ganz fern am Horizont blinkt noch ein Stern, ein
-schwaches Abbild früheren Glanzes. Drei Uhr.</p>
-
-<p>So früh ist man sonst in Eifelschmitt nicht auf
-den Beinen. Heut klappen alle Thüren; Weiber, notdürftig
-bekleidet mit Hemd und Unterrock, eilen hinaus
-in den grauen Morgen zum Brunnen. Feucht geht es
-nieder, als hätte es geregnet; die niedrigen Scheiben
-der Fenster sind dick angelaufen.</p>
-
-<p>Aus jedem Schornstein kräuselt schon Rauch und
-steigt mühsam durch die schwere Luft zum farblosen
-Himmel.</p>
-
-<p>Mit finster durchfurchten Stirnen stehen die Frauen
-am Steinherd und kochen den Kaffee; unter&rsquo;m hängenden
-Kessel schwehlt das feuchte Reisig, der Dampf beißt in
-die Augen, daß sie weinen. Die Küche ist kalt, das
-Herz schwer wie Blei.</p>
-
-<p>Drinnen im Ehebett liegt noch der Mann und
-wälzt sich in den Federn; er kann gar nicht herausfinden,
-der Kopf ist ihm schwer vom letzten durchzechten
-Abend. Er stöhnt und flucht.</p>
-
-<p>Wie Gespenster schleichen die Weiber herum, blaß,
-übernächtig, hohläugig; die blühendste Wange ist heute
-bleich, der lachendste Mund schmerzlich verzogen. Langsam
-tappen die bei der Kirmes müde getanzten Füße.</p>
-
-<p>Der letzte Morgen!</p>
-
-<p>Rasch, rasch, die Zeit vergeht! Noch haben sie weit
-zu wandern, und die Eisenbahn wartet nicht. Mit vor
-Hast ungeschickten Händen hilft die Frau dem Mann
-in die Kleider; Zärtlichkeiten werden nicht mehr getauscht,
-die haben sich erschöpft in den paar Tagen &mdash;
-und wozu auch? Er geht jetzt fort in die weite Welt,
-und sie bleibt sitzen im engen Thal. So ist&rsquo;s nun
-mal! Mit der gewöhnlichen Alltagsstumpfheit nimmt
-man schon wieder sein Geschick auf sich.</p>
-
-<p>Die kleinsten Kinder nur schlafen noch, die größeren
-bringen Hut und Stock und stecken dem &sbquo;Pappa&lsquo; noch
-ein Brot und ein Stück altbacknen Kirmeskuchen in&rsquo;s
-Bündel; sie wagen nicht zu sprechen, der Vater ist unwirsch,
-die Mutter haut beim geringsten Lärm zu.</p>
-
-<p>Still, still! Als wäre ein Toter im Haus, so
-schleichen sie; winselnd schnuppert der Hund herum und
-drückt sich dem Herrn an die Füße. &mdash;</p>
-
-<p>In der Kammer der jungen Schneiderschen Eheleute
-brannte noch das Lämpchen; es war so dunkel
-hier neben dem Stall, nicht Licht noch Luft kam durch
-das schmale Fensterchen.</p>
-
-<p>Bäbbi wankte vom Herd zum Tisch, vom Tisch
-zum Bett, vom Bett zum Schrank, immer vergaß
-sie noch etwas. Nackt und kahl engten die rotgetünchten
-Wände die dürftige Kammer ein; wirr glitt ihr Blick
-darüber hin, ein Grauen kam sie an, &mdash; und war&rsquo;s
-gestern nicht noch hier wie ein Paradies?!</p>
-
-<p>Sie war das rasche Abschiednehmen vom Ehemann
-noch nicht gewöhnt; vor zwei Tagen war erst
-die Hochzeit gewesen. Schluchzend sank sie auf den
-Schemel am Tisch: &bdquo;Wanneh kömmste widder?!&ldquo;</p>
-
-<p>Lorenz saß ihr gegenüber, die Ellbogen aufgestemmt,
-und stierte in seinen dampfenden Kaffeenapf.
-&bdquo;Kreisch net, Bäbbi,&ldquo; sagte er endlich; aber es würgte
-ihn selber in der Kehle, seine Stimme war beklommen.</p>
-
-<p>Sie sagten nichts mehr.</p>
-
-<p>Die bunte Wanduhr in der Ecke tickte, der Zeiger
-rannte rasend schnell &mdash; schon zeigte er beinah vier.
-Eine fahle Dämmerung schlich durch den düstren Raum;
-Bäbbi pustete in das Lämpchen, daß es stinkend
-erlosch.</p>
-
-<p>&bdquo;Eweil giehn ech,&ldquo; sprach er und stand auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Noch net!&ldquo; Sie hing sich an ihn, von einer
-verzweifelten Angst erfaßt. &bdquo;Dau has noch Zeid,
-bleiw&ldquo; &mdash; krampfhaft packte sie seine Hand &mdash; &bdquo;bleiw
-noch ebbes!&ldquo; Sie schrie laut auf: &bdquo;Nor ein Minut!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä!&ldquo; Er machte sich los. &bdquo;De anneren
-waarten!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ech siehn dech gewiß net widder &mdash; Jesses Mari
-Juseb &mdash; ech graulen, wann ech stärwen moß!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dommhaaten!&ldquo; Mit verzognem Mund versuchte
-er zu lachen. &bdquo;Haal dech gesond, on schreiw bal, hörste?!
-Adjes, Bäbb!&ldquo; Er setzte sich den Hut auf und griff
-nach seinem Bündel, mit dem freien Arm zog er sie
-an sich. &bdquo;Jesses, Bäbbchen, kreisch net e su! Bäbbchen,
-biste gäckig?! Bäbbche, mei liew Bäbbche!&ldquo;</p>
-
-<p>Wütende Küsse brannten auf seinem Mund, glühende
-Thränen flossen auf seine Wange, zitternde Arme hielten
-ihn umklammert. Mit Gewalt machte er sich endlich los.</p>
-
-<p>Ganz benommen taumelte er zur Thür &mdash; noch
-ein Blick zurück, noch ein Kopfnicken &mdash; nun stolperte
-er über die Schwelle. Nun war er fort.</p>
-
-<p>Sich aufbäumend stand das junge Weib in der
-Kammer &mdash; da, horch! &mdash; noch einmal seine Stimme!
-Er nahm Abschied von Vater und Mutter. Jetzt eilende
-Tritte &mdash; jetzt nichts mehr!</p>
-
-<p>Mit furchtbarem Schreien warf sie sich vor der
-Bettstatt auf die Kniee und verbarg das Gesicht in dem
-noch warmen Kissen. &mdash;</p>
-
-<p>Am Wirtshaus trafen sie sich alle; Lorenz war
-der letzte. Sie foppten ihn, daß er sich nicht hatte
-trennen können. Auch viele Frauen und Mädchen
-waren hier, die den Männern das Geleit geben wollten;
-mit verstörten Gesichtern und fröstelnd standen sie umher.</p>
-
-<p>Oben, längs der Chaussee, auf der Höhe von
-Schwarzenborn, stand ein Busch, wie ein Haarschopf
-auf kahlem Scheitel; das war die Grenze, soweit gingen
-sie immer mit. Da war schon manche Thräne auf den
-nackten Felsgrund gefallen, und der einsame Busch hatte
-wie eine dornige Wand letzte Umarmungen versteckt.</p>
-
-<p>Niklas Densborn kommandierte zum Abmarsch,
-es war hohe Zeit. Noch ein Schluck aus der Branntweinbuttel,
-die der Krumscheid in die Runde reichte,
-und dann: &mdash; &bdquo;Voran gemaach!&ldquo;</p>
-
-<p>Seine Frau am Arm ging der Densborn voran.
-Die Kathrine hatte schon manches Mal Abschied genommen,
-die verzog keine Miene. Bald war ihr ältester
-Sohn fünfzehn, dann wanderte der auch mit; &rsquo;s
-war Zeit, daß der fortkam.</p>
-
-<p>Trapp &mdash; trapp &mdash; &mdash; &mdash;. Hart tönen die Schritte
-auf dem holprigen Dorfpflaster. Trapp &mdash; trapp &mdash;
-das klingt wie Hammerschläge auf einen Sargdeckel.</p>
-
-<p>Haus nach Haus vorüber; verödet bleiben sie alle
-zurück. Leer sind die Gärtchen, thränenschwer nicken die
-Blumen am Zaun. &mdash;</p>
-
-<p>Stumm schreiten sie die Straße gen Schwarzenborn
-hinan. Alle Gesichter sind grau, alle Blicke trüb,
-traurig suchen sie den Himmel &mdash; oben auf dem Scheitel
-des Berges ragt der einsame Busch. Eine gelbliche
-Helle ist um ihn, die ihn dunkler erscheinen läßt, fast
-schwarz; scharf hebt er sich ab vom weiten Hintergrund
-des Himmels.</p>
-
-<p>Und dieser Hintergrund färbt sich röter und röter;
-die wie träumend hingelagerte Wolkenschicht belebt sich,
-bewegt sich, wird durchschossen von rosenfarbnen Bändern,
-von goldnen Linien, von feurigen Blitzen. Alles
-Grau der Wolken ist schon verdrängt. Eine Flamme
-loht auf, voll, stark, groß &mdash; riesengroß &mdash; sie leckt
-himmelan mit gierigen Zungen, mit Windesschnelle
-greift sie um sich; auf dem Gipfel des Berges entfacht,
-schlägt ihre lodernde Glut höher und höher, breitet
-sich weiter und weiter.</p>
-
-<p>Der Busch ist eine Fackel; jeder Zweig ist feurig
-durchglüht, jeder Dorn, jedes Blatt.</p>
-
-<p>Er brennt, er brennt! Der ganze Berggipfel
-brennt! Der Himmel brennt!</p>
-
-<p>Ein Riesenbrand ist entglommen, staunend schauert
-die Erde; ein Feuervorhang verhüllt den Himmel &mdash;
-da &mdash; jetzt &mdash; jetzt hebt er sich, er zerteilt sich!
-Ruhig, in majestätischer Größe schwebt ein Ball empor
-hinter&rsquo;m Felsgrat, eine goldne Scheibe, eine Welt voll
-Glanz &mdash; die Sonne!</p>
-
-<p>Über Schwarzenborn stand die Sonne; und sie
-wanderten mitten hinein in die Flut von Licht. Der
-Goldglanz fiel auch auf die grauen Gesichter; die der
-Männer erhellten sich, die Frauen bedeckten die Augen
-mit der Hand.</p>
-
-<p>&bdquo;Voran gemaach,&ldquo; rief der Densborn und hob
-mahnend die Hand. &bdquo;De Sonn&rsquo;!&ldquo;</p>
-
-<p>Und Lorenz stimmte den &sbquo;Abschied&lsquo; an; er mußte
-singen, da saß was auf der Brust und in der Kehle,
-das mußte weg.</p>
-
-<p>Er schmetterte der Sonne entgegen:</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Der, der, der, on der Abschied fällt mir schwer!<br /></span>
-<span class="i0">On die, die, die, on die Abreis&rsquo; noch viel mehr!<br /></span>
-<span class="i0">Also fällt mir dieser Trost noch ein,<br /></span>
-<span class="i0">Ech kann net immer an einem Ort sein,<br /></span>
-<span class="i2">Mein Glück muß ech probieren,<br /></span>
-<span class="i5">Marschieren!&ldquo;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Sie sangen alle mit:</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Hinaus, hinaus, zum engen Thal hinaus!<br /></span>
-<span class="i0">Wir haben hier gehauset im besten Saus und Braus;<br /></span>
-<span class="i0">Wir wünschen euch zu guterletzt<br /></span>
-<span class="i0">Ein andern, der die Stell ersetzt,<br /></span>
-<span class="i2">Damit sei&rsquo;n alle Wunden<br /></span>
-<span class="i5">Verbunden!&ldquo;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Gegen den Schluß fiel der Gesang schon etwas
-auseinander; die Weiber schluchzten, der einsame Busch
-war nah. Da war manch einer, der ein wenig zurückblieb
-und die Seine auf offener Straße umfing.</p>
-
-<p>Die junge Tina hing Thomas Laufeld am Hals;
-er hatte sie in den Chausseegraben, hinter ein vorspringendes
-Stück Fels gezogen, da küßte er sie noch
-ordentlich ab. Die Augen funkelten ihr im Kopf, bei
-ihren Küssen biß sie, bei ihren Umarmungen kniff sie;
-immer, wenn sie ihn schon losgelassen hatte, stürzte sie
-sich noch einmal auf ihn.</p>
-
-<p>Ihre kleine Schwester, die mitgelaufen war, zog
-sie am Rock: &bdquo;Komm ehs, Tina!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Frech Dingen!&ldquo; Ein Schlag brannte auf der
-Wange der Kleinen, aber diese ließ nicht nach, sie zerrte
-die andre am Rock, dabei spitzte sie den Mund und
-lächelte den Burschen an: &bdquo;Adjes, Thomas!&ldquo; Der
-küßte zuletzt das hübsche Kind auch noch.</p>
-
-<p>Die Kathrine Densborn reichte ihrem Mann nur
-die Hand, dann machte sie das Zeichen des Kreuzes.</p>
-
-<p>&bdquo;Jesus! Maria! Josef! Datste gesond widder
-kömmst! Zu Weihnacht &mdash; vergeß net! &mdash; für ons
-Trautche en Kleid von Kottong,<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> sechs Ehlen &mdash; äwer,
-dat de Farf net schanschört!<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> On für mech en Gedrucks,
-elf Ehlen, et es nor fünnef Viertel breit. Adjes,
-Nikla!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Adjes, Kättche! &mdash; Hä, allons,&ldquo; schrie der Densborn.</p>
-
-<p>Lorenz wandte sich noch einmal zurück und schaute
-in&rsquo;s Thal hinunter; er schwenkte seinen Hut, eigentlich
-war ihm nun schon ganz leicht um&rsquo;s Herz. &bdquo;Adjes,
-Bäbb,&ldquo; murmelte er, und dann pfiff er hell. Da
-lag die Welt, sonnbeschienen, vor der Arbeit scheute er
-sich nicht, Pläsier gab&rsquo;s auch, zu Weihnachten kam man
-schon wieder nach Hause &mdash; warum denn grämen?!</p>
-
-<p>Küsse, Umarmungen, Abschiedsblicke, Abschiedsworte.
-&bdquo;Adjes, bring mer ebbes Schienes met!&ldquo; &mdash; &bdquo;Schreiw
-als bal!&ldquo; &mdash; &bdquo;On dau aach!&ldquo; &mdash; &bdquo;Bleiw gesond!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Grüß ons Könner!&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Händeschütteln, Nicken, Winken. Trapp, trapp,
-fort geht&rsquo;s! Trapp, trapp! Hohl verklingen die
-Schritte, hinter der nächsten Erdwelle sind die Männer
-verschwunden.</p>
-
-<p>Allein. &mdash; Da standen sie nun um den einsamen
-Busch, eine verlassene Herde. Der herbe Morgenwind
-wehte scharf über&rsquo;s kahle Plateau; er blähte die Röcke
-der Frauen, daß sie flatterten wie Flaggen, in der
-Not gehißt.</p>
-
-<p>&bdquo;Eweil sein se weg,&ldquo; sagte eine und starrte trübselig
-hinter den Entschwundenen drein.</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="IV" id="IV">IV.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Peter Miffert saß vor seiner Thür auf dem Bänkchen.
-Die Beine hatte er weit von sich gestreckt, die
-Hände hielt er in den Hosentaschen; behaglich schabte
-er den Rücken an der sonndurchwärmten Hauswand.</p>
-
-<p>Still war die Luft, sehr heiß; zwischen den Bergwänden
-hatte sie sich gefangen und kochte und brütete
-da, wie in einem Kessel. Kein Windchen rührte sich,
-die Bäume regten kein Laub, lautlos schlängelte die
-Salm ihr sehr schmal gewordenes Silberband gen
-Himmerod hin.</p>
-
-<p>Hier herauf zur letzten Hütte, abseits von allen
-übrigen, drang kein Ruf, kein einziger Hall. Im
-Sonnenbrand lag weiter unten das Dorf, ohne Leben,
-wie versunken in einen Märchenschlaf; seine kleinen,
-weißen Häuser, blendend im flimmrigen Licht, duckten
-sich scheu im engen Thälchen.</p>
-
-<p>Peter dehnte und rekelte sich; dann saß er ganz
-still, die schweren Lider fielen ihm noch tiefer über die
-Augen, die Mütze rutschte ihm bis auf die Brauen, er
-gähnte, daß man seinen allerhintersten Zahn sah.
-Willenlos wackelte sein Kopf nach der linken, nach der
-rechten Schulter, dann sank er ihm auf die Brust.
-Pittchen schlief. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Frau Zeih war heut nicht zu Hause; ein Reisender
-in Knöpfen, Litzen und Kleiderstoffen hatte das Dorf
-passiert, auf dessen Wagen war sie in aller Frühe mit
-dem Kind zu ihren Verwandten nach Manderscheid gefahren.
-Sie hatte die Gelegenheit benutzt.</p>
-
-<p>Peter hatte sie vor&rsquo;s Wirtshaus gebracht und abfahren
-sehen, hatte dann beim alten Krumscheid einen
-gekippt und war dann langsam nach Hause geschlendert,
-um die Ziege und die Hühner zu füttern. Eben wollte
-er sich von dieser Anstrengung erholen, da kam der
-Hubert, der Enkel vom alten Steffes, gerannt; der
-Pflug war nicht in Ordnung, die Stoppel sollte gepflügt
-werden, es pressierte!</p>
-
-<p>&bdquo;Gieh nor als voran, ech kommen e su bal als
-ech kann,&ldquo; sagte Pittchen wichtig und schob den kleinen
-Boten zur Thür hinaus. Dann lachte er in sich hinein
-&mdash; das sollte ihm fehlen, bei der Hitz sich auch noch
-mit Arbeit echauffieren! Morgen war auch noch ein
-Tag, vielleicht war&rsquo;s da kühl genug.</p>
-
-<p>&bdquo;Uf, dat es en Strawatz!&ldquo; Er riß das Hemd auf
-der Brust von einander und warf sich querüber, mit
-den Stiefeln, auf das noch ungemachte Bett. Mit
-schläfrigen Augen starrte er zur niedrigen Decke auf, die
-der Rauch schwarz gebeizt hatte, an der die Spinnweben
-in langen Festons hingen, und dachte an seine Frau.
-Donnerwetter, sah die staats aus, als sie bei dem
-Reisenden auf dem Wagen saß. Wie &rsquo;ne Dam&rsquo;! Ihr
-bestes Kleid hatte sie an, auf Kleider hielt sie was;
-wie lange lag sie ihm schon in den Ohren, um ein
-neues! Und einen Hut hatte sie auf, den hatte sie sich
-zurecht gestutzt mit allen möglichen Bandschnippelchen;
-halbe Tage konnte sie sitzen und an so was herumputzen.
-Aber wie stand ihr der auch! Unter dem Strohrand
-mit den blauen und roten Schlupfen lag das
-dichte Haar schön wellig an den Schläfen; bis auf die
-Augenbrauen, die wie ein dunkler Strich über die
-lustigen, hellen Augen zogen, hing es in glänzenden
-Kräuseln. Dem Reisenden war auch das Wasser im
-Mund zusammengelaufen, das hatte der Peter wohl
-bemerkt.</p>
-
-<p>Kotzdonner, war er nicht ein großer Esel, daß er
-die Zeih mit dem fremden Mannskerl allein fahren
-ließ?!</p>
-
-<p>Er zog die Stirn kraus; in einer ärgerlichen
-Unruhe sprang er auf &mdash; da &mdash; es klopfte schon
-wieder!</p>
-
-<p>Die Thür ging auf; ohne ein &sbquo;Herein&lsquo; abzuwarten,
-steckte Tina Pötsch den Kopf in die Stube. Schlau
-lächelnd sah sie sich um.</p>
-
-<p>&bdquo;Es dat Zeih net derhäm?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä!&ldquo; Er sagte es ziemlich grob; sie kam ihm
-ungelegen, er hatte so viel nachzudenken.</p>
-
-<p>Wie ein Kätzchen schlich sie sich näher, ihre Augen
-funkelten. &bdquo;Es dat Zeih metgemaach bis nao Manderscheid?&ldquo;</p>
-
-<p>Woher wußte sie das? Er sah sie verwundert an.</p>
-
-<p>Sie sagte nichts, aber ihr Lächeln verriet sie.
-Aha, die hatte aufgepaßt!</p>
-
-<p>Sie stand vor ihm, den Kopf zur Seite geneigt,
-und blinzelte ihn an. Er konnte nicht umhin, sie
-hübsch zu finden; das helle Kopftuch stand ihr gut zu
-dem bräunlichen Gesicht, einen Mund hatte sie, so rot
-wie eine Kirsche.</p>
-
-<p>&bdquo;Wolltste ebbes vom Zeih?&ldquo; fragte er viel
-freundlicher.</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, von Eich,&ldquo; sagte sie keck, hob ihren Rock
-auf und krabbelte lange in der Tasche ihres Unterrocks.
-Dabei wandte sie keinen Blick von ihm und lächelte
-ihn an mit ihrem Kirschenmund.</p>
-
-<p>Endlich brachte sie ein kleines Packetchen zum
-Vorschein, mit spitzen Fingern wickelte sie die Zeitungspapierfetzchen
-auseinander. Ein Schmuckstück war darin,
-ein vergoldetes Kreuzchen, die Gestalt Christi als winziges
-Püppchen hing daran.</p>
-
-<p>&bdquo;Kuckt!&ldquo; Sie legte es vor ihn hin und beugte
-sich zugleich über seine Schulter.</p>
-
-<p>Er nahm es prüfend in die Hand; das Kreuzchen
-war verbogen, unten ein Stück abgebrochen. &bdquo;Wat
-sollen ech dermit?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Heil maachen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dat kann ech net.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ojeh&ldquo; &mdash; sie lehnte sich von hinten her fest an
-ihn &mdash; &bdquo;wän dat zweifelt! Se saon, Ihr seid e su
-gescheidt, Ihr haot dat Tolent, Ihr könnt ales maachen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Laoß mech gewärden<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>,&ldquo; brummte er.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat Pittche haot heit kei gud Schur<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>,&ldquo; lachte
-sie. &bdquo;Schnauzt mech doch net e su ahf!&ldquo; Sie griff
-über seine Schulter nach dem Kreuzchen und streifte
-dabei zart seine Wange. &bdquo;Kuckt, lao maacht Ihr ebbes
-Neies dran &mdash; wupptich, su schnell wie gespauzt<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> &mdash;
-ons Hährgöttche es färdig!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dau Fladdiererin,&ldquo; schmunzelte er und strich
-ihr die Wange. &bdquo;Saog ehs, Mädche, von wem haste
-dat Hährgöttche? Von deim Schatz?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä.&ldquo; Sie that sehr verschämt. &bdquo;Ech haon
-ken Schatz. Ech sein eweil noch vill zo jong!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hm, hm.&ldquo; Er betrachtete sie interessiert. &bdquo;On
-dän Thomas Laufeld &mdash; no?!&ldquo; Er kniff sie augenzwinkernd
-in den Arm.</p>
-
-<p>Sie schlug ihn auf die Finger. &bdquo;Autsch! Bah,
-dän domme Jong.&ldquo; Sie warf die Lippen auf. &bdquo;Eweil
-es dän weit weg, waaß Gott, wat dän micht! Et gitt&rsquo;r
-aach noch annere &mdash; haha!&ldquo; Sie lachte hell und
-neigte sich ganz zu ihm hinüber.</p>
-
-<p>&bdquo;Dao haste rächt in,&ldquo; stimmte er zu.</p>
-
-<p>Sie gefiel ihm immer besser, er begriff nicht, daß
-er nicht längst mit der Tina angebändelt hatte; so jung
-wie die, war keine von den andren &mdash; und Augen hatte
-sie! Da kam selbst die Zeih nicht gegen an. Die hier
-hatte brennende Zündhölzchen im Kopf, mit denen
-flackerte sie ihm in&rsquo;s Gesicht, als wollte sie sagen:
-&sbquo;Brenn dich an; ich brenn&rsquo; schon lichterloh!&lsquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dau Racker,&ldquo; sagte er, zog sie an sich und küßte
-sie mitten auf den Mund.</p>
-
-<p>Sie erwiderte seinen Kuß, und dann kicherte sie:
-&bdquo;De Katz es net zo Haus, eweil haon de Mäus frei
-danzen! Dat Zeih &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dat Zeih,&ldquo; unterbrach er sie rauh; es schien,
-als wolle er das Mädchen von sich drängen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ojeh,&ldquo; kicherte sie, &bdquo;dat Zeih werd sech aach
-schuns amesieren, dän Hähr waor e su onöwel net!&ldquo;
-Sie sah ihn von der Seite an. &bdquo;Puh, maacht ken
-e su garschtig Visasch &mdash; köß mech, sons kössen ech dech!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie warf sich ihm so stürmisch an den Hals, daß
-er hintenüber auf einen Schemel fiel. Ihre brennenden
-Augen sahen ihm gierig in&rsquo;s Gesicht, ihre Lippen
-schimmerten blutrot über den spitzigen Zähnchen &mdash; das
-war die junge Katze, die erst kürzlich das Rauben gelernt,
-auf deren Zungenspitze noch der Blutgeschmack des
-ersten Fraßes schwebt und sie lüstern auf neuen macht.</p>
-
-<p>Sie saß auf seinem Schoß, ihre Arme umstrickten
-ihn fester, fester. Er dachte nicht daran, sich zu wehren.
-Junger Most berauscht am meisten; und dazu kam
-die geschmeichelte Eitelkeit.</p>
-
-<p>Es war ein heißes Schäferstündchen in der schmutzigen
-Stube unter der rauchgeschwärzten Decke. Das Herrgöttchen
-lag am Boden, achtlos trat Tinas Fuß darauf;
-der goldne Zierrat knirschte unter dem nägelbeschlagenen
-Schuh. Sie achtete es nicht, sie hörte auch nicht das
-Huschen unter&rsquo;m Fenster und das Kraspeln auf der
-Schwelle.</p>
-
-<p>Jetzt öffnete sich die Thür spaltbreit, grade weit
-genug, daß Tinas Ebenbild, Schwester Billa, den
-Kopf hereinstecken konnte. Ihre altklugen Kinderaugen
-sahen alles. Mit einem Wutschrei fuhr Tina auf,
-Peter stand sehr betroffen.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau sollst erunner kommen.&ldquo; Billa riß die
-Thür sperrangelbreit auf. &bdquo;Äwer tutswit<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Maach, datste weg kömmst,&ldquo; schrie die andre
-und ballte die Faust.</p>
-
-<p>&bdquo;Bäh.&ldquo; Billa streckte ihr die Zunge heraus und
-rannte dann fort mit Geschrei, den Weg zum Dorf
-hinunter. &bdquo;Ech waaß ebbes! Helao, ech saon et, ech
-saon et!&ldquo;</p>
-
-<p>Tina wie eine Furie hinterdrein.</p>
-
-<p>&bdquo;Kreizgewieder!&ldquo; Pittchen sah ihr verdutzt nach;
-Hören und Sehen war ihm vergangen.</p>
-
-<p>&bdquo;En hongrig Laus beißt am stärksten,&ldquo; brummte
-er, und dann schloß er seine Thür. Der Schweiß
-stand ihm auf der Stirn, es war ihm sehr warm geworden.</p>
-
-<p>Er hockte sich auf den Schemel und stützte den
-Kopf in die Hand. &mdash; &sbquo;Dat Zeih werd sech aach schuns
-amesieren!&lsquo; Jetzt, wo er wieder zur Besinnung gekommen,
-peinigte ihn der Gedanke: &sbquo;Wo war die Zeih
-jetzt? Was trieb sie?&lsquo;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da &mdash; &bdquo;Kreizdunner,&ldquo; fluchte er &mdash; schon wieder
-Klopfen!</p>
-
-<p>Ei, da kam die Mutter vom Hubertche selber, die
-junge Frau Steffes, die allein mit dem alten Großvater
-hauste; der Mann war unten in der Fabrik.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech haon als ons Hubertche geschickt,&ldquo; stammelte
-sie atemlos und setzte sich auf einen Schemel, &bdquo;wollt
-Ihr net kommen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gewiß, gewiß,&ldquo; versicherte er. Die Annemarie
-Steffes war eine hübsche Frau, keine von den großen,
-aber munter und wohlgeformt wie eine Wachtel.</p>
-
-<p>&bdquo;Et es pressant,&ldquo; sagte sie und legte die Hand
-auf die heftig wogende Brust; gelaufen mußte sie sein
-wie der Wind, sie war hochrot und keuchte.</p>
-
-<p>Und doch schien es ihr jetzt nicht zu eilen; behaglich
-sah sie sich um und musterte die armselige
-Stube.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat Zeih es net zo Haus?&ldquo; sagte sie dann.</p>
-
-<p>&bdquo;Nä.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Et es nao Manderscheid?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jao.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Duh kömmt et wohl erscht diesen Awend widder?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jao.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jesses, on dir haot niemand, dän Eich ebbes for
-zo äßen kocht! Nä, su en Fra, läßt dän armen Mahn
-ganz allein!&ldquo; Sie schlug die Hände zusammen. &bdquo;Es
-et menschenmiëlich?!&ldquo;</p>
-
-<p>Er nickte, es that ihm wohl, bemitleidet zu werden,
-während seine Frau mit dem Reisenden durch den einsamen
-Wald fuhr. Ja, die Zeih, die ließ ihn schön
-im Stich! Aber wart, das wollte er der eintränken!</p>
-
-<p>&bdquo;Su en armen Mahn,&ldquo; rief die Steffes wieder,
-sie konnte sich gar nicht beruhigen. &bdquo;Äwer waart, ech
-duhn Eich ebbes schicken; oder &mdash; Pittchen, wißt Ihr
-wat? Kommt bei ons, mir haon heit ebbes extra
-Feines: Grombieren met Griewen on Kaabes! On
-en Flasch Bitburger spendieren ech aach derzu!&ldquo;</p>
-
-<p>Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, so
-gut hatte er lange nicht gegessen.</p>
-
-<p>&bdquo;Kommt nor,&ldquo; sagte sie dringend und kam auf ihn zu.</p>
-
-<p>Er wischte sich mit dem Handrücken über den
-Mund, und dann legte er den Arm um ihre Taille
-und zog ihre Gestalt an sich. &bdquo;Dat es net zo veraachten,&ldquo;
-seufzte er.</p>
-
-<p>Sie spitzte den Mund und lehnte sich an ihn.
-&bdquo;On des Dauner Käs haon ech aach noch derhäm!&ldquo;</p>
-
-<p>Donnerwetter, Dauner Käs! Den aß Pittchen
-für sein Leben gern. Dauner Käs! Er drückte ihr
-einen Kuß auf den Mund, daß es schallte. Sie küßte
-wieder. Kuß auf Kuß. Sie packte ihn beim Kopf,
-sie war heiß und rot, ihre Hitze steckte ihn an &mdash; da
-&mdash; sie schreckten auseinander.</p>
-
-<p>Von der Thür her sagte jemand: &bdquo;Met Verlöw,&ldquo;
-und die Kathrine Densborn stand mit spöttisch verzognem
-Mund in der Stube.</p>
-
-<p>&bdquo;Exkusört! Ech kommen wohl onpaß bei der schienen
-Onnerhaalung? Ech haon gekloppt on gekloppt!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie warf einen verächtlichen Blick auf die kleine
-Steffes.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau has wohl kein Ohren mieh?! Dein Könner
-kreischen, dat mer se hunnert Schritt weit hört. Dat
-Sußche es de Trepp erunner gefaal, dän Jakob on
-dän Jobann haun sech. Dat Hubertche haot met
-Steiner naoch ons Äppeln geschmiß, duh haot em
-ons Hannickel ordentlich de Bux verwixst; eweil haste
-ebbes zo flicken!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jesses Maria!&ldquo; Die Steffes rannte zur Thür,
-auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um:
-&bdquo;Komm dau mer ehs, dau ale Schatehk!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Densborn lachte grimmig. &bdquo;Dau denkst:
-&sbquo;Besser half geleiert, als ganz gefeiert&lsquo; &mdash; dech kennen
-ech nau, dau mannsdoll Mensch! Waart, ech schreiwen
-deim Mahn e Briefche, dat hän sech net hinner dän
-Spiegel sticht!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O dau &mdash; dau &mdash;&ldquo; Die Steffes wollte noch
-etwas sagen, aber die Densborn schob sie über die
-Schwelle und krachte die Thüre zu.</p>
-
-<p>&bdquo;Gemaach, gemaach,&ldquo; sagte Peter; er war ärgerlich,
-die junge, saubere Frau war ihm bei weitem lieber,
-als die starkknochige ältliche.</p>
-
-<p>Entrüstet wandte sich die Kathrin gegen ihn.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech moß mech siehr wonnern, dat Ihr Eich met
-su aner inlaoßt! Duh es dat Zeih doch en anner
-Persohn, su alert on freindlich on artlich im Omgang,
-on de Schienste weid on breid!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie lobte die Zeih über alle Maßen. Peter war
-ganz verdutzt, er hatte nie geahnt, daß die da was von
-der Zeih hielt &mdash; im Gegenteil. Aber es schmeichelte
-ihm gewaltig, daß die angesehene Densbornin seine
-Frau lobte.</p>
-
-<p>Er lächelte und strich sich den Schnurrbart. &bdquo;Womit
-kann ech ufwaarten, Fra Densborn?&ldquo;</p>
-
-<p>Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und
-der zu Leder verbrannten Haut schmunzelte. &bdquo;Ech
-wollten Eich nor fraogen, ob Ihr net e su gud sein
-wollt, on mer de Adreß an dän Densborn schreiwen,
-ech haon net e su en schien Handschriwt. On de annren
-hei sein e su ongebildt, se können net emaol ihren
-eignen Naomen schreiwen, dat mer hän läse kann. Hei!&ldquo;
-Sie zog ein Briefcouvert aus der Tasche, hinten sorgfältig
-mit Siegellack verklebt; der Fingerhut hatte als
-Petschaft gedient.</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, wat Ihr geliehrt seid,&ldquo; sagte sie bewundernd,
-als er die Adresse schrieb und noch einen kecken Schnörkel
-unter das &sbquo;Densborn&lsquo; zog. &bdquo;Ihr könnt besser, wie dän
-Hähr Lährer zo Oberkail; äwer dat es aach schuns e
-su en Alden, de Alden sein for neist mieh notz. Wat
-bin ech Eich schullig, Pittchen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Neist, neist,&ldquo; beeilte er sich zu versichern; er war
-immer galant, wenn er sich dabei nicht allzusehr anzustrengen
-brauchte.</p>
-
-<p>&bdquo;Merci, merci! Kommt doch ahf on an, on drinkt
-e Dröppche; von meim Bruder onnen an der Musel
-hammer noch e Fäßche im Keller.&ldquo; Sie drückte ihm
-die Hand und sah ihn dabei an mit breitgezognem
-Mund und sanften Blicken der sonst so strengen Augen,
-daß ihm ganz bänglich wurde. Er war erleichtert, als
-sie ging.</p>
-
-<p>Aber noch hatte er keine Ruh, das Gelauf nahm
-kein Ende.</p>
-
-<p>Da waren noch mehrere gekommen, die schwarze
-Vrun, die blonde Leis, und zuletzt des Mathesen Martin
-Frau, die Traut; die hatte über ihren Mann geklagt,
-daß sie der schimpfe und mit Eifersucht quäle,
-sie hatte geweint und geschluchzt und Pittchen an
-&sbquo;früher&lsquo; erinnert.</p>
-
-<p>Mit der einen lachen, die andere trösten und &mdash;
-alle karessieren, das war ein bißchen viel verlangt!
-Pittchen schwirbelte der Kopf, er war ganz abgemattet;
-kein Wunder, daß er nun vor seiner Hüttenthür saß
-und schlief. &mdash;</p>
-
-<p>In der heißen Mittagsluft summten honigbeladene
-Bienen, ein starker, fast strenger Geruch stieg von den
-Wiesen um die Salm auf; sie standen hoch im Gras,
-längst that ihnen das Mähen not.</p>
-
-<p>Auf den Äckerchen an den Hängen schimmerten
-weiße Kopftücher, wie hellere Flecken auf blaßgelblichem
-Grund &mdash; da schafften jetzt die Weiber.</p>
-
-<p>Aber keine Sense blitzte und legte in langen
-Schwaden das Korn nieder; die Weiber rutschten auf
-den Knieen und schnitten den Roggen mit der Sichel,
-wie man Gras schneidet. Sie arbeiteten hart, der
-Schweiß rann in Strömen; das Hemd klebte, naß
-zum Auswinden, am Leib, die braunen Beine, von
-den Stoppeln zerkratzt und zerstochen, steckten nackt
-unter&rsquo;m kurzen Rock.</p>
-
-<p>Kein Mann zwischen den Arbeitenden; nur hier
-und da saß so ein Alter am Grasrain, als Aufseher,
-und stopfte sich die Pfeife, oder ein paar halbwüchsige
-Jungen hetzten mit &sbquo;Hot und Hahrüh&lsquo; eine magere Kuh,
-die mühsam den Pflug durch die Stoppel schleifte.</p>
-
-<p>Glühend heiß der Sonnenprall an die steilen
-Wände; mager, mager die Erdkrume, darunter harter
-Fels. Erbärmlich das Getreide; in winzigen Mandeln
-stand es da, dünn im Stroh, gering in der Ähre.</p>
-
-<p>Auch Bäbbi war bei der Arbeit. &bdquo;Jesses,&ldquo; sagte
-sie und richtete sich, schwer atmend, aus ihrer gebückten
-Stellung auf.</p>
-
-<p>Die alte Schneidersch, die hinter der Schwiegertochter
-das Korn raffte, keifte: &bdquo;Voran gemaach! Sei
-net e su faul!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ech kann net mieh!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ech kann net mieh,&ldquo; äffte die Alte nach. &bdquo;Hammer
-dech dafor in de schiene Stuw einloschiert? Hei
-gieft net gefaullenzt! Mir haon ke Gäld, om onnötze
-Mäuler zo fudern!&ldquo;</p>
-
-<p>Bäbbi verbiß die Thränen; es wollte sich ihr wie
-ein Schrei aus der Kehle ringen: &sbquo;Wenn das der
-Lorenz wüßt&rsquo;!&lsquo;</p>
-
-<p>Aber sie schwieg, mit der Schwiegermutter war
-nicht gut Kirschen essen. Neulich, als der Lorenz Geld
-geschickt, hatte die es wie selbstverständlich an sich genommen;
-der jungen Frau, die schüchtern ihr Teil verlangte,
-wurde grob über den Mund gefahren.</p>
-
-<p>Lenzen Bäbb hatte keinen Anhang, ihre Eltern
-waren tot. Der alte schwachköpfige Lenzen-Ohm, bei
-dem sie halb als Tochter, halb als Magd gewohnt,
-hatte ihr das, was er ihr vermacht hätte, zur Hochzeit
-ausgezahlt; nun war das verjubiliert, kaum für die
-notwendigsten Anschaffungen war etwas geblieben.</p>
-
-<p>&sbquo;Wenn er doch hier wäre! Wenn er bald wiederkäm&rsquo;!&lsquo;
-Das war der Stoßseufzer, der sich stündlich
-von Bäbbis Lippen rang; mit einer verzehrenden,
-krankhaften Sehnsucht gedachte sie seiner, Tag und Nacht.
-Schwer wie die Bürde ihres Leibes, schleppte sie ihr
-Leben hin. &sbquo;Wär&rsquo; er nur wieder da!&lsquo;</p>
-
-<p>In der Ecke ihrer Kammer machte sie mit Rötel
-jeden Abend einen Strich an die Wand &mdash; wieder
-ein Tag vorüber! Noch hundertzwei Tage, dann
-kam er!</p>
-
-<p>Die Sichel in der Hand, auf den Knieen liegend,
-starrte das junge Weib traumverloren in den blendenden
-Sonnenflimmer.</p>
-
-<p>Nebenan auf der Stoppel pflügte die Tina Pötsch.
-Sie hatte ihre beiden jüngeren Geschwister, den dreizehnjährigen
-Karl und die vierzehnjährige Billa in den
-Pflug gespannt; nur wenige im Dorf konnten sich
-den leisten, die meisten arbeiteten den Acker mit der
-Hacke um. Stolz schwang sie die Peitsche, mit einer
-besonderen Wollust hieb sie sausend durch die Luft.
-Das Schnurende traf Villa am Hals, mit einem Aufschrei
-drehte die sich um.</p>
-
-<p>Tina lachte.</p>
-
-<p>&bdquo;Waart, dau frech Dingen,&ldquo; kreischte die jüngere
-wütend.</p>
-
-<p>Tina lachte noch immer.</p>
-
-<p>&bdquo;Hü, hott, meine Peerdches!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ech sein net dein Peerd!&ldquo; Billa warf sich in
-der Furche nieder.</p>
-
-<p>&bdquo;Hü, hott! Willste ziehn?!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie blieb halsstarrig in der Furche liegen, kein
-Peitschenschlag trieb sie zum Aufstehen; aber als Tina
-hinter dem Pflug vorsprang und sie mit dem Fuß in
-die Weiche stieß, packte Billa zu. Ihre Finger krallten
-sich in Tinas Wade, mit einem Aufkreischen riß sie
-die Überraschte zu sich nieder. Sie wälzten sich beide
-auf der Stoppel.</p>
-
-<p>Karl, nicht faul, nahm die Partei der jüngsten
-Schwester; es war ihm gelungen, sich loszusträngen,
-nun warf er sich über die beiden Mädchen, auf Tinas
-Rücken mit den Fäusten trommelnd. Billa, zu unterst
-am Boden liegend, erstickte fast unter der doppelten
-Last.</p>
-
-<p>Das war aber alles noch Spaß, in das Gekreisch
-mischte sich Lachen; jedoch nun wurde es Ernst.</p>
-
-<p>Tina hatte den Bruder in&rsquo;s Bein gekniffen, dafür
-riß er sie an den Haaren; mit der einen Hand
-zerrte er ihren Kopf in die Höhe, mit der andern Faust
-schlug er ihr in&rsquo;s Gesicht. Das Blut floß ihr aus der
-Nase, das Wasser aus den Augen; sie schrie laut.</p>
-
-<p>Verschiedene kamen herzu und umstanden die Wolke
-von Staub, in der sich die drei wälzten. Die Meinungen
-waren geteilt.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat schadt dem Tina neist, wann dat ordentlich
-wat uf de Schnöß krieht,&ldquo; sagte eine.</p>
-
-<p>&bdquo;Jesses, hän haut se kappores!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Speck on Schwart sein von einer Art &mdash; die
-duhn sech neist!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Haal dem Jong de Bein fest, hän trampelt dat
-Bill zo Schannen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ä wat, Onkraut vergieht net!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Et blut jao!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hilf! Hilf!&ldquo; kreischte Tina. Ihr Hilfeschrei
-gellte weit über die Äcker.</p>
-
-<p>Von allen Seiten liefen jetzt neugierig die Weiber
-herbei.</p>
-
-<p>&bdquo;Wat es passiert? Wän schreit e su? Kuckt elao!
-Jeßmarijusep!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Et es en Schand,&ldquo; rief die Densborn, &bdquo;dat dir
-dat Tina half dud schlaon laoßt! Krieht hän beim
-Schlawittchen! Läßte los, dau infamichte Karnallij!&ldquo;
-Sie zerrte den Jungen am Bein.</p>
-
-<p>&bdquo;Laoßt hän nor,&ldquo; schrie die Steffes gegen, &bdquo;kömmert
-Eich erscht om Eiren Jong! Dän Karl haot
-ganz rächt, dat Tina pisakt se Dag on Naacht. Wän
-onschullige Könner schlät, es sälwer Prüjel wert. Eier
-Hannickel soll mer nor kommen! Hän haot dat Hubertche
-geschlaon, dat em ale Rippen wieh duhn;
-ech verklaogen hän bei de Hähren vom Gericht, on Eich
-derzu, Eich scheinheilig Luder!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wat &mdash; wat,&ldquo; zeterte die Densborn, &bdquo;Ihr wollt
-noch räden?! Su en Mensch, su en mannsdoll Mensch,
-su en&ldquo; &mdash; in der Wut versagten ihr die Ausdrücke &mdash;
-&bdquo;dat zu de Mannsleit rennt, e su bal als de Fra net
-derhäm es! Pfui!&ldquo; Sie spuckte aus. &bdquo;Su en &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Et es net waohr, et es net waohr,&ldquo; kreischte die
-Steffes; sie war blutrot im Gesicht und wirbelte auf
-die große starkknochige Gegnerin zu. &bdquo;Ihr seid nor
-neid&rsquo;sch &mdash; jao, neid&rsquo;sch! Haha!&ldquo; Sie lachte krampfhaft.
-&bdquo;Ihr wollt sälwer gären, Ihr&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Die andre schlug ihr auf den Mund: &bdquo;Liegnersch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ihr wollt sälwer gären &mdash; haha &mdash; alde
-Schatehk!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Haha! Alde Schatehk!&ldquo; Wie einen Schlachtruf
-nahmen die jüngeren Weiber das auf.</p>
-
-<p>Die schwarze Vrun, die blonde Leis gesellten sich
-zur Steffes; sie hatten längst einen heimlichen Groll
-auf die Densborn, die allem nachschnoberte. &bdquo;Annemarei,
-dat es rächt! Laoß der neist gefaalen, Annemarei!
-Dat scheel Luder maant, et könnt hei kommandieren?!
-Su hammer net gewett! Olau, Schatehk,
-alde Schatehk! Hahahaha!&ldquo; Ein nicht endenwollendes
-Gelächter pflanzte sich fort.</p>
-
-<p>Die paar, die noch arbeiteten, erhoben sich auch
-von den Knieen; in großen Sprüngen stürzten sie
-herzu, die Sichel in der Hand schwingend, mit flatternden
-Röcken und Geschrei.</p>
-
-<p>Da wurden Haare gelassen!</p>
-
-<p>Kathrine Densborn hatte Annemarie Steffes am
-Schopf gepackt.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau mannsdoll Mensch, dau &mdash; saog et noch
-ehs &mdash; dau!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Neid&rsquo;sch, dir seid neid&rsquo;sch! Alde Schatehk!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Liegnersch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wolltst sälwer gären!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Waart, ech will dech liehren!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Kampf wurde ernsthaft. Die große Gegnerin
-schüttelte die kleine wie ein Bündel Kleider; diese schlug
-mit Händen und Füßen aus. Ließen sie sich einen
-Augenblick los, um Atem zu schöpfen, gleich stürzten
-sie wieder aufeinander.</p>
-
-<p>Schreie, Schimpfworte, Kreischen, Lachen, ohrenbetäubendes
-Geschnatter.</p>
-
-<p>Zwei Parteien hatten sich gebildet, Frau stand
-gegen Frau; so manche hatten heimlichen Groll auszufechten,
-es waren nicht mehr die Densborn und die
-Steffes allein, die aufeinander losgingen.</p>
-
-<p>Die Geschwister Pötsch waren vergessen. Karl, die
-Hände in den Taschen seiner zerlumpten Hose, sah
-grinsend dem Tumult zu; Billa lag heulend am Boden.
-Tina wischte mit dem Handrücken das Blut von der
-Nase, dann schlich sie mit funkelnden Augen dem
-Weiberknäuel näher. Sie hatte auch ihre Feindinnen
-darunter &mdash; rasch der Steffes ein Bein gestellt!
-Warum hatte ihr die vorhin nicht beigestanden?!</p>
-
-<p>Nun steckte sie mitten drin im Kampf; die blonde
-Leis, das Bäschen von der Steffes, und, mit ihren
-goldnen Zöpfen, Tinas gefährlichste Nebenbuhlerin &mdash;
-war sie nicht erst vorhin aus Pittchens Thür geschlichen?
-&mdash; versetzte ihr eins.</p>
-
-<p>&bdquo;Hol dech in Aacht, dau Schleckermaul,&ldquo; zischelte
-Tina hinter zusammengebißnen Zähnen.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau Rotznaos,&ldquo; schrie die Blonde verächtlich; sie
-war um ein oder zwei Jahr älter.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau öwerstännige Kwetsch!&ldquo;<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a></p>
-
-<p>&bdquo;Dau unreifen Appel!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ech roppen der dein rot Börschten<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> aus!&ldquo;
-Tina griff kräftig in die goldnen Zöpfe.</p>
-
-<p>&bdquo;Vrun, Vrun,&ldquo; rief Leis die Freundin zu Hilfe.
-&bdquo;Komm ehs här! Gief dem dao eins hinnen druf,
-ech halen derweil der verliewten Katz de Poten.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hal dau dein Schnöß! Vrun, komm bei mech,&ldquo;
-schrie Tina. &bdquo;Ech saon der, dat Leis &mdash; Vrun, Vrun!
-&mdash; et es heit beim Pittchen gewest, et haot zom Pittchen
-gesaot: et hält dech für en Naor! Vrun, Vrun!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wat?!&ldquo; In einem Augenblick hatte sich das
-Blättchen gewendet, die Schwarze kehrte sich gegen die
-Blonde. &bdquo;Beim Pittchen gewest? Mech für en Naor
-halen? &mdash; O dau falsch Dingen!&ldquo;</p>
-
-<p>Mit triumphierenden Augen sah Tina zu, wie die
-beiden Freundinnen auf einander losfuhren.</p>
-
-<p>Das war ein Spektakel! Ein Lärmen, ein Schimpfen,
-ein Schreien. Vom Berghang tönte es nieder zum Thal,
-an Pittchens Hütte vorbei &mdash; der schlief ruhig weiter &mdash;
-und und brach sich schallend an der jenseitigen Höhenwand.</p>
-
-<p>Sie hörten alle nicht das Mittagsglöcklein; nur
-Bäbbi. Die stand abseits und starrte mit großen
-traumverlornen Augen in&rsquo;s Gewühl. Früher hätte sie
-auch frischweg am Kampf teilgenommen, &mdash; aber jetzt?!
