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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Der abenteuerliche Simplicissimus - -Author: Hans Jakob Christoffel vom Grimmelshausen - -Editor: Eugen Guido Kolbenheyer - -Release Date: July 22, 2017 [EBook #55171] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ABENTEUERLICHE SIMPLICISSIMUS *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiqua-Schrift | - | als ~Antiqua~. | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - - Hans Jakob Christoffel von - Grimmelshausen - - [Illustration] - - - - - Der - abenteuerliche - Simplicissimus - - Das ist Beschreibung des Lebens - eines seltsamen Vaganten - - [Illustration] - - In unwesentlicher Kürzung - herausgegeben von - - E. G. Kolbenheyer - - [Illustration] - - Volksverband der Bücherfreunde - Wegweiser-Verlag G. m. b. H. Berlin - 1920 - - - Der abenteuerliche Simplicissimus erschien 1669 in zweiter Auflage, - die erste ging verloren. Der Volksverband der Bücherfreunde bringt - durch seine Neuausgabe, die 1919 veranstaltet wurde, in Erinnerung, - daß sich das Erscheinen des für die deutsche Literatur- und - Sittengeschichte so bedeutungsvollen Kulturromans zum 250. Male - jährt. - - - Steig auf aus deinem Grab, du blanker Sittenrichter, - Und siehe, wie das Rad sich abermals gewandt. - Du, deutscher Sterbensnot und Mühsal herber Dichter, - Durchstreife kundgen Augs dein wundes Vaterland. - - Und findest du nicht Dorf und Stadt in Trümmern rauchen, - Weil endlich die Gewalt sich selber ausgebrannt, - So wird dein Blick doch in des Volkes Herzen tauchen, - Und, ach, du findest viel im alten, irren Stand. - - Wirst du nicht neu dein bittres Klagelied erheben, - Dem Trümmerhauf entfliehn im härnen Bußgewand? - O schnöde, arge Welt! O, du vergeudet Leben! - Du hoffartstrunknes Herz, wie liegst du tief im Sand! -- - - Ein Vierteltausend-Jahr spannt seinen bunten Bogen - Von dir zu uns, und alles Einzelglück und -leid - Verschwebt, weil unsres Volkes welterschütternd Wogen - Erschwoll und sank zu Tal im Taumel der Gezeit. - - Des Gottes schwere Hand lag auch auf deinen Tagen: - Deutschland zutiefst in Not, verblutet und vertan! - Aus eigner Kraft ermannt und himmelhoch getragen, - Rang es empor und fiel in doppeltharter Bahn. - - Uns fruchtet kein Gewinn auf glatten Maklerwegen, - Jung stürmt das herbe Blut und muß im Schmerz erblühn. - So aber wächst und reift in uns ein Weltensegen - Und wird in reinerm Licht erglühen, wird erglühn! - - Nun schüttle ab, Simplicius, die Schweigenshülle, - Zeig' deiner fernen Zeiten nahverwandte Fülle! - - - - -Das erste Buch - - - - -Das erste Kapitel - - -Diese unsere Zeit, von der man meint, sie sei der Welt Ende, hat all- -und jedermann mit einer sonderbaren Sucht geschlagen. Wer nur soviel -zusammengeraspelt und erschachert hat, daß ihm etliche Heller im Beutel -kützeln, muß sich im Narrenkleid auf die neue Mode tragen, und wen ein -Glücksfall als mannhaft und ehrlich erwiesen, der glaubt rittermäßig, -gleich einer Adelsperson aufziehen zu müssen. - -Solchem Narrenvolk mag ich mich nicht gleichstellen, obzwar meine -Abkunft und Auferziehung sich mit der eines Fürsten wohl vergleichen -läßt. Etliche Unterschiede sollen billig vor gering angeschlagen sein. - -Mein Knän (dann also nennet man die Väter im Spessart) hatte seinen -Palast sowohl als ein anderer, ja, kein König vermöchte ihn mit -eigenen Händen besser zu bauen. Der war mit Lehm gemalet und anstatt -des unfruchtbaren Schiefers, kalten Bleies und roten Kupfers mit -Stroh bedeckt, darauf das edel Getreid wächst. Des Schlosses Mauern -ließ mein Knän nicht mit gemeinem Feldstein und liederlich gebackenen -Ziegeln aufbauen, sondern aus festem, hundertjährigem Eichenholz, auf -dem -- so man der Eichelmast gedenkt -- Bratwürst und fette Schunken -wachsen. Wo ist ein Monarch, der ihm dergleichen nachtut! Zimmer, Säl -und Gemächer hatte er vom Rauch ganz erschwarzen lassen, nur weil das -die beständigste Farbe der Welt ist und solche Tünche auch mehr Zeit -braucht, als ein Maler zu seinen trefflichsten Kunststücken erheischet. -Die Tapezereien bestunden in dem zärtesten Gewebe, das auf dem -Erdboden gesponnen wird, unzählig kleine Weberinnen hatten sie mit -ihren zierlichen Beinen gewirkt. Dem Sankt Nit-Glas waren die Fenster -geweiht, und edler als das beste und durchsichtigste Glas von Murano -verhüllete sie Leinwand, an der des Baurn und der Weiber redliche -Mühsal hängt. Seinem Adel nach beliebet es meinem Knän zu glauben, -daß alles was durch viel Müh zuweg gebracht würde, auch schätzbar -und desto köstlicher sei, was aber köstlich, das wäre dem Adel am -anständigsten. Pagen, Lakaien und Stallknecht stellten Schaf, Böck und -Säu und jedes ging fein ordentlich in seiner natürlichen Livrei. Sie -warteten mir täglich auf, bis ich sie von der Weid heimtrieb. Rüst- -und Harnischkammer war mit Pflügen, Kärsten, Äxten, Hauen, Schaufeln, -Mist- und Heugabeln genugsam versehen und mein Vater übte sich -täglich in den Waffen. Ochsenanspannen war sein hauptmannschaftliches -Kommando, Mistausführen sein Fortifikationswesen, Ackern sein Feldzug, -Stallausmisten seine adelige Kurzweil und sein Turnierspiel. Damit -rannte er die ganze Weltkugel, soweit er immer reichen konnte, an und -jagte ihr zu allen Erntezeiten eine gute Beute ab. Dieses alles setze -ich hintan und überhebe mich dessen gar nicht, damit niemand Ursache -habe, mich mit den andern neuen Nobilisten auszulachen. Um geliebter -Kürze willen aber dozier ich vor diesmal nichts Ausführliches von -meines Vaters Geschlecht, Stamm und Namen. Meines Knäns Schloß stand an -einem sehr lustigen Ort im Spessart erbaut, allwo die Wölfe einander -gute Nacht geben. - -Und rittermäßig wie das ganze Hauswesen war meine Auferziehung. Mit -zehn Lebensjahren hatte ich die Prinzipien in obgemeldeten adeligen -Übungen vollauf begriffen. Mein Knän war vielleicht eines viel zu -hohen Geistes und folgte dahero dem gewöhnlichen Brauch, darnach, wer -vornehm ist, sich billig um Schulpossen nicht viel bekümmert, weil er -seine Leute hat, die derlei Plackschmeißerei abwarten. Ich konnte nicht -über fünf zählen, solches aber gar wohl. Sonst war ich ein trefflicher -Musikus auf der Sackpfeifen. Und was Gottesgelahrtheit anlangt, glich -keiner mir in der ganzen Christenwelt: ich kannte weder Gott noch -Menschen, weder Himmel noch Hölle, nicht Engel noch Teufel, wußte -nichts von Gutem und Bösem, wie unsere ersten Eltern im Paradies, die -in ihrer Unschuld nichts von Krankheit, Tod und Sterben, desto weniger -von der Auferstehung gewußt haben. Also auch ich. Und gleichermaßen -war ich wohlbewandert in Medizin, Juristerei und sonst den Künsten und -Wissenschaften allen. Ich war vollkommen, dann mir war unmüglich zu -wissen, daß ich so gar nichts wußte. O wahrhaft edeles Leben! - - - - -Das ander Kapitel - - -Sonach begabete mich mein Knän mit der herrlichsten Würde nicht -allein seiner Hofhaltung, sondern der ganzen Welt: mit dem Hirtenamt. -Ich mußte die Säu, Ziegen und seine ganze Schafherde hüten, weiden -und vermittels meiner Sackpfeifen vor dem Wolf beschützen. Damals -glich ich wohl dem David, nur hatte ich an seiner Harfen Statt den -Dudelsack. Kein schlimmer Anfang und ein gutes Omen! Von der Welt -Anbeginn seind jeweils hohe Personen Hirten gewesen, wie wir von Abel, -Abraham, Isaak, Jakob und seinen Söhnen und Moise selbst in der hl. -Schrift lesen, da er zuvor seines Schwähers Schafe hüten mußte, eh er -Heerführer und Gesetzgeber von ganz Israel ward. Ja, möchte mir jemand -vorwerfen, das waren Heilige und keine spessarter Baurenbuben, die von -Gott nichts wußten. Dawider muß ich gestehen: Was hat meine damalige -Unschuld dessen zu entgelten? Also aber redet ~Philo~ der Jud in seiner -Lebensbeschreibung Moisis vortrefflich: Das Hirtenamt ist Vorbereitung -und Anfang zum Regiment, gleichwie Kriegskünst und Waffenhandwerk -auf der Jagd geübt und angeführt werden. -- Solches alles muß mein -Knän wohl verstanden haben und hat mir also keine geringe Hoffnung zu -künftiger Herrlichkeit gemacht. - -Allein ich kannte den Wolf ebensowenig als meine eigene Unwissenheit, -derowegen war mein Vater in seiner Instruktion desto fleißiger: - -»Bub, bis flissig! Los die Schof nit ze wit umanander laffen! Un spill -wacker uff der Sackpfiffa, daß der Wolf nit komm und Schada dau! Dann -he is a solcher veirboinigter Schelm und Dieb, der Menscha und Vieha -frißt. Un wann dau awer fahrlässi bist, so will eich dir da Buckel -arauma!« - -Ich antwortete mit gleicher Holdseligkeit: »Knäno, sag mir aa, wei der -Wolf seihet? Eich huun noch kan Wolf gesien.« - -»Ah, dau grober Eselkopp,« repliziert er hinwider, »dau bleiwest -dein Lewelang a Narr! Gait meich Wunner, was aus dir wera wird. Bist -schun su a grusser Dölpel und weist noch neit, was der Wolf für a -veirfeussiger Schelm is!« - -Er gab mir noch mehr Unterweisungen und ward zuletzt unwillig, maßen er -mit einem Gebrümmel fortging, weil er sich bedünken ließ, mein grober -Verstand könnte seine subtilen Unterweisungen nicht fassen. - -Da fing ich an mit der Sackpfeife so gut Geschirr zu machen, daß man -den Kroten im Krautgarten mit meinen Schalmeien hätte vergeben mögen. -Daneben sang ich, daß die Mutter oft gesagt, sie besorge, die Hühner -werden dermaleins von dem Gesang sterben. Demnach ich mich vor dem Wolf -sicher genug zu sein bedünkte. - - - - -Das dritte Kapitel - - -Sang also auf ein Zeit ein Lied, das ich von meiner Mutter selbst -gelernet hatte: - - Du sehr verachter Baurenstand - Bist doch der beste in dem Land, - Kein Mann dich gnugsam preisen kann, - Wann er dich nur recht siehet an. - - Es ist fast alles unter dir, - Ja was die Erde bringt herfür, - Wovon ernähret wird das Land, - Geht dir anfänglich durch die Hand. - - Der Kaiser, den uns Gott gegeben, - Uns zu beschützen, muß doch leben - Von deiner Hand, auch der Soldat, - Der dir doch zufügt manchen Schad. - - Die Erde wär ganz wild durchaus, - Wann du auf ihr nicht hieltest Haus. - Ganz traurig auf der Welt es stünd, - Wann man kein Bauersmann mehr fünd. - - Vom bitterbößen Podagram - Hört man nicht, daß an Bauren kam, - Das doch den Adel bringt in Not - Und manchen Reichen gar in Tod. - - Der Hoffart bist du sehr gefeit, - Absonderlich zu dieser Zeit. - Und daß sie auch nicht sei dein Herr, - So gibt dir Gott des Kreuzes mehr. - - Ja der Soldaten böser Brauch - Dient gleichwohl dir zum Besten auch, - Daß Hochmut dich nicht nehme ein - Sagt er: dein Hab und Gut ist mein. - -Bis hieher und nicht weiter kam ich mit meinem Gesang, dann ich ward -im Augenblick samt meiner Schafherde von einem Trupp Reuter umgeben, -die im Walde verirrt gewesen und durch meine Musik und Geschrei waren -zurecht gebracht worden. - -Hoho, dachte ich, dies seind die rechten Kauz! Die vierbeinig Schelmen -und Diebe, davon mein Knän sagte! Dann ich sahe Roß und Mann vor eine -einzige Kreatur an und vermeinete nicht anders, als es müßten Wölfe -sein. Da erdappte mich einer beim Flügel, schleuderte mich so ungestüm -auf ein leer Baurenpferd, daß ich auf der andern Seite wieder herab -und auf meine liebe Sackpfeife fiel, die so jämmerlich aufschrie, als -wollet sie aller Welt Erbarmen bewegen. Half nichts, ich mußte wieder -zu Pferd. Am meisten verdroß mich, daß die Reuter vorgaben, ich hätte -dem Dudelsack im Fallen weh getan, darum er so ketzerlich geschrieen -hätte. Meine Mähre trabet stetig dahin und mir kams seltsam für, daß -ich nicht also auch in einen eisernen Kerl verwandlet wurde. - -Sintemalen keiner von denen Reutern ein Schaf hinwegfraß, gedachte ich, -sie seien da, mir die Schafe helfen heimzutreiben, dann geradewegs -eileten sie auf meines Knäns Hof zu. Derowegen sahe ich mich fleißig -um, ob er und meine Mutter uns nicht bald entgegengehen und uns -willkommenheißen wollten. Aber vergebens, mein Knän und die Mutter samt -unserm Ursele hatten die Hintertür getroffen und wollten dieser Gäste -nicht erwarten. - -Kurz zuvor wußte ich nichts andres, als daß mein Knän, die Mutter, ich -und das übrige Hausgesind allein auf der Erden seien. Nun aber lernte -ich meinen Herrgott im Himmel kennen. Ich erfuhr gar bald darnach die -Herkunft der Menschen in diese Welt und daß sie wieder heraus müssen. - -Ja, ich war nur in Gestalt Mensch, mit Namen ein Christenkind, im -übrigen eine Bestia. Gott, der allmächtige, sahe meine Unschuld mit -barmherzigen Augen an und wählet aus seinen tausenderlei Wegen diesen, -mich zu beidem: zu seiner und meiner Erkanntnus zu bringen. - -Vorerst stelleten die Reuter ihre Pferde ein, hernach hatte jeglicher -seine sonderliche Verrichtung, und jede war lauter Untergang und -Verderben. Dann obzwar etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und -zu braten, als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren -hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben, ja das -heimlich Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das gölden Fließ -darin verborgen. Andere packten Tuch, Kleidung und Hausrat zusammen, -als wollten sie einen Krempelmarkt anrichten. Was sie aber nicht -mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen. Etliche durchstachen Heu -und Stroh mit ihren Degen, andere schütteten die Federn aus den -Bettzüchen und füllten hingegen Speck, Fleisch und sonstiges Gerät -hinein, als seie alsdann besser darauf zu schlafen. Sie schlugen Öfen -und Fensterläden ein, gleich als hätten sie einen ewigen Sommer zu -verkünden. Kupfer- und Zinngeschirr stampften sie zusammen und packten -die gebogenen und verderbten Stücke. Bettladen, Tische, Stühle und -Bänke verbrannten sie, da doch viel Klafter dürr Holz im Hof lag. -Häfen und Schüsseln mußten entzwei. Unsere Magd ward im Stall dermaßen -traktiert, daß sie nicht mehr daraus gehen konnte. Den Knecht legten -sie gebunden auf die Erde, steckten ein Sperrholz in sein Maul und -schütteten ihm einen Melkkübel voll Jauche in Leib. Das nannten sie -den schwedischen Trunk. Zwangen ihn so, etliche von denen Reutern -anderwärts zu führen, allda sie Menschen und Viehe hinwegnahmen und -in unsern Hof brachten. Auch mein Knän, meine Mutter und unser Ursele -waren darunter. - -Da schraubten sie die Stein von den Pistolenhähnen ab und anstatt -deren die Baurendaumen auf, folterten die armen Schelme, als wollten -sie Hexen brennen, maßen sie auch einen von den gefangenen Bauren in -Backofen steckten und mit Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er -noch nichts bekannt hatte. Einem andern schlangen sie ein Seil um den -Schädel und drehten es mit einem Holzbengel zusammen, daß ihm Blut zu -Mund und Ohren heraussprang. ~In summa~, es hatte jeder seine eigene -Erfindung die Bauren zu peinigen. - -Mein Knän war meinem damaligen Bedünken nach der Glücklichste, ohn -Zweifel darum, weil er der Hausvater war. Sie satzten ihn zu einem -Feuer, banden ihn, daß er weder Hände noch Füße regen konnte, rieben -seine Sohlen mit feuchtem Salz, das ihm unser alte Geiß wieder ablecken -und dadurch also kützlen mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten -mögen. (Ich hab Gesellschaft halber vom Herzen mitgelacht.) In solchem -Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit und öffnete seinen verborgenen -Schatz, der von Geld, Perlen und Kleinodien reicher war, als man hinter -dem Bauren hätte suchen mögen. - -Von den gefangenen Weibern, Mägden und Töchtern vermag ich sonderlich -nichts zu sagen, doch weiß ich wohl, daß man hin und wieder in den -Winkeln erbärmlich schreien hörte. Schätze, es sei der Mutter und dem -Ursele nicht besser gegangen als den andern. - -Unter all dem Elend wandte ich den Braten am Spieß und half die Pferde -tränken, dadurch ich zu unserer Magd in den Stall kam. Die sahe -wunderwerklich zerstrobelt aus, ich kannte sie kaum und sie sprach zu -mir mit kränklicher Stimme: - -»O Bub, lauf weg, sonst nehmen dich die Reuter mit! Guck, daß du -davonkommst! Du siehest wohl, wie es so übel ...« - -Mehres konnte sie nicht sagen. - - - - -Das vierte Kapitel - - -Wohin aber? Dazu war mein Verstand viel zu gering, einen Vorschlag zu -tun; doch ist es mir so weit gelungen, daß ich gegen Abend in Wald -bin entlaufen. Wo nun aber weiter hinaus? -- Die stockfinstre Nacht -bedeuchte meinem finstern Verstand nicht schwarz genug, dahero verbarg -ich mich in ein dickes Gesträuch. Da konnte ich das Geschrei der -getrillten Bauren vernehmen. Allein ich hörete auch der Nachtigallen -lieblichen Gesang, unbekümmert um alle Menschennot. Darum so legte ich -mich auch ohn alle Sorg auf ein Ohr und entschlief. - -Als der Morgenstern im Osten herfürflackerte, sahe ich meines Knäns -Haus in voller Flamme stehen, und ich schlich näher, jemand vom Hof -anzutreffen. Gleich ward ich von fünf Reutern erblickt und angeschrieen: - -»Jung, kom heröfer oder skall mi de Tüfel halen, ich schiete dik, dat -di de Dampf tom Hals utgat!« - -Ich hielt stockstill, das Maul offen. Sie konnten wegen eines Morastes -nicht zu mir gelangen, was sie ohn Zweifel rechtschaffen vexierte. -Lösete einer den Karabiner auf mich, von welchem urplötzlichem Feuer -und unversehenlichem Krach, den mir ein Echo durch vielfältige -Verdoppelung grausamer machte, ich dermaßen erschröckt ward, daß ich -alsobald zur Erde niederfiel. Ich regete vor Angst keine Ader mehr. Die -Reuter ritten ihres Wegs und ließen mich ohn Zweifel vor tot liegen. So -hatte ich jedoch den ganzen Tag das Herz nicht, mich aufzurichten. - -Als mich aber die Nacht wieder ergriff, stund ich auf und wanderte, -bis ich im Walde von ferne einen faulen Baum schimmern sahe, kehrete -in neuer Forcht derowegen spornstreichs um und lief so lang, bis ich -wieder einen gleichen Baum erblickte, davon ich gleichfalls floh. Also -trieben mich die gefäuleten Bäum einer zum andern, bis mir zuletzt der -liebe Tag zu Hilfe kam. Aber mein Herz stak voll Angst und Jammer, -die Schenkel voll Müdigkeit, der Magen knurrte, das Maul lechzete, -närrische Einbildungen erfüllten mein Hirn und schwerer Schlaf meine -Augen. Ich ging dannoch fürder, wußte aber nicht wohin: je weiter, je -tiefer von den Menschen hinweg in die Wildnus. Ein unvernünftig Tier -hätt besser aus und ein gewußt. Doch war ich noch so witzig, als mich -abermal die Nacht ereilte, daß ich in einen hohlen Baum kroch, darin zu -schlafen. -- - -Kaum war ich aber dargesunken, hörte ich eine Stimme: - -»O große Liebe, du mein einziger Trost! Meine Hoffnung, du mein -Reichtum, o mein Gott!« - -Ganz unverständlich wallte die Stimme weiter, vor deren Seltsamkeit -ich mich entsatzte. Allein es klang herfür, daß Hunger und Durst -gestillet werden sollten, also riet mir mein ohnerträglich Verlangen, -mich auch zu Gast zu laden; fasset ein Herz und kroch hinzu. Da wurde -ich eines großen Mannes gewahr, in langen, schwarzgrauen Haaren, die -ganz verworren auf den Achseln lagen. Er hatte einen wilden Bart, sein -Angesicht war zwar bleich, gelb und mager, aber ziemlich lieblich. -Der lange Rock starrte von tausend aufeinander gesetzten Flicken. Um -Hals und Leib trug er eine schwere eiserne Kette gebunden wie ~St. -Wilhelmus~. Ich fing an zu zittern wie ein nasser Hund. Was meine Angst -noch mehrete, war ein Krucifix an sechs Schuhe lang, so er an seine -Brust druckte. Ich konnte mich nicht anders entsinnen: ohn Zweifel, das -war der Wolf! - -In solcher Angst wischte ich mit meiner Sackpfeifen herfür, ich bließ -zu, stimmte an, ließ mich gewaltig hören, diesen greulichen Wolf zu -vertreiben. Über solch gählinger und ungewöhnlicher Musik an einem so -wilden Ort der Einsiedel anfänglich nicht wenig stutzte, ohn Zweifel -vermeinend, der Teufel wollte ihn wie ~St. Antonio~ tribulieren und -seine Andacht stören. Ich retirieret in den Baum, er aber ging mich an, -den Feind des Menschengeschlechts genugsam auszuhöhnen: - -»Ha, du bist ein Gesell darzu, die Heiligen ohn göttliche Verhängnus...« - -Ich hab mehrers nit verstanden. Vor Grausen und Schröcken sank ich in -Ohnmacht nieder. - - - - -Das fünfte Kapitel - - -Was gestalten mir wieder zu mir selbst verholfen worden, weiß ich -nicht. Als ich mich erholet lag mein Kopf in des Alten Schoß und vorn -war meine Juppe geöffnet. Da ich den Einsiedel so nahe bei mir sahe, -fing ich ein solch grausam Geschrei an, als ob er mir das Herz hätte -aus dem Leibe reißen wollen. Er aber sagte: - -»Mein Sohn, schweig, ich tue dir nichts.« - -Je mehr er mich aber tröstete und mir liebkoste, je mehr ich schrie: - -»Du frißt mich! Du frißt mich! Du bist der Wolf und willst mich -fressen!« - -»Eija wohl nein, mein Sohn. Sei zufrieden, ich friß dich nicht!« - -Dies Gefecht währete lang. Endlich ließ ich mich soweit weisen, mit ihm -in die Hütte zu gehen. Da war Armut Hofmeisterin, Hunger Koch, Mangel -Küchenmeister. Mein Magen aber ward mit Gemüs und einem Trunk Wasser -gelabet und mein verwirrt Gemüt durch tröstliche Freundlichkeit wieder -aufgerichtet. Der Schlaf befing mich zusehends und der Einsiedel ließ -mir sein Lager, obgleich nur einer darin liegen konnte. - -Um Mitternacht erwachte ich und hörte den Alten singen: - - Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall, - Laß deine Stimm mit Freudenschall - Aufs lieblichste erklingen. - Komm, komm, und lob den Schöpfer dein, - Weil andre Vöglein schlafen sein - Und nicht mehr mögen singen. - Laß dein Stimmlein - Laut erschallen, dann vor allen - Kannst du loben - Gott im Himmel hoch dort oben! - - Obschon ist hin der Sonnenschein, - Und wir im Finstern müssen sein, - So können wir doch singen - Von Gottes Güt und seiner Macht, - Weil uns kann hindern keine Nacht, - Sein Lob zu vollenbringen. - Drum dein Stimmlein - Laß erschallen, dann vor allen - Kannst du loben - Gott im Himmel hoch dort oben. - - Echo, der wilde Widerhall, - Will sein bei diesem Freudenschall - Und lässet sich auch hören, - Verweist uns alle Müdigkeit, - Der wir ergeben allezeit, - Lehrt uns den Schlaf betören. - Drum dein Stimmlein - Laß erschallen, dann vor allen - Kannst du loben - Gott im Himmel hoch dort oben. - - Die Sterne, so am Himmel stehn, - Sich lassen zum Lob Gottes sehn - Und Ehre ihm beweisen. - Die Eul auch, die nicht singen kann, - Zeigt doch mit ihrem Heulen an, - Daß sie Gott auch tu preisen. - Drum dein Stimmlein - Laß erschallen, dann vor allen - Kannst du loben - Gott im Himmel hoch dort oben. - - Nur her, mein liebes Vögelein, - Wir wollen nicht die Fäulsten sein - Und schlafend liegen bleiben. - Vielmehr bis daß die Morgenröt - Erfreuet diese Wälder öd, - In Gottes Lob vertreiben. - Laß dein Stimmlein - Laut erschallen, dann vor allen - Kannst du loben - Gott im Himmel hoch dort oben. - -Unter währendem diesem Gesang bedünkte mich wahrhaftig, daß Nachtigall -sowohl als Eule und Echo eingestimmet hätten. Als wann ich je der -Melodei des Morgensterns auf meiner Sackpfeifen gefolget wär, also -trieb es mich, den Alten zu begleiten, da mir diese Harmonie so -lieblich schiene -- doch ich entschlief. - -Bei hohem Tag stund der Einsiedel vor mir und sagte: - -»Auf, Kleiner und iß! Ich will dir alsdann den Weg weisen, daß du noch -vor Nacht in das nächste Dorf und wieder zu den Leuten kommest.« - -Ich fragte ihn: »Was für Dinger? Dorf und Leut?« - -»Behüte Gott, weißt du nicht was Dorf und Leute seind? Bist du närrisch -oder gescheit?« - -»Nein,« sagte ich, »ich bin meines Knäns Bub.« - -Darauf fielen unsere Reden und Gegenreden: - -»Wie heißt du?« -- »Bub.« -- »Wie hat dich Vater und Mutter gerufen?« --- »Ich weiß von kein Vater und Mutter nicht.« -- »Wer hat dir das -Hemd geben?« -- »Ei, mein Meuder.« -- »Wie hieße dich dann dein -Meuder?« -- »Bub, Schelm, ungeschickter Dölpel, Galgenvogel.« -- »Wer -ist deiner Meuder Mann?« -- »Niemand.« -- »Bei wem hat sie des Nachts -geschlafen?« -- »Bei meinem Knän.« -- »Wie heißt der?« -- »Knän.« --- »Wie hat ihn deine Meuder gerufen?« -- »Knän, auch Meister.« -- -»Niemalen anders?« -- »Ja.« -- »Wie dann?« -- »Rülp, grober Bengel, -volle Sau.« -- »Du bist wohl ein unwissender Tropf!« -- »Ei, kennst du -einen andern Namen?« -- »Und was weißt du von unserm Herrgott?« -- »Den -kenn ich wohl.« -- »Also, wie kennst du ihn?« -- »Ja, der ist daheim an -unserer Stubentür gestanden auf dem Gesims. Mein Meuder hat ihn von der -Kirchweih heimgebracht und hingekleibt.« -- »Ach, daß Gott walte! Weißt -du anders nicht? Bist du nie in die Kirche gangen?« -- »Ei ja wohl! -Ich kann wacker klettern und hab als einen ganzen Wams voll Kirschen -gebrockt.« - -»Ach gütiger Gott, nun erkenne ich erst, was vor eine große Gnade und -Wohltat es ist, wem du deine Erkanntnus mitteilest, und wie gar nichts -ein Mensch sei, dem du solche nicht gibest. Wüßte ich nur, wo deine -Eltern wohneten, so wollte ich dich gern hinbringen und sie lehren, wie -sie Kinder erziehen sollten.« - -»Unser Haus ist verbrannt. Mein Meuder und der Knän, also auch unser -Ursele seind hinweggeloffen und wiederkommen und unser Magd ist krank -im Stall gelegen.« - -»Wie ist das geschehen?« - -»Ha, es sind so eiserne Männer kommen, die auf Ochsen ohn Hörn gesessen -seind, haben Schaf, Küh' und Säu gestochen. Da bin ich auch weggeloffen -und darnach hat das Haus gebrannt.« - -»Wo war dann dein Knän?« - -»Sie haben ihn angebunden und unser alte Geiß hat ihm die Füß geleckt, -da hat mein Knän lachen müssen und hat denselben eisernen Männern viel -Weißpfennig geben, groß und klein, hübsche gelbe und sonst glitzerechte -Dinger und Schnüre voll weißer Küglein. Darauf hat unser Ann gesagt, -ich soll auch weglaufen, sonst nehmen mich die Krieger mit.« - -»Wo hinaus willst du?« - -»Ich weiß Weger nit und will bei dir bleiben.« - -»So geh und iß,« sagte der Einsiedel. - -Das war unser ~discurs~, unter welchem mich der Alte oft mit -allertiefstem Seufzen anschauete. Weiß nicht, ob es aus Mitleiden -geschahe oder aus Ursach, die ich erst etliche Jahr hernach erfuhr. - - - - -Das sechste Kapitel - - -Ich futterte nach Notdurft, sonach mich der Einsiedel fortgehen hieß. -Da suchte ich meine allerzartesten Worte herfür, daß er mich bei sich -behielte, bis er beschloß meine verdrüßliche Gegenwart zu leiden, darum -daß er mich unterrichtete. - -Ich hielt mich wohl, und er fand Gefallen an mir, da ich begierig seine -Unterweisungen hörete und die wachsweiche, und zwar noch glatte Tafel -meines Herzens seine Worte zu fassen sich geschickt erwies. - -Er lernete mir vom Fall Luzifers und wie unsere ersten Eltern aus dem -Paradies verstoßen wurden, unterwies mich im Gesetz Moisis und den zehn -Geboten, kam also auf das Leben, Sterben und die Auferstehung unseres -Heilands, zuletzt beschloß er mit dem jüngsten Tag. Sein Leben und sein -Reden waren mir eine immerwährende Predigt und ich gewann solche Liebe -zu seinem Unterricht, daß ich des Nachts nicht davor schlafen konnte. -So lernte ich auch beten. Da ich aber in purer Einfalt verblieben, hat -mich der Einsiedel, weil weder er noch ich meinen rechten Namen gewußt, -~SIMPLICIUS~ benannt. - -Wir baueten vor mich eine Hütte gleich der seinen von Holz, Reisern -und Erde, fast formiert wie der Musketierer im Feld ihre Zelten, oder -besser zu sagen, wie die Bauren ihre Rubenlöcher decken, kaum daß ich -aufrecht darin sitzen konnte, so nieder. Mein Bett war von dürrem Laub -und Gras, ebensogroß als die Hütte selbst. - -Als ich das erste Mal den Einsiedel in der Bibel lesen sahe, konnte ich -mir nicht einbilden, mit wem er doch ein solch heimlich und, meinem -Bedünken nach, sehr ernstlich Gespräch haben müßte; ich sahe wohl die -Bewegung seiner Lippen, hingegen aber niemand, der mit ihm redete, -und merkte doch an seinen Augen, daß ers mit etwas in selbigem Buch -zu tun hatte. Ich gab Achtung auf das Buch, und nachdem er solches -beigelegt, machte ich mich darhinter, schlugs auf und bekam im ersten -Griff das erste Kapitel des Hiobs und die davor stehende Figur, so -ein feiner Holzschnitt und schön illuminieret war, in die Augen. Ich -fragte dieselbigen Bilder seltsame Sachen, weil mir aber keine Antwort -widerfahren wollte, ward ich ungeduldig und sagte eben, als der -Einsiedel hinter mich schlich: - -»Ihr kleine Hudler, habet ihr dann keine Mäuler mehr? Habet ihr nicht -allererst mit meinem Vater lang genug schwätzen können? Ich sehe wohl, -daß ihr auch dem armen Knän da seine Schafe heim treibet und das Haus -angezündet habet. Halt! Halt! Ich will das Feuer noch wohl löschen!« - -Damit stund ich auf, Wasser zu holen. - -»Wohin, ~Simplici~?« - -»Ei Vater, da sind auch Krieger, die haben Schafe und wollen sie -wegtreiben. Sie habens dem armen Mann da genommen, mit dem du erst -geredet hast. So brennet sein Haus auch schon lichterlohe und wird -verbrennen, wann ich nicht bald lösche.« - -Und ich zeigte mit dem Finger, was ich sahe. - -»Bleib nur, es ist noch keine Gefahr.« - -»Bist du dann blind? Wehre du, daß sie die Schafe nicht forttreiben, so -will ich Wasser holen!« - -»Ei, diese Bilder leben nicht, sie seind nur gemacht, uns vorlängst -geschehene Dinge vor Augen zu stellen.« - -»Du hast ja erst mit ihnen geredet, warum sollten sie dann nicht -leben?« - -Der Einsiedel mußte wider Willen und Gewohnheit lachen. - -»Liebes Kind, die Bilder können nicht reden, was aber ihr Tun und Wesen -sei, kann ich aus diesen schwarzen Zeichen sehen. Das nennt man Lesen.« - -Ich antwortete: »Wäre ich ein Mensch wie du, so müßte ich auch aus -denen schwarzen Zeilen sehen können, was du kannst. Wie soll ich mich -in dein Gespräch mit ihnen richten?« - -»Wohlan, mein Sohn, ich will dich lehren.« - -Demnach schrieb er mir ein Alphabet auf einer birkenen Rinden nach dem -Druck formiert, und ich lernte buchstabieren, folgends lesen, endlich -besser schreiben, als der Einsiedel selber konnte, weil ich alles dem -Druck nachmalete. -- - -Unsere Speise war allerhand Gewächs, Ruben, Kraut, Bohnen, Erbsen, und -wir verschmäheten auch nicht Buchecker, wilde Äpfel, Birn und Kirschen, -ja, die Eicheln machte uns der Hunger oft angenehm. Brotfladen buken -wir in heißer Aschen aus gestoßenem Welschkorn. Im Winter fingen wir -Vögel an Sprinkeln und Stricken, im Frühling bescherete uns Gott Junge -aus den Nestern. Wir behalfen uns mit Schnecken und Fröschen, so war -uns auch mit Reusen und Anglen das Fischen und Krebsen nicht zu wider, -welches alles unser grob Gemüs hinunterconvoieren mußte. Wir hatten -auf ein Zeit ein junges wildes Schweinlein gefangen, welches wir, in -einen Pferch versperret, mit Eicheln und Eckern auferzogen, gemästet -und endlich verzehret, weil mein Einsiedel wußte, daß solches keine -Sünde sein konnte, wann man genießet, was Gott dem ganzen menschlichen -Geschlecht zu diesem End erschaffen. Von Gewürz brauchten wir nichts, -dann wir dörften die Lust zum Trunk nicht erwecken. Die Notdurft an -Salz gab uns ein Pfarrer, der ungefähr drei Meilwegs von uns wohnete. - -Des Hausrates war genug vorhanden: Schaufel, Haue, Axt, Beil und ein -eiserner Kochhafen. Das wir von obgemeldtem Pfarrer entlehnet hatten. -Jeder besaß ein stumpfes Messer zu eigen. Wir bedorften weder Schüssel -noch Teller, Löffel, Gabel, Kessel, Pfannen, Rost und Bratspieß. Unser -Hafen war Schüssel zugleich, unsere Hände Gabeln und Löffel. Wollten -wir trinken, so hingen wir das Maul hinein, wie Gideons Kriegsleute. -Von allerhand Gewand, Wolle, Seiden, Baumwolle und Leinen, alles zu -Betten, Tischen und Tapezereien, hatten wir nichts, als wir auf dem -Leibe trugen, weil wir genug zu haben schätzten, wann wir uns vor -Regen und Frost beschützen könnten. Wir hielten keine gewisse Regul -oder Ordnung, außerhalb an Sonn- und Feiertägen, an welchen wir schon -um Mitternacht hinzugehen anfingen, damit wir noch frühe genug, ohn -männliches Vermerken, in des obgemeldten Pfarrherrn Kirche kommen und -dem Gottesdienst abwarten konnten. - -Ich lernete in solchem hartem Leben Hunger, Durst, Hitze, Kälte und -große Arbeit überstehen und zuvorderst Gott erkennen und wie man ihm -rechtschaffen dienen sollte, welches das vornehmste war. Zwar wollte -mich mein getreuer Einsiedel ein Mehrers nicht wissen lassen, dann er -hielte davor, es sei einem Christen genug, zu seinem Ziel und Zweck -zu gelangen. Dahero es gekommen, obzwar ich mein Christentum wohl -verstand und die deutsche Sprache so schön redete, als wann sie die -~Orthographia~ selbst ausspräche, daß ich dannoch der Einfältigste -verblieb, gestalten ich, wie ich den Wald verlassen, ein solch elender -Tropf in der Welt war, daß man keinen Hund mit mir aus dem Ofen hätte -locken können. - - - - -Das siebente Kapitel - - -Zwei Jahre ungefähr hatte ich zugebracht und das harte eremitische -Leben kaum gewohnet, als mein bester Freund auf Erden seine Haue nahm, -mir aber die Schaufel gab und mich an der Hand in unsern Garten führete. - -»Nun, ~Simplici~, liebes Kind, dieweil gottlob die Zeit vorhanden, -daß ich aus der Welt scheiden, die Schuld der Natur bezahlen und -dich in dieser Welt hinter mir verlassen soll, so habe ich dich auf -dem angetretenen Weg der Tugend stärken und dir einzige Lehren zum -Unterricht geben wollen, wie du dein irdisch Leben anstellen solltest, -damit du gewürdigt werdest das Angesicht Gottes in jenem Leben ewiglich -zu schauen, zumalen ich deines Lebens künftige Begegnüsse beiläufig -sehe und wohl weiß, daß du in dieser Einöde nicht lange verharren -wirst.« - -Diese Worte setzten meine Augen ins Wasser, wie hiebevor des Feindes -Erfindung die Stadt Villingen, und sie waren mir so unerträglich, daß -ich sie nicht ertragen konnte. - -»Herzliebster Vater, willst du mich allein in diesem wilden Wald -verlassen?« - -Mehrers vermochte ich nicht heraus zu bringen, dann meines Herzens -Qual ward aus überfließender Liebe, die ich zu meinem Vater trug, -also heftig, daß ich gleichsam wie tot zu seinen Füßen niedersank. -Er hingegen richtete mich auf, tröstete mich, so gut es Zeit und -Gelegenheit zuließ, und verwiese mich gleichsam fragend: - -»Willst du der Ordnung des Allerhöchsten widerstreben? Was unterstehst -du dich, meinem schwachen Leib, der nach Ruhe lechzet, aufzubürden? -Ach nein, mein Sohn, laß mich fahren!« - -Und er riete mir getreulich: »Anstatt deines unnützen Geschreies folge -meinen letzten Worten, welche seind, daß du dich je länger je mehr -selbst erkennen sollst. Dann daß die meisten Menschen verdammt werden, -ist Ursache, daß sie nicht gewußt haben, was sie gewesen und was sie -werden müssen. Und hüt dich jederzeit vor böser Gesellschaft, dann -derselben Schädlichkeit ist unaussprechlich. Bleib standhaft vor allen -Dingen. Wer verharret bis ans Ende, der wird selig. So du aber aus -menschlicher Schwachheit fällst, dann stehe durch rechtschaffene Buße -geschwind wieder auf.« - -Nachdem mir der sorgfältige, fromme Mann solches vorgehalten, hat er -mit seiner Haue angefangen, sein eigenes Grab zu machen. Ich half, so -gut ich konnte, wie er mir befahl. - -»Mein lieber und wahrer, einziger Sohn, wann meine Seele an ihren Ort -gegangen ist, so leiste meinem Leib deine Schuldigkeit und die letzte -Ehre. Scharre mich mit dieser Erde wieder zu, die wir anjetzo aus der -Grube graben.« - -Darauf nahm er mich in seine Arme und druckte mich küssend viel härter -an seine Brust, als einem Mann, wie er zu sein schiene, hätte müglich -sein können. - -»Liebes Kind, ich befehle dich in Gottes Schutz.« - -Ich hingegen konnte nichts anders als klagen und heulen, ich hing mich -an seine Büßerketten und vermeinte ihn damit zu halten. - -Er aber sagte: »Laß mich, daß ich sehe, ob mir das Grab lang genug sei.« - -Legte demnach die Kette ab samt dem Oberrock und begab sich in das -Grab wie einer, der sich sonst schlafen legen will. - -»Ach großer Gott, nun nimm wieder hin die Seele, die du mir gegeben!« - -Hierauf beschloß er seine Lippen und Augen sänftiglich. Ich aber -stund da wie ein Stockfisch etlich Stunden, dieweil ich ihn öfters -in dergleichen Verzuckungen gesehen. Da sich aber mein allerliebster -Einsiedel nicht mehr aufrichten wollte, stieg ich zu ihm ins Grab und -fing an ihn zu schütteln, zu küssen und zu liebeln. Aber da war kein -Leben mehr. - -Nachdem ich lang mit jämmerlichem Geschrei hin und her geloffen, begann -ich ihn zuzuscharren. Und wann ich kaum sein Angesicht bedeckt hatte, -stieg ich wieder hinunter, entblößte es wieder, damit ichs noch einmal -sehen und küssen konnte. - - - - -Das achte Kapitel - - -Über etliche Tage verfügte ich mich zu obgemeldtem Pfarrer und begehrte -Rat von ihm. Unangesehen er mir nun stark widerraten, länger im Walde -zu verbleiben, bin ich doch tapfer in meines Vorgängers Fußstapfen -getreten, maßen ich den ganzen Sommer tät, was ein frommer Einsiedel -tun soll. Aber gleichwie die Zeit alles ändert, so verringerte sich -auch nach und nach mein Leid, und die scharfe Winterkälte löschte die -innerliche Hitze meines steifen Vorsatzes zugleich aus. Jemehr ich -anfing zu wanken, je träger ward ich in meinem Gebet und ich ließ -mich die Begierde überherrschen, die Welt auch zu beschauen. Demnach -gedachte ich wieder zu dem Pfarrer zu gehen und machte mich seinem Dorf -zu, fand es aber in voller Flamme stehen, dann es eben eine Partei -Reuter ausgeplündert und angezündet hatte. Die Bauren waren teils -niedergemacht, viel verjaget und etliche gefangen, darunter auch der -Pfarrer war. Die Reuter ruckten eben wegfertig aus und führten den -Pfarrer an einem Strick daher. Unterschiedliche schrieen: Schieß den -Schelmen nieder! Andre wollten Geld von ihm. Er hub die Hände auf und -bat um des jüngsten Gerichtes willen um Verschonung und Barmherzigkeit. -Aber einer ritte ihn übern Haufen und versetzte ihm gleich eins an -Kopf, davon er alle vier von sich streckte. - -Indem kam ein solcher Schwarm bewehrter Bauren aus dem Wald, als ob -man in ein Wespennest gestochen hätte. Die fingen an so gräulich zu -schreien, so grimmig drein zu setzen und drauf zu schießen, daß mir -alle Haar zu Berg stunden, weil ich noch niemals bei dergleichen -Kirchweih gewesen, dann die spessarter Bauren lassen sich fürwahr so -wenig als andre auf ihrem Mist foppen. Davon rissen die Reuter aus und -schlugen ihre ganze Beute in den Wind. - -Diese Kurzweil benahm mir beinahe die Lust, die Welt zu beschauen, -dann meine Wildnus mir anmutiger erschiene. Der Pfarrer lag ganz matt, -schwach und kraftlos, doch hielt er mir vor, daß er nun selbst auf -den Bettel geraten wäre, so hätte ich mich seiner Hilfleistung nichts -zu getrösten. Zog demnach ganz traurig gegen den Wald, gedachte die -Wildnus nimmer zu verlassen und ob es nicht möglich wäre, daß ich ohn -Salz leben und also aller Menschen entbehren könnte. Mich zu bestärken -zog ich meines Einsiedels hinterlassen hären Hemd an und hing seine -Ketten über. - -Den andern Tag als ich bei meiner Hütte saß und zugleich neben dem -Gebet gelbe Ruben zu meines Leibes Unterhaltung briet, umringten -mich an fünfzig Musketierer. Zwar sie ob meiner Person Seltsamkeit -erstauneten, so durchstürmten sie doch meine Hütte, suchten, was -da nicht zu finden war, und warfen die Bücher durcheinander, weil -sie ihnen nichts taugten. Endlich sahen sie, als sie mich besser -betrachteten, an meinen Federn, was vor einen schlechten Vogel sie -gefangen hatten, und konnten leicht ihre Rechnung machen; doch -verwunderten sie sich über mein hartes Leben. Ja, der Offizierer ehrte -mich und begehrte gleichsam bittend, ich wolle ihm den Weg aus dem Wald -weisen. Ich widerte mich nicht und führte sie am nächsten Weg dem Dorf -zu. - -Ehe wir aber vor den Wald kamen, sahen wir ungefähr zehn Bauren, deren -ein Teil mit Feuerrohren bewehrt, die übrigen aber beschäftigt waren, -etwas einzugraben. Die Musketierer schrieen: Halt! Halt! Jene aber -antworteten mit den Rohren. Wie sie jedoch sahen, daß sie übermannet -waren, gingen sie schnell durch. Die müden Soldaten konnten keinen -ereilen, huben aber an auszugraben. Sie hatten wenig Streich getan, da -hörten sie eine Stimme von unten herauf: - -»O, ihr Erzbösewichter, vermeinet ihr wohl, daß der Himmel euer -unchristliche Grausamkeit und Bubenstücke ungestraft hingehen lassen -werde? Nein, eure Unmenschlichkeit soll vergolten werden.« - -Hierüber sahen die Soldaten einander an, weil sie nicht wußten, was sie -tun sollten. Etliche vermeinten, sie hätten ein Gespenst. Ich gedachte, -es träume mir. Ihr Offizier hieß sie tapfer zu graben. - -Sie kamen auf ein Faß, schlugens auf und fanden einen Kerl darin, der -weder Nasen noch Ohren mehr hatte, gleichwohl noch lebte. Sobald er -sich ein wenig ermunterte, erzählte er: Ihrer sechs seines Regiments, -so auf Fourage gewesen, seien von den Bauren ergriffen worden. Sie -hätten hintereinander stehen müssen, davon die ersten Fünf von einer -Kugel tot geschossen worden seien, ihn aber, den letzten, habe -die Kugel nicht mehr erlanget. Da hätten sie ihm Nase und Ohren -abgeschnitten, zuvor aber ihn gezwungen, daß er ihrer fünfen (~salva -venia~) den Hintern lecken müssen. Da er sich so gar geschmähet -gesehen, hätte er ihnen die allerunnützesten Worte gegeben, der -Hoffnung, es würde ihm etwan einer aus Ungeduld eine Kugel schenken, -aber vergebens. Nachdem er sie so erbittert, hätten sie ihn in -gegenwärtig Faß gesteckt und also lebendig begraben, sprechend: Weil er -des Todes so eifrig begehre, wollten sie ihm zum Possen hierin nicht -willfahren. - -Indem kam eine andre Partei Soldaten den Wald herauf, sie hatten -obgedachte Bauren angetroffen, fünf davon gefangen, die andern -erschossen. Unter den gefangenen waren vier, denen der übel -zugerichtete Reuter zuvor so schandlich hatte zu Willen sein müssen. -Als nun beide Parteien erkannten einerlei Kriegsvolk zu sein, traten -sie zusammen. - -Da sollte man sein blaues Wunder gesehen haben, wie die Bauren getrillt -wurden. Etliche wollten sie zwar in der ersten Furi totschießen, -andere aber sagten: »Nein, man muß die leichtfertigen Vögel zuvor -rechtschaffen quälen und ihnen eintränken, was sie diesem Reuter zu -tun geheißen.« Dahingegen sagte ein anderer: »Dieser Kerl ist nichts -wert, dann wäre er kein Bernheuter gewesen, so hätte er allen redlichen -Soldaten zu Spott solch schändliche Arbeit nicht verrichtet, sondern -wäre tausendmal lieber gestorben.« Endlich ward beschlossen, daß ein -jeder von den sauber gemachten Bauren an zehn Soldaten wett mache, -was er von dem Reuter empfangen, und darzu sagen sollte: ‚Hiermit -lösche ich wieder aus und wische ab die Schande, die sich die Soldaten -einbilden empfangen zu haben, als uns ein Bernheuter tat, wie ich ihnen -tue.’ - -Darauf schritten sie zur Sache, aber die Bauren waren so halsstarrig, -daß sie weder durch Verheißung des Lebens noch durch Marter dazu -gezwungen werden konnten. - -Einer führete den fünften Bauren, an dem der Reuter nicht schandbar -geworden war, etwas beiseits und sagte zu ihm: »Wann du Gott und seine -Heiligen verläugnen wilt, werde ich dich dahin laufen lassen, wohin -du begehrest.« Der Bauer antwortete, er hätte sein Lebtag nichts auf -Heilige gehalten und auch geringe Kundschaft mit Gott selbst gehabt. -Schwur darauf ~solenniter~, daß er Gott nicht kenne. Hierauf jagte ihm -der Soldat eine Kugel an die Stirn, welche aber so viel effektuiert, -als wann die an einen stählernen Berg gangen wäre. Also zuckte er seine -Plempe und rief: - -»Holla, bist du solch ein Schelm! Ich habe versprochen, dich laufen -zu lassen, wohin du begehrest, so schicke ich dich nun ins höllische -Reich, weil du nicht in den Himmel wilt!« - -Und spaltete ihm damit den Kopf bis an die Zähne. - -Indessen banden die andern Soldaten die vier übrigen Bauren mit -Händen und Füßen an einen umgefallenen Baum so artlich, daß sie ihre -Posteriora gerad in die Höhe kehrten. Nachdem sie den Bauren die Hosen -abgezogen, nahmen sie etliche Klafter Lunten, machten Knöpfe daran und -fidelten die armen Schelme also bis Haut und Fleisch ganz von dem Bein -hinweg war. Mich aber ließen sie nach meiner Hütte gehen. - -Da ich wieder heim kam, befand ich, daß mein Feuerzeug und ganzer -Hausrat samt allem Vorrat an armseligen Speisen, die ich im Garten -erzogen und auf den künftigen Winter vor mein Maul gesparet hatte, mir -einander fort war. -- Wo nun hinaus? - -Überdas lagen mir die Sachen, so ich denselben Tag gehöret und gesehen, -ohn Unterlaß im Sinn. Ich dachte nicht sowohl meiner Erhaltung nach als -der ~Antipathia~, die sich zwischen Soldaten und Bauren enthält. Ich -meinte, es müßten ohnfehlbar zweierlei Menschen in der Welt sein, wilde -und zahme, weil sie einander so grausam verfolgten. - - - - -Das neunte Kapitel - - -In solchen Gedanken entschlief ich vor Unmut und Kälte mit einem -hungrigen Magen. - -Da dünkte mich, als wenn sich alle Bäume gähling veränderten. Auf -jedem Gipfel saß ein Kavalier und anstatt der Blätter trugen die Äste -allerhand Kerle. Von solchen hatten etliche lange Spieße, andere -Musketen, kurz Gewehr, Partisanen, Fähnlein, auch Trommeln und Pfeifen, -lustig anzusehen und fein gradweis auseinandergeteilet. Die Wurzel aber -war von ungültigen Leuten, als Handwerkern, Taglöhnern, mehrenteils -Bauren und dergleichen bestanden, welche nichts desto weniger dem Baum -seine Kraft verliehen und erneureten; ja, sie ersetzten den Mangel -der abgefallenen Blätter aus den Ihrigen zum eigenen noch größeren -Verderben. Benebens seufzten sie über diejenigen, so auf dem Baume -saßen, dann die ganze Last des Baums lag auf ihnen und drückte sie -dermaßen, daß ihnen das Geld aus dem Beutel herfürging. So es aber -nicht herfürwollte, striegelten sie die ~Commissarii~ mit Besen, die -man militarische ~Execution~ nennet, daß ihnen die Seufzer aus dem -Herzen, die Tränen aus den Augen, das Blut aus den Nägeln und das Mark -aus den Beinen herausging. - -Also mußten sich die Wurzeln dieser Bäume in lauter Mühseligkeit, -diejenigen aber auf den untersten Ästen in größerer Arbeit und Ungemach -gedulden und durchbringen. Doch waren diese jeweils lustiger, aber auch -trotzig, mehrenteils gottlos und jederzeit eine schwere, unerträgliche -Last der Wurzel. - - Hunger und Durst, auch Hitz und Kält, - Arbeit und Armut, wie es fällt, - Gewalttat, Ungerechtigkeit - Treiben die Landsknecht allezeit. - -Schlemmen und dämmen, Hunger und Durst, huren und buben, raßlen und -spielen, morden und gemordet werden, tribulieren und wieder getrillet -werden, jagen und gejagt werden, plündern und geplündert werden, -förchten und wieder geförchtet werden, Jammer anstellen und wieder -jämmerlich leiden, ~in summa~ nur verderben, beschädigen und verderbt, -beschädigt werden, das war ihr ganzes Tun und Wesen. Und nicht Winter -und Sommer, nicht Regen noch Wind, Berg noch Tal, weder Morast, Gruben, -Meer, Mauer, Feuer noch Wälle, weder Vater noch Mutter, weder Gefahr -ihrer Leiber, Seelen und Gewissen, ja, nicht Verlust des Lebens noch -des Himmels verhinderte sie daran. Sie weberten in ihren Werken emsig -fort, bis sie endlich in Schlachten, Belägerungen, Stürmen, Feldzügen -und den Quartieren selbsten umkamen, verdarben und krepierten. Etliche -wenige, die in ihrem Alter, wann sie nicht wacker geschunden und -gestohlen hatten, Bettler und Landstürzer abgaben. - -Zunächst darüber saßen alte Hühnerfänger, die sich etliche Jahre mit -höchster Gefahr auf den untersten Ästen gehalten hatten, sie sahen -etwas reputierlicher aus. Darüber befanden sich noch höhere, die -Wammesklopfer, weil sie die untersten zu kommandieren hatten. Sie -fegten den Pikenieren mit Prügeln und Höllenpotzmarter Rücken und Kopf -und gaben den Musketierern Baumöl. - -Darüber hatte des Baumes Stamm einen Absatz, ein glatt Stück ohne Äste -mit seltsamen Seifen der Mißgunst geschmieret. Kein Kerl, er sei dann -vom Adel, konnte da hinaufsteigen, dann der Stamm war glätter poliert -als ein stählerner Spiegel. - -Und darüber saßen die mit den Fähnlein, Junge, denen ihre Vettern -hinaufgeholfen, Alte, so auf der silbernen Leiter, die man Schmiralia -nennet, oder mangels anderer hinaufgestiegen waren. Je höher, desto -besser saßen sie. - -Wann ein ~Commissarius~ daherkam und eine Wanne voll Geld über den Baum -abschüttete, solchen zu erquicken, ließen sie den Untersten soviel -wie nichts zukommen. Dahero pflegten von den Untersten mehr Hungers -zu sterben, als ihrer vom Feind umkamen. So war ein unaufhörliches -Gekrappel und Aufklettern an diesem Baum. Die Untersten hofften der -Oberen Fall, geriet es einem unter zehentausend, so stund er im -verdrüßlichen Alter, daß er besser hinter den Ofen taugte, Äpfel zu -braten, als im Feld vor dem Feind zu liegen. Man nahm dahero anstatt -der alten Soldaten viel lieber Plackschmeißer, Kammerdiener, arme -Edelleute, irgends Vettern und Schmarotzer und Hungerleider, die denen, -so etwas meritiert, das Brot vorm Maul abschnitten und Fähnrich wurden. - -Dieses verdroß einen Feldwaibel so sehr, daß er trefflich anfing zu -schmälen. Aber Adelhold sagte: - -»Graue Bärte schlagen den Feind nicht, man könnte sonst eine Herde -Böcke zu solchem Geschäft dingen. Sage mir, du alter Krachwadel, ob -nicht edelgeborene Offizierer von der Soldateska besser respektieret -werden, dann die, so zuvor gemeine Knechte gewesen? Ist einem -Baurenbuben, der seinem Vater vom Pfluge entlaufen, besser zu trauen? -Ein rechtschaffener Edelmann, eh er seinem Geschlecht durch Untreue, -Feldflucht oder sonst dergleichen einen Schandfleck anhinge, eh -würde er ehrlich sterben. Und wann schon einer von euch ein guter -Soldat ist, der Pulver riechen und in allen Begebenheiten treffliche -Anschläge geben kann, so ist er darum nicht gleich tüchtig andere zu -kommandieren. Wenn man den Baur über den Edelmann setzte und also -strack zu Herren machte, es stünde nach dem gemeinen Sprichwort nicht -fein: - - Es ist kein Schwert, das schärfer schiert, - Als wann der Baur zum Herren wird. - -Hingegen aber ist ein junger Hund zum jagen viel freudiger als ein -alter Löw.« - -Der Feldwaibel antwortete: »Welcher Narr wollte dann dienen, wann -er nicht hoffen darf, um seine Treue belohnt zu werden? Der Teufel -hole solchen Krieg! Dann gilt es gleich, ob sich einer wohl hält oder -nicht. Ich habe von unserm alten Obristen vielmals gehöret, daß er -keinen Soldaten begehre, der sich nicht festiglich einbilde, durch -Wohlverhalten ein General zu werden. - - Die Lampe leucht' dir fein, doch mußt du sie auch laben - Mit fett Olivensaft, die Flamm sonst bald verlischt. - Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird und erfrischt. - Soldatentapferkeit will Unterhaltung haben. - -Ich sehe wohl, die Türen zu Würde und Amt werden uns durch den Adel -verschlossen gehalten. Man setzet den Adel, wann er aus der Schalen -gekrochen, gleich an solche Örter, da wir uns nimmermehr keine Gedanken -hin machen dörfen, wanngleich wir mehr getan haben, als mancher -~Nobilist~, den man jetzo für einen Obristen vorstellet. Also veraltet -manch wackerer Soldat unter seiner Muskete, der billiger ein Regiment -meritierte.« - -Ich wollte dem alten Esel nicht mehr zuhören, der oft die armen -Soldaten prügelte wie die Hunde. - -Ich wandte mich wieder gegen die Bäume. Das ganze Land stund deren voll -und ich sahe, wie sie sich bewegten und zusammenstießen. Da prasselten -die Kerl haufenweise herunter, augenblicklich frisch und tot. Und -mich bedauchte alle Bäume wären nur einer, auf dessen Gipfel saße der -Kriegsgott ~Mars~ und bedeckte mit des Baumes Ästen ganz Europam. - -Da hob sich ein scharfer Nordwind. Unter gewaltigem Gerassel und -Zertrümmerung des Baums höret ich eine Stimme: - - Die Steineich, durch den Wind getrieben und verletzet, - Ihr eigen Äst abbricht, sich ins Verderben setzet: - Durch innerlichen Krieg und brüderlichen Streit - Wird alles umgekehrt und folget lauter Leid. - -Und ich ward aus dem Schlaf erweckt und sahe mich nur allein in meiner -Hütte. - -Dahero fing ich wieder an zu bedenken, was ich immermehr beginnen -sollte. Nichts war mir übrig als noch etliche Bücher, welche hin- und -hergestreut und durch einander geworfen lagen. Als ich solche mit -weinenden Augen auflase, fand ich ungefähr ein Brieflein, das mein -Einsiedel bei seinem Leben noch geschrieben hatte. - -‚Lieber ~Simplici~, wenn du dies Brieflein findest, so gehe alsbald -aus dem Wald und errette dich und den Pfarrer aus gegenwärtigen Nöten. -Bedenke und tue ohn Unterlaß nach meinen letzten Reden, so wirst du -bestehen mögen. ~Vale~!’ - -Ich küßte das Brieflein und das Grab des Einsiedels zu viel tausend -Malen und machte mich auf den Weg, Menschen zu suchen. Den dritten Tag -kam ich nach Gelnhausen auf ein Feld, das lag überall voller Garben, -welche die Bauren, weil sie nach der namhaften Schlacht vor Nördlingen -verjagt worden, nicht hatten einführen können. Da genosse ich gleichsam -eines hochzeitlichen Mahles und sättigte mich mit ausgeriebenem Weizen. - - - - -Das zehent Kapitel - - -Da es tagete, begab ich mich zum nächsten nach Gelnhausen und fand -das Tor offen, zum Teil verbrannt, halber noch mit Mist verschanzt. -Ich konnte keines lebendigen Menschen gewahr werden. Die Gassen hin -und her lagen mit Toten überstreut, deren etliche ganz, etliche aber -bis aufs Hemd ausgezogen waren. Dieser jämmerliche Anblick war mir -ein erschröcklich ~Spectacul~. Kaum zween Steinwürfe weit kam ich in -die Stadt, als ich mich derselben schon sattgesehen hatte. Derowegen -kehrete ich wieder um, ging durch die Aue nebenhin und kam vor die -herrliche Festung Hanau. Aber mich erdappten von deren erster Wacht -gleich zween Musketierer, die mich in ihre ~Corps de Garde~ führten. - -Meine Kleidung und Gebärden waren genugsam verwunderlich, widerwärtig -und durchaus seltsam: Meine Haare waren in dritthalb Jahren weder -auf griechisch, deutsch, noch französisch abgeschnitten, gekampelt, -noch gekräuselt oder gebüfft worden, sondern sie stunden in ihrer -natürlichen Verwirrung noch mit mehr als jährigem Staub anstatt des -Puders durchstreut. Ich sahe darunter mit meinem bleichen Angesicht -herfür, wie eine Schleiereule, die auf eine Maus spannet. Und weil -meine Haare von Natur kraus waren, hatte es das Ansehen, als wann -ich einen Turban aufgehabt hätte. Der übrige Habit stimmte mit der -Hauptzier überein. Ich trug meines Einsiedels tausendfältig geflickten -Rock und darüber das hären Hemd wie ein Schulterkleid, weil ich -die Ärmel an Strumpfs Statt brauchte und dieselben zu solchem End -herabgetrennt hatte. Der ganze Leib war mit eisernen Ketten hinten -und vorn, fein kreuzweis, wie man ~St. Wilhelmum~ zu malen pfleget, -umgürtet, so daß ich fast denen glich, so von den Türken gefangen und -vor ihre Freunde zu betteln im Land umziehen. Meine Füße schlurften -in Holzschuhen und waren krebsrot, als wann ich ein Paar Strümpfe auf -spanisch Leibfarb angehabt oder die Haut mit Fernambuc gefärbt hätte. -Ein Gaukler oder Marktschreier vermochte mich wohl als einen Samojeden -oder Grünländer dargeben, so daß er manchen Narren angetroffen hätte, -der einen Kreuzer an mir versehen konnte. Obzwar ich nach meinem -magern und ausgehungerten Anblick keinem Frauenzimmer oder irgendeines -großen Herrn Hofhaltung entlaufen sein mochte, so ward ich jedoch -unter der Wacht streng examiniert. Und gleichwie sich die Soldaten -an mir vergafften, also betrachtet ich hingegen ihres Offizierers -tollen Aufzug, dem ich Red und Antwort geben mußte. Ich wußte nicht, -ob er Sie oder Er wäre, dann er trug Haare und Bart auf französisch: -zu beiden Seiten hatte er lange Zöpfe wie Pferdeschwänze und sein -Bart war so elend zugerichtet und verstümpelt, daß zwischen Maul und -Nase nur noch etliche wenige Haare kurz davongekommen. Nicht weniger -satzten mich seine weiten Hosen des Geschlechtes halber in nicht -geringe Zweifel, als welche mir vielmehr einen Weiberrock dann ein Paar -Mannshosen vorstelleten. Gewißlich ist es ein Weib, gedachte ich, dann -eine ehrlicher Mann wird seinen Bart wohl nimmermehr so jämmerlich -verketzern lassen. Endlich hielt ich ihn für einen Mann und Weib -zugleich. - -Dieser weibische Mann ließ mich überall besuchen, fand aber nichts bei -mir als ein Büchlein von Birkenrinden, darin ich meine täglichen Gebete -geschrieben und auch meines frommen Einsiedels Zettlein, so er mir zum -~Valete~ hinterlassen, liegen hatte. Solches nahm er mir. Ich fiel vor -ihm nieder, fasste ihn um beide Knie und sagte: - -»Mein lieber Hermaphrodit, laß mir doch mein Gebetbüchlein!« - -»Du Narr,« antwortete er, »wer Teufel hat dir gesagt, daß ich Hermann -heiß!« - -Befahl darauf zweien Soldaten mich mitsamt dem Büchlein, dann der Geck -konnte nicht lesen, zum Gubernator zu bringen. Und jedermann lief zu, -als wenn ein Meerwunder zur Schau geführet würde. - -Der Gubernator fragte mich, wo ich herkäme. Ich antwortete: »Ich -weiß es nicht.« Er fragte weiter: »Wo willst du dann hin?« Meine -Antwort war: »Ich weiß es nicht.« -- »Was Teufel weißt du dann? Was -ist deine Hantierung?« Ich kunnt nur sagen: »Ich weiß es nicht.« -- -»Wo bist du zuhaus?« Als ich nun wiederum antwortete, ich wüßte es -nicht, veränderte er seine Mienen, weiß nicht, ob es aus Zorn oder -Verwunderung geschahe. Dieweil aber jedermann das Böse zu argwöhnen -pfleget, zumal auch der Feind nahe war, der in voriger Nacht Gelnhausen -eingenommen und ein Regiment Dragoner darin zu Schanden gemacht hatte, -hielt mich der Gubernator für einen Kundschafter. Die Wachtsoldaten -gaben Bericht, daß anders nichts bei mir wäre gefunden worden, als -gegenwärtiges Büchlein, darin er alsbald ein paar Zeilen las und -fragte, wer mir das Büchlein gegeben hätte. Ich antwortete, es wäre von -Anfang mein Eigen und von mir selbst gemacht und überschrieben. - -»Warum eben auf birkenen Rinden?« - -»Weil sich die Rinden von andern Bäumen nicht darzu schicken.« - -»Du Flegel, ich frage, warum du nicht auf Papier geschrieben hast.« - -»Wir haben keins mehr im Wald gehabt.« - -»Wo, in welchem Wald?« - -Ich antwortete wieder auf meinem alten Schrot, ich wüßte es nicht. -Da wandte sich der Gubernator zu etlichen Offizierern, die ihm eben -aufwarteten: »Entweder ist dieser ein Erzschelm oder gar ein Narr.« Und -indem er redete, blätterte er in meinem Büchlein so stark herum, daß -des Einsiedel Briefchen herausfallen mußte. Solches ließ er aufheben, -ich aber entfärbte mich darüber, weil ichs vor meinen höchsten Schatz -und Heiligtum hielt, daher der Gubernator noch größeren Argwohn -schöpfte. Er las den Brief und sagte: »Ich kenne einmal diese Hand und -weiß, daß sie von einem wohlbekannten Kriegsoffizier ist geschrieben -worden, ich kann mich aber nicht entsinnen von welchem.« - -So kam ihm auch der Inhalt seltsam und unverständlich vor. - -»Dies ist ohn Zweifel,« erkläret er, »eine abgeredte Sprache, die sonst -niemand verstehet. Wie heißt du?« - -»~Simplicius~.« - -»Ja, ja, du bist eben der rechte Kauz. Fort, daß man ihn alsobald an -Hand und Fuß in Eisen schließe!« - -Also wanderten die beiden Soldaten mit mir nach meiner neuen Herberge, -dem Stockhaus, und überantworteten mich dem Gewaltiger, der mich mit -Ketten an Händen und Füßen zierete, gleichsam als hätte ich nicht genug -an mir getragen. - -Dieser Willkomm war der Welt noch zu lieblich, dann es kamen Henker und -Steckenknechte mit erschröcklichen Folterungsinstrumenten, die meinen -elenden Zustand allererst grausam machten. - -»Ach Gott,« sagte ich zu mir, »wie geschiehet dir so recht! O, du -unglückseliger ~Simplici~! Dahin bringet dich deine Undankbarkeit: -Siehe Gott hatte dich kaum zu seiner Erkanntnus und in seine Dienste -gebracht, so laufst du hingegen aus seinen Diensten. O blinder Ploch, -du hast dieselben verlassen, deinen schändlichen Begierden genug zu -tun und die Welt zu sehen! Jetzt fahre hin und empfahe den Lohn deiner -gehabten eitelen Gedanken und vermessenen Torheit!« - -Indessen näherten wir uns dem Diebsturm, und als die Not am größten, da -war die Hilfe Gottes am nähesten: dann als ich mit den Schergen samt -einer großen Menge vorm Gefängnus stund, zu warten bis es aufgemachet, -wollte mein Pfarrer (dann er lag zunächst dabei auch im Arrest) sehen, -was da vorhanden wäre. Er sahe mich und rief überlaut: »O ~Simplici~, -bist du es!« - -Da hub ich beide Hände auf und schrie: »O Vater! O Vater!« - -Er fragte mich, was ich getan hätte. Ich antwortete, ich wüßte es -nicht. Als er aber den Umstand vernahm, bat er, man wollte mit mir -inhalten, bis er meine Beschaffenheit dem Herrn Gubernator berichtet -hätte, dann solches würde verhüten, daß er sich an uns beiden -vergreife. - - - - -Das elfte Kapitel - - -Es wurde erlaubt, und über eine halbe Stunde ward ich auch geholt -und in die Gesindestube gesetzet, allwo sich schon zween Schneider, -ein Schuster mit Schuhen, ein Kaufmann mit Hüten und Strümpfen und -ein anderer mit allerhand Gewand eingestellt hatten, damit ich ehist -gekleidet würde. Folgends erschien ein Feldscherer mit scharfer Lauge -und wohlriechender Seife und eben als dieser seine Kunst an mir üben -wollte, kam ein anderer Befehl, welcher mich greulich erschreckte: Ich -sollte meinen Habit wieder anziehen. War aber nicht böß gemeint, dann -es kam ein Maler mit seinen Werkzeugen daher, nämlich mit Minien und -Zinober zu meinen Augenlidern, mit Lack, Endig und Lasur zu meinen -Korallenlippen, mit Auripigmentum, Rausch-schütt und Bleigelb zu meinen -weißen Zähnen, die ich vor Hunger bleckte, mit Kienruß, Kohlschwärz -und Umbra zu meinen blonden Haaren, mit Bleiweiß zu meinen gräßlichen -Augen und mit sonst vielerlei Farben zu meinem wetterfarbigen Rock, -auch hatte er eine ganze Hand voll Pensel. Dieser fing an, mich zu -beschauen, abzureißen, zu untermalen, seinen Kopf über die Seite zu -hängen, um seine Arbeit gegen meine Gestalt genau zu betrachten, und -änderte so lange, bis er endlich ein natürliches Muster entworfen -hatte, wie ~Simplicius~ eins war. Alsdann dorfte allererst der -Feldscherer über mich herwischen, derselbe zwackte mir den Kopf und -richtete wohl anderthalb Stund an meinen Haaren, folgends schnitt er -sie ab auf die damalige Mode, dann ich hatte Haar übrig. Nachgehends -satzte er mich in ein Badstüblein und säuberte meinen ausgehungerten -Leib von mehr als drei- und vierjähriger Unlust. Kaum war er fertig, -da brachte man mir ein weißes Hemd, Schuhe und Strümpfe samt einem -Überschlag und Kragen, auch Hut und Feder. Die Hosen waren gar schön -ausgemacht und überall mit Galaunen verbrämt. Die Schneider arbeiteten -noch auf die Eil am Wams. Der Koch stellte sich mit einem kräftigen -Süpplein ein und die Kellerin mit einem Trunk. Da saß mein Herr -~Simplicius~ wie ein junger Graf zum besten ~accommodiert~. Ich glaube -schwerlich, daß ich mein Lebtag ein einzig Mal eine größere Wollust -empfunden als eben damals. Mein Waldkleid samt Ketten und allem Zugehör -ward in die Kunstkammer zu andern raren Sachen und Antiquitäten getan, -daneben mein Bildnus. - -Nach dem Nachtessen ward ich in ein Bette geleget, dergleichen ich nie -gekannt. Aber mein Bauch knurrte und murrte die ganze Nacht hindurch, -daß ich nicht schlafen konnte, weil er entweder nicht wußte, was gut -war, oder weil er sich über die anmütigen, neuen Speisen verwunderte. -Ich blieb aber liegen, bis die liebe Sonne wieder leuchtete. - -Denselben Morgen gab mir der Gubernator einen Leibschützen, der mich zu -meinem Pfarrer brachte. In dessen ~Museo~ satzten wir uns und er ließ -mich vernehmen: - -»Lieber ~Simplici~, der Einsiedel, den du im Walde angetroffen und -bis zu seinem Tode Gesellschaft geleistet hast, ist nicht allein -des hießigen Gouverneurs Schwager, sondern auch im Krieg sein -Beförderer und wertester Freund gewesen, wie dem Gubernator mir zu -erzählen beliebet. Ihm ist von Jugend auf weder an Tapferkeit noch an -Gottseligkeit niemals nichts abgegangen, welche beiden Tugenden man -zwar selten bei einander zu finden pflegt. Sein geistlicher Sinn und -widerwärtige Begegnüsse hemmten endlich den Lauf seiner weltlichen -Glückseligkeit, daß er Adel und ansehnliche Güter verschmähete und -hintan setzte und sein Dichten und Trachten fortan nur nach einem -erbärmlichen, eremitischen Leben gerichtet war. -- Ich will dir aber -auch nicht verhalten, wie er in den Spessart zu solchem Einsiedlerleben -gekommen sei. - -Die zweite Nacht hernach, als die blutige Schlacht von Höchst verloren -worden, kam er einzig und allein vor meinen Pfarrhof, als ich eben mit -meinem Weib und Kindern gegen den Morgen entschlafen war, weil wir -wegen des Lärmens im Land, beides: der Flüchtigen und Nachjagenden, die -vorige und auch selbige halbe Nacht durch und durch gewachet hatten. -Er klopfte erst sittig an, folgends ungestüm genug, bis er mich und -mein schlaftrunkenes Gesind erweckte. Nach wenig Wortwechseln, welches -beiderseits gar bescheiden fiel, ward ihm die Tür geöffnet, und ich -sahe den Kavalier vom Pferde steigen. Sein kostbarlich Kleid war -ebenso sehr mit seiner Feinde Blut besprengt als mit Gold und Silber -verbrämt. Er besänftigte Forcht und Schrecken, indem er seinen bloßen -Degen einsteckte, und ich sprach ihn seiner schönen Person und des -herrlichen Ansehens halber vor den Mansfelder selbst an. Er aber sagte, -er sei denselben vor diesmal nur in der Unglückseligkeit nicht allein -zu vergleichen, sondern auch vorzuziehen. Drei Dinge beklagte er: Seine -verlorene, hochschwangere Gemahlin, die verlorene Schlacht und, daß er -nicht vor das Evangelium sein Leben zu lassen das Glück gehabt hätte. -Ich wollte ihn trösten, sahe aber bald, daß seine Großmütigkeit keines -Trostes bedurfte. Er begehrte ein Soldatenbett von frischem Stroh. - -Das erste am folgenden Morgen war, daß er mir sein Pferd schenkte -und sein Gold samt etlichen köstlichen Ringen unter meine Frau, -Kinder und Gesinde austeilete. Ich trug Bedenken, so große Verehrung -anzunehmen. Er aber sagte, er wollte mich vor Gefahr des Argwohns mit -seiner eigenen Handschrift versichern, ja er begehrte sogar sein Hemd, -geschweige seine Kleider aus meinem Pfarrhof nicht zu tragen. Ich -wehrete mit Händen und Füßen, was ich konnte, weil solches Vorhaben -zumal nach dem Papsttum schmäcke (dann er eröffnete unumwunden, ein -Eremit zu werden) mit Erinnerung, daß er dem Evangelio mehr mit -seinem Degen würde dienen können. Aber vergeblich. Ich mußte ihn mit -denjenigen Büchern und Hausrat montieren, die du bei ihm gefunden, -und er ließ sich einen Rock aus der wollenen Decke machen, darunter -er dieselbe Nacht auf dem Stroh geschlafen. So mußte ich auch meine -Wagenketten mit ihm um eine göldene, daran er seiner Liebsten -Conterfait trug vertauschen. - -Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren, habe ich mich -hierher in Sicherheit geflehnet, weil ich ohn das schon meine besten -Sachen hier hatte. Als mir die baren Geldmittel aufgehen wollten, nahm -ich drei Ringe und obgemeldte göldene Kette mit samt dem anhangenden -Conterfait und trugs zum Juden, solches zu versilbern. Der hat es aber -der Köstlichkeit und schönen Arbeit wegen dem Gubernator käuflich -angetragen, welcher das Wappen, maßen ein Petschierring darunter -war, und das Conterfait erkannt, nach mir geschickt und mich befragt -hat. Ich wiese des Einsiedlers Handschrift oder Übergabsbrief auf -und erzählte, wie er gelebet und gestorben. Er wollte solches nicht -glauben, sondern kündete mir den Arrest an, bis er die Wahrheit am Orte -ergründet und dich hierher gebracht hätte. Da ist mir nun durch dich, -indem du mich erkannt, insonderheit aber durch das Brieflein, so in -deinem Gebetbuch gefunden ward, ein trefflichs Zeugnis gegeben worden. -Als will er dir und mir wegen seines Schwagers selig Gutes tun, du -darfst dich jetzt nur resolviern, was du wilt, daß er dir tun soll.« - -Ich antwortete, es gälte mir gleich. - -Der Pfarrer zögerte mich auf seinem Losament bis zehn Uhr, eh er mit -mir zum Gubernator ging, damit er bei demselben zu mittags Gast sein -könne. Dann es war damals Hanau blockiert und eine solche klemme -Zeit bei dem gemeinen Mann, bevor aber den Flüchtlingen in selbiger -Festung, daß auch etliche, die sich etwas einbildeten, die angefrorenen -Rubschälen auf den Gassen, so die Reichen etwa hinwarfen, aufzuheben -nicht verschmäheten. Es glückte dem Pfarrer auch sowohl, daß er -neben dem Gubernator selbst über der Tafel zu sitzen kam. Ich aber -wartete auf mit einem Teller in der Hand, wie mich der Hofmeister -anwiese, in welches ich mich zu schicken wußte wie ein Esel ins -Schachspiel. Aber der Pfarrer ersatzte allein mit seiner Zunge, was die -Ungeschicklichkeit meines Leibes nicht vermochte. Er erzählte meine -Auferziehung in der Wildnus und wie ich dahero wohl vor entschuldigt zu -halten, meine Treue, die ich dem Einsiedel erwiesen und unser hartes -Leben, weiters daß der Einsiedel all seine Freude an mir gehabt, weil -ich seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich sei. Er rühmte meine -Beständigkeit und unveränderlichen Willen. ~In summa~ er konnte nicht -genugsam aussprechen, wie der Einsiedel mich ihm mit ernstlicher -Inbrünstigkeit kurz vor seinem Tod ~rekommendieret~. - -Dies kützelte mich dermaßen in Ohren, daß mich bedünkte, ich hätte -schon Ergötzlichkeit genug vor alles empfangen, das ich je bei dem -Einsiedel ausgestanden. Der Gubernator fragte, ob sein seliger Schwager -nicht gewußt hätte, daß er derzeit in Hanau kommandiere. »Freilich,« -antwortete der Pfarrer, »ich habe es ihm selbst gesagt. Er hat es aber -zwar mit einem fröhlichen Gesicht und kleinem Lächlen, jedannoch so -kaltsinnig angehört, daß ich mich über des Mannes Beständigkeit und -festen Vorsatz verwundern muß.