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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 15:53:38 -0800 |
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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Das Weiberdorf - -Author: Clara Viebig - -Illustrator: Max Liebermann - -Release Date: September 16, 2017 [EBook #55565] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WEIBERDORF *** - - - - -Produced by Peter Becker, Norbert Müller, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - - - - - - Das Weiberdorf - - -Einundzwanzigste Auflage - - - - - Von =C. Viebig= sind folgende Werke im Verlage von - #Egon Fleischel & Co. / Berlin W# / erschienen: - - =Romane=: Rheinlandstöchter / Dilettanten des - Lebens / Es lebe die Kunst / Das tägliche Brot - / Das Weiberdorf / Die Wacht am Rhein / Vom - Müller-Hannes / Das schlafende Heer / Einer Mutter - Sohn / =Novellen=: Kinder der Eifel / Vor Tau und - Tag / Die Rosenkranzjungfer / Naturgewalten / - =Theater=: Barbara Holzer. Schauspiel / Pharisäer. - Komödie / Der Kampf um den Mann. Dramenzyklus. - - - - - Das Weiberdorf - - Roman aus der Eifel - - von - - C. Viebig - - Mit Umschlagzeichnung von - - Professor Max Liebermann - - Egon Fleischel & Co. - Berlin - 1907 - - - - - Alle Rechte - vorbehalten - - - - - I. - - -Trapp, trapp -- hart klingen die Schritte auf der steinigen Landstraße. -Männer, ein ganzer Trupp! Und nun noch ein Trupp und etwas weiter -zurück kommt noch ein dritter. Männer mit Schweiß auf den Stirnen, mit -Staub auf den Stiefeln, mit der ganzen Glut des frühen Sommers und -des hastigen Wanderns auf den geröteten Gesichtern. Jeder trägt sein -Bündel am Stecken über der Schulter, paarweise schleppen sie auch ein -Köfferchen; alle haben sie die Taschen der städtischen Sonntagsröcke -vollgestopft zum Platzen. - -Nun halten sie an auf der Höhe von Schwarzenborn und verschnaufen. - -Da unten liegt das Salmthal, schmal und grün und lieblich. Die klare -Salm schlängelt sich als Silberband; dort, an der letzten Krümmung, -ragen die Ruinen von Kloster Himmerod, schon verschleiert vom -Abendduft, und da, dicht zu Füßen, scheinbar mit einem Steinwurf zu -erreichen, Eifelschmitt! Daheim, daheim! - -Ein froher Schein glitt über die heißen Gesichter, ein tiefer Atemzug -hob jedem der Wanderer die Brust unter dem zerknüllten Hemd. Da wurden -rasch die Hüte vom Kopf gerissen und geschwenkt. »Hurrah! Helao! -Derhäm!« - -Der jüngsten einer, der schlanke Kerl mit dem Feldblumensträußchen am -Strohhut, fing ein Lied an; er schmetterte aus Leibeskräften, sein -starker, etwas kratziger Tenor zitterte in mächtigen Schallwellen -über die Bergrücken. Unten im Thal erwachte ein Echo. Das machte ihm -Vergnügen; er hielt den einen Ton an, gleich stark, endlos, die Bänder -am Halse schwollen ihm, sein Gesicht wurde blaurot, die Augen quollen -ihm vor -- immer noch! - -Die anderen bewunderten ihn: »Dän kann et!« - -Immer noch -- da knacks, der Ton brach ab! In gekränkter Eitelkeit -versuchte der Bursche noch einmal, aber die Stimme gehorchte nicht mehr. - -»En Krümmel in der Tröt, saon se lao unnen zu Cöllen. Haha, en Krümmel -in der Tröt.« Die Männer lachten. - -Der Sänger wurde zornesrot und räusperte sich gewaltsam. - -»Looß sin,« sagte begütigend einer der älteren und klatschte ihn -freundschaftlich auf die Schulter. »Hal dei Maul, Jong! Sei net e su -bubsterzig[1], de Stimm kann mer net kommandieren, se es ken Maschien -on ken Framensch.« Und dann augenzwinkernd. »Wat maanste, Lorenz, ob -Lenzen Bäbb heit awend besser pariert?« - -»Dat Bäbbchen?!« Lorenz zeigte, schnell getröstet, die tadellosen -Zahnreihen. »Et gitt gäckig vor Freid. Se maanen all, mir kommen erscht -morjen.« Er patschte sich auf die Lenden. »Helao, dat gitt ebbes! Seit -Weihnachten en halw Jaohr ohne Schatz gesäß! Dat es net pläsierlich.« - -»Nä, nä, dat es et aach net!« Eine gewisse Rührung bemächtigte sich -ihrer sämtlich; ein jeder dachte an die, die an seiner Brust liegen -würde. Die Ehemänner dachten an ihre Frauen, die Ledigen an die -Mädchen, die sie beim letzten Besuch zu Weihnachten am heißesten -geküßt, heiß geküßt im kalten Schnee. Und jetzt war Sommer -- die -hatten lange fasten müssen! - -»Dat gitt en Freid!« Man warf sich in die Brust, man brachte ja das -Glück. Schnell noch einen Blick hinunter in's dämmernde Thal. Da -warteten die Hütten im milden Abendlicht, leichter Rauch kräuselte sich -vom heimischen Herd. Da träumten die Wiesen, und die Büsche am Waldsaum -lockten mit verschwiegenem Dunkel. - -Es schwebte etwas herauf, es kam mit dem Wind und flüsterte im -Gras; die Luft koste leise und weich, Nebelstreifen wie winkende -Brautschleier stiegen aus dem Grund am Bach, Bäume streckten -verlangende Arme aus. Jetzt -- hier -- da -- dort glomm ein Lichtchen -auf! Blasse Sterne, sehnsüchtige Augen in einsamer Kammer. - -Niemand mehr auf den abschüssigen Äckerchen. Alles still, wie begraben. - -»Häh! Halloah! Gieht noch net schlaofen, eweil sein mir elao! Halloah --- -- -- oa -- -- oah -- --!« Einer da oben hielt die hohlen Hände vor -den Mund und tutete hinein, dann warf er lustig sein Bündel in die Höh. -»Lorenz, Josef, Mathesen, Hanni! Wän es dän erschten unnen? Hopp! Bonz -unnen, Bonz owen[2], voran gemaach!« - -Wie Pfeile schossen die Burschen bergunter, sie verschmähten die -vielfach gewundene Fahrstraße, auf steilen Richtwegen schnitten sie die -Serpentinen ab; polternd, prasselnd stürzte ihnen loses Geröll nach. -Auch die gesetzteren Männer eilten sich, eine plötzliche Ungeduld hatte -sie alle ergriffen, das Blut floß nicht mehr träge in den Adern, es -kreiste unruhig und stieg ihnen zu Kopf. - -Heller und heller flimmerten unten die Lichtchen, sie warfen einen -trauten Schein aus den engen Kammerfenstern. Voran, voran! Süße -Vogelstimmen piepten im Nest. Voran, quer durch's Brombeergestrüpp! -Da saß schon eine weiße Hauskatze auf der Lauer, sie sprang nicht -fort, sondern stieß den sammetweichen Kopf schnurrend gegen die sie -streichelnden Hände. Aber weiter -- die warteten! - -Der Berghang wimmelte von dunklen kletternden Gestalten. Nun kam der -letzte Absatz, man rutschte, man glitt, man sprang -- nun lag das -Dorf ganz nah, melodisch tönte das »Muh« einer Kuh, ein sehnsüchtig -langgezogener Liebesschrei. - -Noch atemlos, begann Lorenz zu schmettern, da war keiner, der nicht mit -einstimmte: - - »Kommen wir in dieser Nacht, - Fein Liebchen, fein! - Seid ihr tot oder lebt ihr noch, - Fein Liebchen, fein?« -- -- -- - -Da war schon das erste Haus. - - »Will das Mädchen net obstohn, - Fein Liebchen, fein! - So wollen wir's in die Blotz drohn[3] - Fein Liebchen, fein!« -- -- -- - -Immer lauter wurde der Gesang, er schwoll an und wuchs und drängte: - - »Will das Mädchen sich net tummeln, - Wollen wir die Thür auftrummeln« -- -- -- - -Horch! Ein heller Schrei: »Jesses, die Mannsleit!« - -Die Thür des ersten Hauses war aufgeflogen, ein Weib in Unterrock und -halb geöffneter Taille stürzte heraus, mit einem Satz stand sie mitten -unter den Männern, wild sah sie sich um -- wieder ein Aufkreischen -- -da, sie stürzte dem einen an den Hals. - -»Jesses, Hubert, lao biste! Komm erein, Mahn, komm erein. Ech haon uf -dech gelauert! Dag on Naacht, onsen Hährgott waaß et. Gelowt sei de -Jongfra Maria!« Sie bekreuzte sich und ihn. »Könner, Könner« -- schon -sprang sie wieder zur Thür -- »Könner, dän Vadder es elao!« Sie zog -ihren Mann hinter sich drein, kaum daß sie ihm Zeit ließ, den Kameraden -zuzunicken; sie hielt ihn so fest am Ärmel, als fürchte sie, ihn -gleich wieder zu verlieren. Die Frau mit dem schon faltigen Gesicht, -mit dem schlaffen Busen und den Zahnlücken, zeigte die Glut einer -Zwanzigjährigen. - -»Se sein hei, se sein hei!« Nur dieser eine Ruf, und alle Häuser waren -plötzlich belebt, alle Fenster hell, alle Thüren geöffnet. Kinder, -in Hemden und barfüßig, wie sie aus dem Bett gesprungen, standen auf -der Schwelle; Frauen und Mädchen eilten auf die Gasse. Der weiche -Sommernachtwind spielte mit ihrem halbgelösten Haar und den hastig -übergeworfenen Kleidern. Laternen tauchten auf vor den Ställen, in den -Höfen, im Wirtshaus wurden alle Lampen angezündet; Peter Krumscheid -stieg eilig in den Keller und stach ein Faß an. Die Straße wimmelte -von Menschen, wie mit Zauberschlag waren sie alle erschienen, alle -umringten die Ankömmlinge. Das war ein Gesumm, ein Lachen, ein -Geschrei. »Se sein hei, se sein hei!« - -Lorenz Schneider stand an der Ecke am Prellstein. Hier ging's hinein -in ein dunkles Gäßchen, erst zwischen Stallwänden, dann zwischen -Hecken -- nichts rührte sich darin, -- und da war die Straße, hell vom -Lichtschein, der aus den geöffneten Fenstern und Thüren fiel. Alle, -die er kannte, standen da umher, aufgeregt, lachend und schwatzend; -die Weiber hatten die Männer untergefaßt, die Mädchen begrüßten ihre -Schätze. - -Immer wieder suchten seine Blicke; enttäuscht fing er leise an zu -fluchen: Dunnerkiel, wo war das Bäbb? Schlief sie schon so fest, daß -sie den Lärm nicht hörte? War sie ihm untreu geworden? Da mußte er -doch lachen, war denn hier wohl ein Mannsbild gewesen, um das sich's -verlohnte, ihn zu vergessen?! Er ärgerte sich; warum kam sie nicht? Ob -er nach ihr fragte? - -Vor dem Wirtshaus hatten sich die ganz jungen Mädchen, die heurigen -Hasen, in einer Reihe aufgepflanzt; neugierig und ein wenig neidisch -guckten sie zu, wie die älteren Schwestern und Bekanntinnen mit ihren -Burschen abzogen. Die Augen funkelten ihnen im Kopf, sie brachten die -Mäuler nicht zusammen. Sie stießen sich mit den Ellenbogen an und -kicherten, als Lorenz nach ihnen hinsah. - -Den Schnurrbart aufdrehend, trat er zu ihnen. Das Gekicher wurde -stärker. -- »'n Aowend, dir Mädercher!« - -»Boschur, Lorenz,« sagte keck die erste. - -»Tina?« fragte er erstaunt. Zu Weihnachten war sie noch halbwüchsig -gewesen, und jetzt trug sie einen langen Rock und sah ihn an mit -dreisten, unbewußt begehrlichen Augen. »Es dat Bäbbche net mieh hei, -Tina?« fragte er hastig. »Lenzen Bäbb?« - -Tina zeigte lachend ihre weißen Zähne. »Ech waaß net!« Mutwillig -blinzelte sie den Gefährtinnen zu, er fühlte seine Hand ergriffen, -kräftig geschüttelt und dann festgehalten. In einem Augenblick hatten -ihn die Mädchen umringt; er stand mit Tina in der Mitte, die anderen -hopsten im Kreis, ausgelassen wie junge Böcklein, um ihn und die Dirne -herum. - -»Dommhaaten! Laoß los!« Unwirsch suchte er sich frei zu machen. - -»Autsch, autsch!« Tina schlenkerte ihre Finger, gleich darauf packte -sie ihn auf's neue; wie ein Wall stemmten sich die Mädchenleiber ihm -entgegen. - -»Schneidersch Lorenz, kucktelhei, Schneidersch Lorenz! Haha, hahahaha!« -Sie lachten wie die Tollen; dem Burschen schwirbelte es vor Augen -und Ohren, er wurde hin- und hergerissen, von einer gegen die andere -gepufft, Tina hing sich an ihn, er wurde sie nicht los, nirgendwo -konnte er den Kreis durchbrechen. - -»Dunnerknippchen, noachehs, wuh es dat Bäbb?« stieß er mit einer -letzten Anstrengung heraus. - - »Bäbb hin, Bäbb här, - Bäbb, dat es en Zoddelbär -- hahaha --!« - -Immer dichter umdrängten sie ihn, immer schallender wurde das Lachen, -immer wilder das Drehen; er fühlte Tinas Hände an seinem Rock, sie -preßte ihm seine beiden Arme fest an den Leib. Jedesmal, wenn sie -aufhüpfte, kitzelten ihn ihre krausen Haare unter der Nase, ihr Gesicht -kam dem seinen ganz nah. Da, ehe sie sich's versah, hatte er die Arme -frei; er schlug sie ihr um die Taille, ein derber Schmatz brannte ihr -auf dem Mund. - -Sie schrie hell auf und wandte sich zur Flucht; mit lautem Gekreisch -stoben sämtliche Mädchen davon, er hinterdrein. Hier suchte er noch -eine zu fassen und da eine -- die Röcke flatterten -- jetzt waren sie, -um das Wirtshaus herum, im Dunkel verschwunden. - -»Verflixte Rotznaosen,« schimpfte der Bursche, und doch schmunzelte er -dabei. Die Tina war gar nicht garstig, noch schmeckte er ihre frischen -Lippen. Er schnalzte mit der Zunge, sein Durst war erwacht -- wo blieb -die Bäbbi? - -Langsam kehrte er zu seinem Prellstein zurück, in verdrossenen -Gedanken blieb er dort stehen. Da -- er schreckte auf, jemand zupfte -ihn von hinten am Ärmel. Am Eingang des Heckengangs stand eine -weibliche Gestalt. - -»Bäbbchen?« fragte er zweifelnd. Sie kam ihm so wenig schlank vor, -Lenzen Bäbb war lang nicht so völlig gewesen. »Bäbbi?« - -»Heihin!« Schon zerrte sie ihn hinein in das dunkle Gäßchen; es schien -ihr noch nicht dunkel genug, sie schob ihn hinter die Regentonne an -der einen Stallwand. Jetzt schlang sie die Arme um ihn und küßte ihn, -daß ihm der Atem verging. Sie gebärdete sich wie närrisch, lachte und -schluchzte und drückte ihn, ohne ein Wort zu reden; ihre warme Brust -bebte an der seinen, schwer hing sie ihm am Halse. Immer wieder preßten -sich ihre Lippen auf seinen Mund, sie saugten sich förmlich daran fest. - -Ein lange nicht gekanntes Wohlgefühl durchrieselte den Burschen -- so -küßt doch nur der Schatz in der Heimat! Sein Blut, durch das eilige -Wandern und hastigen Trunk ohnehin erhitzt, schäumte über; nun war -er es, der sie immer mehr hinein in's Dunkel drängte und gegen die -Stallwand preßte. Er erstickte sie fast. - -»Lorenz,« ächzte sie endlich, »laoß!« Ein schmerzlich zitternder -Seufzer folgte. - -»Bäbb,« flüsterte er zärtlich, »mei Mädche! Eweil sein ech widder hei, -eweil wolle mer ons verlustieren. Dat gitt en Pläsier! Komm!« Er zog -sie kosend dem Ausgang des Gäßchens zu. »Komm ehs zom Krumscheid, ech -traktieren dech!« - -»Jao, jao.« Sie schmiegte sich fester an ihn und drängte ihn doch immer -wieder tiefer hinein in's Dunkel. - -»Nä, nä,« flüsterte sie dann hastig und verlegen, »eech kann net ehnder -met der giehn, ech moß der erscht ebbes saon.« - -»Wat dann? Waorom kannste net met mer giehn?« Er hielt sie von sich ab, -etwas erstaunt; nun fiel ihm auch sein Verdruß von vorhin ein. »Waorom -haste mech e su lang lauern laossen, dau sakramentsch Dingen? Wollste -mech for en Naor halen? Eweil es et schuns e su spät, ech han Honger on -Dorscht!« Von einem plötzlichen Ärger erfaßt, rüttelte er sie. »Haste -geschlaof?« - -»Nä, nä!« Sie drängte sich wieder ganz dicht an ihn. »Ech wollten -der nor vorerscht ebbes saon. Saog« -- wie von einer dringenden -Notwendigkeit getrieben, faßte sie seine Hand -- »wanneh wolle mir -onsen Hillig[4] haalen?« - -»Waorom?« fragte er verwundert und beunruhigt zugleich. Und dann nach -einer Pause des Bedenken: - -»Zo Christdag; wat fraogste? Wann ech Vormann gänn!« - -»Nä, ehnder,« sagte sie rasch und küßte ihn heftig. »E su bal als -miëlich[5]! Ech moß der ebbes saon.« Jetzt flüsterte sie, aber ihr -Flüstern war eindringlich, jedes Wort hob sich deutlich heraus. »Ech -sein im sechsten Monat!« - -»Kreizdonnerparaplüi!« Es entfuhr ihm so wider Willen -- das kam zu -plötzlich! Er stieß sie zurück und erhob die Hand wie zum Schlag. -»Maach! Gott verzeih mer de Sünd -- dau Onglöcksmensch!« - -Sie fing an zu weinen. - -Stumm stand er neben ihr und schob den Hut von einem Ohr auf das andere. - -Auf der Straße war der Lärm verstummt, auch die Helle war weg, die -Thüren hatten sich hinter den Glücklichen geschlossen. Kein Mensch mehr -draußen, die meisten saßen im Wirtshaus. Jetzt tönte da der Jubel; -bis in den dunklen Winkel hinter der Regentonne verirrte sich das -Gläserklingen und Juchzen. - -Die Sterne waren aufgezogen, immer mehr entfalteten sie ihren Glanz. -Nachttau fiel, man hörte ihn in den Hecken tropfen; dazwischen -klang leises Schluchzen. In dem verschleierten, bleichen und doch -durchdringenden Licht, das vom Himmel niederzitterte, sah Lorenz zum -erstenmal deutlich die entstellte Gestalt seines Mädchens. - -Mit einem: »Dunnerkiel!« fuhr er zurück, aber gleich darauf streichelte -er die Weinende. - -»Kreisch net, Bäbbchen,« sagte er gutmütig, er war heute nun einmal in -einer so weichen Stimmung. »Kreisch net e su, domm Dingen! Wat passiert -es, es passiert, duh kann niemand neist dran ännern. Sonndag es Peter -on Paul, dän erschten Kirmesdag; onsen gaastlichen Hähr verkünn ons, -ein for allemaol. Hän es su ebbes gewehnt, annere han aach schuns Malör -gehatt. Mir maachen stracks Hochzeid, on dann« -- er kratzte sich -hinter'm Ohr -- »jao, dann es dän Urlauw zu End. Mir Bochumer han zehn -Dag, de annern von Dortmund on Steele han aach net länger. Äwer uf dän -Momang mösse mir redur kommen. Kreisch net, Bäbb!« - -Er schlang den Arm um ihre Hüfte; langsam wandelten sie den Heckengang -weiter. - -Rechts Gärten, links Gärten. Obstbäume hängen ihre Zweige über dichte -Weißdorn- und Wildrosenhecken; zuweilen wechseln sie ab mit morschen -Bretterzäunen, die sich schief neigen und ihren modernden Holzgeruch -mit dem süßlichen Duft der Gebüsche mischen. - -Wie zwei Schatten schleichen die Liebenden unter'm Blätterdach dahin, -von weißlichem Dunst in einer Wolke umschwebt. In dem nahen Wiesengrund -erheben die Frösche ein leidenschaftliches Liebeskonzert; jetzt -verstummen die auch. Nichts regt sich, nichts lebt scheinbar rundum, -und doch ist ein stummberedtes Fordern in der Frühsommernacht, eine -warme treibende Sehnsucht. - -Stärker und stärker fällt Tau, silbrig glänzt er auf den Gräsern und -auf den gesenkten Scheiteln. Wie ein feuchtes Tuch legt es sich um -die heißen Gesichter, um die heißen Glieder; schauernd schmiegen sich -beide Gestalten fest aneinander. Sie stehen still und küssen sich, im -schmachtenden Sternenlicht scheinbar in Eins verschmolzen. - - - - - II. - - -Die Männer von Eifelschmitt hatten nie viel Zeit; rasch wurde geliebt, -rasch wurde gefreit. Zweimal im Jahr -- im Winter zu Weihnachten, im -Sommer zu Peter und Paul -- kamen sie heim in's enge Salmthal. Sie -konnten da nicht ihren Lebensunterhalt verdienen; der Erwerb ist knapp -in der Eifel, karg hängen die Äckerchen an den Bergen, lang sind die -Winter, kurz die Sommer. - -Es war kurz nach dem deutsch-französischen Kriege. Das Aufblühen der -rheinischen Eisenindustrie machte das Heranziehen vieler Arbeitskräfte -notwendig. - -So hatte ein Agent irgend einen Eifelschmitter hinausgelockt, der kam -zu Besuch heim, Geld in der Tasche; nun zogen die anderen hinter ihm -drein, wie die Schafe hinter'm Leithammel. Vater, Sohn, Gatte, Bruder, -alles wanderte aus nach Westfalen und tief in's Rheinland, wo auf der -meilenweiten Ebene düstre Fabrikstädte sich zusammendrängen und mit -ihrem nie stockenden schwarzen Atem aus Riesenschornsteinen den Himmel -anfauchen. Die Luft ist dick vom Kohlenstaub, die reinen Wolken selbst -sind angegraut; ewiger Rauch, Geprassel, Gerassel, Gekeuch, Geächz, -Gestampf, Sausen von Rädern, Schnauben von Maschinen, Pfeifen von -Lokomobilen, Pusten und Stöhnen von Dampfkesseln. Kein Rasten, kein -Ruhen. Zur Nachtzeit bricht lodernde Glut aus Riesenbauten, an den Öfen -stehen Männer, nackt bis zum Gürtel, heiß und berußt wie Teufel, die -Höllenfeuer schüren. Schweißtropfen rinnen, Funken sprühen. - -Hier konnte man die Eifelsöhne finden: umglüht von Flammen, eingeengt -von Mauern, sehnsüchtig des Heimathimmels gedenkend, der sich rein und -kühl über den Eifelkuppen wölbt; unter dem die wohnen, die ihnen das -Leben gegeben; die auf sie warten, denen sie die Ehe versprochen, oder -die sie schon gefreit haben; wo die Kinder nach den Vätern verlangen. - -Aber dann die Heimkehr! Durchjubelte Tage, durchjubelte Nächte. -- -- - -Heute saßen sie alle bei einander im Wirtshaus. Der alte Krumscheid -mit seinem vertrockneten Holzgesicht kommandierte hinter'm Schenktisch. -Ein ganzes Regiment Weiber war zur Bedienung gedungen; mit lachenden -Gesichtern, flink wie Wiesel, liefen die Dirnen ab und zu. Bald wurde -die von ihrem Schatz gerufen, bald jene; dann setzte sie sich für zwei -Augenblicke neben ihn, wohl auch auf seinen Schoß, trank aus seinem -Glas und ließ sich die glühenden Wangen streicheln. - -Die schmalen Holzbänke längs der gescheuerten Tische waren dicht -besetzt. Mann reihte sich an Mann. Nur wenige Frauen waren da, die -kamen erst gegen abend, wenn das Tanzen losging und die Musik; wenn das -Vergnügen so groß wurde, daß der Boden dröhnte vom Stampfen der Füße, -Bänke umpolterten, Gläser in Scherben klirrten. - -Auf dem Platz vor der Kirche, um die paar Buden, darin Halsketten, -Fingerringe, Rosenkränze, Lebkuchenherzen und Gerstenzuckerstangen -feilgeboten wurden, trieben sich Kinder herum, große Stücke -Kirmeskuchen in den Händen, die mit Blaubeerenmus beschmierten -Mäuler begehrlich gespitzt. Es hockten auch ihrer welche auf der -Kirchentreppe, bliesen in die neuen Trompeten oder zeigten einander die -vom 'Pappa' mitgebrachten Puppen. - -Noch war die Straße feiertäglich still. Hinter den kleinen Fenstern -putzten sich die Weiber; das vom vormittäglichen Kirchgang her über's -Bett gespreizte Sonntagsgewand wurde einer eingehenden Musterung -unterzogen. Wer noch ein besseres Kleid hatte, zog's heute nachmittag -an; glücklich die, die was Neues anthun konnte, das der Mann oder der -Schatz mitgebracht. Die Haare glänzten vom Strählen mit Wasser und -Fett, die Röcke rauschten, die Gesichter waren blankgerieben, die Ohren -rot. - -Die Sonne fiel schon schräg in's Thal und malte huschende, rasch -verschwindende Goldkringel an die weißgetünchten Hauswände. - -Die sich bauschenden Röcke sorgsam gerafft, spazierten jetzt Mädchen am -Wirtshaus vorbei, immer hin und her. Kinder balgten sich um den besten -Platz vor den Fenstern, schleppten Steine herzu und Schemel, krochen -hinauf und drückten die Nasen an den Scheiben platt. - -Drinnen in der Schenkstube, die zugleich den Kramladen des Orts -vorstellte, war die Luft dick, durchwürzt vom Duft eines ganz infamen -Knasters. An den geschlossenen Fensterscheiben krochen summende Fliegen -und drehten sich oben an der Decke in surrendem Spiel. - -Man war noch ziemlich schweigsam, der erste Kirmestag verlief immer am -wenigsten stürmisch. Doch jetzt -- lautes Halloh! - -»Hä, Pittchen! Helao, Pittchen. Uf dein Spezielles, Prost!« - -Peter Miffert war eingetreten; das linke Bein etwas nachziehend, -näherte er sich langsam dem ersten Tisch. Nicht jeder reichte ihm die -Hand; er schien das garnicht zu bemerken, er hatte für alle das gleiche -halb gutmütige, halb verschmitzte Lachen. Als sie zusammen rückten, -ließ er sich auf dem schmalen Plätzchen am Ende der Bank nieder. Er -sagte nicht: »Röckt noch ebbes« -- er sagte: »Met Verlöw« und placierte -seine Beine so bequem als möglich unter dem Tisch. - -»No, Pittchen,« rief Niklas Densborn, einer der älteren, der obenan -saß, »wat schaffste? Dau giefst jao fett wie en Hammel! Dat glauwen ech -der, dau has jao aach en Läwen wie onsen Hährgott in Frankreich!« - -»Spaor dei Red,« schrie Thomas Laufeld, ein stämmiger Bursche mit -einer Stupsnase. »Dän kann dat Läwen jao bal net mieh mantenören[6]! -Kucktelhei dat Pittchen!« Er brüllte, um sich in dem allgemeinen -Gelächter verständlich zu machen, packte den neben ihm sitzenden -Miffert bei'm Handgelenk, streifte ihm den Ärmel zurück und hielt -gewaltsam den mageren Arm in die Höhe. »Kucktelhei, Haut on Knochen, ke -halw Pündche Fleisch!« - -Peter strebte, sich frei zu machen, aber ohne Gewalt, ganz sanft; sein -hübsches Gesicht lächelte noch immer. »Laoß de Dommhaaten,« sagte er -gelassen. - -Laufeld brüllte weiter, er schien einen besonderen Ingrimm zu hegen. - -»Dau thätst aach besser, dau gingst met ons uf Arweit. Wat hockste -hei bei de Fraleider?! Kuck« -- er hielt seinen fleischigen Arm neben -den dürren des Peter und schlug sich auf die herausgedrückte Brust, -daß es klatschte -- »dat es en Kerl! Dat micht de Arweit, on wann mer -net alleweil de Menscher am Schörzenzippel hängt! Dau deierlicher[7] -Schmachtlappes, dürr wie en Axstill, dein Fra haot dech wohl« -- - -»Mein Fra aus em Spill,« sagte Miffert plötzlich und machte eine kurze -Bewegung, als ob er eine Fliege wegscheuche -- da lag auch schon der -Laufeld unter der Bank, wie niedergeschmettert. - -Man half dem Gestürzten auf; ganz verdutzt stand er da und klopfte den -Staub von seinen Hosen. Die anderen lachten, einige schimpften. - -»Dürr wie en Axstill, äwer Kraft wie en Ochs,« brummte anerkennend -Niklas Densborn; und dann sich zu Miffert wendend, der dasaß, als ginge -ihn all das nichts an, sagte er vorwurfsvoll: »Et es en Schand, Peter, -dat dau net erunner maachst in die Fabrik; dau has Schlosser gelernt, -dat kömmt der lao zo paß. On guden Verdienst gitt et lao unnen; bei -owen kannste Hongerpoten kötschen!«[8] - -Miffert zog das Maul schief; er sah unbeschreiblich faul aus in der -nachlässigen Haltung, mit der etwas hängenden Lippe und dem schläfrigen -Blick unter schweren Lidern. Er sprach auch schläfrig, kaum daß er die -Zähne von einander brachte: - -»Dir wollt mech wohl pisacken?! Hei« -- er wies auf sein lahmes Bein --- »dat es mer zu schanierlich, ech kann net e su trawalljen[9] wie en -annern.« Seine Stimme wurde kläglich: »Ech haon dat Wieh im Enkel; ech -haon et met uf de Welt gebraach, lao es neist bei zo maachen!« - -»Ojeh, Alfanzerei,« schrie Mathesen Martin und schlug auf den Tisch, -daß die Gläser sprangen, »wat micht dän for Fisematenten! Wieh im Enkel --- haha, wän dat zweifelt![10] Laoß de Comedi, faules Luder! Schlaofen -on erum lungern on de Weibsbiller karessieren, dat es sein Gu!«[11] - -Miffert verzog keine Miene, er hatte die Ellenbogen aufgestützt und -guckte in sein Glas. - -»Hän es faul, faul, dat et stinkt!« - -»Jao, jao,« stimmte der vorhin zu Boden geworfne Laufeld eifrig bei. -»Faul wie de Sünd! Sitzt im Dreck on röhrt sech net!« - -»Ehnder gänn Brameln[12] Weinbeeren, als dat Pittchen arweiten duht,« -schrie irgend einer. - -Die ganze Gesellschaft stimmte zu: »Jao, Brameln gänn ehnder -Weinbeeren, hahahaha!« - -Peter Miffert lachte selbst mit, ein lautloses Lachen, das ihn aber -inwendig ordentlich stieß; er kniff die Augen zusammen und schüttelte -sich. - -»Waorom sollen ech mech e su afrackern,« sagte er dann gutmütig, »dat -Läwen es korz, mir haon nor einmaol Pläsir dervon. Wat de gaastlichen -Hähren aach saon, wat mer haot, haot mer. Uf dat, wat mer versproch -krieht« -- er lachte verschmitzt und stieß einen leisen Pfiff aus -- -»dat gilt en Dreck!« - -Die Männer sahen ihn verdutzt an. Er ließ seinen schläfrigen Blick, in -dem es zu funkeln begann, reihum gehen. - -»Wer waaß, wie bal hän verspillt haot! Ech muß en Dauer met eich haon, -ihr Leit, dat dir eich e su schindt. Awer jeden naoch senem Ehs!«[13] -Er zuckte die Achseln. - -Sie nickten betroffen. »Recht haot hän!« Auf viele Gesichter lagerte -sich ein plötzlicher Ernst; da waren Falten eingegraben, Furchen, wie -im aufgewühlten Acker, die man vorher nicht gesehn. - -»Mer moß sech schinnen, on wat haot mer dervon?« murmelte der Densborn -und ließ die Faust schwer niederfallen. - -Eine Weile schwiegen sie alle, dann sagte der Densborn mit einem -Seufzer: »Äwer et es doch emaol net anners. Hal dei dreckig Maul,« -schrie er plötzlich Pittchen an, »dau schandlusen Kerl.« - -Dieser musterte mit pfiffigem Lächeln die stumpfen Gesichter. »Mer moß -wissen, wän mer dreiwt, wann mer en Esel vor sech haot!« sagte er. - -Sie verstanden ihn nicht -- was wollte er damit sagen? Sie sahen nur -sein spöttisches Lächeln, und das genügte. Die Köpfe wurden rot, eine -gewisse Unruhe fuhr in die Beine, Fäuste ballten sich heimlich. - -Ein paar von den jungen legten sich herausfordernd über den Tisch. -»Wat? Wat? Esel --?! Esel haot hän gesaot! Wän es dän Esel? Hä, saog -dat noch ehs!« - -Ein Murren ging von einem Ende der Stube zum andern. »Esel, Esel!« -Die Füße scharrten ungeduldig, die Augen funkelten, das Murren wurde -grollender. Die schönste Prügelei schien in Aussicht. - -Martin Mathes hielt schon drohend dem Miffert die Faust unter die Nase: -»Maach!« - -Pittchen duckte sich wie eine Katze. Aus seinen tiefliegenden Augen -schoß ein versteckter Strahl, aber seine Stimme klang geschmeidig: »Wat -willste? Wat haon ech dann gedahn?« - -»Esel -- Esel! Mir wollen dech liehren, Esel saon! Dau Hongerlieder. -Saog noch ehs: Esel! Mir schlaon der alle Rippen im Leif dorch, dattste -ke Glied mieh röhre kanns!« - -»Jesses, seid dir gäckig?!« Peter that sehr verwundert. »Esel -- Esel --- wän haot ebbes von Esel gesaot?!« Er drehte den Kopf hin und her, -als ob er jemanden suche. »Su ebbes von Ausverschämtheit. Wän kann sech -onnerstiehn, ebbes von 'Esel' zo saon?!« - -Er war ganz Empörung, Erstaunen und beleidigtes Ehrgefühl. Sein Gesicht -trug den Ausdruck ruhiger Unschuld und harmlosester Verwunderung; mit -offenem Lächeln sah er einen nach dem andren an und hob dann sein Glas. -»Zogott,[14] dir sollt läwen! Ech duhen der Bescheid, Nikla! Mathes! -Thom! Zogott!« - -Zögernd stießen sie mit ihm an; sie waren ganz unsicher geworden. - -Peter seufzte und stützte den Kopf schwer in die Hand. »Jao, et es en -dreckig Welt, ech haon et bal saat! Dir haot et noch gud, äwer ech arm -Luder!« Er gähnte. »Ech kriehn neist von der Welt zo siehn. Mer hockt -alleweil hei in der buckeligen Gäjend, on de Weibsbiller sein mer bis« --- er fuhr mit dem Handrücken unter'm Kinn her -- »bis heihin!« - -Das hätte er nicht sagen sollen, mißtrauische Blicke trafen ihn; da -war besonders der Mathesen Martin, der schien ihn auf dem Strich zu -haben. Man munkelte im Dorf, dem Mathesen sein Zweiter sei dem Pittchen -wie aus den Augen geschnitten. - -»Dau Faxenmaacher,« schrie Martin. »Glauwt net, wat hän babbelt! Dän de -Fraleider saat --?!« Er lachte zornig. »Dau Filu!« Er sprang auf und -ging drohend auf Miffert zu. »Hinner jeder Diehr sticht hän, an jeder -Schörz hängt hän! Waart, ech will dech Conduiten liehren!« Rot vor Wut -wollte er sich auf Peter stürzen, dieser blieb gelassen sitzen. - -»Gemaach, gemaach, Martin,« mischte sich der Densborn ein, »laoß hän! -Mir wollen ke Streit anfänken, heit am erschten Kirmesdag. Wat willste -maachen? Wat geschehn es, es geschehn. Framenscher sein Framenscher. On -Dag on Naacht allein! Mer moß en Dauer met ihnen haon. Dän elao« -- er -wies auf den Wirt hinter'm Schenktisch -- »dän on de paor annern alden -Knackstiebel kannste doch net für voll rechnen!« - -Der alte Krumscheid hatte trotz seiner Harthörigkeit verstanden; -nun war er beleidigt. Er warf sich in die Brust und pustete die -eingesunknen Backen auf. »Dau Lausbub,« schrie er herüber, »kömmst hei -erin geschneit on willst ebbes saon? Dattste net de Blaatz kriehst -vor Eingebildhaat! Lao sein Mädercher genog, de nach mer kucken. Gäl, -Nettche?!« Er kniff eine der Kellnerinnen in die Backe. - -»Laoßt!« Das Mädchen schlug ihn derb auf die Finger. »Ech haon eweil -ebbes Schieneres zo siehn, wie su en Stück Dörrflaasch!« - -Brüllendes Gelächter dröhnte durch die Stube. - -Miffert lachte nicht mit; er schlich vom Tisch weg, um sich unbemerkt -zu entfernen. Er war schon an der Thür, da sprang ihm Mathes nach. »Hei -gebliewen,« schrie er und drängte ihn zum Tisch zurück. Peter ließ sich -drängen, er widersetzte sich nicht. - -»Kucktelhei,« schrie der andere weiter, dem schon ein Rausch zu Kopf -stieg, »dän Kalmäuser![15] Dat es dän Bock, dän mir zom Gärtner gemaach -haon! Frißt de Blumen in anner Leit's Gaarten! Äwer hol dech in Aacht, -dattste net ausgezaohlt giefs -- dein Fra, dat Zeih, dat haot Aagen im -Koap! Ech dähten er net drauen uf fünnef Schritt. In der Not frißt dän -Deiwel Fliegen; äwer laoß nor en annern kommen! -- Dat Zeih, dat es en -staatsch[16] Luder, en schnipp-schnappig[17] Mensch, dat -- --« - -Ein furchtbarer Schlag auf den Mund ließ Mathes jäh verstummen, betäubt -taumelte er zurück. - -Mit sprühenden Augen und erhobner Faust stand Miffert; nichts mehr -von schläfriger Trägheit war an ihm, ein lebendiger Mensch stand da, -mit rollendem Blut in den Adern, jede Muskel straff. In grimmiger -Wildheit biß Pittchen die Zähne aufeinander, und dann brüllte er: »Hal -dei Maul!« Seine erhobene Faust sauste nieder. »Dat es für dat 'Luder' --- on dat« -- wieder hob und senkte sich die Faust -- »dat es für dat -'schnipp-schnappig Mensch' -- on dat -- on dat -- onnerstieh dech noch -ehs!« - -Wie der Hammer auf den Ambos, so sauste die Faust nieder -- hierhin, -dorthin -- hei, waren das Schläge! Da mußten Funken sprühn und Eisen in -Stücke gehn. - -Kein Mensch hatte sich gerührt, starr vor Überraschung standen sie -alle. Aber jetzt brach's los, mit Geschrei und Fluchen sprang man dem -Mathes zu Hilfe. Pittchen wurde weggerissen; in eine Ecke gedrängt, -wehrte er sich mit Händen und Füßen. Bänke stürzten um, Gläser klirrten -zu Boden -- Schimpfen, Lachen, Drohen, Schreien, Stampfen, Fluchen, -Toben -- da -- die Thür ging auf! - -Wie erschrocknes Hühnervolk in die Ackerfurche, wenn aufscheuchende -Schüsse knallen, so fiel es in die Stube ein, mit Rauschen und Rascheln -und Schwirren -- die Weiber! Voran eine, die anderen alle durch ihre -üppige Fülle in Schatten stellend. - -»Schkandal?« rief Lucia Miffert fragend. - -Entschlossen stieß sie die vordersten bei Seite, stellte sich vor ihren -Mann und deckte ihn mit ihrer kräftigen Gestalt. - -»Wat gitt et hei?« rief sie hell. »Ruhig, Pitter! Dao haste ebbes!« Sie -teilte dem ersten, der wieder auf sie eindrang, eine Maulschelle aus, -halb scherzhaft, halb im Ernst; jedenfalls zeichneten sich alle ihre -fünf Finger auf der Wange des Getroffenen ab. - -»Dunnerkiel!« Der Mann fuhr zurück und rieb sich das Gesicht. - -»Kuckste,« lachte sie heiter, »dat kömmt dervon! Laoßt de Dommhaaten, -heit wolle mir Pläsier haon, ihr Mannsbiller!« Aus ihren schönen runden -Augen sandte sie einen vollen Blick über die ganze Gesellschaft, ihre -weißen Zähne blitzten, ihre Stimme übertönte allen Lärm. »Jesses, die -Mannsleit, e su ebbes! Haha! Haun sech wie de Könner! Hahahaha!« - -Sie wollte sich ausschütten vor Lachen; ihre gesteiften Röcke -raschelten, ihr braunrotes Sonntagskleid, das sich knapp über die volle -Brust spannte, krachte in allen Nähten. »Hahahaha!« Wieder das Lachen. -Es klang so lustig, so leichtherzig; es wirkte ansteckend, die Mäuler -zogen sich breit, alle Gesichter grinsten. Die geballten Fäuste thaten -sich auseinander oder versenkten sich in die Hosentaschen. - -Frau Lucia ersah ihren Vorteil; wieder sandte sie einen vollen Blick -umher und wiegte sich lachend in den Hüften. - -An der Thür standen die anderen Weiber zusammengedrängt, jetzt wagten -auch sie sich heran; jede packte ihren Mann unter dem Arm, die Mädchen -hingen sich an die Burschen. »Danzen! Danzen!« - -Wie gerufen tönte in der Ferne Musik. - -»Muhsik! De Muhsik!« - -Das waren die Musikanten von Manderscheid, fünf Mann hoch kamen sie -eben vom Berg herunter. Sie spielten sich selber zum Einzug was auf. - -»De Muhsik kömmt! Helao, de Muhsik!« Die Kinder auf der Straße stießen -ein gellendes Freudengekreisch aus, pfeilgeschwind rannten sie den -Fünfen entgegen, umringten sie und begleiteten sie hüpfend und -jauchzend zur Wirtshausthür. - -Unentwegt fiedelnd und blasend, zogen die Musikanten in die -Schenkstube; man ließ ihnen kaum Zeit, einen Trunk zu thun. Mit starken -Armen schleppten die Männer die Tische auf die Straße, die Weiber -rückten die Bänke längs der Wände -- nun war der Tanzsaal fertig. Der -schwenkende Rheinländer hub an, auf dem engen Platz drehten sich an die -dreißig Paare auf einmal. - -Das war ein Stoßen, Drängen und Puffen. Jeder wurde auf die Füße -getreten und trat wieder; noch keine halbe Stunde war vergangen, und -die Luft war undurchdringlich von Staub. Man konnte kaum sehen; durch -den Dunst schimmerten die glühenden Gesichter wie rote Flecke. Man -öffnete kein Fenster, nur die Thür stand offen, in dem dunklen Hausflur -tanzten auch noch welche. - -Lucia Miffert war eine begehrte Tänzerin; sie tanzte nicht leicht, man -fühlte eine volle Last, aber gerade das war schön, man wußte, was man -hatte, und sie verstärkte das noch, indem sie sich recht fest auf den -Arm ihres Tänzers lehnte. Und dabei war sie nicht stumm wie die andren -Weiber, die sich drehen ließen, immer mit dem gleichen feierlichen -Ausdruck des Gesichts. Sie schwatzte und lachte, ihre lustigen Augen -blitzten nah in die des Tänzers, ihr warmer Atem kitzelte seine Wange; -kein Wunder, daß die Männer sie immer fester und fester drückten. - -Von einem Arm wanderte sie in den andren, ihre gesteiften Röcke wurden -schlaff, das dunkle Haar hing ihr verwirrt in's Gesicht. Ihr helles -Lachen übertönte die Musik; wo sich in den Tanzpausen die Männer am -dichtesten zusammenknäulten, da stand sie. - -Dem Peter wurde zugetrunken: »Prost, dat Zeih soll läwen!« - -Mit verdrossnem Gesicht stand er hinter der Stubenthür und folgte ihr -mit den Augen. Er tanzte nicht mehr; als ein besonders helles Lachen -die Musik überschrillte, hatte er mit einer heftigen Bewegung plötzlich -seine Tänzerin stehen lassen, die er vorher, trotz seines lahmen -Beines, mit viel Gewandtheit geschwenkt. - -Die Männer tanzten mit der Cigarre im Mund, über die Schulter der -Tänzerin paffend; durch den undurchdringlichen Qualm bohrte Peter die -Blicke -- wo war sie? Mit wem tanzte sie? - -Gerade jetzt schwenkte sie der Bursche, auf dessen Wange sie vorhin -ihre fünf Finger abgedrückt; es schien dem Peter, als schmiege sie sich -besonders fest an den, als flüstre der ihr was Verliebtes in's Ohr. - -Mit einem Satz stürzte er sich auf das Paar; rechts, links im Gewühl -Püffe austeilend. Nun hatte er sie erreicht. »Gief Obacht, Zeih,« sagte -er, halb bittend, halb grollend, »danz net e su vill, ons Josefche -schreit sons de ganz Naacht!« - -»Laoß hän schreien,« lachte sie und tanzte weiter. Sie hatte seiner -nicht Acht. - -Verzweifelt ging er vor's Haus, er konnte das da drinnen nicht mehr mit -ansehen. - -Auf dem Prellstein an der Ecke saß ein altes Weib mit einem fest -eingewickelten Kind auf dem Schoß. - -»Kömmt se noch net?« kreischte sie Miffert entgegen. »Dat Könd gitt -schuns ganz blao[18] für Schreien!« - -Er beugte sich über das quiekende Bündel. Die Augen hatte das -Sechswochen-Kind geschlossen, aber das Mäulchen stand durstig offen, -immer jammerndere Laute drangen daraus hervor. - -Finster sah der Vater auf das verquollne Gesichtchen; langsam, in -Gedanken, ging er dann zur Wirtshausthür zurück. Er schickte einen -Knaben hinein. »Saog dem Lucia Miffert, et soll ehs erauskommen. -Äwer saog net, wän naoch er schickt,« schärfte er ihm ein. »Saog: et -pressiert!« - -Sie kam, die Wangen heiß gerötet, schnell atmend, mit wogender Brust -und geöffneten Lippen. Neugierig spähte sie aus. - -»Dau --?! Wat willste?« fragte sie verwundert ihren Mann. - -»Ons Josefche,« sagte er nur vorwurfsvoll und wies mit dem Daumen nach -der Ecke hinüber. Klägliches Schreien kam von dort her. - -»Jesses, ons Josefche! Dän hatt ech ganz vergäß! Mein arm Josefche!« -Frau Lucia riß der alten Frau das Bündel vom Schoß, wiegte es tänzelnd -hin und her, setzte sich dann auf den Prellstein, knöpfte ihre Taille -auf und legte das Kind an die volle Brust. - -Das hungrige Josefchen war still; sie selbst lehnte den Kopf hintenüber -an die Hauswand. Mit geblähten Nasenflügeln, schwer atmend, die Lider -halb geschlossen, lauschte sie mit verzücktem Lächeln nach der Musik im -Tanzsaal. - -Es war noch nicht dunkel genug, Peter sah die weiße Haut schimmern, die -so weich und sammetig war, wie das Fell einer jungen Katze. - -Zärtlich murmelte er: »Zeih, danz ehs met mer!« - -»Gären, e su gären,« flüsterte sie, schlug die Augen auf und sah ihn -voll an. - -»Zeih -- dau Framensch -- ech -- ech sein gäckig naoch der,« stieß -er lauter hervor, zwischen zusammengepreßten Zähnen. »Saog, datste -mech noch liew has -- Zeih, saog et!« Sein mißtrauischer Blick glitt -zwischen ihr und der Wirtshausthür hin und her. - -Sie lachte so herzlich, daß das Kind wimmerte. »Ksch -- ksch -- hahaha!« - -»Laach net!« Er stampfte mit dem Fuß und sah sie von unten herauf unter -zusammengezogenen Brauen an. - -»Jesses Maria, wat michste für en Visasch,« sagte sie heiter. -»Pittchen, ech sein eweil e su fidel! Dau wirst mer doch net dat -Pläsier verfumfeien[19]? Pittchen!« Sie streckte die Hand aus und zog -ihn zu sich heran; ihre Augen baten. »Sei net unkommod, Pittchen, et es -jao nor om en klein Verännerung zo maachen. Ech danzen aach met der.« - -»Su komm,« drängte er, »komm!« - -Er ließ ihr keine Zeit mehr; lachend schob sie der Alten das Kind in -die Arme, knöpfte ihre Taille zu, schüttelte ihre Röcke und hing sich -an den Arm ihres Mannes. - -Es dunkelte jetzt stark. Immer noch eilten Gestalten in's Wirtshaus; -unter den Spätkommenden waren auch Lorenz und seine Verlobte, die heute -zum ersten und letzten Mal Aufgebotenen. - -Bäbbi sah verweint, aber doch strahlend aus; der Bursche weniger -strahlend, mit einer gewissen gleichgiltigen Energie gewappnet. Sie -hatten heut einen schweren Stand gehabt, den ganzen Nachmittag hatten -sie bei den alten Schneidersch um die Kammer neben dem Stall gebettelt; -da sollte die junge Frau wohnen, wenn der Mann wieder über alle Berge -war. - -Noch schluckte Bäbbi an ihren Thränen, aber stolz erhobnen Hauptes ging -sie an der Hand ihres Lorenz -- wer konnte ihr jetzt etwas nachsagen?! - -In der engen Thür stießen sie mit den Mifferts zusammen, etwas unsanft -prallte Pittchen gegen die Braut. Sein Mund verzog sich, er zwinkerte -pfiffig. »Helao, dat Lenzen Bäbb! Ech dachten, et wär en Luftballon!« - -Lucia kicherte. - -Lorenz schnob ihn wütend an: »Kehr vor deiner Diehr! Duh nor net e su, -als ob dat Zeih alleweil uf 'm Extrastiehlche gesäß hätt. On dau, dau -sollst et doch sälwer wissen, dau Schörzenhänker --« - -»Still biste!« Lucia legte ihm die Hand auf den Mund. »Net e su -onmanierlich, mein Jong!« Ihre weichen, wenig verarbeiteten Finger -drückten fest und warm, jedes zornige Wort starb dem jungen Mann auf -den Lippen. - -»Neist for ongud,« murmelte er. »Laoß los, Zeih!« - -»Ech gradelieren der, Lorenz,« sagte sie freundlich; und dann sich mit -ihrem strahlenden Lächeln zu Bäbbi wendend, schüttelte sie der herzlich -die Hand. »Ech gradelieren der, Bäbb, dau sollst glöcklich gänn!« - -»Merci!« Das Mädchen brachte den Mund nicht zusammen, die Gratulation -machte ihr so viel Vergnügen. »Mir maachen kein groß Hochzeid,« sagte -sie dann wichtig, »en Stöcker fünneszehn oder zwanzig; äwer wenn dir -forliew nehme wollt, et soll ons freien!« - -»Merci!« Die Miffert knixte zierlich. »Met Verlöw, mir sein gären von -der Pardi!« - -Lorenz machte ein böses Gesicht -- hatte der Pitter nicht auch einmal -um sein Mädchen herumgeschnuppert? Die Bäbb hatte es ihm selber -erzählt. Daß ihm das nicht eher eingefallen war! Wie lang war's her? -Traue einer den Frauenzimmern! Er glaubte ein Blickewechseln zwischen -den beiden zu bemerken. Zornig riß er Bäbbi mit sich fort: »Komm doch!« - -Auch Peter sagte ungeduldig: »Komm!« Keine war doch wie seine Zeih! -Er hätte mit ihr fort mögen, dahin, wo kein ander Mensch war; keiner -sollte sie sehen, keiner sie lachen hören! - -Als er mit ihr tanzte, preßte er sie, daß ihr der Atem verging. - -Rund herum wirbelten die Paare. Immer rascher wurden die Tanzweisen, -immer wilder schwenkten die Röcke, stampften die Schuh; die -glattgeflochtenen Zöpfe lösten sich, hie und da hingen einer schon die -losen Haarsträhnen über den Rücken. - -Immer fester packten die Männer zu. Die kleine Tina hatte auch einen -Schatz gefunden. Der stupsnasige Laufeld hielt sie in den Pausen auf -dem Schoß und ließ sie aus seinem Glase trinken. - -Heute nachmittag erst hatte sich das angebandelt. Tina hatte in ihres -Vaters Garten gestanden und den Hals gereckt, als der Bursche vorüber -kam. Ihre begehrlichen Augen zogen ihn an, er blieb stehen; die Arme -auf den Zaun gestützt, sprach er zu ihr herüber. Sie war im hellen -Staat, Blumen hatte sie vor die Brust gesteckt. Lange hatten sie -miteinander geschwatzt, sie schnippisch, neugierig und verliebt; er im -Ton eines Eroberers. - -Nun war sie sein erklärter Schatz. Da konnten noch so viele kommen und -mit einem Kratzfuß bitten: »Leih mer dei Mensch!« -- nur er tanzte mit -ihr. Er war galant und bestellte Wein, Bier und süßen Likör. - -Sie trank alles durcheinander; zuletzt wußte sie nicht mehr, was sie -sprach, was sie that, sie saß unbeweglich und starrte mit glasigen -Augen vor sich hin. Da führte er sie hinaus. - -Das war kein Tanzen mehr, das war ein Rasen. Kein Takt, kein Schritt, -kein Drehen mehr, nur ein wildes Durcheinanderhopsen. Lenzen Bäbb war -mitten dazwischen. Der Lorenz war schwer betrunken, er wirbelte sie -herum, daß sie gegen alles anstießen, gegen Menschen, Bänke, gegen den -Schenktisch; zuletzt kam er mit ihr zu Fall. Kein Mensch half ihr auf; -man stolperte über sie weg, jeder hatte mit sich zu thun, keiner stand -mehr fest auf den Füßen. - -Wer noch gehen konnte, stahl sich mit seinem Schatz zur Thür hinaus. -Ein Paar nach dem andren schlich um die Regentonne an der Stallwand, -hinein in's dunkle Heckengäßchen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Und weiterhin die nächtlichen Felder in Tau und ahnungsvoller -Dämmerung. Eine unendliche Reinheit ist in der Luft, eine unendliche -Reinheit am Himmel; die Sterne funkeln in überirdischer Klarheit, ehe -sie erbleichen. Unendliche Reinheit weht über die Berge, unendliche -Reinheit steigt zu Thal. Mit angehaltenem Atem lauscht die Natur und -schauert und bebt vor der unendlichen Reinheit des Morgens. - -Horch! Im Dorf der erste Hahnenschrei! Er klingt wie eine Fanfare, wie -ein Trompetenstoß zum Beginn neuer Lust. Der zweite Kirmestag bricht an. - - - - - III. - - -Es ist früh am Morgen, die Sonne noch nicht aufgegangen, nur über den -Bergen im Osten rötet sich schwach eine Wolkenschicht. Grau liegt das -Thal; von Frühnebel die Wiesen überwogt, wie von wallendem Wasser. Die -Hähne schreien sich heiser, Hunde schlagen an. - -Ganz fern am Horizont blinkt noch ein Stern, ein schwaches Abbild -früheren Glanzes. Drei Uhr. - -So früh ist man sonst in Eifelschmitt nicht auf den Beinen. Heut -klappen alle Thüren; Weiber, notdürftig bekleidet mit Hemd und -Unterrock, eilen hinaus in den grauen Morgen zum Brunnen. Feucht geht -es nieder, als hätte es geregnet; die niedrigen Scheiben der Fenster -sind dick angelaufen. - -Aus jedem Schornstein kräuselt schon Rauch und steigt mühsam durch die -schwere Luft zum farblosen Himmel. - -Mit finster durchfurchten Stirnen stehen die Frauen am Steinherd -und kochen den Kaffee; unter'm hängenden Kessel schwehlt das feuchte -Reisig, der Dampf beißt in die Augen, daß sie weinen. Die Küche ist -kalt, das Herz schwer wie Blei. - -Drinnen im Ehebett liegt noch der Mann und wälzt sich in den Federn; -er kann gar nicht herausfinden, der Kopf ist ihm schwer vom letzten -durchzechten Abend. Er stöhnt und flucht. - -Wie Gespenster schleichen die Weiber herum, blaß, übernächtig, -hohläugig; die blühendste Wange ist heute bleich, der lachendste Mund -schmerzlich verzogen. Langsam tappen die bei der Kirmes müde getanzten -Füße. - -Der letzte Morgen! - -Rasch, rasch, die Zeit vergeht! Noch haben sie weit zu wandern, und -die Eisenbahn wartet nicht. Mit vor Hast ungeschickten Händen hilft -die Frau dem Mann in die Kleider; Zärtlichkeiten werden nicht mehr -getauscht, die haben sich erschöpft in den paar Tagen -- und wozu auch? -Er geht jetzt fort in die weite Welt, und sie bleibt sitzen im engen -Thal. So ist's nun mal! Mit der gewöhnlichen Alltagsstumpfheit nimmt -man schon wieder sein Geschick auf sich. - -Die kleinsten Kinder nur schlafen noch, die größeren bringen Hut und -Stock und stecken dem 'Pappa' noch ein Brot und ein Stück altbacknen -Kirmeskuchen in's Bündel; sie wagen nicht zu sprechen, der Vater ist -unwirsch, die Mutter haut beim geringsten Lärm zu. - -Still, still! Als wäre ein Toter im Haus, so schleichen sie; winselnd -schnuppert der Hund herum und drückt sich dem Herrn an die Füße. -- - -In der Kammer der jungen Schneiderschen Eheleute brannte noch das -Lämpchen; es war so dunkel hier neben dem Stall, nicht Licht noch Luft -kam durch das schmale Fensterchen. - -Bäbbi wankte vom Herd zum Tisch, vom Tisch zum Bett, vom Bett zum -Schrank, immer vergaß sie noch etwas. Nackt und kahl engten die -rotgetünchten Wände die dürftige Kammer ein; wirr glitt ihr Blick -darüber hin, ein Grauen kam sie an, -- und war's gestern nicht noch -hier wie ein Paradies?! - -Sie war das rasche Abschiednehmen vom Ehemann noch nicht gewöhnt; vor -zwei Tagen war erst die Hochzeit gewesen. Schluchzend sank sie auf den -Schemel am Tisch: »Wanneh kömmste widder?!« - -Lorenz saß ihr gegenüber, die Ellbogen aufgestemmt, und stierte in -seinen dampfenden Kaffeenapf. »Kreisch net, Bäbbi,« sagte er endlich; -aber es würgte ihn selber in der Kehle, seine Stimme war beklommen. - -Sie sagten nichts mehr. - -Die bunte Wanduhr in der Ecke tickte, der Zeiger rannte rasend schnell --- schon zeigte er beinah vier. Eine fahle Dämmerung schlich durch den -düstren Raum; Bäbbi pustete in das Lämpchen, daß es stinkend erlosch. - -»Eweil giehn ech,« sprach er und stand auf. - -»Noch net!« Sie hing sich an ihn, von einer verzweifelten Angst erfaßt. -»Dau has noch Zeid, bleiw« -- krampfhaft packte sie seine Hand -- -»bleiw noch ebbes!« Sie schrie laut auf: »Nor ein Minut!« - -»Nä!« Er machte sich los. »De anneren waarten!« - -»Ech siehn dech gewiß net widder -- Jesses Mari Juseb -- ech graulen, -wann ech stärwen moß!« - -»Dommhaaten!« Mit verzognem Mund versuchte er zu lachen. »Haal dech -gesond, on schreiw bal, hörste?! Adjes, Bäbb!« Er setzte sich den Hut -auf und griff nach seinem Bündel, mit dem freien Arm zog er sie an -sich. »Jesses, Bäbbchen, kreisch net e su! Bäbbchen, biste gäckig?! -Bäbbche, mei liew Bäbbche!« - -Wütende Küsse brannten auf seinem Mund, glühende Thränen flossen auf -seine Wange, zitternde Arme hielten ihn umklammert. Mit Gewalt machte -er sich endlich los. - -Ganz benommen taumelte er zur Thür -- noch ein Blick zurück, noch ein -Kopfnicken -- nun stolperte er über die Schwelle. Nun war er fort. - -Sich aufbäumend stand das junge Weib in der Kammer -- da, horch! -- -noch einmal seine Stimme! Er nahm Abschied von Vater und Mutter. Jetzt -eilende Tritte -- jetzt nichts mehr! - -Mit furchtbarem Schreien warf sie sich vor der Bettstatt auf die Kniee -und verbarg das Gesicht in dem noch warmen Kissen. -- - -Am Wirtshaus trafen sie sich alle; Lorenz war der letzte. Sie foppten -ihn, daß er sich nicht hatte trennen können. Auch viele Frauen und -Mädchen waren hier, die den Männern das Geleit geben wollten; mit -verstörten Gesichtern und fröstelnd standen sie umher. - -Oben, längs der Chaussee, auf der Höhe von Schwarzenborn, stand ein -Busch, wie ein Haarschopf auf kahlem Scheitel; das war die Grenze, -soweit gingen sie immer mit. Da war schon manche Thräne auf den nackten -Felsgrund gefallen, und der einsame Busch hatte wie eine dornige Wand -letzte Umarmungen versteckt. - -Niklas Densborn kommandierte zum Abmarsch, es war hohe Zeit. Noch -ein Schluck aus der Branntweinbuttel, die der Krumscheid in die Runde -reichte, und dann: -- »Voran gemaach!« - -Seine Frau am Arm ging der Densborn voran. Die Kathrine hatte schon -manches Mal Abschied genommen, die verzog keine Miene. Bald war ihr -ältester Sohn fünfzehn, dann wanderte der auch mit; 's war Zeit, daß -der fortkam. - -Trapp -- trapp -- -- --. Hart tönen die Schritte auf dem holprigen -Dorfpflaster. Trapp -- trapp -- das klingt wie Hammerschläge auf einen -Sargdeckel. - -Haus nach Haus vorüber; verödet bleiben sie alle zurück. Leer sind die -Gärtchen, thränenschwer nicken die Blumen am Zaun. -- - -Stumm schreiten sie die Straße gen Schwarzenborn hinan. Alle Gesichter -sind grau, alle Blicke trüb, traurig suchen sie den Himmel -- oben auf -dem Scheitel des Berges ragt der einsame Busch. Eine gelbliche Helle -ist um ihn, die ihn dunkler erscheinen läßt, fast schwarz; scharf hebt -er sich ab vom weiten Hintergrund des Himmels. - -Und dieser Hintergrund färbt sich röter und röter; die wie träumend -hingelagerte Wolkenschicht belebt sich, bewegt sich, wird durchschossen -von rosenfarbnen Bändern, von goldnen Linien, von feurigen Blitzen. -Alles Grau der Wolken ist schon verdrängt. Eine Flamme loht auf, voll, -stark, groß -- riesengroß -- sie leckt himmelan mit gierigen Zungen, -mit Windesschnelle greift sie um sich; auf dem Gipfel des Berges -entfacht, schlägt ihre lodernde Glut höher und höher, breitet sich -weiter und weiter. - -Der Busch ist eine Fackel; jeder Zweig ist feurig durchglüht, jeder -Dorn, jedes Blatt. - -Er brennt, er brennt! Der ganze Berggipfel brennt! Der Himmel brennt! - -Ein Riesenbrand ist entglommen, staunend schauert die Erde; ein -Feuervorhang verhüllt den Himmel -- da -- jetzt -- jetzt hebt er sich, -er zerteilt sich! Ruhig, in majestätischer Größe schwebt ein Ball empor -hinter'm Felsgrat, eine goldne Scheibe, eine Welt voll Glanz -- die -Sonne! - -Über Schwarzenborn stand die Sonne; und sie wanderten mitten hinein in -die Flut von Licht. Der Goldglanz fiel auch auf die grauen Gesichter; -die der Männer erhellten sich, die Frauen bedeckten die Augen mit der -Hand. - -»Voran gemaach,« rief der Densborn und hob mahnend die Hand. »De Sonn'!« - -Und Lorenz stimmte den 'Abschied' an; er mußte singen, da saß was auf -der Brust und in der Kehle, das mußte weg. - -Er schmetterte der Sonne entgegen: - - »Der, der, der, on der Abschied fällt mir schwer! - On die, die, die, on die Abreis' noch viel mehr! - Also fällt mir dieser Trost noch ein, - Ech kann net immer an einem Ort sein, - Mein Glück muß ech probieren, - Marschieren!« - -Sie sangen alle mit: - - »Hinaus, hinaus, zum engen Thal hinaus! - Wir haben hier gehauset im besten Saus und Braus; - Wir wünschen euch zu guterletzt - Ein andern, der die Stell ersetzt, - Damit sei'n alle Wunden - Verbunden!« - -Gegen den Schluß fiel der Gesang schon etwas auseinander; die Weiber -schluchzten, der einsame Busch war nah. Da war manch einer, der ein -wenig zurückblieb und die Seine auf offener Straße umfing. - -Die junge Tina hing Thomas Laufeld am Hals; er hatte sie in den -Chausseegraben, hinter ein vorspringendes Stück Fels gezogen, da küßte -er sie noch ordentlich ab. Die Augen funkelten ihr im Kopf, bei ihren -Küssen biß sie, bei ihren Umarmungen kniff sie; immer, wenn sie ihn -schon losgelassen hatte, stürzte sie sich noch einmal auf ihn. - -Ihre kleine Schwester, die mitgelaufen war, zog sie am Rock: »Komm ehs, -Tina!« - -»Frech Dingen!« Ein Schlag brannte auf der Wange der Kleinen, aber -diese ließ nicht nach, sie zerrte die andre am Rock, dabei spitzte -sie den Mund und lächelte den Burschen an: »Adjes, Thomas!« Der küßte -zuletzt das hübsche Kind auch noch. - -Die Kathrine Densborn reichte ihrem Mann nur die Hand, dann machte sie -das Zeichen des Kreuzes. - -»Jesus! Maria! Josef! Datste gesond widder kömmst! Zu Weihnacht -- -vergeß net! -- für ons Trautche en Kleid von Kottong,[20] sechs Ehlen --- äwer, dat de Farf net schanschört![21] On für mech en Gedrucks, elf -Ehlen, et es nor fünnef Viertel breit. Adjes, Nikla!« - -»Adjes, Kättche! -- Hä, allons,« schrie der Densborn. - -Lorenz wandte sich noch einmal zurück und schaute in's Thal hinunter; -er schwenkte seinen Hut, eigentlich war ihm nun schon ganz leicht um's -Herz. »Adjes, Bäbb,« murmelte er, und dann pfiff er hell. Da lag die -Welt, sonnbeschienen, vor der Arbeit scheute er sich nicht, Pläsier -gab's auch, zu Weihnachten kam man schon wieder nach Hause -- warum -denn grämen?! - -Küsse, Umarmungen, Abschiedsblicke, Abschiedsworte. »Adjes, bring mer -ebbes Schienes met!« -- »Schreiw als bal!« -- »On dau aach!« -- »Bleiw -gesond!« -- »Grüß ons Könner!« -- - -Händeschütteln, Nicken, Winken. Trapp, trapp, fort geht's! Trapp, -trapp! Hohl verklingen die Schritte, hinter der nächsten Erdwelle sind -die Männer verschwunden. - -Allein. -- Da standen sie nun um den einsamen Busch, eine verlassene -Herde. Der herbe Morgenwind wehte scharf über's kahle Plateau; er -blähte die Röcke der Frauen, daß sie flatterten wie Flaggen, in der Not -gehißt. - -»Eweil sein se weg,« sagte eine und starrte trübselig hinter den -Entschwundenen drein. - - - - - IV. - - -Peter Miffert saß vor seiner Thür auf dem Bänkchen. Die Beine hatte -er weit von sich gestreckt, die Hände hielt er in den Hosentaschen; -behaglich schabte er den Rücken an der sonndurchwärmten Hauswand. - -Still war die Luft, sehr heiß; zwischen den Bergwänden hatte sie sich -gefangen und kochte und brütete da, wie in einem Kessel. Kein Windchen -rührte sich, die Bäume regten kein Laub, lautlos schlängelte die Salm -ihr sehr schmal gewordenes Silberband gen Himmerod hin. - -Hier herauf zur letzten Hütte, abseits von allen übrigen, drang kein -Ruf, kein einziger Hall. Im Sonnenbrand lag weiter unten das Dorf, ohne -Leben, wie versunken in einen Märchenschlaf; seine kleinen, weißen -Häuser, blendend im flimmrigen Licht, duckten sich scheu im engen -Thälchen. - -Peter dehnte und rekelte sich; dann saß er ganz still, die schweren -Lider fielen ihm noch tiefer über die Augen, die Mütze rutschte ihm -bis auf die Brauen, er gähnte, daß man seinen allerhintersten Zahn -sah. Willenlos wackelte sein Kopf nach der linken, nach der rechten -Schulter, dann sank er ihm auf die Brust. Pittchen schlief. -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- - -Frau Zeih war heut nicht zu Hause; ein Reisender in Knöpfen, Litzen -und Kleiderstoffen hatte das Dorf passiert, auf dessen Wagen war sie -in aller Frühe mit dem Kind zu ihren Verwandten nach Manderscheid -gefahren. Sie hatte die Gelegenheit benutzt. - -Peter hatte sie vor's Wirtshaus gebracht und abfahren sehen, hatte dann -beim alten Krumscheid einen gekippt und war dann langsam nach Hause -geschlendert, um die Ziege und die Hühner zu füttern. Eben wollte er -sich von dieser Anstrengung erholen, da kam der Hubert, der Enkel vom -alten Steffes, gerannt; der Pflug war nicht in Ordnung, die Stoppel -sollte gepflügt werden, es pressierte! - -»Gieh nor als voran, ech kommen e su bal als ech kann,« sagte Pittchen -wichtig und schob den kleinen Boten zur Thür hinaus. Dann lachte er in -sich hinein -- das sollte ihm fehlen, bei der Hitz sich auch noch mit -Arbeit echauffieren! Morgen war auch noch ein Tag, vielleicht war's da -kühl genug. - -»Uf, dat es en Strawatz!« Er riß das Hemd auf der Brust von einander -und warf sich querüber, mit den Stiefeln, auf das noch ungemachte Bett. -Mit schläfrigen Augen starrte er zur niedrigen Decke auf, die der Rauch -schwarz gebeizt hatte, an der die Spinnweben in langen Festons hingen, -und dachte an seine Frau. Donnerwetter, sah die staats aus, als sie -bei dem Reisenden auf dem Wagen saß. Wie 'ne Dam'! Ihr bestes Kleid -hatte sie an, auf Kleider hielt sie was; wie lange lag sie ihm schon -in den Ohren, um ein neues! Und einen Hut hatte sie auf, den hatte sie -sich zurecht gestutzt mit allen möglichen Bandschnippelchen; halbe -Tage konnte sie sitzen und an so was herumputzen. Aber wie stand ihr -der auch! Unter dem Strohrand mit den blauen und roten Schlupfen lag -das dichte Haar schön wellig an den Schläfen; bis auf die Augenbrauen, -die wie ein dunkler Strich über die lustigen, hellen Augen zogen, hing -es in glänzenden Kräuseln. Dem Reisenden war auch das Wasser im Mund -zusammengelaufen, das hatte der Peter wohl bemerkt. - -Kotzdonner, war er nicht ein großer Esel, daß er die Zeih mit dem -fremden Mannskerl allein fahren ließ?! - -Er zog die Stirn kraus; in einer ärgerlichen Unruhe sprang er auf -- da --- es klopfte schon wieder! - -Die Thür ging auf; ohne ein 'Herein' abzuwarten, steckte Tina Pötsch -den Kopf in die Stube. Schlau lächelnd sah sie sich um. - -»Es dat Zeih net derhäm?« - -»Nä!« Er sagte es ziemlich grob; sie kam ihm ungelegen, er hatte so -viel nachzudenken. - -Wie ein Kätzchen schlich sie sich näher, ihre Augen funkelten. »Es dat -Zeih metgemaach bis nao Manderscheid?« - -Woher wußte sie das? Er sah sie verwundert an. - -Sie sagte nichts, aber ihr Lächeln verriet sie. Aha, die hatte -aufgepaßt! - -Sie stand vor ihm, den Kopf zur Seite geneigt, und blinzelte ihn an. Er -konnte nicht umhin, sie hübsch zu finden; das helle Kopftuch stand ihr -gut zu dem bräunlichen Gesicht, einen Mund hatte sie, so rot wie eine -Kirsche. - -»Wolltste ebbes vom Zeih?« fragte er viel freundlicher. - -»Nä, von Eich,« sagte sie keck, hob ihren Rock auf und krabbelte lange -in der Tasche ihres Unterrocks. Dabei wandte sie keinen Blick von ihm -und lächelte ihn an mit ihrem Kirschenmund. - -Endlich brachte sie ein kleines Packetchen zum Vorschein, mit spitzen -Fingern wickelte sie die Zeitungspapierfetzchen auseinander. Ein -Schmuckstück war darin, ein vergoldetes Kreuzchen, die Gestalt Christi -als winziges Püppchen hing daran. - -»Kuckt!« Sie legte es vor ihn hin und beugte sich zugleich über seine -Schulter. - -Er nahm es prüfend in die Hand; das Kreuzchen war verbogen, unten ein -Stück abgebrochen. »Wat sollen ech dermit?« - -»Heil maachen!« - -»Dat kann ech net.« - -»Ojeh« -- sie lehnte sich von hinten her fest an ihn -- »wän dat -zweifelt! Se saon, Ihr seid e su gescheidt, Ihr haot dat Tolent, Ihr -könnt ales maachen!« - -»Laoß mech gewärden[22],« brummte er. - -»Dat Pittche haot heit kei gud Schur[23],« lachte sie. »Schnauzt mech -doch net e su ahf!« Sie griff über seine Schulter nach dem Kreuzchen -und streifte dabei zart seine Wange. »Kuckt, lao maacht Ihr ebbes Neies -dran -- wupptich, su schnell wie gespauzt[24] -- ons Hährgöttche es -färdig!« - -»Dau Fladdiererin,« schmunzelte er und strich ihr die Wange. »Saog ehs, -Mädche, von wem haste dat Hährgöttche? Von deim Schatz?« - -»Nä, nä.« Sie that sehr verschämt. »Ech haon ken Schatz. Ech sein eweil -noch vill zo jong!« - -»Hm, hm.« Er betrachtete sie interessiert. »On dän Thomas Laufeld -- -no?!« Er kniff sie augenzwinkernd in den Arm. - -Sie schlug ihn auf die Finger. »Autsch! Bah, dän domme Jong.« Sie warf -die Lippen auf. »Eweil es dän weit weg, waaß Gott, wat dän micht! Et -gitt'r aach noch annere -- haha!« Sie lachte hell und neigte sich ganz -zu ihm hinüber. - -»Dao haste rächt in,« stimmte er zu. - -Sie gefiel ihm immer besser, er begriff nicht, daß er nicht längst mit -der Tina angebändelt hatte; so jung wie die, war keine von den andren --- und Augen hatte sie! Da kam selbst die Zeih nicht gegen an. Die -hier hatte brennende Zündhölzchen im Kopf, mit denen flackerte sie ihm -in's Gesicht, als wollte sie sagen: 'Brenn dich an; ich brenn' schon -lichterloh!' - -»Dau Racker,« sagte er, zog sie an sich und küßte sie mitten auf den -Mund. - -Sie erwiderte seinen Kuß, und dann kicherte sie: »De Katz es net zo -Haus, eweil haon de Mäus frei danzen! Dat Zeih --« - -»Dat Zeih,« unterbrach er sie rauh; es schien, als wolle er das Mädchen -von sich drängen. - -»Ojeh,« kicherte sie, »dat Zeih werd sech aach schuns amesieren, dän -Hähr waor e su onöwel net!« Sie sah ihn von der Seite an. »Puh, maacht -ken e su garschtig Visasch -- köß mech, sons kössen ech dech!« - -Sie warf sich ihm so stürmisch an den Hals, daß er hintenüber auf einen -Schemel fiel. Ihre brennenden Augen sahen ihm gierig in's Gesicht, -ihre Lippen schimmerten blutrot über den spitzigen Zähnchen -- das -war die junge Katze, die erst kürzlich das Rauben gelernt, auf deren -Zungenspitze noch der Blutgeschmack des ersten Fraßes schwebt und sie -lüstern auf neuen macht. - -Sie saß auf seinem Schoß, ihre Arme umstrickten ihn fester, fester. Er -dachte nicht daran, sich zu wehren. Junger Most berauscht am meisten; -und dazu kam die geschmeichelte Eitelkeit. - -Es war ein heißes Schäferstündchen in der schmutzigen Stube unter -der rauchgeschwärzten Decke. Das Herrgöttchen lag am Boden, achtlos -trat Tinas Fuß darauf; der goldne Zierrat knirschte unter dem -nägelbeschlagenen Schuh. Sie achtete es nicht, sie hörte auch nicht das -Huschen unter'm Fenster und das Kraspeln auf der Schwelle. - -Jetzt öffnete sich die Thür spaltbreit, grade weit genug, daß Tinas -Ebenbild, Schwester Billa, den Kopf hereinstecken konnte. Ihre -altklugen Kinderaugen sahen alles. Mit einem Wutschrei fuhr Tina auf, -Peter stand sehr betroffen. - -»Dau sollst erunner kommen.« Billa riß die Thür sperrangelbreit auf. -»Äwer tutswit[25]!« - -»Maach, datste weg kömmst,« schrie die andre und ballte die Faust. - -»Bäh.« Billa streckte ihr die Zunge heraus und rannte dann fort mit -Geschrei, den Weg zum Dorf hinunter. »Ech waaß ebbes! Helao, ech saon -et, ech saon et!« - -Tina wie eine Furie hinterdrein. - -»Kreizgewieder!« Pittchen sah ihr verdutzt nach; Hören und Sehen war -ihm vergangen. - -»En hongrig Laus beißt am stärksten,« brummte er, und dann schloß er -seine Thür. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, es war ihm sehr warm -geworden. - -Er hockte sich auf den Schemel und stützte den Kopf in die Hand. -- -'Dat Zeih werd sech aach schuns amesieren!' Jetzt, wo er wieder zur -Besinnung gekommen, peinigte ihn der Gedanke: 'Wo war die Zeih jetzt? -Was trieb sie?' - --- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Da -- »Kreizdunner,« fluchte er -- schon wieder Klopfen! - -Ei, da kam die Mutter vom Hubertche selber, die junge Frau Steffes, die -allein mit dem alten Großvater hauste; der Mann war unten in der Fabrik. - -»Ech haon als ons Hubertche geschickt,« stammelte sie atemlos und -setzte sich auf einen Schemel, »wollt Ihr net kommen?« - -»Gewiß, gewiß,« versicherte er. Die Annemarie Steffes war eine hübsche -Frau, keine von den großen, aber munter und wohlgeformt wie eine -Wachtel. - -»Et es pressant,« sagte sie und legte die Hand auf die heftig wogende -Brust; gelaufen mußte sie sein wie der Wind, sie war hochrot und -keuchte. - -Und doch schien es ihr jetzt nicht zu eilen; behaglich sah sie sich um -und musterte die armselige Stube. - -»Dat Zeih es net zo Haus?« sagte sie dann. - -»Nä.« - -»Et es nao Manderscheid?« - -»Jao.« - -»Duh kömmt et wohl erscht diesen Awend widder?« - -»Jao.« - -»Jesses, on dir haot niemand, dän Eich ebbes for zo äßen kocht! Nä, -su en Fra, läßt dän armen Mahn ganz allein!« Sie schlug die Hände -zusammen. »Es et menschenmiëlich?!« - -Er nickte, es that ihm wohl, bemitleidet zu werden, während seine Frau -mit dem Reisenden durch den einsamen Wald fuhr. Ja, die Zeih, die ließ -ihn schön im Stich! Aber wart, das wollte er der eintränken! - -»Su en armen Mahn,« rief die Steffes wieder, sie konnte sich gar nicht -beruhigen. »Äwer waart, ech duhn Eich ebbes schicken; oder -- Pittchen, -wißt Ihr wat? Kommt bei ons, mir haon heit ebbes extra Feines: -Grombieren met Griewen on Kaabes! On en Flasch Bitburger spendieren ech -aach derzu!« - -Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, so gut hatte er lange nicht -gegessen. - -»Kommt nor,« sagte sie dringend und kam auf ihn zu. - -Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, und dann legte er -den Arm um ihre Taille und zog ihre Gestalt an sich. »Dat es net zo -veraachten,« seufzte er. - -Sie spitzte den Mund und lehnte sich an ihn. »On des Dauner Käs haon -ech aach noch derhäm!« - -Donnerwetter, Dauner Käs! Den aß Pittchen für sein Leben gern. Dauner -Käs! Er drückte ihr einen Kuß auf den Mund, daß es schallte. Sie küßte -wieder. Kuß auf Kuß. Sie packte ihn beim Kopf, sie war heiß und rot, -ihre Hitze steckte ihn an -- da -- sie schreckten auseinander. - -Von der Thür her sagte jemand: »Met Verlöw,« und die Kathrine Densborn -stand mit spöttisch verzognem Mund in der Stube. - -»Exkusört! Ech kommen wohl onpaß bei der schienen Onnerhaalung? Ech -haon gekloppt on gekloppt!« - -Sie warf einen verächtlichen Blick auf die kleine Steffes. - -»Dau has wohl kein Ohren mieh?! Dein Könner kreischen, dat mer se -hunnert Schritt weit hört. Dat Sußche es de Trepp erunner gefaal, dän -Jakob on dän Jobann haun sech. Dat Hubertche haot met Steiner naoch ons -Äppeln geschmiß, duh haot em ons Hannickel ordentlich de Bux verwixst; -eweil haste ebbes zo flicken!« - -»Jesses Maria!« Die Steffes rannte zur Thür, auf der Schwelle drehte -sie sich noch einmal um: »Komm dau mer ehs, dau ale Schatehk!« - -Die Densborn lachte grimmig. »Dau denkst: 'Besser half geleiert, als -ganz gefeiert' -- dech kennen ech nau, dau mannsdoll Mensch! Waart, ech -schreiwen deim Mahn e Briefche, dat hän sech net hinner dän Spiegel -sticht!« - -»O dau -- dau --« Die Steffes wollte noch etwas sagen, aber die -Densborn schob sie über die Schwelle und krachte die Thüre zu. - -»Gemaach, gemaach,« sagte Peter; er war ärgerlich, die junge, saubere -Frau war ihm bei weitem lieber, als die starkknochige ältliche. - -Entrüstet wandte sich die Kathrin gegen ihn. - -»Ech moß mech siehr wonnern, dat Ihr Eich met su aner inlaoßt! Duh es -dat Zeih doch en anner Persohn, su alert on freindlich on artlich im -Omgang, on de Schienste weid on breid!« - -Sie lobte die Zeih über alle Maßen. Peter war ganz verdutzt, er hatte -nie geahnt, daß die da was von der Zeih hielt -- im Gegenteil. Aber es -schmeichelte ihm gewaltig, daß die angesehene Densbornin seine Frau -lobte. - -Er lächelte und strich sich den Schnurrbart. »Womit kann ech ufwaarten, -Fra Densborn?« - -Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und der zu Leder verbrannten -Haut schmunzelte. »Ech wollten Eich nor fraogen, ob Ihr net e su gud -sein wollt, on mer de Adreß an dän Densborn schreiwen, ech haon net -e su en schien Handschriwt. On de annren hei sein e su ongebildt, se -können net emaol ihren eignen Naomen schreiwen, dat mer hän läse kann. -Hei!« Sie zog ein Briefcouvert aus der Tasche, hinten sorgfältig mit -Siegellack verklebt; der Fingerhut hatte als Petschaft gedient. - -»Nä, wat Ihr geliehrt seid,« sagte sie bewundernd, als er die Adresse -schrieb und noch einen kecken Schnörkel unter das 'Densborn' zog. »Ihr -könnt besser, wie dän Hähr Lährer zo Oberkail; äwer dat es aach schuns -e su en Alden, de Alden sein for neist mieh notz. Wat bin ech Eich -schullig, Pittchen?« - -»Neist, neist,« beeilte er sich zu versichern; er war immer galant, -wenn er sich dabei nicht allzusehr anzustrengen brauchte. - -»Merci, merci! Kommt doch ahf on an, on drinkt e Dröppche; von meim -Bruder onnen an der Musel hammer noch e Fäßche im Keller.« Sie drückte -ihm die Hand und sah ihn dabei an mit breitgezognem Mund und sanften -Blicken der sonst so strengen Augen, daß ihm ganz bänglich wurde. Er -war erleichtert, als sie ging. - -Aber noch hatte er keine Ruh, das Gelauf nahm kein Ende. - -Da waren noch mehrere gekommen, die schwarze Vrun, die blonde Leis, -und zuletzt des Mathesen Martin Frau, die Traut; die hatte über ihren -Mann geklagt, daß sie der schimpfe und mit Eifersucht quäle, sie hatte -geweint und geschluchzt und Pittchen an 'früher' erinnert. - -Mit der einen lachen, die andere trösten und -- alle karessieren, das -war ein bißchen viel verlangt! Pittchen schwirbelte der Kopf, er war -ganz abgemattet; kein Wunder, daß er nun vor seiner Hüttenthür saß und -schlief. -- - -In der heißen Mittagsluft summten honigbeladene Bienen, ein starker, -fast strenger Geruch stieg von den Wiesen um die Salm auf; sie standen -hoch im Gras, längst that ihnen das Mähen not. - -Auf den Äckerchen an den Hängen schimmerten weiße Kopftücher, wie -hellere Flecken auf blaßgelblichem Grund -- da schafften jetzt die -Weiber. - -Aber keine Sense blitzte und legte in langen Schwaden das Korn nieder; -die Weiber rutschten auf den Knieen und schnitten den Roggen mit der -Sichel, wie man Gras schneidet. Sie arbeiteten hart, der Schweiß rann -in Strömen; das Hemd klebte, naß zum Auswinden, am Leib, die braunen -Beine, von den Stoppeln zerkratzt und zerstochen, steckten nackt -unter'm kurzen Rock. - -Kein Mann zwischen den Arbeitenden; nur hier und da saß so ein Alter -am Grasrain, als Aufseher, und stopfte sich die Pfeife, oder ein paar -halbwüchsige Jungen hetzten mit 'Hot und Hahrüh' eine magere Kuh, die -mühsam den Pflug durch die Stoppel schleifte. - -Glühend heiß der Sonnenprall an die steilen Wände; mager, mager die -Erdkrume, darunter harter Fels. Erbärmlich das Getreide; in winzigen -Mandeln stand es da, dünn im Stroh, gering in der Ähre. - -Auch Bäbbi war bei der Arbeit. »Jesses,« sagte sie und richtete sich, -schwer atmend, aus ihrer gebückten Stellung auf. - -Die alte Schneidersch, die hinter der Schwiegertochter das Korn -raffte, keifte: »Voran gemaach! Sei net e su faul!« - -»Ech kann net mieh!« - -»Ech kann net mieh,« äffte die Alte nach. »Hammer dech dafor in de -schiene Stuw einloschiert? Hei gieft net gefaullenzt! Mir haon ke Gäld, -om onnötze Mäuler zo fudern!« - -Bäbbi verbiß die Thränen; es wollte sich ihr wie ein Schrei aus der -Kehle ringen: 'Wenn das der Lorenz wüßt'!' - -Aber sie schwieg, mit der Schwiegermutter war nicht gut Kirschen -essen. Neulich, als der Lorenz Geld geschickt, hatte die es wie -selbstverständlich an sich genommen; der jungen Frau, die schüchtern -ihr Teil verlangte, wurde grob über den Mund gefahren. - -Lenzen Bäbb hatte keinen Anhang, ihre Eltern waren tot. Der alte -schwachköpfige Lenzen-Ohm, bei dem sie halb als Tochter, halb als -Magd gewohnt, hatte ihr das, was er ihr vermacht hätte, zur Hochzeit -ausgezahlt; nun war das verjubiliert, kaum für die notwendigsten -Anschaffungen war etwas geblieben. - -'Wenn er doch hier wäre! Wenn er bald wiederkäm'!' Das war der -Stoßseufzer, der sich stündlich von Bäbbis Lippen rang; mit einer -verzehrenden, krankhaften Sehnsucht gedachte sie seiner, Tag und Nacht. -Schwer wie die Bürde ihres Leibes, schleppte sie ihr Leben hin. 'Wär' -er nur wieder da!' - -In der Ecke ihrer Kammer machte sie mit Rötel jeden Abend einen Strich -an die Wand -- wieder ein Tag vorüber! Noch hundertzwei Tage, dann kam -er! - -Die Sichel in der Hand, auf den Knieen liegend, starrte das junge Weib -traumverloren in den blendenden Sonnenflimmer. - -Nebenan auf der Stoppel pflügte die Tina Pötsch. Sie hatte ihre beiden -jüngeren Geschwister, den dreizehnjährigen Karl und die vierzehnjährige -Billa in den Pflug gespannt; nur wenige im Dorf konnten sich den -leisten, die meisten arbeiteten den Acker mit der Hacke um. Stolz -schwang sie die Peitsche, mit einer besonderen Wollust hieb sie sausend -durch die Luft. Das Schnurende traf Villa am Hals, mit einem Aufschrei -drehte die sich um. - -Tina lachte. - -»Waart, dau frech Dingen,« kreischte die jüngere wütend. - -Tina lachte noch immer. - -»Hü, hott, meine Peerdches!« - -»Ech sein net dein Peerd!« Billa warf sich in der Furche nieder. - -»Hü, hott! Willste ziehn?!« - -Sie blieb halsstarrig in der Furche liegen, kein Peitschenschlag trieb -sie zum Aufstehen; aber als Tina hinter dem Pflug vorsprang und sie mit -dem Fuß in die Weiche stieß, packte Billa zu. Ihre Finger krallten sich -in Tinas Wade, mit einem Aufkreischen riß sie die Überraschte zu sich -nieder. Sie wälzten sich beide auf der Stoppel. - -Karl, nicht faul, nahm die Partei der jüngsten Schwester; es war ihm -gelungen, sich loszusträngen, nun warf er sich über die beiden Mädchen, -auf Tinas Rücken mit den Fäusten trommelnd. Billa, zu unterst am Boden -liegend, erstickte fast unter der doppelten Last. - -Das war aber alles noch Spaß, in das Gekreisch mischte sich Lachen; -jedoch nun wurde es Ernst. - -Tina hatte den Bruder in's Bein gekniffen, dafür riß er sie an den -Haaren; mit der einen Hand zerrte er ihren Kopf in die Höhe, mit der -andern Faust schlug er ihr in's Gesicht. Das Blut floß ihr aus der -Nase, das Wasser aus den Augen; sie schrie laut. - -Verschiedene kamen herzu und umstanden die Wolke von Staub, in der -sich die drei wälzten. Die Meinungen waren geteilt. - -»Dat schadt dem Tina neist, wann dat ordentlich wat uf de Schnöß -krieht,« sagte eine. - -»Jesses, hän haut se kappores!« - -»Speck on Schwart sein von einer Art -- die duhn sech neist!« - -»Haal dem Jong de Bein fest, hän trampelt dat Bill zo Schannen!« - -»Ä wat, Onkraut vergieht net!« - -»Et blut jao!« - -»Hilf! Hilf!« kreischte Tina. Ihr Hilfeschrei gellte weit über die -Äcker. - -Von allen Seiten liefen jetzt neugierig die Weiber herbei. - -»Wat es passiert? Wän schreit e su? Kuckt elao! Jeßmarijusep!« - -»Et es en Schand,« rief die Densborn, »dat dir dat Tina half dud -schlaon laoßt! Krieht hän beim Schlawittchen! Läßte los, dau infamichte -Karnallij!« Sie zerrte den Jungen am Bein. - -»Laoßt hän nor,« schrie die Steffes gegen, »kömmert Eich erscht om -Eiren Jong! Dän Karl haot ganz rächt, dat Tina pisakt se Dag on Naacht. -Wän onschullige Könner schlät, es sälwer Prüjel wert. Eier Hannickel -soll mer nor kommen! Hän haot dat Hubertche geschlaon, dat em ale -Rippen wieh duhn; ech verklaogen hän bei de Hähren vom Gericht, on Eich -derzu, Eich scheinheilig Luder!« - -»Wat -- wat,« zeterte die Densborn, »Ihr wollt noch räden?! Su en -Mensch, su en mannsdoll Mensch, su en« -- in der Wut versagten ihr die -Ausdrücke -- »dat zu de Mannsleit rennt, e su bal als de Fra net derhäm -es! Pfui!« Sie spuckte aus. »Su en --« - -»Et es net waohr, et es net waohr,« kreischte die Steffes; sie war -blutrot im Gesicht und wirbelte auf die große starkknochige Gegnerin -zu. »Ihr seid nor neid'sch -- jao, neid'sch! Haha!« Sie lachte -krampfhaft. »Ihr wollt sälwer gären, Ihr« -- - -Die andre schlug ihr auf den Mund: »Liegnersch!« - -»Ihr wollt sälwer gären -- haha -- alde Schatehk!« - -»Haha! Alde Schatehk!« Wie einen Schlachtruf nahmen die jüngeren Weiber -das auf. - -Die schwarze Vrun, die blonde Leis gesellten sich zur Steffes; sie -hatten längst einen heimlichen Groll auf die Densborn, die allem -nachschnoberte. »Annemarei, dat es rächt! Laoß der neist gefaalen, -Annemarei! Dat scheel Luder maant, et könnt hei kommandieren?! Su -hammer net gewett! Olau, Schatehk, alde Schatehk! Hahahaha!« Ein nicht -endenwollendes Gelächter pflanzte sich fort. - -Die paar, die noch arbeiteten, erhoben sich auch von den Knieen; in -großen Sprüngen stürzten sie herzu, die Sichel in der Hand schwingend, -mit flatternden Röcken und Geschrei. - -Da wurden Haare gelassen! - -Kathrine Densborn hatte Annemarie Steffes am Schopf gepackt. - -»Dau mannsdoll Mensch, dau -- saog et noch ehs -- dau!« - -»Neid'sch, dir seid neid'sch! Alde Schatehk!« - -»Liegnersch!« - -»Wolltst sälwer gären!« - -»Waart, ech will dech liehren!« - -Der Kampf wurde ernsthaft. Die große Gegnerin schüttelte die kleine wie -ein Bündel Kleider; diese schlug mit Händen und Füßen aus. Ließen sie -sich einen Augenblick los, um Atem zu schöpfen, gleich stürzten sie -wieder aufeinander. - -Schreie, Schimpfworte, Kreischen, Lachen, ohrenbetäubendes Geschnatter. - -Zwei Parteien hatten sich gebildet, Frau stand gegen Frau; so manche -hatten heimlichen Groll auszufechten, es waren nicht mehr die Densborn -und die Steffes allein, die aufeinander losgingen. - -Die Geschwister Pötsch waren vergessen. Karl, die Hände in den Taschen -seiner zerlumpten Hose, sah grinsend dem Tumult zu; Billa lag heulend -am Boden. Tina wischte mit dem Handrücken das Blut von der Nase, dann -schlich sie mit funkelnden Augen dem Weiberknäuel näher. Sie hatte auch -ihre Feindinnen darunter -- rasch der Steffes ein Bein gestellt! Warum -hatte ihr die vorhin nicht beigestanden?! - -Nun steckte sie mitten drin im Kampf; die blonde Leis, das Bäschen -von der Steffes, und, mit ihren goldnen Zöpfen, Tinas gefährlichste -Nebenbuhlerin -- war sie nicht erst vorhin aus Pittchens Thür -geschlichen? -- versetzte ihr eins. - -»Hol dech in Aacht, dau Schleckermaul,« zischelte Tina hinter -zusammengebißnen Zähnen. - -»Dau Rotznaos,« schrie die Blonde verächtlich; sie war um ein oder zwei -Jahr älter. - -»Dau öwerstännige Kwetsch!«[26] - -»Dau unreifen Appel!« - -»Ech roppen der dein rot Börschten[27] aus!« Tina griff kräftig in die -goldnen Zöpfe. - -»Vrun, Vrun,« rief Leis die Freundin zu Hilfe. »Komm ehs här! Gief dem -dao eins hinnen druf, ech halen derweil der verliewten Katz de Poten.« - -»Hal dau dein Schnöß! Vrun, komm bei mech,« schrie Tina. »Ech saon der, -dat Leis -- Vrun, Vrun! -- et es heit beim Pittchen gewest, et haot zom -Pittchen gesaot: et hält dech für en Naor! Vrun, Vrun!« - -»Wat?!« In einem Augenblick hatte sich das Blättchen gewendet, die -Schwarze kehrte sich gegen die Blonde. »Beim Pittchen gewest? Mech für -en Naor halen? -- O dau falsch Dingen!« - -Mit triumphierenden Augen sah Tina zu, wie die beiden Freundinnen auf -einander losfuhren. - -Das war ein Spektakel! Ein Lärmen, ein Schimpfen, ein Schreien. Vom -Berghang tönte es nieder zum Thal, an Pittchens Hütte vorbei -- der -schlief ruhig weiter -- und und brach sich schallend an der jenseitigen -Höhenwand. - -Sie hörten alle nicht das Mittagsglöcklein; nur Bäbbi. Die stand -abseits und starrte mit großen traumverlornen Augen in's Gewühl. Früher -hätte sie auch frischweg am Kampf teilgenommen, -- aber jetzt?! Es war -alles untergegangen in der großen Sehnsucht. - -Als das Glöcklein läutete, bekreuzte sie sich; die Sichel entfiel ihr, -langsam sank sie auf die Kniee und faltete die Hände. Was that der -Lorenz wohl jetzt? Dachte er jetzt auch an sie? -- -- Wär' er doch erst -wieder hier -- ach! -- -- -- -- -- -- - -»Steh uf,« schrie die alte Schneidersch sie an. »Schläfste?« Die Alte -hatte sich auch am Zank beteiligt, besonders mit dem Mundwerk; sie -hatte aber auch bald darin ihren Meister gefunden, nun ergoß sich die -ganze aufgestaute Flut von Scheltworten über die Schwiegertochter, -diesen Dorn in ihrem Auge. - -Mit einem wilden Ingrimm fuhr die Alte auf sie los. Es wurde Bäbbi -nichts erspart; laut und gellend, vor aller Welt, wurde ihr ihr -Fehltritt vorgeworfen. Kein Mädchen war je so schlecht gewesen, so -lumpig, so armselig und so berechnend dazu. Was hätte der Lorenz für -Partien machen können, aber sie hing ihm ja wie ein Klotz am Bein, -merkte es gar nicht, daß er sie gern los geworden wäre -- ja, er hatte -sie satt, der Mutter hatte er's vertraut! - -Schwerfällig richtete sich Bäbbi auf, stumm, mit düstren Augen -hatte sie auf den Kampf der Weiber gestarrt -- Heulen, Schreien, -geschwungene Fäuste, verzerrte Gesichter, ein wildes Durcheinander -erregter Gestalten -- jetzt schien sich auch ihr Blick langsam daran zu -entzünden. Als die Schwiegermutter schloß: »Hän haot dech saat, saat -bis zom Ekel, hän wünscht dech, wuh dän Peffer wächst,« flammte er auf. - -Sie kehrte sich gegen die Alte, raffte die Sichel auf; ihr Gesicht -glühte, ihr Auge glitzerte unheimlich, ein irres wildes Lachen rang -sich aus ihrer gequälten Brust. Sie hob drohend die Sichel -- aber, -da, sie ließ sie wieder fallen. Statt dessen schwang sie die Faust und -schmetterte sie nieder auf den Rücken der Schwiegermutter, daß der -Hören und Sehen verging. - -Die Alte knickte in die Kniee, schützte den Kopf mit beiden Armen und -schrie laut. - -Hageldichte Schläge. Die Alte duckte sich und wand sich wie ein Wurm, -Bäbbi stand über ihr gleich einer Rächerin, totenbleich, die Lippen -fest aufeinander gepreßt. Sie schlug darauf los mit einer Art von -Befreiung, von Erlösung. - -»Hör uf,« kreischte die Alte, »ech zeigen dech an! Ech fluchen der!« - -Ununterbrochen fielen die Schläge. - -»Hör uf, ech saon et dem Lorenz! --« - -»Lorenz --!« - -Jammernd, beschwörend, bittend zugleich schrie Bäbbi den Namen nach; -der erhobne Arm fiel ihr zur Seite, sie starrte verwirrt drein, als -erwache sie aus einem Traum. Ein Zittern, ein Rütteln ging durch ihren -ganzen Körper; sie schwankte, die Füße schienen sie nicht länger zu -tragen. Mit einem dumpfen Laut schlug sie die Hände vor's Gesicht. - - - - - V. - - -»Bimmel, bimmel, bimmel« tönt das Glöckchen der Kirche. Sein dünner -heller Klang fliegt durch's Dorf und steigt an den Thalwänden in die -Höhe; oben von Schwarzenborn antwortet ein anderes Glöckchen. »Bimmel, -bimmel, bimmel« -- Vesper. - -Aus den Steinfliesen der Kirche lag Bäbbi. Ihr Gesicht war blaß, ihre -Augen rot, vom Weinen dick verschwollen. Sie hob die Hände zu dem -Marienbild, das in der Nische des Seitenaltares stand; weiße und rote -Papierrosen umkränzten die Heilige, ein paar dünne Kerzchen flackerten -ihr zu Füßen. - -Kein Mensch war sonst mehr in der Kirche. Die braunen Holzbänke -standen leer; hie und da war ein Gebetbuch liegen geblieben, ein buntes -Heiligenbildchen steckte als Zeichen darin. Derbe Lederschuhe hatten -vom Kot der Dorfstraße mit herein geschleppt; die ausgetretenen Fliesen -vor dem Marienbild waren am meisten beschmutzt, da hatten die Weiber -vorhin gekniet, die Stirn tief gesenkt, unablässig die Lippen bewegend. - -Ein Gewitter war am Nachmittag aufgezogen, rasch kam es, ungeahnt, ohne -vorherige Anzeichen; schwarz war der Himmel, schwer wie Blei. Er drohte -mit Hagel. Angstvoll schauten die Frauen aus -- sollte das schon die -himmlische Strafe sein für den heutigen Zank? - -Sie glichen heute alle blessierten Kriegern nach der Schlacht; einen -Kratz, einen Stoß, einen Schlag, einen Tritt hat jede wegbekommen. -Mit funkelnden Augen waren sie vom Acker heimgekehrt, Schimpfworte, -Verwünschungen auf den Lippen. Die Hüttenthüren wurden zugeschmettert, -die Kinder verkrochen sich scheu, die Schüsseln klapperten -- manch -eine ging heut in Scherben; mit noch nicht gestilltem Zorn verzehrte -man ein sehr verspätetes Mittagbrot, es schmeckte wie Galle. - -Da -- krach -- der erste Donner! - -Furchtbar rollte er im engen Thal; wie ein böses Tier im Käfig, das -keinen Ausweg findet, so grollte er zwischen den Bergwänden. Krach, -krach -- Hall und Widerhall. Und der Himmel so drohend, und die Blitze -niedersausende Schwerter. - -»Jeßmarijusep!