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-Project Gutenberg's Kreuz und Quer, Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Kreuz und Quer, Dritter Band
- Neue gesammelte Erzählungen
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: July 21, 2017 [EBook #55163]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND ***
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
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- Kreuz und Quer.
-
- Neue gesammelte Erzählungen
- von
- Friedrich Gerstäcker.
-
- Dritter Band.
-
- Leipzig,
- Arnoldische Buchhandlung.
- 1869.
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-
-Inhaltsverzeichniß.
-
-
- Seite
-
- 1. Jay-hawkers 1
-
- 2. König Zambiri 198
-
- 3. Der Mexikaner 284
-
- 4. Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati 358
-
-
-
-
-Jay-hawkers.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-In Perryville.
-
-
-Das kleine Städtchen Perryville in Arkansas, das, während der Krieg in den
-östlichen Staaten der Union wüthete, nun über zwei Jahre fast wie todt und
-verlassen gelegen hatte, schien heute, am ersten October des Jahres 1862,
-seinen friedlichen Charakter abgelegt und sich in einen militärischen
-Tummelplatz verwandelt zu haben.
-
-Daß von allen Seiten Reiter, die lange Büchse auf der Schulter, die
-schweren Messer an der Seite, heransprengten, würde weniger aufgefallen
-sein, denn ohne diese Waffen ging überhaupt kein Backwoodsman nur von Farm
-zu Farm, aber dazwischen sah man auch eine Anzahl von Männern in grauen
-uniformartigen Röcken und doch auch wieder nicht uniform, denn Mancher von
-ihnen trug einen alten Filzhut, Mancher einen Strohhut auf dem Kopfe, aber
-alle auch einen Gurt um den Leib und neben dem Messer einen, manchmal sogar
-zwei Revolver.
-
-Perryville ist keine regelmäßige Stadt, wenn auch schon seit langen Jahren
-regelmäßig ausgelegt. Arkansas selber hatte aber die in den schönen Staat
-gesetzte Hoffnung, daß er sich rasch und entschieden bevölkern würde, nicht
-bewährt. Viele seiner Bewohner, unstätes Volk alle zusammen, waren nach
-Californien gezogen, als der erste Ruf des Goldes von dort herübertönte,
-Andere nach Texas, weil sich vielleicht ein Fremder in ein oder zwei Miles
-Entfernung von ihnen angesiedelt hatte und die »zu nahe« Nachbarschaft
-ihnen unbequem wurde, und wenn sich dann auch mancher neue Einwanderer
-von den östlichen Staaten her in das Land zog, hielt sich die Bevölkerung
-trotzdem so ziemlich auf dem alten Stand.
-
-Nur an den kleinen Fluß hinauf, den Fourche-la-Fave, wie er genannt wird,
-hatten sich die Farmen, aber auch nur mit weiten Unterbrechungen gezogen;
-das innere Land lag noch in jungfräulicher Wildniß, von keiner Axt,
-höchstens einmal von dem Beil des Jägers berührt, der sich dort junge
-Stämme zu Lagerstangen abhieb, und das Städtchen, was so nach und nach am
-Fourche-la-Fave entstanden, war eigentlich gar nicht nöthig. Die Farmer
-und Jäger brauchten es nicht, hätten wenigstens recht gut ohne dasselbe
-bestehen können, und benutzten es nur zu gelegentlichen Zusammenkünften.
-
-Bis hierher war auch der eigentliche Krieg noch nicht gedrungen und drang
-überhaupt nicht hin. Truppenkörper der verschiedenen Armeen schickten wohl
-später dann und wann einmal einen Streifzug durch den Wald, aber der
-mußte die Straße halten und verweilte auch nicht gern lange in den dichten
-Wäldern, wo er sich nie sicher davor fühlte, von einem anderen, vielleicht
-stärkeren Corps überfallen zu werden.
-
-Little Rock, die Hauptstadt des Staates, hatte sich allerdings zu Gunsten
-der Secession erklärt, denn Arkansas war ein echter Sclavenstaat, wenn
-es auch im Verhältniß nur wenig Negersclaven aufweisen konnte. Die
-eigentlichen Farmer und Jäger hatten sich aber bis jetzt, wie nach
-stillschweigendem Uebereinkommen, noch nicht am Kriege betheiligt. Sie
-waren weder angegriffen, noch belästigt worden und mit der geringen
-Bevölkerung ihres Staates, warfen sie ja doch kein Gewicht in die
-Wagschaale des Krieges. Ueberdies verkündeten die seltenen Nachrichten,
-die wirklich zu ihnen drangen, nur immer neue Siege der Secessionisten, die
-sogar das Capitol in Washington bedrohen sollten; sie wurden also dort
-gar nicht gebraucht, während sie hier unumgänglich nöthig blieben, um
-ihre Familien zu erhalten. Was hätten die einzelnen Frauen und Kinder hier
-mitten im Walde anfangen wollen, wenn die Männer und jungen Leute
-weit hinweg in andere Staaten gezogen wären, um sich mit den Yankees
-herumzuschlagen.
-
-Außerdem standen fast alle _alten_ Leute in dem ganzen District, im
-_Herzen_ auf Seite der Union. Am ganzen Fourche-la-Fave war auch nicht ein
-einziger Sclavenhalter, kein einziger Neger zu finden. Am Petite-Jeanne
-drüben gab es allerdings ein paar, aber ihretwegen wäre es wahrlich nicht
-der Mühe werth gewesen, einen blutigen Krieg anzufangen und die große und
-mächtige Union in zwei Hälften zu reißen.
-
-Einzelnen jungen Leuten zuckte es allerdings in den Gliedern, Theil an
-dem Kampf zu nehmen und einen Tanz mit den »verdammten Abolitionisten« zu
-haben, wie die Yankees damals genannt wurden und welchen Namen sie auch in
-der That noch zum großen Theil jetzt führen; die große Mehrzahl war indeß
-entschieden _gegen_ eine Betheiligung am Krieg, denn die Südstaaten, zu
-denen sie allerdings ihrer Lage nach gehörten, hatten die Flagge der Union
-beschimpft, die Constitution gebrochen und den Bürgerkrieg entzündet. _Sie_
-wollten keine Hand in solchen Dingen haben.
-
-Nur die Frauen neigten sich sonderbarer Weise der Secession zu, und aus
-welchem Grunde?
-
-Im Herzen trugen sie alle den Wunsch, es einmal dahin zu bringen, daß sie
-sich ein Hausmädchen -- natürlich eine Sclavin -- anschaffen konnten, denn
-Dienstboten, wie wir solche bei uns gewohnt sind, gab es ja nicht in der
-Union, und was man =a help= nannte, eine »Hülfe,« und worunter sich eine
-Nachbarstochter verstand, die einmal auf kurze Zeit oder weil bei ihnen
-selber das Brot knapp wurde, herüberkam und eine Weile aushalf -- konnte
-natürlich nicht genügen, da diese jungen »=ladies=« wie die rohen
-Eier behandelt sein wollten und bei dem ersten rauhen Wort das Haus
-augenblicklich und indignirt verließen. Eine junge Negersclavin blieb also
-ihr heimlicher, aber dafür desto innigerer Wunsch, und daß sie sich --
-unter solchen Umständen -- nicht für Abschaffung der Sclaverei begeistern
-konnten, versteht sich wohl von selbst.
-
-Vor kaum acht Tagen nun war die Nachricht hier in den stillen Wald
-gedrungen, daß die »Südlichen« wieder einen neuen und großen Sieg über
-den Norden davongetragen hätten und dieser jetzt die verzweifeltsten
-Anstrengungen mache, um den immer mächtiger werdenden Feind zu verhindern,
-sich selbst in Besitz des Capitols zu setzen. Eine Aushebung von
-Hunderttausenden sollte unter den Yankees ausgeschrieben sein, und es war
-deshalb nöthig geworden, auch die Kräfte des Südens zusammenzurufen, um die
-»Abolitionisten« nicht wieder zu Athem kommen zu lassen, sondern womöglich
-gleich mit einem Schlage zu vernichten. Derartige Phrasen durchliefen ja
-fortwährend die weit abgelegnen Territorien sowohl, als auch die einzelnen
-Rebellenstaaten selber, und fanden in den letzteren vielleicht Wiederklang
--- in Arkansas aber nicht. Als deshalb auf den heutigen Tag Emissaire vom
-anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung in Perryville ausgeschrieben
-hatten, um den Stand der Verhältnisse zu besprechen, fanden sich wohl die
-jungen und auch die älteren Leute dazu ein, weil sie etwas Bestimmtes über
-den Stand des Krieges zu erfahren hofften, aber begeistert für die Sache
-selber waren sie nicht, ja die alten Backwoodsmen sogar fest entschlossen,
-einer möglichen Anwerbung entschieden entgegenzutreten.
-
-Den jungen Burschen aber kam ein solcher »Frolic,« wie sie es nannten,
-gerade recht. Der Krieg dauerte nun schon Jahre, und eine todte,
-erdrückende Schwüle hatte indessen auf dem ganzen Land gelegen. Wer sollte
-auch Lust gehabt haben sich zu vergnügen, während nur immer eine Nachricht
-nach der anderen kam, wie bald da bald dort Tausende im gegenseitigen
-Bruderkampf erschlagen waren und ihr Herzblut die zerstörten Felder
-röthete.
-
-Die Meisten sammelten sich auch bei dem alten Bockenheim, denn obgleich
-in den letzten fünf Jahren noch zwei andere kleinere =groceries= oder
-Kaufläden geöffnet worden, hatte man sich doch an den Deutschen, einen der
-ältesten Ansiedler der Fourche la Fave, gewöhnt, und außerdem sollte
-auch die eigentliche Versammlung in der unmittelbaren Nähe seines Hauses
-stattfinden, zu der sogar ein Major der Secessionisten herüber gekommen.
-
-Man lebte einmal wieder in dem bisher so todten Städtchen und der Whisky
-floß. Allerdings war es nicht mehr möglich, diesen von Norden herunter zu
-beziehen, woher sonst der beste Mohongahela kam, denn der Strom war sowohl
-von den Nord- als Südstaaten blokirt worden und selbst auf jedes kleine
-Boot wurde geschossen, das den Versuch machen wollte, sich hindurch
-zu schleichen. Aber in Arkansas wußten sie sich, was wenigstens diesen
-Gegenstand betraf, zu helfen, denn überall entstanden kleine Brennereien,
-wobei noch die Heintzesche den besten Stoff lieferte. Von diesem war ein
-frisches Faß angezapft worden, und die jungen Leute vom Fourche-la-Fave
-hatten sich schon darum gesammelt, als die County-Straße herunter, von
-zwei »Sesesch«-Officieren (Secessionisten) begleitet, der Major auf einem
-prächtigen Rappen angesprengt kam, und vor Bockenheim's Thür sein muthiges
-Roß einzügelte.
-
-»Hallo Major!« rief ihm Einer der jungen Burschen zu, indem er ihm zugleich
-den vollen Becher entgegenhielt -- »=how do you swop horses= (wie wollt
-Ihr Euer Pferd vertauschen) gegen den Grauen dort, der an den Hickory
-angebunden steht?«
-
-»Mein junger Freund,« sagte der Major, nicht im Geringsten durch die Frage
-beleidigt, denn sie war etwas zu Allgewöhnliches -- »wir brauchen jetzt
-alle unsere guten Pferde selber, denn die verdammten Abolitionisten laufen
-so rasch, daß man sie mit alten Kracken gar nicht einholen kann.«
-
-»Oho Major,« lachte Jim Jenkins, ein Farmerssohn, dessen Vaters kleine
-Ansiedelung unmittelbar am Arkansas lag -- »so sehr schnell können sie doch
-nicht laufen, wenigstens nicht so weit, denn Washington liegt doch dicht
-bei Virginien, und bis dahin haben sie Euch noch nicht gelassen.«
-
-»Weil wir dort Nichts zu holen hatten, Jim,« rief Hendricks, ein junger
-Mann vom Petite Jeanne, der aber auch schon die Uniform der Secessionisten
-trug und -- wie er Anderen erzählte -- nicht blos ein paar der blutigsten
-Schlachten mitgemacht, sondern auch ein paar Dutzend Abolitionisten mit
-eigener Hand erschlagen hatte. »Was sollten wir in Washington? Das leere
-Weiße Haus besetzen? Das Lumpenvolk hat es ja schon vollständig ausgeräumt,
-und selbst die Bevölkerung der Stadt ihre beste Habe in Sicherheit
-gebracht. Wohin wir kommen wollen, dahin kommen wir auch -- und wenn wir
-jetzt Alle richtig zusammenhalten, rücken wir ihnen im nächsten Monat
-nach New-York hinein, und da giebts nachher Beute, denn Lee hat uns fest
-versprochen, daß wir dort plündern sollen.«
-
-»Bah, wir sind keine Räuber,« sagte Jim finster, »daß man suchen sollte,
-uns damit anzulocken. Wer hier her kommt zu uns, um uns zu belästigen,
-gegen den stehen wir zusammen -- was kümmern uns die Kaufläden in
-New-York?«
-
-»Muß eine verwünscht gemeine Seele sein,« rief da ein anderer, John Wells,
-der Sohn eines der besten Jäger am Fourche, der sich aber an politischen
-Dingen nie betheiligte und still und zurückgezogen auf seiner Farm lebte
--- »der in einem solchen Krieg von Plündern spricht -- verdient daß man ihm
-die Uniform vom Leib risse.«
-
-»Dazu gehört ein _Mann_!« rief Hendricks, zornig auffahrend.
-
-»Gott verdamm Dich, hier steht er!« schrie John, in dem Augenblick auch
-sein eigenes Jagdhemd abwerfend, um die Arme frei zu bekommen, indem er
-Hendricks gegenüber sprang -- »stell' Dich bereit, mein Junge, und wahr'
-Deine Nase --«
-
-»Ich bin nicht hergekommen um mich hier zu prügeln,« rief Hendricks
-abwehrend --
-
-»Feigling!« höhnte ihn John, und schien nicht übel Lust zu haben, trotz
-alledem auf ihn einzuspringen; der Major aber, der sich indessen mit
-einigen der alten Backwoodsmen unterhalten hatte, trat rasch dazwischen und
-sagte abwehrend:
-
-»Boys, um Gottes Willen, fangt untereinander keinen Streit an. Wir haben
-da draußen alle Hände voll zu thun, um mit den verwünschten Abolitionisten
-fertig zu werden, und wenn Ihr denen die Fäuste zeigen wollt, ist's ja
-recht, aber nicht hier Freund gegen Freund. Das wäre den Yankees gerade
-recht, wenn sie uns hier im Süden selber gegeneinander hetzen könnten.« --
-
-»Dann muß uns so ein hergelaufener Lump aber auch nicht mit Plündern
-anlocken wollen!« trotzte John, der noch immer gar nicht übel Lust zu haben
-schien, den Kampf aufzunehmen.
-
-»Ich habe nur gesagt, daß von Plündern gesprochen ist,« rief Hendricks,
-»ich denke nicht daran, selber so 'was zu thun.«
-
-»Frieden! haltet Frieden!« riefen jetzt auch Einige der älteren Leute. »Es
-fließt Blut genug im Lande, Jungens, laßt uns das Elend nicht auch an den
-Fourche-la-Fave verpflanzen und erst einmal hören, was der Major zu sagen
-hat. Sprecht Major, Ihr habt uns ja hierhergerufen, was soll's eigentlich.«
-
-»Ja, Gentlemen,« begann der Major, indem er seine Militärmütze abnahm und
-sich mit der Hand durch die Haare fuhr, »die Sache ist höllisch einfach und
-nicht viel darüber zu sagen. Ihr habt bis jetzt hier gelebt, als ob Euch
-der Krieg, der da draußen geführt wird, gar nichts anginge, aber das muß
-eben ein Ende nehmen. In Missouri sammeln die verdammten Yankees mehr und
-mehr Truppen an, weil es ihnen unbequem ist, daß wir den Mississippi
-hier haben und besetzt halten. Die also können jeden Augenblick bei Euch
-einbrechen und dann sitzt Ihr da, Nichts ist organisirt, kein Commando,
-keine Ordnung und Alles zerstreut im Busch, wo man Euch nachher einzeln
-aufsuchen und gefangen in die Yankeestaaten hinaufschleppen kann.«
-
-»Aber, Major,« sagte der alte Klingelhöffer, ein Deutscher, der seit
-30 Jahren in diesen Wäldern lebte, »red't keinen Unsinn. Wenn die
-Unionstruppen wirklich einmal hier durchmarschirten, und Streifcorps sind
-schon ein paar Mal in der Nähe gewesen, so haben sie genug für sich selber
-mitzuschleppen, als daß sie sich auch noch Gefangene aufladen sollten. Daß
-sie uns Rinder schlachten werden, um was zu leben zu haben, ja, das ist
-möglich, aber weiter geschieht auch Nichts, und wenn wir unsere jungen
-Leute in den Krieg schicken, können sie nachher erst recht machen, was sie
-wollen.«
-
-»Daraus wird Nichts,« sagte der alte Jenkins, ebenfalls ein treuer
-Unionsmann, der finster daneben auf einer Wagendeichsel gesessen und an
-einem Spahn herumgeschnitzt hatte. »Unsere jungen Leute dürfen nicht fort
-von hier; nachher ist der Wald leer und unsere Kinder können hungern
-und verderben. Laßt es die ausfechten, die das Blutvergießen verschuldet
-haben.«
-
-»Ist auch meine Meinung,« nickte der alte Hogau, der oben vom
-Fourche-la-Fave heruntergekommen war, »wir oder die Unseren haben Nichts
-draußen zu thun, wir gehören hier in die Range, und wenn uns dann Jemand
-belästigen will, ei zum Wetter, dann haben wir auch noch unsere Büchsen und
-hier zwischen den Bäumen drinn, soll ihnen der Platz bald zu warm werden.«
-
-»Aber Gentlemen!« rief der Major, »es spricht ja kein Mensch davon, daß
-die jungen Leute hier den Staat verlassen sollen. General Lee selber ist
-dagegen und stimmt ganz mit Ihrer Ansicht überein, daß es eben gefährlich
-wäre, die Wälder hier von ihren Vertheidigern zu entblößen. Nur organisiren
-sollen Sie sich und eine sogenannte Landwehr bilden, um im Fall eines
-Angriffs im Stand zu sein, sich augenblicklich unter ihren Führern zu
-sammeln, und ich glaube, das ist doch nur in Ihrem eigenen Interesse und zu
-Ihrem eigenen Besten gehandelt.«
-
-»Ich sehe den Grund nicht ein,« rief Klingelhöffer; »zum Henker auch, wir
-haben die Mittel und Wege, unsere jungen Leute auf den Fleck zu bekommen,
-wenn sie nothwendig gebraucht werden sollten, und in Reih' und Glied können
-wir hier im Walde doch nicht kämpfen. Uebrigens« -- setzte er langsamer
-hinzu -- »weiß ich auch gar noch nicht einmal gegen wen wir fechten und wer
-von den beiden Partheien unser schlimmster Feind ist.«
-
-»Aber Mister -- entschuldigen Sie, ich kann Ihren Namen nicht behalten,«
-rief der Major, »Sie reden gerade, als ob Sie noch nicht einmal wissen, ob
-Sie auf Seite der Südstaaten oder der Abolitionisten treten sollten.«
-
-»Weiß ich auch nicht,« brummte der alte Mann störrisch, indem er seinen
-Hosengürtel in die Höhe zog, »denn einverstanden bin ich mit der ganzen
-Geschichte nicht, weil sie eben Lügen braucht, um sich fortzuhelfen.«
-
-»Lügen, Mister?«
-
-»Jawohl, Lügen,« brummte der Alte, »denn, wenn die Berichte alle wahr
-wären, die wir hier hergeschickt kriegen, so könnten die Yankees schon gar
-keine Soldaten oder überhaupt noch Menschen haben, so viele sind in jeder
-Schlacht gefallen und so geschwind sind die Anderen gelaufen. Dabei wird
-aber der ganze Krieg eben nur in den Südstaaten geführt; nicht einmal über
-dem Ohio drüben haben sich die Südlichen halten können, und uns wollen sie
-jetzt auch noch mit hineinziehen.«
-
-»Aber das verlangt ja Niemand.«
-
-»Gut, dann überlaßt das Andere auch uns selber, wir wollen die Sache schon
-hier in Ordnung halten. Hat sich überhaupt Niemand sonst darum zu kümmern.«
-»Wär' auch etwa meine Meinung,« nickte Jenkins. -- »Wir alten Colonisten
-hier haben jetzt herangewachsene Jungen, die selber schon Männer geworden
-sind und können es denen ruhig überlassen.«
-
-»Und dann wohnen wir hier auch in keiner Stadt,« fiel Hogan ein, »wo in der
-Zeit der Noth ein Nachbar dem anderen beispringen kann, und wenn Einen
-was bedroht, der Andere ebenfalls davon wissen muß, weil er dicht daneben
-sitzt. Wenn hier in unsere einzelnen Farmen eine Bande einbricht, so können
-sie thun und lassen, was sie wollen, nicht einmal das Knallen der Gewehre
-hört man beim Nachbar. Wenn die Südstaaten deshalb etwas für uns thun
-wollen und überhaupt die Yankees, wo sie sich blicken lassen, vor sich
-hertreiben, weshalb räumen sie denn da nicht unseren Nachbarstaat Missouri
-von den Abolitionisten? nachher hätten wir hier gewiß Frieden.«
-
-»Das kann aber nur geschehen, wenn wir selber mit dazu helfen,« rief jetzt
-Hendricks -- »was sagt Ihr Boys -- wär' das nicht gerade das Rechte für uns
-hier, aus dem Wald gen Norden aufzubrechen und die Wälder vor uns, wenn wir
-mehr hinaufzögen, rein zu fegen von dem Gesindel, das sich darin versteckt
-hält.«
-
-»Das Gesindel,« lachte der junge Wells, »gehört aber so viel ich weiß, nur
-zu Eurer Parthei, denn die Unionstruppen klagen genug über die südlichen
-»Bushhawker«, die einzeln oder in kleinen Banden im Wald liegen und ihren
-Feind nur feige aus dem Hinterhalt niederschießen.«
-
-»Und wißt Ihr einen Guerilla-Krieg, der anders zu führen wäre?« fragte
-Hendricks, mit einem finsteren Blick auf den Sprecher. »Hätten sich die
-wackern Burschen dort nicht in den Wald geworfen und setzten sie nicht
-jeden Tag noch ihr Leben ein, so wären die verdammten Blauröcke lange schon
-zu Euch hier herunter marschirt. Freilich ist es bequemer und sicherer,
-hier auf der Farm zu sitzen und dann und wann einmal nach einem armen
-Hirsch zu feuern. Der kann nicht wieder schießen.«
-
-»Lump Du -- verbrannter!« fuhr der junge Wells empor -- aber Klingelhöffer
-sprang jetzt selber dazwischen und rief:
-
-»Frieden hier! wir wollen keinen Streit, wir wollen aber auch keine
-südländischen Werber unter uns, die uns die Jungen vom Hause fortlocken.
-Laßt uns abstimmen darüber. Wir haben hier fast den ganzen Fourche-la-Fave
-versammelt. Laßt die Leute selber entscheiden, ob sie Soldaten spielen
-wollen oder nicht. Ich meinestheils bin dagegen; wir sind außerdem schlimm
-genug daran, denn mit Little Rock haben wir fast gar keinen Verkehr mehr;
-zu kaufen ist Nichts im Land und was wir nothwendig zur Unterhaltung
-unserer Familien brauchen, müssen wir uns selber ziehen. Was sagt Ihr,
-Jenkins?«
-
-»Beim Alten soll's bleiben,« erwiderte der alte Mann mürrisch. »Wir
-brauchen keine Zwischenträger, die uns hier sagen wollen, was wir zu thun
-oder zu lassen haben. Ich stimme dagegen.«
-
-»Ich auch -- ich ebenfalls,« tönte es von den meisten Seiten, und nur
-einige der jüngeren Leute versuchten eine kleine Opposition, wurden aber so
-vollkommen überstimmt, daß sie gar nicht in Betracht kommen konnten. Major
-Rollok hatte mit finster zusammengezogenen Brauen daneben gestanden und das
-Resultat beobachtet, aber er war auch klug genug einzusehen, daß hier und
-in _dieser_ Versammlung, in der überhaupt ein dem Süden nichts weniger als
-freundlicher Geist zu herrschen schien, kaum etwas würde auszurichten sein.
-Er mußte deshalb seine Zeit abpassen, und -- war auch gerade der richtige
-Mann dazu.
-
-»Gentlemen,« sagte er, als er flüchtig den Blick umhergeworfen und sich die
-von den jungen Leuten, die auf seiner Seite standen, rasch gemerkt hatte,
-»die Frage hier kommt mir nicht mehr zweifelhaft vor. Wie ich sehe, sind
-Sie fest entschlossen, ihre eigene Heimath zu vertheidigen, und das Land
-in Betracht gezogen, in dem Sie nun einmal leben, kann ich Sie kaum
-deshalb tadeln. Lassen wir das also. -- Mr. Bockenheim, Ihr Whisky ist
-ausgezeichnet, ich bitte um eine andere Flasche, denn wir haben vom vielen
-Reden Durst bekommen.«
-
-»Meiner ist gelöscht,« erwiederte Klingelhöffer, indem er seine Büchse über
-die Schulter warf und hinüber zu seinem Poney ging -- »ich denke Boys, wir
-sind hier fertig und um eine »=Spree=«[1] zu halten, ist die Zeit zu ernst.
-_Ich_ gehe heim.«
-
- [1]: =Spree= (=sprie= gespr.) ein lustiges Trinkgelag -- ein vergnügter
- Abend.
-
-»Ich auch -- wir Alle,« rief es von verschiedenen Seiten und wenn auch
-manche der jungen Leute noch gern den Nachmittag dort geblieben wären,
-folgten doch die Meisten den älteren. Nur zehn oder zwölf etwa, von denen
-die Meisten in Perryville selber wohnten, blieben noch zurück, um, wie sie
-sagten, von dem Major Näheres über den Krieg zu hören, und da diese jetzt
-eine verhältnißmäßig kleine Gruppe bildeten, war die kleine Stadt bald
-wieder so still und öde als vorher.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Der Korb.
-
-
-Für den Augenblick war die Gefahr, die dem stillen Frieden dieser Gegend
-drohte, abgewehrt; denn wenn auch der Major noch sein Bestes versuchte, die
-Zurückgebliebenen wenigstens, von denen noch dazu die Meisten auf seiner
-Seite standen, zu einem directen Vorgehen in diesem Sinne zu bewegen, so
-hatte sich doch die Meinung des Fourche-la-Fave kurz vorher zu entschieden
-ausgesprochen, um auf einen Erfolg hoffen zu können. Der Samen war aber
-einmal ausgestreut und von diesem Tag an begann eine Art von Unruhe in der
-ganzen Range, die man bis jetzt und so lange der Krieg währte, noch nicht
-gekannt hatte.
-
-Allerdings verließ Major Rollock mit den übrigen Sesesch-Soldaten die
-Ansiedlung, um drüben am Petite Jeanne sein Glück und wie sich später
-zeigte mit besserem Erfolg zu probiren; Hendricks aber, der eine Menge
-Bekannte am Fourche-la-Fave hatte, blieb zurück und schien dabei auch nicht
-besonders durch den Wortstreit eingeschüchtert zu sein, den er mit einigen
-der jungen Leute gehabt. Er war ihm ungelegen gekommen, ja -- noch dazu mit
-_einem_ der jungen Backwoodsmen, aber er wußte auch recht gut, daß
-deren Blut rasch aufbrauste, jedoch auch eben so rasch wieder durch ein
-freundliches Wort beruhigt werden konnte.
-
-Acht Tage waren nach der, im vorigen Kapitel beschriebenen Versammlung
-etwa verflossen. Der alte Jenkins stand vor seinem Haus und hieb mit seinem
-kleinen Beil einen Axtstiel zurecht, sein Sohn James oder Jim, wie er
-kurzweg genannt wurde, war nicht weit davon beschäftigt, eine neue
-Corncrib oder einen Verschlag, in dem der Mais eingelegt werden sollte,
-aufzurichten, und Betsy, seine Schwester, ein blühendes junges Mädchen
-von etwa achtzehn Jahren, mit frischer Gesichtsfarbe -- etwas nicht sehr
-gewöhnliches am Fourche, und gar so lieben, kastanienbraunen Augen, quälte
-sich eben in einer benachbarten Umzäunung mit einer etwas störrischen Kuh
-ab, die sich nicht wollte melken lassen, aber doch zuletzt der ruhigen
-Entschlossenheit des Mädchens nachgeben mußte. Bill, ihr jüngster Bruder,
-kam eben mit einem Eimer Wasser vom Fluß herauf.
-
-»=Hallo the house!=« rief da eine Stimme von außerhalb der Fenz die
-Männer an und ein Reiter hielt dort, den Niemand der mit ihrer Arbeit
-Beschäftigten hatte herankommen sehen.
-
-Die Hunde schlugen jetzt an und rannten heulend und bellend gegen die Fenz,
-an der sie hinaufsprangen, die Gänse schnatterten, die Hühner durch die
-zwischen ihnen hinfahrenden Hunde erschreckt, gakerten und es war für den
-Augenblick ein Skandal, in dem man nicht einmal sein eigenes Wort hören
-konnte.
-
-»Ruhe, Ihr Bestien,« schrie der alte Jenkins, indem er ein Stück Holz
-aufgriff und zwischen die Köter hin schleuderte; »wollt Ihr Frieden geben!
-Hallo Hendricks, _Ihr_ seid's? Ich glaube, Ihr wäret schon lange wieder
-bei der Armee, rücktet mit ihr gegen New-York vor. Kommt herein, Mann, und
-bleibt nicht da draußen auf Euerem Pferd halten.«
-
-»Dank Euch, Mr. Jenkins,« sagte der junge Mann, indem er von der Einladung
-ohne Weiteres Gebrauch machte. Die Hunde hatten ja auch gesehen, daß ihr
-Herr mit dem Fremden sprach, sie also Nichts mehr drein zu reden hatten,
-und als dieser jetzt sein Thier draußen angebunden hatte und die kleine
-Pforte öffnete, zogen sie sich, wohl immer noch knurrend, aber doch keine
-offene Feindseligkeit mehr zeigend, unter das Haus zurück.
-
-Jim Jenkins hatte Hendricks eigentlich erstaunt und mit nicht besonders
-freundlichen Blicken betrachtet. Nach dem, was neulich zwischen ihnen
-vorgefallen, mochte er seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging er
-_ihn_ an. Sein Vater hatte ihn aufgefordert, in's Haus zu kommen, er nicht,
-und ohne sich deshalb weiter um ihn zu kümmern, fuhr er auch ruhig in
-seiner Arbeit fort. Hendricks schien aber anders zu denken, denn nachdem er
-dem alten Jenkins die Hand geschüttelt, ging er ohne Weiteres auf Jim
-zu, so daß sich der junge Mann verlegen aufrichtete, und sagte mit
-freundlicher, ja fast herzlicher Stimme:
-
-»Komm Jim. Die Politik hat schon manche Freunde entzweit, sie soll es aber
-hier nicht im Walde thun. Wir waren Beide damals aufgeregt und heftig.
-Jetzt haben wir kaltes Blut und ich wenigstens habe die Sache vergessen.«
-Er streckte ihm dabei die Hand entgegen und wenn Jim auch wohl selber
-schwerlich ein erstes freundliches Wort zu ihm gesagt hätte, war er
-doch auch wieder viel zu offener, ehrlicher Natur, eine gebotene Hand
-zurückzuweisen. Er schlug ein und nickte.
-
-»Gut Bob, so soll's sein. Du hast Recht, die Zeit ist danach angethan, daß
-wir hier Alle zusammenhalten, und ich werd' es wahrhaftig nicht sein, der
-den ersten Streit in die »Range« würfe. Sei willkommen.«
-
-»So recht Jungens,« nickte der Alte, der schweigend der kleinen
-Versöhnungsscene zugeschaut. »Wir können hier in der That keine Uneinigkeit
-gebrauchen, denn wer weiß wie bald wir Einer den Andern nöthig haben,
-wenn das Unglück auch über uns hereinbrechen sollte. Und nun kommt herein
-Hendricks; das Frühstück wird gleich fertig sein, die Betsy bettelt sich
-nur noch da drüben die Milch von der Kuh, die ebenfalls halsstarrig zu sein
-scheint. Kommt Mann und drin könnt Ihr uns sagen, was Euch zu diesem Winkel
-von Arkansas hergeführt, denn Besuch bekomme ich verwünscht selten, wenn
-nicht einmal ab oder zu ein einzelnes Canoe bei mir anlegt.«
-
-Hendricks dankte freundlich, schien aber doch noch keine rechte Lust zu
-haben der Einladung ohne Weiteres zu folgen, denn Betsy trat eben mit ihrem
-kleinen Melkkübel aus der Umzäunung und kam auf sie zu.
-
-»Wie geht's Miß Betsy,« sagte Hendricks, ihr ein Paar Schritt
-entgegengehend und ihr die Hand reichend -- »Sie sehen wohl und munter aus,
-und die Arkansas-Niederung scheint Ihnen vortrefflich zu bekommen.«
-
-»Danke Sir,« sagte das junge Mädchen, leicht erröthend, »ich habe ja auch,
-Gott sei Dank, noch kein Fieber hier gehabt; Pa und Ma aber desto mehr.«
-
-»Bah, das richtet sich Alles ein,« brummte der Alte, »wenn man sich nur
-erst einmal ein Bischen an die warme feuchte Luft gewöhnt hat. Das Land
-hier ist aber desto besser. Seht einmal die Maiskolben an, Hendricks, ob
-Ihr je in Euerem Leben größere getroffen habt. So lange ich und mein Junge
-leben bleiben, hält auch der Boden aus; in dem ist kein Vergang.«
-
-Das Gespräch kam jetzt auf die Fruchtbarkeit der verschiedenen Distrikte,
-in dem die Farmer unerschöpflich sind, und Betsy war indessen in das Haus
-gegangen, um den Frühstückstisch zu bestellen, denn die Mutter hatte wieder
-einen »Anfall« des ewigen kalten Fiebers und saß, sich schüttelnd, am Camin
-in der Ecke, die offenen zitternden Hände gegen die Flamme ausgebreitet.
-
-Bei dem Frühstück, das übrigens frugal genug aus etwas gebratenem Speck,
-warmem Weisbrod und einem Becher Kaffee oder Milch bestand, erzählte nun
-auch der Gast seinen Wirthen, daß er gesonnen sei, den Petite Jeanne zu
-verlassen, denn man wohne dorten gewissermaßen aus der Welt. Er wollte
-deshalb herüber an den Fourche ziehen, wo er sich schon, ein Stück weiter
-oben einen Platz ausgesucht habe, um eine Dampfsägemühle aufzustellen. Er
-hatte, wie er bemerkte, eine Masse Vieh im Walde herumlaufen, das jetzt
-einen nie dagewesenen hohen Preis in Little Rock brachte. Dorthin wollte er
-es nun, ehe er wieder zur Armee ging, treiben und verkaufen und dafür eine
-auf Speculation nach der Stadt gebrachte Sägemühle erstehen, die in der
-jetzigen Zeit natürlich kein Mensch haben wollte noch auch gebrauchen
-konnte, und die er unter solchen Umständen -- wie er sich auch schon
-erkundigt -- zu einem Spottpreis bekam.
-
-Der alte Jenkins nickte dazu beistimmend vor sich hin, denn was der junge
-Mann da vorrechnete, hatte Hand und Fuß, während sie Nichts nothwendiger in
-der =range= brauchten, wie gerade eine schon lang ersehnte Sägemühle, die
-auch wahrscheinlich vortreffliche Geschäfte machen würde. Das nur war ihm
-dabei etwas Neues, daß Hendricks so viel Vieh haben sollte, denn der alte
-Hendricks, der eine kleine Farm am Petite Jeanne angelegt hatte und fast
-gar Nichts selber arbeitete, denn er saß den ganzen geschlagenen Tag im
-Hause und las in der Bibel, war blutarm -- so wenigstens erzählte man sich
-am Fourche-la-fave. Uebrigens bestand nicht viel Verbindung zwischen den
-beiden kleinen Flüssen. Nicht einmal ein Weg führte vom unteren Theil der
-Fourche-la-fave hinüber, und irrige Nachrichten konnten deshalb wohl recht
-gut verbreitet sein.
-
-Der alte Jenkins dachte auch gar nicht daran, über die Verhältnisse eines
-Nachbars nachzugrübeln. Das war dessen Sache, und wenn sich der Sohn Geld
-erworben oder Vieh gezogen hatte, desto besser. Jenkins war wahrlich nicht
-neidischer Natur, um es ihm zu mißgönnen. Seine eigene Arbeit durfte er
-aber dabei nicht versäumen, und wie sie nun das Frühstück beendet, ging er
-wieder hinaus, um seinen Axtstiel fertig zu schnitzen und dann dem eigenen
-Sohn mit der =corncrib= zu helfen.
-
-Jim Jenkins und sein Bruder Bill standen ebenfalls auf, aber es war in
-den Backwoods auch Gebrauch, daß ihnen der Gast nicht zu folgen brauchte,
-sondern noch eine Zeitlang zurück und bei den Frauen blieb, um sich mit
-diesen ein wenig zu unterhalten. Besuch kam ja so selten, und hatte dann
-jedesmal einen so weiten Weg zurückzulegen, daß man ihn doch nicht gut auf
-eine halbe Stunde beschränken konnte.
-
-Die Mutter war aber kränker geworden und hatte sich auf das Bett in
-die entfernteste Ecke des Hauses gelegt, wo sie sich im Fieberfrost die
-Steppdecke über den Kopf zog. Betsy stand am Kamin und wusch das Geschirr
-auf. Hendricks, den Ellnbogen gegen den Simms gestützt, stand daneben. Die
-Unterhaltung war aber in's Stocken gerathen und selbst ein paar Fragen,
-die das junge Mädchen an ihn richtete, wurden so kurz und zerstreut
-beantwortet, daß sie endlich von ihrer Arbeit auf und ihn ansah.
-
-Hendricks mochte in diesem Augenblick fühlen, daß er sich ungeschickt
-benommen, denn das Blut schoß ihm in die Schläfe -- aber es war auch
-wirklich nur ein Augenblick, denn schon im nächsten sagte er, wenn auch mit
-nur halblauter und fast unterdrückter Stimme:
-
-»Miß Betsy, entschuldigen Sie mich -- meine Gedanken waren mit mir
-durchgegangen, und ich glaube ich habe mich etwas albern benommen.«
-
-»Sie haben gewiß nicht verstanden, was ich Sie frug,« lächelte das Mädchen.
-
-»Nein -- in der That nicht, aber erlauben auch Sie mir eine Frage --«
-
-»Gern, wenn ich sie beantworten kann.«
-
-»Nun gut,« sagte Hendricks, und wie sich vorher sein Antlitz rasch und wie
-mit einem Schlag röthete, eben so schnell erbleichte es auch jetzt, so
-daß ihn Betsy, die sich sein wunderliches Betragen nicht erklären konnte,
-erstaunt und fast erschreckt ansah. Hendricks ließ ihr aber nicht lange
-Zeit, und nach einem halb scheuen Blick auf das Bett hinüber, wo er aber
-keinen Horcher zu fürchten brauchte, fuhr er leidenschaftlich, aber nicht
-laut fort: »Sie haben vorhin gehört, Betsy, daß ich mir in allernächster
-Zeit eine Heimath zu gründen gedenke -- der Krieg kann kaum sechs Monat
-mehr dauern, dann kehre ich zurück und baue mir meine Cabin -- wollen Sie
-mein Weib sein? Wollen Sie Ihr künftiges Loos in meine Hände legen? Ich
-gebe Ihnen die feste Versicherung, daß ich --«
-
-»Halten Sie ein, Mr. Hendricks,« unterbrach ihn aber Betsy, und es war
-jetzt an ihr, zu erbleichen. Das Mädchen war in den wenigen Secunden so
-weiß geworden wie Schnee. »Ihr Antrag hat mich allerdings überrascht --
-ich war nach unserer flüchtigen Bekanntschaft nicht darauf vorbereitet
--- konnte es nicht sein, aber ich -- muß Ihnen auch erklären, daß jedes
-weitere Wort unnöthig sein würde, denn -- ich bin schon Braut.«
-
-»Betsy?« rief Hendricks, und krampfhaft faßte er das Simms, an dem er bis
-jetzt gestanden, »das ist nicht möglich. -- Vor kaum vierzehn Tagen war
-ich hier und ich weiß, daß Sie da noch frei waren. Sie wollen nur Zeit
-gewinnen, aber ich dränge Sie ja nicht -- nur die Möglichkeit will ich von
-Ihren Lippen --«
-
-»Und selbst die Möglichkeit kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Betsy leise,
-aber auch fest und entschlossen. »Ob ich glaube mit Ihnen glücklich leben
-zu können oder nicht, kommt hier nicht mehr in Betracht. Ich habe dem
-jungen Wells mein Wort gegeben, und sobald John sein neues Haus fertig
-hat, wird die Hochzeit sein. Die Zeiten sind so unruhig, daß ich meine
-Zustimmung zu einer so raschen Verbindung gab.«
-
-Hendricks hatte seine Unterlippe fest mit den oberen Zähnen gefaßt, und
-sein Blick bohrte sich dabei so scharf in Betsy's Augen, daß diese ihn
-nicht ertragen konnte. Aber in diesem Blick lag keine Liebe, kein Schmerz,
-sondern nur Haß, und während sich ein höhnisches Lächeln über seine Züge
-legte, sagte er ruhig:
-
-»Wenn die Sachen so stehen, Miß, dann möchte ich einer so glänzenden
-Verbindung allerdings nicht im Wege sein -- der Sohn eines
-Halb-Indianers --«
-
-»Mister Hendricks,« blitzte ihn aber jetzt das wieder voll auf ihn
-gerichtete Auge des Mädchens an -- »Sie würden nicht den Muth haben,
-das meinem Bräutigam in's Gesicht zu sagen. Entfernen Sie sich jetzt
-augenblicklich oder ich rufe meinen Vater.«
-
-»Ich werde Sie nicht länger belästigen, Miß,« sagte Hendricks kalt;
-»vielleicht habe ich einmal später die Freude, dem jungen glücklichen Paar
-meine Glückwünsche zu bringen. Mr. Wells zieht ja wohl nicht mit aus, um
-sein Vaterland zu vertheidigen -- was ich ihm auch unter solchen Umständen
-nicht verdenken kann.«
-
-Betsy's Blut kochte -- ihre Lippen öffneten sich halb, ihre kleine Faust
-ballte sich. Hendricks aber dachte nicht daran, sie noch mehr zu reizen,
-die Nähe der Männer vor dem Haus war ihm auch vielleicht unbequem, und sich
-nur mit spöttischer Ehrfurcht vor ihr tief verneigend, drehte er sich ab,
-ging zu seinem Pferd, band es los, schwang sich in den Sattel, und den bei
-ihrer Arbeit beschäftigten Männern einen kurzen Gruß zurufend, sprengte
-er gleich darauf den schmalen Pfad entlang, der nach dem Fourche-la-fave
-hinüberführte.
-
-»Na?« sagte Jim, der ihm erstaunt nachgesehen hatte, »der hat's ja auf
-einmal verdammt eilig. Was ist denn dem in die Krone gefahren, daß er
-davonschießt, als ob die Regulatoren hinter ihm her wären.«
-
-Der Alte hatte sich ebenfalls aufgerichtet, und wie von einem plötzlichen
-Gedanken ergriffen, fuhr sein Blick nach der eigenen Hausthür hinüber, ob
-er dort vielleicht eine Erklärung fände. Die Thür blieb aber leer; Betsy
-ließ sich nicht blicken und Jenkins, sich den einen Balken zurecht rückend,
-den er eben behauen wollte, sagte kopfschüttelnd:
-
-»Laß ihn laufen. Es ist mir recht, daß Ihr Euch nicht in den Haaren liegt,
-denn Nachbarn sollen in Frieden beieinander wohnen. Sonst liegt mir aber
-an dem Umgang auch nicht gerade besonders viel; denn der alte Hendricks ist
-ein alter Heuchler, so viel ist sicher, und von dem jungen weiß ich eben
-Nichts. Komm Jim, faß einmal hier mit an, daß wir den Block da ein wenig
-mehr bei Seite schieben; komm Du auch her, Bill. Ich weiß nicht, mir ist es
-in's Kreuz hinein gefahren und die alten Knochen wollen nicht mehr so recht
-mit! Betsy mag auch eine Hand reichen; das Stück Holz ist mordmäßig schwer
-und wir wollen uns gerade keinen Schaden damit thun. He Betsy -- oh Betsy
--- komm einmal einen Augenblick her, Schatz, und nimm die Stange hier. --
-Wenn sie die nur immer unterstemmt, daß er nicht wieder zurückfällt, können
-wir es schon machen.«
-
-Betsy kam aus dem Haus, dem Ruf Folge leistend, aber das Mädchen sah so
-merkwürdig blaß aus, daß Jim erschreckt rief:
-
-»Hallo Betsy, was fehlt Dir? Du bist krank, Schatz -- siehst ja käseweiß im
-Gesicht aus. Geh nur wieder hinein, Dich können wir hier nicht gebrauchen.«
-
-»Sagt mir nur, wo ich anfassen soll,« erwiederte das Mädchen ruhig, »mir
-fehlt Nichts, wenn ich auch vielleicht ein Bischen blaß aussehe.«
-
-»Dir fehlt Nichts?« rief aber auch jetzt der Alte, der sie aufmerksam
-betrachtete, und dann unwillkürlich nach dem Weg hinübersah, auf dem
-Hendricks vor wenig Minuten davon geritten. -- »Hat Dir der -- =gentleman=
-etwa was gesagt?«
-
-»Welcher =gentleman=, Pa?«
-
-»Nun, der Mister Hendricks.«
-
-»Das ist kein Gentleman,« sagte das junge Mädchen finster und fuhr nach
-einer kurzen Zögerung fort: »Ja -- er hat mir seine Hand angeboten.«
-
-»Hm,« brummte der Alte, »merkwürdig geschwind muß es gegangen sein, das ist
-wahr, aber als eine Beleidigung kann man das doch nicht eigentlich nehmen.«
-
-»Ich hab's aber so genommen Vater, doch -- laßt den -- Burschen. Sagt
-mir wo ich mit anfassen kann, denn ich muß wieder zur Mutter hinein. Das
-Schütteln ist vorüber und sie bekommt jetzt ihr Fieber.«
-
-Die beiden Männer wußten recht gut, daß aus der Betsy -- wenn sie nicht
-reden wollte, Nichts herauszubringen sei. Der Alte betrachtete sie
-allerdings wohl noch eine Minute lang scharf und forschend, aber sie
-erwiederte den Blick nicht, und da war es denn das Beste, daß man sie
-eben ruhig zufrieden ließ. Er zeigte ihr deshalb jetzt, wie sie die Stange
-einsetzen und halten solle, und Betsy, nicht zum ersten Mal bei der Arbeit
-verwandt, brauchte auch keine lange Erklärung. In kurzer Zeit war der Stamm
-auf seinem Platz, und sie schritt dann wieder, ohne weiter ein Wort zu
-sagen, nach dem Haus zurück.
-
-Jim wollte die Sache freilich nicht aus dem Kopf und als er gegen Mittag
-noch einmal wieder zu ihr in's Haus kam, frug er sie:
-
-»Höre, Betsy, was hat Dir der Bursche denn eigentlich gesagt? es wäre mir
-lieb, wenn ich's erfahren könnte.«
-
-»Laß ihn nur, Jim,« meinte aber die Schwester, »er wird uns hier nicht
-wieder in's Haus kommen,« setzte dann ihr Bonnet auf, nahm ihren kleinen
-Korb und ging hinaus in's Maisfeld, um dort Bohnen für das Mittagsessen zu
-pflücken.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Der erste Schlag.
-
-
-Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit wenig und die Bewohner
-desselben wußten eigentlich gar nicht, wie glücklich und unbelästigt sie
-bis jetzt von den Schrecken des Krieges verschont lebten, während im Osten
-die Brandfackel in friedliche Hütten geschleudert wurde und in Virginien
-besonders der Boden das darauf vergossene Blut kaum mehr einsaugen konnte.
-Insofern befanden sie sich aber auch am Fourche in einer peinlichen Lage,
-als sie die _Ungewißheit_ quälte: denn was nur an abenteuerlichen, oft
-unmöglichen Dingen von der einen oder anderen Partei erfunden werden
-mochte, fand doch sicher seinen Weg hier her in den Wald, und hielt die
-Bewohner, besonders die Frauen, in einem steten Grad peinlicher Aufregung.
-
-Uebrigens rückte ihnen der Kampfplatz auch näher, denn der Norden fing an
-einzusehen, daß er den Süden nie würde bezwingen können, wenn er nicht den
-Mississippi, die Hauptstraße des Westens und Südens, vollständig in die
-Hand bekam. Aber der Süden wußte das ebenfalls, und wenn auch New-Orleans
-genommen und in den Händen der Yankees war, den oberen Mississippi,
-Vicksburg und Memphis hielten die Südländer fest besetzt, und waren
-von hier aus im Stande ihre Heere im Osten leicht mit dem im Westen
-aufgekauften Vieh zu verproviantiren. Fuhr ihnen dann auch einmal
-ein Kanonenboot des Northerners an der Nase vorüber und bedrohte die
-Communication, so konnte es sich doch nie lange dort halten, und die
-Nord-Armee fing deshalb auch schon an ihre Macht besonders gegen Vicksburg
-zu entwickeln, um den Feind dadurch von allen Seiten einzuschließen.
-
-Indessen waren die Secessionisten aber auch in diesem Theil von Arkansas
-gerade besonders thätig gewesen, um die Backwoodsmen zu einer compacten
-Masse zu organisiren und mit ihnen, wie sie recht gut wußten, eine
-Hauptmacht in's Feld zu stellen. Das aber scheiterte anfangs, wie wir
-gesehen haben, aber nicht allein daran, daß hier im südlichen Wald die
-meisten alten Farmer und Jäger wirklich gute Unionisten waren und von einem
-Krieg gegen ihre alte Verfassung gar nichts wissen wollten, sondern auch
-an ihrem Widerwillen, den Wald und ihre Heimath zu verlassen. Daß ein Mann
-westlich ziehen konnte, weiter in die Wildniß hinein, ja, das schien ihnen
-faßlich und kam auch oft genug vor, daß er aber zurück in die Ost-Staaten
-geführt werden sollte, wäre keinem auch nur im Traum eingefallen.
-
-Der Süden mußte demzufolge anders manöveriren, und ein paar junge Officiere
-wurden abgesandt, die in den verschiedenen Counties den alten Plan wieder
-aufnehmen und eine Art Landwehr organisiren sollten -- nur vor der Hand zum
-Schutz des Staates selber, und das gelang ihnen denn auch endlich, obgleich
-sich die alten Backwoodsmen noch immer aus Leibeskräften dagegen sträubten.
-Sie sahen weiter, als das junge Volk, und trauten den Versicherungen nicht
-besonders, die jetzt fortwährend ausgestreut wurden: daß nämlich der Norden
-in den letzten Zügen läge und jetzt nur auf eine Gelegenheit warte, um
-den Süden anzuerkennen und einen halbweg ehrenvollen Frieden mit ihm
-abzuschließen.
-
-Der Süden hatte allerdings in vielen Schlachten, von tüchtigen Feldherrn
-angeführt, gesiegt, aber man schien doch die Spannkraft des Nordens
-unterschätzt zu haben, und im Frühjahr 63 gewann die Lage der Staaten schon
-ein anderes Aussehen. Memphis fiel, die nördlichen Truppen waren gegen
-»das Gibraltar des Südens«, gegen Vicksburg vorgerückt und hatten eine
-regelmäßige Belagerung begonnen, und Lee wurde im Norden so von neuen
-anwachsenden Heeren bedrängt, daß er der bedrohten Stadt am Mississippi
-nicht einmal zu Hülfe und zum Entsatz kommen konnte.
-
-Die jungen Leute vom Fourche-la-Fave, obgleich sich Viele von ihnen noch
-immer zurückhielten, kamen nun schon ziemlich regelmäßig, wenigstens einen
-Tag in der Woche, in Perryville zusammen, um ordentlich einexercirt zu
-werden; denn wenn man dort im Walde auch keine »Feldschlacht« liefern
-konnte, mußten sie doch nothwendigerweise die verschiedenen Signale und
-Commandorufe kennen lernen, um eben auf alle Fälle gerüstet zu sein. Diese
-Uebungen wurden auch den ganzen Sommer hindurch fortgesetzt, als plötzlich
-ein dumpfes, freilich noch unbegründetes Gerücht durch den Wald lief:
-Vicksburg sei gefallen, wie sich Memphis selber schon lange in den Händen
-der Unionstruppen befand.
-
-Allerdings widersprachen die südlichen Agenten dem auf das Entschiedenste
-und brachten selbst Zeitungen aus Vicksburg -- freilich von etwas früherem
-Datum, in welchen aber die Belagerten noch eine vollkommen übermüthige, ja
-fast höhnende Sprache gegen den Norden führten. Aber die Zeitungen selber
--- das Papier nämlich, auf dem sie gedruckt waren, stimmte nicht recht
-zu der darin enthaltenen Behauptung, daß die Yankees noch nicht einmal
-im Stand gewesen wären, selbst ihre Communication mit dem Inland zu
-unterbrechen, denn man war schon in Vicksburg gezwungen gewesen, die
-Lettern nicht mehr auf Papier, sondern auf Tapeten zu drucken, da es an
-dem ersteren in der eng eingeschlossenen Stadt vollkommen fehlen mußte. Die
-Zeitungen hatten deshalb auch, blos auf einer Seite gedruckt und auf dem
-Rücken mit irgend einem Tapetenmuster, ein höchst wunderliches Ansehen und
-stimmten nicht zu dem Uebermuth, der sich noch immer in ihnen aussprach.
-
-Die Musterungen im Wald wurden aber desto eifriger betrieben, und plötzlich
-kam sogar der Befehl, daß in Randolf, einer kleinen Stadt in Tennessee
-aber an der andern Seite des Mississippi und also außerhalb Arkansas,
-eine Hauptmusterung abgehalten werden solle, um der Zahl der waffenfähigen
-Männer sicher zu sein.
-
-Das war allerdings gegen die erste Abrede, nach der eine Verwendung der
-»Landwehr« nach Außen, gar nicht beabsichtigt worden. Die Verwendung
-selber wurde auch jetzt noch geleugnet; es sollte, den Versicherungen der
-Officiere nach, nur eben eine Musterung und nichts weiter sein, aber man
-wünsche sehr, daß sich alle jungen Leute dabei betheiligen möchten, um
-einen bestimmten Ueberblick zu gewinnen.
-
-Das gab große Aufregung am Fourche-la-Fave, und wenn auch bei Vielen die
-Lust, sich an dem Krieg da draußen zu betheiligen, nicht besonders groß
-sein mochte, weil es eben gegen den eigenen Stamm ging, und die meisten
-der hiesigen Ansiedler gerade von den nördlichen Staaten, von Indiana und
-Illinois, hierher gezogen waren, so arbeitete doch auch wieder der Ehrgeiz,
-nicht zurückzustehen, zu Gunsten der Südstaaten, und brachte dadurch viel
-Leid in einzelne Familien, ohne den Gang der Ereignisse wenden, ja nur
-aufhalten zu können.
-
-In Klingelhöffer's Familie herrschte ebenfalls tiefe Trauer. Der alte Mann,
-eine lange eherne Gestalt mit großem rothen Bart und hellblauen Augen, ging
-mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengezogenen Brauen in seiner
-Stube auf und ab. In der Ecke saß die Mutter, ein Bild tiefer Betrübniß,
-die Hände im Schooß gefaltet, die guten Augen voller Thränen, die ihr
-unbewußt an den Wangen niedertroffen, neben ihr die Töchter, ebenfalls
-bedrückt, während am Fenster, den Blick auf den breiten Strom gerichtet,
-der einzige Sohn, ein hochaufgeschossener, kräftiger Bursch stand und wohl
-bleich und erregt, aber auch festentschlossen aussah.
-
-»Ich kann nicht anders, Vater,« sagte er endlich, nach einer langen Pause,
-in der Niemand gewagt hatte, die Stille zu unterbrechen -- »ich bin
-mit ihnen zusammen aufgewachsen, ich kann mich jetzt nicht von ihnen
-ausschließen oder ich dürfte mich ja nicht einmal mehr in den Ansiedlungen
-blicken lassen, ohne von den Frauen selbst verhöhnt zu werden.«
-
-Der Alte zerbiß einen Fluch. »Und was das Weibervolk über Dich sagt, liegt
-Dir mehr am Herzen, als der eigene Vater, die eigene Mutter.«
-
-»Sie werden mich Memme schelten und das willst Du doch auch nicht.«
-
-»Nein, bei Gott nicht!« rief der alte Mann, »und wenn Du mir heute sagtest,
-ich halt's nicht mehr länger daheim aus -- ich will hinauf in den Norden
-ziehn und gegen Sklaverei und für die Verfassung kämpfen, ich gäbe Dir,
-wenn auch mit blutendem Herzen, meinen Segen: aber daß Du mit den Sesesch
-die Hand an das Palladium unserer Freiheiten legen willst, daß das mein
-eigener, mein einziger Sohn thun will -- das thut weh.«
-
-»Und _könnt'_ ich in den Reihen des Nordens fechten,« sagte der junge Mann
-wehmüthig, »wo alle meine Freunde und Schul- und Spielkameraden in den
-Reihen der Feinde stünden? Es wäre zu furchtbar.«
-
-»Darum bleib. Die Musterung ist nur eine faule Lüge, um Euch erst einmal
-von hier fortzulocken. Sie lassen Euch nie wieder in den Wald zurück.«
-
-»Ich kann nicht Vater. -- Sie gehen Alle.«
-
-»Sie gehen nicht Alle,« rief der Alte heftig. »Jim Jenkins denkt nicht
-daran, für den Süden zu fechten, ebensowenig Jim Cook und die beiden Wells,
-und daß Hogan geht, glaub' ich ebensowenig, und denen wirst Du doch gewiß
-nicht vorwerfen, daß sie feige sind.«
-
-»Nein Vater, aber sie mögen das mit ihrem eigenen Gewissen abmachen. Die
-drei Houstons gehn jedoch, Curtil, Rawlins, Rankins, die Mac Kinneys,
-Smeiers, Hodges und wie sie Alle heißen und vom Petite Jeanne drüben gehen
-sie Alle, ebenso vom Mamelle und der anderen Seite drüben und die jungen
-Leute vom Van Buren herunter, von Washington, Fulton, ja selbst vom Fort
-Smith haben sich schon bei Little Rock gesammelt und warten nur darauf, daß
-sich unsere Compagnie ihnen anschließen soll.«
-
-»So geh'!« sagte der alte Mann, mit einem tief aus der Brust geholten
-Seufzer, während seine Lippen zitterten und seine ganze Gestalt bebte. »Geh
--- an dem Segen des Vaters ist Dir doch nichts gelegen.«
-
-»Vater!« rief der junge Mann mit hervorquellenden Thränen und tiefem
-Schmerz -- »ich kann ja nicht anders; frage die Mutter, ob sie mich in den
-anderen Reihen sehen möchte.«
-
-Der alte Mann hatte seine, aber schon lang ausgegangene Pfeife in der Hand,
-und faßte sie so krampfhaft, daß das Rohr von einander brach -- aber er
-sagte kein Wort; stützte sich nur mit dem rechten Arm auf den Kaminsimms,
-und lehnte seine Stirn darauf, daß der rebellische Sohn die Thränen nicht
-sehen sollte, die ihm selber in den Bart liefen und jetzt langsam und
-schwer in die Asche niedertropften.
-
-»Geh nur,« sagte er endlich, ohne seine Stellung aber zu verändern, »geh
--- Dein Pferd und Deine Waffen hast Du -- was Du an Geld etwa brauchen
-solltest, kannst Du in Little Rock bekommen. Ich werde Dir einen Brief
-dahin mitgeben.«
-
-»Aber doch nicht so, Vater. Willst Du nicht Abschied von mir nehmen?«
-
-»Willst Du jetzt schon fort?« rief der alte Mann, erschreckt emporfahrend.
-
-»Um drei Uhr haben wir unsern Sammelplatz an der Mamelle; es ist jetzt
-schon acht Uhr und ich muß scharf zureiten, wenn ich ihn noch erreichen
-will.«
-
-Klingelhöffer erwiderte nichts weiter. Er wischte sich die verrätherischen
-Tropfen aus den Augen, ging dann an seinen Tisch, suchte sich sein wenig
-gebrauchtes Schreibzeug zusammen, schrieb und faltete denn das Blatt.
-
-Die Mutter war in ihrer Stellung geblieben; sie wußte ja, wie Alles kommen
-würde, denn mit ihr hatte der Sohn schon am Abend vorher gesprochen und ihr
-seinen festen Entschluß verkündet. Was er mitzunehmen hatte, war auch
-schon Alles eingepackt und in Ordnung -- und jetzt kam der Abschied -- der
-furchtbare Abschied bei solcher Trennung.
-
-Die Frauen erleichterten sich auch dabei das Herz durch Thränen.
-Klingelhöffer selber hatte seinen ersten Schmerz bezwungen und reichte dem
-Sohne nur die Hand.
-
-»So zieh' mit Gott,« sagte er dabei, aber die Worte rangen sich ihm nur
-mühsam aus der Kehle, -- »zieh mit Gott! Du hast es nicht anders haben
-wollen. Dieser freien und herrlichen Constitution wegen habe ich mein
-Vaterland verlassen und bin mit Deiner Mutter hier herüber in den Wald
-gezogen. Du, mein einziger Sohn, willst die Hand dagegen erheben und sie
-mit stürzen helfen.«
-
-»Vater,« bat der Sohn, »ich kann ja nicht anders. Oh, wie gern blieb ich
-bei Dir --«
-
-»Ja wohl,« nickte der alte Mann, dessen Geist dadurch in eine andere Bahn
-gelenkt wurde -- »bei mir -- Niemand bleibt jetzt bei mir. Wenn sie Dich
-todtschießen, dann kann ich von vorn anfangen meinen Acker zu bauen -- so
-lang' es die alten Knochen eben noch können und nachher --«
-
-»Ich kehre zurück Vater -- bald -- Du sollst nicht mehr arbeiten dürfen,
-Du hast in Deinem Leben genug, über genug gethan. Leb' wohl. Gott schütze
-Dich.«
-
-»Leb wohl,« sagte der alte Mann und drückte zum ersten Mal die Hand des
-Sohnes, die er noch in der seinen hielt. Da hielt sich Gustav aber auch
-nicht länger. Sich an des Vaters Brust werfend, faßte er ihn mit beiden
-Armen und eine halbe Minute wohl hielten sich die beiden Männer fest und
-schweigend umschlungen. Da schob der Vater den Sohn zuerst von sich ab und
-sagte leise:
-
-»Du mußt fort -- Deine Zeit ist um -- mach's kurz.«
-
-Noch einmal umschlang der junge Mann Mutter und Schwestern, dann sprang er
-hinaus -- reden konnte er nicht mehr, denn Thränen erstickten seine Stimme.
-Draußen an der Fenz lehnte seine Büchse, die griff er auf, schwang sich in
-den Sattel, und war im nächsten Augenblick um den Hügel verschwunden, der
-den Pfad nach dem nahen Fourche la Fave zu deckte. Das Haus selber lag auf
-der Spitze, welche der in den Arkansas einmündende Fourche bildete, und
-über diesen mußte er sein Pferd bringen, um dann durch den Wald hin die
-nach der Mamelle führende Straße zu erreichen.
-
-Das war überhaupt eine schwere Zeit für die Bewohner dieses bis jetzt
-so stillen und eigentlich von dem Verkehr mit der Welt abgeschlossenen
-Districts. Manche Hütte hatte damit den einzigen Sohn verloren und wenn
-sich auch einzelne dadurch zu trösten suchten, daß es eben nichts
-weiter als eine Musterung sei und die jungen Leute bald in ihre Heimath
-zurückkehren würden, im Herzen glaubten sie es doch kaum selber und ihre
-Befürchtungen sollten sich auch nur als zu begründet erweisen.
-
-Woche um Woche verging, aber die Compagnie kehrte nicht wieder und die
-Nachricht kam ebensowenig, wohin man sie geführt, in welche Armee, ob nach
-dem Norden oder Süden.
-
-Der alte Klingelhöffer hatte aber mit seiner Behauptung Recht gehabt, daß
-sich nicht Alle diesem Zuge anschlossen. Jenkins, Cook und die beiden Wells
-waren in der That zurück geblieben und zwar nicht etwa aus Feigheit, aber
-im Herzen der Union ergeben, wollten und konnten sie nicht gegen diese
-kämpfen.
-
-Uebrigens ließ man sie nicht lange in Frieden, denn kaum waren drei Wochen
-nach der vorbeschriebenen Zeit verflossen, als ein Placat von dem in Little
-Rock befehlenden General der Südstaaten in Perryville sowohl, wie in den
-verschiedenen Ansiedlungen verbreitet wurde, in dem von einer Landwehr für
-Arkansas nicht mehr die Rede war, sondern alle waffenfähige Mannschaft, bei
-Drohung sofortigen Arrests, nach Little Rock selber einbeordert wurde,
-um sich dort zu stellen und einem besonders equipirten Arkansas-Regiment
-einrangirt zu werden.
-
-Früher wäre das nun allerdings nicht angegangen, denn mit Gewalt konnte man
-den ganzen Fourche la Fave, wenn er einig geblieben wäre, nicht beitreiben.
-Züge der Nördlichen waren schon von Missouri her im Anzug und in Little
-Rock selber wurde jeder Mann nothwendig zur möglichen Vertheidigung der
-offenen Stadt gebraucht. Jetzt aber ging das leichter. Man kannte recht
-gut die Einzelnen, die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen, und
-kleine Patrouillen langten oben an, um sie auf ihren Farmen aufzuheben.