« - -Dem Gubernator, der sonst kein weichherzig Weibergemüt hatte, stunden -die Augen voll Wasser, da er sagte: - -»Hätte ich gewußt, daß er noch im Leben, so wollte ich ihn auch wider -Willen haben holen lassen, damit ich ihm seine Guttaten hätte erwidern -können. Als will ich anstatt seiner seinen ~Simplicium~ versorgen. -Ach, der redliche Kavalier hat wohl Ursache gehabt, seine schwangere -Gemahlin zu beklagen, dann sie ist von einer Partei kaiserlicher Reuter -im Spessart gefangen worden. Ich habe einen Trompeter zum Gegenteil -geschickt, meine Schwester zu ranzionieren, habe aber nichts erfahren, -als daß meine Schwester denen Reutern im Spessart verloren gegangen -sei, da sie von etlichen Bauren zertrennt worden.« - -Ich ward also des Gubernators Page und ein solcher Kerl, den die Leute, -sonderlich die Bauren, bereits Herr Jung nannten. - - - - -Das zwölfte Kapitel - - -Damals war bei mir nichts schätzbarliches als ein rein Gewissen. Ich -kannte von den Lastern nichts anderes, als daß ich sie etwan nennen -gehört oder davon gelesen hatte, und wann ich deren eines wirklich -begehen sahe, wars mir eine erschröckliche und seltene Sache. Herr -Gott, wie wunderte ich mich anfänglich, wann ich das Gesetz und -Evangelium samt den getreuen Warnungen Christi betrachtete und hingegen -derjenigen Werke ansahe, die sich vor seine Jünger und Nachfolger -ausgaben! Ich fand eitel Heuchelei und unzählbare Torheiten bei allen -Weltmenschen, daß ich verzweifelte, ob ich Christen vor mir hätte oder -nicht. Also hatte ich wohl tausenderlei Grillen und seltsame Gedanken -in meinem Gemüt und geriet in schwere Anfechtung wegen des Befehles -Christi: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. - -Nächst der Hoffart und dem Geiz samt deren ehrbaren Anhängen waren -Fressen und Saufen, Huren und Buben bei den Vermüglichen eine tägliche -Übung. Aus ihrer Gottlosigkeit und dem heiligen Willen Gottes machten -sie nur einen Scherz. Zum Exempel hörete ich einsmals einen Ehebrecher, -der seiner Tat noch gerühmet sein wollte: »Es tuts dem geduldigen -Hanrei genug, daß er meinetwegen ein Paar Hörner trägt. Ich habs mehr -dem Mann zu Leid als der Frau zu Lieb getan, damit ich mich an ihm -rächen möchte.« - -»O, kahle Rache,« antwortete ein ehrbar Gemüt, »dadurch man sein -eigen Gewissen beflecket und den schändlichen Namen eines Ehebrechers -überkommt!« - -»Was Ehebrecher,« antwortete der mit Gelächter, »ich bin darum kein -Ehebrecher, wannschon ich diese Ehe ein wenig gebogen habe. Dies -seind Ehebrecher, wovon das sechst Gebot saget, daß keiner einem -andern in Garten steigen und die Kirschen eher brechen solle als der -Eigentumsherr.« - -Und er nannte nach seinem Teufelskatechismo den gütigen Gott einen -Ehebrecher, weil er Mann und Weib durch den Tod von einander trennet. - -Ich sagte, wiewohl er ein Offizierer war, aus übrigem Eifer und Verdruß -zu ihm: »Meinst du nicht, daß du dich mit diesen gottlosen Worten mehr -versündigest, als mit dem Ehebruch selbst?« - -Er aber antwortete: »Du Mauskopf, soll ich dir ein paar Ohrfeigen -geben?« - -Und ich vermerkte bald, daß jeder Weltmensch einen besonderen Nebengott -hatte, ja, etliche hatten wohl mehr als die alten und neuen Heiden -selbsten. Einige hatten den ihren in den Geldkisten, andere in der -Reputation, noch andere in ihrem Kopf, so ihnen Gott ein gesund Gehirn -verliehen, also daß sie einzige Künste und Wissenschaften zu fassen -geschickt waren. Auch gab es viel, deren Gott ihr eigener Bauch war, -welchem sie täglich zu allen Mahlzeiten opferten, und wann solcher -sich unwillig erzeigte, so machten die elenden Menschen einen Gott aus -dem ~Medico~ und suchten ihres Leibes Aufenthalt in der Apotheke, aus -welcher sie zwar öfters zum Tod befördert wurden. Manche Narren machten -Göttinnen aus glatten Metzen, sie nannten sie mit andern Namen und -beteten sie Tag und Nacht an mit tausend Seufzen und Liedern. Hingegen -waren Weibsbilder, die hatten ihre eigene Schönheit vor ihren Gott -aufgeworfen. Sie brachten ihr Opfer mit Schminke, Salben, Wassern, -Pulvern und sonst Schmiersel genug. Ich sahe Leute, die wohlgelegene -Häuser vor Götter hielten, und ich kannte einen Kerl, der konnte in -etlichen Jahren vor dem Tabackhandel nicht recht schlafen, weil er -demselben sein Herz, Sinne und Gedanken geschenkt hatte. Aber der -Phantast starb und fuhr dahin wie der Tabakrauch selbst. Ein anderer -Gesell, als bei einer Gesellschaft erzählet ward, wie jeder sich in dem -greulichen Hunger und teueren Zeiten ernährt und durchgebracht, sagte -mit deutschen Worten: Die Schnecken und Frösche seien sein Herrgott -gewesen. - -Ich kam einsmals mit einem vornehmen Herrn in eine Kunstkammer, darin -schöne Raritäten waren. Unter den Gemälden gefiel mir nichts besser als -ein ~Ecce-Homo~ wegen seiner erbärmlichen Darstellung, mit welcher es -die Anschauenden gleichsam zum Mitleiden verzuckte. Darneben hing eine -papierene Karte, in China gemalt, darauf stunden der Chineser Götter -in ihrer Majestät sitzend, deren teils wie die Teufel gestaltet waren. -Der Herr im Haus fragte mich, welches Stück in seiner Kunstkammer -mir am besten gefiele. Ich deutete auf besagtes ~Ecce-Homo~. Er aber -sagte ich irre mich, der Chineser Gemält wäre rarer und dahero auch -köstlicher, er wolle es nicht um zehen solcher ~Ecce-Homo~ manglen. -Ich antwortete: »Herr ist Euer Herz wie Euer Mund?« Er sagte: »Ich -versehe michs.« Darauf ich: »So ist auch Eures Herzens Gott derjenige, -dessen Conterfait Ihr mit dem Mund bekennet, das Köstlichste zu sein.« -»Phantast,« rief er, »ich ~aestimiere~ die Rarität!« - -So sehr wurden nun diese Abgötter nicht geehret, als hingegen die wahre -Göttliche Majestät verachtet. Christus spricht: ‚Liebet eure Feinde, -segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für -die, so euch beleidigen und verfolgen, aufdaß ihr Kinder seid eures -Vaters im Himmel. Dann so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr -für einen Lohn haben? Tun solches nicht auch die Zöllner? Und so ihr -euch nur zu eueren Brüdern freundlich zeiget, was tut ihr Sonderlichs? -Tun nicht die Zöllner also auch?’ - -Aber ich fand nicht allein niemand, der diesem Befehl Christi -nachzukommen begehrte, sondern jeder tät gerade das Widerspiel. - -Es hieß: viel Schwäger, viel Knebelspieße. Und nirgends fand ich mehr -Neid, Haß, Mißgunst, Hader und Zank als zwischen Brüdern und Schwestern -und andern angeborenen Freunden, sonderlich wann ihnen ein Erbe zu -teilen zugefallen. Wo die größte Liebe und Treue sein sollte, fand ich -höchste Untreue und den gewaltigsten Haß. Herren schunden ihre getreuen -Diener, und solche wurden an ihren frommen Herren zu Schelmen. Den -continuierlichen Zank vermerkte ich zwischen vielen Eheleuten. Mancher -Tyrann hielt sein ehrlich Weib ärger als einen Hund, und manch lose -Vettel ihren frommen Mann vor einen Narren und Esel. Die Handelsleute -und Handwerker rannten mit dem Judenspieß gleichsam um die Wette und -sogen durch allerhand Fünde und Vorteil dem Baursmann seinen sauren -Schweiß ab. Hingegen waren teils Bauren so gottlos, andere Leute, wann -die nicht rechtschaffen genug mit Boßheit durchtrieben waren, oder wohl -gar ihren Herren selbst, unter Schein der Einfalt zu begaunern. - -Ich sahe einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulschelle -geben und bildete mir ein, der Geschlagene würde den andern Backen -auch darbieten. Aber ich irrte, dann der Beleidigte zog vom Leder und -versatzte dem Täter eins vor den Kopf. - -Ich sagte: »Ach Freund, was machst du!« - -Er antwortete: »Da wäre einer ein Bernheuter! Ich will mich, schlag -mich der Donner und hol mich der Teufel, selbst rächen oder das Leben -nicht haben! Hei, müßte doch einer ein Schelm sein, der sich so -coujonieren ließe!« - -Das Lärmen zwischen den zweien Duellanten vergrößerte sich, weilen -beiderseits Beiständer auch in die Haare kamen. Da bliebs bei geringen -Kinderschwüren nicht. Die heiligen Sakramente mußten nicht nur -siebenfach, sondern auch mit hunderttausenden soviel Tonnen, Galeeren -und Stadtgräben voll heraus, also daß mir alle Haare zu Berg stunden. - -Zum allerschröcklichsten kam es mir vor, wann ich etliche Großsprecher -sich ihrer Boßheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörte. Da vernahm -ich zu unterschiedlichen Zeiten: - -»Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen! Ich habe mich in einem Tag -wohl dreimal vollgesoffen und eben soviel Mal gekotzt!« - -»Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!« - -»Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!« - -»Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden -gehabt!« - -»Ich habe ihn darniedergehauen, als wenn ihn der Hagel hätte darnieder -geschlagen.« - -»Ich habe ihn geschossen, daß er das Weiße über sich kehrte.« - -»Ich habe ihn so artlich über den Tölpel geworfen, daß ihn der Teufel -hätte holen mögen. -- Ich habe ihm den Stein gestoßen, daß er den Hals -hätte brechen mögen.« - -In Gottes Namen sündigten sie, was wohl zu erbarmen ist: »Wir wollen in -Gottesnamen auf Partei, plündern, niedermachen, in Brand stecken.« - -Wann ich so etwas hörete und sahe und, wie meine Gewohnheit war, mit -der Hl. Schrift hervorwischte, so hielten mich die Leute vor einen -Narren und ich ward ausgelachet, daß ich endlich auch unwillig wurde -und mir vorsatzte, gar zu schweigen. - -Als ich demnach vermeinete, ich hätte Ursach zu zweifeln, ob ich unter -Christen wäre oder nicht, ging ich zu dem Pfarrer mit der Bitte, er -wolle mir doch aus dem Traum helfen. Der Pfarrer antwortete: »Freilich -sind sie Christen und wollte ich dir nicht raten, daß du sie anderst -nennen solltest. Dessen verwundere dich nicht. Wann die Apostel selbst -anjetzo auferstehen und in die Welt kommen sollten, sie würden jeder -männiglich vor Narren gehalten sein. Was du siehest und hörest ist eine -allgemeine Sache und nur Kinderspiel dagegen, was sonsten so heimlich, -als offentlich und mit Gewalt wider Gott und den Menschen vorgeht. -Laß dich das nicht ärgern. Du wirst wenig Christen finden, wie dein -Einsiedel einer gewesen ist.« - -Indem führet man etliche Gefangene über den Platz und wir beschaueten -sie auch. Da vernahm ich eine neue Mode einander zu grüßen und zu -bewillkommnen, dann einer unserer Guarnison kannte einen Gefangenen. Zu -dem ging er, gab ihm die Hand und druckete sie vor lauter Freude und -Treuherzigkeit, dabei er sagte: »Daß dich der Hagel erschlage, lebst du -noch, Bruder? Potz Fickerment, wie führt uns der Teufel hier zusammen! -Ich habe, schlag mich der Donner vorlängst gemeinet, du wärest gehängt -worden!« - -Darauf antwortete der andere: »Potz Blitz Bruder, bist dus oder bist -dus nicht? Daß dich der Teufel hole, wie bist du hierher gekommen? Ich -hätte mein Lebtag nicht vermeinet, daß ich dich wieder antreffen würde, -sondern habe gedacht, der Teufel hätte dich vorlängst hingeführet!« - -Und als sie von einander gingen, sagte einer zum andern: - -»Strick zu, Strick zu, morgen kommen wir vielleicht zusammen, dann -wollen wir brav mit einander saufen!« - -Ich verwunderte mich und ging, dem Gubernator aufzuwarten, dann ich -hatte gewisse Zeiten Erlaubnus, die Stadt zu beschauen, weil mein Herr -von meiner Einfalt Wind hatte und gedachte, solche würde sich legen, -wann ich herumterminierte und von andern gehobelt und gerülpt würde. - - - - -Das dreizehnte Kapitel - - -Meines Herren Gunst mehrete sich täglich, weil ich nicht allein seiner -Schwester je länger, je gleicher sahe, sondern auch ihm selbsten, -indem die guten Speisen und faulen Täge mich glatthärig machten. Wer -etwas mit dem Gubernator zu tun hatte, erzeigte sich mir günstig, -und sonderlich mochte mich der ~Secretarius~ wohl leiden, indem mir -derselbe rechnen lernen mußte. - -Er war erst von den Studien gekommen und stak noch voller Schulpossen, -die ihm zu Zeiten ein Ansehen gaben, als wann er einen Sparren zu viel -oder zu wenig gehabt hätte. Er überredete mich oft, schwarz sei weiß -und weiß sei schwarz, dahero kam es, daß ich ihm in der Erste alles und -aufs letzte gar nichts mehr glaubte. - -Einsmals tadelte ich sein schmierig Tintenfaß, er aber antwortete -solches sei sein bestes Stück in der ganzen Kanzlei, dann daraus lange -er hervor, was er begehre, die schönsten Dukaten, Kleider und ~in -summa~, was er vermöchte, hätte er nach und nach herausgefischt. Ich -wollte das von einem so kleinen, verächtlichen Ding nicht glauben. -Hingegen sagte er, solches Vermöge der ~spiritus papyri~ (also nannte -er die Tinte) und das Tintenfaß würde darum Faß genannt, weil es große -Dinge fasse. - -»Wie soll mans herausbringen, sintemal man kaum zween Finger -hineinstecken kann?« - -Er antwortete, er hätte einen Arm im Kopf, der solche Arbeit verrichten -müsse und verhoffe sich bald auch eine schöne, reiche Jungfrau -herauszulangen. Wann er Glück hätte, so getraue er auch ein eigen Land -und Leute heraus zu bringen. - -Ich mußte mich über diese künstlichen Griffe verwundern und fragte, ob -noch mehr Leute solche Kunst könnten. - -»Freilich, alle Kanzler, Doktoren, ~Secretarii~, Prokuratoren oder -Advokaten, ~Commissarii~, ~Notarii~, Kauf- und Handelsherren, so, wann -sie nur fleißig fischen, zu reichen Herren daraus werden.« - -Ich meinte so seien die Bauren und andere arbeitsame Leute nicht -witzig, daß sie im Schweiß ihres Angesichtes ihr Brot essen und diese -Kunst nicht auch lernen. Er aber sagte: »Etliche wissen der Kunst -Nutzen nicht, dahero begehren sie solche auch nicht zu lernen; etliche -wolltens gern, mangeln aber des Arms im Kopfe oder anderer Mittel; -etliche lernen die Kunst und haben Arms genug, wissen aber die Griffe -nicht, so die Kunst erfordert, wenn man dadurch will reich werden; -andere wissen und können alles, was dazu gehöret, sie wohnen aber in -der Fehlhalde und haben keine Gelegenheit wie ich, die Kunst zu üben.« - -Als wir dergestalt vom Tintenfaß diskurierten, kam mir das Titularbuch -ungefähr in die Hände, darin fand ich mehr Torheiten, als mir bisher -noch nie vor Augen gekommen. - -Ich rief: »Alles sind ja Adamskinder und eines Gemächts miteinander, -Staub und Aschen, woher kommt ein so großer Unterschied? Allerheiligst, -Unüberwindlichst, Durchleuchtigst! Sind das nicht göttliche -Eigenschaften? _Der_ ist gnädig, der ander gestreng und was tut das -Geboren dabei? _Die_ heißen Hoch-, Wohl-, Vor-Großgeachte! Was ist das -vor ein närrisch Wort: Vorsichtig! Wem stehen dann die Augen hinten -im Kopf? Es ist viel rühmlicher, wann einer freundlich tituliert -wird. ~Item~ wann das Wort Edel an sich selbsten hochschätzbare -Tugenden bedeutet, warum es bei Fürsten und Grafen zwischen hoch und -geboren setzen? Und Wohlgeboren ist eine Lüge, solches möchte eines -jeden Barons Mutter bezeugen, wann man sie fragte, wie es ihr bei der -Entbindung ergangen sei.« - -Der ~Secretarius~ und ich lacheten gar sehr. Indem entrann mir ein -so grausamer Leibsdunst, daß beide ich und der ~Secretarius~ darüber -erschraken. - -»Trolle dich, du Sau,« sagte er, »zu den andern Säuen im Stall, mit -denen, du Rülp, besser zustimmen, als mit ehrlichen Leuten konversieren -kannst!« - -Und also hatte ich den guten Handel in der Schreibstube, dem gemeinen -Sprüchwort nach, auf einmal verkerbt. - -Ich kam unschuldig in das Unglück, dann die ungewöhnlichen Speisen und -Arzneien, die mein eingeschnurrtes Gedärm zurecht bringen sollten, -erregten viel garstige Wetter und Stürm in mir, maßen weder mein -Einsiedel noch mein Knän mich unterrichtet, daß es übel getan sei, wann -man dies Orts der Natur willfahre. - -Mein Herr hatte nun einen ausgestochenen Essig zum Pagen neben mir, -dem schenkte ich mein Herz. Aber er eiferte mit mir, wegen der -großen Gunst, die mein Herr zu mir trug. Er besorgte, ich möchte ihm -vielleicht die Schuhe gar austreten und sahe mich heimlich mit Mißgunst -an. Er sann auf Mittel, wie er mir den Stein stoßen möge und mich zu -Fall brächte. Ich aber vertraute ihm alle meine Heimlichkeiten, so alle -auf kindischer Einfalt und Frömmigkeit bestunden. - -Einsmals schwätzten wir im Bett vom Wahrsagen, und er versprach mir -solches umsonst zu lernen. Hieße mich darauf den Kopf unter die Decke -tun. Ich gehorchte fleißig und gab auf die Ankunft des Wahrsagegeistes -genaue Achtung. Potz Glück! Desselben Einzug in meine Nase war so -stark, daß ich eilends unter der Decke herfürwischte. - -»Was hast du,« fragte der Lehrmeister. Ich antwortete ihm. Da meinte -er: »Du kannst also die Kunst des Wahrsagens am besten.« - -Ich nahms vor keinen Schimpf, dann ich hatte damals noch keine Galle -und begehrte allein zu wissen, wie ihm dies so stillschweigend gelungen -sei. Er antwortete: »Du darfst nur das linke Bein lupfen und darneben -heimlich sagen: ~je pete, je pete, je pete~ und mithin so stark -gedruckt, als du kannst.« - -»Es ist gut,« sagte ich, »man meinet sodann, die Hunde haben die Luft -verfälscht. Ach, hätte ich doch diese Kunst heute in der Schreibstube -gewußt!« - - - - -Das vierzehnte Kapitel - - -Des andern Tags hatte mein Herr seinen Offizierern und andern guten -Freunden eine fürstliche Gasterei angestellt, weil die Unsrigen das -feste Haus Braunfels ohn Verlust eines einzigen Mannes genommen. Da -mußte ich helfen Speisen auftragen, einschenken und mit einem Teller -aufwarten. - -Den ersten Tag ward mir ein großer, fetter Kalbskopf (von welchen man -saget, daß sie kein Armer fressen dörfe) aufzutragen eingehändigt. -Weil nun derselbig ziemlich mürb gesotten war, ließ er das eine Aug -weit herauslappen, welches mir ein anmutiger und verführerischer -Anblick war. Und da mich der frische Geruch von der Speckbrühe und -aufgestreutem Ingwer zugleich anreizete, empfand ich einen solchen -Appetit, daß mir das Maul ganz voll Wasser ward: ~in summa~ das Aug -lachte meine Augen, meine Nase und meine Zunge zugleich an und bat -gleichsam, ich wollte es doch meinem heißhungrigen Magen einverleiben. -Ich ließ mir nicht lang den Rock zerreißen, sondern folgte den -Begierden. Im Gang hub ich das Aug mit einem Löffel so meisterlich -heraus und schickte es ohn Anstoß so geschwind an seinen Ort, daß -es auch niemand inne ward, bis das Essen auf den Tisch kam und mich -verriet. So mangelte eins von den allerbesten Gliedmaßen dem Kalbskopf. -Mein Herr wollte fürwahr den Spott nicht haben, daß man ihm einen -einäugigen Kalbskopf aufzustellen wagte. Der Koch mußte vor die Tafel -und zuletzt kam das ~facit~ über den armen ~Simplicium~ heraus. Mein -Herr fragte mit einer schröcklichen Miene, wohin ich mit dem Kalbsaug -gekommen wäre. Geschwind zuckte ich mit meinem Löffel aus dem Sack, -gab dem Kalbskopf den andern Fang und wiese kurz und gut, was man -wissen wollte, maßen ich das ander Aug in einem Hui verschlang. - -»~Par dieu~,« sagte mein Herr, »dieser Akt schmäckt mir besser als zehn -Kälber!« - -Etliche Possenreißer, Fuchsschwänzer und Tischräte lobten meine -kluge Erfindung, da ich beide Kalbsaugen zusammenlogiert, als eine -Vorbedeutung künftiger Tapferkeit und unerschrockener Resolution. Also -ich vor diesmal meiner verdieneten Strafe entging. Mein Herr aber -sagte, ich sollte ihm nicht wieder so kommen. - -Bei dieser Mahlzeit trat man ganz christlich zur Tafel und sprach das -Tischgebet sehr still und andächtig. Solche Andacht kontinuierte, -solang als man mit den ersten Speisen zu tun hatte, als wann man -in einem Kapuziner-~Convent~ gesessen hätte. Aber kaum hatte jeder -drei- oder viermal »gesegnet Gott« gesagt, ward schon alles lauter. -Je länger, je höher erhub sich nach und nach eines jeden Stimme -ohnbeschreiblich. - -Man brachte Gerichte, deswegen »Voressen« genannt, weil sie gewürzt -und vor dem Trunk zu genießen verordnet waren, ~item~ Beiessen, weil -sie bei dem Trunk nicht übel schmeckten, allerhand französischer -~Potagen~ und spanischer ~Ollapotriden~ zu geschweigen, welche durch -tausendfältige Zubereitung und unzählbare Zusätze dermaßen verpfeffert, -verdümmelt, vermummet, mixiert und zum Trunk gerüstet waren, daß sie -nach ihrer natürlichen Substanz unerkenntlich blieben. Wer weiß, ob die -Zauberin ~Circe~ andere Mittel gebraucht hat, des Ulisses Gefährten in -Schweine zu verwandeln? Dann die Gäste fraßen die Gerichte wie Säue, -darauf soffen sie wie Kühe, stellten sich dabei wie Esel und spien wie -die Gerberhunde. - -Den edlen Hochheimer, Bacheracher und Klingenberger gossen sie in -kübelmäßigen Gläsern hinunter und brachten einander Trünke zu, die je -länger, je größer wurden, als ob sie um die Wette miteinander stritten. - -Bis dahin hatte jeder mit gutem Appetit das Geschirr geleert, nachdem -aber Mägen und Köpfe voll und toll wurden, mußten bei einem Courage, -beim andern Treuherzigkeit, seinem Freunde eins zuzubringen, beim -dritten die deutsche Redlichkeit, ritterlich Bescheid zu tun, den Trunk -fördern. Maßen aber solches der Länge nach auch nicht bestehen konnte, -beschwur je einer den andern bei großer Herren, lieber Freunde oder bei -der Liebsten Gesundheit den Wein maßweis in sich zu schütten, worüber -manchem die Augen übergingen und der Angstschweiß ausbrach, doch mußte -es gesoffen sein. Ja, man machte zuletzt mit Trommeln, Pfeifen und -Saitenspiel ein Lärmen und schoß mit Stücken darzu, ohn Zweifel darum, -dieweil der Wein die Mägen mit Gewalt einnehmen mußte. - -Mein Pfarrer war auch bei dieser Gasterei. Ich trat zu ihm und sagte: -»Warum tun die Leute so seltsam? Woher kommt es doch, daß sie so hin -und her dorkeln? Mich dünkt schier, sie sein nicht recht witzig, sie -haben sich alle sattgegessen und getrunken, daß sie schwören bei -Teufelholen, wann sie mehr saufen könnten, und dannoch hören sie nicht -auf sich auszuschoppen! Müssen sie es tun?« - -Der Pfarrer flüsterte mir zu: »Liebes Kind, Wein ein, Witz aus. Das ist -noch nichts demgegenüber, was noch kommen soll.« - -»Zerbersten dann ihre Bäuche nicht, wann sie immer so unmäßig -einschieben? Können dann ihre Seelen, die Gottes Ebenbild sein, in -solchen Mastschweinkörpern verharren?« - -»Halts Maul,« antwortete der Pfarrer, »du dörftest sonst greulich -Pumpes kriegen. Hier ist keine Zeit zu predigen, ich wollt's sonst -besser als du verrichten.« - -Ich sahe ferner stillschweigend zu, wie man Speise und Trank mutwillig -verderbte, unangesehen des armen Lazarus, den man damit hätte laben -können in Gestalt vieler vertriebener Flüchtlinge, denen der Hunger aus -den Augen heraus guckte und die vor unsern Türen verschmachteten. - - - - -Das fünfzehnte Kapitel - - -Als ich dergestalt mit einem Teller vor der Tafel aufwartete, und mein -Gemüt von merklichen Gedanken geplagt ward, ließ mich auch mein Bauch -nicht zufrieden. Er knurrte und murrte ohn Unterlaß. Ich gedachte dem -ungeheuern Gerümpel abzuhelfen und mich dabei meiner neuerlernten Kunst -zu bedienen. Lupfete also das Bein, druckte von allen Kräften, was ich -konnte, und wollte heimlich meinen Spruch: ~je pete~ -- sagen, aber -das ungeheuere Gespann entwischte wider mein Verhoffen mit greulichem -Bellen. Mir wars einsmals so bang, als wenn ich auf der Leiter am -Galgen gestanden wäre und mir der Henker bereits den Strick hätte -anlegen wollen. In solcher gählingen Angst verwirrt, wurde mein Maul -in diesem urplötzlichen Lärmen rebellisch, und wo es heimlich brummeln -sollte, entfuhr ihm desto grausamer mit erschröcklicher Stimme sein: -~je pete~. - -Hiedurch bekam ich Linderung, dagegen einen ungnädigen Herrn an meinem -Gouverneur. Seine Gäste wurden über diesem unversehenen Knall fast -wieder alle nüchtern, ich aber über die Futtertruhe gespannt und also -gepeitscht, daß ich noch bis auf diese Stund daran gedenke. Solches -waren die ersten Pastonaden, die ich kriegte. - -Da brachte man Rauchtäfelein und Kerzen, und die Gäste suchten ihre -Bisemknöpfe und Balsambüchslein, auch sogar ihren Schnupftabak hervor, -aber die besten ~Aromata~ wollten schier nichts erklecken. - -Wie dies nun überstanden, mußte ich wieder aufwarten wie zuvor. Mein -Pfarrer war auch noch vorhanden und ward zum Trunk genötiget. Er aber -wollte nicht recht daran und sagte, er möchte so viehisch nicht saufen. -Hingegen erwiese ihm ein guter Zechbruder, daß er wie ein Viehe, sie -aber, die andern, wie Menschen söffen. - -»Dann eine Vieh säuft nur so viel, als ihm wohl schmäcket und den -Durst löschet, weil es nicht weiß, was gut ist. Uns Menschen aber -beliebt, daß wir uns den Trunk zu Nutz machen und den edlen Rebensaft -einschleichen lassen.« - -»Sehr wohl,« sagte der Pfarrer, »es gebühret mir aber das rechte Maß zu -halten.« - -»Wohl,« antwortete jener, »ein ehrlicher Mann hält Wort,« und ließ -einen mäßigen Becher einschenken, denselben den Pfarrer zuzuzotteln. -Der hingegen ging durch und ließ den Säufer mit seinem Eimer stehen. - -Als der Pfarrer abgeschafft war, ging es drunter und drüber. Es ließe -sich an, als wenn die Gasterei einzig Gelegenheit sein sollte, sich -gegen einander mit Vollsaufen zu rächen, einander in Schande zu bringen -oder sonst einen Possen zu reißen. Wann dergestalt einer expediert -ward, daß er weder sitzen, gehen oder stehen mehr konnte, so hieß es: -»Nun ist es wett! Du hast mirs hiebevor auch so gekocht. Jetzt ist -dirs eingetränkt!« Welcher aber ausdauren und am besten saufen konnte, -wußte sich dessen groß zu machen und dünkte sich kein geringer Kerl -zu sein. Zuletzt dürmelten sie alle herum, als wann sie Bilsensamen -genossen hätten. Einer sang, der ander weinete, einer lachte, der -ander traurete, einer fluchte, der ander betete. Der schrie überlaut: -Courage! -- jener saß stille und friedlich. Einer wollte den Teufel -mit Raufhändeln bannen, ein anderer schlief, der dritte plauderte, daß -keiner ihm zuvorkommen konnte. Da erzählte einer von seiner lieblichen -Buhlerei, der ander von seinen erschröcklichen Kriegstaten. Etliche -redeten von der Kirchen und geistlichen Sachen, andere von Politik -und Reichshändeln. Teils liefen hin und wieder und konnten nirgends -bleiben, teils lagen und vermochten nicht den kleinsten Finger zu -regen. Etliche fraßen wie die Trescher, als hätten sie acht Tage Hunger -gelitten, andere wußten sich dessen zu entledigen, was sie den Tag -eingeschlungen hatten. ~In summa~ meine Kunst, darum ich so greulich -zerschlagen worden, nur ein Scherz dargegen zu rechnen war. - -Endlich satzte es unten an der Tafel ernstliche Streithändel. Da warf -man einander Gläser, Becher, Schüsseln und Teller an die Köpfe und -schlug mit Fäusten, Stühlen, Stuhlbeinen und Degen, daß endlich der -rote Saft über die Ohren lief. Aber mein Herr stillet den Handel. - -Da nun wieder Friede worden, nahmen die Meistersäufer die Spielleute -samt den Frauenzimmern und wanderten in ein ander Haus, dessen Saal -auch einer andern Torheit gewidmet war. Mein Herr ging ihnen nach und -ich folget ihm. - -Ich sahe in dem Saal Männer, Weiber und ledige Personen so schnell -untereinander herumhaspeln, daß es schier wimmelte. Sie hatten ein -solch Getrappel und Gejöhl, daß ich vermeinte, sie wären all rasend -worden, dann ich konnte nicht ersinnen, was sie doch mit diesem Wüten -und Toben vorhaben möchten. Ihr Anblick kam mir grausam, förchterlich -und schröcklich vor, daß ich mich entsatzte. Mein Gott, dachte ich, -es hat sie gewißlich eine Unsinnigkeit befallen. Vielleicht möchten -es auch höllische Geister sein, welche dem ganzen menschlichen -Geschlecht durch solch Geläuf und Affenspiel spotteten. Als mein Herr -in den Hausflur kam und zum Saal eingehen wollte, hörete die Wut -eben auf, nur daß sie noch ein Buckens und Duckens mit den Köpfen und -ein Kratzens und Schuhschleifens auf dem Boden machten, als wollten -sie ihre Fußtapfen wieder austilgen. Am Schweiß, der ihnen über die -Gesichter floß, und an ihrem Geschnäuf konnte ich abnehmen, daß sie -sich stark zerarbeitet hatten. - -Ich fragte dahero meinen Kameraden, der mir erst kürzlich wahrsagen -gelernet, was solche Wut bedeute. Der berichtete mir, daß die -Anwesenden vereinbart hätten, dem Saal den Boden mit Gewalt -einzutreten. »Warum vermeinst du wohl, daß sie sich sonst so tapfer -tummeln sollten,« sagte er zu mir. »Hast du nicht gesehen, wie sie die -Fenster vor Kurzweile schon ausgeschlagen?« - -»Herr Gott, so müssen wir mit zugrunde gehen und samt ihnen Hals und -Bein brechen!« - -»Ja,« sagte der Kamerad, »darauf ist's angesehen. Du wirst merken, -wann sie sich in Todesgefahr begeben, daß jeder eine hübsche Frau und -Jungfer erwischt, dann es pfleget denen Paaren, so also zusammenhaltend -fallen, nicht bald wehe zu geschehen.« - -Mich überfiel eine solche Todesangst, daß ich nicht wußte, wo ich -bleiben sollte. Als aber die Musikanten sich noch darzu hören ließen -und jeder eine bei der Hand erdappte, ward mirs nicht anderst, als wenn -ich allbereits den Boden eingehen und mir und den andern die Hälse -brechen sähe. Sie fingen an zu gumpen, daß der ganze Bau zitterte, weil -man eben einen drollichten Gassenhauer aufmachte; ich vermeinte im -Todesschröcken das Haus fiele urplötzlich ein. Derowegen erwischte ich -in der allerhöchsten Not eine Dame von hohem Adel und vortrefflichen -Tugenden, mit welcher mein Herr eben konversierte, unversehens beim -Arm wie ein Bär und hielte sie wie eine Klette. Da sie aber zuckte, -spielte ich den ~Desperat~ und fing aus Verzweiflung an zu schreien. -Die Musikanten wurden gähling still, die Tänzer und Tänzerinnen hörten -auf und die ehrliche Dame, der ich am Arm hing, befand sich offendiert. - -Darauf befahl mein Herr mich zu prügeln und hernach irgendhin -einzusperren, weil ich denselben Tag schon mehr Possen gerissen hatte. -Die Fourierschützen, so dies exequieren sollten, hatten Mitleiden mit -mir, entübrigten mich derohalben der Stöße und sperrten mich unter eine -Stiege in den Gänsstall. - - - - -Das andere Buch - - - - -Das erste Kapitel - - -Drei ganzer Stunden, bis das ~praeludium veneris~ oder der ehrlich -Tanz geendet hatte, mußte ich im Gansstall sitzen bleiben, eh einer -herzuschlich und an dem Riegel anfing zu rappeln. Ich lausterte -scharf, der Kerl aber machte die Tür nicht allein auf, sondern wischte -auch ebenso geschwind hinein, als ich gern heraußen gewesen wäre, -und schleppte noch darzu ein Weibsbild an der Hand mit sich daher -gleichwie beim Tanz. Weil ich aber vielen seltsamen Abenteuern an -diesem Tag begegnet und mich darein ergeben hatte, fürderhin alles mit -Geduld und Stillschweigen zu ertragen, als schmiegte ich mich zu der -Tür mit Forcht und Zittern, das End erwartend. Gleich darauf erhub -sich zwischen diesen beiden ein Gelispel, woraus ich entnahm, daß -sich der eine Teil über den üblen Geruch des Ortes beklagte, hingegen -der ander Teil hinwiederum tröstete: »Gewißlich, schöne Dame, mir -ist, versichert, vom Herzen leid, daß uns, die Früchte der Liebe zu -genießen, vom mißgünstigen Glück kein ehrlicher Ort gegönnet wird. Aber -ich kann darneben beteuern, daß mir Ihre holdselige Gegenwart diesen -verächtlichen Winkel anmutiger machet, als das lieblichste Paradeis -selbsten.« - -Hierauf hörete ich küssen und vermerkte seltsame Posturen, wußte aber -nicht, was es bedeuten sollte, schwieg derowegen noch fürders so still -wie eine Maus. Wie sich aber auch sonst ein possierlich Geräusch erhob -und der Gansstall zu krachen anfing, da wußte ich, das sein zwei von -denen wütenden Leuten, die den Boden helfen eintreten. In der Angst -ums Leben und dem Tode zu entfliehen, wischte ich aus der Tür mit -Mordiogeschrei, warf den Riegel zu und suchte das Haustor. - -In meines Herren Quartier war alles still und schlafend, dahero dorfte -ich mich der Schildwache, die vorm Haus stund, nicht nähern, und es war -schon weit nach Mitternacht. So fiel mir ein, ich sollte meine Zuflucht -zu dem Pfarrer nehmen. - -Dort kam ich so ungelegen, daß mich die Magd nur mit Unwillen einließ, -ihr Herr aber, der nunmehr fast ausgeschlafen hatte, an dem Gekeife -unser gewahr wurde. Er rief uns beide vor sich ans Bett und hieß mich -niederlegen, da er sahe, daß ich vor Nachtfrost und Müdigkeit ganz -erstarrt war. Ich erwarmet aber kaum, dann da es anfing zu tagen, so -stund der Pfarrer schon vorm Bette, zu vernehmen, wie meine Händel -beschaffen wären. Ich erzählte ihm alles und machte den Anfang bei -der Kunst, die mich mein Kamerad gelehret, und wie sie übel geraten. -Folgendes meldete ich, daß die Gäste, nachdem er hinweg gewesen, ganz -unsinnig wären worden, maßen mein Kamerad mir berichtet, sie wollten -dem Haus den Boden eintreten, ~item~ in was vor schröckliche Angst ich -darüber geraten und auf was Weise ich mich vorm Untergang erretten -gewollt, darüber aber in Gänsstall gesperret worden seie. Auch was -ich in denselben von den zweien, so mich wieder erlöst, vernommen und -welcher Gestalt ich sie wieder eingesperret hätte, berichtet ich dem -Pfarrer. - -»~Simplici~,« meinte er, »deine Sachen stehen lausig. Du hattest einen -guten Handel, aber ich besorge, es sei verscherzt. Packe dich nur -geschwind aus dem Bette und trolle dich aus dem Haus, damit ich nicht -samt dir in deines Herren Ungnade komme, wann man dich bei mir findet.« - -Also mußte ich zum ersten Mal erfahren, wie wohl einer bei männiglich -daran ist, wann er seines Herren Gunst hat, und wie scheel einer -angesehen wird, wann solche hinket. - -In meines Herrn Quartier schlief alles noch steinhart bis auf den -Koch und ein paar Mägde; diese putzten das Zimmer, darin man gestern -gezecht, jener aber rüstete aus den Abschrötlein wieder ein Frühstück -oder vielmehr einen Imbiß zu. Das Zimmer lag hin und wieder voller -zerbrochener so Trink- als Fenstergläser, voll Unflat und großen Lachen -von verschüttetem Wein und Bier, also daß der Boden einer Landkarten -gleich sahe, darin man hat unterschiedliche Meere, Insuln und fußfeste -Länder vor Augen stellen wollen. Es stank viel übler als in meinem -Gänsstall. Derowegen machte ich mich in die Küchen, mit Forcht und -Zittern erwartend, was das Glück, wann mein Herr ausgeschlafen hätte, -ferners in mir würken wollte. Darneben betrachtete ich der Welt Torheit -und Unsinnigkeit, so daß ich damals meines Einsiedlers dörftig und -elend Leben vor glückselig schätzte und ihn und mich wieder in den -früheren Stand wünschte. - - - - -Das ander Kapitel - - -Indessen mußten die Diener hin und wider laufen, die gestrigen Gäste -zum Frühstück einzuholen, unter welchen der Pfarrer zeitlicher als -alle andern erscheinen mußte, weil mein Herr fürderst meinetwegen mit -ihm reden wollte, maßen man ihm berichtet, ich sei aus dem Gänsstall -ausgebrochen, indem ich ein Loch hinter dem Riegel mit dem Messer -geschnitten. - -Er fragte ihn ernstlich, ob er mich vor witzig oder vor närrisch -hielte, ob ich so einfältig oder so boßhaftig sei, und erzählete ihm, -wie unehrbarlich ich mich gehalten, was teils von seinen Gästen übel -empfunden und aufgenommen werde, als wäre es ihnen zum Despekt mit -Fleiß so angestellet worden, ~item~, daß ich nun in der Küchen umgehe -wie ein Junker, der nicht mehr aufwarten dörfe. Sein Lebtag sei ihm -kein solcher Possen widerfahren, als ich ihm in Gegenwart so vieler -ehrlicher Leute gerissen. Er wüßte nichts anders mit mir anzufangen, -als daß er mich lasse abprügeln und wieder vor den Teufel hinjagen. - -Derweilen sammelten sich die Gäste. Der Pfarrer aber antwortete, wann -ihm der Gouverneur zuzuhören beliebte, so wolle er vom ~Simplicio~ eins -und anders erzählen, daraus dessen Unschuld zu ersehen sei und alle -ungleichen Gedanken benommen würden. - -Inzwischen akkordierte der tolle Fähnrich aus dem Gänsstall mit mir in -der Küchen, und brachte mich durch Drohworte und einen Taler dahin, daß -ich versprach, reinen Mund zu halten. - -Die Tafeln wurden gedeckt und mit Speisen und Leuten besetzt. Wermut-, -Salbei-, Alant-, Quitten- und Zitronenwein mußte neben dem Hippokras -den Säufern ihre Köpfe und Mägen wieder begütigen, dann sie waren -schier alle des Teufels Märtyrer. Ihr erst Gespräch war von ihnen -selbsten: wie sie gestern einander so brav vollgesoffen ... mit -nichten! sie hätten allein gute »Räusche« gehabt, dann keiner säuft -sich mehr voll, sintemal die »Räusche« aufgekommen sind. Als sie aber -von ihren eigenen Torheiten zu reden und zu hören müde waren, mußte -der arme ~Simplicius~ herhalten. Der Gouverneur selbst erinnerte den -Pfarrer, die lustigen Sachen zu eröffnen. - -Dieser bat zuvörderst, man wolle ihm nicht vor ungut halten, dafern er -Wörter reden müßte, die seiner geistlichen Person übel vermerkt werden -könnten. Fing darauf an zu erzählen, aus was natürlichen Ursachen ich -dem ~Secretario~ merkliche Unlust in seiner Kanzlei angerichtet, wie -ich sonach das Wahrsagen gelernet und solches schlimm erprobt, wie -seltsam mir das Tanzen vorgekommen sei und wie ich darüber in den -Gänsstall gelangt wäre. Solches brachte er in einer wohlanständigen Art -vor, daß sich die Gäste trefflich zerlachen mußten. Aber von dem, was -mir im Gänsstall begegnet, wollte er nichts sagen. - -Hingegen fragte mich mein Herr, was ich vor so saubere Künste und -Lehren meinem Kameraden gegeben hätte. Ich antwortete: »Nichts«. »So -will ich dein Lehrgelt zahlen,« versprach mein Herr und ließ ihn darauf -über eine Futtertruhe spannen und allerdings karbaitschen. - -Er wollte mich ferner meiner Einfalt wegen stimmen, ihn und seinen -Gästen mehr Lust zu machen, dann ich galt mit meinen närrischen -Einfällen selbigen Tags über allen Musikanten. Und er fragte, warum -ich die Stalltür erbrochen. Ich sagte: »Das mag jemand anders getan -haben.« -- »Wer?« -- »Das darf ich niemand sagen.« Mein Herr war aber -ein geschwinder Kopf und sahe wohl, wie man mich Lausen müßte. »Wer hat -dir solches verboten?« -- »Der tolle Fähnrich da.« - -Ich merket an jedermanns Gelächter, daß ich mich gewaltig verhauen -haben mußte, und der tolle Fähnrich ward so rot wie eine glühende -Kohlen. - -Darauf gebot mein Herr zu reden und fragte: »Was hat der tolle Fähnrich -bei dir im Gänsstall zu tun gehabt?« Ich antwortete: »Er brachte eine -Jungfer mit hinein.« - -Darüber erhub sich bei allen Anwesenden ein solch Gelächter, daß mich -mein Herr nicht mehr hören, geschweige etwas weiters fragen konnte. - -So brachten etliche mehr Possen auf die Bahn, sunderlich meine -einfältigen Straf- und Mahnreden, daß man schier denselben Imbiß von -nichts, als nur von mir zu reden und zu lachen hatte. - -Und das verursachte einen allgemeinen Entschluß zu meinem Untergang: -man sollte mich nur tapfer agieren, so würde ich mit der Zeit einen -raren Narren abgeben, den man auch den größten Potentaten der Welt -verehren und mit dem man die Sterbenden zum Lachen bringen könnte. -- - -Wie man nun also schlampampte und wieder gut Geschirr machen wollte, -meldete die Wacht einen ~Commissarium~ an, der vor dem Tor sei. Das -eingehändiget Schreiben besagte, er wäre von den schwedischen Kronräten -abgeordnet, die Guarnison zu mustern und die Festung zu visitieren. -Solches versalzte allen Spaß und das Freudengelag verlummerte wie ein -Dudelsackzipfel, dem der Blast entgangen. Die Musikanten und Gäste -zerstoben wie Tabakrauch, der nur den Geruch hinter sich läßt. Mein -Herr trollete selbst mit dem Adjutanten, der den Schlüssel trug, samt -einem Ausschuß von der Tagwacht und vielen Windlichtern dem Tor zu, den -Plackschmeißer, wie er ihn nannte, selbst einzulassen. Er wünschte, daß -ihm der Teufel den Hals in tausend Stücke bräche, ehe er in die Festung -käme. - -Sobald er ihn aber eingelassen und auf der inneren Fallbrücke -bewillkommnete, fehlte wenig oder gar nichts, daß er ihm nicht -selbst den Steigbügel hielte, seine ~Devotion~ zu bezeugen, ja -die Ehrerbietung war augenblicklich zwischen beiden so groß, daß -der ~Commissarius~ abstieg und zu Fuß mit meinem Herrn gegen sein -Losament schritt. Da wollte ein jeder zur linken Hand gehen und mehr -dergleichen. Ach, gedachte ich, was vor ein Geist regiert die Menschen, -indem er je einen durch den andern zum Narren machet! - -Wir näherten also der Hauptwache und die Schildwacht rufte ihr Wer-da, -wiewohl sie sahe, daß es mein Herr war. Dieser wollte nicht antworten, -sondern dem andern die Ehre lassen, daher stellet sich die Schildwacht -mit Wiederholung ihres Geschreis desto heftiger. Endlich antwortete der -~Commissarius~: »Der Mann, ders Geld gibt.« - -Wie wir bei der Schildwacht vorbeipassierten, und ich so hinten -nachzog, hörete ich den Posten brummen: »Ein Mann ders Geld gibt! -Verlogener Kund! Ein Schindhund, ders Geld nimmt, das bist! Daß dich -der Hagel erschlüge, eh du wieder aus der Stadt kommst!« - -Also meinete ich, der fremde Herr mit der sammeten Mutzen müßte ein -Heiliger sein, weil nicht allein keine Flüche an ihm hafteten, sondern -dieweil ihm auch seine Hasser alle Ehre, alles Liebe und alles Gute -erwiesen. Er ward noch diese Nacht fürstlich traktieret, blind -vollgesoffen und in ein herrlich Bette gelegt. - -Folgenden Tags ging es bei der Musterung bunt über Eck her. Ich -einfältiger Tropf war selbst geschickt genug, den klugen ~Commissarium~ -zu betrügen. Daß ich ihm zu klein vor die Musketen erschiene, -staffieret man mich mit einem entlehnten Kleid und einer Trummel aus. -Mein Herr ließ in die Rolle meinen Namen einschreiben und nannte mich -~Simplicius Simplicissimus~. - - - - -Das dritte Kapitel - - -Als der ~Commissarius~ wieder weg war, ließ mich der Pfarrer heimlich -zu sich in sein Losament kommen und sagte: - -»O ~Simplici~, deine Jugend dauert mich und deine Unglückseligkeit -bewegt mich zum Mitleiden. Höre, mein Kind, dein Herr ist entschlossen, -dich aller Vernunft zu berauben und dich zum Narren zu machen, maßen -er bereits ein Kleid vor dich anfertigen läßt. Morgen mußt du in -die Schule, darin du deine Vernunft verlernen sollst. Man wird dich -ohn Zweifel so greulich trillen, daß du ein Phantast werden mußt, -wenn anderst Gott und natürliche Mittel solches nicht verhindern. Um -deines Einsiedlers Frömmigkeit und deiner eigenen Unschuld willen sei -dir mit Rat und notwendigen guten Arzneien beigesprungen. Folge nun -meiner Lehre: Nimm dieses Pulver ein, welches dir Hirn und Gedächtnus -dermaßen stärken wird, daß du, unverletzt deines Verstandes, alles -leicht überwinden magst. Auch schmiere dir mit diesem Balsam Schläfen, -Wirbel und Genick samt den Naslöchern. Beides brauch auf den Abend, -sintemal du keiner Stunde sicher sein wirst. Wann man dich in dieser -verfluchten Kur haben wird, so achte und glaube nicht alles, stelle -dich jedoch, als wenn du alles glaubtest. Wenn du aber das Narrenkleid -anhaben wirst, so komme wieder zu mir, damit ich deiner mit fernerem -Rat pflegen möge. Indessen will ich Gott bitten, daß er deinen Verstand -und Gesundheit erhalten wolle.« - -Wie der Pfarrer gesagt, also ging es: Im ersten Schlaf kamen vier Kerl -in schröcklichen Teufelslarven, die sprungen herum wie Gaukler. Einer -hatte einen glühenden Hacken, der andere eine Fackel. Zween aber -wischten über mich her, zogen mich aus dem Bette, tanzten mit mir hin -und her, zwangen mir meine Kleider an Leib. Ich aber verführete ein -jämmerliches Zetergeschrei und ließ die allerforchtsamsten Gebärden -erscheinen. Hierauf verbanden sie mir den Kopf mit einem Handtuch und -führeten mich unterschiedliche Umwege, viel Stiegen auf und ab und -endlich in einen Keller, darin ein großes Feuer brannte. Sie banden -das Handtuch ab und fingen an, mir mit spanischem Wein und Malvasier -zuzutrinken. Ich stellet mich mit allem Fleiß, als wäre ich nun -gestorben und im Abgrund der Hölle. - -»Sauf zu! Willtu nicht ein guter Gesell sein, so mußt du in -gegenwärtiges Feuer!« - -Die armen Teufeln wollten ihre Sprache und Stimme verquanten, damit -ich sie nicht kennen sollte, ich merkte aber gleich, daß es meines -Herrn Fourierschützen waren. So trank ich mein Teil, sie aber soffen, -weil derlei himmlischer ~Nectar~ selten an solche Gesellen kommt. -Da michs aber Zeit zu sein bedünkte, stellete ich mich mit Hin- und -Hertorkeln, wie ichs gesehen hatte, und wollte endlich gar nicht mehr -saufen, sondern schlafen. Sie hingegen jagten und stießen mich mit -ihren Hacken, die sie allezeit im Feuer liegen hatten, in allen Ecken -des Kellers herum. Und wann ich in solcher Hatz niederfiel, so packten -sie mich auf, als wann sie mich ins Feuer werfen wollten. Also ging -mirs wie einem Falken, den man wacht. Ich hätte zwar Trunkenheit und -Schlafes halber ausgedauert, aber sie lösten einander ab. Drei Täge und -zwei Nächte habe ich in diesem raucherichten Keller zugebracht. Der -Kopf fing mir an zu brausen und zu wüten, als ob er zerreißen wollte. -Ich warf mich hin und stellet mich tot. Da legten sie mich in ein -Leinlach und zerplotzten mich so unbarmherzig, daß mir alles Eingeweide -samt der Seele hätte herausfahren mögen. Wovon ich meiner Sinne beraubt -ward und nicht weiß, was sie ferners mit mir gemacht haben. - -Als ich zu mir selber kam befand ich mich in einem schönen Saal unter -den Händen dreier alter Weiber, die vor eine treffliche Arznei wider -die unsinnige Liebe hätten dienen mögen, so garstig waren sie. Ich -erkannte wohl, daß die eine unsere Schüsselwäscherin, die andern zwo -aber zweier Fourierschützen Weiber waren. Da stellete ich mich, als -wann ich mich nicht zu regen vermöchte, wie mich dann in Wahrheit auch -nicht tanzerte, als die ehrlichen Alten mich auszogen und mich wie ein -klein Kindlein säuberten. Doch tät mir solches trefflich sanft. Sie -bezeugten unter währender Arbeit große Geduld und Mitleiden, also daß -ich ihnen beinahe offenbaret hätte, wie gut mein Handel noch stünde. -Zum Glück gedachte ich: Nein, ~Simplici~, vertraue keinem alten Weibe! --- Da sie nun mit mir fertig waren, legten sie mich in ein köstlich -Bette, darin ich ungewiegt entschlummerte. Meines Davorhaltens schliefe -ich in einem Satz länger als vierundzwenzig Stunden. Da ich erwachte -stunden zween schöne, geflügelte Knaben vorm Bette, welche mit weißen -Hemden, taffeten Binden, Perlen, Kleinodien, göldenen Ketten und -andern scheinbarlichen Sachen köstlich gezieret waren. Einer hatte -ein vergöldtes Lavor voller Hippen, Zuckerbrot, Marzipan und anderm -Konfekt, der ander aber einen göldnen Becher in Händen. Diese Engel -wollten mich bereden, daß ich nunmehr im Himmel sei, weil ich das -Fegfeuer so glücklich überstanden. Derohalben sollte ich nur begehren, -was mein Herz wünsche. Mich quälte der Durst, mich verlangete nur nach -einem Trunk, der mir auch mehr als gutwillig gereichet wurde. Es war -aber kein Wein, sondern ein lieblicher Schlaftrunk. - -Den andern Tag erwachte ich wiederum (dann sonst schliefe ich noch -heute), befand mich aber nicht mehr im Bette noch im vorigen Saal, -sondern in meinem Gänskerker und überdas trug ich ein Kleid von -Kalbsfellen, daran das rauhe Teil nach auswendig gekehrt war. Die Hosen -waren auf polnisch oder schwäbisch, der Wams auf närrisch gemacht. -Oben am Hals stund eine Kappe wie eine Mönchsgugel, die war mir über -den Kopf gestreift und mit einem Paar großer Eselsohren gezieret. Ich -mußte meines Unsterns selbst lachen, weil ich an Nest und Federn sahe, -was ich vor ein Vogel sein sollte. Ich bedachte mich aufs beste und -satzte mir vor, mich so närrisch zu stellen, als mir immer müglich sei, -darneben mit Geduld zu verharren. - - - - -Das vierte Kapitel - - -Weil ich ein Narr sein sollte, der nicht so witzig ist, von sich selbst -herauszugehen, achtet ich des Loches, das der tolle Fähnrich in die -Tür geschnitten hatte, nicht, sondern blieb und stellte mich als ein -hungrig Kalb, das sich nach der Mutter sehnet. Mein Geplärr ward auch -bald von zween Soldaten gehöret, die darzu bestellt waren. Sie fragten -mich, wer da sei. Ich antwortete: »Ihr Narren, höret ihr dann nicht, -daß ein Kalb da ist?« Sie nahmen mich heraus und verwunderten sich -wie neugeworbene Komödianten, die nicht wohl agieren können, daß ein -Kalb rede. Sie beratschlagten, mich dem Gubernator zu verehren, der -ihnen mehr schenken würde, als der Metzger vor mich bezahlt hätte. Sie -fragten mich, wie demnach mein Handel stünde. - -»Liederlich genug,« antwortete ich. - -»Warum?« - -»Darum, dieweil hier Brauch ist, redliche Kälber in Gänsstall zu -sperren.« - -Sie führten mich gegen des Gouverneurs Quartier zu und uns folgte eine -große Schar Buben nach, die ebensowohl als ich, wie Kälber schrien. - -Also ward ich dem Gouverneur präsentiert, als ob ich von denen Soldaten -erst auf Partei erbeutet worden wäre. Er versprach mir die beste Sach. -Ich sagte: »Wohl Herr, man muß mich aber in keinen Gänsstall sperren, -dann wir Kälber können solches nicht erdulden, wann wir anders wachsen -und zu einem Stück Hauptviehe werden sollen.« - -Er vertröstete mich eines besseren und dünkte sich gar gescheit zu -sein, daß er einen solchen visierlichen Narren aus mir gemachet hätte. -Hingegen gedachte ich: Harre mein, lieber Herr, ich habe die Probe des -Feuers überstanden. - -Indem trieb ein geflüchteter Baur sein Viehe zur Tränke. Ich sahe -es und eilete mit einem Kälbergeplärr den Kühen zu, so sich vor mir -ärger entsatzten als vor einem Wolf, ja, sie wurden so schellig und -zerstoben von einander, daß sie der Bauer am selbigen Ort nicht mehr -zusammenbringen konnte. Im Hui war ein Haufen Volk darbei, das der -Gaukelfuhre zusahe. Mein Herr lachte, daß er hätte zerbersten mögen, -und meinte endlich: »Ein Narr macht ihrer hundert!« Ich aber gedachte, -eben du bist derjenige, dem du jetzt wahrsagest. - -Gleichwie mich nun jedermann von selbiger Zeit an das Kalb nannte, -also nannte ich hingegen auch einen jeden mit einem besonderen Namen. -~In summa~ mich schätzte männiglich vor einen ohnweisen Toren und ich -hielte jeglichen vor einen gescheiten Narren. Dieser Brauch ist meines -Erachtens in der Welt noch üblich, maßen ein jeder mit seinem Witz -zufrieden und sich einbildet, er sei der Gescheiteste unter allen. - -Bei der Mittagsmahlzeit wartete ich auf wie zuvor, brachte aber -daneben seltsame Sachen auf die Bahn, und, als ich essen sollte, -konnte niemand menschliche Speise oder Trank in mich bringen. Ich -wollte kurzum nur Gras haben, was zur selbigen winterlichen Zeit zu -bekommen unmüglich war. So ließ mein Herr zweien kleinen Knaben frische -Kalbfell überstreifen, diese satzte er zu mir und traktierte uns mit -Wintersalat. Ich aber sahe so starr drein, als wann ich mich darüber -verwunderte. - -»Jawohl,« sagten sie, weil sie mich so kaltsinnig sahen, »es ist nichts -Neues, daß Kälber Fleisch, Fisch, Käse, Butter und anders fressen. Sie -saufen auch zu Zeiten einen guten Rausch.« - -Ich ließ mich desto ehender überreden, als ich hiebevor schon selbst -gesehen, wie teils Menschen säuischer als Schweine, geiler als Böcke, -neidiger als Hunde, unbändiger als Pferde, gröber als Esel, versoffener -als Rinder, gefräßiger als Wölfe, närrischer als Affen und giftiger als -Schlangen und Kroten waren, so dannoch allesamt menschlicher Nahrung -genossen und nur durch die Gestalt von den Tieren unterschieden waren. - -Gleichwie meine beiden Schmarotzer mit mir zehreten, also mußten sie -auch mit mir zu Bette, wann mein Herr anders nicht zugeben wollte, daß -ich im Kühestall schliefe. Der grundgütige Gott gab mir so viel Witz -vor meinen Stand, als er einem jeden Menschen zu seiner Selbsterhaltung -verleihet, dannenhero ich erkannte: Doktor hin, Doktor her, was bildet -ihr euch ein, allein witzig zu sein und Hans in allen Gassen. Hinter -den Bergen, da wohnen auch noch Leute. - -Gegen Mittag so mußte ich auch in die Stube, weil adelig Frauenzimmer -bei meinem Herren war, den neuen Narren zu hören und zu sehen. Ich -erschiene und stund da wie ein Stummer. Dahero diejenige, so ich -hiebevor beim Tanze erdappet hatte, Ursach nahm zu sagen, sie hätte -gehört, daß dieses Kalb könne reden, nunmehr verspüre sie aber, daß es -nicht wahr sei. - -Ich antwortete: »So habe ich vermeint, die Affen können nicht reden, -höre aber wohl, das dem auch nicht so sei.« - -»Wie,« sagte mein Herr, »vermeinst du dann, diese Damen seien Affen?« - -»Sein sie es nicht,« gab ich entgegen, »so werden sie es bald werden. -Wer weiß wie es fällt, ich habe mich auch nicht versehen, ein Kalb zu -werden, und bins doch.« - -Da fragte mein Herr, woran ich sehe, daß diese Damen Affen werden -sollten. - -Ich antwortete: »Der Affe trägt seinen Hintern bloß, diese Jungfer -allbereits ihre Brüstlein, dann andre Mägde pflegen sonst solche zu -bedecken.« - -»Schlimmer Vogel,« sagte mein Herr, »so redest du? Diese lassen billig -sehen, was sehenswert ist, der Affe aber gehet aus Armut nackend. -Geschwind bringe ein, was du gesündiget hast, oder man wird dich mit -Hunden in den Gänsstall hetzen!« - -Hierauf betrachtete ich die Dame so steif und lieblich, als hätte -ich sie heuraten wollen. Endlich sagte ich: »Herr, ich sehe wohl der -Diebsschneider ist an allem schuldig, er hat das Gewand, das oben um -den Hals gehört, unten am Rock stehen lassen, darum schleift es so weit -hinten nach. Man soll dem Hudler die Hand abhauen. Jungfer, schafft -ihn ab, wann er Euch nicht so verschänden soll und sehet, daß ihr -meiner Meuder, des Ursele und der Ann Schneider bekommt, die haben Röck -gehabt, so nicht im Dreck geschlappt wie Eurer.« - -Mein Herr fragte, ob dann meines Knäns Ann und Ursele schöner gewesen -als diese Jungfer. - -»Ach wohl nein,« sagte ich, »diese Jungfer hat ja Haare so gelb, -als kleine Kindlein die Windlen zeichnen, und sie sein so hübsch -zusammengerollt, als hätte sie auf jeder Seite ein paar Pfund Lichter -oder ein Dutzend Bratwürst hangen. Wie hat sie so eine schöne glatte -Stirn, weißer als ein Totenkopf, der viel Jahr lang im Wetter gehangen. -Jammerschad ist, daß ihre zarte Haut durch den Puder bemackelt wird, -als habe die Jungfer den Erbgrind, der solche Schuppen von sich werfe. -Wie zwitzern doch ihre funkelnden Augen, vor Schwärze klärer als meines -Knäns Ofenloch. Und die zwei Reihen Zähne, so in ihrem Maul stehen, -schimmern so schön, als wann sie aus einem Stück von einer weißen Rübe -geschnitzelt wären worden. O Wunderbild, ich glaube nicht, daß es einem -wehe tut, so du einen damit beißest! Wie ist ihr Hals schier so weiß, -als eine gestandene Sauermilch und ihre Brüstlein sein von gleicher -Farbe und ohn Zweifel so hart, als eine Geißmämm, die von übriger Milch -strotzet. Ach Herr, sehet ihre Hände und Finger so subtil, so lang, so -gelenk, so geschmeidig und so geschickt, damit sie einem in den Sack -greifen können, wann sie fischen wollen. Aber was soll dieses gegen -ihren ganzen Leib, den ich zwar nicht sehen kann. Ist er nicht so zart, -so schmal und anmutig, als wann sie acht ganzer Wochen die schnelle -Katharina gehabt hätte?« - -Hierüber erhub sich eine solch Gelächter, daß man mich nicht mehr -hören, noch ich mehr reden konnte. Ging hiemit durch wie ein Holländer -und ließ mich, solang mirs gefiel, von andern vexieren. - - - - -Das fünfte Kapitel - - -Bei allen Mahlzeiten ließ ich mich tapfer gebrauchen, dann ich hatte -mir vorgesatzt, alle Torheiten zu bereden und alle Eitelkeiten zu -bestrafen. Ich rupfte ihre Laster, und wer sichs nicht gefallen ließe, -ward noch darzu ausgelacht. - -Der erste, der mir mit Vernunft begegnen wollte, war der ~Secretarius~, -dann ich denselben einen Titulschmied nannte und ihn fragte, wie man -der Menschen ersten Vater titulieret hätte. - -»Du redest wie ein Kalb, maßen nach unseren ersten Eltern Leute gelebt, -die durch seltene Tugenden und gute Künste sich und ihr Geschlecht -dergestalt geadelt haben, daß sie übers Gestirn zu den Göttern erhoben -worden. Wärest du ein Mensch, so hättest du die Historien gelesen und -verstündest auch den Unterscheid, sintemalen du aber ein Kalb und -keiner menschlichen Ehre würdig noch fähig, so redest du wie ein dummes -Kalb und gönnest ihnen den Ehrentitul nicht.« - -»Ich bin«, antwortete ich, »sowohl ein Mensch gewesen als du und habe -bei meinem Einsiedel auch ziemlich viel gelesen. Sage mir, was sein -vor herrliche Taten begangen und Künst erfunden, die genugsam seien, -ein ganzes Geschlecht von etlich hundert Jahr nach Absterben des -Helden und Künstlers zu adlen? Ist nicht beides: des Helden Stärke -und des Künstlers Weisheit mit hinweggestorben? So aber der Eltern -Qualitäten auf die Kinder überkommen, halt ich davor, daß dein Vater -ein Stockfisch und deine Mutter eine Schneegans gewesen.« - -»Ha,« rief der ~Secretarius~, »wann es damit wohl ausgericht sein -wird, wann wir einander schänden, so könnte ich dir vorwerfen, daß dein -Knän ein grober spessarter Bauer gewesen, und daß du dich noch mehr -verringert habest, indem du zum unvernünftigen Kalb geworden bist.« - -»Da recht! Das ist, was ich behaupten will, daß der Eltern Tugenden -nicht allerweg auf die Kinder vererbt werden, und dahero die Kinder -ihrer Eltern Tugendtitul auch nicht allerweg würdig sein. Mir zwar ist -es keine Schande, daß ich ein Kalb bin worden, dieweil ich in solchem -Falle dem großmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehre -habe.« - -»Nun gesetzt, aber nicht zugestanden, du habest recht, so mußt du doch -gestehen, daß diejenigen alles Lobs wert sein, die sich selbst durch -Tugend edel machen. Wann aber -- so folget, daß man die Kinder der -Eltern wegen billig ehre, dann der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. -Wer wollte in ~Alexandri Magni~ Nachkömmlingen, wann anders noch -einzige vorhanden wären, ihres alten Ur-Ahnherren herzhafte Tapferkeit -nicht rühmen? Hat er nicht vor dem dreißigsten Jahr die Welt bezwungen, -hat er nicht in einer Schlacht mit den Indiern, da er von den Seinigen -verlassen war, aus Zorn Blut geschwitzet? War er nicht von lauter -Feuerflammen umgeben, daß die Barbaren vor ihm flohen? Bezeugt nicht -~Quintus Curtius~, daß sein Atem wie Balsam, der Schweiß wie Bisem, -sein toter Leib aber nach köstlicher Spezerei roch? -- Da könnte ich -auch den ~Julium Cäsarem~ und ~Pompeium~ anführen, deren der eine -fünfzigmal in offener Feldschlacht gestritten und 1152000 Mann erlegt -und totgeschlagen hat, der ander aber hat neben 940 den Meerräubern -abgenommenen Schiffen vom Alpengebürg an bis in das äußerste Hispanien -876 Städte und Flecken eingenommen und überwunden. Ist nicht von dem -~Lucio Siccio Dentato~, welcher Zunftmeister in Rom war, zu sagen, daß -er in 110 Feldschlachten gestanden und achtmal diejenigen überwunden -hat, die ihn herausgefordert, und daß er 45 Wundmäler an seinem Leib -zeigen konnte. Mit neun Obrist Feldherren ist er in ihren Triumphen -in Rom eingezogen. Wo bleibet der starke Herkules, Theseus und andre, -deren unsterbliches Lob zu beschreiben unmüglich. - -Ich will aber die Waffen fahren lassen und mich zu den Künsten wenden. -Was findet sich für Geschicklichkeit am ~Zeuxis~, welcher mit seinen -Schildereien die Vögel in der Luft betrog, ~item~ am ~Apelles~, der -eine ~Venus~ so natürlich, so ausbündig und mit allen Lineamenten -so subtil und zart dahermalete, daß sich die Junggesellen darein -verliebten. ~Plutarchus~ schreibet, daß ~Archimedes~ ein großes Schiff -mit Kaufmannswaren über den Markt von Syrakus nur mit einer Hand, an -einem einzigen Seil vermöge seiner Schrauben daher gezogen, welches -200 deinesgleichen Kälber nicht hätten zu tun vermocht. Sollten diese -Meister nicht mit einem besonderen Ehrentitul begabt sein? Und welcher -die edle und der ganzen Welt höchst nutzbare Kunst der Buchdruckerei -erfunden, wer wollte den nicht preisen? Zwar ist wenig daran gelegen, -ob du grobes Kalb solches in deinem unvernünftigen Ochsengehirn fassest -oder nicht! Es geht dir eben wie jenem Hund, der auf einem Haufen Heu -lag und solches dem Ochsen auch nicht gönnte, weil er es selbst nicht -genießen konnte.« - -Da ich mich so gehetzt sahe, satzte ich dagegen: »Die herrlichen -Heldentaten wären höchlich zu rühmen, wann sie nicht mit anderer -Menschen Untergang und Schaden vollbracht wären worden. Was ist -das aber vor ein Lob, welches mit so vielem unschuldig vergossenem -Menschenblut besudelt, und was vor ein Adel, der mit so vieler tausend -anderer Menschen Verderben erobert und zuwegen gebracht worden? Und die -Künste, was seinds anders als lauter Vanitäten und Torheiten, dienen -zum Geiz, zur Wollust, zur Üppigkeit. So könnte man der Druckerei -und Schriften auch wohl entbehren, dann der Heilige saget: Die ganze -Welt ist Buchs genug, die Wunder des Schöpfers zu betrachten und die -göttliche Allmacht zu erkennen.« - -Mein Herr wollte auch mit mir scherzen und sagte: »Ich merke wohl, weil -du nicht edel zu werden getrauest, verachtest du des Adels Ehrentitul.« -Ich antwortete: »Wann schon ich in dieser Stund an deine Ehrenstell -treten sollte, ich wollte sie doch nicht annehmen.« Mein Herr lachte. -»Das glaub ich, dann dem Ochsen gehöret Haberstroh. Ich meinesteils -acht es für kein Geringes, wann mich das Glück über andere erhebet.« -Ich seufzte und sagte: »Ach, armselige Glückseligkeit! Herr, du bist -der allerelendeste Mensch in ganz Hanau.« - -»Wieso, wieso, du Kalb!« - -»Wann du nicht weißt oder empfindest, mit wieviel Sorgen und Unruhe du -als Gubernator beladen bist, so verblendet dich allzu große Begierde -der Ehre. Zwar hast du zu befehlen und wer dir unter Augen kommt, muß -dir gehorsamen, aber bist du nicht ihrer aller Knecht? Schaue, du -bist jetzt rund umher mit Feinden umgeben und die Konservation dieser -Festung liegt dir auf dem Hals. Bedörfte es nicht öfters, daß du -selber wie ein gemeiner Knecht Schildwacht stündest? Du mußt um Geld, -Munition, Proviant und, daß dein Volk im Posten erscheine, bedacht -sein und das ganze Land durch stetiges Exequieren und Tribulieren -in Kontribution erhalten. Schickest du die Deinigen zu solchem End -hinaus, so ist Rauben, Plündern, Stehlen, Brennen und Morden ihre beste -Arbeit. Sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels eingenommen -und Staden in Asche gelegt. Davon haben sie sich zwar Beuten, du dir -aber eine schwere Verantwortung vor Gott gemacht. Und wirst du nicht -Ehr und Reichtum in der Welt lassen und nichts mit dir nehmen als die -Sünde, dadurch du selbige erworben hast? Du verschwendest der Armen -Schweiß und Blut, die jetzt gar verderben und Hungers sterben. Und -dafern anders etwas versäumet wird, das zur Erhaltung deiner Völker -und der Festung hätte observiert werden sollen, so kostet es deinen -Kopf. Sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsens -überhoben, dir aber stellet man auf tausendfältige Weise nach und dein -ganzes Leben ist Sorge und Schlafbrechen, dann du mußt Freunde und -Feinde förchten umb deiner Reputation und deines Kommandos willen. Ich -geschweige, daß dich täglich deine brennenden Begierden quälen, wie du -dir einen noch größeren Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern -zu steigen, größeren Reichtum zu sammeln, dem Feind eine Tücke zu -beweisen, einen oder den andern Ort zu überrumpeln, ~in summa~ fast -alles tun solltest, was andere Leute schädigt, deine Seele verderbt -und der göttlichen Majestät mißfällt. Du aber lässest dich von deinen -Fuchsschwänzern verwöhnen, daß du dich selbst nicht mehr erkennst -und den gefährlichen Weg nicht siehest. Sie hetzen und jagen dich zu -anderer Leute Schaden, ihrem Beutel zu nutz.« - -»Du Bernheuter, wer lernet dich so predigen?« - -»Sage ich nicht wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern -dergestalt verderbt seiest, daß dir bereits nicht mehr zu helfen ist? -Aber auch du entgehst dem Tadel nicht. Hast du nicht Exempel genug an -hohen Personen, so vor der Zeit gelebet? Die Lacedämonier schalten an -ihrem ~Lycurgo~, daß er allezeit gesenkten Hauptes daherging, die Römer -verargeten dem ~Scipioni~ das Schnarchen und es dünkte sie häßlich zu -sein, daß sich ~Pompeius~ nur mit einem Finger kratzte. Des ~Julii -Cäsaris~ spotteten sie, weil er den Gürtel nicht artig und lustig -antrug. Die Uticenser verleumdeten ihren ~Catonem~, weil es zu gierig -auf beiden Backen aß. Die Karthager redeten dem ~Hannibali~ übel nach, -weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Herr, ich -tausche mit keinem, der vielleicht neben zwölf Fuchsschwänzern und -Schmarotzern tausend so heimliche als öffentliche Feinde hat. Ich sehe -wohl, wie sauer du dirs mußt werden lassen und wieviel Beschwerden du -trägst. Und was wird endlich dein Lohn sein? Sage mir, lieber Herr, was -hast du davon? Wann dus nicht weißt, so laß dirs von dem griechischen -~Demosthenes~ sagen, den die Athener des Landes verwiesen und ins Elend -gejagt haben. Dem ~Sokrati~ ist mit Gift vergeben worden. ~Hannibal~ -hat elendiglich, in der Welt landflüchtig herumschweifen müssen. -~Lykurg~ ward gesteiniget. ~Solo~ wurde verbrannt, nachdem ihm ein Aug -ausgestochen ward. Darum behalte du dein Kommando samt seinem Lohn. -Dann wann alles wohl mit dir abgehet, so bringst du aufs wenigste ein -böses Gewissen davon.« - - - - -Das sechste Kapitel - - -Und währendem meinem Diskurs sahe mich jedermann verwundert an. Mein -Herr aber sagte: - -»Ich weiß nicht, was ich an dir habe. Du bedünkest mich vor ein Kalb -viel zu verständig zu sein. Ich vermeine schier, du seiest unter deiner -Kalbshaut mit einer Schalkshaut überzogen.« - -Ich stellete mich zornig und rief: »Vermeinet ihr Menschen dann wohl, -wir Tiere seien gar Narren? Das dörft ihr euch wohl nicht einbilden. -Ältere Tiere möchten euch anderst aufschneiden, so sie reden könnten -als ich. Saget mir doch, wer die wilden Waldtauben, Häher, Amseln und -Rebhühner gelehret hat sich mit Lorbeerblättern zu purgieren und die -Turteltäublein und Hühner mit St. Peterskraut? Wer lehret Hunde und -Katzen das betaute Gras fressen, wann sie ihren vollen Bauch reinigen -wollen? Wer den angeschossenen Hirsch seine Zuflucht zur wilden Poley -nehmen? Wer hat das Wieselin unterrichtet, daß es Raute gebrauchen -solle, wann es mit der Feldmaus oder irgendeiner Schlange kämpfen will? -Wer gibt den wilden Schweinen Efeu und den Bären Alraun vor Arznei zu -erkennen? Wer unterweiset die Schwalbe, daß sie ihrer Jungen blöde -Augen mit dem Chelidonio arzneien soll? Wer instruieret die Schlange, -daß sie Fenchel esse, wann sie ihre Haut abstreifen will? Schier dorfte -ich sagen, daß ihr eure Künste und Wissenschaften von uns Tieren -erlernet habt. Aber ihr freßt und sauft euch krank und tot, das tun wir -Tiere nicht. Ein Löw oder Wolf, wann er zu fett werden will, so fastet -er, bis er frisch und gesund wird. Wer aber sagt den Sommervögeln, -wann sie im Frühjahr zu uns kommen, Junge hecken und im Herbste wieder -von dannen in warme Länder ziehen sollen? Leihet ihr Menschen ihnen -vielleicht eueren Kalender oder Seekompaß? Beschauet die mühsame -Spinne, deren Geweb beinahe ein Wunderwerk ist. Sehet ob ihr auch einen -einzigen Knopf in aller ihrer Arbeit finden möget. Welcher Jäger hat -sie gelehrt, das Wildpret zu belaustern? Die alten Philosophi haben -solches ernstlich erwogen und sich nicht geschämet zu fragen und zu -disputieren, ob die Tiere nicht auch Verstand hätten. Gehet hin zu den -Immen und sehet, wie sie Wachs und Honig machen, und alsdann saget mir -euer Meinung wieder.« - -Hierauf fielen unterschiedliche Urteile über mich. Der ~Secretarius~ -hielt davor, ich sei närrisch, weil ich mich selbsten vor ein -unvernünftig Tier schätze, maßen diejenigen, so einen Sparen zu viel -oder zu wenig hätten und sich jedoch weise zu sein dünkten, die aller -artlichsten und visierlichsten Narren wären. Andere sagten, wann man -mir die Imagination benehme, daß ich ein Kalb sei, so würde ich vor -vernünftig und witzig gelten müssen. - -Mein Herr sagte: »Er ist ein Narr, weil er jedem ungescheut die -Wahrheit sagt, hingegen stehen seine klugen Diskursen keinem Narren zu.« - -Solches redeten sie auf latein, damit ich's nicht verstehen sollte. - -Der tolle Fähnrich aber schloß: »Wat wolts met deesem Kerl sin, hei -hett den Tüfel in Liff, hei ist beseeten. De Tüfel, de kühret ut jehme!