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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Das zweite Gesicht - Eine Liebesgeschichte - -Author: Hermann Löns - -Release Date: July 2, 2017 [EBook #55033] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ZWEITE GESICHT *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - -[Illustration] - - - - - Hermann Löns - - [Illustration] - - Das zweite Gesicht - - Eine Liebesgeschichte - - Sechzehntes bis dreiundzwanzigstes Tausend - - Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1917 - - - - -Vorspuk - - -Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind -angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in der Nase, so daß sie -niesen mußte, und davon wachte sie auf. - -Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang auf, schüttelte ihre Röcke -zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über eine -Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung sei und ob die -Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände auf die strammen Lenden, -wiegte den Kopf hin und her, lächelte, summte eine frische Weise vor -sich hin und tanzte los. - -Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß der feuerrote -Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen Bindebänder an der -goldenen Haube nur so flogen; so schön war das anzusehen, daß dem -dürren Moose, dem mürben Wollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz -sonderbar zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu sehen: -die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen Strümpfe mit -den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder und was es sonst noch -gab. Darum verliebte sich alles, über dem der rote Rock und das weiße -Hemd sich drehte, so sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, -sogar der stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den -strammen Waden packte, juchte die Brennhexe auf und sprang ein Ende -weiter. - -So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da; aber -sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps war sie -schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging es da ebenso, wupps -war sie wieder fort, und die Flammen machten lange Hälse hinter ihr her. - -Doch auf die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig; sie blieb -stehen, daß das weiße Hemd über der runden Brust auf- und abging, -hielt die Hand über die Augen und sah über das Moor, das ganz weiß vom -Wollgrase war. - -Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbüschen -Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang, und das war -ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu einem Manne im grünen -Rocke, der ein Schießgewehr auf dem Rücken trug, an dem Rucksacke drei -Birkhähne hängen hatte, und mit dem Springstocke über die Gräben und -Abstiche hinwegsetzte. - -»Deubel auch!« sprach die Brennhexe und lachte; »das ist aber ein -glatter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade paßlich.« Sie ging -schneller, aber sie konnte den Mann nicht einholen. Sie hielt die Hände -um den Mund und rief: »He, du!«, aber der Jäger hörte sie nicht. Sie -versuchte zu flöten; doch damit hatte sie erst recht kein Glück. - -So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen und -schrie: »He!« und »Holla!« oder »Teuf!«, bis der Mann, als sie schon -ganz außer Atem war, sich endlich umdrehte und nach ihr hinsah. Sie -winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger, mit wem er es zu tun hatte, -setzte den Springstock ein und machte, daß er weiter kam. - -»Du Flegel!« schimpfte die Brennhexe und lief wieder hinter ihm her, so -daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm immer dichter auf -die Hacken. Als es gar nicht mehr anders ging, sprang er in einen alten -Abstich, warf Gewehr und Rucksack von sich, duckte sich so tief, daß -ihm das Wasser bis an die Brust ging und wartete, bis das verliebte -Frauenzimmer an ihm vorbeigerannt war. - -Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, hängte den Drilling und -den Rucksack um, nahm den Stock wieder zur Hand und sprang nach der -anderen Seite hin über das schwelende Haidkraut, den glimmenden Torf, -an den knisternden Wachholderbüschen und den lichterloh brennenden -Krüppelkiefern vorüber, ab und zu hinter sich sehend, wo alles ein -Rauch und eine Glut war. Einmal blieb er stehen, verpustete sich und -zog ein Büschel Torfmoos aus, das er aus einem Graben riß; aber da -sah er auch schon das rote Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die -gemeinen Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin, -wo der Bach an den Wiesen vorbeilief. - -Erst als er den hinter sich hatte und an dem großen Weidenbaume -angekommen war, machte er Halt, ließ den Stock fallen, hängte die -Büchse an den Baum, legte den Rucksack ab, warf sich in das Gras, -lehnte den Rücken gegen den Stamm und atmete tief, dahin sehend, wo -die Brennhexe stand und ihm mit der Faust drohte, während um sie her -allerhand schwarze und graue Gesichter nach ihm hinglotzten, ihm -Fratzen schnitten, Ruß nach ihm spuckten, Rauch nach ihm pusteten und -ihm ihre roten Zungen ausstreckten. Er lachte sie aus, machte ihnen -eine lange Nase, steckte sich eine Pfeife an und blies dem Gelichter -den Dampf entgegen, mit kleinen Augen nach ihm hinsehend. - -Die grauen Fratzen verzogen sich langsam, und auch die Brennhexe -war verschwunden; aber nun kam ein Mädchen über das ausgebrannte -Moor gegangen. Schlank war es und hatte einen stolzen Schritt; ihr -aschblondes Haar sah sanft aus, ihre Augen hatten einen zärtlichen -Glanz, und ihre Hände waren weiß und sehr klein. Sie nahm damit an -beiden Seiten ihr Kleid auf; das war von weißem Wollstoffe und so lose -geschnitten, daß es schöne Falten warf; der Halsausschnitt und die -halblangen, weiten Ärmel waren mit einer goldenen Borde besetzt. - -Immer näher kam das Mädchen, ging gerade auf ihn zu und blickte ihn mit -freundlichen Augen an; die kamen ihm erst schwarz vor, dann meinte er, -sie wären braun, und schließlich sah er, daß sie blau waren, blau mit -goldenen Blumen darin. Da erkannte er das Mädchen, nickte ihm zu und -rief: »Swaantje, wie kommst du denn hierher?« - -Davon wachte er auf und merkte, daß er eingeschlafen war und geträumt -hatte; aber er war über den Traum so erschrocken, daß ihm das Herz -bis in den Hals hinein schlug. Er stand auf, warf die Büchse über -den Rücken, stellte den Springstock in den Busch und sah sich nach -seinem Hute um, bis ihm einfiel, daß der ihm vom Kopfe geflogen war, -als er vor der Brennhexe fortlaufen mußte. Er lachte und ging langsam -dem Walde zu, in dem der wilde Täuber ihn bedauerte: »O du, du, du!« -rief er; aber der Häher lachte den Jäger aus, weil er so schwarz und -schmierig im Gesichte aussah und nichts davon wußte; er flog vor ihm -her und schrie in einem fort: »Ätsch, ätsch, ätsch!« Doch als der Jäger -ihm drohte und zum Spaß nach der Flinte griff, kreischte der bunte -Vogel laut auf: »Nein, nein!« schrie er und flog schnell in den tiefen -Wald hinein. - -»Du lieber Himmel, Herr Hagenrieder«, rief die Wirtin vom Blauen Himmel -und schlug die Hände zusammen; »wie sehen Sie denn aus!« Als der Jäger -ein dummes Gesicht machte, drehte sie ihn an der Schulter um, daß er -in den Spiegel sehen mußte, und da lachte er, denn er war schwarz und -grau gestreift von Ruß und Schweiß. Die Wirtin hatte die Hände auf die -Hüften gestemmt und lachte, daß ihre Zähne blitzten. - -»Auch noch auslachen!« rief der Jäger, faßte sie um und küßte sie so -lange, bis sie ebenso aussah, wie er, und ihn halb böse, halb verliebt -ansah; er aber lachte und sagte: »So, nun haben Sie nichts mehr vor -mir voraus, und jetzt muß ich für drei Taler Waschwasser und drei -Handtücher auf mein Zimmer haben, und wenn ich wieder herunterkomme, -ordentlich etwas zu essen und zu trinken, denn die Brennhexe hat mich -über das ganze Moor gejagt.« Da wurde die Frau ganz blaß und sagte: -»Und ich dachte, Sie hätten bloß ein bißchen beim Löschen geholfen.« - -Er stieg die Treppe hinauf und ging in sein Zimmer, legte sein Zeug -ab, wusch sich von oben bis unten und zog einen städtischen Anzug -an. Als er vor dem Spiegel stand, die Halsbinde zur Schleife band -und die gleichfarbige Schärpe um den Leib knüpfte, mußte er wieder -an Swaantje denken. Er hatte sie einmal zu einem Ausfluge abgeholt, -und weil es sehr heiß war, kam er in weißer Bluse und mit gegürteten -Lenden, die Jacke auf dem Arme. »Reizend siehst du aus, Vetter Helmold, -ganz reizend«, hatte das Mädchen ausgerufen und vor Vergnügen in die -Hände geklatscht; »ich finde, Westen sind scheußlich, und warum die -Männer selbst bei dieser Hitze dreifaches Zeug anhaben, das verstehe -ich nicht. Und sieh bloß, wir sind ja ganz auf eine Melodie gestimmt: -beide in Weiß und Weinrot! Hast du dich vielleicht vorher bei Fride -erkundigt, was ich anziehen wollte?« - -In der Eisenbahn saß ihm ein junges Mädchen gegenüber. Es war sehr -hübsch; aber da es eine bräunliche Hautfarbe, dunkle Augen und -schwarzes Haar hatte, so machte er sich aus den anerkennenden Blicken -nichts, mit denen es ihn musterte. Ab und zu, wenn er aus dem Fenster -sah, mußte er mit den Augen über es hingehen, und dann fiel es ihm -auf, welchen Gegensatz zu Swaantje es darstellte, mit den zackigen -Bewegungen, dem grellen Augenaufschlag, den rastlosen Händen, der -wirbelnden Stimme und dem klirrenden Lachen, denn es unterhielt sich -eifrig mit einem alten Herrn, in dessen Begleitung es fuhr. - -Da hörte er Swaantjes milde Stimme und vernahm ihr weiches Lachen, -sah ihre abgemessenen Bewegungen und dachte an ihre kleinen, fast -zu kleinen Hände, die niemals hin- und hersprangen, sondern still -auf ihrem Schoße lagen oder bedächtig die Nadel führten, und ab und -zu schlug sie langsam die Augen auf und sah ihn mit schwesterlicher -Zärtlichkeit an. »Ich habe sie lange nicht mehr gesehen« dachte er. - -Als er sein Haus aufschloß, fuhren ihm seine Hunde winselnd und -kläffend um die Beine, und eine lustige Frauenstimme rief: »Schon da? -Das ist ja prächtig!« Seine Frau kam ihm entgegen, frisch und fröhlich -wie immer; sie hielt ihm den lachenden Mund hin, und er küßte ihn -dreimal. - -Sodann fragte sie ihn: »Wir haben Besuch; rate einmal, wer es ist?« -Er lachte: »Du weißt doch, Grete, der Verstand ist zum Glück meine -schwache Seite!« Aber da tat sich die Tür zum Eßzimmer auf und Swaantje -Swantenius stand vor ihm, genau so, wie er sie im Traume gesehen hatte, -in dem weißen losen Wollkleide mit der goldenen Borde am Halse und -unter den Ellenbeugen, goldene Blumen in den blauen Augen. Sie gab ihm -die Hand und sagte: »Willkommen, lieber Helmold! Wie schön, daß du so -früh kommst; da wird uns das Essen gleich dreimal so gut munden.« - -Seine Augen freuten sich, als er sie so dastehen sah, und sein Herz -lachte, als er ihre Stimme hörte. Er nahm seine Frau in den rechten -Arm und ihre Base in den linken und sagte: »Das ist hübsch von dir, -Swaantje, daß du einmal wieder hergefunden hast; dafür bekommst du auch -ein Glas Sekt. Nicht wahr, Weibchen?« - -Seine Frau nickte eifrig: »Natürlich, wenn eine so liebe Kusine da ist!« - -»Kußine«, scherzte ihr Mann und gab erst seiner Frau und dann Swaantje -einen Kuß auf die Backe. - - - - -Die Sektflasche - - -Als die alte Kastenuhr auf dem Vorplatze zwölf Male geschlagen hatte, -kam etwas über die Straße getaumelt, wankte bald auf dem Fahrdamm, -bald auf dem Bürgersteige umher, rannte fast den Laternenpfahl um, -der vor Helmold Hagenrieders Hause stand, schob sich an der Mauer -entlang, kehrte nach einer Weile um, sah nach den Hausnummern und -Namenschildern, fand sich wieder zu dem Hause mit der Laterne vor -der Türe hin, tippte sich vor den Kopf, murmelte etwas, langte in -die Tasche, suchte mühsam darin umher, brachte einen Schlüssel zum -Vorschein, besah ihn genau, steckte ihn wieder ein, fand endlich den -richtigen, schloß die Haustür auf und trat ein. - -Die Hunde im Gange knurrten, als es bei ihnen vorüberschlich, aber wach -wurden sie nicht. So konnte es mit dem Drücker, den es aus der Tasche -nahm, die Türe des Windfanges aufmachen. Es trat ein, klinkte die Türe -des Eßzimmers auf, schlug den Vorhang zum Nebenzimmer zurück, schlich -sich hinein, wobei es gegen eine Truhe anlief und sich das eine seiner -Beinchen so stieß, daß es zurückprallte, sich umdrehte und mit dem -dicken Bäuchlein, das gleich unter dem Halse anfing, gegen den Nähtisch -stieß, daß es krachte. Aber nun hatte es auch, was es wollte; denn es -zog die Schieblade auf und suchte so lange in den Fächern umher, bis es -ein Stück Kreide fand. - -Damit malte es eine gewaltige Sektflasche auf die Flügeltür, holte ein -Messer aus der Tasche, klappte den Schampagnerhaken auf, setzte ihn an -den Stöpsel der Flasche, brach die Drahtverschlüsse auf, und buff flog -der Kork heraus. Schäumend stieg der heitere Trank aus der Mündung, -lief über, floß auf den Fußboden, quoll unter den Türen durch in die -Schlafzimmer, in die Küche, in das Kinderzimmer, auf die Veranda, über -den Vorplatz, tropfte die Treppenstufen hinunter, geriet in den Gang -und von da in den Garten, erfüllte die Malwerkstatt, die an dessen -Ende lag, kehrte wieder um, hüpfte die Treppe empor und krabbelte -sogar in die Mädchenkammer. Als nun das ganze Haus nach Sekt roch, -suchte der Eindringling mühsam den Pfropfen auf, quälte ihn ächzend -in den Flaschenhals hinein, band ihn mit zwei Kreidestrichen, die er -übereinanderbog, fest, löschte die Flasche von der Türe weg und stahl -sich kichernd wieder aus dem Hause heraus. - -Um sechs Uhr in der Frühe sprang die hübsche Dienstmagd trällernd die -Treppe hinunter und ließ die Hunde auf die Straße, und die stellten -sich ganz übermütig an. Dann erschien das Kindermädchen und summte ein -fröhliches Liedchen vor sich hin. Um sieben kam die Hausfrau heiteren -Angesichts aus dem oberen Stocke und hinter ihr ihr Mann, eine kecke -Weise durch die Zähne flötend, und nun gab es im Kinderzimmer ein -großes Lachen und Quieken. Als dann die ganze Familie am Kaffeetische -saß, auf dem ein knallbunter Blumenstrauß stand, wurden die Vorhänge -aufgeschlagen, und mit einem Lächeln, so freundlich wie die Sonne, -die durch die offene Treppentür in die Veranda schien, trat Swaantje -in ihrem weißen Kleide ein, küßte die Hausfrau und die Kinder und gab -ihrem Vetter die Hand. Als der brummigen Gesichtes, aber mit lustigen -Augen sagte: »Mich auch Kuß haben!« bekam er einen auf die Backe, -sagte: »Ah!« strich sich den Magen, und alle lachten. - -Es wurde viel gelacht bei Tische und nachher auch; denn als Swaantje -hinter Helmold, der ihr seine neuen Bilder zeigen wollte, die -Gartentreppe hinunterging, rief Frau Grete, die gesehen hatte, daß es -über Nacht schwer getaut hatte, ihr besorgt nach: »Mach dich nicht -naß!«, worauf das Mädchen sich entsetzt umsah und entrüstet ausrief: -»Aber Greete!« Nun hallte der ganze Garten von Gelächter, und Swaantje -nahm ihre Röcke zusammen und huschte in die Werkstatt. Dort aber vergaß -sie das Lachen; sie ließ die Hände an den Hüften herabhängen, hob sie -dann langsam wieder hoch, schlug sie vor der Brust ineinander, seufzte -tief auf, wandte sich nach ihrem Vetter hin und flüsterte: »O, das ist -ja wundervoll, lieber Helmold; das ist das Schönste, was du bisher -gemalt hast«. Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände, drückte sie und -sagte: »Ich danke dir viele Male, und ich bin sehr stolz auf dich!« - -Der Maler betrachtete mit zugekniffenen Augen das Bild und lächelte. -Es war von gewaltigem Umfange und stellte mehrere hünenhafte, -unbekleidete Männer dar, die auf Tod und Leben mit bunten Tigertieren -rangen. Die hell und dunkel gestreiften Körper der Riesenkatzen, die -nackten Menschenleiber mit den bis auf das höchste angespannten, durch -helle Lichter und dumpfe Schatten betonten Muskeln, das zertretene -Gras, die wirbelnden Staubwolken, von schräg fallenden Sonnenstrahlen -geteilt, das war eine Menge von scharfen Gegensätzen, die eine reife -Anschauung durch einen starken Willen zu einer einheitlichen Wirkung -zusammengefügt hatte. - -Swaantje hatte sich in den bequemen Ledersessel gleiten lassen, stützte -ihre schmalen Schuhe, über denen das weiße Kleid ein Stück der seidenen -Strümpfe sehen ließ, auf eine mächtige Elchschaufel, die als Fußbank -diente, und vergrub sich ganz in die Stimmung, die von dem Gemälde -ausging. Helmold stand am Fenster und freute sich über den stolzen -Schnitt ihres Gesichtes, über den bescheidenen Glanz, der auf ihrem -aschenblonden Haare lag, über die vornehme Sprache ihres Unterarmes -und fand, daß ihre Hände zu klein waren, und der unentschlossene Zug, -der sich darin ausprägte, paßte schlecht zu der ganzen Erscheinung des -Mädchens. Auch sah er, daß ihr Gesicht zu durchgeistigt war, und mit -Betrübnis entdeckte er hinter ihren Mundwinkeln eine Falte, die er dort -nicht haben wollte. - -Aber da fing Swaantje zu sprechen an: »Weißt du, Helmold, was ich mir -bei dem Bilde denke? Ich ginge unter den Rabenbergen her, wenn die -Abendsonne darauf liegt. Dann sieht es dort genau so aus.« Ihr Vetter -machte ein ganz ernstes Gesicht. Dann zeigte er auf das Bild und -sagte: »Vorgestern war Frau Jucunda Othen-Othen hier, du weißt doch, -die berühmte Kunstgewerblerin, um nicht zu sagen, die berüchtigte -Eklektikerin, besser wohl Ekleptikerin. Sie rauschte mir hier mit -ihren gräßlichen seidenen Unterröcken herum; schauderhaft, dies -Seidenpapiergeraschel!, tat so, als interessiere sie sich für Kunst, -wollte natürlich nur Technik schinden und Motive klauen; na, und als -sie das Bild sah, steckte sie ihre Nase unter das Lorgnon, machte ihr -überlegenstes Gänsegesicht und fragte: ›Was soll denn das bedeuten, -Herr Hagenrieder?‹ ›Abendsonne auf der Haide, gnädige Frau,‹ sagte -ich. Die Miene, die sie da aufsteckte, war zum Heulen, sage ich dir. -Sie glaubte, ich wollte sie uzen. Na, das wollte ich ja auch wohl, -denn sonst hätte ich ihr nicht die blanke Wahrheit gesagt. Das ist in -manchen Fällen die höchste Raffiniertheit. Bismarck, der verstand sich -großartig darauf.« - -Er warf die blonde Stirnlocke zurück. »Weißt du, die habe ich den Tag -erst klug und dann wieder dumm gequatscht. ›Ja,‹ sagte ich zu ihr, -›wenn man den Eindruck einer Landschaft gänzlich falsch wiedergeben -will, tut man am besten, sie zu porträtieren, vorausgesetzt, daß -sie stille sitzt und nicht alle fünf Bierminuten ein anderes -Beleuchtungsgesicht schneidet. Das tun die meisten sogenannten -Landschafter, oder besser gesagt, Landschaftsschuster, und darum -hängt überall so viel Schauderschund herum.‹ Sie machte ein Gesicht -wie eine Meerkatze, die niesen muß. ›Ja,‹ sagte ich dann, ›wenn man -das aber nicht will, dann muß man eben durch ganz etwas anderes sein -Ziel zu erreichen suchen, oder vielmehr, man muß warten, bis das von -selber kommt, denn mit Überlegung, Verstand und anderen billigen -Malmitteln kommt man doch zu nichts.‹ Mit einem Male fuhr sie mir -dazwischen: ›Danach müßten Sie ja einen Menschen durch eine Landschaft -wiedergeben!‹ Ich nickte und bewies ihr das so scharf, daß sie ganz -begossen dastand, und da fragte sie: ›Wie würden Sie denn den Eindruck -wiedergeben, den ich auf Sie mache?‹ Und da sagte ich zu ihr: ›Gnä' -Frau, Sie haben doch schon gesehen, wenn bei windstillem Wetter auf -einmal die Luft küsselt und Papier, Stroh, Blätter und Staub umeinander -dreht und mit nach Hause nimmt, eine der lieblichsten Erscheinungen in -der Natur, so flüchtig, so luftig, so entzückend vergänglich. So kommen -Sie mir vor.‹« - -Er lachte unbändig und Swaantje ließ ihre Fröhlichkeit dazwischen -läuten. »Was hat sie denn darauf gesagt?« forschte sie. »Gar nichts,« -antwortete ihr Vetter. »Erst hat sie ein fuchtiges Gesicht gemacht und -mit einem Male wurde sie wie Margarine; ich konnte sie hinschmieren, -wo ich sie hinhaben wollte. Aber ich mache mir aus Kunstbutter nichts; -lieber schon Schmalz. Unsere Luise ist mir dreimal so lieb, als -diese Donnja. Sie macht in Kunstgewerbe, wie andere in Heringen oder -Flanell.« Er sah Swaantje an: »Weißt du, was ich malen würde, um den -Eindruck wiederzugeben, den du auf mich machst? Weiße Haide, aber -Sandhaide!« - -Das Mädchen fuhr in die Höhe: »Aber weiße Haide bedeutet doch Unglück! -Wirke ich so auf dich?« Er schüttelte den Kopf: »Im Gegenteil! Und -warum bedeutet weiße Haide Unglück? Weil sie zu der Zeit, da unser -ureigenes Wesen von der wälsch-fränkischen Vergewaltigung noch nicht -vermanscht war, eine Glücksblume war, was sie in England heute noch -ist und ebenso in der Haide. Der Freitag war der Tag der Frigge, der -Friggetag, der Glückstag; an ihm wurden die Ehen geschlossen, und -unsere Haidbauern heiraten heute noch möglichst an diesem Tage. Die -Dreizehn war die heilige Zahl und die Sieben auch; unsere Ahnen liebten -nichts, was aufging, denn damit hörte es auf, ein Problem zu sein. Aber -die Taktik der karolingischen Mönche verkehrte alles das ins Gegenteil; -der brave Deutsche fiel darauf hinein und gab sein naturfreudiges Wesen -gegen eine asiatische Naturentfremdung auf. Und daher unser tiefes, -weites und hohes Unverständnis für alles, was Kunst heißt.« - -Er schob das Bild, das auf einer Rollstaffelei stand, zur Seite und -sagte: »Bitte, setz dich einmal da hin, nein, da rechts von der Tür!« -Dann zog er den goldbraunen Vorhang zurück, der die Hinterwand des -Raumes verhüllte, und ein anderes Gemälde wurde sichtbar, doch nur in -seinen großen Umrissen, da das Oberlicht abgeblendet war, und auch -dem Seitenlichte war durch Vorhänge der Zutritt verwehrt. Das Mädchen -richtete sich in dem Sessel auf, beugte sich vor, öffnete ihre Augen -ganz weit und fragte verwundert: »Seit wann malst du denn Dolomiten, -Helmold? Du sagtest doch, bloß die Haide könne dir zur visionären -Erscheinung werden? Aber dieses Bild gibt ganz und gar die Geheimnisse -der Sellagruppe wieder. Das heißt, so ganz verstehe ich es doch nicht.« - -Der Maler lächelte, zog erst die Vorhänge von dem Seitenlichte fort und -machte dann dem Oberlichte Platz, und da sprang Swaantje auf, brach -in ein helles Jubellachen aus und rief: »Nein, nein, Helmold, du bist -ja ein Zauberer! Das ist ja, ja das ist ja der Kreuzestod Christi!« -Sie schüttelte den Kopf, bewegte die Lippen, als wenn sie etwas sagen -wollte, und dann ließ sie sich wieder in den Sessel fallen, lehnte den -Kopf gegen die alte Stickerei, die darüber hing, blendete sich mit den -Händen das Ober- und das Seitenlicht ab und flüsterte: »Die Sella und -die Kreuzigung; wie geheimnisvoll! Helmold, wo ist die Lösung?« - -»Ja, Swaantje,« antwortete er und ein bißchen Selbstverspottung lag -in seiner Stimme; »ja, ich sage: ich will dies, und hinter mir steht -wer und sagt: ›du sollst das!‹ Sieh mal, die Sellagruppe hat damals -auf mich den selben blödsinnigen Eindruck gemacht, wie auf dich, aber -mein bewußtes Ich sagte mir: du hast doch weiter nichts davon, als -daß du durch die Komplementärwirkung zu einem tieferen Verständnis -deiner Heimlandschaft kommst. Niemals habe ich daran gedacht, Dolomiten -zu malen. Als ich dann eines Abends bei Hennecke saß, kam die Rede -auf den Verlust der Überlieferung in der bildenden Kunst und auf das -Effekthaschen und Sensationsmachen in der Wahl der Stoffe, und da -sagte der Prinz: ›Der Staat müßte einmal zehn Jahre lang verbieten, -daß etwas anderes gemalt würde als Kreuzigungen; dann würde man bald -sehen, wer wirklich etwas kann.‹ Dieses Wort juckte mich so lange, -bis ich mir eines Tages sagte: So, jetzt wird eine Kreuzigung gemalt, -damit du endlich Ruhe hast! Ja Kuchen: Als ich den Schaden besah, stand -die schöne Frau Sella neben mir, machte mir eine lange Nase, knixte -und sagte: Schau, da hast du mich doch malen müssen, ätsch! Na, und -so war es; der lange schwarze Mann im Vordergrunde wirkt als tiefe -schmale Schlucht, die anderen Figuren und die Längsbalken der Kreuze -geben die senkrechten, die Querbalken und die Arme der Gerichteten -die wagerechten Linien der Sellaarchitektur wieder, und so hatte ich -Dolomiten gemalt und keinen Dunst davon gehabt. Ja, bei uns muß es wohl -heißen: suchet nicht, so werdet ihr finden.« - -Das Mädchen nickte ernsthaft. »Ja,« meinte sie dann, »Kunst und Glaube -sind zweierlei.« Ihr Vetter schüttelte den Kopf. »Nein, Swaantje, sie -sind das selbe, und deshalb sind alle wahren Künstler gottlose Menschen -in landläufigem Sinne. Sie suchen Gott nicht; sie haben ihn in sich; -ihn oder den Ungott.« - -Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und blies den Rauch weit -von sich, schob das Bild zur Seite, verhüllte es und desgleichen das -andere Gemälde und machte die Tür zu dem Nebengemache auf. Das Mädchen -stieß einen Laut aus, halb Seufzer, halb Schrei und sprang auf, die -Hand auf dem Herzen und mit weit aufgerissenen Augen nach dem Gemälde -starrend, das hinter dem Türloche stand. Als der Maler, den ihr jähes -Erbleichen erschreckt hatte, neben sie trat, umklammerte sie seinen -Arm, und er fühlte, wie ihr Herz zitterte, und sah, wie ihr der Atem -hastig über die Lippen sprang. Er warf ebenfalls seine Augen auf das -Bild, und da erschrak auch er, denn einen so gemeinen Ausdruck hatte er -noch nie in den Augen des Weibes gesehen, das er da gemalt hatte. - -»Chali,« flüsterte es an seiner Schulter, und er murmelte: »Das ist -es! Ich habe gedacht, es gibt keinen Namen dafür, aber du hast sofort -den einzig möglichen dafür gefunden. Das böse Prinzip des Weibes.« Sie -ließ sich, wie vor Erschöpfung, in den Sessel gleiten, und fragte, -immer das Bild anstarrend: »Wirst du es mir sagen?« Er nickte. »Ja, -Kind, gern, soweit es sich um den äußeren Anstoß dazu handelt. Du weißt -ja, wie der Prinz ist. Eines Tages kommt er hier angeautobt und stellt -mir eine kostbare Schüssel vor die Nase, in der auf bleichem Moose -dreißig unheimliche Blumen lagen und mich auf ganz hundsgemeine Weise -anschielten. Ich machte ein dummes Gesicht und fragte: ›Bist du auf dem -Mars gewesen?‹ Denn in meinem Leben hatte ich solche Satansblumen noch -nicht gesehen. Da lachte er und sagte, es wären Stapelien, Kusinen von -den Kakteen, und sie wären aus seinem Treibhause, und er kritzelt mir -eine argentinische Stapelienlandschaft in das Skizzenbuch.« - -Er holte tief Atem und fuhr fort. »Den ganzen Tag war ich zu nichts -zu gebrauchen. Wie ein Affe saß ich da und sah diese niederträchtigen -Blumen an, diese Katerideen von Blumen, diese Antiblumen oder was weiß -ich. Ein Vierteljahr war ich ganz elend. Erst dachte ich, es wäre die -Grippe, nahm Dampfbäder, ließ mich massieren und trank Grog. Dann -hielt ich es für einen Darmkatarrh, trank Boonekamp und ließ mir heiße -Pottdeckel auf den Magen legen, wenn ich zu Bett ging. Dann wieder -schien es mir Nervenüberreizung zu sein; ich aß Sanatogen, schluckte -Hämatogen, verkniff mir den Tabak, den Kaffee und den Wein, trank -abends Fliedertee und morgens Brombeerblätteraufguß und wurde immer -elender, bis ich mich auf einmal benahm, wie ein Brunnendelphin, der -abends vorher zu viel Bier getrunken hat. Darauf schlief ich drei Tage, -und dann malte ich das Bild aus dem Handgelenk in acht Tagen und war -kreuzfidel, als ich es hinter mir hatte, denn mir fehlte gar nichts; -mir hatte nur das scheußliche Bild verquer im Leibe gesessen, ein Meter -vierzig zu eins zwanzig. Aber sieh es dir einmal genau an!« - -Swaantje stand auf, doch sie zögerte noch. Sie sah den schweren, -klobigen, in den massigen Formen der sumerischen Bauweise gehaltenen, -reich geschnitzten, mit buntem Glasflusse ausgelegten und mit goldenen -und silbernen Ziernägeln beschlagenen Rahmen und dann das unheimliche -nackte Weib an, das vor einem unglaublich klaren und grundlosen Wasser, -das eine unbekannte Farbe hatte und von der Abendsonne eiterrote -Glanzlichter bekam, auf der Seite lag, die brutalen Knie gegen den -üppigen Leib gezogen, den stützenden Arm halb überschüttet von einem -Sturzbache straffen Haares von einer rohen roten Farbe, und das sie mit -seelenlosen Tigeraugen ansah, ebenso schrecklich, wie die unheimlichen -großen Blumen, die an den starren Stämmen hinter ihrem Rücken hingen, -aber auch ebenso schön, Chali, die Göttin des unblutigen Meuchelmordes, -das greuliche Geheimnis des bengalischen Bambusdickichts. - -Langsam ging sie darauf zu und sah, daß das Weib keine Tigeraugen, -sondern Menschenaugen hatte, doch mit dem Blicke des Tigers, oder -vielmehr, mit gar keinem Blicke, aber dadurch wirkten sie gerade so -tigerhaft. Als sie noch näher kam, nahmen ihre Züge den Ausdruck -kindlicher Neugier und einer dummen Verwunderung an, denn das Bild -war auf Holz gemalt und der Leib des Weibes war nicht gemalt, sondern -ausgespart, so daß überall die Maserung und hier und da ein Astfleck zu -sehen war. Der Gesamteindruck war aber so mächtig, daß diese Dinge vor -ihm völlig zurückgingen. - -Helmold, der hinter sie getreten war, nickte ihr zu und sagte: »Ja, -ja, es ist wunderlich, was man nicht alles macht, wenn man so dumm -dahertollpatscht. Warum habe ich das auf Holz gemalt und nicht auf -Leinwand? Im allgemeinen male ich nicht gern auf Holz, und wenn schon, -so kleine Bilder. Aber dieses mußte ich auf Holz malen, scheinbar, -weil das Brett gerade da stand, in Wirklichkeit aber, weil dieses -Weib nicht gemalt, sondern ausgespart werden mußte. Es verkörpert das -negative Prinzip des weiblichen Wesens, konnte also am besten durch -eine Negativität wiedergegeben werden. So ist es auch im Leben; das -Schlechte, das Unheimliche, das Gemeine: tritt dicht davor, und siehe, -es ist ein Nichts, es ist Holz, dumm gemasert und mit Kienstellen -durchsetzt. Ein wirkliches Weib, ein Weib von Herz und Gemüt, von -Fleisch und Blut, das hat nicht hier mitten auf dem Bauche einen -Leberfleck aus Kien und auf der Kalipygie eine Maserung, soweit meine -geringen Erfahrungen auf diesem interessanten, aber schwierigen Gebiete -reichen.« - -Er zog den Vorhang zu, nahm Swaantje um die Mitte, führte sie zu dem -Ruhebett, stellte einen alten Bauernteller mit Äpfeln und eine Dose -mit Biskuit vor sie hin und nötigte zum Zulangen: »Iß, Mädchen, desto -eher wirst du elend! Und hier sind auch Nüsse.« Swaantje nahm eine, -steckte sie dem wunderlichen Nußknacker in das Maul, zerbrach sie und -rief dann: »O, ein Vielliebchen! Wer ißt es mit mir?« Ihr Vetter hielt -die Hand auf. »Dir zuliebe tue ich alles,« lachte er; »sonst esse ich -nur Nüsse, wenn sie mir einer kaut, aber das will keiner. Wenn man -nämlich nicht aufpaßt, kaut man acht Tage lang an einer Nuß herum.« Er -steckte die Nuß in den Mund, schluckte und sagte, indem er auf seine -Weste zeigte: »Es geht auch ohne die alte Kauerei.« Da lernte Swaantje -das Lachen wieder und vergaß das unheimliche Bild und den entsetzten -Blick, den Helmold darauf geworfen hatte. Dann zeigte er ihr einige -Porträts und eine Anzahl von den Studien, die er zu Hunderten in den -Schiebladen der großen Schränke liegen hatte, schwatzte Kraut und Rüben -durcheinander und hetzte einen Witz hinter dem anderen her, bis sie -vor Lachen nasse Augen bekam und ihn händeringend bat, aufzuhören: -»Denn ich habe nur ein Zwerchfell, Helmold, und das ist schon dreimal -gestopft!« - -Sie kuschelte sich bequem auf das Ruhebett hin, biß in einen Apfel -und sah zu, wie er überall herumkramte, und ihr allerlei zeigte, das -bravste Gehörn von dem letzten Jahre, eine Pfeilspitze aus Feuerstein, -die er in der Haide gefunden hatte, eine alte Schnapsflasche mit einem -himmelblauen Vogel Phönix darauf und der Inschrift: »So wie der Fönix -der Flamme entspringt, so meine Liebe zu dir hin dringt« und ähnliche -Seltsamkeiten, die er bei seinen Jagdfahrten in den Dörfern aufgegabelt -hatte. Dann, als er eine Schieblade aus einem grell gestrichenen -Schranke zog, rief er: »Holla! Beinahe vergessen!« Er langte ein -Kästchen heraus, machte es auf, nahm etwas heraus und drückte es -dem Mädchen in die Hand. Es war eine Fibel aus dickem, gerieftem -Silberdraht, aus zwei engen Spiralen gebildet, deren jede einen -prachtvoll gebräunten Hirschhaken umschloß. »Da!« sagte er, »als Dank -für diesen schönen Morgen!« - -Sie errötete und klatschte in die Hände: »Wie entzückend! So eine -fehlte mir gerade. Die hast du doch selbst entworfen? Und wie reizend -von dir, mir die zu schenken, mit den prachtvollen Kusen darin!« - -Sie drehte das Schmuckstück hin und her, nahm die Pfeilspitze von -Flintstein von dem Tischchen, hielt beide Gegenstände aneinander und -sagte: »Die gehörten einmal zusammen, paß auf: der alte Oberpriester -war voller Wut, denn seine Tochter, Loide hieß sie, sah Wuni gern; aber -der war ihrem Vater ein Gräuel, weil er die Kunst, Waffen und Geräte -aus Metall zu schmieden, aus der Fremde mitgebracht hatte und deshalb -der Priesterschaft als gottloser Mensch galt. Nun war noch jemand da, -der die schöne Loide liebte; Ulahu hieß er, und war ihrem Vater genehm, -dieweil er ein Steinschmied war und jede Neuerung haßte. Aber Wuni war -stark und Ulahu schwach, und da sprach der Oberpriester, Krwo hieß er: -›Der Rabe jagt dem Adler den Fraß ab, obwohl dieser siebenmal so stark -ist.‹ Ulahu merkte sich diese Rede, und als er Loide einmal in das Haus -ihres Vaters eintreten sah, mit flammenden Augen, brennenden Wangen und -glühenden Lippen, und bemerkte, daß ihr Kleid vor der Brust mit einer -silbernen Fibel, in der zwei Hirschhaken befestigt waren, geschlossen -war, da ging er zu seiner Hütte, weinte, nahm den Eibenbogen und drei -Pfeile zur Hand und schlich Wuni nach, als er in der Frühe auf Jagd -ging, und schoß ihm den Pfeil von hinten durch das Herz, daß er sterben -mußte. Ulahu aber freite Loide, doch am Morgen nach der Hochzeit lag -er tot in seiner Hütte; Loide aber war verschwunden, und wenn die -Nachtschwalbe rief, sagten die Mädchen: ›Da schreit Loide nach Wuni.‹« - -Während sie so sprach, verhärteten sich ihre Augen, so daß es Helmold, -der ihr anfangs mit vieler Freude zugehört hatte, erschien, sie hätten -ein wenig von dem, was die Augen der Chali aufwiesen, und sein Herz -kehrte sich um. Doch er jagte die graue Fledermaus, die auf ihn zuflog, -mit einer heftigen Bewegung fort, nickte, lächelte und sagte: »Das -ist sehr schön, Swaantje, und du wirst das aufschreiben und mir als -Gegengeschenk verehren. Du solltest überhaupt deine Gesichte zu Papier -bringen. Ich habe es schon oft gedacht: Du bist eine Künstlerin! Und -wem eine Gabe ward, der soll ihrer pflegen, sonst bleibt er unfroh sein -Leben lang.« - -Doch als er das gesagt hatte, schüttelte er in sich darüber den Kopf, -denn er glaubte nicht an eine künstlerische Begabung des Weibes. Er -hatte, als er einst einer schönen Frau, die acht gesunde Kinder besaß, -einen Spruch in ihr Gästebuch schreiben sollte, folgendes eingetragen: -»Der größte Künstler ist klein gegen eine Mutter; denn er kann keinen -Menschen von Fleisch und Blut schaffen.« - -Während er nun Swaantje freundlich ansah, besah er ihr Gesicht genau -und dachte: »Ihr ganzes Wesen ist weiblich, aber ihr Geist ist -männlicher Art. Am Ende ist sie kein völliges Weib; das wäre ein -Jammer, denn dann wird sie das wahre Glück nie kennen lernen. Denn die -Liebe ist alles, und das andere ist nichts.« - -Da kam Swaan angelaufen und rief: »Väterchen und Muhme Swaantje, -ihr möchtet zum Essen kommen, aber schnell, sonst wird der Braten -kalt!« Stolz setzte er hinzu: »Es gibt Birkhahn, den Vater geschossen -hat.« Sweenechien aber, die hinter ihm hergetappelt war, rief: »Und -Flammerie! Hast du das auch geschossen?« Da lachte Swaan sie aus und -Helmold und Swaantje auch; unter viel Lachen und Scherzen ging es in -die Veranda, wo Frau Grete sie mit den Worten empfing: »Was ist das -bloß heute? Alles im Hause lacht in einem fort! Die Mädchen sind aus -Rand und Band und ihr auch. Der Sekt kann doch nicht nachspuken?« - -Das schien aber doch so, denn es blieb bei dem Lachen. Helmold lachte, -wenn er zu Bett ging, und er lachte, wenn er aufstand. Die Arbeit -flog ihm nur so von der Hand, und während der Pinsel bald langsam und -vorsichtig, bald schnell und sorglos über die Leinwand ging, sang und -pfiff er, daß man es über den ganzen Garten bis in das Haus hören -konnte. - -Wenn aber aus der Werkstatt kein Singen und Pfeifen kam, so wußte -Grete, daß Swaantje dort war. Die saß dann in einem der großen Sessel -und arbeitete an einer Stickerei oder lag auf dem Ruhebett, sah ihrem -Vetter zu und freute sich an seinen schnellen und doch so sicheren -Bewegungen, an seiner frohen Laune und seiner Urwüchsigkeit; denn wenn -er mitten in der Arbeit war, vergaß er alles um sich und konnte, fuhr -er einmal gegen einen Baum, mit den saftigsten Ausdrücken um sich -werfen, und Swaantje rief dann wehklagend: »Aber Herr Hagenrieder, ich -bin eine deutsche Jungfrau!« Wenn er dann sagte: »Leider! vergaßen sie -zu bemerken, mein allergnädigstes Fräulein«, dann lachte sie. - -Einmal wäre ihm beinahe die Antwort entwischt: »An mir liegt es -wahrhaftig nicht«; doch er packte rechtzeitig den schlechten Witz noch -am Nackenfell, denn es war ihm wirklich nur Spaß damit gewesen. - -Mehr als einmal sagte er zu seiner Frau: »Es ist nun an der Zeit, daß -Swaantje heiratet; sie bekommt sonst noch Druckstellen.« - - - - -Das Stapelienbild - - -Chali langweilte sich. Früher konnte sie fast den ganzen Tag mit dem -Maler sprechen; seitdem aber das junge Mädchen da war, war es aus -damit, denn Swaantje fürchtete sich vor ihr, und so hatte Helmold das -Bild in den Nebenraum gestellt, wo es weiter nichts gab als Bilder, -Rahmen, Kisten und Kasten, Töpfe und Kruken. - -Aber wenn Chali auch nicht dort hätte sein müssen, sondern in der -Werkstätte hätte weilen dürfen, so hätte ihr das doch nichts genützt. -Holz und Stoffe boten ihren Blicken keinen Widerstand, und so mußte sie -es einen Tag wie den anderen mit ansehen, wie der Maler sich mit dem -blonden Mädchen unterhielt und ihm liebreiche Blicke zuwarf. Sie lag -da und starrte auf die Tür; ihre Augen wurden von Tag zu Tag böser und -leuchteten im Dunkeln grün. - -Eines Abends, als Helmold und Swaantje in der Werkstätte waren, holte -der Maler sich aus der Vorratskammer ein frisches Malbrett, was er -immer tat, wenn er ein neues Bild begann, das ihm aus dem Herzen kam, -und da er an das Bild dachte, das er anfangen wollte, so ließ er in -Gedanken die Tür offen stehen. Er wollte nämlich Swaantje malen; er -hatte es schon bei Tage mehrfach versucht, war aber nie über den Anfang -hinweggekommen, bis ihm einfiel, daß er eine andere Beleuchtung haben -müsse, als das Tageslicht, und er hatte gefunden, daß das Mädchen im -Halbschatten sitzen müsse, während rings umher alles hell von Licht -war. So setzte Swaantje sich also an das große Fenster, vor dem die -Vorhänge zusammengezogen waren, und drehte der zweiten Tür den Nacken -zu. - -»Heute wird es etwas, Swaantje,« rief Helmold; »das kommt wohl daher, -weil ich dich gestern eigentlich zum ersten Male in Erregung gesehen -habe. Du bist übrigens der einzige Mensch, mit dem ich Walzer tanzen -kann. Sonst liegt mir der Walzer nicht; mein Blut geht im Polkatakt. -Hamburger, Schwedische Quadrille, der Achtturige, Schardas, Kasatschka -und dergleichen, wobei man seine Knochen rühren und ordentlich trampeln -kann, das ist mein Fall. Aber sich wie ein Brummkreisel andauernd um -seine Perpendikulärachse zu drehen, das ist nichts für mich. Gestern -bin ich aber auf den Geschmack gekommen. So wie du den Walzer tanzst, -so glaube ich, tanzen die Nebelfrauen ihn auch. Ich will sie nächstens -mal fragen.« - -Chalis Augen sprühten, als sie das mit anhören mußte, und sie stach mit -spitzen Blicken nach dem Nacken des Mädchens; jedesmal, wenn Helmold -hinzutrat und mit seiner Hand ihre Kopfhaltung ein wenig änderte, -fuhren grüne Blitze aus dem Nebenraume dahin, wo die aschenblonden -Nackenlocken auf der roten Stuhllehne schimmerten. Solange ihr Vetter -mit ihr plauderte, merkte Swaantje nichts von dem, was hinter ihr -vorging; aber nun fing Helmold an, eine neue Singweise zu suchen, indem -er ganz leise durch die Zähne pfiff, und das bedeutete, wie sie wußte, -daß er dem Reime zwischen Stoff und Form nahe war. Darum rührte sie -sich nicht, so gern sie das auch getan hätte. - -Denn ihr war so merkwürdig schwach und hülflos zumute. Sie hatte ein -bißchen viel getanzt und gelacht und vielleicht auch ein Glas Sekt -mehr getrunken, als ihr gut war; aber es war so wunderschön auf dem -Frühlingsfeste gewesen; so viele hübsche, fröhliche Frauen und Mädchen, -und so viele nette, lustige Männer hatte sie noch nie beisammen -gesehen, und so hatte sie mit den anderen getollt und sich prachtvoll -vergnügt. - -Jetzt aber fühlte sie sich müde; sie hatte einen peinlichen Druck in -der Herzgrube, und ihr war, als klemmte etwas ihre Herzschlagadern ein. -Am liebsten hätte sie ihrem Vetter nicht gesessen; aber sie wußte, -wie gern er sie malen wollte, und daß er endlich dazu kam; denn nun -pfiff er nicht mehr durch die Zähne und trat nicht fortwährend vor und -zurück, sondern er stand still, malte eifrig, summte erst eine Weise -vor sich hin, und dann sang er: »Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre -mein Herz nach dir schrie, Rose Marie, Rose Marie, aber du hörtest es -nie.« Er war in voller Fahrt. - -Sie hielt still, obgleich ihr von Minute zu Minute hülfloser zumute -wurde; denn Chali ärgerte sich über die zärtlichen Blicke, die der -Maler fortwährend nach dem Mädchen warf, und über das Lied, das er -sang, während er malte, und so wandte sie ihre Meuchelmörderaugen nicht -einen Pulsschlag lang von dem Nacken Swaantjes. - -»Erzähle was, Maus!« sagte Helmold, und Swaantje war froh; aber ihr -fiel nichts weiter ein, als das, wovon sie noch zu keinem Menschen -gesprochen hatte, und was sie auch keinem sagen wollte. Aber da dachte -sie an die Faschingsnacht in München, als ihr Vetter zwischen all dem -tollen Lärm zu ihr gesagt hatte: »Kleine, wenn du einmal etwas hast, -das dich drückt, und du magst es niemandem sagen, so sage es mir; wenn -ich dir irgend helfen kann, so tue ich es.« - -Sie hatte ihm die Hand gereicht und gesagt: »Das werde ich, Helmold!« -Aber dann hatte sie lachen müssen; wie er so dasaß, vollkommen im -Ballanzuge, aber mit einem Radieschen im Knopfloch, mit gebrannten, -gepuderten Haaren, weißgeschminktem Gesicht und kohlschwarzem -Schnurrbart und dazu die vergoldeten Ohren, das hatte zu närrisch -ausgesehen, zumal seine blauen Augen so treuernst blickten. - -Weil sie nun an diese Augen dachte, fing sie an: »Lieber Helmold, ich -muß dir jetzt etwas sagen, weil ich deinen Rat brauche: ich liebe einen -Mann.« Helmold blieb ganz ruhig und malte weiter; ihm war zumute, als -habe ihm jemand ganz heimlich sein Herz weggenommen und ihm nur den -Verstand gelassen. Darum fragte er, ohne daß seine Stimme anders klang -als sonst: »Weiß er es?« Swaantje sah gerade aus: »Nein; das glaube -ich nicht.« Ihr Vetter fragte weiter: »Ist er deiner würdig?« Sie -erwiderte: »Er ist viel besser als ich.« Er brummte: »Danach liebst du -ihn also; deine Behauptung bezweifele ich übrigens. Kenne ich ihn?« -Sie schüttelte den Kopf. »Darf ich wissen, wer es ist?« Sie nickte: -»Professor Groenewold; bei dem ich Literatur und Kunstgeschichte -hatte.« Er fragte weiter: »Wie alt ist er?« und als sie sagte: -»Fünfundvierzig,« brummte er, eifrig weiter malend: »Zu jung für eine -Backfischliebe! Verheiratet?« Swaantje sah ihn groß an: »Dann würde ich -ihn doch nicht lieben können!« - -Er lächelte und dachte: »Heilige Einfalt!« Aber dann steckte er die -Pinsel in das Glas, legte das Malbrett hin und sagte: »So, nun rüttele -dich und schüttele dich, wirf aber nicht alle deine Blätter über mich, -sondern behalte noch ein paar für dich übrig. Wir wollen einmal eine -Pause machen; mich rauchert.« - -Swaantje stand auf und reckte sich, und er holte sich eine Zigarre. Als -er sie angezündet hatte, sah er, daß die Tür nach dem Nebenraume offen -stand; Chalis Augen starrten ihn höhnisch an. Wütend warf er ihr das -Streichholz in das Gesicht und wunderte sich, daß es grüne Funken gab. - -»Helmold, um Himmels willen, was machst du?« rief Swaantje, »dein -schönstes Bild.« Er zog die Tür zu, daß es krachte, und knurrte: -»Schönes Bild? Scheußliches Bild! Chali? Schon mehr Zyankali!« -Swaantje lachte und rief: »Das war aber ein echter Kalauer!« Er -schüttelte den Kopf: »Das ist noch gar nichts; wenn mir ganz schlecht -ist, setzt es nicht nur Kalauer, sondern sogar Kawärmer, wenn nicht -Kaheißer.« Das Mädchen hielt sich die Ohren zu: »Kommt das noch -schlimmer?« Dann lachten sie beide aus vollem Herzen, bis es Helmold -einfiel, daß er sein Herz irgendwo habe liegen lassen müssen; denn ihm -war so leer in der Brust und so schön leicht, als ob er tot wäre. - -Aber er dachte doch mehr an das Mädchen als an sich und sprach: »Ja, -liebe Swaantje, das ist eine sehr traurige Sache. Du liebst ihn, und er -weiß es nicht. Du liebst ihn seit sieben Jahren, und er ahnt es nicht. -Entweder ist er blind, oder er liebt eine andere, oder aber, denn es -gibt solche Männer, so unglaublich das auch klingt,« und er lachte, -als er das sagte, »er hat kein Verlangen nach dem Weibe. Hier kann dir -niemand helfen, sogar ich nicht, der ich doch verdammt dem Teufel die -Zähne ausziehen würde, wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte.« - -Er ging mit großen Schritten auf und ab. »Sieh mal, Swaantje,« fuhr -er dann fort, »alles, was ich von dem Manne gehört habe, spricht für -ihn. Er hat den Mut gehabt, eine Schrift herauszugeben, in der er den -Unwert der karolingischen Zivilisation für uns nachweist. Wir Stedinger -Blutsbrüder haben ihm damals ein Horüdhotelegramm geschickt und noch -eins, als ihm die hochwohllöbliche Behörde in ihrer Eselhaftigkeit den -Geschichtsunterricht abknöpfte, damit er nicht mehr in der Lage sei, -gegen die Verherrlichung des Schlachterkarls und seines edlen Filiusses -Louis des Frömmlers anzuarbeiten. Insofern freue ich mich, daß deine -Wahl gerade ihn getroffen hat, abgesehen von dem famosen farbigen -Namen, den du dir ausgesucht hast. Aber, wie gesagt, es ist nichts zu -machen. Hingehen und ihm sagen: ›Bitte, seien Sie so gütig und heiraten -Sie mich!‹ das kannst du nicht gut, und ich kann auch nicht zu ihm -gehen und ihm sagen: ›Heiraten Sie meine liebe Base, oder ich fordere -Sie auf dreimaligen Kugelwechsel ohne Binden und Bandagen!‹ Denn je -besser ein Mann ist, um so mehr Verlangen hat er danach, sich das Weib -seines Herzens zu erobern, und er wird sofort auf der Hinterhand Kehrt -machen, wenn der Fall sich umgekehrt entwickelt. Daß auch gerade dir so -etwas zustoßen muß! Wenn du dich wenigstens in mich verliebt hättest! -Ich hätte es schon gemerkt. Ich schlüge sofort mein Zelt in der Türkei -auf und betete zu Allah. Hol's der sogenannte Dieser und Jener!« Er -warf seine Zigarre gegen den Ofen, daß es ein kleines Feuerwerk gab, -und steckte sich eine Zigarette an. - -Dann stellte er sich vor das angefangene Bild, auf dem Swaantjes -Kopf schon deutlich vor einem Haidberge zu erkennen war, aus dessen -rosiger Pracht ein Busch weißer Haide verschämt hervorschimmerte, und -als spräche er zu dem Bilde, fuhr er fort: »Dein Fall ist so gut wie -hoffnungslos, liebe Swaantje. Liebst du ihn wirklich so sehr?« Sie -nickte. »Als Schülerin oder als Weib?« Sie wurde rot. »Nicht nur als -Schülerin.« Er räusperte sich, und dann fragte er in trockenem Tone: -»Entschuldige, Swaantje, und wenn es dir nicht paßt, so antworte nicht: -Grete und ich glaubten bisher, du wüßtest noch nicht, daß du ein Weib -bist; das kommt oft sehr spät zum bewußten Ausdrucke. Du kamest mir -bisher gänzlich unsinnlich nach dieser Richtung hin vor. Für kalt -von Natur hielt ich dich nicht, aber für unaufgewacht. Du weißt, ich -spreche als Freund und Bruder, und darum darfst du mir diese Frage -nicht übel nehmen: Wie steht es damit?« Das Mädchen sah ihn mit klaren -Augen an. »Weißt du, Helmold, nach dem, was ich in den Büchern las und -von anderen jungen Mädchen hörte, glaubte ich, daß ich anders bin als -die anderen Menschen. Nur ein einziges Mal merkte ich, daß ich doch so -bin. Das war,« sie wurde blaß und stockte, fuhr aber dann fort. »Doch -das ist ja Nebensache!« Helmold runzelte die Stirn: »Leidest du sehr -unter deiner Neigung?« Sie nickte: »Sehr; ich glaube, ich gehe daran -zugrunde.« - -Ihr Vetter sah sie böse an: »Möglich, das heißt, wenn du dieses -zwecklose, unbefriedigte Leben weiter führst. Sieh mal, ich kenne dich -ziemlich gut. Ich habe früher schon Grete aufgehetzt, sie solle Muhme -Gesina so lange zwiebeln, bis sie dich aus dem Käfig läßt. Grete hat -das auch getan; den Erfolg kennst du: es stellte sich glücklich der -so bequeme Herzkrampf ein, und dann sprach die gute Swaantien: ›Nein, -liebstes Tantchen, ich verlasse dich nicht!‹ Deine Muhme in Ehren; -wäre sie nicht gewesen, so könntest du dich vielleicht als Gouvernante -oder Gesellschafterin piesacken lassen; das weiß ich. Aber vielleicht -wäre das besser gewesen; denn was hast du von deinem vielen Gelde? Du -willst deinen Geist betätigen, möchtest schaffen; statt dessen mottet -Muhme Gese deinen Geist ein und zwingt dich, zu murksen. Lauter dumme -Arbeiten sind es, zu denen sie dich antriezt, und da keine davon dein -Denken ausfüllt, zerfetzt sich diese hoffnungslose Neigung völlig. -Daß deine Nervenschmerzen, die dich seit einigen Jahren quälen, einen -anderen Grund haben, als weil du dir einmal beim Schlittschuhlaufen -nasse Beine geholt hast, das ist mir und Grete schon lange klar.« - -Er setzte sich in den Vierländer Bauernstuhl, nahm die Laute und begann -die Weise zu klimpern, die er vorhin gesungen hatte. »Sieben Jahre mein -Herz nach dir schrie,« flüsterte es in ihm und dann: »Mensch, weißt du -es denn nicht, daß du sie liebst! daß du sie zum Verrücktwerden liebst! -von dem Tage an liebst, als du sie zum ersten Male sahst, als sie ein -Backfisch und du ein glücklicher Bräutigam warst?« Sein Herz zuckte -zusammen; das war wahr, war wirklich wahr. Er mochte nicht aufsehen -und steckte sich aus Verlegenheit eine neue Zigarette an, denn wenn -er jetzt, in diesem Augenblicke, das Mädchen ansah, dann, das fühlte -er, lag er vor ihr, küßte ihre Hände und bettelte um einen Kuß von den -Lippen, die nach einem anderen Manne seufzten. - -Er griff in die Saiten und spielte das frechste von allen Liedern, die -er kannte, und summte dabei halblaut die ersten beiden Verszeilen: -»Auf der Lüneburger Haide ging ich auf und ging ich unter,« und -dann setzte er das Singen durch Flöten fort. Als er in den Spiegel -blickte, erkannte er, daß er tiefe Schatten unter den Augen hatte. -»Swaantje,« rief er und legte die Laute fort; »hier gibt es nur ein -Mittel: eine Tätigkeit für dich, die dir Freude macht. Dieser Kram da -zu Hause, wo du nur die Rolle eines unmaßgeblichen Haushaltsreferendars -spielst und nie eine freie Stunde für dich hast, das ist Gift für -dich. Raus mußt du, auf einen verantwortungsreichen Posten, der dich -müde, aber nicht matt macht, und auf dem du die Hauptperson bist -und nicht bloß ein Tantenschwanz, der alles machen muß, aber nichts -zu sagen hat. Entweder du verabschiedest die Tante, aber dann würde -sie sich natürlich sofort einen ihr gut stehenden Sarg anmessen -lassen, oder du kündigst ihr und ziehst mit lautem Hörnerklang in -die Hinausferne, siehst dir die Welt einmal ohne die Tante an und -siehst zu, daß du eine Arbeit findest, als Krankenschwester, als -Redaktörin, meinetwegen auch als sozialdemokrätzige Agittattersche -oder Frauenbewegungspropagandame. Aber zu Hause sitzen, Strümpfe für -Niggerblagen stricken, Missionspredigten anhören, Traktätchen verteilen -und sonst die Einmacherei überwachen und die Eierproduktion des -Federviehs statistisch aufnehmen und den ganzen Tag die Tante auf den -Hacken zu haben mit ihrer kamigen Liebe, dafür halte ich mir keine so -hübsche Kusine!« - -Da lachte Swaantje wieder, stand auf und schüttelte die Falten aus -ihrem Rocke, und wie ein Blitz schlug in Helmold eine Erinnerung ein. -Er war vor Jahren einmal mit ihr Rad gefahren, und zwar an einem Tage, -an dem seine Lippen abscheulich heißhungrig waren, denn er war seit -drei Wochen Strohwitwer und sah, ohne sich viel dabei zu denken, allem -nach, was Röcke trug und jung und hübsch war. Als er so mit Swaantje -dahinradelte und ihr allerlei dumme Witze zuwarf, paßte sie nicht auf, -fuhr gegen einen Stein und kippte um. Er sprang sofort ab, aber ehe er -bei ihr war, stand sie schon wieder auf den Füßen, lachte, faßte ihren -Rock und schüttelte ihn in der Aufregung so gehörig, daß er in die Höhe -flog und er ihre Hosen bis oben hin sah. Nun konnte er alles vertragen, -bloß keine weißen Mädchenhosen; aber das einzige Gefühl, das er damals -gehabt hatte, war: »Wenn sie es bloß nicht gemerkt hat, daß ich es -gesehen habe!« - -Jetzt, wo sie mit der selben Bewegung, wie an jenem Maienmorgen, -ihre Röcke schüttelte, brannte ihn eine nesselnde Vorstellung. Ihm, -das wußte er, konnte sie nie gehören, und er wünschte ihr alles -Gute, und dazu gehört für ein Weib ein Mann; aber der Gedanke, daß -ein Mann einmal so vertraut mit ihr stehen würde, daß er sie in den -verschwiegensten Hüllen sehen durfte, diese Vorstellung flog ihm wie -Schwefeldampf in den Hals und klemmte ihm die Lunge zusammen. Doch -sobald er das Mädchen wieder ansah, wurde ihm leichter zumute, und -während er sie in das Wohnhaus geleitete, fielen ihm schon wieder ein -paar Schnurren ein, und lachend kam er mit ihr in das Wohnzimmer. - -Sie gingen alle früh zu Bett, und er schlief auch bald ein; aber am -anderen Morgen sah er so wenig frisch aus, denn er hatte fast die ganze -Nacht die quersten Sachen geträumt, daß seine Frau ihn fragte, ob er -nicht wohl wäre. - -Da erzählte er ihr von Swaantjes tauber Liebe zu Professor Groenewold, -und Grete, die den Mann kannte, meinte ernst: »Das ist eine ganz -dumme Geschichte; nun wollen wir doppelt so lieb zu ihr sein und sie -möglichst lange hier behalten.« Sie wunderte sich weiter nicht, daß -ihr Mann nicht mehr sang und pfiff, wenn er malte, und nicht mehr so -frisch und fröhlich aussah, außer wenn das Mädchen zugegen war, und -dann dachte sie: »Er nimmt sich ihr Schicksal sehr zu Herzen.« Deshalb -schickte sie die beiden möglichst oft allein aus und freute sich, wenn -sie mit blanken Augen und roten Backen zurückkamen, und sie machte sich -weiter keine Sorgen darüber, daß Helmold, wenn er im Garten bei den -Blumen beschäftigt war, meist einen trüben Zug um den Mund hatte. - -Sie war nicht eifersüchtig veranlagt, hatte viel gelesen und scharf -beobachtet. Nachdem ihre beiderseitige Liebe nicht mehr so toll -schäumte, sondern ruhig weiterperlte, hätte sie ihrem Manne eine -kleine Grenzverletzung nicht weiter nachgetragen, wenigstens wäre ihr -das lieber gewesen, als wenn er sich mit einer unglücklichen Neigung -herumgeschleppt hätte. In einer rosenroten Stunde hatte sie einst -seinen Kopf an die Brust gezogen und ihm gesagt: »Du, ich glaube, den -meisten Männerchen fällt es sehr schwer, ihren Weiberchen treu zu -bleiben. Wenn es dir einmal so geht, und du richtest weiter kein Unheil -an, tu', was du willst, nur wissen möchte ich es nicht.« Da hatte er -hellauf gelacht und gesagt: »Bist du aber gemein! Damit hast du mir den -ganzen Ulk verdorben; denn wenn ich tun darf, was ich will, dann ist -das Beste davon weg.« - -In den drei Jahren, da sie beide mit vielen Sorgen kämpften, und er -noch obendrein in der ihm gar nicht liegenden Stellung als Lehrer an -der Kunstgewerbeschule reichlich Ärger und Verdruß gehabt hatte, hatten -sie ein Dienstmädchen gehabt, ein bildhübsches Menschenkind, das ihnen -mit seinem Lächeln ein wahres Labsal gewesen war. Als sie den Dienst -verließ, um zu heiraten, seufzte Frau Hagenrieder lang und breit hinter -ihr her; ihr Mann aber sagte: »Du hast am allerwenigsten Ursache, so zu -seufzen. Danke Gott, daß sie fort ist; denn wenn sie noch lange hier -gewesen wäre, wahrhaftig, ich hätte es nicht ausgehalten: ich hätte sie -in den Arm nehmen und küssen müssen.« Seine Frau hatte ganz trocken -geantwortet: »Das hätte ich dir weiter gar nicht übel genommen, und ich -wundere mich bloß, daß du es nicht getan hast; denn du bist doch sonst -nicht so.« Aber Helmold schüttelte den Kopf: »Erstens war sie verlobt, -und zweitens mochte ich sie viel zu gern leiden, um sie in Verwirrung -zu bringen. Aber offen gestanden, einen Kuß hätte ich als Andenken ganz -gern behalten.« - -Von Swaantje bekam er auch keinen Kuß zum Andenken. Früher hatte er -ihr immer einen gegeben, wenn sie kam oder ging. Dieses Mal war er -dazu nicht imstande und küßte ihr noch nicht einmal die Hand, als -sie in ihr Abteil stieg. Am Abend vorher hatte seine Frau nämlich -etwas gesagt, das ihm wie ein Dachziegel auf den Kopf gefallen war. -Er hatte sich alle Mühe gegeben, recht lustig zu sein, und wenn ihm -auch gar nicht so zumute war, so gelang es ihm doch; es wurde ein so -vergnügter Abend, daß seine Frau seufzend sagte: »Es ist ein Jammer, -Swaantje, daß du morgen abreisen mußt; wie schön wäre es, wenn du -immer bei uns bliebest. Helmold kann ganz gut zwei Frauen brauchen, -und du paßt eigentlich besser zu ihm, als ich. Außerdem habe ich mit -dem Haushalte und mit den Kindern so viel zu tun, daß ich mich um den -armen Mann so gut wie gar nicht kümmern kann. Überlege dir das einmal, -Swaantje! Ich bin dann seine Sonnenfrau, die für den Leib sorgt, und -du das Mondweiberchen, das seine Seele bescheint.« Das Mädchen hatte -gelacht und gesagt: »Wenn alle Stränge reißen, werde ich von deiner -freundlichen Erlaubnis Gebrauch machen!« Als aber Grete lachend fragte: -»Und du, Helmold, wie denkst da darüber?« da ging er nach der Türe und -ließ den Hund herein, obgleich der noch gar nicht gekratzt hatte. - -In der Nacht aber tat er kein Auge zu und sah am Morgen grün aus. »Sieh -bloß, Swaantje, wie er sich grämt, daß du uns verläßt!« sagte Grete -beim Frühstück. Das Mädchen wollte ihn ansehen, aber er sagte, ohne -aufzusehen, denn er strich sich gerade ein Brötchen: »Ich freue mich -auf das Wiedersehen; Swaantje will uns ja bald wieder besuchen.« Die -nickte. »Ja, aber erst, wenn du bei uns gewesen bist. Nicht wahr, du -kommst recht bald, lieber Helmold?« - -Das versprach er ihr; aber ein halbes Jahr verging, bis er sein Wort -einlöste. Zu seiner Frau, die ihn oft genug quälte, hinzureisen, denn -er gefiel ihr von Woche zu Woche weniger, sagte er, seine Pläne hielten -ihn an beiden Händen fest. Das schien auch so; denn er arbeitete wie -verrückt darauf los, und wenn er kaum über den Anfang bei einem Gemälde -hinaus war, dann redete er schon von einer anderen Vorstellung, die -er unter dem Herzen trüge, und seine Frau mußte ihm recht geben, wenn -er sagte: »Du kennst mich ja! Ich würde doch keine Ruhe haben. Mich -langweilt vorläufig alles, außer der Arbeit. Das kommt, weil ich mich -jetzt endlich als Meister fühle. Stoff und Farbe gehorchen auf den -Pfiff. Zudem fange ich an, berühmt zu werden, und ich muß das Publikum -schmieden, solange es warm ist. Ich werde fünfundvierzig Jahre alt, und -diese Jahre sind meine besten. Aber, du hast recht; ich habe zu viel -getan. Sobald dieses Bild fertig ist, schnüre ich meinen Wanderstab und -fahre los.« - -Doch als er soweit war, bekam er einen Auftrag von dem Prinzen, der -endlich zu seiner größten Freude das Stapelienbild bekommen hatte, -das sein Freund ihm früher nicht verkaufen wollte. Als der Prinz ihm -den Gutschein gab, lachte Helmold und sagte: »Danke! Übrigens neulich -wollte ich es dir beinahe schenken, lieber Brüne. Leider kann ich mir -solche Scherze nicht leisten.« Der Prinz, der seine Augen nicht von dem -Bild losbrechen konnte, meinte: »Geschenkt hätte ich es nicht genommen, -und wenn ich armes Tier mehr Geld hätte, würde ich dafür bezahlen, was -es wert ist. Aber warum magst du es eigentlich nicht mehr?« Der Maler -sah das Bild böse an: »Weiß ich selber nicht; bin die Person leid -geworden! Liegt mir zu offenbarungseidmäßig da. Sieh dich übrigens mit -ihr etwas vor; sie hat den bösen Blick.« - -Als Gegengift bestellte der Prinz dann ein Gegenstück dazu. Der Maler -sagte: »Pendants sind eigentlich Blödsinn, aber mir fällt zufällig eins -ein.« Vier Wochen darauf hatte der Prinz das Bild, und da gerade eine -alte Muhme ihm eine gehäufte Million und ein Gut hinterlassen hatte, -gab er Helmold zwanzig statt der vereinbarten zehn Tausendmarkscheine. - -Das neue Bild zeigte in der selben Lage, aber als Spiegelbild, und in -einem ähnlichen, nur in den Einzelheiten anders gehaltenen Rahmen, ein -Mädchen, dessen Augen alle Süßigkeit, die vom Weibe kommt, ausdrücken. -Hier war nur der Leib gemalt und einiges an den Lilien und Rosen, die -den Hintergrund bildeten; die Landschaft als solche aber war aus dem -Holze herausgespart. Helmold fiel, als er das Bild malte, das ein, was -er zu Swaantje über das Aussparen des Aktes der Chali gesagt hatte, und -als er den letzten Pinselstrich tat, sagte er vor sich hin: »Die Liebe -ist alles; das andere ist nichts.« - -Dann trat er vor den Spiegel und sah sich an. Grete hatte recht; er -sah elend aus und hatte unruhige Augen. Er hatte zu viel gearbeitet, -hatte gar keine Erholung gehabt als höchstens eine Abendstunde, wenn er -mit den Kindern spielte. Das taube Herumlaufen hatte er immer gehaßt, -und die Jagd reizte ihn augenblicklich nicht. Dazu aß er nicht genug, -schlief vor drei Uhr nicht ein, rauchte viel zu viel, konnte keine -Flasche Wein mehr vertragen; es war Zeit, daß er Schluß machte. - -Der Arzt hatte ihm geraten, eine Kuranstalt aufzusuchen, aber dazu -hatte er keine Lust. »Geh zu Swaantje!« riet ihm seine Frau, »die -bügelt dich wieder auf!« Aber das mochte er auch nicht; denn er sagte, -die Muhme fiele ihm auf die Nerven. Er fuhr in die Alpen, kam aber -bald zurück: »Die aufgedonnerte Landschaft mit ihrer Eiskonditorei und -ihrer Fastnachtsstaffage macht mir Nesselfieber!« Er ging an die See -und war nach acht Tagen wieder da: »Tortenbacken aus Sand, dazu bin ich -denn doch schon zu ausgewachsen. Und dann das ewige Geschmatze von dem -Meere! Ehe es sich keine besseren Tischmanieren angewöhnt, lasse ich da -nicht mehr arbeiten!« - -Da schrieb Ohm Ollig, daß es mit Swaantje gar nicht gut stände; sie -schliefe keine Nacht vor Schmerzen, sähe wie ein Kellertrieb aus -und mache ihm wirklich Sorgen. »Fahr hin, und muntere sie auf!« -sagte Frau Grete, und wenn es auch drei Tage dauerte, ehe er so weit -war, schließlich fuhr er doch los. »Daß du sie mir aber mitbringst, -Helmold,« rief ihm seine Frau noch nach, als er auf der Treppe war; »es -ist doch niemals schöner bei uns, als wenn wir drei zusammen sind.« - -Er hätte nicht sagen können, was für Fahrtgesellschaft er gehabt hatte; -er sah auch kaum die Landschaft, die er sonst immer zur Unterhaltung -mitnahm. Er hörte nur, daß die Wagenräder fortwährend nach einer und -der selben Weise seiner Frau die Worte nachsangen: »Wir drei, wir drei, -und wir drei und wir drei,« und als er sich besann, fand er heraus, daß -es eine Singweise von ihm selber war, die nämliche, die er gefunden -hatte, als er Swaantje vor der weißen Haide malte, das Lied von Rose -Marie, zu dem ihm noch folgende Strophe eingefallen war: »Jedwede -Nacht, jedwede Nacht, hat mir im Traume dein Mund zugelacht; kam dann -der Tag, kam dann der Tag, wieder alleine ich lag.« - -Er wollte etwas anderes denken, aber er konnte die Melodie nicht -abschütteln, solange er in der Eisenbahn saß. Als er dann in dem -Jagdwagen nach Swaanhof fuhr, rasselten auch die Räder des Wagens in -dem Takte des Liedes. - -Der Mond aber stand hinter den hohen Pappeln und grinste. - - - - -Der Vollmond - - -Von allen Freunden, die Helmold hatte, war der Mond der älteste; ob -es sein bester war, das erschien ihm freilich fraglich, als er in dem -großen Himmelbette lag. - -Treu und anhänglich war er zwar, aber er hatte die dumme Angewohnheit, -immer dann zu kommen, wenn es Helmold am wenigsten paßte. Jetzt zum -Beispiel hätte er gern geschlafen, um die Gedanken loszuwerden, die -ihn fortwährend bissen; doch es ging nicht. Schon dreimal war er -aufgestanden und hatte in den Park gesehen, der taghell vom Mondlichte -war, und immer hatte er sich wieder hingelegt und den Versuch gemacht -einzuschlafen. Schließlich gab er es auf; er lag mit offenen Augen da. -Der Rücken tat ihm weh, sein Herz ging bald laut, bald leise, eben war -ihm die Steppdecke zu schwer, dann wieder zu leicht. Und dann war diese -aufdringliche Erinnerung da mit ihrem abgegriffenen Bilderbuche. - -»Helmke, schläfst du noch nicht?« fragte ihn seine Mutter. Er sah sie -vor sich mit ihren sanften Augen und vernahm ihre warme Stimme. Und er -hörte, wie er ihr entgegenquiekte: »Ach, Muttchen, der Mond und ich, -wir haben eben so prachtvoll zusammen gespielt.« Ja, der Vollmond, -der war an vielem schuld gewesen, auch daran, daß Harmtien Hilgenberg -auf einmal zu ihrer Muhme auf das Land mußte. Helmold lächelte. -Harmtien Hilgenberg! Wenn die Mädchen Wadenmessen spielten, war sie -immer die Beste gewesen. Als sie dann einmal im Kirschbaum saß mit -ihren weißen Strümpfen und ihren weißen Hosen, damit fing es an. Und -dann der Wassergang und der Schloßwall! Ach ja! Schön war es doch -gewesen, trotzdem es eine Kinderei war! Na, und schließlich kam der -alte Hilgenberg dahinter, und es gab einen großen Krach. Beinahe wäre -Helmold von der Lateinschule gejagt, und bei allen Müttern in der Stadt -galt er als ganz verdorbener Junge. Er lächelte. Dafür galt er bei den -Töchtern als gefährlicher Mensch, und das schadete ihm wenig. - -Er seufzte. Das Bild an der Wand, das Swaantjes Mutter darstellte, -sah ihn freundlich an. Ob das Mädchen auch wohl wachte? Sie hatte -den ganzen Tag nicht gut ausgesehen; auch sie litt unter der -Zudringlichkeit des Mondes. Ob er ihr auch Dinge erzählte, an die -man sonst nicht denkt? »Kerl,« hatte der Mond oft zu Helmold gesagt, -»Kerl, weißt du, wie dein Leben sein müßte: ein Gedicht von rot in Rot; -rote Küsse auf rotem Blut! Die weite Haide, Kerl, ein blitzblanker -Rappe zwischen den Beinen, den Bogen auf dem Rücken, den Köcher an -der Seite, und in der Hand das Schwert, das mit dem damaszenischen -Stichblatt, Kerl! Und dann, Kerl, hinter dir tausend Kerle, so wie du, -Kerl, die dir alle auf den Pfiff gehorchen, Kerl, und dann der Feind! -Kerl, nichts sieht doch feiner aus, als rotes Blut auf einer mit Gold -ausgelegten Klinge! Und dann, Kerl, wenn die Wölfe sich um Männerköpfe -anknurren, Kerl, und du dich gebadet und umgezogen hast, dann Kerl, -das Haus am Berge, das weiße, du weißt doch, unter den Eichen, und die -beiden schönen Frauen, die dir entgegenwinken, Kerl, und dir geben, was -du haben mußt, laute und leise Küsse, und heiße und kühle, so viel du -willst. Was hältst du davon, Kerl?« - -Helmold warf sich auf die andere Seite. Albernheit! Aber schön wäre es -doch. Damals, in München, hatte er jeden Tag zweierlei Küsse bekommen, -laute und leise, heiße und kühle. Wie Swaantje wohl küßte? Sicher -leise und kühl. Er schüttelte den Kopf und wischte sich die Lippen ab. -Würde sie ihn wohl küssen mögen, wenn sie wüßte? Die kleine sanfte -Schneiderin, was war sie weiblich. Miezi hieß sie. Und das dicke -heftige Tresl! Er wäre verhungert, hätte er die damals nicht gehabt. -Sie hatte sich ihm aufgedrängt, und er hatte sich ihre heißen Küsse -und ihre heißen Bockwürste gefallen lassen. Die Akademie hatte ihm -den ehrenvollen Abschied gegeben, Schneeschüppen brachte nicht sehr -viel ein, der Vormund schickte ihm kein Geld; eine schöne Patsche war -es, in der er saß. Keine Wohnung und ein Hunger, ein Hunger! Kalte -Pellkartoffeln hatte er einmal mit Wonne gegessen, zweiundzwanzig -Stück, und amerikanisches Schmalz dazu. Wenn er gewollt hätte, konnte -er damals Selchermeister werden, denn das Tresl hätte ihren Vater -dazu herumgekriegt. Beinahe war er schon so mürbe, aber da traf ihn -der Mond im englischen Garten: »Kerl, du wirst doch nicht? Bist wohl -verrückt, Kerl! Würstemachen? Ja, wenn es in der Haide wäre! Aber hier, -das hältst du nicht aus auf die Dauer. Komm mit, Kerl, ich will in die -Haide!« - -Helmold trat die Steppdecke von sich, aber dann zog er sie wieder über -sich und streichelte sie; Swaantje hatte die Spitzenkante gehäkelt. -Swaantje! Er sprach den Namen leise vor sich hin. »Du hast dich -eigentlich noch so gut wie gar nicht erholt, lieber Vetter!«, hatte sie -ihm gesagt; »du mußt hier nicht an deine Bilder denken!« Verächtlich -verzog er den Mund. Seine Bilder! Die quälten ihn nicht. Ein Dutzend -hatte er im Kopfe fertig, ein ganzes Dutzend, in diesen vier Wochen, -seitdem er auf Swaanhof war. Und was für Bilder! Schulze in Firma -Schulze und Schultze würde sich alle seine zehn klebrigen Finger -danach lecken. Sechsmal hatte er ihm schon geschrieben und gefragt, -ob er nicht das nächste Bild haben könnte. Früher war das anders; -da mußte Helmold im Vorzimmer warten, bis ihm der Magen knurrte, und -nachher hieß es: »Herr Schulze ist leider abgerufen!« Jetzt konnte er -Herrn Schulze warten lassen, und der nahm es ihm nicht übel. »Ich habe -Zeit, verehrter Meister!« grinste er. Und Hennig Hennecke sagte ganz -ernst: »Malermeister, Herr Schulze, Malermeister!« Und Schulze lächelte -schlagsahnig: »Ein Witzbold, der Herr Redaktör, ein geistreicher Kopf!« - -Ja, daß er und Hennig Freunde wurden, das hatte er auch wieder -dem Monde zu verdanken. Eigentlich war es zu dumm. Auf der großen -Frühjahrskitschausstellung hatte die Jury endlich ein Bild von ihm -angenommen und in die Ecke gehängt, wo das Tageslicht seine blendendste -Negativität entwickelte. Hennecke hatte sein Verzeichnis dort liegen -lassen und es abends geholt, und dabei hatte ihm der Vollmond -Hagenrieders Bild gezeigt. »Die Nebelfrauen« hieß es, aber der Mond -hatte Leberwürste aus den Elfen gemacht, und Hennecke hatte in seinem -Berichte also geschrieben. Helmold lachte. Wo er hinkam, hielt man ihm -die Zeitung unter die Nase. Fuchsteufelswild hatte er Hennecke auf eine -Postkarte gemalt, wie der abends über eine Moorwiese lief und sich vor -lauter gespenstigen Leberwürsten ängstigte, die ihre Mostricharme nach -ihm ausstreckten, und die hatte er ihm geschickt. - -Am anderen Tage klingelte es: »Sind Sie Hagenrieder? Ich heiße -Hennecke! Wo pflegen Sie sich zu betrinken?« Nach einer Stunde waren -sie ebenso angeheitert wie angefreundet. - -Ach ja! Wer so sein könnte, wie dieser Mann! So ruhig, so bäurisch, so -zielbewußt. Er hatte ihm das einmal gesagt. Hennig hatte gelacht, ein -Buch aus dem Schranke gelangt, eine Stelle aufgeschlagen und gelesen: -»Der wird nicht weit kommen, der von Anfang an weiß, wohin er geht.« -Dann hatte er gesagt: »Also sprach der Korse. Merke es dir, du Dussel, -und sei froh, daß du nicht diese verflucht übersichtliche Begabung -hast, wie ich. Konjak oder Schartrös?« - -Helmold langte nach der Wasserflasche. In seinem Wohnzimmer hatte er -Konjak. Aber er wollte nicht trinken; nun gerade nicht. Jedesmal, wenn -er nicht hatte Maß halten können, war es bei Vollmond gewesen. Auch -damals, als ihm das Leben auf der Kunstgewerbeschule den Atem nahm. Der -Direktor, dieser Professor Römer, er meinte es ja gut, als er ihm eine -Schwungfeder nach der anderen auszog. Und dann kam der bewußte Abend. -»Nun noch die Schwanzfedern, dann der Professortitel und dann bin ich -so weit,« hatte Helmold gedacht und sich derartig unter Sekt gesetzt, -daß er drei Tage schwänzen mußte. - -Er lachte, denn das Gesicht des Direktors war zu niedlich gewesen, -als der ihn gefragt hatte, warum er weggeblieben war, und die Antwort -bekam: »Ich hatte zu viel Sekt getrunken!« Na ja, und dann gab es -Krach, und es war Schluß. Grete hatte erst ein langes Gesicht gemacht, -sich aber bald sehr tapfer benommen. Tüchtiges Mädel! Schade nur, daß -sie ihn so gar nicht verstand. Oder vielmehr, daß sie zu sehr auf sich -gestellt war. Da war Swaantje anders. Die lehnte sich mehr an, gab sich -mehr hin, war weniger Mensch für sich, mehr Weib. - -Der Goldrahmen an der Wand blitzte. Im Garten rief das Käuzchen. -Mehr Weib? Vielleicht schien das nur so. Wenn sie an einem anderen -Platze stände, würde sie vielleicht weniger weiblich-hülflos wirken; -körperlich wenigstens, oder vielmehr: leiblich. - -Helmold nahm sein Tuch und trocknete sich die Stirne und die Brust. -Er sah sie neben sich, den Kopf auf seinem Arme, und er nahm sie und -küßte sie auf die Hände und den Mund und langte nach den Spitzen unter -ihrem Kinn; aber da war sie verschwunden. Er lachte bitter. So ging es -ihm immer; Hände und Mund, mehr bekam er von ihr nie, auch in Gedanken -nicht, und im Traume schon gar nicht. Seine Stirne bezog sich, seine -Augen stachen nach dem Bilde ihrer Mutter hin. »Wenn ein Mensch einen -anderen liebt, müßte er es doch merken«, hatte Swaantje neulich gesagt. -Professor Groenewold merkte es nicht, und Swaantje auch nicht. - -»Vielleicht kommt das daher, weil ich sie gar nicht als Weib liebe«, -dachte er. »Wie aber? Als Bruder, als Vater, als Künstler?« Er seufzte -tief auf und fuhr sich über die Augen. Das ging nun Nacht für Nacht so; -die eine Nacht las er, die andere dachte er. Wenn Grete da wäre? Aber -nein! Liebte er sie noch? Düster sah er in die Falten der Vorhänge. Was -ist Liebe? Zusammenklang, aber kein Nebeneinanderklang. Ebu Zeidun, du -hattest recht, zu singen: ›Und wir brachen den Zweig der Liebe, und -wir rissen seine Blüten herunter.‹ Und Henry Beyle wußte es auch, als -er seiner Schwester schrieb: ›Wenn wirkliche Liebe in der Ehe besteht, -so ist sie ein Feuer, das erlischt, und zwar um so schneller erlischt, -je heller es gelodert hat. Die Natur läßt die Nerven nicht lange in -derselben Spannung, und jeder häufig wiederholte Eindruck wird geringer -und weniger fühlbar.‹ Als er jene Stelle zum ersten Male las, vor -sieben Jahren, hatte er an ihrer Wahrheit gezweifelt; aber es stimmte -schon. - -Eine Mücke summte über ihn hin. »Wir drei, wir drei, wir drei«, summte -sie. Ganz deutlich war das zu hören. Eine Totenuhr klopfte: »Wir drei, -wir drei, wir drei«, klopfte sie. Die Turmuhr schlug: »Wir drei, wir -drei, wir drei«, schlug sie. Wieder rief das Käuzchen: »Wir drei, -wir drei, wir drei«, rief es. Die Wildenten schnatterten auf dem -Burggraben: »Wir drei, wir drei, wir drei«, schnatterten sie. Grete -oder Swaantje? Grete und Swaantje! Rot und grün! Laut und leise! Licht -und Schatten! Heiß und kühl! Komplemente! Das eine ohne das andere -nicht zu denken. Ergänzungen! Hälften! Nein, Drittel, erst ganz, wenn -es hieß: Gretehelmoldswaantje! Swaantjehelmoldgrete! »Wir drei, wir -drei, wir drei!«, klopfte sein Puls, schlug sein Herz, hauchte sein -Atem. - -Vor seinen Augen jagten sich seine Bilder und sangen ihm die Lieder, -die er noch nicht kannte. Hier Wode, da Christus, der eine schwarz, -der andere weiß, und dazwischen als Mittelbild des Triptychons die -Hinrichtung der Sachsen, rot in Rot. Christus und Wode sahen sich über -das Bild an; Christus lächelte verlegen, Wode überlegen. Und das Bild -sang: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund!« - -Er sang die Weise vor sich hin. Weg war sie, und eine andere kam -angesummt, leise, wie eine Mücke. »Sie sangen ihm von Avalun, gelb -war sein Haar«, klang es. Und da war das Bild: schneeweiße Sandhügel -mit kohlschwarzen Schatten, die Sahara; davor tote Männer, Kabylen, -lang, mit edlen Gesichtern; der eine mit rotem Bart und blauen Augen, -der andere schwarz, Beni Benjamin, der Doktor. Und daneben mit -Zuhältergesichtern, grinsend, wie Mandrills, französische Offiziere, -Dirnen am Arm. Und dann Swaantje vor weißer Haide, und die Haide sang: -»Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie«. Und -noch ein Bild, furchtbar: Mönche vor einem Holzstoße, der brannte, und -in den Flammen Frigges, der Süßen süßes Gesicht. Und eine weinende -Stimme sang: »Dann blühen alle Blumen rot, so rot, so rosenrot.« - -Frigge verschwand; Chali sah ihn an, doch sie hatte Gretes Augen, -traurige Augen! Aber nein, Swaantjes Augen waren es, bitterböse Augen. -Am Morgen war ihnen in der Stadt eine junge Frau begegnet; böse hatte -sie nach Swaantje hingesehen, und deren Augen wurden zu Eis. »Kennst -du die?« Swaantje nickte. »Du haßt sie?« Sie zuckte die Achseln. »Ich -glaube.« »Weshalb?« fragte er weiter. Sie hob abermals die Schultern. -»Ich weiß es nicht; ich glaube, sie haßt mich; das fühlt man. -Gesprochen habe ich nie mit ihr.« - -Liebe und Haß, was ist das? Die Buddhisten glauben, daß mit dem Tode -die Seele zerreißt, und daß dann die Stücke neue Verbindungen eingehen, -glückliche und unglückliche; daher kommt alle Wonne in die Welt und -alles Weh, alle Liebe, aller Haß, jede Guttat, jede Bluttat. Ein -schöner Gedanke und ein schrecklicher! Swaantje, gib mir das Stück -meiner Seele, das du bekamst, als du geboren wurdest, und wenn du das -nicht kannst, gib dich mir ganz! Kannst du das? Am Ende bist du zum -Teil Mann! Unsinn! Aber nein: denn wenn eine Frau nicht etwas Mann -wäre, wie könnte sie dann Knaben gebären, und wenn ein Mann nicht etwas -vom weiblichen Wesen in sich hätte, wie wäre es ihm wohl möglich, -ein Mädchen zu zeugen? Es gibt keine Grenzen zwischen den Dingen; -sie werden gemacht! Es gibt keine Arten und Gattungen bei Pflanzen -und Tieren; wir denken das System in die Natur hinein! Eine dumme -Eselsbrücke ist das für uns einsichtsloses Pack. Man kann Umrisse -malen, aber wo sind sie in der Natur? Auch die Moral, auch die Gesetze, -sie sind künstliche Konturen. Wer sich in sie hineinbegeben kann, wohl -ihm; jeder kann es nicht. - -Der Mond, der hinter den hohen Pappeln herschielte, schüttelte -mitleidig den Kopf, als er alles das mit ansehen mußte, was sein Freund -sich dachte. Er tippte ihm auf die Schulter und flüsterte ihm zu: -»Kerl, komm, wollen uns was erzählen! Kannst ja doch nicht schlafen.« -Listig grinsend setzte er hinzu: »Sie schläft auch nicht.« »Was geht -dich das an, alter Esel?« schnauzte der Maler, aber dann lachte er, -stand auf, holte sich seine Zigarettendose und setzte sich in den einen -Sessel, der in der tiefen Fensternische stand, und der Mond plumpste in -den anderen. - -»Berühmt siehst du nicht aus, Kerl,« sagte der Mond; »regst dich viel -zu sehr auf. Mußt es machen wie ich, immer kühl bleiben, das setzt -an.« Dabei klopfte er sich auf die strammsitzende Weste. »Halt die -Schnauze, du dämlicher Affe,« fuhr ihn sein Freund an, aber dann fragte -er: »Schläft sie wirklich nicht?« Doch der Mond war beleidigt; er -antwortete nicht, und als Helmold ihm eine Zigarette anbot, dankte er; -er sei nur Russen gewohnt und möge keine Herzogowinas. - -Helmold grinste heimtückisch und dachte: »Warte nur, alter -Kartoffelkopp, ich kriege dich schon! Ich packe dich bei deiner -Künstlereitelkeit; darauf fällt unsereins ja immer hinein.« Er blies -den Rauch der Zigarette so, daß er dem anderen in die Stubbsnase zog; -der atmete ihn verstohlen ein und schielte heimlich nach der Dose aus -Tulasilber, die aufgeklappt auf dem Fensterbörde lag. - -Der Maler sah in den Park, wiegte wohlgefällig den Kopf, nickte, -sah den Mond an und sagte: »Kerl, so gut ist dir noch kein Gedicht -gelungen, wie dieses da; allerhand Hochachtung!« Er zeigte nach dem -Schloßgraben: »Köstlich, dieser trefflich gelungene Vergleich des -Wassers mit einer silbernen Brücke, einfach köstlich!« Er steckte sich -eine neue Zigarette an: »Du bist sonst sparsam mit Ausrufungszeichen, -Kerl; aber wie du da mit der Pappel die hochpathetische Stelle zu -betonen wußtest, das ist einfach Goethe!« - -Er nickte und ließ seine Augen über den Park gehen: »Und wie famos, -daß du hier und da nicht das Letzte sagst, sondern dem denkenden Leser -Gelegenheit gibst, weiterzudichten, so dort bei der Epheustrophe; -erst alles ganz bestimmt und klar, und dann diese geheimnisvolle, -vielsagende, andeutende Dunkelheit.« - -Dann setzte er hinzu: »Nur eine Kleinigkeit, Kerl, die stört mich. Der -an und für sich ganz prächtige Vergleich des witzigen Baumschattens auf -der Wand des Flügelgebäudes mit einem Wegweiser könnte fehlen; er ist -überflüssig, und das Überflüssige ist immer unkünstlerisch, ist das -Unkünstlerischste. Du kannst ja diese Stelle auch leicht streichen.« - -Der Mond, der anscheinend gleichgültig, aber innerlich sehr -gestreichelt das Lob hingenommen hatte, lächelte spitzbübisch. Er faßte -erst in die eine, dann in die andere Tasche, machte ein ärgerliches -Gesicht und griff dann nach der Zigarettendose, indem er sagte: »Du -erlaubst? ich habe meine im Überzieher stecken lassen!« Er zündete sich -eine Zigarette an, ließ den Rauch aus den Lippen in die Nase steigen, -atmete ihn ein, ließ ihn in zwei Ketten winziger Kringel aus den -Mundwinkeln quellen, lächelte seinen Freund schelmisch an und sprach: -»Meinst du, daß der Vergleich so überflüssig ist? Du glaubst, ich hätte -ein einfaches Stimmungsgedicht geschrieben. Nimm einmal deine zwei -bis drei Sinne zusammen und lies es mit Verstand, so wirst du finden, -daß es ein zweites Gesicht hat. Weißt du, was es ist, Kerl?« Er sang -halblaut: »Ein Lied der Liebe, ein Sang der Sehnsucht, ein Gebet an die -guteste aller Göttinnen, an Frigge, die fröhliche Frau.« - -Helmold zog die Augenbrauen hoch: »Das ist mir zu hoch, Kerl; das mußt -du mir verklaren!« Der Mond grinste: »Also du hast den Vergleich mit -einem Handweiser glücklich begriffen?« Der andere nickte. »Handweiser -pflegen zu weisen.« Wieder nickte Helmold. »Na also!« lachte der -andere, und als der Freund ihn dumm ansah, plinkte er ihm zu, und da -schlug der Maler sich vor die Stirn, denn der blaue Schatten auf der -weißen Wand zeigte nach dem Erker hin, hinter dem Swaantje schlief. - -Bittend sah er den Freund an: »Du hast sie gesehen?« Der andere nickte -listig lächelnd. »Bitte, lieber Dicker, erzähle, erzähle; was tut -sie? schläft sie? Und wie geht es ihr? Geht es ihr gut, oder hat sie -wieder ihre Schmerzen? Ach, Kerl, du weißt doch! Los, erzähle! Ich tu -auch alles, was du willst. Soll ich dich in Öl malen oder in Pastell? -Halbakt oder ganz? Kniestück oder stehend? Voll oder halbvoll?« - -Der Mond nahm sich eine neue Zigarette, zündete sie an dem Stümpfchen -der ausgerauchten an, blies den Rauch von sich, sah den Maler ernst -an und begann: »Sie ist jetzt eingeschlafen, jetzt eben. Sie hatte -Schmerzen, aber nicht sehr schlimme. Sie sah sehr schön aus. Ich -habe sie gesehen, als sie sich umzog. Na, du weißt, ich sehe nicht -mit Menschenblicken«, setzte er schnell hinzu, denn Helmolds Augen -bewölkten sich. »Sie zieht sich niemals bei Licht aus; sie ist vor sich -selber keusch.« - -Er blies einen dicken Ring in den Park. »Sieh mal, Kerl, ich kenne alle -Frauen, die da waren, und sämtliche, die da sind. Ich sah noch wenige, -die diesem Mädchen glichen. Bis vor zwei Jahren war noch kein Gedanke -an einen Mann auf ihren Lippen zu sehen, ihre Brüste lebten still für -sich hin, ihre Lenden schliefen, und ihr Schoß wußte nichts von sich -selber. Das ist jetzt manchmal anders.« - -Er runzelte die Stirn: »Ein sonderbares Menschenkind! Sonst weiß ich -stets, an wen eine denkt, hier nicht. Zu flüchtig ist die Schrift, -kaum zu lesen. Anfangs glaubte ich, so solle es heißen, aber dann sah -ich, daß ich mich geirrt hatte. Außerdem, was sie denkt, es ist so -wenig bewußt, daß schwer dahinter zu kommen ist, sehr schwer. Wenn -ein unberührtes Weib eines Mannes liebend gedenkt, wird sie seiner -gleichzeitig als Mutter, Schwester und Braut gedenken. Darum, lieber -Helmold, du weißt, wir haben uns Aufrichtigkeit gelobt: sie denkt an -dich.« - -Der Maler sprang auf: »An mich?« Der andere drückte ihn in den Sessel -zurück. »Ja, aber in welcher Weise, das, mein Lieber, weiß ich nicht.« -Helmold keuchte: »Und der andere? Wie ist es damit?« Der Mond wiegte -den Kopf hin und her: »An den denkt sie auch noch, aber in verblaßter -Weise; an dich denkt sie mehr. Sie trägt Sorge um dich; sie denkt -immer an dich. Ob aber nicht nur als Schwester, oder in der Art, wie -eine Mutter ihres Kindes gedenkt, das kann ich dir wahrhaftig nicht -sagen. Ich weiß nur das eine: ich bin heilsfroh, daß ich kein Mensch -bin, denn sonst müßten wir uns auf krumme Säbel schlagen. Sie ist ohne -Fehl trotz ihrer Fehler. Deren hat sie mehrere an Leib und Geist. -Du weißt ja: ihre zu kleinen Hände, ihre allzugroße Nachgiebigkeit, -und die zu stark entwickelte Willensschwäche, und dieser gänzliche -Mangel an Selbstsucht. Und dann dieses allzu bewußte Vertiefen in -Philosophie, Geschichte, Kultur, Dichtkunst und andere Allotria. Das -ist mir zu unweiblich. Die Mitgift von Mannestum, die jedes Weib hat, -braucht sie für ihre Bildung, statt für ihr Leben. Sie ist ein Stück -Künstler, leider! Künstlertum verträgt sich nicht mit Vollweiblichkeit; -das Erzeugen ist euer Vorrecht. Frauen haben etwas anderes zu tun, -vielleicht besseres. Denn, wie du weißt: Kunst, was ist das? Ein -Notbehelf für das Leben.« - -Er seufzte: »Keiner weiß das so gut wie ich. Alle meine Werke und -meinen ganzen Ruhm, ich gäbe das sofort hin für ein Stück gelebtes -Leben.« Er stand auf: »Und nun, Kerl, es wird Zeit; ich muß fort. Und -dir fallen ja die Augen zu. Bis morgen!« - -Helmold stand müde auf. Er warf seine Zigarette in den Garten; wie eine -Sternschnuppe fiel sie im Bogen in das Buschwerk. Vier Jahre waren es -her, daß er mit Swaantje den sterbenden Sternen zusah. Sie hatte ihn -gefragt: »Was hast du dir gewünscht, lieber Helmold?« Er hatte sie -angelacht: »Ich wünsche nie etwas; ich will etwas. Aber was hast du dir -gewünscht?« Sie lächelte: »Nichts; ich dachte erst daran, als es zu -spät war.« - -Ja, so war sie, wunschlos und unbegehrt. Und wenn er nur wüßte, ob -er selber sie begehrte! Er hatte vergessen, den Mond danach zu -fragen. Seine Seele begehrte ihre Seele. Das andere? Er prallte vor -dem Gedanken zurück. Seine Lippen flatterten nach ihrer Stirne, seine -Finger dachten an ihre Hände; aber scheu gingen sie an ihren Schultern -vorbei und mieden ihre Hüften gänzlich. Wie oft hatte er sie nicht im -Ballkleide gesehen! Niemals war sein Blut wärmer geworden, und sie war -doch so schön an Hals und Schultern, und ihre Arme waren herrlich. -Aber nie hatte sich die gemeine Habsucht neben ihn gestellt und mit -dem Kopfe nach ihr gewinkt. Sogar damals nicht in jener schlaflosen -Nacht, einer Nacht, voll von Rosenduft und Nachtigallenschlag, als er -in den Büchersaal ging, um sich den Angelus Silesius zu suchen, und sie -plötzlich vor ihm stand, im Nachtkleide, das Licht in der Hand, und der -Schatten der Palmblätter mit unverschämten Fingern über ihre Schultern -nach ihren Brüsten wies, die aus den Spitzen hervorsahen, die sie mit -der linken Hand schnell zusammenraffte, als ihr Vetter ihr plötzlich -gegenüberstand. Nur Schreck war es gewesen, was sie damals in seinen -Augen hätte lesen können, und vielleicht eine reine Freude an ihrer -Schönheit. Möglichenfalls hatte auf dem tiefsten Grunde seiner Seele -ein zaghafter Wunsch schüchterne Worte gestammelt; doch sie waren von -dem Willen überhört worden. - -Nur wenn sie das weiche, lose Kleid aus weißer Wolle trug, hatten seine -Arme zärtliche Gedanken gehabt, denn so verlockend fraulich sah sie -darin aus. Einmal, als sie in rosenrot und weißgestreiftem, locker -gerafftem Kleide vor ihm her durch die blühende Wiese schritt, hatten -seine aktgeschulten Augen sich auf die Melodie ihres Leibes zu besinnen -versucht; bis zu dem Texte hatten sie sich aber nicht hingetraut. - -Die Schleiereule flog an dem Fenster vorbei; die Turmuhr schlug -fünfmal; da legte er sich nieder. Aber noch zwei Viertelstunden mußte -er sich von seinen Gedanken stechen lassen, ehe sie fortflogen. - -Die Amsel sang schon seit Stunden, da tat sich die Tür leise auf, und -Swaantje kam im Nachtkleid herein; unter dem weißen Gewande schoben -sich ihre nackten Füße verstohlen über den Teppich. Sie hielt mit der -einen Hand die Spitzen über ihrer Brust zusammen, die andere hatte -sie vor den Augen liegen, so daß das Morgensonnenlicht warm auf ihrem -gebogenen Arme spielte. Sie riegelte hinter sich die Tür ab, beugte ihr -Gesicht über ihn und ließ ihre Lippen seinem Munde entgegenschweben; -mit einem stummen Jauchzer legte er seinen Arm um Adda. - -Denn Swaantje hatte sich verwandelt; Adda küßte ihn, Adda mußte er -liebkosen, Adda, die ihm nicht mehr war, als ein hübscher, kluger, -kaltherziger Mensch, der zufällig ein Weib war, mit dem kein einziger -seiner geheimen Gedanken sich je beschäftigt hatte. Wehrlos mußte er -sich der ungeliebten Frau hingeben, machtlos war er in ihren Armen, -ohne Widerstand duldete er ihre langweilige Leidenschaft. - -Mit einem Seufzer, aus Lust und Ekel gemischt, fuhr er in die Höhe, sah -wirr um sich, sprang aus dem Bette, warf sein Nachtgewand von sich und -stieg in das Bad. Erst als er fertig angezogen vor dem Spiegel stand, -gelang es ihm, den Zug von Pein fortzuwischen, der um seinen Mund lag. - -Aber als er genauer zusah, erblickte er hinter seinem Spiegelbilde -einen anderen Mann, von den Füßen bis zum Kopfe in Eisen gehüllt, der -ihn aus der Visierspalte mit herrischen Augen ansah, und als er sich -die Augen näher anschaute, erkannte er, daß es seine eigenen waren, und -er wunderte sich darüber. - -Doch da war das zweite Spiegelbild auch schon verschwunden. -»Nervenüberreizung«, dachte er und ging in das gelbe Zimmer. - - - - -Der eiserne Ritter - - -Die Sonne spielte mit den Stäubchen Kriegen, als er durch das -Treppenhaus ging; sie fiel durch die grünen und roten Fensterrauten -und warf bunte Streifen durch den Raum, die als seltsame Flecke an den -Wänden hängen blieben. - -Helmold ging auf dem Läufer; deshalb wunderte er sich, daß seine -Schritte klirrten, als habe er Reitstiefel an. Er drehte sich um, denn -er dachte, der Reitknecht sei hinter ihm; aber als er den Kopf wandte -und sein Blick in den Pfeilerspiegel fiel, sah er den eisernen Ritter -darin stehen und zu ihm herübernicken. »Kaltwasserheilanstalt!«, dachte -er. - -Swaantje stand am Fenster, als er in das Frühstückszimmer trat; sie -hatte das gefährliche Kleid an. Als sie ihn anlächelte und ihm die -Hand bot, wurde ihm weh um das Herz, und ein bitterer Geschmack war -in seinem Munde. Er dankte stumm, als sie ihm in ihrer lautlosen Art -die Brotschnitten zurechtmachte und hinreichte, ihm den Tee eingoß -und freundlich sagte: »Nun iß, lieber Helmold, und erzähle mir, was -dir geträumt hat!« Er sah sie so entsetzt an, daß sie erst auflachen -wollte, aber dann neigte sie sich über den Tisch, griff seine Hand -und fragte: »Was hast du für einen traurigen Mund? Wieder schlecht -geschlafen? Du sollst hier nicht an deine Bilder denken; das hast du -mir doch versprochen.« - -Ihr Vater und seine Schwester kamen; erleichtert atmete Helmold auf. -Der alte Herr sah die Post durch. Er machte ein böses Gesicht, und -Frau Gese fragte ihn besorgt: »Sind die Kurse wieder gefallen, liebster -Ollig? Ich habe es mir gleich gedacht, denn wir haben nun einmal kein -rechtes Glück; mein Los hat auch wieder eine Niete gehabt. Und denke -dir, Pinke hat sagen lassen, mehr als acht Pfennige gäbe er für die -Eier nicht mehr! Das ist doch wirklich stark. Swaantien, hast du schon -gefragt, wie viele heute da sind?« Das Mädchen nickte. »Und ob das -weiße Perlhuhn noch immer nicht da ist?« Das Mädchen antwortete durch -ein Kopfschütteln. »Vergiß ja nicht, Fenna zu sagen, daß sie nicht -wieder von der besten Butter für die Leuteküche nimmt, und Janna soll -keine Zeitungen mehr zum Feueranmachen nehmen, sondern Reisig. Das -Mädchen bringt mich noch um mit ihrer Verschwendungssucht!« - -Sie wandte sich an Helmold: »Ich werde nach Adda schicken; die kann -heute nachmittag mit euch gehen, wenn ihr nach dem alten Heidengrabe -wollt. Denn so sagtest du doch gestern, lieber Helmold?« Er wollte -schon sagen: »Sehr angenehm!«, aber da sah er in dem Pfeilerspiegel den -Mann im Harnisch stehen und verächtlich lachend den Kopf schütteln, und -so antwortete er: »Ich verzichte; ist für Adda kein Genuß und für uns -erst recht nicht!« - -Die Tante seufzte: »Sie tut es ja nur eurethalben.« Helmold sah -erstaunt auf: »Unserthalben? Uns liegt gar nichts daran daß sie neben -uns hertappelt und andauernd über die Gefahr stöhnt, der sie ihren -Teint aussetzt.« Die alte Dame machte ihre kummervollsten Augen: »Aber, -lieber Helmold, allein solltet ihr beiden nicht so viel ausgehen. Frau -Bergedorf machte neulich schon eine Bemerkung darüber!« Der eiserne -Ritter nickte; seine Augen funkelten höhnisch durch die Visierspalte. -»Bist du der selben Ansicht, liebe Muhme,« antwortete Helmold höflich, -»so füge ich mich durch Abreisen. Was die Gaffelzange vom Duttenhofe -sagt, ist mir gleich. Übrigens hat sie recht, übel von ihren -Mitmenschen zu denken; ihr Vorleben ist ja auch danach.« - -Er sah in den Spiegel; der gepanzerte Mann nickte beifällig. Die Muhme -sank hinter der Kaffeemütze zusammen. Helmold warf leicht hin: »Na, -sie kann sich beruhigen, in zwei, höchstens drei Tagen muß ich fort; -ich habe ein Dutzend Bilder im Leibe. Aber heute und morgen will ich -Swaantje noch für mich haben. Also verschone mich mit Adda, bitte! -Kommst du mit in den Park, Swaantje?« Das Mädchen nickte und stand auf. - -Im Hausflur schüttelte er sich wie ein nasser Hund und lachte: -»Muhme Geses Piepmatz ist bald schlachtereif; kommt sie mir noch -einmal so dumm, dann male ich sie als Göttin der alles aufweichenden -Philisterhaftigkeit und die Bergedorfen daneben als die der -kleinstädtischen Niedertracht, aber beide als Ganzakte, die eine als -Braten, die andere als Knochenbeilage. Und darunter schreibe ich: Hätt' -Eva so oder so ausgesehn, brauchte Adam nicht aus Eden zu gehn!« - -Das Mädchen lächelte, aber dann flehte sie: »Bitte, Helmold, die Tante -ist so gut; und sie hat dich so gern. Gestern sagte sie es noch.« -Er knurrte: »Ich verzichte auf eine Liebe, die mir nicht bekommt; -Schwindel ist das. Bitte, laß mich ausreden! Deine Muhme, ich habe -dir das schon einmal in scherzhafter Weise gesagt, ist ein Ungetüm, -das inkognito reist, ein menschenfressendes, kannibalisches Geschöpf. -Gestern hat sie in einer Stunde achtzehn geschlagene Male gesagt: -›Swaantien, hast du dies getan? Swaantien, hast du auch daran gedacht?‹ -Hätte sie es noch einmal getan, so hätte ich gesagt, die Krebssuppe -wäre nicht geraten oder sonst etwas bodenlos Ruchloses.« - -Er zischte durch die Zähne: »Vierundzwanzig Jahre bist du alt, -und sie behandelt dich, als ob du vierzehn wärest. Jede Spur von -Selbständigkeit nöhlt sie dir fort. Sie hat es durchgesetzt, daß du -nicht nach Rom kamest; sie hat es vereitelt, daß du Krankenschwester -wurdest; sie hat dich glücklich so weit gebracht, daß du eine Art von -besserer Großmagd geworden bist. Du mußt stundenlang dabeistehen, wenn -die Renekloden oder irgendein sonstiges besseres Baumgemüse abgenommen -wird, damit die Mägde ja keine essen! Keine Stunde am Tage hast du für -dich. Der Deuwel soll darein schlagen!« - -Er faßte sie an der Hand und zog sie in die Ebereschenlaube, die ganz -rot von den reifen Beeren war. »Sieh mal, liebes Kind, ich habe mich -allein durchgerungen; ich habe mir ein Wissen angeeignet, das sich -sehen lassen kann; ich habe vier Erdteile bereist, habe gehungert und -verschwendet, beides reichlich; habe geliebt und gehaßt, und nicht zu -knapp; habe mit Fürsten und Verbrechern an einem Tische gesessen; habe -die ganze Weltgeschichte in mich aufgenommen; alle philosophischen -Systeme durchgekaut; zu vielen Göttern gebetet und vielen entsagt; -mehr Wonne und Weh erlebt, als tausend Menschen, und deine Muhme -sieht von der Höhe ihres Unternivos auf mich herab, wie die Katze -auf dem Dach auf den Löwen; denn: Renekloden einmachen, das kann ich -freilich nicht so wie sie, und mir geht jedes tiefere Verständnis für -die metaphysische Bedeutung der Muskatnuß bei der Zubereitung des -Blumenkohls ab.« - -Er holte eine Zigarre heraus. »Du erlaubst, Liebe? mit Dampf geht es -besser. Du hast wegen deiner Neuralgie zehn Ärzte gefragt und zwanzig -Kuren gebraucht. Ich werde dir etwas sagen: ich schlage Muhme Gese -tot, wir beerdigen sie mit Musik, lassen die vorschriftsmäßigen drei -Zähren auf ihr Grab tröpfeln, und ich wette: in vier Wochen bist du -nicht mehr Swaantien, die arme, verwaiste, hülflos betantete Nichte, -sondern Swaantje Swantenius, meine schöne, kluge und stolze Base. Bei -der Sonnenrune und dem heiligen Kreis, meine Geduld hat ein Ende! Ich -bin ja nur ein Schwippvetter, der hier nichts zu sagen hat, aber ich -werde, bevor ich abreise, einen solchen Höllenlärm schlagen, daß Muhme -Gesina drei Tage lang von Angst und Baldriantee lebt und alle ihre -Kommodenschiebladen nach Herzkrämpfen durchkramt. Und wenn sie mir -nicht bei den Manen ihres Mopses verspricht, dich auf zwei Jahre aus -dem Stalle zu lassen, dann erzähle ich es überall, ich hätte abreisen -müssen, weil Frau Gesina Stieghölter geborene Swanteniussen mir -andauernd schmutzige Anträge gemacht hätte.« - -Swaantje mußte nun doch lachen; ihr Vetter aber fuhr fort, indem er -dabei wütend paffte: »Der Mensch hat an erster Stelle Pflichten gegen -sich selber. Deine Pflicht ist, aus dir das zu machen, wozu dich -das Schicksal bestimmt hat, aber dich nicht selber im Grundrisse zu -verzeichnen und in der Fassade zu verkorksen. Du mußt heraus aus deiner -Watteverpackung, mußt etwas erleben, Gutes und Schlimmes, aber nicht -dasitzen, bis du jenseits von Gut und Böse bist, dein Herz an einen -Mops hängst und drei Stunden darüber redest, daß der Gerichtsrat Meyer -seinen Lehnstuhl neu hat überziehen lassen. Ich mache mir aus deiner -Bibel nicht viel; sie liegt mir nicht, aber es steht doch manches -vernünftige Wort darin, so von dem Pfunde Sterling, mit dem man wuchern -soll. Glaubst du denn, ich weiß nicht, wie dir zumute ist? Nun bin ich -bald vier Wochen hier, und in der ganzen Zeit habe ich keine Nacht mehr -als drei Stunden geschlafen, und manche gar nicht. Heute war es halb -sechse, als ich einschlief! Du meinst, weil ich an meine Bilder denke? -Ich pfeife darauf! An dich habe ich gedacht, um dich mir Sorge gemacht; -denn ich kann es nicht ansehen, wie die Frau dich auf kaltem Wege -hinrichtet, und das tut sie. Aber ich kenne dich und weiß, bei dir hat -alles Reden keinen Zweck, weil du verbrecherisch selbstlos bist. Und -das macht mich so mutlos.« - -Beim Mittagessen war er von blendender Kälte, denn der eiserne Mann -sah ihn fortwährend aus dem Spiegel an. Deshalb versalzte er der Muhme -die Suppe mit gleißenden Widersprüchen, verpfefferte ihr den Braten -mit funkelnden Vergleichen und übersüßte ihr den Schokoladenpudding -mit irrlichternden Witzen, bewies ihr auf das höflichste, daß sie eine -Gans in Großfolio sei, und überzeugte sie auf das verbindlichste, daß -sie am besten täte, nichts zu sagen. So aß sie denn kaum so viel, wie -die drei anderen zusammen, und war selig, sah Helmold sie einmal nicht -spöttisch an. Auch sagte sie nichts, als er nachher in weißer Bluse, -Kniehosen und langen Strümpfen, die Jacke auf dem Arme, herunterkam, -und sie seufzte noch nicht einmal, als er auf ihre Frage: »Wollt ihr -denn kein Butterbrot mitnehmen?« antwortete: »Im Gegenteil; einmal ist -das kleinbürgerlich, und dann wollen die Wirte auch leben.« - -Es war ein Tag in Blau und Gold. Der Himmel war hoch, die Sonne lachte -über das ganze Gesicht, die Feuerbohnen, Sonnenblumen und Georginen -hinter den Zäunen freuten sich ihres Lebens. Und Helmold auch. Er -hatte den unbarmherzigen Zug um die Lippen verloren, und hinter dem -frohen Leuchten seiner Augen schimmerte eine geheime Zärtlichkeit, -wenn er Swaantje ansah, die ihr rosenrotes Kleid, ihr Morgenrotkleid, -wie er sagte, anhatte, und den weißen, weichen, mit einem rosenroten -Bande umwundenen Hut. Tausende von goldenen Gedanken blitzten vor ihm -über den Weg hin, und nur ab und zu summte ein schwarzer oder brauner -dazwischen herum. Hinter ihm her aber schritt der eiserne Ritter; das -Klirren seiner Sporen klang gut zu Swaantjes hellem Lachen, mit dem sie -Helmold für sein fröhliches Geplauder dankte. - -Zwei Bauermädchen kamen ihnen entgegen und boten ihnen die Tageszeit. -Sie streiften ihn trotz seiner auffallenden Kleidung kaum mit -den Augen, sahen Swaantje aber voll andächtiger Bewunderung an. -»Merkwürdig!« dachte er; »alle Frauen sehen sie an, und jeder Mann -blickt an ihr vorbei! Woher das wohl kommt? Sie ist ihnen zu geistig, -zu hoch, zu unnahbar; ein goldenes Gitter von Reinheit ist vor ihr.« - -Der Fußweg unter den Hängebirken war so schmal, daß Helmold hinter -ihr gehen mußte. Ein Fest war das für seine Augen, wie sie vor ihm -herschritt, umflossen von dem leichten Kleide, dessen lose Formen ihren -hochadeligen Wuchs geflissentlich hervorhoben. Der Ritter flüsterte ihm -über die Schulter zu: »Sie ist die Schönste, die Allerschönste: wer -sie lieben darf, den kann kein Himmel mehr lohnen und keine Hölle mehr -schrecken.« Aber Helmold zuckte die Achseln. - -Eine Viertelstunde hatten seine Blicke nun schon die Locken ihres -Nackens geküßt, ohne daß ihre Wangen roter wurden, ohne daß sie sich -umwendete, und er wußte es: jedes Weib, dem er in den Nacken blickte, -drehte sich nach ihm um. Er sah sich nach dem Ritter um; der lächelte -und flüsterte: »Das Windröschen blüht in einer Stunde auf; die Rose -braucht mehr Zeit dazu.« - -Aus den Zweigen der Birken lispelte die Hoffnung Helmold -verheißungsvolle Worte zu; aber da flog ihm ein dicker, schwarzer -Gedanke mitten in das Gesicht; er dachte an den Mann, den Swaantje -liebte. Doch dann wiegten sich seine Blicke wieder in den Falten ihres -Kleides, das über dem grauen Fußsteige schwebte wie Morgenröte über -einem Flusse. - -Als sie vor dem Donnerkruge waren, setzte er die hohlen Hände vor den -Mund und schrie wie ein Haupthirsch vom zwölften Kopfe. Die hübsche -Wirtin schoß aus der Tür heraus, lachte, gab ihm die Hand und rief: -»Nein, haben Sie sich aber nüdlich gemacht, Herr Hagenrieder!« und dann -war sie fertig mit ihm und machte zu Swaantje die selben andächtigen -Augen wie vorhin die beiden Bauermädchen. - -Sie deckte unter der Linde. Als sie den Kaffee herbeitrug, stellte sie -in einen alten Krug, auf dem ein springendes Pferd zu sehen war, einen -mächtigen Busch von Astern, Ringelblumen und Georginen auf den Tisch, -so daß Helmold ihr eine Kußhand zuwarf und rief: »Großartig, Frau Trui; -nun haben wir alles, was wir brauchen.« - -Er hatte seine lichte Laune wieder. Seine Augen lachten, als Swaantje -ihm den Kaffee aus der bauchigen Zinnkanne eingoß, und er aß in einem -fort, nur um sich an den leisen Bewegungen ihrer Arme zu erfreuen, wenn -sie ihm vorlegte. Aber dann sah er ihre Hände an, und ein mütterliches -Mitleid stieg in ihm auf: »Arme, kleine, müde, entsagungsvolle Hände!« -dachte er, und ein bitterer Zug schloß seine Lippen; »Hände, deren -Seele nur gedacht und nie gelebt hat, die von Sehnsucht erzählen, aber -von keinem Wunsche; Hände, die im Schatten aufwuchsen!« - -Doch da flüsterte der Ritter ihm etwas in das Ohr. Entsetzt prallte er -zurück und machte Kontrahieraugen; aber als er den eisernen Mann ansah -und merkte, daß der keinen häßlichen Spott mit ihm trieb, da nickte er -ihm verstohlen zu, gab ihm heimlich die Hand und war wieder der lustige -Kamerad. Fortwährend erklang Swaantjes fröhliches Lachen, so viel bunte -Witze und farbige Schnurren breitete er vor ihr aus, und die Falte der -Entsagung zwischen ihren Brauen war nicht mehr zu sehen. - -Sie gingen dann die heiße Landstraße entlang, bogen zwischen den kühlen -Wallhecken ein, kamen über die sonnenbeschienene Haide und durch -Wiesen, glitzernd von Licht. Solange sie nebeneinander gingen, blieb -der Mann im Harnisch taktvoll zurück; wurde aber der Weg schmal oder -morastig, so daß das Mädchen vorangehen mußte, sofort war der Ritter -wieder neben Helmold und flüsterte ihm durch die Visierspalte zu: -»Vergiß nicht, was ich dir geraten habe!« und Helmold sah ihn an und -schüttelte den Kopf. - -Ja, er wollte es wagen, mochte daraus entstehen, was da wollte! Eine -übermütige Lust überkam ihn. Mit schmetternder Stimme begann er ein -schalkhaftes Volkslied; in den Schlußreim aber legte er jedesmal alle -Süßigkeit der Sehnsucht. Er sprang von Hott zu Hüh und kam immer -wieder geschickt darauf zurück, daß Kunst, Wissenschaft, Religion und -Philosophie nichts seien gegen ein bißchen erlebtes Leben; aber das -beste an ihm sei und bleibe die Liebe zwischen Mann und Weib. Das -Mädchen hörte aufmerksam zu, doch ihre Wangen blühten nicht voller -auf, und ihr Atem ging seinen gewohnten Weg. Aber wenn er auf den -wundersamen Zusammenklang von Schatten und Licht, auf die Unter- und -Übertöne der Landschaft, auf den geheimen Sinn der Blumen und auf das -beredte Schweigen der Bäume hindeutete, dann schenkten ihm ihre Augen -zärtliche Blicke. - -Kalt durchschauerte es ihn, wenn bei jedem ernstgemeinten Worte ihr -innerstes Wesen sich gegen seine Brust lehnte. Mit barschem Griffe -faßte er mitten in ihr religiöses Gefühl hinein, als sie von der -Seligkeit des Glaubens sprach. »Du verabscheust den Selbstmord, -liebe Swaantje,« begann er; »aber was ist denn Glauben anders als -Selbstmord? Wer glaubt, dem ist das Leben kein Problem. Er kann -sich getrost begraben lassen; für ihn gibt es keinen Kampf mehr. -Ich aber will kämpfen; sonst danke ich für das Leben. Wir Germanen -sind niemals gläubig gewesen. Religion hatten wir immer, aber eine -Diesseitsreligion; das Jenseits versparten wir uns für später. Mit -beiden Beinen standen wir auf dieser lieben Erde, lebten unser Leben -in Zucht und Sitte, berauschten uns nicht an Wollust und Grausamkeit -und brauchten daher auch nicht, wie die Asiaten, Opiate wie Reue und -Buße. Zu unsern Göttern standen wir wie zu unsern Fürsten; wir zahlten -ihnen pünktlich den Zins, machten Front, fuhren sie vorbei, und damit -holla! In unser persönliches Leben durften sie nicht hineinreden. -Ich habe mehr als einmal mit dem Tode Kugeln gewechselt; aber niemals -ist mir dabei der Gedanke gekommen, daß ich vorher erst ein reines -Hemd anziehen müsse, für den Fall, daß ich plötzlich vor jemand stehen -würde, der erst meine Wäsche ansähe, ehe er mir die Tür aufmachen -ließ. Wir sagen: wir sind Christen, aber wir sind es nicht; wir können -es auch nicht sein. Christentum und Stammesbewußtsein vertragen sich -ebensowenig, wie Sozialismus und Kultur. In der Theorie sind wir -Christen; aber sobald es an die Praxis geht, in Politik, Geschäft und -dergleichen, dann sind wir genau solche Heiden wie die Männer, die dort -schlafen gelegt wurden.« - -Er zeigte nach dem Tödeloh hin, der sich vor ihnen über der -Kiefernhaide erhob, und von dem das verbuhlte Gurren eines -Ringeltäubers herüberklang. Die Sonne stand noch hoch, so daß die -gewaltigen Wachholderbüsche halb schwarz, halb goldig aussahen; aber -die Ferne war in dichten Duft gehüllt, und über dem Bachgrunde lag der -Nebel wie der Atem eines Hünen. - -Der Fußweg war so schmal, daß Helmold die Gelegenheit benutzte, um -hinter der Heißgeliebten herzugehen. Er drehte sich um und nickte -seinem Hintermanne zu. Ja, er wollte es wagen! Sie sollte etwas -erleben! Er wollte sie umfassen und küssen und das Weib in ihr wecken; -der Föhn seines Atems sollte das Gletschereis von ihrer Seele schmelzen -und der Platzregen seiner Küsse den Staub von ihrem Herzen waschen. - -Sie sollte sein werden, ehe die Sonne hinter dem Wahrbaume zu Boden -glitt. Er wollte jedes Gedenken an den anderen in ihr fällen, wollte -Feuer in ihre Vergangenheit werfen und das taube Gekräut totbrennen, um -Platz für die junge Saat zu schaffen. - -Absichtlich blieb er hinter ihr, mit Fleiß ließ er sie vor sich -hergehen. Seine Lippen sollten dursten nach ihrem Munde und seine Hände -hungern nach ihrem Leibe; sinnlos sollten sie vor Liebe werden. - -Er pflückte einen langen Halm und ließ dessen Spitze über ihre Wangen -gleiten; lässig strich sie mit der Hand nach der Stelle hin. Als er -zum dritten Male den Scherz machte, sah sie sich um und lächelte -ihm schalkhaft in die übermütig funkelnden Augen. Er sang leise und -mit aller Zärtlichkeit, die er in seine Stimme legen konnte, ein -verträumtes Liebeslied, das das Volk sich erdachte, und in dem das -Allerletzte zwischen Mann und Weib gesagt wird, aber als er endete: -»Denn deine Unschuld und die mußt du lassen bei dem Jäger auf der -Lüneburger Haid«, da blieb sie stehen, sah ihn mit leuchtenden Augen -an und sagte: »Das ist ja ein köstliches Lied; das habe ich noch nie -gehört!« Ein kalter Schauder lief ihm über das Herz; sie sah das -Kunstwerk in dem Liede und fühlte nichts dabei. Mutlos ließ er den Kopf -hängen und schritt hinter ihr her; ihm war, als müßte er sie schlagen. - -Doch der Ritter flüsterte ihm zu: »Sie ist ein unberührtes Weib; wer -sie zuerst küßt, den wird sie lieben. Und du willst sie küssen, wirst -sie küssen, mußt sie küssen, schon ihretwegen, um sie zu erlösen, damit -sie sich herausringt aus dieser blutlosen Nonnenhaftigkeit, aus diesem -unmenschlichen Vegetieren, aus diesem geschlechtlosen Unleben. Das -willst du, das mußt du, und das wirst du!« - -Der urzeitliche Friedhof lag in zufriedenem Schweigen da; der -Stechpalmen Korallenschmuck leuchtete heiß aus dem kalten Blattwerke, -das sich hinter dem grauen Seelenhause erhob. Swaantje nahm aus -dem bunten Strauße, den ihr Frau Heinemann mitgegeben hatte, eine -schneeweiße Aster, zwei blutrote Georginen und vier von den grellen -Ringelblumen, band sie mit einem blonden Halme zusammen und legte sie -vor die Tür der Urahnenkapelle hin. Dann ließ sie sich auf der Jacke -nieder, die Helmold für sie über das schimmernde Moos gelegt hatte, und -er setzte sich zu ihrer Linken. - -Sie saß ein wenig unter ihm, so daß er sie mit den Augen umspannen -konnte. Wild schlug sein Herz und dann wieder zaghaft. Ein dumpfer -Druck lag auf seinem Gehirne, und seine Kehle war wie eingeschnürt. -Aber kein heißer Schauer lief ihm über die Brust, und keine süße -Erwartung fieberte in seinen Lippen; nur eine bleiche Furcht hockte -hinter ihm, und vor ihm kauerte die Hoffnungslosigkeit, von oben bis -unten in Spinneweben gekleidet. - -Swaantje sah in die Sonne, die rot und rund über dem weiß atmenden -Bruche stand. Sie wandte sich nach Helmold, sah ihn zärtlich an und -sagte: »Vetter, wieviel Schönes habe ich dir doch zu verdanken; ich -hätte nicht geglaubt, daß der Herbst mir so viel bringen würde.« Ihre -Augen schimmerten feucht, als sie ihm die Hand gab; kühl lag sie in -seinen heißen Fingern, so kühl, daß er sie nicht festzuhalten vermochte. - -Aber da flüsterte ihm der Ritter zu: »Jetzt sprich ihren Namen so -zärtlich aus, wie du kannst, und sieh ihr so bittend in die Augen, wie -du es vermagst, und dann nimm sie und küsse sie, bis ihre Seele in der -deinigen ertrinkt.« - -Helmold nickte und sah das Mädchen an, das verträumt nach der Sonne -hinblickte, die sich immer schneller dem Wahrbaume näherte, dessen -schwarze Krone wie eine böse Rune über dem Milchsee stand. - -»Swaantje,« begann er, und er erschrak, denn seine Stimme klang ganz -blaß. »Vetter?« antwortete es ihm, aber dabei sah Swaantje unverwandt -in die Sonne. »Liebe Swaantje«, begann er von neuem, und er spottete in -sich selber über die Farblosigkeit seiner Stimme; »du hast mir kürzlich -etwas gesagt; nun will ich dir auch etwas sagen: ich liebe dich.« - -Er sah scheu zur Seite, denn da stand der Ritter, stampfte mit dem -Fuße, daß es klirrte, lachte verächtlich und fauchte durch das Visier: -»Dümmer konntest du es gar nicht anfangen!« - -Swaantje war kaum zusammengezuckt; sie sah nach der Sonne, und Helmold -fuhr fort: »Ich liebe dich seit sieben Jahren. Ich habe dich vom ersten -Tage an geliebt. Ich habe dich schon geliebt, ehe daß ich dich kannte, -ehe daß du lebtest.« - -Er seufzte tief auf: »Ich weiß das erst seit jenem Abend, als Grete -sagte: ›Du müßtest immer bei uns bleiben, Swaantje; ich dächte mir das -reizend, wenn wir drei immer zusammen blieben. Ich wäre dann deine -Sonnenfrau, Helmke, und Swaantje wäre dein Mondweiberchen‹.« - -Das Gesicht des Mädchens war blutlos geworden; geisterhaft hob es sich -von dem dunklen Wachholderbusche ab; ihre Augen hingen fest an der -Sonne, die mit bösem Blicke über dem Wahrbaume stand. - -Helmold half einem Käfer auf, der im Sande auf dem Rücken lag; dann -sprach er weiter: »Du weißt, daß Grete am anderen Morgen fragte: ›Ist -dir nicht gut?‹ Ich hatte in der Nacht kein Auge zugetan. Ich habe -seitdem überhaupt noch nicht wieder geschlafen. Es ist seither keine -Stunde gewesen, daß ich nicht an dich gedacht habe. Und deswegen kam -ich nicht zu euch. Aber schließlich sah ich ein, daß ich zugrunde ging, -wenn ich dich nicht wiedersah. Ich habe wie ein Verrückter gearbeitet; -sonst wäre ich irrsinnig geworden. Ich habe seitdem mehr gemalt, als -andere in zehn Jahren zuwege bringen. Aber ich habe es als totkranker -Mann gemalt. Schließlich mußte ich dich sehen und kam. Am Tage lebte -ich; in jeder Nacht starb ich. Du weißt, wie ich des Morgens aussehe, -und du weißt, wie anders mein Gesicht wird, wenn ich eine Viertelstunde -bei dir bin. Ich habe mich ganz genau daraufhin untersucht, wie ich -dich liebe, ob als Bruder, ob als Vater; aber ich liebe dich als Mann; -ich will dich. Und deshalb muß ich dir das alles sagen, denn sonst, ich -bin meiner nicht mehr sicher, und wenn ich dein Vertrauen verlöre, dann -müßte ich mein Leben fortwerfen. Denn das würde ich verlieren, hätte -ich das getan, was ich mir vorhin vorgenommen hatte: dich in den Arm zu -nehmen und in mein Herz hinein zu küssen.« Der Ritter schüttelte den -Kopf und ging langsam von dannen. - -Helmold und Swaantje sahen nach dem Wahrbaume, dessen unheimliche -Zauberrune mit Gold unterlegt war. Dann sprach das Mädchen: »Helmold, -das ist furchtbar, das ist entsetzlich. Ich wollte, ich könnte dir -helfen, aber ich kann es nicht. Selbst wenn das nicht wäre, wovon ich -dir sprach, könnte ich dir nicht helfen. Ich bin sehr unglücklich -darüber, denn du tust mir so unsäglich leid. Und doch bin ich stolz -darauf, sehr stolz, und ich danke dir; du hast mir ein großes Leid -geschenkt, und eine große Freude. Wenn ich dir nur helfen könnte, -liebster Helmold! Aber du weißt es selbst, daß ich das nicht kann. -Nicht wahr?« - -Sie sah ihn zum erstenmal wieder an; er nickte ihr mit ernstem Gesichte -zu, bückte sich und küßte ihre Hand, und sie zuckte merkbar zusammen, -denn sie fühlte, daß eine Träne darauf fiel. »Armer Helmold!« flüsterte -sie und sah dahin, wo die riesenhafte Rune stumpf und tot vor dem -rosenroten Himmel stand, während darüber ein Stern aufgehen wollte. - -Der Ritter kam wieder herangeschlichen: »Noch ist es Zeit, noch ist es -nicht zu spät!«, raunte er heiser; »greif zu! Eine Stunde wie diese -kommt niemals wieder. Küsse sie! Mein Wort darauf, sie ist dein.« - -Helmold sah ihn ungläubig an. Swaantje schauderte zusammen. »Steht -hier irgendwo Irrkraut?« fragte sie und drängte sich ganz dicht an ihn -heran, so dicht, daß ihre Backe an seiner Schulter lag und ihre Lende -seinen Schenkel berührte. »Nun oder nie!« zischte der Mann im Harnische -ihm zu, und Helmold näherte von hinten seine Hand, mit der er sich in -das Moos gestützt hatte, der Schulter des Mädchens; aber da sah sie ihm -ängstlich in die Augen und flüsterte: »Steht hier welches? Ich fürchte -mich!« Er gab ihr die Hand und half ihr auf. »Feigling, Dummkopf!« rief -ihm der Ritter zu und ging laut lachend durch den hohen Adlerfarn, daß -es rauschte. - -Der Abendwind warf mit dem dunkelgrünen Geruche des zertretenen Krautes -um sich, und Swaantje schauderte abermals zusammen. »Schrecklich, -wie das Farnkraut riecht! Hast du keine Angst davor?« Er lächelte: -»Nein, ich habe vor nichts Angst!« Er legte ihr das Spitzentuch um die -Schultern, zog die Jacke an und reichte ihr den Arm; ohne Zögern legte -sie ihre Hand hinein und lehnte sich fest an ihn, wie er es liebte. Als -er sich umdrehte, stand der Ritter an einen Baum gelehnt und blickte -ihm höhnisch nach; er sah wie ein hoher, spitzer Wachholderbusch aus. - -Krähen flogen über sie hinweg und schrieen sich heiser; schweigend -ruderte ein Reiher dem Flusse zu. Der Himmel sagte einen zweiten -Sonnentag an; hell stand der Liebesstern da. - -Lange Zeit sprach Helmold nicht, dann begann er: »Du verstehst doch, -Swaantje, daß ich dir das alles sagen mußte?« Sie nickte ernsthaft. -»Und ich muß es auch Grete sagen.« Sie nickte abermals. »Und obzwar -ich mir dadurch, daß ich dir meine Liebe in dieser Weise offenbarte, -alle und jede Hoffnung genommen habe, ich bin doch froh darüber, daß -ich es tat. Und ich bin froh, daß es so gekommen ist. Ich hatte immer -die Angst, daß ich alt und kalt geworden wäre; wer liebt, ist nicht -alt. Ich weiß, daß ich noch jung bin und ein Herz habe; denn es blutet, -und das danke ich dir. Ich war so hoffnungslos. Grete und ich, wir -haben uns heiß geliebt. Das ist vorbei. Sie ist zu sehr selbsteigene -Persönlichkeit, um in mir aufgehen zu können; alles in ihr wehrt -sich gegen mich. Darum macht sie mir so oft, oder eigentlich immer, -Opposition. Das kann ich nicht vertragen, denn ich bin eine Herrennatur -und will keinen Widerspruch; von meinem Lebensgenossen wenigstens -nicht. Wer mir widerspricht, ist mein Feind. Die Frau aber soll der -beste Freund des Mannes sein. Grete kann mir das nicht sein; mein Wesen -und ihres stammen aus verschiedenen Ländern, meines aus Nord, ihres aus -Süd. Uns trennt eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung. Ihr Wollen -drängt von sich zur Welt; mein Wille geht von dem, was da ist, zu dem, -was ich bin. Sie ist zentrifugal, ich bin zentripetal. Sie lebt; ich -schaffe. Wir haben aneinander keinen Teil.« - -Er blieb stehen, zündete sich eine Zigarre an, und als er bemerkte, daß -das Mädchen totenblaß aussah, strich er ihm sanft über die Backen, gab -ihm den Arm und sprach im Weitergehen: »Trotzdem gehören Grete und ich -zusammen, denn sie liebt mich, und ich liebe sie; und dann haben wir -Kinder. Ich weiß, was du denkst, aber ich sage dir: trennte ich mich -von ihr, und liebtest du mich auch, so wie ich dich liebe, du kämest -dann erst recht nicht zu mir, und solange Grete meine Frau ist, habe -ich auch keine Hoffnung, daß du mein wirst. Das ist mir alles ganz -klar. Zudem: du liebst einen anderen.« - -Der Arm des Mädchens zuckte in dem seinigen, und er fühlte, wie sie -sich fester gegen ihn lehnte. »Friert dich?« fragte er. Sie schüttelte -den Kopf, und er fuhr fort: »Wenn der, den du liebst, dich liebte, -und er brächte dir das Glück, dann könnte ich wieder ein froher Mann -sein.« Sie schauderte wiederum zusammen und lehnte sich noch fester an -ihn. »Du frierst doch wohl?« fragte er; »willst du meine Jacke haben? -Ich brauche sie nicht.