« Wie eine Herde Schafe, vom Wolf gescheucht, flüchteten -sie in die Kirche. Da lagen sie auf den Fliesen und schlugen die Brust -und beteten und seufzten zum Steinerweichen. Sie waren ganz zerknirscht. - -»Maria, Jongfra voller Gnaden, bewaohr ons!« - -»Heiliger Donatus, sänftig dat Ongewieder, dau kannst et! Heiliger -Donatus, ech flehen dech an, laoß meine Gerscht net zu Schannen gänn -- -se stieht als in Mandeln!« - -»Heilige Maria, Moddergotts, ech haon et net e su bees gemaant, wie ech -dem frech Mensch eins appliciert haon. Dau wirst en Einsiehn haon -- o -liew Moddergöttesche, rechen et mir net an!« - -Draußen kracht der Donner. Kanonenschüsse feuert er durch's Thal, von -einem Ende zum andren. - -»Gegrüßet seist du, Maria -- hilf, hilf, heiliger Donatus!« - - »Meerstern, ich dich grüße, - Gottes Mutter süße -- --« - -Der Tag ist schwarz wie die Nacht, in den Winkeln der Kirche hockt -grauliche Dämmerung. Jetzt bebt der alte Bau -- jetzt loht ein feuriger -Blitz durch die Dunkelheit, noch feuriger durch das bunte Glas des -Fensters, darauf das Bildnis des heiligen Donatus steht, mitten -zwischen Blitzen. Ein gellendes Aufkreischen drinnen antwortet der -dröhnenden Stimme draußen, immer lauter wird das Murmeln, immer rascher -bewegen sich die Lippen. - -»Heiliger Donatus, ech grüßen dech, gelowt seist du!« - -»Maria, Moddergotts, bitt for ons!« - -»O Maria, ech grüßen dech, dreiunddreißigtausendmal!« - -Die Stirnen neigen sich bis auf die Fliesen; Gelöbnisse, Versprechungen -werden den Wunderthätigen gemacht. - -Sie brauchten nicht allzulange mehr zu beten; so rasch wie es gekommen, -so rasch ließ das Unwetter nach, es zog über die Berge ab in einem Hui. -Vor der Kirchthür gackerten schon wieder die Hühner und scharrten nach -Würmern, Spatzen schirpten vergnügt und lupften das nasse Gefieder. -Die Jauche floß, durch den Regen von den Misthaufen weggespült, quer -über die Gasse; aber am blauen Himmel stand schon wieder die Sonne und -lachte. - -Sie knixten und bekreuzten sich noch einmal an der Kirchthür und -tunkten den Finger in's steinerne Weihwasserbecken. - -»Dunnerknippchen, waor dat en Wäder,« sagte die eine. Und die andre: -»Deiwel aach, dat konnt en bees Onverlegenhaat gänn!« - -Sie waren alle guter Dinge, lachten und schwatzten. Die Feindinnen -sprachen wieder miteinander; mit Geschäker machte man sich selbander -auf, aus dem Wald das abgeschlagne Dürrholz zu holen. - -Bäbbi war allein zurückgeblieben. Ihr Murmeln hallte wider im einsamen -Raum; sie hatte nicht beten können zwischen den andren, jetzt betete -sie. Sie wußte selbst nicht, was sie sprach; Worte waren es kaum, nur -ein Gestammel, ein schmerzvolles Lallen. - -Flehend richtete sie den trüben Blick auf das Marienbild; das lächelte. - -Sie nickte traurig -- ja, die war rein und heilig, darum lächelte sie -auch so stumm; die verstand so viel Sündhaftigkeit nicht! - -»Erbarm dech!« - -Mit einem Stöhnen schlug Bäbbi die Stirn auf den kalten Stein. Sie -hatte die Hand erhoben gegen die, die den Lorenz geboren hatte, sie -hatte seine Mutter geschlagen! Was würde der Lorenz sagen?! - -Wenn sie das Schreckliche, das ihr Gewissen bedrückte, doch nur einem -Menschenohr anvertrauen könnte! Wenn ein reinerer Mund für sie bei der -da oben den Fürsprecher machte, dann würde auch der Lorenz ihr verzeihn! - -Eine furchtbare Angst erfaßte sie. Wenn er sich von ihr wendete, wenn -er nicht wiederkehrte! - -Halb irr vor Furcht, wand und krümmte sie sich und rang die Hände. - -»Maria, Moddergotts, verzeih mer! Lorenz, komm widder! Lorenz! Ech will -dein Modder uf Händen dragen, se soll mech schlaon, half dud schlaon, -ech mucksen net! Komm widder, komm widder!« - -Es raschelte in den Papierrosen um's Marienbild, ein Zugwind hatte sie -gestreift; oben am Orgelchor klappte ein Fenster -- die Sakristeithür -hatte sich geöffnet. - -Bäbbi hörte nicht, inbrünstig flehte sie. - -Der geistliche Herr war eingetreten, sein gutes bäuerliches Gesicht -glänzte rot und zufrieden. In der Sakristei hatte es nicht eingeregnet, -im Pfarrgarten war auch nicht eine von den kostbaren Speckbirnen -abgeschlagen! Gelobt sei der heilige Servatius, der Schutzpatron von -Eifelschmitt! - -»Ei, Lenzen Bäbb,« sagte er freundlich und tupfte die -Zusammengekauerte auf die Schulter. »Was machst du hier?« - -Sie hob den Kopf und sah ihn verstört an. »Hähr Pastor -- Hähr!« Sie -stotterte, verlangend glitt ihr Blick hinüber zum Beichtstuhl an der -jenseitigen Wand, in dem das grüne, verschleiernde Gardinchen so -hoffnungsvoll schimmerte. »O Hähr Pastor« -- sie stieß es heraus mit -einer Art Gier -- »wann ech eweil zor Beicht giehn dörft!« Ihre Hände -haschten nach dem Zipfel seines speckig glänzenden, langen Rockes; sie -drückte die Lippen darauf. »Hähr Pastor, zor Beicht!« - -»Jetzt nicht, meine Tochter,« sagte er etwas verwundert, »nächsten -Freitag! Du weißt doch, nach der Messe morgens, und nachmittags von -fünf bis sieben. Heut ist Montag. Warst du denn gestern nicht im -Hochamt? Es ist doch abgekündigt worden. Nächsten Freitag« -- er -betonte nachdrücklich jedes Wort -- »von fünf bis sieben ist Beichte. -Behalte, nächsten Freitag!« - -»Oh,« wimmerte sie, »Hähr Pastor!« - -»Also am Freitag, meine Tochter!« Er hob mit einer segnenden Bewegung -die Hand zum Abschiedsgruß. - -Sie sah ihn an, wie ein verhungerndes Tier. - -Lächelnd fuhr er in die abgegriffene Tasche der Soutane und brachte -ein Bildchen heraus, ein weißes Cartonkärtchen mit Spitzenpapierrand; -ein rotes, flammendes Herz war darauf gemalt, von einem Pfeil -durchbohrt -- 'das süße Herz Jesu'. - -»Hier, meine Tochter!« Er machte das Zeichen des Kreuzes über sie. - -Sie küßte das Bildchen, sie küßte seine Hand; und dann war sie wieder -allein. Der Herr Pastor ging, um sein Brevier zu beten; das that er, -wie täglich, auf seinem Spaziergang gen Himmerod zu, da führte der Weg -lieblich im Bergschatten und wanderte sich sacht und eben. - -Lange noch lag Bäbbi vor dem Altar; süßlächelnd blickte das Marienbild -nieder, kein Zug in dem Wachsgesicht veränderte sich. Ein grenzenloses -Gefühl der Verlassenheit überkam die Einsame; da war niemand, der ihr -helfen konnte! Zerschlagen an allen Gliedern schlich sie sich endlich -fort. - -Als sie bald darauf, die Hotte auf dem Rücken, den andren Weibern -nach, zum Kunowald hinaufwanderte, schloß sich ihr Peter Miffert an. Er -wollte der Zeih entgegengehen. Seinen zerlumpten Werktagsanzug hatte er -mit dem Sonntagsstaat vertauscht; viel war an dem auch nicht dran, aber -die Hosen, die ihm sonst schlotterten, hatte er stramm heraufgezogen, -die Mütze mit dem blanken Wachstuchschild saß ihm verwegen auf den -dunklen Ringelhaaren. - -Er pfiff und sang, aber sein Singen war mißtönend wie das Gekrächz -des Hähers, der, aufgeschreckt, in den Baumwipfeln flatterte und -argwöhnisch von dort niederäugte. Die Zeih mochte sich heut schön -'veramesiert' haben! Pittchen hatte sich eine Haselgerte abgeschnitten, -mit der hieb er rechts und links, daß die Blätter der Büsche flogen. - -»Duht dat net!« Bäbbi sah ihn aus ihren traurigen Augen beweglich an. -»De arm Dinger! Am Busch sein se e su lostig grün, Ihr haut se ahf, duh -liejen se kapot uf der Straß on gänn zertret!« - -»Waorom net gaor,« sagte er leichthin; aber er hieb doch nicht mehr. - -Schweigend gingen sie beide weiter, jeder in seine Gedanken versunken. -Plötzlich schluchzte Bäbbi auf, schwer ließ sie sich auf einen Stein -am Weg fallen. »Glauwt Ihr, dat dän Lorenz widder kömmt?« stieß sie -hervor; ihr Blick bohrte sich mit angstvoller Frage in Pittchens -Gesicht. - -Er fühlte ihre Angst heraus und lachte gutmütig: »No, waorom dann -net?! Waor soll hän dann annerschter giehn?!« - -»Maant Ihr? Maant Ihr werklich?« Sie preßte seine Hand. O wie gut that -ihr seine Zuversicht! Schluchzend hielt sie ihn am Ärmel fest und -lehnte die Stirn gegen seinen Rock. - -»Äwer, Bäbb, seid doch net gäckig!« Ob schön oder häßlich, er konnte -kein Frauenzimmer weinen sehen; er war ganz gerührt von ihren Thränen, -er quetschte sich neben sie auf den Stein und streichelte ihre Hand. -»Bäbb, Bäbbchen, kreisch doch net e su!« - -»Wann hän mech net mieh liew haot, duhn ech mer en Leid an,« murmelte -sie mit finsterer Entschlossenheit. - -Das traf Pittchen wie ein Schlag. Wenn ihn die Zeih nicht mehr lieb -hätte, was würde er dann thun -- -- --?! - -Er sprang so hastig auf, daß Bäbbi ihn erschrocken ansah. - -»Eweil giehn ech. Adjes!« - -Das war nicht sein gewöhnlicher fauler Schlendergang, bei dem er die -Füße kaum hob und nur langsam weiter schlorrte; er rannte. - -Tannen rechts, Tannen links. Schwarze Riesenwände, die einen schmalen -Streifen Himmel einrahmen. Keine Hütte, kein Stückchen bebautes Land -mehr. Kein Mensch; keine grasende Kuh, keine meckernde Ziege, auch kein -Wild, kein Vogel. - -Ohne eine Nadel zu regen, in majestätischer Größe stehen die Tannen, -wie aus der Urwelt stammend, mit ihren Riesenbärten von abgestorbenem, -grauem Moos, ihren überhandlangen, braunen, schuppigen Zapfen, ihrem -dunkelflüssigen Harz, das in zähem Rinnsal aus der zerklüfteten Borke -sickert. - -Tiefstes Schweigen. Ein Schweigen, in dem auch der leichtherzige -Wanderer stumm wird; eine gebieterische Hand streckt sich aus dem -Dunkel der Äste und legt sich auf seinen Mund: »Still!« - -Hinter den finstren Stämmen tauchen Gedanken auf, dämmernde, -ahnungsbange Gedanken; tückisch brechen sie hervor, wie Räuber aus dem -Hinterhalt, und überfallen den Harmlosen. Man erschrickt vor dem eignen -Fußtritt, man hält den Atem an und steht und lauscht; und dann packt -einen die Angst im Genick, wie ein schwarzes Tuch fällt es einem über -den Kopf -- weg ist der Frohsinn. Ein grüblerischer Ernst hält den -Menschen umklammert und läßt ihn nicht los in dieser Einsamkeit. - -Weltabgeschieden ist der gewaltige Wald. Wer hier um Hilfe schreit, -wird nicht gehört; was man hier treibt, wird nicht gesehen; wer etwas -verbergen will vor andrer Augen, kann's hier dreist, ein Schutzdach -wölbt sich über ihn und um ihn. - -Pittchen pfiff und sang nicht, er rannte auch nicht mehr; argwöhnisch -bohrte sich sein Blick rechts und links in die Tannen. -- Ob die Zeih -allein daher kam? Wenn sie nun hier ginge, begleitet von einem andren --- -- --?! - -Der verfluchte Wald! Hätte der Weg über freies Feld geführt, würde er -sich gar keine Gedanken machen, aber so -- -- --! - -Grüblerisch hing er den Kopf auf die Brust. -- -- Da ging die Zeih von -Manderscheid fort, auf der Chaussee begegnete ihr einer, es schlich -ihr wohl gar einer nach von Manderscheid -- hätte er's denn nicht -selber so gemacht? -- Nun kam der große Wald, nun gingen die zwei mit -einander hinein, immer tiefer in's heimliche Versteck. Kein Mensch sah -sie, nicht einmal die Sonne lugte verstohlen; es dämmerte bereits, -Abendwolken verschleierten das Himmelsauge. Dem Mann wurde warm an der -Seite der schönen Zeih, er redete verliebtes Zeug, und sie lachte dazu. --- Peter hörte ihr halblautes Gekicher, so kicherte sie auch, wenn er -zärtlich wurde -- sie wiegte sich in den Hüften, der Dreiste faßte sie -um die Taille, sie wehrte sich nicht, sie lachte nur -- -- -- -- -- - -»Kotzdonner noch ehs!« Peter fluchte ingrimmig in sich hinein -- jetzt -fuhr er zusammen; deutlich erklang das Lachen, das verfluchte Lachen! -Er stand, wie der Teckel vor'm Fuchsbau, zitternd, lauernd, aufgeregt. - -Im dürren Gezweig knackte es -- Rehe waren das nicht! Wieder das Lachen --- und jetzt -- - -»Haalt,« schrie es hell. - -Ein Rudel junger Weiber setzte aus dem Dickicht und verstellte den Weg. - -Peter sah verblüfft drein. - -»Helao,« lachte die wilde Tina, »hei gitt et Wegzoll bezaohlt, eweil -sein mir de Sperrbarriär!« - -Sie faßten sich an den Händen und bildeten eine feste Kette; die Tina, -die Leis, die Vrun, das Kättchen, das Nettchen, die Billa und noch ein -paar Halbwüchsige, in Röckchen, die grade bis unter's Knie langten. - -Mit ihren bloßen Füßen, die gebräunt von der Luft, beschmutzt vom -nassen Moos, zerkratzt vom Reisig waren, trippelten sie ungeduldig. Sie -schrieen alle: - -»Sperrbarriär! Pittchen, helao, Pittchen, wat zaohlste?!« - -Er suchte, sich geschwind an der Seite vorbeizustehlen. - -»Hei gitt et net strawätzt[28]!« Tina hielt ihn fest. - -Sie ließen ihn nicht durch; drohend ragten die Hotten mit den -quergelegten Reisigbündeln über ihren Köpfen. - -»Laoßt mech dorch, ihr Mädercher!« - -Ein vielstimmiges. »Nä!« - -»Wat wollt ihr dann?« - -»Wegzoll! Dau moßt zaohlen, zaohlen!« Sie lachten und drängten sich um -ihn her und hopsten und reckten sich an ihm in die Höhe. - -Kein Durchkommen. Was sollte er machen, er konnte sich doch nicht mit -Gewalt befreien? - -»Wegzoll,« lachte Tina, »dau kömmst net ehnder dorch!« - -»Net ehnder, nä, nä,« schrie der Chor. - -Scherzend riß Miffert Tina an sich. - -»E Küßche,« raunte sie ihm zu. - -Lachend ließ sie sich küssen, und lachend küßte Peter weiter, eine -nach der andren nahm er beim Kopf; kreischend und doch willig ließen -sie sich's gefallen, der stille Wald hallte wider von den jauchzenden -Mädchenstimmen. - -Weg war die bange Einsamkeit. Peter schäkerte; je toller, je lieber, -die warmen Lippen hatten ihn ganz berauscht. Ganz benommen torkelte er -weiter -- es dunkelte hier innen schon; nun fiel ihm die Zeih wieder -ein. - -Tina war hinter den andren zurückgeblieben, er hörte ihr leises: »Pst, -pst!« Sie winkte ihm. - -Er that, als ob er's nicht sähe. Ein andermal gern; aber jetzt hatte er -Eile. Er setzte sich in Trab. -- Donnerwetter, da kamen noch welche! -Waren denn heut alle Weiber auf den Beinen?! - -Er wollte sich seitwärts unter die tiefhängenden Äste drücken -- -umsonst -- sie hatten ihn schon gesehen. Die Steffes, mit ihren -harmlosen Augen, konnte ausschauen, scharf wie ein Falke; die Kathrine -Densborn nicht minder, und die Traut erst recht. Auch noch ein paar -andre waren dabei. Himmel, so viel Weiber! - -Pittchen fühlte einen leisen Schauer den Rücken hinabrieseln, und doch -war ein gewisses Wohlgefühl dabei. War er nicht der Herrscher über alle -die da?! - -Sie kamen seinem Gruß zuvor, ihre Blicke hingen an ihm. - -»'n Aowend,« nickte er herablassend und wollte weitergehen. - -Sie hielten ihn an, jede hatte was mit ihm zu sprechen, eine immer -dringender wie die andre. - -Er kam nicht los; grob konnte er doch nicht sein! Als sie sich endlich -trennten -- schon war er ein paar Schritte fort -- da drehte die Traut -noch einmal um: »Hä, Pittchen! Hä!« - -Und hinter der Traut lief wieder die Steffes drein. - -»Uf ein Wort, Pittchen! Ech moß Eich ebbes saon, Pittchen!« - -Da gab er Fersengeld. - -»Hä! Hollah, Pittchen! Waartet ebbes -- haalt!« - -Da rannte er in den Wald hinein, was hast du, was kannst du. Hinter -sich hörte er das Rufen der Weiber. Mischte sich nicht jetzt auch Tinas -Stimme darein? -- Lachen, Schreien, nun verfolgende Tritte! - -Er verließ den Weg und sprang über den Graben, quer durch's Unterholz, -daß dürres Reisig knickte und krachte und überhängende Zweige ihm in's -Gesicht stachen. - -Es peitschte ihn mit Ruten; er rannte, daß ihm der Schweiß ausbrach. - -Immer glaubte er, rufende Stimmen zu hören; wie mit Armen griff es -nach ihm, heißer Atem blies ihm in's Genick, Röcke rauschten und -raschelten -- hochatmend hielt er endlich inne. Ach, das war ja nur der -Buchenwald, der rauschte so! - -Erleichtert sah er um sich. Das Tannendickicht hatte nun ein Ende; -unter den grünen luftigen Buchen war's weit heller, sanftes Licht floß -an den glatten Stämmen nieder, und die Blätter regten sich traulich -flüsternd im Abendwind. - -Er suchte den Weg wieder auf, rückte sich den Rock zurecht und -schlenkerte die Mütze aus, Tannennadeln und dürre Zweiglein hingen -daran. - -Kam die Zeih denn noch nicht?! Er hatte sich verspätet, aber sie -scheinbar noch viel mehr. -- Der würde er aber einen schönen -Empfang machen, die Lust sollte ihr vergehen, sich so spät im Wald -herumzutreiben! - -Da war ja der Kaisergarten. Da zweigte der Weg nach Großlittgen ab, -und da, unter dem Trupp himmelhoher Fichten, die abgegrenzt mitten im -Buchengrün sich hoben, stand die Moosbank, so recht ein Versteck für -Liebespaare. - -Er stutzte. Ein Chaischen war quer über die Straße gefahren, der -braune Gaul mit hängenden Zügeln rupfte friedlich die Gräser am -Grabenrand ab. Waren das nicht Pferd und Wägelchen vom Gastwirt Pauly -zu Oberkail?! War der hier?! - -Leises Kinderweinen schlug an Peters Ohr. War das nicht das Josefchen? -Zwischen den Stämmen blinkerte eine Uniform. Wer war da?! - -Jetzt Lachen -- das war die Zeih! - -Mit einem Satz war er unter den Fichten. Richtig, die Zeih saß auf der -Moosbank und neben ihr -- traute er denn seinen Augen recht? -- neben -ihr saß ganz gemütlich der schöne Gendarm von Oberkail! - -»Zeih!« Er rief es so laut, daß der friedliche Gaul einen Satz machte -und das Josefchen gellend aufschrie. - -»Aha, der Herr Gemahl,« sagte der Gendarm und legte höflich die Hand an -den Helm. In seinem vollwangigen Milch- und Blutgesicht vertieften sich -zwei Grübchen. Er hatte nicht umsonst bis zuletzt als Unteroffizier -bei der Garde in Berlin gestanden, er wußte, daß man gegen die Männer -hübscher Frauen artig zu sein hat, und wären es auch die größten Lumpe -und Lüderjahne. - -»Na, Herr Miffert,« -- er rückte in die Ecke der Bank und legte das -Seitengewehr über die Kniee -- »wollen Sie nicht Platz nehmen?« - -»Nä,« sagte Pittchen kurz. »Komm, Zeih!« Er sah sie zornig an; sie -schien das gar nicht zu bemerken; umständlich nahm sie von dem Gendarm -Abschied und lächelte ihn an, die Lippen dabei spitzend, daß ihr -Pittchen am liebsten einen Schlag drauf gegeben. - -»Merci, merci, Hähr Schandarm, et waor e su freindlich, dat Sie mech -metgeholt haon. Pittchen, bedank dech aach ehs. Dän Hähr Schandarm waor -zo Manderscheid, hän haot mech invitiert, met uf dem Wägelche redur zo -faohren. Duh haon ech et kommod gehaot!« Sie lachte vergnügt. - -Peter sagte kein Wort. - -Der Gendarm erhob sich und steckte zwei Finger hinter den mittleren -Brustknopf der Uniform. »Ich hab's Ihnen schon gesagt, wenn Sie den -Umweg über Großlittgen nicht scheuen, schöne Frau, können Sie auch -noch weiter mitfahren. Habe da noch Wichtiges zu thun; unser einem -wird zu viel aufgepackt, keine Minute Pause, strammen Dienst bis -zum späten Abend. Für mein schweres Geld hab' ich mir den Wagen vom -Pauly genommen, nur um keine Zeit zu verlieren.« Er gab sich ein sehr -wichtiges Aussehen. - -Lucia sah ihn mit offnem Mund bewundernd an. - -Er machte eine einladende Handbewegung: »Steigen Sie nur auf, schöne -Frau!« Zu Pittchen sprach er mit Gönnermiene. »Für Sie ist auch noch -Platz, Miffert!« - -Peter schielte ihn von unten herauf an. »Willste met de grußen Hähren -Kerschen äßen, maach, datste de Steiner net an dän Koap kriehst -- nä, -merci!« - -»Was wollen Sie damit sagen?« Der Gendarm verstand den Dialekt noch -nicht und witterte immer gleich eine Verhöhnung der Obrigkeit. Er -versuchte seinem harmlosen Knabengesicht einen martialischen Ausdruck -zu verleihen und zwirbelte den Schnurrbart aufwärts. »Nanu, was wollen -Sie damit sagen?« - -»Neist!« Pittchen sah ihn unbefangen, etwas blöde an, aber in seinem -Innern kochte es: 'Waart, dir spielen ech aach als en Possen!' »'n -Aowend!« Er zog Zeih unwiderstehlich mit sich fort. - -»Tappert,« brummte der Gendarm, als er ihnen nachsah. 'Tappert,' das -war ungefähr das einzig Eiflerische, was er bis jetzt gelernt; es war -gleichbedeutend mit dem hochdeutschen 'Dummes Luder', und wurde hier -bei den 'dämlichen Bauern' mit Vorliebe von ihm angewendet. - -»Autsch, reiß mech doch net e su,« schmollte Lucia, als sie ein Stück -weiter weg waren. Sie blieb stehn und sah sich um. »Wat soll eweil dän -Hähr Schandarm denken?! Jesses, laoß mech doch los!« - -Er hatte sie unsanft am Handgelenk gefaßt, sie machte sich frei, mit -Thränen in den Augen. »Autsch, ech giehn jao schuns allein! Laoß los! -Ech haon e su als schuns schwer zo schleppen, et es mer net kommod!« - -Schweigend nahm er ihr das Kind ab, dieses ganz in ein großes -Tuch gewickelte Bündel; nun trug sie nur noch ein Packet, das war -verschnürt, und sie trug es mit besondrer Sorgfalt. - -»Wat haste lao?« brummte er. - -»Raot ehs!« Ihr Gesicht hellte sich schon wieder auf, ihre Augen -glänzten vor Vergnügen. »O su ebbes Schienes, su ebbes Wonnerschienes! -Waart, Pittchen, ech zeigen et der!« - -Lebhaft kniete sie nieder, legte das Packet sacht auf's weiche Moos und -begann es aufzuschnüren. »Dau sollst dein blao Wonner siehn,« schwatzte -sie dabei, »su ebbes Schienes! Kuck ehs hei, Pittchen! Kuck ehs!« Sie -schlug die Hände zusammen in eitel Glückseligkeit und lachte wie ein -Kind. - -Da lag ein schöner roter Flanellunterrock und schimmerte grell auf dem -dunklen Moos. Und daneben eine Tändelschürze von schwarzem Seidenstoff, -unten mit bunter Blumenguirlande bestickt. - -»Haste su ebbes schuns gesiehn?« stammelte sie entzückt; und dann -griff sie mit beiden Händen zu und hielt sich das viel zu kleine -Seidenläppchen vor den starken Leib. »Wat werden se saon!« Sie jauchzte -förmlich. - -Er staunte auch über die Pracht, aber zugleich ergriff ihn eine -plötzliche Unruhe, ein jähes Unbehagen -- wie kam die Zeih dazu? - -»Wuhär haste dat?« fragte er finster. - -Sie lachte fröhlich: »Geschenkt kritt!« - -»Geschenkt kritt?« wiederholte er. »Von deim Tant doch sicher net; on -dein Modder haot sälwer neist!« Er sah sie lauernd von der Seite an. - -»Olau, von dänen -- nä!« Nun lachte sie, daß sie sich schüttelte. »Von -dänen, su ebbes Schienes?! Hahahaha!« - -»Von wäm dann?« fuhr er sie an. - -»Olau, dau domm Pittchen,« -- noch immer lachend stieß sie es heraus --- »von dem Hähr Reisenden, von dem freindlichen Hähr! Von wem -annerschter?!« - -»Biste doll?!« Er sprang auf sie zu wie ein Rasender und riß ihr die -Schürze vom Leib. »Gief her!« - -Das Lachen verging ihr, jammernd suchte sie ihm die Schürze wieder zu -entreißen. »Mein Schörz, Pittchen! Mein Schörz, mein schien Schörz!« - -»Dän Lappen, dän Dreck!« Er knäulte die Seide zusammen und schmiß sie -hin; auf dem roten Rock trampelte er herum. »Onnerstieh dech noch ehs --- ebbes aanzonähmen von Hähren, von fremde Hähren! Ech schlaon dem -Kerl ale Rippen im Leiw dorch, ech schlaon hän kapores, ech schlaon -hän dud. -- Dau Mensch, dau lidderlich Mensch, wat haot hän dafor -gekritt? Saog!« In seiner Wut gab er ihr einen Stoß, daß sie zu ihren -mißhandelten Schätzen auf's Moos niederfiel. »Saog de Waohrhaat -- -lüg net! Wat haot hän dafor gekritt?!« Er schrie; unter den schweren -Augenlidern sah er sie durchbohrend an mit stechenden, gefährlichen -Blicken. - -Sie suchte die Geschenke zusammenzuraffen; er schleuderte sie in weitem -Bogen auf die schmutzige Straße. - -»Wat haot hän dafor gekritt -- willste't nau saon?!« - -»E Küßche,« wimmerte sie, »nor en anzig Küßche. For den Rock zwaa -- -for de Schörz ans -- nä, aach zwaa! Föhrwaohr on enklich, ech saon de -Waohrhaat. -- Pittchen, Pittchen!« Sie hatte Angst bekommen. - -»Neist mieh? Lüg net!« Er knirschte mit den Zähnen. »Dau kömmst -net labendig hei aus em Wald, wannste net de Waohrhaat saost. Ech -raoten der!« Er hob die Faust, jede Muskel seines hagren Körpers war -angespannt; er war nicht so groß und kräftig gebaut wie seine Frau, -aber in diesem Augenblick erschien er ihr wie ein Riese. - -»Hän haot mech uf dän Schoß geholt,« stotterte sie scheu. »Hän haot -dat Josefche hinnen in et Chaische gelät. Hän saot, hän wollt mer -noch ebbes vill Schieneres metbringen, wann hän dat nächste Maol nao -Eifelschmitt käm. -- O mein Schörz! Mein rot Röckche! Mein schien -Schörz!« - -Die Thränen liefen ihr stromweis über die blühenden Wangen, jammernd -rang sie die Hände: »Ech arm Dier! Hätten ech dech nie geheiraod! -Hätten ech uf mein Vadder sälig geheert! Ech konnten en annern kriehn! -Duh sitzen ech eweil zo Eifelschmitt in dem dreckige Loch -- ke Gäld -- -ken Penning -- mer waaß oft net, wat mer äßen soll -- dän Mahn stiehlt -onsem Hährgott dän Dag ahf -- im Winter friert mer sech zo Schannen -- -im Sommer haot mer net emaol en anstännig Kleid, om uf de Kirmes zo -giehn! Hei dat Fähnche« -- sie hob ihr verschossenes, an allen Enden -zu knappes Kleid in die Höhe -- »dat dragen ech schuns e su lang mir -verheiraod sein -- zwaa Jaohr! On im Dienst zo Manderscheid haon ech -et aach als drei Jaohr gehatt. Mer moß sech schämen for de Leit!« Das -Schluchzen erstickte sie fast: »Ech arm -- arm Dier -- ech deierlich -Fra!« Sie warf sich ihren Kleiderrock über den Kopf und saß nun ganz -vermummt. - -Das Kind auf Pittchens Arm fing kläglich an zu schreien; er warf es der -Mutter in den Schoß: »Dao lieg, dau Bankert!« - -Aber gleich darauf packte ihn die Reue; sie schluchzte so herzbrechend, -so hatte er sie noch nie gesehen. Sonst war sie immer fröhlich. Die -hörte wohl nie mehr zu weinen auf! - -Und hatte sie nicht recht, ging's ihnen nicht erbärmlich genug? Hatte -er ihr nichts Besseres versprochen, als er die schöne, lustige Zeih -freite?! Er stand betroffen. - -»Zeih,« sagte er sanfter, und dann räusperte er sich. »Zeih!« - -Wenn sie ihn auch nicht sah, nun wußte sie doch, woran sie war; -sie schluchzte jetzt noch jämmerlicher und krümmte sich wie in -unerträglichen Schmerzen. - -»Zeih,« sagte er ganz kleinlaut und zog ihr den Rock vom Kopf. - -Sie sah ihn gar nicht an, nahm das Kind in den Arm und herzte es unter -Thränen: »O dau mein Josefche, mein arm Josefche.« Sie küßte es mit -stürmischer Zärtlichkeit. Der Hut war ihr vom Kopf geglitten, das Haar -hing ihr lang und wellig an den Schläfen nieder, ihr lieblicher Mund -zuckte wie bei einem Kind, das sich ausgeweint hat und dem nur noch -stoßweise ein letztes Schluchzen kommt. Die Lider hielt sie beharrlich -gesenkt, ihr Blick ruhte auf dem Kinde; die goldig-braunen Wimpern -lagen auf den schwellenden Wangen, die die Sommersonne nicht verbrannt, -nur mit einem pfirsichähnlichen Anhauch überzogen hatte. - -Keine war doch so hübsch wie sie -- und alleweil so fidel! - -Peter sah unverwandt auf sie nieder. »Haste de Waohrhaat gesaot, Zeih? -Schwör! Beim Josefche bei!« Er legte die Hand auf das Kind. - -Sie legte die ihre dazu. »Ech schwören!« - -Nun hob sie den Blick und blinzelte ihn an: »Biste mer bees, -Pittchen?« Ein Schluchzen stieß sie noch. »Ech kann doch neist dafor!« - -»Nä, nä, kreisch nor net -- Kotzdonner, dau sollst net kreischen, -Zeih!« Er stieß mit dem Fuß auf. »Ech haon et jao net e su bees -gemaant. Äwer dau moßt mer aach net ontreu gänn -- hörste, Zeih, net -ontreu. Zeih!« Er rüttelte sie schon wieder. - -»Nä, nä -- o mein schien Röckche! Mein Schörz!« - -Er ging schon auf die Straße und holte beides. »Dao haste dän Dreck!« - -»O Pittchen!« Sie faßte seinen Kopf und zog ihn zu sich herunter, beide -Hände legte sie an seine Wangen. Ganz zart flüsterte sie -- es war -schon wieder was von dem früheren vergnügten Klang in der Stimme --: -»Eweil biste mer widder gud, gäl? On en anner Kleid kaafste mer aach, -gäl? E su bal dän Hähr Reisenden widder kömmt. Ech saon der, dän haot -Kleider!« Schmeichelnd rieb sie ihr Gesicht an dem seinen. »Gäl, dau -kaafst mer ans?« Sie wartete auf seine Antwort; als keine kam, warf sie -den Kopf zurück: »Dän wollt mer ans schenken!« - -Er zuckte zusammen. »Dau sollst kans geschenkt kriehn, dau därfst kans -geschenkt kriehn, ech leiden dat net, ech -- jao« -- er nickte und -kratzte sich nachdenklich hinter den Ohren -- »ech kaafen der sälwer -ans!« - -Mit einem Freudenschrei riß sie ihn ganz zu sich herunter, preßte seine -Lippen auf ihren Mund und küßte ihn heiß. - -Er lag mit seinem Kopf neben dem Kind in ihrem Schoß; sie streichelte -seine Haare und wickelte sie um ihre Finger. - -»Gäl, Pittchen, dau kaafst mer ans? Jesses Maria, haon ech en Freid. -Pittchen, ech haon dech su liew!« - -»On dän Schandarm?« fragte er leise, noch einmal von einem düstren -Argwohn beschlichen. - -Sie lachte hell auf. »Dän Lappes! Waaßte, wie dän micht? Kuck hei.« Sie -drückte die Augen heraus, warf sich in die Brust und zwirbelte an ihrer -rosigen Oberlippe. »Alleweil micht dän e su. O dän! Hahaha!« - -Er hatte sich halb aufgerichtet; auf den Ellbogen gestützt, sah er -verliebt in ihr lachendes Gesicht. - -Sie strich ihm die Falten auf der Stirn glatt und kitzelte ihn mit -einem Halm unter der Nase. Er mußte mit ihr lachen. Und dann tuschelte -er ihr etwas zu und drückte ihren Fuß. - -Das Kind schlief unbeachtet. Das Moos war weich, der Wald einsam, -dunkler und dunkler wurde der Abend. So weich, so zärtlich ging die -Luft, und die Blätter lispelten sacht, als hätten sie sich heimlich, -ganz verschämt etwas anzuvertrauen. - -Als sie gingen, hing sie an seinem Arm, und er schleppte beides, -das Kind und das Packet. Sorgfältig hatte er selbst die Geschenke -eingepackt und verschnürt, dann hatte er sich den Bindfaden um den Hals -gehängt; das Päckchen baumelte, bei jedem Schritte spürte er's. - -Der Weg schimmerte kaum erkennbar, im Tannenforst war's stockfinster. -Zeih that furchtsam; bei jedem Knistern der Rinde, jedem Niederrieseln -einer Nadel fuhr sie zusammen und schmiegte sich fester an ihn. Sie -ruhte mit ihrer ganzen Schwere auf ihm, unter dem dünnen Fähnchen -spürte er ihren warmen vollen Körper. - -Es war ihm sehr heiß, sein Atem ging unruhig; er schwitzte, trotzdem es -nun bergab ging und der Nachtwind feucht und scharfkühl wehte. - -Dunkel lag Eifelschmitt; nur in wenigen Häusern schwacher Lichtschein, -die Straße leer. Am eintönig plätschernden Brunnen standen noch ein -paar Weiber und wuschen ihre Füße in dem ausgehöhlten Baumstamm, der -als Brunnentrog diente. Sie hatten ihre Röcke hochgeschürzt; in dem -Mondstreif, der jetzt durch's Nachtgewölk brach, schimmerten ihre -nackten Arme und Beine lockend silberweiß. - -Peter fühlte wieder das seltsame Gruseln, jenen wunderlichen Schauer, -der ihm leise über den Rücken hinabrieselte, sein Blut für Augenblicke -erstarren machte, um es dann desto heißer anzutreiben. - -Unweit ihrer Hütte strich eine Gestalt an ihnen vorbei; Peter glaubte -Tina zu erkennen an ihren glitzernden Augäpfeln und den geschmeidigen -Bewegungen. Sie schlüpfte zwischen ihm und der Hecke durch; für eine -Sekunde fühlte er seine Hand gestreift von heißen, feuchten Fingern -- -dann war's vorbei, verschwunden wie ein Spuk. In der Ferne noch ein -leis verklingendes Lachen. -- - -In der Nacht träumte Pittchen schwer. - -Er ging denselben Weg, den er heut der Zeih entgegengegangen. Aber oben -am Kaisergarten wandte er sich rechts, gen Großlittgen zu; er mochte -wollen oder nicht, er mußte dahin. Es puffte ihn von hinten was in den -Rücken, ein starker Wind blies ihn fort. - -In der Ferne hörte er Stimmen, sie riefen und lockten: »Pittchen! -Komm, Pittchen!« - -Lachen klang dazwischen -- jetzt hörte er die Zeih rufen, und jetzt die -Tina -- jetzt fielen andre bekannte Stimmen ein: »Pittchen! Pittchen!« - -Wo war er denn? Erschrocken sah er sich um. Da ging er durch die öde -Heide, der Wind stöhnte drüber hin mit unheimlichen Klagelauten. - -Er wollte nicht weitergehen, umkehren -- sein Fuß strauchelte über -abgestorbne Strünke, es roch nach Pech und Schwefel. Eine glühende Luft -schlug ihm entgegen wie Flammenhauch, versengte ihm Haar und Brauen und -tief innen im Leibe das Herz. - -Er wollte Hilfe schreien und konnte nicht. Fern, fernab tönte heisres -Hundegebell -- das waren die Hunde von Großlittgen. Hilfe, Hilfe, -dorthin! - -Er wollte laufen und konnte nicht. Er stand wie festgewurzelt. - -Der Boden war heiß, als brenne unterirdisches Feuer darunter. Und da -war ein Kreis seltsamer grüner Pflänzchen, wie abgezirkelt standen sie -im Kranz mitten auf totem verbranntem Land; im schwefligen Licht, das -die Nacht erhellte, sah er deutlich ihr giftiges Grün. - -Hilfe, Hilfe! Der Hexenkranz! Hatte ihn seine Mutter nicht schon als -Kind dort, sich bekreuzend, vorüber geführt und scheu geflüstert: -»Hei es't net geheuer!« Da tanzten vormals die Hexen, und loderndes -Feuer prasselte auf. Der Boden verbrannte unter ihren Füßen; nur diese -Pflänzchen sproßten, grüne Stengel, ohne Blatt und Blüte, das einzig -Lebendige ringsum. - -»Pittchen, Pittchen!« - -Wer rief? - -Im Flammenschein hüpften ihm Gestalten entgegen mit raschelnden -Röcken und flatternden Haaren, sie lachten und winkten und riefen und -streckten die Arme nach ihm und reichten sich die Hände und wirbelten -um ihn in tollem Tanz. Immer toller, toller -- immer wilder, wilder -- -Weiber, Weiber, lauter Weiber! - -Und auf einmal stand die Zeih mitten im Kreis, sie hatte die -Seidenschürze wie ein Mäntelchen um die Schultern hängen und den neuen -roten Unterrock an -- weiter nichts. Sie schlug die andren auf die -ausgestreckten Finger und lachte hell. - -»Dän es mein!« Sie warf den Unterrock und die Schürze ab -- da stand -sie nackt und schön im Flammenschein und sprach gebieterisch: »Kaaf mer -e nei Kleid!« - -Laut kreischten die andren auf, heulend sprangen sie in die Höhe, sie -wurden zu Flammen, die ihm entgegenzüngelten -- -- -- - -»Jesus! Maria! Josef!« -- Da, der Boden wich ihm unter den Füßen, er -that einen tiefen Fall, abgrundtief -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Mit einem Schrei erwachte Pittchen. - -Der Mond schien hell durch's unverhängte Fensterchen, mitten auf das -zerlumpte Federbett. Der Kopf der Zeih lag schwer auf seiner Brust und -drückte ihn. - -Sie schlief mit offnem Mund und schnarchte regelmäßig. - -Noch vom Grauen des Traumes erfaßt, rüttelte er sie: »Zeih, Zeih, Zeih!« - -Sie wachte nicht ganz auf, schlaftrunken öffnete sie nur ein Spältchen -die schwarzen Lider. - -»Dat Kleid,« lallte sie. -- »Kleid -- kaaf mer e schien nei Kleid!« - - - - - VI. - - -Lucia Miffert hatte ihren Mann seit Wochen gequält, den ganzen Tag und -die Nacht auch. Sie hatte sich angeschmiegt wie ein bittendes Kind -und ihn dann wieder spröde von sich gestoßen. Sie hatte gebettelt, -geschmollt, gedroht; sie bestand auf ihrem Recht, sie wollte ihr neues -Kleid. - -Seit gestern war der Reisende wieder im Dorf. Mit Wut und Angst -im Herzen hatte Pittchen das Wägelchen ankommen sehen; hinten -aufgeschnallt wankten zwei hohe Musterkoffer. - -Beim alten Krumscheid war der Reisende abgestiegen, da hatte er -seine Muster und Waren zur Schau ausgelegt. Die Weiber rannten hin -und staunten und feilschten; auch Lucia war unter ihnen. Sie blieb -stundenlang aus; längst waren die andren zurück -- Peter hatte -aufgepaßt -- noch immer kam sie nicht! Da ging er hin, sie zu holen. - -Es war ein trüber Herbsttag. Unten im Thal an geschützten Stellen -war's zwar noch leidlich, aber oben auf den Höhen sauste der -Oktoberwind mit Ungestüm und fegte ganze Lawinen welker Blätter die -Hänge hinunter. Der Wald stand traurig. - -Die Dorfstraße war schmutzig, zum Durchwaten; an Stellen, wo das -Pflaster fehlte, sank man ein bis über die Knöchel. Ein modriger Geruch -stieg von Hütten und Ställen auf, es hatte acht Tage ohn' Unterlaß -geregnet. - -Gegen das Ende des Thales, nach Himmerod, war die Aussicht versperrt; -die Ruinen des heiligen Bernardus hüllten sich in Regendunst und -Nebelwolken. Quirlend, brausend wirbelte die Salm dahin; ihr klares -Wässerchen war zu lehmigten Wogen geworden mit Köpfen von milchigem -Gischt. - -An allen Ecken und Enden tropfte es; vom Himmel herab, der sich wie ein -Trauertuch spannte; von den Bäumen, die zitternd die schwarzen Äste -reckten -- hie und da hielt noch eine Eberesche an der Chaussee eine -Dolde verschrumpelter, roter Beeren fest --; von den Dächern, die, -triefend, tief über den durchweichten Hausmauern hingen. - -Alles war dunkler von Nässe, ohne Farbe, schwer und unlustig. - -Als Peter am Schneiderschen Häuschen vorbeiging, hörte er hinten vom -Stall her, über den Hof weg, jammernde Rufe schallen, Heulen und -Winseln. Er guckte in das papierverklebte Fenster vorn neben der -Hausthür. Drinnen in der Stube lag der alte Schneider im Bett, da -kroch er hinein, sowie es kalt wurde; die Frau saß am Tisch, hatte -ihren Kaffeenapf vor sich und tupfte mit dem Finger die letzten -Brotbröselchen von ihrer Schürze. - -Wieder das Geheul, das nichts Menschliches hatte! Und doch schrie kein -Tier. - -Peter klopfte an die Scheiben: »Hä, ihr! Wat es denn hei passiert?« - -Die Schneidersch öffnete das Fenster ein Ritzchen und steckte ihre -spitze Nase heraus. »Dat Bäbb,« sagte sie lakonisch und wollte eilends -wieder zuschlagen, als fürchte sie, ein Atom Wärme möge von drinnen -entweichen. - -»Haalt!« Pittchen klemmte die Faust zwischen das Fenster. »Et schreit -doch e su! Gieft dann de Weis-Fra von Oberkail net geruf?« - -»Saogt doch liewer gleich: dän Hähr Dokter!« Die Alte wackelte -ärgerlich mit dem grausträhnigen Kopf. »Ihr haot wohl dat gruße Los -gezillt[29]? Mir sein arme Leit, mir haon neist öwrig. Laoßt se -schpektaklen, se werd schuns rohig gänn!« - -Und vom Bett her schalt die zornige Stimme des Alten: »Wat es dat -for en Manier?! Dat Fenster zugemaach, Zapperloot.« Er hüstelte und -schimpfte; rasch schlug die Schneidersch zu. - -Peter zögerte noch einen Augenblick. Horch, wieder schlug der -scharfe, gellende Jammerschrei an sein Ohr! Das Blut wich ihm aus dem -Gesicht, sein Herz setzte den Schlag aus; ein Grausen kam ihn an. -Noch deutlich stand ihm die Stunde vor Augen, in der das Josefchen -geboren worden. Aber da hatte die weise Frau am Lager gesessen, ein -Strom der Beruhigung ging von ihrer gewichtigen, geheimnisumwobenen -Persönlichkeit aus; sie hatte den fetten Zeigefinger erhoben: »Dat elao -kömmt e su leicht dervon wie en Katz. -- Pittchen, kocht mer en Kaffee!« - -Und jene da, abseits in der Kammer neben dem Stall, lag verlassen wie -ein hilfloses Tier. Peter rannte weiter, er konnte das Jammern, das -jetzt in ein ruckweises Stöhnen überging, nicht mehr anhören; das Herz -wurde ihm davon zusammengepreßt und die Tropfen herausgequetscht. Sie -traten ihm in die Augen. - -Geld, Geld! Ja, wer Geld hatte, der konnte sich alles gewähren, auch -Hilfe in der Not! Der brauchte nicht zu leiden. - -Geld, Geld! Eine Gier überkam ihn. Er fuhr sich in die Tasche -- -verflucht, nur ein paar lumpige Kupferpfennige darin! - -Ja, wenn da Thaler geklappert hätten, harte Silberthaler! Dann konnte -er der Zeih ein Kleid kaufen -- noch mehr -- alles, was ihr Herz -begehrte! Dann würde sie nicht im Wirtshaus sitzen und dem Reisenden -um den Bart gehen; sie würde nicht mehr schmollen, nicht mehr weinen, -nein, sie würde die Arme um seinen Hals schlingen und unter Küssen -flüstern: 'Pittchen, mein anziger Schatz, wat haon ech dech liew!' - -Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, tropfte herunter und vermischte -sich mit dem Naß seiner Augen. Und dabei überlief ihn ein Frösteln. -'Mir sein arme Leit', hatte die Schneidersch gesagt -- -- -- -- -- - -'Arme Leit -- armes Pittchen' pfiff der Wind ihm entgegen. Wie mit -Geisterhand strich es ihm über's Gesicht. Wenn die Bäbbi nun umkam, -krepierte da hinten in der verlassenen Kammer --?! Wenn die Zeih ihm -untreu wurde --?! Er schüttelte sich wie im Fieber, eine unbezwingliche -Angst packte ihn und zugleich ein Grimm. Er ballte die Faust im Sack in -ohnmächtiger Wut. -- Geld, Geld! - -Immer noch hörte er das Jammern, es mischte sich mit dem Sausen des -Windes und dem Brausen der Salm. Zweifelnd, unschlüssig stand er. -Sollte er nicht hinlaufen nach Oberkail und auf eigne Faust die weise -Frau holen? War es nicht Menschenpflicht, Christenpflicht? Würde ihm -die Gutthat nicht vergolten werden vom himmlischen Vater, schon hier -auf Erden, bald, jetzt? - -»Hahaha!« - -Wer hatte da gelacht?! Erschrocken sah er sich um, das eigne -Hohngelächter gellte ihm in den Ohren. - -Der da oben -- haha -- ja, das hatte sich was mit der Vergeltung. Die -gab's nicht. - -Er hatte ein Hungerleben geführt, seit er denken konnte; war's nun -nicht endlich Zeit, daß er in der goldnen Kutsche fuhr und seiner Zeih -Kleider kaufen konnte, so viele die wollte? - -Die Zeih, ja die -- hin, schnell! Der mußte er das Scharmuzzieren -legen. Nur schnell, sehen, was die macht! Dann hin nach Oberkail. - -Dicht vor'm Wirtshaus stieß er auf Tina. Sie trug einen Kamm -mit großen, blauen Steinen im Haar und ein bunt-schottisches -Knüpftüchelchen um den Hals. Sie schlenkerte den Rock und drehte sich; -sie wurde alle Tage hübscher, das sah er doch. - -»Pittchen,« rief sie und lachte, daß alle ihre Zähne blitzten. »Eweil -sein ech fein, gäl? Dän Kamm haon ech gekaaft, dat Düchelchen« -- sie -verdrehte die Augen in der fruchtlosen Anstrengung, sich selber zu -bewundern -- »dat haon ech zukritt.« - -»Maanswäjen,« brummte er. - -»Pittchen,« -- schon hing sie schmeichelnd an seinem Arm -- »kaaf mer -noch ebbes!« - -Ohne etwas zu sagen, schüttelte er verneinend den Kopf. - -»Dau moßt -- Pittchen, nor e klaan Andenken.« Schnell sah sie sich -um, dann strich sie ihm rasch über die Backe, ihr Ton war bittend: -»Pittchen!« - -»Ech haon ke Gäld!« - -»Dau Lappes!« Sie stieß ihn von sich, daß er gegen die Hauswand -taumelte. - -Mißmutig trat er in die Schenkstube. Da saß der Reisende auf dem -einzigen Polsterstuhl des Hauses, und auf der Bank, dicht neben ihm, -die Zeih. Sonst war kein Mensch im Zimmer. - -Eine Flasche Erdener hatten sie vor sich, eine geleerte stand schon am -Boden. Der mußte der Zeih fleißig eingeschenkt haben; sie glühte wie -roter Mohn, ihre Augen waren kleiner geworden und schwimmend. - -Als sie ihren Mann erblickte, sprang sie freudig auf. »Pittchen! Eweil -kommste?! Hähr Reisender,« -- vertraulich legte sie ihre Hand auf den -Arm des Städters -- »wollen Se eweil net su gud sein, on Ihr Mustren -nehme giehn? Dat Pittchen es hei, for dat Kleid zo kaafen!« - -War sie toll? Peter zupfte sie am Rock, er riß ihn ihr fast aus den -Falten; sie hörte nicht. Beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt, -studierte sie das Musterbuch, das ihr der Reisende vorgelegt hatte. - -»Dat rote oder dat blaoe? Wat es nau schiener?« Sie legte zweifelnd den -Kopf auf die Seite. - -»Nehmen Sie das blaue,« redete der Reisende zu, »die Elle kostet nur -ein Kastemännchen[30] mehr. Sie haben dafür aber ganz andre Ware. Ein -Kastemännchen spielt doch keine Rolle!« - -»Nä,« sagte Lucia. - -Peter gab ihr einen Puff. »Biste gäck?« raunte er ihr zu. - -»Also das blaue?« fragte der Reisende. - -»Dat blaoe. On wie vill Ehlen haon ech netig?« - -»Siebzehn. Pro Elle fünfzehn Silbergroschen, macht fünfundzwanzig Mark -fünfzig Pfennig, oder -- die neue Währung werden Sie hier noch nicht so -recht kapieren -- acht Thaler fünfzehn Silbergroschen. Für dieses Kleid -ein Spottgeld!« - -»Jao, dat es et aach. Gäl, Pittchen?« Freudig erregt drehte sich Lucia -nach ihm um. - -»Acht Thaler --?!« Er stand betroffen. Acht Thaler -- --! Die Stube -schien mit ihm herum zu tanzen, es schwindelte ihm. Acht Thaler -- -woher sollte er die nehmen?! - -»Gäl, Pittchen, mei nei Kleid es wonnerschien?!« Sie jauchzte fast. - -»Komm -- eweil kann ech net -- ech -- net heit, en annermal -- -villeicht morjen,« murmelte er verlegen. Er faßte über ihre Schulter -und schlug ihr das Musterbuch vor der Nase zu. »Pisack' mech net e su!« -Und dann klang seine Stimme rauher, ganz heiser: »Ech haon ke Gäld.« - -»Ach was!« Der Reisende lächelte. »Für so'n hübsches Weibchen muß man -immer Geld haben!« - -Dies verdammte Lächeln! Peter krampfte die Hände zusammen und riß -sie wieder auseinander, daß alle Gelenke knackten. Lucias Blick ruhte -flehend auf ihm; jetzt glaubte er eine gewisse Verachtung darin -zu entdecken, jetzt wendete sie ihre Augen ab. Ihre Brauen waren -zusammengezogen, ihre Lippen aufgeworfen; sie kehrte ihm den Rücken. - -»Zeih, hör ehs!« - -Sie gab gar nicht Acht auf das, was er sagte. Sie stand dicht vor dem -Reisenden -- der war ein großer hübscher Mann und paßte gut zu der -großen hübschen Frau -- und flüsterte ihm etwas zu. - -Was hatten die miteinander zu tuscheln?! Als wäre der Ehemann garnicht -dabei, so ungeniert benahmen die sich! Immer dichter steckten sie die -Köpfe zusammen. - -»Zeih!« Zitternd stieß Pittchen ihren Namen hervor. - -Der Reisende lächelte, und Lucia kicherte. - -»Eweil maachste en End!« Miffert schlug auf den Tisch, daß die Gläser -klirrten. - -»Seien Sie doch nicht ungemütlich.« Der Reisende zwinkerte der jungen -Frau zu und klopfte dem Erregten auf die Schulter. »Ich bitte Sie, -Herr Miffert, was ist denn da lange Überlegens?! Ich will Ihnen gern -entgegenkommen; Sie zahlen mir jeden Monat einen Thaler ab, das merken -Sie gar nicht, in achteinhalb Monaten sind wir quitt.« - -»Nä.« Peter sah unschlüssig zu Boden, aber er bemerkte doch, wie die -Zeih den Herrn zupfte. - -»Wahrhaftig kein Geschäft! Ich will Ihnen noch mehr entgegenkommen --- 's thut mir wahrhaftigen Gott leid, daß die junge Frau nicht das -Plaisir haben soll -- den halben Monat, die fünfzehn Groschen will -ich gar nicht von Ihnen haben. Nur acht Thaler! Halb geschenkt! -Menschenskind, seien Sie doch nicht so stierköpfig! Wenn ich so'n -hübsches Weibchen hätte -- gelt, mein Kind?!« Er kniff Lucia in die -tiefgerötete Wange. - -Peter fühlte einen bitteren Geschmack auf der Zunge; das Blut wallte -ihm so jäh zu Kopf, daß seine Augen undeutlich sahen. Ein wirres -Durcheinander wogte um ihn, durchschossen von feurigen Punkten. Und die -feurigen Punkte fügten sich zu Buchstaben: Geld, Geld! -- Und aus allen -Ecken kreischte es: Geld, Geld! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Lucias erwartungsvolles Gesicht tauchte dicht vor ihm auf: »Gäl, -Pittchen, eweil kaafste't?« - -Sie lächelte ihn an; nun spielte sie mit seiner Hand und puffte ihn -mit dem runden Ellbogen leicht in die Seite. »Pittchen!« Tausend -Bitten, tausend Versprechungen lagen in dem einen Wort! - -»Acht lumpige Thaler! Seien Sie doch nicht so ungalant!« - -»Hol mech der Deiwel, här met dem Kleid!« Peter wußte kaum mehr, -was er sprach. »Äwer uf Ahfzaohlung will ech net, mir sein kein -Lumpenpackasch. Här met dem Dreck -- wat kost de Welt, ech will se -zaohlen!« - -»Ich werde unserem Geschäftshaus Order geben, daß man Ihnen mit -wendender Post per Nachnahme das Gewünschte zugehen läßt, Herr Miffert!« - -»Wohl, wohl,« nickte Peter. Lucia hing an seinem Hals, ganz närrisch -vor Freude. - -»Es 't waohr, es 't aach wirklich waohr? Kriehn ech dat Kleidche? O -Pittchen, ech haon dech e su liew!« - -Das war's, worauf er gewartet hatte. Nun mit ihr allein sein, nun sie -herzen und drücken und sich betäuben an ihren Küssen! Er wollte sie zur -Thür ziehn; willig wäre sie mit ihm gegangen, aber der Reisende vertrat -ihnen den Weg. - -»Das wäre! Ne, Sie dürfen mich nicht hier mutterseelenallein sitzen -lassen, bei dem abscheulichen Wetter, in diesem öden Drecksnest! Habe -ich Ihnen dafür zu dem Kleid verholfen, schöne Zeih? Kommen Sie, -Miffert, wir trinken en Schöppchen!« Er pfiff und sang: - - »Dann setzen wir uns hin, - Wohl auf das Kanapee, - Und singen: Dreimal hoch - Das Kanapee! - -Das neueste vom Jahr, frisch importiert aus der Haupt- und -Residenzstadt Berlin. Ja, seit wir Siebzig-Einundsiebzig hinter uns -haben, haben wir Pli gekriegt. Sowas kennen Sie hier noch nicht, was?« - -»Dat es schien!« Zeih riß begierig die Augen auf. »Sein Se so gud, -singen Se't noch ehs!« - -Als er den Singsang wiederholte, summte sie mit; sie hatte ein -gelehriges Ohr. - -Und der Reisende gab Couplet auf Couplet zum besten, sie konnte sich -gar nicht satt hören; ihre Augen tanzten förmlich, ihre Lippen bewegten -sich, leis murmelnd, wie beim Rosenkranzbeten. - -Pittchen hatte den Arm um sie gelegt. Der Reisende hatte ihm -eingeschenkt, nun wurde auch er fidel. - -Der Nachmittag ging schon in den Abend über; die frühe Dämmerung stahl -sich in's Fenster, noch früher als sonst durch den finster umzogenen -Himmel und die regenschwangere Luft. - -Der Krumscheid brachte schon wieder eine Flasche und zwar nicht vom -schlechtesten. Das war ein Mosel, der sich süffig trank, aber der's in -sich hatte; er lief durch die Adern, wie prickelndes, fröhliches Leben. - -»Spielen Sie auch Karten, Herr Miffert?« fragte der Reisende. Die -hübsche Frau fing an, ihn zu langweilen; da er doch nicht mit ihr -allein war, was nutzte ihm da ihre Bewunderung?! »Machen wir 'n -Spielchen!« - -Peter dachte an seine paar Kupferpfennige. Verflucht, wenn er jetzt -Geld hätte! Die Eifeler spielten nicht gern mit ihm, sie schimpften ihn -'Fauteler'[31], und wenn er gewann, gab's jedesmal Prügelei. Fatal, nun -hatte er so schöne Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu nutzen, und -da mußte er nun kein Geld haben, nicht einmal den niedrigsten Einsatz! -Geld, Geld -- --! Seine Augen funkelten. - -Der Reisende warf einen Thaler auf den Tisch. Als hätte er Pittchens -Gedanken erraten, sagte er: »Ich pumpe Ihnen. Was spielen wir denn?« - -»Sechsunsechzig. Hä, Wirtschaft, Kaarten! Licht.« Peter mischte; die -verfetteten, vom Schmutz dick gewordenen Karten flogen durch seine -Hände, als seien es Rosenblätter. Und dabei wendete er keinen Blick von -dem Thalerstück auf dem Tisch, wie ein Magnet zog ihn das runde Silber -an. Solcher Dinger brauchte er acht -- nein, noch mehr, mehr! Er hatte -das Hungerleben satt. - -Unwillkürlich, fast wider seinen Willen, streckten sich seine Finger -aus; er nahm den Thaler in die Hand und betrachtete ihn. - -»So gut wie neu,« sagte der Reisende, »und ganz echt. Unser Kassierer -hat sich mal 'nen falschen anschmieren lassen; den haben wir ihm an die -Kasse genagelt -- haha! Aber nu los; nu wollen wir sehn, wer mehr Glück -in der Liebe hat -- Sie oder ich!« Er sah dreist die junge Frau an und -lachte. - -Peter lachte auch; ein schlaues und zugleich grimmiges Lächeln verzog -seine Lippen. - -Sie spielten. Den Reisenden amüsierte es, wie eifrig der arme -Teufel bei der Sache war. Hätte man wohl einem hier aus dieser -'zurückgebliebenen, unkultivierten Gegend' so viel Gewandtheit -zugetraut? Und Glück hatte der. Immer bekam er die besten Karten; er -gewann. - -Zeih sah dem Spiel zu, das heißt, sie blinzelte mit verschlafenen -Augen drein, der ungewohnte Weingenuß hatte sie müde gemacht; sie -lehnte sich hintenüber an die Wand. Pittchen bemerkte nicht, daß der -Reisende unter'm Tisch ihr Knie drückte. Sie ließ es sich gefallen, sie -rückte ihm näher, ihr Kopf neigte sich immer mehr zur Seite, bis er ihm -an die Schulter sank. Sie hatte einen kleinen Rausch. - -Draußen war es stockdunkel. Regen klatschte an's Fenster, ein starker -Wind hatte sich aufgemacht und heulte mit wilder Stimme. Ungestüm stieß -er gegen das Haus, die Läden klapperten, lose Riegel drehten sich -kreischend. Es war ein seltsames Pfeifen und Ächzen, ein unheimliches -Wimmern in der Nacht. - -Peter war ganz beim Spiel, auf seinen Backenknochen zirkelten sich -rote Flecken ab. Der Reisende schenkte ihm wacker ein; er trank wacker -aus. Er hatte einen unauslöschlichen Brand in sich, einen Durst, der -gar nicht zu stillen war. Schon wurde sein Blick unklar, er sah alles -doppelt. -- -- -- -- -- Da war das Thalerstück, nicht einmal, nein, -zwei, drei, vier, fünf, sechs, siebenmal -- hundertmal! Hei, die -Thaler! Das war schön, wenn die sich so mehrten. Thaler -- wie die sich -in der Hand fühlten, glatt und rund! Thaler -- die klapperten im Sack; -herrliche Musik! Thaler -- die machten den Knecht zum Herrn, das arme -Pittchen zum reichen Peter! Thaler -- Thaler -- -- -- --! - -Er schnalzte mit der Zunge und leckte sich die Lippen; der Gaumen war -ihm trocken, sein Schlund war so ausgebrannt, wie oben der Krater auf -dem Mosenkopf. Mechanisch ergriff er sein schon wieder gefülltes Glas -und trank es leer auf einen Zug. - -»Glück im Spiel, Unglück in der Liebe,« lachte der Reisende und legte -der verschlafenen Zeih den Arm um die Schultern. »Da, stecken Sie ein, -Sie haben ihn gewonnen!« Er schob den Thaler über den Tisch. - -Peter faßte gierig zu und hielt dann das Thalerstück fest in der -krampfhaft geschlossenen Faust. Er achtete es nicht, daß der Herr jetzt -die Zeih küßte; all seine Sinne, sein ganzes Denken waren bei dem -runden Silber. Es blinkte überall, auf dem Tisch, auf dem Boden, an den -Wänden, es füllte den Raum von der Diele bis zur Decke. - -»Tha--ler,« lallte er. - -»Ehr--lich -- ge--won--nen!« sagte der Reisende. Jede Silbe kam -zwischen einem Schlucken. Er war auch nicht mehr ganz nüchtern. - -»Mei -- mei Kleid,« stammelte die Zeih. - -Es wurde still in der Schenkstube, das Spiel hatte ein Ende. - -Der Reisende hielt die Zeih im Arm; sie staunte mit starr aufgerissenen -Augen, in stummer Bewunderung, seine dicke goldene Talmikette und die -falsche Brillantnadel in seinem Schlips an. - -Peter saß am Tisch in seiner beliebten Stellung, beide Ellbogen -aufgestützt, den Kopf zwischen die Hände geklemmt und stierte vor sich -hin. In seiner Brusttasche brannte der Thaler, durch Rock und Hemd -durch fühlte er ihn, bis auf die bloße Haut. - -Da schlorrte was draußen an der Thür. Nun wurde sie geöffnet, die alte -Schneidersch wankte herein. Ein großes Tuch hatte sie über den Kopf -gezogen; geblendet, wie eine lichtscheue Eule guckte sie darunter vor. - -»Was ist denn das für ein Hutzelweib? Haha! Nur herein, -Hutzelweibchen,« schrie der Reisende. - -Träumte der Peter, oder wachte er? Wie hinter einer dicken Mauer, -die den Schall dämpft, hörte er die Alte sprechen. Horch! Sagte sie -nicht, das Bäbb wäre tot, und der Peter Miffert sollte kommen, den Sarg -zunageln? -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- -- -- - -Er fuhr auf aus seinem Dusel; die scharfe Stimme der Alten zeterte -nach dem Krumscheid, und als dieser kam, verlangte sie Branntwein, ein -halbes Mäßchen. - -»Dat Bäbb es schwaach gefaal[32], eweil moß et ebbes Herzliches -einholen.« Sie kostete und leckte sich dann die Lippen. »Duh werd et -schuns noch ehmaol ufgerappelt gänn. Ah --!« - -»Reiwt er aach ebbes unner de Naos,« riet der Wirt. - -»Sauft hän net onnerwegs aus,« schrie Peter. - -Er wurde plötzlich so wütend, daß er Miene machte, sich auf die -Schneidersch zu stürzen. »Wat haot Eich dat arm Dier gedahn, dat Ihr et -krepiere laoßt, lao hinnen im Stall -- hä?« - -Er rüttelte die Alte. »Wuh es de Weis-Fra, hä, dau schandluse, alde, -knahschtige[33] Hex?!« Seine Hand hob sich zum Schlag, die Alte wich -aus, das Mäßchen wackelte, kippte über, der Branntwein floß auf die -Diele. - -Kreischend und schimpfend kauerte sich die Schneidersch nieder und -tupfte mit dem Finger den köstlichen Fusel auf; sie leckte und -schleckte, am liebsten hätte sie die Diele mit der Zunge aufgewischt. - -Der Reisende wand sich vor Lachen -- war dieses arme Volk urdrollig! -Er lachte Thränen. - -Peter stand mit geballten Fäusten; wollte er die Alte niederschmettern? -Nein, er gab sich selbst eins vor die Stirn, daß er ein paar Schritt -zurücktaumelte. - -»Wirt, geben Sie der Frau doch 'n ordentlichen Droppen für ihren -Durst,« rief der Reisende. »Hahaha! Auf meine Rechnung!« - -Krumscheid näherte sich mit Schnapsflasche und Mäßchen; fluchend riß -ihm Pittchen die noch halbvolle Buttel aus der Hand, setzte sie an und -trank sie leer. Grell lachend taumelte er dann gegen die Wand. - -Er hatte genug. Jetzt fühlte er nicht mehr Gewissensbisse, jetzt hörte -er nicht mehr Jammern und Winseln draußen in der Nacht. Jetzt plagte -ihn der Thaler nicht mehr, der Teufel, der rund und blank über den -Tisch kollerte. - -Mit verglasten Augen, den Kopf auf die Brust hängend, torkelte er zur -Stubenthür. - -Zeih sprang auf. »Eweil moß ech giehn, ech kann eweil net mieh hei -bleiwen!« - -»Warum nicht gar?!« Der Reisende zog sie mit Gewalt nieder. »Jetzt -bleibst du erst recht hier, mein Schätzchen!« - -»Ech moß hän hämführen. Hän könnt en Malör kriehn, mei Pittche!« - -»Der?! Haha! Wenn er im Dreck liegt, wird er schon aufstehn. -Donnerwetter, was der Wind heult! -- Scheert Euch fort, alte Madam, so -verlegne Ware wird nicht mehr verlangt -- haha! -- -- -- auf meinen -Schoß, schöne Zeih! - - Dann setzen wir uns hin - Wohl auf das Kanapee -- --« - - - - - VII. - - -Erster Flatterschnee war gegen Morgen gefallen, in die Lachen und -Pfützen gesunken und da zerflossen; aber er strömte, auch nicht mehr -sichtbar, eine winterliche Kälte aus. Er steckte in der Luft, die -naßkalt und scharf wie mit Messern schnitt; er dräuete in dem Himmel, -der gleichmäßig grau und schwer über'm Thal hing. - -Verschrumpelter schienen die wenigen Blätter, die Ebereschen hatten -ihre letzten Beeren verloren; Krähen kamen unruhig von den Bergen -herunter und saßen krächzend auf den Dachfirsten. - -Wer kein Reisig aufgestapelt hatte, fror; die Hütten waren dumpf wie -die Keller. - -Peter Miffert lag noch im Bett; die zerlumpte Decke hatte er bis an die -Nase gezogen, aber er schlief nicht. Mit düstren Augen starrte er nach -Lucia, die am kalten Herd saß, das Kind an der Brust. - -Sie hatte sich einen alten Deckenfetzen um die Schultern gehängt, -fröstelnd zog sie ihn fest um sich. Sie war ganz blaß, nur ihre -Nasenspitze rot verfroren; jetzt nieste sie, und das Josefchen hustete. - -Peters Stirn zog sich in noch tiefere Falten; über der linken Braue -hatte er eine mächtige Beule, das Auge war schwarz-blau unterlaufen. -Der Kopf schmerzte ihn und war so schwer wie ein Wackelstein; er -stöhnte. - -»Willste ebbes, Pittchen?« Zeih sah nach ihm hin. - -»Et es kalt, -- brrrr.« Er klapperte mit den Zähnen. - -»Ech hoan ken Holz.« - -»Verflucht!« Peter drehte sich nach der Wand um und sprach nicht mehr. - -Sie sagte auch nichts. - -In der Stube war's frostig, noch frostiger durch das Halbdunkel, -das darinnen herrschte; Zeih hatte einen Lappen vor das Fensterchen -gehängt, sonst pfiff der Wind allzu ungehindert durch die Ritzen. -In trauriger Mißfarbe schimmerten die nackten Wände, hie und da war -der Bewurf abgebröckelt, und der rohe Stein kam zum Vorschein. Im -Estrich waren tiefe Mulden ausgetreten. Der Holztisch war lange nicht -gescheuert, Bank und Schemel auch nicht; auf dem Tellerbord standen die -Schüsseln zerbrochen. - -Lucia gähnte, es war ihr recht öd im Magen; prüfend sah sie sich um -- -war denn gar nichts da, um die Flauheit wegzubringen und den Hunger, -der allmählich anfing, ihr den Magen zusammen zu krampfen? Ein warmer -Kaffee würde ihr gut thun. »Ha!« Sie schmeckte ihn schon in Gedanken. - -Leise, um ihren Mann nicht zu stören, schlich sie auf den Zehen an den -Tellerbord. Auch nicht eine Bohne mehr in der Düte, kein Happen Brot -mehr da! - -Trübselig starrte sie vor sich hin; da fiel's ihr plötzlich ein, hatte -der Peter nicht was gewonnen, gestern abend beim Kartenspiel? Daß sie -das vergessen konnte! Ja, einen Thaler, einen ganzen harten Thaler! -Vor Freuden machte sie einen Satz, daß ihr das Kind fast aus den Armen -geglitten wäre; sie lief an's Bett. - -»Pittchen, hä, Pittchen, mir haon jao wat vergäß!« Sie lachte und fing -an, Hose und Rock, die am Fußende lagen, zu untersuchen. »Hei!« Sie -hielt triumphierend den Thaler in die Höhe, »eweil sein mir aus aler -Bredullich!«[34] - -Er hatte sich halb aufgerichtet, mit blöden Augen starrte er sie an. -Jetzt schien ihm plötzlich das Verständnis zu dämmern, mit einem Satz -war er aus dem Bett und zog ihr den Arm herunter. »Giefste här!« - -Sie nahm das als Spaß und lachte vergnügt. - -Er riß ihr unsanft das Geldstück aus der Hand. »Onnerstieh dech noch -ehs. Dän Dahler es mein!« - -»Äwer Pittchen!« Ganz betroffen sah sie ihn an -- was war ihm denn? -Sonst behielt er doch nichts für sich! - -Sie streckte wieder die Hand aus: »Gief doch här, ech moß ebbes kaafe -giehn. Et es su kalt hei, ons Josefche hust!« - -»Laoß mech zofrieden,« murmelte er, sprang wieder in's Bett und hielt -den Thaler in der geschlossenen Faust unter der Decke versteckt. - -»O Jesses, on ech haon e su en Appetitt!« Thränen füllten rasch ihre -Augen, aber sie sagte nichts mehr; Vorwürfe machen, war nicht ihre Art, -sie nahm's eben, wie's kam. Resigniert setzte sie sich wieder auf ihren -Schemel. - -Das Kind fing kläglich an zu wimmern; Peter sah das erbärmliche -Gesichtchen, so welk und alt wie das eines Alraunen. Er sah die dünnen -winzigen Hände, die in der Luft herumgriffen, und jetzt hörte er das -Husten, das Rasseln auf der kleinen Brust und den pfeifenden Atem. Er -sah auch, daß Zeih weinte. Die dicken Thränen rollten ihr über die -heut gar nicht blühenden Wangen. Sie kam ihm plötzlich ganz elend und -abgezehrt vor. - -Es gab ihm einen schmerzhaften Stich durch's Herz; nur ein Wort hätte -es ihn gekostet, eine Handbewegung: 'Da hast du den Thaler', und sie -wäre aufgesprungen mit einem lustigen Juchhe, Freudenröte auf den -Wangen. - -Nein, nein! Wie ein Verzweifelter preßte er den Thaler zwischen den -Fingern; er konnte sich nicht von ihm trennen. Der lag wie Blei in -seinen Händen, der klebte daran fest. Als hätte das tote Metall Leben -bekommen, so dehnte es sich in seiner Hand -- es wurde größer und -größer, immer schwerer und schwerer, es nahm ihn ganz in Beschlag mit -Leib und Seele, es wuchs und wuchs. -- -- -- -- Und eine Stimme bekam -es, die flüsterte, nur ihm allein verständlich, flüsterte und flüsterte --- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Durch Peters Kopf rasten seltsame Gedanken. Sie wurden darin -herumgewirbelt, wie welke Blätter im Gewittersturm. Düster hafteten -seine Blicke auf dem weinenden Weib und dem elenden Kind, glitten -an den öden Wänden auf und nieder und fuhren unstet durch die kalte -armselige Stube. - -Immer dringlicher flüsterte die verführerische Stimme, immer -verständlicher, immer klarer; und er lauschte ihr, den Kopf auf die -Brust geneigt, ganz versunken. - -Es klopfte; er fuhr aus seinem Brüten auf. - -Ein kleiner Schuljunge trat ein, Tafel und Federrohr unter den Arm -geklemmt; sehr wichtig und hochgeehrt durch den ihm gewordenen Auftrag, -brachte er seine Botschaft vor: - -»Dän Pittchen soll eweil gleich beim Hähr Pastor in de Kerch kommen, -dän Kronleuchter es erunner geporzelt. Hän leit eweil uf em Boden!« - -»Laoß hän liegen,« brummte Peter. Er war unwillig, wollte nicht -gestört sein; er mußte lauschen, der Stimme lauschen, die so -vernehmlich zu ihm sprach. 'Arm, arm -- warum brauchst du arm zu sein? -Es liegt nur in deiner Hand -- in deiner Hand --!' Ja, in seiner Hand -lag das Thalerstück, das kleine und doch so mächtige Ding, das, nur von -Menschenhand geschaffen, doch die Welt regierte, tausendmal mächtiger, -wie der Herrgott im Himmel. - -»Wat stiehste noch hei?« fuhr er den Knaben an. »Hei gänn kein -Maulaffen feil gehaal!« - -»Ihr sollt eweil kommen, bei den Hähr Pastor,« beharrte der Junge. - -»Jao, gieh doch, Pittchen,« mischte sich die Zeih ein. - -»Ech haon ken Zeit!« - -»Äwer bei den Hähr Pastor,« sagte Lucia vorwurfsvoll, »bei dän -gaastlichen Hähr?! Daor muß mer doch giehn!« - -»Gaastlich oder net gaastlich, ales ein Packasch! Laoß mech zufrieden!« -Er hob die Hand gegen den Knaben. - -»Maach, datste eraus kömmst!« - -»Gieh daor, Pittchen,« redete Lucia zu. Sie hatte das Kind hingelegt -und faßte ihren Mann nun kräftig unter die Achseln. »Eweil kriehste -villeicht ebbes zu verdienen!« - -»Ae, verdienen! Ech peifen druf!« - -»O Jeß, dän Honger!« Zeih hielt sich den Leib und krümmte sich. -»De Gedärm sein mer eweil schuns binnewennig zusammengeschnorrt -- -Pittchen, gieh doch!« - -»In drei Deiwels Naomen!« Fluchend streckte er ein Bein aus dem Bett, -wie ein Pfeil schoß der Knabe zur Thüre hinaus, er fürchtete Prügel. - -Lucia lachte hinter ihm drein, und dann hielt sie ihrem Mann die Hose -hin. »Dein Buxen, Pittchen! Hei es dat rechte Bein, hei dat linke!« Sie -half ihm in die Kleider. - -Wie im Traum ließ sich Peter anziehen, seine Gedanken waren weit weg. -Zwischen den zusammengezogenen Brauen saß eine grüblerische Falte; er -brütete in sich hinein und schrak zusammen, als ihm Zeih mit einem -lachenden: 'Färdig' die Mütze auf's Haar stülpte. - -Er sah nicht rechts noch links; mit hängendem Kopf, den Blick zu Boden -gesenkt, mit schlaff baumelnden Armen und schlorrenden Füßen ging er -die Dorfstraße hinunter. Er beachtete kein 'Gutentag' und keinen Zuruf; -er hörte auch nicht den Schrei eines neugeborenen Kindes, der hell und -kräftig über den Schneiderschen Hof gellte. - -Ehe er in die Kirche trat, zog er in dem versteckten Winkel beim -Weihwasserbecken rasch noch einmal den Thaler hervor. Sein düstrer -Blick wurde heller, wie er das Silberstück betrachtete; falkenscharf. -Ein triumphierendes Lächeln umspielte seinen Mund, und um seine Augen -zuckten schlaue Fältchen; er stand ganz in Betrachtung verloren. Da, -Geräusch! Er fuhr zusammen, blitzschnell verschwand der Thaler in der -Tasche. - -Pferdegetrappel, Räderrasseln. Ein Wägelchen nahte; der Reisende -fuhr vorbei, zum Dorf hinaus. Peter streckte den struppigen Kopf um -die Ecke und sah ihm mit höhnischem Grinsen nach, dann tunkte er -gewohnheitsmäßig den Finger in's Weihwasser, bekreuzte sich flüchtig -und trat in die Kirche. - -Drinnen war der geistliche Herr. Die Hände über'm Bauch gefaltet, auf -dem guten Gesicht den Ausdruck ratloser Verzweiflung, stand er vor den -Trümmern des ehrwürdigen Kronleuchters. - -Mitten in's Schiff war der heruntergestürzt; viele, viele Jahre hatte -er schon an der weißgetünchten Decke gehangen, seine tropfenden Kerzen -hatten an hohen Feiertagen gebrannt, mit ihrem zitternden Licht den -Andächtigen geleuchtet und dem geheiligten Raum eine noch höhere Weihe -verliehen. Wie ein himmlischer Strahlenkranz, ewig wie Sonne, Mond -und Sterne, hatte er über der Gemeinde geschwebt; da war kein Mensch -im Dorf, der nicht mit Stolz zu dieser Hauptzierde des Kirchleins -hinaufgeblickt und bei besonderen Gelegenheiten eine Kerze in den Kranz -gestiftet hätte. - -Nun lag der Kronleuchter unten. Die Vergipsung an der Decke hatte sich -gelöst, in einer Wolke von Staub war er niedergefahren, mit einem -dumpfen Dröhnen aufschlagend; Schutt und Kalk kamen nachgeprasselt, ja, -ein ganzer Mauerstein. - -Schreckensbleich eilte der Küster zum Pfarrer. Wer sollte den Schaden -nun reparieren? Das Einmauern war nicht so schwer, aber der schöne -Kronleuchter war arg zugerichtet; seine zinnernen Arme waren verbogen, -die Stacheln, drauf die Kerzen gespießt wurden, und viele der flachen -Lichttellerchen darunter, abgebrochen. - -Der Pfarrer rang die Hände, der Küster jammerte. Was würde das kosten, -ließ man einen Künstler kommen, der das wieder herstellen konnte?! -Oder gar das kostbare Stück per Axe weit über die Berge zu schaffen! -Immer wieder wischte sich der geistliche Herr mit dem Sacktuch über die -Stirn, nahm auch eine Prise um die andre und trommelte nachdenklich auf -die Schnupftabacksdose. - -Endlich sprach eines der Weiber, die sich neugierig eingefunden hatten, -von Pittchen. - -Der konnte alles. Der einen hatte er einen neuen Boden in den -Milcheimer gesetzt; der andren die Wanduhr, die immer stehen blieb, zum -Gehen gebracht; dieser das plattgetretene und verbogene Amulettchen -mit den heiligen drei Königen schön aufgehämmert; jener den in zwei -Stücke gebrochenen Ehering so zusammengeflickt, daß ihm kein Mensch -mehr was ansah. Ohrringel, Broschen und Kreuzchen, Uhren und Ringe und -Hausgerät, alles konnte der Peter ganz machen, wenn er nur wollte. -Warum denn dies nicht? - -»Pittchen, holt Pittchen!« - -Der Herr Pastor drehte auf seinem Heimweg, den er schon trübselig hatte -antreten wollen, noch einmal um. - -Und nun war der Peter da. Die Hände in den Hosentaschen, mit -gespreizten Beinen, das Maul schief gezogen, stand er und besah den -Schaden. - -»Jao, jao, e su es et. Jao, jao, et es nau e su!« Er wiegte den Kopf -und sah schläfrig drein, ohne jegliches Interesse. - -»Könntet Ihr das nicht wieder reparieren?« sprach der Pfarrer. - -»Nä, nä, dat es net mein Metjä!« - -»Seht einmal, Miffert,« -- der geistliche Herr bückte sich selber und -hob eins der abgebrochenen Stücke auf -- »ich denke, das ließe sich -wieder anlöten. Das ist Euch gewiß leicht möglich; mit Metall und so -was hantieren, löten und hämmern und gießen und feilen, was weiß ich, -das schlägt doch in Euer Fach!« - -Einen raschen Blick, von unten herauf, warf Pittchen auf den -Geistlichen; es war ein eigentümlicher Blick, ein schlauer Blick, in -dem zugleich plötzlicher Argwohn dämmerte. »Wat beliewt?« fragte er -lauernd. »Wie maant dän Hähr Pastor dat? Ech haon ganz simpel Schlosser -gelernt, met su ebbes Apartem haon ech nie neist im Sinn gehatt. Nä, -duh mößt Ihr bei ener anneren Dühr ankloppen. Lao kann ech neist bei -maachen!« - -»Aber Ihr könnt es doch versuchen,« bemühte sich der Pfarrer ihn zu -überreden. »Sie sagen alle, Ihr seid so geschickt!« - -»Wän haot dat gesaot?« Peter warf einen unruhigen Blick um sich. - -»Nun, nun,« -- der geistliche Herr lächelte arglos -- »das ist doch -keine Beleidigung! Du bist zu bescheiden, mein Sohn. Was du zur Ehre -der Kirche versuchst, wird dir schon gelingen. Die Heiligen werden -deine Arbeit segnen, die allergnädigste Himmelskönigin wird sich -deiner erbarmen.« Er hob die Hand. »Sei ohne Furcht.« Und dann in -minder weihevollem Ton: »Wir haben da vielerlei altes Zinngerät in -der Sakristei; wir wollen einmal nachschauen, Miffert, ob Ihr davon -nichts zum Ausbessern verwenden könnt. Zinn schmilzt leicht; schön -verarbeitet, ja, ja, kann man's von Silber kaum unterscheiden!« - -Wieder dies seltsame, rasche Aufblitzen in Peters Augen. Er widersprach -nicht mehr. - -In der Sakristei war es kellrig und roch nach Moder und Weihrauch; -Peter schloß die Thür hinter sich. - -Da hingen Chorhemden und Meßgewänder; ein in Schweinsleder gebundenes -Buch lag auf dem Tisch, lauter Requisiten für den Gottesdienst. -Peter entsann sich wohl, wie er als kleiner Junge hier einmal -hineingeschlüpft war und mit andachtsvoller Neugier alles durchmustert -hatte. Die Neugier war noch da, aber die Andacht war weg. - -Seine Blicke stöberten in allen Winkeln herum und blieben dann auf dem -alten Schrank in der Ecke haften; da mußte das Zinngerät drin sein! Er -hätte hinstürzen mögen, ihn aufreißen -- Zinn, Zinn! Bald hielt er's -in der Hand, ein Metall, aus dem sich was formen und gießen ließ, man -mußte es nur verstehen. - -Seine Hand tastete verstohlen nach dem Thaler in der Brusttasche. Der -war noch da! Er preßte die Hand fest dagegen; so drückte er ihn an's -Herz. - -Umständlich rasselte der geistliche Herr mit dem Schlüsselbund; endlich -hatte er den richtigen Schlüssel gefunden. Knirschend drehte sich der -rostige Bart im Schloß; widerwillig gab es nach und sprang so schwer -auf, daß Wurmmehl aus der zerfressenen, dunkelgebeizten Schrankthür -stäubte. - -Da stand die Monstranz, verhängt mit weißem Mulltüchlein, neben Kelch -und Hostienschrein; im zweiten Gefach ein paar Weinflaschen zur -Stärkung für den Geistlichen. Und da, im alleruntersten Fach, verstäubt -und zerbrochen, lauter altes Gerümpel; darunter eine verbeulte -Taufschale. Und hier, mit den gebrochenen Enden herausragend, ein paar -in Stücke gegangene Altarleuchter. - -Der Geistliche bückte sich und kramte in dem Wust. Peter beugte sich -über seine Schulter, den Mund offen, die Augen aufgerissen, rasch -atmend. - -»Da,« sagte der Kaplan und streckte ihm ein paar Leuchterarme hin, »nur -Zinn, aber jetzt Goldeswert. Ist das genug zur Reparatur?« - -Peter hatte mit einem raschen Blick alles überflogen; auf die -Taufschale sehen und sie über die Schulter des andren weg herauszerren, -war eins. »Nä,« sagte er schnell, wog die Schale einen Augenblick in -der Hand und versteckte sie dann halb hinter'm Rücken, »dat haon ech -eweil aach noch nedig!« - -»Nimm dir nur! Nimm dir nur, was du brauchst, mein Sohn,« schmunzelte -der Pfarrherr, erfreut über Peters Willfährigkeit. »Alles noch aus -dem vorigen Jahrhundert, wertloser Plunder; da mußte sich unsere -Kirche zu ihren heiligen Zwecken armseliger Zinngefäße bedienen. Aber -die Heiligen werden es in deiner Hand segnen. Uff« -- er erhob sich -seufzend von den Knieen und stäubte seine Hosen ab -- »ist das eine -Ungelegenheit! Hätt' ich das heute morgen geahnt, als ich so friedlich -schlummerte! Nun geh, mein Sohn!« Er legte seine Hand, wie segnend, auf -Peters Schulter. »Du leihst deine geschickte Hand zu gutem Werk. _Quod -bonum felix faustumque sit._ Hol dir den Kronleuchter beizeiten ab, der -Küster wird dir helfen.« - -Peter antwortete nicht mehr; die Taufschale vorn unter'm Rock -versteckt, die Leuchterarme, allen sichtbar, in der Hand, eilte er zur -Kirche hinaus. - -Draußen gesellte sich Tina zu ihm; sie sah verfroren aus und drängte -sich dicht an ihn, als suche sie Wärme bei ihm. - -»Biste mer bees, Pittchen?« - -»Nä,« murmelte er zerstreut. - -Sie trippelte neben ihm her. »Pittchen, maachste am Sonntag met nao -Oberkail? Se danzen beim Pauly. Holste mech bei de Muhsik, dann« -- in -ihrem Blick lag eine glühende Verheißung. - -Als er schwieg, funkelten ihre Augen; sie verzog spöttisch den Mund. -»Olau, et es nor gud, dat dernaoch de Mannsleider widder kommen. Dau -bis e su en power Luder, hast net emaol e Kastemännche, om dei Mädche -zo traktieren!« - -Das traf! Er fuhr in die Brusttasche und ließ seinen Thaler um ein -weniges herausblinkern. »Kuckste eweil, dat ech net e su power bin, hä? -Wann ech nor will. Äwer« -- er schüttelte verneinend den Kopf, drehte -ihr den Rücken und ging mit großen Schritten davon; er lahmte heute gar -nicht, er ging so aufrecht und forsch, wie einer, der den Sieg in der -Tasche trägt. - -Mit offnem Mund sah ihm Tina nach -- einen Thaler, so viel Geld?! Wie -der Wind lief sie hinter ihm drein; als sie ihn erreicht hatte, faßte -sie ihn am Rockschoß. »Hä, Pittchen, hä, wuher haste dän Dahler? Sao't -mer doch, Pittchen, mei liew Pittchen!« - -Er besann sich einen Augenblick, dann lächelte er verschmitzt. -»Geärwt,« flüsterte er ihr in's Ohr. »Pst, pst, Maul gehaal! Dau darfst -niemand neist dervon saon, ech kriehn noch mieh. Äwer« -- er schlug -sich selbst auf den Mund. - -»Ech saon neist, waohrhaftgen Godds,« versicherte sie. - -»Eweil holste mech aach bei de Muhsik, gäl?« Sie schmeichelte ihm und -zog ihn abseits zwischen die Hecken, die, obgleich entlaubt, doch noch -guten Schutz boten. Dort küßte sie ihn stürmisch und gierig. - -Ihm wurde ganz duselig im Kopf, eine wilde Freude bemächtigte sich -plötzlich seiner. Alles konnte er haben, alles! Mit einem Juchzer -schlang er den Arm um Tinas geschmeidigen Leib und lupfte sie in die -Höhe. -- - -So fleißig wie diesen Nachmittag war Peter noch nie in seinem Leben -gewesen. Aus allen Ecken stöberte er seine selten benutzten Werkzeuge -auf, schimpfte laut, wenn ihm eins fehlte, und ruhte nicht eher, als -bis er alle zusammen hatte. - -In der Rumpelkammer neben der Stube, die nur durch eine Luke -spärliches Licht erhielt, richtete er seine Werkstatt her. Den Tisch -schleppte er dorthin, die einzige Lampe und den Schemel. - -Lucia sah lachend zu, sie wußte nicht, was sie davon denken sollte. Als -sie den Einwand machte, daß er ihr das Beste aus der Stube weg trage, -kniff er sie zärtlich in die Wange und kitzelte sie unter'm Kinn. - -»Dau sollst et schuns kommod kriehn,« brummte er und lachte in sich -hinein; nahm dann einen Hammer und probierte ihn auf dem Tisch. »Eweil -noch net, äwer bal. Dän Pittchen es en Filu. Gudendag, Dahlerpittchen,« -er machte einen Kratzfuß, »wat kost de Welt?!« - -Stolz richtete er sich auf, warf sich in die Brust und summte: - - »Dahler, Dahler, dau mußt wannern - Von der anen Hand zor annern, - Dingderlink, Dahler dau -- -- -- -- - -Himmelkreizgewieder!« schrie er, zusammenschreckend, dann plötzlich -seine Frau an, »wat willste hei? Weibsbiller haon hei neist zo suchen!« -Er schob sie aus der Kammer und schloß zu. - -Mit dem Kind auf dem Arm ging Lucia hinunter in's Dorf. Trotz des -unlustigen Wetters ständerte sie an den Thüren herum und schwatzte. -Diese und jene rief sie herein; dann setzte man ihr einen Kaffee vor -und ein Schmierchen und fragte sie aus nach Leibeskräften. - -Wie ein Lauffeuer hatte sich's im Dorf verbreitet: der Miffert hatte -eine Erbschaft gemacht! Wer es aufgebracht, wußte man nicht recht; aber -man schwur darauf, wie auf das Amen in der Kirche. - -Lucia lachte harmlos dazu, sie sagte nicht 'nein' und nicht 'ja' -- was -wußte sie denn davon? Aber sie nützte die Gelegenheit; so bereitwillig -zum Geben waren die Weiber noch nie gewesen. Als sie wieder zur Hütte -hinaufstieg, war sie schwer beladen, mit Kartoffeln, Brot und Speck; -sie hatten für ein paar Tage genug daran. Satt und behaglich schlief -sie ein. - -Erst lange nach Mitternacht, die Hähne krähten schon den grauenden -Morgen an, suchte Pittchen sein Lager auf. - -Aus dem Spiegelscherben neben dem Bett starrte ihn ein fahles, -seltsames Antlitz an. So hatte der Peter noch nie ausgesehen, er -erschrak vor sich selber. Seine Lippen waren fest aufeinander gepreßt, -als hätten sie ein Geheimnis zu verschließen; seine Augen fuhren scheu -lauernd umher, wie die eines Diebes, der Überraschung befürchtet. - -Eine Maus kraspelte; er schrak zusammen und löschte rasch das Lämpchen. - -Ein Mondstrahl stahl sich durch das verhängte Fensterchen und malte -helle, runde Lichtflecke auf die Thür zur Nebenkammer. Peter schlüpfte -im Hemd, auf bloßen Füßen an's Fenster und zog den Lumpen fester vor, -prüfte sorgsam, ob die Thür der Werkstatt verschlossen, und verbarg den -Schlüssel hinter einem losgebrochnen Stein des Herdes. - -Dann erst kroch er fröstelnd in's Bett. Aber er wurde nicht warm. Von -Schauern überrieselt, mit brennenden, weitoffnen Augen lag er, von -Zweifeln und Ängsten beschlichen. Würde es ihm auch gelingen?! -- -- -- --- Was hatte der Pfarrer gesagt? 'Die Himmelskönigin wird sich deiner -erbarmen!' -- -- -- -- »Ech gelowen der en Kerz, e su dick wie mein -Arm, nä, noch dicker,« murmelte er. »Nä, zwa! On en Kleid von Seid, on -Messen for de armen Seelen im Fegfeuer.« - -Bah, was ging denn nur mit ihm vor?! Er riß die gefalteten Hände -auseinander -- so rasch ein Betbruder geworden? Das sollte ihm fehlen! -Seine Gesichtsmuskeln zuckten in einem höhnischen Grinsen -- nur keine -Furcht! - - »Wän net wagt, dän net gewinnt, - Wän net sucht, dän net findt,« - -sagte er sich laut vor. Wo Reichtum und Armut so ungerecht verteilt -sind, muß man da nicht selber suchen, sich was zu verschaffen? Wer -zuerst beim Weihwasser ist, segnet sich zuerst. Und hatte ihm die -Heilige nicht selber den Weg gewiesen? - -»Jao, jao,« -- er bekreuzte sich nun doch unter der Bettdecke -- -»unsre liebe Fra, gelowt sei se!« Die hatte das so gewollt; die war -dem Pittchen gut, wie alle Weiber. Die hatte den Kronleuchter stürzen -lassen; die hatte ihm das Zinn und das silberne Taufbecken in die Hände -gespielt; die hatte dem armen Pittchen helfen wollen, die würde ihn -auch ferner nicht im Stich lassen. - -Seine Aufregung legte sich allmählich, die finstren Falten auf seiner -Stirn glätteten sich. - -Allerhand liebliche Bilder kamen. Wenn er sich auch erst unruhig warf -und stöhnte, daß die Zeih aufwachte und erschrocken den Arm um seinen -Hals schlang, bald schlief er sanft. - -Er lag noch und schnarchte, als der Pfarrherr den Küster schickte und -fragen ließ, wie dem Pittchen die Arbeit gelinge? - - - - - VIII. - - -Der alte Krumscheid knallte mit seiner Peitsche, daß Krähen und -Spatzen entsetzt aufflatterten und magere Häschen sich in den kotigen -Ackerfurchen versteckten. Wenn die lange Peitschenschnur sich in -den nackten Ebereschenzweigen, rechts und links von der Straße, -verfing, fluchte er und riß und zerrte. War es ihm endlich gelungen, -loszukommen, weifelte er hin und her und setzte dann in Bogen und -Zickzacklinien seinen Heimweg fort. - -Er kam von Spang-Dahlem, da hatte er eine trächtige Kuh verkauft; ein -gut Stück Geld trug er im Lederbeutel, unter'm Mantel versteckt, auf -dem Leib. Kein Wunder, daß er einen Kleinen sitzen hatte; in Oberkail -war er auch noch einmal eingekehrt. - -Als er zum Dorf hinaus war, stieß er auf Pittchen; fast schien es so, -als hätte der da auf ihn gepaßt. Pittchen kam auch von Oberkail, hatte -sich beim Maurer dort ein Säckchen Gips geholt, eine recht reichliche -Portion, zum Eingipsen des Kronleuchters in der Kirche. - -Sie redeten dies und das. Der Krumscheid war sehr guter Laune, und -Pittchen ging ihm um den Bart, so geschmeidig, wie eine schnurrende -Katze ihrem Herrn um die Füße streicht. Zuletzt wurde der Alte -vertraulich; wenn er gar so sehr schwankte, stützte Peter ihn. - -»Gud gelaoden,« lallte Krumscheid und schlug sich auf den Bauch, daß -es lieblich im Lederbeutel klimperte. Und dann blinzelte er, von der -Seite her, dem andren dummpfiffig in's Gesicht. »No, bei Eich werd et -eweil aach bal klimpern, wat? Saot« -- er flüsterte wichtig und spitzte -neugierig die Ohren -- »mir könnt Ihr't eweil dreist anverdrauen, -wän -- wän« -- der Schlucken stieß ihn -- »wän haot Eich -- ebbes -- -ver--vermaacht?« - -»Jongfra Maria!« Peter flüsterte auch und legte dann, sich scheu -umsehend, dem Angetrunkenen die Hand auf den Mund. »Still, äwer still, -dat se 't net hört! Dat haot se net gären. Wann mer dervon babbelt, -krieht mer de Krankhaat!« - -»Wän haot Eich -- ebbes -- ver--maacht -- wän?« Der Alte riß blöd die -Augen auf. - -»Hei dän Däumerling,« lachte Peter und streckte seinen Daumen in die -Höhe. - -»O dau Filu!« Der Krumscheid stieß ihn kichernd in die Seite. »Ihr -spillt jao Kumedi! Ihr wollt et nor net saon!« - -»Kann sein, kann aach net sein!« Peter zuckte die Achseln. »Äwer, -Krumscheid, hört ehs« -- er zwinkerte vertraulich -- »seid eweil e su -gud, on lehnt mer e paor Dahler, Stücker aacht oder ziehn. Ihr krieht -se met Zönsen widder, e su bal ech -- no, Ihr waaßt jao schuns! -- E su -bal ech ausgezaohlt gänn!« - -»Lehnen -- Dahler --?!« Trotz seiner Trunkenheit wurde der Alte -argwöhnisch; er hielt die Hände vor den Bauch, als wolle er so die -Thaler schützen. - -Sie waren unweit Schwarzenborn, ein starker Wind blies über die kahle -Höhe; der Alte torkelte, daß er sich kaum aufrecht halten konnte. - -Peter packte ihn fest unter den Arm. »Met Zönsen widder,« raunte er -ihm in's Ohr. »Anstatts ziehn, fünnefziehn Dahler! Dat es en Geschäft, -gäl? Hört Ihr dän Wind? Wie dän heult! Wann ech Eich loslaoßen, eweil -kullert Ihr hei dän Berg erunner, bonz onnen, bonz owen! Se können Eier -Knöchelcher anzeln ufsuchen.« - -»Jesses!« Der Alte klammerte sich fest an den stützenden Arm. »Kriehn -ech se dann aach widder, mein Dahlersch?« stammelte er ängstlich. - -»Uf Ehr on Säligkaat,« sagte Pittchen feierlich. »Hopp! Maacht, gieft -Obacht, eweil kunnt Ihr dat Genick brächen, wann ech net derbei waor!« - -»Jeßmarijusep!« Der Alte knöpfte schon seinen Mantel auf; Pittchen half -ihm dabei, allein konnte der Krumscheid nicht mehr damit zu stande -kommen. - -Auf einem Stein am Weg kramten sie den Beutel aus; die Papierscheine -schob Pittchen mit Verachtung zurück, aber die harten Thaler, die darin -waren -- grade acht -- packte er mit Gier. Er betrachtete sie scharf -- -lauter Thaler verschiedener Prägung, schon durch viele Hände gegangene; -die Bildnisse verwischt, die Schrift nicht mehr leicht leserlich, das -fein Gekerbte des Randes etwas abgegriffen. Er klopfte sie prüfend an -den Stein. Waren sie auch echt? Sie gaben keinen sonderlich hellen -Silberklang mehr. - -Mit einem tiefen Aufatmen, sehr befriedigt, steckte er sie in die -Tasche. Dann führte er, sorgsam wie eine Mutter, den jetzt völlig -Sinnlosen den abschüssigen Weg in's Thal, leitete ihn gutmütig bis in -die Schenkstube und half ihm sogar selber noch in's Bett. - -Es war ganz dunkel, als er nach Hause ging. - -Zeih hatte ein Talglicht brennen; eine leere Flasche diente als -Leuchter. Sie hatte es auf den nun einzigen Schemel der Stube gestellt -und kauerte davor am Boden, wie ein Türke, mit untergeschlagenen Beinen. - -Josefchen schlief fest in seinem Weidenkorb; sein Gesichtchen, mit dem -unkindlich spitzen Näschen und den wachsgelben Wänglein, sah aus wie -das eines toten Kindes. - -Das armselige Licht flackerte mit langer Schnuppe und stank abscheulich -nach ranzigem Fett; auf dem Herd schwehlte Reisig, warf ab und zu einen -aufzuckenden Schein über die Wände und sank dann jäh wieder zusammen. -Das gab dem öden Raum etwas Leeres, Ausgestorbenes. Die nackten Mauern -glichen Grabmauern in der gespenstischen Beleuchtung. - -Nur Zeih atmete volles Leben. Über ihrer üppigen Brust straffte -sich die bunt-baumwollene Nachtjacke, der oberste Knopf war nicht -geschlossen, man sah die weiße Kehle schimmern. Aus den Flechten hatte -sie die Haarnadeln gezogen, nun hingen sie ihr halbgelöst herunter, und -das flackernde Licht warf einen goldenrötlichen Glanz auf ihr Braun. -So sah sie fast mädchenhaft aus, trotz ihrer Fülle von einer keuschen -Lieblichkeit. - -Mit flinken Fingern kramte sie in dem bunten Gelappe auf ihrem Schoß -- -hier ein Bandflickchen, da ein Spitzenendchen -- es war rätselhaft, wo -sie das alles aufgetrieben hatte. Nun langte sie neben sich und hielt -die Taille des roten Sonntagskleides gegen's Licht -- an der Brust -ganz speckig gerieben, alle Nähte blank, der Stoff so fadenscheinig -abgetragen, daß das Licht durchschimmerte, wie durch ein Spinngewebe. - -Sie seufzte. Schade, daß das neue Kleid nicht schon fertig war! Der -Stoff war noch nicht einmal angekommen; was hätte sie sonst für einen -Staat machen können, morgen zu Oberkail! Jammerschade! - -Ein paar Augenblicke ließ sie die Lippen hängen, aber gleich darauf -hoben sich die Mundwinkel wieder in einem vergnügten Lächeln. Ei was, -amüsieren würde sie sich auch in dem alten Kleid, war nicht der schöne -Gendarm da?! Und wenn der nicht, dann doch andre! - -Es wurde ihr heiß, wenn sie an die Lustbarkeit dachte; sie öffnete die -Nachtjacke weiter über der Brust. Pittchen mußte mit ihr hingehn, er -mußte; hei, das würde fidel werden! Sie hielt den hübschen Kopf schief -über ihre Arbeit geneigt und summte sich halblaut eins. - -Da knarrte die Thür; Peter trat ein. - -Mit einem unterdrückten freudigen 'Jesses' sprang sie ihm an den Hals. - -Er war durchfroren; das Haar hing ihm, vom Nebel genäßt, in die Stirn. - -Sie ließ ihn gar nicht zu Atem kommen. »Pittchen, mir maachen morjen -nao Oberkail, gäl? Dau giehst met mer danzen, gäl?