-Es war alles untergegangen in der großen Sehnsucht.</p>
-
-<p>Als das Glöcklein läutete, bekreuzte sie sich; die
-Sichel entfiel ihr, langsam sank sie auf die Kniee und
-faltete die Hände. Was that der Lorenz wohl jetzt?
-Dachte er jetzt auch an sie? &mdash; &mdash; Wär&rsquo; er doch
-erst wieder hier &mdash; ach! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Steh uf,&ldquo; schrie die alte Schneidersch sie an.
-&bdquo;Schläfste?&ldquo; Die Alte hatte sich auch am Zank beteiligt,
-besonders mit dem Mundwerk; sie hatte aber
-auch bald darin ihren Meister gefunden, nun ergoß
-sich die ganze aufgestaute Flut von Scheltworten über
-die Schwiegertochter, diesen Dorn in ihrem Auge.</p>
-
-<p>Mit einem wilden Ingrimm fuhr die Alte auf
-sie los. Es wurde Bäbbi nichts erspart; laut und
-gellend, vor aller Welt, wurde ihr ihr Fehltritt vorgeworfen.
-Kein Mädchen war je so schlecht gewesen,
-so lumpig, so armselig und so berechnend dazu. Was
-hätte der Lorenz für Partien machen können, aber sie
-hing ihm ja wie ein Klotz am Bein, merkte es gar
-nicht, daß er sie gern los geworden wäre &mdash; ja, er
-hatte sie satt, der Mutter hatte er&rsquo;s vertraut!</p>
-
-<p>Schwerfällig richtete sich Bäbbi auf, stumm, mit
-düstren Augen hatte sie auf den Kampf der Weiber
-gestarrt &mdash; Heulen, Schreien, geschwungene Fäuste, verzerrte
-Gesichter, ein wildes Durcheinander erregter Gestalten
-&mdash; jetzt schien sich auch ihr Blick langsam daran
-zu entzünden. Als die Schwiegermutter schloß: &bdquo;Hän
-haot dech saat, saat bis zom Ekel, hän wünscht dech,
-wuh dän Peffer wächst,&ldquo; flammte er auf.</p>
-
-<p>Sie kehrte sich gegen die Alte, raffte die Sichel
-auf; ihr Gesicht glühte, ihr Auge glitzerte unheimlich,
-ein irres wildes Lachen rang sich aus ihrer gequälten
-Brust. Sie hob drohend die Sichel &mdash; aber, da, sie
-ließ sie wieder fallen. Statt dessen schwang sie die Faust
-und schmetterte sie nieder auf den Rücken der Schwiegermutter,
-daß der Hören und Sehen verging.</p>
-
-<p>Die Alte knickte in die Kniee, schützte den Kopf mit
-beiden Armen und schrie laut.</p>
-
-<p>Hageldichte Schläge. Die Alte duckte sich und
-wand sich wie ein Wurm, Bäbbi stand über ihr gleich
-einer Rächerin, totenbleich, die Lippen fest aufeinander
-gepreßt. Sie schlug darauf los mit einer Art von Befreiung,
-von Erlösung.</p>
-
-<p>&bdquo;Hör uf,&ldquo; kreischte die Alte, &bdquo;ech zeigen dech an!
-Ech fluchen der!&ldquo;</p>
-
-<p>Ununterbrochen fielen die Schläge.</p>
-
-<p>&bdquo;Hör uf, ech saon et dem Lorenz! &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Lorenz &mdash;!&ldquo;</p>
-
-<p>Jammernd, beschwörend, bittend zugleich schrie
-Bäbbi den Namen nach; der erhobne Arm fiel ihr
-zur Seite, sie starrte verwirrt drein, als erwache sie
-aus einem Traum. Ein Zittern, ein Rütteln ging
-durch ihren ganzen Körper; sie schwankte, die Füße
-schienen sie nicht länger zu tragen. Mit einem dumpfen
-Laut schlug sie die Hände vor&rsquo;s Gesicht.</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="V" id="V">V.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>&bdquo;Bimmel, bimmel, bimmel&ldquo; tönt das Glöckchen
-der Kirche. Sein dünner heller Klang fliegt durch&rsquo;s
-Dorf und steigt an den Thalwänden in die Höhe; oben
-von Schwarzenborn antwortet ein anderes Glöckchen.
-&bdquo;Bimmel, bimmel, bimmel&ldquo; &mdash; Vesper.</p>
-
-<p>Aus den Steinfliesen der Kirche lag Bäbbi. Ihr
-Gesicht war blaß, ihre Augen rot, vom Weinen dick
-verschwollen. Sie hob die Hände zu dem Marienbild,
-das in der Nische des Seitenaltares stand; weiße und
-rote Papierrosen umkränzten die Heilige, ein paar dünne
-Kerzchen flackerten ihr zu Füßen.</p>
-
-<p>Kein Mensch war sonst mehr in der Kirche. Die
-braunen Holzbänke standen leer; hie und da war ein
-Gebetbuch liegen geblieben, ein buntes Heiligenbildchen
-steckte als Zeichen darin. Derbe Lederschuhe hatten
-vom Kot der Dorfstraße mit herein geschleppt; die
-ausgetretenen Fliesen vor dem Marienbild waren am
-meisten beschmutzt, da hatten die Weiber vorhin gekniet,
-die Stirn tief gesenkt, unablässig die Lippen bewegend.</p>
-
-<p>Ein Gewitter war am Nachmittag aufgezogen,
-rasch kam es, ungeahnt, ohne vorherige Anzeichen;
-schwarz war der Himmel, schwer wie Blei. Er drohte
-mit Hagel. Angstvoll schauten die Frauen aus &mdash;
-sollte das schon die himmlische Strafe sein für den
-heutigen Zank?</p>
-
-<p>Sie glichen heute alle blessierten Kriegern nach
-der Schlacht; einen Kratz, einen Stoß, einen Schlag,
-einen Tritt hat jede wegbekommen. Mit funkelnden
-Augen waren sie vom Acker heimgekehrt, Schimpfworte,
-Verwünschungen auf den Lippen. Die Hüttenthüren
-wurden zugeschmettert, die Kinder verkrochen sich scheu,
-die Schüsseln klapperten &mdash; manch eine ging heut in
-Scherben; mit noch nicht gestilltem Zorn verzehrte
-man ein sehr verspätetes Mittagbrot, es schmeckte wie
-Galle.</p>
-
-<p>Da &mdash; krach &mdash; der erste Donner!</p>
-
-<p>Furchtbar rollte er im engen Thal; wie ein böses
-Tier im Käfig, das keinen Ausweg findet, so grollte
-er zwischen den Bergwänden. Krach, krach &mdash; Hall
-und Widerhall. Und der Himmel so drohend, und
-die Blitze niedersausende Schwerter.</p>
-
-<p>&bdquo;Jeßmarijusep!&ldquo; Wie eine Herde Schafe, vom
-Wolf gescheucht, flüchteten sie in die Kirche. Da lagen
-sie auf den Fliesen und schlugen die Brust und beteten
-und seufzten zum Steinerweichen. Sie waren ganz
-zerknirscht.</p>
-
-<p>&bdquo;Maria, Jongfra voller Gnaden, bewaohr ons!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Heiliger Donatus, sänftig dat Ongewieder, dau
-kannst et! Heiliger Donatus, ech flehen dech an, laoß
-meine Gerscht net zu Schannen gänn &mdash; se stieht als
-in Mandeln!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Heilige Maria, Moddergotts, ech haon et net e
-su bees gemaant, wie ech dem frech Mensch eins appliciert
-haon. Dau wirst en Einsiehn haon &mdash; o liew
-Moddergöttesche, rechen et mir net an!&ldquo;</p>
-
-<p>Draußen kracht der Donner. Kanonenschüsse feuert
-er durch&rsquo;s Thal, von einem Ende zum andren.</p>
-
-<p>&bdquo;Gegrüßet seist du, Maria &mdash; hilf, hilf, heiliger
-Donatus!&ldquo;</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Meerstern, ich dich grüße,<br /></span>
-<span class="i0">Gottes Mutter süße &mdash; &mdash;&ldquo;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Der Tag ist schwarz wie die Nacht, in den Winkeln
-der Kirche hockt grauliche Dämmerung. Jetzt bebt der
-alte Bau &mdash; jetzt loht ein feuriger Blitz durch die
-Dunkelheit, noch feuriger durch das bunte Glas des
-Fensters, darauf das Bildnis des heiligen Donatus
-steht, mitten zwischen Blitzen. Ein gellendes Aufkreischen
-drinnen antwortet der dröhnenden Stimme draußen,
-immer lauter wird das Murmeln, immer rascher bewegen
-sich die Lippen.</p>
-
-<p>&bdquo;Heiliger Donatus, ech grüßen dech, gelowt seist du!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Maria, Moddergotts, bitt for ons!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O Maria, ech grüßen dech, dreiunddreißigtausendmal!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Stirnen neigen sich bis auf die Fliesen; Gelöbnisse,
-Versprechungen werden den Wunderthätigen
-gemacht.</p>
-
-<p>Sie brauchten nicht allzulange mehr zu beten; so
-rasch wie es gekommen, so rasch ließ das Unwetter
-nach, es zog über die Berge ab in einem Hui. Vor
-der Kirchthür gackerten schon wieder die Hühner und
-scharrten nach Würmern, Spatzen schirpten vergnügt und
-lupften das nasse Gefieder. Die Jauche floß, durch
-den Regen von den Misthaufen weggespült, quer über
-die Gasse; aber am blauen Himmel stand schon wieder
-die Sonne und lachte.</p>
-
-<p>Sie knixten und bekreuzten sich noch einmal an
-der Kirchthür und tunkten den Finger in&rsquo;s steinerne
-Weihwasserbecken.</p>
-
-<p>&bdquo;Dunnerknippchen, waor dat en Wäder,&ldquo; sagte die
-eine. Und die andre: &bdquo;Deiwel aach, dat konnt en
-bees Onverlegenhaat gänn!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie waren alle guter Dinge, lachten und schwatzten.
-Die Feindinnen sprachen wieder miteinander; mit Geschäker
-machte man sich selbander auf, aus dem Wald
-das abgeschlagne Dürrholz zu holen.</p>
-
-<p>Bäbbi war allein zurückgeblieben. Ihr Murmeln
-hallte wider im einsamen Raum; sie hatte nicht beten
-können zwischen den andren, jetzt betete sie. Sie wußte
-selbst nicht, was sie sprach; Worte waren es kaum, nur
-ein Gestammel, ein schmerzvolles Lallen.</p>
-
-<p>Flehend richtete sie den trüben Blick auf das
-Marienbild; das lächelte.</p>
-
-<p>Sie nickte traurig &mdash; ja, die war rein und heilig,
-darum lächelte sie auch so stumm; die verstand so viel
-Sündhaftigkeit nicht!</p>
-
-<p>&bdquo;Erbarm dech!&ldquo;</p>
-
-<p>Mit einem Stöhnen schlug Bäbbi die Stirn auf
-den kalten Stein. Sie hatte die Hand erhoben gegen
-die, die den Lorenz geboren hatte, sie hatte seine Mutter
-geschlagen! Was würde der Lorenz sagen?!</p>
-
-<p>Wenn sie das Schreckliche, das ihr Gewissen bedrückte,
-doch nur einem Menschenohr anvertrauen könnte!
-Wenn ein reinerer Mund für sie bei der da oben
-den Fürsprecher machte, dann würde auch der Lorenz
-ihr verzeihn!</p>
-
-<p>Eine furchtbare Angst erfaßte sie. Wenn er sich
-von ihr wendete, wenn er nicht wiederkehrte!</p>
-
-<p>Halb irr vor Furcht, wand und krümmte sie sich
-und rang die Hände.</p>
-
-<p>&bdquo;Maria, Moddergotts, verzeih mer! Lorenz, komm
-widder! Lorenz! Ech will dein Modder uf Händen
-dragen, se soll mech schlaon, half dud schlaon, ech
-mucksen net! Komm widder, komm widder!&ldquo;</p>
-
-<p>Es raschelte in den Papierrosen um&rsquo;s Marienbild,
-ein Zugwind hatte sie gestreift; oben am Orgelchor
-klappte ein Fenster &mdash; die Sakristeithür hatte sich geöffnet.</p>
-
-<p>Bäbbi hörte nicht, inbrünstig flehte sie.</p>
-
-<p>Der geistliche Herr war eingetreten, sein gutes
-bäuerliches Gesicht glänzte rot und zufrieden. In
-der Sakristei hatte es nicht eingeregnet, im Pfarrgarten
-war auch nicht eine von den kostbaren Speckbirnen abgeschlagen!
-Gelobt sei der heilige Servatius, der Schutzpatron
-von Eifelschmitt!</p>
-
-<p>&bdquo;Ei, Lenzen Bäbb,&ldquo; sagte er freundlich und tupfte
-die Zusammengekauerte auf die Schulter. &bdquo;Was machst
-du hier?&ldquo;</p>
-
-<p>Sie hob den Kopf und sah ihn verstört an. &bdquo;Hähr
-Pastor &mdash; Hähr!&ldquo; Sie stotterte, verlangend glitt ihr
-Blick hinüber zum Beichtstuhl an der jenseitigen Wand,
-in dem das grüne, verschleiernde Gardinchen so hoffnungsvoll
-schimmerte. &bdquo;O Hähr Pastor&ldquo; &mdash; sie stieß
-es heraus mit einer Art Gier &mdash; &bdquo;wann ech eweil
-zor Beicht giehn dörft!&ldquo; Ihre Hände haschten nach
-dem Zipfel seines speckig glänzenden, langen Rockes;
-sie drückte die Lippen darauf. &bdquo;Hähr Pastor, zor
-Beicht!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jetzt nicht, meine Tochter,&ldquo; sagte er etwas verwundert,
-&bdquo;nächsten Freitag! Du weißt doch, nach der
-Messe morgens, und nachmittags von fünf bis sieben.
-Heut ist Montag. Warst du denn gestern nicht im
-Hochamt? Es ist doch abgekündigt worden. Nächsten
-Freitag&ldquo; &mdash; er betonte nachdrücklich jedes Wort &mdash;
-&bdquo;von fünf bis sieben ist Beichte. Behalte, nächsten
-Freitag!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Oh,&ldquo; wimmerte sie, &bdquo;Hähr Pastor!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Also am Freitag, meine Tochter!&ldquo; Er hob mit
-einer segnenden Bewegung die Hand zum Abschiedsgruß.</p>
-
-<p>Sie sah ihn an, wie ein verhungerndes Tier.</p>
-
-<p>Lächelnd fuhr er in die abgegriffene Tasche der
-Soutane und brachte ein Bildchen heraus, ein weißes
-Cartonkärtchen mit Spitzenpapierrand; ein rotes, flammendes
-Herz war darauf gemalt, von einem Pfeil
-durchbohrt &mdash; &sbquo;das süße Herz Jesu&lsquo;.</p>
-
-<p>&bdquo;Hier, meine Tochter!&ldquo; Er machte das Zeichen
-des Kreuzes über sie.</p>
-
-<p>Sie küßte das Bildchen, sie küßte seine Hand;
-und dann war sie wieder allein. Der Herr Pastor
-ging, um sein Brevier zu beten; das that er, wie täglich,
-auf seinem Spaziergang gen Himmerod zu, da
-führte der Weg lieblich im Bergschatten und wanderte
-sich sacht und eben.</p>
-
-<p>Lange noch lag Bäbbi vor dem Altar; süßlächelnd
-blickte das Marienbild nieder, kein Zug in dem Wachsgesicht
-veränderte sich. Ein grenzenloses Gefühl der
-Verlassenheit überkam die Einsame; da war niemand,
-der ihr helfen konnte! Zerschlagen an allen
-Gliedern schlich sie sich endlich fort.</p>
-
-<p>Als sie bald darauf, die Hotte auf dem Rücken,
-den andren Weibern nach, zum Kunowald hinaufwanderte,
-schloß sich ihr Peter Miffert an. Er wollte der
-Zeih entgegengehen. Seinen zerlumpten Werktagsanzug
-hatte er mit dem Sonntagsstaat vertauscht; viel war
-an dem auch nicht dran, aber die Hosen, die ihm sonst
-schlotterten, hatte er stramm heraufgezogen, die Mütze
-mit dem blanken Wachstuchschild saß ihm verwegen
-auf den dunklen Ringelhaaren.</p>
-
-<p>Er pfiff und sang, aber sein Singen war mißtönend
-wie das Gekrächz des Hähers, der, aufgeschreckt,
-in den Baumwipfeln flatterte und argwöhnisch von
-dort niederäugte. Die Zeih mochte sich heut schön
-&sbquo;veramesiert&lsquo; haben! Pittchen hatte sich eine Haselgerte
-abgeschnitten, mit der hieb er rechts und links,
-daß die Blätter der Büsche flogen.</p>
-
-<p>&bdquo;Duht dat net!&ldquo; Bäbbi sah ihn aus ihren traurigen
-Augen beweglich an. &bdquo;De arm Dinger! Am
-Busch sein se e su lostig grün, Ihr haut se ahf, duh
-liejen se kapot uf der Straß on gänn zertret!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Waorom net gaor,&ldquo; sagte er leichthin; aber er
-hieb doch nicht mehr.</p>
-
-<p>Schweigend gingen sie beide weiter, jeder in seine
-Gedanken versunken. Plötzlich schluchzte Bäbbi auf,
-schwer ließ sie sich auf einen Stein am Weg fallen.
-&bdquo;Glauwt Ihr, dat dän Lorenz widder kömmt?&ldquo; stieß
-sie hervor; ihr Blick bohrte sich mit angstvoller Frage
-in Pittchens Gesicht.</p>
-
-<p>Er fühlte ihre Angst heraus und lachte gutmütig:
-&bdquo;No, waorom dann net?! Waor soll hän dann annerschter
-giehn?!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Maant Ihr? Maant Ihr werklich?&ldquo; Sie preßte
-seine Hand. O wie gut that ihr seine Zuversicht!
-Schluchzend hielt sie ihn am Ärmel fest und lehnte
-die Stirn gegen seinen Rock.</p>
-
-<p>&bdquo;Äwer, Bäbb, seid doch net gäckig!&ldquo; Ob schön
-oder häßlich, er konnte kein Frauenzimmer weinen sehen;
-er war ganz gerührt von ihren Thränen, er quetschte
-sich neben sie auf den Stein und streichelte ihre Hand.
-&bdquo;Bäbb, Bäbbchen, kreisch doch net e su!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wann hän mech net mieh liew haot, duhn ech
-mer en Leid an,&ldquo; murmelte sie mit finsterer Entschlossenheit.</p>
-
-<p>Das traf Pittchen wie ein Schlag. Wenn ihn
-die Zeih nicht mehr lieb hätte, was würde er dann
-thun &mdash; &mdash; &mdash;?!</p>
-
-<p>Er sprang so hastig auf, daß Bäbbi ihn erschrocken
-ansah.</p>
-
-<p>&bdquo;Eweil giehn ech. Adjes!&ldquo;</p>
-
-<p>Das war nicht sein gewöhnlicher fauler Schlendergang,
-bei dem er die Füße kaum hob und nur langsam
-weiter schlorrte; er rannte.</p>
-
-<p>Tannen rechts, Tannen links. Schwarze Riesenwände,
-die einen schmalen Streifen Himmel einrahmen.
-Keine Hütte, kein Stückchen bebautes Land mehr. Kein
-Mensch; keine grasende Kuh, keine meckernde Ziege,
-auch kein Wild, kein Vogel.</p>
-
-<p>Ohne eine Nadel zu regen, in majestätischer Größe
-stehen die Tannen, wie aus der Urwelt stammend, mit
-ihren Riesenbärten von abgestorbenem, grauem Moos,
-ihren überhandlangen, braunen, schuppigen Zapfen, ihrem
-dunkelflüssigen Harz, das in zähem Rinnsal aus der
-zerklüfteten Borke sickert.</p>
-
-<p>Tiefstes Schweigen. Ein Schweigen, in dem auch
-der leichtherzige Wanderer stumm wird; eine gebieterische
-Hand streckt sich aus dem Dunkel der Äste und
-legt sich auf seinen Mund: &bdquo;Still!&ldquo;</p>
-
-<p>Hinter den finstren Stämmen tauchen Gedanken
-auf, dämmernde, ahnungsbange Gedanken; tückisch
-brechen sie hervor, wie Räuber aus dem Hinterhalt,
-und überfallen den Harmlosen. Man erschrickt vor
-dem eignen Fußtritt, man hält den Atem an und steht
-und lauscht; und dann packt einen die Angst im Genick,
-wie ein schwarzes Tuch fällt es einem über den
-Kopf &mdash; weg ist der Frohsinn. Ein grüblerischer Ernst
-hält den Menschen umklammert und läßt ihn nicht los
-in dieser Einsamkeit.</p>
-
-<p>Weltabgeschieden ist der gewaltige Wald. Wer
-hier um Hilfe schreit, wird nicht gehört; was man hier
-treibt, wird nicht gesehen; wer etwas verbergen will
-vor andrer Augen, kann&rsquo;s hier dreist, ein Schutzdach
-wölbt sich über ihn und um ihn.</p>
-
-<p>Pittchen pfiff und sang nicht, er rannte auch nicht
-mehr; argwöhnisch bohrte sich sein Blick rechts und
-links in die Tannen. &mdash; Ob die Zeih allein daher
-kam? Wenn sie nun hier ginge, begleitet von einem
-andren &mdash; &mdash; &mdash;?!</p>
-
-<p>Der verfluchte Wald! Hätte der Weg über freies
-Feld geführt, würde er sich gar keine Gedanken machen,
-aber so &mdash; &mdash; &mdash;!</p>
-
-<p>Grüblerisch hing er den Kopf auf die Brust.
-&mdash; &mdash; Da ging die Zeih von Manderscheid fort, auf
-der Chaussee begegnete ihr einer, es schlich ihr wohl
-gar einer nach von Manderscheid &mdash; hätte er&rsquo;s denn
-nicht selber so gemacht? &mdash; Nun kam der große Wald,
-nun gingen die zwei mit einander hinein, immer tiefer
-in&rsquo;s heimliche Versteck. Kein Mensch sah sie, nicht
-einmal die Sonne lugte verstohlen; es dämmerte bereits,
-Abendwolken verschleierten das Himmelsauge.
-Dem Mann wurde warm an der Seite der schönen
-Zeih, er redete verliebtes Zeug, und sie lachte dazu. &mdash;
-Peter hörte ihr halblautes Gekicher, so kicherte sie auch,
-wenn er zärtlich wurde &mdash; sie wiegte sich in den Hüften,
-der Dreiste faßte sie um die Taille, sie wehrte sich
-nicht, sie lachte nur &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Kotzdonner noch ehs!&ldquo; Peter fluchte ingrimmig
-in sich hinein &mdash; jetzt fuhr er zusammen; deutlich erklang
-das Lachen, das verfluchte Lachen! Er stand,
-wie der Teckel vor&rsquo;m Fuchsbau, zitternd, lauernd, aufgeregt.</p>
-
-<p>Im dürren Gezweig knackte es &mdash; Rehe waren
-das nicht! Wieder das Lachen &mdash; und jetzt &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Haalt,&ldquo; schrie es hell.</p>
-
-<p>Ein Rudel junger Weiber setzte aus dem Dickicht
-und verstellte den Weg.</p>
-
-<p>Peter sah verblüfft drein.</p>
-
-<p>&bdquo;Helao,&ldquo; lachte die wilde Tina, &bdquo;hei gitt et Wegzoll
-bezaohlt, eweil sein mir de Sperrbarriär!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie faßten sich an den Händen und bildeten eine
-feste Kette; die Tina, die Leis, die Vrun, das Kättchen,
-das Nettchen, die Billa und noch ein paar Halbwüchsige,
-in Röckchen, die grade bis unter&rsquo;s Knie langten.</p>
-
-<p>Mit ihren bloßen Füßen, die gebräunt von der
-Luft, beschmutzt vom nassen Moos, zerkratzt vom Reisig
-waren, trippelten sie ungeduldig. Sie schrieen alle:</p>
-
-<p>&bdquo;Sperrbarriär! Pittchen, helao, Pittchen, wat
-zaohlste?!&ldquo;</p>
-
-<p>Er suchte, sich geschwind an der Seite vorbeizustehlen.</p>
-
-<p>&bdquo;Hei gitt et net strawätzt<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>!&ldquo; Tina hielt ihn fest.</p>
-
-<p>Sie ließen ihn nicht durch; drohend ragten die
-Hotten mit den quergelegten Reisigbündeln über ihren
-Köpfen.</p>
-
-<p>&bdquo;Laoßt mech dorch, ihr Mädercher!&ldquo;</p>
-
-<p>Ein vielstimmiges. &bdquo;Nä!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wat wollt ihr dann?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wegzoll! Dau moßt zaohlen, zaohlen!&ldquo; Sie
-lachten und drängten sich um ihn her und hopsten
-und reckten sich an ihm in die Höhe.</p>
-
-<p>Kein Durchkommen. Was sollte er machen, er
-konnte sich doch nicht mit Gewalt befreien?</p>
-
-<p>&bdquo;Wegzoll,&ldquo; lachte Tina, &bdquo;dau kömmst net ehnder
-dorch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Net ehnder, nä, nä,&ldquo; schrie der Chor.</p>
-
-<p>Scherzend riß Miffert Tina an sich.</p>
-
-<p>&bdquo;E Küßche,&ldquo; raunte sie ihm zu.</p>
-
-<p>Lachend ließ sie sich küssen, und lachend küßte
-Peter weiter, eine nach der andren nahm er beim Kopf;
-kreischend und doch willig ließen sie sich&rsquo;s gefallen, der
-stille Wald hallte wider von den jauchzenden Mädchenstimmen.</p>
-
-<p>Weg war die bange Einsamkeit. Peter schäkerte;
-je toller, je lieber, die warmen Lippen hatten ihn ganz
-berauscht. Ganz benommen torkelte er weiter &mdash; es
-dunkelte hier innen schon; nun fiel ihm die Zeih
-wieder ein.</p>
-
-<p>Tina war hinter den andren zurückgeblieben, er
-hörte ihr leises: &bdquo;Pst, pst!&ldquo; Sie winkte ihm.</p>
-
-<p>Er that, als ob er&rsquo;s nicht sähe. Ein andermal
-gern; aber jetzt hatte er Eile. Er setzte sich in
-Trab. &mdash; Donnerwetter, da kamen noch welche! Waren
-denn heut alle Weiber auf den Beinen?!</p>
-
-<p>Er wollte sich seitwärts unter die tiefhängenden
-Äste drücken &mdash; umsonst &mdash; sie hatten ihn schon gesehen.
-Die Steffes, mit ihren harmlosen Augen, konnte
-ausschauen, scharf wie ein Falke; die Kathrine Densborn
-nicht minder, und die Traut erst recht. Auch noch
-ein paar andre waren dabei. Himmel, so viel Weiber!</p>
-
-<p>Pittchen fühlte einen leisen Schauer den Rücken
-hinabrieseln, und doch war ein gewisses Wohlgefühl
-dabei. War er nicht der Herrscher über alle die da?!</p>
-
-<p>Sie kamen seinem Gruß zuvor, ihre Blicke hingen
-an ihm.</p>
-
-<p>&bdquo;&rsquo;n Aowend,&ldquo; nickte er herablassend und wollte
-weitergehen.</p>
-
-<p>Sie hielten ihn an, jede hatte was mit ihm zu
-sprechen, eine immer dringender wie die andre.</p>
-
-<p>Er kam nicht los; grob konnte er doch nicht
-sein! Als sie sich endlich trennten &mdash; schon war er
-ein paar Schritte fort &mdash; da drehte die Traut noch
-einmal um: &bdquo;Hä, Pittchen! Hä!&ldquo;</p>
-
-<p>Und hinter der Traut lief wieder die Steffes drein.</p>
-
-<p>&bdquo;Uf ein Wort, Pittchen! Ech moß Eich ebbes
-saon, Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Da gab er Fersengeld.</p>
-
-<p>&bdquo;Hä! Hollah, Pittchen! Waartet ebbes &mdash; haalt!&ldquo;</p>
-
-<p>Da rannte er in den Wald hinein, was hast du,
-was kannst du. Hinter sich hörte er das Rufen der
-Weiber. Mischte sich nicht jetzt auch Tinas Stimme
-darein? &mdash; Lachen, Schreien, nun verfolgende Tritte!</p>
-
-<p>Er verließ den Weg und sprang über den Graben,
-quer durch&rsquo;s Unterholz, daß dürres Reisig knickte und
-krachte und überhängende Zweige ihm in&rsquo;s Gesicht
-stachen.</p>
-
-<p>Es peitschte ihn mit Ruten; er rannte, daß ihm
-der Schweiß ausbrach.</p>
-
-<p>Immer glaubte er, rufende Stimmen zu hören;
-wie mit Armen griff es nach ihm, heißer Atem blies
-ihm in&rsquo;s Genick, Röcke rauschten und raschelten &mdash;
-hochatmend hielt er endlich inne. Ach, das war ja nur
-der Buchenwald, der rauschte so!</p>
-
-<p>Erleichtert sah er um sich. Das Tannendickicht
-hatte nun ein Ende; unter den grünen luftigen Buchen
-war&rsquo;s weit heller, sanftes Licht floß an den glatten
-Stämmen nieder, und die Blätter regten sich traulich
-flüsternd im Abendwind.</p>
-
-<p>Er suchte den Weg wieder auf, rückte sich den
-Rock zurecht und schlenkerte die Mütze aus, Tannennadeln
-und dürre Zweiglein hingen daran.</p>
-
-<p>Kam die Zeih denn noch nicht?! Er hatte sich
-verspätet, aber sie scheinbar noch viel mehr. &mdash; Der
-würde er aber einen schönen Empfang machen, die Lust
-sollte ihr vergehen, sich so spät im Wald herumzutreiben!</p>
-
-<p>Da war ja der Kaisergarten. Da zweigte der
-Weg nach Großlittgen ab, und da, unter dem Trupp
-himmelhoher Fichten, die abgegrenzt mitten im Buchengrün
-sich hoben, stand die Moosbank, so recht ein Versteck
-für Liebespaare.</p>
-
-<p>Er stutzte. Ein Chaischen war quer über die
-Straße gefahren, der braune Gaul mit hängenden Zügeln
-rupfte friedlich die Gräser am Grabenrand ab. Waren
-das nicht Pferd und Wägelchen vom Gastwirt Pauly
-zu Oberkail?! War der hier?!</p>
-
-<p>Leises Kinderweinen schlug an Peters Ohr. War
-das nicht das Josefchen? Zwischen den Stämmen
-blinkerte eine Uniform. Wer war da?!</p>
-
-<p>Jetzt Lachen &mdash; das war die Zeih!</p>
-
-<p>Mit einem Satz war er unter den Fichten. Richtig,
-die Zeih saß auf der Moosbank und neben ihr &mdash;
-traute er denn seinen Augen recht? &mdash; neben ihr saß
-ganz gemütlich der schöne Gendarm von Oberkail!</p>
-
-<p>&bdquo;Zeih!&ldquo; Er rief es so laut, daß der friedliche
-Gaul einen Satz machte und das Josefchen gellend
-aufschrie.</p>
-
-<p>&bdquo;Aha, der Herr Gemahl,&ldquo; sagte der Gendarm und
-legte höflich die Hand an den Helm. In seinem
-vollwangigen Milch- und Blutgesicht vertieften sich zwei
-Grübchen. Er hatte nicht umsonst bis zuletzt als Unteroffizier
-bei der Garde in Berlin gestanden, er wußte,
-daß man gegen die Männer hübscher Frauen artig zu
-sein hat, und wären es auch die größten Lumpe und
-Lüderjahne.</p>
-
-<p>&bdquo;Na, Herr Miffert,&ldquo; &mdash; er rückte in die Ecke der
-Bank und legte das Seitengewehr über die Kniee &mdash;
-&bdquo;wollen Sie nicht Platz nehmen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä,&ldquo; sagte Pittchen kurz. &bdquo;Komm, Zeih!&ldquo; Er
-sah sie zornig an; sie schien das gar nicht zu bemerken;
-umständlich nahm sie von dem Gendarm Abschied und
-lächelte ihn an, die Lippen dabei spitzend, daß ihr
-Pittchen am liebsten einen Schlag drauf gegeben.</p>
-
-<p>&bdquo;Merci, merci, Hähr Schandarm, et waor e su
-freindlich, dat Sie mech metgeholt haon. Pittchen,
-bedank dech aach ehs. Dän Hähr Schandarm waor zo
-Manderscheid, hän haot mech invitiert, met uf dem
-Wägelche redur zo faohren. Duh haon ech et kommod
-gehaot!&ldquo; Sie lachte vergnügt.</p>
-
-<p>Peter sagte kein Wort.</p>
-
-<p>Der Gendarm erhob sich und steckte zwei Finger
-hinter den mittleren Brustknopf der Uniform. &bdquo;Ich
-hab&rsquo;s Ihnen schon gesagt, wenn Sie den Umweg über
-Großlittgen nicht scheuen, schöne Frau, können Sie auch
-noch weiter mitfahren. Habe da noch Wichtiges zu
-thun; unser einem wird zu viel aufgepackt, keine Minute
-Pause, strammen Dienst bis zum späten Abend. Für
-mein schweres Geld hab&rsquo; ich mir den Wagen vom
-Pauly genommen, nur um keine Zeit zu verlieren.&ldquo;
-Er gab sich ein sehr wichtiges Aussehen.</p>
-
-<p>Lucia sah ihn mit offnem Mund bewundernd an.</p>
-
-<p>Er machte eine einladende Handbewegung: &bdquo;Steigen
-Sie nur auf, schöne Frau!&ldquo; Zu Pittchen sprach er
-mit Gönnermiene. &bdquo;Für Sie ist auch noch Platz,
-Miffert!&ldquo;</p>
-
-<p>Peter schielte ihn von unten herauf an. &bdquo;Willste
-met de grußen Hähren Kerschen äßen, maach, datste
-de Steiner net an dän Koap kriehst &mdash; nä, merci!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was wollen Sie damit sagen?&ldquo; Der Gendarm
-verstand den Dialekt noch nicht und witterte immer
-gleich eine Verhöhnung der Obrigkeit. Er versuchte
-seinem harmlosen Knabengesicht einen martialischen Ausdruck
-zu verleihen und zwirbelte den Schnurrbart aufwärts.
-&bdquo;Nanu, was wollen Sie damit sagen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Neist!&ldquo; Pittchen sah ihn unbefangen, etwas blöde
-an, aber in seinem Innern kochte es: &sbquo;Waart, dir spielen
-ech aach als en Possen!&lsquo; &bdquo;&rsquo;n Aowend!&ldquo; Er zog
-Zeih unwiderstehlich mit sich fort.</p>
-
-<p>&bdquo;Tappert,&ldquo; brummte der Gendarm, als er ihnen
-nachsah. &sbquo;Tappert,&lsquo; das war ungefähr das einzig
-Eiflerische, was er bis jetzt gelernt; es war gleichbedeutend
-mit dem hochdeutschen &sbquo;Dummes Luder&lsquo;, und
-wurde hier bei den &sbquo;dämlichen Bauern&lsquo; mit Vorliebe von
-ihm angewendet.</p>
-
-<p>&bdquo;Autsch, reiß mech doch net e su,&ldquo; schmollte Lucia,
-als sie ein Stück weiter weg waren. Sie blieb stehn
-und sah sich um. &bdquo;Wat soll eweil dän Hähr Schandarm
-denken?! Jesses, laoß mech doch los!&ldquo;</p>
-
-<p>Er hatte sie unsanft am Handgelenk gefaßt, sie
-machte sich frei, mit Thränen in den Augen. &bdquo;Autsch,
-ech giehn jao schuns allein! Laoß los! Ech haon
-e su als schuns schwer zo schleppen, et es mer net
-kommod!&ldquo;</p>
-
-<p>Schweigend nahm er ihr das Kind ab, dieses
-ganz in ein großes Tuch gewickelte Bündel; nun trug
-sie nur noch ein Packet, das war verschnürt, und sie
-trug es mit besondrer Sorgfalt.</p>
-
-<p>&bdquo;Wat haste lao?&ldquo; brummte er.</p>
-
-<p>&bdquo;Raot ehs!&ldquo; Ihr Gesicht hellte sich schon wieder
-auf, ihre Augen glänzten vor Vergnügen. &bdquo;O su ebbes
-Schienes, su ebbes Wonnerschienes! Waart, Pittchen,
-ech zeigen et der!&ldquo;</p>
-
-<p>Lebhaft kniete sie nieder, legte das Packet sacht
-auf&rsquo;s weiche Moos und begann es aufzuschnüren. &bdquo;Dau
-sollst dein blao Wonner siehn,&ldquo; schwatzte sie dabei, &bdquo;su
-ebbes Schienes! Kuck ehs hei, Pittchen! Kuck ehs!&ldquo;
-Sie schlug die Hände zusammen in eitel Glückseligkeit
-und lachte wie ein Kind.</p>
-
-<p>Da lag ein schöner roter Flanellunterrock und
-schimmerte grell auf dem dunklen Moos. Und daneben
-eine Tändelschürze von schwarzem Seidenstoff, unten
-mit bunter Blumenguirlande bestickt.</p>
-
-<p>&bdquo;Haste su ebbes schuns gesiehn?&ldquo; stammelte sie
-entzückt; und dann griff sie mit beiden Händen zu und
-hielt sich das viel zu kleine Seidenläppchen vor den
-starken Leib. &bdquo;Wat werden se saon!&ldquo; Sie jauchzte
-förmlich.</p>
-
-<p>Er staunte auch über die Pracht, aber zugleich
-ergriff ihn eine plötzliche Unruhe, ein jähes Unbehagen
-&mdash; wie kam die Zeih dazu?</p>
-
-<p>&bdquo;Wuhär haste dat?&ldquo; fragte er finster.</p>
-
-<p>Sie lachte fröhlich: &bdquo;Geschenkt kritt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Geschenkt kritt?&ldquo; wiederholte er. &bdquo;Von deim
-Tant doch sicher net; on dein Modder haot sälwer
-neist!&ldquo; Er sah sie lauernd von der Seite an.</p>
-
-<p>&bdquo;Olau, von dänen &mdash; nä!&ldquo; Nun lachte sie, daß
-sie sich schüttelte. &bdquo;Von dänen, su ebbes Schienes?!
-Hahahaha!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Von wäm dann?&ldquo; fuhr er sie an.</p>
-
-<p>&bdquo;Olau, dau domm Pittchen,&ldquo; &mdash; noch immer lachend
-stieß sie es heraus &mdash; &bdquo;von dem Hähr Reisenden, von
-dem freindlichen Hähr! Von wem annerschter?!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Biste doll?!&ldquo; Er sprang auf sie zu wie ein
-Rasender und riß ihr die Schürze vom Leib. &bdquo;Gief her!&ldquo;</p>
-
-<p>Das Lachen verging ihr, jammernd suchte sie ihm
-die Schürze wieder zu entreißen. &bdquo;Mein Schörz, Pittchen!
-Mein Schörz, mein schien Schörz!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dän Lappen, dän Dreck!&ldquo; Er knäulte die Seide
-zusammen und schmiß sie hin; auf dem roten Rock
-trampelte er herum. &bdquo;Onnerstieh dech noch ehs &mdash;
-ebbes aanzonähmen von Hähren, von fremde Hähren!
-Ech schlaon dem Kerl ale Rippen im Leiw dorch, ech
-schlaon hän kapores, ech schlaon hän dud. &mdash; Dau Mensch,
-dau lidderlich Mensch, wat haot hän dafor gekritt?
-Saog!&ldquo; In seiner Wut gab er ihr einen Stoß, daß
-sie zu ihren mißhandelten Schätzen auf&rsquo;s Moos niederfiel.
-&bdquo;Saog de Waohrhaat &mdash; lüg net! Wat haot
-hän dafor gekritt?!&ldquo; Er schrie; unter den schweren
-Augenlidern sah er sie durchbohrend an mit stechenden,
-gefährlichen Blicken.</p>
-
-<p>Sie suchte die Geschenke zusammenzuraffen; er
-schleuderte sie in weitem Bogen auf die schmutzige
-Straße.</p>
-
-<p>&bdquo;Wat haot hän dafor gekritt &mdash; willste&rsquo;t nau
-saon?!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;E Küßche,&ldquo; wimmerte sie, &bdquo;nor en anzig Küßche.
-For den Rock zwaa &mdash; for de Schörz ans &mdash; nä,
-aach zwaa! Föhrwaohr on enklich, ech saon de Waohrhaat.
-&mdash; Pittchen, Pittchen!&ldquo; Sie hatte Angst bekommen.</p>
-
-<p>&bdquo;Neist mieh? Lüg net!&ldquo; Er knirschte mit den
-Zähnen. &bdquo;Dau kömmst net labendig hei aus em Wald,
-wannste net de Waohrhaat saost. Ech raoten der!&ldquo;
-Er hob die Faust, jede Muskel seines hagren Körpers
-war angespannt; er war nicht so groß und kräftig
-gebaut wie seine Frau, aber in diesem Augenblick erschien
-er ihr wie ein Riese.</p>
-
-<p>&bdquo;Hän haot mech uf dän Schoß geholt,&ldquo; stotterte
-sie scheu. &bdquo;Hän haot dat Josefche hinnen in et
-Chaische gelät. Hän saot, hän wollt mer noch ebbes
-vill Schieneres metbringen, wann hän dat nächste Maol
-nao Eifelschmitt käm. &mdash; O mein Schörz! Mein rot
-Röckche! Mein schien Schörz!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Thränen liefen ihr stromweis über die blühenden
-Wangen, jammernd rang sie die Hände: &bdquo;Ech
-arm Dier! Hätten ech dech nie geheiraod! Hätten ech
-uf mein Vadder sälig geheert! Ech konnten en annern
-kriehn! Duh sitzen ech eweil zo Eifelschmitt in dem
-dreckige Loch &mdash; ke Gäld &mdash; ken Penning &mdash; mer
-waaß oft net, wat mer äßen soll &mdash; dän Mahn stiehlt
-onsem Hährgott dän Dag ahf &mdash; im Winter friert mer
-sech zo Schannen &mdash; im Sommer haot mer net emaol
-en anstännig Kleid, om uf de Kirmes zo giehn! Hei
-dat Fähnche&ldquo; &mdash; sie hob ihr verschossenes, an allen
-Enden zu knappes Kleid in die Höhe &mdash; &bdquo;dat dragen
-ech schuns e su lang mir verheiraod sein &mdash; zwaa
-Jaohr! On im Dienst zo Manderscheid haon ech et
-aach als drei Jaohr gehatt. Mer moß sech schämen
-for de Leit!&ldquo; Das Schluchzen erstickte sie fast: &bdquo;Ech
-arm &mdash; arm Dier &mdash; ech deierlich Fra!&ldquo; Sie warf
-sich ihren Kleiderrock über den Kopf und saß nun ganz
-vermummt.</p>
-
-<p>Das Kind auf Pittchens Arm fing kläglich an zu
-schreien; er warf es der Mutter in den Schoß: &bdquo;Dao
-lieg, dau Bankert!&ldquo;</p>
-
-<p>Aber gleich darauf packte ihn die Reue; sie
-schluchzte so herzbrechend, so hatte er sie noch nie gesehen.
-Sonst war sie immer fröhlich. Die hörte
-wohl nie mehr zu weinen auf!</p>
-
-<p>Und hatte sie nicht recht, ging&rsquo;s ihnen nicht erbärmlich
-genug? Hatte er ihr nichts Besseres versprochen,
-als er die schöne, lustige Zeih freite?! Er
-stand betroffen.</p>
-
-<p>&bdquo;Zeih,&ldquo; sagte er sanfter, und dann räusperte er
-sich. &bdquo;Zeih!&ldquo;</p>
-
-<p>Wenn sie ihn auch nicht sah, nun wußte sie doch,
-woran sie war; sie schluchzte jetzt noch jämmerlicher
-und krümmte sich wie in unerträglichen Schmerzen.</p>
-
-<p>&bdquo;Zeih,&ldquo; sagte er ganz kleinlaut und zog ihr den
-Rock vom Kopf.</p>
-
-<p>Sie sah ihn gar nicht an, nahm das Kind in den
-Arm und herzte es unter Thränen: &bdquo;O dau mein
-Josefche, mein arm Josefche.&ldquo; Sie küßte es mit
-stürmischer Zärtlichkeit. Der Hut war ihr vom Kopf
-geglitten, das Haar hing ihr lang und wellig an den
-Schläfen nieder, ihr lieblicher Mund zuckte wie bei
-einem Kind, das sich ausgeweint hat und dem nur
-noch stoßweise ein letztes Schluchzen kommt. Die Lider
-hielt sie beharrlich gesenkt, ihr Blick ruhte auf dem
-Kinde; die goldig-braunen Wimpern lagen auf den
-schwellenden Wangen, die die Sommersonne nicht verbrannt,
-nur mit einem pfirsichähnlichen Anhauch überzogen
-hatte.</p>
-
-<p>Keine war doch so hübsch wie sie &mdash; und alleweil
-so fidel!</p>
-
-<p>Peter sah unverwandt auf sie nieder. &bdquo;Haste de
-Waohrhaat gesaot, Zeih? Schwör! Beim Josefche
-bei!&ldquo; Er legte die Hand auf das Kind.</p>
-
-<p>Sie legte die ihre dazu. &bdquo;Ech schwören!&ldquo;</p>
-
-<p>Nun hob sie den Blick und blinzelte ihn an:
-&bdquo;Biste mer bees, Pittchen?&ldquo; Ein Schluchzen stieß sie
-noch. &bdquo;Ech kann doch neist dafor!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä, kreisch nor net &mdash; Kotzdonner, dau sollst
-net kreischen, Zeih!&ldquo; Er stieß mit dem Fuß auf.
-&bdquo;Ech haon et jao net e su bees gemaant. Äwer dau
-moßt mer aach net ontreu gänn &mdash; hörste, Zeih, net
-ontreu. Zeih!&ldquo; Er rüttelte sie schon wieder.</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä &mdash; o mein schien Röckche! Mein Schörz!&ldquo;</p>
-
-<p>Er ging schon auf die Straße und holte beides.
-&bdquo;Dao haste dän Dreck!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O Pittchen!&ldquo; Sie faßte seinen Kopf und zog
-ihn zu sich herunter, beide Hände legte sie an seine
-Wangen. Ganz zart flüsterte sie &mdash; es war schon
-wieder was von dem früheren vergnügten Klang in
-der Stimme &mdash;: &bdquo;Eweil biste mer widder gud, gäl?
-On en anner Kleid kaafste mer aach, gäl? E su
-bal dän Hähr Reisenden widder kömmt. Ech saon der,
-dän haot Kleider!&ldquo; Schmeichelnd rieb sie ihr Gesicht
-an dem seinen. &bdquo;Gäl, dau kaafst mer ans?&ldquo; Sie
-wartete auf seine Antwort; als keine kam, warf sie den
-Kopf zurück: &bdquo;Dän wollt mer ans schenken!&ldquo;</p>
-
-<p>Er zuckte zusammen. &bdquo;Dau sollst kans geschenkt
-kriehn, dau därfst kans geschenkt kriehn, ech leiden dat
-net, ech &mdash; jao&ldquo; &mdash; er nickte und kratzte sich nachdenklich
-hinter den Ohren &mdash; &bdquo;ech kaafen der sälwer
-ans!&ldquo;</p>
-
-<p>Mit einem Freudenschrei riß sie ihn ganz zu sich
-herunter, preßte seine Lippen auf ihren Mund und
-küßte ihn heiß.</p>
-
-<p>Er lag mit seinem Kopf neben dem Kind in ihrem
-Schoß; sie streichelte seine Haare und wickelte sie um
-ihre Finger.</p>
-
-<p>&bdquo;Gäl, Pittchen, dau kaafst mer ans? Jesses
-Maria, haon ech en Freid. Pittchen, ech haon dech
-su liew!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;On dän Schandarm?&ldquo; fragte er leise, noch einmal
-von einem düstren Argwohn beschlichen.</p>
-
-<p>Sie lachte hell auf. &bdquo;Dän Lappes! Waaßte,
-wie dän micht? Kuck hei.&ldquo; Sie drückte die Augen
-heraus, warf sich in die Brust und zwirbelte an ihrer
-rosigen Oberlippe. &bdquo;Alleweil micht dän e su. O dän!
-Hahaha!&ldquo;</p>
-
-<p>Er hatte sich halb aufgerichtet; auf den Ellbogen
-gestützt, sah er verliebt in ihr lachendes Gesicht.</p>
-
-<p>Sie strich ihm die Falten auf der Stirn glatt
-und kitzelte ihn mit einem Halm unter der Nase. Er
-mußte mit ihr lachen. Und dann tuschelte er ihr etwas
-zu und drückte ihren Fuß.</p>
-
-<p>Das Kind schlief unbeachtet. Das Moos war
-weich, der Wald einsam, dunkler und dunkler wurde
-der Abend. So weich, so zärtlich ging die Luft, und
-die Blätter lispelten sacht, als hätten sie sich heimlich,
-ganz verschämt etwas anzuvertrauen.</p>
-
-<p>Als sie gingen, hing sie an seinem Arm, und er
-schleppte beides, das Kind und das Packet. Sorgfältig
-hatte er selbst die Geschenke eingepackt und verschnürt,
-dann hatte er sich den Bindfaden um den Hals gehängt;
-das Päckchen baumelte, bei jedem Schritte spürte er&rsquo;s.</p>
-
-<p>Der Weg schimmerte kaum erkennbar, im Tannenforst
-war&rsquo;s stockfinster. Zeih that furchtsam; bei jedem
-Knistern der Rinde, jedem Niederrieseln einer Nadel
-fuhr sie zusammen und schmiegte sich fester an ihn.