« Sie wehrte ab und flüsterte, und süßer als je -zuvor, erschien ihm der Tonfall ihrer Worte: »Dann mußt du mich aber -sehr lieb haben, Helmold!« Er antwortete erst nicht, aber dann sprach -er mit ernster Stimme: »Mehr als meine Kunst.« - -Der Ritter flüsterte hinter ihm: »Aber Mensch, sie will ja, daß du -sie küssest! Küsse sie! Sie liebt dich und nicht den anderen!« Doch -Helmold, der bemerkt hatte, daß Schauer auf Schauer das Mädchen -schüttelte, blieb stehen, zog seine Jacke aus und befahl: »So; kleine -Mädchen haben zu gehorchen!« und so verstand er nicht, was der Mann im -Harnisch ihm zuraunte. Er half Swaantje, die mit niedergeschlagenen -Augen dastand und beklommen atmete, in die Jacke, und dann sagte er: -»Nun wollen wir etwas schneller gehen«, und eine lustige Weise flötend, -schritt er, das Mädchen am Arm, an dem Ritter vorbei, der schwarz und -gespenstig auf der Haide zurückblieb. - -Tief im Walde ließ der Kauz sein blutrotes Lied erschallen; vom Flusse -her heulte ein Dampfer; es klang fast genau so. Der Mond kam hinter den -Kiefern hervorgegangen; sie spannen lange Schatten über den weißen Weg. - -Helmold lachte auf: »Hör, Swaantje, die beiden! Was sich liebt, das -neckt sich. Denk dir das Bild: Der Waldkauz balzt den Dampfer an! -Findet er Gehör, so gibt es ulkige Küken: kleine Dampferchen, die auf -die Mausjagd gehen, oder Ulenküken, die nach Steinkohlen piepen. Und -nun reden wir nicht mehr davon!« Er schwenkte ihren Arm auf und ab und -pfiff die Kasatschka. - -»H' ach!« fing er dann an; »die möchte ich noch einmal tanzen. Das ist -ein Tanz, der nach roten Küssen und nach roten Messerklingen riecht! -Tanzen ist: trampeln, daß die Diele donnert, und die Mädchen hin- und -herschmeißen, bis sie windelweich sind, aber nicht diese betutige -Dreherei, wie sie jetzt in Mitteleuropa im Schwange ist. Überhaupt: -Ballschleppe und Tanzen! Das ist schon mehr Fesselballonbetrieb. -Etwas angetrunken muß man auch sein, und die, mit der man tanzt, -muß hinterher zu allem Ja sagen; sonst ist das einfach zuchtlos. In -der Ukranja habe ich mit einer getanzt, Marja hieß sie und war ganz -hellblond; aber sie hatte den Satan im Leibe!« - -So prahlte er und erzählte Kasakenschwänke und Witze, die er in der -Herzegowina gehört hatte, und Schnäcke im Hamburger Ewerführerplatt -und Schnurren in pfälzischer und ostpreußischer, schlesischer und -bayerischer, münsterscher und berliner Mundart, eine immer toller als -die andere, so daß Swaantje mehr als einmal hell auflachen mußte. Er -blieb auch den ganzen Abend lustig und versöhnte Tante Gesina gänzlich -wieder, denn er machte gar keine kecken Witze, sondern blieb völlig in -der guten Weise des Marktfleckens. - -Um elf Uhr ging er zu Bett und las bis zwölf Uhr im Herodot. Dann blies -er das Licht aus und sah gegen die Decke, die taghell vom Mondlichte -war. Um ihn summte ein neues Lied, erst leise dann laut, bis seine -Lippen die Weise nachsummten: »Am Himmel steht ein goldener Stern -dahinten über dem Walde«. Und ein neues Bild reimte sich darauf; ganz -kühl zog er es in den Vordergrund seines Bewußtseins: gelben Sand, -weißglühende Sonne, ein Trupp französischer Fremdenlegionäre, alle -blondbärtig und blauäugig, halb verrückt vor Durst durch den Sand -stolpernd; neben ihnen, zu Pferde, ihre Zigaretten rauchend, die -schwarzbärtigen Offiziere, darüber ein Aasgeier. - -Plötzlich warf er sich auf das Gesicht, biß in das Kopfkissen, weinte, -daß es ihn schüttelte und flüsterte: »Swaantje, meine geliebte, süße -Swaantje!« Eine halbe Stunde lag er so da. Dann stand er auf, wusch -sich das Gesicht, trank die Wasserflasche fast leer, sah in den Park, -holte sich seine Zigarettendose und wollte sich damit vor das Fenster -setzen. Aber als er an dem Spiegel vorbeikam, prallte er zurück: der -Ritter stand da. Seine Rüstung blitzte weiß, das Visier hatte er -heruntergeklappt; er sah an ihm vorbei, wie an einem wortbrüchigen -Hallunken, und wies mit dem Finger nach dem Seelenhause im Tödeloh. - -Helmold stellte die silberne Dose hin und legte sich nieder. »Elende -Hyperästhesie!« dachte er, als ihm die Augenlider zufielen. - - - - -Das Seelenhaus - - -Das gelbe Zimmer war voll von der Vormittagssonne, als Helmold eintrat; -zwei Sonnenblumen, die in einem blauen Zierkruge standen, starrten ihn -mit toten Augen an. - -Swaantje kam herein; sie sah frisch und gehoben aus, erschrak aber -sichtlich, als sie ihren Vetter ansah, und als der in den Spiegel -blickte, erkannte er sich kaum wieder: er sah nicht angegriffen aus, -aber seine Augen waren welk und seine Lippen abgeblüht. - -Er las die Briefe, die auf seinem Platze lagen, und reichte einen -nach dem anderen dem Mädchen. Das nickte ihm bei dem ersten fröhlich -zu, jubelte bei dem zweiten auf und klatschte bei dem dritten in die -Hände. »Wie freue ich mich, wie freue ich mich! Drei große Bilder so -gut verkauft, Aufträge über Aufträge, und nun noch erster Sieger in -einem internationalen Ausschreiben!« Ihre Stimme fiel herab, als sie -ihn ansah: »Aber freust du dich denn gar nicht ein bißchen, lieber -Helmold?« Er nötigte sich ein Lächeln ab und sagte gleichgültig: -»Natürlich; Berühmtheit ist bar Geld.« Sie sah ihn enttäuscht an. -»Lieber Helmold,« begann sie nach einer Weile schüchtern, »sei nicht -böse; heute kann ich dich nicht begleiten. Lies bitte!« Er nahm den -Brief und seufzte: »Was fange ich nun ohne dich an? Aber den Vormittag, -Swaantje, nicht wahr, den bekomme ich doch? Viel ist es ja nicht mehr.« - -Sie gingen nach dem Ausgang des Parkes. Da stand unter zwei ungeheueren -Silberpappeln eine graue Steinbank; dort ließen sie sich nieder und -sahen über die Wiesen, von denen der Maikrautduft des Grummets herkam. -Beide waren still; Helmold war todmüde; es war schon hellichter Tag -gewesen, als seine Augen das Sehen vergaßen, und Swaantje war betrübt, -denn unter seinen Brauen her flogen nur kalte Blitze über das lachende -Land, und wenn er sprach, so hörte es sich an wie Herbstlaubgeraschel -im Winde. Er sah dahin, wo unter einem breiten Weißdornbusche die -Hütebude lag; mit ihren beiden kleinen Türen und ihrer stumpfen grauen -Farbe sah sie aus, wie das Seelenhaus in Tödeloh. - -»In den Büchern steht, in den großen Steinkammern hätten unsere Urahnen -ihre Häuptlinge begraben,« fing Swaantje an; »glaubst du das?« Er -nickte: »Ja, das schon, aber diese Hünenbetten sind auch Seelenhäuser -gewesen, denn sie sind genau in der Art der Wohnhäuser erbaut. Alle -Jahre am Todestage ihrer Lieben legten unsere Urahnen dort Wildpret hin -und gossen Honigbier in die Schalen und zündeten ein Feuer darin an, -damit die Seelen sich erquicken und wärmen könnten, kehrten sie einmal -wieder zurück. Auch Blumen werden sie dort wohl niedergelegt haben.« Er -sah mit verlorenen Blicken nach der Hütebude, und sonderbar klang es, -als er fortfuhr: »Swaantje, wirst du mir auch Blumen bringen, damit ich -mich darüber freuen kann, wenn ich einmal wiederkomme?« - -Das Mädchen sah ihn erschrocken an und faßte seine Hand: »Lieber -Helmold, wie kannst du mich so ängstigen! Das war nicht hübsch von -dir. Du bist überreizt, überarbeitet, nervös; du solltest einmal in -ein richtiges Pussiersanatorium gehen, wie damals, als du so herunter -warest.« Er sah sie spöttisch an: »Meinst du, daß mir heute noch -ein Flirt hilft? Das glaubst du doch selber nicht.« Das Mädchen sah -einem weißen Falter nach, der an ihr vorüber in die Wiese flog, die -Weidenröschen am Grabenrand umflatterte und ziellos weitertaumelte. -Dann sah sie die Hand ihres Vetters an, die auf seinem Knie lag; -gestern war sie noch männlich und straff gewesen, nun sah sie -weiberhaft aus und ermüdet. Verstohlen besah sie ihre eigene Hand; -beide Hände waren sich jetzt ähnlich; früher waren es Gegensätze -gewesen. Die braune, derbhäutige, großporige, haarige, in breiten, -harten Nägeln endende Hand des Mannes erinnerte sie an den Vorsteher -Groenhagen, hinter dessen derben Zügen, unter dessen harten Augen so -sehr viel unausgesprochener Kummer lebte. - -»Ja, Swaantje, das ist nun so!« lachte Helmold und wies nach einem -hohen Riesenampferbusche, der mit seinen feuerroten Blättern unbändig -prahlte; »der rote Hinnerk da, so nennen die Bauern das Kraut, jeder -freut sich darüber, wie er so knietschrot dasteht; aber er ist welk, -ist tot. Ein Meister der Farbe ist er; aber sein grünes Herz ist -gestorben.« Er unterbrach sich, denn ihm war, als stände eine bleiche -Gestalt in dem Seelenhause und winkte ihn zu sich heran. Dann lächelte -er über sich; erstens war das kein Seelenhaus, sondern eine Hütte für -die Hütejungen, und die bleiche Gestalt, das war ein alter Lappen, der -da hing. - -Er warf den Kopf in den Nacken: »Du magst recht haben, Swaantien!« -Sie lächelte ihn an, denn noch nie hatte er die Koseform ihres Namens -gebraucht. Er pfiff eine leichtsinnige Weise vor sich hin. »Ich bin -überarbeitet, habe mich dazu um dich zu viel gesorgt. Nun verschieße -ich mich noch dazu; das zieht in keinen hohlen Weidenbaum.« Er summte: -»Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück ich mir ein Röselein.« Er -machte ein säuerliches Gesicht: »Mein Herz heil pussieren, das wird -schwer halten, aber als Heftpflaster hilft vielleicht so ein bißchen -Eintagsliebe. Man weiß nur nie, was man sich damit für Löcher ins -Gewissen läuft. Die andere hat sich vielleicht schon wer weiß wie lange -getröstet, und man denkt immer noch, sie wankt mit durchgescheuerter -Seele herum.« - -Er scharrte mit der Fußspitze im Sande umher: »Na, die Hauptsache ist, -daß du dich heute nachmittag in eurem Geisteslackierklub gut vergnügst. -Wird Er auch da sein?« Swaantje wurde rot: »Ich glaube,« flüsterte sie, -aber es lag keine Freude in ihrer Stimme. - -»Weißt du was, Zuckerchen,« fuhr es Helmold heraus, »eigentlich -müßte ich mit und dir dort in einer so feuergefährlichen Weise den -Hof schneiden, daß dem Professor das Brett vor dem Kopfe aufbrennt; -denn das hat er doch sicher dort, denn schließlich gönnt kein -rechtschaffener Mann eine einem anderen, und tritt man ihm auf die -Platzhirschhühneraugen, dann wetzt er sogleich die Kampfsprossen. Aber -die Bergedorfsche ist da samt ihren üblen Töchtern, und so wie ich mich -kenne, setzte es einen Heidenskandal, ginge ich mit. So will ich lieber -zusehen, daß ich den Bock in der Wittenriede bekomme.« - -Nach dem Mittagessen bat er sich den Fuchs aus, hängte die Büchse -über und ritt in das Bruch. Dort stieg er ab, ließ das Pferd bei den -Hütejungen und waidwerkte zu Fuße weiter. Aber er spähte nicht nach dem -alten Bocke, der dort umging, er träumte mit kalten Augen über das Land -hin, das in der Sonne glitzerte. Schließlich setzte er sich bei dem -Seelenhause an, rauchte und brütete vor sich hin. Immer wieder gingen -seine Augen nach der Büchse. Er sah sich um: wenn er seinen einen Fuß -in die Brombeerranken wickelte und sich durch das Herz schoß, dann nahm -alle Welt ein Unglück an; denn daß ein Künstler an dem Tage, der ihm -den größten Auftrag seines Lebens gebracht hatte, Selbstmord verüben -könne, das glaubte kein Mensch. Ein Druck, und er konnte endlich einmal -wieder ausschlafen. - -Aber dann fiel ihm ein Wort Hennigs ein: »Selbstmord wirkt niemals -tödlich«, hatte der einst gesagt und hinzugefügt: »denn es ist keine -organische Lösung.« Und dann waren die Kinder da, seine lieben Kinder -Swaan und Sweenechien, und Grete und Swaantje. Schon derentwegen durfte -er nicht Hand an sich legen; sie würde vor Gram zerbrechen. Außerdem: -er hatte den Auftrag vom Schicksal, seinem Volke viel Schönheit zu -bringen. »Nein,« sagte er zu sich, »nein, das tust du nicht!« Er -stand auf, entlud die Büchse, warf den Patronenrahmen in den Bachkolk -und ging nach der Wittenriede. Der starke Bock äste sich auf dem -Wiesenfleck; gleichgültig sah Helmold ihm zu. Ein dutzend Male war er -hinter ihm hergepürscht; aber selbst, wenn er jetzt eine Patrone gehabt -hätte, er hätte doch nicht schießen mögen. Ihm lag nichts mehr daran. -Ihm war an nichts mehr etwas gelegen. Ihm war alles gleichgültig. Ihn -langweilte sogar die Landschaft. Zu spitz dünkte ihm das Glitzern des -Stechpalmenbusches, zu frech seine roten Beeren, und albern kam ihm des -wilden Täubers Ruf vor. Er lag im Moose, auf der selben Stelle, auf der -er tags zuvor gesessen hatte, rauchte und starrte ohne Blick über die -Wiesen hin. - -Er sah sein zukünftiges Leben vor sich: wie ein Brandmoor würde es -aussehen. Nur Nutzpflanzen würden darauf noch gedeihen: Moorkorn, -Hafer, Kartoffeln, aber keine rosige Blüte mehr. Mit Hand und Kopf -würde er große Werke schaffen, derweil sein Herz unter Ruß und Asche -lag. »Alles müssen wir bar bezahlen,« hatte Hennig gesagt; »alles!« So -war es; alles gab ihm das Leben und nahm ihm alles, weil es ihm das -eine nicht gab. Er versuchte, sich zum Weinen zu zwingen, indem er den -Namen der Geliebten vor sich hinflüsterte und die Stelle streichelte, -wo sie gesessen hatte; doch seine Augen lachten ihn aus. - -Müde stand er auf, ging langsam dahin, wo der Fuchs war, schenkte -den Jungen eine Mark, saß auf und ritt die Landstraße entlang. In -Mecklenhusen stand die Wirtin vor der Türe und lachte ihn einladend an. -Er grüßte flüchtig und trabte weiter, obwohl ihn hungerte; aber er -mochte mit niemandem sprechen, der ihn kannte. - -Deshalb schlug er die Straße nach Lütkenhusen ein und stieg beim -Taternkruge, wo er noch nie gewesen war, ab. Das war eine schmierige -Kneipe; aber das paßte ihm gerade. Er aß das Butterbrot, das -ihm die schlumpige Wirtin brachte, mit dem Genuß des Ekels. Ein -fünfzehnjähriges Zigeunermädchen mit hübschem Gesichte, bunt angezogen, -kam herein, bettelte ihn an und machte ihm verheißungsvolle Augen. Er -schenkte ihm ein blankes Markstück und einige Zigaretten, ging aber -nicht auf sein Sprechen ein. Dreimal drehte es sich noch nach ihm um, -als es dem Walde zuging, und als es unter den Kiefern stand, winkte es -ihm schnell mit den Augen und lächelte. Er merkte sich den Fluß der -Bewegungen und die ganze Erscheinung, aber nur mit den Augen; sein Blut -blieb kalt, so kalt, daß es ihn fror. - -»Glas Grog!« befahl er. Die Wirtin sah ihn verwundert an, denn er -hatte sein Bier noch vor sich stehen. »Noch eins!« rief er, als er -es ausgetrunken hatte. Da wurde ihm besser. Farben und Töne brannten -und klangen in ihm durcheinander; er sah ein Bild in Moll vor sich -und hörte eine blaßrote Melodie. Er nahm sein Taschenbuch heraus und -schrieb ein Lied hin, las es durch, änderte eine Stelle, schrieb -ein zweites, ein drittes und noch eins. Eine Kiepenflickerfamilie, -die inzwischen eingetreten war, sah ihm neugierig zu, und zwei -Handwerksburschen machten heimlich ihre Witze über ihn. Er sah es, -kümmerte sich aber nicht darum. Ein Motorradfahrer kam herein, -schimpfte mörderlich, weil er vor einem Hunde so schnell hatte stoppen -müssen, daß er seine Maschine verdorben hatte, stampfte im Zimmer -auf und ab und versuchte, mit Helmold ins Gespräch zu kommen; der -antwortete nicht. Er trank noch zwei Gläser Grog und blieb sitzen, bis -die Uhr die siebente Stunde angab. Dann stand er auf, zahlte seine -Zeche und die der Handwerksburschen, die darüber ganz verlegen wurden, -und ritt fort. - -Als er zu Tische kam, fielen seine Blicke sogleich auf Frau Adda. Sie -saß ihm gegenüber, machte ihre verwitwetsten Augen und sprach über -bildende Kunst. Er hielt sie in höflicher Form zum Narren, bewies -ihr, daß es gar keine bildende Kunst gäbe, sondern nur einzelne -Kunstwerke, aß wenig und schützte nach aufgehobener Tafel vor, er -müsse eilige Briefe schreiben. Er schrieb aber nur die vier Gedichte -ab, gab sie Swaantje, die er auf der Treppe traf, sagte ihr, er -wolle den Abend allein verbringen, und ging in den Ratskeller, wo er -sich in die dunkelste Nische setzte, den Vorhang zuzog, dem Kellner -verbot, Licht zu machen und irgend jemandem zu sagen, daß er da sei. -Er starrte vor sich hin, trank aber nur wenig von dem Rüdesheimer und -ließ seine Zigarre kohlen. »Ein toter Mann trinkt nicht, ein toter -Mann raucht nicht,« dachte er und sah das Seelenhaus vor sich, neben -dem er unter dem goldenen Moose lag, ein Häuflein Asche in einer -schwarzgebrannten Deckelurne. Und vor dem Seelenhause lagen Blumen, -weiße Rosen, Lilien, Astern, Maiblumen, wie die Jahreszeit sie bot, und -die glitzerten im Mondenlichte; aber nicht Tau war es, der in ihren -Kelchen schimmerte, Tränen, kalte Tränen der Reue. Er sah eine Gestalt -neben dem Seelenhause stehen, in braune Gewänder gehüllt, Schleier vor -dem Gesicht, einen Kranz von Ringelblumen im Haar. Sie winkte ihm und -breitete die Arme nach ihm aus und flüsterte: »Sanft will ich dich -betten, so sanft.« - -Schal kam ihm seine Kunst vor: gemaltes Leben, weiter nichts. -Leinewand, stinkende Farbe, vom Keilrahmen gehalten, der sich feige -hinter dem Prunkrahmen verkroch, eine Lüge das Ganze! Und ein -jammervoller Notbehelf statt des Lebens, das ihm gebührte, eines -Lebens, das rot in Rot vor seinen Augen stand, hellrote Küsse auf -einem Hintergrunde von dunkelrotem Blute. Das Ende? Ein Pfeil in der -Brust, zwei Küsse auf den Lippen, und so, zwischen der Sonne und dem -Mond, zwischen der lauten und der leisen Geliebten, schnurstracks -nach Walhall, und da: Fortsetzung folgt! Aber sein Leben würde fortan -anders sein: Grau in Grau, hellgraue Sehnsucht auf dunkelgrauer -Hoffnungslosigkeit. Malen, malen, malen, der Professortitel, ein paar -Orden, eine Jubelfeier, wenn die nötige Knickebeinigkeit da ist, und -ein sanfter Strohtod mit viel Gezappel und Äthereinspritzungen. Hol's -der Teufel! - -Straffe Männertritte näherten sich seiner Koje; der Vorhang flog zur -Seite, und vor ihm stand Beni Benjamin. Unbefangen gab er Helmold die -Hand; sein schmales Beduinengesicht leuchtete vor herzlicher Freude. -»Ich hörte von der Wirtin, daß Sie hier seien,« sagte er mit seinem -dunklen Basse, »und daß Sie allein sein wollten. Ich sah Sie heute vom -Kruge in Mecklenhusen aus, und Ihr Gesicht gefiel mir nicht. Deshalb -dachte ich: laß ihn grob werden, das ist sein Recht als Patient! Und -nun: Rüdesheimer verbiete ich Ihnen; wir trinken Sekt. Erstens ist mir -gestern ein Sohn geboren, und zweitens bekommt Ihnen das besser.« - -Als der Sekt da war, hob er das Glas: »Auf das, was wir -lieben!« Helmolds Gesicht bekam Schlagschatten, und seine Augen -wetterleuchteten. Aber dann lachte er lebhaft. »Eine Gemeinheit ist der -anderen wert,« sagte er, zog sein Skizzenbuch hervor, riß ein Blatt -heraus, schrieb darunter: »H. H. s. l. B. B.« und gab es dem Arzte. -Der besah es genau; Lichter und Schatten flogen über sein Gesicht. Er -streckte dem Maler die Hand hin: »Dank, vielen Dank, Hagenrieder!« -Er stellte die Skizze gegen den Kühleimer und sah sie eine Weile an. -Dann flüsterte er, und seine Stimme klang noch dunkler: »Sie sind der -einzige Mensch, der mich erkannt hat. Durch und durch haben Sie mich -gesehen, lieber Freund, Sie, der Vollgermane, mich, den Ganzsemiten. -Wissen Sie warum: weil wir im Grunde ganz das selbe sind, Sie in Blond, -ich in Schwarz.« Er seufzte: »Die Leute glauben, ich bin glücklich.« -Er mauschelte: »Der raaiche Doktor Benjamin!« Er warf seine Zigarre -in den Kühleimer: »Na ja, so in epidermaler Hinsicht bin ich auch -glücklich, aber die Intestina denken anders. Jeden Tag, wenn ich mich -nach dem Essen lang mache und rauche, dann weiß ich, daß ich ganz wo -anders hingehöre, auf einen Pferderücken, oder ein Kameel, und um -mich ist die weite Wüste. In meinem Zelte aber, das bei einer Quelle -unter Palmen steht, ist nicht bloß eine Frau, die mich küßt, es sind -deren zweie, eine laute und eine leise.« Er trank sein Glas aus und -sah den Rauchringeln nach. »Eine für das Herz und eine für die Seele,« -flüsterte er nach einer Weile, und seine Augen bekamen einen hungrigen -Blick. - -Der Kellner kam und machte ihm eine Meldung: »Gehen Sie mit?« fragte -er; »ich muß noch nach der Mühle hin; die Großmutter hat wieder einen -Anfall. Das beste für die gute Frau wäre ja Morphium, denn diese -Herzbeklemmungen sind schrecklich. Aber das dürfen wir ja nicht. Ist -das eine verlogene Welt heute! Einer hetzt den anderen unbedenklich mit -Geschäftspraktiken tot; aber ein elendes Geschöpf, das alle zwei Tage -stirbt, zu erlösen, das erlaubt die Moral nicht. Ja, die Moral!« - -Sie gingen die mondhelle Landstraße entlang, die von den Schatten der -Kiefern gestreift war. Der Vollmond dichtete die Wacholderbüsche auf -der Haide zu bösartigen Gespenstern um. Helmold ließ den Arzt reden. -Er sah sich mit Swaantje am Arm durch die mondhelle Haide gehen; ein -kreischendes Verlangen von ihr sprechen zu können, überkam ihn. »Sie -kommen oft nach Swaanhof, Doktor?« fragte er den Arzt. Der nickte. -»Ja, ich tue so, als ob ich nach der alten Dame sähe, aber die junge -meine ich. Es ist ein Skandal, was aus der geworden ist! Von dem -bißchen Neuralgie ist sie nicht so herunter; das ganze lavendelduftende -Kommodenschubladenleben macht sie krank. Ist das ein Mädchen! Wissen -Sie, die in Schwarz, das wäre meine leise Frau; Blond liegt mir so fern -wie Ihnen meine Kulör. Aber in meiner ganzen Praxis ist kein Mensch, -um den ich mich so ängstige wie um sie. Gewalt! möchte man schreien, -wenn man zusehen muß, wie sie zugrunde gerichtet wird. Natürlich in der -besten Absicht. Ich kann reden, was ich will, immer heißt es: ›Lieber -Herr Doktor, das viele Lesen und Malen greift meine Nichte zu sehr -an‹, oder ›Sie hat doch alles, was ein junges Mädchen braucht!‹ Lieber -Hagenrieder, machen Sie doch einmal Krach; vor Ihnen hat die Alte einen -Heidendampf. So, und nun gehen Sie so lange in die Schenkstube. Ich -bin gleich wieder da und dann, wenn es Ihnen recht ist, trinken wir -noch eine dicke Flasche oder zwei. Wissen Sie, bei Vollmond muß ich -Bettschwere haben.« - -Helmold setzte sich unter die Linde auf den breiten Stein; allein -mochte er nicht in der Schenke sein, weil er dort noch nie gewesen war -und eine alberne Schüchternheit ihn lähmte. Er lächelte vor sich hin: -»Solamen miseris«, dachte er. Aber ein mäßiger Trost, daß es dem Arzt -ebenso ging wie ihm! Und es ging ihm viel besser, denn der hatte seine -leise Frau noch nicht gefunden; er aber hatte sie gefunden und hatte -sie zur selben Stunde verloren. - -Im Grunde hatte Benjamin vielleicht nicht so unrecht, als er ihm vorhin -sagte: »Frauenseele! ich glaube nicht daran; unsere heiligen Bücher -wissen davon nichts. Frauen sollen ihre Seele ihren Männern und ihren -Kindern geben; das ist ihr Zweck. Die das nicht können, sind mißlungen.« - -Eine furchtbare Angst befiel ihn. Gretes Seele hatte sich ihm -entwunden, und Swaantjes Seele würde nie sein werden, wenn nicht -Swaantje sein würde. »Aber wie ist das möglich,« dachte er, »daß zwei -Seelen sich voneinander lösen, die einst eins waren, wie meine Seele -und die von Grete.« Denn das hatte er oft gefühlt, wenn sie in seinen -Armen zerschmolzen war, daß nicht nur ihr Leib ihm gehörte. Das war nun -vorbei; er war hier, und sie war da. Sie war ihm Lebenskampfkamerad, -Freund, ja; er wollte aber nicht gestützt sein, er wollte durchdrungen -sein. Mann und Frau mußten den heiligen Kreis bilden, mußten sein, wie -die beiden Dreiecke mit den fünf Spitzen, zwei und doch nur eins. - -Die Semiten waren klüger, die gaben sich nicht mit Idealen ab; darum -war das Hexagramm ihr heiliger Kreis und nicht das Pentagramm, wie bei -den Ariern. Und deshalb waren die Juden glücklicher im Leben, scheinbar -wenigstens, denn schließlich: die besten unter ihnen schielten doch -aus dem Sechsstern zum Fünfstern, wie er von Grete nach Swaantje. -Warum: die eine ging in sich auf, war eine in sich geschlossene Natur, -die andere ein problematischer Charakter. Die eine satt, die andere -hungrig, unbewußt hungrig. - -Eine Meteorkugel zog ein himmelblaues Band über den mondhellen Himmel -und fiel dahin, wo Swaanhof lag, oder wo das Tödeloh stand. Eine -reisende Drossel flog über die Linde und pfiff verlassen; unsichtbare -Brachvögel riefen trostlos. Helmold fror das Herz. Er stand auf und -wollte in das Haus; da kamen harte Schritte näher, und der Arzt stand -vor ihm. »Haben Sie eine Erscheinung gehabt?« fragte er, als er den -Maler ansah. Der lachte: »Nein, eine Gänsehaut!« Aber Benjamin sah ihn -besorgt von der Seite an. »Na,« meinte er dann, »die laute Janna und -die leise Manna sind gut dagegen. Übrigens anständige Mädchen und nicht -glücklich; ein und der selbe Mann hatte beiden die Ehe versprochen, und -nun lachen sie sich am liebsten ihren Kummer fort, denn sie lieben ihn -beide noch immer, trotzdem an dem Kerl nichts dran war.« - -Helmold fühlte sich in der gemütlichen alten Wirtsstube, in der es -verstohlen nach Bratäpfeln roch, schnell heimisch. Er kam in die -Ofenecke in den breiten Ledersessel hinein; rechts von ihm saß Janna -und links Manna; sie sahen ihn mit Augen an, in denen eine mitfühlende -Freundlichkeit lag. »Nach Sekt,« scherzte der Arzt, »Schampagner am -besten schmeckt.« Er nahm die Laute von der Wand und klimperte darauf -herum, eine Weise dazu brummend, die nach Moschus und Ambra roch. Er -stieß mit allen an. »Funditus!« befahl er und schenkte wieder ein, -erzählte eine lustige Geschichte, füllte die Gläser abermals und bat -die Mädchen um ein Lied. Sie zierten sich nicht; Janna spielte, und -Manna sang dazu ein Lied, das wie Liebesgeflüster im Lindenlaubschatten -war, und noch eines, hell wie ein Aufquietschen hinter einer Haustüre -an einem dunklen Winterabend. - -»Nun Sie,« bat der Arzt und reichte Helmold die Laute; »aber erst die -Gläser aus und eine neue Flasche; unsere Köpfe kühlen wir nachher im -Mondenschnee!« Helmold griff einige Akkorde und sang dann zu einer -verschüchterten Begleitung das heimliche Lied an den Abendstern. Die -Augen der Mädchen wichen nicht von seinen Lippen, und der Arzt sah -ihn mit besorgter Miene an. »Bitte noch eins,« bat Janna leise, und -Manna flüsterte: »Ach ja!« Helmold sang das Lied von dem goldlockigen -Jüngling, der auszog, Avalun, das schöne Land, ganz und gar von -Zuckerkand, zu suchen, und der es erreichte, als er unter dem Notlaken -lag. Unaufgefordert sang er das dritte Lied, das so zart war, wie -perlgraue, mit Rosenrot gesäumte Abendwolken, und als er schloß: »Sag -ja! dann ist das ferne, fremde Land so nah; dann singt der Vogel -nimmermehr von Tod und Not, dann blühen alle Blumen rot, so rot, so -rosenrot,« hatten beide Mädchen feuchte Augen, und auf der Stirne des -Arztes lag eine Falte, die wie ein Hufeisen aussah. - -Die Mädchen baten stumm um ein viertes Lied. Helmold stellte erst die -Laute hin, nahm sie aber wieder auf, stürzte ein Glas Schampagner -hinunter und begann leise, aber mit jubelnder Stimme: »Rose weiß, Rose -rot, wie süß ist doch dein Mund, Rose rot, Rose weiß, dein denk ich -alle Stund.« Die Augen der Mädchen erhellten sich; aber als die Laute -einen wehen Ton gab, und es wie ein Weinen weiter klang: »alle Stund -bei Tag und Nacht, daß dein Mund mir zugelacht, dein roter Mund,« da -sahen sie ihn verängstigt an und atmeten beklommen. Jauchzend klang es -wieder: »Ein Vogel sang im Lindenbaum, ein süßes Lied er sang, Rose -weiß, Rose rot, das Herz im Leib mir sprang,« und abermals wimmerten -die Saiten und wie ein Schluchzen war es in des Sängers Stimme: »sprang -vor Freuden hin und her, als ob dein Lachen bei ihm wär, so süß es -klang.« - -Die Uhr ging hart durch die Seufzer der Mädchen. Helmolds Stimme lachte -wieder: »Rose weiß, Rose rot« und dann zerklirrte sie, als er fortfuhr: -»Was wird aus dir und mir?« und schneidend, wie Glassplitter wurde ihr -Ton bei den Worten: »ich glaube gar, es fiel ein Schnee, dein Herz ist -nicht bei mir,« und es war bis auf das Geräusch der Uhr totenstill in -dem Gemache, als er endigte: »nicht bei mir, geht andern Gang, falsches -Lied der Vogel sang von mir und dir.« - -Die Zwillingsschwestern waren ganz blaß, Benjamin schenkte stumm den -Rest ein, und der Maler sah mit einem bewußten Gefühle von Scham vor -sich hin. Der Arzt ging zuerst hinaus, dann folgte Helmold. Im Hausflur -drückten ihm die Schwestern die Hand, und eh' er es sich versah, nahm -ihn von jeder Seite eine in den Arm und küßte ihn schnell auf den Mund, -ohne daß sie sich vor dem Arzte scheuten. Der nickte ihnen freundlich -zu. - -Der Mond stand mitten über der schneeweißen Straße; taghell war zu -beiden Seiten der Wald. Die Männer gingen schweigend nebeneinander -her, trocken klangen ihre Schritte. Helmold war todmüde, aber vor dem -Bette graute es ihn. »Von wem sind die Lieder?« fragte der Arzt. »Von -mir,« antwortete der andere, und seine Stimme hörte sich staubig an. -»Die Melodieen auch?« fragte Benjamin weiter. Der andere nickte, aber -er war schon wieder anderswo, denn der Wald trat angstvoll vor der -Haide zurück, so unheimlich sah sie im Mondenlichte aus. Helmold aber -schien sie süßer Heimlichkeiten voll zu sein; er sah über dem schmalen, -weißen Weg, der zwischen den schwarzen Wachholderbüschen den Hügel -emporschlich, ein morgenrotfarbiges Kleid, das einen schlanken Leib -umspielte, und in völliger Selbstvergessenheit summte er die Singweise -des Rosenliedes vor sich hin. Plötzlich blieb er stehen und horchte in -den Wind hinein, der in der Ferne sang; ein angstvolles, bitterliches, -wehes Weinen war darin, und zum streicheln deutlich sah er vor sich ein -weißes, tränenlos schluchzendes Gesicht und einen verwaisten Mund. - -»Was ist Ihnen?« fragte sein Begleiter und schob ihm die Hand unter die -Achsel. »Sie fiebern ja! Drückt Sie etwas? Mir können Sie getrost alles -sagen.« Doch der Maler schüttelte den Kopf und lächelte gezwungen: -»Halluzinationen, Übermüdung und Sekt, weiter nichts; ich habe oft -dergleichen.« Aber er wurde wieder frischer, als der Arzt auf Swaantje -zurückkam, ihm auseinandersetzte, daß das Mädchen in die Welt müsse, um -sich einen Beruf zu suchen, Liebe und Leid zu finden, damit sie nicht -am lebenslosen Leben verwelke. Und da Helmold straffer schritt, begann -der andere das ganze Wesen des Mädchens zu schildern in den Farben der -Bibel und mit einem Verständnis für ihre Eigenart, daß dem Maler das -Herz schwoll. - -Als sie vor dem Gutshause Abschied nahmen, sah Benjamin, daß -Hagenrieders Gesicht wieder fieberfrei war. Er blickte ihm nach, als er -mit leichtem Schritte über den Hof ging und so sicher, als wenn er nur -Wasser getrunken hätte. »Auch nicht glücklich; einer wie der andere!« -dachte der Arzt. - -Als Helmold um das Haus bog, sah er nach dem Erker hin; dort war noch -Licht. »Sie schläft nicht,« dachte er und machte sich Vorwürfe, daß er -ihr die Lieder gegeben hatte. In seinem Zimmer fand er eine dringende -Depesche. Er packte seinen Koffer und legte sich nieder, den Herodot in -der Hand. Er wollte nicht einschlafen, er hatte Angst davor, aber die -Augen fielen ihm über dem Buche zu. - -Es war neun Uhr, als er erwachte; das Licht war bis auf den Halter -heruntergebrannt. »Muß ich müde gewesen sein,« dachte er. Schnell -badete er, und als er sich angezogen hatte, ging er in das gelbe -Zimmer. Swaantje war nicht da; ihr Gedeck war unberührt; die anderen -hatten schon gefrühstückt, denn ihre Plätze waren abgeräumt. Ohm Ollig -kam herein; sein Gesicht sah noch zerknitterter aus als sonst. »Es -hat Krach gegeben, deinetwegen. Die Bestie, die Bergedorfsche, hat -ihr Lästermaul wieder aufgemacht, und sie«, er zeigte mit dem Kopfe -nach dem Zimmer seiner Schwester, »muß das natürlich weiterquackeln. -Swaantje hat wieder ihre Schmerzen. Benjamin war schon da; er -verordnete Ruhe und acht Tage Bett. Jetzt schläft sie.« - -Frau Gesina kam herein. »Du bist recht spät gekommen, lieber Helmold,« -sagte sie süßlich. »Im Gegenteile,« antwortete er, »sehr früh sogar, -denn es war erst halb vier Uhr morgens.« Er drehte sich absichtlich -so um, daß er eine der schreiend bunten Erbvasen herunterwarf. »Ach -meine Lieblingsvase,« rief Frau Gesina und hob ächzend die Scherben -auf: »die ist nun in Stücken!« Helmold lachte frech: »Wenn hier weiter -nichts in Stücke geht, kannst du Gott danken! Hör' zu: ich muß mit -dem Mittagszuge reisen; aber so viel Zeit habe ich noch, daß ich dir -einmal die Wahrheit sagen muß. Setz dich bitte!« Er sprach das so, daß -sie in den Sessel knickte und ihn hülflos ansah: »Also: ich reise. -Ob ich je wiederkomme, weiß ich nicht; es ist mir zu mulsterig hier. -Bitte, ich rede jetzt. Paßt dir das nicht, Muhme, da ist die Tür; ich -bin nicht dein Gast, sondern Swaantjes, das bitte ich dich zu bedenken. -Laß das, an deine Herzkrämpfe glaube ich nicht. Du solltest nicht so -viel Kartoffeln essen, und nicht so viel Kuchen, und deinen Kaffee zu -Hause trinken statt bei der verfluchten Klapperschlange vom Duttenhofe, -die bei Gott verderben möge!« - -Die Tante fuhr auf: »Ich bitte dich, Helmold, lästere nicht!« Er warf -den Kopf zurück: »Das war ein christliches Gebet und keine Lästerung. -So, und nun kommt die Hauptsache: sobald Swaantje wieder in der Reihe -ist, geht sie auf zwei Jahre aus dieser Mottenkiste heraus, verstehst -du mich? Oder dreie! Wohin ist mir Wurst, jedenfalls bleibt sie nicht -hier, sonst komme ich hierher, und dann sollst du mich einmal richtig -kennen lernen. Du meinst, ich hätte hier nichts zu sagen? Stimmt, und -darum nehme ich mir die Freiheit. Swaantje geht erst nach Berlin, dann -nach Wiesbaden, dann nach München, dann wohin sie will, meinetwegen -nach dem Vetter in Rußland, vorausgesetzt daß die Esel von Letten sich -bis dahin die Bombenschmeißerei etwas abgewöhnt haben. Drei Wochen habe -ich deine pomadigen Reden und margarinenen Seufzer nun ausgehalten, -um das Mädchen aufzumuntern; dir hat es gefallen, mit einem Wort -meine ganze Kur umzuknicken. Ist sie denn eine solche Sorte wie die -Bergedorfer Blagen, die man nicht fünf Bierminuten mit einem Manne -allein im Zimmer lassen darf? Hat sie ihr Geld dazu, daß sie hier -versauert? Ihren Kopf, damit du sie so dämlich machst, wie das hier -guter Ton ist? Siehst du denn nicht, wie du sie mit deiner Tanterei -kaput machst? Ohm Ollig, frage den, der ist ganz meiner Meinung; -nur mag er nicht den Mund auftun, weil du ihm dann acht Tage lang -Hammelbraten vorsetzest.« - -Der Ohm rutschte ganz tief in seine Vatermörder hinein, plinkte Helmold -aber heimlich zu. Der ballerte weiter: »Glaubst du vielleicht, es ist -eine Erquickung für sie, wenn sie den ganzen Tag in einem Ende gefragt -wird. ›Swaantien, hast du dies gemacht? Swaantien, wie steht es damit? -Swaantien, du hast doch nicht vergessen?‹ Als ich vor drei Jahren hier -war, hing mir dies Gefrage schon armlang zum Halse heraus, und deswegen -bin ich so lange nicht hier gewesen. Da hieß es: ›Swaantje ist krank, -nervenkrank!‹ Weißt du, was ich da zu Grete sagte? ›Kein Wunder bei -dem Zusammenleben mit der alten Schrammschraube!‹ Jawohl, das habe ich -gesagt, und hätte Grete damals nicht die Kleine an der Brust gehabt, -sie wäre gekommen und hätte hier einmal gründlich ausgelüftet. Na, und -dann durfte Swaantien«, er sprach es mit schmalziger Betonung, »ja -endlich kommen. Swaantien kam, aber Swaantje nicht. Aus dem sonnigen, -heiteren Mädel hattest du einen hysterischen, neurasthenischen Schatten -gemacht. Das Herz im Leibe tat uns weh, als sie ankam. Na, wir -fütterten und ulkten sie gesund, ließen sie treiben, was sie wollte, -und machten glücklich wieder Swaantje aus ihr. Nach einem halben Jahre -komme ich hierher, und wen finde ich? Swaantien«, er sprach es wieder -so niederträchtig wie möglich, »Swaantien mit dem Bindfaden am Bein, -an dem die gute, die liebe, die mütterliche Tante Gese den ganzen Tag -herumzockt.« - -Giftig funkelten seine Augen sie an. »Ja, weine nur, es wird dir ja -leicht, bist ja am Wasser geboren, wenn auch an einem ziemlich trüben. -Ich glaube dir gern, daß es keine Sauriertränen sind, sondern daß sie -dir ehrlich abgehen. Sieh mal, Muhme,« seine Stimme wurde weicher, -»eines schickt sich nicht für alle. Du weißt, ich bin ein abgesagter -Feind des ganzen Weiberbewegungsschwindels, dem Steckenpferdchen -von Grete. Deswegen sperrt man doch aber ein Mädchen, das nach -Weiterbildung und nach Kunst hungert, und nach der Welt und ihren -Menschen, nicht zeitlebens ein, bis sie eingeht. Denn das tut sie; -Benjamin, mit dem ich die halbe Nacht durchgesumpft habe, ist ganz -meiner Meinung, vielmehr, er fing zuerst davon an, und daß ich dir das -alles jetzt sage, daran ist er schuld.« - -Er klingelte, und als der Diener kam, befahl er: »Ich fahre mit dem -Mittagszuge; der Koffer ist fertig.« Dann sah er den Frühstückstisch, -goß sich Tee ein, und während er auf und ab ging, würgte er ein -trockenes Brötchen hinunter. Frau Gesina strich ihm eins und legte ihm -mit ihrem demütigsten Lächeln Fleisch und Eier vor, und ohne zu wissen, -was er tat, aß er. Dann riß er aus seinem Skizzenblocke zwei Blätter -heraus, schrieb zwei Depeschen und schickte den Diener damit fort. Er -sah ganz blaß aus, hatte blaue Schatten unter den Augen, einen engen -Mund, und seine Hände zitterten. - -Die alte Frau goß ihm ein Glas Portwein ein; er drückte ihr die Hand -und küßte sie auf die Backe. Sie fing von neuem zu weinen an. Er -klopfte sie auf die Schulter: »Weiß ja, liebes Muhmchen, meinst es -nicht so; bist ja von Herzen gut. Und ich glaube, du siehst auch ein, -daß ich recht habe.« Sie nickte unterwürfig. »Na, und so lasse sofort -die Näherinnen kommen und Swaantjes Kleider in Stand setzen, und melde -sie bei Ohm Otte an. Von Berlin kann sie dann erst zu uns kommen; Grete -wird viel allein sein, denn ich habe den großen Auftrag zu erledigen -und lebe dann ganz in der Werkstätte.« Er sah nach der Uhr: »Sieh bitte -zu, ob ich Swaantje sprechen kann; ich will ihr Lebewohl sagen.« Die -Tante ging hinaus und kam nach einer Weile wieder. »Sie ist aufgewacht -und möchte ein wenig gekochtes Obst essen und freut sich, dich zu -sehen. Du mußt aber vorsichtig sein mit ihr; die Schmerzen können bei -jeder Aufregung wiederkommen.« - -Er lächelte: »Bedenke das bitte, so oft du Swaantien zu ihr sagst. -Gib mir das Obst, ich bringe es ihr. Und nun: Lebt wohl! Dank für -alles Gute, und seid nicht böse auf mich; einmal mußte die Sache -besprochen werden. Ich hätte es ja anders sagen müssen, aber ich bin, -wie ich bin. Adjüs, Ohm Ollig, adjüs, Muhme Gese! Und nicht wahr, -ich verlasse mich auf dich? Großes Bierwort darauf? Und verschone -mir das Mädchen mit allen Butternöten und Legehennensorgen und -Negerkinderbekleidungsmanufaktur; laß sie machen, was sie will. Sie -redet dir in dein Ministerium des Innern ja auch nicht hinein. Also: -Gehabet euch wohl, und grüßt mir den Doktor; das ist ein Prachtkerl.« - -Er ließ die beiden stehen und ging mit dem Tragbrette in der Hand aus -dem Zimmer. Auf der Treppe traf er die Zofe. »Melden Sie mich bitte, -Fride,« sagte er. Das Mädchen lächelte ihn an: »Das gnädige Fräulein -warten schon.« Sie stockte einen Augenblick, dann griff sie nach seiner -Hand, drückte sie und stammelte: »Herr Hagenrieder, ich war nebenan; -ich horche sonst nie, aber die Hand könnte ich Ihnen küssen! Sie sollen -sehen, sobald Fräulein Swaantje draußen ist, wird sie wieder gesund. -Gott,« sie klappte die Hände ineinander, »und ich komme dann mit!« -Helmold klopfte ihr die Backe: »Das ist Ihnen wohl die Hauptsache? Na -na, ich mache bloß Spaß. Aber, Fride, geht hier oder sonstwo etwas -verquer, Eilbrief oder Telegramm! ich komme dann sofort. Hier, das ist -für etwaige Auslagen. Und bringen Sie mir Ihre Herrin gesund wieder, -dann gibt es einen blauen Lappen für die Aussteuer.« Er nickte ihr zu -und ging die Treppe hinauf. - -Leise öffnete er die Türe zu Swaantjes Wohnstube. Der Vorhang des -Erkerzimmers war zurückgezogen; das Mädchen lag halb sitzend im Bette. -Als er eintrat, nahm sie schnell die Hand von der Schläfe. »Maria mit -den sieben Schwertern« dachte er, und er mußte sich auf die Lippen -beißen, um nicht aufzuschreien. Ihr Gesicht sah nicht so blaß aus, -wie er gefürchtet hatte, nur ihre Augenlider waren gerötet. Aber ein -Leuchten lag in ihrem Blicke, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte, -und eine Süßigkeit war in ihrem Lächeln und eine Hingebung, daß der -Teller auf dem silbernen Tragbrette in seinen Händen an zu klirren -fing. Doch er jagte seine Sehnsucht in die Ecke, stellte das Tragbrett -auf den Nachttisch, setzte sich vor das Bett, gab seiner Base die -Hand und sagte: »Arme kleine Swaantje, und daran bin ich nun schuld!« -Sie lächelte lieblich und nickte: »Ja, aber ich danke dir doch sehr; -du hast mich unsagbar erfreut.« Sie gab ihm die Hand und flüsterte -zärtlich: »Lieber Helmold!« Er lächelte freundlich, aber das ganze -Zimmer drehte sich um ihn. »Einen Kuß, einen einzigen Kuß!« dachte er. - -»Komm,« sagte er, legte ihr das Händetüchlein hin und nahm den Teller -und den Löffel; »jetzt muß die kleine Swaantje erst ein bißchen essen; -und wenn sie sich nicht beschlabbert, und wenn sie erst wieder gesund -ist, darf sie zu Ohm Otte, und dann kommt sie zu Hagenrieders, und dann -geht sie nach Wiesbaden, und nach München, und im Sommer geht sie mit -uns an die See, und nachher in den Harz.« Sie lächelte, und die Augen -wurden ihr feucht. Wie ein Kind ließ sie sich eine Pfirsichspelte nach -der anderen zwischen die Lippen schieben. - -Helmold wunderte sich, daß ihm die Hände nicht zitterten. Auf die -Knie hätte er fallen, ihre Hände mit Küssen bedecken, ihr den Schmerz -abbitten mögen, den er ihr zugefügt hatte, und während er das dachte, -stand der gepanzerte Ritter wieder hinter ihm, stieß ihn leise an -und flüsterte: »Küsse sie doch, Mensch, küsse sie; sie wird dich -wiederküssen. Mein Wort darauf!« Aber er küßte sie nicht, und keiner -seiner Blicke sprach von mehr als von Brüderlichkeit. - -Er strich ihr leise die schmerzende Schläfe; sie sah ihn dankbar an und -sagte: »Das hat mir mehr geholfen als alle Pulver. Aber du mußt gehen, -es wird sonst zu spät für dich, lieber Helmold!« Er stand auf und sah -sich im Zimmer um; er selbst hatte die Einrichtung entworfen. Er sah -das Mädchen an, ihre Hände, die aus den Spitzen hervorsahen, und ihr -Gesicht, das eng von der Halskrause umschlossen wurde. Ihr Haar lag -halbgelöst um ihre Schläfen; es hatte einen fettigen Schimmer. Langsam -hob ihre Brust das weiße Nachtgewand. - -»Lebe wohl, liebe Swaantje,« sagte er; bröcklich klang seine Stimme; -»werde gesund und komme bald!« Er bückte sich nieder und küßte ihre -beiden Hände, und da fühlte er, daß ihre Lippen seine Stirn streiften, -und es schwindelte ihn, als er sich aufrichtete. Aber schnell nickte er -ihr zu und verließ das Zimmer. - -Er wußte nicht, wie er zum Bahnhof gekommen war. Er nahm eine Karte -erster Klasse; er wollte möglichst allein sein. Als ihm der Diener den -Gepäckschein zurückgab, starrte er so dumm darauf hin, daß der Mann -lächelte. - -Er hatte noch zehn Minuten Zeit; der Zug hatte Verspätung. »Zehn -Minuten zu früh von ihr gegangen; sechshundert Sekunden fortgeworfen!« -dachte er. Da ruschelte ein seidenes Kleid hinter ihm. Er trat zur -Seite und sah Frau Bergedorf vor sich stehen. Sie erwiderte holdselig -seinen Gruß und fragte ihn: »Schon fort? Ich dachte, Sie wollten noch -eine Woche bleiben?« Er zuckte die Achseln: »Es ging nicht anders; -ich habe in einem großen Ausschreiben gesiegt und muß nun mit den -Auftraggebern verhandeln.« Die Frau wiegte den Kopf: »Das wird Ihre -Kusine aber sehr bedauern; Sie beide sind doch ein Herz und eine -Seele!« Er lächelte verbindlich: »Natürlich, soweit das bei dem großen -Altersunterschiede möglich ist. Erwarten gnädige Frau jemanden?« Sie -nickte: »Meine Olga.« - -Sie gingen den Bahnsteig entlang, bis dahin, wo sie allein waren. -Helmold machte sein liebenswürdigstes Gesicht: »Meine Base ist leider -recht krank; sie hat sich über das Geschwätz zu sehr aufgeregt, das ein -Weibsbild aus der hiesigen Gesellschaft über sie aufgebracht hat. So -etwas ist doch gemein, gnädige Frau, nicht wahr? Besonders wenn es von -einer Person ausgeht, die als verlobte Braut abends verschleiert einen -Leutnant so lange besuchte, bis es zum Skandal kam, und die Töchter -hat, die es ähnlich treiben. Wenn ich nur den Namen wüßte, die könnte -sich gratulieren. Vielleicht erfahren gnädigste Frau etwas darüber und -haben die große Güte, es mich wissen zu lassen. Hier meine Adresse!« Er -zog eine Karte heraus und gab sie ihr. - -Der Zug lief ein. »Empfehle mich ganz gehorsamst, meine Gnädigste,« -sagte Helmold mit dem Hute in der Hand und küßte seinen Daumen über -ihren Handschuh; »und ich bitte um gütige Empfehlung zu Hause.« Er -verbeugte sich und ging auf den Zug zu. Vom Fenster aus grüßte er noch -einmal; Frau Bergedorf dankte gütig. - -In dem Abteil saß ein Rittmeister von den Münsterschen Panzerreitern; -er sah flüchtig auf und las weiter in seinem Buche. Helmold blieb am -Fenster stehen, bis Swaanhof vor ihm auftauchte, und als es verschwand, -setzte er sich und wartete, bis die Mecklenhusener Haide immer näher -kam. Er sah den Weg, den er mit Swaantje gekommen war; das Tödeloh, wo -der Tod ihn angebettelt hatte, flog schnell vorüber und langsamer der -Wahrbaum. - -Er stützte den Kopf in beide Hände. Er dachte daran, daß er doch -wenigstens ein Taschentuch oder einen Handschuh von ihr als Erquickung -hätte mitnehmen sollen, oder ihr Bild. Nun hatte er nichts von ihr, -als den verblühten Kuß auf seiner Stirn, den zerwehten Klang ihrer -Stimme in seiner Seele, und ihr blasses Bild in seiner Erinnerung. Er -liebkoste es mit den Augen, küßte es auf die Hände, aber jedes Mal, -wenn er die Lippen küssen wollte, verschwand es, und er sah nichts als -das rote Polster vor sich und den langen Offizier. - -Dann sah er sich tot und kalt unter der Schirmfichte liegen; drei -Männer kamen und begruben ihn hinter dem Walle im Tödeloh. Jede Nacht -stieg seine Seele aus dem Grabe und ging in das graue Steinhaus, wo -sie die Schatten anderer Männer traf, die vor vielen tausend Jahren -dort ihre Leiber vergessen hatten. Sie prahlten von Krieg und Sieg, -schimpften darüber, daß kein Mensch mehr an sie denke und ihnen -Wildpret und Honigbier hinstelle, und sie machten sich über ihn lustig, -weil er ein jedes Mal jedweden von ihnen fragte, ob nicht ein Kranz -oder ein paar Blumen für ihn abgegeben wären. - -Es war aber niemals etwas da und weinend stieg er wieder in sein Grab. - - - - -Der Mohnblumenkranz - - -Am Abend aber lachte er sie alle miteinander aus, die Geister der -sächsischen Männer, denn es waren auf einmal viele Blumen da, und die -sahen ihn so herzlich an, daß seine Seele ihren Leib wiederfand und -singend aus dem grauen Grabe zum grünen Leben hinaufstieg. - -Es waren jedoch keine weißen Blumen, die vor seinem Grabe lagen, rote -Mohnblumen waren es, und nicht Swaantje hatte sie dort niedergelegt, -sondern Grete, seine kluge, gute und starke Frau hatte sie zum Kranze -gewunden und zu Häupten seines Bettes aufgehängt; sie flüsterten ihm -mit ihren leichtsinnigen roten Lippen so leise Schlummerlieder zu, -daß er die ganze Nacht verschlief und den nächsten Tag, und nachdem -er einen Bissen gegessen und einen Schluck getrunken hatte, schlief -er abermals ein, denn ein frischer Kranz hing über seinem Bette, und -den löste ein dritter ab, und so schlief Helmold Hagenrieder drei Tage -und drei Nächte, und dann stand er in der Frühe auf und ging in seine -Werkstatt, ging frisch und fröhlich an seine große Arbeit und pfiff ein -Lied dabei. - -Es hatte eine seltsame, lustige Weise, das neue Lied; leichtsinnig -war sie und doch so tief, froh, und doch so schwül, und die roten -Mohnblüten hatten es ihn gelehrt. Helmolds Augen strahlten, blickte er -seine Frau an; und er küßte sie, wie seit langem nicht, seine liebe, -gute Grete, die sich seiner Not erbarmt hatte, als er krank und elend -und zerbrochen von Swaanhof kam und ihr sein bitterliches Leid geklagt -hatte. Sie hatte ihm das Haar gestreichelt und die Stirne geküßt wie -eine Mutter, und ihm zugeflüstert: »Ja, ja, mein armer Junge; sie soll -kommen; ich selber will sie rufen.« - -Deshalb konnte er mit einem Male wieder lachen und flöten und singen; -darum aß er, wie lange nicht, und schlief fest und lange wie ein -Kind, und küßte seine Frau, wo er sie zu fassen bekam, und sang ihr -jede Nacht das Lied von dem roten Mohn in die Ohren; und wenn dann -am anderen Morgen Frau Grete ihre Zöpfe flocht, dann lachte sie ihr -Spiegelbild an und dachte: »Wie eine junge Frau seh' ich aus; wie eine -ganzganz junge Frau!« - -Zum roten Mohn gehören blaue Kornblumen, und da Helmolds und Gretes -Backen von Tag zu Tag mehr den roten Blumen ähnlich wurden, so sahen -ihre Augen von Nacht zu Nacht blauer aus, denn die volle Sonne lag auf -ihnen; rund herum war das Feld so gelb wie Gold und versprach eine -Ernte, wie sie lange nicht gewesen war, reif und schwer. Kein Landregen -schlug sie zu Boden, kein Sturm zerzauste sie, kein Schloßenfall -knickte sie ab; jeden Tag hingen die Ähren tiefer, und wenn der Wind -über sie ging, dann rauschten sie leise, rauschten ein heimliches Lied, -bis Helmold es vernahm und es erst leise und dann immer lauter pfiff, -und was er flötete, das malte er auf einen neuen Karton, erst in leisen -Strichen, dann in halblauten Linien, und schließlich in hellklingenden -Farben. - -Aus warmen Liedern, heißen Küssen und glühenden Farben waren die -Entwürfe entstanden, die auf den drei großen Kartons an den Wänden zu -sehen waren, und wenn Helmold, seine Frau im Arme, davor stand, dann -schüttelte er den Kopf, lachte und sagte: »Jetzt weiß ich erst, daß ich -etwas kann. Aber was kriege ich von dir dafür?« Dann nahm sie ihn in -die Arme, reckte sich an ihm hinauf, zog seinen Kopf an ihren Mund und -flüsterte ihm etwas zu, das kein dritter Mensch hören durfte, und es -war doch weiter nichts als das Lied vom roten Mohn. Jeden Tag mußte sie -es ihm in das Ohr summen, den einen Tag das eine, den anderen Tag das -zweite, den dritten das dritte Stück, und als er in der Eisenbahn saß -und dahin fuhr, wo aus den Entwürfen Werke werden sollten, sah er auf -den kahlen Feldern lauter rote Mohnblumen vor sich, und als der Abend -ihm die Landschaft vor den Augen fortnahm, blühten rote Mohnblüten in -den Wolken auf, immer mehr, bis sie den ganzen Himmel erfüllten. - -Jedweden Tag bekam Frau Grete eine Karte mit roten Mohnblüten, eine -einzelne oder ein ganzes Feld voll darstellend; sie legte sie alle -der Reihe nach in einen Kasten aus kornblumenblauem Samt, besah sie -jeden Abend, zählte sie immer und immer wieder und sang sich selbst -mit dem Liede in den Schlaf. Doch am Tage vor dem Julfeste kam keine -Mohnblumenkarte, da kam der, der mohnblumenrote Küsse zu verschenken -hatte, und ganze Fäuste voll brachte er davon mit, drei große Sträuße, -für jeden Feiertag einen. Und daran sahen sich ihre Augen, die vom -vielen Sticken und Nähen und Kochen und Backen ein wenig blaß geworden -waren, wieder so blau, wie Kornblumen, und auch die Augen ihres Mannes, -die zu viel Farbe hatten hergeben müssen in den letzten Wochen, färbten -sich voller. - -»Nun noch zwei oder drei Monate, Gretechien,« lachte er, »und dann -singe ich wieder in meiner Werkstatt, denn ich habe noch manches Lied -in den Augen, das du nicht gesehen hast. Ich bin froh, daß ich alle die -drei Bilder auf einmal angelegt habe, und du solltest mich einmal bei -der Arbeit sehen; ich sage dir, es ist die reine Kilometerfresserei! -›Sie müßten sich eigentlich Rollschuhe anschnallen,‹ sagte der Herzog -neulich. Ich hatte nicht gewußt, daß er kam, und achtete gar nicht -darauf, daß mehrere Leute eingetreten waren, denn ich war in voller -Arbeitsbrunft. Ich hatte grade am rechten Seitenbilde gemalt, du weißt -doch, das Kriegsbild, und da fiel mir etwas am linken Seitenbilde -ein, und ich sauste das Hängegerüst entlang und malte an der anderen -Seite und flötjete dabei, wie ein Scherenschleifer. Wie ich nachher -hörte, hat der Adjutant mich darauf aufmerksam machen wollen, daß der -hohe Herr da sei, aber der hatte abgewinkt und mir lachend zugesehen, -bis ich nach dem Mittelbilde hinlief, denn mir fiel ein, daß noch ein -bißchen Schatten mehr das Gesicht der jungen Frau heller machen würde. -Na, und da sagte der Herzog denn das.« - -Er lachte: »Du, ich glaube, der mag mich. Grade weil ich so -demokrätzig-urwüchsig bin; die Pomadenmanieren hat er ja den ganzen -Tag um sich. Ich habe Angst, daß ich mir den Professortitel zuziehe, -und so was färbt auf das Talent ab. Ein Orden wäre mir lieber, dann -würden die Leute doch sehen, daß ich ein ordentlicher Mensch bin.« Er -lachte lustig. »Übrigens wird seine Hoheit mir sitzen. Ich hatte, als -er das Triptychon besah, ihn schnell ein paar Mal auf den Hülfskarton -skizziert, und das hatte man ihm gesteckt. Wenn ich nur wüßte, welches -von seinen zwei Gesichtern ich nehmen soll, das Pflichtgesicht oder das -Wunschgesicht, ob ich ihn als Landesvater oder als Heerführer male. -Weißt du, der Mann tut mir leid! Bei dem Temperament, bei der Unmasse -von Willen immer und ewig den kühlen Herrn von Stande markieren zu -müssen, hol's der Kuckuck, da ist es kein Wunder, wenn der Charakter -allmählich etwas viereckig wird. Wenn unsereins am falschen Platze ist, -na, dann dudelt er sich einmal einen an und schimpft sich die Wut vom -Balge; das kann er sich natürlich nicht leisten. Ich habe mich früher -manchmal über das Hin und Her bei ihm geärgert, aber als Hennecke -mich damals bei der Hofjagd einmogelte und ich den Mann eine Stunde -lang auf drei Schritt sah, da wußte ich Bescheid. Natürlich, er ist -ein Mensch und hat Fehler; aber er hat Leidenschaft im Leibe und ist -imstande, sich zu begeistern, also kein Philister. Philistern verzeihe -ich eine Ziellosigkeit nie; Karrengäule müssen ihren Trott gehen; -Rennpferde dürfen einmal ausbrechen.« - -Er sah seine Frau zärtlich an: »Wenn wir uns nicht gefunden hätten! -Ich glaube, ich wäre vor die Hunde gegangen ohne dich. Ja, du hast -erst etwas aus mir gemacht; mit einem Ruck kam ich von der Erde aus -dem Naturalismus in den Realismus, und nun stehe ich mit beiden -Hinterbeinen im Idealismus, komme über mich hinaus. Herrgott, soll das -jetzt ein Leben werden! Hätte ich nur erst die Bilder fertig! Denn -was ich alles noch im Leibe habe, das ahnst du gar nicht, und reden -kann ich darüber auch nicht eher, als bis ich der Sache in das Gesicht -sehen kann. Nur das eine will ich Dir verraten: ich male fortan nur -Tendenz.« Seine Frau sah erstaunt auf, und er lachte: »Jawohl, Liebste, -Tendenz, faustdicke Tendenz, so faustdick, daß sie mir keiner vorwerfen -kann! Meine Tendenz ist: meinem Volke den Rücken mit Franzbranntwein -einzureiben, es mit Freude und Grimm zu füttern und mit Wonne und Weh -zu tränken, damit es so bleibt, wie es ist, sich nicht verplempert -in fremder Art und nicht vergißt, daß es zwei Gesichter hat: ein -gutmütiges und ein bösartiges; denn wir kriegen allmählich zu viel -Gemütsembonpoint, seufzen, wird irgendwo ein Schweinehund geköpft, und -stöhnen, wenn wir die Knarre zur Hand nehmen sollen.« - -Er ballte die Hände, reckte die Fäuste und dehnte die Brust: »Einen -Krieg, den möchte ich noch erleben, aber aktiv!« Seine Frau sah ihn -entsetzt an, er aber lachte, drückte sie an sich und flüsterte: »Weißt -du das Lied noch, das Lied von dem rotroten Mohn? Wir wollen es nicht -vergessen; es ist das schönste Wiegenlied für große Kinder!« - -Sie vergaßen es nicht; als Helmold wieder abgereist war, flogen die -Mohnblumenkarten jeden Morgen in das Haus. Manchmal war nur eine -kleine, schüchterne Blüte in eine Ecke gemalt, während der übrige Raum -voller Schrift war; dann kam eine, über die sich die Blüten von einer -Ecke in die andere zogen, oder eine andere, auf der sie einen Rand -bildeten oder einen Fries. Wenn aber eine eintraf, auf der ein Kranz -von den glühenden Blumen zu sehen war, dann seufzte Frau Grete auf und -ging abends nicht so früh schlafen, und wenn sie es tat, dann trat sie -vorher in das Schlafzimmer ihres Mannes und streichelte das Kopfkissen. - -Aber als die Amsel schon übte und die Finken bereits stümperten, -die Schneeglöckchen über den Buchsbaum sahen und der Haselbusch mit -goldenem Staube um sich warf, kamen die Karten immer spärlicher, und -fast nie war eine rote Blume darauf zu sehen, und wenn das doch so war, -dann war sie mit Rotstift flüchtig hingestrichen, und Frau Grete wurde -wieder ganz traurig. - -Bis dann der Tag kam, an dem der Frühling sein erstes gelbes Extrablatt -in den Garten flattern ließ, an dem der Fink sagte: »Jetzt kann ich -es aber!« und die Amsel: »Und ich erst recht!« Da rollte ein Wagen -vor das Haus, hielt mit einem Ruck, und Frau Grete stürzte die Treppe -hinunter, denn Gift und Galle, die beiden Teckel, stießen den Ruf aus: -»Herrchen ist da!« und jaulten und kläfften und winselten und kratzten -die Ölfarbe von der Haustüre, und als die Frau die Türe aufriß, stand -Helmold vor ihr, küßte sie, drückte sie, daß ihr schwach wurde, und -rannte die Treppe hinauf, um Swaan und Sweenechien zu küssen. Dann lief -er in die Werkstatt, atmete tief auf, ging in den Garten, liebelte die -Hunde ab, sagte allen Blumen guten Tag und den Fischen in den Teichen -auch. Dann wurde er allmählich vernünftig und ging in die Veranda, wo -nach einiger Zeit seine Frau eintrat. Er drehte sie um und befahl: »So -stehen bleiben!« und als sie sich umwenden durfte, sah sie, daß er -einen Orden vor der Brust hatte. - -»Ja, weißt du, ich hatte die Wahl: Professor oder ordentlicher Mensch! -Na, da sagte ich: Exzellenz, so'n Professortitel, wenn man den alle -Tage trägt, der sieht dann schließlich so aus, wie ein alter Gehrock; -dann bitte ich lieber um etwas, das sich nicht so leicht abträgt, weil -man es bloß an hohen Tagen anzieht. Hat der alte Herr gemeckert! wie -eine Bekassine! Ja, und nun habe ich nicht nur einen Vogel im Kopf, -sondern auch einen vor der Brust, aber einen, der sich sehen lassen -kann.« Sweenechien wollte gern den Vogel sehen, den ihr Vater im Kopfe -hatte; da sich das nicht gut bewerkstelligen ließ und um sie auf andere -Gedanken zu bringen, wurde der Koffer ausgepackt, und nun gab es ein -Gequieke und Gejubel in der Veranda, daß der Buchfink beschämt den -Schnabel hielt und die Amsel geärgert fortflog. Aber was hatte der -Vater nicht auch alles mitgebracht! Das war noch viel schöner, als -zum Julfeste, denn da wußte man im voraus, daß man etwas bekam. Swaan -wußte nicht, bei welchem Buche er zuerst anfangen sollte zu lesen, -Sweenechien sah ratlos von der blonden zu der braunen Puppe, und die -Luise und die Minna standen da und machten ganz dumme Gesichter wegen -der schönen Sachen, die sie bekommen hatten, und vergaßen beinahe, sich -zu bedanken. Als sie im Hausflure waren, fielen sie sich um die Hälse -und küßten sich, und vor einer Stunde hatten sie sich noch gefährlich -gezankt. - -Frau Grete aber bekam ein Kästchen; als sie es aufmachte, jubelte sie -hell auf, schlug die Hände zusammen und küßte ihren Mann auf beide -Backen, denn in dem Schächtelchen lag ein Schmuck für ihren Hals, wie -sie sich ihn in ihren waghalsigsten Träumen nicht gewünscht hatte. Aber -als ihr Mann aus der Innentasche der Weste einen grünen Lederumschlag -nahm und ihr gab und sie einen Tausendmarkschein nach dem andern -hervorholte, wurde sie mit einem Male feuerrot und steckte das, was -unter dem letzten Scheine lag, schnell wieder in den Umschlag; denn -das war eine roggengrüne Karte, und darauf war ein Kranz aus roten -Mohnblumen gemalt. - -Helmold Hagenrieder fehlte es jetzt nie an einem Kranze aus Mohnblüten -zu Häupten seiner Bettstatt, und so mangelte es ihm auch niemals an -kühlendem Schlummer nach heißem Schaffen. Denn heiß waren seine Tage, -heiß und lang. Schon in aller Frühe, wenn die Amsel zu singen begann, -war er in seiner Werkstätte und malte. Bild um Bild entstand, nun ein -lichtes, frohes, reines, ohne eine andere Absicht, als so wirken zu -wollen, wie eine lächelnde Blume oder eine lachende Frucht, und dann -andere, die zwei Gesichter hatten und eine doppelte Sprache redeten. - -Seine beiden Saharabilder entstanden, die Söldner und die Sieger, die -zum Tode ermatteten Fremdenlegionäre, im glühenden Sonnenschein durch -den Sand watend, darstellend, und die erschossenen Kabylenhäuptlinge -im grellen Mondenlicht. Dann wurde die Hinrichtung der Sachsen -an der Halsbeeke bei Verden beendet und gleichzeitig Frigges -Flammentod, und hinterher kam das bitterböse Bild von Wodes Zorn. -Auf einer dunkelgrünen Melodie hatte Helmold den Stoff gepflückt, so -verträumt, wie sie an einem weichen Sommerabend erklingt, wenn die -Mädchen eingehakt über die Dorfstraße ziehen und so lange singen, -bis es den Jungens unter dem Brusttuche brennt. Aus Lindenblüten und -Blättergeflüster war sie gewebt, und das Lied, das ihm dabei kam, -begann also: »Ach ich war den ganzen Tag allein, denn mein Schatz -der konnt nicht bei mir sein.« Das Bild aber stellte eine lachende -pfälzische Landschaft dar, grüne Rebengärten an roten Felsenhängen; -doch im Mittelgrunde brannte ein Dorf und im Vordergrunde lagerten -Soldaten Turennes. Der Rahmen war dunkeleisengrau; er wies unten einen -kaum sichtbaren Fries von Menschenschädeln auf, rechts und links den -krähenden gallischen Hahn und oben zwischen zwei wütend schreienden -Raben Wode Wutblick; der Gott aber trug die Züge des Fürsten Bismarck. - -Dazwischen entstand ein Bildnis nach dem anderen; denn seitdem Helmold -den Herzog hatte malen dürfen, und in einer Auffassung, die allem -Herkommen entgegen und dabei doch so schlicht und natürlich war, wollte -alle Welt von ihm gemalt sein, und er konnte sich vor Aufträgen nicht -retten, trotzdem oder weil er Preise nahm, daß Frau Grete oft sagte: -»Du machst es ein bißchen zu grob.« Aber dann lachte er und sagte: -»Bisher nahm ich Gesellenlöhne; jetzt lasse ich mir Meisterpreise -zahlen. Das verlangt die Zunftehre«. Es kam ihm aber gar nicht darauf -an, einen Menschen, den er gern hatte, oder dessen Kopf ihm gefiel, -ohne Entgelt zu malen; wenn aber der Kunsthändler Schultze ihm sagte: -»Machen Sie es ein bißchen billiger, verehrter Herr Hagenrieder, dann -nehme ich die doppelte Anzahl Studien,« so hieß es: »Wenn Sie mir -noch einmal ein solches Angebot machen, dann sehe ich mich nach einem -anderen Verhältnisse um.« - -Er hatte so viel zu tun, daß er wie ein spielendes Kind dahinlebte; -er aß wie ein Drescher und schlief wie ein Dachs; wenn die Nacht auch -manchmal nur drei oder vier Stunden für ihn hatte, weil es ihn in -aller Frühe schon nicht mehr im Bette litt, er schlief so fest und -traumlos, daß die drei Stunden mehr Frische bei ihm ansetzten, als -sonst deren neun. Das Wetter, von dem er im Sommer vorher immer bis zur -Unerträglichkeit abhängig gewesen war, kümmerte ihn gar kein bißchen; -der Vollmond war schlecht auf ihn zu sprechen, denn er hatte ihn links -liegen lassen und war kein einziges Mal mit ihm losgezogen, wenn der -ihn abholen wollte. Er trank überhaupt nur dann etwas, wenn es gar -nicht anders ging, und wenn er im vorigen Jahre ohne die Zigarre oder -die Zigarette nicht zu denken war, so rauchte er jetzt nur nach den -Hauptmahlzeiten, wenn er mit seiner Frau plauderte. - -Die war jetzt viel bei ihm in der Werkstätte und freute sich über -sein federndes Wesen und besonders darüber, daß er von Swaantje ganz -selten sprach und dann nur wie von einer guten Freundin. Ganz langsam -und vorsichtig versuchte sie, ihm den Gedanken an das Triptychonleben, -den sie in ihm heraufbeschworen hatte, auszureden. Frau Gesina war -krank gewesen, und Swaantje war deswegen nach Swaanhof gereist und -hatte Grete eingeladen. Als Frau Hagenrieder wiederkam, brachte sie -ihrem Mann einen schönen Gruß mit und sagte dann: »Wir haben sehr -viel gelacht, denn Swaantje sagte: ›Daß ich simple Landpomeranze -es noch einmal bis zur Romanheldin bringen würde, das hätte ich -nicht gedacht.‹« Ihr Mann, der gerade die Zeitung las, hatte nicht -mehr gezeichnet als ein Rehbock, an dem die Kugel vorbeiflötet, und -hinterher hatte er ganz ruhig mit ihr über sein Verhältnis zu dem -Mädchen gesprochen: »Sie war nötig für mich, liebe Grete,« sagte er, -»und bleibt es auch wohl; doch nicht als Weib, glaube ich. Damals, -als ich ganz zerknittert von Swaanhof zurückkam, meinte ich, es -wäre anders; aber das war wohl nur ein Ausfluß meines gebrechlichen -Zustandes. Von jeher wird mein Gefühl zu ihr auf einem anfangs -unbewußten, dann klar sehenden Mitleid aufgewachsen sein, und wenn ich -sie so recht von Herzen glücklich sähe, wird sie mir nicht mehr sein -als Hennig, denn auf dessen Liebste bin ich ja auch nicht eifersüchtig, -und ich liebe ihn doch sehr. Freilich, er ist ein Mann, und sie, -scheinbar wenigstens, ein Weib, und so hält es schwer für mich, daß ich -mich ihr gegenüber von allgemein männlichen Vorstellungen frei mache. -Aber selbst, wenn ich ihr gegenüber Wünsche hätte, so dumm bin ich -nicht, daß ich ihnen grüne Blätter vorwerfe; denn erstens liebt sie -einen anderen, und zweitens ist keine Möglichkeit vorhanden, daß sie -mein sein könnte. Aber ich würde mich freuen, sie bald wieder zu sehen; -wir haben ja auch einen Wechsel auf Sicht von ihr. Und jetzt habe -ich bald Zeit für lieben Hausbesuch; denn sonst gewöhne ich mir das -Malen noch so an, daß es ein Laster wird, wie einst meine Rauchsucht. -Außerdem muß ich zur Brunft nach Stillenliebe, denn sonst wird der -Prinz öde. Und ich merke es doch, daß auch Arbeit, die man mit Freude -tut, schließlich die roten Blutkörperchen auffrißt. Solange man im -Trott bleibt, weiß man nichts davon; sobald es aber prr heißt, klappt -man um.« - -Das fand Grete auch, denn ab und zu sah sie in dem Benehmen ihres -Mannes leichte Schatten, die die heranziehende Nervenüberspannung -vorweg warf. Er arbeitete schon unregelmäßiger, schaffte den einen -Tag sehr viel, tat dann drei Tage nichts, stand den einen Morgen um -fünf Uhr, den folgenden Vormittag um elf Uhr auf, wurde hier und da -ungeduldig, und klagte darüber, daß die Nachbarn ihm zu laut wären, -während er sonst gesagt hatte: »Je mehr in den Nachbargärten gelacht -und gesungen wird, um so lustiger werde ich.« Wenn Swaan, wie es seine -Art war, bei jedem Geschenk, das ihm der Vater mitbrachte, fragte: »Was -hat es gekostet?« so hatte dieser früher gelacht und gemeint: »Der -wird wie sein Großvater und wird nicht erst kreuz und quer durch das -Leben stolpern, ehe er sich zurechtfindet.« Jetzt zog er die Stirne -kraus und fuhr auf: »Junge, was soll das heißen; vom Geld redet man -in anständiger Gesellschaft nicht,« und zu Grete sagte er hinterher: -»Der Junge rückt täglich mehr von mir ab.« Auch bei Sweenechien wollte -er das finden; sie war ihm zu selbstbewußt: »Wird wohl später auch -anfangen, den Vermännerungsschwindel mitzumachen,« brummte er; »früh -streckt sich, was ein tauber Halm werden will.« - -So war seine Frau recht froh, als Swaantje sich endlich anmeldete: -»Ich muß Euch doch noch vorher wiedersehen, Ihr Lieben,« schrieb sie, -»denn ich will mit Tjark und Ilsabe nach Italien. Ich freue mich -kindisch.« Auch Helmold freute sich: »Das wird ihr gut tun; sie braucht -Sonne und Luxus. Es wird ihr Spaß machen, einmal Geld zu vertun.« Er -war so aufgeräumt, daß er kaum zusammenzuckte, als Grete ihm eines -Morgens sagte: »Ich denke, es ist besser, Swaantje schläft nicht in -dem großen Fremdenzimmer, sondern in dem kleinen, schon damit ich ihr -beistehen kann, wenn sie ihre Schmerzen bekommt.« Nach dem Kaffee -aber sagte Helmold, der mittags schlecht gegessen und dann geschlafen -hatte, was ihm nie gut bekam: »Die Bemerkung von heute morgen hättest -du im Munde behalten können, Grete; ich habe ihren Untersinn wohl -verstanden. Wofür hältst du mich eigentlich? Glaubst du«, er machte -eine zornige Handbewegung und warf seine Zigarre in den Garten, »ich -bin ein Mann, der einem solchen Mädchen gegenüber sich von bequemer -Gelegenheit bereden läßt?« Sie schüttelte unwillig den Kopf, er aber -fuhr fort: »Überhaupt, deine Art und Weise, Swaantje in der letzten -Zeit langsam bei mir abzubrechen, gefällt mir sehr wenig; ich bin -doch nicht verliebt in sie, sondern ich liebe sie. Wie, das ist mir -selber schleierhaft. Jedenfalls: tritt Verliebtheit in dem von dir -befürchteten Sinne hinzu, ich würde nie etwas von ihr nehmen, was sie -mir nicht mit beiden Händen schenken würde, noch nicht einmal einen -Kuß.« - -Er steckte sich eine neue Zigarre an, die dritte seit einer Stunde, -und sagte: »Bedenke, was du mir damit angetan hast, und wer die ganze -Schuld trägt; ich sicher nicht! Hättest du damals nicht die fahrlässige -Redensart von dem Triptychonleben gemacht, so wäre ich wohl kaum darauf -gekommen, daß mir das Mädchen mehr sein könnte als eine liebe Freundin. -Jedenfalls versuche nicht, die Sache so hinzustellen, als wenn ich den -Stein in das Wasser geschmissen hätte.« - -Er sagte ihr, er wolle allein ausgehen. Das tat er denn auch, und er -beruhigte sich durch einen strammen Marsch. Er dachte an die rosenroten -Stunden, die er mit Grete verlebt hatte; er krempelte sich selber um -und kam zu dem Ergebnisse, daß ihn zu Swaantje weiter nichts hinziehe -als eine rein seelische Neigung, und er trat in Gretes Spur und fand, -daß sie alles, was sie gesagt hatte, aus ihrem leichtherzigen Denken -hatte herausspringen lassen. »Aber,« sagte er sich, »ob mir nun einer -einen Stein mit oder ohne Absicht gegen den Kopf wirft, eine Beule gibt -es auf jeden Fall.« Wenn er sich das Herz auch noch so blank zu reiben -suchte, etwas blind blieb es doch, und so war er ganz froh, als er im -Osterkruge den Vorsteher und den Hegemeister traf, und es war fast zwei -Uhr, als er nach Hause kam. Er wachte um sechs auf, aber da er müde -war, drehte er sich wieder um und schlief bis elf Uhr, und das war -das Allerdümmste, was er tun konnte, denn immer machte ihm Nachschlaf -Falten in die Stirne. - -So war auch dieser Tag verloren. Die Farben wollten nicht laufen, -die Pinsel waren bockig, die Leinewand sträubte sich; wütend lief er -aus der Werkstatt und ging mit Grete aus. Aber an jedem Worte, das -sie sagte, stieß er sich die Schienbeine wund. Einige fortgeworfene -Wiesenblumen, die zertreten auf dem Wege lagen, entlockten ihr den -Ausruf: »Wie schade!« Er lachte und zeigte auf eine Fichte, die -der letzte Sturm umgestoßen hatte: »Wenn etwas Kleines kaput geht, -das beseufzt ihr; an der Leiche eines Riesen geht ihr gleichgültig -vorbei.« Die Sonne verabschiedete sich in aller Form. »Welch' ein -schöner Sonnenuntergang!« rief Grete. »Ein Untergang kann nie schön -sein,« spottete er. Es wurde dunkel im Walde; Grete nahm seinen Arm. -»Du erlaubst doch?« bat sie. »Natürlich,« lachte er; »es ist ja eine -Wonne, einmal zu fühlen, daß du auch nur ein schwacher Mensch bist. -Aber so seid ihr; in der Dämmerung laßt ihr euch von uns führen, am -hellen Mittag nehmt ihr uns an die Strippe.« Grete sprach nun kein Wort -mehr, und stumm gingen sie nach Hause. - -Er ging auch diesen Abend wieder aus, kam aber bald zurück und begab -sich in die Werkstätte. Um zehn Uhr hörte seine Frau von der Veranda -aus, daß er flötete und sang. Sie freute sich, denn nun wußte sie, -daß er malte. Die Melodie war ihr unbekannt, und deshalb ging sie den -moosigen Weg so weit entlang, bis sie die Worte verstand; die lauteten: -»Und kann es nicht die Lilje sein, so pflück ich mir ein Röselein!« Ihr -wurde traurig zumute, denn es schien ihr, als ob das Lied ihr mit der -Faust drohe; ihr war zu Sinne, als läge sie im Halbschlafe in einer -Wiese und im langen Grase kröche etwas auf sie zu, von dem sie nicht -wußte, was es war, eine harmlose Natter oder die böse Adder. Darum war -sie froh, als am anderen Morgen ihr Mann im Jagdanzuge vor ihrem Bette -stand, sie auf die Stirne küßte und sagte: »Ich bleibe vielleicht drei -oder vier Tage fort; ich muß mal hinaus; ich fahre nach Ueldringen.« -Sie wunderte sich, daß er reiste, weil am folgenden Tage Swaantje -kommen wollte; aber sie dachte: »Er will sich auf sich selber besinnen.« - -Als sie nachher in die Werkstatt ging, um Staub zu wischen, sah sie -einen Haufen Papierfetzen in der Ofenecke liegen. Sie hob einige auf -und wurde erst rot und dann weiß; es waren die Reste von zwei Arbeiten, -an denen er Jahre lang geschrieben hatte, allerlei Gedanken über das -Verhältnis der Kunst zum Leben und die Ergebnisse seiner Studien über -die Technik des Malens. Sie sammelte die Fetzchen auf, Tränen in den -Augen, verschloß sie in einer Truhe in ihrem Schlafzimmer und ging müde -an ihre Arbeit. - -Dann kam Swaantje. Sie sah blaß und nervös aus, und als sie Grete -ansah, fiel sie ihr um den Hals, küßte sie und fragte: »Aber, liebste -Grete, wie siehst du aus? Was hat sich zugetragen?« Als sie hörte, daß -Helmold zur Jagd gefahren war, drehte sie sich schnell nach Sweenechien -um, die gerade in das Eßzimmer kam, nahm sie auf den Arm und küßte -sie trotz deren Gestrampels ab, denn Kinder gingen nicht gern zu dem -Mädchen, das von sich selber einmal gesagt hatte: »Kinder mögen mich -nicht, und ich kann damit nichts anfangen.« Helmold hatte damals ganz -ernst geäußert: »Bis du eigne hast; vernünftige Frauen machen sich aus -anderer Leute Kindern nichts und sparen sich die Liebe für ihre eigenen -auf. Grete ist es ebenso gegangen. Die Abknutscherei fremder Kinder ist -eine Spezialität hysterischer Weiber!« - -Grete fand überhaupt, daß Swaantje ganz anders geworden war; ihr -Mund sah aus, als schäme er sich, daß er noch nie geküßt war, ihre -Augen hatten einen verlassenen Blick, und ihre Hände wirkten noch -hoffnungsloser denn zuvor. Es dauerte auch eine geraume Zeit, ehe -Swaantje den alten Ton wieder fand und mit Grete darüber scherzte, -wie es nun werden solle, ob sie beide Helmolds wegen auf Säbel oder -Pistolen losgehen oder ihn ausraten sollten. Sie zogen das Letzte -vor, doch Swaantje gewann immer, tröstete Grete aber und sagte: »In -den Monaten mit R sollst du ihn haben, und in den anderen nehme ich -ihn; ist das nicht lieb von mir?« Als sie aber ihren Koffer auspackte -und Grete sie fragte: »Hast du das weiße Wollkleid nicht mit, in dem -Helmold dich so gern sah?« da schüttelte sie den Kopf, wie ein Pferd, -das sich der Bremsen erwehren will, und sprach schnell von etwas -anderem. - -Am Abend des dritten Tages, daß Swaantje da war, sagte Grete: »Jetzt -wird er gleich hier sein!« Aber er kam nicht. Am Abend des vierten -Tages war sie sehr unruhig und brachte kaum einen Bissen hinunter, und -Swaantje ging es ebenso. Als die Uhr dreiviertel auf sieben schlug, -sprang die Frau plötzlich auf, nahm das Mädchen in den Arm und -schluchzte: »Ach, Swaantien, ich habe eben einen so furchtbaren Schreck -gekriegt! Fühle nur, wie mein Herz klopft!« Aber als sie aufsah, -bemerkte sie, daß auch Swaantje kreideweiß aussah, und sie fühlte, daß -deren Herz ebenso sprang wie ihr eignes. - -Der Abend verlief trostlos; bis ein Uhr blieben sie auf, denn um -dreiviertel auf eins lief der letzte Zug ein, mit dem Helmold kommen -konnte; doch er kam nicht. Dann gingen sie zu Bett, ließen aber die -Türen auf. Um zwei Uhr hielt Grete es nicht mehr aus; sie sah, daß -Swaantje noch Licht hatte, ging zu ihr und sah sie so bittend an, daß -das Mädchen ihre Decke zurückschlug und sagte: »Komm, liebe Grete!« -Die Frau legte sich neben sie, nahm sie in den Arm und weinte so -lange, bis sie einschlief. Swaantje drückte das Licht aus und sah in -die Dunkelheit; das Bohren in ihrer linken Schläfe ging von Stunde zu -Stunde tiefer; sie hielt aber stand, bis die Amsel zu singen begann und -der Morgen ihr zunickte. Da endlich fielen ihr die Augen zu. - -Um acht Uhr wachte Grete auf und sah sich verwundert um. Dann sah sie -Swaantje an und erschrak; das Mädchen war totenbleich und hatte ganz -farblose Lippen. Sie stahl sich aus dem Bette und zog die Vorhänge fest -zu; aber ehe sie das Zimmer verließ, bückte sie sich und küßte Swaantje -ganz leise auf die böse Schläfe. Das Mädchen lächelte und flüsterte: -»Guter Helmold!« Die Frau zuckte zurück. - -Kurz vor dem Mittagessen kam ihr Mann. Er sah ganz braungebrannt -aus, hatte klare Augen und eine helle Stimme. Er küßte seine Frau -herzlich und bewillkommnete Swaantje freundlich. Beim Essen sagte -er: »Ihr seht beide wie die verhagelten Lohgerber aus, denen die -Petersilie fortgeschwommen ist. Habt ihr gestern was gegessen, was -euch unbemessen, oder was ist?« Swaantje sah auf ihren Teller, aber -Grete sagte: »Ich habe mich gestern auf einmal so um dich geängstigt -und Swaantje damit angesteckt.« Ihr Mann lachte: »Neuer Bacillus, -Spirococcus terroris; den solltest du monographisch behandeln; dann -bist du eine berühmte Frau.« - -Nach dem Essen sagte er: »Nun, damit du es weißt: ich habe mit einem -Wilddiebe erst höfliche Redensarten und dann grobe Schrote gewechselt. -Der Mann schoß Schwarzpulver; deshalb habt ihr den Krach bis hierher -gehört.« Beide Frauen sahen ihn entsetzt an, er aber lachte: »Der dumme -Kerl schießt mir den besten Bock vor der Nase zusammen, und als ich ihm -sage, er solle mir wenigstens das Gehörn lassen, verjagt er sich so, -daß ihm vor Bammel der zweite Schuß herausrutscht und mir gerade in den -Arm. Übrigens nicht der Rede wert! Na, wie man begrüßt wird, so soll -man sich bedanken; ich schoß ihm die langen Stiebel voll Nummer drei, -und da gab er mir vor Rührung gleich den ganzen Bock. Ich habe ihm die -Leber und die beiden Blätter gelassen, und dann haben wir zusammen -einen auf den Schreck genommen. Es ist ein ganz famoser Kerl!« Swaantje -sah ihren Vetter an, lächelte und sagte: »Du bist doch wirklich ein zu -guter Mensch, lieber Helmold!« - -Er lachte: »Das sagen alle Leute, die mich nicht genau kennen. Der -Prinz sagt, ich wäre ein Biest, und gerade deswegen könne er mich so -gut leiden. Na ja, er ist das nicht, und hätte das Geschick dem guten -Samlitz nicht so und so viele Erbtanten in die Wiege gelegt, ich -möchte wohl wissen, wie der sich durch das Leben schlängeln wollte. -Ich behandele ihn ja mehrstens etwas ruppig, schon damit er nicht noch -millionärrischer wird. Ein wahrer Segen, daß er bloß seine Zinsen -aufessen darf; sonst hätte er in drei Jahren alle meine Bilder und ich -seinen Mammon nebst diesbezüglichen üblen Folgen. Scheußlich, mit einem -Geldschrank um den Hals auf die Welt zu kommen!« - -Swaantje lächelte und fragte dann: »Bist du mit ihm so befreundet -wie mit Hennecke? Und was ist es für ein Mann?« Ihr Vetter blies den -Zigarrenrauch gegen die Decke: »Befreundet? Ja; aber mit einer Barriere -darum; es bleibt immer eine Menge Form zwischen uns. Ich verstehe -manches an ihm nicht.« Er sah den Rauchringeln nach: »Aber ich bin -ihm Dank schuldig. Hätte er mir damals nicht meine alten Schinken -abgekauft, dann hätte Grete waschen gehen können, und ich konnte mit -meiner Leier von Destille zu Destille ziehen oder Schnellmaler im -Tingeltangel werden.« Swaantje schüttelte den Kopf: »Allerdings, du -brauchtest damals das Geld sehr nötig, und ich bin heute noch dir -und Grete sehr böse, daß ihr euch nichts merken ließet; sehr böse! -Aber bedenke, wer war der Mäzen? Doch wohl du, denn die Bilder sind -heute das Zehnfache wert.« Helmold nickte: »Jawohl; aber erstens gab -damals kein Mensch auch nur die Materialkosten dafür, und zweitens -hatte der Prinz zu jener Zeit selber bloß lumpige fünfzigtausend Mark -Jahreseinkommen; also hat er sie mir sehr gut bezahlt.« Swaantje gab -ihm die Hand über den Tisch: »Helmold, ich freue mich über dich!« - -Zum ersten Male sah er sie jetzt in der alten Weise an, und fünf -Minuten darauf hatte sie keine blauen Schatten mehr unter den Augen. -Aber der alte Klang war doch nicht in seiner Stimme, wenn er mit ihr -sprach; er hielt sich von ihr zurück, das merkte sie, und obgleich sie -sich Gretes wegen darüber freuen wollte, so tat es ihr doch bitter -weh, zumal sie fand, daß auch zwischen ihrem Vetter und seiner Frau -eine Glasscheibe war. So beschloß sie nach drei Tagen abzureisen; -aber da schlugen Grete und Helmold einen solchen Lärm, daß nichts -daraus wurde, zumal ihr Vetter noch sagte: »Ehe die weiße Haide nicht -fertig ist, kommst du nicht fort; ich habe schon dein ganzes Schuhzeug -eingeschlossen.« So saß sie ihm denn einige Vormittagsstunden, bekam -das Bild aber nicht zu sehen. - -Ihren Augen gegenüber hing ein kleines Bild, das einen weiblichen Akt -darstellte, der auf einer weiten, im Hintergrunde mit Birken besäumten -Haide unter einem hellblauen, mit weißem Gewölk bedeckten Himmel stand. -»Das ist ein entzückendes Bild, lieber Helmold,« sagte sie, »ein ganz -entzückendes Bild.« Aber weiter sagte sie nichts; sie wußte, Geld nahm -er von ihr nicht. Sonst sprachen sie wenig miteinander, wenn er malte; -auch flötete, summte und sang er nicht dabei. Sie wußte wohl, warum er -das nicht tat, aber ihr Herz tat ihr doch weh. Sie schlief keine Nacht -vor dem Morgengrauen ein und sah, daß ihr Vetter von Tag zu Tag ernster -und blasser wurde; jede Nacht vernahm sie, wie er sich leise im Bette -herumdrehte, ab und zu hörte sie Papier rascheln; er las also. - -»Heute müßt ihr beide allein ausgehen, Kinder,« sagte Frau Grete, die -inzwischen ihre Seelenruhe wiedergefunden hatte, als sie sah, wie -Helmold sich zu Swaantje stellte; »Tante Rößler hat mich gebeten, zu -kommen; ihr geht es nicht gut, und für Swaantje ist es kein Genuß, die -Geschichte von dem offenen Bein von A bis Z anzuhören. Ich gehe aber -erst um sieben Uhr hin, denn bis dahin habe ich zu tun. Also seht zu, -wie ihr die Zeit totschlagt.« Da Helmold die letzte Hand an Swaantjes -Bild legte, war er erst um vier Uhr zum Ausgehen fertig. Swaantje, die -die ganze Nacht wieder vor Schmerzen nicht geschlafen hatte, sah sehr -hinfällig aus. »Willst du lieber hier bleiben?« fragte er; »ich gehe -nur deinetwegen. Du weißt ja, Spazierengehen, dazu bin ich zu sehr -Bauer.« Swaantje wäre am liebsten daheim geblieben; aber Grete hatte -sie gebeten: »Geh ja mit; er hat zuviel gearbeitet und muß hinaus; und -dir ist es auch gut.« - -Sie fuhren mit der Straßenbahn in eine Gegend, die das Mädchen noch -nicht kannte. Helmold stellte ihm die Landschaft in prickelnder Weise -vor. Aber wenn auch das, was er sagte, wie Demanten funkelte, so klang -es doch ebenso kalt. In der Gartenwirtschaft, in der sie einkehrten, -war er von der höflichsten Besorgtheit für sie; aber die Zuneigung, die -sonst seine Handlungen durchleuchtete, fehlte. - -Die Sonne schien hell, die Luft war warm und blitzte von allerlei -winzigem Getier, ein neckischer Wind kraulte den Bäumen die Köpfe, -der Himmel war hoch, und seine lichte Bläue hoben weiße Windwölkchen, -so zart wie mit einer Schnepfenfeder gezogen; dazu lachten die bunten -Herbstblumen nur so, und die Stare sangen, als wenn eben der Mai -angekommen sei; doch Helmolds Worte waren wie ein leiser Nordwind. Er -erzählte, als wäre er der fröhlichste Mensch von der Welt; doch sein -ganzes Geplauder war nicht das von Kamerad zu Kamerad, sondern von -dem Herrn der guten Gesellschaft zu einer sehr geschätzten Dame aus -denselben Kreisen. Kein einziger kecker Witz, kein gewagter Vergleich -entschlüpfte ihm. Das Mädchen schauerte zusammen. - -»Friert dich?« fragte er. Ja, sie fror, sie fror sehr. Früher hatte -er sie nie angesprochen, ohne hinzuzusetzen: »Liebe Swaantje« oder -»Kleine« oder »Maus«; früher lachte er sie mit dem Herzen und den Augen -an; jetzt lächelte er nur noch mit dem Gesichte. »Helmold,« begann sie -mit einem unabsichtlich bittenden Ausdruck in der Stimme, als sie durch -den Wald gingen, »lieber Helmold!« Er sah sie von der Seite an. »Und, -liebe Swaantje?« fragte er und sie fuhr fort: »Was ich dir jetzt sage, -ist vielleicht sehr töricht von mir, aber sage ich es nicht, so bin ich -unehrlich. Das, was ich dir damals in deiner Werkstatt sagte, das ist -vorbei.« Sie atmete schwer. Er blieb nicht stehen, er sah sie nicht an, -er änderte auch seine ruhige Sprechweise nicht, als er fragte: »Wie -ist das gekommen?« Sie zitterte, als sie antwortete: »Vielleicht nur, -weil ich es dir gesagt habe.« Er nickte: »Wahrscheinlich; Sprechen und -Weinen erlöst.« Er schwieg eine Weile. Sie sah ihn verstohlen von der -Seite an; sein Gesicht zeigte keine Bewegung. - -Ein Herr mit grauem Vollbarte begegnete ihnen, sah Helmold -aufmunternd an und grüßte, als dieser keine Miene machte, zuerst zu -grüßen, ganz tief, und Helmold erwiderte gemessen. »Wer war das?« -fragte das Mädchen. Ihr Vetter lachte: »Ein hohes Lokaltier, unser -Oberbürgermeister. Er denkt, weil er Ober im Kunstverein ist, müßte ich -zuerst grüßen, auch wenn ich mit einer Dame gehe. Na, jetzt braucht er -sich den Knigge nicht zu kaufen«. - -Erst nach einer geraumen Weile begann er wieder: »Ja, Swaantje, ich -weiß nicht, ist das nun gut für dich oder nicht? Einerseits bin ich -froh, daß du diese taube Neigung zu den übrigen Pensionsandenken -gepackt hast; anderseits: nun hast du gar nichts auf der Welt, noch -nicht einmal einen Kummer. Ich hoffe, daß die Reise mit Terborgs dich -aufrappelt; alle das viele Schöne aus alter und neuer Zeit, das du -sehen wirst!« - -»Gieb mir deinen Arm,« bat das Mädchen, »mir ist etwas schwindlig.« Er -führte sie zur nächsten Bank: »So, wir sind ein bißchen weit gegangen,« -sagte er und lächelte, aber nur mit den Lippen; »in fünf Minuten sind -wir bei der Haltestelle.« - -Beim Abendessen mußte sie sich ein Kissen ausbitten, so schmerzte sie -der Rücken, und nach dem Essen ging sie sofort zu Bett, so todmüde -fühlte sie sich. Alle Glieder taten ihr weh, aber schlafen konnte sie -nicht. Auch Helmold schlief nicht. Durch das Schlüsselloch kam ein -dünner Lichtschein, ab und zu knarrte sein Bett leise, sie hörte, wie -er in dem Buche blätterte und dann roch sie, daß er rauchte. Sie wußte, -daß er sonst nie im Bette rauchte; es mußte ihm also sehr schlecht -gehen. - -Es war drei Uhr, da hörte sie, wie er leise aufstand und Wasser in ein -Glas goß; ein Papierchen knitterte, ein Teelöffel klirrte in dem Glase. -»Veronal«, dachte sie, und unter ihrem Mitleid glitzerte blanke Freude: -»Er hat sich verstellt,« schrie es in ihr; »er liebt mich noch, denn -sonst würde er schlafen.« Ihr Kopf fiel hintenüber, und sie schlief ein. - -Als sie am anderen Vormittag in der Werkstätte auf dem Ruhebette lag -und ihrem Vetter zusah, der aus ihrem Bilde die letzten Spuren der -Maltechnik entfernte, »denn, wo man noch Technik sieht, da ist keine, -und deshalb ist Segantini viel früher gestorben, als er verantworten -konnte,« hatte er gesagt, da fing er mit einem Male zu sprechen an, -konnte aber nie den Weg zu dem Punkte finden, den er in der Nacht vor -sich gesehen hatte, auch kam bald Grete, Sweenechien an der Hand, und -dann Luise, die irgend etwas aus dem Nebenraum holen wollte, und so -wurde es Mittag. Hinterher gingen sie selbdritt aus, und abends kam -Hennecke. Er sah sich erst die neuen Bilder an, fand den Mädchenakt -auf der Haide herrlich, aber als sein Freund fragte, was er von den -Saharabildern und von Wodes Zorn halte, tat er, als habe er es nicht -gehört, und ebenso verhielt er sich, als Helmold ihm sagte: »Du, -Hennig, es ist ganz ulkig: zu jedem Bilde habe ich jetzt ein Lied.« -Bei Tische war Helmold sehr aufgeräumt, doch sah er, wenn er sprach, -meist seinen Freund an. Grete fand aber bald heraus, daß er nicht bei -der Sache war, und wenn Helmold mit Swaantje sprach, ließ Hennig einen -kurzen Blick über das Paar fliegen, als suche er im Dunkeln den Weg. - -In dieser Nacht schlief Swaantje fast gar nicht; sie mußte immer an den -einen heimlichen Blick denken, den ihr Vetter ihr zugeworfen hatte, -als sie mit Hennig und Grete in eifriger Unterhaltung war; er hatte -geglaubt, sie sähe es nicht, und so hatte er sich nackt ausgezogen. - -Als sie dann am nächsten Vormittag von Helmold in die Werkstatt gebeten -wurde, mußte sie an sich halten, um sich nicht zu verraten, denn ihr -Vetter sah ganz alt und krank aus. Er zeigte ihr mit erkünstelter -Unbefangenheit einige Studien aus der Umgegend von Mecklenhusen, -nötigte sie dann auf das Ruhebett, legte ihr die Schlummerrolle unter -den Nacken, deckte sie warm zu und sagte: »Schlaf noch ein bißchen; -du siehst müde aus, Kleine!« Sie schlief sofort ein, wachte aber bald -wieder auf, und als sie unter den Wimpern nach ihm hinblickte, sah -sie, daß er vornübergebeugt im Sessel saß und sie mit hoffnungsloser -Zärtlichkeit anblickte. - -Sie schlug die Augen voll auf; er lächelte sie an, redete erst von -diesem und jenem, und dann klagte er ihr mit gleichgültig klingender -Stimme seine Herzensnot. Sie antwortete, als Helmold endlich schloß: -»Du tust mir sehr leid, Vetter, aber in diesem Punkte gibt es für -mich keinen anderen Weg als den, den mir Religion und Sitte weisen; -das wirst du selbst wissen.« Er nickte, und sein Gesicht sah ganz -gleichmütig aus, auch klang seine Stimme alltäglich, als er leichthin -sagte: »Natürlich weiß ich das; du bist Dame, bist höhere Tochter, -verfügst also über einen mündelsicheren Fond von Konventionsmoral. -Ich verstehe dich nicht nur vollkommen, ich schätze dein Verhalten -auch in vollem Maße, denn: entsetzlich wäre mir der Gedanke, eine -angeheiratete Kusine zu besitzen, die selbst dann, wenn es auf Tod und -Leben geht, ihre Ladyleikigkeit vergäße. Aber länger halte ich es nicht -aus, und das Beste ist, ich mache Schluß; für Grete und die Kinder ist -einigermaßen gesorgt«. Swaantje sprang auf: »Auch das noch!« stöhnte -sie und verließ müden Schrittes die Werkstatt. - -Helmold warf ihr einen bösen Blick nach und knirschte mit den Zähnen; -dann aber zog er den Vorhang von ihrem Bilde und sah es lange an. -Danach langte er den Mädchenakt auf der Haide von der Wand, suchte -einen Grabstichel und stach in die Ecke des Rahmens die Buchstaben -hinein: H. s. l. Sw., ging in das Wohnhaus, überzeugte sich davon, daß -Swaantje in der Küche war, trat schnell in ihr Schlafzimmer, legte das -Bild auf den Spiegeltisch und trat wieder in die Werkstätte. - -Als er zum Essen kam, bemerkte er einen harten Zug um den Mund seiner -Frau, und daß Swaantjes Gesicht vor Kälte starrte. Er aß fast nichts -und sprach kein Wort, antwortete kaum, wenn er angeredet wurde, und -horchte noch nicht einmal auf das Geplauder der Kinder. Als Swaantje -das Zimmer verlassen hatte, fragte er: »Gehen wir aus?« Seine Frau -schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Zeit.« Er sah aus dem Fenster, -sprach längere Zeit nichts, und dann warf er über die Schulter hin: -»Na, dann will ich mit Swaantje nach dem Billerloh.« Seine Frau legte -ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn bittend an: »Du, Helmold, -sei nicht böse, aber du mußt das verstehen: Swaantje hat mich gebeten, -sie nicht mit dir allein zu lassen; ihr ist das peinlich.« Er sah sie -mit gleichgültigen Augen an: »So? schön; ich werde der Dame weitere -Peinlichkeiten ersparen.« Damit ging er aus dem Zimmer und verließ -gleich darauf das Haus. - -Er kam nicht zum Vesper, er kam nicht zum Abendessen. Grete und -Swaantje saßen bis zwei Uhr auf, aber er kam nicht. Es war fünf Uhr, da -hörte Grete die Haustüre gehen. Sie horchte und vernahm, daß ihr Mann -in die Werkstatt ging, und als sie an das Fenster trat, sah sie, daß er -Licht gemacht hatte, und daß sein Schatten auf und ab ging. - -Um acht Uhr morgens ging sie zu ihm, um ihn zu fragen, ob er nicht -frühstücken wolle; aber die Türe war verschlossen. Er erschien auch zum -Mittag nicht, obgleich Sweenechien, die zu ihm geschickt war, lange -an der Tür rappelte und in einem fort bettelte: »Väterchen, essen -kommen!« Zum Vesper aber kam er, aß jedoch fast nichts, tat so, als -wäre nicht das Geringste vorgefallen, hatte aber flackrige Augen und -ein welkes Gesicht. Er behandelte Swaantje höflich, doch wie einen -Menschen, an dem ihm nicht ein bißchen gelegen war, und drehte seiner -Frau mit liebenswürdiger Härte jedes Wort im Munde herum, bis sie -aufstand und hinausging. - -»Lieber Helmold,« bat Swaantje, »sei doch nicht so zu Grete!« Er sah -kalt an ihr vorbei, ging in sein Zimmer, zog sich um, verließ das Haus -und kam erst am anderen Morgen wieder, ganz fahl im Gesicht und mit -breiten Schatten unter den Augen, setzte sich an den Tisch, aß wieder -fast nichts und sprach kein Wort, bis seine Frau an zu weinen fing. Da -stand er auf und ging in die Werkstatt. - -Swaantje ging ihm nach. »Helmold,« bat sie und faßte seine Hand. Er -sah sie kühl an und deutete auf einen Sessel; müde sank sie hinein. -»Tut mir leid, Swaantje, daß du gekommen bist, sehr leid, deiner Nerven -wegen. Aber schließlich: mir geht es ja nicht besser.« Er sah sie -feindlich an: »Die arme Grete, nicht wahr? Und der böse Mann, nicht -wahr? Die gute Frau hat ihrem lieben Mann die Augen geöffnet, und nun -ist sie böse, daß er sehend geworden ist. Solche bodenlose Gemeinheit -von dem Kerl! So ist nämlich die weibliche Logik. Erst heißt es: Mach, -was du willst! dann: wir drei! und schreit dann so ein dämliches -Männerherz vor Glück auf, dann tritt man mit dem Absatze darauf und ist -noch peinlich,« er sprach das Wort gallenbitter aus, »peinlich berührt, -quietscht es.« - -Er sah das Mädchen spöttisch lächelnd an: »Fräulein Swaantje Swantenius -ist es peinlich, mit ansehen zu müssen, wenn ein Mann sich zu ihren -Füßen in Todeskrämpfen windet, denn sie hat die höhere Töchterschule -besucht und ist in dem vornehmsten Pensionat der Residenz verbildet -worden. Sie würde ja gern alles für ihn tun, nur das eine nicht, denn -sie ist eben Dame. Und so läßt sie ihn sich totquälen, obgleich sie ihn -liebt.« - -Swaantje sah an ihm vorbei, als sie mit blasser Stimme antwortete: »Ich -habe dir doch nichts gesagt!« Er zwang sie, ihn anzusehen und sagte in -ruhiger Weise: »Danke, das genügt mir! Menschenskind,« fuhr er dann -fort, und seine Stimme zitterte, »sollen wir denn alle dreie zugrunde -gehen? Ich kann ohne dich nicht leben und du ohne mich auch nicht, und -wärest du nicht so charakterlos charakterfest, so würdest du zu mir -kommen und sagen: ›Da!‹ Denn, das mußt du wissen, erbetteln will ich -mir nichts von dir, und überrumpeln will ich dich auch nicht, denn ich -bin nicht in dich verliebt, ich liebe dich eben nur, und ich will, daß -du dich mir aus vollem Herzen schenkst.« - -»Swaantje,« bat er und trat auf sie zu, ihre Hand fassend, »sieh -doch: du weißt, wer ich bin, daß ich meinem Volke etwas sein werde. -Meinst du, es wäre so sehr schlecht, hülfest du mir dabei? Ich will -ja nichts,« und dabei brach seine Stimme, und die Tränen kamen ihm -in die Augen, »als ein ganz klein bißchen Hoffnung, weiter nichts. -Und bedenke: Grete und ich sind geschieden; nur du kannst uns wieder -verbinden. Ihr seid für mich eins: seid das Weib. Bist du nicht mein, -kann ich Grete nicht mehr in Liebe ansehen. Glaube mir, ich handele -nicht leichtsinnig; ginge es nicht auf Tod und Leben, ich hätte -dich nicht in eine so schwierige Lage gebracht. Und du mußt daran -denken, daß Grete alle, aber auch alle Schuld hat. Jetzt heißt es: -›Ja, ich konnte doch nicht denken, daß du das ernst nähmest!‹ Es ist -schrecklich: da stößt einen die Frau mitten in das helle Feuer, und -kriegt man Brandblasen, dann ist sie empört.« - -Mit düsteren Augen sah er aus dem Fenster, in das die Morgensonne -hineinlachte. »Ich schlafe nicht mehr, ich esse nicht mehr; ich -kann bloß noch malen und rauchen. Ich werde noch nicht einmal mehr -betrunken. Noch eine solche Woche, und in mir zerreißt etwas. Ich bin -ein ganz armer alter, kalter, toter Mann geworden, der um ein Bröckchen -Hoffnung bettelt, und die beiden Frauen, die da vorgeben, sie lieben -mich, schlagen mir die Tür vor der Nase zu.« Er lachte trocken auf -und sang den Endreim des sozialdemokratischen Liedes: »Denn ich bin -Mitglied von dem Verein gegen Verarmung und Hausbettelei.« - -Swaantje schüttelte sich. »Frierst du, liebe Kusine?« fragte er. »Da -steht Kognak! Mir hilft er nicht mehr gegen die Gänsehautbildung -auf dem Herzen. Vorige Nacht habe ich acht Kognaks, drei Grogs und -unglaublich viel Sekt getrunken und bin doch nicht warm geworden, trotz -der beiden zwar etwas leichten, aber bildhübschen und sehr lustigen -Mädel, die rechts und links bei mir saßen und sich wie barmherzige -Schwestern gegen mich benahmen. Die eine heulte sogar und sagte: ›Was -fehlt Ihnen eigentlich? Ich möchte Ihnen so gern helfen!‹ Ja, eine Dame -war das nicht, aber ein Weib, und darum tat ich ihr leid, und es war -doch nicht viel mehr als ein Allermannsliebchen.« - -Er rückte sich eine Staffelei zurecht und malte; barsch ging der breite -Pinsel über die Leinwand. Dann lachte er: »Malen kann ich noch, sehr -gut sogar; aber es langweilt mich. Hast du das Bild gefunden?« Swaantje -nickte, sah aber nicht auf, als sie sagte: »Ja, und du wirst verstanden -haben, warum ich dir nicht danken konnte.« Er lächelte freundlich und -nickte: »Ja, so dumm ist er nicht. Hätte Fräulein Swantenius sich -bedankt, so hätte sie Herrn Hagenrieder notwendigerweise in den Arm -nehmen müssen, und das schickt sich doch nicht. Und so hat man sich den -Dank erspart, an dem mir übrigens den Kuckuck etwas liegt.« - -Das Mädchen seufzte schwer auf. Er schüttelte den Kopf: »Helmold -Hagenrieder wird weiter malen; Swaantje Swantenius wird weiter als -zweckloser Mensch dahinleben und langsam eine alte Jungfer werden, die -nur etwas voll und ganz durchgelebt hat, nämlich ein Leben, das keins -war. Und wenn sie alt und grau ist, dann wird sie doch einmal nachts in -ihrem Bette weinen und wimmern: ›Ich habe es verpaßt!‹ Oder wie denkst -du dir dein Leben?« Das Mädchen nickte: »Genau so!« Er sah sie herrisch -an: »Und du glaubst, das werde ich dulden? Glaubst du, ich bin ein -dummer Junge, der nach einem Küßchen gibbert? Ich will dich ganz haben, -und du wirst dich mir ganz geben, und freiwillig wirst du das tun; denn -obzwar du Dame bist, so bist du nebenbei doch noch etwas Mensch und ein -wenig Weib geblieben und viel zu gebildet, um nicht einsehen zu müssen, -daß Sitte und Gesetz Papier sind, und daß Not kein Gebot kennt. Ich -will nicht in dich dringen, aber ich bitte dich, Swaantje: gib mir ein -wenig Hoffnung, ein ganz klein wenig, nur so viel, daß ich mein Leben -eben damit friste.« - -Er ging zu ihr hin und faßte ihre Hände. »Willst du das?« Sie sah an -ihm vorbei und schüttelte leise den Kopf. »Kind,« flüsterte er, »ich -brauchte dich ja nur umzufassen und zu küssen, denn ich sehe durch dich -hindurch wie durch Glas. Aber ich will das eben nicht, denn ich liebe -dich. Also du gibst mir keine, aber auch gar keine Hoffnung?« Abermals -schüttelte sie den Kopf. »Na, dann vereinfacht sich der Fall, und die -Sache liegt so: dann stehe ich hier ganz allein, Grete und die Kinder -da, und du dort. Denn von dem Augenblicke an, daß ich weiß, ich habe -keine Hoffnung mehr, habe ich keine Verwendung mehr für das, was man -Herz nennt. Also reden wir von etwas anderem.« - -Er pfiff leise vor sich hin und malte weiter. »Weißt du, Swaantje,« -fing er dann an, »was ich glaube? Du hast eigentlich recht! Im -Grunde passen Männer und Frauen überhaupt nur so zueinander wie die -Nuß und die Hülle. In der Jugend halten sie zusammen; sind sie -reif, dann verlieren sie den Zusammenhang, weil jeder sich auf sich -selbst besinnt. Wenn Stahl und Stein zusammenkommen, gibt es rote -Liebesfunken; aber Stahl bleibt Stahl und Stein Stein; höchstens -splittert der eine etwas ab, und der andere kriegt Kratzen. Zu was also -das ganze Gehampel? Ich bin ein Mann von über vierzig, du gehst auf die -dreißig; die schönste, dümmste Zeit liegt hinter uns. Darum tun wir -gut, vernünftig zu sein. Der eine stickt sich ins Grab, der andere malt -sich hinein, derweilen das junge Blut sich liebt und küßt und Wonne und -Weh leidet. Ein Segen, daß wir beide klüger sind. Nicht, Swaantje?« - -Das Mädchen sah ihn hülflos an; ihr Gesicht war blaß und mager. Er ging -zu ihr und streichelte ihr die Backen. »Arme Kleine! So quälen wir uns -beide, aus Feigheit, aus Rücksicht, aus Mangel an Naivheit. Bald ist es -Winter. Anstatt daß wir uns der letzten Blumen freuen, gehen wir daran -vorüber. Nachher tut uns das leid.« Er steckte sich eine Zigarre an. -»Na, vielleicht komme ich doch noch darüber hinweg, obgleich ich das -nicht hoffen will, denn dann danke ich bestens für mich.« Swaantje sah -ihn ernst an. »Helmold, du hast doch noch immer deine Kunst!« Er lachte -lustig: »Ich pfeife darauf! Kunst, weißt du, was das ist? Ungelebtes -Leben! Sieh dir die Griechen an; nie hat ein unglücklicheres Volk -gelebt. Sie waren sehr unglücklich; sonst hätten sie es nicht in der -Kunst so weit gebracht. Die Römer hatten keine Kunst, die lebten ein -lebendiges Leben. Die Kunst ist wie ein Spiegel; vorne Farbe und Leben, -hinten Pappe.« - -Er ging an den Bücherschrank, nahm den Angelus Silesius heraus, schlug -ihn auf, reichte ihn Swaantje und sagte: »Lies die grün angestrichene -Stelle.« Das Mädchen las und bekam ganz enge Lippen, denn da stand: -»Die Braut verdient sich mehr mit einem Kuß um Gott, denn alle -Mietlinge mit Arbeit bis in den Tod.« Er nickte ihr spöttisch lächelnd -zu: »Ja, der frumbe Mann wußte Bescheid; die Liebe ist alles, das -andere ist nichts. Aber: wie du willst! Mögest du nie wissen, was Reue -ist! Ich weiß es. Als ich ein junger Kerl war, gab ich unserem netten -Dienstmädel mal einen Kuß, rein aus Übermut. Als ich zu Bette ging, -machte sie leise ihre Kammertüre auf und flüsterte: ›Gute Nacht, Herr -Hagenrieder.‹ Ich wollte aber keinen Unfug machen und nickte ihr nur -zu. Am anderen Tage fuhr ich nach München. Die Augen, die das Mädchen -mir machte, als ich an ihr vorbei aus dem Hause ging, vergesse ich mein -Leben nicht, und wenn ich einmal in die Hölle komme, so ist es wegen -einer Unterlassungssünde.« - -Seine Frau kam herein. Mit scheinbarer Unbefangenheit schlug sie für -den Nachmittag einen gemeinsamen Spaziergang vor. Helmold nickte. »Mir -ist alles gleich,« sagte er. Aber im Walde wuchs seine Übellaune von -Minute zu Minute; die schlaflosen Nächte wirkten nach. So wurde es ein -ungemütlicher Spaziergang. Mit zersetzender Geistreichigkeit machte -er sich über die Natur, das Wetter, die Menschen und die ganze Welt -lustig, und quirlte auf dem Heimwege Ernst und Hohn so durcheinander, -daß seine Frau und Swaantje die kalte Angst in das Genick faßte. - -»Weißt du, liebe Grete,« meinte er, »du müßtest eigentlich Romane -schreiben, denn du hast ein bedeutendes Erfindertalent. Sieh mal, -dieser hier, in dem wir drei die Hauptpersonen sind, ist doch einfach -eine glänzende Leistung. Sag' mal, wie hast du dir den Schluß gedacht? -Blumenthal-Schönthansch oder Shakespeare-Sophokleïsch? Hm? Denn du hast -doch ein Ziel gehabt, als du das erste Kapitel anfingst?« - -»Wißt ihr was, Kinder,« und er nahm in den einen Arm Grete und in den -anderen Swaantje, »wir wollen uns hinsetzen und jeder einen Schluß -schreiben, oder habt ihr zwei beiden schon einen fertig? So scheint mir -das wenigstens. Ich bin in der Beziehung etwas unbegabt. Bin überhaupt -ein dummes Luder, das alles ernst nimmt, was seine Frau im Scherz sagt. -Vor sieben Jahren sagte sie: ›Die Hauptsache ist, Helmold, daß wir -beide immer gute Freunde bleiben.‹ Heute weiß sie nichts mehr davon, -denn die Hauptwaffe der Frauen ist das abstellbare Gedächtnis.« - -»Übrigens: wie famos die Schatten da sind! Genau so wie die, die deine -Worte über mein Herz warfen; das sieht wie ein rotes Zebra aus. Ihr -könnt es später auf den Jahrmärkten sehen lassen. Und das da ist die -Venus, der sogenannte Liebesstern. Sie zittert; ihr ist kalt. Mir auch. -Ach, Kinder, ist das ein schöner Abend! Sieh, da ist ja auch der Mond. -Na, Kerl, was sagst du nun? Jetzt habe ich die beiden Frauen, die laute -und die leise; es fehlt nur noch der Schimmel und die Wölfe, die sich -um Männerköpfe beißen. Kerl, es ist alles Schwindel, alles; ich habe -überhaupt keine Frau, nur eine Frau Gemahlin, geborene Möllering.« Er -pfiff sein frechstes Lied. - -Zum Abendessen kam Hennecke; Grete hatte ihn herbeigebeten und ihm -gesagt, wie es um Helmold stand. Beim Essen wurde von der Sache nicht -gesprochen. Hinterher sprach er erst mit Helmold und versuchte, ihn -umzustimmen; das gelang ihm nicht. Dann ging er zu Grete. Swaantje kam -in das Zimmer. Nach einem langen Schweigen fragte sie ihren Vetter: -»Weiß er es?« Er nickte: »Ja, von Grete, von mir nicht.« Das Mädchen -fragte weiter: »Was denkt er von mir?« Sie zuckte zusammen, denn ein -Blick wie ein Messer streifte sie. Und abermals zuckte sie zusammen, -als Helmold antwortete: »Das denkbar Schlechteste,« und zum dritten -Male, als er fortfuhr: »nämlich, daß du dich völlig als Dame benommen -hast!« - -Er ging im Zimmer auf und ab: »Ich bin mit ihm fertig, denn er hat dich -in meinen Augen herabgesetzt. Er sagte: ›Sie ist ein Weib, also auch -nicht wert, daß man ihretwegen auch nur ein einziges Haar grau werden -läßt.‹ Er denkt nicht besonders von euch. Als ich ihm Gretes Verhalten -darstellte, lachte er und sagte: ›Darüber wunderst du dich? Nimmst -du denn Frauen ernst? Mein Lieber, du bist über vierzig! Freu' dich, -daß es Kinder sind und bleiben, die nicht aus Gemeinheit unwahr sind -sondern aus Instinkt.‹ Na ja, die Mädchen, mit denen er verkehrt, mögen -so sein. Ich denke besser von Grete und von dir, oder dachte so, und -deshalb bin ich so elend geworden.« - -Er ging auf das Mädchen zu, gleich als wollte er sie anfassen; sie -sprang auf und stellte sich hinter den Sessel. Er schüttelte belustigt -den Kopf: »Habe keine Angst; ich will dich nicht mehr. Das eine Wort: -›es ist mir peinlich‹ hat mir gezeigt, wer du bist. Und wenn wir beide -eine Woche allein wären, und du trügest jeden Tag das weiße Kleid, ich -würde stets die Dame in dir achten, die Dame, die umfällt, wenn ihr -eine Maus über den Weg läuft, und die den einzigen Mann, der das Weib -in ihr sah, und den sie zum Sterben liebt, aus ganz gemeiner Feigheit -umkommen läßt. Ich will dir etwas zum Andenken schenken.« Er ging in -das Atelier und kam mit einem gerahmten Pastellbildchen wieder. Es -stellte einen Sarg dar, der auf zwei Stühlen mitten in einer Wiese -stand; in dem Sarge lag Helmold Hagenrieder, wie er nun war, und sah -spöttisch auf Helmold Hagenrieder hinab, wie er einst war. - -Swaantje legte das Bild entsetzt fort und sah verstohlen ihren -Vetter an. Sie fand, daß seine Schläfen ganz grau waren, und daß er -Altemannsfalten über dem Munde und neben den Augen hatte. Sie stand auf -und ging auf ihn zu, aber da kam Hennecke mit Grete. - -Um Mitternacht gingen Grete und Swaantje zu Bett; Helmold und Hennig -saßen noch lange auf. Hennecke versuchte in seiner ruhigen Art dem -Freunde aus dem Gestrüpp herauszuhelfen. Helmold hörte geduldig zu, -aber dann sagte er: »Du hast vollkommen recht, und Grete hat recht, -und Swaantje hat recht. Hier handelt es sich aber nicht darum, sondern -darum: soll ich leben oder sterben? Ich glaube übrigens, es ist für das -eine schon zu spät; denn ich bin bereits tot!« - -Er sah Hennig mit harten Augen an: »Sage mal, Grete sagte vorhin, du -hättest gesagt: ›Wenn ich eine Schwester hätte, und ein verheirateter -Mann näherte sich ihr in der Weise, wie es hier vorliegt, den schösse -ich tot.‹ Ist das wahr? Hast du das gesagt?« Hennecke bekam einen -schmalen Mund: »Muß ich antworten?« Der andere nickte, ihn starr -ansehend, und Hennig antwortete: »Nein, das hat deine Frau gesagt, -nicht ich; das konntest du dir doch wohl gleich denken.« Helmold holte -schwer Luft: »Um dir zu beweisen, was aus mir geworden ist; als Grete -mir das sagte, antwortete ich ihr: ›Hat er das gesagt, dann kenne ich -ihn nicht mehr.‹ Wer nur im geringsten gegen mich ist, ist mein Feind. -Pfui, wie kann eine Frau so handeln!« Hennecke zuckte die Achseln: »Was -soll sie machen? Sie ist eine Frau! Sie hat andere Ehrbegriffe, sie -kennt nur eine Moral: ihren und der Ihren Vorteil. Du hast deiner Frau -viel zu danken und darfst ihr die Unbesonnenheit, die doch lediglich -ein Ausfluß ihrer arglosen Natur ist, nicht übelnehmen.« - -Das hatte sich Helmold schon viele hundert Male selbst gepredigt; -darum sah er seine Frau am anderen Morgen doch böse an, als sie sagte: -»Swaantje fährt heute; sie leidet zu sehr.« Er sagte erst nichts, aber -dann trat er auf sie zu und nahm sie in den Arm. »Grete,« bat er, -und seine Stimme war wie eine Nacht ohne Mond und Sterne, »sei doch -nicht so hart! Sieh mal, ich sterbe daran. Ich kann doch nichts dazu. -Du sagst, du liebst mich; beweise es mir!« Seine Frau machte sich -von ihm los; ihre Stimme klang spitz, als sie antwortete: »Was soll -ich denn tun? Wenn es irgend jemand anders wäre; aber meine eigene -Kusine?« Er sah sie starr an. »Erinnerst du dich, was du mir sagtest, -als ich von Swaanhof zurückkam?« Sie zuckte die Achseln: »Was sollte -ich machen? Du warest krank, und ich dachte ja auch, daß deine Liebe zu -Swaantje lediglich Mitleid sei. Ich habe nicht geahnt, daß du derartige -Absichten hattest!« - -Da polterte er los. Er legte sich so wenig Zwang auf, daß Swaantje -entsetzt hereingestürzt kam. Aber auch da bremste er sich nicht, -sondern schüttelte alle die Angst und die Wut und allen Kummer und -Grimm vor den beiden Frauen aus. Als er herauszischte: »So höre denn: -ich liebe dich nicht nur nicht mehr, ich hasse dich. Du hast mich -von oben bis unten belogen, hast kein Mittel gescheut, um mich zu -zerbrechen, hast sogar meinen einzigen Freund gegen mich auszuspielen -versucht. Ich bin fertig mit dir!« und seine Frau den Hieb damit -zurückgab, daß sie ihm eine Scheidung vorschlug, da lachte er und -sagte: »Schön! Doch gehst du, so sieh zu, wie du leben willst. Mir ist -es recht, aber ich kümmere mich dann in keiner Weise weiter um dich, -und die Kinder bleiben bei mir. Oder sie können wählen, denn mir liegt -jetzt an nichts mehr etwas, und sie ähneln ja auch dir mehr als mir. -Sobald du den ersten Schritt tust, verkaufe ich alles, was mir gehört, -und gehe irgendwohin, wo nicht Weiberköpfe, sondern Männerfäuste -herrschen; denn dieses ganze verfluchte Land mit seinem verbildeten -Gesindel ist mir ekelhaft.« - -Grete, die ganz weiß aussah, bekam einen roten Kopf, und ihre Augen -funkelten, als sie rief: »Ich denke, du willst dir Swaantjes Liebe -erringen; meinst du, daß dieses der Weg dazu ist?« Er lächelte -freundlich: »Nein, denn ihre Liebe habe ich. Mir liegt übrigens nichts -mehr daran. Jetzt kannst du sie mir schenken, und ich nehme sie nicht. -Außerdem ist das meine ureigenste Angelegenheit, ob ich Swaantje liebe -oder nicht, und geht weder dich noch sie etwas an. Überhaupt liebe ich -sie nicht mehr; ich liebe das Gespenst meiner Liebe zu ihr. Ich kann -keine Menschen mehr lieben, denn ich bin tot. Mein Herz ist nicht mehr -da; ich habe eine Fiedel daraus gemacht und spiele jede Farbe darauf, -die es gibt. Ich bin Künstler geworden; aber ein Mensch bin ich nicht -mehr. Das habe ich euch zu verdanken, dir, liebe Grete, und dir, -Swaantje; ich danke euch herzinnig dafür.« Er küßte beiden die Hand und -ging in die Werkstatt. - -Ruhig und besonnen arbeitete er an seinem neuesten Bildnisse weiter. -Da fielen seine Blicke auf die Saharabilder, und auf Wodes Zorn. Er -stutzte, rückte die Bilder zurecht, trat zurück, und dann nahm er den -breitesten Pinsel, tauchte ihn in einen Farbentopf und strich mit -festen Zügen die Bilder aus. - -Als er fast damit fertig war, trat Swaantje ein. Er ließ sich nicht -stören und erst, als sie trocken aufschluchzte, sagte er: »Nun sag' -bloß noch: ›Die schönen Bilder!‹, und dann müßte Grete noch sagen: -›Das schöne Geld!‹, und dann hätte ich einen Grund, einmal wieder von -Herzen zu lachen.« Aber als er das Mädchen genau ansah, sprang er zu, -geleitete sie zu dem Sessel und rückte einen anderen daneben, in den -er sich setzte. Er faßte ihre Hand: »Ich weiß, ich weiß, Kind, in -welcher schweren Herzensnot du dich befindest, und wie sehr du darunter -leidest, und daß Grete so unglücklich ist. Aber bedenkt ihr denn nicht, -daß ich mehr bin als ein beliebiger Herr Soundso? und daß ihr, helft -ihr mir, einem Manne das Leben neu schenkt, der dazu berufen ist, -seinem Volke große Werte zu schaffen? Wiegt das nicht die ernstesten -Bedenken auf? Und ich will ja so wenig, will weiter nichts, als ein -bißchen Hoffnung, mit offenen ehrlichen Händen gegeben. Und darum bitte -ich dich: gib mir einen Kuß, einen einzigen, einzigen Kuß; ich will -dir alles dafür geben, was ich habe: meine ganze Vergangenheit und alle -meine Zukunft.« - -Bittend sah er das Mädchen an; aber als sie schwieg und an ihm -vorbeisah, stand er auf. »Swaantje,« rief er, »du weißt, meine besten -Bilder habe ich behalten. Ich schenke sie dir. Mache damit, was du -willst! Gib sie irgendeinem Schuster; er darf auch sein Zeichen -darunter setzen. Aber gib mir einen Kuß, oder laß dich von mir küssen! -Nur ein einziges Mal, sonst geht es so nicht mehr weiter. Neulich, in -der Bar, habe ich Heulkrämpfe gekriegt, daß alle die leichten Mädels -und sämtliche schwergeladenen Gäste es mit der Angst bekamen. Ich bin -fertig. Ich heule jede dritte Nacht mein Kissen naß. Grete merkt das -nicht; aber sieh dir einmal die Augen an, mit denen unsere Luise mir -nachsieht. Das Mädchen ist verlobt, und sie hat ihren Schatz gern. -Aber, wenn ich winke, kommt sie; aus mütterlichem Mitleid. Alle Frauen -und Mädchen sehen mich an, als wollten sie mich in den Arm nehmen, so -dauere ich sie. Und ich komme mir vor, wie ein ganz kleines Kind, das -liebgehabt werden will, weil es hungert und friert. Was habe ich früher -die Leute beneidet, die sorglos leben konnten und die, die sich mit -Lob wuschen und in Ruhm badeten. Jetzt bin ich so gut wie berühmt, was -ich male, ist Gold wert; ich beherrsche die Technik autokratisch. Aber -ich bin ärmer als damals in München, als ich mit der Miezi in einer -Bodenkammer lebte und froh war, wenn ich Brot und Wurst hatte. Meine -Haare sind grau geworden, meine Augen sind kalt, und mein Herz vereist -langsam. Meine eigene Frau stieß mich in den Tod, und du stehst dabei -und siehst zu. Hätte ich nicht diesen Indianerkörper, ich wäre längst -auch leiblich tot.« - -Er trat dicht vor das Mädchen hin und sah sie lange an; sie blickte -an ihm vorbei. »Du leidest ebensoviel wie ich, Swaantje,« begann er -endlich wieder; »vielleicht noch mehr, denn du hast Angst zu sprechen, -und du wagst nicht mich anzusehen. Ich will dich auch nicht weiter -quälen, denn du tust mir sehr leid, und ich liebe dich mehr als je -zuvor. Was ich vorhin sagte, war nichts als Wut. Ich werde dich immer -lieben, so oder so, auch wenn ich tot bin.« Sie zuckte zusammen. »Habe -keine Angst, ich töte mich nicht. Es hätte gar keinen Zweck mehr; -denn ich bin schon tot. Tote darf man küssen, Swaantje, darf man auf -Nimmerwiedersehen küssen, denn sie küssen nicht wieder. So gib mir denn -den einen Kuß.« Er beugte sich zu ihr, faßte sie um Kinn und Nacken und -näherte seinen Mund ihren Lippen. Aber je näher er ihr kam, um so mehr -versteckten sich ihre Lippen, um so starrer sah sie gegen die Wand, -um so krampfhafter hielt sie den Atem an, und so streifte er mit den -Lippen eben ihre Stirne, ließ sie los und ging aus der Werkstatt. - -Beim Mittag war er sehr ruhig, sprach auch ganz freundlich mit seiner -Frau und scherzte mit den Kindern. Als Swaantje reisefertig war, fragte -er: »Darf ich dir einmal schreiben?« Sie schüttelte den Kopf, ohne -ihn anzusehen. Dann sagte er ganz geschäftsmäßig: »Dein Bild schicke -ich dir, wenn es fertig ist. Die weiße Haide muß heraus; sie drückt -zu sehr auf dein Gesicht. Überhaupt habe ich in der letzten Zeit viel -Quatsch gemalt; ich hatte ja auch meist Fieber. Ich werde jetzt nach -Stillenliebe fahren; vielleicht hilft mir die Jagd. Und nun, liebe -Swaantje, verzeihe mir alles, was ich dir antat. Ich bin krank, sehr -krank. Und ich will mir Mühe geben, daß hier wieder alles so wird wie -früher. Lebe wohl; der Wagen ist da!« Er reichte ihr die Hand hin; sie -legte die ihre lose hinein, ohne ihn anzusehen, und ging die Treppe -hinab, wo Grete sie erwartete. - -Beide stiegen ein, ohne sich umzublicken. Er sah dem Wagen so lange -nach, bis er um die Ecke verschwand; dann ging er in die Werkstatt, und -Gift und Galle, seine beiden Teckel, folgten ihm mit gesenkten Ohren -und hängenden Ruten. - - - - -Der Platzhirsch - - -Am anderen Morgen fuhr er nach Stillenliebe; neben ihm auf der Bank -lagen Gift und Galle, seine Hunde, und Gift und Galle waren auch in ihm. - -Er hatte, unterdes Grete und Swaantje zur Bahn fuhren und er in der -Werkstatt mit Sweenechien Bilder besah, die Ereignisse der letzten Zeit -überdacht und einen dicken Strich unter sich und Swaantje gezogen. »Das -muß ein Ende haben,« sagte er sich und nahm sich vor, recht nett zu -seiner Frau zu sein. - -So nahm er sie in den Arm, als sie zurückkam, küßte sie und sagte: »Ich -will morgen nach Stillenliebe; sonst wird der Prinz öde. Hör' mal, er -schreibt: Die Hirsche schreien, wenn auch nicht, wie es fälschlich -in der Bibel heißt, nach frischem Wasser, sondern nach passender -Damenbekanntschaft, aber auch nach dir, vorzüglich der Schadhirsch vom -Schandenholz, der schon letzten Herbst sterben sollte. Jetzt ist er -aber reif; er hat einen braven Zwölfender zu Tode geforkelt. Also!« - -Helmold hatte gelacht, als er seiner Frau den Brief vorlas. »Dem -will ich es besorgen, Grete! Er steht in der unzugänglichsten Ecke, -und deswegen hat ihn mir der Prinz so lange eingemottet, denn er -weiß, bei mir heißt es: je leichter, desto langweiliger! Das ist -ein Hirsch, den man nur auf den Ruf schießen kann, denn er tritt -niemals bei Büchsenlicht aus der Dickung. Na, dann machen wir es -eben, wie Mohammed mit dem Berge! Es ist ein ganz alter Bursche, der -aber nur ein Gabelgeweih trägt und deswegen jahrelang als Schneider -durchgegangen ist, und keiner ahnte, daß er der Mordhirsch war. Und -wir sind gute Bekannte; vor zwei Jahren schrie ich ihn mir bis vor die -Stiefelspitzen; aber ehe ich den Finger krumm machen konnte, bekam er -Wind. Dieses Mal aber soll er daran glauben, oder ich will die Kunst -nicht verstehen.« - -Er legte die Hände vor den Mund und machte eine Brunft im vollen Gange -nach, vom Mahnen des Kälbertiers bis zum Orgeln des Platzhirsches, so -daß Luise, die frisches Trinkwasser brachte, entsetzt aufschrie und die -Flasche fallen ließ. »Ich kann's noch,« lachte Helmold; »Demonstratio -ad Luisam! Morgen früh ziehe ich zu Holze; ich habe nun doch ein -bißchen zu viel Farben verblutet seit vorigem Herbste, und mein Vorrat -von Arbeitslust ist alle. Und das ist ein Zeichen, daß die roten -Blutkörperchen bei mir sparsam werden.« - -Als er so prahlte, bekam Grete ihre lichte Laune wieder. Sie holte den -kornblumenblauen Samtkasten hervor und kramte die Mohnblumenkarten aus. -»Bekomme ich dieses Mal wieder welche?