-
-Der junge Cook, dessen Vater kurz vorher gestorben war, entging eines
-Morgens nur mit Mühe einer ihm bestimmten Ueberraschung und flüchtete in
-den Wald, wohin ihm natürlich die Soldaten nicht folgen konnten. Die beiden
-Wells mußten ebenfalls ihren Platz verlassen, Jim Jenkins durfte sich gar
-nicht mehr auf der, dicht am Arkansas liegenden Farm blicken lassen, weil
-sogar mehrmals in der Nacht Boote gekommen waren, das Haus dann in der
-Stille besetzt und nach ihm gesucht hatten.
-
-Eigentlich war es wunderlich genug, daß man sich solche Mühe um ein
-Paar einzelne junge Leute gab, und um sie einzufangen, viel mehr andere
-Mannschaft verwendete. Woher hatte überhaupt der General in Little Rock so
-genaue Kunde von dem, was hier mitten im Wald passirte, wenn nicht irgend
-ein geheimer, aber mit den hiesigen Verhältnissen sehr vertrauter Feind die
-Säumigen denuncirt und ihre Verhaftung hartnäckig betrieben hätte? Aber wer
-konnte das sein? -- Betsy Jenkins rieth augenblicklich auf Hendricks, doch
-Niemand hatte ihn seit langer Zeit in der =range= gesehen. Eben so wenig
-war er bei irgend einer Patrouille betheiligt gewesen, die man sogar, als
-der Verdacht erst einmal geweckt war, nach ihm gefragt hatte. Sie kannten
-den Namen gar nicht und meinten nur, wenn er schon damals hier in Uniform
-gewesen sei, befinde er sich jetzt jedenfalls drüben über dem Mississippi
-bei dem Heere, das eben abgeschickt wurde, um Vicksburg zu entsetzen und
-die Abolitionisten zurück über ihre Grenzen zu jagen.
-
-Damit zogen sich wieder einige Wochen hin und das Gerücht wiederholte sich,
-daß Vicksburg gefallen sei. Aber es war so oft schon aufgetaucht, daß man
-es nicht weiter beachtete, noch dazu da die unmittelbare Nähe einen immer
-bedrohlicheren Charakter annahm. Allerdings hieß es einmal, daß von Memphis
-herüber ein Unionsheer rücke, um Little Rock zu besetzen und dadurch die
-Gewalt im Staat zu bekommen, und vom Missouri herunter sollten ebenfalls
-die Unionstruppen vordringen. Gegen diese hatten sich aber im Süden
-von Missouri wie im Norden von Arkansas Guerillas gebildet -- ebenfalls
-Backwoodsmen, aber dem Süden ergeben, die den Feind auf jede Weise zu
-belästigen suchten und von den nördlichen in verächtlicher Art Bushwhackers
-genannt wurden -- eine Bezeichnung die unserem »Buschklepper« wohl am
-nächsten käme.
-
-Die Bushwhacker waren Anfangs auch wohl die reinen Guerillatrupps, wie
-sie sich in andern wilden Ländern ebenfalls bilden und nothgedrungen da
-entstehen müssen, wo man sich dem Eindringen eines Feindes widersetzen
-will, und doch nicht Mannschaft genug auftreiben kann, um ihm im offenen
-Feld die Stirn zu bieten. Daß sich aber auch Gesindel zwischen diesen
-ordnungslosen Schaaren fand, ist nicht zu verwundern, und besonders
-wurden mehrmals scheußliche Grausamkeiten nicht allein an gefangenen oder
-verwundeten Soldaten, sondern auch sogar an einzelnen Familien im Wald
-verübt, welchen Ueberschreitungen die eigentlichen Bushwhacker aber
-vollkommen fern standen und mit Entrüstung solche Anschuldigungen
-zurückwiesen.
-
-Nichts destoweniger waren sie aber vollständig begründet, und es zeigte
-sich bald, daß es in der That einzelne ordnungslose oder geordnete Banden
-im Walde gab, die, wie uns Cooper in seinem »Spion« die »Cowboys«
-oder Kuhjungen des ersten amerikanischen Freiheitskrieges beschreibt,
-rücksichtslos bei Freund und Feind einfielen und dann wie richtige Räuber
-stahlen und plünderten, was sie eben bekommen konnten.
-
-Dieses Gesindel, das aber ebensogut den eigentlichen Bushwhackern wie den
-Unionstruppen aus dem Wege ging, und nur da vorbrach und seine Schrecken
-verbreitete, wo es sich vor Entdeckung ziemlich sicher wußte, bekam denn
-auch bald einen neuen Namen. Man nannte jene, keiner bestimmten Partei
-angehörigen Plünderer Jayhawker[2], das Geschäft selber, das sie betrieben,
-Jay-hawking, und der Name war bald im ganzen Wald, besonders von Missouri
-gefürchtet. Durch sie bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten
-Namen, denn man wußte sie oft nicht von einander zu unterscheiden und die
-regulairen Truppen des Nordens ließen diese -- wenn sie einmal einen in
-ihre Gewalt bekamen, oft entgelten, was die anderen verübt hatten.
-
- [2]: Das Wort ist jedenfalls von =jay-bird= -- ein kleiner harmloser
- Waldvogel und =hawk= Falke abgeleitet, bezeichnet also einen Mann, der
- heimtückisch über einen Wehrlosen herfällt.
-
-Die jungen Leute am Fourche-la-Fave nun, Jenkins, Cook und die beiden
-Wells, denen der Platz dort zu warm wurde, da man es wirklich ganz
-ernstlich auf sie abgesehen zu haben schien, beschlossen den Staat zu
-verlassen und bei der Nord-Armee Dienst zu nehmen. Möglich, daß sie dann
-mit dieser nach Little Rock vordringen, und dazu beitragen konnten, den
-Ihrigen am Fourche Luft und dem nichtswürdigen Spionirsystem ein Ende zu
-machen. Nach Norden konnten sie freilich nicht fort, denn dort wären sie
-jedenfalls den Bushwhackern in die Hände gelaufen und dann auch sicher für
-die Sesesch gepreßt worden. Nach Süden zu durften sie ebensowenig,
-denn dort schwärmte es ebenfalls von »Rebellen«, und Little Rock, die
-Hauptstadt, war ja auch noch in deren Händen.
-
-Da blieb ihnen denn keine andere Wahl, als gerade gen Osten gegen den
-Mississippi hin durch den Sumpf zu brechen. Die Jahreszeit war ja auch
-günstig dazu, und im wilden Walde großgezogen, fürchteten sie nicht, ihren
-Weg zu verlieren. Ihre Familien drängten sie selber dazu, denn soviel
-hatte sich jetzt herausgestellt, daß es zur Unmöglichkeit geworden, länger
-neutral zu bleiben. Auf eine oder die andere Seite mußte man sich schlagen
-und ohne Weiteres beschlossen sie deshalb, ihren langen beschwerlichen Weg
-anzutreten.
-
-Bei Klingelhöffer hatten sie ihren Sammelplatz verabredet, dort
-übernachteten sie noch einmal und dem alten Mann war es ein wehes,
-entsetzliches Gefühl wenn er sich dachte, daß gerade diese jungen Burschen,
-die er als Kinder auf dem Arm herumgetragen, jetzt in das, seinem eigenen
-Sohn feindlich entgegenstehende Heer treten und möglicherweise eine Kugel
-gerade aus ihrem Rohr seine Brust treffen könne. Aber wie auch sein Herz
-dabei denken mochte, sein Verstand, seine ganze Sympathie war trotzdem auf
-Seite des Nordens.
-
-Er behielt sie über Nacht bei sich, füllte am nächsten Morgen ihre
-Proviantbeutel mit Lebensmitteln und ruderte sie dann selber in seinem Boot
-über den Arkansas. -- Wie es das Schicksal bestimmt hatte, mußte es sich
-ja doch erfüllen -- es war ein Bürgerkrieg, der Bruder gegen Bruder, Vater
-gegen Sohn anhetzte, -- welche Rücksicht konnte da der Freund auf den
-Freund nehmen. Die Würfel rollten -- wie sie fielen? -- Nur Gott wußte es.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Jay-hawking.
-
-
-Wie still das am Fourche-la-Fave geworden war, als das sämmtliche junge
-Volk den kleinen Fluß verlassen hatte, wie merkwürdig still. Nur die
-alten Leute saßen noch auf ihren vereinzelten Farmen -- nur die Frauen und
-Kinder, und die getrauten sich jetzt nur in seltenen Fällen hinaus in den
-Wald und vielleicht nur einmal nach der allernächsten Ansiedlung hinüber,
-denn der alte Browns, der oben in Missouri gewesen war, um zu sehen, wie
-es seinen dort wohnenden Kindern ging, hatte die eben nicht erfreuliche
-Nachricht mit an den Fourche gebracht, daß die Raubbanden dort und schon
-gar nicht mehr so weit vom Arkansas entfernt, mehr und mehr überhand
-nähmen, je mehr die nördlichen Truppen nach Süden herunterrückten, und
-dadurch auch das Gesindel vor sich her trieben.
-
-Uebrigens waren auch hier schon fremde Gesellen gesehen worden, die
-sich allerdings nicht aufgehalten hatten, aber überall, und nur unter
-verschiedenen Vorwänden, die genauesten Erkundigungen über den hiesigen
-Stand der Bevölkerung einzogen. Bald gaben sie vor, sich hier niederlassen
-zu wollen, weil man hier so wenig von dem Bürgerkrieg spüre, bald forschten
-sie nach einem verloren gegangenen Verwandten, und wenn es nun auch im
-Character der Backwoodsmen selber lag, auf irgend einem Ritt die genauesten
-Fragen über Alles zu stellen, so waren die Leute doch durch den unsichern
-Zustand ihres ganzen Landes so beunruhigt, daß selbst vielleicht vollkommen
-unschuldige Nachfragen ihren Verdacht erwecken konnten.
-
-Aber waren die Nachfragen auch wirklich so unschuldig gewesen? Eines
-Morgens kam der alte Smeiers auf seinem todtmüden abgehetzten Thier nach
-Perryville hineingeritten und brachte die Meldung, daß sich oben an seiner
-Farm verdächtiges Gesindel zeige. Drei von seinen besten Pferden fehlten
-zu gleicher Zeit und nur zwei von seinen sieben Milchkühen seien vorgestern
-Abend nach Hause gekommen. Es wäre möglich, daß ihnen ein Trupp dieser
-verdammten Jay-hawker einen Besuch zugedacht und deshalb besser gleich den
-ganzen Fourche-la-Fave aufzubieten, um den Wald abzusuchen und Feuer hinter
-die Schufte zu machen.
-
-Er fand aber wenig Aussicht auf Hülfe in dem kleinen Städtchen, wohin eben
-die Nachricht gelangt war, daß jetzt Vicksburg, das Gibraltar des Südens,
-wirklich von den Yankees nach vielen furchtbaren Stürmen zwar und mit dem
-Verlust vieler Menschenleben, aber trotzdem genommen sei und man wußte noch
-gar nicht welchen Erfolg dieser, jedenfalls entscheidende Sieg des Nordens,
-auf die Kriegführung des Südens haben würde.
-
-Außerdem fehlte es vollkommen an waffenfähiger Mannschaft um einen
-wirksamen Zug auszuführen. Wo hätten sie Leute hernehmen wollen, da man ja
-das ganze junge Volk hinweg und über den Mississippi hinüber gelockt hatte.
-Zeigten sich aber wirklich Jay-hawkers in der Nachbarschaft, wie konnte
-man dann das eigene Haus verlassen, um einem ungekannten Feind entgegen zu
-ziehen, der vielleicht in derselben Zeit den Fourche gekreuzt hatte und,
-solche Gelegenheit benutzend, die ganz unbeschützten Farmen überfiel?
-
-Smeiers fand bald, daß er hier nicht auf Hülfe rechnen konnte, warf sich
-wieder auf sein kaum ausgeruhtes Pferd und suchte jetzt seine übrigen
-Bekannten auf, die ihm aber auch nur wenig Trost geben konnten.
-
-Cooks Haus fand er ganz verödet, die junge Frau war mit dem kleinen Kind
-fortgezogen und kein Mensch auf dem ganzen Platz zurückgeblieben, der ihm
-hätte Nachricht geben können. Wells, einer seiner ältesten Freunde, hatte
-sich mit der Axt in den Fuß geschlagen und konnte nicht von der Stelle. Die
-Söhne waren fort. Wilson fand er wohl zu Haus aber ohne Munition. Er war
-gerade von Little Rock zurückgekehrt, wo die Regierung sämmtliche Munition
-mit Beschlag belegt hatte, so daß er nicht einmal Zündhütchen für seine
-Büchse bekommen konnte -- und weiter hinab sah es genau so aus. Die wenigen
-alten Backwoodsmen, die noch auf den Farmen lebten, konnten gar nicht
-daran denken ihren Platz zu verlassen, und Klingelhöffer, auf den er fest
-gerechnet hatte, lag krank in seinem Bette und konnte nicht einmal gehen,
-viel weniger reiten.
-
-Der ganze Fourche-la-Fave befand sich in der That in einem vollkommen
-schutzlosen Zustand, und die Nachricht schon, daß sich die allgemein
-gefürchteten Gesellen in der Nachbarschaft gezeigt, brachte die Frauen
-besonders in die furchtbarste Aufregung.
-
-Das waren die Vorläufer der Yankees -- so hieß es fast überall unter ihnen
--- mit Rauben und Brennen fingen die an, und wie sollte es nun erst werden,
-wenn das wirkliche Heer nachrückte und ihren stillen Wald mit seinen
-marodirenden Schwärmen überschwemmte.
-
-Die Männer schüttelten freilich dazu mit dem Kopf, denn daß ein paar
-Pferde gestohlen wurden -- nun ja, es wäre nicht das erste Mal in der
-Range gewesen, und in früherer Zeit hatten sie sich ja auch einmal zu einem
-Regulatorenbund zusammenthun müssen, um eine Bande übermüthig gewordener
-Schufte zu züchtigen und unschädlich zu machen. Aber seit sie selber jung
-gewesen, war das nicht wieder vorgekommen, und dann -- was in Gottes Namen
-gab es denn in ihren ärmlichen Hütten zu stehlen, daß es die Habgier von
-Dieben hätte reizen können? Das Vieh, nun ja, aber das mußte auch bald
-seine Grenze haben, denn nach Little Rock durften sie sich nicht wagen es
-zu treiben, und um die Rinder etwa zu verzehren? lächerlich! mit eben so
-leichter Mühe konnten sie Hirsche und Truthühner genug im Walde schießen.
-
-So ganz recht war es ihnen aber doch nicht, und wenn sie es sich auch nicht
-wollten gegen die Frauen merken lassen, untereinander sprachen sie darüber
-und wünschten sich ziemlich offen, daß ihre Jungen nur erst wieder zurück
-aus dem verbrannten Krieg wären -- nachher wollten sie mit derartigem
-Gesindel schon rasch genug aufräumen, daß ihm der Wald und besonders der
-Dogwood[3] darin, bald zu warm werden sollte.
-
- [3]: Dogwood ist eine Art wilder Corneliuskirsche mit sehr bröcklicher
- Rinde; an diese kleinen Bäume wurden gewöhnlich Strolche angebunden,
- die man bei einem Pferdediebstahl erwischt hatte. Während man sie dann
- peitschte und sie sich um den Baum herumwanden, scheuerten sie die
- Rinde ab und man nannte sogar die Strafe danach »Dogwood schälen.«
-
-Aber die »Jungen« kehrten nicht so bald aus dem Krieg zurück, denn der
-Süden hatte, wie sich jetzt herausstellte, mit seinen immerwährenden
-Siegesnachrichten, die er im Westen ausgestreut, nur gelogen, und den
-Beweis sollten sie bald thatsächlich bekommen. Nicht allein, daß sie die
-_Gewißheit_ erhielten, Vicksburg sei wirklich nach einem furchtbar blutigen
-Kampfe genommen, nein, eines Morgens kamen sogar Flüchtlinge von Little
-Rock herauf, die nach dem Ozark-Gebirge wollten und die Kunde brachten, die
-Hauptstadt des Staates sei von den Unionstruppen besetzt und General Steene
-befehlige jetzt dort, während sich die Sesesch nach den »Heißen Quellen«
-mit Texas im Rücken hinübergezogen hätten und nicht etwa dort Stand
-hielten, sondern ihre Flucht ohne Säumen bis über den Redriver selber
-fortsetzten.
-
-Aber ein Weheschrei ging zugleich durch die ganze Ansiedelung, denn das
-Schlimmste, was sie bis jetzt gefürchtet, war eingetroffen. Droben an dem
-Petite-Jeanne war Einer der jungen, damals mit fortgegangenen Leute als
-Krüppel heimgekehrt, und wie ein Lauffeuer zog sich die Unglücksbotschaft
-durch die Hütten, daß jener ganze, so hinterlistig fortgelockte Trupp nach
-Vicksburg hinabgeschleppt sei. Dort hatten sie es möglich gemacht, die
-belagerte Stadt in der Nacht zu gewinnen, aber sie kamen gerade im letzten
-Augenblick, wo die Stadt selber schon an ihrer Rettung verzweifelte. Sturm
-folgte auf Sturm. Drei Tage und drei Nächte lang kam kein Schlaf in die
-Augen der Vertheidiger, und da man die junge, ausgeruhte Mannschaft
-am Unerbittlichsten dabei verwandte, hatte sie auch natürlich die
-furchtbarsten Verluste aufzuweisen.
-
-Vom Fourche-la-Fave allein waren sieben todt geblieben. Unter ihnen Gustav
--- Klingelhöffers einziger Sohn, und die Todesbotschaft traf den alten Mann
-ins Herz. Selbst die Nachricht hörte er von da an mit Gleichgültigkeit, daß
-mit dem Fall Vicksburgs die Rebellion der Sesesch den Todesstoß erhalten
-habe, denn die Unionisten befanden sich jetzt im Besitz der großen
-Wasserstraße des Mississippi und hatten damit die Einschließung des ganzen
-südlichen Gebiets vollendet. Allen jenen rebellischen Staaten war jetzt die
-Verbindung mit dem Ausland vollständig abgeschnitten und nicht einmal den
-so nothwendigen Proviant, wie z. B. Schlachtvieh, das sie sonst unbehindert
-aus Arkansas bezogen, konnten sie mehr bekommen. Ihre Unterwerfung war
-von nun an keine _Frage_ mehr, sondern nur eine Sache der Zeit geworden,
-während der Norden auch mit raschem Entschluß seine Truppen in den Westen
-sandte, Arkansas selber oder doch die wenigen Hauptplätze besetzte, und ein
-Heer Neger nach Texas hineinwarf, um auch dort die Rebellion zu vernichten
-und den Rebellen damit die letzte Stütze, den letzten Zufluchtsort zu
-nehmen.
-
-Zu spät! -- Der furchtbare Schlag war gefallen -- gefallen auf viele viele
-Häupter -- der Sieg mit zu theuerem Blut erkauft worden und stumm, ja fast
-gleichgültig sah man den kommenden Ereignissen entgegen.
-
-Aber die Bewohner der Fourche sollten trotzdem selbst aus ihrem Schmerz
-aufgerüttelt werden, denn ihre schlimmste Zeit war noch nicht überstanden,
-und eine Gefahr drohte ihnen, an die sie bis jetzt kaum gedacht.
-
-Vor wenigen Tagen war die Countystraße entlang ein Bataillon Unions-Truppen
-gegen Little Rock marschirt, um sich dort mit General Steene zu vereinigen.
-Ein paar Pferde aus der Range schienen dabei abhanden gekommen zu sein und
-einige Kühe. Die Soldaten betrachteten sich ja in Feindes Land und daß die
-Beraubten gerade zufällig lauter gute Unionisten waren, konnten sie nicht
-wissen.
-
-Da durchlief plötzlich die Schreckenskunde die Range, daß die so lang
-gefürchteten Jay-hawkers bei Wells oben am Fourche-la-Fave eingebrochen
-seien und den alten kranken Wells, auf seinem Bett selbst, todtgeschossen
-hätten.
-
-Wells war einer der ältesten Ansiedler, ein schlichter einfacher Mann, der
-selten nur mit einem der Nachbarn verkehrte, aber deshalb doch aushalf, wo
-er nur irgend konnte. Dabei gab es keinen besseren Jäger und Schützen in
-der ganzen Range als ihn, und seine etwas gebräunte Hautfarbe, sein langes
-straffes schwarzes Haar ließ ihn sogar, in der Meinung der Hinterwäldler,
-vom indianischen Blut abstammen. Er hatte dabei ein bewegtes Leben
-geführt und vor langen Jahren sogar einmal, als Texas noch von wilden
-Indianerhorden schwärmte, einen Jagdzug dorthin _allein_ unternommen und
-sich mehre Jahre dort, selbst einmal von Indianern gefangen genommen,
-aufgehalten. Zu seinem Unglück mußten die Verbrecher erfahren haben, daß er
-krank darnieder liege, sie würden sich sonst wohl kaum an ihn gewagt haben,
-denn daß er seinen Schuß nie fehlte, war bekannt.
-
-Niemand war bei ihm im Haus gewesen als seine Frau und diese erzählte
-jetzt, daß der Ueberfall durch sechs fremde Männer geschehen sei, die _sie_
-wenigstens früher nie am Fourche-la-Fave gesehen. Nur der Eine von ihnen,
-und wie es schien, der Anführer der Schaar, habe ein geschwärztes Gesicht
-gehabt und sei ihr bekannt vorgekommen, sie wäre aber nicht im Stande,
-irgend einen bestimmten Namen zu bezeichnen.
-
-Daß die Räuber mitgenommen hatten, was sie _irgend_ gebrauchen konnten,
-versteht sich von selbst, besonders Well's zwei Büchsen und alle Munition,
-aber auch sonst noch an Fellen und Pelzwerk, was gerade da war, und
-außerdem eine Menge anderer Dinge, die für sie selber keinen Werth haben
-konnten. Die Vermuthung lag deshalb nahe, daß sie das Geraubte nach
-irgend einem Versteck gebracht, oder auch vielleicht durch irgend einen
-Zwischenhändler nach Little Rock zum Verkauf geschickt hatten.
-
-Die alten Backwoodsmen rüsteten sich jetzt so gut sie konnten, aber was
-waren sie im Stand zu thun, wo sie sich einzeln nur auf ihrem von jeder
-Hülfe entfernten Platz im Wald befanden. Möglich war auch, daß es nur ein
-vereinzelter Raubzug gewesen, denn volle acht Tage lang hörte man Nichts
-mehr von Räubern, bis sie auf's Neue, und dies mal mit wahrhaft teuflischer
-Bosheit auftraten.
-
-Oben am Fourche wohnte ebenfalls ein alter Ansiedler Hogan, der, wie es
-dort hieß, vor kurzer Zeit auf einem Jagdzug in den Ozarkgebirgen, eine
-jener Silberminen entdeckt haben sollte, von denen man sich erzählte, daß
-schon vor vierzig und funfzig Jahren Venetianer aus dem Osten gekommen
-wären, um sie heimlich zu bearbeiten. Ob etwas an der Sache war oder nicht,
-konnte natürlich Niemand sagen, aber wie derartige Gerüchte rasch
-überhand nehmen, so wollte man schon hie und da wissen, daß Hogan zu Fuß
-zurückgekehrt sei, weil sein Thier kaum im Stande gewesen sei, die schweren
-Silberstücke fortzuschaffen, die er dort zwischen den Steinen gefunden --
-und das gerade mußte die Räuber angezogen haben.
-
-Hogan selber begegneten sie draußen im Wald oder lauerten ihm auch
-vielleicht auf und schossen ihn gleich nieder, dann hatten sie leichte Mühe
-mit seinem Haus, in dem sie nur die alte Frau, ein paar junge Mädchen und
-zwei kleine Knaben fanden. Der Platz wurde umstellt, und nun sollte die
-Frau bekennen, wo sie das Silber versteckt halte, das ihr Mann aus den
-Bergen mitgebracht habe. Die Frau beschwor zwar die Männer nicht zu
-glauben, was sich das Volk am Fourche-la-fave erzähle. Ihr Mann sei
-allerdings oben am Whiteriver in den Ozarkgebirgen gewesen, aber nur um
-sich einen Platz zur Ansiedlung auszusuchen. Silber habe er gar nicht
-gefunden und nur ein paar bunte Steine mitgebracht, mit denen die Kinder
-eine Weile gespielt und sie dann weggeworfen hätten. Die Steine würden auch
-wohl die erste Ursache zu dem Gerüchte gegeben haben, an dem aber nicht
-eine Sylbe Wahres sei.
-
-Der Führer der Schaar, der wieder ein geschwärztes Gesicht trug, hielt
-sich, wie die Kinder später aussagten, die Zeit über an der Thür des Hauses
-und gab von dort aus seine Befehle. Er betrug sich gerade so, als ob
-er fürchte, erkannt zu werden. Der Bericht der Frau aber wurde von den
-Jay-hawkern mit wilden Flüchen beantwortet. Ihr Leugnen helfe ihr Nichts --
-man wisse genau, daß sie das Silber im Haus versteckt halte und wenn sie
-es nicht gutwillig herausgebe, wolle man sie schon zu einem Geständniß
-zwingen.
-
-Die Frau weinte und flehte, die Kinder schrieen. Der Eine der rohen Buben
-nahm den ersten Knaben und schleuderte ihn mit solcher Gewalt in die Ecke,
-daß er dort winselnd am Boden liegen blieb, dann sprang ein Anderer zum
-Kamin und stieß die Kohlen mit dem Fuß auseinander und nun setzten sie die
-alte Frau, die in Todesangst um Erbarmen bat, auf einen Stuhl, banden sie
-dort fest, umschnürten ihr die nackten Füße mit einem Seil und hielten sie
-gewaltsam über die glühenden Kohlen.
-
-Die Frau kreischte laut auf, die Töchter warfen sich den Räubern zu Füßen
--- umsonst. Die Frau sollte gestehen, wo Silber, das sie in ihrem Leben
-nicht gesehen, versteckt sei, und als sie endlich ohnmächtig wurde, ließ
-man sie los und vom Stuhle herunter fallen, und durchwühlte nun die Hütte
-von oben bis unten, riß die Dielen auf, grub den Heerd auf und verwandelte
-die ruhige stille Heimath guter friedlicher Menschen in wenigen Minuten
-in eine Wüste. Silber fanden sie natürlich nicht, nur den ärmlichen,
-schon halb zerstörten Hausrath eines Backwoodsman, und aus Wuth, mit allen
-Rohheiten gegen die Töchter selber, streuten sie zuletzt die glühenden
-Kohlen und Feuerbrände im Haus umher, schichteten das Stroh aus den Betten
-darauf und verließen erst den Platz, als sie sich überzeugt hatten, daß er
-in hellen Flammen stand.
-
-Die Frau starb, unter den furchtbarsten Schmerzen noch in der nämlichen
-Nacht -- die Mädchen flüchteten mit den kleineren Kindern in den Wald,
-weil sie die Rückkehr der Räuber fürchteten und wagten sich erst, halb
-verhungert, nach einigen Tagen wieder vor, um eines Nachbars Wohnung und
-dort Schutz zu suchen.
-
-Jetzt folgten die Ueberfälle rasch einer dem anderen, und Rankins,
-ein alter Ansiedler in der Nachbarschaft, ließ sich endlich durch die
-dringenden Bitten der Seinen bewegen, in den Wald und den Buben aus dem Weg
-zu gehen, denn sie hatten schon nach ihm gefragt, und daß sie kein Erbarmen
-kannten, wußte man. Er ging auch und hielt sich 14 Tage lang versteckt,
-bekam aber draußen das Fieber und mußte, da er nicht jagen konnte, eines
-Abends wieder zurück, um sich Lebensmittel zu holen.
-
-Von den Jay-hawkern hatte man die letzten Tage Nichts gehört, denn wieder
-waren Unions-Truppen durch gekommen, von denen eine Abtheilung sogar
-nach ihnen suchte, weil man vermuthete, daß sie mit den Bushwhackern in
-Verbindung ständen. Aber vergebens; die Verbrecher mußten über alle gegen
-sie beabsichtigten Bewegungen gut unterrichtet sein, denn sie ließen sich
-nicht eher wieder blicken, als bis sich die Truppe entfernt hatte.
-
-Rankins war in der Zeit gerade zurückgekommen, und die Frauen drängten ihn,
-sein Versteck wieder aufzusuchen, aber er weigerte sich. Nur eine Nacht
-müsse er, wie er meinte, wieder einmal in seinem Bett schlafen, er hielte
-es da draußen im kalten Wald, durch den jetzt schon die Winterstürme
-tobten, nicht mehr aus. Lieber von den Jay-hawkern todt geschossen werden,
-als da draußen elend in den nassen Büschen und Zoll bei Zoll verkommen.
-Morgen wolle er sie wieder verlassen, aber auch in der Nähe bleiben, und
-so viel Kraft werde er ja doch wohl noch haben, wenigstens den Rädelsführer
-der Schurken von seinem Pferd zu schießen.
-
-Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen graute, stand die Frau auf, um
-Caffee zu kochen und dem Mann seine mitzunehmenden Lebensmittel zurecht zu
-legen.
-
-Rankins Haus stand etwa eine englische Meile vom Fourche-la-Fave ab, an der
-Countystraße nach Little Rock, da dröhnte plötzlich in dem stillen Morgen
-der Hufschlag rasch herangaloppirender Pferde durch den Wald.
-
-Das sind gewiß Soldaten, rief Frau Rankins, der aber doch das Herz in der
-Brust zu hämmern anfing. Rankins selber, eben wach geworden, sprang, wie
-er war aus dem Bett und griff seine neben ihm lehnende Büchse auf. Aber die
-Reiter brachen schon hervor -- wie ein wildes Wetter sprengten sie gegen
-die niedere Umzäunung an und setzten mit ihren Thieren in voller Flucht
-darüber hin. Das Pferd des Einen stürzte und warf seinen Reiter gegen das
-Haus. Der eine der Männer trug wieder das geschwärzte Gesicht.
-
-Teufel! schrie der alte Rankins und seine Büchse fuhr empor, aber zu
-gleicher Zeit zerschmetterte eine Kugel seinen Arm, eine andere traf ihn in
-den Hals und zurücktaumelnd fing ihn seine Frau auf und bog sich jammernd
-über ihn.
-
-Im Nu waren die Räuber jetzt aus den Sätteln und das Rauben und Plündern
-begann, wie in alter Weise, nur daß sie hier noch wilde Flüche ausstießen
-und den Sterbenden einen verdammten Abolitionisten nannten, dem sie schon
-lange aufgelauert hätten. Sie schwuren auch, daß sie nicht eher Frieden
-geben würden, bis sie die ganze »Range« von allen Vaterlandsverräthern
-gesäubert und reine Bahn für die Südstaaten gemacht hätten und schlossen
-dann ihre Blutarbeit wie gewöhnlich, indem sie einen Feuerbrand unter das
-Dach warfen, und dann direct in den Wald hineinritten.
-
-Rankins Knaben, einem Burschen von etwa 10 Jahren, der bei Annäherung der
-Räuber entwischt war, und der dicht dabei im Busch auf der Lauer gelegen,
-gelang es zwar das Feuer wieder zu löschen, aber das angerichtete Elend
-konnte er nicht mehr ungeschehen machen. Der alte Rankins war todt und die
-Frauen erfüllten mit ihrem Wehgeschrei die Luft.
-
-Noch an dem nämlichen Abend überfielen die Jay-hawker eine andere
-Ansiedlung, erschlugen den alten Hewes, dem sie gehörte, und waren im
-Begriff eine seiner Töchter mit in den Wald zu schleppen, als glücklicher
-Weise ein kleiner Trupp Cavallerie angesprengt kam und sie, zum großen
-Theil selbst die gemachte Beute im Stich lassend, in den Wald flüchten
-mußten. Allerdings setzten ihnen die Soldaten nach und es gelang ihnen
-auch, Einen von ihnen vom Pferd zu schießen. Die Andern entkamen aber, und
-die Patrouille war nicht stark genug, um sich zu weit mit ihren überdies
-schon ermüdeten Thieren in die Berge hinein zu wagen.
-
-Den erschossenen Räuber kannte übrigens Niemand; er mußte mit seinen
-Genossen von irgend einem andern Staat oder County herübergekommen sein.
-Uebrigens fanden sie eine Menge Werthsachen, zwei Uhren, sechs oder acht
-Goldstücke und eine goldene Kette bei ihm, Dinge, die natürlich gleich als
-gute Beute erklärt wurden, denn die Burschen konnten Alles gebrauchen. Dann
-ließ man den Körper an der Straße, wohin man ihn geschleppt, liegen, damit
-die Nachbarn ihn betrachten und, wenn sie wollten, auch begraben konnten.
-Das war aber kaum nöthig, denn Wölfe gab es dort genug im Walde, die den
-Cadaver schon beseitigen würden.
-
-Es schien fast, als ob die Räuber durch diese Ueberraschung eingeschüchtert
-wären; man hörte wenigstens lange Nichts von ihnen, bis sie plötzlich
-in der Nähe des Arkansas und an der Mündung des Fourche-la-fave wieder
-auftauchten.
-
-Klingelhöffers alten Platz, wo er früher gewohnt, plünderten sie total aus,
-fanden aber glücklicher Weise den Eigenthümer nicht. Klingelhöffer selber
-erhielt gleich danach Botschaft von Perryville, und die Warnung, auf seiner
-Hut zu sein und lieber mit seiner Familie in die »Stadt« zu kommen, denn
-man vermuthete natürlich, daß ihm jetzt der nächste Besuch zugedacht
-sein würde. Der alte Mann war aber nicht dazu zu bringen, seinen Platz zu
-verlassen. Nach dem Tod des einzigen Sohnes lag ihm selber Nichts am
-Leben, und nur seine noch von Deutschland herübergebrachten Gewehre, eine
-Doppelflinte, eine Büchsflinte und eine Pirschbüchse brachte er in Ordnung
-und lud sie frisch, verbarrikadirte dann seine Fenz und schwur, daß er
-wenigstens fünf von ihnen unschädlich machen wollte, wenn sie es wagen
-sollten, die Hand an seine Umzäunung zu legen.
-
-Sie kamen aber nicht dorthin -- der Platz lag ihnen unbequem, gerade auf
-der Spitze zwischen dem Fourche und Arkansas. Sie konnten keine sichere
-Nachricht erhalten, ob nicht dort vielleicht gerade die jetzt fortwährend
-vorbeipassirenden Dampfer der Yankees, die häufig bei Klingelhöffer
-anlegten, um Hühner, Eier, oder andere Provisionen zu kaufen, Bewaffnete
-an Land gesetzt hätten, und durch den einen Ueberfall schüchtern, oder
-wenigstens vorsichtig gemacht, schienen sie keine rechte Lust zu haben,
-sich in diese Art von Falle, wo es nur nach einer Richtung hin einen
-Rückweg gab, zu begeben.
-
-Jenkins, ebenfalls gewarnt, hatte aber sein Haus und seine Familie nicht
-verlassen wollen und nur ein paar Büchsen bereit, um ebenfalls bei einem
-Einbruch die Zähne zu zeigen. Außerdem hielten zwei handfeste Hunde den
-Platz in der Nacht vor einem Ueberfall gesichert und kamen die Räuber in zu
-großer Menge, dann hatte er immer noch Zeit, sich, von den Hunden gedeckt,
-nach seinem großen, bereit liegenden Canoe zurückzuziehen. Betsy verstand
-übrigens ebenfalls eine Waffe zu führen, und ihrer zwei waren sie der Bande
-auch schon eher gewachsen.
-
-Jenkins selber, den Kopf in die Hand gestützt, saß eines Morgens an seinem
-Frühstückstisch. Er dachte an den eigenen Sohn, von dem er so lange keine
-Nachricht gehabt, und an das Schicksal des armen Klingelhöffer, und das
-Herz war ihm übervoll.
-
-Betsy war draußen an der Landung gewesen, und hatte eben noch den Strom
-hinabgesehen, wo sich wieder eins der kleinen Dampfboote gegen die Fluth
-abmühte und dabei nur langsamen Fortgang machte.
-
-»Das Boot kommt, Vater,« sagte sie, als sie die Schwelle des Hauses betrat;
-»es hat jetzt wohl eine Stunde da unten festgesessen, ist aber wieder flott
-geworden. Vielleicht bringt es Briefe von Jim mit.«
-
-Der alte Mann seufzte und reichte ihr eine Zeitung hin.
-
-»Da lies,« sagte er -- »das ganze Blatt enthält fast weiter nichts als
-Todtenlisten und Angaben von den 2000 -- oder gar 3000 Vermißten -- armen
-Teufel, die nach der Schlacht elend im Walde umgekommen und von den Wölfen
-gefressen wurden. Armer Jim! wer weiß, wo ihn sein Schicksal erreicht hat,
-und ob wir uns je wiedersehen werden.«
-
-»=Hallo the house!=« rief da plötzlich eine Stimme und als die Hunde wie
-immer, wüthend anschlugen und Betsy in die Thür trat, um zu sehen wer da
-das Haus anrief, bemerkte sie einen einzelnen Reiter draußen an der Fenz,
-einen Fremden, den sie nicht kannte und der jetzt den Hut gegen sie lüftete
-und anfrug, ob Mr. Jenkins zu Hause wäre.
-
-Der Mann war in der gewöhnlichen Tracht der Backwoodsmen gekleidet, trug
-aber keine Waffe und sah aus wie ein Ansiedler aus irgend einer anderen
-Range, der vielleicht seinen Weg verfehlt hatte, oder auch von dem
-eigentlichen Pfad abgeritten war, um ein Frühstück zu erbitten. Es kam das
-ja gar nicht so selten vor, denn das nächste Haus an der Straße von dort ab
-war noch wenigstens sieben Miles entfernt.
-
-»Steigen Sie ab Sir,« sagte das junge Mädchen, der Gastfreundschaft des
-Landes folgend, indem sie die Hunde zurücktrieb, »Vater ist im Haus, wenn
-Sie ihn sprechen wollten.«
-
-»Danke,« sagte der Fremde, indem er etwas schwerfällig aus dem Sattel stieg
-und der Einladung Folge leistete. -- »Dann bin ich den weiten Weg doch
-nicht umsonst gekommen. Kann ich ihn vielleicht einmal sehen?«
-
-»Wollt Ihr nicht in das Haus treten?« sagte das Mädchen.
-
-»Gleich,« erwiederte der Mann, der wie es schien, den rechten Fuß nicht gut
-gebrauchen konnte; indem er sich überall im Hofe umsah. »Muß mir nur erst
-einmal einen Platz aussuchen, wo ich mich ein wenig ausruhen kann.« Er
-humpelte dabei auf einen, etwa funfzehn Schritt vom Haus entfernten Klotz
-zu, auf den er sich setzte und dabei seinen rechten Fuß in die Höhe nahm,
-als ob er Schmerzen darin habe.
-
-»Fehlt Euch etwas?« frug Betsy theilnehmend.
-
-»Hm, nichts Besonderes, bin nur damals, als wir auf der Flucht waren, mit
-dem Pferd gestürzt und habe mir ein Bischen weh gethan.«
-
-»Auf der Flucht?«
-
-»Ja,« sagte der Mann -- »die verdammten Sesesch kamen hinter uns her, und
-ich und der Sohn hier vom Hause --«
-
-»Bringt Ihr Nachricht von meinem Bruder?« rief Betsy rasch -- »oh Pa, hier
-ist ein Mann, der Jim kennt -- oh habt Ihr Nachricht von ihm.«
-
-»Weiter Nichts als einen Brief,« sagte der Fremde, indem er ein
-zusammengefaltetes Papier aus der Tasche nahm -- »aber nein Miß,« rief
-er, als Betsy hastig danach greifen wollte -- »habe ihm fest versprechen
-müssen, es nur in die Hände des alten Herrn selber abzugeben.«
-
-»Ein Brief? ein Brief von Jim?« rief jetzt auch der alte Mann, der vor
-Aufregung zitternd in die Thür trat, die zwei Stufen daran hinabstieg und
-auf den Fremden zueilte. »Oh gebt ihn her -- wie lange habe ich von dem
-Jungen Nichts gehört.«
-
-Der Fremde reichte ihm jetzt ohne Weiteres das Papier, das er mit bebenden
-Händen öffnete. Da knallte von der Fenz herüber, und kaum zwanzig Schritt
-von ihnen entfernt, ein Schuß und Betsy wandte sich rasch und erschreckt
-dorthin. In demselben Moment aber brach auch ihr Vater, das Papier noch in
-der Hand haltend, wo er stand zusammen, und mit einem Angstschrei warf
-sich die Tochter über ihn. Aber nicht lange sollte sie sich ihrem
-Schmerz hingeben dürfen. Wilder Lärm störte sie auf und als sie den Blick
-zurückwarf, sah sie fünf, sechs Männer über die Fenz springen. Die Hunde
-fuhren allerdings wie rasend auf sie ein, aber ebenso viele Revolverschüsse
-knallten ihnen entgegen und trieben sie heulend zurück, während Einer der
-Burschen -- der Jay-hawker mit dem geschwärzten Gesicht direct auf Betsy
-zusprang.
-
-»Hendricks!« schrie sie, wie sie nur den Blick auf ihn warf -- entsetzt und
-zurückbebend. »Feiger, nichtswürdiger Mörder!«
-
-»Miß Betsy,« sagte der Mann aber, und die geschwärzten Züge legten sich
-in drohende Falten, »Sie sind meine Gefangene. Sträuben Sie sich nicht; es
-würde Sie nur nutzlos einer rohen Behandlung aussetzen. Der ganze Platz ist
-umstellt, und unten am Strom liegt mein Canoe.«
-
-Betsy sah ihn starr an. Es war, als ob sie noch immer nicht einmal das
-ganze Fürchterliche der eben ausgesprochenen Drohung begriff. Aber der
-Bube sprach im Ernst; das Blut, das langsam aus dem Schlaf ihres armen
-gemordeten Vaters quoll, war ein entsetzlicher Zeuge des beabsichtigten
-Bubenstücks, und krampfhaft faßte sie mit beiden Händen ihre eigene Stirn
-und warf den Blick scheu und verstört umher. -- Aber auch nur für einen
-Augenblick, denn wie ein zündender Strahl durchzuckte sie der Gedanke:
-lieber den Tod als Schande.
-
-Das Grundstück ihres Vaters, wenigstens der Hofraum, innerhalb dessen die
-doppelte Blockhütte stand, lag unmittelbar am Ufer des Arkansas, der jetzt
-wohl im Steigen war, seine volle Höhe aber noch nicht erreicht hatte.
-Unmittelbar unterhalb der Farm stieg das Ufer allerdings mehr allmählich
-und mit kleinen Weiden- und Baumwollenholzschößlingen bewachsen, empor,
-dicht unter dem Haus aber fiel es steil ab in die wirbelnde Fluth und der
-alte Jenkins hatte diesen Platz nicht allein deshalb für den Bau seines
-Hauses gewählt, weil hier in dieser Gegend der höchste Uferpunkt war,
-sondern auch weil er hier nur an drei Seiten eine hohe Fenz zu errichten
-brauchte. In der konnte er dann einmal hineingetriebenes Vieh auch bequem
-halten, denn an der offenen Seite nach dem Strom zu war kein Stück im
-Stande auszubrechen.
-
-Der Verbrecher hielt natürlich eine Flucht des Mädchens für unmöglich, denn
-fünf, sechs wilde Gestalten schwärmten schon über den Hof und wenn sich
-auch die meisten mit dem Haus selber beschäftigten, sah Betsy doch zwei
-der Buben schon auf sich zu kommen und daß sie -- erst einmal in _deren_
-Händen, kein Erbarmen zu erwarten hatte, wußte sie. Noch einmal hob sie
-scheu und wild den Blick zu Hendricks auf, aber der Blick genügte auch.
-Schon streckte der Bube selbst den Arm nach ihr aus, um sie zu umfassen,
-aber selbst unter seinen Händen stürzte sie fort. -- An eine Waffe
-dachte sie wohl dabei, und hätte sie eine erreichen können, so wäre es um
-Hendricks geschehen gewesen. Aber wie konnte sie -- ein einzelnes schwaches
-Wesen, der _Bande_ Widerstand leisten.
-
-Ehe der rasch ausgreifende Arm des Buben sie erreichte, war sie ihm schon
-entschlüpft und mit Sätzen, so flüchtig wie ein gejagter Hirsch, flog sie
-gegen das schroffe, abschüssige Ufer des Arkansas zu.
-
-Hendricks folgte ihr im Nu und es gab keinen rascheren Läufer in der Range,
-aber gleich beim Ansprung stolperte er über die Leiche des alten Mannes,
-die Entfernung bis zum Uferrand betrug überdieß kaum mehr als zwanzig
-Schritt. Als er sich rasch wieder aufgerafft und schon die Hand
-ausstreckte, um Betsy's wehendes Kleid zu erfassen, hatte sie den Rand
-erreicht und warf sich mit einem Angstschrei in die gelbe gurgelnde Fluth
-hinab.
-
-Hendricks schrak zurück, denn fast wäre er ihr selber in der Wucht des
-Laufes, nachgestürzt. Aber konnte sie ihm selbst jetzt entgehen? sein Canoe
-lag gleich unterhalb -- zwei seiner Leute warteten darin.
-
-»Teufel,« zischte er aber zwischen die Zähne durch, als er erst jetzt
--- bis dahin völlig mit seinem Bubenstück beschäftigt -- das gerade
-aufkommende kleine Dampfboot entdeckte, das indessen fast unter der Landung
-angelangt und so geräuschlos aufgerückt war, da die steile Uferbank
-den Schall dämpfte. Von diesem aber war schon ein Boot abgestoßen,
-das jedenfalls Passagiere etwas weiter unten absetzen wollte und das
-hinabspringende Mädchen mußte von ihnen gesehen, ihr Schrei jedenfalls
-gehört sein, denn im Nu wandte sich der Bug des kleinen Bootes stromauf.
-
-In wilder Wuth, sich so getäuscht zu sehen, riß der Räuber die Büchse an
-die Backe -- er wollte Rache -- aber die Waffe war ja, nach dem Schuß,
-der den alten Jenkins so feige niedergeworfen, noch nicht wieder geladen
-worden.
-
-Ein zweiter Blick überzeugte ihn aber auch, daß die Leute im Boot
-bewaffnet, daß es Soldaten waren, und schon pfiff eine Kugel dicht an
-seinem Ohr vorüber, die, aus dem Boot abgefeuert, wohl nur durch das
-Schwanken desselben ihr Ziel verfehlt hatte.
-
-»Wo kommen die Canaillen jetzt auf einmal her,« rief einer seiner
-Kameraden, der zu ihm gesprungen war, aber auch bei dem Schuß zurückfuhr.
-»Ich werde ihnen einmal ein Stück Blei hinüber schicken.«
-
-»Fort! fort!« rief aber Hendricks, der todtenbleich geworden war, »das ist
-der Sohn dessen da« -- und scheu zeigte er nach der Leiche -- »fort.«
-
-»Aber so viel Zeit haben wir doch wahrhaftig,« rief sein Gefährte, »daß
-wir das Nest erst noch plündern und in Brand stecken können. Die brauchen
-wenigstens noch eine Viertelstunde, ehe sie zu uns hier heraufkommen
-können.«
-
-»Fort,« wiederholte aber Hendricks und warf scheu den Blick umher, als
-ob er schon jetzt das Nahen der Rächer fürchte -- »der Platz wird hier zu
-warm. Säumen wir nur noch Minuten hier, so sind wir verloren.« Und ohne
-nur einen weiteren Einwurf abzuwarten, ja ohne sich selbst Zeit zu nehmen,
-seine Büchse wieder zu laden, sprang er über den freien Hofplatz an der
-Leiche vorbei, hinaus aus der Fenz, warf sich auf sein Thier und floh damit
-in den Wald hinein.
-
-Die Uebrigen hätten den einmal gewonnenen Platz allerdings nicht gern
-sogleich wieder verlassen. Die Furcht des Kameraden schien aber auch sie
-anzustecken.
-
-Jenkins Frau, die wieder krank auf ihrem Bett gelegen, war aufgesprungen
-und erfüllte jetzt, als sie die Leiche des Gatten am Boden liegen sah, die
-Luft mit ihrem Wehegeschrei, die verwundeten Hunde heulten, und der scharf
-ausgestoßene Dampf des kleinen Bootes, dicht unter der Farm, machte das
-Ganze ebenfalls unruhig genug. Es war den Schurken selber nicht mehr recht
-geheuer da oben, und was sie nur im Moment fassen konnten, die Büchsen im
-Haus und die Kugeltaschen, griffen sie auf und folgten dann, nicht
-viel langsamer als Hendricks ihnen vorangegangen war, dem Führer in das
-Dickicht.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Die Rückkehr.
-
-
-Zu spät -- zu spät nur um wenige Minuten kam die Hülfe, weil das Boot
-auf der Sandbank festgesessen! Hatte denn Gott selber gewollt, daß so
-Furchtbares geschehen sollte, wo es so leicht gewesen war, es abzuwenden,
-oder herrscht nur ein blinder Zufall auf dieser Welt, der eben geschehen
-ließ, was geschah, ohne sich weiter darum zu kümmern?
-
-Jim Jenkins kniete neben der Leiche seines gemordeten Vaters. Nur die
-Schwester hatte er mühsam mit dem Boot gerettet, und mit wenigen Worten, ja
-nur mit den zwei Silben -- Hendricks -- das Furchtbare erfahren.
-
-John Wells, der mit ihm zurückgekehrt, war den Verbrechern mit Cook und
-noch einigen andern zur Begleitung nachgeeilt, um sich nur wenigstens der
-Richtung zu vergewissern, in der sie geflohen wären. Daß ein Canoe unten
-an der Landung lag, hatten sie gar nicht beachtet, und die beiden dabei
-gestörten Räuber sich wohl gehütet, aus den Büschen herauszukommen, in
-welche sie sich bei der Ankunft des Dampfers zurückgezogen. Jetzt erst, als
-dieser vorüber war, drückten diese sich wieder in ihr schwankes Fahrzeug,
-und Jenkins eigenes Canoe ebenfalls abschneidend, nahmen sie es mit stromab
-zu dem schon früher mit den Genossen besprochenen Versteck. Dadurch machten
-sie eine Verfolgung auf dem Strom vor der Hand unmöglich, und daß sie im
-Wald niemand finden sollte, dafür wollten sie schon Sorge tragen.
-
-Nach einer Stunde etwa kehrte der junge Wells zurück. Da sie ohne Pferde
-waren, hätte es ihnen ja gar nichts geholfen, eine Verfolgung aufzunehmen,
-noch dazu, da sich die Jay-hawker in der bedeutenden Mehrzahl befanden
-und doch außer Zweifel alle gut bewaffnet waren. Jim war indessen um seine
-ohnmächtig gewordene Mutter bemüht, die er anfangs ebenfalls für todt
-hielt, aber unter seinen Liebkosungen erholte sich die alte Frau wieder,
-und Betsy, die in der Nähe und unter dem Schutz des Bruders und Bräutigams
-rasch jede Furcht verlor, war, nachdem sie sich umgekleidet, an seiner
-Seite.
-
-Und jetzt mußte sie erzählen, was hier in den letzten Monden vorgefallen --
-eine ununterbrochene Schreckensgeschichte von Mord und Blut, und John Wells
-stand dabei, die Zähne fest aufeinander gebissen, das Antlitz vollkommen
-blutleer, die Augen stier und fast geisterhaft auf den Mund der Sprechenden
-geheftet.
-
-Und woher sie selber kamen? Mit wenigen Worten war das berichtet. Sie
-hatten sich dem Heer zutheilen lassen, das bestimmt war, Little Rock
-zu nehmen. Nur so konnten sie hoffen, dem nichtswürdigen Treiben der
-Sesesch-Partei in Arkansas rasch ein Ende machen zu helfen. Die Eroberung
-war aber leicht gewesen und als sie -- in Little Rock angekommen -- die
-Kunde von zahlreichen hier verübten Verbrechen hörten, hatten sie Urlaub
-genommen, um die Ihrigen selber zu besuchen und zu hören, wie es hier
-stehe. _Das_ Furchtbare freilich konnten sie nicht erwarten.
-
-Aber es waren keine Naturen, die sich lange einem nutzlosen Schmerz
-hingegeben hätten. Vor allen Dingen mußten sie Pferde haben, um an irgend
-eine Verfolgung denken zu können und auf der eigenen Farm fanden sie auch
-kein einziges Stück Vieh mehr. Die Jayhawker mit ihrer, wie es schien,
-weitverzweigten Verbindung, hatten schon Alles, was sie erreichen konnten,
-fortgetrieben und nicht einmal vermuthen ließ es sich, nach welcher
-Richtung sie die verschiedenen gestohlenen Thiere geschafft hatten.
-Klingelhöffer allein, als ziemlich nächster Nachbar konnte da vielleicht
-aushelfen und John Wells übernahm es, ihm die Trauerkunde von dem Tod
-seines alten Freundes Jenkins zu bringen, um seine Hülfe in der Verfolgung
-der Räuber zu erbitten.
-
-Jim indessen, von den Freunden dabei unterstützt, schaufelte ein Grab für
-den Vater in seinem kleinen Garten aus, dann legten sie den alten wackeren
-Mann hinein, breiteten Bretter und Stützen über ihn, daß die eingeworfene
-Erde nicht auf die Leiche pressen konnte und wölbten den Hügel über der
-einfachen Gruft.
-
-Kein Wort wurde dabei gesprochen, kaum noch eine Thräne von den Männern
-vergossen, denen jetzt nur das nagende Gefühl der Rache das Herz
-zusammenzog, und der Gedanke verscheuchte unerbittlich alle anderen.
-Allerdings waren sie sich noch nicht klar, wie sie den gemeinsamen Feind
-erreichen konnten, aber was that das? Ihr ganzes Leben hatte jetzt
-kein anderes Ziel und wie der Bluthund auf der Fährte waren sie fest
-entschlossen, nicht nachzulassen bis an's Ende.
-
-Abends kehrte John Wells zurück. Klingelhöffer stellte ihnen alle seine
-Pferde zur Verfügung und würde sie selber begleitet haben, aber ein
-heftiger Rheumatismus hatte ihn wieder auf sein Lager geworfen, um das
-herum aber nichts destoweniger seine geladenen Gewehre standen. Er schwur,
-daß er so lange schießen werde, als er noch einen Finger krumm biegen
-könne, und dann möchten sie ihm selber den Hals abschneiden und verdammt
-sein.
-
-Die einzige Hülfe, die sie noch erwarten konnten, lag in Perryville selber,
-an das sich die Räuber natürlich nicht getrauten, wenn sie auch in der Nähe
-herum Alles an Pferden gestohlen hatten, was sie nur bekommen konnten. Die
-jungen Backwoodsmen aber durften keinen von ihrer kleinen Schaar dorthin
-senden, um sich nicht zu schwächen und Jenkins jüngster Bruder, ein Knabe
-von zehn Jahren, der bei dem Ueberfall gerade im Walde gewesen, wurde
-deshalb abgeschickt. Allerdings war es eine starke Tagereise für den
-kleinen Burschen, aber er ging ja oft schon allein Tage lang auf die Jagd
-und kannte auch genau den Weg.
-
-Die jungen Leute brachen jetzt zur Verfolgung der Mörder auf, während sie
-Betsy indessen mit der Mutter zu Klingelhöffers nicht sehr fernem Hause
-schickten. An der Fähre wohnten ja Leute, die sie über die Fourche setzen
-konnten. In dieser Richtung hin hatten sie auch nichts zu fürchten, und
-selbst die von Perryville erbetene Hülfe war dorthin bestellt, wo sie sich
-mit ihnen vereinigen wollten.
-
-Aber all' ihr Suchen war vergebens. Bis zum Mamelle hinüber, alle die
-Bergrücken südlich am Fourche la Fave liefen sie ab, und scharfe Augen
-waren es, die den Fährten folgten; nirgends ließ sich jedoch eine frische
-Spur der Räuber in den Bergen erkennen. Weiter oben, mehr nach Westen
-zu, fanden sie allerdings ein paar alte Lagerplätze, die es unzweifelhaft
-ließen, daß sich die Jay-hawker dort eine ganze Zeitlang, vielleicht sogar
-eine Woche aufgehalten, aber diese Stellen hatten sie auch ebenso sicher
-wieder, und zwar nicht erst seit Kurzem verlassen, denn die ausgebrannten
-Kohlen waren vom Regen überwaschen worden. Die ganze Richtung, der sie
-bis dahin gefolgt, ging von dem oberen Fourche nach dem unteren, und
-die einzigen bisher verschonten Wohnplätze waren die, durch ihre Lage
-begünstigte Klingelhöffersche, und die benachbarte Farm gewesen. Man
-durfte also fast annehmen, daß sie ihre Wirksamkeit am Fourche als beendet
-betrachten mußten, und wohin konnten sie sich nun von hier gewendet haben?
-Außerdem lief der erhaltene Urlaub der jungen Leute auch bald wieder ab und
-was dann? Durften sie daran denken, die Ihrigen in einer solchen bedrohten
-und auf's Aeußerste gefährdeten Gegend schutzlos zurückzulassen?
-
-Sie waren zu Klingelhöffer hinübergeritten, um mit diesem das Weitere zu
-berathen. Der alte Mann fühlte sich heute etwas wohler und saß mit ihnen
-und fünf von Perryville heruntergekommenen Farmern vorn auf der schmalen
-Veranda seines Hauses, von der man den Arkansas überschauen konnte, und
-den hier ziemlich breiten Strom dicht zu Füßen hatte. Aber er wußte selber
-keinen Rath, denn das Land bot jetzt zu viele Schlupfwinkel, wo sich ein
-ganzes Heer hätte verbergen können, vielmehr denn ein kleiner Trupp von
-Leuten, denen nur daran gelegen war, eine kurze Zeit verborgen zu bleiben.
-
-In ruhigen Jahren, ja, da hatte den Fourche la Fave der offenste,
-herrlichste Wald umgeben, mit großen stattlichen Bäumen wohl, aber lichtem
-Unterholz, denn die Jäger hielten schon darauf, daß im Winter das trockene
-Gras und Gestrüpp ordentlich und regelmäßig abgebrannt wurde. Dadurch
-bekam nicht allein das Vieh, sondern auch das Wild gleich im Frühjahr
-junge saftige Aesung und der Jäger konnte, wenn er durch den Wald pirschte,
-diesen nach allen Richtungen hin überschauen. Jetzt dagegen war Alles total
-verwildert, und die Niederung nicht allein von Dornen und Sassafras-Büschen
-dicht durchwachsen, nein selbst an den Hängen war ein so üppiger junger
-Kiefer- und Hickoryschlag emporgewachsen, daß man sich nicht selten selbst
-mit dem Messer Bahn hauen mußte, um nur durchzukommen. Wer sich dort
-verstecken wollte, konnte es gewiß, und war auch vor Entdeckung sicher,
-wenn ihn der Zufall nicht einmal verrieth.
-
-Vertheilten sich aber sämmtliche noch waffenfähige Männer über die Berge,
-so blieben sie nicht allein der Gefahr ausgesetzt, von dem geschlossenen
-Trupp einzeln aufgerieben zu werden, sondern wer bürgte ihnen dann dafür,
-daß sich die jetzt schon keck und übermüthig gewordene Bande indessen nicht
-auf die übrigen Häuser, ja in diesem Fall selber nach Perryville hineinwarf
-und den letzten Zufluchtsort zerstörte.
-
-Noch während sie sprachen, hatte Klingelhöffers Blick an dem gegenüber
-liegenden Ufer gehangen, an dem sich den Sommer hindurch eine breite helle
-Sandbank bis über die Hälfte des Stromes ausdehnte. Jetzt aber reichte der
-Strom bis ziemlich an die jungen Baumwollenholz-Schößlinge hinan, die den
-Wald der Niederung ränderten, und nur ein schmaler hellerer Streifen
-war noch übrig geblieben, auf dem man jetzt, aber genau und scharf
-abgezeichnet, die dunkle Gestalt eines Mannes erkennen konnte, der sich den
-Fluß hinaufwandte. Klingelhöffer deutete mit seinem Arm hinüber und sagte:
-
-»Dort drüben geht Jemand.«
-
-»Wo?« -- rief Jim -- »ah dort! oh das wird ein Jäger sein.«
-
-»Nein, er geht zu rasch. Da hinauf zu kann er aber auch kein anderes Haus
-erreichen, denn die =slews= sind jetzt voll Wasser.«
-
-»Vielleicht sieht er nach seinem Vieh. Es wird der alte Boyles sein, der
-nach seinen Pferden sieht -- ein Sesesch wie er im Buche steht.«
-
-»Jetzt ist er in den Wald hinein,« sagte Wells.
-
-Die Männer hielten noch einen Augenblick die Augen auf die Stelle geheftet,
-denn in dieser Zeit erweckte auch das Kleinste und Unbedeutendste Verdacht.
-
-»Da kommen mehrere aus dem Wald,« rief da plötzlich Jim Jenkins, in der
-Erregung des Augenblicks von seinem Stuhl emporfahrend. »Ob sie uns hier,
-von dort aus sehen können?«
-
-Mehrere Minuten beobachteten die Männer schweigend das, was sich da drüben
-augenscheinlich am Waldrand regte, endlich sagte Klingelhöffer, dessen
-Augen noch scharf wie die eines Luchses waren:
-
-»Dort ist noch immer nur ein Mann zu sehen, aber er schleppt ein Canoe aus
-den Büschen heraus. Wenn es Mehrere wären, würden sie ihm helfen.«
-
-»Klingelhöffer hat Recht,« sagte Wecks. »Jetzt kommt er damit in's Freie;
-er will in den Strom hinaus.«
-
-»Es ist besser, wir ziehen uns in's Haus zurück,« meinte Jenkins. »Es
-braucht Niemand zu wissen, daß wir hier so zahlreich versammelt sind.«
-
-»Vielleicht kommt er herüber.«
-
-»Wir werden's bald sehen. Er ist schon damit am Wasserrand. Ob das Boyles
-selber sein kann?«
-
-Die Männer hatten sich langsam von der offenen Veranda in das Haus gezogen.
-Nur Klingelhöffer blieb draußen sitzen und es war bald keinem Zweifel mehr
-unterworfen, daß das Canoe von drüben herüber halte und den Landungsplatz
-an der diesseitigen Farm zu erreichen suchte, denn der Rudernde hielt den
-Bug immer seitwärts stromauf, damit er von der starken Strömung nicht
-zu weit hinab geführt würde. Wer es sei, ließ sich allerdings noch nicht
-erkennen, da der Mann gebückt im Canoe saß und einen alten Strohhut noch
-außerdem über die Augen gezogen hatte, aber das mußte sich bald auch
-entscheiden, denn jetzt erreichte er schon fast die über der Farm liegende
-felsige Spitze und indem er sein etwas schwankes Fahrzeug treiben ließ,
-lenkte er es gleich darauf in den Sand-Einschnitt von Klingelhöffer's Ufer,
-in welchem schon dessen Skiff befestigt lag.
-
-»Boyles! wahrhaftig,« rief Jim Jenkins, der jetzt auf die Veranda
-hinausgetreten war, denn vor dem einzelnen Nachbar brauchten sie sich nicht
-mehr zu verstecken -- »Hallo, Boyles, woher kommt Ihr und wo wollt Ihr
-hin?«
-
-Boyles sah auf und erkannte den noch immer in der Uniform steckenden jungen
-Mann nicht gleich. Die Uniform selber gefiel ihm ebenfalls nicht, denn er
-war mit Leib und Seele Sesesch -- ja, einen Moment schien es fast, als
-ob er nicht übel Lust habe, wieder mit seinem Canoe zurückzukehren.
-Klingelhöffer selber machte aber seinen Zweifeln ein Ende:
-
-»Kommt herauf Mann, Ihr seid hier unter Freunden und habt Nichts zu
-fürchten. Kennt Ihr Jim Jenkins nicht mehr?«
-
-»Jim, bei Gott!« sagte Boyles -- »das ist recht -- den wollte ich gerade
-sprechen -- das trifft sich glücklich;« er sprang jetzt die steile Sandbank
-mehr hinauf, als er sie stieg und stand auch wenige Minuten später inmitten
-der jungen Leute, die ihn wohl freundlich aber trotzdem nicht herzlich
-grüßten. Boyles war ihnen nie ein angenehmer Nachbar gewesen und daß er
-sich so ganz zur Partei der Sclavenhalter schlug, auch selber der Einzige
-fast in der ganzen Nachbarschaft war, der Neger hielt, konnte sie ihm nicht
-geneigter machen.
-
-Von den Negern waren übrigens nur noch zwei auf der ganzen Plantage
-geblieben, die Uebrigen aber, sobald die Unionisten dort einrückten, nach
-Little Rock gelaufen. Was sollten sie jetzt noch arbeiten, wo sie freie
-Leute geworden waren. Boyles selber mochte auch früher wohl zwischen den
-einfachen Backwoodsmen ein wenig den Pflanzer gespielt, und sich etwas
-vornehmer als die Nachbarn gedäucht haben. Er war in der That reicher
-und sein Haus wohnlicher und bequemer eingerichtet gewesen als die der
-Uebrigen, bis die Emancipation der Neger auch ihn ruinirte, oder doch
-wenigstens seine großen Plantagen, deren er zwei besaß, werthlos machte.
-
-Die eine in Missouri liegende, hatte er aber glücklicher Weise vor kurzer
-Zeit noch zu einem ziemlich guten Preis verkaufen können, denn gerade jetzt
-glaubten manche Farmer im Norden einen guten Handel zu machen, wenn sie
-sich ohne Sclavenarbeit im Süden niederließen. Allerdings war das erste
-immer ein Experiment, aber es fand trotzdem Nachahmer, und die südlichen
-Pflanzer, die nach dem Fall von Vicksburg die Unterwerfung des Südens mit
-Recht für unausbleiblich hielten, verkauften unter solchen Umständen nur zu
-gern.