-Sie ruhte mit ihrer ganzen Schwere auf ihm, unter
-dem dünnen Fähnchen spürte er ihren warmen vollen
-Körper.</p>
-
-<p>Es war ihm sehr heiß, sein Atem ging unruhig;
-er schwitzte, trotzdem es nun bergab ging und der
-Nachtwind feucht und scharfkühl wehte.</p>
-
-<p>Dunkel lag Eifelschmitt; nur in wenigen Häusern
-schwacher Lichtschein, die Straße leer. Am eintönig
-plätschernden Brunnen standen noch ein paar Weiber
-und wuschen ihre Füße in dem ausgehöhlten Baumstamm,
-der als Brunnentrog diente. Sie hatten
-ihre Röcke hochgeschürzt; in dem Mondstreif, der jetzt
-durch&rsquo;s Nachtgewölk brach, schimmerten ihre nackten
-Arme und Beine lockend silberweiß.</p>
-
-<p>Peter fühlte wieder das seltsame Gruseln, jenen
-wunderlichen Schauer, der ihm leise über den Rücken
-hinabrieselte, sein Blut für Augenblicke erstarren machte,
-um es dann desto heißer anzutreiben.</p>
-
-<p>Unweit ihrer Hütte strich eine Gestalt an ihnen
-vorbei; Peter glaubte Tina zu erkennen an ihren
-glitzernden Augäpfeln und den geschmeidigen Bewegungen.
-Sie schlüpfte zwischen ihm und der Hecke durch;
-für eine Sekunde fühlte er seine Hand gestreift von
-heißen, feuchten Fingern &mdash; dann war&rsquo;s vorbei, verschwunden
-wie ein Spuk. In der Ferne noch ein leis
-verklingendes Lachen. &mdash;</p>
-
-<p>In der Nacht träumte Pittchen schwer.</p>
-
-<p>Er ging denselben Weg, den er heut der Zeih
-entgegengegangen. Aber oben am Kaisergarten wandte
-er sich rechts, gen Großlittgen zu; er mochte wollen
-oder nicht, er mußte dahin. Es puffte ihn von hinten
-was in den Rücken, ein starker Wind blies ihn fort.</p>
-
-<p>In der Ferne hörte er Stimmen, sie riefen und
-lockten: &bdquo;Pittchen! Komm, Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Lachen klang dazwischen &mdash; jetzt hörte er die Zeih
-rufen, und jetzt die Tina &mdash; jetzt fielen andre bekannte
-Stimmen ein: &bdquo;Pittchen! Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Wo war er denn? Erschrocken sah er sich um.
-Da ging er durch die öde Heide, der Wind stöhnte
-drüber hin mit unheimlichen Klagelauten.</p>
-
-<p>Er wollte nicht weitergehen, umkehren &mdash; sein Fuß
-strauchelte über abgestorbne Strünke, es roch nach Pech
-und Schwefel. Eine glühende Luft schlug ihm entgegen
-wie Flammenhauch, versengte ihm Haar und Brauen
-und tief innen im Leibe das Herz.</p>
-
-<p>Er wollte Hilfe schreien und konnte nicht. Fern,
-fernab tönte heisres Hundegebell &mdash; das waren die
-Hunde von Großlittgen. Hilfe, Hilfe, dorthin!</p>
-
-<p>Er wollte laufen und konnte nicht. Er stand wie
-festgewurzelt.</p>
-
-<p>Der Boden war heiß, als brenne unterirdisches
-Feuer darunter. Und da war ein Kreis seltsamer
-grüner Pflänzchen, wie abgezirkelt standen sie im Kranz
-mitten auf totem verbranntem Land; im schwefligen
-Licht, das die Nacht erhellte, sah er deutlich ihr giftiges
-Grün.</p>
-
-<p>Hilfe, Hilfe! Der Hexenkranz! Hatte ihn seine
-Mutter nicht schon als Kind dort, sich bekreuzend, vorüber
-geführt und scheu geflüstert: &bdquo;Hei es&rsquo;t net geheuer!&ldquo;
-Da tanzten vormals die Hexen, und loderndes
-Feuer prasselte auf. Der Boden verbrannte unter ihren
-Füßen; nur diese Pflänzchen sproßten, grüne Stengel,
-ohne Blatt und Blüte, das einzig Lebendige ringsum.</p>
-
-<p>&bdquo;Pittchen, Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Wer rief?</p>
-
-<p>Im Flammenschein hüpften ihm Gestalten entgegen
-mit raschelnden Röcken und flatternden Haaren,
-sie lachten und winkten und riefen und streckten die
-Arme nach ihm und reichten sich die Hände und wirbelten
-um ihn in tollem Tanz. Immer toller, toller
-&mdash; immer wilder, wilder &mdash; Weiber, Weiber, lauter
-Weiber!</p>
-
-<p>Und auf einmal stand die Zeih mitten im Kreis,
-sie hatte die Seidenschürze wie ein Mäntelchen um die
-Schultern hängen und den neuen roten Unterrock an
-&mdash; weiter nichts. Sie schlug die andren auf die ausgestreckten
-Finger und lachte hell.</p>
-
-<p>&bdquo;Dän es mein!&ldquo; Sie warf den Unterrock und
-die Schürze ab &mdash; da stand sie nackt und schön im
-Flammenschein und sprach gebieterisch: &bdquo;Kaaf mer e
-nei Kleid!&ldquo;</p>
-
-<p>Laut kreischten die andren auf, heulend sprangen
-sie in die Höhe, sie wurden zu Flammen, die ihm entgegenzüngelten
-&mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Jesus! Maria! Josef!&ldquo; &mdash; Da, der Boden
-wich ihm unter den Füßen, er that einen tiefen Fall,
-abgrundtief &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Mit einem Schrei erwachte Pittchen.</p>
-
-<p>Der Mond schien hell durch&rsquo;s unverhängte Fensterchen,
-mitten auf das zerlumpte Federbett. Der Kopf
-der Zeih lag schwer auf seiner Brust und drückte ihn.</p>
-
-<p>Sie schlief mit offnem Mund und schnarchte regelmäßig.</p>
-
-<p>Noch vom Grauen des Traumes erfaßt, rüttelte
-er sie: &bdquo;Zeih, Zeih, Zeih!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie wachte nicht ganz auf, schlaftrunken öffnete sie
-nur ein Spältchen die schwarzen Lider.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat Kleid,&ldquo; lallte sie. &mdash; &bdquo;Kleid &mdash; kaaf mer e
-schien nei Kleid!&ldquo;</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="VI" id="VI">VI.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Lucia Miffert hatte ihren Mann seit Wochen gequält,
-den ganzen Tag und die Nacht auch. Sie hatte
-sich angeschmiegt wie ein bittendes Kind und ihn dann
-wieder spröde von sich gestoßen. Sie hatte gebettelt, geschmollt,
-gedroht; sie bestand auf ihrem Recht, sie
-wollte ihr neues Kleid.</p>
-
-<p>Seit gestern war der Reisende wieder im Dorf.
-Mit Wut und Angst im Herzen hatte Pittchen das
-Wägelchen ankommen sehen; hinten aufgeschnallt wankten
-zwei hohe Musterkoffer.</p>
-
-<p>Beim alten Krumscheid war der Reisende abgestiegen,
-da hatte er seine Muster und Waren zur
-Schau ausgelegt. Die Weiber rannten hin und staunten
-und feilschten; auch Lucia war unter ihnen. Sie blieb
-stundenlang aus; längst waren die andren zurück &mdash;
-Peter hatte aufgepaßt &mdash; noch immer kam sie nicht!
-Da ging er hin, sie zu holen.</p>
-
-<p>Es war ein trüber Herbsttag. Unten im Thal
-an geschützten Stellen war&rsquo;s zwar noch leidlich, aber
-oben auf den Höhen sauste der Oktoberwind mit Ungestüm
-und fegte ganze Lawinen welker Blätter die
-Hänge hinunter. Der Wald stand traurig.</p>
-
-<p>Die Dorfstraße war schmutzig, zum Durchwaten;
-an Stellen, wo das Pflaster fehlte, sank man ein bis
-über die Knöchel. Ein modriger Geruch stieg von
-Hütten und Ställen auf, es hatte acht Tage ohn&rsquo;
-Unterlaß geregnet.</p>
-
-<p>Gegen das Ende des Thales, nach Himmerod,
-war die Aussicht versperrt; die Ruinen des heiligen
-Bernardus hüllten sich in Regendunst und Nebelwolken.
-Quirlend, brausend wirbelte die Salm dahin; ihr
-klares Wässerchen war zu lehmigten Wogen geworden
-mit Köpfen von milchigem Gischt.</p>
-
-<p>An allen Ecken und Enden tropfte es; vom Himmel
-herab, der sich wie ein Trauertuch spannte; von
-den Bäumen, die zitternd die schwarzen Äste reckten &mdash;
-hie und da hielt noch eine Eberesche an der Chaussee
-eine Dolde verschrumpelter, roter Beeren fest &mdash;; von
-den Dächern, die, triefend, tief über den durchweichten
-Hausmauern hingen.</p>
-
-<p>Alles war dunkler von Nässe, ohne Farbe, schwer
-und unlustig.</p>
-
-<p>Als Peter am Schneiderschen Häuschen vorbeiging,
-hörte er hinten vom Stall her, über den Hof
-weg, jammernde Rufe schallen, Heulen und Winseln.
-Er guckte in das papierverklebte Fenster vorn neben
-der Hausthür. Drinnen in der Stube lag der alte
-Schneider im Bett, da kroch er hinein, sowie es kalt
-wurde; die Frau saß am Tisch, hatte ihren Kaffeenapf
-vor sich und tupfte mit dem Finger die letzten Brotbröselchen
-von ihrer Schürze.</p>
-
-<p>Wieder das Geheul, das nichts Menschliches hatte!
-Und doch schrie kein Tier.</p>
-
-<p>Peter klopfte an die Scheiben: &bdquo;Hä, ihr! Wat
-es denn hei passiert?&ldquo;</p>
-
-<p>Die Schneidersch öffnete das Fenster ein Ritzchen
-und steckte ihre spitze Nase heraus. &bdquo;Dat Bäbb,&ldquo; sagte sie
-lakonisch und wollte eilends wieder zuschlagen, als fürchte
-sie, ein Atom Wärme möge von drinnen entweichen.</p>
-
-<p>&bdquo;Haalt!&ldquo; Pittchen klemmte die Faust zwischen
-das Fenster. &bdquo;Et schreit doch e su! Gieft dann de
-Weis-Fra von Oberkail net geruf?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Saogt doch liewer gleich: dän Hähr Dokter!&ldquo;
-Die Alte wackelte ärgerlich mit dem grausträhnigen
-Kopf. &bdquo;Ihr haot wohl dat gruße Los gezillt<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>? Mir
-sein arme Leit, mir haon neist öwrig. Laoßt se schpektaklen,
-se werd schuns rohig gänn!&ldquo;</p>
-
-<p>Und vom Bett her schalt die zornige Stimme des
-Alten: &bdquo;Wat es dat for en Manier?! Dat Fenster
-zugemaach, Zapperloot.&ldquo; Er hüstelte und schimpfte;
-rasch schlug die Schneidersch zu.</p>
-
-<p>Peter zögerte noch einen Augenblick. Horch,
-wieder schlug der scharfe, gellende Jammerschrei an sein
-Ohr! Das Blut wich ihm aus dem Gesicht, sein
-Herz setzte den Schlag aus; ein Grausen kam ihn an.
-Noch deutlich stand ihm die Stunde vor Augen, in
-der das Josefchen geboren worden. Aber da hatte
-die weise Frau am Lager gesessen, ein Strom der Beruhigung
-ging von ihrer gewichtigen, geheimnisumwobenen
-Persönlichkeit aus; sie hatte den fetten Zeigefinger
-erhoben: &bdquo;Dat elao kömmt e su leicht dervon
-wie en Katz. &mdash; Pittchen, kocht mer en Kaffee!&ldquo;</p>
-
-<p>Und jene da, abseits in der Kammer neben dem
-Stall, lag verlassen wie ein hilfloses Tier. Peter
-rannte weiter, er konnte das Jammern, das jetzt in ein
-ruckweises Stöhnen überging, nicht mehr anhören; das
-Herz wurde ihm davon zusammengepreßt und die
-Tropfen herausgequetscht. Sie traten ihm in die
-Augen.</p>
-
-<p>Geld, Geld! Ja, wer Geld hatte, der konnte sich
-alles gewähren, auch Hilfe in der Not! Der brauchte
-nicht zu leiden.</p>
-
-<p>Geld, Geld! Eine Gier überkam ihn. Er fuhr
-sich in die Tasche &mdash; verflucht, nur ein paar lumpige
-Kupferpfennige darin!</p>
-
-<p>Ja, wenn da Thaler geklappert hätten, harte
-Silberthaler! Dann konnte er der Zeih ein Kleid kaufen
-&mdash; noch mehr &mdash; alles, was ihr Herz begehrte! Dann
-würde sie nicht im Wirtshaus sitzen und dem Reisenden
-um den Bart gehen; sie würde nicht mehr schmollen,
-nicht mehr weinen, nein, sie würde die Arme um seinen
-Hals schlingen und unter Küssen flüstern: &sbquo;Pittchen,
-mein anziger Schatz, wat haon ech dech liew!&lsquo;</p>
-
-<p>Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, tropfte
-herunter und vermischte sich mit dem Naß seiner Augen.
-Und dabei überlief ihn ein Frösteln. &sbquo;Mir sein arme
-Leit&lsquo;, hatte die Schneidersch gesagt &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>&sbquo;Arme Leit &mdash; armes Pittchen&lsquo; pfiff der Wind
-ihm entgegen. Wie mit Geisterhand strich es ihm
-über&rsquo;s Gesicht. Wenn die Bäbbi nun umkam, krepierte
-da hinten in der verlassenen Kammer &mdash;?! Wenn die
-Zeih ihm untreu wurde &mdash;?! Er schüttelte sich wie
-im Fieber, eine unbezwingliche Angst packte ihn und
-zugleich ein Grimm. Er ballte die Faust im Sack in
-ohnmächtiger Wut. &mdash; Geld, Geld!</p>
-
-<p>Immer noch hörte er das Jammern, es mischte
-sich mit dem Sausen des Windes und dem Brausen
-der Salm. Zweifelnd, unschlüssig stand er. Sollte
-er nicht hinlaufen nach Oberkail und auf eigne Faust
-die weise Frau holen? War es nicht Menschenpflicht,
-Christenpflicht? Würde ihm die Gutthat nicht vergolten
-werden vom himmlischen Vater, schon hier auf
-Erden, bald, jetzt?</p>
-
-<p>&bdquo;Hahaha!&ldquo;</p>
-
-<p>Wer hatte da gelacht?! Erschrocken sah er sich
-um, das eigne Hohngelächter gellte ihm in den Ohren.</p>
-
-<p>Der da oben &mdash; haha &mdash; ja, das hatte sich was
-mit der Vergeltung. Die gab&rsquo;s nicht.</p>
-
-<p>Er hatte ein Hungerleben geführt, seit er denken
-konnte; war&rsquo;s nun nicht endlich Zeit, daß er in der
-goldnen Kutsche fuhr und seiner Zeih Kleider kaufen
-konnte, so viele die wollte?</p>
-
-<p>Die Zeih, ja die &mdash; hin, schnell! Der mußte er
-das Scharmuzzieren legen. Nur schnell, sehen, was
-die macht! Dann hin nach Oberkail.</p>
-
-<p>Dicht vor&rsquo;m Wirtshaus stieß er auf Tina. Sie
-trug einen Kamm mit großen, blauen Steinen im Haar
-und ein bunt-schottisches Knüpftüchelchen um den Hals.
-Sie schlenkerte den Rock und drehte sich; sie wurde alle
-Tage hübscher, das sah er doch.</p>
-
-<p>&bdquo;Pittchen,&ldquo; rief sie und lachte, daß alle ihre Zähne
-blitzten. &bdquo;Eweil sein ech fein, gäl? Dän Kamm haon
-ech gekaaft, dat Düchelchen&ldquo; &mdash; sie verdrehte die Augen
-in der fruchtlosen Anstrengung, sich selber zu bewundern
-&mdash; &bdquo;dat haon ech zukritt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Maanswäjen,&ldquo; brummte er.</p>
-
-<p>&bdquo;Pittchen,&ldquo; &mdash; schon hing sie schmeichelnd an
-seinem Arm &mdash; &bdquo;kaaf mer noch ebbes!&ldquo;</p>
-
-<p>Ohne etwas zu sagen, schüttelte er verneinend
-den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau moßt &mdash; Pittchen, nor e klaan Andenken.&ldquo;
-Schnell sah sie sich um, dann strich sie ihm rasch über
-die Backe, ihr Ton war bittend: &bdquo;Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ech haon ke Gäld!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dau Lappes!&ldquo; Sie stieß ihn von sich, daß er
-gegen die Hauswand taumelte.</p>
-
-<p>Mißmutig trat er in die Schenkstube. Da saß
-der Reisende auf dem einzigen Polsterstuhl des Hauses,
-und auf der Bank, dicht neben ihm, die Zeih. Sonst
-war kein Mensch im Zimmer.</p>
-
-<p>Eine Flasche Erdener hatten sie vor sich, eine geleerte
-stand schon am Boden. Der mußte der Zeih
-fleißig eingeschenkt haben; sie glühte wie roter Mohn,
-ihre Augen waren kleiner geworden und schwimmend.</p>
-
-<p>Als sie ihren Mann erblickte, sprang sie freudig
-auf. &bdquo;Pittchen! Eweil kommste?! Hähr Reisender,&ldquo;
-&mdash; vertraulich legte sie ihre Hand auf den Arm des
-Städters &mdash; &bdquo;wollen Se eweil net su gud sein, on Ihr
-Mustren nehme giehn? Dat Pittchen es hei, for dat
-Kleid zo kaafen!&ldquo;</p>
-
-<p>War sie toll? Peter zupfte sie am Rock, er riß
-ihn ihr fast aus den Falten; sie hörte nicht. Beide
-Ellbogen auf den Tisch gestemmt, studierte sie das
-Musterbuch, das ihr der Reisende vorgelegt hatte.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat rote oder dat blaoe? Wat es nau schiener?&ldquo;
-Sie legte zweifelnd den Kopf auf die Seite.</p>
-
-<p>&bdquo;Nehmen Sie das blaue,&ldquo; redete der Reisende zu,
-&bdquo;die Elle kostet nur ein Kastemännchen<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> mehr. Sie
-haben dafür aber ganz andre Ware. Ein Kastemännchen
-spielt doch keine Rolle!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä,&ldquo; sagte Lucia.</p>
-
-<p>Peter gab ihr einen Puff. &bdquo;Biste gäck?&ldquo; raunte
-er ihr zu.</p>
-
-<p>&bdquo;Also das blaue?&ldquo; fragte der Reisende.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat blaoe. On wie vill Ehlen haon ech netig?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Siebzehn. Pro Elle fünfzehn Silbergroschen,
-macht fünfundzwanzig Mark fünfzig Pfennig, oder &mdash;
-die neue Währung werden Sie hier noch nicht so recht
-kapieren &mdash; acht Thaler fünfzehn Silbergroschen. Für
-dieses Kleid ein Spottgeld!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jao, dat es et aach. Gäl, Pittchen?&ldquo; Freudig
-erregt drehte sich Lucia nach ihm um.</p>
-
-<p>&bdquo;Acht Thaler &mdash;?!&ldquo; Er stand betroffen. Acht
-Thaler &mdash; &mdash;! Die Stube schien mit ihm herum zu
-tanzen, es schwindelte ihm. Acht Thaler &mdash; woher
-sollte er die nehmen?!</p>
-
-<p>&bdquo;Gäl, Pittchen, mei nei Kleid es wonnerschien?!&ldquo;
-Sie jauchzte fast.</p>
-
-<p>&bdquo;Komm &mdash; eweil kann ech net &mdash; ech &mdash; net heit,
-en annermal &mdash; villeicht morjen,&ldquo; murmelte er verlegen.
-Er faßte über ihre Schulter und schlug ihr das Musterbuch
-vor der Nase zu. &bdquo;Pisack&rsquo; mech net e su!&ldquo; Und
-dann klang seine Stimme rauher, ganz heiser: &bdquo;Ech
-haon ke Gäld.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach was!&ldquo; Der Reisende lächelte. &bdquo;Für so&rsquo;n
-hübsches Weibchen muß man immer Geld haben!&ldquo;</p>
-
-<p>Dies verdammte Lächeln! Peter krampfte die
-Hände zusammen und riß sie wieder auseinander,
-daß alle Gelenke knackten. Lucias Blick ruhte flehend
-auf ihm; jetzt glaubte er eine gewisse Verachtung darin
-zu entdecken, jetzt wendete sie ihre Augen ab. Ihre
-Brauen waren zusammengezogen, ihre Lippen aufgeworfen;
-sie kehrte ihm den Rücken.</p>
-
-<p>&bdquo;Zeih, hör ehs!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie gab gar nicht Acht auf das, was er sagte.
-Sie stand dicht vor dem Reisenden &mdash; der war ein
-großer hübscher Mann und paßte gut zu der großen
-hübschen Frau &mdash; und flüsterte ihm etwas zu.</p>
-
-<p>Was hatten die miteinander zu tuscheln?! Als
-wäre der Ehemann garnicht dabei, so ungeniert benahmen
-die sich! Immer dichter steckten sie die Köpfe zusammen.</p>
-
-<p>&bdquo;Zeih!&ldquo; Zitternd stieß Pittchen ihren Namen
-hervor.</p>
-
-<p>Der Reisende lächelte, und Lucia kicherte.</p>
-
-<p>&bdquo;Eweil maachste en End!&ldquo; Miffert schlug auf
-den Tisch, daß die Gläser klirrten.</p>
-
-<p>&bdquo;Seien Sie doch nicht ungemütlich.&ldquo; Der Reisende
-zwinkerte der jungen Frau zu und klopfte dem Erregten
-auf die Schulter. &bdquo;Ich bitte Sie, Herr Miffert, was
-ist denn da lange Überlegens?! Ich will Ihnen gern
-entgegenkommen; Sie zahlen mir jeden Monat einen
-Thaler ab, das merken Sie gar nicht, in achteinhalb
-Monaten sind wir quitt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä.&ldquo; Peter sah unschlüssig zu Boden, aber er
-bemerkte doch, wie die Zeih den Herrn zupfte.</p>
-
-<p>&bdquo;Wahrhaftig kein Geschäft! Ich will Ihnen noch
-mehr entgegenkommen &mdash; &rsquo;s thut mir wahrhaftigen
-Gott leid, daß die junge Frau nicht das Plaisir haben
-soll &mdash; den halben Monat, die fünfzehn Groschen will
-ich gar nicht von Ihnen haben. Nur acht Thaler!
-Halb geschenkt! Menschenskind, seien Sie doch nicht so
-stierköpfig! Wenn ich so&rsquo;n hübsches Weibchen hätte &mdash;
-gelt, mein Kind?!&ldquo; Er kniff Lucia in die tiefgerötete
-Wange.</p>
-
-<p>Peter fühlte einen bitteren Geschmack auf der
-Zunge; das Blut wallte ihm so jäh zu Kopf, daß seine
-Augen undeutlich sahen. Ein wirres Durcheinander
-wogte um ihn, durchschossen von feurigen Punkten.
-Und die feurigen Punkte fügten sich zu Buchstaben:
-Geld, Geld! &mdash; Und aus allen Ecken kreischte es: Geld,
-Geld! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Lucias erwartungsvolles Gesicht tauchte dicht vor
-ihm auf: &bdquo;Gäl, Pittchen, eweil kaafste&rsquo;t?&ldquo;</p>
-
-<p>Sie lächelte ihn an; nun spielte sie mit seiner
-Hand und puffte ihn mit dem runden Ellbogen leicht
-in die Seite. &bdquo;Pittchen!&ldquo; Tausend Bitten, tausend
-Versprechungen lagen in dem einen Wort!</p>
-
-<p>&bdquo;Acht lumpige Thaler! Seien Sie doch nicht so
-ungalant!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hol mech der Deiwel, här met dem Kleid!&ldquo;
-Peter wußte kaum mehr, was er sprach. &bdquo;Äwer uf
-Ahfzaohlung will ech net, mir sein kein Lumpenpackasch.
-Här met dem Dreck &mdash; wat kost de Welt, ech will se
-zaohlen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich werde unserem Geschäftshaus Order geben,
-daß man Ihnen mit wendender Post per Nachnahme
-das Gewünschte zugehen läßt, Herr Miffert!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wohl, wohl,&ldquo; nickte Peter. Lucia hing an seinem
-Hals, ganz närrisch vor Freude.</p>
-
-<p>&bdquo;Es &rsquo;t waohr, es &rsquo;t aach wirklich waohr? Kriehn
-ech dat Kleidche? O Pittchen, ech haon dech e su liew!&ldquo;</p>
-
-<p>Das war&rsquo;s, worauf er gewartet hatte. Nun mit
-ihr allein sein, nun sie herzen und drücken und sich
-betäuben an ihren Küssen! Er wollte sie zur Thür
-ziehn; willig wäre sie mit ihm gegangen, aber der
-Reisende vertrat ihnen den Weg.</p>
-
-<p>&bdquo;Das wäre! Ne, Sie dürfen mich nicht hier
-mutterseelenallein sitzen lassen, bei dem abscheulichen
-Wetter, in diesem öden Drecksnest! Habe ich Ihnen
-dafür zu dem Kleid verholfen, schöne Zeih? Kommen
-Sie, Miffert, wir trinken en Schöppchen!&ldquo; Er pfiff
-und sang:</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Dann setzen wir uns hin,<br /></span>
-<span class="i0">Wohl auf das Kanapee,<br /></span>
-<span class="i0">Und singen: Dreimal hoch<br /></span>
-<span class="i0">Das Kanapee!<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Das neueste vom Jahr, frisch importiert aus der
-Haupt- und Residenzstadt Berlin. Ja, seit wir Siebzig-Einundsiebzig
-hinter uns haben, haben wir Pli gekriegt.
-Sowas kennen Sie hier noch nicht, was?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dat es schien!&ldquo; Zeih riß begierig die Augen
-auf. &bdquo;Sein Se so gud, singen Se&rsquo;t noch ehs!&ldquo;</p>
-
-<p>Als er den Singsang wiederholte, summte sie mit;
-sie hatte ein gelehriges Ohr.</p>
-
-<p>Und der Reisende gab Couplet auf Couplet zum
-besten, sie konnte sich gar nicht satt hören; ihre Augen
-tanzten förmlich, ihre Lippen bewegten sich, leis murmelnd,
-wie beim Rosenkranzbeten.</p>
-
-<p>Pittchen hatte den Arm um sie gelegt. Der Reisende
-hatte ihm eingeschenkt, nun wurde auch er fidel.</p>
-
-<p>Der Nachmittag ging schon in den Abend über;
-die frühe Dämmerung stahl sich in&rsquo;s Fenster, noch
-früher als sonst durch den finster umzogenen Himmel
-und die regenschwangere Luft.</p>
-
-<p>Der Krumscheid brachte schon wieder eine Flasche
-und zwar nicht vom schlechtesten. Das war ein Mosel,
-der sich süffig trank, aber der&rsquo;s in sich hatte; er lief
-durch die Adern, wie prickelndes, fröhliches Leben.</p>
-
-<p>&bdquo;Spielen Sie auch Karten, Herr Miffert?&ldquo; fragte
-der Reisende. Die hübsche Frau fing an, ihn zu langweilen;
-da er doch nicht mit ihr allein war, was
-nutzte ihm da ihre Bewunderung?! &bdquo;Machen wir &rsquo;n
-Spielchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Peter dachte an seine paar Kupferpfennige. Verflucht,
-wenn er jetzt Geld hätte! Die Eifeler spielten
-nicht gern mit ihm, sie schimpften ihn &sbquo;Fauteler&lsquo;<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a>,
-und wenn er gewann, gab&rsquo;s jedesmal Prügelei. Fatal,
-nun hatte er so schöne Gelegenheit, seine Geschicklichkeit
-zu nutzen, und da mußte er nun kein Geld haben, nicht
-einmal den niedrigsten Einsatz! Geld, Geld &mdash; &mdash;!
-Seine Augen funkelten.</p>
-
-<p>Der Reisende warf einen Thaler auf den Tisch.
-Als hätte er Pittchens Gedanken erraten, sagte er:
-&bdquo;Ich pumpe Ihnen. Was spielen wir denn?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sechsunsechzig. Hä, Wirtschaft, Kaarten! Licht.&ldquo;
-Peter mischte; die verfetteten, vom Schmutz dick
-gewordenen Karten flogen durch seine Hände, als seien
-es Rosenblätter. Und dabei wendete er keinen Blick
-von dem Thalerstück auf dem Tisch, wie ein Magnet
-zog ihn das runde Silber an. Solcher Dinger brauchte
-er acht &mdash; nein, noch mehr, mehr! Er hatte das Hungerleben
-satt.</p>
-
-<p>Unwillkürlich, fast wider seinen Willen, streckten
-sich seine Finger aus; er nahm den Thaler in die Hand
-und betrachtete ihn.</p>
-
-<p>&bdquo;So gut wie neu,&ldquo; sagte der Reisende, &bdquo;und ganz
-echt. Unser Kassierer hat sich mal &rsquo;nen falschen anschmieren
-lassen; den haben wir ihm an die Kasse
-genagelt &mdash; haha! Aber nu los; nu wollen wir sehn,
-wer mehr Glück in der Liebe hat &mdash; Sie oder ich!&ldquo;
-Er sah dreist die junge Frau an und lachte.</p>
-
-<p>Peter lachte auch; ein schlaues und zugleich grimmiges
-Lächeln verzog seine Lippen.</p>
-
-<p>Sie spielten. Den Reisenden amüsierte es, wie
-eifrig der arme Teufel bei der Sache war. Hätte man
-wohl einem hier aus dieser &sbquo;zurückgebliebenen, unkultivierten
-Gegend&lsquo; so viel Gewandtheit zugetraut? Und
-Glück hatte der. Immer bekam er die besten Karten;
-er gewann.</p>
-
-<p>Zeih sah dem Spiel zu, das heißt, sie blinzelte
-mit verschlafenen Augen drein, der ungewohnte Weingenuß
-hatte sie müde gemacht; sie lehnte sich hintenüber
-an die Wand. Pittchen bemerkte nicht, daß der
-Reisende unter&rsquo;m Tisch ihr Knie drückte. Sie ließ es
-sich gefallen, sie rückte ihm näher, ihr Kopf neigte sich
-immer mehr zur Seite, bis er ihm an die Schulter
-sank. Sie hatte einen kleinen Rausch.</p>
-
-<p>Draußen war es stockdunkel. Regen klatschte an&rsquo;s
-Fenster, ein starker Wind hatte sich aufgemacht und
-heulte mit wilder Stimme. Ungestüm stieß er gegen
-das Haus, die Läden klapperten, lose Riegel drehten
-sich kreischend. Es war ein seltsames Pfeifen und
-Ächzen, ein unheimliches Wimmern in der Nacht.</p>
-
-<p>Peter war ganz beim Spiel, auf seinen Backenknochen
-zirkelten sich rote Flecken ab. Der Reisende
-schenkte ihm wacker ein; er trank wacker aus. Er hatte
-einen unauslöschlichen Brand in sich, einen Durst, der
-gar nicht zu stillen war. Schon wurde sein Blick unklar,
-er sah alles doppelt. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Da war
-das Thalerstück, nicht einmal, nein, zwei, drei, vier,
-fünf, sechs, siebenmal &mdash; hundertmal! Hei, die Thaler!
-Das war schön, wenn die sich so mehrten. Thaler
-&mdash; wie die sich in der Hand fühlten, glatt und
-rund! Thaler &mdash; die klapperten im Sack; herrliche
-Musik! Thaler &mdash; die machten den Knecht zum Herrn,
-das arme Pittchen zum reichen Peter! Thaler &mdash;
-Thaler &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;!</p>
-
-<p>Er schnalzte mit der Zunge und leckte sich die
-Lippen; der Gaumen war ihm trocken, sein Schlund
-war so ausgebrannt, wie oben der Krater auf dem
-Mosenkopf. Mechanisch ergriff er sein schon wieder gefülltes
-Glas und trank es leer auf einen Zug.</p>
-
-<p>&bdquo;Glück im Spiel, Unglück in der Liebe,&ldquo; lachte
-der Reisende und legte der verschlafenen Zeih den Arm
-um die Schultern. &bdquo;Da, stecken Sie ein, Sie haben
-ihn gewonnen!&ldquo; Er schob den Thaler über den Tisch.</p>
-
-<p>Peter faßte gierig zu und hielt dann das Thalerstück
-fest in der krampfhaft geschlossenen Faust. Er
-achtete es nicht, daß der Herr jetzt die Zeih küßte; all
-seine Sinne, sein ganzes Denken waren bei dem runden
-Silber. Es blinkte überall, auf dem Tisch, auf dem
-Boden, an den Wänden, es füllte den Raum von der
-Diele bis zur Decke.</p>
-
-<p>&bdquo;Tha&mdash;ler,&ldquo; lallte er.</p>
-
-<p>&bdquo;Ehr&mdash;lich &mdash; ge&mdash;won&mdash;nen!&ldquo; sagte der Reisende.
-Jede Silbe kam zwischen einem Schlucken. Er war
-auch nicht mehr ganz nüchtern.</p>
-
-<p>&bdquo;Mei &mdash; mei Kleid,&ldquo; stammelte die Zeih.</p>
-
-<p>Es wurde still in der Schenkstube, das Spiel
-hatte ein Ende.</p>
-
-<p>Der Reisende hielt die Zeih im Arm; sie staunte
-mit starr aufgerissenen Augen, in stummer Bewunderung,
-seine dicke goldene Talmikette und die falsche Brillantnadel
-in seinem Schlips an.</p>
-
-<p>Peter saß am Tisch in seiner beliebten Stellung,
-beide Ellbogen aufgestützt, den Kopf zwischen die Hände
-geklemmt und stierte vor sich hin. In seiner Brusttasche
-brannte der Thaler, durch Rock und Hemd durch fühlte
-er ihn, bis auf die bloße Haut.</p>
-
-<p>Da schlorrte was draußen an der Thür. Nun
-wurde sie geöffnet, die alte Schneidersch wankte herein.
-Ein großes Tuch hatte sie über den Kopf gezogen; geblendet,
-wie eine lichtscheue Eule guckte sie darunter
-vor.</p>
-
-<p>&bdquo;Was ist denn das für ein Hutzelweib? Haha!
-Nur herein, Hutzelweibchen,&ldquo; schrie der Reisende.</p>
-
-<p>Träumte der Peter, oder wachte er? Wie
-hinter einer dicken Mauer, die den Schall dämpft, hörte
-er die Alte sprechen. Horch! Sagte sie nicht, das
-Bäbb wäre tot, und der Peter Miffert sollte kommen,
-den Sarg zunageln? &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Er fuhr auf aus seinem Dusel; die scharfe Stimme
-der Alten zeterte nach dem Krumscheid, und als dieser
-kam, verlangte sie Branntwein, ein halbes Mäßchen.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat Bäbb es schwaach gefaal<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a>, eweil moß et
-ebbes Herzliches einholen.&ldquo; Sie kostete und leckte sich
-dann die Lippen. &bdquo;Duh werd et schuns noch ehmaol
-ufgerappelt gänn. Ah &mdash;!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Reiwt er aach ebbes unner de Naos,&ldquo; riet der Wirt.</p>
-
-<p>&bdquo;Sauft hän net onnerwegs aus,&ldquo; schrie Peter.</p>
-
-<p>Er wurde plötzlich so wütend, daß er Miene
-machte, sich auf die Schneidersch zu stürzen. &bdquo;Wat
-haot Eich dat arm Dier gedahn, dat Ihr et krepiere
-laoßt, lao hinnen im Stall &mdash; hä?&ldquo;</p>
-
-<p>Er rüttelte die Alte. &bdquo;Wuh es de Weis-Fra, hä,
-dau schandluse, alde, knahschtige<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> Hex?!&ldquo; Seine Hand
-hob sich zum Schlag, die Alte wich aus, das Mäßchen
-wackelte, kippte über, der Branntwein floß auf die
-Diele.</p>
-
-<p>Kreischend und schimpfend kauerte sich die Schneidersch
-nieder und tupfte mit dem Finger den köstlichen
-Fusel auf; sie leckte und schleckte, am liebsten hätte sie
-die Diele mit der Zunge aufgewischt.</p>
-
-<p>Der Reisende wand sich vor Lachen &mdash; war dieses
-arme Volk urdrollig! Er lachte Thränen.</p>
-
-<p>Peter stand mit geballten Fäusten; wollte er die Alte
-niederschmettern? Nein, er gab sich selbst eins vor die
-Stirn, daß er ein paar Schritt zurücktaumelte.</p>
-
-<p>&bdquo;Wirt, geben Sie der Frau doch &rsquo;n ordentlichen
-Droppen für ihren Durst,&ldquo; rief der Reisende. &bdquo;Hahaha!
-Auf meine Rechnung!&ldquo;</p>
-
-<p>Krumscheid näherte sich mit Schnapsflasche und
-Mäßchen; fluchend riß ihm Pittchen die noch halbvolle
-Buttel aus der Hand, setzte sie an und trank sie leer.
-Grell lachend taumelte er dann gegen die Wand.</p>
-
-<p>Er hatte genug. Jetzt fühlte er nicht mehr Gewissensbisse,
-jetzt hörte er nicht mehr Jammern und
-Winseln draußen in der Nacht. Jetzt plagte ihn der
-Thaler nicht mehr, der Teufel, der rund und blank
-über den Tisch kollerte.</p>
-
-<p>Mit verglasten Augen, den Kopf auf die Brust
-hängend, torkelte er zur Stubenthür.</p>
-
-<p>Zeih sprang auf. &bdquo;Eweil moß ech giehn, ech kann
-eweil net mieh hei bleiwen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Warum nicht gar?!&ldquo; Der Reisende zog sie mit
-Gewalt nieder. &bdquo;Jetzt bleibst du erst recht hier, mein
-Schätzchen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ech moß hän hämführen. Hän könnt en Malör
-kriehn, mei Pittche!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der?! Haha! Wenn er im Dreck liegt, wird
-er schon aufstehn. Donnerwetter, was der Wind heult! &mdash;
-Scheert Euch fort, alte Madam, so verlegne Ware wird
-nicht mehr verlangt &mdash; haha! &mdash; &mdash; &mdash; auf meinen
-Schoß, schöne Zeih!</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Dann setzen wir uns hin<br /></span>
-<span class="i0">Wohl auf das Kanapee &mdash; &mdash;&ldquo;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="VII" id="VII">VII.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Erster Flatterschnee war gegen Morgen gefallen,
-in die Lachen und Pfützen gesunken und da zerflossen;
-aber er strömte, auch nicht mehr sichtbar, eine winterliche
-Kälte aus. Er steckte in der Luft, die naßkalt
-und scharf wie mit Messern schnitt; er dräuete in dem
-Himmel, der gleichmäßig grau und schwer über&rsquo;m
-Thal hing.</p>
-
-<p>Verschrumpelter schienen die wenigen Blätter, die
-Ebereschen hatten ihre letzten Beeren verloren; Krähen
-kamen unruhig von den Bergen herunter und saßen
-krächzend auf den Dachfirsten.</p>
-
-<p>Wer kein Reisig aufgestapelt hatte, fror; die
-Hütten waren dumpf wie die Keller.</p>
-
-<p>Peter Miffert lag noch im Bett; die zerlumpte
-Decke hatte er bis an die Nase gezogen, aber er schlief
-nicht. Mit düstren Augen starrte er nach Lucia, die
-am kalten Herd saß, das Kind an der Brust.</p>
-
-<p>Sie hatte sich einen alten Deckenfetzen um die
-Schultern gehängt, fröstelnd zog sie ihn fest um sich.
-Sie war ganz blaß, nur ihre Nasenspitze rot verfroren;
-jetzt nieste sie, und das Josefchen hustete.</p>
-
-<p>Peters Stirn zog sich in noch tiefere Falten; über
-der linken Braue hatte er eine mächtige Beule, das
-Auge war schwarz-blau unterlaufen. Der Kopf schmerzte
-ihn und war so schwer wie ein Wackelstein; er
-stöhnte.</p>
-
-<p>&bdquo;Willste ebbes, Pittchen?&ldquo; Zeih sah nach
-ihm hin.</p>
-
-<p>&bdquo;Et es kalt, &mdash; brrrr.&ldquo; Er klapperte mit den
-Zähnen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech hoan ken Holz.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Verflucht!&ldquo; Peter drehte sich nach der Wand
-um und sprach nicht mehr.</p>
-
-<p>Sie sagte auch nichts.</p>
-
-<p>In der Stube war&rsquo;s frostig, noch frostiger durch
-das Halbdunkel, das darinnen herrschte; Zeih hatte einen
-Lappen vor das Fensterchen gehängt, sonst pfiff der
-Wind allzu ungehindert durch die Ritzen. In trauriger
-Mißfarbe schimmerten die nackten Wände, hie und da
-war der Bewurf abgebröckelt, und der rohe Stein kam
-zum Vorschein. Im Estrich waren tiefe Mulden ausgetreten.
-Der Holztisch war lange nicht gescheuert,
-Bank und Schemel auch nicht; auf dem Tellerbord
-standen die Schüsseln zerbrochen.</p>
-
-<p>Lucia gähnte, es war ihr recht öd im Magen;
-prüfend sah sie sich um &mdash; war denn gar nichts da, um
-die Flauheit wegzubringen und den Hunger, der allmählich
-anfing, ihr den Magen zusammen zu krampfen?
-Ein warmer Kaffee würde ihr gut thun. &bdquo;Ha!&ldquo; Sie
-schmeckte ihn schon in Gedanken.</p>
-
-<p>Leise, um ihren Mann nicht zu stören, schlich sie
-auf den Zehen an den Tellerbord. Auch nicht eine
-Bohne mehr in der Düte, kein Happen Brot mehr da!</p>
-
-<p>Trübselig starrte sie vor sich hin; da fiel&rsquo;s ihr
-plötzlich ein, hatte der Peter nicht was gewonnen, gestern
-abend beim Kartenspiel? Daß sie das vergessen
-konnte! Ja, einen Thaler, einen ganzen harten Thaler!
-Vor Freuden machte sie einen Satz, daß ihr das Kind
-fast aus den Armen geglitten wäre; sie lief an&rsquo;s Bett.</p>
-
-<p>&bdquo;Pittchen, hä, Pittchen, mir haon jao wat vergäß!&ldquo;
-Sie lachte und fing an, Hose und Rock, die am Fußende
-lagen, zu untersuchen. &bdquo;Hei!&ldquo; Sie hielt
-triumphierend den Thaler in die Höhe, &bdquo;eweil sein
-mir aus aler Bredullich!&ldquo;<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a></p>
-
-<p>Er hatte sich halb aufgerichtet, mit blöden Augen
-starrte er sie an. Jetzt schien ihm plötzlich das Verständnis
-zu dämmern, mit einem Satz war er aus dem
-Bett und zog ihr den Arm herunter. &bdquo;Giefste här!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie nahm das als Spaß und lachte vergnügt.</p>
-
-<p>Er riß ihr unsanft das Geldstück aus der Hand.
-&bdquo;Onnerstieh dech noch ehs. Dän Dahler es mein!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Äwer Pittchen!&ldquo; Ganz betroffen sah sie ihn an
-&mdash; was war ihm denn? Sonst behielt er doch nichts
-für sich!</p>
-
-<p>Sie streckte wieder die Hand aus: &bdquo;Gief doch
-här, ech moß ebbes kaafe giehn. Et es su kalt hei,
-ons Josefche hust!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Laoß mech zofrieden,&ldquo; murmelte er, sprang
-wieder in&rsquo;s Bett und hielt den Thaler in der geschlossenen
-Faust unter der Decke versteckt.</p>
-
-<p>&bdquo;O Jesses, on ech haon e su en Appetitt!&ldquo;
-Thränen füllten rasch ihre Augen, aber sie sagte nichts
-mehr; Vorwürfe machen, war nicht ihre Art, sie nahm&rsquo;s
-eben, wie&rsquo;s kam. Resigniert setzte sie sich wieder auf
-ihren Schemel.</p>
-
-<p>Das Kind fing kläglich an zu wimmern; Peter
-sah das erbärmliche Gesichtchen, so welk und alt wie
-das eines Alraunen. Er sah die dünnen winzigen
-Hände, die in der Luft herumgriffen, und jetzt hörte er
-das Husten, das Rasseln auf der kleinen Brust und den
-pfeifenden Atem. Er sah auch, daß Zeih weinte. Die
-dicken Thränen rollten ihr über die heut gar nicht
-blühenden Wangen. Sie kam ihm plötzlich ganz elend
-und abgezehrt vor.</p>
-
-<p>Es gab ihm einen schmerzhaften Stich durch&rsquo;s
-Herz; nur ein Wort hätte es ihn gekostet, eine Handbewegung:
-&sbquo;Da hast du den Thaler&lsquo;, und sie wäre
-aufgesprungen mit einem lustigen Juchhe, Freudenröte
-auf den Wangen.</p>
-
-<p>Nein, nein! Wie ein Verzweifelter preßte er den
-Thaler zwischen den Fingern; er konnte sich nicht von
-ihm trennen. Der lag wie Blei in seinen Händen,
-der klebte daran fest. Als hätte das tote Metall Leben
-bekommen, so dehnte es sich in seiner Hand &mdash; es
-wurde größer und größer, immer schwerer und schwerer,
-es nahm ihn ganz in Beschlag mit Leib und Seele, es
-wuchs und wuchs. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Und eine Stimme
-bekam es, die flüsterte, nur ihm allein verständlich,
-flüsterte und flüsterte &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Durch Peters Kopf rasten seltsame Gedanken. Sie
-wurden darin herumgewirbelt, wie welke Blätter im
-Gewittersturm. Düster hafteten seine Blicke auf dem
-weinenden Weib und dem elenden Kind, glitten an den
-öden Wänden auf und nieder und fuhren unstet durch
-die kalte armselige Stube.</p>
-
-<p>Immer dringlicher flüsterte die verführerische
-Stimme, immer verständlicher, immer klarer; und er
-lauschte ihr, den Kopf auf die Brust geneigt, ganz versunken.</p>
-
-<p>Es klopfte; er fuhr aus seinem Brüten auf.</p>
-
-<p>Ein kleiner Schuljunge trat ein, Tafel und Federrohr
-unter den Arm geklemmt; sehr wichtig und hochgeehrt
-durch den ihm gewordenen Auftrag, brachte er
-seine Botschaft vor:</p>
-
-<p>&bdquo;Dän Pittchen soll eweil gleich beim Hähr Pastor
-in de Kerch kommen, dän Kronleuchter es erunner geporzelt.
-Hän leit eweil uf em Boden!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Laoß hän liegen,&ldquo; brummte Peter. Er war unwillig,
-wollte nicht gestört sein; er mußte lauschen, der
-Stimme lauschen, die so vernehmlich zu ihm sprach.
-&sbquo;Arm, arm &mdash; warum brauchst du arm zu sein? Es
-liegt nur in deiner Hand &mdash; in deiner Hand &mdash;!&lsquo;
-Ja, in seiner Hand lag das Thalerstück, das kleine und
-doch so mächtige Ding, das, nur von Menschenhand
-geschaffen, doch die Welt regierte, tausendmal mächtiger,
-wie der Herrgott im Himmel.</p>
-
-<p>&bdquo;Wat stiehste noch hei?&ldquo; fuhr er den Knaben
-an. &bdquo;Hei gänn kein Maulaffen feil gehaal!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ihr sollt eweil kommen, bei den Hähr Pastor,&ldquo;
-beharrte der Junge.</p>
-
-<p>&bdquo;Jao, gieh doch, Pittchen,&ldquo; mischte sich die
-Zeih ein.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech haon ken Zeit!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Äwer bei den Hähr Pastor,&ldquo; sagte Lucia vorwurfsvoll,
-&bdquo;bei dän gaastlichen Hähr?! Daor muß
-mer doch giehn!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gaastlich oder net gaastlich, ales ein Packasch!
-Laoß mech zufrieden!&ldquo; Er hob die Hand gegen
-den Knaben.</p>
-
-<p>&bdquo;Maach, datste eraus kömmst!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gieh daor, Pittchen,&ldquo; redete Lucia zu. Sie hatte
-das Kind hingelegt und faßte ihren Mann nun kräftig
-unter die Achseln. &bdquo;Eweil kriehste villeicht ebbes zu
-verdienen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ae, verdienen! Ech peifen druf!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O Jeß, dän Honger!&ldquo; Zeih hielt sich den Leib
-und krümmte sich. &bdquo;De Gedärm sein mer eweil schuns
-binnewennig zusammengeschnorrt &mdash; Pittchen, gieh
-doch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;In drei Deiwels Naomen!&ldquo; Fluchend streckte er
-ein Bein aus dem Bett, wie ein Pfeil schoß der Knabe
-zur Thüre hinaus, er fürchtete Prügel.</p>
-
-<p>Lucia lachte hinter ihm drein, und dann hielt sie
-ihrem Mann die Hose hin. &bdquo;Dein Buxen, Pittchen!
-Hei es dat rechte Bein, hei dat linke!&ldquo; Sie half ihm
-in die Kleider.</p>
-
-<p>Wie im Traum ließ sich Peter anziehen, seine
-Gedanken waren weit weg. Zwischen den zusammengezogenen
-Brauen saß eine grüblerische Falte; er brütete
-in sich hinein und schrak zusammen, als ihm Zeih mit
-einem lachenden: &sbquo;Färdig&lsquo; die Mütze auf&rsquo;s Haar stülpte.</p>
-
-<p>Er sah nicht rechts noch links; mit hängendem
-Kopf, den Blick zu Boden gesenkt, mit schlaff baumelnden
-Armen und schlorrenden Füßen ging er die Dorfstraße
-hinunter. Er beachtete kein &sbquo;Gutentag&lsquo; und keinen
-Zuruf; er hörte auch nicht den Schrei eines neugeborenen
-Kindes, der hell und kräftig über den Schneiderschen
-Hof gellte.</p>
-
-<p>Ehe er in die Kirche trat, zog er in dem versteckten
-Winkel beim Weihwasserbecken rasch noch einmal
-den Thaler hervor. Sein düstrer Blick wurde
-heller, wie er das Silberstück betrachtete; falkenscharf.