« fragte sie, indem sie sich auf -die Sessellehne setzte und ihm das Haar kraulte. Sein Herz beschattete -sich; er dachte an die Mohnblumenkränze, die sie ihm über das Bett -gehängt hatte. Aus Seidenpapier waren sie gewesen. Er machte seinen -Kopf los und sagte kühl: »Gewiß, wenn dir an papiernen Blumen so viel -gelegen ist.« Sie stand auf, und als er ihr Gesicht im Spiegel sah, -bemerkte er, daß ihre Augen hart und ihre Lippen unbarmherzig aussahen; -alle die guten Vorsätze, die er am Nachmittage gefaßt hatte, fielen zu -Boden und zerbrachen. - -»Bitte, sage dem Mädchen, sie solle mir einen Wagen zum Siebenuhrzuge -bestellen und dieses Telegramm besorgen, und jetzt will ich packen. -Zwei Wochen bleibe ich mindestens fort,« sagte er trocken und ging in -die Werkstatt. Dort blieb er bis Mitternacht und ging schlafen, ohne -seiner Frau den Gutenachtkuß zu bringen. Über Nacht knabberten viele -graue Gedanken an seiner Seele; drei Uhr wurde es, ehe er einschlief, -und als er am anderen Morgen in das Zimmer seiner Frau ging, stand das -harte Gesicht, das ihm am Abend der Spiegel gezeigt hatte, zwischen ihm -und ihr, so daß er mit einem losen Händedruck Abschied nahm. - -Es war ein frischer, sonniger Herbsttag, und die Landschaft sah -lustig aus. Sonst hatte er sie während der Fahrt immer liebkost; nun -behandelte er sie schlecht; sie langweilte ihn. »Schwindel!« dachte er, -als er sah, daß hier und da einzelne Büsche sich in schreiende Farben -gehüllt hatten; »Plunder, nicht echt!« Selbst seine guten Freunde die -Kiefernwälder und Haidberge zerfetzte er mit höhnischen Blicken, und -als er die gewaltigen Schirmkiefern neben der alten Hammerschmiede sah, -sonst sein Entzücken, lächelte er verächtlich. - -Auf einer Haltestelle stieg ein hübsches Bauermädchen ein, das ihn mit -ungescheutem Verlangen ansah, denn keine Kleidung stand ihm so gut wie -der verschossene Lodenanzug. Erst achtete er wenig auf sie, dann aber -dachte er: »Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück' ich mir das -Röselein,« und da das Mädchen gegen die Sonne sehen mußte, machte er -ihr neben sich Platz und sagte: »Komm hier sitzen, Mädchen, denn so -hast du die Sonne nicht im Gesicht.« Sie wurde vor Verlegenheit ganz -rot, setzte sich aber sofort zu ihm. Er dachte daran, daß er sich über -Nacht gelobt hatte, sich fortan so viel Zucker in den Kaffee zu werfen, -wie er kriegen konnte, denn ihm war eine der blödsinnig klingenden -Weisheiten Henneckes eingefallen. Als sie eines Abends durch den Wald -gingen, hatte Hennig ärgerlich brummend den Kopf geschüttelt, und -als er ihn fragte, was ihm fehle, geantwortet: »Ich habe verdammt -vergessen, mir heute morgen Zucker in den Kaffee zu schmeißen, und das -kann ich mein Leben lang nicht wieder einholen.« - -Er sah das Mädchen genau an; sie strotzte vor Kraft und Frische und -wurde jedesmal rot, wenn er sie anblickte. Er schlug sie auf die Lende: -»Wo soll die Reise hin, Lüttje?« Sie wurde rot: »Nach Ohlenwohle!« Er -sagte ganz trocken: »Hast du aber Dusel! Dann fährst du ja anderthalb -Stunden mit mir zusammen!« Nun mußte sie lachen, und sie litt es, daß -er den Arm hinter ihren Rücken schob, und als er fragte: »Hast du auch -keine Bange vor mir?« schüttelte sie lustig den Kopf. »Ich bin aber -ein ganz gefährlicher Kerl,« flüsterte er und zog sie an sich; »glatte -Mädchen mag ich zum Fressen gern. Paß mal auf, jetzt geht's los!« Er -drückte sie und küßte sie. - -Die Hunde hoben erstaunt die Köpfe; er warf den Jagdmantel über sie: -»Das ist nichts für kleine Kinder,« sagte er, und zog das Mädchen auf -den Schoß. »Magst mich leiden?« Sie nickte und sah ihn verliebt an. Sie -blieben anderthalb Stunden allein, denn auf der nächsten Haltestelle -steckte Helmold dem Schaffner einen Taler in die Hand. Als der Zug -dicht vor Ohlenwohle war, sagte das Mädchen: »H' ach Junge! Na, wenn -das unsere Mutter wüßte! Und nicht wahr, du besuchst mich mal?« Er -küßte sie und sagte: »Ich wäre schön dumm, wenn ich das nicht täte. Auf -Wiedersehn, und schönen Dank auch, Mariee!« - -Als er in Stillenliebe ausstieg, hatte er wieder einen frischen Mund -und fröhliche Augen. Der Prinz erwartete ihn mit dem Jagdwagen. Er -gab ihm die Hand und meinte: »Du wohnst am besten im Blauen Himmel, -von da hast du eine knappe Stunde bis zum Schandenholz; vom Jagdhause -sind es anderthalb. Die Zimmer habe ich schon belegt, das heißt von -morgen ab, denn heute mußt du mit zum Jagdhause. Der Wind ist für das -Schandenholz nicht gut, und außerdem will ich dich einmal wieder für -mich haben. Ist dir doch recht?« - -Frau Sophiee Pohlmann, die Wirtin des Blauen Himmels, stand in der Türe -des Kruges, als der Wagen vorfuhr; die junge Witwe sah in dem blauen -Waschkleide mit der weißen Latzschürze zum Anbeißen aus. Sie lachte -über das ganze Gesicht, als sie den Maler sah. »Das ist aber schön, -daß Sie sich einmal wieder sehen lassen, Herr Hagenrieder!« rief sie, -vor Freude errötend, als er ihr die Hand schüttelte; »ein ganzes Jahr -sind Sie nicht hier gewesen. Ich dachte schon, Sie wollten uns untreu -werden.« Sie machte ein enttäuschtes Gesicht, als er sagte, er bliebe -den Tag im Jagdhause. - -Als er am anderen Mittag mit dem Prinzen in der Wirtschaft vorfuhr, -lachte sie aber schon wieder. Sie ging ihm nachher in sein Zimmer nach -und fragte: »Ist auch alles so richtig?« Er machte die Türe zu und -sagte: »Jetzt ja!« und damit faßte er die Frau um und küßte sie. Sie -stemmte ihre Hände gegen seine Schultern: »H' ach, Herr Hagenrieder,« -stöhnte sie, »wenn aber jemand kommt!« Er lachte übermütig, ohne sie -loszulassen. »Möchte das keinem raten, dem seine heilen Knochen lieb -sind.« Er ließ sie los, stellte sich vor sie hin und befahl: »Kuß!« -Mit niedergeschlagenen Augen, feuerrot im Gesichte, kam die hübsche -Frau näher, legte ihm die Hände auf die Schultern, hob sich auf den -Zehenspitzen und küßte ihn. »So recht, mein Mädchen, so schön, mein -Kind, so brav, mein Zuckerchen!« lobte er, faßte sie um die Mitte und -küßte sie, bis sie keinen Willen mehr hatte. - -»Mensch, du hast wohl seit acht Tagen nichts zu essen gekriegt!« sagte -der Prinz, denn sein Freund kniete sich ganz gefährlich hinter die -Mahlzeit. Der lachte und antwortete, indem er der Wirtin, die den -Nachtisch hereinbrachte, einen kurzen Blick zuwarf, den sie mit einem -langen zurückgab: »So hat es mir lange nicht geschmeckt, wie heute, -und wenn ich nun den Hirsch nicht kriege, will ich Karl der Große -geheißen werden.« In der Türe drehte die Wirtin sich um und warf ihm -einen heißen Blick zu. Brüne bekam ihn durch den Spiegel zu fassen, -lächelte aber kaum. - -Die Wirtin brachte dann den Kaffee und viererlei Backwerk. »Frau -Pohlmann,« meinte der Maler, »wenn ich vier Wochen bei Ihnen in Kost -bin, passe ich in keinen Sarg mehr!« Die Wirtin lächelte ihn an: »Wie -lange bleiben Sie denn, Herr Hagenrieder? Sonntag haben wir Danzefest!« -Er schlug auf den Tisch: »Hipp hipp hurrjeh! Nun ist das Geschäft -richtig!« - -Als der Prinz fortgefahren war, sagte der Maler zu der Frau: »Ich will -jetzt eine Stunde schlafen; weck' mich um halbig dreie, Sophiee! Aber -erst will ich einen Schlafschönkuß haben; das ist bekömmlicher, als der -Kürassao, den der Prinz nach dem Kaffee nimmt. Also!« Er ließ den Kopf -auf die Sofalehne fallen und klopfte auf seine Kniee; die Wirtin setzte -sich auf seinen Schoß. »Ach, ich habe so viel gegessen, daß ich nicht -küssen kann,« sagte er lachend; »das mußt du besorgen. Und ich bin so -müde und so faul, daß ich nicht allein ins Bett finde. Denn so wirst -du mich wohl hinbringen müssen; hm?« Die Frau kuschelte sich an seine -Brust: »Geh vor,« flüsterte sie heiser, »ich komme gleich nach; ich -habe sowieso oben Wäsche fortzupacken. Jetzt muß ich erst eben in die -Küche.« - -Laut flötend ging er nach zwei Stunden durch das Dorf, die Büchse über -den Rücken geschlagen. Für alle Menschen, die ihm begegneten, hatte -er ein lustiges Wort, und für jedes Kind einen Apfel. Gift und Galle -jagten kläffend die Spatzen von der Straße und trieben die Katzen über -die Zäune, und Helmold fand, daß die Welt doch noch ganz nett sei. -Er freute sich über die bunten Blumen hinter den Zäunen, über die -Tauben, die vor ihm herflatterten, über den Turmfalken, der auf der -Stoppel rüttelte, und dachte: »Hol's der Teufel; Gott gibt's reichlich -wieder!« Er war auch gar nicht ärgerlich, als er spät abends zurückkam, -ohne seinen Hirsch gehört zu haben. - -Als er am anderen Nachmittage dicht vor dem Osterhohl war, kam er -an einem kleinen Hause vorbei, das halb versteckt hinter gewaltigen -Stechpalmenhorsten lag. Ein Mädchen stand in der Tür und sah ihm mitten -in die Augen. Sie hatte ein volles, aber feines Gesicht, und ihre Augen -sahen halb wie die eines Kindes aus, halb wie die einer Frau, die -allerlei erlebt hat. Er ging auf sie zu: »Willst du mir Glück bringen, -Mädchen?« Sie lachte ihn an: »Gerne, wenn ich es machen kann.« Er legte -die Büchse auf den Boden. »So, nun spring dreimal darüber!« Sie nahm -ihre Röcke zusammen und sprang, daß ihre hübschen Waden zu sehen waren. -»Danke schön!« sagte er, nahm sie um die Mitte und küßte sie. »So, und -nun schenk mir noch ein Glas Wasser!« Sie ging vor ihm in das Haus, und -er folgte ihr. »Wie heißt du denn, Hübsche?« fragte er und setzte sich -in den Spinnstuhl. »Annemieken Ahlmann,« antwortete sie und lächelte -ihn an. »Hm,« meinte er; »nun laufe ich schon sieben Jahre hier herum -und habe dich noch kein einmal gesehen.« »Ich Sie aber schon oft!« -erwiderte das Mädchen; »aber Sie gingen immer so stolz vorbei.« - -Eine alte Frau kam herein. Sie kicherte, als sie Helmold sah, und zwang -ihm ein Glas Buttermilch auf. »Ja,« sagte sie, »wir sind froh, wenn -sich hier mal ein Mensch sehen läßt. Seit das mit Abbe gewesen ist, -will keiner was mit uns zu tun haben. Und es war doch man ein Unglück. -Ja, ja, das hitzige Geblüt, wer das hat, der kommt leicht zu Schaden. -Na, denn viel Glück auch, junger Herr, und lassen Sie sich mal wieder -sehen. Annemieken, zeige dem Herrn den Richteweg über die Osterhaide; -das ist um die Hälfte näher.« - -Das Mädchen ging mit. Als sie im Holze waren, legte Helmold den Arm um -sie und küßte sie. Sie wurde rot und weiß nacheinander und fragte dann: -»Kommen Sie Sonntag auch zum Erntebier?« Er nickte. »Aber mittanzen tun -Sie wohl nicht?« Er nickte wieder. Sie wurde feuerrot und flüsterte: -»Auch mit mir einmal?« »Aber sicher,« antwortete er; »ich glaube, mit -dir tanzt es sich fein!« Sie nickte: »Ich kann mich tottanzen! Aber -wir haben Unglück gehabt. Vater und Mutter sind an der Auszehrung -gestorben und Abbe, mein Bruder, der hat den Verwalter von Ohlenhofen -totgestochen, wo seine Braut diente. Würden Sie das nicht auch tun?« Er -nickte: »Ganz sicher, wenn mir einer an meine Braut käme!« Da lachte -sie und drückte sich fester an ihn. - -Als er eine Viertelstunde vor dem Schandenholze war, kehrte sie um. -Er warf seinen Rucksack zu Boden und legte die Hunde ab. Er ging erst -schnell über die Haide, aber je näher er dem Walde kam, um so kürzer -wurden seine Schritte. Hinter einem mächtigen Wachholderbusche blieb -er stehen und lauschte; es war alles still, nur die Goldhähnchen -piepten. Er schlich unter dem Winde von Busch zu Busch, bis er das -Hauptgestell übersehen konnte. Eine halbe Stunde blieb alles still, -dann meldete halb rechts ein geringer Hirsch. Einen Augenblick später -brach es dort und in voller Fahrt floh der Schneider über die Schneise; -hinter ihm her dröhnte der Baß eines starken Hirsches. Von fern her -schrie ein guter Hirsch, näher ein anderer. In der Dickung brach es, -dumpfe Schläge erschallten; der Schadhirsch strafte ein Stück Wildpret -ab. Helmold lachte; am liebsten hätte er geschrieen: »So recht, mein -Hirsch!« Seine Augen funkelten, halb vor Freude, halb vor Haß. - -Langsam rauchte er und sah durch die Zweige des Wachholderbusches die -Schneise entlang, die von den schrägen Sonnenstrahlen getigert war. -Ein Fuchs schnürte dicht an ihm vorüber, ohne ihn zu wittern; ihm -folgte ein Hase. Eine Weile saß er still, dann rückte er zu Felde. -Tauben schwangen sich in ihren Schlafbäumen ein; der Schwarzspecht -rief zum letzten Male. Helmold lauschte angestrengt. Ab und zu gab der -Platzhirsch ein halblautes Knören von sich. Die Sonne sank; hier und -da glühte auf einem Kiefernstamme ein roter Fleck auf und täuschte ein -menschliches Angesicht vor, verschwand und tauchte an einer anderen -Stelle wieder auf. Im Kienmoore schrie ein guter Hirsch herausfordernd; -drohend antwortete der Platzhirsch. Ein Kälbertier trat über das -Gestell; das Kalb folgte. Warnend rief der Hirsch und zog bis an den -Rand der Dickung; sein Atem flog weiß vor ihm her. Das Tier machte -Kehrt und trat wieder zurück, und das Kalb trollte hinterher. - -Helmold lächelte kalt. »Der weiß mit den Weibsleuten umzugehen,« -dachte er; »fällt ihm gar nicht ein, zu schmachten und zu betteln. Er -nimmt sich, was ihm zukommt, kraft seines Geweihes.« Er überdachte -das letzte Jahr. »Welch ein Narr bin ich gewesen! Hätte ich damals -im Tödeloh zugepackt, so hätte ich nicht Nacht für Nacht in mein -Kopfkissen hineinzuheulen brauchen. Und wäre ich Grete mit der -Tatsache gekommen, so hätte sie sich geduckt.« Er schämte sich vor -sich selber. Er hatte sich nackt vor ihr ausgezogen. »Ein schwerer -Fehler! Frauen wollen den Mann über sich sehen; stellt er sich neben -sie, so sehen sie auf ihn hinunter. Sobald sie wissen, man liebt sie -wirklich, ist man schon verloren,« dachte er; »Mann und Weib sind -Todfeinde; das ist es. Das Weib ist Realist, klebt an der Erde; der -Idealismus, die Himmelssehnsucht des Mannes, ist ihm unbegreiflich, ja -verächtlich. Urmensch ist es, handelt nur aus Instinkt. Ihre Hauptwaffe -ist die Lüge, die Verstellung; unbewußt, darum so gefährlich, weil -uns unlogisch erscheinend, unbegreiflich. Ihre Unwahrhaftigkeit ist -primitiv, ist naiv.« - -Er drückte die Asche in der Pfeife herunter. »Sie müssen gedrückt -werden, soll ihre Liebe nicht ausgehen,« dachte er und lachte. »Auch -Swaantje ist ein Weib; ich habe mir eine Göttin aus ihr gemacht. Magd -soll das Weib dem Manne sein, nicht Herrin. Nie ist sie ihm Kamerad.« - -Es prasselte in der Dickung; der Hirsch trieb die Tiere zusammen. Dumpf -schallte es; er forkelte ein störrisches Stück. »Ruppig muß man sie -behandeln. Nietzsche hat recht: ›Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die -Peitsche nicht!‹ Erobert wollen sie sein, roh hingenommen. Wieviel -Glück und Wonne hätte mir das Jahr bringen können, wäre ich meiner -Natur gefolgt! Den Kameraden suchte ich in Grete; Wahnsinn! Suchte bei -ihr Verständnis! Als ob es das zwischen Mann und Weib gäbe. Von Mann zu -Mann, ja, und von Weib zu Weib, aber nicht über Kreuz. Der Hirsch ist -klüger; er hält sich zum Hirsch, solange ihn die Liebe nicht zwickt, -und ist es damit aus, läßt er das Frauensvolk stehen und sucht sich -Kameraden, die so fühlen wie er selber.« - -Die Schlagschatten der Stämme fielen über das Gestell; hohl rief -der Kauz; ein Bock schreckte in den Bleeken. Ganz selten schrie ein -Hirsch; der Abend war zu lau und versprach Regen. Helmold stopfte sich -eine neue Pfeife und steckte sie hinter dem Hute an. Er hielt Grete -und Swaantje nebeneinander und schüttelte den Kopf. »Ein dreifacher -Esel bin ich gewesen; eine Möglichkeit, die den beiden als eine -Unmöglichkeit erscheinen muß, habe ich von ihnen erbeten. Ich war -krank, sonst wäre ich nicht auf einen so irrsinnigen Gedanken gekommen. -Bei beiden habe ich meinen Nimbus zerstört; sie sehen auf mich hinab. -Das muß anders werden, denn«, er reckte die Brust, »denn ich will -meinen Wunsch nicht verhungern lassen.« - -Er bohrte seine Blicke in die Dämmerung. »Und Grete, sie ist eine kluge -und gute Frau. Sie ist eben Frau und kann deshalb kein Mensch in meinem -Sinne sein; und die andere schließlich auch nur so lange, als bis«, er -stockte im Denken und sah mit harten Augen nach dem schwarzen Fleck, -der auf der Schneise stand. Langsam hob er das Glas; es war ein Stück -Wild, das sich dort äste; ein zweites und ein drittes trat dazu. Er -nickte vor sich hin: Jawohl, so mußte es werden; er wollte sich mit -Grete gut stellen, denn er liebte sie. Wenn er sie zuweilen zu hassen -glaubte, so kam das daher, daß er ihr seine eigene Dummheit nachtrug. - -Er fuhr zusammen; mitten auf der Schneise stand ein Schatten, höher als -die anderen. Das Glas versagte, aber es mußte der Hirsch sein. Dumpf -dröhnte es und die anderen Schatten zogen in das jenseitige Jagen, von -den Geweihstößen ihres Gebieters getrieben. »Wie viele mag er bei sich -haben?« dachte Helmold. »Sicher zehn bis zwölf. Das ist für ihn der -Begriff des Weibes, wie für mich die Zusammenstellung Greteswaantje; -aber Sophiee und Annemieken und Mariee runden den Vollbegriff Weib erst -ab. Denn ich bin mehr wert als zehntausend andere Männer, kann deshalb -auch mehr Ansprüche machen. Und das werde ich, so wahr ich Helmold -Hagenrieder heiße!« - -Er erhob sich, ging einige hundert Schritte zurück und stellte sich -unter einer Schirmkiefer auf der Haide an. Der Abendstern stand blank -über dem Walde. Er dachte an Swaantje; kühl betrachtete er sie und -lächelte. Sie hatte mit Grete über den Roman gelacht, dieweil er mit -zerrissener Brust am Boden lag; sie empfand es peinlich, als er mit -einem Weidewundschusse im Wundbette saß. Er lachte tonlos vor sich hin: -›Was denkt er von mir?‹ hatte sie gefragt. Ach ja, die Dame war stark -in ihr. Eine kalte Wut schüttelte ihn. »Wenn sie jetzt hier wäre, würde -ich ihr zeigen, daß ich ein Mann bin. Komm! würde ich sagen und sie -würde kommen.« - -Kühl strich der Abendwind über die Haide und ruschelte in den gelben -Moorhalmen. Helmold fröstelte es. Er knirschte mit den Zähnen; er -dachte daran, wie erbärmlich er sich angestellt hatte, als er in -der Werkstatt um einen Kuß bettelte. »Hätte ich zugepackt, stände -ich anders vor ihr da. Jetzt bemitleidet sie mich. Pfui Teufel! Und -sie? Auch an ihr habe ich gesündigt, schwer gesündigt. Ich habe ihr -vorenthalten, was ihr zukam; krank und elend habe ich sie gemacht, -ebenso wie mich. Gedichtchen habe ich ihr geboten statt Küsse, Seufzer -anstatt Liebkosungen. Schöner Held, der ich bin mit meiner schlappen -Rücksichtnahme auf ihre Seele, auf Grete, auf die Verwandtschaft, die -Gesellschaft, meine Stellung und ähnliche Albernheiten!« Höhnisch -lachte die Scham ihn an. Er dachte an den Mühlenkrug, an Janna und -Manna, an sein Lautenspiel und an die Lieder, die er den Mädchen sang. -»Pfui, pfui; wie ein Schuljunge benahm ich mich!« - -Der Hirsch im Kienmoore schrie; er schrie sich bis in die Bleeken -hinein. Der Schadhirsch antwortete und zog ihm näher. Helmold lauschte; -blanke Freude lachte ihm aus den Augen. Die Hirsche standen sich -gegenüber, der eine schrie dem anderen in das Gesicht. »Wundervoll,« -dachte er, und ihm war, als wenn der eine feuerrot, der andere blutrot -schriee. »Ein Leben von rot auf Rot; rote Liebe auf rotem Mord; das -ist Leben!« Er dachte an einen Mann, der ihm einst mitten in sein -Leben hineingegriffen hatte. An einem klaren Wintermorgen standen sie -sich im weißen Walde gegenüber. Wie blödsinnig das war: die Zilinder, -die Pelze, die Gummischuhe, die rotbraunen Handschuhe, und darin die -Pistolen, und vor allem: die glattrasierten, höflichen Gesichter der -Zeugen und die verbindlichen Manieren des Unparteiischen! Sein Gegner -ebenso, und er selber nicht anders. Und dabei: zehn Schritt Barriere -mit Vorgehen und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit. Er lächelte, -denn er dachte daran, wie ihm sein Gegner den hohen Hut vom Kopfe schoß -und in demselben Augenblicke mit einem schweren Schulterschusse umfiel. -Hier der Seidenhut mit dem weißen Atlasfutter im Schnee, da der Arzt -bei dem Verwundeten, alle Wipfel voll von Goldhähnchengezirpe, die Luft -erfüllt von den Locktönen der Kreuzschnäbel, und der von himmelblauen -Schatten gestreifte Schnee, von der Sonne mit Demanten besät, und -mitten darin ein großer herzförmiger roter Fleck und ein kleiner, der -wie ein Kreuz aussah, und von dem lauter rote Kleckse bis zu der Stelle -führten, wo der Arzt arbeitete; eine schöne Erinnerung! - -»O, ich habe auch solche,« dachte er, als er, die Hunde hinter sich, -über die Haide ging; »und sogar eine ganze Menge.« Vor seinen Augen -stand ein Tanzboden, niedrig und ganz mit Tabaksrauch gefüllt, und -durch das Fenster flog, das Fensterkreuz und alle Scheiben mitnehmend, -ein Gefreiter von den Oldenburger Dragonern, und der ihn so auf den -Schwung gebracht hatte, das war der Einjährigfreiwillige Hagenrieder -gewesen. Seine gewilderten Rehböcke fielen ihm ein und der Hirsch, -den er auf einem Birkenbaume dreihundert Gänge weit über die Grenze -geschleift hatte, und Tiedo Tiedsen, sein Konpennäler, der auszog, um -den Buren gegen die Khakis zu helfen, und der das redlich besorgte, -bis eine Kugel sein heißes Herz zur Ruhe brachte. Eine unbändige -Lust packte ihn, die ganze Zivilisation auszuziehen und irgendwohin -zu gehen, wo Kraft vor Recht geht und nur der Mann gilt, der am -schnellsten im Anschlage ist. Aber dann dachte er: »Verpfuscht, zu -spät!« Die drei wilden Blumen, die er die letzten Tage über am Wege -gepflückt hatte, kamen ihm wertlos vor; er schlug einen Bogen, um -nicht an Ahlmanns Hause vorbeizukommen, von dem ein kleines Licht -herüberschimmerte, und er setzte sich im Krug in das Gastzimmer und -nicht in die kleine Stube, wo er mit der Wirtin allein sein mußte. - -Es kamen nun einige regnerische Tage und die Hirsche schrieen nicht. -Vergebens umschlich er das Schandenholz und pürschte im Kienmoore; es -blieb alles stumm. Jede Nacht trat der Schadhirsch aus, wie die Fährten -auf der Haide wiesen, zog jedoch vor Tau und Tag wieder in die sichere -Dickung. Am Sonnabend aber drehte sich der Wind und wurde hart und -kalt, und sofort orgelten überall die Hirsche. - -Es war noch schwarze Nacht, als Helmold zu Holze zog, Gift am -Schweißriemen. Unter dem Winde wartete er auf der Haide den Tag ab, -in seinen Mantel gewickelt. Der Himmel war ganz hoch und sternenklar, -und das Haidkraut starrte von Reif. Der Schadhirsch schrie zwischen -den Krüppelkiefern in den Bleeken und zog dem Hirsche vom Kienmoore -entgegen. Helmold hörte, wie die Geweihe aneinanderprasselten, und -das Keuchen der beiden Kämpen war deutlich zu vernehmen. Ein heller -Wind bewegte die Kronen der Kiefern und flüsterte in dem Haidkraute; -im Osten zerriß die Nacht über dem Walde; Wanderdrosseln pfiffen, und -im Moore weckten sich die Kraniche auf. Die Sterne gingen langsam -nach Hause, und aus den unheimlichen Gespenstern wurden harmlose -Wachholderbüsche. - -Der zweite Hirsch schrie schon wieder im Kienmoore. Helmold merkte -sich ganz genau seine Stimme, während er langsam und bedächtig Brot -und Speck aß. Als er damit fertig war, prüfte er mit nassem Finger -die Windrichtung, nahm einen kleinen Schluck Kognak, zog den Mantel -aus, legte den Rucksack ab, steckte den Hirschruf in die rechte -Joppentasche, legte den Hund ab und deckte ihn mit dem Mantel zu, und -sobald er Korn und Kimme zusammenbringen konnte, pürschte er sich an -das Holz heran. - -Der Wind wurde noch schärfer; Helmold knöpfte die Joppe fest zu und -zog den Gürtel enger. An der Ostseite bohrte der Morgen ein Loch in -die Dämmerung und sah dadurch über die Haide. Der Hirsch im Kienmoore -schrie noch einmal und verschwieg dann. Helmold trat an den Rand -des Hauptgestelles, prüfte den Wind und lauschte. Endlich hörte er -es einmal linkerhand brechen; der Platzhirsch hatte seinen alten -Stand eingenommen. Er hörte ihn ab und zu knören und vernahm, wie ein -Kälbertier mahnte. - -Es war mittlerweile ganz hell geworden; die Meisen wachten auf, die -Goldhähnchen piepten in den Zweigen, eine Krähe zerkrächzte die Stille. -Helmold sah sich um; ein Mutterreh mit zwei Kitzen zog über das -Gestell, dicht an dem Hasen vorbei, der still wie ein Baumstumpf da -saß und nur die Löffel aufrichtete, als Helmold in den Bestand trat. -Da sah es wild und wüst aus; der Sturm hatte vor Jahren einen Teil -der untergebauten Fichten umgeschmissen, und den Rest hatte die Nonne -umgebracht. Die von allerlei Gestrüpp bewachsenen Wurfböden erhoben -sich überall, zwischen ihnen lagen kreuz und quer die hohen Stangen, -von oben bis unten mit silbergrauen Flechten bezogen. - -Behutsam das Geknick meidend schob er sich von Stamm zu Stamm, die -Büchse schußfertig in den Händen, mit den Augen das silbergraue Gewirr -zerpflückend. Nichts entging ihm, weder die Fährte am Boden, noch der -Dompfaff in dem Ebereschenbusch, nicht der Fliegenpilz unter der Birke, -nicht die zerfetzte Rinde an den Malbäumen. - -Eine Stunde war vergangen, da hatte er erst zweihundert Schritte -hinter sich, denn nach jedem Tritte machte er Halt und lauschte mit -offenem Munde oder prüfte den Wind. Da hörte er den Hirsch knören. -Langsam schob er sich hinter einen Wurfboden, langte die Muschel aus -der Tasche und quetschte einen neidischen Ruf heraus; von drüben kam -eine mürrische Antwort. Er ging, den Schritt eines Hirsches nachahmend, -rücksichtslos durch das Fallholz, sich immer in Deckung haltend und -ab und zu einen Schrei aus der Muschel herausholend; der Schadhirsch -antwortete schon ärgerlicher. Helmold machte das Mahnen eines Tieres -nach und ließ einen herausfordernden Ruf hinterher folgen; gereizt -erwiderte ihn der Mordhirsch und zog näher. Hinter einem Wurfboden -trat Helmold laut hin und her, daß der anmoorige Boden quatschte und -das Fallholz brach, und während ihn der Frost schüttelte, vernahm er, -wie sein Hirsch immer näher kam. Er setzte die Muschel an den Mund -und schrie ihm eine grobe Redensart entgegen, und abermals eine, die -noch viel frecher war, und eine dritte, mehr als gemein. Der Hirsch -meldete nicht; es schien, als ob er starr wäre über die bodenlose -Unverschämtheit des Nebenbuhlers. Helmold ließ den Hirschruf in die -Tasche gleiten und machte scharf. - -Vor ihm war alles still, dann mahnte ein Schmaltier und darauf brach -es laut; vor ihm stand der Hirsch auf dreißig Gänge und schrie aus -vollem Halse. Helmold sah nichts, als vier lange blanke Enden, ein -graues Gesicht mit tief liegenden Lichtern und einen Strom weißen -Dampfes. Die volle Brunftwitterung stank ihm in Nase und Mund hinein. -Der Hirsch schrie noch einmal mit ganzer Kraft und wendete sich. Sowie -er das Blatt freigab, hielt Helmold darauf und riß Funken. Er hörte -Kugelschlag und sah durch das Feuer, daß der Hirsch stark zeichnete. -Prasselnd fuhr er ab, daß das graue Geäst weit umherflog. Hinter ihm -her polterte das Kahlwild. - -Helmold blieb eine Weile stehen, wischte sich den Schweiß von der -Stirne, trank einen Schluck Tee, steckte sich eine Zigarre an und ging -auf den Anschuß. Er brauchte nicht lange zu suchen; er fand Schweiß -und Schnitthaar. »Tiefblatt«, murmelte er, als er die Schweißspritzer -betrachtete und von einem Farnwedel einige Haare ablas. Er verbrach den -Anschuß und ging dahin, wo er den Hund abgelegt hatte. Dort überlegte -er; bis zu der Wirtschaft, das war reichlich weit. Da fiel ihm -Annemieken ein, und er ging nach dem Osterhohl. - -Als er in das Haus trat, begrüßte ihn die alte Frau freudestrahlend. -Dann trippelte sie nach der Halbetüre und rief mit ihrer brüchigen -Stimme: »Annemieken, Mädchen, komm hille!« Das Mädchen kam herein; es -hatte bloße Arme und vor dem Leibe einen alten Sack als Schürze. »Kann -ich bei euch einen Teller Suppe haben?« fragte Helmold. Sie lachte -glücklich; aber dann bekam sie einen roten Kopf und sagte: »Wir haben -aber bloß Bohnensuppe und alten Speck.« Er lachte: »Das ist grade -das Richtige; ich habe einen Hirsch geschossen und will ihn nachher -nachsuchen, und bis zum Kruge ist es mir zu weit.« Er ließ sich in -den Spinnstuhl fallen und sah den Funken zu, die um den Kesselhaken -spielten. Als die alte Frau hinausgegangen war, sagte das Mädchen: -»Ich dachte, du würdest gestern abend hier noch einmal vorbeikommen.« -Er antwortete: »Ich war sehr müde und hatte meine böse Stunde.« Das -Mädchen sah ihn groß an: »So ein feiner Herr? Ich dachte, der hätte -nicht Kummer, noch Sorgen. Denn ist es wohl um ein Mädchen? Aber -darüber mußt du dir keinen Kummer machen; wenn man nicht hat, was man -lieben will, denn so liebt man, was man hat.« Er lachte: »Woher hast du -denn diese Weisheit?« Sie bekam dunkele Augen: »Ich war eine Zeit in -der Stadt.« - -Sie ging zu dem Kessel, rührte das Schweinefutter um und sah in dem -kleinen Topf nach, ob das Essen bald fertig war. Dann ging sie in den -Garten und kam mit einem Blumenstrauß zurück, den sie auf den Tisch -stellte, über den sie ein weißes Tuch gelegt hatte, machte sich vor -dem halbblinden Spiegel das Haar, band die Sackleinwandschürze ab, -ließ ihren Rock herunter, wusch sich die Hände und band eine reine -Schürze vor. Die Großmutter brachte die Suppe, Helmold holte, was er -an Wurst und Schinken im Rucksacke hatte, heraus und legte es auf den -Tisch, desgleichen eine Tafel Schokolade und stellte die Kognakflasche -dazu, aus der die alte Frau ein Schlückchen bekam. Es wurde ein sehr -gemütliches Essen, und die Großmutter gnickerte in einem fort über den -lustigen Jägersmann, der so schöne schlechte Witze erzählen konnte. -Nach dem Essen aber nickte sie sofort im Spinnstuhle ein und Helmold -gähnte auch. »Kannst in meinem Bette schlafen gehen, Junge,« sagte -Annemieken. »Und du mein Schatz, bleibst hier?« sang er. Sie schüttelte -den Kopf und ließ sich mitnehmen. - -Um zwei Uhr wachte er auf und hörte die Großmutter im Flett -umhertrippeln. Annemieken stand vor dem Spiegel und kämmte sich. Er -wunderte sich, daß ihr Spiegelbild ganz anders aussah, als ihr Gesicht, -bis ihm einfiel, daß Spiegel lügen. »Alle Reproduktion ist Schwindel,« -dachte er. Die Großmutter klopfte an: »Der Kaffee ist fertig,« rief -sie, und als er auf die Diele kam, tat sie, als ob sie von nichts wüßte. - -»So, Gift, nun ist es aber Zeit, daß wir uns auf die Strümpfe machen,« -sagte Helmold, als er gegessen und getrunken hatte. Als er den Anberg -hinaufging, flötete er vor sich hin und dachte dabei: »So, das war -ein Tag, rot in Rot; den nimmt mir keiner mehr weg!« Lustig pfeifend -schritt er über die Osterhaide. Auf der Blöße äste sich vertraut ein -guter Bock; er ließ ihn leben. »Annemiekens wegen,« dachte er, denn sie -hatte ihm erzählt, daß sie sich jeden Morgen über den Bock freute. - -Vor dem Holze nahm er den Schweißriemen ab, dockte ihn halb auf, und -als er bei dem Anschusse war, legte er den Hund zur Fährte. »Such -verwund't, mein Hund,« rief er ihm zu; »weis' verwund't, mein Hund!« -Der Teckel stieß einen dünnen Laut aus und tupfte mit der rotbraunen -Nase auf einen Schweißspritzer. Dann legte er sich so stürmisch in den -Riemen, daß sein Herr gänzlich aufdocken mußte. - -Es war eine wilde Nachsuche, denn der Hund schliefte fortwährend -unter den gefallenen Fichten durch, so daß Helmold alle Augenblicke -den Riemen fahren und über die toten Stangen hinwegsetzen und den -Riemen wieder festtreten und greifen mußte. Nach fünfhundert Gängen -wies der Hund das erste Wundbett vor. Das zweite kam, ein drittes in -einem Tümpel und ein viertes; aber da brach es in der Dickung, der -Hund riß Helmold den Riemen aus der Hand und hetzte mit hellem Halse -weiter. Sein Herr blieb stehen und atmete tief, auf den Ball des -Teckels horchend. Seine Augen strahlten: »Wundervoll, ganz wundervoll!« -dachte er, wischte sich Stirn und Hals ab, nahm einen Schluck aus der -Kognakflasche und setzte sich auf einen Wurfboden, bis sein Herz sich -beruhigt hatte. - -Dann horchte er auf; der helle Hatzlaut des Hundes brach mit einem Male -ab und vertiefte sich zu dumpfem Standlaut. Helmold lachte: »Hat ihn -schon!« Er nahm die Büchse vom Rücken und ging schnell aber vorsichtig -dem Halse des Hundes nach, der aus dem Nachbarjagen herüberläutete. -Er trat über das Gestell und drängte sich durch die Fichtenleichen, -ab und zu springend, wenn die grauen Stangen zu hoch lagen, oder sich -zwischen zwei Wurfböden durchwindend. Je näher der Standlaut klang, -um so behutsamer schlich er, und dann blieb er auf einmal stehen und -riß sein Gesicht zu einem breiten Lachen auseinander, denn mitten in -einem quelligen Ellernsumpfe stand der Hirsch bis an den Leib in der -Modder und versuchte, den Hund zu forkeln, der vor ihm auf einem zwei -Fuß hohen Kissen von Silbermoos vorstand und ihn mit heiserem Halse -verbellte, ab und zu den Versuch machend, ihn niederzuziehen, aber -gewandt zurückzuckend, sobald der Hirsch das Haupt senkte. - -»Prachtvoll, ganz prachtvoll,« dachte der Maler, legte den Rucksack -ab, langte vorsichtig das Skizzenbuch heraus und hielt mit dem Stifte -Hund, Hirsch und Landschaft fest; dann stach er die Büchse, zielte auf -den Halsansatz, und so wie es knallte, prasselte und quatschte es, -der Hirsch war verschwunden, und mit giftigem Laute sprang der Teckel -zu. »Tot, tot!« rief Helmold ihm zu, liebelte ihn ab, brach sich einen -Bruch, zog ihn über den Einschuß und steckte ihn an den Hut; dann -setzte er das Horn an die Lippen und prahlerisch klang es über Wald und -Haide: »Hirsch tot, Hirsch tot, Hirsch tot!« - -Er hob das Geweih aus dem Schlamm. »Donnerhagel!« sagte er, als er es -sich ansah, »Donnerhagel noch einmal, das ist mein bester Hirsch!« Er -zog das Waidmesser und brach mit zwei Griffen die Kusen heraus. »Nummer -eins,« lachte er, als er sie in die Hosentasche steckte. Aber dann -strich er sich über die Stirn, als ob er da Herbstseide gefühlt hätte; -er dachte an die silberne Spange mit den Hirschhaken, die er Swaantje -verehrt hatte. Mit Mühe brachte er den Hirsch auf die Decke, brach ihn -auf, machte den Hund genossen, schärfte die Mürbebraten heraus und -die Zunge und tat sie in den Rucksack, während er das große Gescheide -verscharrte und das Kleine zum Ausschweißen an einen Ast hängte. Dann -zog er säuberlich das lange Gehääre aus der Brunftmähne, wickelte es in -ein Stück Papier, legte es in das Skizzenbuch, wusch sich die Hände und -machte das Messer sauber, trank den Rest seines Tees aus, steckte sich -eine Zigarre an, dockte den Schweißriemen auf und ging dem Gestelle zu, -wo er sich der Länge lang an einen Jagenhaufen lehnte, gegen den Himmel -sah und rauchte, während Gift in seinem linken Arme lag und schlief. - -Nach einer Viertelstunde knallte Peitschenschlag; der Wagen hielt -vor dem Gestell. Helmold sprang auf und winkte den Wagen heran; der -Prinz lenkte, und hintenauf saß der Jagdhüter und der Kutscher. -»Waidmannsheil!« rief der Prinz, »ist es der Mörder?« Der Maler lachte: -»Jawollja, ein Haupthirsch; herzlichschönen Dank auch! Es ist mein -bester Hirsch bis heute, obzwar er man vier Enden hat. Aber solche!« -Er reckte den Arm und zeigte mit der Hand erst auf den Ellenbogen, dann -auf den Schulteransatz. »Klobige Stangen, und Enden so weiß wie ein -Jungfernbein.« - -Der Prinz sprang ab und folgte seinem Freunde, der ihn zu dem Hirsche -führte. »Auf den Ruf?« fragte er. Helmold nickte und erzählte, wie er -es angefangen hatte. Etwas wie Neid kroch um den Mund des anderen, als -er das Geweih sah, doch dann sagte er: »Na, den wollen wir heute abend -im Jagdhause ordentlich tottrinken.« Der Maler schüttelte den Kopf: -»Nee, im Blauen Himmel, da ist heute Erntebier!« Der Prinz faltete -seine Stirne zusammen, aber dann meinte er: »Ich danke, bleibe lieber -im Jagdhause. Willst da wohl Studien machen, Helmold?« Der lachte: »I -wo, denke nicht daran; tanzen will ich, daß die Haide wackelt; mir -läuft jetzt schon das Wasser in den Tanzbeinen zusammen.« - -Der Jagdhüter und der Kutscher schleiften den Hirsch dem Gestelle zu. -»Guter Schuß,« meinte der Prinz; »Blatt rein, Blatt raus.« Er sah -sich das Herz an, dessen Spitze durchschossen war. »Unglaublich, daß -der Hirsch damit so weit geflohen ist! Man sollte meinen, mit einem -solchen Schusse müßte er im Feuer bleiben. Und der Gift, das ist ja ein -Haupthund! Komm her, Kerlchen, hast brave Arbeit gemacht!« Aber der -Teckel wich ihm aus. - -Helmold hielt das Herz des Hirsches in der Hand und ihm war, als -wäre es sein eigenes. Auch er hatte einen tödlichen Blattschuß -bekommen und lebte noch, floh durch Dorn und Dickung, schleppte sich -von einem Wundbette zum andern, und war doch verloren, denn hinter -ihm her hetzte mit hellem Halse das Gedenken an die Eine. Mit einem -Schlage sah er ein, daß seine Wunde nie verheilen würde, und wenn er -sie noch so oft kühlen würde in allen Marieen und Sophieen, die er -auf seiner Todesflucht antraf, denn immer kläffte die Erinnerung -in seiner Rotfährte, und einmal würde sie ihn doch zu Stande hetzen -und niederziehen. »Und wenn schon,« dachte er, und sah mit frechem -Blicke hinter sich, als stände der eiserne Ritter da, »und wenn schon! -Vorgestern die Mariee, gestern die Sophiee, heute Annemieken, und -morgen,« er stockte, aber dann sprang er über den Graben, »und morgen -Grete und übermorgen Swaantje. Blut um Blut; denn umsonst will ich -nicht gestorben sein!« - -Sie brachten den Hirsch nach dem Jagdhause, wo der Prinz zurückblieb, -während der Maler mit dem Kutscher und dem Jagdaufseher nach -Stillenliebe fuhr. Helmold freute sich über den prachtvollen Nacken -des Jagdhüters, über den festen Schnitt seines Gesichtes und den -weitausgreifenden Blick seiner ruhigen blauen Augen. Es war ein Mann -der schnellen Tat, der nicht viele Worte machte und niemals lange -fackelte, ganz gleich, ob es sich um Wild oder Weib handelte, oder um -einen Wilddieb. Früher wurde in der Gegend viel gewildert; seitdem -Moormann da war, hatte das fast ganz aufgehört, besonders seit der -Zeit, daß er Sliekenhinnerk, einen Freischützen von Beruf, der im -Verdacht stand, den Ohlenwohler Hegemeister totgeschossen zu haben, -niedergeknallt hatte. Hagenrieder hatte ihn gefragt, wie ihm dabei -zumute gewesen war, als der Mann tot zu seinen Füßen lag. »Großartig«, -hatte Moormann gesagt und lachend hinzugesetzt: »Ein Schade, daß er -nichts auf dem Kopfe hatte zum Andiewandhängen; aber ich habe doch -wenigstens seine Photographie!« - -Hagenrieder sah ihn sich genauer an. Er war fünfundvierzig Jahre alt, -hatte aber keine einzige Falte in dem braunen, rotbäckigen Gesichte, -und auf seinem Handrücken hatte kein unerfüllter Wunsch seine Fährte -hinterlassen. Er hatte eine hübsche stramme Frau und einen Haufen -Kinder; doch sagte man ihm nach, er ließe auch sonst nichts anbrennen. -Die Blicke, die manche Frauen und Mädchen ihm gaben, waren wie ein -verstohlener Händedruck; aber die von einigen Männern und Jungkerlen -schmeckten nach Messerstichen. Wenn er anlegte, knallte es auch -schon, ob er nun Hagel oder Kugeln nahm. »Wer sich besinnt, der nicht -gewinnt,« sagte er. Er hatte mehrere solcher Sprüche: »Wer viel denkt, -sich viel kränkt,« hatte er einmal zu Hagenrieder gesagt, und ein -anderes Mal meinte er: »Frauenvolk und Nesselkraut, wer sachte zufaßt, -kriegt Blasen auf die Haut.« Dieser Spruch fiel Helmold nun ein. »Ach -ja!« dachte er und kam sich klein und feige vor. - -Als sie ein Weilchen gefahren waren, kamen sie an einem Trupp -junger Burschen vorbei, die ihnen nachjohlten. »Sind das nicht -Schadhörstener?« fragte der Kutscher. Der Jagdaufseher nickte, und der -andere meinte: »Das ist eine rüdige Bande.« Moormann zuckte verächtlich -die rechte Schulter. - -Helmold hörte kaum darauf, was vor ihm gesprochen wurde; er mußte -wieder an Swaantje denken, an den Tag, als sie krank im Bette lag und -er ihr die Pfirsichspelten zwischen die Lippen schob. »Nein,« dachte -er, »es ist doch ein Unterschied zwischen diesen Weibsleuten hier und -Grete und Swaantje; die einen kann man ganz hinnehmen und sie bleiben, -was sie sind, und bei den anderen kann ein einziger Kuß die Seele bis -auf den Grund aufwühlen.« Ein Schatten flog über sein Gemüt; er wußte: -nie und nimmer würde er Swaantje so behandeln können, wie Mariee oder -die Krugwirtin, und deshalb würde er sich bis an sein Lebensende mit -dieser tauben Liebe herumschlagen. Dann aber sagte er sich: »Und wenn -Swaantje daran zerbricht, ich will meinen Willen haben, denn ich bin -zu wertvoll, als daß ich an ihr umkommen darf. Was ist sie denn? Ein -schönes Mädchen aus guter Familie! Es gibt mehr solche; aber Männer -wie ich kommen nicht oft vor. Sobald ich nach Swaanhof komme, mache -ich einen Bajonettangriff auf sie. Denn zum Kuckuck noch einmal, es -ist doch alles Unsinn, was ich in sie hineingeheimnist habe, auch -ihre Schriftstellerei. Das war nichts als Widerhall meiner Seele, und -es war schließlich nur ein Geständnis von ihr, eine feine Art der -Hingebung. Sie hat von mir empfangen und brachte Novellen und Skizzen -zur Welt. Aber so sind wir: schafft ein Mann etwas Mittelmäßiges, so -verreißen wir ihn nach allen Regeln der Kunst; bei einem Weibe finden -wir dieselbe Leistung riesig. Warum? Weil Weiber im Durchschnitt nicht -produktiv sind bei ihrer rein rezeptiven Veranlagung und uns jede -Ausnahme davon als Riesenleistung vorkommt.« - -Eine heiße Blutwelle brandete in seinem Gesichte; er schämte -sich. »Verflucht!« dachte er; »ich machte sie zur mittelmäßigen -Schriftstellerin, und sie rächte sich dadurch, daß sie mich auf Abwege -brachte.« Seine Tendenzbilder fielen ihm ein; alle vier hatte er -übergestrichen. Niemals hatte er früher eigene Verse und Singweisen -bei der Arbeit gehabt; so sehr hatte ihn diese elende Verliebtheit -zerrüttet, daß er alle Klarheit verloren hatte. - -Noch einmal schämte er sich, denn ihm fielen die zugeknöpften Augen -Hennigs ein, mit denen der die Bilder betrachtet hatte. »Famoser -Kerl!« dachte er, und ging in Gedanken alle seine Bilder aus der -letzten Zeit durch. Aber er fand nur noch bei Swaantjes Bildnis einen -Fehler; die Landschaft war zu aufdringlich, die Haide zu rosenrot, -die Wacholder zu botanisch richtig. Das mußte alles zusammendämmern, -ineinanderfließen, so daß nur das Gesicht allein wirkte. Er wischte -in Gedanken alle Härten aus der Landschaft und arbeitete den Kopf -mehr heraus. Dabei fiel ihm ein, daß er nur die halbe Swaantje gemalt -hatte, die milde, weiche, selbstlose Swaantje mit den zärtlichen Augen -und den liebevollen Lippen; aber sie konnte auch unbarmherzige Augen -haben und grausame Lippen. Davon sollte das Bild auch erzählen, von -ihrem zweiten Gesichte; aber nur ganz verstohlen durfte es aus dem -Alltagsgesichte hervordrohen. »Alltagsgesicht, das ist es,« dachte er; -»Maske ist ihre Weichheit, ihr feuchtschimmernder Blick, ihre hilflose -Anschmiegsamkeit, mit der ihr Gesicht sich Tag für Tag schmückt; -dahinter ist Starrheit, Kälte und Geiz. Ich will das alles in ihr -zerbrechen, und wenn sie dabei zusammenkracht!« - -So dachte er, denn eine freche, schwefelgelb und feuerrot geringelte -Tanzweise schallte vom Kruge herüber. Der Wagen hielt. Unter der Linde -stand Hennig, seine Line neben sich. »Donnerwetter, Kerl, ist das ein -blödsinnig vernünftiger Gedanke von dir!« rief Helmold, »und fein, daß -du deine Lüttje mitgebracht hast. Tag, schöne junge Frau!« Das Mädchen -schlug lachend ein. »Kinder, kommt mit rauf, ich muß mich erst noch -umhosen und waschen.« - -»Du siehst großartig aus, Helmke,« sagte Hennig, als sie oben waren, -ihn mit zufriedenen Augen ansehend. »Tja,« erwiderte der andere; »die -gute Landluft!« Er schrie die Treppe hinunter: »Mine, zwei Handtücher!« -Das Mädchen kam heraufgestürzt. Es war ein blasses, dünnes Geschöpf, -aber sie sah in dem hellen Tanzkleide so niedlich aus, daß der Maler -sie an das Ohr faßte und heranzog. »Kiek sieh, aus Kindern werden -Leute! Hast'e schon 'n Bräutigam?« Sie schlug die Augen unter sich. -»Na, dann bring' ihm das mit und sag', ich lasse ihn schön grüßen!« -Er küßte sie, daß ihr die Luft fortblieb. Mit feuerrotem Kopf schob -sie sich aus dem Zimmer. »Na, ihr seid gut!« sagte Line lachend; »die -wievielte ist das denn hier? Aber alles was recht ist, so seid ihr mir -doch lieber, als wie neulich, wo ihr aussahet, wie eine kranke Katze.« - -Helmold wusch sich im Nebenraum. Er hatte nur die Kniehosen an, als -er, das Handtuch in der Hand, hereinschoß. »Du, Hennig, ach so; na, -Line, Sie sind ja schon etwas abgehärtet! Also, warum hast du neulich -nichts gesagt, als ich dir meine Saharabilder und so weiter zeigte?« -Sein Freund schnitt sorgfältig die Spitze der Zigarre ein. »Muß man -denn immer etwas sagen?« Helmold lachte. »Alter Politikus!« Er ging -in das Schlafzimmer und kam wieder heraus, nun mit einem grün und -rot gestreiften Leinenhemde über dem Oberkörper. Er stellte sich -vor den Spiegel, zog eine Halsbinde durch den Kragen, knöpfte ihn -an und band sich eine unverschämte Schleife. Als er die Hosenträger -über den Kopf schlug, fragte er: »Du, Hennig, ich male nicht mehr -mit Orchesterbegleitung.« Der andere brummte etwas vor sich hin, und -Helmold fuhr fort: »Mir kommt das so vor, als wenn du mit der einen -Hand schreiben würdest, und mit der anderen malst du.« Hennig sah -auf und nickte seinem Freunde in den Spiegel zu: »Sehr richtig!« Der -lachte: »Ja, warum hast du das nicht eher gesagt, alter Heimtücker!« -Der antwortete: »Ein Schwäre muß von selbst aufgehen!« Helmold platzte -los: »Großartig; meine Lyrik als Abszeß! Aber du hast recht. Und nun -höre: geh' morgen in meine Malstatt, und sieh dir die Saharabilder, -Wodes Zorn und Frigges Feuertod an; ich glaube, jetzt werden dir die -Bilder gefallen.« Er drehte sich um und sah Hennig listiglustig an. -Der machte sein dümmstes Gesicht. »Ich habe nämlich an allen eine -Kleinigkeit geändert; rate mal, was?« Der andere nahm die Schultern -auf und ließ sie wieder fallen. »Malgründe habe ich daraus gemacht, -weggestrichen habe ich sie!« Er lachte ausgelassen. - -Hennecke sprang mit feuerrotem Gesichte auf: »Mensch,« rief er, -»Helmke!« nahm ihn an den Ohren und küßte ihn, daß es knallte; »das ist -ja großartig!« Er faßte Line an den Arm und warf sie Helmold an den -Hals: »Küsse ihn, Mädchen, küsse ihn, bis er nicht mehr piep sagen -kann! Wir haben unsern Helmke wieder! Er ist gesund! Er wird keine -Heulkrämpfe mehr kriegen und anständige Leute im Ratskeller blamieren.« -Er sauste aus der Türe und kam nach einer Weile mit einer Flasche -Sekt und drei Gläsern zurück: »Kerl, darauf wollen wir aber mit dem -Besten anstoßen, das es in diesem Kretscham gibt! Heil, heil und zum -abermalten Male heil!« - -Er schenkte wieder ein und fröhlich paffend kramte er, Line neben -sich in das Sofa ziehend, aus: »Was haben wir uns für Sorgen um -dich gemacht! Nicht wahr, Linchen?« Das Mädchen nickte und lächelte -ernsthaft. »Eine halbe Nacht heulte sie mir im Bette herum und -wimmerte: ›Was fehlt ihm bloß! was fehlt ihm bloß! wenn wir ihm doch -bloß helfen könnten!‹ Ich habe mich in meinem Leben noch nicht so -erschrocken, als wie du uns sagtest, daß du bei jedem Bild jetzt ein -Lied und eine Melodie hast! Und als ich dann deine gemalten Leitartikel -sah, da war ich ganz zertrümmert; am liebsten hätte ich dir eins -an den Hals gehauen! Kerl, was bin ich froh, daß du diese schwere -Infektion hinter dir hast! Denn ich war tatsächlich in Sorge um dich. -Du kamest so fein in die Höhe, und mit einem Male fielest du die ganze -Treppe wieder hinunter und fingest an zu malen, als läge dir etwas am -schwarzen Adler. Übrigens: die weiße Haide ist auch fehlerhaft; es ist -eine Tautologie.« Helmold nickte. »Das Dümmste ist schon heraus; das -andere kommt noch. Ja, ich war schön in den Dreck gefallen.« Er pfiff -laut: »Das macht die Liebe ganz allein!« Hennig sah ihn von der Seite -an, lachte dann und sagte: »Auf der großen Diele sieht es sengerich -aus; die Schadhörstener Rauhbeine sind da; es riecht nach Kloppe!« - -Als sie auf die Diele traten, Line zwischen sich, kam von dem -Ausschanke her ein heiseres Hohnlachen; da standen die Schadhörstener, -prahlten und tranken sich Frechheit an. Helmold ging vorbei, ohne -sie anzusehen, und ohne darauf zu achten, daß es hinter ihm herflog: -»Kiek den Stadtjapper! Der hat sich die Waden ausgestoppt!« Brüllendes -Hohnlachen folgte dem Witze. Die Freunde gingen auf die Stillenlieber -Jungens zu; Helmold sagte ganz laut: »In Schadhorsten haben sie wohl -kein Geld für ein eigenes Erntebier? Und da tanzen sie wohl bloß, wenn -sie eine Handvoll Schrote auf den Hintern kriegen!« Die Stillenlieber -lachten hell auf; die Schadhorstener brummten wie Dächse, denn zwei von -ihnen hatten wegen Wilderns gesessen. - -Den Walzer ließ Helmold vorbeigehen; Hennig und Line tanzten ihn. -Als sie zum vierten Male bei den Schadhörstenern vorbeikamen, wurde -aus ihrer Mitte ein junger Bengel so gegen Line gestoßen, daß sie -stolperte; aber Hennecke hielt sie und trat einem Schadhörstener mit -Absicht so auf die große Zehe, daß der Mensch die Zigarre aus dem Munde -fallen ließ. - -Helmold bestellte bei der Musik die Hamburger Polka; die Trompeter -bliesen sogleich an. Er klatschte in die Hände und winkte Annemieken -heran; mit hochaufgerichtetem Kopfe ging sie quer über die Diele und -stellte sich neben ihn. »Dunnerkiel,« sagte Hennig zu Line; aber was er -sich dachte, sagte er nicht. - -Die Musik legte los; hastig liefen die verrückten Töne hintereinander -her. Helmold und Annemieken tanzten vor, dann kam Klaus Ruter, der -Sohn des Vorstehers, mit seinem Schatz, und darauf Hennig und Line -und dann die anderen Stillenlieber. Die Schadhörstener machten lange -Augen; solch Tanzen hatten sie noch kein Mal gesehen; aber Helmold -hatte vorher eine Runde Portwein ausgegeben, und der hatte die Knochen -geschmiert. Er tanzte gerade auf die Schadhörstener los, schlug ihnen -die Füße dicht vor den Gesichtern vorbei und sah durch sie durch, als -wenn sie Luft waren. Sie ärgerten sich blau und blaß, trauten sich aber -nicht aus ihrem Winkel heraus, denn die Stillenlieber Jungens hatten -keine guten Augen, und der Schadhörstener Hauptschläger sollte erst -noch kommen. - -Mit dumpfem Getrampel und gellendem Aufjuchen brach der Tanz ab; die -Stillenlieber Jungens hatten alle rote Köpfe, und ihren Mädchen gingen -die Schürzenlätze auf und ab. »Kinder!« schrie Hagenrieder und schlug -auf den Tisch, daß die Gläser Polka tanzten, »ich habe von Morgen -den dicken Happbock vom Schandenholz dode geschossen; darauf will -ich einen ausgeben. Frau Pohlmann, sechs Buddeln Rotkopp und eine -Kiste Ziehgarr'n!« Die Schadhörstener, die sich erst alle umgedreht -hatten, als er so losprahlte, machten schnell wieder kehrt, als der -Wein herbeigeschleppt wurde. Aber dann lachten sie, denn Christel -Remmert, der Sohn ihres Vorstehers und der Hauptschläger weit und -breit, trat ein, gerade als die Stillenlieber mit Hagenrieder und -Hennecke anstießen und lauthals hoch riefen, als Helmold schrie: »Hoch -Stillenliebe und alles, was sich dazu rechnet, und die Knochen für die -Hunde vor der Türe!« - -Christel Remmert ging quer über die Diele, warf der Musik einen Taler -hin und schrie: »Solo für Schadhorsten!« Die Musiker standen auf und -stimmten einen Walzer an. Die Stillenlieber tranken ihre Gläser aus -und stellten sich vor ihre Mädchen. In der vordersten Reihe standen -Hagenrieder, Hennecke und Ruter, die Hände in den Taschen, die Zigarren -in den Mundwinkeln. - -Remmert trat vor sie hin, klatschte in die Hände und winkte Annemieken, -und zwei andere Schadhörstener machten es bei Line und Ruters Mädchen -ebenso, aber die Mädchen lachten sie aus. Da versuchte Remmert, -sich zwischen dem Maler und seinem Freunde durchzudrängen, erst mit -der Schulter, und als das nicht gehen wollte, indem er sie mit den -Händen auseinanderschob. Aber Helmold stieß ihn vor die Brust, daß er -zurücktaumelte. - -»Teuf, du Aas!« schrie der lange Kerl und sprang auf den Maler zu; -der trat zur Seite und schlug ihm mit einer schnellen Fußbewegung die -Beine unter dem Leibe weg, so daß er schwer auf die Diele hinstürzte. -Auf ihn fiel ein anderer Bengel aus Schadhorsten, den Hennecke in die -Herzgrube geboxt hatte, und da schrie Klaus Ruter: »Die Fenster auf!«, -sprang mitten zwischen die Fremden, packte den Stärksten von ihnen an -Brust und Hosenlatz, hob ihn auf, warf ihn zwischen die Stühle, daß es -krachte, griff wieder zu, schleppte ihn zum Fenster und warf ihn in die -Mistgrube. - -Die Stillenlieber brüllten vor Vergnügen, und Helmold auch. Da hörte -er hinter sich einen Schrei, und als er sich umdrehte, sah er Remmerts -kreideweißes Gesicht und eine Hand, die ein Messer hielt. Im nächsten -Augenblicke aber war das Gesicht rotgestreift, und das Messer fiel -zu Boden; Annemieken hatte dem Heimtücker eine Weinflasche so in das -Gesicht geschlagen, daß ihm die Scherben Mund und Nase zerschnitten. - -Im nächsten Augenblicke stand kein Schadhörstener mehr auf den -Beinen. Moormann, der von der Gaststube aus zugesehen hatte, rief: -»Sie gebrauchen das Messer!« Sofort standen die acht Stillenlieber -Bauern den jungen Leuten aus dem Orte bei, und nun flogen die -Fremden kopfoberst, kopfunterst teils aus der großen Tür, teils aus -dem Fenster, und die diesen Weg gehen mußten, lernten dabei, wie -Stalljauche schmeckt. Helmold und Hennig halfen tüchtig mit, und dabei -bekam der erste einen Schlag mit einem Bierglase auf die Backe, daß er -einen fingerlangen Schnitt davon behielt. Er ließ sich schnell nach -Ohlenwohle fahren, wo der Arzt wohnte, und kam nach anderthalb Stunden -geflickt und vernüchtert wieder, aß wie ein Wolf und tanzte bis in die -zwölfte Stunde. Dann brachte er Annemieken nach Hause und saß hinterher -mit Hennecke und den Bauern noch beim Biere. Frisch und munter wachte -er am anderen Morgen um acht Uhr auf, frühstückte mit Hennig und Line -und fuhr sie zur Haltestelle. - -Auf dem Rückwege fiel ihm ein, daß er seit dem vorigen Nachmittage noch -nicht an Swaantje gedacht hatte, und nun er das tat, schien sie ihm nur -noch ein Schatten zu sein. Als er nach dem Mittagessen auf dem Sofa -lag und den Spielfliegen zusah, die unter den Deckenbalken tanzten, -überlegte er sich seine Lage in aller Ruhe. »Sieben Jahre lang hat mir -diese Liebe in den Knochen gesteckt; ein Jahr lang war sie akut. Das -genügt mir; jetzt ist Schluß«, sann er. »Ein Loch behalte ich immer -davon, das weiß ich; ungeküßte Küsse und ungeschlagene Schläge, das -ist das bitterste Weh. Aber schließlich vernarbt alles und schmerzt -nur noch ab und zu bei Wetterwechsel.« Er dachte geflissentlich an das -Mädchen; aber seine Gedanken waren nicht hell und zart wie das Laub der -Maibuchen, und nicht welk und mürbe, wie Fallaub, sie waren hart und -fest, wie das Buchenblatt, das sich schon gewendet hat. - -»Im Grunde hat mir die Sache nur genützt,« überlegte er; »bisher -war ich ein Junge, ein Kind; jetzt habe ich mich entweiblicht und -vermännlicht. Ich will jetzt nur noch tun, was ich will, und mich unter -keinen fremden Willen mehr ducken. Ich werde küssen, was mir gefällt, -und zu Boden schlagen, was mir vor die Pferde kommt.« - -Es klopfte leise an die Tür. Er rief: »Herein, wenn es kein -Geldbriefträger ist!« Die Wirtin kam mit dem Kaffee. Sie hatte den -ganzen Tag mit ihm gemuckt, Annemiekens wegen, und als er sie vorhin -in der kleinen Stube umfassen wollte, hatte sie sich ihm schweigend -entzogen. Jetzt stellte sie ihm ihr feinstes Geschirr auf den Tisch und -einen bunten Strauß dazu, und als er sich in der Sofaecke reckte und -unter herrischem Augenaufschlage fragte: »Ist das alles?« da warf sie -sich in seine Arme und küßte ihn, wie sie ihn noch nie geküßt hatte. - -»So werde ich das fortan immer machen,« beschloß er, als sie ihn -verlassen hatte und er seine Zigarre rauchte; »den Hirschen und den -Männern werde ich höflich entgegengehen und die Frauenzimmer auf mich -zukommen lassen. Das Hinterherlaufen hat nun ein Ende. Moormann hat -recht.« - -Ruhig und bedächtig machte er sich für die Nachmittagsbrunft zurecht, -nachdem er Grete eine Mohnblumenkarte gemalt und in den Kasten gesteckt -hatte. - - - - -Die Wundfährte - - -Seine Frau freute sich, als er braungebrannt und helläugig zurückkam. -»Aber wie bist zu dem schönen Schmisse gekommen, Helmold?« fragte sie. -»Ja,« sagte er und lachte, »bei der Schweißarbeit geht es oft nicht -gerade säuberlich her, und die drei Geweihe sind den Krätzer schon -wert.« Er schämte sich gar nicht, daß er um die Wahrheit herumging. -Früher hatte er seiner Frau alles, aber auch alles gesagt und sich in -Hemdsärmel und ohne Kragen vor ihr gezeigt; das sollte nicht wieder -vorkommen. - -Nach dem Abendessen sagte er: »Ich muß noch ausgehen; wie lange ich -bleibe, weiß ich nicht.« Seine Frau machte ein etwas beleidigtes -Gesicht: »Gleich den ersten Abend?« Er faßte sie unter das Kinn und -küßte sie: »Jawohl, mein Herze; es geht nicht anders.« Er ging erst -ziellos auf der Hauptstraße hin und her, setzte sich dann anderthalb -Stunden in ein Kaffeehaus, spielte mit einem ihm unbekannten Herrn -Billard und ging gegen zehn Uhr nach Hause. Grete, die etwas blaß und -ermüdet aussah, lachte vor Glück, als er so früh und mit so fröhlichen -Augen zurückkam, rückte ihm den bequemsten Sessel hin, brachte ihm Wein -und Zigarren und räumte dann auf. - -Er sah ihr nach und freute sich über ihre vornehme Erscheinung, ihr -schönes Haar und ihre frischen Bewegungen. »Sie ist eigentlich doch die -Schönste!« dachte er und machte so verliebte Augen, daß sie sich auf -seinen Schoß setzte. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und meinte: -»Ich danke dir auch sehr für die wunderschöne Karte; es war nur eine -in zwei Wochen, aber es ist ja auch Herbst!« - -Sie besann sich einen Augenblick, unterdes sie ihm bald die Hände -streichelte, bald den Nacken kraulte, und dann sagte sie mit etwas -verlegener Stimme: »Ich habe dir auch etwas zu schenken: ich bin aus -dem Verein ausgetreten. Weißt du, das ging mir doch zu weit: das ist -kein Frauenbildungsverein mehr, das ist ein Vermännerungsklub. Und -dann diese Geschichten, die da vorgekommen sind! Die überspannte Frau -Kelling ist mit einem Kalifritzen ausgerückt und hat ihren netten Mann -und die reizenden Kinder sitzen lassen, und Frau von Besentzien läßt -sich scheiden. ›Mein Mann ist mir geistig nicht gewachsen,‹ hat die -Gans gesagt. Aber das schlimmste ist die Sache mit Professor Detten, -du weißt doch, der uns immer die glänzenden Vorträge über Frauenkultur -hielt. Jetzt hat er einen Haufen Geld geerbt, und was tut er? Er -heiratet die Köchin seiner Mutter!« - -Helmold lachte, daß ihm die Arme flogen: »Ja, das ist allerdings -eine Gemeinheit sondergleichen, wo er doch in dem Vereine ein so -wohlassortiertes Lager von ge-, ver- und überbildeten Dämlichkeiten -hatte. Aber ich habe es dir ja früher oft gesagt: die radikale -Frauenbewegung hat sehr viel Gutes; sie verekelt allen ernsthaften -Männern die Damen und veranlaßt sie, Mädchen zu freien, die ihren -Männern weiter nichts als Frauen sein wollen und ihren Kindern Mütter. -Übrigens, so sehr ich mich freue, daß du aus der Blase heraus bist, in -die du vernünftige Frau gar nicht hineinpaßt, meinetwegen hättest du -das nicht zu tun brauchen. So ein bißchen Sport will jeder Mensch neben -dem Alltagsleben haben.« - -Es gingen einige schöne Wochen in das Land; Helmold arbeitete fleißig, -aber ohne Überstürzung. Er malte den Hintergrund zu Swaantjes Bild um, -gab ihrem äußeren Gesichte einen weichen Zug, brachte aber dahinter -etwas rätselhaft Hartes an, das niemand fassen konnte, das aber jeder -fühlte, und umgab das Bild mit einem dunkelgrünen, gleißenden, durch -grellrote Perlen gehobenen Rahmen, der die Wirkung von reich tragenden -Stechpalmen andeutete. Als er sein Malzeichen unter das Bild setzte, -pfiff er das freche Lied von der Lüneburger Haide so laut, daß Grete -angestürzt kam und ihn fragte: »Du pfeifst das üble Lied, und so denke -ich, ich darf mal kommen!« Er nickte und sagte, auf das Bild weisend: -»So! vorher war es wabbliger Kitsch, jetzt ist es etwas. Nicht wahr, -Gretechien?« Sie nickte; frei wurde es ihr um das Herz. Seine Stimme -war ohne Unterklang, seine Augen sprachen nur von dem Bildnisse und -nicht ein bißchen von dem Mädchen, das es darstellte. Sie hätte -aufschreien mögen vor Glück. Doch der Brief, den sie in der Hand hielt, -verbot ihr das. - -»Helmold,« begann sie, und ihre Stimme duckte sich, »hier lies mal. -Swaantje geht es nicht gut. Sie bittet mich, zu kommen, denn Muhme -Gese, schreibt sie, fiele ihr doch etwas auf die Nerven. Was meinst du, -soll ich fahren?« Sie setzte sich auf das Ruhebett, und er nahm in dem -Sessel Platz. Langsam und bedächtig las er den Brief. Bei jeder Zeile -wurde seine Stirne krauser; aber obwohl er tiefes Mitleid empfand, -spöttelte er in sich doch über die verlogene, oder, wie er sich selber -verbesserte, verbogene Schrift und den gequälten Humor, der den ganzen -Brief durchzog. Er gab den Brief zurück und sagte: »Natürlich fährst -du; sie braucht einen Menschen, den sie wirklich liebt; die alten -Leute bieten ihr so gut wie nichts. Ich glaube, sie ist von ihnen -mit Altersschwäche angesteckt, denn Ohm Ollig und Tante Gese sind, -meine ich, schon mit Arterienverkalkung und Hämorrhoiden auf die Welt -gekommen, in geistiger Beziehung wenigstens sicher. Fahre sofort und -muntere sie auf. Übrigens Thorbergs fahren erst nach Neujahr; sein -Prokurist ist krank, schreibt er mir, und es ist jetzt zu viel zu tun. -Schade! Was Swaantje fehlt, ist frische Luft und neue Menschen.« - -Seine Frau hatte ihn aufmerksam angesehen, solange er sprach. War das -derselbe Mann, der jüngst noch fast einen Tobsuchtsanfall bekommen -hatte, als sie sich zwischen ihn und das Mädchen stellte? Ein -sonderbares Angstgefühl hielt ihr den Atem fest. Sie betrachtete ihn, -während er Swaantjes Bild an den ersten besten Nagel hängte, ganz -aufmerksam. Es war ihr Helmcke, aber er war es doch nicht; es lag eine -Ruhe und eine Gelassenheit in seinem Gesichte, die sie erschreckte. Der -dummejungenhafte Zug, der ihre Lust und ihr Leid gewesen war, fehlte -gänzlich. Schon die Art und Weise, wie er schritt, befremdete sie, und -als er ganz behutsam die Zigarre einschnitt, langsam das Streichholz -entzündete, mit großer Aufmerksamkeit die Zigarre ansteckte, das -Zündholz ausblies und in den Dreifuß fallen ließ, kam er ihr wie ein -ganz anderer Mensch vor, wie ein Mann, der weit von ihr gerückt war und -hoch über ihr stand. Wenn er früher eine Zigarre ansteckte, ging das -immer hopphopp. Und wie er rauchte! wie ein alter Geheimrat. Und alt -war er geworden; es war nicht das graue Haar über den Ohren, es waren -nicht die scharfen Falten hinter dem Munde, und es war auch nicht ein -Altern, sondern eine Ausgereiftheit. Niemals mehr würde er poltern, das -sah sie, nie wieder grob werden, aber sich auch niemals wieder wie ein -Kind an sie schmiegen. - -Die Angst drückte ihr die eiskalte Hand auf die Stirne. Sie stand auf, -legte ihrem Manne die Arme um den Hals und flüsterte: »Helmold, fahre -du hin!« Er machte eine abwehrende Bewegung. »Höre zu!« fuhr sie fort, -»während du in Stillenliebe warest, habe ich über die ganze Sache sehr -viel nachgedacht. Du hast ganz recht gehabt; erst habe ich dich zu -Swaantje hingestoßen, und dann riß ich dich zurück. Das war schlecht -von mir, und dumm. Aber du verstehst?« sie lehnte sich an ihn, »ich -hatte solche Angst, daß sie dir mehr würde als ich, und wenn ich dich -ihr auch sonst gern gegönnt hätte, und sie dir, Zweitfrau wollte ich -doch nicht sein. Aber jetzt,« sie stockte und sprach heiser weiter, -ohne ihn anzusehen, »jetzt weiß ich, daß du mir doch ganz und immer -gehörst, auch wenn, wenn,« sie atmete erleichtert auf und hob ihr -Gesicht zu ihm empor, und ihre Augen waren mit Tränen gefüllt, »wenn -sie ganz dein geworden ist. Und deshalb, liebster Mann, fahre hin und -denke, daß ich nicht deine Frau, deine Liebste bin, sondern dein bester -Freund, der dir alles gerne gönnt, was dein Herz fröhlich macht. Denn -ich habe dich lieb. Und Swaantje auch.« - -Helmold fühlte, daß ihm die Augen feucht wurden, aber er jagte die -Tränen dahin, wo sie hingehörten. Er küßte seine Frau auf die Stirne, -nahm sie um den Leib und zog sie, sich in den Sessel gleiten lassend, -auf seinen Schoß. »Sieh mal, Grete,« begann er mit etwas rauher Stimme, -»hättest du eher so gesprochen, so hättest du mir viele bittere Wochen -erspart, und dir auch. Aber alles auf der Welt hat seine Zeit. Zudem -war ich damals so krank, daß du gar nicht wissen konntest, ob das, was -ich wollte, einem zwingenden Grunde oder einer Einbildung entsprang. -Wir wollen von dieser Sache nie wieder sprechen, denn ich glaube, ich -bin darüber hinaus. Jedenfalls bin ich dir herzlich dankbar für deine -gütigen Worte, und rechne dir die Selbstüberwindung, die sie dich auf -jeden Fall kosteten, sehr hoch an. Was nun die praktische Seite deines -Vorschlages anbetrifft, so kommt hier lediglich Swaantje in Frage, und -Swaantje braucht, so scheint es mir, jetzt mehr eine Schwester denn -einen Bruder. Grüße sie herzlich von mir, und sage ihr, sie solle sich -zusammenreißen und sich mit Italien und Spanien im voraus trösten, und -schustere Tante Gesina einmal gehörig zurecht, das heißt, in Güte, -denn Grobheiten habe ich ihr damals so viele gesagt, daß ihr Bedarf -vorläufig gedeckt sein wird.« - -Sie sah ihn ungläubig an. »Übrigens,« fuhr er fort, »mache nicht -solch ein Passionsgesicht! So schlimm wird es mit ihr nicht stehen; -Neuralgiker sind zähe, das sieht man an Bismarck. Der Tausend, du -siehst ja wie Buttermilch aus! Lege dich einen Augenblick hin!« Er -führte sie nach dem Ruhebette, deckte sie zu und streichelte ihr so -lange die Stirne, bis sie einzuschlafen schien. - -Aber sie schlief nicht, sie dämmerte nur. Gespenstige Vorstellungen -wisperten ihr seltsame Worte zu. »Wenn er sie nicht mehr liebt, liebt -er dich auch nicht mehr,« flüsterten sie; »du bist rot und warm, sie -ist grün und kühl; ihr seid ihm Komplemente, bildet eine Einheit in -seinen Augen. Fühlst du nicht, daß er nur noch mit den Lippen küßt und -nicht mehr mit der Seele? Daß bloß seine Hände dich streicheln, aber -daß seine Gedanken nicht auf deiner Stirn sind? Daß nur seine Sinne -noch leben, sein Herz aber, das ist tot?« - -Sie fuhr in die Höhe, seufzte gequält und sah verängstet um sich. -Ihr Mann streichelte ihr die Backen; sie blickte ihn verzweifelt an: -»Helmold,« schluchzte sie, »ich habe so schrecklich geträumt! Ich -möchte am liebsten nicht fahren. Ich habe solche Angst, ich glaube du, -daß du, du liebst Swaantje nicht mehr und mich auch nicht mehr. Wir -haben dir das Herz zertreten. Du bist so ganz anders geworden, du bist -mir so fremd, daß ich dich nicht ansehen kann, wie man seinen Mann -ansehen soll. Du kommst mir so vor, wie damals, als du auf einmal ohne -Bart nach Hause kamest. Helmold,« stöhnte sie und faßte seinen Kopf -mit beiden Händen, »ist das wahr? Ich habe jetzt immer so viel Angst. -Fühle, wie mein Herz klopft. Komm mit, du und ich und Swaantje, wir -drei wollen uns so lieb haben, wie noch niemals Menschen sich lieb -hatten.« Sie schluchzte fassungslos in das Kissen hinein. - -»Gretechien, mein dummes Gretechien,« scherzte er und liebkoste sie; -»du siehst Gespensterchien! oder willst du dich rächen? denn genau -solchen Unsinn habe ich damals auch von dir gedacht. Glaubst du, solche -rosenroten Stunden, wie wir sie erlebten, könnten verblassen und -verwelken? Waren diese Wochen nicht ganz so, wie vor acht Jahren, als -wir Tag für Tag zu Frigge beteten und sie lobten, wie sie gelobt werden -will? Gewiß bin ich anders geworden, aber auch ohne das, was sich die -letzte Zeit begab, wäre ich mehr Mann geworden, denn allzulange bin ich -Junge gewesen. Und bist du nicht auch in den beiden letzten Wochen eine -andere geworden? Glaubst du, daß du noch einmal wieder zu mir so ein -hartes Gesicht machen kannst, wenn ich ein bißchen ungezogen bin?« Sie -lächelte unter Tränen und schüttelte den Kopf und zog ihn fest an ihre -Brust, hungrig seine Lippen suchend. - -Am Nachmittage brachte Helmold sie, Swaan und Sweenechien samt der -Kindermagd zur Bahn, denn er hatte bestimmt, daß die Kinder mitfahren -sollten. »Sie haben Ferien, und Swaanhof ist für sie das, was für uns -die Riviera. Und sonst bangst du dich nach ihnen. Außerdem hat Muhme -Gese dann etwas mehr zu tun und läßt Swaantje in Ruhe. Und bleibe, -solange es dir da gefällt. Sage aber nichts von dem Bilde; das soll sie -als Julklapp haben.« - -Als er nach Hause ging, mußte er immer noch an das reizende Bild in -dem Fenster des Eisenbahnwagens denken: seine schöne Frau zwischen -den beiden Blondköpfen und dahinter das niedliche Mädchen, glühend -vor Reisefieber. Und welche glücklichen Augen Grete gehabt hatte und -welchen weichen bräutlichen Mund! - -Stolz leuchteten seine Augen, als er die Straße entlang ging, und alle -Frauen und Mädchen, die ihm begegneten, sahen ihn an, als wollten sie -sagen: »Muß der aber küssen können!« Er nahm alle diese Blicke dankbar -hin, nutzte sie aber nicht aus, trotz des überlegenen Paschagefühles, -das ihm die Muskeln schwellte. - -Er dachte an den neuen großen Auftrag, den er bekommen hatte. Anfangs -hatte er sich darüber geärgert, denn es handelte sich um eine -naturgetreue Wiedergabe von drei Landschaftsbildern für den Speisesaal -auf Rottenwiede, dem Stammschlosse des Freiherrn von der Rotten. Er -hatte angenommen, weil er den Preis bestimmen durfte, und er hatte sehr -viel gefordert. Jetzt freute er sich über den Auftrag. »Denn die enge -stoffliche Begrenzung«, dachte er, »schließlich ist sie doch keine -größere Einengung als die, die bei jedem Bildnisse Voraussetzung ist.« -Und er wollte einmal den Nurlandschaftern zeigen, was es heißt, eine -Landschaft wörtlich abzuschreiben und doch einen echten Hagenrieder -aus ihr zu machen. Ein Wort Oskar Wildes über den Wert des Reimes fiel -ihm ein, über den wohltätigen Zwang, den er auf das Gemüt des Dichters -ausübt, und er sagte sich: »Künstler ist nur der, der vor keinem -Auftrage zittert.« Er ging schneller, denn die Hand juckte ihn nach der -Arbeit. - -Als er am anderen Morgen mitten im Schaffen war, fröhlich vor sich -hinsummend, sah er, daß die Großmagd sich im Garten zu schaffen machte. -Er hatte es immer mit Freude angesehen, das große, schlanke, herrlich -gewachsene Mädchen. »Sonnenschein über Apfelblüten,« dachte er, als er -ihr goldenes Haar und ihr rosiges Gesicht ab und zu über den Büschen -auftauchen sah. Er freute sich über das prächtig entwickelte Muskelwerk -ihrer Unterarme und den guten Sitz ihres frischen Waschkleides, und -er dachte, indem er dem Spiele der Schulterblätter und der Lenden -unter dem rosenrot und weiß gestreiften Rocke zusah: »Muß die einen -köstlichen, unverbildeten Akt haben!« - -Plötzlich fand er, daß das Mittelbild sehr gewinnen würde, wenn im -Vordergrunde rechts Figuren wären, und er sah Luise da stehen und, -ein Kind an der Hand, über die Haide nach dem Dorfe hinsehen. Er trat -aus der Tür und rief das Mädchen in die Werkstatt. »Hören Sie mal, -Luise,« begann er, sie mit Wohlgefallen ansehend. Sie wurde über -und über rot und konnte ihn nicht anblicken. »Ich brauche hier für -das Bild eine schlanke Figur, und Sie würden großartig dazu passen. -Würden Sie so gut sein und mir dazu stehen?« Das Gesicht des Mädchens -färbte sich noch roter: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr -Hagenrieder,« antwortete sie leise, und ihre Stimme zitterte. »Aber -in dem Kleide geht es nicht,« meinte er, und da er gerade das Bild -betrachtete und dann in das Nebengemach ging, um sich Farbe und Pinsel -herauszusuchen, so sah er nicht, was hinter ihm vorging. Als er nun aus -dem Vorratsraume zurückkehrte, stutzte er und stand mit heißem Gesichte -vor dem Mädchen, das gerade dabei war, das letzte Kleidungsstück, das -ihren Leib verhüllte, abzulegen. - -»Halt!« rief er und hob die Hand; »so habe ich das nicht gemeint, -Luise. Ich wollte, Sie sollten sich ihr Dorfkleid anziehen; denn so -brauche ich Sie hier und nicht in Ihrem städtischen Zeug.« Das Mädchen, -dessen Gesicht aufgeflammt war, als er ihm gegenüberstand, wurde -kreidebleich. Schlaff ließ es die Arme an den Hüften herabhängen, hielt -den Kopf tief gesenkt und stotterte: »Ich, ich dachte, Sie meinten -das so, weil doch die Modellmädchen und deshalb.« Ihr Herr suchte -nach Luft. Das Blut kribbelte ihm unter den Haaren, der Atem wollte -ihm nicht über die Lippen, und seine Augen klammerten sich an den -Fußboden. »Luise,« sagte er, und heiser klang seine Stimme, »es wäre -sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie mir einmal Akt stehen wollten, denn -solche Figur, wie Ihre, die finde ich wohl nie wieder. Aber was wird -Ihr Bräutigam sagen?« Das Mädchen nahm den Kopf in die Höhe und sah ihn -an, und ihre Augen schienen ihm zu leuchten, als sie erwiderte: »Das -ist aus.« Erstaunt fragte er: »Aus? Warum denn? Es war doch eine gute -Partie für Sie?« Kühl antwortete sie: »Ja, er war einmal eklig gegen -seine Mutter, und er schämte sich, weil sie eine Waschfrau ist.« Ohne -daran zu denken, daß das Mädchen nur noch das Hemd anhatte, trat er auf -sie zu und faßte ihre Hand, denn er wollte sie trösten, und da kam in -ihre Augen ein Glanz, daß ihm auf einmal einfiel, daß sie vorhin gesagt -hatte: »Ich will alles tun, was Sie wünschen.« Dann war alles rosenrot -um ihn, und im selben Augenblicke hing das Mädchen an seiner Brust, -willenlos und willfährig. Ohne zu wissen, was er tat, nahm er hin, was -sie ihm gerne gab. Freude war in ihm, als sie ihn verlassen hatte. »Du -liebst sie,« dachte er; »und wer liebt, ist noch jung.« - -Die Blutsbrüderschaft der Stedinger, ein loser Freundschaftsverein, -aus einer Mitschülervereinigung entstanden, hatte einen klobigen -Häuptlingsstuhl, auf dessen riesiger mennigroter Lehne in knallweißer -Pfefferkuchenschrift zu lesen war: »Der moralisch bessere Teil der -deutschen Studentenschaft ist ein ganz rauhbeiniges und freches -Gesindel, und dazu gehören wir!« An diesen protzigen Leitspruch mußte -Helmold denken, und er lächelte dabei vor sich hin. »Ja, ich bin ein -ganz unmoralischer Mensch,« dachte er, »und das bekömmt mich denn -so schön!« Er besah sich ganz genau und lächelte wieder, denn ein -Ausspruch von Hans von Bülow, den er sehr liebte, fiel ihm ein: »Die -Kunst steht über der Moral,« hatte der irgendwo geschrieben: »Der -Künstler, der würdige Priester seiner Kunst, hat, sei er im übrigen -auch wie er wolle, gerechten Anspruch auf höhere persönliche Geltung -als der einfache gute Mensch und Bürger.« - -Er belehrte sich daraus also: »Ich bin äußerst schöpferisch als -Künstler, also auch als Mensch. Ich habe eine Welt in mir, die ich -nicht nur in Kunstwerken wiedergeben kann, sondern die ich auch durch -mein Leben verkörpern muß. Ich liebe alles, was sehr schön und sehr -gut ist, und eine große Zärtlichkeit drängt mich, es zu umfassen. -Aus Weibes Schoße bin ich geboren und fühle mich in Dankbarkeit -wieder dorthin gezwungen. Ein einziges Weib kann, ohne in Flammen -aufzugehen, alle die Liebe nicht ertragen, die ich dem Weibe als -solchem abzustatten mich für verpflichtet fühle, und verglimmen und -verkohlen würde ich, dürfte ich meine Liebe nicht hellauf lodern und -weithin leuchten lassen. Von jeher war, wo gesunde, einfache Sitten -herrschten, die Magd die Zweitfrau des Hausherrn. Sie sorgte für ihn, -sie schaffte für ihn, sie kannte alle seine Geheimnisse oft besser als -seine Ehefrau, denn sie machte sein Bett und sah, ob er gut geschlafen -hatte oder nicht. Er muß ihr dankbar sein, und wie kann ein Mann einem -Weibe besser Dank abstatten als durch Kuß und Umarmung?« - -Er dachte an die reizende Magd, die ihm und seiner Frau in schweren -Jahren das Leben verschönt hatte durch ihr sonnenhelles Wesen, und er -sandte einen Seufzer der Reue dem Kusse nach, den er sich von ihr nicht -hatte nehmen mögen, weil ihr Herz für einen andern Mann schlug. - -Alles das dachte er, wenn er frisch und fröhlich an den drei gewaltigen -Bildern malte. Er fühlte sich durchaus nicht minderwertig, weil seine -Magd seine Geliebte war; im Gegenteil, sein Gesicht blühte von Tag -zu Tag mehr auf, immer federnder wurde sein Schritt, und er schaffte -wieder, wie vor der Zeit, da Märzenschnee die Jungsaat seiner Seele -versengt hatte. Nie hatte er vor dem Jenseits gebangt, nie ein -Dankgefühl einem höheren Wesen gegenüber empfunden, aber jetzt hatte er -es in sich. »Gott,« dachte er, »wenn du bist, so bist, wie das Volk ihn -sich denkt, gütig und voller Verständnis für alles, was deine Kinder -tun, daß du mir, dem Manne, der die Höhe seiner Tage überschritten -hat, so viel blühende Jugend an das Herz legtest, damit er sich daran -erquicke, ich danke dir und will dafür zu dir beten, vorausgesetzt, -daß dir daran etwas gelegen ist; denn ich glaube, dir genügt es, deine -Geschöpfe glücklich zu wissen.« - -Er verhehlte sich gar nicht, daß sein Verhältnis zu Luise eine -Gefahr für ihn wie für sie war. Sie entstammte einer hochachtbaren -Arbeiterfamilie und war streng kirchlich; zudem war sie seiner Frau von -Herzen zugetan. Doch sie war ebenso ganz und gar und nichts als nur -Weib, daß der Gedanke, eine Sünde zu begehen, ihr die Küsse, die sie -geschenkt bekam, auch nur ein ganz wenig vergällen konnten; denn sonst -wäre sie nicht in den beiden Wochen des Alleinseins mit ihrem Herrn -nur noch ansehnlicher geworden. Nie aber vergaß sie ihre Stellung, -niemals war sie, außer, wenn sein Arm sie umschlungen hielt, etwas -anderes als die Magd, die ihre Arbeit tat und dafür ihren Lohn erhielt. -Als seine Frau wiederkam und das Mädchen es mehr als einmal ansehen -mußte, wie die Ehegatten zärtlich zueinander waren, blieb ihr Benehmen -sich gleich, nur daß es Helmold schien, als ob sie der Frau gegenüber -noch mehr Willfährigkeit und Aufmerksamkeit darlegte, so daß diese -sagte: »Das Mädchen wird mir von Tag zu Tag lieber; sie tut, was sie -mir an den Augen absehen kann, und ich glaube, sie ist in dich gehörig -verschossen.« - -Er mußte lächeln, als sie so redete; sie blieb trotz der einen -schlimmen Erfahrung immer noch das harmlose Gretechien ohne Arg und -Sorge und dachte sich nichts bei dem, was sie in ihrer frohen Art -dahinplauderte. So hatte sie auch, als sie von Swaanhof zurückkam, in -aller Unschuld von Swaantje ein so rührendes Bild gemalt, daß Helmold -schnell von etwas anderem sprach, denn er fühlte, daß die Sehnsucht -sich wieder vor ihn stellte und ihn bittend ansah, und so sagte er -denn: »Ich will ihr einen hübschen Brief schreiben, wenn ich ihr ihr -Bildnis schicke, und ein paar Bücher beilegen, die ihr Freude machen -werden und sie zerstreuen, bis sie nach Italien fährt.« - -So kaufte er einige gute Werke, die ihr die Augen für alles das -öffnen sollten, was sie in der Fremde sehen würde, wählte auch einige -Bücher heiteren Inhalts, damit sie sich durch sie nötigenfalls über -ihre Schmerzen hinweglesen sollte, die, wie Grete ihm erzählte, oft -noch sehr arg waren, und an die er mit Bedauern dachte, doch ohne -den Wunsch, sie mit leise streichelnden Händen von ihrer Schläfe zu -entfernen. Dann und wann erhob sich zwar in seiner Seele das geheime -Wünschen und flüsterte begehrliche Worte, aber da ihn sein Weib mit -herzlicher Liebe erquickte und die Magd ihn mit untertäniger Hingebung -erfrischte, so glaubte er herauszufinden, daß er in Swaantje weiter -nichts gesehen habe als ein Sinnbild für seine starke Hinneigung zu dem -Weibe an sich, dem er durch die Eingehung der Ehe hatte entsagen müssen. - -Das Gefühl von Gereiztheit seiner Frau gegenüber, unter dem er selber -am meisten gelitten hatte, war völlig verschwunden, seitdem er vor -ihr diese Heimlichkeit hatte. Er hatte vor ihr eine Schuld, aber eine -Schuld, die ihn nicht drückte, die ihn nur dazu antrieb, doppelt so -gut zu ihr zu sein, und mehr als je zuvor regelte er sein Benehmen ihr -gegenüber, wurde zärtlich wie ein Bräutigam und aufmerksam wie ein -Hausfreund. - -Vor allem hütete er sich, sie mit seinen eigenen Angelegenheiten zu -behelligen, sobald diese unerquicklicher Art waren, und daran fehlte es -ihm nicht. Der Oberbürgermeister hatte es ihm nicht vergessen, daß er -ihn seinerzeit gezwungen hatte, ihn zuerst zu grüßen; er versuchte es -ihm heimzuzahlen, indem er die Ausschreibung eines Wettbewerbes für die -Ausschmückung des neuen Rathauses hintertrieb und es durchsetzte, daß -die Aufträge unter der Hand vergeben werden sollten. So lag die Gefahr -vor, daß die Hauptarbeiten recht mäßigen Malern zufielen, die es -keine Überwindung kostete, den Rücken zu beugen und Vorzimmerlungerei -zu treiben, worauf Helmold sich nicht einließ. Er tat überhaupt keine -Schritte, einen Auftrag zu bekommen, und bat Hennecke sogar, in der -Presse nicht für ihn einzutreten, zumal es ihm an Aufträgen nicht -fehlte. - -Als er darum mit dem Oberbürgermeister bei dem Oberpräsidenten zum -Abendessen geladen war, und der Oberpräsident sagte: »Wir freuen -uns sehr auf das, was Sie im Rathause schaffen werden, lieber Herr -Hagenrieder, denn die Hauptgemälde werden Sie doch wohl bekommen,« -lächelte er verbindlich und sagte: »Sehr schmeichelhaft, Exzellenz, -aber in Hinsicht auf die vielen Aufträge, die ich anderweitig habe, war -die Stadt so rücksichtsvoll, mich nicht aufzufordern.« Die Hausfrau -lächelte, der Oberbürgermeister verschluckte sich und spielte während -des ganzen Abends das Mauerblümchen, während Hagenrieder, den die -Gastgeber sehr herangezogen, seinen Geist schillern ließ, so daß die -Oberpräsidentin ganz entzückt von ihm war und ihn bat, ein für allemal -sich als Gast an ihren offenen Tagen zu betrachten, eine Ehre, mit der -sie recht sparsam umging. - -Drei Tage darauf schrieb das Stadtoberhaupt an ihn und fragte, ob er -die Wandgemälde für Rottenwiede sehen könne. Er kam, lobte mit einem -gewaltigen Aufwande von hohlen Redensarten das Werk, und als er ging, -hatte Hagenrieder die vier Wände des Sitzungssaales in dem neuen -Rathause und die Glasfenster im Treppenhause in der Tasche. Einige -Monate später ernannten ihn die städtischen Körperschaften zum Beirat -in Kunstfragen, nachdem ihm kurz vorher der Herzog den Professortitel -verliehen hatte. »So,« sagte er zu seiner Frau, »jetzt gelte ich sogar -bei den Stadtverordneten etwas, und das will etwas heißen, denn das -mehrste sind Heuochsen mit Eichenlaub und Schwertlilien.« - -In voller Absicht stellte er sich jetzt in den Vordergrund der -Gesellschaft, soweit es seine Zeit erlaubte. Während er früher am -liebsten in Loden ging und sich halb bäuerlich trug, kleidete er sich -nun derartig modisch, ohne die Albernheiten der Mode mitzumachen, daß -er als einer der bestangezogenen Männer der Stadt galt und von allen -Gecken studiert wurde, denn nie war ein Stilfehler in seiner Kleidung, -obgleich, oder vielmehr, gerade weil er seine Kleidung ganz nach -eigenem Ermessen zusammenstellte. - -»Der amüsanteste Mann, den wir haben,« sagte die Oberpräsidentin; -»schon als Erscheinung ein Genuß.« Er war zu einer ihrer Gesellschaften -in hochgeschlossener Weste gekommen, wie sie die Bauern trugen. »Wo -haben Sie denn den famosen Westenschnitt her, Herr Hagenrieder?« -fragte die Gräfin Tschelinski etwas spöttisch. »Von den Bauern, meine -Gnädigste, den einzigen Leuten, die heutzutage noch Kultur haben,« -versetzte er. Sie warf den Kopf zurück: »Und wir, Herr Professor?« Er -lächelte: »Sind nur zivilisiert!« Der Bildhauer Professor Brambach, ein -würdevoller Figurenfabrikant, versuchte ihn lächerlich zu machen, indem -er sagte: »Sehr praktische Tracht!« »Jawohl,« antwortete er ihm, »man -braucht nicht alle acht Tage ein reines Hemd anzuziehen.« Die Gräfin -schrie vor Vergnügen, und es gab eine gepfefferte Toilettendebatte. - -»Sehen Sie, meine Herrschaften,« lehrte der Maler, »für den Pöbel ist -es ja erziehlich, zwingt die Mode ihn, ein Teil seiner Leibwäsche zu -zeigen; sonst läuft er am Ende vier Wochen in derselben Linnenhülle -herum. Wir aber brauchen den Beweis, daß wir uns reinlich halten, -nicht erst anzutreten; denn sonst müßten wir die umliegende Menschheit -durch einen mit dem Westenausschnitt übereinstimmenden Ausschnitt -in unseren unaussprechlichen Hosen davon überzeugen, daß die noch -unaussprechlicheren Unterbeinkleider ebenfalls durch Tadellosigkeit -glänzen.« Professor Brambach war entrüstet, die anderen quiekten vor -Vergnügen. - -Dann kam die Damenkleidung an die Reihe. Hagenrieder erklärte: »Nur -im Reformkleid ist eine Frau angezogen; im Zweistöckigen ist sie -kuvertiert.« Scharf wurde widersprochen. »Beweis?« hieß es. Mit -todernstem Gesicht dozierte er: »Sie selber, meine Damen, denn Sie -tragen alle Reform.« Sie lärmten, denn nur die Gräfin trug sich so. In -lehrhaftem Tone fuhr er fort: »Dasjenige Kleidungsstück, das Ihnen am -teuersten ist, weil es Ihrem Herzen am nächsten steht, ist, soweit ich -in den Auslagen der Wäschemagazine darüber Studien machen konnte, nicht -zweistöckig, sondern besteht aus einem Stücke.« Die Gräfin schloß die -Augen bis auf einen kleinen Spalt, sah ihn von oben bis unten an, und -ihre Zungenspitze ging über ihre Lippen. - -Als er nachher im Wintergarten mit ihr allein war, fragte sie mit -gemachter Harmlosigkeit: »Sie sagten vorhin, Herr Professor, schön -sei der Mensch nur im Arbeitskleide.« Er nickte ernsthaft. »Ja, -aber,« meinte sie, »eine Frau wie ich, in welchem Kostüm finden Sie -denn die am schönsten?« Er machte sein treuherzigstes Gesicht, als er -antwortete: »Auch im Arbeitskleide.« Sie fragte neugierig: »Und das -ist?« Mit kindlich naiven Augen sah er sie an, als er versetzte: »Das -Nachtkleid.« Sie machte ein halb entrüstetes, halb belustigtes Gesicht, -als sie ihm mit ihrem Fächer einen Schlag auf die Schulter gab und -zischte: »Unverschämter Mensch!« Aber als er sich glücklich lächelnd -verneigte und fragte: »Ich danke gehorsamst, gnädigste Gräfin; ich darf -diese Bemerkung doch wohl im Gewinnkonto eintragen?«, da lächelte sie, -und ihre Augen sagten: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr -Hagenrieder.« - -Dann meinte sie leichthin: »Ich habe zu Hause allerlei Ahnen hängen, -die ein bißchen gichtbrüchig sind, und möchte von Ihnen wissen, ob -das zu heilen ist. Vielleicht sehen Sie sich die Bilder einmal an und -empfehlen mir einen Restaurator, wenn es sich noch lohnt.« Er sah ihr -mit heißen Blicken in die Augen: »Muß das gleich sein?« fragte er -und hielt ihr den gebogenen Arm hin. Sie drohte ihm mit dem Fächer, -lachte und sagte über die Schulter: »O nein. Aber wenn Sie morgen -nachmittag Zeit haben?« und ging dann zu den anderen Gästen. Als er -am anderen Tage zu ihr kam, empfing sie ihn in einem weichen losen -Kleide von weißer Wolle. Er erhob die Hände bis zu den Schultern: »Wie -wundervoll Sie aussehen, Gräfin; der Künstler dankt Ihnen.« Als er ihre -Handgelenke küßte, flüsterte es über seinem Kopfe: »Nur der Künstler?« -Er nahm sie in den Arm, raunte ihr in das Ohr: »O nein; der Mann dankt -noch viel mehr,« und dabei küßte er sie. - -Die Gräfin blieb nicht die einzige Frau aus der Gesellschaft, die -sein wurde. Wenn er gewollt hätte, konnte er jeden Tag im Monat einen -anderen Mund küssen. Doch er ging auf Eroberungen nicht aus; wenn aber -ein Weib ihm ihre Neigung mit lächelnden Augen kredenzte, und sie -erregte sein Wohlgefallen, so nahm er dankbar die Labe hin. Mit jeder -Frauenseele, die sich ihm erschloß, glaubte er ein Stück Jenseitsdasein -mehr zu erwerben, wähnte er sein persönliches Leben zu verlängern. Wenn -er malte, sah er sich oft dastehen, umdrängt von vielen schönen Frauen -und Mädchen aus allen Kreisen, die ihre Herzen in den Händen hielten, -Herzen, aus denen frohlockende Flammen schlugen, die einen Duft von -Weihrauch verbreiteten. - -Nur eine Lücke war in der Reihe der weißen Leiber, nur ein Gesicht -fehlte, nur ein Herz flammte und duftete nicht zwischen den anderen. -Denn je mehr rote Rosen er in seiner Erinnerung fand, um so stärker -trat wieder der Gedanke an die eine weiße Lilienblüte vor ihn. Er -wehrte ihn ab, trat ihn von sich, aber immer und immer wieder winselte -er vor seiner Seele herum, stahl sich in seine Träume und trabte vor -ihm her, wo er ging und stand. Er suchte sich dadurch von ihm zu -befreien, daß er nach Stillenliebe fuhr, auf Sauen pürschte und bei -Sophien und Annemieken Trost suchte. Er mietete sich in Ohlenwohle ein, -angeblich um Studien zu machen, in Wirklichkeit, um sich an Marieens -derber Art von der städtischen Überfeinerung zu erholen. Es half ihm -wenig; denn überall stand ein blasses, müdes Gesicht neben ihm und -zwei dunkelblaue, tiefumhofte Augen sahen ihn bittend an. Er schloß -alle Lichtbilder von Swaantje ein und jegliches Stück, das ihn an sie -erinnerte; aber dadurch wurde es nur noch ärger. - -Er schrieb seinen Zustand auf das Übermaß von Arbeit und Geselligkeit, -das er sich aufgeladen hatte, schaffte langsamer, zog sich mehr zurück, -doch immer mehr nur quälte ihn Swaantje Swantenius, und ab und zu waren -seine Nächte wieder ohne Schlaf und seine Tage ohne Frische. So setzte -er sich denn kurz vor dem Julfeste hin und schrieb ihr einen langen -Brief, einen Brief, in dem er nur heiter von seinem äußeren Leben -plauderte, doch ihm war, als flüsterte jede Seite Worte der Liebe, und -als wäre jeder Buchstabe ein verstohlener Seufzer. Mit eigenen Händen -packte er Swaantjes Bild und einige Bücher ein, legte den Brief dazu -und sandte die Kiste nach Swaanhof. - -Ihm war sofort leichter zumute; es schien ihm, als hielte er -Swaantje bei der Hand und plauderte mit ihr, und fröhlich wartete -er auf eine Antwort. Er hoffte auf weiter nichts, als auf einen im -kameradschaftlichen Tone gehaltenen Brief, hinter dessen Gitterwerk -von schwarzen Buchstaben vielleicht ein ganz klein wenig blumiges -Hoffnungsgrün für ihn sichtbar wurde. Aber erst einige Tage nach dem -Feste kam eine Sendung aus Swaanhof an ihn; sie enthielt eine lederne -Zigarettentasche, verziert mit der Sonnenrune, und eine Karte, auf der -die Worte standen: »Lieber Vetter, über die Bücher, das Bild und deinen -lieben Brief ganz besonders habe ich mich sehr gefreut. Wie schön, daß -es dir wieder gut geht! Hab tausend Dank. Dir und Grete herzlichen -Gruß. Deine Swaantje.« - -Ganz fassungslos starrte er auf die Zeilen. Eine Absage für immer in -aller Form. »Laß mich in Ruhe!« hieß das. Er sah auf den Sessel, in dem -Swaantje gesessen hatte, als er sie um einen Kuß anbettelte, und nickte -mit dem Kopfe. Er holte sich alle Bilder des Mädchens aus Gretes Truhe, -sah eines nach dem anderen genau an und schüttelte den Kopf. Er nahm -wieder alles das durch, was er von Swaantje und sich gedacht hatte, -und sagte sich: »Es hilft alles nichts; sie wird mein Tod sein, mein -Vampir. Ich werde im Grabe keine Ruhe finden, wird sie nicht mein, und -bleibt sie nicht die Meine.« - -Als Luise ihn zum Essen rief, sah sie ihn ganz erschrocken an, und -seine Frau fragte ihn: »Was ist dir, Liebster? du siehst so krank aus.« -Er lächelte ihr die Sorge fort: »Ich habe mich wohl erkältet, das Feuer -wollte nicht brennen.« Er legte sich nach dem Essen zu Bett und stand -erst am anderen Morgen wieder auf. Alle Arbeitslust war ihm vergangen, -und eine beschämende Schlaffheit beugte ihn nieder. »Geh nach -Stillenliebe!« riet ihm Grete. Er nickte. »Ja, Kind, ich muß hinaus; es -war ein bißchen viel Anspannung in der letzten Zeit. Ich will mir die -Knochen wieder munter pürschen.« - -Als er den Koffer packte, zitterten ihm die Hände, so setzte ihm -das Fieber zu, und in der Eisenbahn lähmte ihn eine so ermattende -Schüchternheit, daß er es sich nicht verbat, als zwei dicke -Viehhändler, die einen frechen Schnapsgeruch verbreiteten, die Fenster -auf beiden Seiten aufrissen. Völlig durchgefroren und ganz blaß kam -er an, holte sich aus dem Grogglase wieder warmes Blut und setzte -sich auf Sauen an. Gleich am ersten Abend erlegte er eine angehende -Sau, und als er zurückkam, fühlte er sich wohl und munter. Aber wohl -zehn Male wachte er in der Nacht vor Durst auf, und jedesmal, bevor -er einschlief, sah er in seinem fieberhaften Zustande Swaantjes -Gesicht auf sich zuschwimmen, weiß, kalt, ohne Haare und Augenbrauen, -mit blicklosen Augen und einem Mund, dessen Lippen sich versteckten. -Sehnsüchtig nannte er es bei Namen und versuchte es zu streicheln, aber -sofort zerfloß es zu nichts. - -Müde und unfrisch wachte er um elf Uhr auf, und die Wirtin sagte -bedauernd: »Sie gefallen mir gar nicht mehr; ich glaube, nach dem -Essen bringe ich Sie gleich wieder zu Bette, mache Ihnen einen Tee und -decke Sie bis zum Hals zu.« Er ließ sich ihre Fürsorge gefallen und -fühlte sich dadurch erwärmt; doch bald darauf war ihm noch eisiger -und unglücklicher zumute, und heftige Fieberschauer stießen ihn aus -dem Halbschlafe. Sein Herz klopfte, sein Blut kochte, aus dem Muster -der Tapete lösten sich fratzenhafte Gesichter los, jeder Laut von der -Straße drang in zehnfacher Stärke zu ihm, und jede Farbe, die er um -sich sah, sang ihm ein böses Lied. - -So stand er bald auf, zog sich an, ging aber nicht hinaus, sondern -spielte mit Klaus Ruter und dem Förster Karten und trank sich das -Fieber fort. Am anderen Morgen fühlte er sich besser. - -Es regnete nun drei Tage lang, und dann gab es Plattfrost. Eines -Abends, als er reichlich müde von dem weiten Wege und durch und -durch kalt vom langen Passen bei Annemieken saß und sich die Füße -am Torffeuer wärmte, klagte er ihr sein Leid, und als er sie dabei -ansah, kam sie ihm ganz anders vor als sonst, und er fand, daß das -junge Weib ein neues Gesicht und fremde Bewegungen hatte. Sah sie -eben noch wie Sophiee Pohlmann aus, so schien es ihm gleich darauf, -daß sie ihn mit den Augen der Gräfin anblickte; dann wieder war sie -Grete, gleich darauf Swaantje und hinterher Mariee oder Luise oder -eine andere, die er geküßt hatte. Außerdem war die Diele bald hoch und -hell, bald niedrig und duster; eben brannte das Feuer blau, gleich -darauf grün und dann gar nicht; war die Katze jetzt ganz klein, so fing -sie mit einem Male an, unheimlich zu wachsen, und während es vorhin -nach Schweinefutter roch, war plötzlich ein strenger Duft von weißen -Lilien da. Nun fing auch noch der Kesselhaken an, ihm böse Gesichter zu -schneiden, um ihn sofort durch ein freundliches Grinsen zu versöhnen, -aber da begann das Zinngeschirr an der Feuerwand, ihn auszulachen, -das Spinnrad machte ihm einen albernen Knix, der Tranküsel winkte -ihm spöttisch zu, und die Mährenköpfe am Herdrahmen wieherten und -schnaubten gewaltig. - -Doch alles das ängstigte ihn kein bißchen, sondern machte ihm -Vergnügen. Er trank ein Glas Grog nach dem anderen und erzählte seine -tollsten Witze, bis ihm einfiel, daß er nun schon drei Tage auf -Spurschnee wartete, und lachend befahl er Annemieken, ihm welchen zu -besorgen. Das Mädchen, das tüchtig mitgehalten hatte und dessen Augen -von dem heißen Grog und den wilden Witzen nur so blitzten, lachte und -sagte: »Ich werde es Großmutter sagen, und die soll dir geben, was du -haben willst; und dann werde ich dir sagen, was du mir dafür schenken -sollst.« - -Da ging die Großmutter zu der Herdflamme und sagte ihr den Spruch, den -ihre Mutter sie gelehrt hatte, ehe daß sie starb, und die Flamme lachte -und nickte und wurde gleich siebenmal so lang und leckte mit sieben -Zungen am Kesselhaken entlang. Dann warf die alte Frau die Schuhe -hinter sich und winkte nach der Dönze. Da kamen drei Taubenfedern -angeflogen und sieben Hühnerfedern und dreizehn Entenfedern und -einundzwanzig Gänsefedern und dreiunddreißig Schwanenfedern, alle so -weiß wie Schnee. Sie flogen um die rote Flamme, und die spielte Kriegen -mit ihnen, bis sie eine nach der anderen fing und dem Rauche gab und -ihm sagte: »Zeige ihnen, wo sie hinsollen, und sage ihnen, wie sie es -machen müssen, und dann komme wieder und bring mir Bescheid.« - -Der Rauch aber machte einen Knix, und dann wurde er wieder ganz -lang und immer länger, bis er zum Dachloche hinausfuhr, und die -siebenundsiebzig schlohweißen Federn nahm er mit. Nach einer Weile war -er wieder da, warf sich vor der Flamme hin und sprach: »Ich habe alles -getreulich ausgerichtet.« Und die Flamme erwiderte: »Denn so wollen wir -schlafen gehen.« Und da lachte Annemieke und sagte: »Und wir auch!« - -In der Nacht hatte Helmold einen blitzblanken Traum. Er sah Frau Holle -auf der blauen Sternenwiese stehen und die Betten sonnen, in denen die -erdenmüden Seelen ausschlafen. Da kamen drei Federchen angetrippelt, -drei schneeweiße Taubenfederchen, stahlen sich durch das Gras und -suchten so lange, bis sie an einem Bette eine Naht offen fanden, und -dann kicherten sie und krochen hinein. Und es dauerte nicht lange, und -sieben weiße Hühnerfedern kamen angelaufen; die machten es ebenso, und -nach ihnen die dreizehn Entenfedern und hinterher die einundzwanzig -Gänsefedern und die dreiunddreißig Schwanenfedern kamen auch an und -krochen in das Bett. - -»Was ist denn das?« sagte Frau Holle und stemmte die Hände in die -Hüften, daß das weiße Fleisch ihrer Arme so reizende Falten in der -Ellenbeuge schlug, daß gleich zwei Schmetterlinge kamen und sich dort -niederließen. »Was ist denn das?« sagte Frau Holle, und ihr Kleid -hüpfte vor der Brust, daß unten auf der Erde das Meer ganz still -wurde, weil es solche Wellen nicht schlagen konnte. »Was ist denn -das?« fragte Frau Holle und ihre Brauen wurden ganz schwarz, so sehr -zog sie sie zusammen, und die Wetterwolken auf der Erde krochen vor -Angst in die tiefsten Wälder. Aber dann lachte die schöne Frau, und -der Sturm hörte sofort auf zu schimpfen, und der Donner fluchte nicht -mehr hinter den Bergen. »Ahlmanns Mutter, Ahlmanns Mutter!« lachte die -Hunderttausendschöne, »was machst du mir für Geschichten!« Und dann -nahm sie ihr blitzblankes Messerchen und ritzeratz war die ganze Naht -auf und holterdipolter flogen die weißen Federn von der blauen Wiese -nach der grauen Erde. - -»Hat dich was geträumt über Nacht, lieber Jägersmann?« fragte -Annemieken. Sie stand vor dem Spiegel und machte sich ihr Haar. »Und -was hat dich geträumt?« fragte sie und lachte Helmold mit ihrem -Spiegelbilde an; das hatte dunkle Augen und schwarzes Haar und ein -weißes Gesicht, und Helmold wußte es ganz genau, Annemiekens Backen -waren rot wie Rosen, ihre Augen blau wie Bachblumen und ihr Haar sah -aus, wie Haferstroh in der Sonne. Aber er schlief noch in sich, und da -ging sie hinaus, und als sie wieder hineinkam, warf sie ihm eine Grabse -voll Schnee auf den Mund, lachte und sagte: »Da hast du, was du haben -wolltest. Und nun komm und iß; die Suppe schreit schon nach dem Löffel!« - -Als er wegging, nahm sie die Katze auf, daß die ihm nicht über den Weg -laufen sollte, und sie spuckte ihm in die Hacken und warf ihm ihren -Schuh in den Rücken und wünschte ihm Pech den ganzen Tag und Hals- und -Beinbruch, soviel es gibt, und lauter schlechten Anblick, und zwischen -jedem, was sie tat und sagte, warf sie dreimal die Türe zu, und -schließlich lief sie hinter ihm her, weinte zwei bittere Tränen über -ihren süßen Mund und sagte: »Auf Wiedersehn, Nimmerwiedersehn, mein -Jägersmann!« - -Drei Vögel sah er, als er durch die Feldmark ging. Das erste war ein -Stieglitz; sein Scheitel war rot wie Blut. Das zweite war ein Dompfaff; -seine Brust war rot wie Blut. Das dritte war ein Kreuzschnabel; der war -von oben bis unten so rot wie Blut. Und als er in den Wald hineinkam, -sah er im Schnee eine Fährte; in der war rotes Blut. Alle sieben -Schritte stand sie wieder im Schnee, rot von Blut. Und er sagte: »Du -edeles Wild, adelig Getier, kein anderes Wild, gemeines Tier will ich -jagen noch fangen, ehe daß du nicht mein bist.« Da kam der Häher und -sagte: »Nein!« Da kam der Bussard und sagte: »Niemals!« Da kam die -Krähe und sagte: »Nimmermehr!« - -Er wurde traurig und sah, der Schnee war schwarz und die Tannen waren -weiß, sein Herz wurde kalt und sein Gesicht wurde heiß, das Blut blieb -ihm stehen und der Atem flog vor ihm weg, bis er die Wundfährte wieder -fand; da wurden die Tannen schwarz und der Schnee weiß, sein Herz ward -warm, und sein Gesicht wurde kalt, sein Blut fing an zu gehen und sein -Atem beruhigte sich, und er lachte und sagte: »Du edeles Wild, adelig -Getier, mein wirst du sein, ehe daß die Sonne schlafen geht, ehe der -Fuchs auf Raub auszieht und die Eule umfliegt!« »Nein!« sagte der -Häher, »niemals!« der Bussard, »nimmermehr!« die Krähe; aber er lachte -sie alle drei aus. - -Und er ging und ging und ging den ganzen Tag. Er kam an den Teich, in -dem die schöne Rosemariee sich ertränkt hatte, und nach dem Stein, wo -der Förster erschossen wurde, und zu dem Kreuz, das da steht, wo die -Nonne ermordet war, und er ging über die Haide und an dem Moore vorbei -und durch den Wald, ließ den Morgen hinter sich liegen und den Mittag -und den Abend, und alle seine Fußstapfen waren gefüllt, erst mit grüner -Hoffnung, dann mit schwarzer Trauer und zuletzt mit grauer Angst. Seine -Füße wollten ausruhen, seine Augen wollten schlafen gehen, sein Herz -sprach: »Ich kann nicht mehr!« Er aber hörte nicht auf sie und ging -weiter, immer dem roten Blute nach. - -»Ich will dir helfen!« sprach der Schnee und machte die Nacht heller, -und der Mond kam auch und alle Sterne, die es gibt, und sie gingen -rechts und links neben ihm, daß er die Fährte finden konnte. Er fiel -hin und stand wieder auf, er setzte sich und ging weiter, er bückte -sich über die Quelle und richtete sich empor, und blieb immer wieder -stehen und redete seinen Füßen zu und seinen Augen und seinem Herzen -und sagte: »Nur noch bis zum nächsten Blutsfleck, bitte nur noch dieses -einzige Mal; dann sollt ihr auch schlafen, solange ihr wollt.« Aber -wenn er da war und stehenblieb und um sich sah und horchte, ob er sein -Edelwild nicht sah oder hörte, dann war nur der Wald da und der Himmel -und der Mond, und der nickte ihm zu und sagte: »Immer weiter, immer -weiter!« - -Da kam er in einen dunkelen Wald, und die Finsternis sprach zu ihm: -»Siehe!« Da sah er, wie der Wind über den Berg gelaufen kam; in seinen -Händen trug er zwölf Glockenschläge. Dann trat die Stille vor ihn hin -und sprach: »Horch!« Da hörte er die Nacht über den Wald springen; in -ihrem Mantel trug sie ein Weinen, das war ganz fern und doch so nah, -war sehr leise und doch so laut, und so bitter war es und so süß. Seine -Füße starben vor Angst, sein Herz fiel tot um, und seine Augen brachen. -Aber als der Wind den letzten Glockenschlag vor ihn hingelegt hatte, -gab ihm der Tod sein Leben wieder in die Hände; die waren so kalt wie -Eis. Und kalt wie Eis war er ganz und gar und konnte nicht fühlen und -nicht denken und stand da wie ein toter Baum, wie ein lebloser Fels, -wie eine abgestorbene Blume. - -Doch der Sturm ermunterte ihn wieder; er hielt das Weinen über ihn, -und daraus flossen Tränen auf ihn und weckten ihn auf, bis das Eis von -seinen Augen schmolz, und seine Füße lebten wieder, und sein Herz -stand auf, und da sah er, daß die rote Fährte im Schnee dort zu Ende -war, wo er stand, und daß es zwei nackte Fußspuren waren, über und -über rot von Blut. Seine Füße zitterten, sein Herz fing an zu bluten, -und seine Augen weinten bitterlich, bis daß die beiden Fußspuren -weißgewaschen waren. Das Alter lehnte sich gegen seinen Rücken, Falten -krochen in sein Angesicht hinein, in sein Haar aber fiel der Schnee. - -Das Weinen über seinem Haupte wurde zu einem Lächeln und stellte sich -über die weiße Fährte im Schnee und winkte seinen Augen zu. Und als sie -ihm folgten, kamen ihnen zwei andere Augen entgegen und gingen wieder -zurück und blieben vor ihm stehen, weit genug von seinen Händen. Sie -sahen ihn an und weinten Tränen, die fielen als Blut in die Fußspuren -und füllten sie wieder bis zum Rande, und das Lächeln schlug die Hände -vor das Gesicht und weinte leise, und das Weinen sah ihn mit Augen -an, die voller Furcht waren und leer von Hoffnung, aber beladen mit -Verzweiflung. - -Seine Seele zitterte und schrie: »Was soll ich tun, ihr beiden Augen, -beladen mit Angst, gefüllt mit Trauer, beschwert mit Grauen, daß ihr -wieder lächeln könnt? Und du Weinen, bitterliches Weinen, sage mir, was -beginne ich, daß du nicht mehr im Sturm umherirren mußt und in Frost -und Kälte und einsamer Nacht? Und du Lächeln, banges Lächeln, sprich, -was muß werden, damit du dich nicht mehr zu bergen brauchst hinter den -Dornen und in den Disteln und unter den Nesseln? Und du, nackte Seele, -was ist es, das dir wieder Ruhe gibt, auf daß du nicht mehr mit bloßen -Füßen wandern mußt über Berg und Tal und Stock und Stein und Feld und -Flur, blutend aus sieben Wunden, kalt bis in das Herz und müde bis auf -den Tod?« - -Da trat die Finsternis hinter ihn, die Einsamkeit winkte der Stille -zu und die legte dem Sturme Schweigen auf. Der Mond ging zur Seite -und nahm die Sterne alle mit; dunkel wurde es rund umher. Aber die -Dunkelheit war klar, so daß er die rote Fährte im Schnee sehen konnte -und die beiden Augen über ihr und einen blassen Mund und zwei Hände vor -einer bangen Brust; die waren ineinander gefaltet. Eine Stimme, die war -nicht hier noch da, nicht von gestern und nicht von heute, nicht leise -und nicht laut, kam langsam aus den blassen Lippen zu ihm gegangen, -stellte sich vor ihn hin und sprach: - -»Du, von dem ich nicht weiß, wer du bist, den ich niemals gesehen habe, -und der immer vor meinen Augen steht, vor dem ich vor Angst vergehe -und vor Sehnsucht nach ihm sterbe, du, o du und du, was habe ich dir -getan, daß du mich jagst barfuß und barhaupt und bloß durch Nacht -und Schnee und Frost und durch Dunkelheit und Einsamkeit und diese -Totenstille? Siehe, meine Augen bluten, meine Füße sind wund, mein -Leib ist vor Kälte erstarrt. Mein Lächeln habe ich im Schnee verloren, -meine Ruhe rissen mir die Dornen vom Leibe, der Sturm trägt mein Weinen -vor mir her. Ich bitte dich, bitte dich so sehr, bitte dich um alles -in der Welt, höre auf, mich mit Furcht zu schlagen, mich mit Angst zu -peitschen, mich mit Jammer zu geißeln, da ich dir doch nichts zuleide -tat.« - -Seine Seele stöhnte auf; sie fiel auf die Knie, streckte die Arme aus, -schluchzte auf und schrie: »So sage mir, arme Seele, gehetztes Herz, -müder Geist, sprich, was soll ich tun, daß du dein Lächeln wieder -findest, die Angst aus deinen Augen verlierst und dem Sturme dein -Weinen aus den Händen nimmst? Was ich dir antat, ich weiß es nicht; -aber ich will es wieder gut machen; büßen will ich es, wie du es mir -sagst, mit Not und Tod oder einem Leben ohne Abend- und Morgenrot. Das -schwöre ich dir bei den sieben Sünden, die bei mir stehen, drei zu -meiner Rechten, drei zu meiner Linken und der einen, die über mir ist. -Ich gelobe es dir bei allen Lüsten, die mich locken, und bei allen -Süchten, die mich schrecken. Siebenmal schwöre ich es dir.« - -Da sah ihn die Stimme, die nicht von gestern war und nicht von heute, -und nicht hier noch da, und weder laut noch leise, freundlich an, -und also sprach sie: »Ich halte deine Schwüre in der einen Hand und -deine Gelübde in der anderen, und ich sehe, sie sind wahr und ehrlich -und treu; so wisse denn: lege deine grünen Hoffnungen alle ab, wirf -deine blauen Träume hinter dich und tritt weit fort von deinen roten -Wünschen. Das ist das eine; aber das zweite ist dieses: zertritt das -bunte Gedenken, reiße ab die lachenden Erinnerungen und rotte gänzlich -aus das Wissen von dem, was du nicht wissen durftest. Das ist das -andere; aber das letzte ist dieses: laß dein Lachen hier im Walde -liegen und dein Weinen, wo deine Füße stehen, und all dein Fühlen mußt -du der Einsamkeit geben und der Dunkelheit und der Stille. Ohne Wehr -und Waffen gehe von hier, daß ich nicht mehr zittern muß, wenn deine -Schritte meine Gedanken kreuzen, wenn deine Augen Schatten auf meinen -Weg werfen und deine Sehnsucht über mein Herz hinwegfliegt. Gelobest du -mir das?« - -Seine Seele neigte ihr Haupt und gelobte es bei allem, was sie -fürchtete, und da sprach die Stimme zu ihm, und noch freundlicher -sprach sie, daß es wie Maiensonne auf seine Angst fiel, und also -sprach sie zu ihm: »Siehe, meine Augen sie bluten nicht mehr so sehr, -und meine Lippen röten sich ein wenig, und meine Hände zittern kaum -noch, weil die Furcht sie nicht mehr so quält und die Angst und das -Entsetzen; und nun höre: du hast gerufen heute: du edeles Wild, adelig -Getier, mein sollst du sein, ehe daß die Sonne sinkt. Wenn die Sonne -sank für dich wie für mich, keine Blume uns mehr blüht und Schmerz und -Lust uns nicht mehr ihre Lieder singen, dann will ich dein sein, ganz -und gar dein sein, für immer und ewig dein sein, du lieber, viellieber, -geliebter Jägersmann.« - -Als er in das Dorf zurückkam, riefen im Kruge die Fiedeln, und die -Trompeten schrien, und eine Flöte lachte: »Komm tanzen, junger -Jägersmann!« Er ging in den Saal und sah sich um. Annemieken stand da, -schön wie immer, aber sie kannte ihn nicht. Sein Freund ging an ihm -vorüber, aber er sprach ihn nicht an, und sein Feind warf seine Augen -auf ihn, doch ohne Haß. - -An der Wand hing ein Spiegel; der rief ihn zu sich hin. Er sah hinein -und setzte sich auf die Bank der alten Leute. - - - - -Der graue Engel - - -Im blauen Himmel ging alles auf Strümpfen. Die Straße war auf drei -Häuserlängen mit Stroh belegt und mit Kaff bestreut, und an der -Haustüre hing ein Schild, auf dem zu lesen stand: Kein Ausschank. Alles -Vieh und auch der Hund waren in der Nachbarschaft untergebracht, und -die Pumpe war festgebunden, und auf der untersten Treppenstufe war -mit Kreide die heilige Fünf hingemalt, denn der Tod stand hinter der -Haustür. - -Er war wütend. Kinder, Greise und sonstiges Niederwild zu jagen dünkte -ihm kein Waidwerk; nach Edelwild gelüstete ihn, nach einer hohen Beute. -Diesen Mann da zu fällen, diesen großen Künstler, ehe er sein Bestes -gegeben, ehe daß er Tausenden von Menschen das Herz gestärkt hatte, -das war ein lohnendes Ziel. Über die zwei Männer und die Frau, die zu -seiten des Krankenbettes saßen und ihre Schilde vor den siechen Mann -hielten, lachte der Tod; aber die eine, die nicht da war, die machte -ihm schwer zu schaffen. - -Ingrimmig knirschte der graue Engel mit den Zähnen, daß es dem Förster, -der in der Gaststube saß, eisig über den Rücken lief und er schnell -seinen Schnaps austrank. Dann bückte der Tod sich, trat auf die Straße, -von der die Spatzen entsetzt aufflogen, als sein Schatten auf sie -fiel, und stellte sich vor das gegenüberliegende Haus, wo Lorenmutters -Fuchsien sofort die Knospen verloren, denn die Augen des Todes hatten -sie gestreift. Aber auf die alte Frau fielen seine Blicke nicht; er -wandte sie dahin, wo Helmold lag, und stierte nach dem Fenster. -Hineinsehen konnte er nicht, weil die Vorhänge zugezogen waren; aber er -wollte doch wenigstens hinsehen. - -Der Kranke hatte ruhig dagelegen. Sein Gesicht sah wie eine Totenmaske -aus; jede Spur von Leben hatte das Fieber aus ihm herausstilisiert. -Regungslos saß der Arzt da, mit losen Fingern das Handgelenk des -Freundes umspannend. Aber nun blickte er auf; die weiße Flaumfeder auf -den Lippen des Kranken rührte sich hastiger. Frau Gretes Züge verzogen -sich zum Weinen, Hennigs Gesicht verdunkelte sich; die Augen des Arztes -sahen starr nach dem Gesicht des Kranken. - -Im nächsten Augenblicke sprang er auf und hielt beide Hände über das -Bett, denn Helmold hatte sich mit einem Ruck emporgeschmissen, sah ohne -Verstand um sich, machte einen bittenden Mund und flehte: »Kuß, ein' -einz'gen Kuß, Swaantje!« Sein Gesicht füllte sich mit Entsetzen; er -fiel zurück und atmete schwer. Dann sprach er mit verdorrter Stimme: -»Die Augen, nein die Augen; was sind das für Augen? Leg sie fort, ganz -weit, nein, dahin, weg!« Seine Brust ging auf und ab; er röchelte: »Ist -nicht wahr, hab ich nicht gemalt, Lüge, alles gelogen. Die Augen, die -Augen! Grete, du hast gelogen. Wir drei, wir drei, wir drei, hast du -gesagt. Gemeine Lüge!« - -Er knirschte mit den Zähnen und stöhnte: »Tödeloh, da bin ich -gestorben, ganz totgestorben. Ha la lit! Der gute Bock ist tot! Bock -tot, will ich blasen. Mein Horn ist weg.« Er warf sich hin und her; -dann sang er: »Rose weiß, Rose rot,« und flüsterte weiter: »Sophie, -eine Runde! Deuwel auch, Klaus, laß dir das nicht gefallen; Wiebken -mogelt.« Er lachte: »Es gibt viel Schönes, Wunderschönes: Maserholz, -grobe Leinwand, so wie Annemiekens Hemden, rohes Kupfer, das heilige -Dreieck. Ach ja, das heilige Dreieck, das dunkele Geheimnis, unser -Anfang, Ende auch. Such verwundt, mein Hund, weis' verwund't, mein -Hund! Szissa her mit'n Lüttjen, her mit'n lüttjen Schluck!« - -Er flötete den Jagdpfiff, versuchte zu blatten, zog beide Hände vor -das Gesicht, als wollte er in Anschlag gehen, und schrie: »Mariee, -Dicke, was hast du für Arme! Wahre Pracht. Auf Chali pfeif ich; das -ist ein Biest. Jawohl, gnädige Frau, künstlerische Reife ist Beginn -der Fäulnis. Entweder leben oder Künstler sein. Die Atrappe ist höhere -Gemeinheit. Hurra, es lebe der Öldruck! Hennig, deine Line ist keine -Dame, darum mußt du sie heiraten. Damen sind inaktive Dirnen. Pfui -Teufel! Hier habe ich voriges Jahr den Keiler geschossen. Nein, ich -schieß ihn nicht, Swaantje, aber küssen will ich dich, wenn du auch -noch solche Augen machst.« - -Er griff mit den Händen umher! »Hülfe, Hülfe, tut mir nichts: ich will -ja mein Herz wegschmeißen! Da, da liegt es, seht Ihr, im Dreck; der -Hund hat es geholt! Seid Ihr zufrieden, Grete und Swaantje? Nun bin ich -ganz artig.« - -Er fiel zurück und schlief ein, wachte aber sofort wieder auf und -schrie: »Schwindel! Alles Schwindel, Farbe, Liebe, alles, alles! -Hennig, sieh den Schillerfalter; alle Farben hat er, hat er; also -Schwindel. Hat überhaupt keine, tut bloß so. Nichts ist so, wie es -aussieht. Swaantje sieht gut aus, Swaantje ist böse. Grete auch, -Sophiee auch, Mariee auch, aber Annemieken ist gut. Soll ich dir -helfen, Annemie? Was brauchen wir unsere Herzen? Weg damit! Ohne Herz -liebt es sich bequemer. Wer hat den Hochsitz hierher gestellt? Senator, -Sie irren sich, Sie sind Fachmann, verstehen also von der Sache nichts, -sind darin, nicht darüber. Prinz, du schießt ja doch nur vorbei, ganz -sicher; hast ja den Tatterich. Frau Trui, der Honig ist ausgezeichnet, -süß, wie heimliche Küsse. Aber die Farbe ist Schwindel; Honig muß rot -sein. Alles, was süß ist, ist rot. Rote Rosen sind schön. Wer hat die -verdammten Nesseln mang die Küsse gebunden? Was sollen die Witze? Häh?« - -Er fiel abermals zurück. Der Arzt goß Arznei ein und flößte sie dem -Kranken ein, der unwillig schluckte. Frau Grete sah wie der Tod aus, -Hennigs Gesicht war wie aus Holz. Helmold schlug um sich. »Laß mich -in Ruhe mit dem verdammten Kleide, hörst du? Es ist mit kalten Augen -besetzt, gemeinen Augen. Fort damit! Ich hasse die Kanaille und halt -sie mir vom Balge, sagt Horaz. Prost, oller Römer! Janna, Manna, singt -noch eins!« Er summte: »Meiner zu gedenken, das gebrauchest du ja -nicht.« Starr sah er nach der Wand: »Ich habe deine Brüste gesehen, o -wie schön, und ich will sie küssen. Gib sie her, sofort, hörst du! Ach -laß auch, sie sind kalt. Siehst du, das hast du davon. Lauf mir nicht -immer nach, Swaantje! Überall bist du! Ich will den Bock haben, stell' -dich nicht immer davor, sonst wahrhaftig, ich mache den Finger krumm. -Frau Pohlmann, in meinem Bette waren Flöhe. Nein, bloß Spaß, waren -Gewissensbisse. Annemie, ich bin müde. Du sagst, du willst nicht? Teuf, -Lork! Hast auch zwei Gesichter, ein Taggesicht und eins in der Nacht, -und das ist mir lieber.« - -Er sang nach einer Tanzmelodie: »Beni Benjamin hat gesagt, ich hab den -Lungenkataharr! Hab' mir das Herz verkühlt, hat kalte Füße gekriegt. -Heißen Pottdeckel darauf, das hilft. Ich will nicht mehr malen, ich -male mir noch alles Blut aus dem Leibe. Und das brauch' ich noch 'ne -Weile. Fritsche, alter Döllmer, trag' das Gewehr nicht so dämlich! -Hennig, wo willst du hin? Ach so! Na, wenn das man gut geht! Nun hab -ich es dicke; überall stehst du mir im Wege, Swaantje! Komm her, -Mädchen. Hoch lebe die Liebe und die umliegenden Bierdörfer!« - -Er murmelte: »Ja, ja, schon gut. Mein Bild, das kannst du küssen und -mit ins Bett nehmen, aber mich, das fällt dir nicht ein! Ach Süße, komm -her, einmal, o du, du, du!« - -Er schwenkte den Arm: »Tanzen sollst du, bist du weich bist, -windelweich, und dann nehm' ich dir den Rosenkranz ab, -Ringelringelrosenkranz ab. Ein bißchen welk ist er schon. Und nun haben -wir die Bescherung. Siehst du, Prinz, du pürschst zu laut! Sekt her! -Was kann das schlechte Leben helfen. Die alten Deutschen tranken noch -eins!« - -Er lachte: »Ja, malen, das kann ich. Kranke Frauen kriegen ganz -gesunde Kinder, gehen aber leicht hopps dabei. Amanda, was sagst du? -Biermamsell, ja, mir Wurst, aber du kannst wenigstens küssen! Jawohl, -Miezi, es ist noch etwas Leberwurst da, aber die Kohlen sind rein alle. -Bete zu deiner Heiligen, und schaff sie ab, wenn sie uns keine Kohlen -schickt. Swaantje, ich will meinen Kuß haben! Den hab ich kontraktlich. -Och Chott, Mensch, das ist ja viel zu weit! schießt ja doch daneben! -Bei meiner Beerdigung muß ich aber dabei sein, diesmal wenigstens. -Christus sagst du? Bin mehr für Wode. Ist ja auch gleich. Meinetwegen -Maria; ich denke dabei an Frigge. Importen mag ich nicht, bekommen -nicht. Frigge hilft uns schon; bete zu ihr. Du sollst sehen, sie hilft -dir. Frigge fügt Hand zu Hand, Mund zu Mund, Schoß zu Schoß. Gelobt sei -Frigge!« - -Er lächelte: »Mein Herz tanzt auf einer goldenen Wiese, und mein Mund -läuft hinter dir her. Siehst du, jetzt bist du hingefallen. Na, weine -man nicht; komm her, ich heb' dich auf!« - -Er bewegte den Kopf in einem sanften Takte, als horche er auf eine -ferne Melodie; dann fing er an zu summen, so seltsam, daß seine Frau -ein Schauer schüttelte, denn die Singweise war aus Lust und Leid -gewebt, mit Übermut durchwirkt und mit Verzweiflung besäumt. - -»H' ach,« rief er dann, »h'ach du, du! Du hast es gesagt. Sagst: ich -habe dir ja nichts gesagt!« Er lachte glücklich auf. »Du sagst, ich -habe dir ja nichts gesagt! Habe dir ja nichts gesagt, nichts gesagt.« -Er lachte belustigt: »Ich habe doch ein Gehör wie der Fuchs. Weiß schon -Bescheid, weiß, was das heißt. An der Fährte spricht man den Hirsch an; -das da ist sicher einer vom zwölften Kopfe. Und den will ich haben, -oder ich will die Kunst nicht verstehen.« - -Er schauerte zusammen; der Arzt zog ihm die Steppdecke bis unter das -Kinn. Er flüsterte: »Danke, danke!« Er küßte in die Luft: »Ach wie -schön warm! Das ist so lieb von dir, liebe Swaantje. So warm.« Er -schnurrte wohlig: »Wie lange habe ich dich gesucht, wie lange, aber du -hast die Fährte verwischt. Das ist sicher ein guter Bock. Gute Nacht, -Herrschaften; ich gehe schlafen. Komm Annemie! Mädchen, du hast ja -Swaantjes Kleid an! Nein, das geht nicht; ist dir ja viel zu lang. -Sofort ausziehen, hörst du! Na, weine man nicht, behalt's an; bist ja -doch die beste, die allerbeste!