« Sie flüsterte und -drückte ihn heftig an ihre weiche volle Brust. - -»Watt dann?« Er sah sie verwundert an. »Wie kömmste e su im Momang dao -druf? Wän haot dir dat in dän Koap gesetzt?« - -»Dat Tina waor hei,« sagte sie hastig. »Et saot, dau hättst em -versproch, dau wollst et metholen nao Oberkail. Kuckste hei?« Sie -hielt ihm die Wange hin, über deren weiches Fleisch sich ein scharfer -Kratz zog. »Mir haon en ordentlichen Diskurs gehaott. Äwer ech giehn -met. Jesses« -- sie machte einen kleinen Hopser -- »ech hören se -schuns fiedeln! Gäl, Pittchen, mir giehn daor?« Sie blinzelte ihn mit -schwimmenden Augen an. - -»Dat Tina, dat frech Mensch,« murrte Peter und kratzte sich mißmutig -hinter den Ohren. »Ech giehn net nao Oberkail, ech haon ken Zeit!« - -»Olau!« Lucia lachte ihm in's Gesicht, und dann sagte sie ernsthafter: -»Dän Küster waor hei, hän wollt kucken, wie weit datste als met dem -Kronleuchter wärst. Hän wollt et absolut wissen; hän saot, dän Hähr -Pastor däht em schicken. Mir wollten in de Kammer kucken, mir haon -versucht --« - -»Onnerstieh dech noch ehs!« Peter fuhr sie so heftig an, daß sie -betroffen zurückwich. Mit großen Schritten eilte er zur Kammerthür, zog -den Schlüssel aus seiner Tasche und stieß ihn in's Schloß; dann krachte -er hinter sich zu. Zeih hörte, daß er zweimal herum zuschloß. - -Er blieb sehr lange in der Kammer; als sie ihn zur Abendsuppe rief, war -ein dumpfes Grunzen seine einzige Antwort. - -Sie klopfte und schlug gegen die Thür. »Pittchen, hörste dann net? -Pittchen! Eweil sollste kommen, Pittchen!« - -Urplötzlich, mit einer solchen Vehemenz trat er heraus, daß er ihr -die Thür gegen den lauschend vorgeneigten Kopf stieß. Er beachtete -nicht, daß ihr die Thränen in die Augen schossen; stumm und hastig -schlingend, verzehrte er am Herdrand das Mus und die paar vom Mittag -übrig gebliebenen kalten Schalenkartoffeln. - -Als er satt war, kam eine ruhigere Stimmung über ihn; er ließ seinen -heißen Kopf, wie erschöpft, an Lucias Schultern sinken und umfaßte -ihren Leib. »Dat waor en Strawatz,« stieß er unwillkürlich heraus, -»hährjeh!« - -»Wat dann?« fragte sie zerstreut; sie dachte nur an den morgenden Tanz. - -Ohne zu antworten, wühlte er den Kopf immer tiefer. - -Sie strich mechanisch über sein Haar, vor ihren Augen drehten sich die -Tänzer. - -Er murmelte in sich hinein: »Mer kann jao eweil dat Läwen net mieh -mantenören.« Und dann fuhr er plötzlich auf: »Zeih, freu dech!« - -»Dau giehst met mer nao Oberkail? O dau Pittchen!« Froh überrascht -drückte sie ihm einen schallenden Kuß auf die Backe. »Nao Oberkail!« - -»Gieh met wäm datste willst! Laoß mir mein Ruh!« - -Heftig sprang er auf und eilte in die Kammer; wieder schloß er hinter -sich zu. -- -- -- - -Zum zweiten Mal schon wachte Lucia in dieser Nacht auf, und noch immer -lag ihr Mann nicht neben ihr. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen. -Unter der Schwelle der Kammerthür stahl sich noch ein Lichtstreif -in die Stube; nun hörte sie auch drinnen noch hantieren, hastiges -Hinundhergehn und unterdrücktes Fluchen. - -Sie bedauerte ihren Mann; was der sich plagen mußte! - -Seit der Kronleuchter im Hause war, war das arme Pittchen wie behext; -wär' der nur geblieben, wo der Pfeffer wächst! - -Leise schlich sie sich aus dem Bett und lugte, mitleidig und neugierig -zugleich, durch den Spalt, der mitten im Holz der Kammerthür klaffte. -Nichts zu sehen, von innen war er verklebt. - -»Pittchen,« rief sie und klopfte. - -Keine Antwort. - -Innen Gemurmel, als ob einer betet oder Geister beschwört. - -Draußen erhob der Nachtwind ein stöhnendes Geheul. Das pfiff und -ächzte und tobte und johlte; das Wodesheer jagte im Kunowald, oder der -Teufel rief die Hexen auf dem Tanzplatz bei Großlittgen zusammen. Der -wilde Herbststurm riß am Strohdach, nicht viel fehlte mehr, und die -Hütte wurde abgedeckt. Eine schauerliche Nacht. - -Sie fror in dem dünnen Hemd, das ihr nur bis zu den Knieen reichte. -Zitternd schlich sie in's Bett zurück. -- -- -- - -Vorwurfsvoll blickte Lucia Miffert am andren Morgen in der -Sonntagsmesse zur Kirchenwölbung auf, an der ein großes Loch die Stelle -zeigte, wo der Kronleuchter gehangen. »Dau,« murmelte sie drohend und -ballte die Faust in den Falten ihres Kleides. »Brauchst dau erunner zo -porzeln, konntste net waarten bis morjen? Eweil däht hän heit met mer -nao Oberkail giehn!« - -So war mit dem Peter nichts anzufangen; der bastelte den ganzen -heiligen Sonntag in seiner Werkstatt und wurde unwirsch, wenn man ihn -störte. - -Sie betete recht angelegentlich zur Jungfrau Maria; wenn die ihr doch -einen schickte, der sie mitnähme! - -Am frühen Nachmittag wusch und strählte sie sich noch einmal; die -Haare glänzten ihr wie Seide auf dem wohlgeformten Kopf, das Kleid -sah doch noch erträglich aus, nun sie es mit einem Spitzenkrägelchen, -von einer gelben Bandschleife geschlossen, ausstaffiert hatte. Mit -Wohlgefallen guckte sie in den Spiegelscherben. Hei, wie die Ohrringel -blitzten, wie pures Gold! 's war zwar nur blankgeputztes Messing, ein -Hausierer hatte ihr die Ringelchen einmal eingetauscht gegen alte -Lumpen; freilich, ein paar handvoll Federn aus dem Bett hatte sie auch -noch mit dreingeben müssen. - -Mit naiver Freude besah sie sich lange, dann trat sie vor die Hausthür, -stemmte die Arme in die Seiten und lugte aus. - -Jesus, Maria, Josef! Wer kam denn da mit Säbelgerassel die Dorfstraße -herauf?! Sie traute ihren Augen nicht; einen hellen Freudenschrei stieß -sie aus -- das war ja der schöne Gendarm von Oberkail! - -Ihr Kleid raffend, sprang sie in großen Sätzen ihm entgegen. Daß ihr -nur keine zuvorkam! - -Die einsame Dorfstraße hatte sich plötzlich belebt, aus allen -Fenstern fuhren Köpfe; Thüren klappten. Rufen, Laufen, Lachen. Mit -Zauberschnelle war Leben, wo eben noch alles ausgestorben erschienen. -Da waren schon die Tina, die Brun und die Leis! Die kleine Billa kam -auch gerannt, und noch ein ganzer Schwarm andrer. - -Der schöne Gendarm versandte rechts und links freundliche Blicke aus -seinen blanken Augen und lachte über das ganze runde Kindergesicht, daß -sich die Grübchen in seinen Backen zu zwei Löchelchen vertieften. - -Wen suchte er? - -Nun war Lucia bei ihm. »Hähr Schandarm, Hähr Schandarm,« stammelte sie -atemlos, mit ihrem strahlendsten Lächeln. - -»Verfluchtes Schwein -- pardon, wollte sagen: riesiges Jlück!« Er -legte zwei Finger an den Helm und betrachtete sie mit der Miene eines -Eroberers. »Ich dachte jrade an Sie, schöne Frau!« Er gab sich Mühe, -das ein wenig von oben herab zu sagen, aber im Grunde war er so erfreut -über die Begegnung, daß er schmunzelnd den Mund breit zog. Er strich -sich unternehmend den Schnurrbart. »Riesig erfreut!« - -»Es et waohr?« fragte sie treuherzig. Die Häuser tanzten vor ihren -Augen einen wiegenden Walzer, ihr Herz klopfte in kindischer -Glückseligkeit -- den hatte ihr die Jungfrau Maria geschickt! - -Sie waren bald einig. Der schöne Gendarm hatte in Eifelschmitt beim -Krumscheid, dem Ortsvorstand, etwas zu thun gehabt; das sagte er aber -nicht, er behauptete, einzig und allein nur gekommen zu sein, um die -schöne Zeih zum Tanz abzuholen. Nun wollte er auf sie warten, unten am -Berg, wo das Fußfällchen[35] steht. - -Vor Freuden hüpfend, eilte sie zurück in ihre Hütte; sie küßte und -bekreuzte das Josefchen in der Wiege, wickelte es fest ein, daß es sich -nicht rühren konnte, und steckte ihm den Zulp mit gekautem Brot in's -Mäulchen. - -Jetzt rasch ein Tuch um die Schultern gehängt und dann an die -Kammerthür geklopft. »Pittchen, adjes! Ech giehn derweil!« - -Drinnen fuhr einer erschreckt auf, wie aus tiefem Schlaf, man hörte den -Schemel umpoltern. - -»Ech giehn nao Oberkail, adjes!« Sie wartete keine Gegenrede ab, -schnell war sie auf und davon; die Thür ließ sie in der Eile offen, ein -starker Zugwind blies in's Haus. - -Als sie mit ihrem Begleiter die Höhe gen Schwarzenborn hinaufstieg, -folgten ihr viel neidische Blicke. - -Was wollte die denn mit dem? Die hatte ja zuhause einen Mann! Die -Weiber standen zusammen, Enttäuschung und Ärger in den Mienen, und -schimpften hinter ihr drein; heute wurde Lucia Miffert von allen gehaßt. - -Tina schmählte, gegen ihre sonstige Gewohnheit, wenig; sie lahmte -merklich mit dem linken Fuß. Auf den hatte ihr die Zeih gestern den -Schemel geworfen; da hatte sie ordentlich Respekt bekommen. - -Als es dunkelte, schlich sich Tina zu Mifferts Hütte, sie hörte ihn -drinnen poltern und fluchen. - -Vor einer Viertelstunde war Peter erst aus der Kammer gekommen; sein -blasses Gesicht zeigte scharlachrote, abgegrenzte Flecken auf den -Backenknochen, seine Augen, die tief in den Höhlen lagen, glänzten -übernatürlich. - -»Zeih,« schrie er aufgeregt, »Zeih!« Für heute war er fertig, und nun -mußte er einen Menschen haben, mit dem er reden konnte, einerlei was, -nur reden, reden! Eine wilde Unruhe quälte ihn. - -»Zeih!« schrie er, daß die Wände widerhallten. Sie antwortete nicht, -nur das Josefchen wimmerte, halberstickt in seiner festen Umwicklung. - -Die Thür stand sperrangelbreit offen, eiskalt war's in der Stube -- die -Zeih nicht da, wo war sie? - -Verstört fuhr er sich über die Stirn -- hatte sie's ihm denn nicht -zugerufen: 'nao Oberkail' --?! - -Wie ein Keulenschlag traf es ihn in's Genick; er brüllte auf: »Nao -Oberkail!« - -Und mit wem --?! Hatte er denn keine Ohren gehabt, keinen Verstand?! -Wie ein Wahnsinniger rannte er in der Hütte umher -- nach, ihr nach! Er -wollte sich anziehen und fand seine Sachen nicht, wütend warf er alles -durcheinander; am liebsten hätte er geweint, wie ein altes Weib. - -Da kam Tina. - -Erst war er grob, sie ließ sich nicht abschrecken; schlau wie ein -Kätzchen umschmeichelte sie ihn. Sie küßte ihn und streichelte ihn; sie -sah schön aus in dem Sonntagskleid, mit dem goldenen Kamm in den Haaren -und frisiert wie ein Fräulein. - -Er wurde schwach. Und hatte er denn nicht auch versprochen, sie -mitzunehmen?! - -Sie drängte ungeduldig zum Aufbruch. Nur so viel Zeit ließ sie ihm -noch, daß er von neuem Feuer anzündete und das Kind loswickelte; die -Zeih hatte es ja eingepackt, daß es ersticken mußte. - -Dann gingen sie mit einander fort, aber Peter verschloß das Haus -sorgfältig und legte sogar die morschen Läden vor. - -Sie waren kaum zwanzig Schritt weit, da rief die Leis sie an; die -hatte wohl hier auf der Lauer gelegen. Sie war vollständig zum Gehen -gerüstet, nur die schönen blonden Haare trug sie unbedeckt, als goldig -umstrickende Fäden wehten sie im Herbstwind. Sie sagte, sie wolle auch -nach Oberkail, und schloß sich ihnen an, ohne weiter aufgefordert zu -sein. - -Die schwarze Brun war auch nicht weit. Wenn Tina auch ein noch so -wütendes Gesicht machte, die beiden stahlen sich an Pittchens andere -Seite. - -Und so fanden sich ihrer noch mehrere ein. Die Steffes kam daher, ganz -sittsamlich ihr Hubertche an der Hand führend; gleich darauf die Traut, -die immer noch ein besonderes Anrecht auf Pittchen geltend machte, von -früher her. - -Als sie endlich die Chaussee gen Schwarzenborn hinaufstiegen, trabte -Pittchen inmitten von zehn Weibern. Als letzte hatte sich die kleine -Billa eingefunden, atemlos war sie nachgerannt in ihrem flatternden -kurzen Rock. -- »Tina, waart! Waart!« Sie kreischte immerfort: »Helao, -ech saon et! Dau sollst net allein giehn! Tina, Tina!« - -Zuletzt hing sie sich dem Peter an den Rockschoß. -- - --- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Die letzten Lichter von Oberkail schimmerten wie vereinzelte -Glühwürmchen durch die Finsternis, als die Eifelschmitter heimkehrten. -Es war spät, gegen Mitternacht, und noch hatten sie eine gute Stunde -Wegs. - -Ihre Gesichter glühten trotz des scharfen Bergwindes, der die Haut -schnitt wie mit Messern; ihre Kleider blähten sich, flatternd gleich -Fledermausflügeln. Irgend jemand trug eine Laterne, aber sie löschte -bald aus; nur der Mond, der für Augenblicke zwischen jagenden Wolken -hervorlugte, zeigte den Weg. Er war ein sehr unsicherer Führer -- jetzt -verschwand er ganz; mit Gekreisch drängten sich die Weiber in der -tiefen Dunkelheit um Pittchen. Wohin der tappte, weiche Leiber. - -Das war ein 'Jux' gewesen zu Oberkail! - -Als der Peter mit seiner Eskorte angekommen war, tanzten sie schon; -mitten im dicksten Knäuel drehte sich die Zeih. Sobald sie ihren Mann -erblickte, ließ sie ihren Tänzer, den Gendarmen, stehen und lief -lachend auf Pittchen zu. Dieser aber that patzig, sah sie gar nicht -an und tanzte los mit einem herausfordernden Trotz. Und als er gar -Apfelwein kommen ließ und die Eifelschmitter Damen traktierte, war er -König des Tanzbodens; die dummen Bauernburschen von Oberkail trauten -sich ihm nicht in's Gehege, von denen hatte ohnehin jeder sein Mädchen -mitgebracht. - -Lustig, lustig! So toll hatte es der Peter noch nie getrieben; sein -lahmes Bein schien vergessen, er sprang wie ein jähriges Kalb, immer -gab ihm was inwendig einen Peitschenschlag: »Hü, hott, trab, trab!« -Gestachelt durch Eifersucht, geschmeichelt von der Bewunderung, gejagt -von -- was war es nur, das ihn so hetzte?! - -Er schwang die Tina und die Leis, er schwang die Vrun und die Traut -- -alle. Erst gab es ihm einen schmerzhaften Stich, wenn er sah, wie der -Gendarm und die Zeih sich gar nicht losließen; dann ging alles unter in -einem wilden Dusel. - -Der letzte Groschen von dem Vorschuß, den er vom geistlichen Herrn auf -seine Arbeit erbeten, war verjubelt; was kümmerte es ihn, er schrie -immer weiter nach Bier, Schnaps und Wein und ließ es auf Rechnung -schreiben. - -Jede drängte sich dazu, mit ihm zu tanzen; jeder mußte er zutrinken. -Rechts hatte er die Tina neben sich, um den Platz an seiner Linken -stritten sich Vrun und Leis erbittert mit der Traut; zuletzt wurden sie -dahin einig, sie saßen nacheinander ihre Zeit ab. Sie schmeichelten ihm -alle, er that mit jeder schön; zuletzt konnte er sie nicht mehr von -einander unterscheiden. Keine nahm's ihm übel, sie waren schon alle -halbvoll. - -Billa war zuerst abgefallen. Sie fing plötzlich, mitten im Lachen, -laut an zu weinen, legte den Kopf auf den Tisch und schluchzte, daß es -sie stieß. Als jemand nach einer Weile sie aufrichten wollte, sank sie -wieder schwer vornüber; sie schlief fest, unbekümmert um das dröhnende -Gelächter der andren und das Gedudel der Musik. - -Pittchens Augen starrten trüb und glasig, wie die eines toten -Schellfisches. Er sah nicht mehr, daß der schöne Gendarm drüben mit -Zeih in einer Ecke saß und ihr Wein und Kuchen bestellt hatte; er -merkte nicht, daß sie miteinander verschwanden. - -Er riß unflätige Witze, lachte, schlug auf den Tisch, drückte jetzt -die, dann die, und wurde zuletzt windelweich. - -Sie hielten ihn umstellt, wie ein Rudel ausgehungerter Wölfe den -waidwunden Bracken; ihre Augen glänzten und glitzerten, sie maßen sich -untereinander mit Raubtierblicken -- wem fiel er zu? Dumpf knurrend -zeigten sie sich die Zähne. - -Der Kampf des Abends wurde auf der mitternächtigen Straße fortgesetzt. -In der schwarzen Finsternis gab es heimliche Tritte und Püffe, alles -still, ohne Laut. Jede suchte die neben sich von Pittchen weg zu -drängen und allein was von ihm zu erhaschen; sie warfen ihn fast um. - -Peter war schwer betrunken. Er war kein Gewohnheitssäufer, es war -zu zählen, wie oft er in seinem fünfunddreißigjährigen Leben bezecht -gewesen; aber in letzter Zeit warfen ihn schon ein paar Gläser um, er -goß sie zu aufgeregt, zu hastig hinunter. - -Willenlos ließ er sich von den Weibern schieben und zerren; wie ein -unlöslicher Klumpen hingen sie dicht um ihn geballt. So kamen sie -langsam voran. - -Nun zeigte sich wieder einmal der Mond -- da fiel's der Tina auf, die -Bill fehlte. Richtig, die hatten sie oben vergessen im Tanzsaal. Da -lag sie auf der Ofenbank wie eine Tote, mit wirrem Haar, die Kleider -halbgelöst um den noch kindlich hagren Körper; die Bauernburschen -standen darum her, glotzten und machten ihre Scherze. - -Auch das Hubertche war abhanden gekommen; das schlief wohl auch -in irgend einem Winkel. Niemand beunruhigte sich wegen der -zurückgebliebenen Kinder. - -Ganz zurück in der Ferne zeigte sich ein wanderndes rötliches -Pünktchen, das war die Laterne, die der Gendarm trug; er gab -seiner Liebsten bis Schwarzenborn das Geleit. Sie verabredeten ein -Stelldichein am nächsten Tage, dann ließ sich Zeih einen zärtlichen -Abschied gefallen und bedankte sich vielmals 'für alles Pläsir.' - -Noch ein Kuß. Dann rief sie laut nach ihrem Mann, daß es durch die -Nacht gellte, und stolperte, so rasch sie konnte, den Vorangegangnen -nach. -- - -Ein Ungeheuer, vielfüßig vielköpfig, schiebt sich langsam die -Weiberschar bergab. Sie hat den Weg verloren. - -Über Gestein und Geröll, durch Acker und Gestrüpp, ohne Pfad wälzt -sie sich zu Thal, mitfortreißend, was nicht Kraft hat, sich zu wehren. -Einer Lawine gleich, die verheert und zerstört; furchtbar in fühlloser -Lebendigkeit, unheimlich in unerbittlichem Vorrücken, todbringend in -grausamer Geschlossenheit. - - - - - IX. - - -Allerseelen. - -Die Gräber des kleinen Kirchhofs, draußen an der Straße gen Himmerod, -waren geschmückt mit Tannenzweigen und Papierrosen. Hoch hatte sich -schon der Schnee auf den Hügeln getürmt und sie alle weiß und gleich -gemacht; nun waren sie sorgsam reingefegt und geschaufelt, zierliche -Kreuze, Kränze, Herzen und Buchstaben waren von roten Beeren gelegt und -Lichtchen zwischen hineingesteckt. Aus der erstarrten Erde schien es -zu brennen; die da unten ruhen, sprechen zu denen oben mit ängstlich -flackernden kleinen Flämmchen, die der leiseste Windhauch verlöschen -kann. - -Aber kein Wind wehte. Noch einmal war der Winter gewichen, über den -Bergen die Sonne erschienen; bleich zwar und müde, aber doch eine -Sonne. Das hängende, verschrumpfte Laub der Friedhofsrosen schien sich -noch einmal zu heben; um die Mittagszeit war es lind und still im Thal, -der Himmel zeigte ein blasses Blau. Allerheiligensommer. - -Da haben die Toten ihren Festtag. Die längst Vergessenen kommen wieder -zu ihrem Recht, rühren sich in den morschen Särgen und senden einen -Gruß hinauf in's Leben. Allerheiligen -- Allerseelen. - -Die Weiber von Eifelschmitt hatten ihr Bestes gethan, ihre Gräber waren -so schön geschmückt, wie die im reichsten Dorf. Schon am Morgen strömte -die ganze Schaar hinaus zum Kirchhof; man sprengte die geschmückten -Hügel mit geweihtem Wasser, lag lange auf den Knieen und betete für die -ewige Ruhe der Verstorbenen. -- - -Am Nachmittag, als sie alle bei Festtagskaffee und Kuchen saßen, -schlich sich Pittchen hinaus; er ging gebückt wie ein Alter, und die -Schale mit geweihtem Wasser in seiner Hand schwankte. - -Daheim saß die Zeih bei dem kranken Josefchen und weinte sich die Augen -rot; die 'Gichter' plagten das Kind, warfen bald seinen kleinen Leib -hoch in die Höhe und reckten ihn dann wieder lang. - -Seit jenem Sonntag in Oberkail war das Josefchen krank; da waren die -Eltern spät in der Nacht heimgekommen, ohne einen Blick auf die Wiege -zu werfen, torkelten sie sinnlos in's Bett. Am Morgen lag das Josefchen -nackt da, steif und blaugefroren; bald kamen die Krämpfe. - -»Kreischt net e su,« sagte die Weise-Frau, die Peter in seiner Angst -holte, »bal hatt ihr e schien Engelche im Himmel!« Davon wollten die -Eltern nichts wissen; Anschuldigungen flogen hin und her, es gab einen -heftigen Zank. Der Schluß war, daß sich Peter finster und wortkarg in -seiner Werkstatt verschloß und Zeih betend und weinend an der Wiege -verblieb. - -Aber bald ertönte ihr Singen, erst leise, dann schallend; die Leute -sagten immer bewundernd. »Dat Zeih haot en Stimm, om de Duden -ufzoerwecken.« Sie sang: - - »Hoch uf em Daach, uf em Daach, - Haot sech en Könd half dud gelaach, - Et fiel erunner, erunner -- - Rube-de-bub -- Rube-de-bub!« - -Das wiederholte sie ein paar Mal, beim Kehrreim stieß sie jedesmal an -die Wiege, daß sie heftig schaukelte. - -»Rube-de-bub -- Ruube-de-bub!« Und dann weinte sie wieder ein Weilchen. - -Peter war nicht so leicht getröstet; wenn er nicht in der Werkstatt -steckte, stand er bei der Wiege und starrte finster brütend, mit -zusammengekniffenen Lippen auf das kranke Kind. - -Heute schlich er wie ein armer Sünder auf den Kirchhof; auf den Gräbern -seiner Eltern warf er sich nieder und krallte die Finger in die kalte -Erde. Er suchte eine Zuflucht bei ihnen vor den eigenen Gedanken. - -Lange war er nicht hier gewesen, wohl das ganze Jahr nicht; aber -nun sollte es besser werden, er versprach es denen da unten hoch -und heilig. Und einen Marmorstein sollten sie kriegen mit goldner -Inschrift; koste es, was es wolle, er konnte es ja zahlen. Zahlen --! - -Er fuhr auf und sah sich scheu um. Wenn er nur Mut gehabt hätte! Er -knirschte mit den Zähnen und ballte die kalten Finger zu Fäusten -- -den Mut, den Mut! Da lag was in seiner Werkstatt verborgen, nicht -Sonne noch Mond hatten es beschienen, niemand hatte es gesehn, und -doch ängstigte es ihn Tag und Nacht. Es konnte ihn reich und glücklich -machen, und doch -- - -Mit einem unterdrückten Fluch sprang er empor, sein Fuß trat in -die Schale geweihten Wassers, daß sie umstürzte und ihr Naß in den -aufgetauten Pfad ergoß. - -Nur Mut! Er fuhr sich in die Tasche -- klapperte es nicht schon darin? -Nein, nein -- leer, ganz leer! Und zu Hause weinte die Zeih, wimmerte -das Josefchen; kalt war die Hütte, der Tod stand auf der Schwelle -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Der Angstschweiß brach ihm aus, mit der verkehrten Hand wischte er sich -über die Stirn; die Hand zitterte. - -»Feiges Luder,« murmelte er zwischen den Zähnen. Nur ein bißchen -Courage brauchte er zu haben, dann wurde alles wieder gut. Dann lachte -die Zeih, dann kam der Doktor und heilte das kranke Kind -- er sah es -schon mit roten Bäckchen, auf flinken Füßchen durch die Hütte trippeln, -ein großes Butterbrot in der Hand, -- und die Zeih küßte ihn, heiß -fühlte er den Kuß. Und am Kirchhof vorüber zog eine ganze Schar -- -nickende, winkende Weibergestalten. Verjubelte Tage, verjubelte Nächte --- immer fidel --! - -Die Hütte würde er ausbauen lassen, nein, eine neue kaufen, einen -Bauernhof! Vielleicht gar die Eichelhütte, drüben gen Himmerod zu, -deren schloßähnlicher Bau über die Eichenwipfel ragte. - -Da hatte ihn sein Vater vorbeigeführt, als er noch ein Knabe war; da -hatten sie am Gitter gestanden und neugierig in den Park gelugt. Ein -reicher Herr hatte im Schlößchen gewohnt, der war längst tot, und der -jetzige Besitzer wollte verkaufen. Wenn er nun der Herr Besitzer würde ---?! - -Wie die Zeih sich freuen würde! Was die da unten im Grab wohl dazu -sagen würden?! - -Er kniete nieder, legte sein Ohr an den Hügel und horchte. - -Tief, tief innen in der Erde glaubte er was zu hören, ein Summen und -Rauschen, ein Flüstern und Raunen; hohl, wie aus einem Gewölbe, drang's -an sein Ohr. Ein Schauder überlief ihn, -- das kam aus der Ewigkeit! -- --- -- -- -- -- -- - -'Wie mer sech bett', su schläft mer,' -- hatte so sein Vater nicht -immer gesagt? - -Zitternd flüsterte Peter: »Sollen ech et duhn? Sollen ech et net duhn?« - -Und die Stimme aus der Tiefe antwortete: »Du sollst!« - -Da sprang er auf. Der Kirchhof war leer. Hinter den Bergen verkroch -sich schon die Sonne, und im Säuseln eines Lüftchens flackerten die -Gräberkerzen höher. - -Von Schauern überrieselt ging Peter, die Füße waren ihm wie gelähmt; -langsam, ungewiß machte er Schritt für Schritt. Auf dem großen Kreuz, -das sich mit der Gestalt des Heilands inmitten des Kirchhofs erhebt, -lag ein blendender Schein; gerade auf die Inschrift fiel er, die sich -in goldenen Buchstaben über den breiten Sockel zieht. - -'_Amor me cruci affixit_' - -Was hieß das? Nie hatte Peter darüber nachgedacht, nun stand er in -Sinnen verloren. Er buchstabierte, und dann starrte er hinauf zu dem -dornengekrönten Leidensantlitz, bis ihm die Augen übergingen. - -Plötzlich schreckte er zusammen, eine Hand legte sich auf seine -Schulter. Ah, der Herr Pastor! Er riß die Mütze vom Kopf. - -»Seh einer, der Miffert!« sagte der Geistliche wohlgelaunt und schlug -ihm mit dem Brevierbüchlein, das er stets bei dem täglichen Spaziergang -mit sich führte, leicht auf den Rücken. »Na, wie steht's mit dem -Kronleuchter? Seid Ihr bald fertig?« - -»Nä, nä,« stotterte Peter erschrocken; die gutmütige Stimme klang ihm -wie die Posaune des jüngsten Gerichts. »Eweil sein ech noch net e su -weit, ech -- eweil -- äwer bal -- ech --« - -»Ich glaube es wohl, das ist kniffelige Arbeit!« Der Geistliche legte -ihm selber die Entschuldigung in den Mund, Peter schnappte danach, wie -ein Fisch nach dem Köder. - -»Dat es et, dat es et,« beeilte er sich zu versichern. »Ech arweiden -Dag on Naacht, äwer --« - -»Ich habe es gehört,« unterbrach ihn der Pfarrherr freundlich. »Das -ist brav, mein Sohn. Deine Arbeit wird schon wohlgelingen; Mariä Sohn -selber« -- er wies hinauf zum Kreuz, das sie hoch und breit überragte --- »wird dich in seine Fürbitte aufnehmen!« - -Ein Stich ging Peter durch und durch, er fühlte, wie eine heiße -Blutwelle ihm in's Gesicht schoß; scheu sah er hinauf zu dem verzerrten -Leidensantlitz. - -Der goldne Glanz vom Himmel hatte sich gewandelt, rot wie Blut war er -geworden und umspielte mit flammendem Schein die eingemeißelte Schrift. -Sie flimmerte vor seinen Augen. - -»Lao stieht wat,« stammelte er und zeigte mit dem Finger hinauf. »Wat -heißt dat?« - -»_Amor me cruci affixit_ -- Liebe hat mich an's Kreuz geschlagen,« -sprach der geistliche Herr und wandte sich zum Gehen. Er nickte noch -einmal zurück: »Guten Abend, guten Abend, ich komme in den nächsten -Tagen selber zu Euch, Miffert, und sehe nach Eurer Arbeit.« Mit -segnendem Gruß hob er die Hand. Sein Brevier murmelnd, tauchte er -hinter den Hügeln unter. - -Einsam war wieder der Kirchhof; so still war's um Pittchen, daß er das -eigne Atmen als lautes Geräusch hörte. - -Schwerfällig ließ er sich auf dem Sockel des Kreuzes nieder. - -'Liebe hat mich an's Kreuz geschlagen' -- ja, die Liebe! Seine -Brust hob sich unter einem tiefen Seufzer -- die war's! Eine große -Erleichterung kam über ihn. Was er that, that er ja auch nicht für -sich, nur aus Liebe zu andren! Da waren die Zeih, das Josefchen und die -andren alle -- aus purer Liebe! - -Sein unsteter Blick wurde ruhiger, er heftete ihn fest auf das Bild des -Gekreuzigten. Der da oben litt, und er selbst litt auch -- ja, leicht -war's nicht, am Kreuz zu hängen! Aber die Angst, die Angst, die er -hatte, war die nicht noch schrecklicher?! - -»Wann se mech atrappieren, gänn ech villeicht aach ufgehang,« murmelte -er finster. »Nä, dat duhn se eweil net mieh, äwer se sperren mech ein, -wuh Sonn on Mond net scheinen, wuh mer kein Luft krieht, wuh mer -- ha ---!« Er holte tief und zitternd Atem, der Kopf sank ihm auf die Brust. -Aber gleich darauf hob er ihn wieder. - -Die Gestalt des Heilands verschwamm schon im Grau des rasch sinkenden -Abends, nur um das Haupt wob sich noch ein flüchtiger Schimmer wie eine -Glorie. Es schien sich zu neigen. - -Mit unterdrücktem Schrei streckte Peter die Hände aus. Ja, der da oben, -der verstand ihn! '_Amor me cruci affixit_' -- der würde ihn nicht zu -Schanden werden lassen! - -Er warf sich am Fuß des Kreuzes nieder und betete, wie er es noch nie -gethan. Getröstet stand er auf; einen vertraulichen Gruß sandte er noch -hinauf, ein verständnisvolles Nicken. - -Festen Fußes schritt er an den Gräbern entlang. Es war fast dunkel, die -Lichtchen niedergebrannt, nur hie und da flackerte noch eins wie ein -Irrwisch mit aufzuckendem Schein. - -Als er das Gatter des Friedhofs schloß, pfiff er. Er fühlte sich so -leicht, so vergnügt; nun wußte er, was er zu thun hatte, nun wurde -nicht länger gefackelt. - -Von der Eichelhütte her kam ein Wägelchen über die Chaussee, es rollte -dicht an ihm vorüber. Er erkannte den Besitzer der Eichelhütte, den -Herrn van Beuren, darauf, der immer nur zweimal im Jahre ein paar -Tage zur Jagd herkam; der neben ihm sitzende dicke Mann, mit einem -Wollenshawl vermummelt und mit Ohrenklappen an der Mütze, war ihm -fremd. Wer war denn das? Neugierig sah Peter dem Gefährt nach. - -Dicht vor'm Dorf stieß er auf Krumscheid. Donnerwetter, der kam ja von -seiner Hütte heruntergestelzt, was wollte denn der da oben? Aha -- -Peter lachte in sich hinein -- der hatte wohl Angst um sein Geld?! - -Geschmeidig grüßte er den Alten: »'n Aowend, Vadder Krumscheid!« - -Dieser hielt ihn fest. »Saot, Pittchen, wie stieht et eweil met mein -Dahlersch, hä?« Man merkte es dem Alten an, er wollte es nicht gern -mit dem Pittchen verderben; er suchte einen Vorwand. »Et duht mer -laad, dat ech ebbes dervon saon moß, äwer ech -- ech sein sälwer in -Onverläjenhaat, ech haon ebbes zo zaohlen; et pressiert!« - -Pittchen lächelte. - -Krumscheid deutete dies Lächeln falsch, die Angst überkam ihn. »Ech moß -mein Gäld haon,« stieß er grob heraus. - -»Tutswit,« sagte Peter gelassen. »Ihr könnt et jeden Momang haon, -wann Ihr wollt. Kommt bei mech eruf, lao könnt Ihr se metholen, de -Dahlersch!« - -»Nä, nä!« Der Alte traute nicht recht, er fürchtete Prügel. »Kommt -liewer bei mech, dann drinke mir e Schöppche.« - -»Nä!« Jetzt, wo es zur That ging, bebte Peter doch plötzlich zurück; -eine jähe Angst überfiel ihn, sein Herz hämmerte, daß er's bis in den -Hals spürte. »Eweil kann ech net,« sagte er hastig. »Heit net. Morjen --- morjen.« - -»Morjen, gewiß on waohrhaftig?« Der Alte packte ihn am Rockschoß. - -»Morjen,« sagte Pittchen gepreßt und entwand seinen Rock den knöchernen -Fingern. - -Eilig rannte er heim, er fand die Zeih, in Thränen aufgelöst, an der -Wiege. Das Josefchen verdrehte die Augen, ballte die Fäustchen und zog -die Beinchen krampfhaft herauf an den Leib. - -»Wann mer noren dän Hähr Dokter hätten! Wann ons Josefche dem sein -Medezin einhole könnt, gäb et gesond! Josefche, mei Josefche, ech duhn -mer e Laad an -- stärw net, Josefche, mei Josefche!« Schreiend warf sie -sich über das Kind. - -Peter konnte es nicht mehr mit ansehen, an allen Gliedern zitternd, -stand er da. Er wollte sprechen und konnte nicht, so trocken war es ihm -im Halse; er schluckte und schluckte. Leeren Blickes stierte er auf das -Bettchen -- da lag sein Kind, es glich ihm genau; so hatte er wohl auch -einst der Mutter in der Wiege gelegen. Wie ihm, so fehlte dem Josefchen -das unterste Stückchen am linken Ohrlapp, auch die Brauen waren so über -der Nase zusammengeschoben und die Haare in dunklen Ringeln so tief in -die Stirn gewachsen. Sein Kind -- sein Ebenbild! Der heiße Wunsch stieg -in ihm auf, das Kind zu behalten. - -Und glühend heiß fielen ihm die Thränen der Zeih auf's Herz, er konnte -ihr Jammern nicht mehr hören; schwankenden Schritts, wie ein Trunkener, -taumelte er nebenan in seine Kammer. - -Als er nach einer Weile wieder herauskam, war er ruhiger. Auf seiner -Stirn stand ein Entschluß; seine Lippen waren fest zusammengepreßt. - -Beim Morgengrauen würde er den Doktor holen, sagte er der Zeih. - -Und dann eilte er noch einmal zum Hause hinaus; er lief, wie gejagt. -Durch eine Gutthat wollte er sich den Beistand des Himmels sichern. - -Er wußte, wohin er zu gehen hatte. Da war die Hütte der Schneidersch; -mit der Bäbbi ging's schlecht, die konnte sich nicht erholen. -Zweimal schon hatte der Kauz nachts an ihrem Fenster geschrien. -Krokodilsthränen vergießend, erzählte es die Alte im Dorf herum, aber -ihr Jammern galt mehr der eignen gestörten Nachtruhe, als den Leiden -der Schwiegertochter; wenn sie sich auch dreidoppelt ein Tuch um die -Ohren band, sie hörte doch durch die rissigen Lehmwände das Stöhnen -der jungen Frau und das Schreien des halbverhungerten Säuglings. Die -Bäbbi fieberte und fieberte; ein paarmal hatte sie schon versucht, -aufzustehen, nach wenigen Schritten war sie mit einem schmerzlichen -Schrei zusammengebrochen. - -Vorsichtig tappte Peter über den Hof, bis zur Thür neben dem Stall. -Drinnen hörte er ein Kind greinen und eine kranke Stimme sprechen: »Sei -still -- sch -- sch -- waart nor, bis dän Pappa kömmt! O Jeß, wann hän -net bal kömmt, sein ech dud -- sch -- sch --!« - -Der sehnsuchtsvolle Ton verzitterte in einem langen Seufzer. Die -sprach ja, wie eine Sterbende! Peter erschrak. Leise schlich er an's -Fensterchen und guckte hinein. - -Da saß sie im Bett, das einzige Kissen hatte sie sich in den Rücken -gestopft; sie war so schwach, daß sie den Kopf nicht halten konnte, -bald sank er ihr zur linken, bald zur rechten Seite. - -Wie traurig hatte die sich verändert! Sie war nicht häßlich, nein, -vielleicht hübscher, als sie jemals zuvor gewesen. Schmerzen und Gram -hatten ihr Gesicht verfeinert, die sonst gebräunte Haut war abgeblaßt, -silbrig schimmernd wie Perlmutter. Das straffe Haar bauschte sich ihr -lockrer um den Kopf, und im Blick ihrer weitgeöffneten großen Augen lag -etwas Überirdisches. - -Es fröstelte Peter. Sacht klopfte er an die Thür und trat zugleich ein. - -Verwundert drehte Bäbbi den Kopf nach ihm, sie erkannte ihn nicht -gleich. Dann aber flog ein freudiger Schein über ihr Gesicht, sie -wollte seine Hand gar nicht loslassen. »Es dat schien, dat Ihr mech -besuche kommt -- oh -- dat es schien!« - -Er beugte sich über sie und suchte hinter einem Lachen und einem -Scherz seine Rührung zu verbergen. »No ruhig, Bäbbche, ruhig! Jao, wann -dän Ehmahn net derhäm es, dann kömmt onser anen e su apropos wie Räjen -im Mai. Gäl, Bäbb?« Er strich ihr gutmütig über die schmale Wange. -»Wanneh danzen mir zwa dann zosammen?« - -Sie blieb ernst. »Ech haon de Engel schuns Hallelujah singe gehört; ech -danzen net mieh!« - -»Gott bewaohr, Bäbb,« sagte er erschrocken, »Ihr werdt doch net -himmeln?«[36] - -Sie sah ihn wehmütig lächelnd an. »Duht mer de Liew -- ech verlangern e -su -- schreiwt mer e paor Wörtcher an dän Lorenz! Ech haon heiwel[37] -vill Däg gelauert, dat ans kömmt, wat schreiwe kann.« Sie machte einen -Versuch, sich höher aufzurichten, traurig schüttelte sie den Kopf. - -»Ech kann jao net ufstiehn, ech sein innewennig wie ausenanner. Lao im -Schößche[38] sticht Papier on Feder -- lao es de Dint -- schreiwt -- -schreiwt!« - -Mit ängstlicher Hast trieb sie ihn an. Sie diktierte schwerfällig, -ruckweise, zu jeden paar Worten machte sie eine neue Anstrengung. - -Beim Schein des winzigen Lämpchens schrieb Pittchen: - - 'Deurer Lorenz! - - Ech grüßen dech vill dausendmaol! Ons Könd leit - in der Heija[39] on dräumt von seim Pappa. Ech - haon e su lang neist von Dir zo hören kritt, ech - verlangern e su, datste bei mech kömmst, ehnder ech - --' - -Hier stockte Bäbbi; in schmerzliche Thränen ausbrechend, schlug sie die -Hände vor's Gesicht. - -»Kreischt net, Bäbb,« tröstete Peter mit weicher Stimme. - -»Nä, nä!« Sie raffte sich schon wieder zusammen. »Streicht dat vom -Verlangern on Stärwen aus, ech will em dat Herz net schwer maachen. -Schreiwt nor: - - 'lang neist von Dir zo hören kritt, ech hoffen, Dau - bis gesond on veramesterst Dech aach. Ech beten Dag - on Naacht for Dech, ech --'« - -Sie schöpfte zitternd tief Atem. - - »'Ech sein eweil ganz alert[40] --'« - -Peter sah sie verwundert an. - -»Nä, nä, neist vom Kranksein,« sagte sie rasch. »Schreiwt dat 'alert' -dick on groß, dann freut hän sech. - - 'Adjes, mein villdeurer Lorenz, bis in die Ewigkaat - - Dein Bäbbchen.'« - -Erschöpft sank sie zurück, Totenblässe überzog ihr Gesicht; ihre -Lippen wurden weiß, sie war halb ohnmächtig. - -»Bäbbi, Bäbbi,« Peter faßte sie am Arm, »wat es Eich? Ihr mößt Stärkung -haon.« Verstört sah er sich um. »Haot Ihr dann bei gaor neist for zo -drinken?« - -Sie schüttelte den Kopf. »Neist,« sagte sie tonlos. - -Da lag sie in dem elenden Bett, seit Tagen war es nicht gemacht; sie -lag wie eine Sterbende, blutleer und hilflos. - -Das Kind schrie auf, besorgt versuchte sie nach der Wiege zu blicken. -Peter nahm das kleine Bündel und legte es ihr an die Brust; da suchte -es wimmernd, mit gespitztem Mäulchen. - -»Ech haon ken Milch mieh,« sagte sie leise. - -Ein Krampf ging über Peters Gesicht; er wurde blaß und rot, einen -argwöhnischen Blick warf er in alle Winkel, und dann fuhr er rasch in -die Tasche und legte drei harte Thaler vor sie auf's Bett. »Dao,« sagte -er mit gepreßter Stimme. »Kaaft davor, wat Ihr braucht!« - -Für ein paar Augenblicke sah sie ihn verständnislos an. - -Er nickte. »Morjen holen ech dän Dokter, dän besten, dän zo kriehn es; -ons Josefche es krank. Duh kann dän Eich aach ebbes ufschreiwen for -gesond zo gänn!« - -Eine jähe Röte flog über ihr Gesicht, in ihren matten Augen blitzte es -auf, sie haschte nach seiner Hand; ehe er's hindern konnte, hatte sie -die geküßt. - -»Merci, merci! Onsen Hährgott sei met Eich! -- Pittchen -- o Ihr --!« -Sie war ganz außer sich, sie lachte und schluchzte, zog ihn an sich und -küßte ihn mit ihren matten blutleeren Lippen; wie Schnee fühlte er den -Kuß auf seiner Stirn. - -»Ech danken, ech danken Eich villdausendmaol, Pittchen! Es et denn -wirklich waohr -- Gäld, Gäld -- drei Dahler -- Dahler?!« Sie drückte -die Geldstücke liebkosend an ihre Wange. »Ech kann eweil ebbes kaafen -beim Krumscheid, on Milch for dat Könd, alle Dag! On ech sälwer« -- -sie faßte ihren Kopf mit beiden Händen -- »dän Dokter kömmt bei mech! -Ech soll gesond gänn -- ech kann dän Lorenz widdersiehn! Jesus, Maria, -Josef -- oh Pittchen, Pittchen!« - -Langsam sank er an ihrem Bett nieder; ein abergläubischer Schauer und -zugleich eine freudige Wollust des Gebens zog ihn auf die Kniee. - -Ihre Hände falteten sich über seinem Kopf, sie betete; mit rührender -Stimme flehte sie den Segen des Himmels auf ihn herab. - -Er wagte nicht, sich zu rühren. Ein himmlischer Gruß, weihrauchduftend, -rein und heilig, schien ihm durch die verlassene Kammer zu wehen. -Schwebten nicht Engel mit großen Flügeln gen Himmel und trugen auf -goldner Schale die Dankesthränen der armen Bäbbi? Und seine Gutthat, -als weiße Taube, flog voran. - -Eine mächtige Erschütterung ging ihm durch den Körper, er lag wie -niedergeschmettert. Die ganze Qual der letzten Wochen, die gehetzte -Arbeit der Nächte, das Versuchen und Grübeln, das Sorgen um's Gelingen, -Zweifel und Furcht, wilde Freude und dann wieder kindische Angst, all -das brauste und brandete auf einmal durch sein Gehirn. - -Bäbbi betete, und die wilden Gedanken wurden plötzlich so glatt wie -Meereswogen, auf die man Öl gießt. - -Thränen brachen ihm aus den Augen, erlösende Thränen; sie liefen ihm -über das hagre Gesicht und rannen nieder auf das elende Bett. - - - - - X. - - -Der Winter war über Eifelschmitt hingezogen, es mit seiner Schneelast -verschüttend. Weihnachten war dagewesen und hatte die Männer nach Hause -gebracht. Jubel in den Hütten, Gedudel im Wirtshaus, Gläserklingen und -Kuchendüfte. Heilig Dreikönigstag hatte der Lust ein Ende gemacht; -morgens darauf waren die Männer wieder abgezogen, und die große -Wintereinsamkeit hatte das Dorf in ihre Arme genommen und eingelullt, -bis daß es schlief. - -Jetzt wollte es lenzen. - -Unter der modrig feuchten Decke des abgefallenen Buchenlaubes sproßte -der Waldmeister, an besonders heimlichen Stellen trieb schon ein erstes -scheues Reis, und in den noch toten Chausseebäumen lärmten die Staare. - -'Naoch Lichtmeß es et Aushalt' sagen die Eifeler, 'warm oder kalt, de -Dag gänn lang on dän Fuß krieht sein Gang.' - -Sankt Matheis hatte das Eis gebrochen; auf den überschwemmten Wiesen um -die Salm ruderten lustig die Dorfenten. - -Auf dem Äckerchen der Schwiegereltern arbeitete Bäbbi. Sie hackte mit -starken Armen den Boden auf, drehte die Schollen um, zerstieß und -klopfte und verkleinerte die harten Erdklöße, und bückte unermüdlich -den Rücken. Verschnaufend hielt sie wohl eine kurze Weile inne und -blickte prüfend über die Berghänge. - -Noch keine im Dorf hatte an die Frühjahrsbestellung gedacht, und -sie wußten doch alle: Schneifurr -- Gedeihfurr! Da lotterten sie zu -Hause herum, in Unterrock und Nachtjacke, und verschliefen den halben -Tag. Ernst, fast vorwurfsvoll, ruhte Bäbbis Blick auf dem Dorf; sie -schüttelte den Kopf, und dann spuckte sie in die Hände und griff von -neuem zur Hacke und arbeitete wieder, bis ihr der Schweiß die vom -scharfen Wind zerwühlten Haare an die Stirn klebte. - -Sanct Gertraud mußte den Acker bestellt finden; und der Lorenz sollte -sich darauf verlassen können: da war eine daheim, die für sein Kind und -seine alten Eltern schaffte. - -Ein warmes Rot stieg ihr in die Wangen, ihr Mund wölbte sich stolz. -Mit frischer Kraft, neu belebt, trieb sie die Hacke in den Boden, daß -die noch winterharte Rinde tief auseinander barst und ein feuchter, -treibender Erdduft aufstieg. Die Muskeln an ihren Armen strafften sich, -man sah's unter dem fadenscheinigen Blaudruck-Kleid; sie arbeitete wie -ein Mann. - -Jetzt machte sie keine Pause mehr; gleich einer Maschine, regelmäßig, -ohne Ermüdung, hob und senkte sie die Hacke, Furche nach Furche -wurde abgeschritten. Der Schweiß fiel in Tropfen in die gelockerte -Erde, die das warme Naß gierig einsog. Blitzschnell bückte sie sich -zwischen den Schlägen, hier einen Stein aus dem Acker zu lesen und -dort; in mächtigem Schwung flog der dann den felsigen Abhang hinunter, -aufprallend, sich überschlagend und prasselnd andres Geröll mit sich in -die Tiefe reißend. Laut hallte es im einsamen Thal nach, die Stille gab -das Geprassel doppelt stark wider, es wurde zum Gepolter; drüben an der -Berglehne antwortete dumpf ein verschlafenes Echo. - -Der Unkrautstellen im Ackerland wurden weniger und weniger, die -schwachbegrünten Flecke verschwanden einer nach dem andren -- nun -breitete sich das gleichmäßige Schwarz bis zum Wegrain aus. Im Dorf -bimmelte das Glöckchen; die reine Luft trug den Klang hell hier herauf; -mit einem Seufzer der Befriedigung ließ Bäbbi die Hacke zum letzten Mal -niedersausen. Fertig für heute! - -Morgen wurde wieder von frischem angefangen und übermorgen wieder, -und dann wieder, bis die lehmigen Erdklöße -- sie bückte sich und -zerbröckelte einen in der Hand -- so fein waren wie Mehl; dann wollte -sie zufrieden sein. Dann gab's auch eine gute Ernte, Kartoffeln genug -und auch ein wenig Korn. Was würde der Lorenz sagen, wenn sie so viel -erübrigte, um eine Ziege zu kaufen? Wie gut würde die Milch dem Kind -und den beiden Alten thun! Auch zu einem Ferkel würde es vielleicht -noch langen, das wurde fett gemacht und dann auf dem Markt zu Wittlich -verkauft. - -Sinnend ging der Blick der jungen Frau in's Weite und verlor sich im -duftigen Blaugrau, jenseits der Berge. Da weilte der Lorenz, weit, -weit. Ein Ausdruck sehnsüchtiger Liebe machte ihren herben Mund weich. -Kam wohl je eine Zeit, in der nicht mehr so viel Berge, so viel Wald, -so viel Wasser sie von einander trennte?! - -Bäbbis Gestalt reckte sich höher auf, ein tiefer Atemzug hob ihre Brust --- die Zeit #mußte# kommen! - -Mit der schwieligen Hand strich sie sich das Haar zurück, zog das -Kopftuch tiefer in die Stirn, schulterte ihre Hacke und schritt rasch -dem Abhang zu. Scharf umrissen zeichnete sich ihre Gestalt vom lichten -Horizont ab. Sie schien gewachsen, groß und stark hob sie sich über der -Umgebung. - -Eilenden Schrittes stieg sie den Pfad gegen das Dorf abwärts, ihre -derben Nägelschuhe trapsten fest. Elf Uhr, nun warteten die Alten -daheim schon, daß sie kam und das Mittagessen kochte. Die waren beide -recht hinfällig geworden in diesem Winter, der Vater lag immer im -Bett, und der Schwiegermutter Maulwerk war nicht halb mehr so scharf -geschliffen; sie greinten wie die Kinder, wenn sie ihren Willen nicht -kriegten. - -Und dann der Kleine! Ein glückliches Lächeln verschönte das ernste -Gesicht der jungen Frau -- ach, der kannte die Mutter schon! Wenn die -kam, strampelte er und reckte die Ärmchen und wollte nicht mehr bei der -Großmutter bleiben. - -Rasch und rascher schritt sie zu; nun war sie unten auf dem Thalweg. -Aber trotz ihrer Eile sah sie die jungen Blätter des Wegebreits am -Grabenrand -- die waren heilsam zum Auflegen für den offenen Fuß der -Schwiegermutter; erfreut kniete sie nieder und pflückte die ab. Und da -sproßte der erste Löwenzahn -- geschwind griff sie zu -- und da noch -einer, und weiter drinnen im Gras noch mehrere! Das sollte ein Salat -werden für den Alten, so lecker, wie ihn nur Herren an der Tafel haben, -und dazu so gesund für's Geblüt. Sie sammelte eifrig. - -Plötzlich hob sie lauschend den Kopf. Ein Stöhnen klang an ihr Ohr -- -war da jemand in Not? Sie rief. - -Wieder ein Stöhnen, und dann ein Fluch. Jetzt sah sie erst: unten -im Graben lag einer und suchte vergebens an den steilen Rändern -aufzuklimmen. Sie hatte ihn vorhin in ihrem Eifer gar nicht bemerkt. - -Das war ein Betrunkener! Furchtlos ging sie näher und streckte ihm -die Hand hin. »Jesses,« sagte sie unwillkürlich und blieb stehen, wie -angewurzelt; es war Pittchen. - -»Wat stiehste elao on hälst Maulaffen feil, Framensch?« grunzte er sie -an. »Siehste dann net, eweil stechen ech in der Bredullich. Ech sein -net si--si--sicher, ech haon hei im Dr--Dreck geläjen -- de -- de ganz -Naacht,« schloß er weinerlich. - -Er sah danach aus. Rock und Hose waren von oben bis unten beschmutzt, -er hatte sich recht im Schlamm gesielt. Eine Mütze hatte er nicht; von -nasser Erde verklebt, starrten seine Haare, ein paar Zotteln hingen ihm -in's fahle Gesicht. Seine Lippen waren blau, die Augen verglast, noch -hatte er seinen Rausch nicht ausgeschlafen. - -Ohne Wort beugte sie sich zu ihm nieder und hielt ihm die Hand hin. Er -haschte mit seinen verklammten Fingern danach; so steif durchfroren war -er, daß er sich kaum rühren konnte. Fast riß er auch sie hinab. - -»Olau,« grinste er, »dau willst e Küßche? Verliewt wie de Weibsbiller -al!« Er schmatzte mit den aufgesprungnen Lippen. »Küß mech, dau -Leckermaul,« -- erschrocken fiel er zurück -- »Dunnerwäder, dat Bäbb!« - -»Miffert,« sagte sie bestimmt, »seid net e su gäckig! Hei, faßt de Hack -an! On hei es mein anner Hand! Däut[41] gäjen, däut! Ans, zwa un ans -- -ech trecken[42] Eich eruf!« - -Sie stemmte die Füße ein und zog mit Kraft; unfähig, sich selber zu -helfen, ließ er sich willenlos zerren. Nun hatte sie ihn oben, wie ein -Klotz lag er am Rand auf den Knieen. - -»Pittchen,« sagte sie betrübt, »es et dann waohr, wat se im Dorf saon? -Ihr sauft?! Pittchen,« -- sie faßte ihn unter den Achseln und stellte -ihn auf die Füße -- »ech haon et net glauwen wollen, wat se saon. Laoßt -doch dat Tina laufen on de Fraleider al, bleiwt derhäm! Ihr rujiniert -Eich. Wat haot Ihr dann von al Eirem Gäld?« - -»Willste ebbes?« lallte er und suchte nach der Tasche. - -»Nä!« Sie hielt seine Hand fest und sah ihn voll herzlicher Teilnahme -an. »Ke Gäld! Ihr hatt mir als e su vill Gudes gedahn; Eire drei Dahler -haon mer Säjen gebrach, ech mechten Eich davor --« - -Er unterbrach sie mit einem lauten Auflachen: »Haha, Säjen! Säjen!« Die -Zähne klapperten ihm aufeinander, und er schauderte. - -»Gieht häm,« riet sie besorgt, »Ihr hatt Eich verkält -- Jesses, de -ganze Naacht hei im Grawen! -- Kommt, kommt!« Sie wollte ihn unter den -Arm fassen und führen, er stieß sie zurück. - -»Dau willst mer Mores liehren, bleiw mer vom Leiw, dau Quiesel[43]! Ech -haon kein Predigt nedig -- gieh -- gieh!« Er strampelte mit Händen und -Füßen, verlor das Gleichgewicht und stürzte wieder rücklings in den -Graben. - -Hatte er sich weh gethan? Erschrocken wartete sie ein paar Minuten, -dann blickte sie hinunter. Da lag er mit geschlossenen Augen und -offnem Mund, blaß wie ein Toter; aber jetzt ertönte sein regelrechtes -Schnarchen. -- - -Bäbbi lief dem Dorf zu; sie hatte ihren Salat vergessen. - -Kräftig pochte sie an Mifferts Hütte und trat zugleich ein. »Zeih! Eier -Mahn leit drau --« - -Das Wort blieb ihr im Halse stecken. Da saß der Gendarm von Oberkail -und hielt die Zeih auf dem Schoß. Etwas verlegen sprang die auf. - -»Was ist denn los?« fragte der Gendarm unwillig. - -Bäbbi stotterte: »Eier Mahn leit draußen im Grawen, kommt, kommt!« - -»Laßt ihn ruhig liegen,« sprach der Gendarm und strich sich den -Schnurrbart auf. - -»Äwer hän kann sech den Dod holen, hän es eweil als ganz verklomm!« - -»Wat Ihr net saot?!« Zeih horchte nun doch auf, sie ließ sich den -Hergang umständlich erzählen, keinen Augenblick verlor sie dabei -ihr vergnügtes Lächeln. »Im Grawen -- de ganz Naacht?! Jeß, dat arm -Pittchen! Jao e su es hän, alleweil strawätzt hän erum. Bäbb, seid e su -gud, weist mer de Stell!« - -Als die beiden Frauen die Hütte verließen, kamen Tina, Leis und Vrun -daher; sie hatten die Bäbbi so rasch laufen sehen. Ihre Augen funkelten -neugierig. »Wat es passiert?!« Zeih berichtete. - -»Dat Pittchen -- im Grawen?! Hahahaha!« Tina krümmte sich vor Lachen -und hielt sich die Seiten; vor Vergnügen juchzend, warf sie den Kopf -hintenüber, daß ihre dunklen Haarsträhnen sich lösten. - -»Hahaha,« lachten Vrun und Leis, und Zeih lachte mit. - -»Wir wollen hän hole giehn! Hole giehn, olau!« - -Im Laufschritt, ausgelassen kreischend, mit fliegenden Haaren und -flatternden Röcken, sich neckend und jagend, stoben sie hinter Bäbbi -drein. -- - -Es war nicht das erste Mal, daß Peter betrunken nach Hause kam. Er -machte sich ein Gewerbe daraus, von Dorf zu Dorf zu wandern und die -Wirtshäuser abzusitzen. - -Seit er 'geerbt', arbeitete er gar nichts mehr; nicht, daß er früher -viel geschafft, aber er hatte doch wenigstens hie und da etwas -gebastelt, und mit der Reparatur des Kirchenkronleuchters sogar ein -Meisterstück geliefert. Der geistliche Herr hatte ihn auch öffentlich, -von der Kanzel herunter, deswegen belobt. - -»Eweil haot hän dat Arweiden net mieh nedig,« sagte die Zeih und -sah wohlgefällig an ihrem schönen Kleid herunter. Bald nach dem -Tanzvergnügen in Oberkail war der Stoff gekommen, und der Peter hatte -dem Postboten stolz acht harte Thaler auf's Fensterbrett gezählt; es -waren noch dieselben alten Thaler, die er vom Krumscheid geborgt, -Thaler mit verschiedenen Randschriften, wie: 'Gott mit uns,' 'Gott -segne Sachsen,' 'Gott -- Ehre -- Vaterland.' Auf den Stücken, die der -Alte wieder erhalten, waren Kopf und Schrift weniger deutlich; sie -waren wohl schon durch sehr viele Hände gegangen. Ordentlich fettig -fühlten sie sich an, das Gekerbte an den Rändern war abgegriffen. Aber -es waren vollgewichtige Thaler, und schmunzelnd verschloß der Alte sie -in seinem Sparkasten, glücklich, so ohne weiteres Drängen zu seinem -Gelde gekommen zu sein. - -Eine seltsame Rastlosigkeit hatte sich Peters bemächtigt. Es gab -Nächte, in denen er gar nicht heimkehrte, andre, in denen er wohl -zuhause war, aber zu Zeihs größter Verwunderung erst bei Morgengrauen -zu ihr in's Bett schlich. Sie gewöhnte sich an beides. In ihrer -gedankenlosen Art, fragte sie nun auch nicht mehr: 'Saog ehs, Pittchen, -wat maachste e su lang lao binnen in der Kammer?' Er hatte sie ein -paarmal angefahren: 'Hal dei Maul, schär dech om dein Saachen!' Jetzt -rekelte sie sich bequem, wenn sie ihn drinnen noch hantieren hörte, und -drehte sich gähnend auf die andre Seite. - -Sie war immer guter Dinge; seelenvergnügt fiel sie ihm um den Hals, -wenn er ihr etwas von seinen Wanderungen mitbrachte. - -Bald war er in Oberkail, bald in Spang-Dahlem; den einen Tag in -Großlittgen, den andren in Ober-Öfflingen; heut in Musweiler, morgen, -in entgegengesetzter Richtung, in Bettenfeld; diesseit in Landscheid -und jenseit in Hupperath, immer die kreuz und quer, von Dörfchen zu -Dörfchen. Bis nach Manderscheid lief er und gar bis gen Daun; in der -ganzen Gegend war er bekannt, im näheren und weiteren Umkreis. Die -Wirte sahen ihn gern kommen, er hatte eine flotte Art, den blanken -Thaler auf den Tisch zu werfen: 'Dao, zieht de Rechnung ahf!' Mitunter -ließ er sich auch von einem Bäuerlein wechseln, das froh war, seine -grünspanigen Kupferpfennige und abgeschabten Gröschchen einzutauschen -gegen das blanke Silberstück. - -Sie litten keine Not mehr, und doch sah Peter elend aus; so tief hatten -ihm nie die Augen im Kopf gelegen, scheu und gedrückt schlug er den -Blick zu Boden, nur nach ein paar Gläsern Schnaps flammte der auf. -Dann glühten die düstren Augen, wie hell brennende Kohlen; in wilder -Lustigkeit schlug Pittchen auf den Tisch: 'Wat kost' de Welt?!' Und -dann trank er und trank, bis daß er sinnlos davon taumelte. Regen -und Schnee ernüchterten ihn nicht, torkelnd zog er über die einsamen -Landstraßen und durch den nachtdunklen Wald. Dann sprach er wild vor -sich hin; schrie, laut schimpfend, die Bäume an und focht mit den Armen -wie ein Verrückter. - -Die Kleider schlotterten ihm um den Leib, sein Gesicht war abgezehrt, -und doch hingen die Weiber an ihm wie die Kletten. Heute die, morgen -die. Die Tina beherrschte ihn ganz; die loderte um ihn her, wie eine -Flamme um ein dürres Holzscheit, und züngelte und leckte, bis daß er -Feuer fing. Dann konnte er auch aufflammen, und alle 'Wiehduhns'[44] -gingen in Rauch auf; zwar nur für Augenblicke, aber um diese -Augenblicke that er ihr allen Willen. - -Sie war unersättlich, bald begehrte sie dies, bald das: eine Brosche, -eine Schleife, einen Ring, eine Schürze, Zuckerzeug und wohlriechende -Pomade. Bald mußte er sie dahin führen, bald dorthin. Sie schmeichelte -und trotzte, sie versprach und versagte, und wenn er zuletzt gequält -rief: 'Laoß mech in Ruh, maach, datste weg kömmst,' lachte sie ihm in's -Gesicht. 'Maach dau, datste weg kömmst! Lauf bei dein Zeih, lao kannste -zukucken, wie dän Oberkailer dat caressiert!' - -Sie hatte nicht die Unwahrheit gesprochen. Als er zum ersten Mal den -Gendarm bei der Zeih antraf, brüllte er in sinnlos eifersüchtiger Wut. -Die geballten Fäuste schwingend, sprudelte er wilde Drohungen: »Eraus, -eraus! Ech schlaon Eich dod, ech -- eraus, tutswit, eraus!« - -Der Gendarm ging schon, ganz gekränkte Würde; nur auf der Schwelle -drehte er sich noch einmal um und drohte mit dem Zeigefinger der -wildleder-behandschuhten Rechten: »Nehmen Sie sich in Acht! Beleidigung -der Obrigkeit wird mit Gefängnis bestraft. Sie überhaupt -- Sie --« er -spuckte aus; es schien Peter, als hefte sich sein Blick durchdringend -gegenüber auf die Kammerthür. -- »Sie haben überhaupt jar keine Ehre -mehr, mitzureden. Bitte mir Achtung aus, werde Ihnen sonst mal auf die -Bude rücken, Sie -- Tappert!« Rasch die Thür zuwerfend, verließ er -schleunigst das ungastliche Haus. - -»Wat maant hän dermit?« schrie Pittchen die Zeih an; seine Augen -rollten hin und her. - -»Bis still, Pittchen! Bis still!« Sie war in Angst vor ihrem Mann. - -»Ech sollen mech in Aacht holen -- uf de Bud rücken?!« murmelte Peter. -Und dann brüllte er: »Wat haot hän von der Kammer gesaot -- wat? -Antwort!« - -Sie sah ihn betroffen an und stotterte verlegen: »Mir -- mir -- hän -haot gesaot, mir wollten lao erin giehn, lao --« - -»Kreizgewieder!« Schwer fiel Peter auf den Schemel und stützte den Kopf -in die Hände. So saß er lange regungslos, wie aus Stein. - -Sein Schweigen machte sich Zeih zunutze. Nun hatte sie Oberwasser; mit -großer Geläufigkeit, halb ärgerlich, halb lachend warf sie ihm seine -Grobheit vor. »Och Jesses, wann ech noren dän kleinsten Diskurs met -anem haon, stracks bis dau e su schroh![45] Wat soll hän nau von ons -denken, dän Hähr Schandarm?! Mer kann nie wissen, wie ei'm e su anen -trillsen[46] on tribelieren kann; et es doch alleweil besser, mer haot -ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat!« - -»Ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat,« sprach er ihr nach und -schüttelte sich, als liefe es ihm kalt über den Buckel. - -Von nun an bekomplimentierte er den Oberkailer höflich, wenn der -Zufall ihn den in seiner Hütte finden ließ. Sein blasses Gesicht trug -dabei aber einen so verbissenen Ausdruck, daß der schöne Gendarm es -vorgezogen hätte, die Zeih draußen im Freien zu treffen; wäre es nur -nicht gar so kalt gewesen! Der Miffert war ihm riesig ungemütlich, -und ebenso war er's dem Miffert; sie gingen beide umeinander herum, -vorsichtig schnuppernd, wie Füchse um die Falle. - -'Es muß doch mal Frühjahr werden, auch in dieser verfluchten Gegend,' -tröstete sich der Gendarm. Dann gab der Buchenwald einen angenehmen Ort -für's Stelldichein, es saß sich gut auf dem weichen Moos. Er hatte noch -keinen Eifelwinter mitgemacht, und der dünkte ihn schier endlos, zum -Sterben langweilig mit seinen ungeheuren Schneelasten, die das Bergland -von jedem Verkehr abschnitten. - -'Eweil moß et bal Frühjaohr gänn,' tröstete sich auch Pittchen. Dann -war das Wandern von Dorf zu Dorf nicht mehr so beschwerlich, man -konnte 'kommoder' über Land gehn und seinen Rausch gemächlich im Wald -ausschlafen. -- -- -- - -»Frühjaohr,« kreischten auch jubelnd die Weiber, als sie nun längs der -Wiesen dahinliefen, um den Betrunkenen heimzuholen. - -Ein feuchter Dunst stieg auf, ein Duft nach jungem Gras und erdiger -Kraft. Sie atmeten mit geblähten Nüstern, ihre Gesichter waren rot, -glühend vor Übermut. Mit einem Schrei riß sich Tina das Tuch vom Hals -und ließ es wie eine Flagge in der Luft wehen. - -»Frühjaohr! Hä, helao, Pittchen, wuh stichste?[47]« Mit verschmitztem -Lachen erhob sie einen durchdringenden Gesang: - - »Im Mai, im Mai, - Moß mer sein zo zwei --« - -»Still,« sagte Bäbbi und drehte sich um. »Hör uf met dem -schnippschnappig Lied! Hörste dann net de Lerch? Still! Se es Gottes -Vogel.« - -Auf einem nahen Grasbüschel saß die Lerche. »Tirili, tirili!« Mit den -Flügelchen schlagend, erhob sie sich, jetzt schoß sie aufwärts wie -ein Pfeil; in Kreisen, höher und höher steigend, schmetterte sie ihr -jauchzendes Tirili himmelan. - -»Iwickelchen, Liwickelchen,«[48] schrien die Mädchen und sprangen, in -die Hände klatschend, wie die Tollen in die Wiese hinein. Sie rauften -mit beiden Händen das kurze Gras aus und schleuderten es sich in's -Gesicht, wie ein Regen rieselte es ihnen über Haar und Schultern; -sie trappten hin und her, mit Gelächter und Gekreisch, ihre schweren -Nägelschuh traten die zarten sprossenden Hälmchen tot. - -Zeih blieb ein wenig zurück, die hageren Dinger liefen ihr denn doch -zu schnell. Und da sah sie auch ein paar gelbe Blumen des Löwenzahns, -erfreut pflückte sie sie ab und steckte sie sich in's Haar -- glänzten -die nicht wie eitel Gold? Anmutig nickten die leuchtenden Blüten auf -den braunen Scheitel. - -Kaum sah Tina die also Geschmückte, riß sie ihr auch schon die Blumen -vom Kopf. Zeih schalt lachend und riß ihr Eigentum wieder an sich; das -ging hin und her, ein förmlicher Kampf begann, ein halb spielerisches, -halb ernsthaftes Balgen. Zuletzt schleuderte Tina die zerknickten -Stengel von sich: »Lao haste dän Dreck!« Die Füße der Weiber schritten -achtlos darüber weg. - -Bäbbi war den anderen weit voraus; jetzt blieb sie stehen und wartete -auf die Nachzügler. Mit zusammengezogenen Brauen sah sie ihnen -entgegen. »Kommt, kommt!« rief sie unwillig. »Laoßt de Alfanzereien!« - -»Alfanzereien?!« Tina lachte spöttisch und hob keck ihre Nasenspitze zu -der um einen Kopf Größeren, »sei dau nor net e su fürnehm, Lenzen Bäbb, -mer waaß jao doch, wän dau bis!« Kichernd stieß sie die Vrun an, und -die Vrun stieß die Leis an, und die Leis die Zeih. - -Eine dunkle Röte stieg Bäbbi in die Wangen, aber sie sagte nichts; mit -einem ernsten Blick sah sie von oben herunter auf die Kleinere. - -»Haha,« fing Tina wieder an -- sie hatte den Blick wohl verstanden und -boste sich darüber -- »dau wills ons Conduitten liehren -- dau?! Dau -maanst wohl, dau därfst dat, weil de noch in der elften Stund onner de -Hauw gekommen bis? Olau, e su domm! Mer kennt dän Vogel an sein Federn, -wann hän sein Stimm aach noch e su verstellen duht. Hahaha!« - -Die Mädchen schlugen ein Gelächter auf, auch Zeih lachte, ihr -gedankenloses, fröhliches Lachen. - -»Zeih, kommt!« sagte Bäbbi und faßte sie am Arm. »Laoßt eweil dat Tina! -Ein faul Ei verdirbt dän ganzen Brei!« - -»Hollah« -- Tina packte die Zeih am andren Arm -- »hei gebliewen! -Wat saoste, Lenzen Bäbb? Ein faul Ei -- wän maanste dermit, hä?« Sie -fauchte die Große böse an, ihre Augen funkelten. »Dau Sauerpot, dau -Quiesel, onnerstieh dech! Stillwässer -- Grundfresser. Duh dei Maul uf, -dau Grundfressersch, laoß ehs hören, waorum ech faul sein? Faul!« Sie -ballte die Fäuste. »Saog!« Nun stampfte sie mit den Füßen. »Saog!« - -»Je mieh mer im Kot rührt, desto mieh stinkt hän. Ech haon ken Lust -derzu,« sagte Bäbbi ruhig und drehte sich kurz um. - -Sie hatte die Lacher auf ihrer Seite, aufkreischend vor Entzücken -fielen sich Vrun und Leis in die Arme; Zeih hing sich ihr -freundschaftlich an den Arm. - -Jämmerlich abgeschlagen zog Tina allein hinterher; einer andren wäre -sie auf den Rücken gesprungen und hätte ihr das Fell mit den Nägeln -zergerbt. Der da traute sie sich nicht. Die ging so ruhig und sicher -ihren Weg und führte die drei anderen wie selbstverständlich mit sich -fort. - -Tinas Augen kniffen sich zusammen, wie die einer lauernden Katze; -der Bäbbi konnte sie nicht ankommen, aber der Leis und der Vrun, und -besonders der Zeih, denen wollte sie's eintränken. - -»Eweil sein mer elao,« sagte Bäbbi und wies auf einen Dornbusch, dicht -am Grabenrand. »Bei dem Busch liegt hän unnen.« Mitleidig beugte sie -sich über, mit einem Ruf der Uberraschung fuhr sie zurück. Da unten -lag wohl noch der Peter und schnarchte; aber neben ihm hockte eine -Frauensperson, den Oberrock über den Kopf gezogen, ihr grellroter -Unterrock blähte sich wie eine große Mohnblume. Die Traut! - -Mit einem triumphierenden Lächeln sah diese aufwärts in die verblüfften -Gesichter; sie hielt Pittchens Kopf in ihrem Schoß. - -Ein vierstimmiger Schrei antwortete dem Lächeln, mit einem Satz war -Tina unten, Vrun und Leis stürzten nach; dann folgte die Zeih. Das war -ein Gewälze von Leibern im Graben, ein Gewirr von Armen und Beinen, ein -Schimpfen und Lachen, Zanken und Zerren. Einen Augenblick sah Bäbbi -darauf nieder, dann machte sie Kehrt. - -Mit raschen Schritten ging sie davon. Kurz vor'm Dorf blickte sie -noch einmal zurück; die stille Luft trug ein Getöse an ihr Ohr, ein -Stimmengewirr, als ob ein Heer anrücke. - -Da tauchten sie in der Ferne auf, von der Märzsonne grell beschienen, -wie von goldnem Flimmer umhüllt. Als Kernpunkt der Peter; von den einen -geschoben, von den anderen gezogen, nahte er wankend. - - - - - XI. - - -Eine Aufregung war im Dorf, kaum weniger groß, als bei der Heimkehr -der Männer. In das stille Thal war's gefallen wie ein Kanonenschuß und -hallte unaufhörlich von allen Ecken und Enden wider: ein Mann, ein -Herr! Ein reicher Herr! - -In der Eichelhütte würde er wohnen, die hatte er dem van Beuren -abgekauft. Aber nicht bloß ein paar Jagdtage wollte er da verweilen, -nein, den ganzen Sommer sicher, und vielleicht auch den Winter. Der -Krumscheid hatte es erzählt und sich schmunzelnd dabei die Hände -gerieben; er witterte einen sicheren Verdienst. Denn der Fremde hatte -einen zartrötlichen Hauch auf der Nase, und seine etwas verschwommenen, -blaßblauen Augen blickten gemütlich in die Welt. - -Gleich bei der ersten Einkehr hatte der Wirt das nähere und nächste -erfahren. Herr Anton Nikolaus Schmitz, 'Rentner', wie er sich schrieb, -hielt durchaus nicht mit seinen Angelegenheiten hinter'm Berge; er -erzählte gern. - -Er stammte aus der Eifel. Als armer Waisenknabe war er ausgewandert -und hatte sich durchgefochten bis unten an den Niederrhein, wo ein -entfernter Verwandter von ihm wohnte; der that ihn zu einem Gerber in -die Lehre. Es glückte ihm; der Lehrling wurde Geselle, der Geselle -Meister -- jetzt paßte bald das Sprichwort: - - 'Häutchen, wie stinkst du, - Geldchen, wie klingst du!' - -Zuletzt hatte er eine große Gerberei in Köln besessen. Aber was sollte -er sich noch länger schinden? Junggeselle war er, nähere Verwandte -hatte er nicht, sein Haar war grau geworden, die Gicht suchte ihn -öfters heim, und der Hals kratzte ihn vom Lohstaub. Jetzt war's Zeit, -sich zur Ruhe zu setzen. - -Da meinte der Herr van Beuren, den er beim Frühschoppen in der -'Kevverndoos'[49] kennen gelernt, das grüne Salmthal, das so geschützt -und lieblich zwischen den Bergen läge, das wäre recht der Ort für -so einen. Sie besuchten miteinander die Eichelhütte, und was noch -mächtiger wirkte, als das eifrigste Zureden des Herrn van Beuren, das -war das Heimatsgefühl, das plötzlich in dem geborenen Eifeler erwachte. --- - -Nun standen die Fenster der Eichelhütte weit offen, der laue -Frühlingswind durchfächelte die Stuben und spielte mit den großblumigen -Vorhängen des gemütlichen Himmelbetts. Mit allem, was da lag und -stand, hatte der Schmitz das Haus gekauft, von den Geweihen und -rostigen Flinten an den Wänden bis herab zum Wildschweinsfell vor der -Thürschwelle. Er wanderte in seinem doppeltgefütterten Schlafrock, die -lange Pfeife im Mund, von einem Raum in den anderen, trieb freundliche -Scherze mit den Weibern, die da fegten und scheuerten, und fühlte sich -ganz als Herr und Besitzer. - -Gestern war er durch's Dorf spaziert und hatte die ausgesucht, die ihm -zur Arbeit am tauglichsten schienen. Alle waren gelaufen gekommen und -hatten sich angeboten, selbst die alte Schneidersch und die kleine -Bill. Die hübschesten waren die tauglichsten; Herr Schmitz hatte sich -schon ein Trüppchen zusammengestellt, da kam die Zeih des Wegs -- -Donnerwetter, war das ein Frauenzimmer! - -Der alte Junggesell riß seine blauen Äuglein auf. Merkwürdig, Jahre -lang hatte er keine Anfechtung mehr gehabt, nur an seine Häute gedacht --- Gerberlohe trug ihm die schönste Farbe -- nun blieb sein Blick auf -diesen braunen Flechten haften, die sich so glänzend, zu einem dicken -Nest gesteckt, zeigten. Und ein Fellchen hatte die! Hell und zart, wie -ein junges Kalb. - -Machte es die Frühlingsluft, die stark und lebenerweckend von den -Bergen wehte? Machte es der Dunstkreis all des Weibervolks, das sich um -ihn drängte? Herr Schmitz fühlte eine seltsame Unruhe in den Beinen, -das Wasser lief ihm im Mund zusammen. - -Linkisch galant zog er die Mütze. »He, junge Frau. Guten Tag!« - -Lucia lächelte, daß man all ihre weißen Zähne sah; das leicht -bewegliche Blut schoß ihr in die Wangen, sie waren rot wie reife Äpfel. - -'Fett wie ein Hammel,' dachte Schmitz und ließ einen väterlich -wohlwollenden Blick über die junge Frau gleiten; er liebte das -'Völlige'. Wohlbeleibte Menschen waren immer gemütlich im Umgang; er -selbst hatte sich ja auch ein Bäuchlein zugelegt. Ein instinktiver -Selbsterhaltungstrieb zog ihn zu Zeihs angenehmer Fülle, die doppelt -auffiel zwischen den sehnig schlanken, fast hageren Gestalten der -übrigen Weiber. - -Das war was für ihn! Die wollte er zur Aufwärterin wählen! Ihr -freundlich heitrer Blick aus klaren, braunen Augen bestärkte ihn noch -darin. - -»No, junge Frau,« sagte er, »haben Se et auch als jehört, dat der -Schmitz hier sein Residenz aufschlage will? He? Ich brauch en -Frauensperson, die mer et Bett macht un en Taß Kaffee kocht; ich bin -simpel jewöhnt, aber en Buttel muß se aufziehn können un auch en Spaß -verstehn. Im übrigen hab ich jern mein Ruh.« - -Zeih sah ihn mit offnem Mund an; sie verstand den Herrn nicht, aber sie -lächelte. - -Sie gefiel ihm immer besser; die anderen waren ihm viel zu geschwind -mit dem Mundwerk, besonders die eine, die junge Schwarze, die sie Tina -nannten und die mit ihren dreisten Blicken unheimlich herumfunkelte. - -»No,« sagte er wieder und klopfte Zeih auf die Schulter, »können Sie -bei mer die Aufwartung machen? Wie steht et dermit, he? Oder sind Sie -zu fein derzu?« Jetzt erst war ihm ihr ausgeputztes Kleid aufgefallen, -das handbreit länger war, als die Röcke der anderen. - -Die umstehenden Weiber stießen sich an und kicherten halblaut. - -»Se es dem Pittchen sein Fra,« rief Tina keck, »dän haot geärwt. -Eweil haot dat Zeih dat Arweiden net mieh nedig. Wann hän net bal -ales versoff haot; dann gieft dat freilich en anner Mod! On wann dän -Oberkailer Schandarm net schplendid --« - -»Bis still,« fiel ihr Zeih hastig in's Wort und zupfte sie am Rock. -Und sich mit dunkelrotem Kopf wieder zu dem Herrn wendend, flüsterte -sie schüchtern, die Wimpern gesenkt: »Ech moß erscht dat Pittchen -fraon, hän es e su -- e su -- ech glauwen net, dat dän et gären sieht.« -Zögernd sagte sie es, sie hätte für ihr Leben gern die Aufwartung -übernommen, nicht das Geld war's, das sie lockte -- zu essen und -trinken hatte sie ja -- aber so ein Herr aus der Stadt konnte allerlei -Präsente machen, von denen man hier nichts ahnte. Schade, daß mit dem -Pittchen jetzt so gar nichts anzufangen war! Wie ein Rasender war er -auf und nieder gerannt und hatte geflucht und geschimpft, als er von -dem neuen Besitzer der Eichelhütte gehört hatte. - -Mit einem Seufzer schlug sie die Augen auf, die feucht schimmerten. -»Ech därf jao net!« - -Mitleidig sah ihr Schmitz nach, als sie mit gesenktem Kopf -davonschritt -- das war ja eine rechte Kreuzträgerin, und so ein -sanftes, kreuzbraves Weibchen! -- -- -- -- - -Heute, als der Besitzer der Eichelhütte die Schar der fegenden Weiber -besichtigte, bedauerte er wieder auf's neue, die hübsche Zeih nicht -darunter zu sehen. Die hätte gewiß nicht so gepoltert und unbändig -hantiert, sondern so nett gemächlich, wie es einem Mann in seinen -Jahren angenehm war. Fast wollte es ihn bedünken, als trieben die -Weibsbilder ihren Possen mit ihm; die kecke Schwarze, hoch oben auf der -höchsten Leitersprosse, wippte hin und her, daß ihm der Angstschweiß -ausbrach; und die mit den blonden Zöpfen goß ihm einen vollen Eimer -Wasser grade vor den Füßen aus. Er flüchtete vor die Hausthür. - -Da stand er nun in seinen grasgrünen Pantoffeln, die Hände in den -Schlafrocktaschen vergraben, einen Shawl um den Hals, mächtige -Tabakwolken in den hellen Morgen hinausqualmend. Mit behaglicher -Rührung musterte er die Umgebung. So waren ihm die Heimatberge mit -ihren runden Buckeln und den daranhängenden, winzigen Äckerchen -manchmal im Traum erschienen! Und dann dachte er an das 'Mus', an -'Kabes met Grombieren on Griewen', die er sich für heut mittag beim -Krumscheid bestellt, und sein Eifeler Magen knurrte in süßer Erinnerung. - -Schmunzelnd blickte er die Straße zum Dorf hinunter. Alles ruhig -und friedlich, kein Wagen, kein störender Lärm. Nur eine einsame -Frauengestalt kam des Weges; als diese sich bemerkt sah, zögerte sie -und trat dicht an die Mauer des Kirchhofs heran. - -Schmitz ständerte noch ein wenig vor der Hausthür herum und besichtigte -dann seinen Garten. Wenn die hohen Bäume sich erst belaubten, mußten -sie einen köstlichen Schatten geben. Mochte die Sonne noch so brennen, -hier war's angenehm; man konnte eine Hängematte aufhängen und sanft -darin duseln, und dort auf dem grünbemoosten Steintisch mit der -rätselhaften, eingemeißelten Inschrift hielt sich der Moselwein gewiß -kühl. - -Sehr befriedigt kehrte er aus dem Garten zurück; da sah er am Gitter -eine Gestalt vorbeischleichen, die jetzt still stand und neugierig -durch die Stäbe lugte. Als er die Brille aus der Tasche gezogen, mit -seinen plumpen Fingern daran gewischt und sie auf die Nase geschoben -hatte, erkannte er die Zeih. - -»Sieh ens an!« sagte er erfreut. »Weißt du auch, mein Dochter, dat ich -heut als an dich jedacht hab?!« - -Sie stand verlegen lächelnd. Hinter sich her hatte sie ein -Holzwägelchen gezogen; darin saß ein erbärmlicher, kleiner Junge. Er -ließ die Unterlippe hängen, der Sabber lief ihm ununterbrochen aus dem -Mund und vereinte sich mit dem Brünnlein, das aus der Nase quoll, vorn -auf dem Lätzchen. - -»Dat es ons Josefche,« sprach die Zeih, als sie den Blick des Herrn -bemerkte. - -»So so. Hm hm!« Er konnte seine Verwunderung kaum verbergen -- wie kam -das hübsche, frische Weib zu dem elenden Kind?! Der Vater mußte doch -gar nichts taugen. Die Leute hatten sicher recht, die den Miffert einen -Säufer und Weiberjäger nannten; so allerlei war ihm hintenherum über -den Kerl zu Ohren gekommen. Das arme Weib! - -»Kommt doch herein,« sagte er freundlich, öffnete das Gitterthor und -zog selbst das Wägelchen in den Garten. - -Schüchtern trat die Zeih ein und ließ ihre Blicke an den hohen Stämmen -hinauf und hinunter gleiten; vor lauter Verlegenheit nahm sie dann das -Josefchen auf den Arm und herzte es. - -Das Gesicht des alten Junggesellen trug alle Zeichen der Anteilnahme. -Er klopfte dem Kind die aufgedunsenen Bäckchen und nahm das welke, -blasse Händchen zwischen seine fleischigen, roten Finger. »Du, du, kß, -kß, kß,« machte er und kitzelte es am Hälschen. - -Josefchen verzog das Gesicht und fing an zu weinen; es war kein lautes, -kräftiges Schreien, nur ein jämmerliches, dünnes Greinen. - -Zeih war heute auch einmal schlechter Stimmung. Als sie das Kind weinen -hörte, zogen sich ihre Mundwinkel abwärts; schon hingen ein paar -Thränen in ihren langen Wimpern. - -Mit dem Peter war eben gar kein Aushalt mehr, heut in der Frühe war -er nach Hause gekommen, sternhagelvoll. Gelärmt hatte er nicht, er -war in einem weit schlimmeren Stadium, dem der verbissenen Wut. Sie -traute sich nicht heran; aber nachdem er dann ein paar Stunden fest -geschlafen, glaubte sie ihn in der richtigen Verfassung, um ihr -Anliegen wegen der Aufwartstelle vorzubringen. Aber da kam sie gut an! - -Wie ein Verrückter trommelte er mit den Fäusten auf's Bett und schrie -sie an: ob sie denn noch nicht genug an einem hätte? Noch einen neuen -dazu?! - -»Nä, nä,« brüllte er, raffte sein Kissen auf und warf es ihr an den -Kopf. »On bei däm Stehler? Mein es dat Schlößche -- mein mußt et sein --- Stehler! Hal dei Maul!« - -Sie wagte gar keine Gegenrede mehr; aber er sprang aus dem Bett, drang -auf sie ein und trommelte mit seinen Fäusten auf ihrem Rücken, wie -vorher auf's Bett. - -Das waren die ersten Schläge, die sie von ihm erhielt; und wenn -er auch durch seine Betrunkenheit zu entschuldigen war, übel nahm -sie ihm die Prügel doch. Um sich zu trösten, war sie mit dem -Josefchen herausgebummelt, in der Richtung nach der Eichelhütte. -Eine schmerzliche Neugier trieb sie; vielleicht, daß sie, am Gitter -lauschend, das Gelächter der anderen hören und einen Blick erhaschen -konnte in die ihr verschlossene Herrlichkeit! - -»Hei es et schien,« sagte sie und sah sich, mit offnem Munde, staunend -um; noch nie hatte ihr Fuß diesen vornehmen Grund und Boden betreten. -Sie ging wie auf Eiern. - -Schmitz fühlte sich sehr geschmeichelt, er führte sie in's Haus -- das -Josefchen konnte derweil draußen im Wägelchen sitzen -- und zeigte ihr -alle Räume. Mit neidischen Blicken glotzten die anderen Weiber; sie -standen nun mit geschürzten Röcken und zerzaustem Haar in Nässe und -Kehricht, und die da wurde herumgeführt, wie eine Dame! - -Zeih kostete einen vollen Triumph aus; rasch kehrte ihre gute Laune -zurück, die Augen tanzten ihr ordentlich vor Vergnügen, zärtlich -streichelte sie über den verblichenen grünen Bezug des eingesessenen, -breitlehnigen Sofas. Ihre naive Bewunderung machte dem Alten das -größte Vergnügen. Dadurch wurde es ihm erst so recht klar, was er -doch eigentlich für ein verteufelter Kerl war, solch einen Besitz zu -erstehen. Er fühlte sich ordentlich jung; und als sie in den Keller -hinabstiegen, um den Platz anzusehen, wo das Moselweinfaß liegen -sollte, nahm er auf der dunklen Treppe ihre warme Hand und patschte die -und stieg so flink die steilen, schlüpfrigen Stufen hinab und wieder -hinauf, als wäre er sechzehn und nicht nahe sechzig, und als hätte die -leidige Gicht ihm nie einen Knüppel gegen die Beine geworfen. - -Schade, schade, daß er dies Frauenzimmer nicht immer hier haben konnte! -Er fragte sie noch einmal wegen der Aufwartung, und sie berichtete ihm -haarklein den Vorfall des Morgens. Mußte der Miffert ein unangenehmer -Patron sein! Er schimpfte weidlich, und Zeihs Zunge rührte sich auch -munter -- nä, ihr Pittchen war gar nicht mehr kommod; seit der geerbt -hatte, war er alleweil kaprizig![50] - -»Von wem hat er denn geerbt?« fragte Schmitz neugierig. - -»Dat waaß ech net,« lachte sie. »Mir saon hei: 'Met Schweigen verredt -mer sech net' -- hän saot neist.« - -Schmitz sah sie verwundert an. - -»Jao, Ihr könnt et glauwen,« fuhr sie wichtig fort, »dat Pittchen, dat -es anen!« Ein geheimer Stolz auf ihren Mann regte sich nun doch in ihr. -»Dän es klug, dän hört dat Gras wachsen. Dän saot neist, wat hän net -saon will; net emaol, wann hän besoff es!« - -»So, so.« Das zweifelhafte Lob Pittchens interessierte Herrn Schmitz -weiter nicht, seine Meinung stand einmal fest: ein unangenehmer Patron. --- - -Von nun an fühlte es Pittchen, er hatte einen geheimen Widersacher im -Dorf. War es sein schlechtes Gewissen, das ihn so argwöhnisch machte, -oder die Eifersucht, nicht mehr der einzige Hahn im Hühnerhof zu sein? -Wahrhaftig, da brauchte er doch den alten 'Knickstiewel' nicht zu -fürchten, der im warmen Sonnenschein einen dicken Flauschrock trug, -Filzpantoffeln und um den Hals einen doppelten Shawl. Er fühlte einen -unbestimmten Haß gegen den Alten in der Eichelhütte, größeren Haß, als -auf den schönen, jungen Gendarm von Oberkail. Der Schmitz hatte einen -verdammten Blick; sah er nicht den Peter mit seinen Schweinsäuglein so -von der Seite an, als wollte er sagen: 'Ich weiß was' --? - -Als Peter den Alten zum ersten Mal in Krumscheids Wirtsstube treten -sah, sprang er aus seiner Ecke auf, scharrte einen Kratzfuß und setzte -sich mit einem: »Met Verlöw!« dem Herrn gegenüber an die Breitseite des -Tisches. Zutraulich fing er eine Unterhaltung an, schwatzte harmlos und -zutäppisch, aber er hatte kein Glück damit. Seine Blicke, die flink und -unruhig umherhuschten, entdeckten keinen Zug des Wohlwollens auf dem -dicken, roten Gesicht gegenüber; Schmitz blieb zugeknöpft, das blühende -Fett der Wangen deckte jede Regung, die schlauen Äuglein verschwanden -ganz in ihren Schlitzchen. Er trank rasch aus, zahlte und ging; Peter -blieb sitzen wie ein Dummer. - -Er fluchte in sein Glas hinein, fing an, mit dem Wirt zu krakehlen, und -schimpfte dabei auf, den 'alden Knickstiewel', den 'Kalmäuser', das -'Mastschwein'. - -Was die Zeih nur an dem finden konnte?! 'Herr Schmitz' blieb ihr -zweites Wort. Von dem grünen Zitzsofa, über das sie einmal hatte -streicheln dürfen, erzählte sie, als sei es lauter Sammet und Seide. -Ganz beseligt kam sie heim, als der Herr Schmitz sie zur Veilchenzeit -in seinen Garten gerufen und ihr erlaubt hatte, für das Josefchen einen -Strauß Veilchen zu pflücken. Als ob es deren nicht auf der Flur unter -den Hecken weit blauere und duftendere gäbe! Peter riß ihr die Blumen -aus der Hand, zertrat sie und visitierte ihr dann die Tasche -- hatte -sie nicht noch was Anderes geschenkt bekommen? - -Er glaubte ihr nicht, als sie beteuerte: »Nor Veilcher, su waohr ech -läwen, nor Veilcher!« Er riß ihr den Rock aus den Falten, kehrte alles -an ihr um und um, und als er nichts fand, schlug er sie. - -Sie heulte, daß die Wände widerhallten; er schrie und lärmte wie -besessen. Zuletzt versöhnten sie sich wieder. Noch einmal schien in -Peter das frühere Pittchen zu erwachen; er schlug sich mit der Faust -vor die Stirn, nannte sich einen 'Wuodeswoor'[51], umarmte die Zeih, -bat ihr kläglich ab und küßte sie wild. Schnell versöhnt, gab sie seine -Küsse zurück; einander herzend und drückend, verabredeten sie auf den -nächsten Tag, den Jahrmarkt in Wittlich zu besuchen. - -Zeih träumte die Nacht von einem Karrussel, von Buden mit allerhand -Herrlichkeiten, vom Oberkailer und von Herrn Schmitz, während Pittchen, -den Arm um ihre Schultern gelegt, mit brennenden Augen in's Dunkel -starrte und den Schlaf nicht finden konnte. - -So jämmerlich hatte er sich noch nie gefühlt. War er denn krank? Wohl -zitterten seine Hände, wenn er ein Glas zum Munde führte, seine Beine -waren oft wie abgeschlagen; aber krank, nein, krank war er nicht. Im -Dunkel streckte er den Arm aus -- mager aber sehnig! Seine Finger -spreizten sich -- war das nicht eine Hand, recht gemacht, den Thaler -auf den Tisch zu schleudern und danach aufzuschlagen, daß Flaschen und -Gläser hoch sprangen? Wenn er nur mehr Freude davon hätte! - -Freude -- -- --?! Er unterdrückte ein Hohnlachen; bei allem, was er -that, schlich ja etwas um ihn herum und tuschelte ihm in die Ohren, -legte eine Hand auf seine Brust und drückte ihn da, daß er nicht frei -atmen konnte. - -Jüngst war er mit der Tina in der Sonntagnacht spät heimgekehrt; die -Arme umeinander geschlungen, schlenderten sie durch den Kunowald. Im -tiefsten Dunkel zog sie ihn auf's Moos; da zitterte plötzlich ein -Mondstrahl durch's dichte Geäst, mitten auf ihr lachendes Gesicht. -Es verzerrte sich zusehends zu einer Grimasse, die dunklen Augen -schimmerten in grünlichem Licht, die weißen Zähne fletschten, als -wollten sie ihn beißen. Mit einem Fluch hatte er sich losgerissen. Und -da stand der Mond plötzlich in einer Lücke zwischen den Tannen und -grinste über das ganze, volle Gesicht. Und den ganzen Weg ging er mit, -und über Eifelschmitt blieb er stehen mit seinem verdammten Grinsen und -wankte und wich nicht. Accurat so lachte der Schmitz. - -In Peter war der Wunsch aufgestiegen, sich einer Seele anzuvertrauen. -Ein paarmal war er wieder auf den Gräbern seiner Eltern gewesen, aber -keine Stimme aus der Tiefe hatte ihm zugesprochen; vielleicht, daß sie -böse waren, weil noch kein Denkstein stand. Aber so rasch ging das -doch nicht. Alle Tage konnte er nicht einen harten Thaler wechseln, so -dumm waren die Bäuerlein am Ende auch nicht; und seit der Schmitz, der -Schlauberger, in Eifelschmitt hockte, war ihm ein Aufpasser gesetzt. -Einen immer weiteren Kreis mußte er auf seinen Wanderungen beschreiben. - -Wenn er sich der Tina anvertraute! Die war schlau. Wenn er mit der -Halbpart machte! Rasch kam ihm der Gedanke, wie eine Erlösung -- nur -nicht allein sein mit der Angst! -- aber ebenso rasch verwarf er ihn -wieder. - - 'Weiber haon lange Röck, - Äwer en korzen Verstand', -- - -nein, das durfte er nicht wagen! Und zudem noch Halbpart machen?! Er -hatte ja für sich selber nicht genug; wie Butter unter der Sonne, -so zerrann ihm das Geld unter den Fingern, er wußte nicht, wo's -hinschwamm. Die Hütte war kahl, nach wie vor; und wenn sie auch -nicht mehr hungerten, ein Hundeleben blieb's doch. Zumal jetzt, wo -er dem Frieden nicht recht traute war's oft knapp. Und diese zerrte -an ihm, und jene; die zog ihn hier, und die dort -- das mußte ein -unversiegbarer Bronn sein, aus dem sie alle schöpfen konnten. - -Eine gewaltige Erschütterung kam über Peter, eine Todesmattigkeit. Der -Kopf sank ihm vornüber, er hätte sich gern aufgerichtet, es war ihm -beklommen; aber er konnte nicht, sein Rücken war so schwach, als sei -kein Mark mehr darin. - - - - - XII. - - -Warme Tage waren über die Eifel gekommen, Früh-Sommertage. Die Sonne -brannte auf die nackten Kuppen, die Felsen schleuderten die Strahlen -zurück. Gewitter zogen jäh auf und gingen jäh nieder; oft stand ein -Regenbogen über'm Thal, hie einen Fuß, drüben den andren. - -Was da gesäet war, ging der Reife entgegen. - -Auf Bäbbis Acker stand der Roggen so hoch, wie das Lorenzchen war. -'Lukas Evangelist' hätten die alten Schneidersch gern ihren Enkel -genannt -- so war der Tag seiner Geburt im Kalender benamst, -- aber -Bäbbi hatte trotz ihrer Krankheit und Schwäche darauf bestanden, er -mußte nach seinem Vater getauft werden. - -Sinnend schritt Bäbbi den Ackerrain entlang und ließ ihre Hand sacht -durch die leiswogenden Ähren streichen. Wie lange noch, drei Wochen -kaum, dann war Peter und Paul; dann fing das Korn an, sich zu bleichen --- und die Männer kamen heim! Der Lorenz kam! - -Mit einem Seufzer der Befriedigung sah sie über ihr Feld hin. Das -konnte sich sehen lassen! Gleich einer Bürste stand das Getreide, und -nebenan streckten die Kartoffeln, wohlgesetzt in Reih und Glied, ihre -steifen, dunkelgrünen Bäumchen. Wie eine Oase lag dies Fleckchen in der -Wüste der andren Äcker; kaum handhoch stand auf denen das Korn, und -manch Kartoffelland sah aus, als hätten Wildschweine darin gewühlt. - -Mit der arbeitsrauhen Hand strich Bäbbi dem kleinen Lorenz die wehenden -Löckchen aus der Stirn und sah, das Kind, das kräftig aufgerichtet -auf ihrem Arm saß, liebevoll an sich drückend, mit selig verträumtem -Ausdruck in die Ferne. - -Was würde er sagen, wenn er kam?! Bald, bald! Ihr Herz klopfte stark, -vor Freude. Hierher wollte sie ihn führen, gleich am ersten Abend -- -kaum konnte sie's erwarten -- was würde er für Augen machen, wenn er -sah, wie gut alles stand?! Ja, es war ein rechter Gottessegen. Dankbar -faltete sie ihre Hände um die kleinen des Kindes und ließ sich auf den -Grasrain niedergleiten. - -Da saß sie still. Heut durfte sie ja feiern am Sonntagnachmittag. -Sinnend ließ sie die Augen auf der Landschaft ruhen. - -Bergland, so weit der Blick reicht; armes Bergland. Unter der mageren -Erdschicht starrer Fels; winzige Äckerchen, dem trocknen Heideboden -abgerungen oder dem Herzen des Waldes entrissen. - -Und doch liebte sie dieses Land. Mit tiefem Atemzug sog sie die herbe -Luft ein, die ihr stark entgegenwehte. Wo gab's noch eine solche Luft?! -Als könne sie nicht genug davon bekommen, öffnete sie die Lippen und -schlürfte und schluckte, wie ein Trinker köstlichen Wein. Sie faßte -das Kind unter den Achseln und ließ es frei in der Luft schweben; es -zappelte mit den Beinchen und jauchzte vor unbewußter Lust. - -Lange hielt sie es so mit starkem Arm. Eifelluft, Heimatluft -- sie -konnte ihm gar nicht genug davon geben. Durchwehen, sich durchwehen -lassen von dem reinen Wind, dann wurde man groß und stark; und wohnte -man auch im Rauch der Städte und sah statt der Bergspitzen die -Fabrikschornsteine ragen. - -»Wuh ons Pappa es, lao sein mir aach zo Haus, gäl, Lorenzche?