« - -Dahero nahm mein Herr Ursache, mich zu fragen, sintemal ich dann -nunmehr zu einem Kalb worden wäre, ob ich noch wie vor diesem, gleich -andern Menschen zu beten pflege und in Himmel zu kommen getraue. - -»Freilich,« antwortete ich, »ich habe ja meine unsterbliche menschliche -Seele noch, die wird ja, wie du leicht gedenken kannst, nicht in die -Hölle begehren, vornehmlich weil mir's schon einmal so übel darin -ergangen. Ich bin verändert wie vordem Nabuchodonosor und dörfte ich -noch wohl zu einer Zeit wieder zu einem Menschen werden.« - -»Das wünsche ich dir,« sagte mein Herr mit einem ziemlichen Seufzen. -Daraus ich leichtlich schließen konnte, daß ihm eine Reue ankommen. -»Aber laß hören, wie pflegst du zu beten?« - -Darauf kniete ich nieder, hub Augen und Hände auf gut einsiedlerisch -zum Himmel, und weilen mich meines Herren Reue mit Trost berührte, -konnte ich mich der Tränen nicht enthalten. Betete also mit größter -Andacht das Vaterunser und bat weiters vor meine Freunde und Feinde -und, daß mich Gott in dieser Zeitlichkeit also leben lasse, daß ich der -ewigen Seligkeit würdig werde. Mein Einsiedel hatte mich ein solches -Gebet mit andächtig concipierten Worten gelehret. Hievon etliche -weichherzige Zuseher auch beinahe zu weinen anfingen, ja meinem Herren -selbst stunden die Augen voll Wasser. - -Alsbald schickte mein Herr zum Pfarrer, dem erzählte er alles, daß er -besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und daß vielleicht der Teufel -mit unter der Decke läge. Der Pfarrer aber, dem meine Beschaffenheit am -besten bekannt war, meinte, man sollte solches bedacht haben, eh man -mich zum Narren zu machen unterstanden hätte, Menschen seien Ebenbilder -Gottes, mit welchen nicht wie mit Bestien zu scherzen sei. Doch glaube -er nicht an ein Spiel des Bösen, dieweil ich jederzeit inbrünstig zu -Gott bete. Sollte aber solches wider Verhoffen zugelassen werden, so -hätte man es bei Gott schwer zu verantworten, maßen es keine schwerere -Sünde gibt, als einen Menschen der Vernunft zu berauben. Er wisse -aber, daß ich auch hiebevor Witz genug gehabt, mich aber in diese -Welt nicht habe schicken können. Hätte man sich ein wenig geduldet, -so würde ich mich mit der Zeit besser angelassen haben. »Wann man ihm -nur die Einbildung nehmen kann, daß er nicht mehr glaubet, er sei ein -Kalb! Ich habe selbsten einen kranken Baur in meiner Pfarr gehabt, -der klagte mir, daß er auf vier Ohm Wasser im Leib hätte, ich sollet -ihn aufschneiden oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe -herauströckne. Darauf sprach ich ihm zu und überredete ihn, es könne -das Wasser auf eine andere Weise von ihm gebracht werden. Nahm demnach -einen Weinhahn, daran ich einen Darm steckte, das ander End des Darms -band ich an das Spuntloch eines Wasserzubers. Darauf stellet ich mich, -als wann ich ihm den Hahn in den Bauch steckte, welchen er überall mit -Lumpen umwickelt hatte, damit er nicht zerspringen sollte. Ich ließ das -Wasser durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf herzlich -erfreuete. Er tät nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich und -kam in wenigen Tagen wieder allerdings zurecht. Also kann dem guten -~Simplicio~ auch wieder geholfen werden.« - -»Dieses alles glaube ich wohl,« sagte mein Herr, »allein es liegt mir -an, daß er zuvor so unwissend gewesen, nun aber ein jeder sein Reden -vor ein Orakul oder Warnung Gottes halten muß.« - -»Herr,« sagte der Pfarrer, »dieses kann natürlicher Weise wohl sein, -doch weiß ich, daß er belesen ist, maßen er sowohl als sein Einsiedel -alle meine Bücher durchgangen hat. Obgleich er nun seiner eigenen -Person vergißt, kann er dannoch hervorbringen, was er hiebevor ins -Gehirn gefaßt hat.« - -Also satzte der Pfarrer den Gubernator zwischen Forcht und Hoffnung, -das brachte mir gute Tage und ihm einen Zutritt bei meinem Herrn, so -daß er ihn endlich bei der Guarnison zum Kaplan machte. - -Von dieser Zeit besaß ich meines Herrn Gnade, Gunst und Liebe -vollkömmlich, nichts manglete mir zu meinem besseren Glück, als daß -ich an einem Kalbskleid zu viel und an Jahren noch zu wenig hatte. So -wollte mich der Pfarrer auch noch nicht witzig haben, weil ihm solches -noch nicht Zeit und seinem Nutzen verträglich zu sein bedünkte. - -Demnach aber mein Herr sahe, daß ich Lust zur Musik hatte, ließ er -mich solche lernen und verdingte mich zugleich einem vortrefflichen -Lautenisten, dessen Kunst ich in Bälde ziemlich begriff und ihn um -soviel übertraf, weil ich besser singen konnte. Also dienet ich meinem -Herrn zur Lust, Kurzweile, Ergetzung und Verwunderung. Alle Offizierer -erzeugten mir ihren geneigten Willen, die reichsten Bürger verehreten -mich, Hausgesind und Soldaten wollten mir wohl. Einer schenkte mir -hier, der andere dort, daß ich sie nicht verfuchsschwänzen sollte. Ich -brachte ziemlich Geld zu Wege, welches ich mehrenteils dem Pfarrer -zusteckte. Ich wuchs auf wie ein Narr in Zwiebelland und meine -Leibskräfte nahmen handgreiflich zu. Man sahe mir in Bälde an, daß -ich nicht mehr im Wald mit Wasser, Eicheln, Bucheckern, Wurzeln und -Kräutern mortifizierte, sondern daß mir bei guten Bissen der rheinische -Wein und das hanauische Doppelbier wohl zuschlug. Mein Herr gedachte -mich nach beendeter Belagerung dem Kardinal Richelieu oder Herzog -Bernhard von Weimar zu schenken, dann ohn daß er hoffte, einen großen -Dank mit mir zu verdienen, gab er auch vor, daß mein Anblick ihm schier -unmöglich länger zu ertragen, weil ich seiner Schwester je länger, je -ähnlicher wurde und dies im Narrenhabit. - -Der Pfarrer widerriet, dann er hielt davor, die Zeit wäre gekommen, -in welcher er ein Mirakul tun und mich vernünftig machen wollte. -Es sollten andere Knaben in gleichen Kalbsfellen und mit denselben -Zeremonien von einer Person in Gestalt eines Arztes, Propheten oder -Landfahrers aus Tieren zu Menschen gemacht werden. Der Gouverneur ließ -sich solchen Vorschlag belieben, mir aber communicierte der Pfarrer, -was er mit meinem Herrn abgeredet hätte. - -Aber das neidische Glück wollte mich so leichtlich nicht meines -Narrenkleides erledigen. Indem die Komödia noch in Händen der Schneider -und Gerber lag, terminierte ich mit etlichen andern Knaben vor der -Festung auf dem Eise herum, da überfiel uns eine Partei Kroaten; die -satzten uns auf gestohlene Baurenpferd und führeten uns davon. - - - - -Das siebente Kapitel - - -Obzwar nun die Hanauer gleich Lärm schlugen, sich zu Pferd heraus -ließen, so mochten sie doch denen Kroaten nichts abgewinnen. Diese -leichte Ware ging sehr vorteilhaftig durch und nahm ihren Weg auf -Büdingen zu, allwo sie fütterten und den Bürgern daselbst die -gefangenen hanauischen reichen Söhnlein wieder zu lösen gaben, auch -ihre gestohlenen Pferde und andere Beute verkauften. Von dannen brachen -sie wieder auf und gingen schnell durch den Büdinger Wald auf Stift -Fulda zu. Sie nahmen unterwegs mit, was sie fortbringen konnten, das -Rauben und Plündern hinderte sie an ihrem schleunigen Fortzug im -geringsten nichts, dann sie konntens machen wie der Teufel, maßen -wir noch denselben Abend im Stift Hirschfeld, allwo sie ihr Quartier -hatten, mit einer großen Beute ankamen. Das ward alles partiert, ich -aber fiel dem Obristen Corpes zu. - -Bei diesem Herrn kam mir alles widerwärtig und fast spanisch vor. Die -hanauischen Schleckerbissen hatten sich in schwarzes Brot und mager -Rindfleisch verändert, Wein und Bier war mir zu Wasser geworden, so -schlief ich bei den Pferden. Anstatt Lautenschlagen mußte ich zu Zeiten -gleich andern Jungen untern Tisch kriechen, wie ein Hund heulen und -mich von Sporen stechen lassen. Vor das hanauische Herumterminieren -mußte ich Pferde striegeln. Mein Herr hatte kein Weib, keinen -Pagen, keinen Kammerdiener, keinen Koch, hingegen aber einen Haufen -Reutknechte und Jungen. Er schämete sich nicht, sein Roß zu satteln und -ihm Futter fürzuschütten. Er schlief auf der bloßen Erde und bedeckte -sich mit seinem Pelzrock, daher sahe man oft die Müllerflöhe auf seinen -Kleidern herumwandern, deren er sich im geringsten nicht schämete, -sondern noch darzu lachte, wann ihm jemand einen herablas. Er trug -kurze Haupthaar und einen Schweizerbart, welcher ihm wohl zustatten -kam, weil er zuweilen selbst auf Kundschaft ging. Von den Seinen und -andern, die ihn kannten, ward er geliebt, geehrt und geförchtet. - -Dies Leben schmäckte mir ganz nicht, dann wir waren niemals ruhig. -Mit den Burschen konnte ich nicht reden, mußte mich stoßen, plagen, -schlagen und jagen lassen. Die größte Kurzweil, die mein Obrister mit -mir hatte, war, daß ich ihm auf deutsch singen und eins vorblasen -mußte. Ich kriegte alsdann so dichte Ohrfeigen, daß der rote Saft -hernach ging. Zuletzt lernte ich das Kochen und meines Herrn Gewehr -sauber halten, darauf er viel hielt. Das schlug mir so vortrefflich zu, -daß ich endlich seine Gunst erwarb, maßen er mir ein neues Narrenkleid -aus Kalbsfellen mit viel größeren Eselsohren machen ließ. Ich trachtete -Tag und Nacht, wie ich mit guter Manier wieder ausreißen möchte, -vornehmlich weil ich den Frühling wieder erlanget hatte. - -Derhalben nahm ich mich an, die Schaf- und Kühkutteln, deren es voll um -unser Quartier lag, fern hinweg zu schleifen, damit sie keinen so üblen -Geruch machten. Solches ließ sich der Obrist gefallen. Zuletzt aber -blieb ich gar aus und entwischte in den nächsten Wald. - - - - -Das achte Kapitel - - -Allein ich war wenig Stunden von den Kroaten hinweg, so erhascheten -mich etliche Schnapphahnen, die mein närrisch Kleid in der finstern -Nacht nicht sahen und mich durch zween von ihnen an einen gewissen Ort -im Walde führen ließen. Als wir dort waren, wollte der eine Kerl kurzum -Geld von mir und legte Handschuh und Feuerrohr nieder, um mich zu -visitieren. Sobald er aber mein haarigs Kleid und die langen Eselsohren -an meiner Kappe begriff, davon helle Funken stoben, fuhr er vor Schröck -ineinander. Solches merkte ich gleich, derowegen striegelte ich mein -Kleid, daß es schimmerte, als wann ich inwendig voller brennenden -Schwefels gestocken wäre. Ich schrie ihn mit schröcklicher Stimme -an: »Ich bin der Teufel und will dir und deinem Gesellen die Hälse -abdrähen!« - -Da rannten alle beide durch Stöcke und Stauden, als wann sie -das höllische Feuer gejaget hätte. Ich aber lachte unterdessen -förchterlich, daß es im ganzen Wald erschallete. - -Als ich mich abwegs machen wollte, strauchelte ich über das Feuerrohr -und da ich weiterschritte, stieß ich auch an einen Knappsack, daran -unten eine Patronentasche, mit Pulver, Blei und Zugehör wohlversehen, -hing. Das nahm ich alles an mich, weil ich mit dem Geschoß umzugehen -bei den Kroaten wohl gelernet hatte, und verbarg mich unweit davon in -einem dicken Busch. - -Sobald der Tag anbrach kam die ganze Partei auf vorbenannten Platz -und suchte das verloren Feuerrohr samt Knappsack. Ich aber hielt mich -stiller als eine Maus. - -»Pfui, ihr feige Tropfen,« sagte einer, »daß ihr euch von einem einigen -Kerl erschröcken, verjagen und das Gewehr abnehmen lasset!« - -Jedoch der eine schwur, der Teufel solle ihn holen, wann es nicht der -Teufel selbst gewesen sei, er hätte die Hörner und seine rauhe Haut -wohl begriffen. Der Anführer antwortete: »Was meinest du wohl, daß der -Teufel mit deinem Ranzen und Feuerrohr machen wollte. Ich dörfte meinen -Hals verwetten, wo nicht der Kerl beide Stücke mit sich genommen!« - -Diesem hielt ein andrer Widerpart und sagte: es könne wohl auch sein, -daß seither etlich Bauren dagewesen wären. - -Zuletzt glaubten sie den grausamen Flüchen der beiden, so meine -funkelnde Haut gesehen hatten, daß es der Teufel gewesen sei, und -nahmen ihren Weg weiters. - -Ich aber machte den Ranzen auf zu frühstücken und langte mit dem ersten -Griff einen Säckel heraus, in welchen dreihundert und etliche sechzig -Dukaten waren. Viel mehr erfreuete mich aber, daß ich den Sack mit -Proviant wohl gefüllet befand. Also zehrete ich bei einem lustigen -Brünnlein fröhlich zu morgen. - -Solang mein Proviant währete, blieb ich im Wald, als aber mein Ranzen -leer worden, jagte mich der Hunger in die Baurenhäuser. Da kroch ich -bei Nacht in Keller und Küchen, nahm, was ich fand, und schleppte es -mit mir dahin, wo es am allerwildesten war. Noch stund der Sommer im -Anfang und ich konnte mit meinem Rohr Feuer machen. - -Unter währendem diesem Herumschweifen haben mich unterschiedliche -Baursleute angetroffen, die seind aber allezeit vor mir geflohen. Also -ward ruchbar, der böse Feind wandere wahrhaftig in selbiger Gegend -umher. Derowegen mußte ich sorgen, der Proviant möchte mir ausgehen. -Ich wollte wieder Wurzeln und Kreuter essen, deren war ich aber nicht -mehr gewohnt. - -Einsmals hörete ich zween Holzheuer. Ich ging dem Schlag nach, und als -ich sie sahe, nahm ich eine Handvoll Dukaten, schlich nahe zu ihnen, -zeigte ihnen das anziehende Geld und sagte: »Ihr Herren, wann ihr -meiner wartet, so will ich euch die Handvoll Gold schenken.« - -Aber sobald sie mich und das Gold sahen, gaben sie Fersengeld und -ließen Schlegel und Keil samt ihrem Käs- und Brotsack liegen. Den nahm -ich, verschlug mich in den Wald und verzweifelte schier, wieder einmal -unter Menschen zu kommen. - -Nach langem Hin- und Hersinnen gedachte ich meinen Schatz zu sichern, -derowegen machte ich mir aus meinen Eselsohren zwei Armbinden, -gesellete darein meine hanauischen zu den schnapphahnischen Dukaten und -arrestieret die Armbänder oberhalb den Ellbogen um meine Arme. Sodann -fuhr ich den Bauren wieder ein und holte von ihrem Vorrat, was ich -bedurfte und erschnappen konnte, jedoch so, daß ich niemals wieder an -denselbigen Ort kam. - -Als ich zu Ende Mai wieder in einen Baurenhof geschlichen war, kam ich -in die Küche, merkte aber bald, daß noch Leute auf waren. Blieb demnach -mausstill sitzen und wartete. Unterdessen nahm ich einen Spalt gewahr, -den das Küchenschälterlein hatte. Ich schlich hinzu und sahe anstatt -des Lichts eine schweflichte, blaue Flamme auf der Bank stehen, bei -welcher sie Stecken, Besen, Gabeln, Stühl und Bänke schmierten und nach -einander damit zum Fenster hinaus flogen. Ich wunderte mich schröcklich -und empfand großes Grauen, weil ich aber größerer Schröcklichkeiten -gewohnt war, verfügte ich mich, nachdem sie alle abgefahren, in die -Stube und bedachte, wo ich etwas finden sollte. Satzte mich in solchen -Gedanken auf eine Bank rittlings nieder. Ich war aber kaum aufgesessen, -da fuhr ich samt der Bank gleichsam augenblicklich zum Fenster hinaus -und ließ meinen Ranzen und Feuerrohr vor den Schmierlohn und die -künstliche Salben dahinter. - -Ich kam in einem Nu zu einer großen Schar Volkes, diese tanzten einen -wunderlichen Tanz, dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen. Sie hatten -sich bei den Händen gefaßt und viel Ring ineinander gemacht mit -zusammengekehrten Rücken, also, daß sie die Angesichter hinauswarts -kehrten. Ein Ring tanzte um den andern links, der ander rechts herum -und würblete dermaßen, daß ich nicht sehen konnte, was sie in der Mitte -stehen hatten. Gleich seltsam war die Musik, welche eine wunderliche -~Harmoniam~ abgab. Meine Bank hatte mich bei den Spielleuten -niedergelassen. Die hatten anstatt Flöten, Zwerchpfeifen und Schalmeien -nichts anderes als Nattern, Vipern und Blindschleichen, darauf sie -lustig daherpfiffen. Etliche geigten auf Roßköpfen, andere schlugen -Harfe auf einem Kühgerippe, wie solche auf dem Wasen liegen. Einer -hatte eine Hündin am Arm, deren leierte er am Schwanz und fingerte an -den Dütten. Darunter trompeteten die Teufel durch die Nase, daß es im -ganzen Wald erschallete. Wie der Tanz bald aus war, fing die ganze -höllische Gesellschaft an zu rasen, zu rufen, zu rauschen, zu brausen, -zu wüten und zu toben, als ob sie alle toll wären. - -In diesem Lärmen kam ein Kerl auf mich dar und hatte eine ungeheuere -Krote unterm Arm, der waren die Därme ausgezogen und wieder zum Maul -hineingeschoppt. - -»Sieh hin, ~Simplici~, ich weiß du bist ein guter Lautenist, laß doch -ein Stückgen hören!« - -Ich erschrak, daß ich schier umfiel, weil mich der Kerl mit meinem -Namen nannte. Ich sahe ihn mit seiner Krot steif an und er zog seinen -Nase aus und ein. Endlich stieß er mir vor die Brust, daß ich bald -davon erstickte, derowegen rief ich überlaut zu Gott. Im Hui war es -stockfinster und mir so förchterlich ums Herz, daß ich zu Boden fiel -und wohl hundert Kreuz vor mich machte. - - - - -Das neunte Kapitel - - -Demnach es etliche, und zwar vornehme, gelehrte Leute gibt, die nicht -glauben, daß Hexen und Unholden sein, als zweifele ich nicht, es werden -sich etliche finden, die sagen, ~Simplicius~ schneide hier mit dem -großen Messer auf. Mit denen begehre ich nicht zu fechten, dann weil -Aufschneiden jetziger Zeit fast das gemeinste Handwerk ist, als kann -ich nicht leugnen, daß ichs nicht auch könnte. - -Welche aber der Hexen Ausfahren leugnen, die sollen sich erinnern, -daß Simon, der Zauberer, welcher vom bösen Geist in die Luft erhoben -ward, auf ~St. Petri~ Gebet wieder heruntergefallen. Weiters ~Nicolaus -Remigius~, ein gelehrter und verständiger Mann, so im Herzogtum -Lothringen nicht nur ein halbes Dutzend Hexen hat verbrennen lassen, -erzählet von Johann von Hembach, daß ihn seine Mutter, die Hexe war, -im sechzehnten Jahr seines Alters mit auf ihre Versammlung genommen. -~Majolus~ setzet zwei Exempel: von einem Knecht, so sich an seine -Frau gehängt, und von einem Ehebrecher, so der Ehebrecherin Büchsen -genommen, sich mit deren Salbe geschmiert und also beide zu der -Zauberer Zusammenkunft kommen sein. So ist auch mehr als genugsam -bekannt, was Gestalt teils Weiber und ledige Dirnen in Böhmen ihre -Beischläfer des Nachts einen weiten Weg auf Böcken zu sich holen -lassen. Was ~Torquemadus~ in seinem ~Hexamerone~ erzählet, mag bei ihm -gelesen werden. Wie Doktor Faust neben noch andern mehr, die gleichwohl -keine Zauberer waren, durch die Luft gefahren, ist aus seiner Histori -genugsam bekannt. - -Mag einer nun meine Geschicht glauben oder nicht, es gilt mir gleich, -doch wer's nicht glauben will, der mag einen andern Weg erfinden, auf -welchen ich aus dem Stift Hirschfeld oder Fulda in so kurzer Zeit ins -Erzstift Magdeburg marschiert sei. - -Ich fange meine Histori wieder an und versichere den Leser, daß ich -auf dem Bauch liegen blieb, bis es allerdings heller Tag war, weil ich -nicht das Herz hatte, mich aufzurichten. Etliche Fouragierer weckten -mich auf und nahmen mich in das Läger vor Magdeburg, allda ich einem -Obristen zu Fuß zu teil ward. Dem erzählte ich alles haarklein und wie -ich von denen Kroaten entloffen wäre; von meinen Dukaten schwieg ich -still. Indessen sammlete sich ein Haufen Volks um mich, dann ein Narr -macht tausend Narren. Unter denselben war einer, so das vorige Jahr zu -Hanau gefangen gewesen. »Hoho,« rief er, »dies ist des Kommandanten -Kalb zu Hanau!« Der Obrist fragte ihn, der Kerl aber wußte nichts, -als daß ich wohl auf der Laute schlagen könnte, ~item~ daß mich die -Kroaten von des Obrist Corpes Regiment hinweggenommen hätten. Hierauf -schickte die Obristin zu einer andern Obristin, die auf der Lauten -spielen konnte, und ließ um ihre Lauten bitten. Solche ward mir -präsentiert mit Befehl, ich solle mich hören lassen. Ich aber meinte, -daß mein leerer Bauch nicht wohl mit dem dicken, wie die Laute einen -hatte, zusammenstimmen würde. Also bekam ich ziemlich zu kröpfen und -zugleich einen guten Trunk Zerbster Bier. Sodann ließ ich beides, die -Lauten und meine Stimme hören. Darunter redete ich allerlei, so daß ich -mit geringer Mühe die Leute dahin brachte, daß sie glaubten, ich wäre -von derjenigen Qualität, die meine Kleidung vorstellete. Der Obrist -fragte mich, wo ich weiters hinwollte, und da ich antwortete, daß es -mir gleich sei, so machte er mich zu seinem Hofjunker. Er wollte auch -wissen, wo meine Eselsohren wären. - -»Ja, wann du wüßtest, wo sie wären,« sagte ich, »so würden sie dir -nicht übel anstehen.« - -Ich ward in kurzer Zeit bei den meisten hohen Offizierern sowohl im -kur-sächsischen als im kaiserlichen Läger bekannt, sonderlich bei den -Frauenzimmern, welche meine Kappe, Ärmel und gestutzten Ohren überall -mit seidenen Banden zierten. Was mir aber an Geld geschenkt ward, das -verspendierte ich in Hamburger und Zerbster Bier an gute Gesellen. -Überall, wo ich nur hinkam, hatte ich genug zu schmarotzen. - -Als meinem Obristen aber eine eigene Laute vor mich überkam, dann er -gedachte ewig an mir zu haben, da dorft ich nicht mehr in den beiden -Lägern so hin und wieder schwärmen, sondern er stellete mir einen -Hofmeister dar, der mich beobachten und dem ich hingegen gehorsamen -sollte. Dieser war ein Mann nach meinem Herzen, still, verständig, -wohlgelehrt, von guter Konversation und was das gröbste gewesen, -überaus gottesförchtig. Er war vordem eines vornehmen Fürsten Rat -und Beamter, aber von den Schwedischen bis in Grund ruiniert worden. -Er ließ sich bei diesem Obristen vor einen Stallmeister gebrauchen, -indem sein einziger Sohn unter der kur-sächsischen Armee vor einen -Musterschreiber dienete. - -In der ersten Woche schon kam er mir hinter die Briefe und erkannte, -daß ich kein solcher Narr war, wie ich mich stellete, wie er dann vom -ersten Tag an aus meinem Angesicht ein anders geurteilet hatte, weil er -sich wohl auf ~Physiognomiam~ verstund. - -Ich erwachte einsmals um Mitternacht und machte über mein Leben und -seltsame Begegnüssen allerlei Gedanken, knieet neben den Bette nieder -und erzählete danksagungsweise alle Guttaten, die mir mein lieber -Gott erwiesen, und alle Gefahren, daraus er mich errettet. Weil mein -Hofmeister mehr alt als jung war und die ganze Nacht nicht durchgehend -schlafen konnte, hörete er alles, tät aber, als wenn er schliefe und -redete nicht mit mir im Zelt hievon, weil es zu dünne Wände hatte; -wollte auch meiner Unschuld versichert sein. - -Bei einer Gelegenheit fand er mich einsmals nach Wunsch an einem -einsamen Ort und sagte: - -»Lieber, guter Freund, ich weiß, daß du kein Narr bist, wie du -dich stellest, zumalen auch in diesem elenden Stand nicht zu leben -begehrest. Ich will womüglich mit Rat und Tat bedacht sein, wie dir -etwan zu helfen sein möchte, so du zu mir, als einem ehrlichen Mann, -dein Vertrauen setzen willst.« - -Hierauf fiel ich ihm um den Hals und erzeugete mich vor übriger Freude -nicht anders, als wann er ein Prophet gewesen wäre, mich von meiner -Narrenkappe zu erlösen. Nachdem wir auf die Erde gesessen, erzählete -ich ihm mein ganzes Leben. Er beschauete meine Hände und verwunderte -sich über beides: die verwichenen und künftigen seltsamen Zufälle, -so er aus meinen Händen las. Widerriet mir durchaus, daß ich mein -Narrenkleid ablegen sollte, dann er vermittelst ~Chiromantia~ sehe, daß -mir mein Fatum ein Gefängnis androhe unter Leibes- und Lebensgefahr. Er -wollte mein treuer Freund und Vater bleiben. - -Demnach stunden wir auf und kamen auf den Spielplatz, da man mit -Würfeln turnieret und alle Schwüre mit hundert und tausend Galeeren, -Rennschifflein, Tonnen und Städtgräben voll herausfluchte. Der Platz -war ungefähr so groß als der Alte Markt zu Köln, überall mit Mänteln -überstreut und mit Tischen bestellt, die alle von Spielern umgeben -waren. Jede Gesellschaft hatte drei viereckichte Schelmenbeiner, denen -sie ihr Glück vertraueten. So hatte auch jeder Mantel oder Tisch einen -Schunderer, dessen Amt war zu sehen, daß kein Unrecht geschähe. Die -liehen auch Mäntel, Tische und Würfel her und erschnappten gewöhnlich -das meiste Geld, doch blieb es ihnen nicht, dann sie verspieltens -gemeiniglich wieder oder bekams der Feldscherer, weil ihnen die Köpfe -oft gewaltig geflickt wurden. - -Alle vermeineten zu gewinnen, als hätten sie aus einer fremden Tasche -gesetzt, weil aber etlich trafen, etlich fehlten, so donnerten und -flucheten auch etlich und betrogen und wurden gesäbelt; war ein -Gelächter und Zähneaufeinanderbeißen. Etliche begehrten redliche -Würfel, andere führten unvermerkt falsche ein, die wieder andere -hinwegwurfen, mit den Zähnen zerbissen und darüber aus Zorn den -Schunderern die Mäntel zerrissen. Unter den falschen Würfeln befanden -sich Niederländer, die man schleifend rollen mußte, sie hatten spitze -Rücken, drauf sie Fünfer und Sechser trugen. Andere waren oberländisch, -denen mußte man die bayrische Höhe geben, wenn man sie werfen wollte. -Etliche waren aus Hirschhorn, oben leicht und unten schwer, andre -mit Quecksilber oder Blei, aber andere mit zerschnittenen Haaren, -Schwämmen, Spreu und Kohlen gefüttert. Etliche hatten spitze Ecken, -andern waren solche glatt hinweggeschliffen. Teils waren lange Kolben, -teils sahen sie aus wie Schildkrotten. Mit solchen Schelmbeinern -zwackten, laureten, stahlen sie einander ihr Geld ab. - -Mein Hofmeister sagte: »Dieses ist der allerärgste und abscheulichste -Ort im ganzen Läger. Wann einer nur den Fuß hierher setzet, so hat -er das zehende Gebot übertreten: du sollst deines nächsten Gut nicht -begehren. So du aber spielest und gewinnst, sonderlich durch Betrug -und falsche Würfel, so übertrittst du das siebend und achte Gebot. Ja, -es kann kommen, daß du auch zum Mörder wirst aus äußerster Not und -Desperation. Ein jeder auf diesem Platze ist in Gefahr, sein Geld und -auch sein Leib, Leben und gar seiner Seelen Seligkeit zu verlieren.« - -Ich fragte: »Liebster Herr, warum lassens dann die Vorgesetzten zu?« - -Er antwortete: »Ich will nicht sagen darum, dieweil teils Offizierer -selbst mitmachen, sondern es geschiehet, weils die Soldaten nicht -mehr lassen wollen, ja, auch nicht lassen können. Dann wer sich dem -Spielen einmal ergeben, der wird nach und nach, er gewinne oder -verspiele, so verpicht darauf, daß er's weniger lassen kann als den -natürlichen Schlaf. Man siehet etliche die ganze Nacht durch und durch -raßlen und vor das beste Essen und Trinken hineinspielen und sollten -sie auch ohn Hemd davongehen. Es ist zu unterschiedlichen Malen bei -Leib- und Lebensstrafe verboten und auf Befehl der Generalität durch -Rumormeister, Profosen, Henker und Steckenknechte mit gewaffneter Hand -offentlich und mit Gewalt verwehret worden, aber das half alles nichts. -Also daß man, der Heimlichkeit zu wehren, das Spielen wieder offentlich -erlauben und gar diesen eigenen Platz darzu widmen mußte, damit die -Hauptwacht bei der Hand wäre. Ich versichere dich, ~Simplici~, daß ich -willens bin, von dieser Materi ein ganz Buch zu schreiben, sobald ich -wieder bei den Meinigen zur Ruhe komme. Da will ich den Verlust der -edlen Zeit beschreiben, die man mit Spielen unnütz verbringet, nicht -weniger will ich die grausamen Flüche, mit welchen man Gott lästert, -und die Scheltworte erzählen, mit denen einer den andern antastet, -viel schröckliche Exempel und Historien einbringen, die sich bei, -mit und in dem Spielen zutragen. Und will nicht vergessen der Duell -und Totschläge, des Geizes, Zorns, Neides, Eifers, der Falschheit, -des Betrugs und Diebstahls und beides: der Würfel- und Kartenspieler -unsinnige Torheiten mit ihren lebendigen Farben abmalen und vor -Augen stellen, daß jeder Leser ein solch Abscheuen vor dem Spielen -gewinnen soll, als wann er Säumilch gesoffen hätte, welche man den -Spielsüchtigen wider solche ihre Krankheit unwissend eingibt.« - - - - -Das zehent Kapitel - - -Mein Hofmeister ward mir je länger, je holder und ich hingegen wieder -ihm, doch hielten wir unsere Verträulichkeit sehr geheim. Ich agierte -zwar den Narren, brachte aber keine grobe Zotten und Büffelpossen vor, -so daß meine Gaben zwar vielfältig genug, aber jedoch mehr sinnreich -als närrisch fielen. - -So gab mir auch meines Herren Schreiber, ein arger Gast und -durchtriebener Schalk, viel Materi an die Hand, dadurch ich auf dem -Wege, den die Narren zu wandeln pflegen, unterhalten ward, indem mich -der Speivogel zu Torheiten überredete, die ich dann nicht allein vor -mich selbsten glaubte, sondern auch anderen mitteilte. - -Als ich ihn einsmals fragte, was unseres Regiments Kaplan vor einer -sei, sagte er: - -»Er ist der Herr ~Dicis-et-non-facis~, das ist auf deutsch soviel als -ein Kerl, der andern Leuten Weiber gibet und selbst keine nimmt. Er -ist den Dieben spinnefeind, weil sie nicht sagen, was sie tun, er aber -hingegen saget, was er nicht tut. Hingegen sein die Diebe ihm auch -nicht gar so hold, weil sie gemeiniglich gehenkt werden, wann sie mit -ihm in Umgang kommen.« - -Da ich nachgehends den guten ehrlichen Pater so nannte, ward er -ausgelacht, ich aber selber gebaumölt. - -Ferner überredete er mich, es kämen von den Soldaten keine tapferen -Helden in den Himmel, sondern bloß einfältige Tropfen, Bernheuter -und dergleichen, die sich an ihrem Sold genügen ließen; auch keine -politischen Alamode-Kavaliers und galante Dames, sondern nur geduldige -Job, Siemänner, langweilige Mönche, melancholische Pfaffen, -Betschwestern und allerhand Auswürflinge, die der Welt weder zu sieden -noch zu braten taugen. Er überredete mich auch, daß man zu Zeiten mit -göldenen Kugeln schieße und je kostbarer solche wären, je größeren -Schaden pflegten sie zu tun. Ja, man führet wohl eh ganze Kriegsheere -mitsamt der Artollerei, Munition und Bagage in göldenen Ketten gefangen -daher. Weiters beschwatzete er mich von den Weibern, daß mehr als der -halbe Teil Hosen trügen, obschon man sie nicht sähe, und daß vielen -ihrer Männer Hörner auf den Köpfen gaukelten, als solche ehmals Aktäon -getragen, obschon die Weiber keine Dianen wären. Welches ich ihm alles -glaubte, so ein dummer Narr war ich. - -Hingegen brachte mich mein Hofmeister in Kundschaft seines Sohns, -der, wie hiebevor gemeldet, bei der kur-sächsischen Armee ein -Musterschreiber war. Den mochte mein Obrister gern leiden und -war bedacht, ihn von seinem Kapitän loszuhandeln und zu seinem -Regimentssekretär zu machen. Mit ihm, welcher wie sein Vater Ulrich -Herzbruder hieß, machte ich Freundschaft, so daß wir ewige Brüderschaft -zusammen schwuren, kraft deren wir einander in Glück und Unglück, in -Liebe und Leid nimmermehr verlassen wollten. Nichts lag uns härter -an, als wie wir meines Narrenkleides mit Ehren loswerden und einander -rechtschaffen dienen könnten. Allein der alte Herzbruder verwarnte -uns: Wann ich in kurzer Zeit meinen Stand ändere, daß mir solches -ein schweres Gefängnis und Leib- und Lebensgefahr gebären würde. Und -gleicherweise prognostizierte er sich selbst und seinem Sohn einen -großen bevorstehenden Spott. - -Kurz nachher merkte ich, daß meines Obristen Schreiber meinen neuen -Bruder schröcklich neidete, weil er vor ihm zu der Sekretariatsstelle -erhoben werden wollte. Ich sahe, wie er zu Zeiten griesgramete, wie ihn -die Mißgunst bedrängte und er in schweren Gedanken allezeit seufzete, -wann der den alten oder den jungen Herzbruder ansahe. Ich kommunizierte -meinem Bruder beides aus getreuer Affektion und tragender Schuldigkeit, -damit er sich vor dem Judas vorsehe. -- - -Weil es nun Gebrauch im Krieg ist, daß man alte versuchte Soldaten -zu Profosen machet, so hatten wir bei uns einen abgefeumten Erzvogel -und Kernbösewicht, der mehr als vonnöten erfahren war. Ein rechter -Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner, war er und von sich -selbsten nicht allein so fest als Stahl, sondern ein solcher Geselle, -der andere fest machen und noch darzu ganze Esquadronen Reuter ins Feld -stellen konnte. So gab es Leute, die gern mit diesem Wendenschimpf -umgingen, sonderlich Olivier unser Schreiber, um so mehr, als sich -dessen Neid gegen den jungen Herzbruder vermehrete. - -Eben damals ward meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet und -die Taufsuppe fast fürstlich dargereicht. Der junge Herzbruder -war aufzuwarten ersuchet worden und weil er sich aus Höflichkeit -einstellte, schiene solches dem Olivier die erwünschte Gelegenheit. -Dann, als nun alles vorüber war, manglete meines Obristen großer -vergöldter Becher, welcher noch vorhanden gewesen, da alle fremden -Gäste schon hinweg waren. Hierauf ward der Profos geholt, in der Sache -Rat zu schaffen und das Werk so einzurichten, daß nur dem Obristen -kund wurde, wer der Dieb war, weil noch Offizierer von seinem Regiment -vorhanden, die er nicht gern zu Schanden machen wollte, wann sich -vielleicht einer davon versehen hätte. - -Weil sich nun jeder unschuldig wußte, so kamen wir alle lustig in des -Obristen Zelt. Als der Zauberer aber etliche Worte gemurmelt hatte, -sprangen dem einen von uns hier, dem andern dort ein, zwei, drei, auch -mehr Hündlein aus den Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen, -diese wusselten behend im Zelt hin und wieder herum, daß es ein recht -lustig Spektakul war. Mir aber wurden meine kroatischen Kälberhosen, so -voller junge Hunde gegaukelt, daß ich solche ausziehen, und weil mein -Hemd vorlängst im Walde am Leib verfaulet war, nackend dastehen mußte. -Zuletzt sprang den jungen Herzbruder ein Hündlein mit göldenem Halsband -aus dem Hosenschlitz und das verschlang alle andern Hündlein, ward aber -selbsten je länger, je kleiner, das Halsband nur desto größer, bis es -sich endlich gar in des Obristen Tischbecher verwandelte. - -Da sagte der Obrist zu meinem Herzbruder: - -»Siehe, du undankbarer Gast, ich habe dich zu meinem ~Secretario~ des -morgenden Tages machen wollen. Nun aber hast du mit diesen Diebsstücken -verdient, daß ich dich noch heut aufhängen ließe. Das auch unfehlbar -geschehen sollte, wann ich deinen ehrlichen, alten Vater nicht -verschonete. Geschwind, pack dich aus meinem Läger!« - -Mein junger Herzbruder ward nicht gehört. Indem er fortging, ward dem -guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig, daß man genug an ihm zu laben -und der Obrist selbst an ihm zu trösten hatte. - -Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschichte erfuhr, nahm er -ihm die Musterschreiberstelle und lud ihm eine Picke auf, von welcher -Zeit an er bei männiglich so verachtet ward, daß er sich oft den Tod -wünschete. Sein Vater aber bekümmerte sich dergestalt, daß er in eine -schwere Krankheit fiel und sich auf das Sterben gefaßt machte. Demnach -er sich ohndas prognostizieret, daß er den 26. ~Julii~ Leib- und -Lebensgefahr ausstehen müsse, verlangte er von dem Obristen, daß sein -Sohn noch einmal zu ihm kommen dörfte. Ich ward der dritte Mitgesell -ihres Leides. Da sahe ich, daß der Sohn keiner Entschuldigung bedörftig -gegen seinen Vater, der als weiser, tiefsinniger Mann unschwer ermaß, -daß Olivier seinem Sohn hatte das Bad durch den Profosen zurichten -lassen. Aber was vermochte er gegen den Zauberer! Überdies versahe -er sich des Todes und wußte doch nicht geruhiglich zu sterben, weil -er seinen Sohn in solcher Schande hinter sich lassen sollte. Es war, -versichert, dieser beiden Jammer so erbärmlich anzuschauen, daß ich -vom Herzen weinen mußte. Zuletzt beschlossen sie, Gott ihre Sache in -Geduld heimzustellen und auf Mittel zu gedenken, wie sich der junge -Herzbruder von seiner Kompagnia loswürken und anderwärts sein Glück -suchen könnte. Da mangelte es aber am Gelde und ich gedachte meiner -gespickten Eselsohren, fragte derowegen, wieviel sie zu ihrer Notdurft -haben mußten. Der junge Herzbruder meinte, mit hundert Talern aus -seinen Nöten zu kommen. Ich rief: »Hab' ein gut Herz, Bruder, ich will -dir hundert Dukaten geben!« -- »Bist du ein rechter Narr und scherzest -in unserer äußersten Trübseligkeit?« - -Ich streifete mein Wams ab und melkete aus dem einen Eselsohr hundert -Dukaten, das Übrige behielt ich und sagte: »Hiemit will ich deinem -kranken Vater aufwarten.« - -Da fielen sie mir um den Hals, küßten mich und wußten vor Freuden -nicht, was sie taten, wollten mir auch eine Handschrift zustellen, daß -sie mich um diese ~Summam~ samt dem Interesse hinwiederum mit großem -Dank befriedigen wollten, so ich aber nicht annahm, sondern mich in -ihre beständige Freundschaft befahl. - -Hierauf wollte der junge Herzbruder verschwören, sich an dem Olivier zu -rächen oder darum zu sterben. Aber sein Vater verbot ihm solches und -versicherte ihn, daß derjenige, der den Olivier totschlüge, wiederum -vom ~Simplicio~ den Rest kriegen werde. »Doch,« sagte er, »ich bin -dessen wohl vergewissert, daß ihr beide einander nicht umbringen -werdet, weil keiner von euch durch Waffen umkommen soll.« - -Der junge Herzbruder entledigte sich mit dreißig Talern, daß ihm sein -Kapitän einen ehrlichen Abschied gab, verfügte sich mit dem übrigen -Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg, montierte sich allda mit zwei -Pferden und ließ sich unter der schwedischen Armee vor einen Freireuter -gebrauchen. - - - - -Das elfte Kapitel - - -Keiner schickte sich besser, dem alten Herzbruder abzuwarten, als ich, -so ward mir auch solches Amt von dem Obristen aufgetragen. Es besserte -sich von Tag zu Tag mit ihm, also daß er noch vor dem 26. ~Julii~ fast -wieder überall zu völliger Gesundheit gelangte. Doch wollte er sich -noch inhalten und krank stellen, bis vermeldter Tag, vor welchem er -sich merklich entsatzte, vorbei wäre. - -Indessen besuchten ihn allerhand Offizierer von beiden Armeen, die -ihr künftig Glück von ihm wissen wollten, dann weil er ein guter -~Mathematicus~ und Nativitätensteller, benebens auch ein vortrefflicher -~Physiognomist~ und ~Chiromanticus~ war, ging seine Aussag selten -fehl. Er nannte sogar den Tag, an welchem die Schlacht vor Wittstock -nachgehends geschahe, sintemal ihm viel zukamen, denen um dieselbige -Zeit, einen gewalttätigen Tod zu erleiden, angedroht war. - -Dem falschen Olivier, der sich gar däppisch bei ihm zu machen wußte, -sagte er ausdrücklich, daß er eines gewalttätigen Todes sterben müsse, -und daß ich seinen Tod rächen werde, weswegen mich Olivier folgender -Zeit hochhielt. Auch mein zukünftiges Leben erzählete er mir, welches -ich aber wenig achtete. - -Als nun der 26. ~Julii~ eingetreten war, vermahnete er mich und einen -Fourierschützen, den mir der Obrist auf sein Begehren denselben Tag -zugegeben hatte, ganz treulich, wir sollten niemand zu ihm ins Zelt -lassen. Er lag allein darin und betete. Da es aber Nachmittag ward, -kam ein Leutenant aus dem Reuterläger dahergeritten, welcher nach des -Obristen Stallmeister fragte. Er ward zu uns und gleich darauf wieder -von uns abgewiesen. Er wollte sich aber nicht abweisen lassen, sondern -bat den Fourierschützen mit untergemischten Verheißungen, ihn vor den -Stallmeister zu lassen, als mit welchem er noch diesen Abend notwendig -reden müßte. Weil aber solches auch nicht helfen wollte, fing er an -zu fluchen, mit Donner und Hagel dreinzukollern und zu sagen, er sei -schon so vielmal dem Stallmeister zu Gefallen geritten und hätte ihn -noch niemals daheim angetroffen, so er nun jetzt einmal vorhanden sei, -so sollte er abermal die Ehre nicht haben, nur ein einzig Wort mit -ihm zu reden? Stieg darauf ab, ließ sich nicht verwehren, das Zelt -selbst aufzuknüpfen, worüber ich ihm in die Hand biß und eine dichte -Maulschelle davor bekam. - -Sobald er meinen Alten sahe, sagte er: - -»Der Herr sei gebeten, mir zu verzeihen, daß ich die Frechheit -gebrauche, ein Wort mit ihm zu reden.« - -»Wohl,« antwortete der Stallmeister, »was beliebt dann dem Herrn?« - -»Nichts anders,« sagte der Leutenant, »als daß ich den Herrn bitten -wollte, ob er sich ließe belieben, mir meine Nativität zu stellen.« - -Der Stallmeister entgegnete: »Ich will verhoffen, mein hochgeehrter -Herr werde mir vergeben, daß ich demselben vor diesmal meiner Krankheit -halber nicht willfahren kann. Weil diese Arbeit viel Rechnens brauchet, -wirds mein blöder Kopf jetzo nicht verrichten können. Wann er sich aber -bis morgen zu gedulden beliebet, will ich ihm verhoffentlich genugsame -~Satisfaction~ tun.« - -»Herr,« sagte hierauf der Leutenant, »Er sage mir nur etwas dieweil aus -der Hand.« - -»Mein Herr,« antwortete der alte Herzbruder, »dieselbe Kunst ist gar -mißlich und betrüglich, derowegen bitte ich, der Herr wolle mich damit -soweit verschonen, ich will morgen hergegen alles gern tun, was der -Herr von mir begehret.« - -Der Leutenant wollte sich doch nicht abweisen lassen, sondern trat -meinem Vater vors Bette, streckte ihm die Hand dar und sagte: - -»Herr, ich bitte nur um ein paar Worte, meines Lebens Ende betreffend -mit Versicherung, wann solches etwas Böses sein sollte, daß ich des -Herren Rede als eine Warnung von Gott annehmen will, um mich desto -besser vorzusehen. Darum bitte ich um Gottes willen, der Herr wolle mir -die Wahrheit nicht verschweigen!« - -Der redliche Alte antwortete ihm hierauf kurz und sagte: »Nun wohlan, -so sehe sich der Herr dann wohl vor, damit er nicht in dieser Stunde -noch aufgehängt werde.« - -»Was, du alter Schelm,« schrie der Leutenant, »solltest du einen -Kavalier solche Worte vorhalten dörfen!« Zog damit vom Leder und stach -meinen lieben alten Herzbruder im Bette zu Tode. - -Ich und der Fourierschütz riefen alsbald Lärmen und Mordio, also daß -alles dem Gewehr zulief. Der Leutenant aber machte sich unverweilet auf -seinen Schnellfuß und wäre auch ohn Zweifel entritten, wann nicht eben -persönlich der Kurfürst von Sachsen mit vielen Pferden vorbei gekommen -wäre und ihn hätte einholen lassen. Als derselbe den Handel vernahm, -wandte er sich zu dem von Hatzfeld, als unserm General, und sagte -nichts andres als dieses: - -»Das wäre eine schlechte ~Disciplin~ in einem kaiserlichen Läger, wann -auch ein Kranker im Bette vor den Mördern seines Lebens nicht sicher -sein sollte!« - -Das war ein scharfer Sentenz und genugsam, den Leutenant um das Leben -zu bringen, gestalt ihn unser General alsbald an seinem allerbesten -Hals aufhängen ließ. - -Aus dieser wahrhaftigen Histori ist zu sehen, daß nicht sogleich alle -Wahrsagungen zu verwerfen sein, wie etliche Gecken tun, die gar nichts -glauben können. Allein ich habe oft gewünscht und wünsche es noch, daß -mein lieber alter Herzbruder zu mir geschwiegen hätte. Dann der Mensch -kann sein vorausgesetztes Ziel schwerlich überschreiten, also auch ich -die unglücklichen Fälle, so er mir angezeiget, habe niemals umgehen -können. Was half mir, daß der alte Herzbruder hoch und teuer schwur, -ich wäre von edlen Eltern geboren und erzogen worden, da ich doch von -niemand anders wußte, als von meinen Knän und meiner Meuder! ~Item~ was -halfs dem Wallenstein, Herzog von Friedland, daß ihm profezeit ward, -er werde gleichsam mit Saitenspiel zum König gekrönt werden. Weiß man -nicht, wie er zu Eger ist eingewieget worden? - - - - -Das zwölfte Kapitel - - -Meine beiden Herzbrüder hatte ich verloren, das ganze Läger vor -Magdeburg war mir verleidet, ich ward meines Standes so müd und satt, -als wann ich's mit lauter eisernen Kochkesseln gefressen hätte. - -Olivier, der ~Secretarius~, welcher nach des alten Herzbruders Tod mein -Hofmeister geworden war, erlaubte mir oft mit den Knechten auf Fourage -zu reuten. Als wir nun einsmals in ein großes Dorf kamen, darin etliche -den Reutern zuständige Bagage logierte, und jeder hin und wider in die -Häuser ging, zu suchen, was etwan mitzunehmen wäre, stahl ich mich auch -hinweg und suchte, ob ich nicht ein altes Baurenkleid finden möchte. -Aber ich mußte mit einem Weiberkleid vorlieb nehmen, zog es an und warf -den Narrenhabit in ein ~Secret~. In diesem Aufzuge ging ich über die -Gasse etlichen Offiziersweibern entgegen und machte enge Schrittlein. -Ich war aber kaum außer Dach, da mich etliche Fouragierer sahen und -besser springen lehrten. Sie schrieen: Halt! Halt! -- ich lief zu den -obgemeldten Offiziererinnen, vor denselben fiel ich auf die Knie und -bat, meine Jungfernschaft vor diesen geilen Buben zu schützen. Da ward -ich von einer Rittmeisterin vor eine Magd angenommen, bei welcher ich -mich auch beholfen, bis Magdeburg von den unseren eingenommen ward. - -Die Rittmeisterin war kein Kind mehr, wiewohl sie noch jung war, -und vernarrete sich dermaßen in meinen glatten Spiegel und geraden -Leib, daß sie mir endlich nach lang gehabter Mühe und vergeblicher, -umschweifender Weitläufigkeit nur allzu deutsch zu verstehen gab, -wo sie der Schuh am meisten drucke. Ich aber, damals noch viel zu -gewissenhaft, tät, als wann ichs nicht merkte und ließ keine anderen -Anreizungen erscheinen, als solche daraus man eine fromme Jungfer -urteilen mochte. Der Rittmeister und sein Knecht lagen an derselben -Kränke wie die Rittmeisterin, dahero befahl er seinem Weibe, sie sollte -mich besser kleiden, damit sie sich meines garstigen Baurenkittels -nicht schämen dörfte. Sie tät mehr, als ihr befohlen war, und putzte -mich heraus wie eine franzsche Poppe, welches das Feuer bei allen -dreien noch mehr schürete. Ja, es ward endlich bei ihnen so groß, daß -Herr und Knecht eifrigst von mir begehreten, was ich ihnen nit leisten -konnte und der Frau selbst mit einer schönen Manier verweigerte. Und -weil die Rittmeisterin mich noch endlich zu überwinden verhoffte, -verlegte sie dem Manne alle Pässe und liefe ihm alle Ränke ab, also -daß er vermeinete, er müsse toll und töricht darüber werden. Einsmals -stund der Knecht vor dem Wagen, darin ich alle Nacht schlafen mußte, -klagte mir seine Liebe mit heißen Tränen und bat andächtig um Gnade und -Barmherzigkeit. Ich aber erzeigte mich härter als Stein und gab ihm zu -verstehen, daß ich meine Keuschheit bis in Ehstand bewahren wollte. Da -er mir die Ehe wohl tausendmal anbot, und ich ihm stets versicherte, -daß es unmöglich sei, verzweifelte er endlich gar, dann er zog den -Degen aus, satzte die Spitze an die Brust, den Knopf an den Wagen und -tät nicht anders, als wann er sich jetzt erstechen wollte. Ich sprach -ihm zu und gab ihm Vertröstung auf morgen frühe. So ward er ~content~ -und ging schlafen, ich aber wachte desto länger. Und ich befand, -daß meine Sache mit der Zeit nicht gut tun würde. Die Rittmeisterin -ward je länger, je ~importuner~ mit ihren Reizungen, der Rittmeister -verwegener mit seinen Zumutungen, der Knecht verzweifelter in seiner -Liebe. Ich mußte oft meiner Frau bei hellem Tage Flöhe fangen, nur -darum, daß ich ihre Alabasterbrüstlein sehen und ihren zarten Leib -genug betasten sollte, welches mir, weil ich auch Fleisch und Blut -hatte, zu ertragen stets schwerer fallen wollte. Ließ mich die Frau -zufrieden, so quälete mich der Rittmeister, und wann ich von diesen -beiden Ruhe haben sollte, so peinigte mich der Knecht. Also kam mich -das Weiberkleid zu tragen viel sauerer an, als meine Narrenkappe. Ich -steckte würklich in derjenigen Gefängnus, auch Leib- und Lebensgefahr, -als mein alter Herzbruder wahrgesaget hatte. Was sollte ich tun? Ich -beschloß endlich, mich dem Knecht zu offenbaren, sobald es Tag würde, -dann ich dachte, seine Liebesregungen werden sich alsdann legen. - -Mein Hans ließ es gleich nach Mitternacht tagen, sein Jawort zu holen, -und fing an am Wagen zu rappeln, als ich eben am allerstärksten -schlief. Er rief etwas zu laut: »Sabina, Sabina, ah, mein Schatz, -stehet auf und haltet mir Euer Versprechen!« Also weckte er den -Rittmeister eher als mich, weil der sein Zelt am Wagen stehen hatte. -Ihm ward vor Eifersucht grün und gelb vor den Augen, doch kam er nicht -heraus, sondern stund nur auf zu sehen, wie der Handel liefe. Zuletzt -weckte mich der Knecht. Ich schalt ihn, er aber nötigte mich mit seiner -Importunität, aus dem Wagen zu kommen, oder ihn einzulassen. Wie ich -nun mit meinen aufgestreiften Ärmeln herabstieg, ward mein Hans durch -meine weißen Arme so heftig ~inflammieret~, daß er mich mit Küssen -anfiel. Solches vermochte der Rittmeister nicht zu erdulden, sondern -sprang mit bloßem Degen aus dem Zelt, meinem armen Liebhaber den Fang -zu geben, aber der ging durch und vergaß das Wiederkommen. - -»Du Bluthur, ich will dich lernen ...« mehrers konnte der Rittmeister -vor Zorn nicht sagen, sondern schlug auf mich zu, als wann er unsinnig -wäre. Ich fing an zu schreien, darum mußte er aufhören, damit er keinen -Alarm erregte, dann beide Armeen, die sächsische und die kaiserliche, -lagen damals gegeneinander, weil sich die schwedische unter dem Panier -näherte. - -Als es nun Tag worden, gab mich mein Herr den Reuterjungen preis, eben -als beide Armeen aufbrachen. Das war nun ein Schwarm von Lumpengesind, -und dahero die Hatz desto größer und erschröcklicher. Sie eileten -mit mir einem Busch zu, ihre viehischen Begierden zu sättigen, wie -dann diese Teufelskinder im Brauch haben, wann ihnen ein Weibsbild -dergestalt übergeben wird. So folgten ihnen auch sonst viel Bursche -nach, die dem elenden Spaß zusahen, unter welchen auch mein Hans war. -Der ließ mich nicht aus den Augen. Er wollte mich mit Gewalt erretten, -und sollte es seinen Kopf kosten. Er bekam Beiständer, weil er sagte, -ich sei seine versprochene Braut. Solches war den Reuterjungen, die ein -besser Recht auf mich zu haben vermeineten, allerdings ungelegen. Da -fing man an Stöße auszuteilen, der Zulauf ward je länger, je größer, -ihr Geschrei lockte den Rumormeister herzu, welcher eben ankam, als -sie mir die Kleider vom Leibe gerissen und gesehen hatten, daß ich -kein Weibsbild war. Seine Gegenwart machte alles stockstill, weil er -mehr geförchtet ward als der Teufel selbst. Er informierte sich der -Sache kurz und nahm mich gefangen, weil es ein ungewöhnlich und fast -argwöhnisch Ding war, daß sich ein Mannsbild in Weiberkleidern sollte -finden lassen. - -Ich ward zum General-Auditor geführt, der fing an mich zu examinieren. -Da erzählete ich meine Händel, wie sie waren, es ward mir aber nicht -geglaubt. Auch konnte der General-Auditor nicht wissen, ob er einen -Narren oder einen ausgestochenen Bösewicht vor sich hatte. Frage und -Antwort fiel so artlich und der Handel an sich selbst war seltsam. - -Er hieß mich, eine Feder nehmen und schreiben, ob etwa meine -Handschrift bekannt oder doch so beschaffen wäre, daß man etwas daraus -abnehmen möchte. Ich ergriff Papier und Feder geschicklich und fragte, -was ich schreiben sollte. Der General-Auditor, der vielleicht unwillig -war, weil das Examen sich verzog, antwortete. - -»Hei, schreib: deine Mutter, die Hur!« - -Ich satzte ihm diese Worte hin, und sie machten meinen Handel nur desto -schlimmer, dann der General-Auditor glaubte jetzt erst, daß ich ein -rechter Vogel sei. Er fragte den Profosen, ob man mich visitiert, der -Profos antwortete: nein, dann mich der Rumormeister gleichsam nackend -eingebracht hätte. Aber ach, das half nichts, der Profos mußte mich -besuchen und fand meine beiden Eselsohren mit den Dukaten. - -Da hieß es: was bedörfen wir ferner Zeugnus; dieser Verräter hat ohn -Zweifel ein groß Schelmstück zu verrichten. Warum sollte sich sonst -ein Gescheiter in ein Narrenkleid oder ein Mannsbild in Weiberkittel -verstellen, zu was End wäre er sonst mit einem so ansehnlichen Stück -Geld versehen? Saget er nicht selbst, er habe bei dem Gubernator zu -Hanau, dem allerverschlagensten Soldaten in der Welt, lernen auf der -Lauten schlagen? Was mag er sonst bei denselben Spitzköpfen vor listige -Praktiken gesehen haben! Der nächste Weg ist, daß man ihn auf die -Folter bringe! - -Wie mir damals zu Mut gewesen, kann sich ein jeder leicht einbilden. - -Aber eh man diesen strengen Prozeß mit mir ins Werk satzte, gerieten -die Schweden den Unsrigen in die Haare. Gleich anfänglich kämpften die -Armeen um den Vortel und gleich darauf um das schwere Geschütz, dessen -die Unsrigen stracks verlustig wurden. - -Unser Profos hielt zwar ziemlich weit mit seinen Leuten und den -Gefangenen hinter der Battaglia, gleichwohl waren wir unserer Brigade -so nahe, daß wir jeden von hinterwärts an den Kleidern erkennen -konnten. Und als eine schwedische Eskadron auf die unsrige traf, waren -wir sowohl als die Fechtenden selbst in Todesgefahr, dann in einem -Augenblick flog die Luft so häufig voller singender Kugeln über uns -her, daß es das Ansehen hatte, als ob die Salve uns zu Gefallen wäre -gegeben worden. Davon duckten sich die Forchtsamen, als ob sie sich in -sich selbst hätten verbergen wollen, diejenigen aber, so Courage hatten -und mehr bei dergleichen Scherz gewesen, ließen solche unverblichen -über sich hinstreichen. Im Treffen selbst suchte jeder seinem Tode -mit Niedermachung des Nächsten, der ihm aufstieß, vor zu kommen. Das -gräuliche Schießen, das Gekläpper der Harnische, das Krachen der -Piken, das Geschrei beider: der Verwundeten und Angreifenden machten -neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschröckliche Musik. -Da sahe man nichts als einen dicken Rauch und Staub, welcher schien, -als wolle er die Abscheulichkeit der Verwundeten und Toten bedecken. -In demselben hörete man ein jämmerliches Wehklagen der Sterbenden und -ein lustiges Geschrei derjenigen, die noch voller Mut staken. Die -Pferde selbst hatten das Ansehen, als wenn sie zur Verteidigung ihrer -Herren je länger, je frischer würden, so hitzig zeigten sie sich in -dieser Schuldigkeit. Deren sahe man etliche unter ihren Herren tot -darniederfallen, voller Wunden, die sie unverschuldet in getreuem -Dienste empfangen hatten, andere fielen auf ihre Reuter und wurden -so von ihnen getragen, die sie bei Lebzeiten hatten tragen müssen, -wiederum andere, nachdem sie ihrer herzhaften Last, die sie kommandiert -hatte, entladen worden, ließen die Menschen in ihrer Wut und Raserei, -rissen aus und suchten im weiten Feld ihre einstige Freiheit. - -Die Erde, die sonst alle Toten deckt, war damals selbst mit Toten -überstreut. Köpfe und Leiber lagen getrennt, etlichen hing in grausamer -und jämmerlicher Weise das Ingeweid heraus, andern war der Kopf -zerschmettert und das Hirn zerspritzt. Da sahe man die entseelten -Leiber ihres eigenen Geblüts beraubet und hingegen Lebendige mit -fremdem Blute begossen. Da lagen abgeschossene Arme, an welchen sich -die Finger noch regten, gleichsam als ob sie wieder in das Gedräng -wollten, hingegen rissen Kerle aus, die noch keinen Tropfen Blut -vergossen hatten. Dort lagen abgelöste Schenkel, die, obwohl der Bürde -ihres Körpers entladen, dennoch viel schwerer geworden waren. Da sahe -man verstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Todes, hingegen andere -um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten. ~Summa summarum~ da -war nichts anderes als ein elender, jämmerlicher Anblick. - -Die schwedischen Sieger trieben die Unsrigen, um sie mit ihrer -schnellen Verfolgung vollends zu zerstreuen. Mein Herr Profos ergriff -die Flucht und nötigte uns, samt ihm durchzugehen. Da jagte der junge -Herzbruder daher mit noch fünf Pferden und grüßte ihn mit einer -Pistole: - -»Siehe da, du alter Hund, ist es noch Zeit junge Hündlein zu machen? -Ich will dir deine Mühe bezahlen!« - -Aber der Schuß beschädigte den Profosen so wenig wie einen stählernen -Ambos. - -»Oho, bist du der Haare,« rief mein Herzbruder, »ich will nicht -vergeblich dir zu Gefallen herkommen sein. Du mußt sterben und wäre dir -deine Seele angewachsen!« - -Er befahl darauf einen Musketierer von des Profosen eigener Wacht, ihn -mit der Axt niederzuschlagen. - -Ich aber ward erkannt, meiner Ketten und Bande entlediget und auf ein -Pferd gesatzt, das mein Herzbruder durch einen Knecht in Sicherheit -führen ließ. - - - - -Das dreizehnte Kapitel - - -Demnach die sieghaften Überwinder ihre Beuten teilten und ihre Toten -begruben, ermanglete mein Herzbruder, der durch Begierde der Ehre und -Beute sich hatte so weit verhauen, daß er gefangen ward. So erbte mich -sein Rittmeister, bei welchem ich mich vor einen Reuterjungen mußte -gebrauchen lassen. - -Gleich hernach ward er zum Obrist-Leutenant befördert, ich aber schlug -ihm in den Quartieren die Lauten, im Marschieren mußte ich ihm den -Küraß nachtragen, welches mir eine beschwerliche Sache war. Dann -obzwar diese Waffen vor feindlichen Püffen schützen, so befand ich -an ihnen ein Widerspiel, indem unter ihrem Schutz auf meinem Leibe -eine Armada oder Heerhauf ausgebrütet ward, die ihren freien Paß und -Tummelplatz behaupteten, sintemal ich mit meinen Händen nicht unter -den Harnisch konnte, einen kleinen Streif unter sie zu tun. Ich hatte -weder Zeit noch Gelegenheit, sie durch Feuer, Wasser oder Gift (maßen -ich wohl wußte was Backöfen und Quecksilber vermöchten) auszurotten -und mußte mich mit ihnen schleppen, meinen Leib und Blut zum besten -geben. Endlich erfand ich eine Kunst, daß ich einen Pelzfleck um den -Ladestecken der Pistole wickelte, wenn ich dann mit dieser Lausangel -unter den Harnisch fuhr, fischte ich sie dutzendweis aus ihrem Vorteil, -es mochte aber wenig erklecken. - -Einsmals ward mein Obrist-Leutenant kommandiert eine Cavalcada mit -einer starken Partei in Westfalen zu tun, und wäre er so stark an -Reutern gewesen, als ich an Läusen, so hätte er die ganze Welt -erschröckt, so aber mußte er behutsam gehen. Ich war damals mit meiner -Einquartierung auf höchste kommen und ich getraute meine Pein nicht -länger zu gedulden. Als teils die Reuter fütterten, teils schliefen und -teils Schildwacht hielten, ging ich abseits unter einen Baum, meinen -Feinden eine Schlacht zu liefern. Zu solchem End zog ich den Harnisch -aus, unangesehen andre einen anziehen, wann sie fechten wollen, und -fing ein solches Würgen und Morden an, daß mir gleich beide Schwerter -an den Daumen vom Blut troffen. So oft mir dieses ~Rencontre~ zu -Gedächtnus kommt, beißt mich die Haut noch allenthalben. Ich dachte -zwar, ich sollte nicht so wider mein Geblüt wüten, vornehmlich wider so -getreue Diener, die sich mit einem hängen und radbrechen ließen, aber -ich fuhr mit meiner Tyrannei unbarmherzig fort, daß ich nicht gewahrte, -wie die Kaiserlichen meinen Obrist-Leutenant ~chargierten~, bis sie -endlich auch an mich kamen, meine Läus entsatzten und mich selbst -gefangen nahmen. Sie scheueten meine Mannheit gar nicht, mit der ich -kurz zuvor viel Tausend erlegt und den Titul des Schneiders »Sieben auf -einen Streich« überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner, und ich -mit ihm meinen sechsten Herrn, weil ich sein Jung sein mußte. - -Unsere Wirtin wollte nicht, daß ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen -Völkern besetzte, so machte sie ihnen den Prozeß kurz und gut, steckte -meine Lumpen in Backofen und brannte sie so sauber aus wie eine alte -Tabakpfeife. - -Hingegen bekam ich ein neues Kreuz auf den Hals, weil mein Herr einer -von denjenigen war, die in Himmel zu kommen sich getrauen. Er ließ -sich glatt am Sold genügen und betrübte im übrigen kein Kind. Seine -ganze Prosperität bestund in dem, was er mit Wachen verdienete und von -seiner wochentlichen Löhnung erkargete. Ich und sein Pferd mußten ihm -sparen helfen. Davon kams, daß ich den trockenen Pumpernickel gewaltig -beißen und mich, wanns wohl ging, mit Dünnbier behelfen mußte. Wollte -ich aber besser futtern, so mußte ich stehlen, aber mit ausdrücklicher -Bescheidenheit, daß er nichts davon innewurde. Seinethalben hätte man -weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknechte noch Feldscherer bedörft, -auch keinen Marketender noch Trommelschlager, die den Zapfenstreich tun -müssen. Sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen -Duellen, ward er aber auf ~Convoi~, Partei oder sonst einen Anschlag -kommandiert, so schlenderte er mit dahin, wie ein alt Weib am Stecken. - -Ich hatte mich keines Kleides bei ihm zu getrösten, weil er selbst -zerflickt daherging. Sein Pferd war vor Hunger so hinfällig, daß sich -weder Schwede noch Hesse vor seinem dauerhaften Nachjagen zu förchten -hatten. Dieses alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins sogenannte -Paradeis, einem Frauenkloster, auf ~Salvaguardi~ zu legen. Dort sollte -er sich begrasen und wieder montieren. Auch hatten die Nonnen um einen -frommen und stillen Kerl gebeten. - -»Potz Glück, Simprecht,« sagte er, dann er konnte meinen Namen nicht -behalten, »kommen wir gar in das Paradeis! Wie wollen wir fressen!« -Und wir fanden, was wir begehrten, daß ich in Kürze wieder einen -glatten Balg bekam. Dann da satzte es das fetteste Bier, die besten -westfälischen Schunken und Knackwürste, wohlgeschmack und sehr delikat -Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen -pflegte. Da lernte ich das schwarze Brot fingersdick mit gesalzener -Butter schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte, -und wann ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch -gespickt war, und eine gute Kanne Bier darneben stehen hatte, so -erquickte ich Leib und Seele und vergaß meines ausgestandenen Leides. - -Das Glück wollte es wieder wettspielen, da mich ehebevor das Unglück -haufenweis überfallen hatte: dann als mich mein Herr nach Soest -schickte, seine Bagage vollends zu holen, fand ich unterwegs einen Pack -mit etlichen Ellen Scharlach, samt einem Sammetfutter. Das vertauschte -ich zu Soest bei einem Tuchhändler um gemein, grünwullen Tuch zu einem -Kleid samt Ausstaffierung mit dem Geding, mir das Kleid machen zu -lassen. Ich gab ihm auch die silbernen Knöpf und Galaunen vor ein Hemd -und ein Paar neuer Schuhe. Also kehrete ich nagelneu herausgeputzt -wieder ins Paradeis zu meinem Herrn zurück, der gewaltig kollerte, daß -ich ihm den Fund nicht zugebracht, und der Filz schamet sich wohl auch, -daß sein Junge besser gekleidet war als er selbst. Derowegen ritt er -nach Soest, borgte Geld auf seinen wochentlichen ~Salvaguardi~-Sold und -montierte sich damit aufs beste. - -Von dieser Zeit an hatten wir das allerfäulste Leben. Das Kloster -war auch von den Hessen, unserm Gegenteil, mit einem Musketier -salvaguadiert, derselb war seines Handwerks ein Kürschner und dahero -nicht allein ein Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter. -Damit er seine Kunst nicht vergäße, übte er sich täglich mit mir in -allen Gewehren, wovon ich so fix ward, daß ich mich nicht scheuete ihm -Bescheid zu tun, wann er wollte. - -Das Stift vermochte eine eigene Wildbahn und hielt einen eigenen -Jäger. Weil ich nun grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm -und lernete ihm denselben Herbst und Winter seine Künste ab. Solcher -Ursachen halber nannte mich jedermann »dat Jäjerken«. Mir wurden alle -Wege und Stege bekannt, was ich mir hernach trefflich zu nutz machte. -Bei üblem Wetter las ich allerhand Bücher, die mir der Klosterverwalter -liehe, und da die Klosterfrauen gewahr wurden, daß ich neben meiner -guten Stimme auch auf der Laute und etwas wenigs auf dem Instrument -schlagen konnte, weil ich zudem eine ziemliche Leibsproportion und -schönes Gesicht hatte, hielten sie alle meine Sitten, Wesen, Tun und -Lassen vor adelig und ich mußte unversehens ein sehr beliebter Junker -sein. - -Da ward mein Herr abgelöst, was ihn auf das gute Leben so übel bekam, -daß er darüber erkrankte, und weil starkes Fieber darzu schlug, zumalen -noch die alten Mucken, die er sein Lebtag im Kriege aufgefangen, -hinzukamen, machte ers kurz und ward in drei Wochen hernach begraben. -Ich machte ihm die Grabschrift: - - Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat, - Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat. - -Ich war damals ein frischer, aufgeschossener Jüngling, der seinen -Mann stellen konnte, also ward mir von meinem Hauptmann das Erbe -des Dragoners angeboten, wann ich mich an meines toten Herren Statt -anwerben lassen wollte. Das nahm ich desto lieber an, weil mir bekannt, -daß meines Herren alte Hosen mit ziemlichen Dukaten gespickt waren. - -Allein dem Kommandanten zu Soest mangelte ein Kerl, wie ich ihm einer -zu sein dünkte, so unterstund er sich, mich noch zu bekommen, maßen -er meine Jugend vorwandte, und mich vor keinen Mann passieren lassen -wollte. Er schickte nach mir und sagte: - -»Hör, Jägerken, du sollt mein Diener sein und meine Pferde warten.« - -»Herr, wir sind nicht vor einander. Ich hätte lieber einen Herrn, in -dessen Diensten die Pferde auf mich warten. Ich will Soldat bleiben.« - -»Dein Bart ist noch viel zu klein.« - -»O nein, ich getraue einen Mann zu bestehen, der achtzig Jahre alt ist. -Der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böcke hoch ~aestimieret~ -werden.« - -»Wann die ~Courage~ so gut ist, als das Maulleder, so will ich dich -passieren lassen.« - -»Das kann in der nächsten ~Occasion~ probiert werden,« gab ich zu -verstehen. Und er ließ mich bleiben. - -Hierauf anatomierte ich meines Dragoners Hosen, schaffte mir aus deren -Eingeweid noch ein gut Pferd und das beste Gewehr und ließ mich von -neuem grün kleiden, weil mir der Name Jäger beliebte. Also ritt ich -mit meinem Jungen selbander daher wie ein Edelmann und dünkte mich -fürwahr keine Sau zu sein. Ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen -Federbusch zu zieren wie ein Offizier, daher bekam ich bald Neider und -Mißgönner, und es satzte empfindliche Worte, endlich gar Ohrfeigen. Ich -hatte aber kaum einem oder dreien gewiesen, was ich im Paradies von dem -Kürschner gelernt hatte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden, -sondern suchte auch meine Freundschaft. - -Auf Partei warf ich mich wohl herfür, daß ich in kurzer Zeit bei Freund -und Feind bekannt und so berühmt ward, daß beide Teile viel von mir -hielten. Allermaßen mir die gefährlichsten Anschläge zu verrichten -und ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden, griff ich bald -zu wie ein Böhme und, wann ich etwas namhaftes erschnappte, gab ich -meinen Offizierern so reich Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an -verbotenen Orten treiben dorfte, weil mir überall durchgeholfen ward. - -Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei feindliche -Guarnisonen übriggelassen zu Dorsten, Lippstadt und Coesfeld, denen war -ich gewaltig molest, dann ich lag ihnen bald hier, bald dort schier -täglich vor den Toren, und weil ich überall glücklich durchkam, hielten -die Leute von mir, ich könnte mich unsichtbar machen und wäre so fest -wie Stahl. Davon ward ich geförchtet wie die Pestilenz. - -Zuletzt kam es dahin: wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen war, -mußte ich solches verrichten, wodurch mein Beutel so groß ward als -mein Name. Meine Offizierer und Kameraden liebten ihren Jäger, die -vornehmsten Parteigänger vom Gegenteil entsatzten sich und den Landmann -hielt ich durch Forcht und Liebe auf meiner Seiten, dann ich wußte -meine Widerwärtigen zu strafen und die, so mir nur den geringsten -Dienst täten, reichlich zu belohnen, allermaßen ich beinahe die Hälfte -meiner Beuten verspendierte oder auf Kundschaft auslegte. Derhalben -entging mir keine Partei, kein ~Convoi~, noch eine Reis' aus des -Gegenteils Posten, alsdann ich ihr Vorhaben durchkreuzte und allen -Anschlägen mit Glück begegnete. Darneben erzeigte ich mich gegen meine -Gefangenen überaus diskret, sodaß sie mich oft mehr kosteten als die -Beute wert war, sonderlich unterließ ichs nicht, denen Offizierern, -obschon ich sie nicht kannte, ohn Verletzung meiner Pflicht und -Herrendienste eine ~Courtoisie~ zu tun. - -Durch solch ein Verhalten wäre ich zeitlich zum Offizier befördert -worden, wann meine Jugend es nicht verhindert hätte. Wer in solchem -Alter ein Fähnlein wollte, mußte ein Guter von Adel sein, zudem mein -Hauptmann an mir mehr als eine melkende Kuhe verloren hätte. Also -brachte ichs allein zum Gefreiten. Ich spekulierte Tag und Nacht, wie -ich etwas anstellen möchte, mich noch größer zu machen und konnte vor -solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen. - - - - -Das vierzehnte Kapitel - - -Ich muß ein Stücklein noch erzählen, das mir begegnet, eh ich wieder -von meinen Dragonern kam. - -Mein Hauptmann ward mit etlichen fünfzig Mann zu Fuß nach -Recklinghausen kommandiert, einen Anschlag auf eine reiche Karawane -zu machen. Wir mußten uns in den Büschen heimlich halten, so nahm ein -jeder auf acht Tag Proviant zu sich. Demnach aber die Kaufleut, denen -wir aufpaßten, die bestimmte Zeit nicht ankamen, ging uns das Brot aus, -dahero uns der Hunger gewaltig preßte, dann wir dorften nichts rauben, -wir hätten uns damit selbst verraten. - -Mein Kamerad, ein lateinischer Handwerksgesell, der erst kürzlich der -Schule entloffen, seufzete vergeblich nach den Gerstensuppen, die -ihm hiebevor seine Eltern zum besten verordnet, er aber verschmähet -und verlassen hatte. Und als er solcher Speisen gedachte, erinnerte -er sich auch seines Schulsacks: »Ach Bruder,« sagte er, »wärs nicht -eine Schande, wann ich nicht so viel Künste erstudiert haben sollte, -mich jetzund zu füttern? Wann ich nur zum Pfaffen in jenes Dorf gehen -dürfte, es sollte ein treffliches ~Convivium~ bei ihm setzen!