« - -Frau Grete ging hinaus, kreidebleich im Gesichte; als sie wieder -hereinkam, sah sie Hennecke an und schüttelte den Kopf. Der Kranke -flüsterte: »Dein Herz ist von Gold, Swaantje, und du hast es an einer -silbernen Kette unter den Spitzen auf deiner Brust. Das sieht doll aus, -ganz doll.« Er schrie auf: »Wo bist du, Gotteswillen komm her!« Sein -Kopf fiel auf die Seite, und er begann rasselnd zu schnarchen. - -Der Arzt flüsterte: »Gehen Sie essen, ich bleibe so lange hier; er -schläft. Das ist ein gutes Zeichen, ich habe Hoffnung.« Er zählte die -Pulsschläge und nickte langsam. Dann lächelte er der Frau zu und zeigte -mit dem Kopfe nach der Tür. »Erst etwas essen und dann ein bißchen -hinlegen. Wir haben an einem Kranken genug. Hennecke, gehen Sie mit! -Und daß es ja ganz stille im Hause ist.« - -Als Frau Grete draußen war, sah sie Hennig an und flüsterte: »Behalten -wir ihn wohl, lieber Freund?« Er nickte: »Ich glaube es; seine -Indianernatur wird ihm durchhelfen. Aber nicht wahr, jetzt essen Sie -ein bißchen?« Sie nickte müde. - -Er führte sie in das kleine Zimmer, rückte ihr den Sessel und die -Fußbank zurecht, goß ihr ein Glas Sekt ein und begann dann zu essen, -ruhig und langsam, wie immer. Das half; sie aß ein Stückchen Brot und -kaltes Fleisch und bekam wieder etwas Farbe. - -Hennecke tat, als kümmere er sich nicht um sie; aber wenn er etwas -nahm, rückte er den Auflageteller immer so, daß die besten Stücke vor -ihr lagen, und als ihr Glas leer war, füllte er es. Dann aber sagte er: -»Nun schlafen, bitte, und sobald die Antwort kommt oder eine Änderung -im Befinden eintritt, klopfe ich.« - -Die Frau nickte und stand auf; als sie schon die Türklinke in der -Hand hatte, blieb sie stehen und hielt den Kopf schräg, als wenn -sie lauschte. Dann lächelte sie Hennecke zu und sagte: »Sie kommt, -wir werden gleich Nachricht haben. Sie hat das Telegramm selber -aufgegeben.« Hennecke sah sie ernst an und nickte. Die Frau trat auf -ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »War es so -schlecht von mir, was ich tat? Wenn er stirbt, so bin ich schuld.« Er -antwortete: »Beruhigen Sie sich, liebe Freundin; Reue ist die größte -Sünde, die es gibt, denn sie hat keinen Zweck. Sie haben gehandelt, wie -Sie mußten.« Sie sah ihn ernst an und schüttelte den Kopf: »Nein, ich -habe ihn belogen. Aber, nicht wahr, der Gedanke, er liebt eine andere, -und ich, seine Frau, die zwei Kinder von ihm hat, soll entsagen, Sie -begreifen, daß da zuerst alles Kleine und Enge in einem nach oben -kommt. Und so bin ich hart zu ihm gewesen und schlecht, sehr schlecht. -Erst habe ich gesagt: ›Ja ja, mein guter Junge, sie soll kommen! Wir -drei, nicht wahr?‹ Und so nach und nach nahm ich alles zurück und -dachte nicht daran, daß ich ihm zuerst die Augen geöffnet hatte.« - -Dann setzte sie sich an das Fenster. Düster sah sie vor sich hin, die -Hände im Schoße faltend. »Ich bleibe hier; schlafen kann ich doch -nicht, ehe das Telegramm da ist. Rauchen Sie bitte, lieber Hennecke. -Aber erst sehen Sie zu, wie es oben steht.« - -Langsam gingen die Stunden dahin, Hennecke löste den Arzt ab. Der -war zufrieden. »Er kommt an das Ufer, glaube ich, der Puls ist ganz -ruhig.« Er aß und ging nach oben, und Hennecke leistete der Frau -wieder Gesellschaft. Sie sprachen wenig. Plötzlich seufzte Frau Grete -erleichtert auf und lächelte gespannt. Männertritte kamen näher und -erklommen die Treppe; die Haustür ging auf. Die Frau erhob sich, -öffnete die Tür und nahm dem Briefträger das Telegramm ab, gab ihm -den Taler, den sie schon bereit hielt, löste gelassen den Verschluß, -faltete das Papier auseinander, las den Inhalt, ohne eine Miene zu -verziehen, nickte, reichte Hennecke die Depesche und sprach: »Es ist -so, wie ich sagte: sie kommt. Gott sei Lob und Dank!« - -Die Tür ging auf; der Arzt stand darin, helle Freude im Gesicht. »Sie -haben Ihren Mann wieder, Frau Hagenrieder,« sagte er ganz laut. Er sah -erstaunt auf, als die Frau nur nickte und meinte: »Ich wußte es.« Er -trank ein Glas Sekt aus: »Merkwürdig,« murmelte er dann; »eben erwachte -er, seufzte sich den Schlaf fort, sah ganz klar aus den Augen, machte -sie wieder zu und mit ganz fieberfreier Stimme flüsterte er: ›Sie -kommt!‹ Und dann schlief er wieder ein.« - -Am andern Morgen lachte die Sonne, und die Amsel sang zum ersten -Male. Helmold war sehr schwach, aber fieberfrei. Als er die drei -Schneeglöckchen sah, die seine Frau ihm auf das Tischchen stellte, ging -ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er winkte mit den Augen, und sie -bückte sich zu ihm nieder. »Näher!« hauchte er, »noch näher!« Sie küßte -ihn auf den Mund. »Meine liebe Frau,« flüsterte er und schlief ein. - - - - -Der weiße Garten - - -Als Swaantje in Stillenliebe anlangte, war Helmold bereits aus aller -Gefahr, aber noch so angegriffen, daß der Arzt jede Aufregung verbot. -Er gestattete ihr nur, daß sie ihn sah, während er schlief. - -Das Mädchen mußte sich am Türrahmen festhalten, als sie ihren Vetter -erblickte. Welk fiel ihm das fast völlig ergraute Haar in die Stirne, -der Bart hing schlaff über die blutleeren Lippen, die Nase trat -scharf hervor, unter den Augen waren tiefe Löcher, die in allen -Farben spielten, die Ohren sahen wächsern aus, und die Hände waren -leichenfarbig. - -Als sie das Zimmer verlassen hatte, fiel sie Grete um den Hals und -schluchzte tränenlos, und die Frau sagte, als sie mit ihr in dem besten -Zimmer saß: »Wir wollen Gott danken, daß wir ihn behalten haben, -Swaantje; und sobald er kräftig genug ist, fährst du mit ihm in irgend -eine stille Ecke und pflegst ihn mir ganz gesund. Nicht wahr, Liebste?« -Das Mädchen nickte, denn sie fühlte, daß die andere das im vollen -Ernste sagte. - -Es wurde aber nicht so; denn je mehr sich Helmold körperlich erholte, -um so mehr schien seine Liebe für Swaantje zu erkalten. Als ihm seine -Frau einmal von dem Mädchen sprechen wollte, wehrte er ab. »Ich -genese, Grete,« sagte er, »und auch davon.« Er sah sie voll an und -fuhr fort: »Möglich, daß ich ihr später wieder kameradschaftlich näher -komme; vorläufig wäre mir ein Zusammentreffen peinlich, und schädlich. -Hennecke und Benjamin sind der selben Ansicht.« - -Wenn er, warm zugedeckt, auf dem Ruhestuhle im Garten lag, dem Schlage -der Finken zuhörte und die knospenden Zweige betrachtete, dachte er -noch oft an das Mädchen, aber nicht in Liebe. Etwas wie Unmut war in -ihm; denn er fühlte sich beleidigt. Er hatte sich vor ihr erniedrigt, -hatte um einen Kuß gebettelt, war fast irrsinnig vor Liebe geworden, -und es hätte nicht viel gefehlt, daß er an seinem Verlangen zu Grunde -ging. - -Er wußte aber auch, daß dieses der letzte Rückfall war. »Was hat -sie nicht alles aus mir gemacht,« dachte er; »einen Trinker, einen -Wüstling, einen Salonaffen, einen Streber!« Er las in dem Buche, das -Hennig ihm mitgebracht hatte, und lächelte belustigt, denn er war -vorhin auf einen Ausspruch Montanabbis gestoßen, der vortrefflich zu -seinen eigenen Gedanken paßte, und der folgendermaßen hieß: »Viele -Menschen waren gleich mir Opfer eines weißen Halses, eines rosigen -Angesichtes und zweier Augen, die sanft blickten, wie die der Gazelle.« -Er nickte und dachte: »Hast recht, beturbanter Philosoph; wir wollen -den Fall zu den Akten in das Fach Erledigt legen.« - -Die Magd wusch in der Küche Gläser auf und sang. Er nickte lächelnd, -pfiff leise die Singweise durch die Zähne und summte den Schlußreim: -»Kehr' dich ab von mir, heb' dich fort von mir, scher' dich weg von -meiner Tür.« So waren seine Gedanken, wenn er an Swaantje dachte. -Mochte sie sich jetzt ebenso um ihn quälen, wie er es ihrethalben getan -hatte; sie hatte es verdient durch ihre Feigheit. - -Mit Schadenfreude stellte er fest, daß er sie nicht mehr liebte. Das -war nur natürlich; es entsprach seiner Veranlagung. Sein Vater hatte -den Grundsatz gehabt, ihm niemals einen Wunsch sofort zu gewähren. -So hatte er ihm, als Helmold zwölf Jahre alt war, verboten, sich -eine Armbrust zu kaufen. Nach einem halben Jahr bekam er sie zum -Geburtstage, rührte sie aber nicht an, denn er war schon darüber -hinaus. - -Allmählich dachte er milder. Zu Hennig, der sich seinetwegen frei -gemacht hatte, sprach er sich einmal, als er mit ihm vor das Dorf -ging, darüber aus: »Weißt du, mein Lieber, ich zürne ihr auch nicht -mehr, denn sie konnte schließlich nicht anders handeln, schon ihres -Verhältnisses zu Grete wegen nicht. Ich weiß, das Ganze war Einbildung; -aber daß ich das weiß, das ist eben das Schlimme. Ich bin doch jetzt -körperlich schon wieder ganz rüstig; aber ich bleibe innerlich kalt und -tot. Ich lebe in einem weißen Garten; wo ich hinsehe, verlieren die -Blumen die Farbe und die Blätter das Grün. Mein Herz ist gefeit gegen -jegliches Gefühl; es hat kein Teil mehr am lebendigen Leben.« - -Er schwieg und dachte an alle die Frauen und Mädchen, die er geliebt -hatte. Aus Gewohnheit fühlte er ihnen gegenüber Dank, in Wirklichkeit -waren sie ihm alle gleichgültig. »Ja, Hennig,« murmelte er und nickte, -auf das Dorf hinabsehend, wo alle Obstbäume blühten, »das ist nun so: -Helmold Hagenrieder ist tot. Was da lebt, ist bloß noch der Professor -gleichen Namens. Zwischen mir und der Welt ist eine Glasscheibe. Ich -habe noch Sinne, noch Sinnlichkeit; aber ich habe die alte kindliche -Anteilnahme an den Menschen und den Dingen verloren. Ich sehe sie nur -noch in ihren kalten Lokaltönen, nicht mehr in der warmen persönlichen -Beleuchtung, die ich ihnen früher gab.« - -Er seufzte, aber dann lächelte er: »Ist übrigens das einzig Wahre. Der -Künstler muß außerhalb der Welt stehen, wie Gott. Wer im Leben steht, -bringt es nie zur Meisterschaft. War schon das beste für mich, diese -dämliche Entgleisung. Wäre ich irgend ein Soundsomensch, Beamter oder -so was, Philister, so wäre ich daran eingegangen; so aber hat mich -diese Geschichte gereinigt. Denn ich bin da, um zu wirken, nicht um zu -leben, wie Hans X und Kunz Y.« - -Leise sprach er vor sich hin: »Künstler sollten nicht heiraten; sie -können nicht treu sein, dürfen es nicht, sollen sie sich nicht selber -untreu werden. Aber heiratet man nicht, so hat man keinen Zusammenhang -mit dem Leben, lernt dessen tiefste Nöte nicht kennen. Wie man es auch -macht, es ist immer verkehrt, und so wird das Allerverkehrteste wohl -das einzig Richtige sein.« - -Er zündete sich die erste der zwei Zigaretten an, die Benjamin ihm -gestattet hatte, sah den Freund an, legte ihm die Hand auf das Knie -und sprach weiter: »Ich habe früher von der Philosophie niemals viel -gehalten; sie ist noch ein viel lorbeernerer Ersatz für das Leben, als -die Kunst. Jetzt aber, wo ich mit dem Leben innerlich nichts mehr zu -tun habe, philosophiere ich. Höre zu: Nach Kant gibt es kein Ding an -und für sich; ich aber sehe die Dinge an und für sich. Also gibt es -kein Ding an und für mich, sondern nur Dinge an und für sich für mich. -Also geht mich als Menschen nichts mehr etwas an. Also bin ich kein -Mensch mehr; also bin ich tot!« - -Ein Goldammerhähnchen kam angeschnurrt, ließ sich auf einem Zaunpfahle -nieder, sah die Männer zutraulich an, glättete seine gelbe Holle und -begann zu singen. Helmold pfiff leise durch die Zähne das Lied des -Vogels nach, nickte und murmelte: »Manche sagen, der Goldammer singt: -›Wie wie hab ich dich lieb, lieb.‹ Andere meinen, er sänge: ›Mein Nest -ist weit weit, weit.‹ Alles auf der Welt hat ein zweites Gesicht, die -Natur, die Kultur, die Religion, die Kunst, die Politik, die Liebe, -alles, alles. Wer das nicht weiß, ist glücklich; ich weiß es. Ich habe -es wohl immer gewußt, bloß manchmal vergaß ich es, und dann glaubte -ich, glücklich zu sein. Im Sichselbstvergessen allein liegt das einzige -Glück, also in der Narkose, durch Liebe, oder Haß, oder Arbeit. Der -Mensch ist die Krone der Schöpfung, sagt man. Er ist und bleibt aber, -wie alles Leben, eine dilettantische Leistung. In einem Buche über die -Kultur der alten Assyrer steht folgender Vers eines Dichters jener -Zeit: ›Gewandert ist in Hast mein müder Fuß so viel; ich gönnt' ihm -keine Rast, doch fern bleibt stets das Ziel.‹« - -Ein braunes Ding kam über den Zaun geschwenkt, streckte gelbe -Krallen nach dem singenden Vogel aus und verschwand damit hinter der -Hecke. Helmold sah Hennig an und lachte lustig: »Eine Gemeinheit -sondergleichen; der gelbe Vogel singt von Liebe, und die Natur oder -die Vorsehung schickt ihm den braunen Tod! Ich hatte einen Mitschüler, -er hieß zwar Julius und noch dazu Müller, aber nie hat es ein so -goldenes Herz gegeben, nie so viel Güte in einem Menschen. Er starb -an Wundstarre, starb sieben Tage lang, lag da bei vollem Bewußtsein, -konnte kein Glied rühren und mußte durch künstliche Atmung hingehalten -werden, bis auch das nichts mehr half. Seine Mutter, eine Witwe, war -eine gläubige Katholikin. Sie hat, nachdem ihr Julius tot war, keine -Kirche mehr betreten und nie wieder gebetet. Ich war jeden Tag, solange -mein Freund im Sterben lag, bei ihr, und mit jedem Tag bröckelte mein -Gottesglauben mehr ab, bis nichts mehr davon übrig war, besonders -seitdem ich vergleichende Religionsgeschichte gelesen hatte. Und dann -kam ich an die Philosophie.« Er schüttelte den Kopf: »Na, das ist -erst der größte Blödsinn; Narkose im Quadrat; vierte Dimension des -Stumpfsinnes.« - -Ein fast voll entwickeltes Mädchen von vierzehn Jahren mit hellblonden -Flechten kam losen Ganges den Fußweg entlang, warf sich in die Brust, -als sie die beiden Männer sah, machte ihnen einen Knix und sah den -Maler so heiß an, daß Hennig die Augenbrauen hochzog. Helmold bemerkte -es und meinte: »Ein reizendes Geschöpf, und so sehr verliebt. Die -am Herzen liegen zu haben, das brächte mir am Ende noch ein bißchen -Glück. Aber das wäre unmoralisch. Früher lebte ich unmoralisch, und -hielt darum von der Moral sehr viel. Jetzt werde ich wohl moralisch -leben, denn ich weiß, daß die Moral Schwindel ist, besonders die -Geschlechtsmoral; ihre Wurzel ist der Neid, und weiter nichts. Wenn -ich mit den Augen winkte, flöge mir dieses Bild von Mädchen an die -Brust, und gäbe mir alles, was sie zu verschenken hat. Und nähme ich -es, so gäbe das ein schönes Geschrei; denn alle Männer sehen ihr mit -den selben hungrigen Augen nach, wie ich, und wie du, lieber Hennig. -Infolgedessen, darum und so weiter!« - -Er sah den Rauchringeln nach, blickte mit leeren Augen über das -lachende Land und auf die kleinen Mädchen, die in der Wiese Blumen -pflückten, und sprach vor sich hin: »Ich will hier fort. Mir ist es -peinlich, die Anteilnahme in Frau Pohlmanns Augen zu sehen. Und dann -ist Annemieken da. Allen bin ich Dank schuldig; aber wie kann ein toter -Mann Dank abstatten? Höchstens durch kalte Worte. Laß uns irgendwohin -fahren, wo kein Mensch mich kennt, und wo kein Mensch ist, den ich -lieben muß.« - -Das taten sie denn auch; doch zuvor fuhr Helmold nach Hause, um einige -Tage mit den Kindern zu verleben. Als er eines Morgens, während seine -Frau ausgegangen war, in der Werkstatt seine Bilder betrachtete, um -zu prüfen, ob nicht dort oder da Spuren einer krankhaft verzerrten -Anschauung zu finden seien, klopfte es an der Tür und auf seinen Zuruf -trat Luise herein. Sie war ganz blaß und hatte die Augen unter sich. Er -hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihr allein zu sein, und er war -sehr froh darüber gewesen; aber als er sie so dastehen sah mit auf den -Estrich gerichteten Augen, wurde sein Herz doch ein wenig warm, denn -sie sah so schön und dabei so magdlich demütig aus. »Nun, liebe Luise,« -fragte er, und strich ihr mit der Hand über die Backe, »wo fehlt es? -Denn du hast etwas auf dem Herzen, das sehe ich dir an.« - -Das Mädchen sah auf, schlug aber die Augen sofort wieder nieder, und -ihre Brüste gingen auf und ab, als sie endlich herausstotterte: »Herr -Hagenrieder, ich, ich, mein Schwager, Sie wissen doch, meine Schwester -ist gestorben, und nun sitzt er da mit den beiden kleinen Kindern. Und -er ist da und fragt mich, ob ich ihn nicht heiraten will.« Sie strich -an ihrer Schürze entlang und schwieg. »Hast du ihn gern?« fragte er. -Sie nickte: »Er ist ein guter Mann und fleißig, und er sagt, er hat -mich von jeher gut leiden mögen, und denn sind die Kinder da, und die -mögen mich gut leiden. Und so wie es ist, kann es doch nicht bleiben.« -Sie stockte, fuhr aber gleich fort: »Aber ich meine, solche Eile hat -das just nicht, und wenn Sie wollen, Herr Hagenrieder, so bleibe ich -noch.« - -Eine warme Welle lief ihm über die Brust. Er faßte das Mädchen bei der -Hand und sagte: »Nein, das will ich nicht; denn auf die Dauer durften -wir nicht so weiter leben. Wenn Sie Ihren Schwager wirklich gern haben, -ist es so das Beste.« Sie nickte und sah ihn dankbar an, Tränen in den -Augen. Er gab ihr die Hand und sagte: »Ich wünsche dir viel Glück, mein -liebes Kind. Und noch eins: jeder Mensch kann einmal Sorgen haben. -Vergiß nie, daß ich dir sehr viel Dank schuldig bin.« - -Er sah ihr nach, als sie gerade und aufrecht durch den Garten ging, und -als sie in der Haustür verschwand, dachte er: »Meine Jugend hat mich -verlassen; wohl mir!« - -Am anderen Tage fuhr er mit Hennecke fort. Als er nach einem Monde -wieder kam, hatte er ein volles, braunes Gesicht, klare Augen, eine -feste Stimme und einen straffen Gang. Das Weiche, Zarte war ganz bei -ihm verschwunden, doch auch das Harte und Eckige. - -Er sah seinen Kleiderschrank durch, tat alles beiseite, was nach -gesuchter Eigenart schmeckte, hielt eine fürchterliche Musterung unter -seinen Halsbinden und Handschuhen ab und gab dann der neuen Magd den -Auftrag, das Moos, das er früher so sehr geliebt hatte, von den Wegen -im Garten zu entfernen. Dann stellte er alle Bilder von Swaantje wieder -an ihre Plätze und desgleichen die Geschenke, die er und seine Frau -von ihr erhalten hatten, und schließlich schrieb er ihr einen netten -Vetternbrief, in dem er ihr in leichter Weise erzählte, wie sein -äußeres Leben in der letzten Zeit gewesen war. »Denn,« sagte er sich, -»sie ist nun doch einmal unser Bäschen.« - -Als Grete ihm erzählte, daß Swaantje Krankenschwester werden wolle, -erwiderte er: »Na, dann wird sie hoffentlich über kurz oder lang Frau -Doktor Soundso heißen. Das wäre auch das beste für sie.« Seine Frau -stand auf, legte ihren Kopf an seine Schulter und flüsterte: »Ist das -dein voller Ernst, lieber Helmold?« Er sah sie mit aufrichtigen Augen -an, nickte und antwortete: »Jawohl, das ist es; ich werde nicht wieder -rückfällig.« Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er fort: »Sie war -mir ein leiser Oktavton; er ist in mir aufgegangen und klingt nicht -mehr. Ich war C, sie eine Oktav tiefer. Es gab keine Dissonanz, aber -auch keinen Akkord, denn sie war ein zu unselbständiger Ton neben mir. -Ich liebte sie aus Angst vor dem Altwerden; jetzt habe ich vor dieser -Angst keine Bange mehr.« - -Er sprach die Wahrheit; er wußte, daß er bereits alt war. In dem -Luftkurorte, in den er sich mit Hennecke geflüchtet hatte, war er -bald der Mittelpunkt der Geselligkeit gewesen, und wenn er gewollt -hätte, so konnte er viel süße Küsse pflücken. Er hatte aber nur mit -Worten getändelt und zumeist harmlos, bis sich aus dem Wortgetändel -zwischen ihm und einer hübschen, sehr schlagfertigen Frau, die unter -den Folgen eines Scheidungsprozesses litt, etwas entwickelte, das wie -Liebe aussah, aber im Grunde nur der Niederschlag der gepfefferten -Wortgefechte war, die ihm neue Spannkraft gaben und ihr das zerdrückte -Herz aufrichteten. - -Er war oft sehr weit in seinen Bemerkungen gegangen. Die Frau trug -eines Tages seidene Strümpfe mit einem spiralig verlaufenden Muster. -Als er mit lustigen Augen darauf hinsah, fragte sie ihn: »Interessieren -Sie meine Strümpfe so sehr?« Er lachte: »Ja freilich; das Muster -eröffnet dem denkenden Leser die interessantesten Perspektiven?« Sie -fuhr auf: »Aber, Herr Hagenrieder?« Er lachte wieder: »Na was denn? -Denkt man sich die Spirale fortgesetzt, so landet man schließlich bei,« -er sah sie harmlos an, »dem klugen und schönen Gesichtchen!« Sie drohte -ihm mit dem Finger. - -Drei Tage, bevor sie abreiste, sagte sie ihm: »Sie haben mein Herz -wieder lachen gelehrt, Sie ganz frecher Mensch Sie; aber ich glaube, -ich habe Ihnen auch etwas geholfen. Es ist übrigens gut, daß jetzt -wieder jeder seinen eigenen Weg geht.« Sie sagte das mit lachendem -Munde, aber dabei liefen ihr Tränen in die Augen, und sie drehte sich -schnell um. - -Er hatte sich sehr an sie gewöhnt, und ihm war so, als müßte er ihr in -den Laubengang nachgehen und sie in den Arm nehmen; aber er riß sich -zurück. Als sie abgereist war, sagte er sich: »Herr Hagenrieder, Sie -werden alt, oder vielmehr, Sie sind es schon.« - -Er war es; er wurde kühlverbindlich in seinem Benehmen, zurückhaltend -im Reden und vorsichtig im Handeln. Er, der früher Gefahren und -Verwicklungen suchte, schlug jetzt Richtwege ein, konnte er dadurch -eine Unannehmlichkeit vermeiden. »Passé!« dachte die Gräfin -Tschelinski, als sie ihn wiedersah, und wich ihm aus, was ihm sehr lieb -war, denn ihr übermodernes Wesen hatte ihm schon längst den Appetit -verdorben. Noch froher war er, als der Prinz ihm erzählte, daß Frau -Pohlmann ihr Anwesen verkauft und sich anderswohin verheiratet habe. - -Mit viel mehr Freude konnte er nun zur Pürsch auf den roten Bock -fahren. Aber auch mit der Jagd war er auseinandergekommen; er schoß -nach dem Bock, wie nach der Scheibe, und während er sich früher -gänzlich der Stimmung der Landschaft hingegeben hatte, betrachtete -er sie jetzt mit den selben Augen, mit der er seine entthronten -Herzensköniginnen ansah. Er bemerkte ihre Schwächen, ohne daß er -dadurch abgestoßen wurde; er hing nicht mehr an ihnen, und so -beleidigte ihn das Fehlerhafte nicht. - -Seine Frau freute sich über ihn; er war jetzt immer gleichen Mutes, -hatte nie üble Laune, vergaß kein einziges Mal den Morgen- und -Abendkuß, gab sich viel mit den Kindern ab, war der rücksichtsvollste -und verbindlichste Kavalier in allen Gesellschaften, zu denen sie mit -ihm ging, sah nie mehr mit langenden Augen nach anderen Frauen hin, aß -stets mit Appetit, ging rechtzeitig schlafen und teilte sich Arbeit und -Erholung gewissenhaft ein. - -Ab und zu wurde ihr die Abgeklärtheit und Durchsichtigkeit seines -Wesens etwas unheimlich; aber bei ihrer frohherzigen Natur kam sie bald -darüber hinweg, und sie sagte sich schließlich auch: »Ach was, es ist -auch besser so!« - -Ganz das selbe dachte er dann und wann auch. Wenn er beim Malen war, -und er alle die Formen und Farben, die sein Herz ihm nicht mehr bot, -aus seinem Verstand hervorholte und kühl und überlegen zu kraftvollen -Werken zusammenklingen ließ, dachte er: »Ist das langweilig! Ich weiß -ja, es gelingt: also lohnt es sich nicht mehr!« - -Er wünschte sich in solchen Augenblicken, er wäre tot, und seine Witwe -fände einen netten, guten und klugen Mann; denn in Wirklichkeit stand -auch sie samt den Kindern fern von ihm. - -Mit Hennecke ging es ihm nicht anders; er liebte ihn nur noch in der -Erinnerung und hatte ihm das einst gesagt. »Ist mir ganz schnuppe,« -hatte Hennig geantwortet, und er setzte hinzu: »es freut mich aber, -daß du es mir sagst; das ist eine Liebeserklärung in bester Form. Ich -habe dir viel, du mir einiges zu danken; daran wollen wir uns genügen -lassen. Schließlich bleibt doch jeder Mensch allein.« - -Auch er war ein kalter Mann geworden, seitdem ihm seine Line drei -Tage, bevor er sich mit ihr trauen lassen wollte, von einem Kraftwagen -totgefahren war. Nicht viel anders ging es Beni Benjamin. Er hatte die -Stelle als Nervenspezialist am städtischen Krankenhause angenommen, -den Professortitel bekommen, spielte eine Rolle in der Gesellschaft, -und noch mehr seine schöne, lebhafte Frau, und er hatte auch die leise -Frau, die er sich geträumt hatte, in einer Patientin gefunden, die er -von jahrelangem Leiden gerettet hatte. Da starb ihm sein Sohn, und -nach einem Vierteljahr war er ein stiller Mann mit toten Augen und -lippenlosem Munde. - -»Tja«, scherzte Helmold Hagenrieder, als er mit ihm und Hennecke -hinter einer guten Flasche saß, »hier sitzen wir drei Weisen aus dem -Morgen- und Abendlande, hocherhaben über der blöden Menge und können -singen: ›Guter Mond, du gehst so stille!‹ Ja, lieber Hennig, du hattest -recht, als du mit zwanzig Jahren dichtetest: ›Nichts hoffen, aber -auch nichts fürchten, nie traurig, doch auch niemals froh; Ich möchte -sein, was ich gewesen; ach was, es ist auch besser so!‹ Stoßt an, -Brüder von der kalten Lamain; das Leben ist einer Hühnerleiter nicht -unähnlich: ziemlich dreckig, oder noch mehr einem Kinderhemde: kurz und -bescheiden. Na, wir haben es bald zur Strecke gebracht. Ha la lit!« - -Das meinte er aber durchaus nicht im trübseligen Sinne, und gleich -darauf erzählte er die tollsten Schnurren, ließ sich den Wein und die -Zigarre schmecken und ging um halb elf Uhr heim; denn der Alkohol war -ihm jetzt nur noch ein guter Freund, von dem er sagte: »Man darf die -Freundschaft nicht zum Verkehr ausarten lassen.« Einmal in der Woche -traf er sich mit Hennig und Beni beim Wein und einen anderen Abend ging -er in den Künstlerverein, um Billard zu spielen und zwei Gläser Bier -dabei zu trinken. - -Nur wenn Vollmond war, kam ab und zu die alte Unruhe über ihn; aber -dann sah er sich vor und fuhr nach Stillenliebe, tobte sich mit Klaus -Ruter, der inzwischen den väterlichen Hof übernommen hatte, hinter den -Karten aus und ließ sich von Annemieken die Brummfliegen wegjagen. - -Bei diesem Mädchen, das gar keine Bildung, aber ein Herz und einen -scharfen, wenn auch nicht weiten Verstand und viel Takt hatte, wich -alle seine Unruhe sehr bald. Zudem fesselte sie ihn, wenn auch wenig -mehr als Weib und auch kaum als Einzelmensch, sondern als Typus; das -Erdgebürtige, das Urwüchsige, Unverbildete ihrer Erscheinung und -ihres Wesens sagte seinem Urmenschenempfinden zu, und mit stets neuem -Erstaunen lauschte er den unwillkürlichen Offenbarungen, die ihrem -Unterbewußtsein entsprangen. - -Sie konnte eben noch lustig lachen, aber dann begannen ihre Augen -zu verschwimmen, und wenn sie sprach, hörte er nicht ein hübsches -Landmädchen reden, sondern sein Volk sprach zu ihm. Stundenlang konnte -er, die Pfeife im Munde, im Backenstuhle sitzen und in das offene -Feuer sehen, während Gift und Galle sich zu seinen Füßen räkelten und -die Katze auf seinem Schoße saß und schnurrte; ihm gegenüber saß dann -Annemieken, spann und sang mit nur halb entfalteter Stimme ein altes -Lied. - -»So kann man tausend Jahre sitzen,« sagte er, den Funken zusehend, die -um den Dreifuß sprangen. »Ja, Feuer ist Gesellschaft,« antwortete das -Mädchen und ließ das Rad weiter schnurren. - -Er sah sie groß an; dieses eine Wort, das einzig mögliche, um die -Bedeutung des offenen Feuers für das Seelenleben eines ganzen Volkes -wiederzugeben, eröffnete ihm einen Ausblick auf die Entstehung der -gesamten Volksdichtung. - -»Weißt du, Mieken, daß du eine Dichterin bist?« fragte er sie. Sie -nickte gleichmütig: »Ja, ich habe erst heute noch das Fenster -im Ziegenstall gedichtet«, und dann lachte sie, weil er ein ganz -verblüfftes Gesicht machte, denn das war der erste Kalauer, den er von -ihr hörte. - -Doch so ging es ihm oft mit ihr; sie hatte tausend Schubladen und -Geheimfächer in ihrer Seele, und manche davon waren so versteckt -angebracht, daß sie sie nur ganz zufällig fand und selber erstaunt -war über die alten Erbstücke, die darin herumlagen, einige noch -gut erhaltene, andere vergilbt und stockfleckig, mottenfräßig oder -schimmelig. - -Das Spinnrad schnurrte, der Tranküsel flackerte, rote Funken sprangen -hin und her, und die gewaltigen Pferdeköpfe des Herdrahmens warfen -unheimliche Schatten auf die Wände des Fletts. Mieken rührte die Arme -fleißig, und Helmold betrachtete mit zufriedenen Augen ihr reiches -blondes Haar, ihr frisches Gesicht, das bei jedem Lächeln drei Grübchen -vorwies, die vollen Brüste, die sich ungesucht unter dem weißen Hemde -und dem roten Leibchen abzeichneten, und die prallen Lenden, die -der blaue Rock umspannte, während die weiße Schürze sich im Schoße -verführerisch knickte, und er ließ sich von der alten Weise streicheln, -die der Kessel brummte und Annemieken summte, bis sie, mit verträumten -Augen vor sich hinstarrend, zu erzählen begann und ihn in die Zeiten -führte, da noch die Bäume rote Herzen hatten und jedes Tier eine -Sprache besaß, die von Menschenohren verstanden wurde. - -Sein Volk, das einzige, das er auf der Welt noch liebte, saß vor ihm -in Weibesgestalt, durchsichtig, wie ein tiefes Wasser, und ebenso -unergründlich, schön anzusehen und doch schrecklicher Geheimnisse voll, -und es blickte ihn mit hellen warmen Augen an, die einen Pulsschlag -später kalt und dunkel aussehen konnten. - -Er zerfaserte sein Verhältnis zu dem jungen Weibe, das vor ihm saß und -in völliger Selbstvergessenheit spann. Zu Bildern waren ihm die Frauen -im allgemeinen nun geworden; er konnte sie nur noch flächig sehen. -Bei Annemieken war das anders, die lebte um ihn; weniger sie selber, -als das, dessen Sinnbild sie war, als sein Volk, mit dem er sich eins -fühlte. - -Er dachte an die Stadt und lächelte in sich; Plunder, Volants, außen -und innen, ein Staffeleileben, zwecklose Ornamentik, Künstelei, das -Ganze ohne viel Sinn und Zweck. - -Er sah sich im Flett um; da war nur Zweck und gar kein Ornament. Selbst -die Mährenhäupter des Rahmens waren nur Zweck, eine Verbeugung vor -Wode, dem entthronten Gotte. Aber wie schön war nicht der Kesselhaken -in seiner ganz auf den Zweck gearbeiteten Form, wie schön jedes Stück -Geschirr an der Feuerwand, wie sinngemäß die kunstvolle Pflasterung des -Estrichs mit den geschwungenen Schmuckstreifen aus weißen Kieseln. Das -war Kunst, Kunst im Leben, nicht neben dem Leben, keine Staffelei- und -Atelierkunst. - -Überall lachte sie ihn an, die Seele seines Volkes, die ein Kunstwerk -aus jedem Geräte gemacht hatte, und nur deshalb, weil sie an Kunst -nicht dachte. Ob es nun der Kugelfußtisch war oder der Stuhl mit dem -Sitze aus Schilf, die Tranlampe oder der Tellerkranz, jedes Stück -erzählte oder sang in seiner leisen Art; desgleichen der Rosmarinstock -vor dem Fenster der Dönze und der grüne Topf, in dem das Allwundheil -wuchs. Das war die Welt, in die er hineinpaßte, in der er hätte leben -müssen, wenn auch nur als kleiner Handwerker. - -Hier tönte ihm noch ein Echo des wirklichen Lebens. Es war ihm ein -Bedürfnis, Annemieken die schweren Arbeiten abzunehmen; er fühlte -sich ganz hineingestimmt in diese Welt, er, der Mann, der dem übrigen -Leben gegenüber sich zum Außerhalbsbewußtsein hingefunden oder verirrt -hatte. Da war Ruhe und Frieden und langsames, bedächtiges Schaffen; -da war nicht jeder Augenaufschlag mit einem Lächeln gewürzt, wurden -Zärtlichkeiten nicht feilgeboten. Alles mußte erarbeitet oder erobert -werden. - -Unglaublich tief war das Verständnis dieses einfachen Weibes für -seine Art; denn es beruhte auf der uralten Überlieferung, auf nach -Jahrtausenden zählenden Gewohnheiten, auf einer unermeßlichen Erfahrung. - -›Hier ich, da du!‹ das war die Losung, und das Feldgeschrei -hieß: ›Jedem das Seine!‹ Da gab es keine Seelenvermanschung, -Persönlichkeitsverquirlung, nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie -zwischen dem Birnbaum im Grasgarten und dem Efeu, der ihn umwuchs. Vor -allem! man sprach nicht über Dinge, die mit Worten nicht zu ändern -sind, wie man seit Jahrzehntausenden wußte; man war zu klug und zu -gebildet und zu keusch. Man zog sich nie nackt vor einander aus, und -man quälte sich nicht mit Unmöglichkeiten. Man gab sich keine Mühe, den -anderen zu durchdringen; man wußte, jeder blieb doch für sich. So gab -es keine Enttäuschung und kein Entfremden, keinen kalten Blick nach dem -Nacken des anderen. - -Er trank den Rest Warmbier aus der zinnernen Kanne, die er neben dem -Feuer stehen hatte, klopfte seine Pfeife aus, hängte sie an den Nagel, -sah das Mädchen an und sprach: »Annemie!« Sie lächelte und ihre Augen -leuchteten, denn wenn er sie so anredete, das wußte sie, mußte sie ihm -irgendwie helfen. Sie sah ihn fragend an. Er fing an: »Annemieken, du -hast sie doch gesehen, damals, als ich so krank war?« Sie nickte. »Wie -gefiel sie dir?« Sie wiegte den Kopf hin und her: »Ich weiß nicht; das -war nicht Fisch noch Fleisch!« - -Er sah Swaantje vor sich. Ihre Augen hatten keine goldenen Blumen -mehr, sondern gelbe Flecke; ihre Stimme war nicht mehr weich, sondern -schwach; ihr Gesicht war zu sehr nach Mannesart geschnitten, und ihr -Haar roch nicht wie Mädchenhaar; was sollte er also mit ihr? - -Aber er hatte ein Anrecht auf sie, er wollte seine Satisfaktion von ihr -haben; wollte damit alles das, was er durch sie eingebüßt hatte, wieder -in sich hineinzwingen. »Aber das wird doch nicht gehen,« überlegte -er, nahm Annemieken in den Arm und küßte in ihr sein Volk, ließ sein -Bewußtsein in ihr untergehen, wärmte sein altes Herz an dessen ewig -jungem Leben. - -Als dann der Schlummer sein Denken schon zudecken wollte, war es ihm, -als ob seine Ehefrau neben ihm atmete, und sehnsüchtig gedachte er -ihrer. Er sah sie als Bäuerin im Hause walten, ruhig und bedächtig, -nur ihm und den Kindern lebend, unbekümmert um das, was außerhalb -ihres Hofes in der Welt vor sich ging, ganz und gar weiter nichts als -Frau Hagenrieder, von seiner selbstverständlichen Achtung umgeben, und -seiner vollen Liebe um so sicherer, als davon niemals die Rede war. - -Als er nach drei Tagen in der zweiten Wagenklasse heimfuhr, hatte er -ein Mädchen aus der ersten Gesellschaft zur Fahrtgenossin. Sie war -einst seine Tischnachbarin gewesen, hatte ihm in allen möglichen Dingen -widersprochen, bis ihm die Geduld riß und er freundlich antwortete: -»Ja, über bildende Kunst kann ich nicht urteilen, gnädiges Fräulein; -ich bin man bloß Maler.« Sie hatte erst einen roten Kopf bekommen und -glühende Augen, war aber dann ganz weich geworden und hatte ihn in -aller Form um Entschuldigung gebeten. - -Nun war sie wie Knetwachs in seinen Händen. Sie war sehr schön und -von reizendem Wesen, und er wußte es: »Ein Wort, ein Griff und du -hast sie.« Aber er hatte eingesehen, warum er noch vor kurzem jedes -Frauenherz annahm, das ihm hingehalten wurde; Seelen hatte er sich -vermählen wollen. Nun er einsah, daß das eine Unmöglichkeit war, riß -er sich zurück, unterhielt das hübsche Mädchen auf das beste, vermied -jene innere Annäherung und schied von ihr mit einem höflichen Lächeln. - -Am nächsten Tage mußte er abermals ein Herzchen dankend ablehnen. Er -war allein im Hause und Minna, das Kindermädchen, das mit einem Male -einen prallen Schürzenlatz und verlangende Augen bekommen hatte, umgab -ihn, als er zu Abend aß, mit so durchsichtiger Hingebung, daß die -Absicht mit Händen zu greifen war. Als er dann allein in der Werkstatt -war, erschien sie zweimal dort, reizend anzusehen in dem Waschkleide, -dem weißen Tändelschürzchen und dem Spitzenhäubchen in dem welligen -hellen Haar. - -Sie tat ihm leid, denn allzu deutlich bot sie sich ihm an, von der -Natur getrieben und aus dem Gefühle der Dankbarkeit heraus gegen den -allzeit gütigen Herrn; auch war er sich ganz klar darüber, daß er sie -begehrte, einfach deshalb, weil die Natur den reifen Mann zu dem eben -aufblühenden Weibe hinzwingt; aber er nickte ihr nur freundlich zu und -sagte: »Danke, liebes Kind, nun habe ich alles; wenn du noch etwas -ausgehen willst, so ist mir das recht. Es ist ein so schöner Abend.« - -Rüstig arbeitete er an seinem Bilde weiter, denkend: »Ich bin nicht -mehr jung genug für solche Dinge und habe also das Recht darauf -eingebüßt. Und sie ist zu schade dafür, mir weiter nichts zu sein, als -ein Spielzeug. Und sie wird nicht mehr an mich denken, sobald sie einen -findet, der ihrer Art ist.« - -Die nächste Zeit hatte er sehr viel zu tun, einmal mit seinen großen -Aufträgen und dann mit dem Doppelbildnis des Oberpräsidenten und -seiner Frau. Als es fertig war, schickte er es ihnen hin, und als er -am folgenden Tage dort eingeladen war und die Oberpräsidentin ihm -sagte: »Sie haben uns hoch erfreut, lieber Freund; wie sollen wir das -gut machen?« lachte er und sagte: »Dadurch, daß Eure Exzellenz mir -gestatten, noch oft kommen zu dürfen.« - -Im Verlaufe des Abends fragte der Hausherr: »Sagen Sie mal, Ihre -Familie war doch einst von Adel?« Der Maler nickte: »Jawohl, von -altem Bauernadel. Wir verarmten in Kriegszeiten völlig und legten die -Standesbezeichnung ab, denn sie war zum störenden Ornament geworden, -womit man überall anhakte. Ich besitze übrigens alle Papiere über mein -Geschlecht; der Stammbaum weist keine Lücke auf über sechshundert -Jahre.« »Ei, ei,« meinte der Gastgeber und sprach von etwas anderem. - -Einige Zeit darauf wurde Hagenrieder zum geheimen Hofrate ernannt. -Um den Glückwünschen aus dem Wege zu gehen, und um sich von den -gesellschaftlichen Anstrengungen zu erholen, fuhr er nach Stillenliebe. -Er hatte sich in Annemiekens Hause eine Dönze eingerichtet und wohnte -nicht mehr in der Wirtschaft. Die Bauern vermieden jede Anspielung auf -seine Stellung zu dem Mädchen; er gehörte so sehr zu ihnen, daß sie -sein Eigenleben ebenso achteten, wie sie ihr eigenes schützten. - -Alle, die ihn näher kannten, fühlten heraus, daß er nicht mehr der -lustige Mann war, als den sie ihn kennen lernten; aber da jeder von -ihnen selber einen Packen auf dem Nacken hatte, erbot sich keiner, ihm -den seinen tragen zu helfen, selbst der Vorsteher Klaus Ruter nicht, -sein bester Freund im Dorfe. Als der Pfarrer vom Kirchdorfe einmal bei -Ruter vorsprach, angeblich kirchlicher Angelegenheiten halber, und -anscheinend beiläufig auf das Verhältnis Hagenrieders zu Annemieken zu -sprechen kam, fragte ihn der Vorsteher: »Was trinken Sie lieber, Herr -Pastor, Bier oder Wein?« Da sprach der Geistliche schnell von etwas -anderem. - -So hatte Helmold Hagenrieder zwei Gesichter, das des Jägers und Bauern, -und das des Stadtmenschen und Künstlers. Er konnte die halbe Nacht mit -den Bauern trinken und Karten spielen, und er brachte es fertig, vier -Stunden lang im Frack der Glanzpunkt einer Tischgesellschaft zu sein. -Die Bauern ahnten nicht, daß der Mann, der mit jedem von ihnen auf -du und du stand, der bedeutendste bildende Künstler seiner Zeit war. -Als ein Reisender eine Zeitschrift im Kruge liegen ließ, in dem der -Geheime Hofrat Professor Hagenrieder beschrieben und abgebildet war, -machten sie zwar den verlegenen Versuch, ihm seine Titel zu geben, -aber da lachte er und sagte zu dem Wiebkenbauern: »Alter Döllmer! Soll -ich zu dir vielleicht Herr Vollmeier oder Herr Jagdvorsteher oder Herr -Gemeinderatsmitglied sagen? Professor und Geheimrat und das andere bin -ich, wenn ich die Kellneruniform anhabe; hier heiße ich Hagenrieder -und damit basta. Prost, Korl! auf daß deine Kinder einen klugen Vater -kriegen!« In der Stadt hinwiederum hatte man keine Ahnung davon, daß -der Herr Geheimrat, der fesselnde Plauderer, da hinten in der Haide -wie ein Halbindianer lebte und mit einem Mädchen, das mir und mich -verwechselte, selbst wintertags keine Hosen trug und mit dem Messer -aß, auf du und du und so weiter stand und ihr beim Holzhacken und -Stallausmisten half. Die einzigen Stadtleute, die darum wußten, Hennig -Hennecke und der Prinz, sprachen darüber nicht. - -Mehr als einmal hatte Helmold es vorgehabt, sich seiner Frau zu -entdecken; doch stand er davon ab, indem er sich sagte: »Wozu soll -ich sie ärgern?« Und dann wußte er auch, daß er ihr eigentlich gar -nichts verheimlichte, denn was war ihm Annemieken schließlich mehr als -ein Teil des Dorfes, ein Stück der Landschaft? Die Zeit der Liebe war -vorbei für ihn, also auch die Zeit der heimlichen Sünde. - -Er hatte sich jetzt völlig in der Hand; sein Herz lief Schritt und -Trab, wie er es haben wollte. Nur ein einziges Mal schlug es noch -etwas über die Stränge. Das war auf dem großen Maienfeste, das die -Künstlerschaft im Hirschgarten veranstaltete. Es fiel gerade in die -Zeit, in der sich Swaantje bei Benjamin einer Behandlung unterzog. -Sie wohnte bei Hagenrieders. »Ist es dir auch nicht unangenehm?« hatte -Grete gefragt. »Durchaus nicht,« antwortete ihr Mann. - -Mit einer gewissen Feindseligkeit im Herzen trat er ihr anfangs -gegenüber, doch fand er bald, daß er sich unnütz in Paukwichs geworfen -hatte. Ihre Stimme klang nicht mehr bis zu seiner Seele, und seine -Augen streichelten sie weder, noch drohten sie ihr. Er vermied aus -Nützlichkeitsgründen das Alleinsein mit ihr; ließ es sich aber nicht -umgehen, so zwang er sich zu einem leichten freundlichen Plaudertone. -Sobald sie aber eine ernste Frage anbrach oder an sein Innenleben -heranging, machte er kehrt. - -Ganz kalt beobachtete er sie. Sie war noch ebenso schön, wie einst; -aber er hatte zu lange hinter ihr hergeweint, als daß seine Augen für -sie nicht erblindet wären. Er liebte sie nicht mehr, und fühlte auch -keinen Haß gegen sie; sie war ihm nichts, als das Bild eines Menschen, -den er einst heiß geliebt hatte. - -»Schade,« dachte er, »daß es so ist; aber nichts ist überzeugender, als -die Wucht der Tatsache!« - -Er sah sie im Garten neben Grete stehen. Er zog sie mit den Augen aus, -betrachtete ihren Akt, gab ihr alle Stellungen und setzte sie jeglicher -Beleuchtung aus, schüttelte den Kopf und dachte: »Es war einmal! Ein -Segen, daß sie nicht meine Frau geworden ist.« Und mit einem Male mußte -er auflachen. Er hatte Professor Groenewald kennen gelernt, einen Mann, -der nach Eitelkeit und Kölnischem Wasser roch, Weiberhände hatte und -einen Brillantring trug. »Schmalzlerche!« hatte Helmold gedacht, als er -ihn sah. Nun aber dachte er: »Solche Männer, die keine sind, gefallen -so'nen Weibern, die keine sind.« - -Bei der Tafel hatte er Swaantje halb rechts gegenüber sitzen; ein -großer Strauß trennte zumeist ihre Blicke, so daß er sich völlig -seiner Tischdame widmen konnte, eben jenem schönen Mädchen, das ihm -einst in der Eisenbahn ihr Herz umsonst hingehalten hatte, und das -den rosenroten Namen Meinholde Marten trug. Sie war glücklich, neben -ihm sitzen zu können; ihre Augen funkelten noch mehr als die Demanten -in ihrem goldenen Haar und auf ihrem herrlichen Halse. Seine Blicke -streichelten ihre Schultern und stahlen sich dahin, wo ihre Brüste im -Schatten der Spitzen auf und abhüpften, ab und zu freudig errötend, -wenn eine zarte Schmeichelei oder ein kecker Vergleich sie in Erregung -versetzte. - -Niemals war Helmold bezaubernder gewesen, als an diesem Abend: er focht -Dessin mit seinen Worten, schlug ganz leichte Terzen an, gebrauchte -listige Finten und setzte dann eine Tiefquart dahinter, daß Lappen und -Knochensplitter flogen und die Abfuhr völlig war. Aber das war nichts -als Schlägermensur; mit dem krummen Säbel trat er erst an, als er sich -zum Trinkspruche erhob, denn da sah man den Renommierfechter. »Ich -habe den peinlichen Auftrag erhalten, den Trinkspruch auf die Damen -auszubringen,« begann er und sah kalt von rechts nach links in die -vierhundert verblüfften Augen. »Ich denke gar nicht daran, den Auftrag -zu erfüllen; denn,« er sprach es mit einem bösen Blicke, »den Frauen -und Jungfrauen will ich ein Lobredner sein, so gut ich es kann.« Alle -Augen wurden hell. »Dame, was ist das?« fuhr er fort; »ein wälsch Wort, -ein farblos Wort, ein Unwort. In der galanten Zeit kam es auf, und -bedeutete nichts Sauberes, schmeckte nach Liebelei, aber nicht nach -treuer Liebe, sagt doch der alte gute Friedrich von Logau: ›Was Dame -sei und dann, was Dama wird verspürt, daß jene Hörner macht und dieses -Hörner führt.‹« - -Er lachte lustig und rief: »Fort mit dem dämlichen Wort!« Und dann wand -er den Frauen und Jungfrauen einen Kranz aus roten und weißen Blüten; -er huldigte ihnen als Mann, nicht als Knecht; er gab ihnen die Hand, -küßte ihre aber nicht, die Kniee beugend; vergaß keine, weder die -vornehme Frau noch die einfache Magd, und dann schwenkte er ab, näherte -sich gefährlichen Punkten, daß die Männer unruhige Augen bekamen und -den Frauen das Herz stille stand, weil sie ihn schon abstürzen sahen; -doch mit einem harmlosen Lächeln gab er seinen Worten eine Wendung, -die ihn rettete. So führte er seine Zuhörer ein dutzend Male an -gefährlichen Abgründen vorbei, um sie schließlich zu einem Gipfel zu -leiten, von dem aus sich ihnen eine Aussicht bot auf lauter Sonne und -Wonne. - -Alle Augen an der Tafel waren erfüllt von dem Abglanze seiner Worte, -als er endete und hinter einem Gitter weißer Arme verschwand, die ihm -die Sektkelche entgegenstreckten, deren helles Klirren sich von dem -neidischen Beifallsgemurmel der Männer abhob, wie weiße Blumen von -abendlich dunklem Gebüsche. Doch am meisten leuchteten die Augen seiner -Tischnachbarin; als er mit ihr anstieß, hauchte sie: »Du!« - -Swaantjes Augen aber standen schwarz in ihrem weißen Gesichte; ihr -Mund war wie ein Strich, und ihre Hand lag geballt auf dem Tische. Sie -hatte das selbe Gesicht, wie an jenem Tage, als er in der Werkstatt um -einen Kuß flehend vor ihr stand, Tränen in den Augen. Nun stieß er, -sie unbefangen anblickend, mit ihr an und setzte sich nieder, seiner -Tischnachbarin ein Wort zuflüsternd, das Abendröte auf ihrem Gesichte -hervorrief. - -Keinen Augenblick ließ Swaantje das Paar mit den Blicken los, solange -die Tafel währte. Ihr Vetter merkte es wohl; als er sah, wie blaß sie -war, stieg ein unbehagliches Gefühl in ihm auf. Aber da er rundumher -nur zärtliche Augen erblickte, und der Sekt sein Blut erhitzte, und das -Mädchen, das neben ihm saß, ihn ganz in Anspruch nahm, und zudem der -Fliederstrauß Swaantje halb verbarg, so vergaß sein Herz sie. - -Und dann kam der Fackelreigen durch den dunkelen Wald, an dessen -Rändern die Nachtigallen schlugen, und er hatte das wunderschöne -Mädchen erst am Arm, und bald darauf, als der Zug sich auflöste, im -Arm, und der Kauz rief und der Waldmeister und das junge Buchenlaub -dufteten, und Helmold küßte Meinholde und sie küßte ihn wieder, bis sie -aufseufzte und flüsterte: »Nun geh! sonst reden sie über uns.« - -Dann aber fand er sich mitten im Trubel, stand vor Swaantje und bat -sie um den Walzer. Sie tanzte schlechter als sonst, und sah so bleich -aus, daß er sie zu einer Bank führte, sich zu ihr setzte und einen -leichten Ton anschlug. Sie antwortete matt und lächelte kaum, wenn er -etwas Lustiges sagte, und mit einem Male sah sie starr nach seiner -Hemdenbrust, stand jäh auf und sagte: »Ich muß einen Augenblick allein -sein; mir ist so sonderbar.« - -Als sie ihn verlassen hatte, nahm er das goldblonde lange Haar fort, -das an der Perle hing, die sein Hemd zusammenhielt, und er wußte -nicht, sollte er die Stirn runzeln oder lächeln. Aber dann erinnerte -er sich an das, was er sich an dem Tage vorgenommen hatte, als er den -Mordhirsch im Schandenholze geschossen hatte. »Blut um Blut!« dachte er. - -Am folgenden Tage fuhr er zur Jagd; absichtlich fuhr er in aller Frühe -fort, ohne Abschied zu nehmen. Als er nach einer halben Woche wieder -kam, nach jungem Birkenlaube und Post duftend, drei Birkhähne in der -Hand, traf er Swaantje ganz allein zu Hause, denn seine Frau hatte -einen Besuch zu machen und die Mädchen waren mit den Kindern aus. - -»Du siehst nicht besonders aus, Kleine,« sagte er und tätschelte ihr -die Backen wie einem Kinde. Sie bediente ihn beim Kaffee; er freute -sich der kraftlosen Anmut ihrer Bewegungen und nahm den Klang ihrer -weichen Stimme dankbar hin, suchte aber vergebens nach den goldenen -Blumen in ihren Augen und lauschte umsonst auf den Widerhall seiner -Liebe in seiner Brust. - -Wenn er sie ansah, war ihm zu Mute, als käme er in eine Stadt, in der -er einst viele liebe Freunde hatte, und nun waren sie alle tot. - -Doch als er dann in der Werkstätte war, dachte er: »Ich will sie an -ihre Schuld mahnen, jetzt gleich. Donnerwetter, sie ist und bleibt -doch immer eine Lücke in meinem Leben, über die ich in Gedanken alle -naselang noch stolpere!« Er gedachte der Nacht, in der sie in dem -Büchersaale von Swaanhof vor ihm stand in dem weißen Nachtkleide, den -hellen Schein der Kerze über ihrer Brust, auf die der Schatten des -Palmenwedels mit kecken Fingern deutete, und des Maientages, an dem sie -mit dem Rade fiel und ihre Röcke so schüttelte, daß ihre Hosen bis über -die Hüfte sichtbar wurden, und er sagte sich: »Ich will mir holen, was -mir zukommt; denn ich habe es mit meinem Leben erkauft. Also!« - -In diesem Augenblicke kam Swaantje aus dem Wohnhause und ging in den -Garten, ein Buch in der Hand. »Aha!« sagte er sich; »läuft der Hase -so?« Denn sie hatte ein weißes loses Kleid an, fast ganz so wie jenes, -das einst seine Hände hungrig gemacht hatte. - -Er ging ihr entgegen: »Du hast mein neuestes Bild noch nicht gesehen, -Swaantien,« sagte er. Sie wurde rot und folgte ihm. »Ach, wie schön,« -flüsterte sie und sah ihn mit hingebungsvollen Augen an. - -»Bleibe ein bißchen hier und erzähle mir was, Maus,« bat er und deutete -auf das Ruhebett. Sie gehorchte und sah ihm zu, wie er an dem Bilde -einige Stellen vollendete. - -»Ach was, malen!« rief er und stellte den Pinsel in das Glas; »ich habe -keine rechte Lust dazu!« Er schob einen Sessel heran und setzte sich -zu ihr. »Hast du nichts Neues geschrieben?« fragte er. Sie schüttelte -den Kopf: »Ich habe es aufgesteckt; ich habe gar kein Talent.« Er -lächelte in sich. »Ist auch besser so. Talentvolle Frauen sind keine.« -Und dann fragte er weiter: »Hat dir Benjamin geholfen?« Sie nickte: -»Etwas!« antwortete sie. Er strich über ihre Schläfe. »Immer noch die -alte Stelle?« Sie nickte und sah ihn dankbar an, denn seine Hand war -ihr eine Erquickung. Er legte den Arm um ihren Nacken, küßte sie auf -den Mund und flüsterte: »Meine Swaantje!« Ihre Arme erhoben sich, als -wenn sie seinen Hals umfassen wollten, aber dann stieß sie ihn zurück -und rief: »Aber Helmold, schäme dich!« Er ließ sofort von ihr ab und -lächelte: »Entschuldige, liebe Swaantje; das verflixte Kleid!« - -Als er zu Bette ging, fragte ihn seine Frau: »Hast du Swaantje etwas -Böses gesagt? Sie war so sonderbar und will morgen abreisen.« Er -errötete etwas, erwiderte jedoch ganz ruhig: »Ich! wie sollte ich dazu -kommen?« Doch ehe er einschlief, schämte er sich, einmal, weil er seine -Hände nach einem Weibe ausgestreckt hatte, an dem ihm nichts gelegen -war, und dann, weil er fühlte, daß er sie doch noch liebte, wenn auch -nicht als Weib. »Ich habe in ihrer Seele, die ich immer und ewig liebe -und begehre, mein Bild zerschnitten,« dachte er und nahm sich vor, sie -um Verzeihung zu bitten. - -Dazu kam er aber nicht, denn als er sie am Frühstückstische traf, sah -sie nicht bleich und elend aus, wie er gefürchtet hatte, sondern eher -froh und glücklicher, als in den letzten Wochen, und als sie abreiste, -nickte sie ihm aus der Wagentür freundlich zu. - -»Der Teufel soll aus den Frauenzimmern klug werden,« dachte er und kam -sich wie ein dummer Junge vor, der eine kokette Abwehr ernst genommen -hatte. Späterhin aber freute er sich des Mißerfolges. Was früher seine -höchste Wonne gewesen wäre, nun wäre es besten Falles weiter nichts -gewesen, als ein Vergnügen. - -»Ich hätte nicht mehr davon gehabt, als wenn ich die Zunge zum Fenster -hinausgehalten hätte,« dachte er, suchte einen bespannten Keilrahmen -heraus und entwarf ein Bild von ihr. - - - - -Der Sarg - - -Es wurde ein wahrhaftiges Kunstwerk; es war so schön, daß er dachte: -»Eine Liebeserklärung auf Leinewand!« Dann aber lächelte er und meinte -zu sich: »Nicht ganz, eher das Gegenteil.« - -Als er aber das Bild, bevor er es einpackte, noch einmal ansah, schien -es ihm doch anders. Er setzte sich ihm gegenüber und sah ihm in die -Augen, bis das weiße Mädchenangesicht, das hell und kühl aus dem -Schatten des Kiefernwaldes hervordämmerte, zu lächeln begann und mit -bittenden Lippen flüsterte. - -»Meine Nonne,« dachte er, »warum liebte ich dich so sehr, ohne dich zu -begehren? und begehrte dich, ohne dich zu lieben? Weil ich der einzige -Mann bin, der dich aus deiner Nonnenhaftigkeit erlösen konnte, aus -deinem eiskalten Alleinsein, dir ein Kind schenken, ein warmes Leben, -damit du des Nachts nicht frierst, wenn du erwachst?« - -Er dachte daran, daß alle Kinder Angst vor dem Mädchen hatten, oder -wenigstens keine Zuneigung für sie, und daß kein Mann sie ansah, -außer ihm selbst und Brüne. Und mit einem Male sah er den Freund, den -einsamen, der keine Frau hatte, und der vielleicht nie eine Geliebte -gehabt hatte, der zwischen seinen Büchern und Gemälden und Bildwerken -das tote Leben des unfruchtbaren Ästheten führte, und erkannte, daß -dieser Mann denselben unerfüllten Wunsch in den Augen hatte, wie -Swaantje, und dasselbe hoffnungslose Bitten um die Lippen. - -»Was ist es,« dachte er, »das diese Menschen zu mir hinscheucht -und mich zu ihnen, mich, dem alles Halbe, Unfertige, Dilettantische -gleichgültig ist? dem das Problematische kein Problem ist, und dem -das Rätselhafte nicht wert dünkt, es zu raten?« Er sah zwei Gärten -vor sich, von Mauern umschlossen, alte stille Gärten, deren Blumen -nur verstohlen dufteten, und in denen die Vögel ganz anders sangen -als sonstwo, ohne Wunsch und Wille. Er sah Brüne in weißer Kutte und -Swaantje in der steifen, kühlen Tracht der Bräute Christi, und beide -blickten ihn an mit wunschleeren Augen, in denen ein hoffnungsloses -Bitten lag. - -Er pfiff das freche Lied von der Lüneburger Haide, steckte sich -eine Zigarre an und dachte an die vielen, vielen schönen Frauen und -hübschen Mädchen, die in seinen Armen zerschmolzen waren. »Restlos -zerschmolzen,« dachte er und lächelte spöttisch; »Weh und Wonne -hinterlassen gleicherweise keine sichtbaren Spuren in der Erinnerung; -wenigstens nicht auf die Dauer.« - -Früher hatte er sich in lauen Stunden gern der roten Küsse erinnert, -die rechts und links in reicher Fülle neben seinem Wege blühten. -Sie waren verwelkt; dürre Stengel waren alles, was von ihnen übrig -geblieben war. »Das Leben lohnt sich wirklich nicht,« dachte er und -folgte einem Winke des Standspiegels. - -Er besah sich von oben bis unten, kehrte sich um und um, zerpflückte -sich und betrachtete die einzelnen Stücke. Seine Augen sprachen die -Worte Antars, des Dichters: »Wir gehören zu einem Geschlechte, das -nicht in seinen Betten stirbt,« tuschelten sie ihm zu. »Irrtum, -Herrschaften,« sagte er, »zu dem Geschlechte derer, die nur dann -glücklich werden, wenn sie nicht in ihren Betten sterben.« Er langte -die Chronik derer von Hagenrieder heraus, ein Werk Henneckes, blätterte -darin und sah, daß die Hagenrieder nur dann Glück fanden, wenn sie den -Pflug oder das Schwert geführt hatten. - -Sein Vater fiel ihm ein, der strenge, gemessene, kühle Kaufmann, der -daran gestorben war, daß er so oft verbindlich hatte lächeln müssen, -wenn er lieber gebrüllt und dreingeschlagen hätte, und daß er selber, -des früh Verstorbenen Sohn, niemals stolzer und froher gewesen war, als -wenn er die Faust hatte gebrauchen können, als Werkzeug, wenn er den -Garten grub oder Pürschsteige schlug, oder als Waffe. - -»So ist es,« sprach er vor sich hin, als er die Bilderkiste zunagelte; -»Kunst ist ungelebtes Leben, ist ein Notbehelf dafür, ein ganz elender -Ersatz!« - -Als er die Aufschrift auf die Kiste malte, mußte er lächeln; ihm war zu -Sinne, als schicke er seine Liebe nach Swaanhof, damit sie dort an die -Wand gehängt werde. »O, ich entbehre sie ja auch nicht mehr,« dachte -er. »Einst, als ich jung und heiß war, suchte ich in Swaantje den -Frieden des Schattens, seine kühle Ruhe, seine sanfte Stille; was soll -ich jetzt mit ihr, jetzt, da ich alt und kalt bin? Glut brauche ich -heute, sehr viel Glut und Licht und Farbe für mein kaltes Herz. Mein -ganzer Leib ist mit Küssen bedeckt, wenigstens bedeckt gewesen, aber -mein Herz hat keine davon abbekommen, mindestens lange nicht genug. -Aber Tränen sind reichlich darauf gefallen, doch die wärmen nur einen -Augenblick; sobald sie verdunsten, erzeugen sie Kälte. Das weiß ich -noch aus der Physikstunde.« - -Er schrieb den Frachtschein und freute sich, daß seine Handschrift -noch genau dieselbe war wie vor dreißig Jahren, anspruchslos, ohne -Schnörkel und übersichtlich. »Im Grunde bin ich ein ganz einfacher -Mensch,« überlegte er, »so gar kein bißchen kompliziert. Wenn ich -mir und anderen manchmal so vorkam, so lag es daran, daß dies Leben, -dies zivilisierte Leben von heute in diesem Koofmichzeitalter, -in dieser Ära des geistigen Mittelstandes, in dieser Periode des -bekömmlichen Durchschnittes, so kompliziert ist. Ach ja, die goldene -Mittelmäßigkeitsstraße! Freiheit für alle Unfreien, Gleichheit -zwischen Groß und Klein, Brüderlichkeit zwischen dem, was sich haßt; -schöner Blödsinn, an dem wir vor die Hunde gehen werden.« - -Die Sonne fiel plötzlich so in die Werkstatt, daß die Büchse an der -Wand grell funkelte. Er nahm sie herunter, spannte sie, stach den -Hahn ein, suchte ein Ziel, drückte ab, repetierte, stach wieder, -drückte wieder ab, schüttelte den Kopf und hängte sie an das Geweih. -Sein Gesicht war ganz ernst geworden. Er dachte daran, daß er lange -Zeit den heißen Wunsch gehabt hatte, eine Schlacht mitzumachen, aber -vorne, in den ersten Reihen. Er lächelte und sagte sich: »Na die, in -der ich mir damals den schweren Blattschuß, zwölf Ringe, faustgroßer -Ausschuß, geholt habe, die war schon blutig genug; vollkommen -invalide, knapp landsturmfähig kam ich nach Hause, und ohne Orden und -Kriegsauszeichnungen.« - -Er lachte, zog ein Buch aus dem Schranke, schlug eine Stelle auf und -nickte: »Hast recht, Tscheng ki tong, wenn du schreibst: ›Übrigens kann -so etwas nie genug kosten, denn nur die Vergnügen, die uns ruinieren, -haben wirklichen Reiz.‹« Er lächelte, als er das Buch wieder in die -Reihe schob: »Stimmt, alter Chinese, und mit den Schmerzen ist es -ebenso. Der Unterschied ist nur der, daß überstandenes Weh salzig -schmeckt, verlorene Wonne aber bitter. Man kann jedes Leid wieder -erleben, aber keine Lust.« - -Er ließ einen Dienstmann rufen, schickte die Kiste fort und vergaß -Swaantje, bis ein Brief von ihr kam, oder vielmehr ein Kasten, in dem -drei rote Rosen lagen, und eine Karte, auf der weiter nichts stand als -die drei Worte: »Lieber guter Helmold!« - -Sie klangen ihm wie ein Schrei. Dabei freuten sie ihn wenig und -schmerzten ihn kein bißchen, trotzdem er wußte, was sie bedeuten -sollten, eine demütige Abbitte und eine Hingabe auf Gnade und Ungnade. -Übrigens mangelte ihm auch die Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen; -ein ganz großer Auftrag nahm ihn vollkommen in Anspruch, ein Auftrag, -der sich nach jeder Seite hin lohnte: ihm war der gesamte Wandschmuck -und die Innenausstattung für das neue Schauspielhaus übertragen worden, -ohne daß er sich darum beworben hätte. - -Früher hätte er die Kasatschka getanzt, wäre ihm eine solche Arbeit -angeboten worden; jetzt verzog er keine Miene und sagte beim -Mittagessen so nebenbei: »Ich habe die Inneneinrichtung und alle Wände -für das Schauspielhaus bekommen, Grete, will aber Kersten, Ludemann und -natürlich für die Bildhauerarbeit Voß und Meinecke heranziehen. Mir -bleibt ja so noch genug übrig.« Seine Frau sah ihn groß an: »Wann hast -du den Auftrag bekommen?« und als er sagte: »Gestern abend,« wurde sie -ganz blaß. - -Denn war das noch ihr Mann, dessen fernster Traum es einst war, einen -solchen Auftrag zu bekommen? Und mit diesem Auftrag hatte er gut -geschlafen und den halben Tag gearbeitet, und er sprach davon, als wenn -er eine Kiste Zigarren geschenkt bekommen hätte. - -Angst und Trauer befielen sie, und nach dem Essen schrieb sie an -Swaantje, die bei Thorbergs in Weddingen war, daß Helmold den Auftrag -bekommen habe und für die nächste Woche in Stillenliebe zur Jagd sei. -Warum sie ihr das schrieb, wußte sie nicht; sie fühlte nur, daß sie -schreiben mußte. »Besucht ihn da doch einmal,« schrieb sie. - -Es war einige Tage später, da kam Helmold gegen Mittag von der Pürsch -zurück. »Es ist auch ein Brief für Sie da, Herr Hagenrieder,« sagte der -Wirt. Der Maler nickte und setzte sich, trank sein Bier und spielte -mit den Kindern. Als er nach dem Essen auf sein Zimmer ging, um zu -schlafen, sah er, daß der Brief, der auf dem Tische lag, von Swaantje -war. Sie schrieb aus Weddingen: »Tjark und Ilsabe und ich kommen heute -nach Ohlenwohle mit dem Mittagszuge; hole uns mit Gespann ab. Wir -wollen gern einmal Stillenliebe sehen. Deine Swaantje.« - -Ein Gefühl peinlichen Unbehagens, durchduftet von etwas Genugtuung, -überkam ihn. Aber als er über sich selber den Kopf schüttelte, fand er, -daß es weniger Genugtuung war als Freude, und auch weniger Freude als -Zärtlichkeit, und schließlich auch das nicht, sondern ein Gefühl, in -dem allerlei sich mischte, und das er nicht genau betrachten konnte, -weil etwas wie eine beschlagene Fensterscheibe davor war. Jedenfalls, -das fühlte er, jauchzte sein Herz nicht, und seine Seele schrie weder -Hurra noch Holdrio. Aber er war betrübt, daß er nicht gleich auf sein -Zimmer gegangen war und den Brief aufgemacht hatte. »Nun sitzt das -arme Mädchen in Ohlenwohle in der Kneipe und langweilt sich nach der -Schwierigkeit« dachte er. Daß Tjark und Ilsabe bei ihr sein mußten, -daran dachte er nicht. - -Er zog sich einen besseren Anzug an und war schon auf der Treppe, als -Reimers vom Treppenfuße aus ihm zurief: »Sie werden von Ohlenwohle am -Fernsprecher verlangt, Herr Hagenrieder, von einem Fräulein. Den Namen -konnte ich nicht verstehen.« Ganz ruhig ging Helmold in die beste -Stube und wunderte sich dabei, daß er so gelassen blieb. Aber sein -Herz machte doch einen kleinen Sprung, als er anfragte: »Bist du das, -Swaantje?« und er ihre Stimme und damit das ganze Mädchen dicht bei -sich hatte. »Tjark konnte nicht, er hatte wieder einen Gichtanfall, und -Ilsabe konnte deshalb auch nicht mit, und so bin ich allein gekommen,« -antwortete sie. »Kannst du hier über Nacht bleiben oder nicht, und -wann mußt du wieder zurück?« fragte er weiter. »Ich habe gesagt, ich -führe mit dem letzten Zuge, und der geht um sieben Uhr,« kam es zurück. -»Dann lohnt es sich nicht, daß du erst hierherkommst,« meinte er; »dann -komme ich mit dem Rade dorthin,« setzte er hinzu. Eine Weile war es -still. »Bist du noch da?« fragte er. »Ja,« rief sie; »dann komm, lieber -Helmold; das wird das beste sein.« Es kam ihm vor, als wenn ihre Stimme -mit einem Male ganz anders geklungen hätte. - -Er holte das Rad aus dem Schuppen und fuhr los. Er wunderte sich, -daß er so unsicher war; sonst fuhr er den schmalen Fußweg neben der -Haidstraße, ohne vor sich hinzusehen; nun mußte er die Lenkstange -festhalten und bewußt aufpassen, und wo bei einem Querwege eine sandige -Stelle den Pfad unterbrach, da wurde es ihm sauer, durch den Sand zu -kommen. Er schrieb das erst der Hitze zu, bis ihm einfiel, daß er um -drei Uhr aufgestanden war und seitdem keine Stunde gesessen hatte. - -Mit vor Schläfrigkeit gleichgültigen Augen sah er die herrlichen -Wacholdergruppen und den über und über mit goldenen Blumen behängten -Ginster an, der die Böschungen des Weges verbarg, und das Gezwitscher -der Hänflinge und das Geschmetter des Baumpiepers kam ihm unbekannt -vor, ja, er lachte nicht einmal, als ein Rehbock, der im Graben -gestanden hatte, so dicht vor ihm absprang, daß er ihn beinahe -umgefahren hätte. Erst als er im Lohkruge einen Schnaps und ein Glas -Wasser getrunken hatte, wurde er einigermaßen munter und konnte wieder -denken. - -»Was mag sie haben, daß sie mit dieser elenden Klingelbahn bei dieser -üblen Hitze drei Stunden gefahren ist?« dachte er und stellte sich -vor, wie sie angekommen war und allen Glanz aus den Augen verloren -hatte, als sie ihn auf der Haltestelle nicht vorfand. Und nun saß sie -in dem Kruge und wartete auf ihn. Aber warum hatte sie ihm auch keine -Drahtnachricht geschickt, sondern erst am Abend vor der Abreise den -Brief, der mit der üblichen Verspätung ankam? Und nun: was sollte es -zwischen ihnen geben? - -Als er den Morgen vor dem Moore stand und sich über eine Fuchsbetze -freute, die mit vier Junghasen im Fange auf zwanzig Gänge bei ihm -vorüberschnürte, hatte sein Gewissen ihm ganz gehörig die Leviten -gelesen. Er hatte an alle seine Liebschaften gedacht und sich gesagt, -daß er sich keine Vorwürfe darüber zu machen brauchte. »Banausen, -Philister, Fünfgroschenmenschen scheuen sich durchaus nicht, ihrer -Leidenschaft zu folgen; also warum soll ich, ein wertvoller Mensch, -mich zum Verzichten nötigen?« - -Aber da hatte eine fremde Stimme gelacht und gesprochen: »Du kamst dir -doch immer als Übermensch vor, mein Herze, nicht wahr, und billigst -dir dabei die Untermoral des waschlappigen Gesindels zu? Glaubst du -vielleicht, die Borgias und ähnliche Kerle waren Helden? Jämmerlinge -waren es, die sich kratzten, sobald es sie juckte. Rede dir nicht -selber etwas vor! Seinen Instinkten zu folgen, ist keine Stärke; -Schlappheit ist es, urmenschenhafte Schwäche oder Neurasthenie. -Außerdem warest du doch stets stolz darauf, ein Mann von Wort zu -sein; war dein Treueschwur vor dem Altar nicht ehrlich gemeint? Du -kannst dich vor dir entschuldigen, das kannst du, mit Schwäche, mit -Gedankenlosigkeit, mit was du willst; aber wenn du versuchst, dich zu -rechtfertigen, dann machst du dich einfach lächerlich. Du bist polygam -veranlagt, sagst du. Schön, aber dann hättest du Junggeselle bleiben -sollen. Du warst ja mehr als mündig, als du vor dem Priester dein -Ehrenwort gabest. Also rede nicht!« - -So kam er mit einem Herzen voller verschiedenartiger Empfindungen vor -dem Ohlenwohler Kruge an, grau und kühl wie der Himmel an einem toten -Tage. Der Wirt stand vor der Tür, als er vom Rade sprang. »Das Fräulein -ist rechts in der Stube,« sagte er. Swaantje saß auf dem unbequemsten -Stuhle, als er eintrat. Sie sah blaß und müde aus und hatte Schatten -unter den Augen; aber noch niemals war sie ihm so schön und -hilfsbedürftig vorgekommen. Sie errötete über das ganze Gesicht, als er -ihr beide Hände gab, und ihm war, als verlangten ihre Augen, daß er sie -in den Arm nehmen sollte, und daß er sie küssen möchte; aber er hatte -die Tür nicht hinter sich zugemacht, und auf dem Gange standen Leute -und vor dem Fenster auch, und da die Sonne darauf lag, hätten sie sehen -können, was in der Stube vorging. So drückte er ihr die Hand, zwang sie -in das Sofa und fragte: »Hast du schon etwas gegessen?« Sie schüttelte -den Kopf, und er ging hinaus und bestellte Kaffee und Zukost. Dann -setzte er sich vor den Tisch auf den Stuhl. - -Es wurde ihm schwer, etwas Vernünftiges zu sprechen. Der pilzige Geruch -des schlecht gelüfteten Raumes erstickte den Rest von Frische, der noch -in ihm war, und ein Mitleid, stark mit Verlegenheit durchsetzt, machte -ihn unsicher. Und Swaantje saß da, sagte nichts und sah ihn an, mit -einem rührenden Lächeln um den blassen Mund, und ihre Augen schimmerten -feucht. - -Endlich sprach sie mit einer weichen, farblosen Stimme, daß sie sich so -sehr auf Stillenliebe gefreut habe, und daß sie vor Enttäuschung nicht -habe schlafen können, als Tjark am Abend vorher seinen Anfall bekommen -hatte. Und daß sie ihm für das Bild doch endlich ihren Dank sagen -müsse. »Denn schreiben, lieber Helmold,« sagte sie und lächelte ihn an, -als wäre sie eben mit ihm getraut, »das konnte ich doch nicht, wie sehr -ich mich darüber gefreut habe.« Sie nahm seine Hand und drückte sie: -»Bist du mir immer noch böse, lieber Helmold?« - -Er wußte nicht, was er sagen sollte, und war froh, als die Wirtin mit -dem Kaffee hereinkam. Absichtlich bestellte er noch Brot und Butter -und dann eine Postkarte, denn er wußte wirklich nicht, wie er sich -verhalten sollte. Das weiße lose Kleid hatte sie nicht an, wie damals -im Garten, als er hinterher den Bajonettangriff auf sie machte; aber -sie war ihm nachgereist, die weiße Fahne in der Hand. - -Doch er traute ihr nicht und sich noch viel weniger. Ihr nicht, weil -sie ihm heute mehr denn je als reine Seele, als Nonne, als unsinnliches -Wesen erschien, und sich nicht, weil er sich nur als Bruder oder Vater -ihr gegenüber vorkam, und so gar kein bißchen als begehrender Mann. -Dabei war sie ihm noch nie so schön vorgekommen wie an diesem Tage. -»Zum Erbarmen schön,« dachte er. Gar zu gerne hätte er sie in den Arm -genommen, ihre Backen gestreichelt und ihre Stirn geküßt; aber er hatte -Angst, daß sie seine Liebkosungen mißdeuten oder Erwartungen daran -knüpfen könnte, die er nicht erfüllen konnte. So schleppte sich die -Unterhaltung lendenlahm und langsam hin. - -Endlich hielt er es nicht mehr aus. »Komm, Swaantje,« sagte er; -»wenn es dir recht ist, bummeln wir durch die Haide. In dieser Luft -schrumpelt einem ja das Gemüt ein.« Sie nickte ihn lächelnd an und -erhob sich, wobei sie ihm ganz nahe kam. Wieder wurde es ihm so zu -Sinne, als sei es seine Pflicht, sie zu liebkosen, und ihre Augen sahen -so aus, als sehne sie sich danach; doch abermals streckte der Gedanke, -daß nur ihre einsame, verwaiste Seele geküßt und umarmt sein wolle -und nicht ihr Leib, die Hand gegen ihn aus und hielt ihn zurück. Als -sie vor dem Spiegel ihren Hut aufsetzte, sah ihr Spiegelbild ihn mit -vieler Zärtlichkeit an, und er gab sich einen Ruck, um sie zu umfassen; -doch da polterte eins von den Kindern in das Zimmer, blieb mit offenem -Mund stehen, starrte das Mädchen an, wie einen Geist und stürzte -wieder hinaus; er aber atmete erleichtert auf, als sei er einer Gefahr -entgangen. - -Sie schlenderten durch die Felder und unterhielten sich mit Mühe. Erst -als sie in die Haide kamen, frischte ihr Gespräch etwas auf, flaute -aber immer wieder ab. Swaantje fragte, welcher Art die Bilder wären, -die er für das Schauspielhaus male; dadurch kam etwas Zug in ihre -Unterhaltung, so daß er schließlich, zumal er über die Schlafsucht -hinaus war, ganz lustig wurde, und es zu einem ganz fröhlichen -Geplauder kam, das aber rein äußerlicher Art blieb und sie im Grunde -mehr auseinanderhielt, als zusammenführte. Es war ihnen beiden zumute, -als schritte irgend ein langweiliger Mensch zwischen ihnen, den sie -nicht abschütteln konnten. Dazu begegneten ihnen fortwährend Leute, die -vom Heuen kamen, darunter Marien. Seitdem sie verheiratet war, hatte -Helmold sie nur einmal flüchtig gesprochen und sich darüber gefreut, -daß sie tat, als kenne sie ihn nur ganz oberflächlich. Auch jetzt -bot sie ihm mit unbewegtem Gesichte die Tageszeit wie einem fremden -Menschen. - -»Hier sind so viele Leute,« klagte Swaantje. Er nickte und bog mit ihr -in einen schmalen Pfad ein, der tief in das Haidkraut getreten war und -nach einem kleinen Wäldchen führte. Ein weißer Bussard, der auf einem -Irrsteine gefußt hatte, flog vor ihnen auf, und ein schwarzes Reh, das -sich am Zwergginster äste, sprang an ihnen vorüber. Da der Weg nur drei -Hände breit war, ging Helmold hinter Swaantje. Sie trug ein Kleid von -ähnlichem Schnitt wie an jenem Tage, als er mit ihr nach dem Tödeloh -ging, doch war es nicht rosenrot, sondern mattblau, und auch das Band, -das den weichen Strohhut umgab, war von derselben kühlen Farbe. - -Er nickte. »Ja,« dachte er; »damals erschien sie mir als rosenroter -Traum; heute ist sie mir eine mattblaue Erinnerung.« - -Er sah sich um; der eiserne Ritter ging nicht hinter ihm. »Meine -Liebe habe ich in der Bilderkiste eingesargt«, dachte er, »und mein -Verlangen; so blieb mir weiter nichts davon als das Gespenst. Aber ich -glaube nun einmal nicht an Gespenster!« - -Hinter dem Wäldchen lagen unter einer krausen Eiche zwei gewaltige -Findelsteine; auf den einen legte er seinen Mantel und wies ihn -Swaantje als Sitz an, auf dem anderen nahm er selber Platz. Vor ihnen -kroch der bleigraue Pfad durch die braune Haide und verlor sich -zwischen hohen Wacholdern und Ginsterbüschen, die mit ihren gelben -Blüten nur so prahlten; davor leuchtete das helle Grün einer quelligen -Sinke. - -»Wie wunderschön ist das,« seufzte das Mädchen, und ihre Brust hob sich -unter dem kühlen Kleide; »zum Weinen schön ist es,« fügte sie nach -einem Weilchen hinzu. Ihr Vetter nickte und dachte: »Ganz wie du.« Er -sah, daß ihre Hand zuckte, als wolle sie nach der seinen hin; aber da -der Raum zwischen den beiden Steinen zu groß war, so glitt ihr Arm an -dem Granitblocke herab und nahm eine Eulenfeder auf, die zwischen den -grünen Ranken der Krähenbeere am Fuße des Steines lag. - -Das Mädchen drehte die bunte Feder zwischen ihren farblosen Fingern, -besah sie mit gemachter Aufmerksamkeit und fragte, ohne ihren Vetter -anzusehen: »Von welcher Eule ist das?« Er antwortete: »Waldkauz« und -flötete halblaut den Balzruf dieses Nachtvogels. Ohne ihn anzusehen, -sprach sie: »Ich war neulich wieder einmal im Tödeloh.« Er erwiderte -nichts und sah nach dem runden weißen Fleck, der die Spitze des -höchsten und schlanksten Wacholders krönte. Er deutete mit dem Finger -danach: »Der große Würger,« sagte er. - -Das Mädchen nickte, räusperte sich und begann wieder: »Sage mal, -Helmold, was hast du dir eigentlich damals gedacht,« sie stockte, -scheuchte eine Mücke fort, die auf ihrem Arme saß und sprach dann -weiter, »damals, als ich dir in dem Walde sagte, du weißt doch, als uns -der Oberbürgermeister begegnete, daß,« sie stockte, »daß das, du weißt -ja, vorbei sei?« Er sah nicht auf und erwiderte mit gleichmütigem Tone, -über den aber ein tiefer Klang von Verständnis hinwegsah: »Das wußte -ich schon vor dem.« Swaantje nickte, strich sich mit der Eulenfeder -über die Stirne und fuhr fort: »Das war vorbei, seitdem du mir im -Tödeloh das eine Wort sagtest.« Er nickte, sah nach einem blanken -Raubkäfer, der eine Raupe umbrachte, und sprach leise: »Das schien mir -damals auch schon so.« Der Würger verließ den Wacholderbusch, rüttelte -eine Weile über der Sinke und strich mit klirrendem Rufe ab. Helmold -sah hinter ihm her. - -Die Brust des Mädchens hob sich schwer. »Du verstehst doch, lieber -Helmold,« sie sprach es matt, aber er vernahm die tiefe Zärtlichkeit, -die dahinter lag, »nicht wahr, daß ich nicht anders handeln konnte?« Er -nickte, sah sie aber nicht an. »Denn sieh mal, lieber Helmold, Grete, -du weißt, das ging doch nicht.« - -Ihm wurde immer trauriger zumute und immer hilfloser, ihretwegen und -seinethalben erst recht. Da hielt sie ihm nun ihr Herz auf den Händen -hin, dieses arme, ledige, verwaiste Herz, und er konnte es nicht -hinnehmen. Er wußte, was sie ihm gerne gesagt hätte, aber nicht sagen -konnte, daß Grete ihr nämlich dasselbe gesagt hatte, wie ihm, daß sie -an dem ganzen Unglücke schuld sei, das über ihn und das Mädchen und -auch über die Frau gekommen war, und daß sie drei zusammengehörten, daß -sie drei eins waren und sein sollten. Aber Swaantje wußte es nicht, und -er konnte es ihr nicht sagen, daß es dafür zu spät sei. - -Er sah, daß die Mücken häufiger flogen, und war ihnen dankbar dafür, -denn nun konnte er mit Anstand rauchen. Er scheuchte eine summende -Mücke fort, langte sich eine Zigarre heraus und zündete sie an. -Swaantjes Lippen versteckten sich. »Sieh mal nach der Uhr,« bat sie; -»ich glaube, wir müssen gehen, denn ich möchte nicht zu spät kommen.« -Sie fuhr heftig zusammen, denn in dem Gebüsch hinter ihnen schreckte -laut ein Reh. - -Sie gingen einen anderen Weg zurück. Die Frösche prahlten in den -Gräben, und eine helle Weihe schwebte über den Wiesen. Swaantje -schritt vor ihm her. »Mein Gott, mein Gott,« klagte es in ihm; »wie -schön ist sie, wie wunderschön!« Er sah ihre Nackenlocken an und den -vornehmen Bogen ihrer Backen und dachte: »Warum lege ich nicht meinen -Arm um sie, warum küsse ich sie nicht? Sie will es doch so gern.« - -Der Weg zwillte sich. Swaantje ging nach rechts. Er faßte sie unter -den Arm und zog sie nach links. Er hatte vorgehabt, sie an sich -heranzuziehen und ihren Mund zu küssen; aber als seine Hand wohl die -Wärme ihres Armes spürte und sein Herz sich doch nicht regte, ließ er -sie los und ging stumm hinter ihr her, bis der Pfad in den Weg einlief -und sie nebeneinander gehen konnten. - -Da begann Swaantje wieder zu reden: »Du bist mir doch nicht mehr böse, -lieber Helmold?« Sie errötete, als sie das sagte, und sah ihn halb von -der Seite an und mit einem Blicke, in dem Sehnsucht und Verlegenheit -miteinander rangen. Er lächelte sie an und versetzte: »Aber, Swaantje, -wie kannst du das denken!« Und dabei keuchte es in ihm: »Ja, aber warum -küsse ich sie denn nicht? Deutlicher kann sie es mir doch nicht zeigen, -daß sie sich selber zürnt, weil sie mich damals zurückstieß.« - -Er kam sich vor wie ein rätselhaftes Tier, das ihm noch niemals über -den Weg gelaufen war, ein Geschöpf, ebenso unheimlich, wie lächerlich. -In dumpfem Schweigen schritt er neben ihr her und rauchte. - -»Und zwischen dir und Grete ist auch alles wie früher?« fragte endlich -das Mädchen. Er seufzte und antwortete: »Ja, vollständig.« Nach einer -Weile fuhr er fort: »Das heißt, es bleibt doch ein Riß, Swaantje; denn -sieh mal, ich bin damals zerbrochen, und wenn der Bruch auch wieder -heilte, eine gewisse Schwäche blieb zurück.« - -Er räusperte sich, ehe er weiter redete: »Ich habe nämlich, verstehst -du? ich bin nämlich, ich werde nie wieder das sein, was ich war. Ich -bin alt geworden damals, zum Greis geworden, wenn ich auch nicht so -aussehe. Mein Mai ist vorüber, und der Sommer ist hin; ich bin beim -Grummet, beim dritten Schnitt; ich bin kein voller Mann mehr.« - -Er stockte, warf seine Zigarre in einen Tümpel und sprach leiser: -»Swaantje, ich, weißt du? ja, das ist nun so!« Er zeigte neben den Weg: -»Ich bin wie die Haide hier, zertreten und kurz, weil lange Zeit Tag -für Tag graue Gedanken auf mir herumtraten und mich kurz hielten.« Als -er sah, daß das Mädchen ganz blaß war, setzte er hinzu: »Doch du, liebe -Swaantje, meine Gefühle dir gegenüber sind die selben geblieben; wenn -ich auch ein anderer Mann geworden bin.« - -Sie antwortete nicht und hatte einen ganz engen Mund. Er sah nach der -Uhr. »Wir haben noch reichlich Zeit, was sollen wir so lange in der -muffigen Bude sitzen,« meinte er. »Wollen noch einen Umweg machen.« Er -schlug den Weg nach einem Birkenwäldchen ein. Die Augen des Mädchens -belebten sich, und ihr Mund blühte wieder auf. - -»So,« sagte er sich; »nun, sobald wir im Walde sind, und ich halte -Wort, soll sie den Kuß haben, den ich ihr schuldig bin, und mir das -geben, was sie mir schuldet.« Warm lief es ihm über die Brust, und mit -heißen Blicken streichelte er ihren Nacken. - -»Sieh mal, Swaantje,« sprach er mit zärtlichem Klange; »als wir nach -dem Tödeloh gingen, nahm ich mir fest vor, dich umzufassen und in mein -Herz hineinzuküssen. Ich habe dir das schon einmal gesagt; ganz fest -nahm ich mir das vor. Ich glaube, das wäre für uns beide gut gewesen. - -Vielleicht war es aber damals noch zu früh, weil du glaubtest, du -liebtest den andern noch, obgleich ich damals schon wußte, oder -vielmehr ahnte, daß es nicht so war.« Sie antwortete ganz leise: »Aber -ich habe dir doch niemals etwas gesagt, lieber Helmold.« Er schüttelte -den Kopf: »Nein, so schwer dir das auch wurde.« Sie seufzte und er fuhr -fort: »Das war stark von dir, und ich achtete dich darum hoch; aber -klug war es nicht. Es hat uns beide zerbrochen.« - -Sie sah ihn demütig an: »Aber ich konnte doch nicht anders, Helmold!« -Er lächelte sie zärtlich an, so daß sie rot werden mußte. »Nein, -Geliebte, du hast keine Schuld, und ich auch nicht. Sieh mal, ich kann -dich nicht so behandeln wie andere Frauen; du bist so ganz anders, und -ich empfinde dir gegenüber auch ganz anders! Im Tödeloh solltest du -mein sein, ganz mein sein, das hatte ich mir auf Ehrenwort versprochen, -und ich mußte es brechen, denn mein inneres Wollen stieß meinen äußeren -Willen beiseite.« Das Mädchen atmete schwer und drängte sich dichter an -ihn, denn der Weg war nur eben breit genug für sie beide. - -Da, wo der Weg sich teilte, kam ihnen ein stattlicher, sehr anständig -gekleideter Zigeuner zwischen zwei jungen, grell aufgeputzten Weibern, -die beide guter Hoffnung waren, entgegen. Helmold kannte den Mann; -er blieb stehen und rief: »Na, Jorgas Michali, wohin und woher?« Der -Zigeuner lachte und sagte: »Von der Windwiege nach dem Windgrabe, -Herr Maler.« Die Weiber sahen Swaantje an, wie ein Heiligenbild. »Na, -welche von beiden ist denn deine Frau?« fragte Helmold. Der Zigeuner -grinste: »Beide, Herr Maler!« Hagenrieder lachte: »Vertragen sie sich -denn?« Jorgas' Raubtiergebiß blitzte aus dem schwarzen Krausbarte -heraus: »Wollt' sie kuranzen, wenn nicht,« sagte er und machte eine -Bewegung mit der Hand, als wenn er eine Peitsche darin hielte, und die -Frauen lachten. Der Maler gab ihm eine Zigarre und jeder der Frauen ein -blitzblankes Markstück. Sie küßten ihm die Hände. »Viel Glück, Herr,« -riefen sie, verbeugten sich vor Swaantje und setzten hinzu: »und deiner -scheenen Frau ville Kinder!« - -Als die Zigeuner hinter den Büschen verschwunden waren, fragte Swaantje -leise: »Sind das wirklich beides seine Frauen?« Ihr Vetter nickte. -»Natürlich; er hat vielleicht noch ein paar. Jorgas Michali ist einer -der reichsten Häuptlinge; er hat drei große Häuser bei Berlin und -Geld auf der Bank. Und er hat eine schwere Hand. Horch, wie schön der -Kuckuck ruft! immer dreimal.« Er deutete nach dem Birkenwäldchen, in -dem der Kuckuck läutete und die Zippe schlug. - -Vor seinen Augen tanzten goldene Flammen, sein Herz schlug fieberhaft, -und der Atem pfiff ihm im Kehlkopfe. »Drei Schritte noch,« dachte er, -»drei Schritte noch, und ich küsse sie, und nehme sie mir.« Gerade -wollte er den Mund öffnen, um »Swaantje, meine Swaantje!« zu sagen, da -stand ein alter Bauer vor ihnen, der ihnen freundlich die Tageszeit bot -und sagte: »Na, dennso kriege ich noch feine Begleitung auf den Weg.« -Helmold wußte nicht, ob er dem Manne danken oder fluchen sollte; er -hörte nur mit einem Ohre auf das, was er erzählte, und wußte nicht, ob -er sich bedauern oder beglückwünschen sollte. Mit Gedanken, so umrißlos -wie Wacholderbüsche im Herbstnebel, kam er im Kruge an. - -Das Abendessen verlief anfangs recht still, obgleich Helmold sich alle -Mühe gab, das Mädchen aufzumuntern; doch da er, wie er wußte, um das, -was Swaantje am meisten am Herzen lag, herumgehen mußte, kam ihm jedes -Wort, das er sprach, unehrlich und verlogen vor. So war er froh, als -die Kastenuhr dreiviertel auf sieben meldete. »Noch zwanzig Minuten,« -sagte das Mädchen, und er fügte hinzu: »Ja, es ist schade, daß wir nur -die paar Stunden für uns hatten; wir haben uns so lange nicht gesehen.« -Sie sah ihn an und ihre Augen fieberten. »Ja, wenn sie mir den Wagen -nicht zur Bahn schickten,« sagte sie, schwieg einige Zeit und fuhr -fort: »Ich hätte so gern einmal Stillenliebe gesehen und länger mit dir -geplaudert. Wer weiß, wann wir uns nun wiedersehen. Muhme Gese will -nach Karlsbad, und ich muß wohl mit.« Mit einer hastigen Bewegung, die -so gar nicht ihrem wirklichen Wesen entsprach, haschte sie nach seiner -Hand, die auf dem Tische lag, führte aber ihre Absicht nicht aus, da er -vor sich hinbrütete, sondern drehte die alte Tasse um, als wollte sie -sich die Aufschrift ansehen. - -»Wollen gehen,« sprach sie dann matt und sah nach der Uhr. Er half ihr -in den Mantel hinein und klingelte dem Wirte. Der ließ die Türen hinter -sich offen, und während Helmold bezahlte, klang aus der Gaststube -lauter Gesang herüber. Swaantje wurde kreidebleich, als sie das Lied -erkannte; es war das, was Helmold ihr gesungen hatte, als er mit ihr -zum Tödeloh ging, das kecke Lied von dem Jäger und der Jungfrau im -schlohweißen Kleid. Ihre Augen wurden starr, und ihre Lippen verkrochen -sich, als es hinter ihnen herklang: »Denn deine Unschuld und die mußt -du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid, eins zwei.« - -Der Zug hatte Verspätung. Sie lehnten an dem Geländer. Swaantje sah -nach der alten Kiefer hin, die ihr düsteres Haupt hinter einem moosigen -Giebel erhob, und ihr Vetter betrachtete ihr Gesicht und wunderte sich -über sich selber. Plötzlich kehrte sie sich zu ihm: »Nun habe ich die -Hauptsache beinahe vergessen, lieber Helmold!« Sie drückte ihm die -Hand. »Ich danke dir viele Male für das Bild, viele Male!« Ihre Augen -wurden dunkel. »Du glaubst gar nicht, wie ich mich darüber gefreut -habe!« Wieder drückte sie seine Hand. »Ich dachte, du wärest mir böse -gewesen. Bist du das auch ganz gewiß nicht mehr?« - -Er wußte nicht, was er sagen sollte, und lächelte sie an, als er den -Kopf schüttelte, und er wußte, sein Lächeln mußte gefälscht aussehen. -»Ich bin dir nie böse gewesen, und wenn ich es einmal war, so redete -ich mir das ein, weil ich dir einen Begriff unterlegte, der nicht auf -dich paßte, dich als Weib schlechthin und nicht als das sehen wollte, -was du bist!« Etwas heiser klang seine Stimme, als er das sprach. - -Der Zug lief ein. »Schade, daß du nicht mitkannst, lieber Helmold,« -sagte Swaantje und umklammerte seine Hand; »in Bockshorn habe ich -fast eine Stunde Aufenthalt.« Helmold fühlte, daß ihm das Blut in das -Gesicht schoß. »Einsteigen!« rief der Schaffner. Helmold half dem -Mädchen in das Abteil und stieg auf den Tritt. »Lebe wohl, lieber, -guter Helmold,« flüsterte sie und beugte sich zu ihm herunter, als -wollte sie ihn küssen. Aber da schrillte die Pfeife, und eine harte -Stimme schnarrte: »Abfahren!« Er hatte eben noch Zeit, ihre Hand zu -küssen, und er küßte sie, daß sie seine Zähne fühlte, dann schlug der -Schaffner die Tür zu, und der Zug ruckte an. - -Swaantje stand an dem offenen Fenster, stützte den Ellenbogen auf die -Fensterleiste und hielt den Rücken ihrer rechten Hand, den Helmold -geküßt hatte, an die Lippen. Ihr Gesicht war ganz weiß, ihre Augen -sahen schwarz aus, und sie lächelte, daß Helmold elend zumute wurde. -Der Zug fuhr ab; das Mädchen nickte ihm zu, küßte ihren Handrücken und -gab ihm so seinen Kuß zurück, und nickte und winkte, solange ihr Vetter -in Sicht blieb, und ehe der Zug hinter den Bäumen verschwand, grüßte -sie ihn noch einmal mit ihrem Tuche. - -Das Schlußlicht des Zuges war schon lange unsichtbar, da stand er -noch auf der selben Stelle und starrte nach dem Walde hin. Er ballte -die Faust, denn er hätte sich am liebsten in das Gesicht geschlagen. -Er warf sich rohe Schimpfworte zu. »Du Idiot,« schrie es in ihm; »du -dreimal vernagelter Idiot; wie eine Dirne hast du sie behandelt! Warum -fuhrest du nicht mit nach Bockshorn? Weil du kein Nachthemd und keine -Zahnbürste bei dir hattest? Jahrelang wimmertest du hinter ihr her, -und nun, wo sie daherkommt im Brautkleide, den Myrtenkranz im Haare, -dachtest du daran, daß der Wagen sie in Weddingen erwarte, und daß du -dich für morgen mit dem Prinzen verabredet hast, und dabei hatte sie -gesagt: ›Ich möchte nicht gern zu spät kommen.‹ Bist doch sonst so -neunmalweise, und merktest nicht, daß das hieß: ›Vorausgesetzt, daß -du mich daran nicht hinderst, Geliebter!‹ Kauf' dir einen Strick, und -hänge dich an den ersten besten krummen Birkenbaum am Wege; mehr bist -du wahrhaftig nicht wert.« - -Der ganze Bahnhof drehte sich mit ihm herum, so daß er erst, als er -schon aus dem Dorfe heraus war, daran dachte, daß er sein Rad im Kruge -hatte. Er ging zurück, suchte es im Hausflur und im Stalle, bis ihm -einfiel, daß es im Schuppen stand. Endlich hatte er es. Ein quälender -Durst trocknete ihm den Hals aus; er wollte schon in die Gaststube -treten, ließ es aber und fuhr zum Dorfe hinaus. Ganz sicher fuhr er, -ohne auf die Sandstellen und Löcher im Wege zu achten, und so rasend, -daß die Leute, die ihm entgegenkamen, ihm verwundert nachsahen. Aber -in der Haide mußte er stoppen; sein Herz schlug ihm zu grob gegen die -Brust. - -Er sah über das dämmernde Land, an dessen Rande ein Ferngewitter -seine blutigen Witze riß. In einem schwarzen Wacholderbusche war -ein weißer Fleck; wie ein menschliches Gesicht sah es aus. »Das ist -meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje,« obgleich er -ganz genau sah, daß es der Stamm einer Birke war. Einzelne warme -Regentropfen fielen. »Jetzt weint meine Swaantje,« dachte er, »meine -geliebte Swaantje.« Ein Windstoß bewegte die weißen Zweige der Birken. -»Meine Swaantje ringt ihre Hände,« dachte er, »meine liebe, geliebte -Swaantje.« Einmal huschte so etwas wie Genugtuung über sein Herz, und -es war ihm, als wenn er dachte: »Nun habe ich die Rache für meine -Tränen«; aber dieser Gedanke wurde sofort vom Winde fortgewirbelt. - -Es begann stärker zu regnen; die Birkenbäume stellten sich wie -wahnsinnig an, und die Wachholder taten so, als wenn sie weglaufen -wollten; in der Ferne murmelte das Gewitter unverständliche Drohworte. -Die Regentropfen klatschten Helmold auf Gesicht und Hände und schlugen -ihm durch die Hose. Siedehitze kribbelte ihm unter dem Hute, und über -seinen Rücken lief ein eisiger Schauer. - -Vor sich sah er den Schneekrug; er blickte ihn mit zwei leuchtenden -Augen so einladend an, daß er absprang und sein Rad hinter die Krippe -stellte. Er besann sich einen Augenblick, ob er eintreten oder ob er -weiter fahren sollte, aber der Regen stürzte nur so aus dem Himmel, -und das Gewitter begann sich deutlicher auszudrücken. So schwenkte er -seinen Hut aus und trat ein. - -Er hatte noch niemals im Schneekruge vorgesprochen, aber er war -dort sofort zu Hause; es war eine Wirtschaft noch ganz von der -alten Art, mit brauner Balkendecke, Kugelfußtisch und den bunten -Bildern an den verräucherten Wänden, die des Jägers Hochzeit, Taufe, -Grab und Auferstehung darstellten, und die noch nicht von Plakaten -verscheußlicht und von einer Musikmaschine veralbert war. - -»'n Abend zusammen!« rief er, »binnen is 't besser als buten,« und -nahm an dem Tische unter der Hängelampe, an dem schon drei Bauernsöhne -saßen, Platz. »Mehrste Heu rein?« fragte er, als er seinen Kümmel und -sein Bier getrunken hatte. Die Bauern nickten, und bald war er mit -ihnen im besten Erzählen. - -»Ordentlich kalt geworden,« sagte der eine, und schüttelte sich. »Da -ist Grog gut für,« versetzte er und bestellte eine Runde; »aber nicht -mit so viel Wasser, sonst wird er zu kräftig,« setzte er hinzu, und die -Männer lachten. »Auf einem Glase kann man nicht gut stehen,« meinte -er, als die Gläser leer waren, und eine zweite Runde kam, und dann die -dritte. - -»Haben Sie's große Loos gewonnen?« fragte der eine Bauer, der ein -Gesicht hatte, als trüge er für gewöhnlich den Offiziersrock. -»Jawollja,« rief der Maler, »aber ich habe es vor der Ziehung verloren. -Das macht aber nichts. Herr Gastwirt, noch ein' Rundgang!« - -Es kamen noch vier Gäste, die nach Ohlenwohle wollten, aber von dem -Gewitterregen in den Krug gejagt waren, und nun wurde es ganz lustig, -denn zwei davon kannte Helmold. Rundgesänge wurden angestimmt, -und dazwischen Witze zum besten gegeben, daß der Saft bis an die -Deckenbalken spritzte. So wurde es fast zwei Uhr, als er fühlte, daß -er nichts mehr trinken durfte, wollte er sich in der Hand behalten. Es -regnete immer noch, und es war so dunkel, daß er nicht daran denken -konnte, zu fahren; so blieb er im Kruge. - -Er schlief sofort ein, als er in dem Bette lag, und wachte erst auf, -als die Uhr acht schlug. Frisch und munter kam er in die Gaststube, -lachte den Wirt, der über Haarweh klagte, aus, aß tüchtig, trank einen -großen Schnaps dazu, machte die Zeche glatt, steckte sich eine Zigarre -an und fuhr mit leichtem Herzen davon. - -Es war ein bildschöner Morgen. Am Himmel war keine einzige Wolke, die -Sonne lachte, die Vögel sangen, was sie nur konnten. »Heute müßte -Swaantje kommen, heute,« dachte er, während er durch die Pfützen -sauste, daß das Wasser spritzte; »heute bin ich ein anderer Kerl!« Er -kam sich gar nicht mehr so alt und kalt und abgestanden vor und stellte -sich für sein gestriges Verhalten ein gutes Zeugnis aus. »Denn,« sagte -er sich, »gestern litt ich an allgemeiner geistiger Körperschwäche und -war wirklich nicht hochzeitsmäßig gekleidet.« - -Dann dachte er, wie häßlich und dumm die äußeren Umstände waren, falls, -ja, falls er Swaantje bei alle den deutlichen Worten genommen hätte, -die sie nicht ausgesprochen hatte. Und er sah ein weißes Haus, das lag -vor einem grünen Walde, in dem viele Nachtigallen schlugen, und oben -in dem Hause war ein Zimmer mit roten Rosen auf den Fenstervorhängen, -und in dem Zimmer standen zwei Betten nebeneinander, und weiter kam er -nicht mit seinen Augen, konnte sich den Rest nur denken. - -Er schleuderte seine Zigarre in den Graben; sie schmeckte ihm bitter, -und er lachte sich selber aus, weil er einsah, daß er blanken Blödsinn -gedacht hatte. »Wenn du sie liebtest, mein Lieber,« so spöttelte er, -»dann wäre es dir gleich, ob das Haus weiß oder eselgrau wäre, und ob -es im Walde stände oder zwischen Straßenbahngeleisen. Du würdest dann -überhaupt nicht denken; nein, so unkeusch wärest du nicht; handeln -würdest du. Du liebst ja Swaantje gar nicht mehr; Swaantje ist tot. Du -hast sie in den Sarg gelegt, und den hast du zugenagelt und als Eilgut -zur Eisenbahn geschickt, samt deiner Liebe; das, was du dafür hältst, -das ist das Gespenst deiner Liebe, das auf dem Kirchhofe herumspukt und -dein totes Herz beunruhigt. Streue Kümmelsamen hinter dich, damit der -Spuk zurückbleiben muß!« - -Er nickte; es war so. Er sah sich in seiner Werkstatt stehen und -Swaantjes Bildnis in einen Sarg betten, in einen flachen Sarg, der aus -weißen Brettern zusammengeschlagen war; und ein Dienstmann mit roter -Nase holte ihn ab, legte ihn auf einen Karren und fuhr ihn fort, den -Sarg, Swaantje und Helmolds heiße Liebe zu ihr. - -Einst hatte er um Swaantje geweint; nun galten seine Seufzer seiner -toten Liebe. - - - - -Die Panne - - -In der nächsten Zeit kam er aber nicht dazu, an Swaantje und an seine -verstorbene Liebe zu denken und an sich selber, denn das Leben warf so -schwere Wellen gegen sein Dasein, daß alle seine leisen Gedanken von -dem Rauschen und Brausen überbrüllt wurden. - -Zuerst nahm ihn die Arbeit für das Schauspielhaus mit Leib und Seele in -Anspruch. Wenn er sich auch manchmal vorgeredet hatte, daß seine Kunst -ihn, seitdem er es darin zur Meisterschaft gebracht hatte, langweile, -das war doch nicht der Fall, besonders bei diesem Auftrage. - -Er hatte völlig freie Hand, sowohl was den Inhalt anbetraf, wie in der -Behandlung. Der Direktor Meier setzte ihm gar keine Schranken, und -die Bankleitung, die hinter dem Unternehmen stand, erst recht nicht. -»Machen Sie, was Sie wollen, Herr Geheimrat,« sagte Herr Meier, ein -blonder Jude, einst ein beliebter Tenor, nun infolge einer reichen -Heirat Millionär, »Sie werden schon das Richtige treffen.« - -Sie saßen hinter einer Flasche Wein, als Meier so sprach. »Sie haben -gut reden,« meinte der Maler; »früher glaubte ich, Schrankenlosigkeit -sei das beste für mich. Jetzt sehe ich ein, daß ein gewisser Zwang viel -bequemer ist.« Der andere nickte: »Glaub' ich; geht mir auch so. Wissen -Sie, was habe ich früher oft geflucht, wenn ich gerade das singen -mußte, was zu meiner Stimmung so paßte, wie der Igel zum Schnupftuch. -Jetzt, wo ich nur ab und zu in Konzerten singe, und singen kann, was -ich will, macht mir die Sache eh' keinen Spaß mehr. Das ist genau so, -wie mit der Liebe. Solange ich ledig war, konnte ich davon haben, -soviel ich wollte, machte mir aber nichts daraus, und ich kann Ihnen -sagen, es waren Weiber darunter, erstklassig! Na, und jetzt? Der Mensch -ist das meschuggenste Tier. Meinen Sie nicht auch?« - -»Stimmt,« sagte Hagenrieder. Er wünschte, daß Meier ihm die Stoffe -vorschriebe, meinte er dann. Aber der lachte und sagte: »Zerbrechen Sie -sich Ihren Kopf gefälligst darüber, was Sie malen wollen, und nicht -meinen; krieg ich das Honorar oder Sie? Malen Sie nur nicht so, daß -jeder Esel glaubt, er müsse sich dabei wer weiß was denken. Im Theater -soll das Volk nicht denken, sonst wird es gefährlich. Fühlen soll es -und das bar bezahlen, im Vorverkauf mit Rabatt. Dann ist das Geschäft -richtig.« - -Der Maler lächelte, weniger über das, was der andere sagte, als -darüber, was diese Worte in ihm locker machten. Er war lange -überzeugter Antisemit gewesen, bis er einsah, daß damit die Judenfrage -nicht zu lösen wäre, und daß dieses Volk für die Germanen bitter -notwendig sei, damit sie sich an dessen Emsigkeit aus ihrer angeborenen -Trägheit emporärgerten. »Und außerdem,« fiel ihm nun ein, »sie sind -doch gewaltige Umwerter und Anreger trotz oder vielmehr wegen ihrer -völligen Unproduktivität. Produktive Nichtproduzenten! Wie Figura -zeigt.« - -Denn die Worte des Direktors hatten ihn auf den Weg gebracht. Er sah -die Wände, die ihm zur Verfügung standen, sich mit Bäumen, Blumen und -Gestalten beleben, bei deren Anblicke der Fröhliche noch fröhlicher -wurde und der Betrübte seine Traurigkeit vergessen mußte. Eine Welt -wollte er malen, die leichte Herzen noch höher hob und schwere von -ihrer Unbeholfenheit befreite. - -Und das gelang ihm auf das beste. Als Meier die Entwürfe sah, bekam -er einen ganz roten Kopf und sagte: »Hab' ich es Ihnen nicht gesagt, -daß Sie was können? Wissen Sie was? Ihre Bilder sind allein das Entree -wert! Wahrhaftig, wenn ich nicht solch Theaternarr wär', möcht' ich das -Geld meiner Frau in Ihnen anlegen. Ob ich 'n Geschäft mach'?« - -Mit ganzem Herzen ging Hagenrieder an die Ausführung und hatte eine -Freude wie ein Kind, als seine Vorstellungen Form und Farbe annahmen. -Am meisten freute er sich darüber, daß er nur Schaffenslust, aber kein -Arbeitsfieber beim Malen hatte; er aß und schlief wie ein Junge, war -ein netter Gatte und Vater und dachte an seinen Auftrag bloß, wenn -er auf dem Gerüste stand. Alles, was er liebte und geliebt hatte auf -der Welt, brachte er auf die Wände, und so bedeckten sie sich mit -viel Licht und Sonne, und wer sie ansah, dem hob sich das Herz. »Herr -Geheimrat,« sagte ihm eines Morgens einer der Tischler, »gestern -hatte ich einen schweren Ärger gehabt und wollte mir eigentlich einen -andudeln; aber da sah ich mir ihre Bilder an und mir wurde gleich -besser, und so bin ich denn vernünftig gewesen.« Die Tage, Wochen und -Monde flogen dahin, wie die Schwalben, und kaum einmal kam Hagenrieder -dazu, auf sich und sein Leben hinabzusehen. Einmal war Swaantje auf -einen Tag gekommen; Karlsbad hatte auch ihr gut getan, und sie sah -frisch und blühend aus. Deswegen und weil er ganz in seiner Arbeit war, -zerwehte der Besuch ihm die Stimmung nicht, zumal er keinen Augenblick -mit ihr allein blieb. Als das Mädchen schrieb, sie käme, hatte er zu -seiner Frau gesagt: »Tu mir den Gefallen, Grete, und laß mich mit ihr -nicht allein,« und als seine Frau nickte, fuhr er fort: »Das arme -Mädchen! So ganz allein zu sein, das ist eigentlich das Schrecklichste, -was es gibt.« - -Einige Tage darauf hatte Direktor Meier ihn und seine Frau eingeladen. -Als Helmold gerade den Frack anziehen wollte, kam Grete hereingestürzt, -ganz unglückliche Augen in dem kreideweißen Gesicht, die linke Hand auf -dem Herzen und ein großes Schriftstück in der anderen. »Nanu?« rief er, -»was ist denn los?« Sie hielt ihm das Papier hin, setzte sich auf das -Bett und fing hellauf zu weinen an. »Lieber Helmcke,« schluchzte sie, -»um Gotteswillen, da, lies, ich habe, denke dir, wir haben, von Ohm -Mette haben wir fünfhunderttausend Mark haben wir geerbt.« Kaum hatte -sie das gesagt, so fiel sie in Ohnmacht. - -»Verdammter Blödsinn,« knurrte ihr Mann; »mußte der Esel von Anwalt -das auch jetzt gerade schicken!« Er klingelte nach dem Mädchen und -brachte mit ihr zusammen seine Frau zu Bett. Sie erwachte bald wieder, -sagte aber, ihr sei so schlecht, daß sie ihn nicht begleiten könne. -Er fühlte, daß ihr Herz zu eifrig arbeitete und ließ Benjamin rufen. -Der kam sofort, untersuchte den Herzschlag und verordnete ein leichtes -Schlafmittel, machte einen Umschlag und sagte lächelnd: »Na ja, liebe -Frau Hagenrieder, wer kann für Malhör! Morgen werden Sie den Schlag -verwunden haben.« Als er aber mit ihrem Manne allein war, sprach er: -»Hagenrieder, sie hat kein gesundes Herz von Hause aus. Wer hätte das -gedacht; solche blühende Frau! Also immer nett und freundlich zu ihr -sein, und sie mit Ihren Privatsorgen verschonen! Sie hat reichlich -viel Aufregungen und Kummer gehabt in den letzten Jahren.« Am anderen -Tage war sie aber schon wieder ganz vergnügt und freute sich in ihrer -kindlichen Weise über das viele Geld, und ihr Mann tat so, als ob ihm -auch so viel daran gelegen wäre, obgleich das durchaus nicht der Fall -war. Es war ihm natürlich angenehm, daß die Zukunft seiner Frau und -Kinder gesichert war, aber die Menge von Schererei, die die Erbschaft -mit sich brachte, weil ein Teil davon in Häusern und Grundstücken -bestand, war ihm sehr lästig, und es war ihm äußerst unbequem, daß er -deswegen mehrere Reisen machen mußte. - -Er hatte seine Frau gebeten, den Kindern nichts von der Erbschaft zu -sagen, aber sie hatten es in der Schule gehört, und Swaan sowohl wie -Swenechien trugen die Nasen nun noch einmal so hoch. Das verdroß ihren -Vater über die Maßen, und als der Junge eines Tages fragte: »Kaufen wir -uns nun ein feineres Haus?«, da fuhr er ihn recht grob an und fauchte: -»Wir? welcher Wir? Glaubst du, das Geld gehöre dir mit? In diesem Hause -ist deine Mutter zur Welt gekommen, und es entspricht der Stellung -deines Vaters vollkommen. Glaubst du, wir sollen uns mit solcher -Protzscheune lächerlich machen wie Noltens, als sie das große Loos -gewannen und sich gleich einen Nagel in den Kopf traten?« - -Swaan bekam einen feuerroten Kopf und würgte an seinem Bissen herum; -dann aber sah er Swenechien an und lächelte heimlich. Hagenrieder hatte -es schon öfter bemerkt, daß die Kinder über ihn lachten, wenn er ein -derbes Wort oder einen klobigen Vergleich gebrauchte, und anfangs hatte -er sich darüber gegrämt. Seitdem sein Herz aber kälter geworden war, -war es ihm gleichgültig, wie seine Kinder sich zu ihm stellten; er -wußte es, daß es sein Schicksal war, allein zu bleiben. - -In der ersten Zeit nach der Auszahlung der Erbschaft hatte Grete -einen Anfall von Einkaufsfieber gehabt; das hatte sich jedoch sehr -bald gelegt. Sie quälte ihn eine Zeitlang mit der Bitte, sich etwas -zu wünschen, bis er schließlich sagte: »Eine gute Doppelbüchse mit -Sicherheitsverschluß für rauchloses Pulver und Mantelgeschoß, elf -Millimeter, Nickelmantel und Stahlkern, die hätte ich schon lange gern -gehabt; war mir bloß immer zu teuer.« Er bekam sie zum Geburtstage, -und er überlegte lange, was er seiner Frau schenken solle, bis er -hörte, daß das Nachbargrundstück verkauft würde. Da erwarb er den -größten Teil des Gartens von dem Gelde, das er für die Ausmalung des -Schauspielhauses bekommen hatte, schickte seine Frau und die Kinder auf -acht Tage nach Swaanhof, ließ den Zaun abreißen und die Neuerwerbung -in den alten Garten hineinziehen. Grete bekam nasse Augen, als sie am -Morgen ihres Geburtstages von ihm in den Garten geführt wurde, denn -ihr Vater hatte einst, als er Verluste gehabt hatte, die Hälfte seines -Grundstückes an den Nachbar abgetreten, und jedesmal, wenn sie über -den Zaun sah, tat ihr das Herz weh, denn gerade das Stück jenseits des -Gatters war früher ihre liebste Spielecke gewesen. »Du einziger Mann,« -rief sie, und küßte ihn wie in der Flitterwochenzeit. »Aber nun darf -ich dir auch etwas recht Schönes schenken, nicht wahr?« jubelte sie; -»einen kapitalen Elch und einen Hauptbären? Bitte, bitte!« - -Er nahm lachend an; er wollte ihr die Freude nicht verderben. Vor fünf -Jahren hätte er ein Indianergeheul ausgestoßen, hätte er auf Elch -oder Bär jagen dürfen; nun waidwerkte er nur noch aus Gewohnheit, und -um mit Anstand den Asphalt hinter sich liegen lassen zu können. Wenn -er mit seiner Frau durch den Stadtwald ging, und die Ulenflucht kam -heran, dann sagte er wohl aufseufzend: »H' ach, ich muß doch einmal -wieder hinaus!« War er dann im Wald und auf der Haide, dann gab er sich -wenig Mühe um Bock und Hirsch, und wenn er den Finger krumm machte, -dachte er: »Hoffentlich hört es den Knall nicht mehr, daß ich es nicht -abzufangen brauche!« Mußte er es dennoch tun, so ekelte ihn das auch -nicht weiter; nur der Gedanke daran war ihm unbequem. - -Er fuhr schließlich mit dem Prinzen nach Rußland, legte auch einen -sehr starken Elchhirsch auf der Pürsche aus freier Hand auf die Decke, -schoß einen fast ebenso guten vor den Hunden, regte sich aber so wenig -dabei auf und schoß so kalt wie auf eine Geltricke, so daß er sich -sagte: »Den Bären will ich nun nicht mehr; erstens mache ich mir aus -dem Totschießen gar nichts mehr, und zweitens hat mir der Bär zu viel -Gemüt.« Der Prinz lächelte und sagte: »Du auch? Mir geht es ebenso.« - -Nach einer gut gelungenen Saujagd saß Helmold mit ihm im Jagdhause -vor dem brennenden Kamine. Das Gespräch tropfte langsam. Mehrere Male -schien es dem Maler so, als ob der andere etwas auf dem Herzen habe, -aber er fragte nicht; niemals waren zwischen ihnen persönliche Dinge -zur Sprache gekommen; immer nur hatte sich die Rede um Jagd, Kunst, -Literatur, Musik, Philosophie, Religion und Politik gedreht. Der Prinz -wußte, daß Annemieken Hagenrieders Geliebte war; er ahnte auch, daß -zwischen seinem Freunde und Swaantje ein Gewitter niedergegangen war; -doch nie hatte er ein Wort darüber verloren. - -Helmold war manches rätselhaft an Samlitz, den er von der Quarta an -kannte, aber er hatte niemals darüber nachgedacht. Jetzt, wo er in -seinen Augen eine schüchterne Bitte zu sehen meinte, fiel ihm ein, daß -er es noch nie bemerkt hatte, daß dieser große, ebenmäßig gewachsene -Mann mit dem Apollogesicht einen weiblichen Mund und unmännliche -Augen hatte, und es fiel ihm ein, daß Brüne so gut wie nie über -Frauen sprach, ihre Gesellschaft möglichst vermied und auch von ihnen -wenig beachtet wurde, und daß er ihn sich mit einer Frau im Arme -schlechterdings nicht vorstellen könne. Er war aber von dem langen -Wege im hohen Schnee so müde, daß der Gedanke, der in ihm aufstieg, -verschwunden war, ehe er ihn genau ins Auge gefaßt hatte. Am anderen -Morgen fand er die stumme Bitte nicht mehr in den Augen des Prinzen -und wunderte sich auch nicht, daß dieser ihm länger und fester, denn -je, die Hand drückte und sagte: »Lebe wohl, und auf ein schönes -Wiedersehen!«, denn Brüne hatte ihm gesagt, er habe eine längere Reise -vor. - -Drei Tage später, als er mitten in der Arbeit war, hörte er, wie die -vierschrötige Magd in ihrer groben Weise sagte: »Unser Herr ist für -niemand nicht zu sprechen«, und als er aus dem Fenster sah, mußte er -lachen, denn da stand Klaus Ruter, den Wolkenschieber auf die Nase -gezogen, einen grünen Schal um den Hals und in Kniestiefeln, wischte -mit einer einzigen Bewegung seiner ungeheuren Hand das Frauenzimmer -beiseite und knurrte: »Ich bin auch kein Niemand nicht; ich bin der -Vorsteher von Stillenliebe und ein Duzfreund zu deinem Herrn, daß du's -weißt,« und damit stieg er breitspurig quer über die verschneiten -Beete, und die Magd machte Augen wie eine Kuh, wenn es donnert. - -Helmold riß die Tür auf und rief: »Sieh, das ist ja fein, daß du dich -wieder mal hergefunden hast, Rutersklawes; nun riecht es hier doch mal -wieder nach Stillenlieber Torf!« Der Bauer sah sich um, stellte seinen -Eichheister in die Ecke, drehte dann den Schal von dem Halse und sagte: -»Du mußt nicht für ungut nehmen, daß ich hier so hereinkomme, wie ich -bin; ich hatte ein eiliges Geschäft und konnte mich nicht erst fein -machen.« Hagenrieder lachte, drückte ihn in einen Sessel und sagte: »Du -bist mir in Joppe und Kniestiebeln lieber als der König von Spanien in -Frack und Lackschuhen. Hast du schon gefrühstückt?« Ruter schüttelte -den Kopf, und so bestellte der Maler ein handfestes Frühstück. - -Der Bauer sprach erst von der Jagd, dann davon, daß das Dorf im -nächsten Jahre eine Haltestelle bekommen würde, und daß die Wirtschaft -in Ohlenwohle abgebrannt sei, und der alte Hillmers vom Schneekruge -hätte tags zuvor das Zeitliche gesegnet, und als er Messer und Gabel -hingelegt und seinen Schlußschnaps getrunken hatte und die Zigarre -anbrannte, sah er Hagenrieder etwas verlegen an, räusperte sich -und sprach: »So, weswegen ich hergekommen bin: es hat sich etwas -Unliebsames bei uns begeben, oder vielmehr ein Unglück.« Helmold riß -die Augen auf: »Mit Annemieken?« Klaus schüttelte den Kopf. »Nein, -der geht es gut, soviel ich weiß. Das heißt, ich habe sie manchen -Donnerstag nicht gesehen; denn wann komm' ich mal nach dem Osterhohl!« -Er drückte an seiner Zigarre, obschon die sehr gut brannte. »Es handelt -sich um den Prinzen.« Hagenrieder wurde es leichter um das Herz; denn -wenn Annemieken ihm seit längerer Zeit nur noch eine Freundin war, -oder vielmehr eine Zuflucht, war ihm die Stadt zu bunt und ihr Volk -zu laut, ihr Schicksal lag ihm doch sehr am Herzen, und er hatte sich -etwas erschrocken, als er sie das letztemal blaß und mager vorgefunden -hatte. Als Ruter nun ganz trocken fortfuhr: »Das heißt, ich glaube, daß -es sich um ein Unglück handelt, und daß er nicht selber Hand an sich -gelegt hat«, da wunderte Hagenrieder sich, wie wenig ihn das zuerst -berührte. - -Als Ruter sich aber verabschiedet hatte, kam es Helmold kalt in -seiner Werkstätte vor. Er zog die Schieblade auf, in der er seine -Skizzenbücher verwahrte, nahm ein grünes Heft heraus, schlug es auf, -besah lange das Blatt, auf dem der Prinz in voller Gestalt zu sehen -war, und die, auf denen sein Gesicht abgezeichnet war, setzte sich vor -den Kamin, stützte den Kopf in die Hände und sann lange nach, sich -dabei bittere Vorwürfe machend. - -»Ich hätte ihn doch fragen müssen; seine Augen baten so sehr darum,« -dachte er; »vielleicht lebte er dann noch.« Denn er wußte, es war ganz -ausgeschlossen, daß ein Unfall vorlag; so sorgsam, wie Samlitz, ging -kein Mensch mit Schußwaffen um. Ein einziges Mal hatte er ihn grob -werden sehen; das war, als ein Jäger beim Treiben mit dem Gewehr durch -die Schützenlinie zog. »Ist Ihre Waffe nicht geladen?« hatte er den -Herrn gefragt, und als der ein verwundertes Gesicht machte und sagte: -»Natürlich!«, kam die eiskalte Antwort: »Na, dann benehmen Sie sich -bitte dementsprechend!« - -Es stand für ihn fest, daß Samlitz Selbstmord verübt hatte. Er sann -vergeblich darüber nach, was der Beweggrund dafür gewesen wäre. -Mangel an Geld oder Schulden kamen nicht in Frage; seit fünf Jahren -war der Prinz sehr reich. Irgend eine schlechte Tat konnte auch -nicht vorliegen, denn er war ein zu gefestigter Mann, um sich einer -Leidenschaft hinzugeben. Helmold hatte ihn oft deshalb bedauert. -Niemals hatte er bemerkt, daß Brüne mehr als drei Glas Wein auf einem -Sitz trank, und über zwei Zigarren und eine Zigarette brachte er es -keinen Tag. Auch konnte kein Weib die Ursache dieses unpathetischen -Trauerspiels sein, weder mittelbar noch unmittelbar. »Vielleicht liegt -doch ein Unglücksfall vor,« dachte er schließlich. - -Am folgenden Tage wußte er, daß das nicht der Fall war. Zwar war -Samlitz unter einer Wildkanzel gefunden worden, aber gerade das machte -Hagenrieder stutzig; denn daß der Prinz mit geladener Büchse den -Hochsitz erstiegen haben könnte, das war undenkbar. Außerdem saß der -Schuß zu gut, Mitte Blatt. Aber den Ausschlag gab der Brief, der auf -dem Schreibtische des Prinzen lag, und der an Hagenrieder gerichtet -war, einen kleinen Schlüssel und folgende Zeilen enthielt: »Lieber -Freund, in dem Geheimfache meines Schreibtisches, das du hinter der -linken Schublade findest, liegt etwas für dich. Lies es, und sei gut -zu mir, wenn wir uns wiedersehen. Dein Brüne.« In dem Fache lag ein -versiegelter Umschlag, der Hagenrieders Namen trug und darin war ein -schmales, in schwarzes Leder gebundenes Büchlein, dessen fünfzig -Büttenpapierseiten mit der gesucht kräftigen Handschrift des Prinzen -bedeckt waren. - -Als Helmold das Buch zu Ende gelesen hatte, schüttelte er sich; -das Herz fror ihm. Er hatte geglaubt, sein eigenes Schicksal sei -schrecklich; das des Freundes war grauenhaft. Nun, da er tot und kalt -war, fühlte er, daß er ihn liebte, oder daß er ihn jetzt erst lieben -gelernt hatte. »Barmherzigkeit!« dachte er, »wenn ich das geahnt hätte! -Wie gern hätte ich ihm, wenn ich ihm auch nicht helfen konnte, die -Lippen geöffnet, daß er einmal in seinem Leben einem Menschen sein -Elend klagen und einen Teil davon abgeben konnte.« Immer und immer -wieder mußte er den Schluß der Niederschrift lesen: »Und weil mir das -Schicksal bestimmt hatte: du sollst nicht wissen, was Liebe ist, und -weil es mir keine Fähigkeiten gab, durch die ich der Menschheit nützen -konnte, und mein Elend dadurch vergessen, so bin ich ohne Liebe und -ohne Haß durch das Leben gegangen, ein überflüssiger Mensch, nicht mehr -wert, als ein seiner selbst unbewußter Trottel. Ich hoffe, daß mir -drüben das gegeben wird, was ich hienieden nicht kennen lernte: eine -Liebe und ein Haß.« - -Helmold ging an die Kredenz und trank drei Gläser spanischen Wein, -so fror es ihn. Und dann fiel ihm Swaantje ein, und er fand, daß ihr -Geschick dem des Toten ähnele, und er fühlte etwas wie Genugtuung, daß -er ihr wenigstens eine unglückliche Liebe aufgezwungen hatte. »Das -ist doch besser als gar keine,« dachte er und staubte den Rest der -Vorwürfe, die er sich ab und zu ihretwegen noch machte, von seinem -Gewissen herunter. - -Er besorgte alles, was der traurige Fall erforderte, und dann ging er -zu Annemieken, um an ihrem stillen Wesen Beruhigung zu suchen. Die -fand er bei ihr auch, so daß er am folgenden Tage dem Bruder des Toten -gefaßt gegenüber treten konnte. - -Er fand einen großen, schweren Mann mit gutmütigem Gesichte, dem man -es nicht ansah, daß er im französischen Kriege eine Batterie über den -Haufen geritten und hundert Buschklepper hatte zusammenschießen lassen. -Er hatte so etwas Bestimmtes in seinem Wesen, daß Hagenrieder mit der -Wahrheit nicht hinter dem Berge zu bleiben vermochte. Als der Fürst -das Buch gelesen hatte, fragte er: »Darf ich es behalten?« Der Maler -nickte: »Ich danke Ihnen, mein Freund,« sagte der andere ernst, indem -er ihm fest die Hand drückte; dann legte er das Heft in das Kaminfeuer, -und Hagenrieder schickte den Brief Brünes hinterher. - -»Daß etwas anders als ein Unfall vorliegen könnte,« fing der Fürst nach -einer Weile an, »vermutet hier niemand?« Als sein Gegenüber durch eine -Kopfbewegung verneinte, murmelte er: »Um so besser!« - -Hagenrieder begleitete den Fürsten nach Hohen-Samlitz, wo die -Beisetzung stattfand. Die Fürstin, eine sehr große und schöne Frau mit -jungen Augen und ganz weißem Haare, empfing ihn, auf einem Ruhebett -liegend. Nachdem sie dem vierten Kinde das Leben gegeben hatte, war -sie leidend geblieben. »Also Sie waren unseres armen Brüne einziger -Freund?« sprach sie leise, ihn voll ansehend; »er hat sehr oft von -Ihnen gesprochen und ganz anders als von seinen übrigen Bekannten. Sind -Sie sehr vertraut mit ihm gewesen?« Der Maler verneinte. »Also auch Sie -nicht, selbst Sie nicht! Er war so unglücklich sein Leben lang, denn -ich kannte ihn von klein auf. Die Mutter hat ihm gefehlt; sie starb, -bevor er sprechen lernte. Jetzt erst, wo er von uns gegangen ist, weiß -ich, wie gern ich ihn hatte; aber er war so unnahbar. Erzählen Sie mir -von ihm, wenn Sie mögen.« - -Obwohl Hagenrieder gleich nach der Beisetzung fortgefahren war, hatte -die Fürstin einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er während -der ganzen langen Fahrt ihr Gesicht vor Augen hatte. »Was ist das bloß -wieder mit mir?« dachte er; »ich habe mich glatt in sie verliebt, in -ihre Augen, ihr Haar, ihren Mund, ihre Hände und in ihre Stimme.« Es -bekümmerte ihn sehr, daß diese schöne, stolze und gute Frau, einst eine -der besten Reiterinnen im Lande, in deren Stimme so viel Kraft und -Leidenschaft lag, seit langen Jahren mit hilflosem Körper da lag, ein -Wrack am Strande. - -»Merkwürdig,« so sann er, »und ich liebe sie gerade deswegen. Und darum -liebte ich Swaantje auch so sehr, und darum liebe ich nachträglich -den armen Brüne, alles gefesselte Seelen, und das war es auch wohl, -was mich zu Annemieken zog, das Leid, das hinter ihrem hübschen -Kindergesichte lag.« Er hatte sie niemals gefragt, welcher Art das -Unwetter gewesen war, das sie erlebt hatte. - -Zwischen ihr und Helmold war aus der Liebschaft ein Verhältnis -geworden, wie zwischen Bruder und Schwester. Er schlief jetzt immer -im Kruge, denn das Mädchen sagte einmal: »Es könnte darüber doch -einmal so laut geredet werden, daß es in der Stadt zu hören ist; na, -und das willst du doch auch nicht gern!« Aber wenn er in Stillenliebe -war, kehrte er zum Vesper immer bei ihr ein und blieb bei ihr, bis es -Schlafenszeit war. Er saß dann im Backenstuhl am Feuer, rauchte, sah -ihr beim Spinnen zu, dachte an das, was ihm das Leben an Licht und -Schatten gebracht hatte und fand, daß er damit eigentlich zufrieden -sein könne. - -Ab und zu sah er in dem wirbelnden Herdrauche Swaantjes Gesicht. Ohne -Eigenleid dachte er an sie; denn er war sich ganz klar darüber, daß er -ihr mehr gewesen war als sie ihm. Er hätte ihr Leben ausfüllen können; -sie wäre ihm nur eine Ergänzung gewesen. - -Überhaupt sah er jetzt ganz klar. Eines Tages fuhr er im Kraftwagen -nach Stillenliebe, um den Pachtvertrag auf seine Person umschreiben -zu lassen. Hennig begleitete ihn, wie jetzt öfters, wenn er auch kein -Gewehr anrührte. Helmold hatte am Tage vorher einen langen Brief vom -Fürsten bekommen, der den letzten Willen Brünes betraf, und wonach -Hagenrieder mit der Bauleitung und Ausschmückung für ein Soldatenheim -betraut wurde, das der Verstorbene seiner ehemaligen Garnison stiftete. -Das Honorar war so hoch bemessen, daß der Maler dem Fürsten schrieb, -er wolle erst persönlich mit ihm Rücksprache nehmen. - -Gerade setzte er Hennig die näheren Umstände auseinander, da gab es -einen Stoß, und das Auto wollte nicht vom Flecke; die Vorderachse war -gebrochen. Da Hennecke sich den linken Schenkel etwas verstaucht hatte, -verbot es sich, daß er die zwei vollen Stunden nach Stillenliebe zu -Fuß abmachte; darum schickte Hagenrieder den Wagenlenker nach einem -Fuhrwerke. - -»Ein Segen, daß es sich aufgeklärt hat,« meinte Hennig und räkelte sich -im Haidkraute; »wenn es jetzt regnete, fände ich den Fall tragisch.« -Sein Freund lachte: »Optimist, der du bist!« Der andere zuckte die -Achseln: »Na, und du bist es ja auch.« Der Maler steckte sich eine -Zigarre an und sah gegen den Himmel, unter dem ein Gabelweih kreiste. -»Hm,« meinte er dann, »anders bleibt einem ja schließlich auch nichts -übrig, wenn man kein oberflächlicher Kopf ist. Sieht der Milan da nicht -herrlich aus, und wie schön die Haidlerche singt!« - -Er streichelte ein goldrot blühendes Moospolster. »Du hast einmal -gesagt, Hennig, man ist, wie man ist. Das stimmt. Was habe ich früher -an mir herumgebogen; Zweck hat es nicht gehabt. Ich habe immer gedacht, -als Bauer oder Trapper wäre ich glücklicher geworden; das war natürlich -Unsinn. Ich habe auch geglaubt, ich sei ein Ausnahmemensch, eine -untypische Erscheinung. Jetzt sehe ich ein, daß ich ein Typus bin und -dessen Gesetzen unterliege, mir selber keine schaffen kann. Weil ich -aber ein Künstler bin, bin ich stets unzufrieden gewesen. Zufriedene -Maler und Bildhauer und Dichter und Musiker, die gibt es wohl, aber -dann sind es eben Handwerker. Die Unzufriedenheit ist die Grundlage der -Kunst und alles andern Schaffens.