-
-Klingelhöffer wunderte sich allerdings, daß gerade Boyles ihm einen Besuch
-abstattete; denn wenn sie auch miteinander in Frieden lebten, hatten sie
-sich -- schon ihrer verschiedenen politischen Ansichten wegen -- bisher
-viel eher gemieden als gesucht. Er sollte aber darüber bald eine Erklärung
-erhalten, denn kaum betrat Boyles das Haus, als er auch schon ausrief:
-
-»Gott sei ewig gedankt, daß ich hier brave und wackere Männer finde, die
-einen Freund gegen Räuber und Mörder schützen können.«
-
-»Hallo,« rief John Wells, von seinem Stuhl aufspringend, denn er selber
-haßte den alten Boyles, mit dessen Sohn er auch früher einmal Streit
-gehabt, und nahm deshalb wenig Notiz von ihm. Seine Worte aber machten ihn
-aufmerksam, denn sie deuteten auf das Einzige, was in diesem Augenblick
-seine ganze Seele füllte -- die Spur der Jay-hawker -- »wißt Ihr was von
-den Schuften? -- Haben sie Euch ebenfalls einen Besuch abgestattet?«
-
-»Ach was,« rief Jenkins; »wir haben ja ihre Spuren in den Wald hinein
-verfolgt. Nach dem Mamelle werden sie hinüber sein -- nicht über den
-Arkansas.«
-
-»Nein,« rief Boyles rasch, -- »drüben sind sie -- vorgestern haben sie den
-Strom etwa drei Miles unterhalb in zwei großen Canoes gekreuzt -- Warner,
-der gerade von Little Rock kam, hat sie gesehen.«
-
-»Da ist dann unser Canoe dabei,« sagte Jim, »das die Schurken neulich bei
-dem Mord gestohlen haben. Aber wo sind sie jetzt?«
-
-»Weit können sie nicht sein,« erwiderte Boyles, »denn gestern waren sie bei
-Auburn drüben -- der alte Auburn behielt kaum noch Zeit, in den Sumpf zu
-flüchten, wo er sechzehn Stunden in Schlamm und Wasser stecken blieb, ehe
-er sich wieder hinausgetraute. Dort aber hat ihnen der eine Neger erzählt,
-daß ich meine eine Farm verkauft und viel Geld im Hause hätte, und Auburn's
-kleiner Junge war eben bei mir, um sich ein Stück Fleisch zu borgen, weil
-die Räuber Alles, was sie an Lebensmitteln fanden, fortgeführt, und der
-sagte mir, ich solle mich vorsehen, denn sie hätten gelacht und gemeint,
-ich würde wohl so gut sein und mit ihnen theilen.«
-
-»Und habt Ihr das Geld wirklich im Haus?«
-
-»Gott bewahre, das liegt sicher genug in Little Rock, aber das wissen ja
-die Schufte nicht und werden es jetzt bei mir wie bei dem armen alten Hogan
-machen. Frau und Kinder hab' ich auch deshalb mit den beiden Negern gleich
-nach Auburn's hinübergeschickt, denn zweimal kommen sie nie auf einen
-Platz, und ich selber hatte die Absicht, hier bei Euch Schutz zu suchen,
-Klingelhöffer, bis die Gefahr vorüber ist. Mögen sie mir da drüben Alles
-verwüsten und das Haus in Brand stecken. Ich kann es nicht hindern -- aber
-ich will doch nicht von ihnen todtgeschossen werden oder meine Familie
-ihren Mißhandlungen aussetzen.«
-
-»Und Ihr glaubt wirklich, daß sie die Absicht haben, Euer Haus zu
-überfallen?« frug der junge Cook.
-
-»Ich bin fest davon überzeugt. Dort in der Nachbarschaft liegt weiter keine
-einzelne Farm und lange werden sie sich hier nicht mehr halten können,
-denn wie ich gehört habe, will General Steene die beiden Counties besetzen
-lassen, um diesem Räuberwesen ein Ende zu machen.«
-
-»Ja wohl, jetzt kommen sie,« brummte Klingelhöffer, »wo die Canaillen schon
-alles nur erdenkliche Unheil angerichtet, und Botschaft nach Botschaft
-haben wir seit Wochen hinein in die Stadt gesandt. Gott bewahre, nicht
-einmal Munition durften wir hinausbringen, um uns selber zu schützen.«
-
-»Und wißt Ihr ganz bestimmt, daß die Jay-hawkers, die auf dieser Seite ihr
-Wesen trieben, jetzt über den Fluß gegangen sind?« frug Wells.
-
-»Es giebt keine zweite solche Bande in der Nachbarschaft,« versicherte
-Boyles, »und daß diese mit ihren Pferden über den Strom gesetzt ist, hat
-Warner mit eigenen Augen gesehen.«
-
-»Dann können sie aber auch eben so gut mit ihren Booten zu _mir_
-herüberkommen,« meinte Klingelhöffer, »denn was sie bis jetzt von mir
-abgehalten hat, war weiter nichts als die Furcht, hier auf der Landspitze
-einmal von irgend einem Trupp Bewaffneter abgeschnitten zu werden.«
-
-»Aber sie haben keine Canoes mehr,« rief Boyles. »Warner war nicht von
-ihnen gesehen worden und hielt sich in seinem Versteck, bis sie die beiden
-Fahrzeuge, gleich über der zweiten Sandbank unten, wo die kleine Slew
-einmündet, in die Büsche hineingezogen und versteckt hatten, und als er
-sich ganz sicher wußte, schlich er sich dort hinein und wollte die Canoes
-in den Strom schieben und forttreiben lassen, aber er war dazu allein nicht
-im Stande und hat deshalb ganz in der Stille und gerade zwischen ihnen ein
-tüchtiges Feuer angezündet, bei dem er blieb, bis er sie völlig zerstört
-wußte. In _den_ Canoes setzen sie gewiß nicht wieder über den Arkansas.«
-
-»Dann ist auch Hoffnung, daß wir sie drüben erwischen,« rief Cook rasch.
-»Wie wär's, wenn wir das Haus besetzten? nachher laufen sie uns gerade in
-die Hände.«
-
-»Hm,« sagte Wells, »ich habe auch schon darüber nachgedacht, aber -- wie
-viel waren in den Canoes, die Warner gesehen hat?«
-
-»Er behauptet, es müßten etwa zehn oder elf gewesen sein. Natürlich
-wagte er sich nicht zu weit hinan, denn wenn sie ihn entdeckten, wäre er
-jedenfalls verloren gewesen.«
-
-»Und sie denken Geld bei Euch zu finden?« frug Jenkins.
-
-»Sie wissen, daß ich meine Farm in Missouri verkauft und das Geld dafür
-erhalten habe. Soviel hat ihnen der schurkische Neger erzählt. -- Sie
-werden jetzt vermuthen, daß ich es versteckt halte.«
-
-»Die Canaille verdient gehangen zu werden.«
-
-»Verdient hat er's,« sagte Boyles, »denn wie ich höre soll er sich den
-Schuften angeschlossen haben, was also jetzt etwa elf oder zwölf Mann
-für die Bande machen würde, wenn sie sich nicht außerdem verstärkt hat.
-Verdächtiges Gesindel trieb sich wenigstens die letzte Zeit gerade genug am
-Arkansas herum.«
-
-»Laßt uns die Nacht hinüberfahren,« rief da Wells, -- »verdammt, wenn
-wir uns ordentlich eintheilen, laufen sie uns gerade in die Büchsenläufe
-hinein.«
-
-»Ihr glaubt, daß sie bei Euch nach vergrabenem Gelde suchen werden?« fragte
-Jenkins.
-
-»Dasselbe war wenigstens bei Hogan der Fall, bei dem sie Silber vermutheten
-und der arme Teufel hatte wohl kaum einen Viertel Dollar Silber im Hause.«
-
-»Sie kommen sicher,« rief Wells, mit der Hand auf den Rand der Veranda
-schlagend, »wenn wir uns in dem Hause eintheilen, haben wir sie.«
-
-Jenkins schüttelte mit dem Kopf und sagte:
-
-»So weit _ich_ das Haus kenne, glaub' ich es nicht. Es ist kein Logcabin,
-wo man nach allen Seiten Schießscharten öffnen kann, sondern von behauenen
-Balken aufgesetzt und mit Brettern beschlagen und die Fenster liegen alle
-nach dem Fluß hin, während sich die Thür hinten befindet. Dicht darum her
-stehen aber die kleinen Negerhäuser, jetzt wahrscheinlich alle leer und ich
-kann mich nicht so genau auf den ganzen Platz besinnen, ob man durch diese
-hin muß und durch sie verdeckt wird, wenn man zum Hause kommt oder ob sie
-mehr Seit' ab liegen.«
-
-»Mr. Jenkins,« bemerkte Boyles, »Sie haben Recht. Die Negerhütten liegen
-der Art, daß man von ihnen verdeckt bis dicht an das Haus hinan kann.
-Ich weiß, wie mich das die paar Stunden, die ich heute noch drüben war,
-beunruhigt hat, weil ich jeden Augenblick fürchtete, sie möchten sich an
-denen hin heranschleichen.«
-
-»Und wenn wir nun die Negerhütten besetzten?« fragte Cook.
-
-»Ja, das wäre ganz gut, wenn man genau wüßte, ob sie den Weg oder vom
-Wald herein kämen. In der Nacht ist es aber ebenfalls schlimm. Wir haben
-freilich jetzt Vollmond, aber gerade um das Haus herum stehen die Hickory-
-und Pfirsichbäume, und der wilde Wein, den ich an die letzteren angepflanzt
-habe, hat sie dicht und undurchsichtig gemacht.«
-
-»Ich will Euch etwas sagen,« meinte Jenkins, der den Platz da drüben
-genau kannte, weil er selber früher dort viel jagte -- »Ihr kennt doch die
-künstliche Salzlecke gleich im Rohr drin, Boyles, die ich selber einmal
-angelegt?«
-
-»Gewiß -- sie liegt ja keine zweihundert Schritt von meiner Fenz, und es
-führt sogar ein kleiner Pfad hin, den sich die Kühe gemacht.«
-
-»Dieselbe,« sagte der junge Mann, »gleich daran, wenn man von Eurem Hause
-hinüber geht, ist doch die kleine runde Waldblöße, die genau so aussieht,
-als ob Menschen selber dort Bäume und Büsche sorgfältig ausgerodet hätten,
-denn nicht einmal ein Strauch wächst darauf, nur hohes Gras und ein paar
-Grün-Dornen.«
-
-»Ganz recht, aber was damit?«
-
-»Habt Ihr Niemanden mehr im Haus drüben?«
-
-»Keine Seele -- der Platz ist jetzt vollkommen verlassen, denn _ich_ konnte
-ihn allein nicht schützen, und wenn sie mir ihn abbrennen, so muß ich's
-eben ertragen.«
-
-»Habt Ihr Courage, Boyles?«
-
-»Gegen einen offenen Feind, ja,« sagte der Mann, »aber nicht gegen diese
-Halunken. Denkt nur daran, wie heimtückisch sie Euren eigenen Vater
-erschossen haben.«
-
-»Ihr würdet nicht wieder hinübergehen und in dem Hause bleiben?«
-
-»Nicht für hunderttausend Dollar,« erwiederte Jener bestimmt, »denn ich
-weiß, daß sie mir nie etwas nützen könnten. O dieser unselige Krieg. Was
-für Elend hat der schon über das Land gebracht.«
-
-»Wenn Ihr nur anfangt es einzusehen,« sagte Jenkins düster -- »aber was
-geschehen, läßt sich eben nicht mehr ändern -- es muß ertragen werden
-und nur das bleibt übrig, diese Schurken, die weder Freund noch Feind
-angehören, wo wir sie fassen können zu züchtigen, und darin können wir uns
-getrost die Hand bieten. Wo ist mein Bruder Bill, Klingelhöffer? war er
-nicht vorhin hier?«
-
-»Er wird drüben in der Corncrib mit den Mädchen sein,« antwortete der
-Deutsche -- »ich hörte, daß sie vorhin davon sprachen. Was soll er?«
-
-»Wir müssen Jemanden im Hause drüben haben,« sagte der junge Mann finster
-und entschlossen -- »Laßt mich nur machen -- ich glaube, ich habe den
-richtigen Plan -- jedenfalls ist es ein Versuch; Bill aber, so klein er
-sein mag, ist ein ganz gescheuter und durchtriebener Bursche, der seine
-Sache schon geschickt machen wird.«
-
-»Ihr wollt doch, um Gottes Willen, den Knaben nicht drüben allein lassen,
-wenn die Jayhawker das Haus überfallen?« rief Boyles erschreckt.
-
-»Allerdings will ich das, aber sorgt Euch nicht deshalb. Bill und ich
-werden das schon in Ordnung bringen. Ueberlaßt das mir. Ich habe _mein_
-Leben eingesetzt, des Vaters niederträchtigen Mord zu rächen, der Knabe
-setzt das seine mit Freuden dafür ein, deß seid versichert -- laßt mich nur
-mit ihm sprechen. -- Noch eins, Boyles -- habt Ihr Kienholz drüben an Eurem
-Haus?«
-
-»Nein -- was wollt Ihr damit? Kienholz wächst ja nicht drüben im Bottom.«
-
-»Hier liegt genug,« sagte Klingelhöffer -- »was wollt Ihr damit?«
-
-»Ich erkläre Euch Alles nachher, vorher aber muß ich mit Bill sprechen,«
-und ohne den Männern weiter zu antworten, ging Jenkins hinaus, um den
-Bruder aufzusuchen und die nöthige Abrede mit ihm zu nehmen.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Der Hinterhalt.
-
-
-Bill Jenkins war noch fast ein Kind, aber Kinder in jenen wilden Wäldern
-aufgezogen, wo sie schon täglich nicht selten sechs oder acht Miles allein
-durch den Wald reiten müssen, um nur zum Schulhaus zu gelangen, sind nicht
-mehr das, was sie, in unseren Verhältnissen aufgewachsen, sein würden.
-Der kleine Bill, der kaum eine Büchse tragen konnte, war schon ein ganz
-vortrefflicher Schütze, und wenn er auch eine Holzgabel mit in den Wald
-nehmen mußte, um die Waffe beim Schießen aufzulegen, so hatte er doch in
-seinem neunten Jahr schon ganz allein einen großen Panther im Wald erlegt
-und sogar einmal einen Bären so verwundet, daß ihn sein Vater nachher
-mit den Hunden einholen und erlegen konnte. Es mag sein, daß er sich der
-Gefahr, die er dabei lief, nicht recht bewußt gewesen, aber er würde sie
-auch trotzdem nicht geachtet haben, und auch jetzt ging er mit Freuden und
-vollem Eifer auf des Bruders Plan ein, ja jubelte laut auf, als er erfuhr,
-daß er selber etwas mit dazu beitragen solle und könne, den verruchten
-Mördern ihre That heimzuzahlen. Es bedurfte auch keiner langen Erklärung,
-denn er begriff im Augenblick, was man von ihm verlange und brannte jetzt
-selber vor Begier, den an seinem Vater verübten Mord gerächt zu sehen.
-
-So lange es Tag war, durften sich aber die Männer -- denn die von
-Perryville herübergekommenen erboten sich augenblicklich Theil an dem
-Unternehmen zu haben, da sie selber ja ebenso durch die immer mehr
-wachsende Bande bedroht blieben -- nicht über den Strom einschiffen, da
-man nicht wissen konnte, ob die Jayhawker nicht etwa das Ufer überwachen
-ließen. Mit einbrechender Dunkelheit waren sie aber fertig gerüstet, und
-da der Mond etwa um sieben Uhr aufging, behielten sie auch reichlich genug
-Zeit, um ihren Versteck zu erreichen. Klingelhöffer, der sie nicht selber
-begleiten konnte, da ihn sein Kreuz immer noch plagte, und der auch sein
-Haus, bei solcher Nachbarschaft, nicht ganz ohne Schutz lassen wollte,
-drang ihnen aber noch, ehe sie gingen, Lebensmittel auf, die sie allerdings
-anfangs nicht mitnehmen wollten; er hatte aber ganz Recht, wenn er sagte,
-sie wüßten gar nicht, wann die Schurken kämen, und ob sie nicht vielleicht
-vierundzwanzig Stunden in ihrem Versteck liegen müßten, und wenn sie dann
-genöthigt wurden, nach Eßwaaren auszuschicken, konnten sie Alles verderben.
-
-Das Skiff mußte zwei Mal gehen, um Alle hinüberzubringen, und das zweite
-Mal fuhr die jüngste Tochter vom Haus mit, um es zurückzunehmen, damit
-es die Jayhawker nicht vielleicht zufällig fänden. Sie betraten auch die
-Lichtung gar nicht, auf welcher die Häuser standen, sondern schritten, von
-Jenkins geführt, quer und so geräuschlos als möglich durch den Wald, bis
-sie den besprochenen Platz, am Rand eines dichten Schilfbruchs erreichten,
-und nun hier im Stockfinsteren allerdings nichts thun konnten, als den
-Aufgang des Mondes abzuwarten.
-
-Der kam aber bald, und Jenkins, der indessen schon den Uebrigen seinen
-ganzen Plan mitgetheilt hatte, ging jetzt mit ihnen scharf an die Arbeit,
-um die wenigen, aber doch nöthigen Vorbereitungen zu treffen.
-
-Eine Schaufel hatten sie mitgebracht, mit dieser wurde ein wenig Erde an
-einer von ihm bestimmten Stelle ausgeworfen, daß es beim ersten Anblick so
-aussah, als ob hier vor kurzer Zeit der Boden umgegraben und nicht wieder
-ordentlich zusammengescharrt wäre. Dann wurden einige, dort im Ueberfluß
-herumliegende Aeste darüber geworfen, daß sie den Platz scheinbar
-verdeckten, und jetzt suchten sich die Männer auf der gegenüber liegenden
-Seite ihre Stellen, von denen aus sie den Plan, ohne selber gesehen zu
-werden, überschießen konnten.
-
-Die Ortslage selber war wie für einen solchen Hinterhalt gemacht, denn
-gerade dort vorüber zog sich eine, selbst jetzt noch trockene, oder
-wenigstens nur mit etwas Regenwasser seicht gefüllte Slew, die erst dann
-gefüllt wurde, wenn der Arkansas seinen höchsten Stand erreichte und seine
-Wasser durch diese Einläufe in den Sumpf hineinsandte. Jetzt konnte man sie
-leicht durchwaten, dahinter aber hatte der mit eingewaschene Sand eine wohl
-sechs bis acht Fuß hohe und ziemlich steile, wenigstens völlig kahle
-Wand angespült, von der gedeckt sich wohl funfzig Menschen hätten sicher
-verbergen können. Wer wenigstens von der Richtung des Hauses herüber
-kam, konnte sie unmöglich bemerken. Nur im Rücken konnten sie angegriffen
-werden, und um sich auch dagegen vollständig zu decken, wurde Einer der
-jungen Leute aus Perryville in den Wald hineinpostirt, damit sie selber
-jedenfalls sicher vor einem Ueberfall blieben.
-
-Uebrigens lagen sie immer zwei und zwei beisammen, so daß Einer wenigstens,
-wenn sie die ganze Nacht dort wachen mußten, schlafen konnte, um dann
-seinen Nachbar abzulösen.
-
-Bill indessen, der kleine Bursch, hatte die Männer bis zu ihrem
-beabsichtigten Versteck begleitet, damit er selber das Terrain selber genau
-kennen lernte, und erst als sie die Arbeit beendet hatten und er nun genau
-wußte, wie Alles stand, schulterte er seinen Sack mit Kienholz, das er
-brauchte, wenn sie in der Nacht ankamen, nahm einige Lebensmittel und
-schritt _neben_ dem Pfad -- um keine Spuren zurückzulassen, dem gar nicht
-fernen Hause zu. Er fürchtete sich auch nicht im Mindesten; was wissen
-amerikanische Kinder überhaupt von Furcht, denn Gespenstergeschichten, mit
-denen Kinder bei uns von ihren Ammen oder Wartefrauen groß gezogen werden,
-kannte er gar nicht, und böse Menschen? ei auf die wartete er gerade, und
-je eher sie kamen, desto besser. Er lief auch in der That keine andere
-Gefahr, als daß die Räuber vielleicht, gleich bei dem ersten Anprall in das
-Haus hineingeschossen hätten. Aber das geschah schwerlich, denn wer schießt
-gern seine Büchse, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, ab, und den
-kleinen Burschen, der noch jünger aussah, als er wirklich war, würden sie
-schwerlich geschädigt haben.
-
-Als Bill den Platz erreichte, zündete er vor allen Dingen ein tüchtiges
-Feuer im Kamin an. Es war ziemlich frisch die Nacht, und er mußte auch
-Licht haben. Nachdem das geschehen und er ein Stück Kienholz auf das
-Feuer geworfen, schüttete er die übrigen Kienreste hinter dem Haus auf den
-Holzplatz und ließ nur noch etwas neben dem Kamin liegen. Hiernach legte
-er sein mitgebrachtes Essen in den Fliegenschrank, in dem er aber noch ein
-Stück Maisbrod und etwas kalten Speck fand. Hierauf untersuchte er die in
-der Ecke stehende große Kaffeekanne, und richtig, sie war noch fast halb
-gefüllt -- der kleine Bursch lachte still vor sich hin, denn er konnte nun
-bald einen Becher heißen Kaffee's bekommen, und damit ließ sich dann schon
-eine Nachtwache halten.
-
-Aber sollte er überhaupt wachen? nein. Blieb er am Feuer sitzen, so konnte
-doch am Ende Einer von den schlechten Menschen, und wenn auch nur aus
-nutzloser Bosheit, auf ihn schießen. Legte er sich aber in eine Ecke und
-drangen sie dann in das Haus ein und fanden nur den Knaben vor, so hatte
-er kaum etwas für sich zu fürchten, und das Weitere? Des Knaben Augen
-blitzten, als er sich sein Begegnen mit den Jay-hawkern ausmalte, aber er
-biß die Zähne auf einander, denn die Thränen traten ihm in die Augen, wenn
-er an den Vater dachte, und er wollte jetzt nicht weinen. -- Er mußte eine
-Beschäftigung haben, den Kaffeetopf setzte er deshalb auf's Feuer und holte
-sich dann sein Abendbrod herzu, das er verzehrte und sich einen Becher
-Kaffee dazu ausschenkte.
-
-In der Ecke stand ein großes, bequemes, mit einem Mosquitonetz überzogenes
-Bett, aber in das wagte er nicht sich hineinzulegen. Es sah so vornehm und
-sauber aus und er war nicht daran gewöhnt. Er nahm sich deshalb nur eine
-der wollenen Decken herunter, schob sich ein paar am Kamin liegende Säcke
-für ein Kopfkissen zurecht, wickelte sich dann in die Decke und legte sich
-ruhig und unbesorgt in die eine Ecke, wo ihm der Feuerschein nicht auf die
-Augen fallen konnte, und sich seine ganze Gestalt in der That in Schatten
-befand, nieder.
-
-Er wollte aber gewiß nicht schlafen, sondern wachbleiben und aushorchen,
-wenn er die Leute könne kommen hören; aber der Knabe hatte sich da wohl zu
-viel zugetraut. Eine Weile ja, blieb er munter und beobachtete an der Wand
-die wunderlichen Schatten, die der unstete Schein des Feuers durch einen
-Stuhl und sein darüber gelegtes Röckchen warf. Wie aber das Feuer mehr und
-mehr niederbrannte und das Licht matter und ungewisser wurde, schienen auch
-ihm die Augenlider schwerer und schwerer zu werden. Ein paar Mal raffte er
-sich wohl noch gewaltsam auf; er wollte nicht schlafen, ja das half aber
-Nichts -- der Sandmann kam doch und streute seine Mohnkörner über ihn. Er
-träumte schon, als er noch glaubte, daß er vollkommen wach wäre, und nur
-wenige Minuten später, so schlief er sanft und süß -- und schlief fort bis
-zum anderen Morgen und bis die Sonne ihm durch ein kleines über der Thür
-angebrachtes Fenster gerade in die Augen schien.
-
-Erschreckt fuhr er von seinem Lager empor. -- Wo war er denn eigentlich? Er
-konnte sich im ersten Moment gar nicht gleich darauf besinnen. Wie ihm aber
-der Gedanke kam, weshalb er hier übernachtete, schoß es ihm auch wie ein
-eisiges Gefühl durch's Herz -- das Gefühl der Gefahr, in der er sich
-noch immer hier befand, während die Abends stets viel stärkere Aufregung
-geschwunden war, und sich das kleine Kinderherz doch jetzt mit Sorge und
-wohl auch mit etwas Furcht erfüllte.
-
-Wer von uns Allen hat nicht schon ein ähnliches Gefühl erlebt, wenn ihm der
-Morgen mit seiner nüchternen Wirklichkeit irgend eine Sorge oder Angst und
-sei sie noch so gering gewesen, vor die Seele brachte, und ein ganz eigenes
-erkältendes Gefühl durch die Nerven zuckte. War es ein Wunder, daß es auch
-das Kind beschlich, das sich hier allein auf der Farm, ja in der Absicht
-da befand, einer Bande von Räubern die Stirn zu zeigen, die ihm den eigenen
-Vater gemordet hatten und Blut und Verzweiflung in manche stille Hütte
-getragen? Aber diese Schwäche dauerte trotzdem nicht lange. -- »Wenn
-sie nur kämen,« zischte er, seiner eigenen Angst trotzend, zwischen den
-zusammengebissenen Zähnen durch, und verrichtete dann ruhig seine gewohnte
-Arbeit. Zuerst wusch er sich, dann setzte er sich seinen Kaffee wieder auf
-das indessen zusammengeschürte Feuer und war damit so eifrig beschäftigt,
-daß er gar nicht weiter auf das achtete, was um ihn her vorging. Er hielt
-gerade das Schüreisen in der Hand, um die noch von gestern Abend her
-übrig gebliebenen Kohlen ein wenig zusammenzuschüren, als er plötzlich
-so zusammenschrak, daß ihm das Eisen aus der Hand und klirrend auf die
-Heerdsteine fiel, denn eine rauhe Stimme in der Thür selbst sagte:
-
-»Hallo mein junger Bursch! so allein hier im Haus? Ist denn das ganze Nest
-ausgeflogen, und hältst Du Haus allein?«
-
-Bill war todtenblaß geworden -- er zitterte an allen Gliedern, aber es
-war keine Furcht mehr, die des Knaben Herz im entscheidenden Augenblick
-beschlich, wenn sich auch zuerst wohl ein scheuer Schreck mit dem Gefühl
-mischte. Es war das Bewußtsein, daß die Entscheidung gekommen; die Fremden
-aber nahmen es selbstverständlich für die natürliche Furcht des Kindes
-und achteten nicht weiter darauf, ja suchten den Knaben eher zu beruhigen,
-damit er ihnen Rede und Antwort stände.
-
-»Na fürchte Dich nicht,« fuhr der Mann fort, der ihn zuerst angeredet hatte
-und in dem Bill jetzt augenblicklich den Schurken Hendricks erkannte. »Wir
-wollen Dir ja Nichts thun, sondern uns nur nach Mr. Boyles erkundigen. Hat
-er sich versteckt? -- Ist es Dein Vater, mein Junge?«
-
-»Nein,« sagte Bill, der nicht gleich wußte, wie er auf die Frage antworten
-sollte -- aber es war gut gewesen, daß er sie verneint hatte, denn ein
-Anderer antwortete für ihn.
-
-»Ist denn der nicht ein Junge von Jenkins über dem Fluß drüben?« rief der,
-und als Bill zu ihm aufsah, erkannte er Auburn's Neger, der manchmal drüben
-bei ihnen gewesen war, um nach Vieh zu sehen, das Auburn auch auf jener
-Seite laufen hatte.
-
-»Gewiß bin ich's,« sagte Bill, der in dem Augenblick blutroth wurde.
-
-»Und was machst Du hier drüben, mein Bursch?« frug Hendricks, der ihn jetzt
-ebenfalls erkannte.
-
-Bill war durch seinen Bruder auf diese mögliche Frage vorbereitet worden,
-und antwortete wohl scheu, aber doch bestimmt: »Den Vater haben böse
-Menschen todtgeschossen, Schwester und Mutter sind fortgegangen nach
-Perryville und da hat mich Mr. Boyles seit etwa acht Tagen zu sich
-genommen, bis die Jayhawker aus der =range= vertrieben sind.«
-
-»So?« lachte Hendricks -- »also in Perryville ist Deine Schwester?«
-
-»Ja, aber mit dem ersten Soldatenzug, der wieder die Straße herabkommt,
-geht sie nach Little Rock.«
-
-»Aha! sehr vorsichtig,« nickte der Bursche -- »nun vielleicht können _wir_
-ihr in diesen Tagen sicheres Geleit geben, damit sie von den Jay-hawkern
-nichts zu fürchten hat. Bei wem ist sie im Haus?«
-
-»Bei Thomsons,« sagte Bill, auf gut Glück einen der dortigen Namen nennend.
-
-»Ach, laßt die Dummheiten,« unterbrach ihn aber einer der Uebrigen, und es
-waren indessen etwa fünf Mann ins Haus getreten. »Da haben wir doch jetzt
-Wichtigeres zu thun, als solche Faxen. Wo steckt Boyles?«
-
-»Er ist auch gestern Abend über den Fluß gefahren und nach Perryville
-gegangen.«
-
-»So? und was will er da, mein Herz?«
-
-»Er will Hülfe haben, daß ihn böse Menschen nicht auch umbringen und
-ausplündern können.«
-
-»Ei, sieh mal an,« lachte Hendricks, »ja, den Weg hätten wir ihm ersparen
-können. Wir sind selber hierher gekommen, um bei ihm zu bleiben, denn die
-Jay-hawker treiben sich wirklich in der Nachbarschaft herum. Aber bist Du
-hier ganz allein auf der Farm oder wer ist sonst noch bei Dir?«
-
-»Ich bin ganz allein hier,« sagte der Knabe, »denn die Frauen sind auch
-den Fluß hinab in die Ansiedlung gegangen, weil sie sich fürchten hier zu
-bleiben.«
-
-»Hm -- fürchten, wovor, wenn _wir_ da sind,« lachte Hendricks -- »Aber
-Boyles hat auch wohl Ursache, die bösen Menschen zu scheuen, denn, wie ich
-gehört, soll er viel baares Geld mit von Missouri herunter gebracht haben.
-Ist das wahr?«
-
-»Ich weiß es nicht,« sagte der Knabe scheu.
-
-»Wie lange bist Du bei ihm?«
-
-»Etwa acht Tage.«
-
-»Aber seit der Zeit ist er doch erst zurückgekommen und hat denn doch
-sicher zu Haus davon gesprochen. -- Wie?«
-
-»Ja -- das wohl,« flüsterte Bill.
-
-»Nun siehst Du wohl, mein kleiner Bursch,« meinte Hendricks, indem er
-einen Blick mit den Gefährten wechselte, »er hat es doch sicher und gut
-aufgehoben, damit es die Räuber nicht gleich finden können.«
-
-Bill nickte nur, denn er wagte gar nicht, den Mörder seines Vaters
-anzusehen.
-
-»Nun das dacht' ich mir,« lächelte Hendricks, »gewiß hier unter der Diele.«
-
-Bill schüttelte mit dem Kopf.
-
-»Oder oben unter dem Dach?«
-
-Bill schüttelte wieder.
-
-»Was? auch nicht? ja dann werden es die Jay-hawker gewiß finden, denn die
-sind in so etwas schlau.«
-
-»Nein, die finden es nicht,« sagte aber Bill bestimmt, »denn er hat es
-draußen im Wald vergraben und sie wissen den Platz nicht.«
-
-»In der That? -- aber Du weißt ihn, wie?«
-
-Bill schwieg und sah vor sich nieder.
-
-»Nun mein Junge, kannst Du nicht antworten?« rief der andere Bursche rauh,
-denn das Verhör dauerte ihm zu lang.
-
-»Laß doch nur,« rief aber Hendricks, indem er dem Gefährten hinter des
-Knaben Rücken zuwinkte -- »wir haben ja Zeit, denn wir bleiben ja doch
-hier, bis Mr. Boyles mit seinen Leuten von Perryville zurückkommt. Nicht
-wahr _Du_ weißt, wo er das Geld vergraben hat?«
-
-Bill nickte jetzt leise mit dem Kopfe, antwortete aber noch immer nicht
-weiter.
-
-»So?« sagte Hendricks -- »nun das ist gut, dann wollen wir auch schon
-dafür sorgen, daß ihm die Jay-hawker nicht zu nahe kommen. Wo ist denn der
-Platz?«
-
-»Ich darf's nicht sagen,« erwiederte aber Bill jetzt. »Mr. Boyles hat es
-mir streng verboten.«
-
-»Ja, keinen _fremden_ Leuten,« lachte Hendricks, »aber _uns_ schon, wir
-wollen ihm ja gegen die Andern helfen -- also wo ist der Platz, weit von
-hier, oder im Garten drüben?«
-
-»Ich darf's nicht sagen, oder Mr. Boyles schlägt mich,« erwiderte der
-Knabe, und warf einen scheuen Blick nach dem Frager hinauf.
-
-»Ach was! wir vertrödeln hier die Zeit in höchst alberner Weise,« rief aber
-jetzt der Andere, der ebenfalls ein Führer zu sein schien und einen großen
-schwarzen Bart trug. Er faßte dabei den Knaben fest am Arm. »Komm her mein
-Bursch und sei vernünftig -- Mr. Boyles giebt Dir vielleicht eine Tracht
-Schläge, wenn er zurückkommt, das ist möglich, aber mit uns bist Du noch
-viel schlimmer d'ran, denn wenn Du uns jetzt die Stelle nicht zeigst, wo
-das Geld eingesscharrt ist, so binde _ich_ Dich da draußen an den nächsten
-Pfirsichbaum und prügele Dich so lange, bis Dir das Fleisch in Fetzen vom
-Rücken herunter hängt -- hast Du mich verstanden?«
-
-Hendricks schüttelte unwillig den Kopf, denn dadurch machten sie jedenfalls
-mehr als nöthigen Lärm auf der Farm. Bill aber klagte:
-
-»Aber ich _darf's_ ja nicht sagen, Mr. Boyles hat es mir so streng
-verboten.«
-
-»Sip!« rief der mit dem Bart da dem Neger zu. »Spring einmal hinaus und
-schneid' mir ein paar tüchtige Stöcke ab, aber derbe, verstehst Du? Der
-kleine Bursch scheint hier hartnäckiger Art zu sein und da wollen wir doch
-einmal sehen, ob wir ihm den Trotzkopf brechen können!«
-
-Sip blieb nicht lange aus und Bill suchte sich indessen von der Hand des
-Mannes loszumachen, was aber freilich einem Stärkeren schwer geworden wäre.
-Der Mann lachte auch nur zu dem Versuch und suchte dabei in seiner Tasche
-nach einem Stück Seil, um die Hände des Knaben zusammenzuschnüren, so daß
-dieser endlich wie in Todesangst ausrief:
-
-»Ach schlagt mich nur nicht, schlagt mich nur nicht; ich will Euch ja auch
-gern zu dem Platz führen, aber Ihr dürft Mr. Boyles nicht sagen, daß ich es
-gethan habe, oder er jagte mich sonst gleich wieder aus dem Hause«.
-
-»Aha,« lachte der Jayhawker -- »nun denn heraus mit der Sprache, wo ist es?
-weit von hier? im Garten vielleicht?«
-
-»Nein -- ein Stück im Wald drin,« antwortete der Knabe, während der wilde
-Bursch den ihm von dem Neger gebrachten Stock in die Luft probirte.
-
-»Wo hinaus?«
-
-»Gleich dort drüben. Es führt ein schmaler Pfad nicht weit davon vorbei.«
-
-»Kannst Du ihn auffinden?«
-
-»Ich -- weiß es nicht -- ich glaube ja.«
-
-»Wie lange haben wir zu gehen?«
-
-»Oh, gar nicht lange -- noch an dieser Seite vom Schilfbruch ist's.«
-
-»Nun also denn vorwärts,« rief der Bärtige, der jetzt den Oberbefehl über
-die Bande zu haben schien -- »und glaub' nicht etwa, mein Junge, daß Du uns
-im Wald davon huschen kannst. Wie Du nur Miene machst fortzulaufen, drehe
-ich dir den Hals um, darauf kannst Du Dich verlassen.«
-
-»Ich kann ja nicht fortlaufen,« klagte Bill, »ich habe ja ein lahmes Bein.«
-
-»Desto besser für dich,« nickte der Schwarze »denn das hält Dir den Hals
-gerade -- aber nun vorwärts. -- Nein, mein Junge, nicht losmachen, ich
-behalte Dich an der Hand, denn sicher ist sicher. Komm nur mit; es hilft
-Dir jetzt nichts weiter. Und die Stöcke bring ebenfalls Sip, wenn ihn
-unterwegs vielleicht sein Gedächtniß verlassen sollte.«
-
-Bill leistete keinen Widerstand weiter, denn Alles, was er wollte, hatte
-er ja erreicht: Sie glaubten ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen,
-aber trotzdem beschlich den Knaben jetzt eine und zwar nicht unbegründete
-Furcht.
-
-Daß ihn die Freunde nicht mit ihren Kugeln treffen würden, wenn sie auf die
-Räuber schossen, wußte er gut genug und scheute sich wahrlich nicht davor,
-aber der baumstarke Mann mit dem großen schwarzen Bart, hielt seinen Arm
-wie in einem Schraubstock und merkte er Verrath -- von dem er jetzt aber
-noch keine Ahnung haben konnte, so war es sicherlich um ihn geschehen. Aber
-trotzdem schritt der Knabe, der jedoch wirklich so that, als ob er nicht
-rasch von der Stelle könne, neben dem Jayhawker her. Weigern hätte ihm auch
-jetzt nichts mehr geholfen, das wußte er gut genug und nur die Kugeln der
-Freunde konnten ihn wieder frei machen und in Sicherheit bringen.
-
-Der Pfad war ziemlich schmal und das kleine Gestrüpp an beiden Seiten
-desselben, wie auch überall in diesen Wäldern, in den letzten Jahren wild
-und üppig emporgeschossen, aber verfehlen konnte Bill seinen Weg schon
-deshalb nicht, weil ihn die hin- und herwechselnden Kühe offen und betreten
-gehalten. Trotzdem wurde seinen Begleitern die Zeit lang und der Schwarze
-brummte.
-
-»Höre mein Bursch, wenn Du glaubst, daß Du uns hier zum Narren haben
-kannst, so bist Du im Irrthum. Soweit vom Haus hat der alte Boyles sein
-Geld wahrhaftig nicht begraben. Sind wir bald da?«
-
-»Seht Ihr den lichten Fleck da vorn?« fragte der Knabe.
-
-»Gleich da vor uns die Oeffnung?«
-
-»Ja -- dort ist's -- aber Mr. Boyles wird so böse werden.«
-
-»Sorg Dich nicht um den, mein Bursche,« lachte der Schwarze, »denn wenn Du
-unter unserem Schutz stehst, wird er wohl die Hände von Dir lassen. Liegt
-denn das Geld so dicht am Pfad?«
-
-»Nur ein klein Stückchen rechts davon, -- er hat abgebrochenes Holz darüber
-gezogen, damit es Niemand finden kann.«
-
-»Gescheut gemacht, alter Gesell,« lachte der mit dem Bart -- »Boyles ist
-von jeher ein grundpfiffiger Kerl gewesen -- und nun mein kleiner Bursch,
-da sind wir an der Stelle. Wo ist jetzt der Platz?«
-
-»Gleich da drüben, seht Ihr unter dem Baumwollenholzstumpf, den der Blitz
-abgeschlagen hat.«
-
-Der Jay-hawker blieb stehen und zwang dadurch auch die Anderen, zu halten.
-Wie das Wild, ehe es eine größere Waldblöße erreicht, stehen bleibt und
-umhersichert, ob ihm auch von keiner Seite Gefahr droht, so blieb der den
-Gesetzen verfallene Mörder ebenfalls halten und überflog rasch mit seinem
-Blick die angrenzenden Büsche. -- Aber selbst sein scharfes Auge konnte
-nichts Verdächtiges bemerkt haben, doch Bills kleines Herz klopfte ihm wie
-ein Hammer in der Brust. Der Moment war gekommen, und obgleich er selber
-den Versteck der Freunde kannte, war er nicht im Stande, auch nur das
-Geringste von ihnen zu bemerken. Hatte ihnen die Zeit zu lange gewährt und
-die Schaar den Platz verlassen? -- was dann?
-
-Der Führer schien sich aber überzeugt zu haben, daß ihnen hier keine Gefahr
-drohe. Nur um ganz sicher zu sein, wandte er sich zu dem Neger und sagte zu
-diesem:
-
-»Du, Sip -- steig einmal da drüben die Bank hinauf -- wenn Du Dir auch die
-bloßen Beine ein wenig naß machst, und spür' einmal den Platz ab. Sowie
-Du etwas Verdächtiges merkst, kommst Du zurück -- und nun vorwärts, Ihr
-Burschen. Habt Ihr die Hacken mitgenommen? Das ist Recht. Das sieht mir
-selber so aus, als ob dort die Erde frisch umgewühlt wäre. Vorwärts, in
-einer Viertelstunde müssen wir mit der Sache zu Ende sein.«
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Der Hinterhalt.
-
-
-Die jungen Backwoodsmen vom Fourche la Fave hatten indessen den Abend
-hinter ihrer Sandbank ziemlich ruhig verbracht, denn sie glaubten selber
-nicht, daß die Jay-hawker zu dieser Zeit einen Ueberfall unternehmen
-würden. Es war das wenigstens bis jetzt noch nicht ein einziges Mal
-geschehen. Am liebsten kamen sie in früher Morgenstunde, ja meistens mit
-anbrechendem Tag, bis zu welcher Zeit auch sämmtliche Indianerstämme ihre
-Angriffe aufschieben, weil sie den Feind dann selten oder nie gerüstet
-finden.
-
-Allerdings hielten die Freunde abwechselnd ihre Wacht und beobachteten
-dabei ein vorsichtiges aber auch nothwendiges Stillschweigen. Schon der
-Klang einer Menschenstimme hier im Wald, würde einem herumschleichenden
-Feind den ganzen Plan verrathen haben, aber an wen es gerade war, sich zum
-Schlafen nieder zu legen, der that das in voller Ruhe und in einem Gefühl
-von Sicherheit, das jedoch rasch schwand, als der Whip-poor-Will Morgens
-seinen ersten Laut hören ließ, und damit den nahenden Tag verkündete.
-
-Jetzt wurden Alle geweckt und lautlos, ihre Büchsen im Arm, horchten sie
-der Richtung zu, in welcher das Haus lag, ob sie nicht den wilden
-Schrei von dort herüber hören konnten, mit dem sich die Jay-hawker schon
-verschiedene Male bei ihren Opfern eingeführt -- aber es blieb Alles still.
-Der Tag dämmerte, die Sonne ging auf und stieg höher und höher, ja stand
-schon über den Baumwipfeln, und noch immer regte sich Nichts nach jener
-Richtung zu im Wald, und nur ein paar Spechte hämmerten ununterbrochen an
-einem alten Stamm herum und stießen manchmal dazu ihr heiseres Gekreisch
-aus.
-
-Hatten die Jay-hawker ihren Angriff auf Boyles' Haus aufgegeben und waren
-am Ende doch mit einem vielleicht irgendwo sonst aufgefundenen Canoe
-nach der anderen Seite zurückgekehrt? Sie hätten jetzt selbst Perryville
-vollkommen schutzlos gefunden und dort nach Belieben wirthschaften können.
-
-Halt! das klang wie eine menschliche Stimme -- wenn sie jetzt kamen.
-Den jungen Leuten schlug das Herz, als ob sie sich hätten an einen Bären
-anpirschen wollen. Sie Alle waren aber auch Jäger genug, um zu wissen, daß
-sie sich vollständig decken mußten, wenn sie den schlauen Feind überlisten
-wollten. Das Blitzen der Sonne auf einem Büchsenlauf, die runden dunkeln
-Umrisse eines Kopfes nur auf dem hellen Sand konnten sie schon verrathen,
-und nicht allein, daß ihre ganze Arbeit dann umsonst gewesen wäre, nein,
-sie gefährdeten in dem Fall auch auf das Ernstlichste das Leben des Knaben,
-denn welche Gewissensbisse hätten sich jene Burschen gemacht im ersten
-Moment und in Wuth und Rache selbst das Leben eines Kindes zu nehmen.
-
-Jim Jenkins hatte dafür auch schon vorher seine Ordre gegeben. Alle mußten
-sich vollkommen hinter dem Sandrücken verborgen halten, und er selber
-häufte, eben mit den Augen über dem Rand, für seinen Kopf eine Parthie
-Reiser und Ranken so auf, daß sie ihm einen Blick hinausließen, aber ihn
-auch sonst vollständig verdeckten. Erst wenn die Freunde sahen, daß er sich
-selber schußfertig machte, sollten sie das Nämliche thun, die Büchsen dann
-hinausschieben und rasch, aber sicher zielen und abdrücken -- um Gottes
-Willen keinen Schuß nutzlos vergeuden.
-
-Jetzt konnte Jim die dunklen Gestalten der Jay-hawker schon deutlich im
-Wald erkennen. Sie kamen näher und näher und das Blut stockte ihm fast, als
-er sah, daß der Erste den Arm seines Bruders fest in der Faust hielt,
-und der Kleine dadurch nicht einmal frei war, sich, der Verabredung nach,
-gleich bei dem ersten Schuß in das Dickicht zu werfen -- aber jetzt blieb
-keine Zeit mehr zum Besinnen -- wo war Hendricks? Jim's Blick suchte ihn,
-aber er fand ihn nicht unter den Vorderen. War er am Ende gar nicht unter
-der Schaar? -- Jim schrak unwillkürlich zusammen. Die Jay-hawker hielten
-noch im Waldrand, so daß er bis jetzt nur auf den Einen hätte mit
-Sicherheit zielen können. Hatten sie etwa Verdacht geschöpft -- aber durch
-was? Jim durfte allerdings nicht einmal den Kopf zur Seite drehen, um sich
-nicht durch die, selbst unbedeutende Bewegung selber zu verrathen, und nur
-den Mund öffnete er weit, so schwer kam ihm der Athem aus der Brust.
-
-Wie still das gerade jetzt im Walde war -- deutlich konnte man das Klopfen
-des Spechtes, den Schrei eines kleinen Falken hören, der mit zitterndem
-Flügelschlag fast wie eine Lerche hoch in der Luft stand, und über die
-Richtung, die er nehmen sollte, unschlüssig zu sein schien. Kein Blatt
-regte sich dabei, so still und fast schwül war die Luft. -- Jetzt aber
-schienen sich die Jay-hawker endlich überzeugt zu haben, daß ihnen hier
-keine Gefahr drohe. Der Platz in dem sie das vergrabene Geld vermutheten,
-lag überhaupt zu nahe und die Ungeduld trieb sie die Stelle zu untersuchen.
-
-Als ihr Führer aus dem, von Dornen eingeengten Pfad trat, breiteten sich
-seine Begleiter ebenfalls auf der Lichtung aus -- Jim zählte, wenn er in
-dem Augenblick überhaupt zählen konnte, etwa elf oder zwölf Mann, aber sein
-Auge suchte Hendricks unter ihnen und fand ihn, aber noch immer von den
-Uebrigen gedeckt. Sollte er warten bis er vollständig vortrat -- aber
-der geringste Zufall konnte ihn den Räubern verrathen -- ein günstigerer
-Zeitpunkt kam für ihn kaum wieder, denn der Trupp erreichte jetzt den
-Platz und der Mann mit dem schwarzen Bart, der bis dahin Bill an der Hand
-gehalten, ließ ihn los, um selber einen der schweren Aeste aufzuheben.
-
-Jim winkte zurück mit der Hand, und die Büchse, deren Hahn er schon
-gespannt hatte, mit beiden Händen fassend, hob er sich etwas auf den Knieen
-aus seiner gebückten Stellung empor.
-
-Es waren acht Männer die dort im Hinterhalt lagen -- der neunte hielt noch
-am Holzrand Wacht, sollte aber ebenfalls nach dem ersten Schuß herbeieilen.
--- Dort drüben stand ein Trupp von wenigstens zwölf so verzweifelten
-Burschen als sie vielleicht das weite Land aufzuzeigen hatte -- hätten sie
-alle ihre Gewehre abgeschossen, so hatten die Feinde, mit ihren geladenen
-Büchsen und Revolvern, jedenfalls die Uebermacht. Aber wer von ihnen Allen
-hätte deshalb auch nur für einen Moment den Angriff verzögern mögen. Sie
-durften es auch gar nicht; der Neger schritt gerade auf sie zu -- dort
-waren diese, von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker, von Mord
-triefend und eben wieder im Begriff, einen neuen Raub zu begehen. Ein
-günstigerer Zeitpunkt kam nicht wieder, und ohne jetzt auch nur noch
-mit einer Wimper zu zucken, hoben sie sich gemeinschaftlich empor -- die
-Büchsenläufe suchten ihr Ziel -- und der Wald wurde lebendig.
-
-Der Neger hatte, wenn auch nicht die größte, doch die erste Ueberraschung.
-Ohne eine Gefahr zu ahnen, watete er durch das seichte Wasser, dem
-Sandrücken zu, hinter dem die Männer lagen. Da sah er vor sich, wie mit
-_einem_ Schlag, die dunklen Gestalten der Rächer auftauchen, und ehe er
-selbst nur einen Warnungsschrei ausstoßen konnte, traf ihn die erste Kugel
-in die Brust.
-
-Aber fast in demselben Moment auch fielen die anderen Schüsse -- wenigstens
-unmittelbar nacheinander, und jetzt waren die Schützen selber auch nicht
-mehr zu halten. Die Ueberraschung, der erste Schreck der Räuber mußte
-benutzt werden, und wie sie nur ihre Kugel abgesandt, sprangen sie auch
-auf die Sandbank und dann wie ein Wetter gegen die Räuber an, die in wilder
-Furcht gar nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. -- Fünf brachen
-wild dem nächsten Dickicht zu, aber schon nach wenigen Schritten taumelten
-Einige und hätten den Kolbenschlag nicht mehr gebraucht, der sie -- eine
-Leiche, zu Boden schmetterte. Da und dort brach es noch durch die Büsche
-hinein und die Verfolger griffen die erbeuteten Büchsen auf, feuerten
-hinterher, und stürzten dann wieder nach, die Kolben schwingend.
-
-Bill war der Einzige gewesen, der die Bewegung hinter der Sandbank
-bemerkte, und nach ihm der Neger -- für ihn selber aber zu spät. Wie der
-kleine Bursch aber die Büchsenläufe in die Höhe gehen sah, warf er sich
-auch platt auf den Boden nieder und die Uebrigen mochten glauben, daß er
-gestolpert wäre -- achteten wenigstens in der Erwartung des vergrabenen
-Geldes nicht auf ihn, bis sie die zwischen sie einschlagenden und sicher
-genug gezielten Kugeln inmitten ihrer verbrecherischen Laufbahn ereilten.
-
-Nur Einer war todt auf dem Platz geblieben; der schwarzbärtige Gesell,
-der Bill an der Hand geführt, denn er hatte die Kugel in den linken Schlaf
-bekommen und wohl kaum seinen Tod gefühlt. Fünf Leichen lagen in zehn bis
-zwanzig Schritt von der Stelle, und andere Verwundete hörten sie noch nach
-verschiedenen Richtungen hin durch die Büsche brechen.
-
-Jim selber hatte keinen freien Schuß auf Hendricks bekommen können, denn
-Einer der anderen Jay-hawker stand vor ihm. Es blieb ihm Nichts übrig als
-auf diesen zu schießen, in der Hoffnung, daß die Kugel durchschlagen und
-Beide treffen möge -- aber unter den Todten fand er ihn nicht, und sein Ruf
-sammelte die Freunde, daß sie sich nicht tollkühn einer unnöthigen Gefahr
-aussetzten.
-
-Zuerst mußten sie ihre Büchsen wieder laden, dann wollten sie den Wald
-absuchen und wer von Allen auch nur einen Streifschuß erhalten hatte und
-nicht mehr so rasch von der Stelle konnte, mußte dann sicher in ihre Hände
-fallen.
-
-Kein Wort wurde dabei gesprochen -- wachsam nur flogen die Blicke umher,
-denn jeder Augenblick konnte noch von einem der Flüchtigen eine Kugel
-herübersenden, während die Hände fast mechanisch die abgeschossenen Büchsen
-wieder luden. Bill selber aber hatte sich schon eine der Büchsen vom
-Boden aufgesucht -- seines _Vaters_ Waffe, die Einer der Räuber damals
-mitgenommen. _Den_ wenigstens hatte die Vergeltung erreicht, und der kleine
-Bursch sah so kaltblütig nach dem Zündhütchen, ob auch Alles in Richtigkeit
-sei, als ob er schon in Gefahren grau geworden wäre -- aber die Kugeltasche
-fehlte noch. Der Todte trug sie noch an seinem Leibe. Bill legte die Büchse
-auf die Leiche, hob den Körper mit aller Kraft an der rechten Seite in die
-Höhe, und hing sich dann die Tasche selber um.
-
-Und jetzt begann die Verfolgung der Verbrecher, die auch insofern ein
-günstiges Resultat lieferte, als die Verfolger noch bald darauf einen
-Todten und zwei schwer Verwundete antrafen, mit denen aber wenig Umstände
-gemacht wurden.
-
-John Wells rief zwar, man solle sie aufhängen, denn Erschießen sei zu
-gut für sie. Wenn aber auch die Männer mit der vorgeschlagenen Todesart
-einverstanden gewesen wären, hätte ihnen das doch zu viel Zeit weggenommen.
-Ein paar erbarmungslose Hiebe mit derselben Kaltblütigkeit geführt, als ob
-sie einen angeschossenen Wolf abgefertigt hätten, beendeten die Leiden
-der Verbrecher, und weiter stürmte dann die Schaar, denn noch immer fehlte
-Hendricks unter den Opfern, und Jenkins wie Wells suchten ja doch nur den
-Einen vor allen Andern.
-
-Weiter -- das Terrain war insofern der Verfolgung günstig, als der
-Arkansas hier einen großen Bogen machte, und während sechs von den Leuten
-abgeschickt wurden quer durch, nach dem Rand des oberen Ufers zu zu suchen,
-vertheilten sich die Uebrigen, Bill seine Büchse schulternd mitten zwischen
-ihnen, durch den Wald.
-
-Da wo noch Einer der Räuber durch die Gründornen gebrochen war, fanden sie
-Blutspuren und folgten nun, wie gierige Schweißhunde, der aufgefundenen
-warmen Fährte. Aber der Verwundete mußte Lebenskraft genug haben, um
-rascher vorwärts zu rücken, als sie ihm folgen konnten, da sie gezwungen
-waren, die oft kaum sichtbare Fährte zu halten. Sie erreichten sogar
-endlich das Ufer des Arkansas, wo sie deutlich sahen, daß der Verwundete,
-dessen Blut die Uferbank färbte, den Strom betreten haben mußte. Hatte er
-noch Kraft behalten, um hinüber an's andere Ufer zu schwimmen? Die Fläche
-war breit und es gehörten kräftige Arme dazu -- oder war er nur eine kurze
-Strecke stromab getrieben, um die Verfolger von seiner Fährte zu bringen
-und sich dort bis einbrechende Nacht versteckt zu halten.
-
-Beide Fälle waren möglich und zwei der jungen Leute erboten sich
-augenblicklich, nach zu schwimmen und drüben die Ufer abzusuchen, während
-die Andern an dieser Seite den ganzen Flußrand abspüren sollten.
-Das Letztere zeigte sich aber nicht so leicht, denn eine Masse von
-unterwaschenen Bäumen waren mit ihren Wipfeln in den Strom gestürzt; an
-anderen Stellen hing das Rohr über die steile unterwaschene Bank, so daß
-man sich nur mit Gefahr an den äußersten Rand wagen und dann noch nicht
-einmal selbst die kleine Stelle vollkommen genau überschauen konnte.
-
-Die Verfolger gaben sich gewiß Mühe ihr Opfer aufzuspüren, aber vergebens.
-Hatte der Verwundete im Arkansas seinen Tod gefunden? Es war möglich, ja
-sogar wahrscheinlich, falls er wirklich, zur Verzweiflung getrieben, gewagt
-haben sollte ihn zu kreuzen. An _diesem_ Ufer schien er sich aber nicht
-gehalten zu haben und man mußte nun abwarten, welche Nachricht die beiden
-Schwimmer brachten.
-
-Gegen Abend sammelten sich die Backwoodsmen wieder auf dem Platze ihres
-Hinterhalts und Cook machte den Vorschlag, die Leichen zu begraben, was
-aber von dem Rest der Schaar fast zornig zurückgewiesen wurde.
-
-Begraben? hatten diese Buben ein ehrliches Begräbniß verdient? wahrlich
-nicht. Es gab Wölfe und Aasgeier genug im Walde, um sie im Lauf der
-nächsten Tage zu beseitigen und das Einzige, wozu sich die Rächer
-verstanden, war, es den Thieren des Waldes bequem zu machen, indem man den
-Leichen die Kleider auszog, diese dann auf einen Haufen Reisig warf und das
-Ganze anzündete. Dann, nachdem sie alle Waffen und Kugeltaschen gesammelt
-hatten, kehrten sie nach Boyles' Farm zurück, wo die beiden jungen Leute,
-die über den Fluß geschwommen, zu ihnen trafen.
-
-Diese aber schienen sich in größter Aufregung zu befinden und wie sie nur
-ans Ufer sprangen, schrieen sie den Gefährten schon zu:
-
-»Er ist drüben, er ist entkommen, Hendricks lebt noch!«
-
-»Und Ihr habt ihn gesehen?« rief Jenkins fast außer sich.
-
-»So dicht wie Euch!« erwiderte der Eine, »aber was sollten wir machen? Er
-hielt uns einen Revolver vor, _wir_ hatten nichts als unsere Messer, und
-ich begreife eigentlich jetzt noch nicht, weshalb er uns nicht Beide über
-den Haufen schoß.«
-
-»Weil er sich fürchtete, daß sein Revolver versagte,« knirschte John Wells
-zwischen den Zähnen durch. »Teufel noch einmal, weshalb seid Ihr nicht auf
-ihn gesprungen.«
-
-»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,« knurrte der Andere. »Die
-Revolverpatronen kann man ein paar Stunden in's Wasser legen und sie
-gehen doch los, und der Bursche war so zur Verzweiflung getrieben, daß er
-wahrhaftig wenig Umstände mit uns gemacht haben würde.«
-
-»Und wo traft Ihr ihn?«
-
-»Keine hundert Schritt vom Ufer,« sagte der Erste wieder. »Er schien von
-der Schwimmpartie erschöpft und wir hatten ebenfalls keinen Athem mehr. Wir
-fanden den Platz, wo er an's Land gestiegen war, gleich an der Slew, die
-etwa eine halbe Meile über Klingelhöffer's Platz in den Arkansas mündet. So
-weit hatte ihn der Strom mit hinab genommen.«
-
-»Und weiß Klingelhöffer darum?«
-
-»Gewiß, der Alte riß augenblicklich, trotz seiner Kreuzschmerzen, seine
-Büchse von der Wand und eilte hinüber.«
-
-»Und Ihr seid ihm nicht gefolgt?«
-
-»Weil wir Euch hier erst Nachricht geben wollten. Wenn wir jetzt Alle zur
-Verfolgung ausgehen, _kann_ er gar nicht entkommen.«
-
-»Gut denn -- hinüber!« rief Jenkins rasch. »Es ist vielleicht auch gut
-so, denn der Schuft hat jetzt wenigstens noch eine Weile Todesangst
-auszustehen, bis wir ihm wieder auf den Fährten sitzen. Hat Einer von Euch
-ein Seil?«
-
-»Hier im Hause sind genug,« sagte Bill. »Dort in der Ecke liegen drei oder
-vier Stricke.«
-
-»Gut, nehmt ein paar mit und nun vorwärts. Unser Werk ist nur halb gethan,
-wenn uns Hendricks entkommt.«
-
-Die Männer hielten sich in der That nicht auf, und wie nur die erste Hälfte
-übergesetzt war, flogen sie auch mehr als sie gingen, am Ufer hinauf,
-um die Stelle zu erreichen, wo der Verbrecher zuerst gesehen worden --
-umsonst. Nach etwa einer Stunde trafen sie Klingelhöffer, der die Fährte
-verloren hatte, und sie nun an dem höheren Land, das mit einzeln stehendem
-Rohr und kleinem Baumwuchs bestanden war, wieder aufzufinden suchte. Der
-Boden dort war aber trocken, da das Regenwasser rasch in die Niederung
-ablaufen konnte, die beiden Hunde, die er mitgenommen, verstanden nicht
-auf einen Menschen zu jagen und setzten hinter einem vor ihnen aufstehendem
-Hirsch her, und als die Nacht einbrach, in der jede Verfolgung nutzlos
-wurde, mußten sie es aufgeben und nach Klingelhöffer's Haus zurückkehren.
-
-
-
-
-Achtes Capitel.
-
-Die Suche.
-
-
-In den nächsten Tagen war Alles, was sich noch von waffenfähigen Männern am
-Fourche-la-Fave, wie an der anderen Seite des Stromes befand, auf den
-Füßen und im Sattel, denn wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht über
-die Zersprengung und fast vollständige Vernichtung der Jay-hawker-Bande
-verbreitet, und Alles wollte jetzt Theil nehmen, um die Letzten dieser
-gefürchteten Schaar mit einfangen und bestrafen zu können.
-
-Der Haupttrupp nahm auch dabei Hendrick's Fährte auf -- umsonst. Die Männer
-auf der anderen Seite des Arkansas trafen noch auf einen Verwundeten, der
-in einen Schilfbruch gekrochen war und sich kaum noch regen konnte. Das
-aber schützte ihn nicht; er wurde hervorgezogen und an dem nächsten Dogwood
-aufgehängt, während die Rächer am Fourche-la-Fave auch keine Fußspur mehr
-von dem Flüchtigen fanden.
-
-Wo er sich versteckt hatte, ließ sich kaum denken, denn weiter geflohen
-konnte er unmöglich sein, oder sie hätten ihn finden müssen; aber nach drei
-Tagen vergeblicher Suche gaben sie die Sache endlich auf -- die Meisten
-wenigstens, die in ihre Heimath zurückkehrten, während aber John Wells wie
-Jenkins einen heiligen Schwur leisteten, nicht zu ruhen noch zu rasten,
-bis sie den Mörder ihrer beiden Väter erreicht und deren Tod an ihm gerächt
-hätten.
-
-Vor der Hand mußten sie allerdings nach Little Rock zurück, aber General
-Steene, als er die Einzelheiten jener Verbrecherschaar gehört, gab ihnen
-gern Urlaub, mit der Bedingung freilich, die Mörder, falls es ihnen irgend
-möglich sein sollte, lebendig nach Little Rock einzuliefern. Er wolle
-selber sein Urtheil fällen, und daß Hendricks bei ihm auf keine Gnade zu
-hoffen hätte, darauf könnten sie sich fest verlassen.
-
-John Wells versprach das augenblicklich, als ihm aber Jim nachher Vorwürfe
-darüber machte, lachte der junge Bursche kalt und höhnisch auf und murmelte
-zwischen den zusammengebissenen Zähnen:
-
-»Wenn er das aushält, was ich mit ihm anfange, sobald er mir in die Hände
-läuft, und nachher wirklich noch lebendig ist, dann werde ich ihn so an den
-alten Herrn abliefern. Wahrscheinlich ist's freilich nicht.«
-
-»Aber Du hast es versprochen.«
-
-»Zum Teufel auch,« rief Wells, »ich hätt' ihm versprochen, ein Stück Mond
-herunter zu holen, wenn er's verlangte, nur um loszukommen. Jetzt komm Jim.
-Wenn der Schuft noch lebt, so ist ihm hier der Boden unter den Füßen zu
-warm geworden; dann aber hat er sich auch nirgends anders hingewandt, als
-nach dem gesegneten Texas -- und dorthin liegt jetzt unser Ziel.«
-
-»Und die Unseren daheim?«
-
-»Mein Bruder wird so lange für sie sorgen -- er hat's fest versprochen.
-Deine Schwester zieht zu meiner Mutter und Bill ebenfalls; der Junge ist
-ein Prachtkerl, und lebt Hendricks noch, dann finden wir auch seine Fährte
--- oh nur die Seligkeit, ihm die Schnur um den Hals zu knüpfen -- weiter
-verlange ich ja nichts auf der Gotteswelt.«
-
-»Und wann brechen wir auf?«
-
-»In drei Tagen. Ich muß noch erst einmal nach Hause, um Alles dort in
-Ordnung zu bringen. Hast Du Geld, Jim?«
-
-»Keinen Dollar im Vermögen.«
-
-»Ich auch nicht, aber das schadet nichts -- wohin wir gehen, brauchen wir
-nichts, als was wir uns leicht mit der Jagd verdienen können. Hast Du noch
-einen anderen Anzug, denn in der Uniform dürfen wir nicht reisen -- Texas
-ist noch im Aufstand.«
-
-»Ja, mein neues Zeug, das mir Betsy erst in dieser Woche fertig gemacht
-hat.«
-
-»Gut -- ich will ebenfalls sehen, daß ich einen anständigen Rock auftreibe,
-denn die letzte Suche hat dem meinigen bös mitgespielt. Wollene Decken
-haben wir den Jayhawkern genügend abgenommen. Was ist denn das für eine
-Büchse, die Du da trägst?«
-
-»Meines Vaters Waffe, die Bill dem einen Todten abgenommen. Ich habe dem
-Knaben die meinige dafür gegeben.«
-
-»Alles in Ordnung denn. Am dritten Tag von heute hol' ich Dich ab,« und
-sein Pferd wendend ritt er in scharfem Trab den Strom hinauf.