« fragte -sie das unverständige Kind und küßte es zärtlich. Sie dachte an die -eingeengten Straßen, an die graue Luft, an das Gestampf und Geächz der -Maschinen, und für Augenblicke irrte ein Bangen über ihr Gesicht; aber -gleich darauf lächelte sie freudig. »Wann hän ons ruft, mir kommen, -gäl? Mir giehn zo onsem Pappa on bringen ihm sein Heimat!« - -Als hätte sie schon zu lange gesäumt, sprang sie auf. Schade, daß heute -Sonntag war, am liebsten hätte sie gleich weiter geschafft. Arbeiten -ohn' Unterlaß, nicht müde werden! Dann kam vielleicht die Zeit, in der -sie aufladen konnte, was not that, und ihm nachziehen durfte, hinunter -in's fremde Land. Mit praktischem Sinn berechnete sie, daß sein Lohn -ja dann auch viel weiter reichen würde. Er hatte wohl guten Verdienst, -aber es blieb -- außer dem, was er an Geschenken mitbrachte und beim -Besuch zuhause draufgehen ließ -- blutwenig davon übrig. Es spart sich -nicht viel, wenn man jedes Stück Brot, jede Handreichung an Fremde -bezahlen muß; die ziehen einem das Fell über die Ohren. Da durfte man -sich ja nicht trauen, ein frisches Hemd anzuthun! Mit Schaudern dachte -sie an die schönen, selbstgesponnenen Hemden, die sie ihm geschickt -- -wie mochten die jetzt schon aussehen?! - -Oh, sie wollte ihm wohl alles instand halten und ihm ein ordentliches -Essen kochen, und ihm den rußigen Schweiß von der Stirn wischen. Da -brauchte er in kein Wirtshaus mehr zu gehen, und der Gesellenverein -that auch nicht mehr nötig; dann hatte er seinen Diskurs. Er würde bei -ihr sitzen; im Winter am warmen Küchenherd, darüber das Lämpchen mit -seinem blanken Schild wie ein Sönnchen strahlte -- im Sommer vielleicht -auf dem Gartenfleck, den sie mit Kartoffeln und Salat bebaut; ein -paar Blumen mußten auch darauf wachsen. Am Himmel, zwischen den -Schornsteinen durch, blinkten die Sterne, dieselben Sterne, die auch -über den Eifelbergen leuchteten. Und er hielt ihre Hand, und er sprach -zu ihr: »So gut is mer't noch nie ergangen, Bäbb!« -- -- -- -- -- -- -- --- -- - -Mit einem tiefen, zitternden Seufzer fuhr sie aus ihren Träumen auf. -Sie hatte seine Hand gefühlt, seine Stimme gehört -- ach, es war nur -der Wind, der über ihre Stirn gestrichen, und das Lorenzchen, das -kindisch gelallt hatte! Weit war der Lorenz, weit jene Zeit! Und hier -waren die alten Eltern, die der Versorgung bedurften, die konnte sie -doch nicht im Stich lassen. Schrumplige Äpfel halten oft fester am Ast, -als rotbackige; und schütteln darf man nicht in fremder Leut's Garten. -Die konnten noch lange leben! Und die mußten auch #hier# zu Ende leben; -alte Bäume verpflanzt man nicht. Aber die jungen, die jungen?! Bäbbi -schüttelte den Kopf; in ihrem einfachen Sinn war es ihr klar: den -jungen that das Hierbleiben nicht gut! Die mußten hinaus, den Männern -nach! - -Mit schwimmenden Augen sah sie in die rote Sonne, die dort langsam -hinter den Wald tauchte. Die Wipfel strahlten in lauterem Gold. So -unermüdlich die am Abend niederging und am Morgen wieder auf, so -unermüdlich mußte auch #sie# ihr Tagewerk immer wieder von neuem -beginnen, freudig in Geduld, gewiß in Hoffnung. - -Hoffnung! Hoffnung! - -Ja, der Tag der Vereinigung kam -- jetzt wußte sie's genau. So sicher, -wie diese Sonne, die diesseit hinter'm Wald versank, morgen jenseit -über Schwarzenborn stand im neuen, vollen Strahlenkranz und den -einsamen Busch in blendenden Glanz hüllte -- so sicher! - -Ihre ernsten Augen erhellten sich, ein heiliges Feuer schien sich darin -zu entzünden. Höher und höher reckte sich ihre aufrechte Gestalt; wie -die Wurzeln eines starken Baumes standen ihre Füße fest im heimischen -Felsenboden, aber ihr offner Blick ging in's Weite. - -Sie hob das Kind über sich und schwang es mit einem Jubelruf hoch in -die Lüfte. »Heissah, flieg! Lorenzche, flieg! Dein Vadder on dau on -ech, mir hören #zosammen#. Flieg, flieg!« - -Eine namenlose Freude schien über sie gekommen, ihre Stimme erhob sich -zu einem langen Jauchzen. Es hallte in's Thal hinunter, drang in die -Hütten, weit über's Thal hinaus und verlor sich jenseit der Berge. Es -klang wie ein Weckruf: Auf, auf! Wie ein anfeuernder Schrei und ein -Locken zugleich: Kommt, kommt! - -Strahlender Glanz lag auf Bäbbis Gesicht, strahlend wie die Lichtflut, -die die Sonne mit letzter Kraft auf ihren blonden Scheitel goß. - -Starken Trittes stieg sie zu Thal, kraftstrotzend und siegessicher. - -Tief im Thalhintergrund lagen die mächtigen Ruinen von Himmerod, schon -schwarz im Abendschatten, während die Eichelhütte mit ihren weißen -Mauern noch als heller Fleck am dämmrigen Waldrand glänzte. Alles -still, sonntäglich friedlich. In einer weihevollen Feierstimmung -schritt Bäbbi dahin. Da, horch! Geschrei schallte zu ihr herüber; -unweit der Eichelhütte stand ein Trupp Menschen auf der Straße. Sie -schrien alle durcheinander mit lauten Stimmen. - -Was war geschehen? Bäbbi näherte sich rasch -- vielleicht eine -Nachricht von denen draußen, vom Lorenz?! Warum hatten sie sich nur -alle hier zusammengefunden, der Herr Pastor und der Herr Schmitz, -der Krumscheid und der Küster? Sie umstanden ein Bäuerlein, das, den -Stecken unter den Arm geklemmt, mit den Fäusten herumfuchtelte. - -Ei, das war ja der Kemper aus Großlittgen! Bäbbi erkannte den -Handelsmann, der jahraus, jahrein mit seinem Karren voll Irden-Geschirr -die Eifel durchquerte. Er machte auch nebenbei Geschäfte mit Hasen- -und Marderfellchen, mit Lumpen und Knochen und allerhand anderem -Kram. Seine lustigen Scherze waren wohlbekannt; heut schienen sie ihm -vergangen. - -Er schrie: »Et es en Schand on en Sünd! Mer schindt sech halw dud, mer -rennt sech den Odem aus em Leiw, mer schäst[52] dorch't miserabelste -Wäder! Wann mer ahf on an e Kastemännche eröwrigt, es mer als heilfroh; -on onseranen gieft bedrogen! Dat elao es schänderlich, schänderlich es -dat elao!« Er heulte laut. - -»Wuh haot Ihr dän dann gekritt -- wuhähr? Jesses, saot doch!« Der -Krumscheid rüttelte ihn. - -»Ech waaß net,« stöhnte das Hausiererchen und schlug sich vor die -Stirn. »Ech Dummkoap! Kann sein als vor Wochen uf der Wittlicher Meß, -kann aach net sein. Duh haot ech der Dahler mieh. Onsem Hährgott sei't -geklaogt, mer kann se jao nie lang behaalen. Onseranen kömmt heihin on -daor, duh kritt mer dat Stöck on duh dat, heit en Penning, morjen en -Groschen, öwermorjen en Dahler -- ech sein beschummelt met Bedaacht, -schänderlich beschummelt! Verfluchtes Schinnaos, dat mech e su beschiß -haot! En heilig Kreizdunnerwäder soll hän --« - -»Aber, Kemper, Kemper,« begütigte der Pfarrer, »flucht doch nicht so! -Wer sagt Euch dann, daß Ihr mit Absicht betrogen seid? In unserer -Eifel ist man fromm und ehrlich; aus der bösen Welt wird uns die Sünde -eingeschleppt. Hier betrügt keiner den andren.« - -»Äwer ech sein doch befautelt,« ächzte der Unglückliche, »ob met -Bedaacht oder net. Kuckt hei« -- er zog ein Thalerstück aus dem Kittel -und zeigte es auf der flachen Hand herum -- »dän es falsch!« - -Falsch --?! Bäbbi stand mit offnem Mund. - -Ein Murmeln, ein Raunen, ein hörbares Staunen ging durch den Kreis; sie -rückten enger zusammen, jeder drängte heran und reckte den Hals. »Es et -waohr? Wirklich waohr?! Es dat miëlich, menschenmiëlich?« - -»In der That,« -- Schmitz hatte die Brille aufgesetzt und hielt sich -den Thaler dicht unter die Nase -- »der is falsch!« - -»Ech sein beschiß, ech sein beschiß,« heulte Kemper. - -Der geistliche Herr nahm den Thaler zur Hand. »Ich kann das noch immer -nicht glauben -- nein, nein!« Er schüttelte den Kopf. - -»Sie können't schon glauben.« Schmitz fühlte sich ganz als -welterfahrener Mann. »Ich hab' zu Köllen als der Dinger mehr jesehn. -Drum hat ja auch der von Bismarck eben jetzt die Joldstücker -einjeführt; der is schlau, die sind nit e so leicht nachzumachen. -Der hier is falsch! Kiek ehs an« -- sein Portemonnaie aus der Tasche -ziehend, suchte er daraus einen Thaler hervor -- »der is echt!« Er -probierte beide Geldstücke auf einem Stein. »Hört, wie hell den klingt, -un wie anders den! Da heißt et aufjepaßt. Wo einen is, sind auch ihrer -mehr.« - -Betroffen sahen sich alle an. - -»Zom Schandarm, zom Schandarm nach Oberkail!« zeterte der Küster. - -»Duh kommen ech jao als här,« jammerte der Handelsmann. »Duh sein -ech stracks hingerennt, e su bal als onsen Wirt zo Großlittgen saot, -dän Dahler wär falsch. Äwer dän Schandarm es net derhäm. Se saon -zu Oberkail: hän wär nao Schwarzenborn; on in Schwarzenborn: nao -Eifelschmitt. On hei, dän Krumscheid saot: hän wär nao Karl --« - -»Lao kömmt hän,« schrie Bäbbi auf. Ihre scharfen Augen hatten den -Schimmer einer Uniform am Waldrand gesehen. »Lao kömmt hän aus em -Büsch, ech siehn de Knöpp blinkern!« - -»On en Framensch haot hän bei sech,« brummte schmunzelnd der alte -Krumscheid. »Hä, Hähr Schandarm! Helao!« - -»Hollah,« brüllte Schmitz. »Sie da!« - -»Feuer, Feuer,« zeterte der Küster. - -Sie erhoben alle die Stimmen, selbst der geistliche Herr rief. Endlich -schien der Oberkailer zu hören; das Frauenzimmer verschwand, wie vom -Boden verschluckt, er selbst sprang in großen Sätzen vom Waldrand auf -die Straße herunter. Nun kam er angetrabt. -- -- - -Wer die Kunde vom falschen Thaler in's Dorf getragen, wußte man -nicht. Obgleich der Gendarm den Erstwissern strengstes Stillschweigen -auferlegt -- »denn,« sagte er, »der Hallunke darf beileibe keinen -Wind davon kriegen, sonst macht er sich dünne« -- hatte einer doch -geplaudert. - -Wie ein Lauffeuer ging's von Haus zu Haus: »Wißt ihr't schuns? Hatt -ihr't als gehört? Jesses, e su ebbes! Sollt mer't glauwen? En Dahler, -en falschen Dahler!« - -Die Weiber standen alle auf der Gasse; außer Bäbbi war keine im Haus -geblieben. Sie schlugen die Hände über'm Kopf zusammen und rissen Augen -und Mäuler auf. Alle möglichen Geschichten tauchten auf im Anschluß an -den falschen Thaler; wer was zu erzählen wußte, erzählte: von Räubern -und Mördern und Einbrechern. Selbst der Schinderhannes, der vor siebzig -Jahren zu Mainz Geköpfte, trat leibhaftig wieder auf. Sie drängten sich -zusammen und schauderten und machten einander graulen. Das summte und -wirrte durcheinander, wie ein aufgestörter Bienenschwarm. - -Das Wirtshaus wurde belagert; neugierige Gesichter drückten sich an -die Fenster, denn drinnen saßen ja die Herren und hielten Rat. Und da -war auch der Thaler zu sehen. Wie der nur ausschauen mochte?! Hie und -da machte sich eine eine Ausrede; zum Beispiel die Tina, die ging keck -herein und kaufte für einen Groschen 'Klümpcher'[53], aber es half ihr -nichts, der Krumscheid war ganz verstört und hatte kein Ohr für ihre -Fragen, und niemand von den Herren rief sie an den Tisch, so sehr sie -auch hinschielte. Sie kriegte den Thaler nicht zu sehen. - -Der Schmitz führte das Hauptwort. Zu seiner Zeit hatte in Köln einmal -ein Falschmünzerprozeß gespielt, den gab er nun mit allen Einzelheiten -zum besten. Eine ganze Bande war's gewesen, zehn Mann hoch, mit so und -so viel Helfershelfern; was Ähnliches würde wohl auch hier dahinter -stecken. - -Immer martialischer wurde das Gesicht des Gendarmen, er drehte den -Schnurrbart auf, daß ihn die Spitzen fast in die Augen stachen, und -fühlte verstohlen nach dem sechsläufigen Revolver, den er unter der -Uniform auf der Brust trug. 'Im Namen des Gesetzes' -- ha, wie sie -zitterten! - -Darin waren sich fast alle einig, ein Eifeler konnte der Missethäter -nicht sein. Der Pfarrer sprach warm für die seiner Kirche anvertrauten -Schafe. Nun war er hier schon dreißig Jahre im Amt, nie, nie war etwas -Böses vorgefallen; er hätte es doch erfahren müssen durch die Beichte. - -Schmitz, als geborener Eifeler, war ganz seiner Ansicht. Ja, draußen -waren sie alle raffiniert, aber hier?! »Ne,« sagte er, »hier sind se zu -ehrlich!« - -Der Gendarm nickte dazu: »Und viel zu dämlich!« - -Nur das Hausiererchen sagte kein Wort zur Entlastung der Einheimischen. - -Er stöhnte und jammerte, am meisten darüber, daß der Gendarm den -Thaler eingezogen hatte, um ihn seinem Vorgesetzten, dem Obergendarmen -zu Wittlich, abzuliefern. »Jeß, Jeß,« klagte er, »duh sein ech vom -Räjen unner de Trauf gekomm! Hähr Scha--Schan--darm -- ech will mein -Dahler re--redur!« Er lallte schon, sie hatten ihm zum Trost wacker -eingeschenkt. - -Heute brannten die Lichter in den Häusern länger denn je, nur Pittchens -Hütte lag still und finster. - -Spät in der Abenddämmerung kam Zeih in's Dorf geschlichen; Tannennadeln -hafteten ihr im Haar, und am Kleid klebte ihr Waldmoos. Ungesehen -hoffte sie ihre Hütte zu erreichen, aber schon wurde sie angehalten. -»Hatt Ihr't gehört? Hatt Ihr't gehört vom falschen Dahler?« - -Mit Ungestüm platzte sie daheim in die Stube, wo Pittchen quer über'm -Bett lag, die Augen starr gegen den Deckbalken gerichtet. Er hatte eben -den Rausch der vorigen Nacht ausgeschlafen, nach der Frühmesse war er -erst heimgekommen; nun schmerzte ihn der Schädel noch. Stumpfsinnig -brütete er. Als er seine Frau erkannte, schnauzte er sie an: »Wuh haste -dech widder erumgedriewen, dau --« - -Sie achtete gar nicht darauf, gleich fuhr sie mit der Neuigkeit heraus: -»Haste't gehört? Se haon en Dahler, en falschen Dahler gefunnen! Se -sein dem Kerl als uf der Spur.« In grausenvollem Entzücken schlug sie -die Hände zusammen: »Dän hänken se uf, wann se dän kriehn! Pittchen, -wat saoste nau?« - -Keine Antwort. - -Sie beugte sich über ihn -- schlief er schon wieder? »Pittchen, en -falschen Dahler! Denk ehs! Hörste dann net?« Sie packte ihn am Arm. - -»Ech hören.« Ihre Hand zurückstoßend, richtete er sich mühsam ein wenig -auf, seine Stimme klang heiser. - -»Nä, datste dech aach e su wenig inderessierst,« sagte sie ordentlich -beleidigt, »e su ebbes passiert doch net alle Dag! Denk ehs, wann se -dän kriehn, dän --« - -»Wän es et dann?« Sich auf den aufgestemmten Ellbogen stützend, sah er -sie stier an. - -»Huh,« kreischte sie lachend, »maachst dau en Visasch! Eweil könnt mer -sech jao graulen!« - -»Wän es et -- wat saon se?« stieß er hervor. Seine Lippen zitterten, -seine Hände auch. - -Sie zuckte die Achseln. »Dat waaß ech net. Äwer waart,« -- sie ergriff -gern eine Gelegenheit, wieder fortzukommen -- »ech giehn noch ehs on -hören mech om!« Schon war sie zur Thür hinaus. - -Allein! - -Er stöhnte auf in verzweifelter Wut. Mit einem Satz war er aus dem Bett -und nebenan in der Kammer. Mit angstvoll prüfendem, scheuem Blick sah -er sich um -- nichts zu entdecken! Friedlich lag sein Handwerkszeug auf -dem Tisch, das niedrige Öfchen stand an der Wand, der Schemel daneben. -Sonst alles leer. - -Erleichtert atmete er auf. Aber da, da in der Ecke, wo Lehm und Steine, -von der bröckligen Mauer herabgefallen, einen Schutthaufen bildeten --?! - -Stechend bohrte sich sein Blick dort ein. Und dann räumte er in -fiebernder Hast den Schutt in eine andre Ecke, riß von der Wand noch -mehr darauf herunter und ließ den schmutzigen Estrich der ersten Stelle -unbedeckt. So war nichts verdächtig. - -Draußen ging jemand in einiger Entfernung vorüber, dumpf hallten die -Schritte. Was, was, paßten sie ihm gar schon auf?! Blitzschnell löschte -er das Licht. - -Mit angehaltnem Atem schlich er im Dunklen aus der Kammer in die Stube -zurück, und aus der Stube an die Hausthür. Vorsichtig öffnete er sie -spaltbreit und lauschte nach dem Dorf hinunter. Flimmernde Lichter und -Hundegebell, verworrene Stimmen und Rufen und Lachen. - -Blätter säuselten im Nachtwind, durch das Gras huschte etwas -- -er schreckte zusammen. Was war das?! Ach, nur eine Katze, die den -geschmeidigen Leib über den taufeuchten Rasen zog und sich, leise -raschelnd, unter'm nächsten Zaun verkroch. - -Mit bebenden Fingern strich Pittchen das wirre Haar aus der Stirn; -dann stahl er sich, gewandt wie die Katze, im Schutz der Hecken zum -Dorf hinunter und, jeden Lichtstreif, der aus den Fenstern fiel, -vermeidend, schlich er lauschend um die Häuser. - - - - - XIII. - - -Das Kreisblatt zu Wittlich hatte eine Warnung erlassen, und die genaue -Beschreibung des falschen Thalers stand dazu gedruckt; auch im Dauner -Kreisblatt war's zu lesen. - -Ein panischer Schrecken hatte die Bevölkerung ergriffen, manch -Bäuerlein rannte nach der Wittlicher Sparkasse und ließ von den -Sachverständigen daselbst seine paar Thälerchen prüfen. Sonst hatte -man der Sparkasse nicht viel Vertrauen geschenkt; da schienen doch -die Thaler viel sichrer daheim im Kasten, warm unter'm Bett, oder im -Strumpf zu unterst in der Lade. - -Auch der Krumscheid begab sich nach Wittlich und borgte extra dazu das -Chaischen vom Pauly zu Oberkail; den Sparkasten stellte er neben sich, -sorgsam mit einer Decke verhüllt. Als er durch den dunklen Wald fuhr, -setzte er sich darauf. - -Ein geschlagner Mann kam er heim -- elf von seinen Thalern waren -falsch! Die hatten sie gleich dabehalten zu Wittlich und hatten ihn -ausgefragt, daß ihm der Verstand knackte; er dachte nach und dachte -wieder nach, aber wie sollte er's noch wissen, von wem er die Thaler -bekommen?! Und der Obergendarm, mit dem -- weiß Gott! -- nicht zu -spaßen war, hatte ihn zum Stillschweigen verpflichtet, unter der -Drohung, ihn sonst in Untersuchungshaft zu nehmen. Das war das -bitterste, nicht einmal erzählen durfte er's! - -Und noch mehr falsche Thaler tauchten auf, hier und da. In Hupperath -und Karl, in Oberkail und Spang-Dahlem, in Manderscheid und Bettenfeld, -in Oberöfflingen und Niederöfflingen, in Stadtfeld und Daun; die ganze -Gegend war verseucht. - -In der ersten Zeit lief fast jeden Tag ein neues Gerücht um; bald -sollte am Rhein eine ganze Falschmünzerbande aufgehoben worden sein, -bald an der Mosel, bald waren die falschen Thaler von Holland über -die Grenze gekommen, bald von Frankreich. Die Weiber von Eifelschmitt -hatten soviel zu erzählen, daß sie gar nicht mehr zu ihrer Arbeit -kamen; sie brannten vor Neugier und Aufregung, und Pittchen stand -mitten unter ihnen auf der Gasse und schürte den Brand. - -Seine Erzählungen überboten noch alle anderen; es war ein ganzes -Gewebe von Lügen, das er sich in seinen schlaflosen Nächten aussann und -den Dummen über den Kopf warf. In guten Stunden frohlockte er -- waren -die alle einfältig! Aber es kamen auch böse Stunden, in denen packte -ihn die Angst am Schopf und drückte ihm die Kehle zu. - -Er traute sich nicht, etwas auszugeben, auch nicht, beim Krumscheid zu -borgen; der hätte so wie so jetzt nichts hergeliehen, da er immer von -'Verhungern' sprach. In den Wirtshäusern konnte Pittchen auch nicht -sitzen; in die allerentlegenste, im fernsten Waldwinkel versteckteste -Schenke war die Kunde von den falschen Thalern gedrungen. - -Schmalhans war wieder eingekehrt in Mifferts Hütte, und zwar so -plötzlich, daß Zeih sich nicht in den jähen Wandel finden konnte. Was -half es dem Peter, daß er ihr kläglich beteuerte: es sei alles alle -geworden. Sie glaubte ihm nicht; soviel Geld konnte gar nicht alle -werden. - -Sie lag ihm in den Ohren Tag und Nacht und quälte ihn und bettelte um -Geld und weinte; an was sie früher gar nicht gedacht, das brauchte sie -jetzt zur allerdringendsten Notdurft. Sie hatte eben das Bessere kennen -gelernt. - -Und wenn er zur Tina kam, dann tribulierte auch die ihn. Was würde -die gucken, wenn er auf einmal sagte: 'Ech haon ken Gäld mieh!' Er -fürchtete sich vor ihren schlauen Blicken und ihrer Spürnase. - -Und Spürnasen waren die Weiber alle; sie verfolgten ihn auf Schritt und -Tritt, sie hefteten sich an seine Fersen, hingen sich ihm an und zogen -ihn nieder. - -Er spielte den Kranken, da kamen sie in seine Hütte und brachten ihm -Suppen. Und Thee mußte er trinken und Latwergen schlucken, höllischen -Mischmasch von allerhand Blattzeug und Gewurzel; und Einreibungen und -Umschläge mußte er probieren von Schneckenspeichel und gekautem Brod. - -Da er sie so nicht los wurde, that er böse und schmollte, besonders mit -der Tina. Aber je mehr er sich abkehrte, desto mehr rannten sie ihm -nach; und die Tina kam ganz frech zu ihm am helllichten Mittag; setzte -sich ihm auf den Schoß, in Gegenwart der Zeih, und fragte ihn, wann er -sie ausführe? Und gab ihm lachend einen Nasenstüber, daß ihm das Wasser -vor Wut und Schmerz in die Augen schoß. - -Kaum war die weg, machte ihm die Zeih einen Skandal. Also dafür mußte -sie hungern, daß er mit dem Mensch, der Tina, das Geld verpraßte?! -Bitterlich weinend rang sie die Hände: - -»O ech arm Dier! Wären ech nor dud, ech on dat Josefche! Mir sein ganz -verlaoß, mir haon niemand, dän for ons sorgt!« - -Ihr Jammern that ihm in der Seele weh -- sie war doch immer noch die -beste, hatte ihm nie ein schiefes Maul gezogen; und wenn sie jetzt -klagte, wahrhaftig, sie hatte ganz recht. Zerknirscht versprach -er ihr ein buntes Tuch, wie er der Tina eins von der Wittlicher -Messe mitgebracht, und dem Josefchen einen Zuckerkringel; auf den -Sonntag verhieß er sogar ein Stück Fleisch in den Topf. Selbst ganz -gerührt, wischte er ihr die Thränen von den Wangen, immer wieder -strich er ihr mit zitternder Hand über's Gesicht; sein Herz war wie -entzweigeschnitten, ganz auseinander in einem schmerzhaften, seltsam -öden, katzenjämmerlichen Gefühl. - -Er wußte nicht mehr aus noch ein; in gräßlicher Ungewißheit und -qualvoller Unentschlossenheit verrannen ihm die Tage. - -Währenddessen sänftigten sich draußen die erregten Gemüter, das -Geschwätz von den falschen Thalern war schon nicht mehr das einzige. -Bald wurde der gewohnte Alltagsklatsch wieder aufgenommen und -verdrängte das bis dahin herrschende Gespräch. Zudem rückte Peter -und Paul näher, bald kamen die Männer; die Weiber besannen sich auf -ihre Pflicht. Hütten wurden geweißt, Tische, Schemel, Töpfe und Bänke -gescheuert, Wäsche gewaschen, helle Kleider gesteift und in der Kirche -für glückliche Heimkehr gebetet. Auch die Zeih wurde still. - -Pittchen atmete auf; in der gezwungenen Ruhe und bei dem Mangel an -geistigen Getränken erholten sich seine erschütterten Nerven. Er hatte -nun doch wieder einige Spannkraft, etwas von der alten Elasticität; -dabei kitzelte ihn eine gewisse Schadenfreude, den gar so Dummen ein -Schnippchen zu schlagen. - -Vorsichtig ließ er seine Augen um und um gehen -- nichts Verdächtiges! -Wer würde es merken, wenn er einmal wieder einen wandern ließ?! Sie -brannten ihn ordentlich in der Tasche. - -Er besuchte das Kreuz auf dem Kirchhof und saß lange auf dem steinernen -Sockel. - -Merkwürdig, so spöttisch der Peter früher gewesen, so fromm war er -jetzt. Seit dem vergangnen Herbst ging er fleißig zur Kirche und lag -oft vor dem Bild der Himmelskönigin auf den Knieen; sie war seine -Schutzpatronin. - -Und wie er sich einmal in abergläubischer Scheu den Segen des Himmels -durch eine Gutthat erkauft, so that er auch diesmal. - -Die heilige Jungfrau würde ihm lächeln. -- -- - -Wohlgemut pfeifend, die Hände in den Hosentaschen, schlenderte -Pittchen heute wieder herum. Mit besonderer Zuvorkommenheit grüßte -er den Oberkailer Gendarm, der mit blitzenden Knöpfen, in Helm und -Sonntagsuniform, das Dorf passierte. - -Der Oberkailer wanderte zu seinem Vorgesetzten nach Wittlich, um -dort Bericht zu erstatten. Sein dienstliches Notizbuch im Busen war -vollgepfropft mit allem möglichen Unwesentlichen; in der Hauptsache -konnte er nur melden: 'Nichts Neues vorgefallen, alles ruhig.' - -Mit einem höhnischen Grinsen sah Pittchen ihm nach. - -Es war eine kolossale Hitze. Die Straße lief wie ein blendendes Band -hin, in weißlichen Staub gehüllt; kein Gräschen am Rain, kein Blatt am -Baum rührte sich. Die Mittagsonne sog mit gieriger Glut jeden Tropfen -Flüssigkeit aus dem Körper. - -Kein Wunder, daß der wohlbeleibte Oberkailer, stöhnend, einen -Augenblick im Schatten der großen Bäume vor der Eichelhütte anhielt -und, sich verschnaufend, die enge Halsbinde lockerte. Dankbar nahm er -den kühlen Trunk Bitburger Biers an, den ihm Herr Schmitz zum Fenster -heraus kredenzte. - -»No, wohin dann?« fragte neugierig der Alte. - -»Nach Wittlich zum Obergendarm -- bei der Bullenhitze! Verfluchte -Thalerjeschichte!« - -»Kotzdausend -- wat -- wo?!« Schmitz riß die zwinkernden Äuglein weit -auf und rollte sie hin und her. »Haben Se wat auf'm Kieker?« - -»I bewahre!« Ärgerlich preßte der Gendarm den Gurt seines -Seitengewehres tiefer herunter. »Lausenest, diese Eifel! Reineweg -nischt los; am besten, man verschliefe die janze Zeit.« - -»Oha« -- der Alte machte ein wichtiges Gesicht -- »sagen Se dat nit! -Ich sage Ihnen« -- er dämpfte die laute Stimme zum Flüstern und wies -mit dem Daumen zurück gen Eifelschmitt -- »da is't nit geheuer! Seien -Se auf'm Quivive!« - -»Wissen wir längst, wissen wir ja längst,« sagte der andere abweisend. -»Denken Sie denn, werter Herr Schmitz, die Polizei hat keine Augen -im Kopfe? Nee, Jott sei Dank, so helle sind wir auch noch! Der -Obergendarm hat längst die Meldung nach Trier abjejeben; seit der olle -Krumscheid die elf falschen -- Donnerwetter!« Er schlug sich auf den -Mund. »Na, angter nanu, Sie werden ja nischt davon verlauten lassen! -Auf Eifelschmitt liegt ein Verdacht und zwar auf den Eifelschmitter -Männern. Die stecken da unten in den Fabriken, mitten zwischen den -Werkzeugen und all dem Krempel, -- und dann sind sie jedenfalls -Sozialdemokraten, und die --.« Er spuckte aus. »Sehen Sie, die Kerle -sind die Attentäter, die Weiber in Eifelschmitt machen die Hehler. Aber -warte man! Weitjehende Recherchen sind sofort in den Fabrikdistrikten -anjestellt. Ja!« - -»Wat Sie schlau sind,« sagte pfiffig schmunzelnd der Alte. »Ja, die -Preußen! Die Berlinersch besonders, die hören et Jras wachsen! Ich -würd' nu viel eher auf den Schlosser, den Miffert, en Verdacht haben. -Dat is en schlau Luder un en geschickten Kerl. Da war neulich sein -Frau bei mer un hat sich wat Jeld jeborgt. Von dem Momang, wo hier der -Rumor wejen dem falschen Thaler losjejangen is, rückt der Kerl nix mehr -eraus. Is Ihnen dat nit sehr verdächtig?« - -»Nanu? Hahaha!« Der Gendarm amüsierte sich köstlich; da sah man doch -wieder, wie die Dummheit sämtlichen Eifelern angeboren war! »Mein -werter Herr Schmitz -- haha -- da sind Sie nett reinjefallen mit Ihrer -Schlauheit! Der Miffert -- haha! Den kenne ich wie meine Tasche, der is -das dümmste Luder, wo existiert. Nenee, haha! -- Na, Morjen!« - -Kopfschüttelnd sah der Alte ihm nach. »Grünschnabel,« brummte er -ziemlich respektlos und schlug das Fenster zu. -- - -Als der Nachmittag sich neigte und die Bergwand angenehmen Schatten auf -den Thalweg warf, klopfte der geistliche Herr an die Eichelhütte. Es -war ihm zur lieben Gewohnheit geworden, dort einzukehren; nur wenn er -Herrn Schmitz nicht zuhause wußte, dehnte er den täglichen Spaziergang -bis Himmerod aus. Die alte Klosterruine kannte er längst in- und -auswendig, aber der Schmitz, der war ihm etwas Neues, ein Stück Welt, -das in seine Vereinsamung gedrungen war. Dann saßen die beiden beim -Gläschen Moselwein, die 'Kölnische Volkszeitung' lag auf den Tisch -gebreitet. Die hielt sich Herr Schmitz, der Freigeist; der Pfarrer -konnte nur mit dem 'Paulinusblättchen' aufwarten. - -Sie politisierten mit Vorliebe. Schmitz sprach in einem belehrenden -Ton, schlug gern zur Bekräftigung seiner Kannegießereien auf den Tisch -und wurde krakehlig, wenn man nicht seiner Meinung war. Der Pfarrer -hörte zu mit stillem Lächeln; er war es gewohnt, sich zu fügen. - -Heute politisierten sie nicht. Unentfaltet lag die Zeitung; der -Sonnenstrahl, der sich durch das dichte Dach der Bäume bis zu dem -steinernen Gartentisch stahl, blinzelte auf noch immer nicht geleerten -Gläsern. Ganz bekümmert lehnte der geistliche Herr in seinem Stuhl; den -einen Arm über die Lehne gehängt, den andren wie zur Abwehr erhoben, -starrte er sein Gegenüber an. - -»Aber, Herr Schmitz, aber, aber! Der Miffert ist ein durchaus ehrlicher -Kerl, für den kann ich bürgen. Wie schön hat er den Kirchenkronleuchter -repariert! Das war im vergangnen Herbst. Aus altem Zinn und Blei und -der Himmel weiß was, hat er ihn wieder hergerichtet. Tag und Nacht hat -er dran gearbeitet.« - -»So.« - -Weiter sagte Schmitz nichts, aber er spitzte die Ohren und pfiff in -eigentümlicher Weise durch die aufeinandergebissenen Zähne. - -»Nein, nein, auf den Peter laß ich nichts kommen, der ist wirklich -fromm. Wie oft treff' ich den nicht in der Kirche! Erst kürzlich sah -ich ihn in andächtigem Gebet versunken vor'm Altar unserer lieben Frau -auf den Knieen liegen. Und glauben Sie, daß der was dafür genommen hat, -als er dazumal mit der Arbeit fertig war? Den Heiligen hat er's zu -Gefallen gethan; nur einen Vorschuß zur Anschaffung einiger notwendiger -Werkzeuge hat ihm die Kirche gezahlt. Nein, nein, lieber Herr Schmitz, -ein bißchen leicht ist der Peter wohl, das liegt nun mal in den -Verhältnissen« -- der Pfarrer stieß einen Seufzer aus -- »da muß man -sich eben mit abfinden. Aber sonst --!« - -»So?!« Der Alte zog die Augenbrauen hoch und hob den dicken -Zeigefinger. »Der Grünschnabel, das Berliner Großmaul, lacht zwar -derzu, aber ich« -- er schlug auf den Tisch -- »ich weiß, wat ich -weiß!« Er war heftig geworden und ganz rot im Gesicht; jetzt hatte er -seinen Kopf aufgesetzt. - -»Aber, aber, Herr Schmitz,« sagte der Geistliche ganz kleinlaut. -»So ein guter Mensch wie Sie! Wie können Sie einen Nebenmenschen so -verdächtigen?!« - -»Ich verdächtige ja gar keinen, ich sage bloß, wat ich weiß. Ich bin en -aufjeklärter Mensch, der sich in der Welt umjekuckt hat. Hat mir auch -erst nit in den Kopp jewollt, dat en Eifeler en so raffiniertes Luder -sein sollt, aber mer is doch kein Esel. En juter Mensch braucht doch -kein dummer Mensch zu sein. Ich will auch jar kein juter Mensch sein,« -schrie er krakehlig, »wer sagt Ihnen, dat ich en juter Mensch bin?!« - -»Ach, Herr Schmitz« -- der Pfarrer legte ihm begütigend die Hand auf -den Rockärmel, -- »Sie haben ja erst grade so was Gutes gethan, unsrer -armen Kirche eine so reiche Spende gegeben --« - -»Ich? Ne!« - -»Thun Sie doch nicht so! Die rechte Hand soll freilich nicht wissen, -was die linke thut.« - -»Ich weiß nit, auf wat Sie anspielen, Herr Pastor, ich --« - -»Ich habe Ihren Thaler in der Büchse gefunden,« sprach lächelnd der -geistliche Herr. »'Zur Ausschmückung des Altars der Hochheiligen -Jungfrau!' Zufällig schüttete ich gestern abend die Büchse aus; sonst -thu' ich's nur alle halbe Jahr; es lohnt sich nicht eher. So was ist -ein rarer Vogel unter all den Kupferpfennigen!« - -»En Thaler --?! Von mir?! Dunnerkiel, ich bin doch nit toll! Wann't -noch en Buxenknopp jewesen wär'! Der Thaler is nit von mir.« - -»Nicht von Ihnen?! Aber --« - -»Ne, wahrhaftig in's Gott nit!« - -Verblüfft sahen sich beide an. - -»Aber, aber« -- der Pfarrer faßte sich an die Stirn -- »von wem -kann der Thaler sein? Hier in Eifelschmitt?! Ein Thaler in der -Kirchenbüchse?! Mir steht der Verstand still.« - -»Dat jlaub ich,« sagte trocken Herr Schmitz. »Mir scheint, der Spender -von dem Thaler is nit e so weit. Wann einer zu fromm is, hört de -Klugheit auf. Wat meinen Sie, Herr Pfarrer? Lassen mir mal jehen, ich -möcht ihn mer doch emal ankucken, den --« er machte eine Pause und sah -den anderen bedeutungsvoll an -- »den Thaler!« - -Und sie gingen. Der geistliche Herr fast widerwillig, in sich gekehrt, -ohne Wort, nur ab und zu den Kopf schüttelnd. Schmitz eilig, in einer -gewissen neugierigen Spannung. - -In des Pfarrers Studierstube ließ er sich mit einem Seufzer der -Erleichterung in den alten Ohrensessel fallen. »So, nu zeijen Se mal -her!« - -Mit zitternden Händen kramte der Geistliche in seinem tannenen -Schreibtisch; erst hatte das Schloß nicht schließen wollen, dann fand -er den Schlüssel zu dem Kästchen nicht, in dem er die Kirchenkasse -verwahrte. Der bloße Verdacht schon hatte ihn ganz außer Fassung -gebracht. Endlich hatte er den Thaler; aufgeregt hielt er ihn Schmitz -hin. - -Dieser warf nur einen kurzen Blick darauf, nahm ihn dann in die Hand -und ließ ihn auf die Platte des Tisches niederkollern. - -»Da haben wir't -- falsch!« - -»Aber wie kommt der in die Sammelbüchse für den Altar der -Hochheiligsten?« jammerte der geistliche Herr. »Ein falscher Thaler in -die Kirche -- oh, die Sünde!« - -»Oh, die Dummheit!« sagte der andere mit einer, eigentlich etwas -respektwidrigen Nachahmung im Ton. - -»Wer kann das gethan haben?« ächzte der Pfarrer und hielt sich den -Kopf. »Keins meiner Beichtkinder, nein, nein!« - -»Jedenfalls keins, dat en Weiberrock anhat!« - -Schmitz betrachtete wieder den Thaler und brummte vor sich hin: - -»Die sind ja hier so arm wie die Feldmäus' bei Mißernt', un Weiber -sind auch all viel zu geizig derzu. Bleibt niemand übrig, wie der -Peter mit der Erbschaft. Schlosser is den auch noch obendrein. Hm, hm --- freilich, for so en dumm Luder hätt ich den nit jehalten, jeht un -schmeißt beim Muttersgöttesche en Thaler erein! Die Dummheit könnt ei'm -fast irr machen. Hm, hm!« - -»Er hat es nicht gethan; er kann es nicht gethan haben,« stritt der -arme Seelenhirt; er war so entsetzt, als sei der Wolf über seine Schafe -geraten. »Er hat es nicht gethan!« - -»Werden mir ja sehn,« sagte trocken Herr Schmitz. »Ich jeh' nach -Wittlich!« - - - - - XIV. - - -Es ist gegen zehn Uhr abend -- eine schwüle, dunkle Sommernacht; auf -leisen Sohlen geht sie über die Flur. - -Am Himmel flimmern die Sterne, matt, bis sie ganz verschwinden hinter -undurchdringlichen Wolkenschichten. Nur zu ahnen sind die Berge; in's -Ungeheuerliche vergrößert, schmelzen sie in eins zusammen mit den -Wolkenballen, die auf sie niederhängen. Die einzelnen Felsnasen, die an -den Berglehnen vorragen, schauen fratzenhaft verzerrt in's Thal. Wie -ein schwarzer Raubvogel mit ausgebreiteten Schwingen hängt der Wald -über'm Dorf, bereit, sich niederzustürzen und die Wehrlosen mit seiner -Last zu erdrücken. - -Vereinzelter Lichtschein blinzelte in den Hütten von Eifelschmitt. -Die faulsten der Weiber schliefen schon, die weniger faulen schafften -noch im stillen. Der Tag trödelte sich so hin, da mußte der späte Abend -herhalten; denn lange konnten die Männer nicht mehr ausbleiben. - -Hier wusch noch eine, hinter dem mit alten Fetzen verhängten -Fensterchen. Da prügelte eine ihren Kindern das 'Artigsein' für den -Vater ein und erstickte das Geschrei, indem sie ihnen das bleischwere -Deckbett über die Köpfe zog. Dort saß eine ganz junge bei unruhig -flackerndem Kerzenschein und nähte sich rote Strumpfbändel zum Tanz. - -In den Fugen der bröckligen Mauern zirpten die Grillen, in den -Ställen schnaufte das Vieh; die Stille trug beides weit in die Runde. -Verschlafen meckerte eine Ziege, ein Säugling greinte, ein Hund knurrte --- dann alles ruhig, in Lautlosigkeit begraben. - -Man hörte das Schweigen der Sommernacht. - -Aber jetzt regte sich etwas zwischen den Hecken, die den schmalen Pfad -zu Mifferts Hütte einfaßten. Es streifte rauschend an den Büschen -entlang, die wild überhängenden Zweige knackten. - -Ein paar dunkle Gestalten tappten vorsichtig die Steige hinan, man -hörte unterdrücktes Flüstern und dann ein warnendes: 'Pst, pst.' - -In einiger Entfernung folgten noch zwei Gestalten, neugierig schlichen -sie hinterdrein. - -»Es et dann wirklich waohr?« wisperte der Krumscheid dem neben ihm -Schleichenden in's Ohr. »On Se sein sicher, Hähr Schmitz? Jeßmarijuseb, -dän Pittchen!« - -»Er is et,« antwortete ziemlich laut und bestimmt die Stimme des -Schmitz. »Meint Ihr, ich wär' umesonst stracks nach Wittlich geschäst, -wat haste wat kannste, un hätt' Alarm geblasen?! Der Kerl, der Esel --« - -»Pst,« warnten die vorderen. - -Zu spät! Schon wurde Mifferts Hüttenthür von innen aufgerissen, ein -Lichtschein fiel in's Dunkel hinaus. Und mitten im Lichtschein zeigte -sich eine Gestalt, Pittchen, in lauschender Stellung vorgeneigt, wie -ein aufgescheuchtes Wild nach allen Seiten spähend. - -Den Männern stockte der Atem, sie drückten sich dichter in den Schutz -der Hecke. - -»Wän es elao?« rief Peter argwöhnisch; seine Stimme klang aufgeregt. -»Kotzdunner, wän ramurt lao erum, dat mer net --« - -»Im Namen des Gesetzes!« Mit einem Satz stand der Obergendarm vor ihm. - -Blitzgeschwind duckte sich Pittchen und schien an der, wie aus dem -Erdboden aufgeschossnen Gestalt vorbeischlüpfen zu wollen. Vergebens! -Schon hatte ihn ein zweiter fest am Kragen. - -»Peter Miffert, im Namen des Gesetzes!« wiederholte der Obergendarm -noch einmal mit Würde. - -Einen Schrei stieß Pittchen aus, einen einzigen, kurzen Schrei, der -durch die Nacht gellte, wie ein Trompetenstoß, über das schweigende -Dorf hinfuhr, hin über die Wiesen und Äcker, und von der Bergwand -widerhallte. Die Kniee knickten ihm ein, in schlotternder Haltung stand -er auf seiner Schwelle. - -Aber jetzt raffte er sich schon wieder auf. Sein erblaßtes Gesicht -rötete sich, mit Kraft entwand er sich der haltenden Faust, und, den -Oberkailer zurückstoßend, schimpfte er: - -»Zackerloot noch ehs, wat soll dat haaßen?! Es dat en Manier, de Leit -zo erschrecken! Ech haon gemaant, de Räuwer fielen öwer mech här. Wat -wollt Ihr dann? Ha--o--uh« -- er zwang sich zu einem unterdrückten -Gähnen -- »mir wollten justement schlaofe giehn; ons Josefche es eweil -widder onpaß[54]. Ha--o--uh -- wat sein ech müd!« - -»Laßt die Fisematenten,« sagte streng der Obergendarm. »Voran, zeigt -uns Eure Wohnung!« - -»Die es bal gezeigt -- haha!« Pittchen brach in ein kurzes, -krampfhaftes Lachen aus. »En anzige Stuw, on neist mieh. Äwer Scherz -bei Seit, Ihr Hähren, wat wollt Ihr eweil in meiner Stuw, dat Zeih es -justement beim Ausduhn[55]!« - -»Schadt nischt,« sagte der Oberkailer. »Voran, marsch!« - -Peter zögerte, seine Blicke flogen nach allen Seiten. - -»Voran!« Der Gendarm hielt ihm den sechsläufigen Revolver unter die -Nase. »Voran, im Namen des Gesetzes!« - -Ein verächtlicher Blick Peters traf diesen; dann machte er, mit der -Energie der Verzweiflung sich bezwingend, eine einladende Handbewegung: -»Angtré!« - -Miffert voran, traten sie alle in die Stube. Da war nicht viel zu -sehen; ein elendes Licht beleuchtete die kahlen Wände. Aufgeschreckt -vom Lärm draußen, stand die Zeih, halbentkleidet, im Zimmer und starrte -mit aufgerissenen Augen die Eintretenden an. - -Schmitz, als letzter, fuhr ordentlich zurück -- Donnerwetter, was -hatte die für ein paar Arme! Und was für einen Busen! Er genierte sich -und konnte doch nicht wegsehen. - -»Jesses,« rief die Zeih, halb erschrocken, halb amüsiert. »Pittchen, -biste gäck, wat führste de Hähren heihin?! Ech --.« Mit einer -verschämten Gebärde raffte sie ihr Kleid vom Boden auf und warf dabei -einen raschen Blick auf den Oberkailer. - -Der hatte jetzt kein Auge für sie, sondern hing nur an den Lippen des -Vorgesetzten. - -Der Obergendarm verzog keine Miene. Mochten da alle Frauenzimmer der -Welt im Hemde stehen; er hatte eisgraue Haare, was ging's ihn an?! Er -sprach nur das eine Wort: »Haussuchung!« Und wie ein Spürhund stürzte -sich der Oberkailer in alle Ecken. - -Er riß die Kleider von der Wand und schüttelte sie um und um, guckte -in den Herd und stöberte die Asche auf, legte sich platt auf den Boden -und bohrte seine Blicke in jeden Winkel, stürzte sich auf's Bett, riß -es auseinander, wühlte in den Kissen und durchstocherte den Strohsack -mit seinem Seitengewehr. - -Ein Hohnlächeln auf den, doch vor geheimer Angst verzerrten Lippen, -sah Peter ihm zu. Er stand mitten im Zimmer, die Arme ließ er schlaff -herunterhängen; den Oberkörper etwas vorgeneigt, mit aus dem Kopf -gequollnen Augen, schien er eine Gelegenheit zum Entwischen zu erspähen. - -Aber vor die Thür hatte sich die vierschrötige Gestalt des Schmitz -gepflanzt. Neben dem stand der Krumscheid; zitternd vor Aufregung -schrie er Peter an: »Elf Dahler! Elf falsche Dahler! O dau Schubjack, -dau Filu! Dech mössen se hänken, su hoch dän Mosenkoap es! Dau -Bedröger, dau Befauteler, dau --« - -»Ruhe,« gebot der Obergendarm. »Krumscheid, keine Schimpfereien!« Er -wandte sich an den Oberkailer: »Sie haften mir für den Miffert. Die -zwei Herren da bewachen das Frauenzimmer. Ich will derweil emal selber -dadrinnen Nachsuchung halten!« Er deutete auf die Kammerthür, die, -durch einen alten Schrank halb verstellt, ganz im Schatten lag. - -Ein unartikulierter Laut rang sich von Pittchens Lippen. - -»Sagtet Ihr was?« fragte der Obergendarm, sich auf der Schwelle noch -einmal umdrehend. »He, Miffert?!« - -Keine Antwort. - -Eine kleine Laterne, die er am Gürtel getragen und angezündet hatte, -hochhaltend, verschwand er in Mifferts Werkstatt. - -Totenblaß, mit Augen, die unstät umherrollten, stand Peter wie -angewurzelt. Er fühlte an seinem Halse den Griff des Oberkailers, -aber schlimmer war der Griff jener eisigen Angst, die ihm das Herz -zusammenpreßte, daß es den Schlag aussetzte. In seinem Kopf war ein -wüstes Durcheinander, aus dem sich ihm nur der eine klare Gedanke -hervordrängte: 'der durfte nichts finden, nichts!' In ohnmächtiger -Wut knirschte er mit den Zähnen. Fand der da drinnen etwas -- fand er -nichts?! - -Mit verzehrender Angst hing sein Blick an der Kammerthür. - -Kein Wort wurde gesprochen. Mit einem dumm-leeren Ausdruck wanderten -Zeihs Augen von einem zum anderen; sie hatte keine Ahnung, was -eigentlich vorging, und doch wagte sie keinen Laut. Die Arme über der, -durch die hastig übergezogene Taille nur notdürftig bedeckten Brust -verschränkt, die Zöpfe, aus denen der Pfeil schon herausgezogen war, -lang über den Rücken hängend, hockte sie auf dem Schemel. Was wollten -die Männer? Was hatte ihr Pittchen gethan?! In unbestimmter, kindischer -Furcht fing sie an zu weinen. - -Fünf Minuten vergingen, zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine Ewigkeit. - -Man hörte den Obergendarm drinnen hin und her trappsen und polternd -das Gerät um und um kehren. Für Minuten wurde es wieder ruhig. Und dann -hörte man sein Klopfen an den Wänden, sein Füßescharren -- jetzt sein -Fluchen, und jetzt -- dumpfe Schläge. - -Dann Stille. - -Schon atmete Pittchen auf, ein erlösender Seufzer wollte sich seiner -angstgepreßten Brust entringen -- da -- die Thür knarrte. Der -Obergendarm trat aus der Kammer, beschmutzt und bestaubt; aller Blicke -hingen an ihm. - -Er trug etwas. - -Peter wurde leichenblaß, vor seine Augen legte sich ein Schleier. - -»Da,« sagte der Wittlicher kurz und ließ mit einem Plumps einen -geöffneten, schmutzigen Leinenbeutel auf den Herdrand fallen; ein paar -Thaler sprangen heraus und rollten mit bleiernem Geklapper über den -Fußboden. »Unter'm Estrich verstochen. Aber doch gefunden!« - -»Hah!« Ein einziger Atemzug ging durch die Stube; kein Mensch wagte -ein Wort. Sie standen alle wie angenagelt, die Hälse gereckt, mit -aufgerissenen Augen. - -Schmitz fand zuerst die Sprache wieder. »Da hammer de Jeschicht!« Und -sich aufreckend, schrie er: »Hab' ich et nit jesagt, hab' ich et nit -jesagt? Wat nu?!« - -Ein Fauchen, wie das eines wilden Tieres, antwortete. Peter schien sich -auf den Alten stürzen zu wollen, aber gleich darauf ließ er den Kopf -auf die Brust sinken; ein zitterndes Stöhnen entrang sich seiner Kehle. - -»In flagranti erwischt,« sprach der Obergendarm weiter. »Werkzeuge, -alle möglichen Dinger, ein Schmelztiegel, Blei, Zinn und so'n Zeugs, -alles lag da unten bei den Thalern. Das richtige Hamsterloch hat sich -der Kerl unter'm Estrich ausgegraben. Mehr brauchen wir wirklich nit -- -hier!« Er zog eine Gipsmatrize aus der Tasche und zeigte sie herum. Und -dann verschloß er die Kammerthür. »Das bleibt alles stehen und liegen, -Ortsvorstand!« - -Krumscheid grunzte ein: »Jaowoll!« - -»Sie passen auf, daß nix wegkömmt. Hier den Thalerbeutel nehmen wir -gleich mit. Und nu allons!« - -»Miffert,« wandte er sich an Peter und legte ihm die Hand schwer auf -die Schulter, »Sie sind überführt. Im Namen des Gesetzes verhafte ich -Sie!« - -Peter rührte kein Glied. - -»Sagt Eurer Frau adjö! Voran! Wird en Meng Wasser die Mosel erunner -laufen, bis ihr euch wieder zu sehn kriegt. So'n Falschmünzer!« - -»Hau,« sagte des Krumscheid Stimme von der Thür her, »hau, eweil kömmt -hän in't Kittchen[56]!« - -Peter zuckte zusammen. - -'In't Kittchen' -- das hatte Zeih verstanden. Sie schrie hell auf: -»Jeßmarijuseb, in't Kittchen?! Pittchen, wat haste dann pexiert? -Pittchen! O die Schand! Wat werden se al saon?! Dat öwerläwen ech -net. In't Kittchen -- Jesses! Josefche, Josefche!« Sie stürzte an -die Wiege und riß das Kind heraus; es mischte sein durchdringendes -Jammergeschreih mit dem ihren. - -»Dat arme Weib,« murmelte Schmitz und wischte sich den Schweiß ab. - -»On dat Josefche,« flüsterte Krumscheid, »su en deierlich Worm!« - -»Wat haot hän dann gedahn?« jammerte die Zeih und packte den -Obergendarm vorn an der Uniform. »O, liewer Hähr, laoßen Se ein doch -giehn! Hän es e su en gude Mahn, hän duht niemand neist Onüwels!« Sie -warf sich nieder und umklammerte seine Kniee. »O liewer Hähr, sein Se -doch als barmherzig, laoßen Se em doch hei! Wat sollen ech anfänken ohn -dat Pittchen?! Hän es e su brav, e su ordentlich --« - -»Dat könnt Ihr ja alles vor Gericht aussagen!« Der Obergendarm machte -sich ungeduldig von ihr los. »Ihr habt Euch ohnehin vom Verdacht der -Beihilfe bei der Falschmünzerei zu reinigen. Ihr habt doch sicher drum -gewußt! Das Gericht --« - -»Gerich -- wat? Ech vor't Gerich?!« Die Zeih fuhr auf, wie von einer -Schlange gebissen. »Ech vor't Gerich -- Jesses, Jesses! Ech haon -niemand neist Beeses gedahn! -- O hätten ech doch uf mein Vadder sälig -gehört, on dän Pitter net gefreit, eweil säßen ech net e su in der -Bredullich! Nä, nä, ech sein onschullig! Onschullig, dir Hähren, wie en -schnieweiß Lamm!« - -»Dat is se, Herr Obergendarm,« rief Schmitz. »Ich bürge für die Lucia -Miffert!« - -»Ich kann ihr auch nur das beste Zeugnis geben,« sagte etwas schüchtern -der Oberkailer. - -»Huh, vor't Gerich, vor't Gerich! Ech sein onschullig,« kreischte Zeih -ohne Unterlaß, ihre Zähne schlugen aufeinander, in sinnloser Angst -klammerte sie sich an Herrn Schmitz. »Huh, vor't Gerich, vor't Gerich!« - -Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr Beschützer mußte ihr das Josefchen -abnehmen, das hätte sie sonst fallen lassen. - -Der Obergendarm beruhigte sie: »Es geschieht Euch ja nichts, nur ruhig, -Frau! Ihr braucht nur Euer Aussag' zu machen!« - -»Jao, dat will ech, dat will ech aach,« schrie sie heulend. »Hän haot -mech bedrogen, dän Lomp! Bedrogen, Dag on Naacht -- fraot noren dat -Tina on de annren Fraleider! Ech moßten hongren on derhäm sitzen, on -eweil haot hän de Ärwschaft verjuchheht! On wann hän besoff waor, -haot hän mech geschlaon. -- Kucktelhei!« Sie riß das Kleid von ihrem -weißen Nacken und zeigte Striemen, die darüber hinliefen. »Duh haot hän -mech geschlaon, derlätzt met der Haselgert. Ihr könnt et glauwen, dir -Hähren, ech kann dat Läwen bal net mieh mantenören -- o ech onglöcklich -Persohn, ech miserabel Framensch! Wän soll for ons sorgen, wann hän im -Bulles[57] sitzt?!« - -»Ich!« sagte der Junggesell, trat heran, das Kind auf dem Arm, und -schnäuzte sich krampfhaft. - -»O Hähr Schmitz!« Weinend haschte sie nach seiner Hand, die das rote -Taschentuch hielt, und packte sie mit ihren beiden Händen. Immer näher -neigte sie sich gegen ihn; sie standen dicht beieinander. - -Ein Schrei gellte. - -»Maach!« - -Schäumend, zitternd vor Wut, stand Pittchen plötzlich vor Schmitz. Wie -ein Tiger war er gesprungen; die geballte Faust schlug er dem Alten auf -den Kopf, daß dieser betäubt zurücktaumelte. »Ech schlaon Eich dud! Ech -raoden Eich, laoßt Eier Fingren vom Zeih! Mein es se. Weg, weg, weg!« -Er schlug wie ein Rasender um sich, vergebens suchten ihn die Gendarmen -zu bändigen. »On wann dir mech einsperrt im tiefsten Bulles, Wochen on -Monat on Jaohr -- on wann dir mech köppt -- on wann dir mech ufhänkt -- -ech kommen widder!« - -Wie ein Schwur klang es, der Krumscheid zitterte vor Grausen; leise -stahl er sich zur Thür hinaus. - -»Onnerstieh dech!« Peter packte die Zeih und riß sie hin und her, -daß sie auf die Kniee fiel. »Ech kommen widder, haste't gehört?« Mit -furchtbarer Drohung brüllte er sie an: »Dau bis mein!« - -Und dann schmolz plötzlich seine Wut, jäh wie sie gekommen, auch jäh -dahin. In heiserem Schluchzen zusammenbrechend, ließ er sich willig -vom Oberkailer die Handschellen anlegen. »Zeih, Zeih,« schluchzte er, -»vergeß mech net!« - -»Ech vergessen dech net, nie, nie!« Ebenfalls schluchzend hing sie an -seinem Halse; sie umklammerten sich beide, als könnten sie sich nicht -lassen. - -»Ech vergessen dech net, e su waohr ech läwen, Pittche, mei Pittche!« - -Herzzerreißend klang ihrer beider Schluchzen, und das Josefchen -wimmerte dazu in schrecklichen Schmerzenstönen. -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- - -Als sie die Hütte verließen, wankte Peter wie ein Betrunkener, er -lahmte so stark, wie nie zuvor. Die Hände hatten sie ihm auf dem Rücken -zusammengeschlossen; neben ihm schritt der Wittlicher, hinter ihm der -Oberkailer. - -Herr Schmitz war bei der Zeih zurückgeblieben, die brauchte Beistand. -Sie lag, ganz zusammengefallen, in einer Ecke und schlug wie eine -Rasende die Stirn gegen die Mauer. »Pittche, mei Pittche!« Dem alten -Junggesellen kamen selber die Thränen, er hob sie auf, suchte sie zu -beruhigen und erschöpfte sich in Trostreden. - -»Jao, ech glauwen et sälwer,« schluchzte sie an seiner Brust, »ech moß -mech eweil verdrösten. Dän Pittchen« -- sie hob den Kopf und strich -sich resolut die Haare aus der Stirn -- »Hähr Schmitz, ech sein sicher, -dat dän net widder kömmt. Dän hänken se uf!« -- - -* * * - -Vorsichtig tappten die Gendarmen mit ihrem Arrestanten den Heckenweg -hinunter; zur Sicherheit hielt ihn der Oberkailer hinten am Rock. - -Noch war es dunkel, aber keine so tiefe Finsternis mehr, wie vorher; -der Mond hatte sich hinter einer schweren Wolkenwand vorgestohlen und -kämpfte jetzt mit zerrissenem Gewittergewölk. Über den fernen Bergen -wetterleuchtete es. - -Blitzähnlich erhellten ab und zu scheue Mondstrahlen den Pfad; von -den nächsten Hütten fiel auch Lichtschein herüber. Das unsichre Gehen -hatte bald ein Ende, schon schimmerte heller die breite Straße -- da -- -Gemurmel! Ein dunkler Trupp nahte sich und verstopfte den Ausgang der -Heckengasse. - -Die Weiber! - -Zu einer Kolonne geschlossen, harrten sie in trotzigem Schweigen. -Im huschenden Schein des Mondlichts sah man ihre herausfordernden -Gesichter und ihre funkelnden Augen. - -Keine von ihnen rührte sich, als die Gendarmen nahten; sie hielten den -Weg besetzt. - -»Platz,« sagte der Obergendarm und stieß die nächste mit dem Ellbogen -an. - -Es war Tina. »Oho,« sagte sie und drängte sich, statt zu weichen, näher -an ihn heran. »Waorum schubst Ihr mech?! Hei haot jeden dat gleiche -Rächt!« - -»Platz für die Obrigkeit,« wiederholte schneidig der Oberkailer und -warf sich in die Brust. - -Ein allgemeines, schallendes Gelächter antwortete ihm. - -»O dau Lappes,« schrie eine Stimme aus dem Hintergrund, »gieh nor -on laoß der dein Rotznaos wischen. Mir peifen uf dein 'Platz for de -Obrigkeit'!« - -»Platz, Platz!« Sie äfften ihm alle nach. - -»Seid ihr doll?« rief der Obergendarm. »Verrückte Fraumenscher macht -Platz! Wenn ihr nicht auf der Stelle geht, laß ich euch sammt und -sonders einsperren -- hört ihr, einsperren!« - -»Können! Erscht können! Haha!« Tina lachte gellend. »Et wär' noch -gaor e su unöwel net, met dem Pittchen zosammen im Bulles. Äwer, gäwt -Obaacht!« Ihre zehn Finger wirbelten plötzlich dem alten Mann vor'm -Gesicht, ihre Stimme klang drohend: »Laoßt hän los!« - -»Jao, laoßt hän los!« kreischte der Weiberchor. - -»Heihin!« Tina packte Pittchen am Ärmel und zog ihn zu sich herüber. -»Ihr, laoßt hän! Wat wollt ihr vom Pittchen? Hän haot neist gedahn!« - -»Das wird sich finden!« Wütend stieß der Obergendarm Miffert in den -Rücken. »Voran!« - -Ein ohrenbetäubendes Gekreisch der Weiber erhob sich, in drohender -Haltung rückten sie näher und näher. - -Die Gendarmen waren vollständig umzingelt. Dem Oberkailer brach der -Angstschweiß aus -- immer neue Weiber rückten heran, aus den Häusern -kamen sie gelaufen, mit Schimpfen und Lachen, und verstärkten den -Trupp. Und rückwärts knackten und raschelten die Hecken, ungestüm brach -eine Bande halbwüchsiger Mädchen durch, Bill voran, und verstellten -auch #den# Ausweg. - -Mit der Linken packte der Obergendarm seinen Gefangnen fester; -er hätte das nicht nötig gehabt, Peter machte keine Anstalten, -zu entfliehen, mit niedergeschlagenen Augen stand er, bebend wie -Espenlaub. Mit der Rechten zog der Alte das Seitengewehr, die blanke -Waffe glitzerte im Mondlicht. - -»Platz!« schrie er, »oder --!« Vielsagend fuchtelte er durch die Luft. - -Der Oberkailer hielt den Revolver vor. - -Die vorderen wichen zurück, die hinteren drängten vor. »Gäwt dat -Pittchen eraus, ons Pittchen! Hoho -- ho --!« - -Das war ein furchtbares Lärmen. Drohend erhobne Arme reckten sich wild -durcheinander. »Ons Pittchen! Pittchen!« - -»Ruhig, Weibsbilder!« brüllte der Wittlicher, Pittchen mit sich -reißend; die blanke Waffe vorgestreckt, erzwang er sich einen Durchgang. - -Kreischend wichen die Weiber zu beiden Seiten auseinander, aber -gleich darauf schlossen sie sich wieder eng zusammen; der etwas -zurückgebliebene Oberkailer wurde hart umdrängt. Es regnete Püffe und -Stöße; da war manch eine, die ihm heimlich grollte, daß er kein Auge -für sie gehabt. - -Er hielt den Revolver ausgestreckt und wagte doch nicht zu schießen. -Sich wie ein Kreisel drehend, um sich nach allen Seiten zu decken, -schrie er: »Ich schieße -- ich schieße! Platz!« - -»Laoßt dän Lappes laufen,« rief verächtlich die blonde Leis, deren -Zöpfe halb gelöst flogen. - -Noch ein Tritt gegen die Kehrseite -- nun stolperte der Oberkailer aus -dem Kreis und stürmte in mächtigen Sätzen seinem Vorgesetzten nach. - -Alle Weiber hinterdrein. - -Auf der stillen Straße, gen Himmerod hin, fegte die wilde Jagd. Das -war ein Getrappel, ein Gekreisch, ein Johlen und grelles Schreien, -ein Huschen flüchtiger Gestalten. Das quirlte durcheinander, wogte, -hüpfte und sprang. An der weißen Kirchhofsmauer zeigten sich, in's -Ungeheuerliche verzerrt, flatternde Schatten; unheimlich gespenstisch -tauchten sie auf und nieder, wischten vorbei und verschwanden. - -Und hinter der bleichen Wand ragte das Kreuz aus dem Dunkel des -Friedhofes; wie ein Wahrzeichen stieg es empor und schien endlos bis in -den Himmel zu wachsen. - -Peter wagte einen scheuen Blick dorthin; einen noch scheueren warf er -hinter sich auf die nachdrängenden Weiber; sein Fuß zögerte. Sollte er -sich wenden, jene zu Hilfe rufen?! - -Ihn schauderte. - -»Voran, voran!« trieb der Obergendarm. - -Und Pittchen trottete wieder weiter. - -Die Jagd wurde langsamer, jetzt fehlte es ihnen allen an Atem. - -Schnaufend trabte der Oberkailer an des Gefangnen andrer Seite; rechts -und links hielten ihn beide Gendarmen gepackt, ab und zu wandten sie -sich um und streckten den in geringer Entfernung Folgenden die Waffen -entgegen. - -Das laute Geschrei war verstummt, es hatte einem dumpfen Murren -Platz gemacht. Gleich einer bösen Bestie schlich die Weiberkolonne -hinterdrein; sie knurrte und lauerte und drohte in unheimlicher Tücke. - -Näher und näher kam man dem Thalende, hoch und finster hoben sich die -Ruinen von Himmerod, dahinter schwarz ragende Bäume des unendlichen -Waldes. - -Voll Besorgnis sahen die Männer darauf hin; schon gellten wieder einige -Schreie. - -»Laoßt hän los! Pittchen, ons Pittchen!« - -Ein Stein wurde geschleudert -- noch einer -- eine dreiste Stimme -schimpfte. Das Murren, das bis dahin ein halb unterdrücktes gewesen, -erhob sich lauter, kecker. Es schwoll an, wuchs und wuchs, wurde stark -und stärker, drohender und drohender, grollend wie Ungewitter. Fester -packten die Männer ihre Waffen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- - -Da -- ein Schrei! - -Die Weiber stutzten. - -Ein Ruf, der das Thal durchhallte von einem Ende zum anderen! - -Wie versteinert standen sie alle. - -Noch einmal der Ruf -- ein Ruf aus kräftiger Männerkehle: - -»Hallo--o--oh.« - -Das Echo war erwacht, jubelnd gab es den Ruf zurück: - -»Hallo--o--oh!« - -Und durch die Nacht flammte es auf, dort auf der Höhe von -Schwarzenborn. Erst wie ein Stern, dann rasch größer werdend, weithin -leuchtend, immer heller und heller, gelb und rot -- eine Sonne, eine -Riesenflamme, ein Freudenfeuer. - -Der einsame Busch auf dem kahlen Scheitel zeigte sich deutlich; wie bei -Sonnenaufgang umlohte ihn Glanz und Glut. Aber jetzt brannte er selber. -Seine vertrockneten Äste hüllten sich blitzschnell in sprühendes -Geprassel, gierig züngelnd loderte es auf in feurigem Entzücken. - -Eine Freudenfackel streckte sich empor zum nächtlichen Himmel. - -»Se sein dao!« - -Wie aus einem Mund kam's, nur ein einziger Schrei. - -Das waren nicht der Weiber viele mehr, das war nur ein Weib noch -- -#das# Weib! Jählings wandte es sich, alles vergessend, und stürzte in -rasendem Lauf dem Mann entgegen. - - - - -Verlag von #Egon Fleischel# & Co., Berlin W 35 - -Das schlafende Heer - -#Roman# von #C. Viebig#, - -Preis: geheftet M. 6.--; gebunden M. 7.50 - - -Aus den Besprechungen: - -=Pfarrer Naumann= schreibt in der =»Hilfe«=: Dieser Roman ist in -jeder Richtung eine große Leistung. Er ist zunächst ein Beitrag zur -Frauenfrage, denn er ist eine Frauenarbeit, die jedem Manne Hochachtung -abzwingt, er ist ein Dichterwerk, denn alles in ihm ist unmittelbar -lebendig von einer bewundernswert sicheren Einbildungskraft geschaut, -er ist gleichzeitig ein politisches Lehrbuch, denn er zeigt die -Polenfrage in ihrer ganzen Wucht und Verworrenheit, besser als eine -historisch-politische Untersuchung sie darstellen könnte. Es will -uns scheinen, daß nichts, was Clara Viebig bis jetzt geschaffen hat, -so voll, so rund, so einheitlich ist als diese Geschichte, die sich -zwischen drei Rittergütern, einem polnischen Dorf, einer Kleinstadt -und einer Kolonie der Ansiedelungs-Kommission irgendwo bei Lissa oder -sonst hinter Posen abspielt. Es ist fabelhaft, daß die Dichterin der -Eifelgeschichten und der Wacht am Rhein das polnische Leben so in sich -hineingenommen hat, daß man seine Wiedergabe ohne weiteres als einfach -wahr empfindet. Der Titel des Buches hängt ein wenig äußerlich an der -Geschichte, aber das schadet nicht viel. Es ist der Traum eines alten -polnischen Schäfers, daß unter dem Berge polnische Gewappnete ihrer -Wiederkunft warten, bis einmal das Volk selbst bereit ist, in seinen -Befreiungskampf einzutreten. Diese Gewappneten sind das schlafende -Heer, gleichsam die Vertreter aller der gespensterhaften Gedanken, die -über die Köpfe der verlorenen Nation hinfahren. Wir sehen als Glieder -des wachenden Heeres den Geistlichen, der alle Fäden in seiner Hand -hat, den Rittergutsbesitzer, der sich in den Reichstag wählen läßt, -den armen kopflosen, verängstigten Schullehrer, den schon erwähnten -Schäfer, die Bettelfrau und vor allem die gnädige Frau und ihre -Jungfer, die den deutschen Männern die Köpfe verdreht, und daneben ein -polnisches Mädchen voll Geduld und Treue. Auf deutscher Seite haben -wir den Edelmann, der sich als deutschen Vorposten fühlt und sich und -andere durch mangelndes Gefühl für die wirkliche Lage elend macht, -seine tapfere, feine Frau, einen alten deutschen Inspektor und eine -Kolonistenfamilie vom Rhein, die es unter mancherlei Leid drei Jahre -im baum- und berglosen Osten aushält. Die eigentlichen Verderber sind -die polnisch gewordenen Deutschen, ein Förster und ein Inspektor. -Nicht erhaben, aber auch kein Unhold ist der jüdische Krämer, dessen -Karren durch alles dieses Getriebe hin und her fährt. Aber was nützt -es, die Personen aufzuzählen? Damit ist ja doch weder die Stimmung -noch der Verlauf gekennzeichnet. Die Stimmung ist leidenschaftslose -Naturmalerei menschlicher Vorgänge. Man kann nicht sagen, daß die -Dichterin irgendwo selbst hervortrete, am ersten noch in der Gattin -des deutschen Gutsherrn. In gewisser Art erinnert ihre Art der -Darstellung an den »Büttnerbauer« oder den »Grabenhäger« von Polenz, -aber ihre Kunst ist darin größer, daß sie die Einheitlichkeit eines -Vorganges herzustellen weiß, ohne sich an Einzelpersonen zu binden. -Der Gegenstand, über den sie schreibt, ist der bewußte und unbewußte -Kampf zwischen Polentum und Deutschtum, gerade auch den unbewußten, -instinktmäßigen Kampf beschreibt sie gut. Und das Ergebnis ist die -Niederlage der Deutschen. Zwar wird uns im Schluß eine neue Generation -deutscher Kämpfer verheißen, die den Polen verstehen und zu nehmen -wissen, aber für jetzt schließt die Geschichte mit deutschem Tod und -Rückzug. Vergeblich, vergeblich! Und niemand sieht, wie es anders -werden soll, denn die Kräfte, die hier siegen, werden ja bis zur -nächsten deutschen Generation nicht schwächer. Clara Viebig zieht keine -politische Lehre aus ihrer Dichtung; es gehört nicht zum Schauen, -Vorschläge und Anträge zu bringen. Der Leser aber nimmt ihr Buch in die -Hand und denkt an Bismarcks Polenreden, an Caprivi, Hansemann, Delbrück -und vieles andere. Was nützt aber alles Politisieren gegenüber dieser -Kirche und diesem Gefühlsleben? Kann man die Polen zu preußischen -Staatsbürgern machen? Was soll ihnen versprochen werden, welche -Phantasie, welches politische Schaustück? Ich weiß es nicht. Die erste -Wirkung der Lektüre ist die Vergrößerung der politischen Ratlosigkeit -gegenüber der Polenfrage. Aber auch das ist etwas Gutes, wenn es dazu -hilft, schnellfertige Programme zu überwinden, wie Germanisierung durch -deutschen Unterricht oder Einheit aller Deutschen im Osten. Unter -allen Umständen gebührt der Schriftstellerin, die die Dokumente zur -Beurteilung der Polenfrage vermehrt hat, der Dank auch der politischen -Leute. - - -Auszüge aus Besprechungen. - - =»Neue Freie Presse«, Wien=: Das starke und - ausgeprägte nationale Bewußtsein der Dichterin - trübt nicht die Klarheit ihres Urteils über die - Germanisierungspolitik der Reichsregierung in - Preußisch-Polen und benimmt ihr nicht das schöne, - edle Verständnis für die träumerische Sehnsucht - eines besiegten Volkes... #Sie ist in ihrem - jüngsten Werke über sich selbst hinausgewachsen - und hat sich in die erste Reihe deutscher - Sittenschilderer geschoben.# - - =Robert Jaffé= in der =»Neuen Hamburger Zeitung«=: - Zu der erstaunlichen Schärfe der Charakteristik und - der Stimmungskraft kommt noch ein goldener Dämmer - hinzu, der über den Landschaften und Menschen - dieses Buches liegt. Etwas von der Lieblichkeit und - Reife, welche die Lektüre eines Fontaneschen Romans - für manche geradezu zu einem glückseligen Ereignis - macht, haftet auch an den Romanen von Clara - Viebig, und #es findet sich unter den deutschen - Romandichtern der Gegenwart wohl kaum einer, der - mit dieser ungewöhnlichen Kraft der Darstellung - noch so viel Anmut und Schönheit verbände#. - - =Paul Raché= im =»Hamburger Fremdenblatt«=: Es ist - ein Kunstwerk in der einfachen Kraft der Sprache, - in der Anschaulichkeit der Darstellung, in der - wunderbaren Klarheit des Schauens von Personen, - Verhältnissen, Gegenständen. Und es ist das Werk - einer Dichterin. - - =»Hamburgischer Correspondent«=: Wir können den - Roman als ein bedeutsames Kunstwerk, zugleich aber - als packende Darstellung eines der wichtigsten - Gebiete deutscher Kulturarbeit zu Anfang des - 20. Jahrhunderts unsern Lesern aufs lebhafteste - empfehlen. - - =»Kölnische Volkszeitung«=: Alle die - Gestalten erstehen in Fleisch und Bein vor dem - Leser. Von bedeutender Wirkung sind auch die - Naturschilderungen, und in der Darstellung - einzelner Szenen von dramatischer Kraft und - stimmungsvoller Weichheit bekundet die Verfasserin - ihre gewohnte Meisterschaft. Alles in allem ein - bedeutsames Werk. - - =»Prager Tageblatt«=: Wenn wir das Buch zuschlagen, - stehen wir -- fern von jedem national-politischen - Raisonnement -- ganz und gar im Bann einer rein - menschlichen Erschütterung, die wir über die - Schicksale der fesselnden, uns lieb gewordenen - Gestalten des Romans empfinden. Und Clara Viebig - hat in der Tat Menschen vor uns hingezaubert, die - wir nie mehr vergessen können. - - =»Leipziger Neueste Nachrichten«=: Clara Viebig - hat sicherlich nicht die Absicht gehabt, einen - Beitrag zur Lösung des deutschen Ostmarken-Problems - zu geben, aber sie hat uns das Land und die - Menschen dort mit packender Energie vor Augen - geführt. Man sieht das wirklich vor sich, den - Lysa Góra, das Treiben auf den Feldern, die - Hütten der Komorniks, die Herrenhäuser mit ihren - Höfen, Treppen und Salons, die Dinergesellschaft - auf Chawilorczyce, das Volksleben an Mariä - Verkündigung und hunderterlei sonst. Eine feine - und feinste Beobachtungsgabe geht Hand in Hand - mit einem treffsicheren, prägnanten und sachlich - erschöpfenden Stil. - - =Ferdinand Svendsen= in der =»Nation«=: #Ein - echter Epenstoff: der Kampf der in die Provinz - Posen eindringenden deutschen Landbebauer mit - den ihren Grund und Boden und ihre Nationalität - gleichzeitig verteidigenden Polen. Es ist etwas - ungemein Kraftvolles in ihrer Darstellung. Ihre - Romangestalten sind Menschen von Fleisch und Blut, - und was sie uns schildert, ist wert, geschildert zu - werden.# - - =Ernst Kreowski= im =»Vorwärts«=: #Der Roman - besitzt unbestreitbare Vorzüge. Alles ist - mit realistischer Kraft gestaltet und voll - dichterischer, wenn auch schwer atmender Stimmung. - So etwas wie Erdgeruch entströmt dem Ganzen. - Desgleichen entspricht es nur der »poetischen - Gerechtigkeit«, wenn Clara Viebig ihr Werk mit der - zuversichtlichen Hoffnung auf das Erwachen einer - neuen Aera des Deutschtums, welche die Sünden der - Väter wieder gut zu machen, dem Land und dem Volke - Glück und Frieden zurückzugeben berufen sein werde, - frohgemut beendigt.# - - =Fritz Engel= im =»Berliner Tageblatt«=: Kein - Tendenzroman! Die deutsche Feder wollte dem - deutschen Pfluge zu Hilfe kommen. Aber an Ort und - Stelle -- und das macht der Dichterin in ihr alle - Ehre -- wurde nur noch ihre künstlerische Teilnahme - rege. Nicht mehr die Parteien, nur noch die - Menschen interessierten sie. Sie sah und lauschte. - Daraus gestaltete sich dann wie von selbst das - weitumfassende Gemälde, das seine Lichter und seine - Schatten nicht mehr von der Willkür nationalen - Eifers erhält. - - =»Die Zeit«, Wien=: Es ist vorauszusehen, daß - dieser neue Roman eine erregte Debatte in deutschen - und polnischen Blättern entfesseln wird. Um seinen - künstlerischen Wert wird man erst in zweiter Reihe - fragen. Und doch muß auch von diesem die Rede - sein. Es ist ein Kulturbild voll jener warmen, - pulsierenden Lebendigkeit und frischen Farbe, die - alle Bücher der Viebig auszeichnen. Und ein feiner - Schimmer jener Sentimentalität liegt oft auf diesen - Blättern, wie er in Clara Viebigs »Wacht am Rhein« - am hellsten war. - - =K. v. Perfall= in der =»Kölnischen Zeitung«=: In - diesen Volksfiguren bietet sie wieder ein ganz - hervorragend Lebendiges und zeigt sich als eine - Menschengestalterin ersten Ranges, die frisch - und unbefangen ins Leben hineingreift.... Wir - möchten behaupten, »Das schlafende Heer« sei - das bedeutendste Werk, das Clara Viebig bisher - geschaffen hat. Es bringt ein bedeutungsvolleres - Kulturbild, als »Das Weiberdorf« und »Das tägliche - Brot« oder der »Müllerhannes« es waren, und der - künstlerische Aufbau ist reiner, fester gefügt als - in der »Wacht am Rhein«. - - _»=The Academy and Literature« (London)=: Clara - Viebig's work bears many of the characteristics - of that of George Eliot, Thomas Hardy and George - Moore. She sees into the human heart, and describe - what she sees with an ease and sureness that lend - her books a charm not always to be found in novels - that from the choice of their subject contain - events spreading over a long space of years and - deal with a wide field of locality._ - - =J. Norden= in der =»Magdeburgischen Zeitung«=: - So ist es kein politischer Tendenzroman geworden, - obschon politische Verhältnisse und persönliche - Schicksale der jüngsten Vergangenheit unserer - Ostmark hineinspielen. Es ist gut, daß im - Vordergrund die Kunst steht, die einen packenden - und ergreifenden Kulturroman zu erschaffen - vermochte. - - =Arthur Eloesser= in der =»Vossischen Zeitung«, - Berlin=: #Clara Viebigs Buch ist gut deutsch, aber - es schmettert keine chauvinistische Fanfare so - wenig, wie es entmutigt zum Rückzug bläst, es ist - ein Buch der Sorge, und in diesem Gefühl wird es - die meisten einigen, die nicht nur die Erhaltung - der politischen Herrschaft, sondern auch die - Existenz unserer deutschen Kultur an der Grenze des - Slaventums gesichert wissen wollen.# - - =A. Traeger= im =»Berl. Börsen-Courier«=: - Ueberreich schier ist des Buches Inhalt, und mit - staunender Bewunderung erfüllt uns aufs Neue die - überwältigende Treue und Kraft der Schilderung, - diese Belebung des Leblosen, überall nimmt die - Dekoration mitwirkend teil an der Aktion, gehören - Land und Leute unlösbar zusammen. #Clara Viebig# - sieht mit dem Verstand und schreibt mit dem Herzen, - das voll tiefen Gefühls und unerschrockenen Mutes. - - =Harry Maync= in der =»Deutschen - Litteraturzeitung«=: Ueber alle herbe Wahrheit ist - leicht der Schleier der Dichtung geworfen. Bezogen - auf die großen kulturgeschichtlichen Zusammenhänge - kommt überall das Menschliche rein zur Entfaltung. - Wohl heben sich dramatische Gruppenszenen packend - aus der Breite des langsamen, ereignislosen - Dahinlebens heraus, aber im allgemeinen sind - die Mittel dieser Darstellung ganz schlicht und - einfach. Ohne Beredsamkeit und Schwung, aber mit - sicherem Realismus und runder Schilderung sagt uns - #Clara Viebig#, was sie uns zu sagen hat, und das - ist nicht wenig. - - -FUSSNOTEN: - -[1] eigensinnig. - -[2] Kopf über, Kopf unter. - -[3] in die Pfütze werfen. - -[4] Hochzeit. - -[5] möglich. - -[6] ertragen. - -[7] erbärmlich. - -[8] Hungerpfoten kauen. - -[9] arbeiten. - -[10] glaubt. - -[11] Geschmack. - -[12] Brombeeren. - -[13] nach seinem Geschmack. - -[14] Zogott: statt »Prost« gebraucht. - -[15] Duckmäuser. - -[16] stattlich. - -[17] leichtfertig. - -[18] Blau. - -[19] verderben. - -[20] Kattun. - -[21] changiert. - -[22] ungeschoren. - -[23] keinen guten Tag. - -[24] gespuckt. - -[25] sogleich. - -[26] Zwetsche. - -[27] Bürste. - -[28] strawätzen: weglaufen, herumstreichen. - -[29] gezogen. - -[30] Zweieinhalb Silbergroschen. - -[31] Betrüger. - -[32] ohnmächtig geworden. - -[33] geizige. - -[34] Verlegenheit. - -[35] Heiligenhäuschen. - -[36] sterben. - -[37] seit. - -[38] Schublädchen. - -[39] Wiege. - -[40] gesund. - -[41] Däuen: drücken, stemmen. - -[42] ziehen. - -[43] Betschwester. - -[44] Schmerzen, Kummer. - -[45] heftig, böse. - -[46] quälen, peinigen. - -[47] steckst du. - -[48] Kosenamen für Lerche. - -[49] Käferdose (alte Kölner Weinkneipe). - -[50] launenhaft. - -[51] Wüterich. - -[52] fährt. - -[53] Bonbons. - -[54] krank. - -[55] Ausziehn. - -[56] Gefängnis. - -[57] Gefängnis. - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn - verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander - verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden - berichtigt. - - Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit # markiert. Im Original - fett gesetzter Text wurde mit = markiert. Text, der im Original nicht - in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war, wurde mit _ markiert. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Weiberdorf, by Clara Viebig - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WEIBERDORF *** - -***** This file should be named 55565-8.txt or 55565-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/5/6/55565/ - -Produced by Peter Becker, Norbert Müller, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Das Weiberdorf - -Author: Clara Viebig - -Illustrator: Max Liebermann - -Release Date: September 16, 2017 [EBook #55565] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WEIBERDORF *** - - - - -Produced by Peter Becker, Norbert Müller, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - - -<h1>Das Weiberdorf</h1> - - -<p class="spaced">Einundzwanzigste Auflage</p> - - - -<blockquote> - -<p>Von <span class="bigger">C. Viebig</span> sind folgende Werke im Verlage von -<span class="bigger"><em class="gesperrt">Egon Fleischel & Co. / Berlin W</em></span> / erschienen:</p> - -<p><span class="bigger">Romane</span>: Rheinlandstöchter / Dilettanten des -Lebens / Es lebe die Kunst / Das tägliche Brot / Das -Weiberdorf / Die Wacht am Rhein / Vom Müller-Hannes -/ Das schlafende Heer / Einer Mutter -Sohn / <span class="bigger">Novellen</span>: Kinder der Eifel / Vor Tau und -Tag / Die Rosenkranzjungfer / Naturgewalten / -<span class="bigger">Theater</span>: Barbara Holzer. <span class="smaller">Schauspiel</span> / Pharisäer. -<span class="smaller">Komödie</span> / Der Kampf um den Mann. <span class="smaller">Dramenzyklus</span>.</p></blockquote> - -<p class="title"> -Das Weiberdorf -</p> -<p class="center"> -Roman aus der Eifel -</p> -<p class="center light-spaced"> -von -</p> -<p class="author"> -C. Viebig -</p> -<p class="center light-spaced"> -Mit Umschlagzeichnung von -</p> -<p class="center gesperrt light-spaced"> -Professor Max Liebermann -</p> -<div class="figcenter" style="width: 100px;"> -<img src="images/title_logo.png" width="100" height="114" alt="" /> -</div> -<p class="center"> -Egon Fleischel & Co. -</p> -<p class="center"> -Berlin -</p> -<p class="center"> -1907 -</p> - -<hr class="r20-above" /> -<p class="center"> -Alle Rechte<br /> -vorbehalten -</p> -<hr class="r20-below" /> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="I" id="I">I.</a></h2> -</div> - - -<p>Trapp, trapp — hart klingen die Schritte auf -der steinigen Landstraße. Männer, ein ganzer Trupp! -Und nun noch ein Trupp und etwas weiter zurück -kommt noch ein dritter. Männer mit Schweiß auf den -Stirnen, mit Staub auf den Stiefeln, mit der ganzen -Glut des frühen Sommers und des hastigen Wanderns -auf den geröteten Gesichtern. Jeder trägt sein Bündel -am Stecken über der Schulter, paarweise schleppen sie -auch ein Köfferchen; alle haben sie die Taschen der -städtischen Sonntagsröcke vollgestopft zum Platzen.</p> - -<p>Nun halten sie an auf der Höhe von Schwarzenborn -und verschnaufen.</p> - -<p>Da unten liegt das Salmthal, schmal und grün -und lieblich. Die klare Salm schlängelt sich als Silberband; -dort, an der letzten Krümmung, ragen die Ruinen -von Kloster Himmerod, schon verschleiert vom Abendduft, -und da, dicht zu Füßen, scheinbar mit einem -Steinwurf zu erreichen, Eifelschmitt! Daheim, daheim!</p> - -<p>Ein froher Schein glitt über die heißen Gesichter, -ein tiefer Atemzug hob jedem der Wanderer die Brust -unter dem zerknüllten Hemd. Da wurden rasch die -Hüte vom Kopf gerissen und geschwenkt. „Hurrah! -Helao! Derhäm!“</p> - -<p>Der jüngsten einer, der schlanke Kerl mit dem -Feldblumensträußchen am Strohhut, fing ein Lied an; -er schmetterte aus Leibeskräften, sein starker, etwas -kratziger Tenor zitterte in mächtigen Schallwellen über -die Bergrücken. Unten im Thal erwachte ein Echo. Das -machte ihm Vergnügen; er hielt den einen Ton an, -gleich stark, endlos, die Bänder am Halse schwollen -ihm, sein Gesicht wurde blaurot, die Augen quollen ihm -vor — immer noch!</p> - -<p>Die anderen bewunderten ihn: „Dän kann et!“</p> - -<p>Immer noch — da knacks, der Ton brach ab! In -gekränkter Eitelkeit versuchte der Bursche noch einmal, -aber die Stimme gehorchte nicht mehr.</p> - -<p>„En Krümmel in der Tröt, saon se lao unnen -zu Cöllen. Haha, en Krümmel in der Tröt.“ Die -Männer lachten.</p> - -<p>Der Sänger wurde zornesrot und räusperte sich -gewaltsam.</p> - -<p>„Looß sin,“ sagte begütigend einer der älteren und -klatschte ihn freundschaftlich auf die Schulter. „Hal -dei Maul, Jong! Sei net e su bubsterzig<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, de Stimm -kann mer net kommandieren, se es ken Maschien on ken -Framensch.“ Und dann augenzwinkernd. „Wat maanste, -Lorenz, ob Lenzen Bäbb heit awend besser pariert?“</p> - -<p>„Dat Bäbbchen?!“ Lorenz zeigte, schnell getröstet, -die tadellosen Zahnreihen. „Et gitt gäckig vor Freid. -Se maanen all, mir kommen erscht morjen.“ Er patschte -sich auf die Lenden. „Helao, dat gitt ebbes! Seit -Weihnachten en halw Jaohr ohne Schatz gesäß! Dat -es net pläsierlich.“</p> - -<p>„Nä, nä, dat es et aach net!“ Eine gewisse Rührung -bemächtigte sich ihrer sämtlich; ein jeder dachte an die, -die an seiner Brust liegen würde. Die Ehemänner -dachten an ihre Frauen, die Ledigen an die Mädchen, -die sie beim letzten Besuch zu Weihnachten am heißesten -geküßt, heiß geküßt im kalten Schnee. Und jetzt war -Sommer — die hatten lange fasten müssen!</p> - -<p>„Dat gitt en Freid!“ Man warf sich in die Brust, -man brachte ja das Glück. Schnell noch einen Blick -hinunter in’s dämmernde Thal. Da warteten die -Hütten im milden Abendlicht, leichter Rauch kräuselte -sich vom heimischen Herd. Da träumten die Wiesen, -und die Büsche am Waldsaum lockten mit verschwiegenem -Dunkel.</p> - -<p>Es schwebte etwas herauf, es kam mit dem Wind -und flüsterte im Gras; die Luft koste leise und weich, -Nebelstreifen wie winkende Brautschleier stiegen aus dem -Grund am Bach, Bäume streckten verlangende Arme -aus. Jetzt — hier — da — dort glomm ein Lichtchen -auf! Blasse Sterne, sehnsüchtige Augen in einsamer -Kammer.</p> - -<p>Niemand mehr auf den abschüssigen Äckerchen. -Alles still, wie begraben.</p> - -<p>„Häh! Halloah! Gieht noch net schlaofen, eweil -sein mir elao! Halloah — — — oa — — oah — —!“ -Einer da oben hielt die hohlen Hände vor den Mund -und tutete hinein, dann warf er lustig sein Bündel in -die Höh. „Lorenz, Josef, Mathesen, Hanni! Wän es -dän erschten unnen? Hopp! Bonz unnen, Bonz owen<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>, -voran gemaach!“</p> - -<p>Wie Pfeile schossen die Burschen bergunter, sie -verschmähten die vielfach gewundene Fahrstraße, auf -steilen Richtwegen schnitten sie die Serpentinen ab; -polternd, prasselnd stürzte ihnen loses Geröll nach. Auch -die gesetzteren Männer eilten sich, eine plötzliche Ungeduld -hatte sie alle ergriffen, das Blut floß nicht mehr -träge in den Adern, es kreiste unruhig und stieg ihnen -zu Kopf.</p> - -<p>Heller und heller flimmerten unten die Lichtchen, -sie warfen einen trauten Schein aus den engen Kammerfenstern. -Voran, voran! Süße Vogelstimmen piepten -im Nest. Voran, quer durch’s Brombeergestrüpp! Da -saß schon eine weiße Hauskatze auf der Lauer, sie sprang -nicht fort, sondern stieß den sammetweichen Kopf -schnurrend gegen die sie streichelnden Hände. Aber -weiter — die warteten!</p> - -<p>Der Berghang wimmelte von dunklen kletternden -Gestalten. Nun kam der letzte Absatz, man rutschte, man -glitt, man sprang — nun lag das Dorf ganz nah, -melodisch tönte das „Muh“ einer Kuh, ein sehnsüchtig -langgezogener Liebesschrei.</p> - -<p>Noch atemlos, begann Lorenz zu schmettern, da -war keiner, der nicht mit einstimmte:</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Kommen wir in dieser Nacht,<br /></span> -<span class="i0">Fein Liebchen, fein!<br /></span> -<span class="i0">Seid ihr tot oder lebt ihr noch,<br /></span> -<span class="i0">Fein Liebchen, fein?“ — — —<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Da war schon das erste Haus.</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Will das Mädchen net obstohn,<br /></span> -<span class="i0">Fein Liebchen, fein!<br /></span> -<span class="i0">So wollen wir’s in die Blotz drohn<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a><br /></span> -<span class="i0">Fein Liebchen, fein!“ — — —<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Immer lauter wurde der Gesang, er schwoll an -und wuchs und drängte:</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Will das Mädchen sich net tummeln,<br /></span> -<span class="i0">Wollen wir die Thür auftrummeln“ — — —<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Horch! Ein heller Schrei: „Jesses, die Mannsleit!“</p> - -<p>Die Thür des ersten Hauses war aufgeflogen, ein -Weib in Unterrock und halb geöffneter Taille stürzte -heraus, mit einem Satz stand sie mitten unter den -Männern, wild sah sie sich um — wieder ein Aufkreischen -— da, sie stürzte dem einen an den Hals.</p> - -<p>„Jesses, Hubert, lao biste! Komm erein, Mahn, -komm erein. Ech haon uf dech gelauert! Dag on Naacht, -onsen Hährgott waaß et. Gelowt sei de Jongfra -Maria!“ Sie bekreuzte sich und ihn. „Könner, Könner“ -— schon sprang sie wieder zur Thür — „Könner, dän -Vadder es elao!“ Sie zog ihren Mann hinter sich drein, -kaum daß sie ihm Zeit ließ, den Kameraden zuzunicken; -sie hielt ihn so fest am Ärmel, als fürchte sie, ihn gleich -wieder zu verlieren. Die Frau mit dem schon faltigen -Gesicht, mit dem schlaffen Busen und den Zahnlücken, -zeigte die Glut einer Zwanzigjährigen.</p> - -<p>„Se sein hei, se sein hei!“ Nur dieser eine Ruf, -und alle Häuser waren plötzlich belebt, alle Fenster hell, -alle Thüren geöffnet. Kinder, in Hemden und barfüßig, -wie sie aus dem Bett gesprungen, standen auf der -Schwelle; Frauen und Mädchen eilten auf die Gasse. -Der weiche Sommernachtwind spielte mit ihrem halbgelösten -Haar und den hastig übergeworfenen Kleidern. -Laternen tauchten auf vor den Ställen, in den Höfen, -im Wirtshaus wurden alle Lampen angezündet; Peter -Krumscheid stieg eilig in den Keller und stach ein -Faß an. Die Straße wimmelte von Menschen, wie mit -Zauberschlag waren sie alle erschienen, alle umringten -die Ankömmlinge. Das war ein Gesumm, ein Lachen, -ein Geschrei. „Se sein hei, se sein hei!“</p> - -<p>Lorenz Schneider stand an der Ecke am Prellstein. -Hier ging’s hinein in ein dunkles Gäßchen, erst zwischen -Stallwänden, dann zwischen Hecken — nichts rührte sich -darin, — und da war die Straße, hell vom Lichtschein, -der aus den geöffneten Fenstern und Thüren fiel. Alle, -die er kannte, standen da umher, aufgeregt, lachend und -schwatzend; die Weiber hatten die Männer untergefaßt, -die Mädchen begrüßten ihre Schätze.</p> - -<p>Immer wieder suchten seine Blicke; enttäuscht fing -er leise an zu fluchen: Dunnerkiel, wo war das Bäbb? -Schlief sie schon so fest, daß sie den Lärm nicht hörte? -War sie ihm untreu geworden? Da mußte er doch -lachen, war denn hier wohl ein Mannsbild gewesen, -um das sich’s verlohnte, ihn zu vergessen?! Er ärgerte -sich; warum kam sie nicht? Ob er nach ihr fragte?</p> - -<p>Vor dem Wirtshaus hatten sich die ganz jungen -Mädchen, die heurigen Hasen, in einer Reihe aufgepflanzt; -neugierig und ein wenig neidisch guckten sie zu, wie die -älteren Schwestern und Bekanntinnen mit ihren Burschen -abzogen. Die Augen funkelten ihnen im Kopf, sie -brachten die Mäuler nicht zusammen. Sie stießen sich -mit den Ellenbogen an und kicherten, als Lorenz nach -ihnen hinsah.</p> - -<p>Den Schnurrbart aufdrehend, trat er zu ihnen. -Das Gekicher wurde stärker. — „’n Aowend, dir -Mädercher!“</p> - -<p>„Boschur, Lorenz,“ sagte keck die erste.