-Ein triumphierendes Lächeln umspielte seinen Mund,
-und um seine Augen zuckten schlaue Fältchen; er stand
-ganz in Betrachtung verloren. Da, Geräusch! Er fuhr
-zusammen, blitzschnell verschwand der Thaler in der
-Tasche.</p>
-
-<p>Pferdegetrappel, Räderrasseln. Ein Wägelchen nahte;
-der Reisende fuhr vorbei, zum Dorf hinaus. Peter
-streckte den struppigen Kopf um die Ecke und sah ihm
-mit höhnischem Grinsen nach, dann tunkte er gewohnheitsmäßig
-den Finger in&rsquo;s Weihwasser, bekreuzte sich
-flüchtig und trat in die Kirche.</p>
-
-<p>Drinnen war der geistliche Herr. Die Hände
-über&rsquo;m Bauch gefaltet, auf dem guten Gesicht den Ausdruck
-ratloser Verzweiflung, stand er vor den Trümmern
-des ehrwürdigen Kronleuchters.</p>
-
-<p>Mitten in&rsquo;s Schiff war der heruntergestürzt; viele,
-viele Jahre hatte er schon an der weißgetünchten Decke
-gehangen, seine tropfenden Kerzen hatten an hohen
-Feiertagen gebrannt, mit ihrem zitternden Licht den
-Andächtigen geleuchtet und dem geheiligten Raum eine
-noch höhere Weihe verliehen. Wie ein himmlischer
-Strahlenkranz, ewig wie Sonne, Mond und Sterne,
-hatte er über der Gemeinde geschwebt; da war kein
-Mensch im Dorf, der nicht mit Stolz zu dieser Hauptzierde
-des Kirchleins hinaufgeblickt und bei besonderen
-Gelegenheiten eine Kerze in den Kranz gestiftet hätte.</p>
-
-<p>Nun lag der Kronleuchter unten. Die Vergipsung
-an der Decke hatte sich gelöst, in einer Wolke von
-Staub war er niedergefahren, mit einem dumpfen
-Dröhnen aufschlagend; Schutt und Kalk kamen nachgeprasselt,
-ja, ein ganzer Mauerstein.</p>
-
-<p>Schreckensbleich eilte der Küster zum Pfarrer. Wer
-sollte den Schaden nun reparieren? Das Einmauern
-war nicht so schwer, aber der schöne Kronleuchter war
-arg zugerichtet; seine zinnernen Arme waren verbogen,
-die Stacheln, drauf die Kerzen gespießt wurden, und
-viele der flachen Lichttellerchen darunter, abgebrochen.</p>
-
-<p>Der Pfarrer rang die Hände, der Küster jammerte.
-Was würde das kosten, ließ man einen Künstler
-kommen, der das wieder herstellen konnte?! Oder gar
-das kostbare Stück per Axe weit über die Berge zu schaffen!
-Immer wieder wischte sich der geistliche Herr mit dem
-Sacktuch über die Stirn, nahm auch eine Prise um
-die andre und trommelte nachdenklich auf die Schnupftabacksdose.</p>
-
-<p>Endlich sprach eines der Weiber, die sich neugierig
-eingefunden hatten, von Pittchen.</p>
-
-<p>Der konnte alles. Der einen hatte er einen neuen
-Boden in den Milcheimer gesetzt; der andren die Wanduhr,
-die immer stehen blieb, zum Gehen gebracht; dieser
-das plattgetretene und verbogene Amulettchen mit den
-heiligen drei Königen schön aufgehämmert; jener den
-in zwei Stücke gebrochenen Ehering so zusammengeflickt,
-daß ihm kein Mensch mehr was ansah. Ohrringel,
-Broschen und Kreuzchen, Uhren und Ringe und Hausgerät,
-alles konnte der Peter ganz machen, wenn er
-nur wollte. Warum denn dies nicht?</p>
-
-<p>&bdquo;Pittchen, holt Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Herr Pastor drehte auf seinem Heimweg,
-den er schon trübselig hatte antreten wollen, noch einmal
-um.</p>
-
-<p>Und nun war der Peter da. Die Hände in den
-Hosentaschen, mit gespreizten Beinen, das Maul schief
-gezogen, stand er und besah den Schaden.</p>
-
-<p>&bdquo;Jao, jao, e su es et. Jao, jao, et es nau e
-su!&ldquo; Er wiegte den Kopf und sah schläfrig drein,
-ohne jegliches Interesse.</p>
-
-<p>&bdquo;Könntet Ihr das nicht wieder reparieren?&ldquo; sprach
-der Pfarrer.</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä, dat es net mein Metjä!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Seht einmal, Miffert,&ldquo; &mdash; der geistliche Herr
-bückte sich selber und hob eins der abgebrochenen Stücke
-auf &mdash; &bdquo;ich denke, das ließe sich wieder anlöten. Das
-ist Euch gewiß leicht möglich; mit Metall und so was
-hantieren, löten und hämmern und gießen und feilen,
-was weiß ich, das schlägt doch in Euer Fach!&ldquo;</p>
-
-<p>Einen raschen Blick, von unten herauf, warf Pittchen
-auf den Geistlichen; es war ein eigentümlicher
-Blick, ein schlauer Blick, in dem zugleich plötzlicher
-Argwohn dämmerte. &bdquo;Wat beliewt?&ldquo; fragte er lauernd.
-&bdquo;Wie maant dän Hähr Pastor dat? Ech haon
-ganz simpel Schlosser gelernt, met su ebbes Apartem
-haon ech nie neist im Sinn gehatt. Nä, duh mößt
-Ihr bei ener anneren Dühr ankloppen. Lao kann ech
-neist bei maachen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber Ihr könnt es doch versuchen,&ldquo; bemühte sich
-der Pfarrer ihn zu überreden. &bdquo;Sie sagen alle, Ihr
-seid so geschickt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wän haot dat gesaot?&ldquo; Peter warf einen unruhigen
-Blick um sich.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, nun,&ldquo; &mdash; der geistliche Herr lächelte arglos
-&mdash; &bdquo;das ist doch keine Beleidigung! Du bist zu
-bescheiden, mein Sohn. Was du zur Ehre der Kirche
-versuchst, wird dir schon gelingen. Die Heiligen werden
-deine Arbeit segnen, die allergnädigste Himmelskönigin
-wird sich deiner erbarmen.&ldquo; Er hob die Hand. &bdquo;Sei
-ohne Furcht.&ldquo; Und dann in minder weihevollem
-Ton: &bdquo;Wir haben da vielerlei altes Zinngerät in der
-Sakristei; wir wollen einmal nachschauen, Miffert, ob
-Ihr davon nichts zum Ausbessern verwenden könnt.
-Zinn schmilzt leicht; schön verarbeitet, ja, ja, kann
-man&rsquo;s von Silber kaum unterscheiden!&ldquo;</p>
-
-<p>Wieder dies seltsame, rasche Aufblitzen in Peters
-Augen. Er widersprach nicht mehr.</p>
-
-<p>In der Sakristei war es kellrig und roch nach
-Moder und Weihrauch; Peter schloß die Thür
-hinter sich.</p>
-
-<p>Da hingen Chorhemden und Meßgewänder; ein
-in Schweinsleder gebundenes Buch lag auf dem Tisch,
-lauter Requisiten für den Gottesdienst. Peter entsann
-sich wohl, wie er als kleiner Junge hier einmal hineingeschlüpft
-war und mit andachtsvoller Neugier alles
-durchmustert hatte. Die Neugier war noch da, aber
-die Andacht war weg.</p>
-
-<p>Seine Blicke stöberten in allen Winkeln herum
-und blieben dann auf dem alten Schrank in der Ecke
-haften; da mußte das Zinngerät drin sein! Er
-hätte hinstürzen mögen, ihn aufreißen &mdash; Zinn, Zinn!
-Bald hielt er&rsquo;s in der Hand, ein Metall, aus dem sich
-was formen und gießen ließ, man mußte es nur
-verstehen.</p>
-
-<p>Seine Hand tastete verstohlen nach dem Thaler
-in der Brusttasche. Der war noch da! Er preßte
-die Hand fest dagegen; so drückte er ihn an&rsquo;s Herz.</p>
-
-<p>Umständlich rasselte der geistliche Herr mit dem
-Schlüsselbund; endlich hatte er den richtigen Schlüssel
-gefunden. Knirschend drehte sich der rostige Bart im
-Schloß; widerwillig gab es nach und sprang so schwer
-auf, daß Wurmmehl aus der zerfressenen, dunkelgebeizten
-Schrankthür stäubte.</p>
-
-<p>Da stand die Monstranz, verhängt mit weißem
-Mulltüchlein, neben Kelch und Hostienschrein; im zweiten
-Gefach ein paar Weinflaschen zur Stärkung für den
-Geistlichen. Und da, im alleruntersten Fach, verstäubt
-und zerbrochen, lauter altes Gerümpel; darunter eine
-verbeulte Taufschale. Und hier, mit den gebrochenen
-Enden herausragend, ein paar in Stücke gegangene
-Altarleuchter.</p>
-
-<p>Der Geistliche bückte sich und kramte in dem Wust.
-Peter beugte sich über seine Schulter, den Mund offen,
-die Augen aufgerissen, rasch atmend.</p>
-
-<p>&bdquo;Da,&ldquo; sagte der Kaplan und streckte ihm ein paar
-Leuchterarme hin, &bdquo;nur Zinn, aber jetzt Goldeswert.
-Ist das genug zur Reparatur?&ldquo;</p>
-
-<p>Peter hatte mit einem raschen Blick alles überflogen;
-auf die Taufschale sehen und sie über die
-Schulter des andren weg herauszerren, war eins. &bdquo;Nä,&ldquo;
-sagte er schnell, wog die Schale einen Augenblick in
-der Hand und versteckte sie dann halb hinter&rsquo;m Rücken,
-&bdquo;dat haon ech eweil aach noch nedig!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nimm dir nur! Nimm dir nur, was du brauchst,
-mein Sohn,&ldquo; schmunzelte der Pfarrherr, erfreut über
-Peters Willfährigkeit. &bdquo;Alles noch aus dem vorigen
-Jahrhundert, wertloser Plunder; da mußte sich unsere
-Kirche zu ihren heiligen Zwecken armseliger Zinngefäße
-bedienen. Aber die Heiligen werden es in deiner Hand
-segnen. Uff&ldquo; &mdash; er erhob sich seufzend von den Knieen
-und stäubte seine Hosen ab &mdash; &bdquo;ist das eine Ungelegenheit!
-Hätt&rsquo; ich das heute morgen geahnt, als ich so
-friedlich schlummerte! Nun geh, mein Sohn!&ldquo; Er
-legte seine Hand, wie segnend, auf Peters Schulter.
-&bdquo;Du leihst deine geschickte Hand zu gutem Werk. <i>Quod
-bonum felix faustumque sit.</i> Hol dir den Kronleuchter
-beizeiten ab, der Küster wird dir helfen.&ldquo;</p>
-
-<p>Peter antwortete nicht mehr; die Taufschale vorn
-unter&rsquo;m Rock versteckt, die Leuchterarme, allen sichtbar, in
-der Hand, eilte er zur Kirche hinaus.</p>
-
-<p>Draußen gesellte sich Tina zu ihm; sie sah verfroren
-aus und drängte sich dicht an ihn, als suche sie
-Wärme bei ihm.</p>
-
-<p>&bdquo;Biste mer bees, Pittchen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä,&ldquo; murmelte er zerstreut.</p>
-
-<p>Sie trippelte neben ihm her. &bdquo;Pittchen, maachste
-am Sonntag met nao Oberkail? Se danzen beim Pauly.
-Holste mech bei de Muhsik, dann&ldquo; &mdash; in ihrem Blick
-lag eine glühende Verheißung.</p>
-
-<p>Als er schwieg, funkelten ihre Augen; sie verzog
-spöttisch den Mund. &bdquo;Olau, et es nor gud, dat
-dernaoch de Mannsleider widder kommen. Dau bis e
-su en power Luder, hast net emaol e Kastemännche,
-om dei Mädche zo traktieren!&ldquo;</p>
-
-<p>Das traf! Er fuhr in die Brusttasche und ließ
-seinen Thaler um ein weniges herausblinkern. &bdquo;Kuckste
-eweil, dat ech net e su power bin, hä? Wann ech
-nor will. Äwer&ldquo; &mdash; er schüttelte verneinend den
-Kopf, drehte ihr den Rücken und ging mit großen
-Schritten davon; er lahmte heute gar nicht, er ging
-so aufrecht und forsch, wie einer, der den Sieg in der
-Tasche trägt.</p>
-
-<p>Mit offnem Mund sah ihm Tina nach &mdash; einen
-Thaler, so viel Geld?! Wie der Wind lief sie hinter
-ihm drein; als sie ihn erreicht hatte, faßte sie ihn am
-Rockschoß. &bdquo;Hä, Pittchen, hä, wuher haste dän
-Dahler? Sao&rsquo;t mer doch, Pittchen, mei liew Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Er besann sich einen Augenblick, dann lächelte er
-verschmitzt. &bdquo;Geärwt,&ldquo; flüsterte er ihr in&rsquo;s Ohr. &bdquo;Pst,
-pst, Maul gehaal! Dau darfst niemand neist dervon
-saon, ech kriehn noch mieh. Äwer&ldquo; &mdash; er schlug sich
-selbst auf den Mund.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech saon neist, waohrhaftgen Godds,&ldquo; versicherte sie.</p>
-
-<p>&bdquo;Eweil holste mech aach bei de Muhsik, gäl?&ldquo;
-Sie schmeichelte ihm und zog ihn abseits zwischen die
-Hecken, die, obgleich entlaubt, doch noch guten Schutz
-boten. Dort küßte sie ihn stürmisch und gierig.</p>
-
-<p>Ihm wurde ganz duselig im Kopf, eine wilde
-Freude bemächtigte sich plötzlich seiner. Alles konnte
-er haben, alles! Mit einem Juchzer schlang er den
-Arm um Tinas geschmeidigen Leib und lupfte sie in
-die Höhe. &mdash;</p>
-
-<p>So fleißig wie diesen Nachmittag war Peter noch
-nie in seinem Leben gewesen. Aus allen Ecken stöberte
-er seine selten benutzten Werkzeuge auf, schimpfte laut,
-wenn ihm eins fehlte, und ruhte nicht eher, als bis er
-alle zusammen hatte.</p>
-
-<p>In der Rumpelkammer neben der Stube, die
-nur durch eine Luke spärliches Licht erhielt, richtete
-er seine Werkstatt her. Den Tisch schleppte er dorthin,
-die einzige Lampe und den Schemel.</p>
-
-<p>Lucia sah lachend zu, sie wußte nicht, was sie
-davon denken sollte. Als sie den Einwand machte,
-daß er ihr das Beste aus der Stube weg trage, kniff
-er sie zärtlich in die Wange und kitzelte sie unter&rsquo;m
-Kinn.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau sollst et schuns kommod kriehn,&ldquo; brummte
-er und lachte in sich hinein; nahm dann einen Hammer
-und probierte ihn auf dem Tisch. &bdquo;Eweil noch net,
-äwer bal. Dän Pittchen es en Filu. Gudendag,
-Dahlerpittchen,&ldquo; er machte einen Kratzfuß, &bdquo;wat kost
-de Welt?!&ldquo;</p>
-
-<p>Stolz richtete er sich auf, warf sich in die Brust
-und summte:</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Dahler, Dahler, dau mußt wannern<br /></span>
-<span class="i0">Von der anen Hand zor annern,<br /></span>
-<span class="i0">Dingderlink, Dahler dau &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Himmelkreizgewieder!&ldquo; schrie er, zusammenschreckend,
-dann plötzlich seine Frau an, &bdquo;wat willste hei?
-Weibsbiller haon hei neist zo suchen!&ldquo; Er schob sie
-aus der Kammer und schloß zu.</p>
-
-<p>Mit dem Kind auf dem Arm ging Lucia hinunter
-in&rsquo;s Dorf. Trotz des unlustigen Wetters ständerte sie
-an den Thüren herum und schwatzte. Diese und jene
-rief sie herein; dann setzte man ihr einen Kaffee vor
-und ein Schmierchen und fragte sie aus nach Leibeskräften.</p>
-
-<p>Wie ein Lauffeuer hatte sich&rsquo;s im Dorf verbreitet:
-der Miffert hatte eine Erbschaft gemacht! Wer es aufgebracht,
-wußte man nicht recht; aber man schwur
-darauf, wie auf das Amen in der Kirche.</p>
-
-<p>Lucia lachte harmlos dazu, sie sagte nicht &sbquo;nein&lsquo;
-und nicht &sbquo;ja&lsquo; &mdash; was wußte sie denn davon? Aber
-sie nützte die Gelegenheit; so bereitwillig zum Geben
-waren die Weiber noch nie gewesen. Als sie wieder
-zur Hütte hinaufstieg, war sie schwer beladen, mit
-Kartoffeln, Brot und Speck; sie hatten für ein paar
-Tage genug daran. Satt und behaglich schlief
-sie ein.</p>
-
-<p>Erst lange nach Mitternacht, die Hähne krähten
-schon den grauenden Morgen an, suchte Pittchen sein
-Lager auf.</p>
-
-<p>Aus dem Spiegelscherben neben dem Bett starrte
-ihn ein fahles, seltsames Antlitz an. So hatte der Peter
-noch nie ausgesehen, er erschrak vor sich selber. Seine
-Lippen waren fest aufeinander gepreßt, als hätten sie
-ein Geheimnis zu verschließen; seine Augen fuhren scheu
-lauernd umher, wie die eines Diebes, der Überraschung
-befürchtet.</p>
-
-<p>Eine Maus kraspelte; er schrak zusammen und
-löschte rasch das Lämpchen.</p>
-
-<p>Ein Mondstrahl stahl sich durch das verhängte
-Fensterchen und malte helle, runde Lichtflecke auf die
-Thür zur Nebenkammer. Peter schlüpfte im Hemd, auf
-bloßen Füßen an&rsquo;s Fenster und zog den Lumpen fester
-vor, prüfte sorgsam, ob die Thür der Werkstatt verschlossen,
-und verbarg den Schlüssel hinter einem losgebrochnen
-Stein des Herdes.</p>
-
-<p>Dann erst kroch er fröstelnd in&rsquo;s Bett. Aber er
-wurde nicht warm. Von Schauern überrieselt, mit
-brennenden, weitoffnen Augen lag er, von Zweifeln und
-Ängsten beschlichen. Würde es ihm auch gelingen?!
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Was hatte der Pfarrer gesagt? &sbquo;Die
-Himmelskönigin wird sich deiner erbarmen!&lsquo; &mdash; &mdash; &mdash;
-&mdash; &bdquo;Ech gelowen der en Kerz, e su dick wie mein Arm,
-nä, noch dicker,&ldquo; murmelte er. &bdquo;Nä, zwa! On en
-Kleid von Seid, on Messen for de armen Seelen im
-Fegfeuer.&ldquo;</p>
-
-<p>Bah, was ging denn nur mit ihm vor?! Er riß
-die gefalteten Hände auseinander &mdash; so rasch ein Betbruder
-geworden? Das sollte ihm fehlen! Seine
-Gesichtsmuskeln zuckten in einem höhnischen Grinsen &mdash;
-nur keine Furcht!</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Wän net wagt, dän net gewinnt,<br /></span>
-<span class="i0">Wän net sucht, dän net findt,&ldquo;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>sagte er sich laut vor. Wo Reichtum und Armut so
-ungerecht verteilt sind, muß man da nicht selber suchen,
-sich was zu verschaffen? Wer zuerst beim Weihwasser
-ist, segnet sich zuerst. Und hatte ihm die Heilige nicht
-selber den Weg gewiesen?</p>
-
-<p>&bdquo;Jao, jao,&ldquo; &mdash; er bekreuzte sich nun doch unter der
-Bettdecke &mdash; &bdquo;unsre liebe Fra, gelowt sei se!&ldquo; Die
-hatte das so gewollt; die war dem Pittchen gut, wie
-alle Weiber. Die hatte den Kronleuchter stürzen lassen;
-die hatte ihm das Zinn und das silberne Taufbecken
-in die Hände gespielt; die hatte dem armen Pittchen
-helfen wollen, die würde ihn auch ferner nicht im Stich
-lassen.</p>
-
-<p>Seine Aufregung legte sich allmählich, die finstren
-Falten auf seiner Stirn glätteten sich.</p>
-
-<p>Allerhand liebliche Bilder kamen. Wenn er sich
-auch erst unruhig warf und stöhnte, daß die Zeih aufwachte
-und erschrocken den Arm um seinen Hals schlang,
-bald schlief er sanft.</p>
-
-<p>Er lag noch und schnarchte, als der Pfarrherr den
-Küster schickte und fragen ließ, wie dem Pittchen die
-Arbeit gelinge?</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="VIII" id="VIII">VIII.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Der alte Krumscheid knallte mit seiner Peitsche,
-daß Krähen und Spatzen entsetzt aufflatterten und
-magere Häschen sich in den kotigen Ackerfurchen versteckten.
-Wenn die lange Peitschenschnur sich in den
-nackten Ebereschenzweigen, rechts und links von der
-Straße, verfing, fluchte er und riß und zerrte. War es
-ihm endlich gelungen, loszukommen, weifelte er hin und
-her und setzte dann in Bogen und Zickzacklinien seinen
-Heimweg fort.</p>
-
-<p>Er kam von Spang-Dahlem, da hatte er eine
-trächtige Kuh verkauft; ein gut Stück Geld trug er im
-Lederbeutel, unter&rsquo;m Mantel versteckt, auf dem Leib.
-Kein Wunder, daß er einen Kleinen sitzen hatte; in
-Oberkail war er auch noch einmal eingekehrt.</p>
-
-<p>Als er zum Dorf hinaus war, stieß er auf Pittchen;
-fast schien es so, als hätte der da auf ihn gepaßt.
-Pittchen kam auch von Oberkail, hatte sich beim
-Maurer dort ein Säckchen Gips geholt, eine recht
-reichliche Portion, zum Eingipsen des Kronleuchters in
-der Kirche.</p>
-
-<p>Sie redeten dies und das. Der Krumscheid war
-sehr guter Laune, und Pittchen ging ihm um den Bart,
-so geschmeidig, wie eine schnurrende Katze ihrem Herrn
-um die Füße streicht. Zuletzt wurde der Alte vertraulich;
-wenn er gar so sehr schwankte, stützte
-Peter ihn.</p>
-
-<p>&bdquo;Gud gelaoden,&ldquo; lallte Krumscheid und schlug sich
-auf den Bauch, daß es lieblich im Lederbeutel klimperte.
-Und dann blinzelte er, von der Seite her, dem andren
-dummpfiffig in&rsquo;s Gesicht. &bdquo;No, bei Eich werd et eweil
-aach bal klimpern, wat? Saot&ldquo; &mdash; er flüsterte wichtig
-und spitzte neugierig die Ohren &mdash; &bdquo;mir könnt Ihr&rsquo;t
-eweil dreist anverdrauen, wän &mdash; wän&ldquo; &mdash; der Schlucken
-stieß ihn &mdash; &bdquo;wän haot Eich &mdash; ebbes &mdash; ver&mdash;vermaacht?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jongfra Maria!&ldquo; Peter flüsterte auch und legte
-dann, sich scheu umsehend, dem Angetrunkenen die Hand
-auf den Mund. &bdquo;Still, äwer still, dat se &rsquo;t net hört!
-Dat haot se net gären. Wann mer dervon babbelt,
-krieht mer de Krankhaat!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wän haot Eich &mdash; ebbes &mdash; ver&mdash;maacht &mdash;
-wän?&ldquo; Der Alte riß blöd die Augen auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Hei dän Däumerling,&ldquo; lachte Peter und streckte
-seinen Daumen in die Höhe.</p>
-
-<p>&bdquo;O dau Filu!&ldquo; Der Krumscheid stieß ihn kichernd
-in die Seite. &bdquo;Ihr spillt jao Kumedi! Ihr wollt
-et nor net saon!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Kann sein, kann aach net sein!&ldquo; Peter zuckte die
-Achseln. &bdquo;Äwer, Krumscheid, hört ehs&ldquo; &mdash; er zwinkerte
-vertraulich &mdash; &bdquo;seid eweil e su gud, on lehnt mer e
-paor Dahler, Stücker aacht oder ziehn. Ihr krieht se
-met Zönsen widder, e su bal ech &mdash; no, Ihr waaßt
-jao schuns! &mdash; E su bal ech ausgezaohlt gänn!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Lehnen &mdash; Dahler &mdash;?!&ldquo; Trotz seiner Trunkenheit
-wurde der Alte argwöhnisch; er hielt die Hände
-vor den Bauch, als wolle er so die Thaler schützen.</p>
-
-<p>Sie waren unweit Schwarzenborn, ein starker
-Wind blies über die kahle Höhe; der Alte torkelte, daß
-er sich kaum aufrecht halten konnte.</p>
-
-<p>Peter packte ihn fest unter den Arm. &bdquo;Met Zönsen
-widder,&ldquo; raunte er ihm in&rsquo;s Ohr. &bdquo;Anstatts ziehn,
-fünnefziehn Dahler! Dat es en Geschäft, gäl? Hört
-Ihr dän Wind? Wie dän heult! Wann ech Eich
-loslaoßen, eweil kullert Ihr hei dän Berg erunner,
-bonz onnen, bonz owen! Se können Eier Knöchelcher
-anzeln ufsuchen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jesses!&ldquo; Der Alte klammerte sich fest an den
-stützenden Arm. &bdquo;Kriehn ech se dann aach widder,
-mein Dahlersch?&ldquo; stammelte er ängstlich.</p>
-
-<p>&bdquo;Uf Ehr on Säligkaat,&ldquo; sagte Pittchen feierlich.
-&bdquo;Hopp! Maacht, gieft Obacht, eweil kunnt Ihr dat
-Genick brächen, wann ech net derbei waor!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jeßmarijusep!&ldquo; Der Alte knöpfte schon seinen
-Mantel auf; Pittchen half ihm dabei, allein konnte der
-Krumscheid nicht mehr damit zu stande kommen.</p>
-
-<p>Auf einem Stein am Weg kramten sie den Beutel
-aus; die Papierscheine schob Pittchen mit Verachtung
-zurück, aber die harten Thaler, die darin waren &mdash;
-grade acht &mdash; packte er mit Gier. Er betrachtete sie
-scharf &mdash; lauter Thaler verschiedener Prägung, schon
-durch viele Hände gegangene; die Bildnisse verwischt,
-die Schrift nicht mehr leicht leserlich, das fein Gekerbte
-des Randes etwas abgegriffen. Er klopfte sie prüfend
-an den Stein. Waren sie auch echt? Sie gaben
-keinen sonderlich hellen Silberklang mehr.</p>
-
-<p>Mit einem tiefen Aufatmen, sehr befriedigt, steckte
-er sie in die Tasche. Dann führte er, sorgsam wie
-eine Mutter, den jetzt völlig Sinnlosen den abschüssigen
-Weg in&rsquo;s Thal, leitete ihn gutmütig bis in die Schenkstube
-und half ihm sogar selber noch in&rsquo;s Bett.</p>
-
-<p>Es war ganz dunkel, als er nach Hause ging.</p>
-
-<p>Zeih hatte ein Talglicht brennen; eine leere
-Flasche diente als Leuchter. Sie hatte es auf den nun
-einzigen Schemel der Stube gestellt und kauerte davor am
-Boden, wie ein Türke, mit untergeschlagenen Beinen.</p>
-
-<p>Josefchen schlief fest in seinem Weidenkorb; sein
-Gesichtchen, mit dem unkindlich spitzen Näschen und
-den wachsgelben Wänglein, sah aus wie das eines toten
-Kindes.</p>
-
-<p>Das armselige Licht flackerte mit langer Schnuppe
-und stank abscheulich nach ranzigem Fett; auf dem
-Herd schwehlte Reisig, warf ab und zu einen aufzuckenden
-Schein über die Wände und sank dann jäh
-wieder zusammen. Das gab dem öden Raum etwas
-Leeres, Ausgestorbenes. Die nackten Mauern glichen
-Grabmauern in der gespenstischen Beleuchtung.</p>
-
-<p>Nur Zeih atmete volles Leben. Über ihrer üppigen
-Brust straffte sich die bunt-baumwollene Nachtjacke, der
-oberste Knopf war nicht geschlossen, man sah die weiße
-Kehle schimmern. Aus den Flechten hatte sie die Haarnadeln
-gezogen, nun hingen sie ihr halbgelöst herunter,
-und das flackernde Licht warf einen goldenrötlichen
-Glanz auf ihr Braun. So sah sie fast mädchenhaft
-aus, trotz ihrer Fülle von einer keuschen Lieblichkeit.</p>
-
-<p>Mit flinken Fingern kramte sie in dem bunten
-Gelappe auf ihrem Schoß &mdash; hier ein Bandflickchen, da
-ein Spitzenendchen &mdash; es war rätselhaft, wo sie das
-alles aufgetrieben hatte. Nun langte sie neben sich und
-hielt die Taille des roten Sonntagskleides gegen&rsquo;s
-Licht &mdash; an der Brust ganz speckig gerieben, alle Nähte
-blank, der Stoff so fadenscheinig abgetragen, daß das
-Licht durchschimmerte, wie durch ein Spinngewebe.</p>
-
-<p>Sie seufzte. Schade, daß das neue Kleid nicht
-schon fertig war! Der Stoff war noch nicht einmal
-angekommen; was hätte sie sonst für einen Staat
-machen können, morgen zu Oberkail! Jammerschade!</p>
-
-<p>Ein paar Augenblicke ließ sie die Lippen hängen,
-aber gleich darauf hoben sich die Mundwinkel wieder
-in einem vergnügten Lächeln. Ei was, amüsieren
-würde sie sich auch in dem alten Kleid, war nicht der
-schöne Gendarm da?! Und wenn der nicht, dann
-doch andre!</p>
-
-<p>Es wurde ihr heiß, wenn sie an die Lustbarkeit
-dachte; sie öffnete die Nachtjacke weiter über der Brust.
-Pittchen mußte mit ihr hingehn, er mußte; hei, das
-würde fidel werden! Sie hielt den hübschen Kopf
-schief über ihre Arbeit geneigt und summte sich halblaut
-eins.</p>
-
-<p>Da knarrte die Thür; Peter trat ein.</p>
-
-<p>Mit einem unterdrückten freudigen &sbquo;Jesses&lsquo; sprang
-sie ihm an den Hals.</p>
-
-<p>Er war durchfroren; das Haar hing ihm, vom
-Nebel genäßt, in die Stirn.</p>
-
-<p>Sie ließ ihn gar nicht zu Atem kommen. &bdquo;Pittchen,
-mir maachen morjen nao Oberkail, gäl? Dau
-giehst met mer danzen, gäl?&ldquo; Sie flüsterte und drückte
-ihn heftig an ihre weiche volle Brust.</p>
-
-<p>&bdquo;Watt dann?&ldquo; Er sah sie verwundert an. &bdquo;Wie
-kömmste e su im Momang dao druf? Wän haot dir
-dat in dän Koap gesetzt?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dat Tina waor hei,&ldquo; sagte sie hastig. &bdquo;Et saot,
-dau hättst em versproch, dau wollst et metholen nao
-Oberkail. Kuckste hei?&ldquo; Sie hielt ihm die Wange
-hin, über deren weiches Fleisch sich ein scharfer Kratz
-zog. &bdquo;Mir haon en ordentlichen Diskurs gehaott. Äwer
-ech giehn met. Jesses&ldquo; &mdash; sie machte einen kleinen
-Hopser &mdash; &bdquo;ech hören se schuns fiedeln! Gäl, Pittchen,
-mir giehn daor?&ldquo; Sie blinzelte ihn mit
-schwimmenden Augen an.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat Tina, dat frech Mensch,&ldquo; murrte Peter und
-kratzte sich mißmutig hinter den Ohren. &bdquo;Ech giehn
-net nao Oberkail, ech haon ken Zeit!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Olau!&ldquo; Lucia lachte ihm in&rsquo;s Gesicht, und
-dann sagte sie ernsthafter: &bdquo;Dän Küster waor hei,
-hän wollt kucken, wie weit datste als met dem Kronleuchter
-wärst. Hän wollt et absolut wissen; hän saot,
-dän Hähr Pastor däht em schicken. Mir wollten in
-de Kammer kucken, mir haon versucht &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Onnerstieh dech noch ehs!&ldquo; Peter fuhr sie so
-heftig an, daß sie betroffen zurückwich. Mit großen
-Schritten eilte er zur Kammerthür, zog den Schlüssel
-aus seiner Tasche und stieß ihn in&rsquo;s Schloß; dann
-krachte er hinter sich zu. Zeih hörte, daß er zweimal
-herum zuschloß.</p>
-
-<p>Er blieb sehr lange in der Kammer; als sie ihn
-zur Abendsuppe rief, war ein dumpfes Grunzen seine
-einzige Antwort.</p>
-
-<p>Sie klopfte und schlug gegen die Thür. &bdquo;Pittchen,
-hörste dann net? Pittchen! Eweil sollste kommen,
-Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Urplötzlich, mit einer solchen Vehemenz trat er heraus,
-daß er ihr die Thür gegen den lauschend vorgeneigten
-Kopf stieß. Er beachtete nicht, daß ihr die Thränen
-in die Augen schossen; stumm und hastig schlingend,
-verzehrte er am Herdrand das Mus und die paar
-vom Mittag übrig gebliebenen kalten Schalenkartoffeln.</p>
-
-<p>Als er satt war, kam eine ruhigere Stimmung
-über ihn; er ließ seinen heißen Kopf, wie erschöpft, an
-Lucias Schultern sinken und umfaßte ihren Leib. &bdquo;Dat
-waor en Strawatz,&ldquo; stieß er unwillkürlich heraus,
-&bdquo;hährjeh!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wat dann?&ldquo; fragte sie zerstreut; sie dachte nur
-an den morgenden Tanz.</p>
-
-<p>Ohne zu antworten, wühlte er den Kopf immer
-tiefer.</p>
-
-<p>Sie strich mechanisch über sein Haar, vor ihren
-Augen drehten sich die Tänzer.</p>
-
-<p>Er murmelte in sich hinein: &bdquo;Mer kann jao eweil
-dat Läwen net mieh mantenören.&ldquo; Und dann fuhr er
-plötzlich auf: &bdquo;Zeih, freu dech!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dau giehst met mer nao Oberkail? O dau
-Pittchen!&ldquo; Froh überrascht drückte sie ihm einen
-schallenden Kuß auf die Backe. &bdquo;Nao Oberkail!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gieh met wäm datste willst! Laoß mir mein
-Ruh!&ldquo;</p>
-
-<p>Heftig sprang er auf und eilte in die Kammer;
-wieder schloß er hinter sich zu. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Zum zweiten Mal schon wachte Lucia in dieser
-Nacht auf, und noch immer lag ihr Mann nicht neben
-ihr. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen. Unter der
-Schwelle der Kammerthür stahl sich noch ein Lichtstreif
-in die Stube; nun hörte sie auch drinnen noch hantieren,
-hastiges Hinundhergehn und unterdrücktes
-Fluchen.</p>
-
-<p>Sie bedauerte ihren Mann; was der sich plagen
-mußte!</p>
-
-<p>Seit der Kronleuchter im Hause war, war das
-arme Pittchen wie behext; wär&rsquo; der nur geblieben, wo
-der Pfeffer wächst!</p>
-
-<p>Leise schlich sie sich aus dem Bett und lugte, mitleidig
-und neugierig zugleich, durch den Spalt, der
-mitten im Holz der Kammerthür klaffte. Nichts zu
-sehen, von innen war er verklebt.</p>
-
-<p>&bdquo;Pittchen,&ldquo; rief sie und klopfte.</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>Innen Gemurmel, als ob einer betet oder Geister
-beschwört.</p>
-
-<p>Draußen erhob der Nachtwind ein stöhnendes Geheul.
-Das pfiff und ächzte und tobte und johlte;
-das Wodesheer jagte im Kunowald, oder der Teufel
-rief die Hexen auf dem Tanzplatz bei Großlittgen zusammen.
-Der wilde Herbststurm riß am Strohdach,
-nicht viel fehlte mehr, und die Hütte wurde abgedeckt.
-Eine schauerliche Nacht.</p>
-
-<p>Sie fror in dem dünnen Hemd, das ihr nur bis
-zu den Knieen reichte. Zitternd schlich sie in&rsquo;s Bett
-zurück. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Vorwurfsvoll blickte Lucia Miffert am andren
-Morgen in der Sonntagsmesse zur Kirchenwölbung auf,
-an der ein großes Loch die Stelle zeigte, wo der Kronleuchter
-gehangen. &bdquo;Dau,&ldquo; murmelte sie drohend und
-ballte die Faust in den Falten ihres Kleides. &bdquo;Brauchst
-dau erunner zo porzeln, konntste net waarten bis
-morjen? Eweil däht hän heit met mer nao Oberkail
-giehn!&ldquo;</p>
-
-<p>So war mit dem Peter nichts anzufangen; der
-bastelte den ganzen heiligen Sonntag in seiner Werkstatt
-und wurde unwirsch, wenn man ihn störte.</p>
-
-<p>Sie betete recht angelegentlich zur Jungfrau Maria;
-wenn die ihr doch einen schickte, der sie mitnähme!</p>
-
-<p>Am frühen Nachmittag wusch und strählte sie sich
-noch einmal; die Haare glänzten ihr wie Seide auf
-dem wohlgeformten Kopf, das Kleid sah doch noch erträglich
-aus, nun sie es mit einem Spitzenkrägelchen,
-von einer gelben Bandschleife geschlossen, ausstaffiert
-hatte. Mit Wohlgefallen guckte sie in den Spiegelscherben.
-Hei, wie die Ohrringel blitzten, wie pures
-Gold! &rsquo;s war zwar nur blankgeputztes Messing, ein
-Hausierer hatte ihr die Ringelchen einmal eingetauscht
-gegen alte Lumpen; freilich, ein paar handvoll Federn
-aus dem Bett hatte sie auch noch mit dreingeben müssen.</p>
-
-<p>Mit naiver Freude besah sie sich lange, dann trat
-sie vor die Hausthür, stemmte die Arme in die Seiten
-und lugte aus.</p>
-
-<p>Jesus, Maria, Josef! Wer kam denn da mit Säbelgerassel
-die Dorfstraße herauf?! Sie traute ihren
-Augen nicht; einen hellen Freudenschrei stieß sie aus
-&mdash; das war ja der schöne Gendarm von Oberkail!</p>
-
-<p>Ihr Kleid raffend, sprang sie in großen Sätzen
-ihm entgegen. Daß ihr nur keine zuvorkam!</p>
-
-<p>Die einsame Dorfstraße hatte sich plötzlich belebt,
-aus allen Fenstern fuhren Köpfe; Thüren klappten.
-Rufen, Laufen, Lachen. Mit Zauberschnelle war
-Leben, wo eben noch alles ausgestorben erschienen. Da
-waren schon die Tina, die Brun und die Leis! Die
-kleine Billa kam auch gerannt, und noch ein ganzer
-Schwarm andrer.</p>
-
-<p>Der schöne Gendarm versandte rechts und links
-freundliche Blicke aus seinen blanken Augen und lachte
-über das ganze runde Kindergesicht, daß sich die Grübchen
-in seinen Backen zu zwei Löchelchen vertieften.</p>
-
-<p>Wen suchte er?</p>
-
-<p>Nun war Lucia bei ihm. &bdquo;Hähr Schandarm,
-Hähr Schandarm,&ldquo; stammelte sie atemlos, mit ihrem
-strahlendsten Lächeln.</p>
-
-<p>&bdquo;Verfluchtes Schwein &mdash; pardon, wollte sagen:
-riesiges Jlück!&ldquo; Er legte zwei Finger an den Helm
-und betrachtete sie mit der Miene eines Eroberers.
-&bdquo;Ich dachte jrade an Sie, schöne Frau!&ldquo; Er gab sich
-Mühe, das ein wenig von oben herab zu sagen, aber
-im Grunde war er so erfreut über die Begegnung, daß
-er schmunzelnd den Mund breit zog. Er strich sich
-unternehmend den Schnurrbart. &bdquo;Riesig erfreut!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es et waohr?&ldquo; fragte sie treuherzig. Die Häuser
-tanzten vor ihren Augen einen wiegenden Walzer, ihr
-Herz klopfte in kindischer Glückseligkeit &mdash; den hatte
-ihr die Jungfrau Maria geschickt!</p>
-
-<p>Sie waren bald einig. Der schöne Gendarm hatte
-in Eifelschmitt beim Krumscheid, dem Ortsvorstand,
-etwas zu thun gehabt; das sagte er aber nicht, er behauptete,
-einzig und allein nur gekommen zu sein, um
-die schöne Zeih zum Tanz abzuholen. Nun wollte er
-auf sie warten, unten am Berg, wo das Fußfällchen<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> steht.</p>
-
-<p>Vor Freuden hüpfend, eilte sie zurück in ihre
-Hütte; sie küßte und bekreuzte das Josefchen in der
-Wiege, wickelte es fest ein, daß es sich nicht rühren
-konnte, und steckte ihm den Zulp mit gekautem Brot
-in&rsquo;s Mäulchen.</p>
-
-<p>Jetzt rasch ein Tuch um die Schultern gehängt
-und dann an die Kammerthür geklopft. &bdquo;Pittchen,
-adjes! Ech giehn derweil!&ldquo;</p>
-
-<p>Drinnen fuhr einer erschreckt auf, wie aus tiefem
-Schlaf, man hörte den Schemel umpoltern.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech giehn nao Oberkail, adjes!&ldquo; Sie wartete
-keine Gegenrede ab, schnell war sie auf und davon;
-die Thür ließ sie in der Eile offen, ein starker Zugwind
-blies in&rsquo;s Haus.</p>
-
-<p>Als sie mit ihrem Begleiter die Höhe gen Schwarzenborn
-hinaufstieg, folgten ihr viel neidische Blicke.</p>
-
-<p>Was wollte die denn mit dem? Die hatte ja zuhause
-einen Mann! Die Weiber standen zusammen,
-Enttäuschung und Ärger in den Mienen, und schimpften
-hinter ihr drein; heute wurde Lucia Miffert von allen
-gehaßt.</p>
-
-<p>Tina schmählte, gegen ihre sonstige Gewohnheit,
-wenig; sie lahmte merklich mit dem linken Fuß.
-Auf den hatte ihr die Zeih gestern den Schemel
-geworfen; da hatte sie ordentlich Respekt bekommen.</p>
-
-<p>Als es dunkelte, schlich sich Tina zu Mifferts Hütte,
-sie hörte ihn drinnen poltern und fluchen.</p>
-
-<p>Vor einer Viertelstunde war Peter erst aus der
-Kammer gekommen; sein blasses Gesicht zeigte scharlachrote,
-abgegrenzte Flecken auf den Backenknochen, seine
-Augen, die tief in den Höhlen lagen, glänzten übernatürlich.</p>
-
-<p>&bdquo;Zeih,&ldquo; schrie er aufgeregt, &bdquo;Zeih!&ldquo; Für heute
-war er fertig, und nun mußte er einen Menschen haben,
-mit dem er reden konnte, einerlei was, nur reden,
-reden! Eine wilde Unruhe quälte ihn.</p>
-
-<p>&bdquo;Zeih!&ldquo; schrie er, daß die Wände widerhallten.
-Sie antwortete nicht, nur das Josefchen wimmerte,
-halberstickt in seiner festen Umwicklung.</p>
-
-<p>Die Thür stand sperrangelbreit offen, eiskalt war&rsquo;s
-in der Stube &mdash; die Zeih nicht da, wo war sie?</p>
-
-<p>Verstört fuhr er sich über die Stirn &mdash; hatte sie&rsquo;s
-ihm denn nicht zugerufen: &sbquo;nao Oberkail&lsquo; &mdash;?!</p>
-
-<p>Wie ein Keulenschlag traf es ihn in&rsquo;s Genick; er
-brüllte auf: &bdquo;Nao Oberkail!&ldquo;</p>
-
-<p>Und mit wem &mdash;?! Hatte er denn keine Ohren
-gehabt, keinen Verstand?! Wie ein Wahnsinniger rannte
-er in der Hütte umher &mdash; nach, ihr nach! Er wollte
-sich anziehen und fand seine Sachen nicht, wütend warf
-er alles durcheinander; am liebsten hätte er geweint,
-wie ein altes Weib.</p>
-
-<p>Da kam Tina.</p>
-
-<p>Erst war er grob, sie ließ sich nicht abschrecken;
-schlau wie ein Kätzchen umschmeichelte sie ihn. Sie
-küßte ihn und streichelte ihn; sie sah schön aus in
-dem Sonntagskleid, mit dem goldenen Kamm in den
-Haaren und frisiert wie ein Fräulein.</p>
-
-<p>Er wurde schwach. Und hatte er denn nicht auch
-versprochen, sie mitzunehmen?!</p>
-
-<p>Sie drängte ungeduldig zum Aufbruch. Nur so
-viel Zeit ließ sie ihm noch, daß er von neuem Feuer
-anzündete und das Kind loswickelte; die Zeih hatte
-es ja eingepackt, daß es ersticken mußte.</p>
-
-<p>Dann gingen sie mit einander fort, aber Peter
-verschloß das Haus sorgfältig und legte sogar die
-morschen Läden vor.</p>
-
-<p>Sie waren kaum zwanzig Schritt weit, da rief die
-Leis sie an; die hatte wohl hier auf der Lauer gelegen.
-Sie war vollständig zum Gehen gerüstet, nur die
-schönen blonden Haare trug sie unbedeckt, als goldig
-umstrickende Fäden wehten sie im Herbstwind. Sie
-sagte, sie wolle auch nach Oberkail, und schloß sich ihnen
-an, ohne weiter aufgefordert zu sein.</p>
-
-<p>Die schwarze Brun war auch nicht weit. Wenn
-Tina auch ein noch so wütendes Gesicht machte, die
-beiden stahlen sich an Pittchens andere Seite.</p>
-
-<p>Und so fanden sich ihrer noch mehrere ein. Die
-Steffes kam daher, ganz sittsamlich ihr Hubertche an
-der Hand führend; gleich darauf die Traut, die immer
-noch ein besonderes Anrecht auf Pittchen geltend machte,
-von früher her.</p>
-
-<p>Als sie endlich die Chaussee gen Schwarzenborn
-hinaufstiegen, trabte Pittchen inmitten von zehn
-Weibern. Als letzte hatte sich die kleine Billa eingefunden,
-atemlos war sie nachgerannt in ihrem flatternden
-kurzen Rock. &mdash; &bdquo;Tina, waart! Waart!&ldquo; Sie
-kreischte immerfort: &bdquo;Helao, ech saon et! Dau sollst
-net allein giehn! Tina, Tina!&ldquo;</p>
-
-<p>Zuletzt hing sie sich dem Peter an den Rockschoß.
-&mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die letzten Lichter von Oberkail schimmerten wie
-vereinzelte Glühwürmchen durch die Finsternis, als die
-Eifelschmitter heimkehrten. Es war spät, gegen Mitternacht,
-und noch hatten sie eine gute Stunde Wegs.</p>
-
-<p>Ihre Gesichter glühten trotz des scharfen Bergwindes,
-der die Haut schnitt wie mit Messern; ihre
-Kleider blähten sich, flatternd gleich Fledermausflügeln.
-Irgend jemand trug eine Laterne, aber sie löschte bald
-aus; nur der Mond, der für Augenblicke zwischen
-jagenden Wolken hervorlugte, zeigte den Weg. Er war
-ein sehr unsicherer Führer &mdash; jetzt verschwand er ganz;
-mit Gekreisch drängten sich die Weiber in der tiefen
-Dunkelheit um Pittchen. Wohin der tappte, weiche
-Leiber.</p>
-
-<p>Das war ein &sbquo;Jux&lsquo; gewesen zu Oberkail!</p>
-
-<p>Als der Peter mit seiner Eskorte angekommen
-war, tanzten sie schon; mitten im dicksten Knäuel drehte
-sich die Zeih. Sobald sie ihren Mann erblickte, ließ sie
-ihren Tänzer, den Gendarmen, stehen und lief lachend
-auf Pittchen zu. Dieser aber that patzig, sah sie gar
-nicht an und tanzte los mit einem herausfordernden
-Trotz. Und als er gar Apfelwein kommen ließ und
-die Eifelschmitter Damen traktierte, war er König des
-Tanzbodens; die dummen Bauernburschen von Oberkail
-trauten sich ihm nicht in&rsquo;s Gehege, von denen hatte
-ohnehin jeder sein Mädchen mitgebracht.</p>
-
-<p>Lustig, lustig! So toll hatte es der Peter noch
-nie getrieben; sein lahmes Bein schien vergessen, er
-sprang wie ein jähriges Kalb, immer gab ihm was
-inwendig einen Peitschenschlag: &bdquo;Hü, hott, trab,
-trab!&ldquo; Gestachelt durch Eifersucht, geschmeichelt von
-der Bewunderung, gejagt von &mdash; was war es nur,
-das ihn so hetzte?!</p>
-
-<p>Er schwang die Tina und die Leis, er schwang
-die Vrun und die Traut &mdash; alle. Erst gab es ihm
-einen schmerzhaften Stich, wenn er sah, wie der Gendarm
-und die Zeih sich gar nicht losließen; dann ging
-alles unter in einem wilden Dusel.</p>
-
-<p>Der letzte Groschen von dem Vorschuß, den er
-vom geistlichen Herrn auf seine Arbeit erbeten, war verjubelt;
-was kümmerte es ihn, er schrie immer weiter
-nach Bier, Schnaps und Wein und ließ es auf Rechnung
-schreiben.</p>
-
-<p>Jede drängte sich dazu, mit ihm zu tanzen; jeder
-mußte er zutrinken. Rechts hatte er die Tina neben
-sich, um den Platz an seiner Linken stritten sich Vrun
-und Leis erbittert mit der Traut; zuletzt wurden sie
-dahin einig, sie saßen nacheinander ihre Zeit ab. Sie
-schmeichelten ihm alle, er that mit jeder schön; zuletzt
-konnte er sie nicht mehr von einander unterscheiden.