-
- * * * * *
-
-John Wells hielt sein Wort. Zu thun gab es jetzt auch Nichts mehr für
-sie am Fourche-la-Fave, denn den Jay-hawkern war das Handwerk gelegt, und
-wieder Land urbar zu machen oder zu pflanzen, dazu hatte keiner der Leute
-Lust. Wußten sie denn, für wen sie es thaten, und waren ihnen nicht jetzt
-drei Jahre hinter einander die Ernten von durchstreifenden Soldatentrupps
-der einen oder anderen Partei geplündert oder zerstört worden? Erst mußte
-wieder Frieden sein, ehe sie in diesen dem Wechsel des Krieges ausgesetzten
-Districten an die ruhige Beschäftigung des Ackerbaues gehen konnten. Das
-Wenige, was sie selber zum Leben brauchten, konnte jeder schon ziehen oder
-durch die Jagd beibringen; jetzt hatte John Wells kein anderes Ziel als
-den zehnfachen Mörder zu erreichen und dann -- ja, was er dann mit ihm thun
-würde, wußte er selber noch nicht, und nur in Wuth und Ingrimm knirschte er
-die Zähne zusammen, wenn er an den Buben dachte.
-
-Texas! und war er auch wirklich nach Texas geflohen? Konnte er sich nicht
-westlich zu den Indianern gewandt haben? Wie mancher Verbrecher schon
-hatte die weiten Prairien aufgesucht, um sich dem Arm der ihn verfolgenden
-Gesetze zu entziehen.
-
-John hielt sein Pferd an und schien unschlüssig, aber wie wir bei allen
-Menschenklassen, die den größten Theil ihres Lebens draußen in der freien
-Natur verbringen, bald mehr bald weniger immer einen gewissen Grad von
-Aberglauben finden, so sagte er sich jetzt selber: Dein erster Gedanke fiel
-auf Texas -- Gott selber muß es Dir eingegeben haben, denn er kann nicht
-wollen, daß ein solcher Bube frei und ungestraft auf seiner Erde wandelt
--- also nach Texas! und als er zur verabredeten Zeit mit Jim zusammentraf,
-konnte er den Moment nicht erwarten, wo er seinem Thier erst die Sporen
-geben durfte.
-
-Aber Texas ist ein großes -- ein ungeheuer großes Land, und wenn sie es
-erreichten, nach welcher Richtung sollten sie dann suchen? Doch die Frage
-fand vielleicht schon ihre Erledigung auf dem Weg, denn wenn sich der
-Flüchtige überhaupt dorthin gewandt, so konnte er fast nur durch Arkansas
-die Straßen über Washington und Fulton eingeschlagen haben. Der folgten sie
-jetzt ebenfalls, um vielleicht in irgend einer Hütte wieder auf die
-Spur des Verbrechers zu kommen. Er war jedenfalls durch eine der Kugeln
-getroffen worden, das bewies das Blut, das sie in seinen Fährten gefunden,
-und möglich war's, daß sie gerade dadurch leichter auf seine Spur kommen
-oder ihn wohl gar erschöpft in irgend einer Cabin fanden.
-
-Die Hoffnung sollte sich indessen nicht bewähren, denn Kunde bekamen sie
-allerdings genug von verdächtigen Individuen, die sich dort in der letzten
-Zeit auf der Straße herumgetrieben, und meist alle den Weg nach Texas
-eingeschlagen hatten, aber ob der Gesuchte zwischen ihnen gewesen, wer
-konnte es sagen. Verwundet waren ebenfalls Einige gewesen, das aber konnte
-in jetziger Zeit, wo der blutige Krieg Tausende von Opfern kostete, kaum
-auffallen. Es schien vielmehr sonderbar, wenn noch ein junger Mann mit
-unverletzten Gliedern in der Welt herumlief.
-
-So setzten sie ihren Weg fort, bis sie endlich den Red-River erreichten,
-diesen kreuzten und dann in die ungeheueren Wälder des weiten Landes
-eintauchten.
-
-Dort hörte jede Spur auf, denn dort gab es nur einzelne, jetzt ebenfalls
-wüstliegende Plantagen und das Land war so wildreich, daß sich ein
-einzelner Wanderer, wenn er besonders Menschen ausweichen wollte, recht gut
-verbergen und von jedem Pfad abseits erhalten konnte -- und Hendricks wußte
-gut genug in der Wildniß Bescheid, um gerade einen solchen Cours, seiner
-größeren Sicherheit wegen, zu verfolgen.
-
-Die Kreuz und die Quer zogen so unsere beiden jungen Backwoodsmen durch die
-am wenigsten besiedelten Theile des großen Staates, und wenn sie auch
-mit Manchem zusammentrafen, der recht gut in den Staaten einer solchen
-Raubbande angehört haben könnte, den allein Gesuchten fanden sie nicht, und
-konnten ihn auch von Keinem erfragen.
-
-Lange Monate hatten sie dabei dies Leben fortgeführt, und sogar schon in
-der einen kleinen Ansiedelung, die sie erreichten, die Nachricht erhalten,
-daß der Feldherr der Secessionisten: General Lee, capitulirt habe und der
-Krieg somit beendet sei, wenn sich auch in Texas selber eine Truppenmacht
-der Rebellen hielt.
-
-Sollte sich Hendricks am Ende diesen angeschlossen haben? Es schien nicht
-wahrscheinlich, denn ein Meuchelmörder sucht nicht den offenen Kampf, so
-lange er aus sicherem Hinterhalt sein Opfer treffen kann. Aber wo in aller
-Welt stak er dann, und vergeudeten sie nicht hier ihre Zeit in völlig
-nutzlosem Umhersuchen, während der Verbrecher vielleicht vollkommen sicher
-und unbehelligt in irgend einem anderen Theil des weiten Landes, und dann
-jedenfalls unter einem angenommenen Namen saß?
-
-Jim und John lagen an einem, im Wald entzündeten Feuer ausgestreckt. An der
-Gluth briet ein von dem Ersteren erlegter Truthahn, und die beiden jungen
-Leute hatten das Für und Wider ihrer langen mühseligen Wanderung hin und
-her erwogen. Sie fingen an einzusehen, daß sie auf diese Weise ihr Ziel
-wohl kaum erreichen würden.
-
-»Das geht nicht länger John,« sagte Jim nach einer langen Pause, in der
-er still sinnend in die Flamme gestarrt hatte. »Wer weiß ob der Schuft
-überhaupt noch lebt, und wir ziehen hier wie die Narren mitten im Wald
-herum, als ob wir weiter in der Gottes Welt Nichts zu thun hätten, als auf
-die Jagd zu gehen -- und daheim liegen doch unsere Farmen brach.«
-
-»Und hast Du etwa Lust _unsere_ Jagd aufzugeben?«
-
-»Wenn ich die _Möglichkeit_ eines Erfolges sähe, bei Gott nicht, aber wir
-wissen nicht einmal, ob sich Hendricks nach Texas gewandt hat, und wo ihn
-_dann_ suchen? Er kann eben so gut in Minnesota wie in Florida sitzen.«
-
-»Vielleicht hast Du Recht,« nickte John, nach einer kleinen Weile -- »wir
-_könnten_ unsere Chancen verdoppeln, und das ist es, woran auch ich schon
-gedacht habe.«
-
-»Und in welcher Art?«
-
-»Indem wir uns trennen und jeder einen anderen District absucht.«
-
-»Und was dann, wenn ihn _Einer_ findet? Haben wir nicht Beide Antheil an
-der Rache?«
-
-»Das ist eben der Teufel, und wenn das nicht wäre,« meinte John, »so hätte
-ich Dir den Vorschlag schon vor vier Wochen gemacht -- sobald wir uns aber
-nach zwei Richtungen wenden, liegt doch viel eher die Möglichkeit vor, ihn
-anzutreffen und sind wir ihm nur erst einmal auf der Spur -- wissen wir
-bestimmt, daß er in Texas ist, dann wäre es auch nachher ein Leichtes, ihn
-gemeinschaftlich wieder zu treffen.«
-
-»Und dann müßten wir ihn das erste Mal laufen lassen,« sagte Jim mit dem
-Kopf schüttelnd -- »Du wärst der Letzte, der das thäte, John. Denk nur an
-das Versprechen, das Du dem General in Little Rock gegeben.«
-
-»Bah, soviel für _den_; der hatte kein Anrecht an unserer Rache, aber
-Du hast es, und ich möchte es Dir nicht verkümmern. Uebrigens braucht
-Hendricks, _wenn_ ihn Einer von uns aufspürt, gar nicht zu erfahren, daß
-wir in der Nähe sind. Wir wollen nur herauszubekommen suchen, _wo_ er sich
-aufhält, und uns dann an einem verabredeten Sammelplatz treffen.«
-
-»Das ist weitläufig,« sagte Jim, mit dem Kopf schüttelnd, »und bekommt
-er nachher Wind, so sind wir auf dem alten Fleck. Nein, Du weißt, daß
-uns neulich einmal der Neger, den wir trafen, einen Mann beschrieb, der
-möglicher Weise Hendricks gewesen sein _kann_. Der soll sich aber in
-der Nähe einer deutschen Colonie aufhalten. Wie wär's, wenn wir zusammen
-dorthin aufbrächen und dann erst -- sobald wir unseren Verdacht nur in
-etwas bestätigt finden, getrennt suchen.«
-
-»Es ist ein verwünscht weiter Weg.«
-
-»Aber will uns das Glück wohl, so finden wir ihn vielleicht eben so leicht
-in dieser Richtung, wie in irgend einer andern.«
-
-»Aber die Beschreibung paßte nur in etwas auf die _Person_, sonst wären
-wir ja gleich auf der Spur nachgegangen,« rief John. »Jener Bursche war der
-Sohn eines Pflanzers aus Florida, dem die Unionisten die Plantage zerstört
-hatten.«
-
-»Bah, Geschichten sind leicht erzählt und Hendricks ist erfinderisch.
-Was sollen wir hier? _Hier_ steckt er nicht, oder wir hätten ihn längst
-gefunden, also weshalb ihn nicht in einer anderen Richtung suchen.«
-
-»Gut! einverstanden,« nickte John endlich, »aber -- in der deutschen
-Colonie werden wir Geld brauchen und das --«
-
-»Nicht einen Cent,« rief Jim -- »denk an Klingelhöffer -- würde der Geld
-für ein Nachtquartier nehmen? Sie sind alle gastfrei, und außer dem bringen
-wir auch leicht ein Dutzend Hirschhäute zusammen, wenn wir ja einmal ein
-paar Dollar brauchen sollten. Vorwärts, der Wald bleibt uns immer und giebt
-uns Nahrung und Quartier.«
-
-Es wurde Nichts weiter über die Sache gesprochen. Die Männer beendeten ihre
-Mahlzeit, holten dann ihre »ausgehobbelten« (=to hobble a horse=, ein Pferd
-an den Vorderbeinen fesseln) Pferde herbei, schnürten ihre Decken zusammen
-und schlugen mitten durch den Wald die etwaige Richtung ein, die sie ihrem
-nächsten Ziel entgegenführen mußte.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-In der Colonie.
-
-
-Man muß den Charakter dieser zähen amerikanischen Backwoodsmen kennen, um
-zu begreifen, wie zwei junge Leute, nur mit ihren Büchsen und Pferden, und
-eine wollene Decke am Sattel festgeschnallt, Monate lang und allein das
-eine Ziel verfolgend, in einem wilden Land herumziehen konnten. Es war
-ihnen aber eben Nichts weiter als eine Jagd, auf der sie früher ja auch
-halbe Jahre verbrachten; an Ausdauer fehlte es ihnen wahrlich nicht dazu
--- an Bequemlichkeiten waren sie nie gewöhnt gewesen -- solche ausgenommen,
-die ihnen die Wildniß bot, und sie betrachteten die ganze Tour mehr als
-einen Streifzug, um zugleich auch ein ihnen bisher fremdes Land kennen
-zu lernen, in dem sie sich vielleicht später selber einmal eine Heimath
-gründen konnten. Arkansas war ihnen verleidet worden, und es giebt ja
-überhaupt kaum ein rastloseres Volk in der Welt, als eben diese westlichen
-Jäger, die selbst ihre Farmen verkaufen, sobald ihnen nur halbwegs ein
-Gebot gethan wird, und dann mit der größten Zufriedenheit weiter westlich
-in eine neue Wildniß ziehen.
-
-So verfolgten auch unsere beiden Freunde ihren Weg, ohne aber auch nur
-für einen Augenblick ihr eigentliches und blutiges Ziel aus den Augen zu
-verlieren. Ueberall in den zerstreuten Ansiedlungen oder Städten, die sie
-erreichten, horchten sie umher -- überall vergebens, denn der _gesuchte_
-Verbrecher war nirgends zu finden. Wohl aber hörten sie, als sie sich
-jener deutschen Ansiedelung »Blumenthal« näherten, Gerüchte von einer
-Räuberbande, die sich, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe derselben,
-doch in der Nachbarschaft in einem wilden Schilfbruch festgesetzt haben und
-die Gegend unsicher machen sollte. Mancher Reisende durch jene Strecken war
-verschollen, und der Verdacht lag ziemlich nahe, daß sie eben jenen Buben
-zum Opfer gefallen.
-
-Die beiden jungen Leute kamen hier in eine freundliche und reiche Gegend --
-in eine Strecke, die durch den unseligen Krieg wenig oder gar nicht berührt
-war, und deutschen Fleiß und Arbeitssinn deßhalb so viel deutlicher zeigen
-konnte.
-
-Hatten sie überhaupt schon je einmal in ihrem Leben einen solchen Platz
-gesehen, wo Farm neben Farm lag, eine Fenz in die andere griff, und die
-Acker von Wurzeln und Unkraut gereinigt, ebenen Prairien glichen, während
-wohnliche Häuser und große aus Stein erbaute Scheunen Reichthum sowohl als
-Behaglichkeit verriethen?
-
-_Das_ waren Farmen, wie sie eigentlich sein sollten, und wie sie ähnliche
-auch wohl von Leuten, die aus dem fernen Osten kamen, beschreiben hörten.
-Wo aber hätten sie selber sie schon in ihrem Leben betreten? -- Am
-Fourche-la-Fave? -- Wilder Wald lag zwischen den einzelnen Wohnungen
-und selbst diese boten wenig -- keine von allen auch nur mehr als den
-nothdürftigsten Schutz gegen das Wetter und die Kälte, während sich hier
-sogar schon ein ihnen vollständig fremder Luxus Bahn gebrochen und die
-Stuben mit Teppichen, die Fenster mit Gardinen geschmückt hatte.
-
-Allerdings waren sie auf ihrem letzten Zug in Tennessee und Mississippi
-durch reiche Districte gezogen, wo in Friedenszeiten die herrlichsten mit
-Allem ausgestatteten Plantagen gelegen, aber wie sahen diese Plätze
-aus, als ihr Fuß sie betrat? Die Häuser waren verbrannt, oder lagen mit
-eingeschlagenen Fenstern und Thüren verödet da. Die Fenzstangen schienen
-zu Feuerholz gedient zu haben, die Felder selber, seit Jahren nicht
-mehr bestellt, waren von Büschen und Unkraut überwachsen, und Elend und
-Zerstörung starrte ihnen überall entgegen.
-
-So hatten sie sich die ganze Zeit von einem Schlachtfeld zum andern
-herumgetrieben, und als sie nach Hause in ihre Waldesheimath zurückkehrten,
-wohnte dort der Mord, und das Blut der ihnen theuersten Menschen färbte den
-Boden roth.
-
-Auch seit der Zeit durchstrichen sie wilde und wüste Gegenden, die noch
-dazu meist alle durch den Krieg heimgesucht worden waren, bis ihr Fuß
-hier plötzlich ein kleines friedliches Paradies betrat, das so still und
-versteckt in den Bergen lag, um selbst den feindlichen Fouragirzügen zu
-entgehen.
-
-Eigentlich war der Platz hier für eine Colonie so ungeschickt als möglich
-gewählt, denn Blumenthal hatte fast gar keine Communication mit der übrigen
-Welt. Auf dem von einem Amerikaner entworfenen Plan der jungen Stadt
-befanden sich allerdings Eisenbahnen genug, die es zu einem Centralpunkt
-des ganzen Staates machen sollten, aber das war nur auf dem Papier gewesen.
-In Wirklichkeit existirte noch kaum eine Fahrstraße nach dem nächsten
-kleinen Fluß, auf dem man einzelne Producte, aber nur in günstiger
-Jahreszeit stromab schaffen konnte. Sonst liefen nur ein paar
-Maulthierpfade einer nach Süden, einer nach Osten aus.
-
-Trotzdem aber war die junge Colonie gewachsen, denn wo der Deutsche erst
-einmal seinen Pflug in den Boden getrieben hat, läßt er auch nicht locker
-und arbeitet nicht allein stetig weiter, sondern zieht auch Freunde und
-Familienglieder allmählich nach. Der Platz hatte sich auch in der That
-so gehoben, daß man eben daran gehen wollte, eine gute Fahrstraße in das
-niedere und mehr besiedelte Land zu bauen und dadurch die Bahn zu einem
-Schienenstrang zu öffnen, als der Krieg im Norden ausbrach und natürlich
-jede industrielle Arbeit entweder sistirte, oder wenn noch nicht begonnen,
-hinausschob auf bessere Zeiten.
-
-Das aber was die Bewohner von Blumenthal früher als ein schweres Unglück
-betrachteten, war eben zu ihrem Glück gewesen, denn das hielt sie, in ihrer
-Abgeschiedenheit, von den Lasten des Krieges vollständig verschont und
-nur ein einziges Mal verirrte sich ein kleiner Trupp von zersprengten
-Sesesch-Soldaten hierher und zeigte Lust den Ort zu brandschatzen. Das aber
-war den Ansiedlern außer dem Spaß, und da doch Jeder von ihnen, fast ohne
-Ausnahme, seine Jagdflinte oder Büchse mit herüber nach Amerika gebracht
-hatte, so erschienen sie plötzlich in so wuchtiger Zahl zusammen und unter
-Waffen, daß die Sesesch außerordentlich freundlich wurden, nur um die
-nöthigen Lebensmittel ersuchten -- mit dem Erbieten sogar, für dieselben
-zu bezahlen, und dann als sie freigebig erhalten hatten, was sie wirklich
-brauchten, die Ansiedlung wieder rasch verließen.
-
-Seit der Zeit hatten sie in Frieden gelebt, bis sich nördlich oder vielmehr
-nordwestlich von ihnen, an den Quellen des Colorado Gesindel festzusetzen
-schien, das anfing die Gegend unsicher zu machen. Allerdings hielt man die
-Uebelthäter für einen Trupp versprengter Sesesch-Soldaten, die noch dort
-für kurze Zeit in den Bergen ihr Wesen trieben -- vielleicht auch gar für
-eine Bande mexicanischer Diebe, die sich möglicher Weise über die Grenze
-hereingezogen. Merkwürdig nur, daß sie jedes Mal so genau wußten, wer Geld
-hatte, und nie Leute behelligten, die dort draußen waren, um ihr Vieh zu
-suchen oder nur zu jagen. Man war auch nach dieser Richtung hin noch nie
-verdächtigem Gesindel begegnet, und nur ein Mann einmal, ein Amerikaner,
-der sich zwischen ihnen niedergelassen, war von drei Strolchen angefallen
-worden, von denen er aber fest behauptete, daß es Mexicaner gewesen wären.
-Er hatte, wie er erzählte, einen erschossen und einen andern verwundet, und
-obgleich sie mehrfach auf ihn gefeuert, seine Flucht bewerkstelligt.
-
-Hierauf wurden ein paar Streifzüge nach dieser Richtung hin unternommen,
-aber ohne den geringsten Erfolg. Man fand keine Spur der Räuber, nicht
-einmal den Todten, den sie jedenfalls fortgeschleppt und beerdigt hatten
-und eine Zeitlang ruhte die Sache, bis wieder ein sehr reicher deutscher
-Farmer, der da oben Vieh gekauft hatte und es bezahlen wollte, ebenfalls
-nicht zurückkehrte und durch seinen wahrscheinlichen Tod die kleine
-Ansiedlung in erneute Unruhe versetzte.
-
-Der Fall war um so trauriger, als sich die Tochter desselben Mannes in den
-nächsten Tagen hatte mit einem jungen Amerikaner verheirathen wollen, und
-dieser, der Nämliche, der schon früher angefallen worden, war jetzt mit
-fünf oder sechs seiner Landsleute, und etwa zwanzig jungen deutschen
-Farmern ausgegangen, um die Gegend gründlich abzusuchen und diesem
-nichtswürdigen Räuberwesen ein Ende zu machen.
-
-Gerade in dieser Zeit trafen unsere beiden Freunde in der Ansiedlung
-ein und wurden dort, wie das unter den Umständen wohl natürlich ist, mit
-einigem Mißtrauen betrachtet.
-
-Ein Wunder war es nicht, denn Jim wie John, die sich jetzt unausgesetzt
-schon lange Monate im Wald oder doch auf den verschiedenen Straßen
-herumgetrieben, sahen eben wild genug aus, um ihnen selbst das Schlimmste
-zuzutrauen, und die Aengstlichsten in dem kleinen Städtchen, das zum
-großen Theil für den Augenblick von waffenfähigen Männern geräumt war,
-befürchteten schon den indeß verabredeten Ueberfall einer größeren Bande,
-von der dies möglicher Weise die Vorläufer sein konnten.
-
-Beide Freunde übrigens, mit keiner Ahnung, daß man sie hier in einem
-solchen Verdacht haben konnte, erkundigten sich, sobald sie den Ort
-erreichten und sich plötzlich unter lauter Fremden befanden, ob kein
-Amerikaner im Ort wäre und wurden nach einem der nächsten Häuser zu einem
-alten Mann -- und zwar einem der ersten Ansiedler hier, gewiesen.
-
-Und hielt sich hier ein Mr. Rollridge auf? so sollte sich des Pflanzers
-Sohn genannt haben, von dem ihnen der Neger erzählte.
-
-Die Leute, an welche die Frage gerichtet wurde, sahen sich unter einander
-an, gaben aber keine directe Antwort darauf, sondern erwiederten nur, daß
-die Fremden bei Mr. Warner, wie der alte Mann hieß, wohl Alles, was sie zu
-wissen wünschten, erfahren könnten. -- Und woher sie selber kämen? -- Aus
-dem Wald, -- wohin sie wollten? -- sie wüßten es noch nicht, -- sie wären
-Leute, die sich nach einem Platz zur Niederlassung umsähen.
-
-Das sagte ein Jeder, dem daran lag keine genaue Auskunft über sich zu
-geben, aber Warner war, ebenso wie Friedensrichter im Ort, auch ein alter
-gescheuter Bursch, der ihnen schon auf den Zahn fühlen würde und dem
-konnten sie das Weitere deßhalb ruhig überlassen.
-
-Jenkins wie Wells jedoch, wie sie sich nur kurze Zeit mit ihrem älteren
-Landsmann unterhielten, fanden bald, daß sie es mit einem einfach
-schlichten Mann zu thun hatten, dem sie aus dem Zweck ihrer Reise kein
-Geheimniß zu machen brauchten. Warner schüttelte aber den Kopf, als sie
-ihren Verdacht gegen Rollridge äußerten. Er hatte selber dessen Vater
-gekannt, und die Befürchtung lag hier in Blumenthal außerdem nahe genug,
-daß sogar Rollridge, als er den Platz habe verlassen wollen, ermordet oder
-sonst zu Schaden gekommen sei. Er hatte wenigstens sein nächstes Ziel --
-eine bestimmte Farm am Colorado, nie erreicht und man wisse dabei, daß er
-ziemlich viel Geld mit sich führte.
-
-Wieder also waren sie vergebens eine so endlos weite Strecke gewandert,
-wieder ihre Hoffnungen getäuscht worden und Jenkins selber fing an, der
-Verfolgung müde zu werden. Hier erfuhren sie außerdem, daß der Krieg
-vollständig beendet sei, und wie sollten sie jetzt, mit all den entlassenen
-Soldaten, die sich über die Staaten zerstreuten, noch irgend eine bestimmte
-Spur verfolgen können.
-
-Warner selber sprach dabei die feste Ueberzeugung aus, daß die Räuber, die
-hier in der Nachbarschaft ihr Wesen trieben, jedenfalls dem mexicanischen
-Stamm angehörten. Mr. Rawlins, wie der Amerikaner hieß, dessen
-Schwiegervater gerade als letztes Opfer gefallen, war übrigens ein ganz
-tüchtiger Mann und, wie er erklärt hatte, fest entschlossen, diesmal alle
-seine Kräfte aufzubieten, um die Mörder auszuspüren und zu bestrafen,
-und sie durften also hoffen, daß der überdies starke Zug nicht so ganz
-unverrichteter Sache zurückkehren würde. Jedenfalls hatten sie die Unbill
-lange genug geduldet, und es müßte ihr einmal ein Ende gemacht werden.
-
-Und was nun? -- Jim machte seinem Freund den Vorschlag nach Haus
-zurückzukehren. Hatten sie dabei Glück, so konnten sie Hendricks ebensogut
-in der, wie in jeder anderen Richtung antreffen, hatten sie aber keins, nun
-dann half es ihnen auch Nichts, wenn sie den weiten Staat noch länger, bald
-nach der, bald nach jener Himmelsgegend durchkreuzten. Wenn Hendricks ihnen
-aber auch jetzt noch entging, später erfuhren sie doch vielleicht einmal
-seinen Aufenthalt und dann war ihr Rachewerk wohl aufgeschoben, aber
-wahrlich nicht aufgehoben gewesen.
-
-John Wells schien anfangs keine rechte Lust dazu zu haben, aber er mußte
-dem Freund doch auch Recht geben, daß sie in dieser Art wenig Aussicht auf
-Erfolg hätten. Er war ebenfalls müde geworden und die beiden jungen Leute
-beschlossen deshalb, nicht einmal die Rückkehr der Ausgezogenen abzuwarten,
-sondern gleich wieder nach Arkansas aufzubrechen.
-
-Das litt aber der alte Warner nicht, der, wie sich im Gespräch
-herausstellte, Wells Vater gekannt, und selber einmal hier in Texas eine
-Weile mit ihm gejagt hatte. Er wollte die beiden Freunde wenigstens nicht
-wieder fortlassen, bis sie sich erst ordentlich ausgeruht, und dazu fanden
-sie im ganzen weiten Staat keinen besseren Platz als gerade Blumenthal.
-
-John Wells fand an einem solchen, wie er meinte, zwecklosen Aufenthalt,
-kein sonderliches Behagen, Jenkins selber aber redete ihm zuletzt zu,
-ein paar Tage auf die hiesige Umgegend zu verwenden, die ihm wenigstens
-außerordentlich gefiel. Das Land war reich, das Klima schien gesund, Wild
-gab es ebenfalls ziemlich viel in der Nachbarschaft, und an dieser Gegend
-hafteten doch nicht für sie so trübe Erinnerungen, als an ihrer bisherigen
-Heimath, in der sie Alles an die erlittenen Verluste mahnte.
-
-Warner unterstützte ihn lebhaft darin und erbot sich auf das
-Bereitwilligste, sie in den nächsten Tagen selber in der ganzen
-Nachbarschaft herumzuführen. Es gab noch ein reizendes Thal in kaum zwei
-Miles Entfernung von der kleinen Stadt, in dem bis jetzt kein Baum gefällt,
-kein Acker Land aufgenommen war, und er sprach seine feste Ueberzeugung
-aus, daß sie in sämmtlichen Staaten kein freundlicheres Fleckchen Erde
-finden könnten. -- Und eine Uebersiedelung hierher? -- Lieber Gott, die
-hatte für einen Backwoodsman auch nicht die geringste Schwierigkeit, denn
-ihr ganzer Hausstand konnte leicht auf einem kleinen Karren, ja oft sogar
-auf ein paar Pferden fortgeführt werden. Jedenfalls wollten sie den Platz
-erst einmal sehen und ein Entschluß stand ihnen ja dann immer noch frei.
-
-Die nächsten Tage verwandten sie auch in der That dazu, so viel als möglich
-von der Umgegend zu sehen und kennen zu lernen. Die Nachbarschaft
-der Deutschen gefiel dem jungen Jenkins ebenfalls, denn er hatte am
-Fourche-la-Fave schon viele von diesen kennen lernen und lieb gewonnen. Ihm
-selber behagte der ganze Distrikt ungemein und wenn auch John Wells noch
-keine besondere Neigung dafür zeigte, konnten sie sich das ja noch immer
-unterwegs überlegen, und nachher mit den Ihrigen besprechen. Zu übereilen
-war eben Nichts an der Sache.
-
-Am vierten Tag standen endlich ihre bis dahin vollkommen ausgeruhten und
-ordentlich aufgefütterten Pferde bereit, und die alte Mrs. Warner packte
-ihnen gerade noch ein tüchtiges Stück Wildpret und Fleisch ein, weil sie
-unmittelbar in der Nähe der Ansiedlung doch wohl nicht viel zu jagen finden
-würden, als draußen auf der Straße plötzlich ein wunderlicher Lärm gehört
-wurde, der rasch ihre Aufmerksamkeit erregte und sie vor die Thür lockte.
-
-Die ausgezogenen Männer waren zurückgekehrt. Warner's Sohn ritt gleich
-darauf am Hause vor und erzählte ihnen, daß sie von den Räubern selber
-allerdings keine Spur, wohl aber den Leichnam des alten Deutschen gefunden
-hätten, der, mit einer einzigen Kugel gerade durch den Kopf, nicht weit von
-dem Pferd ab unter einem Maulbeerbaum gelegen hatte und nur mit Laub und
-Reisig zugedeckt gewesen war. Nur durch die Aasgeier wurden sie auch auf
-den Platz aufmerksam, an dem sie sonst jedenfalls vorüber geritten wären.
-
-Und war Rawlins mit ihnen zurückgekehrt?
-
-Ja -- aber nach Hause geritten, um sich umzuziehen und dann seine Braut und
-Schwiegermutter zu trösten.
-
-»Du lieber Gott,« seufzte Mrs. Warner, die mit gefalteten Händen vor ihrer
-Hausthür gestanden und den traurigen Bericht gehört hatte -- »da kommt das
-arme Mädchen -- wie blaß und elend sie aussieht -- das ist freilich ein
-schwerer Tag für sie. -- Habt Ihr denn die Leiche mitgebracht?«
-
-»Es war nicht mehr möglich,« sagte der junge Warner -- »wir mußten sie
-gleich an Ort und Stelle begraben. Arme Catharina -- sie wird wohl schon
-alles erfahren haben. Tröstet Ihr sie, Mutter, ich mag ihr jetzt lieber
-nicht begegnen,« fuhr er fort, und schritt in das Haus hinein.
-
-Das junge Mädchen kam näher -- sie sah bleich und angegriffen aus und
-schien auch die beiden fremden jungen Leute gar nicht zu beachten, oder nur
-zu sehen. Still und lautlos schritt sie auf Mrs. Warner zu und als diese
-ihr mitleidig die Hand entgegenstreckte, lehnte sie ihr müdes Haupt an die
-Schulter der alten Frau und ohne daß eine Klage über ihre Lippen gekommen
-wäre, liefen ihr die großen Thränen an den Wangen nieder.
-
-Catharine Fischer war eines der schönsten Mädchen im ganzen Ort und manche
-der jungen deutschen Farmerssöhne hatten sich schon um sie beworben, aber
-alle ohne Erfolg, bis sich der junge fremde Amerikaner, wie im Sturm und in
-ganz kurzer Zeit ihr Herz gewann und von den Eltern -- die freilich lieber
-einen deutschen Schwiegersohn gesehen hätten -- angenommen wurde. Jetzt
-hatte sie dieser Schlag mitten in ihr junges Leben getroffen, und zwar ein
-Schlag wie aus heiterem Himmel, ungeahnt, unvorbereitet.
-
-Jim Jenkins stand, die Zähne fest aufeinander gebissen, neben ihr. Hatte er
-denn nicht den nämlichen Schmerz zu tragen, denselben Verlust erlitten,
-wie das arme Kind da, und war denn Jammer und Sünde in solcher Art über
-das schöne Land hereingebrochen, daß solches Elend nur allein alle guten
-Menschen traf und die Verbrecher immer ungestraft entkommen sollten? --
-War das himmlische Gerechtigkeit, wie es ihnen die herumziehenden Prediger
-vorreden wollten? Blut überall, wohin ihr Fuß trat -- heimtückisch und
-feige aus dem Hinterhalt vergossenes Blut, und die Mörder frei da draußen
-in der schönen sonnigen Welt.
-
-Er trat zu seinem Pferd, um sich die Zügel zurecht zu legen -- er wollte
-fort -- Schmerz und Ingrimm genug trug er im eigenen Herzen, ohne das
-fremde Leid auch noch mit anzusehen, als er sich plötzlich angerufen hörte.
-
-»Hollo Jim -- Wetter noch einmal Mann, wo kommst Du her -- und John auch --
-welcher Wind hat Euch nach Texas geblasen?«
-
-Jim sah überrascht auf und erkannte einen alten Kriegsgefährten aus
-einem Indiana-Regiment, mit dem sie drüben über dem Mississippi gemeinsam
-gekämpft und zusammen nach Little Rock gezogen waren.
-
-»Oh Peters -- wie kommst Du nach Texas? Ich glaubte, Ihr stündet noch in
-Little Rock?«
-
-»Nein -- wir sind ausbezahlt und abgelöst worden,« antwortete der junge
-Mann, indem er auf die Freunde zutrat und ihnen die Hände schüttelte.
-
-»Und wo kommst Du jetzt auf einmal her?«
-
-»Waren nur zusammen, um die verdammten Mörder aufzusuchen, die sich hier
-schon seit einiger Zeit herumtreiben,« lautete die Antwort, »sind aber
-unverrichteter Sache wieder zurückgekehrt. Weiß der Henker wo die Schurken
-stecken mögen. Aber wo wollt Ihr hin?«
-
-»Zurück nach Arkansas.«
-
-»Jetzt gleich?«
-
-»Wir wollen eben fort.«
-
-»Fällt Euch gar nicht ein,« rief aber der Indiana-Mann -- »doch wahrhaftig
-nicht eher, als bis Ihr mich auch einmal in meinem Hause besucht habt. Ich
-bin hier verheirathet -- habe eins von den deutschen Mädchen und solch
-ein freundliches kleines Häuschen und Weibchen, wie es sich ein Mann nur
-wünschen kann. Vorwärts Jungen! daß Ihr aufgesattelt habt ist schon ganz
-recht -- aber bei mir sattelt Ihr erst wieder ab.«
-
-»Das geht nicht, Peters.«
-
-»Ob es geht! oder meine Alte würde nicht schlecht böse werden, wenn ein
-paar alte Freunde ihres Mannes so mir nichts Dir nichts an dem Haus vorüber
-ritten. Ihr müßt wenigstens einmal sehen wie ich wohne, und wenn es Euch
-dann nicht bei mir gefällt, könnt Ihr nachher noch immer thun, was Ihr
-wollt.«
-
-John Wells schien nicht recht damit einverstanden zu sein, Jenkins aber,
-indem er in den Sattel sprang, rief aus:
-
-»Was thut's, John -- auf ein paar Stunden kommt's nicht an -- ob wir etwas
-später oder früher am Fourche la Fave eintreffen. Ich denke, wir gehen
-mit.«
-
-Die Straße herab kam der Schall galoppirender Pferdehufe. Ein Reiter
-sprengte heran und es schien fast, als ob er auf dasselbe Haus zu wolle,
-vor dem die jungen Leute standen. Schon dicht daran aber warf er sein Pferd
-herum, grüßte flüchtig und verfolgte dann seinen Weg die Straße hinab,
-rascher noch fast, als er hergekommen.
-
-John hatte sich gerade mit seinem eigenen Thier beschäftigt und nicht auf
-den Fremden geachtet; Jim aber griff seinem eigenen Pferd plötzlich so
-rasch und gewaltsam in den Zügel, daß es hoch aufbäumte, und sich beinahe
-mit ihm überschlagen hätte. Peters sprang zu, riß es noch herunter und rief
-dann:
-
-»Was zum Wetter hat denn die Bestie -- scheut sie?«
-
-»Manchmal -- ja,« sagte Jim, kaum auf die Frage achtend, und den Blick noch
-stier die Straße hinabgewandt -- »wer war das?«
-
-»Wer? -- der eben vorbeisprengte? -- Dein Pferd erschrak wohl und Du auch
--- so ein alter Reiter -- Du siehst kreideweiß im Gesicht aus.«
-
-»Wer war der Reiter, Peters?«
-
-»Das war Rawlins,« sagte Peters, mit einem zur Seite geworfenen mitleidigen
-Blick nach dem jungen Mädchen, »der Bräutigam der armen Catharine da,«
-setzte er leiser hinzu.
-
-»Und ist er schon lange hier in der Ansiedlung?«
-
-»Etwa drei Monate -- vielleicht nicht ganz so lange. Weshalb?«
-
-»Und wißt Ihr, woher er stammt?« frug Jenkins mit vor Aufregung fast
-heiserer Stimme.
-
-»Ich glaube aus dem alten Staat (Virginien), das wenigstens hat er hier
-erzählt. Kennst Du ihn?«
-
-John war indessen ebenfalls aufgestiegen und ritt an Jim's Seite.
-
-»Weißt Du, wer das war, John?« rief jetzt Jenkins, des Freundes Arm
-ergreifend und fast krampfhaft zwischen seinen Fingern pressend.
-
-»Der Reiter, der eben vorüber sprengte? Ich habe ihn nicht gesehen.«
-
-»_Hendricks!_« zischte ihm Jenkins in's Ohr -- »bei meinem Leben und meiner
-Seligkeit -- er selber --«
-
-»Und Du hast Dich nicht geirrt?« rief John, fast unwillkürlich nach seiner
-Büchse greifend.
-
-»Er trägt keinen Bart mehr!« sagte Jenkins -- »er kam mir auch fast jünger
-vor, als ich ihn am Arkansas gesehen und geht besser gekleidet -- aber das
-Gesicht wollte ich unter Tausenden heraus kennen. Er ist es und meinen Hals
-setz ich zum Pfande.«
-
-»Hendricks?« fragte Peters -- »Das war Rawlins, der Schwiegersohn des
-Ermordeten.«
-
-»Und vielleicht der Mörder selber,« rief Jenkins, »komm Peters, zu Pferd
-und führ uns, so rasch uns die Thiere tragen können, jenem Herren nach,
-dessen nähere Bekanntschaft wir dringend wünschen.«
-
-»Aber ich begreife Dich nicht.«
-
-»Ich erzähle Dir Alles mit wenigen Worten unterwegs. Fort! wir versäumen
-hier die kostbarste Zeit, fort!«
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Die Verfolgung.
-
-
-Die jungen Leute trabten nebeneinander die Straße hinab. Jenkins aber gab
-dabei dem früheren Kampfgenossen in flüchtigen Umrissen ein Bild der am
-Fourche-la-Fave vorgefallenen Gräuelthaten, die ihn selber wie seinen
-Begleiter so nahe getroffen hatten, daß sie sich Beide aufgemacht, um Wald
-und Wildniß nach dem Uebelthäter abzusuchen.
-
-»Und Ihr glaubt, daß Rawlins jener Mörder sei?« rief Peters entsetzt.
-
-»_Ich_ glaube es,« sagte Jenkins bestimmt. »_Ist_ er es aber, dann kann er
-uns jetzt nicht mehr entgehen, und ist er es nicht, nun dann darf er
-sich auch nicht darüber beleidigt fühlen, daß ihn Jemand, im raschen
-Vorbeireiten, für einen Anderen gehalten.«
-
-»Und wenn das jener Hendricks wirklich ist,« rief da Peters, fast wie
-erschreckt sein Pferd einzügelnd -- »wäre es denn da nicht möglich, daß er
-selber mit jener Bande in Verbindung stünde, die hier bis jetzt ihr Unwesen
-in der Gegend getrieben?«
-
-»Vorwärts, Kamerad, vorwärts!« drängte aber John -- »wir dürfen keinen
-Augenblick verlieren, denn wenn der Bursche _uns_ erkannt hat, läßt er
-sicher kein Gras unter seinen Hufen wachsen. Gewiß ist es möglich, und
-sollte mich nicht wundern, wenn er der Führer und Leiter der ganzen Bande
-wäre. Aber wohin reiten wir? Hier haben wir _drei_ Straßen vor uns und der
-Boden ist ringsumher von Hufen zerstampft. So rasch _kann_ er doch nicht
-geflohen sein.«
-
-»Dort links ist die Wohnung seiner Braut, der er jedenfalls zuritt,« sagte
-Peters. »Er selber hat sein Haus am andern Ende der Stadt, aber hierher zu
-schlug er die Richtung ein.«
-
-»Ich sehe nirgends ein Pferd angebunden. Wir hätten gleich sein eigenes
-Haus besetzen sollen.«
-
-»Er wird es hineingeführt haben -- er ist ja dort ebenfalls zu Haus.«
-
-»Dann gnade Gott dem Elenden,« sagte Jim, seinem Pferd nun fester die
-Sporen gebend, und jetzt wurde zwischen den Männern kein Wort weiter
-gewechselt, bis sie die kleine freundliche Wohnung -- jetzt freilich ein
-Haus der Trauer -- erreichten, aber der Gesuchte war nicht dort.
-
-Peters sprang augenblicklich vom Pferd, um sich nach ihm zu erkundigen,
-der zwölfjährige Bruder Catharinens versicherte ihn aber, Mr. Rawlins nicht
-gesehen zu haben, seit er vor einigen Tagen mit den anderen Männern in den
-Wald gegangen sei. Keinenfalls wäre er eben hier gewesen, denn er selber
-habe schon seit einer Stunde fast hier an der Thür gestanden und Mais auf
-der kleinen Mühle gemahlen.
-
-»Habe ich es Dir nicht gesagt?« rief John fast außer sich, als Peters
-wieder heraus und auf sein Pferd sprang -- »er ist fort! Laß uns den Weg
-hier verfolgen -- dort führen Pferdespuren hinaus.«
-
-»Hier kam er nicht vorbei!« sagte Peters, sein eigenes Thier herumwerfend,
-»denn dem Burschen da drinnen wäre ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht
-entgangen.«
-
-»Das glaube ich auch nicht,« erwiederte Jim, »wenn er fliehen will, wird er
-gewiß seine Beute nicht im Stich lassen und ist zu seiner eigenen Wohnung
-geritten. Hätten wir die nur gleich aufgesucht. Vorwärts Peters --«
-
-»Und wenn Du Dich nun geirrt hast!«
-
-»Vorwärts! Das Alles können wir später besprechen. Wo ist seine Wohnung?
-Reite voran, so rasch Dich Dein Thier trägt -- jede Verantwortung auf
-mich!« -- Und wie ein Wetter jagten die drei jungen Leute die ziemlich
-lange Straße hinab, bogen dann, fast am Ende der Stadt rechts in eine
-Nebengasse hinein und erreichten dort wieder die dichter stehenden Häuser.
-Hier war ein Gasthof, und ein Trupp dort angebundener Pferde, durch welche
-sie nicht so rasch hindurch konnten, hielt sie etwas auf. Es war auch
-möglich, daß sich Rawlins selbst hier befand, sie mußten jedenfalls nach
-ihm fragen. Hier aber hatte ihn, seit sie die Stadt erreicht, Niemand
-gesehen. Bei Warners würden sie ihn finden, rief ihnen einer zu, er hatte
-gesagt, daß er zu dessen Haus wollte.
-
-Dort war er _nicht_; das wußten sie gut genug, und es blieb ihnen jetzt in
-der That nichts übrig, als seine Wohnung aufzusuchen.
-
-Wenn es wirklich jener Hendricks war, so _konnte_ er ja doch noch keine
-Ahnung haben, daß er erkannt sei und _so_ rasch verfolgt würde.
-
-Wieder klapperten ihre Hufe die harte Straße entlang, aber hier durften sie
-nicht so rasch jagen, denn überall spielten Kinder in der Straße, Karren
-mit Holz oder andere die in die Mühle wollten, begegneten ihnen und die
-beiden Verfolger vergingen fast vor Ungeduld.
-
-»Haben wir denn noch weit? wir müssen ja durch den ganzen Ort geritten
-sein,« rief John.
-
-»Das sind wir auch, denn sein Haus liegt gerade am äußersten Ende, aber
-dort drüben ist die Wohnung, die kleine weiß angestrichene Cabine mit dem
-einzelnen Baum davor.«
-
-»Aber auch hier steht kein Pferd.«
-
-Peters antwortete nicht mehr. Sie waren kaum noch funfzig Schritt von der
-Wohnung entfernt, und wenige Secunden später warfen sich die Männer aus den
-Sätteln.
-
-»Dort unten die Straße entlang sehe ich einen Reiter,« rief Jim, dessen
-Blick rasch nach allen Seiten umherflog.
-
-»Bei Gott, dort galoppirt Jemand,« rief auch John, indem er im Nu wieder im
-Sattel saß -- »spring in das Haus und sieh nach. Ist er nicht dort, so kann
-er uns da draußen nicht mehr entgehen.«
-
-Peters war schon an der Thür, die nur angelehnt schien. Er stieß sie auf
-und warf einen Blick in das Innere. Jim stand an seiner Seite.
-
-In der Stube sah es wild und wunderlich aus, als ob Diebe darin
-umhergewühlt und was sie nicht gebraucht, über den Boden gestreut hatten.
-Eine kleine Kiste war mitten in die Stube gezogen und die Hälfte ihres
-Inhalts lag daneben am Boden. Jim sprang darauf zu -- während sein Blick
-durch den Raum flog, hatte er ein kleines blau und roth gestreiftes Tuch
-entdeckt, das mitten in dem Wust lag. Er kannte es, es war früher Eigenthum
-seiner Schwester gewesen -- aber er gab sich keinen Betrachtungen darüber
-hin.
-
-»Das genügt als Zeichen,« rief er, das Tuch vom Boden reißend und damit
-gegen die Thür springend -- »kennst Du das, John? -- Fort!«
-
-John warf nur einen einzigen Blick darauf und in demselben Augenblick sein
-Pferd herumreißend, bohrte er ihm die Hacken in die Seite und flog mit ihm
-in gestrecktem Carrière die Straße entlang. -- Jim war fast ebenso rasch
-draußen bei seinem Thier.
-
-»Aber so bleibt nur noch einen Moment,« rief Peters -- »ich hole meine
-Büchse und begleite Euch.«
-
-Jim hörte ihn schon gar nicht mehr. Nach! das war der einzige Gedanke, den
-er hatte -- nach! und sein Thier strengte alle Kräfte an, den vorangeeilten
-Gefährten wieder einzuholen.
-
-Erst in dem wilden Ritt wurde er auch ruhiger. John, der noch immer voraus
-auf seinem Rappen dahinflog, hatte vielleicht den flüchtigen Verbrecher im
-Auge -- er folgte dem Rappen, und es blieb ihm Zeit, sich nach der Richtung
-umzusehen, die sie einhielten. Ihr Cours lag etwa, wie der Weg jetzt lief,
-südwestlich, also den Ansiedlungen wieder zu und zog sich, wenn auch hier
-oben sehr allmählich, von der Hochebene hinab, auf der das kleine Städtchen
-gelegen war und wo es, wie sich jetzt deutlich erkennen ließ, höhere
-Berggruppen einschlossen.
-
-Und waren sie dem Buben denn wirklich endlich einmal auf der Fährte? --
-Er mußte es sein -- ein Irrthum ließ sich nicht mehr denken. Er hatte die
-beiden Backwoodsmen, wie er sie da zum Weiterritt schon gerüstet fand,
-erkannt und wußte, was ihm drohte, wenn er in ihre Hände fiel. -- Wären
-sie nur gleich zu seinem Haus geritten, so lief er ihnen dort selber in das
-Garn -- nein, blind und toll mußten sie die falsche Fährte annehmen, die
-er ihnen gegeben, und jetzt hatten sie ihm sogar Zeit gelassen, seinen Raub
-zusammenzuraffen und in die Wildniß hineinzureiten. -- Aber ein Trost blieb
-ihnen -- ein grimmer Trost, denn nicht plötzlich und unerwartet war der
-Verbrecher in ihre Hände gefallen und bestraft, nein, er mußte jetzt erst
-die Qualen des Verfolgten leiden. Er wußte die Rächer auf seinen Fersen,
-wußte, welches Schicksal ihm bevorstand, wenn nur sein Pferd strauchelte
-oder das Geringste ihn aufhielt, und kannte die Männer, die nur das eine
-Ziel haben konnten, seinen Tod, oder sie wären ihm nicht mit solcher
-Hartnäckigkeit selbst bis in diesen entlegenen Theil der Union gefolgt.
-
-Erbarmen? -- er hatte es nie gezeigt, also auch nicht zu hoffen und nur
-sein flüchtiges Thier konnte sein Schicksal noch hinausschieben -- wahrlich
-nicht mehr ändern, denn nun, auf der frischen Fährte, ja den Buben fast in
-Sicht, dachten seine Feinde nicht daran, die einmal begonnene Verfolgung je
-wieder aufzugeben.
-
-Noch an den Grenzen der Stadt begegneten diese einigen Deutschen, die
-theils aus dem Walde, theils von anderen Ansiedlungen vielleicht herüber
-kamen und erschreckt zur Seite bogen, als sie auf die wie rasend an ihnen
-vorbei sprengenden Männer trafen. Waren das die Räuber, die man in
-den letzten Tagen gejagt? -- Aber voran ritt ja der Amerikaner, dessen
-Schwiegervater man gerade ermordet, während man die andern beiden gar nicht
-kannte. Floh er vor diesen, oder verfolgten sie alle ein und dasselbe Ziel?
--- Ehe sie sich aber nur denken oder vermuthen konnten, was hier vorgehe,
-waren die drei Reiter, die sich in längeren Zwischenräumen von einander
-hielten, auch vorbeigebraust, und diese drehten nicht einmal den Kopf nach
-ihnen um.
-
-John und Jim hatten allerdings vollkommen ausgeruhte und auch zähe und
-kräftige Thiere, aber es zeigte sich trotzdem bald, daß sie keinen Fuß
-breit an dem Fuchs gewinnen konnten, den Hendricks ritt und der, von seinem
-Reiter nur noch zu rasenderem Lauf gespornt, wie ein Pfeil mit ihm über den
-Boden flog.
-
-John behielt ihn allerdings noch, so lange sich die Straße fortzog, im
-Auge, oder kam wenigstens dann und wann wieder in Sicht von ihm, und
-einmal, als Hendricks zuerst einen ziemlich abschüssigen Hang erreichte, an
-dem er nicht so rasch hinabreiten konnte, schien es seinem Verfolger auch,
-als ob er an ihn gewönne. Aber unten lag wieder ebener Boden und der Fuchs
-benutzte den nach besten Kräften -- ja der Weg zog sich hier mehr links in
-den Wald hinein und in dessen Schatten verschwand bald darauf der Reiter;
-deshalb entging er aber freilich seinem Verfolger noch nicht, denn hier war
-der Boden nicht, wie in der Nähe der Stadt, von den Hufen anderer
-Pferde zerstampft. Die Spuren prägten sich deutlich oder doch wenigstens
-erkennbar, dem Boden ein, und einen besseren Nachsucher auf einer Fährte
-als John Wells, gab es nicht in dem weiten Wald.
-
-John ritt dabei ein besseres Pferd als Jim Jenkins, der auch bald merkte,
-daß er mehr und mehr zurück blieb, aber trotzdem folgte er den voran
-eingedrückten Fährten und wußte, daß er bei der geringsten Zögerung seines
-Feindes rasch das Versäumte wieder nachholen konnte.
-
-So hatte diese wilde Jagd wohl sechs volle Stunden gedauert und einen
-Waldweg gab es schon lange nicht mehr -- nur noch einen Pfad, der sich
-durch die Wildniß zog, aber dafür auch in dem abgefallenen Laub nur soviel
-deutlicher die Spuren zeigte. Die Thiere konnten vor Erschöpfung kaum
-noch weiter, aber immer wieder trieb sie der scharfe Sporn zu
-neuen Anstrengungen, und Jim besonders, der jetzt eine gute Strecke
-zurückgeblieben, fühlte, wie sein Thier anfing, zu ermatten.
-
-Da erreichte er eine Stelle, an welcher sich der Pfad theilte. John selbst
-hatte keinen Moment dort gezögert, denn sein scharfes Auge erkannte die
-rechts abführende Spur sogleich und folgte ihr ebenso rasch. Jenkins
-dagegen zügelte sein Thier ein und als er sich der rechten Spur
-vergewissert hatte und es weiter treiben wollte, konnte es nicht mehr von
-der Stelle. So lange es in Gang geblieben, wäre es wohl fortgerannt, bis
-seine Kräfte vollständig erschöpft waren und dann wahrscheinlich mit
-einem Schlag zusammengebrochen; jetzt aber, wo die angestrengte Kraft und
-Erregung der Muskeln, wenn auch nur für wenige Minuten, bei dem todtmüden
-Thiere nachließ, war es nicht möglich, sie wieder von Neuem zu beleben. Es
-strauchelte und knickte in die Knie, wollte sich noch einmal emporraffen
-und stürzte dann auf die Seite nieder, wo es liegen blieb und alle viere
-von sich streckte.
-
-Jenkins fluchte still und erbittert vor sich hin, aber an der Sache war
-weiter nichts zu ändern, und das Pferd jedenfalls zu fernerem Gebrauch,
-wenigstens in der nächsten Zeit unnütz. Nur das Einzige blieb ihm zu thun,
-den Spuren so rasch als irgend möglich zu folgen.
-
-Allerdings hatte er eine Strecke zurück, seitwärts vom Weg eine kleine Farm
-gesehen. Sollte er sich dorthin wenden und um ein frisches Pferd bitten?
-wer hätte es ihm aber _geborgt_, kaufen konnte er sich keines, und wie viel
-Zeit verlor er ohnedies damit. Dagegen lag die Möglichkeit vor, daß er noch
-später eine Hütte im Wald oder vielleicht selber Pferde traf -- das erste
-beste und wenn er es hätte stehlen sollen, er fühlte sich nicht in der
-Stimmung, besonders wählerisch zu sein, und mit dem Gedanken war sein
-Entschluß gefaßt.
-
-Ohne Zögern sattelte er sein marodes Thier ab trug den Sattel in den
-Busch und verdeckte ihn dort mit Laub und Reisig -- die Stelle war, an dem
-getheilten Pfad, leicht wieder zu erkennen. Dann nahm er den Zaum, hing
-sich denselben um und folgte nun, die Büchse auf der Schulter, zu Fuß den,
-deutlich genug in den Boden eingedrückten Spuren. Kaum eine Stunde mochte
-er aber so gewandert sein als der mehr und mehr verschwimmende Pfad an
-einer breiten Waldwiese vollständig aufhörte, oder sich vielmehr hier nach
-allen Seiten auszweigte. Es war ein gewöhnlicher Kuh- oder Wildpfad, wie
-sie sich so häufig im Wald finden und das Ziel desselben schien dieser
-Weidengrund -- ein etwas tief liegender feuchter Wiesenplan zu sein.
-
-Ueber denselben hin waren die Hufe der galoppirenden Pferde auch noch
-deutlich -- ja sogar deutlicher als bisher zu erkennen. Weiter aber schien
-sich der Verfolgte mehr links und einem kleinen Höhenzug zugewandt zu
-haben; er hatte wenigstens plötzlich und in einer scharfen Biegung seinen
-Cours geändert. John konnte ihm aber dabei nicht in Sicht gewesen sein,
-denn er würde sonst jedenfalls diese Biegung abgeschnitten haben. Das
-war nicht geschehen, sondern seine Spuren blieben, wie bisher oder doch
-überall, wo es der Weg erlaubte, links neben denen des Flüchtigen
-sichtbar. Er war ihm also bis dahin nicht näher gekommen, sondern aller
-Wahrscheinlichkeit nach sogar noch eher weiter zurückgeblieben.
-
-Jenkins hielt sich aber nicht lange bei Vermuthungen auf. Weiter ging die
-Jagd. Der Schweiß lief ihm in Strömen an der Stirn nieder, aber er zögerte
-auch nicht einen Moment in seinem Schritt.
-
-Das Terrain wurde hier felsig und hatte die Reiter jedenfalls aufgehalten,
-denn wild zerstreut lagen große und kleine Granitblöcke über dem ganzen
-Abhang. Wie er aber wieder zu Thal lief, sah er einen, wenn auch nicht sehr
-breiten, doch ziemlich tiefen Bergstrom mit vollkommen klarem Wasser zu
-seiner Linken, den die beiden Reiter angenommen hatten. -- Und sollte er
-selber da hindurch. Das Wasser war, wie er die Hand hinein hielt, eisig
-kalt; kam ihm wenigstens so vor, und er in Schweiß gebadet -- er konnte den
-Tod von einer solchen Schwimmpartie haben. Doch nur ein Gedanke beseelte
-ihn: der der Rache, den Feind wollte er erreichen und was ihn selber
-betraf, vergaß er ganz. Nur Büchse und Kugeltasche nahm er in die linke
-Hand, um sie trocken zu halten, und warf sich ohne Zögern in den Strom.
-
-Einen anderen Menschen hätte vielleicht unter solchen Umständen der Schlag
-gerührt; dem zähen Backwoodsman schadete das kalte Bad nicht allein Nichts,
-sondern es erfrischte ihn sogar nach dem heißen Lauf. Drüben angekommen war
-auch sein erster Blick nach den Spuren der Pferde -- aber was war das? --
-nur die Hufe _eines_ Pferdes und zwar Johns, dessen Spuren er genau kannte,
-sah er hier dem Boden eingedrückt -- und herüber und hinüber gingen sie,
-als ob er selber nicht gewußt habe, welche Richtung er einschlagen sollte
--- oh wie viel kostbare Zeit mußte er damit verloren haben -- weshalb hatte
-er sich nur nicht gleich stromab gewandt. Der Flüchtige _konnte_ ja gar
-nicht gegen die Strömung angeschwommen sein.
-
-Er selber suchte augenblicklich nach dieser Richtung zu, mußte aber eine
-lange Strecke am Ufer hinabwandern ehe er die Stelle fand, wo der gehetzte
-Räuber wieder an Land gegangen war, und erst als er hier den Spuren eine
-Weile gefolgt war, sah er, daß John die Fährte ebenfalls wieder aufgenommen
-hatte.
-
-Jetzt kam ein weites rauhes Terrain von Stein und Kies, wo man die Spuren
-kaum erkennen konnte, und hier plötzlich theilten sie sich, ohne daß Jim
-im Stande gewesen wäre, die Ursache zu errathen, denn so deutlich war die
-Fährte immer geblieben, daß sie John nicht verlieren konnte. Und welches
-war jetzt Johns Pferd gewesen, denn auf den Steinen ließ sich kaum hier und
-da ein schwaches Zeichen erkennen. Er begriff das Ganze nicht und wählte
-endlich die links abführende Fährte, die ihn aber eine Weile in gerader
-Richtung abführte, dann rechts einbog, wieder links hinüber hielt und dann
-noch einmal einen andern Cours nahm.
-
-Jetzt kam er auch auf weichen Boden und den Büchsenkolben stieß er
-verzweifelnd vor sich in die Erde -- denn er hatte _John's_ Fährte
-angenommen und der Verbrecher war jedenfalls entkommen.
-
-Was nun thun? -- Daß John den Wald hier nur auf gut Glück, bald herüber,
-bald hinüber abgesucht, war ihm klar genug, aber er begriff nicht, daß John
-hier die Fährte verloren haben konnte. Es gab ja keinen besseren Waldmann
-am ganzen Fourche-la-Fave. Sollte _er_ jetzt zurück und an dem Bergstrom
-die andere Spur aufnehmen? Dadurch erhielt der Flüchtige einen Stunden
-weiten Vorsprung und dann -- konnte er überhaupt noch fort? Die Sonne
-neigte sich schon dem Horizont und jetzt, da er endlich still stand, fühlte
-er erst, wie furchtbar müde er selber geworden war.
-
-Die Knie fingen ihm an zu zittern, ein Frösteln lief über seinen ganzen
-Körper und er mußte sich unter einen Baum legen, um nur etwas auszuruhen.
-Menschliche Kräfte hielten es eben nicht länger aus.
-
-So lag er etwa eine halbe Stunde, aber der Frost trieb ihn wieder in die
-Höhe, denn die nassen Kleider an seinem Körper kälteten ihn zu sehr. Er
-konnte auch wieder marschiren, denn die kurze Rast hatte wenigstens genügt,
-ihn in etwas aufzufrischen. Eine Zeitlang folgte er auch noch Johns Spuren,
-um doch vielleicht mit diesem wieder zusammen zu treffen, aber er mußte das
-bald als ein vergebliches Mühen aufgeben, denn nur zu deutlich sah er, daß
-dieser keine feste Richtung gehalten habe und trotzdem noch immer in wilder
-Eile fortgejagt sei. Brach aber die Nacht an, so verlor er die Fährten, die
-sich überhaupt nur sehr schwach auf dem Felsenboden zeigten, doch aus den
-Augen -- ja er war jetzt schon unsicher geworden, ob er noch die richtige
-hielt. Hier herum hatten sich jedenfalls eine Anzahl Pferde auf der Weide
-herumgetrieben und als er der einen Spur noch eine Weile folgte, traf er
-mitten im Wald einen alten lahmen Schimmel, der sich ruhig an einem dünnen
-Baumstamm die Seite rieb.
-
-Es war vorbei -- nicht einmal die Hoffnung konnte er mehr hegen, daß John
-wenigstens allein sein Ziel erreicht habe, und durch das viele Hin- und
-Herziehen irre gemacht, wußte er kaum selber mehr, wo er sich befand, viel
-weniger denn, wo er einen Andern suchen sollte. An der untergehenden Sonne
-konnte er aber doch die Himmelsrichtung erkennen, und beschloß nun seine
-Bahn nach jenem letzten Hause zu nehmen, dessen Fenz er im Vorbeijagen
-gesehen -- möglich, daß ihn John dort ebenfalls aufsuchen würde, und that
-er das nicht, so wollte er zurück nach Blumenthal kehren und ihn dort
-erwarten.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-Die Ueberraschung.
-
-
-Jim war todtmüde geworden und hätte sich gern gleich da, wo er stand, zum
-Schlafen niedergeworfen, aber der Durst peinigte ihn außerdem; er mußte
-jedenfalls Wasser suchen, und hielt deshalb, da er sich von dem Fluß zu
-weit entfernt hatte, über den nächsten Hügelhang hinüber, an dessen anderer
-Seite er einen Bach anzutreffen hoffte. Dort konnte er auch ein Feuer
-anzünden, um sich zu trocknen, und etwas Brot und Fleisch trug er ja in
-seiner Kugeltasche bei sich.
-
-Das Terrain war hier außerordentlich steinig. Es sah fast so aus, als
-ob sich irgend ein Riese den Spaß gemacht habe, Tausende von kleinen
-Felsblöcken über das weite Land auszustreuen, so dicht lagen sie
-beieinander, und zu Pferde wäre hier überhaupt schwer durchzukommen
-gewesen. Langsam schritt er dazwischen hin, traf endlich auf ein paar
-feuchte Stellen, an denen sich etwas Wasser gesammelt hatte, und kniete bei
-einer derselben nieder, um sich wenigstens erst einmal satt zu trinken. Es
-war auch die höchste Zeit gewesen, denn die rothen Abendwolken verriethen
-schon den Untergang der Sonne und das rasch eintretende Dämmerlicht legte
-sich über den Wald.
-
-Er trank lange und um Athem zu holen, hob er endlich den Kopf, zuckte aber
-bis in jeden Nerv seines Körpers zusammen, denn kaum hundert Schritt von
-ihm entfernt -- oh, nicht so viel, es konnten kaum mehr als achtzig sein,
-da die Dämmerung die Entfernung vergrößert, sprang ein Mann, eine Büchse in
-der Hand haltend, rasch über den hier ziemlich offenen Plan von einem Stein
-zum andern. Seine Richtung aber lag dem nicht weit davon wieder höher und
-dichter werdenden Holze zu, und Jim erkannte auf den ersten Blick seinen
-Feind. Es war Hendricks.
-
-Fast krampfhaft griff er, in seiner gebückten Stellung verharrend, nach
-der neben ihm liegenden Büchse; aber wie hätte er jetzt, in schon halber
-Dunkelheit, sein Ziel treffen wollen; und die Glieder flogen ihm dabei, wie
-in Fieberfrost.
-
-Hendricks konnte ihn da, wo er mit seinem dunklen Kopf kaum über die fast
-gleichfarbigen Felsstücke heraussah, nicht erkennen, schien auch kaum die
-Nähe eines Menschen hier zu fürchten, sondern nur allein darauf bedacht
-zu sein, keine Fährten mehr zu hinterlassen, was ihm auch auf den Steinen
-vollkommen gelingen mußte.
-
-Wie in aller Welt hatte er John überlistet? -- war sein Pferd ebenfalls
-gestürzt oder vielleicht absichtlich an einer Stelle aufgegeben, wo er
-seine eigenen Fährten gut verbergen konnte? Aber wild und verworren
-zuckten solche Fragen durch des jungen Backwoodsmans Hirn, und mit heftigen
-Schlägen klopfte ihm das Herz in der Brust, denn an ihm vorüber floh der
-Bube und wenn er jetzt im Wald verschwand -- Langsam und vorsichtig, mit
-so wenig als möglich Bewegung, hob er seine Büchse und suchte sie auf einen
-der Felsblöcke zu bringen; aber der vor ihm liegende war zu niedrig -- er
-konnte nicht darauf zielen; -- er kroch etwas weiter nach rechts hinüber.
-Dort sah er einen passenden Platz, aber Hendricks, mit keiner Ahnung in
-welcher Gefahr er sich befand, sprang leichtfüßig von einem Stein zum
-andern und ehe Jenkins nur die Büchse an die Backen und den Feind auf's
-Korn bekommen konnte, war er in dem Gestrüpp, wenn auch nicht verschwunden,
-doch so in den immer stärker werdenden Schatten gekommen, daß ein richtiges
-Ziel zur Unmöglichkeit wurde. Einen gewissen Schuß mußte Jim aber haben
-oder der Verbrecher war nicht allein gewarnt und dann auf immer für ihn
-verloren, sondern er war auch viel stärker bewaffnet, als er selber. Jim
-hatte nur die eine Kugel im Rohr, Hendricks dagegen, außer seiner Büchse
-noch wenigstens einen sechsläufigen Revolver im Gürtel, und nur sein böses
-Gewissen oder seine natürliche Feigheit mußten ihn, bei seiner Uebermacht
-der Waffen, selbst beiden Verfolgern gegenüber, zur Flucht getrieben haben.