« - -Er sah Hennecke an, lachte süßsauer und fuhr fort: »Früher, -hurra, was fühlte ich mich! Aber meine Kunst, die war doch eine -künstliche Maschine, wie diese rote Karre da, die jetzt mit -gebrochenem Schlüsselbein auf der Nase liegt. Vorzüglich in diesem -Koofmichzeitalter ist die Kunst kein solides Lebensfahrzeug. Das -Kunstwerk ist Ware geworden. Ich male ein Bild mit Hirn und Herzblut, -und dann kommt irgend ein weltfremder Kerl und kauft es, und ich und -mein Volk haben das Hinterhersehen. Ach ja, man sieht mächtig klar, -liegt man einmal neben der Karre im Straßengraben!« - -Er pfiff leise vor sich hin und fragte dann: »Stimmt das?« Sein Freund -nickte. »Ja, und dann,« spann er weiter an seinen Gedanken, »in dieser -barbarischen kulturlosen Zeit, in diesem exakten Präzisionszeitalter, -wo alles Wertlose seinen festen Barwert hat, führt die Kunst nicht -mehr, sie rennt hinterher und nebenher; sie schenkt nicht mehr, sondern -sie schachert; sie ist nicht mehr Königin, sondern Konfektionöse; dient -nicht dem Volke, sondern dem Kapital. Das habe ich wohl immer gefühlt, -aber nun erkenne ich es. Verfluchte Zucht!« Er warf seine Zigarre gegen -den Erdboden, daß es sprühte. - -Sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, als er weiter sprach: »Irgend -ein zielbewußter Idiot hat gesagt, der Künstler müsse sich selbst -genügen; das ist hervorragender Blödsinn! Der Künstler will wirken! -Wenn ich ein Mädchen in den Arm nehme, was suche ich dann: Vergnügen -oder Fortpflanzung? Ich meine das letzte! Aber uns bildenden Künstlern -von heute fehlt jede Fernwirkung; ein kleiner Zeitungsschreiber wirkt -weiter als der größte Maler. Alles verhunzt uns dieses Jahrhundert -der Schachermachai, Kunst, Liebe und Leben. Man existiert, aber man -lebt nicht, und macht man mal den Versuch, schwupp, beißt einen das -sogenannte Gewissen. Der Held dieses Jahrhunderts ist der Philister; -sogar ein Bismarck strich sich demgemäß an, um sich in dieser -halbseidenen Zeit durchsetzen zu können. Wir müßten einmal wieder -einen Krieg bekommen und gründliche Keile, das ist das einzige, was -uns helfen kann, damit wieder Männer oder besser, Kerle an die Spitze -kommen, statt dieser Knechte, die sich Herren schimpfen.« - -Er nahm einen roten Feuersteinsplitter auf, besah ihn lange und -murmelte: »Was hat uns bloß so minderwertig gemacht? Die Technik oder -das Christentum? oder der Protestantismus? Ich weiß es nicht. Aber ich -weiß: ich möchte Seeräuber gewesen sein oder Beduinenscheik und jetzt«, -er lachte Hennig an, »Mönch, aber nicht in einem Kloster, in dem Schuhe -und Stiefel unter demselben Bette stehen. Aber ich würde es doch wohl -nicht länger als acht Tage aushalten!« - -Er legte den Stein wieder in den Sand. »Quatsch! Ich will lieber -vespern; ich merke, mir wird flau. Vielleicht philosophiere ich dann -etwas positiver.« - -Hennecke lächelte, als er sah, wie tapfer sein Freund aß und welchen -gefährlichen Zug Portwein er hinterher nahm. »Das Essen schmeckt dir -ja noch anscheinend und der Wein auch,« meinte er, »und ich glaube, -ein junges Mädchen im Alltagskleide ist dir immer noch lieber, als ein -alter Pastor im Sonntagsstaat. Hm?« Der Maler verlor mit einem Male -jede Spur von Humor aus den Augen, lachte dann aber laut auf und sagte: -»In der Theorie, ja! Sonst aber, weißt du, Hennig, die Frauen sind mir -in der Hauptsache nur noch hübsche Bilder, und du weißt, ich mag in -meinen Räumen keine Bilder leiden.« - -Er sah dahin, wo ein Turmfalkenpaar über einem Birkenwäldchen schwebte -und laut kicherte, und er dachte an die junge frische Witwe, die ihn, -den halbreifen Knaben, die Liebe gelehrt hatte, oder vielmehr die -Lust. Früher hatte er immer gedacht, daß das ein Glück für ihn war; -nun erkannte er, daß es sein Verderben gewesen war, denn seitdem hatte -er kein hübsches Weib ansehen können, ohne es zu begehren. Nur in -der Zeit, da er lichterloh für Grete brannte, hatte es für ihn keine -Frauen gegeben; aber dieser Zustand der Reinheit hatte auch nicht lange -gedauert. - -»Das kommt vom späten Heiraten«, dachte er; »stückweise habe ich mein -Herz verschleudert und es unkräftig für eine große Liebe gemacht.« -Einst hatte es seiner Eitelkeit geschmeichelt, daß so viele Frauen -und Mädchen seine Augen suchten; nun sah er den Grund dafür ein. »Sie -sahen in mir den liebeshungrigen, ungesättigten Mann, den unglücklichen -Mann, hatten Mitleid mit mir, und Mitleid und Zuneigung sind -Zwillingsgeschwister.« Er schämte sich. »Pfui, Mitleid! Das empfindet -man mit Krüppeln.« - -Ihm fiel der seltsame Blick ein, mit dem Prinzessin Almut ihn bei der -Beisetzung angesehen hatte. Das hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt, -aber weiter keine Wirkung auf ihn gehabt, obgleich das junge Mädchen -eine Schönheit war und Augen hatte, wie ihre Mutter. Der Blick, mit dem -sie ihn ansah, hätte ihn früher in Brand gesteckt; jetzt wurde er kaum -warm davon. - -Daß es so war, merkte er, während er eine Woche darauf auf -Hohen-Samlitz zu Gaste war. Als er mit dem Fürsten und der Fürstin über -Brünes letzten Willen sprach und meinte, daß das Honorar das übliche -Maß weit übersteige, erwiderte der Fürst: »Ihre Kunst ist überhaupt -nicht mit Geld zu bezahlen: bitte fassen Sie die Summe nur als Sinnbild -der Wertschätzung auf, die mein Bruder Ihnen entgegenbrachte.« -Da schwieg der Maler. Als der Fürst ging, fragte die Fürstin, ob -Hagenrieder nicht Lust habe, sie alle zu malen, und da versetzte er: -»Durchlaucht verzeihen, aber ich glaube, das ist nicht gut«, und als -sie ihn verwundert ansah, sagte er leise und er wurde ganz rot dabei: -»Ich bin nicht eitel, Euer Durchlaucht, aber ich habe ein sehr bitteres -Erlebnis gehabt, und seitdem habe ich das Unglück, auf Frauen von -Herz sonderbar zu wirken, und noch mehr auf ganz junge Mädchen, die -Mitgefühl und Liebe verwechseln.« - -Die Fürstin sagte nichts, hielt aber bei der Tafel die Augen offen, und -so entgingen ihr die Blicke nicht, die ihre jüngste Tochter dem Maler -schenkte. Geflissentlich fragte sie ihn nach seiner Frau und seinen -Kindern, und von da ab sah Almut auf ihren Teller. Nach dem Essen bat -die Fürstin ihn, ihr das Bild seiner Frau zu zeigen. Er holte es, und -sie ließ es rund gehen. Die Prinzessin war ganz blaß, als sie es ansah, -so daß ihre Mutter sie zu Bett schickte. - -Hatte auf der ersten Rückfahrt von Hohen-Samlitz die Fürstin Helmolds -Gedanken beschäftigt, so sah er während dieser Reise das Gesicht ihrer -Tochter vor sich und späterhin noch oft genug. Er stellte es sich -vor, welch ein Glück es sein müßte, sie im Arme zu halten und küssen -zu dürfen, aber es schien ihm doch, als wenn er sie nur wie ein Vater -würde küssen können, und daß das zärtliche Verlangen, das ihn in der -letzten Zeit ganz jungen Mädchen gegenüber beschlich, wohl darauf -beruhte, daß es ihm an einer Tochter fehlte, die in ihm aufging; -denn Swenechien entfernte sich immer mehr von ihm. »Ich habe zu spät -geheiratet,« dachte er; »die Kinder haben keine Schuld, daß sie fern -von mir stehen; ich bin zu alt für sie, zu alt und zu kalt. Und darum -ist eine Kluft zwischen ihnen und mir.« - -Seine Augen verhärteten sich; denn sein Verstand raunte ihm zu: »Sie -reden Unsinn, Herr Hagenrieder; jeder Mensch bleibt für sich allein; -versuchen Sie logisch zu denken, und Sie werden einsehen, daß Sie vom -Wege abgekommen sind und sich verbiestert haben. Solange man verliebt -ist, ist es anders; aber das hält nicht vor, ist also ein plumper -Schwindel von der Natur, die euch damit ihren Zwecken dienstbar macht. -Und ist die heiße Liebe abgeblüht, dann gibt es einen Kompromiß mit den -notwendigen Kompromißverständnissen. Kein Mensch kann aus seiner Haut -heraus, keiner sein Ich dem andern geben, Mann und Frau sich nicht, -Eltern und Kinder sich nicht.« - -Sein Herz wehrte sich gegen diese Worte, aber es konnte nichts -Triftiges darauf erwidern, und ihm wurde kalt vor Einsamkeit. »Leben -wir denn bloß, um uns fortzupflanzen?« fragte er. - -Das Soldatenheim brachte ihm aber so viele Arbeit, daß er keine Zeit -behielt, sich zu bedauern. Auch Ärger brachte ihm der Auftrag, denn der -kommandierende General, ein straffer, kurz angebundener Herr, machte -wiederholt Versuche, ihn in der Wahl der Stoffe zu beeinflussen, bis -Hagenrieder die Geduld riß und er sagte: »Nach dem letzten Willen -meines Freundes habe ich unbeschränkte Vollmacht! lehne ich den Auftrag -ab, so fällt das ganze Unternehmen.« Da ließ ihn der General in Ruhe. - -Hagenrieder arbeitete nun darauf los, wie es ihm gefiel. Er hatte in -der Garnison einen tüchtigen jungen Baumeister gefunden, dem er trotz -aller Quertreibereien der einflußreichen Klüngelkreise den Bau gab. Er -hatte ihn gefragt, wie er sich das Haus denke: »Einfach und gemütlich,« -hatte Kolden geantwortet, und der Maler erwiderte: »Sie sind mein Mann.« - -Als der Bau fertig war, gefiel er ihm so sehr, daß er voller Freude -an die Arbeit ging. Er verzichtete vollkommen darauf, die Wände mit -Schlachtenbildern zu bedecken; er malte Landschaften mannigfachster -Art, in deren Vordergründen der Bauer bei der Arbeit dargestellt war. -Nur die Hauptwand des Vortragssaales bekam ein Bild anderer Art, eine -weite Herbsthaide, rechts und links von goldenen Birken umschlossen, -und über die Haide ritt an der Spitze seiner Reiter, die wie Schatten -aus dem Frühnebel auftauchten, der König als oberster Kriegsherr. - -»Ich habe immer gedacht, Uniformen könne man nicht malen,« sagte -Kolden; »ich habe mich geirrt.« Der Maler lachte: »Ja, ohne die -Eselsbrücke mit dem Nebel wäre es auch nicht gegangen.« Aber er freute -sich selber, daß das Bild ein Kunstwerk geworden war, und als der -kommandierende General ihm die Hand schüttelte und sagte: »Ganz recht -von Ihnen gewesen, daß Sie sich mein Dreinreden verbaten; Sie haben -alle meine Bedenken schlank übergeritten,« da fühlte er, wie ihm das -Gesicht heiß wurde. - -Am Tage darauf war er bei dem General zu Tisch geladen. »Sagen Sie -mal, was haben Sie eigentlich,« fragte der ihn beim Braten; »machen -immer so hinterhältsche Augen. Auf ihr Wohl!« Helmold lachte und sagte: -»Schlechte Kinderstube, Exzellenz!« Nach aufgehobener Tafel überreichte -er dem Gastgeber ein gestempeltes Schriftstück. Der alte Herr, der -drei Feldzüge mitgemacht hatte, zog die Augenbrauen immer höher, je -länger er las, und ließ sogar seine Zigarre ausgehen. Dann legte er das -Aktenstück auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, sah seine Frau, -den Adjutanten, den Baumeister und dann den Maler an, holte tief Luft -und stöhnte: »Na, das muß ich aber sagen; besser konnten Sie es mir gar -nicht geben. Hört mal, Kinder: unser Freund hier verzichtet auf das -ganze Honorar zugunsten des Militärhülfsvereins. Pff! Ich muß einen -Kognak trinken. Erst Gänsebraten und dann der Schreck!« - -Hagenrieder hatte die Schenkung gemacht, weil eine wahrscheinlich -von den Klüngelkreisen beeinflußte recht minderwertige Zeitung eine -Andeutung gemacht hatte, als habe er Samlitz bewogen, ihm den Auftrag -zuzuwenden, und dann war ihm auch zu Ohren gekommen, daß an einigen -Stammtischen gesagt war, mit dem vierten Teile der Summe wäre seine -Arbeit reichlich bezahlt. Er lachte aber nur, als er einige Zeit darauf -das plumpe Lob las, das ebendieselbe Zeitung vor seiner Hoteltür ablud, -und als er mit den Leuten zusammenkam, von denen er wußte, daß sie -ihm von hinten gegen den Rock gespuckt hatten, ließ er es sie nicht -merken, daß er genau darüber unterrichtet war. Aber als er mit ihnen -anstieß und ihnen freundlich zunickte, dachte er: »Ach ja, ich kann -mich sogar diesem Gesindel gegenüber beherrschen; was hätte es mir -früher für einen Spaß gemacht, ihnen die Reißzähne zu zeigen. Man wird -alt.« - -Zu der Einweihung des Soldatenheimes erschien der König selbst. Er -zeichnete Hagenrieder sehr aus und ließ sich sagen, welche Absicht er -gehabt habe, daß er bis auf das eine Bild lediglich bäuerliche Arbeit -dargestellt habe. »Ja,« erwiderte der Maler, »Majestät, gedacht? Ich -denke beim Malen nicht. Aber ich hatte so das Gefühl: du malst für -Soldaten, und mußt ihnen das Komplement zum Soldatenleben geben.« Der -König sah ihn ernst an, nickte mehrere Male und sagte: »Ich glaube, Sie -haben das Richtige getroffen. Anfangs stutzte ich, als ich unter dem -Hauptbilde im Lesezimmer den Spruch des großen Korsikaners las. ›Den -Acker bestellen, das ist der wahre Beruf des Menschen,‹ denn er wirkt -unwillkürlich wie ein Witz, und ob der Mann das ehrlich gemeint hat, -ist noch fraglich, denn seine Sankt Helenaer Aussprüche schmecken zum -Teil sehr nach Kaptatio benevolentiae. Aber eine Wahrheit wird darum -nicht entwertet, wird sie nicht aus ehrlicher Absicht gesagt.« Er -betrachtete dann aufmerksam das Gemälde im Vortragssaale, sprach aber -nur von der Landschaft und wandte sich zu dem Baumeister. - -Hagenrieder bekam die nächste Klasse des Ordens, den er schon besaß, -und beim Geburtstage des Königs wurde ihm der Adel, den seine Vorfahren -abgelegt hatten, wieder verliehen. Er holte Hennecke ab: »Komm mit nach -Stillenliebe, Hennig,« bat er; »es ist nicht zum Aushalten; jeder Ochse -tut so, als wenn ich auf einmal ein anständiger Mensch wäre. Ich komme -mir wahrhaftig beinahe selber schon so vor.« - -Auf dem Bahnsteige begegnete ihm Kommerzienrat Britting mit seiner -Frau Meinholde geborene Marten. Sie war noch schöner geworden und sah -den Maler so an, daß Hennecke dachte: ›Dunnerkiel!‹ Er sagte jedoch -nichts. Er hatte seinen Freund und sie vor Jahren einmal im Walde -getroffen, Helmold aber nie nach ihr gefragt. Der grüßte höflich -wieder, ohne den heißen Blick zurückzugeben. Zwischen ihm und ihr -hatte sich beinahe eine Liebschaft angeknüpft, und es wäre ihm leicht -gewesen, das Mädchen ganz zu gewinnen. Da bemerkte er bei einer -Gesellschaft, daß sie mit einem häßlichen Blick nach dem Nacken seiner -Frau sah. »Unverschämtheit!« hatte er gedacht, und sie fortan gemieden. - -Während der Zug durch das herbstliche Land schnaufte, dachte er -an alles das, was ihm im Leben entgangen war, aber mit demselben -Gleichmute, wie an das, was es ihm beschert hatte. »Du«, sagte Hennig, -und hielt ihm die Zeitung hin, »die Prinzessin hat sich verlobt.« Sein -Freund nickte; das rührte ihn nicht mehr als das Adelsprädikat, als -Meinholdes einladender Blick, als das ganze Leben mit allem seinem Drum -und Dran. Er erschrak sogar recht wenig, als er Annemieken wiedersah; -sie hatte eine verdächtige Glut in den Augen, auf jeder Backe einen -kreisrunden roten Fleck, und ihr Husten war hart und trocken. Er -sagte ihr, sie solle sich einmal gründlich untersuchen lassen, und er -wollte sie gern nach dem Süden schicken, aber sie wehrte ab: »Das geht -vorüber. Und mich vor dem Doktor nackigt ausziehen, ich müßte mich ja -totschämen. Und unter fremde Leute kann ich schon gar nicht gehen.« - -Als er abends mit Hennecke im Jagdhause vor dem Kamin saß, wunderte -er sich, wie stumpf er geworden war. »Sehe ich sehr alt aus, Hennig?« -fragte er ihn. »Du alt?« erwiderte der lachend: »Mann in den besten -Jahren! Ordentlich heiratsfähig siehst du aus!« - -Helmold aber dachte: »Das ist bloß äußerlich; mein Herz wird immer -knickebeiniger.« - - - - -Nachspuk - - -Die Brennhexe lag im Moore und schlief; da kam der Südwestwind -angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalme in der Nase, so daß sie -niesen mußte, und davon wachte sie auf. - -Sie gähnte, reckte sich, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte die -Schürze glatt, lächelte, wiegte den Kopf hin und her und begann zu -tanzen, daß der feuerrote Rock und die gelbe Schürze wie Flammen -leuchteten. - -Da sah sie dort, wo zwischen den Birkenbüschen Wasser blitzte, einen -hellen Fleck, und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu -einem Manne im grünen Rocke, der mit der Büchse auf dem Rücken langsam -dahinging. - -»He du!« rief die Brennhexe und winkte ihm, aber Helmold Hagenrieder -hörte nicht. Er blickte gerade aus, denn er sah einen mit Kienruß -schwarz gemachten Sarg, und darin ein weißes Gesicht, und zwei -wachsgelbe Hände, die einen Rosmarinstrauch hielten, Hände, die ihn so -manche Nacht lieb gehabt hatten, wenn er des Stadtlebens müde und des -Malens satt, in dem Strohdachhause unter dem Osterhohl eingekehrt war. - -Es war keine Trauer in ihm, sondern nur ein Mitleid mit sich selber, -daß er jetzt niemand mehr hatte, dem er sagen konnte, daß sein Herz -unter der Erde läge, unter einem Hügel, auf dem ein Brett stände mit -der Inschrift: »Es ruhe in Unfrieden.« - -Gleichmütig rauchte er seine Pfeife. »Herr Geheimer Hofrat Senator -Professor Helmold von Hagenrieder, erster Vorsitzender des -Kunstvereins, Ehrenmitglied der Kunstgenossenschaft, Inhaber von -einem halben Dutzend goldener Ehrenmünzen und Staatspreisen, Ritter -hoher Orden, wissen Sie, was Sie sind, Verehrtester?« sagte er -zu sich und sah sich spöttisch an: »erinnern Sie sich noch jenes -Ligusterschwärmerweibchens, das Sie als zwölfjähriger Bengel fingen, -mit Schwefeläther töteten, nadelten und aufspannten? Als Sie nach vier -Tagen das Spannbrett vom Schranke nahmen, bewegte der Schmetterling -ruhig und besonnen den Hinterleib hin und her und entledigte sich -seiner Eier, obgleich sein Vorderleib gänzlich abgestorben war. In -demselben Zustande, mein Lieber, befinden Sie sich; ruhig und besonnen -schaffen Sie ein Kunstwerk nach dem anderen, aber nur mit Kopf und -Hand, denn Ihr Herz ist längst tot.« - -Das sah die Brennhexe auch ein. Sie war ganz dicht hinter ihm gewesen, -aber als sie sein Gesicht sah, machte sie eine verächtliche Bewegung -mit der Hand und blickte sich nach einem anderen Tanzeschatz um, -dessen Augen nicht so kalt aussahen, wie Moorwasser im März. Da sie -aber immer noch so hübsche Beine hatte, wie damals, als sie den -selben Mann quer durch das Moor gehetzt hatte, so war der Torf wieder -lichterloh verliebt geworden, und Helmold Hagenrieder mußte machen, -daß er weiterkam, denn das Feuer rückte ihm von drei Seiten auf den -Leib. Dieweil er aber den Springstock nicht bei sich hatte, so wurde es -ihm schwer, die Moorgräben zu nehmen, so daß er schließlich in einen -Abstich springen und bis an den Hals untertauchen mußte. - -Ziemlich lange mußte er im Wasser bleiben, obgleich ein Schauer nach -dem andern ihn schüttelte, denn er war unfrisch und müde. Er war, -nachdem er Annemieken die letzte Ehre erwiesen hatte, die ganze Nacht -aufgeblieben und hatte sich mit dem Monde unterhalten; er hatte in dem -Backenstuhle neben der Feuerstelle gesessen, und der Mond hatte sich in -dem Spinnstuhle niedergelassen. - -Es war kalt gewesen in der Nacht; denn das Feuer war ausgegangen, -und das Spinnrad stand still; es sah wie ein Gespenst aus, und der -Kesselhaken hatte ein trauriges Gesicht. - -»Ja, ja, Kerl,« hatte der Mond gesagt, »es nimmt eben alles einmal ein -Ende; auch ich war einst jung, hatte ein rotes Herz und Gedanken, so -grün wie Maibaumlaub zur Pfingstzeit. Das ist schon manchen Donnerstag -her, und mir ist so, als wäre das alles nicht wahr, die vulkanischen -Träume meiner Jugend und meines Mannesalters Ebbe und Flut. Aber so -stehe ich mich schließlich doch besser; man hat keine Hoffnungen mehr, -aber auch keine Enttäuschungen. Sei froh, Kerl, daß es dir ebenso geht!« - -Sein Freund hatte sich eine neue Pfeife gestopft und nichts gesagt, so -daß der Mond geärgert aufstand und fortging. Helmold hatte gegen Morgen -ein Glas kalte Milch getrunken, ein Stück Brot gegessen und war auf die -Frühpürsch gegangen; doch machte ihm das Waidwerken gar keine Freude. -»Lebendiges Leben ist so schön«, sagte er sich, als er den Hauptbock in -der Wiese stehen sah, wie eine Flamme in der ersten Sonne leuchtend; -»lebe und liebe, du adelig Getier, bis deine Zeit um ist. Ich weiß, was -es heißt, zu sterben vor der Zeit, die einem bestimmt ist!« Er hatte -sich umgedreht und war weiter geschlichen. - -»Es ist immer das selbe«, dachte er; »der Himmel ist blau und die Sonne -gelb. Man müßte eigentlich einmal in ein Land gehen, wo der Himmel -weiß und die Sonne schwarz ist, oder dahin, wo eine weiße Sonne in -einem schwarzen Himmel steht. Ein wie das andere Jahr blüht das Moor -im Spätsommer rosenrot; hinterher werden die Birken gelb; dann kommt -der Schnee, und so geht es in der selben langweiligen Weise weiter. -Das kenne ich nun ein halbes Jahrhundert lang und bin seiner satt. Und -mit Liebe und Haß ist es ebenso: erst rot, dann gelb, dann braun und -zuletzt weiß, immer in der selben eintönigen Art; ich mache mir nichts -mehr daraus.« - -Er fuhr nach Hause. »Du siehst nicht gut aus, Liebster,« sagte seine -Frau. »Bißchen erkältet,« antwortete er und ging an seine Arbeit. Er -lebte in stiller Tätigkeit drei Tage hin, bis ein heftiges Kopfweh, -Schüttelfrost und Fieber ihn zu Bette brachten. In der Nacht wachte er -auf und sah den grauen Engel vor seinem Bette sitzen. »Meinetwegen!« -sagte er zu ihm. Eine alberne Angst kniete ihm auf dem Herzen, würgte -ihm am Halse und schlug ihn, daß ihm der Kopf zu zerspringen drohte; er -weckte seine Frau aber nicht, um sie nicht zu ängstigen. - -Am Morgen sah er so elend aus, daß Grete Beni Benjamin herbeirief. -Der untersuchte ihn, runzelte die Stirn und sprach nachher zu Frau -Hagenrieder: »Es steht recht schlimm; doppelseitige Lungenentzündung. -Bereiten Sie sich auf alles vor, liebe Freundin. Und lassen Sie Hennig -rufen.« - -Am Nachmittage des dritten Tages, nach dem Helmold sich niedergelegt -hatte, gab der Arzt keine Hoffnung mehr. »Trösten Sie sich, Frau -Hagenrieder,« sagte er: »er hat alles erreicht, was einem Menschen -beschieden sein kann, und mehr gelebt, als wenn er hundert Jahre alt -geworden wäre.« Der Frau liefen stumme Tränen über das Gesicht. »Nein,« -erwiderte sie und schüttelte den Kopf, »nein, das hat er nicht.« - -Sie seufzte auf und begann wieder: »Lieber Hennig, und bester Herr -Doktor, was meinen Sie, soll ich nicht Swaantje telegraphieren? -Vielleicht ist es ihm eine Freude, sie noch einmal zu sehen.« Der -Arzt sah Hennecke an und dieser ihn. »Er hat von ihr kaum mehr -gesprochen,« antwortete Hennig, und Benjamin setzte hinzu: »Auch in -seinen Fieberdelirien nicht. Ich glaube, er denkt nicht mehr an sie. So -ist es wohl besser, wir stören ihn nicht beim Einschlafen.« Hennecke -aber fragte: »Wann kann sie spätestens hier sein?« »Morgen mittag,« -antwortete sie. »Dann hat es keinen Zweck mehr;« dachte der Arzt, »denn -er überlebt die Nacht nicht mehr.« Dann schwiegen die drei Menschen -und sahen mit leeren Augen aneinander vorbei. - -»Grete,« flüsterte es im Nebenzimmer. »Helmold?« rief die Frau, nötigte -ein Lächeln auf ihr Gesicht und ging zu ihrem Gatten. Seine Augen waren -ganz klar. Er griff schwach nach ihrer Hand; sie gab sie ihm, und er -drückte sie. »Es ist alles in Ordnung,« murmelte er, »das Testament, -und das andere. Weißt du mit den Kindern,« er schloß die Augen, »nicht -Bescheid, Hennig hilft dir, und Beni auch.« Sie flüsterte ihm zu: -»Sollen die Kinder kommen?« Er winkte mit den Augen ab und hauchte: -»Schlafen lassen!« Er fing an zu keuchen und wand sich hin und her. -»Kommen Sie,« sagte der Arzt und führte die Frau hinaus, denn er sah, -daß es zu Ende ging. - -Der Kranke keuchte immer schwerer und murmelte bald laut, bald -leise. »Alles in Ordnung, alles, alles,« flüsterte er; »mündelsicher -angelegt.« Seine Stimme starb, und sein Atem schlief ein. Noch einmal -stieß sein Leben den Tod zurück: »Bravo, Prinz!« murmelte er; »er hat -die Kugel zwölf Ring, der Hirsch. Frau Pohlmann, einen können wir -noch!« Er hielt an und flüsterte: »Klaus, wollen eins singen!« Wie aus -weiter Ferne klang es: »Ein Jägermädchen, das trägt ein grünes, grünes -Kleid.« Sein Kopf fiel herum; der Arzt sah, daß die Augen gebrochen -waren. »Annemieken!« flüsterte der Sterbende, und die Steppdecke -zitterte. - -Der Arzt horchte eine Weile, murmelte etwas, drückte dem Toten die -Augen zu, zog die Bettdecke zurecht und ging hinaus. - -Es war ein Uhr in der Nacht, als er das Haus verließ; Hennig blieb -zurück, damit die Frau nicht allein mit dem Toten wäre. Als der Arzt am -anderen Vormittage zurückkehrte, fand er Swaantje Swantenius bei Frau -Hagenrieder. Er begrüßte sie kühl, und Hennecke, der bald darauf auch -kam, benahm sich noch kälter gegen sie. - -Zwei Tage später wurde Helmold Hagenrieder begraben. Wagen auf Wagen -folgte dem Sarge, und hunderte von Männern zu Fuß gingen hinter ihm -her. Als der Geistliche die Leichenrede hielt, wurde er fast verwirrt, -denn noch niemals hatte er ein so verschiedenartiges Gefolge gesehen. -Die höchsten Staatsbeamten, das ganze Stadtverordnetenkollegium samt -dem Magistrate waren zugegen, viele Offiziere, Förster und Jagdaufseher -und eine lange Reihe von Bauern und Landarbeitern mit ihren harten -Gesichtern und unmodischen Hüten. - -Der Himmel war von einem abgeschmackten Grau, ein langweiliger Wind -ging, und mit blassem Gesichte stand der Mond am Himmel und sah mit -gleichgültigen Augen auf die Menschen, die das Grab umgaben, und als -sie sich verkrümelten, lächelte er ein bißchen spöttisch über den Wall -von kostbaren Kränzen, der die Stätte bedeckte, wo Helmold Hagenrieders -leerer Leib lag; denn dessen Seele war gänzlich verschwunden, weil sie -schon vor dem Tode ihren Inhalt verloren hatte. »Ein schöner Blödsinn«, -dachte der Mond, schüttelte den Kopf und verzog sich bis auf weiteres. - -In der Nacht aber suchte er Swaantje Swantenius auf. Sie lag ohne -Schlaf in ihrem Bette und lauschte auf das, was die Stille sprach, und -sah, was die Dunkelheit ihr wies. - -Die Stille sang ein höhnisches Lied, und die Dunkelheit hielt ihr -Helmolds Gesicht hin. Sie streckte die Hände danach aus und flüsterte: -»Ich habe dich so oft heimlich lieb gehabt, so oft; hast du es nie -gefühlt?« Aber das weiße Gesicht starrte sie an, als wäre sie nicht da. - -Bittend sah sie den Mond an: »Du warest sein guter Freund, du weißt -alles von ihm; denkt er noch an mich, weiß er noch von mir?« Der Mond -sah sie nicht einmal an. - -Sie schlief die ganze Nacht nicht und reiste am andern Morgen ab, -worüber Frau Hagenrieder sich sehr wunderte. - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Vorspuk 1 - - Die Sektflasche 7 - - Das Stapelienbild 21 - - Der Vollmond 36 - - Der eiserne Ritter 50 - - Das Seelenhaus 68 - - Der Mohnblumenkranz 91 - - Der Platzhirsch 128 - - Die Wundfährte 162 - - Der graue Engel 189 - - Der weiße Garten 197 - - Der Sarg 222 - - Die Panne 245 - - Nachspuk 267 - - - - -Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig - - - - -Eugen Diederichs Verlag in Jena - - -Hermann Löns - -Der kleine Rosengarten, Volkslieder - -Mit Umschlag von _Wilhelm Schulz_ - -14.--23. Tausend. kartoniert 2 Mark - - -Der Wehrwolf. Eine Bauernchronik - -27.--31. Tausend. broschiert 3 Mark. gebunden 4.20 Mark - -_Die neue Rundschau_ (Verlag S. Fischer): Dieses Buch des Norddeutschen -Löns ist ein männliches Buch. Hier erlebt man den Dreißigjährigen -Krieg in einem einzigen Dorf. Hier heißt es jeden Augenblick: das -Leben. Wäre dies nur der Krieg, dann lese man allerdings besser im -Geschichtsbuch. Hier ist aber alles allgemein deutsam, gerade weil -dies nicht unterstrichen wird. Hast du bemerkt, wie das Genrebild -hier in die Landschaft gesetzt ist, das Einzelne ins Allgemeine, wie -bei Breughel und den Seinen? Und wie ist hier alles komponiert, von -den Kapitelüberschriften bis zu den Schlußliedern! In zwanzig Zeilen -weiß dieser Löns die Herankunft einer Reiterschar zu beschreiben, das -Harren von hundert versteckten Bauern, ihren Überfall. Wie die Kinder -noch den toten Hund streicheln. Wie der einzig überlebende Knecht -während seiner Erzählung von dem Überfall des Dorfes mitten im Satze -einschläft. Wie diese Bauern, als sie die beiden Haupthalunken haben, -plötzlich zeremoniös werden: ohne Ansehen haben sie alle fremden -Scharen erschlagen, -- hier, wo Schuld und Sühne lebendig wird, vor -ganz bestimmten Schuldigen, bahnt sich das Rechtsgefühl durch ihre Wut -den Weg und stellt sich auf mit Schwert und Wage, wie als wäre es ein -bestellter Gerichtshof, der dort Recht spricht. »Die Sonne kam heraus«, -heißt es da, »und beschien zweihundert Gesichter. Sie waren alle von -Stein.« Hier ist nichts erarbeitet, alles verarbeitet und so im ganzen -aufgegangen, wie bei einem, der die Geschichte seiner Väter schreibt. - -_Der Kunstwart_: Diese kernigen reisigen Männer und frischen -unverbildeten Frauenzimmer konnten offenbar nur einem gelingen, der -mit Waidmanns- und Landmanns-Augen sie zu sehen gewohnt ist. So ward -denn »Der Werwolf« ein prächtiges Bauernlebensbuch, Wunder weckend: -daß nämlich so kerngesunde »Literatur« in deutschen Landen noch immer -zustande kommt. - - -Die Geschichte vom Skalden Egil - -Übersetzt von _Felix Niedner_ (Thule Bd. III) - -broschiert M 4.--, gebunden M 5.50 - -_Der Tag_: Aus den isländischen Sagas schöpfen wir noch immer die -unmittelbar lebendigsten Vorstellungen und farbenreichsten Bilder -vom ursprünglichen Wesen und der ganzen Eigenart vorschriftlichen -germanischen Geistes- und Kulturlebens. Was man im eigentlichen Sinne -als heroisches Zeitalter bezeichnet, das steht hier lebendig vor uns, -und doch keineswegs nur als Phantasieprodukt, sondern voll innerer -Realistik, so daß man nicht zweifeln kann: hier ist zuletzt durchaus -nur wirkliche Geschichte. Ein Volk von lauter Künstlern, Helden -und Sängern zugleich ... Egil Skallagrimsson ist die prachtvollste -Inkarnation der Nietzscheschen »blonden Bestie«, er ist ein -kraftstrotzender Kerl durch und durch. Die Geschichte seines Lebens, -seiner ewigen Kämpfe, seiner Wikingerfahrten, die ihn von Island bis -nach Rußland und südlich nach England und Irland führen und ihn kundig -machen aller nordeuropäischen Länder und Meere, ist der spannendste und -unterhaltendste Helden- und Abenteuerroman. - - Julius Hart - - -W. S. Reymont - -Die polnischen Bauern - -I. Herbst/Winter. II. Frühling/Sommer - -Zwei Bände. br. M 12.--, geb. M 15.-- - -Der Slawe besitzt weniger Individualität als der Germane. Darum gibt es -in diesem Epos des polnischen Bauerntums keinen eigentlichen Helden, -an seine Stelle tritt das ganze Dorf. Es ist ein grandioser Wurf, wie -durch das Liebesleben einer leidenschaftlichen Frau, -- es verkörpert -sich in ihr fast symbolisch die polnische Leidenschaftlichkeit, -- sich -das Schicksal aller Dorfbewohner miteinander verknüpft. Und in das -dumpfe Seelenleben dieser Bauern werfen Landschaft und die Natur der -Jahreszeiten die für ihr Schicksal entscheidenden Antriebe. Die Art, -wie Natur und Menschenschicksal miteinander verknüpft sind, unterstützt -von intimer Kenntnis aller Volksgebräuche, machen das Buch zu einer -ganz einzigartigen Erscheinung der Weltliteratur. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - Unterschiedliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten. - - Korrekturen: - - S. 242: Balkenecke → Balkendecke - mit brauner {Balkendecke}, Kugelfußtisch - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das zweite Gesicht, by Hermann Löns - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ZWEITE GESICHT *** - -***** This file should be named 55033-0.txt or 55033-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/0/3/55033/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/55033-0.zip b/old/55033-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index d24cd94..0000000 --- a/old/55033-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/55033-h.zip b/old/55033-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 2f0675d..0000000 --- a/old/55033-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/55033-h/55033-h.htm b/old/55033-h/55033-h.htm deleted file mode 100644 index d24a9fd..0000000 --- a/old/55033-h/55033-h.htm +++ /dev/null @@ -1,9976 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Das zweite Gesicht, by Hermann Löns. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdr {text-align: right;} - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.right {text-align: right;} - -.larger { - font-size: larger; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Das zweite Gesicht, by Hermann Löns - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Das zweite Gesicht - Eine Liebesgeschichte - -Author: Hermann Löns - -Release Date: July 2, 2017 [EBook #55033] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ZWEITE GESICHT *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -<a href="#tnextra">am Ende des Buches.</a></p> -</div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Hermann Löns</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/title.png" alt="Titel" /> -</div> - -<h1>Das zweite Gesicht</h1> - -<p class="center larger"> -Eine Liebesgeschichte</p> -<p class="center"> -Sechzehntes bis dreiundzwanzigstes Tausend</p> -<p class="center p2"> -Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1917 -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<h2 id="Vorspuk">Vorspuk</h2> -</div> - -<p class="noind">Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind -angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in -der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf.</p> - -<p>Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang auf, schüttelte ihre -Röcke zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über -eine Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung -sei und ob die Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände auf -die strammen Lenden, wiegte den Kopf hin und her, lächelte, -summte eine frische Weise vor sich hin und tanzte los.</p> - -<p>Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß -der feuerrote Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen -Bindebänder an der goldenen Haube nur so flogen; so -schön war das anzusehen, daß dem dürren Moose, dem mürben -Wollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz sonderbar -zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu -sehen: die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen -Strümpfe mit den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder -und was es sonst noch gab. Darum verliebte sich alles, -über dem der rote Rock und das weiße Hemd sich drehte, so -sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, sogar der -stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den -strammen Waden packte, juchte die Brennhexe auf und sprang -ein Ende weiter.</p> - -<p>So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da; -aber sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span> -war sie schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging -es da ebenso, wupps war sie wieder fort, und die Flammen -machten lange Hälse hinter ihr her.</p> - -<p>Doch auf die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig; -sie blieb stehen, daß das weiße Hemd über der runden -Brust auf- und abging, hielt die Hand über die Augen und -sah über das Moor, das ganz weiß vom Wollgrase war.</p> - -<p>Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbüschen -Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang, -und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu -einem Manne im grünen Rocke, der ein Schießgewehr auf dem -Rücken trug, an dem Rucksacke drei Birkhähne hängen hatte, -und mit dem Springstocke über die Gräben und Abstiche hinwegsetzte.</p> - -<p>»Deubel auch!« sprach die Brennhexe und lachte; »das ist -aber ein glatter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade -paßlich.« Sie ging schneller, aber sie konnte den Mann nicht -einholen. Sie hielt die Hände um den Mund und rief: »He, du!«, -aber der Jäger hörte sie nicht. Sie versuchte zu flöten; doch damit -hatte sie erst recht kein Glück.</p> - -<p>So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen -und schrie: »He!« und »Holla!« oder »Teuf!«, bis der Mann, -als sie schon ganz außer Atem war, sich endlich umdrehte und -nach ihr hinsah. Sie winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger, -mit wem er es zu tun hatte, setzte den Springstock ein und machte, -daß er weiter kam.</p> - -<p>»Du Flegel!« schimpfte die Brennhexe und lief wieder hinter -ihm her, so daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm -immer dichter auf die Hacken. Als es gar nicht mehr anders -ging, sprang er in einen alten Abstich, warf Gewehr und Rucksack -von sich, duckte sich so tief, daß ihm das Wasser bis an die<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span> -Brust ging und wartete, bis das verliebte Frauenzimmer an ihm -vorbeigerannt war.</p> - -<p>Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, hängte den Drilling -und den Rucksack um, nahm den Stock wieder zur Hand und -sprang nach der anderen Seite hin über das schwelende Haidkraut, -den glimmenden Torf, an den knisternden Wachholderbüschen -und den lichterloh brennenden Krüppelkiefern vorüber, ab und -zu hinter sich sehend, wo alles ein Rauch und eine Glut war. Einmal -blieb er stehen, verpustete sich und zog ein Büschel Torfmoos -aus, das er aus einem Graben riß; aber da sah er auch schon -das rote Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die gemeinen -Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin, -wo der Bach an den Wiesen vorbeilief.</p> - -<p>Erst als er den hinter sich hatte und an dem großen Weidenbaume -angekommen war, machte er Halt, ließ den Stock fallen, -hängte die Büchse an den Baum, legte den Rucksack ab, warf -sich in das Gras, lehnte den Rücken gegen den Stamm und atmete -tief, dahin sehend, wo die Brennhexe stand und ihm mit der -Faust drohte, während um sie her allerhand schwarze und graue -Gesichter nach ihm hinglotzten, ihm Fratzen schnitten, Ruß nach -ihm spuckten, Rauch nach ihm pusteten und ihm ihre roten Zungen -ausstreckten. Er lachte sie aus, machte ihnen eine lange Nase, -steckte sich eine Pfeife an und blies dem Gelichter den Dampf -entgegen, mit kleinen Augen nach ihm hinsehend.</p> - -<p>Die grauen Fratzen verzogen sich langsam, und auch die Brennhexe -war verschwunden; aber nun kam ein Mädchen über das -ausgebrannte Moor gegangen. Schlank war es und hatte einen -stolzen Schritt; ihr aschblondes Haar sah sanft aus, ihre Augen -hatten einen zärtlichen Glanz, und ihre Hände waren weiß und -sehr klein. Sie nahm damit an beiden Seiten ihr Kleid auf; das -war von weißem Wollstoffe und so lose geschnitten, daß es schöne<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -Falten warf; der Halsausschnitt und die halblangen, weiten Ärmel -waren mit einer goldenen Borde besetzt.</p> - -<p>Immer näher kam das Mädchen, ging gerade auf ihn zu und -blickte ihn mit freundlichen Augen an; die kamen ihm erst schwarz -vor, dann meinte er, sie wären braun, und schließlich sah er, daß -sie blau waren, blau mit goldenen Blumen darin. Da erkannte -er das Mädchen, nickte ihm zu und rief: »Swaantje, wie kommst -du denn hierher?«</p> - -<p>Davon wachte er auf und merkte, daß er eingeschlafen war -und geträumt hatte; aber er war über den Traum so erschrocken, -daß ihm das Herz bis in den Hals hinein schlug. Er stand auf, -warf die Büchse über den Rücken, stellte den Springstock in den -Busch und sah sich nach seinem Hute um, bis ihm einfiel, daß der -ihm vom Kopfe geflogen war, als er vor der Brennhexe fortlaufen -mußte. Er lachte und ging langsam dem Walde zu, in dem -der wilde Täuber ihn bedauerte: »O du, du, du!« rief er; aber -der Häher lachte den Jäger aus, weil er so schwarz und schmierig -im Gesichte aussah und nichts davon wußte; er flog vor ihm her -und schrie in einem fort: »Ätsch, ätsch, ätsch!« Doch als der -Jäger ihm drohte und zum Spaß nach der Flinte griff, kreischte -der bunte Vogel laut auf: »Nein, nein!« schrie er und flog schnell -in den tiefen Wald hinein.</p> - -<p>»Du lieber Himmel, Herr Hagenrieder«, rief die Wirtin vom -Blauen Himmel und schlug die Hände zusammen; »wie sehen -Sie denn aus!« Als der Jäger ein dummes Gesicht machte, drehte -sie ihn an der Schulter um, daß er in den Spiegel sehen mußte, -und da lachte er, denn er war schwarz und grau gestreift von -Ruß und Schweiß. Die Wirtin hatte die Hände auf die Hüften -gestemmt und lachte, daß ihre Zähne blitzten.</p> - -<p>»Auch noch auslachen!« rief der Jäger, faßte sie um und küßte -sie so lange, bis sie ebenso aussah, wie er, und ihn halb böse,<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span> -halb verliebt ansah; er aber lachte und sagte: »So, nun haben -Sie nichts mehr vor mir voraus, und jetzt muß ich für drei Taler -Waschwasser und drei Handtücher auf mein Zimmer haben, und -wenn ich wieder herunterkomme, ordentlich etwas zu essen und -zu trinken, denn die Brennhexe hat mich über das ganze Moor -gejagt.« Da wurde die Frau ganz blaß und sagte: »Und ich -dachte, Sie hätten bloß ein bißchen beim Löschen geholfen.«</p> - -<p>Er stieg die Treppe hinauf und ging in sein Zimmer, legte -sein Zeug ab, wusch sich von oben bis unten und zog einen -städtischen Anzug an. Als er vor dem Spiegel stand, die Halsbinde -zur Schleife band und die gleichfarbige Schärpe um den -Leib knüpfte, mußte er wieder an Swaantje denken. Er hatte sie -einmal zu einem Ausfluge abgeholt, und weil es sehr heiß war, -kam er in weißer Bluse und mit gegürteten Lenden, die Jacke auf -dem Arme. »Reizend siehst du aus, Vetter Helmold, ganz reizend«, -hatte das Mädchen ausgerufen und vor Vergnügen in die Hände -geklatscht; »ich finde, Westen sind scheußlich, und warum die -Männer selbst bei dieser Hitze dreifaches Zeug anhaben, das verstehe -ich nicht. Und sieh bloß, wir sind ja ganz auf eine Melodie -gestimmt: beide in Weiß und Weinrot! Hast du dich vielleicht -vorher bei Fride erkundigt, was ich anziehen wollte?«</p> - -<p>In der Eisenbahn saß ihm ein junges Mädchen gegenüber. -Es war sehr hübsch; aber da es eine bräunliche Hautfarbe, dunkle -Augen und schwarzes Haar hatte, so machte er sich aus den anerkennenden -Blicken nichts, mit denen es ihn musterte. Ab und -zu, wenn er aus dem Fenster sah, mußte er mit den Augen über es -hingehen, und dann fiel es ihm auf, welchen Gegensatz zu Swaantje -es darstellte, mit den zackigen Bewegungen, dem grellen Augenaufschlag, -den rastlosen Händen, der wirbelnden Stimme und -dem klirrenden Lachen, denn es unterhielt sich eifrig mit einem -alten Herrn, in dessen Begleitung es fuhr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p> - -<p>Da hörte er Swaantjes milde Stimme und vernahm ihr weiches -Lachen, sah ihre abgemessenen Bewegungen und dachte an ihre -kleinen, fast zu kleinen Hände, die niemals hin- und hersprangen, -sondern still auf ihrem Schoße lagen oder bedächtig die Nadel -führten, und ab und zu schlug sie langsam die Augen auf und -sah ihn mit schwesterlicher Zärtlichkeit an. »Ich habe sie lange -nicht mehr gesehen« dachte er.</p> - -<p>Als er sein Haus aufschloß, fuhren ihm seine Hunde winselnd -und kläffend um die Beine, und eine lustige Frauenstimme rief: -»Schon da? Das ist ja prächtig!« Seine Frau kam ihm entgegen, -frisch und fröhlich wie immer; sie hielt ihm den lachenden -Mund hin, und er küßte ihn dreimal.</p> - -<p>Sodann fragte sie ihn: »Wir haben Besuch; rate einmal, wer -es ist?« Er lachte: »Du weißt doch, Grete, der Verstand ist zum -Glück meine schwache Seite!« Aber da tat sich die Tür zum Eßzimmer -auf und Swaantje Swantenius stand vor ihm, genau -so, wie er sie im Traume gesehen hatte, in dem weißen losen -Wollkleide mit der goldenen Borde am Halse und unter den -Ellenbeugen, goldene Blumen in den blauen Augen. Sie gab ihm -die Hand und sagte: »Willkommen, lieber Helmold! Wie schön, -daß du so früh kommst; da wird uns das Essen gleich dreimal -so gut munden.«</p> - -<p>Seine Augen freuten sich, als er sie so dastehen sah, und sein Herz -lachte, als er ihre Stimme hörte. Er nahm seine Frau in den rechten -Arm und ihre Base in den linken und sagte: »Das ist hübsch von -dir, Swaantje, daß du einmal wieder hergefunden hast; dafür -bekommst du auch ein Glas Sekt. Nicht wahr, Weibchen?«</p> - -<p>Seine Frau nickte eifrig: »Natürlich, wenn eine so liebe Kusine -da ist!«</p> - -<p>»Kußine«, scherzte ihr Mann und gab erst seiner Frau und -dann Swaantje einen Kuß auf die Backe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Sektflasche">Die Sektflasche</h2> -</div> - -<p class="noind">Als die alte Kastenuhr auf dem Vorplatze zwölf Male geschlagen -hatte, kam etwas über die Straße getaumelt, wankte bald auf -dem Fahrdamm, bald auf dem Bürgersteige umher, rannte fast -den Laternenpfahl um, der vor Helmold Hagenrieders Hause -stand, schob sich an der Mauer entlang, kehrte nach einer Weile -um, sah nach den Hausnummern und Namenschildern, fand sich -wieder zu dem Hause mit der Laterne vor der Türe hin, tippte -sich vor den Kopf, murmelte etwas, langte in die Tasche, suchte -mühsam darin umher, brachte einen Schlüssel zum Vorschein, -besah ihn genau, steckte ihn wieder ein, fand endlich den richtigen, -schloß die Haustür auf und trat ein.</p> - -<p>Die Hunde im Gange knurrten, als es bei ihnen vorüberschlich, -aber wach wurden sie nicht. So konnte es mit dem Drücker, den -es aus der Tasche nahm, die Türe des Windfanges aufmachen. -Es trat ein, klinkte die Türe des Eßzimmers auf, schlug den Vorhang -zum Nebenzimmer zurück, schlich sich hinein, wobei es gegen -eine Truhe anlief und sich das eine seiner Beinchen so stieß, daß -es zurückprallte, sich umdrehte und mit dem dicken Bäuchlein, -das gleich unter dem Halse anfing, gegen den Nähtisch stieß, daß -es krachte. Aber nun hatte es auch, was es wollte; denn es zog -die Schieblade auf und suchte so lange in den Fächern umher, -bis es ein Stück Kreide fand.</p> - -<p>Damit malte es eine gewaltige Sektflasche auf die Flügeltür, -holte ein Messer aus der Tasche, klappte den Schampagnerhaken<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -auf, setzte ihn an den Stöpsel der Flasche, brach die Drahtverschlüsse -auf, und buff flog der Kork heraus. Schäumend stieg -der heitere Trank aus der Mündung, lief über, floß auf den Fußboden, -quoll unter den Türen durch in die Schlafzimmer, in die -Küche, in das Kinderzimmer, auf die Veranda, über den Vorplatz, -tropfte die Treppenstufen hinunter, geriet in den Gang und von -da in den Garten, erfüllte die Malwerkstatt, die an dessen Ende -lag, kehrte wieder um, hüpfte die Treppe empor und krabbelte -sogar in die Mädchenkammer. Als nun das ganze Haus nach -Sekt roch, suchte der Eindringling mühsam den Pfropfen auf, -quälte ihn ächzend in den Flaschenhals hinein, band ihn mit zwei -Kreidestrichen, die er übereinanderbog, fest, löschte die Flasche von -der Türe weg und stahl sich kichernd wieder aus dem Hause heraus.</p> - -<p>Um sechs Uhr in der Frühe sprang die hübsche Dienstmagd -trällernd die Treppe hinunter und ließ die Hunde auf die Straße, -und die stellten sich ganz übermütig an. Dann erschien das Kindermädchen -und summte ein fröhliches Liedchen vor sich hin. Um -sieben kam die Hausfrau heiteren Angesichts aus dem oberen -Stocke und hinter ihr ihr Mann, eine kecke Weise durch die Zähne -flötend, und nun gab es im Kinderzimmer ein großes Lachen und -Quieken. Als dann die ganze Familie am Kaffeetische saß, auf -dem ein knallbunter Blumenstrauß stand, wurden die Vorhänge -aufgeschlagen, und mit einem Lächeln, so freundlich wie die Sonne, -die durch die offene Treppentür in die Veranda schien, trat -Swaantje in ihrem weißen Kleide ein, küßte die Hausfrau und -die Kinder und gab ihrem Vetter die Hand. Als der brummigen -Gesichtes, aber mit lustigen Augen sagte: »Mich auch Kuß haben!« -bekam er einen auf die Backe, sagte: »Ah!« strich sich den Magen, -und alle lachten.</p> - -<p>Es wurde viel gelacht bei Tische und nachher auch; denn als -Swaantje hinter Helmold, der ihr seine neuen Bilder zeigen wollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -die Gartentreppe hinunterging, rief Frau Grete, die gesehen hatte, -daß es über Nacht schwer getaut hatte, ihr besorgt nach: »Mach -dich nicht naß!«, worauf das Mädchen sich entsetzt umsah und -entrüstet ausrief: »Aber Greete!« Nun hallte der ganze Garten -von Gelächter, und Swaantje nahm ihre Röcke zusammen und -huschte in die Werkstatt. Dort aber vergaß sie das Lachen; sie -ließ die Hände an den Hüften herabhängen, hob sie dann langsam -wieder hoch, schlug sie vor der Brust ineinander, seufzte tief -auf, wandte sich nach ihrem Vetter hin und flüsterte: »O, das -ist ja wundervoll, lieber Helmold; das ist das Schönste, was du -bisher gemalt hast«. Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände, -drückte sie und sagte: »Ich danke dir viele Male, und ich bin sehr -stolz auf dich!«</p> - -<p>Der Maler betrachtete mit zugekniffenen Augen das Bild und -lächelte. Es war von gewaltigem Umfange und stellte mehrere -hünenhafte, unbekleidete Männer dar, die auf Tod und Leben -mit bunten Tigertieren rangen. Die hell und dunkel gestreiften -Körper der Riesenkatzen, die nackten Menschenleiber mit den bis -auf das höchste angespannten, durch helle Lichter und dumpfe -Schatten betonten Muskeln, das zertretene Gras, die wirbelnden -Staubwolken, von schräg fallenden Sonnenstrahlen geteilt, das -war eine Menge von scharfen Gegensätzen, die eine reife Anschauung -durch einen starken Willen zu einer einheitlichen Wirkung -zusammengefügt hatte.</p> - -<p>Swaantje hatte sich in den bequemen Ledersessel gleiten lassen, -stützte ihre schmalen Schuhe, über denen das weiße Kleid ein Stück -der seidenen Strümpfe sehen ließ, auf eine mächtige Elchschaufel, -die als Fußbank diente, und vergrub sich ganz in die Stimmung, -die von dem Gemälde ausging. Helmold stand am Fenster und -freute sich über den stolzen Schnitt ihres Gesichtes, über den bescheidenen -Glanz, der auf ihrem aschenblonden Haare lag, über die<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -vornehme Sprache ihres Unterarmes und fand, daß ihre Hände -zu klein waren, und der unentschlossene Zug, der sich darin ausprägte, -paßte schlecht zu der ganzen Erscheinung des Mädchens. -Auch sah er, daß ihr Gesicht zu durchgeistigt war, und mit Betrübnis -entdeckte er hinter ihren Mundwinkeln eine Falte, die er -dort nicht haben wollte.</p> - -<p>Aber da fing Swaantje zu sprechen an: »Weißt du, Helmold, -was ich mir bei dem Bilde denke? Ich ginge unter den Rabenbergen -her, wenn die Abendsonne darauf liegt. Dann sieht es dort -genau so aus.« Ihr Vetter machte ein ganz ernstes Gesicht. -Dann zeigte er auf das Bild und sagte: »Vorgestern war Frau -Jucunda Othen-Othen hier, du weißt doch, die berühmte Kunstgewerblerin, -um nicht zu sagen, die berüchtigte Eklektikerin, besser -wohl Ekleptikerin. Sie rauschte mir hier mit ihren gräßlichen seidenen -Unterröcken herum; schauderhaft, dies Seidenpapiergeraschel!, -tat so, als interessiere sie sich für Kunst, wollte natürlich -nur Technik schinden und Motive klauen; na, und als sie das -Bild sah, steckte sie ihre Nase unter das Lorgnon, machte ihr -überlegenstes Gänsegesicht und fragte: ›Was soll denn das bedeuten, -Herr Hagenrieder?‹ ›Abendsonne auf der Haide, gnädige -Frau,‹ sagte ich. Die Miene, die sie da aufsteckte, war zum Heulen, -sage ich dir. Sie glaubte, ich wollte sie uzen. Na, das wollte ich -ja auch wohl, denn sonst hätte ich ihr nicht die blanke Wahrheit -gesagt. Das ist in manchen Fällen die höchste Raffiniertheit. Bismarck, -der verstand sich großartig darauf.«</p> - -<p>Er warf die blonde Stirnlocke zurück. »Weißt du, die habe ich -den Tag erst klug und dann wieder dumm gequatscht. ›Ja,‹ sagte -ich zu ihr, ›wenn man den Eindruck einer Landschaft gänzlich -falsch wiedergeben will, tut man am besten, sie zu porträtieren, -vorausgesetzt, daß sie stille sitzt und nicht alle fünf Bierminuten -ein anderes Beleuchtungsgesicht schneidet. Das tun die meisten<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -sogenannten Landschafter, oder besser gesagt, Landschaftsschuster, -und darum hängt überall so viel Schauderschund herum.‹ Sie -machte ein Gesicht wie eine Meerkatze, die niesen muß. ›Ja,‹ sagte -ich dann, ›wenn man das aber nicht will, dann muß man eben -durch ganz etwas anderes sein Ziel zu erreichen suchen, oder vielmehr, -man muß warten, bis das von selber kommt, denn mit -Überlegung, Verstand und anderen billigen Malmitteln kommt -man doch zu nichts.‹ Mit einem Male fuhr sie mir dazwischen: -›Danach müßten Sie ja einen Menschen durch eine Landschaft -wiedergeben!‹ Ich nickte und bewies ihr das so scharf, daß sie -ganz begossen dastand, und da fragte sie: ›Wie würden Sie denn -den Eindruck wiedergeben, den ich auf Sie mache?‹ Und da -sagte ich zu ihr: ›Gnä' Frau, Sie haben doch schon gesehen, wenn -bei windstillem Wetter auf einmal die Luft küsselt und Papier, -Stroh, Blätter und Staub umeinander dreht und mit nach Hause -nimmt, eine der lieblichsten Erscheinungen in der Natur, so flüchtig, -so luftig, so entzückend vergänglich. So kommen Sie mir vor.‹«</p> - -<p>Er lachte unbändig und Swaantje ließ ihre Fröhlichkeit dazwischen -läuten. »Was hat sie denn darauf gesagt?« forschte sie. -»Gar nichts,« antwortete ihr Vetter. »Erst hat sie ein fuchtiges -Gesicht gemacht und mit einem Male wurde sie wie Margarine; -ich konnte sie hinschmieren, wo ich sie hinhaben wollte. Aber ich -mache mir aus Kunstbutter nichts; lieber schon Schmalz. Unsere -Luise ist mir dreimal so lieb, als diese Donnja. Sie macht in Kunstgewerbe, -wie andere in Heringen oder Flanell.« Er sah Swaantje -an: »Weißt du, was ich malen würde, um den Eindruck wiederzugeben, -den du auf mich machst? Weiße Haide, aber Sandhaide!«</p> - -<p>Das Mädchen fuhr in die Höhe: »Aber weiße Haide bedeutet -doch Unglück! Wirke ich so auf dich?« Er schüttelte den Kopf: -»Im Gegenteil! Und warum bedeutet weiße Haide Unglück? -Weil sie zu der Zeit, da unser ureigenes Wesen von der wälsch-fränkischen<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -Vergewaltigung noch nicht vermanscht war, eine -Glücksblume war, was sie in England heute noch ist und ebenso -in der Haide. Der Freitag war der Tag der Frigge, der Friggetag, -der Glückstag; an ihm wurden die Ehen geschlossen, und -unsere Haidbauern heiraten heute noch möglichst an diesem Tage. -Die Dreizehn war die heilige Zahl und die Sieben auch; unsere -Ahnen liebten nichts, was aufging, denn damit hörte es auf, ein -Problem zu sein. Aber die Taktik der karolingischen Mönche verkehrte -alles das ins Gegenteil; der brave Deutsche fiel darauf -hinein und gab sein naturfreudiges Wesen gegen eine asiatische -Naturentfremdung auf. Und daher unser tiefes, weites und hohes -Unverständnis für alles, was Kunst heißt.«</p> - -<p>Er schob das Bild, das auf einer Rollstaffelei stand, zur Seite -und sagte: »Bitte, setz dich einmal da hin, nein, da rechts von der -Tür!« Dann zog er den goldbraunen Vorhang zurück, der die -Hinterwand des Raumes verhüllte, und ein anderes Gemälde -wurde sichtbar, doch nur in seinen großen Umrissen, da das Oberlicht -abgeblendet war, und auch dem Seitenlichte war durch Vorhänge -der Zutritt verwehrt. Das Mädchen richtete sich in dem -Sessel auf, beugte sich vor, öffnete ihre Augen ganz weit und -fragte verwundert: »Seit wann malst du denn Dolomiten, Helmold? -Du sagtest doch, bloß die Haide könne dir zur visionären -Erscheinung werden? Aber dieses Bild gibt ganz und gar die -Geheimnisse der Sellagruppe wieder. Das heißt, so ganz verstehe -ich es doch nicht.«</p> - -<p>Der Maler lächelte, zog erst die Vorhänge von dem Seitenlichte -fort und machte dann dem Oberlichte Platz, und da sprang -Swaantje auf, brach in ein helles Jubellachen aus und rief: -»Nein, nein, Helmold, du bist ja ein Zauberer! Das ist ja, ja das -ist ja der Kreuzestod Christi!« Sie schüttelte den Kopf, bewegte -die Lippen, als wenn sie etwas sagen wollte, und dann ließ sie<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -sich wieder in den Sessel fallen, lehnte den Kopf gegen die alte -Stickerei, die darüber hing, blendete sich mit den Händen das -Ober- und das Seitenlicht ab und flüsterte: »Die Sella und die -Kreuzigung; wie geheimnisvoll! Helmold, wo ist die Lösung?«</p> - -<p>»Ja, Swaantje,« antwortete er und ein bißchen Selbstverspottung -lag in seiner Stimme; »ja, ich sage: ich will dies, und -hinter mir steht wer und sagt: ›du sollst das!‹ Sieh mal, die -Sellagruppe hat damals auf mich den selben blödsinnigen Eindruck -gemacht, wie auf dich, aber mein bewußtes Ich sagte mir: -du hast doch weiter nichts davon, als daß du durch die Komplementärwirkung -zu einem tieferen Verständnis deiner Heimlandschaft -kommst. Niemals habe ich daran gedacht, Dolomiten zu -malen. Als ich dann eines Abends bei Hennecke saß, kam die -Rede auf den Verlust der Überlieferung in der bildenden Kunst -und auf das Effekthaschen und Sensationsmachen in der Wahl -der Stoffe, und da sagte der Prinz: ›Der Staat müßte einmal -zehn Jahre lang verbieten, daß etwas anderes gemalt würde als -Kreuzigungen; dann würde man bald sehen, wer wirklich etwas -kann.‹ Dieses Wort juckte mich so lange, bis ich mir eines Tages -sagte: So, jetzt wird eine Kreuzigung gemalt, damit du endlich -Ruhe hast! Ja Kuchen: Als ich den Schaden besah, stand die -schöne Frau Sella neben mir, machte mir eine lange Nase, knixte -und sagte: Schau, da hast du mich doch malen müssen, ätsch! -Na, und so war es; der lange schwarze Mann im Vordergrunde -wirkt als tiefe schmale Schlucht, die anderen Figuren und die -Längsbalken der Kreuze geben die senkrechten, die Querbalken und -die Arme der Gerichteten die wagerechten Linien der Sellaarchitektur -wieder, und so hatte ich Dolomiten gemalt und keinen -Dunst davon gehabt. Ja, bei uns muß es wohl heißen: suchet -nicht, so werdet ihr finden.«</p> - -<p>Das Mädchen nickte ernsthaft. »Ja,« meinte sie dann, »Kunst<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -und Glaube sind zweierlei.« Ihr Vetter schüttelte den Kopf. -»Nein, Swaantje, sie sind das selbe, und deshalb sind alle wahren -Künstler gottlose Menschen in landläufigem Sinne. Sie suchen -Gott nicht; sie haben ihn in sich; ihn oder den Ungott.«</p> - -<p>Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und blies den Rauch -weit von sich, schob das Bild zur Seite, verhüllte es und desgleichen -das andere Gemälde und machte die Tür zu dem Nebengemache -auf. Das Mädchen stieß einen Laut aus, halb Seufzer, -halb Schrei und sprang auf, die Hand auf dem Herzen und mit -weit aufgerissenen Augen nach dem Gemälde starrend, das hinter -dem Türloche stand. Als der Maler, den ihr jähes Erbleichen erschreckt -hatte, neben sie trat, umklammerte sie seinen Arm, und -er fühlte, wie ihr Herz zitterte, und sah, wie ihr der Atem hastig -über die Lippen sprang. Er warf ebenfalls seine Augen auf das -Bild, und da erschrak auch er, denn einen so gemeinen Ausdruck -hatte er noch nie in den Augen des Weibes gesehen, das er da -gemalt hatte.</p> - -<p>»Chali,« flüsterte es an seiner Schulter, und er murmelte: »Das -ist es! Ich habe gedacht, es gibt keinen Namen dafür, aber du -hast sofort den einzig möglichen dafür gefunden. Das böse Prinzip -des Weibes.« Sie ließ sich, wie vor Erschöpfung, in den Sessel -gleiten, und fragte, immer das Bild anstarrend: »Wirst du es -mir sagen?« Er nickte. »Ja, Kind, gern, soweit es sich um den -äußeren Anstoß dazu handelt. Du weißt ja, wie der Prinz ist. -Eines Tages kommt er hier angeautobt und stellt mir eine kostbare -Schüssel vor die Nase, in der auf bleichem Moose dreißig -unheimliche Blumen lagen und mich auf ganz hundsgemeine -Weise anschielten. Ich machte ein dummes Gesicht und fragte: -›Bist du auf dem Mars gewesen?‹ Denn in meinem Leben hatte -ich solche Satansblumen noch nicht gesehen. Da lachte er und -sagte, es wären Stapelien, Kusinen von den Kakteen, und sie<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -wären aus seinem Treibhause, und er kritzelt mir eine argentinische -Stapelienlandschaft in das Skizzenbuch.«</p> - -<p>Er holte tief Atem und fuhr fort. »Den ganzen Tag war ich -zu nichts zu gebrauchen. Wie ein Affe saß ich da und sah diese -niederträchtigen Blumen an, diese Katerideen von Blumen, diese -Antiblumen oder was weiß ich. Ein Vierteljahr war ich ganz elend. -Erst dachte ich, es wäre die Grippe, nahm Dampfbäder, ließ mich -massieren und trank Grog. Dann hielt ich es für einen Darmkatarrh, -trank Boonekamp und ließ mir heiße Pottdeckel auf -den Magen legen, wenn ich zu Bett ging. Dann wieder schien es -mir Nervenüberreizung zu sein; ich aß Sanatogen, schluckte -Hämatogen, verkniff mir den Tabak, den Kaffee und den Wein, -trank abends Fliedertee und morgens Brombeerblätteraufguß -und wurde immer elender, bis ich mich auf einmal benahm, wie -ein Brunnendelphin, der abends vorher zu viel Bier getrunken -hat. Darauf schlief ich drei Tage, und dann malte ich das Bild -aus dem Handgelenk in acht Tagen und war kreuzfidel, als ich -es hinter mir hatte, denn mir fehlte gar nichts; mir hatte nur das -scheußliche Bild verquer im Leibe gesessen, ein Meter vierzig zu -eins zwanzig. Aber sieh es dir einmal genau an!«</p> - -<p>Swaantje stand auf, doch sie zögerte noch. Sie sah den schweren, -klobigen, in den massigen Formen der sumerischen Bauweise gehaltenen, -reich geschnitzten, mit buntem Glasflusse ausgelegten -und mit goldenen und silbernen Ziernägeln beschlagenen Rahmen -und dann das unheimliche nackte Weib an, das vor einem unglaublich -klaren und grundlosen Wasser, das eine unbekannte -Farbe hatte und von der Abendsonne eiterrote Glanzlichter bekam, -auf der Seite lag, die brutalen Knie gegen den üppigen Leib gezogen, -den stützenden Arm halb überschüttet von einem Sturzbache -straffen Haares von einer rohen roten Farbe, und das sie -mit seelenlosen Tigeraugen ansah, ebenso schrecklich, wie die unheimlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -großen Blumen, die an den starren Stämmen hinter -ihrem Rücken hingen, aber auch ebenso schön, Chali, die Göttin -des unblutigen Meuchelmordes, das greuliche Geheimnis des -bengalischen Bambusdickichts.</p> - -<p>Langsam ging sie darauf zu und sah, daß das Weib keine Tigeraugen, -sondern Menschenaugen hatte, doch mit dem Blicke des -Tigers, oder vielmehr, mit gar keinem Blicke, aber dadurch wirkten -sie gerade so tigerhaft. Als sie noch näher kam, nahmen ihre -Züge den Ausdruck kindlicher Neugier und einer dummen Verwunderung -an, denn das Bild war auf Holz gemalt und der -Leib des Weibes war nicht gemalt, sondern ausgespart, so daß -überall die Maserung und hier und da ein Astfleck zu sehen war. -Der Gesamteindruck war aber so mächtig, daß diese Dinge vor -ihm völlig zurückgingen.</p> - -<p>Helmold, der hinter sie getreten war, nickte ihr zu und sagte: -»Ja, ja, es ist wunderlich, was man nicht alles macht, wenn -man so dumm dahertollpatscht. Warum habe ich das auf Holz -gemalt und nicht auf Leinwand? Im allgemeinen male ich nicht -gern auf Holz, und wenn schon, so kleine Bilder. Aber dieses -mußte ich auf Holz malen, scheinbar, weil das Brett gerade da -stand, in Wirklichkeit aber, weil dieses Weib nicht gemalt, sondern -ausgespart werden mußte. Es verkörpert das negative Prinzip -des weiblichen Wesens, konnte also am besten durch eine Negativität -wiedergegeben werden. So ist es auch im Leben; das -Schlechte, das Unheimliche, das Gemeine: tritt dicht davor, und -siehe, es ist ein Nichts, es ist Holz, dumm gemasert und mit Kienstellen -durchsetzt. Ein wirkliches Weib, ein Weib von Herz und Gemüt, -von Fleisch und Blut, das hat nicht hier mitten auf dem Bauche -einen Leberfleck aus Kien und auf der Kalipygie eine Maserung, -soweit meine geringen Erfahrungen auf diesem interessanten, aber -schwierigen Gebiete reichen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p> - -<p>Er zog den Vorhang zu, nahm Swaantje um die Mitte, führte -sie zu dem Ruhebett, stellte einen alten Bauernteller mit Äpfeln -und eine Dose mit Biskuit vor sie hin und nötigte zum Zulangen: -»Iß, Mädchen, desto eher wirst du elend! Und hier sind auch -Nüsse.« Swaantje nahm eine, steckte sie dem wunderlichen Nußknacker -in das Maul, zerbrach sie und rief dann: »O, ein Vielliebchen! -Wer ißt es mit mir?« Ihr Vetter hielt die Hand auf. -»Dir zuliebe tue ich alles,« lachte er; »sonst esse ich nur Nüsse, -wenn sie mir einer kaut, aber das will keiner. Wenn man nämlich -nicht aufpaßt, kaut man acht Tage lang an einer Nuß herum.« -Er steckte die Nuß in den Mund, schluckte und sagte, indem -er auf seine Weste zeigte: »Es geht auch ohne die alte -Kauerei.« Da lernte Swaantje das Lachen wieder und vergaß -das unheimliche Bild und den entsetzten Blick, den Helmold -darauf geworfen hatte. Dann zeigte er ihr einige Porträts und -eine Anzahl von den Studien, die er zu Hunderten in den Schiebladen -der großen Schränke liegen hatte, schwatzte Kraut und -Rüben durcheinander und hetzte einen Witz hinter dem anderen -her, bis sie vor Lachen nasse Augen bekam und ihn händeringend -bat, aufzuhören: »Denn ich habe nur ein Zwerchfell, Helmold, -und das ist schon dreimal gestopft!«</p> - -<p>Sie kuschelte sich bequem auf das Ruhebett hin, biß in einen -Apfel und sah zu, wie er überall herumkramte, und ihr allerlei -zeigte, das bravste Gehörn von dem letzten Jahre, eine Pfeilspitze -aus Feuerstein, die er in der Haide gefunden hatte, eine -alte Schnapsflasche mit einem himmelblauen Vogel Phönix darauf -und der Inschrift: »So wie der Fönix der Flamme entspringt, -so meine Liebe zu dir hin dringt« und ähnliche Seltsamkeiten, -die er bei seinen Jagdfahrten in den Dörfern aufgegabelt hatte. -Dann, als er eine Schieblade aus einem grell gestrichenen Schranke -zog, rief er: »Holla! Beinahe vergessen!« Er langte ein Kästchen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -heraus, machte es auf, nahm etwas heraus und drückte es dem -Mädchen in die Hand. Es war eine Fibel aus dickem, gerieftem -Silberdraht, aus zwei engen Spiralen gebildet, deren jede einen -prachtvoll gebräunten Hirschhaken umschloß. »Da!« sagte er, -»als Dank für diesen schönen Morgen!«</p> - -<p>Sie errötete und klatschte in die Hände: »Wie entzückend! So -eine fehlte mir gerade. Die hast du doch selbst entworfen? Und -wie reizend von dir, mir die zu schenken, mit den prachtvollen -Kusen darin!«</p> - -<p>Sie drehte das Schmuckstück hin und her, nahm die Pfeilspitze -von Flintstein von dem Tischchen, hielt beide Gegenstände aneinander -und sagte: »Die gehörten einmal zusammen, paß auf: -der alte Oberpriester war voller Wut, denn seine Tochter, Loide -hieß sie, sah Wuni gern; aber der war ihrem Vater ein Gräuel, -weil er die Kunst, Waffen und Geräte aus Metall zu schmieden, -aus der Fremde mitgebracht hatte und deshalb der Priesterschaft -als gottloser Mensch galt. Nun war noch jemand da, der die schöne -Loide liebte; Ulahu hieß er, und war ihrem Vater genehm, dieweil -er ein Steinschmied war und jede Neuerung haßte. Aber -Wuni war stark und Ulahu schwach, und da sprach der Oberpriester, -Krwo hieß er: ›Der Rabe jagt dem Adler den Fraß ab, -obwohl dieser siebenmal so stark ist.‹ Ulahu merkte sich diese -Rede, und als er Loide einmal in das Haus ihres Vaters eintreten -sah, mit flammenden Augen, brennenden Wangen und -glühenden Lippen, und bemerkte, daß ihr Kleid vor der Brust -mit einer silbernen Fibel, in der zwei Hirschhaken befestigt waren, -geschlossen war, da ging er zu seiner Hütte, weinte, nahm den -Eibenbogen und drei Pfeile zur Hand und schlich Wuni nach, -als er in der Frühe auf Jagd ging, und schoß ihm den Pfeil von -hinten durch das Herz, daß er sterben mußte. Ulahu aber freite -Loide, doch am Morgen nach der Hochzeit lag er tot in seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -Hütte; Loide aber war verschwunden, und wenn die Nachtschwalbe -rief, sagten die Mädchen: ›Da schreit Loide nach Wuni.‹«</p> - -<p>Während sie so sprach, verhärteten sich ihre Augen, so daß es -Helmold, der ihr anfangs mit vieler Freude zugehört hatte, erschien, -sie hätten ein wenig von dem, was die Augen der Chali -aufwiesen, und sein Herz kehrte sich um. Doch er jagte die graue -Fledermaus, die auf ihn zuflog, mit einer heftigen Bewegung -fort, nickte, lächelte und sagte: »Das ist sehr schön, Swaantje, -und du wirst das aufschreiben und mir als Gegengeschenk verehren. -Du solltest überhaupt deine Gesichte zu Papier bringen. -Ich habe es schon oft gedacht: Du bist eine Künstlerin! Und wem -eine Gabe ward, der soll ihrer pflegen, sonst bleibt er unfroh sein -Leben lang.«</p> - -<p>Doch als er das gesagt hatte, schüttelte er in sich darüber den -Kopf, denn er glaubte nicht an eine künstlerische Begabung des -Weibes. Er hatte, als er einst einer schönen Frau, die acht gesunde -Kinder besaß, einen Spruch in ihr Gästebuch schreiben -sollte, folgendes eingetragen: »Der größte Künstler ist klein gegen -eine Mutter; denn er kann keinen Menschen von Fleisch und -Blut schaffen.«</p> - -<p>Während er nun Swaantje freundlich ansah, besah er ihr Gesicht -genau und dachte: »Ihr ganzes Wesen ist weiblich, aber ihr -Geist ist männlicher Art. Am Ende ist sie kein völliges Weib; das -wäre ein Jammer, denn dann wird sie das wahre Glück nie -kennen lernen. Denn die Liebe ist alles, und das andere ist nichts.«</p> - -<p>Da kam Swaan angelaufen und rief: »Väterchen und Muhme -Swaantje, ihr möchtet zum Essen kommen, aber schnell, sonst -wird der Braten kalt!« Stolz setzte er hinzu: »Es gibt Birkhahn, -den Vater geschossen hat.« Sweenechien aber, die hinter ihm -hergetappelt war, rief: »Und Flammerie! Hast du das auch geschossen?« -Da lachte Swaan sie aus und Helmold und Swaantje<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -auch; unter viel Lachen und Scherzen ging es in die Veranda, -wo Frau Grete sie mit den Worten empfing: »Was ist das bloß -heute? Alles im Hause lacht in einem fort! Die Mädchen sind -aus Rand und Band und ihr auch. Der Sekt kann doch nicht -nachspuken?«</p> - -<p>Das schien aber doch so, denn es blieb bei dem Lachen. Helmold -lachte, wenn er zu Bett ging, und er lachte, wenn er aufstand. -Die Arbeit flog ihm nur so von der Hand, und während -der Pinsel bald langsam und vorsichtig, bald schnell und sorglos -über die Leinwand ging, sang und pfiff er, daß man es über den -ganzen Garten bis in das Haus hören konnte.</p> - -<p>Wenn aber aus der Werkstatt kein Singen und Pfeifen kam, -so wußte Grete, daß Swaantje dort war. Die saß dann in einem -der großen Sessel und arbeitete an einer Stickerei oder lag auf -dem Ruhebett, sah ihrem Vetter zu und freute sich an seinen -schnellen und doch so sicheren Bewegungen, an seiner frohen -Laune und seiner Urwüchsigkeit; denn wenn er mitten in der -Arbeit war, vergaß er alles um sich und konnte, fuhr er einmal -gegen einen Baum, mit den saftigsten Ausdrücken um sich werfen, -und Swaantje rief dann wehklagend: »Aber Herr Hagenrieder, -ich bin eine deutsche Jungfrau!« Wenn er dann sagte: »Leider! -vergaßen sie zu bemerken, mein allergnädigstes Fräulein«, dann -lachte sie.</p> - -<p>Einmal wäre ihm beinahe die Antwort entwischt: »An mir -liegt es wahrhaftig nicht«; doch er packte rechtzeitig den schlechten -Witz noch am Nackenfell, denn es war ihm wirklich nur Spaß -damit gewesen.</p> - -<p>Mehr als einmal sagte er zu seiner Frau: »Es ist nun an der -Zeit, daß Swaantje heiratet; sie bekommt sonst noch Druckstellen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Stapelienbild">Das Stapelienbild</h2> -</div> - -<p class="noind">Chali langweilte sich. Früher konnte sie fast den ganzen Tag -mit dem Maler sprechen; seitdem aber das junge Mädchen da -war, war es aus damit, denn Swaantje fürchtete sich vor ihr, -und so hatte Helmold das Bild in den Nebenraum gestellt, wo -es weiter nichts gab als Bilder, Rahmen, Kisten und Kasten, -Töpfe und Kruken.</p> - -<p>Aber wenn Chali auch nicht dort hätte sein müssen, sondern in -der Werkstätte hätte weilen dürfen, so hätte ihr das doch nichts -genützt. Holz und Stoffe boten ihren Blicken keinen Widerstand, -und so mußte sie es einen Tag wie den anderen mit ansehen, wie -der Maler sich mit dem blonden Mädchen unterhielt und ihm -liebreiche Blicke zuwarf. Sie lag da und starrte auf die Tür; ihre -Augen wurden von Tag zu Tag böser und leuchteten im Dunkeln -grün.</p> - -<p>Eines Abends, als Helmold und Swaantje in der Werkstätte -waren, holte der Maler sich aus der Vorratskammer ein frisches -Malbrett, was er immer tat, wenn er ein neues Bild begann, -das ihm aus dem Herzen kam, und da er an das Bild dachte, -das er anfangen wollte, so ließ er in Gedanken die Tür offen -stehen. Er wollte nämlich Swaantje malen; er hatte es schon bei -Tage mehrfach versucht, war aber nie über den Anfang hinweggekommen, -bis ihm einfiel, daß er eine andere Beleuchtung haben -müsse, als das Tageslicht, und er hatte gefunden, daß das Mädchen -im Halbschatten sitzen müsse, während rings umher alles<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -hell von Licht war. So setzte Swaantje sich also an das große -Fenster, vor dem die Vorhänge zusammengezogen waren, und -drehte der zweiten Tür den Nacken zu.</p> - -<p>»Heute wird es etwas, Swaantje,« rief Helmold; »das kommt -wohl daher, weil ich dich gestern eigentlich zum ersten Male in -Erregung gesehen habe. Du bist übrigens der einzige Mensch, -mit dem ich Walzer tanzen kann. Sonst liegt mir der Walzer -nicht; mein Blut geht im Polkatakt. Hamburger, Schwedische -Quadrille, der Achtturige, Schardas, Kasatschka und dergleichen, -wobei man seine Knochen rühren und ordentlich trampeln kann, -das ist mein Fall. Aber sich wie ein Brummkreisel andauernd um -seine Perpendikulärachse zu drehen, das ist nichts für mich. Gestern -bin ich aber auf den Geschmack gekommen. So wie du den Walzer -tanzst, so glaube ich, tanzen die Nebelfrauen ihn auch. Ich -will sie nächstens mal fragen.«</p> - -<p>Chalis Augen sprühten, als sie das mit anhören mußte, und -sie stach mit spitzen Blicken nach dem Nacken des Mädchens; -jedesmal, wenn Helmold hinzutrat und mit seiner Hand ihre Kopfhaltung -ein wenig änderte, fuhren grüne Blitze aus dem Nebenraume -dahin, wo die aschenblonden Nackenlocken auf der roten -Stuhllehne schimmerten. Solange ihr Vetter mit ihr plauderte, -merkte Swaantje nichts von dem, was hinter ihr vorging; aber -nun fing Helmold an, eine neue Singweise zu suchen, indem er -ganz leise durch die Zähne pfiff, und das bedeutete, wie sie wußte, -daß er dem Reime zwischen Stoff und Form nahe war. Darum -rührte sie sich nicht, so gern sie das auch getan hätte.</p> - -<p>Denn ihr war so merkwürdig schwach und hülflos zumute. -Sie hatte ein bißchen viel getanzt und gelacht und vielleicht auch -ein Glas Sekt mehr getrunken, als ihr gut war; aber es war so -wunderschön auf dem Frühlingsfeste gewesen; so viele hübsche, -fröhliche Frauen und Mädchen, und so viele nette, lustige Männer<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -hatte sie noch nie beisammen gesehen, und so hatte sie mit den -anderen getollt und sich prachtvoll vergnügt.</p> - -<p>Jetzt aber fühlte sie sich müde; sie hatte einen peinlichen Druck -in der Herzgrube, und ihr war, als klemmte etwas ihre Herzschlagadern -ein. Am liebsten hätte sie ihrem Vetter nicht gesessen; aber -sie wußte, wie gern er sie malen wollte, und daß er endlich dazu -kam; denn nun pfiff er nicht mehr durch die Zähne und trat -nicht fortwährend vor und zurück, sondern er stand still, malte -eifrig, summte erst eine Weise vor sich hin, und dann sang er: -»Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir -schrie, Rose Marie, Rose Marie, aber du hörtest es nie.« Er war -in voller Fahrt.</p> - -<p>Sie hielt still, obgleich ihr von Minute zu Minute hülfloser zumute -wurde; denn Chali ärgerte sich über die zärtlichen Blicke, -die der Maler fortwährend nach dem Mädchen warf, und über -das Lied, das er sang, während er malte, und so wandte sie ihre -Meuchelmörderaugen nicht einen Pulsschlag lang von dem Nacken -Swaantjes.</p> - -<p>»Erzähle was, Maus!« sagte Helmold, und Swaantje war -froh; aber ihr fiel nichts weiter ein, als das, wovon sie noch zu -keinem Menschen gesprochen hatte, und was sie auch keinem sagen -wollte. Aber da dachte sie an die Faschingsnacht in München, als -ihr Vetter zwischen all dem tollen Lärm zu ihr gesagt hatte: -»Kleine, wenn du einmal etwas hast, das dich drückt, und du -magst es niemandem sagen, so sage es mir; wenn ich dir irgend -helfen kann, so tue ich es.«</p> - -<p>Sie hatte ihm die Hand gereicht und gesagt: »Das werde ich, -Helmold!« Aber dann hatte sie lachen müssen; wie er so dasaß, -vollkommen im Ballanzuge, aber mit einem Radieschen im Knopfloch, -mit gebrannten, gepuderten Haaren, weißgeschminktem Gesicht -und kohlschwarzem Schnurrbart und dazu die vergoldeten<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -Ohren, das hatte zu närrisch ausgesehen, zumal seine blauen -Augen so treuernst blickten.</p> - -<p>Weil sie nun an diese Augen dachte, fing sie an: »Lieber Helmold, -ich muß dir jetzt etwas sagen, weil ich deinen Rat brauche: -ich liebe einen Mann.« Helmold blieb ganz ruhig und malte weiter; -ihm war zumute, als habe ihm jemand ganz heimlich sein Herz -weggenommen und ihm nur den Verstand gelassen. Darum fragte -er, ohne daß seine Stimme anders klang als sonst: »Weiß er es?« -Swaantje sah gerade aus: »Nein; das glaube ich nicht.« Ihr -Vetter fragte weiter: »Ist er deiner würdig?« Sie erwiderte: -»Er ist viel besser als ich.« Er brummte: »Danach liebst du ihn -also; deine Behauptung bezweifele ich übrigens. Kenne ich ihn?« -Sie schüttelte den Kopf. »Darf ich wissen, wer es ist?« Sie -nickte: »Professor Groenewold; bei dem ich Literatur und Kunstgeschichte -hatte.« Er fragte weiter: »Wie alt ist er?« und als sie -sagte: »Fünfundvierzig,« brummte er, eifrig weiter malend: »Zu -jung für eine Backfischliebe! Verheiratet?« Swaantje sah ihn -groß an: »Dann würde ich ihn doch nicht lieben können!«</p> - -<p>Er lächelte und dachte: »Heilige Einfalt!« Aber dann steckte er -die Pinsel in das Glas, legte das Malbrett hin und sagte: »So, -nun rüttele dich und schüttele dich, wirf aber nicht alle deine -Blätter über mich, sondern behalte noch ein paar für dich übrig. -Wir wollen einmal eine Pause machen; mich rauchert.«</p> - -<p>Swaantje stand auf und reckte sich, und er holte sich eine Zigarre. -Als er sie angezündet hatte, sah er, daß die Tür nach dem -Nebenraume offen stand; Chalis Augen starrten ihn höhnisch -an. Wütend warf er ihr das Streichholz in das Gesicht und wunderte -sich, daß es grüne Funken gab.</p> - -<p>»Helmold, um Himmels willen, was machst du?« rief Swaantje, -»dein schönstes Bild.« Er zog die Tür zu, daß es krachte, und -knurrte: »Schönes Bild? Scheußliches Bild! Chali? Schon mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -Zyankali!« Swaantje lachte und rief: »Das war aber ein echter -Kalauer!« Er schüttelte den Kopf: »Das ist noch gar nichts; wenn -mir ganz schlecht ist, setzt es nicht nur Kalauer, sondern sogar -Kawärmer, wenn nicht Kaheißer.« Das Mädchen hielt sich die -Ohren zu: »Kommt das noch schlimmer?« Dann lachten sie beide -aus vollem Herzen, bis es Helmold einfiel, daß er sein Herz irgendwo -habe liegen lassen müssen; denn ihm war so leer in der Brust -und so schön leicht, als ob er tot wäre.</p> - -<p>Aber er dachte doch mehr an das Mädchen als an sich und -sprach: »Ja, liebe Swaantje, das ist eine sehr traurige Sache. -Du liebst ihn, und er weiß es nicht. Du liebst ihn seit sieben Jahren, -und er ahnt es nicht. Entweder ist er blind, oder er liebt eine andere, -oder aber, denn es gibt solche Männer, so unglaublich das -auch klingt,« und er lachte, als er das sagte, »er hat kein Verlangen -nach dem Weibe. Hier kann dir niemand helfen, sogar -ich nicht, der ich doch verdammt dem Teufel die Zähne ausziehen -würde, wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte.«</p> - -<p>Er ging mit großen Schritten auf und ab. »Sieh mal, Swaantje,« -fuhr er dann fort, »alles, was ich von dem Manne gehört habe, -spricht für ihn. Er hat den Mut gehabt, eine Schrift herauszugeben, -in der er den Unwert der karolingischen Zivilisation für -uns nachweist. Wir Stedinger Blutsbrüder haben ihm damals -ein Horüdhotelegramm geschickt und noch eins, als ihm die hochwohllöbliche -Behörde in ihrer Eselhaftigkeit den Geschichtsunterricht -abknöpfte, damit er nicht mehr in der Lage sei, gegen die -Verherrlichung des Schlachterkarls und seines edlen Filiusses Louis -des Frömmlers anzuarbeiten. Insofern freue ich mich, daß deine -Wahl gerade ihn getroffen hat, abgesehen von dem famosen farbigen -Namen, den du dir ausgesucht hast. Aber, wie gesagt, es -ist nichts zu machen. Hingehen und ihm sagen: ›Bitte, seien Sie -so gütig und heiraten Sie mich!‹ das kannst du nicht gut, und<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -ich kann auch nicht zu ihm gehen und ihm sagen: ›Heiraten Sie -meine liebe Base, oder ich fordere Sie auf dreimaligen Kugelwechsel -ohne Binden und Bandagen!‹ Denn je besser ein Mann -ist, um so mehr Verlangen hat er danach, sich das Weib seines -Herzens zu erobern, und er wird sofort auf der Hinterhand Kehrt -machen, wenn der Fall sich umgekehrt entwickelt. Daß auch gerade -dir so etwas zustoßen muß! Wenn du dich wenigstens in -mich verliebt hättest! Ich hätte es schon gemerkt. Ich schlüge sofort -mein Zelt in der Türkei auf und betete zu Allah. Hol's der -sogenannte Dieser und Jener!« Er warf seine Zigarre gegen den -Ofen, daß es ein kleines Feuerwerk gab, und steckte sich eine -Zigarette an.</p> - -<p>Dann stellte er sich vor das angefangene Bild, auf dem Swaantjes -Kopf schon deutlich vor einem Haidberge zu erkennen war, aus -dessen rosiger Pracht ein Busch weißer Haide verschämt hervorschimmerte, -und als spräche er zu dem Bilde, fuhr er fort: »Dein -Fall ist so gut wie hoffnungslos, liebe Swaantje. Liebst du ihn -wirklich so sehr?« Sie nickte. »Als Schülerin oder als Weib?« -Sie wurde rot. »Nicht nur als Schülerin.« Er räusperte sich, -und dann fragte er in trockenem Tone: »Entschuldige, Swaantje, -und wenn es dir nicht paßt, so antworte nicht: Grete und ich -glaubten bisher, du wüßtest noch nicht, daß du ein Weib bist; -das kommt oft sehr spät zum bewußten Ausdrucke. Du kamest -mir bisher gänzlich unsinnlich nach dieser Richtung hin vor. Für -kalt von Natur hielt ich dich nicht, aber für unaufgewacht. Du -weißt, ich spreche als Freund und Bruder, und darum darfst du -mir diese Frage nicht übel nehmen: Wie steht es damit?« Das -Mädchen sah ihn mit klaren Augen an. »Weißt du, Helmold, -nach dem, was ich in den Büchern las und von anderen jungen -Mädchen hörte, glaubte ich, daß ich anders bin als die anderen -Menschen. Nur ein einziges Mal merkte ich, daß ich doch so bin.<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -Das war,« sie wurde blaß und stockte, fuhr aber dann fort. -»Doch das ist ja Nebensache!« Helmold runzelte die Stirn: -»Leidest du sehr unter deiner Neigung?« Sie nickte: »Sehr; ich -glaube, ich gehe daran zugrunde.«</p> - -<p>Ihr Vetter sah sie böse an: »Möglich, das heißt, wenn du -dieses zwecklose, unbefriedigte Leben weiter führst. Sieh mal, ich -kenne dich ziemlich gut. Ich habe früher schon Grete aufgehetzt, -sie solle Muhme Gesina so lange zwiebeln, bis sie dich aus dem -Käfig läßt. Grete hat das auch getan; den Erfolg kennst du: es -stellte sich glücklich der so bequeme Herzkrampf ein, und dann -sprach die gute Swaantien: ›Nein, liebstes Tantchen, ich verlasse -dich nicht!‹ Deine Muhme in Ehren; wäre sie nicht gewesen, -so könntest du dich vielleicht als Gouvernante oder Gesellschafterin -piesacken lassen; das weiß ich. Aber vielleicht wäre das -besser gewesen; denn was hast du von deinem vielen Gelde? -Du willst deinen Geist betätigen, möchtest schaffen; statt dessen -mottet Muhme Gese deinen Geist ein und zwingt dich, zu murksen. -Lauter dumme Arbeiten sind es, zu denen sie dich antriezt, und da -keine davon dein Denken ausfüllt, zerfetzt sich diese hoffnungslose -Neigung völlig. Daß deine Nervenschmerzen, die dich seit -einigen Jahren quälen, einen anderen Grund haben, als weil du -dir einmal beim Schlittschuhlaufen nasse Beine geholt hast, das -ist mir und Grete schon lange klar.«</p> - -<p>Er setzte sich in den Vierländer Bauernstuhl, nahm die Laute -und begann die Weise zu klimpern, die er vorhin gesungen hatte. -»Sieben Jahre mein Herz nach dir schrie,« flüsterte es in ihm und -dann: »Mensch, weißt du es denn nicht, daß du sie liebst! daß -du sie zum Verrücktwerden liebst! von dem Tage an liebst, als -du sie zum ersten Male sahst, als sie ein Backfisch und du ein -glücklicher Bräutigam warst?« Sein Herz zuckte zusammen; das -war wahr, war wirklich wahr. Er mochte nicht aufsehen und<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -steckte sich aus Verlegenheit eine neue Zigarette an, denn wenn -er jetzt, in diesem Augenblicke, das Mädchen ansah, dann, das -fühlte er, lag er vor ihr, küßte ihre Hände und bettelte um einen -Kuß von den Lippen, die nach einem anderen Manne seufzten.</p> - -<p>Er griff in die Saiten und spielte das frechste von allen Liedern, -die er kannte, und summte dabei halblaut die ersten beiden Verszeilen: -»Auf der Lüneburger Haide ging ich auf und ging ich -unter,« und dann setzte er das Singen durch Flöten fort. Als er -in den Spiegel blickte, erkannte er, daß er tiefe Schatten unter -den Augen hatte. »Swaantje,« rief er und legte die Laute fort; -»hier gibt es nur ein Mittel: eine Tätigkeit für dich, die dir Freude -macht. Dieser Kram da zu Hause, wo du nur die Rolle eines -unmaßgeblichen Haushaltsreferendars spielst und nie eine freie -Stunde für dich hast, das ist Gift für dich. Raus mußt du, auf -einen verantwortungsreichen Posten, der dich müde, aber nicht -matt macht, und auf dem du die Hauptperson bist und nicht -bloß ein Tantenschwanz, der alles machen muß, aber nichts zu -sagen hat. Entweder du verabschiedest die Tante, aber dann -würde sie sich natürlich sofort einen ihr gut stehenden Sarg anmessen -lassen, oder du kündigst ihr und ziehst mit lautem Hörnerklang -in die Hinausferne, siehst dir die Welt einmal ohne die -Tante an und siehst zu, daß du eine Arbeit findest, als Krankenschwester, -als Redaktörin, meinetwegen auch als sozialdemokrätzige -Agittattersche oder Frauenbewegungspropagandame. -Aber zu Hause sitzen, Strümpfe für Niggerblagen stricken, Missionspredigten -anhören, Traktätchen verteilen und sonst die Einmacherei -überwachen und die Eierproduktion des Federviehs statistisch -aufnehmen und den ganzen Tag die Tante auf den -Hacken zu haben mit ihrer kamigen Liebe, dafür halte ich mir keine -so hübsche Kusine!«</p> - -<p>Da lachte Swaantje wieder, stand auf und schüttelte die Falten<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -aus ihrem Rocke, und wie ein Blitz schlug in Helmold eine Erinnerung -ein. Er war vor Jahren einmal mit ihr Rad gefahren, -und zwar an einem Tage, an dem seine Lippen abscheulich heißhungrig -waren, denn er war seit drei Wochen Strohwitwer und -sah, ohne sich viel dabei zu denken, allem nach, was Röcke trug -und jung und hübsch war. Als er so mit Swaantje dahinradelte -und ihr allerlei dumme Witze zuwarf, paßte sie nicht auf, fuhr -gegen einen Stein und kippte um. Er sprang sofort ab, aber ehe -er bei ihr war, stand sie schon wieder auf den Füßen, lachte, -faßte ihren Rock und schüttelte ihn in der Aufregung so gehörig, -daß er in die Höhe flog und er ihre Hosen bis oben hin sah. -Nun konnte er alles vertragen, bloß keine weißen Mädchenhosen; -aber das einzige Gefühl, das er damals gehabt hatte, war: »Wenn -sie es bloß nicht gemerkt hat, daß ich es gesehen habe!«</p> - -<p>Jetzt, wo sie mit der selben Bewegung, wie an jenem Maienmorgen, -ihre Röcke schüttelte, brannte ihn eine nesselnde Vorstellung. -Ihm, das wußte er, konnte sie nie gehören, und er -wünschte ihr alles Gute, und dazu gehört für ein Weib ein Mann; -aber der Gedanke, daß ein Mann einmal so vertraut mit ihr -stehen würde, daß er sie in den verschwiegensten Hüllen sehen -durfte, diese Vorstellung flog ihm wie Schwefeldampf in den -Hals und klemmte ihm die Lunge zusammen. Doch sobald er das -Mädchen wieder ansah, wurde ihm leichter zumute, und während -er sie in das Wohnhaus geleitete, fielen ihm schon wieder -ein paar Schnurren ein, und lachend kam er mit ihr in das Wohnzimmer.</p> - -<p>Sie gingen alle früh zu Bett, und er schlief auch bald ein; aber -am anderen Morgen sah er so wenig frisch aus, denn er hatte -fast die ganze Nacht die quersten Sachen geträumt, daß seine -Frau ihn fragte, ob er nicht wohl wäre.</p> - -<p>Da erzählte er ihr von Swaantjes tauber Liebe zu Professor<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -Groenewold, und Grete, die den Mann kannte, meinte ernst: -»Das ist eine ganz dumme Geschichte; nun wollen wir doppelt -so lieb zu ihr sein und sie möglichst lange hier behalten.« Sie -wunderte sich weiter nicht, daß ihr Mann nicht mehr sang und -pfiff, wenn er malte, und nicht mehr so frisch und fröhlich aussah, -außer wenn das Mädchen zugegen war, und dann dachte -sie: »Er nimmt sich ihr Schicksal sehr zu Herzen.« Deshalb schickte -sie die beiden möglichst oft allein aus und freute sich, wenn sie -mit blanken Augen und roten Backen zurückkamen, und sie machte -sich weiter keine Sorgen darüber, daß Helmold, wenn er im Garten -bei den Blumen beschäftigt war, meist einen trüben Zug um -den Mund hatte.</p> - -<p>Sie war nicht eifersüchtig veranlagt, hatte viel gelesen und -scharf beobachtet. Nachdem ihre beiderseitige Liebe nicht mehr so -toll schäumte, sondern ruhig weiterperlte, hätte sie ihrem Manne -eine kleine Grenzverletzung nicht weiter nachgetragen, wenigstens -wäre ihr das lieber gewesen, als wenn er sich mit einer unglücklichen -Neigung herumgeschleppt hätte. In einer rosenroten Stunde -hatte sie einst seinen Kopf an die Brust gezogen und ihm gesagt: -»Du, ich glaube, den meisten Männerchen fällt es sehr schwer, -ihren Weiberchen treu zu bleiben. Wenn es dir einmal so geht, -und du richtest weiter kein Unheil an, tu', was du willst, nur -wissen möchte ich es nicht.« Da hatte er hellauf gelacht und gesagt: -»Bist du aber gemein! Damit hast du mir den ganzen Ulk -verdorben; denn wenn ich tun darf, was ich will, dann ist das -Beste davon weg.«</p> - -<p>In den drei Jahren, da sie beide mit vielen Sorgen kämpften, -und er noch obendrein in der ihm gar nicht liegenden Stellung -als Lehrer an der Kunstgewerbeschule reichlich Ärger und Verdruß -gehabt hatte, hatten sie ein Dienstmädchen gehabt, ein bildhübsches -Menschenkind, das ihnen mit seinem Lächeln ein wahres<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -Labsal gewesen war. Als sie den Dienst verließ, um zu heiraten, -seufzte Frau Hagenrieder lang und breit hinter ihr her; ihr -Mann aber sagte: »Du hast am allerwenigsten Ursache, so zu -seufzen. Danke Gott, daß sie fort ist; denn wenn sie noch lange -hier gewesen wäre, wahrhaftig, ich hätte es nicht ausgehalten: -ich hätte sie in den Arm nehmen und küssen müssen.« Seine Frau -hatte ganz trocken geantwortet: »Das hätte ich dir weiter gar -nicht übel genommen, und ich wundere mich bloß, daß du es -nicht getan hast; denn du bist doch sonst nicht so.« Aber Helmold -schüttelte den Kopf: »Erstens war sie verlobt, und zweitens mochte -ich sie viel zu gern leiden, um sie in Verwirrung zu bringen. Aber -offen gestanden, einen Kuß hätte ich als Andenken ganz gern behalten.«</p> - -<p>Von Swaantje bekam er auch keinen Kuß zum Andenken. -Früher hatte er ihr immer einen gegeben, wenn sie kam oder ging. -Dieses Mal war er dazu nicht imstande und küßte ihr noch -nicht einmal die Hand, als sie in ihr Abteil stieg. Am Abend vorher -hatte seine Frau nämlich etwas gesagt, das ihm wie ein -Dachziegel auf den Kopf gefallen war. Er hatte sich alle Mühe -gegeben, recht lustig zu sein, und wenn ihm auch gar nicht so zumute -war, so gelang es ihm doch; es wurde ein so vergnügter -Abend, daß seine Frau seufzend sagte: »Es ist ein Jammer, -Swaantje, daß du morgen abreisen mußt; wie schön wäre es, -wenn du immer bei uns bliebest. Helmold kann ganz gut zwei -Frauen brauchen, und du paßt eigentlich besser zu ihm, als ich. -Außerdem habe ich mit dem Haushalte und mit den Kindern so -viel zu tun, daß ich mich um den armen Mann so gut wie gar -nicht kümmern kann. Überlege dir das einmal, Swaantje! Ich -bin dann seine Sonnenfrau, die für den Leib sorgt, und du das -Mondweiberchen, das seine Seele bescheint.« Das Mädchen hatte -gelacht und gesagt: »Wenn alle Stränge reißen, werde ich von<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -deiner freundlichen Erlaubnis Gebrauch machen!« Als aber Grete -lachend fragte: »Und du, Helmold, wie denkst da darüber?« da -ging er nach der Türe und ließ den Hund herein, obgleich der -noch gar nicht gekratzt hatte.</p> - -<p>In der Nacht aber tat er kein Auge zu und sah am Morgen -grün aus. »Sieh bloß, Swaantje, wie er sich grämt, daß du uns -verläßt!« sagte Grete beim Frühstück. Das Mädchen wollte ihn -ansehen, aber er sagte, ohne aufzusehen, denn er strich sich gerade -ein Brötchen: »Ich freue mich auf das Wiedersehen; Swaantje -will uns ja bald wieder besuchen.« Die nickte. »Ja, aber erst, -wenn du bei uns gewesen bist. Nicht wahr, du kommst recht bald, -lieber Helmold?«</p> - -<p>Das versprach er ihr; aber ein halbes Jahr verging, bis er sein -Wort einlöste. Zu seiner Frau, die ihn oft genug quälte, hinzureisen, -denn er gefiel ihr von Woche zu Woche weniger, sagte er, -seine Pläne hielten ihn an beiden Händen fest. Das schien auch -so; denn er arbeitete wie verrückt darauf los, und wenn er kaum -über den Anfang bei einem Gemälde hinaus war, dann redete -er schon von einer anderen Vorstellung, die er unter dem Herzen -trüge, und seine Frau mußte ihm recht geben, wenn er sagte: -»Du kennst mich ja! Ich würde doch keine Ruhe haben. Mich -langweilt vorläufig alles, außer der Arbeit. Das kommt, weil -ich mich jetzt endlich als Meister fühle. Stoff und Farbe gehorchen -auf den Pfiff. Zudem fange ich an, berühmt zu werden, und ich -muß das Publikum schmieden, solange es warm ist. Ich werde -fünfundvierzig Jahre alt, und diese Jahre sind meine besten. -Aber, du hast recht; ich habe zu viel getan. Sobald dieses Bild -fertig ist, schnüre ich meinen Wanderstab und fahre los.«</p> - -<p>Doch als er soweit war, bekam er einen Auftrag von dem -Prinzen, der endlich zu seiner größten Freude das Stapelienbild -bekommen hatte, das sein Freund ihm früher nicht verkaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -wollte. Als der Prinz ihm den Gutschein gab, lachte Helmold -und sagte: »Danke! Übrigens neulich wollte ich es dir beinahe -schenken, lieber Brüne. Leider kann ich mir solche Scherze nicht -leisten.« Der Prinz, der seine Augen nicht von dem Bild losbrechen -konnte, meinte: »Geschenkt hätte ich es nicht genommen, -und wenn ich armes Tier mehr Geld hätte, würde ich dafür bezahlen, -was es wert ist. Aber warum magst du es eigentlich nicht -mehr?« Der Maler sah das Bild böse an: »Weiß ich selber nicht; -bin die Person leid geworden! Liegt mir zu offenbarungseidmäßig -da. Sieh dich übrigens mit ihr etwas vor; sie hat den -bösen Blick.«</p> - -<p>Als Gegengift bestellte der Prinz dann ein Gegenstück dazu. -Der Maler sagte: »Pendants sind eigentlich Blödsinn, aber mir -fällt zufällig eins ein.« Vier Wochen darauf hatte der Prinz das -Bild, und da gerade eine alte Muhme ihm eine gehäufte Million -und ein Gut hinterlassen hatte, gab er Helmold zwanzig statt -der vereinbarten zehn Tausendmarkscheine.</p> - -<p>Das neue Bild zeigte in der selben Lage, aber als Spiegelbild, -und in einem ähnlichen, nur in den Einzelheiten anders gehaltenen -Rahmen, ein Mädchen, dessen Augen alle Süßigkeit, die vom -Weibe kommt, ausdrücken. Hier war nur der Leib gemalt und -einiges an den Lilien und Rosen, die den Hintergrund bildeten; -die Landschaft als solche aber war aus dem Holze herausgespart. -Helmold fiel, als er das Bild malte, das ein, was er zu Swaantje -über das Aussparen des Aktes der Chali gesagt hatte, und als er -den letzten Pinselstrich tat, sagte er vor sich hin: »Die Liebe ist -alles; das andere ist nichts.«</p> - -<p>Dann trat er vor den Spiegel und sah sich an. Grete hatte recht; -er sah elend aus und hatte unruhige Augen. Er hatte zu viel gearbeitet, -hatte gar keine Erholung gehabt als höchstens eine -Abendstunde, wenn er mit den Kindern spielte. Das taube Herumlaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -hatte er immer gehaßt, und die Jagd reizte ihn augenblicklich -nicht. Dazu aß er nicht genug, schlief vor drei Uhr nicht -ein, rauchte viel zu viel, konnte keine Flasche Wein mehr vertragen; -es war Zeit, daß er Schluß machte.</p> - -<p>Der Arzt hatte ihm geraten, eine Kuranstalt aufzusuchen, aber -dazu hatte er keine Lust. »Geh zu Swaantje!« riet ihm seine -Frau, »die bügelt dich wieder auf!« Aber das mochte er auch -nicht; denn er sagte, die Muhme fiele ihm auf die Nerven. Er -fuhr in die Alpen, kam aber bald zurück: »Die aufgedonnerte -Landschaft mit ihrer Eiskonditorei und ihrer Fastnachtsstaffage -macht mir Nesselfieber!« Er ging an die See und war nach acht -Tagen wieder da: »Tortenbacken aus Sand, dazu bin ich denn -doch schon zu ausgewachsen. Und dann das ewige Geschmatze -von dem Meere! Ehe es sich keine besseren Tischmanieren angewöhnt, -lasse ich da nicht mehr arbeiten!«</p> - -<p>Da schrieb Ohm Ollig, daß es mit Swaantje gar nicht gut -stände; sie schliefe keine Nacht vor Schmerzen, sähe wie ein Kellertrieb -aus und mache ihm wirklich Sorgen. »Fahr hin, und -muntere sie auf!« sagte Frau Grete, und wenn es auch drei Tage -dauerte, ehe er so weit war, schließlich fuhr er doch los. »Daß -du sie mir aber mitbringst, Helmold,« rief ihm seine Frau noch -nach, als er auf der Treppe war; »es ist doch niemals schöner -bei uns, als wenn wir drei zusammen sind.«</p> - -<p>Er hätte nicht sagen können, was für Fahrtgesellschaft er gehabt -hatte; er sah auch kaum die Landschaft, die er sonst immer zur -Unterhaltung mitnahm. Er hörte nur, daß die Wagenräder fortwährend -nach einer und der selben Weise seiner Frau die Worte -nachsangen: »Wir drei, wir drei, und wir drei und wir drei,« -und als er sich besann, fand er heraus, daß es eine Singweise von -ihm selber war, die nämliche, die er gefunden hatte, als er Swaantje -vor der weißen Haide malte, das Lied von Rose Marie, zu dem<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -ihm noch folgende Strophe eingefallen war: »Jedwede Nacht, -jedwede Nacht, hat mir im Traume dein Mund zugelacht; kam -dann der Tag, kam dann der Tag, wieder alleine ich lag.«</p> - -<p>Er wollte etwas anderes denken, aber er konnte die Melodie -nicht abschütteln, solange er in der Eisenbahn saß. Als er dann -in dem Jagdwagen nach Swaanhof fuhr, rasselten auch die -Räder des Wagens in dem Takte des Liedes.</p> - -<p>Der Mond aber stand hinter den hohen Pappeln und grinste.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Vollmond">Der Vollmond</h2> -</div> - -<p class="noind">Von allen Freunden, die Helmold hatte, war der Mond der -älteste; ob es sein bester war, das erschien ihm freilich fraglich, -als er in dem großen Himmelbette lag.</p> - -<p>Treu und anhänglich war er zwar, aber er hatte die dumme -Angewohnheit, immer dann zu kommen, wenn es Helmold am -wenigsten paßte. Jetzt zum Beispiel hätte er gern geschlafen, um -die Gedanken loszuwerden, die ihn fortwährend bissen; doch es -ging nicht. Schon dreimal war er aufgestanden und hatte in den -Park gesehen, der taghell vom Mondlichte war, und immer hatte -er sich wieder hingelegt und den Versuch gemacht einzuschlafen. -Schließlich gab er es auf; er lag mit offenen Augen da. Der -Rücken tat ihm weh, sein Herz ging bald laut, bald leise, eben -war ihm die Steppdecke zu schwer, dann wieder zu leicht. Und -dann war diese aufdringliche Erinnerung da mit ihrem abgegriffenen -Bilderbuche.</p> - -<p>»Helmke, schläfst du noch nicht?« fragte ihn seine Mutter. Er -sah sie vor sich mit ihren sanften Augen und vernahm ihre warme -Stimme. Und er hörte, wie er ihr entgegenquiekte: »Ach, Muttchen, -der Mond und ich, wir haben eben so prachtvoll zusammen -gespielt.« Ja, der Vollmond, der war an vielem schuld gewesen, -auch daran, daß Harmtien Hilgenberg auf einmal zu -ihrer Muhme auf das Land mußte. Helmold lächelte. Harmtien -Hilgenberg! Wenn die Mädchen Wadenmessen spielten, war sie -immer die Beste gewesen. Als sie dann einmal im Kirschbaum<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -saß mit ihren weißen Strümpfen und ihren weißen Hosen, damit -fing es an. Und dann der Wassergang und der Schloßwall! Ach -ja! Schön war es doch gewesen, trotzdem es eine Kinderei war! -Na, und schließlich kam der alte Hilgenberg dahinter, und es gab -einen großen Krach. Beinahe wäre Helmold von der Lateinschule -gejagt, und bei allen Müttern in der Stadt galt er als ganz -verdorbener Junge. Er lächelte. Dafür galt er bei den Töchtern -als gefährlicher Mensch, und das schadete ihm wenig.</p> - -<p>Er seufzte. Das Bild an der Wand, das Swaantjes Mutter -darstellte, sah ihn freundlich an. Ob das Mädchen auch wohl -wachte? Sie hatte den ganzen Tag nicht gut ausgesehen; auch -sie litt unter der Zudringlichkeit des Mondes. Ob er ihr auch -Dinge erzählte, an die man sonst nicht denkt? »Kerl,« hatte der -Mond oft zu Helmold gesagt, »Kerl, weißt du, wie dein Leben -sein müßte: ein Gedicht von rot in Rot; rote Küsse auf rotem -Blut! Die weite Haide, Kerl, ein blitzblanker Rappe zwischen den -Beinen, den Bogen auf dem Rücken, den Köcher an der Seite, -und in der Hand das Schwert, das mit dem damaszenischen -Stichblatt, Kerl! Und dann, Kerl, hinter dir tausend Kerle, so -wie du, Kerl, die dir alle auf den Pfiff gehorchen, Kerl, und -dann der Feind! Kerl, nichts sieht doch feiner aus, als rotes -Blut auf einer mit Gold ausgelegten Klinge! Und dann, Kerl, -wenn die Wölfe sich um Männerköpfe anknurren, Kerl, und du -dich gebadet und umgezogen hast, dann Kerl, das Haus am -Berge, das weiße, du weißt doch, unter den Eichen, und die -beiden schönen Frauen, die dir entgegenwinken, Kerl, und dir -geben, was du haben mußt, laute und leise Küsse, und heiße und -kühle, so viel du willst. Was hältst du davon, Kerl?«</p> - -<p>Helmold warf sich auf die andere Seite. Albernheit! Aber schön -wäre es doch. Damals, in München, hatte er jeden Tag zweierlei -Küsse bekommen, laute und leise, heiße und kühle. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -Swaantje wohl küßte? Sicher leise und kühl. Er schüttelte den -Kopf und wischte sich die Lippen ab. Würde sie ihn wohl küssen -mögen, wenn sie wüßte? Die kleine sanfte Schneiderin, was war -sie weiblich. Miezi hieß sie. Und das dicke heftige Tresl! Er wäre -verhungert, hätte er die damals nicht gehabt. Sie hatte sich ihm -aufgedrängt, und er hatte sich ihre heißen Küsse und ihre heißen -Bockwürste gefallen lassen. Die Akademie hatte ihm den ehrenvollen -Abschied gegeben, Schneeschüppen brachte nicht sehr viel -ein, der Vormund schickte ihm kein Geld; eine schöne Patsche war -es, in der er saß. Keine Wohnung und ein Hunger, ein Hunger! -Kalte Pellkartoffeln hatte er einmal mit Wonne gegessen, zweiundzwanzig -Stück, und amerikanisches Schmalz dazu. Wenn er -gewollt hätte, konnte er damals Selchermeister werden, denn das -Tresl hätte ihren Vater dazu herumgekriegt. Beinahe war er -schon so mürbe, aber da traf ihn der Mond im englischen Garten: -»Kerl, du wirst doch nicht? Bist wohl verrückt, Kerl! Würstemachen? -Ja, wenn es in der Haide wäre! Aber hier, das hältst -du nicht aus auf die Dauer. Komm mit, Kerl, ich will in die -Haide!«</p> - -<p>Helmold trat die Steppdecke von sich, aber dann zog er sie -wieder über sich und streichelte sie; Swaantje hatte die Spitzenkante -gehäkelt. Swaantje! Er sprach den Namen leise vor sich -hin. »Du hast dich eigentlich noch so gut wie gar nicht erholt, -lieber Vetter!«, hatte sie ihm gesagt; »du mußt hier nicht an -deine Bilder denken!« Verächtlich verzog er den Mund. Seine -Bilder! Die quälten ihn nicht. Ein Dutzend hatte er im Kopfe -fertig, ein ganzes Dutzend, in diesen vier Wochen, seitdem er auf -Swaanhof war. Und was für Bilder! Schulze in Firma Schulze -und Schultze würde sich alle seine zehn klebrigen Finger danach -lecken. Sechsmal hatte er ihm schon geschrieben und gefragt, ob -er nicht das nächste Bild haben könnte. Früher war das anders;<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -da mußte Helmold im Vorzimmer warten, bis ihm der Magen -knurrte, und nachher hieß es: »Herr Schulze ist leider abgerufen!« -Jetzt konnte er Herrn Schulze warten lassen, und der nahm es -ihm nicht übel. »Ich habe Zeit, verehrter Meister!« grinste er. -Und Hennig Hennecke sagte ganz ernst: »Malermeister, Herr -Schulze, Malermeister!« Und Schulze lächelte schlagsahnig: -»Ein Witzbold, der Herr Redaktör, ein geistreicher Kopf!«</p> - -<p>Ja, daß er und Hennig Freunde wurden, das hatte er auch -wieder dem Monde zu verdanken. Eigentlich war es zu dumm. -Auf der großen Frühjahrskitschausstellung hatte die Jury endlich -ein Bild von ihm angenommen und in die Ecke gehängt, wo -das Tageslicht seine blendendste Negativität entwickelte. Hennecke -hatte sein Verzeichnis dort liegen lassen und es abends geholt, -und dabei hatte ihm der Vollmond Hagenrieders Bild gezeigt. -»Die Nebelfrauen« hieß es, aber der Mond hatte Leberwürste -aus den Elfen gemacht, und Hennecke hatte in seinem Berichte -also geschrieben. Helmold lachte. Wo er hinkam, hielt man ihm -die Zeitung unter die Nase. Fuchsteufelswild hatte er Hennecke -auf eine Postkarte gemalt, wie der abends über eine Moorwiese -lief und sich vor lauter gespenstigen Leberwürsten ängstigte, die -ihre Mostricharme nach ihm ausstreckten, und die hatte er ihm -geschickt.</p> - -<p>Am anderen Tage klingelte es: »Sind Sie Hagenrieder? Ich -heiße Hennecke! Wo pflegen Sie sich zu betrinken?« Nach einer -Stunde waren sie ebenso angeheitert wie angefreundet.</p> - -<p>Ach ja! Wer so sein könnte, wie dieser Mann! So ruhig, so -bäurisch, so zielbewußt. Er hatte ihm das einmal gesagt. Hennig -hatte gelacht, ein Buch aus dem Schranke gelangt, eine Stelle -aufgeschlagen und gelesen: »Der wird nicht weit kommen, der -von Anfang an weiß, wohin er geht.« Dann hatte er gesagt: -»Also sprach der Korse. Merke es dir, du Dussel, und sei froh,<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -daß du nicht diese verflucht übersichtliche Begabung hast, wie ich. -Konjak oder Schartrös?«</p> - -<p>Helmold langte nach der Wasserflasche. In seinem Wohnzimmer -hatte er Konjak. Aber er wollte nicht trinken; nun gerade nicht. -Jedesmal, wenn er nicht hatte Maß halten können, war es bei -Vollmond gewesen. Auch damals, als ihm das Leben auf der -Kunstgewerbeschule den Atem nahm. Der Direktor, dieser Professor -Römer, er meinte es ja gut, als er ihm eine Schwungfeder -nach der anderen auszog. Und dann kam der bewußte Abend. -»Nun noch die Schwanzfedern, dann der Professortitel und dann -bin ich so weit,« hatte Helmold gedacht und sich derartig unter -Sekt gesetzt, daß er drei Tage schwänzen mußte.</p> - -<p>Er lachte, denn das Gesicht des Direktors war zu niedlich gewesen, -als der ihn gefragt hatte, warum er weggeblieben war, -und die Antwort bekam: »Ich hatte zu viel Sekt getrunken!« -Na ja, und dann gab es Krach, und es war Schluß. Grete hatte -erst ein langes Gesicht gemacht, sich aber bald sehr tapfer benommen. -Tüchtiges Mädel! Schade nur, daß sie ihn so gar nicht -verstand. Oder vielmehr, daß sie zu sehr auf sich gestellt war. -Da war Swaantje anders. Die lehnte sich mehr an, gab sich -mehr hin, war weniger Mensch für sich, mehr Weib.</p> - -<p>Der Goldrahmen an der Wand blitzte. Im Garten rief das -Käuzchen. Mehr Weib? Vielleicht schien das nur so. Wenn sie -an einem anderen Platze stände, würde sie vielleicht weniger weiblich-hülflos -wirken; körperlich wenigstens, oder vielmehr: leiblich.</p> - -<p>Helmold nahm sein Tuch und trocknete sich die Stirne und die -Brust. Er sah sie neben sich, den Kopf auf seinem Arme, und -er nahm sie und küßte sie auf die Hände und den Mund und -langte nach den Spitzen unter ihrem Kinn; aber da war sie verschwunden. -Er lachte bitter. So ging es ihm immer; Hände und -Mund, mehr bekam er von ihr nie, auch in Gedanken nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -und im Traume schon gar nicht. Seine Stirne bezog sich, seine -Augen stachen nach dem Bilde ihrer Mutter hin. »Wenn ein -Mensch einen anderen liebt, müßte er es doch merken«, hatte -Swaantje neulich gesagt. Professor Groenewold merkte es nicht, -und Swaantje auch nicht.</p> - -<p>»Vielleicht kommt das daher, weil ich sie gar nicht als Weib -liebe«, dachte er. »Wie aber? Als Bruder, als Vater, als Künstler?« -Er seufzte tief auf und fuhr sich über die Augen. Das ging -nun Nacht für Nacht so; die eine Nacht las er, die andere dachte -er. Wenn Grete da wäre? Aber nein! Liebte er sie noch? Düster -sah er in die Falten der Vorhänge. Was ist Liebe? Zusammenklang, -aber kein Nebeneinanderklang. Ebu Zeidun, du hattest -recht, zu singen: ›Und wir brachen den Zweig der Liebe, und wir -rissen seine Blüten herunter.‹ Und Henry Beyle wußte es auch, -als er seiner Schwester schrieb: ›Wenn wirkliche Liebe in der Ehe -besteht, so ist sie ein Feuer, das erlischt, und zwar um so schneller -erlischt, je heller es gelodert hat. Die Natur läßt die Nerven -nicht lange in derselben Spannung, und jeder häufig wiederholte -Eindruck wird geringer und weniger fühlbar.‹ Als er jene Stelle -zum ersten Male las, vor sieben Jahren, hatte er an ihrer Wahrheit -gezweifelt; aber es stimmte schon.</p> - -<p>Eine Mücke summte über ihn hin. »Wir drei, wir drei, wir -drei«, summte sie. Ganz deutlich war das zu hören. Eine Totenuhr -klopfte: »Wir drei, wir drei, wir drei«, klopfte sie. Die Turmuhr -schlug: »Wir drei, wir drei, wir drei«, schlug sie. Wieder -rief das Käuzchen: »Wir drei, wir drei, wir drei«, rief es. Die -Wildenten schnatterten auf dem Burggraben: »Wir drei, wir -drei, wir drei«, schnatterten sie. Grete oder Swaantje? Grete -und Swaantje! Rot und grün! Laut und leise! Licht und Schatten! -Heiß und kühl! Komplemente! Das eine ohne das andere -nicht zu denken. Ergänzungen! Hälften! Nein, Drittel, erst ganz,<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -wenn es hieß: Gretehelmoldswaantje! Swaantjehelmoldgrete! -»Wir drei, wir drei, wir drei!«, klopfte sein Puls, schlug sein -Herz, hauchte sein Atem.</p> - -<p>Vor seinen Augen jagten sich seine Bilder und sangen ihm die -Lieder, die er noch nicht kannte. Hier Wode, da Christus, der -eine schwarz, der andere weiß, und dazwischen als Mittelbild des -Triptychons die Hinrichtung der Sachsen, rot in Rot. Christus -und Wode sahen sich über das Bild an; Christus lächelte verlegen, -Wode überlegen. Und das Bild sang: »Rose weiß, Rose -rot, wie süß ist doch dein Mund!«</p> - -<p>Er sang die Weise vor sich hin. Weg war sie, und eine andere -kam angesummt, leise, wie eine Mücke. »Sie sangen ihm von -Avalun, gelb war sein Haar«, klang es. Und da war das Bild: -schneeweiße Sandhügel mit kohlschwarzen Schatten, die Sahara; -davor tote Männer, Kabylen, lang, mit edlen Gesichtern; der -eine mit rotem Bart und blauen Augen, der andere schwarz, Beni -Benjamin, der Doktor. Und daneben mit Zuhältergesichtern, -grinsend, wie Mandrills, französische Offiziere, Dirnen am Arm. -Und dann Swaantje vor weißer Haide, und die Haide sang: -»Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir -schrie«. Und noch ein Bild, furchtbar: Mönche vor einem Holzstoße, -der brannte, und in den Flammen Frigges, der Süßen -süßes Gesicht. Und eine weinende Stimme sang: »Dann blühen -alle Blumen rot, so rot, so rosenrot.«</p> - -<p>Frigge verschwand; Chali sah ihn an, doch sie hatte Gretes -Augen, traurige Augen! Aber nein, Swaantjes Augen waren -es, bitterböse Augen. Am Morgen war ihnen in der Stadt eine -junge Frau begegnet; böse hatte sie nach Swaantje hingesehen, -und deren Augen wurden zu Eis. »Kennst du die?« Swaantje -nickte. »Du haßt sie?« Sie zuckte die Achseln. »Ich glaube.« -»Weshalb?« fragte er weiter. Sie hob abermals die Schultern.<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -»Ich weiß es nicht; ich glaube, sie haßt mich; das fühlt man. -Gesprochen habe ich nie mit ihr.«</p> - -<p>Liebe und Haß, was ist das? Die Buddhisten glauben, daß -mit dem Tode die Seele zerreißt, und daß dann die Stücke neue -Verbindungen eingehen, glückliche und unglückliche; daher kommt -alle Wonne in die Welt und alles Weh, alle Liebe, aller Haß, -jede Guttat, jede Bluttat. Ein schöner Gedanke und ein schrecklicher! -Swaantje, gib mir das Stück meiner Seele, das du bekamst, -als du geboren wurdest, und wenn du das nicht kannst, -gib dich mir ganz! Kannst du das? Am Ende bist du zum Teil -Mann! Unsinn! Aber nein: denn wenn eine Frau nicht etwas -Mann wäre, wie könnte sie dann Knaben gebären, und wenn -ein Mann nicht etwas vom weiblichen Wesen in sich hätte, wie -wäre es ihm wohl möglich, ein Mädchen zu zeugen? Es gibt -keine Grenzen zwischen den Dingen; sie werden gemacht! Es gibt -keine Arten und Gattungen bei Pflanzen und Tieren; wir denken -das System in die Natur hinein! Eine dumme Eselsbrücke ist -das für uns einsichtsloses Pack. Man kann Umrisse malen, -aber wo sind sie in der Natur? Auch die Moral, auch die Gesetze, -sie sind künstliche Konturen. Wer sich in sie hineinbegeben kann, -wohl ihm; jeder kann es nicht.</p> - -<p>Der Mond, der hinter den hohen Pappeln herschielte, schüttelte -mitleidig den Kopf, als er alles das mit ansehen mußte, was -sein Freund sich dachte. Er tippte ihm auf die Schulter und flüsterte -ihm zu: »Kerl, komm, wollen uns was erzählen! Kannst -ja doch nicht schlafen.« Listig grinsend setzte er hinzu: »Sie schläft -auch nicht.« »Was geht dich das an, alter Esel?« schnauzte der -Maler, aber dann lachte er, stand auf, holte sich seine Zigarettendose -und setzte sich in den einen Sessel, der in der tiefen Fensternische -stand, und der Mond plumpste in den anderen.</p> - -<p>»Berühmt siehst du nicht aus, Kerl,« sagte der Mond; »regst<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -dich viel zu sehr auf. Mußt es machen wie ich, immer kühl -bleiben, das setzt an.« Dabei klopfte er sich auf die strammsitzende -Weste. »Halt die Schnauze, du dämlicher Affe,« fuhr ihn sein -Freund an, aber dann fragte er: »Schläft sie wirklich nicht?« -Doch der Mond war beleidigt; er antwortete nicht, und als Helmold -ihm eine Zigarette anbot, dankte er; er sei nur Russen gewohnt -und möge keine Herzogowinas.</p> - -<p>Helmold grinste heimtückisch und dachte: »Warte nur, alter -Kartoffelkopp, ich kriege dich schon! Ich packe dich bei deiner -Künstlereitelkeit; darauf fällt unsereins ja immer hinein.« Er -blies den Rauch der Zigarette so, daß er dem anderen in die -Stubbsnase zog; der atmete ihn verstohlen ein und schielte heimlich -nach der Dose aus Tulasilber, die aufgeklappt auf dem -Fensterbörde lag.</p> - -<p>Der Maler sah in den Park, wiegte wohlgefällig den Kopf, -nickte, sah den Mond an und sagte: »Kerl, so gut ist dir noch -kein Gedicht gelungen, wie dieses da; allerhand Hochachtung!« -Er zeigte nach dem Schloßgraben: »Köstlich, dieser trefflich gelungene -Vergleich des Wassers mit einer silbernen Brücke, einfach -köstlich!« Er steckte sich eine neue Zigarette an: »Du bist -sonst sparsam mit Ausrufungszeichen, Kerl; aber wie du da mit -der Pappel die hochpathetische Stelle zu betonen wußtest, das ist -einfach Goethe!«</p> - -<p>Er nickte und ließ seine Augen über den Park gehen: »Und wie -famos, daß du hier und da nicht das Letzte sagst, sondern dem -denkenden Leser Gelegenheit gibst, weiterzudichten, so dort bei -der Epheustrophe; erst alles ganz bestimmt und klar, und dann -diese geheimnisvolle, vielsagende, andeutende Dunkelheit.«</p> - -<p>Dann setzte er hinzu: »Nur eine Kleinigkeit, Kerl, die stört mich. -Der an und für sich ganz prächtige Vergleich des witzigen Baumschattens -auf der Wand des Flügelgebäudes mit einem Wegweiser<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -könnte fehlen; er ist überflüssig, und das Überflüssige ist -immer unkünstlerisch, ist das Unkünstlerischste. Du kannst ja diese -Stelle auch leicht streichen.«</p> - -<p>Der Mond, der anscheinend gleichgültig, aber innerlich sehr -gestreichelt das Lob hingenommen hatte, lächelte spitzbübisch. -Er faßte erst in die eine, dann in die andere Tasche, machte ein -ärgerliches Gesicht und griff dann nach der Zigarettendose, indem -er sagte: »Du erlaubst? ich habe meine im Überzieher stecken -lassen!« Er zündete sich eine Zigarette an, ließ den Rauch aus -den Lippen in die Nase steigen, atmete ihn ein, ließ ihn in zwei -Ketten winziger Kringel aus den Mundwinkeln quellen, lächelte -seinen Freund schelmisch an und sprach: »Meinst du, daß der -Vergleich so überflüssig ist? Du glaubst, ich hätte ein einfaches -Stimmungsgedicht geschrieben. Nimm einmal deine zwei bis drei -Sinne zusammen und lies es mit Verstand, so wirst du finden, -daß es ein zweites Gesicht hat. Weißt du, was es ist, Kerl?« Er -sang halblaut: »Ein Lied der Liebe, ein Sang der Sehnsucht, ein -Gebet an die guteste aller Göttinnen, an Frigge, die fröhliche -Frau.«</p> - -<p>Helmold zog die Augenbrauen hoch: »Das ist mir zu hoch, -Kerl; das mußt du mir verklaren!« Der Mond grinste: »Also -du hast den Vergleich mit einem Handweiser glücklich begriffen?« -Der andere nickte. »Handweiser pflegen zu weisen.« Wieder nickte -Helmold. »Na also!« lachte der andere, und als der Freund ihn -dumm ansah, plinkte er ihm zu, und da schlug der Maler sich vor -die Stirn, denn der blaue Schatten auf der weißen Wand zeigte -nach dem Erker hin, hinter dem Swaantje schlief.</p> - -<p>Bittend sah er den Freund an: »Du hast sie gesehen?« Der -andere nickte listig lächelnd. »Bitte, lieber Dicker, erzähle, erzähle; -was tut sie? schläft sie? Und wie geht es ihr? Geht es ihr gut, -oder hat sie wieder ihre Schmerzen? Ach, Kerl, du weißt doch!<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -Los, erzähle! Ich tu auch alles, was du willst. Soll ich dich in -Öl malen oder in Pastell? Halbakt oder ganz? Kniestück oder -stehend? Voll oder halbvoll?«</p> - -<p>Der Mond nahm sich eine neue Zigarette, zündete sie an dem -Stümpfchen der ausgerauchten an, blies den Rauch von sich, -sah den Maler ernst an und begann: »Sie ist jetzt eingeschlafen, -jetzt eben. Sie hatte Schmerzen, aber nicht sehr schlimme. Sie sah -sehr schön aus. Ich habe sie gesehen, als sie sich umzog. Na, du -weißt, ich sehe nicht mit Menschenblicken«, setzte er schnell hinzu, -denn Helmolds Augen bewölkten sich. »Sie zieht sich niemals bei -Licht aus; sie ist vor sich selber keusch.