« - -Ich überlief die Worte ein wenig, ermaß unsern Zustand und machte einen -Anschlag auf unsern Studenten hin. Der Hauptmann willigte ein. - -So wechselte ich meine Kleider mit einem andern und zottelte mit -meinem Studenten in weitem Umschweif, wiewohl das Dorf eine halbe -Stunde vor uns lag, auf die Kirche zu. Das nächste Haus bei ihr -erkannten wir vor des Pfarrers Wohnung, es stund an einer Mauer, die -um den ganzen Pfarrhof ging. Mein Kamerad hatte seine abgeschabten -Studentenkleidlein noch an, ich gab mich vor einen Malergesellen -aus, dann ich dachte diese Kunst im Dorf nicht üben zu müssen. Der -geistliche Herr war höflich, als ihm mein Gesell eine tiefe lateinische -Reverenz gemacht und einen Haufen dahergelogen hatte, was Gestalt ihn -die Soldaten auf der Reise ausgeplündert. Er bot dem Studenten ein -Stück Brot und Butter nebst einem Trunk Bier an, ich aber stellete -mich, als ob ich im Wirtshaus essen wollte und ihn alsdann anrufen, -damit wir noch ein Stück Weges hinter sich legen konnten. Also ging -ich, mich im Dorf umzusehen und hatte auch Glück, daß ich einen Baur -antraf, der seinen Backofen zukleibte, darin er große Pumpernickel -hatte, die vier und zwanzig Stunden sitzen und ausbacken sollten. -Demnach wußte ich genug und machte es beim Wirte kurz. - -Da ich auf den Pfarrhof kam, hatte mein Kamerad schon gekröpft und dem -Pfarrer gesagt, daß ich Maler sei, willens meine Kunst in Holland zu -perfectionieren. Der Pfarrer hieße mich sehr willkommen und bat mich, -mit ihm in die Kirche zu gehen, da er mir etliche schadhafte Stück -weisen wolle. Ich mußte folgen, er führte mich durch die Küche, und -während er das Nachtschloß an der starken Eichentür aufmachte, die -auf den Kirchhof ging -- ~ominorum~! -- da sahe ich, daß der schwarze -Himmel seiner Kuchelesse voller Lauten, Flöten und Geigen hing in -Gestalt von Schinken, Knackwürsten und Speckseiten. Trostmütig blicket -ich sie an, weil mich bedünkte, als lachten sie mir und ich erwog, wie -ich sie dem obgemeldten Ofen voll Brot zugesellen möchte. Allein der -Pfarrhof war ummauret, alle Fenster mit Eisengittern genugsam verwahrt -und so lagen auch zween ungeheure Hunde im Hof, welche bei Nacht -gewißlich nicht schlafen würden, wenn man dasjenige stehlen wollte, -daran auch ihnen zu nagen gebühret. - -Wie wir nun in die Kirche kamen, von den Gemälden allerhand -diskurierten und mir der Pfarrer etliches auszubessern verdingen -wollte, ich aber Ausflüchte suchte, meinte der Meßner: »Du Kerl, ich -sehe dich eher vor einen verloffenen Soldatenjungen an, als vor einen -Malergesellen!« Ich antwortete: »O du Kerl, gib mir geschwind Pensel -und Farben, so will ich dir im Hui einen Narren gemalet haben, als du -einer bist.« - -Der Pfarrer machte ein Gelächter daraus und meinete, es gezieme sich -nicht an einem so heiligen Ort, einander wahr zu sagen. Er ließ uns -beiden noch einen Trunk langen und also dahin ziehen. Ich aber vergaß -mein Herz bei den Knackwürsten. - -Um Mitternacht kamen wir wieder ins Dorf und ich hatte sechs gute Kerle -ausgelesen, darunter meinen munteren Knecht Spring-ins-Feld. In aller -Stille huben wir das Brot aus dem Ofen, weil wir einen mithatten, -der Hunde bannen konnte. Da wir nun bei dem Pfarrhof vorüberwollten, -konnte ichs nicht übers Herz bringen, ohne Speck weiter zu passieren. -Ich wußte aber keinen andern Eingang als den Kamin, der sollte vor -diesmal meine Tür sein. Wir brachten Leiter und Seil aus einer Scheuer -zuwege, ich stieg selbander mit Spring-ins-Feld aufs Dach, welches von -Hohlziegeln doppelt belegt und zu meinem Vorhaben sehr bequem gebauet -war. Meine langen Haar wicklete ich zu einem Büschel über dem Kopf -zusammen und ließ mich mit einem End des Seils hinunter zu meinem -geliebten Speck. Band also einen Schinken nach dem andern und eine -Speckseite nach der andern an das Seil, was alles der andere fein -ordentlich zum Dach hinaus fischete und weitergab. - -Aber, potz Unstern, da ich allerdings Feierabend gemachet hatte, brach -eine Stange, sodaß ~Simplicius~ hart hinunterfiele und das Seil riß, -ehe mich meine Kameraden vom Boden brachten. Ich dachte, Jäger, nun -mußt du eine Hatze ausstehen, in welcher dir selbst das Fell gewaltig -zerrissen wird werden, dann der Pfarrer war erwacht und befahl seiner -Köchin alsbald ein Licht anzuzünden. Sie kam im Hemd zu mir in die -Kuchen, hatte den Rock über der Achsel hangen und stund so nahe neben -mir, daß sie mich damit rührete. Sie griff nach einem Brand und hielt -das Licht daran und fing an zu blasen. Ich aber blies viel stärker zu, -davon das gute Mensch erschrak, daß sie Feuer und Licht fallen ließ und -sich zu ihrem Herrn retirierte. - -Ich bedachte mich und wehrete meine Kameraden, die mir zu verstehen -gaben, daß sie das Haus aufstoßen wollten. Allein Spring-ins-Feld -sollte oben bleiben, die andern an das Gewehr. Inzwischen schlug der -Geistliche sich selber ein Licht an, seine Köchin aber erzählete -ihm, daß ein gräulich Gespenst mit zween Köpfen, davor sie meinen -Haarbüschel angesehen, in der Kuchen wäre. Das hörete ich, rieb mir -derowegen mein Angesicht mit Asche, Ruß und Kohlen, daß ich ohn -Zweifel keinem Engel mehr -- wie hiebevor die Klosterfrauen sagten -- -gleich sahe und der Meßner mich wohl vor einen geschwinden Maler hätte -passieren lassen. Ich fing an in der Kuchen schröcklich zu poltern und -das Geschirr untereinander zu werfen. Den Kesselring hing ich an den -Hals, den Feuerhaken behielt ich auf den Notfall. - -Solches ließ sich der fromme Pfaffe nicht irren, dann er kam mit -seiner Köchin prozessionsweis daher, welche zwei Wachslichter in den -Händen und einen Weihwasserkessel am Arm trug, er selbsten war mit -dem Chorrock bewaffnet samt den Stollen und hatte den Sprengel in der -einen und ein Buch in der andern Hand. Aus demselben fing er an, mich -zu exorcisieren, fragende: »Wer bist du und was willst du?« -- »Ich bin -der Teufel und will dir und deiner Köchin die Hälse umdrähen!« - -Da fuhr er eifrig in seinem ~Exorcismo~ weiter fort und hielt mir vor, -daß ich weder mit ihm noch mit seiner Köchin nichts zu schaffen hätte, -hieß mich auch mit der allerhöchsten Beschwörung wieder hinfahren, wo -ich herkommen wäre. Ich aber antwortete mit ganz förchterlicher Stimme, -daß solches unmöglich sei, wannschon ich gern wollte. Indessen hatte -Spring-ins-Feld, der ein abgefäumter Erzvogel war und kein Latein -verstund, seine seltsamen Tausendhändel auf dem Dach, dann er hörete, -daß ich mich vor den Teufel ausgab, und mich auch der Geistliche also -hielt. Er wixte wie eine Eule, bellte wie ein Hund, wieherte wie ein -Pferd, blökte wie ein Geißbock, schrie wie ein Esel und ließ sich bald -durch den Kamin hinunter hören wie ein Haufen Katzen, die im Hornung -rammeln, bald wie eine Henne, die legen wollte, dann dieser Kerl konnte -aller Tiere Stimmen nachmachen. Solches ängstigte den Pfarrer und die -Köchin auf das Höchste, ich aber machte mir ein Gewissen, daß ich mich -vor den Teufel beschwören ließe. - -Mitten in solchen Ängsten, die uns beiderseits umgaben, ward ich -gewahr, daß das Nachtschloß an der Tür, die auf den Kirchhof ging, -nicht eingeschlagen, sonder der Riegel nur vorgeschoben war. Ich schob -ihn geschwind zurück und wischte hinaus. - -Wir liefen in den Busch, weil wir im Dorf nichts mehr zu verrichten -hatten. Dort erquickte sich die ganze Partei an dem, was von uns -gestohlen worden, und bekam kein einziger den Klucksen darvon, so -gesegnete Leute waren wir. - -Also lagen wir noch zween Tage an selbigem Ort und erwarteten -diejenigen, denen wir schon so lange aufgepaßt hatten. Wir verloren -keinen einzigen Mann und bekamen dreißig Gefangene. Ich erhielt doppelt -Part, das waren drei schöne Frießländer Hengst mit Kaufmannswaren -beladen, was sie in Eil forttragen mochten. Wir retirierten uns mehrer -Sicherheit halber auf Rehnen. - -Daselbst gedachte ich wieder an den Pfaffen, dem ich den Speck -gestohlen hatte, nahm einen Saphir, in einen göldenen Ring gefaßt, aus -meiner Beute und schickte ihn von Rehnen aus durch einen gewissen Boten -mit einem Brieflein an den Geistlichen. - -»Wohlehrwürdiger usw. Wann ich dieser Tagen im Wald noch etwas zu -leben gehabt hätte, so wäre kein Ursache gewesen Euer Wohlehrwürden -ihren Speck zu stehlen, wobei Sie vermutlich sehr erschröckt worden. -Ich bezeuge beim Höchsten, daß Sie solche Angst wider meinen Willen -eingenommen, hoffe derowegen um Vergebung. Was den Speck anbelangt, -schicke ich derohalben gegenwärtigen Ring mit Bitte, Euer Wohlehrwürden -belieben damit Vorlieb zu nehmen. Versichere darneben, daß Dieselbe -im übrigen auf alle Begebenheit einen dienstfertigen und getreuen -Diener hat an dem, den dero Meßner vor keinen Maler hält, welcher sonst -genannt wird - - der - Jäger.« - -Dem Bauren aber schickte die Partei aus gemeiner Beute sechzehen -Reichstaler. - -Von Rehnen gingen wir auf Münster und von dar auf Ham und heim nach -Soest in unser Quartier, allwo ich nach einigen Tagen eine Antwort von -dem Pfarrer empfing. - -»Edler Jäger usw. Wann derjenige, dem Ihr den Speck gestohlen, hätte -gewußt, daß Ihr ihm in teuflischer Gestalt erscheinen würdet, hätte er -sich nicht so oft gewünscht, den landberufenen Jäger auch zu sehen. -Gleichwie aber das geborgte Fleisch und Brot viel zu teuer bezahlt -worden, also ist auch der eingenommene Schröcken desto leichter zu -verschmerzen, weil er von einer so berühmten Person ist wider ihren -Willen verursachet worden, deren hiemit allerdings verziehen wird, mit -Bitte, dieselbe wolle ein andermal ohne Scheu zusprechen bei dem, der -sich nicht scheut, den Teufel zu beschwören. - - ~Vale~!« - -Also machte ichs allerorten und überkam dadurch einen großen Ruf. - - - - -Das dritte Buch - - - - -Das erste Kapitel - - -In Soest suchte ich Ruhm und Gunst in Handlungen, die sonst strafwürdig -gewesen wären. Ich war ehrgeizig geworden, und meine Torheit ließ -mich Leib- und Lebensgefahr vor gering anschlagen. Wann andere -schliefen, hielten mich meine wunderlichen Grillen wach, und ich sann -auf neue Fündgen und Listen. So erfand ich eine Gattung Schuhe, die -man den Absatz zuvorderst anziehen konnte, deren ließe ich dreißig -unterschiedliche Paar machen. Wann ich solche unter meine Burschen -austeilete, war es unmöglich, uns aufzuspüren, dann wir trugen bald -diese, bald unsere rechten Schuhe an den Füßen, und es sahe am Ziele -aus, als wann zwo Parteien allda zusammengekommen wären und mit -einander verschwunden seien. Ohndas verwirrete ich unsere Spur, so -daß mich niemand hätte auskünden können. Ich lag oft allernächst bei -denen vom Gegenteil, die mich in der Ferne suchten, und noch öfter -etliche Meilwegs von dem Busch, den sie umstellten und durchstreiften. -Also ließ ich auch an Scheid- und Kreuzwegen unversehens absteigen und -den Pferden die Eisen das hinterst zu vörderst aufschlagen. Ganz zu -geschweigen der gemeinen Vorteil, die man brauchet, wann man schwach -auf Partei ist und doch vor stark aus der Spur judiziert werden will. - -Wann ich nicht auf Partei dorfte, so ging ich sonst aus zu stehlen, -und dann war kein Stall vor mir sicher. Rindviehe und Pferden wußte -ich Stiefel und Schuhe anzulegen, bis ich sie auf eine gänge Straße -brachte. Die großen fetten Schweinspersonen, die Faulheit halber nicht -reisen mögen, wußte ich meisterlich fort zu bringen, wann sie schon -grunzten und nicht daran wollten. Ich machte ihnen mit Mehl und Wasser -einen wohlgesalzenen Brei, ließ solchen einen Badeschwamm in sich -saufen, an welchen ich einen starken Bindfaden gebunden hatte. Ließ -nachgehends diejenigen, um welche ich buhlete, den Schwamm voll Mus -fressen und behielt die Schnur in der Hand, worauf sie ohne Wortwechsel -geduldig mitgingen und mir die Zeche mit Schinken und Würsten -bezahleten. - -Was ich brachte, teilete ich sowohl den Offizierern als meinen -Kameraden getreulich mit. Im übrigen dünkte ich mich viel zu gut darzu -zu sein, daß ich die Armen bestehlen, Hühner fangen oder andere geringe -Sachen hätte mausen sollen. - -Dahero fing ich an nach und nach mit Fressen und Saufen ein epikuräisch -Leben zu führen, weil ich meines Einsiedels Lehren vergessen und -niemand hatte, der meine Jugend regierte. Meine Offizierer schmarotzten -bei mir und reizten mich viel mehr zu allen Lastern, wo sie mich hätten -strafen und abmahnen sollen. So ward ich endlich gottlos und verrucht, -daß mir kein Schelmstück zu groß schien, und zuletzt auch heimlich -beneidet, beides: von Kameraden und Offizieren, da ich mir einen -größeren Namen und Ansehen machte, als sie selbst hatten. - -Während ich im Begriffe stund, mir einige Teufelslarven und -darzugehörige Kleidungen mit Roß- und Ochsenfüßen machen zu lassen, -vermittels deren ich Freund und Feind in Schröcken setzen könnte, -bekam ich Zeitung, daß ein Kerl sich in Werle aufhielte, welcher ein -trefflicher Parteigänger sei, sich grün kleiden lasse und hin und her -auf dem Land, sonderlich bei unsern Kontribuenten, unter meinem Namen -mit Weiberschänden und Plünderungen allerhand Exorbitantien verübe, -maßen dahero gräuliche Klagen auf mich einkamen. Solches gedachte ich -ihm nicht zu schenken, weit weniger zu leiden, daß er sich länger -meines Namens bediene. Ich ließ ihn mit Wissen des Kommandanten in -Soest auf Degen und Pistolen ins freie Feld zu Gast laden, nachdem er -aber das Herz nicht hatte zu erscheinen, ließ ich mich vernehmen, daß -ich mich an ihm revangieren wollte, so ich ihn auf Partei ertappte, -werde er von mir als Feind traktiert werden. Darauf verbrannte ich -in Soest vor meinem Quartier offentlich meine ganze grüne Kleidung, -unangesehen, daß sie über hundert Dukaten wert war, und fluchte in -solcher Wut noch darüber hin, daß der nächste, der mich mehr »Jäger« -nenne, entweder mich ermorden oder von meinen Händen sterben müsse, und -sollte es auch meinen Hals kosten. Ich wollte auch keine Partei mehr -führen, ich hätte mich zuvor an meinem Widerpart zu Werle gerochen. - -Dies erscholl gar bald in der Nachbarschaft, davon wurden die Parteien -vom Gegenteil so kühn und sicher, daß sie schier täglich vor unsern -Schlagbäumen lagen. Was mir aber gar zu unleidlich viel war, daß der -Jäger von Werle noch immer fortfuhr sich vor mich auszugeben. - -Indessen jedermann meinete, ich läge auf der Bernhaut, kündigte ich -meines Gegenteils von Werle Tun und Lassen aus und machte meinen -Anschlag darauf. Meine beiden Knechte, sonderlich Spring-ins-Feld, -hatte ich nach und nach abgerichtet wie die Wachtelhunde. Davon -schickte ich den einen nach Werle zu meinem Gegenteil. Der wandte -vor, daß ich nunmehr anfinge zu leben, wie ein anderer Kujon und -verschworen hätte nimmer auf Partei zu gehen, so hätte er nicht mehr -bei mir bleiben mögen. Er wisse alle Wege und Stege im Lande und könne -manchen Anschlag geben, gute Beute zu machen. Der einfältige Narr von -Werle glaubte meinem Knecht und nahm ihn an. So bekam ich Wind, daß sie -in einer bestimmten Nacht auf eine Schäferei zuhielten, etliche fette -Hämmel zu holen. Ich bestach den Schäfer, daß er seine Hunde anbinden -und die Ankömmlinge unverhindert in die Scheuer minieren lassen sollte, -so wollte ich ihnen das Hammelfleisch schon gesegnen. Indessen paßte -ich und Spring-ins-Feld mit einem andern Knecht auf, die ich hiebevor -beide mit meinen Teufelslarven und Kleidern wohl ausstaffieret. - -Da nun der Jäger von Werle und sein Knecht ein Loch durch die Wand -gegraben hatten, wollte der Jäger haben, daß der Knecht zum erstenmal -hineinschliefe. Der aber sagte: »Ich sehe wohl, daß Ihr nicht mausen -könnt, man muß zuvor visieren, ob Bläsi zu Hause sei oder nicht.« - -Er zog hierauf seinen Degen und hing den Hut an die Spitze, stieß -etliche Male durchs Loch. Als solches geschehen, kroch der Jäger als -erster hinein, aber Spring-ins-Feld erwischte ihn gleich bei der -Degenhand. Da hörete ich, daß sein anderer Gesell durchgehen wollte, -und weil ich nicht wußte, welches der Jäger sei, eilete ich nach und -ertappte ihn. - -»Was Volks?« -- »Kaiserisch.« -- »Was Regiments, ich bin auch -kaiserisch, ein Schelm, der seinen Herrn verleugnet!« -- »Wir seind von -den Dragonern von Soest,« sagte er, »Bruder, ich hoffe, Ihr werdet uns -passieren lassen.« -- »Wer seid Ihr dann aus Soest.« -- »Mein Kamerad, -den Ihr im Stall ertappet, ist der Jäger.« -- »Schelmen seid ihr! Warum -plündert ihr dann euer eigen Quartier, der Jäger von Soest ist so kein -Narr, daß er sich in einem Schafstall fangen läßt!« -- »Ach, von Wörle -wollt ich sagen,« antwortete er mir. - -Indem ich so disputierte, kam mein Knecht und Spring-ins-Feld mit -meinem Gegenteil auch daher. - -»Siehe da, du ehrlicher Vogel, kommen wir hier zusammen? Wann ich -kaiserliche Waffen nicht respektierte, so wollte ich dir gleich eine -Kugel durch den Kopf jagen. Ich bin der Jäger von Soest und du bist -ein Schelm, bis du einen von gegenwärtigen Degen zu dir nimmst und den -andern auf Soldatenmanier mit mir missest.« - -Indem legte Spring-ins-Feld uns zwei gleiche Degen vor die Füße. Der -arme Jäger erschrak so gewaltig, daß er seine Hosen verderbte, davon -schier niemand bei ihm bleiben konnte. Er und sein Kamerad zitterten -wie nasse Hunde, sie fielen auf die Knie und baten um Gnade. Aber -Spring-ins-Feld kollerte wie aus einem hohlen Hafen heraus: »Du -mußt einmal raufen, oder ich will dir den Hals brechen!« -- »Ach, -hochgeehrter Herr Teufel, ich bin nicht des Raufens halber herkommen! -Der Herr Teufel überhebe mich dessen, so will ich hingegen tun, was du -willst.« - -Mein Knecht zwang ihm den Degen in die Hand, er zitterte aber so, daß -er ihn nicht halten konnte. Der Schäfer kam herbei und stellte sich, -als ob er von den beiden Teufeln nichts sähe, er fragte mich, was ich -mit diesen beiden Kerlen lang in seiner Schäferei zu zanken hätte, ich -sollte es an einem andern Ort ausmachen, dann unsere Händel gingen ihm -nichts an. Er gäbe monatlich seine Konterbission und wolle in Frieden -leben. Zu den beiden sagte er, warum sie sich von mir einzigem Kerl -geheien ließen und mich nicht niederschlügen. - -»Du Flegel,« rief ich, »sie haben dir deine Schafe stehlen wollen!« - -Da sagte der Bauer: »So wollte ich, daß sie meinen Schafen müßten den -Hintern lecken.« Damit ging er weg. - -Ich drang auf das Fechten, mein armer Jäger aber konnte vor Forcht -schier nicht mehr auf den Füßen stehen, also daß er mich daurete. Er -und sein Kamerad brachten so bewegliche Worte vor, daß ich ihm endlich -alles verziehe und vergab. - -Aber Spring-ins-Feld war damit nicht zufrieden, er zwang den Jäger an -dreien Schafen zu tun, was der Baur gewünscht hatte, und zerkratzte -ihn mit seinen Teufelskrallen noch darzu so abscheulich im Gesicht, -daß er aussahe, als ob er mit den Katzen gefressen hätte, mit welcher -schlichten Rache ich mich zufrieden gab. - -Der Jäger von Werle verschwand bald aus der Gegend, weil er sich zu -sehr schämte, dann sein Kamerad sprengte aller Orten aus und beteuret -es mit heftigen Flüchen, daß ich wahrhaftig zween leibhaftiger Teufel -hätte, die mir auf den Dienst warteten. Darum ward ich noch mehr -geförchtet, hingegen aber desto weniger geliebet. - - - - -Das ander Kapitel - - -Solches wurde ich bald gewahr, daher stellete ich mein vorig gottlos -Leben allerdings ab. Ich ging zwar auf Partei, zeigete mich aber gegen -Freund und Feind so leutselig und diskret, daß alle, die mir unter die -Hände kamen, ein anderes glaubten, als sie von mir gehöret hatten. -Ich sammlete mir viel schöne Dukaten und Kleinodien, welche ich hin -und wieder auf dem Lande in hohle Bäume verbarg, dann ich hatte mehr -Feinde in der Stadt Soest und im Regiment, die mir und meinem Gelde -nachstellten, als außerhalb und bei den feindlichen Guarnisonen. - -Ich saß einsmals mit fünfundzwanzig Feuerröhren nicht weit von Dorsten -und paßte einer Bedeckung mit etlichen Fuhrleuten auf, die nach Dorsten -kommen sollte. Ich hielt selbst Schildwacht, weil wir dem Feinde nahe -waren. Da sah ich einen Mann daherkommen, fein ehrbar gekleidet, der -redete mit sich selbst und focht dabei seltsam mit den Händen. - -»Ich will einmal die Welt strafen, es sei dann, mir wolle es das große -~Numen~ nicht zugeben!« - -Woraus ich mutmaßete, er möcht etwan ein mächtiger Fürst sein, der so -verkleideter Weise herumginge, seiner Untertanen Leben und Sitten zu -erkunden. Ich dachte, ist dieser Mann vom Feind, so setzt es ein gutes -Lösegeld, wo nicht, so willst du ihn aufs höflichste traktieren. Sprang -derohalben hervor und präsentierte mein Gewehr mit aufgezogenem Hahnen. - -»Der Herr wird belieben, vor mir hin in den Busch zu gehen.« - -Er antwortete sehr ernsthaftig: »Solcher ~Tractation~ ist -meinesgleichen nicht gewohnt.« - -Ich tummlete ihn höflich fort. »Der Herr wird sich vor diesmal in die -Zeit schicken.« - -Als die Schildwachen wieder besetzt waren, fragte ich ihn, wer er -sei. Er antwortete großmütig, es würde mir wenig daran gelegen sein, -wannschon ich es wüßte: Er sei auch ein großer Gott! - -Ich gedachte, er mochte mich vielleicht kennen und etwan ein Edelmann -von Soest sein und so sagen, um mich zu hetzen, weil man die Soester -mit dem großen Gott und dem göldenen Fürtuch zu vexieren pfleget, ward -aber bald in, daß ich anstatt eines Fürsten einen Phantasten gefangen -hätte, der sich überstudieret und in der Poeterei gewaltig verstiegen, -dann er gab sich vor den Gott Jupiter aus. Ich wünschte zwar, daß ich -den Fang nicht getan, mußte den Narren aber wohl behalten. Mir ward ohn -das die Zeit lang, so gedachte ich diesen Kerl zu stimmen. - -»Nun dann, mein lieber Jove, wie kommt es doch, daß deine hohe Gottheit -ihren himmlischen Thron verlässet und zu uns auf Erden steiget? Vergib -mir, o Jupiter, meine Frage, die du vor fürwitzig halten möchtest, dann -wir seind den himmlischen Göttern auch verwandt und eitel ~Sylvani~, -von den ~Faunis~ und ~Nymphis~ geboren, denen diese Heimlichkeit billig -unverborgen bleiben sollte.« - -»Ich schwöre beim ~Styx~,« antwortete er, »daß du nichts erfahren -solltest, wann du meinem Mundschenken ~Ganymed~ nicht so ähnlich -sähest! Zu mir ist ein groß Geschrei über der Welt Laster durch die -Wolken gedrungen, darüber ward in aller Götter Rat beschlossen, -den Erdboden wieder mit Wasser auszutilgen. Weil ich aber dem -Menschengeschlecht mit sonderbarer Gunst gewogen bin, vagiere ich jetzt -herum, der Menschen Tun und Lassen selbst zu erkündigen. Obwohl ich -alles ärger finde, als es vor mich gekommen, so will ich doch nicht -alle Menschen zugleich und ohn Unterscheid ausrotten, sondern allein -die Schuldigen.« - -Ich verbiß das Lachen, so gut ich konnte. - -»Ach Jupiter, deine Mühe und Arbeit wird besorglich allerdings umsonst -sein. Schickest du zur Straf einen Krieg, so laufen alle verwegenen -Buben mit, welche die friedliebenden, frommen Menschen nur quälen -werden; schickest du eine Teuerung, so ists eine erwünschte Sache vor -die Wucherer, weil alsdann denselben ihr Korn viel gilt; schickest du -aber eine Sterben, so haben die Geizhälse und alle übrigen Menschen ein -gewonnenes Spiel, indem sie hernach viel erben. Wirst derhalben die -ganze Welt mit Butzen und Stiel ausrotten müssen.« - -»Du redest von der Sache wie ein natürlicher Mensch,« antwortete -Jupiter, »als ob du nicht wüßtest, daß es einem Gott möglich ist, die -Bösen zu strafen, die Guten zu erhalten! Ich will einen deutschen -Helden erwecken, der soll alles mit der Schärfe seines Schwertes -vollenden.« - -Ich meinte: »So muß ja ein solcher Held auch Soldaten haben, und wo -man Soldaten braucht, da ist auch Krieg, und wo Krieg ist, da muß der -Unschuldige sowohl als der Schuldige herhalten.« - -»Ich will einen solchen Helden schicken, der keiner Soldaten bedarf und -doch die ganze Welt reformieren soll. In seiner Geburtsstunde will ich -ihm verleihen einen wohlgestalten und stärkeren Leib, als ~Herkules~ -einen hatte, mit Fürsichtigkeit, Weisheit und Verstand überflüssig -gezieret. ~Mercurius~ soll ihn mit unvergleichlich sinnreicher Vernunft -begaben, ~Vulcan~ soll ihm ein Schwert schmieden, mit welchem er die -ganze Welt bezwingen und alle Gottlosen niedermachen wird, ohne fernere -Hilfe eines einzigen Menschen. Eine jede große Stadt soll vor seiner -Gegenwart erzittern, und eine jede Festung, die sonst unüberwindlich -ist, wird er in der ersten Viertelstunde in seinem Gehorsam haben. -Zuletzt wird er den größten Potentaten der Welt befehlen und die -Regierung über Meer und Erden so löblich anstellen, daß beides: Götter -und Menschen ein Wohlgefallen darob haben sollen.« - -Ich sagte: »Wie kann die Niedermachung aller Gottlosen ohn -Blutvergießen und das Kommando über die ganze weite Welt ohn sonderbare -große Gewalt und starken Arm geschehen? O Jupiter, ich bekenne dir -unverhohlen, daß ich diese Dinge weniger als ein sterblicher Mensch -begreifen kann.« - -»Weil du nicht weißt, was meines Helden Schwert vor eine seltene -Kraft an sich haben wird. Wann er solche entblößet und nur einen -Streich in die Luft tut, so kann er einer ganzen Armada, wenngleich -sie hinter einem Berg stünde, auf einmal die Köpfe herunterhauen, -sodaß die armen Teufel ohne Kopf daliegen müssen, eh sie einmal -wissen wie ihnen geschehen. Er wird von einer Stadt zur andern -ziehen und das halsstarrig und ungehorsam Volk, Mörder, Wucherer, -Diebe, Schelme, Ehebrecher, Hurer und Buben ausrotten. Er wird jeder -Stadt ihren Teil Landes, um sie her gelegen, im Frieden zu regieren -übergeben. Von jeder Stadt durch ganz Deutschland wird er zween von -den klügsten und gelehrtesten Männern zu sich nehmen, aus denselben -ein Parlament machen, die Städte mit einander auf ewig vereinigen, -die Leibeigenschaften samt allen Zöllen, Accisen, Zinsen, Gülten und -Umgelten durch ganz Deutschland aufheben und solche Anstalten machen, -daß man von keinem Frohnen, Wachen, Contribuieren, Geldgeben, Kriegen, -noch einziger Beschwerung beim Volk mehr wissen wird. Alsdann werde ich -mit dem ganzen Götterchor oftmals herunter zu den Deutschen steigen und -die Musen von neuem darauf pflanzen. Ich will dann nur deutsch reden -und mit einem Wort mich so gut deutsch erzeigen, daß ich ihnen auch -endlich, wie vordem den Römern, die Beherrschung über die ganze Welt -werde zukommen lasse.« - -Ich sagte: »Höchster Jupiter, was werden aber Fürsten und Herren dazu -sagen?« - -Er antwortete: »Hierum wird sich mein Held wenig bekümmern. Er wird die -Großen in drei Teile unterscheiden und diejenigen, so unexemplarisch -und verrucht leben, gleich den Gemeinen strafen, denen andern aber -wird er die Macht geben, im Land zu bleiben oder nicht. Wer bleibet -und sein Vaterland liebet, der wird leben müssen wie andere gemeine -Leute, die dritten aber, die ja Herren bleiben und immerzu herrschen -wollen, wird er durch Ungarn und Italien in die Moldau, Wallachei, in -Macedoniam, Thraciam, Griechenland, ja, über den Hellespontum in Asiam -hineinführen, ihnen dieselbigen Länder gewinnen, alle Kriegsgurgeln in -ganz Deutschland mitgeben und sie alldort zu lauter Königen machen. -Alsdann wird er Konstantinopel in einem Tag einnehmen und allen Türken, -die sich nicht bekehren, die Köpfe vor den Hintern legen. Daselbst -wird er das römische Kaisertum wieder aufrichten und sich wieder -nach Deutschland begeben und mit seinem Parlament eine Stadt mitten -in Deutschland bauen, welche viel größer sein wird und goldreicher -als Jerusalem zu Salomonis Zeiten, deren Wälle sich dem tirolischen -Gebirg und ihre Wassergräben der Breite des Meeres zwischen Hispania -und Afrika vergleichen sollen. Er wird einen Tempel darin bauen und -eine Kunstkammer aufrichten, darin sich alle Raritäten der ganzen Welt -versammeln.« - -Ich fragte den Narren, was dann die christlichen Könige bei der Sache -tun würden, und er antwortete: - -»Die in England, Schweden und Dänemark werden, weil sie deutschen -Geblütes und Herkommens, die in Hispania, Frankreich und Portugal, -weil die alten Deutschen selbige Länder hiebevor regieret haben, ihre -Kronen, Königreiche und inkorporierten Länder von der deutschen Nation -aus freien Stücken zu Lehen empfangen. Alsdann wird, wie zu Augusti -Zeiten, ein ewiger beständiger Friede zwischen allen Völkern in der -ganzen Welt sein.« - - - - -Das dritte Kapitel - - -Spring-ins-Feld hätte den Handel beinahe verderbet, weil er sagte: »Und -alsdann wirds in Deutschland hergehen wie im Schlauraffenland, da es -lauter Muskateller regnet und die Kreuzerpastetlein über Nacht wie die -Pfifferlinge wachsen! Da werd ich mit beiden Backen fressen müssen wie -ein Drescher, und Malvasier saufen, daß mir die Augen übergehen!« - -Da sagte Jupiter zu mir: »Ich habe vermeint, ich sei bei lauter -Waldgöttern, so sehe ich aber, daß ich den neidigen, dürren Tadler -~Momus~ und ~Zoilus~ angetroffen habe. Ja, man soll edle Perlen nicht -vor die Säue werfen!« - -Ich verbiß mein Lachen, so gut ich konnte, und sagte zu ihm: -»Allergütigster Jove, du wirst ja eines groben Waldgottes -Unbescheidenheit halber deinem andern Ganymede nicht verhalten, wie es -weiter in Deutschland hergehen wird.« - -»O nein, aber befiehl diesem säuischen ~Commentatori~ fürderhin seine -Zunge im Zaum zu halten. -- Höre, lieber Ganymed, es wird alsdann -in Deutschland das Goldmachen so gewiß und so gemein werden als das -Hafnerhandwerk, daß schier ein jeder Roßbub den Stein der Weisen wird -umschleppen.« - -»Wie aber wird Deutschland bei so unterschiedlichen Religionen einen -langwierigen Frieden haben können? Werden die Pfaffen nicht die Ihrigen -hetzen und des Glaubens wegen wiederum einen Krieg anspinnen?« - -»Nein,« sagte Jupiter, »mein Held wird weislich zuvorkommen und alle -Glauben vereinigen.« - -»O Wunder! Das wäre ein groß Werk! Wie müßte das geschehen?« - -»Das will ich dir herzlich gern offenbaren: Nachdem mein Held den -Universal-Frieden der ganzen Welt verschafft, wird er geistliche und -weltliche Vorsteher der unterschiedlichen Völker und Kirchen mit -einem sehr beweglichen Sermon anreden und sie durch hochvernünftige -Gründe und unwiderlegliche Argumenta dahin bringen, daß sie sich -selbst eine allgemeine Vereinigung wünschen. Alsdann wird er die -allergeistreichsten, gelehrtesten und frömmsten von allen Orten und -Enden her aus allen Religionen zusammenbringen und ihnen auferlegen, -daß sie sobald immer möglich die Streitigkeiten ernstlich beilegen und -nachgehends mit rechter Einhelligkeit die wahre, heilige, christliche -Religion gemäß der heiligen Schrift, der uralten Tradition und der -probierten heiligen Väter Meinung schriftlich verfassen sollen. Wenn er -aber merken sollte, daß sich einer oder der andere von Teufel einnehmen -läßt, so wird er die ganze Versammlung wie in einem ~Conclave~ mit -Hunger quälen, und wann sie nicht daran wollen, ein so hohes Werk zu -befördern, so wird er ihnen allen vom Hängen predigen, daß sie eilands -zur Sache schreiten und mit ihren halsstarrigen, falschen Meinungen, -die Welt nicht mehr wie vor Alters foppen. - -Nach erlangter Einigkeit wird er ein großes Jubelfest anstellen und -der ganzen Welt diese geläuterte Religion publizieren. Welcher alsdann -darwider glaubet, den wird er mit Schwefel und Pech martyrisieren oder -einen solchen Ketzer mit Buxbaum bestecken und dem Teufel zum neuen -Jahr schenken. - -Jetzt weißt du, lieber Ganymed, alles was du zu wissen begehrt hast.« - -Ich dachte bei mir selbst, der Kerl dörfte vielleicht kein Narr sein, -wie er sich stellet, sondern mirs kochen, wie ichs zu Hanau gemachet, -um desto besser von uns zu kommen. Derowegen gedachte ich ihn zornig -zu machen, weil man einen Narren am besten im Zorn erkennt, und wollte -ihm vorhalten, wie alle Götter in der weiten Welt vor so verrucht, -leichtfertig und stinkend als Diebe, Kuppler, Ehebrecher, Hanreien, -Wüteriche, Mörder und unverschämte Hurenjäger verschrieen seien, daß -man sie sonst nirgendshin als in des Augias Stall logieren wolle -- -da wurde mein Jupiter von einer seltsamen Unruhe ergriffen: Er zog in -Gegenwart meiner und der ganzen Partei ohn einzige Scham seine Hosen -herunter und stöberte die Flöhe daraus, welche ihn, wie man an seiner -sprenklichten Haut wohl sahe, schröcklich tribulieret hatten. - -»Schert euch fort, ihr kleinen Schinder,« sagte er, »ich schwöre euch -beim ~Styx~, das ihr in Ewigkeit nicht erhalten sollt, was ihr so -sorgfältig sollicitiert!« - -Ich fragte ihn, was er meine. Er antwortete, daß das Geschlecht der -Flöhe, als sie vernommen, er sei auf Erden, ihre Gesandten zu ihm -geschickt hätten, ihn zu komplimentieren. Sie hätten ihm darneben -vorgebracht, daß sie aus ihrem ~Territorio~, da man ihnen die -Hundshäute zu bewohnen zugesichert, durch die Weiber vertrieben worden -seien, gestalt manche ihr Schoßhündchen mit Bürsten, Kämmen, Seifen, -Laugen und anderen mörderischen Dingen durchstreift hätten, so daß sie -ihr Vaterland quittieren und andere Wohnungen hätten aufsuchen müssen. -So sie aber den Weibern in die Pelze gerieten, würden solche verirrte, -arme Tropfen übel tractieret, gefangen und nicht allein ermordet, -sondern auch zuvor zwischen den Fingern elendiglich gemartert und -zerrieben, daß es einen Stein erbarmen möchte. - -»Ja,« sagte Jupiter ferner, »sie brachten mir die Sache so beweglich -vor, daß ich Mitleiden mit ihnen haben mußte und also ihnen Hilfe -zusagte, jedoch mit dem Vorbehalt, daß ich die Weiber zuvor auch -hören möchte. Sie aber wandten vor, wann den Weibern erlaubet würde, -Widerpart zu halten, so wüßten sie wohl, daß sie mit ihren giftigen -Hundszungen entweder meine Frömmigkeit und Güte betäuben und die Flöhe -überschreien oder aber durch ihre lieblichen Worte und Schönheit mich -betören und zu einem falschen Urteil verleiten würden, mit fernerer -Bitte, ich wolle sie ihrer untertänigsten Treue genießen lassen, -welche sie auch allezeit erzeiget, indem sie doch jeweils am nächsten -dabei gewesen und am besten gewußt hätten, was zwischen mir und der -Io, Callisto, Europa, Semele und andern mehr vorgangen, hätten aber -niemals nichts aus der Schule geschwätzt, noch meiner Ehefrau ein -einzigs Wort gesaget, maßen sie sich einer solchen Verschwiegenheit -beflissen, wie dann kein Mensch bis dato von ihnen etwas dergleichen -erfahren hätte. Wann ich aber je zulassen wollte, daß die Weiber sie -in ihrem Bann jagen, fangen und nach Weidmannsrecht metzeln dörften, -so wäre ihre Bitte, zu gebieten, daß sie hinfort mit einem heroischen -Tod hingerichtet und entweder mit einer Axt wie Ochsen niedergeschlagen -oder wie ein Wildpret gefället würden, aber nicht mehr so schimpflich -zwischen den Fingern zerquetscht und geradbrecht werden sollten, was -allen ehrlichen Mannsbildern eine Schande wäre. Sonach erlaubte ich -ihnen, bei mir einzukehren, damit ich ein Urteil darnach fassen könne, -ob sie die Weiber allzuhützig tribulierten. Da fing das Lumpengesind -an mich zu geheien, daß ich sie habe, wie ihr sehet, wieder abschaffen -müssen.« - -Wir dorften nicht rechtschaffen lachen, weil wir stillhalten mußten -und weils der Phantast nicht gern hatte, wovon Spring-ins-Feld hätte -zerbersten mögen. Da zeigte unsere Hochwacht an, daß er in der Ferne -etwas kommen sähe. Ich stieg hinauf und gewahrte die Fuhrleute, denen -wir aufpaßten. Sie hatten dreißig Reuter zur ~Convoi~ bei sich, dahero -ich mir die Rechnung leicht machen konnte, daß sie nicht durch den -Wald, sondern übers freie Feld kommen würden, wiewohl es daselbst einen -bösen Weg hatte. - -Von unsrer Lägerstatt ging feldwärts eine Wasserrunze in einer Klämme -hinunter. Deren Ausgang besatzte ich mit zwenzig Mann, nahm auch selbst -meinen Stand bei ihnen, ließ aber Spring-ins-Feld zurück. Ich befahl -meinen Burschen, wann der ~Convoi~ hinkomme, daß jeder seinen Mann -gewiß nehmen sollte, und sagte auch jedem, wer Feuer geben und wer -seinen Schuß im Rohr zum Vorrat zu behalten habe. Etliche verwunderten -sich, ob ich wohl vermeine, daß die Reuter an einen Ort kommen -werden, wo sie nichts zu tun hätten und dahin wohl hundert Jahr kein -Baur gekommen sei. Aber ich brauchte keine Teufelskunst, sondern nur -Spring-ins-Feld, dann als der ~Convoi~, welcher ziemlich Ordnung hielt, -~recte~ gegen uns über vorbeipassieren wollte, fing Spring-ins-Feld so -schröcklich an zu brüllen wie ein Ochs und zu wiehern wie ein Pferd, -daß der ganze Wald widerhallte. Der ~Convoi~ hörets, gedachte Beute zu -machen und etwas zu erschnappen, sie ritten sämtlich so geschwind und -unordentlich in unsern Halt, als wann ein jeder der erste hätte sein -wollen, die beste Schlappe zu holen. Gleich im ersten Willkommen wurden -dreizehn Sättel geleeret und sonst noch etliche aus ihnen gequetscht. -Hierauf schrie Spring-ins-Feld: »Jäger hierher!« -- davon die Kerl -noch mehr erschröckt und irre wurden. Ich bekam sie alle siebzehn und -spannte vierundzwenzig Pferde aus. Doch hatten sich die Fuhrleute zu -Pferd aus dem Staub gemacht. Wir packten auf, dorften uns aber nicht -viel Zeit nehmen, die Wägen recht zu durchsuchen. - -Mein Jupiter lief aus dem Wald und schrie uns nach, bis ich ihn hinten -aufsetzen ließ, dann er nicht besser reuten konnte als eine Nuß. - -Also brachte ich meine Beute und Gefangenen den andern Morgen glücklich -nach Soest und bekam mehr Ehre und Ruhm von dieser Partei, als zuvor -nimmer. Jeder sagete: »Dies gibt wieder einen Johann de Werdt!« welches -mich trefflich kützelte. - - - - -Das vierte Kapitel - - -Meines Jupiter konnte ich nicht los werden, dann der Kommandant -begehrete ihn nicht, weil nichts an ihm zu rupfen war, sondern sagte, -er wollte ihn mir schenken. Also bekam ich einen eigenen Narren und -dorfte mir keinen kaufen. Kurz zuvor tribuliereten mich die Läuse, und -jetzt hatte ich den Gott der Flöhe in meiner Gewalt. Es war noch kein -Jahr vergangen, da mir die Buben nachliefen, und jetzt vernarreten -sich die Mägdlein aus Liebe gegen mich. Vor einem halben Jahr dienete -ich einem schlechten Dragoner, jetzt nannten mich zween Knechte ihren -Herrn. O wunderliche Welt, darinnen nichts Beständigeres ist als die -Unbeständigkeit! - -Damals zog der Graf von der Wahl als Obrister-Gubernator des -westfälischen Kreises aus allen Guarnisonen einige Völker zusammen, -eine Cavalcade durchs Stift Münster zu tun, vornehmlich aber zwo -Kompagnien hessischer Reuter im Stift Paderborn auszuheben, die -den Unsrigen daselbsten viel Dampfs antäten. Ich ward unter unsern -Dragonern mitkommandiert. Und als sie einzige Truppen zum Ham -gesammlet, gingen wir schnell vor und berannten gemeldter Reuter -Quartier, ein schlecht verwahrtes Städtlein, ehe die Unsrigen kamen. -Sie unterstunden durchzugehen, wir aber jagten sie wieder zurück in ihr -Nest. Es ward ihnen angeboten, ohne Pferd und Gewehr, jedoch mit dem -was der Gürtel beschließe zu passieren, sie aber wollten sich nicht -darzu verstehen, sondern sich mit ihren Karabinern wie Musketierer -wehren. Also kam es, daß ich noch dieselbe Nacht probieren mußte, -was ich vor Glück im Stürmen hätte. Wir leerten die Gassen bald, -weil niedergemacht ward, was sich im Gewehr befand, und weil sich die -Bürger nicht hatten wehren wollen. Also ging es mit uns in die Häuser. -Spring-ins-Feld sagte: »Wir müssen ein Haus vornehmen, vor welchem ein -großer Haufen Mist liegt, dann darin sitzen reiche Kauzen.« - -Darauf griffen wir ein solches an, Spring-ins-Feld visitierte den -Stall, ich aber das Haus mit Abrede, daß jeder mit dem andern parten -sollte. Also zündete jeder seinen Wachsstock an. Ich rief nach dem -Hausvater, kriegte aber keine Antwort, geriet indessen in eine Kammer -und fand dort nichts, als ein leer Bett und eine beschlossene Truhe. -Die hämmerte ich auf in der Hoffnung, etwas Kostbares zu finden. Aber -da ich den Deckel auftät, richtete sich ein kohlschwarzes Ding gegen -mich auf, welches ich vor den Lucifer selbst ansahe. - -Ich kann schwören, daß ich mein Lebtag nie so erschrocken bin, als eben -damals, da ich diesen schwarzen Teufel so unversehens erblickte. »Daß -dich der Donner schlag,« rief ich gleichwohl in solchem Schröcken und -zuckte mein Äxtlein, hatte doch das Herz nicht, ihms in den Kopf zu -hauen. - -»Min leve Heer, ick bidde ju doer Gott, schinkt mi min Levend!« - -Da hörete ich erst, daß es kein Teufel war, befahl ihm aus der Truhe -zu steigen und er stand vor mir in seiner Schwärze, nackend wie ihn -Gott geschaffen hatte, ein Mohr. Ich schnitt ein Stück von meinem -Wachsstock, gabs ihm zu leuchten und er führete mich in ein Stüblein, -da ich den Hausvater fand, der samt seinem Gesind dies lustige -Spektakul ansahe und mit Zittern um Gnade bat. Er händigte mir eines -Rittmeisters Bagage, darunter ein ziemlich wohlgespickt, verschlossen -Felleisen war, ein, mit Bericht, daß der Rittmeister und seine Leute -bis auf gegenwärtigen Mohren sich zu wehren auf ihre Posten gegangen -wären. Inzwischen hatte Spring-ins-Feld sechs schöne gesattelte Pferde -im Stall erwischt. - -Als hernach die Tore geöffnet, die Posten besetzt und unser -General-Feldzeugmeister Herr Graf von der Wahl eingelassen ward, nahm -er sein Logiment in ebendemselben Hause, darum mußten wir bei finsterer -Nacht ein ander Quartier suchen. Wir fanden eines und brachten den -Rest der Nacht mit Fressen und Saufen zu. Ich bekam vor mein Teil -den Mohren, die zwei besten Pferde, darunter ein spanisches war, auf -welchen ein Soldat sich gegen sein Gegenteil dorfte sehen lassen, mit -den ich nachgehends nicht wenig prangte. Aus dem Felleisen aber kriegte -ich unterschiedliche köstliche Ringe und in einer göldenen Kapsel -mit Rubinen besetzt des Prinzen von Uranien Conterfait, kam also mit -Pferden und allem über zwei hundert Dukaten. Vor den Mohren, der mich -am aller saursten ankommen war, ward mir von General-Feldzeugmeister, -als welchem ich ihn präsentierte, nicht mehr als zwei Dutzend Taler -verehret. - -Als wir demnach Recklinghausen zu kamen, nahm ich Erlaubnis, mit -Spring-ins-Feld meinem Pfaffen zuzusprechen, mit dem ich mich lustig -macht, da ich ihm erzählete, daß mir der Mohr den Schröcken, den er und -seine Köchin neulich empfunden, wieder eingetränkt hätte. Ich verehrete -ihm auch eine schöne schlagende Halsuhr zum freundlichen ~Valete~. - -Meine Hoffart vermehrete sich mit meinem Glück, daraus endlich nichts -andres als mein Fall erfolgen konnte. - -Ungefähr eine halbe Stunde von Rehnen kampierten wir und erhielten -Erlaubnus, in demselben Städtlein etwas an unserm Gewehr flicken zu -lassen. Unser Meinung war, sich einmal rechtschaffen miteinander -lustig zu machen. Also kehreten wir im besten Wirtshaus ein und ließen -Spielleute kommen, die uns Wein und Bier hinuntergeigen mußten. Da ging -es ~in floribus~ her und blieb nichts unterwegen, was nur dem Geld wehe -tun möchte. Ich stellete mich nicht anders als wie ein junger Prinz, -der Land und Leute vermag und alle Jahre ein groß Geld zu verzehren -hat. Dahero ward uns besser als einer Gesellschaft Reuter aufgewartet, -die gleichfalls dort zehrete. Das verdroß sie und fingen an mit uns zu -kipplen. - -»Woher kommts, daß diese Stieglhupfer ihre Heller so weisen?« Dann sie -hielten uns vor Musketierer, maßen kein Tier in der Welt ist, das einem -Musketierer ähnlicher siehet, als ein Dragoner, und wann ein Dragoner -vom Pferd fällt, so stehet ein Musketierer wieder auf. - -Ein anderer Reuter meinete: »Jener Jüngling ist gewiß ein Strohjunker, -dem seine Mutter etliche Milchpfennige geschicket, die er jetzo -spendiert, damit ihm künftig irgendswo seine Kameraden aus dem Dreck -oder etwan durch den Graben tragen sollen.« - -Solches ward mir durch die Kellerin hinterbracht. Weil ichs aber nicht -selbst gehört, konnte ich anders nichts darzu tun, als daß ich ein -groß Bierglas mit Wein einschenken und solches auf Gesundheit aller -rechtschaffenen Musketierer herumgehen, auch jedesmal solchen Alarm -darzu machen ließ, daß keiner sein eigen Wort hören konnte. Das verdroß -sie noch mehr, derowegen sagten sie offentlich: - -»Was Teufels haben doch die Stiegelhüpfer vor ein Leben!« - -Spring-ins-Feld antwortete: »Was gehts die Stiefelschmierer an?« -- Das -ging ihm hin, dann er sahe so gräßlich drein und machte so grausame und -bedrohliche Mienen, daß sich keiner an ihm reiben dorfte. - -Doch stieß es ihnen wieder auf, und zwar einem ansehnlichen Kerl, der -sagte: »Wann sich die Maurenhofierer auf ihrem Mist (er vermeinte, wir -lägen in Guarnison stille) nicht so breit machen dörften, wo wollten -sie sich sonst sehen lassen? Man weiß ja wohl, daß jeder in offener -Feldschlacht unser Raub sein muß.« - -Ich antwortete: »Wir nehmen Städt und Festungen ein und verwahren sie, -dahingegen ihr Reuter auch vor dem geringsten Rattennest keinen Hund -aus dem Ofen locken könnet. Warum sollten wir uns dann in den Städten -nicht dörfen lustig machen?« - -Der Reuter gab dawider: »Wer Meister im Felde ist, dem folgen die -Festungen. Daß wir aber die Feldschlachten gewinnen müssen, folget aus -dem, daß ich so drei Kinder, wie du eins bist, mitsamt ihren Musketen -nicht allein nicht förchte, sondern ein Paar davon auf dem Hut stecken -und den dritten erst fragen wollte, wo seiner noch mehr wären. Und säße -ich bei dir, so wollte ich dem Junker zur Bestätigung ein paar Tachteln -geben.« - -Ich antwortete: »Ich vermein ein Paar so guter Pistolen zu haben als -du, wiewohl ich kein Reuter, sondern nur ein Zwitter zwischen ihnen -und den Musketierern bin. Schau, so hab ich Kind ein Herz, mit meiner -Musketen allein einen solchen Prahler zu Pferd, wie du einer bist, -gegen all sein Gewehr im freien Feld zu Fuß zu begegnen.« - -»Ach, du Kujon,« rief der andere, »ich halte dich vor einen Schelmen, -wann du nicht wie ein redlicher von Adel alsbald deinen Worten eine -Kraft gibst.« - -Hierauf warf ich ihm einen Handschuh zu. - -Wir zahleten den Wirt und der Reuter machte Karabiner und Pistolen, -ich aber meine Muskete fertig, und da er mit seinen Kameraden vor uns -an den bestimmten Ort ritt, sagte er zu Spring-ins-Feld, er solle -mir allgemach das Grab bestellen. Ich lachte hingegen, weil ich mich -vorlängst besonnen hatte, wie ich einem wohlmontierten Reuter begegnen -müßte, wann ich einmal zu Fuß mit meiner Musketen allein im weiten -Felde stünde. - -Da wir nun an den Ort kamen, wo der Betteltanz angehen sollte, hatte -ich meine Musketen bereits mit zweien Kugeln geladen, frisch Zündkraut -aufgerührt und den Deckel auf der Zündpfanne mit Unschlitt verschmiert, -wie vorsichtige Musketierer zu tun pflegen, wann sie Zündloch und -Pulver auf der Pfanne vor Regenwetter verwahren wollen. - -Eh wir nun aufeinander gingen, bedingten beiderseits die Kameraden, daß -wir uns im freien Felde angreifen und zu solchem End der eine von Ost, -der andre von West in ein umzäuntes Feld eintreten sollten, dann möge -jeder sein Bestes gegen den andern tun. Keiner von den Parteien sollte -sich unterstehen, seinem Kameraden zu helfen, noch dessen Tod oder -Beschädigung zu rächen. - -So gaben ich und mein Gegner einander die Hände und verziehen je einer -dem andern seinen Tod, unter welcher allerunsinnigsten Torheit, die je -ein vernünftiger Mensch begehen kann, ein jeder hoffte seiner Gattung -Soldaten das ~Prae~ zu erhalten, gleichsam als ob des einen oder -andern Teil Ehre und Reputation an dem Ausgang unseres trefflichen -Beginnens gelegen gewesen wäre. - -Ich trat mit doppelt brennender Lunte in angeregtes Feld, stellte mich, -als ob ich das alte Zündkraut im Gang abschütte, ich täts aber nicht, -sondern rührete nur Zündpulver auf den Deckel meiner Pfannen, bließ ab -und paßte mit zween Fingern auf der Pfanne auf, wie bräuchlich ist. Eh -ich noch meinem Gegenteil, der mich wohl im Gesicht hielt, das Weiße -in Augen sehen konnte, schlug ich auf ihn an und brannte mein falsch -Zündkraut auf dem Deckel vergeblich hinweg. Mein Gegner vermeinte, -die Muskete hätte mir versagt, und das Zündloch wäre mir verstopft, -sprengte dahero mit einer Pistole in der Hand gar zu gierig ~recte~ -auf mich dar. Aber eh er sichs versah, hatte ich die Pfanne offen und -wieder angeschlagen, hieß ihn auch dergestalt willkommen, daß Knall und -Fall eins war. - -Ich retirierte mich hierauf zu meinen Kameraden, die mich gleichsam -küssend empfingen. Die seinigen entledigten ihn aus den Steigbügeln und -täten gegen ihn und uns wie redliche Kerle, maßen sie mir auch meinen -Handschuh mit großem Lob wiederschickten. - -Aber da ich meine Ehre am größten zu sein schätzte, kamen -fünfundzwenzig Musketierer aus Rehnen, welche mich und meine Kameraden -gefangen nahmen. Ich zwar ward alsbald in Ketten und Banden geschlossen -und der Generalität überschickt, weil alle Duell bei Leib- und -Lebensstrafe verboten waren. - - - - -Das fünfte Kapitel - - -Demnach unser General-Feldzeugmeister strenge Kriegsdisziplin zu halten -pflegte, besorgte ich, meinen Kopf zu verlieren. Meine Hoffnung stund -auf dem großen Ruf und Namen meiner Tapferkeit, so ich in blühender -Jugend durch Wohlverhalten erworben, doch war ich ungewiß, weil -dergleichen tägliche Händel erforderten ein ~Exemplum~ zu statuieren. - -Die Unsrigen hatten damals ein festes Rattennest berannt, waren aber -abgeschlagen, da der Feind wußte, daß wir kein grob Geschütz führten. -Derowegen ruckte unser Graf von der Wahl mit dem ganzen ~Corpo~ vor -besagten Ort, begehrete durch einen Trompeter abermal die Übergabe, -drohete zu stürmen. Es erfolgte aber nichts als ein Schreiben: - -»Hochwohlgeborener Graf etc. wissen dero hohen Vernunft nach, wie -übelanständig, ja unverantwortlich es einem Soldaten fallen würde, wenn -er einen so festen Ort dem Gegenteil ohn sonderbare Not einhändigte. -Weswegen Eure Hochgräfliche Exzellenz mir dann hoffentlich nicht -verdenken werden, wann ich mich befleißige zu verharren, bis die Waffen -Eurer Exzellenz dem Orte zugesprochen. Kann aber meine Wenigkeit dero -außerhalb Herrendiensten in ichtwas zu gehorsamen die Gelegenheit -haben, so werde ich sein Eurer Exzellenz allerdienstwilligster Diener - - N. N.« - -Den Ort liegen zu lassen war nicht ratsam, zu stürmen ohn eine Presse -hätte viel Blut gekostet und wäre doch noch mißlich gestanden, ob -mans übermeistert hätte. Die Stücke und alles Zugehör von Münster -und Ham herzuholen, da wäre viel Mühe, Zeit und Unkosten darauf -geloffen. Indem man bei Groß und Klein ratschlagte, fiel mir ein, ich -sollte mir diese Occasion zu Nutz machen, um mich zu erledigen. Ich -ließ meinen Obrist-Leutenant wissen, daß ich Anschläge hätte, durch -welche der Ort ohne Mühe und Unkosten zu bekommen wäre, wann ich nur -Pardon erlangen und wieder auf freien Fuß gestellt werden könnte. Da -lachten etliche: wer hangt, der langt! Andere, die mich kannten, auch -der Obrist-Leutenant selbst glaubten mir, weswegen er sich in eigener -Person an den General-Feldzeugmeister wandte. Der hatte hiebevor auch -vom Jäger gehöret, ließ mich holen und solange meiner Bande entledigen. -Als er mich fragte, was mein Anbringen wäre, antwortete ich: - -»Gnädiger Herr etc., obzwar mein Verbrechen und Eurer Exzellenz -rechtmäßig Gebot und Verbot mir beide das Leben absprechen, so -heißet mich doch meine alleruntertänigste Treue, die ich dero -römischen kaiserlichen Majestät meinem allergnädigsten Herrn bis in -den Tod zu leisten schuldig bin, dem Feind einen Abbruch zu tun und -erstallerhöchst gedachter römischer kaiserlicher Majestät Nutzen und -Kriegswaffen zu befördern ...« - -Der Graf fiel mir in meine allerschönste Rede: »Hast du mir nicht -neulich den Mohren gebracht?« - -»Ja, gnädiger Herr.« - -»Wohl, dein Fleiß und Treue möchten vielleicht meritieren, dir das -Leben zu schenken. Was hast du aber vor einen Anschlag?« - -»Weil der Ort vor grobem Geschütz nicht bestehen kann, so hält meine -Wenigkeit davor, der Feind werde bald accordieren, wann er nur -eigentlich glaubte, daß wir Stücke bei uns haben.« - -»Das hätte mir wohl ein Narr gesagt,« fiel der Graf ein. »Wer wird sie -aber überreden, solches zu gläuben?« - -»Ihre eigenen Augen. Ich habe ihre hohe Wacht mit meinem Perspektiv -gesehen. Die kann man betrügen, wann man nur etliche Holzblöcke, den -Brunnenrohren gleich, auf Wägen ladet, dieselben mit großem Gespann in -das Feld führet und hiebevor ein Stückfundament aufwerfen lässet.« - -»Mein liebes Bürschchen, es seind keine Kinder darin. Die werden die -Stück auch hören wollen, und wann der Posse dann nicht angeht, so -werden wir von aller Welt verspottet.« - -»Gnädiger Herr, ich will schon Stücke in ihre Ohren lassen klingen, -wann ich nur ein paar Doppelhacken und ein ziemlich groß Faß haben -kann. Sollte man aber wider Verhoffen nur Spott daraus erlangen, so -werde ich, der Erfinder, denselben mit meinem Leben aufheben.« - -Obzwar nun der Graf nicht dran wollte, so persuadierte ihn jedoch mein -Obrist-Leutenant dahin, daß er sagte, ich sei in dergleichen Sachen -glückselig. Der Graf willigte endlich ein und meinte im Scherz zu ihm, -die Ehre so er damit erwürbe, sollte ihm allein zustehen. - -Also wurden drei Blöcke zuwegen gebracht und vor jeden vierundzwenzig -Pferde gespannt, die führeten wir gegen Abend dem Feind ins Gesicht, -dreien Doppelhacken gab ich zweifache Ladung, die ließ ich durch -ein Stückfaß losgehen, gleich ob es drei Losungsschüsse hätten sein -sollen. Das donnerte dermaßen, daß jedermann Stein und Bein geschworen -hätte, es wären Quartierschlangen oder halbe Kartaunen. Unser -General-Feldzeugmeister mußte der Gugelfuhre lachen und ließ dem Feind -abermals einen Accord anbieten mit Anhang, wann sie sich nicht noch -diesen Abend bequemen würden, daß es ihnen morgen nicht mehr so gut -werden sollte. - -Darauf wurden alsbald beiderseits Geißeln geschickt, der Accord -geschlossen und uns noch dieselbige Nacht ein Tor der Stadt eingegeben. --- Das kam mir trefflich gut, dann der Graf schenkte mir nicht allein -das Leben und ließ mich noch selbige Nacht auf freien Fuß stellen, -sondern er befahl dem Obrist-Leutenant in meiner Gegenwart, daß er -mir das erste Fähnlein, so ledig würde, geben sollte. Das kam dem -Obrist-Leutenant ungelegen, dann er hatte der Vettern und Schwäger so -viel. - -Ich fing an mich etwas reputierlicher zu halten als zuvor, weil ich -so stattliche Hoffnungen hatte, und gesellete mich allgemach zu den -Offizierern und jungen Edelleuten, die eben auf dasjenige spanneten, -was ich in Bälde zu kriegen mir einbildete. Sie waren deswegen meine -ärgsten Feinde und stelleten sich doch als meine besten Freunde gegen -mich. So war mir der Obrist-Leutenant nicht gar grün, weil er mich -vor seinen Verwandten hätte befördern sollen. Mein Hauptmann war mir -abhold, dann ich mich an Pferden, Kleidern und Gewehr viel prächtiger -hielt als er. Also hassete mich auch mein Leutenant wegen eines -einzigen Wortes halber, das ich neulich unbedachtsam hatte laufen -lassen. Wir waren miteinander in der letzten Cavalcada kommandiert, -eine gleichsam verlorene Wacht zu halten. Als nun die Schildwacht an -mir war, kroch der Leutenant auch auf dem Bauch zu mir und sagete: -»Schildwacht, merkst du was?« Ich antwortete: »Ja, Herr Leutenant.« -- -»Was da! Was da!« sagte er. -- »Ich merke, daß sich der Herr förchtet.« -Von dieser Zeit an hatte ich keine Gunst mehr bei ihm, und wo es am -ungeheuersten war, ward ich zum ersten hinkommandiert. Nicht weniger -feindeten mich die Feldwaibel an, weil ich ihnen allen vorgezogen ward. -Was aber gemeine Knechte waren, die fingen auch an in ihrer Liebe und -Freundschaft zu wanken, weil es das Ansehen hatte, als ob ich sie -verachte, indem ich mich nicht sonderlich mehr zu ihnen, sondern zu den -großen Hansen gesellete. Ich lebte eben dahin wie ein Blinder in aller -Sicherheit und ward je länger, je hoffärtiger. - -Ich scheuete mich nicht einen Koller von sechzig Reichstalern, rote -scharlachene Hosen und weiße atlassene Ärmel, überall mit Gold -und Silber verbrämt, zu tragen, welche Tracht damals den höchsten -Offizierern anstund. Ich war ein schröcklich junger Narr, daß ich den -Hasen so laufen ließ, dann hätte ich mich anders gehalten und das -Geld, das ich so unnützlich an den Leib hing, an gehörige Ort und Ende -verschmieret, so hätte ich nicht allein das Fähnlein bald bekommen, -sondern mir auch nicht so viel zu Feinden gemacht. - -Nichts vexierte mich mehr, als daß ich mich nicht als Edelmann wußte, -damit ich meinen Knecht und Jungen auch in meine Livrei hätte kleiden -können. Und ich gedachte, alle Dinge hätten ihren Anfang -- wann du ein -Wappen hast, so hast du schon ein eigne Livrei, und wann du Fähnrich -wirst, so mußt du ja ein Petschier haben, wannschon du kein Junker -bist. Ich ließ mir also durch einen ~Comitem Palatinum~ ein Wappen -geben. Das waren drei rote Larven in einem weißen Feld und auf dem -Helm das Brustbild eines jungen Narren in kälbernem Habit mit ein Paar -Eselsohren, vorn mit Schellen gezieret. Und dünket mich wahrlich schon -jetzt keine Sau zu sein. So mich jemand damit hätte foppen wollen, so -wären ihm ohn Zweifel Degen und ein Paar Pistolen präsentieret worden. - -Wiewohl ich damals noch nichts nach dem Weibervolk fragte, so ging -ich doch gleichwohl mit denen von Adel, wann sie irgends Jungfern -besuchten, mich sehen zu lassen und mit meinen schönen Haaren, -Kleidern und Federbüschen zu prangen. Ich muß gestehen, daß ich andern -vorgezogen wurde, aber auch, daß verwöhnte Schleppsäcke mich einem -wohlgeschnitzten hölzernen Bild verglichen, an welchem außer der -Schönheit sonst weder Kraft noch Saft wäre. Ich sagte, so man mich der -holzböckischen Art und Ungeschicklichkeit halber anstach, daß mirs -genug sei, wann ich noch zur Zeit meine Freude an einem blanken Degen -und einer guten Muskete hätte. Die Frauenzimmer billigten auch solche -Reden, da keiner war, der das Herz hatte, mich heraus zu fordern oder -Ursach zu ein Paar Ohrfeigen oder sonst ziemlich empfindlichen Worten -zu geben, zu denen ich mich bereit zeigte. - - - - -Das sechste Kapitel - - -Wann ich so durch die Gassen daherprangete und mein Pferd unter mir -tanzte, da sagte das alberne Volk wohl: »Sehet, das ist der Jäger! Min -God, wat vor en prave Kerl is nu dat!« Ich spitzte die Ohren gewaltig -und ließ mirs gar sanft tun. Aber ich Narr hörete meine Mißgönner -nicht, die mir ohn Zweifel wünschten, daß ich Hals und Bein bräche. -Verständige Leute hielten mich gewißlich vor einen jungen Lappen, -dessen Hoffart notwendig nicht lang dauern würde. - -Meine Gewohnheit war, herum zu terminieren und alle Wege und Stege, -alle Gräben, Moräste, Büsche und Wasser zu bereiten, um vor eine -künftige Occasion des Orts Gelegenheit so offensive als defensive -zu Nutz machen zu können. Einst ritt ich unweit der Stadt bei einem -alten Gemäuer vorüber, darauf vor Zeiten ein Haus gestanden. Ich drang -mit meinem Pferd in den Hof ein, zu sehen, ob man sich auch auf den -Notfall zu Pferd darin salvieren könne. Als ich nun bei dem Keller, -dessen Gemäuer noch rund umher aufrecht stund, vorüberreiten wollte, -war mein Pferd, das sonst im geringsten nichts scheute, weder mit Liebe -noch Leid dahin zu bringen. Ich stieg ab und führete es an der Hand -die verfallene Kellersteigen hinunter, wovor es doch scheuete, damit -ich mich ein andermal darnach richten könnte. Mit guten Worten und -Streichen brachte ich es endlich so weit, indem ward ich gewahr, daß -es vor Angst schwitzte und die Augen stets nach der Ecke des Kellers -richtete, dahin es am allerwenigsten wollte, ob ich auch gleich nichts -gewahrete. Ich stund mit Verwunderung, und wie mein Pferd je länger, -desto ärger zitterte, da kam mich ein solches Grausen an, als ob man -mich bei den Haaren aufzöge und einen Kübel voll kalt Wasser über mich -abgösse. Mein Pferd stellete sich immer seltsamer, doch konnte ich -nichts sehen, also daß ich mir nichts anders einbilden konnte, als ich -müßte vielleicht mitsamt dem Pferd verzaubert sein. Derowegen wollte -ich wieder zurück, aber mein Pferd folgte mir nicht. Dahero ward ich -noch ängstlicher und so verwirrt, daß ich schier nicht wußte, was ich -tät. Zuletzt nahm ich meine Pistole auf den Arm und band mein Pferd an -eine Holderstockwurzel, der Meinung, aus dem Keller zu gehen und Leute -zu suchen, die meinem Pferde heraushülfen. Indem fällt mir ein, ob -nicht in dem Gemäuer vielleicht ein Schatz läge, dahero es so ungeheuer -sein möchte. Ich sehe mich um, sonderlich nach der Ecke, dahin mein -Pferd nicht wollte, und ward eines Stückes im Gemäuer gewahr, so groß -als ein gemeiner Kammerladen, welches in Farbe und Arbeit dem andern -Gemäuer nicht allerdings glich. Ich wollte hinzugehen, da sträubten -sich alle meine Haare gen Berg und das bestärket mich in der Meinung, -daß ein Schatz verborgen sein müsse. - -Hundertmal lieber hätte ich Kugel gewechselt, als mich in solcher Angst -befunden. Ich ward gequält und wußte doch nicht recht von wem, dann ich -sahe oder hörte nichts. Ich wollte durchbrennen, vermochte aber die -Stiegen nicht hinauf zu kommen, weil mich eine starke Luft aufhielt. Da -lief mir die Katze wohl den Buckel hinauf! Zuletzt fiel mir ein, ich -sollte meine Pistole lösen, damit mir die Bauren im Feld zuliefen. Ich -war so erzörnt oder viel mehr desperat, da ich sonst kein Mittel noch -Hoffnung sahe, aus diesen ungeheuern Wunderort zu kommen, daß ich mich -gegen den Ort kehrete, wo ich die Ursache meiner seltsamen Begegnus -vermeinete, und traf obgemeldtes Gemäuerstück mit zweien Kugeln so -hart, daß es ein Loch gab, zwo Fäuste groß. - -Als der Schuß geschehen, wieherte mein Pferd und spitzte die Ohren, -was mich herzlich erquickte. Ich faßte einen frischen Mut und ging ohn -Forcht zu dem Loch, da brach die Maur vollends ein. Ich fand einen -reichen Schatz an Silber, Gold und Edelsteinen. Es waren aber sechs -Dutzend altfränkische silberne Tischbecher, ein großer göldner Pokal, -etliche Duplet, eine altfränkische göldene Kette, unterschiedliche -Diamanten, Rubine, Saphire und Smaragde, alles in Ringe und Kleinodien -gefasset, ~item~ ein ganz Lädlein voll großer Perlen, aber alle -verdorben und abgestanden, dann ein verschimmelter lederener Sack mit -achtzig von den ältesten Joachimsthalern aus feinem Silber, sodann 893 -Goldstücke mit dem französischen Wappen und einem Adler. Dieses Geld, -die Ringe und Kleinodien steckte ich in meine Hosensäcke, Stiefeln, -Hosen und Pistolenhalftern und, weil ich keinen Sack bei mir hatte, -schnitt ich meine Schabracke vom Sattel und füllete sie zwischen Zeug -und Futter mit Silber- und Goldbechern, hing die gölden Kette um den -Hals, saß fröhlich zu Pferd und wandte mich meinem Quartier zu. Wie -ich aber aus dem Hof kam, rissen zween Bauren vor mir eilends aus, ich -ereilete sie leichtlich, weil ich sechs Füße und ein eben Feld hatte -und rief sie an. Da erzählten sie mir, daß sie vermeinet hätten, ich -wäre das Gespenst, das in gegenwärtigem, ödem Edelhof wohne und Leute, -die zu nahe kämen, elendiglich zu traktieren pflege. Aus Furcht vor -dem Ungeheuer käme oft in vielen Jahren kein Mensch an diesen Ort. -Die gemeine Sage ginge im Land, es wäre ein eiserner Trog voller -Geldes darin, den ein schwarzer Hund hüte zusamt einer verfluchten -Jungfer. Sollte aber ein fremder Edelmann, der weder seinen Vater noch -seine Mutter kenne, ins Land kommen, so werde er die Jungfer erlösen, -den eisernen Trog mit einem feurigen Schlüssel aufschließen und das -verborgene Geld davonbringen. Derlei alberne Fabeln erzählten sie -mir noch viel. Ich fragte, was sie dann beide da gewollt hätten. Sie -sagten, sie hätten einen Schuß samt einem lauten Schrei gehöret, da -seien sie zugeloffen. Sie wollten viel Dings von mir wissen, und ich -hätte ihnen sattsam Bären aufbinden können, aber ich konnte schweigen -und ritt meines Wegs in mein Quartier. -- - -Diejenigen, die wissen, was Geld ist, und dahero solches vor ihren -Gott halten, haben dessen nicht geringe Ursach, dann ist jemand in der -Welt, der des Geldes Kräfte und beinahe göttliche Tugenden erfahren -hat, so bin es ich: Ich weiß wie einem zu Mut ist, der einen ziemlichen -Vorrat hat, und wie der gesinnet sei, der keinen einzigen Heller -vermag. Kräftiger als alles Edelgestein ist Geld, dann es vertreibet -die Melancholei wie der Diamant, es machet Lust und Beliebung zu den -~Studiis~ wie der Smaragd, darum werden gemeiniglich mehr reicher als -armer Leute Kinder Studenten; es nimmt hinweg Forchtsamkeit, machet den -Menschen fröhlich und glückselig wie der Rubin; oft ist es dem Schlafe -hinderlich, wie die Granate; hingegen hat es auch eine große Kraft, -die Ruhe und den Schlaf zu befördern, wie der Hyazinth; es stärket das -Herz und machet den Menschen freudig, sittsam, frisch und mild wie -der Saphir und Amethyst; es vertreibet böse Träume, machet fröhlich, -schärfet den Verstand und so man mit jemand zanket, machet es, daß man -sieget wie der Sardonyx, vornehmlich wann man den Richter brav damit -schmieret; es löschet die geile Begierden, weil man schöne Weiber um -Geld kriegen kann. In Kürze, es ist nicht auszusprechen, was das liebe -Geld vermag, wann man es nur richtig brauchen und anzulegen weiß. - -Das meinige war seltsamer Natur, es machte mich hoffärtiger, es -hinderte mir den Schlaf, es machte mich zu einem bekümmerten -Rechenmeister, es machte mich geizig. - -Einmal kam mirs in Sinn, ich sollte den Krieg quittieren, mich irgends -hinsetzen und mit einem schmutzigen Maul zum Fenster aussehen, dann -gereuete mich aber wieder mein freies Soldatenleben und die Hoffnung, -ein großer Hans zu werden. Oder verwünschete ich wiederum mein -unvollkommen Alter und ich sagte zu mir selber, dann so nähmest du eine -schöne, junge, reiche Frau und kauftest du irgendeinen adeligen Sitz -und führtest ein geruhiges Leben. Allein ich war noch viel zu jung. - -Damals hatte ich meinen Jupiter noch bei mir, der redete zu Zeiten sehr -subtil und war etliche Wochen gar klug, hatte mich auch über alle Maßen -lieb. Er warnete mich: »Liebster Sohn, schenkt euer Schindgeld, Gold -und Silber hinweg!« - -»Warum, mein lieber Jove?« - -»Darum, damit Ihr Euch Freunde dadurch machet und Eurer unnützen Sorgen -los werdet. Lasset die Schabhälse geizig sein. Haltet Euch, wie es -einem jungen, wackeren Kerl zustehet!« - -Ich dachte der Sache nach. Zuletzt verehrete ich dem Kommandanten -ein paar silberner und vergöldter Duplet, meinem Hauptmann ein paar -silberner Salzfässer, aber es wurde ihnen das Maul nach dem Übrigen -nur wässeriger, weil es rare Antiquitäten waren. Meinem getreuen -Spring-ins-Feld schenkte ich zwölf Reichstaler. Auch er riet mir, ich -solle meinen Reichtum von mir tun, dann die Offizierer sähen nicht -gern, daß der gemeine Mann mehr Geld hätte als sie. Auch wären etlich -um Geldes halber heimlich ermordet worden. Es ginge um im ganzen Läger, -und jeder mache den gefundenen Schatz größer, als er an sich selbst -sei, er müsse oft hören, was unter den Burschen vor ein Gemürmel gehe. -Er ließe Krieg Krieg sein, und setzte sich irgendwo in Sicherheit. - -Ich sagte zu ihm: »Höre, Bruder, wie kann ich die Hoffnung auf mein -Fähnlein so leicht in den Wind schlagen!« - -»Hol mich dieser und jener, wann du ein Fähnlein bekommst. So die -andern sehen, daß ein Fähnlein ledig, möchten sie tausendmal eh dir den -Hals brechen helfen. Lerne mich nur keine Karpfen kennen, mein Vater -war ein Fischer!