-
-Jim sah sich jetzt, da wo er gerade lag, durch einen ziemlich hohen
-Felsblock gedeckt. Er wartete noch einen Moment und da Hendricks nicht auf
-der anderen Seite desselben wieder zum Vorschein kam, glitt er wie eine
-Schlange über den Boden und zu jenem Felsen hin, an dem er sich, die Büchse
-aber zum augenblicklichen Gebrauch im Anschlag, langsam emporrichtete, um
-darüber hin sehen zu können. Er schrak aber ordentlich zusammen, denn dort
--- kaum zwanzig Schritt mehr von ihm entfernt und an der nämlichen Quelle,
-an der er, etwas weiter unten getrunken, lag Hendricks -- ebenso verdurstet
-wie er selber und ihm den Rücken zukehrend. Im Nu hob sich auch Jenkins
-Büchse und sein Auge suchte das Korn -- aber es war nicht mehr möglich. Er
-selber stand hier vollständig gedeckt unter einem dichten Dogwood-Busch,
-und dort der Trinkende lag ebenso im tiefen Schatten, daß er wohl noch die
-Gestalt erkennen, aber nicht mehr darauf zielen konnte. Und selbst, wenn er
-es gekonnt hätte, sollte er den Buben mit einer Kugel tödten -- ihn seiner
-selbst unbewußt von der Erde nehmen, der ihm so entsetzliches Weh angethan?
-
-Jetzt hob sich die Gestalt vom Boden auf, und wieder suchte Jenkins' Auge
-das Korn seiner Büchse zu fangen; da sah er, wie Hendricks, der sich
-hier vollkommen sicher glauben mußte, seine Büchse nahm und an einen Baum
-lehnte, den Blick noch einmal vorsichtig umherwarf und dann alle Anstalten
-machte, als ob er dort, wo er sich gerade befinde, etwas ausruhen wolle.
-Die Nacht war eingebrochen, die Sterne traten heraus, und nur bei ihrem
-Schein konnte Jim erkennen, wie der wahrscheinlich ebenfalls zum Tod
-Ermüdete sich Laub unter dem nächsten Baum zusammenschob, um sich ein nur
-einigermaßen trockenes Lager herzurichten. Natürlich wollte er nicht im
-Dunkeln marschiren, wo er einer ihm drohenden Gefahr nicht hätte ausweichen
-können.
-
-Jim Jenkins blieb unbeweglich hinter seinem Stein liegen, denn daß er
-selber dort keine Gefahr lief, entdeckt zu werden, wußte er gut genug.
-Er sah, wie sein Opfer noch einmal in langen Zügen trank und sich dann
-endlich, die Büchse und den Revolver neben sich, auf das Laub, das er
-rascheln hörte, niederwarf. Er war selber todtmüde gewesen, aber er
-dachte nicht mehr an Schlaf und überlegte sich nur jetzt, wann der Mond
-herauskommen müsse, um ihm zu seinem weiteren Handeln zu leuchten.
-
-Gestern war der Mond ziemlich spät aufgegangen -- wohl erst um neun Uhr --
-heute kam er noch später und ehe er nicht ziemlich hoch stand, konnte er
-Nichts beginnen -- aber was that das. Und wenn er hätte zwölf Stunden da
-liegen sollen, er würde nicht gemurrt haben, glaubte er sich doch jetzt
-seiner Rache sicher. So regungslos wie der kalte Stein selber, an den er
-sich lehnte und ebenso erbarmungslos hielt er, als er selbst nicht mehr
-die Umrisse des Feindes in dem Dunkel erkennen konnte, die Augen noch
-immer fest auf den Platz gerichtet und horchte, mit Anspannung aller seiner
-Kräfte, dem geringsten Geräusch, was von dort zu ihm herüberdrang.
-
-Hendricks mußte unruhig schlafen; er warf sich auf seinem Laubbett herüber
-und hinüber. War etwa der auf ihm haftende Blick seines Feindes daran
-Schuld? Jim dachte selber daran und wandte ihn ab, aber kein Rascheln eines
-Blattes entging seinem scharfen Ohr.
-
-So stand er, oder lag halb an dem Felsen, viele Stunden lang -- dort drüben
-war Alles ruhig geworden -- endlich, endlich ging der Mond auf, stand aber
-noch viel zu tief hinter den Bäumen, um hell genug zu leuchten. Jenkins
-erwartete seine Zeit mit fast übermenschlicher Geduld und rührte sich nicht
-eher, als bis Mitternacht schon lange vorüber sein mußte, und jetzt rüstete
-er sich zum Handeln.
-
-Geräuschlos streifte er Alles ab, was ihn an seiner freien Bewegung hindern
-konnte, selbst die Kugeltasche, Jagdhemd und Leggings -- die Nacht war
-ziemlich kalt, aber ihn fror nicht, der Kopf brannte ihm sogar wie in
-Fieberhitze. Jetzt war er soweit fertig und nur nach seiner Büchse sah
-er noch, und setzte ein frisches Zündhütchen auf, daß sie ihm nicht im
-entscheidenden Moment versagte. Dann aber, wie ein Panther auf seine Beute,
-und ebenso mordgierig, ebenso geräuschlos verließ er den Stein, hinter dem
-er sich bisher verborgen und glitt auf sein Opfer zu.
-
-Schlief Hendricks? -- Er wußte es nicht. Lag er wach und hörte den
-Anschleichenden, so war es um ihn geschehen, aber was kümmerte ihn die
-Gefahr, in der er sich befand. Rache wollte er, Rache an dem Mörder seines
-Vaters und mit keinem Gedanken weiter, aber auch mit jeder nur möglichen
-Vorsicht, schlich er näher und näher an sein Opfer hinan, immer wieder
-horchend, ob er das Laub nicht könne rascheln hören. -- Aber Alles blieb
-ruhig wie das Grab -- ja, jetzt tönte schon deutlich das langsam schwere
-Athmen des Schlafenden zu ihm herüber.
-
-Aber war das nicht etwa Täuschung? stellte sich der Bube nicht vielleicht
-nur schlafend und lag, mit gespanntem Revolver des Nahenden harrend?
-Vorwärts! Jetzt konnte er die ausgestreckte Gestalt deutlich im Licht des
-Mondes, der gerade einen Strahl durch die Baumwipfel warf, erkennen. Neben
-ihm blitzte etwas -- es war der Revolver, auf dem seine Hand ruhte -- die
-Büchse lag ebenfalls zum Griff bereit.
-
-Jim zögerte einen Augenblick -- aber auch nur einen -- jetzt war er neben
-dem Schlafenden -- geräuschlos legte er die eigene Büchse neben sich auf
-das Gras nieder, von dem Hendricks selber das Laub weggescharrt -- _ein_
-Griff nach dem Revolver mit der linken Hand, und wie der Mörder wild
-und entsetzt durch die Berührung emporfuhr, traf ihn ein mit aller Wucht
-geführter Faustschlag Jims so kräftig gegen den rechten Schlaf, daß er
-bewußtlos und wie todt auf das Laub zurücksank. -- Es wäre besser für ihn
-gewesen, er wäre todt geblieben.
-
-Jim, den Revolver neben sich legend, warf sich auf ihn, riß aus seiner
-Tasche ein Stück derbes Seil, wie es meist alle Jäger bei sich führen,
-und schnürte ihm damit die Hände auf den Rücken -- jetzt erst hatte er ihn
-sicher und nur der eine Wunsch drängte sich über seine Lippen: Oh, wäre
-John jetzt hier! -- Aber dem Gedanken gab er sich nicht weiter hin, denn
-wer wußte wo der Freund jetzt war. Die Schnur reichte noch gerade aus, um
-den Gefangenen an einen jungen Stamm anzubinden. Nicht weit davon stand ein
-niederer Dogwood, dorthin schleppte er ihn und hatte sich seiner vollkommen
-versichert, als der bis dahin vollständig Bewußtlose seine Besinnung wieder
-gewann.
-
-Aber er kümmerte sich in dem Augenblick gar nicht um ihn -- und zu dem
-Felsblock sprang er, um von dort seinen Zügel herüber zu holen und als er
-jubelnd wieder zurück zu dem Gefangenen eilte, hatte sich Hendricks halb
-auf seinem Ellbogen aufgerichtet und starrte ihn mit stieren entsetzten
-Blicken an.
-
-»Jenkins« -- war Alles was sich seiner Brust entrang -- »oh mein Gott!«
-
-»Ja ruf Deinen Gott an, Schuft,« lachte aber der junge Backwoodsman,
-ingrimmig zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. »Der, zu dem Du
-betest, ist der Teufel, der Dich so lange beschützt hat -- aber Deine Zeit
-ist um. Du siehst die Sonne nicht wieder.«
-
-»Jenkins,« sagte Hendricks mit leiser, heiserer Stimme, »Ihr wollt mich
-doch nicht hier in der Nacht mit kaltem Blut morden.«
-
-»Gerade recht mahnst Du mich an das kalte Blut, mit dem Du meinen armen
-alten Vater und den alten Wells, Rankins Hogan und viele Andere ermordet
-hast. Scheusal wie es kein zweites die Welt trägt -- aber Deine Zeit ist
-um; Erbarmen hast Du von mir nicht zu hoffen.«
-
-»Jenkins,« stöhnte Hendricks -- »ich bin reich -- ich habe bei Blumenthal
-viel Geld vergraben -- es soll Alles Euer sein, wenn Ihr mich nur dorthin
-führt, und ich bleibe ja doch in Eurer Gewalt.«
-
-»Dein Blutgeld, nicht wahr, um das Du auch wohl den armen Deutschen
-ermordet?« -- knirschte Jim -- »Deine Zeit ist um und Bitten oder
-Versprechungen helfen Dir nicht mehr.«
-
-Noch während er sprach hatte er den starken Zügel von dem Gebiß gelöst und
-eine Schlinge daraus geformt. Jetzt sah er zu dem Dogwood auf -- einer der
-Aeste zog sich gerade etwa hoch genug über dem Gefangenen hin und so,
-daß er ihn bequem erreichen konnte. Hendricks suchte mit der Kraft der
-Verzweiflung die Bande, die ihn hielten, zu zerreißen und Jim hielt dabei
-vorsichtig den Revolver in der Hand -- doch das Seil hielt; er schob die
-Waffe wieder in den Gürtel zurück, und ging dann kaltblütig daran, den
-Riemen über den Ast zu werfen und zu befestigen.
-
-»Jenkins,« flehte Hendricks, »seid ein Mensch! Um Gottes Barmherzigkeit
-willen mordet mich nicht hier im dunklen Wald -- o, laßt mich nur leben,
-bis der Tag anbricht, nur noch eine Stunde, um meine Sünden zu bekennen.
-Ich habe viel verbrochen. -- Ihr _müßt_ mich hören.«
-
-»Ich _weiß_ genug von Dir mein Bursche,« sagte der junge Backwoodsman
-trocken, »um Dir zehnfachen Tod zu sichern -- komm! Du weißt, daß Du
-verloren bist und selbst der Teufel, Dein Cumpan, könnte Dich nicht mehr
-retten. Gieb Deinen Hals gutwillig her, denn ich werde noch genug Mühe
-haben, Dich da hinauf zu ziehen.«
-
-Er warf ihm dabei die Schlinge um den Hals -- und »Hülfe! Mörder! Mörder!«
-schrie mit gellender Stimme der Unglückliche durch den Wald, indem er sich
-am Boden wand und krümmte -- »Hülfe! Hülfe!«
-
-Jim lachte -- aber plötzlich horchte er hoch auf und hielt mit seiner
-Arbeit inne. »Hülfe!« rief der Gefesselte wieder, und der Schrei wurde
-beantwortet -- in weiter Ferne zwar, aber der junge Backwoodsman
-konnte genau einen Ruf unterscheiden. -- Sollte der Bube wirklich noch
-Helfershelfer haben, -- aber nicht zehn von ihnen hätten sein Geschick mehr
-wenden können.
-
-Da hörte er wieder einen Ruf und Jim ließ den Riemen fahren, legte die
-Hände trichterförmig an den Mund und beantwortete selber den Ton. -- Das
-war John's Jagdruf. -- Wieder gab er das Zeichen -- näher und näher kam der
-Gerufene -- jetzt konnte er ihn schon durch die Büsche brechen hören.
-
-»Ach John! bist Du das?«
-
-»Wo steckst Du Jim -- wer schrie da?«
-
-»Hierher -- ich _hab'_ ihn!«
-
-Ein gellendes Jubelgeheul, wie es sonst nur ein Indianer ausstoßen kann,
-schmetterte durch den Wald, und rücksichtslos um Dorn oder Schlingpflanze
-brach im nächsten Augenblick John durch die Büsche und jauchzte laut auf,
-als er den Gebundenen am Boden erkannte.
-
-Doch die jetzt folgende Scene ist zu furchtbar, um sie zu beschreiben.
-Hendricks war in erbarmungslose Hände gefallen und seine verbrecherische
-Laufbahn zu Ende. Mit der Kraft der Verzweiflung kämpfte er wohl noch eine
-Weile gegen seine Richter an -- vergebens, und bald schien der Mond auf
-die lang gestreckte, regungslose Gestalt, die an dem Ast des Dogwood-Baumes
-hing und langsam in der leichten Morgenbrise hin und her schwankte. Und die
-beiden jungen Leute lagerten so lange bei dem Baume, bis sie sich von dem
-wirklichen Tod ihres Opfers vollständig überzeugt hatten -- dann nahmen
-sie die Leiche ab, um, wie John Wells meinte, den Wölfen ihr Recht nicht zu
-entziehen.
-
-John untersuchte auch Hendricks Taschen -- er trug drei Uhren, um den Leib
-einen selbstgenähten Gürtel mit den verschiedenartigsten Schmucksachen und
-Goldstücken gefüllt, und in der Kugeltasche ebenfalls ein Päckchen Geld,
-das noch nicht einmal geöffnet schien, wie eine Anzahl loser mexicanischer
-Dollar.
-
-Seine Waffen nahmen sie ebenfalls und verließen dann nach Sonnenaufgang
-den schauerlichen Richtplatz, um ihren Weg vor der Hand nach Blumenthal
-zurückzusuchen -- möglich daß sie, in den bei ihm gefundenen Gegenständen,
-Beweise seines mörderischen Wirkens hatten.
-
-Aber es bedurfte deren nicht mehr. Als sie nach zwei Tagen, die sie
-gebraucht, um ihre Pferde wieder aufzusuchen, den kleinen Ort erreichten,
-hatte man schon, auf Peters Veranlassung, Hendrick's verlassene Wohnung
-untersucht und die zweifellosesten Beweise gefunden, daß er an allen
-kürzlich dort verübten Morden wenigstens betheiligt gewesen, wenn er sie
-nicht am Ende gar allein ausgeführt hatte.
-
-Das noch eingenähte Geld hatte übrigens dem alten Fischer gehört, und
-Catharina selber das Päckchen für ihn zurecht gemacht -- ebenso war eine
-der Uhren die seinige gewesen, wie sich auch sein Trauring unter den Sachen
-fand.
-
-Was nicht reclamirt wurde, nahmen Jim und John auf ihrem Rückweg nach dem
-Fourche-la-Fave mit -- es war ihr wohlerworbenes Eigenthum, so lange sie
-nicht die früheren Besitzer auffanden, -- aber Jim litt es nicht lange
-in der alten Heimath, die zur viel der schmerzlichen Erinnerungen für ihn
-trug. Auch John zog von dem alten Platz weg, aber nur in ein anderes County
-über den Arkansas hinüber und Jim, nachdem er noch Johns Heirath mit seiner
-Schwester beigewohnt, setzte sich auf ein, seinen Bruder Bill auf ein
-anderes Pferd, und ritt zurück nach Texas, nach der kleinen, abgeschiedenen
-Colonie Blumenthal, in welcher er gesonnen war, sich häuslich
-niederzulassen.
-
-Am Fourche-la-Fave herrschte von da an Frieden -- aber der Frieden des
-Grabes. Die Jay-hawkers waren allerdings theils ausgerottet, theils
-vertrieben und die Anwohner des kleinen Stromes brauchten keine
-Meuchelmörder mehr zu fürchten: aber wie viele, wie entsetzlich viele sonst
-so friedliche Hütten, die glückliche brave Menschen und Familien bargen,
-lagen verwüstet, zerstört, eingeäschert. Rings umher der Wald war wild
-aufgewachsen und dornige Schlingpflanzen überwucherten die früheren
-Spielplätze des jungen Volkes.
-
-Krieg und Mord hatten dem armen Land ihr Brandmal aufgedrückt; die wenigen
-Hinterbliebenen, ihre Ernährer und ihren ganzen Reichthum, ihre paar
-Kühe und Pferde verloren und Armuth und Elend war eingekehrt, wo sonst
-glücklicher Frieden und verhältnißmäßiger Reichthum herrschte -- der
-wenigstens dem Besitzer Alles das gewährte, was er zum Leben brauchte und
-verlangte, so wenig das auch sein mochte.
-
-Drei Jahre später ritt John Wells wieder einmal nach Texas hinüber, um
-Jim Jenkins bei seinem zweiten Sohn zu Gevatter zu bitten, und ihn zu
-überreden, nach dem Fourche-la-Fave zurückzuziehen, weil sich die Schwester
-so nach den beiden Brüdern sehne.
-
-Bill, der ein tüchtiger Bursch geworden war, konnte abkommen und zog,
-wenigstens auf Besuch, mit zurück; Jim aber nicht. Er hatte im vorigen
-Jahre Catharine Fischer, die frühere Braut des Jay-hawkers geheirathet und
--- konnte jetzt gerade die blühende Ansiedlung und sein junges Weib nicht
-verlassen.
-
-
-
-
-König Zambiri.
-
-Afrikanische Skizze.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Der Schooner.
-
-
-An der ostafrikanischen Küste, aber noch nördlich vom Aequator, kreuzte
-einer jener amerikanischen Schooner die, aus den Yankeestaaten kommend,
-Küstenhandel in allen Theilen der Erde treiben und, wenn sie irgend einen
-Nutzen dabei zu finden glauben, eben so keck den Stürmen vom Kap Horn, wie
-den Typhoons des chinesischen Meeres trotzen.
-
-Die Sarah Miles, wie das kleine Fahrzeug hieß, war denn auch, mit Zwiebeln,
-Wanduhren und Blechwaaren beladen, von Connecticut nach Surinam gegangen,
-hatte dort Zucker, Kaffee wie andere tropische Produkte für Chili
-eingetauscht, von da aus Mehl, Wein und Kartoffeln nach der Südsee geführt
-und von den Inseln Kokosnußöl, Perlen und Perlenmuttermuscheln nach
-Australien gebracht. In Sydney verkaufte Kapitän Oacutt diese Ladung sehr
-vortheilhaft an ein deutsches Handlungshaus und tauschte dafür theils
-Waaren für den afrikanischen Markt ein, theils nahm er bessere Sachen für
-die Kapstadt mit, um von dort echten Kapwein, oder was er sonst erhalten
-konnte, zurück in sein Vaterland zu führen.
-
-Natürlich konnte er aber unterwegs der Versuchung nicht widerstehen, zuerst
-einmal ein paar der kleinen Königreiche an der Ostküste anzulaufen. Dort
-war jedenfalls noch ein Geschäft mit den uncivilisirten Wilden zu machen,
-es mußte wenigstens versucht werden, und möglich ja, daß sich Elfenbein,
-Gold, Gummi und wie die werthvollen Produkte dieses Himmelsstrichs alle
-heißen, um einen Pappenstiel erstehen ließen.
-
-Hier befand sich aber Kapitain Oacutt -- in dem, was die geographischen
-Verhältnisse dieser Länder betraf -- völlig aus seinem Fahrwasser, denn er
-hatte wohl eine ausgezeichnete Karte von Connecticut an Bord, auch ein
-paar andere, alt gekaufte von dem Hoogly, San Franzisco, Rio de Janeiro und
-anderen Küstenstrichen. Wie es aber mit den Hafenplätzen jenes Erdstrichs
-aussah, dem er gerade entgegen hielt und ob er sich hier einem schon
-theilweise civilisirten oder noch vollkommen wilden Volke gegenüber
-befinde, davon wußte er kein Wort und, aufrichtig gesagt, kümmerte sich
-auch nicht darum.
-
-Wenn er nur Menschen dort fand, mit denen er Handel treiben konnte, und die
-etwas des Handels Werthes besaßen, alles Uebrige fand sich von selbst, und
-Gefahren? Bah! seine Amerikaner, die er an Bord hatte, fürchteten sich vor
-dem Teufel nicht, viel weniger vor einer Horde nackter, schwarzer Wilden.
-
-Die Sarah Miles führte auch in der That eine für ein so kleines Fahrzeug
-sehr starke Besatzung, und zwar schon der großen Schoonersegel wegen, mit
-denen nicht so leicht hantiren ist, wie mit Raasegeln. Außerdem war dem
-Kapitain in Sydney angerathen worden, sich an der afrikanischen Küste
-vorzusehen, da jenen Völkerstämmen nie zu trauen sei, und er hatte dort
-noch vier, einem Wallfischfänger entsprungene Matrosen, junge, kräftige
-Bursche, dazu geworben. Mit Waffen war er überdies reichlich versehen,
-sogar mit einer vortrefflichen Drehbasse, die vorn auf seinem Bug stand,
-und sich deshalb bewußt, nichts versäumt zu haben, um einer möglichen
-Gefahr auch kräftig zu begegnen.
-
-Uebrigens hatten sich diese Vorsichtsmaßregeln bis jetzt als sehr nutzlos
-erwiesen, denn er sichtete, von Australien bis hieher, nicht ein einziges
-Mal Land und bekam deßhalb auch keine Prouen, Dschunken, Kanoes, oder was
-sonst noch auf Raub ausgeht, zu sehen. Ein paar Mal bemerkte er allerdings
-Segelschiffe: friedliche Kauffahrer, die vielleicht zwischen Indien und
-dem Kap fuhren. Diesen gefiel aber wieder der Schooner mit seinen keck
-gestellten Masten nicht, und sie machten gewöhnlich, daß sie ihm aus dem
-Weg kamen, während Kapitain Oacutt nicht das geringste Interesse hatte, sie
-aufzusuchen. An denen war nichts zu verdienen; das wußte er aus Erfahrung
-gut genug, und er steuerte sich ihretwegen auch nicht einen halben Strich
-aus seinem Kurs.
-
-Mit einer allerdings sehr schwachen, aber doch günstigen Brise glitten
-sie so durch das tiefblaue Wasser des Ozeans und der Kapitain schaute
-sehnsuchtsvoll nach Land aus. Seiner Berechnung nach hätten sie nämlich
-unter der Länge, die ihm sein Chronometer angab, schon ein paar Meilen in
-Land auf der afrikanischen Küste sitzen müssen -- Gott nur wußte, welche
-Zeit der hielt, -- und noch war nicht einmal ein Ufer zu erkennen. Die
-ganze Nacht mußte deßhalb auch doppelte Wache an Bord bleiben, um, wenn
-sie nichts sehen konnten, nach der Brandung auszuhorchen, aber sie konnten
-ungestört ihren Weg fortsetzen, und erst am andern Morgen mit Tagesanbruch
-kündete der frohe Ruf der Leute: »Land!«
-
-Sie mußten auch in der Nacht ziemlich nahe hinangekommen sein, denn
-deutlich ließ sich schon ein erhöhtes und waldiges Ufer erkennen, das
-verschiedene Einschnitte zeigte; welchem Theil der Küste es aber angehöre,
-war schwer zu bestimmen, denn Kapitain Oacutt hatte, wie gesagt, keine
-Spezialkarte von Afrika an Bord und verließ sich, im Auffinden von
-günstigen Landungsplätzen, wie gewöhnlich auf sein gutes Glück.
-
-Die Brise frischte jetzt etwas auf, und um zehn Uhr etwa waren sie so nahe
-gekommen, daß sie schon mit bloßen Augen Menschen auf dem weißen Uferstrand
-erkennen konnten. Rauch stieg an vielen Orten auf, und die Gegend schien
-jedenfalls bevölkert.
-
-Der Kapitain stand vorn auf der Back seines Schooners, das Fernrohr in der
-Hand, um wo möglich einen Landungsplatz zu finden, aber er bemerkte, daß
-die Eingebornen den Strand entlang, mehr in einer nördlichen Richtung
-liefen und errieth leicht die Ursache. An jenem Punkt, auf welchen sie
-zuhielten, lag wahrscheinlich kein günstiger Ankergrund, aber wohl
-weiter oben. Ohne sich auch lange zu besinnen, gab er Ordre, den Kurs des
-Fahrzeugs dahin zu ändern, und rief einen Mann vorn in die Rüsteisen, um
-das Loth zu werfen, damit sie sich nicht in zu seichtes Wasser wagten, --
-hatte das Meer doch hier schon eine mehr gelbliche Färbung angenommen.
-
-Der Schooner gehorchte rasch dem Steuer, und auch die Eingebornen schienen
-mit der neuen Richtung einverstanden, denn sie hatten grüne Zweige
-abgebrochen und schwenkten sie in der Luft, ein Zeichen, daß sie die
-Fremden freundlich empfangen und friedlich mit ihnen verkehren wollten. Man
-darf jedoch diesen wohlwollenden Manifestationen nicht immer unbedingten
-Glauben schenken, denn es giebt auch verrätherische Stämme, die dadurch
-Beute heranzulocken suchen, ähnlich wie irische Stranddiebe Nachts durch
-falsche Signale Fahrzeuge verführen, an die gefährliche Küste anzulaufen.
-
-Kapitain Oacutt traute auch diesen signalisirenden Betheurungen nicht
-weiter als nöthig; d. h. er nahm sie nur für einen Beweis von Höflichkeit,
-und erwiederte dieselbe damit, daß er seine Flagge aufzog. Zugleich
-beschloß er aber, dem Land nicht näher als nöthig zu kommen, ehe er nicht
-die Aufrichtigkeit der Eingebornen erprobt habe, auch nicht etwa gleich
-fest vor Anker zu gehen, sondern, wenn nahe genug, ein Boot abzuschicken
-und dann langsam dort auf und ab zu kreuzen. Dadurch behielt er nicht
-allein sein kleines Fahrzeug vollständig in der Gewalt, sondern konnte
-auch seinem Boot, wenn es etwa nöthig werden sollte, rasche Hülfe bringen.
-Außerdem befand er sich hier noch immer in einigen zwanzig Faden Wasser,
-also in einer Tiefe, bei der er nicht die geringste Gefahr lief.
-
-Für das Boot, das sein Steuermann führen sollte, wurden jetzt Freiwillige
-aufgerufen, und diese selber vorsichtigerweise bewaffnet, um sich im Fall
-der Noth vertheidigen zu können. So liefen sie, vollständig bereit, es
-jeden Augenblick nieder zu lassen, direkt gegen die Küste, und bis fast in
-fünf Faden Tiefe hinan und erwarteten eben den Befehl zum vom Bord gehen,
-als der Mann am Steuer ein Kanoe bemerkte, das eben vom Ufer aus in Sicht
-kam und augenscheinlich zu ihnen heraus wollte. -- Das mußte jedenfalls
-abgewartet werden, denn man sah da gleich, mit wem man es zu thun hatte;
-auch lag in dem Besuch nichts Außerordentliches. Freuen sich doch diese
-wilden, nur auf ihre eigenen Erzeugnisse angewiesenen Stämme jedesmal, wenn
-sie auf eine solche Art mit irgend einem fremden Fahrzeug in Verbindung
-treten können, da ihnen dieses doch immer viel Neues und oft auch
-Nützliches bringt. Was sie selber dafür an Werth geben mußten, rechneten
-sie nicht, denn es waren stets Sachen, die sie leicht wieder ersetzen
-konnten, und doch wie schmählich wurden sie dabei betrogen. Was für
-glänzende Geschäfte hatte Oacutt auch schon in der Südsee gemacht, wo er
-für Tabak und Branntwein, für Kattun, Tant, werthlose Knöpfe, ja oft
-für abgebrochene Nägel Kokosnußöl und nicht selten kostbare Perlen
-eingetauscht. Dieser Stamm war keinenfalls klüger als die dortigen, und
-ein Sortiment derartiger Dinge auch deßhalb schon hervorgesucht und bereit
-gelegt.
-
-Das herankommende Canoe sah indessen nicht so aus, als ob es einen Handel
-eröffnen sollte. Es führte nur vier Mann an Bord. Einer saß am Steuer, zwei
-ruderten und der vierte stand, mit einem grünen Busch in der Hand, vorn im
-Bug. Sie waren sämmtlich nackt, nur mit einem blauen Schurz um die Lenden
-bekleidet und gaben die schwarzen Wollköpfe trotzig der Sonne preis,
-schienen aber keine Waffen zu tragen und eher eine Art von Gesandtschaft,
-die heraus beordert wurde, um vielleicht einmal zu erfahren, welche Waaren
-die Fremden brächten und was sie dafür verlangten. Jedenfalls blieb es
-gerathen, sie freundlich zu empfangen, und der Kapitän befahl deßhalb,
-die Fallreepstreppe hinab zu lassen, damit sie bequemer an Bord steigen
-konnten.
-
-Die Leute im Kanoe mußten auch diese Erleichterung schon kennen, denn
-der Steuernde hielt rasch darauf zu, aber man konnte nicht sagen, daß
-sie neugierig seien, denn nur Einer von ihnen, der mit dem grünen Busch,
-ergriff dieselbe und lief daran empor. Die Uebrigen blieben im Kanoe,
-ergriffen nur die Taue und hielten sich fest, um nicht von dem, jetzt
-allerdings nur wenig Fortgang machenden Fahrzeug zurückgelassen zu werden
-und ihren Mann zu verlieren.
-
-Der Botschafter blieb indessen noch immer, mit seinem Busch in der Hand,
-oben an Deck stehen, und schien vorher eine Einladung abzuwarten, um näher
-zu treten, zeigte aber keine Furcht und schaute sich ruhig und gleichmüthig
-an Bord um. Kapitän Oacutt war übrigens in Verlegenheit, wie er sich
-dem schwarzen Burschen verständlich machen sollte, denn an Bord kannte
-natürlich Niemand die Sprache dieses Volkes. Um aber seinen guten Willen
-zu zeigen, nahm er ein großes Stück Kautabak in die eine, ein Glas mit
-Branntwein in die andere Hand und ging damit auf den Botschafter zu. Den
-Tabak mußte dieser auch kennen, denn sein schwarzbraunes Gesicht verklärte
-sich ordentlich, als er ihn sah, und er griff rasch danach. Nicht so nach
-dem Branntwein. Vorsichtig roch er vorher an das Glas, schob es dann zurück
-und sagte in gebrochenem, aber doch verständlichem Englisch: »Danke -- ich
-nicht Feuer trinken -- bös -- sehr bös!«
-
-»Alle Wetter!« rief Kapitän Oacutt erfreut aus, »Du sprichst amerikanisch,
-mein Bursche? Das ist famos. Und was bringst Du uns?«
-
-»Bringen?« sagte der Eingeborne erstaunt, »ich soll was bringen? Dafür
-schickt mich der König her, daß Du was bringen sollst. Geschenke, wie es
-bei uns üblich ist; dann erlaubt er Dir auch, daß Du landen und zu ihm
-kommen darfst.«
-
-»Unendlich gnädig,« lachte Oacutt, »und vorher dürfen wir nicht?«
-
-»Nein,« sagte der Schwarzbraune ganz ernsthaft, indem er ein Stück von
-seinem Tabak abbiß.
-
-Der Amerikaner schüttelte mit dem Kopf. Der Abgesandte selber sah
-allerdings nicht so aus, als ob es in seinem Lande viel Werthvolles zu
-verhandeln gäbe, oder die Eingebornen irgend welche Bedürfnisse hätten. Er
-ging, bis auf den blauen Schurz, völlig unbekleidet, und trug auch nicht
-die Spur von Schmuck oder sonstigem Zierrath, viel weniger denn von Gold an
-sich. Lohnte es überhaupt der Mühe, sich mit diesem Volk einzulassen? Aber
-der Versuch mußte jedenfalls gemacht werden, denn der Weg, den sie dazu
-hierher gekommen, war zu weit und lang gewesen. Er brauchte auch Früchte
-und frisches Fleisch, um seinen Leuten eine Veränderung der Kost zu
-gewähren, und dann erfuhren sie dort vielleicht etwas über die benachbarten
-Küstenstriche, und wo es am Vortheilhaftesten sein würde, anzulaufen, um
-die werthvollsten Produkte dieses Welttheils einzutauschen und überhaupt zu
-finden.
-
-Der Eingeborne, eine schlanke, kräftige Gestalt, der eben so hier
-hergekommen schien, wie er heute Morgen von seinem Lager aufgesprungen
-sein mochte, und nur sein schwarzes Wollenhaar in unzählige kleine Zöpfe
-geflochten und an den Spitzen mit einem weißen Baumwollfaden umwickelt
-hatte, erwartete indessen in aller Ruhe die Antwort des Kapitäns. Während
-er selber fast regungslos blieb, rollte er das Weiße seiner Augen nach
-allen Seiten des Decks. Er war sich jedenfalls seiner Würde als Abgesandter
-bewußt und durfte sich nichts vergeben.
-
-Kapitän Oacutt hatte aber sein Boot ja schon bereit liegen, und es galt nur
-jetzt noch, die verlangten Geschenke für den König, die er allerdings nicht
-für nöthig gehalten, beizufügen. Das konnte rasch geschehen sein, und der
-Bote bekam deßhalb die Antwort, sie würden nicht versäumen, den König zu
-begrüßen und hofften dann einen freundschaftlichen Verkehr mit dem Lande
-herzustellen. Der Schwarze nickte auch bloß mit dem Kopf, drehte sich dann
-um, stieg die Treppe wieder hinab, und wenige Sekunden später blieb das
-Kanoe zurück und hielt dem Lande zu.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-König Zambiri.
-
-
-Kapitän Oacutt ging jetzt augenblicklich daran, das auszusuchen, was er dem
-Oberhaupt der Wilden als Einführungsgeschenk überschicken wollte. Er zeigte
-sich aber nicht besonders wählerisch darin, denn er wußte aus Erfahrung,
-daß man einen derartigen Häuptling nicht gleich von Anfang an verwöhnen
-durfte, sonst wurde er gierig auf mehr, und ein einträglicher Handel war
-unmöglich.
-
-Am Liebsten wäre er freilich selber mit an Land gefahren, aber er durfte
-als Kapitän das Schiff nicht verlassen, und sein Steuermann war wohl
-auf See tüchtig, und dabei keck und unerschrocken und nicht so leicht
-eingeschüchtert, aber doch kaum gewandt genug, wo irgend eine Form
-erfordert wurde. Da erbot sich Doktor Spruce, ein junger Irländer, den
-er als Passagier von Sydney nach der Kapstadt mitgenommen, das Boot zu
-begleiten, war es doch auch eine Unterbrechung der monotonen Seefahrt,
-und kurze Zeit danach, nachdem das Kanoe wieder zwischen den Büschen
-verschwand, folgte ihm die Jölle.
-
-Uebrigens ging die Mannschaft ganz ordentlich bewaffnet; der Steuermann wie
-der Doktor trugen ihre Revolver, und die Matrosen hatten Jeder einen
-kurzen Schiffscutlaß im Boot liegen und ein doppelläufiges Pistol im Gürtel
-stecken, konnten sich also schon die Feinde im Nothfalle vom Leib halten.
-
-Der Schooner drehte, wie ihn das Boot verlassen, etwas vom Ufer ab, denn
-sie waren dem Lande schon fast zu nahe gekommen. Er konnte ja dort auf und
-ab kreuzen, bis die Leute zurückkehrten und ihm Bericht abstatteten. Lohnte
-es dann der Mühe und hielt man sich für sicher genug, so war es noch immer
-Zeit, vor Anker zu gehen und einen Tauschhandel zu eröffnen. Unter der Zeit
-segelte das Boot mit leichter Brise dem nicht mehr so fernen Land entgegen,
-und es ist für den Seefahrer stets ein eigenthümliches Gefühl, in solcher
-Weise eine fremde, von wilden oder doch wenigstens uncivilisirten Stämmen
-bewohnte Küste zu betreten. Gibt man sich doch immer dadurch mehr oder
-weniger in die Gewalt oft sehr zweifelhafter Horden. Aber es hat auch
-wieder einen ganz eigenthümlichen Reiz, den Reiz der unbekannten Gefahr
-_mit_ der Sehnsucht, die der Matrose stets nach festem Lande trägt, wenn er
-sich gar zu lange Zeit auf Salzwasser herumgetrieben. Er will wieder einmal
-den blauen Himmel durch Gesträuch und Baumzweige, nicht mehr durch das
-Gewirr seiner Taue betrachten. Er will Vögel und Frauenstimmen hören, sich
-an einer frischen Quelle satt trinken und die reife saftige Frucht selbst
-vom Ast pflücken; daß ihn dabei der Speer oder Pfeil eines Wilden bedrohen
-könne, kümmert ihn wenig -- wenigstens nie genug, um den Versuch nicht zu
-wagen.
-
-So betrachteten auch jetzt die anfahrenden Seeleute das immer deutlicher
-heraustretende Land mit steigendem Interesse, und nichts entging ihren
-spähenden Blicken. Schon konnten sie einige niedere Hütten erkennen und
-hielten diese Anfangs für die Hafenstadt, aber je näher sie kamen, desto
-mehr schob sich das Land auseinander, und nach rechts hinein öffnete
-sich plötzlich eine geräumige Bucht, an deren Rand, unter Palmen und
-hochstämmigen Laubbäumen, eine dichte Gruppe von Häusern stand.
-
-Allerdings boten diese auch ein reizendes Landschaftsbild; denn das
-frische, saftige Grün der Baumwipfel mischte sich freundlich mit dem
-Graubraun der wunderlich geformten Dächer und dazwischen wirbelte der blaue
-Rauch langsam in die Höhe. Aber das Auge der Seeleute verließ im Moment das
-ländliche Bild und haftete auf einem anderen Gegenstand, der fest am Ufer
-und halb noch vom Gesträuch verdeckt in diesem Moment erst sichtbar wurde
--- einem Wrack.
-
-Die Ueberreste eines verloren gegangenen Fahrzeugs sind für den Seemann
-immer von Interesse, denn unwillkürlich erinnern und mahnen sie ihn daran,
-daß sein eigenes Seeboot ein ähnliches Schicksal treffen kann. Hier aber
-drang sich ihnen unwillkürlich die Frage auf: Wie nur das Wrack dort
-hingekommen, wo es lag? Denn gestrandet konnte es an jener Stelle ganz
-unmöglich sein. Würde ja doch kein Seemann der Welt mit seinem Fahrzeug in
-diese landumschlossene und ziemlich seichte Bucht eingedrungen sein, ohne
-vorher genau zu untersuchen, wie weit er sich vorwagen könne. Ebensowenig
-konnte es ein Sturm, die außerdem nie in der unmittelbaren Nähe der Linie
-wüthen, herein verschlagen haben, denn dafür trat die eine Landspitze
-viel zu weit vor. Hatten die Eingebornen das Fahrzeug etwa überfallen,
-geplündert und hiehergeschleppt? Dann stand ihnen selber auch kein
-freundlicher Empfang bevor und fast unwillkürlich warf der Steuermann den
-Blick zurück, die Möglichkeit eines Rückzugs zu überschauen.
-
-Dafür zeigten sich freilich im Augenblick schlechte Aussichten, denn
-erstlich waren sie mit der Brise eingelaufen, dann führte sie die steigende
-Fluth rasch in die Bucht hinein und außerdem bemerkte er auch jetzt, daß
-sich vier oder fünf Kanoes mit Eingebornen hinter ihnen vom Lande abgelöst
-hatten und ihnen folgten. Und sollten sie jetzt plötzlich Furcht zeigen?
-Nein! der Steuermann besaß überdieß kecken Muth genug, sich nicht durch
-eine, nur erst drohende Gefahr einschüchtern zu lassen, und beschloß zu
-thun, was er eben nicht mehr vermeiden konnte -- gerade voraus zu halten,
-in die Bucht hinein.
-
-Sie passirten jetzt das Wrack! Was es gewesen, ließ sich nicht leicht
-erkennen, denn die Masten fehlten und nur an einigen Stellen hing noch das
-stärkere Takelwerk unordentlich über Bord. Dem Steuermann schien es eine
-Brigg gewesen zu sein; er gab sich aber umsonst Mühe, den Namen heraus zu
-bekommen, denn obgleich es mit dem Stern der Bucht zu lag, schienen
-die Eingebornen das dort gewöhnlich angebrachte Namensbret entweder
-herausgeschlagen oder unleserlich gemacht zu haben, mußten also wissen, daß
-man daran das Schiff erkannt hätte, und fühlten sich also auch nicht ganz
-rein bei der Sache.
-
-»Steuermann,« brummte der Doktor, als sie vorüberglitten, »dort liegt
-ein Memento Mori, eine Art von Todtenkopf und die alten Planken würden
-vielleicht viel zu erzählen wissen. Ein Glück, daß wir nicht gleich mit dem
-Schooner vor Anker gegangen sind.«
-
-»Bah,« sagte der Steuermann, der sich nicht wollte merken lassen, daß
-er eben erst ganz ähnliche Gedanken gehabt; »vom Schooner sollen sie die
-Fäuste schon lassen.«
-
-»Hm, ja -- vielleicht -- aber von uns?«
-
-»Und was wäre bei uns zu holen? Nichts als heißes Blei!« lautete die
-ziemlich mürrische Antwort. »Zum Teufel auch, Kamerad, wenn Ihr Euch
-fürchtet, hättet Ihr an Bord bleiben sollen.«
-
-»Fürchten?« lachte der Doktor; »ich habe wohl schon davon gehört, weiß aber
-nicht, was es bedeutet, und der Erfolg wird es lehren. Ich wäre auch der
-Letzte, der zurückginge, also vorwärts, Mate, wir sitzen einmal drin und
-müssen die Geschichte jetzt auch zu Ende führen.«
-
-»Und dort ist die Landung!« rief der Steuermann, als er jetzt am Ufer
-eine Anzahl dunkler Gestalten bemerkte, die ihnen grüne Büsche
-entgegenschwenkten und damit zu winken schienen.
-
-Hier bildete das Ufer wieder einen kleinen Einschnitt, aber es war
-augenscheinlich, daß sie den eigentlichen Landungsplatz des Ortes erreicht
-hatten, denn acht oder zehn Kanoes lagen dort ebenfalls angebunden, und
-Trupps von Mädchen, Frauen und Kindern schienen auch schon an jener Stelle
-die Ankunft der Fremden zu erwarten. Der Steuermann hatte ebenfalls
-ihren Dolmetsch am Ufer erkannt, jenen Burschen, der bei ihnen zum Besuch
-gewesen, und mit Recht vermuthend, daß dort der Punkt sei, wo man ihn
-erwarte, lenkte er den Bug seiner Jölle direkt auf ihn zu. Im nächsten
-Moment scheuerte ihr Kiel den Sand, und Einer der Leute, unbekümmert um den
-Schwarm, der draußen stand, sprang an Land, um das Springtau zu befestigen.
-
-Der Doktor hatte sich indeß die Eingebornen betrachtet und sich eben nicht
-besonders über ihr Aussehen gefreut. Sie gingen fast sämmtlich bis auf
-den Schurz nackt. Nur die jungen Mädchen trugen noch ein oft phantastisch
-herausgeputztes Tuch um die Schultern und Schmuck -- Glasperlen und
-Goldtand -- in den Ohren und den künstlich und mühsam zusammengeflochtenen
-Haaren, und Einige von ihnen konnten sogar für hübsch gelten, wären die
-Lippen nicht so aufgeworfen gewesen. Die Männer sahen aber entschieden
-häßlich aus: mager und grobknochig, mit einem scheuen, mürrischen,
-gedrückten Wesen. Viele von ihnen trugen auch Waffen: lange, spitze und
-dünne Wurfspeere oder Keulen, und Einige von ihnen große geflochtene
-Schilde, und auf den Schultern und Armen eine häßliche Art von Tättowirung,
-welche die betroffenen Stellen wie aufgeschwollen erscheinen läßt.
-Feindliche Absichten schienen sie aber nicht zu hegen, denn selbst die
-Bewaffneten verhielten sich vollkommen ruhig und sogar theilnahmlos und
-standen nur in ungeordneten Gruppen umher, möglich um die Landung der
-Fremden zu überwachen.
-
-Der Steuermann hätte nun am Liebsten seine ganze Mannschaft mit an Land
-genommen, denn es war ihm nachdem er erst einmal das Wrack gesehen, kein
-angenehmes Gefühl, sein kleines Häufchen noch zu trennen. Aber er durfte
-das Boot auch nicht ohne Wache zurücklassen. Wer wußte denn, was das
-Gesindel indessen damit vorgenommen hätte. Drei Mann genügten indeß dazu
-vollkommen und er mit dem Doktor wollten dann ihren Besuch bei dem
-Könige machen, während der Jüngste von den Matrosen das braunlackirte
-Blechkästchen tragen konnte, in welches Kapitän Oacutt die Geschenke für
-Seine Majestät gethan.
-
-Der Schwarze, der zugleich als ihr Führer ausersehen schien, hatte indeß
-ruhig neben ihnen gestanden und sie betrachtet, jetzt aber, als der
-Steuermann ihn anrief, voran zu gehen und ihnen den Weg zu zeigen, sagte er
-erstaunt: »Ja, Freund, wo hast Du denn die Geschenke für den König?«
-
-»Nun, in dem Kasten da!« erwiederte der Seemann.
-
-»Und das ist Alles?« rief kopfschüttelnd der Schwarze. »Unser König ist
-groß und mächtig; er wird über das Wenige hinwegsehen.«
-
-»Er soll zu Gras gehen!« brummte der Steuermann leise vor sich hin, setzte
-aber laut hinzu: »Und weißt Du denn, was da drinnen ist, Wollkopf?«
-
-»Nein,« antwortete dieser etwas verblüfft; »wie kann ich's wissen -- ich
-habe ja nicht hineingesehen.«
-
-»Also vorwärts marsch, daß wir weiter kommen und das Mittagessen nicht
-versäumen,« nickte ihm der Steuermann zu und ihr Führer schien jetzt
-ebenfalls damit einverstanden. Wer wußte in der That, was für kostbare
-Dinge der kleine Kasten enthielt -- der Weiße hatte recht. Erst mußte man
-es sehen, ehe man urtheilen konnte. Er schritt langsam, von den Fremden
-gefolgt, gerade auf den Schwarm von Mädchen und Frauen zu, die aber scheu
-zur Seite wichen und Raum gaben, wodurch sie eine Art von lebendiger Gasse
-bildete, und die Amerikaner sahen jetzt ein niederes aber breites Gebäude
-vor sich, auf welches sie direkt zuhielten.
-
-War das wirklich das Palais, so wohnte Seine Majestät allerdings sehr
-bescheiden, konnte aber deßhalb natürlich doch von jeder orientalischen
-Pracht umgeben sein. Wie oft bargen in solchen wilden Ländern schlichte
-Rindendächer die bedeutendsten Schätze, und wer es da verstand, machte
-leicht bessere Geschäfte, als in den größten Städten und Hafenplätzen.
-Vergebens suchten aber sowohl der Doktor wie Steuermann einen Ueberblick
-über die Stadt selber zu gewinnen, denn die Wohnungen lagen nicht in
-geraden Straßen, sondern unordentlich durcheinander und meist so in
-Gebüschen und Fruchtbäumen versteckt, daß man nur hie und da einzelne
-Häuser und Dachspitzen zwischen Bananenhainen und Palmenwipfeln
-durch erkennen konnte. Es blieb ihnen überdieß keine lange Zeit, sich
-umzuschauen, denn eben betrat ihr Führer die Schwelle des niederen Gebäudes
-und winkte ihnen dabei zu folgen. Eine vorherige Anmeldung wurde also nicht
-für nöthig befunden.
-
-Sie fanden jedoch bald, daß die Hütte mit ihrem ärmlichen Aeußern dem
-Innern vollkommen entsprach. Sie war von Pfählen und Reisig gebaut, luftig
-allerdings genug und dem heißen Klima zusagend und nur mit einem guten
-dichten Dach bedeckt, schien aber sonst sehr dürftig ausgestattet und
-enthielt nur einige Stücke europäischer Ausstaffirung, auf welche die
-Seeleute Anfangs jedoch nicht achteten, weil eine merkwürdige Gruppe im
-Mittelpunkt der Hütte ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm.
-
-Auf einem dort ausgebreiteten Löwenfell -- sonst aber auf der blanken
-Erde -- lag nämlich ein großer, schwarzer, unförmlicher, aber lebendiger
-Klumpen, dem selbst der Doktor nicht gleich eine bestimmte Form und Gestalt
-geben konnte, während oben darauf ein kleiner, schlanker, kaffeebrauner
-Bursche, die Arme in die Seite gestemmt, gymnastische Uebungen auszuführen
-schien, denn er stieg und tanzte darauf herum, obgleich es eine
-Geschicklichkeit zu erfordern schien, das Gleichgewicht dabei zu erhalten.
-
-Links in der Ecke balgte sich eine Anzahl von Kindern unter der Aufsicht
-von zwei jungen Mädchen, ohne indessen von dieser Produktion weitere Notiz
-zu nehmen, und der Doktor besonders gab sich die größte Mühe, nur erst
-einmal herauszubekommen, was er da eigentlich vor sich habe und was es
-bedeute. Aber es dauerte nicht lange, so begann er, trotz dem in der
-Hütte herrschenden Dämmerlicht, doch einige Umrisse an dem Klumpen zu
-unterscheiden, der sich bald als ein wirklich menschliches Wesen, wenn
-auch in wunderlicher Verunstaltung, herausstellte. Da war in der That ein
-dicker, wolliger Kopf, da war etwas, das wie Beine und Füße aussah, wenn
-auch nur im kürzesten aber dicksten Maßstab -- alles Uebrige mußte aber
-Körper oder Rücken sein, denn das merkwürdige Geschöpf lag, wie er jetzt
-bemerkte, auf dem Bauch, und der kleine gelenke Bursche tanzte eine Art von
-Menuet auf seinem Rückgrat.
-
-Erstaunt sahen sich der Steuermann und Doktor, während der Matrose mit
-offenem Mund daneben stand, nach ihrem Führer um, dieser winkte ihnen aber
-mit der ernsthaftesten Miene von der Welt zu, ruhig zu bleiben, und deutete
-dabei ehrfurchtsvoll auf den schwarzen, nackten Fleischklumpen. -- War das
-etwa der König?
-
-Der Dicke schien sich indessen unter der Operation sehr behaglich zu
-fühlen; er stöhnte ein paar Mal vor Vergnügen und fing dann an, erst die
-Arme und dann die kurzen Beine auszustrecken, wälzte sich auch bald ein
-wenig nach der, bald nach jener Seite, so daß der kleine Bursche ungemein
-aufpassen mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und herabgeworfen
-zu werden.
-
-Endlich schien aber der Koloß befriedigt; er grunzte fast vor Wonne, und
-nachdem er dem Kleinen etwas zugerufen, wornach ihn dieser noch ein paar
-Mal kräftig in's Genick trat und dann absprang, richtete er sich plötzlich
-in die Höhe, so daß er, den Fremden unmittelbar gegenüber, auf das Fell zu
-sitzen kam. In diesem Augenblick mußte er auch zum ersten Mal den Besuch
-bemerken, denn er sah sie einen Moment so verdutzt an, daß besonders der
-Doktor ein herauswollendes Lachen kaum verbeißen konnte. -- Ob er sich
-vielleicht genirte, bei seinem »Tretbad« von den weißen Männern beobachtet
-worden zu sein? Das war wohl kaum der Fall, indeß gewann er seine Fassung
-sehr bald wieder. Er winkte dem Knaben und rief ihm ein paar Worte zu,
-wonach ihm dieser eine Art von Oberhemd aus rothem Kattun überwarf, was
-seine Toilette beendete. Dann redete er den Dolmetsch an.
-
-Dieser machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, nahm ohne Weiteres dem
-Matrosen das Blechkästchen ab und setzte es neben sein Oberhaupt nieder.
-Dem Steuermann entging auch der ungnädige Blick nicht, den dieser darauf
-warf, sich dann aber doch herabließ, es zu öffnen und hineinzuschauen. Der
-Doktor behielt indessen Muße, ihn etwas näher zu betrachten, und mußte sich
-gestehen, in seinem ganzen Leben noch kein ähnliches menschliches Wesen
-gesehen zu haben.
-
-Der kleine dicke Bursche, wie er da vor ihm saß, konnte kaum mehr als vier
-Fuß hoch sein und war dabei in der That lauter Bauch. Ja es sah ordentlich
-aus, als ob der Kopf, ohne auch nur einen Zollbreit Hals zu gestatten, fest
-und tief in den unförmlichen Körper hineingeschraubt worden wäre. Beine
-und Arme zeigten sich dazu von ganz unmäßiger Dicke und an Gewicht mußte er
-wenigstens drei Centner wiegen -- wenn nicht noch mehr. Frisirt schien
-er an dem Morgen nicht zu sein, die Haare standen ihm in struppigen, fest
-ineinander gerollten Wollbüscheln nach allen Seiten hinaus und aus
-dem dicken, fettglänzenden Gesicht stierten ein paar kleine, wie
-zusammengekniffene Augen eben nicht besonders freundlich bald die Fremden,
-bald seinen Dolmetsch, bald den eben geöffneten Blechkasten an. Sein Inhalt
-beschäftigte ihn aber doch vor der Hand am Meisten, und er schien das
-Gebrachte auch nicht etwa als ein Geschenk, sondern vollkommen als Tribut
-zu betrachten, für den er sich natürlich nicht zu bedanken brauchte.
-
-Der dicke Bursche mußte übrigens schon öfters mit weißen Fremden verkehrt
-haben, denn der Steuermann, der sich jetzt etwas näher in dem Gemach
-umsah, bemerkte eine Menge von Dingen, die ihm nur Europäer oder Amerikaner
-gebracht haben konnten. Dort drüben war an der Reisigwand ein Spiegel in
-Goldrahmen aufgestellt, der genau so aussah, als ob er früher einmal in der
-Kajüte eines Fahrzeugs gehangen; in der einen Ecke lagen Sophapolster, mit
-dem Ueberzug aber schon lange heruntergefault; dann standen in der Ecke
-mehrere Musketen mit Bajonneten und daneben einige Schiffscutlasse, während
-ein sauber gearbeitetes Mahagonischränkchen mit Perlmutterschloß ebensogut
-früher in eine Kajüte gehört haben konnte, denn Messingbügel waren jetzt
-noch daran zu erkennen.
-
-Der Dicke indessen, der das geöffnete Kästchen eine Weile halb neugierig,
-halb mißtrauisch betrachtet hatte, griff jetzt hinein und zuerst nach
-einer oben aufliegenden langen Tafel Kautabak, an der er roch und sie
-dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte. Die Kinder, die gesehen
-hatten, daß es dort irgend etwas Neues gab, kamen jetzt herbeigelaufen. Sie
-waren sämmtlich in dem Alter von etwa fünf bis neun Jahren und gingen, wie
-das bei solchen Stämmen gewöhnlich der Fall ist, »bis an den Hals barfuß«.
-Auch ihre Wärterinnen, die ihnen schon folgen mußten, kamen näher; sie
-waren ebenfalls neugierig geworden.
-
-Unter dem Tabak fand Seine Majestät jetzt eine große, dicke, aber unechte
-Uhrkette, auf welche sich der Kapitän, als er sie in den Kasten legte,
-nicht wenig zu Gute gethan. Der König griff auch rasch danach, hatte sie
-aber kaum in die Hand genommen, als er sie schon mißtrauisch betrachtete,
-dann -- wie den Tabak vorher -- an die Nase hob und scharf und lange daran
-roch. Die Untersuchung mochte aber nicht zu ihren Gunsten ausgefallen sein,
-denn er schüttelte mit dem Kopf und warf sie dann -- ohne sie weiter eines
-Blickes zu würdigen -- verächtlich unter die Kinder, die jubelnd darüber
-herfielen.
-
-Das abgemacht, griff er zwischen die andern Dinge hinein, schien aber
-nicht viel Tröstliches herauszufischen: ein paar bunte, aber baumwollene
-Taschentücher -- ein paar Schnüre Glaskorallen -- einen kleinen Spiegel im
-Futteral -- eine Scheere, und müde des nutzlosen Suchens drehte er endlich
-in etwas summarischer Weise den Kasten um, schüttete den ganzen Inhalt
-auf die Decke und wühlte in den Dingen, die Kapitän Oacutt als Kostbarkeit
-eingepackt, geringschätzig mit dem rechten Fuß herum. Es zeigte sich auch
-in der That nichts darunter, was er hätte gebrauchen können oder mögen;
-nur eine kurze Tabakspfeife nahm er noch für sich und schob dann den ganzen
-Plunder mit seinem dicken Bein den Kindern zu.
-
-Von der Gelegenheit suchte auch eine der »Bonnen« Nutzen zu ziehen und
-griff nach einer Schnur hellblauer Glasperlen, aber ihr Herr und Gebieter
-war -- unglücklicherweise für sie -- nicht in der Laune, irgend eine
-Vertraulichkeit zu gestatten. Er schlug mit der rechten Hand aus und traf
-das arme Mädchen so derb gegen den Nacken, daß sie wie betäubt zur Seite
-taumelte und dann leise wimmernd aus dem Wege kroch. Der kleine Tyrann nahm
-aber keine Notiz von ihr -- er war ärgerlich geworden. Sollten das etwa
-Geschenke für einen König sein, wie sie ein fremdes Schiff ihm als Tribut
-bringen mußte? Wollten die Weißen ihn verhöhnen? Und zornig wandte er sich
-an den Dolmetscher, der achselzuckend und gebückt, als ob er die Stellung
-schon einmal von einer deutschen Hofschranze abgesehen, ihm gegenüberstand
-und die Vorwürfe geduldig und demüthig mit anhörte. Kaum aber hatte der
-König geendet, als er sich auch, jetzt selber zornig und seinen Monarchen
-repräsentirend, an die Fremden wandte und all' die Vorwürfe mit fast
-schreiender Stimme wiederholte, die er eben mit angehört. Der Sinn der
-Rede war etwa folgender: »Aus welchem Lande kommt ihr, daß ihr glaubt, ihr
-dürftet dem Fürsten eines Volkes Kinderspielzeug zum Geschenk bringen? Geht
-fort und kehrt nicht eher zurück, bis ihr mit einer würdigen Gabe nahen
-könnt.«
-
-»Alle Wetter!« rief der Steuermann überrascht aus, »wie mir scheint, müßt
-ihr selber hier sehr reich sein, wenn ihr das, was in unserem Lande als
-Kostbarkeit gilt, so verächtlich bei Seite werft. Wir geben, was wir haben,
-und es ist möglich, daß wir Sachen an Bord finden, die Deinem König noch
-besser gefallen, aber dann müssen wir auch vorher wissen, was ihr uns zum
-Handel bieten könnt und ob es der Mühe lohnt, mit euch zu verkehren.«
-
-Der Dolmetsch übersetzte, was ihm der kecke Fremde gesagt, und die Antwort
-des Königs lautete, daß sie Sklaven zum Tausch hätten -- Sklaven genug, um
-sein ganzes Schiff zu beladen. Brooks, der Steuermann, schüttelte aber mit
-dem Kopf und erwiederte: sie wären keine Sklavenhändler, die nur an die
-Küsten fremder Länder kämen, um Menschen zu stehlen. Sie wollten Waaren
--- Produkte des Landes haben -- Elfenbein, Straußenfedern, Gummi, Goldsand
-oder was da wäre, und die Geschenke für den König sollten dann dem
-entsprechend ausfallen.
-
-Dieser erhielt das Gesagte wieder übersetzt und bedachte sich einen
-Augenblick -- er überlegte wahrscheinlich, ob er durch eine Antwort darauf
-seiner Würde nichts vergebe. Endlich nickte er leise vor sich hin und rief
-ein paar rauhe Worte, wonach dann der Dolmetsch den Fremden nur winkte, ihm
-zu folgen.
-
-Der Doktor, der nicht gern eine Höflichkeitsform versäumen wollte, zupfte
-den Steuermann und flüsterte ihm zu, ob sie sich nicht vorher bei Seiner
-Majestät verabschieden müßten. Der Dicke schien aber gar keine weitere
-Notiz von ihnen zu nehmen, sondern drehte ihnen höchst ungenirt den breiten
-Rücken zu, wonach die Fremden es dann auch nicht weiter für nöthig hielten,
-irgend eine sonst vielleicht verlangte Ceremonie zu beachten.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Die Schatzkammer.
-
-
-Ihr Führer schritt mit ihnen direkt wieder zum Strand zurück und der
-Richtung zu, in welcher ihr Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die
-Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit nicht versäumen,
-vielleicht etwas Näheres darüber zu erfahren, und als sie wieder den
-freien Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse des gestrandeten
-Fahrzeugs eben erkennen konnte, sagte er, anscheinend leichthin: »Was ich
-gleich sagen wollte, Freund! Was war das eigentlich für ein Fahrzeug, das
-da drüben in den Büschen so fest vor Anker liegt?«
-
-»Welches?« sagte der Schwarze, als ob es zehn verschiedene gegeben hätte.
-
-»Welches? Das da drüben -- das große Fahrzeug der Weißen, das an Eurer
-Küste liegt.«
-
-»O das,« meinte der Dolmetsch gleichgültig; »altes Schiff, liegt schon viel
-lang drüben -- weiß es nicht.«
-
-Der Steuermann hätte nun darauf schwören wollen, daß das verunglückte
-Fahrzeug noch gar nicht etwa so lange da drüben liegen _konnte_, denn die
-Malerei daran sah viel zu frisch dafür aus, und von Verwitterung war keine
-Spur zu erkennen. Aber er merkte auch wohl, daß der Bursche nichts gestehen
-wollte oder durfte, und mochte selber nicht gleich Neugierde verrathen,
-um keinen Verdacht zu erwecken. Traten sie erst mit dem Volk hier in einen
-näheren Verkehr, so fand sich auch wohl einmal eine Gelegenheit, um das
-Wrack zu besuchen, wenigstens dicht hinan zu laufen, und dann getraute
-sich der Seemann auch schon nähere Daten darüber selber herauszufinden. Bis
-dahin war es weit gerathener, vorsichtig zu Werk zu gehen.
-
-Ihr Führer schritt indessen nicht direkt auf ihr Boot zu, das sie schon von
-Weitem erkennen konnten, sondern bog etwas mehr rechts ab, und zwar einem
-wunderlich gestalteten, hohen und spitzen Hause zu, das sich nur dadurch
-von den übrigen Wohnungen unterschied, daß es fest verschlossen schien und
-keine offene Thüre zeigte.
-
-Der Doktor war einige Schritte dicht an der Umzäunung desselben hingegangen
-und näherte sich jetzt einem eigenthümlichen, fest überdeckten Vorbau, als
-er plötzlich erschreckt zur Seite fuhr, denn fast unmittelbar neben ihm
-stieß ein Löwe sein heiseres Gebrüll aus.
-
-Die Eingebornen lachten und auch der Steuermann amüsirte sich über den
-Satz, den der Doktor machte; übrigens war er selbst zusammengefahren,
-denn hier, mitten im Dorf, hatte er keine solche Bestie erwartet, die da
-jedenfalls hinter dem Palissadenwerk gefangen gehalten wurde. Sie waren
-jetzt auch gerade über ihrem Boot angekommen, das etwa hundert Schritt von
-ihnen entfernt unten am Strand lag, als ihr Führer vor diesem Löwenzwinger
-stehen blieb und dort hineindeutend sagte: »Ihr glaubt nicht, Fremde,
-daß unser König Waaren hat, um mit euch zu handeln. Seht, was da drinnen
-aufgeschichtet liegt. Ihr wäret nicht im Stande, auch nur die Hälfte davon
-zu kaufen.«
-
-»Hoho, mein Bursche!« sagte der Doktor, der sich eigentlich schämte, vorhin
-eine plötzliche Schwäche gezeigt zu haben, aber das Gebrüll war auch zu
-unerwartet und aus zu unmittelbarer Nähe gekommen: »und was hättet Ihr da?«
-
-»Jedenfalls Sachen, die werthvoller sind als Eure Geschenke,« grinste der
-Schwarze. »Seht nur hindurch.«
-
-Die Fremden trauten nicht recht; hinter dem Gitter schritt der Löwe umher,
-und der Doktor bemerkte jetzt auch dicht daneben eine wohl starke,
-aber doch nur hölzerne Thür, die allein von zwei breiten Holzriegeln
-verschlossen gehalten wurde und in den Zwinger führte. Aber was konnte
-ihnen geschehen? und wenn er auch nicht recht begriff, welche Kostbarkeiten
-der Löwenkäfig enthalten könne, trat er doch mit dem Steuermann dicht an
-die Palissaden und sah hindurch.