</p> - -<p>„Tina?“ fragte er erstaunt. Zu Weihnachten war -sie noch halbwüchsig gewesen, und jetzt trug sie einen -langen Rock und sah ihn an mit dreisten, unbewußt -begehrlichen Augen. „Es dat Bäbbche net mieh hei, -Tina?“ fragte er hastig. „Lenzen Bäbb?“</p> - -<p>Tina zeigte lachend ihre weißen Zähne. „Ech waaß -net!“ Mutwillig blinzelte sie den Gefährtinnen zu, er -fühlte seine Hand ergriffen, kräftig geschüttelt und dann -festgehalten. In einem Augenblick hatten ihn die Mädchen -umringt; er stand mit Tina in der Mitte, die anderen -hopsten im Kreis, ausgelassen wie junge Böcklein, um -ihn und die Dirne herum.</p> - -<p>„Dommhaaten! Laoß los!“ Unwirsch suchte er -sich frei zu machen.</p> - -<p>„Autsch, autsch!“ Tina schlenkerte ihre Finger, -gleich darauf packte sie ihn auf’s neue; wie ein Wall -stemmten sich die Mädchenleiber ihm entgegen.</p> - -<p>„Schneidersch Lorenz, kucktelhei, Schneidersch Lorenz! -Haha, hahahaha!“ Sie lachten wie die Tollen; dem -Burschen schwirbelte es vor Augen und Ohren, er wurde -hin- und hergerissen, von einer gegen die andere gepufft, -Tina hing sich an ihn, er wurde sie nicht los, nirgendwo -konnte er den Kreis durchbrechen.</p> - -<p>„Dunnerknippchen, noachehs, wuh es dat Bäbb?“ -stieß er mit einer letzten Anstrengung heraus.</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Bäbb hin, Bäbb här,<br /></span> -<span class="i0">Bäbb, dat es en Zoddelbär — hahaha —!“<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Immer dichter umdrängten sie ihn, immer schallender -wurde das Lachen, immer wilder das Drehen; er fühlte -Tinas Hände an seinem Rock, sie preßte ihm seine -beiden Arme fest an den Leib. Jedesmal, wenn sie -aufhüpfte, kitzelten ihn ihre krausen Haare unter der -Nase, ihr Gesicht kam dem seinen ganz nah. Da, -ehe sie sich’s versah, hatte er die Arme frei; er schlug -sie ihr um die Taille, ein derber Schmatz brannte ihr -auf dem Mund.</p> - -<p>Sie schrie hell auf und wandte sich zur Flucht; -mit lautem Gekreisch stoben sämtliche Mädchen davon, -er hinterdrein. Hier suchte er noch eine zu fassen und -da eine — die Röcke flatterten — jetzt waren sie, um -das Wirtshaus herum, im Dunkel verschwunden.</p> - -<p>„Verflixte Rotznaosen,“ schimpfte der Bursche, und -doch schmunzelte er dabei. Die Tina war gar nicht -garstig, noch schmeckte er ihre frischen Lippen. Er schnalzte -mit der Zunge, sein Durst war erwacht — wo blieb -die Bäbbi?</p> - -<p>Langsam kehrte er zu seinem Prellstein zurück, in -verdrossenen Gedanken blieb er dort stehen. Da — er -schreckte auf, jemand zupfte ihn von hinten am Ärmel. -Am Eingang des Heckengangs stand eine weibliche -Gestalt.</p> - -<p>„Bäbbchen?“ fragte er zweifelnd. Sie kam ihm -so wenig schlank vor, Lenzen Bäbb war lang nicht so -völlig gewesen. „Bäbbi?“</p> - -<p>„Heihin!“ Schon zerrte sie ihn hinein in das -dunkle Gäßchen; es schien ihr noch nicht dunkel genug, -sie schob ihn hinter die Regentonne an der einen Stallwand. -Jetzt schlang sie die Arme um ihn und küßte -ihn, daß ihm der Atem verging. Sie gebärdete sich -wie närrisch, lachte und schluchzte und drückte ihn, ohne -ein Wort zu reden; ihre warme Brust bebte an der -seinen, schwer hing sie ihm am Halse. Immer wieder -preßten sich ihre Lippen auf seinen Mund, sie saugten -sich förmlich daran fest.</p> - -<p>Ein lange nicht gekanntes Wohlgefühl durchrieselte -den Burschen — so küßt doch nur der Schatz in der -Heimat! Sein Blut, durch das eilige Wandern und -hastigen Trunk ohnehin erhitzt, schäumte über; nun -war er es, der sie immer mehr hinein in’s Dunkel -drängte und gegen die Stallwand preßte. Er erstickte -sie fast.</p> - -<p>„Lorenz,“ ächzte sie endlich, „laoß!“ Ein schmerzlich -zitternder Seufzer folgte.</p> - -<p>„Bäbb,“ flüsterte er zärtlich, „mei Mädche! -Eweil sein ech widder hei, eweil wolle mer ons verlustieren. -Dat gitt en Pläsier! Komm!“ Er zog -sie kosend dem Ausgang des Gäßchens zu. „Komm -ehs zom Krumscheid, ech traktieren dech!“</p> - -<p>„Jao, jao.“ Sie schmiegte sich fester an ihn und -drängte ihn doch immer wieder tiefer hinein in’s Dunkel.</p> - -<p>„Nä, nä,“ flüsterte sie dann hastig und verlegen, -„eech kann net ehnder met der giehn, ech moß der erscht -ebbes saon.“</p> - -<p>„Wat dann? Waorom kannste net met mer giehn?“ -Er hielt sie von sich ab, etwas erstaunt; nun fiel ihm -auch sein Verdruß von vorhin ein. „Waorom haste -mech e su lang lauern laossen, dau sakramentsch Dingen? -Wollste mech for en Naor halen? Eweil es et schuns -e su spät, ech han Honger on Dorscht!“ Von einem -plötzlichen Ärger erfaßt, rüttelte er sie. „Haste geschlaof?“</p> - -<p>„Nä, nä!“ Sie drängte sich wieder ganz dicht an -ihn. „Ech wollten der nor vorerscht ebbes saon. -Saog“ — wie von einer dringenden Notwendigkeit -getrieben, faßte sie seine Hand — „wanneh wolle mir -onsen Hillig<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> haalen?“</p> - -<p>„Waorom?“ fragte er verwundert und beunruhigt -zugleich. Und dann nach einer Pause des Bedenken:</p> - -<p>„Zo Christdag; wat fraogste? Wann ech Vormann -gänn!“</p> - -<p>„Nä, ehnder,“ sagte sie rasch und küßte ihn heftig. -„E su bal als miëlich<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>! Ech moß der ebbes saon.“ -Jetzt flüsterte sie, aber ihr Flüstern war eindringlich, -jedes Wort hob sich deutlich heraus. „Ech sein im -sechsten Monat!“</p> - -<p>„Kreizdonnerparaplüi!“ Es entfuhr ihm so wider -Willen — das kam zu plötzlich! Er stieß sie zurück -und erhob die Hand wie zum Schlag. „Maach! -Gott verzeih mer de Sünd — dau Onglöcksmensch!“</p> - -<p>Sie fing an zu weinen.</p> - -<p>Stumm stand er neben ihr und schob den Hut -von einem Ohr auf das andere.</p> - -<p>Auf der Straße war der Lärm verstummt, auch -die Helle war weg, die Thüren hatten sich hinter den -Glücklichen geschlossen. Kein Mensch mehr draußen, -die meisten saßen im Wirtshaus. Jetzt tönte da der -Jubel; bis in den dunklen Winkel hinter der Regentonne -verirrte sich das Gläserklingen und Juchzen.</p> - -<p>Die Sterne waren aufgezogen, immer mehr entfalteten -sie ihren Glanz. Nachttau fiel, man hörte -ihn in den Hecken tropfen; dazwischen klang leises -Schluchzen. In dem verschleierten, bleichen und doch -durchdringenden Licht, das vom Himmel niederzitterte, -sah Lorenz zum erstenmal deutlich die entstellte Gestalt -seines Mädchens.</p> - -<p>Mit einem: „Dunnerkiel!“ fuhr er zurück, aber gleich -darauf streichelte er die Weinende.</p> - -<p>„Kreisch net, Bäbbchen,“ sagte er gutmütig, er war -heute nun einmal in einer so weichen Stimmung. „Kreisch -net e su, domm Dingen! Wat passiert es, es passiert, -duh kann niemand neist dran ännern. Sonndag es Peter -on Paul, dän erschten Kirmesdag; onsen gaastlichen Hähr -verkünn ons, ein for allemaol. Hän es su ebbes gewehnt, -annere han aach schuns Malör gehatt. Mir maachen -stracks Hochzeid, on dann“ — er kratzte sich hinter’m -Ohr — „jao, dann es dän Urlauw zu End. Mir -Bochumer han zehn Dag, de annern von Dortmund -on Steele han aach net länger. Äwer uf dän Momang -mösse mir redur kommen. Kreisch net, Bäbb!“</p> - -<p>Er schlang den Arm um ihre Hüfte; langsam -wandelten sie den Heckengang weiter.</p> - -<p>Rechts Gärten, links Gärten. Obstbäume hängen -ihre Zweige über dichte Weißdorn- und Wildrosenhecken; -zuweilen wechseln sie ab mit morschen Bretterzäunen, -die sich schief neigen und ihren modernden Holzgeruch -mit dem süßlichen Duft der Gebüsche mischen.</p> - -<p>Wie zwei Schatten schleichen die Liebenden unter’m -Blätterdach dahin, von weißlichem Dunst in einer -Wolke umschwebt. In dem nahen Wiesengrund erheben -die Frösche ein leidenschaftliches Liebeskonzert; -jetzt verstummen die auch. Nichts regt sich, nichts -lebt scheinbar rundum, und doch ist ein stummberedtes -Fordern in der Frühsommernacht, eine warme treibende -Sehnsucht.</p> - -<p>Stärker und stärker fällt Tau, silbrig glänzt er -auf den Gräsern und auf den gesenkten Scheiteln. Wie -ein feuchtes Tuch legt es sich um die heißen Gesichter, -um die heißen Glieder; schauernd schmiegen sich beide -Gestalten fest aneinander. Sie stehen still und küssen -sich, im schmachtenden Sternenlicht scheinbar in Eins -verschmolzen.</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="II" id="II">II.</a></h2> -</div> - - -<p>Die Männer von Eifelschmitt hatten nie viel Zeit; -rasch wurde geliebt, rasch wurde gefreit. Zweimal im -Jahr — im Winter zu Weihnachten, im Sommer zu -Peter und Paul — kamen sie heim in’s enge Salmthal. -Sie konnten da nicht ihren Lebensunterhalt verdienen; -der Erwerb ist knapp in der Eifel, karg hängen die -Äckerchen an den Bergen, lang sind die Winter, kurz -die Sommer.</p> - -<p>Es war kurz nach dem deutsch-französischen Kriege. -Das Aufblühen der rheinischen Eisenindustrie machte -das Heranziehen vieler Arbeitskräfte notwendig.</p> - -<p>So hatte ein Agent irgend einen Eifelschmitter -hinausgelockt, der kam zu Besuch heim, Geld in der Tasche; -nun zogen die anderen hinter ihm drein, wie die Schafe -hinter’m Leithammel. Vater, Sohn, Gatte, Bruder, -alles wanderte aus nach Westfalen und tief in’s Rheinland, -wo auf der meilenweiten Ebene düstre Fabrikstädte -sich zusammendrängen und mit ihrem nie stockenden -schwarzen Atem aus Riesenschornsteinen den Himmel anfauchen. -Die Luft ist dick vom Kohlenstaub, die reinen -Wolken selbst sind angegraut; ewiger Rauch, Geprassel, -Gerassel, Gekeuch, Geächz, Gestampf, Sausen von Rädern, -Schnauben von Maschinen, Pfeifen von Lokomobilen, -Pusten und Stöhnen von Dampfkesseln. Kein Rasten, -kein Ruhen. Zur Nachtzeit bricht lodernde Glut aus -Riesenbauten, an den Öfen stehen Männer, nackt bis -zum Gürtel, heiß und berußt wie Teufel, die Höllenfeuer -schüren. Schweißtropfen rinnen, Funken sprühen.</p> - -<p>Hier konnte man die Eifelsöhne finden: umglüht -von Flammen, eingeengt von Mauern, sehnsüchtig des -Heimathimmels gedenkend, der sich rein und kühl über -den Eifelkuppen wölbt; unter dem die wohnen, die -ihnen das Leben gegeben; die auf sie warten, denen -sie die Ehe versprochen, oder die sie schon gefreit haben; -wo die Kinder nach den Vätern verlangen.</p> - -<p>Aber dann die Heimkehr! Durchjubelte Tage, durchjubelte -Nächte. — —</p> - -<p>Heute saßen sie alle bei einander im Wirtshaus. -Der alte Krumscheid mit seinem vertrockneten Holzgesicht -kommandierte hinter’m Schenktisch. Ein ganzes -Regiment Weiber war zur Bedienung gedungen; mit -lachenden Gesichtern, flink wie Wiesel, liefen die Dirnen -ab und zu. Bald wurde die von ihrem Schatz gerufen, -bald jene; dann setzte sie sich für zwei Augenblicke -neben ihn, wohl auch auf seinen Schoß, trank -aus seinem Glas und ließ sich die glühenden Wangen -streicheln.</p> - -<p>Die schmalen Holzbänke längs der gescheuerten -Tische waren dicht besetzt. Mann reihte sich an Mann. -Nur wenige Frauen waren da, die kamen erst gegen -abend, wenn das Tanzen losging und die Musik; wenn -das Vergnügen so groß wurde, daß der Boden dröhnte -vom Stampfen der Füße, Bänke umpolterten, Gläser -in Scherben klirrten.</p> - -<p>Auf dem Platz vor der Kirche, um die paar Buden, -darin Halsketten, Fingerringe, Rosenkränze, Lebkuchenherzen -und Gerstenzuckerstangen feilgeboten wurden, trieben -sich Kinder herum, große Stücke Kirmeskuchen in -den Händen, die mit Blaubeerenmus beschmierten Mäuler -begehrlich gespitzt. Es hockten auch ihrer welche auf -der Kirchentreppe, bliesen in die neuen Trompeten oder -zeigten einander die vom ‚Pappa‘ mitgebrachten Puppen.</p> - -<p>Noch war die Straße feiertäglich still. Hinter den -kleinen Fenstern putzten sich die Weiber; das vom vormittäglichen -Kirchgang her über’s Bett gespreizte Sonntagsgewand -wurde einer eingehenden Musterung unterzogen. -Wer noch ein besseres Kleid hatte, zog’s heute -nachmittag an; glücklich die, die was Neues anthun -konnte, das der Mann oder der Schatz mitgebracht. -Die Haare glänzten vom Strählen mit Wasser und -Fett, die Röcke rauschten, die Gesichter waren blankgerieben, -die Ohren rot.</p> - -<p>Die Sonne fiel schon schräg in’s Thal und malte -huschende, rasch verschwindende Goldkringel an die weißgetünchten -Hauswände.</p> - -<p>Die sich bauschenden Röcke sorgsam gerafft, spazierten -jetzt Mädchen am Wirtshaus vorbei, immer hin -und her. Kinder balgten sich um den besten Platz vor -den Fenstern, schleppten Steine herzu und Schemel, -krochen hinauf und drückten die Nasen an den Scheiben -platt.</p> - -<p>Drinnen in der Schenkstube, die zugleich den Kramladen -des Orts vorstellte, war die Luft dick, durchwürzt -vom Duft eines ganz infamen Knasters. An den geschlossenen -Fensterscheiben krochen summende Fliegen -und drehten sich oben an der Decke in surrendem -Spiel.</p> - -<p>Man war noch ziemlich schweigsam, der erste Kirmestag -verlief immer am wenigsten stürmisch. Doch jetzt — -lautes Halloh!</p> - -<p>„Hä, Pittchen! Helao, Pittchen. Uf dein Spezielles, -Prost!“</p> - -<p>Peter Miffert war eingetreten; das linke Bein -etwas nachziehend, näherte er sich langsam dem ersten -Tisch. Nicht jeder reichte ihm die Hand; er schien das -garnicht zu bemerken, er hatte für alle das gleiche halb -gutmütige, halb verschmitzte Lachen. Als sie zusammen -rückten, ließ er sich auf dem schmalen Plätzchen am Ende -der Bank nieder. Er sagte nicht: „Röckt noch ebbes“ — -er sagte: „Met Verlöw“ und placierte seine Beine so -bequem als möglich unter dem Tisch.</p> - -<p>„No, Pittchen,“ rief Niklas Densborn, einer der -älteren, der obenan saß, „wat schaffste? Dau giefst jao -fett wie en Hammel! Dat glauwen ech der, dau has -jao aach en Läwen wie onsen Hährgott in Frankreich!“</p> - -<p>„Spaor dei Red,“ schrie Thomas Laufeld, ein -stämmiger Bursche mit einer Stupsnase. „Dän kann dat -Läwen jao bal net mieh mantenören<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>! Kucktelhei dat -Pittchen!“ Er brüllte, um sich in dem allgemeinen -Gelächter verständlich zu machen, packte den neben ihm -sitzenden Miffert bei’m Handgelenk, streifte ihm den -Ärmel zurück und hielt gewaltsam den mageren Arm -in die Höhe. „Kucktelhei, Haut on Knochen, ke halw -Pündche Fleisch!“</p> - -<p>Peter strebte, sich frei zu machen, aber ohne Gewalt, -ganz sanft; sein hübsches Gesicht lächelte noch -immer. „Laoß de Dommhaaten,“ sagte er gelassen.</p> - -<p>Laufeld brüllte weiter, er schien einen besonderen -Ingrimm zu hegen.</p> - -<p>„Dau thätst aach besser, dau gingst met ons uf -Arweit. Wat hockste hei bei de Fraleider?! Kuck“ — -er hielt seinen fleischigen Arm neben den dürren des -Peter und schlug sich auf die herausgedrückte Brust, -daß es klatschte — „dat es en Kerl! Dat micht de -Arweit, on wann mer net alleweil de Menscher am -Schörzenzippel hängt! Dau deierlicher<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> Schmachtlappes, -dürr wie en Axstill, dein Fra haot dech -wohl“ —</p> - -<p>„Mein Fra aus em Spill,“ sagte Miffert plötzlich -und machte eine kurze Bewegung, als ob er eine Fliege -wegscheuche — da lag auch schon der Laufeld unter der -Bank, wie niedergeschmettert.</p> - -<p>Man half dem Gestürzten auf; ganz verdutzt stand -er da und klopfte den Staub von seinen Hosen. Die -anderen lachten, einige schimpften.</p> - -<p>„Dürr wie en Axstill, äwer Kraft wie en Ochs,“ -brummte anerkennend Niklas Densborn; und dann sich -zu Miffert wendend, der dasaß, als ginge ihn all das -nichts an, sagte er vorwurfsvoll: „Et es en Schand, -Peter, dat dau net erunner maachst in die Fabrik; dau -has Schlosser gelernt, dat kömmt der lao zo paß. On -guden Verdienst gitt et lao unnen; bei owen kannste -Hongerpoten kötschen!“<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p> - -<p>Miffert zog das Maul schief; er sah unbeschreiblich -faul aus in der nachlässigen Haltung, mit der etwas -hängenden Lippe und dem schläfrigen Blick unter -schweren Lidern. Er sprach auch schläfrig, kaum daß er -die Zähne von einander brachte:</p> - -<p>„Dir wollt mech wohl pisacken?! Hei“ — er -wies auf sein lahmes Bein — „dat es mer zu schanierlich, -ech kann net e su trawalljen<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> wie en annern.“ -Seine Stimme wurde kläglich: „Ech haon dat Wieh -im Enkel; ech haon et met uf de Welt gebraach, lao -es neist bei zo maachen!“</p> - -<p>„Ojeh, Alfanzerei,“ schrie Mathesen Martin und -schlug auf den Tisch, daß die Gläser sprangen, „wat -micht dän for Fisematenten! Wieh im Enkel — haha, -wän dat zweifelt!<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> Laoß de Comedi, faules Luder! -Schlaofen on erum lungern on de Weibsbiller karessieren, -dat es sein Gu!“<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a></p> - -<p>Miffert verzog keine Miene, er hatte die Ellenbogen -aufgestützt und guckte in sein Glas.</p> - -<p>„Hän es faul, faul, dat et stinkt!“</p> - -<p>„Jao, jao,“ stimmte der vorhin zu Boden geworfne -Laufeld eifrig bei. „Faul wie de Sünd! Sitzt -im Dreck on röhrt sech net!“</p> - -<p>„Ehnder gänn Brameln<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> Weinbeeren, als dat -Pittchen arweiten duht,“ schrie irgend einer.</p> - -<p>Die ganze Gesellschaft stimmte zu: „Jao, Brameln -gänn ehnder Weinbeeren, hahahaha!“</p> - -<p>Peter Miffert lachte selbst mit, ein lautloses Lachen, -das ihn aber inwendig ordentlich stieß; er kniff die -Augen zusammen und schüttelte sich.</p> - -<p>„Waorom sollen ech mech e su afrackern,“ sagte -er dann gutmütig, „dat Läwen es korz, mir haon nor -einmaol Pläsir dervon. Wat de gaastlichen Hähren -aach saon, wat mer haot, haot mer. Uf dat, wat -mer versproch krieht“ — er lachte verschmitzt und stieß -einen leisen Pfiff aus — „dat gilt en Dreck!“</p> - -<p>Die Männer sahen ihn verdutzt an. Er ließ seinen -schläfrigen Blick, in dem es zu funkeln begann, reihum -gehen.</p> - -<p>„Wer waaß, wie bal hän verspillt haot! Ech -muß en Dauer met eich haon, ihr Leit, dat dir eich -e su schindt. Awer jeden naoch senem Ehs!“<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> Er zuckte -die Achseln.</p> - -<p>Sie nickten betroffen. „Recht haot hän!“ Auf -viele Gesichter lagerte sich ein plötzlicher Ernst; da -waren Falten eingegraben, Furchen, wie im aufgewühlten -Acker, die man vorher nicht gesehn.</p> - -<p>„Mer moß sech schinnen, on wat haot mer dervon?“ -murmelte der Densborn und ließ die Faust -schwer niederfallen.</p> - -<p>Eine Weile schwiegen sie alle, dann sagte der -Densborn mit einem Seufzer: „Äwer et es doch emaol -net anners. Hal dei dreckig Maul,“ schrie er plötzlich -Pittchen an, „dau schandlusen Kerl.“</p> - -<p>Dieser musterte mit pfiffigem Lächeln die stumpfen -Gesichter. „Mer moß wissen, wän mer dreiwt, wann -mer en Esel vor sech haot!“ sagte er.</p> - -<p>Sie verstanden ihn nicht — was wollte er damit -sagen? Sie sahen nur sein spöttisches Lächeln, und -das genügte. Die Köpfe wurden rot, eine gewisse Unruhe -fuhr in die Beine, Fäuste ballten sich heimlich.</p> - -<p>Ein paar von den jungen legten sich herausfordernd -über den Tisch. „Wat? Wat? Esel —?! Esel haot -hän gesaot! Wän es dän Esel? Hä, saog dat noch ehs!“</p> - -<p>Ein Murren ging von einem Ende der Stube zum -andern. „Esel, Esel!“ Die Füße scharrten ungeduldig, -die Augen funkelten, das Murren wurde grollender. -Die schönste Prügelei schien in Aussicht.</p> - -<p>Martin Mathes hielt schon drohend dem Miffert -die Faust unter die Nase: „Maach!“</p> - -<p>Pittchen duckte sich wie eine Katze. Aus seinen -tiefliegenden Augen schoß ein versteckter Strahl, aber -seine Stimme klang geschmeidig: „Wat willste? Wat -haon ech dann gedahn?“</p> - -<p>„Esel — Esel! Mir wollen dech liehren, Esel saon! -Dau Hongerlieder. Saog noch ehs: Esel! Mir -schlaon der alle Rippen im Leif dorch, dattste ke Glied -mieh röhre kanns!“</p> - -<p>„Jesses, seid dir gäckig?!“ Peter that sehr verwundert. -„Esel — Esel — wän haot ebbes von Esel -gesaot?!“ Er drehte den Kopf hin und her, als ob er -jemanden suche. „Su ebbes von Ausverschämtheit. -Wän kann sech onnerstiehn, ebbes von ‚Esel‘ zo -saon?!“</p> - -<p>Er war ganz Empörung, Erstaunen und beleidigtes -Ehrgefühl. Sein Gesicht trug den Ausdruck ruhiger -Unschuld und harmlosester Verwunderung; mit offenem -Lächeln sah er einen nach dem andren an und hob -dann sein Glas. „Zogott,<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> dir sollt läwen! Ech -duhen der Bescheid, Nikla! Mathes! Thom! Zogott!“</p> - -<p>Zögernd stießen sie mit ihm an; sie waren ganz -unsicher geworden.</p> - -<p>Peter seufzte und stützte den Kopf schwer in die -Hand. „Jao, et es en dreckig Welt, ech haon et bal -saat! Dir haot et noch gud, äwer ech arm Luder!“ -Er gähnte. „Ech kriehn neist von der Welt zo siehn. -Mer hockt alleweil hei in der buckeligen Gäjend, on -de Weibsbiller sein mer bis“ — er fuhr mit dem Handrücken -unter’m Kinn her — „bis heihin!“</p> - -<p>Das hätte er nicht sagen sollen, mißtrauische Blicke -trafen ihn; da war besonders der Mathesen Martin, -der schien ihn auf dem Strich zu haben. Man munkelte -im Dorf, dem Mathesen sein Zweiter sei dem Pittchen -wie aus den Augen geschnitten.</p> - -<p>„Dau Faxenmaacher,“ schrie Martin. „Glauwt -net, wat hän babbelt! Dän de Fraleider saat —?!“ -Er lachte zornig. „Dau Filu!“ Er sprang auf und -ging drohend auf Miffert zu. „Hinner jeder Diehr -sticht hän, an jeder Schörz hängt hän! Waart, ech will -dech Conduiten liehren!“ Rot vor Wut wollte er sich -auf Peter stürzen, dieser blieb gelassen sitzen.</p> - -<p>„Gemaach, gemaach, Martin,“ mischte sich der -Densborn ein, „laoß hän! Mir wollen ke Streit -anfänken, heit am erschten Kirmesdag. Wat willste -maachen? Wat geschehn es, es geschehn. Framenscher -sein Framenscher. On Dag on Naacht allein! Mer moß -en Dauer met ihnen haon. Dän elao“ — er wies -auf den Wirt hinter’m Schenktisch — „dän on de paor -annern alden Knackstiebel kannste doch net für voll -rechnen!“</p> - -<p>Der alte Krumscheid hatte trotz seiner Harthörigkeit -verstanden; nun war er beleidigt. Er warf sich in -die Brust und pustete die eingesunknen Backen auf. „Dau -Lausbub,“ schrie er herüber, „kömmst hei erin geschneit -on willst ebbes saon? Dattste net de Blaatz kriehst vor -Eingebildhaat! Lao sein Mädercher genog, de nach mer -kucken. Gäl, Nettche?!“ Er kniff eine der Kellnerinnen -in die Backe.</p> - -<p>„Laoßt!“ Das Mädchen schlug ihn derb auf die -Finger. „Ech haon eweil ebbes Schieneres zo siehn, -wie su en Stück Dörrflaasch!“</p> - -<p>Brüllendes Gelächter dröhnte durch die Stube.</p> - -<p>Miffert lachte nicht mit; er schlich vom Tisch weg, -um sich unbemerkt zu entfernen. Er war schon an der -Thür, da sprang ihm Mathes nach. „Hei gebliewen,“ -schrie er und drängte ihn zum Tisch zurück. Peter ließ -sich drängen, er widersetzte sich nicht.</p> - -<p>„Kucktelhei,“ schrie der andere weiter, dem schon -ein Rausch zu Kopf stieg, „dän Kalmäuser!<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> Dat es -dän Bock, dän mir zom Gärtner gemaach haon! Frißt -de Blumen in anner Leit’s Gaarten! Äwer hol dech -in Aacht, dattste net ausgezaohlt giefs — dein Fra, dat -Zeih, dat haot Aagen im Koap! Ech dähten er net -drauen uf fünnef Schritt. In der Not frißt dän Deiwel -Fliegen; äwer laoß nor en annern kommen! — Dat -Zeih, dat es en staatsch<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> Luder, en schnipp-schnappig<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> -Mensch, dat — —“</p> - -<p>Ein furchtbarer Schlag auf den Mund ließ Mathes -jäh verstummen, betäubt taumelte er zurück.</p> - -<p>Mit sprühenden Augen und erhobner Faust stand -Miffert; nichts mehr von schläfriger Trägheit war an -ihm, ein lebendiger Mensch stand da, mit rollendem -Blut in den Adern, jede Muskel straff. In grimmiger -Wildheit biß Pittchen die Zähne aufeinander, und dann -brüllte er: „Hal dei Maul!“ Seine erhobene Faust -sauste nieder. „Dat es für dat ‚Luder‘ — on dat“ -— wieder hob und senkte sich die Faust — „dat es -für dat ‚schnipp-schnappig Mensch‘ — on dat — on -dat — onnerstieh dech noch ehs!“</p> - -<p>Wie der Hammer auf den Ambos, so sauste die -Faust nieder — hierhin, dorthin — hei, waren das -Schläge! Da mußten Funken sprühn und Eisen in -Stücke gehn.</p> - -<p>Kein Mensch hatte sich gerührt, starr vor Überraschung -standen sie alle. Aber jetzt brach’s los, mit -Geschrei und Fluchen sprang man dem Mathes zu Hilfe. -Pittchen wurde weggerissen; in eine Ecke gedrängt, -wehrte er sich mit Händen und Füßen. Bänke stürzten -um, Gläser klirrten zu Boden — Schimpfen, Lachen, -Drohen, Schreien, Stampfen, Fluchen, Toben — da — -die Thür ging auf!</p> - -<p>Wie erschrocknes Hühnervolk in die Ackerfurche, -wenn aufscheuchende Schüsse knallen, so fiel es in die -Stube ein, mit Rauschen und Rascheln und Schwirren -— die Weiber! Voran eine, die anderen alle durch -ihre üppige Fülle in Schatten stellend.</p> - -<p>„Schkandal?“ rief Lucia Miffert fragend.</p> - -<p>Entschlossen stieß sie die vordersten bei Seite, -stellte sich vor ihren Mann und deckte ihn mit ihrer -kräftigen Gestalt.</p> - -<p>„Wat gitt et hei?“ rief sie hell. „Ruhig, Pitter! -Dao haste ebbes!“ Sie teilte dem ersten, der wieder -auf sie eindrang, eine Maulschelle aus, halb scherzhaft, -halb im Ernst; jedenfalls zeichneten sich alle ihre fünf -Finger auf der Wange des Getroffenen ab.</p> - -<p>„Dunnerkiel!“ Der Mann fuhr zurück und rieb -sich das Gesicht.</p> - -<p>„Kuckste,“ lachte sie heiter, „dat kömmt dervon! -Laoßt de Dommhaaten, heit wolle mir Pläsier haon, -ihr Mannsbiller!“ Aus ihren schönen runden Augen -sandte sie einen vollen Blick über die ganze Gesellschaft, -ihre weißen Zähne blitzten, ihre Stimme übertönte allen -Lärm. „Jesses, die Mannsleit, e su ebbes! Haha! -Haun sech wie de Könner! Hahahaha!“</p> - -<p>Sie wollte sich ausschütten vor Lachen; ihre gesteiften -Röcke raschelten, ihr braunrotes Sonntagskleid, -das sich knapp über die volle Brust spannte, krachte in -allen Nähten. „Hahahaha!“ Wieder das Lachen. Es -klang so lustig, so leichtherzig; es wirkte ansteckend, die -Mäuler zogen sich breit, alle Gesichter grinsten. Die -geballten Fäuste thaten sich auseinander oder versenkten -sich in die Hosentaschen.</p> - -<p>Frau Lucia ersah ihren Vorteil; wieder sandte -sie einen vollen Blick umher und wiegte sich lachend in -den Hüften.</p> - -<p>An der Thür standen die anderen Weiber zusammengedrängt, -jetzt wagten auch sie sich heran; jede packte -ihren Mann unter dem Arm, die Mädchen hingen sich -an die Burschen. „Danzen! Danzen!“</p> - -<p>Wie gerufen tönte in der Ferne Musik.</p> - -<p>„Muhsik! De Muhsik!“</p> - -<p>Das waren die Musikanten von Manderscheid, fünf -Mann hoch kamen sie eben vom Berg herunter. Sie -spielten sich selber zum Einzug was auf.</p> - -<p>„De Muhsik kömmt! Helao, de Muhsik!“ Die -Kinder auf der Straße stießen ein gellendes Freudengekreisch -aus, pfeilgeschwind rannten sie den Fünfen -entgegen, umringten sie und begleiteten sie hüpfend und -jauchzend zur Wirtshausthür.</p> - -<p>Unentwegt fiedelnd und blasend, zogen die Musikanten -in die Schenkstube; man ließ ihnen kaum Zeit, -einen Trunk zu thun. Mit starken Armen schleppten -die Männer die Tische auf die Straße, die Weiber -rückten die Bänke längs der Wände — nun war der -Tanzsaal fertig. Der schwenkende Rheinländer hub an, -auf dem engen Platz drehten sich an die dreißig Paare -auf einmal.</p> - -<p>Das war ein Stoßen, Drängen und Puffen. Jeder -wurde auf die Füße getreten und trat wieder; noch -keine halbe Stunde war vergangen, und die Luft war -undurchdringlich von Staub. Man konnte kaum sehen; -durch den Dunst schimmerten die glühenden Gesichter -wie rote Flecke. Man öffnete kein Fenster, nur die -Thür stand offen, in dem dunklen Hausflur tanzten -auch noch welche.</p> - -<p>Lucia Miffert war eine begehrte Tänzerin; sie -tanzte nicht leicht, man fühlte eine volle Last, aber -gerade das war schön, man wußte, was man hatte, und -sie verstärkte das noch, indem sie sich recht fest auf den -Arm ihres Tänzers lehnte. Und dabei war sie nicht -stumm wie die andren Weiber, die sich drehen ließen, -immer mit dem gleichen feierlichen Ausdruck des Gesichts. -Sie schwatzte und lachte, ihre lustigen Augen -blitzten nah in die des Tänzers, ihr warmer Atem -kitzelte seine Wange; kein Wunder, daß die Männer sie -immer fester und fester drückten.</p> - -<p>Von einem Arm wanderte sie in den andren, ihre -gesteiften Röcke wurden schlaff, das dunkle Haar hing -ihr verwirrt in’s Gesicht. Ihr helles Lachen übertönte -die Musik; wo sich in den Tanzpausen die Männer -am dichtesten zusammenknäulten, da stand sie.</p> - -<p>Dem Peter wurde zugetrunken: „Prost, dat Zeih -soll läwen!“</p> - -<p>Mit verdrossnem Gesicht stand er hinter der Stubenthür -und folgte ihr mit den Augen. Er tanzte nicht -mehr; als ein besonders helles Lachen die Musik überschrillte, -hatte er mit einer heftigen Bewegung plötzlich -seine Tänzerin stehen lassen, die er vorher, trotz seines -lahmen Beines, mit viel Gewandtheit geschwenkt.</p> - -<p>Die Männer tanzten mit der Cigarre im Mund, -über die Schulter der Tänzerin paffend; durch den -undurchdringlichen Qualm bohrte Peter die Blicke — -wo war sie? Mit wem tanzte sie?</p> - -<p>Gerade jetzt schwenkte sie der Bursche, auf dessen -Wange sie vorhin ihre fünf Finger abgedrückt; es schien -dem Peter, als schmiege sie sich besonders fest an den, -als flüstre der ihr was Verliebtes in’s Ohr.</p> - -<p>Mit einem Satz stürzte er sich auf das Paar; -rechts, links im Gewühl Püffe austeilend. Nun hatte -er sie erreicht. „Gief Obacht, Zeih,“ sagte er, halb -bittend, halb grollend, „danz net e su vill, ons Josefche -schreit sons de ganz Naacht!“</p> - -<p>„Laoß hän schreien,“ lachte sie und tanzte weiter. -Sie hatte seiner nicht Acht.</p> - -<p>Verzweifelt ging er vor’s Haus, er konnte das -da drinnen nicht mehr mit ansehen.</p> - -<p>Auf dem Prellstein an der Ecke saß ein altes -Weib mit einem fest eingewickelten Kind auf dem Schoß.</p> - -<p>„Kömmt se noch net?“ kreischte sie Miffert entgegen. -„Dat Könd gitt schuns ganz blao<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> für Schreien!“</p> - -<p>Er beugte sich über das quiekende Bündel. Die -Augen hatte das Sechswochen-Kind geschlossen, aber -das Mäulchen stand durstig offen, immer jammerndere -Laute drangen daraus hervor.</p> - -<p>Finster sah der Vater auf das verquollne Gesichtchen; -langsam, in Gedanken, ging er dann zur Wirtshausthür -zurück. Er schickte einen Knaben hinein. „Saog -dem Lucia Miffert, et soll ehs erauskommen. Äwer -saog net, wän naoch er schickt,“ schärfte er ihm ein. -„Saog: et pressiert!“</p> - -<p>Sie kam, die Wangen heiß gerötet, schnell atmend, -mit wogender Brust und geöffneten Lippen. Neugierig -spähte sie aus.</p> - -<p>„Dau —?! Wat willste?“ fragte sie verwundert -ihren Mann.</p> - -<p>„Ons Josefche,“ sagte er nur vorwurfsvoll und -wies mit dem Daumen nach der Ecke hinüber. Klägliches -Schreien kam von dort her.</p> - -<p>„Jesses, ons Josefche! Dän hatt ech ganz vergäß! -Mein arm Josefche!“ Frau Lucia riß der -alten Frau das Bündel vom Schoß, wiegte es tänzelnd -hin und her, setzte sich dann auf den Prellstein, knöpfte -ihre Taille auf und legte das Kind an die volle Brust.</p> - -<p>Das hungrige Josefchen war still; sie selbst lehnte -den Kopf hintenüber an die Hauswand. Mit geblähten -Nasenflügeln, schwer atmend, die Lider halb geschlossen, -lauschte sie mit verzücktem Lächeln nach der Musik im -Tanzsaal.</p> - -<p>Es war noch nicht dunkel genug, Peter sah die -weiße Haut schimmern, die so weich und sammetig war, -wie das Fell einer jungen Katze.</p> - -<p>Zärtlich murmelte er: „Zeih, danz ehs met mer!“</p> - -<p>„Gären, e su gären,“ flüsterte sie, schlug die Augen -auf und sah ihn voll an.</p> - -<p>„Zeih — dau Framensch — ech — ech sein gäckig -naoch der,“ stieß er lauter hervor, zwischen zusammengepreßten -Zähnen. „Saog, datste mech noch liew has -— Zeih, saog et!“ Sein mißtrauischer Blick glitt -zwischen ihr und der Wirtshausthür hin und her.</p> - -<p>Sie lachte so herzlich, daß das Kind wimmerte. -„Ksch — ksch — hahaha!“</p> - -<p>„Laach net!“ Er stampfte mit dem Fuß und -sah sie von unten herauf unter zusammengezogenen -Brauen an.</p> - -<p>„Jesses Maria, wat michste für en Visasch,“ -sagte sie heiter. „Pittchen, ech sein eweil e su fidel! -Dau wirst mer doch net dat Pläsier verfumfeien<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>? -Pittchen!“ Sie streckte die Hand aus und zog ihn zu -sich heran; ihre Augen baten. „Sei net unkommod, -Pittchen, et es jao nor om en klein Verännerung zo -maachen. Ech danzen aach met der.“</p> - -<p>„Su komm,“ drängte er, „komm!“</p> - -<p>Er ließ ihr keine Zeit mehr; lachend schob sie -der Alten das Kind in die Arme, knöpfte ihre Taille -zu, schüttelte ihre Röcke und hing sich an den Arm -ihres Mannes.</p> - -<p>Es dunkelte jetzt stark. Immer noch eilten Gestalten -in’s Wirtshaus; unter den Spätkommenden -waren auch Lorenz und seine Verlobte, die heute zum -ersten und letzten Mal Aufgebotenen.</p> - -<p>Bäbbi sah verweint, aber doch strahlend aus; -der Bursche weniger strahlend, mit einer gewissen -gleichgiltigen Energie gewappnet. Sie hatten heut -einen schweren Stand gehabt, den ganzen Nachmittag -hatten sie bei den alten Schneidersch um die -Kammer neben dem Stall gebettelt; da sollte die -junge Frau wohnen, wenn der Mann wieder über alle -Berge war.</p> - -<p>Noch schluckte Bäbbi an ihren Thränen, aber stolz -erhobnen Hauptes ging sie an der Hand ihres Lorenz -— wer konnte ihr jetzt etwas nachsagen?!</p> - -<p>In der engen Thür stießen sie mit den Mifferts -zusammen, etwas unsanft prallte Pittchen gegen die -Braut. Sein Mund verzog sich, er zwinkerte pfiffig. -„Helao, dat Lenzen Bäbb! Ech dachten, et wär en -Luftballon!“</p> - -<p>Lucia kicherte.</p> - -<p>Lorenz schnob ihn wütend an: „Kehr vor deiner -Diehr! Duh nor net e su, als ob dat Zeih alleweil -uf ’m Extrastiehlche gesäß hätt. On dau, dau sollst -et doch sälwer wissen, dau Schörzenhänker —“</p> - -<p>„Still biste!“ Lucia legte ihm die Hand auf den -Mund. „Net e su onmanierlich, mein Jong!“ Ihre -weichen, wenig verarbeiteten Finger drückten fest und -warm, jedes zornige Wort starb dem jungen Mann -auf den Lippen.</p> - -<p>„Neist for ongud,“ murmelte er. „Laoß los, -Zeih!“</p> - -<p>„Ech gradelieren der, Lorenz,“ sagte sie freundlich; -und dann sich mit ihrem strahlenden Lächeln zu Bäbbi -wendend, schüttelte sie der herzlich die Hand. „Ech -gradelieren der, Bäbb, dau sollst glöcklich gänn!“</p> - -<p>„Merci!“ Das Mädchen brachte den Mund nicht -zusammen, die Gratulation machte ihr so viel Vergnügen. -„Mir maachen kein groß Hochzeid,“ sagte sie dann -wichtig, „en Stöcker fünneszehn oder zwanzig; äwer wenn -dir forliew nehme wollt, et soll ons freien!“</p> - -<p>„Merci!“ Die Miffert knixte zierlich. „Met Verlöw, -mir sein gären von der Pardi!“</p> - -<p>Lorenz machte ein böses Gesicht — hatte der Pitter -nicht auch einmal um sein Mädchen herumgeschnuppert? -Die Bäbb hatte es ihm selber erzählt. Daß ihm das -nicht eher eingefallen war! Wie lang war’s her? Traue -einer den Frauenzimmern! Er glaubte ein Blickewechseln -zwischen den beiden zu bemerken. Zornig riß er Bäbbi -mit sich fort: „Komm doch!“</p> - -<p>Auch Peter sagte ungeduldig: „Komm!“ Keine war -doch wie seine Zeih! Er hätte mit ihr fort mögen, dahin, -wo kein ander Mensch war; keiner sollte sie sehen, keiner -sie lachen hören!</p> - -<p>Als er mit ihr tanzte, preßte er sie, daß ihr der -Atem verging.</p> - -<p>Rund herum wirbelten die Paare. Immer rascher -wurden die Tanzweisen, immer wilder schwenkten die -Röcke, stampften die Schuh; die glattgeflochtenen Zöpfe -lösten sich, hie und da hingen einer schon die losen Haarsträhnen -über den Rücken.</p> - -<p>Immer fester packten die Männer zu. Die kleine -Tina hatte auch einen Schatz gefunden. Der stupsnasige -Laufeld hielt sie in den Pausen auf dem Schoß und ließ -sie aus seinem Glase trinken.</p> - -<p>Heute nachmittag erst hatte sich das angebandelt. -Tina hatte in ihres Vaters Garten gestanden und den -Hals gereckt, als der Bursche vorüber kam. Ihre begehrlichen -Augen zogen ihn an, er blieb stehen; die Arme -auf den Zaun gestützt, sprach er zu ihr herüber. Sie -war im hellen Staat, Blumen hatte sie vor die Brust -gesteckt. Lange hatten sie miteinander geschwatzt, sie -schnippisch, neugierig und verliebt; er im Ton eines -Eroberers.</p> - -<p>Nun war sie sein erklärter Schatz. Da konnten -noch so viele kommen und mit einem Kratzfuß bitten: -„Leih mer dei Mensch!“ — nur er tanzte mit ihr. Er -war galant und bestellte Wein, Bier und süßen Likör.</p> - -<p>Sie trank alles durcheinander; zuletzt wußte sie -nicht mehr, was sie sprach, was sie that, sie saß unbeweglich -und starrte mit glasigen Augen vor sich hin. -Da führte er sie hinaus.</p> - -<p>Das war kein Tanzen mehr, das war ein Rasen. -Kein Takt, kein Schritt, kein Drehen mehr, nur ein -wildes Durcheinanderhopsen. Lenzen Bäbb war mitten -dazwischen. Der Lorenz war schwer betrunken, er wirbelte -sie herum, daß sie gegen alles anstießen, gegen Menschen, -Bänke, gegen den Schenktisch; zuletzt kam er mit ihr -zu Fall. Kein Mensch half ihr auf; man stolperte über -sie weg, jeder hatte mit sich zu thun, keiner stand mehr -fest auf den Füßen.</p> - -<p>Wer noch gehen konnte, stahl sich mit seinem Schatz -zur Thür hinaus. Ein Paar nach dem andren schlich -um die Regentonne an der Stallwand, hinein in’s dunkle -Heckengäßchen. — — — — — — — — — —</p> - -<p>Und weiterhin die nächtlichen Felder in Tau und -ahnungsvoller Dämmerung. Eine unendliche Reinheit -ist in der Luft, eine unendliche Reinheit am Himmel; -die Sterne funkeln in überirdischer Klarheit, ehe sie erbleichen. -Unendliche Reinheit weht über die Berge, -unendliche Reinheit steigt zu Thal. Mit angehaltenem -Atem lauscht die Natur und schauert und bebt vor der -unendlichen Reinheit des Morgens.</p> - -<p>Horch! Im Dorf der erste Hahnenschrei! Er klingt -wie eine Fanfare, wie ein Trompetenstoß zum Beginn -neuer Lust. Der zweite Kirmestag bricht an.</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="III" id="III">III.</a></h2> -</div> - - -<p>Es ist früh am Morgen, die Sonne noch nicht -aufgegangen, nur über den Bergen im Osten rötet sich -schwach eine Wolkenschicht. Grau liegt das Thal; von -Frühnebel die Wiesen überwogt, wie von wallendem -Wasser. Die Hähne schreien sich heiser, Hunde schlagen an.</p> - -<p>Ganz fern am Horizont blinkt noch ein Stern, ein -schwaches Abbild früheren Glanzes. Drei Uhr.</p> - -<p>So früh ist man sonst in Eifelschmitt nicht auf -den Beinen. Heut klappen alle Thüren; Weiber, notdürftig -bekleidet mit Hemd und Unterrock, eilen hinaus -in den grauen Morgen zum Brunnen. Feucht geht es -nieder, als hätte es geregnet; die niedrigen Scheiben -der Fenster sind dick angelaufen.</p> - -<p>Aus jedem Schornstein kräuselt schon Rauch und -steigt mühsam durch die schwere Luft zum farblosen -Himmel.</p> - -<p>Mit finster durchfurchten Stirnen stehen die Frauen -am Steinherd und kochen den Kaffee; unter’m hängenden -Kessel schwehlt das feuchte Reisig, der Dampf beißt in -die Augen, daß sie weinen. Die Küche ist kalt, das -Herz schwer wie Blei.</p> - -<p>Drinnen im Ehebett liegt noch der Mann und -wälzt sich in den Federn; er kann gar nicht herausfinden, -der Kopf ist ihm schwer vom letzten durchzechten -Abend. Er stöhnt und flucht.</p> - -<p>Wie Gespenster schleichen die Weiber herum, blaß, -übernächtig, hohläugig; die blühendste Wange ist heute -bleich, der lachendste Mund schmerzlich verzogen. Langsam -tappen die bei der Kirmes müde getanzten Füße.</p> - -<p>Der letzte Morgen!</p> - -<p>Rasch, rasch, die Zeit vergeht! Noch haben sie weit -zu wandern, und die Eisenbahn wartet nicht. Mit vor -Hast ungeschickten Händen hilft die Frau dem Mann -in die Kleider; Zärtlichkeiten werden nicht mehr getauscht, -die haben sich erschöpft in den paar Tagen — -und wozu auch? Er geht jetzt fort in die weite Welt, -und sie bleibt sitzen im engen Thal. So ist’s nun -mal! Mit der gewöhnlichen Alltagsstumpfheit nimmt -man schon wieder sein Geschick auf sich.</p> - -<p>Die kleinsten Kinder nur schlafen noch, die größeren -bringen Hut und Stock und stecken dem ‚Pappa‘ noch -ein Brot und ein Stück altbacknen Kirmeskuchen in’s -Bündel; sie wagen nicht zu sprechen, der Vater ist unwirsch, -die Mutter haut beim geringsten Lärm zu.</p> - -<p>Still, still! Als wäre ein Toter im Haus, so -schleichen sie; winselnd schnuppert der Hund herum und -drückt sich dem Herrn an die Füße. —</p> - -<p>In der Kammer der jungen Schneiderschen Eheleute -brannte noch das Lämpchen; es war so dunkel -hier neben dem Stall, nicht Licht noch Luft kam durch -das schmale Fensterchen.</p> - -<p>Bäbbi wankte vom Herd zum Tisch, vom Tisch -zum Bett, vom Bett zum Schrank, immer vergaß -sie noch etwas. Nackt und kahl engten die rotgetünchten -Wände die dürftige Kammer ein; wirr glitt ihr Blick -darüber hin, ein Grauen kam sie an, — und war’s -gestern nicht noch hier wie ein Paradies?!</p> - -<p>Sie war das rasche Abschiednehmen vom Ehemann -noch nicht gewöhnt; vor zwei Tagen war erst -die Hochzeit gewesen. Schluchzend sank sie auf den -Schemel am Tisch: „Wanneh kömmste widder?!“</p> - -<p>Lorenz saß ihr gegenüber, die Ellbogen aufgestemmt, -und stierte in seinen dampfenden Kaffeenapf. -„Kreisch net, Bäbbi,“ sagte er endlich; aber es würgte -ihn selber in der Kehle, seine Stimme war beklommen.</p> - -<p>Sie sagten nichts mehr.</p> - -<p>Die bunte Wanduhr in der Ecke tickte, der Zeiger -rannte rasend schnell — schon zeigte er beinah vier. -Eine fahle Dämmerung schlich durch den düstren Raum; -Bäbbi pustete in das Lämpchen, daß es stinkend -erlosch.</p> - -<p>„Eweil giehn ech,“ sprach er und stand auf.</p> - -<p>„Noch net!“ Sie hing sich an ihn, von einer -verzweifelten Angst erfaßt. „Dau has noch Zeid, -bleiw“ — krampfhaft packte sie seine Hand — „bleiw -noch ebbes!“ Sie schrie laut auf: „Nor ein Minut!“</p> - -<p>„Nä!“ Er machte sich los. „De anneren -waarten!“</p> - -<p>„Ech siehn dech gewiß net widder — Jesses Mari -Juseb — ech graulen, wann ech stärwen moß!“</p> - -<p>„Dommhaaten!“ Mit verzognem Mund versuchte -er zu lachen. „Haal dech gesond, on schreiw bal, hörste?! -Adjes, Bäbb!“ Er setzte sich den Hut auf und griff -nach seinem Bündel, mit dem freien Arm zog er sie -an sich. „Jesses, Bäbbchen, kreisch net e su! Bäbbchen, -biste gäckig?! Bäbbche, mei liew Bäbbche!“</p> - -<p>Wütende Küsse brannten auf seinem Mund, glühende -Thränen flossen auf seine Wange, zitternde Arme hielten -ihn umklammert. Mit Gewalt machte er sich endlich los.</p> - -<p>Ganz benommen taumelte er zur Thür — noch -ein Blick zurück, noch ein Kopfnicken — nun stolperte -er über die Schwelle. Nun war er fort.</p> - -<p>Sich aufbäumend stand das junge Weib in der -Kammer — da, horch! — noch einmal seine Stimme! -Er nahm Abschied von Vater und Mutter. Jetzt eilende -Tritte — jetzt nichts mehr!</p> - -<p>Mit furchtbarem Schreien warf sie sich vor der -Bettstatt auf die Kniee und verbarg das Gesicht in dem -noch warmen Kissen. —</p> - -<p>Am Wirtshaus trafen sie sich alle; Lorenz war -der letzte. Sie foppten ihn, daß er sich nicht hatte -trennen können. Auch viele Frauen und Mädchen -waren hier, die den Männern das Geleit geben wollten; -mit verstörten Gesichtern und fröstelnd standen sie umher.</p> - -<p>Oben, längs der Chaussee, auf der Höhe von -Schwarzenborn, stand ein Busch, wie ein Haarschopf -auf kahlem Scheitel; das war die Grenze, soweit gingen -sie immer mit. Da war schon manche Thräne auf den -nackten Felsgrund gefallen, und der einsame Busch hatte -wie eine dornige Wand letzte Umarmungen versteckt.</p> - -<p>Niklas Densborn kommandierte zum Abmarsch, -es war hohe Zeit. Noch ein Schluck aus der Branntweinbuttel, -die der Krumscheid in die Runde reichte, -und dann: — „Voran gemaach!“</p> - -<p>Seine Frau am Arm ging der Densborn voran. -Die Kathrine hatte schon manches Mal Abschied genommen, -die verzog keine Miene. Bald war ihr ältester -Sohn fünfzehn, dann wanderte der auch mit; ’s -war Zeit, daß der fortkam.</p> - -<p>Trapp — trapp — — —. Hart tönen die Schritte -auf dem holprigen Dorfpflaster. Trapp — trapp — -das klingt wie Hammerschläge auf einen Sargdeckel.</p> - -<p>Haus nach Haus vorüber; verödet bleiben sie alle -zurück. Leer sind die Gärtchen, thränenschwer nicken die -Blumen am Zaun. —</p> - -<p>Stumm schreiten sie die Straße gen Schwarzenborn -hinan. Alle Gesichter sind grau, alle Blicke trüb, -traurig suchen sie den Himmel — oben auf dem Scheitel -des Berges ragt der einsame Busch. Eine gelbliche -Helle ist um ihn, die ihn dunkler erscheinen läßt, fast -schwarz; scharf hebt er sich ab vom weiten Hintergrund -des Himmels.</p> - -<p>Und dieser Hintergrund färbt sich röter und röter; -die wie träumend hingelagerte Wolkenschicht belebt sich, -bewegt sich, wird durchschossen von rosenfarbnen Bändern, -von goldnen Linien, von feurigen Blitzen. Alles -Grau der Wolken ist schon verdrängt. Eine Flamme -loht auf, voll, stark, groß — riesengroß — sie leckt -himmelan mit gierigen Zungen, mit Windesschnelle -greift sie um sich; auf dem Gipfel des Berges entfacht, -schlägt ihre lodernde Glut höher und höher, breitet -sich weiter und weiter.</p> - -<p>Der Busch ist eine Fackel; jeder Zweig ist feurig -durchglüht, jeder Dorn, jedes Blatt.</p> - -<p>Er brennt, er brennt! Der ganze Berggipfel -brennt! Der Himmel brennt!</p> - -<p>Ein Riesenbrand ist entglommen, staunend schauert -die Erde; ein Feuervorhang verhüllt den Himmel — -da — jetzt — jetzt hebt er sich, er zerteilt sich! -Ruhig, in majestätischer Größe schwebt ein Ball empor -hinter’m Felsgrat, eine goldne Scheibe, eine Welt voll -Glanz — die Sonne!</p> - -<p>Über Schwarzenborn stand die Sonne; und sie -wanderten mitten hinein in die Flut von Licht. Der -Goldglanz fiel auch auf die grauen Gesichter; die der -Männer erhellten sich, die Frauen bedeckten die Augen -mit der Hand.</p> - -<p>„Voran gemaach,“ rief der Densborn und hob -mahnend die Hand. „De Sonn’!“</p> - -<p>Und Lorenz stimmte den ‚Abschied‘ an; er mußte -singen, da saß was auf der Brust und in der Kehle, -das mußte weg.</p> - -<p>Er schmetterte der Sonne entgegen:</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Der, der, der, on der Abschied fällt mir schwer!<br /></span> -<span class="i0">On die, die, die, on die Abreis’ noch viel mehr!<br /></span> -<span class="i0">Also fällt mir dieser Trost noch ein,<br /></span> -<span class="i0">Ech kann net immer an einem Ort sein,<br /></span> -<span class="i2">Mein Glück muß ech probieren,<br /></span> -<span class="i5">Marschieren!“<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Sie sangen alle mit:</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Hinaus, hinaus, zum engen Thal hinaus!<br /></span> -<span class="i0">Wir haben hier gehauset im besten Saus und Braus;<br /></span> -<span class="i0">Wir wünschen euch zu guterletzt<br /></span> -<span class="i0">Ein andern, der die Stell ersetzt,<br /></span> -<span class="i2">Damit sei’n alle Wunden<br /></span> -<span class="i5">Verbunden!“<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Gegen den Schluß fiel der Gesang schon etwas -auseinander; die Weiber schluchzten, der einsame Busch -war nah. Da war manch einer, der ein wenig zurückblieb -und die Seine auf offener Straße umfing.</p> - -<p>Die junge Tina hing Thomas Laufeld am Hals; -er hatte sie in den Chausseegraben, hinter ein vorspringendes -Stück Fels gezogen, da küßte er sie noch -ordentlich ab. Die Augen funkelten ihr im Kopf, bei -ihren Küssen biß sie, bei ihren Umarmungen kniff sie; -immer, wenn sie ihn schon losgelassen hatte, stürzte sie -sich noch einmal auf ihn.</p> - -<p>Ihre kleine Schwester, die mitgelaufen war, zog -sie am Rock: „Komm ehs, Tina!“</p> - -<p>„Frech Dingen!“ Ein Schlag brannte auf der -Wange der Kleinen, aber diese ließ nicht nach, sie zerrte -die andre am Rock, dabei spitzte sie den Mund und -lächelte den Burschen an: „Adjes, Thomas!“ Der -küßte zuletzt das hübsche Kind auch noch.</p> - -<p>Die Kathrine Densborn reichte ihrem Mann nur -die Hand, dann machte sie das Zeichen des Kreuzes.</p> - -<p>„Jesus! Maria! Josef! Datste gesond widder -kömmst! Zu Weihnacht — vergeß net! — für ons -Trautche en Kleid von Kottong,<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> sechs Ehlen — äwer, -dat de Farf net schanschört!<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> On für mech en Gedrucks, -elf Ehlen, et es nor fünnef Viertel breit. Adjes, -Nikla!“</p> - -<p>„Adjes, Kättche! — Hä, allons,“ schrie der Densborn.</p> - -<p>Lorenz wandte sich noch einmal zurück und schaute -in’s Thal hinunter; er schwenkte seinen Hut, eigentlich -war ihm nun schon ganz leicht um’s Herz. „Adjes, -Bäbb,“ murmelte er, und dann pfiff er hell. Da -lag die Welt, sonnbeschienen, vor der Arbeit scheute er -sich nicht, Pläsier gab’s auch, zu Weihnachten kam man -schon wieder nach Hause — warum denn grämen?!</p> - -<p>Küsse, Umarmungen, Abschiedsblicke, Abschiedsworte. -„Adjes, bring mer ebbes Schienes met!“ — „Schreiw -als bal!“ — „On dau aach!“ — „Bleiw gesond!“ — -„Grüß ons Könner!“ —</p> - -<p>Händeschütteln, Nicken, Winken. Trapp, trapp, -fort geht’s! Trapp, trapp! Hohl verklingen die -Schritte, hinter der nächsten Erdwelle sind die Männer -verschwunden.</p> - -<p>Allein. — Da standen sie nun um den einsamen -Busch, eine verlassene Herde. Der herbe Morgenwind -wehte scharf über’s kahle Plateau; er blähte die Röcke -der Frauen, daß sie flatterten wie Flaggen, in der -Not gehißt.</p> - -<p>„Eweil sein se weg,“ sagte eine und starrte trübselig -hinter den Entschwundenen drein.</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="IV" id="IV">IV.</a></h2> -</div> - - -<p>Peter Miffert saß vor seiner Thür auf dem Bänkchen. -Die Beine hatte er weit von sich gestreckt, die -Hände hielt er in den Hosentaschen; behaglich schabte -er den Rücken an der sonndurchwärmten Hauswand.</p> - -<p>Still war die Luft, sehr heiß; zwischen den Bergwänden -hatte sie sich gefangen und kochte und brütete -da, wie in einem Kessel. Kein Windchen rührte sich, -die Bäume regten kein Laub, lautlos schlängelte die -Salm ihr sehr schmal gewordenes Silberband gen -Himmerod hin.</p> - -<p>Hier herauf zur letzten Hütte, abseits von allen -übrigen, drang kein Ruf, kein einziger Hall. Im -Sonnenbrand lag weiter unten das Dorf, ohne Leben, -wie versunken in einen Märchenschlaf; seine kleinen, -weißen Häuser, blendend im flimmrigen Licht, duckten -sich scheu im engen Thälchen.</p> - -<p>Peter dehnte und rekelte sich; dann saß er ganz -still, die schweren Lider fielen ihm noch tiefer über die -Augen, die Mütze rutschte ihm bis auf die Brauen, er -gähnte, daß man seinen allerhintersten Zahn sah. -Willenlos wackelte sein Kopf nach der linken, nach der -rechten Schulter, dann sank er ihm auf die Brust. -Pittchen schlief. — — — — — — — — — —</p> - -<p>Frau Zeih war heut nicht zu Hause; ein Reisender -in Knöpfen, Litzen und Kleiderstoffen hatte das Dorf -passiert, auf dessen Wagen war sie in aller Frühe mit -dem Kind zu ihren Verwandten nach Manderscheid gefahren. -Sie hatte die Gelegenheit benutzt.</p> - -<p>Peter hatte sie vor’s Wirtshaus gebracht und abfahren -sehen, hatte dann beim alten Krumscheid einen -gekippt und war dann langsam nach Hause geschlendert, -um die Ziege und die Hühner zu füttern. Eben wollte -er sich von dieser Anstrengung erholen, da kam der -Hubert, der Enkel vom alten Steffes, gerannt; der -Pflug war nicht in Ordnung, die Stoppel sollte gepflügt -werden, es pressierte!</p> - -<p>„Gieh nor als voran, ech kommen e su bal als -ech kann,“ sagte Pittchen wichtig und schob den kleinen -Boten zur Thür hinaus. Dann lachte er in sich hinein -— das sollte ihm fehlen, bei der Hitz sich auch noch -mit Arbeit echauffieren! Morgen war auch noch ein -Tag, vielleicht war’s da kühl genug.</p> - -<p>„Uf, dat es en Strawatz!“ Er riß das Hemd auf -der Brust von einander und warf sich querüber, mit -den Stiefeln, auf das noch ungemachte Bett. Mit -schläfrigen Augen starrte er zur niedrigen Decke auf, die -der Rauch schwarz gebeizt hatte, an der die Spinnweben -in langen Festons hingen, und dachte an seine Frau. -Donnerwetter, sah die staats aus, als sie bei dem -Reisenden auf dem Wagen saß. Wie ’ne Dam’! Ihr -bestes Kleid hatte sie an, auf Kleider hielt sie was; -wie lange lag sie ihm schon in den Ohren, um ein -neues! Und einen Hut hatte sie auf, den hatte sie sich -zurecht gestutzt mit allen möglichen Bandschnippelchen; -halbe Tage konnte sie sitzen und an so was herumputzen. -Aber wie stand ihr der auch! Unter dem Strohrand -mit den blauen und roten Schlupfen lag das -dichte Haar schön wellig an den Schläfen; bis auf die -Augenbrauen, die wie ein dunkler Strich über die -lustigen, hellen Augen zogen, hing es in glänzenden -Kräuseln. Dem Reisenden war auch das Wasser im -Mund zusammengelaufen, das hatte der Peter wohl -bemerkt.</p> - -<p>Kotzdonner, war er nicht ein großer Esel, daß er -die Zeih mit dem fremden Mannskerl allein fahren -ließ?!</p> - -<p>Er zog die Stirn kraus; in einer ärgerlichen -Unruhe sprang er auf — da — es klopfte schon -wieder!</p> - -<p>Die Thür ging auf; ohne ein ‚Herein‘ abzuwarten, -steckte Tina Pötsch den Kopf in die Stube. Schlau -lächelnd sah sie sich um.</p> - -<p>„Es dat Zeih net derhäm?“</p> - -<p>„Nä!“ Er sagte es ziemlich grob; sie kam ihm -ungelegen, er hatte so viel nachzudenken.</p> - -<p>Wie ein Kätzchen schlich sie sich näher, ihre Augen -funkelten. „Es dat Zeih metgemaach bis nao Manderscheid?“</p> - -<p>Woher wußte sie das? Er sah sie verwundert an.</p> - -<p>Sie sagte nichts, aber ihr Lächeln verriet sie. -Aha, die hatte aufgepaßt!</p> - -<p>Sie stand vor ihm, den Kopf zur Seite geneigt, -und blinzelte ihn an. Er konnte nicht umhin, sie -hübsch zu finden; das helle Kopftuch stand ihr gut zu -dem bräunlichen Gesicht, einen Mund hatte sie, so rot -wie eine Kirsche.</p> - -<p>„Wolltste ebbes vom Zeih?“ fragte er viel -freundlicher.</p> - -<p>„Nä, von Eich,“ sagte sie keck, hob ihren Rock -auf und krabbelte lange in der Tasche ihres Unterrocks. -Dabei wandte sie keinen Blick von ihm und lächelte -ihn an mit ihrem Kirschenmund.</p> - -<p>Endlich brachte sie ein kleines Packetchen zum -Vorschein, mit spitzen Fingern wickelte sie die Zeitungspapierfetzchen -auseinander. Ein Schmuckstück war darin, -ein vergoldetes Kreuzchen, die Gestalt Christi als winziges -Püppchen hing daran.</p> - -<p>„Kuckt!“ Sie legte es vor ihn hin und beugte -sich zugleich über seine Schulter.</p> - -<p>Er nahm es prüfend in die Hand; das Kreuzchen -war verbogen, unten ein Stück abgebrochen. „Wat -sollen ech dermit?“</p> - -<p>„Heil maachen!“</p> - -<p>„Dat kann ech net.“</p> - -<p>„Ojeh“ — sie lehnte sich von hinten her fest an -ihn — „wän dat zweifelt! Se saon, Ihr seid e su -gescheidt, Ihr haot dat Tolent, Ihr könnt ales maachen!“</p> - -<p>„Laoß mech gewärden<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>,“ brummte er.</p> - -<p>„Dat Pittche haot heit kei gud Schur<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>,“ lachte -sie. „Schnauzt mech doch net e su ahf!“ Sie griff -über seine Schulter nach dem Kreuzchen und streifte -dabei zart seine Wange. „Kuckt, lao maacht Ihr ebbes -Neies dran — wupptich, su schnell wie gespauzt<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> — -ons Hährgöttche es färdig!“</p> - -<p>„Dau Fladdiererin,“ schmunzelte er und strich -ihr die Wange. „Saog ehs, Mädche, von wem haste -dat Hährgöttche? Von deim Schatz?“</p> - -<p>„Nä, nä.“ Sie that sehr verschämt. „Ech haon -ken Schatz. Ech sein eweil noch vill zo jong!“</p> - -<p>„Hm, hm.“ Er betrachtete sie interessiert. „On -dän Thomas Laufeld — no?!“ Er kniff sie augenzwinkernd -in den Arm.</p> - -<p>Sie schlug ihn auf die Finger. „Autsch! Bah, -dän domme Jong.“ Sie warf die Lippen auf. „Eweil -es dän weit weg, waaß Gott, wat dän micht! Et gitt’r -aach noch annere — haha!“ Sie lachte hell und -neigte sich ganz zu ihm hinüber.</p> - -<p>„Dao haste rächt in,“ stimmte er zu.</p> - -<p>Sie gefiel ihm immer besser, er begriff nicht, daß -er nicht längst mit der Tina angebändelt hatte; so jung -wie die, war keine von den andren — und Augen hatte -sie! Da kam selbst die Zeih nicht gegen an. Die hier -hatte brennende Zündhölzchen im Kopf, mit denen -flackerte sie ihm in’s Gesicht, als wollte sie sagen: -‚Brenn dich an; ich brenn’ schon lichterloh!‘</p> - -<p>„Dau Racker,“ sagte er, zog sie an sich und küßte -sie mitten auf den Mund.</p> - -<p>Sie erwiderte seinen Kuß, und dann kicherte sie: -„De Katz es net zo Haus, eweil haon de Mäus frei -danzen! Dat Zeih —“</p> - -<p>„Dat Zeih,“ unterbrach er sie rauh; es schien, -als wolle er das Mädchen von sich drängen.</p> - -<p>„Ojeh,“ kicherte sie, „dat Zeih werd sech aach -schuns amesieren, dän Hähr waor e su onöwel net!“ -Sie sah ihn von der Seite an. „Puh, maacht ken -e su garschtig Visasch — köß mech, sons kössen ech dech!“</p> - -<p>Sie warf sich ihm so stürmisch an den Hals, daß -er hintenüber auf einen Schemel fiel. Ihre brennenden -Augen sahen ihm gierig in’s Gesicht, ihre Lippen -schimmerten blutrot über den spitzigen Zähnchen — das -war die junge Katze, die erst kürzlich das Rauben gelernt, -auf deren Zungenspitze noch der Blutgeschmack des -ersten Fraßes schwebt und sie lüstern auf neuen macht.</p> - -<p>Sie saß auf seinem Schoß, ihre Arme umstrickten -ihn fester, fester. Er dachte nicht daran, sich zu wehren. -Junger Most berauscht am meisten; und dazu kam -die geschmeichelte Eitelkeit.</p> - -<p>Es war ein heißes Schäferstündchen in der schmutzigen -Stube unter der rauchgeschwärzten Decke. Das Herrgöttchen -lag am Boden, achtlos trat Tinas Fuß darauf; -der goldne Zierrat knirschte unter dem nägelbeschlagenen -Schuh. Sie achtete es nicht, sie hörte auch nicht das -Huschen unter’m Fenster und das Kraspeln auf der -Schwelle.</p> - -<p>Jetzt öffnete sich die Thür spaltbreit, grade weit -genug, daß Tinas Ebenbild, Schwester Billa, den -Kopf hereinstecken konnte. Ihre altklugen Kinderaugen -sahen alles. Mit einem Wutschrei fuhr Tina auf, -Peter stand sehr betroffen.</p> - -<p>„Dau sollst erunner kommen.“ Billa riß die -Thür sperrangelbreit auf. „Äwer tutswit<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>!“</p> - -<p>„Maach, datste weg kömmst,“ schrie die andre -und ballte die Faust.</p> - -<p>„Bäh.“ Billa streckte ihr die Zunge heraus und -rannte dann fort mit Geschrei, den Weg zum Dorf -hinunter. „Ech waaß ebbes! Helao, ech saon et, ech -saon et!“</p> - -<p>Tina wie eine Furie hinterdrein.</p> - -<p>„Kreizgewieder!“ Pittchen sah ihr verdutzt nach; -Hören und Sehen war ihm vergangen.</p> - -<p>„En hongrig Laus beißt am stärksten,“ brummte -er, und dann schloß er seine Thür. Der Schweiß -stand ihm auf der Stirn, es war ihm sehr warm geworden.</p> - -<p>Er hockte sich auf den Schemel und stützte den -Kopf in die Hand. — ‚Dat Zeih werd sech aach schuns -amesieren!‘ Jetzt, wo er wieder zur Besinnung gekommen, -peinigte ihn der Gedanke: ‚Wo war die Zeih -jetzt? Was trieb sie?‘</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Da — „Kreizdunner,“ fluchte er — schon wieder -Klopfen!</p> - -<p>Ei, da kam die Mutter vom Hubertche selber, die -junge Frau Steffes, die allein mit dem alten Großvater -hauste; der Mann war unten in der Fabrik.</p> - -<p>„Ech haon als ons Hubertche geschickt,“ stammelte -sie atemlos und setzte sich auf einen Schemel, „wollt -Ihr net kommen?“</p> - -<p>„Gewiß, gewiß,“ versicherte er. Die Annemarie -Steffes war eine hübsche Frau, keine von den großen, -aber munter und wohlgeformt wie eine Wachtel.</p> - -<p>„Et es pressant,“ sagte sie und legte die Hand -auf die heftig wogende Brust; gelaufen mußte sie sein -wie der Wind, sie war hochrot und keuchte.</p> - -<p>Und doch schien es ihr jetzt nicht zu eilen; behaglich -sah sie sich um und musterte die armselige -Stube.</p> - -<p>„Dat Zeih es net zo Haus?“ sagte sie dann.</p> - -<p>„Nä.“</p> - -<p>„Et es nao Manderscheid?“</p> - -<p>„Jao.“</p> - -<p>„Duh kömmt et wohl erscht diesen Awend widder?“</p> - -<p>„Jao.“</p> - -<p>„Jesses, on dir haot niemand, dän Eich ebbes for -zo äßen kocht! Nä, su en Fra, läßt dän armen Mahn -ganz allein!“ Sie schlug die Hände zusammen. „Es -et menschenmiëlich?!“</p> - -<p>Er nickte, es that ihm wohl, bemitleidet zu werden, -während seine Frau mit dem Reisenden durch den einsamen -Wald fuhr. Ja, die Zeih, die ließ ihn schön -im Stich! Aber wart, das wollte er der eintränken!</p> - -<p>„Su en armen Mahn,“ rief die Steffes wieder, -sie konnte sich gar nicht beruhigen. „Äwer waart, ech -duhn Eich ebbes schicken; oder — Pittchen, wißt Ihr -wat? Kommt bei ons, mir haon heit ebbes extra -Feines: Grombieren met Griewen on Kaabes! On -en Flasch Bitburger spendieren ech aach derzu!“</p> - -<p>Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, so -gut hatte er lange nicht gegessen.</p> - -<p>„Kommt nor,“ sagte sie dringend und kam auf ihn zu.</p> - -<p>Er wischte sich mit dem Handrücken über den -Mund, und dann legte er den Arm um ihre Taille -und zog ihre Gestalt an sich. „Dat es net zo veraachten,“ -seufzte er.</p> - -<p>Sie spitzte den Mund und lehnte sich an ihn. -„On des Dauner Käs haon ech aach noch derhäm!“</p> - -<p>Donnerwetter, Dauner Käs! Den aß Pittchen -für sein Leben gern. Dauner Käs! Er drückte ihr -einen Kuß auf den Mund, daß es schallte. Sie küßte -wieder. Kuß auf Kuß. Sie packte ihn beim Kopf, -sie war heiß und rot, ihre Hitze steckte ihn an — da -— sie schreckten auseinander.</p> - -<p>Von der Thür her sagte jemand: „Met Verlöw,“ -und die Kathrine Densborn stand mit spöttisch verzognem -Mund in der Stube.</p> - -<p>„Exkusört! Ech kommen wohl onpaß bei der schienen -Onnerhaalung? Ech haon gekloppt on gekloppt!“</p> - -<p>Sie warf einen verächtlichen Blick auf die kleine -Steffes.</p> - -<p>„Dau has wohl kein Ohren mieh?! Dein Könner -kreischen, dat mer se hunnert Schritt weit hört. Dat -Sußche es de Trepp erunner gefaal, dän Jakob on -dän Jobann haun sech. Dat Hubertche haot met -Steiner naoch ons Äppeln geschmiß, duh haot em -ons Hannickel ordentlich de Bux verwixst; eweil haste -ebbes zo flicken!“</p> - -<p>„Jesses Maria!“ Die Steffes rannte zur Thür, -auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um: -„Komm dau mer ehs, dau ale Schatehk!“</p> - -<p>Die Densborn lachte grimmig. „Dau denkst: -‚Besser half geleiert, als ganz gefeiert‘ — dech kennen -ech nau, dau mannsdoll Mensch! Waart, ech schreiwen -deim Mahn e Briefche, dat hän sech net hinner dän -Spiegel sticht!“</p> - -<p>„O dau — dau —“ Die Steffes wollte noch -etwas sagen, aber die Densborn schob sie über die -Schwelle und krachte die Thüre zu.</p> - -<p>„Gemaach, gemaach,“ sagte Peter; er war ärgerlich, -die junge, saubere Frau war ihm bei weitem lieber, -als die starkknochige ältliche.</p> - -<p>Entrüstet wandte sich die Kathrin gegen ihn.</p> - -<p>„Ech moß mech siehr wonnern, dat Ihr Eich met -su aner inlaoßt! Duh es dat Zeih doch en anner -Persohn, su alert on freindlich on artlich im Omgang, -on de Schienste weid on breid!“</p> - -<p>Sie lobte die Zeih über alle Maßen. Peter war -ganz verdutzt, er hatte nie geahnt, daß die da was von -der Zeih hielt — im Gegenteil. Aber es schmeichelte -ihm gewaltig, daß die angesehene Densbornin seine -Frau lobte.</p> - -<p>Er lächelte und strich sich den Schnurrbart. „Womit -kann ech ufwaarten, Fra Densborn?“</p> - -<p>Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und -der zu Leder verbrannten Haut schmunzelte. „Ech -wollten Eich nor fraogen, ob Ihr net e su gud sein -wollt, on mer de Adreß an dän Densborn schreiwen, -ech haon net e su en schien Handschriwt. On de annren -hei sein e su ongebildt, se können net emaol ihren -eignen Naomen schreiwen, dat mer hän läse kann. Hei!“ -Sie zog ein Briefcouvert aus der Tasche, hinten sorgfältig -mit Siegellack verklebt; der Fingerhut hatte als -Petschaft gedient.</p> - -<p>„Nä, wat Ihr geliehrt seid,“ sagte sie bewundernd, -als er die Adresse schrieb und noch einen kecken Schnörkel -unter das ‚Densborn‘ zog. „Ihr könnt besser, wie dän -Hähr Lährer zo Oberkail; äwer dat es aach schuns e -su en Alden, de Alden sein for neist mieh notz. Wat -bin ech Eich schullig, Pittchen?“</p> - -<p>„Neist, neist,“ beeilte er sich zu versichern; er war -immer galant, wenn er sich dabei nicht allzusehr anzustrengen -brauchte.</p> - -<p>„Merci, merci! Kommt doch ahf on an, on drinkt -e Dröppche; von meim Bruder onnen an der Musel -hammer noch e Fäßche im Keller.“ Sie drückte ihm -die Hand und sah ihn dabei an mit breitgezognem -Mund und sanften Blicken der sonst so strengen Augen, -daß ihm ganz bänglich wurde. Er war erleichtert, als -sie ging.</p> - -<p>Aber noch hatte er keine Ruh, das Gelauf nahm -kein Ende.</p> - -<p>Da waren noch mehrere gekommen, die schwarze -Vrun, die blonde Leis, und zuletzt des Mathesen Martin -Frau, die Traut; die hatte über ihren Mann geklagt, -daß sie der schimpfe und mit Eifersucht quäle, -sie hatte geweint und geschluchzt und Pittchen an -‚früher‘ erinnert.</p> - -<p>Mit der einen lachen, die andere trösten und — -alle karessieren, das war ein bißchen viel verlangt! -Pittchen schwirbelte der Kopf, er war ganz abgemattet; -kein Wunder, daß er nun vor seiner Hüttenthür saß -und schlief. —</p> - -<p>In der heißen Mittagsluft summten honigbeladene -Bienen, ein starker, fast strenger Geruch stieg von den -Wiesen um die Salm auf; sie standen hoch im Gras, -längst that ihnen das Mähen not.</p> - -<p>Auf den Äckerchen an den Hängen schimmerten -weiße Kopftücher, wie hellere Flecken auf blaßgelblichem -Grund — da schafften jetzt die Weiber.</p> - -<p>Aber keine Sense blitzte und legte in langen -Schwaden das Korn nieder; die Weiber rutschten auf -den Knieen und schnitten den Roggen mit der Sichel, -wie man Gras schneidet. Sie arbeiteten hart, der -Schweiß rann in Strömen; das Hemd klebte, naß -zum Auswinden, am Leib, die braunen Beine, von -den Stoppeln zerkratzt und zerstochen, steckten nackt -unter’m kurzen Rock.</p> - -<p>Kein Mann zwischen den Arbeitenden; nur hier -und da saß so ein Alter am Grasrain, als Aufseher, -und stopfte sich die Pfeife, oder ein paar halbwüchsige -Jungen hetzten mit ‚Hot und Hahrüh‘ eine magere Kuh, -die mühsam den Pflug durch die Stoppel schleifte.</p> - -<p>Glühend heiß der Sonnenprall an die steilen -Wände; mager, mager die Erdkrume, darunter harter -Fels. Erbärmlich das Getreide; in winzigen Mandeln -stand es da, dünn im Stroh, gering in der Ähre.</p> - -<p>Auch Bäbbi war bei der Arbeit. „Jesses,“ sagte -sie und richtete sich, schwer atmend, aus ihrer gebückten -Stellung auf.</p> - -<p>Die alte Schneidersch, die hinter der Schwiegertochter -das Korn raffte, keifte: „Voran gemaach! Sei -net e su faul!“</p> - -<p>„Ech kann net mieh!“</p> - -<p>„Ech kann net mieh,“ äffte die Alte nach. „Hammer -dech dafor in de schiene Stuw einloschiert? Hei -gieft net gefaullenzt! Mir haon ke Gäld, om onnötze -Mäuler zo fudern!“</p> - -<p>Bäbbi verbiß die Thränen; es wollte sich ihr wie -ein Schrei aus der Kehle ringen: ‚Wenn das der -Lorenz wüßt’!‘</p> - -<p>Aber sie schwieg, mit der Schwiegermutter war -nicht gut Kirschen essen. Neulich, als der Lorenz Geld -geschickt, hatte die es wie selbstverständlich an sich genommen; -der jungen Frau, die schüchtern ihr Teil verlangte, -wurde grob über den Mund gefahren.</p> - -<p>Lenzen Bäbb hatte keinen Anhang, ihre Eltern -waren tot. Der alte schwachköpfige Lenzen-Ohm, bei -dem sie halb als Tochter, halb als Magd gewohnt, -hatte ihr das, was er ihr vermacht hätte, zur Hochzeit -ausgezahlt; nun war das verjubiliert, kaum für die -notwendigsten Anschaffungen war etwas geblieben.</p> - -<p>‚Wenn er doch hier wäre! Wenn er bald wiederkäm’!‘ -Das war der Stoßseufzer, der sich stündlich -von Bäbbis Lippen rang; mit einer verzehrenden, -krankhaften Sehnsucht gedachte sie seiner, Tag und Nacht. -Schwer wie die Bürde ihres Leibes, schleppte sie ihr -Leben hin. ‚Wär’ er nur wieder da!‘</p> - -<p>In der Ecke ihrer Kammer machte sie mit Rötel -jeden Abend einen Strich an die Wand — wieder -ein Tag vorüber! Noch hundertzwei Tage, dann -kam er!</p> - -<p>Die Sichel in der Hand, auf den Knieen liegend, -starrte das junge Weib traumverloren in den blendenden -Sonnenflimmer.</p> - -<p>Nebenan auf der Stoppel pflügte die Tina Pötsch. -Sie hatte ihre beiden jüngeren Geschwister, den dreizehnjährigen -Karl und die vierzehnjährige Billa in den -Pflug gespannt; nur wenige im Dorf konnten sich -den leisten, die meisten arbeiteten den Acker mit der -Hacke um. Stolz schwang sie die Peitsche, mit einer -besonderen Wollust hieb sie sausend durch die Luft. -Das Schnurende traf Villa am Hals, mit einem Aufschrei -drehte die sich um.</p> - -<p>Tina lachte.</p> - -<p>„Waart, dau frech Dingen,“ kreischte die jüngere -wütend.</p> - -<p>Tina lachte noch immer.</p> - -<p>„Hü, hott, meine Peerdches!“</p> - -<p>„Ech sein net dein Peerd!“ Billa warf sich in -der Furche nieder.</p> - -<p>„Hü, hott! Willste ziehn?!“</p> - -<p>Sie blieb halsstarrig in der Furche liegen, kein -Peitschenschlag trieb sie zum Aufstehen; aber als Tina -hinter dem Pflug vorsprang und sie mit dem Fuß in -die Weiche stieß, packte Billa zu. Ihre Finger krallten -sich in Tinas Wade, mit einem Aufkreischen riß sie -die Überraschte zu sich nieder. Sie wälzten sich beide -auf der Stoppel.</p> - -<p>Karl, nicht faul, nahm die Partei der jüngsten -Schwester; es war ihm gelungen, sich loszusträngen, -nun warf er sich über die beiden Mädchen, auf Tinas -Rücken mit den Fäusten trommelnd. Billa, zu unterst -am Boden liegend, erstickte fast unter der doppelten -Last.</p> - -<p>Das war aber alles noch Spaß, in das Gekreisch -mischte sich Lachen; jedoch nun wurde es Ernst.</p> - -<p>Tina hatte den Bruder in’s Bein gekniffen, dafür -riß er sie an den Haaren; mit der einen Hand -zerrte er ihren Kopf in die Höhe, mit der andern Faust -schlug er ihr in’s Gesicht. Das Blut floß ihr aus der -Nase, das Wasser aus den Augen; sie schrie laut.</p> - -<p>Verschiedene kamen herzu und umstanden die Wolke -von Staub, in der sich die drei wälzten. Die Meinungen -waren geteilt.</p> - -<p>„Dat schadt dem Tina neist, wann dat ordentlich -wat uf de Schnöß krieht,“ sagte eine.</p> - -<p>„Jesses, hän haut se kappores!“</p> - -<p>„Speck on Schwart sein von einer Art — die -duhn sech neist!“</p> - -<p>„Haal dem Jong de Bein fest, hän trampelt dat -Bill zo Schannen!“</p> - -<p>„Ä wat, Onkraut vergieht net!“</p> - -<p>„Et blut jao!“</p> - -<p>„Hilf! Hilf!“ kreischte Tina. Ihr Hilfeschrei -gellte weit über die Äcker.</p> - -<p>Von allen Seiten liefen jetzt neugierig die Weiber -herbei.</p> - -<p>„Wat es passiert? Wän schreit e su? Kuckt elao! -Jeßmarijusep!“</p> - -<p>„Et es en Schand,“ rief die Densborn, „dat dir -dat Tina half dud schlaon laoßt! Krieht hän beim -Schlawittchen! Läßte los, dau infamichte Karnallij!“ -Sie zerrte den Jungen am Bein.</p> - -<p>„Laoßt hän nor,“ schrie die Steffes gegen, „kömmert -Eich erscht om Eiren Jong! Dän Karl haot -ganz rächt, dat Tina pisakt se Dag on Naacht. Wän -onschullige Könner schlät, es sälwer Prüjel wert. Eier -Hannickel soll mer nor kommen! Hän haot dat Hubertche -geschlaon, dat em ale Rippen wieh duhn; -ech verklaogen hän bei de Hähren vom Gericht, on Eich -derzu, Eich scheinheilig Luder!“</p> - -<p>„Wat — wat,“ zeterte die Densborn, „Ihr wollt -noch räden?! Su en Mensch, su en mannsdoll Mensch, -su en“ — in der Wut versagten ihr die Ausdrücke — -„dat zu de Mannsleit rennt, e su bal als de Fra net -derhäm es! Pfui!“ Sie spuckte aus. „Su en —“</p> - -<p>„Et es net waohr, et es net waohr,“ kreischte die -Steffes; sie war blutrot im Gesicht und wirbelte auf -die große starkknochige Gegnerin zu. „Ihr seid nor -neid’sch — jao, neid’sch! Haha!“ Sie lachte krampfhaft. -„Ihr wollt sälwer gären, Ihr“ —</p> - -<p>Die andre schlug ihr auf den Mund: „Liegnersch!“</p> - -<p>„Ihr wollt sälwer gären — haha — alde -Schatehk!“</p> - -<p>„Haha! Alde Schatehk!“ Wie einen Schlachtruf -nahmen die jüngeren Weiber das auf.</p> - -<p>Die schwarze Vrun, die blonde Leis gesellten sich -zur Steffes; sie hatten längst einen heimlichen Groll -auf die Densborn, die allem nachschnoberte. „Annemarei, -dat es rächt! Laoß der neist gefaalen, Annemarei! -Dat scheel Luder maant, et könnt hei kommandieren?! -Su hammer net gewett! Olau, Schatehk, -alde Schatehk! Hahahaha!“ Ein nicht endenwollendes -Gelächter pflanzte sich fort.</p> - -<p>Die paar, die noch arbeiteten, erhoben sich auch -von den Knieen; in großen Sprüngen stürzten sie -herzu, die Sichel in der Hand schwingend, mit flatternden -Röcken und Geschrei.</p> - -<p>Da wurden Haare gelassen!</p> - -<p>Kathrine Densborn hatte Annemarie Steffes am -Schopf gepackt.</p> - -<p>„Dau mannsdoll Mensch, dau — saog et noch -ehs — dau!“</p> - -<p>„Neid’sch, dir seid neid’sch! Alde Schatehk!“</p> - -<p>„Liegnersch!“</p> - -<p>„Wolltst sälwer gären!“</p> - -<p>„Waart, ech will dech liehren!“</p> - -<p>Der Kampf wurde ernsthaft. Die große Gegnerin -schüttelte die kleine wie ein Bündel Kleider; diese schlug -mit Händen und Füßen aus. Ließen sie sich einen -Augenblick los, um Atem zu schöpfen, gleich stürzten -sie wieder aufeinander.</p> - -<p>Schreie, Schimpfworte, Kreischen, Lachen, ohrenbetäubendes -Geschnatter.</p> - -<p>Zwei Parteien hatten sich gebildet, Frau stand -gegen Frau; so manche hatten heimlichen Groll auszufechten, -es waren nicht mehr die Densborn und die -Steffes allein, die aufeinander losgingen.</p> - -<p>Die Geschwister Pötsch waren vergessen. Karl, die -Hände in den Taschen seiner zerlumpten Hose, sah -grinsend dem Tumult zu; Billa lag heulend am Boden. -Tina wischte mit dem Handrücken das Blut von der -Nase, dann schlich sie mit funkelnden Augen dem -Weiberknäuel näher. Sie hatte auch ihre Feindinnen -darunter — rasch der Steffes ein Bein gestellt! -Warum hatte ihr die vorhin nicht beigestanden?!</p> - -<p>Nun steckte sie mitten drin im Kampf; die blonde -Leis, das Bäschen von der Steffes, und, mit ihren -goldnen Zöpfen, Tinas gefährlichste Nebenbuhlerin — -war sie nicht erst vorhin aus Pittchens Thür geschlichen? -— versetzte ihr eins.</p> - -<p>„Hol dech in Aacht, dau Schleckermaul,“ zischelte -Tina hinter zusammengebißnen Zähnen.</p> - -<p>„Dau Rotznaos,“ schrie die Blonde verächtlich; sie -war um ein oder zwei Jahr älter.</p> - -<p>„Dau öwerstännige Kwetsch!“<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a></p> - -<p>„Dau unreifen Appel!“</p> - -<p>„Ech roppen der dein rot Börschten<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> aus!“ -Tina griff kräftig in die goldnen Zöpfe.</p> - -<p>„Vrun, Vrun,“ rief Leis die Freundin zu Hilfe. -„Komm ehs här! Gief dem dao eins hinnen druf, -ech halen derweil der verliewten Katz de Poten.“</p> - -<p>„Hal dau dein Schnöß! Vrun, komm bei mech,“ -schrie Tina. „Ech saon der, dat Leis — Vrun, Vrun! -— et es heit beim Pittchen gewest, et haot zom Pittchen -gesaot: et hält dech für en Naor! Vrun, Vrun!“</p> - -<p>„Wat?!“ In einem Augenblick hatte sich das -Blättchen gewendet, die Schwarze kehrte sich gegen die -Blonde. „Beim Pittchen gewest? Mech für en Naor -halen? — O dau falsch Dingen!“</p> - -<p>Mit triumphierenden Augen sah Tina zu, wie die -beiden Freundinnen auf einander losfuhren.</p> - -<p>Das war ein Spektakel! Ein Lärmen, ein Schimpfen, -ein Schreien. Vom Berghang tönte es nieder zum Thal, -an Pittchens Hütte vorbei — der schlief ruhig weiter — -und und brach sich schallend an der jenseitigen Höhenwand.</p> - -<p>Sie hörten alle nicht das Mittagsglöcklein; nur -Bäbbi. Die stand abseits und starrte mit großen -traumverlornen Augen in’s Gewühl. Früher hätte sie -auch frischweg am Kampf teilgenommen, — aber jetzt?! -Es war alles untergegangen in der großen Sehnsucht.</p> - -<p>Als das Glöcklein läutete, bekreuzte sie sich; die -Sichel entfiel ihr, langsam sank sie auf die Kniee und -faltete die Hände. Was that der Lorenz wohl jetzt? -Dachte er jetzt auch an sie? — — Wär’ er doch -erst wieder hier — ach! — — — — — —</p> - -<p>„Steh uf,“ schrie die alte Schneidersch sie an. -„Schläfste?“ Die Alte hatte sich auch am Zank beteiligt, -besonders mit dem Mundwerk; sie hatte aber -auch bald darin ihren Meister gefunden, nun ergoß -sich die ganze aufgestaute Flut von Scheltworten über -die Schwiegertochter, diesen Dorn in ihrem Auge.</p> - -<p>Mit einem wilden Ingrimm fuhr die Alte auf -sie los. Es wurde Bäbbi nichts erspart; laut und -gellend, vor aller Welt, wurde ihr ihr Fehltritt vorgeworfen. -Kein Mädchen war je so schlecht gewesen, -so lumpig, so armselig und so berechnend dazu. Was -hätte der Lorenz für Partien machen können, aber sie -hing ihm ja wie ein Klotz am Bein, merkte es gar -nicht, daß er sie gern los geworden wäre — ja, er -hatte sie satt, der Mutter hatte er’s vertraut!</p> - -<p>Schwerfällig richtete sich Bäbbi auf, stumm, mit -düstren Augen hatte sie auf den Kampf der Weiber -gestarrt — Heulen, Schreien, geschwungene Fäuste, verzerrte -Gesichter, ein wildes Durcheinander erregter Gestalten -— jetzt schien sich auch ihr Blick langsam daran -zu entzünden. Als die Schwiegermutter schloß: „Hän -haot dech saat, saat bis zom Ekel, hän wünscht dech, -wuh dän Peffer wächst,“ flammte er auf.</p> - -<p>Sie kehrte sich gegen die Alte, raffte die Sichel -auf; ihr Gesicht glühte, ihr Auge glitzerte unheimlich, -ein irres wildes Lachen rang sich aus ihrer gequälten -Brust. Sie hob drohend die Sichel — aber, da, sie -ließ sie wieder fallen. Statt dessen schwang sie die Faust -und schmetterte sie nieder auf den Rücken der Schwiegermutter, -daß der Hören und Sehen verging.</p> - -<p>Die Alte knickte in die Kniee, schützte den Kopf mit -beiden Armen und schrie laut.</p> - -<p>Hageldichte Schläge. Die Alte duckte sich und -wand sich wie ein Wurm, Bäbbi stand über ihr gleich -einer Rächerin, totenbleich, die Lippen fest aufeinander -gepreßt. Sie schlug darauf los mit einer Art von Befreiung, -von Erlösung.</p> - -<p>„Hör uf,“ kreischte die Alte, „ech zeigen dech an! -Ech fluchen der!“</p> - -<p>Ununterbrochen fielen die Schläge.</p> - -<p>„Hör uf, ech saon et dem Lorenz! —“</p> - -<p>„Lorenz —!“</p> - -<p>Jammernd, beschwörend, bittend zugleich schrie -Bäbbi den Namen nach; der erhobne Arm fiel ihr -zur Seite, sie starrte verwirrt drein, als erwache sie -aus einem Traum. Ein Zittern, ein Rütteln ging -durch ihren ganzen Körper; sie schwankte, die Füße -schienen sie nicht länger zu tragen. Mit einem dumpfen -Laut schlug sie die Hände vor’s Gesicht.</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="V" id="V">V.</a></h2> -</div> - - -<p>„Bimmel, bimmel, bimmel“ tönt das Glöckchen -der Kirche. Sein dünner heller Klang fliegt durch’s -Dorf und steigt an den Thalwänden in die Höhe; oben -von Schwarzenborn antwortet ein anderes Glöckchen. -„Bimmel, bimmel, bimmel“ — Vesper.</p> - -<p>Aus den Steinfliesen der Kirche lag Bäbbi. Ihr -Gesicht war blaß, ihre Augen rot, vom Weinen dick -verschwollen. Sie hob die Hände zu dem Marienbild, -das in der Nische des Seitenaltares stand; weiße und -rote Papierrosen umkränzten die Heilige, ein paar dünne -Kerzchen flackerten ihr zu Füßen.</p> - -<p>Kein Mensch war sonst mehr in der Kirche. Die -braunen Holzbänke standen leer; hie und da war ein -Gebetbuch liegen geblieben, ein buntes Heiligenbildchen -steckte als Zeichen darin. Derbe Lederschuhe hatten -vom Kot der Dorfstraße mit herein geschleppt; die -ausgetretenen Fliesen vor dem Marienbild waren am -meisten beschmutzt, da hatten die Weiber vorhin gekniet, -die Stirn tief gesenkt, unablässig die Lippen bewegend.</p> - -<p>Ein Gewitter war am Nachmittag aufgezogen, -rasch kam es, ungeahnt, ohne vorherige Anzeichen; -schwarz war der Himmel, schwer wie Blei. Er drohte -mit Hagel. Angstvoll schauten die Frauen aus — -sollte das schon die himmlische Strafe sein für den -heutigen Zank?</p> - -<p>Sie glichen heute alle blessierten Kriegern nach -der Schlacht; einen Kratz, einen Stoß, einen Schlag, -einen Tritt hat jede wegbekommen. Mit funkelnden -Augen waren sie vom Acker heimgekehrt, Schimpfworte, -Verwünschungen auf den Lippen. Die Hüttenthüren -wurden zugeschmettert, die Kinder verkrochen sich scheu, -die Schüsseln klapperten — manch eine ging heut in -Scherben; mit noch nicht gestilltem Zorn verzehrte -man ein sehr verspätetes Mittagbrot, es schmeckte wie -Galle.</p> - -<p>Da — krach — der erste Donner!</p> - -<p>Furchtbar rollte er im engen Thal; wie ein böses -Tier im Käfig, das keinen Ausweg findet, so grollte -er zwischen den Bergwänden. Krach, krach — Hall -und Widerhall. Und der Himmel so drohend, und -die Blitze niedersausende Schwerter.</p> - -<p>„Jeßmarijusep!“ Wie eine Herde Schafe, vom -Wolf gescheucht, flüchteten sie in die Kirche. Da lagen -sie auf den Fliesen und schlugen die Brust und beteten -und seufzten zum Steinerweichen. Sie waren ganz -zerknirscht.</p> - -<p>„Maria, Jongfra voller Gnaden, bewaohr ons!“</p> - -<p>„Heiliger Donatus, sänftig dat Ongewieder, dau -kannst et! Heiliger Donatus, ech flehen dech an, laoß -meine Gerscht net zu Schannen gänn — se stieht als -in Mandeln!“</p> - -<p>„Heilige Maria, Moddergotts, ech haon et net e -su bees gemaant, wie ech dem frech Mensch eins appliciert -haon. Dau wirst en Einsiehn haon — o liew -Moddergöttesche, rechen et mir net an!“</p> - -<p>Draußen kracht der Donner. Kanonenschüsse feuert -er durch’s Thal, von einem Ende zum andren.</p> - -<p>„Gegrüßet seist du, Maria — hilf, hilf, heiliger -Donatus!“</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Meerstern, ich dich grüße,<br /></span> -<span class="i0">Gottes Mutter süße — —“<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Der Tag ist schwarz wie die Nacht, in den Winkeln -der Kirche hockt grauliche Dämmerung. Jetzt bebt der -alte Bau — jetzt loht ein feuriger Blitz durch die -Dunkelheit, noch feuriger durch das bunte Glas des -Fensters, darauf das Bildnis des heiligen Donatus -steht, mitten zwischen Blitzen. Ein gellendes Aufkreischen -drinnen antwortet der dröhnenden Stimme draußen, -immer lauter wird das Murmeln, immer rascher bewegen -sich die Lippen.</p> - -<p>„Heiliger Donatus, ech grüßen dech, gelowt seist du!“</p> - -<p>„Maria, Moddergotts, bitt for ons!“</p> - -<p>„O Maria, ech grüßen dech, dreiunddreißigtausendmal!“</p> - -<p>Die Stirnen neigen sich bis auf die Fliesen; Gelöbnisse, -Versprechungen werden den Wunderthätigen -gemacht.</p> - -<p>Sie brauchten nicht allzulange mehr zu beten; so -rasch wie es gekommen, so rasch ließ das Unwetter -nach, es zog über die Berge ab in einem Hui. Vor -der Kirchthür gackerten schon wieder die Hühner und -scharrten nach Würmern, Spatzen schirpten vergnügt und -lupften das nasse Gefieder. Die Jauche floß, durch -den Regen von den Misthaufen weggespült, quer über -die Gasse; aber am blauen Himmel stand schon wieder -die Sonne und lachte.</p> - -<p>Sie knixten und bekreuzten sich noch einmal an -der Kirchthür und tunkten den Finger in’s steinerne -Weihwasserbecken.</p> - -<p>„Dunnerknippchen, waor dat en Wäder,“ sagte die -eine. Und die andre: „Deiwel aach, dat konnt en -bees Onverlegenhaat gänn!“</p> - -<p>Sie waren alle guter Dinge, lachten und schwatzten. -Die Feindinnen sprachen wieder miteinander; mit Geschäker -machte man sich selbander auf, aus dem Wald -das abgeschlagne Dürrholz zu holen.</p> - -<p>Bäbbi war allein zurückgeblieben. Ihr Murmeln -hallte wider im einsamen Raum; sie hatte nicht beten -können zwischen den andren, jetzt betete sie. Sie wußte -selbst nicht, was sie sprach; Worte waren es kaum, nur -ein Gestammel, ein schmerzvolles Lallen.</p> - -<p>Flehend richtete sie den trüben Blick auf das -Marienbild; das lächelte.</p> - -<p>Sie nickte traurig — ja, die war rein und heilig, -darum lächelte sie auch so stumm; die verstand so viel -Sündhaftigkeit nicht!</p> - -<p>„Erbarm dech!“</p> - -<p>Mit einem Stöhnen schlug Bäbbi die Stirn auf -den kalten Stein. Sie hatte die Hand erhoben gegen -die, die den Lorenz geboren hatte, sie hatte seine Mutter -geschlagen! Was würde der Lorenz sagen?!</p> - -<p>Wenn sie das Schreckliche, das ihr Gewissen bedrückte, -doch nur einem Menschenohr anvertrauen könnte! -Wenn ein reinerer Mund für sie bei der da oben -den Fürsprecher machte, dann würde auch der Lorenz -ihr verzeihn!</p> - -<p>Eine furchtbare Angst erfaßte sie. Wenn er sich -von ihr wendete, wenn er nicht wiederkehrte!</p> - -<p>Halb irr vor Furcht, wand und krümmte sie sich -und rang die Hände.</p> - -<p>„Maria, Moddergotts, verzeih mer! Lorenz, komm -widder! Lorenz! Ech will dein Modder uf Händen -dragen, se soll mech schlaon, half dud schlaon, ech -mucksen net! Komm widder, komm widder!“</p> - -<p>Es raschelte in den Papierrosen um’s Marienbild, -ein Zugwind hatte sie gestreift; oben am Orgelchor -klappte ein Fenster — die Sakristeithür hatte sich geöffnet.</p> - -<p>Bäbbi hörte nicht, inbrünstig flehte sie.</p> - -<p>Der geistliche Herr war eingetreten, sein gutes -bäuerliches Gesicht glänzte rot und zufrieden. In -der Sakristei hatte es nicht eingeregnet, im Pfarrgarten -war auch nicht eine von den kostbaren Speckbirnen abgeschlagen! -Gelobt sei der heilige Servatius, der Schutzpatron -von Eifelschmitt!