-Keine nahm&rsquo;s ihm übel, sie waren schon alle halbvoll.</p>
-
-<p>Billa war zuerst abgefallen. Sie fing plötzlich,
-mitten im Lachen, laut an zu weinen, legte den Kopf
-auf den Tisch und schluchzte, daß es sie stieß. Als
-jemand nach einer Weile sie aufrichten wollte, sank sie
-wieder schwer vornüber; sie schlief fest, unbekümmert um
-das dröhnende Gelächter der andren und das Gedudel
-der Musik.</p>
-
-<p>Pittchens Augen starrten trüb und glasig, wie die
-eines toten Schellfisches. Er sah nicht mehr, daß der
-schöne Gendarm drüben mit Zeih in einer Ecke saß und
-ihr Wein und Kuchen bestellt hatte; er merkte nicht, daß
-sie miteinander verschwanden.</p>
-
-<p>Er riß unflätige Witze, lachte, schlug auf den
-Tisch, drückte jetzt die, dann die, und wurde zuletzt
-windelweich.</p>
-
-<p>Sie hielten ihn umstellt, wie ein Rudel ausgehungerter
-Wölfe den waidwunden Bracken; ihre
-Augen glänzten und glitzerten, sie maßen sich untereinander
-mit Raubtierblicken &mdash; wem fiel er zu?
-Dumpf knurrend zeigten sie sich die Zähne.</p>
-
-<p>Der Kampf des Abends wurde auf der mitternächtigen
-Straße fortgesetzt. In der schwarzen Finsternis
-gab es heimliche Tritte und Püffe, alles still, ohne
-Laut. Jede suchte die neben sich von Pittchen weg zu
-drängen und allein was von ihm zu erhaschen; sie
-warfen ihn fast um.</p>
-
-<p>Peter war schwer betrunken. Er war kein Gewohnheitssäufer,
-es war zu zählen, wie oft er in
-seinem fünfunddreißigjährigen Leben bezecht gewesen;
-aber in letzter Zeit warfen ihn schon ein paar Gläser
-um, er goß sie zu aufgeregt, zu hastig hinunter.</p>
-
-<p>Willenlos ließ er sich von den Weibern schieben
-und zerren; wie ein unlöslicher Klumpen hingen sie
-dicht um ihn geballt. So kamen sie langsam voran.</p>
-
-<p>Nun zeigte sich wieder einmal der Mond &mdash; da
-fiel&rsquo;s der Tina auf, die Bill fehlte. Richtig, die hatten
-sie oben vergessen im Tanzsaal. Da lag sie auf der
-Ofenbank wie eine Tote, mit wirrem Haar, die Kleider
-halbgelöst um den noch kindlich hagren Körper; die
-Bauernburschen standen darum her, glotzten und machten
-ihre Scherze.</p>
-
-<p>Auch das Hubertche war abhanden gekommen; das
-schlief wohl auch in irgend einem Winkel. Niemand
-beunruhigte sich wegen der zurückgebliebenen Kinder.</p>
-
-<p>Ganz zurück in der Ferne zeigte sich ein wanderndes
-rötliches Pünktchen, das war die Laterne, die der Gendarm
-trug; er gab seiner Liebsten bis Schwarzenborn
-das Geleit. Sie verabredeten ein Stelldichein am
-nächsten Tage, dann ließ sich Zeih einen zärtlichen
-Abschied gefallen und bedankte sich vielmals &sbquo;für alles
-Pläsir.&lsquo;</p>
-
-<p>Noch ein Kuß. Dann rief sie laut nach ihrem
-Mann, daß es durch die Nacht gellte, und stolperte, so
-rasch sie konnte, den Vorangegangnen nach. &mdash;</p>
-
-<p>Ein Ungeheuer, vielfüßig vielköpfig, schiebt sich
-langsam die Weiberschar bergab. Sie hat den Weg
-verloren.</p>
-
-<p>Über Gestein und Geröll, durch Acker und Gestrüpp,
-ohne Pfad wälzt sie sich zu Thal, mitfortreißend, was
-nicht Kraft hat, sich zu wehren. Einer Lawine gleich,
-die verheert und zerstört; furchtbar in fühlloser Lebendigkeit,
-unheimlich in unerbittlichem Vorrücken, todbringend
-in grausamer Geschlossenheit.</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="IX" id="IX">IX.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Allerseelen.</p>
-
-<p>Die Gräber des kleinen Kirchhofs, draußen an
-der Straße gen Himmerod, waren geschmückt mit
-Tannenzweigen und Papierrosen. Hoch hatte sich schon
-der Schnee auf den Hügeln getürmt und sie alle weiß
-und gleich gemacht; nun waren sie sorgsam reingefegt
-und geschaufelt, zierliche Kreuze, Kränze, Herzen und
-Buchstaben waren von roten Beeren gelegt und Lichtchen
-zwischen hineingesteckt. Aus der erstarrten Erde
-schien es zu brennen; die da unten ruhen, sprechen
-zu denen oben mit ängstlich flackernden kleinen Flämmchen,
-die der leiseste Windhauch verlöschen kann.</p>
-
-<p>Aber kein Wind wehte. Noch einmal war der
-Winter gewichen, über den Bergen die Sonne erschienen;
-bleich zwar und müde, aber doch eine Sonne. Das
-hängende, verschrumpfte Laub der Friedhofsrosen schien
-sich noch einmal zu heben; um die Mittagszeit war
-es lind und still im Thal, der Himmel zeigte ein
-blasses Blau. Allerheiligensommer.</p>
-
-<p>Da haben die Toten ihren Festtag. Die längst
-Vergessenen kommen wieder zu ihrem Recht, rühren sich
-in den morschen Särgen und senden einen Gruß hinauf
-in&rsquo;s Leben. Allerheiligen &mdash; Allerseelen.</p>
-
-<p>Die Weiber von Eifelschmitt hatten ihr Bestes gethan,
-ihre Gräber waren so schön geschmückt, wie die
-im reichsten Dorf. Schon am Morgen strömte die
-ganze Schaar hinaus zum Kirchhof; man sprengte die
-geschmückten Hügel mit geweihtem Wasser, lag lange
-auf den Knieen und betete für die ewige Ruhe der
-Verstorbenen. &mdash;</p>
-
-<p>Am Nachmittag, als sie alle bei Festtagskaffee und
-Kuchen saßen, schlich sich Pittchen hinaus; er ging gebückt
-wie ein Alter, und die Schale mit geweihtem
-Wasser in seiner Hand schwankte.</p>
-
-<p>Daheim saß die Zeih bei dem kranken Josefchen
-und weinte sich die Augen rot; die &sbquo;Gichter&lsquo; plagten
-das Kind, warfen bald seinen kleinen Leib hoch in die
-Höhe und reckten ihn dann wieder lang.</p>
-
-<p>Seit jenem Sonntag in Oberkail war das Josefchen
-krank; da waren die Eltern spät in der Nacht
-heimgekommen, ohne einen Blick auf die Wiege zu
-werfen, torkelten sie sinnlos in&rsquo;s Bett. Am Morgen
-lag das Josefchen nackt da, steif und blaugefroren;
-bald kamen die Krämpfe.</p>
-
-<p>&bdquo;Kreischt net e su,&ldquo; sagte die Weise-Frau, die
-Peter in seiner Angst holte, &bdquo;bal hatt ihr e schien
-Engelche im Himmel!&ldquo; Davon wollten die Eltern
-nichts wissen; Anschuldigungen flogen hin und her, es
-gab einen heftigen Zank. Der Schluß war, daß sich
-Peter finster und wortkarg in seiner Werkstatt verschloß
-und Zeih betend und weinend an der Wiege verblieb.</p>
-
-<p>Aber bald ertönte ihr Singen, erst leise, dann
-schallend; die Leute sagten immer bewundernd. &bdquo;Dat
-Zeih haot en Stimm, om de Duden ufzoerwecken.&ldquo;
-Sie sang:</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Hoch uf em Daach, uf em Daach,<br /></span>
-<span class="i0">Haot sech en Könd half dud gelaach,<br /></span>
-<span class="i0">Et fiel erunner, erunner &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Rube-de-bub &mdash; Rube-de-bub!&ldquo;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Das wiederholte sie ein paar Mal, beim Kehrreim
-stieß sie jedesmal an die Wiege, daß sie heftig
-schaukelte.</p>
-
-<p>&bdquo;Rube-de-bub &mdash; Ruube-de-bub!&ldquo; Und
-dann weinte sie wieder ein Weilchen.</p>
-
-<p>Peter war nicht so leicht getröstet; wenn er nicht
-in der Werkstatt steckte, stand er bei der Wiege und
-starrte finster brütend, mit zusammengekniffenen Lippen
-auf das kranke Kind.</p>
-
-<p>Heute schlich er wie ein armer Sünder auf den
-Kirchhof; auf den Gräbern seiner Eltern warf er sich
-nieder und krallte die Finger in die kalte Erde. Er
-suchte eine Zuflucht bei ihnen vor den eigenen Gedanken.</p>
-
-<p>Lange war er nicht hier gewesen, wohl das ganze
-Jahr nicht; aber nun sollte es besser werden, er versprach
-es denen da unten hoch und heilig. Und einen
-Marmorstein sollten sie kriegen mit goldner Inschrift;
-koste es, was es wolle, er konnte es ja zahlen.
-Zahlen &mdash;!</p>
-
-<p>Er fuhr auf und sah sich scheu um. Wenn er nur
-Mut gehabt hätte! Er knirschte mit den Zähnen und
-ballte die kalten Finger zu Fäusten &mdash; den Mut, den
-Mut! Da lag was in seiner Werkstatt verborgen,
-nicht Sonne noch Mond hatten es beschienen, niemand
-hatte es gesehn, und doch ängstigte es ihn Tag und
-Nacht. Es konnte ihn reich und glücklich machen, und
-doch &mdash;</p>
-
-<p>Mit einem unterdrückten Fluch sprang er empor,
-sein Fuß trat in die Schale geweihten Wassers, daß
-sie umstürzte und ihr Naß in den aufgetauten Pfad
-ergoß.</p>
-
-<p>Nur Mut! Er fuhr sich in die Tasche &mdash; klapperte
-es nicht schon darin? Nein, nein &mdash; leer, ganz
-leer! Und zu Hause weinte die Zeih, wimmerte das
-Josefchen; kalt war die Hütte, der Tod stand auf der
-Schwelle &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Der Angstschweiß brach ihm aus, mit der verkehrten
-Hand wischte er sich über die Stirn; die Hand
-zitterte.</p>
-
-<p>&bdquo;Feiges Luder,&ldquo; murmelte er zwischen den Zähnen.
-Nur ein bißchen Courage brauchte er zu haben, dann
-wurde alles wieder gut. Dann lachte die Zeih, dann
-kam der Doktor und heilte das kranke Kind &mdash; er sah
-es schon mit roten Bäckchen, auf flinken Füßchen durch
-die Hütte trippeln, ein großes Butterbrot in der Hand,
-&mdash; und die Zeih küßte ihn, heiß fühlte er den Kuß.
-Und am Kirchhof vorüber zog eine ganze Schar &mdash;
-nickende, winkende Weibergestalten. Verjubelte Tage,
-verjubelte Nächte &mdash; immer fidel &mdash;!</p>
-
-<p>Die Hütte würde er ausbauen lassen, nein, eine
-neue kaufen, einen Bauernhof! Vielleicht gar die
-Eichelhütte, drüben gen Himmerod zu, deren schloßähnlicher
-Bau über die Eichenwipfel ragte.</p>
-
-<p>Da hatte ihn sein Vater vorbeigeführt, als er noch
-ein Knabe war; da hatten sie am Gitter gestanden und
-neugierig in den Park gelugt. Ein reicher Herr hatte
-im Schlößchen gewohnt, der war längst tot, und der
-jetzige Besitzer wollte verkaufen. Wenn er nun der Herr
-Besitzer würde &mdash;?!</p>
-
-<p>Wie die Zeih sich freuen würde! Was die da
-unten im Grab wohl dazu sagen würden?!</p>
-
-<p>Er kniete nieder, legte sein Ohr an den Hügel und
-horchte.</p>
-
-<p>Tief, tief innen in der Erde glaubte er was zu
-hören, ein Summen und Rauschen, ein Flüstern und
-Raunen; hohl, wie aus einem Gewölbe, drang&rsquo;s an sein
-Ohr. Ein Schauder überlief ihn, &mdash; das kam aus
-der Ewigkeit! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>&sbquo;Wie mer sech bett&rsquo;, su schläft mer,&lsquo; &mdash; hatte so
-sein Vater nicht immer gesagt?</p>
-
-<p>Zitternd flüsterte Peter: &bdquo;Sollen ech et duhn?
-Sollen ech et net duhn?&ldquo;</p>
-
-<p>Und die Stimme aus der Tiefe antwortete: &bdquo;Du
-sollst!&ldquo;</p>
-
-<p>Da sprang er auf. Der Kirchhof war leer.
-Hinter den Bergen verkroch sich schon die Sonne, und im
-Säuseln eines Lüftchens flackerten die Gräberkerzen höher.</p>
-
-<p>Von Schauern überrieselt ging Peter, die Füße
-waren ihm wie gelähmt; langsam, ungewiß machte
-er Schritt für Schritt. Auf dem großen Kreuz, das
-sich mit der Gestalt des Heilands inmitten des Kirchhofs
-erhebt, lag ein blendender Schein; gerade auf die
-Inschrift fiel er, die sich in goldenen Buchstaben über
-den breiten Sockel zieht.</p>
-
-<p>&sbquo;<i>Amor me cruci affixit</i>&lsquo;</p>
-
-<p>Was hieß das? Nie hatte Peter darüber nachgedacht,
-nun stand er in Sinnen verloren. Er buchstabierte,
-und dann starrte er hinauf zu dem dornengekrönten
-Leidensantlitz, bis ihm die Augen übergingen.</p>
-
-<p>Plötzlich schreckte er zusammen, eine Hand legte sich
-auf seine Schulter. Ah, der Herr Pastor! Er riß
-die Mütze vom Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Seh einer, der Miffert!&ldquo; sagte der Geistliche
-wohlgelaunt und schlug ihm mit dem Brevierbüchlein,
-das er stets bei dem täglichen Spaziergang mit sich
-führte, leicht auf den Rücken. &bdquo;Na, wie steht&rsquo;s mit dem
-Kronleuchter? Seid Ihr bald fertig?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä,&ldquo; stotterte Peter erschrocken; die gutmütige
-Stimme klang ihm wie die Posaune des jüngsten Gerichts.
-&bdquo;Eweil sein ech noch net e su weit, ech &mdash;
-eweil &mdash; äwer bal &mdash; ech &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich glaube es wohl, das ist kniffelige Arbeit!&ldquo;
-Der Geistliche legte ihm selber die Entschuldigung in
-den Mund, Peter schnappte danach, wie ein Fisch nach
-dem Köder.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat es et, dat es et,&ldquo; beeilte er sich zu versichern.
-&bdquo;Ech arweiden Dag on Naacht, äwer &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich habe es gehört,&ldquo; unterbrach ihn der Pfarrherr
-freundlich. &bdquo;Das ist brav, mein Sohn. Deine Arbeit
-wird schon wohlgelingen; Mariä Sohn selber&ldquo; &mdash; er
-wies hinauf zum Kreuz, das sie hoch und breit überragte
-&mdash; &bdquo;wird dich in seine Fürbitte aufnehmen!&ldquo;</p>
-
-<p>Ein Stich ging Peter durch und durch, er fühlte,
-wie eine heiße Blutwelle ihm in&rsquo;s Gesicht schoß; scheu
-sah er hinauf zu dem verzerrten Leidensantlitz.</p>
-
-<p>Der goldne Glanz vom Himmel hatte sich gewandelt,
-rot wie Blut war er geworden und umspielte
-mit flammendem Schein die eingemeißelte Schrift. Sie
-flimmerte vor seinen Augen.</p>
-
-<p>&bdquo;Lao stieht wat,&ldquo; stammelte er und zeigte mit
-dem Finger hinauf. &bdquo;Wat heißt dat?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;<i>Amor me cruci affixit</i> &mdash; Liebe hat mich an&rsquo;s
-Kreuz geschlagen,&ldquo; sprach der geistliche Herr und wandte
-sich zum Gehen. Er nickte noch einmal zurück: &bdquo;Guten
-Abend, guten Abend, ich komme in den nächsten
-Tagen selber zu Euch, Miffert, und sehe nach Eurer
-Arbeit.&ldquo; Mit segnendem Gruß hob er die Hand. Sein
-Brevier murmelnd, tauchte er hinter den Hügeln unter.</p>
-
-<p>Einsam war wieder der Kirchhof; so still war&rsquo;s
-um Pittchen, daß er das eigne Atmen als lautes Geräusch
-hörte.</p>
-
-<p>Schwerfällig ließ er sich auf dem Sockel des
-Kreuzes nieder.</p>
-
-<p>&sbquo;Liebe hat mich an&rsquo;s Kreuz geschlagen&lsquo; &mdash; ja, die
-Liebe! Seine Brust hob sich unter einem tiefen Seufzer
-&mdash; die war&rsquo;s! Eine große Erleichterung kam über ihn.
-Was er that, that er ja auch nicht für sich, nur aus
-Liebe zu andren! Da waren die Zeih, das Josefchen
-und die andren alle &mdash; aus purer Liebe!</p>
-
-<p>Sein unsteter Blick wurde ruhiger, er heftete ihn
-fest auf das Bild des Gekreuzigten. Der da oben litt,
-und er selbst litt auch &mdash; ja, leicht war&rsquo;s nicht, am
-Kreuz zu hängen! Aber die Angst, die Angst, die er
-hatte, war die nicht noch schrecklicher?!</p>
-
-<p>&bdquo;Wann se mech atrappieren, gänn ech villeicht aach
-ufgehang,&ldquo; murmelte er finster. &bdquo;Nä, dat duhn se eweil
-net mieh, äwer se sperren mech ein, wuh Sonn on
-Mond net scheinen, wuh mer kein Luft krieht, wuh
-mer &mdash; ha &mdash;!&ldquo; Er holte tief und zitternd Atem, der
-Kopf sank ihm auf die Brust. Aber gleich darauf hob
-er ihn wieder.</p>
-
-<p>Die Gestalt des Heilands verschwamm schon im
-Grau des rasch sinkenden Abends, nur um das Haupt
-wob sich noch ein flüchtiger Schimmer wie eine Glorie.
-Es schien sich zu neigen.</p>
-
-<p>Mit unterdrücktem Schrei streckte Peter die Hände
-aus. Ja, der da oben, der verstand ihn! &sbquo;<i>Amor me
-cruci affixit</i>&lsquo; &mdash; der würde ihn nicht zu Schanden
-werden lassen!</p>
-
-<p>Er warf sich am Fuß des Kreuzes nieder und
-betete, wie er es noch nie gethan. Getröstet stand er
-auf; einen vertraulichen Gruß sandte er noch hinauf,
-ein verständnisvolles Nicken.</p>
-
-<p>Festen Fußes schritt er an den Gräbern entlang.
-Es war fast dunkel, die Lichtchen niedergebrannt, nur
-hie und da flackerte noch eins wie ein Irrwisch mit
-aufzuckendem Schein.</p>
-
-<p>Als er das Gatter des Friedhofs schloß, pfiff er.
-Er fühlte sich so leicht, so vergnügt; nun wußte er,
-was er zu thun hatte, nun wurde nicht länger gefackelt.</p>
-
-<p>Von der Eichelhütte her kam ein Wägelchen über
-die Chaussee, es rollte dicht an ihm vorüber. Er erkannte
-den Besitzer der Eichelhütte, den Herrn van Beuren,
-darauf, der immer nur zweimal im Jahre ein paar Tage
-zur Jagd herkam; der neben ihm sitzende dicke Mann,
-mit einem Wollenshawl vermummelt und mit Ohrenklappen
-an der Mütze, war ihm fremd. Wer war
-denn das? Neugierig sah Peter dem Gefährt nach.</p>
-
-<p>Dicht vor&rsquo;m Dorf stieß er auf Krumscheid. Donnerwetter,
-der kam ja von seiner Hütte heruntergestelzt,
-was wollte denn der da oben? Aha &mdash; Peter lachte
-in sich hinein &mdash; der hatte wohl Angst um sein
-Geld?!</p>
-
-<p>Geschmeidig grüßte er den Alten: &bdquo;&rsquo;n Aowend,
-Vadder Krumscheid!&ldquo;</p>
-
-<p>Dieser hielt ihn fest. &bdquo;Saot, Pittchen, wie stieht
-et eweil met mein Dahlersch, hä?&ldquo; Man merkte es
-dem Alten an, er wollte es nicht gern mit dem Pittchen
-verderben; er suchte einen Vorwand. &bdquo;Et duht
-mer laad, dat ech ebbes dervon saon moß, äwer ech &mdash;
-ech sein sälwer in Onverläjenhaat, ech haon ebbes zo
-zaohlen; et pressiert!&ldquo;</p>
-
-<p>Pittchen lächelte.</p>
-
-<p>Krumscheid deutete dies Lächeln falsch, die Angst
-überkam ihn. &bdquo;Ech moß mein Gäld haon,&ldquo; stieß er grob
-heraus.</p>
-
-<p>&bdquo;Tutswit,&ldquo; sagte Peter gelassen. &bdquo;Ihr könnt et
-jeden Momang haon, wann Ihr wollt. Kommt bei
-mech eruf, lao könnt Ihr se metholen, de Dahlersch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä!&ldquo; Der Alte traute nicht recht, er
-fürchtete Prügel. &bdquo;Kommt liewer bei mech, dann
-drinke mir e Schöppche.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nä!&ldquo; Jetzt, wo es zur That ging, bebte Peter
-doch plötzlich zurück; eine jähe Angst überfiel ihn, sein
-Herz hämmerte, daß er&rsquo;s bis in den Hals spürte.
-&bdquo;Eweil kann ech net,&ldquo; sagte er hastig. &bdquo;Heit net. Morjen
-&mdash; morjen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Morjen, gewiß on waohrhaftig?&ldquo; Der Alte packte
-ihn am Rockschoß.</p>
-
-<p>&bdquo;Morjen,&ldquo; sagte Pittchen gepreßt und entwand
-seinen Rock den knöchernen Fingern.</p>
-
-<p>Eilig rannte er heim, er fand die Zeih, in Thränen
-aufgelöst, an der Wiege. Das Josefchen verdrehte die
-Augen, ballte die Fäustchen und zog die Beinchen
-krampfhaft herauf an den Leib.</p>
-
-<p>&bdquo;Wann mer noren dän Hähr Dokter hätten!
-Wann ons Josefche dem sein Medezin einhole könnt,
-gäb et gesond! Josefche, mei Josefche, ech duhn
-mer e Laad an &mdash; stärw net, Josefche, mei Josefche!&ldquo;
-Schreiend warf sie sich über das Kind.</p>
-
-<p>Peter konnte es nicht mehr mit ansehen, an allen
-Gliedern zitternd, stand er da. Er wollte sprechen und
-konnte nicht, so trocken war es ihm im Halse; er
-schluckte und schluckte. Leeren Blickes stierte er auf das
-Bettchen &mdash; da lag sein Kind, es glich ihm genau; so
-hatte er wohl auch einst der Mutter in der Wiege
-gelegen. Wie ihm, so fehlte dem Josefchen das
-unterste Stückchen am linken Ohrlapp, auch die Brauen
-waren so über der Nase zusammengeschoben und die
-Haare in dunklen Ringeln so tief in die Stirn gewachsen.
-Sein Kind &mdash; sein Ebenbild! Der heiße
-Wunsch stieg in ihm auf, das Kind zu behalten.</p>
-
-<p>Und glühend heiß fielen ihm die Thränen der
-Zeih auf&rsquo;s Herz, er konnte ihr Jammern nicht mehr
-hören; schwankenden Schritts, wie ein Trunkener, taumelte
-er nebenan in seine Kammer.</p>
-
-<p>Als er nach einer Weile wieder herauskam, war
-er ruhiger. Auf seiner Stirn stand ein Entschluß; seine
-Lippen waren fest zusammengepreßt.</p>
-
-<p>Beim Morgengrauen würde er den Doktor holen,
-sagte er der Zeih.</p>
-
-<p>Und dann eilte er noch einmal zum Hause hinaus;
-er lief, wie gejagt. Durch eine Gutthat wollte er sich
-den Beistand des Himmels sichern.</p>
-
-<p>Er wußte, wohin er zu gehen hatte. Da war die
-Hütte der Schneidersch; mit der Bäbbi ging&rsquo;s schlecht,
-die konnte sich nicht erholen. Zweimal schon hatte der
-Kauz nachts an ihrem Fenster geschrien. Krokodilsthränen
-vergießend, erzählte es die Alte im Dorf herum,
-aber ihr Jammern galt mehr der eignen gestörten Nachtruhe,
-als den Leiden der Schwiegertochter; wenn sie
-sich auch dreidoppelt ein Tuch um die Ohren band, sie
-hörte doch durch die rissigen Lehmwände das Stöhnen
-der jungen Frau und das Schreien des halbverhungerten
-Säuglings. Die Bäbbi fieberte und fieberte; ein paarmal
-hatte sie schon versucht, aufzustehen, nach wenigen
-Schritten war sie mit einem schmerzlichen Schrei zusammengebrochen.</p>
-
-<p>Vorsichtig tappte Peter über den Hof, bis zur
-Thür neben dem Stall. Drinnen hörte er ein Kind
-greinen und eine kranke Stimme sprechen: &bdquo;Sei still
-&mdash; sch &mdash; sch &mdash; waart nor, bis dän Pappa kömmt! O
-Jeß, wann hän net bal kömmt, sein ech dud &mdash;
-sch &mdash; sch &mdash;!&ldquo;</p>
-
-<p>Der sehnsuchtsvolle Ton verzitterte in einem langen
-Seufzer. Die sprach ja, wie eine Sterbende! Peter
-erschrak. Leise schlich er an&rsquo;s Fensterchen und guckte
-hinein.</p>
-
-<p>Da saß sie im Bett, das einzige Kissen hatte sie
-sich in den Rücken gestopft; sie war so schwach, daß
-sie den Kopf nicht halten konnte, bald sank er ihr zur
-linken, bald zur rechten Seite.</p>
-
-<p>Wie traurig hatte die sich verändert! Sie war
-nicht häßlich, nein, vielleicht hübscher, als sie jemals
-zuvor gewesen. Schmerzen und Gram hatten ihr Gesicht
-verfeinert, die sonst gebräunte Haut war abgeblaßt,
-silbrig schimmernd wie Perlmutter. Das straffe Haar
-bauschte sich ihr lockrer um den Kopf, und im Blick
-ihrer weitgeöffneten großen Augen lag etwas Überirdisches.</p>
-
-<p>Es fröstelte Peter. Sacht klopfte er an die Thür
-und trat zugleich ein.</p>
-
-<p>Verwundert drehte Bäbbi den Kopf nach ihm, sie
-erkannte ihn nicht gleich. Dann aber flog ein freudiger
-Schein über ihr Gesicht, sie wollte seine Hand gar nicht
-loslassen. &bdquo;Es dat schien, dat Ihr mech besuche kommt
-&mdash; oh &mdash; dat es schien!&ldquo;</p>
-
-<p>Er beugte sich über sie und suchte hinter einem
-Lachen und einem Scherz seine Rührung zu verbergen.
-&bdquo;No ruhig, Bäbbche, ruhig! Jao, wann dän Ehmahn net
-derhäm es, dann kömmt onser anen e su apropos wie
-Räjen im Mai. Gäl, Bäbb?&ldquo; Er strich ihr gutmütig
-über die schmale Wange. &bdquo;Wanneh danzen mir
-zwa dann zosammen?&ldquo;</p>
-
-<p>Sie blieb ernst. &bdquo;Ech haon de Engel schuns Hallelujah
-singe gehört; ech danzen net mieh!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gott bewaohr, Bäbb,&ldquo; sagte er erschrocken, &bdquo;Ihr
-werdt doch net himmeln?&ldquo;<a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a></p>
-
-<p>Sie sah ihn wehmütig lächelnd an. &bdquo;Duht mer
-de Liew &mdash; ech verlangern e su &mdash; schreiwt mer e paor
-Wörtcher an dän Lorenz! Ech haon heiwel<a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> vill Däg
-gelauert, dat ans kömmt, wat schreiwe kann.&ldquo; Sie machte
-einen Versuch, sich höher aufzurichten, traurig schüttelte
-sie den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech kann jao net ufstiehn, ech sein innewennig
-wie ausenanner. Lao im Schößche<a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a> sticht Papier
-on Feder &mdash; lao es de Dint &mdash; schreiwt &mdash; schreiwt!&ldquo;</p>
-
-<p>Mit ängstlicher Hast trieb sie ihn an. Sie diktierte
-schwerfällig, ruckweise, zu jeden paar Worten machte
-sie eine neue Anstrengung.</p>
-
-<p>Beim Schein des winzigen Lämpchens schrieb
-Pittchen:</p>
-
-<blockquote>
-<p class="salutation">
-&sbquo;Deurer Lorenz!<br />
-</p>
-
-<p class="small">Ech grüßen dech vill dausendmaol!<br />
-Ons Könd leit in der Heija<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> on dräumt
-von seim Pappa. Ech haon e su lang
-neist von Dir zo hören kritt, ech verlangern
-e su, datste bei mech kömmst,
-ehnder ech &mdash;&lsquo;</p></blockquote>
-
-<p>Hier stockte Bäbbi; in schmerzliche Thränen ausbrechend,
-schlug sie die Hände vor&rsquo;s Gesicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Kreischt net, Bäbb,&ldquo; tröstete Peter mit weicher
-Stimme.</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä!&ldquo; Sie raffte sich schon wieder zusammen.
-&bdquo;Streicht dat vom Verlangern on Stärwen aus, ech
-will em dat Herz net schwer maachen. Schreiwt nor:</p>
-
-<blockquote class="small">
-
-<p class="small">&sbquo;lang neist von Dir zo hören kritt,
-ech hoffen, Dau bis gesond on veramesterst
-Dech aach. Ech beten Dag on
-Naacht for Dech, ech &mdash;&lsquo;&ldquo;</p></blockquote>
-
-<p class="small">Sie schöpfte zitternd tief Atem.</p>
-
-<blockquote class="small">
-
-<p class="small">&bdquo;&sbquo;Ech sein eweil ganz alert<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> &mdash;&lsquo;&ldquo;</p></blockquote>
-
-<p>Peter sah sie verwundert an.</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä, neist vom Kranksein,&ldquo; sagte sie rasch.
-&bdquo;Schreiwt dat &sbquo;alert&lsquo; dick on groß, dann freut hän sech.</p>
-
-<blockquote class="small">
-
-<p class="small">&sbquo;Adjes, mein villdeurer Lorenz, bis
-in die Ewigkaat</p>
-
-<p class="right">
-Dein Bäbbchen.&lsquo;&ldquo;<br />
-</p></blockquote>
-
-<p>Erschöpft sank sie zurück, Totenblässe überzog ihr
-Gesicht; ihre Lippen wurden weiß, sie war halb ohnmächtig.</p>
-
-<p>&bdquo;Bäbbi, Bäbbi,&ldquo; Peter faßte sie am Arm, &bdquo;wat
-es Eich? Ihr mößt Stärkung haon.&ldquo; Verstört sah
-er sich um. &bdquo;Haot Ihr dann bei gaor neist for zo
-drinken?&ldquo;</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf. &bdquo;Neist,&ldquo; sagte sie tonlos.</p>
-
-<p>Da lag sie in dem elenden Bett, seit Tagen war
-es nicht gemacht; sie lag wie eine Sterbende, blutleer
-und hilflos.</p>
-
-<p>Das Kind schrie auf, besorgt versuchte sie nach der
-Wiege zu blicken. Peter nahm das kleine Bündel und
-legte es ihr an die Brust; da suchte es wimmernd, mit
-gespitztem Mäulchen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech haon ken Milch mieh,&ldquo; sagte sie leise.</p>
-
-<p>Ein Krampf ging über Peters Gesicht; er wurde
-blaß und rot, einen argwöhnischen Blick warf er in
-alle Winkel, und dann fuhr er rasch in die Tasche und
-legte drei harte Thaler vor sie auf&rsquo;s Bett. &bdquo;Dao,&ldquo; sagte
-er mit gepreßter Stimme. &bdquo;Kaaft davor, wat Ihr
-braucht!&ldquo;</p>
-
-<p>Für ein paar Augenblicke sah sie ihn verständnislos
-an.</p>
-
-<p>Er nickte. &bdquo;Morjen holen ech dän Dokter, dän
-besten, dän zo kriehn es; ons Josefche es krank. Duh
-kann dän Eich aach ebbes ufschreiwen for gesond zo gänn!&ldquo;</p>
-
-<p>Eine jähe Röte flog über ihr Gesicht, in ihren
-matten Augen blitzte es auf, sie haschte nach seiner
-Hand; ehe er&rsquo;s hindern konnte, hatte sie die geküßt.</p>
-
-<p>&bdquo;Merci, merci! Onsen Hährgott sei met Eich! &mdash;
-Pittchen &mdash; o Ihr &mdash;!&ldquo; Sie war ganz außer sich,
-sie lachte und schluchzte, zog ihn an sich und küßte ihn
-mit ihren matten blutleeren Lippen; wie Schnee fühlte
-er den Kuß auf seiner Stirn.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech danken, ech danken Eich villdausendmaol,
-Pittchen! Es et denn wirklich waohr &mdash; Gäld, Gäld
-&mdash; drei Dahler &mdash; Dahler?!&ldquo; Sie drückte die Geldstücke
-liebkosend an ihre Wange. &bdquo;Ech kann eweil ebbes
-kaafen beim Krumscheid, on Milch for dat Könd, alle
-Dag! On ech sälwer&ldquo; &mdash; sie faßte ihren Kopf mit
-beiden Händen &mdash; &bdquo;dän Dokter kömmt bei mech!
-Ech soll gesond gänn &mdash; ech kann dän Lorenz widdersiehn!
-Jesus, Maria, Josef &mdash; oh Pittchen,
-Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Langsam sank er an ihrem Bett nieder; ein abergläubischer
-Schauer und zugleich eine freudige Wollust
-des Gebens zog ihn auf die Kniee.</p>
-
-<p>Ihre Hände falteten sich über seinem Kopf, sie
-betete; mit rührender Stimme flehte sie den Segen des
-Himmels auf ihn herab.</p>
-
-<p>Er wagte nicht, sich zu rühren. Ein himmlischer
-Gruß, weihrauchduftend, rein und heilig, schien ihm
-durch die verlassene Kammer zu wehen. Schwebten
-nicht Engel mit großen Flügeln gen Himmel und trugen
-auf goldner Schale die Dankesthränen der armen Bäbbi?
-Und seine Gutthat, als weiße Taube, flog voran.</p>
-
-<p>Eine mächtige Erschütterung ging ihm durch den
-Körper, er lag wie niedergeschmettert. Die ganze Qual
-der letzten Wochen, die gehetzte Arbeit der Nächte, das
-Versuchen und Grübeln, das Sorgen um&rsquo;s Gelingen,
-Zweifel und Furcht, wilde Freude und dann wieder
-kindische Angst, all das brauste und brandete auf einmal
-durch sein Gehirn.</p>
-
-<p>Bäbbi betete, und die wilden Gedanken wurden
-plötzlich so glatt wie Meereswogen, auf die man Öl
-gießt.</p>
-
-<p>Thränen brachen ihm aus den Augen, erlösende
-Thränen; sie liefen ihm über das hagre Gesicht und
-rannen nieder auf das elende Bett.</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="X" id="X">X.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Der Winter war über Eifelschmitt hingezogen, es
-mit seiner Schneelast verschüttend. Weihnachten war
-dagewesen und hatte die Männer nach Hause gebracht.
-Jubel in den Hütten, Gedudel im Wirtshaus, Gläserklingen
-und Kuchendüfte. Heilig Dreikönigstag hatte
-der Lust ein Ende gemacht; morgens darauf waren
-die Männer wieder abgezogen, und die große Wintereinsamkeit
-hatte das Dorf in ihre Arme genommen und
-eingelullt, bis daß es schlief.</p>
-
-<p>Jetzt wollte es lenzen.</p>
-
-<p>Unter der modrig feuchten Decke des abgefallenen
-Buchenlaubes sproßte der Waldmeister, an besonders
-heimlichen Stellen trieb schon ein erstes scheues Reis,
-und in den noch toten Chausseebäumen lärmten die
-Staare.</p>
-
-<p>&sbquo;Naoch Lichtmeß es et Aushalt&lsquo; sagen die Eifeler,
-&sbquo;warm oder kalt, de Dag gänn lang on dän Fuß krieht
-sein Gang.&lsquo;</p>
-
-<p>Sankt Matheis hatte das Eis gebrochen; auf den
-überschwemmten Wiesen um die Salm ruderten lustig
-die Dorfenten.</p>
-
-<p>Auf dem Äckerchen der Schwiegereltern arbeitete Bäbbi.
-Sie hackte mit starken Armen den Boden auf, drehte
-die Schollen um, zerstieß und klopfte und verkleinerte
-die harten Erdklöße, und bückte unermüdlich den
-Rücken. Verschnaufend hielt sie wohl eine kurze Weile
-inne und blickte prüfend über die Berghänge.</p>
-
-<p>Noch keine im Dorf hatte an die Frühjahrsbestellung
-gedacht, und sie wußten doch alle: Schneifurr
-&mdash; Gedeihfurr! Da lotterten sie zu Hause herum,
-in Unterrock und Nachtjacke, und verschliefen den halben
-Tag. Ernst, fast vorwurfsvoll, ruhte Bäbbis Blick
-auf dem Dorf; sie schüttelte den Kopf, und dann spuckte
-sie in die Hände und griff von neuem zur Hacke und
-arbeitete wieder, bis ihr der Schweiß die vom scharfen
-Wind zerwühlten Haare an die Stirn klebte.</p>
-
-<p>Sanct Gertraud mußte den Acker bestellt finden;
-und der Lorenz sollte sich darauf verlassen können: da
-war eine daheim, die für sein Kind und seine alten
-Eltern schaffte.</p>
-
-<p>Ein warmes Rot stieg ihr in die Wangen, ihr
-Mund wölbte sich stolz. Mit frischer Kraft, neu belebt,
-trieb sie die Hacke in den Boden, daß die noch
-winterharte Rinde tief auseinander barst und ein feuchter,
-treibender Erdduft aufstieg. Die Muskeln an ihren
-Armen strafften sich, man sah&rsquo;s unter dem fadenscheinigen
-Blaudruck-Kleid; sie arbeitete wie ein Mann.</p>
-
-<p>Jetzt machte sie keine Pause mehr; gleich einer
-Maschine, regelmäßig, ohne Ermüdung, hob und senkte
-sie die Hacke, Furche nach Furche wurde abgeschritten.
-Der Schweiß fiel in Tropfen in die gelockerte Erde,
-die das warme Naß gierig einsog. Blitzschnell bückte
-sie sich zwischen den Schlägen, hier einen Stein aus
-dem Acker zu lesen und dort; in mächtigem Schwung
-flog der dann den felsigen Abhang hinunter, aufprallend,
-sich überschlagend und prasselnd andres Geröll
-mit sich in die Tiefe reißend. Laut hallte es im einsamen
-Thal nach, die Stille gab das Geprassel doppelt
-stark wider, es wurde zum Gepolter; drüben an der
-Berglehne antwortete dumpf ein verschlafenes Echo.</p>
-
-<p>Der Unkrautstellen im Ackerland wurden weniger
-und weniger, die schwachbegrünten Flecke verschwanden
-einer nach dem andren &mdash; nun breitete sich das gleichmäßige
-Schwarz bis zum Wegrain aus. Im Dorf
-bimmelte das Glöckchen; die reine Luft trug den Klang
-hell hier herauf; mit einem Seufzer der Befriedigung
-ließ Bäbbi die Hacke zum letzten Mal niedersausen.
-Fertig für heute!</p>
-
-<p>Morgen wurde wieder von frischem angefangen
-und übermorgen wieder, und dann wieder, bis die lehmigen
-Erdklöße &mdash; sie bückte sich und zerbröckelte einen
-in der Hand &mdash; so fein waren wie Mehl; dann wollte
-sie zufrieden sein. Dann gab&rsquo;s auch eine gute Ernte,
-Kartoffeln genug und auch ein wenig Korn. Was
-würde der Lorenz sagen, wenn sie so viel erübrigte, um
-eine Ziege zu kaufen? Wie gut würde die Milch dem
-Kind und den beiden Alten thun! Auch zu einem
-Ferkel würde es vielleicht noch langen, das wurde fett
-gemacht und dann auf dem Markt zu Wittlich verkauft.</p>
-
-<p>Sinnend ging der Blick der jungen Frau in&rsquo;s
-Weite und verlor sich im duftigen Blaugrau, jenseits
-der Berge. Da weilte der Lorenz, weit, weit. Ein
-Ausdruck sehnsüchtiger Liebe machte ihren herben Mund
-weich. Kam wohl je eine Zeit, in der nicht mehr so
-viel Berge, so viel Wald, so viel Wasser sie von einander
-trennte?!</p>
-
-<p>Bäbbis Gestalt reckte sich höher auf, ein tiefer
-Atemzug hob ihre Brust &mdash; die Zeit <em class="gesperrt">mußte</em> kommen!</p>
-
-<p>Mit der schwieligen Hand strich sie sich das Haar
-zurück, zog das Kopftuch tiefer in die Stirn, schulterte
-ihre Hacke und schritt rasch dem Abhang zu. Scharf
-umrissen zeichnete sich ihre Gestalt vom lichten Horizont
-ab. Sie schien gewachsen, groß und stark hob sie sich
-über der Umgebung.</p>
-
-<p>Eilenden Schrittes stieg sie den Pfad gegen das
-Dorf abwärts, ihre derben Nägelschuhe trapsten fest.
-Elf Uhr, nun warteten die Alten daheim schon, daß
-sie kam und das Mittagessen kochte. Die waren beide
-recht hinfällig geworden in diesem Winter, der Vater
-lag immer im Bett, und der Schwiegermutter Maulwerk
-war nicht halb mehr so scharf geschliffen; sie
-greinten wie die Kinder, wenn sie ihren Willen nicht
-kriegten.</p>
-
-<p>Und dann der Kleine! Ein glückliches Lächeln
-verschönte das ernste Gesicht der jungen Frau &mdash; ach,
-der kannte die Mutter schon! Wenn die kam, strampelte
-er und reckte die Ärmchen und wollte nicht mehr
-bei der Großmutter bleiben.</p>
-
-<p>Rasch und rascher schritt sie zu; nun war sie
-unten auf dem Thalweg. Aber trotz ihrer Eile sah
-sie die jungen Blätter des Wegebreits am Grabenrand
-&mdash; die waren heilsam zum Auflegen für den offenen
-Fuß der Schwiegermutter; erfreut kniete sie nieder
-und pflückte die ab. Und da sproßte der erste Löwenzahn
-&mdash; geschwind griff sie zu &mdash; und da noch einer,
-und weiter drinnen im Gras noch mehrere! Das
-sollte ein Salat werden für den Alten, so lecker, wie
-ihn nur Herren an der Tafel haben, und dazu so gesund
-für&rsquo;s Geblüt. Sie sammelte eifrig.</p>
-
-<p>Plötzlich hob sie lauschend den Kopf. Ein Stöhnen
-klang an ihr Ohr &mdash; war da jemand in Not? Sie rief.</p>
-
-<p>Wieder ein Stöhnen, und dann ein Fluch. Jetzt
-sah sie erst: unten im Graben lag einer und suchte
-vergebens an den steilen Rändern aufzuklimmen. Sie
-hatte ihn vorhin in ihrem Eifer gar nicht bemerkt.</p>
-
-<p>Das war ein Betrunkener! Furchtlos ging sie
-näher und streckte ihm die Hand hin. &bdquo;Jesses,&ldquo; sagte
-sie unwillkürlich und blieb stehen, wie angewurzelt; es
-war Pittchen.</p>
-
-<p>&bdquo;Wat stiehste elao on hälst Maulaffen feil, Framensch?&ldquo;
-grunzte er sie an. &bdquo;Siehste dann net, eweil
-stechen ech in der Bredullich. Ech sein net si&mdash;si&mdash;sicher,
-ech haon hei im Dr&mdash;Dreck geläjen &mdash; de &mdash; de ganz
-Naacht,&ldquo; schloß er weinerlich.</p>
-
-<p>Er sah danach aus. Rock und Hose waren von
-oben bis unten beschmutzt, er hatte sich recht im Schlamm
-gesielt. Eine Mütze hatte er nicht; von nasser Erde
-verklebt, starrten seine Haare, ein paar Zotteln hingen
-ihm in&rsquo;s fahle Gesicht. Seine Lippen waren blau,
-die Augen verglast, noch hatte er seinen Rausch nicht
-ausgeschlafen.</p>
-
-<p>Ohne Wort beugte sie sich zu ihm nieder und
-hielt ihm die Hand hin. Er haschte mit seinen verklammten
-Fingern danach; so steif durchfroren war er,
-daß er sich kaum rühren konnte. Fast riß er auch
-sie hinab.</p>
-
-<p>&bdquo;Olau,&ldquo; grinste er, &bdquo;dau willst e Küßche? Verliewt
-wie de Weibsbiller al!&ldquo; Er schmatzte mit den
-aufgesprungnen Lippen. &bdquo;Küß mech, dau Leckermaul,&ldquo;
-&mdash; erschrocken fiel er zurück &mdash; &bdquo;Dunnerwäder, dat Bäbb!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Miffert,&ldquo; sagte sie bestimmt, &bdquo;seid net e su gäckig!
-Hei, faßt de Hack an! On hei es mein anner Hand!
-Däut<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> gäjen, däut! Ans, zwa un ans &mdash; ech trecken<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a>
-Eich eruf!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie stemmte die Füße ein und zog mit Kraft;
-unfähig, sich selber zu helfen, ließ er sich willenlos
-zerren. Nun hatte sie ihn oben, wie ein Klotz lag er
-am Rand auf den Knieen.</p>
-
-<p>&bdquo;Pittchen,&ldquo; sagte sie betrübt, &bdquo;es et dann waohr,
-wat se im Dorf saon? Ihr sauft?! Pittchen,&ldquo; &mdash;
-sie faßte ihn unter den Achseln und stellte ihn auf die
-Füße &mdash; &bdquo;ech haon et net glauwen wollen, wat se
-saon. Laoßt doch dat Tina laufen on de Fraleider
-al, bleiwt derhäm! Ihr rujiniert Eich. Wat haot
-Ihr dann von al Eirem Gäld?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Willste ebbes?&ldquo; lallte er und suchte nach der
-Tasche.</p>
-
-<p>&bdquo;Nä!&ldquo; Sie hielt seine Hand fest und sah ihn
-voll herzlicher Teilnahme an. &bdquo;Ke Gäld! Ihr hatt
-mir als e su vill Gudes gedahn; Eire drei Dahler
-haon mer Säjen gebrach, ech mechten Eich davor &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Er unterbrach sie mit einem lauten Auflachen:
-&bdquo;Haha, Säjen! Säjen!&ldquo; Die Zähne klapperten ihm
-aufeinander, und er schauderte.</p>
-
-<p>&bdquo;Gieht häm,&ldquo; riet sie besorgt, &bdquo;Ihr hatt Eich verkält
-&mdash; Jesses, de ganze Naacht hei im Grawen! &mdash;
-Kommt, kommt!&ldquo; Sie wollte ihn unter den Arm fassen
-und führen, er stieß sie zurück.</p>
-
-<p>&bdquo;Dau willst mer Mores liehren, bleiw mer vom
-Leiw, dau Quiesel<a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>! Ech haon kein Predigt nedig &mdash;
-gieh &mdash; gieh!&ldquo; Er strampelte mit Händen und Füßen,
-verlor das Gleichgewicht und stürzte wieder rücklings
-in den Graben.</p>
-
-<p>Hatte er sich weh gethan? Erschrocken wartete sie
-ein paar Minuten, dann blickte sie hinunter. Da lag
-er mit geschlossenen Augen und offnem Mund, blaß
-wie ein Toter; aber jetzt ertönte sein regelrechtes
-Schnarchen. &mdash;</p>
-
-<p>Bäbbi lief dem Dorf zu; sie hatte ihren Salat
-vergessen.</p>
-
-<p>Kräftig pochte sie an Mifferts Hütte und trat
-zugleich ein. &bdquo;Zeih! Eier Mahn leit drau &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Das Wort blieb ihr im Halse stecken. Da saß
-der Gendarm von Oberkail und hielt die Zeih auf dem
-Schoß. Etwas verlegen sprang die auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Was ist denn los?&ldquo; fragte der Gendarm unwillig.</p>
-
-<p>Bäbbi stotterte: &bdquo;Eier Mahn leit draußen im
-Grawen, kommt, kommt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Laßt ihn ruhig liegen,&ldquo; sprach der Gendarm und
-strich sich den Schnurrbart auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Äwer hän kann sech den Dod holen, hän es
-eweil als ganz verklomm!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wat Ihr net saot?!&ldquo; Zeih horchte nun doch
-auf, sie ließ sich den Hergang umständlich erzählen,
-keinen Augenblick verlor sie dabei ihr vergnügtes
-Lächeln. &bdquo;Im Grawen &mdash; de ganz Naacht?! Jeß,
-dat arm Pittchen! Jao e su es hän, alleweil strawätzt
-hän erum. Bäbb, seid e su gud, weist mer de
-Stell!&ldquo;</p>
-
-<p>Als die beiden Frauen die Hütte verließen, kamen
-Tina, Leis und Vrun daher; sie hatten die Bäbbi so
-rasch laufen sehen. Ihre Augen funkelten neugierig.