-
-»Alle Teufel!« rief da der Seemann plötzlich; »Doktor, was meint Ihr -- da
-drin läge Fracht für uns.«
-
-»Elfenbein!« sagte dieser, aber wirklich überrascht von der Masse, die
-er da drinnen aufgeschichtet sah. »=Bless my soul=, die scheinen ja
-sämmtlichen Elephanten die Zähne ausgerissen zu haben. Junge, Junge, wo
-habt Ihr all' das Elfenbein her?«
-
-»Nun?« sagte der Schwarze, augenscheinlich von dem Erstaunen der Fremden
-befriedigt; »hat der König zu viel gesagt?«
-
-Da drinnen lag in der That ein unschätzbarer Reichthum von werthvollen und
-zum Theil außerordentlich großen Elephantenzähnen aufgeschichtet, und der
-Löwe schien dabei als trefflicher Wächter zu dienen. Entsetzt rief aber
-der Doktor aus, als er den Blick jetzt in dem inneren Raum umher schweifen
-ließ: »Heiliger Gott, was ist das? füttert Ihr denn hier die Bestie mit
-Menschenfleisch? Sehen Sie um des Himmels willen die Schädel und Knochen,
-Brooks, die da drin umhergestreut liegen.«
-
-»Das ist nichts,« sagte der Eingeborne gleichgültig, »nur Sklaven oder
-Kriegsgefangene, wenn sie krank oder schwer verwundet sind. Ja Zambiri ist
-ein großer König und gerade jetzt jagen unsere Truppen einen feindlichen
-Stamm. Wenn Ihr ein paar Tage hier bleibt, könnt Ihr sie mit Beute beladen
-zurückkehren sehen.«
-
-»Und das Elfenbein gehört Alles dem König?«
-
-»Alles, und noch weit mehr, viele große Büffelhörner voll Perlen,
-Schildpatt, Gold. Zambiri ist sehr reich, es ist ein großer König.«
-
-»Und verkauft er die Zähne?«
-
-»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, »aber es kommt darauf an, was Du ihm bieten
-kannst. Viel mußt Du ihm bringen, und vor allen Dingen Geschenke für ihn,
-sonst macht Ihr ihn nur böse, und dann ist er furchtbar, wie ein Löwe
-selber.«
-
-»Die kleine schwarze Bestie,« brummte der Doktor leise vor sich hin,
-bemerkte aber auch in demselben Augenblick den nämlichen kleinen schwarzen
-Burschen, der vorher auf dem Rücken des Königs herumgestiegen war, und
-der nun in einiger Entfernung hinter dem Dolmetsch stand und ihm
-geheimnißvolle, aber scheue Zeichen machte. Sollte das eine Warnung sein,
-und drohte ihnen Verrath? Fast unwillkürlich griff er mit der Hand nach
-dem unter dem Rock versteckten Revolver, der Kleine aber, als ob er die
-Bewegung verstanden hätte, schüttelte mit dem Kopf und deutete auf seinen
-Mund. Wollte er ihm etwas sagen? Jedenfalls mußte er in seine Nähe zu
-kommen suchen, aber der Dolmetsch war ihm dabei im Weg.
-
-»Schafft mir den schwarzen Kerl einen Moment bei Seite, Steuermann,«
-flüsterte er diesem rasch zu, »geht mit ihm zum Boote, ich folge.«
-
-Der Steuermann sah ihn erstaunt an und begriff nicht, was er wolle, der
-Doktor mußte aber jedenfalls seinen Grund dafür haben, und sich an den
-Dolmetsch wendend, sagte er: »Unter den Umständen wird es am Besten sein,
-gleich an Bord zurückzufahren und das Werthvollste herauszusuchen, was
-wir haben, damit wir Deinen König zufrieden stellen. Wir sind als Freunde
-hierhergekommen, und ich hoffe, wir sollen als Freunde mit einander
-verkehren. Aber da unten sehe ich Früchte, könnten wir wohl einige davon
-mit an Bord nehmen? Wir haben eine lange Fahrt gehabt, und nichts Grünes
-unterwegs gefunden,« und dabei schritt er, von dem Matrosen dicht gefolgt,
-zum Boot hinunter.
-
-»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, der sich an seiner Seite hielt. Der Doktor
-blieb dabei ein paar Schritte zurück, als der Junge dicht an ihn hinanglitt
-und zugleich im reinsten Englisch flüsterte: »Rettet uns -- gefangen -- vom
-Schiff...« In demselben Moment aber auch und gerade als sich der Dolmetsch
-nach ihm umdrehte, sprang er nach vorn, auf diesen zu und sagte irgend
-etwas in seiner Sprache.
-
-Der Schwarzbraune blickte ihn zornig an, und sah bald auf ihn, bald auf den
-Doktor, da dieser aber mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein
-paar hier auf dem Sand liegende Muscheln aufhob und aufmerksam betrachtete,
-schien sein plötzlich gefaßtes Mißtrauen zu schwinden.
-
-»Ich muß zum König,« sagte er zum Steuermann, »wartet für einen Augenblick,
-ich werde Euch Früchte schicken; gebt den Leuten Taback dafür -- aber
-keinen Branntwein -- er ist streng verboten und nur der König darf ihn
-trinken,« und damit, die Weißen sich selber überlassend, rief er dem
-Knaben einige Worte zu und eilte, diesen am Arm fassend, mit ihm zu seines
-Oberhauptes Wohnung zurück.
-
-Wie gerne hätte der Doktor noch Weiteres von dem jungen Burschen gehört,
-aber er sah auch ein, daß das nicht möglich sei, ohne augenblicklich
-Verdacht zu erregen und jede Aussicht auf Erfolg abzuschneiden. Dem
-Steuermann theilte er aber jetzt mit, was ihm der Junge zugeflüstert, und
-dieser rief, seine rechte Faust in die linke flache Hand schlagend: »Ob ich
-es mir denn nicht gedacht habe? Mit dem Wrack da ist faul Spiel gewesen,
-und uns wollen sie jetzt bloß kirre machen, um uns nachher ebenso zu
-bedienen.«
-
-»Und die Elephantenzähne sind auch nicht alle aus dem Land gekommen, Sir,«
-sagte der junge Matrose, der daneben stand. »Zwei davon, das hab'
-ich deutlich durch das Gitter gesehen, waren mit Schiemanns-Garn
-zusammengebunden, und Schiemanns-Garn haben sie nur an Bord von Schiffen.«
-
-»Gar nicht unmöglich,« nickte der Seemann, »das Fahrzeug kann schon recht
-gut an der Küste gekreuzt und Elephantenzähne eingehandelt haben, und
-das hat dieser schwarze Heide jetzt Alles in seinem Waarenlager
-aufgeschichtet.«
-
-»Aber was nun?«
-
-»Dort kommen die Früchte,« sagte der Steuermann, »die wollen wir erst
-einnehmen, und dann so rasch als möglich an Bord zurück, um dem Kapitän
-Bericht abzustatten. Hol's der Teufel, wir müssen doch wenigstens einen
-Versuch machen, vielleicht sogar unsere Landsleute zu retten, und geht
-das nicht, ei dann laufen wir nach dem Kap hinunter und schicken ein
-Kriegsschiff her, denn ungestraft sollen sie sich beim Himmel nicht an
-einem Fahrzeug der Weißen vergriffen haben.«
-
-Das Gespräch war hier abgebrochen, denn allerdings kamen jetzt Eingeborne
-mit Früchten heran, erst einzeln und dann immer mehr. Der Steuermann hielt
-sich aber nicht lange auf, hatte auch nicht genug Waaren bei sich, um mit
-ihnen einen großen Tauschhandel zu eröffnen. Nur den Ersten nahm er, was
-sie brachten, ab, und gab ihnen Tabak dafür, dann sprangen die Männer
-wieder in ihr Boot und ruderten, so scharf sie konnten, in See hinaus, um
-den ihnen schon wieder entgegenkommenden Schooner zu erreichen.
-
-Kapitän Oacutt war übrigens, als sie an Bord zurückkehrten, mit dem
-Resultat ihrer Fahrt nicht besonders zufrieden. Er hörte wohl den Bericht
-mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schüttelte aber dabei bedenklich
-mit dem Kopf und meinte endlich: Das mit dem Elfenbeinvorrath klänge
-allerdings sehr gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast, als
-ob er, wenn er unter diesen Verhältnissen auf einen Handel einginge, am
-Ende gar noch Schiff und Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem
-eigenen Leben bezahlen könne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen, die von
-dem Doktor kräftig unterstützt wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er
-durfte die Küste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne nicht
-wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, Näheres über das verunglückte
-Fahrzeug zu hören, und da sie jetzt durch den Knaben die Gewißheit hatten,
-daß wenigstens Einer an Land sei, der darüber zu erzählen wisse, so blieb
-ihnen nichts übrig, als dem weiter nachzuforschen.
-
-Der Kapitän mußte ihnen darin beistimmen, und sehr verlockend wirkte dabei
-auch die Schilderung des Haufens von Elephantenzähnen, die aber auf so
-entschiedene Weise von einem der wildesten Ureinwohner, dem Löwen, bewacht
-wurden. Jedenfalls hatte der Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten
-wenig durch eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die Geschenke
-und Proben für den Handel mitzunehmen brauchten. Es käme vor allen Dingen
-darauf an, jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts, etwas
-freundlich für sie zu stimmen und selber gierig auf eine Handelsverbindung
-zu machen, nachher wäre es ein Leichtes, mehr über die Verhältnisse dort zu
-erfahren. Günstigeren Zeitpunkt durften sie außerdem nicht hoffen, dafür
-zu finden, als gerade jetzt, da sich, wie sie ja am Ufer gehört, der größte
-Theil der bewaffneten Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang im Inneren
-befand. Die Gefahr eines Ueberfalls begann erst, wenn die zurückkehrte, und
-je eher sie deßhalb hier an's Werk gingen, desto besser.
-
-Einem Kapitän ist immer die Sicherheit seines eigenen Fahrzeugs das
-Höchste, und muß es sein, denn nicht allein das Eigenthum seiner Rheder,
-sondern auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem Spiel, aber
-Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem Schicksal eines verunglückten
-Fahrzeugs nachzuforschen, wirkte hier gleich stark, und er sträubte sich
-nicht länger, sein Boot zum zweiten Mal hinüber zu senden. Nur die Wahl der
-Geschenke hatte noch einige Schwierigkeit, da er gern so wenig als möglich
-opfern wollte, während der Doktor wie auch der Steuermann darauf bestanden,
-daß man sich dießmal, nach dem ersten verunglückten Versuch, ganz besonders
-splendid benehmen müsse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen durch, und
-ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich werthvollen Dingen,
-seidenen Kleidern und Schärpen, wollenen bunten Stoffen, vergoldeten
-Uniformtroddeln, reich verzierten Messern, hübsch aussehenden Glaskorallen
-und anderen derartigen Dingen fast gefüllt. Außerdem sollte auch noch eine
-Probe der Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein oder
-andere werthvolle Produkte einzutauschen gedachte, auch Brod und guten
-Branntwein mußten sie mitnehmen, den Letzteren nur für den König selber;
-und also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz jenes
-schwarzen Fleischklumpens für sich zu gewinnen.
-
-Heute war es natürlich mit all' diesen Berathungen und dem Auswählen zu
-spät geworden, um noch einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der
-Nacht mochten sie sich auch drüben nicht überraschen lassen, und der
-Kapitän hielt deßhalb mit seinem Schooner weiter von der Küste ab.
-Allerdings mochten die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen, glauben,
-die Weißen hätten auf den Handel mit ihnen verzichtet, und wären wieder
-abgefahren, aber das schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher
-darauf, und das konnte das Geschäft für morgen nur erleichtern.
-
-Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft die Nachricht
-verbreitet, daß die »Niggers« am Ufer weiße Männer in der Gefangenschaft
-hielten, und die Wuth darüber war grenzenlos. Noch an demselben Abend kam
-eine Deputation zum Kapitän, die ihn bat, er möchte mit dem Schooner an
-Land fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschießen. Alle meldeten
-sich als Freiwillige zum »Entern« und schienen besonders, der Beschreibung
-ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethüm zu verlangen, das
-Sklavenhandel treibe und seine eigenen Unterthanen dem Löwen vorwerfe.
-Oacutt aber, so sehr er sich über die gute Stimmung der Leute freute,
-stellte ihnen vor, daß sie erstlich noch nicht einmal genau wüßten, ob
-wirkliche Weiße dort gefangen gehalten würden, dann aber auch durch einen
-Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen, aber nie im Leben
-wirklich Gefangene befreien könnten. Er versprach ihnen indeß, morgen früh
-sechs von ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu sehen, was
-sich machen ließe, und daß er sich dann auf sie verlasse, sie würden im
-Nothfall ihre Schuldigkeit thun, verstand sich von selbst.
-
-
-
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-Viertes Kapitel.
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-Der zweite Besuch.
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-Am nächsten Morgen mit erstem Tagesgrauen war die Sarah Miles schon wieder
-fast auf der nämlichen Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen, und
-hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen. Das brauchte auch
-nur in See gelassen zu werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafür
-bestimmte Mannschaft stand gerüstet an Deck und schien selber die Zeit kaum
-erwarten zu können, wo sie da drüben ihre Thätigkeit beginnen möchte. Rasch
-wurde auch dem Befehl: »=a shore!=« Folge geleistet; mit lautem Hurrah
-hißten sie das kleine Segel, und fort ging es, der Mündung der Bai
-entgegen. Kapitän Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal gegen
-die Eingebornen gefaßten Verdacht nicht wieder, so wie gestern, aus
-Sicht lassen. Daß sie in der Bucht tief Wasser hatten, wußte er schon vom
-Steuermann, und langsam folgte er deßhalb seinem Boot, um dort entweder zu
-kreuzen, oder wenn es sicher befunden wurde, auch vor Anker zu gehen.
-
-Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung entgegen und wunderte sich
-nur, daß sie heute gar keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafür
-eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied mit dem Fernrohr
-eine Menge Frauen und Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten?
-Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und der Seemann hielt
-deßhalb die Gelegenheit für passend, um jetzt so dicht als möglich an das
-Wrack hinan zu laufen und es ein wenig näher zu untersuchen. Das ging auch
-leichter, als er selbst geglaubt, denn während sie sich am linken Ufer
-hielten, wurden sie durch die vorhängenden Büsche desselben verdeckt, ja
-das Wrack selber stand ein Stück in die Bai hinaus. Der Steuermann ließ
-auch sein Boot dort anlaufen und kletterte rasch an Deck; aber da war
-freilich nichts weiter zu sehen, als daß es eine nicht sehr große Brigg
-gewesen, die jedoch rein ausgeplündert worden, wie sich das in dieser
-Nachbarschaft auch von selbst verstand. Sogar das Skylight hatten sie
-abgehoben und weggeführt, und die Kajüte war natürlich blank und leer. Aber
-auch keine Spur eines Namens fand sich, denn ebenso wie das Namensbrett
-am Stern herausgebrochen worden, so fehlten auch die beiden Bretter an der
-Gallion, auf welchen früher wahrscheinlich ebenfalls der Name gestanden,
-und da am Bugspriet kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag,
-ließ sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die ganze Eintheilung und
-Bauart des Fahrzeugs war jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei,
-und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung gerade nicht freundlicher
-gegen die Schwarzen gestimmt.
-
-Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten, es half ihm auch
-nichts, denn an den Hölzern ließ sich nichts weiter erkennen, und sie
-hätten das schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mißtrauisch gemacht.
-Rasch deßhalb wieder in das Boot hinabsteigend, stieß er ab, und während
-er den Leuten unterwegs erzählte, was er oben gefunden, und für welchen
-Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie am Ufer hinauf, dem
-Landungsplatz entgegen.
-
-Daß indessen dort etwas vorgegangen sein mußte, ließ sich nicht verkennen,
-und je näher sie kamen, desto deutlicher hörten sie das Weh- und
-Klagegeheul von Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begräbniß, bei welchem
-die Frauen ja gewöhnlich ihre Trauer laut und oft herzzerreißend kund
-geben, und sie kamen dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie
-beizuwohnen. Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete, fiel es dabei auf,
-daß er so viele Bewaffnete bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen
-Lanzen überall am Ufer herumstanden und den Platz besonders einzuschließen
-schienen, in dem die Elephantenzähne lagen. Hatten sie etwa Besorgniß,
-daß die Weißen einen Angriff darauf machen könnten, oder bedeutete es
-Schlimmeres?
-
-Der Steuermann schien etwas Aehnliches zu befürchten, denn er gab Befehl,
-das Segel einzunehmen und zu den Rudern zu greifen. Sie blieben dadurch
-weit besser Herr ihrer Bewegungen und konnten, wenn es sein mußte, gleich
-zurück, oder wenigstens in freies Wasser halten. Mit ihren Feuerwaffen
-wehrten sie dann schon leicht jeden etwaigen Angriff ab. Sonderbarerweise
-bekümmerten sich aber die Leute am Ufer fast gar nicht um sie, nur ein
-Platz wurde freigehalten, wo sie landen konnten, und zwar durch Bewaffnete,
-und die Seeleute sahen jetzt, daß sich Alles um das Gitter oder die
-Verpallisadirung drängte, um dort hineinzuschauen.
-
-In diesem Augenblick erschien der Dolmetsch an der Landung, und es kam
-dem Steuermann fast so vor, als ob er über den so frühen Besuch der Weißen
-etwas verlegen sei -- sie waren keinenfalls schon erwartet worden --
-und was bedeutete das Klagen und Jammern der Weiber? Der Doktor mußte
-jedenfalls wissen, was da vorgegangen wäre, und frug den Burschen direkt
-deßhalb. Dieser aber sagte ausweichend: »O nichts -- schlechte Menschen
-giebt es immer -- Diebe -- bei den Schwarzen, wie bei den Weißen -- aber
-Zambiri ist ein großer und strenger König.«
-
-»Alle Teufel!« rief der Steuermann erschreckt aus, »sie haben doch nicht
-etwa wieder dem Löwen einen Menschen hineingeworfen?«
-
-»Bloß einen Dieb,« versicherte der Dolmetsch, »hatte dem König Taback
-stehlen wollen, verdammter Sklave. -- Aber da kommt Zambiri -- er hat Euch
-gesehen -- bringt nur an Land, was Ihr mitgebracht habt, damit er nicht
-ungeduldig wird.«
-
-Zambiri schien in der That dem entsetzlichen Schauspiel als eine Art
-von Morgenvergnügen beigewohnt zu haben. In seinen rothbaumwollenen
-Königsmantel gekleidet, noch schmutziger und wilder als gestern aussehend,
-und den Knaben wieder an seiner Seite, der ihm einen großen schweren Speer
-tragen mußte, kam er eine Leiter heruntergestiegen, die, wie der Doktor
-jetzt erst bemerkte, oben zu einer Art von Balkon führte. Auf dem hohen
-Land aber blieb er stehen, er ging nicht bis an das Boot hinunter und
-verlangte, daß die Weißen zu ihm hinauf kommen sollten.
-
-Der Steuermann hatte keine rechte Lust dazu, er traute dem schwarzen
-Fleischklumpen nicht über den Weg.
-
-»Wozu habt Ihr alle die Leute mit den Lanzen da stehen?« frug er mürrisch
-den Dolmetsch, »wir sind friedliche Händler und wollen keinen Krieg mit
-Euch. Wir sind auch nur Wenige und Ihr Hunderte.«
-
-»Wenn Du Dich fürchtest, weßhalb bist Du zu uns gekommen?« sagte der
-Schwarze finster, »wir sind auch Freunde der Weißen und wollen Euch keinen
-Schaden thun.«
-
-»Und wo kommt das Schiff her, dessen Rumpf da draußen liegt?« sagte der
-Doktor.
-
-»Was geht Dich das Schiff an?« brummte der Dolmetsch; »Zambiri wartet. Wenn
-ich Euch rathen soll, macht ihn nicht ärgerlich.«
-
-»Hol's der Henker, Mate,« sagte der Doktor, »wir sind einmal dazu
-hergekommen, und müssen die Sache nun auch ausbaden. Furcht sollen uns die
-schwarzen -- Gentlemen doch wenigstens nicht vorwerfen. Laßt den Koffer
-hinaufschaffen und Seiner Wohlbeleibtheit die Sachen vorlegen; ich denke,
-dann wird er schon freundlich werden. Hier unten können wir doch nicht
-liegen bleiben.«
-
-»Meinetwegen,« sagte der Seemann, »aber,« setzte er leise hinzu, »seid
-auf der Hut, und bei dem geringsten Zeichen von Verrath nur so rasch als
-möglich zum Boot hinunter. Dort wollen wir uns schon freie Bahn halten.«
-
-»Und wo habt Ihr die Sachen?«
-
-»Laßt ein paar von Euren Leuten anfassen und sie hinauftragen.«
-
-»Und können das nicht Eure Leute thun?« frug der Dolmetsch.
-
-»Ich will Dir was sagen, mein Bursche,« rief aber nun der Steuermann, jetzt
-ebenfalls ärgerlich werdend, »die bleiben als Wache im Boot, und wenn Ihr
-Eure jungen Leute nur dazu braucht, um wilde Bestien damit zu füttern, so
-laßt sie meinethalben oben. Das ist das Kurze und Lange von der Sache.«
-
-Der Dolmetsch stand einen Moment unschlüssig, aber Zambiri brüllte ihm
-etwas in seiner Sprache zu, und er gab jetzt rasch ein paar Burschen
-den Befehl die mitgebrachten Sachen aus dem Boot zu nehmen und zum König
-hinaufzubringen. Das geschah auch ungesäumt, denn mit dem regierenden Herrn
-schien heute nicht zu spaßen; er hatte seinen bösen Tag, und es war besser,
-ihm rasch zu Willen zu sein. Mit den Geschenken durften aber auch die
-Weißen darauf rechnen, eine freundliche Aufnahme zu finden, und Steuermann
-wie Doktor schritten jetzt langsam neben dem ziemlich schweren Koffer her,
-um den Inhalt desselben dem Oberhaupt des Stammes vorzulegen.
-
-Merkwürdig sah der Mensch aus, als er dort aufrecht vor ihnen stand, und
-der Doktor gestand sich, etwas Scheußlicheres und Unförmlicheres nie im
-Leben gesehen zu haben. Er war selber nicht übermäßig groß, aber wenn er
-den Arm ausstreckte, konnte der Wilde recht gut darunter durchgehen, ohne
-anzustoßen, und Beine sah man dabei fast gar nicht an dem Fleischklumpen,
-während der eine ausgestreckte Arm, der die Lanze hielt und sich daran
-stützte, reichlich so dick und fleischig schien, wie ein starkes Bein.
-
-Der Ausdruck seines dicken, geschwollenen Gesichts verrieth auch keinen
-freundlichen Gedanken und seine Augen flogen mürrisch und trotzig zugleich
-über die Weißen und schweiften dann von ihnen nach dem Schooner hinüber,
-der jetzt deutlich unten an der Mündung der Bucht erkennbar war. Da der
-Steuermann aber keine Zeit verlor und den Koffer rasch öffnete, heiterte
-sich seine Miene doch etwas auf, denn er mußte wohl sehen, daß ihm die
-Fremden heute würdigere Geschenke gebracht, als gestern.
-
-Er ließ eine Decke auf die Erde breiten und die Gegenstände darauf legen,
-und fegte dabei eigenhändig den Platz mit seiner Lanze frei, daß ihm sein
-eigenes Volk nicht zu nahe rückte. Er traute ihnen wahrscheinlich nicht,
-und doch mochte sie wohl nur die Neugierde heranpressen, denn die Strafe
-folgte hier, wie sie eben gesehen, dem Vergehen auf dem Fuße. Zu gleicher
-Zeit unterhielt sich Zambiri fortwährend mit dem Dolmetsch in seiner
-eigenen Sprache, oft selbst mit unterdrückter Stimme, und dieser ging dann
-langsam zu dem Boot hinab, wobei er angelegentlich mit Einigen der Leute
-sprach.
-
-Dem Doktor gefiel das nicht, und er behielt den Burschen, so viel das
-irgend anging, im Auge, konnte aber weiter nichts Auffälliges oder
-Verdächtiges erkennen; ja die Zahl der Bewaffneten in ihrer Nähe schien
-sich sogar zu verringern, und er bemerkte, wie kleine Trupps von ihnen
-langsam am Ufer hinabschritten und sich dann in den Büschen verloren. Nur
-ein Theil der Mädchen und Frauen waren noch bei ihnen geblieben, während
-das Wehgeheul der Anderen jetzt aus dem Dickicht von Fruchtbäumen
-heraustönte, das den Platz umschloß, und wo wahrscheinlich ihre Wohnungen
-lagen.
-
-Im Ganzen mochten vielleicht vierzig »Krieger« zurückgeblieben sein, die
-hinter und um den König in einzelnen Gruppen standen, und jedenfalls seine
-Beiwache bildeten.
-
-Der Dolmetsch kam jetzt zurück, und da der König auch wohl die
-mitgebrachten Gaben zur Genüge gemustert hatte und befriedigt schien -- er
-grunzte wenigstens ein paar Mal still vergnügt vor sich hin -- befahl
-er zweien von seinen Leuten, den Koffer in sein Haus zu tragen, und es
-begannen nun die Verhandlungen über ein etwaiges Geschäft, wobei der
-Steuermann erklärte, daß sie einzelne Stücke der Dinge, welche sie gesonnen
-wären, gegen Elfenbein oder andere Produkte auszutauschen, mitgebracht
-hätten und dem Häuptling vorlegen könnten.
-
-»Aber wo sind sie?« frug dieser rasch.
-
-»Unten im Boot.«
-
-»Und weßhalb bringt Ihr sie nicht herauf?«
-
-Der Steuermann hatte wohl mit Recht vermuthet, daß der Schwarze Alles, was
-ihm dort auf die Uferbank gebracht wurde, als Geschenk betrachten und mit
-Beschlag belegen könne. Er bat deßhalb den Dolmetsch, Seine Majestät zu
-veranlassen, mit ihm hinunter zum Boot zu gehen, aber der Dicke wollte
-nicht. Zwei Boten waren schon abgeschickt gewesen, und kamen jetzt mit dem
-Löwenfell herbei, das sie dort für ihn ausbreiteten, und worauf er sich
-niederließ, und nun verlangte er, daß ihm die Sachen heraufgebracht und
-vorgelegt würden, dann wolle er bestimmen, was er dafür geben könne.
-
-Dem Steuermann schien das unbequem, denn alles weiter Mitgebrachte lag
-lose, oder nur in Stücken Segeltuch eingeschlagen in ihrem Boot, und
-schickte er Schwarze hinunter, um es herauf zu holen, so war er vor ihren
-diebischen Händen nicht sicher. Wo sie irgend etwas bei Seite schaffen
-konnten, thaten sie es gewiß und an wen sollte er sich nachher halten, wie
-die Thäter herausfinden? Das Beste war immer -- denn daß der Dicke jetzt
-nicht von dieser Stelle zu bringen war, sah er ein -- zwei von seinen
-eigenen Leuten damit zu betrauen. Es blieben immer noch vier im Boot und
-sie selber dann in zwei gleiche Trupps getheilt. Die Eingebornen zeigten
-sich dabei so friedlich, daß an eine Gefahr wohl kaum zu denken war, ja es
-schien fast, als ob der König die übrigen Soldaten nur weggeschickt habe,
-um ihnen auch jede Befürchtung eines Verraths zu nehmen. Außerdem brauchten
-sie nur wenige Schritte zum Boot hinab und die gerade ausgehende Ebbe
-erleichterte ihnen die rasche Verbindung mit dem Schooner ebenfalls.
-
-Der Doktor übernahm es, die Leute herauf zu bringen, und der Dicke schien
-indeß geduldig die Ankunft derselben zu erwarten. Brooks bemerkte nur, daß
-die rechts von ihm stehenden Soldaten etwas bei Seite treten mußten, um
-ihm die Aussicht nach dem unteren Theil der Bucht zu gestatten, wo der
-Schooner, der bis dahin auf und abgekreuzt war, fest auf einem Punkt zu
-liegen schien. Er mußte vor Anker gegangen sein, da die stark ausgehende
-Ebbe und der beinahe eingeschlafene, hier wenigstens von dem höheren Land
-gebrochene Wind ihm das Segeln wohl unmöglich machte. Der Dolmetsch sprach
-indessen angelegentlich zu ihm, während Zambiri nach dem Boote sah. Wo
-hatte jener Bursche auch nur sein Englisch gelernt? Doch sicher auf irgend
-einem Schiff, dem er nachher davongelaufen, um hier wieder die Sitten und
-ungezwungene Tracht seines Landes anzunehmen. Dem Steuermann gefiel sein
-Gesicht auch nicht im Mindesten, und Bosheit wie Trotz lag zugleich darin,
-während sich der ganze Ausdruck desselben, sobald er mit dem Dicken sprach,
-in knechtische Unterwürfigkeit verwandelte. Aber es half nichts, sie
-brauchten ihn eben, und mußten deßhalb mit ihm verkehren, denn der kleine
-Bursche, jedenfalls ein Sklave des Königs, der den Doktor ebenfalls
-englisch angeredet hatte, schien sich heute gar nicht an sie heran zu
-getrauen und blieb nur immer scheu und furchtsam hinter seinem Herrn
-sitzen, kannte doch der arme kleine Bursche den grausamen Charakter des
-Mannes gut genug.
-
-Jetzt kehrte der Doktor mit den beiden Matrosen, die einen Theil der Waaren
-trugen, zurück und der Steuermann breitete sie, während der Dolmetsch die
-Unterhandlung leitete, vor dem König aus und pries ihm den Werth der Dinge.
-Bei ihm war, mit der Voraussicht auf einen guten Handel, der Yankee wieder
-zum Durchbruch gekommen, und er vergaß in dem Geschäft alles Andere.
-
-Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit, dem König
-begreiflich zu machen, er habe nur Proben vor sich; er wollte die ganzen
-Waaren vor sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu bestimmen,
-und der Dolmetsch hatte nicht geringe Mühe, ihm zu erklären, daß die Sachen
-an Land geschafft werden würden, ehe er sie zu bezahlen, oder den Werth
-dafür herauszugeben habe. Er veranlaßte auch, daß ein Elephantenzahn aus
-des Königs Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Maßstab zu dienen und
-Brooks berechnete sich schon, nach dem was ihm der Dicke zugestand, daß
-sie ungefähr 500 Prozent Nutzen an ihren Waaren haben würden. Der König
-bewilligte, wie er nur erst einmal den Handel begriff, einen Zahn nach
-dem anderen, und besonders für Taback stellte sich der Nutzen ganz enorm
-heraus.
-
-Aber es zögerte sich auch furchtbar in die Länge, denn wenn Brooks glaubte,
-sie wären fertig, so ließ Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn
-anfangen, und wollte dann immer wieder etwas abhandeln. Dabei hatte er
-sich jetzt so gesetzt, daß er das Fahrzeug draußen immer im Auge behielt,
-während der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief, die Waaren zu
-zeigen, der See den Rücken zu drehte.
-
-Neben diesem standen noch die beiden Matrosen als Wächter der
-umhergestreuten Sachen. Der Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde,
-da er persönlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte langsam nach
-der Umzäunung hinauf, von woher zu Zeiten das dumpfe Brüllen des Löwen
-herübertönte. Was war da heute Morgen vorgegangen? Er bekam vielleicht nie
-im Leben wieder so passende Gelegenheit, um sich den Platz etwas näher zu
-betrachten, denn von den Leuten achtete Niemand auf ihn, oder legte ihm das
-Geringste in den Weg. Ein Schauder erfaßte ihn aber, als er den Platz, um
-den herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz genommen, erreichte,
-und durch die Spalten in den Palissaden die verstümmelten Ueberreste jenes
-Unglücklichen entdeckte, den die Grausamkeit des wilden Ungethüms eines
-erbärmlichen kleinen Diebstahls wegen zum Tod, zu einem solchen Tod
-verurtheilt hatte.
-
-Dort drüben, dicht neben den Schätzen des Wütherichs, lag der zerstückelte
-Leichnam, von dessen Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel
-und Mitleiden abwandte, und der jetzt gesättigte Löwe ging mit langen,
-majestätischen Schritten in der Umzäunung auf und ab, peitschte sich die
-Flanken mit dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen Zunge.
-Die Aasgeier aber warteten nur auf den Moment, wo sich der rastlose
-König der Thiere zur Ruhe ausstrecken würde, um dann ebenfalls auf die
-willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnäbel einzuhauen.
-
-Und wie scheinbar schwach war eigentlich der ganze Umbau, der das Raubthier
-einschloß. Wenn es die riesigen Kräfte, die es besaß, genau gekannt hätte,
-mußte es ja im Stande sein, diesen luftigen Kerker zu durchbrechen. Auch
-sogar die Thür bestand nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch
-Schnüre oder Streifen ungegerbter Büffelhaut allerdings fest verbunden
-hatte. Den ganzen Verschluß bildeten jedoch zwei von außen vorgeschobene
-hölzerne Riegel, während eine Abtheilung im Inneren dazu bestimmt schien,
-den Löwen in einem Theil des Platzes abzuschließen, um dann ungefährdet
-zu den Elephantenzähnen zu gelangen. Zwei hölzerne Riegel nur, und nicht
-einmal ein Pflock war davor geschlagen, um sie gegen einen doch möglichen
-Zufall zu schützen. Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und
-bequem; wie aber seine Hand nur die Thür berührte, stutzte der Löwe da
-drin, wandte sich halb und duckte sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte
-jedenfalls den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte.
-
-Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden Gestalt des grimmen Thieres
-gegenüber; hatte er doch auch schon oft davon gehört, wie furchtbar eine
-solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch genährt,
-ja nur ein einziges Mal erst Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich
-erschreckt zog er die Hand zurück und wich von den Pallisaden ab, um ihn
-selbst nicht zu einem Sprung zu reizen. Wie leicht konnte das vielleicht
-schon mürbe Holz der Wucht eines solchen Anpralls nachgeben!
-
-Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem Handel dauerte; es war gar
-kein Ende abzusehen, und ein Wunder nur, daß der Kapitän nicht ungeduldig
-wurde. Zwei Stunden saßen sie dort jetzt wenigstens bei einander, und wenn
-sie schon zu den Proben solche Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher
-werden, wenn die Waaren an Land kamen!
-
-Er wandte sich langsam ab um wieder zurück zu der Gruppe zu gehen, als er
-den Steuermann plötzlich emporfahren und nach dem Schooner hinüber deuten
-sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein Schuß, und als er
-sich erschreckt der Richtung zu drehte, bemerkte er, wie die ganze Bai von
-dunklen Kanoes schwärmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten schienen.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Der Löwe.
-
-
-Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des ersten Augenblicks wirklich
-gar nicht auf seine unmittelbare Umgebung geachtet, denn im Moment war ihm
-klar, daß dort ein Ueberfall vorbereitet werde -- also Verrath! Aber eben
-diese Umgebung drang sich ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in
-Zweifel gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen am Ufer mit
-dem feindlichen Angriff da draußen in Verbindung standen.
-
-Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen, aber er sah nur, daß
-der König selber mit seiner Lanze nach einem der Weißen schlug, während
-sich der Dolmetsch mit einem Cutlaß, den er jedenfalls dem verdachtlos
-neben ihm stehenden Matrosen entrissen haben mußte, auf den Steuermann warf
-und einen Schlag nach ihm führte. Aber er war an den Unrechten gekommen,
-denn Brooks' Hand hatte fast unwillkürlich schon im ersten Moment den Griff
-seines Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze mit der
-scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal schnell hintereinander aus
-dem Rohr blitzte, und der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und
-zu Boden stürzte. Ehe sich der Seemann aber nur gegen einen neuen Feind
-wenden konnte, fielen ihm von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in
-die Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein Theil unten stürmte
-gegen das Boot an, und er selber fand sich von etwa einem Dutzend Wilder
-angegriffen, die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen.
-Allerdings hatte er die eigene Waffe schon in der Faust, und drei
-Schüsse feuerte er mitten hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre
-Wurfspeere flogen aus, und er fühlte einen stechenden Schmerz in Arm und
-Bein.
-
-Fast blind vor Wuth schoß er seine letzten Kugeln gegen die Feinde ab und
-wandte sich dann zur Flucht. Aber wohin -- voraus -- nach rechts und links
-war ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzäunung, die den Löwen
-barg, trieben sie ihn zu. Und wie brüllte die Bestie, als sie die in
-ihrer unmittelbaren Nähe abgefeuerten Schüsse und das wüthende Geheul der
-Eingebornen hörte!
-
-Der Doktor wußte kaum, was er that, denn er sah den Tod von allen Seiten
-auf sich eindringen. Erbarmen hatte er von den Menschen nicht zu hoffen,
-und wie von einer unbewußten Gewalt getrieben, floh er der Thür des Käfigs
-zu, als ob er Schutz suchen wollte bei der Bestie.
-
-Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden, denn dort konnte er ihnen
-nicht mehr entgehen; wieder hoben sich die Speere zum Wurf, da riß er, von
-Verzweiflung getrieben die Riegel der Thür zurück -- Rache wollte er haben
--- nicht allein von der mörderischen Bande hingeschlachtet werden, und wenn
-er dann untergehen sollte, wenigstens Verderben über seine Mörder bringen.
-
-Kaum hatte er aber die Riegel der Thür erfaßt, als ein wilder, gellender
-Angstschrei aus der Menge brach -- jetzt flog die Pforte auf, und mit einem
-Sprung stand der Löwe -- freudiges Gebrüll ausstoßend, daß es wie dumpfer
-Donner durch das Thal rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schön war auch
-der Anblick des so plötzlich seiner Freiheit sicheren Thieres, hoch schwang
-es den buschigen Schweif und hob sich die trotzig geschüttelte Mähne, und
-flammend kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten Opfer suchend,
-während sich der Doktor scheu und selber erschreckt von der so plötzlichen
-Erscheinung des Raubthiers an die Pallisaden drückte.
-
-Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung des freien Löwen auf die
-Bande der Schwarzen. Was kümmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener
-so gefürchteter König. Wenn sie der Löwe fraß, war es mit ihnen jedenfalls
-vorbei, und im Nu stob der ganze Schwarm auseinander. Die dem Wasser
-Nächsten warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile und Haifische
-verachtend -- die Anderen schossen pfeilschnell über den Boden hin, den
-nächsten Büschen und Häusern zu -- die Bootsmannschaft bekam Luft, und
-war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen. Wen sie erreichen
-konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen zusammen, und die im Boot unten
-sahen auch in der That den Löwen erst, als er jetzt in langen Sätzen, und
-sich weder um die flüchtigen Eingebornen, noch die Weißen kümmernd, dem
-nächsten Dickicht zufloh.
-
-Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der Stelle konnte, und nur
-starr vor Schrecken und Entsetzen zu dem entfesselten Löwen hinaufstarrte,
-war Zambiri, der König jener Helden, während sein Knabe in flüchtigen
-Sprüngen bei den Weißen Schutz gesucht. Der Steuermann ließ ihm aber keine
-lange Zeit zum Ueberlegen. Denn kaum sah er, daß sie selber den Angriff
-des Raubthiers nicht mehr zu fürchten brauchten, als er eine der von den
-Eingebornen weggeworfenen Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten: »Und
-das für Dich, Du verrätherischer Schurke!« den Dicken dermaßen über den
-Schädel traf, daß er wie ein Sack zusammenknickte.
-
-»Hurrah!« rief aber jetzt der von oben niederspringende Doktor, »mein Löwe
-hat uns Bahn gemacht, aber den Dicken in's Boot. An dem haben wir eine
-Geißel, und beim Himmel, die Schufte sollen bezahlen, wenn sie ihn wieder
-haben wollen!«
-
-»Das war ein glücklicher Gedanke, Doktor,« rief der Steuermann, »angefaßt,
-Jungens, daß wir den Fleischklumpen bewältigen können -- schlagt ein Tau um
-und schleift ihn auf dem Sand hinunter -- so recht -- nur rasch -- und dann
-von Elephantenzähnen in's Boot, was wir laden können, denn die Bahn da oben
-ist frei.«
-
-»Aber der Schooner!« rief der Doktor.
-
-»Hahaha,« lachte der Steuermann, »seht Ihr nicht, wie unser alter Kapitän
-zwischen die Schufte hinein gepfeffert hat? Die Drehbasse war ihnen zu
-viel. Er muß seinen Anker haben sitzen lassen, denn wie ein Wetter war er
-los und mit dem Segel auch, mitten zwischen der Bande drin. Drei Kanoes
-sind gesunken.«
-
-Noch während er sprach, hatte er sowohl als der Doktor frische Patronen in
-ihre Revolver geschoben, indessen die Matrosen mit lautem Hurrah den noch
-bewußtlosen Körper des Fleischkolosses mit ein paar Enden Tau umschlangen
-und zum Boot hinabschleiften. Dort kostete es freilich einige Mühe, ihn
-hinein zu bringen, aber die kräftigen Burschen hoben mit einem gutgewillten
-Ho! ahoi! und hinein flog der Klumpen in die Jölle und unter die Doften, wo
-er liegen blieb.
-
-Von den Eingebornen war augenblicklich allerdings nichts mehr zu sehen,
-aber man wußte doch nicht, wie rasch sie, wenn sie die Gefahr beseitigt
-glaubten, zurückkehren könnten, und es galt deßhalb rasch zu handeln.
-
-Während der Doktor jetzt den kleinen, zu ihm geflüchteten schwarzen
-Burschen examinirte, lief ein Theil der Matrosen in die Umzäunung oben,
-die kein Löwe mehr bewachte, hinein, um die stärksten dort liegenden
-Elephantenzähne zum Ufer zu schleppen. Sie sahen dabei, wie der Schooner
-jetzt mit einsetzender Fluth und ziemlich günstiger Brise keck mitten in
-die Bucht und auf sie zu hielt, und wußten nun, daß sie für ihre Sicherheit
-nichts mehr zu fürchten brauchten.
-
-Der Kleine erzählte indessen rasch und gedrängt, daß die Eingebornen hier,
-wie sie es bei diesem versucht, jenes Fahrzeug, an dessen Bord er selber
-gewesen, geentert, die Mannschaft erschlagen und außer ihm nur zwei Leute,
-einen Passagier und den ersten Steuermann, gefangen in's Land geschleppt
-hätten. Die Brigg sei schon länger an der Küste gefahren und sollte viel
-Elfenbein an Bord gehabt haben; das Meiste, was dort in der Umzäunung
-lag, stammte daher, denn aus dem Land kam wenig Elfenbein, da Zambiri nur
-hauptsächlich Sklavenhandel mit portugiesischen Karawanen trieb.
-
-»Und wo waren die Weißen jetzt?«
-
-Der kleine Bursche wußte es nicht zu sagen, denn er hatte von dem
-Augenblick seiner Gefangenschaft an die unmittelbare Nähe des Häuptlings
-nicht verlassen dürfen. Es hieß allerdings, wie er meinte, daß weiße
-Händler, jedenfalls Portugiesen, die Weißen mitgenommen, aber er konnte es
-nicht verbürgen. Gesehen hatte er sie nie mehr seit der Zeit.
-
-Den Steuermann drängte es wieder fort, um an Bord des Schooners zu kommen;
-sie durften auch nicht mehr einnehmen, denn das Gewicht Zambiri's allein
-drückte schon die Jölle. Was noch hinein ging, wurde allerdings geladen,
-dann aber sprangen die Leute nach, und ruderten, so rasch es die Schwere
-des kleinen Bootes erlaubte, gegen die Strömung an, auf den Schooner zu.
-
-Sie waren auch nicht ohne Verlust weggekommen, der Doktor hatte zwei Wunden
-von Wurfspeeren, der Steuermann einen Stich in den Schenkel und der eine
-Matrose einen Hieb mit einer Keule und einen bösen Stich in der Seite.
-Schlimmer hatten die Feuerwaffen freilich unter den Eingebornen aufgeräumt,
-denn fünf von diesen lagen todt oder schwer verwundet auf dem Platz, und
-Manche der Entflohenen mochten wohl ebenfalls noch getroffen sein.
-
-Doch jetzt war keine Zeit, nach Denen zu sehen; hatten sie sich doch auch
-die Folgen ihrer Verrätherei nur selber zuzuschreiben.
-
-Und Zambiri, der mächtige König des Landes? Er mochte wohl noch in seinem
-ganzen Leben in keinen schlimmeren Händen gewesen sein, denn unten im Boot,
-in einer nichts weniger als bequemen Lage, schienen sich die Matrosen ein
-Vergnügen daraus gemacht zu haben, die erbeuteten Elephantenzähne quer
-über ihn wegzulegen, so daß ihm die Last beschwerlich genug fallen mußte.
-Anfangs fühlte er das freilich nicht, der Schlag hatte ihn betäubt; als ihm
-aber die Besinnung wiederkehrte, fing er an zu stöhnen und zu grunzen
-und schrie einzelne Befehle mit zorniger Stimme vor. Er schien noch keine
-Ahnung zu haben, wo und in wessen Händen er sich eigentlich befand.
-
-Das Boot näherte sich indessen dem Schooner mehr und mehr, und mit einem
-Hurrah wurde die Mannschaft begrüßt, als sie nur in Rufsweite gekommen
-waren. Allerdings schien die Gefahr noch immer nicht ganz beseitigt, denn
-eine Menge von Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam nach,
-und diese mußten sie allerdings wieder passiren, wenn sie den Rückweg
-antreten wollten; aber die Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen
-der Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder nahe hinan. Jetzt
-wenigstens wurden sie nicht gestört.
-
-Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete Matrose in einem rasch
-hergerichteten Stuhl an Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein
-und zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die Seeleute aber
-verwünscht wenig Umstände machten. Einer der Leute festigte oben an das
-Gaffel einen Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglücklichen
-Fürsten dann unter den Schultern durchgeschlagen, dann zog die Mannschaft
-mit einem: =Oh, jolly men ho!= kräftig an, und wenige Sekunden später war
-Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen Beinen austretend, an Deck
-gehoben, wo ihn lautes Gelächter der Schoonermannschaft begrüßte.
-
-Steuermann und Kapitän tauschten jetzt ihre Berichte gegen einander aus;
-Beide aber waren einig darüber, daß es das Beste wäre, nicht über Nacht
-vor der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden möglicherweise einen neuen
-Angriff wagen konnten. Aber in kurzer Zeit begünstigte sie auch wieder die
-ausgehende Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen Versuch machen,
-einen Theil der feindlichen Schätze als rechtmäßige Beute zu bergen, noch
-dazu da sie für den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen
-Truppen zu fürchten brauchten. Es war wenigstens kein einziger von ihnen
-auch nur zu sehen, und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine
-Landung leicht und fast sicher auszuführen.
-
-Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer leicht zu bekommen.
-Gefahr? was kümmerte sie die, wenn es galt, irgend einen tollen Streich
-auszuführen, und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzäunung
-erzählten, in welcher der Löwe die Wache gehalten und wo die prachtvollen
-Elephantenzähne aufgeschichtet lägen, waren sie kaum mehr zurückzuhalten.
-
-Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn stromauf, und vorn am Bug
-stand der Steuermann, das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder Richtung
-hin abzusuchen. Aber nirgends war auch nur ein lebendes Wesen zu erkennen;
-der an dem Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben, und nur die
-aus den Büschen aufragenden Giebel und Dächer verriethen, daß jene Strecke
-bewohnt sei -- sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst nur
-Rauch empor. Der Löwe hatte Wunder gewirkt.
-
-Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich spät geworden, aber noch
-stand die Sonne am Himmel, und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls
-gemacht werden. Der Kapitän beorderte auch das zweite Boot auf's Wasser,
-was rasch geschehen war, und während der Schooner hier in vollkommen
-ruhiger, unbewegter See vor einem Nothanker lag, stießen sie ab und
-ruderten dem Land entgegen. Es wurde auch keine Vorsicht dabei versäumt,
-einem etwaigen Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die Zähne
-bewaffnet, und der Kapitän war dabei im Stande, mit seiner Drehbasse das
-ganze Ufer zu bestreichen.
-
-Mit einem lauten Hurrah stürmten die Burschen, sobald die kleinen Fahrzeuge
-nur das Land berührten, die Bank hinauf und von dem Steuermann geführt
-der Umzäunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu den hier aufgehäuften
-Schätzen nöthigen ließen. Genau genommen war es vielleicht Raub, aber die
-verrätherischen Schwarzen mußten auch gezüchtigt werden, und wären sie
-Sieger geblieben, so würde wohl kaum ein Mann der Besatzung mit dem Leben
-davongekommen sein. Die moralische Seite der Frage beschäftigte die Leute
-aber auch in der That nur sehr wenig. Allerdings schauderten sie, als sie
-den Platz zuerst betraten und die indeß herbeigestrichenen Aasgeier von
-ihrem eklen Mahl verjagten; der verstümmelte Körper jenes unglücklichen
-Sklaven sah auch entsetzlich aus -- aber sie durften sich nicht dabei
-aufhalten. Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume, und die
-Dämmerung ist gar kurz in diesen Ländern. So faßten sie denn auf, was sie
-erreichen konnten, und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht, als
-ihnen der Kapitän schon wieder das Zeichen zur Abfahrt gab. Es dunkelte,
-und er wollte seine Leute nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Der Gefangene.
-
-
-Unter der Zeit hatte aber auch der gefangene Häuptling sein volles
-Bewußtsein wieder erlangt und schäumte ordentlich vor Wuth, als er sich,
-gebunden und zu Boden geworfen, in der Gewalt seiner weißen Feinde sah.
-Aber die Seile hielten und schnitten ihm nur tief in die Fettwulsten seiner
-Glieder ein, und zu seinen Füßen saß, mit Schadenfreude in den dunklen
-Zügen, der Knabe und beobachtete vergnügt die machtlosen Anstrengungen des
-einst so gefürchteten Mannes.
-
-Kapitän Oacutt lag aber weit weniger daran, dieß schwarze unförmliche
-Menschenbild zu quälen, als durch ihn seinen Zweck zu erreichen, nämlich
-die gefangenen Weißen zu befreien, falls sich diese noch in der Gewalt der
-Eingebornen befinden sollten. Es dauerte freilich lange, bis er Zambiri so
-weit brachte, ihm Rede zu stehen, und auf's Neue gerieth dieser außer sich,
-als er den Knaben, den er gewohnt war als Sklaven zu mißhandeln, frei und
-trotzig neben sich stehen und ihn verhöhnen sah. Aber er fühlte doch auch,
-wie machtlos er jetzt sei, und gab sich endlich ruhig in sein Schicksal.
-Allerdings wollte er Anfangs auf die an ihn gerichteten Fragen -- wobei
-jetzt der Knabe als Dolmetsch gebraucht wurde, nicht antworten; als ihm
-dieser aber sagte, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne
-und die Weißen ihn sonst mit in ihr Land als Sklaven schleppten, wurde er
-geschmeidiger.
-
-Zuerst leugnete er freilich, von dem Wrack, wie den darauf befindlich
-gewesenen Weißen das Geringste zu wissen; endlich aber gestand er ein, daß
-sie Krieg mit ihnen geführt, weil die Weißen seine Unterthanen als Sklaven
-hätten fortführen wollen. Auch das gab er zu, daß sie zwei von ihnen
-gefangen an Land gehabt hätten, aber sie wären vor Kurzem mit einer
-portugiesischen Karawane fortgegangen, und er wüßte nichts weiter von
-ihnen.
-
-Der Kapitän sagte ihm jetzt, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder
-erlangen könne, wenn er die beiden Weißen herbeischaffe, denn er würde
-seinen Lügen nie glauben. Zambiri blieb aber bei seiner Behauptung und
-forderte die Weißen auf, den Knaben hinüber zu schicken und dort selber
-nachzufragen. Alle Eingebornen würden seine Aussage bestätigen.
-
-Das war übrigens leichter gesagt, als ausgeführt, denn beide Boote befanden
-sich gerade an Land und die Leute dort emsig genug beschäftigt. Ueberdieß
-durfte er sie nicht länger drüben lassen, denn schon setzte mit der
-Abenddämmerung ein leichter dünner Nebel ein, der den freien Blick auf
-einige Entfernung hemmte. Unter dem Schutz desselben hätten die Wilden
-recht gut plötzlich vorbrechen können, und er war sogar der Gefahr
-ausgesetzt, daß sich der Nebel dichte und er den Weg nicht mehr aus der
-Bucht hinaus fand. -- Für heute hatten sie jedenfalls ihre Arbeit
-hier gethan; er gab das Zeichen zur Abfahrt, und als die Boote an Bord
-zurückkehrten, kam der leichte Anker in die Höhe und der Schooner trieb
-langsam mit der Ebbe stromab und wieder in See hinaus.
-
-Zambiri heulte laut auf, als er die Bewegung sah und jetzt bemerkte, daß
-sie weiter und weiter ab von seinem Reiche trieben, aber Niemand achtete
-auf ihn. An der Mündung der Bai fischte die Sarah Miles ihren vorher
-an einer Buoye gelassenen Anker wieder auf und hielt dann auf's Neue in
-offenes Wasser hinaus, wo sie keinen Angriff zu fürchten brauchte.
-
-Erst am nächsten Morgen kehrte sie zurück, aber nicht wieder in die Bucht,
-in die sich der Kapitän nicht mehr hineinwagen mochte, sondern gegen das
-untere Ufer hielt er an, wo sie jetzt Eingeborne entdecken konnten. Wie
-aber nur das Boot ausgesetzt wurde, flohen sie in den Wald hinein und
-es hatte nicht geringe Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß man keine
-Feindseligkeit beabsichtige, sondern nur zu unterhandeln wünsche. Der
-Knabe, obgleich er sich Anfangs dagegen sträubte, weil er fürchtete, daß
-man ihn zurückhalten würde, mußte endlich allein an Land, und es gelang ihm
-auch, Einzelne der tapferen Krieger zum Stehen zu bringen.
-
-Die Auskunft, die er von diesen erhielt, lautete aber wirklich ganz ähnlich
-so wie die, welche ihnen schon Zambiri gegeben. Die beiden gefangenen
-Weißen hatten, weil sie immer krank waren und keine Arbeit verrichten
-konnten, mit den portugiesischen Händlern vor etwa drei Monaten das Land
-verlassen, und Niemand wußte zu sagen, wo sie jetzt wären -- jedenfalls
-aber weit von hier.
-
-Damit kehrten die Botschafter an Bord zurück, denn was hätte ihnen ein
-längerer Aufenthalt am Lande genützt? Aus Zambiri selber war ebenfalls
-nichts weiter heraus zu bekommen. Jetzt, mit der Todesangst, daß er
-fortgeschleppt werden sollte, war er auch mürbe und zahm geworden und unter
-Thränen schwur er, daß er die Wahrheit gesprochen -- würde er den Fremden
-doch gern hundert Gefangene für seine eigene Freiheit gegeben haben. Er bot
-ihnen auch wirklich so viele von seinen eigenen Leuten als Sklaven an,
-wenn sie ihn wieder an's Ufer setzen wollten, und erklärte dabei, auf
-jeden Handel einzugehen, den sie vorschlagen würden. Oacutt traute aber dem
-Burschen nicht und wollte auch keine Sklaven haben. Mitnehmen konnten sie
-ihn aber nicht, was sollten sie mit dem Koloß an Bord thun, und der Knabe
-wurde deßhalb noch einmal an Land geschickt, um wenigstens ein Lösegeld für
-den König zu erhalten.
-
-Zuerst sollten die Eingebornen die noch in der Umzäunung lagernden
-Elephantenzähne, welche die Matrosen gestern nicht alle fortgeschafft, zum
-Ufer herunterbringen, und ebenso den Koffer mit Geschenken, den er gestern
-erhalten -- außerdem aber sämmtliche Sachen, die sie von jenem Fahrzeug der
-Weißen geraubt und die sich in Zambiri's Wohnung befanden.
-
-Unter der Zeit hatte sich auch wieder eine Zahl von Eingebornen am
-Ufer versammelt, denn sie sahen wohl, daß die Weißen keine feindseligen
-Absichten mehr zeigten, und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen
-König loszubitten. Uebrigens schienen sie sämmtlich bewaffnet, als ob sie
-doch noch einen Angriff der Fremden fürchteten, und da Oacutt auch das
-letzte Mißtrauen zu zerstreuen wünschte, so wurde der Doktor, den Knaben
-als Dolmetsch bei sich, mit einer weißen Flagge hinübergesandt. Der
-Steuermann nämlich konnte nicht gehen, da ihn seine Wunde zu sehr
-schmerzte.
-
-Die Bedingung, die Spruce zu stellen hatte, lautete, daß die Eingebornen
-das »Lösegeld« am Ufer niederlegen und sich dann entfernen sollten. Die
-Weißen würden es dort in Empfang nehmen und ihren König dann ungesäumt an
-Land setzen.
-
-Das Boot näherte sich, dieser Masse von Eingebornen gegenüber, nur
-höchst vorsichtig dem Ufer, und der Doktor hielt es für gerathen, selbst
-vornhinein zu treten und die Fahne zu schwenken, damit sie sähen, daß sie
-in friedlicher Absicht kämen.
-
-Die Eingebornen standen indessen still und regungslos etwa hundert Schritt
-vom Ufer ab und unmittelbar vor dem nächsten Dickicht, wahrscheinlich um
-dort, wenn es etwa nöthig werden sollte, gleich hinein zu tauchen, und nur
-erst als das Boot, das aber vorsichtigerweise nicht auflief, sondern flott
-blieb, den Strand berührte und der Doktor, die Fahne in der Hand und nur
-den Knaben als Dolmetscher an seiner Seite, an's Ufer sprang, kamen drei
-der Schwarzen, aber ohne Waffen, zum Wasserrand herab, um zu hören, was die
-Weißen von ihnen wollten.
-
-Der kleine Bursche richtete dabei die Botschaft aus, indem es ihm der
-Doktor auf Englisch vorsagte und er die einzelnen Theile übersetzte, und
-sie hörten ihn ruhig und aufmerksam an. Als er aber geendet, erwiederten
-sie, daß sie sich darüber erst mit dem Stamm berathen müßten -- sie sollten
-nur ein wenig warten, sie kämen gleich wieder zurück.
-
-Damit gingen sie und der Doktor machte sich schon auf eine lange Wartezeit
-gefaßt, denn daß die Eingebornen einen schwierigen Stand mit dem dicken
-König selber bekamen, wenn sie all' sein Eigenthum -- und sei es auch zu
-seiner eigenen Rettung -- hergaben, ließ sich denken. Sie schienen aber
-weniger Zeit zu brauchen, als er selber geglaubt, denn obgleich die
-Unterhandlung da oben ziemlich stürmisch herging und viel und laut
-gesprochen wurde, dauerte sie doch kaum eine volle Viertelstunde. Dann
-kamen die schwarzen Botschafter wieder zurück und ihre Antwort lautete in
-der Uebersetzung etwa folgendermaßen:
-
-»Unser König war Zambiri. Er war blutdürstig und grausam. Er hat viele
-unserer jungen Leute hingeschlachtet und an die Weißen verkauft; wir waren
-Alle seine Sklaven. Ihr habt ihn weggenommen und auf euer Schiff gebracht
--- das ist gut. Behaltet ihn. Wir haben einen andern König gewählt und
-Alles, was dem früheren gehörte, ist jetzt sein Eigenthum. Wir wollen auch
-keinen Krieg mit den Fremden oder mit einem andern Stamm -- wir wollen
-Frieden -- Llefugo hat gesprochen.«
-
-Der Doktor lachte gerade hinaus, als ihm der Knabe die Antwort übersetzte.
-Das war ein liebender Volksstamm, der sich herzlich freute, den Landesvater
-los zu werden, und nicht einen Elephantenzahn geben wollte, um ihn wieder
-zu bekommen. -- Und was nun? Würdevoll aber standen die Abgesandten vor
-ihm. Sie hatten ihren Auftrag ausgerichtet und kein ferneres Interesse an
-der Sache. Eine weitere Verhandlung zeigte sich auch als völlig zwecklos,
-denn die Eingebornen ließen sich auf nichts mehr ein. Die Weißen mochten
-Zambiri mit fortnehmen, wenn es ihnen Freude machte; sie hatten einen
-andern König und wollten keinen Krieg.
-
-Dabei winkte der Sprecher mit der Hand, und als thatsächlicher Beweis
-des eben Gesagten kamen eine Anzahl Frauen und Kinder, Anfangs zwar noch
-schüchtern, aber dann doch zutraulicher werdend, an die Landung herunter
-und brachten Körbe mit Früchten, Mangas, Cocosnüsse, Eier, junge Hühner und
-Ferkel, die sie zum Tausch anboten. Eine solche Aushülfe war nun allerdings
-erwünscht, und der Doktor hatte auch schon zu dem Zweck eine Partie
-Schmuck, Kattun und Tabak im Boot, was er ungesäumt gegen frische
-Provisionen eintauschte. Von ihrem König wollten sie aber nichts weiter
-hören -- Zambiri war ihr König nicht mehr, wie sie sagten, und nur ein
-böser, schwarzer Mann, den die Weißen verkaufen sollten, wenn sie Lust
-hätten -- sie wollten ihn aber nicht.
-
-Damit fuhr der Doktor an Bord zurück und überraschte seinen Kapitän mit
-der allerdings unerwarteten Nachricht. Vollkommen wie rasend geberdete sich
-dagegen Zambiri selber, als ihm der Kleine mit boshafter Schadenfreude das
-wieder erzählte, was sein treues Volk über ihn gesagt, und als er hörte,
-daß sie an Land einen neuen König gewählt, fing er so an zu wüthen, daß die
-Matrosen endlich ein Stück Segeltuch über ihn herwarfen und ihn festhalten
-mußten, er hätte sonst, trotz seiner Bande, ein Unglück angerichtet.
-
-Kapitän Oacutt kratzte sich den Kopf und lief auf seinem Quarterdeck mit
-raschen Schritten auf und ab. -- Daß die hier früher gefangen gehaltenen
-Weißen den Platz wieder verlassen hatten, schien vollkommen sicher zu sein,
-denn halb und halb bestätigte das ja auch die Aussage des Knaben; was aber
-sollten sie jetzt mit dem Fleischklumpen an Bord machen, den sein eigenes
-Volk nicht einmal wieder haben wollte? Ihn mitnehmen? -- Er wäre ihnen eine
-nutzlose Last gewesen -- und über Bord werfen? -- Verdient hätte er es,
-denn sein Steuermann saß mit einer häßlichen Wunde an Deck, und der eine
-Matrose war so bös getroffen, daß der Doktor schon bei dem ersten Verband
-bedenklich mit dem Kopf schüttelte. -- Aber es ging doch nicht. Gefangen
-durfte er ihn nehmen, aber über den Gefangenen stand ihm kein Recht auf
-Leben und Tod zu.
-
-»Ei, zum Henker!« rief da der Kapitän plötzlich aus, indem er stehen blieb
-und sich gegen den Doktor wandte, »was geht uns denn hier die ganze Bande
-an, ob sie ihren König wieder haben wollen oder nicht; wir können ihn
-keinenfalls gebrauchen und seinethalben auch keine Stunde länger an der
-Küste bleiben. Zimmermann, nehmt Euch einmal zwei Leute in die kleine Jölle
-und setzt mir den Fettfleck an Land -- mir wird übel, wenn ich das Ungethüm
-sich da noch länger wälzen sehe.«
-
-»Und der Junge, Kapitän, soll der auch wieder mit fort?«
-
-»Wenn er will, meinetwegen.«
-
-Der Knabe hatte der für ihn verhängnißvollen Frage mit augenscheinlichem
-Erschrecken gelauscht, jetzt aber warf er sich vor dem Kapitän nieder
-und bat in so angstgepreßten Tönen, nicht wieder jenem grausamen Manne
-überliefert zu werden, daß der Seemann endlich sagte: »Gut, da bleib', ich
-hab' nichts dagegen, aber nun auch rasch, daß wir den dicken Burschen von
-Bord kriegen. Bindet ihn los, Zimmermann, und sag' ihm, mein Junge, daß
-er an's Ufer soll; nachher mag er sehen, wie er selber mit seinen Leuten
-fertig wird.«
-
-Der Befehl wurde rasch ausgeführt; während die Leute den abgesetzten König
-losbanden, sagte ihm der Knabe, daß er frei sei und an Land gehen könne;
-dann schnürten sie ihm ein Tau um den Leib, ließen ihn wieder in's Boot
-hinunter und wenige Minuten später ruderten sie den Koloß zum Ufer hinüber.
-
-Jetzt aber band sie auch nichts mehr an die Küste, und dem Kapitän lag
-selber daran, so rasch als möglich wieder fortzukommen. Noch während die
-Jölle unterwegs war, wurde das andere größere Boot an Bord genommen und der
-Anker gehoben, und indeß der Kapitän die dazu nöthigen Befehle gab, stand
-der Doktor an der einen Want, das Teleskop am Auge, und sah nach der
-Landung hinüber, um zu beobachten, wie König Zambiri von seinen treuen
-Unterthanen empfangen werden würde.
-
-Die Eingebornen am Ufer hatten sich indeß zum großen Theil zerstreut, denn
-sie hielten nach ihrer gegebenen Erklärung die Sache wahrscheinlich für
-abgemacht. Ein Theil von ihnen war aber doch noch zurückgeblieben, um den
-Schooner und dessen Abfahrt zu überwachen, und diese wurden jetzt plötzlich
-aufmerksam, als sie das Boot noch einmal zur Küste zurückkehren sahen. Was
-es enthielt, vermochten sie freilich nicht gleich zu unterscheiden, da
-man den Schwarzen auf der ihnen entgegengesetzten Seite des Schooners
-niedergelassen; aber vorsichtig näherten sich die zuerst Gesandten wieder
-dem Strande. Da verrieth ihnen das rothe, jetzt freilich arg zerrissene
-Oberhemd ihres früheren Königs Zambiri vor der Zeit dessen Anwesenheit, und
-einen lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den Ihrigen zurück, um ihnen
-wahrscheinlich die Entdeckung mitzutheilen.
-
-Jetzt kam Leben in den Schwarm. Der Doktor bemerkte, wie nach allen Seiten
-Leute abgeschickt wurden, die pfeilschnell über den Boden schossen, indeß
-die Schaar der Bewaffneten mit ihren Lanzen und Schilden näher zum Strand
-hinunterrückte. Dem Zimmermann wurde auch, wie er später erzählte, nicht
-ganz wohl im Boot, und es lag ihm gar nichts daran, den jetzt jedenfalls
-gereizten Eingebornen zu übermäßig nahe zu kommen. Darin begünstigte ihn
-aber die indessen stark eingetretene Ebbe; gleich unterhalb bemerkte er
-einen etwas weiter auslaufenden Sandstreifen, auf den er augenblicklich
-zuhielt, und hier bekam Zambiri die Ordre, wie nur der Kiel den Sand
-berührte, auszusteigen und seinen Weg allein fortzusetzen -- was schadete
-es auch, wenn er mit seinen bloßen Beinen nasse Füße bekam.