</p> - -<p>„Ei, Lenzen Bäbb,“ sagte er freundlich und tupfte -die Zusammengekauerte auf die Schulter. „Was machst -du hier?“</p> - -<p>Sie hob den Kopf und sah ihn verstört an. „Hähr -Pastor — Hähr!“ Sie stotterte, verlangend glitt ihr -Blick hinüber zum Beichtstuhl an der jenseitigen Wand, -in dem das grüne, verschleiernde Gardinchen so hoffnungsvoll -schimmerte. „O Hähr Pastor“ — sie stieß -es heraus mit einer Art Gier — „wann ech eweil -zor Beicht giehn dörft!“ Ihre Hände haschten nach -dem Zipfel seines speckig glänzenden, langen Rockes; -sie drückte die Lippen darauf. „Hähr Pastor, zor -Beicht!“</p> - -<p>„Jetzt nicht, meine Tochter,“ sagte er etwas verwundert, -„nächsten Freitag! Du weißt doch, nach der -Messe morgens, und nachmittags von fünf bis sieben. -Heut ist Montag. Warst du denn gestern nicht im -Hochamt? Es ist doch abgekündigt worden. Nächsten -Freitag“ — er betonte nachdrücklich jedes Wort — -„von fünf bis sieben ist Beichte. Behalte, nächsten -Freitag!“</p> - -<p>„Oh,“ wimmerte sie, „Hähr Pastor!“</p> - -<p>„Also am Freitag, meine Tochter!“ Er hob mit -einer segnenden Bewegung die Hand zum Abschiedsgruß.</p> - -<p>Sie sah ihn an, wie ein verhungerndes Tier.</p> - -<p>Lächelnd fuhr er in die abgegriffene Tasche der -Soutane und brachte ein Bildchen heraus, ein weißes -Cartonkärtchen mit Spitzenpapierrand; ein rotes, flammendes -Herz war darauf gemalt, von einem Pfeil -durchbohrt — ‚das süße Herz Jesu‘.</p> - -<p>„Hier, meine Tochter!“ Er machte das Zeichen -des Kreuzes über sie.</p> - -<p>Sie küßte das Bildchen, sie küßte seine Hand; -und dann war sie wieder allein. Der Herr Pastor -ging, um sein Brevier zu beten; das that er, wie täglich, -auf seinem Spaziergang gen Himmerod zu, da -führte der Weg lieblich im Bergschatten und wanderte -sich sacht und eben.</p> - -<p>Lange noch lag Bäbbi vor dem Altar; süßlächelnd -blickte das Marienbild nieder, kein Zug in dem Wachsgesicht -veränderte sich. Ein grenzenloses Gefühl der -Verlassenheit überkam die Einsame; da war niemand, -der ihr helfen konnte! Zerschlagen an allen -Gliedern schlich sie sich endlich fort.</p> - -<p>Als sie bald darauf, die Hotte auf dem Rücken, -den andren Weibern nach, zum Kunowald hinaufwanderte, -schloß sich ihr Peter Miffert an. Er wollte der -Zeih entgegengehen. Seinen zerlumpten Werktagsanzug -hatte er mit dem Sonntagsstaat vertauscht; viel war -an dem auch nicht dran, aber die Hosen, die ihm sonst -schlotterten, hatte er stramm heraufgezogen, die Mütze -mit dem blanken Wachstuchschild saß ihm verwegen -auf den dunklen Ringelhaaren.</p> - -<p>Er pfiff und sang, aber sein Singen war mißtönend -wie das Gekrächz des Hähers, der, aufgeschreckt, -in den Baumwipfeln flatterte und argwöhnisch von -dort niederäugte. Die Zeih mochte sich heut schön -‚veramesiert‘ haben! Pittchen hatte sich eine Haselgerte -abgeschnitten, mit der hieb er rechts und links, -daß die Blätter der Büsche flogen.</p> - -<p>„Duht dat net!“ Bäbbi sah ihn aus ihren traurigen -Augen beweglich an. „De arm Dinger! Am -Busch sein se e su lostig grün, Ihr haut se ahf, duh -liejen se kapot uf der Straß on gänn zertret!“</p> - -<p>„Waorom net gaor,“ sagte er leichthin; aber er -hieb doch nicht mehr.</p> - -<p>Schweigend gingen sie beide weiter, jeder in seine -Gedanken versunken. Plötzlich schluchzte Bäbbi auf, -schwer ließ sie sich auf einen Stein am Weg fallen. -„Glauwt Ihr, dat dän Lorenz widder kömmt?“ stieß -sie hervor; ihr Blick bohrte sich mit angstvoller Frage -in Pittchens Gesicht.</p> - -<p>Er fühlte ihre Angst heraus und lachte gutmütig: -„No, waorom dann net?! Waor soll hän dann annerschter -giehn?!“</p> - -<p>„Maant Ihr? Maant Ihr werklich?“ Sie preßte -seine Hand. O wie gut that ihr seine Zuversicht! -Schluchzend hielt sie ihn am Ärmel fest und lehnte -die Stirn gegen seinen Rock.</p> - -<p>„Äwer, Bäbb, seid doch net gäckig!“ Ob schön -oder häßlich, er konnte kein Frauenzimmer weinen sehen; -er war ganz gerührt von ihren Thränen, er quetschte -sich neben sie auf den Stein und streichelte ihre Hand. -„Bäbb, Bäbbchen, kreisch doch net e su!“</p> - -<p>„Wann hän mech net mieh liew haot, duhn ech -mer en Leid an,“ murmelte sie mit finsterer Entschlossenheit.</p> - -<p>Das traf Pittchen wie ein Schlag. Wenn ihn -die Zeih nicht mehr lieb hätte, was würde er dann -thun — — —?!</p> - -<p>Er sprang so hastig auf, daß Bäbbi ihn erschrocken -ansah.</p> - -<p>„Eweil giehn ech. Adjes!“</p> - -<p>Das war nicht sein gewöhnlicher fauler Schlendergang, -bei dem er die Füße kaum hob und nur langsam -weiter schlorrte; er rannte.</p> - -<p>Tannen rechts, Tannen links. Schwarze Riesenwände, -die einen schmalen Streifen Himmel einrahmen. -Keine Hütte, kein Stückchen bebautes Land mehr. Kein -Mensch; keine grasende Kuh, keine meckernde Ziege, -auch kein Wild, kein Vogel.</p> - -<p>Ohne eine Nadel zu regen, in majestätischer Größe -stehen die Tannen, wie aus der Urwelt stammend, mit -ihren Riesenbärten von abgestorbenem, grauem Moos, -ihren überhandlangen, braunen, schuppigen Zapfen, ihrem -dunkelflüssigen Harz, das in zähem Rinnsal aus der -zerklüfteten Borke sickert.</p> - -<p>Tiefstes Schweigen. Ein Schweigen, in dem auch -der leichtherzige Wanderer stumm wird; eine gebieterische -Hand streckt sich aus dem Dunkel der Äste und -legt sich auf seinen Mund: „Still!“</p> - -<p>Hinter den finstren Stämmen tauchen Gedanken -auf, dämmernde, ahnungsbange Gedanken; tückisch -brechen sie hervor, wie Räuber aus dem Hinterhalt, -und überfallen den Harmlosen. Man erschrickt vor -dem eignen Fußtritt, man hält den Atem an und steht -und lauscht; und dann packt einen die Angst im Genick, -wie ein schwarzes Tuch fällt es einem über den -Kopf — weg ist der Frohsinn. Ein grüblerischer Ernst -hält den Menschen umklammert und läßt ihn nicht los -in dieser Einsamkeit.</p> - -<p>Weltabgeschieden ist der gewaltige Wald. Wer -hier um Hilfe schreit, wird nicht gehört; was man hier -treibt, wird nicht gesehen; wer etwas verbergen will -vor andrer Augen, kann’s hier dreist, ein Schutzdach -wölbt sich über ihn und um ihn.</p> - -<p>Pittchen pfiff und sang nicht, er rannte auch nicht -mehr; argwöhnisch bohrte sich sein Blick rechts und -links in die Tannen. — Ob die Zeih allein daher -kam? Wenn sie nun hier ginge, begleitet von einem -andren — — —?!</p> - -<p>Der verfluchte Wald! Hätte der Weg über freies -Feld geführt, würde er sich gar keine Gedanken machen, -aber so — — —!</p> - -<p>Grüblerisch hing er den Kopf auf die Brust. -— — Da ging die Zeih von Manderscheid fort, auf -der Chaussee begegnete ihr einer, es schlich ihr wohl -gar einer nach von Manderscheid — hätte er’s denn -nicht selber so gemacht? — Nun kam der große Wald, -nun gingen die zwei mit einander hinein, immer tiefer -in’s heimliche Versteck. Kein Mensch sah sie, nicht -einmal die Sonne lugte verstohlen; es dämmerte bereits, -Abendwolken verschleierten das Himmelsauge. -Dem Mann wurde warm an der Seite der schönen -Zeih, er redete verliebtes Zeug, und sie lachte dazu. — -Peter hörte ihr halblautes Gekicher, so kicherte sie auch, -wenn er zärtlich wurde — sie wiegte sich in den Hüften, -der Dreiste faßte sie um die Taille, sie wehrte sich -nicht, sie lachte nur — — — — —</p> - -<p>„Kotzdonner noch ehs!“ Peter fluchte ingrimmig -in sich hinein — jetzt fuhr er zusammen; deutlich erklang -das Lachen, das verfluchte Lachen! Er stand, -wie der Teckel vor’m Fuchsbau, zitternd, lauernd, aufgeregt.</p> - -<p>Im dürren Gezweig knackte es — Rehe waren -das nicht! Wieder das Lachen — und jetzt —</p> - -<p>„Haalt,“ schrie es hell.</p> - -<p>Ein Rudel junger Weiber setzte aus dem Dickicht -und verstellte den Weg.</p> - -<p>Peter sah verblüfft drein.</p> - -<p>„Helao,“ lachte die wilde Tina, „hei gitt et Wegzoll -bezaohlt, eweil sein mir de Sperrbarriär!“</p> - -<p>Sie faßten sich an den Händen und bildeten eine -feste Kette; die Tina, die Leis, die Vrun, das Kättchen, -das Nettchen, die Billa und noch ein paar Halbwüchsige, -in Röckchen, die grade bis unter’s Knie langten.</p> - -<p>Mit ihren bloßen Füßen, die gebräunt von der -Luft, beschmutzt vom nassen Moos, zerkratzt vom Reisig -waren, trippelten sie ungeduldig. Sie schrieen alle:</p> - -<p>„Sperrbarriär! Pittchen, helao, Pittchen, wat -zaohlste?!“</p> - -<p>Er suchte, sich geschwind an der Seite vorbeizustehlen.</p> - -<p>„Hei gitt et net strawätzt<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>!“ Tina hielt ihn fest.</p> - -<p>Sie ließen ihn nicht durch; drohend ragten die -Hotten mit den quergelegten Reisigbündeln über ihren -Köpfen.</p> - -<p>„Laoßt mech dorch, ihr Mädercher!“</p> - -<p>Ein vielstimmiges. „Nä!“</p> - -<p>„Wat wollt ihr dann?“</p> - -<p>„Wegzoll! Dau moßt zaohlen, zaohlen!“ Sie -lachten und drängten sich um ihn her und hopsten -und reckten sich an ihm in die Höhe.</p> - -<p>Kein Durchkommen. Was sollte er machen, er -konnte sich doch nicht mit Gewalt befreien?</p> - -<p>„Wegzoll,“ lachte Tina, „dau kömmst net ehnder -dorch!“</p> - -<p>„Net ehnder, nä, nä,“ schrie der Chor.</p> - -<p>Scherzend riß Miffert Tina an sich.</p> - -<p>„E Küßche,“ raunte sie ihm zu.</p> - -<p>Lachend ließ sie sich küssen, und lachend küßte -Peter weiter, eine nach der andren nahm er beim Kopf; -kreischend und doch willig ließen sie sich’s gefallen, der -stille Wald hallte wider von den jauchzenden Mädchenstimmen.</p> - -<p>Weg war die bange Einsamkeit. Peter schäkerte; -je toller, je lieber, die warmen Lippen hatten ihn ganz -berauscht. Ganz benommen torkelte er weiter — es -dunkelte hier innen schon; nun fiel ihm die Zeih -wieder ein.</p> - -<p>Tina war hinter den andren zurückgeblieben, er -hörte ihr leises: „Pst, pst!“ Sie winkte ihm.</p> - -<p>Er that, als ob er’s nicht sähe. Ein andermal -gern; aber jetzt hatte er Eile. Er setzte sich in -Trab. — Donnerwetter, da kamen noch welche! Waren -denn heut alle Weiber auf den Beinen?!</p> - -<p>Er wollte sich seitwärts unter die tiefhängenden -Äste drücken — umsonst — sie hatten ihn schon gesehen. -Die Steffes, mit ihren harmlosen Augen, konnte -ausschauen, scharf wie ein Falke; die Kathrine Densborn -nicht minder, und die Traut erst recht. Auch noch -ein paar andre waren dabei. Himmel, so viel Weiber!</p> - -<p>Pittchen fühlte einen leisen Schauer den Rücken -hinabrieseln, und doch war ein gewisses Wohlgefühl -dabei. War er nicht der Herrscher über alle die da?!</p> - -<p>Sie kamen seinem Gruß zuvor, ihre Blicke hingen -an ihm.</p> - -<p>„’n Aowend,“ nickte er herablassend und wollte -weitergehen.</p> - -<p>Sie hielten ihn an, jede hatte was mit ihm zu -sprechen, eine immer dringender wie die andre.</p> - -<p>Er kam nicht los; grob konnte er doch nicht -sein! Als sie sich endlich trennten — schon war er -ein paar Schritte fort — da drehte die Traut noch -einmal um: „Hä, Pittchen! Hä!“</p> - -<p>Und hinter der Traut lief wieder die Steffes drein.</p> - -<p>„Uf ein Wort, Pittchen! Ech moß Eich ebbes -saon, Pittchen!“</p> - -<p>Da gab er Fersengeld.</p> - -<p>„Hä! Hollah, Pittchen! Waartet ebbes — haalt!“</p> - -<p>Da rannte er in den Wald hinein, was hast du, -was kannst du. Hinter sich hörte er das Rufen der -Weiber. Mischte sich nicht jetzt auch Tinas Stimme -darein? — Lachen, Schreien, nun verfolgende Tritte!</p> - -<p>Er verließ den Weg und sprang über den Graben, -quer durch’s Unterholz, daß dürres Reisig knickte und -krachte und überhängende Zweige ihm in’s Gesicht -stachen.</p> - -<p>Es peitschte ihn mit Ruten; er rannte, daß ihm -der Schweiß ausbrach.</p> - -<p>Immer glaubte er, rufende Stimmen zu hören; -wie mit Armen griff es nach ihm, heißer Atem blies -ihm in’s Genick, Röcke rauschten und raschelten — -hochatmend hielt er endlich inne. Ach, das war ja nur -der Buchenwald, der rauschte so!</p> - -<p>Erleichtert sah er um sich. Das Tannendickicht -hatte nun ein Ende; unter den grünen luftigen Buchen -war’s weit heller, sanftes Licht floß an den glatten -Stämmen nieder, und die Blätter regten sich traulich -flüsternd im Abendwind.</p> - -<p>Er suchte den Weg wieder auf, rückte sich den -Rock zurecht und schlenkerte die Mütze aus, Tannennadeln -und dürre Zweiglein hingen daran.</p> - -<p>Kam die Zeih denn noch nicht?! Er hatte sich -verspätet, aber sie scheinbar noch viel mehr. — Der -würde er aber einen schönen Empfang machen, die Lust -sollte ihr vergehen, sich so spät im Wald herumzutreiben!</p> - -<p>Da war ja der Kaisergarten. Da zweigte der -Weg nach Großlittgen ab, und da, unter dem Trupp -himmelhoher Fichten, die abgegrenzt mitten im Buchengrün -sich hoben, stand die Moosbank, so recht ein Versteck -für Liebespaare.</p> - -<p>Er stutzte. Ein Chaischen war quer über die -Straße gefahren, der braune Gaul mit hängenden Zügeln -rupfte friedlich die Gräser am Grabenrand ab. Waren -das nicht Pferd und Wägelchen vom Gastwirt Pauly -zu Oberkail?! War der hier?!</p> - -<p>Leises Kinderweinen schlug an Peters Ohr. War -das nicht das Josefchen? Zwischen den Stämmen -blinkerte eine Uniform. Wer war da?!</p> - -<p>Jetzt Lachen — das war die Zeih!</p> - -<p>Mit einem Satz war er unter den Fichten. Richtig, -die Zeih saß auf der Moosbank und neben ihr — -traute er denn seinen Augen recht? — neben ihr saß -ganz gemütlich der schöne Gendarm von Oberkail!</p> - -<p>„Zeih!“ Er rief es so laut, daß der friedliche -Gaul einen Satz machte und das Josefchen gellend -aufschrie.</p> - -<p>„Aha, der Herr Gemahl,“ sagte der Gendarm und -legte höflich die Hand an den Helm. In seinem -vollwangigen Milch- und Blutgesicht vertieften sich zwei -Grübchen. Er hatte nicht umsonst bis zuletzt als Unteroffizier -bei der Garde in Berlin gestanden, er wußte, -daß man gegen die Männer hübscher Frauen artig zu -sein hat, und wären es auch die größten Lumpe und -Lüderjahne.</p> - -<p>„Na, Herr Miffert,“ — er rückte in die Ecke der -Bank und legte das Seitengewehr über die Kniee — -„wollen Sie nicht Platz nehmen?“</p> - -<p>„Nä,“ sagte Pittchen kurz. „Komm, Zeih!“ Er -sah sie zornig an; sie schien das gar nicht zu bemerken; -umständlich nahm sie von dem Gendarm Abschied und -lächelte ihn an, die Lippen dabei spitzend, daß ihr -Pittchen am liebsten einen Schlag drauf gegeben.</p> - -<p>„Merci, merci, Hähr Schandarm, et waor e su -freindlich, dat Sie mech metgeholt haon. Pittchen, -bedank dech aach ehs. Dän Hähr Schandarm waor zo -Manderscheid, hän haot mech invitiert, met uf dem -Wägelche redur zo faohren. Duh haon ech et kommod -gehaot!“ Sie lachte vergnügt.</p> - -<p>Peter sagte kein Wort.</p> - -<p>Der Gendarm erhob sich und steckte zwei Finger -hinter den mittleren Brustknopf der Uniform. „Ich -hab’s Ihnen schon gesagt, wenn Sie den Umweg über -Großlittgen nicht scheuen, schöne Frau, können Sie auch -noch weiter mitfahren. Habe da noch Wichtiges zu -thun; unser einem wird zu viel aufgepackt, keine Minute -Pause, strammen Dienst bis zum späten Abend. Für -mein schweres Geld hab’ ich mir den Wagen vom -Pauly genommen, nur um keine Zeit zu verlieren.“ -Er gab sich ein sehr wichtiges Aussehen.</p> - -<p>Lucia sah ihn mit offnem Mund bewundernd an.</p> - -<p>Er machte eine einladende Handbewegung: „Steigen -Sie nur auf, schöne Frau!“ Zu Pittchen sprach er -mit Gönnermiene. „Für Sie ist auch noch Platz, -Miffert!“</p> - -<p>Peter schielte ihn von unten herauf an. „Willste -met de grußen Hähren Kerschen äßen, maach, datste -de Steiner net an dän Koap kriehst — nä, merci!“</p> - -<p>„Was wollen Sie damit sagen?“ Der Gendarm -verstand den Dialekt noch nicht und witterte immer -gleich eine Verhöhnung der Obrigkeit. Er versuchte -seinem harmlosen Knabengesicht einen martialischen Ausdruck -zu verleihen und zwirbelte den Schnurrbart aufwärts. -„Nanu, was wollen Sie damit sagen?“</p> - -<p>„Neist!“ Pittchen sah ihn unbefangen, etwas blöde -an, aber in seinem Innern kochte es: ‚Waart, dir spielen -ech aach als en Possen!‘ „’n Aowend!“ Er zog -Zeih unwiderstehlich mit sich fort.</p> - -<p>„Tappert,“ brummte der Gendarm, als er ihnen -nachsah. ‚Tappert,‘ das war ungefähr das einzig -Eiflerische, was er bis jetzt gelernt; es war gleichbedeutend -mit dem hochdeutschen ‚Dummes Luder‘, und -wurde hier bei den ‚dämlichen Bauern‘ mit Vorliebe von -ihm angewendet.</p> - -<p>„Autsch, reiß mech doch net e su,“ schmollte Lucia, -als sie ein Stück weiter weg waren. Sie blieb stehn -und sah sich um. „Wat soll eweil dän Hähr Schandarm -denken?! Jesses, laoß mech doch los!“</p> - -<p>Er hatte sie unsanft am Handgelenk gefaßt, sie -machte sich frei, mit Thränen in den Augen. „Autsch, -ech giehn jao schuns allein! Laoß los! Ech haon -e su als schuns schwer zo schleppen, et es mer net -kommod!“</p> - -<p>Schweigend nahm er ihr das Kind ab, dieses -ganz in ein großes Tuch gewickelte Bündel; nun trug -sie nur noch ein Packet, das war verschnürt, und sie -trug es mit besondrer Sorgfalt.</p> - -<p>„Wat haste lao?“ brummte er.</p> - -<p>„Raot ehs!“ Ihr Gesicht hellte sich schon wieder -auf, ihre Augen glänzten vor Vergnügen. „O su ebbes -Schienes, su ebbes Wonnerschienes! Waart, Pittchen, -ech zeigen et der!“</p> - -<p>Lebhaft kniete sie nieder, legte das Packet sacht -auf’s weiche Moos und begann es aufzuschnüren. „Dau -sollst dein blao Wonner siehn,“ schwatzte sie dabei, „su -ebbes Schienes! Kuck ehs hei, Pittchen! Kuck ehs!“ -Sie schlug die Hände zusammen in eitel Glückseligkeit -und lachte wie ein Kind.</p> - -<p>Da lag ein schöner roter Flanellunterrock und -schimmerte grell auf dem dunklen Moos. Und daneben -eine Tändelschürze von schwarzem Seidenstoff, unten -mit bunter Blumenguirlande bestickt.</p> - -<p>„Haste su ebbes schuns gesiehn?“ stammelte sie -entzückt; und dann griff sie mit beiden Händen zu und -hielt sich das viel zu kleine Seidenläppchen vor den -starken Leib. „Wat werden se saon!“ Sie jauchzte -förmlich.</p> - -<p>Er staunte auch über die Pracht, aber zugleich -ergriff ihn eine plötzliche Unruhe, ein jähes Unbehagen -— wie kam die Zeih dazu?</p> - -<p>„Wuhär haste dat?“ fragte er finster.</p> - -<p>Sie lachte fröhlich: „Geschenkt kritt!“</p> - -<p>„Geschenkt kritt?“ wiederholte er. „Von deim -Tant doch sicher net; on dein Modder haot sälwer -neist!“ Er sah sie lauernd von der Seite an.</p> - -<p>„Olau, von dänen — nä!“ Nun lachte sie, daß -sie sich schüttelte. „Von dänen, su ebbes Schienes?! -Hahahaha!“</p> - -<p>„Von wäm dann?“ fuhr er sie an.</p> - -<p>„Olau, dau domm Pittchen,“ — noch immer lachend -stieß sie es heraus — „von dem Hähr Reisenden, von -dem freindlichen Hähr! Von wem annerschter?!“</p> - -<p>„Biste doll?!“ Er sprang auf sie zu wie ein -Rasender und riß ihr die Schürze vom Leib. „Gief her!“</p> - -<p>Das Lachen verging ihr, jammernd suchte sie ihm -die Schürze wieder zu entreißen. „Mein Schörz, Pittchen! -Mein Schörz, mein schien Schörz!“</p> - -<p>„Dän Lappen, dän Dreck!“ Er knäulte die Seide -zusammen und schmiß sie hin; auf dem roten Rock -trampelte er herum. „Onnerstieh dech noch ehs — -ebbes aanzonähmen von Hähren, von fremde Hähren! -Ech schlaon dem Kerl ale Rippen im Leiw dorch, ech -schlaon hän kapores, ech schlaon hän dud. — Dau Mensch, -dau lidderlich Mensch, wat haot hän dafor gekritt? -Saog!“ In seiner Wut gab er ihr einen Stoß, daß -sie zu ihren mißhandelten Schätzen auf’s Moos niederfiel. -„Saog de Waohrhaat — lüg net! Wat haot -hän dafor gekritt?!“ Er schrie; unter den schweren -Augenlidern sah er sie durchbohrend an mit stechenden, -gefährlichen Blicken.</p> - -<p>Sie suchte die Geschenke zusammenzuraffen; er -schleuderte sie in weitem Bogen auf die schmutzige -Straße.</p> - -<p>„Wat haot hän dafor gekritt — willste’t nau -saon?!“</p> - -<p>„E Küßche,“ wimmerte sie, „nor en anzig Küßche. -For den Rock zwaa — for de Schörz ans — nä, -aach zwaa! Föhrwaohr on enklich, ech saon de Waohrhaat. -— Pittchen, Pittchen!“ Sie hatte Angst bekommen.</p> - -<p>„Neist mieh? Lüg net!“ Er knirschte mit den -Zähnen. „Dau kömmst net labendig hei aus em Wald, -wannste net de Waohrhaat saost. Ech raoten der!“ -Er hob die Faust, jede Muskel seines hagren Körpers -war angespannt; er war nicht so groß und kräftig -gebaut wie seine Frau, aber in diesem Augenblick erschien -er ihr wie ein Riese.</p> - -<p>„Hän haot mech uf dän Schoß geholt,“ stotterte -sie scheu. „Hän haot dat Josefche hinnen in et -Chaische gelät. Hän saot, hän wollt mer noch ebbes -vill Schieneres metbringen, wann hän dat nächste Maol -nao Eifelschmitt käm. — O mein Schörz! Mein rot -Röckche! Mein schien Schörz!“</p> - -<p>Die Thränen liefen ihr stromweis über die blühenden -Wangen, jammernd rang sie die Hände: „Ech -arm Dier! Hätten ech dech nie geheiraod! Hätten ech -uf mein Vadder sälig geheert! Ech konnten en annern -kriehn! Duh sitzen ech eweil zo Eifelschmitt in dem -dreckige Loch — ke Gäld — ken Penning — mer -waaß oft net, wat mer äßen soll — dän Mahn stiehlt -onsem Hährgott dän Dag ahf — im Winter friert mer -sech zo Schannen — im Sommer haot mer net emaol -en anstännig Kleid, om uf de Kirmes zo giehn! Hei -dat Fähnche“ — sie hob ihr verschossenes, an allen -Enden zu knappes Kleid in die Höhe — „dat dragen -ech schuns e su lang mir verheiraod sein — zwaa -Jaohr! On im Dienst zo Manderscheid haon ech et -aach als drei Jaohr gehatt. Mer moß sech schämen -for de Leit!“ Das Schluchzen erstickte sie fast: „Ech -arm — arm Dier — ech deierlich Fra!“ Sie warf -sich ihren Kleiderrock über den Kopf und saß nun ganz -vermummt.</p> - -<p>Das Kind auf Pittchens Arm fing kläglich an zu -schreien; er warf es der Mutter in den Schoß: „Dao -lieg, dau Bankert!“</p> - -<p>Aber gleich darauf packte ihn die Reue; sie -schluchzte so herzbrechend, so hatte er sie noch nie gesehen. -Sonst war sie immer fröhlich. Die hörte -wohl nie mehr zu weinen auf!</p> - -<p>Und hatte sie nicht recht, ging’s ihnen nicht erbärmlich -genug? Hatte er ihr nichts Besseres versprochen, -als er die schöne, lustige Zeih freite?! Er -stand betroffen.</p> - -<p>„Zeih,“ sagte er sanfter, und dann räusperte er -sich. „Zeih!“</p> - -<p>Wenn sie ihn auch nicht sah, nun wußte sie doch, -woran sie war; sie schluchzte jetzt noch jämmerlicher -und krümmte sich wie in unerträglichen Schmerzen.</p> - -<p>„Zeih,“ sagte er ganz kleinlaut und zog ihr den -Rock vom Kopf.</p> - -<p>Sie sah ihn gar nicht an, nahm das Kind in den -Arm und herzte es unter Thränen: „O dau mein -Josefche, mein arm Josefche.“ Sie küßte es mit -stürmischer Zärtlichkeit. Der Hut war ihr vom Kopf -geglitten, das Haar hing ihr lang und wellig an den -Schläfen nieder, ihr lieblicher Mund zuckte wie bei -einem Kind, das sich ausgeweint hat und dem nur -noch stoßweise ein letztes Schluchzen kommt. Die Lider -hielt sie beharrlich gesenkt, ihr Blick ruhte auf dem -Kinde; die goldig-braunen Wimpern lagen auf den -schwellenden Wangen, die die Sommersonne nicht verbrannt, -nur mit einem pfirsichähnlichen Anhauch überzogen -hatte.</p> - -<p>Keine war doch so hübsch wie sie — und alleweil -so fidel!</p> - -<p>Peter sah unverwandt auf sie nieder. „Haste de -Waohrhaat gesaot, Zeih? Schwör! Beim Josefche -bei!“ Er legte die Hand auf das Kind.</p> - -<p>Sie legte die ihre dazu. „Ech schwören!“</p> - -<p>Nun hob sie den Blick und blinzelte ihn an: -„Biste mer bees, Pittchen?“ Ein Schluchzen stieß sie -noch. „Ech kann doch neist dafor!“</p> - -<p>„Nä, nä, kreisch nor net — Kotzdonner, dau sollst -net kreischen, Zeih!“ Er stieß mit dem Fuß auf. -„Ech haon et jao net e su bees gemaant. Äwer dau -moßt mer aach net ontreu gänn — hörste, Zeih, net -ontreu. Zeih!“ Er rüttelte sie schon wieder.</p> - -<p>„Nä, nä — o mein schien Röckche! Mein Schörz!“</p> - -<p>Er ging schon auf die Straße und holte beides. -„Dao haste dän Dreck!“</p> - -<p>„O Pittchen!“ Sie faßte seinen Kopf und zog -ihn zu sich herunter, beide Hände legte sie an seine -Wangen. Ganz zart flüsterte sie — es war schon -wieder was von dem früheren vergnügten Klang in -der Stimme —: „Eweil biste mer widder gud, gäl? -On en anner Kleid kaafste mer aach, gäl? E su -bal dän Hähr Reisenden widder kömmt. Ech saon der, -dän haot Kleider!“ Schmeichelnd rieb sie ihr Gesicht -an dem seinen. „Gäl, dau kaafst mer ans?“ Sie -wartete auf seine Antwort; als keine kam, warf sie den -Kopf zurück: „Dän wollt mer ans schenken!“</p> - -<p>Er zuckte zusammen. „Dau sollst kans geschenkt -kriehn, dau därfst kans geschenkt kriehn, ech leiden dat -net, ech — jao“ — er nickte und kratzte sich nachdenklich -hinter den Ohren — „ech kaafen der sälwer -ans!“</p> - -<p>Mit einem Freudenschrei riß sie ihn ganz zu sich -herunter, preßte seine Lippen auf ihren Mund und -küßte ihn heiß.</p> - -<p>Er lag mit seinem Kopf neben dem Kind in ihrem -Schoß; sie streichelte seine Haare und wickelte sie um -ihre Finger.</p> - -<p>„Gäl, Pittchen, dau kaafst mer ans? Jesses -Maria, haon ech en Freid. Pittchen, ech haon dech -su liew!“</p> - -<p>„On dän Schandarm?“ fragte er leise, noch einmal -von einem düstren Argwohn beschlichen.</p> - -<p>Sie lachte hell auf. „Dän Lappes! Waaßte, -wie dän micht? Kuck hei.“ Sie drückte die Augen -heraus, warf sich in die Brust und zwirbelte an ihrer -rosigen Oberlippe. „Alleweil micht dän e su. O dän! -Hahaha!“</p> - -<p>Er hatte sich halb aufgerichtet; auf den Ellbogen -gestützt, sah er verliebt in ihr lachendes Gesicht.</p> - -<p>Sie strich ihm die Falten auf der Stirn glatt -und kitzelte ihn mit einem Halm unter der Nase. Er -mußte mit ihr lachen. Und dann tuschelte er ihr etwas -zu und drückte ihren Fuß.</p> - -<p>Das Kind schlief unbeachtet. Das Moos war -weich, der Wald einsam, dunkler und dunkler wurde -der Abend. So weich, so zärtlich ging die Luft, und -die Blätter lispelten sacht, als hätten sie sich heimlich, -ganz verschämt etwas anzuvertrauen.</p> - -<p>Als sie gingen, hing sie an seinem Arm, und er -schleppte beides, das Kind und das Packet. Sorgfältig -hatte er selbst die Geschenke eingepackt und verschnürt, -dann hatte er sich den Bindfaden um den Hals gehängt; -das Päckchen baumelte, bei jedem Schritte spürte er’s.</p> - -<p>Der Weg schimmerte kaum erkennbar, im Tannenforst -war’s stockfinster. Zeih that furchtsam; bei jedem -Knistern der Rinde, jedem Niederrieseln einer Nadel -fuhr sie zusammen und schmiegte sich fester an ihn. -Sie ruhte mit ihrer ganzen Schwere auf ihm, unter -dem dünnen Fähnchen spürte er ihren warmen vollen -Körper.</p> - -<p>Es war ihm sehr heiß, sein Atem ging unruhig; -er schwitzte, trotzdem es nun bergab ging und der -Nachtwind feucht und scharfkühl wehte.</p> - -<p>Dunkel lag Eifelschmitt; nur in wenigen Häusern -schwacher Lichtschein, die Straße leer. Am eintönig -plätschernden Brunnen standen noch ein paar Weiber -und wuschen ihre Füße in dem ausgehöhlten Baumstamm, -der als Brunnentrog diente. Sie hatten -ihre Röcke hochgeschürzt; in dem Mondstreif, der jetzt -durch’s Nachtgewölk brach, schimmerten ihre nackten -Arme und Beine lockend silberweiß.</p> - -<p>Peter fühlte wieder das seltsame Gruseln, jenen -wunderlichen Schauer, der ihm leise über den Rücken -hinabrieselte, sein Blut für Augenblicke erstarren machte, -um es dann desto heißer anzutreiben.</p> - -<p>Unweit ihrer Hütte strich eine Gestalt an ihnen -vorbei; Peter glaubte Tina zu erkennen an ihren -glitzernden Augäpfeln und den geschmeidigen Bewegungen. -Sie schlüpfte zwischen ihm und der Hecke durch; -für eine Sekunde fühlte er seine Hand gestreift von -heißen, feuchten Fingern — dann war’s vorbei, verschwunden -wie ein Spuk. In der Ferne noch ein leis -verklingendes Lachen. —</p> - -<p>In der Nacht träumte Pittchen schwer.</p> - -<p>Er ging denselben Weg, den er heut der Zeih -entgegengegangen. Aber oben am Kaisergarten wandte -er sich rechts, gen Großlittgen zu; er mochte wollen -oder nicht, er mußte dahin. Es puffte ihn von hinten -was in den Rücken, ein starker Wind blies ihn fort.</p> - -<p>In der Ferne hörte er Stimmen, sie riefen und -lockten: „Pittchen! Komm, Pittchen!“</p> - -<p>Lachen klang dazwischen — jetzt hörte er die Zeih -rufen, und jetzt die Tina — jetzt fielen andre bekannte -Stimmen ein: „Pittchen! Pittchen!“</p> - -<p>Wo war er denn? Erschrocken sah er sich um. -Da ging er durch die öde Heide, der Wind stöhnte -drüber hin mit unheimlichen Klagelauten.</p> - -<p>Er wollte nicht weitergehen, umkehren — sein Fuß -strauchelte über abgestorbne Strünke, es roch nach Pech -und Schwefel. Eine glühende Luft schlug ihm entgegen -wie Flammenhauch, versengte ihm Haar und Brauen -und tief innen im Leibe das Herz.</p> - -<p>Er wollte Hilfe schreien und konnte nicht. Fern, -fernab tönte heisres Hundegebell — das waren die -Hunde von Großlittgen. Hilfe, Hilfe, dorthin!</p> - -<p>Er wollte laufen und konnte nicht. Er stand wie -festgewurzelt.</p> - -<p>Der Boden war heiß, als brenne unterirdisches -Feuer darunter. Und da war ein Kreis seltsamer -grüner Pflänzchen, wie abgezirkelt standen sie im Kranz -mitten auf totem verbranntem Land; im schwefligen -Licht, das die Nacht erhellte, sah er deutlich ihr giftiges -Grün.</p> - -<p>Hilfe, Hilfe! Der Hexenkranz! Hatte ihn seine -Mutter nicht schon als Kind dort, sich bekreuzend, vorüber -geführt und scheu geflüstert: „Hei es’t net geheuer!“ -Da tanzten vormals die Hexen, und loderndes -Feuer prasselte auf. Der Boden verbrannte unter ihren -Füßen; nur diese Pflänzchen sproßten, grüne Stengel, -ohne Blatt und Blüte, das einzig Lebendige ringsum.</p> - -<p>„Pittchen, Pittchen!“</p> - -<p>Wer rief?</p> - -<p>Im Flammenschein hüpften ihm Gestalten entgegen -mit raschelnden Röcken und flatternden Haaren, -sie lachten und winkten und riefen und streckten die -Arme nach ihm und reichten sich die Hände und wirbelten -um ihn in tollem Tanz. Immer toller, toller -— immer wilder, wilder — Weiber, Weiber, lauter -Weiber!</p> - -<p>Und auf einmal stand die Zeih mitten im Kreis, -sie hatte die Seidenschürze wie ein Mäntelchen um die -Schultern hängen und den neuen roten Unterrock an -— weiter nichts. Sie schlug die andren auf die ausgestreckten -Finger und lachte hell.</p> - -<p>„Dän es mein!“ Sie warf den Unterrock und -die Schürze ab — da stand sie nackt und schön im -Flammenschein und sprach gebieterisch: „Kaaf mer e -nei Kleid!“</p> - -<p>Laut kreischten die andren auf, heulend sprangen -sie in die Höhe, sie wurden zu Flammen, die ihm entgegenzüngelten -— — —</p> - -<p>„Jesus! Maria! Josef!“ — Da, der Boden -wich ihm unter den Füßen, er that einen tiefen Fall, -abgrundtief — — — — — — — — — — — -— — — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Mit einem Schrei erwachte Pittchen.</p> - -<p>Der Mond schien hell durch’s unverhängte Fensterchen, -mitten auf das zerlumpte Federbett. Der Kopf -der Zeih lag schwer auf seiner Brust und drückte ihn.</p> - -<p>Sie schlief mit offnem Mund und schnarchte regelmäßig.</p> - -<p>Noch vom Grauen des Traumes erfaßt, rüttelte -er sie: „Zeih, Zeih, Zeih!“</p> - -<p>Sie wachte nicht ganz auf, schlaftrunken öffnete sie -nur ein Spältchen die schwarzen Lider.</p> - -<p>„Dat Kleid,“ lallte sie. — „Kleid — kaaf mer e -schien nei Kleid!“</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="VI" id="VI">VI.</a></h2> -</div> - - -<p>Lucia Miffert hatte ihren Mann seit Wochen gequält, -den ganzen Tag und die Nacht auch. Sie hatte -sich angeschmiegt wie ein bittendes Kind und ihn dann -wieder spröde von sich gestoßen. Sie hatte gebettelt, geschmollt, -gedroht; sie bestand auf ihrem Recht, sie -wollte ihr neues Kleid.</p> - -<p>Seit gestern war der Reisende wieder im Dorf. -Mit Wut und Angst im Herzen hatte Pittchen das -Wägelchen ankommen sehen; hinten aufgeschnallt wankten -zwei hohe Musterkoffer.</p> - -<p>Beim alten Krumscheid war der Reisende abgestiegen, -da hatte er seine Muster und Waren zur -Schau ausgelegt. Die Weiber rannten hin und staunten -und feilschten; auch Lucia war unter ihnen. Sie blieb -stundenlang aus; längst waren die andren zurück — -Peter hatte aufgepaßt — noch immer kam sie nicht! -Da ging er hin, sie zu holen.</p> - -<p>Es war ein trüber Herbsttag. Unten im Thal -an geschützten Stellen war’s zwar noch leidlich, aber -oben auf den Höhen sauste der Oktoberwind mit Ungestüm -und fegte ganze Lawinen welker Blätter die -Hänge hinunter. Der Wald stand traurig.</p> - -<p>Die Dorfstraße war schmutzig, zum Durchwaten; -an Stellen, wo das Pflaster fehlte, sank man ein bis -über die Knöchel. Ein modriger Geruch stieg von -Hütten und Ställen auf, es hatte acht Tage ohn’ -Unterlaß geregnet.</p> - -<p>Gegen das Ende des Thales, nach Himmerod, -war die Aussicht versperrt; die Ruinen des heiligen -Bernardus hüllten sich in Regendunst und Nebelwolken. -Quirlend, brausend wirbelte die Salm dahin; ihr -klares Wässerchen war zu lehmigten Wogen geworden -mit Köpfen von milchigem Gischt.</p> - -<p>An allen Ecken und Enden tropfte es; vom Himmel -herab, der sich wie ein Trauertuch spannte; von -den Bäumen, die zitternd die schwarzen Äste reckten — -hie und da hielt noch eine Eberesche an der Chaussee -eine Dolde verschrumpelter, roter Beeren fest —; von -den Dächern, die, triefend, tief über den durchweichten -Hausmauern hingen.</p> - -<p>Alles war dunkler von Nässe, ohne Farbe, schwer -und unlustig.</p> - -<p>Als Peter am Schneiderschen Häuschen vorbeiging, -hörte er hinten vom Stall her, über den Hof -weg, jammernde Rufe schallen, Heulen und Winseln. -Er guckte in das papierverklebte Fenster vorn neben -der Hausthür. Drinnen in der Stube lag der alte -Schneider im Bett, da kroch er hinein, sowie es kalt -wurde; die Frau saß am Tisch, hatte ihren Kaffeenapf -vor sich und tupfte mit dem Finger die letzten Brotbröselchen -von ihrer Schürze.</p> - -<p>Wieder das Geheul, das nichts Menschliches hatte! -Und doch schrie kein Tier.</p> - -<p>Peter klopfte an die Scheiben: „Hä, ihr! Wat -es denn hei passiert?“</p> - -<p>Die Schneidersch öffnete das Fenster ein Ritzchen -und steckte ihre spitze Nase heraus. „Dat Bäbb,“ sagte sie -lakonisch und wollte eilends wieder zuschlagen, als fürchte -sie, ein Atom Wärme möge von drinnen entweichen.</p> - -<p>„Haalt!“ Pittchen klemmte die Faust zwischen -das Fenster. „Et schreit doch e su! Gieft dann de -Weis-Fra von Oberkail net geruf?“</p> - -<p>„Saogt doch liewer gleich: dän Hähr Dokter!“ -Die Alte wackelte ärgerlich mit dem grausträhnigen -Kopf. „Ihr haot wohl dat gruße Los gezillt<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>? Mir -sein arme Leit, mir haon neist öwrig. Laoßt se schpektaklen, -se werd schuns rohig gänn!“</p> - -<p>Und vom Bett her schalt die zornige Stimme des -Alten: „Wat es dat for en Manier?! Dat Fenster -zugemaach, Zapperloot.“ Er hüstelte und schimpfte; -rasch schlug die Schneidersch zu.</p> - -<p>Peter zögerte noch einen Augenblick. Horch, -wieder schlug der scharfe, gellende Jammerschrei an sein -Ohr! Das Blut wich ihm aus dem Gesicht, sein -Herz setzte den Schlag aus; ein Grausen kam ihn an. -Noch deutlich stand ihm die Stunde vor Augen, in -der das Josefchen geboren worden. Aber da hatte -die weise Frau am Lager gesessen, ein Strom der Beruhigung -ging von ihrer gewichtigen, geheimnisumwobenen -Persönlichkeit aus; sie hatte den fetten Zeigefinger -erhoben: „Dat elao kömmt e su leicht dervon -wie en Katz. — Pittchen, kocht mer en Kaffee!“</p> - -<p>Und jene da, abseits in der Kammer neben dem -Stall, lag verlassen wie ein hilfloses Tier. Peter -rannte weiter, er konnte das Jammern, das jetzt in ein -ruckweises Stöhnen überging, nicht mehr anhören; das -Herz wurde ihm davon zusammengepreßt und die -Tropfen herausgequetscht. Sie traten ihm in die -Augen.</p> - -<p>Geld, Geld! Ja, wer Geld hatte, der konnte sich -alles gewähren, auch Hilfe in der Not! Der brauchte -nicht zu leiden.</p> - -<p>Geld, Geld! Eine Gier überkam ihn. Er fuhr -sich in die Tasche — verflucht, nur ein paar lumpige -Kupferpfennige darin!</p> - -<p>Ja, wenn da Thaler geklappert hätten, harte -Silberthaler! Dann konnte er der Zeih ein Kleid kaufen -— noch mehr — alles, was ihr Herz begehrte! Dann -würde sie nicht im Wirtshaus sitzen und dem Reisenden -um den Bart gehen; sie würde nicht mehr schmollen, -nicht mehr weinen, nein, sie würde die Arme um seinen -Hals schlingen und unter Küssen flüstern: ‚Pittchen, -mein anziger Schatz, wat haon ech dech liew!‘</p> - -<p>Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, tropfte -herunter und vermischte sich mit dem Naß seiner Augen. -Und dabei überlief ihn ein Frösteln. ‚Mir sein arme -Leit‘, hatte die Schneidersch gesagt — — — — —</p> - -<p>‚Arme Leit — armes Pittchen‘ pfiff der Wind -ihm entgegen. Wie mit Geisterhand strich es ihm -über’s Gesicht. Wenn die Bäbbi nun umkam, krepierte -da hinten in der verlassenen Kammer —?! Wenn die -Zeih ihm untreu wurde —?! Er schüttelte sich wie -im Fieber, eine unbezwingliche Angst packte ihn und -zugleich ein Grimm. Er ballte die Faust im Sack in -ohnmächtiger Wut. — Geld, Geld!</p> - -<p>Immer noch hörte er das Jammern, es mischte -sich mit dem Sausen des Windes und dem Brausen -der Salm. Zweifelnd, unschlüssig stand er. Sollte -er nicht hinlaufen nach Oberkail und auf eigne Faust -die weise Frau holen? War es nicht Menschenpflicht, -Christenpflicht? Würde ihm die Gutthat nicht vergolten -werden vom himmlischen Vater, schon hier auf -Erden, bald, jetzt?</p> - -<p>„Hahaha!“</p> - -<p>Wer hatte da gelacht?! Erschrocken sah er sich -um, das eigne Hohngelächter gellte ihm in den Ohren.</p> - -<p>Der da oben — haha — ja, das hatte sich was -mit der Vergeltung. Die gab’s nicht.</p> - -<p>Er hatte ein Hungerleben geführt, seit er denken -konnte; war’s nun nicht endlich Zeit, daß er in der -goldnen Kutsche fuhr und seiner Zeih Kleider kaufen -konnte, so viele die wollte?</p> - -<p>Die Zeih, ja die — hin, schnell! Der mußte er -das Scharmuzzieren legen. Nur schnell, sehen, was -die macht! Dann hin nach Oberkail.</p> - -<p>Dicht vor’m Wirtshaus stieß er auf Tina. Sie -trug einen Kamm mit großen, blauen Steinen im Haar -und ein bunt-schottisches Knüpftüchelchen um den Hals. -Sie schlenkerte den Rock und drehte sich; sie wurde alle -Tage hübscher, das sah er doch.</p> - -<p>„Pittchen,“ rief sie und lachte, daß alle ihre Zähne -blitzten. „Eweil sein ech fein, gäl? Dän Kamm haon -ech gekaaft, dat Düchelchen“ — sie verdrehte die Augen -in der fruchtlosen Anstrengung, sich selber zu bewundern -— „dat haon ech zukritt.“</p> - -<p>„Maanswäjen,“ brummte er.</p> - -<p>„Pittchen,“ — schon hing sie schmeichelnd an -seinem Arm — „kaaf mer noch ebbes!“</p> - -<p>Ohne etwas zu sagen, schüttelte er verneinend -den Kopf.</p> - -<p>„Dau moßt — Pittchen, nor e klaan Andenken.“ -Schnell sah sie sich um, dann strich sie ihm rasch über -die Backe, ihr Ton war bittend: „Pittchen!“</p> - -<p>„Ech haon ke Gäld!“</p> - -<p>„Dau Lappes!“ Sie stieß ihn von sich, daß er -gegen die Hauswand taumelte.</p> - -<p>Mißmutig trat er in die Schenkstube. Da saß -der Reisende auf dem einzigen Polsterstuhl des Hauses, -und auf der Bank, dicht neben ihm, die Zeih. Sonst -war kein Mensch im Zimmer.</p> - -<p>Eine Flasche Erdener hatten sie vor sich, eine geleerte -stand schon am Boden. Der mußte der Zeih -fleißig eingeschenkt haben; sie glühte wie roter Mohn, -ihre Augen waren kleiner geworden und schwimmend.</p> - -<p>Als sie ihren Mann erblickte, sprang sie freudig -auf. „Pittchen! Eweil kommste?! Hähr Reisender,“ -— vertraulich legte sie ihre Hand auf den Arm des -Städters — „wollen Se eweil net su gud sein, on Ihr -Mustren nehme giehn? Dat Pittchen es hei, for dat -Kleid zo kaafen!“</p> - -<p>War sie toll? Peter zupfte sie am Rock, er riß -ihn ihr fast aus den Falten; sie hörte nicht. Beide -Ellbogen auf den Tisch gestemmt, studierte sie das -Musterbuch, das ihr der Reisende vorgelegt hatte.</p> - -<p>„Dat rote oder dat blaoe? Wat es nau schiener?“ -Sie legte zweifelnd den Kopf auf die Seite.</p> - -<p>„Nehmen Sie das blaue,“ redete der Reisende zu, -„die Elle kostet nur ein Kastemännchen<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> mehr. Sie -haben dafür aber ganz andre Ware. Ein Kastemännchen -spielt doch keine Rolle!“</p> - -<p>„Nä,“ sagte Lucia.</p> - -<p>Peter gab ihr einen Puff. „Biste gäck?“ raunte -er ihr zu.</p> - -<p>„Also das blaue?“ fragte der Reisende.</p> - -<p>„Dat blaoe. On wie vill Ehlen haon ech netig?“</p> - -<p>„Siebzehn. Pro Elle fünfzehn Silbergroschen, -macht fünfundzwanzig Mark fünfzig Pfennig, oder — -die neue Währung werden Sie hier noch nicht so recht -kapieren — acht Thaler fünfzehn Silbergroschen. Für -dieses Kleid ein Spottgeld!“</p> - -<p>„Jao, dat es et aach. Gäl, Pittchen?“ Freudig -erregt drehte sich Lucia nach ihm um.</p> - -<p>„Acht Thaler —?!“ Er stand betroffen. Acht -Thaler — —! Die Stube schien mit ihm herum zu -tanzen, es schwindelte ihm. Acht Thaler — woher -sollte er die nehmen?!</p> - -<p>„Gäl, Pittchen, mei nei Kleid es wonnerschien?!“ -Sie jauchzte fast.</p> - -<p>„Komm — eweil kann ech net — ech — net heit, -en annermal — villeicht morjen,“ murmelte er verlegen. -Er faßte über ihre Schulter und schlug ihr das Musterbuch -vor der Nase zu. „Pisack’ mech net e su!“ Und -dann klang seine Stimme rauher, ganz heiser: „Ech -haon ke Gäld.“</p> - -<p>„Ach was!“ Der Reisende lächelte. „Für so’n -hübsches Weibchen muß man immer Geld haben!“</p> - -<p>Dies verdammte Lächeln! Peter krampfte die -Hände zusammen und riß sie wieder auseinander, -daß alle Gelenke knackten. Lucias Blick ruhte flehend -auf ihm; jetzt glaubte er eine gewisse Verachtung darin -zu entdecken, jetzt wendete sie ihre Augen ab. Ihre -Brauen waren zusammengezogen, ihre Lippen aufgeworfen; -sie kehrte ihm den Rücken.</p> - -<p>„Zeih, hör ehs!“</p> - -<p>Sie gab gar nicht Acht auf das, was er sagte. -Sie stand dicht vor dem Reisenden — der war ein -großer hübscher Mann und paßte gut zu der großen -hübschen Frau — und flüsterte ihm etwas zu.</p> - -<p>Was hatten die miteinander zu tuscheln?! Als -wäre der Ehemann garnicht dabei, so ungeniert benahmen -die sich! Immer dichter steckten sie die Köpfe zusammen.</p> - -<p>„Zeih!“ Zitternd stieß Pittchen ihren Namen -hervor.</p> - -<p>Der Reisende lächelte, und Lucia kicherte.</p> - -<p>„Eweil maachste en End!“ Miffert schlug auf -den Tisch, daß die Gläser klirrten.</p> - -<p>„Seien Sie doch nicht ungemütlich.“ Der Reisende -zwinkerte der jungen Frau zu und klopfte dem Erregten -auf die Schulter. „Ich bitte Sie, Herr Miffert, was -ist denn da lange Überlegens?! Ich will Ihnen gern -entgegenkommen; Sie zahlen mir jeden Monat einen -Thaler ab, das merken Sie gar nicht, in achteinhalb -Monaten sind wir quitt.“</p> - -<p>„Nä.“ Peter sah unschlüssig zu Boden, aber er -bemerkte doch, wie die Zeih den Herrn zupfte.</p> - -<p>„Wahrhaftig kein Geschäft! Ich will Ihnen noch -mehr entgegenkommen — ’s thut mir wahrhaftigen -Gott leid, daß die junge Frau nicht das Plaisir haben -soll — den halben Monat, die fünfzehn Groschen will -ich gar nicht von Ihnen haben. Nur acht Thaler! -Halb geschenkt! Menschenskind, seien Sie doch nicht so -stierköpfig! Wenn ich so’n hübsches Weibchen hätte — -gelt, mein Kind?!“ Er kniff Lucia in die tiefgerötete -Wange.</p> - -<p>Peter fühlte einen bitteren Geschmack auf der -Zunge; das Blut wallte ihm so jäh zu Kopf, daß seine -Augen undeutlich sahen. Ein wirres Durcheinander -wogte um ihn, durchschossen von feurigen Punkten. -Und die feurigen Punkte fügten sich zu Buchstaben: -Geld, Geld! — Und aus allen Ecken kreischte es: Geld, -Geld! — — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Lucias erwartungsvolles Gesicht tauchte dicht vor -ihm auf: „Gäl, Pittchen, eweil kaafste’t?“</p> - -<p>Sie lächelte ihn an; nun spielte sie mit seiner -Hand und puffte ihn mit dem runden Ellbogen leicht -in die Seite. „Pittchen!“ Tausend Bitten, tausend -Versprechungen lagen in dem einen Wort!</p> - -<p>„Acht lumpige Thaler! Seien Sie doch nicht so -ungalant!“</p> - -<p>„Hol mech der Deiwel, här met dem Kleid!“ -Peter wußte kaum mehr, was er sprach. „Äwer uf -Ahfzaohlung will ech net, mir sein kein Lumpenpackasch. -Här met dem Dreck — wat kost de Welt, ech will se -zaohlen!“</p> - -<p>„Ich werde unserem Geschäftshaus Order geben, -daß man Ihnen mit wendender Post per Nachnahme -das Gewünschte zugehen läßt, Herr Miffert!“</p> - -<p>„Wohl, wohl,“ nickte Peter. Lucia hing an seinem -Hals, ganz närrisch vor Freude.</p> - -<p>„Es ’t waohr, es ’t aach wirklich waohr? Kriehn -ech dat Kleidche? O Pittchen, ech haon dech e su liew!“</p> - -<p>Das war’s, worauf er gewartet hatte. Nun mit -ihr allein sein, nun sie herzen und drücken und sich -betäuben an ihren Küssen! Er wollte sie zur Thür -ziehn; willig wäre sie mit ihm gegangen, aber der -Reisende vertrat ihnen den Weg.</p> - -<p>„Das wäre! Ne, Sie dürfen mich nicht hier -mutterseelenallein sitzen lassen, bei dem abscheulichen -Wetter, in diesem öden Drecksnest! Habe ich Ihnen -dafür zu dem Kleid verholfen, schöne Zeih? Kommen -Sie, Miffert, wir trinken en Schöppchen!“ Er pfiff -und sang:</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Dann setzen wir uns hin,<br /></span> -<span class="i0">Wohl auf das Kanapee,<br /></span> -<span class="i0">Und singen: Dreimal hoch<br /></span> -<span class="i0">Das Kanapee!<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Das neueste vom Jahr, frisch importiert aus der -Haupt- und Residenzstadt Berlin. Ja, seit wir Siebzig-Einundsiebzig -hinter uns haben, haben wir Pli gekriegt. -Sowas kennen Sie hier noch nicht, was?“</p> - -<p>„Dat es schien!“ Zeih riß begierig die Augen -auf. „Sein Se so gud, singen Se’t noch ehs!“</p> - -<p>Als er den Singsang wiederholte, summte sie mit; -sie hatte ein gelehriges Ohr.</p> - -<p>Und der Reisende gab Couplet auf Couplet zum -besten, sie konnte sich gar nicht satt hören; ihre Augen -tanzten förmlich, ihre Lippen bewegten sich, leis murmelnd, -wie beim Rosenkranzbeten.</p> - -<p>Pittchen hatte den Arm um sie gelegt. Der Reisende -hatte ihm eingeschenkt, nun wurde auch er fidel.</p> - -<p>Der Nachmittag ging schon in den Abend über; -die frühe Dämmerung stahl sich in’s Fenster, noch -früher als sonst durch den finster umzogenen Himmel -und die regenschwangere Luft.</p> - -<p>Der Krumscheid brachte schon wieder eine Flasche -und zwar nicht vom schlechtesten. Das war ein Mosel, -der sich süffig trank, aber der’s in sich hatte; er lief -durch die Adern, wie prickelndes, fröhliches Leben.</p> - -<p>„Spielen Sie auch Karten, Herr Miffert?“ fragte -der Reisende. Die hübsche Frau fing an, ihn zu langweilen; -da er doch nicht mit ihr allein war, was -nutzte ihm da ihre Bewunderung?! „Machen wir ’n -Spielchen!“</p> - -<p>Peter dachte an seine paar Kupferpfennige. Verflucht, -wenn er jetzt Geld hätte! Die Eifeler spielten -nicht gern mit ihm, sie schimpften ihn ‚Fauteler‘<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a>, -und wenn er gewann, gab’s jedesmal Prügelei. Fatal, -nun hatte er so schöne Gelegenheit, seine Geschicklichkeit -zu nutzen, und da mußte er nun kein Geld haben, nicht -einmal den niedrigsten Einsatz! Geld, Geld — —! -Seine Augen funkelten.</p> - -<p>Der Reisende warf einen Thaler auf den Tisch. -Als hätte er Pittchens Gedanken erraten, sagte er: -„Ich pumpe Ihnen. Was spielen wir denn?“</p> - -<p>„Sechsunsechzig. Hä, Wirtschaft, Kaarten! Licht.“ -Peter mischte; die verfetteten, vom Schmutz dick -gewordenen Karten flogen durch seine Hände, als seien -es Rosenblätter. Und dabei wendete er keinen Blick -von dem Thalerstück auf dem Tisch, wie ein Magnet -zog ihn das runde Silber an. Solcher Dinger brauchte -er acht — nein, noch mehr, mehr! Er hatte das Hungerleben -satt.</p> - -<p>Unwillkürlich, fast wider seinen Willen, streckten -sich seine Finger aus; er nahm den Thaler in die Hand -und betrachtete ihn.</p> - -<p>„So gut wie neu,“ sagte der Reisende, „und ganz -echt. Unser Kassierer hat sich mal ’nen falschen anschmieren -lassen; den haben wir ihm an die Kasse -genagelt — haha! Aber nu los; nu wollen wir sehn, -wer mehr Glück in der Liebe hat — Sie oder ich!“ -Er sah dreist die junge Frau an und lachte.</p> - -<p>Peter lachte auch; ein schlaues und zugleich grimmiges -Lächeln verzog seine Lippen.</p> - -<p>Sie spielten. Den Reisenden amüsierte es, wie -eifrig der arme Teufel bei der Sache war. Hätte man -wohl einem hier aus dieser ‚zurückgebliebenen, unkultivierten -Gegend‘ so viel Gewandtheit zugetraut? Und -Glück hatte der. Immer bekam er die besten Karten; -er gewann.</p> - -<p>Zeih sah dem Spiel zu, das heißt, sie blinzelte -mit verschlafenen Augen drein, der ungewohnte Weingenuß -hatte sie müde gemacht; sie lehnte sich hintenüber -an die Wand. Pittchen bemerkte nicht, daß der -Reisende unter’m Tisch ihr Knie drückte. Sie ließ es -sich gefallen, sie rückte ihm näher, ihr Kopf neigte sich -immer mehr zur Seite, bis er ihm an die Schulter -sank. Sie hatte einen kleinen Rausch.</p> - -<p>Draußen war es stockdunkel. Regen klatschte an’s -Fenster, ein starker Wind hatte sich aufgemacht und -heulte mit wilder Stimme. Ungestüm stieß er gegen -das Haus, die Läden klapperten, lose Riegel drehten -sich kreischend. Es war ein seltsames Pfeifen und -Ächzen, ein unheimliches Wimmern in der Nacht.</p> - -<p>Peter war ganz beim Spiel, auf seinen Backenknochen -zirkelten sich rote Flecken ab. Der Reisende -schenkte ihm wacker ein; er trank wacker aus. Er hatte -einen unauslöschlichen Brand in sich, einen Durst, der -gar nicht zu stillen war. Schon wurde sein Blick unklar, -er sah alles doppelt. — — — — — Da war -das Thalerstück, nicht einmal, nein, zwei, drei, vier, -fünf, sechs, siebenmal — hundertmal! Hei, die Thaler! -Das war schön, wenn die sich so mehrten. Thaler -— wie die sich in der Hand fühlten, glatt und -rund! Thaler — die klapperten im Sack; herrliche -Musik! Thaler — die machten den Knecht zum Herrn, -das arme Pittchen zum reichen Peter! Thaler — -Thaler — — — —!</p> - -<p>Er schnalzte mit der Zunge und leckte sich die -Lippen; der Gaumen war ihm trocken, sein Schlund -war so ausgebrannt, wie oben der Krater auf dem -Mosenkopf. Mechanisch ergriff er sein schon wieder gefülltes -Glas und trank es leer auf einen Zug.</p> - -<p>„Glück im Spiel, Unglück in der Liebe,“ lachte -der Reisende und legte der verschlafenen Zeih den Arm -um die Schultern. „Da, stecken Sie ein, Sie haben -ihn gewonnen!“ Er schob den Thaler über den Tisch.</p> - -<p>Peter faßte gierig zu und hielt dann das Thalerstück -fest in der krampfhaft geschlossenen Faust. Er -achtete es nicht, daß der Herr jetzt die Zeih küßte; all -seine Sinne, sein ganzes Denken waren bei dem runden -Silber. Es blinkte überall, auf dem Tisch, auf dem -Boden, an den Wänden, es füllte den Raum von der -Diele bis zur Decke.</p> - -<p>„Tha—ler,“ lallte er.</p> - -<p>„Ehr—lich — ge—won—nen!“ sagte der Reisende. -Jede Silbe kam zwischen einem Schlucken. Er war -auch nicht mehr ganz nüchtern.</p> - -<p>„Mei — mei Kleid,“ stammelte die Zeih.</p> - -<p>Es wurde still in der Schenkstube, das Spiel -hatte ein Ende.</p> - -<p>Der Reisende hielt die Zeih im Arm; sie staunte -mit starr aufgerissenen Augen, in stummer Bewunderung, -seine dicke goldene Talmikette und die falsche Brillantnadel -in seinem Schlips an.</p> - -<p>Peter saß am Tisch in seiner beliebten Stellung, -beide Ellbogen aufgestützt, den Kopf zwischen die Hände -geklemmt und stierte vor sich hin. In seiner Brusttasche -brannte der Thaler, durch Rock und Hemd durch fühlte -er ihn, bis auf die bloße Haut.</p> - -<p>Da schlorrte was draußen an der Thür. Nun -wurde sie geöffnet, die alte Schneidersch wankte herein. -Ein großes Tuch hatte sie über den Kopf gezogen; geblendet, -wie eine lichtscheue Eule guckte sie darunter -vor.</p> - -<p>„Was ist denn das für ein Hutzelweib? Haha! -Nur herein, Hutzelweibchen,“ schrie der Reisende.</p> - -<p>Träumte der Peter, oder wachte er? Wie -hinter einer dicken Mauer, die den Schall dämpft, hörte -er die Alte sprechen. Horch! Sagte sie nicht, das -Bäbb wäre tot, und der Peter Miffert sollte kommen, -den Sarg zunageln? — — — — — — — — — -— — — — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Er fuhr auf aus seinem Dusel; die scharfe Stimme -der Alten zeterte nach dem Krumscheid, und als dieser -kam, verlangte sie Branntwein, ein halbes Mäßchen.</p> - -<p>„Dat Bäbb es schwaach gefaal<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a>, eweil moß et -ebbes Herzliches einholen.“ Sie kostete und leckte sich -dann die Lippen. „Duh werd et schuns noch ehmaol -ufgerappelt gänn. Ah —!“</p> - -<p>„Reiwt er aach ebbes unner de Naos,“ riet der Wirt.</p> - -<p>„Sauft hän net onnerwegs aus,“ schrie Peter.</p> - -<p>Er wurde plötzlich so wütend, daß er Miene -machte, sich auf die Schneidersch zu stürzen. „Wat -haot Eich dat arm Dier gedahn, dat Ihr et krepiere -laoßt, lao hinnen im Stall — hä?“</p> - -<p>Er rüttelte die Alte. „Wuh es de Weis-Fra, hä, -dau schandluse, alde, knahschtige<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> Hex?!“ Seine Hand -hob sich zum Schlag, die Alte wich aus, das Mäßchen -wackelte, kippte über, der Branntwein floß auf die -Diele.</p> - -<p>Kreischend und schimpfend kauerte sich die Schneidersch -nieder und tupfte mit dem Finger den köstlichen -Fusel auf; sie leckte und schleckte, am liebsten hätte sie -die Diele mit der Zunge aufgewischt.</p> - -<p>Der Reisende wand sich vor Lachen — war dieses -arme Volk urdrollig! Er lachte Thränen.</p> - -<p>Peter stand mit geballten Fäusten; wollte er die Alte -niederschmettern? Nein, er gab sich selbst eins vor die -Stirn, daß er ein paar Schritt zurücktaumelte.</p> - -<p>„Wirt, geben Sie der Frau doch ’n ordentlichen -Droppen für ihren Durst,“ rief der Reisende. „Hahaha! -Auf meine Rechnung!“</p> - -<p>Krumscheid näherte sich mit Schnapsflasche und -Mäßchen; fluchend riß ihm Pittchen die noch halbvolle -Buttel aus der Hand, setzte sie an und trank sie leer. -Grell lachend taumelte er dann gegen die Wand.</p> - -<p>Er hatte genug. Jetzt fühlte er nicht mehr Gewissensbisse, -jetzt hörte er nicht mehr Jammern und -Winseln draußen in der Nacht. Jetzt plagte ihn der -Thaler nicht mehr, der Teufel, der rund und blank -über den Tisch kollerte.</p> - -<p>Mit verglasten Augen, den Kopf auf die Brust -hängend, torkelte er zur Stubenthür.</p> - -<p>Zeih sprang auf. „Eweil moß ech giehn, ech kann -eweil net mieh hei bleiwen!“</p> - -<p>„Warum nicht gar?!“ Der Reisende zog sie mit -Gewalt nieder. „Jetzt bleibst du erst recht hier, mein -Schätzchen!“</p> - -<p>„Ech moß hän hämführen. Hän könnt en Malör -kriehn, mei Pittche!“</p> - -<p>„Der?! Haha! Wenn er im Dreck liegt, wird -er schon aufstehn. Donnerwetter, was der Wind heult! — -Scheert Euch fort, alte Madam, so verlegne Ware wird -nicht mehr verlangt — haha! — — — auf meinen -Schoß, schöne Zeih!</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Dann setzen wir uns hin<br /></span> -<span class="i0">Wohl auf das Kanapee — —“<br /></span> -</div></div></div> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="VII" id="VII">VII.</a></h2> -</div> - - -<p>Erster Flatterschnee war gegen Morgen gefallen, -in die Lachen und Pfützen gesunken und da zerflossen; -aber er strömte, auch nicht mehr sichtbar, eine winterliche -Kälte aus. Er steckte in der Luft, die naßkalt -und scharf wie mit Messern schnitt; er dräuete in dem -Himmel, der gleichmäßig grau und schwer über’m -Thal hing.</p> - -<p>Verschrumpelter schienen die wenigen Blätter, die -Ebereschen hatten ihre letzten Beeren verloren; Krähen -kamen unruhig von den Bergen herunter und saßen -krächzend auf den Dachfirsten.</p> - -<p>Wer kein Reisig aufgestapelt hatte, fror; die -Hütten waren dumpf wie die Keller.</p> - -<p>Peter Miffert lag noch im Bett; die zerlumpte -Decke hatte er bis an die Nase gezogen, aber er schlief -nicht. Mit düstren Augen starrte er nach Lucia, die -am kalten Herd saß, das Kind an der Brust.</p> - -<p>Sie hatte sich einen alten Deckenfetzen um die -Schultern gehängt, fröstelnd zog sie ihn fest um sich. -Sie war ganz blaß, nur ihre Nasenspitze rot verfroren; -jetzt nieste sie, und das Josefchen hustete.</p> - -<p>Peters Stirn zog sich in noch tiefere Falten; über -der linken Braue hatte er eine mächtige Beule, das -Auge war schwarz-blau unterlaufen. Der Kopf schmerzte -ihn und war so schwer wie ein Wackelstein; er -stöhnte.</p> - -<p>„Willste ebbes, Pittchen?“ Zeih sah nach -ihm hin.</p> - -<p>„Et es kalt, — brrrr.“ Er klapperte mit den -Zähnen.</p> - -<p>„Ech hoan ken Holz.“</p> - -<p>„Verflucht!“ Peter drehte sich nach der Wand -um und sprach nicht mehr.</p> - -<p>Sie sagte auch nichts.</p> - -<p>In der Stube war’s frostig, noch frostiger durch -das Halbdunkel, das darinnen herrschte; Zeih hatte einen -Lappen vor das Fensterchen gehängt, sonst pfiff der -Wind allzu ungehindert durch die Ritzen. In trauriger -Mißfarbe schimmerten die nackten Wände, hie und da -war der Bewurf abgebröckelt, und der rohe Stein kam -zum Vorschein. Im Estrich waren tiefe Mulden ausgetreten. -Der Holztisch war lange nicht gescheuert, -Bank und Schemel auch nicht; auf dem Tellerbord -standen die Schüsseln zerbrochen.</p> - -<p>Lucia gähnte, es war ihr recht öd im Magen; -prüfend sah sie sich um — war denn gar nichts da, um -die Flauheit wegzubringen und den Hunger, der allmählich -anfing, ihr den Magen zusammen zu krampfen? -Ein warmer Kaffee würde ihr gut thun. „Ha!“ Sie -schmeckte ihn schon in Gedanken.</p> - -<p>Leise, um ihren Mann nicht zu stören, schlich sie -auf den Zehen an den Tellerbord. Auch nicht eine -Bohne mehr in der Düte, kein Happen Brot mehr da!</p> - -<p>Trübselig starrte sie vor sich hin; da fiel’s ihr -plötzlich ein, hatte der Peter nicht was gewonnen, gestern -abend beim Kartenspiel? Daß sie das vergessen -konnte! Ja, einen Thaler, einen ganzen harten Thaler! -Vor Freuden machte sie einen Satz, daß ihr das Kind -fast aus den Armen geglitten wäre; sie lief an’s Bett.</p> - -<p>„Pittchen, hä, Pittchen, mir haon jao wat vergäß!“ -Sie lachte und fing an, Hose und Rock, die am Fußende -lagen, zu untersuchen. „Hei!“ Sie hielt -triumphierend den Thaler in die Höhe, „eweil sein -mir aus aler Bredullich!“<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a></p> - -<p>Er hatte sich halb aufgerichtet, mit blöden Augen -starrte er sie an. Jetzt schien ihm plötzlich das Verständnis -zu dämmern, mit einem Satz war er aus dem -Bett und zog ihr den Arm herunter. „Giefste här!“</p> - -<p>Sie nahm das als Spaß und lachte vergnügt.</p> - -<p>Er riß ihr unsanft das Geldstück aus der Hand. -„Onnerstieh dech noch ehs. Dän Dahler es mein!“</p> - -<p>„Äwer Pittchen!“ Ganz betroffen sah sie ihn an -— was war ihm denn? Sonst behielt er doch nichts -für sich!</p> - -<p>Sie streckte wieder die Hand aus: „Gief doch -här, ech moß ebbes kaafe giehn. Et es su kalt hei, -ons Josefche hust!“</p> - -<p>„Laoß mech zofrieden,“ murmelte er, sprang -wieder in’s Bett und hielt den Thaler in der geschlossenen -Faust unter der Decke versteckt.</p> - -<p>„O Jesses, on ech haon e su en Appetitt!“ -Thränen füllten rasch ihre Augen, aber sie sagte nichts -mehr; Vorwürfe machen, war nicht ihre Art, sie nahm’s -eben, wie’s kam. Resigniert setzte sie sich wieder auf -ihren Schemel.</p> - -<p>Das Kind fing kläglich an zu wimmern; Peter -sah das erbärmliche Gesichtchen, so welk und alt wie -das eines Alraunen. Er sah die dünnen winzigen -Hände, die in der Luft herumgriffen, und jetzt hörte er -das Husten, das Rasseln auf der kleinen Brust und den -pfeifenden Atem. Er sah auch, daß Zeih weinte. Die -dicken Thränen rollten ihr über die heut gar nicht -blühenden Wangen. Sie kam ihm plötzlich ganz elend -und abgezehrt vor.</p> - -<p>Es gab ihm einen schmerzhaften Stich durch’s -Herz; nur ein Wort hätte es ihn gekostet, eine Handbewegung: -‚Da hast du den Thaler‘, und sie wäre -aufgesprungen mit einem lustigen Juchhe, Freudenröte -auf den Wangen.</p> - -<p>Nein, nein! Wie ein Verzweifelter preßte er den -Thaler zwischen den Fingern; er konnte sich nicht von -ihm trennen. Der lag wie Blei in seinen Händen, -der klebte daran fest. Als hätte das tote Metall Leben -bekommen, so dehnte es sich in seiner Hand — es -wurde größer und größer, immer schwerer und schwerer, -es nahm ihn ganz in Beschlag mit Leib und Seele, es -wuchs und wuchs. — — — — Und eine Stimme -bekam es, die flüsterte, nur ihm allein verständlich, -flüsterte und flüsterte — — — — — — — — —</p> - -<p>Durch Peters Kopf rasten seltsame Gedanken. Sie -wurden darin herumgewirbelt, wie welke Blätter im -Gewittersturm. Düster hafteten seine Blicke auf dem -weinenden Weib und dem elenden Kind, glitten an den -öden Wänden auf und nieder und fuhren unstet durch -die kalte armselige Stube.</p> - -<p>Immer dringlicher flüsterte die verführerische -Stimme, immer verständlicher, immer klarer; und er -lauschte ihr, den Kopf auf die Brust geneigt, ganz versunken.</p> - -<p>Es klopfte; er fuhr aus seinem Brüten auf.</p> - -<p>Ein kleiner Schuljunge trat ein, Tafel und Federrohr -unter den Arm geklemmt; sehr wichtig und hochgeehrt -durch den ihm gewordenen Auftrag, brachte er -seine Botschaft vor:</p> - -<p>„Dän Pittchen soll eweil gleich beim Hähr Pastor -in de Kerch kommen, dän Kronleuchter es erunner geporzelt. -Hän leit eweil uf em Boden!“</p> - -<p>„Laoß hän liegen,“ brummte Peter. Er war unwillig, -wollte nicht gestört sein; er mußte lauschen, der -Stimme lauschen, die so vernehmlich zu ihm sprach. -‚Arm, arm — warum brauchst du arm zu sein? Es -liegt nur in deiner Hand — in deiner Hand —!‘ -Ja, in seiner Hand lag das Thalerstück, das kleine und -doch so mächtige Ding, das, nur von Menschenhand -geschaffen, doch die Welt regierte, tausendmal mächtiger, -wie der Herrgott im Himmel.</p> - -<p>„Wat stiehste noch hei?“ fuhr er den Knaben -an. „Hei gänn kein Maulaffen feil gehaal!“</p> - -<p>„Ihr sollt eweil kommen, bei den Hähr Pastor,“ -beharrte der Junge.</p> - -<p>„Jao, gieh doch, Pittchen,“ mischte sich die -Zeih ein.</p> - -<p>„Ech haon ken Zeit!“</p> - -<p>„Äwer bei den Hähr Pastor,“ sagte Lucia vorwurfsvoll, -„bei dän gaastlichen Hähr?! Daor muß -mer doch giehn!“</p> - -<p>„Gaastlich oder net gaastlich, ales ein Packasch! -Laoß mech zufrieden!“ Er hob die Hand gegen -den Knaben.</p> - -<p>„Maach, datste eraus kömmst!“</p> - -<p>„Gieh daor, Pittchen,“ redete Lucia zu. Sie hatte -das Kind hingelegt und faßte ihren Mann nun kräftig -unter die Achseln. „Eweil kriehste villeicht ebbes zu -verdienen!“</p> - -<p>„Ae, verdienen! Ech peifen druf!“</p> - -<p>„O Jeß, dän Honger!“ Zeih hielt sich den Leib -und krümmte sich. „De Gedärm sein mer eweil schuns -binnewennig zusammengeschnorrt — Pittchen, gieh -doch!“</p> - -<p>„In drei Deiwels Naomen!“ Fluchend streckte er -ein Bein aus dem Bett, wie ein Pfeil schoß der Knabe -zur Thüre hinaus, er fürchtete Prügel.</p> - -<p>Lucia lachte hinter ihm drein, und dann hielt sie -ihrem Mann die Hose hin. „Dein Buxen, Pittchen! -Hei es dat rechte Bein, hei dat linke!“ Sie half ihm -in die Kleider.</p> - -<p>Wie im Traum ließ sich Peter anziehen, seine -Gedanken waren weit weg. Zwischen den zusammengezogenen -Brauen saß eine grüblerische Falte; er brütete -in sich hinein und schrak zusammen, als ihm Zeih mit -einem lachenden: ‚Färdig‘ die Mütze auf’s Haar stülpte.</p> - -<p>Er sah nicht rechts noch links; mit hängendem -Kopf, den Blick zu Boden gesenkt, mit schlaff baumelnden -Armen und schlorrenden Füßen ging er die Dorfstraße -hinunter. Er beachtete kein ‚Gutentag‘ und keinen -Zuruf; er hörte auch nicht den Schrei eines neugeborenen -Kindes, der hell und kräftig über den Schneiderschen -Hof gellte.</p> - -<p>Ehe er in die Kirche trat, zog er in dem versteckten -Winkel beim Weihwasserbecken rasch noch einmal -den Thaler hervor. Sein düstrer Blick wurde -heller, wie er das Silberstück betrachtete; falkenscharf. -Ein triumphierendes Lächeln umspielte seinen Mund, -und um seine Augen zuckten schlaue Fältchen; er stand -ganz in Betrachtung verloren. Da, Geräusch! Er fuhr -zusammen, blitzschnell verschwand der Thaler in der -Tasche.</p> - -<p>Pferdegetrappel, Räderrasseln. Ein Wägelchen nahte; -der Reisende fuhr vorbei, zum Dorf hinaus. Peter -streckte den struppigen Kopf um die Ecke und sah ihm -mit höhnischem Grinsen nach, dann tunkte er gewohnheitsmäßig -den Finger in’s Weihwasser, bekreuzte sich -flüchtig und trat in die Kirche.</p> - -<p>Drinnen war der geistliche Herr. Die Hände -über’m Bauch gefaltet, auf dem guten Gesicht den Ausdruck -ratloser Verzweiflung, stand er vor den Trümmern -des ehrwürdigen Kronleuchters.</p> - -<p>Mitten in’s Schiff war der heruntergestürzt; viele, -viele Jahre hatte er schon an der weißgetünchten Decke -gehangen, seine tropfenden Kerzen hatten an hohen -Feiertagen gebrannt, mit ihrem zitternden Licht den -Andächtigen geleuchtet und dem geheiligten Raum eine -noch höhere Weihe verliehen. Wie ein himmlischer -Strahlenkranz, ewig wie Sonne, Mond und Sterne, -hatte er über der Gemeinde geschwebt; da war kein -Mensch im Dorf, der nicht mit Stolz zu dieser Hauptzierde -des Kirchleins hinaufgeblickt und bei besonderen -Gelegenheiten eine Kerze in den Kranz gestiftet hätte.</p> - -<p>Nun lag der Kronleuchter unten. Die Vergipsung -an der Decke hatte sich gelöst, in einer Wolke von -Staub war er niedergefahren, mit einem dumpfen -Dröhnen aufschlagend; Schutt und Kalk kamen nachgeprasselt, -ja, ein ganzer Mauerstein.</p> - -<p>Schreckensbleich eilte der Küster zum Pfarrer. Wer -sollte den Schaden nun reparieren? Das Einmauern -war nicht so schwer, aber der schöne Kronleuchter war -arg zugerichtet; seine zinnernen Arme waren verbogen, -die Stacheln, drauf die Kerzen gespießt wurden, und -viele der flachen Lichttellerchen darunter, abgebrochen.</p> - -<p>Der Pfarrer rang die Hände, der Küster jammerte. -Was würde das kosten, ließ man einen Künstler -kommen, der das wieder herstellen konnte?! Oder gar -das kostbare Stück per Axe weit über die Berge zu schaffen! -Immer wieder wischte sich der geistliche Herr mit dem -Sacktuch über die Stirn, nahm auch eine Prise um -die andre und trommelte nachdenklich auf die Schnupftabacksdose.</p> - -<p>Endlich sprach eines der Weiber, die sich neugierig -eingefunden hatten, von Pittchen.</p> - -<p>Der konnte alles. Der einen hatte er einen neuen -Boden in den Milcheimer gesetzt; der andren die Wanduhr, -die immer stehen blieb, zum Gehen gebracht; dieser -das plattgetretene und verbogene Amulettchen mit den -heiligen drei Königen schön aufgehämmert; jener den -in zwei Stücke gebrochenen Ehering so zusammengeflickt, -daß ihm kein Mensch mehr was ansah. Ohrringel, -Broschen und Kreuzchen, Uhren und Ringe und Hausgerät, -alles konnte der Peter ganz machen, wenn er -nur wollte. Warum denn dies nicht?</p> - -<p>„Pittchen, holt Pittchen!“</p> - -<p>Der Herr Pastor drehte auf seinem Heimweg, -den er schon trübselig hatte antreten wollen, noch einmal -um.</p> - -<p>Und nun war der Peter da. Die Hände in den -Hosentaschen, mit gespreizten Beinen, das Maul schief -gezogen, stand er und besah den Schaden.</p> - -<p>„Jao, jao, e su es et. Jao, jao, et es nau e -su!“ Er wiegte den Kopf und sah schläfrig drein, -ohne jegliches Interesse.</p> - -<p>„Könntet Ihr das nicht wieder reparieren?“ sprach -der Pfarrer.</p> - -<p>„Nä, nä, dat es net mein Metjä!“</p> - -<p>„Seht einmal, Miffert,“ — der geistliche Herr -bückte sich selber und hob eins der abgebrochenen Stücke -auf — „ich denke, das ließe sich wieder anlöten. Das -ist Euch gewiß leicht möglich; mit Metall und so was -hantieren, löten und hämmern und gießen und feilen, -was weiß ich, das schlägt doch in Euer Fach!“</p> - -<p>Einen raschen Blick, von unten herauf, warf Pittchen -auf den Geistlichen; es war ein eigentümlicher -Blick, ein schlauer Blick, in dem zugleich plötzlicher -Argwohn dämmerte. „Wat beliewt?“ fragte er lauernd. -„Wie maant dän Hähr Pastor dat? Ech haon -ganz simpel Schlosser gelernt, met su ebbes Apartem -haon ech nie neist im Sinn gehatt. Nä, duh mößt -Ihr bei ener anneren Dühr ankloppen. Lao kann ech -neist bei maachen!“</p> - -<p>„Aber Ihr könnt es doch versuchen,“ bemühte sich -der Pfarrer ihn zu überreden. „Sie sagen alle, Ihr -seid so geschickt!“</p> - -<p>„Wän haot dat gesaot?“ Peter warf einen unruhigen -Blick um sich.</p> - -<p>„Nun, nun,“ — der geistliche Herr lächelte arglos -— „das ist doch keine Beleidigung! Du bist zu -bescheiden, mein Sohn. Was du zur Ehre der Kirche -versuchst, wird dir schon gelingen. Die Heiligen werden -deine Arbeit segnen, die allergnädigste Himmelskönigin -wird sich deiner erbarmen.“ Er hob die Hand. „Sei -ohne Furcht.“ Und dann in minder weihevollem -Ton: „Wir haben da vielerlei altes Zinngerät in der -Sakristei; wir wollen einmal nachschauen, Miffert, ob -Ihr davon nichts zum Ausbessern verwenden könnt. -Zinn schmilzt leicht; schön verarbeitet, ja, ja, kann -man’s von Silber kaum unterscheiden!“</p> - -<p>Wieder dies seltsame, rasche Aufblitzen in Peters -Augen. Er widersprach nicht mehr.</p> - -<p>In der Sakristei war es kellrig und roch nach -Moder und Weihrauch; Peter schloß die Thür -hinter sich.</p> - -<p>Da hingen Chorhemden und Meßgewänder; ein -in Schweinsleder gebundenes Buch lag auf dem Tisch, -lauter Requisiten für den Gottesdienst. Peter entsann -sich wohl, wie er als kleiner Junge hier einmal hineingeschlüpft -war und mit andachtsvoller Neugier alles -durchmustert hatte. Die Neugier war noch da, aber -die Andacht war weg.</p> - -<p>Seine Blicke stöberten in allen Winkeln herum -und blieben dann auf dem alten Schrank in der Ecke -haften; da mußte das Zinngerät drin sein! Er -hätte hinstürzen mögen, ihn aufreißen — Zinn, Zinn! -Bald hielt er’s in der Hand, ein Metall, aus dem sich -was formen und gießen ließ, man mußte es nur -verstehen.</p> - -<p>Seine Hand tastete verstohlen nach dem Thaler -in der Brusttasche. Der war noch da! Er preßte -die Hand fest dagegen; so drückte er ihn an’s Herz.</p> - -<p>Umständlich rasselte der geistliche Herr mit dem -Schlüsselbund; endlich hatte er den richtigen Schlüssel -gefunden. Knirschend drehte sich der rostige Bart im -Schloß; widerwillig gab es nach und sprang so schwer -auf, daß Wurmmehl aus der zerfressenen, dunkelgebeizten -Schrankthür stäubte.</p> - -<p>Da stand die Monstranz, verhängt mit weißem -Mulltüchlein, neben Kelch und Hostienschrein; im zweiten -Gefach ein paar Weinflaschen zur Stärkung für den -Geistlichen. Und da, im alleruntersten Fach, verstäubt -und zerbrochen, lauter altes Gerümpel; darunter eine -verbeulte Taufschale. Und hier, mit den gebrochenen -Enden herausragend, ein paar in Stücke gegangene -Altarleuchter.</p> - -<p>Der Geistliche bückte sich und kramte in dem Wust. -Peter beugte sich über seine Schulter, den Mund offen, -die Augen aufgerissen, rasch atmend.</p> - -<p>„Da,“ sagte der Kaplan und streckte ihm ein paar -Leuchterarme hin, „nur Zinn, aber jetzt Goldeswert. -Ist das genug zur Reparatur?“</p> - -<p>Peter hatte mit einem raschen Blick alles überflogen; -auf die Taufschale sehen und sie über die -Schulter des andren weg herauszerren, war eins. „Nä,“ -sagte er schnell, wog die Schale einen Augenblick in -der Hand und versteckte sie dann halb hinter’m Rücken, -„dat haon ech eweil aach noch nedig!“</p> - -<p>„Nimm dir nur! Nimm dir nur, was du brauchst, -mein Sohn,“ schmunzelte der Pfarrherr, erfreut über -Peters Willfährigkeit. „Alles noch aus dem vorigen -Jahrhundert, wertloser Plunder; da mußte sich unsere -Kirche zu ihren heiligen Zwecken armseliger Zinngefäße -bedienen. Aber die Heiligen werden es in deiner Hand -segnen. Uff“ — er erhob sich seufzend von den Knieen -und stäubte seine Hosen ab — „ist das eine Ungelegenheit! -Hätt’ ich das heute morgen geahnt, als ich so -friedlich schlummerte! Nun geh, mein Sohn!“ Er -legte seine Hand, wie segnend, auf Peters Schulter. -„Du leihst deine geschickte Hand zu gutem Werk. <i>Quod -bonum felix faustumque sit.</i> Hol dir den Kronleuchter -beizeiten ab, der Küster wird dir helfen.“</p> - -<p>Peter antwortete nicht mehr; die Taufschale vorn -unter’m Rock versteckt, die Leuchterarme, allen sichtbar, in -der Hand, eilte er zur Kirche hinaus.</p> - -<p>Draußen gesellte sich Tina zu ihm; sie sah verfroren -aus und drängte sich dicht an ihn, als suche sie -Wärme bei ihm.</p> - -<p>„Biste mer bees, Pittchen?“</p> - -<p>„Nä,“ murmelte er zerstreut.</p> - -<p>Sie trippelte neben ihm her. „Pittchen, maachste -am Sonntag met nao Oberkail? Se danzen beim Pauly. -Holste mech bei de Muhsik, dann“ — in ihrem Blick -lag eine glühende Verheißung.</p> - -<p>Als er schwieg, funkelten ihre Augen; sie verzog -spöttisch den Mund. „Olau, et es nor gud, dat -dernaoch de Mannsleider widder kommen. Dau bis e -su en power Luder, hast net emaol e Kastemännche, -om dei Mädche zo traktieren!“</p> - -<p>Das traf! Er fuhr in die Brusttasche und ließ -seinen Thaler um ein weniges herausblinkern. „Kuckste -eweil, dat ech net e su power bin, hä? Wann ech -nor will. Äwer“ — er schüttelte verneinend den -Kopf, drehte ihr den Rücken und ging mit großen -Schritten davon; er lahmte heute gar nicht, er ging -so aufrecht und forsch, wie einer, der den Sieg in der -Tasche trägt.</p> - -<p>Mit offnem Mund sah ihm Tina nach — einen -Thaler, so viel Geld?! Wie der Wind lief sie hinter -ihm drein; als sie ihn erreicht hatte, faßte sie ihn am -Rockschoß. „Hä, Pittchen, hä, wuher haste dän -Dahler? Sao’t mer doch, Pittchen, mei liew Pittchen!“</p> - -<p>Er besann sich einen Augenblick, dann lächelte er -verschmitzt. „Geärwt,“ flüsterte er ihr in’s Ohr. „Pst, -pst, Maul gehaal! Dau darfst niemand neist dervon -saon, ech kriehn noch mieh. Äwer“ — er schlug sich -selbst auf den Mund.</p> - -<p>„Ech saon neist, waohrhaftgen Godds,“ versicherte sie.</p> - -<p>„Eweil holste mech aach bei de Muhsik, gäl?“ -Sie schmeichelte ihm und zog ihn abseits zwischen die -Hecken, die, obgleich entlaubt, doch noch guten Schutz -boten. Dort küßte sie ihn stürmisch und gierig.</p> - -<p>Ihm wurde ganz duselig im Kopf, eine wilde -Freude bemächtigte sich plötzlich seiner. Alles konnte -er haben, alles! Mit einem Juchzer schlang er den -Arm um Tinas geschmeidigen Leib und lupfte sie in -die Höhe. —</p> - -<p>So fleißig wie diesen Nachmittag war Peter noch -nie in seinem Leben gewesen. Aus allen Ecken stöberte -er seine selten benutzten Werkzeuge auf, schimpfte laut, -wenn ihm eins fehlte, und ruhte nicht eher, als bis er -alle zusammen hatte.</p> - -<p>In der Rumpelkammer neben der Stube, die -nur durch eine Luke spärliches Licht erhielt, richtete -er seine Werkstatt her. Den Tisch schleppte er dorthin, -die einzige Lampe und den Schemel.</p> - -<p>Lucia sah lachend zu, sie wußte nicht, was sie -davon denken sollte. Als sie den Einwand machte, -daß er ihr das Beste aus der Stube weg trage, kniff -er sie zärtlich in die Wange und kitzelte sie unter’m -Kinn.</p> - -<p>„Dau sollst et schuns kommod kriehn,“ brummte -er und lachte in sich hinein; nahm dann einen Hammer -und probierte ihn auf dem Tisch. „Eweil noch net, -äwer bal. Dän Pittchen es en Filu. Gudendag, -Dahlerpittchen,“ er machte einen Kratzfuß, „wat kost -de Welt?!“</p> - -<p>Stolz richtete er sich auf, warf sich in die Brust -und summte:</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Dahler, Dahler, dau mußt wannern<br /></span> -<span class="i0">Von der anen Hand zor annern,<br /></span> -<span class="i0">Dingderlink, Dahler dau — — — —<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Himmelkreizgewieder!“ schrie er, zusammenschreckend, -dann plötzlich seine Frau an, „wat willste hei? -Weibsbiller haon hei neist zo suchen!“ Er schob sie -aus der Kammer und schloß zu.</p> - -<p>Mit dem Kind auf dem Arm ging Lucia hinunter -in’s Dorf. Trotz des unlustigen Wetters ständerte sie -an den Thüren herum und schwatzte. Diese und jene -rief sie herein; dann setzte man ihr einen Kaffee vor -und ein Schmierchen und fragte sie aus nach Leibeskräften.</p> - -<p>Wie ein Lauffeuer hatte sich’s im Dorf verbreitet: -der Miffert hatte eine Erbschaft gemacht! Wer es aufgebracht, -wußte man nicht recht; aber man schwur -darauf, wie auf das Amen in der Kirche.</p> - -<p>Lucia lachte harmlos dazu, sie sagte nicht ‚nein‘ -und nicht ‚ja‘ — was wußte sie denn davon? Aber -sie nützte die Gelegenheit; so bereitwillig zum Geben -waren die Weiber noch nie gewesen. Als sie wieder -zur Hütte hinaufstieg, war sie schwer beladen, mit -Kartoffeln, Brot und Speck; sie hatten für ein paar -Tage genug daran. Satt und behaglich schlief -sie ein.</p> - -<p>Erst lange nach Mitternacht, die Hähne krähten -schon den grauenden Morgen an, suchte Pittchen sein -Lager auf.</p> - -<p>Aus dem Spiegelscherben neben dem Bett starrte -ihn ein fahles, seltsames Antlitz an. So hatte der Peter -noch nie ausgesehen, er erschrak vor sich selber. Seine -Lippen waren fest aufeinander gepreßt, als hätten sie -ein Geheimnis zu verschließen; seine Augen fuhren scheu -lauernd umher, wie die eines Diebes, der Überraschung -befürchtet.</p> - -<p>Eine Maus kraspelte; er schrak zusammen und -löschte rasch das Lämpchen.</p> - -<p>Ein Mondstrahl stahl sich durch das verhängte -Fensterchen und malte helle, runde Lichtflecke auf die -Thür zur Nebenkammer. Peter schlüpfte im Hemd, auf -bloßen Füßen an’s Fenster und zog den Lumpen fester -vor, prüfte sorgsam, ob die Thür der Werkstatt verschlossen, -und verbarg den Schlüssel hinter einem losgebrochnen -Stein des Herdes.</p> - -<p>Dann erst kroch er fröstelnd in’s Bett. Aber er -wurde nicht warm. Von Schauern überrieselt, mit -brennenden, weitoffnen Augen lag er, von Zweifeln und -Ängsten beschlichen. Würde es ihm auch gelingen?! -— — — — Was hatte der Pfarrer gesagt? ‚Die -Himmelskönigin wird sich deiner erbarmen!‘ — — — -— „Ech gelowen der en Kerz, e su dick wie mein Arm, -nä, noch dicker,“ murmelte er. „Nä, zwa! On en -Kleid von Seid, on Messen for de armen Seelen im -Fegfeuer.“</p> - -<p>Bah, was ging denn nur mit ihm vor?! Er riß -die gefalteten Hände auseinander — so rasch ein Betbruder -geworden? Das sollte ihm fehlen! Seine -Gesichtsmuskeln zuckten in einem höhnischen Grinsen — -nur keine Furcht!</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Wän net wagt, dän net gewinnt,<br /></span> -<span class="i0">Wän net sucht, dän net findt,“<br /></span> -</div></div></div> - -<p>sagte er sich laut vor. Wo Reichtum und Armut so -ungerecht verteilt sind, muß man da nicht selber suchen, -sich was zu verschaffen? Wer zuerst beim Weihwasser -ist, segnet sich zuerst. Und hatte ihm die Heilige nicht -selber den Weg gewiesen?</p> - -<p>„Jao, jao,“ — er bekreuzte sich nun doch unter der -Bettdecke — „unsre liebe Fra, gelowt sei se!“ Die -hatte das so gewollt; die war dem Pittchen gut, wie -alle Weiber. Die hatte den Kronleuchter stürzen lassen; -die hatte ihm das Zinn und das silberne Taufbecken -in die Hände gespielt; die hatte dem armen Pittchen -helfen wollen, die würde ihn auch ferner nicht im Stich -lassen.</p> - -<p>Seine Aufregung legte sich allmählich, die finstren -Falten auf seiner Stirn glätteten sich.</p> - -<p>Allerhand liebliche Bilder kamen. Wenn er sich -auch erst unruhig warf und stöhnte, daß die Zeih aufwachte -und erschrocken den Arm um seinen Hals schlang, -bald schlief er sanft.</p> - -<p>Er lag noch und schnarchte, als der Pfarrherr den -Küster schickte und fragen ließ, wie dem Pittchen die -Arbeit gelinge?</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="VIII" id="VIII">VIII.</a></h2> -</div> - - -<p>Der alte Krumscheid knallte mit seiner Peitsche, -daß Krähen und Spatzen entsetzt aufflatterten und -magere Häschen sich in den kotigen Ackerfurchen versteckten. -Wenn die lange Peitschenschnur sich in den -nackten Ebereschenzweigen, rechts und links von der -Straße, verfing, fluchte er und riß und zerrte. War es -ihm endlich gelungen, loszukommen, weifelte er hin und -her und setzte dann in Bogen und Zickzacklinien seinen -Heimweg fort.</p> - -<p>Er kam von Spang-Dahlem, da hatte er eine -trächtige Kuh verkauft; ein gut Stück Geld trug er im -Lederbeutel, unter’m Mantel versteckt, auf dem Leib. -Kein Wunder, daß er einen Kleinen sitzen hatte; in -Oberkail war er auch noch einmal eingekehrt.</p> - -<p>Als er zum Dorf hinaus war, stieß er auf Pittchen; -fast schien es so, als hätte der da auf ihn gepaßt. -Pittchen kam auch von Oberkail, hatte sich beim -Maurer dort ein Säckchen Gips geholt, eine recht -reichliche Portion, zum Eingipsen des Kronleuchters in -der Kirche.</p> - -<p>Sie redeten dies und das. Der Krumscheid war -sehr guter Laune, und Pittchen ging ihm um den Bart, -so geschmeidig, wie eine schnurrende Katze ihrem Herrn -um die Füße streicht. Zuletzt wurde der Alte vertraulich; -wenn er gar so sehr schwankte, stützte -Peter ihn.</p> - -<p>„Gud gelaoden,“ lallte Krumscheid und schlug sich -auf den Bauch, daß es lieblich im Lederbeutel klimperte. -Und dann blinzelte er, von der Seite her, dem andren -dummpfiffig in’s Gesicht. „No, bei Eich werd et eweil -aach bal klimpern, wat? Saot“ — er flüsterte wichtig -und spitzte neugierig die Ohren — „mir könnt Ihr’t -eweil dreist anverdrauen, wän — wän“ — der Schlucken -stieß ihn — „wän haot Eich — ebbes — ver—vermaacht?“</p> - -<p>„Jongfra Maria!“ Peter flüsterte auch und legte -dann, sich scheu umsehend, dem Angetrunkenen die Hand -auf den Mund. „Still, äwer still, dat se ’t net hört! -Dat haot se net gären. Wann mer dervon babbelt, -krieht mer de Krankhaat!“</p> - -<p>„Wän haot Eich — ebbes — ver—maacht — -wän?“ Der Alte riß blöd die Augen auf.</p> - -<p>„Hei dän Däumerling,“ lachte Peter und streckte -seinen Daumen in die Höhe.</p> - -<p>„O dau Filu!“ Der Krumscheid stieß ihn kichernd -in die Seite. „Ihr spillt jao Kumedi! Ihr wollt -et nor net saon!“</p> - -<p>„Kann sein, kann aach net sein!“ Peter zuckte die -Achseln. „Äwer, Krumscheid, hört ehs“ — er zwinkerte -vertraulich — „seid eweil e su gud, on lehnt mer e -paor Dahler, Stücker aacht oder ziehn. Ihr krieht se -met Zönsen widder, e su bal ech — no, Ihr waaßt -jao schuns! — E su bal ech ausgezaohlt gänn!“</p> - -<p>„Lehnen — Dahler —?!“ Trotz seiner Trunkenheit -wurde der Alte argwöhnisch; er hielt die Hände -vor den Bauch, als wolle er so die Thaler schützen.</p> - -<p>Sie waren unweit Schwarzenborn, ein starker -Wind blies über die kahle Höhe; der Alte torkelte, daß -er sich kaum aufrecht halten konnte.</p> - -<p>Peter packte ihn fest unter den Arm. „Met Zönsen -widder,“ raunte er ihm in’s Ohr. „Anstatts ziehn, -fünnefziehn Dahler! Dat es en Geschäft, gäl? Hört -Ihr dän Wind? Wie dän heult! Wann ech Eich -loslaoßen, eweil kullert Ihr hei dän Berg erunner, -bonz onnen, bonz owen! Se können Eier Knöchelcher -anzeln ufsuchen.“</p> - -<p>„Jesses!“ Der Alte klammerte sich fest an den -stützenden Arm. „Kriehn ech se dann aach widder, -mein Dahlersch?“ stammelte er ängstlich.</p> - -<p>„Uf Ehr on Säligkaat,“ sagte Pittchen feierlich. -„Hopp! Maacht, gieft Obacht, eweil kunnt Ihr dat -Genick brächen, wann ech net derbei waor!“</p> - -<p>„Jeßmarijusep!“ Der Alte knöpfte schon seinen -Mantel auf; Pittchen half ihm dabei, allein konnte der -Krumscheid nicht mehr damit zu stande kommen.</p> - -<p>Auf einem Stein am Weg kramten sie den Beutel -aus; die Papierscheine schob Pittchen mit Verachtung -zurück, aber die harten Thaler, die darin waren — -grade acht — packte er mit Gier. Er betrachtete sie -scharf — lauter Thaler verschiedener Prägung, schon -durch viele Hände gegangene; die Bildnisse verwischt, -die Schrift nicht mehr leicht leserlich, das fein Gekerbte -des Randes etwas abgegriffen. Er klopfte sie prüfend -an den Stein. Waren sie auch echt? Sie gaben -keinen sonderlich hellen Silberklang mehr.</p> - -<p>Mit einem tiefen Aufatmen, sehr befriedigt, steckte -er sie in die Tasche. Dann führte er, sorgsam wie -eine Mutter, den jetzt völlig Sinnlosen den abschüssigen -Weg in’s Thal, leitete ihn gutmütig bis in die Schenkstube -und half ihm sogar selber noch in’s Bett.</p> - -<p>Es war ganz dunkel, als er nach Hause ging.</p> - -<p>Zeih hatte ein Talglicht brennen; eine leere -Flasche diente als Leuchter. Sie hatte es auf den nun -einzigen Schemel der Stube gestellt und kauerte davor am -Boden, wie ein Türke, mit untergeschlagenen Beinen.</p> - -<p>Josefchen schlief fest in seinem Weidenkorb; sein -Gesichtchen, mit dem unkindlich spitzen Näschen und -den wachsgelben Wänglein, sah aus wie das eines toten -Kindes.</p> - -<p>Das armselige Licht flackerte mit langer Schnuppe -und stank abscheulich nach ranzigem Fett; auf dem -Herd schwehlte Reisig, warf ab und zu einen aufzuckenden -Schein über die Wände und sank dann jäh -wieder zusammen. Das gab dem öden Raum etwas -Leeres, Ausgestorbenes. Die nackten Mauern glichen -Grabmauern in der gespenstischen Beleuchtung.</p> - -<p>Nur Zeih atmete volles Leben. Über ihrer üppigen -Brust straffte sich die bunt-baumwollene Nachtjacke, der -oberste Knopf war nicht geschlossen, man sah die weiße -Kehle schimmern. Aus den Flechten hatte sie die Haarnadeln -gezogen, nun hingen sie ihr halbgelöst herunter, -und das flackernde Licht warf einen goldenrötlichen -Glanz auf ihr Braun. So sah sie fast mädchenhaft -aus, trotz ihrer Fülle von einer keuschen Lieblichkeit.</p> - -<p>Mit flinken Fingern kramte sie in dem bunten -Gelappe auf ihrem Schoß — hier ein Bandflickchen, da -ein Spitzenendchen — es war rätselhaft, wo sie das -alles aufgetrieben hatte. Nun langte sie neben sich und -hielt die Taille des roten Sonntagskleides gegen’s -Licht — an der Brust ganz speckig gerieben, alle Nähte -blank, der Stoff so fadenscheinig abgetragen, daß das -Licht durchschimmerte, wie durch ein Spinngewebe.