« - -Ich erwog diese und meines Jupiters Reden und bedachte, daß ich keinen -einzigen angeborenen Freund hätte, der sich meiner in Nöten annehmen, -oder meinen Tod rächen würde. -- Indem sich nun eben eine Gelegenheit -präsentierte, daß ich mit hundert Dragonern, etlichen Kaufleuten und -Güterwägen von Münster nach Köln convoieren mußte, packte ich meinen -Schatz zusammen und übergab ihn einen von den vornehmsten Kaufleuten zu -Köln gegen spezifizierte Handschrift aufzuheben. Meinen Jupiter brachte -ich auch dahin, weil er in Köln ansehnliche Verwandte hatte, gegen die -er meine Guttaten rühmete, daß sie mir viel Ehre erwiesen. - - - - -Das siebente Kapitel - - -Auf dem Zurückweg machte ich mir allerhand Gedanken, wie ich mich -ins Künftige halten wollte, damit ich doch jedermanns Gunst erlangen -möchte, dann Spring-ins-Feld hatte mir einen Floh ins Ohr gesetzt -und mich zu glauben persuadieret, als ob mich jedermann neide. Ich -verwunderte mich, daß alle Welt so falsch sei, mir lauter gute -Wort gebe und mich doch nicht liebe. Derowegen gedachte ich mich -anzustellen wie die andern und zu reden, was jedem gefiele, auch jedem -mit Ehrerbietung zu begegnen, obschon es mir nicht ums Herz wäre. -Vornehmlich aber merkte ich klar, daß meine eigene Hoffart mich mit -den meisten Feinden beladen hatte, deswegen wollte ich mich fürder -demütig stellen, obschon ichs nicht sei, mit den gemeinen Kerlen wieder -unten und oben liegen, vor den Höheren aber den Hut in Händen tragen, -mich der Kleiderpracht enthalten, bis ich etwan meinen Stand änderte. -Ich hatte mir von meinem Kaufmann in Köln hundert Taler geben lassen, -dieselben gedachte ich unterwegs dem ~Convoi~ halb zu verspendieren. -Solcher Gestalt war ich entschlossen, mich zu ändern und auf diesem Weg -schon den Anfang zu machen. Ich machte aber die Zeche ohn dem Wirt. - -Da wir durch das bergische Land passieren wollten, lauerten uns an -einem sehr vortelhaften Ort 80 Feuerröhrer und 50 Reuter auf, eben als -ich selbfünft mit einem Korporal geschickt ward voran zu reuten. Der -Feind hielt sich still, als wir in seinen Halt kamen, ließ uns auch -passieren, damit der ~Convoi~ nicht gewarnet würde, bis er auch in -die Enge käme. Da wir den Hinterhalt merkten und umkehrten, gingen -sie beiderseits los und fragten, ob wir Quartier wollten. Ich hatte -mein bestes Roß unter mir, schwang mich herum auf eine kleine Ebene, -zu sehen, ob da Ehre einzulegen sei, indessen hörete ich stracks an -der Salve, welche die Unsrigen empfingen, was die Glocke geschlagen, -trachtete derowegen nach der Flucht, aber ein Kornet hatte uns den Paß -abgeschnitten. Indem ich mich durchhauen wollte, bot er mir, weil er -mich vor einen Offizier ansahe, nochmals Quartier an, und ich besann -mich, das Leben davon zu bringen. - -Also präsentierte ich ihm den Degen. Er fragte mich, was ich vor einer -sei, er sehe mich vor einen Edelmann und Offizier an. Da ich ihm -antwortete, ich werde der Jäger von Soest genannt, sagte er: »Da hat Er -gut Glück, daß Er uns nicht vor vier Wochen in die Hände geraten, dann -zur selben Zeit hätte ich Ihm kein Quartier halten können, dieweil man -Ihn bei uns vor einen offentlichen Zauberer gehalten hat.« - -Dieser Kornet war ein tapferer, junger Kavalier, es freuete ihn -trefflich, daß er die Ehre hatte, den berühmten Jäger gefangen zu -haben, deswegen hielt er mir das versprochene Quartier sehr ehrlich -und auf holländisch, deren Brauch ist, den gefangenen Feinden von dem, -was der Gürtel beschleußt, nichts zu nehmen. Da es an ein Parten ging, -sagete ich ihm heimlich, er sollte sehen, daß ihm mein Pferd, Sattel -und Zeug zuteil würde, dann im Sattel dreißig Dukaten seien und das -Pferd ohndas seinesgleichen schwerlich hätte. Davon ward mir der Kornet -so hold, als ob ich sein leiblicher Bruder wäre, er saß auch gleich auf -mein Pferd und ließ mich auf dem seinigen reuten. - -Schweden und Hessen gingen noch am selbigen Abend in ihre -unterschiedlichen Guarnisonen mit ihrer Beute und den Gefangenen. -Mich und den Korporal samt noch dreien Dragonern behielt der Kornet -und führet uns in eine Festung, die nicht gar zwei Meilen von unserer -Guarnison lag. Und weil ich hiebevor demselben Ort viel Dampfs angetan, -war mein Name daselbst wohl bekannt, ich selber aber mehr geförcht als -geliebt. Der Kornet schickte einen Reuter voran, dem Kommandanten zu -verkünden, wie es abgeloffen und wen er gefangen brächte. Davon gab -es ein Geläuf in der Stadt, das nit auszusagen, weil jeder den Jäger -gern sehen wollte, und war nicht anders anzusehen, als ob ein großer -Potentat seinen Einzug gehalten hätte. - -Wir wurden zum Gewaltiger geführt, doch ward es dem Kornet erlaubt, uns -zu gastieren, weil ich hiebevor meinen Gefangenen, darunter sich des -Kornets Bruder befunden, auch solcher Gestalt diskret begegnet war. -Da nun der Abend kam, fanden sich unterschiedlich Offizierer, sowohl -Soldaten von Fortun, als geborenen Kavaliers ein, und ich ward, die -Wahrheit zu bekennen, von ihnen überaus höflich traktiert. Ich machte -mich so lustig, als ob ich nichts verloren gehabt, und ließ mich so -vertreulich und offenherzig vernehmen, als ob ich nicht in Feindeshand, -sondern bei meinen besten Freunden wäre. Dabei beflisse ich mich -der Bescheidenheit, dann ich konnte mir leicht einbilden, daß dem -Kommandanten mein Verhalten notifiziert würde. - -Den andern Tag wurden wir Gefangenen von dem Regimentsschulzen -examiniert. Sobald ich in den Saal trat, verwunderte er sich über meine -Jugend und sagte: »Mein Kind, was hat dir der Schwede getan, daß du -wider ihn kriegest?« - -Das verdroß mich, antwortete derhalben: »Die schwedischen Krieger -haben mir meine Schnellküglein und mein Steckenpferd genommen, die -wollte ich gern wieder haben.« - -Da ich ihn so bezahlete, schämten sich seine beisitzenden Offizierer, -maßen einer auf Latein sagte, er solle von ernstlichen Sachen mit -mir reden, er hätte kein Kind vor sich, und ich merkte dabei, daß -er Eusebius hieße. Darauf fragte er mich nach meinem Namen, und als -ich ihn genannt, sagte er: »Es ist kein Teufel in der Hölle, der -~Simplicissimus~ heißet.« - -Ich antwortete, so sei auch vermutlich keiner in der Höllen, der -Eusebius hieße, was aber von den Offizierern nicht am besten -aufgenommen ward, dann sie erinnerten mich, daß ich ihr Gefangener sei -und nicht scherzenshalber wäre hergeholet worden. - -Ich ward dieses Verweises wegen darum nicht rot, bat auch nicht um -Verzeihung, sondern gab zurück, weil sie mich vor einen Soldaten -gefangen hielten und nicht vor ein Kind wieder laufen lassen würden, so -hätte ich mich nicht versehen, als ein Kind gefoppt zu werden. Wie man -mich gefraget, so hätte ich geantwortet. - -Darauf ward ich um mein Vaterland, Herkommen, Geburt examiniert, -vornehmlich aber ob ich auf schwedischer Seite gedienet hätte, ~item~ -wie es in Soest beschaffen. Ich antwortete auf alles behend, wegen -Soest und selbiger Guarnison aber soviel, als ich zu verantworten -getrauet. - -Indessen erfuhr man zu Soest, wie es mit dem ~Convoi~ abgeloffen, -derhalben kam gleich am andern Tag ein Trommelschläger, uns abzuholen. -Dem wurden der Korporal und die andern drei ausgefolgt und ein -Schreiben mitgegeben, das mir der Kommandant zu lesen überschickte. - -»Monsieur etc. Auf Ihr Schreiben schicke ich gegen empfangene Ranzion -den Korporal samt den übrigen drei Gefangenen. Was aber ~Simplicium~, -den Jäger, anbelanget, kann selbiger, weil er hiebevor auf dieser -Seite gedienet, nicht hinübergelassen werden. -- Kann ich aber dem -Herren im übrigen außerhalb Herrenpflichten in etwas bedienet sein, so -hat derselbe in mir einen willigen Diener, als der ich soweit bin und -verbleibe dem Herren dienstwilliger - - ~N. de S. A.~« - -Dieses Schreiben gefiel mir nicht halb und ich mußte mich doch für die -Mitteilung bedanken. Ich begehrete mit dem Kommandanten zu reden, bekam -aber zur Antwort, daß er schon selbst nach mir schicken würde. - -Das geschahe und mir widerfuhr das erste Mal die Ehre, an seiner -Tafel zu sitzen. Solang man aß, ließ er mir mit dem Trunk zusprechen, -gedachte aber weder klein noch groß von demjenigen, was er mit mir -vorhatte. Demnach man abgegessen und nur ein ziemlicher Dummel -aufgehängt war, sagte er: »Lieber Jäger, Ihr habet aus meinem Schreiben -verstanden, unter was vor ein ~Prätext~ ich Euch hier behalte. Ich -habe nichts vor, das wider ~Raison~ oder Kriegsbrauch wäre. Ihr -habet selbst gestanden, daß Ihr hiebevor auf unserer Seite bei der -Hauptarmee gedienet, werdet Euch derhalben resolvieren müssen, unter -meinem Regiment Dienst zu nehmen. So will ich Euch mit der Zeit -dergestalt accommodieren, dergleichen Ihr bei der kaiserlichen Armee -nimmer hättet hoffen dörfen. Widrigen Falls ich Euch wieder demjenigen -Obrist-Leutenant überschicke, welchen Euch die kaiserlichen Dragoner -abgefangen haben.« - -Ich antwortete: »Hochgeehrter Herr Obrister (dann damals war noch -nicht Brauch, daß man Soldaten von Fortun »Ihr Gnaden« titulierte) ich -hoffe, weil ich weder der Krone Schweden noch deren Konföderierten, -viel weniger dem Obrist-Leutenant niemalen mit Eid verpflichtet, -sondern nur ein Pferdejung gewesen, daß dannenhero ich nicht verbunden -sei, schwedische Dienste anzunehmen und dadurch den Eid zu brechen, den -ich dem römischen Kaiser geschworen, derowegen ich hochgeboren Herrn -Obristen allergehorsamst bitte, er beliebe mich dieser Zumutung zu -überheben.« - -»Was, verachtet Ihr dann schwedische Dienste? Eh' ich Euch wieder nach -Soest lasse, dem Gegenteil zu dienen, eh' will ich Euch einen andern -Proceß weisen oder im Gefängnus verderben lassen.« - -Ich erschrak zwar über diese Worte, gab mich aber doch nicht, sondern -antwortete: Gott wolle mich vor solcher Verachtung sowohl als vor dem -Meineid behüten. Im übrigen stünde ich in untertäniger Hoffnung, der -Herr Obrist würde mich seiner weitgerühmten ~Discretion~ nach, wie -einen Soldaten traktieren. - -»Ja,« sagte er, »ich wüßte wohl, wie ich Euch traktieren könnte. Aber -bedenkt Euch besser.« - -Darauf ward ich wieder ins Stockhaus geführet und jedermann kann -unschwer erachten, daß ich dieselbige Nacht nicht viel geschlafen. - -Den Morgen aber kamen etliche Offizierer mit dem Kornet unter Schein, -mir die Zeit zu kürzen, in Wahrheit aber mir weis zu machen, als ob -der Obrist gesinnet wäre, mir als einem Zauberer den Proceß machen -zu lassen, sofern ich mich nicht anders bequemen würde. Wollten mich -also erschröcken und sehen, was hinter mir stecke, weil ich mich aber -meines guten Gewissens getröstete, nahm ich alles gar kaltsinnig an -und redete nicht viel. Ich merkte wohl, daß es dem Obristen um nichts -andres zu tun war, als daß er mich ungern in Soest sahe. Er konnte sich -leicht einbilden, daß ich den Ort wohl nicht verlassen würde, weil ich -meine Beförderung dort erhoffte, zwei schöne Pferde und sonst köstliche -Sachen allda hatte. - -Den folgenden Tag ließ er mich wieder zu sich kommen, und fragte, ob -ich mich auf ein und anders resolviert hätte. - -Ich antwortete: »Dies Herr Obrister, ist mein Entschluß, daß ich eh' -sterben, als meineidig werden will. Wann aber mein hochgeboren Herr -Obrister mich auf freien Fuß zu stellen und mit keinen Kriegsdiensten -zu belegen belieben wird, so will ich dem Herrn Obristen mit Herz, Mund -und Hand versprechen, in sechs Monaten keine Waffen wider Schwed- und -Hessische zu tragen.« - -Solches ließ er sich stracks gefallen, bot mir die Hand und schenkte -mir zugleich die Ranzion, befahl auch dem ~Secretär~, daß er einen -Revers ~in duplo~ aufsetze, den wir beide unterschrieben. Ich -reversierte neben obigem Punkte, nichts Nachteiliges wider die -Guarnison und ihren Kommandanten praktizieren noch etwas zu Nachteil -und Schaden zu unternehmen, sondern deren Nutzen und Frommen zu fördern -und dieselbe defendieren zu helfen. - -Hierauf behielt er mich wieder bei dem Mittagsimbiß und tät mir mehr -Ehre an, als ich von den Kaiserlichen mein Lebtag hätte hoffen dörfen. - - - - -Das achte Kapitel - - -Ich hatte in Soest einen Knecht, der war mir über alle Maßen getreu, -weil ich ihm viel Gutes tät. Dahero sattelte er meine Pferde und ritt -dem Trommelschlager, der mich abholen sollte, ein gut Stück Weges -von Soest entgegen. Er begegnete ihm mit den Gefangenen und hatte -mein bestes Kleid aufgepackt, dann er vermeinete, ich wäre ausgezogen -worden. Da er mich aber nicht sahe, sondern vernahm, daß ich bei dem -Gegenteil Dienste anzunehmen aufgehalten werde, gab er den Pferden die -Sporen und sagte: »Adieu Tampour und Ihr, Korporal, wo mein Herr ist, -da will ich auch sein.« - -Ging also durch und kam zu mir, eben als mich der Kommandant ledig -gesprochen hatte und mir große Ehre antät. Der priese mich glücklich, -wegen meines Knechtes Treue, verwunderte sich auch, daß ein so junger -Kerl wie ich, so schöne Pferde vermögen und so wohl montiert sein -sollte. Lobte auch das eine Pferd so trefflich, daß ich gleich merkte, -er hätte mirs gerne abgekauft. Weil er es mir aber aus ~Discretion~ -nicht feil machte, sagte ich, wann ich die Ehre begehren dörfte, daß -ers von meinetwegen behalten wollte, so stünde es zu seinen Diensten. -Er schlugs aber rund ab, dieweil ich einen ziemlichen Rausch hatte, und -er die Nachrede scheute, daß er einem Trunkenen etwas abgeschwätzt, so -dem vielleicht nüchtern reuen möchte, also daß er des edlen Pferdes -gern gemangelt. - -Des Morgens frühe anatomierte ich meinen Sattel und ließ mein bestes -Pferd vor des Obristen Quartier bringen. Ich sagte ihm, er wolle -belieben gegenwärtigen Soldatenklepper einen Platz unter den seinigen -zu gönnen, indem mir mein Pferd allhier nichts nütz, und solches von -mir als Zeichen dankbarer Erkanntnus vor empfangene Gnaden unschwer -annehmen. Der Obrister bedankte sich mit großer Höflichkeit und -sehr courtoisen Offerten, schickte mir auch denselbigen Nachmittag -seinen Hofmeister mit einem gemästeten lebendigen Ochsen, zwei fetten -Schweinen, einer Tonne Wein, vier Tonnen Bier, zwölf Fuder Brennholz, -welches er mir vor mein neu Losament, das mir mein Knecht erkundet und -ich auf ein Halbjahr bestellet hatte, bringen und sagen ließ, weil er -sich leicht einbilden könnte, es sei im Anfang vor mich mit Viktualien -schlecht bestellet, so schicke er mir zur Haussteuer eben einen Trunk, -ein Stück Fleisch mitsamt dem Kochholz. Ich bedankte mich so höflich -als ich konnte, verehrete dem Hofmeister zwo Dukaten und bat ihn, mich -seinem Herrn bestens zu rekommendieren. - -Ich gedachte mir aber auch durch meinen Knecht bei dem gemeinen Mann -ein gutes Lob zu machen, damit man mich vor keinen kahlen Bernheuter -hielte. Ließ derowegen in Gegenwart meines Hauswirtes meinen Knecht vor -mich kommen, zu demselben sagte ich: - -»Lieber Niklas, du hast mir mehr Treue erwiesen, als ein Herr seinem -Knecht zumuten darf, nun aber, da ich selbst keinen Herren habe, daß -ich etwas erobern könnte, dich zu belohnen, so gedenke ich keinen -Knecht mehr zu halten. Ich gebe dir hiemit vor deinen Lohn das andere -Pferd, samt Sattel-Zeug und Pistolen, mit Bitte, du wollest damit -vorlieb nehmen und dir vor diesmal einen andern Herren suchen. Kann ich -dir ins Künftige in etwas bedienet sein, so magst du jederzeit mich -darum ersuchen.« - -Hierauf küßte er mir die Hände und konnte vor Weinen schier nicht -reden, wollte auch durchaus das Pferd nicht haben bis ich ihm -versprochen, ihn wieder in Dienst zu nehmen, sobald ich jemand brauche. - -Über diesem Abschied ward mein Hausvater so mitleidig, daß ihm auch die -Augen übergingen. Und gleichwie mich mein Knecht bei der Soldateska, so -erhub mich der Hausvater bei der Bürgerschaft mit großem Lob über alle -schwangere Bauren. Der Kommandant aber hielt mich vor einen resoluten -Kerl, daß er auch getraute Schlösser auf meine Parole zu bauen. - -Ich glaube es ist kein Mensch in der Welt, der nicht einen Hasen im -Busen habe, dann wir sind ja alle einerlei Gemächts und ich kann bei -meinen Birnen wohl merken, wann andere zeitig sein. »Hui, Geck,« möcht -mir da einer antworten, »wann du ein Narr bist, meinest du darum -andre seien es auch?« -- »Nein, das sage ich nicht, dann es wäre -zuviel geredt, aber dies halte ich davor, daß einer den Narren besser -verbirgt als der ander.« Es ist einer darum kein Narr, wann schon er -närrische Einfälle hat, dann wir haben in der Jugend gemeiniglich alle -dergleichen. Welcher aber seinen Narren hinausläßt, wird vor einen -gehalten, weil teils etliche ihn gar nicht andere aber nur halb sehen -lassen. Welche den ihren gar unterdrücken sein rechte Saurtöpfe. Ich -halte vor die besten und verständigsten Leute, die den Ihren nach Zeit -und Gelegenheit bisweilen ein wenig mit den Ohren fürragen und Atem -schöpfen lassen, damit er nicht gar bei ihnen ersticke. Den Meinen ließ -ich mir zu weit heraus, da ich mich in einem so freien Stand sahe, -maßen ich einen Jungen annahm, den ich als Edelpagen kleidete, und zwar -in die Farben Veigelbraun und Gelb. Derselbe mußte mir aufwarten, als -wann ich ein Freiherr wäre. - -Dies war die erste Torheit, die ich in der Stadt beging, sie ward aber -von niemand getadelt. Die Welt ist der Narreteien so voll, daß sie -keiner mehr achtet, noch selbige verlacht oder sich darüber verwundert; -sie ist deren gewohnt. - -Ich dingte mich und meinen Jungen bei meinem Hausvater in die Kost und -gab ihm an Bezahlung auf Abschlag, was mir der Kommandant verehret -hatte. Zum Getränk aber mußte mein Jung den Schlüssel haben, weil ich -denen, die mich besuchten, gern davon mitteilete. Sintemalen ich weder -Bürger noch Soldat war, hielt ich mich zu beiden Teilen und bekam -dahero Kameraden genug, die ich ungetränkt nicht bei mir ließ. - -Der Stadtorganist, zu dem ich Kundschaft erhielt, lehrete mich, wie -ich komponieren sollte, ~item~ auf dem Instrument besser schlagen, als -auch auf der Harfe; ohn das war ich auf der Lauten ein Meister. Wann -ich dann satt hatte am Musicieren, ließ ich meinen Kürschner kommen, -der mich im Paradeis in allen Gewehren unterwiesen, mit dem exerzierte -ich mich, um noch perfecter zu werden. So erlangete ich auch beim -Kommandanten, daß er mich von einem Constablen die Büchsenmeisterkunst -und etwas mit dem Feuerwerk umzugehen lernte. Im übrigen hielt ich -mich sehr still, also daß sich die Leute verwunderten, weil ich auch -viel über den Büchern saß wie ein Student, da ich doch Raubens und -Blutvergießens gewohnt gewesen. - -Mein Hausvater war des Kommandanten Spürhund und mein Hüter, maßen -ich merkte, daß er all mein Tun und Lassen demselben hinterbrachte. -Doch ich gedachte des Kriegswesens kein einziges Mal, und wann man -davon redete, tät ich, als ob ich niemals kein Soldat gewesen. Zwar -wünschte ich, daß meine sechs Monate bald herum wären, es konnte aber -niemand abnehmen, welchem Teil ich alsdann dienen wollte. Sooft ich dem -Obristen aufwartete, behielt er mich bei seiner Tafel, da setzte es -zuweilen solche Diskurse, dadurch mein Vorsatz ausgeholt werden sollte, -ich antwortete aber jederzeit vorsichtig. - -»Wie stehet es, Jäger, wollet Ihr noch nicht schwedisch werden? Gestern -ist ein Fähnrich gestorben.« - -»Herr Obrister, stehet doch einem Weib wohl an, wann sie nach ihres -Mannes Tod nicht gleich wieder heuratet, warum sollte ich mich dann -nicht sechs Monate gedulden?« - -Kriegte gleichwohl des Obristen Gunst je länger, je mehr, so daß er -mich in und außerhalb der Festung herumspatzieren, ja, endlich den -Hasen, Feldhühnern und Vögeln nachstellen ließ. Darum leget ich mir -ein schlicht Jägerkleid bei, in demselben strich ich des Nachts in das -Soestische und holet meine verborgenen Schätze hin und wieder zusammen, -schleppte solche in die Festung und ließ mich an, als ob ich ewig bei -den Schweden wohnen wollte. - -Da stieß einmal die Wahrsagerin von Soest zu mir, die mich erkannte. -»Ich versichre dich, es war dein Glück,« sagte sie, »daß du gefangen -worden. Einige Kerle, welche dir den Tod geschworen, weil du ihnen bist -beim Frauenzimmer vorgezogen worden, hätten dich auf der Jagd erwürgt.« - -Ich antwortete: »Wie kann jemand mit mir eifern, da ich doch dem -Frauenzimmer nichts nachfrage?« - -»Du wirst des Sinnes nicht bleiben, sonst wird dich das Frauenzimmer -mit Spott und Schande zum Lande hinausjagen. Ich schwöre dir, daß sie -dich nur gar zu lieb haben und daß dir solche übermachte Liebe zum -Schaden gereichen wird, wann du dich nicht accommodierst.« - -Ich fragte sie, wann sie ja so viel wüßte, so sollte sie mir davon -sagen, wie es mit meinen Eltern stünde und ob ich sie mein Lebtag -wieder zu sehen bekommen würde, sie sollte aber fein deutsch mit der -Sprache heraus. - -Darauf sagte sie, ich sollte alsdann nach den Eltern fragen, wann -mir mein Pflegvater unversehens begegnen würde und führete meiner -Säugeammen Tochter am Strick daher. -- Lachte darauf überlaut und -machte sich geschwind von mir. - -Ich hatte damals ein schön Stück Geld und viel köstliche Ringe und -Kleinodien beieinander. Solches schriee mich immerzu an, es wollte gar -gern wieder unter die Leute. Ich folgte auch, dann weil ich ziemlich -hoffärtig war, prangte ich mit meinem Gut und ließ solches meinen Wirt -sehen, der bei den Leuten mehr daraus machte, als es war. - -Mein Vorsatz, die Büchsenmeisterei und Fechtkunst in diesen sechs -Monaten zu lernen, war gut und ich begriffs auch. Aber es war nicht -genug, mich vor Müßiggang allerdings zu behüten, vornehmlich weil -niemand war, der mir zu gebieten hatte. Ich saß zwar auch emsig über -allerhand Büchern, aus denen ich viel Gutes lernete, es kamen mir aber -auch teils unter die Hände, die mir wie dem Hund das Gras gesegnet -wurden. Die unvergleichliche ~Arcadia~, daraus ich die Wohlredenheit -lernen wollte, war das erste Stück, das mich von den rechten Historien -zu den Liebe-Büchern und von den wahrhaften Geschichten zu den -Heldengedichten zog. Solcherlei Gattung brachte ich zuwege, wo ich -konnte, und wann mir eins zuteil ward, hörete ich nicht auf, bis ichs -durchgelesen und sollte Tag und Nacht darüber gesessen sein. Diese -lerneten mich statt wohlreden mit der Leimstange laufen, doch war -dieser Mangel damals vor mich keine Ursach zu klagen, dann wo meine -Liebe hinfiel, erhielt ich ohn sonderbare Mühe, was ich begehrete, -und ich brauchet nicht wie andere Buhler und Leimstängler voller -phantastischer Gedanken, Begierden, heimlich Leiden, Zorn, Eifer, -Rachgier, Weinen, Protzen und dergleichen tausendfältigen Torheiten -stecken und mir vor Ungeduld den Tod zu wünschen. - -Ich hatte Geld und ließ mich dasselbe nicht dauren, überdas eine -gute Stimme, übete mich stetig auf allerhand Instrumenten, wiese die -Geradheit meines Leibes, wann ich mit meinem Kürschner focht. So hatte -ich auch einen trefflich glatten Spiegel und gewöhnte mich zu einer -freundlichen Lieblichkeit, also daß mir das Frauenzimmer von selbst -nachlief. - -Um dieselbige Zeit fiel Martini ein, da fängt bei uns Deutschen das -Fressen und Saufen an und währet teils bis in die Fastnacht. Da ward -ich an unterschiedliche Örter, sowohl bei Offizierern als Bürgern, die -Martinsgans verzehren zu helfen, eingeladen. Bei solchen Gelegenheiten -kam ich mit den Frauenzimmern in Kundschaft. Meine Laute und Gesang, -die zwangen eine jede mich anzuschauen, und wann sie mich also -betrachteten, wußte ich zu meinen neuen Buhlenliedern, die ich selber -machte, so anmutige Blicke und Gebärden hervorzubringen, daß sich -manches hübsche Mägdlein darüber vernarrete und mir unversehens hold -ward. - -Und damit ich nicht vor einen Hungerleider gehalten wurde, stellete ich -auch zwo Gastereien, die eine zwar vor die Offizierer und die andere -vor die vornehmsten Bürger, an, dadurch ich mir bei beiden Teilen -Gunst und einen Zutritt vermittelte, weil ich kostbar auftragen ließ. -Es war mir aber alles nur um die lieben Jungfern zu tun. Und obgleich -ich bei einer oder der andern nicht fand, was ich suchte, so ging ich -gleichwohl allerweg zu ihnen als zu andern, daß alle glauben sollten, -daß ich mich bei den andern auch nur Diskurs halber aufhielte. Ich -hatte gerade sechs und sie hinwiederum mich, doch hatte keine mein Herz -gar und mich allein. - -Mein Jung, der ein Erzschelm war, hatte genug zu tun mit Kupplen und -Buhlenbrieflein hin und wider tragen und wußte reinen Mund zu halten. -Davon bekam er von den Schleppsäcken einen Haufen ~Favor~, so mich aber -am meisten kostete. Was mit Trommeln gewonnen wird, gehet mit Pfeifen -dahin. - -Ich hielt meine Sachen so geheim, daß mich kaum einer vor einen Buhler -halten konnte, ausgenommen der Pfarrer, bei dem ich nicht mehr so viel -geistliche Bücher entlehnte. - - - - -Das neunte Kapitel - - -Ich ging oft zum ältesten Pfarrer und brachte ich ihm ein Buch zurück, -so diskutierete er von allerhand Sachen mit mir. Wir accomodierten -uns so miteinander, daß einer den andern gern leiden mochte. Als nun -nicht nur die Martinsgans hin und wider und alle Metzelsuppen sondern -auch die heiligen Weihnachtsfeiertäge vorbei waren, verehrete ich ihm -eine Flaschen voll Straßburger Branntewein zum Neuen Jahr, welchen er -dem westfälischen Gebrauch nach mit Kandelzucker gern einläpperte. -Darauf besuchete ich ihn und er machte mich zu ihm sitzen, lobte -den Branntewein und kam nach einigem Hin und Wider auf obgemeldten -Umstand, nämlich daß ich in geistlichen Dingen merklich nachlasse. Ich -entschuldiget mich mit der edlen Musik und der Büchsenmeistereikunst. -Er aber antwortete: »Ja, ja, das glaube ich gern. Aber Er versichere -sich, daß ich mehr von Ihm weiß, als Er sich einbildet.« - -Ich erschrak, da ich diese Worte hörete, und dachte, hat dir's St. -Velten gesagt. Und weil er sahe, daß ich meine Farbe änderte, fuhr er -ferner fort: »Der Herr ist frisch und jung, Er ist müßig und schön, Er -lebet ohn Sorge und wie ich vernehme, in allem Überfluß, darum bitte -und vermahne ich Ihn im Herrn, daß Er bedenken wolle, in was vor einem -gefährlichen Stand Er sich befindet. Er hüte sich vor dem Tier, das -Zöpfe hat, will Er anders Sein Glück und Heil beobachten. Der Herr -möchte zwar bedenken, was geht's dem Pfaffen an -- (ich gedachte, -du hast es erraten) -- oder was hat er mir zu befehlen! Herr, seid -versichert, daß mir Euere, als meines Guttäters, zeitliche Wohlfahrt -aus christlicher Liebe hoch angelegen ist. Ihr habet Talente, leget -doch Euere Jugend und Euere Mittel, die Ihr hier unnütz verschwendet, -zu ernsten Studien an, damit Ihr heut oder morgen beides: Gott und den -Menschen und Euch selbst bedient sein könnet. Lasset das Kriegswesen, -eh Ihr eine Schlappe davontraget, dann: Junge Soldaten, alte Bettler.« - -Ich hörete die Sentenz mit großer Ungeduld, jedoch stellete ich mich -viel anders, als mir ums Herz war, damit ich mein Lob, daß ich ein -feiner Mensch wäre, nicht verliere, bedankte mich zumal auch sehr vor -seine erwiesene Treuherzigkeit und versprach, mich auf sein Einraten -zu bedenken. Allein ich war des Zaumes und der Sporen der Tugenden -entwohnet und wollte nunmehr gekostete Liebe-Wollüste nicht mehr -entbehren. - -Jedoch so gar ersoffen in den Leidenschaften und so dumm war ich -nicht, daß ich nicht gedacht hätte, jedermanns Freundschaft zu -behalten, solange ich in der Festung zu bleiben willens war. Ich -erkannte auch wohl, was es einem vor Unrat bringen konnte, wann er der -Geistlichen Haß hätte, als welche Leute einen großen Kredit haben. -Derowegen nahm ich meinen Kopf zwischen die Ohren und trat gleich den -andern Tag wieder auf frischem Fuß zu obgedachten Pfarrer und log -ihm mit gelehrten Worten einen solchen Haufen daher, was gestalten -ich mich resolvieret hätte, ihm zu folgen, daß er sich sichtbarlich -darüber freuete. Mir hätte seithero auch schon in Soest ein solcher -englischer Ratgeber gemangelt, wann nur der Winter bald vorüber, daß -ich fortreisen könnte. Bat ihn darneben, er wollte mir doch ferner mit -gutem Rat beförderlich sein, auf welche Universität ich mich begeben -sollte. Er antwortete, was ihn anbelange, so hätte er in Leyden -studieret, mir aber wollte er nach Genf geraten haben, weil ich ein -Hochdeutscher wäre. - -»Jesus Maria,« rief ich, »Genf ist weiter von meiner Heimat als Leyden!« - -»Was vernehme ich,« sagte er hierauf mit großer Bestürzung, »ich -höre wohl, der Herr ist ein Papist! O mein Gott, wie finde ich mich -betrogen!« - -»Wieso, wieso, Herr Pfarrer? Weil ich nicht nach Genf will?« - -»O nein, weil Er Mariam anrufet!« - -»Sollte es einem Christen nicht gebühren, die Mutter seines Erlösers zu -nennen?« - -»Das wohl, aber ich vermahne und bitte Ihn so hoch als ich kann, -Er wolle Gott die Ehre geben und mir gestehen, welcher Religion Er -beigetan sei, dann ich zweifle sehr, daß Er dem Evangelio glaube.« - -»Der Herr Pfarrer höret ja wohl, daß ich ein Christ bin. Im übrigen -gestehe ich, daß ich weder petrisch noch paulisch, sondern allein -~simpliciter~ glaube, was die zwölf Artikul des allgemeinen, heiligen, -christlichen Glaubens in sich halten. Ich werde mich auch zu keinem -Teil vollkommen verpflichten, bis mich einer durch genugsame Erweisung -persuadieret zu glauben, daß er vor den andern die rechte, wahre und -allein seligmachende Religion habe.« - -»Jetzt glaube ich erst recht, daß Er ein kühnes Soldatenherz habe, sein -Leben dran zu wagen, weil Er gleichsam ohn Religion und Gottesdienst -auf den alten Kaiser hinein dahinleben und frevelhaftig seine Seligkeit -in die Schanze schlagen darf. Mein Gott, wie kann ein sterblicher -Mensch immermehr so keck sein!« - -»Herr Pfarrer, es sagen alle von ihrer Religion, daß sie die rechte -sei und deren Fundamente sowohl in Natur als in der heiligen Schrift -sonnenklar am Tage liegen. Welchem soll ich aber glauben? Vermeinet -der Herr, es sei so ein Gerings, wann ich einem Teil, den die andern -alle lästern und einer falschen Lehre bezüchtigen, meiner Seelen -Seligkeit anvertraue? Er sehe doch mit unparteiischen Augen, was -Konrad Vetter und Johannes Nas wider Lutherum, und hingegen Luther -und die Seinigen wider den Papst, sonderlich aber Spangenberg wider -~Franciscum~, der etliche hundert Jahr vor einen heiligen und -gottseligen Mann gegolten, in offenem Druck ausgehen lassen. Zu welchem -Teil soll ich mich dann tun, wann je eins das ander ausschreiet, als -sei kein gut Haar an ihm? Sollte mir wohl jemand raten, hineinzuplumpen -wie eine Fliege in den heißen Brei? O nein, das wird der Herr Pfarrer -verhoffentlicht mit gutem Gewissen nicht tun können! Ich will lieber -gar von der Straßen bleiben, als nur irr laufen. Zudem sein noch mehr -Religionen, dann die in Europa, als die Armenier, Abessinier, Griechen, -Gregorianer und dergleichen. Was ich vor eine davon annehme, so muß ich -mit meinen Religionsgenossen den andern allen widersprechen.« - -Darauf sagte er: »Der Herr steckt in großem Irrtum, aber ich hoffe zu -Gott, er werde Ihm aus dem Schlamm helfen, zu welchem Ende ich Ihm dann -unsere Confession ins Künftige dergestalt aus der heiligen Schrift -bewähren will, daß sie auch wider die Pforten der Hölle bestehen -sollte.« - -Ich antwortete, dessen würde ich mit großem Verlangen gewärtig sein, -gedachte aber bei mir selber, wann du mir nur nichts mehr von meinen -Liebgen vorhältst, so bin ich mit deinem Glauben wohl zufrieden, und -bis du mit deinen Beweistümern fertig bist, so bin ich vielleicht, wo -der Pfeffer wächst. - - - - -Das zehent Kapitel - - -Gegen meinem Quartier über wohnete ein reformierter Obrist-Leutenant, -der hatte eine überaus schöne Tochter, die sich ganz adelig trug. Ich -hätte längst gern Kundschaft mit ihr gemachet, unangesehen, daß ich -sie anfänglich allein zu lieben und auf ewig zu haben begehrete. Ich -schenkte ihr manchen Gang und noch viel mehr liebreicher Blicke. Sie -ward mir aber so fleißig verhütet, daß ich kein einzig Mal mit ihr -reden konnte. So unverschämt dorfte ich auch nicht hineinplatzen, weil -ich mit ihren Eltern keine Kundschaft hatte und mir der Ort vor einen -Kerl von so geringem Herkommen, als mir das meinige bewußt war, viel -zu hoch vorkam. Am allernächsten gelangte ich zu ihr, wann wir etwan -in oder aus der Kirche gingen. Da nahm ich dann die Zeit so fleißig in -Acht, mich ihr zu nähern, daß ich oft ein paar Seufzer anbrachte, was -ich meisterlich konnte, obzwar sie alle aus falschem Herzen gingen. -Hingegen nahm sie solche so kaltsinnig an, daß ich mir einbilden mußte, -sie werde sich nicht so leicht wie eine Bürgerstochter verführen -lassen. Indem wurden meine Begierden nach ihr nur desto heftiger. - -Der Stern, den die Schüler zu Hl. Dreikönig umtragen, ist es gewesen, -der mir in ihre Wohnung geleuchtet, da ihr Vater selbst nach mir -schickte. - -»Monsieur,« sagte er zu mir, »seine Neutralität zwischen Bürgern und -Soldaten ist eine Ursache, daß ich Ihn habe zu mir bitten lassen. Ich -will zwischen beiden Teilen eine Sache ins Werk richten, die eines -unparteiischen Zeugen bedarf.« - -Ich vermeinete, er hätte was Wundergroßes im Sinn, weil Schreibzeug und -Papier auf dem Tisch lag, bot ihm derowegen mit sondern Komplimenten -meine bereitwilligsten Dienste an, daß ich mirs nämlich vor eine große -Ehre halten würde, wann ich so glücklich sei, ihm beliebige Dienste zu -leisten. Es war aber nichts andres als ein Dreikönigsfest zu machen. -Dabei sollte ich zusehen, daß es recht zuginge, wie die Ämter ohn -Ansehung der Personen durch das Los ausgeteilet würden. Zu diesem -Geschäft, bei welchem des Obristen ~Secretarius~ auch war, ließ der -Obrist-Leutenant Wein und Konfekt bringen, weil er ein trefflicher -Zechbruder und es ohn das nach dem Nachtessen war. Der ~Secretarius~ -schrieb, ich las die Namen und die Jungfer zog die Zettel, ihre Eltern -aber sahen zu. Sie beklagten sich über die langen Winternächte und -gaben mir zu verstehen, daß ich, solche desto leichter zu passieren, -wohl zu ihnen zu Licht kommen dörfte. - -So fing ich wieder auf ein Neues an mit der Leimstangen zu laufen und -am Narrenseil zu ziehen, also, daß sich beide: die Jungfrau und ihre -Eltern einbilden mußten, ich hätte den Angel geschluckt, wiewohl mirs -nicht halber Ernst war. Ich stellete Buhlenbrieflein an meine Liebste, -eben als ob ich hundert Meilwegs von ihr gewohnet hätte oder in viel -Jahren erst zu ihr könne. Zuletzt machte ich mich gar zutätig, weil -mir meine Löffelei nicht sonderlich von den Eltern gewehret, sondern -zugemutet ward, ich sollte ihre Tochter auf der Laute lernen schlagen. -Da hatte ich nun meinen freien Zutritt bei Tag sowohl als wie hiebevor -des Abends, also daß ich meinen gewöhnlichen Reimen: - - Ich und meine Fledermaus - Fliegen nur bei Nachtzeit aus - -änderte und ein frommes Liedlein machte, darin ich mein Glück lobte, -weil es mir auf so manchen guten Abend auch so freudereiche Tage -verliehe, in denen ich in meiner Liebsten Gegenwart meine Augen weiden -und mein Herz um etwas erquicken könnte, hingegen beklagte ich meine -Nächte. Ich sang es meiner Liebsten mit andächtigem Seufzen und einer -lustreizenden Melodei, dabei die Laute das Ihre trefflich tät und -gleichsam die Jungfer mit mir bat, sie wollte doch cooperieren, daß -mir die Nächte so glücklich als die Täge bekommen möchten. Aber ich -bekam ziemlich abschlägige Antwort, dann sie war trefflich klug und -konnte mich auf meine Erfindungen gar höflich beschlagen. Ich nahm -mich gleichwohl in Acht, von der Verehelichung zu schweigen, und wenn -schon discursweis davon geredet ward, stellete ich alle meine Worte auf -Schrauben. Welches meiner Jungfrau verheiratete Schwester bald merkte -und dahero mir und meinem Mägdlein alle Pässe verlegte, dann sie sahe -wohl, daß mich ihre Schwester von Herzen liebete und daß die Sache in -die Länge kein Guttun würde. - -Es ist unnötig alle Torheiten meiner Löffelei umständlich zu erzählen. -Genug, zuletzt kam es dahin, daß ich erstlich mein liebes Dingelgen zu -küssen und endlich auch andre Narrenpossen zu tun mich erkühnen dorfte. -Und solchen erwünschten Fortgang verfolgte ich mit allerhand Reizungen, -bis ich bei Nacht von meiner Liebsten eingelassen ward und mich so -hübsch zu ihr ins Bette fügte, als wann ich zu ihr gehöret hätte. - -Weil jedermann weiß, wie es bei derlei Kirchweih pfleget gemeiniglich -herzugehen, so dörfte sich wohl der Leser einbilden, ich hätte etwas -Ungebührliches begangen. Jawohl nein! Dann alle meine Gedanken waren -umsonst. Ich fand einen solchen Widerstand, dergleichen ich nimmermehr -bei keinem Weibsbild anzutreffen gewähnet hätte, weil ihr Absehen -einzig und allein auf Ehre und Ehestand gerichtet war. Wenngleich ich -ihr solchen mit den allergrausamsten Flüchen versprach, so wollte sie -doch vor der Copulation kurzum nichts geschehen lassen. Doch gönnete -sie mir auf ihrem Bette neben ihr liegen zu bleiben, auf welchem ich -auch ganz ermüdet vor Unmut sanft einschlummerte. - -Ich ward aber gar ungestüm aufgeweckt. Dann morgens um vier Uhr stund -der Obrist-Leutenant vorm Bette mit einer Pistole in der einen und -einer Fackel in der andern Hand. - -»Krabat,« schrie er überlaut seinem Diener zu, der auch mit einem -bloßen Säbel bei ihm stund, »geschwind, Krabat, hole den Pfaffen!« - -Wovon ich dann erwachte. - -O weh, gedachte ich, du sollst gewiß zuvor beichten, eh er dir den -Rest gibet! Es ward mir ganz grün und gelb vor den Augen und ich wußte -nicht, ob ich sie recht auftun sollte oder nicht. - -»Du leichtfertiger Geselle,« schrie er mich an, »soll ich dich finden, -daß du mein Haus schändest! Tät ich dir unrecht, wenn ich dir und -dieser Vettel den Hals bräche? Ach, du Bestia, wie kann ich mich doch -nur enthalten, daß ich dir nicht das Herz aus dem Leib herausreiße und -den Hunden vorwerfe!« - -Dabei biß er die Zähne zusammen und verkehrte die Augen als wie ein -unsinnig Tier. - -Ich wußte nicht, was ich sollte, und meine liebe Beischläferin konnte -nichts als weinen. Endlich, da ich mich ein wenig erholete, wollte ich -etwas von unserer Unschuld vorbringen, er aber hieß mich das Maul -halten. Indessen war seine Frau auch darzu gekommen, die fing eine -nagelneue Predigt an, also daß ich wünschte, ich läge irgends in einer -Dornhecke. Sie hätte auch in zweien Stunden nicht aufgehört, wann der -Krabat mit dem Pfarrer nicht gekommen wäre. - -Wohl hatte ich, eh dieser ankam, etlichmal aufzustehen unterstanden, -aber der Obrist-Leutenant machte mich unter bedrohlichen Mienen liegen -bleiben, also daß ich erfahren mußte, wie gar keine Courage ein -Kerl hat, der auf einer bösen Tat ertappt wird, und wie einem Dieb -ums Herz wird, den man erwischt, wann er eingebrochen, obgleich er -noch nichts gestohlen hat. Ich gedenke der lieben Zeit, wann mir der -Obrist-Leutenant samt zwei solchen Kroaten aufgestoßen wäre, daß ich -sie alle drei zu jagen unterstanden. Aber jetzt lag ich da wie ein -Bernheuter und hatte nicht das Herz nur das Maul, geschweige die Fäuste -recht auf zu tun. - -»Sehet, Herr Pfarrer das schöne Spektakul, zu welchen ich Euch zum -Zeugen meiner Schande berufen muß.« - -Und kaum hatte er diese Worte vorgebracht, so fing er wieder an zu -wüten und das Tausendste ins Hundertste zu werfen, daß ich nichts -anderes als vom Halsbrechen und Hände in meinem Blut waschen verstehen -konnte. Er schaumete ums Maul wie ein Eber und stellete sich also, daß -ich alle Augenblicke gedachte, jetzt jagt er dir eine Kugel durch den -Kopf. - -Der Pfarrer aber wehrete mit Händen und Füßen, daß kein Totschlag -geschehe, so ihn hernach reuen möchte. - -»Was? Herr Obrist-Leutenant, brauchet Euere hohe Vernunft und bedenkt -das Sprüchwort, daß man zu geschehenen Dingen das beste reden soll. -Dies schöne junge Paar, das seinesgleichen schwerlich im Lande hat, ist -nicht das erste und nicht das letzte, so sich von den unüberwindlichen -Kräften der Liebe hat meistern lassen. Dieser Fehler, da es anders ein -Fehler zu nennen, den sie beide begangen, kann auch durch sie wieder -leichtlich gebessert werden. Zwar lobe ichs nicht, sich auf diese Art -zu verehelichen, aber gleichwohl hat dieses junge Paar hiedurch weder -Galgen noch Rad verdient. Es ist auch keine Schande zu erwarten, wann -der Herr Obrist-Leutenant seinen Consens zu beider Verehelichung geben -und diese Ehe durch den gewöhnlichen Kirchgang öffentlich bestätigen -lassen wird.« - -»Was! Ich wollte sie ehe morgenden Tags beide zusammen binden und in -der Lippe ertränken lassen! In diesem Augenblick müssen sie copuliert -sein! Deswegen habe ich Euch holen lassen!« - -Ich dachte, was willtu tun -- es heißt: Vogel friß oder stirb. Zudem -ist sie eine solche Jungfrau, deren du dich nicht schämen darfst. Doch -schwur ich und bezeugte hoch und teuer, daß wir nichts Unehrliches -miteinander zu schaffen gehabt hätten. - -Hierauf wurden wir von gemeldtem Pfarrer im Bette sitzend -zusammengegeben und, nachdem dies geschehen, aufzustehen und -miteinander aus dem Haus zu gehen gemüßiget. - -Unter der Tür sagte der Obrist-Leutenant zu mir und seiner Tochter, -wir sollten uns in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sehen lassen. -Ich aber, da ich den Degen an meiner Seite hatte, antwortete gleichsam -im Scherz: »Ich weiß nicht, Herr Schwehrvater, warum Er alles so -Widersinns anstellet! Wann andre neue Eheleute copuliert werden, so -führen sie die nächsten Verwandten schlafen. Er aber jaget mich nach -der Copulation nicht allein aus dem Bette, sondern auch aus dem Haus. -Und anstatt des Glücks, das Er mir in Ehestand wünschen sollte, will Er -mich nicht so glückselig wissen, meines Schwehers Angesicht zu sehen -und Ihm zu dienen. Wahrlich, wann dieser Brauch aufkommen sollte, -so würden die Verehelichungen wenig Freundschaft mehr in der Welt -stiften!« -- - -Die Leute in meinem Losament verwunderten sich alle, da ich diese -Jungfrau mit mir heimbrachte, und noch viel mehr da sie sahen, daß ich -so ungescheut mit ihr schlafen ging. Dann obzwar mir dieser Posse, so -mir widerfahren, grandige Grillen in Kopf brachte, so war ich doch -so närrisch nicht, meine Braut zu verschmähen. So hatte ich zwar die -Liebste im Arm, hingegen aber tausenderlei Gedanken, wie ich meine -Sache heben und legen wollte. Zuweilen vermeinete ich, es wäre mir der -allergrößte Schimpf widerfahren, welchen ich ohn billige Rache mit -Ehren nicht verschmerzen könnte, wann ich aber besann, daß solche Rache -wider meinen Schwehrvater und also auch wider meine unschuldige, fromme -Liebste laufen müßte, fielen alle meine Anschläge dahin. Ich schämete -mich so sehr. - -Endlich war mein Schluß, vor allen Dingen meines Schwehrvaters -Freundschaft wieder zu gewinnen und mich im übrigen gegen jedermann an -zu lassen, als ob mir nichts Übles widerfahren sei. - -In solchen Gedanken ließ ich mir früh tagen und schickte am allerersten -nach meinem Schwager, hielt ihm kurz vor, wie nahe ich ihm verwandt -worden, und ersuchte ihn, er wolle seine Liebste kommen lassen, um -etwas ausrichten zu helfen, damit ich den Leuten auch bei meiner -Hochzeit zu essen geben könnte, er aber wolle belieben unsere Schwehr -und Schwieger meinetwegen zu begütigen. - -Ich verfügte mich zum Kommandanten, dem erzählte ich mit einer -kurzweiligen und artlichen Manier, was ich und mein Schwehrvater vor -eine neue Mode angefangen hätten, Hochzeit zu machen, welche Gattung -so geschwind zugehe, daß ich in einer Stunde die Heiratsabrede, -den Kirchgang und die Hochzeit auf einmal vollzogen. Weil nun mein -Schwehrvater die Morgensuppe gesparet hätte, wäre ich bedacht, anstatt -deren, ehrlichen Leuten von der Specksuppen mit zu teilen, zu der ich -untertänig einlade. Der Kommandant wollte sich meines lustigen Vortrags -schier zu Stücken lachen. Er fragte mich, wie es mit der Heurats-Notul -beschaffen wäre, und wie viel mir mein Schwehrvater Füchse, deren der -alte Schabhals viel hätte, zum Heiratgut gebe. Ich antwortete, daß -unsere Heiratsabrede nur in einem Punkt bestünde, der laute, daß ich -und seine Tochter sich in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sollten -sehen lassen, dieweil aber weder Zeugen noch Notarien dabeigewesen, -hoffte ich, es solle wieder revociert werden. - -Mit solchen Schwänken, deren man an mir diesorts nicht gewohnt war, -erhielt ich, daß der Kommandant samt meinem Schwehrvater, welchen er -hiezu wohl persuadieren wollte, bei meiner Specksuppe zu erscheinen -versprach. Er schickte auch gleich ein Faß Wein und einen Hirsch in -meine Küchen. Ich aber ließ dergestalt zurichten, als ob ich Fürsten -hätte tractieren wollen, brachte auch eine ansehnliche Gesellschaft -zuwege, die sich nicht allein miteinander recht lustig machten, -sondern auch vor allen Dingen meinen Schwehrvater und die Schwieger -mit mir und meinem Weibe versöhneten, daß sie uns mehr Glückes -wünschten, als sie uns die vorige Nacht fluchten. In der ganzen Stadt -aber ward ausgesprengt, daß unsere Copulation mit Fleiß auf so fremde -Art wäre angestellt worden, damit uns beiden kein Posse von bößen -Leuten widerfahre. Mir war diese Hochzeit trefflich gesund, dann wann -ich gemeinem Brauch nach über der Kanzel hätte abgeworfen werden -sollen, so hätten sich besorglich Schleppsäcke gefunden, die mir ein -verhinderliches Gewirr drein zu machen unterstanden. - -Den andern Tag traktierte mein Schwehrvater meine Hochzeitsgäste, aber -bei weitem nicht so wohl als ich. Da ward erst mit mir geredet, was -ich vor eine Hantierung treiben und wie ich die Haushaltung anstellen -wollte, und ich merkte, daß ich meine edle Freiheit verloren hatte. - -Ich ließ mich dabei gar gehorsamlich an und begehrte zuvor meines -lieben Schwehrvaters, als eines verständigen Kavaliers, Rat. Das lobte -der Kommandant und sagte: »Dieweil Er ein junger, frischer Soldat ist, -so wäre es eine große Torheit mitten in jetzigen Kriegsläuften ein -anderes, als das Soldatenhandwerk zu treiben. Was mich anbelanget, so -will ich Ihm ein Fähnlein geben, wann Er will.« - -Mein Schweher und ich bedankten uns und ich schlugs nicht mehr aus. -Wiese aber doch dem Kommandanten des Kaufmanns Handschrift, der meinen -Schatz zu Köln in Verwahrung hatte. »Dieses«, sagte ich, »muß ich -zuvor holen, ehe ich schwedische Dienste nehme, dann sollte man gewahr -werden, daß ich dem Gegenteil diene, so werden sie mir zu Köln die -Feige weisen und das Meinige behalten.« - -Sie gaben mir beide recht, ward also zwischen uns dreien abgeredet, -zugesaget und beschlossen, daß ich in wenig Tagen mich nach Köln -begeben und nachgehends ein Fähnlein annehmen sollte. - -Der Kommandant versahe sich auf den künftigen Frühling einer Belägerung -und bewarb sich dahero um gute Soldaten, sintemal der Graf von Götz -damalen mit vielen kaiserlichen Soldaten in Westfalen lag. - - - - -Das elfte Kapitel - - -Es schicket sich ein Ding auf mancherlei Weise. Des einen Unstern kommt -staffelweis und allgemach und einen andern überfällt der seinige mit -Haufen. Mein Unstern aber hatte einen so süßen und angenehmen Anfang, -daß ich mirs wohl vor das höchste Glück rechnete. - -Kaum über acht Tage hatte ich mit meinem lieben Weib im Ehstand -zugebracht, da ich in meinem Jägerkleid, mit einem Feuerrohr auf der -Achsel, von ihr und ihren Freunden Abschied nahm. Ich schlich mich -glücklich durch, weil mir alle Wege bekannt waren, also daß mir keine -Gefahr unterwegs aufstieß, ja ich ward von keinem Menschen gesehen, bis -ich nachher bei Dütz, so gegen Köln über, diesseits des Rheins lieget, -vor den Schlagbaum kam. - -In Köln kehrete ich bei meinem Jupiter ein, so damals ganz klug war. Er -sagte mir aber gleich, daß ich besorglich leer Stroh dreschen würde, -weil der Kaufmann, dem ich das Meinige aufzuheben gegeben, Bankerott -gespielet und ausgerissen wäre. Zwar seien meine Sachen obrigkeitlich -verpetschiert und der Kaufmann citiert worden, aber man zweifle sehr an -seiner Wiederkunft. Bis nun die Sache erörtert würde, könne viel Wasser -den Rhein hinunterlaufen. - -Wie angenehm mir diese Botschaft kam, kann jeder leicht ermessen. Ich -fluchte ärger als ein Fuhrmann, aber was halfs! Auch hatte ich über -zehn Taler Zehrgeld nicht zu mir genommen, daß ich also auch nicht -so lang aushalten konnte, als die Zeit erforderte. So mußte ich auch -besorgen, daß ich verkundschaft' würde, weil ich einer feindlichen -Guarnison zugetan wäre. Unverrichteter Sache wollte ich aber nicht -wieder zurück und das Meinige mutwillig dahinten lassen. So ward ich -mit mir selber ein: Ich wollte mich in Köln aufhalten, bis die Sache -erörtert würde, und die Ursache meines Ausbleibens meiner Liebsten -berichten. Verfügte mich demnach zu einem ~Procurator~, der ein -~Notarius~ war, und erzählete ihm mein Tun, bat ihn, mir um die Gebühr -mit Rat und Tat beizuspringen. Ich wollte ihm neben dem Tax, wann er -meine Sache beschleunigte, mit einer guten Verehrung begegnen. Er -nahm mich gutwillig an, dann er an mir zu fischen hoffte, und dingte -mich auch in die Kost. Darauf ging er des andern Tags mit mir zu -denjenigen Herrn, welche die Bankerott-Sachen zu erörtern haben, gab -die vidimierte Copie von des Kaufmanns Handschrift ein und legte das -Original vor, worauf wir die Antwort bekamen, daß wir uns bis zur -gänzlichen Erörterung gedulden müßten, weil nicht alle Sachen, davon -die Handschrift sage, vorhanden wären. - -Also versahe ich mich des Müßiggangs wieder auf eine Zeitlang. Mein -Kostherr war, wie gehört, ein ~Notarius~ und ~Procurator~, darneben -hatte er ein halb Dutzend Kostgänger und hielt stets acht Pferde auf -der Streu, welche er den Reisenden um Geld hinzuleihen pflegte, darbei -hatte er einen deutschen und einen wällischen Knecht, die sich beides: -zu Führen und zu Reiten gebrauchen ließen. Und weil keine Juden nach -Köln kommen dörfen, konnte er mir allerlei Sachen desto besser wuchern. - -Mein ~Notarius~ zehrete von seinen Kostgängern, doch seine Kostgänger -nicht von ihm, er hätte sich und sein Hausgesind reichlich ernähren -können, wanns der Schindhund nur darzu hätte angewendet. Aber er -mästete uns auf schwedisch und hielt gewaltig zurück. Ich aß anfangs -nicht mit seinen Kostgängern, sondern mit seinen Kindern und Gesind, -weil ich nicht viel Geld bei mir hatte. Da satzte es schmale Bißlein, -so meinen Magen, der nunmehr zu den westfälischen Tractamenten gewöhnet -war, ganz spanisch vorkamen. Kein gut Stück Fleisch kriegten wir auf -den Tisch, sondern nur dasjenige, so acht Tage zuvor von der Studenten -Tafel getragen, von denselben überall wohl benagt und nunmehr vor Alter -so grau als Methusalem geworden war. Darüber machte dann die Kostfrau -eine schwarze, sauere Brühe und überteufelts mit Pfeffer. Da wurden -dann die Beiner so sauber geschleckt, daß man alsbald Schachsteine -daraus hätte drehen können. Und doch waren sie dann noch nicht recht -ausgenutzt, sondern sie kamen in einen hiezu verordneten Behalter, -und wann unser Geizhals deren eine Quantität beisammen hatte, mußten -sie erst kleingehackt und das übrige Fett bis auf das alleräußerste -herausgesotten werden. Nicht weiß ich, wurden die Suppen daraus -geschmälzt oder die Schuhe damit geschmieret. An den Fasttägen, deren -mehr als genug einfielen und alle ~solenniter~ gehalten wurden, weil -der Hausvater diesfalls gar gewissenhaft war, mußten wir uns mit -stinkenden Bücklingen, versalzenen Polchen, faulen Stock- und andern -abgestandenen Fischen herumbeißen, dann er kaufte alles der Wohlfeile -nach und ließ sich die Mühe nicht dauren, zu solchem Ende selbst auf -den Fischmarkt zu gehen und anzupacken, was die Fischer auszuschmeißen -im Sinne hatten. Unser Brot war gemeiniglich schwarz und alt, der Trank -aber ein dünn, saur Bier, das mir die Därme hätte zerschneiden mögen, -und mußt doch gut abgelegen Märzbier heißen. - -Von dem deutschen Knecht vernahm ich, daß es Sommerszeit noch schlimmer -hergehe, dann da sei das Brot schimmlich, das Fleisch voller Würmer -und ihre beste Speise wäre irgends zu Mittags ein paar Rettiche und -auf den Abend eine Handvoll Salat. Ich fragte, warum er dann bei dem -Filz bleibe, da antwortete er mir, daß er die meiste Zeit auf der Reise -sei, und derhalben mehr auf der Reisenden Trinkgelder als auf seinen -Schimmel-Juden bedacht sein müßte. Er getraue seinem Weib und Kindern -nicht im Keller, wie er sich selbsten den Tropfen Wein nicht gönne. - -Einsmals brachte er sechs Pfund Sülzen oder Rinderkutteln heim, das -setzte er in seinen Speiskeller. Weil zu seiner Kinder großem Glück das -Tagfenster offen stund, banden sie eine Eßgabel an einen Stecken und -angelten damit die Kuttelflecke heraus, welche sie also bald in großer -Eile verschlangen, dann sie waren gekocht. Darnach gaben sie vor, die -Katze hätte es getan, aber der Erbsenzähler wollte es nicht glauben, -fing derhalben die Katze, wog sie und befand, daß sie mit Haut und Haar -nicht so schwer war, als seine Kutteln gewesen. - -Weil er dann so gar unverschämt handelte, begehrte ich an gemeldter -Studenten Tafel zu essen, es koste was es wolle. Dort ging es zwar -etwas herrlicher her, ward mir aber wenig damit geholfen, dann alle -Speisen waren nur halb gar, was meinem Kostherrn zwiefach zu baß kam, -erstlich am Holz, so er gesparet, und daß wir viel zurück ließen. Über -das so dünkte mich, er zählete uns alle Mundvoll in Hals hinein und -kratzte sich hintern Ohren, wann wir einmal recht futterten. Sein Wein -war gewässert, der Käs, den man am Ende jeder Mahlzeit aufstellete, -steinhart, die holländische Butter aber dermaßen versalzen, daß keiner -über ein Lot davon auf einen Imbiß genießen konnte. Das Obst mußte man -wohl so lang auf- und abtragen, bis es mürbe und zum essen tauglich -war. Wann dann etwan ein oder der andere darauf stichelte, so fing -er einen erbärmlichen Hader mit seinem Weibe an, daß wirs höreten, -heimlich aber befahl er ihr, sie solle nur bei der alten Geigen bleiben. - -Einsmals brachte ihm einer seiner Klienten einen Hasen zur Verehrung, -den sahe ich in der Speiskammer hangen und gedachte, wir würden einmal -Wildpret essen. Aber der deutsche Knecht sagte, daß der Has uns nicht -an den Zähnen brennen würde, ich sollte Nachmittags auf den Alten Markt -gehen und sehen, ob er nicht dort zum Verkauf hinge. Darauf schnitt ich -dem Hasen ein Stücklein vom Ohr. Als wir über dem Mittagsimbiß saßen, -und unser Kostherr nicht bei uns war, erzählete ich, daß unser Geizhals -einen Hasen zu verkaufen hätte, um den ich ihn zu betrügen gedächte, -wann mir einer von ihnen folgen wollte. Jeder sagte ja, dann sie hätten -unserm Wirt gern vorlängst einen Schabernack angetan. - -Also verfügten wir uns den Nachmittag auf den Alten Markt, da unser -Kostherr stund, um aufzupassen, was der Verkäufer lösete. Wir sahen ihn -bei vornehmen Leuten, mit denen er discurierte. - -Ich hatte nun einen Kerl angestellt, der ging zu dem Höcker, wo der -Hase hing: - -»Landsmann, der Has ist mein. Ich nehme ihn als mein gestohlen Gut auf -Recht hinweg. Er ist mir heut Nacht von meinem Fenster hinweggefischet -worden. Läßt du ihn nicht gutwillig folgen, so gehe ich auf deine -Gefahr und Unrechts Kosten mit dir hin, wo du wilt.« - -Der Unterhändler antwortete, er sollte sehen, was er zu tun hätte. Dort -stünde ein vornehmer Herr, der ihm den Hasen zu verkaufen gegeben und -ohn Zweifel nicht gestohlen habe. - -Als nun die Zween so wortwechselten, bekamen sie gleich einen Umstand, -so unser Geizhals stracks in Acht nahm und hörete, wieviel die Glocke -schlug. Winkte derohalben dem Unterkäufer, daß er den Hasen folgen -lassen sollte. Mein Kerl aber wußte den Umstehenden das Stück Ohr zu -weisen und an dem Schnitte zu messen, daß ihm jedermann recht gab. - -Indessen näherte ich mich auch von ungefähr mit meiner Gesellschaft, -stund an dem Kerl, der den Hasen hatte und fing an mit ihm zu marken, -und nachdem wir des Kaufs eins wurden, stellete ich den Hasen meinem -Kostherrn zu mit Bitte, solchen mit sich heimzunehmen und auf unsern -Tisch zurichten zu lassen, dem Kerl aber gab ich statt der Bezahlung -ein Trinkgeld zu zwo Kannen Bier. Also mußte uns der Geizhals den Hasen -wider Willen zukommen lassen und dorfte noch darzu nichts sagen. Dessen -wir genug zu lachen hatten. - - - - -Das vierte Buch - - - - -Das erste Kapitel - - -Allzuscharf machet schartig und wenn man den Bogen überspannet, so -muß er endlich zerbrechen. Der Posse, den ich meinem Kostherren mit -dem Hasen riß, war mir nicht genug. Ich lehrete seine Kostgänger, wie -sie die versalzene Butter wässern und dadurch das überflüssige Salz -herausziehen, den harten Käs aber wie Parmesaner schaben und mit Wein -anfeuchten sollten, was dem Geizhals lauter Stiche ins Herz waren. Ich -zog durch meine Kunststücke über Tisch das Wasser aus dem Wein, und -machte ein Lied, darin ich den Geizigen einer Sau vergliche, von der -nichts Gutes zu hoffen sei, bis sie der Metzger tot auf dem Schragen -hätte. Dafür bezahlete er mich mit folgender Untreue. - -Die zween Jungen von Adel bekamen einen Wechsel und Befehl von ihren -Eltern, sich nach Frankreich zu begeben und die Sprache zu lernen. -Unseres Kostherren deutscher Knecht war anderwärts auf Reise und dem -wälschen wollte er die Pferde nicht vertrauen. Er bat mich derowegen, -ob ich ihm nicht den großen Dienst tun und beide Edelleute mit den -Pferden nach Paris führen wollte, weil ohn das meine Sache in vier -Wochen noch nicht erörtert werden könnte, indessen wollte er hingegen -meine Geschäfte, wann ich ihm vollkommene Gewalt geben würde, so -getreulich befördern, als ob ich selbst gegenwärtig wäre. Die von Adel -ersuchten mich deswegen auch, und mein Fürwitz, Frankreich zu besehen, -riet mir solches gleichfalls, weil ichs jetzt ohn sondere Unkosten tun -konnte. - -Also macht ich mich mit diesen Edelleuten anstatt eines Postillions auf -den Weg, auf welchem mir nichts Merkwürdiges zuhanden stieß. - -Da wir nach Paris kamen und bei unseres Kostherren Korrespondenten, von -dem die Edelleute auch ihre Wechsel empfingen, einkehrten, ward ich den -andern Tag nicht allein mit den Pferden arrestiert, sondern derjenige, -so vorgab, mein Kostherr wäre ihm eine Summe Geldes schuldig, griffe -mit Bewilligung des Viertels-~Commissarii~ zu und versilberte die -Pferde. Also saß ich da wie Matz von Dresden und wußte mir selber nicht -zu helfen viel weniger zu raten, wie ich einen so weiten Weg wieder -zurückkommen sollte. - -Die von Adel bezeugeten ein groß Mitleiden mit mir und verehreten mich -desto ehrlicher mit einem guten Trinkgeld, wollten mich auch nicht -ehender von sich lassen, bis ich entweder einen guten Herrn oder eine -Gelegenheit hätte wieder nach Deutschland zu kommen. Ich hielt mich -etliche Tage in ihrem Losament, weil ich den einen, so etwas unpäßlich -war, auswartete. Demnach ich mich so fein anließ, schenkte er mir sein -Kleid, dann er sich auf die neue Mode kleiden ließ. - -Als ich nun in Zweifel stund, was ich tun sollte, hörete mich einsmals -der ~Medicus~, so meinen kranken Junker kurieret, auf der Laute -schlagen und ein deutsch Liedlein darein singen. Das gefiele ihm so -wohl, daß er mir eine gute Bestallung anbot samt seinem Tisch, da ich -mich zu ihm begeben und seine zween Söhne unterrichten wollte, dann -er wußte schon besser, wie mein Handel stund, als ich selbst und, daß -ich einen guten Herrn nicht ausschlagen würde. Ich verdingte mich aber -nicht länger als von einem Vierteljahr zum andern. - -Dieser Doktor redete so gut deutsch als ich und italienisch wie seine -Muttersprache. Als ich nun die Letze mit meinen Edelleuten zehrte, war -er auch dabei. Mir gingen üble Grillen im Kopf herum, dann da lag mir -mein frischgenommen Weib, mein versprochen Fähnlein und mein Schatz -in Köln im Sinn, von welchem allem ich mich so leichtfertig hinweg zu -begeben hatte bereden lassen. Ich sagte auch über den Tisch: »Wer weiß, -ob vielleicht unser Kostherr mich nicht mit Fleiß hierher praktizieret, -damit er das Meinige zu Köln erheben und behalten möge.« - -Der Doktor meinte, das könne wohl sein, vornehmlich wann ich ein Kerl -von geringem Herkommen sei. - -»Nein,« antwortete der eine Edelmann, »wann er zu solchem Ende hierher -geschickt worden ist, daß er hier bleiben solle, so ists darum -geschehen, weil er ihm seines Geizes wegen soviel Drangsal antäte.« - -Der Doktor sagte: »Es sei geschehen, aus was vor einer Ursache es -wolle, so lasse ich wohl gelten, daß die Sache so angestellt worden, -daß Er hier bleiben muß. Er lasse sich aber das nicht irren. Ich will -Ihm schon wieder mit guter Gelegenheit nach Deutschland verhelfen. -Er schreibe dem ~Notarius~ nur, daß er den Schatz wohl beachte, -sonst werde er scharfe Rechenschaft geben müssen. Es gibet mir einen -Argwohn, daß es ein angestellter Handel sei, weil derjenige, so sich -vor den ~Creditor~ dargegeben, Eures Kostherren und seines hiesigen -Korrespondenten sehr guter Freund ist.« - -~Monsigneur Canard~, so hieß mein neuer Herr, erbot sich mir mit -Rat und Tat beholfen zu sein, damit ich des Meinigen zu Köln nicht -verlustig würde, dann er sahe wohl, daß ich traurig war. In seiner -Wohnung begehrete er, ich sollte ihm erzählen, wie meine Sachen -beschaffen wären. Ich gab mich vor einen armen deutschen Edelmann -aus, der weder Vater noch Mutter, sondern nur etliche Verwandte in -einer Festung hätte, darin schwedische Guarnison läge, welches ich vor -meinem Kostherrn und denen von Adel verborgen hätte, damit sie das -Meinige als ein Gut, so dem Feinde zuständig, nicht an sich zögen. -Meine Meinung wäre, ich wollte dem Kommandanten der Festung schreiben, -als unter dessen Regiment ich die Stelle eines Fähnrichs hätte, und -ihm berichten, was gestalten ich hierher praktiziert worden, ihn -auch bitten, sich des Meinigen habhaft zu machen und indessen meinen -Freunden zuzustellen. - -~Canard~ befand mein Vorhaben ratsam und versprach mir die Schreiben an -ihren Ort zu bestellen, und sollten sie gleich nach Mexiko oder China -lauten. - -Demnach schrieb ich an meine Liebste, an meinen Schwehervater und -den Obristen ~de S. A.~, Kommandanten in L., an welchen ich auch das -~Copert~ richtete und ihm die übrigen beiden beischloß: Ich wollte mich -mit ehisten wieder einstellen, dann ich nur die Mittel in die Hand -kriegte, eine so weite Reise zu vollenden. Er und mein Schweher möchten -vermittels der ~Militiae~ das Meinige zu bekommen unterstehen, eh Gras -darüber wüchse. Darneben berichtete ich, wieviel es an Gold, Silber und -Kleinodien sei. -- Solche Briefe verfertigte ich ~in duplo~, ein Teil -bestellete ~Mons. Canard~, den andern gab ich auf die Post, damit eins -desto gewisser einliefe. - -Also ward ich wieder fröhlich und ich instruierte meines Herrn zween -Söhne desto leichter. Die wurden wie die Prinzen erzogen, dann weil -~Mons. Canard~ sehr reich als auch überaus hoffärtig war, wollte er -sich sehen lassen. Welche Krankheit er von großen Herren an sich -genommen, weil er täglich mit Fürsten umging und ihnen alles nachäffte. - -Sein Haus war wie eines Grafen Hofhaltung, in welcher kein anderer -Mangel erschien, als daß man ihn nicht auch einen gnädigen Herrn -nannte. Einen ~Marquis~, da ihn etwan einer besuchen kam, traktierte er -nicht höher als seinesgleichen. So teilete er zwar auch geringen Leuten -von seinen Arzeneien mit, nahm aber kein geringstes Geld von ihnen, -sondern schenkte ihnen eher ihre Schuldigkeit, damit er einen großen -Namen haben möchte. - -Weil ich ziemlich ~curiös~ war und wußte, daß er mit meiner Person -prangte, als weil ich auch stets in seinem Laboratorio ihm arzeneien -half, davon ich einigermaßen vertraut mit ihm ward, fragte ich ihn -einsmals, warum er sich nicht von seinem adeligen Sitz her schreibe, -den er neulich nahend Paris um 20000 Kronen gekauft, ~item~ warum -er lauter Doktores aus seinen Söhnen zu machen gedenke und sie so -streng studieren lasse, ob nicht besser wäre, daß er ihnen, wie andern -Kavaliers, irgend Ämter kaufe und sie also vollkommen in den adeligen -Stand treten lasse, den sie durch den Landsitz schon namensweis -erworben hätten. - -»Nein,« sagte er, »wann ich zu einem Fürsten komme, so heißt es: Herr -Doktor, setze Er sich nieder. Zum Edelmann aber wird gesagt: Wart auf!« - -Ich sagte: »Weiß aber der Herr Doktor nicht, daß ein Arzt dreierlei -Angesichter hat: Das erste eines Engels, wann ihn der Kranke ansichtig -wird, das ander eines Gottes, wann er hilft, das dritte eines Teufels, -wann man gesund ist und ihn wieder abschafft. Also währet solche Ehrung -nicht länger, als solang dem Kranken der Wind im Leib herumgeht, höret -das Rumpeln auf, so hat die Ehre ein Ende und heißt alsdann auch: -Doktor, vor der Tür ist's dein! Der Edelmann kommt aber niemals von des -Prinzen Seite. Auch hat der Herr Doktor neulich etwas von einem Fürsten -in den Mund genommen und demselben seinen Geschmack abgewinnen müssen, -da wollte ich lieber zehn Jahre stehen und aufwarten, als ich eines -andern Kot versuchete und wanngleich man mich auf Rosen setzte.« - -Er antwortete: »Das muß ich nicht tun, sondern tus gern. Wann der Fürst -sieht, wie sauer michs ankommt, seinen Zustand recht zu erkunden, wird -meine Verehrung desto größer. Und warum sollte ich dessen Kot nicht -versuchen, der mir etlich hundert Dukaten dafür zum Lohn gibet? Ihr -redet von der Sache wie ein Deutscher. Wann Ihr aber einer andern -Nation wäret, so wollet ich sagen, Ihr hättet geredet wie ein Narr.« - -Mit dieser Sentenz nahm ich vorlieb. - - - - -Das ander Kapitel - - -~Mons. Canard~ hatte täglich viel Schmarotzer und hielt gleichsam eine -freie Tafel. Einsmals besuchte ihn des Königs Zeremonienmeister und -andere vornehme Personen vom Hof, denen er eine fürstliche Collation -darreichte. Damit er nun denselben seinen allergeneigtesten Willen -erzeugte und ihnen alle Lust machte, begehrete er, ich wolle ihm -zu Ehren und der ansehnlichen Gesellschaft zu Gefallen ein deutsch -Liedlein in meine Laute hören lassen. Ich folgte gern, weil ich eben in -Laune war und befliß mich derhalben, das beste Geschirr zu machen. - -Daran fanden die Anwesenden ein solch Ergötzen, daß der -Zeremonienmeister sagte, es wäre immer schade, daß ich nicht die -franzsche Sprache könnte, er wollte mich trefflich wohl beim König und -der Königin anbringen. - -Mein Herr besorgte, ich möchte ihm aus seinen Diensten entzuckt werden -und antwortete, ich sei einer von Adel, der nicht lange in Frankreich -zu verbleiben gedächte, würde mich demnach schwerlich vor einen -Musikanten gebrauchen lassen. - -Darauf sagte der Zeremonienmeister, daß er seine Tage nicht eine so -seltene Schönheit, eine so klare Stimme und einen so künstlichen -Lautenisten in einer Person gefunden. Es sollte ehist vorm König -in ~Louvre~ eine ~Comoedia~ gespielet werden, wann er mich darzu -gebrauchen könnte, so verhoffe er große Ehre mit mir einzulegen. Das -hielt mir ~Mons. Canard~ vor, und ich antwortete, wann man mir sagete, -was vor eine Person ich darstellen und was vor ein Lied ich in meine -Laute singen sollte, so könnte ich ja beides: Melodeien und Lieder -auswendig lernen, wannschon sie in franzscher Sprache wären. Als mich -der Zeremonienmeister so willig sahe, mußte ich ihm versprechen den -andern Tag in ~Louvre~ zu kommen, um zu probieren. Also stellete ich -mich ein. Die Melodeien schlug ich gleich perfekt auf dem Instrument, -weil ich das Tabulaturbuch vor mir hatte. Die franzschen Lieder, welche -mir zugleich verdeutscht wurden, kamen mich gar nicht schwer an, also -daß ichs eher konnte, als sichs jemand versahe. - -Ich habe die Zeit meines Lebens keinen so angenehmen Tag gehabt, als -mir derjenige war, an welchem die ~Comoedia~ gespielet ward. ~Mons. -Canard~ gab mir etwas ein, meine Stimme desto klärer zu machen; da er -aber meine Schönheit mit ~oleo talci~ erhöhen und meine halbkrausen -Haare, die vor Schwärze glitzerten, verpudern wollte, fand er, daß er -mich dadurch nur entstellet hätte. - -Ich ward mit einem Lorbeerkranz gekrönt und in ein antiquisch meergrün -Kleid angetan, in welchem man mir den ganzen Hals, den Oberteil der -Brust, die Arme bis hinter die Ellenbogen und die Knie von den halben -Schenkeln an bis auf die halben Waden nackend und bloß sehen konnte. Um -solches schlug ich einen leibfarbenen taffeten Mantel, der sich mehr -einem Feldzeichen vergliche. In solchem Kleid löffelte ich um meine -~Eurydice~, rufte die ~Venus~ mit einem schönen Liedlein um Beistand -an und brachte endlich meine Liebste davon. In welchem Akt ich mich -trefflich zu stellen und meine Liebste mit Seufzen und spielenden Augen -anzublicken wußte. - -Nachdem ich aber meine ~Eurydice~ verloren, zog ich ein ganz schwarz -Habit an, auf die vorige Mode gemacht, aus welchem meine weiße Haut -hervorschien wie Schnee. In solchem beklagte ich meine verlorene -Liebste und bildete mir die Sache so erbärmlich ein, daß mir mitten -in meinen traurigen Liedern und Melodeien die Tränen herausruckten. -Bis ich vor ~Plutonem~ und ~Proserpinam~ in die Hölle kam, stellete -ich denselben in einem sehr beweglichen Liede die Liebe vor, so wir -beide zusammen trügen, bat mit den allerandächtigsten Gebärden, und -zwar alles in die Harfe singend, sie sollten mir die ~Eurydice~ wieder -zukommen lassen, und bedankte, nachdem ich das Jawort erhalten, mit -einem Liede, wußte dabei das Angesicht, samt Gebärden und Stimme so -fröhlich zu verkehren, daß sich alle Anwesenden darüber verwunderten. -Da ich aber meine ~Eurydice~ wieder unversehens verlor, fing ich an, -auf einem Felsen sitzend, den Verlust mit erbärmlichsten Worten und -einer traurigen Melodei zu beklagen und alle Kreaturen um Mitleiden -anzurufen. Darauf stellten sich allerhand zahme und wilde Tiere, -Berge, Bäume und dergleichen bei mir ein, also daß es in Wahrheit ein -Ansehen hatte, als ob alles mit Zauberei übernatürlicher Weise wäre -zugerichtet worden. Da ich aber zuletzt allen Weibern abgesagt und von -den Bacchantinnen erwürget und ins Wasser geworfen ward, daß man nur -meinen Kopf sahe, sollte mich ein erschröcklicher Drache benagen. Der -Kerl aber so im Drachen stak, denselben zu regieren, konnte meinen Kopf -nicht sehen und ließ das Drachenmaul neben dem meinigen grasen. Solches -kam mir lächerlich vor, daß ich mir nicht abbrechen konnte, darüber zu -schmollen, welches die Damen, so mich gar wohl betrachteten, in Acht -nahmen. - -Von dieser ~Comoedia~ bekam ich neben dem Lob nicht allein eine -treffliche Verehrung, sondern auch einen andern Namen, indem mich -forthin die Franzosen nicht anders als ~Beau Alman~ nannten. Es wurden -noch mehr dergleichen Spiele und Ballett gehalten, in welchen ich -mich gebrauchen ließ. Ich befand aber zuletzt, daß ich von den andern -geneidet ward, weil ich die Augen der Zuseher, sonderlich der Weiber, -gewaltig auf mich zog. Tät mich derowegen ab, maßen ich einsmals -ziemlich Stöße kriegte, da ich als ein ~Herkules~, gleichsam nackend in -einer Löwenhaut, mit dem Flußgott ~Achelous~ um die ~Deianira~ kämpfte, -da er mir's gröber machte, als in einem Spiel Gebrauch ist. -- - -Einsmals kam ein Lakai, der sprach meinen ~Mons. Canard~ an und -brachte ihm ein Brieflein, eben als ich in seinem Laboratorio über -alchimistischer Arbeit saß, dann ich hatte aus Lust bei meinem Doktor -manchen chimischen Prozeß gefördert mit Resolvieren, Sublimieren, -Kalcinieren, Digerieren und unzählig vielen andern Praktiken. - -»~Monsieur Beau Alman~,« rief der Doktor, »das Schreiben betrifft Euch. -Es schicket ein vornehmer Herr, Ihr wollet gleich zu ihm kommen, daß -er Euch ansprechen könnte, ob Euch nicht beliebe, seinen Sohn auf der -Laute zu informieren. Er bittet mit sehr courtoisen Versprechen, daß -ich Euch zurede, Ihr wollet ihm diesen Gang nicht abschlagen.