-&bdquo;Wat es passiert?!&ldquo; Zeih berichtete.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat Pittchen &mdash; im Grawen?! Hahahaha!&ldquo;
-Tina krümmte sich vor Lachen und hielt sich die Seiten;
-vor Vergnügen juchzend, warf sie den Kopf hintenüber,
-daß ihre dunklen Haarsträhnen sich lösten.</p>
-
-<p>&bdquo;Hahaha,&ldquo; lachten Vrun und Leis, und Zeih
-lachte mit.</p>
-
-<p>&bdquo;Wir wollen hän hole giehn! Hole giehn, olau!&ldquo;</p>
-
-<p>Im Laufschritt, ausgelassen kreischend, mit fliegenden
-Haaren und flatternden Röcken, sich neckend und
-jagend, stoben sie hinter Bäbbi drein. &mdash;</p>
-
-<p>Es war nicht das erste Mal, daß Peter betrunken
-nach Hause kam. Er machte sich ein Gewerbe daraus,
-von Dorf zu Dorf zu wandern und die Wirtshäuser
-abzusitzen.</p>
-
-<p>Seit er &sbquo;geerbt&lsquo;, arbeitete er gar nichts mehr; nicht,
-daß er früher viel geschafft, aber er hatte doch wenigstens
-hie und da etwas gebastelt, und mit der Reparatur des
-Kirchenkronleuchters sogar ein Meisterstück geliefert. Der
-geistliche Herr hatte ihn auch öffentlich, von der Kanzel
-herunter, deswegen belobt.</p>
-
-<p>&bdquo;Eweil haot hän dat Arweiden net mieh nedig,&ldquo;
-sagte die Zeih und sah wohlgefällig an ihrem schönen
-Kleid herunter. Bald nach dem Tanzvergnügen in
-Oberkail war der Stoff gekommen, und der Peter
-hatte dem Postboten stolz acht harte Thaler auf&rsquo;s
-Fensterbrett gezählt; es waren noch dieselben alten
-Thaler, die er vom Krumscheid geborgt, Thaler mit
-verschiedenen Randschriften, wie: &sbquo;Gott mit uns,&lsquo; &sbquo;Gott
-segne Sachsen,&lsquo; &sbquo;Gott &mdash; Ehre &mdash; Vaterland.&lsquo; Auf
-den Stücken, die der Alte wieder erhalten, waren Kopf
-und Schrift weniger deutlich; sie waren wohl schon
-durch sehr viele Hände gegangen. Ordentlich fettig
-fühlten sie sich an, das Gekerbte an den Rändern war
-abgegriffen. Aber es waren vollgewichtige Thaler, und
-schmunzelnd verschloß der Alte sie in seinem Sparkasten,
-glücklich, so ohne weiteres Drängen zu seinem
-Gelde gekommen zu sein.</p>
-
-<p>Eine seltsame Rastlosigkeit hatte sich Peters bemächtigt.
-Es gab Nächte, in denen er gar nicht heimkehrte,
-andre, in denen er wohl zuhause war, aber zu
-Zeihs größter Verwunderung erst bei Morgengrauen
-zu ihr in&rsquo;s Bett schlich. Sie gewöhnte sich an beides.
-In ihrer gedankenlosen Art, fragte sie nun auch nicht
-mehr: &sbquo;Saog ehs, Pittchen, wat maachste e su lang
-lao binnen in der Kammer?&lsquo; Er hatte sie ein paarmal
-angefahren: &sbquo;Hal dei Maul, schär dech om dein
-Saachen!&lsquo; Jetzt rekelte sie sich bequem, wenn sie ihn
-drinnen noch hantieren hörte, und drehte sich gähnend
-auf die andre Seite.</p>
-
-<p>Sie war immer guter Dinge; seelenvergnügt fiel
-sie ihm um den Hals, wenn er ihr etwas von seinen
-Wanderungen mitbrachte.</p>
-
-<p>Bald war er in Oberkail, bald in Spang-Dahlem;
-den einen Tag in Großlittgen, den andren in Ober-Öfflingen;
-heut in Musweiler, morgen, in entgegengesetzter
-Richtung, in Bettenfeld; diesseit in Landscheid
-und jenseit in Hupperath, immer die kreuz und quer,
-von Dörfchen zu Dörfchen. Bis nach Manderscheid
-lief er und gar bis gen Daun; in der ganzen Gegend
-war er bekannt, im näheren und weiteren Umkreis. Die
-Wirte sahen ihn gern kommen, er hatte eine flotte
-Art, den blanken Thaler auf den Tisch zu werfen:
-&sbquo;Dao, zieht de Rechnung ahf!&lsquo; Mitunter ließ er
-sich auch von einem Bäuerlein wechseln, das froh
-war, seine grünspanigen Kupferpfennige und abgeschabten
-Gröschchen einzutauschen gegen das blanke
-Silberstück.</p>
-
-<p>Sie litten keine Not mehr, und doch sah Peter
-elend aus; so tief hatten ihm nie die Augen im Kopf
-gelegen, scheu und gedrückt schlug er den Blick zu
-Boden, nur nach ein paar Gläsern Schnaps flammte
-der auf. Dann glühten die düstren Augen, wie hell
-brennende Kohlen; in wilder Lustigkeit schlug Pittchen
-auf den Tisch: &sbquo;Wat kost&rsquo; de Welt?!&lsquo; Und dann
-trank er und trank, bis daß er sinnlos davon taumelte.
-Regen und Schnee ernüchterten ihn nicht, torkelnd zog
-er über die einsamen Landstraßen und durch den nachtdunklen
-Wald. Dann sprach er wild vor sich hin;
-schrie, laut schimpfend, die Bäume an und focht mit
-den Armen wie ein Verrückter.</p>
-
-<p>Die Kleider schlotterten ihm um den Leib, sein
-Gesicht war abgezehrt, und doch hingen die Weiber an
-ihm wie die Kletten. Heute die, morgen die. Die
-Tina beherrschte ihn ganz; die loderte um ihn her, wie
-eine Flamme um ein dürres Holzscheit, und züngelte
-und leckte, bis daß er Feuer fing. Dann konnte er
-auch aufflammen, und alle &sbquo;Wiehduhns&lsquo;<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> gingen in
-Rauch auf; zwar nur für Augenblicke, aber um diese
-Augenblicke that er ihr allen Willen.</p>
-
-<p>Sie war unersättlich, bald begehrte sie dies, bald
-das: eine Brosche, eine Schleife, einen Ring, eine
-Schürze, Zuckerzeug und wohlriechende Pomade. Bald
-mußte er sie dahin führen, bald dorthin. Sie schmeichelte
-und trotzte, sie versprach und versagte, und wenn
-er zuletzt gequält rief: &sbquo;Laoß mech in Ruh, maach,
-datste weg kömmst,&lsquo; lachte sie ihm in&rsquo;s Gesicht.
-&sbquo;Maach dau, datste weg kömmst! Lauf bei dein Zeih,
-lao kannste zukucken, wie dän Oberkailer dat caressiert!&lsquo;</p>
-
-<p>Sie hatte nicht die Unwahrheit gesprochen. Als
-er zum ersten Mal den Gendarm bei der Zeih antraf,
-brüllte er in sinnlos eifersüchtiger Wut. Die geballten
-Fäuste schwingend, sprudelte er wilde Drohungen:
-&bdquo;Eraus, eraus! Ech schlaon Eich dod, ech &mdash; eraus,
-tutswit, eraus!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Gendarm ging schon, ganz gekränkte Würde;
-nur auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um
-und drohte mit dem Zeigefinger der wildleder-behandschuhten
-Rechten: &bdquo;Nehmen Sie sich in Acht! Beleidigung
-der Obrigkeit wird mit Gefängnis bestraft.
-Sie überhaupt &mdash; Sie &mdash;&ldquo; er spuckte aus; es schien
-Peter, als hefte sich sein Blick durchdringend gegenüber
-auf die Kammerthür. &mdash; &bdquo;Sie haben überhaupt jar
-keine Ehre mehr, mitzureden. Bitte mir Achtung aus,
-werde Ihnen sonst mal auf die Bude rücken, Sie &mdash;
-Tappert!&ldquo; Rasch die Thür zuwerfend, verließ er
-schleunigst das ungastliche Haus.</p>
-
-<p>&bdquo;Wat maant hän dermit?&ldquo; schrie Pittchen die
-Zeih an; seine Augen rollten hin und her.</p>
-
-<p>&bdquo;Bis still, Pittchen! Bis still!&ldquo; Sie war in
-Angst vor ihrem Mann.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech sollen mech in Aacht holen &mdash; uf de Bud
-rücken?!&ldquo; murmelte Peter. Und dann brüllte er: &bdquo;Wat
-haot hän von der Kammer gesaot &mdash; wat? Antwort!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie sah ihn betroffen an und stotterte verlegen:
-&bdquo;Mir &mdash; mir &mdash; hän haot gesaot, mir wollten lao
-erin giehn, lao &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Kreizgewieder!&ldquo; Schwer fiel Peter auf den
-Schemel und stützte den Kopf in die Hände. So saß
-er lange regungslos, wie aus Stein.</p>
-
-<p>Sein Schweigen machte sich Zeih zunutze. Nun
-hatte sie Oberwasser; mit großer Geläufigkeit, halb
-ärgerlich, halb lachend warf sie ihm seine Grobheit
-vor. &bdquo;Och Jesses, wann ech noren dän kleinsten Diskurs
-met anem haon, stracks bis dau e su schroh!<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a>
-Wat soll hän nau von ons denken, dän Hähr Schandarm?!
-Mer kann nie wissen, wie ei&rsquo;m e su anen
-trillsen<a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> on tribelieren kann; et es doch alleweil besser,
-mer haot ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat,&ldquo; sprach
-er ihr nach und schüttelte sich, als liefe es ihm
-kalt über den Buckel.</p>
-
-<p>Von nun an bekomplimentierte er den Oberkailer
-höflich, wenn der Zufall ihn den in seiner Hütte finden
-ließ. Sein blasses Gesicht trug dabei aber einen so verbissenen
-Ausdruck, daß der schöne Gendarm es vorgezogen
-hätte, die Zeih draußen im Freien zu treffen;
-wäre es nur nicht gar so kalt gewesen! Der Miffert
-war ihm riesig ungemütlich, und ebenso war er&rsquo;s dem
-Miffert; sie gingen beide umeinander herum, vorsichtig
-schnuppernd, wie Füchse um die Falle.</p>
-
-<p>&sbquo;Es muß doch mal Frühjahr werden, auch in
-dieser verfluchten Gegend,&lsquo; tröstete sich der Gendarm.
-Dann gab der Buchenwald einen angenehmen Ort für&rsquo;s
-Stelldichein, es saß sich gut auf dem weichen Moos.
-Er hatte noch keinen Eifelwinter mitgemacht, und der
-dünkte ihn schier endlos, zum Sterben langweilig mit
-seinen ungeheuren Schneelasten, die das Bergland von
-jedem Verkehr abschnitten.</p>
-
-<p>&sbquo;Eweil moß et bal Frühjaohr gänn,&lsquo; tröstete sich
-auch Pittchen. Dann war das Wandern von Dorf zu
-Dorf nicht mehr so beschwerlich, man konnte &sbquo;kommoder&lsquo;
-über Land gehn und seinen Rausch gemächlich im Wald
-ausschlafen. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>&bdquo;Frühjaohr,&ldquo; kreischten auch jubelnd die Weiber,
-als sie nun längs der Wiesen dahinliefen, um den Betrunkenen
-heimzuholen.</p>
-
-<p>Ein feuchter Dunst stieg auf, ein Duft nach
-jungem Gras und erdiger Kraft. Sie atmeten mit geblähten
-Nüstern, ihre Gesichter waren rot, glühend vor
-Übermut. Mit einem Schrei riß sich Tina das Tuch
-vom Hals und ließ es wie eine Flagge in der Luft
-wehen.</p>
-
-<p>&bdquo;Frühjaohr! Hä, helao, Pittchen, wuh stichste?<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a>&ldquo;
-Mit verschmitztem Lachen erhob sie einen durchdringenden
-Gesang:</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&bdquo;Im Mai, im Mai,<br /></span>
-<span class="i0">Moß mer sein zo zwei &mdash;&ldquo;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>&bdquo;Still,&ldquo; sagte Bäbbi und drehte sich um. &bdquo;Hör uf
-met dem schnippschnappig Lied! Hörste dann net de
-Lerch? Still! Se es Gottes Vogel.&ldquo;</p>
-
-<p>Auf einem nahen Grasbüschel saß die Lerche.
-&bdquo;Tirili, tirili!&ldquo; Mit den Flügelchen schlagend, erhob
-sie sich, jetzt schoß sie aufwärts wie ein Pfeil; in
-Kreisen, höher und höher steigend, schmetterte sie ihr
-jauchzendes Tirili himmelan.</p>
-
-<p>&bdquo;Iwickelchen, Liwickelchen,&ldquo;<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a> schrien die Mädchen
-und sprangen, in die Hände klatschend, wie die Tollen
-in die Wiese hinein. Sie rauften mit beiden Händen
-das kurze Gras aus und schleuderten es sich in&rsquo;s Gesicht,
-wie ein Regen rieselte es ihnen über Haar und
-Schultern; sie trappten hin und her, mit Gelächter
-und Gekreisch, ihre schweren Nägelschuh traten die zarten
-sprossenden Hälmchen tot.</p>
-
-<p>Zeih blieb ein wenig zurück, die hageren Dinger
-liefen ihr denn doch zu schnell. Und da sah sie auch
-ein paar gelbe Blumen des Löwenzahns, erfreut pflückte
-sie sie ab und steckte sie sich in&rsquo;s Haar &mdash; glänzten
-die nicht wie eitel Gold? Anmutig nickten die leuchtenden
-Blüten auf den braunen Scheitel.</p>
-
-<p>Kaum sah Tina die also Geschmückte, riß sie ihr
-auch schon die Blumen vom Kopf. Zeih schalt lachend
-und riß ihr Eigentum wieder an sich; das ging hin
-und her, ein förmlicher Kampf begann, ein halb spielerisches,
-halb ernsthaftes Balgen. Zuletzt schleuderte
-Tina die zerknickten Stengel von sich: &bdquo;Lao haste
-dän Dreck!&ldquo; Die Füße der Weiber schritten achtlos
-darüber weg.</p>
-
-<p>Bäbbi war den anderen weit voraus; jetzt blieb
-sie stehen und wartete auf die Nachzügler. Mit zusammengezogenen
-Brauen sah sie ihnen entgegen.
-&bdquo;Kommt, kommt!&ldquo; rief sie unwillig. &bdquo;Laoßt de Alfanzereien!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Alfanzereien?!&ldquo; Tina lachte spöttisch und hob
-keck ihre Nasenspitze zu der um einen Kopf Größeren,
-&bdquo;sei dau nor net e su fürnehm, Lenzen Bäbb, mer
-waaß jao doch, wän dau bis!&ldquo; Kichernd stieß sie die
-Vrun an, und die Vrun stieß die Leis an, und die Leis
-die Zeih.</p>
-
-<p>Eine dunkle Röte stieg Bäbbi in die Wangen, aber
-sie sagte nichts; mit einem ernsten Blick sah sie von
-oben herunter auf die Kleinere.</p>
-
-<p>&bdquo;Haha,&ldquo; fing Tina wieder an &mdash; sie hatte den
-Blick wohl verstanden und boste sich darüber &mdash; &bdquo;dau
-wills ons Conduitten liehren &mdash; dau?! Dau maanst
-wohl, dau därfst dat, weil de noch in der elften Stund
-onner de Hauw gekommen bis? Olau, e su domm!
-Mer kennt dän Vogel an sein Federn, wann hän sein
-Stimm aach noch e su verstellen duht. Hahaha!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mädchen schlugen ein Gelächter auf, auch
-Zeih lachte, ihr gedankenloses, fröhliches Lachen.</p>
-
-<p>&bdquo;Zeih, kommt!&ldquo; sagte Bäbbi und faßte sie am
-Arm. &bdquo;Laoßt eweil dat Tina! Ein faul Ei verdirbt
-dän ganzen Brei!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hollah&ldquo; &mdash; Tina packte die Zeih am andren
-Arm &mdash; &bdquo;hei gebliewen! Wat saoste, Lenzen Bäbb? Ein
-faul Ei &mdash; wän maanste dermit, hä?&ldquo; Sie fauchte
-die Große böse an, ihre Augen funkelten. &bdquo;Dau Sauerpot,
-dau Quiesel, onnerstieh dech! Stillwässer &mdash;
-Grundfresser. Duh dei Maul uf, dau Grundfressersch,
-laoß ehs hören, waorum ech faul sein? Faul!&ldquo; Sie
-ballte die Fäuste. &bdquo;Saog!&ldquo; Nun stampfte sie mit
-den Füßen. &bdquo;Saog!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Je mieh mer im Kot rührt, desto mieh stinkt
-hän. Ech haon ken Lust derzu,&ldquo; sagte Bäbbi ruhig
-und drehte sich kurz um.</p>
-
-<p>Sie hatte die Lacher auf ihrer Seite, aufkreischend
-vor Entzücken fielen sich Vrun und Leis in die Arme;
-Zeih hing sich ihr freundschaftlich an den Arm.</p>
-
-<p>Jämmerlich abgeschlagen zog Tina allein hinterher;
-einer andren wäre sie auf den Rücken gesprungen
-und hätte ihr das Fell mit den Nägeln zergerbt. Der
-da traute sie sich nicht. Die ging so ruhig und sicher
-ihren Weg und führte die drei anderen wie selbstverständlich
-mit sich fort.</p>
-
-<p>Tinas Augen kniffen sich zusammen, wie die einer
-lauernden Katze; der Bäbbi konnte sie nicht ankommen,
-aber der Leis und der Vrun, und besonders der Zeih,
-denen wollte sie&rsquo;s eintränken.</p>
-
-<p>&bdquo;Eweil sein mer elao,&ldquo; sagte Bäbbi und wies auf
-einen Dornbusch, dicht am Grabenrand. &bdquo;Bei dem
-Busch liegt hän unnen.&ldquo; Mitleidig beugte sie sich über,
-mit einem Ruf der Uberraschung fuhr sie zurück. Da
-unten lag wohl noch der Peter und schnarchte; aber
-neben ihm hockte eine Frauensperson, den Oberrock über
-den Kopf gezogen, ihr grellroter Unterrock blähte sich
-wie eine große Mohnblume. Die Traut!</p>
-
-<p>Mit einem triumphierenden Lächeln sah diese aufwärts
-in die verblüfften Gesichter; sie hielt Pittchens
-Kopf in ihrem Schoß.</p>
-
-<p>Ein vierstimmiger Schrei antwortete dem Lächeln,
-mit einem Satz war Tina unten, Vrun und Leis
-stürzten nach; dann folgte die Zeih. Das war
-ein Gewälze von Leibern im Graben, ein Gewirr von
-Armen und Beinen, ein Schimpfen und Lachen, Zanken
-und Zerren. Einen Augenblick sah Bäbbi darauf nieder,
-dann machte sie Kehrt.</p>
-
-<p>Mit raschen Schritten ging sie davon. Kurz vor&rsquo;m
-Dorf blickte sie noch einmal zurück; die stille Luft trug
-ein Getöse an ihr Ohr, ein Stimmengewirr, als ob
-ein Heer anrücke.</p>
-
-<p>Da tauchten sie in der Ferne auf, von der Märzsonne
-grell beschienen, wie von goldnem Flimmer umhüllt.
-Als Kernpunkt der Peter; von den einen geschoben,
-von den anderen gezogen, nahte er wankend.</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="XI" id="XI">XI.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Eine Aufregung war im Dorf, kaum weniger groß,
-als bei der Heimkehr der Männer. In das stille Thal
-war&rsquo;s gefallen wie ein Kanonenschuß und hallte unaufhörlich
-von allen Ecken und Enden wider: ein Mann,
-ein Herr! Ein reicher Herr!</p>
-
-<p>In der Eichelhütte würde er wohnen, die hatte er
-dem van Beuren abgekauft. Aber nicht bloß ein paar
-Jagdtage wollte er da verweilen, nein, den ganzen
-Sommer sicher, und vielleicht auch den Winter. Der
-Krumscheid hatte es erzählt und sich schmunzelnd dabei
-die Hände gerieben; er witterte einen sicheren Verdienst.
-Denn der Fremde hatte einen zartrötlichen Hauch auf
-der Nase, und seine etwas verschwommenen, blaßblauen
-Augen blickten gemütlich in die Welt.</p>
-
-<p>Gleich bei der ersten Einkehr hatte der Wirt das
-nähere und nächste erfahren. Herr Anton Nikolaus
-Schmitz, &sbquo;Rentner&lsquo;, wie er sich schrieb, hielt durchaus
-nicht mit seinen Angelegenheiten hinter&rsquo;m Berge; er
-erzählte gern.</p>
-
-<p>Er stammte aus der Eifel. Als armer Waisenknabe
-war er ausgewandert und hatte sich durchgefochten
-bis unten an den Niederrhein, wo ein entfernter
-Verwandter von ihm wohnte; der that ihn zu einem
-Gerber in die Lehre. Es glückte ihm; der Lehrling
-wurde Geselle, der Geselle Meister &mdash; jetzt paßte bald
-das Sprichwort:</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&sbquo;Häutchen, wie stinkst du,<br /></span>
-<span class="i0">Geldchen, wie klingst du!&lsquo;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>Zuletzt hatte er eine große Gerberei in Köln besessen.
-Aber was sollte er sich noch länger schinden?
-Junggeselle war er, nähere Verwandte hatte er nicht,
-sein Haar war grau geworden, die Gicht suchte ihn
-öfters heim, und der Hals kratzte ihn vom Lohstaub.
-Jetzt war&rsquo;s Zeit, sich zur Ruhe zu setzen.</p>
-
-<p>Da meinte der Herr van Beuren, den er beim
-Frühschoppen in der &sbquo;Kevverndoos&lsquo;<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> kennen gelernt,
-das grüne Salmthal, das so geschützt und lieblich
-zwischen den Bergen läge, das wäre recht der Ort für
-so einen. Sie besuchten miteinander die Eichelhütte,
-und was noch mächtiger wirkte, als das eifrigste Zureden
-des Herrn van Beuren, das war das Heimatsgefühl,
-das plötzlich in dem geborenen Eifeler erwachte.
-&mdash;</p>
-
-<p>Nun standen die Fenster der Eichelhütte weit offen,
-der laue Frühlingswind durchfächelte die Stuben und
-spielte mit den großblumigen Vorhängen des gemütlichen
-Himmelbetts. Mit allem, was da lag und stand,
-hatte der Schmitz das Haus gekauft, von den Geweihen
-und rostigen Flinten an den Wänden bis herab
-zum Wildschweinsfell vor der Thürschwelle. Er wanderte
-in seinem doppeltgefütterten Schlafrock, die lange
-Pfeife im Mund, von einem Raum in den anderen,
-trieb freundliche Scherze mit den Weibern, die da fegten
-und scheuerten, und fühlte sich ganz als Herr und Besitzer.</p>
-
-<p>Gestern war er durch&rsquo;s Dorf spaziert und hatte
-die ausgesucht, die ihm zur Arbeit am tauglichsten
-schienen. Alle waren gelaufen gekommen und hatten
-sich angeboten, selbst die alte Schneidersch und die
-kleine Bill. Die hübschesten waren die tauglichsten;
-Herr Schmitz hatte sich schon ein Trüppchen zusammengestellt,
-da kam die Zeih des Wegs &mdash; Donnerwetter,
-war das ein Frauenzimmer!</p>
-
-<p>Der alte Junggesell riß seine blauen Äuglein auf.
-Merkwürdig, Jahre lang hatte er keine Anfechtung mehr
-gehabt, nur an seine Häute gedacht &mdash; Gerberlohe trug
-ihm die schönste Farbe &mdash; nun blieb sein Blick auf
-diesen braunen Flechten haften, die sich so glänzend,
-zu einem dicken Nest gesteckt, zeigten. Und ein Fellchen
-hatte die! Hell und zart, wie ein junges Kalb.</p>
-
-<p>Machte es die Frühlingsluft, die stark und lebenerweckend
-von den Bergen wehte? Machte es der
-Dunstkreis all des Weibervolks, das sich um ihn drängte?
-Herr Schmitz fühlte eine seltsame Unruhe in den Beinen,
-das Wasser lief ihm im Mund zusammen.</p>
-
-<p>Linkisch galant zog er die Mütze. &bdquo;He, junge
-Frau. Guten Tag!&ldquo;</p>
-
-<p>Lucia lächelte, daß man all ihre weißen Zähne
-sah; das leicht bewegliche Blut schoß ihr in die Wangen,
-sie waren rot wie reife Äpfel.</p>
-
-<p>&sbquo;Fett wie ein Hammel,&lsquo; dachte Schmitz und ließ
-einen väterlich wohlwollenden Blick über die junge Frau
-gleiten; er liebte das &sbquo;Völlige&lsquo;. Wohlbeleibte Menschen
-waren immer gemütlich im Umgang; er selbst hatte sich
-ja auch ein Bäuchlein zugelegt. Ein instinktiver Selbsterhaltungstrieb
-zog ihn zu Zeihs angenehmer Fülle,
-die doppelt auffiel zwischen den sehnig schlanken, fast
-hageren Gestalten der übrigen Weiber.</p>
-
-<p>Das war was für ihn! Die wollte er zur Aufwärterin
-wählen! Ihr freundlich heitrer Blick aus
-klaren, braunen Augen bestärkte ihn noch darin.</p>
-
-<p>&bdquo;No, junge Frau,&ldquo; sagte er, &bdquo;haben Se et auch als
-jehört, dat der Schmitz hier sein Residenz aufschlage will?
-He? Ich brauch en Frauensperson, die mer et Bett
-macht un en Taß Kaffee kocht; ich bin simpel jewöhnt,
-aber en Buttel muß se aufziehn können un
-auch en Spaß verstehn. Im übrigen hab ich jern
-mein Ruh.&ldquo;</p>
-
-<p>Zeih sah ihn mit offnem Mund an; sie verstand
-den Herrn nicht, aber sie lächelte.</p>
-
-<p>Sie gefiel ihm immer besser; die anderen waren
-ihm viel zu geschwind mit dem Mundwerk, besonders
-die eine, die junge Schwarze, die sie Tina nannten
-und die mit ihren dreisten Blicken unheimlich herumfunkelte.</p>
-
-<p>&bdquo;No,&ldquo; sagte er wieder und klopfte Zeih auf die
-Schulter, &bdquo;können Sie bei mer die Aufwartung machen?
-Wie steht et dermit, he? Oder sind Sie zu fein derzu?&ldquo;
-Jetzt erst war ihm ihr ausgeputztes Kleid aufgefallen,
-das handbreit länger war, als die Röcke der anderen.</p>
-
-<p>Die umstehenden Weiber stießen sich an und kicherten
-halblaut.</p>
-
-<p>&bdquo;Se es dem Pittchen sein Fra,&ldquo; rief Tina keck,
-&bdquo;dän haot geärwt. Eweil haot dat Zeih dat Arweiden
-net mieh nedig. Wann hän net bal ales versoff haot;
-dann gieft dat freilich en anner Mod! On wann
-dän Oberkailer Schandarm net schplendid &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bis still,&ldquo; fiel ihr Zeih hastig in&rsquo;s Wort und
-zupfte sie am Rock. Und sich mit dunkelrotem Kopf
-wieder zu dem Herrn wendend, flüsterte sie schüchtern,
-die Wimpern gesenkt: &bdquo;Ech moß erscht dat Pittchen
-fraon, hän es e su &mdash; e su &mdash; ech glauwen net, dat
-dän et gären sieht.&ldquo; Zögernd sagte sie es, sie hätte
-für ihr Leben gern die Aufwartung übernommen, nicht
-das Geld war&rsquo;s, das sie lockte &mdash; zu essen und trinken
-hatte sie ja &mdash; aber so ein Herr aus der Stadt konnte
-allerlei Präsente machen, von denen man hier nichts
-ahnte. Schade, daß mit dem Pittchen jetzt so gar
-nichts anzufangen war! Wie ein Rasender war er auf
-und nieder gerannt und hatte geflucht und geschimpft,
-als er von dem neuen Besitzer der Eichelhütte gehört
-hatte.</p>
-
-<p>Mit einem Seufzer schlug sie die Augen auf, die
-feucht schimmerten. &bdquo;Ech därf jao net!&ldquo;</p>
-
-<p>Mitleidig sah ihr Schmitz nach, als sie mit gesenktem
-Kopf davonschritt &mdash; das war ja eine rechte
-Kreuzträgerin, und so ein sanftes, kreuzbraves Weibchen!
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Heute, als der Besitzer der Eichelhütte die Schar
-der fegenden Weiber besichtigte, bedauerte er wieder
-auf&rsquo;s neue, die hübsche Zeih nicht darunter zu sehen.
-Die hätte gewiß nicht so gepoltert und unbändig hantiert,
-sondern so nett gemächlich, wie es einem
-Mann in seinen Jahren angenehm war. Fast wollte
-es ihn bedünken, als trieben die Weibsbilder ihren
-Possen mit ihm; die kecke Schwarze, hoch oben auf
-der höchsten Leitersprosse, wippte hin und her, daß ihm
-der Angstschweiß ausbrach; und die mit den blonden
-Zöpfen goß ihm einen vollen Eimer Wasser grade
-vor den Füßen aus. Er flüchtete vor die Hausthür.</p>
-
-<p>Da stand er nun in seinen grasgrünen Pantoffeln,
-die Hände in den Schlafrocktaschen vergraben, einen
-Shawl um den Hals, mächtige Tabakwolken in den
-hellen Morgen hinausqualmend. Mit behaglicher Rührung
-musterte er die Umgebung. So waren ihm die
-Heimatberge mit ihren runden Buckeln und den daranhängenden,
-winzigen Äckerchen manchmal im Traum
-erschienen! Und dann dachte er an das &sbquo;Mus&lsquo;, an
-&sbquo;Kabes met Grombieren on Griewen&lsquo;, die er sich für
-heut mittag beim Krumscheid bestellt, und sein Eifeler
-Magen knurrte in süßer Erinnerung.</p>
-
-<p>Schmunzelnd blickte er die Straße zum Dorf
-hinunter. Alles ruhig und friedlich, kein Wagen, kein
-störender Lärm. Nur eine einsame Frauengestalt kam
-des Weges; als diese sich bemerkt sah, zögerte sie und
-trat dicht an die Mauer des Kirchhofs heran.</p>
-
-<p>Schmitz ständerte noch ein wenig vor der Hausthür
-herum und besichtigte dann seinen Garten. Wenn
-die hohen Bäume sich erst belaubten, mußten sie einen
-köstlichen Schatten geben. Mochte die Sonne noch so
-brennen, hier war&rsquo;s angenehm; man konnte eine Hängematte
-aufhängen und sanft darin duseln, und dort auf
-dem grünbemoosten Steintisch mit der rätselhaften, eingemeißelten
-Inschrift hielt sich der Moselwein gewiß kühl.</p>
-
-<p>Sehr befriedigt kehrte er aus dem Garten zurück;
-da sah er am Gitter eine Gestalt vorbeischleichen, die
-jetzt still stand und neugierig durch die Stäbe lugte.
-Als er die Brille aus der Tasche gezogen, mit seinen
-plumpen Fingern daran gewischt und sie auf die Nase
-geschoben hatte, erkannte er die Zeih.</p>
-
-<p>&bdquo;Sieh ens an!&ldquo; sagte er erfreut. &bdquo;Weißt du
-auch, mein Dochter, dat ich heut als an dich jedacht hab?!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie stand verlegen lächelnd. Hinter sich her hatte
-sie ein Holzwägelchen gezogen; darin saß ein erbärmlicher,
-kleiner Junge. Er ließ die Unterlippe hängen,
-der Sabber lief ihm ununterbrochen aus dem Mund
-und vereinte sich mit dem Brünnlein, das aus der Nase
-quoll, vorn auf dem Lätzchen.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat es ons Josefche,&ldquo; sprach die Zeih, als sie
-den Blick des Herrn bemerkte.</p>
-
-<p>&bdquo;So so. Hm hm!&ldquo; Er konnte seine Verwunderung
-kaum verbergen &mdash; wie kam das hübsche, frische
-Weib zu dem elenden Kind?! Der Vater mußte doch
-gar nichts taugen. Die Leute hatten sicher recht, die
-den Miffert einen Säufer und Weiberjäger nannten;
-so allerlei war ihm hintenherum über den Kerl zu
-Ohren gekommen. Das arme Weib!</p>
-
-<p>&bdquo;Kommt doch herein,&ldquo; sagte er freundlich, öffnete
-das Gitterthor und zog selbst das Wägelchen in den
-Garten.</p>
-
-<p>Schüchtern trat die Zeih ein und ließ ihre Blicke
-an den hohen Stämmen hinauf und hinunter gleiten;
-vor lauter Verlegenheit nahm sie dann das Josefchen
-auf den Arm und herzte es.</p>
-
-<p>Das Gesicht des alten Junggesellen trug alle Zeichen
-der Anteilnahme. Er klopfte dem Kind die aufgedunsenen
-Bäckchen und nahm das welke, blasse Händchen
-zwischen seine fleischigen, roten Finger. &bdquo;Du, du,
-kß, kß, kß,&ldquo; machte er und kitzelte es am Hälschen.</p>
-
-<p>Josefchen verzog das Gesicht und fing an zu
-weinen; es war kein lautes, kräftiges Schreien, nur ein
-jämmerliches, dünnes Greinen.</p>
-
-<p>Zeih war heute auch einmal schlechter Stimmung.
-Als sie das Kind weinen hörte, zogen sich ihre Mundwinkel
-abwärts; schon hingen ein paar Thränen in
-ihren langen Wimpern.</p>
-
-<p>Mit dem Peter war eben gar kein Aushalt mehr,
-heut in der Frühe war er nach Hause gekommen, sternhagelvoll.
-Gelärmt hatte er nicht, er war in einem
-weit schlimmeren Stadium, dem der verbissenen Wut.
-Sie traute sich nicht heran; aber nachdem er dann ein
-paar Stunden fest geschlafen, glaubte sie ihn in der
-richtigen Verfassung, um ihr Anliegen wegen der Aufwartstelle
-vorzubringen. Aber da kam sie gut an!</p>
-
-<p>Wie ein Verrückter trommelte er mit den Fäusten
-auf&rsquo;s Bett und schrie sie an: ob sie denn noch nicht
-genug an einem hätte? Noch einen neuen dazu?!</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, nä,&ldquo; brüllte er, raffte sein Kissen auf und
-warf es ihr an den Kopf. &bdquo;On bei däm Stehler?
-Mein es dat Schlößche &mdash; mein mußt et sein &mdash;
-Stehler! Hal dei Maul!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie wagte gar keine Gegenrede mehr; aber er
-sprang aus dem Bett, drang auf sie ein und trommelte
-mit seinen Fäusten auf ihrem Rücken, wie vorher
-auf&rsquo;s Bett.</p>
-
-<p>Das waren die ersten Schläge, die sie von ihm
-erhielt; und wenn er auch durch seine Betrunkenheit zu
-entschuldigen war, übel nahm sie ihm die Prügel doch.
-Um sich zu trösten, war sie mit dem Josefchen herausgebummelt,
-in der Richtung nach der Eichelhütte. Eine
-schmerzliche Neugier trieb sie; vielleicht, daß sie, am Gitter
-lauschend, das Gelächter der anderen hören und einen
-Blick erhaschen konnte in die ihr verschlossene Herrlichkeit!</p>
-
-<p>&bdquo;Hei es et schien,&ldquo; sagte sie und sah sich, mit
-offnem Munde, staunend um; noch nie hatte ihr Fuß
-diesen vornehmen Grund und Boden betreten. Sie
-ging wie auf Eiern.</p>
-
-<p>Schmitz fühlte sich sehr geschmeichelt, er führte sie
-in&rsquo;s Haus &mdash; das Josefchen konnte derweil draußen
-im Wägelchen sitzen &mdash; und zeigte ihr alle Räume.
-Mit neidischen Blicken glotzten die anderen Weiber; sie
-standen nun mit geschürzten Röcken und zerzaustem
-Haar in Nässe und Kehricht, und die da wurde herumgeführt,
-wie eine Dame!</p>
-
-<p>Zeih kostete einen vollen Triumph aus; rasch kehrte
-ihre gute Laune zurück, die Augen tanzten ihr ordentlich
-vor Vergnügen, zärtlich streichelte sie über den verblichenen
-grünen Bezug des eingesessenen, breitlehnigen
-Sofas. Ihre naive Bewunderung machte dem Alten
-das größte Vergnügen. Dadurch wurde es ihm erst
-so recht klar, was er doch eigentlich für ein verteufelter
-Kerl war, solch einen Besitz zu erstehen. Er fühlte
-sich ordentlich jung; und als sie in den Keller hinabstiegen,
-um den Platz anzusehen, wo das Moselweinfaß liegen
-sollte, nahm er auf der dunklen Treppe ihre
-warme Hand und patschte die und stieg so flink die
-steilen, schlüpfrigen Stufen hinab und wieder hinauf,
-als wäre er sechzehn und nicht nahe sechzig, und als
-hätte die leidige Gicht ihm nie einen Knüppel gegen
-die Beine geworfen.</p>
-
-<p>Schade, schade, daß er dies Frauenzimmer nicht immer
-hier haben konnte! Er fragte sie noch einmal wegen der
-Aufwartung, und sie berichtete ihm haarklein den Vorfall
-des Morgens. Mußte der Miffert ein unangenehmer
-Patron sein! Er schimpfte weidlich, und Zeihs Zunge
-rührte sich auch munter &mdash; nä, ihr Pittchen war gar
-nicht mehr kommod; seit der geerbt hatte, war er alleweil
-kaprizig!<a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a></p>
-
-<p>&bdquo;Von wem hat er denn geerbt?&ldquo; fragte Schmitz
-neugierig.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat waaß ech net,&ldquo; lachte sie. &bdquo;Mir saon hei:
-&sbquo;Met Schweigen verredt mer sech net&lsquo; &mdash; hän saot neist.&ldquo;</p>
-
-<p>Schmitz sah sie verwundert an.</p>
-
-<p>&bdquo;Jao, Ihr könnt et glauwen,&ldquo; fuhr sie wichtig
-fort, &bdquo;dat Pittchen, dat es anen!&ldquo; Ein geheimer Stolz
-auf ihren Mann regte sich nun doch in ihr. &bdquo;Dän
-es klug, dän hört dat Gras wachsen. Dän saot neist,
-wat hän net saon will; net emaol, wann hän besoff
-es!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So, so.&ldquo; Das zweifelhafte Lob Pittchens interessierte
-Herrn Schmitz weiter nicht, seine Meinung
-stand einmal fest: ein unangenehmer Patron. &mdash;</p>
-
-<p>Von nun an fühlte es Pittchen, er hatte einen
-geheimen Widersacher im Dorf. War es sein schlechtes
-Gewissen, das ihn so argwöhnisch machte, oder die
-Eifersucht, nicht mehr der einzige Hahn im Hühnerhof
-zu sein? Wahrhaftig, da brauchte er doch den alten
-&sbquo;Knickstiewel&lsquo; nicht zu fürchten, der im warmen Sonnenschein
-einen dicken Flauschrock trug, Filzpantoffeln und
-um den Hals einen doppelten Shawl. Er fühlte einen
-unbestimmten Haß gegen den Alten in der Eichelhütte,
-größeren Haß, als auf den schönen, jungen Gendarm
-von Oberkail. Der Schmitz hatte einen verdammten
-Blick; sah er nicht den Peter mit seinen Schweinsäuglein
-so von der Seite an, als wollte er sagen: &sbquo;Ich
-weiß was&lsquo; &mdash;?</p>
-
-<p>Als Peter den Alten zum ersten Mal in Krumscheids
-Wirtsstube treten sah, sprang er aus seiner Ecke
-auf, scharrte einen Kratzfuß und setzte sich mit einem:
-&bdquo;Met Verlöw!&ldquo; dem Herrn gegenüber an die Breitseite
-des Tisches. Zutraulich fing er eine Unterhaltung an,
-schwatzte harmlos und zutäppisch, aber er hatte kein Glück
-damit. Seine Blicke, die flink und unruhig umherhuschten,
-entdeckten keinen Zug des Wohlwollens auf dem dicken,
-roten Gesicht gegenüber; Schmitz blieb zugeknöpft, das
-blühende Fett der Wangen deckte jede Regung, die
-schlauen Äuglein verschwanden ganz in ihren Schlitzchen.
-Er trank rasch aus, zahlte und ging; Peter blieb
-sitzen wie ein Dummer.</p>
-
-<p>Er fluchte in sein Glas hinein, fing an, mit dem
-Wirt zu krakehlen, und schimpfte dabei auf, den &sbquo;alden
-Knickstiewel&lsquo;, den &sbquo;Kalmäuser&lsquo;, das &sbquo;Mastschwein&lsquo;.</p>
-
-<p>Was die Zeih nur an dem finden konnte?! &sbquo;Herr
-Schmitz&lsquo; blieb ihr zweites Wort. Von dem grünen
-Zitzsofa, über das sie einmal hatte streicheln dürfen,
-erzählte sie, als sei es lauter Sammet und Seide.
-Ganz beseligt kam sie heim, als der Herr Schmitz sie
-zur Veilchenzeit in seinen Garten gerufen und ihr erlaubt
-hatte, für das Josefchen einen Strauß Veilchen
-zu pflücken. Als ob es deren nicht auf der Flur unter
-den Hecken weit blauere und duftendere gäbe! Peter
-riß ihr die Blumen aus der Hand, zertrat sie und
-visitierte ihr dann die Tasche &mdash; hatte sie nicht noch
-was Anderes geschenkt bekommen?</p>
-
-<p>Er glaubte ihr nicht, als sie beteuerte: &bdquo;Nor
-Veilcher, su waohr ech läwen, nor Veilcher!&ldquo; Er riß
-ihr den Rock aus den Falten, kehrte alles an ihr um
-und um, und als er nichts fand, schlug er sie.</p>
-
-<p>Sie heulte, daß die Wände widerhallten; er schrie
-und lärmte wie besessen. Zuletzt versöhnten sie sich wieder.
-Noch einmal schien in Peter das frühere Pittchen zu
-erwachen; er schlug sich mit der Faust vor die Stirn,
-nannte sich einen &sbquo;Wuodeswoor&lsquo;<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a>, umarmte die Zeih,
-bat ihr kläglich ab und küßte sie wild. Schnell versöhnt,
-gab sie seine Küsse zurück; einander herzend und
-drückend, verabredeten sie auf den nächsten Tag, den
-Jahrmarkt in Wittlich zu besuchen.</p>
-
-<p>Zeih träumte die Nacht von einem Karrussel, von
-Buden mit allerhand Herrlichkeiten, vom Oberkailer
-und von Herrn Schmitz, während Pittchen, den Arm
-um ihre Schultern gelegt, mit brennenden Augen in&rsquo;s
-Dunkel starrte und den Schlaf nicht finden konnte.</p>
-
-<p>So jämmerlich hatte er sich noch nie gefühlt.
-War er denn krank? Wohl zitterten seine Hände,
-wenn er ein Glas zum Munde führte, seine Beine
-waren oft wie abgeschlagen; aber krank, nein, krank
-war er nicht. Im Dunkel streckte er den Arm aus &mdash;
-mager aber sehnig! Seine Finger spreizten sich &mdash;
-war das nicht eine Hand, recht gemacht, den Thaler
-auf den Tisch zu schleudern und danach aufzuschlagen,
-daß Flaschen und Gläser hoch sprangen? Wenn er
-nur mehr Freude davon hätte!</p>
-
-<p>Freude &mdash; &mdash; &mdash;?! Er unterdrückte ein Hohnlachen;
-bei allem, was er that, schlich ja etwas um
-ihn herum und tuschelte ihm in die Ohren, legte eine
-Hand auf seine Brust und drückte ihn da, daß er nicht
-frei atmen konnte.</p>
-
-<p>Jüngst war er mit der Tina in der Sonntagnacht
-spät heimgekehrt; die Arme umeinander geschlungen,
-schlenderten sie durch den Kunowald. Im tiefsten Dunkel
-zog sie ihn auf&rsquo;s Moos; da zitterte plötzlich ein Mondstrahl
-durch&rsquo;s dichte Geäst, mitten auf ihr lachendes
-Gesicht. Es verzerrte sich zusehends zu einer Grimasse,
-die dunklen Augen schimmerten in grünlichem Licht, die
-weißen Zähne fletschten, als wollten sie ihn beißen.
-Mit einem Fluch hatte er sich losgerissen. Und da stand
-der Mond plötzlich in einer Lücke zwischen den Tannen
-und grinste über das ganze, volle Gesicht. Und den
-ganzen Weg ging er mit, und über Eifelschmitt blieb
-er stehen mit seinem verdammten Grinsen und wankte
-und wich nicht. Accurat so lachte der Schmitz.</p>
-
-<p>In Peter war der Wunsch aufgestiegen, sich einer
-Seele anzuvertrauen. Ein paarmal war er wieder auf
-den Gräbern seiner Eltern gewesen, aber keine Stimme
-aus der Tiefe hatte ihm zugesprochen; vielleicht, daß sie
-böse waren, weil noch kein Denkstein stand. Aber so
-rasch ging das doch nicht. Alle Tage konnte er nicht
-einen harten Thaler wechseln, so dumm waren die
-Bäuerlein am Ende auch nicht; und seit der Schmitz,
-der Schlauberger, in Eifelschmitt hockte, war ihm ein
-Aufpasser gesetzt. Einen immer weiteren Kreis mußte
-er auf seinen Wanderungen beschreiben.</p>
-
-<p>Wenn er sich der Tina anvertraute! Die war
-schlau. Wenn er mit der Halbpart machte! Rasch kam
-ihm der Gedanke, wie eine Erlösung &mdash; nur nicht allein
-sein mit der Angst! &mdash; aber ebenso rasch verwarf er
-ihn wieder.</p>
-
-<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&sbquo;Weiber haon lange Röck,<br /></span>
-<span class="i0">Äwer en korzen Verstand&lsquo;, &mdash;<br /></span>
-</div></div></div>
-
-<p>nein, das durfte er nicht wagen! Und zudem noch
-Halbpart machen?! Er hatte ja für sich selber nicht
-genug; wie Butter unter der Sonne, so zerrann ihm
-das Geld unter den Fingern, er wußte nicht, wo&rsquo;s hinschwamm.
-Die Hütte war kahl, nach wie vor; und wenn
-sie auch nicht mehr hungerten, ein Hundeleben blieb&rsquo;s
-doch. Zumal jetzt, wo er dem Frieden nicht recht
-traute war&rsquo;s oft knapp. Und diese zerrte an ihm, und
-jene; die zog ihn hier, und die dort &mdash; das mußte ein
-unversiegbarer Bronn sein, aus dem sie alle schöpfen
-konnten.</p>
-
-<p>Eine gewaltige Erschütterung kam über Peter, eine
-Todesmattigkeit. Der Kopf sank ihm vornüber, er hätte
-sich gern aufgerichtet, es war ihm beklommen; aber
-er konnte nicht, sein Rücken war so schwach, als sei
-kein Mark mehr darin.</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="XII" id="XII">XII.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Warme Tage waren über die Eifel gekommen,
-Früh-Sommertage. Die Sonne brannte auf die nackten
-Kuppen, die Felsen schleuderten die Strahlen zurück.
-Gewitter zogen jäh auf und gingen jäh nieder; oft
-stand ein Regenbogen über&rsquo;m Thal, hie einen Fuß,
-drüben den andren.</p>
-
-<p>Was da gesäet war, ging der Reife entgegen.</p>
-
-<p>Auf Bäbbis Acker stand der Roggen so hoch, wie
-das Lorenzchen war. &sbquo;Lukas Evangelist&lsquo; hätten die alten
-Schneidersch gern ihren Enkel genannt &mdash; so war der Tag
-seiner Geburt im Kalender benamst, &mdash; aber Bäbbi hatte
-trotz ihrer Krankheit und Schwäche darauf bestanden,
-er mußte nach seinem Vater getauft werden.</p>
-
-<p>Sinnend schritt Bäbbi den Ackerrain entlang und
-ließ ihre Hand sacht durch die leiswogenden Ähren
-streichen. Wie lange noch, drei Wochen kaum, dann war
-Peter und Paul; dann fing das Korn an, sich zu bleichen
-&mdash; und die Männer kamen heim! Der Lorenz kam!</p>
-
-<p>Mit einem Seufzer der Befriedigung sah sie über
-ihr Feld hin. Das konnte sich sehen lassen! Gleich
-einer Bürste stand das Getreide, und nebenan streckten
-die Kartoffeln, wohlgesetzt in Reih und Glied, ihre
-steifen, dunkelgrünen Bäumchen. Wie eine Oase lag
-dies Fleckchen in der Wüste der andren Äcker; kaum
-handhoch stand auf denen das Korn, und manch Kartoffelland
-sah aus, als hätten Wildschweine darin gewühlt.</p>
-
-<p>Mit der arbeitsrauhen Hand strich Bäbbi dem
-kleinen Lorenz die wehenden Löckchen aus der Stirn
-und sah, das Kind, das kräftig aufgerichtet auf ihrem
-Arm saß, liebevoll an sich drückend, mit selig verträumtem
-Ausdruck in die Ferne.</p>
-
-<p>Was würde er sagen, wenn er kam?! Bald,
-bald! Ihr Herz klopfte stark, vor Freude. Hierher
-wollte sie ihn führen, gleich am ersten Abend &mdash; kaum
-konnte sie&rsquo;s erwarten &mdash; was würde er für Augen
-machen, wenn er sah, wie gut alles stand?! Ja, es
-war ein rechter Gottessegen. Dankbar faltete sie ihre
-Hände um die kleinen des Kindes und ließ sich auf
-den Grasrain niedergleiten.</p>
-
-<p>Da saß sie still. Heut durfte sie ja feiern am
-Sonntagnachmittag. Sinnend ließ sie die Augen auf der
-Landschaft ruhen.</p>
-
-<p>Bergland, so weit der Blick reicht; armes Bergland.
-Unter der mageren Erdschicht starrer Fels; winzige
-Äckerchen, dem trocknen Heideboden abgerungen
-oder dem Herzen des Waldes entrissen.</p>
-
-<p>Und doch liebte sie dieses Land. Mit tiefem Atemzug
-sog sie die herbe Luft ein, die ihr stark entgegenwehte.