</p> - -<p>Sie seufzte. Schade, daß das neue Kleid nicht -schon fertig war! Der Stoff war noch nicht einmal -angekommen; was hätte sie sonst für einen Staat -machen können, morgen zu Oberkail! Jammerschade!</p> - -<p>Ein paar Augenblicke ließ sie die Lippen hängen, -aber gleich darauf hoben sich die Mundwinkel wieder -in einem vergnügten Lächeln. Ei was, amüsieren -würde sie sich auch in dem alten Kleid, war nicht der -schöne Gendarm da?! Und wenn der nicht, dann -doch andre!</p> - -<p>Es wurde ihr heiß, wenn sie an die Lustbarkeit -dachte; sie öffnete die Nachtjacke weiter über der Brust. -Pittchen mußte mit ihr hingehn, er mußte; hei, das -würde fidel werden! Sie hielt den hübschen Kopf -schief über ihre Arbeit geneigt und summte sich halblaut -eins.</p> - -<p>Da knarrte die Thür; Peter trat ein.</p> - -<p>Mit einem unterdrückten freudigen ‚Jesses‘ sprang -sie ihm an den Hals.</p> - -<p>Er war durchfroren; das Haar hing ihm, vom -Nebel genäßt, in die Stirn.</p> - -<p>Sie ließ ihn gar nicht zu Atem kommen. „Pittchen, -mir maachen morjen nao Oberkail, gäl? Dau -giehst met mer danzen, gäl?“ Sie flüsterte und drückte -ihn heftig an ihre weiche volle Brust.</p> - -<p>„Watt dann?“ Er sah sie verwundert an. „Wie -kömmste e su im Momang dao druf? Wän haot dir -dat in dän Koap gesetzt?“</p> - -<p>„Dat Tina waor hei,“ sagte sie hastig. „Et saot, -dau hättst em versproch, dau wollst et metholen nao -Oberkail. Kuckste hei?“ Sie hielt ihm die Wange -hin, über deren weiches Fleisch sich ein scharfer Kratz -zog. „Mir haon en ordentlichen Diskurs gehaott. Äwer -ech giehn met. Jesses“ — sie machte einen kleinen -Hopser — „ech hören se schuns fiedeln! Gäl, Pittchen, -mir giehn daor?“ Sie blinzelte ihn mit -schwimmenden Augen an.</p> - -<p>„Dat Tina, dat frech Mensch,“ murrte Peter und -kratzte sich mißmutig hinter den Ohren. „Ech giehn -net nao Oberkail, ech haon ken Zeit!“</p> - -<p>„Olau!“ Lucia lachte ihm in’s Gesicht, und -dann sagte sie ernsthafter: „Dän Küster waor hei, -hän wollt kucken, wie weit datste als met dem Kronleuchter -wärst. Hän wollt et absolut wissen; hän saot, -dän Hähr Pastor däht em schicken. Mir wollten in -de Kammer kucken, mir haon versucht —“</p> - -<p>„Onnerstieh dech noch ehs!“ Peter fuhr sie so -heftig an, daß sie betroffen zurückwich. Mit großen -Schritten eilte er zur Kammerthür, zog den Schlüssel -aus seiner Tasche und stieß ihn in’s Schloß; dann -krachte er hinter sich zu. Zeih hörte, daß er zweimal -herum zuschloß.</p> - -<p>Er blieb sehr lange in der Kammer; als sie ihn -zur Abendsuppe rief, war ein dumpfes Grunzen seine -einzige Antwort.</p> - -<p>Sie klopfte und schlug gegen die Thür. „Pittchen, -hörste dann net? Pittchen! Eweil sollste kommen, -Pittchen!“</p> - -<p>Urplötzlich, mit einer solchen Vehemenz trat er heraus, -daß er ihr die Thür gegen den lauschend vorgeneigten -Kopf stieß. Er beachtete nicht, daß ihr die Thränen -in die Augen schossen; stumm und hastig schlingend, -verzehrte er am Herdrand das Mus und die paar -vom Mittag übrig gebliebenen kalten Schalenkartoffeln.</p> - -<p>Als er satt war, kam eine ruhigere Stimmung -über ihn; er ließ seinen heißen Kopf, wie erschöpft, an -Lucias Schultern sinken und umfaßte ihren Leib. „Dat -waor en Strawatz,“ stieß er unwillkürlich heraus, -„hährjeh!“</p> - -<p>„Wat dann?“ fragte sie zerstreut; sie dachte nur -an den morgenden Tanz.</p> - -<p>Ohne zu antworten, wühlte er den Kopf immer -tiefer.</p> - -<p>Sie strich mechanisch über sein Haar, vor ihren -Augen drehten sich die Tänzer.</p> - -<p>Er murmelte in sich hinein: „Mer kann jao eweil -dat Läwen net mieh mantenören.“ Und dann fuhr er -plötzlich auf: „Zeih, freu dech!“</p> - -<p>„Dau giehst met mer nao Oberkail? O dau -Pittchen!“ Froh überrascht drückte sie ihm einen -schallenden Kuß auf die Backe. „Nao Oberkail!“</p> - -<p>„Gieh met wäm datste willst! Laoß mir mein -Ruh!“</p> - -<p>Heftig sprang er auf und eilte in die Kammer; -wieder schloß er hinter sich zu. — — —</p> - -<p>Zum zweiten Mal schon wachte Lucia in dieser -Nacht auf, und noch immer lag ihr Mann nicht neben -ihr. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen. Unter der -Schwelle der Kammerthür stahl sich noch ein Lichtstreif -in die Stube; nun hörte sie auch drinnen noch hantieren, -hastiges Hinundhergehn und unterdrücktes -Fluchen.</p> - -<p>Sie bedauerte ihren Mann; was der sich plagen -mußte!</p> - -<p>Seit der Kronleuchter im Hause war, war das -arme Pittchen wie behext; wär’ der nur geblieben, wo -der Pfeffer wächst!</p> - -<p>Leise schlich sie sich aus dem Bett und lugte, mitleidig -und neugierig zugleich, durch den Spalt, der -mitten im Holz der Kammerthür klaffte. Nichts zu -sehen, von innen war er verklebt.</p> - -<p>„Pittchen,“ rief sie und klopfte.</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>Innen Gemurmel, als ob einer betet oder Geister -beschwört.</p> - -<p>Draußen erhob der Nachtwind ein stöhnendes Geheul. -Das pfiff und ächzte und tobte und johlte; -das Wodesheer jagte im Kunowald, oder der Teufel -rief die Hexen auf dem Tanzplatz bei Großlittgen zusammen. -Der wilde Herbststurm riß am Strohdach, -nicht viel fehlte mehr, und die Hütte wurde abgedeckt. -Eine schauerliche Nacht.</p> - -<p>Sie fror in dem dünnen Hemd, das ihr nur bis -zu den Knieen reichte. Zitternd schlich sie in’s Bett -zurück. — — —</p> - -<p>Vorwurfsvoll blickte Lucia Miffert am andren -Morgen in der Sonntagsmesse zur Kirchenwölbung auf, -an der ein großes Loch die Stelle zeigte, wo der Kronleuchter -gehangen. „Dau,“ murmelte sie drohend und -ballte die Faust in den Falten ihres Kleides. „Brauchst -dau erunner zo porzeln, konntste net waarten bis -morjen? Eweil däht hän heit met mer nao Oberkail -giehn!“</p> - -<p>So war mit dem Peter nichts anzufangen; der -bastelte den ganzen heiligen Sonntag in seiner Werkstatt -und wurde unwirsch, wenn man ihn störte.</p> - -<p>Sie betete recht angelegentlich zur Jungfrau Maria; -wenn die ihr doch einen schickte, der sie mitnähme!</p> - -<p>Am frühen Nachmittag wusch und strählte sie sich -noch einmal; die Haare glänzten ihr wie Seide auf -dem wohlgeformten Kopf, das Kleid sah doch noch erträglich -aus, nun sie es mit einem Spitzenkrägelchen, -von einer gelben Bandschleife geschlossen, ausstaffiert -hatte. Mit Wohlgefallen guckte sie in den Spiegelscherben. -Hei, wie die Ohrringel blitzten, wie pures -Gold! ’s war zwar nur blankgeputztes Messing, ein -Hausierer hatte ihr die Ringelchen einmal eingetauscht -gegen alte Lumpen; freilich, ein paar handvoll Federn -aus dem Bett hatte sie auch noch mit dreingeben müssen.</p> - -<p>Mit naiver Freude besah sie sich lange, dann trat -sie vor die Hausthür, stemmte die Arme in die Seiten -und lugte aus.</p> - -<p>Jesus, Maria, Josef! Wer kam denn da mit Säbelgerassel -die Dorfstraße herauf?! Sie traute ihren -Augen nicht; einen hellen Freudenschrei stieß sie aus -— das war ja der schöne Gendarm von Oberkail!</p> - -<p>Ihr Kleid raffend, sprang sie in großen Sätzen -ihm entgegen. Daß ihr nur keine zuvorkam!</p> - -<p>Die einsame Dorfstraße hatte sich plötzlich belebt, -aus allen Fenstern fuhren Köpfe; Thüren klappten. -Rufen, Laufen, Lachen. Mit Zauberschnelle war -Leben, wo eben noch alles ausgestorben erschienen. Da -waren schon die Tina, die Brun und die Leis! Die -kleine Billa kam auch gerannt, und noch ein ganzer -Schwarm andrer.</p> - -<p>Der schöne Gendarm versandte rechts und links -freundliche Blicke aus seinen blanken Augen und lachte -über das ganze runde Kindergesicht, daß sich die Grübchen -in seinen Backen zu zwei Löchelchen vertieften.</p> - -<p>Wen suchte er?</p> - -<p>Nun war Lucia bei ihm. „Hähr Schandarm, -Hähr Schandarm,“ stammelte sie atemlos, mit ihrem -strahlendsten Lächeln.</p> - -<p>„Verfluchtes Schwein — pardon, wollte sagen: -riesiges Jlück!“ Er legte zwei Finger an den Helm -und betrachtete sie mit der Miene eines Eroberers. -„Ich dachte jrade an Sie, schöne Frau!“ Er gab sich -Mühe, das ein wenig von oben herab zu sagen, aber -im Grunde war er so erfreut über die Begegnung, daß -er schmunzelnd den Mund breit zog. Er strich sich -unternehmend den Schnurrbart. „Riesig erfreut!“</p> - -<p>„Es et waohr?“ fragte sie treuherzig. Die Häuser -tanzten vor ihren Augen einen wiegenden Walzer, ihr -Herz klopfte in kindischer Glückseligkeit — den hatte -ihr die Jungfrau Maria geschickt!</p> - -<p>Sie waren bald einig. Der schöne Gendarm hatte -in Eifelschmitt beim Krumscheid, dem Ortsvorstand, -etwas zu thun gehabt; das sagte er aber nicht, er behauptete, -einzig und allein nur gekommen zu sein, um -die schöne Zeih zum Tanz abzuholen. Nun wollte er -auf sie warten, unten am Berg, wo das Fußfällchen<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> steht.</p> - -<p>Vor Freuden hüpfend, eilte sie zurück in ihre -Hütte; sie küßte und bekreuzte das Josefchen in der -Wiege, wickelte es fest ein, daß es sich nicht rühren -konnte, und steckte ihm den Zulp mit gekautem Brot -in’s Mäulchen.</p> - -<p>Jetzt rasch ein Tuch um die Schultern gehängt -und dann an die Kammerthür geklopft. „Pittchen, -adjes! Ech giehn derweil!“</p> - -<p>Drinnen fuhr einer erschreckt auf, wie aus tiefem -Schlaf, man hörte den Schemel umpoltern.</p> - -<p>„Ech giehn nao Oberkail, adjes!“ Sie wartete -keine Gegenrede ab, schnell war sie auf und davon; -die Thür ließ sie in der Eile offen, ein starker Zugwind -blies in’s Haus.</p> - -<p>Als sie mit ihrem Begleiter die Höhe gen Schwarzenborn -hinaufstieg, folgten ihr viel neidische Blicke.</p> - -<p>Was wollte die denn mit dem? Die hatte ja zuhause -einen Mann! Die Weiber standen zusammen, -Enttäuschung und Ärger in den Mienen, und schimpften -hinter ihr drein; heute wurde Lucia Miffert von allen -gehaßt.</p> - -<p>Tina schmählte, gegen ihre sonstige Gewohnheit, -wenig; sie lahmte merklich mit dem linken Fuß. -Auf den hatte ihr die Zeih gestern den Schemel -geworfen; da hatte sie ordentlich Respekt bekommen.</p> - -<p>Als es dunkelte, schlich sich Tina zu Mifferts Hütte, -sie hörte ihn drinnen poltern und fluchen.</p> - -<p>Vor einer Viertelstunde war Peter erst aus der -Kammer gekommen; sein blasses Gesicht zeigte scharlachrote, -abgegrenzte Flecken auf den Backenknochen, seine -Augen, die tief in den Höhlen lagen, glänzten übernatürlich.</p> - -<p>„Zeih,“ schrie er aufgeregt, „Zeih!“ Für heute -war er fertig, und nun mußte er einen Menschen haben, -mit dem er reden konnte, einerlei was, nur reden, -reden! Eine wilde Unruhe quälte ihn.</p> - -<p>„Zeih!“ schrie er, daß die Wände widerhallten. -Sie antwortete nicht, nur das Josefchen wimmerte, -halberstickt in seiner festen Umwicklung.</p> - -<p>Die Thür stand sperrangelbreit offen, eiskalt war’s -in der Stube — die Zeih nicht da, wo war sie?</p> - -<p>Verstört fuhr er sich über die Stirn — hatte sie’s -ihm denn nicht zugerufen: ‚nao Oberkail‘ —?!</p> - -<p>Wie ein Keulenschlag traf es ihn in’s Genick; er -brüllte auf: „Nao Oberkail!“</p> - -<p>Und mit wem —?! Hatte er denn keine Ohren -gehabt, keinen Verstand?! Wie ein Wahnsinniger rannte -er in der Hütte umher — nach, ihr nach! Er wollte -sich anziehen und fand seine Sachen nicht, wütend warf -er alles durcheinander; am liebsten hätte er geweint, -wie ein altes Weib.</p> - -<p>Da kam Tina.</p> - -<p>Erst war er grob, sie ließ sich nicht abschrecken; -schlau wie ein Kätzchen umschmeichelte sie ihn. Sie -küßte ihn und streichelte ihn; sie sah schön aus in -dem Sonntagskleid, mit dem goldenen Kamm in den -Haaren und frisiert wie ein Fräulein.</p> - -<p>Er wurde schwach. Und hatte er denn nicht auch -versprochen, sie mitzunehmen?!</p> - -<p>Sie drängte ungeduldig zum Aufbruch. Nur so -viel Zeit ließ sie ihm noch, daß er von neuem Feuer -anzündete und das Kind loswickelte; die Zeih hatte -es ja eingepackt, daß es ersticken mußte.</p> - -<p>Dann gingen sie mit einander fort, aber Peter -verschloß das Haus sorgfältig und legte sogar die -morschen Läden vor.</p> - -<p>Sie waren kaum zwanzig Schritt weit, da rief die -Leis sie an; die hatte wohl hier auf der Lauer gelegen. -Sie war vollständig zum Gehen gerüstet, nur die -schönen blonden Haare trug sie unbedeckt, als goldig -umstrickende Fäden wehten sie im Herbstwind. Sie -sagte, sie wolle auch nach Oberkail, und schloß sich ihnen -an, ohne weiter aufgefordert zu sein.</p> - -<p>Die schwarze Brun war auch nicht weit. Wenn -Tina auch ein noch so wütendes Gesicht machte, die -beiden stahlen sich an Pittchens andere Seite.</p> - -<p>Und so fanden sich ihrer noch mehrere ein. Die -Steffes kam daher, ganz sittsamlich ihr Hubertche an -der Hand führend; gleich darauf die Traut, die immer -noch ein besonderes Anrecht auf Pittchen geltend machte, -von früher her.</p> - -<p>Als sie endlich die Chaussee gen Schwarzenborn -hinaufstiegen, trabte Pittchen inmitten von zehn -Weibern. Als letzte hatte sich die kleine Billa eingefunden, -atemlos war sie nachgerannt in ihrem flatternden -kurzen Rock. — „Tina, waart! Waart!“ Sie -kreischte immerfort: „Helao, ech saon et! Dau sollst -net allein giehn! Tina, Tina!“</p> - -<p>Zuletzt hing sie sich dem Peter an den Rockschoß. -—</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die letzten Lichter von Oberkail schimmerten wie -vereinzelte Glühwürmchen durch die Finsternis, als die -Eifelschmitter heimkehrten. Es war spät, gegen Mitternacht, -und noch hatten sie eine gute Stunde Wegs.</p> - -<p>Ihre Gesichter glühten trotz des scharfen Bergwindes, -der die Haut schnitt wie mit Messern; ihre -Kleider blähten sich, flatternd gleich Fledermausflügeln. -Irgend jemand trug eine Laterne, aber sie löschte bald -aus; nur der Mond, der für Augenblicke zwischen -jagenden Wolken hervorlugte, zeigte den Weg. Er war -ein sehr unsicherer Führer — jetzt verschwand er ganz; -mit Gekreisch drängten sich die Weiber in der tiefen -Dunkelheit um Pittchen. Wohin der tappte, weiche -Leiber.</p> - -<p>Das war ein ‚Jux‘ gewesen zu Oberkail!</p> - -<p>Als der Peter mit seiner Eskorte angekommen -war, tanzten sie schon; mitten im dicksten Knäuel drehte -sich die Zeih. Sobald sie ihren Mann erblickte, ließ sie -ihren Tänzer, den Gendarmen, stehen und lief lachend -auf Pittchen zu. Dieser aber that patzig, sah sie gar -nicht an und tanzte los mit einem herausfordernden -Trotz. Und als er gar Apfelwein kommen ließ und -die Eifelschmitter Damen traktierte, war er König des -Tanzbodens; die dummen Bauernburschen von Oberkail -trauten sich ihm nicht in’s Gehege, von denen hatte -ohnehin jeder sein Mädchen mitgebracht.</p> - -<p>Lustig, lustig! So toll hatte es der Peter noch -nie getrieben; sein lahmes Bein schien vergessen, er -sprang wie ein jähriges Kalb, immer gab ihm was -inwendig einen Peitschenschlag: „Hü, hott, trab, -trab!“ Gestachelt durch Eifersucht, geschmeichelt von -der Bewunderung, gejagt von — was war es nur, -das ihn so hetzte?!</p> - -<p>Er schwang die Tina und die Leis, er schwang -die Vrun und die Traut — alle. Erst gab es ihm -einen schmerzhaften Stich, wenn er sah, wie der Gendarm -und die Zeih sich gar nicht losließen; dann ging -alles unter in einem wilden Dusel.</p> - -<p>Der letzte Groschen von dem Vorschuß, den er -vom geistlichen Herrn auf seine Arbeit erbeten, war verjubelt; -was kümmerte es ihn, er schrie immer weiter -nach Bier, Schnaps und Wein und ließ es auf Rechnung -schreiben.</p> - -<p>Jede drängte sich dazu, mit ihm zu tanzen; jeder -mußte er zutrinken. Rechts hatte er die Tina neben -sich, um den Platz an seiner Linken stritten sich Vrun -und Leis erbittert mit der Traut; zuletzt wurden sie -dahin einig, sie saßen nacheinander ihre Zeit ab. Sie -schmeichelten ihm alle, er that mit jeder schön; zuletzt -konnte er sie nicht mehr von einander unterscheiden. -Keine nahm’s ihm übel, sie waren schon alle halbvoll.</p> - -<p>Billa war zuerst abgefallen. Sie fing plötzlich, -mitten im Lachen, laut an zu weinen, legte den Kopf -auf den Tisch und schluchzte, daß es sie stieß. Als -jemand nach einer Weile sie aufrichten wollte, sank sie -wieder schwer vornüber; sie schlief fest, unbekümmert um -das dröhnende Gelächter der andren und das Gedudel -der Musik.</p> - -<p>Pittchens Augen starrten trüb und glasig, wie die -eines toten Schellfisches. Er sah nicht mehr, daß der -schöne Gendarm drüben mit Zeih in einer Ecke saß und -ihr Wein und Kuchen bestellt hatte; er merkte nicht, daß -sie miteinander verschwanden.</p> - -<p>Er riß unflätige Witze, lachte, schlug auf den -Tisch, drückte jetzt die, dann die, und wurde zuletzt -windelweich.</p> - -<p>Sie hielten ihn umstellt, wie ein Rudel ausgehungerter -Wölfe den waidwunden Bracken; ihre -Augen glänzten und glitzerten, sie maßen sich untereinander -mit Raubtierblicken — wem fiel er zu? -Dumpf knurrend zeigten sie sich die Zähne.</p> - -<p>Der Kampf des Abends wurde auf der mitternächtigen -Straße fortgesetzt. In der schwarzen Finsternis -gab es heimliche Tritte und Püffe, alles still, ohne -Laut. Jede suchte die neben sich von Pittchen weg zu -drängen und allein was von ihm zu erhaschen; sie -warfen ihn fast um.</p> - -<p>Peter war schwer betrunken. Er war kein Gewohnheitssäufer, -es war zu zählen, wie oft er in -seinem fünfunddreißigjährigen Leben bezecht gewesen; -aber in letzter Zeit warfen ihn schon ein paar Gläser -um, er goß sie zu aufgeregt, zu hastig hinunter.</p> - -<p>Willenlos ließ er sich von den Weibern schieben -und zerren; wie ein unlöslicher Klumpen hingen sie -dicht um ihn geballt. So kamen sie langsam voran.</p> - -<p>Nun zeigte sich wieder einmal der Mond — da -fiel’s der Tina auf, die Bill fehlte. Richtig, die hatten -sie oben vergessen im Tanzsaal. Da lag sie auf der -Ofenbank wie eine Tote, mit wirrem Haar, die Kleider -halbgelöst um den noch kindlich hagren Körper; die -Bauernburschen standen darum her, glotzten und machten -ihre Scherze.</p> - -<p>Auch das Hubertche war abhanden gekommen; das -schlief wohl auch in irgend einem Winkel. Niemand -beunruhigte sich wegen der zurückgebliebenen Kinder.</p> - -<p>Ganz zurück in der Ferne zeigte sich ein wanderndes -rötliches Pünktchen, das war die Laterne, die der Gendarm -trug; er gab seiner Liebsten bis Schwarzenborn -das Geleit. Sie verabredeten ein Stelldichein am -nächsten Tage, dann ließ sich Zeih einen zärtlichen -Abschied gefallen und bedankte sich vielmals ‚für alles -Pläsir.‘</p> - -<p>Noch ein Kuß. Dann rief sie laut nach ihrem -Mann, daß es durch die Nacht gellte, und stolperte, so -rasch sie konnte, den Vorangegangnen nach. —</p> - -<p>Ein Ungeheuer, vielfüßig vielköpfig, schiebt sich -langsam die Weiberschar bergab. Sie hat den Weg -verloren.</p> - -<p>Über Gestein und Geröll, durch Acker und Gestrüpp, -ohne Pfad wälzt sie sich zu Thal, mitfortreißend, was -nicht Kraft hat, sich zu wehren. Einer Lawine gleich, -die verheert und zerstört; furchtbar in fühlloser Lebendigkeit, -unheimlich in unerbittlichem Vorrücken, todbringend -in grausamer Geschlossenheit.</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="IX" id="IX">IX.</a></h2> -</div> - - -<p>Allerseelen.</p> - -<p>Die Gräber des kleinen Kirchhofs, draußen an -der Straße gen Himmerod, waren geschmückt mit -Tannenzweigen und Papierrosen. Hoch hatte sich schon -der Schnee auf den Hügeln getürmt und sie alle weiß -und gleich gemacht; nun waren sie sorgsam reingefegt -und geschaufelt, zierliche Kreuze, Kränze, Herzen und -Buchstaben waren von roten Beeren gelegt und Lichtchen -zwischen hineingesteckt. Aus der erstarrten Erde -schien es zu brennen; die da unten ruhen, sprechen -zu denen oben mit ängstlich flackernden kleinen Flämmchen, -die der leiseste Windhauch verlöschen kann.</p> - -<p>Aber kein Wind wehte. Noch einmal war der -Winter gewichen, über den Bergen die Sonne erschienen; -bleich zwar und müde, aber doch eine Sonne. Das -hängende, verschrumpfte Laub der Friedhofsrosen schien -sich noch einmal zu heben; um die Mittagszeit war -es lind und still im Thal, der Himmel zeigte ein -blasses Blau. Allerheiligensommer.</p> - -<p>Da haben die Toten ihren Festtag. Die längst -Vergessenen kommen wieder zu ihrem Recht, rühren sich -in den morschen Särgen und senden einen Gruß hinauf -in’s Leben. Allerheiligen — Allerseelen.</p> - -<p>Die Weiber von Eifelschmitt hatten ihr Bestes gethan, -ihre Gräber waren so schön geschmückt, wie die -im reichsten Dorf. Schon am Morgen strömte die -ganze Schaar hinaus zum Kirchhof; man sprengte die -geschmückten Hügel mit geweihtem Wasser, lag lange -auf den Knieen und betete für die ewige Ruhe der -Verstorbenen. —</p> - -<p>Am Nachmittag, als sie alle bei Festtagskaffee und -Kuchen saßen, schlich sich Pittchen hinaus; er ging gebückt -wie ein Alter, und die Schale mit geweihtem -Wasser in seiner Hand schwankte.</p> - -<p>Daheim saß die Zeih bei dem kranken Josefchen -und weinte sich die Augen rot; die ‚Gichter‘ plagten -das Kind, warfen bald seinen kleinen Leib hoch in die -Höhe und reckten ihn dann wieder lang.</p> - -<p>Seit jenem Sonntag in Oberkail war das Josefchen -krank; da waren die Eltern spät in der Nacht -heimgekommen, ohne einen Blick auf die Wiege zu -werfen, torkelten sie sinnlos in’s Bett. Am Morgen -lag das Josefchen nackt da, steif und blaugefroren; -bald kamen die Krämpfe.</p> - -<p>„Kreischt net e su,“ sagte die Weise-Frau, die -Peter in seiner Angst holte, „bal hatt ihr e schien -Engelche im Himmel!“ Davon wollten die Eltern -nichts wissen; Anschuldigungen flogen hin und her, es -gab einen heftigen Zank. Der Schluß war, daß sich -Peter finster und wortkarg in seiner Werkstatt verschloß -und Zeih betend und weinend an der Wiege verblieb.</p> - -<p>Aber bald ertönte ihr Singen, erst leise, dann -schallend; die Leute sagten immer bewundernd. „Dat -Zeih haot en Stimm, om de Duden ufzoerwecken.“ -Sie sang:</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Hoch uf em Daach, uf em Daach,<br /></span> -<span class="i0">Haot sech en Könd half dud gelaach,<br /></span> -<span class="i0">Et fiel erunner, erunner —<br /></span> -<span class="i0">Rube-de-bub — Rube-de-bub!“<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Das wiederholte sie ein paar Mal, beim Kehrreim -stieß sie jedesmal an die Wiege, daß sie heftig -schaukelte.</p> - -<p>„Rube-de-bub — Ruube-de-bub!“ Und -dann weinte sie wieder ein Weilchen.</p> - -<p>Peter war nicht so leicht getröstet; wenn er nicht -in der Werkstatt steckte, stand er bei der Wiege und -starrte finster brütend, mit zusammengekniffenen Lippen -auf das kranke Kind.</p> - -<p>Heute schlich er wie ein armer Sünder auf den -Kirchhof; auf den Gräbern seiner Eltern warf er sich -nieder und krallte die Finger in die kalte Erde. Er -suchte eine Zuflucht bei ihnen vor den eigenen Gedanken.</p> - -<p>Lange war er nicht hier gewesen, wohl das ganze -Jahr nicht; aber nun sollte es besser werden, er versprach -es denen da unten hoch und heilig. Und einen -Marmorstein sollten sie kriegen mit goldner Inschrift; -koste es, was es wolle, er konnte es ja zahlen. -Zahlen —!</p> - -<p>Er fuhr auf und sah sich scheu um. Wenn er nur -Mut gehabt hätte! Er knirschte mit den Zähnen und -ballte die kalten Finger zu Fäusten — den Mut, den -Mut! Da lag was in seiner Werkstatt verborgen, -nicht Sonne noch Mond hatten es beschienen, niemand -hatte es gesehn, und doch ängstigte es ihn Tag und -Nacht. Es konnte ihn reich und glücklich machen, und -doch —</p> - -<p>Mit einem unterdrückten Fluch sprang er empor, -sein Fuß trat in die Schale geweihten Wassers, daß -sie umstürzte und ihr Naß in den aufgetauten Pfad -ergoß.</p> - -<p>Nur Mut! Er fuhr sich in die Tasche — klapperte -es nicht schon darin? Nein, nein — leer, ganz -leer! Und zu Hause weinte die Zeih, wimmerte das -Josefchen; kalt war die Hütte, der Tod stand auf der -Schwelle — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Der Angstschweiß brach ihm aus, mit der verkehrten -Hand wischte er sich über die Stirn; die Hand -zitterte.</p> - -<p>„Feiges Luder,“ murmelte er zwischen den Zähnen. -Nur ein bißchen Courage brauchte er zu haben, dann -wurde alles wieder gut. Dann lachte die Zeih, dann -kam der Doktor und heilte das kranke Kind — er sah -es schon mit roten Bäckchen, auf flinken Füßchen durch -die Hütte trippeln, ein großes Butterbrot in der Hand, -— und die Zeih küßte ihn, heiß fühlte er den Kuß. -Und am Kirchhof vorüber zog eine ganze Schar — -nickende, winkende Weibergestalten. Verjubelte Tage, -verjubelte Nächte — immer fidel —!</p> - -<p>Die Hütte würde er ausbauen lassen, nein, eine -neue kaufen, einen Bauernhof! Vielleicht gar die -Eichelhütte, drüben gen Himmerod zu, deren schloßähnlicher -Bau über die Eichenwipfel ragte.</p> - -<p>Da hatte ihn sein Vater vorbeigeführt, als er noch -ein Knabe war; da hatten sie am Gitter gestanden und -neugierig in den Park gelugt. Ein reicher Herr hatte -im Schlößchen gewohnt, der war längst tot, und der -jetzige Besitzer wollte verkaufen. Wenn er nun der Herr -Besitzer würde —?!</p> - -<p>Wie die Zeih sich freuen würde! Was die da -unten im Grab wohl dazu sagen würden?!</p> - -<p>Er kniete nieder, legte sein Ohr an den Hügel und -horchte.</p> - -<p>Tief, tief innen in der Erde glaubte er was zu -hören, ein Summen und Rauschen, ein Flüstern und -Raunen; hohl, wie aus einem Gewölbe, drang’s an sein -Ohr. Ein Schauder überlief ihn, — das kam aus -der Ewigkeit! — — — — — — —</p> - -<p>‚Wie mer sech bett’, su schläft mer,‘ — hatte so -sein Vater nicht immer gesagt?</p> - -<p>Zitternd flüsterte Peter: „Sollen ech et duhn? -Sollen ech et net duhn?“</p> - -<p>Und die Stimme aus der Tiefe antwortete: „Du -sollst!“</p> - -<p>Da sprang er auf. Der Kirchhof war leer. -Hinter den Bergen verkroch sich schon die Sonne, und im -Säuseln eines Lüftchens flackerten die Gräberkerzen höher.</p> - -<p>Von Schauern überrieselt ging Peter, die Füße -waren ihm wie gelähmt; langsam, ungewiß machte -er Schritt für Schritt. Auf dem großen Kreuz, das -sich mit der Gestalt des Heilands inmitten des Kirchhofs -erhebt, lag ein blendender Schein; gerade auf die -Inschrift fiel er, die sich in goldenen Buchstaben über -den breiten Sockel zieht.</p> - -<p>‚<i>Amor me cruci affixit</i>‘</p> - -<p>Was hieß das? Nie hatte Peter darüber nachgedacht, -nun stand er in Sinnen verloren. Er buchstabierte, -und dann starrte er hinauf zu dem dornengekrönten -Leidensantlitz, bis ihm die Augen übergingen.</p> - -<p>Plötzlich schreckte er zusammen, eine Hand legte sich -auf seine Schulter. Ah, der Herr Pastor! Er riß -die Mütze vom Kopf.</p> - -<p>„Seh einer, der Miffert!“ sagte der Geistliche -wohlgelaunt und schlug ihm mit dem Brevierbüchlein, -das er stets bei dem täglichen Spaziergang mit sich -führte, leicht auf den Rücken. „Na, wie steht’s mit dem -Kronleuchter? Seid Ihr bald fertig?“</p> - -<p>„Nä, nä,“ stotterte Peter erschrocken; die gutmütige -Stimme klang ihm wie die Posaune des jüngsten Gerichts. -„Eweil sein ech noch net e su weit, ech — -eweil — äwer bal — ech —“</p> - -<p>„Ich glaube es wohl, das ist kniffelige Arbeit!“ -Der Geistliche legte ihm selber die Entschuldigung in -den Mund, Peter schnappte danach, wie ein Fisch nach -dem Köder.</p> - -<p>„Dat es et, dat es et,“ beeilte er sich zu versichern. -„Ech arweiden Dag on Naacht, äwer —“</p> - -<p>„Ich habe es gehört,“ unterbrach ihn der Pfarrherr -freundlich. „Das ist brav, mein Sohn. Deine Arbeit -wird schon wohlgelingen; Mariä Sohn selber“ — er -wies hinauf zum Kreuz, das sie hoch und breit überragte -— „wird dich in seine Fürbitte aufnehmen!“</p> - -<p>Ein Stich ging Peter durch und durch, er fühlte, -wie eine heiße Blutwelle ihm in’s Gesicht schoß; scheu -sah er hinauf zu dem verzerrten Leidensantlitz.</p> - -<p>Der goldne Glanz vom Himmel hatte sich gewandelt, -rot wie Blut war er geworden und umspielte -mit flammendem Schein die eingemeißelte Schrift. Sie -flimmerte vor seinen Augen.</p> - -<p>„Lao stieht wat,“ stammelte er und zeigte mit -dem Finger hinauf. „Wat heißt dat?“</p> - -<p>„<i>Amor me cruci affixit</i> — Liebe hat mich an’s -Kreuz geschlagen,“ sprach der geistliche Herr und wandte -sich zum Gehen. Er nickte noch einmal zurück: „Guten -Abend, guten Abend, ich komme in den nächsten -Tagen selber zu Euch, Miffert, und sehe nach Eurer -Arbeit.“ Mit segnendem Gruß hob er die Hand. Sein -Brevier murmelnd, tauchte er hinter den Hügeln unter.</p> - -<p>Einsam war wieder der Kirchhof; so still war’s -um Pittchen, daß er das eigne Atmen als lautes Geräusch -hörte.</p> - -<p>Schwerfällig ließ er sich auf dem Sockel des -Kreuzes nieder.</p> - -<p>‚Liebe hat mich an’s Kreuz geschlagen‘ — ja, die -Liebe! Seine Brust hob sich unter einem tiefen Seufzer -— die war’s! Eine große Erleichterung kam über ihn. -Was er that, that er ja auch nicht für sich, nur aus -Liebe zu andren! Da waren die Zeih, das Josefchen -und die andren alle — aus purer Liebe!</p> - -<p>Sein unsteter Blick wurde ruhiger, er heftete ihn -fest auf das Bild des Gekreuzigten. Der da oben litt, -und er selbst litt auch — ja, leicht war’s nicht, am -Kreuz zu hängen! Aber die Angst, die Angst, die er -hatte, war die nicht noch schrecklicher?!</p> - -<p>„Wann se mech atrappieren, gänn ech villeicht aach -ufgehang,“ murmelte er finster. „Nä, dat duhn se eweil -net mieh, äwer se sperren mech ein, wuh Sonn on -Mond net scheinen, wuh mer kein Luft krieht, wuh -mer — ha —!“ Er holte tief und zitternd Atem, der -Kopf sank ihm auf die Brust. Aber gleich darauf hob -er ihn wieder.</p> - -<p>Die Gestalt des Heilands verschwamm schon im -Grau des rasch sinkenden Abends, nur um das Haupt -wob sich noch ein flüchtiger Schimmer wie eine Glorie. -Es schien sich zu neigen.</p> - -<p>Mit unterdrücktem Schrei streckte Peter die Hände -aus. Ja, der da oben, der verstand ihn! ‚<i>Amor me -cruci affixit</i>‘ — der würde ihn nicht zu Schanden -werden lassen!</p> - -<p>Er warf sich am Fuß des Kreuzes nieder und -betete, wie er es noch nie gethan. Getröstet stand er -auf; einen vertraulichen Gruß sandte er noch hinauf, -ein verständnisvolles Nicken.</p> - -<p>Festen Fußes schritt er an den Gräbern entlang. -Es war fast dunkel, die Lichtchen niedergebrannt, nur -hie und da flackerte noch eins wie ein Irrwisch mit -aufzuckendem Schein.</p> - -<p>Als er das Gatter des Friedhofs schloß, pfiff er. -Er fühlte sich so leicht, so vergnügt; nun wußte er, -was er zu thun hatte, nun wurde nicht länger gefackelt.</p> - -<p>Von der Eichelhütte her kam ein Wägelchen über -die Chaussee, es rollte dicht an ihm vorüber. Er erkannte -den Besitzer der Eichelhütte, den Herrn van Beuren, -darauf, der immer nur zweimal im Jahre ein paar Tage -zur Jagd herkam; der neben ihm sitzende dicke Mann, -mit einem Wollenshawl vermummelt und mit Ohrenklappen -an der Mütze, war ihm fremd. Wer war -denn das? Neugierig sah Peter dem Gefährt nach.</p> - -<p>Dicht vor’m Dorf stieß er auf Krumscheid. Donnerwetter, -der kam ja von seiner Hütte heruntergestelzt, -was wollte denn der da oben? Aha — Peter lachte -in sich hinein — der hatte wohl Angst um sein -Geld?!</p> - -<p>Geschmeidig grüßte er den Alten: „’n Aowend, -Vadder Krumscheid!“</p> - -<p>Dieser hielt ihn fest. „Saot, Pittchen, wie stieht -et eweil met mein Dahlersch, hä?“ Man merkte es -dem Alten an, er wollte es nicht gern mit dem Pittchen -verderben; er suchte einen Vorwand. „Et duht -mer laad, dat ech ebbes dervon saon moß, äwer ech — -ech sein sälwer in Onverläjenhaat, ech haon ebbes zo -zaohlen; et pressiert!“</p> - -<p>Pittchen lächelte.</p> - -<p>Krumscheid deutete dies Lächeln falsch, die Angst -überkam ihn. „Ech moß mein Gäld haon,“ stieß er grob -heraus.</p> - -<p>„Tutswit,“ sagte Peter gelassen. „Ihr könnt et -jeden Momang haon, wann Ihr wollt. Kommt bei -mech eruf, lao könnt Ihr se metholen, de Dahlersch!“</p> - -<p>„Nä, nä!“ Der Alte traute nicht recht, er -fürchtete Prügel. „Kommt liewer bei mech, dann -drinke mir e Schöppche.“</p> - -<p>„Nä!“ Jetzt, wo es zur That ging, bebte Peter -doch plötzlich zurück; eine jähe Angst überfiel ihn, sein -Herz hämmerte, daß er’s bis in den Hals spürte. -„Eweil kann ech net,“ sagte er hastig. „Heit net. Morjen -— morjen.“</p> - -<p>„Morjen, gewiß on waohrhaftig?“ Der Alte packte -ihn am Rockschoß.</p> - -<p>„Morjen,“ sagte Pittchen gepreßt und entwand -seinen Rock den knöchernen Fingern.</p> - -<p>Eilig rannte er heim, er fand die Zeih, in Thränen -aufgelöst, an der Wiege. Das Josefchen verdrehte die -Augen, ballte die Fäustchen und zog die Beinchen -krampfhaft herauf an den Leib.</p> - -<p>„Wann mer noren dän Hähr Dokter hätten! -Wann ons Josefche dem sein Medezin einhole könnt, -gäb et gesond! Josefche, mei Josefche, ech duhn -mer e Laad an — stärw net, Josefche, mei Josefche!“ -Schreiend warf sie sich über das Kind.</p> - -<p>Peter konnte es nicht mehr mit ansehen, an allen -Gliedern zitternd, stand er da. Er wollte sprechen und -konnte nicht, so trocken war es ihm im Halse; er -schluckte und schluckte. Leeren Blickes stierte er auf das -Bettchen — da lag sein Kind, es glich ihm genau; so -hatte er wohl auch einst der Mutter in der Wiege -gelegen. Wie ihm, so fehlte dem Josefchen das -unterste Stückchen am linken Ohrlapp, auch die Brauen -waren so über der Nase zusammengeschoben und die -Haare in dunklen Ringeln so tief in die Stirn gewachsen. -Sein Kind — sein Ebenbild! Der heiße -Wunsch stieg in ihm auf, das Kind zu behalten.</p> - -<p>Und glühend heiß fielen ihm die Thränen der -Zeih auf’s Herz, er konnte ihr Jammern nicht mehr -hören; schwankenden Schritts, wie ein Trunkener, taumelte -er nebenan in seine Kammer.</p> - -<p>Als er nach einer Weile wieder herauskam, war -er ruhiger. Auf seiner Stirn stand ein Entschluß; seine -Lippen waren fest zusammengepreßt.</p> - -<p>Beim Morgengrauen würde er den Doktor holen, -sagte er der Zeih.</p> - -<p>Und dann eilte er noch einmal zum Hause hinaus; -er lief, wie gejagt. Durch eine Gutthat wollte er sich -den Beistand des Himmels sichern.</p> - -<p>Er wußte, wohin er zu gehen hatte. Da war die -Hütte der Schneidersch; mit der Bäbbi ging’s schlecht, -die konnte sich nicht erholen. Zweimal schon hatte der -Kauz nachts an ihrem Fenster geschrien. Krokodilsthränen -vergießend, erzählte es die Alte im Dorf herum, -aber ihr Jammern galt mehr der eignen gestörten Nachtruhe, -als den Leiden der Schwiegertochter; wenn sie -sich auch dreidoppelt ein Tuch um die Ohren band, sie -hörte doch durch die rissigen Lehmwände das Stöhnen -der jungen Frau und das Schreien des halbverhungerten -Säuglings. Die Bäbbi fieberte und fieberte; ein paarmal -hatte sie schon versucht, aufzustehen, nach wenigen -Schritten war sie mit einem schmerzlichen Schrei zusammengebrochen.</p> - -<p>Vorsichtig tappte Peter über den Hof, bis zur -Thür neben dem Stall. Drinnen hörte er ein Kind -greinen und eine kranke Stimme sprechen: „Sei still -— sch — sch — waart nor, bis dän Pappa kömmt! O -Jeß, wann hän net bal kömmt, sein ech dud — -sch — sch —!“</p> - -<p>Der sehnsuchtsvolle Ton verzitterte in einem langen -Seufzer. Die sprach ja, wie eine Sterbende! Peter -erschrak. Leise schlich er an’s Fensterchen und guckte -hinein.</p> - -<p>Da saß sie im Bett, das einzige Kissen hatte sie -sich in den Rücken gestopft; sie war so schwach, daß -sie den Kopf nicht halten konnte, bald sank er ihr zur -linken, bald zur rechten Seite.</p> - -<p>Wie traurig hatte die sich verändert! Sie war -nicht häßlich, nein, vielleicht hübscher, als sie jemals -zuvor gewesen. Schmerzen und Gram hatten ihr Gesicht -verfeinert, die sonst gebräunte Haut war abgeblaßt, -silbrig schimmernd wie Perlmutter. Das straffe Haar -bauschte sich ihr lockrer um den Kopf, und im Blick -ihrer weitgeöffneten großen Augen lag etwas Überirdisches.</p> - -<p>Es fröstelte Peter. Sacht klopfte er an die Thür -und trat zugleich ein.</p> - -<p>Verwundert drehte Bäbbi den Kopf nach ihm, sie -erkannte ihn nicht gleich. Dann aber flog ein freudiger -Schein über ihr Gesicht, sie wollte seine Hand gar nicht -loslassen. „Es dat schien, dat Ihr mech besuche kommt -— oh — dat es schien!“</p> - -<p>Er beugte sich über sie und suchte hinter einem -Lachen und einem Scherz seine Rührung zu verbergen. -„No ruhig, Bäbbche, ruhig! Jao, wann dän Ehmahn net -derhäm es, dann kömmt onser anen e su apropos wie -Räjen im Mai. Gäl, Bäbb?“ Er strich ihr gutmütig -über die schmale Wange. „Wanneh danzen mir -zwa dann zosammen?“</p> - -<p>Sie blieb ernst. „Ech haon de Engel schuns Hallelujah -singe gehört; ech danzen net mieh!“</p> - -<p>„Gott bewaohr, Bäbb,“ sagte er erschrocken, „Ihr -werdt doch net himmeln?“<a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a></p> - -<p>Sie sah ihn wehmütig lächelnd an. „Duht mer -de Liew — ech verlangern e su — schreiwt mer e paor -Wörtcher an dän Lorenz! Ech haon heiwel<a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> vill Däg -gelauert, dat ans kömmt, wat schreiwe kann.“ Sie machte -einen Versuch, sich höher aufzurichten, traurig schüttelte -sie den Kopf.</p> - -<p>„Ech kann jao net ufstiehn, ech sein innewennig -wie ausenanner. Lao im Schößche<a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a> sticht Papier -on Feder — lao es de Dint — schreiwt — schreiwt!“</p> - -<p>Mit ängstlicher Hast trieb sie ihn an. Sie diktierte -schwerfällig, ruckweise, zu jeden paar Worten machte -sie eine neue Anstrengung.</p> - -<p>Beim Schein des winzigen Lämpchens schrieb -Pittchen:</p> - -<blockquote> -<p class="salutation"> -‚Deurer Lorenz!<br /> -</p> - -<p class="small">Ech grüßen dech vill dausendmaol!<br /> -Ons Könd leit in der Heija<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> on dräumt -von seim Pappa. Ech haon e su lang -neist von Dir zo hören kritt, ech verlangern -e su, datste bei mech kömmst, -ehnder ech —‘</p></blockquote> - -<p>Hier stockte Bäbbi; in schmerzliche Thränen ausbrechend, -schlug sie die Hände vor’s Gesicht.</p> - -<p>„Kreischt net, Bäbb,“ tröstete Peter mit weicher -Stimme.</p> - -<p>„Nä, nä!“ Sie raffte sich schon wieder zusammen. -„Streicht dat vom Verlangern on Stärwen aus, ech -will em dat Herz net schwer maachen. Schreiwt nor:</p> - -<blockquote class="small"> - -<p class="small">‚lang neist von Dir zo hören kritt, -ech hoffen, Dau bis gesond on veramesterst -Dech aach. Ech beten Dag on -Naacht for Dech, ech —‘“</p></blockquote> - -<p class="small">Sie schöpfte zitternd tief Atem.</p> - -<blockquote class="small"> - -<p class="small">„‚Ech sein eweil ganz alert<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> —‘“</p></blockquote> - -<p>Peter sah sie verwundert an.</p> - -<p>„Nä, nä, neist vom Kranksein,“ sagte sie rasch. -„Schreiwt dat ‚alert‘ dick on groß, dann freut hän sech.</p> - -<blockquote class="small"> - -<p class="small">‚Adjes, mein villdeurer Lorenz, bis -in die Ewigkaat</p> - -<p class="right"> -Dein Bäbbchen.‘“<br /> -</p></blockquote> - -<p>Erschöpft sank sie zurück, Totenblässe überzog ihr -Gesicht; ihre Lippen wurden weiß, sie war halb ohnmächtig.</p> - -<p>„Bäbbi, Bäbbi,“ Peter faßte sie am Arm, „wat -es Eich? Ihr mößt Stärkung haon.“ Verstört sah -er sich um. „Haot Ihr dann bei gaor neist for zo -drinken?“</p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf. „Neist,“ sagte sie tonlos.</p> - -<p>Da lag sie in dem elenden Bett, seit Tagen war -es nicht gemacht; sie lag wie eine Sterbende, blutleer -und hilflos.</p> - -<p>Das Kind schrie auf, besorgt versuchte sie nach der -Wiege zu blicken. Peter nahm das kleine Bündel und -legte es ihr an die Brust; da suchte es wimmernd, mit -gespitztem Mäulchen.</p> - -<p>„Ech haon ken Milch mieh,“ sagte sie leise.</p> - -<p>Ein Krampf ging über Peters Gesicht; er wurde -blaß und rot, einen argwöhnischen Blick warf er in -alle Winkel, und dann fuhr er rasch in die Tasche und -legte drei harte Thaler vor sie auf’s Bett. „Dao,“ sagte -er mit gepreßter Stimme. „Kaaft davor, wat Ihr -braucht!“</p> - -<p>Für ein paar Augenblicke sah sie ihn verständnislos -an.</p> - -<p>Er nickte. „Morjen holen ech dän Dokter, dän -besten, dän zo kriehn es; ons Josefche es krank. Duh -kann dän Eich aach ebbes ufschreiwen for gesond zo gänn!“</p> - -<p>Eine jähe Röte flog über ihr Gesicht, in ihren -matten Augen blitzte es auf, sie haschte nach seiner -Hand; ehe er’s hindern konnte, hatte sie die geküßt.</p> - -<p>„Merci, merci! Onsen Hährgott sei met Eich! — -Pittchen — o Ihr —!“ Sie war ganz außer sich, -sie lachte und schluchzte, zog ihn an sich und küßte ihn -mit ihren matten blutleeren Lippen; wie Schnee fühlte -er den Kuß auf seiner Stirn.</p> - -<p>„Ech danken, ech danken Eich villdausendmaol, -Pittchen! Es et denn wirklich waohr — Gäld, Gäld -— drei Dahler — Dahler?!“ Sie drückte die Geldstücke -liebkosend an ihre Wange. „Ech kann eweil ebbes -kaafen beim Krumscheid, on Milch for dat Könd, alle -Dag! On ech sälwer“ — sie faßte ihren Kopf mit -beiden Händen — „dän Dokter kömmt bei mech! -Ech soll gesond gänn — ech kann dän Lorenz widdersiehn! -Jesus, Maria, Josef — oh Pittchen, -Pittchen!“</p> - -<p>Langsam sank er an ihrem Bett nieder; ein abergläubischer -Schauer und zugleich eine freudige Wollust -des Gebens zog ihn auf die Kniee.</p> - -<p>Ihre Hände falteten sich über seinem Kopf, sie -betete; mit rührender Stimme flehte sie den Segen des -Himmels auf ihn herab.</p> - -<p>Er wagte nicht, sich zu rühren. Ein himmlischer -Gruß, weihrauchduftend, rein und heilig, schien ihm -durch die verlassene Kammer zu wehen. Schwebten -nicht Engel mit großen Flügeln gen Himmel und trugen -auf goldner Schale die Dankesthränen der armen Bäbbi? -Und seine Gutthat, als weiße Taube, flog voran.</p> - -<p>Eine mächtige Erschütterung ging ihm durch den -Körper, er lag wie niedergeschmettert. Die ganze Qual -der letzten Wochen, die gehetzte Arbeit der Nächte, das -Versuchen und Grübeln, das Sorgen um’s Gelingen, -Zweifel und Furcht, wilde Freude und dann wieder -kindische Angst, all das brauste und brandete auf einmal -durch sein Gehirn.</p> - -<p>Bäbbi betete, und die wilden Gedanken wurden -plötzlich so glatt wie Meereswogen, auf die man Öl -gießt.</p> - -<p>Thränen brachen ihm aus den Augen, erlösende -Thränen; sie liefen ihm über das hagre Gesicht und -rannen nieder auf das elende Bett.</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="X" id="X">X.</a></h2> -</div> - - -<p>Der Winter war über Eifelschmitt hingezogen, es -mit seiner Schneelast verschüttend. Weihnachten war -dagewesen und hatte die Männer nach Hause gebracht. -Jubel in den Hütten, Gedudel im Wirtshaus, Gläserklingen -und Kuchendüfte. Heilig Dreikönigstag hatte -der Lust ein Ende gemacht; morgens darauf waren -die Männer wieder abgezogen, und die große Wintereinsamkeit -hatte das Dorf in ihre Arme genommen und -eingelullt, bis daß es schlief.</p> - -<p>Jetzt wollte es lenzen.</p> - -<p>Unter der modrig feuchten Decke des abgefallenen -Buchenlaubes sproßte der Waldmeister, an besonders -heimlichen Stellen trieb schon ein erstes scheues Reis, -und in den noch toten Chausseebäumen lärmten die -Staare.</p> - -<p>‚Naoch Lichtmeß es et Aushalt‘ sagen die Eifeler, -‚warm oder kalt, de Dag gänn lang on dän Fuß krieht -sein Gang.‘</p> - -<p>Sankt Matheis hatte das Eis gebrochen; auf den -überschwemmten Wiesen um die Salm ruderten lustig -die Dorfenten.</p> - -<p>Auf dem Äckerchen der Schwiegereltern arbeitete Bäbbi. -Sie hackte mit starken Armen den Boden auf, drehte -die Schollen um, zerstieß und klopfte und verkleinerte -die harten Erdklöße, und bückte unermüdlich den -Rücken. Verschnaufend hielt sie wohl eine kurze Weile -inne und blickte prüfend über die Berghänge.</p> - -<p>Noch keine im Dorf hatte an die Frühjahrsbestellung -gedacht, und sie wußten doch alle: Schneifurr -— Gedeihfurr! Da lotterten sie zu Hause herum, -in Unterrock und Nachtjacke, und verschliefen den halben -Tag. Ernst, fast vorwurfsvoll, ruhte Bäbbis Blick -auf dem Dorf; sie schüttelte den Kopf, und dann spuckte -sie in die Hände und griff von neuem zur Hacke und -arbeitete wieder, bis ihr der Schweiß die vom scharfen -Wind zerwühlten Haare an die Stirn klebte.</p> - -<p>Sanct Gertraud mußte den Acker bestellt finden; -und der Lorenz sollte sich darauf verlassen können: da -war eine daheim, die für sein Kind und seine alten -Eltern schaffte.</p> - -<p>Ein warmes Rot stieg ihr in die Wangen, ihr -Mund wölbte sich stolz. Mit frischer Kraft, neu belebt, -trieb sie die Hacke in den Boden, daß die noch -winterharte Rinde tief auseinander barst und ein feuchter, -treibender Erdduft aufstieg. Die Muskeln an ihren -Armen strafften sich, man sah’s unter dem fadenscheinigen -Blaudruck-Kleid; sie arbeitete wie ein Mann.</p> - -<p>Jetzt machte sie keine Pause mehr; gleich einer -Maschine, regelmäßig, ohne Ermüdung, hob und senkte -sie die Hacke, Furche nach Furche wurde abgeschritten. -Der Schweiß fiel in Tropfen in die gelockerte Erde, -die das warme Naß gierig einsog. Blitzschnell bückte -sie sich zwischen den Schlägen, hier einen Stein aus -dem Acker zu lesen und dort; in mächtigem Schwung -flog der dann den felsigen Abhang hinunter, aufprallend, -sich überschlagend und prasselnd andres Geröll -mit sich in die Tiefe reißend. Laut hallte es im einsamen -Thal nach, die Stille gab das Geprassel doppelt -stark wider, es wurde zum Gepolter; drüben an der -Berglehne antwortete dumpf ein verschlafenes Echo.</p> - -<p>Der Unkrautstellen im Ackerland wurden weniger -und weniger, die schwachbegrünten Flecke verschwanden -einer nach dem andren — nun breitete sich das gleichmäßige -Schwarz bis zum Wegrain aus. Im Dorf -bimmelte das Glöckchen; die reine Luft trug den Klang -hell hier herauf; mit einem Seufzer der Befriedigung -ließ Bäbbi die Hacke zum letzten Mal niedersausen. -Fertig für heute!</p> - -<p>Morgen wurde wieder von frischem angefangen -und übermorgen wieder, und dann wieder, bis die lehmigen -Erdklöße — sie bückte sich und zerbröckelte einen -in der Hand — so fein waren wie Mehl; dann wollte -sie zufrieden sein. Dann gab’s auch eine gute Ernte, -Kartoffeln genug und auch ein wenig Korn. Was -würde der Lorenz sagen, wenn sie so viel erübrigte, um -eine Ziege zu kaufen? Wie gut würde die Milch dem -Kind und den beiden Alten thun! Auch zu einem -Ferkel würde es vielleicht noch langen, das wurde fett -gemacht und dann auf dem Markt zu Wittlich verkauft.</p> - -<p>Sinnend ging der Blick der jungen Frau in’s -Weite und verlor sich im duftigen Blaugrau, jenseits -der Berge. Da weilte der Lorenz, weit, weit. Ein -Ausdruck sehnsüchtiger Liebe machte ihren herben Mund -weich. Kam wohl je eine Zeit, in der nicht mehr so -viel Berge, so viel Wald, so viel Wasser sie von einander -trennte?!</p> - -<p>Bäbbis Gestalt reckte sich höher auf, ein tiefer -Atemzug hob ihre Brust — die Zeit <em class="gesperrt">mußte</em> kommen!</p> - -<p>Mit der schwieligen Hand strich sie sich das Haar -zurück, zog das Kopftuch tiefer in die Stirn, schulterte -ihre Hacke und schritt rasch dem Abhang zu. Scharf -umrissen zeichnete sich ihre Gestalt vom lichten Horizont -ab. Sie schien gewachsen, groß und stark hob sie sich -über der Umgebung.</p> - -<p>Eilenden Schrittes stieg sie den Pfad gegen das -Dorf abwärts, ihre derben Nägelschuhe trapsten fest. -Elf Uhr, nun warteten die Alten daheim schon, daß -sie kam und das Mittagessen kochte. Die waren beide -recht hinfällig geworden in diesem Winter, der Vater -lag immer im Bett, und der Schwiegermutter Maulwerk -war nicht halb mehr so scharf geschliffen; sie -greinten wie die Kinder, wenn sie ihren Willen nicht -kriegten.</p> - -<p>Und dann der Kleine! Ein glückliches Lächeln -verschönte das ernste Gesicht der jungen Frau — ach, -der kannte die Mutter schon! Wenn die kam, strampelte -er und reckte die Ärmchen und wollte nicht mehr -bei der Großmutter bleiben.</p> - -<p>Rasch und rascher schritt sie zu; nun war sie -unten auf dem Thalweg. Aber trotz ihrer Eile sah -sie die jungen Blätter des Wegebreits am Grabenrand -— die waren heilsam zum Auflegen für den offenen -Fuß der Schwiegermutter; erfreut kniete sie nieder -und pflückte die ab. Und da sproßte der erste Löwenzahn -— geschwind griff sie zu — und da noch einer, -und weiter drinnen im Gras noch mehrere! Das -sollte ein Salat werden für den Alten, so lecker, wie -ihn nur Herren an der Tafel haben, und dazu so gesund -für’s Geblüt. Sie sammelte eifrig.</p> - -<p>Plötzlich hob sie lauschend den Kopf. Ein Stöhnen -klang an ihr Ohr — war da jemand in Not? Sie rief.</p> - -<p>Wieder ein Stöhnen, und dann ein Fluch. Jetzt -sah sie erst: unten im Graben lag einer und suchte -vergebens an den steilen Rändern aufzuklimmen. Sie -hatte ihn vorhin in ihrem Eifer gar nicht bemerkt.</p> - -<p>Das war ein Betrunkener! Furchtlos ging sie -näher und streckte ihm die Hand hin. „Jesses,“ sagte -sie unwillkürlich und blieb stehen, wie angewurzelt; es -war Pittchen.</p> - -<p>„Wat stiehste elao on hälst Maulaffen feil, Framensch?“ -grunzte er sie an. „Siehste dann net, eweil -stechen ech in der Bredullich. Ech sein net si—si—sicher, -ech haon hei im Dr—Dreck geläjen — de — de ganz -Naacht,“ schloß er weinerlich.</p> - -<p>Er sah danach aus. Rock und Hose waren von -oben bis unten beschmutzt, er hatte sich recht im Schlamm -gesielt. Eine Mütze hatte er nicht; von nasser Erde -verklebt, starrten seine Haare, ein paar Zotteln hingen -ihm in’s fahle Gesicht. Seine Lippen waren blau, -die Augen verglast, noch hatte er seinen Rausch nicht -ausgeschlafen.</p> - -<p>Ohne Wort beugte sie sich zu ihm nieder und -hielt ihm die Hand hin. Er haschte mit seinen verklammten -Fingern danach; so steif durchfroren war er, -daß er sich kaum rühren konnte. Fast riß er auch -sie hinab.</p> - -<p>„Olau,“ grinste er, „dau willst e Küßche? Verliewt -wie de Weibsbiller al!“ Er schmatzte mit den -aufgesprungnen Lippen. „Küß mech, dau Leckermaul,“ -— erschrocken fiel er zurück — „Dunnerwäder, dat Bäbb!“</p> - -<p>„Miffert,“ sagte sie bestimmt, „seid net e su gäckig! -Hei, faßt de Hack an! On hei es mein anner Hand! -Däut<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> gäjen, däut! Ans, zwa un ans — ech trecken<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> -Eich eruf!“</p> - -<p>Sie stemmte die Füße ein und zog mit Kraft; -unfähig, sich selber zu helfen, ließ er sich willenlos -zerren. Nun hatte sie ihn oben, wie ein Klotz lag er -am Rand auf den Knieen.</p> - -<p>„Pittchen,“ sagte sie betrübt, „es et dann waohr, -wat se im Dorf saon? Ihr sauft?! Pittchen,“ — -sie faßte ihn unter den Achseln und stellte ihn auf die -Füße — „ech haon et net glauwen wollen, wat se -saon. Laoßt doch dat Tina laufen on de Fraleider -al, bleiwt derhäm! Ihr rujiniert Eich. Wat haot -Ihr dann von al Eirem Gäld?“</p> - -<p>„Willste ebbes?“ lallte er und suchte nach der -Tasche.</p> - -<p>„Nä!“ Sie hielt seine Hand fest und sah ihn -voll herzlicher Teilnahme an. „Ke Gäld! Ihr hatt -mir als e su vill Gudes gedahn; Eire drei Dahler -haon mer Säjen gebrach, ech mechten Eich davor —“</p> - -<p>Er unterbrach sie mit einem lauten Auflachen: -„Haha, Säjen! Säjen!“ Die Zähne klapperten ihm -aufeinander, und er schauderte.</p> - -<p>„Gieht häm,“ riet sie besorgt, „Ihr hatt Eich verkält -— Jesses, de ganze Naacht hei im Grawen! — -Kommt, kommt!“ Sie wollte ihn unter den Arm fassen -und führen, er stieß sie zurück.</p> - -<p>„Dau willst mer Mores liehren, bleiw mer vom -Leiw, dau Quiesel<a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>! Ech haon kein Predigt nedig — -gieh — gieh!“ Er strampelte mit Händen und Füßen, -verlor das Gleichgewicht und stürzte wieder rücklings -in den Graben.</p> - -<p>Hatte er sich weh gethan? Erschrocken wartete sie -ein paar Minuten, dann blickte sie hinunter. Da lag -er mit geschlossenen Augen und offnem Mund, blaß -wie ein Toter; aber jetzt ertönte sein regelrechtes -Schnarchen. —</p> - -<p>Bäbbi lief dem Dorf zu; sie hatte ihren Salat -vergessen.</p> - -<p>Kräftig pochte sie an Mifferts Hütte und trat -zugleich ein. „Zeih! Eier Mahn leit drau —“</p> - -<p>Das Wort blieb ihr im Halse stecken. Da saß -der Gendarm von Oberkail und hielt die Zeih auf dem -Schoß. Etwas verlegen sprang die auf.</p> - -<p>„Was ist denn los?“ fragte der Gendarm unwillig.</p> - -<p>Bäbbi stotterte: „Eier Mahn leit draußen im -Grawen, kommt, kommt!“</p> - -<p>„Laßt ihn ruhig liegen,“ sprach der Gendarm und -strich sich den Schnurrbart auf.</p> - -<p>„Äwer hän kann sech den Dod holen, hän es -eweil als ganz verklomm!“</p> - -<p>„Wat Ihr net saot?!“ Zeih horchte nun doch -auf, sie ließ sich den Hergang umständlich erzählen, -keinen Augenblick verlor sie dabei ihr vergnügtes -Lächeln. „Im Grawen — de ganz Naacht?! Jeß, -dat arm Pittchen! Jao e su es hän, alleweil strawätzt -hän erum. Bäbb, seid e su gud, weist mer de -Stell!“</p> - -<p>Als die beiden Frauen die Hütte verließen, kamen -Tina, Leis und Vrun daher; sie hatten die Bäbbi so -rasch laufen sehen. Ihre Augen funkelten neugierig. -„Wat es passiert?!“ Zeih berichtete.</p> - -<p>„Dat Pittchen — im Grawen?! Hahahaha!“ -Tina krümmte sich vor Lachen und hielt sich die Seiten; -vor Vergnügen juchzend, warf sie den Kopf hintenüber, -daß ihre dunklen Haarsträhnen sich lösten.</p> - -<p>„Hahaha,“ lachten Vrun und Leis, und Zeih -lachte mit.</p> - -<p>„Wir wollen hän hole giehn! Hole giehn, olau!“</p> - -<p>Im Laufschritt, ausgelassen kreischend, mit fliegenden -Haaren und flatternden Röcken, sich neckend und -jagend, stoben sie hinter Bäbbi drein. —</p> - -<p>Es war nicht das erste Mal, daß Peter betrunken -nach Hause kam. Er machte sich ein Gewerbe daraus, -von Dorf zu Dorf zu wandern und die Wirtshäuser -abzusitzen.</p> - -<p>Seit er ‚geerbt‘, arbeitete er gar nichts mehr; nicht, -daß er früher viel geschafft, aber er hatte doch wenigstens -hie und da etwas gebastelt, und mit der Reparatur des -Kirchenkronleuchters sogar ein Meisterstück geliefert. Der -geistliche Herr hatte ihn auch öffentlich, von der Kanzel -herunter, deswegen belobt.</p> - -<p>„Eweil haot hän dat Arweiden net mieh nedig,“ -sagte die Zeih und sah wohlgefällig an ihrem schönen -Kleid herunter. Bald nach dem Tanzvergnügen in -Oberkail war der Stoff gekommen, und der Peter -hatte dem Postboten stolz acht harte Thaler auf’s -Fensterbrett gezählt; es waren noch dieselben alten -Thaler, die er vom Krumscheid geborgt, Thaler mit -verschiedenen Randschriften, wie: ‚Gott mit uns,‘ ‚Gott -segne Sachsen,‘ ‚Gott — Ehre — Vaterland.‘ Auf -den Stücken, die der Alte wieder erhalten, waren Kopf -und Schrift weniger deutlich; sie waren wohl schon -durch sehr viele Hände gegangen. Ordentlich fettig -fühlten sie sich an, das Gekerbte an den Rändern war -abgegriffen. Aber es waren vollgewichtige Thaler, und -schmunzelnd verschloß der Alte sie in seinem Sparkasten, -glücklich, so ohne weiteres Drängen zu seinem -Gelde gekommen zu sein.</p> - -<p>Eine seltsame Rastlosigkeit hatte sich Peters bemächtigt. -Es gab Nächte, in denen er gar nicht heimkehrte, -andre, in denen er wohl zuhause war, aber zu -Zeihs größter Verwunderung erst bei Morgengrauen -zu ihr in’s Bett schlich. Sie gewöhnte sich an beides. -In ihrer gedankenlosen Art, fragte sie nun auch nicht -mehr: ‚Saog ehs, Pittchen, wat maachste e su lang -lao binnen in der Kammer?‘ Er hatte sie ein paarmal -angefahren: ‚Hal dei Maul, schär dech om dein -Saachen!‘ Jetzt rekelte sie sich bequem, wenn sie ihn -drinnen noch hantieren hörte, und drehte sich gähnend -auf die andre Seite.</p> - -<p>Sie war immer guter Dinge; seelenvergnügt fiel -sie ihm um den Hals, wenn er ihr etwas von seinen -Wanderungen mitbrachte.</p> - -<p>Bald war er in Oberkail, bald in Spang-Dahlem; -den einen Tag in Großlittgen, den andren in Ober-Öfflingen; -heut in Musweiler, morgen, in entgegengesetzter -Richtung, in Bettenfeld; diesseit in Landscheid -und jenseit in Hupperath, immer die kreuz und quer, -von Dörfchen zu Dörfchen. Bis nach Manderscheid -lief er und gar bis gen Daun; in der ganzen Gegend -war er bekannt, im näheren und weiteren Umkreis. Die -Wirte sahen ihn gern kommen, er hatte eine flotte -Art, den blanken Thaler auf den Tisch zu werfen: -‚Dao, zieht de Rechnung ahf!‘ Mitunter ließ er -sich auch von einem Bäuerlein wechseln, das froh -war, seine grünspanigen Kupferpfennige und abgeschabten -Gröschchen einzutauschen gegen das blanke -Silberstück.</p> - -<p>Sie litten keine Not mehr, und doch sah Peter -elend aus; so tief hatten ihm nie die Augen im Kopf -gelegen, scheu und gedrückt schlug er den Blick zu -Boden, nur nach ein paar Gläsern Schnaps flammte -der auf. Dann glühten die düstren Augen, wie hell -brennende Kohlen; in wilder Lustigkeit schlug Pittchen -auf den Tisch: ‚Wat kost’ de Welt?!‘ Und dann -trank er und trank, bis daß er sinnlos davon taumelte. -Regen und Schnee ernüchterten ihn nicht, torkelnd zog -er über die einsamen Landstraßen und durch den nachtdunklen -Wald. Dann sprach er wild vor sich hin; -schrie, laut schimpfend, die Bäume an und focht mit -den Armen wie ein Verrückter.</p> - -<p>Die Kleider schlotterten ihm um den Leib, sein -Gesicht war abgezehrt, und doch hingen die Weiber an -ihm wie die Kletten. Heute die, morgen die. Die -Tina beherrschte ihn ganz; die loderte um ihn her, wie -eine Flamme um ein dürres Holzscheit, und züngelte -und leckte, bis daß er Feuer fing. Dann konnte er -auch aufflammen, und alle ‚Wiehduhns‘<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> gingen in -Rauch auf; zwar nur für Augenblicke, aber um diese -Augenblicke that er ihr allen Willen.</p> - -<p>Sie war unersättlich, bald begehrte sie dies, bald -das: eine Brosche, eine Schleife, einen Ring, eine -Schürze, Zuckerzeug und wohlriechende Pomade. Bald -mußte er sie dahin führen, bald dorthin. Sie schmeichelte -und trotzte, sie versprach und versagte, und wenn -er zuletzt gequält rief: ‚Laoß mech in Ruh, maach, -datste weg kömmst,‘ lachte sie ihm in’s Gesicht. -‚Maach dau, datste weg kömmst! Lauf bei dein Zeih, -lao kannste zukucken, wie dän Oberkailer dat caressiert!‘</p> - -<p>Sie hatte nicht die Unwahrheit gesprochen. Als -er zum ersten Mal den Gendarm bei der Zeih antraf, -brüllte er in sinnlos eifersüchtiger Wut. Die geballten -Fäuste schwingend, sprudelte er wilde Drohungen: -„Eraus, eraus! Ech schlaon Eich dod, ech — eraus, -tutswit, eraus!“</p> - -<p>Der Gendarm ging schon, ganz gekränkte Würde; -nur auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um -und drohte mit dem Zeigefinger der wildleder-behandschuhten -Rechten: „Nehmen Sie sich in Acht! Beleidigung -der Obrigkeit wird mit Gefängnis bestraft. -Sie überhaupt — Sie —“ er spuckte aus; es schien -Peter, als hefte sich sein Blick durchdringend gegenüber -auf die Kammerthür. — „Sie haben überhaupt jar -keine Ehre mehr, mitzureden. Bitte mir Achtung aus, -werde Ihnen sonst mal auf die Bude rücken, Sie — -Tappert!“ Rasch die Thür zuwerfend, verließ er -schleunigst das ungastliche Haus.</p> - -<p>„Wat maant hän dermit?“ schrie Pittchen die -Zeih an; seine Augen rollten hin und her.</p> - -<p>„Bis still, Pittchen! Bis still!“ Sie war in -Angst vor ihrem Mann.</p> - -<p>„Ech sollen mech in Aacht holen — uf de Bud -rücken?!“ murmelte Peter. Und dann brüllte er: „Wat -haot hän von der Kammer gesaot — wat? Antwort!“</p> - -<p>Sie sah ihn betroffen an und stotterte verlegen: -„Mir — mir — hän haot gesaot, mir wollten lao -erin giehn, lao —“</p> - -<p>„Kreizgewieder!“ Schwer fiel Peter auf den -Schemel und stützte den Kopf in die Hände. So saß -er lange regungslos, wie aus Stein.</p> - -<p>Sein Schweigen machte sich Zeih zunutze. Nun -hatte sie Oberwasser; mit großer Geläufigkeit, halb -ärgerlich, halb lachend warf sie ihm seine Grobheit -vor. „Och Jesses, wann ech noren dän kleinsten Diskurs -met anem haon, stracks bis dau e su schroh!<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> -Wat soll hän nau von ons denken, dän Hähr Schandarm?! -Mer kann nie wissen, wie ei’m e su anen -trillsen<a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> on tribelieren kann; et es doch alleweil besser, -mer haot ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat!“</p> - -<p>„Ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat,“ sprach -er ihr nach und schüttelte sich, als liefe es ihm -kalt über den Buckel.</p> - -<p>Von nun an bekomplimentierte er den Oberkailer -höflich, wenn der Zufall ihn den in seiner Hütte finden -ließ. Sein blasses Gesicht trug dabei aber einen so verbissenen -Ausdruck, daß der schöne Gendarm es vorgezogen -hätte, die Zeih draußen im Freien zu treffen; -wäre es nur nicht gar so kalt gewesen! Der Miffert -war ihm riesig ungemütlich, und ebenso war er’s dem -Miffert; sie gingen beide umeinander herum, vorsichtig -schnuppernd, wie Füchse um die Falle.</p> - -<p>‚Es muß doch mal Frühjahr werden, auch in -dieser verfluchten Gegend,‘ tröstete sich der Gendarm. -Dann gab der Buchenwald einen angenehmen Ort für’s -Stelldichein, es saß sich gut auf dem weichen Moos. -Er hatte noch keinen Eifelwinter mitgemacht, und der -dünkte ihn schier endlos, zum Sterben langweilig mit -seinen ungeheuren Schneelasten, die das Bergland von -jedem Verkehr abschnitten.</p> - -<p>‚Eweil moß et bal Frühjaohr gänn,‘ tröstete sich -auch Pittchen. Dann war das Wandern von Dorf zu -Dorf nicht mehr so beschwerlich, man konnte ‚kommoder‘ -über Land gehn und seinen Rausch gemächlich im Wald -ausschlafen. — — —</p> - -<p>„Frühjaohr,“ kreischten auch jubelnd die Weiber, -als sie nun längs der Wiesen dahinliefen, um den Betrunkenen -heimzuholen.</p> - -<p>Ein feuchter Dunst stieg auf, ein Duft nach -jungem Gras und erdiger Kraft. Sie atmeten mit geblähten -Nüstern, ihre Gesichter waren rot, glühend vor -Übermut. Mit einem Schrei riß sich Tina das Tuch -vom Hals und ließ es wie eine Flagge in der Luft -wehen.</p> - -<p>„Frühjaohr! Hä, helao, Pittchen, wuh stichste?<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a>“ -Mit verschmitztem Lachen erhob sie einen durchdringenden -Gesang:</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Im Mai, im Mai,<br /></span> -<span class="i0">Moß mer sein zo zwei —“<br /></span> -</div></div></div> - -<p>„Still,“ sagte Bäbbi und drehte sich um. „Hör uf -met dem schnippschnappig Lied! Hörste dann net de -Lerch? Still! Se es Gottes Vogel.“</p> - -<p>Auf einem nahen Grasbüschel saß die Lerche. -„Tirili, tirili!“ Mit den Flügelchen schlagend, erhob -sie sich, jetzt schoß sie aufwärts wie ein Pfeil; in -Kreisen, höher und höher steigend, schmetterte sie ihr -jauchzendes Tirili himmelan.</p> - -<p>„Iwickelchen, Liwickelchen,“<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a> schrien die Mädchen -und sprangen, in die Hände klatschend, wie die Tollen -in die Wiese hinein. Sie rauften mit beiden Händen -das kurze Gras aus und schleuderten es sich in’s Gesicht, -wie ein Regen rieselte es ihnen über Haar und -Schultern; sie trappten hin und her, mit Gelächter -und Gekreisch, ihre schweren Nägelschuh traten die zarten -sprossenden Hälmchen tot.</p> - -<p>Zeih blieb ein wenig zurück, die hageren Dinger -liefen ihr denn doch zu schnell. Und da sah sie auch -ein paar gelbe Blumen des Löwenzahns, erfreut pflückte -sie sie ab und steckte sie sich in’s Haar — glänzten -die nicht wie eitel Gold? Anmutig nickten die leuchtenden -Blüten auf den braunen Scheitel.</p> - -<p>Kaum sah Tina die also Geschmückte, riß sie ihr -auch schon die Blumen vom Kopf. Zeih schalt lachend -und riß ihr Eigentum wieder an sich; das ging hin -und her, ein förmlicher Kampf begann, ein halb spielerisches, -halb ernsthaftes Balgen. Zuletzt schleuderte -Tina die zerknickten Stengel von sich: „Lao haste -dän Dreck!“ Die Füße der Weiber schritten achtlos -darüber weg.</p> - -<p>Bäbbi war den anderen weit voraus; jetzt blieb -sie stehen und wartete auf die Nachzügler. Mit zusammengezogenen -Brauen sah sie ihnen entgegen. -„Kommt, kommt!“ rief sie unwillig. „Laoßt de Alfanzereien!“</p> - -<p>„Alfanzereien?!“ Tina lachte spöttisch und hob -keck ihre Nasenspitze zu der um einen Kopf Größeren, -„sei dau nor net e su fürnehm, Lenzen Bäbb, mer -waaß jao doch, wän dau bis!“ Kichernd stieß sie die -Vrun an, und die Vrun stieß die Leis an, und die Leis -die Zeih.</p> - -<p>Eine dunkle Röte stieg Bäbbi in die Wangen, aber -sie sagte nichts; mit einem ernsten Blick sah sie von -oben herunter auf die Kleinere.</p> - -<p>„Haha,“ fing Tina wieder an — sie hatte den -Blick wohl verstanden und boste sich darüber — „dau -wills ons Conduitten liehren — dau?! Dau maanst -wohl, dau därfst dat, weil de noch in der elften Stund -onner de Hauw gekommen bis? Olau, e su domm! -Mer kennt dän Vogel an sein Federn, wann hän sein -Stimm aach noch e su verstellen duht. Hahaha!“</p> - -<p>Die Mädchen schlugen ein Gelächter auf, auch -Zeih lachte, ihr gedankenloses, fröhliches Lachen.</p> - -<p>„Zeih, kommt!“ sagte Bäbbi und faßte sie am -Arm. „Laoßt eweil dat Tina! Ein faul Ei verdirbt -dän ganzen Brei!“</p> - -<p>„Hollah“ — Tina packte die Zeih am andren -Arm — „hei gebliewen! Wat saoste, Lenzen Bäbb? Ein -faul Ei — wän maanste dermit, hä?“ Sie fauchte -die Große böse an, ihre Augen funkelten. „Dau Sauerpot, -dau Quiesel, onnerstieh dech! Stillwässer — -Grundfresser. Duh dei Maul uf, dau Grundfressersch, -laoß ehs hören, waorum ech faul sein? Faul!“ Sie -ballte die Fäuste. „Saog!“ Nun stampfte sie mit -den Füßen. „Saog!“</p> - -<p>„Je mieh mer im Kot rührt, desto mieh stinkt -hän. Ech haon ken Lust derzu,“ sagte Bäbbi ruhig -und drehte sich kurz um.</p> - -<p>Sie hatte die Lacher auf ihrer Seite, aufkreischend -vor Entzücken fielen sich Vrun und Leis in die Arme; -Zeih hing sich ihr freundschaftlich an den Arm.</p> - -<p>Jämmerlich abgeschlagen zog Tina allein hinterher; -einer andren wäre sie auf den Rücken gesprungen -und hätte ihr das Fell mit den Nägeln zergerbt. Der -da traute sie sich nicht. Die ging so ruhig und sicher -ihren Weg und führte die drei anderen wie selbstverständlich -mit sich fort.</p> - -<p>Tinas Augen kniffen sich zusammen, wie die einer -lauernden Katze; der Bäbbi konnte sie nicht ankommen, -aber der Leis und der Vrun, und besonders der Zeih, -denen wollte sie’s eintränken.</p> - -<p>„Eweil sein mer elao,“ sagte Bäbbi und wies auf -einen Dornbusch, dicht am Grabenrand. „Bei dem -Busch liegt hän unnen.“ Mitleidig beugte sie sich über, -mit einem Ruf der Uberraschung fuhr sie zurück. Da -unten lag wohl noch der Peter und schnarchte; aber -neben ihm hockte eine Frauensperson, den Oberrock über -den Kopf gezogen, ihr grellroter Unterrock blähte sich -wie eine große Mohnblume. Die Traut!</p> - -<p>Mit einem triumphierenden Lächeln sah diese aufwärts -in die verblüfften Gesichter; sie hielt Pittchens -Kopf in ihrem Schoß.</p> - -<p>Ein vierstimmiger Schrei antwortete dem Lächeln, -mit einem Satz war Tina unten, Vrun und Leis -stürzten nach; dann folgte die Zeih. Das war -ein Gewälze von Leibern im Graben, ein Gewirr von -Armen und Beinen, ein Schimpfen und Lachen, Zanken -und Zerren. Einen Augenblick sah Bäbbi darauf nieder, -dann machte sie Kehrt.</p> - -<p>Mit raschen Schritten ging sie davon. Kurz vor’m -Dorf blickte sie noch einmal zurück; die stille Luft trug -ein Getöse an ihr Ohr, ein Stimmengewirr, als ob -ein Heer anrücke.</p> - -<p>Da tauchten sie in der Ferne auf, von der Märzsonne -grell beschienen, wie von goldnem Flimmer umhüllt. -Als Kernpunkt der Peter; von den einen geschoben, -von den anderen gezogen, nahte er wankend.</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="XI" id="XI">XI.</a></h2> -</div> - - -<p>Eine Aufregung war im Dorf, kaum weniger groß, -als bei der Heimkehr der Männer. In das stille Thal -war’s gefallen wie ein Kanonenschuß und hallte unaufhörlich -von allen Ecken und Enden wider: ein Mann, -ein Herr! Ein reicher Herr!</p> - -<p>In der Eichelhütte würde er wohnen, die hatte er -dem van Beuren abgekauft. Aber nicht bloß ein paar -Jagdtage wollte er da verweilen, nein, den ganzen -Sommer sicher, und vielleicht auch den Winter. Der -Krumscheid hatte es erzählt und sich schmunzelnd dabei -die Hände gerieben; er witterte einen sicheren Verdienst. -Denn der Fremde hatte einen zartrötlichen Hauch auf -der Nase, und seine etwas verschwommenen, blaßblauen -Augen blickten gemütlich in die Welt.</p> - -<p>Gleich bei der ersten Einkehr hatte der Wirt das -nähere und nächste erfahren. Herr Anton Nikolaus -Schmitz, ‚Rentner‘, wie er sich schrieb, hielt durchaus -nicht mit seinen Angelegenheiten hinter’m Berge; er -erzählte gern.</p> - -<p>Er stammte aus der Eifel. Als armer Waisenknabe -war er ausgewandert und hatte sich durchgefochten -bis unten an den Niederrhein, wo ein entfernter -Verwandter von ihm wohnte; der that ihn zu einem -Gerber in die Lehre. Es glückte ihm; der Lehrling -wurde Geselle, der Geselle Meister — jetzt paßte bald -das Sprichwort:</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">‚Häutchen, wie stinkst du,<br /></span> -<span class="i0">Geldchen, wie klingst du!‘<br /></span> -</div></div></div> - -<p>Zuletzt hatte er eine große Gerberei in Köln besessen. -Aber was sollte er sich noch länger schinden? -Junggeselle war er, nähere Verwandte hatte er nicht, -sein Haar war grau geworden, die Gicht suchte ihn -öfters heim, und der Hals kratzte ihn vom Lohstaub. -Jetzt war’s Zeit, sich zur Ruhe zu setzen.</p> - -<p>Da meinte der Herr van Beuren, den er beim -Frühschoppen in der ‚Kevverndoos‘<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> kennen gelernt, -das grüne Salmthal, das so geschützt und lieblich -zwischen den Bergen läge, das wäre recht der Ort für -so einen. Sie besuchten miteinander die Eichelhütte, -und was noch mächtiger wirkte, als das eifrigste Zureden -des Herrn van Beuren, das war das Heimatsgefühl, -das plötzlich in dem geborenen Eifeler erwachte. -—</p> - -<p>Nun standen die Fenster der Eichelhütte weit offen, -der laue Frühlingswind durchfächelte die Stuben und -spielte mit den großblumigen Vorhängen des gemütlichen -Himmelbetts. Mit allem, was da lag und stand, -hatte der Schmitz das Haus gekauft, von den Geweihen -und rostigen Flinten an den Wänden bis herab -zum Wildschweinsfell vor der Thürschwelle. Er wanderte -in seinem doppeltgefütterten Schlafrock, die lange -Pfeife im Mund, von einem Raum in den anderen, -trieb freundliche Scherze mit den Weibern, die da fegten -und scheuerten, und fühlte sich ganz als Herr und Besitzer.</p> - -<p>Gestern war er durch’s Dorf spaziert und hatte -die ausgesucht, die ihm zur Arbeit am tauglichsten -schienen. Alle waren gelaufen gekommen und hatten -sich angeboten, selbst die alte Schneidersch und die -kleine Bill. Die hübschesten waren die tauglichsten; -Herr Schmitz hatte sich schon ein Trüppchen zusammengestellt, -da kam die Zeih des Wegs — Donnerwetter, -war das ein Frauenzimmer!</p> - -<p>Der alte Junggesell riß seine blauen Äuglein auf. -Merkwürdig, Jahre lang hatte er keine Anfechtung mehr -gehabt, nur an seine Häute gedacht — Gerberlohe trug -ihm die schönste Farbe — nun blieb sein Blick auf -diesen braunen Flechten haften, die sich so glänzend, -zu einem dicken Nest gesteckt, zeigten. Und ein Fellchen -hatte die! Hell und zart, wie ein junges Kalb.</p> - -<p>Machte es die Frühlingsluft, die stark und lebenerweckend -von den Bergen wehte? Machte es der -Dunstkreis all des Weibervolks, das sich um ihn drängte? -Herr Schmitz fühlte eine seltsame Unruhe in den Beinen, -das Wasser lief ihm im Mund zusammen.</p> - -<p>Linkisch galant zog er die Mütze. „He, junge -Frau. Guten Tag!“</p> - -<p>Lucia lächelte, daß man all ihre weißen Zähne -sah; das leicht bewegliche Blut schoß ihr in die Wangen, -sie waren rot wie reife Äpfel.</p> - -<p>‚Fett wie ein Hammel,‘ dachte Schmitz und ließ -einen väterlich wohlwollenden Blick über die junge Frau -gleiten; er liebte das ‚Völlige‘. Wohlbeleibte Menschen -waren immer gemütlich im Umgang; er selbst hatte sich -ja auch ein Bäuchlein zugelegt. Ein instinktiver Selbsterhaltungstrieb -zog ihn zu Zeihs angenehmer Fülle, -die doppelt auffiel zwischen den sehnig schlanken, fast -hageren Gestalten der übrigen Weiber.</p> - -<p>Das war was für ihn! Die wollte er zur Aufwärterin -wählen! Ihr freundlich heitrer Blick aus -klaren, braunen Augen bestärkte ihn noch darin.</p> - -<p>„No, junge Frau,“ sagte er, „haben Se et auch als -jehört, dat der Schmitz hier sein Residenz aufschlage will? -He? Ich brauch en Frauensperson, die mer et Bett -macht un en Taß Kaffee kocht; ich bin simpel jewöhnt, -aber en Buttel muß se aufziehn können un -auch en Spaß verstehn. Im übrigen hab ich jern -mein Ruh.“</p> - -<p>Zeih sah ihn mit offnem Mund an; sie verstand -den Herrn nicht, aber sie lächelte.</p> - -<p>Sie gefiel ihm immer besser; die anderen waren -ihm viel zu geschwind mit dem Mundwerk, besonders -die eine, die junge Schwarze, die sie Tina nannten -und die mit ihren dreisten Blicken unheimlich herumfunkelte.</p> - -<p>„No,“ sagte er wieder und klopfte Zeih auf die -Schulter, „können Sie bei mer die Aufwartung machen? -Wie steht et dermit, he? Oder sind Sie zu fein derzu?“ -Jetzt erst war ihm ihr ausgeputztes Kleid aufgefallen, -das handbreit länger war, als die Röcke der anderen.</p> - -<p>Die umstehenden Weiber stießen sich an und kicherten -halblaut.</p> - -<p>„Se es dem Pittchen sein Fra,“ rief Tina keck, -„dän haot geärwt. Eweil haot dat Zeih dat Arweiden -net mieh nedig. Wann hän net bal ales versoff haot; -dann gieft dat freilich en anner Mod! On wann -dän Oberkailer Schandarm net schplendid —“</p> - -<p>„Bis still,“ fiel ihr Zeih hastig in’s Wort und -zupfte sie am Rock. Und sich mit dunkelrotem Kopf -wieder zu dem Herrn wendend, flüsterte sie schüchtern, -die Wimpern gesenkt: „Ech moß erscht dat Pittchen -fraon, hän es e su — e su — ech glauwen net, dat -dän et gären sieht.“ Zögernd sagte sie es, sie hätte -für ihr Leben gern die Aufwartung übernommen, nicht -das Geld war’s, das sie lockte — zu essen und trinken -hatte sie ja — aber so ein Herr aus der Stadt konnte -allerlei Präsente machen, von denen man hier nichts -ahnte. Schade, daß mit dem Pittchen jetzt so gar -nichts anzufangen war! Wie ein Rasender war er auf -und nieder gerannt und hatte geflucht und geschimpft, -als er von dem neuen Besitzer der Eichelhütte gehört -hatte.</p> - -<p>Mit einem Seufzer schlug sie die Augen auf, die -feucht schimmerten. „Ech därf jao net!“</p> - -<p>Mitleidig sah ihr Schmitz nach, als sie mit gesenktem -Kopf davonschritt — das war ja eine rechte -Kreuzträgerin, und so ein sanftes, kreuzbraves Weibchen! -— — — —</p> - -<p>Heute, als der Besitzer der Eichelhütte die Schar -der fegenden Weiber besichtigte, bedauerte er wieder -auf’s neue, die hübsche Zeih nicht darunter zu sehen. -Die hätte gewiß nicht so gepoltert und unbändig hantiert, -sondern so nett gemächlich, wie es einem -Mann in seinen Jahren angenehm war. Fast wollte -es ihn bedünken, als trieben die Weibsbilder ihren -Possen mit ihm; die kecke Schwarze, hoch oben auf -der höchsten Leitersprosse, wippte hin und her, daß ihm -der Angstschweiß ausbrach; und die mit den blonden -Zöpfen goß ihm einen vollen Eimer Wasser grade -vor den Füßen aus. Er flüchtete vor die Hausthür.</p> - -<p>Da stand er nun in seinen grasgrünen Pantoffeln, -die Hände in den Schlafrocktaschen vergraben, einen -Shawl um den Hals, mächtige Tabakwolken in den -hellen Morgen hinausqualmend. Mit behaglicher Rührung -musterte er die Umgebung. So waren ihm die -Heimatberge mit ihren runden Buckeln und den daranhängenden, -winzigen Äckerchen manchmal im Traum -erschienen! Und dann dachte er an das ‚Mus‘, an -‚Kabes met Grombieren on Griewen‘, die er sich für -heut mittag beim Krumscheid bestellt, und sein Eifeler -Magen knurrte in süßer Erinnerung.</p> - -<p>Schmunzelnd blickte er die Straße zum Dorf -hinunter. Alles ruhig und friedlich, kein Wagen, kein -störender Lärm. Nur eine einsame Frauengestalt kam -des Weges; als diese sich bemerkt sah, zögerte sie und -trat dicht an die Mauer des Kirchhofs heran.</p> - -<p>Schmitz ständerte noch ein wenig vor der Hausthür -herum und besichtigte dann seinen Garten. Wenn -die hohen Bäume sich erst belaubten, mußten sie einen -köstlichen Schatten geben. Mochte die Sonne noch so -brennen, hier war’s angenehm; man konnte eine Hängematte -aufhängen und sanft darin duseln, und dort auf -dem grünbemoosten Steintisch mit der rätselhaften, eingemeißelten -Inschrift hielt sich der Moselwein gewiß kühl.</p> - -<p>Sehr befriedigt kehrte er aus dem Garten zurück; -da sah er am Gitter eine Gestalt vorbeischleichen, die -jetzt still stand und neugierig durch die Stäbe lugte. -Als er die Brille aus der Tasche gezogen, mit seinen -plumpen Fingern daran gewischt und sie auf die Nase -geschoben hatte, erkannte er die Zeih.</p> - -<p>„Sieh ens an!“ sagte er erfreut. „Weißt du -auch, mein Dochter, dat ich heut als an dich jedacht hab?!“</p> - -<p>Sie stand verlegen lächelnd. Hinter sich her hatte -sie ein Holzwägelchen gezogen; darin saß ein erbärmlicher, -kleiner Junge. Er ließ die Unterlippe hängen, -der Sabber lief ihm ununterbrochen aus dem Mund -und vereinte sich mit dem Brünnlein, das aus der Nase -quoll, vorn auf dem Lätzchen.</p> - -<p>„Dat es ons Josefche,“ sprach die Zeih, als sie -den Blick des Herrn bemerkte.</p> - -<p>„So so. Hm hm!“ Er konnte seine Verwunderung -kaum verbergen — wie kam das hübsche, frische -Weib zu dem elenden Kind?! Der Vater mußte doch -gar nichts taugen. Die Leute hatten sicher recht, die -den Miffert einen Säufer und Weiberjäger nannten; -so allerlei war ihm hintenherum über den Kerl zu -Ohren gekommen. Das arme Weib!</p> - -<p>„Kommt doch herein,“ sagte er freundlich, öffnete -das Gitterthor und zog selbst das Wägelchen in den -Garten.</p> - -<p>Schüchtern trat die Zeih ein und ließ ihre Blicke -an den hohen Stämmen hinauf und hinunter gleiten; -vor lauter Verlegenheit nahm sie dann das Josefchen -auf den Arm und herzte es.</p> - -<p>Das Gesicht des alten Junggesellen trug alle Zeichen -der Anteilnahme. Er klopfte dem Kind die aufgedunsenen -Bäckchen und nahm das welke, blasse Händchen -zwischen seine fleischigen, roten Finger. „Du, du, -kß, kß, kß,“ machte er und kitzelte es am Hälschen.</p> - -<p>Josefchen verzog das Gesicht und fing an zu -weinen; es war kein lautes, kräftiges Schreien, nur ein -jämmerliches, dünnes Greinen.</p> - -<p>Zeih war heute auch einmal schlechter Stimmung. -Als sie das Kind weinen hörte, zogen sich ihre Mundwinkel -abwärts; schon hingen ein paar Thränen in -ihren langen Wimpern.</p> - -<p>Mit dem Peter war eben gar kein Aushalt mehr, -heut in der Frühe war er nach Hause gekommen, sternhagelvoll. -Gelärmt hatte er nicht, er war in einem -weit schlimmeren Stadium, dem der verbissenen Wut. -Sie traute sich nicht heran; aber nachdem er dann ein -paar Stunden fest geschlafen, glaubte sie ihn in der -richtigen Verfassung, um ihr Anliegen wegen der Aufwartstelle -vorzubringen. Aber da kam sie gut an!</p> - -<p>Wie ein Verrückter trommelte er mit den Fäusten -auf’s Bett und schrie sie an: ob sie denn noch nicht -genug an einem hätte? Noch einen neuen dazu?!</p> - -<p>„Nä, nä,“ brüllte er, raffte sein Kissen auf und -warf es ihr an den Kopf. „On bei däm Stehler? -Mein es dat Schlößche — mein mußt et sein — -Stehler! Hal dei Maul!“</p> - -<p>Sie wagte gar keine Gegenrede mehr; aber er -sprang aus dem Bett, drang auf sie ein und trommelte -mit seinen Fäusten auf ihrem Rücken, wie vorher -auf’s Bett.</p> - -<p>Das waren die ersten Schläge, die sie von ihm -erhielt; und wenn er auch durch seine Betrunkenheit zu -entschuldigen war, übel nahm sie ihm die Prügel doch. -Um sich zu trösten, war sie mit dem Josefchen herausgebummelt, -in der Richtung nach der Eichelhütte. Eine -schmerzliche Neugier trieb sie; vielleicht, daß sie, am Gitter -lauschend, das Gelächter der anderen hören und einen -Blick erhaschen konnte in die ihr verschlossene Herrlichkeit!</p> - -<p>„Hei es et schien,“ sagte sie und sah sich, mit -offnem Munde, staunend um; noch nie hatte ihr Fuß -diesen vornehmen Grund und Boden betreten. Sie -ging wie auf Eiern.</p> - -<p>Schmitz fühlte sich sehr geschmeichelt, er führte sie -in’s Haus — das Josefchen konnte derweil draußen -im Wägelchen sitzen — und zeigte ihr alle Räume. -Mit neidischen Blicken glotzten die anderen Weiber; sie -standen nun mit geschürzten Röcken und zerzaustem -Haar in Nässe und Kehricht, und die da wurde herumgeführt, -wie eine Dame!</p> - -<p>Zeih kostete einen vollen Triumph aus; rasch kehrte -ihre gute Laune zurück, die Augen tanzten ihr ordentlich -vor Vergnügen, zärtlich streichelte sie über den verblichenen -grünen Bezug des eingesessenen, breitlehnigen -Sofas. Ihre naive Bewunderung machte dem Alten -das größte Vergnügen. Dadurch wurde es ihm erst -so recht klar, was er doch eigentlich für ein verteufelter -Kerl war, solch einen Besitz zu erstehen. Er fühlte -sich ordentlich jung; und als sie in den Keller hinabstiegen, -um den Platz anzusehen, wo das Moselweinfaß liegen -sollte, nahm er auf der dunklen Treppe ihre -warme Hand und patschte die und stieg so flink die -steilen, schlüpfrigen Stufen hinab und wieder hinauf, -als wäre er sechzehn und nicht nahe sechzig, und als -hätte die leidige Gicht ihm nie einen Knüppel gegen -die Beine geworfen.</p> - -<p>Schade, schade, daß er dies Frauenzimmer nicht immer -hier haben konnte! Er fragte sie noch einmal wegen der -Aufwartung, und sie berichtete ihm haarklein den Vorfall -des Morgens. Mußte der Miffert ein unangenehmer -Patron sein! Er schimpfte weidlich, und Zeihs Zunge -rührte sich auch munter — nä, ihr Pittchen war gar -nicht mehr kommod; seit der geerbt hatte, war er alleweil -kaprizig!<a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a></p> - -<p>„Von wem hat er denn geerbt?“ fragte Schmitz -neugierig.</p> - -<p>„Dat waaß ech net,“ lachte sie. „Mir saon hei: -‚Met Schweigen verredt mer sech net‘ — hän saot neist.“</p> - -<p>Schmitz sah sie verwundert an.</p> - -<p>„Jao, Ihr könnt et glauwen,“ fuhr sie wichtig -fort, „dat Pittchen, dat es anen!“ Ein geheimer Stolz -auf ihren Mann regte sich nun doch in ihr. „Dän -es klug, dän hört dat Gras wachsen. Dän saot neist, -wat hän net saon will; net emaol, wann hän besoff -es!“</p> - -<p>„So, so.“ Das zweifelhafte Lob Pittchens interessierte -Herrn Schmitz weiter nicht, seine Meinung -stand einmal fest: ein unangenehmer Patron. —</p> - -<p>Von nun an fühlte es Pittchen, er hatte einen -geheimen Widersacher im Dorf. War es sein schlechtes -Gewissen, das ihn so argwöhnisch machte, oder die -Eifersucht, nicht mehr der einzige Hahn im Hühnerhof -zu sein? Wahrhaftig, da brauchte er doch den alten -‚Knickstiewel‘ nicht zu fürchten, der im warmen Sonnenschein -einen dicken Flauschrock trug, Filzpantoffeln und -um den Hals einen doppelten Shawl. Er fühlte einen -unbestimmten Haß gegen den Alten in der Eichelhütte, -größeren Haß, als auf den schönen, jungen Gendarm -von Oberkail. Der Schmitz hatte einen verdammten -Blick; sah er nicht den Peter mit seinen Schweinsäuglein -so von der Seite an, als wollte er sagen: ‚Ich -weiß was‘ —?</p> - -<p>Als Peter den Alten zum ersten Mal in Krumscheids -Wirtsstube treten sah, sprang er aus seiner Ecke -auf, scharrte einen Kratzfuß und setzte sich mit einem: -„Met Verlöw!“ dem Herrn gegenüber an die Breitseite -des Tisches. Zutraulich fing er eine Unterhaltung an, -schwatzte harmlos und zutäppisch, aber er hatte kein Glück -damit. Seine Blicke, die flink und unruhig umherhuschten, -entdeckten keinen Zug des Wohlwollens auf dem dicken, -roten Gesicht gegenüber; Schmitz blieb zugeknöpft, das -blühende Fett der Wangen deckte jede Regung, die -schlauen Äuglein verschwanden ganz in ihren Schlitzchen. -Er trank rasch aus, zahlte und ging; Peter blieb -sitzen wie ein Dummer.</p> - -<p>Er fluchte in sein Glas hinein, fing an, mit dem -Wirt zu krakehlen, und schimpfte dabei auf, den ‚alden -Knickstiewel‘, den ‚Kalmäuser‘, das ‚Mastschwein‘.</p> - -<p>Was die Zeih nur an dem finden konnte?! ‚Herr -Schmitz‘ blieb ihr zweites Wort. Von dem grünen -Zitzsofa, über das sie einmal hatte streicheln dürfen, -erzählte sie, als sei es lauter Sammet und Seide. -Ganz beseligt kam sie heim, als der Herr Schmitz sie -zur Veilchenzeit in seinen Garten gerufen und ihr erlaubt -hatte, für das Josefchen einen Strauß Veilchen -zu pflücken. Als ob es deren nicht auf der Flur unter -den Hecken weit blauere und duftendere gäbe! Peter -riß ihr die Blumen aus der Hand, zertrat sie und -visitierte ihr dann die Tasche — hatte sie nicht noch -was Anderes geschenkt bekommen?</p> - -<p>Er glaubte ihr nicht, als sie beteuerte: „Nor -Veilcher, su waohr ech läwen, nor Veilcher!“ Er riß -ihr den Rock aus den Falten, kehrte alles an ihr um -und um, und als er nichts fand, schlug er sie.</p> - -<p>Sie heulte, daß die Wände widerhallten; er schrie -und lärmte wie besessen. Zuletzt versöhnten sie sich wieder. -Noch einmal schien in Peter das frühere Pittchen zu -erwachen; er schlug sich mit der Faust vor die Stirn, -nannte sich einen ‚Wuodeswoor‘<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a>, umarmte die Zeih, -bat ihr kläglich ab und küßte sie wild. Schnell versöhnt, -gab sie seine Küsse zurück; einander herzend und -drückend, verabredeten sie auf den nächsten Tag, den -Jahrmarkt in Wittlich zu besuchen.