«</p> - -<p>Er blies einen dicken Ring in den Park. »Sieh mal, Kerl, ich -kenne alle Frauen, die da waren, und sämtliche, die da sind. Ich -sah noch wenige, die diesem Mädchen glichen. Bis vor zwei -Jahren war noch kein Gedanke an einen Mann auf ihren Lippen -zu sehen, ihre Brüste lebten still für sich hin, ihre Lenden schliefen, -und ihr Schoß wußte nichts von sich selber. Das ist jetzt manchmal -anders.«</p> - -<p>Er runzelte die Stirn: »Ein sonderbares Menschenkind! Sonst -weiß ich stets, an wen eine denkt, hier nicht. Zu flüchtig ist die -Schrift, kaum zu lesen. Anfangs glaubte ich, so solle es heißen, -aber dann sah ich, daß ich mich geirrt hatte. Außerdem, was sie -denkt, es ist so wenig bewußt, daß schwer dahinter zu kommen -ist, sehr schwer. Wenn ein unberührtes Weib eines Mannes -liebend gedenkt, wird sie seiner gleichzeitig als Mutter, Schwester -und Braut gedenken. Darum, lieber Helmold, du weißt, wir -haben uns Aufrichtigkeit gelobt: sie denkt an dich.«</p> - -<p>Der Maler sprang auf: »An mich?« Der andere drückte ihn -in den Sessel zurück. »Ja, aber in welcher Weise, das, mein Lieber, -weiß ich nicht.« Helmold keuchte: »Und der andere? Wie ist es -damit?« Der Mond wiegte den Kopf hin und her: »An den<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -denkt sie auch noch, aber in verblaßter Weise; an dich denkt sie -mehr. Sie trägt Sorge um dich; sie denkt immer an dich. Ob -aber nicht nur als Schwester, oder in der Art, wie eine Mutter -ihres Kindes gedenkt, das kann ich dir wahrhaftig nicht sagen. Ich -weiß nur das eine: ich bin heilsfroh, daß ich kein Mensch bin, -denn sonst müßten wir uns auf krumme Säbel schlagen. Sie ist -ohne Fehl trotz ihrer Fehler. Deren hat sie mehrere an Leib und -Geist. Du weißt ja: ihre zu kleinen Hände, ihre allzugroße Nachgiebigkeit, -und die zu stark entwickelte Willensschwäche, und dieser -gänzliche Mangel an Selbstsucht. Und dann dieses allzu bewußte -Vertiefen in Philosophie, Geschichte, Kultur, Dichtkunst und -andere Allotria. Das ist mir zu unweiblich. Die Mitgift von -Mannestum, die jedes Weib hat, braucht sie für ihre Bildung, -statt für ihr Leben. Sie ist ein Stück Künstler, leider! Künstlertum -verträgt sich nicht mit Vollweiblichkeit; das Erzeugen ist -euer Vorrecht. Frauen haben etwas anderes zu tun, vielleicht -besseres. Denn, wie du weißt: Kunst, was ist das? Ein Notbehelf -für das Leben.«</p> - -<p>Er seufzte: »Keiner weiß das so gut wie ich. Alle meine Werke -und meinen ganzen Ruhm, ich gäbe das sofort hin für ein Stück -gelebtes Leben.« Er stand auf: »Und nun, Kerl, es wird Zeit; -ich muß fort. Und dir fallen ja die Augen zu. Bis morgen!«</p> - -<p>Helmold stand müde auf. Er warf seine Zigarette in den Garten; -wie eine Sternschnuppe fiel sie im Bogen in das Buschwerk. -Vier Jahre waren es her, daß er mit Swaantje den sterbenden -Sternen zusah. Sie hatte ihn gefragt: »Was hast du dir gewünscht, -lieber Helmold?« Er hatte sie angelacht: »Ich wünsche -nie etwas; ich will etwas. Aber was hast du dir gewünscht?« -Sie lächelte: »Nichts; ich dachte erst daran, als es zu spät war.«</p> - -<p>Ja, so war sie, wunschlos und unbegehrt. Und wenn er nur -wüßte, ob er selber sie begehrte! Er hatte vergessen, den Mond<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -danach zu fragen. Seine Seele begehrte ihre Seele. Das andere? -Er prallte vor dem Gedanken zurück. Seine Lippen flatterten -nach ihrer Stirne, seine Finger dachten an ihre Hände; aber scheu -gingen sie an ihren Schultern vorbei und mieden ihre Hüften -gänzlich. Wie oft hatte er sie nicht im Ballkleide gesehen! Niemals -war sein Blut wärmer geworden, und sie war doch so -schön an Hals und Schultern, und ihre Arme waren herrlich. -Aber nie hatte sich die gemeine Habsucht neben ihn gestellt und -mit dem Kopfe nach ihr gewinkt. Sogar damals nicht in jener -schlaflosen Nacht, einer Nacht, voll von Rosenduft und Nachtigallenschlag, -als er in den Büchersaal ging, um sich den Angelus -Silesius zu suchen, und sie plötzlich vor ihm stand, im Nachtkleide, -das Licht in der Hand, und der Schatten der Palmblätter -mit unverschämten Fingern über ihre Schultern nach ihren Brüsten -wies, die aus den Spitzen hervorsahen, die sie mit der linken Hand -schnell zusammenraffte, als ihr Vetter ihr plötzlich gegenüberstand. -Nur Schreck war es gewesen, was sie damals in seinen Augen -hätte lesen können, und vielleicht eine reine Freude an ihrer -Schönheit. Möglichenfalls hatte auf dem tiefsten Grunde seiner -Seele ein zaghafter Wunsch schüchterne Worte gestammelt; doch -sie waren von dem Willen überhört worden.</p> - -<p>Nur wenn sie das weiche, lose Kleid aus weißer Wolle trug, -hatten seine Arme zärtliche Gedanken gehabt, denn so verlockend -fraulich sah sie darin aus. Einmal, als sie in rosenrot und weißgestreiftem, -locker gerafftem Kleide vor ihm her durch die blühende -Wiese schritt, hatten seine aktgeschulten Augen sich auf die Melodie -ihres Leibes zu besinnen versucht; bis zu dem Texte hatten sie -sich aber nicht hingetraut.</p> - -<p>Die Schleiereule flog an dem Fenster vorbei; die Turmuhr schlug -fünfmal; da legte er sich nieder. Aber noch zwei Viertelstunden -mußte er sich von seinen Gedanken stechen lassen, ehe sie fortflogen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p> - -<p>Die Amsel sang schon seit Stunden, da tat sich die Tür leise -auf, und Swaantje kam im Nachtkleid herein; unter dem weißen -Gewande schoben sich ihre nackten Füße verstohlen über den -Teppich. Sie hielt mit der einen Hand die Spitzen über ihrer -Brust zusammen, die andere hatte sie vor den Augen liegen, so daß -das Morgensonnenlicht warm auf ihrem gebogenen Arme spielte. -Sie riegelte hinter sich die Tür ab, beugte ihr Gesicht über ihn -und ließ ihre Lippen seinem Munde entgegenschweben; mit einem -stummen Jauchzer legte er seinen Arm um Adda.</p> - -<p>Denn Swaantje hatte sich verwandelt; Adda küßte ihn, Adda -mußte er liebkosen, Adda, die ihm nicht mehr war, als ein hübscher, -kluger, kaltherziger Mensch, der zufällig ein Weib war, -mit dem kein einziger seiner geheimen Gedanken sich je beschäftigt -hatte. Wehrlos mußte er sich der ungeliebten Frau hingeben, -machtlos war er in ihren Armen, ohne Widerstand duldete er -ihre langweilige Leidenschaft.</p> - -<p>Mit einem Seufzer, aus Lust und Ekel gemischt, fuhr er in die -Höhe, sah wirr um sich, sprang aus dem Bette, warf sein Nachtgewand -von sich und stieg in das Bad. Erst als er fertig angezogen -vor dem Spiegel stand, gelang es ihm, den Zug von Pein -fortzuwischen, der um seinen Mund lag.</p> - -<p>Aber als er genauer zusah, erblickte er hinter seinem Spiegelbilde -einen anderen Mann, von den Füßen bis zum Kopfe in -Eisen gehüllt, der ihn aus der Visierspalte mit herrischen Augen -ansah, und als er sich die Augen näher anschaute, erkannte er, -daß es seine eigenen waren, und er wunderte sich darüber.</p> - -<p>Doch da war das zweite Spiegelbild auch schon verschwunden. -»Nervenüberreizung«, dachte er und ging in das gelbe Zimmer.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p> - -<h2 id="Der_eiserne_Ritter">Der eiserne Ritter</h2> -</div> - -<p class="noind">Die Sonne spielte mit den Stäubchen Kriegen, als er durch -das Treppenhaus ging; sie fiel durch die grünen und roten Fensterrauten -und warf bunte Streifen durch den Raum, die als seltsame -Flecke an den Wänden hängen blieben.</p> - -<p>Helmold ging auf dem Läufer; deshalb wunderte er sich, daß -seine Schritte klirrten, als habe er Reitstiefel an. Er drehte sich -um, denn er dachte, der Reitknecht sei hinter ihm; aber als er -den Kopf wandte und sein Blick in den Pfeilerspiegel fiel, sah -er den eisernen Ritter darin stehen und zu ihm herübernicken. -»Kaltwasserheilanstalt!«, dachte er.</p> - -<p>Swaantje stand am Fenster, als er in das Frühstückszimmer -trat; sie hatte das gefährliche Kleid an. Als sie ihn anlächelte und -ihm die Hand bot, wurde ihm weh um das Herz, und ein bitterer -Geschmack war in seinem Munde. Er dankte stumm, als sie ihm -in ihrer lautlosen Art die Brotschnitten zurechtmachte und hinreichte, -ihm den Tee eingoß und freundlich sagte: »Nun iß, lieber -Helmold, und erzähle mir, was dir geträumt hat!« Er sah sie -so entsetzt an, daß sie erst auflachen wollte, aber dann neigte sie -sich über den Tisch, griff seine Hand und fragte: »Was hast du -für einen traurigen Mund? Wieder schlecht geschlafen? Du sollst -hier nicht an deine Bilder denken; das hast du mir doch versprochen.«</p> - -<p>Ihr Vater und seine Schwester kamen; erleichtert atmete Helmold -auf. Der alte Herr sah die Post durch. Er machte ein böses<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -Gesicht, und Frau Gese fragte ihn besorgt: »Sind die Kurse -wieder gefallen, liebster Ollig? Ich habe es mir gleich gedacht, -denn wir haben nun einmal kein rechtes Glück; mein Los hat -auch wieder eine Niete gehabt. Und denke dir, Pinke hat sagen -lassen, mehr als acht Pfennige gäbe er für die Eier nicht mehr! -Das ist doch wirklich stark. Swaantien, hast du schon gefragt, -wie viele heute da sind?« Das Mädchen nickte. »Und ob das -weiße Perlhuhn noch immer nicht da ist?« Das Mädchen antwortete -durch ein Kopfschütteln. »Vergiß ja nicht, Fenna zu -sagen, daß sie nicht wieder von der besten Butter für die Leuteküche -nimmt, und Janna soll keine Zeitungen mehr zum Feueranmachen -nehmen, sondern Reisig. Das Mädchen bringt mich -noch um mit ihrer Verschwendungssucht!«</p> - -<p>Sie wandte sich an Helmold: »Ich werde nach Adda schicken; -die kann heute nachmittag mit euch gehen, wenn ihr nach dem -alten Heidengrabe wollt. Denn so sagtest du doch gestern, lieber -Helmold?« Er wollte schon sagen: »Sehr angenehm!«, aber -da sah er in dem Pfeilerspiegel den Mann im Harnisch stehen -und verächtlich lachend den Kopf schütteln, und so antwortete -er: »Ich verzichte; ist für Adda kein Genuß und für uns erst recht -nicht!«</p> - -<p>Die Tante seufzte: »Sie tut es ja nur eurethalben.« Helmold -sah erstaunt auf: »Unserthalben? Uns liegt gar nichts daran -daß sie neben uns hertappelt und andauernd über die Gefahr -stöhnt, der sie ihren Teint aussetzt.« Die alte Dame machte ihre -kummervollsten Augen: »Aber, lieber Helmold, allein solltet ihr -beiden nicht so viel ausgehen. Frau Bergedorf machte neulich -schon eine Bemerkung darüber!« Der eiserne Ritter nickte; seine -Augen funkelten höhnisch durch die Visierspalte. »Bist du der selben -Ansicht, liebe Muhme,« antwortete Helmold höflich, »so füge -ich mich durch Abreisen. Was die Gaffelzange vom Duttenhofe<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -sagt, ist mir gleich. Übrigens hat sie recht, übel von ihren Mitmenschen -zu denken; ihr Vorleben ist ja auch danach.«</p> - -<p>Er sah in den Spiegel; der gepanzerte Mann nickte beifällig. -Die Muhme sank hinter der Kaffeemütze zusammen. Helmold -warf leicht hin: »Na, sie kann sich beruhigen, in zwei, höchstens -drei Tagen muß ich fort; ich habe ein Dutzend Bilder im Leibe. -Aber heute und morgen will ich Swaantje noch für mich haben. -Also verschone mich mit Adda, bitte! Kommst du mit in den -Park, Swaantje?« Das Mädchen nickte und stand auf.</p> - -<p>Im Hausflur schüttelte er sich wie ein nasser Hund und lachte: -»Muhme Geses Piepmatz ist bald schlachtereif; kommt sie mir -noch einmal so dumm, dann male ich sie als Göttin der alles aufweichenden -Philisterhaftigkeit und die Bergedorfen daneben als -die der kleinstädtischen Niedertracht, aber beide als Ganzakte, die -eine als Braten, die andere als Knochenbeilage. Und darunter -schreibe ich: Hätt' Eva so oder so ausgesehn, brauchte Adam -nicht aus Eden zu gehn!«</p> - -<p>Das Mädchen lächelte, aber dann flehte sie: »Bitte, Helmold, -die Tante ist so gut; und sie hat dich so gern. Gestern sagte sie -es noch.« Er knurrte: »Ich verzichte auf eine Liebe, die mir nicht -bekommt; Schwindel ist das. Bitte, laß mich ausreden! Deine -Muhme, ich habe dir das schon einmal in scherzhafter Weise gesagt, -ist ein Ungetüm, das inkognito reist, ein menschenfressendes, -kannibalisches Geschöpf. Gestern hat sie in einer Stunde achtzehn -geschlagene Male gesagt: ›Swaantien, hast du dies getan? -Swaantien, hast du auch daran gedacht?‹ Hätte sie es noch einmal -getan, so hätte ich gesagt, die Krebssuppe wäre nicht geraten -oder sonst etwas bodenlos Ruchloses.«</p> - -<p>Er zischte durch die Zähne: »Vierundzwanzig Jahre bist du -alt, und sie behandelt dich, als ob du vierzehn wärest. Jede Spur -von Selbständigkeit nöhlt sie dir fort. Sie hat es durchgesetzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -daß du nicht nach Rom kamest; sie hat es vereitelt, daß du Krankenschwester -wurdest; sie hat dich glücklich so weit gebracht, daß du -eine Art von besserer Großmagd geworden bist. Du mußt stundenlang -dabeistehen, wenn die Renekloden oder irgendein sonstiges -besseres Baumgemüse abgenommen wird, damit die Mägde ja -keine essen! Keine Stunde am Tage hast du für dich. Der Deuwel -soll darein schlagen!«</p> - -<p>Er faßte sie an der Hand und zog sie in die Ebereschenlaube, -die ganz rot von den reifen Beeren war. »Sieh mal, liebes Kind, -ich habe mich allein durchgerungen; ich habe mir ein Wissen angeeignet, -das sich sehen lassen kann; ich habe vier Erdteile bereist, -habe gehungert und verschwendet, beides reichlich; habe geliebt -und gehaßt, und nicht zu knapp; habe mit Fürsten und Verbrechern -an einem Tische gesessen; habe die ganze Weltgeschichte -in mich aufgenommen; alle philosophischen Systeme durchgekaut; -zu vielen Göttern gebetet und vielen entsagt; mehr Wonne und -Weh erlebt, als tausend Menschen, und deine Muhme sieht von -der Höhe ihres Unternivos auf mich herab, wie die Katze auf dem -Dach auf den Löwen; denn: Renekloden einmachen, das kann -ich freilich nicht so wie sie, und mir geht jedes tiefere Verständnis -für die metaphysische Bedeutung der Muskatnuß bei der Zubereitung -des Blumenkohls ab.«</p> - -<p>Er holte eine Zigarre heraus. »Du erlaubst, Liebe? mit Dampf -geht es besser. Du hast wegen deiner Neuralgie zehn Ärzte gefragt -und zwanzig Kuren gebraucht. Ich werde dir etwas sagen: -ich schlage Muhme Gese tot, wir beerdigen sie mit Musik, lassen -die vorschriftsmäßigen drei Zähren auf ihr Grab tröpfeln, und -ich wette: in vier Wochen bist du nicht mehr Swaantien, die arme, -verwaiste, hülflos betantete Nichte, sondern Swaantje Swantenius, -meine schöne, kluge und stolze Base. Bei der Sonnenrune und -dem heiligen Kreis, meine Geduld hat ein Ende! Ich bin ja nur<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -ein Schwippvetter, der hier nichts zu sagen hat, aber ich werde, -bevor ich abreise, einen solchen Höllenlärm schlagen, daß Muhme -Gesina drei Tage lang von Angst und Baldriantee lebt und alle -ihre Kommodenschiebladen nach Herzkrämpfen durchkramt. Und -wenn sie mir nicht bei den Manen ihres Mopses verspricht, dich -auf zwei Jahre aus dem Stalle zu lassen, dann erzähle ich es -überall, ich hätte abreisen müssen, weil Frau Gesina Stieghölter -geborene Swanteniussen mir andauernd schmutzige Anträge gemacht -hätte.«</p> - -<p>Swaantje mußte nun doch lachen; ihr Vetter aber fuhr fort, -indem er dabei wütend paffte: »Der Mensch hat an erster Stelle -Pflichten gegen sich selber. Deine Pflicht ist, aus dir das zu machen, -wozu dich das Schicksal bestimmt hat, aber dich nicht selber im -Grundrisse zu verzeichnen und in der Fassade zu verkorksen. Du -mußt heraus aus deiner Watteverpackung, mußt etwas erleben, -Gutes und Schlimmes, aber nicht dasitzen, bis du jenseits von -Gut und Böse bist, dein Herz an einen Mops hängst und drei -Stunden darüber redest, daß der Gerichtsrat Meyer seinen Lehnstuhl -neu hat überziehen lassen. Ich mache mir aus deiner Bibel -nicht viel; sie liegt mir nicht, aber es steht doch manches vernünftige -Wort darin, so von dem Pfunde Sterling, mit dem man -wuchern soll. Glaubst du denn, ich weiß nicht, wie dir zumute ist? -Nun bin ich bald vier Wochen hier, und in der ganzen Zeit habe -ich keine Nacht mehr als drei Stunden geschlafen, und manche -gar nicht. Heute war es halb sechse, als ich einschlief! Du meinst, -weil ich an meine Bilder denke? Ich pfeife darauf! An dich habe -ich gedacht, um dich mir Sorge gemacht; denn ich kann es nicht -ansehen, wie die Frau dich auf kaltem Wege hinrichtet, und das -tut sie. Aber ich kenne dich und weiß, bei dir hat alles Reden -keinen Zweck, weil du verbrecherisch selbstlos bist. Und das macht -mich so mutlos.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<p>Beim Mittagessen war er von blendender Kälte, denn der eiserne -Mann sah ihn fortwährend aus dem Spiegel an. Deshalb versalzte -er der Muhme die Suppe mit gleißenden Widersprüchen, -verpfefferte ihr den Braten mit funkelnden Vergleichen und übersüßte -ihr den Schokoladenpudding mit irrlichternden Witzen, bewies -ihr auf das höflichste, daß sie eine Gans in Großfolio sei, -und überzeugte sie auf das verbindlichste, daß sie am besten täte, -nichts zu sagen. So aß sie denn kaum so viel, wie die drei anderen -zusammen, und war selig, sah Helmold sie einmal nicht spöttisch -an. Auch sagte sie nichts, als er nachher in weißer Bluse, Kniehosen -und langen Strümpfen, die Jacke auf dem Arme, herunterkam, -und sie seufzte noch nicht einmal, als er auf ihre Frage: -»Wollt ihr denn kein Butterbrot mitnehmen?« antwortete: »Im -Gegenteil; einmal ist das kleinbürgerlich, und dann wollen die -Wirte auch leben.«</p> - -<p>Es war ein Tag in Blau und Gold. Der Himmel war hoch, -die Sonne lachte über das ganze Gesicht, die Feuerbohnen, Sonnenblumen -und Georginen hinter den Zäunen freuten sich ihres Lebens. -Und Helmold auch. Er hatte den unbarmherzigen Zug um die -Lippen verloren, und hinter dem frohen Leuchten seiner Augen -schimmerte eine geheime Zärtlichkeit, wenn er Swaantje ansah, -die ihr rosenrotes Kleid, ihr Morgenrotkleid, wie er sagte, anhatte, -und den weißen, weichen, mit einem rosenroten Bande umwundenen -Hut. Tausende von goldenen Gedanken blitzten vor -ihm über den Weg hin, und nur ab und zu summte ein schwarzer -oder brauner dazwischen herum. Hinter ihm her aber schritt der -eiserne Ritter; das Klirren seiner Sporen klang gut zu Swaantjes -hellem Lachen, mit dem sie Helmold für sein fröhliches Geplauder -dankte.</p> - -<p>Zwei Bauermädchen kamen ihnen entgegen und boten ihnen -die Tageszeit. Sie streiften ihn trotz seiner auffallenden Kleidung<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -kaum mit den Augen, sahen Swaantje aber voll andächtiger -Bewunderung an. »Merkwürdig!« dachte er; »alle Frauen sehen -sie an, und jeder Mann blickt an ihr vorbei! Woher das wohl -kommt? Sie ist ihnen zu geistig, zu hoch, zu unnahbar; ein goldenes -Gitter von Reinheit ist vor ihr.«</p> - -<p>Der Fußweg unter den Hängebirken war so schmal, daß Helmold -hinter ihr gehen mußte. Ein Fest war das für seine Augen, wie -sie vor ihm herschritt, umflossen von dem leichten Kleide, dessen lose -Formen ihren hochadeligen Wuchs geflissentlich hervorhoben. Der -Ritter flüsterte ihm über die Schulter zu: »Sie ist die Schönste, die -Allerschönste: wer sie lieben darf, den kann kein Himmel mehr lohnen -und keine Hölle mehr schrecken.« Aber Helmold zuckte die Achseln.</p> - -<p>Eine Viertelstunde hatten seine Blicke nun schon die Locken -ihres Nackens geküßt, ohne daß ihre Wangen roter wurden, -ohne daß sie sich umwendete, und er wußte es: jedes Weib, dem -er in den Nacken blickte, drehte sich nach ihm um. Er sah sich -nach dem Ritter um; der lächelte und flüsterte: »Das Windröschen -blüht in einer Stunde auf; die Rose braucht mehr Zeit dazu.«</p> - -<p>Aus den Zweigen der Birken lispelte die Hoffnung Helmold -verheißungsvolle Worte zu; aber da flog ihm ein dicker, schwarzer -Gedanke mitten in das Gesicht; er dachte an den Mann, den -Swaantje liebte. Doch dann wiegten sich seine Blicke wieder in -den Falten ihres Kleides, das über dem grauen Fußsteige schwebte -wie Morgenröte über einem Flusse.</p> - -<p>Als sie vor dem Donnerkruge waren, setzte er die hohlen Hände -vor den Mund und schrie wie ein Haupthirsch vom zwölften -Kopfe. Die hübsche Wirtin schoß aus der Tür heraus, lachte, gab -ihm die Hand und rief: »Nein, haben Sie sich aber nüdlich gemacht, -Herr Hagenrieder!« und dann war sie fertig mit ihm und -machte zu Swaantje die selben andächtigen Augen wie vorhin die -beiden Bauermädchen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<p>Sie deckte unter der Linde. Als sie den Kaffee herbeitrug, stellte -sie in einen alten Krug, auf dem ein springendes Pferd zu sehen -war, einen mächtigen Busch von Astern, Ringelblumen und Georginen -auf den Tisch, so daß Helmold ihr eine Kußhand zuwarf -und rief: »Großartig, Frau Trui; nun haben wir alles, was wir -brauchen.«</p> - -<p>Er hatte seine lichte Laune wieder. Seine Augen lachten, als -Swaantje ihm den Kaffee aus der bauchigen Zinnkanne eingoß, -und er aß in einem fort, nur um sich an den leisen Bewegungen -ihrer Arme zu erfreuen, wenn sie ihm vorlegte. Aber dann sah er -ihre Hände an, und ein mütterliches Mitleid stieg in ihm auf: -»Arme, kleine, müde, entsagungsvolle Hände!« dachte er, und -ein bitterer Zug schloß seine Lippen; »Hände, deren Seele nur gedacht -und nie gelebt hat, die von Sehnsucht erzählen, aber von -keinem Wunsche; Hände, die im Schatten aufwuchsen!«</p> - -<p>Doch da flüsterte der Ritter ihm etwas in das Ohr. Entsetzt -prallte er zurück und machte Kontrahieraugen; aber als er den -eisernen Mann ansah und merkte, daß der keinen häßlichen Spott -mit ihm trieb, da nickte er ihm verstohlen zu, gab ihm heimlich -die Hand und war wieder der lustige Kamerad. Fortwährend erklang -Swaantjes fröhliches Lachen, so viel bunte Witze und farbige -Schnurren breitete er vor ihr aus, und die Falte der Entsagung -zwischen ihren Brauen war nicht mehr zu sehen.</p> - -<p>Sie gingen dann die heiße Landstraße entlang, bogen zwischen -den kühlen Wallhecken ein, kamen über die sonnenbeschienene -Haide und durch Wiesen, glitzernd von Licht. Solange sie nebeneinander -gingen, blieb der Mann im Harnisch taktvoll zurück; wurde -aber der Weg schmal oder morastig, so daß das Mädchen vorangehen -mußte, sofort war der Ritter wieder neben Helmold und -flüsterte ihm durch die Visierspalte zu: »Vergiß nicht, was ich dir -geraten habe!« und Helmold sah ihn an und schüttelte den Kopf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p> - -<p>Ja, er wollte es wagen, mochte daraus entstehen, was da wollte! -Eine übermütige Lust überkam ihn. Mit schmetternder Stimme -begann er ein schalkhaftes Volkslied; in den Schlußreim aber -legte er jedesmal alle Süßigkeit der Sehnsucht. Er sprang von -Hott zu Hüh und kam immer wieder geschickt darauf zurück, daß -Kunst, Wissenschaft, Religion und Philosophie nichts seien gegen -ein bißchen erlebtes Leben; aber das beste an ihm sei und bleibe -die Liebe zwischen Mann und Weib. Das Mädchen hörte aufmerksam -zu, doch ihre Wangen blühten nicht voller auf, und ihr -Atem ging seinen gewohnten Weg. Aber wenn er auf den wundersamen -Zusammenklang von Schatten und Licht, auf die Unter- -und Übertöne der Landschaft, auf den geheimen Sinn der Blumen -und auf das beredte Schweigen der Bäume hindeutete, dann -schenkten ihm ihre Augen zärtliche Blicke.</p> - -<p>Kalt durchschauerte es ihn, wenn bei jedem ernstgemeinten -Worte ihr innerstes Wesen sich gegen seine Brust lehnte. Mit -barschem Griffe faßte er mitten in ihr religiöses Gefühl hinein, -als sie von der Seligkeit des Glaubens sprach. »Du verabscheust -den Selbstmord, liebe Swaantje,« begann er; »aber was ist denn -Glauben anders als Selbstmord? Wer glaubt, dem ist das Leben -kein Problem. Er kann sich getrost begraben lassen; für ihn gibt -es keinen Kampf mehr. Ich aber will kämpfen; sonst danke ich -für das Leben. Wir Germanen sind niemals gläubig gewesen. -Religion hatten wir immer, aber eine Diesseitsreligion; das Jenseits -versparten wir uns für später. Mit beiden Beinen standen -wir auf dieser lieben Erde, lebten unser Leben in Zucht und Sitte, -berauschten uns nicht an Wollust und Grausamkeit und brauchten -daher auch nicht, wie die Asiaten, Opiate wie Reue und Buße. -Zu unsern Göttern standen wir wie zu unsern Fürsten; wir zahlten -ihnen pünktlich den Zins, machten Front, fuhren sie vorbei, -und damit holla! In unser persönliches Leben durften sie nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -hineinreden. Ich habe mehr als einmal mit dem Tode Kugeln gewechselt; -aber niemals ist mir dabei der Gedanke gekommen, daß -ich vorher erst ein reines Hemd anziehen müsse, für den Fall, daß -ich plötzlich vor jemand stehen würde, der erst meine Wäsche ansähe, -ehe er mir die Tür aufmachen ließ. Wir sagen: wir sind -Christen, aber wir sind es nicht; wir können es auch nicht sein. -Christentum und Stammesbewußtsein vertragen sich ebensowenig, -wie Sozialismus und Kultur. In der Theorie sind wir Christen; -aber sobald es an die Praxis geht, in Politik, Geschäft und dergleichen, -dann sind wir genau solche Heiden wie die Männer, -die dort schlafen gelegt wurden.«</p> - -<p>Er zeigte nach dem Tödeloh hin, der sich vor ihnen über der -Kiefernhaide erhob, und von dem das verbuhlte Gurren eines -Ringeltäubers herüberklang. Die Sonne stand noch hoch, so daß -die gewaltigen Wachholderbüsche halb schwarz, halb goldig aussahen; -aber die Ferne war in dichten Duft gehüllt, und über dem -Bachgrunde lag der Nebel wie der Atem eines Hünen.</p> - -<p>Der Fußweg war so schmal, daß Helmold die Gelegenheit benutzte, -um hinter der Heißgeliebten herzugehen. Er drehte sich -um und nickte seinem Hintermanne zu. Ja, er wollte es wagen! -Sie sollte etwas erleben! Er wollte sie umfassen und küssen und -das Weib in ihr wecken; der Föhn seines Atems sollte das Gletschereis -von ihrer Seele schmelzen und der Platzregen seiner Küsse -den Staub von ihrem Herzen waschen.</p> - -<p>Sie sollte sein werden, ehe die Sonne hinter dem Wahrbaume -zu Boden glitt. Er wollte jedes Gedenken an den anderen in ihr -fällen, wollte Feuer in ihre Vergangenheit werfen und das taube -Gekräut totbrennen, um Platz für die junge Saat zu schaffen.</p> - -<p>Absichtlich blieb er hinter ihr, mit Fleiß ließ er sie vor sich hergehen. -Seine Lippen sollten dursten nach ihrem Munde und seine Hände -hungern nach ihrem Leibe; sinnlos sollten sie vor Liebe werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p> - -<p>Er pflückte einen langen Halm und ließ dessen Spitze über ihre -Wangen gleiten; lässig strich sie mit der Hand nach der Stelle -hin. Als er zum dritten Male den Scherz machte, sah sie sich um -und lächelte ihm schalkhaft in die übermütig funkelnden Augen. -Er sang leise und mit aller Zärtlichkeit, die er in seine Stimme -legen konnte, ein verträumtes Liebeslied, das das Volk sich erdachte, -und in dem das Allerletzte zwischen Mann und Weib gesagt -wird, aber als er endete: »Denn deine Unschuld und die -mußt du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid«, da -blieb sie stehen, sah ihn mit leuchtenden Augen an und sagte: -»Das ist ja ein köstliches Lied; das habe ich noch nie gehört!« -Ein kalter Schauder lief ihm über das Herz; sie sah das Kunstwerk -in dem Liede und fühlte nichts dabei. Mutlos ließ er den -Kopf hängen und schritt hinter ihr her; ihm war, als müßte er -sie schlagen.</p> - -<p>Doch der Ritter flüsterte ihm zu: »Sie ist ein unberührtes Weib; -wer sie zuerst küßt, den wird sie lieben. Und du willst sie küssen, -wirst sie küssen, mußt sie küssen, schon ihretwegen, um sie zu erlösen, -damit sie sich herausringt aus dieser blutlosen Nonnenhaftigkeit, -aus diesem unmenschlichen Vegetieren, aus diesem geschlechtlosen -Unleben. Das willst du, das mußt du, und das wirst du!«</p> - -<p>Der urzeitliche Friedhof lag in zufriedenem Schweigen da; der -Stechpalmen Korallenschmuck leuchtete heiß aus dem kalten Blattwerke, -das sich hinter dem grauen Seelenhause erhob. Swaantje -nahm aus dem bunten Strauße, den ihr Frau Heinemann mitgegeben -hatte, eine schneeweiße Aster, zwei blutrote Georginen -und vier von den grellen Ringelblumen, band sie mit einem blonden -Halme zusammen und legte sie vor die Tür der Urahnenkapelle -hin. Dann ließ sie sich auf der Jacke nieder, die Helmold -für sie über das schimmernde Moos gelegt hatte, und er setzte -sich zu ihrer Linken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span></p> - -<p>Sie saß ein wenig unter ihm, so daß er sie mit den Augen umspannen -konnte. Wild schlug sein Herz und dann wieder zaghaft. -Ein dumpfer Druck lag auf seinem Gehirne, und seine Kehle war -wie eingeschnürt. Aber kein heißer Schauer lief ihm über die -Brust, und keine süße Erwartung fieberte in seinen Lippen; nur -eine bleiche Furcht hockte hinter ihm, und vor ihm kauerte die -Hoffnungslosigkeit, von oben bis unten in Spinneweben gekleidet.</p> - -<p>Swaantje sah in die Sonne, die rot und rund über dem weiß -atmenden Bruche stand. Sie wandte sich nach Helmold, sah ihn -zärtlich an und sagte: »Vetter, wieviel Schönes habe ich dir doch -zu verdanken; ich hätte nicht geglaubt, daß der Herbst mir so viel -bringen würde.« Ihre Augen schimmerten feucht, als sie ihm die -Hand gab; kühl lag sie in seinen heißen Fingern, so kühl, daß er -sie nicht festzuhalten vermochte.</p> - -<p>Aber da flüsterte ihm der Ritter zu: »Jetzt sprich ihren Namen -so zärtlich aus, wie du kannst, und sieh ihr so bittend in die Augen, -wie du es vermagst, und dann nimm sie und küsse sie, bis ihre -Seele in der deinigen ertrinkt.«</p> - -<p>Helmold nickte und sah das Mädchen an, das verträumt nach -der Sonne hinblickte, die sich immer schneller dem Wahrbaume -näherte, dessen schwarze Krone wie eine böse Rune über dem -Milchsee stand.</p> - -<p>»Swaantje,« begann er, und er erschrak, denn seine Stimme -klang ganz blaß. »Vetter?« antwortete es ihm, aber dabei sah -Swaantje unverwandt in die Sonne. »Liebe Swaantje«, begann -er von neuem, und er spottete in sich selber über die Farblosigkeit -seiner Stimme; »du hast mir kürzlich etwas gesagt; nun will ich -dir auch etwas sagen: ich liebe dich.«</p> - -<p>Er sah scheu zur Seite, denn da stand der Ritter, stampfte mit -dem Fuße, daß es klirrte, lachte verächtlich und fauchte durch das -Visier: »Dümmer konntest du es gar nicht anfangen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p>Swaantje war kaum zusammengezuckt; sie sah nach der Sonne, -und Helmold fuhr fort: »Ich liebe dich seit sieben Jahren. Ich -habe dich vom ersten Tage an geliebt. Ich habe dich schon geliebt, -ehe daß ich dich kannte, ehe daß du lebtest.«</p> - -<p>Er seufzte tief auf: »Ich weiß das erst seit jenem Abend, als -Grete sagte: ›Du müßtest immer bei uns bleiben, Swaantje; ich -dächte mir das reizend, wenn wir drei immer zusammen blieben. -Ich wäre dann deine Sonnenfrau, Helmke, und Swaantje wäre -dein Mondweiberchen‹.«</p> - -<p>Das Gesicht des Mädchens war blutlos geworden; geisterhaft -hob es sich von dem dunklen Wachholderbusche ab; ihre Augen -hingen fest an der Sonne, die mit bösem Blicke über dem Wahrbaume -stand.</p> - -<p>Helmold half einem Käfer auf, der im Sande auf dem Rücken -lag; dann sprach er weiter: »Du weißt, daß Grete am anderen -Morgen fragte: ›Ist dir nicht gut?‹ Ich hatte in der Nacht kein -Auge zugetan. Ich habe seitdem überhaupt noch nicht wieder geschlafen. -Es ist seither keine Stunde gewesen, daß ich nicht an -dich gedacht habe. Und deswegen kam ich nicht zu euch. Aber -schließlich sah ich ein, daß ich zugrunde ging, wenn ich dich nicht -wiedersah. Ich habe wie ein Verrückter gearbeitet; sonst wäre -ich irrsinnig geworden. Ich habe seitdem mehr gemalt, als andere -in zehn Jahren zuwege bringen. Aber ich habe es als totkranker -Mann gemalt. Schließlich mußte ich dich sehen und kam. Am -Tage lebte ich; in jeder Nacht starb ich. Du weißt, wie ich des -Morgens aussehe, und du weißt, wie anders mein Gesicht wird, -wenn ich eine Viertelstunde bei dir bin. Ich habe mich ganz genau -daraufhin untersucht, wie ich dich liebe, ob als Bruder, ob -als Vater; aber ich liebe dich als Mann; ich will dich. Und deshalb -muß ich dir das alles sagen, denn sonst, ich bin meiner nicht -mehr sicher, und wenn ich dein Vertrauen verlöre, dann müßte<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -ich mein Leben fortwerfen. Denn das würde ich verlieren, hätte -ich das getan, was ich mir vorhin vorgenommen hatte: dich in -den Arm zu nehmen und in mein Herz hinein zu küssen.« Der -Ritter schüttelte den Kopf und ging langsam von dannen.</p> - -<p>Helmold und Swaantje sahen nach dem Wahrbaume, dessen -unheimliche Zauberrune mit Gold unterlegt war. Dann sprach -das Mädchen: »Helmold, das ist furchtbar, das ist entsetzlich. Ich -wollte, ich könnte dir helfen, aber ich kann es nicht. Selbst wenn -das nicht wäre, wovon ich dir sprach, könnte ich dir nicht helfen. -Ich bin sehr unglücklich darüber, denn du tust mir so unsäglich -leid. Und doch bin ich stolz darauf, sehr stolz, und ich danke dir; -du hast mir ein großes Leid geschenkt, und eine große Freude. -Wenn ich dir nur helfen könnte, liebster Helmold! Aber du weißt -es selbst, daß ich das nicht kann. Nicht wahr?«</p> - -<p>Sie sah ihn zum erstenmal wieder an; er nickte ihr mit ernstem -Gesichte zu, bückte sich und küßte ihre Hand, und sie zuckte merkbar -zusammen, denn sie fühlte, daß eine Träne darauf fiel. »Armer -Helmold!« flüsterte sie und sah dahin, wo die riesenhafte Rune -stumpf und tot vor dem rosenroten Himmel stand, während darüber -ein Stern aufgehen wollte.</p> - -<p>Der Ritter kam wieder herangeschlichen: »Noch ist es Zeit, -noch ist es nicht zu spät!«, raunte er heiser; »greif zu! Eine -Stunde wie diese kommt niemals wieder. Küsse sie! Mein Wort -darauf, sie ist dein.«</p> - -<p>Helmold sah ihn ungläubig an. Swaantje schauderte zusammen. -»Steht hier irgendwo Irrkraut?« fragte sie und drängte sich -ganz dicht an ihn heran, so dicht, daß ihre Backe an seiner Schulter -lag und ihre Lende seinen Schenkel berührte. »Nun oder nie!« -zischte der Mann im Harnische ihm zu, und Helmold näherte von -hinten seine Hand, mit der er sich in das Moos gestützt hatte, -der Schulter des Mädchens; aber da sah sie ihm ängstlich in die<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -Augen und flüsterte: »Steht hier welches? Ich fürchte mich!« -Er gab ihr die Hand und half ihr auf. »Feigling, Dummkopf!« -rief ihm der Ritter zu und ging laut lachend durch den hohen -Adlerfarn, daß es rauschte.</p> - -<p>Der Abendwind warf mit dem dunkelgrünen Geruche des zertretenen -Krautes um sich, und Swaantje schauderte abermals zusammen. -»Schrecklich, wie das Farnkraut riecht! Hast du keine -Angst davor?« Er lächelte: »Nein, ich habe vor nichts Angst!« -Er legte ihr das Spitzentuch um die Schultern, zog die Jacke an -und reichte ihr den Arm; ohne Zögern legte sie ihre Hand hinein -und lehnte sich fest an ihn, wie er es liebte. Als er sich umdrehte, -stand der Ritter an einen Baum gelehnt und blickte ihm höhnisch -nach; er sah wie ein hoher, spitzer Wachholderbusch aus.</p> - -<p>Krähen flogen über sie hinweg und schrieen sich heiser; schweigend -ruderte ein Reiher dem Flusse zu. Der Himmel sagte einen -zweiten Sonnentag an; hell stand der Liebesstern da.</p> - -<p>Lange Zeit sprach Helmold nicht, dann begann er: »Du verstehst -doch, Swaantje, daß ich dir das alles sagen mußte?« Sie -nickte ernsthaft. »Und ich muß es auch Grete sagen.« Sie nickte -abermals. »Und obzwar ich mir dadurch, daß ich dir meine Liebe -in dieser Weise offenbarte, alle und jede Hoffnung genommen -habe, ich bin doch froh darüber, daß ich es tat. Und ich bin froh, -daß es so gekommen ist. Ich hatte immer die Angst, daß ich alt -und kalt geworden wäre; wer liebt, ist nicht alt. Ich weiß, daß -ich noch jung bin und ein Herz habe; denn es blutet, und das -danke ich dir. Ich war so hoffnungslos. Grete und ich, wir haben -uns heiß geliebt. Das ist vorbei. Sie ist zu sehr selbsteigene Persönlichkeit, -um in mir aufgehen zu können; alles in ihr wehrt sich -gegen mich. Darum macht sie mir so oft, oder eigentlich immer, -Opposition. Das kann ich nicht vertragen, denn ich bin eine Herrennatur -und will keinen Widerspruch; von meinem Lebensgenossen<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -wenigstens nicht. Wer mir widerspricht, ist mein Feind. Die Frau -aber soll der beste Freund des Mannes sein. Grete kann mir das -nicht sein; mein Wesen und ihres stammen aus verschiedenen -Ländern, meines aus Nord, ihres aus Süd. Uns trennt eine Weltanschauung, -eine Lebensauffassung. Ihr Wollen drängt von sich -zur Welt; mein Wille geht von dem, was da ist, zu dem, was -ich bin. Sie ist zentrifugal, ich bin zentripetal. Sie lebt; ich schaffe. -Wir haben aneinander keinen Teil.«</p> - -<p>Er blieb stehen, zündete sich eine Zigarre an, und als er bemerkte, -daß das Mädchen totenblaß aussah, strich er ihm sanft -über die Backen, gab ihm den Arm und sprach im Weitergehen: -»Trotzdem gehören Grete und ich zusammen, denn sie liebt mich, -und ich liebe sie; und dann haben wir Kinder. Ich weiß, was du -denkst, aber ich sage dir: trennte ich mich von ihr, und liebtest du -mich auch, so wie ich dich liebe, du kämest dann erst recht nicht zu -mir, und solange Grete meine Frau ist, habe ich auch keine Hoffnung, -daß du mein wirst. Das ist mir alles ganz klar. Zudem: du -liebst einen anderen.«</p> - -<p>Der Arm des Mädchens zuckte in dem seinigen, und er fühlte, -wie sie sich fester gegen ihn lehnte. »Friert dich?« fragte er. Sie -schüttelte den Kopf, und er fuhr fort: »Wenn der, den du liebst, -dich liebte, und er brächte dir das Glück, dann könnte ich wieder -ein froher Mann sein.« Sie schauderte wiederum zusammen und -lehnte sich noch fester an ihn. »Du frierst doch wohl?« fragte er; -»willst du meine Jacke haben? Ich brauche sie nicht.« Sie wehrte -ab und flüsterte, und süßer als je zuvor, erschien ihm der Tonfall -ihrer Worte: »Dann mußt du mich aber sehr lieb haben, -Helmold!« Er antwortete erst nicht, aber dann sprach er mit -ernster Stimme: »Mehr als meine Kunst.«</p> - -<p>Der Ritter flüsterte hinter ihm: »Aber Mensch, sie will ja, daß -du sie küssest! Küsse sie! Sie liebt dich und nicht den anderen!«<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -Doch Helmold, der bemerkt hatte, daß Schauer auf Schauer das -Mädchen schüttelte, blieb stehen, zog seine Jacke aus und befahl: -»So; kleine Mädchen haben zu gehorchen!« und so verstand er -nicht, was der Mann im Harnisch ihm zuraunte. Er half Swaantje, -die mit niedergeschlagenen Augen dastand und beklommen atmete, -in die Jacke, und dann sagte er: »Nun wollen wir etwas schneller -gehen«, und eine lustige Weise flötend, schritt er, das Mädchen -am Arm, an dem Ritter vorbei, der schwarz und gespenstig auf -der Haide zurückblieb.</p> - -<p>Tief im Walde ließ der Kauz sein blutrotes Lied erschallen; vom -Flusse her heulte ein Dampfer; es klang fast genau so. Der -Mond kam hinter den Kiefern hervorgegangen; sie spannen lange -Schatten über den weißen Weg.</p> - -<p>Helmold lachte auf: »Hör, Swaantje, die beiden! Was sich -liebt, das neckt sich. Denk dir das Bild: Der Waldkauz balzt den -Dampfer an! Findet er Gehör, so gibt es ulkige Küken: kleine -Dampferchen, die auf die Mausjagd gehen, oder Ulenküken, die -nach Steinkohlen piepen. Und nun reden wir nicht mehr davon!« -Er schwenkte ihren Arm auf und ab und pfiff die Kasatschka.</p> - -<p>»H' ach!« fing er dann an; »die möchte ich noch einmal tanzen. -Das ist ein Tanz, der nach roten Küssen und nach roten Messerklingen -riecht! Tanzen ist: trampeln, daß die Diele donnert, und -die Mädchen hin- und herschmeißen, bis sie windelweich sind, -aber nicht diese betutige Dreherei, wie sie jetzt in Mitteleuropa -im Schwange ist. Überhaupt: Ballschleppe und Tanzen! Das -ist schon mehr Fesselballonbetrieb. Etwas angetrunken muß man -auch sein, und die, mit der man tanzt, muß hinterher zu allem -Ja sagen; sonst ist das einfach zuchtlos. In der Ukranja habe -ich mit einer getanzt, Marja hieß sie und war ganz hellblond; -aber sie hatte den Satan im Leibe!«</p> - -<p>So prahlte er und erzählte Kasakenschwänke und Witze, die er<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -in der Herzegowina gehört hatte, und Schnäcke im Hamburger -Ewerführerplatt und Schnurren in pfälzischer und ostpreußischer, -schlesischer und bayerischer, münsterscher und berliner Mundart, -eine immer toller als die andere, so daß Swaantje mehr als einmal -hell auflachen mußte. Er blieb auch den ganzen Abend lustig -und versöhnte Tante Gesina gänzlich wieder, denn er machte gar -keine kecken Witze, sondern blieb völlig in der guten Weise des -Marktfleckens.</p> - -<p>Um elf Uhr ging er zu Bett und las bis zwölf Uhr im Herodot. -Dann blies er das Licht aus und sah gegen die Decke, die taghell -vom Mondlichte war. Um ihn summte ein neues Lied, erst -leise dann laut, bis seine Lippen die Weise nachsummten: »Am -Himmel steht ein goldener Stern dahinten über dem Walde«. -Und ein neues Bild reimte sich darauf; ganz kühl zog er es in -den Vordergrund seines Bewußtseins: gelben Sand, weißglühende -Sonne, ein Trupp französischer Fremdenlegionäre, alle blondbärtig -und blauäugig, halb verrückt vor Durst durch den Sand -stolpernd; neben ihnen, zu Pferde, ihre Zigaretten rauchend, die -schwarzbärtigen Offiziere, darüber ein Aasgeier.</p> - -<p>Plötzlich warf er sich auf das Gesicht, biß in das Kopfkissen, -weinte, daß es ihn schüttelte und flüsterte: »Swaantje, meine -geliebte, süße Swaantje!« Eine halbe Stunde lag er so da. Dann -stand er auf, wusch sich das Gesicht, trank die Wasserflasche fast -leer, sah in den Park, holte sich seine Zigarettendose und wollte -sich damit vor das Fenster setzen. Aber als er an dem Spiegel -vorbeikam, prallte er zurück: der Ritter stand da. Seine Rüstung -blitzte weiß, das Visier hatte er heruntergeklappt; er sah an ihm -vorbei, wie an einem wortbrüchigen Hallunken, und wies mit -dem Finger nach dem Seelenhause im Tödeloh.</p> - -<p>Helmold stellte die silberne Dose hin und legte sich nieder. -»Elende Hyperästhesie!« dachte er, als ihm die Augenlider zufielen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Seelenhaus">Das Seelenhaus</h2> -</div> - -<p class="noind">Das gelbe Zimmer war voll von der Vormittagssonne, als -Helmold eintrat; zwei Sonnenblumen, die in einem blauen Zierkruge -standen, starrten ihn mit toten Augen an.</p> - -<p>Swaantje kam herein; sie sah frisch und gehoben aus, erschrak -aber sichtlich, als sie ihren Vetter ansah, und als der in den Spiegel -blickte, erkannte er sich kaum wieder: er sah nicht angegriffen aus, -aber seine Augen waren welk und seine Lippen abgeblüht.</p> - -<p>Er las die Briefe, die auf seinem Platze lagen, und reichte einen -nach dem anderen dem Mädchen. Das nickte ihm bei dem ersten -fröhlich zu, jubelte bei dem zweiten auf und klatschte bei dem -dritten in die Hände. »Wie freue ich mich, wie freue ich mich! -Drei große Bilder so gut verkauft, Aufträge über Aufträge, und -nun noch erster Sieger in einem internationalen Ausschreiben!« -Ihre Stimme fiel herab, als sie ihn ansah: »Aber freust du dich -denn gar nicht ein bißchen, lieber Helmold?« Er nötigte sich ein -Lächeln ab und sagte gleichgültig: »Natürlich; Berühmtheit ist -bar Geld.« Sie sah ihn enttäuscht an. »Lieber Helmold,« begann -sie nach einer Weile schüchtern, »sei nicht böse; heute kann ich dich -nicht begleiten. Lies bitte!« Er nahm den Brief und seufzte: »Was -fange ich nun ohne dich an? Aber den Vormittag, Swaantje, -nicht wahr, den bekomme ich doch? Viel ist es ja nicht mehr.«</p> - -<p>Sie gingen nach dem Ausgang des Parkes. Da stand unter -zwei ungeheueren Silberpappeln eine graue Steinbank; dort ließen -sie sich nieder und sahen über die Wiesen, von denen der Maikrautduft<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -des Grummets herkam. Beide waren still; Helmold -war todmüde; es war schon hellichter Tag gewesen, als seine -Augen das Sehen vergaßen, und Swaantje war betrübt, denn -unter seinen Brauen her flogen nur kalte Blitze über das lachende -Land, und wenn er sprach, so hörte es sich an wie Herbstlaubgeraschel -im Winde. Er sah dahin, wo unter einem breiten Weißdornbusche -die Hütebude lag; mit ihren beiden kleinen Türen -und ihrer stumpfen grauen Farbe sah sie aus, wie das Seelenhaus -in Tödeloh.</p> - -<p>»In den Büchern steht, in den großen Steinkammern hätten -unsere Urahnen ihre Häuptlinge begraben,« fing Swaantje an; -»glaubst du das?« Er nickte: »Ja, das schon, aber diese Hünenbetten -sind auch Seelenhäuser gewesen, denn sie sind genau in -der Art der Wohnhäuser erbaut. Alle Jahre am Todestage ihrer -Lieben legten unsere Urahnen dort Wildpret hin und gossen -Honigbier in die Schalen und zündeten ein Feuer darin an, damit -die Seelen sich erquicken und wärmen könnten, kehrten sie -einmal wieder zurück. Auch Blumen werden sie dort wohl niedergelegt -haben.« Er sah mit verlorenen Blicken nach der Hütebude, -und sonderbar klang es, als er fortfuhr: »Swaantje, wirst du -mir auch Blumen bringen, damit ich mich darüber freuen kann, -wenn ich einmal wiederkomme?«</p> - -<p>Das Mädchen sah ihn erschrocken an und faßte seine Hand: -»Lieber Helmold, wie kannst du mich so ängstigen! Das war -nicht hübsch von dir. Du bist überreizt, überarbeitet, nervös; du -solltest einmal in ein richtiges Pussiersanatorium gehen, wie damals, -als du so herunter warest.« Er sah sie spöttisch an: »Meinst -du, daß mir heute noch ein Flirt hilft? Das glaubst du doch -selber nicht.« Das Mädchen sah einem weißen Falter nach, der -an ihr vorüber in die Wiese flog, die Weidenröschen am Grabenrand -umflatterte und ziellos weitertaumelte. Dann sah sie die<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -Hand ihres Vetters an, die auf seinem Knie lag; gestern war sie -noch männlich und straff gewesen, nun sah sie weiberhaft aus -und ermüdet. Verstohlen besah sie ihre eigene Hand; beide Hände -waren sich jetzt ähnlich; früher waren es Gegensätze gewesen. Die -braune, derbhäutige, großporige, haarige, in breiten, harten Nägeln -endende Hand des Mannes erinnerte sie an den Vorsteher -Groenhagen, hinter dessen derben Zügen, unter dessen harten Augen -so sehr viel unausgesprochener Kummer lebte.</p> - -<p>»Ja, Swaantje, das ist nun so!« lachte Helmold und wies nach -einem hohen Riesenampferbusche, der mit seinen feuerroten Blättern -unbändig prahlte; »der rote Hinnerk da, so nennen die -Bauern das Kraut, jeder freut sich darüber, wie er so knietschrot -dasteht; aber er ist welk, ist tot. Ein Meister der Farbe ist er; -aber sein grünes Herz ist gestorben.« Er unterbrach sich, denn -ihm war, als stände eine bleiche Gestalt in dem Seelenhause und -winkte ihn zu sich heran. Dann lächelte er über sich; erstens war -das kein Seelenhaus, sondern eine Hütte für die Hütejungen, und -die bleiche Gestalt, das war ein alter Lappen, der da hing.</p> - -<p>Er warf den Kopf in den Nacken: »Du magst recht haben, -Swaantien!« Sie lächelte ihn an, denn noch nie hatte er die Koseform -ihres Namens gebraucht. Er pfiff eine leichtsinnige Weise -vor sich hin. »Ich bin überarbeitet, habe mich dazu um dich zu -viel gesorgt. Nun verschieße ich mich noch dazu; das zieht in keinen -hohlen Weidenbaum.« Er summte: »Und kann es nicht die Lilie -sein, so pflück ich mir ein Röselein.« Er machte ein säuerliches -Gesicht: »Mein Herz heil pussieren, das wird schwer halten, aber -als Heftpflaster hilft vielleicht so ein bißchen Eintagsliebe. Man -weiß nur nie, was man sich damit für Löcher ins Gewissen läuft. -Die andere hat sich vielleicht schon wer weiß wie lange getröstet, -und man denkt immer noch, sie wankt mit durchgescheuerter Seele -herum.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<p>Er scharrte mit der Fußspitze im Sande umher: »Na, die Hauptsache -ist, daß du dich heute nachmittag in eurem Geisteslackierklub -gut vergnügst. Wird Er auch da sein?« Swaantje wurde -rot: »Ich glaube,« flüsterte sie, aber es lag keine Freude in ihrer -Stimme.</p> - -<p>»Weißt du was, Zuckerchen,« fuhr es Helmold heraus, »eigentlich -müßte ich mit und dir dort in einer so feuergefährlichen Weise -den Hof schneiden, daß dem Professor das Brett vor dem Kopfe -aufbrennt; denn das hat er doch sicher dort, denn schließlich gönnt -kein rechtschaffener Mann eine einem anderen, und tritt man ihm -auf die Platzhirschhühneraugen, dann wetzt er sogleich die Kampfsprossen. -Aber die Bergedorfsche ist da samt ihren üblen Töchtern, -und so wie ich mich kenne, setzte es einen Heidenskandal, ginge -ich mit. So will ich lieber zusehen, daß ich den Bock in der Wittenriede -bekomme.«</p> - -<p>Nach dem Mittagessen bat er sich den Fuchs aus, hängte die -Büchse über und ritt in das Bruch. Dort stieg er ab, ließ das -Pferd bei den Hütejungen und waidwerkte zu Fuße weiter. Aber -er spähte nicht nach dem alten Bocke, der dort umging, er träumte -mit kalten Augen über das Land hin, das in der Sonne glitzerte. -Schließlich setzte er sich bei dem Seelenhause an, rauchte und -brütete vor sich hin. Immer wieder gingen seine Augen nach der -Büchse. Er sah sich um: wenn er seinen einen Fuß in die Brombeerranken -wickelte und sich durch das Herz schoß, dann nahm -alle Welt ein Unglück an; denn daß ein Künstler an dem Tage, -der ihm den größten Auftrag seines Lebens gebracht hatte, Selbstmord -verüben könne, das glaubte kein Mensch. Ein Druck, und -er konnte endlich einmal wieder ausschlafen.</p> - -<p>Aber dann fiel ihm ein Wort Hennigs ein: »Selbstmord wirkt -niemals tödlich«, hatte der einst gesagt und hinzugefügt: »denn -es ist keine organische Lösung.« Und dann waren die Kinder da,<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -seine lieben Kinder Swaan und Sweenechien, und Grete und -Swaantje. Schon derentwegen durfte er nicht Hand an sich legen; -sie würde vor Gram zerbrechen. Außerdem: er hatte den Auftrag -vom Schicksal, seinem Volke viel Schönheit zu bringen. »Nein,« -sagte er zu sich, »nein, das tust du nicht!« Er stand auf, entlud -die Büchse, warf den Patronenrahmen in den Bachkolk und ging -nach der Wittenriede. Der starke Bock äste sich auf dem Wiesenfleck; -gleichgültig sah Helmold ihm zu. Ein dutzend Male war er -hinter ihm hergepürscht; aber selbst, wenn er jetzt eine Patrone -gehabt hätte, er hätte doch nicht schießen mögen. Ihm lag nichts -mehr daran. Ihm war an nichts mehr etwas gelegen. Ihm war -alles gleichgültig. Ihn langweilte sogar die Landschaft. Zu spitz -dünkte ihm das Glitzern des Stechpalmenbusches, zu frech seine -roten Beeren, und albern kam ihm des wilden Täubers Ruf vor. -Er lag im Moose, auf der selben Stelle, auf der er tags zuvor -gesessen hatte, rauchte und starrte ohne Blick über die Wiesen -hin.</p> - -<p>Er sah sein zukünftiges Leben vor sich: wie ein Brandmoor -würde es aussehen. Nur Nutzpflanzen würden darauf noch gedeihen: -Moorkorn, Hafer, Kartoffeln, aber keine rosige Blüte -mehr. Mit Hand und Kopf würde er große Werke schaffen, derweil -sein Herz unter Ruß und Asche lag. »Alles müssen wir bar -bezahlen,« hatte Hennig gesagt; »alles!« So war es; alles gab -ihm das Leben und nahm ihm alles, weil es ihm das eine nicht -gab. Er versuchte, sich zum Weinen zu zwingen, indem er den -Namen der Geliebten vor sich hinflüsterte und die Stelle streichelte, -wo sie gesessen hatte; doch seine Augen lachten ihn aus.</p> - -<p>Müde stand er auf, ging langsam dahin, wo der Fuchs war, -schenkte den Jungen eine Mark, saß auf und ritt die Landstraße -entlang. In Mecklenhusen stand die Wirtin vor der Türe und -lachte ihn einladend an. Er grüßte flüchtig und trabte weiter, obwohl<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -ihn hungerte; aber er mochte mit niemandem sprechen, der -ihn kannte.</p> - -<p>Deshalb schlug er die Straße nach Lütkenhusen ein und stieg -beim Taternkruge, wo er noch nie gewesen war, ab. Das war -eine schmierige Kneipe; aber das paßte ihm gerade. Er aß das -Butterbrot, das ihm die schlumpige Wirtin brachte, mit dem Genuß -des Ekels. Ein fünfzehnjähriges Zigeunermädchen mit hübschem -Gesichte, bunt angezogen, kam herein, bettelte ihn an und -machte ihm verheißungsvolle Augen. Er schenkte ihm ein blankes -Markstück und einige Zigaretten, ging aber nicht auf sein Sprechen -ein. Dreimal drehte es sich noch nach ihm um, als es dem Walde -zuging, und als es unter den Kiefern stand, winkte es ihm schnell -mit den Augen und lächelte. Er merkte sich den Fluß der Bewegungen -und die ganze Erscheinung, aber nur mit den Augen; -sein Blut blieb kalt, so kalt, daß es ihn fror.</p> - -<p>»Glas Grog!« befahl er. Die Wirtin sah ihn verwundert an, -denn er hatte sein Bier noch vor sich stehen. »Noch eins!« rief -er, als er es ausgetrunken hatte. Da wurde ihm besser. Farben -und Töne brannten und klangen in ihm durcheinander; er sah -ein Bild in Moll vor sich und hörte eine blaßrote Melodie. Er -nahm sein Taschenbuch heraus und schrieb ein Lied hin, las es -durch, änderte eine Stelle, schrieb ein zweites, ein drittes und noch -eins. Eine Kiepenflickerfamilie, die inzwischen eingetreten war, -sah ihm neugierig zu, und zwei Handwerksburschen machten -heimlich ihre Witze über ihn. Er sah es, kümmerte sich aber nicht -darum. Ein Motorradfahrer kam herein, schimpfte mörderlich, -weil er vor einem Hunde so schnell hatte stoppen müssen, daß er -seine Maschine verdorben hatte, stampfte im Zimmer auf und -ab und versuchte, mit Helmold ins Gespräch zu kommen; der -antwortete nicht. Er trank noch zwei Gläser Grog und blieb sitzen, -bis die Uhr die siebente Stunde angab. Dann stand er auf, zahlte<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -seine Zeche und die der Handwerksburschen, die darüber ganz -verlegen wurden, und ritt fort.</p> - -<p>Als er zu Tische kam, fielen seine Blicke sogleich auf Frau Adda. -Sie saß ihm gegenüber, machte ihre verwitwetsten Augen und -sprach über bildende Kunst. Er hielt sie in höflicher Form zum -Narren, bewies ihr, daß es gar keine bildende Kunst gäbe, sondern -nur einzelne Kunstwerke, aß wenig und schützte nach aufgehobener -Tafel vor, er müsse eilige Briefe schreiben. Er schrieb -aber nur die vier Gedichte ab, gab sie Swaantje, die er auf der -Treppe traf, sagte ihr, er wolle den Abend allein verbringen, -und ging in den Ratskeller, wo er sich in die dunkelste Nische -setzte, den Vorhang zuzog, dem Kellner verbot, Licht zu machen -und irgend jemandem zu sagen, daß er da sei. Er starrte vor sich -hin, trank aber nur wenig von dem Rüdesheimer und ließ seine -Zigarre kohlen. »Ein toter Mann trinkt nicht, ein toter Mann -raucht nicht,« dachte er und sah das Seelenhaus vor sich, neben -dem er unter dem goldenen Moose lag, ein Häuflein Asche in -einer schwarzgebrannten Deckelurne. Und vor dem Seelenhause -lagen Blumen, weiße Rosen, Lilien, Astern, Maiblumen, wie die -Jahreszeit sie bot, und die glitzerten im Mondenlichte; aber nicht -Tau war es, der in ihren Kelchen schimmerte, Tränen, kalte -Tränen der Reue. Er sah eine Gestalt neben dem Seelenhause -stehen, in braune Gewänder gehüllt, Schleier vor dem Gesicht, -einen Kranz von Ringelblumen im Haar. Sie winkte ihm und -breitete die Arme nach ihm aus und flüsterte: »Sanft will ich dich -betten, so sanft.«</p> - -<p>Schal kam ihm seine Kunst vor: gemaltes Leben, weiter nichts. -Leinewand, stinkende Farbe, vom Keilrahmen gehalten, der sich -feige hinter dem Prunkrahmen verkroch, eine Lüge das Ganze! -Und ein jammervoller Notbehelf statt des Lebens, das ihm gebührte, -eines Lebens, das rot in Rot vor seinen Augen stand,<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -hellrote Küsse auf einem Hintergrunde von dunkelrotem Blute. -Das Ende? Ein Pfeil in der Brust, zwei Küsse auf den Lippen, -und so, zwischen der Sonne und dem Mond, zwischen der lauten -und der leisen Geliebten, schnurstracks nach Walhall, und da: -Fortsetzung folgt! Aber sein Leben würde fortan anders sein: -Grau in Grau, hellgraue Sehnsucht auf dunkelgrauer Hoffnungslosigkeit. -Malen, malen, malen, der Professortitel, ein paar -Orden, eine Jubelfeier, wenn die nötige Knickebeinigkeit da ist, -und ein sanfter Strohtod mit viel Gezappel und Äthereinspritzungen. -Hol's der Teufel!</p> - -<p>Straffe Männertritte näherten sich seiner Koje; der Vorhang -flog zur Seite, und vor ihm stand Beni Benjamin. Unbefangen -gab er Helmold die Hand; sein schmales Beduinengesicht leuchtete -vor herzlicher Freude. »Ich hörte von der Wirtin, daß Sie -hier seien,« sagte er mit seinem dunklen Basse, »und daß Sie -allein sein wollten. Ich sah Sie heute vom Kruge in Mecklenhusen -aus, und Ihr Gesicht gefiel mir nicht. Deshalb dachte ich: -laß ihn grob werden, das ist sein Recht als Patient! Und nun: -Rüdesheimer verbiete ich Ihnen; wir trinken Sekt. Erstens ist -mir gestern ein Sohn geboren, und zweitens bekommt Ihnen das -besser.«</p> - -<p>Als der Sekt da war, hob er das Glas: »Auf das, was wir -lieben!« Helmolds Gesicht bekam Schlagschatten, und seine Augen -wetterleuchteten. Aber dann lachte er lebhaft. »Eine Gemeinheit -ist der anderen wert,« sagte er, zog sein Skizzenbuch hervor, riß -ein Blatt heraus, schrieb darunter: »H. H. s. l. B. B.« und gab -es dem Arzte. Der besah es genau; Lichter und Schatten flogen -über sein Gesicht. Er streckte dem Maler die Hand hin: »Dank, -vielen Dank, Hagenrieder!« Er stellte die Skizze gegen den Kühleimer -und sah sie eine Weile an. Dann flüsterte er, und seine -Stimme klang noch dunkler: »Sie sind der einzige Mensch, der<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -mich erkannt hat. Durch und durch haben Sie mich gesehen, -lieber Freund, Sie, der Vollgermane, mich, den Ganzsemiten. -Wissen Sie warum: weil wir im Grunde ganz das selbe sind, -Sie in Blond, ich in Schwarz.« Er seufzte: »Die Leute glauben, -ich bin glücklich.« Er mauschelte: »Der raaiche Doktor Benjamin!« -Er warf seine Zigarre in den Kühleimer: »Na ja, so in epidermaler -Hinsicht bin ich auch glücklich, aber die Intestina denken -anders. Jeden Tag, wenn ich mich nach dem Essen lang mache -und rauche, dann weiß ich, daß ich ganz wo anders hingehöre, -auf einen Pferderücken, oder ein Kameel, und um mich ist die -weite Wüste. In meinem Zelte aber, das bei einer Quelle unter -Palmen steht, ist nicht bloß eine Frau, die mich küßt, es sind -deren zweie, eine laute und eine leise.« Er trank sein Glas aus -und sah den Rauchringeln nach. »Eine für das Herz und eine -für die Seele,« flüsterte er nach einer Weile, und seine Augen bekamen -einen hungrigen Blick.</p> - -<p>Der Kellner kam und machte ihm eine Meldung: »Gehen Sie -mit?« fragte er; »ich muß noch nach der Mühle hin; die Großmutter -hat wieder einen Anfall. Das beste für die gute Frau wäre -ja Morphium, denn diese Herzbeklemmungen sind schrecklich. -Aber das dürfen wir ja nicht. Ist das eine verlogene Welt heute! -Einer hetzt den anderen unbedenklich mit Geschäftspraktiken tot; -aber ein elendes Geschöpf, das alle zwei Tage stirbt, zu erlösen, -das erlaubt die Moral nicht. Ja, die Moral!«</p> - -<p>Sie gingen die mondhelle Landstraße entlang, die von den -Schatten der Kiefern gestreift war. Der Vollmond dichtete die -Wacholderbüsche auf der Haide zu bösartigen Gespenstern um. -Helmold ließ den Arzt reden. Er sah sich mit Swaantje am Arm -durch die mondhelle Haide gehen; ein kreischendes Verlangen von -ihr sprechen zu können, überkam ihn. »Sie kommen oft nach -Swaanhof, Doktor?« fragte er den Arzt. Der nickte. »Ja, ich<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -tue so, als ob ich nach der alten Dame sähe, aber die junge meine -ich. Es ist ein Skandal, was aus der geworden ist! Von dem -bißchen Neuralgie ist sie nicht so herunter; das ganze lavendelduftende -Kommodenschubladenleben macht sie krank. Ist das ein -Mädchen! Wissen Sie, die in Schwarz, das wäre meine leise -Frau; Blond liegt mir so fern wie Ihnen meine Kulör. Aber in -meiner ganzen Praxis ist kein Mensch, um den ich mich so ängstige -wie um sie. Gewalt! möchte man schreien, wenn man zusehen -muß, wie sie zugrunde gerichtet wird. Natürlich in der besten Absicht. -Ich kann reden, was ich will, immer heißt es: ›Lieber Herr -Doktor, das viele Lesen und Malen greift meine Nichte zu sehr -an‹, oder ›Sie hat doch alles, was ein junges Mädchen braucht!‹ -Lieber Hagenrieder, machen Sie doch einmal Krach; vor Ihnen -hat die Alte einen Heidendampf. So, und nun gehen Sie so lange -in die Schenkstube. Ich bin gleich wieder da und dann, wenn es -Ihnen recht ist, trinken wir noch eine dicke Flasche oder zwei. -Wissen Sie, bei Vollmond muß ich Bettschwere haben.«</p> - -<p>Helmold setzte sich unter die Linde auf den breiten Stein; allein -mochte er nicht in der Schenke sein, weil er dort noch nie gewesen -war und eine alberne Schüchternheit ihn lähmte. Er lächelte -vor sich hin: »Solamen miseris«, dachte er. Aber ein mäßiger -Trost, daß es dem Arzt ebenso ging wie ihm! Und es ging ihm -viel besser, denn der hatte seine leise Frau noch nicht gefunden; -er aber hatte sie gefunden und hatte sie zur selben Stunde verloren.</p> - -<p>Im Grunde hatte Benjamin vielleicht nicht so unrecht, als er -ihm vorhin sagte: »Frauenseele! ich glaube nicht daran; unsere -heiligen Bücher wissen davon nichts. Frauen sollen ihre Seele -ihren Männern und ihren Kindern geben; das ist ihr Zweck. Die -das nicht können, sind mißlungen.«</p> - -<p>Eine furchtbare Angst befiel ihn. Gretes Seele hatte sich ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -entwunden, und Swaantjes Seele würde nie sein werden, wenn -nicht Swaantje sein würde. »Aber wie ist das möglich,« dachte -er, »daß zwei Seelen sich voneinander lösen, die einst eins waren, -wie meine Seele und die von Grete.« Denn das hatte er oft gefühlt, -wenn sie in seinen Armen zerschmolzen war, daß nicht nur -ihr Leib ihm gehörte. Das war nun vorbei; er war hier, und sie -war da. Sie war ihm Lebenskampfkamerad, Freund, ja; er -wollte aber nicht gestützt sein, er wollte durchdrungen sein. Mann -und Frau mußten den heiligen Kreis bilden, mußten sein, wie die -beiden Dreiecke mit den fünf Spitzen, zwei und doch nur eins.</p> - -<p>Die Semiten waren klüger, die gaben sich nicht mit Idealen -ab; darum war das Hexagramm ihr heiliger Kreis und nicht das -Pentagramm, wie bei den Ariern. Und deshalb waren die Juden -glücklicher im Leben, scheinbar wenigstens, denn schließlich: die -besten unter ihnen schielten doch aus dem Sechsstern zum Fünfstern, -wie er von Grete nach Swaantje. Warum: die eine ging -in sich auf, war eine in sich geschlossene Natur, die andere ein -problematischer Charakter. Die eine satt, die andere hungrig, unbewußt -hungrig.</p> - -<p>Eine Meteorkugel zog ein himmelblaues Band über den mondhellen -Himmel und fiel dahin, wo Swaanhof lag, oder wo das -Tödeloh stand. Eine reisende Drossel flog über die Linde und pfiff -verlassen; unsichtbare Brachvögel riefen trostlos. Helmold fror -das Herz. Er stand auf und wollte in das Haus; da kamen harte -Schritte näher, und der Arzt stand vor ihm. »Haben Sie eine -Erscheinung gehabt?« fragte er, als er den Maler ansah. Der -lachte: »Nein, eine Gänsehaut!« Aber Benjamin sah ihn besorgt -von der Seite an. »Na,« meinte er dann, »die laute Janna -und die leise Manna sind gut dagegen. Übrigens anständige -Mädchen und nicht glücklich; ein und der selbe Mann hatte beiden -die Ehe versprochen, und nun lachen sie sich am liebsten ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -Kummer fort, denn sie lieben ihn beide noch immer, trotzdem an -dem Kerl nichts dran war.«</p> - -<p>Helmold fühlte sich in der gemütlichen alten Wirtsstube, in der -es verstohlen nach Bratäpfeln roch, schnell heimisch. Er kam in -die Ofenecke in den breiten Ledersessel hinein; rechts von ihm saß -Janna und links Manna; sie sahen ihn mit Augen an, in denen -eine mitfühlende Freundlichkeit lag. »Nach Sekt,« scherzte der -Arzt, »Schampagner am besten schmeckt.« Er nahm die Laute von -der Wand und klimperte darauf herum, eine Weise dazu brummend, -die nach Moschus und Ambra roch. Er stieß mit allen an. -»Funditus!« befahl er und schenkte wieder ein, erzählte eine -lustige Geschichte, füllte die Gläser abermals und bat die Mädchen -um ein Lied. Sie zierten sich nicht; Janna spielte, und Manna -sang dazu ein Lied, das wie Liebesgeflüster im Lindenlaubschatten -war, und noch eines, hell wie ein Aufquietschen hinter einer Haustüre -an einem dunklen Winterabend.</p> - -<p>»Nun Sie,« bat der Arzt und reichte Helmold die Laute; »aber -erst die Gläser aus und eine neue Flasche; unsere Köpfe kühlen -wir nachher im Mondenschnee!« Helmold griff einige Akkorde -und sang dann zu einer verschüchterten Begleitung das heimliche -Lied an den Abendstern. Die Augen der Mädchen wichen nicht -von seinen Lippen, und der Arzt sah ihn mit besorgter Miene an. -»Bitte noch eins,« bat Janna leise, und Manna flüsterte: »Ach -ja!« Helmold sang das Lied von dem goldlockigen Jüngling, der -auszog, Avalun, das schöne Land, ganz und gar von Zuckerkand, -zu suchen, und der es erreichte, als er unter dem Notlaken lag. -Unaufgefordert sang er das dritte Lied, das so zart war, wie -perlgraue, mit Rosenrot gesäumte Abendwolken, und als er -schloß: »Sag ja! dann ist das ferne, fremde Land so nah; dann -singt der Vogel nimmermehr von Tod und Not, dann blühen -alle Blumen rot, so rot, so rosenrot,« hatten beide Mädchen<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -feuchte Augen, und auf der Stirne des Arztes lag eine Falte, die -wie ein Hufeisen aussah.</p> - -<p>Die Mädchen baten stumm um ein viertes Lied. Helmold stellte -erst die Laute hin, nahm sie aber wieder auf, stürzte ein Glas -Schampagner hinunter und begann leise, aber mit jubelnder -Stimme: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund, -Rose rot, Rose weiß, dein denk ich alle Stund.« Die Augen der -Mädchen erhellten sich; aber als die Laute einen wehen Ton gab, -und es wie ein Weinen weiter klang: »alle Stund bei Tag und -Nacht, daß dein Mund mir zugelacht, dein roter Mund,« da -sahen sie ihn verängstigt an und atmeten beklommen. Jauchzend -klang es wieder: »Ein Vogel sang im Lindenbaum, ein süßes -Lied er sang, Rose weiß, Rose rot, das Herz im Leib mir sprang,« -und abermals wimmerten die Saiten und wie ein Schluchzen -war es in des Sängers Stimme: »sprang vor Freuden hin und -her, als ob dein Lachen bei ihm wär, so süß es klang.«</p> - -<p>Die Uhr ging hart durch die Seufzer der Mädchen. Helmolds -Stimme lachte wieder: »Rose weiß, Rose rot« und dann zerklirrte -sie, als er fortfuhr: »Was wird aus dir und mir?« und -schneidend, wie Glassplitter wurde ihr Ton bei den Worten: »ich -glaube gar, es fiel ein Schnee, dein Herz ist nicht bei mir,« und -es war bis auf das Geräusch der Uhr totenstill in dem Gemache, -als er endigte: »nicht bei mir, geht andern Gang, falsches Lied -der Vogel sang von mir und dir.«</p> - -<p>Die Zwillingsschwestern waren ganz blaß, Benjamin schenkte -stumm den Rest ein, und der Maler sah mit einem bewußten -Gefühle von Scham vor sich hin. Der Arzt ging zuerst hinaus, -dann folgte Helmold. Im Hausflur drückten ihm die Schwestern -die Hand, und eh' er es sich versah, nahm ihn von jeder Seite -eine in den Arm und küßte ihn schnell auf den Mund, ohne daß -sie sich vor dem Arzte scheuten. Der nickte ihnen freundlich zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<p>Der Mond stand mitten über der schneeweißen Straße; taghell -war zu beiden Seiten der Wald. Die Männer gingen schweigend -nebeneinander her, trocken klangen ihre Schritte. Helmold -war todmüde, aber vor dem Bette graute es ihn. »Von wem -sind die Lieder?« fragte der Arzt. »Von mir,« antwortete der -andere, und seine Stimme hörte sich staubig an. »Die Melodieen -auch?« fragte Benjamin weiter. Der andere nickte, aber er war -schon wieder anderswo, denn der Wald trat angstvoll vor der -Haide zurück, so unheimlich sah sie im Mondenlichte aus. Helmold -aber schien sie süßer Heimlichkeiten voll zu sein; er sah über -dem schmalen, weißen Weg, der zwischen den schwarzen Wachholderbüschen -den Hügel emporschlich, ein morgenrotfarbiges -Kleid, das einen schlanken Leib umspielte, und in völliger Selbstvergessenheit -summte er die Singweise des Rosenliedes vor sich -hin. Plötzlich blieb er stehen und horchte in den Wind hinein, der -in der Ferne sang; ein angstvolles, bitterliches, wehes Weinen -war darin, und zum streicheln deutlich sah er vor sich ein weißes, -tränenlos schluchzendes Gesicht und einen verwaisten Mund.</p> - -<p>»Was ist Ihnen?« fragte sein Begleiter und schob ihm die -Hand unter die Achsel. »Sie fiebern ja! Drückt Sie etwas? Mir -können Sie getrost alles sagen.« Doch der Maler schüttelte den -Kopf und lächelte gezwungen: »Halluzinationen, Übermüdung -und Sekt, weiter nichts; ich habe oft dergleichen.« Aber er wurde -wieder frischer, als der Arzt auf Swaantje zurückkam, ihm auseinandersetzte, -daß das Mädchen in die Welt müsse, um sich einen -Beruf zu suchen, Liebe und Leid zu finden, damit sie nicht am -lebenslosen Leben verwelke. Und da Helmold straffer schritt, begann -der andere das ganze Wesen des Mädchens zu schildern in -den Farben der Bibel und mit einem Verständnis für ihre Eigenart, -daß dem Maler das Herz schwoll.</p> - -<p>Als sie vor dem Gutshause Abschied nahmen, sah Benjamin,<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -daß Hagenrieders Gesicht wieder fieberfrei war. Er blickte ihm -nach, als er mit leichtem Schritte über den Hof ging und so sicher, -als wenn er nur Wasser getrunken hätte. »Auch nicht glücklich; -einer wie der andere!« dachte der Arzt.</p> - -<p>Als Helmold um das Haus bog, sah er nach dem Erker hin; -dort war noch Licht. »Sie schläft nicht,« dachte er und machte -sich Vorwürfe, daß er ihr die Lieder gegeben hatte. In seinem -Zimmer fand er eine dringende Depesche. Er packte seinen Koffer -und legte sich nieder, den Herodot in der Hand. Er wollte nicht -einschlafen, er hatte Angst davor, aber die Augen fielen ihm über -dem Buche zu.</p> - -<p>Es war neun Uhr, als er erwachte; das Licht war bis auf den -Halter heruntergebrannt. »Muß ich müde gewesen sein,« dachte -er. Schnell badete er, und als er sich angezogen hatte, ging -er in das gelbe Zimmer. Swaantje war nicht da; ihr Gedeck -war unberührt; die anderen hatten schon gefrühstückt, denn ihre -Plätze waren abgeräumt. Ohm Ollig kam herein; sein Gesicht -sah noch zerknitterter aus als sonst. »Es hat Krach gegeben, -deinetwegen. Die Bestie, die Bergedorfsche, hat ihr Lästermaul -wieder aufgemacht, und sie«, er zeigte mit dem Kopfe nach dem -Zimmer seiner Schwester, »muß das natürlich weiterquackeln. -Swaantje hat wieder ihre Schmerzen. Benjamin war schon da; -er verordnete Ruhe und acht Tage Bett. Jetzt schläft sie.«</p> - -<p>Frau Gesina kam herein. »Du bist recht spät gekommen, lieber -Helmold,« sagte sie süßlich. »Im Gegenteile,« antwortete er, -»sehr früh sogar, denn es war erst halb vier Uhr morgens.« Er -drehte sich absichtlich so um, daß er eine der schreiend bunten Erbvasen -herunterwarf. »Ach meine Lieblingsvase,« rief Frau Gesina -und hob ächzend die Scherben auf: »die ist nun in Stücken!« -Helmold lachte frech: »Wenn hier weiter nichts in Stücke geht, -kannst du Gott danken! Hör' zu: ich muß mit dem Mittagszuge<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -reisen; aber so viel Zeit habe ich noch, daß ich dir einmal die -Wahrheit sagen muß. Setz dich bitte!« Er sprach das so, daß -sie in den Sessel knickte und ihn hülflos ansah: »Also: ich reise. -Ob ich je wiederkomme, weiß ich nicht; es ist mir zu mulsterig -hier. Bitte, ich rede jetzt. Paßt dir das nicht, Muhme, da ist die -Tür; ich bin nicht dein Gast, sondern Swaantjes, das bitte ich -dich zu bedenken. Laß das, an deine Herzkrämpfe glaube ich -nicht. Du solltest nicht so viel Kartoffeln essen, und nicht so viel -Kuchen, und deinen Kaffee zu Hause trinken statt bei der verfluchten -Klapperschlange vom Duttenhofe, die bei Gott verderben -möge!«</p> - -<p>Die Tante fuhr auf: »Ich bitte dich, Helmold, lästere nicht!« -Er warf den Kopf zurück: »Das war ein christliches Gebet und -keine Lästerung. So, und nun kommt die Hauptsache: sobald -Swaantje wieder in der Reihe ist, geht sie auf zwei Jahre aus -dieser Mottenkiste heraus, verstehst du mich? Oder dreie! Wohin -ist mir Wurst, jedenfalls bleibt sie nicht hier, sonst komme ich -hierher, und dann sollst du mich einmal richtig kennen lernen. -Du meinst, ich hätte hier nichts zu sagen? Stimmt, und darum -nehme ich mir die Freiheit. Swaantje geht erst nach Berlin, dann -nach Wiesbaden, dann nach München, dann wohin sie will, -meinetwegen nach dem Vetter in Rußland, vorausgesetzt daß -die Esel von Letten sich bis dahin die Bombenschmeißerei etwas -abgewöhnt haben. Drei Wochen habe ich deine pomadigen -Reden und margarinenen Seufzer nun ausgehalten, um das -Mädchen aufzumuntern; dir hat es gefallen, mit einem Wort -meine ganze Kur umzuknicken. Ist sie denn eine solche Sorte wie -die Bergedorfer Blagen, die man nicht fünf Bierminuten mit -einem Manne allein im Zimmer lassen darf? Hat sie ihr Geld -dazu, daß sie hier versauert? Ihren Kopf, damit du sie so dämlich -machst, wie das hier guter Ton ist? Siehst du denn nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -wie du sie mit deiner Tanterei kaput machst? Ohm Ollig, frage -den, der ist ganz meiner Meinung; nur mag er nicht den Mund -auftun, weil du ihm dann acht Tage lang Hammelbraten vorsetzest.«</p> - -<p>Der Ohm rutschte ganz tief in seine Vatermörder hinein, plinkte -Helmold aber heimlich zu. Der ballerte weiter: »Glaubst du -vielleicht, es ist eine Erquickung für sie, wenn sie den ganzen Tag -in einem Ende gefragt wird. ›Swaantien, hast du dies gemacht? -Swaantien, wie steht es damit? Swaantien, du hast doch nicht -vergessen?‹ Als ich vor drei Jahren hier war, hing mir dies Gefrage -schon armlang zum Halse heraus, und deswegen bin ich so -lange nicht hier gewesen. Da hieß es: ›Swaantje ist krank, nervenkrank!‹ -Weißt du, was ich da zu Grete sagte? ›Kein Wunder -bei dem Zusammenleben mit der alten Schrammschraube!‹ Jawohl, -das habe ich gesagt, und hätte Grete damals nicht die -Kleine an der Brust gehabt, sie wäre gekommen und hätte hier -einmal gründlich ausgelüftet. Na, und dann durfte Swaantien«, -er sprach es mit schmalziger Betonung, »ja endlich kommen. -Swaantien kam, aber Swaantje nicht. Aus dem sonnigen, -heiteren Mädel hattest du einen hysterischen, neurasthenischen -Schatten gemacht. Das Herz im Leibe tat uns weh, als sie ankam. -Na, wir fütterten und ulkten sie gesund, ließen sie treiben, -was sie wollte, und machten glücklich wieder Swaantje aus ihr. -Nach einem halben Jahre komme ich hierher, und wen finde ich? -Swaantien«, er sprach es wieder so niederträchtig wie möglich, -»Swaantien mit dem Bindfaden am Bein, an dem die gute, -die liebe, die mütterliche Tante Gese den ganzen Tag herumzockt.«</p> - -<p>Giftig funkelten seine Augen sie an. »Ja, weine nur, es wird -dir ja leicht, bist ja am Wasser geboren, wenn auch an einem -ziemlich trüben. Ich glaube dir gern, daß es keine Sauriertränen -sind, sondern daß sie dir ehrlich abgehen. Sieh mal, Muhme,«<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -seine Stimme wurde weicher, »eines schickt sich nicht für alle. Du -weißt, ich bin ein abgesagter Feind des ganzen Weiberbewegungsschwindels, -dem Steckenpferdchen von Grete. Deswegen sperrt -man doch aber ein Mädchen, das nach Weiterbildung und nach -Kunst hungert, und nach der Welt und ihren Menschen, nicht -zeitlebens ein, bis sie eingeht. Denn das tut sie; Benjamin, mit -dem ich die halbe Nacht durchgesumpft habe, ist ganz meiner -Meinung, vielmehr, er fing zuerst davon an, und daß ich dir das -alles jetzt sage, daran ist er schuld.«</p> - -<p>Er klingelte, und als der Diener kam, befahl er: »Ich fahre -mit dem Mittagszuge; der Koffer ist fertig.« Dann sah er den -Frühstückstisch, goß sich Tee ein, und während er auf und ab -ging, würgte er ein trockenes Brötchen hinunter. Frau Gesina -strich ihm eins und legte ihm mit ihrem demütigsten Lächeln Fleisch -und Eier vor, und ohne zu wissen, was er tat, aß er. Dann riß -er aus seinem Skizzenblocke zwei Blätter heraus, schrieb zwei -Depeschen und schickte den Diener damit fort. Er sah ganz blaß -aus, hatte blaue Schatten unter den Augen, einen engen Mund, -und seine Hände zitterten.</p> - -<p>Die alte Frau goß ihm ein Glas Portwein ein; er drückte ihr -die Hand und küßte sie auf die Backe. Sie fing von neuem zu -weinen an. Er klopfte sie auf die Schulter: »Weiß ja, liebes -Muhmchen, meinst es nicht so; bist ja von Herzen gut. Und ich -glaube, du siehst auch ein, daß ich recht habe.« Sie nickte unterwürfig. -»Na, und so lasse sofort die Näherinnen kommen und -Swaantjes Kleider in Stand setzen, und melde sie bei Ohm Otte -an. Von Berlin kann sie dann erst zu uns kommen; Grete wird -viel allein sein, denn ich habe den großen Auftrag zu erledigen -und lebe dann ganz in der Werkstätte.« Er sah nach der Uhr: -»Sieh bitte zu, ob ich Swaantje sprechen kann; ich will ihr Lebewohl -sagen.« Die Tante ging hinaus und kam nach einer Weile<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -wieder. »Sie ist aufgewacht und möchte ein wenig gekochtes Obst -essen und freut sich, dich zu sehen. Du mußt aber vorsichtig sein -mit ihr; die Schmerzen können bei jeder Aufregung wiederkommen.«</p> - -<p>Er lächelte: »Bedenke das bitte, so oft du Swaantien zu ihr sagst. -Gib mir das Obst, ich bringe es ihr. Und nun: Lebt wohl! -Dank für alles Gute, und seid nicht böse auf mich; einmal mußte -die Sache besprochen werden. Ich hätte es ja anders sagen -müssen, aber ich bin, wie ich bin. Adjüs, Ohm Ollig, adjüs, -Muhme Gese! Und nicht wahr, ich verlasse mich auf dich? -Großes Bierwort darauf? Und verschone mir das Mädchen mit -allen Butternöten und Legehennensorgen und Negerkinderbekleidungsmanufaktur; -laß sie machen, was sie will. Sie redet dir -in dein Ministerium des Innern ja auch nicht hinein. Also: Gehabet -euch wohl, und grüßt mir den Doktor; das ist ein Prachtkerl.«</p> - -<p>Er ließ die beiden stehen und ging mit dem Tragbrette in der -Hand aus dem Zimmer. Auf der Treppe traf er die Zofe. »Melden -Sie mich bitte, Fride,« sagte er. Das Mädchen lächelte ihn an: -»Das gnädige Fräulein warten schon.« Sie stockte einen Augenblick, -dann griff sie nach seiner Hand, drückte sie und stammelte: -»Herr Hagenrieder, ich war nebenan; ich horche sonst nie, aber -die Hand könnte ich Ihnen küssen! Sie sollen sehen, sobald -Fräulein Swaantje draußen ist, wird sie wieder gesund. Gott,« -sie klappte die Hände ineinander, »und ich komme dann mit!« -Helmold klopfte ihr die Backe: »Das ist Ihnen wohl die Hauptsache? -Na na, ich mache bloß Spaß. Aber, Fride, geht hier oder -sonstwo etwas verquer, Eilbrief oder Telegramm! ich komme -dann sofort. Hier, das ist für etwaige Auslagen. Und bringen -Sie mir Ihre Herrin gesund wieder, dann gibt es einen blauen -Lappen für die Aussteuer.« Er nickte ihr zu und ging die Treppe -hinauf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p> - -<p>Leise öffnete er die Türe zu Swaantjes Wohnstube. Der Vorhang -des Erkerzimmers war zurückgezogen; das Mädchen lag -halb sitzend im Bette. Als er eintrat, nahm sie schnell die Hand -von der Schläfe. »Maria mit den sieben Schwertern« dachte er, -und er mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht aufzuschreien. -Ihr Gesicht sah nicht so blaß aus, wie er gefürchtet hatte, nur -ihre Augenlider waren gerötet. Aber ein Leuchten lag in ihrem -Blicke, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte, und eine Süßigkeit -war in ihrem Lächeln und eine Hingebung, daß der Teller -auf dem silbernen Tragbrette in seinen Händen an zu klirren fing. -Doch er jagte seine Sehnsucht in die Ecke, stellte das Tragbrett -auf den Nachttisch, setzte sich vor das Bett, gab seiner Base die -Hand und sagte: »Arme kleine Swaantje, und daran bin ich nun -schuld!« Sie lächelte lieblich und nickte: »Ja, aber ich danke dir -doch sehr; du hast mich unsagbar erfreut.« Sie gab ihm die -Hand und flüsterte zärtlich: »Lieber Helmold!« Er lächelte freundlich, -aber das ganze Zimmer drehte sich um ihn. »Einen Kuß, -einen einzigen Kuß!« dachte er.</p> - -<p>»Komm,« sagte er, legte ihr das Händetüchlein hin und nahm -den Teller und den Löffel; »jetzt muß die kleine Swaantje erst -ein bißchen essen; und wenn sie sich nicht beschlabbert, und wenn -sie erst wieder gesund ist, darf sie zu Ohm Otte, und dann kommt -sie zu Hagenrieders, und dann geht sie nach Wiesbaden, und nach -München, und im Sommer geht sie mit uns an die See, und -nachher in den Harz.« Sie lächelte, und die Augen wurden ihr -feucht. Wie ein Kind ließ sie sich eine Pfirsichspelte nach der anderen -zwischen die Lippen schieben.</p> - -<p>Helmold wunderte sich, daß ihm die Hände nicht zitterten. Auf -die Knie hätte er fallen, ihre Hände mit Küssen bedecken, ihr -den Schmerz abbitten mögen, den er ihr zugefügt hatte, und -während er das dachte, stand der gepanzerte Ritter wieder hinter<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -ihm, stieß ihn leise an und flüsterte: »Küsse sie doch, Mensch, -küsse sie; sie wird dich wiederküssen. Mein Wort darauf!« Aber -er küßte sie nicht, und keiner seiner Blicke sprach von mehr als -von Brüderlichkeit.</p> - -<p>Er strich ihr leise die schmerzende Schläfe; sie sah ihn dankbar -an und sagte: »Das hat mir mehr geholfen als alle Pulver. -Aber du mußt gehen, es wird sonst zu spät für dich, lieber -Helmold!« Er stand auf und sah sich im Zimmer um; er selbst -hatte die Einrichtung entworfen. Er sah das Mädchen an, ihre -Hände, die aus den Spitzen hervorsahen, und ihr Gesicht, das -eng von der Halskrause umschlossen wurde. Ihr Haar lag halbgelöst -um ihre Schläfen; es hatte einen fettigen Schimmer. -Langsam hob ihre Brust das weiße Nachtgewand.</p> - -<p>»Lebe wohl, liebe Swaantje,« sagte er; bröcklich klang seine -Stimme; »werde gesund und komme bald!« Er bückte sich nieder -und küßte ihre beiden Hände, und da fühlte er, daß ihre Lippen -seine Stirn streiften, und es schwindelte ihn, als er sich aufrichtete. -Aber schnell nickte er ihr zu und verließ das Zimmer.</p> - -<p>Er wußte nicht, wie er zum Bahnhof gekommen war. Er nahm -eine Karte erster Klasse; er wollte möglichst allein sein. Als ihm -der Diener den Gepäckschein zurückgab, starrte er so dumm darauf -hin, daß der Mann lächelte.</p> - -<p>Er hatte noch zehn Minuten Zeit; der Zug hatte Verspätung. -»Zehn Minuten zu früh von ihr gegangen; sechshundert Sekunden -fortgeworfen!« dachte er. Da ruschelte ein seidenes Kleid -hinter ihm. Er trat zur Seite und sah Frau Bergedorf vor sich -stehen. Sie erwiderte holdselig seinen Gruß und fragte ihn: -»Schon fort? Ich dachte, Sie wollten noch eine Woche bleiben?« -Er zuckte die Achseln: »Es ging nicht anders; ich habe in einem -großen Ausschreiben gesiegt und muß nun mit den Auftraggebern -verhandeln.« Die Frau wiegte den Kopf: »Das wird Ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -Kusine aber sehr bedauern; Sie beide sind doch ein Herz und eine -Seele!« Er lächelte verbindlich: »Natürlich, soweit das bei dem -großen Altersunterschiede möglich ist. Erwarten gnädige Frau -jemanden?« Sie nickte: »Meine Olga.«</p> - -<p>Sie gingen den Bahnsteig entlang, bis dahin, wo sie allein -waren. Helmold machte sein liebenswürdigstes Gesicht: »Meine -Base ist leider recht krank; sie hat sich über das Geschwätz zu -sehr aufgeregt, das ein Weibsbild aus der hiesigen Gesellschaft -über sie aufgebracht hat. So etwas ist doch gemein, gnädige -Frau, nicht wahr? Besonders wenn es von einer Person ausgeht, -die als verlobte Braut abends verschleiert einen Leutnant -so lange besuchte, bis es zum Skandal kam, und die Töchter hat, -die es ähnlich treiben. Wenn ich nur den Namen wüßte, die -könnte sich gratulieren. Vielleicht erfahren gnädigste Frau etwas -darüber und haben die große Güte, es mich wissen zu lassen. -Hier meine Adresse!« Er zog eine Karte heraus und gab sie ihr.</p> - -<p>Der Zug lief ein. »Empfehle mich ganz gehorsamst, meine -Gnädigste,« sagte Helmold mit dem Hute in der Hand und küßte -seinen Daumen über ihren Handschuh; »und ich bitte um gütige -Empfehlung zu Hause.« Er verbeugte sich und ging auf den Zug -zu. Vom Fenster aus grüßte er noch einmal; Frau Bergedorf -dankte gütig.</p> - -<p>In dem Abteil saß ein Rittmeister von den Münsterschen Panzerreitern; -er sah flüchtig auf und las weiter in seinem Buche. Helmold -blieb am Fenster stehen, bis Swaanhof vor ihm auftauchte, -und als es verschwand, setzte er sich und wartete, bis die Mecklenhusener -Haide immer näher kam. Er sah den Weg, den er mit -Swaantje gekommen war; das Tödeloh, wo der Tod ihn angebettelt -hatte, flog schnell vorüber und langsamer der Wahrbaum.</p> - -<p>Er stützte den Kopf in beide Hände. Er dachte daran, daß er -doch wenigstens ein Taschentuch oder einen Handschuh von ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -als Erquickung hätte mitnehmen sollen, oder ihr Bild. Nun hatte -er nichts von ihr, als den verblühten Kuß auf seiner Stirn, den -zerwehten Klang ihrer Stimme in seiner Seele, und ihr blasses -Bild in seiner Erinnerung. Er liebkoste es mit den Augen, küßte -es auf die Hände, aber jedes Mal, wenn er die Lippen küssen -wollte, verschwand es, und er sah nichts als das rote Polster vor -sich und den langen Offizier.</p> - -<p>Dann sah er sich tot und kalt unter der Schirmfichte liegen; -drei Männer kamen und begruben ihn hinter dem Walle im -Tödeloh. Jede Nacht stieg seine Seele aus dem Grabe und ging -in das graue Steinhaus, wo sie die Schatten anderer Männer -traf, die vor vielen tausend Jahren dort ihre Leiber vergessen -hatten. Sie prahlten von Krieg und Sieg, schimpften darüber, -daß kein Mensch mehr an sie denke und ihnen Wildpret und -Honigbier hinstelle, und sie machten sich über ihn lustig, weil er -ein jedes Mal jedweden von ihnen fragte, ob nicht ein Kranz -oder ein paar Blumen für ihn abgegeben wären.</p> - -<p>Es war aber niemals etwas da und weinend stieg er wieder in -sein Grab.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Mohnblumenkranz">Der Mohnblumenkranz</h2> -</div> - -<p class="noind">Am Abend aber lachte er sie alle miteinander aus, die Geister -der sächsischen Männer, denn es waren auf einmal viele Blumen -da, und die sahen ihn so herzlich an, daß seine Seele ihren Leib -wiederfand und singend aus dem grauen Grabe zum grünen -Leben hinaufstieg.</p> - -<p>Es waren jedoch keine weißen Blumen, die vor seinem Grabe -lagen, rote Mohnblumen waren es, und nicht Swaantje hatte -sie dort niedergelegt, sondern Grete, seine kluge, gute und starke -Frau hatte sie zum Kranze gewunden und zu Häupten seines -Bettes aufgehängt; sie flüsterten ihm mit ihren leichtsinnigen -roten Lippen so leise Schlummerlieder zu, daß er die ganze Nacht -verschlief und den nächsten Tag, und nachdem er einen Bissen -gegessen und einen Schluck getrunken hatte, schlief er abermals -ein, denn ein frischer Kranz hing über seinem Bette, und den löste -ein dritter ab, und so schlief Helmold Hagenrieder drei Tage und -drei Nächte, und dann stand er in der Frühe auf und ging in -seine Werkstatt, ging frisch und fröhlich an seine große Arbeit -und pfiff ein Lied dabei.</p> - -<p>Es hatte eine seltsame, lustige Weise, das neue Lied; leichtsinnig -war sie und doch so tief, froh, und doch so schwül, und die roten -Mohnblüten hatten es ihn gelehrt. Helmolds Augen strahlten, -blickte er seine Frau an; und er küßte sie, wie seit langem nicht, -seine liebe, gute Grete, die sich seiner Not erbarmt hatte, als er -krank und elend und zerbrochen von Swaanhof kam und ihr sein<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -bitterliches Leid geklagt hatte. Sie hatte ihm das Haar gestreichelt -und die Stirne geküßt wie eine Mutter, und ihm zugeflüstert: -»Ja, ja, mein armer Junge; sie soll kommen; ich selber will sie -rufen.«</p> - -<p>Deshalb konnte er mit einem Male wieder lachen und flöten -und singen; darum aß er, wie lange nicht, und schlief fest und -lange wie ein Kind, und küßte seine Frau, wo er sie zu fassen -bekam, und sang ihr jede Nacht das Lied von dem roten Mohn -in die Ohren; und wenn dann am anderen Morgen Frau Grete -ihre Zöpfe flocht, dann lachte sie ihr Spiegelbild an und dachte: -»Wie eine junge Frau seh' ich aus; wie eine ganzganz junge -Frau!«</p> - -<p>Zum roten Mohn gehören blaue Kornblumen, und da Helmolds -und Gretes Backen von Tag zu Tag mehr den roten -Blumen ähnlich wurden, so sahen ihre Augen von Nacht zu Nacht -blauer aus, denn die volle Sonne lag auf ihnen; rund herum -war das Feld so gelb wie Gold und versprach eine Ernte, wie sie -lange nicht gewesen war, reif und schwer. Kein Landregen schlug -sie zu Boden, kein Sturm zerzauste sie, kein Schloßenfall knickte -sie ab; jeden Tag hingen die Ähren tiefer, und wenn der Wind -über sie ging, dann rauschten sie leise, rauschten ein heimliches -Lied, bis Helmold es vernahm und es erst leise und dann immer -lauter pfiff, und was er flötete, das malte er auf einen neuen -Karton, erst in leisen Strichen, dann in halblauten Linien, und -schließlich in hellklingenden Farben.</p> - -<p>Aus warmen Liedern, heißen Küssen und glühenden Farben -waren die Entwürfe entstanden, die auf den drei großen Kartons -an den Wänden zu sehen waren, und wenn Helmold, seine Frau -im Arme, davor stand, dann schüttelte er den Kopf, lachte und -sagte: »Jetzt weiß ich erst, daß ich etwas kann. Aber was kriege -ich von dir dafür?« Dann nahm sie ihn in die Arme, reckte sich<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -an ihm hinauf, zog seinen Kopf an ihren Mund und flüsterte -ihm etwas zu, das kein dritter Mensch hören durfte, und es war -doch weiter nichts als das Lied vom roten Mohn. Jeden Tag -mußte sie es ihm in das Ohr summen, den einen Tag das eine, -den anderen Tag das zweite, den dritten das dritte Stück, und -als er in der Eisenbahn saß und dahin fuhr, wo aus den Entwürfen -Werke werden sollten, sah er auf den kahlen Feldern -lauter rote Mohnblumen vor sich, und als der Abend ihm die -Landschaft vor den Augen fortnahm, blühten rote Mohnblüten -in den Wolken auf, immer mehr, bis sie den ganzen Himmel erfüllten.</p> - -<p>Jedweden Tag bekam Frau Grete eine Karte mit roten Mohnblüten, -eine einzelne oder ein ganzes Feld voll darstellend; sie -legte sie alle der Reihe nach in einen Kasten aus kornblumenblauem -Samt, besah sie jeden Abend, zählte sie immer und immer -wieder und sang sich selbst mit dem Liede in den Schlaf. Doch -am Tage vor dem Julfeste kam keine Mohnblumenkarte, da kam -der, der mohnblumenrote Küsse zu verschenken hatte, und ganze -Fäuste voll brachte er davon mit, drei große Sträuße, für jeden -Feiertag einen. Und daran sahen sich ihre Augen, die vom vielen -Sticken und Nähen und Kochen und Backen ein wenig blaß geworden -waren, wieder so blau, wie Kornblumen, und auch die -Augen ihres Mannes, die zu viel Farbe hatten hergeben müssen -in den letzten Wochen, färbten sich voller.</p> - -<p>»Nun noch zwei oder drei Monate, Gretechien,« lachte er, -»und dann singe ich wieder in meiner Werkstatt, denn ich habe -noch manches Lied in den Augen, das du nicht gesehen hast. Ich -bin froh, daß ich alle die drei Bilder auf einmal angelegt habe, -und du solltest mich einmal bei der Arbeit sehen; ich sage dir, -es ist die reine Kilometerfresserei! ›Sie müßten sich eigentlich Rollschuhe -anschnallen,‹ sagte der Herzog neulich. Ich hatte nicht gewußt,<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -daß er kam, und achtete gar nicht darauf, daß mehrere -Leute eingetreten waren, denn ich war in voller Arbeitsbrunft. -Ich hatte grade am rechten Seitenbilde gemalt, du weißt doch, -das Kriegsbild, und da fiel mir etwas am linken Seitenbilde ein, -und ich sauste das Hängegerüst entlang und malte an der anderen -Seite und flötjete dabei, wie ein Scherenschleifer. Wie ich -nachher hörte, hat der Adjutant mich darauf aufmerksam machen -wollen, daß der hohe Herr da sei, aber der hatte abgewinkt und mir -lachend zugesehen, bis ich nach dem Mittelbilde hinlief, denn mir fiel -ein, daß noch ein bißchen Schatten mehr das Gesicht der jungen -Frau heller machen würde. Na, und da sagte der Herzog denn das.«</p> - -<p>Er lachte: »Du, ich glaube, der mag mich. Grade weil ich so -demokrätzig-urwüchsig bin; die Pomadenmanieren hat er ja den -ganzen Tag um sich. Ich habe Angst, daß ich mir den Professortitel -zuziehe, und so was färbt auf das Talent ab. Ein Orden -wäre mir lieber, dann würden die Leute doch sehen, daß ich ein -ordentlicher Mensch bin.« Er lachte lustig. »Übrigens wird seine -Hoheit mir sitzen. Ich hatte, als er das Triptychon besah, ihn -schnell ein paar Mal auf den Hülfskarton skizziert, und das hatte -man ihm gesteckt. Wenn ich nur wüßte, welches von seinen zwei -Gesichtern ich nehmen soll, das Pflichtgesicht oder das Wunschgesicht, -ob ich ihn als Landesvater oder als Heerführer male. -Weißt du, der Mann tut mir leid! Bei dem Temperament, bei -der Unmasse von Willen immer und ewig den kühlen Herrn von -Stande markieren zu müssen, hol's der Kuckuck, da ist es kein -Wunder, wenn der Charakter allmählich etwas viereckig wird. -Wenn unsereins am falschen Platze ist, na, dann dudelt er sich -einmal einen an und schimpft sich die Wut vom Balge; das kann -er sich natürlich nicht leisten. Ich habe mich früher manchmal über -das Hin und Her bei ihm geärgert, aber als Hennecke mich damals -bei der Hofjagd einmogelte und ich den Mann eine Stunde<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -lang auf drei Schritt sah, da wußte ich Bescheid. Natürlich, er -ist ein Mensch und hat Fehler; aber er hat Leidenschaft im Leibe -und ist imstande, sich zu begeistern, also kein Philister. Philistern -verzeihe ich eine Ziellosigkeit nie; Karrengäule müssen ihren Trott -gehen; Rennpferde dürfen einmal ausbrechen.«</p> - -<p>Er sah seine Frau zärtlich an: »Wenn wir uns nicht gefunden -hätten! Ich glaube, ich wäre vor die Hunde gegangen ohne dich. -Ja, du hast erst etwas aus mir gemacht; mit einem Ruck kam -ich von der Erde aus dem Naturalismus in den Realismus, und -nun stehe ich mit beiden Hinterbeinen im Idealismus, komme -über mich hinaus. Herrgott, soll das jetzt ein Leben werden! Hätte -ich nur erst die Bilder fertig! Denn was ich alles noch im Leibe -habe, das ahnst du gar nicht, und reden kann ich darüber auch -nicht eher, als bis ich der Sache in das Gesicht sehen kann. Nur -das eine will ich Dir verraten: ich male fortan nur Tendenz.« -Seine Frau sah erstaunt auf, und er lachte: »Jawohl, Liebste, -Tendenz, faustdicke Tendenz, so faustdick, daß sie mir keiner vorwerfen -kann! Meine Tendenz ist: meinem Volke den Rücken mit -Franzbranntwein einzureiben, es mit Freude und Grimm zu -füttern und mit Wonne und Weh zu tränken, damit es so bleibt, -wie es ist, sich nicht verplempert in fremder Art und nicht vergißt, -daß es zwei Gesichter hat: ein gutmütiges und ein bösartiges; -denn wir kriegen allmählich zu viel Gemütsembonpoint, -seufzen, wird irgendwo ein Schweinehund geköpft, und stöhnen, -wenn wir die Knarre zur Hand nehmen sollen.«</p> - -<p>Er ballte die Hände, reckte die Fäuste und dehnte die Brust: -»Einen Krieg, den möchte ich noch erleben, aber aktiv!« Seine -Frau sah ihn entsetzt an, er aber lachte, drückte sie an sich und -flüsterte: »Weißt du das Lied noch, das Lied von dem rotroten -Mohn? Wir wollen es nicht vergessen; es ist das schönste Wiegenlied -für große Kinder!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p> - -<p>Sie vergaßen es nicht; als Helmold wieder abgereist war, flogen -die Mohnblumenkarten jeden Morgen in das Haus. Manchmal -war nur eine kleine, schüchterne Blüte in eine Ecke gemalt, während -der übrige Raum voller Schrift war; dann kam eine, über -die sich die Blüten von einer Ecke in die andere zogen, oder eine -andere, auf der sie einen Rand bildeten oder einen Fries. Wenn -aber eine eintraf, auf der ein Kranz von den glühenden Blumen -zu sehen war, dann seufzte Frau Grete auf und ging abends -nicht so früh schlafen, und wenn sie es tat, dann trat sie vorher -in das Schlafzimmer ihres Mannes und streichelte das Kopfkissen.</p> - -<p>Aber als die Amsel schon übte und die Finken bereits stümperten, -die Schneeglöckchen über den Buchsbaum sahen und der Haselbusch -mit goldenem Staube um sich warf, kamen die Karten -immer spärlicher, und fast nie war eine rote Blume darauf zu -sehen, und wenn das doch so war, dann war sie mit Rotstift -flüchtig hingestrichen, und Frau Grete wurde wieder ganz traurig.</p> - -<p>Bis dann der Tag kam, an dem der Frühling sein erstes gelbes -Extrablatt in den Garten flattern ließ, an dem der Fink sagte: -»Jetzt kann ich es aber!« und die Amsel: »Und ich erst recht!« -Da rollte ein Wagen vor das Haus, hielt mit einem Ruck, und -Frau Grete stürzte die Treppe hinunter, denn Gift und Galle, die -beiden Teckel, stießen den Ruf aus: »Herrchen ist da!« und jaulten -und kläfften und winselten und kratzten die Ölfarbe von der Haustüre, -und als die Frau die Türe aufriß, stand Helmold vor ihr, -küßte sie, drückte sie, daß ihr schwach wurde, und rannte die -Treppe hinauf, um Swaan und Sweenechien zu küssen. Dann -lief er in die Werkstatt, atmete tief auf, ging in den Garten, -liebelte die Hunde ab, sagte allen Blumen guten Tag und den -Fischen in den Teichen auch. Dann wurde er allmählich vernünftig -und ging in die Veranda, wo nach einiger Zeit seine Frau -eintrat. Er drehte sie um und befahl: »So stehen bleiben!« und<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -als sie sich umwenden durfte, sah sie, daß er einen Orden vor der -Brust hatte.</p> - -<p>»Ja, weißt du, ich hatte die Wahl: Professor oder ordentlicher -Mensch! Na, da sagte ich: Exzellenz, so'n Professortitel, wenn -man den alle Tage trägt, der sieht dann schließlich so aus, wie -ein alter Gehrock; dann bitte ich lieber um etwas, das sich nicht -so leicht abträgt, weil man es bloß an hohen Tagen anzieht. Hat -der alte Herr gemeckert! wie eine Bekassine! Ja, und nun habe -ich nicht nur einen Vogel im Kopf, sondern auch einen vor der -Brust, aber einen, der sich sehen lassen kann.« Sweenechien -wollte gern den Vogel sehen, den ihr Vater im Kopfe hatte; da -sich das nicht gut bewerkstelligen ließ und um sie auf andere -Gedanken zu bringen, wurde der Koffer ausgepackt, und nun gab -es ein Gequieke und Gejubel in der Veranda, daß der Buchfink -beschämt den Schnabel hielt und die Amsel geärgert fortflog. -Aber was hatte der Vater nicht auch alles mitgebracht! Das war -noch viel schöner, als zum Julfeste, denn da wußte man im voraus, -daß man etwas bekam. Swaan wußte nicht, bei welchem -Buche er zuerst anfangen sollte zu lesen, Sweenechien sah ratlos -von der blonden zu der braunen Puppe, und die Luise und die -Minna standen da und machten ganz dumme Gesichter wegen -der schönen Sachen, die sie bekommen hatten, und vergaßen beinahe, -sich zu bedanken. Als sie im Hausflure waren, fielen sie sich -um die Hälse und küßten sich, und vor einer Stunde hatten sie -sich noch gefährlich gezankt.</p> - -<p>Frau Grete aber bekam ein Kästchen; als sie es aufmachte, -jubelte sie hell auf, schlug die Hände zusammen und küßte ihren -Mann auf beide Backen, denn in dem Schächtelchen lag ein -Schmuck für ihren Hals, wie sie sich ihn in ihren waghalsigsten -Träumen nicht gewünscht hatte. Aber als ihr Mann aus der -Innentasche der Weste einen grünen Lederumschlag nahm und<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -ihr gab und sie einen Tausendmarkschein nach dem andern hervorholte, -wurde sie mit einem Male feuerrot und steckte das, was -unter dem letzten Scheine lag, schnell wieder in den Umschlag; -denn das war eine roggengrüne Karte, und darauf war ein Kranz -aus roten Mohnblumen gemalt.</p> - -<p>Helmold Hagenrieder fehlte es jetzt nie an einem Kranze aus -Mohnblüten zu Häupten seiner Bettstatt, und so mangelte es ihm -auch niemals an kühlendem Schlummer nach heißem Schaffen. -Denn heiß waren seine Tage, heiß und lang. Schon in aller -Frühe, wenn die Amsel zu singen begann, war er in seiner Werkstätte -und malte. Bild um Bild entstand, nun ein lichtes, frohes, -reines, ohne eine andere Absicht, als so wirken zu wollen, wie -eine lächelnde Blume oder eine lachende Frucht, und dann andere, -die zwei Gesichter hatten und eine doppelte Sprache redeten.</p> - -<p>Seine beiden Saharabilder entstanden, die Söldner und die -Sieger, die zum Tode ermatteten Fremdenlegionäre, im glühenden -Sonnenschein durch den Sand watend, darstellend, und die erschossenen -Kabylenhäuptlinge im grellen Mondenlicht. Dann -wurde die Hinrichtung der Sachsen an der Halsbeeke bei Verden -beendet und gleichzeitig Frigges Flammentod, und hinterher kam -das bitterböse Bild von Wodes Zorn. Auf einer dunkelgrünen -Melodie hatte Helmold den Stoff gepflückt, so verträumt, wie -sie an einem weichen Sommerabend erklingt, wenn die Mädchen -eingehakt über die Dorfstraße ziehen und so lange singen, bis es -den Jungens unter dem Brusttuche brennt. Aus Lindenblüten -und Blättergeflüster war sie gewebt, und das Lied, das ihm dabei -kam, begann also: »Ach ich war den ganzen Tag allein, denn -mein Schatz der konnt nicht bei mir sein.« Das Bild aber stellte -eine lachende pfälzische Landschaft dar, grüne Rebengärten an -roten Felsenhängen; doch im Mittelgrunde brannte ein Dorf -und im Vordergrunde lagerten Soldaten Turennes. Der Rahmen<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -war dunkeleisengrau; er wies unten einen kaum sichtbaren Fries -von Menschenschädeln auf, rechts und links den krähenden gallischen -Hahn und oben zwischen zwei wütend schreienden Raben -Wode Wutblick; der Gott aber trug die Züge des Fürsten Bismarck.</p> - -<p>Dazwischen entstand ein Bildnis nach dem anderen; denn seitdem -Helmold den Herzog hatte malen dürfen, und in einer Auffassung, -die allem Herkommen entgegen und dabei doch so schlicht -und natürlich war, wollte alle Welt von ihm gemalt sein, und er -konnte sich vor Aufträgen nicht retten, trotzdem oder weil er -Preise nahm, daß Frau Grete oft sagte: »Du machst es ein bißchen -zu grob.« Aber dann lachte er und sagte: »Bisher nahm ich -Gesellenlöhne; jetzt lasse ich mir Meisterpreise zahlen. Das verlangt -die Zunftehre«. Es kam ihm aber gar nicht darauf an, -einen Menschen, den er gern hatte, oder dessen Kopf ihm gefiel, -ohne Entgelt zu malen; wenn aber der Kunsthändler Schultze -ihm sagte: »Machen Sie es ein bißchen billiger, verehrter Herr -Hagenrieder, dann nehme ich die doppelte Anzahl Studien,« -so hieß es: »Wenn Sie mir noch einmal ein solches Angebot -machen, dann sehe ich mich nach einem anderen Verhältnisse um.«</p> - -<p>Er hatte so viel zu tun, daß er wie ein spielendes Kind dahinlebte; -er aß wie ein Drescher und schlief wie ein Dachs; wenn die -Nacht auch manchmal nur drei oder vier Stunden für ihn hatte, -weil es ihn in aller Frühe schon nicht mehr im Bette litt, er schlief -so fest und traumlos, daß die drei Stunden mehr Frische bei ihm -ansetzten, als sonst deren neun. Das Wetter, von dem er im -Sommer vorher immer bis zur Unerträglichkeit abhängig gewesen -war, kümmerte ihn gar kein bißchen; der Vollmond war -schlecht auf ihn zu sprechen, denn er hatte ihn links liegen lassen -und war kein einziges Mal mit ihm losgezogen, wenn der ihn -abholen wollte. Er trank überhaupt nur dann etwas, wenn es<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -gar nicht anders ging, und wenn er im vorigen Jahre ohne die -Zigarre oder die Zigarette nicht zu denken war, so rauchte er jetzt -nur nach den Hauptmahlzeiten, wenn er mit seiner Frau plauderte.</p> - -<p>Die war jetzt viel bei ihm in der Werkstätte und freute sich über -sein federndes Wesen und besonders darüber, daß er von Swaantje -ganz selten sprach und dann nur wie von einer guten Freundin. -Ganz langsam und vorsichtig versuchte sie, ihm den Gedanken -an das Triptychonleben, den sie in ihm heraufbeschworen hatte, -auszureden. Frau Gesina war krank gewesen, und Swaantje war -deswegen nach Swaanhof gereist und hatte Grete eingeladen. -Als Frau Hagenrieder wiederkam, brachte sie ihrem Mann einen -schönen Gruß mit und sagte dann: »Wir haben sehr viel gelacht, -denn Swaantje sagte: ›Daß ich simple Landpomeranze es noch -einmal bis zur Romanheldin bringen würde, das hätte ich nicht -gedacht.‹« Ihr Mann, der gerade die Zeitung las, hatte nicht mehr -gezeichnet als ein Rehbock, an dem die Kugel vorbeiflötet, und -hinterher hatte er ganz ruhig mit ihr über sein Verhältnis zu -dem Mädchen gesprochen: »Sie war nötig für mich, liebe Grete,« -sagte er, »und bleibt es auch wohl; doch nicht als Weib, glaube -ich. Damals, als ich ganz zerknittert von Swaanhof zurückkam, -meinte ich, es wäre anders; aber das war wohl nur ein Ausfluß -meines gebrechlichen Zustandes. Von jeher wird mein Gefühl zu -ihr auf einem anfangs unbewußten, dann klar sehenden Mitleid -aufgewachsen sein, und wenn ich sie so recht von Herzen glücklich -sähe, wird sie mir nicht mehr sein als Hennig, denn auf dessen -Liebste bin ich ja auch nicht eifersüchtig, und ich liebe ihn doch -sehr. Freilich, er ist ein Mann, und sie, scheinbar wenigstens, ein -Weib, und so hält es schwer für mich, daß ich mich ihr gegenüber -von allgemein männlichen Vorstellungen frei mache. Aber selbst, -wenn ich ihr gegenüber Wünsche hätte, so dumm bin ich nicht, -daß ich ihnen grüne Blätter vorwerfe; denn erstens liebt sie<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -einen anderen, und zweitens ist keine Möglichkeit vorhanden, daß -sie mein sein könnte. Aber ich würde mich freuen, sie bald wieder -zu sehen; wir haben ja auch einen Wechsel auf Sicht von ihr. -Und jetzt habe ich bald Zeit für lieben Hausbesuch; denn sonst -gewöhne ich mir das Malen noch so an, daß es ein Laster wird, -wie einst meine Rauchsucht. Außerdem muß ich zur Brunft nach -Stillenliebe, denn sonst wird der Prinz öde. Und ich merke es -doch, daß auch Arbeit, die man mit Freude tut, schließlich die -roten Blutkörperchen auffrißt. Solange man im Trott bleibt, -weiß man nichts davon; sobald es aber prr heißt, klappt -man um.«</p> - -<p>Das fand Grete auch, denn ab und zu sah sie in dem Benehmen -ihres Mannes leichte Schatten, die die heranziehende Nervenüberspannung -vorweg warf. Er arbeitete schon unregelmäßiger, -schaffte den einen Tag sehr viel, tat dann drei Tage nichts, stand -den einen Morgen um fünf Uhr, den folgenden Vormittag um -elf Uhr auf, wurde hier und da ungeduldig, und klagte darüber, -daß die Nachbarn ihm zu laut wären, während er sonst gesagt -hatte: »Je mehr in den Nachbargärten gelacht und gesungen -wird, um so lustiger werde ich.« Wenn Swaan, wie es seine -Art war, bei jedem Geschenk, das ihm der Vater mitbrachte, -fragte: »Was hat es gekostet?« so hatte dieser früher gelacht -und gemeint: »Der wird wie sein Großvater und wird nicht erst -kreuz und quer durch das Leben stolpern, ehe er sich zurechtfindet.« -Jetzt zog er die Stirne kraus und fuhr auf: »Junge, was soll -das heißen; vom Geld redet man in anständiger Gesellschaft -nicht,« und zu Grete sagte er hinterher: »Der Junge rückt täglich -mehr von mir ab.« Auch bei Sweenechien wollte er das -finden; sie war ihm zu selbstbewußt: »Wird wohl später auch -anfangen, den Vermännerungsschwindel mitzumachen,« brummte -er; »früh streckt sich, was ein tauber Halm werden will.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p> - -<p>So war seine Frau recht froh, als Swaantje sich endlich anmeldete: -»Ich muß Euch doch noch vorher wiedersehen, Ihr -Lieben,« schrieb sie, »denn ich will mit Tjark und Ilsabe nach -Italien. Ich freue mich kindisch.« Auch Helmold freute sich: -»Das wird ihr gut tun; sie braucht Sonne und Luxus. Es wird -ihr Spaß machen, einmal Geld zu vertun.« Er war so aufgeräumt, -daß er kaum zusammenzuckte, als Grete ihm eines Morgens -sagte: »Ich denke, es ist besser, Swaantje schläft nicht in dem -großen Fremdenzimmer, sondern in dem kleinen, schon damit ich -ihr beistehen kann, wenn sie ihre Schmerzen bekommt.« Nach -dem Kaffee aber sagte Helmold, der mittags schlecht gegessen -und dann geschlafen hatte, was ihm nie gut bekam: »Die Bemerkung -von heute morgen hättest du im Munde behalten -können, Grete; ich habe ihren Untersinn wohl verstanden. Wofür -hältst du mich eigentlich? Glaubst du«, er machte eine zornige -Handbewegung und warf seine Zigarre in den Garten, »ich bin -ein Mann, der einem solchen Mädchen gegenüber sich von bequemer -Gelegenheit bereden läßt?« Sie schüttelte unwillig den -Kopf, er aber fuhr fort: »Überhaupt, deine Art und Weise, -Swaantje in der letzten Zeit langsam bei mir abzubrechen, gefällt -mir sehr wenig; ich bin doch nicht verliebt in sie, sondern ich liebe -sie. Wie, das ist mir selber schleierhaft. Jedenfalls: tritt Verliebtheit -in dem von dir befürchteten Sinne hinzu, ich würde nie -etwas von ihr nehmen, was sie mir nicht mit beiden Händen -schenken würde, noch nicht einmal einen Kuß.«</p> - -<p>Er steckte sich eine neue Zigarre an, die dritte seit einer Stunde, -und sagte: »Bedenke, was du mir damit angetan hast, und wer -die ganze Schuld trägt; ich sicher nicht! Hättest du damals nicht -die fahrlässige Redensart von dem Triptychonleben gemacht, so -wäre ich wohl kaum darauf gekommen, daß mir das Mädchen -mehr sein könnte als eine liebe Freundin. Jedenfalls versuche<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -nicht, die Sache so hinzustellen, als wenn ich den Stein in das -Wasser geschmissen hätte.«</p> - -<p>Er sagte ihr, er wolle allein ausgehen. Das tat er denn auch, -und er beruhigte sich durch einen strammen Marsch. Er dachte -an die rosenroten Stunden, die er mit Grete verlebt hatte; er -krempelte sich selber um und kam zu dem Ergebnisse, daß ihn zu -Swaantje weiter nichts hinziehe als eine rein seelische Neigung, -und er trat in Gretes Spur und fand, daß sie alles, was sie gesagt -hatte, aus ihrem leichtherzigen Denken hatte herausspringen -lassen. »Aber,« sagte er sich, »ob mir nun einer einen Stein mit -oder ohne Absicht gegen den Kopf wirft, eine Beule gibt es auf -jeden Fall.« Wenn er sich das Herz auch noch so blank zu reiben -suchte, etwas blind blieb es doch, und so war er ganz froh, als -er im Osterkruge den Vorsteher und den Hegemeister traf, und -es war fast zwei Uhr, als er nach Hause kam. Er wachte um -sechs auf, aber da er müde war, drehte er sich wieder um und -schlief bis elf Uhr, und das war das Allerdümmste, was er tun -konnte, denn immer machte ihm Nachschlaf Falten in die Stirne.</p> - -<p>So war auch dieser Tag verloren. Die Farben wollten nicht -laufen, die Pinsel waren bockig, die Leinewand sträubte sich; -wütend lief er aus der Werkstatt und ging mit Grete aus. Aber -an jedem Worte, das sie sagte, stieß er sich die Schienbeine wund. -Einige fortgeworfene Wiesenblumen, die zertreten auf dem Wege -lagen, entlockten ihr den Ausruf: »Wie schade!« Er lachte und -zeigte auf eine Fichte, die der letzte Sturm umgestoßen hatte: -»Wenn etwas Kleines kaput geht, das beseufzt ihr; an der Leiche -eines Riesen geht ihr gleichgültig vorbei.« Die Sonne verabschiedete -sich in aller Form. »Welch' ein schöner Sonnenuntergang!« -rief Grete. »Ein Untergang kann nie schön sein,« spottete -er. Es wurde dunkel im Walde; Grete nahm seinen Arm. »Du -erlaubst doch?« bat sie. »Natürlich,« lachte er; »es ist ja eine<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -Wonne, einmal zu fühlen, daß du auch nur ein schwacher Mensch -bist. Aber so seid ihr; in der Dämmerung laßt ihr euch von uns -führen, am hellen Mittag nehmt ihr uns an die Strippe.« Grete -sprach nun kein Wort mehr, und stumm gingen sie nach Hause.</p> - -<p>Er ging auch diesen Abend wieder aus, kam aber bald zurück -und begab sich in die Werkstätte. Um zehn Uhr hörte seine Frau -von der Veranda aus, daß er flötete und sang. Sie freute sich, -denn nun wußte sie, daß er malte. Die Melodie war ihr unbekannt, -und deshalb ging sie den moosigen Weg so weit entlang, -bis sie die Worte verstand; die lauteten: »Und kann es nicht die -Lilje sein, so pflück ich mir ein Röselein!« Ihr wurde traurig zumute, -denn es schien ihr, als ob das Lied ihr mit der Faust -drohe; ihr war zu Sinne, als läge sie im Halbschlafe in einer -Wiese und im langen Grase kröche etwas auf sie zu, von dem sie -nicht wußte, was es war, eine harmlose Natter oder die böse -Adder. Darum war sie froh, als am anderen Morgen ihr Mann -im Jagdanzuge vor ihrem Bette stand, sie auf die Stirne küßte -und sagte: »Ich bleibe vielleicht drei oder vier Tage fort; ich -muß mal hinaus; ich fahre nach Ueldringen.« Sie wunderte sich, -daß er reiste, weil am folgenden Tage Swaantje kommen wollte; -aber sie dachte: »Er will sich auf sich selber besinnen.«</p> - -<p>Als sie nachher in die Werkstatt ging, um Staub zu wischen, -sah sie einen Haufen Papierfetzen in der Ofenecke liegen. Sie hob -einige auf und wurde erst rot und dann weiß; es waren die Reste -von zwei Arbeiten, an denen er Jahre lang geschrieben hatte, -allerlei Gedanken über das Verhältnis der Kunst zum Leben und -die Ergebnisse seiner Studien über die Technik des Malens. Sie -sammelte die Fetzchen auf, Tränen in den Augen, verschloß sie in -einer Truhe in ihrem Schlafzimmer und ging müde an ihre Arbeit.</p> - -<p>Dann kam Swaantje. Sie sah blaß und nervös aus, und als -sie Grete ansah, fiel sie ihr um den Hals, küßte sie und fragte:<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -»Aber, liebste Grete, wie siehst du aus? Was hat sich zugetragen?« -Als sie hörte, daß Helmold zur Jagd gefahren war, drehte sie -sich schnell nach Sweenechien um, die gerade in das Eßzimmer -kam, nahm sie auf den Arm und küßte sie trotz deren Gestrampels -ab, denn Kinder gingen nicht gern zu dem Mädchen, das von -sich selber einmal gesagt hatte: »Kinder mögen mich nicht, und -ich kann damit nichts anfangen.« Helmold hatte damals ganz -ernst geäußert: »Bis du eigne hast; vernünftige Frauen machen -sich aus anderer Leute Kindern nichts und sparen sich die Liebe -für ihre eigenen auf. Grete ist es ebenso gegangen. Die Abknutscherei -fremder Kinder ist eine Spezialität hysterischer Weiber!«</p> - -<p>Grete fand überhaupt, daß Swaantje ganz anders geworden -war; ihr Mund sah aus, als schäme er sich, daß er noch nie geküßt -war, ihre Augen hatten einen verlassenen Blick, und ihre -Hände wirkten noch hoffnungsloser denn zuvor. Es dauerte auch -eine geraume Zeit, ehe Swaantje den alten Ton wieder fand und -mit Grete darüber scherzte, wie es nun werden solle, ob sie beide -Helmolds wegen auf Säbel oder Pistolen losgehen oder ihn ausraten -sollten. Sie zogen das Letzte vor, doch Swaantje gewann -immer, tröstete Grete aber und sagte: »In den Monaten mit R -sollst du ihn haben, und in den anderen nehme ich ihn; ist das -nicht lieb von mir?« Als sie aber ihren Koffer auspackte und -Grete sie fragte: »Hast du das weiße Wollkleid nicht mit, in dem -Helmold dich so gern sah?« da schüttelte sie den Kopf, wie ein -Pferd, das sich der Bremsen erwehren will, und sprach schnell -von etwas anderem.</p> - -<p>Am Abend des dritten Tages, daß Swaantje da war, sagte -Grete: »Jetzt wird er gleich hier sein!« Aber er kam nicht. Am -Abend des vierten Tages war sie sehr unruhig und brachte kaum -einen Bissen hinunter, und Swaantje ging es ebenso. Als die -Uhr dreiviertel auf sieben schlug, sprang die Frau plötzlich auf,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -nahm das Mädchen in den Arm und schluchzte: »Ach, Swaantien, -ich habe eben einen so furchtbaren Schreck gekriegt! Fühle -nur, wie mein Herz klopft!« Aber als sie aufsah, bemerkte sie, -daß auch Swaantje kreideweiß aussah, und sie fühlte, daß deren -Herz ebenso sprang wie ihr eignes.</p> - -<p>Der Abend verlief trostlos; bis ein Uhr blieben sie auf, denn um -dreiviertel auf eins lief der letzte Zug ein, mit dem Helmold kommen -konnte; doch er kam nicht. Dann gingen sie zu Bett, ließen aber -die Türen auf. Um zwei Uhr hielt Grete es nicht mehr aus; sie -sah, daß Swaantje noch Licht hatte, ging zu ihr und sah sie so -bittend an, daß das Mädchen ihre Decke zurückschlug und sagte: -»Komm, liebe Grete!« Die Frau legte sich neben sie, nahm sie -in den Arm und weinte so lange, bis sie einschlief. Swaantje -drückte das Licht aus und sah in die Dunkelheit; das Bohren in -ihrer linken Schläfe ging von Stunde zu Stunde tiefer; sie hielt -aber stand, bis die Amsel zu singen begann und der Morgen -ihr zunickte. Da endlich fielen ihr die Augen zu.</p> - -<p>Um acht Uhr wachte Grete auf und sah sich verwundert um. -Dann sah sie Swaantje an und erschrak; das Mädchen war -totenbleich und hatte ganz farblose Lippen. Sie stahl sich aus -dem Bette und zog die Vorhänge fest zu; aber ehe sie das Zimmer -verließ, bückte sie sich und küßte Swaantje ganz leise auf die -böse Schläfe. Das Mädchen lächelte und flüsterte: »Guter Helmold!« -Die Frau zuckte zurück.</p> - -<p>Kurz vor dem Mittagessen kam ihr Mann. Er sah ganz braungebrannt -aus, hatte klare Augen und eine helle Stimme. Er küßte -seine Frau herzlich und bewillkommnete Swaantje freundlich. -Beim Essen sagte er: »Ihr seht beide wie die verhagelten Lohgerber -aus, denen die Petersilie fortgeschwommen ist. Habt ihr -gestern was gegessen, was euch unbemessen, oder was ist?« -Swaantje sah auf ihren Teller, aber Grete sagte: »Ich habe mich<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -gestern auf einmal so um dich geängstigt und Swaantje damit -angesteckt.« Ihr Mann lachte: »Neuer Bacillus, Spirococcus -terroris; den solltest du monographisch behandeln; dann bist du -eine berühmte Frau.«</p> - -<p>Nach dem Essen sagte er: »Nun, damit du es weißt: ich habe -mit einem Wilddiebe erst höfliche Redensarten und dann grobe -Schrote gewechselt. Der Mann schoß Schwarzpulver; deshalb -habt ihr den Krach bis hierher gehört.« Beide Frauen sahen ihn -entsetzt an, er aber lachte: »Der dumme Kerl schießt mir den -besten Bock vor der Nase zusammen, und als ich ihm sage, er -solle mir wenigstens das Gehörn lassen, verjagt er sich so, daß -ihm vor Bammel der zweite Schuß herausrutscht und mir gerade -in den Arm. Übrigens nicht der Rede wert! Na, wie man -begrüßt wird, so soll man sich bedanken; ich schoß ihm die langen -Stiebel voll Nummer drei, und da gab er mir vor Rührung -gleich den ganzen Bock. Ich habe ihm die Leber und die beiden -Blätter gelassen, und dann haben wir zusammen einen auf den -Schreck genommen. Es ist ein ganz famoser Kerl!« Swaantje -sah ihren Vetter an, lächelte und sagte: »Du bist doch wirklich -ein zu guter Mensch, lieber Helmold!«</p> - -<p>Er lachte: »Das sagen alle Leute, die mich nicht genau kennen. -Der Prinz sagt, ich wäre ein Biest, und gerade deswegen könne -er mich so gut leiden. Na ja, er ist das nicht, und hätte das Geschick -dem guten Samlitz nicht so und so viele Erbtanten in die -Wiege gelegt, ich möchte wohl wissen, wie der sich durch das -Leben schlängeln wollte. Ich behandele ihn ja mehrstens etwas -ruppig, schon damit er nicht noch millionärrischer wird. Ein -wahrer Segen, daß er bloß seine Zinsen aufessen darf; sonst hätte -er in drei Jahren alle meine Bilder und ich seinen Mammon -nebst diesbezüglichen üblen Folgen. Scheußlich, mit einem Geldschrank -um den Hals auf die Welt zu kommen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p> - -<p>Swaantje lächelte und fragte dann: »Bist du mit ihm so befreundet -wie mit Hennecke? Und was ist es für ein Mann?