-Wo gab&rsquo;s noch eine solche Luft?! Als könne
-sie nicht genug davon bekommen, öffnete sie die Lippen
-und schlürfte und schluckte, wie ein Trinker köstlichen
-Wein. Sie faßte das Kind unter den Achseln und ließ
-es frei in der Luft schweben; es zappelte mit den
-Beinchen und jauchzte vor unbewußter Lust.</p>
-
-<p>Lange hielt sie es so mit starkem Arm. Eifelluft,
-Heimatluft &mdash; sie konnte ihm gar nicht genug davon
-geben. Durchwehen, sich durchwehen lassen von dem
-reinen Wind, dann wurde man groß und stark; und
-wohnte man auch im Rauch der Städte und sah statt
-der Bergspitzen die Fabrikschornsteine ragen.</p>
-
-<p>&bdquo;Wuh ons Pappa es, lao sein mir aach zo Haus,
-gäl, Lorenzche?&ldquo; fragte sie das unverständige Kind
-und küßte es zärtlich. Sie dachte an die eingeengten
-Straßen, an die graue Luft, an das Gestampf und
-Geächz der Maschinen, und für Augenblicke irrte ein
-Bangen über ihr Gesicht; aber gleich darauf lächelte sie
-freudig. &bdquo;Wann hän ons ruft, mir kommen, gäl?
-Mir giehn zo onsem Pappa on bringen ihm sein
-Heimat!&ldquo;</p>
-
-<p>Als hätte sie schon zu lange gesäumt, sprang sie
-auf. Schade, daß heute Sonntag war, am liebsten
-hätte sie gleich weiter geschafft. Arbeiten ohn&rsquo; Unterlaß,
-nicht müde werden! Dann kam vielleicht die Zeit,
-in der sie aufladen konnte, was not that, und ihm
-nachziehen durfte, hinunter in&rsquo;s fremde Land. Mit
-praktischem Sinn berechnete sie, daß sein Lohn ja dann
-auch viel weiter reichen würde. Er hatte wohl guten
-Verdienst, aber es blieb &mdash; außer dem, was er an Geschenken
-mitbrachte und beim Besuch zuhause draufgehen
-ließ &mdash; blutwenig davon übrig. Es spart sich nicht
-viel, wenn man jedes Stück Brot, jede Handreichung
-an Fremde bezahlen muß; die ziehen einem das Fell
-über die Ohren. Da durfte man sich ja nicht trauen,
-ein frisches Hemd anzuthun! Mit Schaudern dachte
-sie an die schönen, selbstgesponnenen Hemden, die sie
-ihm geschickt &mdash; wie mochten die jetzt schon aussehen?!</p>
-
-<p>Oh, sie wollte ihm wohl alles instand halten und
-ihm ein ordentliches Essen kochen, und ihm den rußigen
-Schweiß von der Stirn wischen. Da brauchte er in
-kein Wirtshaus mehr zu gehen, und der Gesellenverein
-that auch nicht mehr nötig; dann hatte er seinen Diskurs.
-Er würde bei ihr sitzen; im Winter am warmen
-Küchenherd, darüber das Lämpchen mit seinem blanken
-Schild wie ein Sönnchen strahlte &mdash; im Sommer vielleicht
-auf dem Gartenfleck, den sie mit Kartoffeln und
-Salat bebaut; ein paar Blumen mußten auch darauf
-wachsen. Am Himmel, zwischen den Schornsteinen
-durch, blinkten die Sterne, dieselben Sterne, die auch
-über den Eifelbergen leuchteten. Und er hielt ihre Hand,
-und er sprach zu ihr: &bdquo;So gut is mer&rsquo;t noch nie
-ergangen, Bäbb!&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Mit einem tiefen, zitternden Seufzer fuhr sie aus
-ihren Träumen auf. Sie hatte seine Hand gefühlt,
-seine Stimme gehört &mdash; ach, es war nur der Wind,
-der über ihre Stirn gestrichen, und das Lorenzchen,
-das kindisch gelallt hatte! Weit war der Lorenz, weit
-jene Zeit! Und hier waren die alten Eltern, die der
-Versorgung bedurften, die konnte sie doch nicht im
-Stich lassen. Schrumplige Äpfel halten oft fester am
-Ast, als rotbackige; und schütteln darf man nicht in
-fremder Leut&rsquo;s Garten. Die konnten noch lange leben!
-Und die mußten auch <em class="gesperrt">hier</em> zu Ende leben; alte Bäume
-verpflanzt man nicht. Aber die jungen, die jungen?!
-Bäbbi schüttelte den Kopf; in ihrem einfachen Sinn war
-es ihr klar: den jungen that das Hierbleiben nicht
-gut! Die mußten hinaus, den Männern nach!</p>
-
-<p>Mit schwimmenden Augen sah sie in die rote
-Sonne, die dort langsam hinter den Wald tauchte. Die
-Wipfel strahlten in lauterem Gold. So unermüdlich
-die am Abend niederging und am Morgen wieder auf,
-so unermüdlich mußte auch <em class="gesperrt">sie</em> ihr Tagewerk immer
-wieder von neuem beginnen, freudig in Geduld, gewiß
-in Hoffnung.</p>
-
-<p>Hoffnung! Hoffnung!</p>
-
-<p>Ja, der Tag der Vereinigung kam &mdash; jetzt wußte
-sie&rsquo;s genau. So sicher, wie diese Sonne, die diesseit
-hinter&rsquo;m Wald versank, morgen jenseit über Schwarzenborn
-stand im neuen, vollen Strahlenkranz und den
-einsamen Busch in blendenden Glanz hüllte &mdash; so sicher!</p>
-
-<p>Ihre ernsten Augen erhellten sich, ein heiliges
-Feuer schien sich darin zu entzünden. Höher und höher
-reckte sich ihre aufrechte Gestalt; wie die Wurzeln eines
-starken Baumes standen ihre Füße fest im heimischen
-Felsenboden, aber ihr offner Blick ging in&rsquo;s Weite.</p>
-
-<p>Sie hob das Kind über sich und schwang es mit
-einem Jubelruf hoch in die Lüfte. &bdquo;Heissah, flieg!
-Lorenzche, flieg! Dein Vadder on dau on ech, mir
-hören <em class="gesperrt">zosammen</em>. Flieg, flieg!&ldquo;</p>
-
-<p>Eine namenlose Freude schien über sie gekommen,
-ihre Stimme erhob sich zu einem langen Jauchzen. Es
-hallte in&rsquo;s Thal hinunter, drang in die Hütten, weit
-über&rsquo;s Thal hinaus und verlor sich jenseit der Berge.
-Es klang wie ein Weckruf: Auf, auf! Wie ein anfeuernder
-Schrei und ein Locken zugleich: Kommt, kommt!</p>
-
-<p>Strahlender Glanz lag auf Bäbbis Gesicht, strahlend
-wie die Lichtflut, die die Sonne mit letzter Kraft
-auf ihren blonden Scheitel goß.</p>
-
-<p>Starken Trittes stieg sie zu Thal, kraftstrotzend
-und siegessicher.</p>
-
-<p>Tief im Thalhintergrund lagen die mächtigen
-Ruinen von Himmerod, schon schwarz im Abendschatten,
-während die Eichelhütte mit ihren weißen Mauern noch
-als heller Fleck am dämmrigen Waldrand glänzte.
-Alles still, sonntäglich friedlich. In einer weihevollen
-Feierstimmung schritt Bäbbi dahin. Da, horch!
-Geschrei schallte zu ihr herüber; unweit der Eichelhütte
-stand ein Trupp Menschen auf der Straße. Sie
-schrien alle durcheinander mit lauten Stimmen.</p>
-
-<p>Was war geschehen? Bäbbi näherte sich rasch &mdash;
-vielleicht eine Nachricht von denen draußen, vom Lorenz?!
-Warum hatten sie sich nur alle hier zusammengefunden,
-der Herr Pastor und der Herr Schmitz, der Krumscheid
-und der Küster? Sie umstanden ein Bäuerlein,
-das, den Stecken unter den Arm geklemmt, mit den
-Fäusten herumfuchtelte.</p>
-
-<p>Ei, das war ja der Kemper aus Großlittgen!
-Bäbbi erkannte den Handelsmann, der jahraus, jahrein
-mit seinem Karren voll Irden-Geschirr die Eifel durchquerte.
-Er machte auch nebenbei Geschäfte mit Hasen-
-und Marderfellchen, mit Lumpen und Knochen und
-allerhand anderem Kram. Seine lustigen Scherze waren
-wohlbekannt; heut schienen sie ihm vergangen.</p>
-
-<p>Er schrie: &bdquo;Et es en Schand on en Sünd! Mer
-schindt sech halw dud, mer rennt sech den Odem aus
-em Leiw, mer schäst<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> dorch&rsquo;t miserabelste Wäder! Wann
-mer ahf on an e Kastemännche eröwrigt, es mer als
-heilfroh; on onseranen gieft bedrogen! Dat elao es
-schänderlich, schänderlich es dat elao!&ldquo; Er heulte laut.</p>
-
-<p>&bdquo;Wuh haot Ihr dän dann gekritt &mdash; wuhähr?
-Jesses, saot doch!&ldquo; Der Krumscheid rüttelte ihn.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech waaß net,&ldquo; stöhnte das Hausiererchen und
-schlug sich vor die Stirn. &bdquo;Ech Dummkoap! Kann sein
-als vor Wochen uf der Wittlicher Meß, kann aach net
-sein. Duh haot ech der Dahler mieh. Onsem Hährgott
-sei&rsquo;t geklaogt, mer kann se jao nie lang behaalen.
-Onseranen kömmt heihin on daor, duh kritt mer dat
-Stöck on duh dat, heit en Penning, morjen en Groschen,
-öwermorjen en Dahler &mdash; ech sein beschummelt met Bedaacht,
-schänderlich beschummelt! Verfluchtes Schinnaos,
-dat mech e su beschiß haot! En heilig Kreizdunnerwäder
-soll hän &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber, Kemper, Kemper,&ldquo; begütigte der Pfarrer,
-&bdquo;flucht doch nicht so! Wer sagt Euch dann, daß Ihr
-mit Absicht betrogen seid? In unserer Eifel ist man
-fromm und ehrlich; aus der bösen Welt wird uns die
-Sünde eingeschleppt. Hier betrügt keiner den andren.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Äwer ech sein doch befautelt,&ldquo; ächzte der Unglückliche,
-&bdquo;ob met Bedaacht oder net. Kuckt hei&ldquo; &mdash;
-er zog ein Thalerstück aus dem Kittel und zeigte es
-auf der flachen Hand herum &mdash; &bdquo;dän es falsch!&ldquo;</p>
-
-<p>Falsch &mdash;?! Bäbbi stand mit offnem Mund.</p>
-
-<p>Ein Murmeln, ein Raunen, ein hörbares Staunen
-ging durch den Kreis; sie rückten enger zusammen, jeder
-drängte heran und reckte den Hals. &bdquo;Es et waohr?
-Wirklich waohr?! Es dat miëlich, menschenmiëlich?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;In der That,&ldquo; &mdash; Schmitz hatte die Brille aufgesetzt
-und hielt sich den Thaler dicht unter die Nase
-&mdash; &bdquo;der is falsch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ech sein beschiß, ech sein beschiß,&ldquo; heulte
-Kemper.</p>
-
-<p>Der geistliche Herr nahm den Thaler zur Hand.
-&bdquo;Ich kann das noch immer nicht glauben &mdash; nein,
-nein!&ldquo; Er schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie können&rsquo;t schon glauben.&ldquo; Schmitz fühlte sich
-ganz als welterfahrener Mann. &bdquo;Ich hab&rsquo; zu Köllen
-als der Dinger mehr jesehn. Drum hat ja auch der
-von Bismarck eben jetzt die Joldstücker einjeführt; der
-is schlau, die sind nit e so leicht nachzumachen. Der
-hier is falsch! Kiek ehs an&ldquo; &mdash; sein Portemonnaie
-aus der Tasche ziehend, suchte er daraus einen Thaler
-hervor &mdash; &bdquo;der is echt!&ldquo; Er probierte beide Geldstücke
-auf einem Stein. &bdquo;Hört, wie hell den klingt,
-un wie anders den! Da heißt et aufjepaßt. Wo einen
-is, sind auch ihrer mehr.&ldquo;</p>
-
-<p>Betroffen sahen sich alle an.</p>
-
-<p>&bdquo;Zom Schandarm, zom Schandarm nach Oberkail!&ldquo;
-zeterte der Küster.</p>
-
-<p>&bdquo;Duh kommen ech jao als här,&ldquo; jammerte der
-Handelsmann. &bdquo;Duh sein ech stracks hingerennt, e su bal
-als onsen Wirt zo Großlittgen saot, dän Dahler wär falsch.
-Äwer dän Schandarm es net derhäm. Se saon zu
-Oberkail: hän wär nao Schwarzenborn; on in Schwarzenborn:
-nao Eifelschmitt. On hei, dän Krumscheid saot:
-hän wär nao Karl &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Lao kömmt hän,&ldquo; schrie Bäbbi auf. Ihre scharfen
-Augen hatten den Schimmer einer Uniform am Waldrand
-gesehen. &bdquo;Lao kömmt hän aus em Büsch, ech
-siehn de Knöpp blinkern!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;On en Framensch haot hän bei sech,&ldquo; brummte
-schmunzelnd der alte Krumscheid. &bdquo;Hä, Hähr Schandarm!
-Helao!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hollah,&ldquo; brüllte Schmitz. &bdquo;Sie da!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Feuer, Feuer,&ldquo; zeterte der Küster.</p>
-
-<p>Sie erhoben alle die Stimmen, selbst der geistliche
-Herr rief. Endlich schien der Oberkailer zu hören; das
-Frauenzimmer verschwand, wie vom Boden verschluckt,
-er selbst sprang in großen Sätzen vom Waldrand auf
-die Straße herunter. Nun kam er angetrabt. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Wer die Kunde vom falschen Thaler in&rsquo;s Dorf
-getragen, wußte man nicht. Obgleich der Gendarm den
-Erstwissern strengstes Stillschweigen auferlegt &mdash; &bdquo;denn,&ldquo;
-sagte er, &bdquo;der Hallunke darf beileibe keinen Wind davon
-kriegen, sonst macht er sich dünne&ldquo; &mdash; hatte einer
-doch geplaudert.</p>
-
-<p>Wie ein Lauffeuer ging&rsquo;s von Haus zu Haus:
-&bdquo;Wißt ihr&rsquo;t schuns? Hatt ihr&rsquo;t als gehört? Jesses,
-e su ebbes! Sollt mer&rsquo;t glauwen? En Dahler, en
-falschen Dahler!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Weiber standen alle auf der Gasse; außer
-Bäbbi war keine im Haus geblieben. Sie schlugen die
-Hände über&rsquo;m Kopf zusammen und rissen Augen und
-Mäuler auf. Alle möglichen Geschichten tauchten auf
-im Anschluß an den falschen Thaler; wer was zu erzählen
-wußte, erzählte: von Räubern und Mördern und
-Einbrechern. Selbst der Schinderhannes, der vor siebzig
-Jahren zu Mainz Geköpfte, trat leibhaftig wieder auf.
-Sie drängten sich zusammen und schauderten und machten
-einander graulen. Das summte und wirrte durcheinander,
-wie ein aufgestörter Bienenschwarm.</p>
-
-<p>Das Wirtshaus wurde belagert; neugierige Gesichter
-drückten sich an die Fenster, denn drinnen
-saßen ja die Herren und hielten Rat. Und da war
-auch der Thaler zu sehen. Wie der nur ausschauen
-mochte?! Hie und da machte sich eine eine Ausrede;
-zum Beispiel die Tina, die ging keck herein und kaufte
-für einen Groschen &sbquo;Klümpcher&lsquo;<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a>, aber es half ihr
-nichts, der Krumscheid war ganz verstört und hatte kein
-Ohr für ihre Fragen, und niemand von den Herren
-rief sie an den Tisch, so sehr sie auch hinschielte. Sie
-kriegte den Thaler nicht zu sehen.</p>
-
-<p>Der Schmitz führte das Hauptwort. Zu seiner
-Zeit hatte in Köln einmal ein Falschmünzerprozeß gespielt,
-den gab er nun mit allen Einzelheiten zum besten.
-Eine ganze Bande war&rsquo;s gewesen, zehn Mann hoch,
-mit so und so viel Helfershelfern; was Ähnliches würde
-wohl auch hier dahinter stecken.</p>
-
-<p>Immer martialischer wurde das Gesicht des Gendarmen,
-er drehte den Schnurrbart auf, daß ihn die
-Spitzen fast in die Augen stachen, und fühlte verstohlen
-nach dem sechsläufigen Revolver, den er unter der
-Uniform auf der Brust trug. &sbquo;Im Namen des Gesetzes&lsquo;
-&mdash; ha, wie sie zitterten!</p>
-
-<p>Darin waren sich fast alle einig, ein Eifeler konnte
-der Missethäter nicht sein. Der Pfarrer sprach warm
-für die seiner Kirche anvertrauten Schafe. Nun war
-er hier schon dreißig Jahre im Amt, nie, nie war etwas
-Böses vorgefallen; er hätte es doch erfahren müssen
-durch die Beichte.</p>
-
-<p>Schmitz, als geborener Eifeler, war ganz seiner
-Ansicht. Ja, draußen waren sie alle raffiniert, aber
-hier?! &bdquo;Ne,&ldquo; sagte er, &bdquo;hier sind se zu ehrlich!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Gendarm nickte dazu: &bdquo;Und viel zu dämlich!&ldquo;</p>
-
-<p>Nur das Hausiererchen sagte kein Wort zur Entlastung
-der Einheimischen.</p>
-
-<p>Er stöhnte und jammerte, am meisten darüber,
-daß der Gendarm den Thaler eingezogen hatte, um
-ihn seinem Vorgesetzten, dem Obergendarmen zu
-Wittlich, abzuliefern. &bdquo;Jeß, Jeß,&ldquo; klagte er, &bdquo;duh sein
-ech vom Räjen unner de Trauf gekomm! Hähr Scha&mdash;Schan&mdash;darm
-&mdash; ech will mein Dahler re&mdash;redur!&ldquo;
-Er lallte schon, sie hatten ihm zum Trost wacker eingeschenkt.</p>
-
-<p>Heute brannten die Lichter in den Häusern länger
-denn je, nur Pittchens Hütte lag still und finster.</p>
-
-<p>Spät in der Abenddämmerung kam Zeih in&rsquo;s
-Dorf geschlichen; Tannennadeln hafteten ihr im Haar,
-und am Kleid klebte ihr Waldmoos. Ungesehen hoffte
-sie ihre Hütte zu erreichen, aber schon wurde sie angehalten.
-&bdquo;Hatt Ihr&rsquo;t gehört? Hatt Ihr&rsquo;t gehört vom
-falschen Dahler?&ldquo;</p>
-
-<p>Mit Ungestüm platzte sie daheim in die Stube,
-wo Pittchen quer über&rsquo;m Bett lag, die Augen starr
-gegen den Deckbalken gerichtet. Er hatte eben den
-Rausch der vorigen Nacht ausgeschlafen, nach der Frühmesse
-war er erst heimgekommen; nun schmerzte ihn
-der Schädel noch. Stumpfsinnig brütete er. Als er
-seine Frau erkannte, schnauzte er sie an: &bdquo;Wuh haste
-dech widder erumgedriewen, dau &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Sie achtete gar nicht darauf, gleich fuhr sie mit
-der Neuigkeit heraus: &bdquo;Haste&rsquo;t gehört? Se haon en
-Dahler, en falschen Dahler gefunnen! Se sein dem
-Kerl als uf der Spur.&ldquo; In grausenvollem Entzücken
-schlug sie die Hände zusammen: &bdquo;Dän hänken se uf,
-wann se dän kriehn! Pittchen, wat saoste nau?&ldquo;</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>Sie beugte sich über ihn &mdash; schlief er schon wieder?
-&bdquo;Pittchen, en falschen Dahler! Denk ehs! Hörste
-dann net?&ldquo; Sie packte ihn am Arm.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech hören.&ldquo; Ihre Hand zurückstoßend, richtete er
-sich mühsam ein wenig auf, seine Stimme klang heiser.</p>
-
-<p>&bdquo;Nä, datste dech aach e su wenig inderessierst,&ldquo;
-sagte sie ordentlich beleidigt, &bdquo;e su ebbes passiert doch
-net alle Dag! Denk ehs, wann se dän kriehn, dän &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wän es et dann?&ldquo; Sich auf den aufgestemmten
-Ellbogen stützend, sah er sie stier an.</p>
-
-<p>&bdquo;Huh,&ldquo; kreischte sie lachend, &bdquo;maachst dau en Visasch!
-Eweil könnt mer sech jao graulen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wän es et &mdash; wat saon se?&ldquo; stieß er hervor.
-Seine Lippen zitterten, seine Hände auch.</p>
-
-<p>Sie zuckte die Achseln. &bdquo;Dat waaß ech net. Äwer
-waart,&ldquo; &mdash; sie ergriff gern eine Gelegenheit, wieder fortzukommen
-&mdash; &bdquo;ech giehn noch ehs on hören mech om!&ldquo;
-Schon war sie zur Thür hinaus.</p>
-
-<p>Allein!</p>
-
-<p>Er stöhnte auf in verzweifelter Wut. Mit
-einem Satz war er aus dem Bett und nebenan in der
-Kammer. Mit angstvoll prüfendem, scheuem Blick sah
-er sich um &mdash; nichts zu entdecken! Friedlich lag sein
-Handwerkszeug auf dem Tisch, das niedrige Öfchen
-stand an der Wand, der Schemel daneben. Sonst
-alles leer.</p>
-
-<p>Erleichtert atmete er auf. Aber da, da in der
-Ecke, wo Lehm und Steine, von der bröckligen Mauer
-herabgefallen, einen Schutthaufen bildeten &mdash;?!</p>
-
-<p>Stechend bohrte sich sein Blick dort ein. Und
-dann räumte er in fiebernder Hast den Schutt in eine
-andre Ecke, riß von der Wand noch mehr darauf herunter
-und ließ den schmutzigen Estrich der ersten Stelle unbedeckt.
-So war nichts verdächtig.</p>
-
-<p>Draußen ging jemand in einiger Entfernung vorüber,
-dumpf hallten die Schritte. Was, was, paßten sie
-ihm gar schon auf?! Blitzschnell löschte er das Licht.</p>
-
-<p>Mit angehaltnem Atem schlich er im Dunklen aus
-der Kammer in die Stube zurück, und aus der Stube
-an die Hausthür. Vorsichtig öffnete er sie spaltbreit
-und lauschte nach dem Dorf hinunter. Flimmernde
-Lichter und Hundegebell, verworrene Stimmen und
-Rufen und Lachen.</p>
-
-<p>Blätter säuselten im Nachtwind, durch das Gras
-huschte etwas &mdash; er schreckte zusammen. Was war das?!
-Ach, nur eine Katze, die den geschmeidigen Leib über
-den taufeuchten Rasen zog und sich, leise raschelnd,
-unter&rsquo;m nächsten Zaun verkroch.</p>
-
-<p>Mit bebenden Fingern strich Pittchen das wirre Haar
-aus der Stirn; dann stahl er sich, gewandt wie
-die Katze, im Schutz der Hecken zum Dorf hinunter
-und, jeden Lichtstreif, der aus den Fenstern fiel, vermeidend,
-schlich er lauschend um die Häuser.</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="XIII" id="XIII">XIII.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Das Kreisblatt zu Wittlich hatte eine Warnung
-erlassen, und die genaue Beschreibung des falschen
-Thalers stand dazu gedruckt; auch im Dauner Kreisblatt
-war&rsquo;s zu lesen.</p>
-
-<p>Ein panischer Schrecken hatte die Bevölkerung ergriffen,
-manch Bäuerlein rannte nach der Wittlicher
-Sparkasse und ließ von den Sachverständigen daselbst
-seine paar Thälerchen prüfen. Sonst hatte man der
-Sparkasse nicht viel Vertrauen geschenkt; da schienen
-doch die Thaler viel sichrer daheim im Kasten, warm
-unter&rsquo;m Bett, oder im Strumpf zu unterst in der Lade.</p>
-
-<p>Auch der Krumscheid begab sich nach Wittlich und
-borgte extra dazu das Chaischen vom Pauly zu Oberkail;
-den Sparkasten stellte er neben sich, sorgsam mit
-einer Decke verhüllt. Als er durch den dunklen Wald
-fuhr, setzte er sich darauf.</p>
-
-<p>Ein geschlagner Mann kam er heim &mdash; elf von
-seinen Thalern waren falsch! Die hatten sie gleich dabehalten
-zu Wittlich und hatten ihn ausgefragt, daß
-ihm der Verstand knackte; er dachte nach und dachte
-wieder nach, aber wie sollte er&rsquo;s noch wissen, von wem
-er die Thaler bekommen?! Und der Obergendarm, mit
-dem &mdash; weiß Gott! &mdash; nicht zu spaßen war, hatte ihn
-zum Stillschweigen verpflichtet, unter der Drohung,
-ihn sonst in Untersuchungshaft zu nehmen. Das war
-das bitterste, nicht einmal erzählen durfte er&rsquo;s!</p>
-
-<p>Und noch mehr falsche Thaler tauchten auf, hier
-und da. In Hupperath und Karl, in Oberkail und
-Spang-Dahlem, in Manderscheid und Bettenfeld, in
-Oberöfflingen und Niederöfflingen, in Stadtfeld und
-Daun; die ganze Gegend war verseucht.</p>
-
-<p>In der ersten Zeit lief fast jeden Tag ein neues Gerücht
-um; bald sollte am Rhein eine ganze Falschmünzerbande
-aufgehoben worden sein, bald an der Mosel, bald
-waren die falschen Thaler von Holland über die Grenze
-gekommen, bald von Frankreich. Die Weiber von Eifelschmitt
-hatten soviel zu erzählen, daß sie gar nicht mehr
-zu ihrer Arbeit kamen; sie brannten vor Neugier und
-Aufregung, und Pittchen stand mitten unter ihnen auf der
-Gasse und schürte den Brand.</p>
-
-<p>Seine Erzählungen überboten noch alle anderen;
-es war ein ganzes Gewebe von Lügen, das er sich in
-seinen schlaflosen Nächten aussann und den Dummen
-über den Kopf warf. In guten Stunden frohlockte er
-&mdash; waren die alle einfältig! Aber es kamen auch
-böse Stunden, in denen packte ihn die Angst am Schopf
-und drückte ihm die Kehle zu.</p>
-
-<p>Er traute sich nicht, etwas auszugeben, auch nicht,
-beim Krumscheid zu borgen; der hätte so wie so jetzt
-nichts hergeliehen, da er immer von &sbquo;Verhungern&lsquo; sprach.
-In den Wirtshäusern konnte Pittchen auch nicht sitzen;
-in die allerentlegenste, im fernsten Waldwinkel versteckteste
-Schenke war die Kunde von den falschen Thalern
-gedrungen.</p>
-
-<p>Schmalhans war wieder eingekehrt in Mifferts
-Hütte, und zwar so plötzlich, daß Zeih sich nicht
-in den jähen Wandel finden konnte. Was half es dem
-Peter, daß er ihr kläglich beteuerte: es sei alles alle
-geworden. Sie glaubte ihm nicht; soviel Geld konnte
-gar nicht alle werden.</p>
-
-<p>Sie lag ihm in den Ohren Tag und Nacht und
-quälte ihn und bettelte um Geld und weinte; an was
-sie früher gar nicht gedacht, das brauchte sie jetzt zur
-allerdringendsten Notdurft. Sie hatte eben das Bessere
-kennen gelernt.</p>
-
-<p>Und wenn er zur Tina kam, dann tribulierte auch
-die ihn. Was würde die gucken, wenn er auf einmal
-sagte: &sbquo;Ech haon ken Gäld mieh!&lsquo; Er fürchtete sich
-vor ihren schlauen Blicken und ihrer Spürnase.</p>
-
-<p>Und Spürnasen waren die Weiber alle; sie verfolgten
-ihn auf Schritt und Tritt, sie hefteten sich an
-seine Fersen, hingen sich ihm an und zogen ihn nieder.</p>
-
-<p>Er spielte den Kranken, da kamen sie in seine
-Hütte und brachten ihm Suppen. Und Thee mußte er
-trinken und Latwergen schlucken, höllischen Mischmasch
-von allerhand Blattzeug und Gewurzel; und Einreibungen
-und Umschläge mußte er probieren von Schneckenspeichel
-und gekautem Brod.</p>
-
-<p>Da er sie so nicht los wurde, that er böse und
-schmollte, besonders mit der Tina. Aber je mehr er
-sich abkehrte, desto mehr rannten sie ihm nach; und die
-Tina kam ganz frech zu ihm am helllichten Mittag;
-setzte sich ihm auf den Schoß, in Gegenwart der Zeih,
-und fragte ihn, wann er sie ausführe? Und gab ihm
-lachend einen Nasenstüber, daß ihm das Wasser vor
-Wut und Schmerz in die Augen schoß.</p>
-
-<p>Kaum war die weg, machte ihm die Zeih einen
-Skandal. Also dafür mußte sie hungern, daß er mit
-dem Mensch, der Tina, das Geld verpraßte?! Bitterlich
-weinend rang sie die Hände:</p>
-
-<p>&bdquo;O ech arm Dier! Wären ech nor dud, ech on
-dat Josefche! Mir sein ganz verlaoß, mir haon niemand,
-dän for ons sorgt!&ldquo;</p>
-
-<p>Ihr Jammern that ihm in der Seele weh &mdash; sie
-war doch immer noch die beste, hatte ihm nie ein
-schiefes Maul gezogen; und wenn sie jetzt klagte, wahrhaftig,
-sie hatte ganz recht. Zerknirscht versprach er ihr
-ein buntes Tuch, wie er der Tina eins von der Wittlicher
-Messe mitgebracht, und dem Josefchen einen Zuckerkringel;
-auf den Sonntag verhieß er sogar ein Stück
-Fleisch in den Topf. Selbst ganz gerührt, wischte er
-ihr die Thränen von den Wangen, immer wieder strich
-er ihr mit zitternder Hand über&rsquo;s Gesicht; sein Herz
-war wie entzweigeschnitten, ganz auseinander in einem
-schmerzhaften, seltsam öden, katzenjämmerlichen Gefühl.</p>
-
-<p>Er wußte nicht mehr aus noch ein; in gräßlicher
-Ungewißheit und qualvoller Unentschlossenheit verrannen
-ihm die Tage.</p>
-
-<p>Währenddessen sänftigten sich draußen die erregten
-Gemüter, das Geschwätz von den falschen Thalern war
-schon nicht mehr das einzige. Bald wurde der gewohnte
-Alltagsklatsch wieder aufgenommen und verdrängte das
-bis dahin herrschende Gespräch. Zudem rückte Peter
-und Paul näher, bald kamen die Männer; die Weiber
-besannen sich auf ihre Pflicht. Hütten wurden geweißt,
-Tische, Schemel, Töpfe und Bänke gescheuert, Wäsche
-gewaschen, helle Kleider gesteift und in der Kirche für
-glückliche Heimkehr gebetet. Auch die Zeih wurde still.</p>
-
-<p>Pittchen atmete auf; in der gezwungenen Ruhe
-und bei dem Mangel an geistigen Getränken erholten
-sich seine erschütterten Nerven. Er hatte nun doch wieder
-einige Spannkraft, etwas von der alten Elasticität;
-dabei kitzelte ihn eine gewisse Schadenfreude, den gar
-so Dummen ein Schnippchen zu schlagen.</p>
-
-<p>Vorsichtig ließ er seine Augen um und um gehen
-&mdash; nichts Verdächtiges! Wer würde es merken, wenn
-er einmal wieder einen wandern ließ?! Sie brannten
-ihn ordentlich in der Tasche.</p>
-
-<p>Er besuchte das Kreuz auf dem Kirchhof und saß
-lange auf dem steinernen Sockel.</p>
-
-<p>Merkwürdig, so spöttisch der Peter früher gewesen,
-so fromm war er jetzt. Seit dem vergangnen Herbst
-ging er fleißig zur Kirche und lag oft vor dem Bild
-der Himmelskönigin auf den Knieen; sie war seine
-Schutzpatronin.</p>
-
-<p>Und wie er sich einmal in abergläubischer Scheu
-den Segen des Himmels durch eine Gutthat erkauft, so
-that er auch diesmal.</p>
-
-<p>Die heilige Jungfrau würde ihm lächeln. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Wohlgemut pfeifend, die Hände in den Hosentaschen,
-schlenderte Pittchen heute wieder herum. Mit
-besonderer Zuvorkommenheit grüßte er den Oberkailer
-Gendarm, der mit blitzenden Knöpfen, in Helm und
-Sonntagsuniform, das Dorf passierte.</p>
-
-<p>Der Oberkailer wanderte zu seinem Vorgesetzten
-nach Wittlich, um dort Bericht zu erstatten. Sein
-dienstliches Notizbuch im Busen war vollgepfropft mit
-allem möglichen Unwesentlichen; in der Hauptsache konnte
-er nur melden: &sbquo;Nichts Neues vorgefallen, alles ruhig.&lsquo;</p>
-
-<p>Mit einem höhnischen Grinsen sah Pittchen ihm nach.</p>
-
-<p>Es war eine kolossale Hitze. Die Straße lief wie
-ein blendendes Band hin, in weißlichen Staub gehüllt;
-kein Gräschen am Rain, kein Blatt am Baum rührte
-sich. Die Mittagsonne sog mit gieriger Glut jeden
-Tropfen Flüssigkeit aus dem Körper.</p>
-
-<p>Kein Wunder, daß der wohlbeleibte Oberkailer,
-stöhnend, einen Augenblick im Schatten der großen
-Bäume vor der Eichelhütte anhielt und, sich verschnaufend,
-die enge Halsbinde lockerte. Dankbar nahm er
-den kühlen Trunk Bitburger Biers an, den ihm Herr
-Schmitz zum Fenster heraus kredenzte.</p>
-
-<p>&bdquo;No, wohin dann?&ldquo; fragte neugierig der Alte.</p>
-
-<p>&bdquo;Nach Wittlich zum Obergendarm &mdash; bei der
-Bullenhitze! Verfluchte Thalerjeschichte!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Kotzdausend &mdash; wat &mdash; wo?!&ldquo; Schmitz riß die
-zwinkernden Äuglein weit auf und rollte sie hin und
-her. &bdquo;Haben Se wat auf&rsquo;m Kieker?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;I bewahre!&ldquo; Ärgerlich preßte der Gendarm den
-Gurt seines Seitengewehres tiefer herunter. &bdquo;Lausenest,
-diese Eifel! Reineweg nischt los; am besten, man verschliefe
-die janze Zeit.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Oha&ldquo; &mdash; der Alte machte ein wichtiges Gesicht
-&mdash; &bdquo;sagen Se dat nit! Ich sage Ihnen&ldquo; &mdash; er dämpfte
-die laute Stimme zum Flüstern und wies mit dem
-Daumen zurück gen Eifelschmitt &mdash; &bdquo;da is&rsquo;t nit geheuer!
-Seien Se auf&rsquo;m Quivive!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wissen wir längst, wissen wir ja längst,&ldquo; sagte
-der andere abweisend. &bdquo;Denken Sie denn, werter Herr
-Schmitz, die Polizei hat keine Augen im Kopfe? Nee,
-Jott sei Dank, so helle sind wir auch noch! Der
-Obergendarm hat längst die Meldung nach Trier abjejeben;
-seit der olle Krumscheid die elf falschen &mdash;
-Donnerwetter!&ldquo; Er schlug sich auf den Mund.
-&bdquo;Na, angter nanu, Sie werden ja nischt davon verlauten
-lassen! Auf Eifelschmitt liegt ein Verdacht und zwar
-auf den Eifelschmitter Männern. Die stecken da unten
-in den Fabriken, mitten zwischen den Werkzeugen und
-all dem Krempel, &mdash; und dann sind sie jedenfalls Sozialdemokraten,
-und die &mdash;.&ldquo; Er spuckte aus. &bdquo;Sehen Sie,
-die Kerle sind die Attentäter, die Weiber in Eifelschmitt
-machen die Hehler. Aber warte man! Weitjehende
-Recherchen sind sofort in den Fabrikdistrikten anjestellt.
-Ja!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wat Sie schlau sind,&ldquo; sagte pfiffig schmunzelnd
-der Alte. &bdquo;Ja, die Preußen! Die Berlinersch besonders,
-die hören et Jras wachsen! Ich würd&rsquo; nu viel
-eher auf den Schlosser, den Miffert, en Verdacht haben.
-Dat is en schlau Luder un en geschickten Kerl. Da
-war neulich sein Frau bei mer un hat sich wat Jeld
-jeborgt. Von dem Momang, wo hier der Rumor wejen
-dem falschen Thaler losjejangen is, rückt der Kerl nix
-mehr eraus. Is Ihnen dat nit sehr verdächtig?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nanu? Hahaha!&ldquo; Der Gendarm amüsierte sich
-köstlich; da sah man doch wieder, wie die Dummheit
-sämtlichen Eifelern angeboren war! &bdquo;Mein werter
-Herr Schmitz &mdash; haha &mdash; da sind Sie nett reinjefallen
-mit Ihrer Schlauheit! Der Miffert &mdash; haha! Den
-kenne ich wie meine Tasche, der is das dümmste Luder,
-wo existiert. Nenee, haha! &mdash; Na, Morjen!&ldquo;</p>
-
-<p>Kopfschüttelnd sah der Alte ihm nach. &bdquo;Grünschnabel,&ldquo;
-brummte er ziemlich respektlos und schlug das
-Fenster zu. &mdash;</p>
-
-<p>Als der Nachmittag sich neigte und die Bergwand
-angenehmen Schatten auf den Thalweg warf, klopfte
-der geistliche Herr an die Eichelhütte. Es war ihm
-zur lieben Gewohnheit geworden, dort einzukehren; nur
-wenn er Herrn Schmitz nicht zuhause wußte, dehnte er
-den täglichen Spaziergang bis Himmerod aus. Die
-alte Klosterruine kannte er längst in- und auswendig,
-aber der Schmitz, der war ihm etwas Neues, ein Stück
-Welt, das in seine Vereinsamung gedrungen war. Dann
-saßen die beiden beim Gläschen Moselwein, die &sbquo;Kölnische
-Volkszeitung&lsquo; lag auf den Tisch gebreitet. Die hielt
-sich Herr Schmitz, der Freigeist; der Pfarrer konnte nur
-mit dem &sbquo;Paulinusblättchen&lsquo; aufwarten.</p>
-
-<p>Sie politisierten mit Vorliebe. Schmitz sprach
-in einem belehrenden Ton, schlug gern zur Bekräftigung
-seiner Kannegießereien auf den Tisch und wurde
-krakehlig, wenn man nicht seiner Meinung war. Der
-Pfarrer hörte zu mit stillem Lächeln; er war es gewohnt,
-sich zu fügen.</p>
-
-<p>Heute politisierten sie nicht. Unentfaltet lag die
-Zeitung; der Sonnenstrahl, der sich durch das dichte
-Dach der Bäume bis zu dem steinernen Gartentisch
-stahl, blinzelte auf noch immer nicht geleerten Gläsern.
-Ganz bekümmert lehnte der geistliche Herr in seinem
-Stuhl; den einen Arm über die Lehne gehängt, den andren
-wie zur Abwehr erhoben, starrte er sein Gegenüber an.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber, Herr Schmitz, aber, aber! Der Miffert
-ist ein durchaus ehrlicher Kerl, für den kann ich bürgen.
-Wie schön hat er den Kirchenkronleuchter repariert!
-Das war im vergangnen Herbst. Aus altem Zinn
-und Blei und der Himmel weiß was, hat er ihn wieder
-hergerichtet. Tag und Nacht hat er dran gearbeitet.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So.&ldquo;</p>
-
-<p>Weiter sagte Schmitz nichts, aber er spitzte die Ohren
-und pfiff in eigentümlicher Weise durch die aufeinandergebissenen
-Zähne.</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, nein, auf den Peter laß ich nichts kommen,
-der ist wirklich fromm. Wie oft treff&rsquo; ich den nicht
-in der Kirche! Erst kürzlich sah ich ihn in andächtigem
-Gebet versunken vor&rsquo;m Altar unserer lieben Frau auf
-den Knieen liegen. Und glauben Sie, daß der was
-dafür genommen hat, als er dazumal mit der Arbeit
-fertig war? Den Heiligen hat er&rsquo;s zu Gefallen gethan;
-nur einen Vorschuß zur Anschaffung einiger notwendiger
-Werkzeuge hat ihm die Kirche gezahlt. Nein,
-nein, lieber Herr Schmitz, ein bißchen leicht ist der
-Peter wohl, das liegt nun mal in den Verhältnissen&ldquo;
-&mdash; der Pfarrer stieß einen Seufzer aus &mdash; &bdquo;da muß
-man sich eben mit abfinden. Aber sonst &mdash;!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So?!&ldquo; Der Alte zog die Augenbrauen hoch
-und hob den dicken Zeigefinger. &bdquo;Der Grünschnabel,
-das Berliner Großmaul, lacht zwar derzu, aber ich&ldquo; &mdash;
-er schlug auf den Tisch &mdash; &bdquo;ich weiß, wat ich weiß!&ldquo;
-Er war heftig geworden und ganz rot im Gesicht; jetzt
-hatte er seinen Kopf aufgesetzt.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber, aber, Herr Schmitz,&ldquo; sagte der Geistliche
-ganz kleinlaut. &bdquo;So ein guter Mensch wie Sie!
-Wie können Sie einen Nebenmenschen so verdächtigen?!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich verdächtige ja gar keinen, ich sage bloß, wat
-ich weiß. Ich bin en aufjeklärter Mensch, der sich in
-der Welt umjekuckt hat. Hat mir auch erst nit in den
-Kopp jewollt, dat en Eifeler en so raffiniertes Luder
-sein sollt, aber mer is doch kein Esel. En juter Mensch
-braucht doch kein dummer Mensch zu sein. Ich will
-auch jar kein juter Mensch sein,&ldquo; schrie er krakehlig,
-&bdquo;wer sagt Ihnen, dat ich en juter Mensch bin?!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ach, Herr Schmitz&ldquo; &mdash; der Pfarrer legte ihm
-begütigend die Hand auf den Rockärmel, &mdash; &bdquo;Sie haben
-ja erst grade so was Gutes gethan, unsrer armen
-Kirche eine so reiche Spende gegeben &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich? Ne!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Thun Sie doch nicht so! Die rechte Hand soll
-freilich nicht wissen, was die linke thut.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich weiß nit, auf wat Sie anspielen, Herr
-Pastor, ich &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich habe Ihren Thaler in der Büchse gefunden,&ldquo;
-sprach lächelnd der geistliche Herr. &bdquo;&sbquo;Zur Ausschmückung
-des Altars der Hochheiligen Jungfrau!&lsquo; Zufällig schüttete
-ich gestern abend die Büchse aus; sonst thu&rsquo; ich&rsquo;s nur
-alle halbe Jahr; es lohnt sich nicht eher. So was
-ist ein rarer Vogel unter all den Kupferpfennigen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;En Thaler &mdash;?! Von mir?! Dunnerkiel, ich bin
-doch nit toll! Wann&rsquo;t noch en Buxenknopp jewesen
-wär&rsquo;! Der Thaler is nit von mir.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nicht von Ihnen?! Aber &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ne, wahrhaftig in&rsquo;s Gott nit!&ldquo;</p>
-
-<p>Verblüfft sahen sich beide an.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber, aber&ldquo; &mdash; der Pfarrer faßte sich an die
-Stirn &mdash; &bdquo;von wem kann der Thaler sein? Hier in
-Eifelschmitt?! Ein Thaler in der Kirchenbüchse?! Mir
-steht der Verstand still.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dat jlaub ich,&ldquo; sagte trocken Herr Schmitz. &bdquo;Mir
-scheint, der Spender von dem Thaler is nit e so weit.
-Wann einer zu fromm is, hört de Klugheit auf. Wat
-meinen Sie, Herr Pfarrer? Lassen mir mal jehen, ich
-möcht ihn mer doch emal ankucken, den &mdash;&ldquo; er machte
-eine Pause und sah den anderen bedeutungsvoll an &mdash;
-&bdquo;den Thaler!&ldquo;</p>
-
-<p>Und sie gingen. Der geistliche Herr fast widerwillig,
-in sich gekehrt, ohne Wort, nur ab und zu den
-Kopf schüttelnd. Schmitz eilig, in einer gewissen neugierigen
-Spannung.</p>
-
-<p>In des Pfarrers Studierstube ließ er sich mit
-einem Seufzer der Erleichterung in den alten Ohrensessel
-fallen. &bdquo;So, nu zeijen Se mal her!&ldquo;</p>
-
-<p>Mit zitternden Händen kramte der Geistliche in
-seinem tannenen Schreibtisch; erst hatte das Schloß
-nicht schließen wollen, dann fand er den Schlüssel zu
-dem Kästchen nicht, in dem er die Kirchenkasse verwahrte.
-Der bloße Verdacht schon hatte ihn ganz
-außer Fassung gebracht. Endlich hatte er den Thaler;
-aufgeregt hielt er ihn Schmitz hin.</p>
-
-<p>Dieser warf nur einen kurzen Blick darauf, nahm
-ihn dann in die Hand und ließ ihn auf die Platte
-des Tisches niederkollern.</p>
-
-<p>&bdquo;Da haben wir&rsquo;t &mdash; falsch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber wie kommt der in die Sammelbüchse für
-den Altar der Hochheiligsten?&ldquo; jammerte der geistliche
-Herr. &bdquo;Ein falscher Thaler in die Kirche &mdash; oh, die
-Sünde!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Oh, die Dummheit!&ldquo; sagte der andere mit einer,
-eigentlich etwas respektwidrigen Nachahmung im Ton.</p>
-
-<p>&bdquo;Wer kann das gethan haben?&ldquo; ächzte der Pfarrer und
-hielt sich den Kopf. &bdquo;Keins meiner Beichtkinder, nein, nein!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jedenfalls keins, dat en Weiberrock anhat!&ldquo;</p>
-
-<p>Schmitz betrachtete wieder den Thaler und brummte
-vor sich hin:</p>
-
-<p>&bdquo;Die sind ja hier so arm wie die Feldmäus&rsquo; bei
-Mißernt&rsquo;, un Weiber sind auch all viel zu geizig
-derzu. Bleibt niemand übrig, wie der Peter mit der
-Erbschaft. Schlosser is den auch noch obendrein. Hm,
-hm &mdash; freilich, for so en dumm Luder hätt ich den
-nit jehalten, jeht un schmeißt beim Muttersgöttesche en
-Thaler erein! Die Dummheit könnt ei&rsquo;m fast irr
-machen. Hm, hm!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Er hat es nicht gethan; er kann es nicht gethan
-haben,&ldquo; stritt der arme Seelenhirt; er war so entsetzt,
-als sei der Wolf über seine Schafe geraten. &bdquo;Er hat
-es nicht gethan!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Werden mir ja sehn,&ldquo; sagte trocken Herr Schmitz.
-&bdquo;Ich jeh&rsquo; nach Wittlich!&ldquo;</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="XIV" id="XIV">XIV.</a></h2>
-</div>
-
-
-<p>Es ist gegen zehn Uhr abend &mdash; eine schwüle,
-dunkle Sommernacht; auf leisen Sohlen geht sie über
-die Flur.</p>
-
-<p>Am Himmel flimmern die Sterne, matt, bis sie
-ganz verschwinden hinter undurchdringlichen Wolkenschichten.
-Nur zu ahnen sind die Berge; in&rsquo;s Ungeheuerliche
-vergrößert, schmelzen sie in eins zusammen
-mit den Wolkenballen, die auf sie niederhängen. Die
-einzelnen Felsnasen, die an den Berglehnen vorragen,
-schauen fratzenhaft verzerrt in&rsquo;s Thal. Wie ein schwarzer
-Raubvogel mit ausgebreiteten Schwingen hängt der
-Wald über&rsquo;m Dorf, bereit, sich niederzustürzen und die
-Wehrlosen mit seiner Last zu erdrücken.</p>
-
-<p>Vereinzelter Lichtschein blinzelte in den Hütten von
-Eifelschmitt. Die faulsten der Weiber schliefen schon,
-die weniger faulen schafften noch im stillen. Der Tag
-trödelte sich so hin, da mußte der späte Abend herhalten;
-denn lange konnten die Männer nicht mehr ausbleiben.</p>
-
-<p>Hier wusch noch eine, hinter dem mit alten Fetzen
-verhängten Fensterchen. Da prügelte eine ihren Kindern
-das &sbquo;Artigsein&lsquo; für den Vater ein und erstickte das Geschrei,
-indem sie ihnen das bleischwere Deckbett über die
-Köpfe zog. Dort saß eine ganz junge bei unruhig
-flackerndem Kerzenschein und nähte sich rote Strumpfbändel
-zum Tanz.</p>
-
-<p>In den Fugen der bröckligen Mauern zirpten die
-Grillen, in den Ställen schnaufte das Vieh; die Stille
-trug beides weit in die Runde. Verschlafen meckerte
-eine Ziege, ein Säugling greinte, ein Hund knurrte &mdash;
-dann alles ruhig, in Lautlosigkeit begraben.</p>
-
-<p>Man hörte das Schweigen der Sommernacht.</p>
-
-<p>Aber jetzt regte sich etwas zwischen den Hecken, die
-den schmalen Pfad zu Mifferts Hütte einfaßten. Es
-streifte rauschend an den Büschen entlang, die wild
-überhängenden Zweige knackten.</p>
-
-<p>Ein paar dunkle Gestalten tappten vorsichtig die
-Steige hinan, man hörte unterdrücktes Flüstern und
-dann ein warnendes: &sbquo;Pst, pst.&lsquo;</p>
-
-<p>In einiger Entfernung folgten noch zwei Gestalten,
-neugierig schlichen sie hinterdrein.</p>
-
-<p>&bdquo;Es et dann wirklich waohr?&ldquo; wisperte der Krumscheid
-dem neben ihm Schleichenden in&rsquo;s Ohr. &bdquo;On
-Se sein sicher, Hähr Schmitz? Jeßmarijuseb, dän
-Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Er is et,&ldquo; antwortete ziemlich laut und bestimmt
-die Stimme des Schmitz. &bdquo;Meint Ihr, ich wär&rsquo; umesonst
-stracks nach Wittlich geschäst, wat haste wat
-kannste, un hätt&rsquo; Alarm geblasen?! Der Kerl, der
-Esel &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Pst,&ldquo; warnten die vorderen.</p>
-
-<p>Zu spät! Schon wurde Mifferts Hüttenthür von
-innen aufgerissen, ein Lichtschein fiel in&rsquo;s Dunkel hinaus.