-
-Zambiri schien keine rechte Lust zu haben, denn das ganze Benehmen seiner
-Unterthanen am Ufer mochte ihm ebenfalls nicht gefallen -- aber es blieb
-ihm keine Wahl, denn weit mehr fürchtete er an Bord zurückgeschafft zu
-werden. Er stieg aus, im Nu schoß das dadurch fast um die Hälfte seines
-Gewichts erleichterte Boot wieder zurück in tiefes Wasser, und Zambiri, den
-zerfetzten rothen Mantel um die Schultern, stand an der Spitze der Sandbank
-und starrte nach dem Ufer hinüber.
-
-Das Boot hielt sich nicht auf; rasche kräftige Ruderschläge brachten es zum
-Schooner zurück, und während es dort eingehakt und an der Seite aufgezogen
-wurde, kam auch der Anker herauf und der Bug der Sarah Miles schwang
-langsam mit der Strömung herum der offenen See entgegen.
-
-Noch stand Zambiri am Strand, und eben so fest behaupteten die Krieger oben
-ihren Platz. Jetzt aber mochte er doch wohl fühlen, daß er dort draußen
-nicht länger bleiben könne, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Einen
-Blick warf er nach dem Fahrzeug der Weißen zurück, dessen Segel sich voll
-ausblähten und an dessen Bug sich schon das Wasser zu kräuseln begann --
-dann drehte er sich um und schritt entschlossen die Uferbank hinauf.
-
-Jetzt regte sich auch da oben die dunkle Masse -- der Doktor konnte noch
-erkennen, obgleich sich die Entfernung mit jedem Augenblick vergrößerte,
-daß von allen Seiten mehr Bewaffnete herbeiliefen. Da dröhnte plötzlich,
-bis zu ihnen selbst hinaus, ein einziger gellender Aufschrei aus Aller
-Kehlen, und wie ein Schatten über einen von der Sonne beschienenen Plan
-wälzte sich der dunkle Schwarm dem König entgegen.
-
-Dieser warf die Arme empor, dann verschwand Alles in einem wilden Gewirre
-von schwarzen Gestalten, und als sich diese endlich wieder zum Ufer
-hinaufgezogen, blieb nur ein einziger dunkler Punkt auf dem hellen
-Untergrund des Strands zurück.
-
-Der Doktor schob sein Glas noch etwas mehr zusammen, um den Punkt in den
-Fokus zu bekommen.
-
-»Nun, Doktor, wie ist's?« lachte der Kapitän; »können Sie noch was
-erkennen? -- Wie haben sie unsern Dicken aufgenommen?«
-
-»Dort liegt sein unbeholfener Leichnam am Strand,« sagte der Doktor, indem
-er das Glas zusammenschob, denn die Entfernung wurde jetzt zu groß, »und
-wenn die Fluth wieder steigt, wird sie ihn in die See schwemmen.«
-
-»Ein fetter Bissen für die Krokodile!« lachte der Seemann. »Alle Wetter!
-das erste, das ihm begegnet, bekommt ein richtiges Maul voll -- ein Glück
-nur, daß er uns zu seinen Erben eingesetzt. Aber was haben sie mit ihm
-gemacht?«
-
-»Ihm wahrscheinlich ihre Lanzen in den Leib gerannt,« nickte der Doktor.
-»Sonderbar doch; vorher hatte er nicht mehr Macht und Gewalt über sie
-als jetzt, und doch duldeten sie Alles und ließen sich verkaufen und
-abschlachten, wie es dem grausamen Tyrannen gefiel. Jetzt, da der Nimbus
-gefallen ist, der ihn umgab, rennen sie ihm ihre Speere in den Leib und
-lassen den Kadaver draußen auf dem Sande liegen.«
-
-»Menschennatur,« sagte der Yankee gleichgültig. »Na, wir sind ihn
-wenigstens los und haben keine Verantwortung. Die Brise frischt auf, Doktor
--- ich denke, jetzt halten wir gerade auf das Kap zu.«
-
-Der Schooner neigte sich vor dem frisch einsetzenden Wind auf die Seite und
-flog schäumend durch die leichtbewegte Fluth. Vom Land aus hatten ihm die
-Eingebornen nachgesehen, aber er wurde kleiner und kleiner und verschwand
-endlich wie ein lichter Punkt am Horizont.
-
-
-
-
-Der Mexikaner.
-
-Peruanische Erzählung.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Die verlassene Frau.
-
-
-In Lima lebte im Jahr 1850 in einem kleinen Häuschen in der Vorstadt eine
-arme deutsche Schusterfrau, der es außerordentlich knapp zu gehen schien,
-denn sie war von ihrem Mann verlassen worden und hatte sich nun hier
-draußen bei einer armen peruanischen Familie einquartieren müssen. Sie
-ging auch, besonders in deutsche Häuser, plätten und nähen und suchte sich
-wirklich auf ehrliche Art ihr Brot zu verdienen, wobei sie denn von den
-wenigen deutschen Familien nach Kräften unterstützt wurde.
-
-Der Mann war -- so viel wußte man -- im Jahr 48, als die erste Nachricht
-der in Kalifornien entdeckten Schätze nach Peru drang, plötzlich
-verschwunden, und sollte in Callao -- dem Hafen von Lima, kurz vor der
-Abfahrt eines nach San Francisco bestimmten Schiffes gesehen worden sein.
-Der Verdacht lag also sehr nahe, daß er sich auf diesem entfernt habe, um,
-wie tausend Andere, sein Glück in den Minen zu versuchen. Daß er die
-Frau dabei in den dürftigsten Umständen und fast ohne einen Dollar
-Geld zurückließ, war natürlich schlecht, aber es wäre doch wohl noch zu
-entschuldigen gewesen, wenn er sich nur später um sie gekümmert, wenn er
-nur einmal etwas Geld geschickt oder wenigstens einen Brief geschrieben
-hätte.
-
-Aber Nichts dem Aehnliches erfolgte, und die arme Frau mußte zuletzt die
-Hoffnung aufgeben, ihren Mann je wieder zu sehen und von ihm Hülfe zu
-erhalten. Allerdings erkundigte sie sich -- als nun fast zwei Jahre
-vergangen waren, und viele Peruaner aus den kalifornischen Goldminen
-zurückkehrten, bei Jedem wohl nach dem Verlorenen und ob sie ihn nicht in
-Kalifornien getroffen hätten -- aber, lieber Gott, Kalifornien war groß und
-die dorthin gegangenen Goldwäscher staken oben in den Gebirgsschluchten,
-wohin weder Weg noch Steg führte; wer sollte sie dort finden. Man konnte
-Monate lang in ihrer unmittelbaren Nähe sein und bekam sie trotzdem nicht
-zu sehen. Es wußte ihr auch Niemand auch nur den geringsten Trost oder
-Anhaltepunkt zu geben -- sie mußte sich selber trösten, vielleicht kehrte
-er, wie die Meisten sagten, einmal ganz plötzlich mit einem großen Sack
-voll Gold zurück, und dann hatte alle ihre Noth ein Ende.
-
-Aber er kam nicht -- Woche nach Woche verging, wie Monat nach Monat
-vergangen war, und die verlassene Frau beschloß endlich, in ihre Heimath
-nach Deutschland zurückzukehren, wo ihr noch wohlhabende Verwandte lebten;
-die einzige Schwierigkeit schien nur die, ein Schiff zu bekommen, das sie
-für eine mäßige Passage hinüber brachte. Aber auch das fand sich endlich.
-Ein in Callao ankernder hamburger Kapitän hatte von dem Schicksal der
-Deutschen gehört, und als er sie zufällig einmal bei Bekannten traf und
-sie ihm ihre Noth klagte, erbot er sich freundlich, sie gegen einen sehr
-mäßigen Preis hinüber zu schaffen.
-
-Viel trug dazu auch ihr Aeußeres bei -- Frau Bockenheim mußte in ihrer
-Jugend wirklich einmal schön gewesen sein, und sie war selbst jetzt noch,
-in den dreißiger Jahren, eine hübsche, stattliche Frau zu nennen.
-Früher galt sie auch unter den übrigen Handwerkerfamilien für stolz und
-hochfährig; sie trug gern seidene Kleider und putzte sich manchmal so
-heraus, daß man in ihr nie eines Schusters Frau vermuthet haben würde. --
-Das hatte sich freilich jetzt durch ihren Nothstand gründlich gelegt; von
-dem Moment an, wo sie sich abhängig von fremden Leuten fühlte, wurde sie
-eine ganz Andere. Sie ging höchst einfach, nur in die billigsten Stoffe
-gekleidet, und schränkte sich wirklich nach Möglichkeit ein, um nur keine
-Schulden zu machen. Trotzdem verkehrte sie aber wenig oder gar nicht mit
-ihres Gleichen -- mit anderen Handwerkerfrauen -- von denen sie auch in der
-That keinen Verdienst erwarten konnte.
-
-Jetzt hatte das überhaupt aufgehört und sie begann das Letzte zu thun, was
-ihr übrig blieb, um ihre Passage zu bezahlen, nämlich die Ueberreste ihres
-kleinen Hausstandes zu verkaufen. Da aber das zu langsam ging, denn das
-Schiff wollte segeln, so setzte sie endlich eine Auktion an, auf welcher
-auch das Handwerksgeräth ihres Mannes losgeschlagen wurde. Was sollte sie
-auch damit machen? Der Verlorene kehrte doch nicht wieder.
-
-In Lima hatte sich indessen das Schicksal der Schusterfrau und ihre
-Absicht, Peru zu verlassen, ausgesprochen, und schon aus Mitleiden mit
-ihrem Schicksal besuchten Viele die Auktion, so daß die oft werthlosen
-Gegenstände noch zu einigermaßen gutem Preis verkauft wurden.
-
-Die Auktion war vorüber; die letzten Sachen waren abgeholt; nur noch ein
-Koffer und ein Reisesack standen in dem öden Raum, und die Frau hatte eben
-einen kleinen Knaben aus dem Haus nach einem Peon oder Diener geschickt,
-um sie forttransportiren zu lassen, als draußen ein Schritt auf der
-Treppe laut wurde. Sie glaubte, es wäre der erwartete Packträger, und noch
-seufzend einen Blick in den Räumen umherwerfend, in denen sie so manche
-einsame und traurige Stunde verlebt, sagte sie:
-
-»Da, Freund -- nehmt die Sachen und tragt sie mir --«
-
-»Bertha,« flüsterte da eine Stimme, die ihr das Blut zum Herzen
-zurückdrängte, und als sie sich erschreckt danach umwandte, stand ein mit
-einem Poncho behangener fremder Mann auf ihrer Schwelle. Sie kannte ihn
-nicht -- er trug einen großen dunklen Bart und den Hut fest in die Augen
-gezogen, rührte sich auch nicht, und nur als sie ihn erstaunt anstarrte,
-wiederholte er, mit der nämlichen Stimme das eine Wort, das ihren
-Herzschlag stocken machte: »Bertha!«
-
-»Um der Wunden Christi Willen!« stöhnte die Frau, »wer ist denn das der --
-der meinen Namen --«
-
-»Und kennst Du mich nicht mehr?«
-
-»Ja -- wach' ich denn oder träum' ich -- Casper?«
-
-»Hab' ich mich denn so verändert?« lachte er und streckte ihr die Arme
-entgegen, aber mit einem lauten, gellenden Freudenschrei stürzte sie auf
-ihn zu und umschlang ihn krampfhaft mit ihren Armen.
-
-»Casper! Du bist's -- Du -- und oh mein Gott, wie lange hast Du mich warten
-lassen -- oh wie ewig lange. Wo, wo bist Du nur gewesen?«
-
-»Und wenn ich ein klein wenig später gekommen wäre,« lächelte der Mann,
-ohne die Frage für jetzt zu beantworten, »so hätte ich Dich am Ende gar
-nicht mehr getroffen. Du wolltest verreisen --«
-
-»Nach Deutschland zurückkehren!« rief die Frau, »was sollte ich länger
-allein hier in dem fremden Land? Ich hielt es nicht mehr aus und mußte Dich
-ja todt glauben, da Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben. -- Ach, das
-war nicht Recht, Casper.«
-
-»Ja, schreiben,« nickte dieser, »liebes Kind! Wo ich mich die ganze Zeit
-herumgetrieben habe, gab es weder Feder noch Dinte noch Papier, viel
-weniger Posten, und ich hätte einen Brief selber nach San Francisco tragen
-müssen.«
-
-»So warst Du die ganze Zeit in Kalifornien?«
-
-»Gewiß war ich --«
-
-»Und hast Du Glück gehabt?«
-
-Der Mann schwieg und sah sie mit einem Blick an, der ihr ordentlich bis
-in's innerste Herz hinein stach -- mit einem Blick, wie sie ihn noch nie
-von ihm gesehen. Ueberhaupt kam er ihr so merkwürdig verändert vor. Machte
-das vielleicht der große schwarze Bart, den sie allerdings nicht an ihm
-gewohnt war? -- und er sah dabei so bleich aus -- so düster. -- Er hatte
-jedenfalls Unglück gehabt und kehrte als armer Mann zurück.
-
-»Oh mein Gott,« stöhnte die Frau, als ihr der Gedanke kam, »und jetzt
-hab' ich all' das Unsere, selbst Dein Handwerkszeug, um einen Spottpreis
-verkauft -- Nichts ist mir geblieben, als meine Kleider und Wäsche und die
-paar hundert Thaler, die ich für die Ueberfahrt zahlen wollte.«
-
-Da zuckte es wie ein Lächeln über des Mannes Gesicht, und er sagte:
-
-»Gott sei Dank, daß wir den alten Plunder los sind, wir hätten ihn doch
-nicht mehr gebrauchen können.«
-
-»Nicht mehr gebrauchen können, Casper?« wiederholte die Frau erstaunt, »ich
-weiß nicht, Du -- Du bist so sonderbar -- ich begreife Dich nicht.«
-
-»Weil ich mit einem ganzen Sack voll Gold zurück komme, Schatz,« lachte der
-Mann laut auf.
-
-»Mit einem Sack voll Gold?«
-
-»Was ich Dir sage -- unsere Noth hat nun aufgehört -- ich habe Glück, viel
-Glück in den Minen gehabt -- unserer Zwei trafen eine enorm reiche Stelle
--- aber das Alles erzähle ich Dir später. -- Was will der Bursche da?«
-
-Während er noch sprach, war ein Peon auf der Schwelle der weit offen
-stehenden Thür erschienen und sah in's Zimmer herein.
-
-»Die Sennorita hat einen Mann verlangt, um ihr Gepäck fort zu tragen.«
-
-»Ach ja -- =bueno= --« rief der Zurückgekehrte »du, guter Freund, schultert
-einmal die Sachen und tragt sie in das amerikanische Hôtel -- oder wir
-gehen besser gleich mit, denn hier haben wir doch wohl Nichts weiter zu
-thun, Schatz, wie?«
-
-»Es ist Alles fort, selbst der letzte Stuhl --«
-
-»Also gänzlicher Ausverkauf,« lachte der Mann, »desto besser, dann werden
-wir auch durch Nichts mehr gehindert -- =vamos nos, companero, vamos nos=«
--- und damit gab er seiner Frau den Arm und schritt mit ihr die Treppe
-hinab, die Vorstadt entlang und dann über die Brücke, immer die Hauptstraße
-nieder und hinter dem Peon mit ihren Sachen her, bis sie das Hôtel
-erreichten, wo er augenblicklich zwei Zimmer und ein gutes Diner für sie
-bestellte.
-
-Die Frau ging wie in einem Traum an seiner Seite; sie fühlte kaum, wie ihre
-Füße den Boden berührten. War denn das Alles wirklich wahr, und der Mann,
-den sie schon lange todt geglaubt und in Verzweiflung aufgegeben, nicht
-allein zurückgekehrt, sondern auch reich, mit Schätzen beladen? Wie ein
-Märchen klang's ihr in den Ohren und sie bemerkte dabei gar nicht, daß die
-Leute, denen sie unterwegs begegneten, fast immer stehen blieben und dem
-etwas wunderlichen Paar nachschaueten.
-
-Und es war in der That ein wunderliches Paar für einen heißen, sonnigen Tag
-in Lima. Der Mann trug einen alten breiträndrigen und chokoladenfarbigen
-Filzhut, einen dicken, blau und roth gestreiften Poncho, und dazu
-mexikanische, an den Seiten herunter offengeschlitzte Sammethosen mit
-kleinen silbernen Knöpfen daran. Die Frau an seiner Seite ging dabei in
-echt deutscher Handwerkertracht mit einem langen, braunen, etwas abgenutzt
-aussehenden Kattunkleid, ohne Steifröcke darunter, einem rothwollenen Tuch
-um, und einem Hut, von dem man eigentlich nicht sagen konnte, daß er hier
-aus der Mode gekommen, denn er war in Lima wohl noch niemals Mode gewesen.
-Auch die Blumen darauf sahen zerknickt und schmutzig aus, und so viel die
-Frau auch wohl früher auf ihre Toilette gegeben hatte, und so nett sie
-sich gehalten: jetzt, mit den Sorgen der letzten Zeit im Herzen, schien
-sie Alles vernachlässigt zu haben, und dachte auch in diesem Augenblick
-wahrlich an Nichts weniger, als an ihre abgetragenen Kleider.
-
-In dem ziemlich großartigen Hôtel betrachteten sich die Kellner das
-sonderbare Paar ebenfalls ziemlich erstaunt und schienen nicht übel Lust
-zu haben, sie etwas über die Achseln zu behandeln; als aber der Mann, nicht
-etwa höflich, sondern mit barschem Ton »Zwei Zimmer vorn heraus und vor
-Allem eine Flasche Champagner und dann so rasch als möglich ein gutes
-Diner« bestellte, wurden sie aufmerksamer. Der Mann mußte Geld haben oder
-er wäre höflich gewesen, und er wurde jetzt, trotz seinem unscheinbaren
-Aeußeren, pünktlich bedient.
-
-Oben aber, in dem elegant möblirten freundlichen Gemach, dem Champagner,
-der der Frau ebenfalls trefflich mundete, gar wacker zusprechend, saß der
-von Kalifornien zurückgekehrte glückliche Miner und erzählte, nur erst
-einmal in flüchtigen Umrissen, seine Abenteuer: Wie er Anfangs, und wohl
-anderthalb Jahr hindurch, mit eisernem Fleiß und unermüdlicher Ausdauer
-gearbeitet und ein Loch nach dem andern gegraben habe, immer und immer aber
-wieder getäuscht, immer wieder auf neue Hoffnung angewiesen worden. Ja,
-er verdiente sich, was er eben zum Leben brauchte, aber auch nicht mehr
--- Gold gab es ja überall. Da machte er endlich die Bekanntschaft eines
-Mexikaners, der großes Vertrauen zu den nördlichen Minen hatte. Mit dem
-war er an den Yubafluß gegangen, und dort in einer der Ravinen, die noch
-wahrscheinlich kein weißer Mann entdeckt, trafen sie plötzlich auf ein
-Goldlager, wie sie es bis dahin nicht für möglich gehalten. Stücke fanden
-sie dort, so groß wie die Wallnüße, und einzelne größer, die wie in einem
-geschmolzenen und dann erkalteten Zustand vor Jahrtausenden vielleicht in
-der kleinen, engen Schlucht herabgewaschen waren.
-
-Dort arbeiteten sie, von Niemandem gestört, ja von Niemandem bemerkt,
-heimlich und versteckt sechs volle Monate, bis sie die ganze Goldader,
-so weit das wenigstens anging, ausgebeutet hatten. Dann kauften sie sich
-Maulthiere unten in Yubacity, einem kleinen Goldwäscherdorf, holten die
-indeß vergrabenen Schätze ab, luden sie auf und zogen damit nach Sacramento
-hinunter, von wo sie dann mit dem Dampfschiff nach San Francisco gingen.
-Von hier aus kehrte der Mexikaner in sein eigenes Vaterland zurück, und
-er selber ging an Bord des ersten nach Panama abfahrenden Dampfers, um von
-dort wieder mit dem südlichen =vapor= so rasch als irgend möglich Peru
-zu erreichen. Deshalb war es ja auch gar nicht möglich gewesen, vorher zu
-schreiben, denn die erste Gelegenheit, die sich dazu bot, um rasch einen
-Brief zu senden, benutzte er, und er hätte einen solchen nur selber
-mitnehmen, nie aber vorher hierher befördern können.
-
-Der armen Frau kam es die ganze Zeit, während der Mann sprach, genau so
-vor, als ob sie irgend eine wunderbare Geschichte in einem Buche läse, aber
-keine Möglichkeit vorhanden wäre, daß das Alles sie mit betreffen könne und
-das Gold, das viele Gold, das ihr Mann mitgebracht, ja doch nun auch ebenso
-gut ihr gehöre und sie damit reiche und vornehme Leute geworden wären.
-
-»Aber wo hast Du das viele Gold, Casper?« frug sie ihn endlich, »doch nicht
-bei Dir?«
-
-»Bei mir?« lachte der Mann, indem er eine Handvoll großer goldener
-Doublonen aus der Tasche nahm und ihr vorhielt, »so ein paar Stück kann man
-schon bei sich führen, aber ich möchte das Ganze wahrhaftig nicht auf der
-Schulter tragen.«
-
-»So viel ist es?«
-
-»Nun natürlich -- Gold wiegt schwer, mein Kind -- und ich konnte mich damit
-doch nicht in der ganzen Stadt herumschleppen, bis ich Dich da draußen,
-im äußersten Winkel von Lima, aufgesucht? Es steht in zwei kleinen Koffern
-sicher in einem Handlungshaus, das ich von früher kannte. Jetzt will ich
-Dir aber wenigstens die Proben des Mitgebrachten zeigen.«
-
-Damit stand er auf, schloß erst vorsichtig die Thür zu und schnallte sich
-dann einen ledernen langen Sack von den Hüften ab, dessen Inhalt er vor den
-erstaunten Augen der Frau ausschüttete.
-
-Du lieber Gott! einen solchen Reichthum hatte sie bis dahin gar nicht für
-möglich gehalten -- und was für große schwere Stücken dabei waren, und wie
-wunderlich geformt! -- Und das sollte erst der kleinste Theil des Ganzen --
-nur eine Probe sein? Ihr Mann packte aber die Stücke wieder zusammen, denn
-draußen klopfte es, und der Kellner frug sehr artig durch die Thür, ob die
-=lady= und der =gentleman= jetzt zu speisen wünschten.
-
-Das Essen wurde gebracht, aber nach Tisch ging der frühere Schuhmacher
-augenblicklich daran, den Koffer seiner Frau zu revidiren, um zu sehen, was
-sie an Kleidern und Wäsche habe, und was sie Neues brauchen würde. Da sah
-es freilich bös aus -- sie brauchte fast Alles neu, denn das Wenige, was
-sie noch hatte, war so abgenutzt, daß ihr der Mann augenblicklich erklärte,
-damit könne sie nicht mehr auf der Straße erscheinen. Der heutige Abend
-sollte denn auch dazu benutzt werden, alle die nöthigen Einkäufe zu machen,
-und nachher konnten sie dann in aller Ruhe überlegen, ob sie vor der Hand
-noch hier in Lima bleiben oder ohne Weiteres nach Deutschland zurückkehren
-sollten. Gegen den letzteren Plan sprach sich aber Madame Bockenheim auf
-das Entschiedenste aus. War ihr Mann wirklich so reich, dann hielt sie es
-auch für nöthig, den Leuten hier in Lima, die sie selber so oft über die
-Achsel angesehen, zu zeigen, was sie könnten, und daß sie jetzt im Stande
-wären, sich den »Besten« an die Seite zu stellen. Was lag auch daran, ob
-sie sich hier einmal ein halbes Jahr einmietheten?
-
-Das war nun freilich ein Festtag für die Frau, wie sie ihn nie in ihrem
-ganzen Leben für möglich gehalten, als sie an dem Abend mit ihrem Gatten
-durch all' die großen, herrlichen Läden gehen und dabei aussuchen durfte,
-was ihr Herz begehrte. Da war auch Nichts zu kostbar. Wo sie nur halbwegs
-Bedenken hatten, sowie ihr Mann nur merkte, daß es ihr gefiel, ließ er es
-augenblicklich bei Seite legen, zahlte dann die Rechnung in Doublonen und
-beorderte es in ihr Hôtel.
-
-Früher hatte er die Packen selber getragen; jetzt dachte er gar nicht mehr
-daran und schien sich mit dem ausgewaschenen Gold auch gleich die Sitten
-und Gewohnheiten eines vornehmen Mannes angeeignet zu haben.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Der Mexikaner.
-
-
-Am nächsten Tag sprach man fast von Nichts weiter, als dem aus Kalifornien
-steinreich zurückgekehrten deutschen Schuster, und das Gerücht vergrößerte
-dabei natürlich die Schätze, die er wirklich mitgebracht, um das Zehnfache.
-Allerdings gab es noch Einzelne, die nicht so recht an einen solchen Erfolg
-in den Minen glauben wollten; aber selbst diese mußten zuletzt eingestehen,
-daß der Mann dort jedenfalls _Glück_ gehabt, denn er verausgabte gerade
-in den ersten zwei oder drei Wochen eine sehr bedeutende Summe Geld, und
-bezahlte Alles gleich baar in blankem Gold. -- Er machte nicht für einen
-Centabo Schulden. Ebenso bestätigten die Kaufleute, daß er sich immer die
-besten und kostbarsten Stoffe ausgesucht, und als er sich bald darauf
-noch das schönste Pferd in Lima um achtzehn Unzen kaufte und mit dem
-silberbedeckten Zaumwerk und Sattel in der Stadt herum galoppirte, fing man
-doch an, ihn weniger mißtrauisch zu betrachten, und Leute, die sonst gar
-nicht daran gedacht hätten, sich um ihn zu bekümmern, bewarben sich jetzt
-um seine Freundschaft und machten ihm Besuche.
-
-Casper Bockenheim, wie der Deutsche hieß, besaß übrigens genug gesunden
-Menschenverstand, um _derartige_ Burschen zu durchschauen, und hatte in
-seinen früheren Jahren zu häufig mit der vornehmen Welt durch seine Arbeit
-verkehrt, um nicht zu wissen, wie er sich gegen sie zu benehmen hatte.
-Er ließ die Schmarotzer eben ablaufen, und gab sich dabei Mühe, in die
-wirklich vornehmen Cirkel der Stadt zu kommen, mit denen er sich selber, so
-weit es bedeutende Geldmittel ermöglichen konnten, auf eine Stufe gestellt.
-Aber das gelang ihm ebenso wenig; denn wenn er sich auch die äußeren
-Manieren eines »=caballero=«, so weit es seine Bildung zuließ, aneignete,
-und seine Frau jetzt ebenso schöne Brillanten trug, wenn sie sich Abends
-auf der Plaza zeigte, als irgend eine Sennorita der Stadt, so hatte er
-doch sein ursprünglich rauhes Wesen nicht so abschleifen können, um seinen
-früheren Stand weniger als seine ganze frühere Lebensweise vollständig
-vergessen zu lassen, und die =haute volée= von Lima, welcher Nation sie
-auch angehörte, wich ihm, so weit das anständiger Weise geschehen konnte,
-aus.
-
-Bockenheim wurde dadurch nicht liebenswürdiger; er fühlte, daß hier in Lima
-noch ein »Vorurtheil«, wie er es nannte, gegen ihn herrsche, und beschloß
-endlich, Peru vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer zu verlassen, um
-nach Deutschland zurückzukehren; und das war ja auch jetzt der einzige und
-sehnlichste Wunsch seiner Frau, denn dort konnte sie nachher Staat mit sich
-machen -- hier war es in der That nicht möglich.
-
-Madame Bockenheim oder Sennora Bockenheim hatte sich auch wirklich in den
-letzten Monaten sehr verändert, und so einfach und zurückgezogen sie sonst
-gelebt, so ganz aus sich heraus_gesprungen_ schien sie jetzt. Ihr Mann, der
-Schuhmacher, suchte seinen Reichthum nur in äußerem Pomp zu zeigen. Er trug
-schwere goldene Uhrketten, große Brillant-Tuchnadel, eine Menge Ringe und
-sein, wie schon erwähnt silberbedecktes Sattelzeug, bummelte aber sonst
-noch ebenso nachlässig über die Straße, wie früher, fiel auch wohl einmal
-in ein gewöhnliches deutsches Bierhaus hinein und spielte dort seine
-Partie Skat, wie er es sonst gewohnt gewesen. Seine Frau dagegen, der der
-Hochmuthsteufel in den Kopf gestiegen, schwebte fast nur immer in höheren
-Regionen. Sie war gerade keine ungebildete Frau, und deshalb auch früher
-überall gern gesehen gewesen, aber sie wußte sich nur in der Sphäre zu
-bewegen, der sie angehörte, und fiel aus der Rolle, sobald sie darüber
-hinausstieg. Daß sich wirklich vornehme Personen fast immer durch ein
-ungenirtes, leutseliges und selbstverständlich artiges Benehmen kundgeben,
-hatte sie übersehen; sie suchte das Vornehme in alberner Aufgeblasenheit
-und machte sich dadurch nur lächerlich.
-
-Bockenheim hatte sich in der Stadt ein sehr hübsches Haus gemiethet, das
-sogar einen kleinen freundlichen Garten umschloß. Die Einrichtung desselben
-war prachtvoll und schien auf einen jahrelangen Aufenthalt in Peru
-hinzudeuten. Jetzt dachte er schon wieder daran, sie zu veräußern, und
-ließ, erst einmal mit dem Entschluß im Reinen, seine Absicht in die Zeitung
-setzen.
-
-Natürlich besuchte nun eine Menge von Leuten das Haus, die sich entweder
-in der Absicht, die Sachen zu kaufen, diese betrachteten oder auch nur
-neugierig waren zu sehen, wie sich der deutsche, so plötzlich reich
-gewordene Schuster eingerichtet habe. Von Morgens an aber gingen und
-kamen die Leute, Abkömmlinge _aller_ Nationen, und besonders strömten die
-=señoritas= herbei, die dann von der Sennora Bockenheim in allem Pomp
-eines seidenen, spitzenbedeckten Kleides empfangen wurden und sich nachher
-halbtodt über die komische Deutsche lachen wollten.
-
-Bockenheim selber ließ sich wenig dabei sehen. Ihm war die ganze Sache
-fatal, und er bereuete schon bitter, das Alles nicht früher und besser
-überlegt zu haben, ehe er sich eine solche Last aufbürdete. Aber seine
-Frau hatte ja so fest darauf bestanden; sie wollte den Bewohnern von Lima
-zeigen, »was sie _konnten_«, und wenn sie auch ein paar tausend Dollars
-Schaden dabei hatten, was lag daran? Schon damit zeigten sie, wie reich sie
-waren.
-
-Lästig blieben diese ewigen Besuche gleichgültiger Menschen aber doch,
-und Bockenheim war wirklich kaum im Stand gewesen, sich eine freie
-Mittagsstunde auszuwirken, daß er sein Essen ungestört verzehren konnte.
-Ein Zettel an seiner Thür sagte, daß die Lokalitäten von zwei bis vier
-_nicht_ geöffnet würden; darnach mochten sich die Leute richten; er war
-nicht gesonnen, ihnen seine ganze Bequemlichkeit zu opfern.
-
-Es war eben vier Uhr vorbei, und Casper Bockenheim saß am offenen Fenster,
-die Füße gegen ein niederes eisernes Gitter gestemmt, seinen Kaffee neben
-sich und rauchte seine Cigarre, als der eine Peon herein kam und meldete,
-es sei ein fremder Herr draußen, der den Sennor zu sprechen wünsche.
-
-»Mich? -- Hol' ihn der Teufel,« brummte der Deutsche, »er soll zu meiner
-Frau gehen, die wird ihn herumführen. Ich habe mit der Geschichte Nichts zu
-thun und will ungestört meinen Kaffee trinken.«
-
-»Aber er will Sie selber sprechen, Sennor.«
-
-»Mich selber? Wer ist es denn?«
-
-»Ich kenne ihn nicht,« sagte der Peon, »er spricht sehr gut kastilianisch,
-aber mit einem so sonderbaren Accent. Aus Peru kann er nicht sein.«
-
-»Hm,« brummte Bockenheim leise vor sich hin, »und wie sieht er aus?«
-
-»Ja, ich weiß nicht; er trägt einen großen Bart und hat einen sehr schönen
-Poncho umhängen, als ob er von der Reise käme.«
-
-»Na, so laß ihn in des Bösen Namen herein. Frag' ihn aber erst, ob er die
-Möbel sehen will, und wenn er Ja sagt, schick' ihn zu meiner Frau; die wird
-am besten mit den Leuten fertig.«
-
-Der Peon ging, kehrte aber gleich darauf mit dem Fremden zurück, der ihm
-auf dem Fuß folgte. Bockenheim war verdrießlich; er haßte Nichts mehr, als
-sich spanisch zu unterhalten, denn wenn auch schon längere Jahre im
-Land, konnte er mit der Sprache doch noch nicht gut fertig werden, und
-mißhandelte sie auch auf das Grausamste. Er war langsam aufgestanden, um
-den Fremden zu begrüßen und zu hören, was er wolle -- aber er kam nicht
-weit. Wie nur sein Blick auf die Züge des vor ihm Stehenden fiel, war es
-ihm, als ob ihm Jemand einen Stich durch's Herz gäbe. Er fühlte, daß er
-leichenblaß wurde, seine Kniee zitterten, und er mußte sich an dem nächsten
-Stuhl festhalten, um nicht zusammen zu sinken.
-
-Dem Fremden konnte auch die Erregung, die den Deutschen erfaßt hatte, nicht
-entgehen. Ein spöttisches, fast verächtliches Lächeln zuckte aber nur um
-seine Lippen und er sagte trocken:
-
-»=Buenos dias, Don Gaspár= -- ich sehe, Ihr kennt mich noch, obgleich ich
-ein paar Monate an der Wunde das Lager hüten mußte.«
-
-Casper Bockenheim stierte ihn noch immer an, als ob er einen Geist gesehen
-hätte; er brauchte Minuten lang, um sich zu sammeln, behielt aber doch so
-viel Besinnung, daß er dem Peon zuwinkte, das Zimmer zu verlassen. Er mußte
-mit dem Mann allein sein. Dieser schien das auch ganz in der Ordnung zu
-finden und ließ indessen seinen Blick in dem höchst eleganten und reich
-ausgestatteten Raum umher fliegen, wobei er nur langsam und wie, als ob
-er eine Vermuthung bestätigt erhalten, mit dem Kopf nickte. Aber er sprach
-kein Wort weiter; es war, als ob er jetzt erst eine Anrede des Deutschen
-abwarten wollte, zu der er ihm völlig und ungestört Zeit ließ.
-
-Das war insofern gefehlt, als er diesem dadurch auch völlig Raum gab, sich
-von seiner ersten Ueberraschung zu erholen, und Bockenheim schien Gebrauch
-von der Gelegenheit zu machen.
-
-Sein finsterer Blick maß den Mexikaner, der ihm übrigens ganz unbefangen
-gegenüber stand, und jetzt sogar, als wenn er hier zu Hause wäre, zu einer
-dort stehenden Cigarrenkiste trat und sich eine Havana herausnahm.
-
-»Ah Don Gaspard,« lachte er dabei, »Ihr raucht jetzt feine =puros=! Wißt
-Ihr wohl noch, wie wir auf dem Wege nach Macalome alle Taschen umdrehten,
-um ein wenig Taback für eine Cigaretta darin zu finden?«
-
-»Mit wem habe ich das Vergnügen?« sagte da der Deutsche trocken, indem er
-den unwillkommenen Gast mit finster zusammengezogenen Brauen betrachtete.
-»Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein, Sennor.«
-
-»=Caramba=,« lachte der Mann und drehte sich rasch nach ihm um. »Ihr kennt
-mich wohl nicht mehr? Wahrhaftig, wenn _mein_ Gedächtniß zum Teufel wäre,
-sollt' es mich nicht Wunder nehmen; denn der Hieb, den Ihr mir damals
-über den Kopf gegeben, hätte einem anderen Menschen wahrscheinlich den
-Hirnkasten von einander gesprengt. Aber wie Ihr seht, habe ich mich
-vollständig wieder erholt und befinde mich, den Umständen nach, wohl,
-während Ihr Euch,« setzte er mit einem Blick umher hinzu, »_besser_ zu
-befinden scheint.«
-
-»Dürft' ich fragen, was Ihr von mir wollt, Sennor?« sagte der Deutsche
-trocken. »Ich habe nicht viel Zeit und noch weniger Lust, mich lange mit
-Euch abzugeben.«
-
-»=En verdad, Señor?=« lachte der Mexikaner. »Nun gut, dann werde ich Euch
-mit einem Wort sagen, was ich will: _Geld!_ -- Das Geld will ich, das Ihr
-mir damals, als Ihr mich bei Macalome meuchlings überfielt und für todt im
-Walde liegen ließet, abgenommen. Habt Ihr mich verstanden?«
-
-»Ich verstehe _so_ viel,« sagte der Deutsche, »daß Ihr jedenfalls
-wahnsinnig sein müßt; denn ich habe Euch in meinem ganzen Leben noch nicht
-gesehen, und die Beschuldigung ist deshalb eine niederträchtige Lüge!«
-
-»So?« sagte der Mexikaner. »Und weshalb erschrakt Ihr da so, als ich ins
-Zimmer trat?«
-
-»Wer sagt Euch, daß ich erschrocken bin?«
-
-»=Carajo!=« rief der Mexikaner, ungeduldig werdend, »wir wollen den Tag
-nicht mit nutzlosen Redensarten vergeuden. Ich _lebe_ noch, wie Ihr seht,
-und bin Eurer Spur wie ein Schweißhund gefolgt -- jetzt aber bleibt Euch
-kein Ausweg mehr. Ich kam zu Euch, weil ich die peruanischen Gerichte nicht
-unnützer Weise bemühen wollte. -- Mir liegt nichts daran, Euch gehangen zu
-sehen, und Strafe hatte _ich_ verdient, weil ich dumm genug gewesen war,
-auch nur einem einzigen Menschen auf der Welt zu trauen, wo die Verführung
-auf der Hand lag, mit _einem_ Schlag reich zu werden. Aber Ihr habt die
-Geschichte ungeschickt angefangen. Wolltet Ihr einmal einen Mord verüben,
-so mußtet Ihr auch sicher gehen und Eurem Opfer noch wenigstens den Hals
-abschneiden -- _das_ habt Ihr versäumt und kommt jetzt in die unangenehme
-Nothwendigkeit, das Geraubte wieder herausgeben zu müssen. Also macht keine
-Umstände, oder ich zeige Euch hier bei den Gerichten als Straßenräuber an,
-und was Euch dann erwartet, brauche ich Euch doch wohl nicht zu sagen!«
-
-»Ihren werthen Namen, wenn ich bitten darf,« sagte der Deutsche
-außerordentlich höflich.
-
-Der Mexikaner biß die Zähne zusammen, und der Blick, den er auf den
-früheren Gefährten schleuderte, war so voll Gift und Haß, daß Bockenheim
-unwillkürlich nach der Lehne des neben ihm stehenden Stuhles griff, um nur
-irgend eine Schutzwaffe bei der Hand zu haben, denn er erwartete wirklich
-nichts weniger, als daß sich der zum Aeußersten gereizte Südländer jetzt
-auf ihn stürzen würde. Der Fremde schien aber, wenn auch vielleicht der
-Gedanke für einen Moment in ihm aufgestiegen war, etwas Derartiges nicht
-zu beabsichtigen. Wohl war er unter dem Poncho mit der Hand nach der Seite,
-möglich nach seinem Messer, gefahren; aber es blieb bei der Bewegung. Der
-Mann bewahrte sein kaltes Blut; denn er wußte gut genug, wie viel Leute
-im Haus waren, und daß er nie hoffen durfte, seinen Zweck mit Gewalt zu
-erreichen. Er hätte sich nur selber der größten Gefahr ausgesetzt.
-
-»Also Ihr leugnet bestimmt, daß Ihr mich kennt?« sagte er endlich, nach
-einer ziemlich langen Pause. »Ihr leugnet, daß Ihr mich, als wir zusammen
-von Richgulch nach Macalome ritten, da, wo wir lagerten, überfallen --«
-
-»Geht zum Teufel mit Euren albernen Märchen!« rief aber jetzt Bockenheim
-unwillig, indem er die auf dem Tisch stehende Klingel ergriff und heftig
-schellte, »und das sag' ich Euch, laßt Ihr Euch noch einmal in meinem Hause
-blicken, so ruf' ich die Polizei zu Hülfe!«
-
-In der Thür erschienen ein paar Peons, der Befehle ihres Herrn gewärtig.
-Der Mexikaner aber sah recht gut ein, daß er vor der Hand hier Nichts
-weiter ausrichten könne und jedenfalls den Kürzeren ziehen müsse. Er wußte
-aber jetzt auch, was er von dem Deutschen _im Guten_ zu erwarten hatte. Nun
-blieb ihm nichts anderes übrig, als die Polizei zu Hülfe zu rufen.
-
-»=Bueno, Señor=,« sagte er ruhig, »ich werde Ihnen nicht länger zur Last
-fallen. -- _Auf Wiedersehen!_« Und mit den Worten drehte er sich um und
-schritt zur Thür hinaus, wobei Bockenheim den Peons befahl, hinter ihm zu
-bleiben und aufzupassen, daß er auch wirklich das Haus verließ. Es wäre,
-wie er sagte, ein ganz gemeiner Vagabond, der Geld hatte von ihm erpressen
-wollen, und welchem deshalb auch Alles zuzutrauen. Sie sollten nur das Haus
-gut zuschließen.
-
-Kaum hatten sie übrigens den Raum verlassen, als Bockenheims Frau in
-furchtbarer Aufregung aus der nächsten Stube trat, wo sie jedenfalls das
-Ganze angehört haben mußte.
-
-»Um Gottes Willen, Caspar!« rief sie, »was war das? Was ist vorgefallen?
-Was hattest Du mit dem Mann?«
-
-»Was ich mit dem Mann hatte?« sagte Bockenheim, der mit untergeschlagenen
-Armen und zusammengezogenen Brauen finster brütend mitten in der Stube
-stand. »Nichts -- gar Nichts! Ein Betrüger war es, der Geld von mir
-erpressen wollte -- aber wenn er mir wieder kommt -- beim ewigen
-Gott -- --«
-
-Die Frau hatte ängstlich zu ihm aufgeschaut.
-
-»Und kanntest Du den Mann gar nicht? -- Hast Du ihn nie früher gesehen oder
-mit ihm gesprochen?«
-
-»Nie -- der Henker soll all' das mexikanische Gesindel kennen, das sich in
-Kalifornien in den Minen herumtreibt!«
-
-»Und was verlangte er von Dir?«
-
-»Ach, Unsinn,« erwiderte mürrisch, aber doch ausweichend der Mann, »er --
-er wollte nur Geld geborgt haben.«
-
-»Er sprach von einem Todtschlag,« flüsterte die Frau.
-
-»Bah -- Geschwätz -- laß mich mit dem Blödsinn zufrieden!« rief Bockenheim.
-»Der Kerl ist verrückt, und, wahrscheinlich ohne Centabo aus den Minen
-zurückgekehrt, hat er vielleicht hier gehört, daß ich Glück dort oben
-gehabt, und will mir nun ein paar hundert Dollars abschwindeln. Aber
-verdamm mich! er ist an den Unrechten gekommen. Wo hat er Beweise? --
-Nichts -- gar nichts -- es ist Nichts, als niederträchtige gemeine Lüge
--- weiter Nichts,« und damit verschränkte er die Arme wieder und ging mit
-raschen, unruhigen Schritten in dem so behaglich eingerichteten Zimmer auf
-und ab.
-
-Die Frau hatte, während ihr Mann sprach, keinen Blick von ihm verwandt, und
-eine unsagbare Angst ergriff ihr Herz. Aber es war nicht die Furcht, daß
-ihr Mann ein Verbrechen verübt haben, sondern die, daß es entdeckt werden
-könne, und mit leiser Stimme sagte sie endlich:
-
-»Laß uns fort von hier, Caspar -- ich habe Dich schon lange darum gebeten;
-wärst Du mir nur gefolgt.«
-
-»Ja, und eben _weil_ ich Dir gefolgt _bin_, können wir es jetzt nicht,«
-knurrte Bockenheim ärgerlich, »denn den ganzen Plunder, den ich mir
-Deinetwegen angeschafft, kann ich nicht auf den Buckel nehmen.«
-
-»So laß die Sachen hier! -- Was liegt daran? Gieb Jemand den Auftrag,
-sie unter der Hand oder auf Auktion zu verkaufen. -- Uebermorgen geht der
-Dampfer nach Panama -- übermorgen können wir weit draußen in See schwimmen
-und wieder nach Deutschland fahren, und dorthin kommt der freche Bursche
-gewiß nicht.«
-
-»Hm,« sagte Bockenheim, der, während die Frau sprach, leise vor sich hin
-mit dem Kopf genickt hatte, »das ginge vielleicht -- aber wenn er mich hier
-verklagt?«
-
-»Bah, _Du_ kennst doch die peruanischen Richter,« lachte die Frau, »und
-dann wäre es doch wahrhaftig schlimm, wenn jeder Lump da ohne Beweise,
-ohne Zeugen herkommen und einen ehrlichen Mann eines Verbrechens anklagen
-könnte, das er tausend Meilen von hier entfernt begangen haben soll. Es ist
-kein Sinn und Verstand darin.«
-
-Bockenheim war wieder eine Weile in dem Zimmer auf und ab gelaufen und
-schien noch nicht mit sich im Reinen.
-
-»Und wenn Du _meinem_ Rath folgst,« sagte die Frau, die _ihre_ Sinne
-wenigstens vollkommen beisammen hatte, »so gehst Du jetzt vor allen Dingen
-augenblicklich selber auf die Polizei und machst die Anzeige, daß ein
-mexikanischer Strolch, der wahrscheinlich davon gehört hätte, daß Du Lima
-mit dem nächsten Dampfer verlassen wolltest -- verstehst Du mich? -- zu
-Dir gekommen wäre und gesucht hätte, ein paar hundert Dollars von Dir zu
-erpressen.«
-
-»Hm -- und dann?«
-
-»Nun, dann bittest Du den Direktor oder wie der Beamte heißt, ein wachsames
-Auge auf den Burschen zu haben; denn Du fürchtetest, daß er Dir nach dem
-Leben trachte, weil Du ihn so grob abgewiesen.«
-
-»Er wird mir sagen, daß ihn das nichts anginge.«
-
-»Kommt es Dir auf hundert Dollars an?«
-
-»Nein.«
-
-»Gut, dann gieb ihm die und bitte ihn, sie unter ein paar Polizeidiener zu
-vertheilen, daß sie sich hier in der Nähe des Hauses aufhalten.«
-
-»Bah, dann steckt er sie einfach in die Tasche,« brummte Bockenheim, »ich
-müßte meine Peruaner nicht kennen.«
-
-»Und soll er denn das nicht?« rief die Frau. »Du bist wie ein kleines Kind.
-Nachher weißt Du aber doch sicher, daß er Deine Partei nimmt. -- Hab' ich
-nicht Recht?«
-
-Bockenheim lachte -- zum ersten Mal wieder an dem Morgen.
-
-»Wahrhaftig, Schatz, ich glaube, ich werd's so machen,« rief er, indem er
-seinen Panamahut von dem nächsten Stuhl nahm, »und kannst Du bis morgen
-Abend mit Packen fertig werden?«
-
-»Bis _heut_ Abend, wenn es sein muß. Der Tischlermeister Müller kann
-nachher Alles übernehmen, was hier zurückbleibt. Hast Du noch Schulden in
-Lima?«
-
-»Keinen Pfennig.«
-
-»Desto besser -- das Geld schickt er uns später an eine Adresse, die wir
-ihm aufgeben. Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.«
-
-»Und wenn der -- Schuft jetzt zurück käme?«
-
-»Wenn _ich_ mich nicht fürchte, brauchst Du doch keine Angst zu haben. Ich
-gebe Dir mein Wort, daß ich den Burschen, falls er noch einmal Lust haben
-sollte einzudringen, in sicherer Entfernung halten werde. Laß ihn nur
-kommen; unsere Leute hier im Haus werden wahrhaftig kurzen Prozeß mit ihm
-machen.«
-
-Der Mann blieb einen Augenblick zögernd an der Thür stehen, als ob er noch
-etwas sagen wollte; aber plötzlich drehte er sich scharf auf dem Hacken
-herum und schritt wenige Minuten später die Straße hinab, über die Plaza
-und dem Polizeigebäude zu.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Die Flucht.
-
-
-Der Mexikaner Felipe Corona, wie er mit Namen hieß, verließ indessen mit
-bitteren Rachegedanken das Haus des Deutschen. Aber während er die Straße
-hinab schritt, war er sich doch auch bewußt, auf wie unsicherer Basis
-die Klage ruhte, die er hier, selber ein Fremder, gegen einen in Lima
-ansässigen Mann vorbringen wollte. Und sollte er ihn deshalb im Besitz
-aller der Schätze lassen, die, wie er fest behauptete, ihm -- allein nur
-ihm gehörten? Nein! bei dem Blute des Gekreuzigten, nein. Wahrlich nicht,
-so lange seine Faust noch ein Messer führen konnte, und wenn ihm die
-Peruaner sein Recht nicht verschafften -- er biß die Zähne fest zusammen
-und schritt, finster vor sich hin brütend, die Straße hinab, wo er das Haus
-eines Advokaten wußte. Der sollte ihm helfen -- oder doch wenigstens einen
-Rath geben, wie er sich zu verhalten habe, welche Schritte er hier in dem
-fremden Lande thun müsse, um den Schuldigen zu überführen und zu strafen.
-
-Er fand den Herrn auch zu Hause, und zwar ziemlich behaglich in einer
-Hängematte liegend und eine Cigarre rauchend; was sollte er sich bei der
-Hitze anstrengen, wo er es so bequem haben konnte? Die Geschäfte mochten
-eben warten bis die Abendkühle eintrat -- oder vielleicht auch bis morgen
-früh. Die Gerechtigkeit ist blind und kann sich deshalb nicht Hals über
-Kopf in einen Strudel von Arbeiten stürzen; sie muß eben langsam und
-vorsichtig zu Werke gehen.
-
-Nach dem eintretenden Mexikaner drehte er auch kaum den Kopf, als dieser
-das kühle, luftige Gemach betrat. Der Mann trug einen Poncho, war also
-jedenfalls ein Peon oder Diener, denn ein Caballero ging nicht mehr mit
-diesem eigentlich alt-peruanischen Kleidungsstück über die Straße; es war
-völlig aus der Mode gekommen. Er brachte ihm wahrscheinlich eine Botschaft,
-und die konnte er ebenso gut liegend anhören -- ja eigentlich noch viel
-besser.
-
-»Und was wollt Ihr, =amigo=?«
-
-»Eure Hülfe oder Euren Rath, Sennor, gegen einen Schurken,« sagte der
-Mexikaner ruhig.
-
-»So? Hm -- und wie heißt der Schurke?«
-
-»Er ist ein Fremder, Don Gaspard, der aus Kalifornien mit vielem Geld
-hierher gekommen.«
-
-»So? Der Deutsche? Und was habt Ihr gegen ihn?«
-
-»Das Gold, das er mitgebracht, ist _mein_,« sagte der Mexikaner ruhig,
-»ich hielt ein Spielzelt am Richgulch in Kalifornien und verkaufte zugleich
-Waaren. Ich verdiente _viel_ Gold. Da aber die Americanos dort kein Spiel
-mehr haben wollten, trieben sie uns fort, und ich lud mein Gold und meine
-Waaren auf Maulthiere und zog nach dem Macalome hinüber, wo ich noch
-einen Bruder hatte. Mit diesem wollte ich nach Mexiko zurückkehren -- ich
-brauchte nicht mehr. Unterwegs traf ich den =Aleman=. Es sind sonst gute,
-rechtliche Leute, und wir Mexikaner verkehrten dort nur mit ihnen und den
-Franzosen. Ich freute mich, daß ich Begleitung bekam; denn ich hielt mich
-mit meinen schwer beladenen Thieren nicht für ganz sicher im Wald. Manchen
-von uns hatten die Amerikaner gemordet, und uns selber wurde es dann zur
-Last gelegt. Ich hatte mir aber den schlimmsten Feind zu meiner Begleitung
-ausgesucht. Als wir, kaum noch eine halbe Legua vom Macalome entfernt, eine
-kurze Zeit im Wald rasteten, nahm er die Gelegenheit wahr und schlug mich
-mit seinem schweren Messer über den Kopf -- hier an der Seite, Sennor, seht
-Ihr noch die kaum verharrschte Narbe. Ich brach besinnungslos zusammen, und
-er hielt mich jedenfalls für todt; ich war es auch fast. Landsleute fanden
-mich später und trugen mich in die Minerstadt, und als ich nach Wochen
-wieder zu mir kam und meinen Bruder an meinem Bett sitzend fand, war meine
-erste Frage nach meinen Thieren, meinen Schätzen -- umsonst -- man hatte
-Nichts bei mir gefunden -- gar Nichts -- der Räuber mußte Alles mit
-fortgenommen haben, Thiere, Waaren und Gold, und ich war wieder arm, wie
-ein Bettler.«
-
-»Hm -- eine verwünschte Situation,« brummte der Advokat, sich eine neue
-Cigaretta anzündend, »und Ihr wißt gewiß, daß dieser Don Gaspard derselbe
-ist, der Euch damals begleitete?«
-
-»Hört nur weiter,« fuhr der Mexikaner fort. »Vierzehn Tage brauchte ich
-wohl noch, bis ich mich vollständig erholt hatte und meine Wunde vernarbt
-war -- dann folgte ich seinen Spuren. Mein Bruder hatte mir einige Unzen
-Gold geborgt, damit wanderte ich aus, und es dauerte nicht lange, so war
-ich auf der Fährte des Mörders. In Stockton hatte er meine Maulthiere und
-Waaren verkauft und war zu Schiff nach San Francisco gefahren, und bald
-erfuhr ich, daß er nach Panama gegangen. Ich nahm Zwischendeckspassage und
-folgte ihm. In Panama ließ ich mir die Passagierlisten geben und sah seinen
-Namen nach Peru eingeschrieben. -- Ich mußte mein Geld sparen und bekam
-freie Passage als Kajütenaufwärter hierher. -- Ich brauchte in Lima
-nicht lange nach ihm zu suchen. Das Gerücht, daß er so viel Gold in den
-kalifornischen Minen gefunden, hatte ihn rasch bekannt gemacht. Ich habe
-ihn heute gesehen.«
-
-»In der That?« rief der Advokat, der sich doch jetzt für die Sache zu
-interessiren anfing, indem er sich in seiner Hängematte halb emporrichtete,
-»und was sagte er?«
-
-»Er leugnet Alles.«
-
-»Nun natürlich, versteht sich von selbst -- aber wo haben Sie Ihre Zeugen?«
-
-»Zeugen habe ich gar nicht -- wir waren allein.«
-
-»Den Teufel auch! gar keine Zeugen? Aber es hat Sie doch dort Jemand
-zusammen wegreiten sehen, oder Sie sind Anderen begegnet? --«
-
-»Allerdings -- Menschen genug; aber wer das war und wo die jetzt sind, wer
-könnte es sagen?«
-
-»Bitte, lieber Freund,« sagte der Advokat, sich jetzt in seiner Hängematte
-aufsetzend, »wollen Sie mir vielleicht vorher erklären, ob Sie über
-bedeutende Mittel verfügen, um einen längeren Prozeß durchzuführen? Hundert
-Dollars müssen vor allen Dingen einmal bei mir deponirt werden, nur um die
-ersten Ausgaben zu decken.«
-
-»Ich besitze nicht einmal mehr hundert Dollars in meinem ganzen Vermögen,«
-sagte der Mexikaner finster, »jener Schuft hat mir ja _Alles_ geraubt; aber
-wenn mir mein Recht zugesprochen wird --«
-
-»Entschuldigen Sie einen Augenblick, daß ich Sie unterbreche. Habe ich den
-Fall folgender Art klar verstanden, daß Sie von Kalifornien, _ohne_ Geld
-in der Tasche, hierher gekommen sind, um einen hier ansässigen Fremden
-anzuklagen, daß er an Ihnen in den kalifornischen Wäldern einen Raubmord
-verübt und Ihnen Alles abgenommen hat, ohne dafür weitere Zeugen und
-Beweise beibringen zu können, als Ihr Wort?«
-
-»Das ist genau so der Fall,« sagte der Mexikaner; der Advokat fiel aber
-in seine Hängematte zurück, als ob er geschossen wäre, pfiff nur leise vor
-sich hin und sah nach der Decke hinauf.
-
-»Und wollen Sie mir dazu verhelfen?« fragte der Mexikaner.
-
-»Mein sehr verehrter Herr,« sagte der Rechtsanwalt, ohne aber seine
-Stellung im Mindesten zu verändern, »vorher erlauben Sie mir denn wohl die
-Frage an _Sie_ zu richten: Halten Sie mich für verrückt?«
-
-»Aber wenn ich, was ich sage, auf die Hostie beschwören kann?« rief der
-arme Teufel. »Trag' ich denn nicht die Narbe jener Wunde, die mir sein
-schweres Messer geschlagen, auf dem Kopf?«
-
-»Reden Sie keinen Unsinn,« bemerkte der Peruaner, »als vernünftiger Mann
-müssen Sie doch einsehen, daß Sie mit der Narbe weiter Nichts beweisen
-können, als früher einmal einen Hieb über den Kopf bekommen zu haben. _Wo_
-aber das geschehen ist und durch _wen_, mögen Sie selber wohl sehr genau
-wissen, werden aber keinen Richter davon überzeugen können.«
-
-»Aber ist denn gar keine Gerechtigkeit in Peru?« rief der Mexikaner
-bestürzt aus. »Soll denn der Räuber das Gold behalten dürfen?«
-
-»Gerechtigkeit genug,« erwiderte der Advokat. »_Sie_ behaupten, das Geld
-gehöre Ihnen, _er_ behauptet, es wäre das seine. Befände sich die Summe
-in den Händen des Gerichts, so bekämen Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach,
-Beide keinen kupfernen Centabo davon. So hat es aber der Deutsche, und daß
-der _gutwillig_ etwas davon herausgeben sollte, bezweifle ich -- versuchen
-Sie's aber immerhin noch einmal, denn ohne die geringste Beweisführung
-können die Gerichte gar nicht gegen ihn einschreiten.«
-
-»Und wenn er sich weigert?«
-
-Der Advokat zuckte mit den Achseln.
-
-»Und Sie wollen sich meiner nicht annehmen?«
-
-»Lieber Freund, ich _habe_ mich Eurer angenommen,« rief der Advokat, »und
-wenn Ihr nicht ein armer Teufel wäret, so bäte ich mir jetzt eine halbe
-Unze für die Berathung aus -- aber ich will Nichts, als daß Ihr mich nun
-ungeschoren laßt, denn ich mag mit der Sache nichts weiter zu thun haben.«
-
-»Dann muß ich mir selber helfen,« knirschte der Mexikaner zwischen den
-zusammengebissenen Zähnen durch.
-
-»Das ist jedenfalls das Gescheuteste,« nickte der Advokat lächelnd vor sich
-hin, »aber auch zu gleicher Zeit ein etwas gefährliches Experiment. Seid
-Ihr kitzlich am Hals, =amigo=?«
-
-Der Mexikaner antwortete nicht; er hatte ein paar Momente schweigend vor
-sich nieder gestarrt; jetzt drehte er sich plötzlich um und schritt der
-Thür wieder zu. »=Buenos dias, Señor=,« sagte er dabei. »Vielen Dank für
-den guten Rath -- ich werde meinem Hals ganz besondere Vorsicht widmen. --
-=Dios lo paga=,« und damit verschwand er aus der Thür.
-
-»Ja wohl,« brummte der Advokat vor sich hin, »=Dios lo paga= -- wenn der
-liebe Gott alle die Wechsel acceptiren sollte, die auf ihn gezogen
-werden, wäre er nicht allein allmächtig, sondern auch allbeschäftigt. --
-Lumpengesindel! Daß der Präsident nur so viel Vergnügen daran findet, die
-Fremden ins Land zu ziehen -- wenn ich wie er wäre, hielt ich unsere Race
-rein -- dann bliebe doch auch noch etwas zu verdienen,« und sich wieder
-lang ausstreckend, gab er sich bald ganz seiner Siesta hin.
-
- * * * * *
-
-Der Mexikaner verließ das Haus, aber nicht etwa, um nach des Advokaten Rath
-einen gütlichen Vergleich mit seinem Feind zu schließen, sondern sein Glück
-noch einmal auf der Polizei zu suchen, traf es aber dort nicht glücklich,
-denn Bockenheim war schon vor ihm da gewesen, und der eine Beamte fuhr den
-armen Teufel so wild an, als ob er ihn auf der Straße gefunden hätte. Er
-sollte sich auch selber legitimiren, ehe er einen Anderen, einen bis dahin
-unbescholtenen Mann eines Verbrechens zeihen wollte, und da er das nicht
-vermochte, wurde er bedeutet, binnen acht Tagen einen Nachweis zu bringen,
-womit er sich hier ernähre, oder die Stadt zu verlassen.
-
-Damit durfte er gehen. Eine ganze Hölle aber von Wuth und Ingrimm im
-Herzen, und düsteren Gedanken folgend, wühlte seine Hand, während er über
-die Straße schritt, wild und trotzig in dem schwarzen struppigen Vollbart,
-daß ihm die Begegnenden scheu auswichen und ihm nachsahen, so lange sie ihm
-mit den Augen folgen konnten.
-
-Er befand sich auch in der That in einer verzweifelten Lage; denn was er
-hier in Peru für Schutz von den Gerichten zu erwarten hatte, davon war ihm
-eben der vollgültige Beweis geliefert worden. Und was sollte er jetzt thun?
-Den Räuber in seiner eigenen Höhle aufsuchen und niederstechen? Damit
-hätte er allerdings seiner _Rache_ genügt, aber für sich auch gar Nichts
-erreicht; denn es war nicht denkbar, daß er das Gold in seiner Wohnung
-liegen hatte. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, wie blieb ihm
-nachher Zeit darnach zu suchen? Und _wurde_ er ergriffen, so konnte die
-Warnung des Advokaten zur Wahrheit werden.
-
-Und in Güte? -- Er traute dem Deutschen nicht -- wenn er ihm aber nun
-anbot, die _Hälfte_ des Raubes ungestört und als rechtmäßiges Eigenthum
-zu behalten, mußte er da nicht mit beiden Händen zugreifen? -- Er wollte
-wenigstens den Versuch machen, und gestand er ihm selbst das nicht zu --
-dann Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und mit dem Entschluß schritt er auf das
-nicht mehr ferne Haus des Deutschen zu. -- Hier erwartete ihn aber eine
-Ueberraschung.
-
-Kaum näherte er sich der kleinen, grün lackirten Thür, die hinein führte,
-als von der gegenüber liegenden Seite der Straße ein Polizeidiener, der
-dort vor einem Bilderladen gestanden hatte, auf ihn zu kam und ziemlich
-barsch sagte:
-
-»=Compañero=, wollt Ihr einen guten Rath annehmen?«
-
-»=Como no, compañero?=« erwiderte der Mexikaner eben nicht in besonderer
-Laune, »aber ich weiß nicht, daß ich Euch schon darum gebeten hätte.«
-
-»Thut auch nicht nöthig,« lautete die Antwort. »Ihr seid doch der
-Mexikaner, wie?«
-
-»Ob ich _der_ Mexikaner bin, weiß ich nicht -- _ein_ Mexikaner bin ich
-gewiß. Weshalb?«
-
-»Oh, nur wegen einer Kleinigkeit -- wegen dem Hause da. Ich bin hierher
-gestellt, um Euch abzuweisen, wenn Ihr das _erste_ Mal kommt, und Euch
-auf die Polizei zu schaffen, wenn Ihr den Versuch zum zweiten Mal machen
-solltet.«
-
-»Aber ich habe mit dem Sennor da drinnen zu reden.«
-
-»Ja, das glaub' ich Euch wohl,« lachte der Polizeidiener, »aber _er_
-nicht mit _Euch_, und nun tragt Euren Schatten in ein anderes Stadtviertel
-hinüber, hier habt Ihr Nichts mehr zu suchen.«
-
-»Und wenn ich ihm selbst nur einen Vorschlag zur Güte zu machen hätte -- es
-wäre vielleicht in zehn Minuten erledigt.«
-
-»Er hat mir besonderen Auftrag gegeben, Euch unter gar keinem Vorwand
-zu ihm zu lassen. Was Ihr von ihm wollt, das sollt Ihr vor den Gerichten
-anbringen -- und so gehört sich's auch, also helfen Euch keine weiteren
-Redensarten, und nun =vamos nos=, denn ich möchte hier nicht länger bei
-Euch in der Sonne stehen bleiben.«
-
-»Also er verweigert jeden weiteren Verkehr mit mir?«
-
-»Na ja, nun fangt Ihr noch einmal von vorne an! Ich dächte doch wahrhaftig,
-ich hätte deutlich genug gesprochen. Laßt Ihr Euch noch einmal hier am
-Hause sehen, so werdet Ihr beigesteckt. Habt Ihr _das_ verstanden?«
-
-»Ja wohl, =amigo= -- es war nicht mißzuverstehen; also =adios= und einen
-vergnügten Abend auf der Promenade,« und damit rückte der Mexikaner seinen
-Hut und schritt rasch und trotzig die Straße hinab. --
-
-Von dem Augenblick an ließ er sich nicht wieder in der Gegend der Stadt
-blicken, ja, er mußte Lima ganz verlassen haben, da ihn keiner der
-Polizeileute selber nachher mehr zu Gesicht bekam. Bockenheim war übrigens
-gar nicht böse darüber, denn er behielt jetzt völlig freien Raum, um seine
-Vorbereitungen zu schleuniger Abreise zu treffen. Er übergab, wie ihm seine
-Frau gerathen hatte, seine ganze, ziemlich werthvolle Einrichtung einem
-bekannten Deutschen, der das dafür gelöste Geld dem ***schen Konsul
-überliefern sollte, und fuhr dann, ohne von irgend wem weiter Abschied zu
-nehmen, mit seiner Frau und seinem Gold nach Callao hinunter, von wo der
-englische Dampfer noch an demselben Tage nach Guayaquil, und von da weiter
-nach Panama abging.