« -Ihr Vetter blies den Zigarrenrauch gegen die Decke: »Befreundet? -Ja; aber mit einer Barriere darum; es bleibt immer eine -Menge Form zwischen uns. Ich verstehe manches an ihm nicht.« -Er sah den Rauchringeln nach: »Aber ich bin ihm Dank schuldig. -Hätte er mir damals nicht meine alten Schinken abgekauft, -dann hätte Grete waschen gehen können, und ich konnte mit -meiner Leier von Destille zu Destille ziehen oder Schnellmaler im -Tingeltangel werden.« Swaantje schüttelte den Kopf: »Allerdings, -du brauchtest damals das Geld sehr nötig, und ich bin -heute noch dir und Grete sehr böse, daß ihr euch nichts merken -ließet; sehr böse! Aber bedenke, wer war der Mäzen? Doch wohl -du, denn die Bilder sind heute das Zehnfache wert.« Helmold -nickte: »Jawohl; aber erstens gab damals kein Mensch auch -nur die Materialkosten dafür, und zweitens hatte der Prinz -zu jener Zeit selber bloß lumpige fünfzigtausend Mark Jahreseinkommen; -also hat er sie mir sehr gut bezahlt.« Swaantje -gab ihm die Hand über den Tisch: »Helmold, ich freue mich -über dich!«</p> - -<p>Zum ersten Male sah er sie jetzt in der alten Weise an, und -fünf Minuten darauf hatte sie keine blauen Schatten mehr unter -den Augen. Aber der alte Klang war doch nicht in seiner Stimme, -wenn er mit ihr sprach; er hielt sich von ihr zurück, das merkte -sie, und obgleich sie sich Gretes wegen darüber freuen wollte, so -tat es ihr doch bitter weh, zumal sie fand, daß auch zwischen -ihrem Vetter und seiner Frau eine Glasscheibe war. So beschloß -sie nach drei Tagen abzureisen; aber da schlugen Grete und Helmold -einen solchen Lärm, daß nichts daraus wurde, zumal ihr -Vetter noch sagte: »Ehe die weiße Haide nicht fertig ist, kommst -du nicht fort; ich habe schon dein ganzes Schuhzeug eingeschlossen.«<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -So saß sie ihm denn einige Vormittagsstunden, bekam das Bild -aber nicht zu sehen.</p> - -<p>Ihren Augen gegenüber hing ein kleines Bild, das einen weiblichen -Akt darstellte, der auf einer weiten, im Hintergrunde mit -Birken besäumten Haide unter einem hellblauen, mit weißem Gewölk -bedeckten Himmel stand. »Das ist ein entzückendes Bild, -lieber Helmold,« sagte sie, »ein ganz entzückendes Bild.« Aber -weiter sagte sie nichts; sie wußte, Geld nahm er von ihr nicht. -Sonst sprachen sie wenig miteinander, wenn er malte; auch -flötete, summte und sang er nicht dabei. Sie wußte wohl, warum -er das nicht tat, aber ihr Herz tat ihr doch weh. Sie schlief keine -Nacht vor dem Morgengrauen ein und sah, daß ihr Vetter von -Tag zu Tag ernster und blasser wurde; jede Nacht vernahm sie, -wie er sich leise im Bette herumdrehte, ab und zu hörte sie Papier -rascheln; er las also.</p> - -<p>»Heute müßt ihr beide allein ausgehen, Kinder,« sagte Frau -Grete, die inzwischen ihre Seelenruhe wiedergefunden hatte, als -sie sah, wie Helmold sich zu Swaantje stellte; »Tante Rößler hat -mich gebeten, zu kommen; ihr geht es nicht gut, und für Swaantje -ist es kein Genuß, die Geschichte von dem offenen Bein von A -bis Z anzuhören. Ich gehe aber erst um sieben Uhr hin, denn -bis dahin habe ich zu tun. Also seht zu, wie ihr die Zeit totschlagt.« -Da Helmold die letzte Hand an Swaantjes Bild legte, -war er erst um vier Uhr zum Ausgehen fertig. Swaantje, die die -ganze Nacht wieder vor Schmerzen nicht geschlafen hatte, sah -sehr hinfällig aus. »Willst du lieber hier bleiben?« fragte er; »ich -gehe nur deinetwegen. Du weißt ja, Spazierengehen, dazu bin -ich zu sehr Bauer.« Swaantje wäre am liebsten daheim geblieben; -aber Grete hatte sie gebeten: »Geh ja mit; er hat zuviel gearbeitet -und muß hinaus; und dir ist es auch gut.«</p> - -<p>Sie fuhren mit der Straßenbahn in eine Gegend, die das<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -Mädchen noch nicht kannte. Helmold stellte ihm die Landschaft -in prickelnder Weise vor. Aber wenn auch das, was er sagte, wie -Demanten funkelte, so klang es doch ebenso kalt. In der Gartenwirtschaft, -in der sie einkehrten, war er von der höflichsten Besorgtheit -für sie; aber die Zuneigung, die sonst seine Handlungen -durchleuchtete, fehlte.</p> - -<p>Die Sonne schien hell, die Luft war warm und blitzte von -allerlei winzigem Getier, ein neckischer Wind kraulte den Bäumen -die Köpfe, der Himmel war hoch, und seine lichte Bläue hoben -weiße Windwölkchen, so zart wie mit einer Schnepfenfeder gezogen; -dazu lachten die bunten Herbstblumen nur so, und die Stare -sangen, als wenn eben der Mai angekommen sei; doch Helmolds -Worte waren wie ein leiser Nordwind. Er erzählte, als wäre er -der fröhlichste Mensch von der Welt; doch sein ganzes Geplauder -war nicht das von Kamerad zu Kamerad, sondern von dem -Herrn der guten Gesellschaft zu einer sehr geschätzten Dame aus -denselben Kreisen. Kein einziger kecker Witz, kein gewagter Vergleich -entschlüpfte ihm. Das Mädchen schauerte zusammen.</p> - -<p>»Friert dich?« fragte er. Ja, sie fror, sie fror sehr. Früher hatte -er sie nie angesprochen, ohne hinzuzusetzen: »Liebe Swaantje« -oder »Kleine« oder »Maus«; früher lachte er sie mit dem Herzen -und den Augen an; jetzt lächelte er nur noch mit dem Gesichte. -»Helmold,« begann sie mit einem unabsichtlich bittenden Ausdruck -in der Stimme, als sie durch den Wald gingen, »lieber -Helmold!« Er sah sie von der Seite an. »Und, liebe Swaantje?« -fragte er und sie fuhr fort: »Was ich dir jetzt sage, ist vielleicht -sehr töricht von mir, aber sage ich es nicht, so bin ich unehrlich. -Das, was ich dir damals in deiner Werkstatt sagte, das ist vorbei.« -Sie atmete schwer. Er blieb nicht stehen, er sah sie nicht an, -er änderte auch seine ruhige Sprechweise nicht, als er fragte: -»Wie ist das gekommen?« Sie zitterte, als sie antwortete:<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -»Vielleicht nur, weil ich es dir gesagt habe.« Er nickte: »Wahrscheinlich; -Sprechen und Weinen erlöst.« Er schwieg eine Weile. -Sie sah ihn verstohlen von der Seite an; sein Gesicht zeigte keine -Bewegung.</p> - -<p>Ein Herr mit grauem Vollbarte begegnete ihnen, sah Helmold -aufmunternd an und grüßte, als dieser keine Miene machte, zuerst -zu grüßen, ganz tief, und Helmold erwiderte gemessen. -»Wer war das?« fragte das Mädchen. Ihr Vetter lachte: »Ein -hohes Lokaltier, unser Oberbürgermeister. Er denkt, weil er Ober -im Kunstverein ist, müßte ich zuerst grüßen, auch wenn ich mit -einer Dame gehe. Na, jetzt braucht er sich den Knigge nicht zu -kaufen«.</p> - -<p>Erst nach einer geraumen Weile begann er wieder: »Ja, Swaantje, -ich weiß nicht, ist das nun gut für dich oder nicht? Einerseits -bin ich froh, daß du diese taube Neigung zu den übrigen Pensionsandenken -gepackt hast; anderseits: nun hast du gar nichts -auf der Welt, noch nicht einmal einen Kummer. Ich hoffe, daß -die Reise mit Terborgs dich aufrappelt; alle das viele Schöne -aus alter und neuer Zeit, das du sehen wirst!«</p> - -<p>»Gieb mir deinen Arm,« bat das Mädchen, »mir ist etwas -schwindlig.« Er führte sie zur nächsten Bank: »So, wir sind ein -bißchen weit gegangen,« sagte er und lächelte, aber nur mit den -Lippen; »in fünf Minuten sind wir bei der Haltestelle.«</p> - -<p>Beim Abendessen mußte sie sich ein Kissen ausbitten, so schmerzte -sie der Rücken, und nach dem Essen ging sie sofort zu Bett, so -todmüde fühlte sie sich. Alle Glieder taten ihr weh, aber schlafen -konnte sie nicht. Auch Helmold schlief nicht. Durch das Schlüsselloch -kam ein dünner Lichtschein, ab und zu knarrte sein Bett leise, -sie hörte, wie er in dem Buche blätterte und dann roch sie, daß -er rauchte. Sie wußte, daß er sonst nie im Bette rauchte; es -mußte ihm also sehr schlecht gehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span></p> - -<p>Es war drei Uhr, da hörte sie, wie er leise aufstand und Wasser -in ein Glas goß; ein Papierchen knitterte, ein Teelöffel klirrte in -dem Glase. »Veronal«, dachte sie, und unter ihrem Mitleid -glitzerte blanke Freude: »Er hat sich verstellt,« schrie es in ihr; -»er liebt mich noch, denn sonst würde er schlafen.« Ihr Kopf fiel -hintenüber, und sie schlief ein.</p> - -<p>Als sie am anderen Vormittag in der Werkstätte auf dem Ruhebette -lag und ihrem Vetter zusah, der aus ihrem Bilde die letzten -Spuren der Maltechnik entfernte, »denn, wo man noch Technik -sieht, da ist keine, und deshalb ist Segantini viel früher gestorben, -als er verantworten konnte,« hatte er gesagt, da fing er mit -einem Male zu sprechen an, konnte aber nie den Weg zu dem -Punkte finden, den er in der Nacht vor sich gesehen hatte, auch -kam bald Grete, Sweenechien an der Hand, und dann Luise, die -irgend etwas aus dem Nebenraum holen wollte, und so wurde -es Mittag. Hinterher gingen sie selbdritt aus, und abends kam -Hennecke. Er sah sich erst die neuen Bilder an, fand den Mädchenakt -auf der Haide herrlich, aber als sein Freund fragte, was er -von den Saharabildern und von Wodes Zorn halte, tat er, als -habe er es nicht gehört, und ebenso verhielt er sich, als Helmold -ihm sagte: »Du, Hennig, es ist ganz ulkig: zu jedem Bilde habe -ich jetzt ein Lied.« Bei Tische war Helmold sehr aufgeräumt, doch -sah er, wenn er sprach, meist seinen Freund an. Grete fand aber -bald heraus, daß er nicht bei der Sache war, und wenn Helmold -mit Swaantje sprach, ließ Hennig einen kurzen Blick über das -Paar fliegen, als suche er im Dunkeln den Weg.</p> - -<p>In dieser Nacht schlief Swaantje fast gar nicht; sie mußte -immer an den einen heimlichen Blick denken, den ihr Vetter ihr -zugeworfen hatte, als sie mit Hennig und Grete in eifriger Unterhaltung -war; er hatte geglaubt, sie sähe es nicht, und so hatte -er sich nackt ausgezogen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p> - -<p>Als sie dann am nächsten Vormittag von Helmold in die Werkstatt -gebeten wurde, mußte sie an sich halten, um sich nicht zu -verraten, denn ihr Vetter sah ganz alt und krank aus. Er zeigte -ihr mit erkünstelter Unbefangenheit einige Studien aus der Umgegend -von Mecklenhusen, nötigte sie dann auf das Ruhebett, -legte ihr die Schlummerrolle unter den Nacken, deckte sie warm -zu und sagte: »Schlaf noch ein bißchen; du siehst müde aus, -Kleine!« Sie schlief sofort ein, wachte aber bald wieder auf, und -als sie unter den Wimpern nach ihm hinblickte, sah sie, daß er -vornübergebeugt im Sessel saß und sie mit hoffnungsloser Zärtlichkeit -anblickte.</p> - -<p>Sie schlug die Augen voll auf; er lächelte sie an, redete erst von -diesem und jenem, und dann klagte er ihr mit gleichgültig klingender -Stimme seine Herzensnot. Sie antwortete, als Helmold -endlich schloß: »Du tust mir sehr leid, Vetter, aber in diesem -Punkte gibt es für mich keinen anderen Weg als den, den mir -Religion und Sitte weisen; das wirst du selbst wissen.« Er nickte, -und sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, auch klang seine -Stimme alltäglich, als er leichthin sagte: »Natürlich weiß ich -das; du bist Dame, bist höhere Tochter, verfügst also über einen -mündelsicheren Fond von Konventionsmoral. Ich verstehe dich -nicht nur vollkommen, ich schätze dein Verhalten auch in vollem -Maße, denn: entsetzlich wäre mir der Gedanke, eine angeheiratete -Kusine zu besitzen, die selbst dann, wenn es auf Tod -und Leben geht, ihre Ladyleikigkeit vergäße. Aber länger halte ich -es nicht aus, und das Beste ist, ich mache Schluß; für Grete und -die Kinder ist einigermaßen gesorgt«. Swaantje sprang auf: -»Auch das noch!« stöhnte sie und verließ müden Schrittes die -Werkstatt.</p> - -<p>Helmold warf ihr einen bösen Blick nach und knirschte mit den -Zähnen; dann aber zog er den Vorhang von ihrem Bilde und<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -sah es lange an. Danach langte er den Mädchenakt auf der -Haide von der Wand, suchte einen Grabstichel und stach in die -Ecke des Rahmens die Buchstaben hinein: H. s. l. Sw., ging in -das Wohnhaus, überzeugte sich davon, daß Swaantje in der -Küche war, trat schnell in ihr Schlafzimmer, legte das Bild auf -den Spiegeltisch und trat wieder in die Werkstätte.</p> - -<p>Als er zum Essen kam, bemerkte er einen harten Zug um den -Mund seiner Frau, und daß Swaantjes Gesicht vor Kälte starrte. -Er aß fast nichts und sprach kein Wort, antwortete kaum, wenn -er angeredet wurde, und horchte noch nicht einmal auf das Geplauder -der Kinder. Als Swaantje das Zimmer verlassen hatte, -fragte er: »Gehen wir aus?« Seine Frau schüttelte den Kopf. -»Ich habe keine Zeit.« Er sah aus dem Fenster, sprach längere -Zeit nichts, und dann warf er über die Schulter hin: »Na, dann -will ich mit Swaantje nach dem Billerloh.« Seine Frau legte -ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn bittend an: »Du, -Helmold, sei nicht böse, aber du mußt das verstehen: Swaantje -hat mich gebeten, sie nicht mit dir allein zu lassen; ihr ist das -peinlich.« Er sah sie mit gleichgültigen Augen an: »So? schön; -ich werde der Dame weitere Peinlichkeiten ersparen.« Damit ging -er aus dem Zimmer und verließ gleich darauf das Haus.</p> - -<p>Er kam nicht zum Vesper, er kam nicht zum Abendessen. Grete -und Swaantje saßen bis zwei Uhr auf, aber er kam nicht. Es -war fünf Uhr, da hörte Grete die Haustüre gehen. Sie horchte -und vernahm, daß ihr Mann in die Werkstatt ging, und als sie -an das Fenster trat, sah sie, daß er Licht gemacht hatte, und daß -sein Schatten auf und ab ging.</p> - -<p>Um acht Uhr morgens ging sie zu ihm, um ihn zu fragen, ob -er nicht frühstücken wolle; aber die Türe war verschlossen. Er -erschien auch zum Mittag nicht, obgleich Sweenechien, die zu -ihm geschickt war, lange an der Tür rappelte und in einem fort<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -bettelte: »Väterchen, essen kommen!« Zum Vesper aber kam er, -aß jedoch fast nichts, tat so, als wäre nicht das Geringste vorgefallen, -hatte aber flackrige Augen und ein welkes Gesicht. Er behandelte -Swaantje höflich, doch wie einen Menschen, an dem -ihm nicht ein bißchen gelegen war, und drehte seiner Frau mit -liebenswürdiger Härte jedes Wort im Munde herum, bis sie aufstand -und hinausging.</p> - -<p>»Lieber Helmold,« bat Swaantje, »sei doch nicht so zu Grete!« -Er sah kalt an ihr vorbei, ging in sein Zimmer, zog sich um, -verließ das Haus und kam erst am anderen Morgen wieder, -ganz fahl im Gesicht und mit breiten Schatten unter den Augen, -setzte sich an den Tisch, aß wieder fast nichts und sprach kein -Wort, bis seine Frau an zu weinen fing. Da stand er auf und -ging in die Werkstatt.</p> - -<p>Swaantje ging ihm nach. »Helmold,« bat sie und faßte seine -Hand. Er sah sie kühl an und deutete auf einen Sessel; müde -sank sie hinein. »Tut mir leid, Swaantje, daß du gekommen bist, -sehr leid, deiner Nerven wegen. Aber schließlich: mir geht es ja -nicht besser.« Er sah sie feindlich an: »Die arme Grete, nicht -wahr? Und der böse Mann, nicht wahr? Die gute Frau hat -ihrem lieben Mann die Augen geöffnet, und nun ist sie böse, daß -er sehend geworden ist. Solche bodenlose Gemeinheit von dem -Kerl! So ist nämlich die weibliche Logik. Erst heißt es: Mach, -was du willst! dann: wir drei! und schreit dann so ein dämliches -Männerherz vor Glück auf, dann tritt man mit dem Absatze -darauf und ist noch peinlich,« er sprach das Wort gallenbitter -aus, »peinlich berührt, quietscht es.«</p> - -<p>Er sah das Mädchen spöttisch lächelnd an: »Fräulein Swaantje -Swantenius ist es peinlich, mit ansehen zu müssen, wenn ein -Mann sich zu ihren Füßen in Todeskrämpfen windet, denn sie -hat die höhere Töchterschule besucht und ist in dem vornehmsten<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -Pensionat der Residenz verbildet worden. Sie würde ja gern alles -für ihn tun, nur das eine nicht, denn sie ist eben Dame. Und so -läßt sie ihn sich totquälen, obgleich sie ihn liebt.«</p> - -<p>Swaantje sah an ihm vorbei, als sie mit blasser Stimme antwortete: -»Ich habe dir doch nichts gesagt!« Er zwang sie, ihn -anzusehen und sagte in ruhiger Weise: »Danke, das genügt mir! -Menschenskind,« fuhr er dann fort, und seine Stimme zitterte, -»sollen wir denn alle dreie zugrunde gehen? Ich kann ohne dich -nicht leben und du ohne mich auch nicht, und wärest du nicht so -charakterlos charakterfest, so würdest du zu mir kommen und -sagen: ›Da!‹ Denn, das mußt du wissen, erbetteln will ich mir -nichts von dir, und überrumpeln will ich dich auch nicht, denn -ich bin nicht in dich verliebt, ich liebe dich eben nur, und ich will, -daß du dich mir aus vollem Herzen schenkst.«</p> - -<p>»Swaantje,« bat er und trat auf sie zu, ihre Hand fassend, -»sieh doch: du weißt, wer ich bin, daß ich meinem Volke etwas -sein werde. Meinst du, es wäre so sehr schlecht, hülfest du mir -dabei? Ich will ja nichts,« und dabei brach seine Stimme, und -die Tränen kamen ihm in die Augen, »als ein ganz klein bißchen -Hoffnung, weiter nichts. Und bedenke: Grete und ich sind geschieden; -nur du kannst uns wieder verbinden. Ihr seid für mich -eins: seid das Weib. Bist du nicht mein, kann ich Grete nicht -mehr in Liebe ansehen. Glaube mir, ich handele nicht leichtsinnig; -ginge es nicht auf Tod und Leben, ich hätte dich nicht in eine so -schwierige Lage gebracht. Und du mußt daran denken, daß Grete -alle, aber auch alle Schuld hat. Jetzt heißt es: ›Ja, ich konnte doch -nicht denken, daß du das ernst nähmest!‹ Es ist schrecklich: da -stößt einen die Frau mitten in das helle Feuer, und kriegt man -Brandblasen, dann ist sie empört.«</p> - -<p>Mit düsteren Augen sah er aus dem Fenster, in das die Morgensonne -hineinlachte. »Ich schlafe nicht mehr, ich esse nicht mehr;<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -ich kann bloß noch malen und rauchen. Ich werde noch nicht -einmal mehr betrunken. Noch eine solche Woche, und in mir zerreißt -etwas. Ich bin ein ganz armer alter, kalter, toter Mann -geworden, der um ein Bröckchen Hoffnung bettelt, und die beiden -Frauen, die da vorgeben, sie lieben mich, schlagen mir die Tür -vor der Nase zu.« Er lachte trocken auf und sang den Endreim -des sozialdemokratischen Liedes: »Denn ich bin Mitglied von -dem Verein gegen Verarmung und Hausbettelei.«</p> - -<p>Swaantje schüttelte sich. »Frierst du, liebe Kusine?« fragte er. -»Da steht Kognak! Mir hilft er nicht mehr gegen die Gänsehautbildung -auf dem Herzen. Vorige Nacht habe ich acht Kognaks, -drei Grogs und unglaublich viel Sekt getrunken und bin doch -nicht warm geworden, trotz der beiden zwar etwas leichten, aber -bildhübschen und sehr lustigen Mädel, die rechts und links bei -mir saßen und sich wie barmherzige Schwestern gegen mich benahmen. -Die eine heulte sogar und sagte: ›Was fehlt Ihnen -eigentlich? Ich möchte Ihnen so gern helfen!‹ Ja, eine Dame -war das nicht, aber ein Weib, und darum tat ich ihr leid, und -es war doch nicht viel mehr als ein Allermannsliebchen.«</p> - -<p>Er rückte sich eine Staffelei zurecht und malte; barsch ging der -breite Pinsel über die Leinwand. Dann lachte er: »Malen kann -ich noch, sehr gut sogar; aber es langweilt mich. Hast du das -Bild gefunden?« Swaantje nickte, sah aber nicht auf, als sie -sagte: »Ja, und du wirst verstanden haben, warum ich dir nicht -danken konnte.« Er lächelte freundlich und nickte: »Ja, so dumm -ist er nicht. Hätte Fräulein Swantenius sich bedankt, so hätte -sie Herrn Hagenrieder notwendigerweise in den Arm nehmen -müssen, und das schickt sich doch nicht. Und so hat man sich den -Dank erspart, an dem mir übrigens den Kuckuck etwas liegt.«</p> - -<p>Das Mädchen seufzte schwer auf. Er schüttelte den Kopf: -»Helmold Hagenrieder wird weiter malen; Swaantje Swantenius<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -wird weiter als zweckloser Mensch dahinleben und langsam eine -alte Jungfer werden, die nur etwas voll und ganz durchgelebt -hat, nämlich ein Leben, das keins war. Und wenn sie alt und -grau ist, dann wird sie doch einmal nachts in ihrem Bette weinen -und wimmern: ›Ich habe es verpaßt!‹ Oder wie denkst du dir -dein Leben?« Das Mädchen nickte: »Genau so!« Er sah sie -herrisch an: »Und du glaubst, das werde ich dulden? Glaubst -du, ich bin ein dummer Junge, der nach einem Küßchen gibbert? -Ich will dich ganz haben, und du wirst dich mir ganz geben, -und freiwillig wirst du das tun; denn obzwar du Dame bist, so -bist du nebenbei doch noch etwas Mensch und ein wenig Weib -geblieben und viel zu gebildet, um nicht einsehen zu müssen, daß -Sitte und Gesetz Papier sind, und daß Not kein Gebot kennt. -Ich will nicht in dich dringen, aber ich bitte dich, Swaantje: gib -mir ein wenig Hoffnung, ein ganz klein wenig, nur so viel, daß -ich mein Leben eben damit friste.«</p> - -<p>Er ging zu ihr hin und faßte ihre Hände. »Willst du das?« -Sie sah an ihm vorbei und schüttelte leise den Kopf. »Kind,« -flüsterte er, »ich brauchte dich ja nur umzufassen und zu küssen, -denn ich sehe durch dich hindurch wie durch Glas. Aber ich will -das eben nicht, denn ich liebe dich. Also du gibst mir keine, aber -auch gar keine Hoffnung?« Abermals schüttelte sie den Kopf. -»Na, dann vereinfacht sich der Fall, und die Sache liegt so: dann -stehe ich hier ganz allein, Grete und die Kinder da, und du dort. -Denn von dem Augenblicke an, daß ich weiß, ich habe keine Hoffnung -mehr, habe ich keine Verwendung mehr für das, was man -Herz nennt. Also reden wir von etwas anderem.«</p> - -<p>Er pfiff leise vor sich hin und malte weiter. »Weißt du, Swaantje,« -fing er dann an, »was ich glaube? Du hast eigentlich recht! -Im Grunde passen Männer und Frauen überhaupt nur so zueinander -wie die Nuß und die Hülle. In der Jugend halten sie<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -zusammen; sind sie reif, dann verlieren sie den Zusammenhang, -weil jeder sich auf sich selbst besinnt. Wenn Stahl und Stein zusammenkommen, -gibt es rote Liebesfunken; aber Stahl bleibt -Stahl und Stein Stein; höchstens splittert der eine etwas ab, -und der andere kriegt Kratzen. Zu was also das ganze Gehampel? -Ich bin ein Mann von über vierzig, du gehst auf die dreißig; -die schönste, dümmste Zeit liegt hinter uns. Darum tun wir gut, -vernünftig zu sein. Der eine stickt sich ins Grab, der andere malt -sich hinein, derweilen das junge Blut sich liebt und küßt und -Wonne und Weh leidet. Ein Segen, daß wir beide klüger sind. -Nicht, Swaantje?«</p> - -<p>Das Mädchen sah ihn hülflos an; ihr Gesicht war blaß und -mager. Er ging zu ihr und streichelte ihr die Backen. »Arme -Kleine! So quälen wir uns beide, aus Feigheit, aus Rücksicht, -aus Mangel an Naivheit. Bald ist es Winter. Anstatt daß wir -uns der letzten Blumen freuen, gehen wir daran vorüber. Nachher -tut uns das leid.« Er steckte sich eine Zigarre an. »Na, -vielleicht komme ich doch noch darüber hinweg, obgleich ich das -nicht hoffen will, denn dann danke ich bestens für mich.« -Swaantje sah ihn ernst an. »Helmold, du hast doch noch immer -deine Kunst!« Er lachte lustig: »Ich pfeife darauf! Kunst, weißt -du, was das ist? Ungelebtes Leben! Sieh dir die Griechen an; -nie hat ein unglücklicheres Volk gelebt. Sie waren sehr unglücklich; -sonst hätten sie es nicht in der Kunst so weit gebracht. Die -Römer hatten keine Kunst, die lebten ein lebendiges Leben. Die -Kunst ist wie ein Spiegel; vorne Farbe und Leben, hinten Pappe.«</p> - -<p>Er ging an den Bücherschrank, nahm den Angelus Silesius -heraus, schlug ihn auf, reichte ihn Swaantje und sagte: »Lies -die grün angestrichene Stelle.« Das Mädchen las und bekam -ganz enge Lippen, denn da stand: »Die Braut verdient sich mehr -mit einem Kuß um Gott, denn alle Mietlinge mit Arbeit bis in<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -den Tod.« Er nickte ihr spöttisch lächelnd zu: »Ja, der frumbe -Mann wußte Bescheid; die Liebe ist alles, das andere ist nichts. -Aber: wie du willst! Mögest du nie wissen, was Reue ist! Ich -weiß es. Als ich ein junger Kerl war, gab ich unserem netten -Dienstmädel mal einen Kuß, rein aus Übermut. Als ich zu Bette -ging, machte sie leise ihre Kammertüre auf und flüsterte: ›Gute -Nacht, Herr Hagenrieder.‹ Ich wollte aber keinen Unfug machen -und nickte ihr nur zu. Am anderen Tage fuhr ich nach München. -Die Augen, die das Mädchen mir machte, als ich an ihr vorbei -aus dem Hause ging, vergesse ich mein Leben nicht, und wenn -ich einmal in die Hölle komme, so ist es wegen einer Unterlassungssünde.«</p> - -<p>Seine Frau kam herein. Mit scheinbarer Unbefangenheit schlug -sie für den Nachmittag einen gemeinsamen Spaziergang vor. -Helmold nickte. »Mir ist alles gleich,« sagte er. Aber im Walde -wuchs seine Übellaune von Minute zu Minute; die schlaflosen -Nächte wirkten nach. So wurde es ein ungemütlicher Spaziergang. -Mit zersetzender Geistreichigkeit machte er sich über die -Natur, das Wetter, die Menschen und die ganze Welt lustig, und -quirlte auf dem Heimwege Ernst und Hohn so durcheinander, -daß seine Frau und Swaantje die kalte Angst in das Genick -faßte.</p> - -<p>»Weißt du, liebe Grete,« meinte er, »du müßtest eigentlich Romane -schreiben, denn du hast ein bedeutendes Erfindertalent. Sieh -mal, dieser hier, in dem wir drei die Hauptpersonen sind, ist doch -einfach eine glänzende Leistung. Sag' mal, wie hast du dir den -Schluß gedacht? Blumenthal-Schönthansch oder Shakespeare-Sophokleïsch? -Hm? Denn du hast doch ein Ziel gehabt, als du -das erste Kapitel anfingst?«</p> - -<p>»Wißt ihr was, Kinder,« und er nahm in den einen Arm -Grete und in den anderen Swaantje, »wir wollen uns hinsetzen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -und jeder einen Schluß schreiben, oder habt ihr zwei beiden -schon einen fertig? So scheint mir das wenigstens. Ich bin in -der Beziehung etwas unbegabt. Bin überhaupt ein dummes -Luder, das alles ernst nimmt, was seine Frau im Scherz sagt. -Vor sieben Jahren sagte sie: ›Die Hauptsache ist, Helmold, daß -wir beide immer gute Freunde bleiben.‹ Heute weiß sie nichts -mehr davon, denn die Hauptwaffe der Frauen ist das abstellbare -Gedächtnis.«</p> - -<p>»Übrigens: wie famos die Schatten da sind! Genau so wie -die, die deine Worte über mein Herz warfen; das sieht wie ein -rotes Zebra aus. Ihr könnt es später auf den Jahrmärkten sehen -lassen. Und das da ist die Venus, der sogenannte Liebesstern. Sie -zittert; ihr ist kalt. Mir auch. Ach, Kinder, ist das ein schöner -Abend! Sieh, da ist ja auch der Mond. Na, Kerl, was sagst du -nun? Jetzt habe ich die beiden Frauen, die laute und die leise; es -fehlt nur noch der Schimmel und die Wölfe, die sich um Männerköpfe -beißen. Kerl, es ist alles Schwindel, alles; ich habe überhaupt -keine Frau, nur eine Frau Gemahlin, geborene Möllering.« -Er pfiff sein frechstes Lied.</p> - -<p>Zum Abendessen kam Hennecke; Grete hatte ihn herbeigebeten -und ihm gesagt, wie es um Helmold stand. Beim Essen wurde -von der Sache nicht gesprochen. Hinterher sprach er erst mit -Helmold und versuchte, ihn umzustimmen; das gelang ihm nicht. -Dann ging er zu Grete. Swaantje kam in das Zimmer. Nach -einem langen Schweigen fragte sie ihren Vetter: »Weiß er es?« -Er nickte: »Ja, von Grete, von mir nicht.« Das Mädchen fragte -weiter: »Was denkt er von mir?« Sie zuckte zusammen, denn -ein Blick wie ein Messer streifte sie. Und abermals zuckte sie zusammen, -als Helmold antwortete: »Das denkbar Schlechteste,« -und zum dritten Male, als er fortfuhr: »nämlich, daß du dich -völlig als Dame benommen hast!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p> - -<p>Er ging im Zimmer auf und ab: »Ich bin mit ihm fertig, denn -er hat dich in meinen Augen herabgesetzt. Er sagte: ›Sie ist ein -Weib, also auch nicht wert, daß man ihretwegen auch nur ein -einziges Haar grau werden läßt.‹ Er denkt nicht besonders -von euch. Als ich ihm Gretes Verhalten darstellte, lachte er und -sagte: ›Darüber wunderst du dich? Nimmst du denn Frauen -ernst? Mein Lieber, du bist über vierzig! Freu' dich, daß es Kinder -sind und bleiben, die nicht aus Gemeinheit unwahr sind sondern -aus Instinkt.‹ Na ja, die Mädchen, mit denen er verkehrt, mögen -so sein. Ich denke besser von Grete und von dir, oder dachte so, -und deshalb bin ich so elend geworden.«</p> - -<p>Er ging auf das Mädchen zu, gleich als wollte er sie anfassen; -sie sprang auf und stellte sich hinter den Sessel. Er schüttelte belustigt -den Kopf: »Habe keine Angst; ich will dich nicht mehr. -Das eine Wort: ›es ist mir peinlich‹ hat mir gezeigt, wer du bist. -Und wenn wir beide eine Woche allein wären, und du trügest -jeden Tag das weiße Kleid, ich würde stets die Dame in dir achten, -die Dame, die umfällt, wenn ihr eine Maus über den Weg läuft, -und die den einzigen Mann, der das Weib in ihr sah, und den -sie zum Sterben liebt, aus ganz gemeiner Feigheit umkommen -läßt. Ich will dir etwas zum Andenken schenken.« Er ging in -das Atelier und kam mit einem gerahmten Pastellbildchen wieder. -Es stellte einen Sarg dar, der auf zwei Stühlen mitten in einer -Wiese stand; in dem Sarge lag Helmold Hagenrieder, wie er nun -war, und sah spöttisch auf Helmold Hagenrieder hinab, wie er -einst war.</p> - -<p>Swaantje legte das Bild entsetzt fort und sah verstohlen ihren -Vetter an. Sie fand, daß seine Schläfen ganz grau waren, und daß -er Altemannsfalten über dem Munde und neben den Augen hatte. -Sie stand auf und ging auf ihn zu, aber da kam Hennecke mit Grete.</p> - -<p>Um Mitternacht gingen Grete und Swaantje zu Bett; Helmold<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -und Hennig saßen noch lange auf. Hennecke versuchte in seiner -ruhigen Art dem Freunde aus dem Gestrüpp herauszuhelfen. -Helmold hörte geduldig zu, aber dann sagte er: »Du hast vollkommen -recht, und Grete hat recht, und Swaantje hat recht. -Hier handelt es sich aber nicht darum, sondern darum: soll ich -leben oder sterben? Ich glaube übrigens, es ist für das eine schon -zu spät; denn ich bin bereits tot!«</p> - -<p>Er sah Hennig mit harten Augen an: »Sage mal, Grete sagte -vorhin, du hättest gesagt: ›Wenn ich eine Schwester hätte, und -ein verheirateter Mann näherte sich ihr in der Weise, wie es hier -vorliegt, den schösse ich tot.‹ Ist das wahr? Hast du das gesagt?« -Hennecke bekam einen schmalen Mund: »Muß ich antworten?« -Der andere nickte, ihn starr ansehend, und Hennig -antwortete: »Nein, das hat deine Frau gesagt, nicht ich; das -konntest du dir doch wohl gleich denken.« Helmold holte schwer -Luft: »Um dir zu beweisen, was aus mir geworden ist; als Grete -mir das sagte, antwortete ich ihr: ›Hat er das gesagt, dann kenne -ich ihn nicht mehr.‹ Wer nur im geringsten gegen mich ist, ist -mein Feind. Pfui, wie kann eine Frau so handeln!« Hennecke -zuckte die Achseln: »Was soll sie machen? Sie ist eine Frau! Sie -hat andere Ehrbegriffe, sie kennt nur eine Moral: ihren und der -Ihren Vorteil. Du hast deiner Frau viel zu danken und darfst -ihr die Unbesonnenheit, die doch lediglich ein Ausfluß ihrer arglosen -Natur ist, nicht übelnehmen.«</p> - -<p>Das hatte sich Helmold schon viele hundert Male selbst gepredigt; -darum sah er seine Frau am anderen Morgen doch böse -an, als sie sagte: »Swaantje fährt heute; sie leidet zu sehr.« Er -sagte erst nichts, aber dann trat er auf sie zu und nahm sie in den -Arm. »Grete,« bat er, und seine Stimme war wie eine Nacht -ohne Mond und Sterne, »sei doch nicht so hart! Sieh mal, ich -sterbe daran. Ich kann doch nichts dazu. Du sagst, du liebst mich;<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -beweise es mir!« Seine Frau machte sich von ihm los; ihre Stimme -klang spitz, als sie antwortete: »Was soll ich denn tun? Wenn -es irgend jemand anders wäre; aber meine eigene Kusine?« Er -sah sie starr an. »Erinnerst du dich, was du mir sagtest, als ich -von Swaanhof zurückkam?« Sie zuckte die Achseln: »Was sollte -ich machen? Du warest krank, und ich dachte ja auch, daß deine -Liebe zu Swaantje lediglich Mitleid sei. Ich habe nicht geahnt, -daß du derartige Absichten hattest!«</p> - -<p>Da polterte er los. Er legte sich so wenig Zwang auf, daß -Swaantje entsetzt hereingestürzt kam. Aber auch da bremste er -sich nicht, sondern schüttelte alle die Angst und die Wut und allen -Kummer und Grimm vor den beiden Frauen aus. Als er herauszischte: -»So höre denn: ich liebe dich nicht nur nicht mehr, ich -hasse dich. Du hast mich von oben bis unten belogen, hast kein -Mittel gescheut, um mich zu zerbrechen, hast sogar meinen einzigen -Freund gegen mich auszuspielen versucht. Ich bin fertig mit -dir!« und seine Frau den Hieb damit zurückgab, daß sie ihm eine -Scheidung vorschlug, da lachte er und sagte: »Schön! Doch gehst -du, so sieh zu, wie du leben willst. Mir ist es recht, aber ich -kümmere mich dann in keiner Weise weiter um dich, und die Kinder -bleiben bei mir. Oder sie können wählen, denn mir liegt jetzt an -nichts mehr etwas, und sie ähneln ja auch dir mehr als mir. Sobald -du den ersten Schritt tust, verkaufe ich alles, was mir gehört, -und gehe irgendwohin, wo nicht Weiberköpfe, sondern -Männerfäuste herrschen; denn dieses ganze verfluchte Land mit -seinem verbildeten Gesindel ist mir ekelhaft.«</p> - -<p>Grete, die ganz weiß aussah, bekam einen roten Kopf, und ihre -Augen funkelten, als sie rief: »Ich denke, du willst dir Swaantjes -Liebe erringen; meinst du, daß dieses der Weg dazu ist?« Er -lächelte freundlich: »Nein, denn ihre Liebe habe ich. Mir liegt -übrigens nichts mehr daran. Jetzt kannst du sie mir schenken, und<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -ich nehme sie nicht. Außerdem ist das meine ureigenste Angelegenheit, -ob ich Swaantje liebe oder nicht, und geht weder dich noch -sie etwas an. Überhaupt liebe ich sie nicht mehr; ich liebe das -Gespenst meiner Liebe zu ihr. Ich kann keine Menschen mehr -lieben, denn ich bin tot. Mein Herz ist nicht mehr da; ich habe -eine Fiedel daraus gemacht und spiele jede Farbe darauf, die es -gibt. Ich bin Künstler geworden; aber ein Mensch bin ich nicht -mehr. Das habe ich euch zu verdanken, dir, liebe Grete, und dir, -Swaantje; ich danke euch herzinnig dafür.« Er küßte beiden die -Hand und ging in die Werkstatt.</p> - -<p>Ruhig und besonnen arbeitete er an seinem neuesten Bildnisse -weiter. Da fielen seine Blicke auf die Saharabilder, und auf Wodes -Zorn. Er stutzte, rückte die Bilder zurecht, trat zurück, und dann -nahm er den breitesten Pinsel, tauchte ihn in einen Farbentopf -und strich mit festen Zügen die Bilder aus.</p> - -<p>Als er fast damit fertig war, trat Swaantje ein. Er ließ sich -nicht stören und erst, als sie trocken aufschluchzte, sagte er: »Nun -sag' bloß noch: ›Die schönen Bilder!‹, und dann müßte Grete noch -sagen: ›Das schöne Geld!‹, und dann hätte ich einen Grund, einmal -wieder von Herzen zu lachen.« Aber als er das Mädchen -genau ansah, sprang er zu, geleitete sie zu dem Sessel und rückte -einen anderen daneben, in den er sich setzte. Er faßte ihre Hand: -»Ich weiß, ich weiß, Kind, in welcher schweren Herzensnot du -dich befindest, und wie sehr du darunter leidest, und daß Grete so -unglücklich ist. Aber bedenkt ihr denn nicht, daß ich mehr bin als -ein beliebiger Herr Soundso? und daß ihr, helft ihr mir, einem -Manne das Leben neu schenkt, der dazu berufen ist, seinem Volke -große Werte zu schaffen? Wiegt das nicht die ernstesten Bedenken -auf? Und ich will ja so wenig, will weiter nichts, als ein bißchen -Hoffnung, mit offenen ehrlichen Händen gegeben. Und darum -bitte ich dich: gib mir einen Kuß, einen einzigen, einzigen Kuß;<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -ich will dir alles dafür geben, was ich habe: meine ganze Vergangenheit -und alle meine Zukunft.«</p> - -<p>Bittend sah er das Mädchen an; aber als sie schwieg und an -ihm vorbeisah, stand er auf. »Swaantje,« rief er, »du weißt, -meine besten Bilder habe ich behalten. Ich schenke sie dir. Mache -damit, was du willst! Gib sie irgendeinem Schuster; er darf auch -sein Zeichen darunter setzen. Aber gib mir einen Kuß, oder laß -dich von mir küssen! Nur ein einziges Mal, sonst geht es so nicht -mehr weiter. Neulich, in der Bar, habe ich Heulkrämpfe gekriegt, -daß alle die leichten Mädels und sämtliche schwergeladenen Gäste -es mit der Angst bekamen. Ich bin fertig. Ich heule jede dritte -Nacht mein Kissen naß. Grete merkt das nicht; aber sieh dir einmal -die Augen an, mit denen unsere Luise mir nachsieht. Das -Mädchen ist verlobt, und sie hat ihren Schatz gern. Aber, wenn -ich winke, kommt sie; aus mütterlichem Mitleid. Alle Frauen und -Mädchen sehen mich an, als wollten sie mich in den Arm nehmen, -so dauere ich sie. Und ich komme mir vor, wie ein ganz kleines -Kind, das liebgehabt werden will, weil es hungert und friert. -Was habe ich früher die Leute beneidet, die sorglos leben konnten -und die, die sich mit Lob wuschen und in Ruhm badeten. Jetzt bin -ich so gut wie berühmt, was ich male, ist Gold wert; ich beherrsche -die Technik autokratisch. Aber ich bin ärmer als damals in München, -als ich mit der Miezi in einer Bodenkammer lebte und froh war, -wenn ich Brot und Wurst hatte. Meine Haare sind grau geworden, -meine Augen sind kalt, und mein Herz vereist langsam. Meine eigene -Frau stieß mich in den Tod, und du stehst dabei und siehst zu. Hätte -ich nicht diesen Indianerkörper, ich wäre längst auch leiblich tot.«</p> - -<p>Er trat dicht vor das Mädchen hin und sah sie lange an; sie -blickte an ihm vorbei. »Du leidest ebensoviel wie ich, Swaantje,« -begann er endlich wieder; »vielleicht noch mehr, denn du hast -Angst zu sprechen, und du wagst nicht mich anzusehen. Ich will<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -dich auch nicht weiter quälen, denn du tust mir sehr leid, und ich -liebe dich mehr als je zuvor. Was ich vorhin sagte, war nichts -als Wut. Ich werde dich immer lieben, so oder so, auch wenn -ich tot bin.« Sie zuckte zusammen. »Habe keine Angst, ich töte -mich nicht. Es hätte gar keinen Zweck mehr; denn ich bin schon -tot. Tote darf man küssen, Swaantje, darf man auf Nimmerwiedersehen -küssen, denn sie küssen nicht wieder. So gib mir -denn den einen Kuß.« Er beugte sich zu ihr, faßte sie um Kinn -und Nacken und näherte seinen Mund ihren Lippen. Aber je -näher er ihr kam, um so mehr versteckten sich ihre Lippen, um so -starrer sah sie gegen die Wand, um so krampfhafter hielt sie den -Atem an, und so streifte er mit den Lippen eben ihre Stirne, ließ -sie los und ging aus der Werkstatt.</p> - -<p>Beim Mittag war er sehr ruhig, sprach auch ganz freundlich -mit seiner Frau und scherzte mit den Kindern. Als Swaantje reisefertig -war, fragte er: »Darf ich dir einmal schreiben?« Sie -schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen. Dann sagte er ganz -geschäftsmäßig: »Dein Bild schicke ich dir, wenn es fertig ist. -Die weiße Haide muß heraus; sie drückt zu sehr auf dein Gesicht. -Überhaupt habe ich in der letzten Zeit viel Quatsch gemalt; ich -hatte ja auch meist Fieber. Ich werde jetzt nach Stillenliebe fahren; -vielleicht hilft mir die Jagd. Und nun, liebe Swaantje, verzeihe -mir alles, was ich dir antat. Ich bin krank, sehr krank. Und ich -will mir Mühe geben, daß hier wieder alles so wird wie früher. -Lebe wohl; der Wagen ist da!« Er reichte ihr die Hand hin; sie -legte die ihre lose hinein, ohne ihn anzusehen, und ging die Treppe -hinab, wo Grete sie erwartete.</p> - -<p>Beide stiegen ein, ohne sich umzublicken. Er sah dem Wagen so -lange nach, bis er um die Ecke verschwand; dann ging er in die -Werkstatt, und Gift und Galle, seine beiden Teckel, folgten ihm -mit gesenkten Ohren und hängenden Ruten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Platzhirsch">Der Platzhirsch</h2> -</div> - -<p class="noind">Am anderen Morgen fuhr er nach Stillenliebe; neben ihm auf -der Bank lagen Gift und Galle, seine Hunde, und Gift und Galle -waren auch in ihm.</p> - -<p>Er hatte, unterdes Grete und Swaantje zur Bahn fuhren und -er in der Werkstatt mit Sweenechien Bilder besah, die Ereignisse -der letzten Zeit überdacht und einen dicken Strich unter sich und -Swaantje gezogen. »Das muß ein Ende haben,« sagte er sich -und nahm sich vor, recht nett zu seiner Frau zu sein.</p> - -<p>So nahm er sie in den Arm, als sie zurückkam, küßte sie und -sagte: »Ich will morgen nach Stillenliebe; sonst wird der Prinz -öde. Hör' mal, er schreibt: Die Hirsche schreien, wenn auch nicht, -wie es fälschlich in der Bibel heißt, nach frischem Wasser, sondern -nach passender Damenbekanntschaft, aber auch nach dir, vorzüglich -der Schadhirsch vom Schandenholz, der schon letzten -Herbst sterben sollte. Jetzt ist er aber reif; er hat einen braven -Zwölfender zu Tode geforkelt. Also!«</p> - -<p>Helmold hatte gelacht, als er seiner Frau den Brief vorlas. -»Dem will ich es besorgen, Grete! Er steht in der unzugänglichsten -Ecke, und deswegen hat ihn mir der Prinz so lange eingemottet, -denn er weiß, bei mir heißt es: je leichter, desto langweiliger! -Das ist ein Hirsch, den man nur auf den Ruf schießen -kann, denn er tritt niemals bei Büchsenlicht aus der Dickung. -Na, dann machen wir es eben, wie Mohammed mit dem Berge! -Es ist ein ganz alter Bursche, der aber nur ein Gabelgeweih<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -trägt und deswegen jahrelang als Schneider durchgegangen ist, -und keiner ahnte, daß er der Mordhirsch war. Und wir sind gute -Bekannte; vor zwei Jahren schrie ich ihn mir bis vor die Stiefelspitzen; -aber ehe ich den Finger krumm machen konnte, bekam -er Wind. Dieses Mal aber soll er daran glauben, oder ich will -die Kunst nicht verstehen.«</p> - -<p>Er legte die Hände vor den Mund und machte eine Brunft im -vollen Gange nach, vom Mahnen des Kälbertiers bis zum Orgeln -des Platzhirsches, so daß Luise, die frisches Trinkwasser brachte, -entsetzt aufschrie und die Flasche fallen ließ. »Ich kann's noch,« -lachte Helmold; »Demonstratio ad Luisam! Morgen früh ziehe -ich zu Holze; ich habe nun doch ein bißchen zu viel Farben verblutet -seit vorigem Herbste, und mein Vorrat von Arbeitslust ist -alle. Und das ist ein Zeichen, daß die roten Blutkörperchen bei -mir sparsam werden.«</p> - -<p>Als er so prahlte, bekam Grete ihre lichte Laune wieder. Sie -holte den kornblumenblauen Samtkasten hervor und kramte die -Mohnblumenkarten aus. »Bekomme ich dieses Mal wieder -welche?« fragte sie, indem sie sich auf die Sessellehne setzte und -ihm das Haar kraulte. Sein Herz beschattete sich; er dachte an -die Mohnblumenkränze, die sie ihm über das Bett gehängt hatte. -Aus Seidenpapier waren sie gewesen. Er machte seinen Kopf -los und sagte kühl: »Gewiß, wenn dir an papiernen Blumen so -viel gelegen ist.« Sie stand auf, und als er ihr Gesicht im Spiegel -sah, bemerkte er, daß ihre Augen hart und ihre Lippen unbarmherzig -aussahen; alle die guten Vorsätze, die er am Nachmittage -gefaßt hatte, fielen zu Boden und zerbrachen.</p> - -<p>»Bitte, sage dem Mädchen, sie solle mir einen Wagen zum -Siebenuhrzuge bestellen und dieses Telegramm besorgen, und -jetzt will ich packen. Zwei Wochen bleibe ich mindestens fort,« -sagte er trocken und ging in die Werkstatt. Dort blieb er bis<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -Mitternacht und ging schlafen, ohne seiner Frau den Gutenachtkuß -zu bringen. Über Nacht knabberten viele graue Gedanken an -seiner Seele; drei Uhr wurde es, ehe er einschlief, und als er am -anderen Morgen in das Zimmer seiner Frau ging, stand das -harte Gesicht, das ihm am Abend der Spiegel gezeigt hatte, -zwischen ihm und ihr, so daß er mit einem losen Händedruck Abschied -nahm.</p> - -<p>Es war ein frischer, sonniger Herbsttag, und die Landschaft sah -lustig aus. Sonst hatte er sie während der Fahrt immer liebkost; -nun behandelte er sie schlecht; sie langweilte ihn. »Schwindel!« -dachte er, als er sah, daß hier und da einzelne Büsche sich in -schreiende Farben gehüllt hatten; »Plunder, nicht echt!« Selbst -seine guten Freunde die Kiefernwälder und Haidberge zerfetzte -er mit höhnischen Blicken, und als er die gewaltigen Schirmkiefern -neben der alten Hammerschmiede sah, sonst sein Entzücken, -lächelte er verächtlich.</p> - -<p>Auf einer Haltestelle stieg ein hübsches Bauermädchen ein, das -ihn mit ungescheutem Verlangen ansah, denn keine Kleidung -stand ihm so gut wie der verschossene Lodenanzug. Erst achtete -er wenig auf sie, dann aber dachte er: »Und kann es nicht die -Lilie sein, so pflück' ich mir das Röselein,« und da das Mädchen -gegen die Sonne sehen mußte, machte er ihr neben sich Platz und -sagte: »Komm hier sitzen, Mädchen, denn so hast du die Sonne -nicht im Gesicht.« Sie wurde vor Verlegenheit ganz rot, setzte -sich aber sofort zu ihm. Er dachte daran, daß er sich über Nacht -gelobt hatte, sich fortan so viel Zucker in den Kaffee zu werfen, -wie er kriegen konnte, denn ihm war eine der blödsinnig klingenden -Weisheiten Henneckes eingefallen. Als sie eines Abends durch -den Wald gingen, hatte Hennig ärgerlich brummend den Kopf -geschüttelt, und als er ihn fragte, was ihm fehle, geantwortet: -»Ich habe verdammt vergessen, mir heute morgen Zucker in den<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -Kaffee zu schmeißen, und das kann ich mein Leben lang nicht -wieder einholen.«</p> - -<p>Er sah das Mädchen genau an; sie strotzte vor Kraft und -Frische und wurde jedesmal rot, wenn er sie anblickte. Er schlug -sie auf die Lende: »Wo soll die Reise hin, Lüttje?« Sie wurde -rot: »Nach Ohlenwohle!« Er sagte ganz trocken: »Hast du aber -Dusel! Dann fährst du ja anderthalb Stunden mit mir zusammen!« -Nun mußte sie lachen, und sie litt es, daß er den Arm -hinter ihren Rücken schob, und als er fragte: »Hast du auch keine -Bange vor mir?« schüttelte sie lustig den Kopf. »Ich bin aber -ein ganz gefährlicher Kerl,« flüsterte er und zog sie an sich; »glatte -Mädchen mag ich zum Fressen gern. Paß mal auf, jetzt geht's -los!« Er drückte sie und küßte sie.</p> - -<p>Die Hunde hoben erstaunt die Köpfe; er warf den Jagdmantel -über sie: »Das ist nichts für kleine Kinder,« sagte er, und zog -das Mädchen auf den Schoß. »Magst mich leiden?« Sie nickte -und sah ihn verliebt an. Sie blieben anderthalb Stunden allein, -denn auf der nächsten Haltestelle steckte Helmold dem Schaffner -einen Taler in die Hand. Als der Zug dicht vor Ohlenwohle -war, sagte das Mädchen: »H' ach Junge! Na, wenn -das unsere Mutter wüßte! Und nicht wahr, du besuchst -mich mal?« Er küßte sie und sagte: »Ich wäre schön dumm, -wenn ich das nicht täte. Auf Wiedersehn, und schönen Dank -auch, Mariee!«</p> - -<p>Als er in Stillenliebe ausstieg, hatte er wieder einen frischen -Mund und fröhliche Augen. Der Prinz erwartete ihn mit dem -Jagdwagen. Er gab ihm die Hand und meinte: »Du wohnst -am besten im Blauen Himmel, von da hast du eine knappe -Stunde bis zum Schandenholz; vom Jagdhause sind es anderthalb. -Die Zimmer habe ich schon belegt, das heißt von morgen -ab, denn heute mußt du mit zum Jagdhause. Der Wind ist für<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -das Schandenholz nicht gut, und außerdem will ich dich einmal -wieder für mich haben. Ist dir doch recht?«</p> - -<p>Frau Sophiee Pohlmann, die Wirtin des Blauen Himmels, -stand in der Türe des Kruges, als der Wagen vorfuhr; die junge -Witwe sah in dem blauen Waschkleide mit der weißen Latzschürze -zum Anbeißen aus. Sie lachte über das ganze Gesicht, als sie den -Maler sah. »Das ist aber schön, daß Sie sich einmal wieder sehen -lassen, Herr Hagenrieder!« rief sie, vor Freude errötend, als er -ihr die Hand schüttelte; »ein ganzes Jahr sind Sie nicht hier gewesen. -Ich dachte schon, Sie wollten uns untreu werden.« Sie -machte ein enttäuschtes Gesicht, als er sagte, er bliebe den Tag -im Jagdhause.</p> - -<p>Als er am anderen Mittag mit dem Prinzen in der Wirtschaft -vorfuhr, lachte sie aber schon wieder. Sie ging ihm nachher in -sein Zimmer nach und fragte: »Ist auch alles so richtig?« Er -machte die Türe zu und sagte: »Jetzt ja!« und damit faßte er -die Frau um und küßte sie. Sie stemmte ihre Hände gegen seine -Schultern: »H' ach, Herr Hagenrieder,« stöhnte sie, »wenn aber -jemand kommt!« Er lachte übermütig, ohne sie loszulassen. -»Möchte das keinem raten, dem seine heilen Knochen lieb sind.« -Er ließ sie los, stellte sich vor sie hin und befahl: »Kuß!« Mit -niedergeschlagenen Augen, feuerrot im Gesichte, kam die hübsche -Frau näher, legte ihm die Hände auf die Schultern, hob sich auf -den Zehenspitzen und küßte ihn. »So recht, mein Mädchen, so -schön, mein Kind, so brav, mein Zuckerchen!« lobte er, faßte sie -um die Mitte und küßte sie, bis sie keinen Willen mehr hatte.</p> - -<p>»Mensch, du hast wohl seit acht Tagen nichts zu essen gekriegt!« -sagte der Prinz, denn sein Freund kniete sich ganz gefährlich hinter -die Mahlzeit. Der lachte und antwortete, indem er der Wirtin, -die den Nachtisch hereinbrachte, einen kurzen Blick zuwarf, den sie -mit einem langen zurückgab: »So hat es mir lange nicht geschmeckt,<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -wie heute, und wenn ich nun den Hirsch nicht kriege, will ich Karl -der Große geheißen werden.« In der Türe drehte die Wirtin sich -um und warf ihm einen heißen Blick zu. Brüne bekam ihn durch -den Spiegel zu fassen, lächelte aber kaum.</p> - -<p>Die Wirtin brachte dann den Kaffee und viererlei Backwerk. -»Frau Pohlmann,« meinte der Maler, »wenn ich vier Wochen -bei Ihnen in Kost bin, passe ich in keinen Sarg mehr!« Die -Wirtin lächelte ihn an: »Wie lange bleiben Sie denn, Herr Hagenrieder? -Sonntag haben wir Danzefest!« Er schlug auf den Tisch: -»Hipp hipp hurrjeh! Nun ist das Geschäft richtig!«</p> - -<p>Als der Prinz fortgefahren war, sagte der Maler zu der Frau: -»Ich will jetzt eine Stunde schlafen; weck' mich um halbig dreie, -Sophiee! Aber erst will ich einen Schlafschönkuß haben; das ist -bekömmlicher, als der Kürassao, den der Prinz nach dem Kaffee -nimmt. Also!« Er ließ den Kopf auf die Sofalehne fallen und -klopfte auf seine Kniee; die Wirtin setzte sich auf seinen Schoß. -»Ach, ich habe so viel gegessen, daß ich nicht küssen kann,« sagte -er lachend; »das mußt du besorgen. Und ich bin so müde und so -faul, daß ich nicht allein ins Bett finde. Denn so wirst du mich -wohl hinbringen müssen; hm?« Die Frau kuschelte sich an seine -Brust: »Geh vor,« flüsterte sie heiser, »ich komme gleich nach; -ich habe sowieso oben Wäsche fortzupacken. Jetzt muß ich erst -eben in die Küche.«</p> - -<p>Laut flötend ging er nach zwei Stunden durch das Dorf, die -Büchse über den Rücken geschlagen. Für alle Menschen, die ihm -begegneten, hatte er ein lustiges Wort, und für jedes Kind einen -Apfel. Gift und Galle jagten kläffend die Spatzen von der Straße -und trieben die Katzen über die Zäune, und Helmold fand, daß -die Welt doch noch ganz nett sei. Er freute sich über die bunten -Blumen hinter den Zäunen, über die Tauben, die vor ihm herflatterten, -über den Turmfalken, der auf der Stoppel rüttelte,<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -und dachte: »Hol's der Teufel; Gott gibt's reichlich wieder!« Er -war auch gar nicht ärgerlich, als er spät abends zurückkam, ohne -seinen Hirsch gehört zu haben.</p> - -<p>Als er am anderen Nachmittage dicht vor dem Osterhohl war, -kam er an einem kleinen Hause vorbei, das halb versteckt hinter -gewaltigen Stechpalmenhorsten lag. Ein Mädchen stand in der -Tür und sah ihm mitten in die Augen. Sie hatte ein volles, aber -feines Gesicht, und ihre Augen sahen halb wie die eines Kindes -aus, halb wie die einer Frau, die allerlei erlebt hat. Er ging auf -sie zu: »Willst du mir Glück bringen, Mädchen?« Sie lachte ihn -an: »Gerne, wenn ich es machen kann.« Er legte die Büchse auf -den Boden. »So, nun spring dreimal darüber!« Sie nahm ihre -Röcke zusammen und sprang, daß ihre hübschen Waden zu sehen -waren. »Danke schön!« sagte er, nahm sie um die Mitte und küßte -sie. »So, und nun schenk mir noch ein Glas Wasser!« Sie ging -vor ihm in das Haus, und er folgte ihr. »Wie heißt du denn, -Hübsche?« fragte er und setzte sich in den Spinnstuhl. »Annemieken -Ahlmann,« antwortete sie und lächelte ihn an. »Hm,« -meinte er; »nun laufe ich schon sieben Jahre hier herum und habe -dich noch kein einmal gesehen.« »Ich Sie aber schon oft!« erwiderte -das Mädchen; »aber Sie gingen immer so stolz vorbei.«</p> - -<p>Eine alte Frau kam herein. Sie kicherte, als sie Helmold sah, -und zwang ihm ein Glas Buttermilch auf. »Ja,« sagte sie, »wir -sind froh, wenn sich hier mal ein Mensch sehen läßt. Seit das -mit Abbe gewesen ist, will keiner was mit uns zu tun haben. Und -es war doch man ein Unglück. Ja, ja, das hitzige Geblüt, wer -das hat, der kommt leicht zu Schaden. Na, denn viel Glück auch, -junger Herr, und lassen Sie sich mal wieder sehen. Annemieken, -zeige dem Herrn den Richteweg über die Osterhaide; das ist um -die Hälfte näher.«</p> - -<p>Das Mädchen ging mit. Als sie im Holze waren, legte Helmold<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -den Arm um sie und küßte sie. Sie wurde rot und weiß nacheinander -und fragte dann: »Kommen Sie Sonntag auch zum -Erntebier?« Er nickte. »Aber mittanzen tun Sie wohl nicht?« -Er nickte wieder. Sie wurde feuerrot und flüsterte: »Auch mit -mir einmal?« »Aber sicher,« antwortete er; »ich glaube, mit dir -tanzt es sich fein!« Sie nickte: »Ich kann mich tottanzen! Aber -wir haben Unglück gehabt. Vater und Mutter sind an der Auszehrung -gestorben und Abbe, mein Bruder, der hat den Verwalter -von Ohlenhofen totgestochen, wo seine Braut diente. Würden -Sie das nicht auch tun?« Er nickte: »Ganz sicher, wenn mir einer -an meine Braut käme!« Da lachte sie und drückte sich fester an ihn.</p> - -<p>Als er eine Viertelstunde vor dem Schandenholze war, kehrte -sie um. Er warf seinen Rucksack zu Boden und legte die Hunde -ab. Er ging erst schnell über die Haide, aber je näher er dem -Walde kam, um so kürzer wurden seine Schritte. Hinter einem -mächtigen Wachholderbusche blieb er stehen und lauschte; es war -alles still, nur die Goldhähnchen piepten. Er schlich unter dem -Winde von Busch zu Busch, bis er das Hauptgestell übersehen -konnte. Eine halbe Stunde blieb alles still, dann meldete halb -rechts ein geringer Hirsch. Einen Augenblick später brach es dort -und in voller Fahrt floh der Schneider über die Schneise; hinter -ihm her dröhnte der Baß eines starken Hirsches. Von fern her -schrie ein guter Hirsch, näher ein anderer. In der Dickung brach -es, dumpfe Schläge erschallten; der Schadhirsch strafte ein Stück -Wildpret ab. Helmold lachte; am liebsten hätte er geschrieen: -»So recht, mein Hirsch!« Seine Augen funkelten, halb vor Freude, -halb vor Haß.</p> - -<p>Langsam rauchte er und sah durch die Zweige des Wachholderbusches -die Schneise entlang, die von den schrägen Sonnenstrahlen -getigert war. Ein Fuchs schnürte dicht an ihm vorüber, ohne ihn -zu wittern; ihm folgte ein Hase. Eine Weile saß er still, dann<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -rückte er zu Felde. Tauben schwangen sich in ihren Schlafbäumen -ein; der Schwarzspecht rief zum letzten Male. Helmold lauschte -angestrengt. Ab und zu gab der Platzhirsch ein halblautes Knören -von sich. Die Sonne sank; hier und da glühte auf einem Kiefernstamme -ein roter Fleck auf und täuschte ein menschliches Angesicht -vor, verschwand und tauchte an einer anderen Stelle wieder -auf. Im Kienmoore schrie ein guter Hirsch herausfordernd; drohend -antwortete der Platzhirsch. Ein Kälbertier trat über das -Gestell; das Kalb folgte. Warnend rief der Hirsch und zog bis -an den Rand der Dickung; sein Atem flog weiß vor ihm her. -Das Tier machte Kehrt und trat wieder zurück, und das Kalb -trollte hinterher.</p> - -<p>Helmold lächelte kalt. »Der weiß mit den Weibsleuten umzugehen,« -dachte er; »fällt ihm gar nicht ein, zu schmachten und -zu betteln. Er nimmt sich, was ihm zukommt, kraft seines Geweihes.« -Er überdachte das letzte Jahr. »Welch ein Narr bin ich -gewesen! Hätte ich damals im Tödeloh zugepackt, so hätte ich -nicht Nacht für Nacht in mein Kopfkissen hineinzuheulen brauchen. -Und wäre ich Grete mit der Tatsache gekommen, so hätte sie sich -geduckt.« Er schämte sich vor sich selber. Er hatte sich nackt vor -ihr ausgezogen. »Ein schwerer Fehler! Frauen wollen den Mann -über sich sehen; stellt er sich neben sie, so sehen sie auf ihn hinunter. -Sobald sie wissen, man liebt sie wirklich, ist man schon -verloren,« dachte er; »Mann und Weib sind Todfeinde; das ist -es. Das Weib ist Realist, klebt an der Erde; der Idealismus, die -Himmelssehnsucht des Mannes, ist ihm unbegreiflich, ja verächtlich. -Urmensch ist es, handelt nur aus Instinkt. Ihre Hauptwaffe -ist die Lüge, die Verstellung; unbewußt, darum so gefährlich, -weil uns unlogisch erscheinend, unbegreiflich. Ihre Unwahrhaftigkeit -ist primitiv, ist naiv.«</p> - -<p>Er drückte die Asche in der Pfeife herunter. »Sie müssen gedrückt<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -werden, soll ihre Liebe nicht ausgehen,« dachte er und lachte. -»Auch Swaantje ist ein Weib; ich habe mir eine Göttin aus ihr -gemacht. Magd soll das Weib dem Manne sein, nicht Herrin. -Nie ist sie ihm Kamerad.«</p> - -<p>Es prasselte in der Dickung; der Hirsch trieb die Tiere zusammen. -Dumpf schallte es; er forkelte ein störrisches Stück. »Ruppig -muß man sie behandeln. Nietzsche hat recht: ›Wenn du zum Weibe -gehst, vergiß die Peitsche nicht!‹ Erobert wollen sie sein, roh hingenommen. -Wieviel Glück und Wonne hätte mir das Jahr -bringen können, wäre ich meiner Natur gefolgt! Den Kameraden -suchte ich in Grete; Wahnsinn! Suchte bei ihr Verständnis! Als -ob es das zwischen Mann und Weib gäbe. Von Mann zu -Mann, ja, und von Weib zu Weib, aber nicht über Kreuz. Der -Hirsch ist klüger; er hält sich zum Hirsch, solange ihn die Liebe -nicht zwickt, und ist es damit aus, läßt er das Frauensvolk stehen -und sucht sich Kameraden, die so fühlen wie er selber.«</p> - -<p>Die Schlagschatten der Stämme fielen über das Gestell; hohl -rief der Kauz; ein Bock schreckte in den Bleeken. Ganz selten schrie -ein Hirsch; der Abend war zu lau und versprach Regen. Helmold -stopfte sich eine neue Pfeife und steckte sie hinter dem Hute an. -Er hielt Grete und Swaantje nebeneinander und schüttelte den -Kopf. »Ein dreifacher Esel bin ich gewesen; eine Möglichkeit, die -den beiden als eine Unmöglichkeit erscheinen muß, habe ich von -ihnen erbeten. Ich war krank, sonst wäre ich nicht auf einen so -irrsinnigen Gedanken gekommen. Bei beiden habe ich meinen -Nimbus zerstört; sie sehen auf mich hinab. Das muß anders -werden, denn«, er reckte die Brust, »denn ich will meinen Wunsch -nicht verhungern lassen.«</p> - -<p>Er bohrte seine Blicke in die Dämmerung. »Und Grete, sie ist -eine kluge und gute Frau. Sie ist eben Frau und kann deshalb -kein Mensch in meinem Sinne sein; und die andere schließlich auch<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -nur so lange, als bis«, er stockte im Denken und sah mit harten -Augen nach dem schwarzen Fleck, der auf der Schneise stand. -Langsam hob er das Glas; es war ein Stück Wild, das sich dort -äste; ein zweites und ein drittes trat dazu. Er nickte vor sich hin: -Jawohl, so mußte es werden; er wollte sich mit Grete gut stellen, -denn er liebte sie. Wenn er sie zuweilen zu hassen glaubte, so kam -das daher, daß er ihr seine eigene Dummheit nachtrug.</p> - -<p>Er fuhr zusammen; mitten auf der Schneise stand ein Schatten, -höher als die anderen. Das Glas versagte, aber es mußte der -Hirsch sein. Dumpf dröhnte es und die anderen Schatten zogen -in das jenseitige Jagen, von den Geweihstößen ihres Gebieters -getrieben. »Wie viele mag er bei sich haben?« dachte Helmold. -»Sicher zehn bis zwölf. Das ist für ihn der Begriff des Weibes, -wie für mich die Zusammenstellung Greteswaantje; aber Sophiee -und Annemieken und Mariee runden den Vollbegriff Weib erst -ab. Denn ich bin mehr wert als zehntausend andere Männer, -kann deshalb auch mehr Ansprüche machen. Und das werde ich, -so wahr ich Helmold Hagenrieder heiße!«</p> - -<p>Er erhob sich, ging einige hundert Schritte zurück und stellte -sich unter einer Schirmkiefer auf der Haide an. Der Abendstern -stand blank über dem Walde. Er dachte an Swaantje; kühl betrachtete -er sie und lächelte. Sie hatte mit Grete über den Roman -gelacht, dieweil er mit zerrissener Brust am Boden lag; sie empfand -es peinlich, als er mit einem Weidewundschusse im Wundbette -saß. Er lachte tonlos vor sich hin: ›Was denkt er von mir?‹ -hatte sie gefragt. Ach ja, die Dame war stark in ihr. Eine kalte -Wut schüttelte ihn. »Wenn sie jetzt hier wäre, würde ich ihr zeigen, -daß ich ein Mann bin. Komm! würde ich sagen und sie würde -kommen.«</p> - -<p>Kühl strich der Abendwind über die Haide und ruschelte in den -gelben Moorhalmen. Helmold fröstelte es. Er knirschte mit den<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -Zähnen; er dachte daran, wie erbärmlich er sich angestellt hatte, -als er in der Werkstatt um einen Kuß bettelte. »Hätte ich zugepackt, -stände ich anders vor ihr da. Jetzt bemitleidet sie mich. -Pfui Teufel! Und sie? Auch an ihr habe ich gesündigt, schwer -gesündigt. Ich habe ihr vorenthalten, was ihr zukam; krank und -elend habe ich sie gemacht, ebenso wie mich. Gedichtchen habe ich -ihr geboten statt Küsse, Seufzer anstatt Liebkosungen. Schöner -Held, der ich bin mit meiner schlappen Rücksichtnahme auf ihre -Seele, auf Grete, auf die Verwandtschaft, die Gesellschaft, meine -Stellung und ähnliche Albernheiten!« Höhnisch lachte die Scham -ihn an. Er dachte an den Mühlenkrug, an Janna und Manna, -an sein Lautenspiel und an die Lieder, die er den Mädchen sang. -»Pfui, pfui; wie ein Schuljunge benahm ich mich!«</p> - -<p>Der Hirsch im Kienmoore schrie; er schrie sich bis in die Bleeken -hinein. Der Schadhirsch antwortete und zog ihm näher. Helmold -lauschte; blanke Freude lachte ihm aus den Augen. Die Hirsche -standen sich gegenüber, der eine schrie dem anderen in das Gesicht. -»Wundervoll,« dachte er, und ihm war, als wenn der eine feuerrot, -der andere blutrot schriee. »Ein Leben von rot auf Rot; -rote Liebe auf rotem Mord; das ist Leben!« Er dachte an einen -Mann, der ihm einst mitten in sein Leben hineingegriffen hatte. -An einem klaren Wintermorgen standen sie sich im weißen Walde -gegenüber. Wie blödsinnig das war: die Zilinder, die Pelze, die -Gummischuhe, die rotbraunen Handschuhe, und darin die Pistolen, -und vor allem: die glattrasierten, höflichen Gesichter der Zeugen -und die verbindlichen Manieren des Unparteiischen! Sein Gegner -ebenso, und er selber nicht anders. Und dabei: zehn Schritt -Barriere mit Vorgehen und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit. -Er lächelte, denn er dachte daran, wie ihm sein Gegner den -hohen Hut vom Kopfe schoß und in demselben Augenblicke mit -einem schweren Schulterschusse umfiel. Hier der Seidenhut mit<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -dem weißen Atlasfutter im Schnee, da der Arzt bei dem Verwundeten, -alle Wipfel voll von Goldhähnchengezirpe, die Luft -erfüllt von den Locktönen der Kreuzschnäbel, und der von himmelblauen -Schatten gestreifte Schnee, von der Sonne mit Demanten -besät, und mitten darin ein großer herzförmiger roter Fleck und -ein kleiner, der wie ein Kreuz aussah, und von dem lauter rote -Kleckse bis zu der Stelle führten, wo der Arzt arbeitete; eine -schöne Erinnerung!</p> - -<p>»O, ich habe auch solche,« dachte er, als er, die Hunde hinter -sich, über die Haide ging; »und sogar eine ganze Menge.« Vor -seinen Augen stand ein Tanzboden, niedrig und ganz mit Tabaksrauch -gefüllt, und durch das Fenster flog, das Fensterkreuz und -alle Scheiben mitnehmend, ein Gefreiter von den Oldenburger -Dragonern, und der ihn so auf den Schwung gebracht hatte, -das war der Einjährigfreiwillige Hagenrieder gewesen. Seine gewilderten -Rehböcke fielen ihm ein und der Hirsch, den er auf -einem Birkenbaume dreihundert Gänge weit über die Grenze geschleift -hatte, und Tiedo Tiedsen, sein Konpennäler, der auszog, -um den Buren gegen die Khakis zu helfen, und der das redlich -besorgte, bis eine Kugel sein heißes Herz zur Ruhe brachte. Eine -unbändige Lust packte ihn, die ganze Zivilisation auszuziehen und -irgendwohin zu gehen, wo Kraft vor Recht geht und nur der -Mann gilt, der am schnellsten im Anschlage ist. Aber dann dachte -er: »Verpfuscht, zu spät!« Die drei wilden Blumen, die er die -letzten Tage über am Wege gepflückt hatte, kamen ihm wertlos -vor; er schlug einen Bogen, um nicht an Ahlmanns Hause vorbeizukommen, -von dem ein kleines Licht herüberschimmerte, und -er setzte sich im Krug in das Gastzimmer und nicht in die kleine -Stube, wo er mit der Wirtin allein sein mußte.</p> - -<p>Es kamen nun einige regnerische Tage und die Hirsche schrieen -nicht. Vergebens umschlich er das Schandenholz und pürschte<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -im Kienmoore; es blieb alles stumm. Jede Nacht trat der Schadhirsch -aus, wie die Fährten auf der Haide wiesen, zog jedoch vor -Tau und Tag wieder in die sichere Dickung. Am Sonnabend -aber drehte sich der Wind und wurde hart und kalt, und sofort -orgelten überall die Hirsche.</p> - -<p>Es war noch schwarze Nacht, als Helmold zu Holze zog, Gift -am Schweißriemen. Unter dem Winde wartete er auf der Haide -den Tag ab, in seinen Mantel gewickelt. Der Himmel war ganz -hoch und sternenklar, und das Haidkraut starrte von Reif. Der -Schadhirsch schrie zwischen den Krüppelkiefern in den Bleeken und -zog dem Hirsche vom Kienmoore entgegen. Helmold hörte, wie -die Geweihe aneinanderprasselten, und das Keuchen der beiden -Kämpen war deutlich zu vernehmen. Ein heller Wind bewegte -die Kronen der Kiefern und flüsterte in dem Haidkraute; im -Osten zerriß die Nacht über dem Walde; Wanderdrosseln pfiffen, -und im Moore weckten sich die Kraniche auf. Die Sterne gingen -langsam nach Hause, und aus den unheimlichen Gespenstern -wurden harmlose Wachholderbüsche.</p> - -<p>Der zweite Hirsch schrie schon wieder im Kienmoore. Helmold -merkte sich ganz genau seine Stimme, während er langsam und -bedächtig Brot und Speck aß. Als er damit fertig war, prüfte -er mit nassem Finger die Windrichtung, nahm einen kleinen -Schluck Kognak, zog den Mantel aus, legte den Rucksack ab, -steckte den Hirschruf in die rechte Joppentasche, legte den Hund -ab und deckte ihn mit dem Mantel zu, und sobald er Korn und -Kimme zusammenbringen konnte, pürschte er sich an das Holz -heran.</p> - -<p>Der Wind wurde noch schärfer; Helmold knöpfte die Joppe -fest zu und zog den Gürtel enger. An der Ostseite bohrte der -Morgen ein Loch in die Dämmerung und sah dadurch über die -Haide. Der Hirsch im Kienmoore schrie noch einmal und verschwieg<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -dann. Helmold trat an den Rand des Hauptgestelles, -prüfte den Wind und lauschte. Endlich hörte er es einmal linkerhand -brechen; der Platzhirsch hatte seinen alten Stand eingenommen. -Er hörte ihn ab und zu knören und vernahm, wie ein -Kälbertier mahnte.</p> - -<p>Es war mittlerweile ganz hell geworden; die Meisen wachten -auf, die Goldhähnchen piepten in den Zweigen, eine Krähe zerkrächzte -die Stille. Helmold sah sich um; ein Mutterreh mit zwei -Kitzen zog über das Gestell, dicht an dem Hasen vorbei, der still -wie ein Baumstumpf da saß und nur die Löffel aufrichtete, als -Helmold in den Bestand trat. Da sah es wild und wüst aus; der -Sturm hatte vor Jahren einen Teil der untergebauten Fichten -umgeschmissen, und den Rest hatte die Nonne umgebracht. Die -von allerlei Gestrüpp bewachsenen Wurfböden erhoben sich überall, -zwischen ihnen lagen kreuz und quer die hohen Stangen, von -oben bis unten mit silbergrauen Flechten bezogen.</p> - -<p>Behutsam das Geknick meidend schob er sich von Stamm zu -Stamm, die Büchse schußfertig in den Händen, mit den Augen -das silbergraue Gewirr zerpflückend. Nichts entging ihm, weder -die Fährte am Boden, noch der Dompfaff in dem Ebereschenbusch, -nicht der Fliegenpilz unter der Birke, nicht die zerfetzte -Rinde an den Malbäumen.</p> - -<p>Eine Stunde war vergangen, da hatte er erst zweihundert -Schritte hinter sich, denn nach jedem Tritte machte er Halt und -lauschte mit offenem Munde oder prüfte den Wind. Da hörte -er den Hirsch knören. Langsam schob er sich hinter einen Wurfboden, -langte die Muschel aus der Tasche und quetschte einen -neidischen Ruf heraus; von drüben kam eine mürrische Antwort. -Er ging, den Schritt eines Hirsches nachahmend, rücksichtslos -durch das Fallholz, sich immer in Deckung haltend und ab und -zu einen Schrei aus der Muschel herausholend; der Schadhirsch<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -antwortete schon ärgerlicher. Helmold machte das Mahnen eines -Tieres nach und ließ einen herausfordernden Ruf hinterher folgen; -gereizt erwiderte ihn der Mordhirsch und zog näher. Hinter einem -Wurfboden trat Helmold laut hin und her, daß der anmoorige -Boden quatschte und das Fallholz brach, und während ihn der -Frost schüttelte, vernahm er, wie sein Hirsch immer näher kam. -Er setzte die Muschel an den Mund und schrie ihm eine grobe -Redensart entgegen, und abermals eine, die noch viel frecher war, -und eine dritte, mehr als gemein. Der Hirsch meldete nicht; es -schien, als ob er starr wäre über die bodenlose Unverschämtheit -des Nebenbuhlers. Helmold ließ den Hirschruf in die Tasche -gleiten und machte scharf.</p> - -<p>Vor ihm war alles still, dann mahnte ein Schmaltier und darauf -brach es laut; vor ihm stand der Hirsch auf dreißig Gänge und schrie -aus vollem Halse. Helmold sah nichts, als vier lange blanke Enden, -ein graues Gesicht mit tief liegenden Lichtern und einen Strom -weißen Dampfes. Die volle Brunftwitterung stank ihm in Nase -und Mund hinein. Der Hirsch schrie noch einmal mit ganzer Kraft -und wendete sich. Sowie er das Blatt freigab, hielt Helmold darauf -und riß Funken. Er hörte Kugelschlag und sah durch das Feuer, -daß der Hirsch stark zeichnete. Prasselnd fuhr er ab, daß das graue -Geäst weit umherflog. Hinter ihm her polterte das Kahlwild.</p> - -<p>Helmold blieb eine Weile stehen, wischte sich den Schweiß von -der Stirne, trank einen Schluck Tee, steckte sich eine Zigarre an -und ging auf den Anschuß. Er brauchte nicht lange zu suchen; er -fand Schweiß und Schnitthaar. »Tiefblatt«, murmelte er, als -er die Schweißspritzer betrachtete und von einem Farnwedel einige -Haare ablas. Er verbrach den Anschuß und ging dahin, wo er -den Hund abgelegt hatte. Dort überlegte er; bis zu der Wirtschaft, -das war reichlich weit. Da fiel ihm Annemieken ein, und -er ging nach dem Osterhohl.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span></p> - -<p>Als er in das Haus trat, begrüßte ihn die alte Frau freudestrahlend. -Dann trippelte sie nach der Halbetüre und rief mit -ihrer brüchigen Stimme: »Annemieken, Mädchen, komm hille!« -Das Mädchen kam herein; es hatte bloße Arme und vor dem -Leibe einen alten Sack als Schürze. »Kann ich bei euch einen -Teller Suppe haben?« fragte Helmold. Sie lachte glücklich; -aber dann bekam sie einen roten Kopf und sagte: »Wir haben -aber bloß Bohnensuppe und alten Speck.« Er lachte: »Das ist -grade das Richtige; ich habe einen Hirsch geschossen und will ihn -nachher nachsuchen, und bis zum Kruge ist es mir zu weit.« Er -ließ sich in den Spinnstuhl fallen und sah den Funken zu, die um -den Kesselhaken spielten. Als die alte Frau hinausgegangen war, -sagte das Mädchen: »Ich dachte, du würdest gestern abend hier -noch einmal vorbeikommen.« Er antwortete: »Ich war sehr -müde und hatte meine böse Stunde.« Das Mädchen sah ihn -groß an: »So ein feiner Herr? Ich dachte, der hätte nicht Kummer, -noch Sorgen. Denn ist es wohl um ein Mädchen? Aber -darüber mußt du dir keinen Kummer machen; wenn man nicht -hat, was man lieben will, denn so liebt man, was man hat.« -Er lachte: »Woher hast du denn diese Weisheit?« Sie bekam -dunkele Augen: »Ich war eine Zeit in der Stadt.«</p> - -<p>Sie ging zu dem Kessel, rührte das Schweinefutter um und sah -in dem kleinen Topf nach, ob das Essen bald fertig war. Dann -ging sie in den Garten und kam mit einem Blumenstrauß zurück, -den sie auf den Tisch stellte, über den sie ein weißes Tuch gelegt -hatte, machte sich vor dem halbblinden Spiegel das Haar, band -die Sackleinwandschürze ab, ließ ihren Rock herunter, wusch sich -die Hände und band eine reine Schürze vor. Die Großmutter -brachte die Suppe, Helmold holte, was er an Wurst und Schinken -im Rucksacke hatte, heraus und legte es auf den Tisch, desgleichen -eine Tafel Schokolade und stellte die Kognakflasche dazu, aus<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -der die alte Frau ein Schlückchen bekam. Es wurde ein sehr gemütliches -Essen, und die Großmutter gnickerte in einem fort über -den lustigen Jägersmann, der so schöne schlechte Witze erzählen -konnte. Nach dem Essen aber nickte sie sofort im Spinnstuhle ein -und Helmold gähnte auch. »Kannst in meinem Bette schlafen -gehen, Junge,« sagte Annemieken. »Und du mein Schatz, bleibst -hier?« sang er. Sie schüttelte den Kopf und ließ sich mitnehmen.</p> - -<p>Um zwei Uhr wachte er auf und hörte die Großmutter im Flett -umhertrippeln. Annemieken stand vor dem Spiegel und kämmte -sich. Er wunderte sich, daß ihr Spiegelbild ganz anders aussah, -als ihr Gesicht, bis ihm einfiel, daß Spiegel lügen. »Alle Reproduktion -ist Schwindel,« dachte er. Die Großmutter klopfte an: -»Der Kaffee ist fertig,« rief sie, und als er auf die Diele kam, -tat sie, als ob sie von nichts wüßte.</p> - -<p>»So, Gift, nun ist es aber Zeit, daß wir uns auf die Strümpfe -machen,« sagte Helmold, als er gegessen und getrunken hatte. -Als er den Anberg hinaufging, flötete er vor sich hin und dachte -dabei: »So, das war ein Tag, rot in Rot; den nimmt mir keiner -mehr weg!« Lustig pfeifend schritt er über die Osterhaide. Auf -der Blöße äste sich vertraut ein guter Bock; er ließ ihn leben. -»Annemiekens wegen,« dachte er, denn sie hatte ihm erzählt, daß -sie sich jeden Morgen über den Bock freute.</p> - -<p>Vor dem Holze nahm er den Schweißriemen ab, dockte ihn -halb auf, und als er bei dem Anschusse war, legte er den Hund -zur Fährte. »Such verwund't, mein Hund,« rief er ihm zu; -»weis' verwund't, mein Hund!« Der Teckel stieß einen dünnen -Laut aus und tupfte mit der rotbraunen Nase auf einen Schweißspritzer. -Dann legte er sich so stürmisch in den Riemen, daß sein -Herr gänzlich aufdocken mußte.</p> - -<p>Es war eine wilde Nachsuche, denn der Hund schliefte fortwährend -unter den gefallenen Fichten durch, so daß Helmold alle<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -Augenblicke den Riemen fahren und über die toten Stangen hinwegsetzen -und den Riemen wieder festtreten und greifen mußte. -Nach fünfhundert Gängen wies der Hund das erste Wundbett -vor. Das zweite kam, ein drittes in einem Tümpel und ein viertes; -aber da brach es in der Dickung, der Hund riß Helmold den -Riemen aus der Hand und hetzte mit hellem Halse weiter. Sein -Herr blieb stehen und atmete tief, auf den Ball des Teckels horchend. -Seine Augen strahlten: »Wundervoll, ganz wundervoll!« -dachte er, wischte sich Stirn und Hals ab, nahm einen Schluck -aus der Kognakflasche und setzte sich auf einen Wurfboden, bis -sein Herz sich beruhigt hatte.</p> - -<p>Dann horchte er auf; der helle Hatzlaut des Hundes brach mit -einem Male ab und vertiefte sich zu dumpfem Standlaut. Helmold -lachte: »Hat ihn schon!« Er nahm die Büchse vom Rücken -und ging schnell aber vorsichtig dem Halse des Hundes nach, der -aus dem Nachbarjagen herüberläutete. Er trat über das Gestell -und drängte sich durch die Fichtenleichen, ab und zu springend, -wenn die grauen Stangen zu hoch lagen, oder sich zwischen zwei -Wurfböden durchwindend. Je näher der Standlaut klang, um -so behutsamer schlich er, und dann blieb er auf einmal stehen -und riß sein Gesicht zu einem breiten Lachen auseinander, denn -mitten in einem quelligen Ellernsumpfe stand der Hirsch bis an -den Leib in der Modder und versuchte, den Hund zu forkeln, der -vor ihm auf einem zwei Fuß hohen Kissen von Silbermoos vorstand -und ihn mit heiserem Halse verbellte, ab und zu den Versuch -machend, ihn niederzuziehen, aber gewandt zurückzuckend, -sobald der Hirsch das Haupt senkte.</p> - -<p>»Prachtvoll, ganz prachtvoll,« dachte der Maler, legte den -Rucksack ab, langte vorsichtig das Skizzenbuch heraus und hielt -mit dem Stifte Hund, Hirsch und Landschaft fest; dann stach er -die Büchse, zielte auf den Halsansatz, und so wie es knallte,<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -prasselte und quatschte es, der Hirsch war verschwunden, und -mit giftigem Laute sprang der Teckel zu. »Tot, tot!« rief Helmold -ihm zu, liebelte ihn ab, brach sich einen Bruch, zog ihn über -den Einschuß und steckte ihn an den Hut; dann setzte er das Horn -an die Lippen und prahlerisch klang es über Wald und Haide: -»Hirsch tot, Hirsch tot, Hirsch tot!«</p> - -<p>Er hob das Geweih aus dem Schlamm. »Donnerhagel!« sagte -er, als er es sich ansah, »Donnerhagel noch einmal, das ist mein -bester Hirsch!« Er zog das Waidmesser und brach mit zwei -Griffen die Kusen heraus. »Nummer eins,« lachte er, als er sie -in die Hosentasche steckte. Aber dann strich er sich über die Stirn, -als ob er da Herbstseide gefühlt hätte; er dachte an die silberne -Spange mit den Hirschhaken, die er Swaantje verehrt hatte. -Mit Mühe brachte er den Hirsch auf die Decke, brach ihn auf, -machte den Hund genossen, schärfte die Mürbebraten heraus und -die Zunge und tat sie in den Rucksack, während er das große Gescheide -verscharrte und das Kleine zum Ausschweißen an einen -Ast hängte. Dann zog er säuberlich das lange Gehääre aus der -Brunftmähne, wickelte es in ein Stück Papier, legte es in das -Skizzenbuch, wusch sich die Hände und machte das Messer sauber, -trank den Rest seines Tees aus, steckte sich eine Zigarre an, dockte -den Schweißriemen auf und ging dem Gestelle zu, wo er sich der -Länge lang an einen Jagenhaufen lehnte, gegen den Himmel -sah und rauchte, während Gift in seinem linken Arme lag und -schlief.</p> - -<p>Nach einer Viertelstunde knallte Peitschenschlag; der Wagen -hielt vor dem Gestell. Helmold sprang auf und winkte den Wagen -heran; der Prinz lenkte, und hintenauf saß der Jagdhüter und -der Kutscher. »Waidmannsheil!« rief der Prinz, »ist es der -Mörder?« Der Maler lachte: »Jawollja, ein Haupthirsch; herzlichschönen -Dank auch! Es ist mein bester Hirsch bis heute, obzwar<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -er man vier Enden hat. Aber solche!« Er reckte den Arm -und zeigte mit der Hand erst auf den Ellenbogen, dann auf den -Schulteransatz. »Klobige Stangen, und Enden so weiß wie ein -Jungfernbein.«</p> - -<p>Der Prinz sprang ab und folgte seinem Freunde, der ihn zu -dem Hirsche führte. »Auf den Ruf?« fragte er. Helmold nickte -und erzählte, wie er es angefangen hatte. Etwas wie Neid kroch -um den Mund des anderen, als er das Geweih sah, doch dann -sagte er: »Na, den wollen wir heute abend im Jagdhause ordentlich -tottrinken.« Der Maler schüttelte den Kopf: »Nee, im Blauen -Himmel, da ist heute Erntebier!« Der Prinz faltete seine Stirne -zusammen, aber dann meinte er: »Ich danke, bleibe lieber im -Jagdhause. Willst da wohl Studien machen, Helmold?« Der -lachte: »I wo, denke nicht daran; tanzen will ich, daß die Haide -wackelt; mir läuft jetzt schon das Wasser in den Tanzbeinen zusammen.«</p> - -<p>Der Jagdhüter und der Kutscher schleiften den Hirsch dem Gestelle -zu. »Guter Schuß,« meinte der Prinz; »Blatt rein, Blatt -raus.« Er sah sich das Herz an, dessen Spitze durchschossen war. -»Unglaublich, daß der Hirsch damit so weit geflohen ist! Man -sollte meinen, mit einem solchen Schusse müßte er im Feuer bleiben. -Und der Gift, das ist ja ein Haupthund! Komm her, Kerlchen, -hast brave Arbeit gemacht!« Aber der Teckel wich ihm aus.</p> - -<p>Helmold hielt das Herz des Hirsches in der Hand und ihm war, -als wäre es sein eigenes. Auch er hatte einen tödlichen Blattschuß -bekommen und lebte noch, floh durch Dorn und Dickung, schleppte -sich von einem Wundbette zum andern, und war doch verloren, -denn hinter ihm her hetzte mit hellem Halse das Gedenken an die -Eine. Mit einem Schlage sah er ein, daß seine Wunde nie verheilen -würde, und wenn er sie noch so oft kühlen würde in allen -Marieen und Sophieen, die er auf seiner Todesflucht antraf,<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -denn immer kläffte die Erinnerung in seiner Rotfährte, und einmal -würde sie ihn doch zu Stande hetzen und niederziehen. »Und -wenn schon,« dachte er, und sah mit frechem Blicke hinter sich, -als stände der eiserne Ritter da, »und wenn schon! Vorgestern -die Mariee, gestern die Sophiee, heute Annemieken, und morgen,« -er stockte, aber dann sprang er über den Graben, »und morgen -Grete und übermorgen Swaantje. Blut um Blut; denn umsonst -will ich nicht gestorben sein!«</p> - -<p>Sie brachten den Hirsch nach dem Jagdhause, wo der Prinz -zurückblieb, während der Maler mit dem Kutscher und dem Jagdaufseher -nach Stillenliebe fuhr. Helmold freute sich über den -prachtvollen Nacken des Jagdhüters, über den festen Schnitt -seines Gesichtes und den weitausgreifenden Blick seiner ruhigen -blauen Augen. Es war ein Mann der schnellen Tat, der nicht -viele Worte machte und niemals lange fackelte, ganz gleich, ob -es sich um Wild oder Weib handelte, oder um einen Wilddieb. -Früher wurde in der Gegend viel gewildert; seitdem Moormann -da war, hatte das fast ganz aufgehört, besonders seit der Zeit, -daß er Sliekenhinnerk, einen Freischützen von Beruf, der im Verdacht -stand, den Ohlenwohler Hegemeister totgeschossen zu haben, -niedergeknallt hatte. Hagenrieder hatte ihn gefragt, wie ihm dabei -zumute gewesen war, als der Mann tot zu seinen Füßen -lag. »Großartig«, hatte Moormann gesagt und lachend hinzugesetzt: -»Ein Schade, daß er nichts auf dem Kopfe hatte zum -Andiewandhängen; aber ich habe doch wenigstens seine Photographie!«</p> - -<p>Hagenrieder sah ihn sich genauer an. Er war fünfundvierzig -Jahre alt, hatte aber keine einzige Falte in dem braunen, rotbäckigen -Gesichte, und auf seinem Handrücken hatte kein unerfüllter -Wunsch seine Fährte hinterlassen. Er hatte eine hübsche -stramme Frau und einen Haufen Kinder; doch sagte man ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -nach, er ließe auch sonst nichts anbrennen. Die Blicke, die manche -Frauen und Mädchen ihm gaben, waren wie ein verstohlener -Händedruck; aber die von einigen Männern und Jungkerlen -schmeckten nach Messerstichen. Wenn er anlegte, knallte es auch -schon, ob er nun Hagel oder Kugeln nahm. »Wer sich besinnt, der -nicht gewinnt,« sagte er. Er hatte mehrere solcher Sprüche: »Wer -viel denkt, sich viel kränkt,« hatte er einmal zu Hagenrieder gesagt, -und ein anderes Mal meinte er: »Frauenvolk und Nesselkraut, -wer sachte zufaßt, kriegt Blasen auf die Haut.« Dieser -Spruch fiel Helmold nun ein. »Ach ja!« dachte er und kam sich -klein und feige vor.</p> - -<p>Als sie ein Weilchen gefahren waren, kamen sie an einem Trupp -junger Burschen vorbei, die ihnen nachjohlten. »Sind das nicht -Schadhörstener?« fragte der Kutscher. Der Jagdaufseher nickte, -und der andere meinte: »Das ist eine rüdige Bande.« Moormann -zuckte verächtlich die rechte Schulter.</p> - -<p>Helmold hörte kaum darauf, was vor ihm gesprochen wurde; -er mußte wieder an Swaantje denken, an den Tag, als sie krank -im Bette lag und er ihr die Pfirsichspelten zwischen die Lippen -schob. »Nein,« dachte er, »es ist doch ein Unterschied zwischen -diesen Weibsleuten hier und Grete und Swaantje; die einen kann -man ganz hinnehmen und sie bleiben, was sie sind, und bei den -anderen kann ein einziger Kuß die Seele bis auf den Grund aufwühlen.« -Ein Schatten flog über sein Gemüt; er wußte: nie und -nimmer würde er Swaantje so behandeln können, wie Mariee -oder die Krugwirtin, und deshalb würde er sich bis an sein Lebensende -mit dieser tauben Liebe herumschlagen. Dann aber sagte er -sich: »Und wenn Swaantje daran zerbricht, ich will meinen -Willen haben, denn ich bin zu wertvoll, als daß ich an ihr umkommen -darf. Was ist sie denn? Ein schönes Mädchen aus guter -Familie! Es gibt mehr solche; aber Männer wie ich kommen<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -nicht oft vor. Sobald ich nach Swaanhof komme, mache ich -einen Bajonettangriff auf sie. Denn zum Kuckuck noch einmal, -es ist doch alles Unsinn, was ich in sie hineingeheimnist habe, -auch ihre Schriftstellerei. Das war nichts als Widerhall meiner -Seele, und es war schließlich nur ein Geständnis von ihr, eine -feine Art der Hingebung. Sie hat von mir empfangen und brachte -Novellen und Skizzen zur Welt. Aber so sind wir: schafft ein -Mann etwas Mittelmäßiges, so verreißen wir ihn nach allen -Regeln der Kunst; bei einem Weibe finden wir dieselbe Leistung -riesig. Warum? Weil Weiber im Durchschnitt nicht produktiv -sind bei ihrer rein rezeptiven Veranlagung und uns jede -Ausnahme davon als Riesenleistung vorkommt.«</p> - -<p>Eine heiße Blutwelle brandete in seinem Gesichte; er schämte -sich. »Verflucht!« dachte er; »ich machte sie zur mittelmäßigen -Schriftstellerin, und sie rächte sich dadurch, daß sie mich auf Abwege -brachte.« Seine Tendenzbilder fielen ihm ein; alle vier hatte -er übergestrichen. Niemals hatte er früher eigene Verse und Singweisen -bei der Arbeit gehabt; so sehr hatte ihn diese elende Verliebtheit -zerrüttet, daß er alle Klarheit verloren hatte.</p> - -<p>Noch einmal schämte er sich, denn ihm fielen die zugeknöpften -Augen Hennigs ein, mit denen der die Bilder betrachtet hatte. -»Famoser Kerl!« dachte er, und ging in Gedanken alle seine -Bilder aus der letzten Zeit durch. Aber er fand nur noch bei -Swaantjes Bildnis einen Fehler; die Landschaft war zu aufdringlich, -die Haide zu rosenrot, die Wacholder zu botanisch -richtig. Das mußte alles zusammendämmern, ineinanderfließen, -so daß nur das Gesicht allein wirkte. Er wischte in Gedanken -alle Härten aus der Landschaft und arbeitete den Kopf mehr heraus. -Dabei fiel ihm ein, daß er nur die halbe Swaantje gemalt -hatte, die milde, weiche, selbstlose Swaantje mit den zärtlichen -Augen und den liebevollen Lippen; aber sie konnte auch unbarmherzige<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -Augen haben und grausame Lippen. Davon sollte das -Bild auch erzählen, von ihrem zweiten Gesichte; aber nur ganz -verstohlen durfte es aus dem Alltagsgesichte hervordrohen. »Alltagsgesicht, -das ist es,« dachte er; »Maske ist ihre Weichheit, -ihr feuchtschimmernder Blick, ihre hilflose Anschmiegsamkeit, mit -der ihr Gesicht sich Tag für Tag schmückt; dahinter ist Starrheit, -Kälte und Geiz. Ich will das alles in ihr zerbrechen, und -wenn sie dabei zusammenkracht!«</p> - -<p>So dachte er, denn eine freche, schwefelgelb und feuerrot geringelte -Tanzweise schallte vom Kruge herüber. Der Wagen hielt. -Unter der Linde stand Hennig, seine Line neben sich. »Donnerwetter, -Kerl, ist das ein blödsinnig vernünftiger Gedanke von -dir!« rief Helmold, »und fein, daß du deine Lüttje mitgebracht -hast. Tag, schöne junge Frau!« Das Mädchen schlug lachend -ein. »Kinder, kommt mit rauf, ich muß mich erst noch umhosen -und waschen.«</p> - -<p>»Du siehst großartig aus, Helmke,« sagte Hennig, als sie oben -waren, ihn mit zufriedenen Augen ansehend. »Tja,« erwiderte -der andere; »die gute Landluft!« Er schrie die Treppe hinunter: -»Mine, zwei Handtücher!« Das Mädchen kam heraufgestürzt. -Es war ein blasses, dünnes Geschöpf, aber sie sah in dem hellen -Tanzkleide so niedlich aus, daß der Maler sie an das Ohr faßte -und heranzog. »Kiek sieh, aus Kindern werden Leute! Hast'e -schon 'n Bräutigam?« Sie schlug die Augen unter sich. »Na, -dann bring' ihm das mit und sag', ich lasse ihn schön grüßen!« -Er küßte sie, daß ihr die Luft fortblieb. Mit feuerrotem Kopf -schob sie sich aus dem Zimmer. »Na, ihr seid gut!« sagte Line -lachend; »die wievielte ist das denn hier? Aber alles was recht -ist, so seid ihr mir doch lieber, als wie neulich, wo ihr aussahet, -wie eine kranke Katze.«</p> - -<p>Helmold wusch sich im Nebenraum. Er hatte nur die Kniehosen<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -an, als er, das Handtuch in der Hand, hereinschoß. »Du, Hennig, -ach so; na, Line, Sie sind ja schon etwas abgehärtet! Also, warum -hast du neulich nichts gesagt, als ich dir meine Saharabilder -und so weiter zeigte?« Sein Freund schnitt sorgfältig die -Spitze der Zigarre ein. »Muß man denn immer etwas sagen?« -Helmold lachte. »Alter Politikus!« Er ging in das Schlafzimmer -und kam wieder heraus, nun mit einem grün und rot gestreiften -Leinenhemde über dem Oberkörper. Er stellte sich vor den Spiegel, -zog eine Halsbinde durch den Kragen, knöpfte ihn an und band -sich eine unverschämte Schleife. Als er die Hosenträger über den -Kopf schlug, fragte er: »Du, Hennig, ich male nicht mehr mit -Orchesterbegleitung.« Der andere brummte etwas vor sich hin, -und Helmold fuhr fort: »Mir kommt das so vor, als wenn du -mit der einen Hand schreiben würdest, und mit der anderen malst -du.« Hennig sah auf und nickte seinem Freunde in den Spiegel -zu: »Sehr richtig!« Der lachte: »Ja, warum hast du das nicht -eher gesagt, alter Heimtücker!« Der antwortete: »Ein Schwäre -muß von selbst aufgehen!« Helmold platzte los: »Großartig; -meine Lyrik als Abszeß! Aber du hast recht. Und nun höre: geh' -morgen in meine Malstatt, und sieh dir die Saharabilder, Wodes -Zorn und Frigges Feuertod an; ich glaube, jetzt werden dir die -Bilder gefallen.« Er drehte sich um und sah Hennig listiglustig -an. Der machte sein dümmstes Gesicht. »Ich habe nämlich an -allen eine Kleinigkeit geändert; rate mal, was?« Der andere -nahm die Schultern auf und ließ sie wieder fallen. »Malgründe -habe ich daraus gemacht, weggestrichen habe ich sie!« Er lachte -ausgelassen.</p> - -<p>Hennecke sprang mit feuerrotem Gesichte auf: »Mensch,« rief -er, »Helmke!« nahm ihn an den Ohren und küßte ihn, daß es -knallte; »das ist ja großartig!« Er faßte Line an den Arm und -warf sie Helmold an den Hals: »Küsse ihn, Mädchen, küsse ihn,<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -bis er nicht mehr piep sagen kann! Wir haben unsern Helmke -wieder! Er ist gesund! Er wird keine Heulkrämpfe mehr kriegen -und anständige Leute im Ratskeller blamieren.« Er sauste aus -der Türe und kam nach einer Weile mit einer Flasche Sekt und -drei Gläsern zurück: »Kerl, darauf wollen wir aber mit dem -Besten anstoßen, das es in diesem Kretscham gibt! Heil, heil und -zum abermalten Male heil!«</p> - -<p>Er schenkte wieder ein und fröhlich paffend kramte er, Line neben -sich in das Sofa ziehend, aus: »Was haben wir uns für Sorgen -um dich gemacht! Nicht wahr, Linchen?« Das Mädchen nickte und -lächelte ernsthaft. »Eine halbe Nacht heulte sie mir im Bette herum -und wimmerte: ›Was fehlt ihm bloß! was fehlt ihm bloß! wenn wir -ihm doch bloß helfen könnten!‹ Ich habe mich in meinem Leben noch -nicht so erschrocken, als wie du uns sagtest, daß du bei jedem Bild jetzt -ein Lied und eine Melodie hast! Und als ich dann deine gemalten -Leitartikel sah, da war ich ganz zertrümmert; am liebsten hätte -ich dir eins an den Hals gehauen! Kerl, was bin ich froh, daß -du diese schwere Infektion hinter dir hast! Denn ich war tatsächlich -in Sorge um dich. Du kamest so fein in die Höhe, und mit -einem Male fielest du die ganze Treppe wieder hinunter und -fingest an zu malen, als läge dir etwas am schwarzen Adler. -Übrigens: die weiße Haide ist auch fehlerhaft; es ist eine Tautologie.« -Helmold nickte. »Das Dümmste ist schon heraus; das -andere kommt noch. Ja, ich war schön in den Dreck gefallen.« -Er pfiff laut: »Das macht die Liebe ganz allein!« Hennig sah -ihn von der Seite an, lachte dann und sagte: »Auf der großen -Diele sieht es sengerich aus; die Schadhörstener Rauhbeine sind -da; es riecht nach Kloppe!«</p> - -<p>Als sie auf die Diele traten, Line zwischen sich, kam von dem -Ausschanke her ein heiseres Hohnlachen; da standen die Schadhörstener, -prahlten und tranken sich Frechheit an. Helmold ging<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -vorbei, ohne sie anzusehen, und ohne darauf zu achten, daß es -hinter ihm herflog: »Kiek den Stadtjapper! Der hat sich die -Waden ausgestoppt!« Brüllendes Hohnlachen folgte dem Witze. -Die Freunde gingen auf die Stillenlieber Jungens zu; Helmold -sagte ganz laut: »In Schadhorsten haben sie wohl kein Geld -für ein eigenes Erntebier? Und da tanzen sie wohl bloß, wenn -sie eine Handvoll Schrote auf den Hintern kriegen!« Die Stillenlieber -lachten hell auf; die Schadhorstener brummten wie Dächse, -denn zwei von ihnen hatten wegen Wilderns gesessen.</p> - -<p>Den Walzer ließ Helmold vorbeigehen; Hennig und Line tanzten -ihn. Als sie zum vierten Male bei den Schadhörstenern vorbeikamen, -wurde aus ihrer Mitte ein junger Bengel so gegen Line -gestoßen, daß sie stolperte; aber Hennecke hielt sie und trat einem -Schadhörstener mit Absicht so auf die große Zehe, daß der Mensch -die Zigarre aus dem Munde fallen ließ.</p> - -<p>Helmold bestellte bei der Musik die Hamburger Polka; die -Trompeter bliesen sogleich an. Er klatschte in die Hände und -winkte Annemieken heran; mit hochaufgerichtetem Kopfe ging -sie quer über die Diele und stellte sich neben ihn. »Dunnerkiel,« -sagte Hennig zu Line; aber was er sich dachte, sagte er nicht.</p> - -<p>Die Musik legte los; hastig liefen die verrückten Töne hintereinander -her. Helmold und Annemieken tanzten vor, dann kam -Klaus Ruter, der Sohn des Vorstehers, mit seinem Schatz, und -darauf Hennig und Line und dann die anderen Stillenlieber. Die -Schadhörstener machten lange Augen; solch Tanzen hatten sie -noch kein Mal gesehen; aber Helmold hatte vorher eine Runde -Portwein ausgegeben, und der hatte die Knochen geschmiert. Er -tanzte gerade auf die Schadhörstener los, schlug ihnen die Füße -dicht vor den Gesichtern vorbei und sah durch sie durch, als wenn -sie Luft waren. Sie ärgerten sich blau und blaß, trauten sich aber -nicht aus ihrem Winkel heraus, denn die Stillenlieber Jungens<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -hatten keine guten Augen, und der Schadhörstener Hauptschläger -sollte erst noch kommen.</p> - -<p>Mit dumpfem Getrampel und gellendem Aufjuchen brach der -Tanz ab; die Stillenlieber Jungens hatten alle rote Köpfe, und -ihren Mädchen gingen die Schürzenlätze auf und ab. »Kinder!« -schrie Hagenrieder und schlug auf den Tisch, daß die Gläser -Polka tanzten, »ich habe von Morgen den dicken Happbock vom -Schandenholz dode geschossen; darauf will ich einen ausgeben. -Frau Pohlmann, sechs Buddeln Rotkopp und eine Kiste Ziehgarr'n!« -Die Schadhörstener, die sich erst alle umgedreht hatten, -als er so losprahlte, machten schnell wieder kehrt, als der Wein -herbeigeschleppt wurde. Aber dann lachten sie, denn Christel -Remmert, der Sohn ihres Vorstehers und der Hauptschläger -weit und breit, trat ein, gerade als die Stillenlieber mit Hagenrieder -und Hennecke anstießen und lauthals hoch riefen, als -Helmold schrie: »Hoch Stillenliebe und alles, was sich dazu -rechnet, und die Knochen für die Hunde vor der Türe!«</p> - -<p>Christel Remmert ging quer über die Diele, warf der Musik -einen Taler hin und schrie: »Solo für Schadhorsten!« Die Musiker -standen auf und stimmten einen Walzer an. Die Stillenlieber -tranken ihre Gläser aus und stellten sich vor ihre Mädchen. -In der vordersten Reihe standen Hagenrieder, Hennecke und -Ruter, die Hände in den Taschen, die Zigarren in den Mundwinkeln.</p> - -<p>Remmert trat vor sie hin, klatschte in die Hände und winkte -Annemieken, und zwei andere Schadhörstener machten es bei Line -und Ruters Mädchen ebenso, aber die Mädchen lachten sie aus. -Da versuchte Remmert, sich zwischen dem Maler und seinem -Freunde durchzudrängen, erst mit der Schulter, und als das nicht -gehen wollte, indem er sie mit den Händen auseinanderschob. -Aber Helmold stieß ihn vor die Brust, daß er zurücktaumelte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<p>»Teuf, du Aas!« schrie der lange Kerl und sprang auf den -Maler zu; der trat zur Seite und schlug ihm mit einer schnellen -Fußbewegung die Beine unter dem Leibe weg, so daß er schwer -auf die Diele hinstürzte. Auf ihn fiel ein anderer Bengel aus -Schadhorsten, den Hennecke in die Herzgrube geboxt hatte, und -da schrie Klaus Ruter: »Die Fenster auf!«, sprang mitten -zwischen die Fremden, packte den Stärksten von ihnen an Brust -und Hosenlatz, hob ihn auf, warf ihn zwischen die Stühle, daß -es krachte, griff wieder zu, schleppte ihn zum Fenster und warf -ihn in die Mistgrube.</p> - -<p>Die Stillenlieber brüllten vor Vergnügen, und Helmold auch. -Da hörte er hinter sich einen Schrei, und als er sich umdrehte, -sah er Remmerts kreideweißes Gesicht und eine Hand, die ein -Messer hielt. Im nächsten Augenblicke aber war das Gesicht rotgestreift, -und das Messer fiel zu Boden; Annemieken hatte dem -Heimtücker eine Weinflasche so in das Gesicht geschlagen, daß -ihm die Scherben Mund und Nase zerschnitten.</p> - -<p>Im nächsten Augenblicke stand kein Schadhörstener mehr auf -den Beinen. Moormann, der von der Gaststube aus zugesehen -hatte, rief: »Sie gebrauchen das Messer!« Sofort standen die -acht Stillenlieber Bauern den jungen Leuten aus dem Orte bei, -und nun flogen die Fremden kopfoberst, kopfunterst teils aus der -großen Tür, teils aus dem Fenster, und die diesen Weg gehen -mußten, lernten dabei, wie Stalljauche schmeckt. Helmold und -Hennig halfen tüchtig mit, und dabei bekam der erste einen Schlag -mit einem Bierglase auf die Backe, daß er einen fingerlangen -Schnitt davon behielt. Er ließ sich schnell nach Ohlenwohle -fahren, wo der Arzt wohnte, und kam nach anderthalb Stunden -geflickt und vernüchtert wieder, aß wie ein Wolf und tanzte bis -in die zwölfte Stunde. Dann brachte er Annemieken nach Hause -und saß hinterher mit Hennecke und den Bauern noch beim<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -Biere. Frisch und munter wachte er am anderen Morgen um -acht Uhr auf, frühstückte mit Hennig und Line und fuhr sie zur -Haltestelle.</p> - -<p>Auf dem Rückwege fiel ihm ein, daß er seit dem vorigen Nachmittage -noch nicht an Swaantje gedacht hatte, und nun er das -tat, schien sie ihm nur noch ein Schatten zu sein. Als er nach dem -Mittagessen auf dem Sofa lag und den Spielfliegen zusah, die -unter den Deckenbalken tanzten, überlegte er sich seine Lage in -aller Ruhe. »Sieben Jahre lang hat mir diese Liebe in den -Knochen gesteckt; ein Jahr lang war sie akut. Das genügt mir; -jetzt ist Schluß«, sann er. »Ein Loch behalte ich immer davon, -das weiß ich; ungeküßte Küsse und ungeschlagene Schläge, das -ist das bitterste Weh. Aber schließlich vernarbt alles und schmerzt -nur noch ab und zu bei Wetterwechsel.« Er dachte geflissentlich -an das Mädchen; aber seine Gedanken waren nicht hell und zart -wie das Laub der Maibuchen, und nicht welk und mürbe, wie -Fallaub, sie waren hart und fest, wie das Buchenblatt, das sich -schon gewendet hat.</p> - -<p>»Im Grunde hat mir die Sache nur genützt,« überlegte er; -»bisher war ich ein Junge, ein Kind; jetzt habe ich mich entweiblicht -und vermännlicht. Ich will jetzt nur noch tun, was ich -will, und mich unter keinen fremden Willen mehr ducken. Ich -werde küssen, was mir gefällt, und zu Boden schlagen, was mir -vor die Pferde kommt.«</p> - -<p>Es klopfte leise an die Tür. Er rief: »Herein, wenn es kein -Geldbriefträger ist!« Die Wirtin kam mit dem Kaffee. Sie hatte -den ganzen Tag mit ihm gemuckt, Annemiekens wegen, und als -er sie vorhin in der kleinen Stube umfassen wollte, hatte sie sich -ihm schweigend entzogen. Jetzt stellte sie ihm ihr feinstes Geschirr -auf den Tisch und einen bunten Strauß dazu, und als er sich in -der Sofaecke reckte und unter herrischem Augenaufschlage fragte:<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -»Ist das alles?« da warf sie sich in seine Arme und küßte ihn, -wie sie ihn noch nie geküßt hatte.</p> - -<p>»So werde ich das fortan immer machen,« beschloß er, als sie -ihn verlassen hatte und er seine Zigarre rauchte; »den Hirschen -und den Männern werde ich höflich entgegengehen und die -Frauenzimmer auf mich zukommen lassen. Das Hinterherlaufen -hat nun ein Ende. Moormann hat recht.«</p> - -<p>Ruhig und bedächtig machte er sich für die Nachmittagsbrunft -zurecht, nachdem er Grete eine Mohnblumenkarte gemalt und in -den Kasten gesteckt hatte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Wundfaehrte">Die Wundfährte</h2> -</div> - -<p class="noind">Seine Frau freute sich, als er braungebrannt und helläugig zurückkam. -»Aber wie bist zu dem schönen Schmisse gekommen, -Helmold?« fragte sie. »Ja,« sagte er und lachte, »bei der -Schweißarbeit geht es oft nicht gerade säuberlich her, und die drei -Geweihe sind den Krätzer schon wert.« Er schämte sich gar nicht, -daß er um die Wahrheit herumging. Früher hatte er seiner Frau -alles, aber auch alles gesagt und sich in Hemdsärmel und ohne -Kragen vor ihr gezeigt; das sollte nicht wieder vorkommen.</p> - -<p>Nach dem Abendessen sagte er: »Ich muß noch ausgehen; wie -lange ich bleibe, weiß ich nicht.« Seine Frau machte ein etwas -beleidigtes Gesicht: »Gleich den ersten Abend?« Er faßte sie unter -das Kinn und küßte sie: »Jawohl, mein Herze; es geht nicht anders.« -Er ging erst ziellos auf der Hauptstraße hin und her, setzte -sich dann anderthalb Stunden in ein Kaffeehaus, spielte mit -einem ihm unbekannten Herrn Billard und ging gegen zehn Uhr -nach Hause. Grete, die etwas blaß und ermüdet aussah, lachte -vor Glück, als er so früh und mit so fröhlichen Augen zurückkam, -rückte ihm den bequemsten Sessel hin, brachte ihm Wein -und Zigarren und räumte dann auf.</p> - -<p>Er sah ihr nach und freute sich über ihre vornehme Erscheinung, -ihr schönes Haar und ihre frischen Bewegungen. »Sie ist eigentlich -doch die Schönste!« dachte er und machte so verliebte Augen, -daß sie sich auf seinen Schoß setzte. Sie legte ihren Kopf an seine -Schulter und meinte: »Ich danke dir auch sehr für die wunderschöne<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -Karte; es war nur eine in zwei Wochen, aber es ist ja -auch Herbst!«</p> - -<p>Sie besann sich einen Augenblick, unterdes sie ihm bald die -Hände streichelte, bald den Nacken kraulte, und dann sagte sie -mit etwas verlegener Stimme: »Ich habe dir auch etwas zu -schenken: ich bin aus dem Verein ausgetreten. Weißt du, das -ging mir doch zu weit: das ist kein Frauenbildungsverein mehr, -das ist ein Vermännerungsklub. Und dann diese Geschichten, die -da vorgekommen sind! Die überspannte Frau Kelling ist mit -einem Kalifritzen ausgerückt und hat ihren netten Mann und die -reizenden Kinder sitzen lassen, und Frau von Besentzien läßt sich -scheiden. ›Mein Mann ist mir geistig nicht gewachsen,‹ hat die -Gans gesagt. Aber das schlimmste ist die Sache mit Professor -Detten, du weißt doch, der uns immer die glänzenden Vorträge -über Frauenkultur hielt. Jetzt hat er einen Haufen Geld geerbt, -und was tut er? Er heiratet die Köchin seiner Mutter!«</p> - -<p>Helmold lachte, daß ihm die Arme flogen: »Ja, das ist allerdings -eine Gemeinheit sondergleichen, wo er doch in dem Vereine -ein so wohlassortiertes Lager von ge-, ver- und überbildeten Dämlichkeiten -hatte. Aber ich habe es dir ja früher oft gesagt: die radikale -Frauenbewegung hat sehr viel Gutes; sie verekelt allen -ernsthaften Männern die Damen und veranlaßt sie, Mädchen -zu freien, die ihren Männern weiter nichts als Frauen sein wollen -und ihren Kindern Mütter. Übrigens, so sehr ich mich freue, daß -du aus der Blase heraus bist, in die du vernünftige Frau gar -nicht hineinpaßt, meinetwegen hättest du das nicht zu tun -brauchen. So ein bißchen Sport will jeder Mensch neben dem -Alltagsleben haben.«</p> - -<p>Es gingen einige schöne Wochen in das Land; Helmold arbeitete -fleißig, aber ohne Überstürzung. Er malte den Hintergrund -zu Swaantjes Bild um, gab ihrem äußeren Gesichte einen weichen<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -Zug, brachte aber dahinter etwas rätselhaft Hartes an, das niemand -fassen konnte, das aber jeder fühlte, und umgab das Bild -mit einem dunkelgrünen, gleißenden, durch grellrote Perlen gehobenen -Rahmen, der die Wirkung von reich tragenden Stechpalmen -andeutete. Als er sein Malzeichen unter das Bild setzte, -pfiff er das freche Lied von der Lüneburger Haide so laut, daß -Grete angestürzt kam und ihn fragte: »Du pfeifst das üble Lied, -und so denke ich, ich darf mal kommen!« Er nickte und sagte, -auf das Bild weisend: »So! vorher war es wabbliger Kitsch, -jetzt ist es etwas. Nicht wahr, Gretechien?« Sie nickte; frei wurde -es ihr um das Herz. Seine Stimme war ohne Unterklang, seine -Augen sprachen nur von dem Bildnisse und nicht ein bißchen von -dem Mädchen, das es darstellte. Sie hätte aufschreien mögen vor -Glück. Doch der Brief, den sie in der Hand hielt, verbot ihr das.</p> - -<p>»Helmold,« begann sie, und ihre Stimme duckte sich, »hier -lies mal. Swaantje geht es nicht gut. Sie bittet mich, zu kommen, -denn Muhme Gese, schreibt sie, fiele ihr doch etwas auf die -Nerven. Was meinst du, soll ich fahren?« Sie setzte sich auf das -Ruhebett, und er nahm in dem Sessel Platz. Langsam und bedächtig -las er den Brief. Bei jeder Zeile wurde seine Stirne -krauser; aber obwohl er tiefes Mitleid empfand, spöttelte er in -sich doch über die verlogene, oder, wie er sich selber verbesserte, -verbogene Schrift und den gequälten Humor, der den ganzen -Brief durchzog. Er gab den Brief zurück und sagte: »Natürlich -fährst du; sie braucht einen Menschen, den sie wirklich liebt; die -alten Leute bieten ihr so gut wie nichts. Ich glaube, sie ist von -ihnen mit Altersschwäche angesteckt, denn Ohm Ollig und Tante -Gese sind, meine ich, schon mit Arterienverkalkung und Hämorrhoiden -auf die Welt gekommen, in geistiger Beziehung wenigstens -sicher. Fahre sofort und muntere sie auf. Übrigens Thorbergs -fahren erst nach Neujahr; sein Prokurist ist krank, schreibt er mir,<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -und es ist jetzt zu viel zu tun. Schade! Was Swaantje fehlt, ist -frische Luft und neue Menschen.«</p> - -<p>Seine Frau hatte ihn aufmerksam angesehen, solange er -sprach. War das derselbe Mann, der jüngst noch fast einen Tobsuchtsanfall -bekommen hatte, als sie sich zwischen ihn und das -Mädchen stellte? Ein sonderbares Angstgefühl hielt ihr den Atem -fest. Sie betrachtete ihn, während er Swaantjes Bild an den -ersten besten Nagel hängte, ganz aufmerksam. Es war ihr Helmcke, -aber er war es doch nicht; es lag eine Ruhe und eine Gelassenheit -in seinem Gesichte, die sie erschreckte. Der dummejungenhafte -Zug, der ihre Lust und ihr Leid gewesen war, fehlte gänzlich. -Schon die Art und Weise, wie er schritt, befremdete sie, und als -er ganz behutsam die Zigarre einschnitt, langsam das Streichholz -entzündete, mit großer Aufmerksamkeit die Zigarre ansteckte, das -Zündholz ausblies und in den Dreifuß fallen ließ, kam er ihr -wie ein ganz anderer Mensch vor, wie ein Mann, der weit von -ihr gerückt war und hoch über ihr stand. Wenn er früher eine -Zigarre ansteckte, ging das immer hopphopp. Und wie er rauchte! -wie ein alter Geheimrat. Und alt war er geworden; es war nicht -das graue Haar über den Ohren, es waren nicht die scharfen -Falten hinter dem Munde, und es war auch nicht ein Altern, -sondern eine Ausgereiftheit. Niemals mehr würde er poltern, das -sah sie, nie wieder grob werden, aber sich auch niemals wieder -wie ein Kind an sie schmiegen.</p> - -<p>Die Angst drückte ihr die eiskalte Hand auf die Stirne. Sie -stand auf, legte ihrem Manne die Arme um den Hals und flüsterte: -»Helmold, fahre du hin!« Er machte eine abwehrende -Bewegung. »Höre zu!« fuhr sie fort, »während du in Stillenliebe -warest, habe ich über die ganze Sache sehr viel nachgedacht. Du -hast ganz recht gehabt; erst habe ich dich zu Swaantje hingestoßen, -und dann riß ich dich zurück. Das war schlecht von mir, und<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -dumm. Aber du verstehst?« sie lehnte sich an ihn, »ich hatte solche -Angst, daß sie dir mehr würde als ich, und wenn ich dich ihr -auch sonst gern gegönnt hätte, und sie dir, Zweitfrau wollte ich -doch nicht sein. Aber jetzt,« sie stockte und sprach heiser weiter, -ohne ihn anzusehen, »jetzt weiß ich, daß du mir doch ganz und -immer gehörst, auch wenn, wenn,« sie atmete erleichtert auf und -hob ihr Gesicht zu ihm empor, und ihre Augen waren mit Tränen -gefüllt, »wenn sie ganz dein geworden ist. Und deshalb, -liebster Mann, fahre hin und denke, daß ich nicht deine Frau, -deine Liebste bin, sondern dein bester Freund, der dir alles -gerne gönnt, was dein Herz fröhlich macht. Denn ich habe dich -lieb. Und Swaantje auch.«</p> - -<p>Helmold fühlte, daß ihm die Augen feucht wurden, aber er -jagte die Tränen dahin, wo sie hingehörten. Er küßte seine Frau -auf die Stirne, nahm sie um den Leib und zog sie, sich in den -Sessel gleiten lassend, auf seinen Schoß. »Sieh mal, Grete,« begann -er mit etwas rauher Stimme, »hättest du eher so gesprochen, -so hättest du mir viele bittere Wochen erspart, und dir auch. -Aber alles auf der Welt hat seine Zeit. Zudem war ich damals -so krank, daß du gar nicht wissen konntest, ob das, was ich wollte, -einem zwingenden Grunde oder einer Einbildung entsprang. -Wir wollen von dieser Sache nie wieder sprechen, denn ich glaube, -ich bin darüber hinaus. Jedenfalls bin ich dir herzlich dankbar -für deine gütigen Worte, und rechne dir die Selbstüberwindung, -die sie dich auf jeden Fall kosteten, sehr hoch an. Was nun -die praktische Seite deines Vorschlages anbetrifft, so kommt hier -lediglich Swaantje in Frage, und Swaantje braucht, so scheint -es mir, jetzt mehr eine Schwester denn einen Bruder. Grüße sie -herzlich von mir, und sage ihr, sie solle sich zusammenreißen und -sich mit Italien und Spanien im voraus trösten, und schustere -Tante Gesina einmal gehörig zurecht, das heißt, in Güte, denn<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -Grobheiten habe ich ihr damals so viele gesagt, daß ihr Bedarf -vorläufig gedeckt sein wird.«</p> - -<p>Sie sah ihn ungläubig an. »Übrigens,« fuhr er fort, »mache -nicht solch ein Passionsgesicht! So schlimm wird es mit ihr nicht -stehen; Neuralgiker sind zähe, das sieht man an Bismarck. Der -Tausend, du siehst ja wie Buttermilch aus! Lege dich einen Augenblick -hin!« Er führte sie nach dem Ruhebette, deckte sie zu und streichelte -ihr so lange die Stirne, bis sie einzuschlafen schien.</p> - -<p>Aber sie schlief nicht, sie dämmerte nur. Gespenstige Vorstellungen -wisperten ihr seltsame Worte zu. »Wenn er sie nicht mehr -liebt, liebt er dich auch nicht mehr,« flüsterten sie; »du bist rot -und warm, sie ist grün und kühl; ihr seid ihm Komplemente, bildet -eine Einheit in seinen Augen. Fühlst du nicht, daß er nur noch -mit den Lippen küßt und nicht mehr mit der Seele? Daß bloß -seine Hände dich streicheln, aber daß seine Gedanken nicht auf -deiner Stirn sind? Daß nur seine Sinne noch leben, sein Herz -aber, das ist tot?«</p> - -<p>Sie fuhr in die Höhe, seufzte gequält und sah verängstet um -sich. Ihr Mann streichelte ihr die Backen; sie blickte ihn verzweifelt -an: »Helmold,« schluchzte sie, »ich habe so schrecklich geträumt! -Ich möchte am liebsten nicht fahren. Ich habe solche -Angst, ich glaube du, daß du, du liebst Swaantje nicht mehr -und mich auch nicht mehr. Wir haben dir das Herz zertreten. Du -bist so ganz anders geworden, du bist mir so fremd, daß ich dich -nicht ansehen kann, wie man seinen Mann ansehen soll. Du -kommst mir so vor, wie damals, als du auf einmal ohne Bart -nach Hause kamest. Helmold,« stöhnte sie und faßte seinen Kopf mit -beiden Händen, »ist das wahr? Ich habe jetzt immer so viel Angst. -Fühle, wie mein Herz klopft. Komm mit, du und ich und Swaantje, -wir drei wollen uns so lieb haben, wie noch niemals Menschen sich -lieb hatten.« Sie schluchzte fassungslos in das Kissen hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p> - -<p>»Gretechien, mein dummes Gretechien,« scherzte er und liebkoste -sie; »du siehst Gespensterchien! oder willst du dich rächen? denn -genau solchen Unsinn habe ich damals auch von dir gedacht. -Glaubst du, solche rosenroten Stunden, wie wir sie erlebten, -könnten verblassen und verwelken? Waren diese Wochen nicht ganz -so, wie vor acht Jahren, als wir Tag für Tag zu Frigge beteten -und sie lobten, wie sie gelobt werden will? Gewiß bin ich anders -geworden, aber auch ohne das, was sich die letzte Zeit begab, -wäre ich mehr Mann geworden, denn allzulange bin ich Junge -gewesen. Und bist du nicht auch in den beiden letzten Wochen -eine andere geworden? Glaubst du, daß du noch einmal wieder -zu mir so ein hartes Gesicht machen kannst, wenn ich ein bißchen -ungezogen bin?« Sie lächelte unter Tränen und schüttelte -den Kopf und zog ihn fest an ihre Brust, hungrig seine Lippen -suchend.</p> - -<p>Am Nachmittage brachte Helmold sie, Swaan und Sweenechien -samt der Kindermagd zur Bahn, denn er hatte bestimmt, daß -die Kinder mitfahren sollten. »Sie haben Ferien, und Swaanhof -ist für sie das, was für uns die Riviera. Und sonst bangst du -dich nach ihnen. Außerdem hat Muhme Gese dann etwas mehr -zu tun und läßt Swaantje in Ruhe. Und bleibe, solange es dir -da gefällt. Sage aber nichts von dem Bilde; das soll sie als Julklapp -haben.«</p> - -<p>Als er nach Hause ging, mußte er immer noch an das reizende -Bild in dem Fenster des Eisenbahnwagens denken: seine schöne -Frau zwischen den beiden Blondköpfen und dahinter das niedliche -Mädchen, glühend vor Reisefieber. Und welche glücklichen -Augen Grete gehabt hatte und welchen weichen bräutlichen Mund!</p> - -<p>Stolz leuchteten seine Augen, als er die Straße entlang ging, -und alle Frauen und Mädchen, die ihm begegneten, sahen ihn -an, als wollten sie sagen: »Muß der aber küssen können!« Er<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -nahm alle diese Blicke dankbar hin, nutzte sie aber nicht aus, trotz -des überlegenen Paschagefühles, das ihm die Muskeln schwellte.</p> - -<p>Er dachte an den neuen großen Auftrag, den er bekommen hatte. -Anfangs hatte er sich darüber geärgert, denn es handelte sich um -eine naturgetreue Wiedergabe von drei Landschaftsbildern für -den Speisesaal auf Rottenwiede, dem Stammschlosse des Freiherrn -von der Rotten. Er hatte angenommen, weil er den Preis -bestimmen durfte, und er hatte sehr viel gefordert. Jetzt freute -er sich über den Auftrag. »Denn die enge stoffliche Begrenzung«, -dachte er, »schließlich ist sie doch keine größere Einengung als die, -die bei jedem Bildnisse Voraussetzung ist.« Und er wollte einmal -den Nurlandschaftern zeigen, was es heißt, eine Landschaft -wörtlich abzuschreiben und doch einen echten Hagenrieder aus ihr -zu machen. Ein Wort Oskar Wildes über den Wert des Reimes -fiel ihm ein, über den wohltätigen Zwang, den er auf das Gemüt -des Dichters ausübt, und er sagte sich: »Künstler ist nur der, der -vor keinem Auftrage zittert.« Er ging schneller, denn die Hand -juckte ihn nach der Arbeit.</p> - -<p>Als er am anderen Morgen mitten im Schaffen war, fröhlich -vor sich hinsummend, sah er, daß die Großmagd sich im Garten -zu schaffen machte. Er hatte es immer mit Freude angesehen, das -große, schlanke, herrlich gewachsene Mädchen. »Sonnenschein -über Apfelblüten,« dachte er, als er ihr goldenes Haar und ihr -rosiges Gesicht ab und zu über den Büschen auftauchen sah. Er -freute sich über das prächtig entwickelte Muskelwerk ihrer Unterarme -und den guten Sitz ihres frischen Waschkleides, und er -dachte, indem er dem Spiele der Schulterblätter und der Lenden -unter dem rosenrot und weiß gestreiften Rocke zusah: »Muß die -einen köstlichen, unverbildeten Akt haben!«</p> - -<p>Plötzlich fand er, daß das Mittelbild sehr gewinnen würde, -wenn im Vordergrunde rechts Figuren wären, und er sah Luise<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span> -da stehen und, ein Kind an der Hand, über die Haide nach dem -Dorfe hinsehen. Er trat aus der Tür und rief das Mädchen in -die Werkstatt. »Hören Sie mal, Luise,« begann er, sie mit Wohlgefallen -ansehend. Sie wurde über und über rot und konnte ihn -nicht anblicken. »Ich brauche hier für das Bild eine schlanke -Figur, und Sie würden großartig dazu passen. Würden Sie so -gut sein und mir dazu stehen?« Das Gesicht des Mädchens färbte -sich noch roter: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr -Hagenrieder,« antwortete sie leise, und ihre Stimme zitterte. »Aber -in dem Kleide geht es nicht,« meinte er, und da er gerade das -Bild betrachtete und dann in das Nebengemach ging, um sich -Farbe und Pinsel herauszusuchen, so sah er nicht, was hinter -ihm vorging. Als er nun aus dem Vorratsraume zurückkehrte, -stutzte er und stand mit heißem Gesichte vor dem Mädchen, das -gerade dabei war, das letzte Kleidungsstück, das ihren Leib verhüllte, -abzulegen.</p> - -<p>»Halt!« rief er und hob die Hand; »so habe ich das nicht gemeint, -Luise. Ich wollte, Sie sollten sich ihr Dorfkleid anziehen; -denn so brauche ich Sie hier und nicht in Ihrem städtischen Zeug.« -Das Mädchen, dessen Gesicht aufgeflammt war, als er ihm -gegenüberstand, wurde kreidebleich. Schlaff ließ es die Arme an -den Hüften herabhängen, hielt den Kopf tief gesenkt und stotterte: -»Ich, ich dachte, Sie meinten das so, weil doch die Modellmädchen -und deshalb.« Ihr Herr suchte nach Luft. Das Blut -kribbelte ihm unter den Haaren, der Atem wollte ihm nicht über -die Lippen, und seine Augen klammerten sich an den Fußboden. -»Luise,« sagte er, und heiser klang seine Stimme, »es wäre sehr -freundlich von Ihnen, wenn Sie mir einmal Akt stehen wollten, -denn solche Figur, wie Ihre, die finde ich wohl nie wieder. Aber -was wird Ihr Bräutigam sagen?« Das Mädchen nahm den -Kopf in die Höhe und sah ihn an, und ihre Augen schienen ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -zu leuchten, als sie erwiderte: »Das ist aus.« Erstaunt fragte er: -»Aus? Warum denn? Es war doch eine gute Partie für Sie?« -Kühl antwortete sie: »Ja, er war einmal eklig gegen seine -Mutter, und er schämte sich, weil sie eine Waschfrau ist.« Ohne -daran zu denken, daß das Mädchen nur noch das Hemd anhatte, -trat er auf sie zu und faßte ihre Hand, denn er wollte sie trösten, -und da kam in ihre Augen ein Glanz, daß ihm auf einmal einfiel, -daß sie vorhin gesagt hatte: »Ich will alles tun, was Sie wünschen.« -Dann war alles rosenrot um ihn, und im selben Augenblicke -hing das Mädchen an seiner Brust, willenlos und willfährig. -Ohne zu wissen, was er tat, nahm er hin, was sie ihm -gerne gab. Freude war in ihm, als sie ihn verlassen hatte. »Du -liebst sie,« dachte er; »und wer liebt, ist noch jung.«</p> - -<p>Die Blutsbrüderschaft der Stedinger, ein loser Freundschaftsverein, -aus einer Mitschülervereinigung entstanden, hatte einen -klobigen Häuptlingsstuhl, auf dessen riesiger mennigroter Lehne -in knallweißer Pfefferkuchenschrift zu lesen war: »Der moralisch -bessere Teil der deutschen Studentenschaft ist ein ganz rauhbeiniges -und freches Gesindel, und dazu gehören wir!