« - -Ich antwortete: »Wann ich Euretwegen jemand dienen könnte, so will ich -am Fleiße nicht sparen.« - -Darauf sagte er, ich solle mich anders anziehen, indessen wolle er mir -etwas zu essen machen, dann ich hätte einen ziemlich weiten Weg zu -gehen. - -Also putzte ich mich und verschluckte in Eil etwas von den Gerichten, -sonderlich aber ein paar kleiner delikater Würstlein, welche mir zwar, -als mich deuchte, ziemlich stark apothekerten. Ging demnach mit -gedachtem Lakai durch seltsame Umwege eine Stunde lang, bis wir gegen -Abend an eine Gartentür kamen, die nur zugelehnt war. Der Lakai stieß -sie vollends auf und schlug sie hinter uns zu, führete mich nachgehends -in ein Lusthaus, so in einer Ecke des Gartens stund. Nachdem wir -einen ziemlich langen Gang passierten, klopfte er vor einer Tür, so -von einer alten adeligen Dame stracks aufgemachet ward. Diese hieß -mich in deutscher Sprache sehr höflich willkommen und zu ihr vollends -hineintreten. Der Lakai aber, so kein Deutsch konnte, nahm mit tiefer -Reverenz Abschied. - -Die Alte führte mich bei der Hand vollends in das Zimmer, das rundumher -mit köstlichen Tapeten behängt und sonsten auch schön gezieret war. Sie -hieß mich niedersitzen, damit ich verschnaufen und zugleich vernehmen -könnte, aus was Ursachen ich an diesen Ort geholet worden. - -Ich folgte gern und satzte mich auf einen Sessel, den sie mir zum Feuer -stellete, sie aber ließ sich neben mir auf einen andern nieder und -sagte: - -»~Monsieur~, wann Er etwas von den Kräften der Liebe weiß, daß nämlich -solche die allertapfersten, stärksten und klügsten Männer überwältige -und zu beherrschen pflege, so wird Er sich umso viel mehr desto weniger -verwundern, wann dieselbe auch ein schwaches Weibsbild meistert. Er -ist nicht der Laute halber, wie man Ihn und ~Mon. Canard~ überredet -hat, von einem Herrn, aber wohl seiner übertrefflichen Schönheit halber -von der allervortrefflichsten Dame in Paris hierher berufen worden. -Sie versiehet sich allbereits des Todes, so sie nicht bald des Herren -überirdische Gestalt zu beschauen und sich daran zu erquicken das Glück -haben sollte. Derowegen hat sie mir befohlen, dem Herrn, als meinem -Landsmann, solches anzuzeigen und ihn höher zu bitten als ~Venus~ -ihren ~Adonis~, daß er diesen Abend sich bei ihr einfinden und seine -Schönheit genugsam von ihr betrachten lasse, welches er ihr hoffentlich -als einer vornehmen Dame nicht abschlagen wird.« - -Ich antwortete: »~Madame~, ich weiß nicht, was ich denken, viel weniger -hierauf sagen soll. Ich erkenne mich nicht darnach beschaffen zu sein, -daß eine Dame von so hoher Qualität nach meiner Wenigkeit verlangen -sollte. Wann die Dame, so mich zu sehen begehret, so vortrefflich und -vornehm sei, als mir meine hochgeehrte Frau Landsmännin vorbringt, so -hätte sie wohl bei früher Tageszeit nach mir schicken dörfen und mich -nicht erst hierher an diesen einsamen Ort bei so spätem Abend berufen. -Was habe ich in diesem Garten zu tun? Meine Landsmännin vergebe, wann -ich als verlassener Fremder in die Forcht gerate, man wolle mich auch -sonst hintergehen. Sollte ich aber merken, daß man mir so verräterisch -mit bösen Tücken an den Leib wollte, würde ich vor meinem Tode den -Degen zu gebrauchen wissen.« - -»Sachte, sachte, mein hochgeehrter Herr Landsmann, Er lasse diese -unmutigen Gedanken aus dem Sinn. Die Weibsbilder sind seltsam und -vorsichtig in ihren Anschlägen, daß man sich nicht gleich anfangs so -leicht darein schicken kann. Wann diejenige, die Ihn über alles liebet, -gern hätte, daß Er Wissenschaft von ihrer Person haben sollte, so hätte -sie Ihn freilich nicht erst hierher, sondern den geraden Weg zu sich -kommen lassen. Dort liegt eine Kappe, die muß der Herr ohndas erst -aufsetzen, wann Er zu ihr geführt wird, weil sie auch sogar nicht will, -daß Er den Ort, geschweige, bei wem er gesteckt, wissen sollte. Bitte -und ermahne demnach den Herrn so hoch als ich immer kann, Er zeige -sich gegen diese Dame so, wie es ihre Hoheit als auch ihre gegen Ihn -tragende unaussprechliche Liebe meritiert. Anders wolle Er gewärtig -sein, daß sie mächtig genug sei, seinen Hochmut und Verachtung auch in -diesem Augenblick zu strafen.« - -Es ward allgemach finster und ich hatte allerhand Sorgen und forchtsame -Gedanken, also daß ich wie ein geschnitzt Bild dasaß. Konnte mir wohl -auch einbilden, daß ich diesem Ort so leicht nicht wieder entrinnen -könnte. So willigte ich denn in alles, so man mir zumutete, und sagte -der Alten: »Wenn ihm dann so ist, wie Sie vorgebracht, so vertraue ich -meine Person Ihrer angeborenen deutschen Redlichkeit, der Hoffnung, sie -werde nicht zulassen, daß einem unschuldigen Deutschen eine Untreue -widerführe. Sie vollbringe also, was Ihr befohlen.« - -»Ei, behüte Gott, Er wird mehr Ergötzen finden, als Er sich hat sein -Tag niemals einbilden dörfen!« - -Sie rief: ~Jean~, ~Pierre~! -- alsobald traten diese in vollem, -blanken Küraß, vom Scheitel bis auf die Fußsohle gewaffnet, mit einer -Hellebarden und Pistolen in Händen, hinter einer Tapezerei herfür. -Davon ich dergestalt erschrak, daß ich mich entfärbte. Die Alte ward -solches lächelnd gewahr. - -»Man muß sich nicht förchten, wenn man zum Frauenzimmer gehet.« - -Sie befahl den beiden ihren Harnisch abzulegen, die Laterne zu nehmen -und nur mit ihren Pistolen zu folgen. Demnach streifte sie mir die -schwarze Sammetkappe über den Kopf und führete mich an der Hand durch -seltsame Wege. - -Ich spürte wohl, daß ich durch viel Türen und auch über einen -gepflasterten Weg passierte. Endlich mußte ich etwan eine halbe -Viertelstunde eine kleine steinerne Stiege steigen, da tät sich ein -Türlein auf, von dannen kam ich über einen belegten Gang und mußte eine -Wendelstiege hinauf, folgends etliche Staffeln wieder hinab, allda sich -etwa sechs Schritte weiters eine Tür öffnete. - -Als ich endlich durch solche kam, zog mir die Alte die Kappe wieder -herunter. Da befand ich mich in einem Saal, der überaus zierlich -aufgeputzt war. Die Wände waren mit schönen Gemälden, der Tresor mit -Silbergeschirr und das Bette, so darin stund, mit Umhängen von göldenen -Stücken gezieret. In der Mitten stund der Tisch, prächtig gedeckt, und -bei dem Feuer befand sich eine Badewanne, die wohl hübsch war, aber -meinem Bedünken nach schändete sie den ganzen Saal. - -Die Alte sagte zu mir: »Nun willkommen, Herr Landsmann, kann Er noch -sagen, daß man Ihn mit Verräterei hintergehe? Er lege nur allen Unmut -ab und erzeige sich wie neulich auf dem Theatro, da er seine ~Eurydice~ -wieder erhielt. Er wird hier, ich versichere, eine schönere antreffen, -als Er dort eine verloren.« - - - - -Das dritte Kapitel - - -Ich merkte schon an diesen Worten, daß ich mich nicht nur an diesem -Ort beschauen lassen, sondern noch gar was anderes tun sollte. Sagte -derowegen zu der Alten: - -»Es ist einem Durstigen wenig damit geholfen, wann er bei einem -verbotenen Brunnen sitzt.« - -Sie antwortete, man sei in Frankreich und also nicht so mißgünstig, daß -man einem das Wasser verbiete, sonderlich, wo dessen ein Überfluß sei. - -»Ja,« sagte ich, »Sie saget mir wohl davon, wann ich nicht schon -verheiratet wäre.« - -»Das sind Possen,« meinte das gottlose Weib, »man wird Euch solches -nicht glauben, dann die verehelichten Kavaliers ziehen selten nach -Frankreich. Und wenngleich dem so wäre, kann ich nicht glauben, daß -der Herr so albern sei, eher Durst zu sterben, als aus einem fremden -Brunnen zu trinken.« - -Dies war unser Diskurs, dieweil mir eine adelige Jungfer, so das Feuer -pflegte, Schuhe und Strümpfe auszog, die ich überall im Finstern -besudelt hatte, wie dann Paris ohn das eine sehr kotige Stadt ist. - -Gleich darauf kam Befehl, daß man mich noch vor dem Essen baden sollte, -dann bemeldtes Jungfräulein ging ab und zu und brachte Badezeug, so -alles nach Bisem und wohlriechender Seife duftete. Das leinen Gerät war -von reinstem Kammertuch und mit teueren holländischen Spitzen besetzt. - -Ich wollte mich schämen und vor der Alten nicht nackend sehen lassen, -aber es half nichts, ich mußte dran und mich von ihr ausreiben lassen, -das Jungfergen mußte eine Weile abtreten. - -Nach dem Bad ward mir ein zartes Hemd gegeben und ein köstlicher -Schlafpelz von veielblauem Taffet angelegt, samt ein Paar Strümpfen von -gleicher Farbe. So war meine Schlafhaube samt den Pantoffeln mit Gold -und Perlen gestickt, also daß ich nach dem Bad dort saß zu protzen wie -der Herzkönig. - -Indessen mir nun meine Alte das Haar trücknete und kämpelte trug -mehrgemeldtes Jungfergen die Speisen auf, und nachdem der Tisch -überstellet war, traten drei heroische Damen in den Saal, welche -ihre Alabasterbrüstlein zwar ziemlich weit entblößt trugen, vor den -Angesichtern aber ganz vermaskiert waren. - -Sie dünkten mich alle drei vortrefflich schön zu sein, aber doch war -eine viel schöner als die andern. Ich machte ihnen ganz stillschweigend -einen Bückling und sie bedankten sich mit der gleichen Zeremonie, -welches natürlich aussahe, als ob etliche Stumme beieinander seien. Sie -satzten sich alle drei zugleich, daß ich nicht erraten konnte, welche -die Vornehmste gewesen. - -Der ersten Rede war, ob ich nicht französisch könnte. Meine Landsmännin -sagte nein. Hierauf befahl ihr die andre, sie solle mir sagen, ich -wollte belieben niederzusitzen. Dann bedeutete die Dritte der Alten, -sie solle sich auch setzen. Woraus ich abermal nicht abnehmen konnte, -welche die Vornehmste unter ihnen war. - -Ich saß neben dem alten Gerippe und sie blickten mich alle drei sehr -anmütig, lieb- und huldreich an, und ich dörfte schwören, daß sie viel -hundert Seufzer gehen ließen. - -Meine Alte fragte mich, welche ich unter den dreien vor die Schönste -hielte. Ich antwortete, daß einem die Wahl wehe tue. Hierüber fing sie -an zu lachen, daß man alle vier Zähne sahe, die sie noch im Maul hatte, -und sagte: »Warum das?« - -»Soviel ich sehe, sein alle drei nit häßlich.« - -Dieses ward die Alte gefragt und sie log darzu, ich hätte gesagt, einer -jeden Mund wäre hunderttausend Mal Küssens wert, dann ich konnte ihre -Mäuler unter den Masken wohl sehen. Ich stellete mich unter all diesem -Diskurs über Tisch, als ob ich kein Wort französisch verstünde. - -Weil es nun so still herging, machten wir desto früher Feierabend. Die -Damen wünschten eine gute Nacht und gingen ihres Wegs, ich durfte aber -das Geleite nicht weiter als bis an die Tür geben, so die Alte gleich -nach ihnen zuriegelte. - -Ich fragte, wo ich dann schlafen müßte. Sie sagte, ich müßte bei ihr in -gegenwärtigem Bette vorlieb nehmen. Ich meinte das Bette wäre immerhin -gut genug. - -Indem wir so plauderten, zog eine schöne Dame den Bettvorhang etwas -zurück und sagte der Alten, sie solle aufhören zu schwätzen und -schlafen gehen. Stracks nahm ich ihr das Licht und wollte sehen, wer im -Bette läge. Sie aber löschte solches aus. - -»Herr, wann Ihm sein Kopf lieb ist, so unterstehe er sich dessen -nicht, was Er im Sinne hat. Er sei versichert, da Er im Ernst sich -bemühen wird, diese Dame wider ihren Willen zu sehen, daß Er nimmermehr -lebendig von hinnen kommt.« - -Damit ging sie durch und beschloß die Tür. Die Jungfer aber, so dem -Feur gewartet, löschte es vollends aus und ging hinter einer Tapezerei -durch eine verborgene Tür hinweg. - -»~Allez, monsieur Beau Aleman~, geh slaff mein 'erz, gomm, rick su mir!« - -Soviel hatte ihr die Alte Deutsch gelernet. Ich begab mich zum Bette, -zu sehen, wie dann dem Ding zu helfen sein möchte, sobald ich aber -hinzu kam, fiel sie mir um den Hals und bisse mir vor Hitze schier die -unter Lefzen herab, ja, sie fing an das Hemd gleichsam zu zerreißen, -zog mich also zu sich und stellete sich vor unsinniger Liebe also an, -daß nicht auszusagen. - -Sie konnte nichts anders Deutsch als: Rick su mir, mein 'erz! -- das -übrige gab sie sonst zu verstehen. - -Ich dachte zwar heim an meine Liebste, aber was half es. Ich war leider -ein Mensch und fand eine so wohlproportionierte Kreatur, daß ich ein -Holzblock hätte sein müssen. -- - -Dergestalt brachte ich acht Täge an diesem Orte zu. Nach geendigter -Zeit satzte man mich im Hof mit verbundenen Augen in eine zugemachte -Kutsche zu meiner Alten, die mir unterwegs die Augen wieder aufband. -Man führete mich in meines Herren Hof, und die Kutsche fuhr wieder -schnell hinweg. Meine Verehrung waren zweihundert Dukaten, und da ich -die Alte fragte, ob ich niemand kein Trinkgeld davon geben könnte, -sagte sie, bei Leibe nicht! - -Nachgehends bekam ich noch mehr dergleichen Kunden, welche es mir -endlich so grob machten, daß ich der Narrenposse ganz überdrüssig ward. - -Auch fing ich an und ging in mich selber, nicht zwar aus Gottseligkeit -oder Trieb meines Gewissens, sondern aus Sorge, daß ich einmal auf -solch einer Kirchweih erdappt und nach Verdienst bezahlt würde. An -Geld und andern Sachen hatte ich so viel Verehrungen zusammen, daß mir -Angst dabei ward und ich mich nicht mehr verwunderte, daß sich die -Weibsbilder aus dieser viehischen Unfläterei ein Handwerk machen. - -Derhalben trachtete ich wieder nach Deutschland zu kommen und das -umso viel mehr, weil der Kommandant zu L. mir geschrieben hatte, daß -er etliche kölnische Kaufleute bei den Köpfen gekriegt, die er nit -aus den Händen lassen wollte, es seien ihm dann meine Sachen zuvor -eingehändiget, ~item~ daß er mir das versprochene Fähnlein aufhalte und -meiner noch im Frühling gewärtig sei, dann sonst müßte er die Stelle -mit einem andern besetzen. - -So schickte mir mein Weib auch ein Brieflein darbei, das voll -liebreicher Bezeugung ihres großen Verlangens war. Hätte sie aber -gewußt, wie ich so ehrbar gelebet, so sollte sie mir wohl einen andern -Gruß hineingesetzt haben. - -Ich konnte mir wohl einbilden, daß ich mit ~Monsignore Canards~ -Einwilligung schwer hinweg käme, gedachte derhalben heimlich durch zu -gehen. Und als ich einsmals etliche Offizierer von der weimarischen -Armee antraf, gab ich mich ihnen als Fähnrich von des Obristen ~de -S. A.~ Regiment zu erkennen mit Bitte, sie wollten mich in ihrer -Gesellschaft als Reisegefährten mitnehmen, da ich meiner Geschäfte -in Paris ledig sei. Also eröffneten sie mir den Tag ihres Aufbruches -und nahmen mich willig mit. An ~Mons. Canard~ schrieb ich aber zurück -und datierte zu Mastrich, damit er meinen sollte, ich wäre auf Köln -gegangen, und nahm meinen Abschied mit Vermelden, daß mir unmöglich -gewesen länger zu bleiben, weil ich seine aromatischen Würstlein nicht -mehr hätte verdauen können. - -Im zweiten Nachtläger von Paris aus ward mir wie einem, der den Rotlauf -bekommt. Mein Kopf tät mir so grausam weh, daß mir unmöglich war -aufzustehen. Ich lag in einem gar schlechten Dorf, darin ich keinen -~Medicum~ haben konnte, und was das ärgste war, so hatte ich auch -niemand, der meiner wartete, dann die Offizierer reisten des Morgens -früh ihres Weges fort gegen den Elsaß zu. Sie ließen mich als einen, -der sie nichts anginge, gleichsam todkrank daliegen. Doch hinterließen -sie bei dem Schulzen, daß er mich als einen Kriegsoffizier, der dem -König diene, beobachten sollte. - -Also lag ich ein paar Tage dort, daß ich nichts von mir selber -wußte, sondern wie ein Hirnschelliger fabelte. Man brachte den -Pfaffen, derselbe konnte aber nichts Verständiges von mir vernehmen. -Doch gedachte er auf Mittel, mir nach Vermögen zu Hilfe zu kommen, -allermaßen er mir eine Ader öffnen, einen Schweißtrank eingeben und -mich in ein warmes Bette legen ließ, zu schwitzen. Das bekam mir so -wohl, daß ich mich in derselben Nacht wieder besann, wo ich war. - -Am folgenden Tag fand mich der Pfaffe ganz desperat, dieweil mir nicht -allein all mein Geld, es waren fünf hundert Dublonen, entführt war, -sondern auch ich nicht anders vermeinte, als hätte ich ~salva venia~ -die lieben Franzosenblatteren, weil sie mir billiger als die Dublonen -gebühreten. Ich war auch über den ganzen Leib so voller Flecken als wie -ein Tieger, konnte weder gehen, stehen, sitzen, liegen und war auch -keine Geduld bei mir. Ja, ich stellete mich nicht anders, als ob ich -ganz hätte verzweifeln wollen, daß also der gute Pfarrer genug an mir -zu trösten hatte, weil mich der Schuh an zweien Orten so heftig druckte. - -»Nach dem Geld fragte ich nichts, wann ich nur diese abscheuliche, -verfluchte Krankheit nicht am Hals hätte oder wäre an Ort und Enden, -da ich wieder kuriert werden könnte!« - -»Ihr müßt Euch gedulden. Wie müßten erst die armen, kleinen Kinder tun, -deren im hießigen Dorf über fünfzig daran krank liegen.« - -Wie ich hörete, daß auch Kinder damit behaftet, war ich alsbald -herzhafter, dann ich konnte ja leicht gedenken, daß selbige jene -garstige Seuch nit kriegen würden, nahm derowegen mein Felleisen zur -Hand und suchte, was es etwan noch vermöchte. Da war ohn das weiße Zeug -nicht Schätzbares drin, als eine Kapsel mit einer Damen Conterfait, -rund herum mit Rubinen besetzt, so mir eine zu Paris verehret hatte. -Ich nahm das Conterfait heraus und stellete das übrige dem Pfarrer -zu mit Bitte, solches in der nächsten Stadt zu versilbern. Auch mein -Klepper mußte dran glauben. Damit reichte ich kärglich aus, bis die -Blattern anfingen zu dörren und mir besser ward. - - - - -Das vierte Kapitel - - -Womit einer sündiget, damit pflegt er auch gestraft zu werden. Die -Kindsblattern richteten mich dergestalt zu, daß ich hinfüro vor den -Weibsbildern gute Ruhe hatte. Ich kriegte Gruben im Gesicht, daß ich -aussahe wie eine Scheurtenne, darauf man Erbsen gedroschen. Ja, ich -ward so häßlich, daß sich mein schönes, krauses Haar, in welchem sich -so manch Weibsbild verstrickt, meiner schämte und seine Heimat verließ, -daß ich also notwendig eine Perücke tragen mußte. Meine liebliche -Stimme ging als auch dahin, dann ich den Hals voller Blattern gehabt. -Meine Augen, die man hiebevor niemalen ohne Liebesfeuer finden konnte, -eine jede zu entzünden, sahen jetzt rot und triefend aus wie die eines -achtzigjährigen Weibes. Über das alles war ich in fremden Landen, -kannte weder Hund noch Menschen, verstund die Sprache kaum und hatte -allbereits kein Geld. - -Da fing ich erst an hinter sich zu denken und die herrliche Gelegenheit -zu bejammern, die mir hiebevor zur Beförderung meiner Wohlfahrt -angestanden, ich aber so liederlich hatte verstreichen lassen. Ich -merkte, daß mein außergewöhnlich Kriegsglück und mein gefundener Schatz -nur Ursache und Vorbereitung zu meinem Unglück gewesen. Da war kein -Einsiedel mehr, der es treulich mit mir meinete, kein Pfarrer, der -mir das Beste riete. Da mein Geld hin war, hieß es, ich sollte auch -fort und meine Gelegenheit anderswo suchen. O schnelle, unglückselige -Veränderung! Vor vier Wochen war ich ein Kerl, der die Fürsten zur -Verwunderung bewegte, das Frauenzimmer entzuckte, dem Volk als ein -Meisterstück der Natur, ja, ein Engel vorkam, jetzt aber so unwert, daß -mich die Hunde anpißten. - -Der Wirt stieß mich aus dem Haus, da ich nicht bezahlen konnte, kein -Werber wollte mich vor einen Soldaten annehmen, weil ich wie ein -grintiger Kuckuck aussahe, arbeiten konnte ich nit, dann ich war noch -zu matt und keiner Arbeit gewohnt. Mich tröstete allein, daß es gegen -den Sommer ging und ich mich zur Not hinter einer Hecken behelfen -konnte, weil mich niemand mehr im Hause litt. Mein stattlich Kleid und -Leinenzeug wollte mir niemand abkaufen, weil jeder sorgte, ich möchte -ihm auch eine Krankheit damit an den Hals hängen. - -Ich nahms also auf den Buckel, den Degen in die Hand und den Weg unter -die Füße, der mich in ein klein Städtlein trug, so gleich wohl über -eine eigene Apotheke vermochte. In dieselbe ging ich und ließ mir eine -Salbe zurichten, die mir die Blatternnarben im Gesicht vertreiben -sollte. Ich gab ein schön, zart Hemd davor. - -Es war ein Markt daselbst, und auf demselben befand sich ein -Zahnbrecher, der trefflich Geld lösete, da er doch liederlich Ding den -Leuten dafür anhing. - -»Narr,« sagte ich zu mir selber, »was machst du, daß du nicht auch so -einen Kram aufrichtest! Bist du so lang bei ~Mons. Canard~ gewesen und -hast nicht so viel gelernt, einen einfältigen Baur zu betrügen und dein -Maulfutter davon zu gewinnen? Da mußt du wohl ein elender Tropf sein.« - -Ich mochte damals fressen wie ein Drescher, dann mein Magen war nicht -zu ersättigen. Ich hatte aber nur noch einen einzigen göldenen Ring mit -einem Diamant, der etwa zwenzig Kronen wert war. Den versilberte ich um -zwölfe und resolvierte mich, ein Arzt zu werden. Kaufte die Materialia -zu einem Theriak und richtete ihn zu für kleine Städt und Flecken. Vor -die Bauren aber nahm ich ein Teil Wacholderlatwerge, vermischte solches -mit Eichenlaub, Weidenblättern und dergleichen herben Ingredienzien, -alsdann machte ich auch aus Kräutern, Wurzeln, Blättern und etlichen -Olitäten eine grüne Salbe zu allerhand Wunden, damit man wohl ein -gedruckt Pferd hätte heilen können, ~item~ aus Galmei, Kieselsteinen, -Krebsaugen, Schmirgel und Trippel ein Pulver, weiße Zähne damit -zu machen, ferner ein blau Wasser aus Lauge, Kupfer, Ammoniak und -Kampfer vor Mundfäule, Zähn- und Augenweh. Ich bekam auch einen Haufen -blecherner und hölzerner Büchslein, Papier und Gläslein, meine Ware -darein zu schmieren. Damit es auch ein Ansehen haben möchte, ließ ich -mir einen französischen Zettel koncipieren und drucken, darin man sehen -konnte, wozu ein und das ander gut war. Ich hatte kaum drei Kronen in -die Apotheke und vor Geschirr angewendet und war in drei Tagen fertig. -Also packte ich auf und nahm mir vor, von einem Dorf zum andern bis in -das Elsaß hinein zu streichen und endlich zu meinem Weib zu finden. - -Da ich das erste Mal mit meiner Quacksalberei vor eine Kirche kam -und feil hatte, war die Losung gar schlecht, weil ich noch viel zu -blöd war. Sahe demnach gleich, daß ichs anders angreifen müßte. Im -Wirtshaus vernahm ich über Tisch vom Wirt, daß den Nachmittag allerhand -Leute unter der Linden vor seinem Haus zusammenkommen würden, da -dörfte ich wohl so etwas verkaufen, wann man nur an einer Probe vor -Augen sähe, daß mein Theriak ausbündig gut wäre. Als ich dergestalt -vernommen, woran es mangele, bekam ich ein halbes Trinkgläslein voll -gutem Straßburger Branntewein und fing eine Art Kroten, so in den -unsauberen Pfützen sitzen und singen, sind fast rotgelb unten am Bauch -schwarz gescheckigt, gar unlustig anzusehen. Ein solche satzte ich -in ein Schoppenglas mit Wasser und stellets neben meine Ware auf den -Tisch unter der Linde. Wie sich nun die Leute versammleten und um mich -herumstunden, vermeineten etliche, ich würde mit der Zange, so ich von -dem Wirte aus der Kuchen entlehnet, die Zähn ausbrechen, ich aber fing -an: - -»Ihr Herren und gueti Freund, bin ich kein Brech-dir-die-Zahn-aus, -allein hab ich gut Wasser vor die Aug, es mag all die Flüß aus die rote -Aug ...« - -»Ja,« antwortete einer, »man siehets an Euren Augen wohl, die sehen ja -aus wie zween Irrwische!« - -»Das ist wahr, wann ich aber der Wasser vor mich nicht hab, so wär -ich wohl gar blind werd. Ich verkauf sonst das Wasser nit. Der -Theriak und das Pulver vor die weiße Zähn und das Wundsalb will ich -verkauf und der Wasser noch darzu schenk! Ich bin kein Schreier und -Bescheiß-dir-die-Leut. Hab ich mein Theriak feil, wann ich sie hab -probiert, und sie dir nit gefallt, so darfst du sie nit kauf ab.« - -Indem ließ ich einen von meinem Umstand aus den Theriakbüchslein -wählen, daraus tät ich etwan eine Erbse groß in meinen Branntewein, den -die Leute vor Wasser ansahen, zerrieb den Theriak darin und kriegte mit -der Zange die Krot zu fassen. - -»Secht ihr, gueti Freund, wann dies giftig Wurm kann mein Theriak trink -und sterbe nit, do ist der Ding nit nutz, dann kauf ihr nur nit ab.« - -Hiemit steckte ich die arme Krote, welche im Wasser geboren und -erzogen, in meinen Branntewein und hielt ihn mit einem Papier zu, daß -die Krot nicht herausspringen konnte. Da fing sie dergestalt an darin -zu wüten und zu zablen, ja viel ärger zu tun, als ob ichs auf glühend -Kohlen geworfen hätte, und streckte endlich alle vier von sich. - -Die Bauren sperrten Maul und Beutel auf, da war in ihrem Sinn kein -besserer Theriak als der meinige, und ich hatte genug zu tun, den -Plunder in die Zettel zu wickeln und Geld davor einzunehmen. Es kauften -etliche drei-, vier-, fünf- und sechsfach, damit sie auf den Notfall -mit so köstlicher Giftlatwerge versehen wären, ja, sie kauften auch vor -ihre Freunde und Verwandten. - -Ich machte mich noch dieselbe Nacht in ein anderes Dorf, weil ich -besorgte, es möchte etwan auch ein Baur so kurios sein und eine Kroten -in ein Wasser setzen, meinen Theriak zu probieren, und mir der Buckel -geraumet werden. - -Damit ich aber gleichwohl die Vortrefflichkeit meiner Giftlatwerge auf -eine andere Manier erweisen könnte, machte ich mir aus Mehl, Safran -und Gallus einen gelben ~Arsenicum~ und aus Mehl und Vitriol einen -~Mercurium Sublimatum~. Wann ich die Probe tun wollte, hatte ich zwei -gleiche Gläser mit frischem Wasser auf dem Tisch, davon das eine -ziemlich stark mit ~Aqua Fort~ oder ~Spiritus Victril~ vermischt war. -In dasselbe zerrührte ich ein wenig von meinem Theriak und schabte -alsdann von meinen beiden Giften so viel, als genug war, hinein. Davon -ward das eine Wasser, so keinen Theriak und also auch kein ~Aqua Fort~ -hatte, so schwarz als Tinte, das andre blieb wegen des Scheidewassers -wie es war. - -»Ha,« sagten dann die Leute, »das ist fürwahr ein köstlicher Theriak um -so ein gering Geld!« - -Wann ich aber beide untereinander goß, so ward wieder alles klar. -Davon zogen die guten Bauren ihre Beutel und ich kam glücklich an die -deutsche Grenze. - - - - -Das fünfte Kapitel - - -Da ich durch Lothringen passierte ging mir meine Ware aus und -also auch meine Gläslein. Demnach ich aber von einer Glashütte im -fleckensteinischen Gebiet hörete, begab ich mich darauf zu, mich wieder -zu montieren. Und indem ich Abwege suchte, weilen ich die Guarnisonen -scheuete, ward ich ungefähr von einer Partei aus Philippsburg, die sich -auf dem Schloß Wagelnburg aufhielt, gefangen. Der Baur, so mir den Weg -zu weisen mitgegangen war, hatte den Kerln gesagt, ich sei ein Doctor, -ward also wider des Teufels Dank vor einen Doctor nach Philippsburg -geführet. - -Ich scheuete mich gar nicht zu sagen, wer ich wäre, aber ich sollte ein -Doctor sein. Ich schwor, daß ich unter die kaiserlichen Dragoner nach -Soest gehörig, aber es hieß, der Kaiser brauche sowohl in Philippsburg -als in Soest Soldaten, man würde mir bei ihnen Aufenthalt geben, wann -mir dieser Vorschlag nicht schmecke, so möchte ich mit dem Stockhaus -vorlieb nehmen. - -Also kam ich vom Pferd auf den Esel und mußte wider Willen Musketierer -sein. Das kam mir blutsauer an, weil der Schmalhans dort herrschte und -das Kommißbrot schröcklich klein war. Und die Wahrheit zu bekennen, -so ist es wohl eine elende Kreatur um einen Musketierer in einer -Guarnison. Dann da ist keiner anders als ein Gefangener, der mit -Wasser und Brot der Trübsal sein armseliges Leben verzögert. Ja, ein -Gefangener hat es noch besser, dann er darf weder wachen, Runden gehen, -noch Schildwacht stehen, sondern bleibt in seiner Ruhe liegen. - -Etliche nahmen, und sollten es auch verloffene Huren gewesen sein, -in solchem Elend keiner andern Ursache halber Weiber, als daß sie -von solchen entweder durch Arbeiten als nähen, wäschen, spinnen oder -krämpeln und schachern und gar stehlen ernähret würden. Da war eine -Fähnrichin unter den Weibern, die hatte eine Gage wie ein Gefreiter. -Eine andre war Hebamme und brachte dadurch sich selbsten und ihrem -Mann manchen Schmauß zuwege. Eine andre konnte stärken und wäschen, -andre verkauften Tobak und versahen die Kerle mit Pfeifen, andere -handelten mit Branntewein und eine war eine Näherin. Es gab ihrer, die -sich blöslich vom Felde ernähreten: im Winter gruben sie Schnecken, im -Frühling ernteten sie Salat, im Sommer nahmen sie Vogelnester aus, im -Herbste wußten sie sonst tausenderlei Schnabelweide zu kriegen. Solcher -Gestalt nun meine Nahrung zu haben, war nicht vor mich, dann ich -hatte schon ein Weib. Zur Arbeit auf der Schanze war ich zu faul, ein -Handwerk hatte ich Tropf nie gelernet und einen Musikanten hatte man -in dem Hungerland nicht vonnöten. Auf Partei zu gehen ward mir nicht -vertraut. Etliche konnten besser mausen als Katzen, ich aber haßte -solche Hantierung wie die Pest. ~In summa~ wo ich mich nur hinkehrete, -da konnte ich nichts ergreifen, das meinen Magen hätte stillen mögen. -»Du sollst ein Doctor sein,« sagten sie mir, »und kannst anders keine -Kunst als Hunger leiden.« - -Zuletzt war anderer Unglück mein Glück, dann nachdem ich etliche -Gelbsüchtige und ein paar Fiebernde kurierte, die einen besonderen -Glauben an mich gehabt haben müssen, ward mir erlaubt, vor die Festung -zu gehen, meinem Vorwande nach Wurzeln und Kräuter zu meinen Arzneien -zu sammeln. Da richtete ich hingegen den Hasen mit Stricken und fing -die erste Nacht zween. Dieselben brachte ich dem Obristen und erhielt -dadurch nicht allein einen Taler zur Verehrung, sondern auch Erlaubnus, -daß ich hinausdörfte, wann ich die Wacht nicht hätte. Als kam das -Wasser wieder auf meine Mühle, maßen es das Ansehen hatte, als ob ich -Hasen in meine Stricke bannen könnte, so viel fing ich in dem erödeten -Land. - -Ich ward unter meiner Muskete ein recht wilder Mensch. Keine Boßheit -war mir zuviel, alle Gnaden und Wohltaten, die ich von Gott jemals -empfangen, waren allerdings vergessen. Ich lebte auf den alten Kaiser -hinein wie ein Viehe. Selten kam ich in die Kirche und gar nicht zur -Beichte. Wo ich nur jemand berücken konnte, unterließ ichs nicht, so -daß schier keiner ungeschimpft von mir kam. Davon kriegte ich oft -dichte Stöße und noch öfter den Esel zu reuten, ja man bedrohete mich -mit Galgen und Wippe, aber es half alles nichts. Ich trieb meine -gottlose Weise fort, daß es das Ansehen hatte, als ob ich desperat -spiele und mit Fleiß der Höllen zurenne. Und obgleich ich keine Übeltat -beging, dadurch ich das Leben verwürkt hätte so war ich jedoch so -ruchlos, daß man hat kaum einen wüsteren Menschen antreffen mögen. - -Dies nahm unser Regimentskaplan in Acht, und weil er ein rechter -frommer Seeleneiferer war, schickte er auf die österliche Zeit nach -mir, zu vernehmen, warum ich mich nicht bei der Beichte und Communion -eingestellet hätte. Ich traktierte ihn wie hiebevor den Pfarrer zu L., -also daß der gute Herr nichts mit mir ausrichten konnte. Er verdonnerte -mich zum Beschluß: - -»Ach, du elender Mensch, ich habe vermeinet du irrest aus Unwissenheit, -aber nun merke ich, daß du aus lauter Boßheit und gleichsam -vorsätzlicher Weis zu sündigen fortfährest! Welcher Heiliger vermeinst -du wohl, der ein Mitleiden mit deiner armen Seel und ihrer Verdammnus -haben werde? Ich protestiere vor Gott und Welt, daß ich an deiner -Verdammnus keine Schuld habe, weil ich getan habe und noch ferner -unverdrossen tun wollte, was zur Beförderung deiner Seligkeit vonnöten -wäre. Es wird aber besorglich künftig mehrers zu tun nicht obliegen, -dann daß ich deinen Leib, wann ihn deine arme Seel in solchem -verdammten Stand verläßt, an keinen geweihten Ort zu andern frommen -abgestorbenen Christen begraben, sondern auf den Schindwasen zu den -Kadavern des verreckten Viehes hinschleppen lasse, oder an denjenigen -Ort, da man andere Gottvergessene und Verzweifelte hintut.« - -Diese ernstliche Bedrohung fruchtete nichts. Ich schämete mich vorm -Beichten. - -O ich großer Narr! Oft erzählte ich meine Bubenstücke bei ganzen -Gesellschaften und log noch darzu, aber jetzt, da ich einem einzigen -Menschen anstatt Gottes meine Sünden demütig bekennen sollte, Vergebung -zu empfangen, war ich ein verstockter Stummer. - -Ich antwortete: »Ich dien vor einen Soldaten. Wann ich nun sterbe -als ein Soldat, so wirds kein Wunder sein, wann ich als irgendein -Gefallener auf freiem Feld, mich auch außerhalb des Kirchhofs behelfen -werde.« - -Also schied ich von dem seeleneifrigen Geistlichen, den ich wohl -einsmals einen Hasen abgeschlagen hatte mit Vorwand, weil der Has an -einem Strick gehangen und sich selbst ums Leben gebracht, daß sich -dannenhero nicht gebühre, den Verzweifelten in ein geweiht Erdreich zu -begraben. - -Ich mußte wider meines Herzens Willen bleiben und Hunger leiden bis -in den Sommer hinein. Da ward ich unverhofft von der Muskete befreit. -Je mehr sich der Graf von Götz mit seiner Armee näherte, je mehrers -näherte ich auch meine Erlösung. - -Dann als selbiger zu Brucksal das Haupt-Quartier hatte, ward mein -Herzbruder, dem ich im Läger zu Magdeburg getreulich geholfen, von der -Generalität mit etlichen Verrichtungen in die Festung geschickt, allwo -man ihm die größte Ehre antät. Ich stund eben vor des Obristen Quartier -Schildwacht und erkannte ihn gleich im ersten Augenblick, obwohl er -einen schwarzen sammtenen Rock antrug. Ich hatte aber nicht das Herz, -ihn sogleich anzusprechen, dann ich mußte sorgen, er würde dem Weltlauf -nach sich meiner schämen oder mich sonst nicht kennen wollen; ich war -ein lausiger Musketierer. - -Nachdem ich aber abgelöst ward, erkundigte ich mich bei dessen Dienern -nach seinem Stand und Namen, damit ich versichert sei, hatte gleichwohl -das Herz nicht, ihn anzureden, sondern schrieb ein Brieflein: - -‚~Monsieur etc.~ Wann meinem hochgeborenen Herrn beliebte, denjenigen, -den er hiebevor durch seine Tapferkeit aus Eisen und Banden errettet, -auch anjetzo durch sein vortrefflich Ansehen aus dem allerarmseligsten -Stand von der Welt zu erlösen, wohin er als ein Ball des unbeständigen -Glückes geraten -- so würde Ihm solches nicht allein nicht schwer -fallen, sondern Er würde auch vor einen ewigen Diener obligieren seinen -ohn das getreu verbundenen, anjetzo aber allerelendesten und verlassenen - - ~S. Simplicissimum.~’ - -Sobald er solches gelesen ließ er mich hineinkommen. - -»Landsmann, wo ist der Kerl, der Euch das Schreiben gegeben hat?« - -»Herr, er lieget in dieser Festung gefangen.« - -»So gehet zu ihm und saget, ich wolle ihm davon helfen, und sollte er -schon den Strick an den Hals kriegen.« - -»Herr, es wird solcher Mühe nicht bedörfen, ich bin der ~Simplicius~ -selber ...« - -Er ließ mich nicht ausreden, sondern umfing mich brüderlich. Und eh er -mich fragte, wie ich in die Festung und solche Dienstbarkeit geraten, -schickte er seinen Diener zum Juden, Pferd und Kleider vor mich zu -kaufen. Indessen erzählete ich ihm, wie mirs ergangen, sint sein Vater -vor Magdeburg gestorben. Und als er vernahm, daß ich der Jäger von -Soest gewesen, beklagte er, daß er solches nicht eher gewußt hätte, -dann er mir damals gar wohl zu einer Kompagnie hätte verhelfen können. - -Als nun der Jud mit einer ganzen Taglöhnerlast von Kleidern daherkam, -las er mir das Beste heraus und ließ michs anziehen und nahm mich mit -sich zum Obristen. - -»Herr, ich habe in Seiner Guarnison gegenwärtigen Kerl angetroffen, -dem ich so hoch verobligiert bin, daß ich ihn in so niedrigem Stand, -wannschon seine Qualitäten keinen besseren meritieren, nicht lassen -kann. Bitte dahero den Herrn Obristen, Er wolle mir den Gefallen -erweisen und zulassen, daß ich ihn mit mir nehme, um ihm bei der Armee -fort zu helfen.« - -Der Obrist verkreuzigte sich vor Verwunderung, daß er mich einmal -loben hörte, und sagte: »Mein hochgeehrter Herr vergebe mir, wann ich -glaube, ihm beliebe nur zu probieren, ob ich ihm auch so dienstwillig -sei, als Er dessen wohl wert ist. Was diesen Kerl anlanget, ist solcher -eigentlich nicht mir, sondern seinem Vorgeben nach unter ein Regiment -Dragoner gehörig, darneben ein so schlimmer Gast, der meinem Profosen, -sint er hier ist, mehr Arbeit geben als sonst eine ganze Kompanei.« - -Endete damit die Rede und wünschte mir Glück ins Feld. - -Dies war meinem Herzbruder noch nicht genug, sondern er bat den -Obristen, mich an seine Tafel zu nehmen. Er täts aber zu dem End, daß -er den Obristen in meiner Gegenwart erzählte, was er in Westfalen nur -gesprächsweis von dem Grafen von der Wahl und dem Kommandanten von -Soest über mich gehöret hatte. Das strich er nun dergestalt heraus, daß -alle Zuhörer mich vor einen guten Soldaten halten mußten. Dabei hielt -ich mich so bescheiden, daß der Obrist und seine Leute nicht anders -glauben konnten, als ich wäre mit andern Kleidern auch ein ganz anderer -Mensch geworden. - -Darauf erzählte er Obrist viel Bubenstücklein, die ich begangen: Wie -ich Erbsen gesotten und obenauf mit Schmalz übergossen, sie vor eitel -Schmalz zu verkaufen, ~item~ ganze Säck voll Sand vor Salz, indem -ich die Säcke unten mit Sand und oben mit Salz gefüllet, wie ich dem -einen hier, dem andern dort einen Bären aufgebunden und die Leute mit -Pasquillen vexieret. - -Ich gestund auch unverholen, daß ich willens gewesen, den Obristen mir -allerhand Boßheiten dergestalt zu perturbieren und abzumatten, daß er -mich endlich aus der Guarnison hätte schaffen müssen. - -Nach beendetem Imbiß hatte der Jud kein Pferd, so meinem Herzbruder vor -mich gefallen hätte. Endlich verehrete ihm der Obrist eins mit Sattel -und Zeug aus seinem Stall, auf welches sich Herr ~Simplicius~ satzte -und mit seinem Herzbruder zur Festung hinausritte. - - - - -Das sechste Kapitel - - -Also ward ich in Eil wieder ein Kerl, der einem braven Soldaten gleich -sahe. Mein Herzbruder verschaffte mir noch ein Pferd samt einem Knecht -und tat mich als Freireuter zum Neun-Eckischen Regiment. Ich tät aber -denselben Sommer wenig Taten, als daß ich am Schwarzwald hin und wider -etliche Kühe stehlen half und mir das Brißgäu und Elsaß ziemlich -bekannt machte. Im übrigen hatte ich abermal wenig Stern. Mein Knecht -samt dem Pferd ward von den Weimarischen gefangen, also mußte ich das -ander desto härter strapazieren und endlich gar niederreuten. - -So kam ich in den Orden der Merode-Brüder, dann mein Herzbruder -gedachte mich zappeln zu lassen, bis ich mich besser vorzusehen -lernete. So begehrte ich solches auch nicht, dann ich fand an meinen -Consorten eine so angenehme Gesellschaft, daß ich mir bis in das -Winterquartier keinen besseren Handel wünschte. - -Ich muß nun ein wenig erzählen, was die Merode-Brüder vor Leute sind, -dann ich habe bisher noch keinen Scribenten getroffen, der etwas von -ihren Gebräuchen, Gewohnheiten, Rechten und Privilegien in seine -Schriften einverleibt hätte, unangesehen es wohl wert ist, daß nicht -allein die jetzigen Feldherren, sondern auch der Bauersmann wisse, was -es vor eine Zunft sei. - -Als der berühmte General Johann Graf von Merode einsmals ein -neugeworben Regiment zur Armee brachte, waren die Kerl so schwacher -baufälliger Natur, daß sie also das Marschieren und ander Ungemach, das -ein Soldat im Felde ausstehen muß, nicht erleiden konnten, derowegen -dann ihre Brigade zeitlich so schwach ward, daß sie kaum die Fähnlein -mehr bedecken konnte. Wo man einen oder mehr Kranke und Lahme auf dem -Markt, in Häusern und hinter Zäunen und Hecken antraf und fragte: -Wes Regiments? -- so war gemeiniglich die Antwort: von Merode. Davon -entsprang, daß man endlich alle diejenigen, sie wären gleich krank -oder gesund, verwundt oder nit, wann sie nur außerhalb der Zugordnung -daherzottelten oder sonst nicht bei ihren Regimentern das Quartier im -Feld nahmen, Merode-Brüder nannte, welche Bursche man zuvor Säusenger -und Immenschneider genannt hatte, dann sie sind die Brummser in den -Immenstöcken, die, wann sie ihren Stachel verloren haben, nicht mehr -arbeiten noch Honig machen, sondern nur fressen können. Wann ein Reuter -sein Pferd und ein Musketier seine Gesundheit verleurt oder ihm Weib -und Kind erkrankt und er zurück bleiben will, so ists schon anderthalb -Paar Merode-Brüder, ein Gesindlein, so sich mit nichts besser als mit -den Zigeunern vergleichet, weil es denselben beides: an Sitten und -Gewohnheiten ähnlich ist. Da siehet man sie haufenweis beieinander, -wie Feldhühner im Winter, hinter den Hecken, im Schatten oder an der -Sonne um irgend ein Feuer herumliegen, Tabak saufen und faulenzen, -wann unterdessen anderwärts ein rechtschaffener Soldat beim Fähnlein -Hitze, Durst, Hunger, Frost und allerhand Elend überstehet. Da gehet -eine Merodeschar auf die Mauserei, wann indessen manch armer Soldat -unter seinen Waffen versinken möchte. Sie spolieren vor, neben und -hinter der Armee, alles was sie antreffen und nicht genießen können, -verderben sie, also daß die Regimenter, wann sie in die Quartier oder -Läger kommen, oft nicht einen guten Trunk Wasser finden. Wann sie allen -Ernstes angehalten werden, bei der Bagage zu bleiben, so wird man oft -sie stärker finden, als die Armee selbst. Wann sie aber gesellenweis -marschieren, quartieren, kampieren und hausieren, so haben sie keinen -Wachtmeister, der sie kommandiert, keinen Feldweibel oder Schergianten, -der ihren Wams ausklopfet, keinen Korporal, der sie wachen heißt, -keinen Tampour, der sie des Zapfenstreichs, der Schar- und Tagwacht -erinnert und ~in summa~ niemand, der sie anstatt des Adjutanten -in Schlachtordnung stellet oder anstatt des Fouriers einlogiert, -sondern leben vielmehr wie die Freiherren. Wann aber etwas an Kommiß -der Soldateska zukommt, so sind sie die ersten, die ihr Teil holen, -obgleich sie es nicht verdient. Hingegen sind die Rumormeister und -Generalgewaltiger ihre allergrößte Pest, als welche ihnen zu Zeiten, -wann sie es zu bunt machen, eisernes Silbergeschirr an Händ und Füß -legen oder sie mit den Kragen zieren und sie an ihre allerbesten Hälse -anhängen lassen. - -Sie wachen nicht, sie schanzen nicht, sie stürmen nicht und kommen auch -in keine Schlachtordnung und sie ernähren sich doch. Der heilloseste -Reuterjung, der nichts tut als fouragieren, ist dem Feldherren nützer, -als tausend Merode-Brüder, die ein Handwerk daraus machen und ohn -Not auf der Bernhaut liegen. Sie werden vom Gegenteil hinweggefangen -und von den Bauren auf die Finger geklopft. Dadurch wird die Armee -gemindert und der Feind gestärkt. Man sollte sie zusammenkuppeln wie -die Windhunde und sie in den Guarnisonen kriegen lernen oder gar auf -Galeeren schmieden, wann sie nicht auch zu Fuß im Feld das Ihrige tun -wollten, bis sie gleichwohl wieder ein Pferd kriegen. - -Ein solcher ehrbarer Bruder war ich damals auch und verbliebs -bis zu dem Tag vor der Wittenweyrer Schlacht, zu welcher Zeit das -Hauptquartier in Schuttern lag. Als ich damals mit meinen Kameraden in -das Geroldseckische ging, Kühe und Ochsen zu stehlen, ward ich von den -Weimarischen gefangen, die uns viel besser zu traktieren wußten, dann -sie luden uns Musketen auf und stießen uns hin und wieder unter die -Regimenter. - -Weil ich nunmehr Weimarisch war, mußte ich Breisach belägern helfen, -da wachte ich dann wie andere Musketierer Tag und Nacht und lernte -trefflich schanzen. Im übrigen aber war es lausig bei mir bestellt, -weil der Beutel leer, Wein, Bier und Fleisch eine Rarität, Äpfel und -hart, schimmelig Brot (jedoch kümmerlich genug) mein bestes Wildpret. - -Solches war mir sauer zu ertragen, Ursache: wann ich zurück an die -egyptischen Fleischtöpfe, das ist an westfälische Schinken und -Knackwürste zu L. gedachte. Ich sehnete mich niemalen mehr nach meinem -Weib, als wann ich im Zelte lag und vor Frost halb erstarrt war. Da -sagte ich dann oft zu mir selber: Hui, ~Simplici~, meinest du auch -wohl, es geschehe dir unrecht, wann dir einer wieder wett spielte, was -du zu Paris begangen? -- Und mit solchen Gedanken quälte ich mich wie -ein anderer eifersüchtiger Hanrei, da ich doch meinem Weib nichts als -Ehre und Tugend zutrauen konnte. - -Zuletzt ward ich so ungeduldig, daß ich mich meinem Kapitain eröffnete. -Schrieb auch auf der Post nach L. und erhielt durch den Obristen ~de -S. A.~ und meinem Schwehrvater, daß sie durch ihre Schreiben bei dem -Fürsten von Weimar einen Paß von meinem Kapitain zuwege brachten. - -Ungefähr eine Woche oder vier vor Weihnachten marschierte ich mit einem -guten Feuerrohr vom Läger ab und das Brißgäu hinunter der Meinung, auf -selbiger Weihnachtsmesse zu Straßburg von meinem Schwehr ein Geldstück -zu empfangen und mit Kaufleuten den Rhein hinunter zu fahren. - -Als ich aber bei Endingen vorbeipassiert und zu einem Haus kam, geschah -ein Schuß nach mir, so daß mir die Kugel den Rand am Hut verletzte. -Gleich darauf sprang ein starker, vierschrötiger Kerl aus dem Haus -auf mich los und schrie, ich sollte das Gewehr ablegen. »Bei Gott, -Landsmann, dir zu Gefallen nicht!« Und zog den Hahn über. - -Er aber wischte mit einem Ding vom Leder, das mehr einem Henkersschwert -als einem Degen glich. - -Wie ich nun seinen Ernst spürte, schlug ich an und traf ihn dergestalt -an die Stirn, daß er herumtaumelte und endlich zu Boden fiel. Das -machte ich mir zu Nutz, rang ihm geschwind sein Schwert aus der Faust -und wollts ihm in den Leib stoßen, da es aber nicht durchgehen wollte, -sprang er unversehens auf, erwischte mich beim Haar und ich ihm auch, -sein Schwert hatte ich schon weggeworfen. - -Darauf fingen wir ein solch ernstlich Spiel miteinander an, so eines -jeden verbitterte Stärk genugsam zu erkennen gab, und konnte doch -keiner des andern Meister werden. Bald lag ich, bald er oben und im -Hui kamen wir wieder auf die Füße, so aber nicht lang dauerte, weil ja -einer des andern Tod suchte. - -Das Blut, so mir häufig zu Hals und Mund herauslief, spie ich meinem -Feind ins Gesicht, weil ers so hitzig begehrte. Das war mir gut, dann -es hinderte ihn am sehen. Also zogen wir einander bei anderthalb Stund -im Schnee herum, davon wurden wir so matt, daß allem Ansehen nach die -Unkraft des einen der Müdigkeit des andern nicht Herr werden konnte. -Meine Ringkunst kam mir damals wohl zustatten, dann mein Feind war viel -stärker als ich und überdas eisenfest. - -Endlich sagte er: »Bruder, höre auf, ich gebe mich dir zu eigen!« - -Ich antwortete: »Hättest du mich passieren lassen.« - -»Was hast du mehr, wanngleich ich sterbe?« - -»Und du, wann du mich hättest niedergeschossen, sintemal ich keinen -Heller bei mir habe.« - -Darauf bat er um Verzeihung und ich ließ mich erweichen. Wir stunden -auf und gaben einander die Hände, daß alles, was geschehen, vergessen -sein sollte. Verwunderte sich einer über den andern, daß er seinen -Meister gefunden, dann jener meinte, ich sei auch mit einer solchen -Schelmenhaut überzogen wie er. - -Ich ließ ihm dabei bleiben, damit er sich mit seinem Gewehr nicht noch -einmal an mir reibe. Er hatte von meinem Schuß eine große Beule an der -Stirn und ich hatte mich sehr verblutet. - -Weil es gegen Abend war, ließ ich mich überreden und ging mit ihm, da -er dann unterwegs oft mit Seufzen bezeugte, wie leid ihm sei, daß er -mich beleidigt habe. - - - - -Das siebente Kapitel - - -Ein resoluter Soldat, der sich darein ergeben, sein Leben zu wagen, -ist wohl ein dummes Vieh! Man hätte nicht einen von tausend Kerlen -gefunden, der mit seinem Mörder an einen unbestimmten Ort zu Gast -gegangen wäre. -- Ich fragte ihn auf dem Weg, wes Volks er sei. Er -sagte, daß er für sich selbst kriege. So wollte er auch meinen Namen -wissen. Ich sagte: »~Simplicius.~« Da kehrte er sich um, dann ich ließ -ihn vor mir gehen, und sahe mir steif ins Gesicht. - -»Heißt du auch ~Simplicissimus~?« - -»Ja, es ist ein Schelm, der seinen Namen verleugnet. Wie heißest aber -du?« - -»Ach, Bruder, ich bin Olivier, den du vor Magdeburg hast gekannt.« - -Warf damit sein Rohr von sich und fiel auf die Knie nieder, mich um -Verzeihung zu bitten, sagend, daß er keinen besseren Freund in der -Welt hätte als mich, weil ich seinen Tod nach des alten Herzbruder -Profezeihung tapfer rächen sollte. - -Da konnte ich mich wohl verwundern. - -»Ich bin aus einem ~Secretario~ ein Waldfischer, du aber aus einem -Narren ein tapferer Soldat geworden, und das ist wohl seltsam. Sei -versichert, Bruder, unserer zehntausend hätten morgenden Tags Breisach -entsetzt und zu Herren der ganzen Welt gemacht.« - -Obzwar mir solche Prahlerei nicht gefiel, gab ich ihm doch recht, -vornehmlich weil mir sein schelmisch Gemüt bekannt war. - -Wir kamen in ein klein, abgelegen Taglöhnerhäuslein, in welchem ein -Baur eben die Stube einhitzte. Zu dem sagte er: »Hast du etwas -gekocht?« »Nein, ich hab den gebratenen Kalbsschlegel noch.« »Nun dann, -so geh und lang her, was du hast und bring das Fäßlein Wein.« - -»Bruder, du hast einen willigen Wirt,« meinte ich. - -»Das dank dem Schelmen der Teufel! Ich ernähre ihn mit Weib und -Kindern. Ich lasse ihm darzu alle Kleider, die ich erobere.« - -Sodann berichtete Olivier, daß er diese Freibeuterei schon lang -getrieben und sie ihm besser als Herrendienst zuschlage, er gedächte -auch nicht früher aufzuhören, bis er seinen Beutel rechtschaffen -gespickt hätte. - -»Bruder, du lebest in einen gefährlichen Stand, wann du ergriffen -wirst, wie meinest du wohl, daß man mit dir umginge?« - -»Ha, ich höre, daß du noch der alte ~Simplicius~ bist! Ich weiß wohl, -daß derjenige, so kegeln will, aufsetzen muß, aber die Herren von -Nürnberg lassen keinen hängen, sie haben ihn dann.« - -»Dannoch ist ein solch Leben, wie du es führest, das allerschändlichste -der Welt, daß ich also nicht glaube, du begehrest darin zu sterben.« - -»Was? Das schändlichste? Mein tapferer ~Simplici~, ich versichere -dich, daß die Räuberei das alleradeligste ~Exercitium~ ist, das man -dieser Zeit auf der Welt haben kann! Sage mir, wieviel Königreiche -und Fürstentümer sind nicht mit Gewalt geraubt und zuwege gebracht -worden? Oder wo wird einem König oder Fürsten auf dem ganzen Erdboden -vor übel genommen, wann er seiner Länder Gefälle geneußt, die doch -gemeiniglich durch seiner Vorfahren verübte Gewalt erworben worden? -Was könnte doch adeliger genannt werden, als eben das Handwerk, dessen -ich mich jetzt bediene? Willst du mir vorhalten, daß ihrer viel wegen -Mordens, Raubens und Stehlens sein gerädert, gehängt und geköpft -worden? Du wirst keine andern als arme und geringe Diebe haben hängen -sehen, was auch billig ist, weil sie sich dieser vortrefflichen Übung -haben unterfangen, die doch allein herzhaften Gemütern gebührt und -vorbehalten ist. Wo hast du jemals eine vornehmere Standesperson durch -die ~Justitia~ strafen sehen? Ja, was noch mehr ist, wird doch kein -Wucherer gestraft, der diese Kunst heimlich treibet, und zwar unter dem -Deckmantel der christlichen Liebe! Warum sollte ich strafbar sein, der -ich solche offentlich auf gut alt-deutsch ohn einzige Bemäntelung und -Gleißnerei übe? Mein lieber ~Simplici~, du hast den ~Machiavellum~ noch -nicht gelesen! Ich bin eines recht aufrichtigen Gemüts. Ich fecht und -wage mein Leben darüber, wie die alten Helden. Weil ich mein Leben in -Gefahr setze, so folgt unwidersprechlich, daß mirs billig und erlaubt -sei, diese Kunst zu üben.« - -Ich antwortete: »Gesetzt, Rauben und Stehlen sei dir erlaubt oder -nicht, es ist dannoch wider die Natur, die nicht will, daß einer einem -andern tun solle, was er nicht will, daß es ihm geschehe. Gott lässet -kein Sünde ungestraft.« - -Da sagte Olivier: »Es ist so, du bist noch ~Simplicius~, der den -~Machiavellum~ nicht studiert hat. Könnte ich aber auf solche Art eine -~Monarchiam~ aufrichten, so wollte ich sehen, wer mir alsdann viel -dawider predigte.« - -Wir hätten noch mehr miteinander disputiert, weil aber der Baur mit dem -Essen und Trinken kam, saßen wir zusammen und stilleten unsere Mägen, -dessen ich dann trefflich hoch vonnöten hatte. - -Unser Essen war weiß Brot und ein gebratener kalter Kalbsschlegel, -dabei hatten wir einen guten Trunk Wein und eine warme Stube. - -»Gelt, ~Simplici~, hier ist es besser als vor Breisach in den -Laufgräben!« - -»Das wohl, wann man solch ein Leben mit gewisser Sicherheit und -besserer Ehre zu genießen hätte.« - -Darüber lachte er überlaut. - -»Mein lieber ~Simplici~, ich sehe zwar, daß du deine Narrenkappe -abgeleget, hingegen aber deinen närrischen Kopf noch behalten hast, der -nit begreifen kann, was gut und bös ist.« - -Ich gedachte, du mußt andere Worte hervorsuchen als bisher. - -»Wo ist sein Tag je erhört,« sagte ich, »daß der Lehrjung das Handwerk -besser versteht als der Lehrmeister. Bruder, hast du ein so edel, -glückselig Leben, wie du vorgibst, so mache mich seiner teilhaftig, -sintemal ich eines guten Glückes hoch vonnöten.« - -»Sei versichert, Bruder,« antwortete Olivier, »daß ich dich so sehr -liebe als mich selbsten, und daß mir die Beleidigung, die ich dir heut -zugefügt, viel weher tut, als die Kugel, damit du mich an meine Stirn -getroffen. Warum sollte ich dir dann etwas versagen können? Wann dirs -beliebet, so bleib bei mir, ich will vor dich sorgen als wie vor mich. -Damit du aber glaubest, so will ich dir die Ursache meiner Liebe sagen. --- Der alte Herzbruder hat mir vor Magdeburg diese Worte geweissaget: -‚Olivier, siehe unsern Narren an wie du wilt, so wird er dannoch durch -seine Tapferkeit dich erschröcken und dir den größten Possen erweisen, -der dir dein Lebtag je geschehen wird, weil du ihm darzu verursachet. -Doch wird er dir dein Leben schenken, so in seinen Händen gestanden, -und wird an den Ort kommen, da du erschlagen wirst, daselbst wird er -glückselig deinen Tod rächen.’ -- Dieser Weissagung halber, lieber -~Simplici~, bin ich bereit, dir mein Herz im Leib zu teilen, dann -etlichs von den Worten des alten Herzbruder ist mit heutigem Tag -erfüllet. Also zweifle ich nicht, daß das übrige von meinem Tod auch -im wenigsten fehlschlagen werde. Aus solcher Rache nun, mein lieber -Bruder, muß ich schließen, daß du mein getreuer Freund seiest. Da hast -du nun die ~Concepta~ meines Herzens.« - -Ich gedachte: traue dir der Teufel, ich nicht. Nehme ich Geld von dir -auf den Weg, so möchtest du mich erst niedermachen, bleibe ich bei dir, -so muß ich sorgen, mit dir gevierteilt zu werden. Satzte mir demnach -vor, ich wollte ihm eine Nase drehen und bei ihm bleiben, bis ich mit -Gelegenheit von ihm kommen könnte. Ich sagte ihm derhalben, so er mich -leiden möchte, so wollte ich mich ein Tag oder acht bei ihm aufhalten, -ob ich auf solche Art zu leben gewöhnen könnte. So sollte er beides: -einen guten Soldaten und einen getreuen Freund an mir haben. - -Hierauf satzte er mir mit dem Trunk zu, ich getraute aber auch nicht -und stellete mich voll eh ichs war. - -Am Morgen gegen Tag sagte Olivier: »Auf, ~Simplici~, wir wollen in -Gottes Namen hinaus und sehen, was etwan zu bekommen sein möchte.« - -Ach Gott, dachte ich, soll ich dann nun in deinem hochheiligen Namen -auf die Rauberei gehen und bin hiebevor nit so kühn gewesen, ohn -Erstaunen zuzuhören, wann einer sagte: Komm Bruder, wir wollen in -Gottes Namen ein Maß Wein miteinander saufen. O himmlischer Vater, wie -habe ich mich verändert, ach, hemme meinen Lauf! - -Mit dergleichen Gedanken folgete ich Olivier in ein Dorf, darin keine -lebendige Kreatur war. Da stiegen wir des fernen Aussehens halber auf -den Kirchturm. Dort hatte er zwei Laib Brot, etliche Stücke gesotten -Dörrfleisch und ein Fäßlein voll Wein im Vorrat. Er sagte mir, daß er -noch etliche solcher Örter hätte, die mit Speis und Trank versehen -wären, damit, wann Bläsi an dem einen Ort nicht zu Haus wäre, er ihn am -andern finden könnte. Ich mußte zwar seine Klugheit loben, gab ihm aber -zu verstehen, daß es doch nicht schön stünde, einen so heiligen Ort zu -beflecken. - -»Was beflecken? Die Kirchen, so sie reden könnten, würden gestehen, daß -sie meine Laster entgegen denen, so hiebevor in ihnen begangen worden, -noch vor ganz gering aufnehmen müßten. Wie mancher und wie manche seit -Erbauung dieser Kirchen sein hereingetreten unter dem Schein, Gott zu -dienen, da sie doch nur hergekommen, ihre neuen Kleider, ihre schöne -Gestalt, ihre Würden und sonst so etwas sehen zu lassen. Da kommt -einer zur Kirche wie ein Pfau und stellet sich vor den Altar, als -ob er den Heiligen die Füße abbeten wollte, dort steht einer in der -Ecke, zu seufzen wie der Zöllner im Tempel, welche Seufzer aber nur zu -seiner Liebsten gehen, in deren Angesicht er seine Augen weidet, um -derentwillen er sich auch eingestellet. Ein anderer kommt vor oder, -wanns wohlgerät, in die Kirche mit einem Gebund Briefe, wie einer, -der eine Brandsteuer sammlet, seine Zinsleute zu mahmen. Hätte er -aber nicht gewußt, daß seine Schuldner zur Kirche kommen müßten, so -wäre er fein daheim über seinen Registern sitzen geblieben. Meinest -du nicht, es werden auch von denenjenigen in die Kirche begraben, die -Schwert, Galgen, Feuer und Rad verdienet hätten? Mancher könnte seine -Buhlerei nicht zu Ende bringen, da ihm die Kirche nicht beförderlich -wäre. Ist etwas zu verkaufen oder zu verleihen, so wird es an die -Kirchtür geschlagen. Wann mancher Wucherer die ganze Woche keine Zeit -nimmt, seiner Schinderei nachzusinnen, so sitzt er unter währendem -Gottesdienst in der Kirche und dichtet, wie der Judenspieß zu führen -sei. Da sitzen sie wohl hier und dort unter der Messe und Predigt, -miteinander zu diskurieren und dann werden oft Sachen beratschlagt, -deren man an Privatörtern nicht gedenken dörfte. Teils sitzen dort -und schlafen, als ob sie es verdingt hätten. Etliche richten die Leut -aus: Ach wie hat der Pfarrer diesen und jenen so artlich in seiner -Predigt getroffen! Andere geben fleißig Achtung auf ihren Seelsorger, -damit sie ihn, wann er nur im geringsten anstößt, durchziehen und -tadeln möchten. Nicht allein in ihrem Leben beschmutzen die Menschen -mit Lastern die Kirchen, sondern auch nach ihrem Tod mit Eitelkeit -und Torheit. Du wirst an den Grabsteinen sehen, wie diejenigen noch -prangen, die doch die Würmer schon längst gefressen. Siehest du dann -in die Höhe der Kirche, so kommen dir mehr Schilde, Helme, Waffen, -Degen, Fahnen, Stiefel, Sporen und dergleichen Ding ins Gesicht als -in mancher Rüstkammer, dahero kein Wunder, daß sich die Bauren diesen -Krieg über an etlichen Orten aus den Kirchen, wie aus Festungen um das -Ihre gewehrt. -- Ist es billig, daß mancher Reiche um ein Stück Geld in -die Kirche begraben wird, hingegen der Arme außerhalb in einem Winkel -verscharrt werden muß? Warum endlich sollte mir verboten sein, meine -Nahrung vermittels eines Kirchtums zu suchen, da sich doch sonst so -viel Menschen von der Kirche ernähren?« - -Ich hätte Olivier gerne geantwortet, doch getrauete ich mich nicht nach -meinem Herzen zu reden. - -Er fragte mich, wie mirs ergangen, sint wir vor Magdeburg voneinder -gekommen, weil ich aber wegen der Halsschmerzen gar zu unlustig, -entschuldigte ich mich mit Bitte, er wollte mir doch zuvor seines -Lebens Lauf erzählen. - - - - -Das achte Kapitel - - -»Mein Vater«, sagte Olivier, »ist unweit der Stadt Aach von geringen -Leuten geboren worden. Er mußte bei einem reichen Kaufmann, der -mit Kupfer schacherte, dienen und hielt sich so fein, daß der ihm -Schreiben, Lesen und Rechnen lernen ließ und endlich über seinen ganzen -Handel satzte. Dies schlug beiden Teilen wohl zu. Der Kaufmann ward je -länger je reicher, mein Vater aber je länger je stolzer, daß er sich -auch seiner Eltern schämete und sie verachtete. Der Kaufmann starb und -verließ seine alte Witwe samt deren einziger Tochter, die kürzlich -in eine Pfanne getreten und sich von einem Gademhengst ein Junges -hatte zweigen lassen, das aber seinem Großvater bald nachfolgte. Da -nun mein Vater sahe, daß die Tochter zwar vater- und kinderlos aber -nicht geldlos worden, achtete er nicht, daß sie keinen Kranz mehr -tragen dorfte, sondern erwug ihren Reichtum und machte sich bei ihr -zutäppisch, so ihre Mutter gern zuließ, dann mein Vater hatte um den -ganzen Kindeshandel Wissenschaft und konnte sonst mit dem Judenspieß -trefflich fechten. Also ward mein Vater unversehens ein reicher -Kaufmann, ich aber, sein Erbe, ward in Kleidung gehalten wie ein -Edelmann, in Essen wie ein Freiherr und in der übrigen Wartung wie ein -Graf. - -Kein Schelmstück war mir zu viel, dann was zur Nessel werden soll, -brennt bei Zeiten. Ich terminierte mit bößen Buben durch dick und dünn -auf der Gasse. Kriegte ich Stöße, so sagten meine Eltern: soll so ein -großer Flegel sich mit einem Kinde schlagen! Überwand ich, maßen ich -kratzte, biß und warf, so sagten sie: unser Oliviergen wird ein braver -Kerl. Ich ward immer ärger, bis man mich zur Schule schickte. Was die -bösen Buben ersannen und nicht praktizieren dorften, das satzte ich ins -Werk. Meinen Schulmeister tät ich großen Dampf an, dann er dorfte mich -nicht hart halten, weil er ziemliche Verehrung von meinen Eltern bekam. - -Ich stäubte Nießwurz an den Ort, da man die Knaben zu kastigieren -pflegte; wann sich dann etwa ein halsstarriger wehrte, so stob mein -Pulver herum und machte mir eine angenehme Kurzweile, dann alles nießen -mußte. Ich stahl oft dem einen etwas und steckte es dem andern in den -Sack, dem ich gern Stöße angerichtet. Mit solchen Griffen konnte ich so -behutsam umgehen, daß ich fast niemals darüber erdappt ward. - -Weilen sich meines Vaters Reichtum täglich mehrete, als bekam er -auch desto mehr Schmarotzer und Fuchsschwänzer, die meinen guten -Kopf trefflich lobten und meine Untugenden zu entschuldigen wußten. -Derowegen hatten meine Eltern eine Freude an ihrem Sohn, als die -Grasmücke, die einen Guckuck aufzeucht. Sie dingten mir einen eigenen -~Praeceptor~ und schickten mich nach Lüttich, mehr daß ich dort Welsch -lernen, als studieren sollte, weil sie keinen Theologum, sondern -einen Handelsmann aus mir erziehen wollten. Dieser hatte Befehl, mich -beileib nicht streng zu halten, daß ich kein forchtsam knechtisch Gemüt -überkäme und nicht leutscheu, sondern ein Weltmann würde. - -Ermeldter ~Praeceptor~ war dieser Weisung unbedürftig und von sich -selbsten auf alle Büberei geneigt, aufs Buhlen und Saufen aber am -meisten, ich aber von Natur aus aufs Balgen und Schlagen. Daher ging -ich schon bei Nacht mit ihm und seines gleichen ~gassatim~ und lernte -ihm in Kürze mehr Untugenden ab als Latein. Beim Studieren verließ -ich mich auf mein gut Gedächtnis und scharfen Verstand. Mein Gewissen -war bereits so weit, daß ein großer Heuwagen hindurch hätte fahren -mögen. Ich fragte nichts darnach, wann ich in der Kirche unter der -Predigt schlüpfrige Bücher lase, und hörte nichts Liebers vom ganzen -Gottesdienst, als wann man sagte: ~Ite, missa est.~ Darneben dünkte ich -mich keine Sau zu sein, sondern hielt mich recht stutzerisch, alle Tage -wars mir Martins-Abend oder Faßnacht. Da mir mein Vater zur Notdurft -reichlich schickte und auch meiner Mutter fette Milchpfennige tapfer -durchgehen ließe, lockte uns auch das Frauenzimmer an sich. Bei diesen -Schleppsäcken lernte ich Löffeln, Buhlen und Spielen; Hadern, Balgen -und Schlagen konnte ich zuvor. - -Mein Vater erfuhr dieses herrliche Leben durch seinen Faktor in -Lüttich. Der bekam Befehl, den ~Praeceptor~ abzuschaffen und den Zügel -fürderhin nicht so lang zu lassen, mich ferner genauer im Gelde zu -halten. Solches verdroß uns beide. Demnach wir aber nicht mehr wie -hiebevor spendieren konnten, gesellten wir uns zu einer Bursch, die den -Leuten des Nachts auf der Gasse die Mäntel abzwackte oder sie gar in -der Maas ersäufte. Was wir solchergestalt eroberten, verschlemmten wir -mit unseren Huren und ließen das Studieren beinahe ganz unterwegen. - -Als wir nun einsmals bei Nacht herum schlingelten, den Studenten ihre -Mäntel hinweg zu vulpinieren, wurden wir überwunden, mein ~Praeceptor~ -erstochen und ich neben andern fünfen, die rechte Spitzbuben -waren, erdappt und eingezogen. Auf Bürgschaft des Faktors, der ein -ansehnlicher Mann war, ward ich losgelassen, doch daß ich bis auf -weiteren Bescheid in seinem Hause im Arrest bleiben sollte. Jene fünf -wurden als Spitzbuben, Räuber und Mörder gestraft. Mein Vater kam -eiligst selbst auf Lüttich, richtete meine Sache mit Geld aus, hielt -mir eine scharfe Predigt und verwiese mir, was ich ihm vor Kreuz und -Unglück und meiner Mutter vor Verzweiflung machte -- auch, daß er mich -enterben und vorn Teufel hinwegjagen wollte. Ich versprach Besserung -und ritte mit ihm nach Haus; also hat mein Studieren ein Ende genommen. - -Ich war kein ehrbarer ~Domine~ geworden, sondern ein Disputierer und -Schnarcher, der sich einbildete, er verstehe trefflich viel. Und mein -Vater befand, daß ich im Grund verderbt wäre. - -»Höre, Olivier,« sagte er, »ich sehe deine Eselsohren je länger je -mehr hervorragen, du bist eine unnütze Last auf Erden. Ein Handwerk zu -lernen bist du zu groß, einem Herren zu dienen bist du zu flegelhaftig, -meine Hantierung zu begreifen und zu treiben bist du nichts nutz. Ich -habe gehofft dich zum Manne zu machen, so habe ich dich hingegen jetzt -aus des Henkers Händen erkaufen müssen: Pfui, der Schande!« - -Dergleichen Lectionen mußte ich täglich hören, bis ich zuletzt auch -ungeduldig ward und sagte, ich wäre an allem nicht schuldig, sondern er -und mein ~Praeceptor~, der mich verführt hätte. Daß er keine Freude an -mir erlebe, wäre billig, sintemal seine Eltern sich auch seiner nicht -erfreuen, als er sie gleichsam im Bettel verhungern lasse. Da erdappte -er einen Prügel und wollte mir meine Wahrsagung lohnen, hoch und teuer -sich verschwörend, er wolle mich nach Amsterdam ins Zuchthaus tun. Ich -ging durch und ritte seinen besten Hengst auf Köln zu. - -Den versilberte ich, kam abermals in eine Gesellschaft der Spitzbuben -und Diebe und half bei Nacht einfahren. Maßen aber einer kurz hernach -ergriffen ward, als er einer vornehmen Frau auf dem Alten Markt ihren -schweren Beutel doll machen wollte und ich ihn einen halben Tag mit -dem eisernen Halskragen am Pranger stehen sah, dergleichen wie sie ihm -ein Ohr abschnitten und ihn mit Ruten aushieben, ward mir das Handwerk -verleidet. Unser Obrister, bei dem wir vor Magdeburg gewesen, nahm -eben damals Knechte an; ich ließ mich derowegen vor einen Soldaten -unterhalten. - -Nachgehends ging sein Schreiber mit Tod ab, so nahm mich der Obrist an -dessen Statt zu sich, dann er hatte vernommen, daß ich eines reichen -Kaufmanns Sohn wäre. Ich lernte von unserm ~Secretario~, wie ich mich -halten sollte, und mein Vorsatz, groß zu werden, verursachte, daß ich -mich ehrbar und reputierlich einstellte und nit mehr mit Lumpenpossen -schleppte.