-Und mitten im Lichtschein zeigte sich eine Gestalt, Pittchen,
-in lauschender Stellung vorgeneigt, wie ein aufgescheuchtes
-Wild nach allen Seiten spähend.</p>
-
-<p>Den Männern stockte der Atem, sie drückten sich
-dichter in den Schutz der Hecke.</p>
-
-<p>&bdquo;Wän es elao?&ldquo; rief Peter argwöhnisch; seine
-Stimme klang aufgeregt. &bdquo;Kotzdunner, wän ramurt
-lao erum, dat mer net &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Im Namen des Gesetzes!&ldquo; Mit einem Satz
-stand der Obergendarm vor ihm.</p>
-
-<p>Blitzgeschwind duckte sich Pittchen und schien an
-der, wie aus dem Erdboden aufgeschossnen Gestalt vorbeischlüpfen
-zu wollen. Vergebens! Schon hatte ihn ein
-zweiter fest am Kragen.</p>
-
-<p>&bdquo;Peter Miffert, im Namen des Gesetzes!&ldquo; wiederholte
-der Obergendarm noch einmal mit Würde.</p>
-
-<p>Einen Schrei stieß Pittchen aus, einen einzigen,
-kurzen Schrei, der durch die Nacht gellte, wie ein
-Trompetenstoß, über das schweigende Dorf hinfuhr, hin
-über die Wiesen und Äcker, und von der Bergwand
-widerhallte. Die Kniee knickten ihm ein, in schlotternder
-Haltung stand er auf seiner Schwelle.</p>
-
-<p>Aber jetzt raffte er sich schon wieder auf. Sein
-erblaßtes Gesicht rötete sich, mit Kraft entwand er sich
-der haltenden Faust, und, den Oberkailer zurückstoßend,
-schimpfte er:</p>
-
-<p>&bdquo;Zackerloot noch ehs, wat soll dat haaßen?! Es
-dat en Manier, de Leit zo erschrecken! Ech haon gemaant,
-de Räuwer fielen öwer mech här. Wat wollt
-Ihr dann? Ha&mdash;o&mdash;uh&ldquo; &mdash; er zwang sich zu einem
-unterdrückten Gähnen &mdash; &bdquo;mir wollten justement schlaofe
-giehn; ons Josefche es eweil widder onpaß<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>. Ha&mdash;o&mdash;uh
-&mdash; wat sein ech müd!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Laßt die Fisematenten,&ldquo; sagte streng der Obergendarm.
-&bdquo;Voran, zeigt uns Eure Wohnung!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Die es bal gezeigt &mdash; haha!&ldquo; Pittchen brach
-in ein kurzes, krampfhaftes Lachen aus. &bdquo;En anzige
-Stuw, on neist mieh. Äwer Scherz bei Seit, Ihr
-Hähren, wat wollt Ihr eweil in meiner Stuw, dat
-Zeih es justement beim Ausduhn<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a>!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Schadt nischt,&ldquo; sagte der Oberkailer. &bdquo;Voran,
-marsch!&ldquo;</p>
-
-<p>Peter zögerte, seine Blicke flogen nach allen Seiten.</p>
-
-<p>&bdquo;Voran!&ldquo; Der Gendarm hielt ihm den sechsläufigen
-Revolver unter die Nase. &bdquo;Voran, im Namen
-des Gesetzes!&ldquo;</p>
-
-<p>Ein verächtlicher Blick Peters traf diesen; dann
-machte er, mit der Energie der Verzweiflung sich
-bezwingend, eine einladende Handbewegung: &bdquo;Angtré!&ldquo;</p>
-
-<p>Miffert voran, traten sie alle in die Stube. Da
-war nicht viel zu sehen; ein elendes Licht beleuchtete
-die kahlen Wände. Aufgeschreckt vom Lärm draußen,
-stand die Zeih, halbentkleidet, im Zimmer und starrte
-mit aufgerissenen Augen die Eintretenden an.</p>
-
-<p>Schmitz, als letzter, fuhr ordentlich zurück &mdash;
-Donnerwetter, was hatte die für ein paar Arme! Und
-was für einen Busen! Er genierte sich und konnte
-doch nicht wegsehen.</p>
-
-<p>&bdquo;Jesses,&ldquo; rief die Zeih, halb erschrocken, halb
-amüsiert. &bdquo;Pittchen, biste gäck, wat führste de Hähren
-heihin?! Ech &mdash;.&ldquo; Mit einer verschämten Gebärde raffte
-sie ihr Kleid vom Boden auf und warf dabei einen
-raschen Blick auf den Oberkailer.</p>
-
-<p>Der hatte jetzt kein Auge für sie, sondern hing
-nur an den Lippen des Vorgesetzten.</p>
-
-<p>Der Obergendarm verzog keine Miene. Mochten
-da alle Frauenzimmer der Welt im Hemde stehen; er
-hatte eisgraue Haare, was ging&rsquo;s ihn an?! Er sprach
-nur das eine Wort: &bdquo;Haussuchung!&ldquo; Und wie ein
-Spürhund stürzte sich der Oberkailer in alle Ecken.</p>
-
-<p>Er riß die Kleider von der Wand und schüttelte
-sie um und um, guckte in den Herd und stöberte die
-Asche auf, legte sich platt auf den Boden und bohrte
-seine Blicke in jeden Winkel, stürzte sich auf&rsquo;s Bett, riß
-es auseinander, wühlte in den Kissen und durchstocherte
-den Strohsack mit seinem Seitengewehr.</p>
-
-<p>Ein Hohnlächeln auf den, doch vor geheimer Angst
-verzerrten Lippen, sah Peter ihm zu. Er stand mitten
-im Zimmer, die Arme ließ er schlaff herunterhängen;
-den Oberkörper etwas vorgeneigt, mit aus dem Kopf
-gequollnen Augen, schien er eine Gelegenheit zum Entwischen
-zu erspähen.</p>
-
-<p>Aber vor die Thür hatte sich die vierschrötige
-Gestalt des Schmitz gepflanzt. Neben dem stand
-der Krumscheid; zitternd vor Aufregung schrie er Peter
-an: &bdquo;Elf Dahler! Elf falsche Dahler! O dau Schubjack,
-dau Filu! Dech mössen se hänken, su hoch dän
-Mosenkoap es! Dau Bedröger, dau Befauteler, dau &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ruhe,&ldquo; gebot der Obergendarm. &bdquo;Krumscheid,
-keine Schimpfereien!&ldquo; Er wandte sich an den Oberkailer:
-&bdquo;Sie haften mir für den Miffert. Die zwei
-Herren da bewachen das Frauenzimmer. Ich will derweil
-emal selber dadrinnen Nachsuchung halten!&ldquo; Er
-deutete auf die Kammerthür, die, durch einen alten
-Schrank halb verstellt, ganz im Schatten lag.</p>
-
-<p>Ein unartikulierter Laut rang sich von Pittchens
-Lippen.</p>
-
-<p>&bdquo;Sagtet Ihr was?&ldquo; fragte der Obergendarm,
-sich auf der Schwelle noch einmal umdrehend. &bdquo;He,
-Miffert?!&ldquo;</p>
-
-<p>Keine Antwort.</p>
-
-<p>Eine kleine Laterne, die er am Gürtel getragen
-und angezündet hatte, hochhaltend, verschwand er in
-Mifferts Werkstatt.</p>
-
-<p>Totenblaß, mit Augen, die unstät umherrollten,
-stand Peter wie angewurzelt. Er fühlte an seinem
-Halse den Griff des Oberkailers, aber schlimmer war
-der Griff jener eisigen Angst, die ihm das Herz zusammenpreßte,
-daß es den Schlag aussetzte. In seinem
-Kopf war ein wüstes Durcheinander, aus dem sich ihm
-nur der eine klare Gedanke hervordrängte: &sbquo;der durfte
-nichts finden, nichts!&lsquo; In ohnmächtiger Wut knirschte
-er mit den Zähnen. Fand der da drinnen etwas &mdash;
-fand er nichts?!</p>
-
-<p>Mit verzehrender Angst hing sein Blick an der
-Kammerthür.</p>
-
-<p>Kein Wort wurde gesprochen. Mit einem dumm-leeren
-Ausdruck wanderten Zeihs Augen von einem
-zum anderen; sie hatte keine Ahnung, was eigentlich
-vorging, und doch wagte sie keinen Laut. Die Arme
-über der, durch die hastig übergezogene Taille nur notdürftig
-bedeckten Brust verschränkt, die Zöpfe, aus denen
-der Pfeil schon herausgezogen war, lang über den
-Rücken hängend, hockte sie auf dem Schemel. Was
-wollten die Männer? Was hatte ihr Pittchen gethan?!
-In unbestimmter, kindischer Furcht fing sie an zu weinen.</p>
-
-<p>Fünf Minuten vergingen, zehn Minuten, eine
-Viertelstunde, eine Ewigkeit.</p>
-
-<p>Man hörte den Obergendarm drinnen hin und
-her trappsen und polternd das Gerät um und um
-kehren. Für Minuten wurde es wieder ruhig. Und
-dann hörte man sein Klopfen an den Wänden, sein
-Füßescharren &mdash; jetzt sein Fluchen, und jetzt &mdash; dumpfe
-Schläge.</p>
-
-<p>Dann Stille.</p>
-
-<p>Schon atmete Pittchen auf, ein erlösender Seufzer
-wollte sich seiner angstgepreßten Brust entringen &mdash; da
-&mdash; die Thür knarrte. Der Obergendarm trat aus der
-Kammer, beschmutzt und bestaubt; aller Blicke hingen
-an ihm.</p>
-
-<p>Er trug etwas.</p>
-
-<p>Peter wurde leichenblaß, vor seine Augen legte
-sich ein Schleier.</p>
-
-<p>&bdquo;Da,&ldquo; sagte der Wittlicher kurz und ließ mit einem
-Plumps einen geöffneten, schmutzigen Leinenbeutel auf
-den Herdrand fallen; ein paar Thaler sprangen heraus
-und rollten mit bleiernem Geklapper über den Fußboden.
-&bdquo;Unter&rsquo;m Estrich verstochen. Aber doch gefunden!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hah!&ldquo; Ein einziger Atemzug ging durch die
-Stube; kein Mensch wagte ein Wort. Sie standen
-alle wie angenagelt, die Hälse gereckt, mit aufgerissenen
-Augen.</p>
-
-<p>Schmitz fand zuerst die Sprache wieder. &bdquo;Da
-hammer de Jeschicht!&ldquo; Und sich aufreckend, schrie er:
-&bdquo;Hab&rsquo; ich et nit jesagt, hab&rsquo; ich et nit jesagt? Wat
-nu?!&ldquo;</p>
-
-<p>Ein Fauchen, wie das eines wilden Tieres, antwortete.
-Peter schien sich auf den Alten stürzen zu
-wollen, aber gleich darauf ließ er den Kopf auf die
-Brust sinken; ein zitterndes Stöhnen entrang sich seiner
-Kehle.</p>
-
-<p>&bdquo;In flagranti erwischt,&ldquo; sprach der Obergendarm
-weiter. &bdquo;Werkzeuge, alle möglichen Dinger, ein Schmelztiegel,
-Blei, Zinn und so&rsquo;n Zeugs, alles lag da unten
-bei den Thalern. Das richtige Hamsterloch hat sich
-der Kerl unter&rsquo;m Estrich ausgegraben. Mehr brauchen
-wir wirklich nit &mdash; hier!&ldquo; Er zog eine Gipsmatrize
-aus der Tasche und zeigte sie herum. Und
-dann verschloß er die Kammerthür. &bdquo;Das bleibt alles
-stehen und liegen, Ortsvorstand!&ldquo;</p>
-
-<p>Krumscheid grunzte ein: &bdquo;Jaowoll!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie passen auf, daß nix wegkömmt. Hier den
-Thalerbeutel nehmen wir gleich mit. Und nu allons!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Miffert,&ldquo; wandte er sich an Peter und legte ihm
-die Hand schwer auf die Schulter, &bdquo;Sie sind überführt.
-Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie!&ldquo;</p>
-
-<p>Peter rührte kein Glied.</p>
-
-<p>&bdquo;Sagt Eurer Frau adjö! Voran! Wird en
-Meng Wasser die Mosel erunner laufen, bis ihr euch
-wieder zu sehn kriegt. So&rsquo;n Falschmünzer!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hau,&ldquo; sagte des Krumscheid Stimme von der
-Thür her, &bdquo;hau, eweil kömmt hän in&rsquo;t Kittchen<a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a>!&ldquo;</p>
-
-<p>Peter zuckte zusammen.</p>
-
-<p>&sbquo;In&rsquo;t Kittchen&lsquo; &mdash; das hatte Zeih verstanden.
-Sie schrie hell auf: &bdquo;Jeßmarijuseb, in&rsquo;t Kittchen?!
-Pittchen, wat haste dann pexiert? Pittchen! O die
-Schand! Wat werden se al saon?! Dat öwerläwen
-ech net. In&rsquo;t Kittchen &mdash; Jesses! Josefche, Josefche!&ldquo;
-Sie stürzte an die Wiege und riß das Kind
-heraus; es mischte sein durchdringendes Jammergeschreih
-mit dem ihren.</p>
-
-<p>&bdquo;Dat arme Weib,&ldquo; murmelte Schmitz und wischte
-sich den Schweiß ab.</p>
-
-<p>&bdquo;On dat Josefche,&ldquo; flüsterte Krumscheid, &bdquo;su en
-deierlich Worm!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wat haot hän dann gedahn?&ldquo; jammerte die
-Zeih und packte den Obergendarm vorn an der Uniform.
-&bdquo;O, liewer Hähr, laoßen Se ein doch giehn!
-Hän es e su en gude Mahn, hän duht niemand neist
-Onüwels!&ldquo; Sie warf sich nieder und umklammerte
-seine Kniee. &bdquo;O liewer Hähr, sein Se doch als barmherzig,
-laoßen Se em doch hei! Wat sollen ech anfänken
-ohn dat Pittchen?! Hän es e su brav, e su
-ordentlich &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dat könnt Ihr ja alles vor Gericht aussagen!&ldquo;
-Der Obergendarm machte sich ungeduldig von ihr los.
-&bdquo;Ihr habt Euch ohnehin vom Verdacht der Beihilfe
-bei der Falschmünzerei zu reinigen. Ihr habt doch
-sicher drum gewußt! Das Gericht &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gerich &mdash; wat? Ech vor&rsquo;t Gerich?!&ldquo; Die
-Zeih fuhr auf, wie von einer Schlange gebissen. &bdquo;Ech
-vor&rsquo;t Gerich &mdash; Jesses, Jesses! Ech haon niemand
-neist Beeses gedahn! &mdash; O hätten ech doch uf mein
-Vadder sälig gehört, on dän Pitter net gefreit, eweil
-säßen ech net e su in der Bredullich! Nä, nä, ech sein
-onschullig! Onschullig, dir Hähren, wie en schnieweiß
-Lamm!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dat is se, Herr Obergendarm,&ldquo; rief Schmitz.
-&bdquo;Ich bürge für die Lucia Miffert!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich kann ihr auch nur das beste Zeugnis geben,&ldquo;
-sagte etwas schüchtern der Oberkailer.</p>
-
-<p>&bdquo;Huh, vor&rsquo;t Gerich, vor&rsquo;t Gerich! Ech sein onschullig,&ldquo;
-kreischte Zeih ohne Unterlaß, ihre Zähne
-schlugen aufeinander, in sinnloser Angst klammerte sie sich
-an Herrn Schmitz. &bdquo;Huh, vor&rsquo;t Gerich, vor&rsquo;t Gerich!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr Beschützer mußte
-ihr das Josefchen abnehmen, das hätte sie sonst fallen lassen.</p>
-
-<p>Der Obergendarm beruhigte sie: &bdquo;Es geschieht
-Euch ja nichts, nur ruhig, Frau! Ihr braucht nur
-Euer Aussag&rsquo; zu machen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jao, dat will ech, dat will ech aach,&ldquo; schrie sie
-heulend. &bdquo;Hän haot mech bedrogen, dän Lomp! Bedrogen,
-Dag on Naacht &mdash; fraot noren dat Tina on
-de annren Fraleider! Ech moßten hongren on derhäm
-sitzen, on eweil haot hän de Ärwschaft verjuchheht!
-On wann hän besoff waor, haot hän mech geschlaon.
-&mdash; Kucktelhei!&ldquo; Sie riß das Kleid von ihrem weißen
-Nacken und zeigte Striemen, die darüber hinliefen.
-&bdquo;Duh haot hän mech geschlaon, derlätzt met der Haselgert.
-Ihr könnt et glauwen, dir Hähren, ech kann dat
-Läwen bal net mieh mantenören &mdash; o ech onglöcklich
-Persohn, ech miserabel Framensch! Wän soll for ons
-sorgen, wann hän im Bulles<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> sitzt?!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich!&ldquo; sagte der Junggesell, trat heran, das Kind
-auf dem Arm, und schnäuzte sich krampfhaft.</p>
-
-<p>&bdquo;O Hähr Schmitz!&ldquo; Weinend haschte sie nach
-seiner Hand, die das rote Taschentuch hielt, und packte
-sie mit ihren beiden Händen. Immer näher neigte sie
-sich gegen ihn; sie standen dicht beieinander.</p>
-
-<p>Ein Schrei gellte.</p>
-
-<p>&bdquo;Maach!&ldquo;</p>
-
-<p>Schäumend, zitternd vor Wut, stand Pittchen
-plötzlich vor Schmitz. Wie ein Tiger war er gesprungen;
-die geballte Faust schlug er dem Alten
-auf den Kopf, daß dieser betäubt zurücktaumelte.
-&bdquo;Ech schlaon Eich dud! Ech raoden Eich, laoßt
-Eier Fingren vom Zeih! Mein es se. Weg, weg,
-weg!&ldquo; Er schlug wie ein Rasender um sich, vergebens
-suchten ihn die Gendarmen zu bändigen. &bdquo;On
-wann dir mech einsperrt im tiefsten Bulles, Wochen
-on Monat on Jaohr &mdash; on wann dir mech köppt &mdash;
-on wann dir mech ufhänkt &mdash; ech kommen widder!&ldquo;</p>
-
-<p>Wie ein Schwur klang es, der Krumscheid zitterte
-vor Grausen; leise stahl er sich zur Thür hinaus.</p>
-
-<p>&bdquo;Onnerstieh dech!&ldquo; Peter packte die Zeih und
-riß sie hin und her, daß sie auf die Kniee fiel. &bdquo;Ech
-kommen widder, haste&rsquo;t gehört?&ldquo; Mit furchtbarer
-Drohung brüllte er sie an: &bdquo;Dau bis mein!&ldquo;</p>
-
-<p>Und dann schmolz plötzlich seine Wut, jäh wie sie
-gekommen, auch jäh dahin. In heiserem Schluchzen
-zusammenbrechend, ließ er sich willig vom Oberkailer
-die Handschellen anlegen. &bdquo;Zeih, Zeih,&ldquo; schluchzte er,
-&bdquo;vergeß mech net!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ech vergessen dech net, nie, nie!&ldquo; Ebenfalls
-schluchzend hing sie an seinem Halse; sie umklammerten
-sich beide, als könnten sie sich nicht lassen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ech vergessen dech net, e su waohr ech läwen,
-Pittche, mei Pittche!&ldquo;</p>
-
-<p>Herzzerreißend klang ihrer beider Schluchzen, und
-das Josefchen wimmerte dazu in schrecklichen Schmerzenstönen.
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Als sie die Hütte verließen, wankte Peter wie ein
-Betrunkener, er lahmte so stark, wie nie zuvor. Die
-Hände hatten sie ihm auf dem Rücken zusammengeschlossen;
-neben ihm schritt der Wittlicher, hinter ihm
-der Oberkailer.</p>
-
-<p>Herr Schmitz war bei der Zeih zurückgeblieben,
-die brauchte Beistand. Sie lag, ganz zusammengefallen,
-in einer Ecke und schlug wie eine Rasende die Stirn
-gegen die Mauer. &bdquo;Pittche, mei Pittche!&ldquo; Dem alten
-Junggesellen kamen selber die Thränen, er hob sie auf,
-suchte sie zu beruhigen und erschöpfte sich in Trostreden.</p>
-
-<p>&bdquo;Jao, ech glauwen et sälwer,&ldquo; schluchzte sie an
-seiner Brust, &bdquo;ech moß mech eweil verdrösten. Dän
-Pittchen&ldquo; &mdash; sie hob den Kopf und strich sich resolut
-die Haare aus der Stirn &mdash; &bdquo;Hähr Schmitz, ech sein
-sicher, dat dän net widder kömmt. Dän hänken se uf!&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p>
-
-<p>Vorsichtig tappten die Gendarmen mit ihrem Arrestanten
-den Heckenweg hinunter; zur Sicherheit hielt
-ihn der Oberkailer hinten am Rock.</p>
-
-<p>Noch war es dunkel, aber keine so tiefe Finsternis
-mehr, wie vorher; der Mond hatte sich hinter einer schweren
-Wolkenwand vorgestohlen und kämpfte jetzt mit zerrissenem
-Gewittergewölk. Über den fernen Bergen wetterleuchtete
-es.</p>
-
-<p>Blitzähnlich erhellten ab und zu scheue Mondstrahlen
-den Pfad; von den nächsten Hütten fiel auch
-Lichtschein herüber. Das unsichre Gehen hatte bald ein
-Ende, schon schimmerte heller die breite Straße &mdash; da
-&mdash; Gemurmel! Ein dunkler Trupp nahte sich und
-verstopfte den Ausgang der Heckengasse.</p>
-
-<p>Die Weiber!</p>
-
-<p>Zu einer Kolonne geschlossen, harrten sie in trotzigem
-Schweigen. Im huschenden Schein des Mondlichts
-sah man ihre herausfordernden Gesichter und ihre
-funkelnden Augen.</p>
-
-<p>Keine von ihnen rührte sich, als die Gendarmen
-nahten; sie hielten den Weg besetzt.</p>
-
-<p>&bdquo;Platz,&ldquo; sagte der Obergendarm und stieß die
-nächste mit dem Ellbogen an.</p>
-
-<p>Es war Tina. &bdquo;Oho,&ldquo; sagte sie und drängte sich,
-statt zu weichen, näher an ihn heran. &bdquo;Waorum schubst
-Ihr mech?! Hei haot jeden dat gleiche Rächt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Platz für die Obrigkeit,&ldquo; wiederholte schneidig
-der Oberkailer und warf sich in die Brust.</p>
-
-<p>Ein allgemeines, schallendes Gelächter antwortete ihm.</p>
-
-<p>&bdquo;O dau Lappes,&ldquo; schrie eine Stimme aus dem
-Hintergrund, &bdquo;gieh nor on laoß der dein Rotznaos
-wischen. Mir peifen uf dein &sbquo;Platz for de Obrigkeit&lsquo;!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Platz, Platz!&ldquo; Sie äfften ihm alle nach.</p>
-
-<p>&bdquo;Seid ihr doll?&ldquo; rief der Obergendarm. &bdquo;Verrückte
-Fraumenscher macht Platz! Wenn ihr nicht auf
-der Stelle geht, laß ich euch sammt und sonders einsperren
-&mdash; hört ihr, einsperren!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Können! Erscht können! Haha!&ldquo; Tina lachte
-gellend. &bdquo;Et wär&rsquo; noch gaor e su unöwel net, met
-dem Pittchen zosammen im Bulles. Äwer, gäwt
-Obaacht!&ldquo; Ihre zehn Finger wirbelten plötzlich dem
-alten Mann vor&rsquo;m Gesicht, ihre Stimme klang drohend:
-&bdquo;Laoßt hän los!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Jao, laoßt hän los!&ldquo; kreischte der Weiberchor.</p>
-
-<p>&bdquo;Heihin!&ldquo; Tina packte Pittchen am Ärmel und zog
-ihn zu sich herüber. &bdquo;Ihr, laoßt hän! Wat wollt
-ihr vom Pittchen? Hän haot neist gedahn!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das wird sich finden!&ldquo; Wütend stieß der Obergendarm
-Miffert in den Rücken. &bdquo;Voran!&ldquo;</p>
-
-<p>Ein ohrenbetäubendes Gekreisch der Weiber erhob
-sich, in drohender Haltung rückten sie näher und
-näher.</p>
-
-<p>Die Gendarmen waren vollständig umzingelt. Dem
-Oberkailer brach der Angstschweiß aus &mdash; immer neue
-Weiber rückten heran, aus den Häusern kamen sie gelaufen,
-mit Schimpfen und Lachen, und verstärkten den
-Trupp. Und rückwärts knackten und raschelten die
-Hecken, ungestüm brach eine Bande halbwüchsiger Mädchen
-durch, Bill voran, und verstellten auch <em class="gesperrt">den</em> Ausweg.</p>
-
-<p>Mit der Linken packte der Obergendarm seinen
-Gefangnen fester; er hätte das nicht nötig gehabt,
-Peter machte keine Anstalten, zu entfliehen, mit niedergeschlagenen
-Augen stand er, bebend wie Espenlaub.
-Mit der Rechten zog der Alte das Seitengewehr, die
-blanke Waffe glitzerte im Mondlicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Platz!&ldquo; schrie er, &bdquo;oder &mdash;!&ldquo; Vielsagend fuchtelte
-er durch die Luft.</p>
-
-<p>Der Oberkailer hielt den Revolver vor.</p>
-
-<p>Die vorderen wichen zurück, die hinteren drängten
-vor. &bdquo;Gäwt dat Pittchen eraus, ons Pittchen!
-Hoho &mdash; ho &mdash;!&ldquo;</p>
-
-<p>Das war ein furchtbares Lärmen. Drohend erhobne
-Arme reckten sich wild durcheinander. &bdquo;Ons
-Pittchen! Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ruhig, Weibsbilder!&ldquo; brüllte der Wittlicher,
-Pittchen mit sich reißend; die blanke Waffe vorgestreckt,
-erzwang er sich einen Durchgang.</p>
-
-<p>Kreischend wichen die Weiber zu beiden Seiten
-auseinander, aber gleich darauf schlossen sie sich wieder
-eng zusammen; der etwas zurückgebliebene Oberkailer
-wurde hart umdrängt. Es regnete Püffe und Stöße;
-da war manch eine, die ihm heimlich grollte, daß er
-kein Auge für sie gehabt.</p>
-
-<p>Er hielt den Revolver ausgestreckt und wagte doch
-nicht zu schießen. Sich wie ein Kreisel drehend, um
-sich nach allen Seiten zu decken, schrie er: &bdquo;Ich schieße
-&mdash; ich schieße! Platz!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Laoßt dän Lappes laufen,&ldquo; rief verächtlich die
-blonde Leis, deren Zöpfe halb gelöst flogen.</p>
-
-<p>Noch ein Tritt gegen die Kehrseite &mdash; nun stolperte
-der Oberkailer aus dem Kreis und stürmte in
-mächtigen Sätzen seinem Vorgesetzten nach.</p>
-
-<p>Alle Weiber hinterdrein.</p>
-
-<p>Auf der stillen Straße, gen Himmerod hin, fegte
-die wilde Jagd. Das war ein Getrappel, ein Gekreisch,
-ein Johlen und grelles Schreien, ein Huschen flüchtiger
-Gestalten. Das quirlte durcheinander, wogte, hüpfte
-und sprang. An der weißen Kirchhofsmauer zeigten
-sich, in&rsquo;s Ungeheuerliche verzerrt, flatternde Schatten;
-unheimlich gespenstisch tauchten sie auf und nieder,
-wischten vorbei und verschwanden.</p>
-
-<p>Und hinter der bleichen Wand ragte das Kreuz
-aus dem Dunkel des Friedhofes; wie ein Wahrzeichen stieg
-es empor und schien endlos bis in den Himmel zu wachsen.</p>
-
-<p>Peter wagte einen scheuen Blick dorthin; einen
-noch scheueren warf er hinter sich auf die nachdrängenden
-Weiber; sein Fuß zögerte. Sollte er sich wenden,
-jene zu Hilfe rufen?!</p>
-
-<p>Ihn schauderte.</p>
-
-<p>&bdquo;Voran, voran!&ldquo; trieb der Obergendarm.</p>
-
-<p>Und Pittchen trottete wieder weiter.</p>
-
-<p>Die Jagd wurde langsamer, jetzt fehlte es ihnen
-allen an Atem.</p>
-
-<p>Schnaufend trabte der Oberkailer an des Gefangnen
-andrer Seite; rechts und links hielten ihn beide Gendarmen
-gepackt, ab und zu wandten sie sich um und
-streckten den in geringer Entfernung Folgenden die Waffen
-entgegen.</p>
-
-<p>Das laute Geschrei war verstummt, es hatte einem
-dumpfen Murren Platz gemacht. Gleich einer bösen
-Bestie schlich die Weiberkolonne hinterdrein; sie knurrte
-und lauerte und drohte in unheimlicher Tücke.</p>
-
-<p>Näher und näher kam man dem Thalende, hoch
-und finster hoben sich die Ruinen von Himmerod, dahinter
-schwarz ragende Bäume des unendlichen Waldes.</p>
-
-<p>Voll Besorgnis sahen die Männer darauf hin;
-schon gellten wieder einige Schreie.</p>
-
-<p>&bdquo;Laoßt hän los! Pittchen, ons Pittchen!&ldquo;</p>
-
-<p>Ein Stein wurde geschleudert &mdash; noch einer &mdash;
-eine dreiste Stimme schimpfte. Das Murren, das bis
-dahin ein halb unterdrücktes gewesen, erhob sich lauter,
-kecker. Es schwoll an, wuchs und wuchs, wurde stark
-und stärker, drohender und drohender, grollend wie
-Ungewitter. Fester packten die Männer ihre Waffen.
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Da &mdash; ein Schrei!</p>
-
-<p>Die Weiber stutzten.</p>
-
-<p>Ein Ruf, der das Thal durchhallte von einem
-Ende zum anderen!</p>
-
-<p>Wie versteinert standen sie alle.</p>
-
-<p>Noch einmal der Ruf &mdash; ein Ruf aus kräftiger
-Männerkehle:</p>
-
-<p>&bdquo;Hallo&mdash;o&mdash;oh.&ldquo;</p>
-
-<p>Das Echo war erwacht, jubelnd gab es den Ruf
-zurück:</p>
-<p>
-&bdquo;Hallo&mdash;o&mdash;oh!&ldquo;
-</p>
-
-<p>Und durch die Nacht flammte es auf, dort auf
-der Höhe von Schwarzenborn. Erst wie ein Stern,
-dann rasch größer werdend, weithin leuchtend, immer
-heller und heller, gelb und rot &mdash; eine Sonne, eine
-Riesenflamme, ein Freudenfeuer.</p>
-
-<p>Der einsame Busch auf dem kahlen Scheitel zeigte
-sich deutlich; wie bei Sonnenaufgang umlohte ihn
-Glanz und Glut. Aber jetzt brannte er selber. Seine
-vertrockneten Äste hüllten sich blitzschnell in sprühendes
-Geprassel, gierig züngelnd loderte es auf in feurigem
-Entzücken.</p>
-
-<p>Eine Freudenfackel streckte sich empor zum nächtlichen
-Himmel.</p>
-
-<p>&bdquo;Se sein dao!&ldquo;</p>
-
-<p>Wie aus einem Mund kam&rsquo;s, nur ein einziger Schrei.</p>
-
-<p>Das waren nicht der Weiber viele mehr, das war
-nur ein Weib noch &mdash; <em class="gesperrt">das</em> Weib! Jählings wandte
-es sich, alles vergessend, und stürzte in rasendem Lauf
-dem Mann entgegen.</p>
-
-
-
-
-<p class="center spaced-above">Verlag von <em class="gesperrt">Egon Fleischel</em> &amp; Co., Berlin W 35</p>
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="title2">Das schlafende Heer</p>
-</div>
-
-<p class="center"><em class="bigger gesperrt">Roman</em> <span class="hor-spaced">von</span> <em class="bigger gesperrt">C. Viebig</em>,</p>
-
-<hr class="full" />
-<p class="center">Preis: geheftet M. 6.&mdash;; gebunden M. 7.50</p>
-<hr class="full" />
-
-
-<p class="center bigger light-spaced"><b>Aus den Besprechungen:</b></p>
-
-<p><b>Pfarrer Naumann</b> schreibt in der <b>&bdquo;Hilfe&ldquo;</b>: Dieser
-Roman ist in jeder Richtung eine große Leistung. Er ist zunächst
-ein Beitrag zur Frauenfrage, denn er ist eine Frauenarbeit, die
-jedem Manne Hochachtung abzwingt, er ist ein Dichterwerk, denn
-alles in ihm ist unmittelbar lebendig von einer bewundernswert
-sicheren Einbildungskraft geschaut, er ist gleichzeitig ein politisches
-Lehrbuch, denn er zeigt die Polenfrage in ihrer ganzen Wucht
-und Verworrenheit, besser als eine historisch-politische Untersuchung
-sie darstellen könnte. Es will uns scheinen, daß nichts,
-was Clara Viebig bis jetzt geschaffen hat, so voll, so rund, so
-einheitlich ist als diese Geschichte, die sich zwischen drei Rittergütern,
-einem polnischen Dorf, einer Kleinstadt und einer Kolonie
-der Ansiedelungs-Kommission irgendwo bei Lissa oder sonst hinter
-Posen abspielt. Es ist fabelhaft, daß die Dichterin der Eifelgeschichten
-und der Wacht am Rhein das polnische Leben so in
-sich hineingenommen hat, daß man seine Wiedergabe ohne
-weiteres als einfach wahr empfindet. Der Titel des Buches
-hängt ein wenig äußerlich an der Geschichte, aber das schadet
-nicht viel. Es ist der Traum eines alten polnischen Schäfers,
-daß unter dem Berge polnische Gewappnete ihrer Wiederkunft
-warten, bis einmal das Volk selbst bereit ist, in seinen Befreiungskampf
-einzutreten. Diese Gewappneten sind das schlafende Heer,
-gleichsam die Vertreter aller der gespensterhaften Gedanken, die
-über die Köpfe der verlorenen Nation hinfahren. Wir sehen
-als Glieder des wachenden Heeres den Geistlichen, der alle
-Fäden in seiner Hand hat, den Rittergutsbesitzer, der sich in den
-Reichstag wählen läßt, den armen kopflosen, verängstigten Schullehrer,
-den schon erwähnten Schäfer, die Bettelfrau und vor
-allem die gnädige Frau und ihre Jungfer, die den deutschen
-Männern die Köpfe verdreht, und daneben ein polnisches
-Mädchen voll Geduld und Treue. Auf deutscher Seite haben
-wir den Edelmann, der sich als deutschen Vorposten fühlt und
-sich und andere durch mangelndes Gefühl für die wirkliche
-Lage elend macht, seine tapfere, feine Frau, einen alten deutschen
-Inspektor und eine Kolonistenfamilie vom Rhein, die es unter
-mancherlei Leid drei Jahre im baum- und berglosen Osten aushält.
-Die eigentlichen Verderber sind die polnisch gewordenen
-Deutschen, ein Förster und ein Inspektor. Nicht erhaben, aber
-auch kein Unhold ist der jüdische Krämer, dessen Karren durch
-alles dieses Getriebe hin und her fährt. Aber was nützt es,
-die Personen aufzuzählen? Damit ist ja doch weder die
-Stimmung noch der Verlauf gekennzeichnet. Die Stimmung ist
-leidenschaftslose Naturmalerei menschlicher Vorgänge. Man
-kann nicht sagen, daß die Dichterin irgendwo selbst hervortrete,
-am ersten noch in der Gattin des deutschen Gutsherrn. In
-gewisser Art erinnert ihre Art der Darstellung an den &bdquo;Büttnerbauer&ldquo;
-oder den &bdquo;Grabenhäger&ldquo; von Polenz, aber ihre Kunst
-ist darin größer, daß sie die Einheitlichkeit eines Vorganges
-herzustellen weiß, ohne sich an Einzelpersonen zu binden. Der
-Gegenstand, über den sie schreibt, ist der bewußte und unbewußte
-Kampf zwischen Polentum und Deutschtum, gerade auch
-den unbewußten, instinktmäßigen Kampf beschreibt sie gut. Und
-das Ergebnis ist die Niederlage der Deutschen. Zwar wird
-uns im Schluß eine neue Generation deutscher Kämpfer verheißen,
-die den Polen verstehen und zu nehmen wissen, aber
-für jetzt schließt die Geschichte mit deutschem Tod und Rückzug.
-Vergeblich, vergeblich! Und niemand sieht, wie es anders
-werden soll, denn die Kräfte, die hier siegen, werden ja bis zur
-nächsten deutschen Generation nicht schwächer. Clara Viebig
-zieht keine politische Lehre aus ihrer Dichtung; es gehört nicht
-zum Schauen, Vorschläge und Anträge zu bringen. Der Leser
-aber nimmt ihr Buch in die Hand und denkt an Bismarcks
-Polenreden, an Caprivi, Hansemann, Delbrück und vieles andere.
-Was nützt aber alles Politisieren gegenüber dieser Kirche und
-diesem Gefühlsleben? Kann man die Polen zu preußischen
-Staatsbürgern machen? Was soll ihnen versprochen werden,
-welche Phantasie, welches politische Schaustück? Ich weiß es
-nicht. Die erste Wirkung der Lektüre ist die Vergrößerung der
-politischen Ratlosigkeit gegenüber der Polenfrage. Aber auch
-das ist etwas Gutes, wenn es dazu hilft, schnellfertige Programme
-zu überwinden, wie Germanisierung durch deutschen
-Unterricht oder Einheit aller Deutschen im Osten. Unter allen
-Umständen gebührt der Schriftstellerin, die die Dokumente zur
-Beurteilung der Polenfrage vermehrt hat, der Dank auch der
-politischen Leute.</p>
-
-
-<p class="center bigger light-spaced"><b>Auszüge aus Besprechungen.</b></p>
-
-<blockquote class="hang">
-
-<p><b>&bdquo;Neue Freie Presse&ldquo;, Wien</b>: Das starke und ausgeprägte
-nationale Bewußtsein der Dichterin trübt nicht die Klarheit
-ihres Urteils über die Germanisierungspolitik der Reichsregierung
-in Preußisch-Polen und benimmt ihr nicht das
-schöne, edle Verständnis für die träumerische Sehnsucht eines
-besiegten Volkes... <em class="gesperrt">Sie ist in ihrem jüngsten Werke
-über sich selbst hinausgewachsen und hat sich in
-die erste Reihe deutscher Sittenschilderer geschoben.</em></p>
-
-<p><b>Robert Jaffé</b> in der <b>&bdquo;Neuen Hamburger Zeitung&ldquo;</b>: Zu der
-erstaunlichen Schärfe der Charakteristik und der Stimmungskraft
-kommt noch ein goldener Dämmer hinzu, der über den
-Landschaften und Menschen dieses Buches liegt. Etwas von
-der Lieblichkeit und Reife, welche die Lektüre eines Fontaneschen
-Romans für manche geradezu zu einem glückseligen Ereignis
-macht, haftet auch an den Romanen von Clara Viebig, und
-<em class="gesperrt">es findet sich unter den deutschen Romandichtern
-der Gegenwart wohl kaum einer, der mit dieser
-ungewöhnlichen Kraft der Darstellung noch so viel
-Anmut und Schönheit verbände</em>.</p>
-
-<p><b>Paul Raché</b> im <b>&bdquo;Hamburger Fremdenblatt&ldquo;</b>: Es ist ein Kunstwerk
-in der einfachen Kraft der Sprache, in der Anschaulichkeit
-der Darstellung, in der wunderbaren Klarheit des
-Schauens von Personen, Verhältnissen, Gegenständen. Und
-es ist das Werk einer Dichterin.</p>
-
-<p><b>&bdquo;Hamburgischer Correspondent&ldquo;</b>: Wir können den Roman als
-ein bedeutsames Kunstwerk, zugleich aber als packende Darstellung
-eines der wichtigsten Gebiete deutscher Kulturarbeit
-zu Anfang des 20. Jahrhunderts unsern Lesern aufs lebhafteste
-empfehlen.</p>
-
-<p><b>&bdquo;Kölnische Volkszeitung&ldquo;</b>: Alle die Gestalten erstehen in Fleisch
-und Bein vor dem Leser. Von bedeutender Wirkung sind
-auch die Naturschilderungen, und in der Darstellung einzelner
-Szenen von dramatischer Kraft und stimmungsvoller Weichheit
-bekundet die Verfasserin ihre gewohnte Meisterschaft.
-Alles in allem ein bedeutsames Werk.</p>
-
-<p><b>&bdquo;Prager Tageblatt&ldquo;</b>: Wenn wir das Buch zuschlagen, stehen
-wir &mdash; fern von jedem national-politischen Raisonnement &mdash;
-ganz und gar im Bann einer rein menschlichen Erschütterung,
-die wir über die Schicksale der fesselnden, uns lieb gewordenen
-Gestalten des Romans empfinden. Und Clara Viebig hat
-in der Tat Menschen vor uns hingezaubert, die wir nie mehr
-vergessen können.</p>
-
-<p><b>&bdquo;Leipziger Neueste Nachrichten&ldquo;</b>: Clara Viebig hat sicherlich
-nicht die Absicht gehabt, einen Beitrag zur Lösung des
-deutschen Ostmarken-Problems zu geben, aber sie hat uns
-das Land und die Menschen dort mit packender Energie
-vor Augen geführt. Man sieht das wirklich vor sich, den
-Lysa Góra, das Treiben auf den Feldern, die Hütten der
-Komorniks, die Herrenhäuser mit ihren Höfen, Treppen und
-Salons, die Dinergesellschaft auf Chawilorczyce, das Volksleben
-an Mariä Verkündigung und hunderterlei sonst. Eine
-feine und feinste Beobachtungsgabe geht Hand in Hand mit
-einem treffsicheren, prägnanten und sachlich erschöpfenden Stil.</p>
-
-<p><b>Ferdinand Svendsen</b> in der <b>&bdquo;Nation&ldquo;</b>: <em class="gesperrt">Ein echter Epenstoff:
-der Kampf der in die Provinz Posen eindringenden
-deutschen Landbebauer mit den ihren Grund und
-Boden und ihre Nationalität gleichzeitig verteidigenden
-Polen. Es ist etwas ungemein Kraftvolles
-in ihrer Darstellung. Ihre Romangestalten
-sind Menschen von Fleisch und Blut, und was sie
-uns schildert, ist wert, geschildert zu werden.</em></p>
-
-<p><b>Ernst Kreowski</b> im <b>&bdquo;Vorwärts&ldquo;</b>: <em class="gesperrt">Der Roman besitzt unbestreitbare
-Vorzüge. Alles ist mit realistischer
-Kraft gestaltet und voll dichterischer, wenn auch
-schwer atmender Stimmung. So etwas wie Erdgeruch
-entströmt dem Ganzen. Desgleichen entspricht
-es nur der &bdquo;poetischen Gerechtigkeit&ldquo;, wenn
-Clara Viebig ihr Werk mit der zuversichtlichen
-Hoffnung auf das Erwachen einer neuen Aera des
-Deutschtums, welche die Sünden der Väter wieder
-gut zu machen, dem Land und dem Volke Glück und
-Frieden zurückzugeben berufen sein werde, frohgemut
-beendigt.</em></p>
-
-<p><b>Fritz Engel</b> im <b>&bdquo;Berliner Tageblatt&ldquo;</b>: Kein Tendenzroman!
-Die deutsche Feder wollte dem deutschen Pfluge zu Hilfe
-kommen. Aber an Ort und Stelle &mdash; und das macht der
-Dichterin in ihr alle Ehre &mdash; wurde nur noch ihre künstlerische
-Teilnahme rege. Nicht mehr die Parteien, nur noch
-die Menschen interessierten sie. Sie sah und lauschte. Daraus
-gestaltete sich dann wie von selbst das weitumfassende
-Gemälde, das seine Lichter und seine Schatten nicht mehr
-von der Willkür nationalen Eifers erhält.</p>
-
-<p><b>&bdquo;Die Zeit&ldquo;, Wien</b>: Es ist vorauszusehen, daß dieser neue
-Roman eine erregte Debatte in deutschen und polnischen
-Blättern entfesseln wird. Um seinen künstlerischen Wert
-wird man erst in zweiter Reihe fragen. Und doch muß
-auch von diesem die Rede sein. Es ist ein Kulturbild voll
-jener warmen, pulsierenden Lebendigkeit und frischen Farbe,
-die alle Bücher der Viebig auszeichnen. Und ein feiner
-Schimmer jener Sentimentalität liegt oft auf diesen Blättern,
-wie er in Clara Viebigs &bdquo;Wacht am Rhein&ldquo; am hellsten war.</p>
-
-<p><b>K. v. Perfall</b> in der <b>&bdquo;Kölnischen Zeitung&ldquo;</b>: In diesen Volksfiguren
-bietet sie wieder ein ganz hervorragend Lebendiges
-und zeigt sich als eine Menschengestalterin ersten Ranges,
-die frisch und unbefangen ins Leben hineingreift.... Wir
-möchten behaupten, &bdquo;Das schlafende Heer&ldquo; sei das bedeutendste
-Werk, das Clara Viebig bisher geschaffen hat. Es bringt
-ein bedeutungsvolleres Kulturbild, als &bdquo;Das Weiberdorf&ldquo;
-und &bdquo;Das tägliche Brot&ldquo; oder der &bdquo;Müllerhannes&ldquo; es waren,
-und der künstlerische Aufbau ist reiner, fester gefügt als in
-der &bdquo;Wacht am Rhein&ldquo;.</p>
-
-<p><i><b>&bdquo;The Academy and Literature&ldquo;</b> (<b>London</b>): Clara Viebig&rsquo;s
-work bears many of the characteristics of that of
-George Eliot, Thomas Hardy and George Moore.
-She sees into the human heart, and describe what
-she sees with an ease and sureness that lend her
-books a charm not always to be found in novels
-that from the choice of their subject contain events
-spreading over a long space of years and deal with
-a wide field of locality.</i></p>
-
-<p><b>J. Norden</b> in der <b>&bdquo;Magdeburgischen Zeitung&ldquo;</b>: So ist es kein
-politischer Tendenzroman geworden, obschon politische Verhältnisse
-und persönliche Schicksale der jüngsten Vergangenheit
-unserer Ostmark hineinspielen. Es ist gut, daß im Vordergrund
-die Kunst steht, die einen packenden und ergreifenden
-Kulturroman zu erschaffen vermochte.</p>
-
-<p><b>Arthur Eloesser</b> in der <b>&bdquo;Vossischen Zeitung&ldquo;, Berlin</b>: <em class="gesperrt">Clara
-Viebigs Buch ist gut deutsch, aber es schmettert
-keine chauvinistische Fanfare so wenig, wie es entmutigt
-zum Rückzug bläst, es ist ein Buch der Sorge,
-und in diesem Gefühl wird es die meisten einigen,
-die nicht nur die Erhaltung der politischen Herrschaft,
-sondern auch die Existenz unserer deutschen
-Kultur an der Grenze des Slaventums gesichert
-wissen wollen.</em></p>
-
-<p><b>A. Traeger</b> im <b>&bdquo;Berl. Börsen-Courier&ldquo;</b>: Ueberreich schier
-ist des Buches Inhalt, und mit staunender Bewunderung
-erfüllt uns aufs Neue die überwältigende Treue und Kraft
-der Schilderung, diese Belebung des Leblosen, überall nimmt
-die Dekoration mitwirkend teil an der Aktion, gehören Land
-und Leute unlösbar zusammen. <em class="gesperrt">Clara Viebig</em> sieht mit
-dem Verstand und schreibt mit dem Herzen, das voll tiefen
-Gefühls und unerschrockenen Mutes.</p>
-
-<p><b>Harry Maync</b> in der <b>&bdquo;Deutschen Litteraturzeitung&ldquo;</b>: Ueber
-alle herbe Wahrheit ist leicht der Schleier der Dichtung geworfen.
-Bezogen auf die großen kulturgeschichtlichen
-Zusammenhänge kommt überall das Menschliche rein zur
-Entfaltung. Wohl heben sich dramatische Gruppenszenen
-packend aus der Breite des langsamen, ereignislosen Dahinlebens
-heraus, aber im allgemeinen sind die Mittel dieser
-Darstellung ganz schlicht und einfach. Ohne Beredsamkeit
-und Schwung, aber mit sicherem Realismus und runder
-Schilderung sagt uns <em class="gesperrt">Clara Viebig</em>, was sie uns zu sagen
-hat, und das ist nicht wenig.</p></blockquote>
-
-
-<div class="chapter">
-<div class="footnotes"><h2>FUSSNOTEN</h2>
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> eigensinnig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Kopf über, Kopf unter.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> in die Pfütze werfen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Hochzeit.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> möglich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> ertragen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> erbärmlich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Hungerpfoten kauen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> arbeiten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> glaubt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Geschmack.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Brombeeren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> nach seinem Geschmack.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Zogott: statt &bdquo;Prost&ldquo; gebraucht.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Duckmäuser.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> stattlich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> leichtfertig.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Blau.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> verderben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Kattun.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> changiert.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> ungeschoren.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> keinen guten Tag.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> gespuckt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> sogleich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Zwetsche.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Bürste.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> strawätzen: weglaufen, herumstreichen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> gezogen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Zweieinhalb Silbergroschen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Betrüger.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> ohnmächtig geworden.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> geizige.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Verlegenheit.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Heiligenhäuschen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> sterben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> seit.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> Schublädchen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Wiege.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> gesund.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Däuen: drücken, stemmen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> ziehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Betschwester.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Schmerzen, Kummer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> heftig, böse.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> quälen, peinigen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> steckst du.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> Kosenamen für Lerche.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Käferdose (alte Kölner Weinkneipe).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> launenhaft.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Wüterich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> fährt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Bonbons.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> krank.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Ausziehn.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Gefängnis.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Gefängnis.</p></div></div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="tn-header">Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-<p>
- Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn
- verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander
- verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden
- berichtigt.
-</p>
-<p class="ebook-only">
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-End of the Project Gutenberg EBook of Das Weiberdorf, by Clara Viebig
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WEIBERDORF ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit http://pglaf.org
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-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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