</p> - -<p>Zeih träumte die Nacht von einem Karrussel, von -Buden mit allerhand Herrlichkeiten, vom Oberkailer -und von Herrn Schmitz, während Pittchen, den Arm -um ihre Schultern gelegt, mit brennenden Augen in’s -Dunkel starrte und den Schlaf nicht finden konnte.</p> - -<p>So jämmerlich hatte er sich noch nie gefühlt. -War er denn krank? Wohl zitterten seine Hände, -wenn er ein Glas zum Munde führte, seine Beine -waren oft wie abgeschlagen; aber krank, nein, krank -war er nicht. Im Dunkel streckte er den Arm aus — -mager aber sehnig! Seine Finger spreizten sich — -war das nicht eine Hand, recht gemacht, den Thaler -auf den Tisch zu schleudern und danach aufzuschlagen, -daß Flaschen und Gläser hoch sprangen? Wenn er -nur mehr Freude davon hätte!</p> - -<p>Freude — — —?! Er unterdrückte ein Hohnlachen; -bei allem, was er that, schlich ja etwas um -ihn herum und tuschelte ihm in die Ohren, legte eine -Hand auf seine Brust und drückte ihn da, daß er nicht -frei atmen konnte.</p> - -<p>Jüngst war er mit der Tina in der Sonntagnacht -spät heimgekehrt; die Arme umeinander geschlungen, -schlenderten sie durch den Kunowald. Im tiefsten Dunkel -zog sie ihn auf’s Moos; da zitterte plötzlich ein Mondstrahl -durch’s dichte Geäst, mitten auf ihr lachendes -Gesicht. Es verzerrte sich zusehends zu einer Grimasse, -die dunklen Augen schimmerten in grünlichem Licht, die -weißen Zähne fletschten, als wollten sie ihn beißen. -Mit einem Fluch hatte er sich losgerissen. Und da stand -der Mond plötzlich in einer Lücke zwischen den Tannen -und grinste über das ganze, volle Gesicht. Und den -ganzen Weg ging er mit, und über Eifelschmitt blieb -er stehen mit seinem verdammten Grinsen und wankte -und wich nicht. Accurat so lachte der Schmitz.</p> - -<p>In Peter war der Wunsch aufgestiegen, sich einer -Seele anzuvertrauen. Ein paarmal war er wieder auf -den Gräbern seiner Eltern gewesen, aber keine Stimme -aus der Tiefe hatte ihm zugesprochen; vielleicht, daß sie -böse waren, weil noch kein Denkstein stand. Aber so -rasch ging das doch nicht. Alle Tage konnte er nicht -einen harten Thaler wechseln, so dumm waren die -Bäuerlein am Ende auch nicht; und seit der Schmitz, -der Schlauberger, in Eifelschmitt hockte, war ihm ein -Aufpasser gesetzt. Einen immer weiteren Kreis mußte -er auf seinen Wanderungen beschreiben.</p> - -<p>Wenn er sich der Tina anvertraute! Die war -schlau. Wenn er mit der Halbpart machte! Rasch kam -ihm der Gedanke, wie eine Erlösung — nur nicht allein -sein mit der Angst! — aber ebenso rasch verwarf er -ihn wieder.</p> - -<div class="poetry-container"><div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">‚Weiber haon lange Röck,<br /></span> -<span class="i0">Äwer en korzen Verstand‘, —<br /></span> -</div></div></div> - -<p>nein, das durfte er nicht wagen! Und zudem noch -Halbpart machen?! Er hatte ja für sich selber nicht -genug; wie Butter unter der Sonne, so zerrann ihm -das Geld unter den Fingern, er wußte nicht, wo’s hinschwamm. -Die Hütte war kahl, nach wie vor; und wenn -sie auch nicht mehr hungerten, ein Hundeleben blieb’s -doch. Zumal jetzt, wo er dem Frieden nicht recht -traute war’s oft knapp. Und diese zerrte an ihm, und -jene; die zog ihn hier, und die dort — das mußte ein -unversiegbarer Bronn sein, aus dem sie alle schöpfen -konnten.</p> - -<p>Eine gewaltige Erschütterung kam über Peter, eine -Todesmattigkeit. Der Kopf sank ihm vornüber, er hätte -sich gern aufgerichtet, es war ihm beklommen; aber -er konnte nicht, sein Rücken war so schwach, als sei -kein Mark mehr darin.</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="XII" id="XII">XII.</a></h2> -</div> - - -<p>Warme Tage waren über die Eifel gekommen, -Früh-Sommertage. Die Sonne brannte auf die nackten -Kuppen, die Felsen schleuderten die Strahlen zurück. -Gewitter zogen jäh auf und gingen jäh nieder; oft -stand ein Regenbogen über’m Thal, hie einen Fuß, -drüben den andren.</p> - -<p>Was da gesäet war, ging der Reife entgegen.</p> - -<p>Auf Bäbbis Acker stand der Roggen so hoch, wie -das Lorenzchen war. ‚Lukas Evangelist‘ hätten die alten -Schneidersch gern ihren Enkel genannt — so war der Tag -seiner Geburt im Kalender benamst, — aber Bäbbi hatte -trotz ihrer Krankheit und Schwäche darauf bestanden, -er mußte nach seinem Vater getauft werden.</p> - -<p>Sinnend schritt Bäbbi den Ackerrain entlang und -ließ ihre Hand sacht durch die leiswogenden Ähren -streichen. Wie lange noch, drei Wochen kaum, dann war -Peter und Paul; dann fing das Korn an, sich zu bleichen -— und die Männer kamen heim! Der Lorenz kam!</p> - -<p>Mit einem Seufzer der Befriedigung sah sie über -ihr Feld hin. Das konnte sich sehen lassen! Gleich -einer Bürste stand das Getreide, und nebenan streckten -die Kartoffeln, wohlgesetzt in Reih und Glied, ihre -steifen, dunkelgrünen Bäumchen. Wie eine Oase lag -dies Fleckchen in der Wüste der andren Äcker; kaum -handhoch stand auf denen das Korn, und manch Kartoffelland -sah aus, als hätten Wildschweine darin gewühlt.</p> - -<p>Mit der arbeitsrauhen Hand strich Bäbbi dem -kleinen Lorenz die wehenden Löckchen aus der Stirn -und sah, das Kind, das kräftig aufgerichtet auf ihrem -Arm saß, liebevoll an sich drückend, mit selig verträumtem -Ausdruck in die Ferne.</p> - -<p>Was würde er sagen, wenn er kam?! Bald, -bald! Ihr Herz klopfte stark, vor Freude. Hierher -wollte sie ihn führen, gleich am ersten Abend — kaum -konnte sie’s erwarten — was würde er für Augen -machen, wenn er sah, wie gut alles stand?! Ja, es -war ein rechter Gottessegen. Dankbar faltete sie ihre -Hände um die kleinen des Kindes und ließ sich auf -den Grasrain niedergleiten.</p> - -<p>Da saß sie still. Heut durfte sie ja feiern am -Sonntagnachmittag. Sinnend ließ sie die Augen auf der -Landschaft ruhen.</p> - -<p>Bergland, so weit der Blick reicht; armes Bergland. -Unter der mageren Erdschicht starrer Fels; winzige -Äckerchen, dem trocknen Heideboden abgerungen -oder dem Herzen des Waldes entrissen.</p> - -<p>Und doch liebte sie dieses Land. Mit tiefem Atemzug -sog sie die herbe Luft ein, die ihr stark entgegenwehte. -Wo gab’s noch eine solche Luft?! Als könne -sie nicht genug davon bekommen, öffnete sie die Lippen -und schlürfte und schluckte, wie ein Trinker köstlichen -Wein. Sie faßte das Kind unter den Achseln und ließ -es frei in der Luft schweben; es zappelte mit den -Beinchen und jauchzte vor unbewußter Lust.</p> - -<p>Lange hielt sie es so mit starkem Arm. Eifelluft, -Heimatluft — sie konnte ihm gar nicht genug davon -geben. Durchwehen, sich durchwehen lassen von dem -reinen Wind, dann wurde man groß und stark; und -wohnte man auch im Rauch der Städte und sah statt -der Bergspitzen die Fabrikschornsteine ragen.</p> - -<p>„Wuh ons Pappa es, lao sein mir aach zo Haus, -gäl, Lorenzche?“ fragte sie das unverständige Kind -und küßte es zärtlich. Sie dachte an die eingeengten -Straßen, an die graue Luft, an das Gestampf und -Geächz der Maschinen, und für Augenblicke irrte ein -Bangen über ihr Gesicht; aber gleich darauf lächelte sie -freudig. „Wann hän ons ruft, mir kommen, gäl? -Mir giehn zo onsem Pappa on bringen ihm sein -Heimat!“</p> - -<p>Als hätte sie schon zu lange gesäumt, sprang sie -auf. Schade, daß heute Sonntag war, am liebsten -hätte sie gleich weiter geschafft. Arbeiten ohn’ Unterlaß, -nicht müde werden! Dann kam vielleicht die Zeit, -in der sie aufladen konnte, was not that, und ihm -nachziehen durfte, hinunter in’s fremde Land. Mit -praktischem Sinn berechnete sie, daß sein Lohn ja dann -auch viel weiter reichen würde. Er hatte wohl guten -Verdienst, aber es blieb — außer dem, was er an Geschenken -mitbrachte und beim Besuch zuhause draufgehen -ließ — blutwenig davon übrig. Es spart sich nicht -viel, wenn man jedes Stück Brot, jede Handreichung -an Fremde bezahlen muß; die ziehen einem das Fell -über die Ohren. Da durfte man sich ja nicht trauen, -ein frisches Hemd anzuthun! Mit Schaudern dachte -sie an die schönen, selbstgesponnenen Hemden, die sie -ihm geschickt — wie mochten die jetzt schon aussehen?!</p> - -<p>Oh, sie wollte ihm wohl alles instand halten und -ihm ein ordentliches Essen kochen, und ihm den rußigen -Schweiß von der Stirn wischen. Da brauchte er in -kein Wirtshaus mehr zu gehen, und der Gesellenverein -that auch nicht mehr nötig; dann hatte er seinen Diskurs. -Er würde bei ihr sitzen; im Winter am warmen -Küchenherd, darüber das Lämpchen mit seinem blanken -Schild wie ein Sönnchen strahlte — im Sommer vielleicht -auf dem Gartenfleck, den sie mit Kartoffeln und -Salat bebaut; ein paar Blumen mußten auch darauf -wachsen. Am Himmel, zwischen den Schornsteinen -durch, blinkten die Sterne, dieselben Sterne, die auch -über den Eifelbergen leuchteten. Und er hielt ihre Hand, -und er sprach zu ihr: „So gut is mer’t noch nie -ergangen, Bäbb!“ — — — — — — — — —</p> - -<p>Mit einem tiefen, zitternden Seufzer fuhr sie aus -ihren Träumen auf. Sie hatte seine Hand gefühlt, -seine Stimme gehört — ach, es war nur der Wind, -der über ihre Stirn gestrichen, und das Lorenzchen, -das kindisch gelallt hatte! Weit war der Lorenz, weit -jene Zeit! Und hier waren die alten Eltern, die der -Versorgung bedurften, die konnte sie doch nicht im -Stich lassen. Schrumplige Äpfel halten oft fester am -Ast, als rotbackige; und schütteln darf man nicht in -fremder Leut’s Garten. Die konnten noch lange leben! -Und die mußten auch <em class="gesperrt">hier</em> zu Ende leben; alte Bäume -verpflanzt man nicht. Aber die jungen, die jungen?! -Bäbbi schüttelte den Kopf; in ihrem einfachen Sinn war -es ihr klar: den jungen that das Hierbleiben nicht -gut! Die mußten hinaus, den Männern nach!</p> - -<p>Mit schwimmenden Augen sah sie in die rote -Sonne, die dort langsam hinter den Wald tauchte. Die -Wipfel strahlten in lauterem Gold. So unermüdlich -die am Abend niederging und am Morgen wieder auf, -so unermüdlich mußte auch <em class="gesperrt">sie</em> ihr Tagewerk immer -wieder von neuem beginnen, freudig in Geduld, gewiß -in Hoffnung.</p> - -<p>Hoffnung! Hoffnung!</p> - -<p>Ja, der Tag der Vereinigung kam — jetzt wußte -sie’s genau. So sicher, wie diese Sonne, die diesseit -hinter’m Wald versank, morgen jenseit über Schwarzenborn -stand im neuen, vollen Strahlenkranz und den -einsamen Busch in blendenden Glanz hüllte — so sicher!</p> - -<p>Ihre ernsten Augen erhellten sich, ein heiliges -Feuer schien sich darin zu entzünden. Höher und höher -reckte sich ihre aufrechte Gestalt; wie die Wurzeln eines -starken Baumes standen ihre Füße fest im heimischen -Felsenboden, aber ihr offner Blick ging in’s Weite.</p> - -<p>Sie hob das Kind über sich und schwang es mit -einem Jubelruf hoch in die Lüfte. „Heissah, flieg! -Lorenzche, flieg! Dein Vadder on dau on ech, mir -hören <em class="gesperrt">zosammen</em>. Flieg, flieg!“</p> - -<p>Eine namenlose Freude schien über sie gekommen, -ihre Stimme erhob sich zu einem langen Jauchzen. Es -hallte in’s Thal hinunter, drang in die Hütten, weit -über’s Thal hinaus und verlor sich jenseit der Berge. -Es klang wie ein Weckruf: Auf, auf! Wie ein anfeuernder -Schrei und ein Locken zugleich: Kommt, kommt!</p> - -<p>Strahlender Glanz lag auf Bäbbis Gesicht, strahlend -wie die Lichtflut, die die Sonne mit letzter Kraft -auf ihren blonden Scheitel goß.</p> - -<p>Starken Trittes stieg sie zu Thal, kraftstrotzend -und siegessicher.</p> - -<p>Tief im Thalhintergrund lagen die mächtigen -Ruinen von Himmerod, schon schwarz im Abendschatten, -während die Eichelhütte mit ihren weißen Mauern noch -als heller Fleck am dämmrigen Waldrand glänzte. -Alles still, sonntäglich friedlich. In einer weihevollen -Feierstimmung schritt Bäbbi dahin. Da, horch! -Geschrei schallte zu ihr herüber; unweit der Eichelhütte -stand ein Trupp Menschen auf der Straße. Sie -schrien alle durcheinander mit lauten Stimmen.</p> - -<p>Was war geschehen? Bäbbi näherte sich rasch — -vielleicht eine Nachricht von denen draußen, vom Lorenz?! -Warum hatten sie sich nur alle hier zusammengefunden, -der Herr Pastor und der Herr Schmitz, der Krumscheid -und der Küster? Sie umstanden ein Bäuerlein, -das, den Stecken unter den Arm geklemmt, mit den -Fäusten herumfuchtelte.</p> - -<p>Ei, das war ja der Kemper aus Großlittgen! -Bäbbi erkannte den Handelsmann, der jahraus, jahrein -mit seinem Karren voll Irden-Geschirr die Eifel durchquerte. -Er machte auch nebenbei Geschäfte mit Hasen- -und Marderfellchen, mit Lumpen und Knochen und -allerhand anderem Kram. Seine lustigen Scherze waren -wohlbekannt; heut schienen sie ihm vergangen.</p> - -<p>Er schrie: „Et es en Schand on en Sünd! Mer -schindt sech halw dud, mer rennt sech den Odem aus -em Leiw, mer schäst<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> dorch’t miserabelste Wäder! Wann -mer ahf on an e Kastemännche eröwrigt, es mer als -heilfroh; on onseranen gieft bedrogen! Dat elao es -schänderlich, schänderlich es dat elao!“ Er heulte laut.</p> - -<p>„Wuh haot Ihr dän dann gekritt — wuhähr? -Jesses, saot doch!“ Der Krumscheid rüttelte ihn.</p> - -<p>„Ech waaß net,“ stöhnte das Hausiererchen und -schlug sich vor die Stirn. „Ech Dummkoap! Kann sein -als vor Wochen uf der Wittlicher Meß, kann aach net -sein. Duh haot ech der Dahler mieh. Onsem Hährgott -sei’t geklaogt, mer kann se jao nie lang behaalen. -Onseranen kömmt heihin on daor, duh kritt mer dat -Stöck on duh dat, heit en Penning, morjen en Groschen, -öwermorjen en Dahler — ech sein beschummelt met Bedaacht, -schänderlich beschummelt! Verfluchtes Schinnaos, -dat mech e su beschiß haot! En heilig Kreizdunnerwäder -soll hän —“</p> - -<p>„Aber, Kemper, Kemper,“ begütigte der Pfarrer, -„flucht doch nicht so! Wer sagt Euch dann, daß Ihr -mit Absicht betrogen seid? In unserer Eifel ist man -fromm und ehrlich; aus der bösen Welt wird uns die -Sünde eingeschleppt. Hier betrügt keiner den andren.“</p> - -<p>„Äwer ech sein doch befautelt,“ ächzte der Unglückliche, -„ob met Bedaacht oder net. Kuckt hei“ — -er zog ein Thalerstück aus dem Kittel und zeigte es -auf der flachen Hand herum — „dän es falsch!“</p> - -<p>Falsch —?! Bäbbi stand mit offnem Mund.</p> - -<p>Ein Murmeln, ein Raunen, ein hörbares Staunen -ging durch den Kreis; sie rückten enger zusammen, jeder -drängte heran und reckte den Hals. „Es et waohr? -Wirklich waohr?! Es dat miëlich, menschenmiëlich?“</p> - -<p>„In der That,“ — Schmitz hatte die Brille aufgesetzt -und hielt sich den Thaler dicht unter die Nase -— „der is falsch!“</p> - -<p>„Ech sein beschiß, ech sein beschiß,“ heulte -Kemper.</p> - -<p>Der geistliche Herr nahm den Thaler zur Hand. -„Ich kann das noch immer nicht glauben — nein, -nein!“ Er schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Sie können’t schon glauben.“ Schmitz fühlte sich -ganz als welterfahrener Mann. „Ich hab’ zu Köllen -als der Dinger mehr jesehn. Drum hat ja auch der -von Bismarck eben jetzt die Joldstücker einjeführt; der -is schlau, die sind nit e so leicht nachzumachen. Der -hier is falsch! Kiek ehs an“ — sein Portemonnaie -aus der Tasche ziehend, suchte er daraus einen Thaler -hervor — „der is echt!“ Er probierte beide Geldstücke -auf einem Stein. „Hört, wie hell den klingt, -un wie anders den! Da heißt et aufjepaßt. Wo einen -is, sind auch ihrer mehr.“</p> - -<p>Betroffen sahen sich alle an.</p> - -<p>„Zom Schandarm, zom Schandarm nach Oberkail!“ -zeterte der Küster.</p> - -<p>„Duh kommen ech jao als här,“ jammerte der -Handelsmann. „Duh sein ech stracks hingerennt, e su bal -als onsen Wirt zo Großlittgen saot, dän Dahler wär falsch. -Äwer dän Schandarm es net derhäm. Se saon zu -Oberkail: hän wär nao Schwarzenborn; on in Schwarzenborn: -nao Eifelschmitt. On hei, dän Krumscheid saot: -hän wär nao Karl —“</p> - -<p>„Lao kömmt hän,“ schrie Bäbbi auf. Ihre scharfen -Augen hatten den Schimmer einer Uniform am Waldrand -gesehen. „Lao kömmt hän aus em Büsch, ech -siehn de Knöpp blinkern!“</p> - -<p>„On en Framensch haot hän bei sech,“ brummte -schmunzelnd der alte Krumscheid. „Hä, Hähr Schandarm! -Helao!“</p> - -<p>„Hollah,“ brüllte Schmitz. „Sie da!“</p> - -<p>„Feuer, Feuer,“ zeterte der Küster.</p> - -<p>Sie erhoben alle die Stimmen, selbst der geistliche -Herr rief. Endlich schien der Oberkailer zu hören; das -Frauenzimmer verschwand, wie vom Boden verschluckt, -er selbst sprang in großen Sätzen vom Waldrand auf -die Straße herunter. Nun kam er angetrabt. — —</p> - -<p>Wer die Kunde vom falschen Thaler in’s Dorf -getragen, wußte man nicht. Obgleich der Gendarm den -Erstwissern strengstes Stillschweigen auferlegt — „denn,“ -sagte er, „der Hallunke darf beileibe keinen Wind davon -kriegen, sonst macht er sich dünne“ — hatte einer -doch geplaudert.</p> - -<p>Wie ein Lauffeuer ging’s von Haus zu Haus: -„Wißt ihr’t schuns? Hatt ihr’t als gehört? Jesses, -e su ebbes! Sollt mer’t glauwen? En Dahler, en -falschen Dahler!“</p> - -<p>Die Weiber standen alle auf der Gasse; außer -Bäbbi war keine im Haus geblieben. Sie schlugen die -Hände über’m Kopf zusammen und rissen Augen und -Mäuler auf. Alle möglichen Geschichten tauchten auf -im Anschluß an den falschen Thaler; wer was zu erzählen -wußte, erzählte: von Räubern und Mördern und -Einbrechern. Selbst der Schinderhannes, der vor siebzig -Jahren zu Mainz Geköpfte, trat leibhaftig wieder auf. -Sie drängten sich zusammen und schauderten und machten -einander graulen. Das summte und wirrte durcheinander, -wie ein aufgestörter Bienenschwarm.</p> - -<p>Das Wirtshaus wurde belagert; neugierige Gesichter -drückten sich an die Fenster, denn drinnen -saßen ja die Herren und hielten Rat. Und da war -auch der Thaler zu sehen. Wie der nur ausschauen -mochte?! Hie und da machte sich eine eine Ausrede; -zum Beispiel die Tina, die ging keck herein und kaufte -für einen Groschen ‚Klümpcher‘<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a>, aber es half ihr -nichts, der Krumscheid war ganz verstört und hatte kein -Ohr für ihre Fragen, und niemand von den Herren -rief sie an den Tisch, so sehr sie auch hinschielte. Sie -kriegte den Thaler nicht zu sehen.</p> - -<p>Der Schmitz führte das Hauptwort. Zu seiner -Zeit hatte in Köln einmal ein Falschmünzerprozeß gespielt, -den gab er nun mit allen Einzelheiten zum besten. -Eine ganze Bande war’s gewesen, zehn Mann hoch, -mit so und so viel Helfershelfern; was Ähnliches würde -wohl auch hier dahinter stecken.</p> - -<p>Immer martialischer wurde das Gesicht des Gendarmen, -er drehte den Schnurrbart auf, daß ihn die -Spitzen fast in die Augen stachen, und fühlte verstohlen -nach dem sechsläufigen Revolver, den er unter der -Uniform auf der Brust trug. ‚Im Namen des Gesetzes‘ -— ha, wie sie zitterten!</p> - -<p>Darin waren sich fast alle einig, ein Eifeler konnte -der Missethäter nicht sein. Der Pfarrer sprach warm -für die seiner Kirche anvertrauten Schafe. Nun war -er hier schon dreißig Jahre im Amt, nie, nie war etwas -Böses vorgefallen; er hätte es doch erfahren müssen -durch die Beichte.</p> - -<p>Schmitz, als geborener Eifeler, war ganz seiner -Ansicht. Ja, draußen waren sie alle raffiniert, aber -hier?! „Ne,“ sagte er, „hier sind se zu ehrlich!“</p> - -<p>Der Gendarm nickte dazu: „Und viel zu dämlich!“</p> - -<p>Nur das Hausiererchen sagte kein Wort zur Entlastung -der Einheimischen.</p> - -<p>Er stöhnte und jammerte, am meisten darüber, -daß der Gendarm den Thaler eingezogen hatte, um -ihn seinem Vorgesetzten, dem Obergendarmen zu -Wittlich, abzuliefern. „Jeß, Jeß,“ klagte er, „duh sein -ech vom Räjen unner de Trauf gekomm! Hähr Scha—Schan—darm -— ech will mein Dahler re—redur!“ -Er lallte schon, sie hatten ihm zum Trost wacker eingeschenkt.</p> - -<p>Heute brannten die Lichter in den Häusern länger -denn je, nur Pittchens Hütte lag still und finster.</p> - -<p>Spät in der Abenddämmerung kam Zeih in’s -Dorf geschlichen; Tannennadeln hafteten ihr im Haar, -und am Kleid klebte ihr Waldmoos. Ungesehen hoffte -sie ihre Hütte zu erreichen, aber schon wurde sie angehalten. -„Hatt Ihr’t gehört? Hatt Ihr’t gehört vom -falschen Dahler?“</p> - -<p>Mit Ungestüm platzte sie daheim in die Stube, -wo Pittchen quer über’m Bett lag, die Augen starr -gegen den Deckbalken gerichtet. Er hatte eben den -Rausch der vorigen Nacht ausgeschlafen, nach der Frühmesse -war er erst heimgekommen; nun schmerzte ihn -der Schädel noch. Stumpfsinnig brütete er. Als er -seine Frau erkannte, schnauzte er sie an: „Wuh haste -dech widder erumgedriewen, dau —“</p> - -<p>Sie achtete gar nicht darauf, gleich fuhr sie mit -der Neuigkeit heraus: „Haste’t gehört? Se haon en -Dahler, en falschen Dahler gefunnen! Se sein dem -Kerl als uf der Spur.“ In grausenvollem Entzücken -schlug sie die Hände zusammen: „Dän hänken se uf, -wann se dän kriehn! Pittchen, wat saoste nau?“</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>Sie beugte sich über ihn — schlief er schon wieder? -„Pittchen, en falschen Dahler! Denk ehs! Hörste -dann net?“ Sie packte ihn am Arm.</p> - -<p>„Ech hören.“ Ihre Hand zurückstoßend, richtete er -sich mühsam ein wenig auf, seine Stimme klang heiser.</p> - -<p>„Nä, datste dech aach e su wenig inderessierst,“ -sagte sie ordentlich beleidigt, „e su ebbes passiert doch -net alle Dag! Denk ehs, wann se dän kriehn, dän —“</p> - -<p>„Wän es et dann?“ Sich auf den aufgestemmten -Ellbogen stützend, sah er sie stier an.</p> - -<p>„Huh,“ kreischte sie lachend, „maachst dau en Visasch! -Eweil könnt mer sech jao graulen!“</p> - -<p>„Wän es et — wat saon se?“ stieß er hervor. -Seine Lippen zitterten, seine Hände auch.</p> - -<p>Sie zuckte die Achseln. „Dat waaß ech net. Äwer -waart,“ — sie ergriff gern eine Gelegenheit, wieder fortzukommen -— „ech giehn noch ehs on hören mech om!“ -Schon war sie zur Thür hinaus.</p> - -<p>Allein!</p> - -<p>Er stöhnte auf in verzweifelter Wut. Mit -einem Satz war er aus dem Bett und nebenan in der -Kammer. Mit angstvoll prüfendem, scheuem Blick sah -er sich um — nichts zu entdecken! Friedlich lag sein -Handwerkszeug auf dem Tisch, das niedrige Öfchen -stand an der Wand, der Schemel daneben. Sonst -alles leer.</p> - -<p>Erleichtert atmete er auf. Aber da, da in der -Ecke, wo Lehm und Steine, von der bröckligen Mauer -herabgefallen, einen Schutthaufen bildeten —?!</p> - -<p>Stechend bohrte sich sein Blick dort ein. Und -dann räumte er in fiebernder Hast den Schutt in eine -andre Ecke, riß von der Wand noch mehr darauf herunter -und ließ den schmutzigen Estrich der ersten Stelle unbedeckt. -So war nichts verdächtig.</p> - -<p>Draußen ging jemand in einiger Entfernung vorüber, -dumpf hallten die Schritte. Was, was, paßten sie -ihm gar schon auf?! Blitzschnell löschte er das Licht.</p> - -<p>Mit angehaltnem Atem schlich er im Dunklen aus -der Kammer in die Stube zurück, und aus der Stube -an die Hausthür. Vorsichtig öffnete er sie spaltbreit -und lauschte nach dem Dorf hinunter. Flimmernde -Lichter und Hundegebell, verworrene Stimmen und -Rufen und Lachen.</p> - -<p>Blätter säuselten im Nachtwind, durch das Gras -huschte etwas — er schreckte zusammen. Was war das?! -Ach, nur eine Katze, die den geschmeidigen Leib über -den taufeuchten Rasen zog und sich, leise raschelnd, -unter’m nächsten Zaun verkroch.</p> - -<p>Mit bebenden Fingern strich Pittchen das wirre Haar -aus der Stirn; dann stahl er sich, gewandt wie -die Katze, im Schutz der Hecken zum Dorf hinunter -und, jeden Lichtstreif, der aus den Fenstern fiel, vermeidend, -schlich er lauschend um die Häuser.</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="XIII" id="XIII">XIII.</a></h2> -</div> - - -<p>Das Kreisblatt zu Wittlich hatte eine Warnung -erlassen, und die genaue Beschreibung des falschen -Thalers stand dazu gedruckt; auch im Dauner Kreisblatt -war’s zu lesen.</p> - -<p>Ein panischer Schrecken hatte die Bevölkerung ergriffen, -manch Bäuerlein rannte nach der Wittlicher -Sparkasse und ließ von den Sachverständigen daselbst -seine paar Thälerchen prüfen. Sonst hatte man der -Sparkasse nicht viel Vertrauen geschenkt; da schienen -doch die Thaler viel sichrer daheim im Kasten, warm -unter’m Bett, oder im Strumpf zu unterst in der Lade.</p> - -<p>Auch der Krumscheid begab sich nach Wittlich und -borgte extra dazu das Chaischen vom Pauly zu Oberkail; -den Sparkasten stellte er neben sich, sorgsam mit -einer Decke verhüllt. Als er durch den dunklen Wald -fuhr, setzte er sich darauf.</p> - -<p>Ein geschlagner Mann kam er heim — elf von -seinen Thalern waren falsch! Die hatten sie gleich dabehalten -zu Wittlich und hatten ihn ausgefragt, daß -ihm der Verstand knackte; er dachte nach und dachte -wieder nach, aber wie sollte er’s noch wissen, von wem -er die Thaler bekommen?! Und der Obergendarm, mit -dem — weiß Gott! — nicht zu spaßen war, hatte ihn -zum Stillschweigen verpflichtet, unter der Drohung, -ihn sonst in Untersuchungshaft zu nehmen. Das war -das bitterste, nicht einmal erzählen durfte er’s!</p> - -<p>Und noch mehr falsche Thaler tauchten auf, hier -und da. In Hupperath und Karl, in Oberkail und -Spang-Dahlem, in Manderscheid und Bettenfeld, in -Oberöfflingen und Niederöfflingen, in Stadtfeld und -Daun; die ganze Gegend war verseucht.</p> - -<p>In der ersten Zeit lief fast jeden Tag ein neues Gerücht -um; bald sollte am Rhein eine ganze Falschmünzerbande -aufgehoben worden sein, bald an der Mosel, bald -waren die falschen Thaler von Holland über die Grenze -gekommen, bald von Frankreich. Die Weiber von Eifelschmitt -hatten soviel zu erzählen, daß sie gar nicht mehr -zu ihrer Arbeit kamen; sie brannten vor Neugier und -Aufregung, und Pittchen stand mitten unter ihnen auf der -Gasse und schürte den Brand.</p> - -<p>Seine Erzählungen überboten noch alle anderen; -es war ein ganzes Gewebe von Lügen, das er sich in -seinen schlaflosen Nächten aussann und den Dummen -über den Kopf warf. In guten Stunden frohlockte er -— waren die alle einfältig! Aber es kamen auch -böse Stunden, in denen packte ihn die Angst am Schopf -und drückte ihm die Kehle zu.</p> - -<p>Er traute sich nicht, etwas auszugeben, auch nicht, -beim Krumscheid zu borgen; der hätte so wie so jetzt -nichts hergeliehen, da er immer von ‚Verhungern‘ sprach. -In den Wirtshäusern konnte Pittchen auch nicht sitzen; -in die allerentlegenste, im fernsten Waldwinkel versteckteste -Schenke war die Kunde von den falschen Thalern -gedrungen.</p> - -<p>Schmalhans war wieder eingekehrt in Mifferts -Hütte, und zwar so plötzlich, daß Zeih sich nicht -in den jähen Wandel finden konnte. Was half es dem -Peter, daß er ihr kläglich beteuerte: es sei alles alle -geworden. Sie glaubte ihm nicht; soviel Geld konnte -gar nicht alle werden.</p> - -<p>Sie lag ihm in den Ohren Tag und Nacht und -quälte ihn und bettelte um Geld und weinte; an was -sie früher gar nicht gedacht, das brauchte sie jetzt zur -allerdringendsten Notdurft. Sie hatte eben das Bessere -kennen gelernt.</p> - -<p>Und wenn er zur Tina kam, dann tribulierte auch -die ihn. Was würde die gucken, wenn er auf einmal -sagte: ‚Ech haon ken Gäld mieh!‘ Er fürchtete sich -vor ihren schlauen Blicken und ihrer Spürnase.</p> - -<p>Und Spürnasen waren die Weiber alle; sie verfolgten -ihn auf Schritt und Tritt, sie hefteten sich an -seine Fersen, hingen sich ihm an und zogen ihn nieder.</p> - -<p>Er spielte den Kranken, da kamen sie in seine -Hütte und brachten ihm Suppen. Und Thee mußte er -trinken und Latwergen schlucken, höllischen Mischmasch -von allerhand Blattzeug und Gewurzel; und Einreibungen -und Umschläge mußte er probieren von Schneckenspeichel -und gekautem Brod.</p> - -<p>Da er sie so nicht los wurde, that er böse und -schmollte, besonders mit der Tina. Aber je mehr er -sich abkehrte, desto mehr rannten sie ihm nach; und die -Tina kam ganz frech zu ihm am helllichten Mittag; -setzte sich ihm auf den Schoß, in Gegenwart der Zeih, -und fragte ihn, wann er sie ausführe? Und gab ihm -lachend einen Nasenstüber, daß ihm das Wasser vor -Wut und Schmerz in die Augen schoß.</p> - -<p>Kaum war die weg, machte ihm die Zeih einen -Skandal. Also dafür mußte sie hungern, daß er mit -dem Mensch, der Tina, das Geld verpraßte?! Bitterlich -weinend rang sie die Hände:</p> - -<p>„O ech arm Dier! Wären ech nor dud, ech on -dat Josefche! Mir sein ganz verlaoß, mir haon niemand, -dän for ons sorgt!“</p> - -<p>Ihr Jammern that ihm in der Seele weh — sie -war doch immer noch die beste, hatte ihm nie ein -schiefes Maul gezogen; und wenn sie jetzt klagte, wahrhaftig, -sie hatte ganz recht. Zerknirscht versprach er ihr -ein buntes Tuch, wie er der Tina eins von der Wittlicher -Messe mitgebracht, und dem Josefchen einen Zuckerkringel; -auf den Sonntag verhieß er sogar ein Stück -Fleisch in den Topf. Selbst ganz gerührt, wischte er -ihr die Thränen von den Wangen, immer wieder strich -er ihr mit zitternder Hand über’s Gesicht; sein Herz -war wie entzweigeschnitten, ganz auseinander in einem -schmerzhaften, seltsam öden, katzenjämmerlichen Gefühl.</p> - -<p>Er wußte nicht mehr aus noch ein; in gräßlicher -Ungewißheit und qualvoller Unentschlossenheit verrannen -ihm die Tage.</p> - -<p>Währenddessen sänftigten sich draußen die erregten -Gemüter, das Geschwätz von den falschen Thalern war -schon nicht mehr das einzige. Bald wurde der gewohnte -Alltagsklatsch wieder aufgenommen und verdrängte das -bis dahin herrschende Gespräch. Zudem rückte Peter -und Paul näher, bald kamen die Männer; die Weiber -besannen sich auf ihre Pflicht. Hütten wurden geweißt, -Tische, Schemel, Töpfe und Bänke gescheuert, Wäsche -gewaschen, helle Kleider gesteift und in der Kirche für -glückliche Heimkehr gebetet. Auch die Zeih wurde still.</p> - -<p>Pittchen atmete auf; in der gezwungenen Ruhe -und bei dem Mangel an geistigen Getränken erholten -sich seine erschütterten Nerven. Er hatte nun doch wieder -einige Spannkraft, etwas von der alten Elasticität; -dabei kitzelte ihn eine gewisse Schadenfreude, den gar -so Dummen ein Schnippchen zu schlagen.</p> - -<p>Vorsichtig ließ er seine Augen um und um gehen -— nichts Verdächtiges! Wer würde es merken, wenn -er einmal wieder einen wandern ließ?! Sie brannten -ihn ordentlich in der Tasche.</p> - -<p>Er besuchte das Kreuz auf dem Kirchhof und saß -lange auf dem steinernen Sockel.</p> - -<p>Merkwürdig, so spöttisch der Peter früher gewesen, -so fromm war er jetzt. Seit dem vergangnen Herbst -ging er fleißig zur Kirche und lag oft vor dem Bild -der Himmelskönigin auf den Knieen; sie war seine -Schutzpatronin.</p> - -<p>Und wie er sich einmal in abergläubischer Scheu -den Segen des Himmels durch eine Gutthat erkauft, so -that er auch diesmal.</p> - -<p>Die heilige Jungfrau würde ihm lächeln. — —</p> - -<p>Wohlgemut pfeifend, die Hände in den Hosentaschen, -schlenderte Pittchen heute wieder herum. Mit -besonderer Zuvorkommenheit grüßte er den Oberkailer -Gendarm, der mit blitzenden Knöpfen, in Helm und -Sonntagsuniform, das Dorf passierte.</p> - -<p>Der Oberkailer wanderte zu seinem Vorgesetzten -nach Wittlich, um dort Bericht zu erstatten. Sein -dienstliches Notizbuch im Busen war vollgepfropft mit -allem möglichen Unwesentlichen; in der Hauptsache konnte -er nur melden: ‚Nichts Neues vorgefallen, alles ruhig.‘</p> - -<p>Mit einem höhnischen Grinsen sah Pittchen ihm nach.</p> - -<p>Es war eine kolossale Hitze. Die Straße lief wie -ein blendendes Band hin, in weißlichen Staub gehüllt; -kein Gräschen am Rain, kein Blatt am Baum rührte -sich. Die Mittagsonne sog mit gieriger Glut jeden -Tropfen Flüssigkeit aus dem Körper.</p> - -<p>Kein Wunder, daß der wohlbeleibte Oberkailer, -stöhnend, einen Augenblick im Schatten der großen -Bäume vor der Eichelhütte anhielt und, sich verschnaufend, -die enge Halsbinde lockerte. Dankbar nahm er -den kühlen Trunk Bitburger Biers an, den ihm Herr -Schmitz zum Fenster heraus kredenzte.</p> - -<p>„No, wohin dann?“ fragte neugierig der Alte.</p> - -<p>„Nach Wittlich zum Obergendarm — bei der -Bullenhitze! Verfluchte Thalerjeschichte!“</p> - -<p>„Kotzdausend — wat — wo?!“ Schmitz riß die -zwinkernden Äuglein weit auf und rollte sie hin und -her. „Haben Se wat auf’m Kieker?“</p> - -<p>„I bewahre!“ Ärgerlich preßte der Gendarm den -Gurt seines Seitengewehres tiefer herunter. „Lausenest, -diese Eifel! Reineweg nischt los; am besten, man verschliefe -die janze Zeit.“</p> - -<p>„Oha“ — der Alte machte ein wichtiges Gesicht -— „sagen Se dat nit! Ich sage Ihnen“ — er dämpfte -die laute Stimme zum Flüstern und wies mit dem -Daumen zurück gen Eifelschmitt — „da is’t nit geheuer! -Seien Se auf’m Quivive!“</p> - -<p>„Wissen wir längst, wissen wir ja längst,“ sagte -der andere abweisend. „Denken Sie denn, werter Herr -Schmitz, die Polizei hat keine Augen im Kopfe? Nee, -Jott sei Dank, so helle sind wir auch noch! Der -Obergendarm hat längst die Meldung nach Trier abjejeben; -seit der olle Krumscheid die elf falschen — -Donnerwetter!“ Er schlug sich auf den Mund. -„Na, angter nanu, Sie werden ja nischt davon verlauten -lassen! Auf Eifelschmitt liegt ein Verdacht und zwar -auf den Eifelschmitter Männern. Die stecken da unten -in den Fabriken, mitten zwischen den Werkzeugen und -all dem Krempel, — und dann sind sie jedenfalls Sozialdemokraten, -und die —.“ Er spuckte aus. „Sehen Sie, -die Kerle sind die Attentäter, die Weiber in Eifelschmitt -machen die Hehler. Aber warte man! Weitjehende -Recherchen sind sofort in den Fabrikdistrikten anjestellt. -Ja!“</p> - -<p>„Wat Sie schlau sind,“ sagte pfiffig schmunzelnd -der Alte. „Ja, die Preußen! Die Berlinersch besonders, -die hören et Jras wachsen! Ich würd’ nu viel -eher auf den Schlosser, den Miffert, en Verdacht haben. -Dat is en schlau Luder un en geschickten Kerl. Da -war neulich sein Frau bei mer un hat sich wat Jeld -jeborgt. Von dem Momang, wo hier der Rumor wejen -dem falschen Thaler losjejangen is, rückt der Kerl nix -mehr eraus. Is Ihnen dat nit sehr verdächtig?“</p> - -<p>„Nanu? Hahaha!“ Der Gendarm amüsierte sich -köstlich; da sah man doch wieder, wie die Dummheit -sämtlichen Eifelern angeboren war! „Mein werter -Herr Schmitz — haha — da sind Sie nett reinjefallen -mit Ihrer Schlauheit! Der Miffert — haha! Den -kenne ich wie meine Tasche, der is das dümmste Luder, -wo existiert. Nenee, haha! — Na, Morjen!“</p> - -<p>Kopfschüttelnd sah der Alte ihm nach. „Grünschnabel,“ -brummte er ziemlich respektlos und schlug das -Fenster zu. —</p> - -<p>Als der Nachmittag sich neigte und die Bergwand -angenehmen Schatten auf den Thalweg warf, klopfte -der geistliche Herr an die Eichelhütte. Es war ihm -zur lieben Gewohnheit geworden, dort einzukehren; nur -wenn er Herrn Schmitz nicht zuhause wußte, dehnte er -den täglichen Spaziergang bis Himmerod aus. Die -alte Klosterruine kannte er längst in- und auswendig, -aber der Schmitz, der war ihm etwas Neues, ein Stück -Welt, das in seine Vereinsamung gedrungen war. Dann -saßen die beiden beim Gläschen Moselwein, die ‚Kölnische -Volkszeitung‘ lag auf den Tisch gebreitet. Die hielt -sich Herr Schmitz, der Freigeist; der Pfarrer konnte nur -mit dem ‚Paulinusblättchen‘ aufwarten.</p> - -<p>Sie politisierten mit Vorliebe. Schmitz sprach -in einem belehrenden Ton, schlug gern zur Bekräftigung -seiner Kannegießereien auf den Tisch und wurde -krakehlig, wenn man nicht seiner Meinung war. Der -Pfarrer hörte zu mit stillem Lächeln; er war es gewohnt, -sich zu fügen.</p> - -<p>Heute politisierten sie nicht. Unentfaltet lag die -Zeitung; der Sonnenstrahl, der sich durch das dichte -Dach der Bäume bis zu dem steinernen Gartentisch -stahl, blinzelte auf noch immer nicht geleerten Gläsern. -Ganz bekümmert lehnte der geistliche Herr in seinem -Stuhl; den einen Arm über die Lehne gehängt, den andren -wie zur Abwehr erhoben, starrte er sein Gegenüber an.</p> - -<p>„Aber, Herr Schmitz, aber, aber! Der Miffert -ist ein durchaus ehrlicher Kerl, für den kann ich bürgen. -Wie schön hat er den Kirchenkronleuchter repariert! -Das war im vergangnen Herbst. Aus altem Zinn -und Blei und der Himmel weiß was, hat er ihn wieder -hergerichtet. Tag und Nacht hat er dran gearbeitet.“</p> - -<p>„So.“</p> - -<p>Weiter sagte Schmitz nichts, aber er spitzte die Ohren -und pfiff in eigentümlicher Weise durch die aufeinandergebissenen -Zähne.</p> - -<p>„Nein, nein, auf den Peter laß ich nichts kommen, -der ist wirklich fromm. Wie oft treff’ ich den nicht -in der Kirche! Erst kürzlich sah ich ihn in andächtigem -Gebet versunken vor’m Altar unserer lieben Frau auf -den Knieen liegen. Und glauben Sie, daß der was -dafür genommen hat, als er dazumal mit der Arbeit -fertig war? Den Heiligen hat er’s zu Gefallen gethan; -nur einen Vorschuß zur Anschaffung einiger notwendiger -Werkzeuge hat ihm die Kirche gezahlt. Nein, -nein, lieber Herr Schmitz, ein bißchen leicht ist der -Peter wohl, das liegt nun mal in den Verhältnissen“ -— der Pfarrer stieß einen Seufzer aus — „da muß -man sich eben mit abfinden. Aber sonst —!“</p> - -<p>„So?!“ Der Alte zog die Augenbrauen hoch -und hob den dicken Zeigefinger. „Der Grünschnabel, -das Berliner Großmaul, lacht zwar derzu, aber ich“ — -er schlug auf den Tisch — „ich weiß, wat ich weiß!“ -Er war heftig geworden und ganz rot im Gesicht; jetzt -hatte er seinen Kopf aufgesetzt.</p> - -<p>„Aber, aber, Herr Schmitz,“ sagte der Geistliche -ganz kleinlaut. „So ein guter Mensch wie Sie! -Wie können Sie einen Nebenmenschen so verdächtigen?!“</p> - -<p>„Ich verdächtige ja gar keinen, ich sage bloß, wat -ich weiß. Ich bin en aufjeklärter Mensch, der sich in -der Welt umjekuckt hat. Hat mir auch erst nit in den -Kopp jewollt, dat en Eifeler en so raffiniertes Luder -sein sollt, aber mer is doch kein Esel. En juter Mensch -braucht doch kein dummer Mensch zu sein. Ich will -auch jar kein juter Mensch sein,“ schrie er krakehlig, -„wer sagt Ihnen, dat ich en juter Mensch bin?!“</p> - -<p>„Ach, Herr Schmitz“ — der Pfarrer legte ihm -begütigend die Hand auf den Rockärmel, — „Sie haben -ja erst grade so was Gutes gethan, unsrer armen -Kirche eine so reiche Spende gegeben —“</p> - -<p>„Ich? Ne!“</p> - -<p>„Thun Sie doch nicht so! Die rechte Hand soll -freilich nicht wissen, was die linke thut.“</p> - -<p>„Ich weiß nit, auf wat Sie anspielen, Herr -Pastor, ich —“</p> - -<p>„Ich habe Ihren Thaler in der Büchse gefunden,“ -sprach lächelnd der geistliche Herr. „‚Zur Ausschmückung -des Altars der Hochheiligen Jungfrau!‘ Zufällig schüttete -ich gestern abend die Büchse aus; sonst thu’ ich’s nur -alle halbe Jahr; es lohnt sich nicht eher. So was -ist ein rarer Vogel unter all den Kupferpfennigen!“</p> - -<p>„En Thaler —?! Von mir?! Dunnerkiel, ich bin -doch nit toll! Wann’t noch en Buxenknopp jewesen -wär’! Der Thaler is nit von mir.“</p> - -<p>„Nicht von Ihnen?! Aber —“</p> - -<p>„Ne, wahrhaftig in’s Gott nit!“</p> - -<p>Verblüfft sahen sich beide an.</p> - -<p>„Aber, aber“ — der Pfarrer faßte sich an die -Stirn — „von wem kann der Thaler sein? Hier in -Eifelschmitt?! Ein Thaler in der Kirchenbüchse?! Mir -steht der Verstand still.“</p> - -<p>„Dat jlaub ich,“ sagte trocken Herr Schmitz. „Mir -scheint, der Spender von dem Thaler is nit e so weit. -Wann einer zu fromm is, hört de Klugheit auf. Wat -meinen Sie, Herr Pfarrer? Lassen mir mal jehen, ich -möcht ihn mer doch emal ankucken, den —“ er machte -eine Pause und sah den anderen bedeutungsvoll an — -„den Thaler!“</p> - -<p>Und sie gingen. Der geistliche Herr fast widerwillig, -in sich gekehrt, ohne Wort, nur ab und zu den -Kopf schüttelnd. Schmitz eilig, in einer gewissen neugierigen -Spannung.</p> - -<p>In des Pfarrers Studierstube ließ er sich mit -einem Seufzer der Erleichterung in den alten Ohrensessel -fallen. „So, nu zeijen Se mal her!“</p> - -<p>Mit zitternden Händen kramte der Geistliche in -seinem tannenen Schreibtisch; erst hatte das Schloß -nicht schließen wollen, dann fand er den Schlüssel zu -dem Kästchen nicht, in dem er die Kirchenkasse verwahrte. -Der bloße Verdacht schon hatte ihn ganz -außer Fassung gebracht. Endlich hatte er den Thaler; -aufgeregt hielt er ihn Schmitz hin.</p> - -<p>Dieser warf nur einen kurzen Blick darauf, nahm -ihn dann in die Hand und ließ ihn auf die Platte -des Tisches niederkollern.</p> - -<p>„Da haben wir’t — falsch!“</p> - -<p>„Aber wie kommt der in die Sammelbüchse für -den Altar der Hochheiligsten?“ jammerte der geistliche -Herr. „Ein falscher Thaler in die Kirche — oh, die -Sünde!“</p> - -<p>„Oh, die Dummheit!“ sagte der andere mit einer, -eigentlich etwas respektwidrigen Nachahmung im Ton.</p> - -<p>„Wer kann das gethan haben?“ ächzte der Pfarrer und -hielt sich den Kopf. „Keins meiner Beichtkinder, nein, nein!“</p> - -<p>„Jedenfalls keins, dat en Weiberrock anhat!“</p> - -<p>Schmitz betrachtete wieder den Thaler und brummte -vor sich hin:</p> - -<p>„Die sind ja hier so arm wie die Feldmäus’ bei -Mißernt’, un Weiber sind auch all viel zu geizig -derzu. Bleibt niemand übrig, wie der Peter mit der -Erbschaft. Schlosser is den auch noch obendrein. Hm, -hm — freilich, for so en dumm Luder hätt ich den -nit jehalten, jeht un schmeißt beim Muttersgöttesche en -Thaler erein! Die Dummheit könnt ei’m fast irr -machen. Hm, hm!“</p> - -<p>„Er hat es nicht gethan; er kann es nicht gethan -haben,“ stritt der arme Seelenhirt; er war so entsetzt, -als sei der Wolf über seine Schafe geraten. „Er hat -es nicht gethan!“</p> - -<p>„Werden mir ja sehn,“ sagte trocken Herr Schmitz. -„Ich jeh’ nach Wittlich!“</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="XIV" id="XIV">XIV.</a></h2> -</div> - - -<p>Es ist gegen zehn Uhr abend — eine schwüle, -dunkle Sommernacht; auf leisen Sohlen geht sie über -die Flur.</p> - -<p>Am Himmel flimmern die Sterne, matt, bis sie -ganz verschwinden hinter undurchdringlichen Wolkenschichten. -Nur zu ahnen sind die Berge; in’s Ungeheuerliche -vergrößert, schmelzen sie in eins zusammen -mit den Wolkenballen, die auf sie niederhängen. Die -einzelnen Felsnasen, die an den Berglehnen vorragen, -schauen fratzenhaft verzerrt in’s Thal. Wie ein schwarzer -Raubvogel mit ausgebreiteten Schwingen hängt der -Wald über’m Dorf, bereit, sich niederzustürzen und die -Wehrlosen mit seiner Last zu erdrücken.</p> - -<p>Vereinzelter Lichtschein blinzelte in den Hütten von -Eifelschmitt. Die faulsten der Weiber schliefen schon, -die weniger faulen schafften noch im stillen. Der Tag -trödelte sich so hin, da mußte der späte Abend herhalten; -denn lange konnten die Männer nicht mehr ausbleiben.</p> - -<p>Hier wusch noch eine, hinter dem mit alten Fetzen -verhängten Fensterchen. Da prügelte eine ihren Kindern -das ‚Artigsein‘ für den Vater ein und erstickte das Geschrei, -indem sie ihnen das bleischwere Deckbett über die -Köpfe zog. Dort saß eine ganz junge bei unruhig -flackerndem Kerzenschein und nähte sich rote Strumpfbändel -zum Tanz.</p> - -<p>In den Fugen der bröckligen Mauern zirpten die -Grillen, in den Ställen schnaufte das Vieh; die Stille -trug beides weit in die Runde. Verschlafen meckerte -eine Ziege, ein Säugling greinte, ein Hund knurrte — -dann alles ruhig, in Lautlosigkeit begraben.</p> - -<p>Man hörte das Schweigen der Sommernacht.</p> - -<p>Aber jetzt regte sich etwas zwischen den Hecken, die -den schmalen Pfad zu Mifferts Hütte einfaßten. Es -streifte rauschend an den Büschen entlang, die wild -überhängenden Zweige knackten.</p> - -<p>Ein paar dunkle Gestalten tappten vorsichtig die -Steige hinan, man hörte unterdrücktes Flüstern und -dann ein warnendes: ‚Pst, pst.‘</p> - -<p>In einiger Entfernung folgten noch zwei Gestalten, -neugierig schlichen sie hinterdrein.</p> - -<p>„Es et dann wirklich waohr?“ wisperte der Krumscheid -dem neben ihm Schleichenden in’s Ohr. „On -Se sein sicher, Hähr Schmitz? Jeßmarijuseb, dän -Pittchen!“</p> - -<p>„Er is et,“ antwortete ziemlich laut und bestimmt -die Stimme des Schmitz. „Meint Ihr, ich wär’ umesonst -stracks nach Wittlich geschäst, wat haste wat -kannste, un hätt’ Alarm geblasen?! Der Kerl, der -Esel —“</p> - -<p>„Pst,“ warnten die vorderen.</p> - -<p>Zu spät! Schon wurde Mifferts Hüttenthür von -innen aufgerissen, ein Lichtschein fiel in’s Dunkel hinaus. -Und mitten im Lichtschein zeigte sich eine Gestalt, Pittchen, -in lauschender Stellung vorgeneigt, wie ein aufgescheuchtes -Wild nach allen Seiten spähend.</p> - -<p>Den Männern stockte der Atem, sie drückten sich -dichter in den Schutz der Hecke.</p> - -<p>„Wän es elao?“ rief Peter argwöhnisch; seine -Stimme klang aufgeregt. „Kotzdunner, wän ramurt -lao erum, dat mer net —“</p> - -<p>„Im Namen des Gesetzes!“ Mit einem Satz -stand der Obergendarm vor ihm.</p> - -<p>Blitzgeschwind duckte sich Pittchen und schien an -der, wie aus dem Erdboden aufgeschossnen Gestalt vorbeischlüpfen -zu wollen. Vergebens! Schon hatte ihn ein -zweiter fest am Kragen.</p> - -<p>„Peter Miffert, im Namen des Gesetzes!“ wiederholte -der Obergendarm noch einmal mit Würde.</p> - -<p>Einen Schrei stieß Pittchen aus, einen einzigen, -kurzen Schrei, der durch die Nacht gellte, wie ein -Trompetenstoß, über das schweigende Dorf hinfuhr, hin -über die Wiesen und Äcker, und von der Bergwand -widerhallte. Die Kniee knickten ihm ein, in schlotternder -Haltung stand er auf seiner Schwelle.</p> - -<p>Aber jetzt raffte er sich schon wieder auf. Sein -erblaßtes Gesicht rötete sich, mit Kraft entwand er sich -der haltenden Faust, und, den Oberkailer zurückstoßend, -schimpfte er:</p> - -<p>„Zackerloot noch ehs, wat soll dat haaßen?! Es -dat en Manier, de Leit zo erschrecken! Ech haon gemaant, -de Räuwer fielen öwer mech här. Wat wollt -Ihr dann? Ha—o—uh“ — er zwang sich zu einem -unterdrückten Gähnen — „mir wollten justement schlaofe -giehn; ons Josefche es eweil widder onpaß<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>. Ha—o—uh -— wat sein ech müd!“</p> - -<p>„Laßt die Fisematenten,“ sagte streng der Obergendarm. -„Voran, zeigt uns Eure Wohnung!“</p> - -<p>„Die es bal gezeigt — haha!“ Pittchen brach -in ein kurzes, krampfhaftes Lachen aus. „En anzige -Stuw, on neist mieh. Äwer Scherz bei Seit, Ihr -Hähren, wat wollt Ihr eweil in meiner Stuw, dat -Zeih es justement beim Ausduhn<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a>!“</p> - -<p>„Schadt nischt,“ sagte der Oberkailer. „Voran, -marsch!“</p> - -<p>Peter zögerte, seine Blicke flogen nach allen Seiten.</p> - -<p>„Voran!“ Der Gendarm hielt ihm den sechsläufigen -Revolver unter die Nase. „Voran, im Namen -des Gesetzes!“</p> - -<p>Ein verächtlicher Blick Peters traf diesen; dann -machte er, mit der Energie der Verzweiflung sich -bezwingend, eine einladende Handbewegung: „Angtré!“</p> - -<p>Miffert voran, traten sie alle in die Stube. Da -war nicht viel zu sehen; ein elendes Licht beleuchtete -die kahlen Wände. Aufgeschreckt vom Lärm draußen, -stand die Zeih, halbentkleidet, im Zimmer und starrte -mit aufgerissenen Augen die Eintretenden an.</p> - -<p>Schmitz, als letzter, fuhr ordentlich zurück — -Donnerwetter, was hatte die für ein paar Arme! Und -was für einen Busen! Er genierte sich und konnte -doch nicht wegsehen.</p> - -<p>„Jesses,“ rief die Zeih, halb erschrocken, halb -amüsiert. „Pittchen, biste gäck, wat führste de Hähren -heihin?! Ech —.“ Mit einer verschämten Gebärde raffte -sie ihr Kleid vom Boden auf und warf dabei einen -raschen Blick auf den Oberkailer.</p> - -<p>Der hatte jetzt kein Auge für sie, sondern hing -nur an den Lippen des Vorgesetzten.</p> - -<p>Der Obergendarm verzog keine Miene. Mochten -da alle Frauenzimmer der Welt im Hemde stehen; er -hatte eisgraue Haare, was ging’s ihn an?! Er sprach -nur das eine Wort: „Haussuchung!“ Und wie ein -Spürhund stürzte sich der Oberkailer in alle Ecken.</p> - -<p>Er riß die Kleider von der Wand und schüttelte -sie um und um, guckte in den Herd und stöberte die -Asche auf, legte sich platt auf den Boden und bohrte -seine Blicke in jeden Winkel, stürzte sich auf’s Bett, riß -es auseinander, wühlte in den Kissen und durchstocherte -den Strohsack mit seinem Seitengewehr.</p> - -<p>Ein Hohnlächeln auf den, doch vor geheimer Angst -verzerrten Lippen, sah Peter ihm zu. Er stand mitten -im Zimmer, die Arme ließ er schlaff herunterhängen; -den Oberkörper etwas vorgeneigt, mit aus dem Kopf -gequollnen Augen, schien er eine Gelegenheit zum Entwischen -zu erspähen.</p> - -<p>Aber vor die Thür hatte sich die vierschrötige -Gestalt des Schmitz gepflanzt. Neben dem stand -der Krumscheid; zitternd vor Aufregung schrie er Peter -an: „Elf Dahler! Elf falsche Dahler! O dau Schubjack, -dau Filu! Dech mössen se hänken, su hoch dän -Mosenkoap es! Dau Bedröger, dau Befauteler, dau —“</p> - -<p>„Ruhe,“ gebot der Obergendarm. „Krumscheid, -keine Schimpfereien!“ Er wandte sich an den Oberkailer: -„Sie haften mir für den Miffert. Die zwei -Herren da bewachen das Frauenzimmer. Ich will derweil -emal selber dadrinnen Nachsuchung halten!“ Er -deutete auf die Kammerthür, die, durch einen alten -Schrank halb verstellt, ganz im Schatten lag.</p> - -<p>Ein unartikulierter Laut rang sich von Pittchens -Lippen.</p> - -<p>„Sagtet Ihr was?“ fragte der Obergendarm, -sich auf der Schwelle noch einmal umdrehend. „He, -Miffert?!“</p> - -<p>Keine Antwort.</p> - -<p>Eine kleine Laterne, die er am Gürtel getragen -und angezündet hatte, hochhaltend, verschwand er in -Mifferts Werkstatt.</p> - -<p>Totenblaß, mit Augen, die unstät umherrollten, -stand Peter wie angewurzelt. Er fühlte an seinem -Halse den Griff des Oberkailers, aber schlimmer war -der Griff jener eisigen Angst, die ihm das Herz zusammenpreßte, -daß es den Schlag aussetzte. In seinem -Kopf war ein wüstes Durcheinander, aus dem sich ihm -nur der eine klare Gedanke hervordrängte: ‚der durfte -nichts finden, nichts!‘ In ohnmächtiger Wut knirschte -er mit den Zähnen. Fand der da drinnen etwas — -fand er nichts?!</p> - -<p>Mit verzehrender Angst hing sein Blick an der -Kammerthür.</p> - -<p>Kein Wort wurde gesprochen. Mit einem dumm-leeren -Ausdruck wanderten Zeihs Augen von einem -zum anderen; sie hatte keine Ahnung, was eigentlich -vorging, und doch wagte sie keinen Laut. Die Arme -über der, durch die hastig übergezogene Taille nur notdürftig -bedeckten Brust verschränkt, die Zöpfe, aus denen -der Pfeil schon herausgezogen war, lang über den -Rücken hängend, hockte sie auf dem Schemel. Was -wollten die Männer? Was hatte ihr Pittchen gethan?! -In unbestimmter, kindischer Furcht fing sie an zu weinen.</p> - -<p>Fünf Minuten vergingen, zehn Minuten, eine -Viertelstunde, eine Ewigkeit.</p> - -<p>Man hörte den Obergendarm drinnen hin und -her trappsen und polternd das Gerät um und um -kehren. Für Minuten wurde es wieder ruhig. Und -dann hörte man sein Klopfen an den Wänden, sein -Füßescharren — jetzt sein Fluchen, und jetzt — dumpfe -Schläge.</p> - -<p>Dann Stille.</p> - -<p>Schon atmete Pittchen auf, ein erlösender Seufzer -wollte sich seiner angstgepreßten Brust entringen — da -— die Thür knarrte. Der Obergendarm trat aus der -Kammer, beschmutzt und bestaubt; aller Blicke hingen -an ihm.</p> - -<p>Er trug etwas.</p> - -<p>Peter wurde leichenblaß, vor seine Augen legte -sich ein Schleier.</p> - -<p>„Da,“ sagte der Wittlicher kurz und ließ mit einem -Plumps einen geöffneten, schmutzigen Leinenbeutel auf -den Herdrand fallen; ein paar Thaler sprangen heraus -und rollten mit bleiernem Geklapper über den Fußboden. -„Unter’m Estrich verstochen. Aber doch gefunden!“</p> - -<p>„Hah!“ Ein einziger Atemzug ging durch die -Stube; kein Mensch wagte ein Wort. Sie standen -alle wie angenagelt, die Hälse gereckt, mit aufgerissenen -Augen.</p> - -<p>Schmitz fand zuerst die Sprache wieder. „Da -hammer de Jeschicht!“ Und sich aufreckend, schrie er: -„Hab’ ich et nit jesagt, hab’ ich et nit jesagt? Wat -nu?!“</p> - -<p>Ein Fauchen, wie das eines wilden Tieres, antwortete. -Peter schien sich auf den Alten stürzen zu -wollen, aber gleich darauf ließ er den Kopf auf die -Brust sinken; ein zitterndes Stöhnen entrang sich seiner -Kehle.</p> - -<p>„In flagranti erwischt,“ sprach der Obergendarm -weiter. „Werkzeuge, alle möglichen Dinger, ein Schmelztiegel, -Blei, Zinn und so’n Zeugs, alles lag da unten -bei den Thalern. Das richtige Hamsterloch hat sich -der Kerl unter’m Estrich ausgegraben. Mehr brauchen -wir wirklich nit — hier!“ Er zog eine Gipsmatrize -aus der Tasche und zeigte sie herum. Und -dann verschloß er die Kammerthür. „Das bleibt alles -stehen und liegen, Ortsvorstand!“</p> - -<p>Krumscheid grunzte ein: „Jaowoll!“</p> - -<p>„Sie passen auf, daß nix wegkömmt. Hier den -Thalerbeutel nehmen wir gleich mit. Und nu allons!“</p> - -<p>„Miffert,“ wandte er sich an Peter und legte ihm -die Hand schwer auf die Schulter, „Sie sind überführt. -Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie!“</p> - -<p>Peter rührte kein Glied.</p> - -<p>„Sagt Eurer Frau adjö! Voran! Wird en -Meng Wasser die Mosel erunner laufen, bis ihr euch -wieder zu sehn kriegt. So’n Falschmünzer!“</p> - -<p>„Hau,“ sagte des Krumscheid Stimme von der -Thür her, „hau, eweil kömmt hän in’t Kittchen<a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a>!“</p> - -<p>Peter zuckte zusammen.</p> - -<p>‚In’t Kittchen‘ — das hatte Zeih verstanden. -Sie schrie hell auf: „Jeßmarijuseb, in’t Kittchen?! -Pittchen, wat haste dann pexiert? Pittchen! O die -Schand! Wat werden se al saon?! Dat öwerläwen -ech net. In’t Kittchen — Jesses! Josefche, Josefche!“ -Sie stürzte an die Wiege und riß das Kind -heraus; es mischte sein durchdringendes Jammergeschreih -mit dem ihren.</p> - -<p>„Dat arme Weib,“ murmelte Schmitz und wischte -sich den Schweiß ab.</p> - -<p>„On dat Josefche,“ flüsterte Krumscheid, „su en -deierlich Worm!“</p> - -<p>„Wat haot hän dann gedahn?“ jammerte die -Zeih und packte den Obergendarm vorn an der Uniform. -„O, liewer Hähr, laoßen Se ein doch giehn! -Hän es e su en gude Mahn, hän duht niemand neist -Onüwels!“ Sie warf sich nieder und umklammerte -seine Kniee. „O liewer Hähr, sein Se doch als barmherzig, -laoßen Se em doch hei! Wat sollen ech anfänken -ohn dat Pittchen?! Hän es e su brav, e su -ordentlich —“</p> - -<p>„Dat könnt Ihr ja alles vor Gericht aussagen!“ -Der Obergendarm machte sich ungeduldig von ihr los. -„Ihr habt Euch ohnehin vom Verdacht der Beihilfe -bei der Falschmünzerei zu reinigen. Ihr habt doch -sicher drum gewußt! Das Gericht —“</p> - -<p>„Gerich — wat? Ech vor’t Gerich?!“ Die -Zeih fuhr auf, wie von einer Schlange gebissen. „Ech -vor’t Gerich — Jesses, Jesses! Ech haon niemand -neist Beeses gedahn! — O hätten ech doch uf mein -Vadder sälig gehört, on dän Pitter net gefreit, eweil -säßen ech net e su in der Bredullich! Nä, nä, ech sein -onschullig! Onschullig, dir Hähren, wie en schnieweiß -Lamm!“</p> - -<p>„Dat is se, Herr Obergendarm,“ rief Schmitz. -„Ich bürge für die Lucia Miffert!“</p> - -<p>„Ich kann ihr auch nur das beste Zeugnis geben,“ -sagte etwas schüchtern der Oberkailer.</p> - -<p>„Huh, vor’t Gerich, vor’t Gerich! Ech sein onschullig,“ -kreischte Zeih ohne Unterlaß, ihre Zähne -schlugen aufeinander, in sinnloser Angst klammerte sie sich -an Herrn Schmitz. „Huh, vor’t Gerich, vor’t Gerich!“</p> - -<p>Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr Beschützer mußte -ihr das Josefchen abnehmen, das hätte sie sonst fallen lassen.</p> - -<p>Der Obergendarm beruhigte sie: „Es geschieht -Euch ja nichts, nur ruhig, Frau! Ihr braucht nur -Euer Aussag’ zu machen!“</p> - -<p>„Jao, dat will ech, dat will ech aach,“ schrie sie -heulend. „Hän haot mech bedrogen, dän Lomp! Bedrogen, -Dag on Naacht — fraot noren dat Tina on -de annren Fraleider! Ech moßten hongren on derhäm -sitzen, on eweil haot hän de Ärwschaft verjuchheht! -On wann hän besoff waor, haot hän mech geschlaon. -— Kucktelhei!“ Sie riß das Kleid von ihrem weißen -Nacken und zeigte Striemen, die darüber hinliefen. -„Duh haot hän mech geschlaon, derlätzt met der Haselgert. -Ihr könnt et glauwen, dir Hähren, ech kann dat -Läwen bal net mieh mantenören — o ech onglöcklich -Persohn, ech miserabel Framensch! Wän soll for ons -sorgen, wann hän im Bulles<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> sitzt?!“</p> - -<p>„Ich!“ sagte der Junggesell, trat heran, das Kind -auf dem Arm, und schnäuzte sich krampfhaft.</p> - -<p>„O Hähr Schmitz!“ Weinend haschte sie nach -seiner Hand, die das rote Taschentuch hielt, und packte -sie mit ihren beiden Händen. Immer näher neigte sie -sich gegen ihn; sie standen dicht beieinander.</p> - -<p>Ein Schrei gellte.</p> - -<p>„Maach!“</p> - -<p>Schäumend, zitternd vor Wut, stand Pittchen -plötzlich vor Schmitz. Wie ein Tiger war er gesprungen; -die geballte Faust schlug er dem Alten -auf den Kopf, daß dieser betäubt zurücktaumelte. -„Ech schlaon Eich dud! Ech raoden Eich, laoßt -Eier Fingren vom Zeih! Mein es se. Weg, weg, -weg!“ Er schlug wie ein Rasender um sich, vergebens -suchten ihn die Gendarmen zu bändigen. „On -wann dir mech einsperrt im tiefsten Bulles, Wochen -on Monat on Jaohr — on wann dir mech köppt — -on wann dir mech ufhänkt — ech kommen widder!“</p> - -<p>Wie ein Schwur klang es, der Krumscheid zitterte -vor Grausen; leise stahl er sich zur Thür hinaus.</p> - -<p>„Onnerstieh dech!“ Peter packte die Zeih und -riß sie hin und her, daß sie auf die Kniee fiel. „Ech -kommen widder, haste’t gehört?“ Mit furchtbarer -Drohung brüllte er sie an: „Dau bis mein!“</p> - -<p>Und dann schmolz plötzlich seine Wut, jäh wie sie -gekommen, auch jäh dahin. In heiserem Schluchzen -zusammenbrechend, ließ er sich willig vom Oberkailer -die Handschellen anlegen. „Zeih, Zeih,“ schluchzte er, -„vergeß mech net!“</p> - -<p>„Ech vergessen dech net, nie, nie!“ Ebenfalls -schluchzend hing sie an seinem Halse; sie umklammerten -sich beide, als könnten sie sich nicht lassen.</p> - -<p>„Ech vergessen dech net, e su waohr ech läwen, -Pittche, mei Pittche!“</p> - -<p>Herzzerreißend klang ihrer beider Schluchzen, und -das Josefchen wimmerte dazu in schrecklichen Schmerzenstönen. -— — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Als sie die Hütte verließen, wankte Peter wie ein -Betrunkener, er lahmte so stark, wie nie zuvor. Die -Hände hatten sie ihm auf dem Rücken zusammengeschlossen; -neben ihm schritt der Wittlicher, hinter ihm -der Oberkailer.</p> - -<p>Herr Schmitz war bei der Zeih zurückgeblieben, -die brauchte Beistand. Sie lag, ganz zusammengefallen, -in einer Ecke und schlug wie eine Rasende die Stirn -gegen die Mauer. „Pittche, mei Pittche!“ Dem alten -Junggesellen kamen selber die Thränen, er hob sie auf, -suchte sie zu beruhigen und erschöpfte sich in Trostreden.</p> - -<p>„Jao, ech glauwen et sälwer,“ schluchzte sie an -seiner Brust, „ech moß mech eweil verdrösten. Dän -Pittchen“ — sie hob den Kopf und strich sich resolut -die Haare aus der Stirn — „Hähr Schmitz, ech sein -sicher, dat dän net widder kömmt. Dän hänken se uf!“ —</p> - -<p class="center"><span style="margin-right:5em;">*</span>*<br />*</p> - -<p>Vorsichtig tappten die Gendarmen mit ihrem Arrestanten -den Heckenweg hinunter; zur Sicherheit hielt -ihn der Oberkailer hinten am Rock.</p> - -<p>Noch war es dunkel, aber keine so tiefe Finsternis -mehr, wie vorher; der Mond hatte sich hinter einer schweren -Wolkenwand vorgestohlen und kämpfte jetzt mit zerrissenem -Gewittergewölk. Über den fernen Bergen wetterleuchtete -es.</p> - -<p>Blitzähnlich erhellten ab und zu scheue Mondstrahlen -den Pfad; von den nächsten Hütten fiel auch -Lichtschein herüber. Das unsichre Gehen hatte bald ein -Ende, schon schimmerte heller die breite Straße — da -— Gemurmel! Ein dunkler Trupp nahte sich und -verstopfte den Ausgang der Heckengasse.</p> - -<p>Die Weiber!</p> - -<p>Zu einer Kolonne geschlossen, harrten sie in trotzigem -Schweigen. Im huschenden Schein des Mondlichts -sah man ihre herausfordernden Gesichter und ihre -funkelnden Augen.</p> - -<p>Keine von ihnen rührte sich, als die Gendarmen -nahten; sie hielten den Weg besetzt.</p> - -<p>„Platz,“ sagte der Obergendarm und stieß die -nächste mit dem Ellbogen an.</p> - -<p>Es war Tina. „Oho,“ sagte sie und drängte sich, -statt zu weichen, näher an ihn heran. „Waorum schubst -Ihr mech?! Hei haot jeden dat gleiche Rächt!“</p> - -<p>„Platz für die Obrigkeit,“ wiederholte schneidig -der Oberkailer und warf sich in die Brust.</p> - -<p>Ein allgemeines, schallendes Gelächter antwortete ihm.</p> - -<p>„O dau Lappes,“ schrie eine Stimme aus dem -Hintergrund, „gieh nor on laoß der dein Rotznaos -wischen. Mir peifen uf dein ‚Platz for de Obrigkeit‘!“</p> - -<p>„Platz, Platz!“ Sie äfften ihm alle nach.</p> - -<p>„Seid ihr doll?“ rief der Obergendarm. „Verrückte -Fraumenscher macht Platz! Wenn ihr nicht auf -der Stelle geht, laß ich euch sammt und sonders einsperren -— hört ihr, einsperren!“</p> - -<p>„Können! Erscht können! Haha!“ Tina lachte -gellend. „Et wär’ noch gaor e su unöwel net, met -dem Pittchen zosammen im Bulles. Äwer, gäwt -Obaacht!“ Ihre zehn Finger wirbelten plötzlich dem -alten Mann vor’m Gesicht, ihre Stimme klang drohend: -„Laoßt hän los!“</p> - -<p>„Jao, laoßt hän los!“ kreischte der Weiberchor.</p> - -<p>„Heihin!“ Tina packte Pittchen am Ärmel und zog -ihn zu sich herüber. „Ihr, laoßt hän! Wat wollt -ihr vom Pittchen? Hän haot neist gedahn!“</p> - -<p>„Das wird sich finden!“ Wütend stieß der Obergendarm -Miffert in den Rücken. „Voran!“</p> - -<p>Ein ohrenbetäubendes Gekreisch der Weiber erhob -sich, in drohender Haltung rückten sie näher und -näher.</p> - -<p>Die Gendarmen waren vollständig umzingelt. Dem -Oberkailer brach der Angstschweiß aus — immer neue -Weiber rückten heran, aus den Häusern kamen sie gelaufen, -mit Schimpfen und Lachen, und verstärkten den -Trupp. Und rückwärts knackten und raschelten die -Hecken, ungestüm brach eine Bande halbwüchsiger Mädchen -durch, Bill voran, und verstellten auch <em class="gesperrt">den</em> Ausweg.</p> - -<p>Mit der Linken packte der Obergendarm seinen -Gefangnen fester; er hätte das nicht nötig gehabt, -Peter machte keine Anstalten, zu entfliehen, mit niedergeschlagenen -Augen stand er, bebend wie Espenlaub. -Mit der Rechten zog der Alte das Seitengewehr, die -blanke Waffe glitzerte im Mondlicht.</p> - -<p>„Platz!“ schrie er, „oder —!“ Vielsagend fuchtelte -er durch die Luft.</p> - -<p>Der Oberkailer hielt den Revolver vor.</p> - -<p>Die vorderen wichen zurück, die hinteren drängten -vor. „Gäwt dat Pittchen eraus, ons Pittchen! -Hoho — ho —!“</p> - -<p>Das war ein furchtbares Lärmen. Drohend erhobne -Arme reckten sich wild durcheinander. „Ons -Pittchen! Pittchen!“</p> - -<p>„Ruhig, Weibsbilder!“ brüllte der Wittlicher, -Pittchen mit sich reißend; die blanke Waffe vorgestreckt, -erzwang er sich einen Durchgang.</p> - -<p>Kreischend wichen die Weiber zu beiden Seiten -auseinander, aber gleich darauf schlossen sie sich wieder -eng zusammen; der etwas zurückgebliebene Oberkailer -wurde hart umdrängt. Es regnete Püffe und Stöße; -da war manch eine, die ihm heimlich grollte, daß er -kein Auge für sie gehabt.</p> - -<p>Er hielt den Revolver ausgestreckt und wagte doch -nicht zu schießen. Sich wie ein Kreisel drehend, um -sich nach allen Seiten zu decken, schrie er: „Ich schieße -— ich schieße! Platz!“</p> - -<p>„Laoßt dän Lappes laufen,“ rief verächtlich die -blonde Leis, deren Zöpfe halb gelöst flogen.</p> - -<p>Noch ein Tritt gegen die Kehrseite — nun stolperte -der Oberkailer aus dem Kreis und stürmte in -mächtigen Sätzen seinem Vorgesetzten nach.</p> - -<p>Alle Weiber hinterdrein.</p> - -<p>Auf der stillen Straße, gen Himmerod hin, fegte -die wilde Jagd. Das war ein Getrappel, ein Gekreisch, -ein Johlen und grelles Schreien, ein Huschen flüchtiger -Gestalten. Das quirlte durcheinander, wogte, hüpfte -und sprang. An der weißen Kirchhofsmauer zeigten -sich, in’s Ungeheuerliche verzerrt, flatternde Schatten; -unheimlich gespenstisch tauchten sie auf und nieder, -wischten vorbei und verschwanden.</p> - -<p>Und hinter der bleichen Wand ragte das Kreuz -aus dem Dunkel des Friedhofes; wie ein Wahrzeichen stieg -es empor und schien endlos bis in den Himmel zu wachsen.</p> - -<p>Peter wagte einen scheuen Blick dorthin; einen -noch scheueren warf er hinter sich auf die nachdrängenden -Weiber; sein Fuß zögerte. Sollte er sich wenden, -jene zu Hilfe rufen?!</p> - -<p>Ihn schauderte.</p> - -<p>„Voran, voran!“ trieb der Obergendarm.</p> - -<p>Und Pittchen trottete wieder weiter.</p> - -<p>Die Jagd wurde langsamer, jetzt fehlte es ihnen -allen an Atem.</p> - -<p>Schnaufend trabte der Oberkailer an des Gefangnen -andrer Seite; rechts und links hielten ihn beide Gendarmen -gepackt, ab und zu wandten sie sich um und -streckten den in geringer Entfernung Folgenden die Waffen -entgegen.</p> - -<p>Das laute Geschrei war verstummt, es hatte einem -dumpfen Murren Platz gemacht. Gleich einer bösen -Bestie schlich die Weiberkolonne hinterdrein; sie knurrte -und lauerte und drohte in unheimlicher Tücke.</p> - -<p>Näher und näher kam man dem Thalende, hoch -und finster hoben sich die Ruinen von Himmerod, dahinter -schwarz ragende Bäume des unendlichen Waldes.</p> - -<p>Voll Besorgnis sahen die Männer darauf hin; -schon gellten wieder einige Schreie.</p> - -<p>„Laoßt hän los! Pittchen, ons Pittchen!“</p> - -<p>Ein Stein wurde geschleudert — noch einer — -eine dreiste Stimme schimpfte. Das Murren, das bis -dahin ein halb unterdrücktes gewesen, erhob sich lauter, -kecker. Es schwoll an, wuchs und wuchs, wurde stark -und stärker, drohender und drohender, grollend wie -Ungewitter. Fester packten die Männer ihre Waffen. -— — — — — — — — — — — — — —</p> - -<p>Da — ein Schrei!</p> - -<p>Die Weiber stutzten.</p> - -<p>Ein Ruf, der das Thal durchhallte von einem -Ende zum anderen!</p> - -<p>Wie versteinert standen sie alle.</p> - -<p>Noch einmal der Ruf — ein Ruf aus kräftiger -Männerkehle:</p> - -<p>„Hallo—o—oh.“</p> - -<p>Das Echo war erwacht, jubelnd gab es den Ruf -zurück:</p> -<p> -„Hallo—o—oh!“ -</p> - -<p>Und durch die Nacht flammte es auf, dort auf -der Höhe von Schwarzenborn. Erst wie ein Stern, -dann rasch größer werdend, weithin leuchtend, immer -heller und heller, gelb und rot — eine Sonne, eine -Riesenflamme, ein Freudenfeuer.</p> - -<p>Der einsame Busch auf dem kahlen Scheitel zeigte -sich deutlich; wie bei Sonnenaufgang umlohte ihn -Glanz und Glut. Aber jetzt brannte er selber. Seine -vertrockneten Äste hüllten sich blitzschnell in sprühendes -Geprassel, gierig züngelnd loderte es auf in feurigem -Entzücken.</p> - -<p>Eine Freudenfackel streckte sich empor zum nächtlichen -Himmel.</p> - -<p>„Se sein dao!“</p> - -<p>Wie aus einem Mund kam’s, nur ein einziger Schrei.</p> - -<p>Das waren nicht der Weiber viele mehr, das war -nur ein Weib noch — <em class="gesperrt">das</em> Weib! Jählings wandte -es sich, alles vergessend, und stürzte in rasendem Lauf -dem Mann entgegen.</p> - - - - -<p class="center spaced-above">Verlag von <em class="gesperrt">Egon Fleischel</em> & Co., Berlin W 35</p> -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> -<p class="title2">Das schlafende Heer</p> -</div> - -<p class="center"><em class="bigger gesperrt">Roman</em> <span class="hor-spaced">von</span> <em class="bigger gesperrt">C. Viebig</em>,</p> - -<hr class="full" /> -<p class="center">Preis: geheftet M. 6.—; gebunden M. 7.50</p> -<hr class="full" /> - - -<p class="center bigger light-spaced"><b>Aus den Besprechungen:</b></p> - -<p><b>Pfarrer Naumann</b> schreibt in der <b>„Hilfe“</b>: Dieser -Roman ist in jeder Richtung eine große Leistung. Er ist zunächst -ein Beitrag zur Frauenfrage, denn er ist eine Frauenarbeit, die -jedem Manne Hochachtung abzwingt, er ist ein Dichterwerk, denn -alles in ihm ist unmittelbar lebendig von einer bewundernswert -sicheren Einbildungskraft geschaut, er ist gleichzeitig ein politisches -Lehrbuch, denn er zeigt die Polenfrage in ihrer ganzen Wucht -und Verworrenheit, besser als eine historisch-politische Untersuchung -sie darstellen könnte. Es will uns scheinen, daß nichts, -was Clara Viebig bis jetzt geschaffen hat, so voll, so rund, so -einheitlich ist als diese Geschichte, die sich zwischen drei Rittergütern, -einem polnischen Dorf, einer Kleinstadt und einer Kolonie -der Ansiedelungs-Kommission irgendwo bei Lissa oder sonst hinter -Posen abspielt. Es ist fabelhaft, daß die Dichterin der Eifelgeschichten -und der Wacht am Rhein das polnische Leben so in -sich hineingenommen hat, daß man seine Wiedergabe ohne -weiteres als einfach wahr empfindet. Der Titel des Buches -hängt ein wenig äußerlich an der Geschichte, aber das schadet -nicht viel. Es ist der Traum eines alten polnischen Schäfers, -daß unter dem Berge polnische Gewappnete ihrer Wiederkunft -warten, bis einmal das Volk selbst bereit ist, in seinen Befreiungskampf -einzutreten. Diese Gewappneten sind das schlafende Heer, -gleichsam die Vertreter aller der gespensterhaften Gedanken, die -über die Köpfe der verlorenen Nation hinfahren. Wir sehen -als Glieder des wachenden Heeres den Geistlichen, der alle -Fäden in seiner Hand hat, den Rittergutsbesitzer, der sich in den -Reichstag wählen läßt, den armen kopflosen, verängstigten Schullehrer, -den schon erwähnten Schäfer, die Bettelfrau und vor -allem die gnädige Frau und ihre Jungfer, die den deutschen -Männern die Köpfe verdreht, und daneben ein polnisches -Mädchen voll Geduld und Treue. Auf deutscher Seite haben -wir den Edelmann, der sich als deutschen Vorposten fühlt und -sich und andere durch mangelndes Gefühl für die wirkliche -Lage elend macht, seine tapfere, feine Frau, einen alten deutschen -Inspektor und eine Kolonistenfamilie vom Rhein, die es unter -mancherlei Leid drei Jahre im baum- und berglosen Osten aushält. -Die eigentlichen Verderber sind die polnisch gewordenen -Deutschen, ein Förster und ein Inspektor. Nicht erhaben, aber -auch kein Unhold ist der jüdische Krämer, dessen Karren durch -alles dieses Getriebe hin und her fährt. Aber was nützt es, -die Personen aufzuzählen? Damit ist ja doch weder die -Stimmung noch der Verlauf gekennzeichnet. Die Stimmung ist -leidenschaftslose Naturmalerei menschlicher Vorgänge. Man -kann nicht sagen, daß die Dichterin irgendwo selbst hervortrete, -am ersten noch in der Gattin des deutschen Gutsherrn. In -gewisser Art erinnert ihre Art der Darstellung an den „Büttnerbauer“ -oder den „Grabenhäger“ von Polenz, aber ihre Kunst -ist darin größer, daß sie die Einheitlichkeit eines Vorganges -herzustellen weiß, ohne sich an Einzelpersonen zu binden. Der -Gegenstand, über den sie schreibt, ist der bewußte und unbewußte -Kampf zwischen Polentum und Deutschtum, gerade auch -den unbewußten, instinktmäßigen Kampf beschreibt sie gut. Und -das Ergebnis ist die Niederlage der Deutschen. Zwar wird -uns im Schluß eine neue Generation deutscher Kämpfer verheißen, -die den Polen verstehen und zu nehmen wissen, aber -für jetzt schließt die Geschichte mit deutschem Tod und Rückzug. -Vergeblich, vergeblich! Und niemand sieht, wie es anders -werden soll, denn die Kräfte, die hier siegen, werden ja bis zur -nächsten deutschen Generation nicht schwächer. Clara Viebig -zieht keine politische Lehre aus ihrer Dichtung; es gehört nicht -zum Schauen, Vorschläge und Anträge zu bringen. Der Leser -aber nimmt ihr Buch in die Hand und denkt an Bismarcks -Polenreden, an Caprivi, Hansemann, Delbrück und vieles andere. -Was nützt aber alles Politisieren gegenüber dieser Kirche und -diesem Gefühlsleben? Kann man die Polen zu preußischen -Staatsbürgern machen? Was soll ihnen versprochen werden, -welche Phantasie, welches politische Schaustück? Ich weiß es -nicht. Die erste Wirkung der Lektüre ist die Vergrößerung der -politischen Ratlosigkeit gegenüber der Polenfrage. Aber auch -das ist etwas Gutes, wenn es dazu hilft, schnellfertige Programme -zu überwinden, wie Germanisierung durch deutschen -Unterricht oder Einheit aller Deutschen im Osten. Unter allen -Umständen gebührt der Schriftstellerin, die die Dokumente zur -Beurteilung der Polenfrage vermehrt hat, der Dank auch der -politischen Leute.</p> - - -<p class="center bigger light-spaced"><b>Auszüge aus Besprechungen.</b></p> - -<blockquote class="hang"> - -<p><b>„Neue Freie Presse“, Wien</b>: Das starke und ausgeprägte -nationale Bewußtsein der Dichterin trübt nicht die Klarheit -ihres Urteils über die Germanisierungspolitik der Reichsregierung -in Preußisch-Polen und benimmt ihr nicht das -schöne, edle Verständnis für die träumerische Sehnsucht eines -besiegten Volkes... <em class="gesperrt">Sie ist in ihrem jüngsten Werke -über sich selbst hinausgewachsen und hat sich in -die erste Reihe deutscher Sittenschilderer geschoben.</em></p> - -<p><b>Robert Jaffé</b> in der <b>„Neuen Hamburger Zeitung“</b>: Zu der -erstaunlichen Schärfe der Charakteristik und der Stimmungskraft -kommt noch ein goldener Dämmer hinzu, der über den -Landschaften und Menschen dieses Buches liegt. Etwas von -der Lieblichkeit und Reife, welche die Lektüre eines Fontaneschen -Romans für manche geradezu zu einem glückseligen Ereignis -macht, haftet auch an den Romanen von Clara Viebig, und -<em class="gesperrt">es findet sich unter den deutschen Romandichtern -der Gegenwart wohl kaum einer, der mit dieser -ungewöhnlichen Kraft der Darstellung noch so viel -Anmut und Schönheit verbände</em>.</p> - -<p><b>Paul Raché</b> im <b>„Hamburger Fremdenblatt“</b>: Es ist ein Kunstwerk -in der einfachen Kraft der Sprache, in der Anschaulichkeit -der Darstellung, in der wunderbaren Klarheit des -Schauens von Personen, Verhältnissen, Gegenständen. Und -es ist das Werk einer Dichterin.</p> - -<p><b>„Hamburgischer Correspondent“</b>: Wir können den Roman als -ein bedeutsames Kunstwerk, zugleich aber als packende Darstellung -eines der wichtigsten Gebiete deutscher Kulturarbeit -zu Anfang des 20. Jahrhunderts unsern Lesern aufs lebhafteste -empfehlen.</p> - -<p><b>„Kölnische Volkszeitung“</b>: Alle die Gestalten erstehen in Fleisch -und Bein vor dem Leser. Von bedeutender Wirkung sind -auch die Naturschilderungen, und in der Darstellung einzelner -Szenen von dramatischer Kraft und stimmungsvoller Weichheit -bekundet die Verfasserin ihre gewohnte Meisterschaft. -Alles in allem ein bedeutsames Werk.</p> - -<p><b>„Prager Tageblatt“</b>: Wenn wir das Buch zuschlagen, stehen -wir — fern von jedem national-politischen Raisonnement — -ganz und gar im Bann einer rein menschlichen Erschütterung, -die wir über die Schicksale der fesselnden, uns lieb gewordenen -Gestalten des Romans empfinden. Und Clara Viebig hat -in der Tat Menschen vor uns hingezaubert, die wir nie mehr -vergessen können.</p> - -<p><b>„Leipziger Neueste Nachrichten“</b>: Clara Viebig hat sicherlich -nicht die Absicht gehabt, einen Beitrag zur Lösung des -deutschen Ostmarken-Problems zu geben, aber sie hat uns -das Land und die Menschen dort mit packender Energie -vor Augen geführt. Man sieht das wirklich vor sich, den -Lysa Góra, das Treiben auf den Feldern, die Hütten der -Komorniks, die Herrenhäuser mit ihren Höfen, Treppen und -Salons, die Dinergesellschaft auf Chawilorczyce, das Volksleben -an Mariä Verkündigung und hunderterlei sonst. Eine -feine und feinste Beobachtungsgabe geht Hand in Hand mit -einem treffsicheren, prägnanten und sachlich erschöpfenden Stil.</p> - -<p><b>Ferdinand Svendsen</b> in der <b>„Nation“</b>: <em class="gesperrt">Ein echter Epenstoff: -der Kampf der in die Provinz Posen eindringenden -deutschen Landbebauer mit den ihren Grund und -Boden und ihre Nationalität gleichzeitig verteidigenden -Polen. Es ist etwas ungemein Kraftvolles -in ihrer Darstellung. Ihre Romangestalten -sind Menschen von Fleisch und Blut, und was sie -uns schildert, ist wert, geschildert zu werden.</em></p> - -<p><b>Ernst Kreowski</b> im <b>„Vorwärts“</b>: <em class="gesperrt">Der Roman besitzt unbestreitbare -Vorzüge. Alles ist mit realistischer -Kraft gestaltet und voll dichterischer, wenn auch -schwer atmender Stimmung. So etwas wie Erdgeruch -entströmt dem Ganzen. Desgleichen entspricht -es nur der „poetischen Gerechtigkeit“, wenn -Clara Viebig ihr Werk mit der zuversichtlichen -Hoffnung auf das Erwachen einer neuen Aera des -Deutschtums, welche die Sünden der Väter wieder -gut zu machen, dem Land und dem Volke Glück und -Frieden zurückzugeben berufen sein werde, frohgemut -beendigt.</em></p> - -<p><b>Fritz Engel</b> im <b>„Berliner Tageblatt“</b>: Kein Tendenzroman! -Die deutsche Feder wollte dem deutschen Pfluge zu Hilfe -kommen. Aber an Ort und Stelle — und das macht der -Dichterin in ihr alle Ehre — wurde nur noch ihre künstlerische -Teilnahme rege. Nicht mehr die Parteien, nur noch -die Menschen interessierten sie. Sie sah und lauschte. Daraus -gestaltete sich dann wie von selbst das weitumfassende -Gemälde, das seine Lichter und seine Schatten nicht mehr -von der Willkür nationalen Eifers erhält.</p> - -<p><b>„Die Zeit“, Wien</b>: Es ist vorauszusehen, daß dieser neue -Roman eine erregte Debatte in deutschen und polnischen -Blättern entfesseln wird. Um seinen künstlerischen Wert -wird man erst in zweiter Reihe fragen. Und doch muß -auch von diesem die Rede sein. Es ist ein Kulturbild voll -jener warmen, pulsierenden Lebendigkeit und frischen Farbe, -die alle Bücher der Viebig auszeichnen. Und ein feiner -Schimmer jener Sentimentalität liegt oft auf diesen Blättern, -wie er in Clara Viebigs „Wacht am Rhein“ am hellsten war.</p> - -<p><b>K. v. Perfall</b> in der <b>„Kölnischen Zeitung“</b>: In diesen Volksfiguren -bietet sie wieder ein ganz hervorragend Lebendiges -und zeigt sich als eine Menschengestalterin ersten Ranges, -die frisch und unbefangen ins Leben hineingreift.... Wir -möchten behaupten, „Das schlafende Heer“ sei das bedeutendste -Werk, das Clara Viebig bisher geschaffen hat. Es bringt -ein bedeutungsvolleres Kulturbild, als „Das Weiberdorf“ -und „Das tägliche Brot“ oder der „Müllerhannes“ es waren, -und der künstlerische Aufbau ist reiner, fester gefügt als in -der „Wacht am Rhein“.</p> - -<p><i><b>„The Academy and Literature“</b> (<b>London</b>): Clara Viebig’s -work bears many of the characteristics of that of -George Eliot, Thomas Hardy and George Moore. -She sees into the human heart, and describe what -she sees with an ease and sureness that lend her -books a charm not always to be found in novels -that from the choice of their subject contain events -spreading over a long space of years and deal with -a wide field of locality.</i></p> - -<p><b>J. Norden</b> in der <b>„Magdeburgischen Zeitung“</b>: So ist es kein -politischer Tendenzroman geworden, obschon politische Verhältnisse -und persönliche Schicksale der jüngsten Vergangenheit -unserer Ostmark hineinspielen. Es ist gut, daß im Vordergrund -die Kunst steht, die einen packenden und ergreifenden -Kulturroman zu erschaffen vermochte.</p> - -<p><b>Arthur Eloesser</b> in der <b>„Vossischen Zeitung“, Berlin</b>: <em class="gesperrt">Clara -Viebigs Buch ist gut deutsch, aber es schmettert -keine chauvinistische Fanfare so wenig, wie es entmutigt -zum Rückzug bläst, es ist ein Buch der Sorge, -und in diesem Gefühl wird es die meisten einigen, -die nicht nur die Erhaltung der politischen Herrschaft, -sondern auch die Existenz unserer deutschen -Kultur an der Grenze des Slaventums gesichert -wissen wollen.</em></p> - -<p><b>A. Traeger</b> im <b>„Berl. Börsen-Courier“</b>: Ueberreich schier -ist des Buches Inhalt, und mit staunender Bewunderung -erfüllt uns aufs Neue die überwältigende Treue und Kraft -der Schilderung, diese Belebung des Leblosen, überall nimmt -die Dekoration mitwirkend teil an der Aktion, gehören Land -und Leute unlösbar zusammen. <em class="gesperrt">Clara Viebig</em> sieht mit -dem Verstand und schreibt mit dem Herzen, das voll tiefen -Gefühls und unerschrockenen Mutes.</p> - -<p><b>Harry Maync</b> in der <b>„Deutschen Litteraturzeitung“</b>: Ueber -alle herbe Wahrheit ist leicht der Schleier der Dichtung geworfen. -Bezogen auf die großen kulturgeschichtlichen -Zusammenhänge kommt überall das Menschliche rein zur -Entfaltung. Wohl heben sich dramatische Gruppenszenen -packend aus der Breite des langsamen, ereignislosen Dahinlebens -heraus, aber im allgemeinen sind die Mittel dieser -Darstellung ganz schlicht und einfach. Ohne Beredsamkeit -und Schwung, aber mit sicherem Realismus und runder -Schilderung sagt uns <em class="gesperrt">Clara Viebig</em>, was sie uns zu sagen -hat, und das ist nicht wenig.</p></blockquote> - - -<div class="chapter"> -<div class="footnotes"><h2>FUSSNOTEN</h2> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> eigensinnig.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Kopf über, Kopf unter.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> in die Pfütze werfen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Hochzeit.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> möglich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> ertragen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> erbärmlich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Hungerpfoten kauen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> arbeiten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> glaubt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Geschmack.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Brombeeren.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> nach seinem Geschmack.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Zogott: statt „Prost“ gebraucht.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Duckmäuser.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> stattlich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> leichtfertig.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Blau.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> verderben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Kattun.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> changiert.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> ungeschoren.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> keinen guten Tag.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> gespuckt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> sogleich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Zwetsche.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Bürste.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> strawätzen: weglaufen, herumstreichen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> gezogen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Zweieinhalb Silbergroschen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Betrüger.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> ohnmächtig geworden.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> geizige.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Verlegenheit.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Heiligenhäuschen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> sterben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> seit.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> Schublädchen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Wiege.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> gesund.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Däuen: drücken, stemmen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> ziehen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Betschwester.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Schmerzen, Kummer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> heftig, böse.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> quälen, peinigen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> steckst du.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> Kosenamen für Lerche.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Käferdose (alte Kölner Weinkneipe).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> launenhaft.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Wüterich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> fährt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Bonbons.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> krank.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Ausziehn.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Gefängnis.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Gefängnis.</p></div></div> - -<div class="transnote"> -<p class="tn-header">Anmerkungen zur Transkription -</p> -<p> - Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn - verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander - verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden - berichtigt. -</p> -<p class="ebook-only"> - Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hier <em class="gesperrt">fett</em> dargestellt, da manche E-Book-Reader keinen gesperrten Text anzeigen. -</p> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Weiberdorf, by Clara Viebig - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WEIBERDORF *** - -***** This file should be named 55565-h.htm or 55565-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/5/6/55565/ - -Produced by Peter Becker, Norbert Müller, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. 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If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/55565-h/images/cover.jpg b/old/55565-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d0ab7e4..0000000 --- a/old/55565-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/55565-h/images/title_logo.png b/old/55565-h/images/title_logo.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 59bf275..0000000 --- a/old/55565-h/images/title_logo.png +++ /dev/null |