« - -Sonach erzählte mir Olivier das Schelmenstück, das er meinem jungen -Herzbruder mit dem übergöldten Becher angetan, damit er den alten -Herzbruder auf den Tod gekränket, und mir ward grün und gelb vor Augen, -als ich es aus seinem eigenen Maul hören mußte. Gleichwohl dorfte ich -keine Rache nehmen. - -»Im Treffen vor Wittstock«, sagte Olivier, »hielt ich mich nicht wie -ein Federspitzer, der nur auf das Tintenfaß bestellt ist. Ich war wohl -beritten und so fest als Eisen, ließ derhalben meinen ~Valor~ sahen, -als einer der durch den Degen hoch zu kommen oder zu sterben gedenket. -Wie eine Windsbraut vagierte ich um unsere Brigade herum, mich zu -exerzieren und zu erweisen, daß ich besser zu den Waffen als zur Feder -tauge. Aber das Glück der Schweden überwand, ich wurde gefangen. - -In einem Regiment, welches nach Pommern gelegt ward, sich wieder zu -erholen, ließ ich treffliche Courage verspüren und ward zum Korporal -gemacht. Aber ich gedachte wieder unter die Kaiserlichen zu kommen. --- Einsmals hatte ich mit sieben Musketierern achthundert Gulden -ausständige Kontribution in unseren abgelegenen Quartieren erpreßt. -Da ich nun das Geld beisammen trug, zeigte ich es meinen Burschen und -machte ihre Augen nach demselben lüsternd, also daß wir des Handels -einig wurden zu teilen und durchzugehen. Sonach persuadierte ich drei, -daß sie mir halfen die andern vier tot zu schießen, und wir teileten -das Geld. Unterwegs überredete ich noch einen, daß er auch die zween -übrigen nieder schießen half. Den letzten erwürgte ich auch. So kam ich -nach Werle, allwo ich mich anwerben ließ und mit dem Gelde ziemlich -lustig machte. - -Ich hörte daselbst viel Rühmens von einem jungen Soldaten in Soest, der -sich treffliche Beuten und einen großen Namen machte. Man nannte ihn -wegen seiner grünen Kleidung den Jäger. Mein Geld ging auf die Neige, -derhalben ich mir einen grünen Wams und Hosen machen ließ und auf -seinem Namen mit Verübung allerhand Exorbitantien in allen Quartieren -stahl, soviel ich konnte. Der Jäger ließ mich herausfordern, aber der -Teufel hätte mit ihm fechten mögen, den er auch in den Haaren sitzen -hatte. Der würde mir meine Festigkeit schön aufgetan haben. Doch -konnte ich seiner List nicht entgehen. Er praktizierte mich mich Hülfe -zweier leibhaftiger Teufel in eine Schäferei und zwang mich zu der -spöttlichsten Sache von der Welt, davon ich mich dergestalt schämte, -daß ich hinweg nach Lippstadt lief. - -Ich nahm fürders holländische Dienste, allwo ich zwar richtigere -Bezahlung aber vor meinen Humor einen langweiligen Krieg fand, dann da -wurden wir eingehalten wie die Mönche und sollten züchtiger leben als -die Nonnen. - -Also gedachte ich mich zu den Spanischen zu schlagen und entwich, -maßen mir der holländer Boden heiß geworden war. Allein mir ward der -Kompaß verruckt, daß ich unversehens an die Bayrischen geriet. Mit -denselben marschierte ich unter den Merode-Brüdern aus Westfalen bis -ins Brißgäu und nährte mich mit Spielen und Stehlen, bis das Treffen -vor Wittenweyer vorüberging, in welchem ich gefangen, abermals unter -ein Regiment zu Fuß gestoßen und also zu einem Weimarischen Soldaten -gemacht ward. Es wollte mir aber im Läger vor Breisach nicht gefallen, -darum quittierte ichs bei Zeiten und ging davon, vor mich selbst zu -kriegen, wie du siehest.« - - - - -Das neunte Kapitel - - -Als Olivier seinen Diskurs dergestalt vollführte, konnte ich mich -nicht genugsam über die göttliche Vorsehung verwundern. Dann sollte -diese Bestia gewußt haben, daß ich der Jäger von Soest gewesen wäre, -so hätte er mir gewißlich wieder eingetränkt, was ich ihm hiebevor -auf der Schäferei getan. Ich sahe erst, was ich dem Olivier vor einen -Possen erwiesen und wie weislich und obscur der alte Herzbruder seine -Weissagungen gegeben, und wie es dannoch schwer fallen würde und -seltsam hergehen müßte, da ich eines solchen Tod, der Galgen und Rad -verdienet hätte, rächen sollte. Indem ich nun solche Gedanken machte, -ward ich in Oliviers Gesicht etlicher Ritze gewahr, die ich vor -Wahrzeichen des Spring-ins-Feld und seiner Teufelskrallen hielte. Ich -fragte, woher ihm solche Zeichen kämen. - -»Ach Bruder,« antwortete er, »wann ich dir alle meine Bubenstücke und -Schelmerei erzählen sollte, so würde beides: mir und dir die Zeit zu -lang werden. Ich will dir hievon auch die Wahrheit sagen, obschon es -scheinet, als gereiche sie mir zum Spott. - -Ich glaube gänzlich, daß ich vom Mutterleib an zu einem gezeichneten -Angesicht vorbestimmt gewesen sei. In meiner Jugend ward ich von -meinesgleichen Schuljungen zerkratzt, so hielt mich auch einer von -denen Teufeln, die dem Jäger von Soest aufwarteten, überaus hart, maßen -man seine Klauen wohl sechs Wochen in seinem Gesicht spürete. Diese -Striemen aber, die du jetzt siehest, haben einen anderen Ursprung: -Als ich unter den Schweden im Pommer lag und eine schöne Matresse -hatte, mußte mein Wirt aus seinem Bette weichen und uns hineinlegen -lassen. Seine Katze, die in demselben Bette zu schlafen gewohnt war, -kam alle Nacht und machte uns große Ungelegenheit, dann meine Matresse -konnte keine Katze leiden und verschwur sich hoch, sie wollte mir in -keinem Fall mehr Liebes erweisen, bis ich ihr zuvor die Katze hätte -abgeschafft. So gedachte ich mich an der Katze zu rächen, daß ich auch -eine Lust daran haben möchte. Steckte sie derhalben in einen Sack, nahm -meines Wirts beide starke Baurenhunde mit mir auf eine breite, lustige -Wiese und gedachte da meinen Spaß zu haben, dann ich vermeinte, weil -kein Baum in der Nähe war, auf den sich die Katze retirieren konnte, -würden sie die Hunde eine Weile hin und her jagen, wie einen Hasen -raumen und mir eine treffliche Kurzweile anrichten. Aber Potz Stern! es -ging mir nicht allein hundeübel, wie man zu sagen pfleget, sondern auch -katzenübel, maßen die Katze, sobald ich den Sack auftat, nur ein weites -Feld, ihre zwei starken Feinde und nichts Hohes vor sich sahe, dahin -sie ihre Zuflucht hätte nehmen mögen. Derowegen sprang sie auf meinen -Kopf. -- Je mehr ich sie nun herunter zu zerren trachtete, je fester -schlug sie ihre Krallen ein. Solch unserem Gefecht konnten die beiden -Hunde nicht lang zusehen, sondern mengten sich mit ins Spiel, sie -sprangen mit offenem Rachen hinten, vorne, zur Seite nach der Katze, -die sich mit ihren Klauen einkrallete, so gut sie konnte. Tät sie aber -mit ihrem Dornhandschuh einen Fehlstreich nach den Hunden, so traf -mich derselbe gewiß. Weil sie aber auch die Hunde auf die Nase schlug, -beflissen sich dieselbigen, sie mit ihren Talpen herunter zu bringen -und gaben mir damit manchen Griff ins Gesicht. Wann ich aber selbst mit -beiden Händen nach der Katze tastete, sie herunter zu reißen, biß und -kratzte sie nach ihrem besten Vermögen. Also ward ich beides: von den -Hunden und von der Katze dergestalt schröcklich zugerichtet, daß ich -schwerlich einem Menschen gleichsahe. Mein Kragen und Koller war blutig -wie eines Schmiedes Notstall am St. Stefanstag, wann man die Pferde -zur Ader läßt, und ich wußte ganz kein Mittel, mich aus diesen Ängsten -zu erretten. Zuletzt so mußte ich von freien Stücken auf die Erde -niederfallen, damit beide Hunde die Katze erwischen konnten, wollte -ich anderst nicht, daß mein Kapitolium noch länger ihr Fechtplatz sein -sollte. Die Hunde erwürgten zwar die Katze, ich hatte aber bei weitem -keinen so herrlichen Spaß davon. Dessentwegen ward ich so ergrimmt, -daß ich nachgehends beide Hunde totschoß und meine Matreß dergestalt -abprügelte, daß sie hätte Öl geben mögen und darüber von mir weglief, -weil sie ohn Zweifel keine solche abscheuliche Larve länger lieben -konnte.« - -Ich hätte gerne gelacht und mußte mich doch mitleidentlich erzeigen. -Und als ich eben auch anfing, meines Lebens Lauf zu erzählen, sahen -wir eine Kutsche samt zwei Reutern das Land herauf kommen. Wir satzten -uns in ein Haus, das an der Straße lag und sehr bequem war, Reisende -anzugreifen. Olivier legte mit einem Schuß gleich den einen Reuter und -das Pferd, eh sie unserer inne wurden, deswegen dann der andere gleich -durchging. Indem ich mit übergezogenem Hahn den Kutscher halten und -absteigen gemachet, sprang Olivier auf ihn dar und spaltete ihm mit -seinem breiten Schwert den Kopf bis auf die Zähne, wollte auch gleich -die Frauenzimmer und Kinder metzgen, so vor Schröcken mehr den toten -Leichen als den Lebenden gleich sahen. Ich aber wollte es rund nicht -gestatten und sagte, er müßte mich zuvor erwürgen. - -»Ach, du närrischer ~Simplici~, daß du so ein heilloser Kerl bist und -dich dergestalt anläßt!« - -»Bruder, wes willst du die unschuldigen Kinder zeihen? Wann es Kerl -wären, die sich stellen könnten!« - -»Was! Eier in die Pfannen, so werden keine Junge draus! Ich kenne -diese jungen Blutsauger wohl! Ihr Vater, der Major, ist ein rechter -Schindhund und der erste Wamsklopfer von der Welt.« - -Mit solchen Worten wollte er immer fortwürgen, doch enthielt ich ihn so -lang, bis er sich endlich erweichen ließe. Es waren aber einer Majors -Weib, ihre Magd und drei Kinder, die mich von Herzen daureten. Wir -sperrten sie in einen Keller, auf daß sie uns nicht so bald verraten -sollten, darin sie sonst nichts als Obst und weiße Rüben zu beißen -hatten, bis sie gleichwohl von jemand erlöst würden. Demnach plünderten -wir die Kutschen und zogen mit schönen Pferden in Wald, wo er zum -dicksten war. - -Da sahe ich unweit von uns einen Kerl stockstill an einem Baum stehen, -solchen wiese ich dem Olivier aus Vorsicht. - -»Ha, Narr,« antwortete er, »es ist ein Jud, den hab ich hingebunden. -Der Schelm ist aber vorlängst erfroren und verreckt.« Indem ging er zu -ihm, klopfte ihm mit der Hand unten ans Kinn und sagte: »Du Hund, hast -mir viel schöne Dukaten gebracht!« - -Da rollten dem Juden etliche Dublonen zum Maul heraus, welche der arme -Schelm noch bis in seinen Tod davon bracht hatte. Olivier griff ihn -darauf ins Maul und brachte zwölf Dublonen und einen köstlichen Rubin -zusammen. - -»Diese Beute habe ich dir zu danken, ~Simplici~.« - -Schenkte mir darauf den Rubin, stieß das Geld zu sich und ging -seinen Baurn zu holen mir Befehl, ich sollte indessen bei den Pferden -verbleiben, aber wohl zusehen, daß mich der tote Jud nicht beiße. - -Derweilen schlug mir das Gewissen merklich, darum daß ich die Kutsche -aufgehalten, daß der Kutscher so erbärmlich ums Leben kommen und beide -Weibsbilder mit denen unschuldigen Kindern in den Keller versperrt -worden, worin sie vielleicht wie dieser Jude verderben mußten. Allein -ich fand nicht Mittel noch Ausweg, dann ich gedachte, würdest du von -den Weimarischen mit diesen Pferden erwischt, so wirst du als ein -überzeugter Mörder aufs Rad gelegt, und ob deine Füße auch schnell -genug wären, du wolltest desto weniger den Bauren auf dem Schwarzwald, -so damals den Soldaten auf die Hauben klopften, entrinnen. Indem ich -mich nun selbst so marterte und quälete und doch nichts entschließen -konnte, kam Olivier mit dem Baur daher. Der führte uns mit den Pferden -auf einen Hof, da wir fütterten. Wir ritten nach Mitternacht weiters -und kamen gegen Mittag an die äußerste Grenzen der Schweizer, allwo -Olivier wohl bekannt war und uns stattlich auftragen ließ. Der Wirt -schickte nach zweien Juden, die uns die Pferde abhandelten. Es war -alles so nett und just bestellt, daß es wenig Wortwechselns brauchte. -Der Juden große Frage war, ob die Pferde kaiserisch oder schwedisch -gewesen. Da sie vernahmen, daß sie von den Weimarischen herkämen, -sagten sie, so müsse man solche nicht nach Basel sondern in das -Schwabenland zu den Bayrischen reuten. Über welche große Kundschaft und -Verträulichkeit ich mich verwundern mußte. - -Wir bankettierten edelmännisch und ich ließ mir die guten Waldforellen -und köstlichen Krebs wohl schmäcken. Wie es Abend ward, so machten wir -uns wieder auf den Weg, hatten unsern Baur mit Gebratens und andern -Viktualien wie einen Esel beladen. Damit kamen wir den andern Tag auf -einen einzelnen Baurenhof, allwo wir freundlich aufgenommen wurden und -uns wegen ungestümen Wetters ein paar Tage aufhielten. Folgends kamen -wir auf Wald und Abwegen wieder in das Häuslein, dahin mich Olivier -anfänglich geführet. - - - - -Das zehent Kapitel - - -Wie wir nun so dasaßen auszuruhen, schickte Olivier den Baur aus, -Essensspeise samt Zündkraut und Lot einzukaufen. Und als selbiger -hinweg war, zog er seinen Rock aus und sagte: - -»Bruder, ich mag das Teufelsgeld nicht mehr allein herumschleppen!« -- -Band demnach ein paar Würste oder Wülste, die er auf bloßem Leib trug, -herunter und warf sie auf den Tisch. »Das Donnergeld hat mir Beulen -gedruckt.« - -Ich ergriff die Wülste und befand sie trefflich gewichtig, weil es -lauter Goldsorten waren. Ich sagte, es sei alles unbequem gepackt, ich -wollts einnähen, daß einem das Tragen nicht halb so sauer ankäme. Es -gefiel ihm und ich machte mir und ihm ein Scapulier oder Schulterkleid -aus einem Paar Hosen und versteppte manchen schönen, roten Batzen -darein, daß wir unter dem Hemde hinten und vorn mit Gold gewappnet -waren. So verriete er mir auch, daß er mehr als tausend Taler in einem -Baume liegen hätte, aus welchem er den Baur hausen ließe, weil er -solchen Schafmist nicht hoch halte. - -Wir bäheten uns beim Ofen und gedachten an kein Ungemach, da kamen, -als wir uns dessen am wenigsten versahen, sechs Musketierer samt einem -Korporal mit fertigem Gewehr und aufgepaßten Lunten ins Häuslein, -stießen die Stubentür auf und schrieen, wir sollten uns gefangen geben. -Aber Olivier, der sowohl als ich seine gespannte Musketen neben sich -liegen hatte, antwortete ihnen mit einem Paar Kugeln, durch welche -er gleich zween zu Boden fällete, ich aber erlegte den dritten und -beschädigte den vierten durch einen gleichmäßigen Schuß. Darauf -wischte Olivier mit seinem notfesten Schwert, welches Haare schur, vom -Leder und hieb den fünften von der Achsel bis auf den Bauch hinunter, -daß ihme das Eingeweide heraus und er neben demselben nieder fiel, -indessen schlug ich dem sechsten mit umgekehrtem Feuerrohr auf den -Kopf, daß er alle vier von sich streckte. Einen solchen Streich kriegte -Olivier von dem siebenten, und zwar mit solcher Gewalt, daß ihm das -Hirn herausspritzte, ich aber traf diesen wiederum dermaßen, daß er -seinen Kameraden beim Totenreigen Gesellschaft leisten mußte. Der -Beschädigte aber fing an zu laufen, als ob ihn der Teufel selbst gejagt -hätte. Und dies Gefecht währte kürzer als eines Vaterunsers Länge. - -Sonach ich nun dergestalt allein Meister auf dem Platze blieb, -beschauete ich den Olivier, ob er vielleicht noch einen lebendigen Atem -in sich hätte. Da ich ihn aber ganz entseelt befand, dünkte es mich -ungereimt zu sein, einem toten Körper so viel Goldes zu lassen, zog ihm -derowegen das golden Fell ab und hing es mir an den Hals zu dem andern. -Ich nahm auch Oliviers Muskete und Schwert zu mir, maßen mein Rohr -zerschlagen war, und machte mich aus dem Staub auf einen Weg, da ich -wußte, daß der Baur herkommen müsse. - -Und kaum eine halbe Stunde ging ich in meinen Gedanken, so kam unser -Baur daher und schnaubte wie ein Bär, dann er lief von allen Kräften. - -»Warum so schnell? Was Neues?« - -»Geschwind, machet Euch abwegs! Es kommt ein Korporal mit sechs -Musketierern, die haben mich gefangen, daß ich sie zu euch führen -sollte, ich bin ihnen aber entronnen.« - -O Schelm, dachte ich, du hast uns um des Olivier Silbergeld verraten, -ließe mich aber doch nichts merken, sondern sagte, daß Olivier und -die andern tot wären. Das wollte er nicht glauben, bis ich ihn in das -Häuslein führte, daß er das Elend an den sieben Körpern sehen könnte. - -Der Baur erstaunte vor Schröcken und fragte, was Rats. - -»Rat ist schon beschlossen. Unter dreien Dingen geb ich dir Wahl: -Entweder führe mich alsbald durch sichere Abwege über den Wald hinaus -nach Villingen oder zeige mir Oliviers Geld im Baum oder stirb hier. -Führst du mich, so bleibt das Geld dein, wirst du mirs weisen, so teil -ichs mit dir, tust du aber keines, so schieß ich dich tot.« -- Der Baur -wäre gern entloffen, aber er forchte die Muskete; fiele derhalben auf -die Knie und erbot sich, mich über Wald zu führen. - -Also wanderten wir denselben Tag und folgende Nacht ohn Essen und -Trinken, bis wir gegen Tag die Stadt Villingen vor uns liegen sahen. -Den Baur trieb Todesfurcht, mich aber die Begierde, mich selbst und -mein Gold davon zu bringen, und muß fast glauben, daß einem Menschen -das Gold große Kräfte mitteilet, dann obzwar ich schwer genug daran -trug, so empfand ich jedoch keine sonderbare Müdigkeit. - -Ich hielt es vor ein glücklich Omen, daß man die Pforte eben öffnete, -als ich vor Villingen kam. Der Offizier von der Wacht examinierte mich, -und da ich mich vor einen Freibeuter ausgab von jenem Regiment, wohin -mich Herzbruder getan, wie auch, daß ich aus dem Läger vor Breisach -von den Weimarischen herkäme und nunmehr zu meinem Regiment unter die -Bayrischen begehrte, gab er mir einen Musketierer zu, der mich zum -Kommandanten führte. Dem bekannte ich alles, daß ich mich ein Tag oder -vierzehn bei einem Kerl aufgehalten und mit demselben eine Kutschen -angegriffen, der Meinung, von den Weimarischen Beute zu holen und -rechtschaffen montiert wieder zu unserem Regiment zu kommen. Wir seien -aber von einem Korporal mit sechs andern Kerlen überfallen worden, -dadurch mein Kamerad und sechs vom Gegenteil auf dem Platze geblieben. -Der Kommandant wollte es fast nicht glauben, daß wir zween sollten -sechs Mann niedergemacht haben und ich nahm Gelegenheit von Oliviers -Schwert zu reden. Das gefiel ihm so wohl, daß ichs ihm, wollte ich -anders mit guter Manier von ihm kommen und Paß erlangen, gegen einen -andern Degen lassen mußte. Im Wahrheit aber so war dasselbe trefflich -schön und gut. Es war ein ganzer, ewigwährender Kalender darauf geätzt. - -Ich ging den nächsten Weg ins Wirtshaus und wußte nicht, ob ich am -ersten schlafen oder essen sollte. Doch wollte ich zuvor meinen Magen -stillen und machte mir unterdessen Gedanken, wie ich meine Sachen -anstellen, daß ich mit meinem Gold sicher nach L. zu meinem Weibe -kommen möchte. - -Indem ich nun so spekulierte, hinkte ein Kerl mit einem Stecken in der -Hand in die Stube, der hatte einen verbundenen Kopf, einen Arm in der -Schlinge und so elend verlauste Kleider an, daß ich ihm keinen Heller -darum gegeben hätte. Der Hausknecht wollte ihn austreiben, weil er übel -stank. Er aber bat, ihn um Gottes Willen zu lassen, sich nur ein wenig -zu erwärmen, so aber nichts half. Demnach ich mich seiner erbarmete und -vor ihn bat, ward er kümmerlich zum Ofen gelassen. Er sahe mir, wie -mich bedünkte, mit begierigem Appetit und großer Andacht zu, wie ich -darauf hieb und ließ etliche Seufzer laufen. Und als der Hausknecht -ging, mir ein Stück Gebratenes zu holen, ging er gegen mich zum Tisch -zu und reichte ein irden Pfennighäfelein in der Hand dar, daß ich mir -wohl einbilden konnte, warum er käme; nahm derhalben die Kanne und goß -ihm seinen Hafen voll, eh er heischte. - -»Ach Freund,« sagte er, »um Herzbruders willen gebet mir auch zu essen!« - -Solches ging mir durchs Herz und ich befand, daß es Herzbruder selbsten -war. Ich wäre beinahe in Ohnmacht gesunken, doch erhielt ich mich, fiel -ihm um den Hals, satzte ihn zu mir, da uns beiden die Augen übergingen. - - - - -Das elfte Kapitel - - -Wir konnten fast weder essen noch trinken, nur fragte einer den andern, -wie's ihm ergangen. Der Wirt wunderte sich, daß ich einen so lausigen -Kerl bei mir litte, ich aber sagte, solches sei unter Kriegskameraden -Brauch. Da ich auch verstund, daß sich Herzbruder bisher im Spital -aufgehalten, vom Almosen sich ernähret, und seine Wunden liederlich -verbunden worden, dingte ich dem Wirt ein sonderlich Stüblein ab, legte -Herzbruder in ein Bette, ließ ihm den besten Wundarzt kommen, wie auch -einen Schneider und eine Näherin, ihn zu kleiden und den Läusen aus den -Zähnen zu ziehen. Ich hatte eben diejenigen Dublonen, so Olivier dem -toten Juden aus dem Maul bekommen, bei mir in einem Säckel. Dieselben -schlug ich auf den Tisch und sagte dem Wirt zu Gehör: - -»Schau Herzbruder, das ist mein Geld, das will ich an dich wenden und -mit dir verzehren.« - -Darnach der Wirt uns wohl aufwartete. Dem Barbier aber wies ich den -Rubin, der ungefähr zwanzig Taler wert war und sagte, weil ich mein -wenig Geld vor uns zu Zehrung und Kleidung aufwenden müßte, so wollte -ich ihm denselben Ring geben, wenn er meinen Kameraden in Bälde von -Grund aus kurieren wollte, dessen er dann wohl zufrieden war, daß er -seinen besten Fleiß aufwandte. - -Also pflegte ich Herzbrudern wie meinem andern Ich. Der Kommandant, dem -ich alles anzeigete, gönnte mir zu bleiben, bis mein Kamerad mir würde -folgen können und versprach uns beide alsdann mit gemeinsamen Paß zu -versehen. - -Demnach ich nun wieder zu Herzbrudern kam, bat ich ihn, er wollte mir -unbeschwert erzählen, wie er in einen so armseligen Stand geraten -wäre, dann ich bildete mir ein, er möchte vielleicht eines Versehens -halber von seiner vorigen Dignität verstoßen, unredlich gemachet und in -gegenwärtiges Elend versetzt worden sei. - -Er aber sagte: »Du weißt, Bruder, daß ich des Grafen von Götz -~Factotum~ und geheimster Freund gewesen, daß aber der verwichene -Feldzug unter seiner Generalität eine unglückliche Endschaft erreichet, -indem wir die Schlacht bei Wittenweyer verloren. Weil nun deswegen -hin und wieder von aller Welt sehr ungleich geredet ward, zumalen -wohlgemeldter Graf sich zu verantworten nach Wien ist citieret, so -lebe ich beides: vor Scham und Forcht freiwillig in dieser Niedere und -wünsche mir oft entweder in diesem Elend zu sterben oder doch wenigst -mich so lang verborgen zu halten, bis der Graf seine Unschuld an Tag -gebracht. -- Vor Breisach armierte ich mich selbst, da ich sahe, daß -es unserseits so schläfrig herging, den andern zum Exempel. Ich kam -unter den ersten Angängern an den Feind auf die Brücke, da es dann -scharf herging. So empfing ich zugleich einen Schuß in meinen rechten -Arm und den andern Schenkel, daß ich weder ausreißen, noch meinen Degen -gebrauchen konnte. Und als die Enge des Ortes und der große Ernst nicht -zuließ, viel von Quartiernehmen und -geben zu parlamentieren, kriegte -ich einen Hieb in Kopf, davon ich zu Boden fiel. Und weil ich fein -gekleidet war, wurde ich in der Furi von etlichen ausgezogen und vor -tot in Rhein geworfen. In solchen Nöten schrie ich zu Gott, indem ich -unterschiedliche Gelübde tät, spürete auch seine Hilfe. Der Rhein warf -mich ans Land, allwo ich meine Wunden mit Moos verstopfte und beinahe -erfror. Jedoch ich kroch davon und stieß unter etliche Merode-Brüder -und Soldatenweiber, die sich meiner erbarmeten. Ich mußte aber sehen, -daß sich die Unsrigen zu einem spöttlichen Abzug rüsteten, resolvierte -derhalben bei mir selbsten, mich niemand zu offenbaren, und nahm meinen -Elendsweg, von dem du mich hast aufgehoben.« - -Ich tröstete Herzbrudern so gut ich konnte und vertraute ihm, daß ich -noch mehr Geld hätte als jene Dublonen. Und ich erzählte ihm Oliviers -Untergang und was Gestalt ich seinen Tod habe rächen müssen. Welches -sein Gemüt dermaßen erquickte, also daß es ihm auch an seinen Leib -zustatten kam, maßen es sich an allen Wunden täglich mit ihm besserte. - - - - -Das fünfte Buch - - - - -Das erste Kapitel - - -Nachdem Herzbruder wieder allerdings erstärkt, vertrauete er mir, daß -er in den höchsten Nöten eine Wallfahrt nach Einsiedeln zu tun gelobt. -Weil er dann jetzt ohn das so nahe am Schweizerland wäre, so wollte -er solche verrichten und sollte er auch dahin betteln. Ich bot ihm -Geld und meine Gesellschaft an, ja, ich wollte gleich zween Klepper -kaufen. Nicht zwar der Ursache, daß mich die Andacht darzu getrieben, -sondern um die Eidgenoßschaft zu besehen, als das einzige Land, darin -der liebe Friede noch grünete. So freute mich auch nicht wenig, daß -ich Gelegenheit hatte, Herzbrudern auf solcher Reise zu dienen, maßen -ich ihn fast höher als mich selbst liebte. Er aber schlug beides: -meine Hilfe und meine Gesellschaft ab mit Vorwand, seine Wallfahrt -müsse zu Fuß und darzu auf Erbsen geschehen, meine Gesellschaft würde -ihn nicht allein an der Andacht verhindern, sondern mir selbst große -Ungelegenheit aufladen. Das redete er aber, mich von sich zu schieben, -weil er sich ein Gewissen machte auf einer so heiligen Reise von dem -Gelde zu zehren, das mit Morden und Rauben erobert worden. Er sagte -unverholen, daß ich bereits mehr an ihm getan, weder ich schuldig -gewesen, noch er zu erwidern getraue. Hierüber gerieten wir in ein -freundlich Gezänke, das war so lieblich, als ich dergleichen niemals -habe hören hadern. Bis ich endlich merkte, daß er beides: an Oliviers -Geld und meinem gottlosen Leben einen Ekel hatte. Derhalben behalf ich -mich mit Lügen und überredete ihn, daß mich mein Bekehrungsvorsatz -nach Einsiedeln triebe, sollte er mich nun von einem so guten Werk -abhalten und ich darüber sterben, so würde ers schwer verantworten -können. Hierdurch persuadierte ich ihn, daß er es zuließ, sonderlich -weil ich eine große Reue bezeugte, als ich ihn dann auch überredete, -daß ich sowohl als er auf Erbsen nach Einsiedeln gehen wollte. - -Er willigte endlich drein, wiewohl mit Widerstreben, daß ich einen Paß -bekam nach meinem Regiment (und nicht nach Einsiedeln) zu gehen. Mit -demselben wanderten wir bei Beschließung des Tores samt einem getreuen -Wegweiser aus der Stadt, als wollten wir nach Rottweil, wandten uns -aber kurz durch Nebenwege und kamen noch dieselbige Nacht über die -schweizerische Grenze und folgenden Morgen in ein Dorf, allda wir uns -mit schwarzen langen Röcken, Pilgerstäben und Rosenkränzen montierten -und den Boten wieder zurückschickten. - -Das Land kam mir so fremd vor gegen andern deutschen Ländern, als wann -ich in Brasilia oder in China gewesen wäre. Da sahe ich die Leute -im Frieden handeln und wandeln. Die Ställe stunden voll Viehe. Die -Baurenhöfe liefen voll Hühner, Gäns und Enten. Die Straßen wurden -sicher von den Reisenden gebrauchet. Die Wirtshäuser saßen voll Leute, -die sich lustig machten. Da war ganz keine Forcht vor dem Feind, -keine Sorge vor der Plünderung und keine Angst, sein Gut, Leib noch -Leben zu verlieren. Ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und -Feigenbaum, und zwar, gegen andere deutsche Länder zu rechnen, in -lauter Wollust und Freude, also daß ich dieses Land vor ein irdisch -Paradies hielt, wiewohln es von Art rauh genug zu sein schiene. - -Das machte, daß ich auf dem ganzen Weg nur hin und her gaffte, wann -hingegen Herzbruder an seinem Rosenkranz betete. Deswegen ich manchen -Filz bekam, dann er wollte, daß ich wie er bete, welches ich aber nicht -gewöhnen konnte. - -Zu Zürich kam er mir recht hinter die Briefe und dahero sagte er mir -die Wahrheit auch am tröckensten heraus. Dann als wir zu Schaffhausen, -allwo mir die Füße von den Erbsen sehr wehe täten, die vorige Nacht -geherberget und ich mich den künftigen Tag wieder auf Erbsen zu gehen -förchtete, ließ ich sie kochen und tät sie wieder in die Schuhe. - -»Bruder, du hast große Gnade vor Gott,« meinte Herzbruder zu Zürich, -»daß du unangesehen der Erbsen, dannoch so wohl fortkommen kannst.« - -»Ja,« sagte ich, »liebster Herzbruder, ich habe sie gekocht, sonst -hätte ich soweit nicht darauf gehen können.« - -»Ach, daß Gott erbarme, was hast du getan! Du hättest sie lieber gar -aus den Schuhen gelassen, wann du nur dein Gespötte damit treiben -willst. Gott wird dich und mich zugleich strafen. Ich besorge, es stehe -deine Seligkeit in höchster Gefahr. Ich liebe keinen Menschen mehr als -dich, leugne aber auch nit, daß ich mir ein Gewissen machen muß, solche -Liebe zu kontinuieren.« - -Ich verstummte vor Schröcken, daß ich mich schier nicht wieder erholen -konnte. Zuletzt bekannte ich frei, daß ich die Erbsen nicht aus -Andacht, sondern allein ihm zu Gefallen in die Schuhe getan, damit er -mich mitgenommen hätte. - -»Ach Bruder, ich sehe, daß du weit vom Weg der Seligkeit bist. Gott -verleihe dir Besserung, dann ohne die kann unsere Freundschaft nicht -bestehen.« - -Von dieser Zeit folgte ich ihm traurig nach, als einer, den man zu -Galgen führet. Mein Gewissen fing an mich zu drucken, alle meine -Bubenstücke stelleten sich mir vor Augen, da beklagte ich erst -die verlorene Unschuld. Und was meinen Jammer vermehrete war, daß -Herzbruder nicht viel mehr mit mir redete und mich nur mit Seufzen -anschauete, als hätte er meine Verdammnis an mir bejammert. - -Solchergestalt langten wir zu Einsiedeln an und kamen eben in die -Kirche, als ein Priester einen Besessenen exorcisieret. Das war mir neu -und seltsam, derowegen ließ ich Herzbrudern knien und beten, so lange -er wollte, und ging hin, diesem Spektakul aus Fürwitz zuzusehen. - -Aber ich hatte mich kaum ein wenig genähert, da schrie mich der böse -Geist aus dem armen Menschen an: »Oho, du Kerl, schlägt dich der -Hagel auch her? Ich habe vermeint, dich zu meiner Heimkunft bei dem -Olivier in unserer höllischen Wohnung anzutreffen! Du ehebrecherischer, -mörderischer Jäger, darfst du dir wohl einbilden, uns zu entrinnen? -O ihr Pfaffen, nehmt ihn nur nicht an, er ist ein Gleißner und ärger -Lügner als ich, er foppt euch nur und spottet beides: Gott und -Religion!« - -Der ~Exorcist~ befahl dem Geist zu schweigen, weil man ihm als einem -Erzlügner ohn das nicht glaube. - -»Ja, ja, fraget des ausgesprungenen Mönches Reisegesellen, der wird -euch wohl erzählen, daß dieser ~Atheist~ die Erbsen gekocht, auf -welchen er hierher zu gehen versprochen!« - -Ich wußte nit, ob ich auf dem Kopfe oder Füßen stund, da ich dieses -alles hörete und mich jedermann ansahe. Der Priester strafte den Geist, -konnte ihn aber denselben Tag nicht austreiben. - -Indessen kam Herzbruder auch herzu, als ich eben vor Angst mehr einem -Toten als Lebendigen gleich sahe und zwischen Furcht und Hoffnung -nicht wußte, was ich tun sollte. Er tröstete mich und versicherte die -~Patres~, daß ich mein Tag kein Mönch gewesen, aber wohl ein Soldat, -der vielleicht mehr Böses als Gutes getan haben möchte. Ich aber war -in meinem Gemüt dermaßen verwirrt, als ob ich allbereits die höllische -Pein selbst empfände, als daß die Geistlichen genug an mir zu beruhigen -hatten. Sie vermahneten mich zur Beichte und Kommunion, aber der Geist -schrie abermals aus dem Besessenen: - -»Ja, ja, er wird fein beichten! Er weiß nicht einmal, was beichten ist! -Seine Eltern sein mehr wiedertäuferisch als calvinisch gewesen!« - -Der ~Exorcist~ befahl dem Geist abermals zu schweigen und sagte: - -»So wird dichs desto mehr verdrießen, wenn dir das verloren Schäflein -wieder aus dem Rachen gezogen und der Herde Christi einverleibet wird.« - -Darauf fing der Geist so grausam an zu brüllen, daß es schröcklich -zu hören war. Aus welchem greulichen Gesang ich meinen größten Trost -schöpfte, dann ich dachte, wann ich keine Gnade vor Gott mehr erlangen -könnte, so würde sich der Teufel nicht so übel anstellen. - -Ich empfand eine solche Reue und Begierde zur Buße und mein Leben zu -bessern, daß ich alsobald einen Beichtvater begehrte, worüber sich -Herzbruder höchlich erfreuete, weil er wahrgenommen und wohl gewußt, -daß ich bisher noch keiner Religion beigetan gewesen. Demnach bekannte -ich mich offentlich zur katholischen Kirche, ging zur Beichte und -kommunizierte nach empfangener ~Absolution~. Worauf mir dann so leicht -und wohl ums Herz ward, daß ichs nicht aussprechen kann. Der Geist in -dem Besessenen ließ mich fürderhin zufrieden. - -Wir verblieben vierzehn ganzer Tage an diesem gnadenreichen Ort, wo -ich die Wunder, so allda geschehen, betrachtete, welches alles mich -zu ziemlicher Andacht und Gottseligkeit reizete, doch währte solches -auch nur so lang, als es mochte. Dann wie meine Bekehrung aus Angst und -Forcht entsprungen, also ward ich auch nach und nach wieder lau und -träg, weil ich allmählich des Schreckens vergaß. - -Wir begaben uns nach Baden, alldorten vollends auszuwintern. - - - - -Das ander Kapitel - - -Ich dingete daselbst eine lustige Stube und Kammer vor uns, deren -sonst zur Sommerszeit die Badegäste zu gebrauchen pflegen, welches -gemeiniglich reiche Schweizer sein, die mehr hinziehen sich zu -erlustieren und zu prangen, als einiger Gebrechen halber zu baden. - -Als Herzbruder sahe, daß ich so herrlich angriff, ermahnete er mich -zur Gesparsamkeit. Viel Geld sei bald vertan, es stäube hinaus wie -der Rauch und verspreche, nimmermehr wieder zu kommen. Auf solche -treuherzige Erinnerung konnte ich Herzbrudern nicht länger verbergen, -wie reich mein Säckel wäre. Es sei zudem billig, daß Herzbruder aus -Oliviers Säckel vergnügt würde, um die Schmach, die er hiebevor von ihm -vor Magdeburg empfangen, sintemal die Erwerbung dieses Goldes ohn das -alles Segens unwürdig wäre, so daß ich keinen Meierhof daraus zu kaufen -gedächte. Ich zog meine beiden Scapulier ab, trennte die Dukaten und -Pistoletten heraus und sagte zu Herzbruder, er möge nun mit dem Gelde -nach Belieben verfahren, maßen ich mich in aller Sicherheit zu sein -wüßte. - -Er sagte: »Bruder, du tust nichts, so lange ich dich kenne, als deine -gegen mich habende Liebe bezeugen. Womit meinst du, daß ichs wieder -um dich werde beschulden können? Es ist nicht nur um das Geld zu tun, -sondern um deine Liebe und Treue, vornehmlich aber um dein zu mir -habendes hohes Vertrauen, so nicht zu schätzen ist. Bruder, mit einem -Wort, dein tugendhaft Gemüt machet mich zu deinem Sklaven, und was du -gegen mich tust, ist mehr zu verwundern als zu wiedergelten möglich. -Versichert, Bruder, dieses Beweistum deiner wahren Freundschaft -verbindet mich mehr gegen dich als ein reicher Herr, der mir viel -tausend verehrte. Allein bitte ich, mein Bruder, bleibe selber -Verwahrer und Austeiler über dein Geld. Mir ist genug, daß du mein -Freund bist.« - -Ich antwortete: »Was wunderliche Reden sein das, hochgeehrter -Herzbruder? Er gibt mündlich zu vernehmen, daß Er mir verbunden sei -und will doch nicht davor sein, daß ich dieses Geld nicht unnütz -verschwende?« - -Also redeten wir beiderseits gegeneinander läppisch genug, weil ja -einer des andern Liebe trunken war. Und ward Herzbruder zu gleich mein -Hofmeister, Säckelmeister, Diener und Herr. Und in solcher müßiger Zeit -erzählete er mir seines Lebens Lauf und ich ihm den meinen. Da er nun -hörete, daß ich ein junges Weib zu L. hatte, verwiese er mir, daß ich -mich nicht ehender zu derselbigen, als mit ihm in das Schweizerland -begeben, dann solches wäre anständiger und auch meine Schuldigkeit -gewesen. Demnach ich mich entschuldiget, daß ich ihn als meinen -allerliebsten Freund in seinem Elend zu verlassen nicht übers Herz -bringen können, beredete er mich, daß ich meinem Weibe schrieb und ihr -meine Gelegenheit zu wissen machte mit Versprechen, mich mit ehistem -wieder zu ihr zu begeben. Tät meines langen Ausbleibens widriger -Begegnüssen halber Entschuldigung. - -Dieweil dann Herzbruder aus den gemeinen Zeitungen erfuhr, daß es -um den Grafen von Götz wohl stünde und er gar wiederum das Kommando -über eine Armee kriegen würde, berichtete er demselben seinen Zustand -nach Wien und schrieb auch nach der kur-bayrischen Armee wegen seiner -Bagage. - -Herzbruder erhielt von hochgemeldten Grafen eine Wiederantwort und -treffliche Promessen von Wien, ich aber bekam von L. keinen einzigen -Buchstaben, unangesehen ich unterschiedliche Posttäge ~in duplo~ -hinschriebe. Das machte mich unwillig und verursachete, daß ich -denselbigen Frühling meinen Weg nicht nach Westfalen antrat, sondern -von Herzbrudern erhielt, daß er mich mit ihm nach Wien nahm, mich -seines verhofften Glückes genießen zu lassen. Also montierten wir uns -aus meinem Geld wie zwei Kavaliers beides: mit Kleidungen, Pferden, -Dienern und Gewehren. Gingen durch Konstanz auf Ulm, allda wir uns auf -die Donau satzten und von dort aus in acht Tagen zu Wien glücklich -anlangten. Auf demselben Weg beobachtete ich sonst nichts, als daß die -Weibsbilder, so an dem Strand wohnen, den Vorüberfahrenden, so ihnen -zuschreien, nicht mündlich sondern schlicht mit dem Beweistum selbst -antworten, davon ein Kerl manch feines Einsehen haben kann. - -Es geht wohl seltsam in der veränderlichen Welt her! Wer alles wüßte, -der würde bald reich. Ich sage: Wer sich allweg in die Zeit schicken -könnte der würde auch bald groß und mächtig. Wer aber weiß, sich -groß und mächtig zu machen, dem folget der Reichtum auf dem Fuß. Das -Glück, so Macht und Reichtum zu haben pfleget, blickte mich trefflich -holdselig an. - -Der Graf von der Wahl, unter dessen Kommando ich mich hiebevor in -Westfalen bekannt gemacht, war eben auch zu Wien. Herzbruder ward zu -einem Bankett geladen, da sich verschiedene kaiserliche Kriegsräte -neben dem Grafen von Götz und andern mehr befanden. Als man von -allerhand seltsamen Köpfen und berühmten Parteigängern redete, erzählte -der Graf von der Wahl auch etliche Stücklein des Jägers von Soest, -daß man sich teils über einen so jungen Kerl verwunderte, teils -bedauerte, daß der listige hessische Obrist ~de S. A.~ ihm einen -Weh-Bengel angehängt, damit er entweder den Degen beiseite legen oder -schwedische Waffen tragen sollte. Herzbruder, der eben dort stund, bate -um Verzeihung und Erlaubnis zu reden und sagte, daß er den Jäger von -Soest besser kenne als sonst einen Menschen, er sei nicht allein ein -guter Soldat, sondern auch ein ziemlicher Reuter, perfekter Fechter, -trefflicher Büchsenmeister und Feuerwerker, über dies alles einer, der -einem Ingenieur im Fortifikationswesen nichts nachgeben würde. Er hätte -nicht nur sein Weib, weil er mit ihr schimpflich hintergangen worden, -sondern auch alles was er gehabt zu L. hinterlassen und wiederum -kaiserliche Dienste gesucht, maßen er mit ihm selbsten nach Wien -gekommen des Willens, sich abermals wider der römischen kaiserlichen -Majestät Feinde gebrauchen zu lassen, doch soferne er solche Kondition -haben könnte, die ihm anständig seien. - -Damals war diese ansehnliche Kompanei mit dem lieben Trunk schon -dergestalt begeistert, daß sie ihre Kuriosität, den Jäger zu sehen -befriedigt wissen wollte, maßen Herzbruder geschickt ward, mich in -einer Kutsche zu holen. Er instruierte mich unterwegs, derhalben -antwortete ich, als ich hinkam, auf alles sehr kurz und redete nichts, -es müßte dann einen klugen Nachdruck haben. Ich erschien dergestalt, -daß ich jedem angenehm war. Mithin kriegte ich auch einen Rausch und -glaube wohl, daß ich dann habe scheinen lassen, wie wenig ich bei Hof -gewesen. Endlich versprach mir ein Obrister zu Fuß eine Kompagnie unter -seinem Regiment. - -Also ward ich derselbigen vor einen Hauptmann vorgestellt. Obzwar -meine Kompagnie samt mir ganz komplett war, hatte sie nicht mehr als -sieben Schillerhälse, zudem waren meine Unter-Offizierer mehrenteils -alte Krachwadel, darüber ich mich hinter Ohren kratzte. Dahero ward ich -mit ihnen bei der nächsten scharfen Occasion desto leichter gemarscht. -Dabei verlor der Graf von Götz das Leben, Herzbruder und ich bekamen -einen Schuß. Wir begaben uns auf Wien, um uns kurieren zu lassen, wo -sich bei Herzbruder ein anderer gefährlicher Zustand zeigte, dann -er ward lahm an allen vieren, wie ein ~Cholericus~, den die Galle -verderbt, und war doch am wenigsten selbiger Komplexion noch dem -Zorn beigetan. Nichts desto weniger ward ihm eine Sauerbrunnkur, der -Gießbacher an dem Schwarzwald, vorgeschlagen. - -Also veränderte sich das Glück unversehens. Herzbruder machte sein -Testament und satzte mich zum einzigen Erben, und ich schlug mein Glück -in den Wind und quittierte meine Kompagnie, damit ich ihn begleiten und -ihm in Sauerbrunn aufwarten könnte. - - - - -Das dritte Kapitel - - -Ein erfahrener Medicus, den ich von Straßburg eingeholet, befand, daß -dem Herzbruder mit Gift vergeben worden, das Gift sei aber nicht stark -genug gewesen, ihn gleich hinzurichten. Es müsse durch Gegenmittel -und Schweißbäder ausgetrieben werden, und würde sich solche Kur auf -ungefähr eine Woche oder acht belaufen. Mein Herzbruder resolvierte -sich, in Sauerbrunn die Kur zu vollenden, weil er nicht allein eine -gesunde Luft, sondern auch allerhand anmutige Gesellschaft unter den -Badegästen hatte. - -Solche Zeit mochte ich nicht vergeblich hinbringen, weil ich Begierde -hatte, dermalen eins mein Weib auch wiederum zu sehen. Herzbruder -hatte meiner nicht vonnöten und lobte solches Fürnehmen. Gab mir auch -etliche kostbare Kleinodien, die ich ihr seinetwegen verehren und sie -um Verzeihung bitten sollte, daß er eine Ursache gewesen sei, daß ich -sie nicht ehender besuchet. - -Also ritt ich auf Straßburg, allwo mein Geld auf Wechsel lag, machte -mich nicht allein mit Geld gefaßt, sondern erkundigte auch, wie ich -meine Reise anstellen möchte, um zwischen so vielen Guarnisonen der -beiderseits kriegenden Teile am sichersten fort zu kommen. Erhielt -derowegen einen Paß vor einen Straßburger Botenläufer und machte -etliche Schreiben an mein Weib, ihre Schwester und deren Eltern, als -ob ich einen Boten nach L. schicken wollte. Ich verkleidete mich aber -selbsten in ein weiß und rote Livrei und fuhr also botenweis bis nach -Köln, welche Stadt damals zwischen den kriegenden Parteien neutral war. - -Ich ging zuforderst hin, meinen ~Jovem~ zu besuchen, den ich hiebevor -bei Soest gefangen hatte, um zu erkundigen, welche Bewandnus es mit -meinen hinterlegten Sachen hätte. Mein ~Jupiter~ war aber damals wieder -ganz hirnschellig und unwillig über das menschliche Geschlecht. - -»O ~Mercuri~,« sagte er zu mir, »was bringst du neues von Münster? -Vermeinen die Menschen wohl ohn meinem Willen Frieden zu machen? -Nimmermehr! Sie hatten ihn. Warum haben sie ihn nicht behalten? Gingen -nicht alle Laster im Schwang, als sie mich bewegten den Krieg zu -senden? Womit haben sie seithero verdient, daß ich ihnen den Frieden -wiedergeben sollte? Haben sie sich dann selbiger Zeit her bekehrt? -Seind sie nicht ärger worden und selbst mit in Krieg geloffen wie -zu einer Kirmeß? Oder haben sie sich vielleicht wegen der Teuerung -bekehret, die ich ihnen zugesandt, darin so viel tausend Seelen Hungers -gestorben? Oder hat sie vielleicht das grausame Sterben erschröcket -(das so viel Millionen hingerafft) daß sie sich gebessert? Nein, nein, -~Mercuri~, die übrig Verbliebenen, die den elenden Jammer mit ihren -Augen angesehen, haben sich nicht allein nicht gebessert, sondern seind -viel ärger worden als sie zuvor jemals gewesen. Haben sie sich nun -wegen so vieler scharfen Heimsuchungen nicht bekehret, sondern unter -dem schweren Kreuz und Trübsal gottlos zu leben nicht aufgehöret, -was werden sie dann erst tun, wann ich ihnen den wohl-lustbarlichen, -göldenen Frieden wieder zusendete? Aber ich will ihrem Mutwillen wohl -bei Zeiten steuern und sie im Elend hocken lassen.« - -Weil ich nun wußte, wie man diesen Gott lausen mußte, wann man ihn -recht stimmen wollte, sagte ich: »Ach, großer Gott, es seufzet aber -alle Welt nach dem Frieden und verspricht eine große Besserung.« - -»Ja,« antwortete ~Jupiter~, »sie seufzen wohl, aber nicht meinet- -sondern um ihrentwillen. Nicht daß jeder unter seinem Weinstock und -Feigenbaum Gott loben, sondern daß sie deren edle Früchte mit guter -Ruhe und in aller Wollust genießen möchten. -- Ich fragte neulich -einen Schneider, ob ich den Frieden geben sollte. Er antwortete es -sei ihm gleich, er müsse sowohl zu Kriegs- als Friedenszeiten mit der -stählernen Stange fechten. Eine solche Antwort kriegte ich auch von -einem Rotgießer, der sagte, wann er im Frieden keine Glocken zu gießen -hätte, so wäre im Kriege genug an Stücken und Feuermörsern zu tun. Also -antwortete mir auch ein Schmied: er habe keine Pflüge und Baurenwägen -zu beschlagen, so kämen ihm im Krieg genug Reuterpferde und Heerwägen -unter die Hände, also daß er des Friedens wohl entbehren könne. -Siehe nun, lieber ~Mercuri~, warum soll ich ihnen dann den Frieden -verleihen? Alle so ihn wünschen, begehren seiner um ihres Bauchs und -der Wollust willen, hingegen sind andere die den Krieg wollen, weil -er ihnen einträget. Und gleichwie die Mäuerer und Zimmerleute den -Frieden wünschen, damit sie in Auferbauung der eingeäscherten Häuser -Geld verdienen, also verlangen andere die Fortsetzung des Krieges, im -selbigen zu stehlen.« - -Weil nun mein ~Jupiter~ mit solchen Sachen umging, konnte ich mir -leicht einbilden, daß er mir in seinem verwirrten Stand von dem -Meinigen wenig Nachricht würde geben können. Nahm also den Kopf -zwischen die Ohren und ging durch Abwege nach L. - -Daselbst erfuhr ich, vor einen fremden Boten gehalten, daß mein -Schweher samt der Schwieger bereits vor einem halben Jahr diese Welt -gesegnet, und dann, daß meine Liebste, nachdem sie mit einem Sohn -niedergekommen, den ihre Schwester bei sich hätte, gleichfalls stracks -nach ihrem Kindbette, diese Zeitlichkeit verlassen. - -Darauf lieferte ich meinem Schwager die Schreiben, die ich selbst -an meine Liebste und ihre Schwester gerichtet hatte, aus. Derselbe -wollte mich nun beherbergen, damit er erfahren könnte, wes Standes -~Simplicius~ sei und wie er sich verhielte. Zu dem Ende diskutierte -meine Schwägerin lang mit mir von mir selbsten, und ich redete auch -von mir, was ich nur Löbliches wußte, dann die Pocken hatten mich -dergestalt verderbt und verändert, daß mich kein Mensch erkannte. - -Als ich ihr nun nach der Länge erzählte, daß Herr ~Simplicius~ viel -schöner Pferde und Diener hätte und in einer schwarzen sammeten Mütze -aufzöge, die überall mit Gold verbrämt wäre, sagte sie: - -»Ich habe mir jederzeit eingebildet, daß er keines so schlichten -Herkommens sei, als er sich davor ausgeben. Der hießige Kommandant -hat meine Eltern selig mit großen Verheißungen persuadiert, daß sie -ihm meine Schwester selig, die wohl eine fromme Jungfrau gewesen, -ganz vorteilhaftiger Weise aufgesattelt. Er hat einen Vorrat in Köln -gehabt und ihn hierher holen wollen, ist aber darüber ganz schelmischer -Weise nach Frankreich prakticiert worden. -- Meine Schwester hat ihn -kaum vier Wochen gehabt. Weil dann nunmehr mein Vater und Mutter tot, -ich und mein Mann aber keine Kinder miteinander erhoffen, haben wir -meiner Schwester Kind zum Erben angenommen und mit Hülfe des hießigen -Kommandanten seines Vaters Habe zu Köln erhoben, welche sich auf -dreitausend Gulden belaufen möchte. Wann also dieser junge Knab einmal -zu seinen Jahren kommt, wird er nicht Ursach haben sich unter die -Armen zu rechnen. Ich und mein Mann lieben das Kind auch so sehr, daß -wirs nicht mehr seinem Vater ließen, wannschon er selbst käme. Ich -weiß, wann mein Schwager wüßte, was er vor einen schönen Sohn hier -hätte, daß ihn nichts halten könnte hierher zu kommen.« - -Indem lief mein Kind in seinen ersten Hosen um uns und ich erfreuete -mich vom Herzen. Ich suchte die Kleinodien herfür, so ich hätte meiner -Liebsten bringen sollen, und gab sie meinem Schwager vor das Kind, was -er mit Freuden empfing. - -Mithin drang ich auf meine Abfertigung, und als ich dieselbe bekam, -begehrete ich im Namen des ~Simplicii~ den kleinen ~Simplicium~ zu -küssen, damit ich solches seinem Vater als Wahrzeichen erzählen könnte. -Als dies nun auf Vergünstigung meiner Schwägerin geschah, fing beiden, -mir und dem Kinde, die Nase an zu bluten, darüber mir das Herz hätte -brechen mögen, doch ich verbarg meine ~Affecten~. Damit man nicht Zeit -haben möchte, der Ursache dieser Sympathie nachzudenken, machte ich -mich stracks aus dem Staube. - - - - -Das vierte Kapitel - - -Nach meiner Rückkunft in Sauerbrunn ward ich gewahr, daß es sich mit -Herzbrudern eher gebösert als gebessert hatte, wiewohl ihn die Doktores -und Apotheker strenger als eine fette Gans gerupft. Er kam mir auch -ganz kindisch vor und konnte nur kümmerlich gehen. Sein Trost war, daß -ich bei ihm sein sollte, wann er die Augen würde zutun. - -Hingegen machte ich mich lustig und suchte meine Freude; doch solcher -Gestalt, daß an seiner Pflege nichts manglete. Und weil ich mich ein -Witwer zu sein wußte, reizten mich die guten Täge und meine Jugend -wiederum zur Buhlerei, dann ich den zu Einsiedeln eingenommenen -Schröcken allerdings wieder vergessen hatte. Ich machte mit den -Lustigsten Kundschaft, die dahin kamen, und fing an courtoise Reden -und Komplimenten zu lernen, deren ich meine Tage sonst niemals viel -geachtet hatte. Man hielt mich vor einen vom Adel, weil mich meine -Leute Herr Hauptmann nannten. Dannhero machten die reichen Stutzer mit -mir Brüderschaft und war alle Kurzweile, Spielen, Saufen, Fressen meine -allergrößte Arbeit und Sorge. - -Unterdessen ward es mit Herzbrudern je länger je ärger, also daß er -endlich die Schuld der Natur bezahlen mußte. Ich ließ ihn ganz herrlich -begraben und seine Diener mit Trauerkleidern und einem Stück Geld ihres -Wegs laufen. - -Sein Abschied tät mir schmerzlich weh, vornehmlich weil ihm mit Gift -vergeben worden. Obzwar ich solches nicht ändern konnte, so änderte -es doch mich, dann ich flohe alle Gesellschaft und suchte nur die -Einsamkeit, meinen betrübten Gedanken Audienz zu geben. Ich verbarg -mich etwan irgends in einem Busch und betrachtete nicht allein, was ich -vor einen Freund verloren, sondern ich machte auch allerhand Anschläge -von Anstellung meines künftigen Lebens. Bald wollte ich wieder in -Krieg und unversehens gedachte ich, es hättens die geringsten Bauren -in dieser Gegend besser, maßen noch alle Baurenhöfe gleich als zu -Friedenszeiten in trefflichem Bau und alle Ställe voll Vieh waren. - -Als ich mich nun mit Anhörung des lieblichsten Vogelgesangs ergötzte -und mir einbildete, daß die Nachtigall durch ihre Lieblichkeit andere -Vögel banne, still zu schweigen und ihr zuzuhören, da näherte sich -jenseits dem Bache eine Schönheit an Gestalt, die mich mehr bewegte, -weil sie nur den Habit einer Bauerdirne antrug, als eine stattliche -~Demoiselle~ sonst mir nicht hätte tun mögen. Sie hub einen Korb vom -Kopf, darin sie einen Ballen frische Butter trug, solchen im Sauerbrunn -zu verkaufen. Denselben erfrischte sie im Wasser. Unterdessen satzte -sie sich nieder ins Gras, warf ihr Kopftuch und den Baurenhut von -sich und wischte den Schweiß vom Angesicht, also daß ich sie genug -betrachten und meine vorwitzigen Augen an ihr weiden konnte. Da dünkte -mich, ich hätte die Tage meines Lebens kein schöner Mensch gesehen. Die -Proportion des Leibes schien vollkommen und ohn Tadel, Arme und Hände -schneeweiß, das Angesicht frisch und lieblich, die schwarzen Augen aber -voller Feuer und liebreizender Blicke. - -Als sie nun ihre Butter wieder einpackte, schrie ich hinüber: - -»Ach Jungfer, Ihr habt zwar mit Euren schönen Händen Euere Butter im -Wasser abgekühlt, hingegen aber mein Herz durch Euere klaren Augen ins -Feuer gesetzt.« - -Sobald sie mich sahe und hörete, lief sie davon, als ob man sie gejagt -hätte. Sie hinterließ mich mit all denjenigen Torheiten beladen, damit -die verliebten Phantasten gepeinigt zu werden pflegen. - -Meine Begierden, von dieser Sonne mehr beschienen zu werden, ließen -mich nicht in meiner Einsamkeit, sondern machten, daß ich den Gesang -der Nachtigallen nicht höher achtete als ein Geheul der Wölfe. -Derhalben tollete ich auch dem Sauerbrunn zu und schickte meinen Jungen -voran, die Butterverkäuferin anzupacken und mit ihr zu marken, bis ich -hernach käme. Er tät das Seinige und ich nach meiner Ankunft auch das -Meinige, aber ich fand ein steinern Herz und solche Kaltsinnigkeit, -dergleichen ich hinter einem Baurenmensch nimmermehr zu finden getrauet -hätte, welches mich aber viel verliebter machte. - -Damals hätte ich entweder einen strengen Feind oder einen guten Freund -haben sollen. Einen Feind, damit ich meine Gedanken gegen denselben -hätte richten und der närrischen Liebe hätte vergessen müssen, oder -einen Freund, der mir ein anderes geraten und mich von meiner Torheit -hätte abmahnen mögen. Ach leider, ich hatte nichts als mein Geld, das -mich verblendete, meine blinden Begierden, die mich verführeten, weil -ich ihnen den Zaum schießen ließ, und meine grobe Unbesonnenheit, die -mich verderbete und in alles Unglück stürzete. Mit einem Wort, ich war -mit dem Narrenseil rechtschaffen verstrickt und derhalben ganz blind -und ohn Verstand. Und weil ich meine viehischen Begierden nicht anders -zu sättigen getrauete, entschloß ich mich, das Mensch zu heiraten. Was, -gedachte ich, du bist deines Herkommens doch nur ein Baurensohn und -wirst deiner Tage kein Schloß besitzen; du hast Geld genug, auch den -besten Baurenhof in dieser Gegend zu bezahlen. Du wirst dies ehrliche -Baurngretlein heiraten und dir einen geruhigen Herrenhandel inmitten -der Bauren schaffen. -- Ich erhielt, wiewohl nicht ohne Mühe, das -Jawort. - -Zur Hochzeit ließ ich trefflich rüsten, dann der Himmel hing mir voller -Geigen. Das Baurengut, darauf meine Braut geboren worden, lösete ich -nicht allein ganz an mich, sondern fing noch darzu einen schönen, neuen -Bau an, gleich als ob ich daselbst mehr hof- als haushalten hätte -wollen. Eh die Hochzeit vollzogen, hatte ich daselbst über dreißig -Stück Viehe stehen, weil man soviel auf dem Gut erhalten konnte. Ich -bestellte alles aufs Beste und sogar mit köstlichem Hausrat, wie es mir -nur meine Torheit eingab. - -Aber die Pfeife fiel mir bald in Dreck. Dann als ich nunmehr vermeinete -mit gutem Wind in Engelland zu schiffen, kam ich wider alle Zuversicht -nach Holland. Viel zu spat ward ich erst gewahr, was Ursache mich meine -Braut hatte so ungern nehmen wollen. Und ich konnte mein spöttlich -Anliegen keinem Menschen klagen. So zahlete ich nach Maß und Billigkeit -meine Schulden, was Erkanntnus mich darum doch nichts desto geduldiger, -viel weniger frömmer machte. Ich fand mich betrogen und gedachte meine -Betrügerin wieder zu prellen, maßen ich anfing grasen zu gehen, wo -ich zukommen konnte. Überdas stack ich mehr bei guter Gesellschaft in -Sauerbrunn als zu Haus. - -Meine Frau war ebenso liederlich. Sie hatte einen Ochsen, den ich ins -Haus hatte schlagen lassen, in etliche Körbe eingesalzen; als sie eine -Spänsau zurichten sollte, unterstund sie sich solche wie einen Vogel zu -rupfen; sie wollte die Krebse am Rost und die Forellen am Spieß braten. -Nichts desto weniger trank sie auch das liebe Weingen gern und teilete -andern guten Leuten auch mit. -- - -Einsmals spazierete ich mit etlichen Stutzern das Tal hinunter, eine -Gesellschaft im untern Bad zu besuchen. Da begegnete uns ein alter -Baur mit einer Geiß am Strick, die er verkaufen wollte. Und weil mich -dünkte, ich hätte ihn mehr gesehen, fragte ich ihn, wo er mit der Geiß -herkomme. - -Er zog sein Hütlein und sagte: »Gnädiger Hearr, eich darffs ouch werli -neit sän.« - -»Du wirst sie ja nicht gestohlen haben.« - -»Nein, ich bring sie aus dem Städtgen im Tal, welches ich eben gegen -den Hearrn nit darf nennen, dieweil wir vor einer Geiß reden.« - -Solches bewegte die Gesellschaft zum Lachen, und weil ich mich -entfärbte, gedachten sie, ich hätte Verdruß, maßen mir der Baur so -artig eingeschenkt. Aber ich hatte andere Gedanken, dann an der großen -Warze, die der Baur mitten auf der Stirn stehen hatte, ward ich -eigentlich versichert, daß es mein Knän aus dem Spessart war. -- Wollte -derhalben zuvor einen Wahrsager agieren, eh ich mich ihm offenbarte. - -»Mein lieber alter Vater, seid Ihr nicht im Spessart zu Haus?« - -»Ja, Hearr.« - -»Haben Euch nicht vor ungefähr achtzehen Jahren die Reuter Euer Haus -und Hof geplündert und verbrannt?« - -»Ja, Gott erbarms, es ist aber noch nit so lang.« - -»Habet Ihr nicht zwei Kinder, nämlich eine erwachsene Tochter und einen -jungen Knaben gehabt?« - -»Hearr, die Tochter war mein Kind, der Bub nit. Ich hab ihn aber an -Kindesstatt aufziehen wollen.« - -Hieraus verstund ich wohl, daß ich dieses Knollfinken Sohn nicht sei, -welches mich eines Teils erfreuete, hingegen aber auch betrübete, weil -mir einfiel, ich müßte sonst ein Bankert oder ein Findling sein. Fragte -derowegen den Knän, wo er den Buben aufgetrieben. - -»Ach, der Krieg hat mir ihn gegeben und der Krieg hat nur ihn wieder -genommen.« - -Weil ich dann besorgte, es dörfte wohl ein ~Facit~ herauskommen, das -mir wegen meiner Geburt nachteilig sein möchte, fragte ich, ob er die -Geiß der Wirtin in die Küche verkauft hätte. - -»Ach nein, Hearr, ich bring sie der Gräfin, die im Sauerbrunn badet. -Der Doktor Hans in allen Gassen hat etliche Kräuter geordnet, so die -Geiß essen muß. Was sie dann vor Milch gibt, die nimmt der Doktor und -machet der Gräfin noch so ein Arznei drüber, dann muß sie die Milch -trinken. Man seit, es mangle der Gräfin am Gehäng.« - -Unter währender solcher Relation besann ich, auf was Weise ich noch mit -dem Baurn reden möchte, bot ihm derhalben einen Taler mehr um die Geiß -als die Gräfin. Solches ging er gleich ein, doch mit dem Beding, er -sollte der Gräfin zuvor angeben, daß ihm ein Taler mehr darauf geboten, -er wollte mir den Handel auf den Abend anzeigen. - -Also ging mein Knän seines Wegs und auch ich drehete mich bald von der -Kompanie ab und ging hin, wo ich meinen Knän wiederfand; der hatte -seine Geiß noch. Ich führete ihn auf meinen neuen Hof, bezahlte die -Geiß und hängte ihm einen halben Rausch an. Sodann fragte ich ihn nach -seinem Knaben. - -»Ach Herr, der Mansfelder Krieg hat mir ihn beschert, und die -Nördlinger Schlacht hat mir ihn wieder genommen.« Nach verlorener -Schlacht bei Höchst habe des Mansfelder flüchtig Volk sich weit und -breit zerstreuet. Viel seien in den Spessart gekommen, weil sie die -Büsche suchten, sich zu verbergen, aber indem sie dem Tod in der Ebene -entgingen, hätten sie einen in den Bergen gefunden, dann damalen -ginge selten ein Baur in die Büsche ohn sein Feuerrohr, da man zu -Haus bei Hauen und Pflügen nicht bleiben konnte. In demselben Tumult -habe er nicht weit von seinem Hof in dem wilden ungeheuren Wald eine -schöne, junge Edelfrau samt einem stattlichen Pferd getroffen, so er -anfänglich vor einen Kerl gehalten, weil sie so mannlich daherritte. -Indem sie beides: Händ und Augen zum Himmel aufgehoben und auf wälsch -mit einer erbärmlichen Stimme zu Gott gerufen, habe er sein Rohr sinken -lassen und den Hahn wieder zurückgezogen, dann er gesehen, daß sie ein -betrübtes Weibsbild wäre. Indem er näher getreten riefe sie ihn an: -»Ach, wann Ihr ein ehrlicher Christenmensch seid, so bitte ich Euch um -Gottes und seiner Barmherzigkeit, ja um des jüngsten Gerichtes willen, -Ihr wollet mich zu ehrlichen Weibern führen, die mich durch göttliche -Hilfe von meines Leibes Bürde entledigen helfen!« Diese Worte hätten -ihn samt der holdseligen Aussprache zu solcher Erbärmde gezwungen, daß -er ihr Pferd beim Zügel nahm und sie durch Hecken und Stauden an den -allerdicksten Ort des Gesträuchs führete, da er selbst Weib, Kind, -Gesind und Viehe hingeflüchtet gehabt. Daselbst seie sie ehender als in -einer halben Stund des jungen Knaben genesen. - -Ich sprach ihm gütlich zu. Da er aber sein Glas ausgeleert hatte, -fragte ich wie es darnach weiter mit der Frau gegangen. - -Er antwortete, sie habe ihn zum Gevatter gebeten und ihm auch ihres -Mannes und ihren Namen genennt, damit sie möchten ins Taufbuch -geschrieben werden. Indem habe sie ihr Felleisen aufgetan, darin sie -wohl köstliche Sachen hatte, und ihm, seinem Weib und Kind, der Magd -und sonst allen geschenkt. Aber indem sie so damit umging und von -ihrem Mann erzählete, sei sie unter den Händen der Weiber gestorben. -Pfarrer und Schultz hätten ihm darnach befohlen, das Kind aufzuziehen -und vor Mühe und Kosten der Fraue ganze Hinterlassenschaft zu behalten, -ausgenommen etliche Paternoster, Edelsteine und sonst Geschmeiß. Also -sei das Kind von der Bäurin mit Geißmilch auferzogen worden. - -»Ihr habet mir,« sagte ich, »eine artliche Geschichte erzählt und doch -das Beste vergessen, dann Ihr habet nicht gesagt, weder wie die Frau -noch ihr Mann oder das Kind geheißen.« - -Er antwortete: die Edelfrau habe Susanna Ramst, ihr Mann Kapitain -Sternfels von Fuchsheim geheißen, und weil er Melchior hieße, so habe -er den Buben bei der Taufe auch Melchior Sternfels von Fuchsheim nennen -und ins Taufbuch schreiben lassen. - -Hieraus vernahm ich umständlich, daß ich meines Einsiedels und der -Schwester des Gubernators Ramsey leiblicher Sohn gewesen. Aber ach, -leider viel zu spat! Dann meine Eltern waren schon beide tot. - -Ich deckte meinen Paten vollends mit Wein zu und ließ den andern -Tag auch sein Weib holen. Da ich mich ihnen nun offenbarte, wollten -sie's nicht glauben, bis ich ihnen einen schwarzen haarigen Fleck -aufgewiesen, den ich auf der Brust habe. - - - - -Das fünfte Kapitel - - -Ohnlängst hernach nahm ich meinen Pflegvater zu mir und tät mit ihm -einen Ritt hinunter in Spessart, glaubwürdigen Schein und Urkund -meines Herkommens und ehelicher Geburt zu Wege zu bringen, welches ich -unschwer erhielt. Ich kehrete auch bei dem Pfarrer ein, der sich zu -Hanau aufgehalten, und ließ über meine ganze Histori aus der Zeugen -Mund durch einen ~Notarium~ ein ~Instrument~ aufrichten, dann ich -dachte, wer weiß, wo du es noch einmal brauchst. Solche Reise kostete -mich über vierhundert Taler, dann auf dem Rückweg ward ich von einer -Partei erhascht, abgesetzt und geplündert, also daß ich und mein Knän -nackend und kaum mit dem Leben davonkam. - -Indessen ging es daheim noch schlimmer zu. Dann nachdem mein Weib -vernommen, daß ihr Mann ein Junker sei, spielte sie nicht allein die -große Frau, sondern verliederlichte auch alles in der Haushaltung, -was ich, weil sie großen Leibes war, stillschweigend ertrug. Überdas -ward mir das meiste und beste Viehe von einer Seuche dahingerafft. -Dieses alles wäre noch zu verschmerzen gewesen. Aber, ~o mirum~, kein -Unglück allein! In der Stunde, darin mein Weib genase, ward die Magd -auch Kindbetterin. Das Kind zwar, so sie brachte, sahe mir allerdings -ähnlich, das Kind meines Weibes hingegen sahe dem Knecht so gleich, -als wanns ihm aus dem Gesicht wäre geschnitten worden. Jedoch es gehet -nicht anders her, wann man in einem so gottlosen und verruchten Leben -seinen viehischen Begierden folget. - -Nun was halfs, ich mußte taufen. Andernteils nahm es mein Weibgen nur -auf die leichte Achsel. Doch die Magd mußte aus dem Haus, dann mein -Weib argwöhnete, was ich ihretwegen vom Knecht gedachte. Indessen ich -ward von dieser Anfechtung heftig gepeinigt, daß ich meinem Knecht ein -Kind aufziehen, das Meinige aber von der Magd nicht mein Erbe sein -sollte, und daß ich dabei froh sein mußte, weil sonst niemand nichts -wußte. - -Mit solchen Gedanken marterte ich mich täglich, mein Weib aber -delektierte sich stündlich mit Wein, dann sie hatte sich das Kumpen -sint unserer Hochzeit dergestalt angewöhnt, das es ihr selten vom Maul -kam und sie selbsten gleichsam keine Nacht ohne einen ziemlichen Rausch -schlafen ging. Davon soff sie ihrem Kind zeitlich das Leben ab und -entzündete sich das Gehäng dergestalt, daß es ihr bald hernach entfiel -und mich wieder zum Witwer machte. Das ging mir so zu Herzen, daß ich -mich fast krank darüber gelachet hätte. - -Ich befand mich solchergestalt wieder in meiner ersten Freiheit. Mein -Beutel war ziemlich geleeret, ich hingegen mit großer Haushaltung -vielem Viehe und Gesind beladen. Also nahm ich meinen Paten Melchior -vor einen Vater und dessen Frau vor eine Mutter, den Magdsohn aber vor -meinen Erben an und übergab den beiden Alten Haus und Hof samt meinem -ganzen Vermögen, bis auf gar wenig gelbe Batzen und Kleinodien. Ich -hatte einen Ekel ob aller Weiber Beiwohnung und Gemeinschaft, ich nahm -mir vor, mich nicht mehr zu verheiraten. - -Diese beiden Alten gossen meine Haushaltung gleich in einen andern -Model. Sie schafften vom Gesind und Viehe ab, was nichts nütze und -bekamen hingegen auf den Hof, was etwas eintrug. Sie vertrösteten -mich alles Guten und versprachen, wann ich sie nur hausen ließe, -so wollten sie mir allweg ein gut Pferd auf der Streu halten und so -viel verschaffen, daß ich je zu Zeiten mit einem ehrlichen Biedermann -eine Maß Wein trinken könnte. Ich spürete es auch gleich. Mein Pate -bestellte mit dem Gesind den Feldbau, schacherte mit Viehe und mit dem -Holz- und Harzhandel ärger als ein Jud und meine Götfrau legte sich auf -die Viehzucht und wußte Milchpfennige besser zu gewinnen und zusammen -zu halten, als zehen solcher Weiber, wie ich eins gehabt hatte. Auf -solche Weise ward mein Baurenhof in kurzer Zeit vor den besten in der -ganzen Gegend geschätzet. -- - -Einsmals spazierte ich in Sauerbrunn, jedoch nicht um mich mit Stutzern -bekannt zu machen, dann ich fing an meiner Alten Kargheit nachzuahmen, -gleichwohl geriet ich zu einer Gesellschaft mittelmäßigen Standes, weil -sie von einer seltenen Sache, nämlich vom Mummelsee diskutierten. Der -war in der Nachbarschaft auf einem von den höchsten Bergen gelegen, -unergründlich, und wunderbarliche Fabeln verlauteten von ihm. - -Einer sagte, wann man ungrad, es seien gleich Erbsen, Steinlein oder -etwas andres in ein Nastüchlein binde und hinein hänge, so veränderte -es sich in grad, also auch grad in ungrad. Die meisten aber gaben vor -und befestigten es auch mit Exempel, wann man ein oder mehrere Steine -hineinwürfe, so erhebe sich gleich, Gott gebe wie schön auch der Himmel -zuvor gewesen, ein grausam Ungewitter mir schröcklichem Regen, Schloßen -und Sturmwinde. Einer erzählte, daß auf ein Zeit, da etliche Hirten ihr -Viehe bei dem See gehütet, ein brauner Stier herausgestiegen, welcher -sich zu dem andern Rindviehe gesellet, dem aber gleich ein kleines -Männlein nachgefolget, ihn wieder zurück zu treiben. Auch seie einsmals -ein Baur mit seinem Ochsen und etlichen Holzplöchern über den gefrornen -See gefahren, ohn einzigen Schaden, als ihm aber sein Hund nachkommen, -sei das Eis mit ihm gebrochen und der arme Hund allein hinunter -gefallen und nicht mehr gesehen worden. Noch einer behauptete bei -großer Wahrheit, es sei ein Schütze auf der Spur des Wildes bei dem See -vorübergegangen, der hätte auf dem Wasser ein Männlein sitzen sehen, -das einen ganzen Schoß voll gemünzter Goldsorten gehabt und gleichsam -damit gespielet hätte. Und als er nach demselben Feuer geben wollen, -hätte sich das Männlein geduckt und gerufen: »Wann du mich gebeten -deiner Armut zu Hilf zu kommen, so wollte ich dich reich genug gemacht -haben.« - -Solche und andere Historien verlachte ich. Aber es fanden sich -Baursleute, und zwar alte, glaubwürdige Männer, die erzählten, wie -dann ein regierender Herzog von Württemberg ein Floß machen ließ, die -Tiefe zu ergründen. Nachdem die Messenden aber bereits neun Zwirnnetz -mit einem Senkel hinunter gelassen und gleichwohl noch keinen Boden -gefunden, hätte das Floß wider die Natur des Holzes angefangen zu -sinken, also daß sie von ihrem Vornehmen abstehen und sich hätten -ans Land salvieren müssen, maßen man noch heutzutag die Stücke des -Flosses am Ufer und zum Gedächtnus dieser Geschicht das fürstlich -württembergsche Wappen in Stein gehauen vor Augen sehe. - -Die Begierde, den Mummelsee zu beschauen, vermehrte sich bei mir, als -ich von dem Knän verstund, daß er auch dort gewesen und den Weg wisse. -Da er aber hörete, daß ich überein auch darzu wollte, sagte er: »Der -Herr Sohn wird nichts andres sehen, als das Ebenbild eines Weihers, -der mitten in einem großen Walde liegt, und wann er seine jetzige Lust -mit beschwerlicher Unlust gebüßet, so wird er nichts andres als Reue, -müde Füße und den Hergang vor den Hingang davon haben.« - -Da er aber meinen Ernst sahe, meinete er, dieweil die und auf dem Hof -weder zu hauen noch zu ernten, wolle er selbst mit mir gehen; dann -er hatte mich so lieb und prangte mit mir, weil die Leute im Land -glaubten, daß ich sein leiblicher Sohn sei. - -Also wanderten wir miteinander über Berg und Tal und kamen zum -Mummelsee, eh wir sechs Stunden gegangen waren, dann mein Pate war noch -so käfermäßig und sowohl zu Fuß als ein Junger. Nachdem wir uns an -Speis und Trank erquickt, beschauete ich den See und fand die etlichen -gezimmerten Hölzer des Württembergischen Flosses darin liegen. Die Luft -war ganz windstill und wohl temperiert, so wollte ich auch probieren, -was Wahrheit an der Sagenmär wäre, sintemal ich allbereit die Sage, daß -der See keine Forellen leide, am mineralischen Geschmack des Wassers -als natürlich zu sein befunden. - -Ich ging gegen der linken Hand an dem See hin, da das Wasser wegen der -abscheulichen Tiefe des Sees gleichsam kohlschwarz zu sein scheinet und -deswegen so förchterlich aussiehet. Daselbst fing ich an große Steine -hinein zu werfen, als ich sie nur immer erheben und ertragen konnte. -Mein Knän warnete mich und bat, ich aber continuierete meine Arbeit -emsig fort, bis ich über dreißig Steine in den See brachte. - -Da fing die Luft an, den Himmel mit schwarzen Wolken zu bedecken, in -welchen ein grausamer Donner gehöret ward, also daß mein Knän, der -jenseits des Sees bei dem Auslauf stund, über meine Arbeit lamentierte -und mir zuschrie, ich sollte mich doch salvieren, damit uns Regen und -das schröckliche Wetter nicht ergreife. Ich aber antwortete: »Vater, -ich will bleiben und des Endes erwarten, sollte es auch Hellebarten -regnen.