-
-Das war ein wonniges Gefühl, als die Räder des mächtigen Fahrzeuges erst zu
-arbeiten begannen, der scharfe Bug die Wasser theilte und das Boot das Land
-immer weiter und weiter zurückließ, bis sie endlich draußen, weit draußen
-in See auf der blauen Tiefe schwammen.
-
-»Gott sei Dank!« murmelte er leise vor sich hin, als er vorn am Bug stand
-und mit leuchtenden Blicken die Schnelle beobachtete, mit welcher sich der
-Dampfer vom Hafen entfernte. »Gott sei Dank, und nun kann Don Felipe,
-wenn er wieder nach Lima zurückkommt, sich ein Vergnügen machen, mich dort
-aufzusuchen. Daß der Schuft auch --,« er murmelte das Uebrige nur leise
-durch die Zähne; denn selbst die neben ihm stehende Frau sollte nicht
-erfahren, nach welcher Richtung seine Gedanken abschweiften.
-
-Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine Vergnügungstour, und die
-fünf Tage vergingen den Reisenden wie im Flug. Besonders genoß aber Madame
-Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt, war sie hier vollkommen
-im Stande, die vornehme Frau zu spielen, und that das wirklich nach besten
-Kräften. Auf der spiegelglatten See und dem geräumigen Fahrzeug wurde
-natürlich Niemand krank. Damen kleiden sich trotzdem gewöhnlich an Bord
-außerordentlich einfach, denn sämmtliche Passagiere bilden ja doch, für die
-Dauer der Reise, gewissermaßen _eine_ Familie, und man ist da nicht gern
-genirt. Es befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas in der
-Kajüte -- einige davon aus den ersten Familien Lima's und Valparaiso's, auf
-einer Vergnügungstour nach Europa; aber wirkliche Toilette machten sie auf
-der ganzen Reise nicht, und gingen nur gewöhnlich in einem ganz einfachen
-Hauskleid, in dem sie sich frei und bequem bewegen konnten.
-
-Madame Bockenheim _strahlte_ zwischen ihnen; schon zum Frühstück rauschte
-sie in Seide und Spitzen unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie
-sogar mit ihrem Brillantschmuck und lächelte vergnügt vor sich hin, wenn
-die anderen Damen leise mitsammen zischelten -- war es ja doch nur der
-blasse Neid, der sie bewegte.
-
-Am fünften Tag erreichten sie Guayaquil, die südliche Hafenstadt Ecuadors;
-aber die Passagiere bekamen keine Zeit, das Land zu betreten, da sich
-der Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die für Ecuador bestimmten
-Passagiere absetzte, Andere für Panama an Bord nahm und dann augenblicklich
-wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt kaum Gelegenheit, eine
-Partie der wundervollen Früchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der
-ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit ihrem Arom erfüllten.
-
-Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord gekommen, besonders aber viel
-Kajüten-Passagiere, da eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte,
-und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen, dieselbe in einem
-anderen Theile Amerika's abzuwarten. Es fehlte dadurch fast an Bedienung
-an Bord, und besonders mußten alle Aufwärter aus der vorderen Kajüte oder
-vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen werden, um bei Tisch zu bedienen.
-Die Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein fertig wurden;
-denn viel Umstände machte man mit denen nicht.
-
-Am besten bedient waren aber, merkwürdiger Weise, die beiden Deutschen
-an Bord, Bockenheim und seine Frau; denn einer der Aufwärter, den sie bis
-Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm sich ihrer an und schien nur
-auf ihren Wink zu lauschen, um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen.
-War es, daß ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte, oder hatte er
-sich vielleicht kluger Weise eine ihm reich scheinende Familie ausgesucht,
-um dann nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld zu erhalten:
-genug, wenn er sich selbst am entferntesten Ende des Salons befand und
-Bockenheim drehte nur den Kopf, so schoß er schon herbei, um seine Befehle
-zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszuführen.
-
-Leider war der Bursche -- Peruaner oder Ecuadorianer ließ sich nicht gut
-unterscheiden, da man alle möglichen Schattirungen der Haut bei beiden
-Völkern trifft -- vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit ihm also nicht
-möglich, auch trug er um das linke Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt
-konnte man ihn nicht hübsch nennen, denn eine auffallend dicke Oberlippe
-gab seinem Gesicht einen merkwürdigen, fast unangenehmen Ausdruck. Aber er
-blieb die Gefälligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann sich dadurch
-die Zuneigung der Frau auf das Vollständigste.
-
-Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich Panama erreichten, wo die
-Passagiere in den Hôtels den Abgang der »Karavane« erwarten mußten, gab sie
-ihm selber »für gute Bedienung« ein Zwanzig-Frankenstück, und hatte dafür
-die Genugthuung, daß er ihr demüthig und dankbar die Hand küßte. Sprechen
-konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen hatte er ihnen schon
-früher einmal aufschreiben müssen. Er hieß Pablo.
-
-In Panama wurden die Reisenden einige Tage aufgehalten; denn die Eisenbahn,
-die den Isthmus kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie mußten
-deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren Weg per Maulthier
-zu Land bis dahin zurücklegen, wo sie den Chagresfluß erreichten, und dann
-ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes, und von der Strömung
-getragen, bequemer fortsetzen konnten.
-
-Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere Weg; denn amerikanisches
-Gesindel hatte in der letzten Zeit angefangen, den von Kalifornien
-zurückkehrenden und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern und
-sie zu überfallen und zu berauben. Ja sogar verschiedene Mordthaten waren
-verübt worden, so daß sich Niemand mehr allein über den Isthmus getraute,
-sondern die Reisenden, wenn der Dampfer in Panama landete, jedesmal
-geschlossene und gut bewaffnete Züge bildeten, von denen die Strauchdiebe
-dann wohl die Hände lassen mußten.
-
-So geschah es auch hier. Der Dampfer von San Francisco hätte eigentlich
-auch gerade in dieser Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da
-die vom Süden kommenden Passagiere ebenfalls schon einen ganz ansehnlichen
-Zug stellen konnten, beschlossen sie, nicht auf das Unbestimmte in dem
-überdies entsetzlich theuren Panama zu warten, sondern ungesäumt ihre
-kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen.
-
-Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft, und so arg mußten es die
-Isthmus-Räuber doch in der letzten Zeit getrieben haben, daß sich die
-Neu-Granadiensische Regierung sogar veranlaßt sah, den Reisenden als Schutz
-eine kleine Abtheilung Kavallerie mitzugeben, um ihre Truppe zu
-verstärken und sicher zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel
-Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch wenigstens zeigen, daß man
-den guten Willen hatte, Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewähren.
-Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall einer größeren Horde hätten
-sich die Neu-Granadiensischen Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange
-aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben einer Anzahl Fremder wegen
-aufs Spiel stellen?
-
-Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden, daß sie allein durch den
-Lärm, den sie machten, Achtung einflößen konnten, und mit gutem Muth
-begannen sie die Tour, die freilich schon an und für sich durch den
-weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in Mittel-Amerika genug
-des Unangenehmen bot -- ohne noch Räubern und Mördern auf der Straße zu
-begegnen.
-
-Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen, eine Ueberraschung
-bevor; denn als an dem Morgen im Hof des Panama-Hôtels die Maulthiere
-vorgeführt wurden, um beladen zu werden, meldete sich plötzlich der
-gefällige Kellner vom Dampfboot, der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so
-viel Freude und machte ihr durch Zeichen so klar, daß er ebenfalls über
-den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle, daß sie den Burschen
-augenblicklich engagirte. Ein treuer Diener war auf einer solchen Reise
-allerdings von unschätzbarem Werth, und Bockenheim, der mit Maulthieren
-nicht besonders umzugehen wußte, zeigte sich mit der neuen Acquisition
-vollkommen einverstanden.
-
-Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er sah augenblicklich die
-Packsättel der Maulthiere nach und warf den einen, der nicht ordentlich
-aufgelegt schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter liegenden
-Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere nicht wund gedrückt würden. Dann
-sprang er hinauf, um das Gepäck zu holen, und wenn Bockenheim das auch
-lieber selber besorgt hätte -- denn die kleinen Colli enthielten viel Gold
-und waren schwer -- so hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts
-zu fürchten, und der arme _stumme_ Mensch konnte auch Nichts ausplaudern,
-und schien überhaupt sehr stiller, friedlicher Natur.
-
-Durch Pablo's Hülfe gelang es ihm auch weit rascher, mit all' seinen
-Vorbereitungen zu Stande zu kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall
-gewesen wäre, und kaum eine Stunde später setzte sich der Zug in Bewegung,
-um so bald als möglich die Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Auf dem Chagresfluß.
-
-
-Es war in der That eine mühsame Tour. Wer noch nie diese tropische, dicht
-bewaldete und von ewigem Regen feucht gehaltene Wildniß durchwandert hat,
-kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die sich
-da dem Reisenden entgegenstellen und ihm überall Hindernisse in den Weg
-werfen.
-
-Die Vegetation ist unglaublich, und während Palmen und Laubhölzer ein
-anscheinend festes Dach über den Wanderer wölben, daß kein Sonnenstrahl
-wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise seine heiße Stirn
-kühlen kann, läßt es den niederfluthenden Regen in Strömen durch, denn
-jedes Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der Boden wird dadurch
-natürlich fortwährend naß und weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen
-nach allen Richtungen hin den Pfad, so daß die Maulthiere bald hier, bald
-da bis über die Knie im Morast versinken und manchmal durch die Treiber
-selber wieder herausgehoben und auf die Füße gebracht werden müssen. Und
-dabei dies oft undurchdringliche Unterholz mit dornigen Schlingpflanzen,
-breiten, nassen Blättern, Palmschößlingen und niederen Büschen, durch das
-man sich an vielen Stellen die Bahn mit dem Messer oder der =macheta= hauen
-muß, und in welchem die Thiere trotzdem überall hängen bleiben.
-
-Kein Wunder, daß man auf solchem Boden nur kleine, sehr kleine Tagereisen
-machen kann. Den Abend verbringen die total durchnäßten Reisenden dann
-unter einem von Palmblättern rasch hergestellten und sogenannten Rancho,
-unter dem sie wenigstens trocken liegen. Außerdem ist auch das Klima so
-warm, daß ihnen die Nässe selber Nichts schadet, denn Erkältungen kommen
-dort nicht vor.
-
-Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst, welchen vortrefflichen
-Begleiter die Familie Bockenheim auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo
-schien im Urwald und bei einem niederströmenden Regen unbezahlbar. Ohne
-dazu beauftragt zu sein, lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepäck
-zusammen auf einen engen Raum, legte die Decken darüber und über diese die
-Packsättel, und ging dann mit einem kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu
-diesem Zweck bei sich führte, augenblicklich daran, eine Palme zu fällen,
-die Blätter derselben dann zu spalten und nach einer passenden Stelle zu
-schaffen, wo er das Lager für seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte.
-Rasch hatte er jetzt Pfähle gehauen und in den Boden gerammt, Querhölzer
-darüber gelegt und deckte die temporäre Hütte dann mit den Palmzweigen so
-fest und dicht, daß auch kein Tropfen Regen hindurchdringen konnte.
-
-Auch weiche breite Blätter suchte er aus, um ein bequemes Lager zu
-bereiten, und schichtete sie dick unter dem Palmendach auf, so daß
-Bockenheim und seine Frau, wie sie nur erst ihr Gepäck an sich genommen
-und ihre Decken ausgebreitet hatten, so bequem und weich wie in einem Bette
-lagen.
-
-Dabei sorgte der stumme Diener für Alles, bereitete ihnen das Abendbrod,
-zog sich dann auf sein eigenes Lager am äußersten Rand des Blätterdachs
-zurück, und hatte am nächsten Morgen _ihre_ Maulthiere zuerst von allen
-beigetrieben und gesattelt.
-
-In gleicher Art verbrachten sie das zweite Nachtquartier; dieser Tagemarsch
-war aber fast noch beschwerlicher gewesen, als der erste, denn ein wahrer
-Wolkenbruch entlud sich über die Höhen und wandelte die weiche Moorerde zu
-einem flüssigen Morast, so daß einzelne Maulthiere abgeladen werden
-mußten, um sie nur wieder aus den Sumpflöchern zu befreien, in denen
-sie eingesunken waren. Natürlich hielt das die ganze Karavane auf. Die
-einzelnen Reisenden durften sie doch nicht im Stich lassen, und wenn auch
-nicht mehr weit vom Chagresfluß entfernt, konnten sie ihn doch nicht an
-diesem Abend erreichen, und mußten zum zweiten Mal im Walde lagern.
-
-Endlich am dritten Morgen kamen sie in Sicht des Stromes, und Pablo winkte
-hier seinem neuen Herrn, daß er nur bei dem Zuge bleiben solle, indeß er
-selber voraus eilte und ein Canoe für sie schaffte. Es gab allerdings eine
-Menge von Indianern in jener Gegend, die es einträglich gefunden hatten,
-sich mit dem Transport von Fremden zu befassen; aber es war doch immer
-besser, sich gleich von vornherein ein Canoe zu sichern, um nicht einmal
-der Möglichkeit ausgesetzt zu sein, in dieser Wildniß von den Uebrigen
-zurückgelassen zu werden. Jetzt nämlich, mit dem Strom vor sich, der sie in
-kurzer Zeit an die Küste bringen konnte, hätte Keiner mehr auf den Anderen
-gewartet. Es dauerte auch nicht lange, so kehrte Pablo zurück und winkte
-der Sennora, ihm nur zu folgen. Er mußte jedenfalls ein passendes Boot
-gefunden haben, säumte auch nicht lange, sondern nahm die Thiere und führte
-sie eine kurze Strecke stromauf, wo sie schon durch die dort offenen Büsche
-eine Lichtung mit einer Hütte erkennen konnten.
-
-Dicht darunter lag ein nicht sehr großes, aber bequemes Canoe, das er für
-sie gemiethet zu haben schien. Der Preis dafür war allerdings, wie er in
-den Sand schrieb, eine Unze, also sechszehn Dollars, aber auch wieder
-nicht zu viel, wenn man bedachte, wie gerade dieser Volksstamm durch den
-zahlreichen Verkehr verwöhnt worden war, hohe Preise zu fordern. Bockenheim
-zahlte es auch mit dem größten Vergnügen; denn hatten sie doch jetzt die
-beschwerliche und sogar gefährliche Landreise hinter sich, und durften also
-hoffen, bald, recht bald das Ziel ihrer Reise zu erreichen. Einmal erst an
-Bord des Dampfers, und sie waren so gut wie zu Hause.
-
-Und wie glücklich war bis jetzt Alles gegangen. Von Räubern hatten sie auch
-nicht die Spur unterwegs gesehen, noch weniger irgend eine Unbequemlichkeit
-von ihnen erlitten. Die Neu-Granadiensische Eskorte nahm hier, mit einer
-reichlichen Belohnung für die einzelnen Leute, Abschied von ihnen, um eine
-gerade stromauf gekommene Gesellschaft zurück zu eskortiren. Sie hörten
-auch hier, daß zwei Dampfer, der eine für New-York, der andere für San
-Thomas bestimmt, vor Colon lagen. Der amerikanische wartete also auf die
-=San Francisco Mail=, der westindische dagegen segelte gleich ab, und je
-eher sie deshalb hinab kamen, desto besser.
-
-Wenn die Reisenden nun aber auch kein räuberisches Gesindel unterwegs und
-auf dem festen Land getroffen hatten, so war damit die Möglichkeit noch
-gar nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne solcher Strolche auf dem
-Chagresfluß selber herumtrieben, und es blieb deshalb gerathen, die Canoes
-der verschiedenen Parteien dort ebenso zusammen zu halten, wie auf dem
-Lande ihre Maulthiere. Bockenheim wäre allerdings, da er am ersten mit
-Pablo's Hülfe reisefertig geworden, auch am liebsten voraus gefahren, denn
-der Boden brannte ihm hier unter den Füßen; Pablo selber aber rieth ihm
-durch Zeichen, zu warten, bis die Uebrigen sich ihnen anschließen konnten,
-und Mittag war es etwa, als sich die kleine Canoeflotte endlich in Bewegung
-setzte und mit der ziemlich starken Strömung rasch den Fluß hinabglitt.
-
-Der Indianer, dem das von Pablo gemiethete Canoe gehörte, saß am Steuer
-oder ruderte vielmehr im Stern seines kleinen Fahrzeuges; vor ihm, seine
-Schätze zu seinen Füßen, saß Bockenheim, dann kam Pablo, der ebenfalls ein
-Ruder führte, um sie rascher vorwärts zu bringen, und vorn im Bug hatte
-er der Sennora noch kurz vorher, ehe sie aufbrachen, von breiten
-Bananenblättern und übergebogenen Bambusstäben ein kleines Zeltdach gebaut,
-das sie gegen die Strahlen der Sonne oder etwa eintretende Regenschauer
-vollkommen schützen konnte. Allerdings hatten sich noch einige
-Reisegefährten als Mitpassagiere gemeldet, weil sie dadurch billiger
-wegzukommen hofften; Pablo zupfte aber dann jedesmal seinen neuen Herrn
-verstohlen, um ihm abzurathen, und Bockenheim selber hatte seine besonderen
-Gründe, keine fremden Menschen in sein Fahrzeug zu nehmen. So blieben sie
-denn allein und führten auch, von den beiden kräftigen Rudern vorwärts
-getrieben, bald den ganzen Zug an.
-
-Wie heiß aber die Sonne brannte -- Bockenheim briet ordentlich in ihren
-Strahlen, und der aufmerksame Diener winkte endlich dem Indianer zu und
-schrie ihn in unartikulirten Lauten so lange an, bis dieser etwas seitab in
-den Schatten der über den Strom hineinhängenden Bäume hielt. Dadurch kamen
-sie allerdings aus der eigentlichen Strömung, und andere Canoes gewannen
-ihnen den Rang ab; aber was schadete das? Sie erreichten doch noch immer
-zur rechten Zeit die Mündung und konnten indessen wenigstens bequem im
-Schatten fahren.
-
-Das Canoe aber, das Anfangs das erste gewesen, blieb jetzt mehr und mehr
-zurück. Pablo schien doch mit Maulthieren besser und geschickter umgehen
-zu können, als mit einem Ruder. Der Indianer zankte wenigstens ein paar Mal
-auf ihn ein, wenn er durch irgend ein Versehen den Bug des Fahrzeuges aus
-seiner Richtung und in irgend ein paar Zweigen oder aushängendem Holz fest
-brachte, was immer einen geringen Zeitverlust erforderte, um es wieder los
-zu bekommen. Er nahm aber solche Scheltworte ruhig und demüthig hin, und
-that nachher sein Bestes, um es wieder gut zu machen.
-
-Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber die Entfernung sollte, nach
-des Indianers Angabe, gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das
-kleine Städtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der Himmel blieb dazu klar,
-Mondschein hatten sie ebenfalls, und bei fast windstiller Luft war nicht
-das Geringste zu befürchten. Sie brauchten ja eben nur mit der Strömung
-hinabzutreiben.
-
-Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims Frau besonders, die
-nie etwas Aehnliches gesehen, ganz entzückt von der prachtvollen,
-unbeschreiblich schönen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von dem
-sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn die ziemlich steilen und
-schroffen Ufer verhinderten sie daran; aber überall über diese hinaus
-hingen die herrlichsten Festons blumengeschmückter Ranken, neigten die
-Palmen ihre gefiederten Wipfel oder schüttelten breitblättrige Bananen ihre
-zitternden Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den Chagres einmündete
-oder selbst nur ein Sumpfwasser das, aus dem niederen Land kommend, hier
-seinen Ausfluß suchte, da überbot die dort wuchernde Vegetation Alles, was
-die Deutschen bis dahin für möglich gehalten, und diese konnten manchmal
-einen Ausruf des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrücken.
-
-Wie ein kleiner, aus einem Feenmärchen herausgeschnittener Zauberhain lagen
-zuweilen solche Stellen, mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und
-von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und Lianen wie in einen Rahmen
-eingefaßt, und ein paar Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes, damit
-sie nicht zu rasch an solch' zauberschönem Bild vorübergeführt wurden.
-
-Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein Recht. Die Natur schien
-allerdings all' ihre Reichthümer hier auf diese eine Strecke verschwendet
-zu haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig und durstig geworden,
-und wenn sie auch Lebensmittel und Wein im Canoe mitführten, fehlte es
-ihnen doch an Früchten. Besonders Madame Bockenheim verlangte darnach,
-Pablo aber winkte ihr zu, sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn
-sie würden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine Hütte am Ufer kommen,
-wo sie deren reichlich fänden.
-
-Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener gewöhnt, daß sie dessen
-Zeichen so gut verstanden, als ob er mit Worten zu ihnen gesprochen hätte.
-Uebrigens wollte die Frau auch die Bestätigung, ob es an der nächsten Hütte
-Früchte gäbe, von dem Indianer hören; dieser lachte nur und nickte mit dem
-Kopf. Es mochte ihm komisch vorkommen, daß es da _keine_ geben sollte, denn
-die Leute lebten ja fast einzig und allein davon.
-
-Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen der Eingeborenen aus, die sie
-hier und da am Ufer getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern
-oder Blättern gedeckt, und nackte und halbnackte braune Gestalten bemerkten
-sie auch hie und da unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um zu
-fischen, theils um sich zu baden. Solchen Plätzen darf man aber, einen so
-romantischen Anstrich sie auch haben mögen, nicht zu nahe kommen; denn der
-Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich, und Bockenheim selber
-hatte schon genug von den kalifornischen Indianern in dieser Hinsicht
-gesehen, um kein großes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken zu
-fühlen. Außerdem durften sie sich auch nicht zu lange aufhalten, denn so
-eben verschwand das letzte Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nächsten
-Biegung des Stromes.
-
-Der Indianer sagte ihnen übrigens, daß die kleine Hütte, die sie jetzt vor
-sich sahen, die letzte am Ufer des Stromes wäre, wo sie Früchte bekommen
-könnten, da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges Land ströme.
-Pablo hatte mit seinem Ruder vorn den Bug auch schon herumgeworfen, daß
-sie jetzt gerade darauf zu hielten, und wenige Minuten später scheuerte
-derselbe den weichen Schlamm.
-
-Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe saß, hinauf gehen und Früchte holen;
-er lachte aber verlegen und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme
-Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim selber aber hatte keine
-Lust, das Canoe zu verlassen, und der Indianer wurde deshalb beordert,
-hinauf zu laufen und mitzubringen, was er rasch finden könne, auch wo
-möglich einen Trunk Milch für die Frau oder wenigstens ein paar Kokosnüsse.
-Bockenheim gab ihm dazu einen spanischen Dollar.
-
-In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht gut über die vor ihm
-Sitzenden wegsteigen, noch dazu da die Laube, unter welcher die Frau ihren
-Platz hatte, sein Aussteigen hinderte. Pablo stieß deshalb das Canoe wieder
-zurück und suchte es seitwärts an das Land zu bringen, was ihm auch endlich
-gelang. Dann sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm auch fast bis
-an die Hüfte ging, und hielt es fest, damit der Indianer rasch und leicht
-hinaus und nachher die Früchte auch bequem einladen konnte.
-
-Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet, und nur ein schmaler,
-ausgehauener Pfad führte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer gleich
-darauf verschwand, um seinen Auftrag auszuführen.
-
-Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand und den Rand des Canoes
-festhielt, drehte es jetzt so, daß es mit dem Stern oder Hintertheil mehr
-an's Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurückkehrte, augenblicklich
-seinen Platz wieder einnehmen konnte. Bockenheim, der behaglich
-ausgestreckt in dem kleinen Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifällig
-mit dem Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln verschwunden und
-die Luft dadurch kühl und labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt
-hier schien, kein Lüftchen regte sich, kein Laut wurde gehört, auch keines
-der übrigen Canoes befand sich mehr in Sicht -- sie mußten ihnen ein
-tüchtiges Stück vorausgekommen sein -- aber was schadete das? Vor morgen
-früh fuhr der westindische Dampfer schwerlich von Colon ab, oder wenn
-doch, dann lag ja doch noch der nordamerikanische dort, der jedenfalls die
-Postsäcke von San Francisco erwarten mußte. Den erreichten sie gewiß, und
-konnten dann ihre Reise mit diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland
-gab es von da ab genug, und _er_ war unter jeder Bedingung in Sicherheit.
-
-Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen alten Freund aus
-den Minen, den Mexikaner, dachte, wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie
-wüthend er sein würde, wenn er endlich erführe, daß er da draußen auf dem
-Meere schwimme. Nach Deutschland mochte er ihm dann folgen; wo sollte er
-ihn da finden? Und _wenn_ er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht
-hätte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner angenommen?
-
-Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht mehr auf den stummen
-Diener geachtet, der indessen an Bord gestiegen war, das Canoe etwas
-heranzog, dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam den Platz
-einnahm, den der steuernde Indianer vorher inne gehabt. Jetzt setzte er
-ruhig das Ruder gegen die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom
-hinaus und vom Lande ab.
-
-»Halt, Pablo,« sagte Bockenheim, ohne aber seine Stellung noch zu
-verändern, »nimm Dich in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du weißt
-nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.«
-
-Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth.
-
-»Doch, Don Gaspard,« lachte er plötzlich mit heiserer Stimme, indem er
-das Canoe mit einem einzigen kräftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die
-Strömung schießen ließ -- »vortrefflich!«
-
-»Alle Teufel!« schrie Bockenheim, in dem ersten Moment mehr davon
-überrascht, daß der Stumme sprach, als noch mit einem anderen Gedanken
-beschäftigt, indem er halb herum fuhr und sich auf seinen rechten Ellbogen
-stützte, um den also entpuppten Diener anzusehen, der aber indeß mit
-reißender Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abführte. Einen
-raschen Blick hatte dieser dabei über das untere Ufer geworfen, und ein
-triumphirendes Lächeln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr ein
-Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte keiner weiteren Vorsicht, denn
-seine Bahn war frei.
-
-»Aber Pablo!« rief Madame Bockenheim erschreckt, »der Indianer mit den
-Früchten ist ja noch auf dem Lande!«
-
-»Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard?« rief da Pablo. »Hat mich die
-Augenbinde, der abrasirte Bart und das kurz geschnittene Haar so verändert,
-daß Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der Maske des Kajütenwärters
-gespürt habt?«
-
-»Felipe!« schrie der Deutsche, während Todtenblässe seine Züge deckte,
-»Teufel!« und fast krampfhaft suchte er sich emporzurichten, um den
-rechten Arm frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen; aber
-der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder in der linken Hand lassend,
-griff er mit der rechten neben sich und faßte das dort versteckte Beil.
-
-»Räuber und Mörder!« zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen
-durch, »da nimm Deinen Lohn!« Und wie das Beil blitzschnell in die Höhe
-zuckte, fuhr es zurück und grub sich tief in die Stirn des Unglücklichen,
-der lautlos, nur mit einem dumpfen Röcheln, vornüber und zu seinen Füßen
-zusammenbrach.
-
-Einen einzigen gellenden, markdurchschneidenden Schrei stieß die Frau aus,
-die das Entsetzliche kaum begriff. Aber sie sah den Schlag, der nach ihrem
-Mann geführt wurde, hörte den dumpfen Laut, als die Waffe seine Stirn traf,
-und sank ohnmächtig auf ihren Sitz zurück.
-
-Weiter verlangte der Mexikaner Nichts, und sich um die Leiche zu seinen
-Füßen nicht mehr kümmernd, legte er das Beil wieder neben sich und ruderte
-dann, langsamer als vorher, den Fluß hinab, um die vorangegangenen Canoes
-nicht einzuholen. Nur dicht am linken Ufer hielt er sich, damit er von der
-eben verlassenen Landung nicht mehr gesehen werden konnte, und fühlte sich
-dabei vollkommen sicher, daß ihm von dort ab, ehe nicht ein Canoe
-vorüber kam, Niemand im Stande war zu folgen. Am Ufer hin, in Sumpf und
-Schlingpflanzen, wäre es unmöglich gewesen, den Weg zurückzulegen.
-
-Kaum hatte er aber die nächste Biegung hinter sich und sah die Bahn auch
-vor sich frei, als er sich nach einem Platz umschaute, an welchem er, von
-dem Gebüsch versteckt, landen konnte; denn mit der Frau durfte er natürlich
-nicht nach Colon fahren. Eine solche Stelle zeigte sich auch bald. Dicht
-unterhalb einer Schlammbank hatte sich eine natürliche kleine Bucht
-gebildet, die auch jetzt weit genug von der zuletzt verlassenen Hütte
-ablag, um dort ein Hülferufen nicht mehr zu hören. Wohl durchzuckte ihn der
-Gedanke, auch die Frau des Verbrechers unschädlich zu machen; denn war sie
-todt, so konnte sie nicht mehr als Klägerin gegen ihn auftreten -- aber
-er sträubte sich auch gegen den Mord eines Weibes -- den Verbrecher
-hatte seine Strafe ereilt -- sie selber trug keine Schuld, und rasch und
-geschickt lenkte er jetzt den Bug des Canoes mitten in die überhängenden
-Zweige hinein, und hatte es wenige Minuten später so sicher hinter dem
-Gebüsch verborgen, daß selbst ein vorbeifahrendes Canoe seinen Versteck
-nicht hätte finden können.
-
-Die Frau lag noch in ihrer Ohnmacht, und er benutzte die freie Zeit, um den
-schweren Leichnam des Deutschen ans Land zu heben und zu untersuchen. Den
-Revolver und die Brieftasche nahm er an sich, das Gold, welches er bei ihm
-fand, legte er zurück ins Canoe. Das beendet, zog er dem Ermordeten die
-oberen Kleider aus, band ihm ein Seil, das er bei sich führte, um den
-Körper, befestigte das Ende desselben im Canoe und ließ dann den Leichnam
-wieder ins Wasser gleiten, damit die Frau, wenn sie sich erholte, nicht
-seiner ansichtig würde.
-
-Das geschah indessen rascher, als er selber geglaubt, und wie furchtbar ihr
-Erwachen war, läßt sich denken. Aber die Angst lähmte ihre Zunge, denn
-sie sah sich mit dem Furchtbaren allein, und wußte nicht, was nun auch
-ihr Schicksal sein würde. Felipe bemerkte aber kaum, daß sie zur Besinnung
-zurückgekehrt sei, als er ruhig sagte:
-
-»Sennorita, Sie haben für sich Nichts zu fürchten, wenn Sie sich still
-verhalten und nicht wahnsinnig genug sind, Hülfe herbeirufen zu wollen, wo
-keine zu bekommen ist.«
-
-»Aber mein Mann -- mein Mann!« stöhnte die Arme.
-
-»Er war ein Schurke!« rief der Mexikaner finster, »und alles Gold, das er
-mit nach Peru gebracht, nur der Raub, den er _mir_ abgenommen, als er mich
-meuchlings im Kalifornischen Walde überfiel. Er hat seine Strafe erhalten
--- die Alligatoren des Chagres verzehren jetzt schon ihre Beute.«
-
-»O mein Gott! O mein Gott!« winselte die arme Frau, »und was wird jetzt aus
-mir?«
-
-»Wenn Sie mir das Versprechen geben,« sagte der Mexikaner, »daß Sie sich
-_heute_, an der Stelle auf welcher ich Sie hier aussetzen muß, vollkommen
-ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld genug geben, um Ihre
-Rückfahrt zu decken. Es ist mehr, als Ihr Mann damals für mich gethan.
-Morgen früh kehren dann die Canoes zurück, die jene Passagiere nach
-Colon gebracht haben -- die mögen Sie anrufen und um Hülfe bitten. Auch
-Lebensmittel sollen Sie da behalten, um davon zu zehren; ich habe keine
-Vergeltung an Ihnen zu üben, nur an dem Verbrecher.«
-
-»Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich allein zurückbleiben?« stöhnte
-die Frau entsetzt.
-
-»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner bitter; »halten Sie sich
-nur ein wenig vom Ufer ab, daß Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator
-zusammentreffen, dann haben Sie nichts zu fürchten; aber,« setzte er
-drohend hinzu, »wagen Sie es, auch nur _einen_ Hülferuf auszustoßen, dann
-sind Sie verloren. Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber bis
-Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon herunter zu fahren. Höre
-ich einen einzigen Laut, dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen; denn
-ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.«
-
-Noch während er sprach, hatte er die Frau ans Land geführt und ihre Sachen,
-die er recht gut kannte, aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles,
-was sich an Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war auf den Boden
-gesunken und barg ihr Antlitz in den Händen. Leise schob indessen der
-Mexikaner das Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran hängenden
-Körper hinter sich her, bis in tiefes Wasser. Die Frau regte sich nicht.
-Wenige Minuten später befand er sich draußen in der Strömung, durchschnitt
-das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so rasch ihn das Ruder
-fördern konnte, den Strom hinab.
-
-Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die Blutspuren im Canoe
-fortzuschaffen, damit diese nicht einen Verdacht gegen ihn wecken konnten.
-Das that er, während er, von der Strömung getragen, weiter trieb mit den
-dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstücken, die er nachher ins Wasser
-warf. In kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit eben einbrechender
-Dunkelheit, war er fertig und hatte sein Canoe wieder so sauber und blank
-gewaschen, daß man auch nicht das mindeste Außergewöhnliche mehr daran
-erkennen konnte. Er dachte aber gar nicht daran, sich in der Nähe der am
-Ufer zurückgelassenen Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte nur dazu
-dienen, sie einzuschüchtern, damit sie nicht vor der Zeit doch noch Hülfe
-herbeischrie und unbequeme Verfolger auf seine Fährte setzte. Jetzt hatte
-er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes der übrigen Passagiere
-auszuweichen, und in Nacht und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit
-ihnen zusammenzutreffen.
-
-Wer von diesen bekümmerte sich aber auch um andere Passagiere, noch dazu
-um die Deutschen, mit denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt? Ein
-Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York, ein anderer nach San
-Thomas zu fahren; es fragte Keiner von Allen darnach, wohin _sie_ sich
-gewandt.
-
-Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr Abends, gedachte aber nicht,
-an der Stadt anzulegen, und fragte nur einen Fischer, den er noch an
-der Mündung des Stromes mit seinen Netzen beschäftigt fand, ob er wisse,
-welcher der beiden dort südlich von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren
-werde.
-
-»=Caramba, Señor=, seht Ihr denn das nicht?« lachte der Mann. »Der eine
-raucht ja schon aus Leibeskräften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt, müßt Ihr
-machen.«
-
-Felipe verlangte nicht, mehr zu hören; er legte sich scharf ins Ruder, und
-war bald langseit des Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepäck an
-Bord zu nehmen hatten, nicht wenig über das _Gewicht_ der beiden kleinen
-Koffer wunderten. Aber Niemand fragte ihn, woher er käme, oder achtete
-darauf, daß er vorn ins Zwischendeck ging und dort seine Passage nahm. Nur
-bei dem Clerk des Dampfers mußte er sich melden und diesem die Fahrt nach
-San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte, zahlen.
-
-Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle für die Kajüte, Keiner von
-Allen kam nach vorn, und als um zwölf Uhr die Räder anfingen zu arbeiten,
-der schwere Anker aus der Tiefe kam, saß Felipe in Sicherheit vorn auf der
-Back des Fahrzeuges und schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach
-der Mündung des Chagresflusses, der sein Opfer barg, hinüber.
-
-Am nächsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung; denn ein Indianisches
-Canoe war mit der Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei
-augenblicklich auf den Füßen -- aber zu spät. Der nordamerikanische Dampfer
-sollte San Thomas anlaufen, um den Verbrecher dort aufzuspüren, aber der
-Kapitän weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine Zeit einhalten
-mußte und sich nicht tagelang aus dem Wege fahren konnte. Die Frau wollte
-er nach New-York mitnehmen, weiter konnte er nichts für sie thun.
-
-Es hätte ihnen auch Nichts genützt; denn vor San Thomas kreuzen, sobald der
-englische Dampfer anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge
-nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach Venezuela ab; und wer hätte
-nachher sagen können, welches von allen der Flüchtige benutzt hatte, um vor
-der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner Spur abzubringen? Er
-war fort und in Sicherheit mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers
-kehrte später mit dem kleinen Kapital, das sie in ihrem eigenen Koffer
-geborgen, nach Deutschland zurück. Allerdings gewann sie noch eine Summe
-aus dem Erlös ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner gelassen, oder an die
-er wohl nicht einmal gedacht, und nahe an tausend Thaler lieferte auch
-noch die später in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders hatte sie
-geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten!
-
-Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung noch nicht auf, den Mörder zu
-erreichen. Augenblicklich machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte
-in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln, bekamen bestimmten Auftrag, nach
-demselben zu forschen, daß man nur erst einmal seinen Aufenthalt erfuhr.
-Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar nicht wieder nach Mexiko
-zurückgekehrt war? Seine Spur wurde nie wieder aufgefunden.
-
-
-
-
-Ein =prize-fight= oder Boxerkampf in Cincinnati.
-
-
-Als ich nach Cincinnati kam, beschäftigte die dortige Presse in dem
-Augenblick fast einzig und allein ein in den nächsten Tagen abzuhaltendes
-Preisboxen, das zwischen zwei berühmten Boxern Jones und McCoole
-stattfinden sollte. Wahlen, indianische Ueberfälle im Westen, Alles war in
-dem einen, zu erwartenden Genuß vergessen, und dabei wurde diese von den
-Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit einer so naiven Oeffentlichkeit
-betrieben, daß es besonders den Fremden in Erstaunen setzen mußte. Ueberall
-klebten die Zettel, die mit der Abbildung beider Kämpfer zur Theilnahme
-aufforderten, und Jones besonders, von dem man wußte oder wissen wollte,
-daß er die =science of the art= auf das Gründlichste verstehe, gab schon
-vorher eine Art von Vorstellung in der »Mozart-Halle,« die dann auch bei
-dichtgedrängtem Hause stattfand.
-
-Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden weiße und lila Bänder
-verkauft (der Preis für ein lila Band für den inneren Ring =à= 7 Dollars),
-die zugleich für freie Passage auf dem Extrazug galten. Aber Niemand wußte,
-wo der Kampf stattfinden sollte, als die wenigen Eingeweihten, und die
-Polizei mußte jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber
-augenblicklich wieder auf Bürgschaft entlassen wurde, als er sich
-verbindlich machte, den Frieden des Counties, in welchem Cincinnati lag
-(=Hamilton county=) nicht zu stören. Ueber die Grenzen desselben hinaus
-hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wußte man, daß der Preiskampf
-nichtsdestoweniger an der Grenze stattfinden würde, aber Niemand natürlich,
-nach welcher Himmelsrichtung, und man ließ der Sache eben ihren Lauf, ja
-kehrte sich sogar nicht daran, als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von
-jedem Theilnehmer gekannt waren.
-
-Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden und fünfzehn jener
-riesigen amerikanischen Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den
-Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber fast drei Uhr, ehe der Zug
-abging, und die Wägen fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht
-allein die Sitze waren überfüllt, nein in jedem Wagen standen auch
-überdieß noch 25-30 unglückliche Individuen, von denen Viele wohl die ganze
-vorherige Nacht durchgeschwärmt hatten und vor Müdigkeit nicht mehr die
-Augen aufhalten konnten.
-
-Der Zug konnte nicht rasch vorrücken, denn der Verkehr auf der Bahn ist ein
-sehr starker, und nur zu oft mußten wir halten, um regelmäßige Züge, die
-sich eben so regelmäßig verspätet hatten, durchzulassen. Endlich nach sechs
-Uhr erreichten wir den Platz -- ein kleines, parkartiges Gehölz, das zu der
-Farm eines Baptistenpredigers gehörte und zu dem Zweck von ihm gemiethet
-war. Einige der Passagiere wunderten sich darüber, daß der Geistliche
-sein Grundstück zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen Boxerkampf
-hergeben sollte, Andere aber vertheidigten ihn wieder und behaupteten, er
-würde keineswegs gewußt haben, wozu man es gebrauchen wolle. In Amerika ist
-aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu verdienen, Alles möglich, und so
-gut wie jetzt die Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf zehn Jahre
-an einen deutschen Wirth verpachtet haben, um für diese Zeit eine Bierhalle
-daraus zu machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine Gehölz
-einmal auf ein paar Stunden für einen Schauplatz roher Brutalität
-vermiethen und sicherlich nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen.
-
-Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da, und kaum hielt nun der Zug, als
-das wilde blutdürstige Volk schon wie ein Schwarm von den Wägen hinabsprang
-und sich über die unter ihm zusammenbrechende Fenz warf, um einen »guten
-Platz« zu bekommen und den Kämpfenden so nahe als irgend möglich zu sein.
-Ja, damit waren Viele noch nicht einmal zufrieden, und wie sie nur das
-kleine Gehölz erreichten, suchten schon Hunderte an den nächsten Bäumen
-emporzuklettern, um von denen aus keinen Moment des »interessanten Kampfes«
-zu versäumen. Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht
-zu ersteigende Bäume waren im Nu mit Menschen gefüllt, die oft in
-lebensgefährlicher Weise bis in die äußersten Zweige hinauskletterten
-und dort hängen blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr fanden,
-versuchten sich an dickeren Bäumen, und Manche entwickelten dabei eine
-erstaunliche Fertigkeit. Wehe aber dem armen Teufel, dessen Kräfte
-unterwegs nachließen -- Aller Augen, da es noch weiter nichts zu sehen
-gab, hingen an ihnen, und wie sie nur hielten, ertönten schon spöttisch
-ermuthigende Zurufe, die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten,
-sobald der Unglückliche, mit hochhinaufgerutschten Hosen, seinen nicht mehr
-zu verheimlichenden Rückweg begann.
-
-Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten Ring aufzuschlagen,
-was aber durch die augenblicklich herbeidrängenden Menschen zur
-Unmöglichkeit wurde. Außerdem war der Boden hart und trocken und die Pfähle
-ließen sich nur sehr schwer eintreiben. Es dauerte auch in der That
-eine volle Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur so weit
-zurücktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff zu nehmen, und weder
-Vernunftgründe noch Gewalt schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen
-wollten sie -- Alles sehen, wofür sie ihr Geld bezahlt, und nur erst, als
-sie doch wohl einsahen, daß in solcher Weise der Kampf nie stattfinden
-könne, gaben sie endlich nach.
-
-Die Pfosten wurden etwa 12 Fuß von einander eingetrieben, so daß sie ein
-etwa 18 Fuß im Quadrat haltendes Viereck umschlossen, und dann mit festen
-Tauen so gut als möglich zusammengeschnürt. Die Taue mußten auch dazu
-dienen, die Kämpfer, wenn sie dagegen geworfen würden, aufrecht zu halten.
-
-Dicht -- so dicht als möglich um das Viereck lagerten aber die Zuschauer,
-und da sich etwa 3000 von diesen auf dem Plan befanden, so wäre es später
-für die hinten Stehenden nicht möglich gewesen, auch nur einen Blick in den
-Ring zu werfen. Dafür mußte Abhülfe geschafft werden, und es begann jetzt
-von Neuem die sehr undankbare Arbeit, die Menschenmasse, die sich sicher
-im Besitz eines guten Platzes fühlte, wieder eine ganze Strecke
-zurückzutreiben und nicht allein einen größeren Kreis, sondern auch einen
-freien Platz um den Ring zu bekommen.
-
-Auch dieß geschah endlich, nachdem ein Zeitungsredakteur, von Chicago,
-glaub' ich, der besonders zu dem Zweck hierher gekommen, eine Rede an das
-»Volk« gehalten und ihm damit gedroht hatte, daß der Kampf (=the fight=)
-unter keinen Umständen stattfinden könne, wenn sie nicht den Anordnungen
-der Kommission Folge leisteten. Widerstrebend gaben sie endlich Raum, aber
-nur Zoll für Zoll, bis sie endlich etwa zehn Schritt freie Bahn zwischen
-sich und dem Kampfplatz hatten. Dann wurden die ersten fünf bis sechs
-Reihen beordert, die Ersten sich zu lagern, die Anderen zu knieen, und
-wenn dann die Hintersten aufrecht standen, konnte jeder an dem Genuß Theil
-nehmen.
-
-Bis dahin war es etwa zehn Uhr geworden und das Publikum hatte, einzelne
-kleine Zwischenfälle abgerechnet, gar kein Vergnügen, denn die Kampfrichter
-konnten sich noch nicht über einige Formalitäten einigen. Für Zwischenfälle
-sorgten aber die auf den Bäumen sitzenden Zuschauer, denn mehr und
-mehr kletterten hinauf, und hie und da knackte ein Ast, was die dadurch
-Bedrohten zwang, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Ein paarmal brach auch
-ein zu sehr beladener Ast und die darauf Sitzenden stürzten dann, zum
-Jubel der ganzen Versammlung, auf den Boden nieder -- glücklicherweise ohne
-ernstlichen Unfall.
-
-Auch einige Streitigkeiten kamen vor, denn die Herren in den Bäumen kauten
-sehr natürlich, nach amerikanischer Sitte, Tabak und mußten ausspucken, und
-das konnte eben so selbstverständlich nur nach unten geschehen. Von unten
-wurde dann hinaufgedroht und von oben heruntergelacht, und die Sache blieb
-beim Alten.
-
-Endlich -- es war fast elf Uhr geworden -- gerieth die Menge in Bewegung.
-»Sie kommen!« so lief der Ruf durch die Versammlung, und nach kurzer Zeit
-erschien einer der Kämpfer auf dem Schauplatz. Schon ehe er denselben
-erreichte, warf er, nach alter Boxersitte, seinen runden Hut voran und
-hinein, und ein Jubelschrei begrüßte ihn. Es war der Engländer Jones,
-eine breitschultrige, derbknochige, aber gemein aussehende Gestalt, doch
-anständig gekleidet und nur mit einem breiten, ausdruckslosen und jetzt
-augenscheinlich bleichen Gesicht und kleinen Augen. Er schien grüne
-Handschuhe zu tragen.
-
-Ohne Aufenthalt kroch er unter den Tauen durch in den »=ring=« und nahm,
-da er die Wahl der Ecken hatte, seinen Platz in der einen, oberen, wo schon
-ein Stuhl für ihn bereit gestellt war. -- Auch seine beiden Sekundanten,
-allem Anschein nach der untersten Schicht der Gesellschaft angehörend,
-kamen jetzt herzu, und nachdem sie sich die bezeichnenden seidenen Binden
-um die Hüften gelegt, als Zeichen, welcher Partei sie zugehörten, hielt der
-Eine von ihnen einen ausgespannten Regenschirm über Jones, um ihn gegen die
-Strahlen der schon ziemlich heiß brennenden Sonne zu schützen. -- Es war
-ein rührendes Bild.
-
-Jetzt aber brach ein wilder Jubelsturm los, denn ein guter Theil der
-Anwesenden schien dem irischen Volksstamm anzugehören, und der Hut
-McCoole's, des Iren, flog wirbelnd in den Ring, während die riesige Gestalt
-desselben keck und wie siegesgewiß demselben folgte und seine Freunde
-lächelnd begrüßte.
-
-Ich selber zweifelte in dem Augenblick keinen Moment mehr, wer von Beiden
-Sieger des heutigen Tages bleiben würde -- Jones oder McCoole.
-
-Der Ire nahm die andere Ecke ein. Es war eine hohe, mächtige Gestalt, über
-sechs Fuß, mit breiter Brust, aber einem rohen, wüsten Ausdruck in den
-Zügen. Er ging in einen dicken Rock fest eingeknöpft und hatte noch
-außerdem, und trotz der Hitze, einen wollenen Shawl um den Hals geschlagen.
-
-Auch seine beiden Sekundanten gesellten sich, unter den nämlichen
-Vorbereitungen, zu ihm und Beide verharrten dann wohl volle zehn Minuten,
-vielleicht länger, in ihrer Stellung, nur dann und wann Einer nach dem
-Andern einen verstohlenen Blick hinüber werfend, um die Chancen des Kampfes
-vielleicht zu berechnen.
-
-Endlich warf Jones seinen Rock ab und löste sich das Halstuch, welchem
-Beispiel gleich darauf sein Gegner folgte. Die Sekundanten waren dabei
-beschäftigt, ihnen die Schuhe aus- und ein Paar Halbstiefeln anzuziehen,
-an denen sich, wie bei Steigeisen, scharfe Spitzen befanden, um ihr
-Ausrutschen auf dem Rasen zu verhindern.
-
-Wieder eine kurze Pause. McCoole hatte ein paar Worte mit seinen
-Sekundanten gewechselt und die Kampfrichter wurden auf die grünlichen Hände
-Jones' aufmerksam gemacht, die man Anfangs für mit Handschuhen bedeckt
-angesehen hatte. Es scheint, daß McCoole den Verdacht geäußert, sie könnten
-mit einer giftigen Substanz versehen sein. Jones wurde deßhalb von dem
-vorhandenen Arzte, nachdem dieser sie berochen -- was genau so aussah, als
-ob er dem Preisboxer die Hand küßte -- aufgefordert, daran zu lecken. Er
-that das auch lächelnd und mit so augenscheinlich gutem Willen, daß jeder
-Verdacht schwinden mußte. Es war nur eine bei Preisboxern nicht seltene
-Gerbestoffmasse, mit welcher er die Hände angestrichen hatte, um die Haut
-fester zu machen und sie bei einem schweren Schlag nicht so leicht zu
-gefährden.
-
-Jetzt wurden den beiden Kämpfern die Beinkleider ausgezogen, unter denen
-sie kurze Hosen und lange Strümpfe trugen. Und nun erst erhob sich Jones
-und dann McCoole, warfen ihre Oberhemden ab und zeigten die breite nackte
-Brust, wie den muskulösen Bau der Schultern.
-
-Jones' Oberkörper war weiß und glatt, auch mehr fleischig, McCoole dagegen
-mit dichten schwarzen Haaren bedeckt, und so standen sie sich einen
-Augenblick gegenüber. Dann plötzlich schritt McCoole auf den Gegner zu und
-reichte ihm die Hand, die dieser nahm und hielt, während die Sekundanten
-jetzt auch ihrerseits die Hände über denen der Gegner kreuzten, so daß die
-Sechs zusammen für wenige Sekunden in einem Ring standen. Der aber löste
-sich sehr bald wieder, und jetzt rückte der eigentliche Moment heran, dem
-heute ja Alles entgegenstrebte: der wirkliche Kampf.
-
-Beide Gegner waren noch einen Moment zu ihrem alten Stand zurückgetreten,
-jetzt schritt McCoole langsam wie ein Bär aus seiner Höhle vor und rascher
-folgte Jones seinem Beispiel. Der Letztere hielt aber ein kleines Packet
-Banknoten, sogenannte Greenbacks, in der Hand und forderte jetzt McCoole
-keck heraus, hundert Dollars gegen die seinigen zu setzen, daß er ihn
-zuerst zu Boden schlagen würde.
-
-McCoole erwiederte kopfschüttelnd, daß er kein Geld mehr habe, einer der
-Zuschauer aber nahm die Wette auf und das Geld wurde deponirt.
-
-Mir gefiel Jones' ganzes Auftreten nicht. Selbst die anscheinende
-Zuversicht, mit welcher er die Wette anbot, kam mir so vor, als ob
-Jemand aus lauter Verlegenheit lacht. Aber es blieb keine Zeit, weitere
-Beobachtungen zu machen, denn die Sache wurde Ernst. Die Sekundanten hatten
-Beiden noch einmal Brust und Arme abgerieben, etwa genau so, wie man ein
-Pferd abreibt, um seinen Muskeln mehr Geschmeidigkeit zu geben, und jetzt
-wurden sie, wie bissige Köter, gegeneinander losgelassen.
-
-McCoole schien sich dabei mehr auf die Vertheidigung zu halten; er hatte
-wahrscheinlich zu viel von Jones' Kunstfertigkeit und Gewandtheit gehört
-und wollte sich nicht leichtsinnig einer Gefahr aussetzen, während Jones
-dagegen augenscheinlich bemüht war, den ersten Schlag anzubringen. Den
-führte er auch, aber McCoole parirte ihn. Beide gaben dabei ihren
-Armen freies Spiel, jetzt zu einem Scheinangriff ausfallend, jetzt
-zurückweichend, bis Jones eine Blöße McCoole's zu benützen suchte. Aber
-er hatte sich darin geirrt; der Schlag glitt ab und wurde rasch erwiedert,
-Jones parirte auch diesen und holte wieder aus, als McCoole's rechte
-Eisenfaust ihn gegen das linke Auge traf und wie einen Sack zu Boden warf.
-
-Ein wahres Jubelgeheul machte die Luft erbeben. Im Nu aber sprangen die
-Sekundanten hinzu und hoben nicht allein Jones auf, um ihn zu seinem Stuhl
-zu tragen, nein, thaten auch das Nämliche mit dem völlig ungeschädigten
-McCoole, der es sich ruhig gefallen ließ. Beider Gesicht wurde dann rasch
-mit kaltem Wasser abgewaschen, Jones schon mit Blut unterlaufenes Auge
-besonders aufmerksam, und während das der Eine that, schob der Andere
-seinem Kämpfer etwas in den Mund, das wie ein Schwamm aussah und vielleicht
-etwas Stärkendes oder Erfrischendes enthielt. Es wurde ihnen auch nicht
-viel Zeit dabei gelassen, denn die Pausen zwischen den einzelnen Gängen
-oder =rounds= dürfen den hierbei gültigen Gesetzen nach nur genau
-30 Sekunden dauern, wozu ein Mann mit einer Sekundenuhr in der Hand
-fortwährend neben dem Kampfrichter steht. Wer von den Kämpfern nach
-30 Sekunden nicht wieder in der Arena steht, wird als besiegt erklärt --
-und wie rasch vergehen 30 Sekunden!
-
-Jones stand zur bestimmten Zeit wieder auf den Füßen und McCoole gegenüber,
-aber es sah so aus, als ob er scheu geworden wäre, und er zeigte sich
-jedenfalls lange nicht so geneigt mehr, als beim ersten Gang, mit dem
-gefährlichen Gegner anzubinden. Desto weniger Zeit aber verlor McCoole und
-nach kaum einer halben Minute, in welcher Jones ein paarmal auswich, konnte
-er sich zuletzt nur dadurch vor einem gefährlichen Schlag des Iren retten,
-daß er sich wieder rasch zu Boden warf.
-
-Neues Geheul und stürmischer Jubelruf von allen Iren und Denen, die auf
-McCoole gewettet hatten, erfüllte die Luft, und wieder wurden beide Kämpfer
-zu ihren verschiedenen Sitzen zurückgetragen und genau so behandelt als
-vorher -- wieder standen sie sich 30 Sekunden später kampffertig gegenüber.
-Aber es war jetzt kaum noch ein Zweifel, wer von ihnen Sieger bleiben
-müsse. McCoole ging scharf und keck vor, Jones hatte alle Zuversicht
-verloren und nur noch eine Hoffnung -- nämlich die, durch ein paar
-kunstgerechte Schläge die Augen des Gegners zu treffen, wonach er diesen
-dann leicht so lange aufhalten konnte, bis das Anschwellen der weichen
-Theile um die Augen ihn zeitweilig erblinden machte. Aber darin hatte er
-den Nachtheil, daß er wenigstens fünf Zoll kleiner als sein Gegner war und
-deßhalb zu hoch mit seinen Armen hinauflangen mußte. Als er so in die Höhe
-reichte, erhielt er einen furchtbaren Schlag in die Seite, der ihm zwei
-Rippen knickte, und nun war es vorüber. Noch viele Gänge hatten sie,
-und einmal ermannte sich Jones, hielt Stand und versetzt McCoole einen
-entsetzlichen Schlag gegen die rechte Seite des Kopfes, der auch aus seinem
-Auge Blut brachte, aber McCoole schlug ihn gleich dafür wieder zu Boden und
-weigerte sich sogar, von dem Kampf erregt, getragen zu werden. Er schritt
-selber leicht zu seinem Stuhl zurück.
-
-Noch erhielt Jones, der Muth und Kraft verloren hatte, einen Schlag gegen
-den Körper, der genau so klang, als ob man mit einem Hebebaum auf einen
-Wollsack schmetterte, aber es bedurfte dessen kaum noch, denn bei ein paar
-Gängen mußte er sich zu Boden werfen, ohne nur berührt zu sein, um einem
-furchtbaren, nach ihm gerichteten Schlag auszuweichen. Hatte er doch die
-Kraft verloren, ihn zu pariren. Es war dann ein scheußlicher Anblick, wenn
-der überdieß nicht hübsche Bursche, mit den blutunterlaufenen Augen und
-bleichen Zügen, aber lächelnd zu seinem Sieger aufblickte, als ob er sagen
-wollte: Siehst Du wohl, dießmal bin ich Dir doch noch ausgewichen. Aber
-McCoole blickte nur verächtlich auf ihn nieder und schritt zu seinem Stand
-zurück, denn kein Schlag darf geführt werden, wenn der Gegner am Boden
-liegt.
-
-Noch zwei Gänge und der entscheidende Schlag fiel. Jones war
-augenscheinlich zur Verzweiflung getrieben. Er fühlte, daß er nicht lange
-mehr aushalten könne, und machte einen verzweifelten Angriff auf den Iren.
-Das aber bekam ihm schlecht. McCoole war auf seiner Hut und ein Schlag
-gegen den Hals oder untern Theil des Gesichts -- es ließ sich das in der
-Schnelligkeit nicht so genau bestimmen -- schmetterte Jones mit solcher
-Gewalt zu Boden, daß ihm der Kopf auf die Seite sank.
-
-Er wurde augenblicklich wieder auf seinen Stand getragen, aber er war nicht
-im Stande, sich in der kurzen Frist von 30 Sekunden zu ermannen, hatte auch
-vielleicht, den Hieben gegenüber, keine besondere Lust dazu. Dreißig --
-fünfunddreißig Sekunden verflossen, und jetzt schmetterte das Siegesgebrüll
-der Irländer durch die Luft, und Alles sprang jauchzend in den Ring, um den
-Sieger zu begrüßen -- oder auch vielleicht um zusehen, wie er seinen Gegner
-zugerichtet habe.
-
-Viele stimmten freilich nicht mit in das Siegesgeschrei ein, und zwar aus
-dem sehr triftigen Grunde, weil sie bedeutende Summen -- man sprach sogar
-von _sehr_ bedeutenden, die gewettet worden -- verloren hatten. So soll
-ein Mann allein über 50,000 Dollars auf ihn verloren haben. Nur die
-Gleichgültigen eilten, so rasch sie konnten, nach den schon ihrer harrenden
-Wagen des Extrazugs zurück, um Sitzplätze zu bekommen und die Stehplätze
-dießmal Denen zu überlassen, die hoch oben in den Bäumen saßen und nicht
-so rasch heruntergleiten konnten, und nach kaum einer halben Stunde setzte
-sich der Zug langsam wieder in Bewegung.
-
-Vorher war aber schon der wieder zum Bewußtsein gekommene Jones in einen
-Wagen gesetzt worden und abgefahren, und als wir nach etwa zehn Minuten
-wieder hielten, überholten wir diesen. McCoole selber war mit im Zug, aber
-er stieg aus und ging zu Jones' Wagen, in welchem dieser mit verbundenem
-Kopf saß, und reichte ihm dort hinein die Hand.
-
-Zugleich ging im Zug das Gerücht um, daß Jones selber eine ziemlich große
-Summe bei dem Kampf gewettet und verloren habe, und daß man unterwegs für
-ihn sammeln würde. Es dauerte auch nicht lange, so kam McCoole selber, das
-breite, gemeine Gesicht wohl etwas geschunden, aber sonst allem Anschein
-nach völlig unverletzt, durch unsern Waggon. Vor ihm ging einer seiner
-Sekundanten, ein Papier in der Hand, um zu Unterschriften aufzufordern,
-hinter ihm McCoole mit seinem schwarzen breitrandigen Hut in der Hand, um
-kleinere Gaben gleich einzukassiren. Aber der Erfolg scheint kein besonders
-glänzender gewesen zu sein, -- wer auf Jones gewettet und verloren hatte,
-fand seinen Geldbeutel schon genug in Anspruch genommen. Wer gegen ihn
-gewonnen, gab wohl etwas, und eine kleine Summe kam dadurch zusammen. Es
-ist auch in der That eine starke Zumuthung, einem besiegten Preisboxer noch
-Almosen zu geben; die giebt man doch lieber einem braven, hülfsbedürftigen
-Arbeiter.
-
-So endete dieser wirklich berühmte Zweikampf, der auch in der That einiges
-politische Interesse hatte, da er, in damaliger Zeit gerade, zwischen einem
-Irländer und Engländer stattfand und dadurch schon die Sympathieen der
-Amerikaner für den Iren erweckte. Welchen Antheil man aber daran nahm, geht
-schon daraus hervor, daß der Kampf etwa 16 Minuten nach elf Uhr zu Ende kam
-und um zwölf Uhr -- ja noch einige Minuten früher -- schon die Zeitungen
-ausgegeben und von Jungen durch die Straßen geschrieen wurden, in welchen
-ein zwar flüchtiger, aber doch wahrer Bericht über den Kampf gedruckt
-stand. Hatte man doch zu dem Zweck einen Telegraphenapparat mit dem
-Draht dort in Verbindung gebracht, um auch nicht einen Augenblick Zeit
-zu verlieren, die werthvolle Nachricht zu verbreiten und einem Jeden
-zugänglich zu machen.
-
-Mir selber war das ganze Schauspiel, als überhaupt etwas Neues und in den
-Zweck meiner Reise einschlagend, interessant genug, aber es ist jedenfalls
-ein Beweis großer Brutalität, etwas Derartiges mit solchem Pomp und
-Spektakel und solchen Vorbereitungen zur Schau zu tragen. Uebrigens zeigten
-die Deutschen in Cincinnati deutlich genug, daß sie keine Freude an einer
-solchen Bestialität finden, denn nur sehr Wenige waren draußen, und ich bin
-auch ziemlich fest überzeugt, daß keiner von ihnen einen Cent auf solche
-Menschenschinderei gewettet hat.
-
-
-Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
-hervorgehoben.
-
-Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert, sowie
-gegebenenfalls "«," geändert in ",«".
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Camin" -- "Kamin",
-"Canoe" -- "Kanoe", "erwiderte" -- "erwiederte", "Fourche-la-Fave" --
-"Fourche la Fave" -- "Fourche-la-fave", "Jayhawker" -- "Jay-hawker",
-"Palissaden" -- "Pallisaden", "Partei" -- "Parthei", "Petite Jeanne" --
-"Petite-Jeanne", "Señora" -- "Sennora", "Señor" -- "Sennor", "wonach" --
-"wornach",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 6:
- "Missisippi" geändert in "Mississippi"
- (vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung)
-
- Seite 13:
- "," eingefügt
- (rief der Major, »Sie reden gerade)
-
- Seite 22:
- "." eingefügt
- (seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging)
-
- Seite 26:
- "enfernteste" geändert in "entfernteste"
- (auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt)
-
- Seite 34:
- "Furche-la-fave" geändert in "Fourche-la-fave"
- (Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit)
-
- Seite 40:
- "zn" geändert in "zu"
- (von den Frauen selbst verhöhnt zu werden)
-
- Seite 40:
- "," eingefügt
- (rief der alte Mann,)
-
- Seite 47:
- "bisjetzt" geändert in "bis jetzt"
- (die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen)
-
- Seite 50:
- "Bushwacker" geändert in "Bushwhacker"
- (bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen)
-
- Seite 57:
- "peischte" geändert in "peitschte"
- (Während man sie dann peitschte)
-
- Seite 60:
- "," eingefügt
- (gegen Little Rock marschirt, um sich dort)
-
- Seite 113:
- "." geändert in "?"
- (oder wer ist sonst noch bei Dir?)
-
- Seite 122:
- "könnne" geändert in "können"
- (und dort nach Belieben wirthschaften können)
-
- Seite 126:
- "erkärten" geändert in "erklärten"
- (von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker)
-
- Seite 132:
- "Boyle's" geändert in "Boyles'"
- (kehrten sie nach Boyles' Farm zurück)
-
- Seite 133:
- "," eingefügt
- (»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,«)
-
- Seite 133:
- "," hinter "man" entfernt
- (Revolverpatronen kann man ein paar Stunden)
-
- Seite 138:
- "." geändert in "?"
- (Was ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?)
-
- Seite 168:
- "ententgangen" geändert in "entgangen"
- (ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen)
-
- Seite 186:
- "," eingefügt
- (Er sah, wie sein Opfer noch einmal)
-
- Seite 192:
- "." eingefügt
- (und hielt mit seiner Arbeit inne.)
-
- Seite 196:
- "," eingefügt
- (die wenigen Hinterbliebenen, ihre Ernährer und)
-
- Seite 223:
- "." eingefügt
- (und sie dann, augenscheinlich befriedigt, neben sich legte.)
-
- Seite 265:
- "einen" geändert in "einem"
- (dann zog die Mannschaft mit einem)
-
- Seite 273:
- "," eingefügt
- (und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen König)
-
- Seite 280:
- "Sie" geändert in "sie"
- (lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den)
-
- Seite 305:
- "," hinter "gerathen" entfernt
- (Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein)
-
- Seite 314:
- "." eingefügt
- (Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.)
-
- Seite 329:
- "mi" geändert in "mit"
- (und die Luft mit ihrem Arom erfüllten)
-
- Seite 344:
- "Biättern" geändert in "Blättern"
- (mit Palmfasern oder Blättern gedeckt)
-
- Seite 353:
- "," eingefügt
- (»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner)]
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Dritter Band, by
-Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND ***
-
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
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