« - -Er schmälete noch weiterhin zu mir herüber, ich verwandte aber die -Augen nicht von der Tiefe und sahe weit untern gegen den Abgrund -etliche Kreaturen im Wasser herumfladern, die mich der Gestalt nach -an Frösche ermahneten und gleichsam wie Schwärmerlein aus einer -aufsteigenden Rakete in der Luft herumvagierten. Je näher sie kamen, -desto größer und an Gestalt den Menschen ähnlicher schienen sie meinen -Augen, weswegen mich dann erstlich eine große Verwunderung und endlich -ein Grausen und Entsetzen ankam. - -»Ach,« rief ich vor Schröcken so laut, daß es mein Knän wohl hören -konnte, »wie seind die Wunderwerke des Schöpfers auch sogar im Bauch -der Erden und in der Tiefe des Wassers so groß!« - -Da war schon eins von den Sylphen oben auf dem Wasser und antwortete: -»Das bekennst du, ehe du etwas davon gesehen hast, was würdest du wohl -sagen, wann du erst selbsten im ~Centro~ der Erden wärest und unsere -Wohnung, die dein Fürwitz beunruhiget, beschautest!« - -Unterdessen kamen noch mehr dergleichen Wassermännlein, gleichsam wie -Tauchentlein hervor. Sie brachten die Steine wieder herauf, worüber ich -ganz erstaunete. Der Erste und Vornehmste unter ihnen, dessen Kleidung -wie lauter Gold und Silber glänzete, warf mir einen leuchtenden Stein -zu, so groß wie ein Taubenei und so grün und durchsichtig, wie ein -Smaragd. - -»Nimm das Kleinod, damit du etwas von uns und diesem See zu sagen -wissest.« - -Ich hatte ihn aber kaum aufgehoben und zu mir gesteckt, da ward mir -nicht anderst, als ob mich die Luft hätte ersticken und ersäufen -wollen, derhalben ich mich dann nicht länger aufrecht behalten konnte, -sondern herumtaumelte wie eine Garnwinde und endlich gar in den See -hinunter fiel. Sobald ich aber ins Wasser kam, erholete ich mich wieder -und atmete aus Kraft des Steins das Wasser anstatt der Luft. Ich konnte -auch gleich sowohl als die Wassermännlein in dem See herumwebern, maßen -ich mich mit ihnen in den Abgrund hinunter tät, als wann sich eine -Schar Vögel mit Umschweifen gegen die Erde nieder lässet. - -Da mein Knän dies Wunder, samt meiner gählingen Verzückung gesehen, -trollete er sich von dem See hinweg und heim zu, als ob ihm der Kopf -brennte. Daselbst erzählete er den Verlauf. Etliche glaubten ihm, die -meisten aber hielten es vor eine Fabel. - - - - -Das sechste Kapitel - - -Der Fürst über den Mummelsee, so mich begleitete, sagte mir, daß wir -durch die halbe Erde just neunhundert deutscher Meilen hätten, und wer -zum ~Centro~ der Erde wolle, der müßte durch einen dergleichen Seen -seinen Weg nehmen, deren hin und wieder so viel, als Tag im Jahr seien, -in der Welt wären und alle bei ihres Königs Wohnung zusammen stießen. -In solchem sanften Abfahren konnte ich mit dem Mummelseeprinzen -allerhand diskurieren, dann ich bemerkte seine Freundlichkeit. So -fragte ich, zu was Ende sie mich einen so weiten, gefährlichen Weg mit -sich nähmen. Er antwortete mir gar bescheiden, der Weg sei nicht weit -und in einer Stunde spaziert, er sei nicht gefährlich, dieweil ich -in seiner Gesellschaft mit dem überreichten Stein hinabführe, daß er -mir aber ungewöhnlich vorkomme, sei nicht zu verwundern. Darauf bat -ich ihn ferner, mir zu berichten, weshalb der gütige Schöpfer so viel -wunderbarliche Seen erschaffen. - -»Du fragst billig um dasjenige, was du nicht verstehst, diese Seen -sind um dreierlei Ursachen willen geschaffen. Erstlich werden durch -sie alle Meere gleichsam wie mit Nägeln an die Erde geheftet, zweitens -werden von uns durch diese Seen die Wasser aus den Tiefen des Ozeans -in alle Quellen der Erde getrieben, wovon Flüsse und Ströme entstehen, -der Erdboden befeuchtiget, die Gewächse erquicket und beides: Mensch -und Vieh getränket werden, drittens, daß wir als vernünftige Kreaturen -Gottes darin leben und Gott loben. Wann wir aber aus einer andern -Ursache unsere Geschäfte unterlassen müssen, so wird die Welt durchs -Feuer untergehen, dann zu dieser Zeit, so alle Wasser verschwinden, -wird die Erde von sich selbst durch die Sonnenhitze entzündet.« - -Da ich ihn also gleichsam die heilige Schrift anziehen hörete, fragte -ich, ob sie sterbliche Kreaturen wären, oder ob sie Geister seien. -Darauf antwortete er, sie seien keine Geister sondern sterbliche -Leutlein und gab mir folgends eine ~Genealogia~ oder Stammtafel aller -Kreatur, indem er mir fürderst von der Erschaffung der Engel erzählete -und den Sturz derer, so aus Hoffart gefallen, folgends wie Gott die -Welt mit allen Kreaturen aus seinem göttlichen Willen hervorgehen -ließe und also auch den irdischen Menschen zu solchem End geschaffen, -daß er Gott loben und sich vermehren sollte, bis sein Geschlecht so -groß sei, die Zahl der gefallenen Engel zu ersetzen. Dann die heilige, -entleibte Seele eines zwar irdischen, doch himmlisch gesinnten Menschen -hat alle guten Eigenschaften des Engels an sich, der entseelte -Leib eines irdischen Menschen aber ist gleich dem andern Aas eines -unvernünftigen Tieres. Kam demnach zum Beschluß auf das Geschlecht der -Sylphen und sagte: »Uns selbsten setzten wir vor das Mittel zwischen -euch und allen lebendigen Kreaturen der Welt. Sintemal obgleich wir -wie ihr vernünftige Seelen haben, so sterben jedoch dieselbige mit -unseren Leibern hinweg, gleichsam als wie die lebhaften Geister der -unvernünftigen Tiere in ihrem Tod verschwinden. Zwar ist uns kundbar, -daß ihr durch den ewigen Sohn Gottes aufs höchste geadelt seid und euch -die ewige Seligkeit wiederum erworben ist, aber ich rede und verstehe -nichts von der Seligkeit, weil wir deren zu genießen nicht fähig -sein. Uns hat der allgütige Schöpfer genugsam in dieser Zeitlichkeit -beseeligt, als mit einer guten, gesunden Vernunft, mit Erkanntnus -seines heiligen Willens, mit gesunden Leibern, langem Leben und einer -edlen Freiheit, mit genugsam Wissenschaft und Kunst und, was das -allermeiste ist, wir sind keiner Sünde, dannenhero auch keiner Strafe, -ja nicht einmal der geringsten Krankheit unterworfen.« - -Ich antwortete, da sie keiner Missetat und auch keiner Strafe -unterworfen, wozu sie dann eines Königs bedörftig, ~item~ wie sie -sich der Freiheit rühmen könnten, wann sie einem König untertan. -Darauf sagte er, sie hätten ihren König nicht, daß er Justiz übe, noch -daß sie ihm dienen sollten, sondern er dirigiere wie der Weisel im -Immenstock ihre Geschäfte. Sie würden ohne Wollust gezeugt und ohne -Schmerzen geboren und also stürben sie auch nicht mit Schmerzen sondern -gleichsam, wie ein Licht verlösche, wann es seine Zeit geleuchtet habe, -also verschwinden auch ihre Leiber samt den Seelen. Gegen ihre Freiheit -aber sei die Freiheit des allergrößten Monarchen unter uns irdischen -Menschen gar nichts, dann sie könnten weder getötet noch zu etwas -Unbeliebigem genötigt werden. Kein Gefängnus könne sie halten, weil sie -Feuer, Wasser, Luft und Erde ohne einzige Mühe und Müdigkeit durchgehen -könnten. - -Darauf sagte ich: »So ist euer Geschlecht von dem Schöpfer weit höher -geadelt und beseeligt als das unsrige.« - -»Ach nein,« antwortete der Fürst, »Ihr sündigt, wann Ihr dies glaubt, -dann Ihr vergesset der ewigen Seligkeit.« - -Ich sagte: »Was haben darum die Verdammten davon?« - -Da fragte er: »Was kann die Güte Gottes davor, wann euer einer sein -Selbst vergisset und sich der Welt schändlichen Wollüsten ergibet, -seinen viehischen Begierden die Zügel schießen lässet und sich dem -unvernünftigen Vieh, ja den höllischen Geistern gleich machet?« - -Ich sagte zu dem Fürstlein, weil ich auf dem Erdboden ohn das mehr -Gelegenheit hätte von dieser ~Materia~ zu hören, als ich mir zu nutz -machte, so wollte ich ihn gebeten haben, mir die Ursache zu erzählen, -warum ein so groß Ungewitter entstehe, wann man Steine in solche Seen -werfe. - -»Weil alle Steine, so hineingeworfen werden, notwendig und natürlicher -Weise in unsere Wohnung fallen und liegen bleiben müßten, so schaffen -wir sie mit einer Ungestüme wieder hinaus, damit der Mutwille der -Menschen abgeschreckt und in Zaum gehalten werden möge. An dieser -einzigen Verrichtung kannst du die Notwendigkeit unseres Geschlechtes -abnehmen, sintemal wann die Steine von uns nicht wieder ausgetragen -würden, so müßten endlich die Gebäude, damit das Meer an die Erde -geheftet und befestiget ist, zerstört und die Gänge, durch die die -Quellen aus dem Abgrund des Meeres auf die Erde geleitet werden, -verstopft bleiben, das dann eine schädliche Konfusion und der ganzen -Welt Untergang mit sich bringen könnte.« - -Ich bedankte mich dieser Kommunikation und fragte, ob es auch möglich -sein könnte, daß er mich wieder durch einen andern als den Mummelsee -nach einem andern Ort der Erde auf die Welt bringen könnte. - -»Freilich, warum das nicht? Wann es nur Gottes Wille ist. Dann auf -solche Weise haben unsere Voreltern vor alten Zeiten etliche Kanaaneer, -die dem Schwert Josuas entronnen und sich aus Desperation in einen -solchen See gesprenget, in Amerikam geführet, maßen deren Nachkömmlinge -noch auf den heutigen Tag den See zu weisen wissen, aus welchem ihre -Ureltern anfänglich entsprungen.« - -Als ich nun sahe, daß er über meine Verwunderung erstaunete, gleichsam -als ob seine Erzählung nicht Verwunderns würdig wäre, fragte ich ihn, -ob er dann nicht auch Seltsames und Wunderliches von uns Menschen -gesehen. - -Hierauf sagte er: »Wir wundern uns an euch nichts mehrers, als daß ich -euch, da ihr doch zum ewigen, seligen Leben erschaffen, durch zeitliche -und irdische Wollüste, die doch so wenig ohn Unlust und Schmerzen als -Rosen ohne Dörner sind, dergestalt betören lasset. Ach, möcht unser -Geschlecht an euerer Stelle sein, wir möchten euerer nichtigen und -flüchtigen Zeitlichkeit Probe besser halten als ihr. Dann das Leben, so -ihr habet, ist nicht euer Leben, sondern euer Leben oder Tod wird euch -erst gegeben, wann ihr die Zeitlichkeit verlasset. Dannenhero halten -wir die Welt vor einen Probierstein Gottes, auf welchem der Allmächtige -das Gold des Menschen probieret.« - -Das war das Ende unseres Gesprächs, weil wir uns dem Sitz des Königs -näherten, vor welchen ich ohn Zeremonien oder Verlust einiger Zeit -hingebracht ward. Da hatte ich nun wohl Ursache mich über seine -Majestät zu verwundern, da ich doch weder eine wohlbestellte Hofhaltung -noch einziges Gepränge, ja aufs Wenigste keinen Kanzler oder geheime -Räte, noch einzigen Dolmetschen oder Trabanten und Leibguarde, sogar -keinen Schalksnarren, noch Koch, Keller, Page oder einzigen Favoriten -oder Tellerlecker sahe, sondern rings um ihn her schwebten die Fürsten -über alle Seen, die sich in der ganzen Welt befinden, jedweder in -derjenigen Landestracht aufziehend, in welches sich sein See vom -~Centro~ der Erde aus erstreckte. Dannenhero sahe ich zugleich die -Ebenbilder der Chineser und Afrikaner, Troglodyten und Novazembler, -Tataren und Mexikaner, Samojeden und Moluccenser, ja auch von denen -so unter den ~Polis arctico~ und ~antarctico~ wohnen, das wohl ein -seltsames Spektakul war; derjenige, so ober den Pilatussee die -Obersicht trug, zog mit einem breiten, ehrbaren Bart und ein paar -Ploderhosen auf, wie ein reputierlicher Schweizer, und derjenige, so -ober den See Camarina die Aufsicht hatte, sahe beides: mit Kleidern und -Geberden einem Sizilianer so ähnlich, daß einer tausend Eide geschworen -hätte, er wäre niemalen aus Sicilia weggekommen. - -Ich bedorfte nicht viel Komplimenten zu machen, dann der König fing -selbst an, gut deutsch mit mir zu reden. - -»Aus was Ursache hast du dich unterfangen, uns gleichsam ganz -mutwilliger Weise so einen Haufen Steine zuzuschicken?« - -»Weil bei uns einem jeden erlaubt ist an einer verschlossenen Tür -anzuklopfen.« - -»Wie wann du aber den Lohn deiner fürwitzigen ~Importunität~ -empfingest?« - -»Ich kann mit keiner größeren Strafe beleget werden, als daß ich -sterbe. Sintemal ich aber seithero so viel Wunder erfahren und gesehen, -wie unter Millionen Menschen keiner das Glück nicht hat, würde mir mein -Tod vor gar keine Strafe zu rechnen sein.« - -»Ach, elende Blindheit! Ihr Menschen könnet nur einmal sterben und ihr -Christen sollet den Tod nicht eher getrost zu überstehen wissen, ihr -wäret dann gegen Gott durch eine unzweifelhafte Hoffnung versichert. -Aber ich habe vor, diesmal weit anderes mit dir zu reden. Es ist mit -bekannt worden, daß ihr Christen euch des jüngsten Tages ehistens -versehet, weilen alles, was auf der Erden lebet, den Lastern so -schröcklich ergeben seie, also daß der allmächtige Gott nicht lange -verziehen werde. Darob entsetzten wir uns nicht wenig, wegen der -Nähe solcher erschröcklichen Zeit. Haben dich derowegen zu uns holen -lassen, um zu vernehmen, was etwan nach etlichen Wahrzeichen, die euer -Heiland für seine Ankunft hiebevor selbsten hinterlassen, vor Sorge -oder Hoffnung sein möchte. Ersuchen dich derowegen ganz holdselig, du -wollest uns bekennen, ob derjenige Glaube noch auf Erden sei, welchen -der Richter bei seiner Ankunft schwerlich mehr finden wird.« - -Ich sagte, das zu beantworten seie mir viel zu hoch. Die Ankunft des -Herrn sei Gott allein bekannt. - -»Nun wohlan, so sage mir, wie sich die Stände der Welt in ihrem Beruf -halten, damit ich daraus der Welt Untergang absehe. Hingegen will ich -dich, wann du mir die Wahrheit bekennst, mit einer solchen Verehrung -abfertigen, deren du dich dem Lebtag wirst zu erfreuen haben.« - -Als ich nun hierauf schwieg und mich bedachte, fuhr der König fort: -»Dran! Dran! Fang am höchsten an und beschließ am niedersten. Es muß -doch sein, wann du anders wieder auf den Erdboden willst.« - -Ich antwortete: »Wann ich am höchsten anfahen soll, so mach ichs billig -bei den Geistlichen, diese seind gemeiniglich alle, sie seien auch -gleich, was vor Religion sie immer wollen, rechtschaffene Verächter -der Ruhe, Vermeider der Wollüste, in ihrem Beruf begierig zur Arbeit, -geduldig gegen Verachtung, demütig bei ihren Verdiensten, hochmütig -gegen die Laster. Und gleichwie sie sich allein befleißen, Gott zu -dienen und andere Menschen mehr durch ihre Exempel als durch Worte -zum Reiche Gottes zu bringen, also haben die weltlichen hohen Häupter -allein ihr Absehen auf die liebe ~Justitia~, welche sie dann ohn -Ansehen der Person einem jedweden, Armen oder Reichen, durch die Bank -hinaus schnurgerad erteilen und widerfahren lassen. Die Kaufleute -handeln nie aus Geiz oder um Gewinns willen, sondern damit sie ihren -Nebenmenschen mit ihrer Ware, die sie zu solchem Ende aus fernen Landen -herbringen, bedient sein können. Die Wirte treiben nicht deswegen -ihre Wirtschaften, reich zu werden, sondern damit sich der Hungrige, -Durstende und Reisende bei ihnen erquicken, und sie die Bewirtung -als ein Werk der Barmherzigkeit an den müden und kraftlosen Menschen -üben können. Also suchet der ~Medicus~ nicht seinen Nutz, sondern die -Gesundheit seines Patienten, wohin dann auch die Apotheker zielen. -Die Handwerker wissen von keinen Vorteln, Lügen und Betrug, sondern -befleißen sich, ihre Kunden mit dauerhafter und rechtschaffener Arbeit -am besten zu versehen. Den Schneidern tut nichts Gestohlenes im Auge -wehe, und die Weber bleiben aus Redlichkeit arm, daß sich auch keine -Mäus bei ihnen ernähren können, denen sie ein Knäul Garn nachwerfen -müßten. Man weiß von keinem Wucher, sondern der Wohlhäbige hilft dem -Dürftigen aus christlicher Liebe ganz ungebeten. Und wann ein Armer -nicht zu bezahlen hat, ohn merklichen Schaden und Abgang seiner -Nahrung, so schenkt ihm der Reiche die Schuld aus freien Stücken. Man -spüret keine Hoffart, dann jeder weiß und bedenkt, daß er sterblich -ist. Man merket keinen Neid, dann es weiß und erkennet je einer den -andern vor ein Ebenbild Gottes, das von seinem Schöpfer geliebt wird. -Keiner erzörnt sich über den andern, weil sie wissen, daß Christus -vor alle gelitten und gestorben. Man höret von keiner Unkeuschheit -oder unordentlichen fleischlichen Begierden, sondern was so vorgehet, -das geschieht aus Begierde und Liebe zur Kinderzucht. Da findet man -keine Trunkenbolde oder Vollsäufer, sondern wann einer den andern mit -einem Trunk ehrt, so lassen sich beide nur mit einem christlichen -Räuschlein begnügen. Da ist keine Trägheit im Gottesdienst, dann -ein jeder erzeiget einen emsigen Fleiß und Eifer, wie er vor allem -andern Gott rechtschaffen dienen möge; und eben deswegen sind jetzund -so schwere Kriege auf Erden, weil je ein Teil vermeinet, der andere -diene Gott nicht recht. Es gibt keine Geizigen mehr, sondern Sparsame, -keine Verschwender, sondern Freigebige, keine Kriegsgurgeln, die Leute -berauben und verderben, sondern Soldaten die das Vaterland beschirmen, -keine mutwilligen, faulen Bettler, sondern Verächter der Reichtümer und -Liebhaber der freiwilligen Armut, keine Korn- und Weinjuden, sondern -vorsichtige Leute, die den überflüssigen Vorrat auf den besorglichen -künftigen Notfall vor das Volk aufheben und zusammenhalten.« - - - - -Das siebente Kapitel - - -Ich pausierte ein wenig und bedachte mich, aber der König sagte, er -hätte bereits so viel gehöret, daß er nicht mehr zu wissen begehrete, -wann ich wollte, so sollten sie mich gleich wieder an den Ort bringen, -von wo sie mich genommen. Wollte ich aber eins oder das andere -beschauen, so sollte ich in seinem Reiche sicher begleitet sein und -alsdann werde ich mit einer Verehrung abgefertigt werden, daß ich -zufrieden sein könnte. Da ich mich aber zu nichts entschließen konnte, -wandte er sich zu etlichen, die eben in den Abgrund des ~Mare del Zur~ -sich begaben. »Nehmt ihn mit und bringet ihn bald wieder, damit er noch -heut auf den Erdboden gestellet werde!« Zu mir sagte er, ich möchte -mich auf einen Wunsch besinnen. - -Durch ein Loch, das etliche hundert Meilen lang war, kamen wir auf den -Grund des friedsamen Meeres ~del Zur~, darauf standen Korallenzinken -so groß wie Eichbäume, von denen sie zur Speise mit sich nahmen, was -noch nicht erhärtet und gefärbet war, dann sie pflegten sie zu essen, -wie wir die jungen Hirschgeweihe. Da sahe ich Schneckenhäuser so groß -als ein Rondell und breit als ein Scheuertor. ~Item~ Perlen so dick -als Fäuste, welche sie anstatt der Eier aßen. Der Boden lag überall -mit Smaragden, Türkis, Rubinen, Diamanten und andern Edelsteinen -überstreut, gemeiniglich so groß wie Bachkiesel. Da sahe man hier und -dort gewaltige Schröffen viel Meilwegs in die Höhe ragen, die vor das -Wasser hinausgingen und lustige Insuln trugen. Sie waren rund herum mit -allerhand wunderbarlichen Meergewächsen gezieret und von mancherlei -seltsamen Kreaturen bewohnet. Die Fische aber, groß und klein, von -unzählbarer Art vagierten über uns im Wasser herum und gemahneten mich -allerdings an so vielerlei Vögel, die sich in Frühlingszeit und im -Herbst bei uns in der Luft erlustieren. - -Als der, in dessen Obhut ich befohlen war, sahe, wie mir alles so -wunderbarlich vorkam und ich darüber erstaunete, daß sie als Peruaner, -Brasilianer, Mexikaner und Insulaner ~de los latrones~ dannoch so gut -deutsch redeten, da sagte er, daß sie nicht mehr als eine Sprache -könnten, die aber alle Völker auf den ganzen Umkreis der Erden in ihrer -Sprache verstünden und sie hingegen wiederum, welches daher komme, -daß ihr Geschlecht mit der Torheit des babylonischen Turmes nichts zu -schaffen hätte. - -Weil sich nun meine Begleitung genugsam verproviantiert hatte, kehrten -wir in das ~Centrum~ der Erde zurück. Auf dem Wege sagte ich, die -Wunder, die ich bisher gesehen, hätten mich so gar aus mir selbst -gebracht, daß ich mich auf nichts bedenken könnte, sie wollten mir -raten, was ich von dem König begehren sollte. Meine Meinung wäre, von -ihm einen Gesundbrunnen auf meinen Hof zu erbitten, wie derjenige wäre, -der neulich von sich selbst in Deutschland entsprungen sei. Mein Führer -antwortete mir, solches würde in seines Königs Macht nicht stehen. -Darauf fragte ich nach Ursach dessen und er antwortete: »Es befinden -sich hin und wieder in der Erde leere Stätten, die sich nach und nach -mit allerhand Metallen ausfüllen, schläget sich zu Zeiten durch die -Spälte aus dem ~Centro~, davon alle Quellen getrieben werden, Wasser -darzu, welches dann um und zwischen den Metallen viel hundert Jahr -sich enthält und der Metallen edle Art und heilsame Eigenschaften an -sich nimmt, und suchet es endlich durch seinen starken Trieb einen -Auslauf, so wird das Heilwasser nach so und soviel hundert Jahren zum -allerersten ausgestoßen und tät alsdann in denen menschlichen Körpern -die wunderbarliche Wirkung, die man an solchen neuen Heilbrunnen -siehet. So es aber in schnellem Lauf durch die Metalle passieret, -vermöchte es keine Tugenden oder Kräfte von den Metallen an sich -nehmen.« Wann ich die Gesundheit, sagte er, so sehr affectiere, so -sollte ich den König ersuchen, daß er mich dem König der Salamander, -mit welchem er in Korrespondenz stünde, in eine Kur empfehle. Derselbe -könne die menschlichen Körper durch einen Edelstein begaben, daß sie -in keinem Feuer verbrennen mögen. Wenn man solche Menschen wie eine -schleimige, alte, stinkende Tabakspfeife mitten in das Feuer setze, da -verzehrten sich dann alle bösen Humores und schädlichen Feuchtigkeiten, -und komme ein Patient wieder so jung, frisch, gesund und neugeschaffen -hervor, als wann er ~Elixir Theophrasti~ eingenommen hätte. - -Ich wußte nicht, ob mich der Kerl foppte oder ob es ihm ernst war, doch -bedankte ich mich der vertraulichen ~Communication~ und sagte, ich -besorge diese Kur sei mir als einem ~Cholerico~ zu hitzig. Mir würde -nichts Lieberes sein, als wann ich meinen Mitmenschen eine heilsame, -rare Quelle mit mir auf den Erdboden bringen könnte, welches ihnen zu -Nutz, dem Könige im ~Centro~ der Erden zur Ehre, mir aber zu einem -unsterblichen Namen und ewigem Gedächtnus gereichen würde. Darauf mußte -ich hören, daß der König im ~Centro~ der Erden der Ehre oder Schande, -so ihm unter den Menschen zugelegt werde, gleichviel achte. - -Mithin kamen wir wiederum vor das Angesicht des Königs, da bemerkte -ich, wie die Sonne einen See nach dem andern beschiene und ihre -Strahlen bis in diese schröckliche Tiefe herunter warf, also daß den -Sylphis niemalen kein Licht mangelte. Man brauchte zum Imbiß weder Wein -noch stark Getränke, aber anstatt dessen tranken sie Perlen, als welche -noch nicht erhärtet waren, aus; die gaben ihnen treffliche Stärke. - -Indessen hatte sich die Zeit genähert, daß ich wieder heim sollte, -derhalben befahl der König, ich sollte meinen Wunsch tun. Da antwortete -ich, es könnte mir keine größere Gnade widerfahren, als wann er mir -einen rechtschaffenen medicinalischen Sauerbrunn auf meinen Hof würde -zukommen lassen. - -»Ist es nur das? Ich hätte vermeint, du würdest etliche große Smaragde -mit dir nehmen. Jetzt sehe ich, daß kein Geiz bei euch Christen ist.« - -Mithin reichte er mir einen Stein von seltsam wechselnden Farben und -sagte: »Diesen stecke zu dir. Wo du ihn auf den Erdboden legen wirst, -daselbst wird er anfahen, das ~Centrum~ wieder zu suchen und die -bequemsten Mineralia durchgehen, bis er wieder zu uns kommt und dir -unsretwegen eine herrliche Sauerbrunnquelle zuschicket, die dir so wohl -bekommen und zuschlagen soll, als du mit Eröffnung der Wahrheit um uns -verdienet hast.« - -Darauf nahm mich der Fürst vom Mummelsee wieder in sein Geleit. Diese -Heimfahrt dünkte mich viel weiter als die Hinfahrt, also daß ich -auf dritthalbtausend wohlgemessener deutscher Meilen rechnete. Auch -redete ich mit meinen Begleitern nichts. Im übrigen war ich in meiner -Phantasie mit meinem Sauerbrunn so reich, daß alle meine Gedanken und -Witz genug zu tun hatten zu beratschlagen, wo ich ihn hinsetzen und -wie ich mir ihn zu Nutz machen wollte. Da hatte ich allbereits meine -Anschläge wegen der ansehnlichen Gebäude, die ich dazusetzen mußte, -damit die Badegäste auch rechtschaffen accomodiert seien und ich ein -großes Losamentgeld aufheben möchte. Ich ersann schon, durch was vor -Schmiralia ich die ~Medicos~ dahinbringen wollte, daß sie meinen neuen -Wundersauerbrunn allen andern, ja gar den Schwalbacher vorziehen und -mir einen Haufen neuer Badegäste zuschaffen sollten. Ich machte schon -ganze Berge eben, damit sich die Ab- und Zufahrenden über keinen -mühsamen Weg beschwereten. Ich dingete schon verschmitzte Hausknechte, -geizige Köchinnen, vorsichtige Bettmägde, wachsame Stallknechte, -saubere Bad- und Brunnenverwalter und sann auch allbereits einen -Platz aus, auf welchem ich mitten im wilden Gebürge, bei meinem Hof -einen schönen, ebenen Lustgarten pflanzen und allerlei rare Gewächse -darin ziehen wollte, damit die fremden Herren Badegäste mit ihren -Frauen darin spazieren, sich die Kranken erfrischen, die Gesunden mit -allerhand kurzweiligen Spielen ergötzen und errammlen können. Da mußten -mir die ~Medici~, doch um die Gebühr, einen herrliche Tractat von -meinem Brunn und dessen köstliche Qualität zu Papier bringen, welchen -ich alsdann neben einem schönen Kupferstich, darin mein Baurenhof im -Grundriß entworfen, wohl drucken lassen konnte, aus welchem ein jeder -abwesende Kranke sich gleichsam halb gesund lesen und hoffen möchte. -Ich ließ bereits meinen Sohn von L. holen, doch dorfte er mir kein -Bader werden, dann ich hatte mir vorgenommen, meinen Gästen obzwar -nicht den Rücken, so doch aber ihren Beutel tapfer zu schröpfen. - -Mit solchen reichen Gedanken und überseligem Phantasiehandel erreichte -ich wiederum die Luft, maßen mich mein Prinz allerdings mit trockenen -Kleidern aus seinem Mummelsee ans Land satzte. Doch mußte ich das -Kleinod, so er mir anfänglich gegeben, stacks von mir tun, dann ich -hätte sonst in der Luft ersaufen oder Atem zu holen den Kopf wieder in -das Wasser stecken müssen. Da er den Stein wieder zu sich genommen, -beschirmten wir einander als Leute, die einander nimmer wieder zu sehen -würden bekommen. Er duckte sich und fuhr wieder mit den seinigen in den -Abgrund. Ich aber ging mit meinem Quellenstein voll Freuden davon. - -Aber ach, meine Freude währete nicht lang! Indem ich noch immerfort -Kalender machte, wie ich den köstlichen Wunderbrunn auf meinen Hof -setzen und mir darbei einen geruhigen Herrenhandel schaffen möchte, -stund ich, eh ich meiner Verirrung gewahr ward, mitten in einer Wildnus -wie Matz von Dresden beides: ohne Speis und Gewehr, dessen ich gegen -die bevorstehende Nacht wohl bedörftig gewesen wäre. Geduld, Geduld, -dein Stein wird dich aller überstandenen Not wiederum ergetzen! Gut -Ding will Weile haben! Vortreffliche Sachen werden ohne große Mühe -und Arbeit nicht erworben, sonst würde jeder Narr ohn Schnaufens und -Bartwischens einen solchen edlen Sauerbrunn zuwege bringen. - -Ich trat tapferer auf die Sohlen. Der Vollmond leuchtete mir zwar fein, -aber die hohen Tannen ließen mir sein Licht nicht so wohl gedeihen, -doch kam ich soweit fort, bis ich um Mitternacht von weitem ein Feuer -gewahr ward. Etliche Waldbauren saßen darbei, die mit Harz zu tun -hatten. - -Wiewohl nun solchen Gesellen nicht allezeit zu trauen, so zwang mich -doch die Not zu ihnen. Ich hinterschlich sie unversehens und sagte: -»Guten Abend, ihr Herrn!« - -Da stunden und saßen sie alle sechse vor Schröcken zitternd. Dann weil -ich einer von den Längsten bin, noch schwarze Trauerkleider anhatte, -zumalen einen schröcklichen Prügel in den Händen trug, auf welchem ich -mich wie ein wilder Mann steurete, kam ihnen meine Gestalt entsetzlich -vor. Endlich erholete sich einer. - -»Wer ischt dann der Hair?« - -Da hörete ich, daß er schwäbischer Nation sein müßte, die man zwar -(aber vergeblich) vor einfältig schätzet, sagte derowegen, ich sei ein -fahrender Schüler, der jetzo erst aus dem Venusberg komme. - -»Oho,« antwortete einer, »jetzt glaube ich, Gottlob, daß ich den -Frieden wieder erleben werde, weil die fahrenden Schüler wieder -anfangen zu reisen.« - - - - -Das achte Kapitel - - -Also kamen wir ins Gespräch und ich genoß so vieler Höflichkeit von -ihnen, daß sie mich hießen zu Feuer niedersitzen und mir ein Stück -schwarz Brot und magern Kühkäs anboten, welches ich gern annahm. -Endlich wurden sie so verträulich, daß sie mir zumuteten, ich sollte -ihnen als fahrender Schüler gute Wahrheit sagen. Da fing ich an einem -nach dem andern auf seine Hand hin aufzuschneiden, was ich meinete, -daß es ihnen wohl gelegen sei. Sie begehreten weiterhin allerhand -fürwitzige Künste von mir zu lernen, ich aber vertröstete sie auf den -künftigen Tag, und begehrete, daß sie mich ein wenig ruhen wollten -lassen. Legte mich also beiseits, mehr zu horchen als zu schlafen. Je -mehr ich nun schnarchte, je wachsamer sie sich erzeigeten. Sie stießen -die Köpfe zusammen und fingen an zu beraten, wer ich sein möchte. Vor -keinen Soldaten wollten sie mich halten, weil ich ein schwarz Kleid -antrug, und vor keinen Bürgerskerl konnten sie mich schätzen, weil ich -zu einer solchen ungewöhnlichen Zeit so fern von den Leuten in das -Mückenloch (so heißet der Wald) angestochen käme. Zuletzt beschlossen -sie, ich müßte dannoch ein lateinischer Handwerksgeselle sein, der -verirrt wäre, oder ein fahrender Schüler, weil ich so trefflich -wahrsagen konnte. - -»Ja,« fing einer an, »er hat darum doch nicht alles gewußt. Etwan ist -er ein loser Krieger und hat sich so verkleidet, unser Viehe und die -Schliche im Wald auszukunden. Ach, daß wir es wüßten, wir wollten ihn -schlafen legen, daß er das Aufstehen vergessen sollte!« - -Indessen lag ich dort und spitzte die Ohren. Ich gedachte: werden mich -diese Knollfinken angreifen, so muß mir zuvor einer oder drei ins Gras -beißen. - -Demnach nun diese ratschlagten und ich mich mit Sorgen ängstigte, -ward mir gähling, als ob ein Bettnässer bei mir läge, dann ich lag -unversehens ganz naß. ~O mirum!~ Da war Troja verloren! Alle meine -trefflichen Anschläge waren dahin, dann ich merkte am Geruch, daß es -mein Sauerbrunn war. Da geriet ich vor Zorn und Unwillen in eine solche -Raserei, daß ich mich beinahe mit den sechs Bauren eingelassen und -herumgeschlagen hätte. - -»Ihr gottlosen Flegel! An diesem Sauerbrunn, der auf meiner Lagerstätte -hervorquillet, könnet ihr merken, wer ich sei! Es wäre kein Wunder, ich -strafe Euch alle, daß euch der Teufel holen möchte, weil ihr so böse -Gedanken traget.« - -Machte darauf so bedrohliche und erschröckliche Mienen, daß sie sich -alle vor mir entsatzten. Doch kam ich wieder zu mir selber und dachte, -besser den Sauerbrunn als das Leben verloren, gab ihnen derhalben gute -Worte und sagte: »Stehet auf und versuchet den herrlichen Sauerbrunn, -den ihr und alle Harz- und Holzmacher hinfort in dieser Wildnus -meinetwegen zu genießen haben werdet.« - -Sie sahen einander an wie lebendige Stockfische, bis sie merkten, daß -ich fein nüchtern aus meinem Hut den ersten Trunk tät. Da stunden sie -nacheinander vom Feuer auf, besahen das Wunder, versuchten das Wasser -und begannen zu lästern: Sie wollten, daß ich mit meinem Sauerbrunn an -einen andern Ort geraten wäre, dann sollte ihre Herrschaft dessen inne -werden, so müßte das ganze Amt Dornstädt fröhnen und Wege darzu machen. - -»Dahingegen«, sagte ich, »habet ihr dessen alle zu genießen. Eure -Hühner, Eier, Butter, Viehe und alles könnet ihr besser ans Geld -bringen.« - -»Nein, nein,« riefen sie, »nein! Die Herrschaft setzt einen Wirt hin, -der wird allein reich und wir müssen seine Narren sein, ihm Wege und -Stege erhalten und werden keinen Dank darzu haben!« - -Zuletzt entzweiten sie sich, zween wollten den Sauerbrunn behalten, -vier muteten mir zu, ich sollte ihn wieder abschaffen. Weil aber -nunmehr Tag vorhanden war und ich nichts mehr da zu tun hatte, sagte -ich, wann sie nicht wollten, daß alle Kühe im ganzen bayersbrunner Tal -rote Milch geben sollten, solang der Brunn liefe, so sollten sie mir -alsobald den Weg in Seebach weisen. Sie gaben mir zwei mit, maßen sich -einer allein bei mir forchtete. - -Also schied ich von dannen und obzwar dieselbe ganze Gegend unfruchtbar -war und nichts als Tannzapfen trug, so hätte ich sie doch noch elender -verfluchen mögen, weil ich alle meine Hoffnung daselbst verloren. -- -Nach vieler Mühe und Arbeit kam ich gegen Abend wieder heim auf meinen -Baurenhof und sahe, daß mein Knän mir wahrgesagt hatte: nichts als müde -Beine und den Hergang vor den Hingang würde ich von dieser Wallfahrt -haben. - -Nach meiner Heimkunft hielt ich mich gar eingezogen, meine größte -Freude und Ergötzung war, hinter den Büchern zu sitzen, deren ich mir -dann viel beischaffte, so von allerhand Sachen handelten, sonderlich -die eines großen Nachsinnens bedörfen. Aber ~Grammaticam~ und -~Arithmeticam~, ~Mathematicam~ und ~Geometriam~ auch ~Astronomiam~ -warf ich bald von mir, teils sie mir gar bald erleidet und ich ihrer -überdrüssig ward, teils sie mich zwar trefflich erlustigten aber mir -endlich auch falsch und ungewiß vorkamen, also, daß ich mich auch nicht -länger mit ihnen schleppen mochte. Bei der Lullischen Kunst befand ich -viel Geschrei und wenig Wolle. Ich machte mich hinter die ~Kabbala~ der -Hebräer und ~Hieroglyphicas~ der Egypter, fand aber als Allerletztes -von allen meinen Künsten und Wissenschaften, daß keine bessere sei als -~Theologia~. - -Nach derselben Richtschnure erfand ich vor die Menschen eine Art -zu leben, die mehr englisch als menschlich sein könnte. Es sollte -sich meines Davorhaltens eine Gesellschaft zusammen tun beides: -von verehelichten als ledigen so Manns- als Weibspersonen, die -auf Manier der Wiedertäufer allein sich beflissen, unter einem -verständigen Vorsteher durch ihrer Hände Arbeit ihren Unterhalt zu -gewinnen und sich die übrige Zeit mit dem Lob und Dienst Gottes und -um ihrer Seelen Seligkeit zu bemühen. Ich hatte hiebevor in Ungarn -auf den wiedertäuferischen Höfen ein solches Leben gesehen und vor -das seligste in der ganzen Welt geschätzet, dann sie kamen mir in -ihrem Tun und Leben allerdings für wie die jüdischen Essäer. Sie -hatten erstlich große Schätze und überflüssige Nahrung, die sie aber -keineswegs verschwendeten. Kein Fluch, Murmelung, noch Ungeduld ward -bei ihnen gespüret, ja, man hörete kein unnützes Wort. Da sahe ich -Handwerker in ihren Werkstätten arbeiten, als wann sie es verdingt -hätten. Ihr Schulmeister unterrichtete die Jugend, als wann sie alle -seine leiblichen Kinder gewesen wären. Nirgends sahe ich Manns- und -Weibsbilder untereinander vermischt, sondern an jedem bestimmten Ort -auch jedes Geschlecht absonderlich seine obliegend Arbeit verrichten. -Ich fand Zimmer, in welchen nur Kindbetterinnen waren, die ohne -Obsorge ihrer Männer durch ihre Mitschwestern mit aller notwendigen -Pflege samt ihren Kindern reichlich versehen wurden. Andere sonderbare -Säle standen voll Wiegen mit Säuglingen, die von andern Weibern, das -waren Witwen, beobachtet wurden, daß sich deren Mütter ferners nicht -um sie bekümmern durften, als wann sie täglich zu dreien gewissen -Zeiten kamen, ihnen ihre mildreichen Brüste zu bieten. Anderswo sahe -ich das weibliche Geschlecht sonst nichts tun als spinnen, also daß man -über die hundert Kunkeln oder Spinnrocken in einem Zimmer beieinander -antraf. Da war eine die Wäscherin, die andere die Bettmacherin, die -dritte Viehmagd, die vierte Schüsselwäscherin, die fünfte Kellerin, die -sechste hatte das weiße Zeug zu verwalten und also auch die übrigen -alle wußten eine jede, was sie tun sollten. Und gleichwie die Ämter -unter dem weiblichen Geschlecht ordentlich ausgeteilet waren, also -wußte auch unter den Männern und Jünglingen ein jeder sein Geschäft. -Die Kranken hatten Wärter und Wärterin und stund ihnen ein allgemeiner -~Medicus~ und Apotheker bei, wiewohl sie wegen löblicher Diät und -guter Ordnung selten erkrankten. Sie hatten ihre gewissen Stunden -zum Essen und Schlafen, aber keine einzige Minute zum Spielen noch -Spazieren, außerhalb die Jugend, welche mit ihrem Präceptor jedesmal -nach dem Essen der Gesundheit halber eine Stunde spazierte. Da war kein -Zorn, kein Eifer, keine Rachgier, kein Neid, keine Feindschaft, keine -Sorge um Zeitliches, keine Hoffart, keine Reue. Kein Mann sahe sein -Weib, als wann er auf die bestimmte Zeit sich mit derselben in seiner -Schlafkammer befand, in welcher er sein zugerichtetes Bette und sonst -nichts darbei als einen Wasserkrug und weißen Handzwilch fand, damit -sie mit gewaschenen Händen schlafen gehen und des Morgens an die Arbeit -aufstehen möchten. Und alle hießen einander Schwester und Bruder, und -war doch solche ehrbare Verträulichkeit keine Ursache unkeusch zu sein. -Ein solches seliges Leben, wie diese Wiedertäuferischen Ketzer führten, -hätte ich gern auch aufgebracht. Und hätte als ein anderer ~Dominicus~ -oder ~Franciscus~ einer solchen vereinigten Christengesellschaft -meinen Hof und ganzes Vermögen zum besten gegeben, unter denselben ein -Mitglied zu sein. Aber mein Knän profezeite mir stracks, daß ich wohl -nimmermehr solche Bursche zusammenbringen würde. - - - - -Das neunte Kapitel - - -Denselbigen Herbst näherten sich französische, schwedische und -hessische Völker, sich bei uns zu erfrischen, deswegen dann jedermann -sich selbst samt seinem Viehe und besten Sachen in die hohen Wälder -flüchtete. Ich machte es wie meine Nachbarn und ließ das Haus ziemlich -leer stehen, in welches ein reformierter schwedischer Obrister logieret -ward. Derselbige fand in meinem Kabinett noch etliche Bücher, dann -ich in der Eil nicht alles hinwegbringen konnte, und unter andern -einzige mathematische und geometrische Abrisse, auch etwas vom -Fortifikationswesen. Er schloß deshalben, daß sein Quartier keinem -gemeinen Bauren zuständig sein müßte, fing derowegen an, sich um meine -Person zu erkundigen und ihr nach zu trachten, maßen er selbsten durch -courtoise Zuentbietungen und untermischte Drohworte mich dahin brachte, -daß ich mich zu ihm auf meinem Hof begab. Mit großer Freundlichkeit -brachte er zu Wege, daß ich ihm mein Geschlecht und Herkommen und alle -meine Beschaffenheit vertraute. Er verwunderte sich, daß ich mitten im -Kriege meine Gaben, die mir Gott verliehen, hinter dem Ofen und beim -Pflug verschimmeln lasse. Wenn ich schwedische Dienste annehmen würde, -so wüßte er, daß mich meine Qualitäten und Kriegswissenschaften bald -hoch bringen würden. Ich ließ mich hiezu kaltsinnig an. Aber er drang -weiter in mich, maßen ihm von Torstensohn ein Regiment versprochen -sei, wann er ein solches erhalten würde, woran er dann gar nicht -zweifle, so wolle er mich alsbald zu seinem Obrist-Leutnant machen. Mit -dergleichen Worten machte er mir das Maul ganz wässerig und weilen -noch schlechte Hoffnung auf den Frieden war und ich deswegen sowohl -fernerer Einquartierung als gänzlichen Ruins unterworfen, resolvierete -ich mich wieder um mitzumachen, sofern er mir seine Parola halten und -die Obrist-Leutnantstelle geben wollte. - -Also ward die Glocke gegossen, ich ließ meinen Knän holen, derselbe -war noch mit meinem Viehe zu Bayrischbrunn, verschrieb ihm meinen Hof -vor Eigentum, doch daß ihn nach seinem Tod der Magdsohn erben sollte, -weil kein ehelicher Erbe vorhanden. Folgends holete ich mein Pferd und -was ich noch an Geld und Kleinodien hatte. Da ward die Einquartierung -plötzlich aufgehoben und wir mußten, ehe wir uns dessen versahen zur -Hauptarmee marschieren. - -Die torstensohnischen Promessen, mit denen sich der Obrist auf meinem -Hof breit gemachet, waren bei weitem nicht so groß, als er vorgeben, er -ward vielmehr nur über die Achsel angesehen. Und demnach er argwöhnete, -daß ich mich bei ihm in die Länge nicht gedulden würde, dichtete er -Briefe, als wenn er in Livland, allwo er zu Haus war, ein frisch -Regiment zu werben hätte, und überredete mich, daß ich gleich ihm zu -Wismar aufsaß und mit nach Livland fuhr. Allein er hatte kein Regiment -zu werben und war auch sonsten ein blutarmer Edelmann. - -Obzwar nun ich mich hatte zweimal betrügen und so weit hinweg -führen lassen, so ging ich doch auch das dritte Mal an, dann er -wiese mir Schreiben vor, die er aus Moskau bekommen, in welchen ihm -hohe Kriegschargen angetragen wurden. Und weil er gleich mit Weib -und Kindern aufbrach, dachte ich, er wird ja um der Gänse willen -nicht hinziehen. -- An der reußischen Grenze begegneten uns aber -unterschiedliche abgedankte deutsche Soldaten, vornehmlich Offizierer, -also daß mir anfing zu graueln. - -»Was Teufels machen wir! Wo Krieg ist ziehen wir hinweg, und wo es -Friede und die Soldaten abgedankt werden, da kommen wir hin?« - -Er gab mir immer gute Worte, ich sollte ihn nur sorgen lassen, er wüßte -besser, was zu tun sei. - -Nachdem wir nun sicher in der Stadt Moskau angekommen, konferierte mein -Obrist täglich mit den Magnaten und vielmehr noch mit dem Metropoliten. -Endlich gab er mir bekannt, daß es nichts mehr mit dem Krieg wäre, und -daß ihn sein Gewissen treibe, die griechische Religion anzunehmen. Sein -treuherziger Rat wäre, weil er mir ohndas nunmehr nicht helfen könnte, -wie er versprochen, ich sollte ihm nachfolgen. Des Zaren Majestät hätte -bereits gute Nachricht von meiner Person und vortrefflichen Qualitäten, -die würden gnädigst belieben, sofern ich mich fügen wollte, mich als -einen Kavalier mit einem stattlichen Gut und vielen Untertanen zu -begnadigen. - -Ich ward hierüber ganz bestürzt, deswegen ich dann, eh ich mich auf -eine Antwort resolvieren konnte, lange stillschwieg. Endlich brachte -ich vor, ich wäre gekommen ihrer zarischen Majestät als ein Soldat zu -dienen, seien nun dieselbe meiner Kriegsdienste nicht bedörftig, so -könnte ich nichts ändern, daß aber dieselbe mir eine so hohe zarische -Gnade allergnädigst widerfahren zu lassen geruhten, wäre mir mehr -Pflicht zu rühmen, als solche alleruntertänigst zu acceptieren, weil -ich mich meine Religion zu ändern noch zurzeit nicht entschließen -könnte, wünschete vielmehr, daß ich wiederum im Schwarzwald auf meinem -Baurenhof säße. - -Hierauf antwortete er: »Der Herr tue nach seinem Belieben, allein -ich hätte vermeinet, wann Ihn Gott und das Glück grüßeten, so sollte -Er beiden billig danken. Wann Er sich ja nicht helfen lassen und Er -gleichsam wie ein Prinz leben will, so verhoffe ich gleichwohl, Er -werde davor halten, ich habe an Ihm das Meinige nach äußersten Vermögen -zu tun keinen Fleiß gesparet.« - -Daraufhin machte er einen tiefen Bückling, ging seines Wegs und ließ -mich dort sitzen, ohn daß er zulassen wollte, ihm nur bis zur Tür das -Geleite zu geben. - -Als ich nun ganz perplex dasaß und meinen damaligen Zustand -betrachtete, hörete ich zween reußische Wägen vor unserm Losament. -Sahe darauf zum Fenster hinaus und wie mein guter Herr Obrister mit -seinen Söhnen in dem einen und die Frau Obristin mit ihren Töchtern in -den andern einstieg. Es waren großfürstliche Fuhren und Livrei zumalen -etliche Geistliche dabei, so diesem Ehevolk gleichsam aufwarteten und -allen guten, geneigten Willen erzeugeten. - - - - -Das zehent Kapitel - - -Von dieser Zeit an ward ich zwar nicht offentlich, sondern heimlich -durch etliche Strelitzen verwachet und mein Obrister oder die Seinigen -kamen mir nicht ein Mal mehr zu Gesicht. Damals satzte es seltsame -Grillen und viele graue Haare auf meinem Kopf. Ich machte Kundschaft -mit den Deutschen, die sich von Kauf- und Handwerksleuten in Moskau -~ordinari~ aufhalten, und klagte ihnen mein Anliegen. Sie gaben -mir Trost und Anleitung, wie ich wieder mit guter Gelegenheit nach -Deutschland kommen könne. Sobald sie aber Wind bekamen, daß der Zar -mich im Land zu behalten entschlossen sei und mich dazu drängen wollte, -wurden sie alle zu Stummen an mir, ja sie entäußerten sich meiner und -es ward mir schwer, auch nur vor meinen Leib Herberge zu bekommen; -Pferd und Sattelzeug war bereits verzehret. Als ich dann alle Dukaten -aus meinen Kleidern getrennt, fing ich an, meine Ringe und Kleinodien -zu versilbern. Indessen lief ein Vierteljahr herum, nach welchem -oftgemeldter Obrister samt seinem Hausgesind umgetauft und mit einem -ansehnlichen Gut und vielen Untertanen versehen ward. - -Damals ging ein Mandat aus, daß man wie unter den Einheimischen so -auch unter den Fremden keine Müßiggänger bei hoher unausbleiblicher -Strafe leiden sollte, als die den Arbeitenden nur das Brot vor dem -Maul wegfressen. Was von Fremdem nicht arbeiten wollte, das sollte in -einem Monat das Land verlassen. Also schlugen sich unserer bei fünfzig -zusammen, der Meinung den Weg nach Deutschland miteinander zu machen. -Wir wurden aber nicht zwei Stunden weit von der Stadt von reußischen -Reutern eingeholet mit Vorwand, daß ihre zarische Majestät ein groß -Mißfallen hätte, daß wir uns frevelhafter Weise unterstanden, in so -starker Anzahl zusammen zu rotten und ohn Paß dero Land durchzögen. Auf -unserm Rückwege erfuhr ich, wie mein Handel beschaffen war, dann der -Führer sagte mir ausdrücklich, daß die zarische Majestät mich nicht aus -dem Land lassen würden, sein treuherziger Rat wäre, ich sollte mich in -dero allergnädigsten Willen fügen, zu ihrer Religion übertreten, sonst -ich wider Willen als ein Knecht dienen müßte. Einen so wohlerfahrenen -Mann wolle ihre zarische Majestät nicht aus dem Lande lassen. - -Ich verringerte mich bescheidentlich ob meiner Tugend und -Wissenschaften mit Versicherung, daß ich an meinem äußersten Vermögen -nichts verwinden lassen würde, sofern ich in einzigerlei Wege ihrer -zarischen Majestät ohn Beschwerung meines Gewissens und ohne meine -Religion zu ändern, dienen könnte. - -Ich ward von den andern abgesondert und zu einem Kaufherrn logiert, -allwo ich nunmehr offentlich verwachet, hingegen aber täglich mit -herrlichen Speisen und köstlichem Getränk vom Hof aus versehen wurde. -Hatte auch täglich Leute, die mir zusprachen und mich hin und wieder -zu Gast luden, sonderlich einer. Dieser diskurierte mehrenteils mit -mir von allerhand mechanischen Künsten, ~item~ Kriegs- und anderen -Maschinen, vom Fortifikationswesen und der Artollerei mit freundlichen -Gesprächen, dann ich konnte schon ziemlich reußisch reden. Als er -unterschiedliche Mal auf den Busch geklopft und keine Hoffnung fassen -konnte, daß ich mich im geringsten ändern würde, so bat er mich, ich -sollte doch dem großen Zar zu Ehren ihrer Nation etwas von meinen -Wissenschaften mitteilen, ihr Zar würde meine Willfährigkeit mit hohen -kaiserlichen Gnaden erkennen. Darauf antwortete ich, meine ~Affection~ -wäre jederzeit dahin gestanden. - -Als er nun solche Offerten verstund, sagte er, daß ihre zarische -Majestät allergnädigst bedacht wären, in dero Landen selber Salpeter -zu graben und Pulver zurichten zu lassen, weil aber niemand unter -ihnen wäre, der damit umgehen könnte, würde ich der zarischen Majestät -einen angenehmen Dienst erweisen, wann ich mich des Werks unterfinge, -sie würden mir hierzu Leute und Mittel genug an die Hand schaffen. -Er vor seine Person wolle mich aufs aufrichtigste gebeten haben, ich -sollte solches allergnädigstes Ansinnen nicht abschlagen, dieweilen -sie bereits genugsam Nachricht hätten, daß ich mich auf diese Sachen -trefflich wohl verstünde. Darauf sagte ich mit courtoisen Worten zu, -soferne ihre zarische Majestät gnädigst geruhten, mich in meiner -Religion passieren zu lassen. So ward dieser Reuße trefflich lustig, -also daß er mir mit dem Trunk mehr zusprach als ein Deutscher. - -Am andern Tag kamen vom Zar zween Knesen und ein Dolmetsch, die -ein endlichs mit mir beschlossen und von wegen des Zaren mir ein -köstlich reußisch Kleid verehreten. Also fing ich gleich etliche -Tage hernach an, Salpetererde zu suchen und meinen Leuten zu lernen, -wie sie dieselbe von der Erde separieren und läutern sollten. Mithin -verfertigte ich die Abrisse zu einer Pulvermühle und lehrete andere -die Kohlen brennen, daß wir also in ganz kurzer Zeit sowohl des -besten Pirsch- als des groben Stückpulvers eine ziemliche Quantität -verfertigten, dann ich hatte Leute genug und darneben auch meine -sonderbaren Diener, die mir aufwarteten, oder besser zu sagen, die -mich hüten und verwahren sollten. - -Ich war einsmals geschäftig auf den Pulvermühlen, die ich hatte -außerhalb Moskaus an den Fluß bauen lassen, da ward unversehens Alarm, -weilen sich die Tataren bereits vier Meilen weit auf hunderttausend -Pferde stark befanden, das Land plünderten und also immerhin -fortavancierten. Wir mußten uns an Hof begeben, allwo wir aus des -Zars Rüstkammer und Marstall montiert wurden. Ich zwar ward anstatt -des Kürasses mit einem gesteppten seidenen Panzer angetan, welcher -jeden Pfeil aufhielt, aber vor keiner Kugel schußfrei sein konnte; -Stiefeln, Sporen, und eine fürstliche Hauptzier mit einem Reiherbusch, -samt einem Säbel, der Haar schur, mit lauter Gold beschlagen und -Edelsteinen versetzt, wurden mir dargegeben. Von des Zaren Pferden ward -mir ein solches unterzogen, dergleichen ich zuvor mein Lebtag keines -gesehen, geschweige geritten. Ich und das Pferdzeug glänzten von Gold, -Silber, Edelsteinen und Perlen. Ich hatte eine stählerne Streitkolbe -angehangen. Mir folgte eine weiße Fahne mit einem doppelten Adler, -welcher von allen Orten und Winkeln gleichsam Volk zuschneiete, also -daß wir eh zwei Stunden verzogen bei vierzig und nach vier Stunden bei -sechzigtausend Pferde stark waren. - -Es ist meiner Histori an diesem Treffen nicht viel gelegen, ich will -allein dies sagen, daß wir die Tataren, so mit müden Pferden und vielen -Beuten beladen anzogen, urplötzlich in einem ziemlich tiefen Gelände -antrafen, als sie sich dessen am allerwenigsten versahen. Im ersten -Angriff sagte ich zu meinen Nachfolgern in reußischer Sprache: »Nun -wohlan, es tue jeder wie ich!« - -Solches schrieen sie einander zu. Dem ersten, welcher ein ~Mirsa~ war, -schlug ich den Kopf entzwei. Die Reußen folgten meinem heroischen -Exempel, so daß die Tataren sich in allgemeine Flucht wandten. Ich tät -wie ein Rasender oder wie einer, der aus Desperation den Tod sucht und -nicht finden kann. Was mir vorkam, schlug ich nieder, es wäre gleich -Tatar oder Reuße gewesen. Und die, so vom Zar auf mich bestellet waren, -drangen mir so fleißig nach, daß ich allezeit einen sichern Rücken -behielt. Die Luft flog voller Pfeile, als wann Immen geschwärmt hätten, -wovon mir dann einer in Arm zu teil wird. Eh ich den Pfeil auffing, -lachte mein Herz in meinem Leib an solcher Blutvergießung, da ich aber -meine eigen Blut fließen sahe, verkehrete sich das Lachen in unsinnige -Wut. Demnach sich aber diese grimmigen Feinde in eine hauptsächliche -Flucht wandten, ward mir von etlichen Knesen im Namen des Zaren -befohlen, ihrem Kaiser die Botschaft zu bringen, ich hatte hundert -Pferde zur Nachfolge. Da ritt ich durch die Stadt der zarischen Wohnung -zu und ward von allen Menschen mit Frohlocken und Glückwünschung -empfangen. Sobald ich aber von dem Treffen Bericht erstattet, mußte ich -meine festlichen Kleider wieder ablegen, welche wiederum in des Zaren -Kleiderbehaltnus aufgehoben wurden, wiewohl sie samt dem Pferdgezeug -über und über mit Blut besprengt und besudelt waren und also fast gar -zunicht gemachet waren. Sie sollten mir zum wenigsten samt dem Pferd -als Ehrengabe überlassen worden sein. - -Solang meine Wunde zu heilen hatte, ward ich allerdings fürstlich -traktieret. Ich ging in einem Schlafpelz von göldenem Stück mit Zobel -gefüttert, wiewohl der Schade weder tötlich noch gefährlich war, und -ich habe die Tage meines Lebens niemals keiner solchen fetten Küchen -genossen als eben damals. Solches aber war alle meine Beute, die ich -von meiner Arbeit hatte, ohn das Lob, so mir der Zar verliehe. - -Als ich gänzlich heil war, ward ich mit einem Schiff die Wolga hinunter -nach Astrachan geschickt, daselbsten wie in Moskau eine Pulvermacherei -anzuordnen, weil dem Zar unmöglich war, diese Grenzfestungen allezeit -von Moskau aus mit frischem und gerechtem Pulver zu versehen. Ich ließ -mich gern gebrauchen, weil ich Promessen hatte, der Zar würde mich nach -Verrichtung solchen Geschäftes wiederum in Holland fertigen und mir, -meinen Verdiensten gemäß, ein namhaftes Stück Geld mitgeben. - -Als ich aber im besten Tun war und mich außerhalb der Festung über -Nacht in einer Pulvermühle befand, ward ich von einer Schar Tataren -diebischenweise gestohlen und aufgehoben, weit ins Land hinein -verschleppt und endlich um etliche chinesisch Kaufmannswaren den -niuchischen Tataren vertauscht, welche mich nachher dem König von -Korea als ein sonderbares Präsent verehreten. Daselbst ward ich wert -gehalten, und weil ich dem König lehrete, wie er mit dem Rohr, auf -der Achsel liegend und mit dem Rücken gegen die Scheibe gekehrt, -dannoch ins Schwarze treffen könnte, schenkte er mir die Freiheit und -fertigte mich durch ~Japonia~ nach ~Makao~ zu den Portugesen. Etlich -Kaufleute nahmen mich mit ihren Waren nach Alexandria in Egypten, und -von dort kam ich nach Konstantinopel. Weil aber der türkische Kaiser -eben damalen etliche Galeeren wider die Venediger ausrüstete, mußten -viel türkische Kaufleute ihre christlichen Sklaven um bare Bezahlung -hergeben, worunter ich mich dann als ein junger, starker Kerl auch -befand. Also mußte ich lernen rudern. Aber solche schwere Dienstbarkeit -währete nicht über zween Monat, dann unsere Galeere ward in ~Levante~ -von denen Venetianern ritterlich übermannet und ich aus der türkischen -Gewalt erlediget. - -Ich bekam leichtlich einen Paß, weil ich nach Rom und Loretto -pilgerweis wollte, um Gott vor meine Erledigung zu danken. - -Von dannen kam ich über den Gotthart durchs Schweizerland wieder auf -den Schwarzwald zu meinem Knän, welcher meinen Hof treu bewahret. Ich -brachte nichts besonders heim als einen Bart, der mir in der Fremde -gewachsen war. - -Indessen war der deutsche Friede geschlossen worden, also daß ich bei -meinem Knän in sicherer Ruh leben konnte. Ich ließ ihn sorgen und -hausen und satzte mich hinter die Bücher, welches dann beides: meine -Arbeit und Ergetzung war. - - - - -Das elfte Kapitel - - -Ich lase einsmals, was das Orakel den römischen Abgesandten, als sie es -fragten, was sie tun müßten, damit ihre Untertanen friedlich regiert -würden, zur Antwort gabe: »~Nosce te ipsum~«, das ist: Es soll sich -jeder selbst erkennen. Solches machte, daß ich mich hintersann und -Rechnung über mein geführtes Leben begehrete. Da sagte ich alsdann zu -mir selbst: - -Dein Leben ist kein Leben gewesen sondern ein Tod, deine Tage ein -schwerer Schatten, deine Jahre ein schwerer Traum, deine Wollüste -schwere Sünden, deine Jugend eine Phantasei, deine Wohlfahrt ein -Alchimistenschatz, der zum Schornstein hinausfähret und dich verläßt, -eh du dich dessen versiehst. Du hast im Krieg viel Glück und Unglück -eingenommen, bist bald hoch, bald nieder, bald groß, bald klein, bald -reich, bald arm, bald fröhlich, bald betrübt, beliebt und verhaßt, -geehrt und veracht gewesen -- aber nun du, meine arme Seele, was hast -du von dieser ganzen Reise zuwege gebracht? - -Arm bin ich an Gut, mein Herz ist beschwert mit Sorgen, zu allem -Guten bin ich faul, träg und verderbt. Mein Gewissen ist ängstlich -und beladen, ich bin mit Sünden überhäuft und abscheulich besudelt. -Der Leib ist müde, der Verstand verwirrt, die Unschuld ist hin, meine -beste Jugend verschlissen, die edle Zeit verloren. Nichts ist, das mich -erfreuet, ich bin mir selber feind. - -Mit solchen Gedanken quälte ich mich täglich und eben damals kamen mir -etliche Schriften des Antonio de Guevara unter die Hände, davon ich -etwas zum Beschluß hierher setze, weil sie kräftig waren, mir die Welt -vollends zu verleiten. - -Diese lauten also: - -~Adieu~ Welt, dann auf dich ist nicht zu trauen. In deinem Haus ist -das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige verschwindet uns -unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, also daß du ein -Toter bist unter den Toten und in hundert Jahren läßt du uns nicht eine -Stunde leben. - -~Adieu~ Welt, dann du nimmst uns gefangen und läßt uns nicht wieder -ledig, du bindest uns und lösest uns nicht wieder auf, du tötest ohne -Urteil, begräbst ohne Sterben. Bei dir ist keine Freude ohne Kummer, -kein Fried ohn Uneinigkeit, keine Ruhe ohne Forcht, keine Fülle ohne -Mängel, keine Ehre ohne Makel, kein Gut ohne bös Gewissen, keine -Freundschaft ohne Falschheit. - -~Adieu~ Welt, dann in deinem Palast dienet man ohn Entgelt, man -liebkoset, um zu töten, man erhöhet, um zu stürzen, man hilft, um zu -fällen, man ehrt, um zu schänden, man straft ohn Verzeihen. - -Behüt dich Gott, Welt, dann in deinem Haus werden die großen Herren -und Favoriten gestürzet, die Unwürdigen herfürgezogen, Verräter mit -Gnaden angesehen, Getreue in Winkel gestellet, Unschuldige verurteilet, -den Weisen und Qualifizierten gibt man Urlaub, den Ungeschickten große -Besoldung, den Hinterlistigen wird geglaubet, und Aufrichtige und -Redliche haben keinen Kredit. Ein jeder tut, was er will, und keiner, -was er soll. - -~Adieu~ Welt, dann in dir wird niemand mit seinem rechten Namen -genennet, den Vermessenen nennt man kühn, den Verzagten fürsichtig, -den Ungestümen emsig, den Nachlässigen friedsam, ein Verschwender wird -herrlich genannt, ein Karger eingezogen. Einen hinterlistigen Schwätzer -und Plauderer nennet man beredt, den Stillen einen Narren oder -Phantasten, einen Ehebrecher und Jungfrauenschänder nennt man einen -Buhler, einen Unflat nennt man Hofmann, einen Rachgierigen eifrig, -einen Sanftmütigen einen Phantasten. - -~Adieu~ Welt, dann du verführest jedermann: den Ehrgeizigen verheißest -du Ehre, dem Unruhigen Veränderung, dem Hochtragenden Fürstengnade, dem -Nachlässigen Ämter, Fressern und Unkeuschen Freude und Wollust, Feinden -Rache, Dieben Heimlichkeit. - -~Adieu~ Welt, dann in deinem Palast findet weder Wahrheit noch Treue -Herberge! Wer mit dir redet, wird verschamt, wer dir trauet, betrogen, -wer dir folget, verführt. Du betreugst, stürzest, schändest, besudelst, -drohest, vergissest jedermann; dannenhero weinet, seufzet, jammert, -klaget und verderbt jedermann und jedermann nimmt ein Ende. Bei dir -siehet und lernet man nichts, als einander hassen bis zum Würgen, reden -bis zum Lügen, lieben bis zum Verzweifeln, handeln bis zum Stehlen, -bitten bis zum Betrügen, sündigen bis zum Sterben. - -Behüt dich Gott, Welt, dann dieweil man dir nachgehet verzehret man -die Zeit in Vergessenheit, die Jugend mit Rennen, Laufen, Spielen, -die Mannheit mit Pflanzen und Bauen, Sorgen und Klagen, Kaufen und -Verkaufen, Zanken, Hadern, Kriegen, Lügen und Betrügen, das Alter in -Jammer und Elend, ~in summa~ nichts als Mühe und Arbeit bis in den Tod. - -~Adieu~ Welt, dann niemand ist mit dir content oder zufrieden. Ist er -arm, so will er haben, ist er reich, so will er gelten, ist er veracht, -so will er hoch steigen, ist er beleidigt, so will er sich rächen, ist -er in Gnaden, so will er viel gebieten, ist er lasterhaftig, so will er -nur bei gutem Mut sein. - -~Adieu~ Welt, dann bei dir ist nichts beständig. Die hohen Türme werden -vom Blitz erschlagen, die Mühlen vom Wasser hinweggeführet, das Holz -wird von Würmern, das Korn von Mäusen, die Frucht von Raupen, die -Kleider von Schaben gefressen. Das Viehe verdirbt vor Alter, der Mensch -vor Krankheit. - -O Welt, behüt dich Gott, dann in deinem Haus führet man weder ein -heilig Leben noch einen gleichmäßigen Tod, der eine stirbt in der -Wiege, der ander in der Jugend auf dem Bette, der dritt am Strick, der -viert am Schwert, der fünft am Rad, der sechst auf dem Scheiterhaufen, -der siebend im Weinglas, der acht in Freßhafen, der neunt verworgt am -Gift, der zehnt durch Zauberei, der elft stirbt in der Schlacht, der -zwölft ertränkt seine arme Seel im Tintenfaß. - -Behüt dich Gott, Welt, dann mich verdreußt deine ~Conversation~! -Das Leben, das du uns gibst, ist eine elende Pilgerfahrt, ein -unbeständiges, ungewisses, hartes, rauhes, hinflüchtiges und unreines -Leben voll Armseligkeit und Irrtum. Du lässest dich der Bitterkeit -des Todes, mit deren du umgeben und durchsalzen bist, nicht genügen, -sondern betreugst noch darzu die meisten mit deinem Schmeicheln. Du -gibst aus dem goldenen Kelch Lüge und Falschheit zu trinken und machest -blind, taub, toll, voll und sinnlos. Du machst aus uns einen finsteren -Abgrund, ein elendes Erdreich, ein Kind des Zorns, ein stinkend Aas, -ein unreines Geschirr in der Mistgrube voller Gestank und Greuel. -Darum, o Welt, behüt dich Gott! - -~Adieu~, o Welt, o schnöde, arge Welt! Anstatt deiner Freuden und -Wollüste werden die bösen Geister an die unbußfertigen, verdammten -Seelen Hand anlegen und sie in einem Augenblick in den Abgrund der -Hölle reißen. Alsdann ist alle Hoffnung der Gnade und Milderung aus! -Und je mehr einer sich bei dir, o arge, schnöde Welt, hat herrlich -gemachet, je mehr schenket man ihm Qual und Leiden ein, dann so -erforderts die göttliche Gerechtigkeit! Alsdann wird die arme Seele -ächzen: Verflucht seist du, Welt, weil ich durch dein Anstiften Gottes -und meiner selbst vergessen! Verflucht sei die Stunde, in deren Schoß -mich Gott erschuf! Verflucht der Tag, darin ich geboren bin! O ihr -Berge, Hügel und Felsen, fallet auf mich und verberget mich vor dem -grimmigen Zorn des Lamms, vor dem Angesicht dessen, der auf dem Stuhl -sitzet! Ach Wehe und aber Wehe in Ewigkeit! - -O Welt, du unreine Welt, derhalben beschwöre ich dich, ich bitte, ich -versuche, ich ermahne dich und protestiere wider dich, du wollest -keinen Teil mehr an mir haben! - -Ich habe das Ende gesetzt der Sorge. Lebet wohl, Hoffnung und Glück! - - * * * * * - -Diese Worte erwog ich mit Fleiß und stetigem Nachdenken. Endlich -verließ ich die Welt und wurde wieder Einsiedel. Ich hätte gern bei -meinem Sauerbrunn im Muckenloch gewohnet, aber die Bauren in der -Nachbarschaft wollten es nicht leiden. Sie besorgten, ich würde den -Brunn verraten. - -Ich begab mich deshalb in eine andere Wildnus und fing mein spessarter -Leben wieder an. - -Gott verleihe uns allen seine Gnade, das wir allesamt das von ihm -erlangen, woran uns am meisten gelegen: nämlich ein seliges - - _Ende_! - - - - - Dieses Buch wurde als zweiter Band der Jahresreihe 1919/1920 für - den Volksverband der Bücherfreunde hergestellt. Herausgegeben - von E. G. Kolbenheyer. Gedruckt wurde der Band von der Druckerei - Poeschel & Trepte, Leipzig, in der altschwabacher Drucktype. Der - Entwurf zum Einband, der vom Kunstmaler Willy Belling stammt, - wurde in der Spamer'schen Buchdruckerei, Leipzig, in Offsetdruck - hergestellt. - - Ausschließlich für die Mitglieder des Volksverbands der - Bücherfreunde. - - - +--------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | abgefäumt -- abgefeumt | - | accomodiert -- accommodiert | - | accordieren -- akkordieren | - | Affection -- Affektion | - | Bauersmann -- Baursmann | - | Belägerung -- Belagerung | - | blies -- bließ | - | Böck -- Böcke | - | bößen -- bösen | - | Cavalcada -- Cavalcade | - | dabei -- darbei | - | dagegen -- dargegen | - | darauf -- drauf | - | discurierte -- diskurierte -- diskutierte | - | Doctor -- Doktor | - | dorfte -- dörfte | - | Ehestand -- Ehstand | - | eigene -- eigne | - | Erlaubnis -- Erlaubnus | - | Eskadron -- Esquadronen | - | Faßnacht -- Fastnacht | - | Feldwaibel -- Feldweibel | - | Fußstapfen -- Fußtapfen | - | Gansstall -- Gänsstall | - | Gebärden -- Geberden | - | Gedächtnis -- Gedächtnus | - | Gefängnis -- Gefängnus | - | gräulich -- greulich | - | Hellebarden -- Hellebarten | - | hie- -- hier- | - | hiesigen -- hießigen | - | irgendswo -- irgendwo | - | ist's -- ists | - | Kapitain -- Kapitän | - | Lucifer -- Luzifer | - | Mauer -- Maur | - | Obrist-Leutenant -- Obrist-Leutnant | - | öffentliche -- offentliche | - | Paradeis -- Paradies | - | perfecter -- perfekter | - | Phantasei -- Phantasie | - | Präceptor -- Praeceptor | - | prakticiert -- praktiziert | - | Rauberei -- Räuberei | - | Ruben -- Rüben | - | Sattel-Zeug -- Sattelzeug | - | schrieen -- schrien | - | Schultz -- Schulz | - | Schwäher -- Schweher -- Schwehr | - | seind -- sind | - | stack -- stak | - | Stiegelhüpfer -- Stieglhupfer | - | Taback -- Tabak -- Tobak | - | ungeheuere -- ungeheure | - | unmöglich -- unmüglich | - | unseren -- unsern | - | unverholen -- unverhohlen | - | verträulich -- vertraulich -- vertreulich | - | Vorteil -- Vortel | - | Wammesklopfer -- Wamsklopfer | - | zehen -- zehn | - | zuforderst -- zuvorderst | - | zwanzig -- zwenzig | - | | - | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | - | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | - | | - | S. 4 »Erdboten« in »Erdboden« geändert. | - | S. 11 »Geis« in »Geiß« geändert. | - | S. 14 »vohin« in »wohin« geändert. | - | S. 18 »bedunkte« in »bedünkte« geändert. | - | S. 24 »Parrherrn« in »Pfarrherrn« geändert. | - | S. 29 »Officierer« in »Offizierer« geändert. | - | S. 31 »müßen« in »müssen« geändert. | - | S. 39 »Corps de Guarde« in »Corps de Garde« geändert. | - | S. 45 »abgegeangen« in »abgegangen« geändert. | - | S. 46 »Mannsfelder« in »Mansfelder« geändert. | - | S. 47 »wollinen« in »wollenen« geändert. | - | S. 59 »Einsiedl« in »Einsiedel« geändert. | - | S. 59 »solichs« in »solches« geändert. | - | S. 63 »sattgessen« in »sattgegessen« geändert. | - | S. 67 »Bulerei« in »Buhlerei« geändert. | - | S. 76 »mollte« in »wollte« geändert. | - | S. 77 »Unsachen« in »Ursachen« geändert. | - | S. 79 »erschüge« in »erschlüge« geändert. | - | S. 97 »Immagination« in »Imagination« geändert. | - | S. 98 »Nabochodonosor« in »Nabuchodonosor« geändert. | - | S. 103 »Orfeigen« in »Ohrfeigen« geändert. | - | S. 108 »forchterlich« in »förchterlich« geändert. | - | S. 111 »hamburger und zerbster Bier« in | - | »Hamburger und Zerbster Bier« geändert. | - | S. 114 »aus Befehl« in »auf Befehl« geändert. | - | S. 123 »war beliebt« in »was beliebt« geändert. | - | S. 131 »Kurasche« in »Courage« geändert. | - | S. 137 »allerfeulste« in »allerfäulste« geändert. | - | S. 137 »salvaguadiert« in »salvaguardiert« geändert. | - | S. 140 »Goesfeld« in »Coesfeld« geändert. | - | S. 142 »Reckinghusen« in »Recklinghausen« geändert. | - | S. 146 »Geisbock« in »Geißbock« geändert. | - | S. 147 »Wohlerwürden« in »Wohlehrwürden« geändert. | - | S. 155 »was du wilt« in »was du willst« geändert. | - | S. 171 »Reckinghausen« in »Recklinghausen« geändert. | - | S. 173 »dahingenen« in »dahingegen« geändert. | - | S. 175 »wider« in »wieder« geändert. | - | S. 181 »gnug« in »genug« geändert. | - | S. 197 »Narre« in »Narren« geändert. | - | S. 204 »selbt« in »selbst« geändert. | - | S. 204 »gemanglet« in »gemangelt« geändert. | - | S. 211 »Krobaten« in »Kroaten« geändert. | - | S. 215 »Schaz« in »Schatz« geändert. | - | S. 218 »Copei« in »Copie« geändert. | - | S. 218 »Halb« in »halb« geändert. | - | S. 228 »instruieret« in »instruierte« geändert. | - | S. 237 »Latern« in »Laterne« geändert. | - | S. 243 »verstrochene« in »versprochene« geändert. | - | S. 247 »machtst« in »machst« geändert. | - | S. 253 »krigte« in »kriegte« geändert. | - | S. 254 »Welicher« in »Welcher« geändert. | - | S. 258 »muße« in »mußte« geändert. | - | S. 285 »gesannte« in »gespannte« geändert. | - | S. 286 »wachet« in »machet« geändert. | - | S. 292 »Tot« in »Tod« geändert. | - | S. 298 »Spectakul« in »Spektakul« geändert. | - | S. 299 »wiederteuferisch« in »wiedertäuferisch« geändert. | - | S. 302 »Begegnussen« in »Begegnüssen« geändert. | - | S. 305 »verdrebt« in »verderbt« geändert. | - | S. 313 »stürtzete« in »stürzete« geändert. | - | S. 316 »bezahte« in »bezahlte« geändert. | - | S. 328 »Weißel« in »Weisel« geändert. | - | S. 331 »Samogeten« in »Samojeden« geändert. | - | S. 336 »kommen« in »komme« geändert. | - | S. 341 »jetz« in »jetzt« geändert. | - | S. 345 »uns« in »und« geändert. | - | S. 351 »ihn« in »ihm« geändert. | - | S. 352 »Stelitzen« in »Strelitzen« geändert. | - | S. 354 »Wisseuschaften« in »Wissenschaften« geändert. | - | | - +--------------------------------------------------------------+ - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der abenteuerliche Simplicissimus, by -Hans Jakob Christoffel vom Grimmelshausen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ABENTEUERLICHE SIMPLICISSIMUS *** - -***** This file should be named 55171-0.txt or 55171-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/1/7/55171/ - 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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