« An diesen -protzigen Leitspruch mußte Helmold denken, und er lächelte dabei -vor sich hin. »Ja, ich bin ein ganz unmoralischer Mensch,« -dachte er, »und das bekömmt mich denn so schön!« Er besah -sich ganz genau und lächelte wieder, denn ein Ausspruch von -Hans von Bülow, den er sehr liebte, fiel ihm ein: »Die Kunst -steht über der Moral,« hatte der irgendwo geschrieben: »Der -Künstler, der würdige Priester seiner Kunst, hat, sei er im übrigen -auch wie er wolle, gerechten Anspruch auf höhere persönliche -Geltung als der einfache gute Mensch und Bürger.«</p> - -<p>Er belehrte sich daraus also: »Ich bin äußerst schöpferisch als -Künstler, also auch als Mensch. Ich habe eine Welt in mir, die -ich nicht nur in Kunstwerken wiedergeben kann, sondern die ich<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span> -auch durch mein Leben verkörpern muß. Ich liebe alles, was sehr -schön und sehr gut ist, und eine große Zärtlichkeit drängt mich, -es zu umfassen. Aus Weibes Schoße bin ich geboren und fühle -mich in Dankbarkeit wieder dorthin gezwungen. Ein einziges Weib -kann, ohne in Flammen aufzugehen, alle die Liebe nicht ertragen, -die ich dem Weibe als solchem abzustatten mich für verpflichtet -fühle, und verglimmen und verkohlen würde ich, dürfte ich meine -Liebe nicht hellauf lodern und weithin leuchten lassen. Von jeher -war, wo gesunde, einfache Sitten herrschten, die Magd die Zweitfrau -des Hausherrn. Sie sorgte für ihn, sie schaffte für ihn, sie -kannte alle seine Geheimnisse oft besser als seine Ehefrau, denn -sie machte sein Bett und sah, ob er gut geschlafen hatte oder -nicht. Er muß ihr dankbar sein, und wie kann ein Mann einem -Weibe besser Dank abstatten als durch Kuß und Umarmung?«</p> - -<p>Er dachte an die reizende Magd, die ihm und seiner Frau in -schweren Jahren das Leben verschönt hatte durch ihr sonnenhelles -Wesen, und er sandte einen Seufzer der Reue dem Kusse nach, -den er sich von ihr nicht hatte nehmen mögen, weil ihr Herz für -einen andern Mann schlug.</p> - -<p>Alles das dachte er, wenn er frisch und fröhlich an den drei -gewaltigen Bildern malte. Er fühlte sich durchaus nicht minderwertig, -weil seine Magd seine Geliebte war; im Gegenteil, sein -Gesicht blühte von Tag zu Tag mehr auf, immer federnder wurde -sein Schritt, und er schaffte wieder, wie vor der Zeit, da Märzenschnee -die Jungsaat seiner Seele versengt hatte. Nie hatte er vor -dem Jenseits gebangt, nie ein Dankgefühl einem höheren Wesen -gegenüber empfunden, aber jetzt hatte er es in sich. »Gott,« -dachte er, »wenn du bist, so bist, wie das Volk ihn sich denkt, -gütig und voller Verständnis für alles, was deine Kinder tun, -daß du mir, dem Manne, der die Höhe seiner Tage überschritten -hat, so viel blühende Jugend an das Herz legtest, damit er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -daran erquicke, ich danke dir und will dafür zu dir beten, vorausgesetzt, -daß dir daran etwas gelegen ist; denn ich glaube, dir genügt -es, deine Geschöpfe glücklich zu wissen.«</p> - -<p>Er verhehlte sich gar nicht, daß sein Verhältnis zu Luise eine -Gefahr für ihn wie für sie war. Sie entstammte einer hochachtbaren -Arbeiterfamilie und war streng kirchlich; zudem war sie -seiner Frau von Herzen zugetan. Doch sie war ebenso ganz und -gar und nichts als nur Weib, daß der Gedanke, eine Sünde zu -begehen, ihr die Küsse, die sie geschenkt bekam, auch nur ein ganz -wenig vergällen konnten; denn sonst wäre sie nicht in den beiden -Wochen des Alleinseins mit ihrem Herrn nur noch ansehnlicher -geworden. Nie aber vergaß sie ihre Stellung, niemals war sie, -außer, wenn sein Arm sie umschlungen hielt, etwas anderes als -die Magd, die ihre Arbeit tat und dafür ihren Lohn erhielt. Als -seine Frau wiederkam und das Mädchen es mehr als einmal -ansehen mußte, wie die Ehegatten zärtlich zueinander waren, -blieb ihr Benehmen sich gleich, nur daß es Helmold schien, als -ob sie der Frau gegenüber noch mehr Willfährigkeit und Aufmerksamkeit -darlegte, so daß diese sagte: »Das Mädchen wird -mir von Tag zu Tag lieber; sie tut, was sie mir an den -Augen absehen kann, und ich glaube, sie ist in dich gehörig -verschossen.«</p> - -<p>Er mußte lächeln, als sie so redete; sie blieb trotz der einen -schlimmen Erfahrung immer noch das harmlose Gretechien ohne -Arg und Sorge und dachte sich nichts bei dem, was sie in ihrer -frohen Art dahinplauderte. So hatte sie auch, als sie von Swaanhof -zurückkam, in aller Unschuld von Swaantje ein so rührendes -Bild gemalt, daß Helmold schnell von etwas anderem sprach, -denn er fühlte, daß die Sehnsucht sich wieder vor ihn stellte und -ihn bittend ansah, und so sagte er denn: »Ich will ihr einen -hübschen Brief schreiben, wenn ich ihr ihr Bildnis schicke, und<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -ein paar Bücher beilegen, die ihr Freude machen werden und sie -zerstreuen, bis sie nach Italien fährt.«</p> - -<p>So kaufte er einige gute Werke, die ihr die Augen für alles das -öffnen sollten, was sie in der Fremde sehen würde, wählte auch -einige Bücher heiteren Inhalts, damit sie sich durch sie nötigenfalls -über ihre Schmerzen hinweglesen sollte, die, wie Grete ihm -erzählte, oft noch sehr arg waren, und an die er mit Bedauern -dachte, doch ohne den Wunsch, sie mit leise streichelnden Händen -von ihrer Schläfe zu entfernen. Dann und wann erhob sich zwar -in seiner Seele das geheime Wünschen und flüsterte begehrliche -Worte, aber da ihn sein Weib mit herzlicher Liebe erquickte und -die Magd ihn mit untertäniger Hingebung erfrischte, so glaubte -er herauszufinden, daß er in Swaantje weiter nichts gesehen -habe als ein Sinnbild für seine starke Hinneigung zu dem Weibe -an sich, dem er durch die Eingehung der Ehe hatte entsagen -müssen.</p> - -<p>Das Gefühl von Gereiztheit seiner Frau gegenüber, unter dem -er selber am meisten gelitten hatte, war völlig verschwunden, -seitdem er vor ihr diese Heimlichkeit hatte. Er hatte vor ihr eine -Schuld, aber eine Schuld, die ihn nicht drückte, die ihn nur dazu -antrieb, doppelt so gut zu ihr zu sein, und mehr als je zuvor -regelte er sein Benehmen ihr gegenüber, wurde zärtlich wie ein -Bräutigam und aufmerksam wie ein Hausfreund.</p> - -<p>Vor allem hütete er sich, sie mit seinen eigenen Angelegenheiten -zu behelligen, sobald diese unerquicklicher Art waren, und daran -fehlte es ihm nicht. Der Oberbürgermeister hatte es ihm nicht -vergessen, daß er ihn seinerzeit gezwungen hatte, ihn zuerst zu -grüßen; er versuchte es ihm heimzuzahlen, indem er die Ausschreibung -eines Wettbewerbes für die Ausschmückung des neuen -Rathauses hintertrieb und es durchsetzte, daß die Aufträge unter -der Hand vergeben werden sollten. So lag die Gefahr vor, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -die Hauptarbeiten recht mäßigen Malern zufielen, die es keine -Überwindung kostete, den Rücken zu beugen und Vorzimmerlungerei -zu treiben, worauf Helmold sich nicht einließ. Er tat -überhaupt keine Schritte, einen Auftrag zu bekommen, und bat -Hennecke sogar, in der Presse nicht für ihn einzutreten, zumal es -ihm an Aufträgen nicht fehlte.</p> - -<p>Als er darum mit dem Oberbürgermeister bei dem Oberpräsidenten -zum Abendessen geladen war, und der Oberpräsident -sagte: »Wir freuen uns sehr auf das, was Sie im Rathause -schaffen werden, lieber Herr Hagenrieder, denn die Hauptgemälde -werden Sie doch wohl bekommen,« lächelte er verbindlich und -sagte: »Sehr schmeichelhaft, Exzellenz, aber in Hinsicht auf die -vielen Aufträge, die ich anderweitig habe, war die Stadt so rücksichtsvoll, -mich nicht aufzufordern.« Die Hausfrau lächelte, der -Oberbürgermeister verschluckte sich und spielte während des -ganzen Abends das Mauerblümchen, während Hagenrieder, den -die Gastgeber sehr herangezogen, seinen Geist schillern ließ, so daß -die Oberpräsidentin ganz entzückt von ihm war und ihn bat, ein -für allemal sich als Gast an ihren offenen Tagen zu betrachten, -eine Ehre, mit der sie recht sparsam umging.</p> - -<p>Drei Tage darauf schrieb das Stadtoberhaupt an ihn und fragte, -ob er die Wandgemälde für Rottenwiede sehen könne. Er kam, -lobte mit einem gewaltigen Aufwande von hohlen Redensarten -das Werk, und als er ging, hatte Hagenrieder die vier Wände -des Sitzungssaales in dem neuen Rathause und die Glasfenster -im Treppenhause in der Tasche. Einige Monate später ernannten -ihn die städtischen Körperschaften zum Beirat in Kunstfragen, -nachdem ihm kurz vorher der Herzog den Professortitel verliehen -hatte. »So,« sagte er zu seiner Frau, »jetzt gelte ich sogar bei -den Stadtverordneten etwas, und das will etwas heißen, denn -das mehrste sind Heuochsen mit Eichenlaub und Schwertlilien.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span></p> - -<p>In voller Absicht stellte er sich jetzt in den Vordergrund der -Gesellschaft, soweit es seine Zeit erlaubte. Während er früher -am liebsten in Loden ging und sich halb bäuerlich trug, kleidete -er sich nun derartig modisch, ohne die Albernheiten der Mode -mitzumachen, daß er als einer der bestangezogenen Männer der -Stadt galt und von allen Gecken studiert wurde, denn nie war -ein Stilfehler in seiner Kleidung, obgleich, oder vielmehr, gerade -weil er seine Kleidung ganz nach eigenem Ermessen zusammenstellte.</p> - -<p>»Der amüsanteste Mann, den wir haben,« sagte die Oberpräsidentin; -»schon als Erscheinung ein Genuß.« Er war zu einer -ihrer Gesellschaften in hochgeschlossener Weste gekommen, wie sie -die Bauern trugen. »Wo haben Sie denn den famosen Westenschnitt -her, Herr Hagenrieder?« fragte die Gräfin Tschelinski -etwas spöttisch. »Von den Bauern, meine Gnädigste, den einzigen -Leuten, die heutzutage noch Kultur haben,« versetzte er. Sie warf -den Kopf zurück: »Und wir, Herr Professor?« Er lächelte: -»Sind nur zivilisiert!« Der Bildhauer Professor Brambach, ein -würdevoller Figurenfabrikant, versuchte ihn lächerlich zu machen, -indem er sagte: »Sehr praktische Tracht!« »Jawohl,« antwortete -er ihm, »man braucht nicht alle acht Tage ein reines Hemd -anzuziehen.« Die Gräfin schrie vor Vergnügen, und es gab eine -gepfefferte Toilettendebatte.</p> - -<p>»Sehen Sie, meine Herrschaften,« lehrte der Maler, »für den -Pöbel ist es ja erziehlich, zwingt die Mode ihn, ein Teil seiner -Leibwäsche zu zeigen; sonst läuft er am Ende vier Wochen in derselben -Linnenhülle herum. Wir aber brauchen den Beweis, daß -wir uns reinlich halten, nicht erst anzutreten; denn sonst müßten -wir die umliegende Menschheit durch einen mit dem Westenausschnitt -übereinstimmenden Ausschnitt in unseren unaussprechlichen -Hosen davon überzeugen, daß die noch unaussprechlicheren<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -Unterbeinkleider ebenfalls durch Tadellosigkeit glänzen.« Professor -Brambach war entrüstet, die anderen quiekten vor Vergnügen.</p> - -<p>Dann kam die Damenkleidung an die Reihe. Hagenrieder -erklärte: »Nur im Reformkleid ist eine Frau angezogen; im Zweistöckigen -ist sie kuvertiert.« Scharf wurde widersprochen. »Beweis?« -hieß es. Mit todernstem Gesicht dozierte er: »Sie selber, -meine Damen, denn Sie tragen alle Reform.« Sie lärmten, denn -nur die Gräfin trug sich so. In lehrhaftem Tone fuhr er fort: -»Dasjenige Kleidungsstück, das Ihnen am teuersten ist, weil es -Ihrem Herzen am nächsten steht, ist, soweit ich in den Auslagen -der Wäschemagazine darüber Studien machen konnte, nicht zweistöckig, -sondern besteht aus einem Stücke.« Die Gräfin schloß die -Augen bis auf einen kleinen Spalt, sah ihn von oben bis unten -an, und ihre Zungenspitze ging über ihre Lippen.</p> - -<p>Als er nachher im Wintergarten mit ihr allein war, fragte sie -mit gemachter Harmlosigkeit: »Sie sagten vorhin, Herr Professor, -schön sei der Mensch nur im Arbeitskleide.« Er nickte ernsthaft. -»Ja, aber,« meinte sie, »eine Frau wie ich, in welchem -Kostüm finden Sie denn die am schönsten?« Er machte sein treuherzigstes -Gesicht, als er antwortete: »Auch im Arbeitskleide.« -Sie fragte neugierig: »Und das ist?« Mit kindlich naiven Augen -sah er sie an, als er versetzte: »Das Nachtkleid.« Sie machte ein -halb entrüstetes, halb belustigtes Gesicht, als sie ihm mit ihrem -Fächer einen Schlag auf die Schulter gab und zischte: »Unverschämter -Mensch!« Aber als er sich glücklich lächelnd verneigte -und fragte: »Ich danke gehorsamst, gnädigste Gräfin; ich darf -diese Bemerkung doch wohl im Gewinnkonto eintragen?«, da -lächelte sie, und ihre Augen sagten: »Ich will alles tun, was Sie -wünschen, Herr Hagenrieder.«</p> - -<p>Dann meinte sie leichthin: »Ich habe zu Hause allerlei Ahnen<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -hängen, die ein bißchen gichtbrüchig sind, und möchte von Ihnen -wissen, ob das zu heilen ist. Vielleicht sehen Sie sich die Bilder -einmal an und empfehlen mir einen Restaurator, wenn es sich -noch lohnt.« Er sah ihr mit heißen Blicken in die Augen: »Muß -das gleich sein?« fragte er und hielt ihr den gebogenen Arm hin. -Sie drohte ihm mit dem Fächer, lachte und sagte über die -Schulter: »O nein. Aber wenn Sie morgen nachmittag Zeit -haben?« und ging dann zu den anderen Gästen. Als er am anderen -Tage zu ihr kam, empfing sie ihn in einem weichen losen -Kleide von weißer Wolle. Er erhob die Hände bis zu den Schultern: -»Wie wundervoll Sie aussehen, Gräfin; der Künstler dankt -Ihnen.« Als er ihre Handgelenke küßte, flüsterte es über seinem -Kopfe: »Nur der Künstler?« Er nahm sie in den Arm, raunte -ihr in das Ohr: »O nein; der Mann dankt noch viel mehr,« -und dabei küßte er sie.</p> - -<p>Die Gräfin blieb nicht die einzige Frau aus der Gesellschaft, die -sein wurde. Wenn er gewollt hätte, konnte er jeden Tag im -Monat einen anderen Mund küssen. Doch er ging auf Eroberungen -nicht aus; wenn aber ein Weib ihm ihre Neigung mit -lächelnden Augen kredenzte, und sie erregte sein Wohlgefallen, so -nahm er dankbar die Labe hin. Mit jeder Frauenseele, die sich -ihm erschloß, glaubte er ein Stück Jenseitsdasein mehr zu erwerben, -wähnte er sein persönliches Leben zu verlängern. Wenn -er malte, sah er sich oft dastehen, umdrängt von vielen schönen -Frauen und Mädchen aus allen Kreisen, die ihre Herzen in den -Händen hielten, Herzen, aus denen frohlockende Flammen schlugen, -die einen Duft von Weihrauch verbreiteten.</p> - -<p>Nur eine Lücke war in der Reihe der weißen Leiber, nur ein -Gesicht fehlte, nur ein Herz flammte und duftete nicht zwischen -den anderen. Denn je mehr rote Rosen er in seiner Erinnerung -fand, um so stärker trat wieder der Gedanke an die eine weiße<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -Lilienblüte vor ihn. Er wehrte ihn ab, trat ihn von sich, aber -immer und immer wieder winselte er vor seiner Seele herum, -stahl sich in seine Träume und trabte vor ihm her, wo er ging -und stand. Er suchte sich dadurch von ihm zu befreien, daß er -nach Stillenliebe fuhr, auf Sauen pürschte und bei Sophien und -Annemieken Trost suchte. Er mietete sich in Ohlenwohle ein, angeblich -um Studien zu machen, in Wirklichkeit, um sich an Marieens -derber Art von der städtischen Überfeinerung zu erholen. -Es half ihm wenig; denn überall stand ein blasses, müdes Gesicht -neben ihm und zwei dunkelblaue, tiefumhofte Augen sahen -ihn bittend an. Er schloß alle Lichtbilder von Swaantje ein und -jegliches Stück, das ihn an sie erinnerte; aber dadurch wurde es -nur noch ärger.</p> - -<p>Er schrieb seinen Zustand auf das Übermaß von Arbeit und -Geselligkeit, das er sich aufgeladen hatte, schaffte langsamer, zog -sich mehr zurück, doch immer mehr nur quälte ihn Swaantje -Swantenius, und ab und zu waren seine Nächte wieder ohne -Schlaf und seine Tage ohne Frische. So setzte er sich denn kurz -vor dem Julfeste hin und schrieb ihr einen langen Brief, einen -Brief, in dem er nur heiter von seinem äußeren Leben plauderte, -doch ihm war, als flüsterte jede Seite Worte der Liebe, und als -wäre jeder Buchstabe ein verstohlener Seufzer. Mit eigenen Händen -packte er Swaantjes Bild und einige Bücher ein, legte den -Brief dazu und sandte die Kiste nach Swaanhof.</p> - -<p>Ihm war sofort leichter zumute; es schien ihm, als hielte er -Swaantje bei der Hand und plauderte mit ihr, und fröhlich -wartete er auf eine Antwort. Er hoffte auf weiter nichts, als auf -einen im kameradschaftlichen Tone gehaltenen Brief, hinter dessen -Gitterwerk von schwarzen Buchstaben vielleicht ein ganz klein -wenig blumiges Hoffnungsgrün für ihn sichtbar wurde. Aber -erst einige Tage nach dem Feste kam eine Sendung aus Swaanhof<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -an ihn; sie enthielt eine lederne Zigarettentasche, verziert mit -der Sonnenrune, und eine Karte, auf der die Worte standen: -»Lieber Vetter, über die Bücher, das Bild und deinen lieben -Brief ganz besonders habe ich mich sehr gefreut. Wie schön, daß -es dir wieder gut geht! Hab tausend Dank. Dir und Grete herzlichen -Gruß. Deine Swaantje.«</p> - -<p>Ganz fassungslos starrte er auf die Zeilen. Eine Absage für -immer in aller Form. »Laß mich in Ruhe!« hieß das. Er sah auf -den Sessel, in dem Swaantje gesessen hatte, als er sie um einen -Kuß anbettelte, und nickte mit dem Kopfe. Er holte sich alle -Bilder des Mädchens aus Gretes Truhe, sah eines nach dem anderen -genau an und schüttelte den Kopf. Er nahm wieder alles -das durch, was er von Swaantje und sich gedacht hatte, und -sagte sich: »Es hilft alles nichts; sie wird mein Tod sein, mein -Vampir. Ich werde im Grabe keine Ruhe finden, wird sie nicht -mein, und bleibt sie nicht die Meine.«</p> - -<p>Als Luise ihn zum Essen rief, sah sie ihn ganz erschrocken an, -und seine Frau fragte ihn: »Was ist dir, Liebster? du siehst so -krank aus.« Er lächelte ihr die Sorge fort: »Ich habe mich wohl -erkältet, das Feuer wollte nicht brennen.« Er legte sich nach dem -Essen zu Bett und stand erst am anderen Morgen wieder auf. -Alle Arbeitslust war ihm vergangen, und eine beschämende -Schlaffheit beugte ihn nieder. »Geh nach Stillenliebe!« riet ihm -Grete. Er nickte. »Ja, Kind, ich muß hinaus; es war ein bißchen -viel Anspannung in der letzten Zeit. Ich will mir die Knochen -wieder munter pürschen.«</p> - -<p>Als er den Koffer packte, zitterten ihm die Hände, so setzte ihm -das Fieber zu, und in der Eisenbahn lähmte ihn eine so ermattende -Schüchternheit, daß er es sich nicht verbat, als zwei dicke Viehhändler, -die einen frechen Schnapsgeruch verbreiteten, die Fenster -auf beiden Seiten aufrissen. Völlig durchgefroren und ganz blaß<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -kam er an, holte sich aus dem Grogglase wieder warmes Blut -und setzte sich auf Sauen an. Gleich am ersten Abend erlegte er -eine angehende Sau, und als er zurückkam, fühlte er sich wohl -und munter. Aber wohl zehn Male wachte er in der Nacht vor -Durst auf, und jedesmal, bevor er einschlief, sah er in seinem -fieberhaften Zustande Swaantjes Gesicht auf sich zuschwimmen, -weiß, kalt, ohne Haare und Augenbrauen, mit blicklosen Augen -und einem Mund, dessen Lippen sich versteckten. Sehnsüchtig -nannte er es bei Namen und versuchte es zu streicheln, aber sofort -zerfloß es zu nichts.</p> - -<p>Müde und unfrisch wachte er um elf Uhr auf, und die Wirtin -sagte bedauernd: »Sie gefallen mir gar nicht mehr; ich glaube, -nach dem Essen bringe ich Sie gleich wieder zu Bette, mache -Ihnen einen Tee und decke Sie bis zum Hals zu.« Er ließ sich -ihre Fürsorge gefallen und fühlte sich dadurch erwärmt; doch -bald darauf war ihm noch eisiger und unglücklicher zumute, -und heftige Fieberschauer stießen ihn aus dem Halbschlafe. Sein -Herz klopfte, sein Blut kochte, aus dem Muster der Tapete lösten -sich fratzenhafte Gesichter los, jeder Laut von der Straße drang -in zehnfacher Stärke zu ihm, und jede Farbe, die er um sich sah, -sang ihm ein böses Lied.</p> - -<p>So stand er bald auf, zog sich an, ging aber nicht hinaus, sondern -spielte mit Klaus Ruter und dem Förster Karten und trank -sich das Fieber fort. Am anderen Morgen fühlte er sich besser.</p> - -<p>Es regnete nun drei Tage lang, und dann gab es Plattfrost. -Eines Abends, als er reichlich müde von dem weiten Wege und -durch und durch kalt vom langen Passen bei Annemieken saß und -sich die Füße am Torffeuer wärmte, klagte er ihr sein Leid, und -als er sie dabei ansah, kam sie ihm ganz anders vor als sonst, -und er fand, daß das junge Weib ein neues Gesicht und fremde -Bewegungen hatte. Sah sie eben noch wie Sophiee Pohlmann<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span> -aus, so schien es ihm gleich darauf, daß sie ihn mit den Augen -der Gräfin anblickte; dann wieder war sie Grete, gleich darauf -Swaantje und hinterher Mariee oder Luise oder eine andere, die -er geküßt hatte. Außerdem war die Diele bald hoch und hell, -bald niedrig und duster; eben brannte das Feuer blau, gleich -darauf grün und dann gar nicht; war die Katze jetzt ganz klein, -so fing sie mit einem Male an, unheimlich zu wachsen, und -während es vorhin nach Schweinefutter roch, war plötzlich ein -strenger Duft von weißen Lilien da. Nun fing auch noch der -Kesselhaken an, ihm böse Gesichter zu schneiden, um ihn sofort -durch ein freundliches Grinsen zu versöhnen, aber da begann das -Zinngeschirr an der Feuerwand, ihn auszulachen, das Spinnrad -machte ihm einen albernen Knix, der Tranküsel winkte ihm -spöttisch zu, und die Mährenköpfe am Herdrahmen wieherten und -schnaubten gewaltig.</p> - -<p>Doch alles das ängstigte ihn kein bißchen, sondern machte ihm -Vergnügen. Er trank ein Glas Grog nach dem anderen und erzählte -seine tollsten Witze, bis ihm einfiel, daß er nun schon drei -Tage auf Spurschnee wartete, und lachend befahl er Annemieken, -ihm welchen zu besorgen. Das Mädchen, das tüchtig mitgehalten -hatte und dessen Augen von dem heißen Grog und den wilden -Witzen nur so blitzten, lachte und sagte: »Ich werde es Großmutter -sagen, und die soll dir geben, was du haben willst; und -dann werde ich dir sagen, was du mir dafür schenken sollst.«</p> - -<p>Da ging die Großmutter zu der Herdflamme und sagte ihr den -Spruch, den ihre Mutter sie gelehrt hatte, ehe daß sie starb, und -die Flamme lachte und nickte und wurde gleich siebenmal so -lang und leckte mit sieben Zungen am Kesselhaken entlang. Dann -warf die alte Frau die Schuhe hinter sich und winkte nach der -Dönze. Da kamen drei Taubenfedern angeflogen und sieben -Hühnerfedern und dreizehn Entenfedern und einundzwanzig Gänsefedern<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -und dreiunddreißig Schwanenfedern, alle so weiß wie -Schnee. Sie flogen um die rote Flamme, und die spielte Kriegen -mit ihnen, bis sie eine nach der anderen fing und dem Rauche -gab und ihm sagte: »Zeige ihnen, wo sie hinsollen, und sage -ihnen, wie sie es machen müssen, und dann komme wieder und -bring mir Bescheid.«</p> - -<p>Der Rauch aber machte einen Knix, und dann wurde er wieder -ganz lang und immer länger, bis er zum Dachloche hinausfuhr, -und die siebenundsiebzig schlohweißen Federn nahm er mit. Nach -einer Weile war er wieder da, warf sich vor der Flamme hin und -sprach: »Ich habe alles getreulich ausgerichtet.« Und die Flamme -erwiderte: »Denn so wollen wir schlafen gehen.« Und da lachte -Annemieke und sagte: »Und wir auch!«</p> - -<p>In der Nacht hatte Helmold einen blitzblanken Traum. Er sah -Frau Holle auf der blauen Sternenwiese stehen und die Betten -sonnen, in denen die erdenmüden Seelen ausschlafen. Da kamen -drei Federchen angetrippelt, drei schneeweiße Taubenfederchen, -stahlen sich durch das Gras und suchten so lange, bis sie an einem -Bette eine Naht offen fanden, und dann kicherten sie und krochen -hinein. Und es dauerte nicht lange, und sieben weiße Hühnerfedern -kamen angelaufen; die machten es ebenso, und nach ihnen -die dreizehn Entenfedern und hinterher die einundzwanzig Gänsefedern -und die dreiunddreißig Schwanenfedern kamen auch an -und krochen in das Bett.</p> - -<p>»Was ist denn das?« sagte Frau Holle und stemmte die Hände -in die Hüften, daß das weiße Fleisch ihrer Arme so reizende Falten -in der Ellenbeuge schlug, daß gleich zwei Schmetterlinge kamen -und sich dort niederließen. »Was ist denn das?« sagte -Frau Holle, und ihr Kleid hüpfte vor der Brust, daß unten auf -der Erde das Meer ganz still wurde, weil es solche Wellen nicht -schlagen konnte. »Was ist denn das?« fragte Frau Holle und<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span> -ihre Brauen wurden ganz schwarz, so sehr zog sie sie zusammen, und -die Wetterwolken auf der Erde krochen vor Angst in die tiefsten Wälder. -Aber dann lachte die schöne Frau, und der Sturm hörte sofort -auf zu schimpfen, und der Donner fluchte nicht mehr hinter den -Bergen. »Ahlmanns Mutter, Ahlmanns Mutter!« lachte die -Hunderttausendschöne, »was machst du mir für Geschichten!« -Und dann nahm sie ihr blitzblankes Messerchen und ritzeratz war -die ganze Naht auf und holterdipolter flogen die weißen Federn -von der blauen Wiese nach der grauen Erde.</p> - -<p>»Hat dich was geträumt über Nacht, lieber Jägersmann?« -fragte Annemieken. Sie stand vor dem Spiegel und machte sich -ihr Haar. »Und was hat dich geträumt?« fragte sie und lachte -Helmold mit ihrem Spiegelbilde an; das hatte dunkle Augen -und schwarzes Haar und ein weißes Gesicht, und Helmold wußte -es ganz genau, Annemiekens Backen waren rot wie Rosen, ihre -Augen blau wie Bachblumen und ihr Haar sah aus, wie Haferstroh -in der Sonne. Aber er schlief noch in sich, und da ging sie -hinaus, und als sie wieder hineinkam, warf sie ihm eine Grabse -voll Schnee auf den Mund, lachte und sagte: »Da hast du, was -du haben wolltest. Und nun komm und iß; die Suppe schreit -schon nach dem Löffel!«</p> - -<p>Als er wegging, nahm sie die Katze auf, daß die ihm nicht über -den Weg laufen sollte, und sie spuckte ihm in die Hacken und -warf ihm ihren Schuh in den Rücken und wünschte ihm Pech -den ganzen Tag und Hals- und Beinbruch, soviel es gibt, und -lauter schlechten Anblick, und zwischen jedem, was sie tat und -sagte, warf sie dreimal die Türe zu, und schließlich lief sie hinter -ihm her, weinte zwei bittere Tränen über ihren süßen Mund -und sagte: »Auf Wiedersehn, Nimmerwiedersehn, mein Jägersmann!«</p> - -<p>Drei Vögel sah er, als er durch die Feldmark ging. Das erste<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span> -war ein Stieglitz; sein Scheitel war rot wie Blut. Das zweite -war ein Dompfaff; seine Brust war rot wie Blut. Das dritte -war ein Kreuzschnabel; der war von oben bis unten so rot wie -Blut. Und als er in den Wald hineinkam, sah er im Schnee eine -Fährte; in der war rotes Blut. Alle sieben Schritte stand sie -wieder im Schnee, rot von Blut. Und er sagte: »Du edeles Wild, -adelig Getier, kein anderes Wild, gemeines Tier will ich jagen -noch fangen, ehe daß du nicht mein bist.« Da kam der Häher -und sagte: »Nein!« Da kam der Bussard und sagte: »Niemals!« -Da kam die Krähe und sagte: »Nimmermehr!«</p> - -<p>Er wurde traurig und sah, der Schnee war schwarz und die -Tannen waren weiß, sein Herz wurde kalt und sein Gesicht -wurde heiß, das Blut blieb ihm stehen und der Atem flog vor -ihm weg, bis er die Wundfährte wieder fand; da wurden die -Tannen schwarz und der Schnee weiß, sein Herz ward warm, -und sein Gesicht wurde kalt, sein Blut fing an zu gehen und sein -Atem beruhigte sich, und er lachte und sagte: »Du edeles -Wild, adelig Getier, mein wirst du sein, ehe daß die Sonne schlafen -geht, ehe der Fuchs auf Raub auszieht und die Eule umfliegt!« -»Nein!« sagte der Häher, »niemals!« der Bussard, -»nimmermehr!« die Krähe; aber er lachte sie alle drei aus.</p> - -<p>Und er ging und ging und ging den ganzen Tag. Er kam an -den Teich, in dem die schöne Rosemariee sich ertränkt hatte, und -nach dem Stein, wo der Förster erschossen wurde, und zu dem -Kreuz, das da steht, wo die Nonne ermordet war, und er ging -über die Haide und an dem Moore vorbei und durch den Wald, -ließ den Morgen hinter sich liegen und den Mittag und den -Abend, und alle seine Fußstapfen waren gefüllt, erst mit grüner -Hoffnung, dann mit schwarzer Trauer und zuletzt mit grauer -Angst. Seine Füße wollten ausruhen, seine Augen wollten -schlafen gehen, sein Herz sprach: »Ich kann nicht mehr!« Er<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span> -aber hörte nicht auf sie und ging weiter, immer dem roten -Blute nach.</p> - -<p>»Ich will dir helfen!« sprach der Schnee und machte die Nacht -heller, und der Mond kam auch und alle Sterne, die es gibt, und -sie gingen rechts und links neben ihm, daß er die Fährte finden -konnte. Er fiel hin und stand wieder auf, er setzte sich und ging -weiter, er bückte sich über die Quelle und richtete sich empor, und -blieb immer wieder stehen und redete seinen Füßen zu und seinen -Augen und seinem Herzen und sagte: »Nur noch bis zum nächsten -Blutsfleck, bitte nur noch dieses einzige Mal; dann sollt ihr -auch schlafen, solange ihr wollt.« Aber wenn er da war und -stehenblieb und um sich sah und horchte, ob er sein Edelwild -nicht sah oder hörte, dann war nur der Wald da und der -Himmel und der Mond, und der nickte ihm zu und sagte: »Immer -weiter, immer weiter!«</p> - -<p>Da kam er in einen dunkelen Wald, und die Finsternis sprach -zu ihm: »Siehe!« Da sah er, wie der Wind über den Berg gelaufen -kam; in seinen Händen trug er zwölf Glockenschläge. Dann -trat die Stille vor ihn hin und sprach: »Horch!« Da hörte er -die Nacht über den Wald springen; in ihrem Mantel trug sie -ein Weinen, das war ganz fern und doch so nah, war sehr leise -und doch so laut, und so bitter war es und so süß. Seine Füße -starben vor Angst, sein Herz fiel tot um, und seine Augen brachen. -Aber als der Wind den letzten Glockenschlag vor ihn hingelegt -hatte, gab ihm der Tod sein Leben wieder in die Hände; -die waren so kalt wie Eis. Und kalt wie Eis war er ganz und -gar und konnte nicht fühlen und nicht denken und stand da wie ein -toter Baum, wie ein lebloser Fels, wie eine abgestorbene Blume.</p> - -<p>Doch der Sturm ermunterte ihn wieder; er hielt das Weinen -über ihn, und daraus flossen Tränen auf ihn und weckten -ihn auf, bis das Eis von seinen Augen schmolz, und seine Füße<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -lebten wieder, und sein Herz stand auf, und da sah er, daß die -rote Fährte im Schnee dort zu Ende war, wo er stand, und daß -es zwei nackte Fußspuren waren, über und über rot von Blut. -Seine Füße zitterten, sein Herz fing an zu bluten, und seine Augen -weinten bitterlich, bis daß die beiden Fußspuren weißgewaschen -waren. Das Alter lehnte sich gegen seinen Rücken, Falten krochen -in sein Angesicht hinein, in sein Haar aber fiel der Schnee.</p> - -<p>Das Weinen über seinem Haupte wurde zu einem Lächeln und -stellte sich über die weiße Fährte im Schnee und winkte seinen -Augen zu. Und als sie ihm folgten, kamen ihnen zwei andere Augen -entgegen und gingen wieder zurück und blieben vor ihm stehen, -weit genug von seinen Händen. Sie sahen ihn an und weinten -Tränen, die fielen als Blut in die Fußspuren und füllten sie wieder -bis zum Rande, und das Lächeln schlug die Hände vor das Gesicht -und weinte leise, und das Weinen sah ihn mit Augen an, -die voller Furcht waren und leer von Hoffnung, aber beladen -mit Verzweiflung.</p> - -<p>Seine Seele zitterte und schrie: »Was soll ich tun, ihr beiden -Augen, beladen mit Angst, gefüllt mit Trauer, beschwert mit -Grauen, daß ihr wieder lächeln könnt? Und du Weinen, bitterliches -Weinen, sage mir, was beginne ich, daß du nicht mehr im -Sturm umherirren mußt und in Frost und Kälte und einsamer -Nacht? Und du Lächeln, banges Lächeln, sprich, was muß werden, -damit du dich nicht mehr zu bergen brauchst hinter den Dornen und -in den Disteln und unter den Nesseln? Und du, nackte Seele, -was ist es, das dir wieder Ruhe gibt, auf daß du nicht mehr mit -bloßen Füßen wandern mußt über Berg und Tal und Stock und -Stein und Feld und Flur, blutend aus sieben Wunden, kalt bis -in das Herz und müde bis auf den Tod?«</p> - -<p>Da trat die Finsternis hinter ihn, die Einsamkeit winkte der -Stille zu und die legte dem Sturme Schweigen auf. Der Mond<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -ging zur Seite und nahm die Sterne alle mit; dunkel wurde es -rund umher. Aber die Dunkelheit war klar, so daß er die rote -Fährte im Schnee sehen konnte und die beiden Augen über ihr -und einen blassen Mund und zwei Hände vor einer bangen Brust; -die waren ineinander gefaltet. Eine Stimme, die war nicht hier -noch da, nicht von gestern und nicht von heute, nicht leise und -nicht laut, kam langsam aus den blassen Lippen zu ihm gegangen, -stellte sich vor ihn hin und sprach:</p> - -<p>»Du, von dem ich nicht weiß, wer du bist, den ich niemals gesehen -habe, und der immer vor meinen Augen steht, vor dem ich -vor Angst vergehe und vor Sehnsucht nach ihm sterbe, du, o -du und du, was habe ich dir getan, daß du mich jagst barfuß und -barhaupt und bloß durch Nacht und Schnee und Frost und durch -Dunkelheit und Einsamkeit und diese Totenstille? Siehe, meine -Augen bluten, meine Füße sind wund, mein Leib ist vor Kälte -erstarrt. Mein Lächeln habe ich im Schnee verloren, meine Ruhe -rissen mir die Dornen vom Leibe, der Sturm trägt mein Weinen -vor mir her. Ich bitte dich, bitte dich so sehr, bitte dich um alles -in der Welt, höre auf, mich mit Furcht zu schlagen, mich mit -Angst zu peitschen, mich mit Jammer zu geißeln, da ich dir doch -nichts zuleide tat.«</p> - -<p>Seine Seele stöhnte auf; sie fiel auf die Knie, streckte die Arme -aus, schluchzte auf und schrie: »So sage mir, arme Seele, gehetztes -Herz, müder Geist, sprich, was soll ich tun, daß du dein -Lächeln wieder findest, die Angst aus deinen Augen verlierst und -dem Sturme dein Weinen aus den Händen nimmst? Was ich -dir antat, ich weiß es nicht; aber ich will es wieder gut machen; -büßen will ich es, wie du es mir sagst, mit Not und Tod oder -einem Leben ohne Abend- und Morgenrot. Das schwöre ich dir -bei den sieben Sünden, die bei mir stehen, drei zu meiner Rechten, -drei zu meiner Linken und der einen, die über mir ist. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span> -gelobe es dir bei allen Lüsten, die mich locken, und bei allen Süchten, -die mich schrecken. Siebenmal schwöre ich es dir.«</p> - -<p>Da sah ihn die Stimme, die nicht von gestern war und nicht -von heute, und nicht hier noch da, und weder laut noch leise, -freundlich an, und also sprach sie: »Ich halte deine Schwüre in -der einen Hand und deine Gelübde in der anderen, und ich sehe, -sie sind wahr und ehrlich und treu; so wisse denn: lege deine grünen -Hoffnungen alle ab, wirf deine blauen Träume hinter dich -und tritt weit fort von deinen roten Wünschen. Das ist das eine; -aber das zweite ist dieses: zertritt das bunte Gedenken, reiße ab -die lachenden Erinnerungen und rotte gänzlich aus das Wissen -von dem, was du nicht wissen durftest. Das ist das andere; aber -das letzte ist dieses: laß dein Lachen hier im Walde liegen und -dein Weinen, wo deine Füße stehen, und all dein Fühlen mußt -du der Einsamkeit geben und der Dunkelheit und der Stille. Ohne -Wehr und Waffen gehe von hier, daß ich nicht mehr zittern muß, -wenn deine Schritte meine Gedanken kreuzen, wenn deine Augen -Schatten auf meinen Weg werfen und deine Sehnsucht über mein -Herz hinwegfliegt. Gelobest du mir das?«</p> - -<p>Seine Seele neigte ihr Haupt und gelobte es bei allem, was sie -fürchtete, und da sprach die Stimme zu ihm, und noch freundlicher -sprach sie, daß es wie Maiensonne auf seine Angst fiel, und also -sprach sie zu ihm: »Siehe, meine Augen sie bluten nicht mehr so -sehr, und meine Lippen röten sich ein wenig, und meine Hände -zittern kaum noch, weil die Furcht sie nicht mehr so quält und die -Angst und das Entsetzen; und nun höre: du hast gerufen heute: -du edeles Wild, adelig Getier, mein sollst du sein, ehe daß die Sonne -sinkt. Wenn die Sonne sank für dich wie für mich, keine Blume uns -mehr blüht und Schmerz und Lust uns nicht mehr ihre Lieder -singen, dann will ich dein sein, ganz und gar dein sein, für immer -und ewig dein sein, du lieber, viellieber, geliebter Jägersmann.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p> - -<p>Als er in das Dorf zurückkam, riefen im Kruge die Fiedeln, -und die Trompeten schrien, und eine Flöte lachte: »Komm tanzen, -junger Jägersmann!« Er ging in den Saal und sah sich um. -Annemieken stand da, schön wie immer, aber sie kannte ihn nicht. -Sein Freund ging an ihm vorüber, aber er sprach ihn nicht an, -und sein Feind warf seine Augen auf ihn, doch ohne Haß.</p> - -<p>An der Wand hing ein Spiegel; der rief ihn zu sich hin. Er sah -hinein und setzte sich auf die Bank der alten Leute.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p> - -<h2 id="Der_graue_Engel">Der graue Engel</h2> -</div> - -<p class="noind">Im blauen Himmel ging alles auf Strümpfen. Die Straße -war auf drei Häuserlängen mit Stroh belegt und mit Kaff bestreut, -und an der Haustüre hing ein Schild, auf dem zu lesen -stand: Kein Ausschank. Alles Vieh und auch der Hund waren -in der Nachbarschaft untergebracht, und die Pumpe war festgebunden, -und auf der untersten Treppenstufe war mit Kreide die -heilige Fünf hingemalt, denn der Tod stand hinter der Haustür.</p> - -<p>Er war wütend. Kinder, Greise und sonstiges Niederwild zu -jagen dünkte ihm kein Waidwerk; nach Edelwild gelüstete ihn, -nach einer hohen Beute. Diesen Mann da zu fällen, diesen großen -Künstler, ehe er sein Bestes gegeben, ehe daß er Tausenden von -Menschen das Herz gestärkt hatte, das war ein lohnendes Ziel. -Über die zwei Männer und die Frau, die zu seiten des Krankenbettes -saßen und ihre Schilde vor den siechen Mann hielten, lachte -der Tod; aber die eine, die nicht da war, die machte ihm schwer -zu schaffen.</p> - -<p>Ingrimmig knirschte der graue Engel mit den Zähnen, daß es -dem Förster, der in der Gaststube saß, eisig über den Rücken lief -und er schnell seinen Schnaps austrank. Dann bückte der Tod -sich, trat auf die Straße, von der die Spatzen entsetzt aufflogen, -als sein Schatten auf sie fiel, und stellte sich vor das gegenüberliegende -Haus, wo Lorenmutters Fuchsien sofort die Knospen -verloren, denn die Augen des Todes hatten sie gestreift. Aber auf -die alte Frau fielen seine Blicke nicht; er wandte sie dahin, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span> -Helmold lag, und stierte nach dem Fenster. Hineinsehen konnte er -nicht, weil die Vorhänge zugezogen waren; aber er wollte doch -wenigstens hinsehen.</p> - -<p>Der Kranke hatte ruhig dagelegen. Sein Gesicht sah wie eine -Totenmaske aus; jede Spur von Leben hatte das Fieber aus ihm -herausstilisiert. Regungslos saß der Arzt da, mit losen Fingern -das Handgelenk des Freundes umspannend. Aber nun blickte er -auf; die weiße Flaumfeder auf den Lippen des Kranken rührte -sich hastiger. Frau Gretes Züge verzogen sich zum Weinen, Hennigs -Gesicht verdunkelte sich; die Augen des Arztes sahen starr -nach dem Gesicht des Kranken.</p> - -<p>Im nächsten Augenblicke sprang er auf und hielt beide Hände -über das Bett, denn Helmold hatte sich mit einem Ruck emporgeschmissen, -sah ohne Verstand um sich, machte einen bittenden -Mund und flehte: »Kuß, ein' einz'gen Kuß, Swaantje!« Sein -Gesicht füllte sich mit Entsetzen; er fiel zurück und atmete schwer. -Dann sprach er mit verdorrter Stimme: »Die Augen, nein die -Augen; was sind das für Augen? Leg sie fort, ganz weit, nein, -dahin, weg!« Seine Brust ging auf und ab; er röchelte: »Ist -nicht wahr, hab ich nicht gemalt, Lüge, alles gelogen. Die Augen, -die Augen! Grete, du hast gelogen. Wir drei, wir drei, wir drei, -hast du gesagt. Gemeine Lüge!«</p> - -<p>Er knirschte mit den Zähnen und stöhnte: »Tödeloh, da bin ich -gestorben, ganz totgestorben. Ha la lit! Der gute Bock ist tot! -Bock tot, will ich blasen. Mein Horn ist weg.« Er warf sich hin -und her; dann sang er: »Rose weiß, Rose rot,« und flüsterte -weiter: »Sophie, eine Runde! Deuwel auch, Klaus, laß dir das -nicht gefallen; Wiebken mogelt.« Er lachte: »Es gibt viel Schönes, -Wunderschönes: Maserholz, grobe Leinwand, so wie Annemiekens -Hemden, rohes Kupfer, das heilige Dreieck. Ach ja, das heilige -Dreieck, das dunkele Geheimnis, unser Anfang, Ende auch. Such<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span> -verwundt, mein Hund, weis' verwund't, mein Hund! Szissa her -mit'n Lüttjen, her mit'n lüttjen Schluck!«</p> - -<p>Er flötete den Jagdpfiff, versuchte zu blatten, zog beide Hände -vor das Gesicht, als wollte er in Anschlag gehen, und schrie: -»Mariee, Dicke, was hast du für Arme! Wahre Pracht. Auf -Chali pfeif ich; das ist ein Biest. Jawohl, gnädige Frau, künstlerische -Reife ist Beginn der Fäulnis. Entweder leben oder Künstler -sein. Die Atrappe ist höhere Gemeinheit. Hurra, es lebe der -Öldruck! Hennig, deine Line ist keine Dame, darum mußt du sie -heiraten. Damen sind inaktive Dirnen. Pfui Teufel! Hier habe -ich voriges Jahr den Keiler geschossen. Nein, ich schieß ihn nicht, -Swaantje, aber küssen will ich dich, wenn du auch noch solche -Augen machst.«</p> - -<p>Er griff mit den Händen umher! »Hülfe, Hülfe, tut mir nichts: -ich will ja mein Herz wegschmeißen! Da, da liegt es, seht Ihr, -im Dreck; der Hund hat es geholt! Seid Ihr zufrieden, Grete -und Swaantje? Nun bin ich ganz artig.«</p> - -<p>Er fiel zurück und schlief ein, wachte aber sofort wieder auf und -schrie: »Schwindel! Alles Schwindel, Farbe, Liebe, alles, alles! -Hennig, sieh den Schillerfalter; alle Farben hat er, hat er; also -Schwindel. Hat überhaupt keine, tut bloß so. Nichts ist so, wie -es aussieht. Swaantje sieht gut aus, Swaantje ist böse. Grete -auch, Sophiee auch, Mariee auch, aber Annemieken ist gut. Soll -ich dir helfen, Annemie? Was brauchen wir unsere Herzen? Weg -damit! Ohne Herz liebt es sich bequemer. Wer hat den Hochsitz -hierher gestellt? Senator, Sie irren sich, Sie sind Fachmann, verstehen -also von der Sache nichts, sind darin, nicht darüber. Prinz, -du schießt ja doch nur vorbei, ganz sicher; hast ja den Tatterich. -Frau Trui, der Honig ist ausgezeichnet, süß, wie heimliche Küsse. -Aber die Farbe ist Schwindel; Honig muß rot sein. Alles, was -süß ist, ist rot. Rote Rosen sind schön. Wer hat die verdammten<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -Nesseln mang die Küsse gebunden? Was sollen die Witze? -Häh?«</p> - -<p>Er fiel abermals zurück. Der Arzt goß Arznei ein und flößte sie -dem Kranken ein, der unwillig schluckte. Frau Grete sah wie der -Tod aus, Hennigs Gesicht war wie aus Holz. Helmold schlug um -sich. »Laß mich in Ruhe mit dem verdammten Kleide, hörst du? -Es ist mit kalten Augen besetzt, gemeinen Augen. Fort damit! Ich -hasse die Kanaille und halt sie mir vom Balge, sagt Horaz. Prost, -oller Römer! Janna, Manna, singt noch eins!« Er summte: -»Meiner zu gedenken, das gebrauchest du ja nicht.« Starr sah -er nach der Wand: »Ich habe deine Brüste gesehen, o wie schön, -und ich will sie küssen. Gib sie her, sofort, hörst du! Ach laß -auch, sie sind kalt. Siehst du, das hast du davon. Lauf mir nicht -immer nach, Swaantje! Überall bist du! Ich will den Bock haben, -stell' dich nicht immer davor, sonst wahrhaftig, ich mache den -Finger krumm. Frau Pohlmann, in meinem Bette waren Flöhe. -Nein, bloß Spaß, waren Gewissensbisse. Annemie, ich bin müde. -Du sagst, du willst nicht? Teuf, Lork! Hast auch zwei Gesichter, -ein Taggesicht und eins in der Nacht, und das ist mir lieber.«</p> - -<p>Er sang nach einer Tanzmelodie: »Beni Benjamin hat gesagt, -ich hab den Lungenkataharr! Hab' mir das Herz verkühlt, hat -kalte Füße gekriegt. Heißen Pottdeckel darauf, das hilft. Ich will -nicht mehr malen, ich male mir noch alles Blut aus dem Leibe. -Und das brauch' ich noch 'ne Weile. Fritsche, alter Döllmer, trag' -das Gewehr nicht so dämlich! Hennig, wo willst du hin? Ach so! -Na, wenn das man gut geht! Nun hab ich es dicke; überall stehst -du mir im Wege, Swaantje! Komm her, Mädchen. Hoch lebe -die Liebe und die umliegenden Bierdörfer!«</p> - -<p>Er murmelte: »Ja, ja, schon gut. Mein Bild, das kannst du -küssen und mit ins Bett nehmen, aber mich, das fällt dir nicht -ein! Ach Süße, komm her, einmal, o du, du, du!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p> - -<p>Er schwenkte den Arm: »Tanzen sollst du, bist du weich bist, -windelweich, und dann nehm' ich dir den Rosenkranz ab, Ringelringelrosenkranz -ab. Ein bißchen welk ist er schon. Und nun haben -wir die Bescherung. Siehst du, Prinz, du pürschst zu laut! -Sekt her! Was kann das schlechte Leben helfen. Die alten Deutschen -tranken noch eins!«</p> - -<p>Er lachte: »Ja, malen, das kann ich. Kranke Frauen kriegen -ganz gesunde Kinder, gehen aber leicht hopps dabei. Amanda, -was sagst du? Biermamsell, ja, mir Wurst, aber du kannst -wenigstens küssen! Jawohl, Miezi, es ist noch etwas Leberwurst -da, aber die Kohlen sind rein alle. Bete zu deiner Heiligen, und -schaff sie ab, wenn sie uns keine Kohlen schickt. Swaantje, ich -will meinen Kuß haben! Den hab ich kontraktlich. Och Chott, -Mensch, das ist ja viel zu weit! schießt ja doch daneben! Bei -meiner Beerdigung muß ich aber dabei sein, diesmal wenigstens. -Christus sagst du? Bin mehr für Wode. Ist ja auch gleich. -Meinetwegen Maria; ich denke dabei an Frigge. Importen mag -ich nicht, bekommen nicht. Frigge hilft uns schon; bete zu ihr. -Du sollst sehen, sie hilft dir. Frigge fügt Hand zu Hand, Mund -zu Mund, Schoß zu Schoß. Gelobt sei Frigge!«</p> - -<p>Er lächelte: »Mein Herz tanzt auf einer goldenen Wiese, und -mein Mund läuft hinter dir her. Siehst du, jetzt bist du hingefallen. -Na, weine man nicht; komm her, ich heb' dich auf!«</p> - -<p>Er bewegte den Kopf in einem sanften Takte, als horche er auf -eine ferne Melodie; dann fing er an zu summen, so seltsam, daß -seine Frau ein Schauer schüttelte, denn die Singweise war aus -Lust und Leid gewebt, mit Übermut durchwirkt und mit Verzweiflung -besäumt.</p> - -<p>»H' ach,« rief er dann, »h'ach du, du! Du hast es gesagt. -Sagst: ich habe dir ja nichts gesagt!« Er lachte glücklich auf. -»Du sagst, ich habe dir ja nichts gesagt! Habe dir ja nichts gesagt,<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -nichts gesagt.« Er lachte belustigt: »Ich habe doch ein Gehör -wie der Fuchs. Weiß schon Bescheid, weiß, was das heißt. An -der Fährte spricht man den Hirsch an; das da ist sicher einer vom -zwölften Kopfe. Und den will ich haben, oder ich will die Kunst -nicht verstehen.«</p> - -<p>Er schauerte zusammen; der Arzt zog ihm die Steppdecke bis -unter das Kinn. Er flüsterte: »Danke, danke!« Er küßte in die -Luft: »Ach wie schön warm! Das ist so lieb von dir, liebe Swaantje. -So warm.« Er schnurrte wohlig: »Wie lange habe ich dich -gesucht, wie lange, aber du hast die Fährte verwischt. Das ist -sicher ein guter Bock. Gute Nacht, Herrschaften; ich gehe schlafen. -Komm Annemie! Mädchen, du hast ja Swaantjes Kleid -an! Nein, das geht nicht; ist dir ja viel zu lang. Sofort ausziehen, -hörst du! Na, weine man nicht, behalt's an; bist ja doch -die beste, die allerbeste!«</p> - -<p>Frau Grete ging hinaus, kreidebleich im Gesichte; als sie wieder -hereinkam, sah sie Hennecke an und schüttelte den Kopf. Der -Kranke flüsterte: »Dein Herz ist von Gold, Swaantje, und du -hast es an einer silbernen Kette unter den Spitzen auf deiner -Brust. Das sieht doll aus, ganz doll.« Er schrie auf: »Wo bist -du, Gotteswillen komm her!« Sein Kopf fiel auf die Seite, und -er begann rasselnd zu schnarchen.</p> - -<p>Der Arzt flüsterte: »Gehen Sie essen, ich bleibe so lange hier; -er schläft. Das ist ein gutes Zeichen, ich habe Hoffnung.« Er -zählte die Pulsschläge und nickte langsam. Dann lächelte er der -Frau zu und zeigte mit dem Kopfe nach der Tür. »Erst etwas -essen und dann ein bißchen hinlegen. Wir haben an einem -Kranken genug. Hennecke, gehen Sie mit! Und daß es ja ganz -stille im Hause ist.«</p> - -<p>Als Frau Grete draußen war, sah sie Hennig an und flüsterte: -»Behalten wir ihn wohl, lieber Freund?« Er nickte: »Ich glaube<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -es; seine Indianernatur wird ihm durchhelfen. Aber nicht wahr, -jetzt essen Sie ein bißchen?« Sie nickte müde.</p> - -<p>Er führte sie in das kleine Zimmer, rückte ihr den Sessel und -die Fußbank zurecht, goß ihr ein Glas Sekt ein und begann dann -zu essen, ruhig und langsam, wie immer. Das half; sie aß ein -Stückchen Brot und kaltes Fleisch und bekam wieder etwas Farbe.</p> - -<p>Hennecke tat, als kümmere er sich nicht um sie; aber wenn er -etwas nahm, rückte er den Auflageteller immer so, daß die besten -Stücke vor ihr lagen, und als ihr Glas leer war, füllte er es. -Dann aber sagte er: »Nun schlafen, bitte, und sobald die Antwort -kommt oder eine Änderung im Befinden eintritt, klopfe -ich.«</p> - -<p>Die Frau nickte und stand auf; als sie schon die Türklinke in -der Hand hatte, blieb sie stehen und hielt den Kopf schräg, als -wenn sie lauschte. Dann lächelte sie Hennecke zu und sagte: »Sie -kommt, wir werden gleich Nachricht haben. Sie hat das Telegramm -selber aufgegeben.« Hennecke sah sie ernst an und nickte. -Die Frau trat auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter -und sprach: »War es so schlecht von mir, was ich tat? Wenn -er stirbt, so bin ich schuld.« Er antwortete: »Beruhigen Sie sich, -liebe Freundin; Reue ist die größte Sünde, die es gibt, denn sie -hat keinen Zweck. Sie haben gehandelt, wie Sie mußten.« Sie -sah ihn ernst an und schüttelte den Kopf: »Nein, ich habe ihn -belogen. Aber, nicht wahr, der Gedanke, er liebt eine andere, und -ich, seine Frau, die zwei Kinder von ihm hat, soll entsagen, Sie -begreifen, daß da zuerst alles Kleine und Enge in einem nach -oben kommt. Und so bin ich hart zu ihm gewesen und schlecht, -sehr schlecht. Erst habe ich gesagt: ›Ja ja, mein guter Junge, -sie soll kommen! Wir drei, nicht wahr?‹ Und so nach und nach -nahm ich alles zurück und dachte nicht daran, daß ich ihm zuerst -die Augen geöffnet hatte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span></p> - -<p>Dann setzte sie sich an das Fenster. Düster sah sie vor sich hin, -die Hände im Schoße faltend. »Ich bleibe hier; schlafen kann ich -doch nicht, ehe das Telegramm da ist. Rauchen Sie bitte, lieber -Hennecke. Aber erst sehen Sie zu, wie es oben steht.«</p> - -<p>Langsam gingen die Stunden dahin, Hennecke löste den Arzt -ab. Der war zufrieden. »Er kommt an das Ufer, glaube ich, der -Puls ist ganz ruhig.« Er aß und ging nach oben, und Hennecke -leistete der Frau wieder Gesellschaft. Sie sprachen wenig. Plötzlich -seufzte Frau Grete erleichtert auf und lächelte gespannt. -Männertritte kamen näher und erklommen die Treppe; die Haustür -ging auf. Die Frau erhob sich, öffnete die Tür und nahm -dem Briefträger das Telegramm ab, gab ihm den Taler, den -sie schon bereit hielt, löste gelassen den Verschluß, faltete das -Papier auseinander, las den Inhalt, ohne eine Miene zu verziehen, -nickte, reichte Hennecke die Depesche und sprach: »Es ist -so, wie ich sagte: sie kommt. Gott sei Lob und Dank!«</p> - -<p>Die Tür ging auf; der Arzt stand darin, helle Freude im Gesicht. -»Sie haben Ihren Mann wieder, Frau Hagenrieder,« -sagte er ganz laut. Er sah erstaunt auf, als die Frau nur nickte -und meinte: »Ich wußte es.« Er trank ein Glas Sekt aus: -»Merkwürdig,« murmelte er dann; »eben erwachte er, seufzte -sich den Schlaf fort, sah ganz klar aus den Augen, machte sie -wieder zu und mit ganz fieberfreier Stimme flüsterte er: ›Sie -kommt!‹ Und dann schlief er wieder ein.«</p> - -<p>Am andern Morgen lachte die Sonne, und die Amsel sang zum -ersten Male. Helmold war sehr schwach, aber fieberfrei. Als er -die drei Schneeglöckchen sah, die seine Frau ihm auf das Tischchen -stellte, ging ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er winkte -mit den Augen, und sie bückte sich zu ihm nieder. »Näher!« hauchte -er, »noch näher!« Sie küßte ihn auf den Mund. »Meine liebe -Frau,« flüsterte er und schlief ein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p> - -<h2 id="Der_weisse_Garten">Der weiße Garten</h2> -</div> - -<p class="noind">Als Swaantje in Stillenliebe anlangte, war Helmold bereits aus -aller Gefahr, aber noch so angegriffen, daß der Arzt jede Aufregung -verbot. Er gestattete ihr nur, daß sie ihn sah, während er schlief.</p> - -<p>Das Mädchen mußte sich am Türrahmen festhalten, als sie -ihren Vetter erblickte. Welk fiel ihm das fast völlig ergraute -Haar in die Stirne, der Bart hing schlaff über die blutleeren -Lippen, die Nase trat scharf hervor, unter den Augen waren -tiefe Löcher, die in allen Farben spielten, die Ohren sahen wächsern -aus, und die Hände waren leichenfarbig.</p> - -<p>Als sie das Zimmer verlassen hatte, fiel sie Grete um den Hals -und schluchzte tränenlos, und die Frau sagte, als sie mit ihr in -dem besten Zimmer saß: »Wir wollen Gott danken, daß wir ihn -behalten haben, Swaantje; und sobald er kräftig genug ist, -fährst du mit ihm in irgend eine stille Ecke und pflegst ihn mir -ganz gesund. Nicht wahr, Liebste?« Das Mädchen nickte, denn -sie fühlte, daß die andere das im vollen Ernste sagte.</p> - -<p>Es wurde aber nicht so; denn je mehr sich Helmold körperlich -erholte, um so mehr schien seine Liebe für Swaantje zu erkalten. -Als ihm seine Frau einmal von dem Mädchen sprechen wollte, -wehrte er ab. »Ich genese, Grete,« sagte er, »und auch davon.« -Er sah sie voll an und fuhr fort: »Möglich, daß ich ihr später -wieder kameradschaftlich näher komme; vorläufig wäre mir ein -Zusammentreffen peinlich, und schädlich. Hennecke und Benjamin -sind der selben Ansicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p> - -<p>Wenn er, warm zugedeckt, auf dem Ruhestuhle im Garten lag, -dem Schlage der Finken zuhörte und die knospenden Zweige betrachtete, -dachte er noch oft an das Mädchen, aber nicht in Liebe. -Etwas wie Unmut war in ihm; denn er fühlte sich beleidigt. Er -hatte sich vor ihr erniedrigt, hatte um einen Kuß gebettelt, war -fast irrsinnig vor Liebe geworden, und es hätte nicht viel gefehlt, -daß er an seinem Verlangen zu Grunde ging.</p> - -<p>Er wußte aber auch, daß dieses der letzte Rückfall war. »Was -hat sie nicht alles aus mir gemacht,« dachte er; »einen Trinker, -einen Wüstling, einen Salonaffen, einen Streber!« Er las in dem -Buche, das Hennig ihm mitgebracht hatte, und lächelte belustigt, -denn er war vorhin auf einen Ausspruch Montanabbis gestoßen, -der vortrefflich zu seinen eigenen Gedanken paßte, und der -folgendermaßen hieß: »Viele Menschen waren gleich mir Opfer -eines weißen Halses, eines rosigen Angesichtes und zweier Augen, -die sanft blickten, wie die der Gazelle.« Er nickte und dachte: -»Hast recht, beturbanter Philosoph; wir wollen den Fall zu den -Akten in das Fach Erledigt legen.«</p> - -<p>Die Magd wusch in der Küche Gläser auf und sang. Er nickte -lächelnd, pfiff leise die Singweise durch die Zähne und summte den -Schlußreim: »Kehr' dich ab von mir, heb' dich fort von mir, scher' -dich weg von meiner Tür.« So waren seine Gedanken, wenn er an -Swaantje dachte. Mochte sie sich jetzt ebenso um ihn quälen, wie er -es ihrethalben getan hatte; sie hatte es verdient durch ihre Feigheit.</p> - -<p>Mit Schadenfreude stellte er fest, daß er sie nicht mehr liebte. -Das war nur natürlich; es entsprach seiner Veranlagung. Sein -Vater hatte den Grundsatz gehabt, ihm niemals einen Wunsch -sofort zu gewähren. So hatte er ihm, als Helmold zwölf Jahre -alt war, verboten, sich eine Armbrust zu kaufen. Nach einem -halben Jahr bekam er sie zum Geburtstage, rührte sie aber nicht -an, denn er war schon darüber hinaus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p> - -<p>Allmählich dachte er milder. Zu Hennig, der sich seinetwegen -frei gemacht hatte, sprach er sich einmal, als er mit ihm vor das -Dorf ging, darüber aus: »Weißt du, mein Lieber, ich zürne ihr -auch nicht mehr, denn sie konnte schließlich nicht anders handeln, -schon ihres Verhältnisses zu Grete wegen nicht. Ich weiß, das -Ganze war Einbildung; aber daß ich das weiß, das ist eben das -Schlimme. Ich bin doch jetzt körperlich schon wieder ganz rüstig; -aber ich bleibe innerlich kalt und tot. Ich lebe in einem weißen -Garten; wo ich hinsehe, verlieren die Blumen die Farbe und die -Blätter das Grün. Mein Herz ist gefeit gegen jegliches Gefühl; -es hat kein Teil mehr am lebendigen Leben.«</p> - -<p>Er schwieg und dachte an alle die Frauen und Mädchen, die -er geliebt hatte. Aus Gewohnheit fühlte er ihnen gegenüber Dank, -in Wirklichkeit waren sie ihm alle gleichgültig. »Ja, Hennig,« -murmelte er und nickte, auf das Dorf hinabsehend, wo alle Obstbäume -blühten, »das ist nun so: Helmold Hagenrieder ist tot. -Was da lebt, ist bloß noch der Professor gleichen Namens. -Zwischen mir und der Welt ist eine Glasscheibe. Ich habe noch -Sinne, noch Sinnlichkeit; aber ich habe die alte kindliche Anteilnahme -an den Menschen und den Dingen verloren. Ich sehe sie -nur noch in ihren kalten Lokaltönen, nicht mehr in der warmen -persönlichen Beleuchtung, die ich ihnen früher gab.«</p> - -<p>Er seufzte, aber dann lächelte er: »Ist übrigens das einzig -Wahre. Der Künstler muß außerhalb der Welt stehen, wie Gott. -Wer im Leben steht, bringt es nie zur Meisterschaft. War schon -das beste für mich, diese dämliche Entgleisung. Wäre ich irgend -ein Soundsomensch, Beamter oder so was, Philister, so wäre -ich daran eingegangen; so aber hat mich diese Geschichte gereinigt. -Denn ich bin da, um zu wirken, nicht um zu leben, wie Hans X -und Kunz Y.«</p> - -<p>Leise sprach er vor sich hin: »Künstler sollten nicht heiraten;<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -sie können nicht treu sein, dürfen es nicht, sollen sie sich nicht -selber untreu werden. Aber heiratet man nicht, so hat man keinen -Zusammenhang mit dem Leben, lernt dessen tiefste Nöte nicht -kennen. Wie man es auch macht, es ist immer verkehrt, und so -wird das Allerverkehrteste wohl das einzig Richtige sein.«</p> - -<p>Er zündete sich die erste der zwei Zigaretten an, die Benjamin -ihm gestattet hatte, sah den Freund an, legte ihm die Hand auf -das Knie und sprach weiter: »Ich habe früher von der Philosophie -niemals viel gehalten; sie ist noch ein viel lorbeernerer Ersatz -für das Leben, als die Kunst. Jetzt aber, wo ich mit dem -Leben innerlich nichts mehr zu tun habe, philosophiere ich. Höre -zu: Nach Kant gibt es kein Ding an und für sich; ich aber sehe -die Dinge an und für sich. Also gibt es kein Ding an und für -mich, sondern nur Dinge an und für sich für mich. Also geht -mich als Menschen nichts mehr etwas an. Also bin ich kein -Mensch mehr; also bin ich tot!«</p> - -<p>Ein Goldammerhähnchen kam angeschnurrt, ließ sich auf einem -Zaunpfahle nieder, sah die Männer zutraulich an, glättete seine -gelbe Holle und begann zu singen. Helmold pfiff leise durch die -Zähne das Lied des Vogels nach, nickte und murmelte: »Manche -sagen, der Goldammer singt: ›Wie wie hab ich dich lieb, lieb.‹ -Andere meinen, er sänge: ›Mein Nest ist weit weit, weit.‹ Alles -auf der Welt hat ein zweites Gesicht, die Natur, die Kultur, die -Religion, die Kunst, die Politik, die Liebe, alles, alles. Wer das -nicht weiß, ist glücklich; ich weiß es. Ich habe es wohl immer gewußt, -bloß manchmal vergaß ich es, und dann glaubte ich, -glücklich zu sein. Im Sichselbstvergessen allein liegt das einzige -Glück, also in der Narkose, durch Liebe, oder Haß, oder Arbeit. -Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, sagt man. Er ist und -bleibt aber, wie alles Leben, eine dilettantische Leistung. In einem -Buche über die Kultur der alten Assyrer steht folgender Vers<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -eines Dichters jener Zeit: ›Gewandert ist in Hast mein müder -Fuß so viel; ich gönnt' ihm keine Rast, doch fern bleibt stets das -Ziel.‹«</p> - -<p>Ein braunes Ding kam über den Zaun geschwenkt, streckte gelbe -Krallen nach dem singenden Vogel aus und verschwand damit -hinter der Hecke. Helmold sah Hennig an und lachte lustig: »Eine -Gemeinheit sondergleichen; der gelbe Vogel singt von Liebe, und -die Natur oder die Vorsehung schickt ihm den braunen Tod! Ich -hatte einen Mitschüler, er hieß zwar Julius und noch dazu -Müller, aber nie hat es ein so goldenes Herz gegeben, nie so viel -Güte in einem Menschen. Er starb an Wundstarre, starb sieben -Tage lang, lag da bei vollem Bewußtsein, konnte kein Glied -rühren und mußte durch künstliche Atmung hingehalten werden, -bis auch das nichts mehr half. Seine Mutter, eine Witwe, war -eine gläubige Katholikin. Sie hat, nachdem ihr Julius tot war, -keine Kirche mehr betreten und nie wieder gebetet. Ich war jeden -Tag, solange mein Freund im Sterben lag, bei ihr, und mit -jedem Tag bröckelte mein Gottesglauben mehr ab, bis nichts -mehr davon übrig war, besonders seitdem ich vergleichende -Religionsgeschichte gelesen hatte. Und dann kam ich an die Philosophie.« -Er schüttelte den Kopf: »Na, das ist erst der größte -Blödsinn; Narkose im Quadrat; vierte Dimension des Stumpfsinnes.«</p> - -<p>Ein fast voll entwickeltes Mädchen von vierzehn Jahren mit -hellblonden Flechten kam losen Ganges den Fußweg entlang, -warf sich in die Brust, als sie die beiden Männer sah, machte -ihnen einen Knix und sah den Maler so heiß an, daß Hennig die -Augenbrauen hochzog. Helmold bemerkte es und meinte: »Ein -reizendes Geschöpf, und so sehr verliebt. Die am Herzen liegen -zu haben, das brächte mir am Ende noch ein bißchen Glück. -Aber das wäre unmoralisch. Früher lebte ich unmoralisch, und<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -hielt darum von der Moral sehr viel. Jetzt werde ich wohl moralisch -leben, denn ich weiß, daß die Moral Schwindel ist, besonders -die Geschlechtsmoral; ihre Wurzel ist der Neid, und -weiter nichts. Wenn ich mit den Augen winkte, flöge mir dieses -Bild von Mädchen an die Brust, und gäbe mir alles, was sie zu -verschenken hat. Und nähme ich es, so gäbe das ein schönes Geschrei; -denn alle Männer sehen ihr mit den selben hungrigen -Augen nach, wie ich, und wie du, lieber Hennig. Infolgedessen, -darum und so weiter!«</p> - -<p>Er sah den Rauchringeln nach, blickte mit leeren Augen über -das lachende Land und auf die kleinen Mädchen, die in der Wiese -Blumen pflückten, und sprach vor sich hin: »Ich will hier fort. -Mir ist es peinlich, die Anteilnahme in Frau Pohlmanns -Augen zu sehen. Und dann ist Annemieken da. Allen bin ich Dank -schuldig; aber wie kann ein toter Mann Dank abstatten? Höchstens -durch kalte Worte. Laß uns irgendwohin fahren, wo kein -Mensch mich kennt, und wo kein Mensch ist, den ich lieben muß.«</p> - -<p>Das taten sie denn auch; doch zuvor fuhr Helmold nach Hause, -um einige Tage mit den Kindern zu verleben. Als er eines Morgens, -während seine Frau ausgegangen war, in der Werkstatt -seine Bilder betrachtete, um zu prüfen, ob nicht dort oder da -Spuren einer krankhaft verzerrten Anschauung zu finden seien, -klopfte es an der Tür und auf seinen Zuruf trat Luise herein. -Sie war ganz blaß und hatte die Augen unter sich. Er hatte noch -keine Gelegenheit gehabt, mit ihr allein zu sein, und er war sehr -froh darüber gewesen; aber als er sie so dastehen sah mit auf -den Estrich gerichteten Augen, wurde sein Herz doch ein wenig -warm, denn sie sah so schön und dabei so magdlich demütig aus. -»Nun, liebe Luise,« fragte er, und strich ihr mit der Hand über -die Backe, »wo fehlt es? Denn du hast etwas auf dem Herzen, -das sehe ich dir an.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p> - -<p>Das Mädchen sah auf, schlug aber die Augen sofort wieder -nieder, und ihre Brüste gingen auf und ab, als sie endlich herausstotterte: -»Herr Hagenrieder, ich, ich, mein Schwager, Sie wissen -doch, meine Schwester ist gestorben, und nun sitzt er da mit den -beiden kleinen Kindern. Und er ist da und fragt mich, ob ich ihn -nicht heiraten will.« Sie strich an ihrer Schürze entlang und -schwieg. »Hast du ihn gern?« fragte er. Sie nickte: »Er ist ein -guter Mann und fleißig, und er sagt, er hat mich von jeher gut -leiden mögen, und denn sind die Kinder da, und die mögen mich -gut leiden. Und so wie es ist, kann es doch nicht bleiben.« Sie -stockte, fuhr aber gleich fort: »Aber ich meine, solche Eile hat das -just nicht, und wenn Sie wollen, Herr Hagenrieder, so bleibe ich -noch.«</p> - -<p>Eine warme Welle lief ihm über die Brust. Er faßte das Mädchen -bei der Hand und sagte: »Nein, das will ich nicht; denn -auf die Dauer durften wir nicht so weiter leben. Wenn Sie -Ihren Schwager wirklich gern haben, ist es so das Beste.« Sie -nickte und sah ihn dankbar an, Tränen in den Augen. Er gab -ihr die Hand und sagte: »Ich wünsche dir viel Glück, mein liebes -Kind. Und noch eins: jeder Mensch kann einmal Sorgen haben. -Vergiß nie, daß ich dir sehr viel Dank schuldig bin.«</p> - -<p>Er sah ihr nach, als sie gerade und aufrecht durch den Garten -ging, und als sie in der Haustür verschwand, dachte er: »Meine -Jugend hat mich verlassen; wohl mir!«</p> - -<p>Am anderen Tage fuhr er mit Hennecke fort. Als er nach einem -Monde wieder kam, hatte er ein volles, braunes Gesicht, klare Augen, -eine feste Stimme und einen straffen Gang. Das Weiche, Zarte -war ganz bei ihm verschwunden, doch auch das Harte und Eckige.</p> - -<p>Er sah seinen Kleiderschrank durch, tat alles beiseite, was nach -gesuchter Eigenart schmeckte, hielt eine fürchterliche Musterung -unter seinen Halsbinden und Handschuhen ab und gab dann der<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span> -neuen Magd den Auftrag, das Moos, das er früher so sehr geliebt -hatte, von den Wegen im Garten zu entfernen. Dann stellte -er alle Bilder von Swaantje wieder an ihre Plätze und desgleichen -die Geschenke, die er und seine Frau von ihr erhalten -hatten, und schließlich schrieb er ihr einen netten Vetternbrief, in -dem er ihr in leichter Weise erzählte, wie sein äußeres Leben in -der letzten Zeit gewesen war. »Denn,« sagte er sich, »sie ist nun -doch einmal unser Bäschen.«</p> - -<p>Als Grete ihm erzählte, daß Swaantje Krankenschwester werden -wolle, erwiderte er: »Na, dann wird sie hoffentlich über kurz -oder lang Frau Doktor Soundso heißen. Das wäre auch das -beste für sie.« Seine Frau stand auf, legte ihren Kopf an seine -Schulter und flüsterte: »Ist das dein voller Ernst, lieber Helmold?« -Er sah sie mit aufrichtigen Augen an, nickte und antwortete: -»Jawohl, das ist es; ich werde nicht wieder rückfällig.« -Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er fort: »Sie war mir -ein leiser Oktavton; er ist in mir aufgegangen und klingt nicht -mehr. Ich war C, sie eine Oktav tiefer. Es gab keine Dissonanz, -aber auch keinen Akkord, denn sie war ein zu unselbständiger -Ton neben mir. Ich liebte sie aus Angst vor dem Altwerden; -jetzt habe ich vor dieser Angst keine Bange mehr.«</p> - -<p>Er sprach die Wahrheit; er wußte, daß er bereits alt war. In -dem Luftkurorte, in den er sich mit Hennecke geflüchtet hatte, war -er bald der Mittelpunkt der Geselligkeit gewesen, und wenn er -gewollt hätte, so konnte er viel süße Küsse pflücken. Er hatte aber -nur mit Worten getändelt und zumeist harmlos, bis sich aus dem -Wortgetändel zwischen ihm und einer hübschen, sehr schlagfertigen -Frau, die unter den Folgen eines Scheidungsprozesses litt, etwas -entwickelte, das wie Liebe aussah, aber im Grunde nur der -Niederschlag der gepfefferten Wortgefechte war, die ihm neue -Spannkraft gaben und ihr das zerdrückte Herz aufrichteten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p> - -<p>Er war oft sehr weit in seinen Bemerkungen gegangen. Die -Frau trug eines Tages seidene Strümpfe mit einem spiralig verlaufenden -Muster. Als er mit lustigen Augen darauf hinsah, -fragte sie ihn: »Interessieren Sie meine Strümpfe so sehr?« Er -lachte: »Ja freilich; das Muster eröffnet dem denkenden Leser -die interessantesten Perspektiven?« Sie fuhr auf: »Aber, Herr -Hagenrieder?« Er lachte wieder: »Na was denn? Denkt man -sich die Spirale fortgesetzt, so landet man schließlich bei,« er sah -sie harmlos an, »dem klugen und schönen Gesichtchen!« Sie -drohte ihm mit dem Finger.</p> - -<p>Drei Tage, bevor sie abreiste, sagte sie ihm: »Sie haben mein -Herz wieder lachen gelehrt, Sie ganz frecher Mensch Sie; aber -ich glaube, ich habe Ihnen auch etwas geholfen. Es ist übrigens -gut, daß jetzt wieder jeder seinen eigenen Weg geht.« Sie sagte -das mit lachendem Munde, aber dabei liefen ihr Tränen in die -Augen, und sie drehte sich schnell um.</p> - -<p>Er hatte sich sehr an sie gewöhnt, und ihm war so, als müßte -er ihr in den Laubengang nachgehen und sie in den Arm nehmen; -aber er riß sich zurück. Als sie abgereist war, sagte er sich: »Herr -Hagenrieder, Sie werden alt, oder vielmehr, Sie sind es schon.«</p> - -<p>Er war es; er wurde kühlverbindlich in seinem Benehmen, zurückhaltend -im Reden und vorsichtig im Handeln. Er, der früher -Gefahren und Verwicklungen suchte, schlug jetzt Richtwege ein, -konnte er dadurch eine Unannehmlichkeit vermeiden. »Passé!« -dachte die Gräfin Tschelinski, als sie ihn wiedersah, und wich ihm -aus, was ihm sehr lieb war, denn ihr übermodernes Wesen hatte -ihm schon längst den Appetit verdorben. Noch froher war er, als -der Prinz ihm erzählte, daß Frau Pohlmann ihr Anwesen verkauft -und sich anderswohin verheiratet habe.</p> - -<p>Mit viel mehr Freude konnte er nun zur Pürsch auf den roten -Bock fahren. Aber auch mit der Jagd war er auseinandergekommen;<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -er schoß nach dem Bock, wie nach der Scheibe, und während -er sich früher gänzlich der Stimmung der Landschaft hingegeben -hatte, betrachtete er sie jetzt mit den selben Augen, mit der -er seine entthronten Herzensköniginnen ansah. Er bemerkte ihre -Schwächen, ohne daß er dadurch abgestoßen wurde; er hing nicht -mehr an ihnen, und so beleidigte ihn das Fehlerhafte nicht.</p> - -<p>Seine Frau freute sich über ihn; er war jetzt immer gleichen -Mutes, hatte nie üble Laune, vergaß kein einziges Mal den Morgen- und -Abendkuß, gab sich viel mit den Kindern ab, war der -rücksichtsvollste und verbindlichste Kavalier in allen Gesellschaften, -zu denen sie mit ihm ging, sah nie mehr mit langenden Augen -nach anderen Frauen hin, aß stets mit Appetit, ging rechtzeitig -schlafen und teilte sich Arbeit und Erholung gewissenhaft ein.</p> - -<p>Ab und zu wurde ihr die Abgeklärtheit und Durchsichtigkeit seines -Wesens etwas unheimlich; aber bei ihrer frohherzigen Natur kam -sie bald darüber hinweg, und sie sagte sich schließlich auch: »Ach -was, es ist auch besser so!«</p> - -<p>Ganz das selbe dachte er dann und wann auch. Wenn er beim -Malen war, und er alle die Formen und Farben, die sein Herz -ihm nicht mehr bot, aus seinem Verstand hervorholte und kühl -und überlegen zu kraftvollen Werken zusammenklingen ließ, dachte -er: »Ist das langweilig! Ich weiß ja, es gelingt: also lohnt es -sich nicht mehr!«</p> - -<p>Er wünschte sich in solchen Augenblicken, er wäre tot, und seine -Witwe fände einen netten, guten und klugen Mann; denn in -Wirklichkeit stand auch sie samt den Kindern fern von ihm.</p> - -<p>Mit Hennecke ging es ihm nicht anders; er liebte ihn nur noch -in der Erinnerung und hatte ihm das einst gesagt. »Ist mir ganz -schnuppe,« hatte Hennig geantwortet, und er setzte hinzu: »es -freut mich aber, daß du es mir sagst; das ist eine Liebeserklärung -in bester Form. Ich habe dir viel, du mir einiges zu danken; daran<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -wollen wir uns genügen lassen. Schließlich bleibt doch jeder -Mensch allein.«</p> - -<p>Auch er war ein kalter Mann geworden, seitdem ihm seine Line -drei Tage, bevor er sich mit ihr trauen lassen wollte, von einem -Kraftwagen totgefahren war. Nicht viel anders ging es Beni -Benjamin. Er hatte die Stelle als Nervenspezialist am städtischen -Krankenhause angenommen, den Professortitel bekommen, spielte -eine Rolle in der Gesellschaft, und noch mehr seine schöne, lebhafte -Frau, und er hatte auch die leise Frau, die er sich geträumt hatte, -in einer Patientin gefunden, die er von jahrelangem Leiden gerettet -hatte. Da starb ihm sein Sohn, und nach einem Vierteljahr -war er ein stiller Mann mit toten Augen und lippenlosem Munde.</p> - -<p>»Tja«, scherzte Helmold Hagenrieder, als er mit ihm und Hennecke -hinter einer guten Flasche saß, »hier sitzen wir drei Weisen -aus dem Morgen- und Abendlande, hocherhaben über der blöden -Menge und können singen: ›Guter Mond, du gehst so stille!‹ Ja, -lieber Hennig, du hattest recht, als du mit zwanzig Jahren dichtetest: -›Nichts hoffen, aber auch nichts fürchten, nie traurig, -doch auch niemals froh; Ich möchte sein, was ich gewesen; ach -was, es ist auch besser so!‹ Stoßt an, Brüder von der kalten -Lamain; das Leben ist einer Hühnerleiter nicht unähnlich: ziemlich -dreckig, oder noch mehr einem Kinderhemde: kurz und bescheiden. -Na, wir haben es bald zur Strecke gebracht. Ha la lit!«</p> - -<p>Das meinte er aber durchaus nicht im trübseligen Sinne, und -gleich darauf erzählte er die tollsten Schnurren, ließ sich den Wein -und die Zigarre schmecken und ging um halb elf Uhr heim; denn -der Alkohol war ihm jetzt nur noch ein guter Freund, von dem -er sagte: »Man darf die Freundschaft nicht zum Verkehr ausarten -lassen.« Einmal in der Woche traf er sich mit Hennig und -Beni beim Wein und einen anderen Abend ging er in den Künstlerverein, -um Billard zu spielen und zwei Gläser Bier dabei zu trinken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p> - -<p>Nur wenn Vollmond war, kam ab und zu die alte Unruhe über -ihn; aber dann sah er sich vor und fuhr nach Stillenliebe, tobte -sich mit Klaus Ruter, der inzwischen den väterlichen Hof übernommen -hatte, hinter den Karten aus und ließ sich von Annemieken -die Brummfliegen wegjagen.</p> - -<p>Bei diesem Mädchen, das gar keine Bildung, aber ein Herz und -einen scharfen, wenn auch nicht weiten Verstand und viel Takt -hatte, wich alle seine Unruhe sehr bald. Zudem fesselte sie ihn, -wenn auch wenig mehr als Weib und auch kaum als Einzelmensch, -sondern als Typus; das Erdgebürtige, das Urwüchsige, Unverbildete -ihrer Erscheinung und ihres Wesens sagte seinem Urmenschenempfinden -zu, und mit stets neuem Erstaunen lauschte -er den unwillkürlichen Offenbarungen, die ihrem Unterbewußtsein -entsprangen.</p> - -<p>Sie konnte eben noch lustig lachen, aber dann begannen ihre -Augen zu verschwimmen, und wenn sie sprach, hörte er nicht ein -hübsches Landmädchen reden, sondern sein Volk sprach zu ihm. -Stundenlang konnte er, die Pfeife im Munde, im Backenstuhle -sitzen und in das offene Feuer sehen, während Gift und Galle sich -zu seinen Füßen räkelten und die Katze auf seinem Schoße saß -und schnurrte; ihm gegenüber saß dann Annemieken, spann und -sang mit nur halb entfalteter Stimme ein altes Lied.</p> - -<p>»So kann man tausend Jahre sitzen,« sagte er, den Funken zusehend, -die um den Dreifuß sprangen. »Ja, Feuer ist Gesellschaft,« -antwortete das Mädchen und ließ das Rad weiter schnurren.</p> - -<p>Er sah sie groß an; dieses eine Wort, das einzig mögliche, um -die Bedeutung des offenen Feuers für das Seelenleben eines ganzen -Volkes wiederzugeben, eröffnete ihm einen Ausblick auf die Entstehung -der gesamten Volksdichtung.</p> - -<p>»Weißt du, Mieken, daß du eine Dichterin bist?« fragte er sie. -Sie nickte gleichmütig: »Ja, ich habe erst heute noch das Fenster<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -im Ziegenstall gedichtet«, und dann lachte sie, weil er ein ganz -verblüfftes Gesicht machte, denn das war der erste Kalauer, den -er von ihr hörte.</p> - -<p>Doch so ging es ihm oft mit ihr; sie hatte tausend Schubladen -und Geheimfächer in ihrer Seele, und manche davon waren so -versteckt angebracht, daß sie sie nur ganz zufällig fand und selber -erstaunt war über die alten Erbstücke, die darin herumlagen, -einige noch gut erhaltene, andere vergilbt und stockfleckig, mottenfräßig -oder schimmelig.</p> - -<p>Das Spinnrad schnurrte, der Tranküsel flackerte, rote Funken -sprangen hin und her, und die gewaltigen Pferdeköpfe des Herdrahmens -warfen unheimliche Schatten auf die Wände des Fletts. -Mieken rührte die Arme fleißig, und Helmold betrachtete mit zufriedenen -Augen ihr reiches blondes Haar, ihr frisches Gesicht, -das bei jedem Lächeln drei Grübchen vorwies, die vollen Brüste, -die sich ungesucht unter dem weißen Hemde und dem roten Leibchen -abzeichneten, und die prallen Lenden, die der blaue Rock -umspannte, während die weiße Schürze sich im Schoße verführerisch -knickte, und er ließ sich von der alten Weise streicheln, die -der Kessel brummte und Annemieken summte, bis sie, mit verträumten -Augen vor sich hinstarrend, zu erzählen begann und -ihn in die Zeiten führte, da noch die Bäume rote Herzen hatten -und jedes Tier eine Sprache besaß, die von Menschenohren verstanden -wurde.</p> - -<p>Sein Volk, das einzige, das er auf der Welt noch liebte, saß -vor ihm in Weibesgestalt, durchsichtig, wie ein tiefes Wasser, und -ebenso unergründlich, schön anzusehen und doch schrecklicher -Geheimnisse voll, und es blickte ihn mit hellen warmen Augen -an, die einen Pulsschlag später kalt und dunkel aussehen konnten.</p> - -<p>Er zerfaserte sein Verhältnis zu dem jungen Weibe, das vor -ihm saß und in völliger Selbstvergessenheit spann. Zu Bildern<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span> -waren ihm die Frauen im allgemeinen nun geworden; er konnte -sie nur noch flächig sehen. Bei Annemieken war das anders, die -lebte um ihn; weniger sie selber, als das, dessen Sinnbild sie war, -als sein Volk, mit dem er sich eins fühlte.</p> - -<p>Er dachte an die Stadt und lächelte in sich; Plunder, Volants, -außen und innen, ein Staffeleileben, zwecklose Ornamentik, Künstelei, -das Ganze ohne viel Sinn und Zweck.</p> - -<p>Er sah sich im Flett um; da war nur Zweck und gar kein Ornament. -Selbst die Mährenhäupter des Rahmens waren nur -Zweck, eine Verbeugung vor Wode, dem entthronten Gotte. -Aber wie schön war nicht der Kesselhaken in seiner ganz auf den -Zweck gearbeiteten Form, wie schön jedes Stück Geschirr an der -Feuerwand, wie sinngemäß die kunstvolle Pflasterung des Estrichs -mit den geschwungenen Schmuckstreifen aus weißen Kieseln. Das -war Kunst, Kunst im Leben, nicht neben dem Leben, keine Staffelei- -und Atelierkunst.</p> - -<p>Überall lachte sie ihn an, die Seele seines Volkes, die ein Kunstwerk -aus jedem Geräte gemacht hatte, und nur deshalb, weil sie -an Kunst nicht dachte. Ob es nun der Kugelfußtisch war oder der -Stuhl mit dem Sitze aus Schilf, die Tranlampe oder der Tellerkranz, -jedes Stück erzählte oder sang in seiner leisen Art; desgleichen -der Rosmarinstock vor dem Fenster der Dönze und der -grüne Topf, in dem das Allwundheil wuchs. Das war die Welt, -in die er hineinpaßte, in der er hätte leben müssen, wenn auch -nur als kleiner Handwerker.</p> - -<p>Hier tönte ihm noch ein Echo des wirklichen Lebens. Es war -ihm ein Bedürfnis, Annemieken die schweren Arbeiten abzunehmen; -er fühlte sich ganz hineingestimmt in diese Welt, er, der -Mann, der dem übrigen Leben gegenüber sich zum Außerhalbsbewußtsein -hingefunden oder verirrt hatte. Da war Ruhe und -Frieden und langsames, bedächtiges Schaffen; da war nicht jeder<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -Augenaufschlag mit einem Lächeln gewürzt, wurden Zärtlichkeiten -nicht feilgeboten. Alles mußte erarbeitet oder erobert -werden.</p> - -<p>Unglaublich tief war das Verständnis dieses einfachen Weibes -für seine Art; denn es beruhte auf der uralten Überlieferung, -auf nach Jahrtausenden zählenden Gewohnheiten, auf einer unermeßlichen -Erfahrung.</p> - -<p>›Hier ich, da du!‹ das war die Losung, und das Feldgeschrei -hieß: ›Jedem das Seine!‹ Da gab es keine Seelenvermanschung, -Persönlichkeitsverquirlung, nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl, -wie zwischen dem Birnbaum im Grasgarten und dem Efeu, der -ihn umwuchs. Vor allem! man sprach nicht über Dinge, die mit -Worten nicht zu ändern sind, wie man seit Jahrzehntausenden -wußte; man war zu klug und zu gebildet und zu keusch. Man -zog sich nie nackt vor einander aus, und man quälte sich nicht -mit Unmöglichkeiten. Man gab sich keine Mühe, den anderen -zu durchdringen; man wußte, jeder blieb doch für sich. So gab -es keine Enttäuschung und kein Entfremden, keinen kalten Blick -nach dem Nacken des anderen.</p> - -<p>Er trank den Rest Warmbier aus der zinnernen Kanne, die er -neben dem Feuer stehen hatte, klopfte seine Pfeife aus, hängte -sie an den Nagel, sah das Mädchen an und sprach: »Annemie!« -Sie lächelte und ihre Augen leuchteten, denn wenn er sie so anredete, -das wußte sie, mußte sie ihm irgendwie helfen. Sie sah -ihn fragend an. Er fing an: »Annemieken, du hast sie doch gesehen, -damals, als ich so krank war?« Sie nickte. »Wie gefiel sie -dir?« Sie wiegte den Kopf hin und her: »Ich weiß nicht; das -war nicht Fisch noch Fleisch!«</p> - -<p>Er sah Swaantje vor sich. Ihre Augen hatten keine goldenen Blumen -mehr, sondern gelbe Flecke; ihre Stimme war nicht mehr weich, -sondern schwach; ihr Gesicht war zu sehr nach Mannesart geschnitten,<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span> -und ihr Haar roch nicht wie Mädchenhaar; was sollte -er also mit ihr?</p> - -<p>Aber er hatte ein Anrecht auf sie, er wollte seine Satisfaktion -von ihr haben; wollte damit alles das, was er durch sie eingebüßt -hatte, wieder in sich hineinzwingen. »Aber das wird doch -nicht gehen,« überlegte er, nahm Annemieken in den Arm und -küßte in ihr sein Volk, ließ sein Bewußtsein in ihr untergehen, -wärmte sein altes Herz an dessen ewig jungem Leben.</p> - -<p>Als dann der Schlummer sein Denken schon zudecken wollte, -war es ihm, als ob seine Ehefrau neben ihm atmete, und sehnsüchtig -gedachte er ihrer. Er sah sie als Bäuerin im Hause walten, -ruhig und bedächtig, nur ihm und den Kindern lebend, unbekümmert -um das, was außerhalb ihres Hofes in der Welt vor -sich ging, ganz und gar weiter nichts als Frau Hagenrieder, von -seiner selbstverständlichen Achtung umgeben, und seiner vollen -Liebe um so sicherer, als davon niemals die Rede war.</p> - -<p>Als er nach drei Tagen in der zweiten Wagenklasse heimfuhr, -hatte er ein Mädchen aus der ersten Gesellschaft zur Fahrtgenossin. -Sie war einst seine Tischnachbarin gewesen, hatte ihm in -allen möglichen Dingen widersprochen, bis ihm die Geduld riß und -er freundlich antwortete: »Ja, über bildende Kunst kann ich nicht -urteilen, gnädiges Fräulein; ich bin man bloß Maler.« Sie hatte -erst einen roten Kopf bekommen und glühende Augen, war aber -dann ganz weich geworden und hatte ihn in aller Form um Entschuldigung -gebeten.</p> - -<p>Nun war sie wie Knetwachs in seinen Händen. Sie war sehr -schön und von reizendem Wesen, und er wußte es: »Ein Wort, -ein Griff und du hast sie.« Aber er hatte eingesehen, warum er -noch vor kurzem jedes Frauenherz annahm, das ihm hingehalten -wurde; Seelen hatte er sich vermählen wollen. Nun er einsah, -daß das eine Unmöglichkeit war, riß er sich zurück, unterhielt das<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span> -hübsche Mädchen auf das beste, vermied jene innere Annäherung -und schied von ihr mit einem höflichen Lächeln.</p> - -<p>Am nächsten Tage mußte er abermals ein Herzchen dankend -ablehnen. Er war allein im Hause und Minna, das Kindermädchen, -das mit einem Male einen prallen Schürzenlatz und -verlangende Augen bekommen hatte, umgab ihn, als er zu Abend -aß, mit so durchsichtiger Hingebung, daß die Absicht mit Händen -zu greifen war. Als er dann allein in der Werkstatt war, erschien -sie zweimal dort, reizend anzusehen in dem Waschkleide, dem weißen -Tändelschürzchen und dem Spitzenhäubchen in dem welligen -hellen Haar.</p> - -<p>Sie tat ihm leid, denn allzu deutlich bot sie sich ihm an, von -der Natur getrieben und aus dem Gefühle der Dankbarkeit heraus -gegen den allzeit gütigen Herrn; auch war er sich ganz klar -darüber, daß er sie begehrte, einfach deshalb, weil die Natur den -reifen Mann zu dem eben aufblühenden Weibe hinzwingt; aber -er nickte ihr nur freundlich zu und sagte: »Danke, liebes Kind, -nun habe ich alles; wenn du noch etwas ausgehen willst, so ist -mir das recht. Es ist ein so schöner Abend.«</p> - -<p>Rüstig arbeitete er an seinem Bilde weiter, denkend: »Ich bin -nicht mehr jung genug für solche Dinge und habe also das Recht -darauf eingebüßt. Und sie ist zu schade dafür, mir weiter nichts -zu sein, als ein Spielzeug. Und sie wird nicht mehr an mich denken, -sobald sie einen findet, der ihrer Art ist.«</p> - -<p>Die nächste Zeit hatte er sehr viel zu tun, einmal mit seinen -großen Aufträgen und dann mit dem Doppelbildnis des Oberpräsidenten -und seiner Frau. Als es fertig war, schickte er es ihnen hin, -und als er am folgenden Tage dort eingeladen war und die Oberpräsidentin -ihm sagte: »Sie haben uns hoch erfreut, lieber Freund; -wie sollen wir das gut machen?« lachte er und sagte: »Dadurch, -daß Eure Exzellenz mir gestatten, noch oft kommen zu dürfen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p> - -<p>Im Verlaufe des Abends fragte der Hausherr: »Sagen Sie -mal, Ihre Familie war doch einst von Adel?« Der Maler nickte: -»Jawohl, von altem Bauernadel. Wir verarmten in Kriegszeiten -völlig und legten die Standesbezeichnung ab, denn sie war zum -störenden Ornament geworden, womit man überall anhakte. Ich -besitze übrigens alle Papiere über mein Geschlecht; der Stammbaum -weist keine Lücke auf über sechshundert Jahre.« »Ei, ei,« -meinte der Gastgeber und sprach von etwas anderem.</p> - -<p>Einige Zeit darauf wurde Hagenrieder zum geheimen Hofrate -ernannt. Um den Glückwünschen aus dem Wege zu gehen, und -um sich von den gesellschaftlichen Anstrengungen zu erholen, fuhr -er nach Stillenliebe. Er hatte sich in Annemiekens Hause eine -Dönze eingerichtet und wohnte nicht mehr in der Wirtschaft. Die -Bauern vermieden jede Anspielung auf seine Stellung zu dem -Mädchen; er gehörte so sehr zu ihnen, daß sie sein Eigenleben -ebenso achteten, wie sie ihr eigenes schützten.</p> - -<p>Alle, die ihn näher kannten, fühlten heraus, daß er nicht mehr -der lustige Mann war, als den sie ihn kennen lernten; aber da -jeder von ihnen selber einen Packen auf dem Nacken hatte, erbot -sich keiner, ihm den seinen tragen zu helfen, selbst der Vorsteher -Klaus Ruter nicht, sein bester Freund im Dorfe. Als der Pfarrer -vom Kirchdorfe einmal bei Ruter vorsprach, angeblich kirchlicher -Angelegenheiten halber, und anscheinend beiläufig auf das Verhältnis -Hagenrieders zu Annemieken zu sprechen kam, fragte ihn -der Vorsteher: »Was trinken Sie lieber, Herr Pastor, Bier oder -Wein?« Da sprach der Geistliche schnell von etwas anderem.</p> - -<p>So hatte Helmold Hagenrieder zwei Gesichter, das des Jägers -und Bauern, und das des Stadtmenschen und Künstlers. Er -konnte die halbe Nacht mit den Bauern trinken und Karten -spielen, und er brachte es fertig, vier Stunden lang im Frack der -Glanzpunkt einer Tischgesellschaft zu sein. Die Bauern ahnten<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -nicht, daß der Mann, der mit jedem von ihnen auf du und du -stand, der bedeutendste bildende Künstler seiner Zeit war. Als -ein Reisender eine Zeitschrift im Kruge liegen ließ, in dem der -Geheime Hofrat Professor Hagenrieder beschrieben und abgebildet -war, machten sie zwar den verlegenen Versuch, ihm seine Titel -zu geben, aber da lachte er und sagte zu dem Wiebkenbauern: -»Alter Döllmer! Soll ich zu dir vielleicht Herr Vollmeier oder -Herr Jagdvorsteher oder Herr Gemeinderatsmitglied sagen? Professor -und Geheimrat und das andere bin ich, wenn ich die -Kellneruniform anhabe; hier heiße ich Hagenrieder und damit -basta. Prost, Korl! auf daß deine Kinder einen klugen Vater -kriegen!« In der Stadt hinwiederum hatte man keine Ahnung -davon, daß der Herr Geheimrat, der fesselnde Plauderer, da -hinten in der Haide wie ein Halbindianer lebte und mit einem -Mädchen, das mir und mich verwechselte, selbst wintertags keine -Hosen trug und mit dem Messer aß, auf du und du und so -weiter stand und ihr beim Holzhacken und Stallausmisten half. -Die einzigen Stadtleute, die darum wußten, Hennig Hennecke -und der Prinz, sprachen darüber nicht.</p> - -<p>Mehr als einmal hatte Helmold es vorgehabt, sich seiner Frau -zu entdecken; doch stand er davon ab, indem er sich sagte: »Wozu -soll ich sie ärgern?« Und dann wußte er auch, daß er ihr -eigentlich gar nichts verheimlichte, denn was war ihm Annemieken -schließlich mehr als ein Teil des Dorfes, ein Stück der Landschaft? -Die Zeit der Liebe war vorbei für ihn, also auch die Zeit der -heimlichen Sünde.</p> - -<p>Er hatte sich jetzt völlig in der Hand; sein Herz lief Schritt und -Trab, wie er es haben wollte. Nur ein einziges Mal schlug es -noch etwas über die Stränge. Das war auf dem großen Maienfeste, -das die Künstlerschaft im Hirschgarten veranstaltete. Es -fiel gerade in die Zeit, in der sich Swaantje bei Benjamin einer<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -Behandlung unterzog. Sie wohnte bei Hagenrieders. »Ist es dir -auch nicht unangenehm?« hatte Grete gefragt. »Durchaus nicht,« -antwortete ihr Mann.</p> - -<p>Mit einer gewissen Feindseligkeit im Herzen trat er ihr anfangs -gegenüber, doch fand er bald, daß er sich unnütz in Paukwichs -geworfen hatte. Ihre Stimme klang nicht mehr bis zu seiner -Seele, und seine Augen streichelten sie weder, noch drohten sie ihr. -Er vermied aus Nützlichkeitsgründen das Alleinsein mit ihr; ließ -es sich aber nicht umgehen, so zwang er sich zu einem leichten -freundlichen Plaudertone. Sobald sie aber eine ernste Frage anbrach -oder an sein Innenleben heranging, machte er kehrt.</p> - -<p>Ganz kalt beobachtete er sie. Sie war noch ebenso schön, wie -einst; aber er hatte zu lange hinter ihr hergeweint, als daß seine -Augen für sie nicht erblindet wären. Er liebte sie nicht mehr, und -fühlte auch keinen Haß gegen sie; sie war ihm nichts, als das -Bild eines Menschen, den er einst heiß geliebt hatte.</p> - -<p>»Schade,« dachte er, »daß es so ist; aber nichts ist überzeugender, -als die Wucht der Tatsache!«</p> - -<p>Er sah sie im Garten neben Grete stehen. Er zog sie mit den -Augen aus, betrachtete ihren Akt, gab ihr alle Stellungen und -setzte sie jeglicher Beleuchtung aus, schüttelte den Kopf und dachte: -»Es war einmal! Ein Segen, daß sie nicht meine Frau geworden -ist.« Und mit einem Male mußte er auflachen. Er hatte Professor -Groenewald kennen gelernt, einen Mann, der nach Eitelkeit -und Kölnischem Wasser roch, Weiberhände hatte und einen -Brillantring trug. »Schmalzlerche!« hatte Helmold gedacht, als -er ihn sah. Nun aber dachte er: »Solche Männer, die keine sind, -gefallen so'nen Weibern, die keine sind.«</p> - -<p>Bei der Tafel hatte er Swaantje halb rechts gegenüber sitzen; -ein großer Strauß trennte zumeist ihre Blicke, so daß er sich völlig -seiner Tischdame widmen konnte, eben jenem schönen Mädchen,<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -das ihm einst in der Eisenbahn ihr Herz umsonst hingehalten -hatte, und das den rosenroten Namen Meinholde Marten trug. -Sie war glücklich, neben ihm sitzen zu können; ihre Augen funkelten -noch mehr als die Demanten in ihrem goldenen Haar und -auf ihrem herrlichen Halse. Seine Blicke streichelten ihre Schultern -und stahlen sich dahin, wo ihre Brüste im Schatten der Spitzen -auf und abhüpften, ab und zu freudig errötend, wenn eine zarte -Schmeichelei oder ein kecker Vergleich sie in Erregung versetzte.</p> - -<p>Niemals war Helmold bezaubernder gewesen, als an diesem -Abend: er focht Dessin mit seinen Worten, schlug ganz leichte -Terzen an, gebrauchte listige Finten und setzte dann eine Tiefquart -dahinter, daß Lappen und Knochensplitter flogen und die Abfuhr -völlig war. Aber das war nichts als Schlägermensur; mit dem -krummen Säbel trat er erst an, als er sich zum Trinkspruche erhob, -denn da sah man den Renommierfechter. »Ich habe den -peinlichen Auftrag erhalten, den Trinkspruch auf die Damen auszubringen,« -begann er und sah kalt von rechts nach links in die -vierhundert verblüfften Augen. »Ich denke gar nicht daran, den -Auftrag zu erfüllen; denn,« er sprach es mit einem bösen Blicke, -»den Frauen und Jungfrauen will ich ein Lobredner sein, so gut -ich es kann.« Alle Augen wurden hell. »Dame, was ist das?« -fuhr er fort; »ein wälsch Wort, ein farblos Wort, ein Unwort. -In der galanten Zeit kam es auf, und bedeutete nichts Sauberes, -schmeckte nach Liebelei, aber nicht nach treuer Liebe, sagt doch der -alte gute Friedrich von Logau: ›Was Dame sei und dann, was -Dama wird verspürt, daß jene Hörner macht und dieses Hörner -führt.‹«</p> - -<p>Er lachte lustig und rief: »Fort mit dem dämlichen Wort!« Und -dann wand er den Frauen und Jungfrauen einen Kranz aus -roten und weißen Blüten; er huldigte ihnen als Mann, nicht als -Knecht; er gab ihnen die Hand, küßte ihre aber nicht, die Kniee<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span> -beugend; vergaß keine, weder die vornehme Frau noch die einfache -Magd, und dann schwenkte er ab, näherte sich gefährlichen -Punkten, daß die Männer unruhige Augen bekamen und den -Frauen das Herz stille stand, weil sie ihn schon abstürzen sahen; -doch mit einem harmlosen Lächeln gab er seinen Worten eine -Wendung, die ihn rettete. So führte er seine Zuhörer ein dutzend -Male an gefährlichen Abgründen vorbei, um sie schließlich zu -einem Gipfel zu leiten, von dem aus sich ihnen eine Aussicht bot -auf lauter Sonne und Wonne.</p> - -<p>Alle Augen an der Tafel waren erfüllt von dem Abglanze -seiner Worte, als er endete und hinter einem Gitter weißer Arme -verschwand, die ihm die Sektkelche entgegenstreckten, deren helles -Klirren sich von dem neidischen Beifallsgemurmel der Männer -abhob, wie weiße Blumen von abendlich dunklem Gebüsche. -Doch am meisten leuchteten die Augen seiner Tischnachbarin; als -er mit ihr anstieß, hauchte sie: »Du!«</p> - -<p>Swaantjes Augen aber standen schwarz in ihrem weißen Gesichte; -ihr Mund war wie ein Strich, und ihre Hand lag geballt -auf dem Tische. Sie hatte das selbe Gesicht, wie an jenem Tage, -als er in der Werkstatt um einen Kuß flehend vor ihr stand, -Tränen in den Augen. Nun stieß er, sie unbefangen anblickend, -mit ihr an und setzte sich nieder, seiner Tischnachbarin ein Wort -zuflüsternd, das Abendröte auf ihrem Gesichte hervorrief.</p> - -<p>Keinen Augenblick ließ Swaantje das Paar mit den Blicken -los, solange die Tafel währte. Ihr Vetter merkte es wohl; als -er sah, wie blaß sie war, stieg ein unbehagliches Gefühl in ihm -auf. Aber da er rundumher nur zärtliche Augen erblickte, und der -Sekt sein Blut erhitzte, und das Mädchen, das neben ihm saß, -ihn ganz in Anspruch nahm, und zudem der Fliederstrauß Swaantje -halb verbarg, so vergaß sein Herz sie.</p> - -<p>Und dann kam der Fackelreigen durch den dunkelen Wald, an<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span> -dessen Rändern die Nachtigallen schlugen, und er hatte das -wunderschöne Mädchen erst am Arm, und bald darauf, als -der Zug sich auflöste, im Arm, und der Kauz rief und der -Waldmeister und das junge Buchenlaub dufteten, und Helmold -küßte Meinholde und sie küßte ihn wieder, bis sie aufseufzte und -flüsterte: »Nun geh! sonst reden sie über uns.«</p> - -<p>Dann aber fand er sich mitten im Trubel, stand vor Swaantje -und bat sie um den Walzer. Sie tanzte schlechter als sonst, und -sah so bleich aus, daß er sie zu einer Bank führte, sich zu ihr setzte -und einen leichten Ton anschlug. Sie antwortete matt und lächelte -kaum, wenn er etwas Lustiges sagte, und mit einem Male sah sie -starr nach seiner Hemdenbrust, stand jäh auf und sagte: »Ich -muß einen Augenblick allein sein; mir ist so sonderbar.«</p> - -<p>Als sie ihn verlassen hatte, nahm er das goldblonde lange Haar -fort, das an der Perle hing, die sein Hemd zusammenhielt, und -er wußte nicht, sollte er die Stirn runzeln oder lächeln. Aber -dann erinnerte er sich an das, was er sich an dem Tage vorgenommen -hatte, als er den Mordhirsch im Schandenholze geschossen -hatte. »Blut um Blut!« dachte er.</p> - -<p>Am folgenden Tage fuhr er zur Jagd; absichtlich fuhr er in -aller Frühe fort, ohne Abschied zu nehmen. Als er nach einer -halben Woche wieder kam, nach jungem Birkenlaube und Post -duftend, drei Birkhähne in der Hand, traf er Swaantje ganz -allein zu Hause, denn seine Frau hatte einen Besuch zu machen -und die Mädchen waren mit den Kindern aus.</p> - -<p>»Du siehst nicht besonders aus, Kleine,« sagte er und tätschelte -ihr die Backen wie einem Kinde. Sie bediente ihn beim Kaffee; -er freute sich der kraftlosen Anmut ihrer Bewegungen und nahm -den Klang ihrer weichen Stimme dankbar hin, suchte aber vergebens -nach den goldenen Blumen in ihren Augen und lauschte -umsonst auf den Widerhall seiner Liebe in seiner Brust.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p> - -<p>Wenn er sie ansah, war ihm zu Mute, als käme er in eine -Stadt, in der er einst viele liebe Freunde hatte, und nun waren -sie alle tot.</p> - -<p>Doch als er dann in der Werkstätte war, dachte er: »Ich will -sie an ihre Schuld mahnen, jetzt gleich. Donnerwetter, sie ist und -bleibt doch immer eine Lücke in meinem Leben, über die ich in -Gedanken alle naselang noch stolpere!« Er gedachte der Nacht, -in der sie in dem Büchersaale von Swaanhof vor ihm stand in -dem weißen Nachtkleide, den hellen Schein der Kerze über ihrer -Brust, auf die der Schatten des Palmenwedels mit kecken Fingern -deutete, und des Maientages, an dem sie mit dem Rade fiel und -ihre Röcke so schüttelte, daß ihre Hosen bis über die Hüfte sichtbar -wurden, und er sagte sich: »Ich will mir holen, was mir zukommt; -denn ich habe es mit meinem Leben erkauft. Also!«</p> - -<p>In diesem Augenblicke kam Swaantje aus dem Wohnhause -und ging in den Garten, ein Buch in der Hand. »Aha!« sagte -er sich; »läuft der Hase so?« Denn sie hatte ein weißes loses -Kleid an, fast ganz so wie jenes, das einst seine Hände hungrig -gemacht hatte.</p> - -<p>Er ging ihr entgegen: »Du hast mein neuestes Bild noch nicht gesehen, -Swaantien,« sagte er. Sie wurde rot und folgte ihm. »Ach, -wie schön,« flüsterte sie und sah ihn mit hingebungsvollen Augen an.</p> - -<p>»Bleibe ein bißchen hier und erzähle mir was, Maus,« bat er -und deutete auf das Ruhebett. Sie gehorchte und sah ihm zu, -wie er an dem Bilde einige Stellen vollendete.</p> - -<p>»Ach was, malen!« rief er und stellte den Pinsel in das Glas; -»ich habe keine rechte Lust dazu!« Er schob einen Sessel heran -und setzte sich zu ihr. »Hast du nichts Neues geschrieben?« fragte -er. Sie schüttelte den Kopf: »Ich habe es aufgesteckt; ich habe -gar kein Talent.« Er lächelte in sich. »Ist auch besser so. Talentvolle -Frauen sind keine.« Und dann fragte er weiter: »Hat dir<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -Benjamin geholfen?« Sie nickte: »Etwas!« antwortete sie. Er -strich über ihre Schläfe. »Immer noch die alte Stelle?« Sie nickte -und sah ihn dankbar an, denn seine Hand war ihr eine Erquickung. -Er legte den Arm um ihren Nacken, küßte sie auf den Mund und -flüsterte: »Meine Swaantje!« Ihre Arme erhoben sich, als wenn -sie seinen Hals umfassen wollten, aber dann stieß sie ihn zurück -und rief: »Aber Helmold, schäme dich!« Er ließ sofort von ihr ab -und lächelte: »Entschuldige, liebe Swaantje; das verflixte Kleid!«</p> - -<p>Als er zu Bette ging, fragte ihn seine Frau: »Hast du Swaantje -etwas Böses gesagt? Sie war so sonderbar und will morgen abreisen.« -Er errötete etwas, erwiderte jedoch ganz ruhig: »Ich! -wie sollte ich dazu kommen?« Doch ehe er einschlief, schämte er -sich, einmal, weil er seine Hände nach einem Weibe ausgestreckt -hatte, an dem ihm nichts gelegen war, und dann, weil er fühlte, -daß er sie doch noch liebte, wenn auch nicht als Weib. »Ich habe -in ihrer Seele, die ich immer und ewig liebe und begehre, mein -Bild zerschnitten,« dachte er und nahm sich vor, sie um Verzeihung -zu bitten.</p> - -<p>Dazu kam er aber nicht, denn als er sie am Frühstückstische -traf, sah sie nicht bleich und elend aus, wie er gefürchtet hatte, -sondern eher froh und glücklicher, als in den letzten Wochen, und -als sie abreiste, nickte sie ihm aus der Wagentür freundlich zu.</p> - -<p>»Der Teufel soll aus den Frauenzimmern klug werden,« dachte -er und kam sich wie ein dummer Junge vor, der eine kokette Abwehr -ernst genommen hatte. Späterhin aber freute er sich des -Mißerfolges. Was früher seine höchste Wonne gewesen wäre, nun -wäre es besten Falles weiter nichts gewesen, als ein Vergnügen.</p> - -<p>»Ich hätte nicht mehr davon gehabt, als wenn ich die Zunge -zum Fenster hinausgehalten hätte,« dachte er, suchte einen bespannten -Keilrahmen heraus und entwarf ein Bild von ihr.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Sarg">Der Sarg</h2> -</div> - -<p class="noind">Es wurde ein wahrhaftiges Kunstwerk; es war so schön, daß -er dachte: »Eine Liebeserklärung auf Leinewand!« Dann aber -lächelte er und meinte zu sich: »Nicht ganz, eher das Gegenteil.«</p> - -<p>Als er aber das Bild, bevor er es einpackte, noch einmal ansah, -schien es ihm doch anders. Er setzte sich ihm gegenüber und -sah ihm in die Augen, bis das weiße Mädchenangesicht, das hell -und kühl aus dem Schatten des Kiefernwaldes hervordämmerte, -zu lächeln begann und mit bittenden Lippen flüsterte.</p> - -<p>»Meine Nonne,« dachte er, »warum liebte ich dich so sehr, -ohne dich zu begehren? und begehrte dich, ohne dich zu lieben? -Weil ich der einzige Mann bin, der dich aus deiner Nonnenhaftigkeit -erlösen konnte, aus deinem eiskalten Alleinsein, dir ein -Kind schenken, ein warmes Leben, damit du des Nachts nicht -frierst, wenn du erwachst?«</p> - -<p>Er dachte daran, daß alle Kinder Angst vor dem Mädchen -hatten, oder wenigstens keine Zuneigung für sie, und daß kein -Mann sie ansah, außer ihm selbst und Brüne. Und mit einem -Male sah er den Freund, den einsamen, der keine Frau hatte, -und der vielleicht nie eine Geliebte gehabt hatte, der zwischen -seinen Büchern und Gemälden und Bildwerken das tote Leben -des unfruchtbaren Ästheten führte, und erkannte, daß dieser Mann -denselben unerfüllten Wunsch in den Augen hatte, wie Swaantje, -und dasselbe hoffnungslose Bitten um die Lippen.</p> - -<p>»Was ist es,« dachte er, »das diese Menschen zu mir hinscheucht<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -und mich zu ihnen, mich, dem alles Halbe, Unfertige, Dilettantische -gleichgültig ist? dem das Problematische kein Problem ist, -und dem das Rätselhafte nicht wert dünkt, es zu raten?« Er sah -zwei Gärten vor sich, von Mauern umschlossen, alte stille Gärten, -deren Blumen nur verstohlen dufteten, und in denen die -Vögel ganz anders sangen als sonstwo, ohne Wunsch und Wille. -Er sah Brüne in weißer Kutte und Swaantje in der steifen, kühlen -Tracht der Bräute Christi, und beide blickten ihn an mit wunschleeren -Augen, in denen ein hoffnungsloses Bitten lag.</p> - -<p>Er pfiff das freche Lied von der Lüneburger Haide, steckte sich -eine Zigarre an und dachte an die vielen, vielen schönen Frauen -und hübschen Mädchen, die in seinen Armen zerschmolzen waren. -»Restlos zerschmolzen,« dachte er und lächelte spöttisch; »Weh -und Wonne hinterlassen gleicherweise keine sichtbaren Spuren in -der Erinnerung; wenigstens nicht auf die Dauer.«</p> - -<p>Früher hatte er sich in lauen Stunden gern der roten Küsse erinnert, -die rechts und links in reicher Fülle neben seinem Wege -blühten. Sie waren verwelkt; dürre Stengel waren alles, was von -ihnen übrig geblieben war. »Das Leben lohnt sich wirklich nicht,« -dachte er und folgte einem Winke des Standspiegels.</p> - -<p>Er besah sich von oben bis unten, kehrte sich um und um, zerpflückte -sich und betrachtete die einzelnen Stücke. Seine Augen -sprachen die Worte Antars, des Dichters: »Wir gehören zu einem -Geschlechte, das nicht in seinen Betten stirbt,« tuschelten sie ihm -zu. »Irrtum, Herrschaften,« sagte er, »zu dem Geschlechte derer, -die nur dann glücklich werden, wenn sie nicht in ihren Betten -sterben.« Er langte die Chronik derer von Hagenrieder heraus, -ein Werk Henneckes, blätterte darin und sah, daß die Hagenrieder -nur dann Glück fanden, wenn sie den Pflug oder das -Schwert geführt hatten.</p> - -<p>Sein Vater fiel ihm ein, der strenge, gemessene, kühle Kaufmann,<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -der daran gestorben war, daß er so oft verbindlich hatte -lächeln müssen, wenn er lieber gebrüllt und dreingeschlagen hätte, -und daß er selber, des früh Verstorbenen Sohn, niemals stolzer -und froher gewesen war, als wenn er die Faust hatte gebrauchen -können, als Werkzeug, wenn er den Garten grub oder Pürschsteige -schlug, oder als Waffe.</p> - -<p>»So ist es,« sprach er vor sich hin, als er die Bilderkiste zunagelte; -»Kunst ist ungelebtes Leben, ist ein Notbehelf dafür, ein -ganz elender Ersatz!«</p> - -<p>Als er die Aufschrift auf die Kiste malte, mußte er lächeln; ihm -war zu Sinne, als schicke er seine Liebe nach Swaanhof, damit -sie dort an die Wand gehängt werde. »O, ich entbehre sie ja -auch nicht mehr,« dachte er. »Einst, als ich jung und heiß war, -suchte ich in Swaantje den Frieden des Schattens, seine kühle -Ruhe, seine sanfte Stille; was soll ich jetzt mit ihr, jetzt, da ich -alt und kalt bin? Glut brauche ich heute, sehr viel Glut und Licht -und Farbe für mein kaltes Herz. Mein ganzer Leib ist mit Küssen -bedeckt, wenigstens bedeckt gewesen, aber mein Herz hat keine davon -abbekommen, mindestens lange nicht genug. Aber Tränen -sind reichlich darauf gefallen, doch die wärmen nur einen Augenblick; -sobald sie verdunsten, erzeugen sie Kälte. Das weiß ich noch -aus der Physikstunde.«</p> - -<p>Er schrieb den Frachtschein und freute sich, daß seine Handschrift -noch genau dieselbe war wie vor dreißig Jahren, anspruchslos, ohne -Schnörkel und übersichtlich. »Im Grunde bin ich ein ganz einfacher -Mensch,« überlegte er, »so gar kein bißchen kompliziert. Wenn ich -mir und anderen manchmal so vorkam, so lag es daran, daß dies -Leben, dies zivilisierte Leben von heute in diesem Koofmichzeitalter, -in dieser Ära des geistigen Mittelstandes, in dieser Periode des bekömmlichen -Durchschnittes, so kompliziert ist. Ach ja, die goldene -Mittelmäßigkeitsstraße! Freiheit für alle Unfreien, Gleichheit zwischen<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span> -Groß und Klein, Brüderlichkeit zwischen dem, was sich haßt; -schöner Blödsinn, an dem wir vor die Hunde gehen werden.«</p> - -<p>Die Sonne fiel plötzlich so in die Werkstatt, daß die Büchse -an der Wand grell funkelte. Er nahm sie herunter, spannte sie, -stach den Hahn ein, suchte ein Ziel, drückte ab, repetierte, stach -wieder, drückte wieder ab, schüttelte den Kopf und hängte sie an -das Geweih. Sein Gesicht war ganz ernst geworden. Er dachte -daran, daß er lange Zeit den heißen Wunsch gehabt hatte, eine -Schlacht mitzumachen, aber vorne, in den ersten Reihen. Er -lächelte und sagte sich: »Na die, in der ich mir damals den schweren -Blattschuß, zwölf Ringe, faustgroßer Ausschuß, geholt habe, -die war schon blutig genug; vollkommen invalide, knapp landsturmfähig -kam ich nach Hause, und ohne Orden und Kriegsauszeichnungen.«</p> - -<p>Er lachte, zog ein Buch aus dem Schranke, schlug eine Stelle -auf und nickte: »Hast recht, Tscheng ki tong, wenn du schreibst: -›Übrigens kann so etwas nie genug kosten, denn nur die -Vergnügen, die uns ruinieren, haben wirklichen Reiz.‹« Er lächelte, -als er das Buch wieder in die Reihe schob: »Stimmt, alter -Chinese, und mit den Schmerzen ist es ebenso. Der Unterschied -ist nur der, daß überstandenes Weh salzig schmeckt, verlorene -Wonne aber bitter. Man kann jedes Leid wieder erleben, aber -keine Lust.«</p> - -<p>Er ließ einen Dienstmann rufen, schickte die Kiste fort und vergaß -Swaantje, bis ein Brief von ihr kam, oder vielmehr ein -Kasten, in dem drei rote Rosen lagen, und eine Karte, auf der -weiter nichts stand als die drei Worte: »Lieber guter Helmold!«</p> - -<p>Sie klangen ihm wie ein Schrei. Dabei freuten sie ihn wenig -und schmerzten ihn kein bißchen, trotzdem er wußte, was sie -bedeuten sollten, eine demütige Abbitte und eine Hingabe auf -Gnade und Ungnade. Übrigens mangelte ihm auch die Zeit, sich<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -mit ihnen zu beschäftigen; ein ganz großer Auftrag nahm ihn -vollkommen in Anspruch, ein Auftrag, der sich nach jeder Seite -hin lohnte: ihm war der gesamte Wandschmuck und die Innenausstattung -für das neue Schauspielhaus übertragen worden, -ohne daß er sich darum beworben hätte.</p> - -<p>Früher hätte er die Kasatschka getanzt, wäre ihm eine solche -Arbeit angeboten worden; jetzt verzog er keine Miene und sagte -beim Mittagessen so nebenbei: »Ich habe die Inneneinrichtung -und alle Wände für das Schauspielhaus bekommen, Grete, will -aber Kersten, Ludemann und natürlich für die Bildhauerarbeit -Voß und Meinecke heranziehen. Mir bleibt ja so noch genug -übrig.« Seine Frau sah ihn groß an: »Wann hast du den Auftrag -bekommen?« und als er sagte: »Gestern abend,« wurde sie -ganz blaß.</p> - -<p>Denn war das noch ihr Mann, dessen fernster Traum es einst -war, einen solchen Auftrag zu bekommen? Und mit diesem Auftrag -hatte er gut geschlafen und den halben Tag gearbeitet, und -er sprach davon, als wenn er eine Kiste Zigarren geschenkt bekommen -hätte.</p> - -<p>Angst und Trauer befielen sie, und nach dem Essen schrieb sie -an Swaantje, die bei Thorbergs in Weddingen war, daß Helmold -den Auftrag bekommen habe und für die nächste Woche in -Stillenliebe zur Jagd sei. Warum sie ihr das schrieb, wußte sie -nicht; sie fühlte nur, daß sie schreiben mußte. »Besucht ihn da -doch einmal,« schrieb sie.</p> - -<p>Es war einige Tage später, da kam Helmold gegen Mittag -von der Pürsch zurück. »Es ist auch ein Brief für Sie da, Herr -Hagenrieder,« sagte der Wirt. Der Maler nickte und setzte sich, -trank sein Bier und spielte mit den Kindern. Als er nach dem -Essen auf sein Zimmer ging, um zu schlafen, sah er, daß der -Brief, der auf dem Tische lag, von Swaantje war. Sie schrieb<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span> -aus Weddingen: »Tjark und Ilsabe und ich kommen heute nach -Ohlenwohle mit dem Mittagszuge; hole uns mit Gespann ab. -Wir wollen gern einmal Stillenliebe sehen. Deine Swaantje.«</p> - -<p>Ein Gefühl peinlichen Unbehagens, durchduftet von etwas Genugtuung, -überkam ihn. Aber als er über sich selber den Kopf -schüttelte, fand er, daß es weniger Genugtuung war als Freude, -und auch weniger Freude als Zärtlichkeit, und schließlich auch -das nicht, sondern ein Gefühl, in dem allerlei sich mischte, und -das er nicht genau betrachten konnte, weil etwas wie eine beschlagene -Fensterscheibe davor war. Jedenfalls, das fühlte er, jauchzte -sein Herz nicht, und seine Seele schrie weder Hurra noch Holdrio. -Aber er war betrübt, daß er nicht gleich auf sein Zimmer -gegangen war und den Brief aufgemacht hatte. »Nun sitzt das -arme Mädchen in Ohlenwohle in der Kneipe und langweilt sich -nach der Schwierigkeit« dachte er. Daß Tjark und Ilsabe bei -ihr sein mußten, daran dachte er nicht.</p> - -<p>Er zog sich einen besseren Anzug an und war schon auf der -Treppe, als Reimers vom Treppenfuße aus ihm zurief: »Sie -werden von Ohlenwohle am Fernsprecher verlangt, Herr Hagenrieder, -von einem Fräulein. Den Namen konnte ich nicht verstehen.« -Ganz ruhig ging Helmold in die beste Stube und wunderte -sich dabei, daß er so gelassen blieb. Aber sein Herz machte -doch einen kleinen Sprung, als er anfragte: »Bist du das, -Swaantje?« und er ihre Stimme und damit das ganze Mädchen -dicht bei sich hatte. »Tjark konnte nicht, er hatte wieder einen -Gichtanfall, und Ilsabe konnte deshalb auch nicht mit, und so -bin ich allein gekommen,« antwortete sie. »Kannst du hier über -Nacht bleiben oder nicht, und wann mußt du wieder zurück?« -fragte er weiter. »Ich habe gesagt, ich führe mit dem letzten -Zuge, und der geht um sieben Uhr,« kam es zurück. »Dann lohnt -es sich nicht, daß du erst hierherkommst,« meinte er; »dann komme<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span> -ich mit dem Rade dorthin,« setzte er hinzu. Eine Weile war es -still. »Bist du noch da?« fragte er. »Ja,« rief sie; »dann komm, -lieber Helmold; das wird das beste sein.« Es kam ihm vor, als -wenn ihre Stimme mit einem Male ganz anders geklungen hätte.</p> - -<p>Er holte das Rad aus dem Schuppen und fuhr los. Er wunderte -sich, daß er so unsicher war; sonst fuhr er den schmalen -Fußweg neben der Haidstraße, ohne vor sich hinzusehen; nun -mußte er die Lenkstange festhalten und bewußt aufpassen, und -wo bei einem Querwege eine sandige Stelle den Pfad unterbrach, -da wurde es ihm sauer, durch den Sand zu kommen. Er schrieb -das erst der Hitze zu, bis ihm einfiel, daß er um drei Uhr aufgestanden -war und seitdem keine Stunde gesessen hatte.</p> - -<p>Mit vor Schläfrigkeit gleichgültigen Augen sah er die herrlichen -Wacholdergruppen und den über und über mit goldenen Blumen -behängten Ginster an, der die Böschungen des Weges verbarg, -und das Gezwitscher der Hänflinge und das Geschmetter des -Baumpiepers kam ihm unbekannt vor, ja, er lachte nicht einmal, -als ein Rehbock, der im Graben gestanden hatte, so dicht vor -ihm absprang, daß er ihn beinahe umgefahren hätte. Erst als er -im Lohkruge einen Schnaps und ein Glas Wasser getrunken -hatte, wurde er einigermaßen munter und konnte wieder denken.</p> - -<p>»Was mag sie haben, daß sie mit dieser elenden Klingelbahn -bei dieser üblen Hitze drei Stunden gefahren ist?« dachte er und -stellte sich vor, wie sie angekommen war und allen Glanz aus -den Augen verloren hatte, als sie ihn auf der Haltestelle nicht -vorfand. Und nun saß sie in dem Kruge und wartete auf ihn. -Aber warum hatte sie ihm auch keine Drahtnachricht geschickt, -sondern erst am Abend vor der Abreise den Brief, der mit der -üblichen Verspätung ankam? Und nun: was sollte es zwischen -ihnen geben?</p> - -<p>Als er den Morgen vor dem Moore stand und sich über eine<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -Fuchsbetze freute, die mit vier Junghasen im Fange auf zwanzig -Gänge bei ihm vorüberschnürte, hatte sein Gewissen ihm ganz -gehörig die Leviten gelesen. Er hatte an alle seine Liebschaften -gedacht und sich gesagt, daß er sich keine Vorwürfe darüber zu -machen brauchte. »Banausen, Philister, Fünfgroschenmenschen -scheuen sich durchaus nicht, ihrer Leidenschaft zu folgen; also -warum soll ich, ein wertvoller Mensch, mich zum Verzichten -nötigen?«</p> - -<p>Aber da hatte eine fremde Stimme gelacht und gesprochen: »Du -kamst dir doch immer als Übermensch vor, mein Herze, nicht -wahr, und billigst dir dabei die Untermoral des waschlappigen -Gesindels zu? Glaubst du vielleicht, die Borgias und ähnliche -Kerle waren Helden? Jämmerlinge waren es, die sich kratzten, -sobald es sie juckte. Rede dir nicht selber etwas vor! Seinen -Instinkten zu folgen, ist keine Stärke; Schlappheit ist es, -urmenschenhafte Schwäche oder Neurasthenie. Außerdem warest -du doch stets stolz darauf, ein Mann von Wort zu sein; war -dein Treueschwur vor dem Altar nicht ehrlich gemeint? Du -kannst dich vor dir entschuldigen, das kannst du, mit Schwäche, -mit Gedankenlosigkeit, mit was du willst; aber wenn du versuchst, -dich zu rechtfertigen, dann machst du dich einfach lächerlich. -Du bist polygam veranlagt, sagst du. Schön, aber dann -hättest du Junggeselle bleiben sollen. Du warst ja mehr als -mündig, als du vor dem Priester dein Ehrenwort gabest. Also -rede nicht!«</p> - -<p>So kam er mit einem Herzen voller verschiedenartiger Empfindungen -vor dem Ohlenwohler Kruge an, grau und kühl wie der -Himmel an einem toten Tage. Der Wirt stand vor der Tür, als -er vom Rade sprang. »Das Fräulein ist rechts in der Stube,« -sagte er. Swaantje saß auf dem unbequemsten Stuhle, als er eintrat. -Sie sah blaß und müde aus und hatte Schatten unter den<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -Augen; aber noch niemals war sie ihm so schön und hilfsbedürftig -vorgekommen. Sie errötete über das ganze Gesicht, als er -ihr beide Hände gab, und ihm war, als verlangten ihre Augen, daß -er sie in den Arm nehmen sollte, und daß er sie küssen möchte; aber -er hatte die Tür nicht hinter sich zugemacht, und auf dem Gange -standen Leute und vor dem Fenster auch, und da die Sonne darauf -lag, hätten sie sehen können, was in der Stube vorging. -So drückte er ihr die Hand, zwang sie in das Sofa und fragte: -»Hast du schon etwas gegessen?« Sie schüttelte den Kopf, und er -ging hinaus und bestellte Kaffee und Zukost. Dann setzte er sich -vor den Tisch auf den Stuhl.</p> - -<p>Es wurde ihm schwer, etwas Vernünftiges zu sprechen. Der -pilzige Geruch des schlecht gelüfteten Raumes erstickte den Rest -von Frische, der noch in ihm war, und ein Mitleid, stark mit -Verlegenheit durchsetzt, machte ihn unsicher. Und Swaantje saß da, -sagte nichts und sah ihn an, mit einem rührenden Lächeln um -den blassen Mund, und ihre Augen schimmerten feucht.</p> - -<p>Endlich sprach sie mit einer weichen, farblosen Stimme, daß sie -sich so sehr auf Stillenliebe gefreut habe, und daß sie vor Enttäuschung -nicht habe schlafen können, als Tjark am Abend vorher -seinen Anfall bekommen hatte. Und daß sie ihm für das Bild -doch endlich ihren Dank sagen müsse. »Denn schreiben, lieber -Helmold,« sagte sie und lächelte ihn an, als wäre sie eben mit -ihm getraut, »das konnte ich doch nicht, wie sehr ich mich darüber -gefreut habe.« Sie nahm seine Hand und drückte sie: »Bist -du mir immer noch böse, lieber Helmold?«</p> - -<p>Er wußte nicht, was er sagen sollte, und war froh, als die -Wirtin mit dem Kaffee hereinkam. Absichtlich bestellte er noch -Brot und Butter und dann eine Postkarte, denn er wußte wirklich -nicht, wie er sich verhalten sollte. Das weiße lose Kleid hatte -sie nicht an, wie damals im Garten, als er hinterher den Bajonettangriff<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -auf sie machte; aber sie war ihm nachgereist, die weiße -Fahne in der Hand.</p> - -<p>Doch er traute ihr nicht und sich noch viel weniger. Ihr nicht, -weil sie ihm heute mehr denn je als reine Seele, als Nonne, als -unsinnliches Wesen erschien, und sich nicht, weil er sich nur als -Bruder oder Vater ihr gegenüber vorkam, und so gar kein bißchen -als begehrender Mann. Dabei war sie ihm noch nie so schön -vorgekommen wie an diesem Tage. »Zum Erbarmen schön,« -dachte er. Gar zu gerne hätte er sie in den Arm genommen, ihre -Backen gestreichelt und ihre Stirn geküßt; aber er hatte Angst, -daß sie seine Liebkosungen mißdeuten oder Erwartungen daran -knüpfen könnte, die er nicht erfüllen konnte. So schleppte sich die -Unterhaltung lendenlahm und langsam hin.</p> - -<p>Endlich hielt er es nicht mehr aus. »Komm, Swaantje,« sagte -er; »wenn es dir recht ist, bummeln wir durch die Haide. In -dieser Luft schrumpelt einem ja das Gemüt ein.« Sie nickte ihn -lächelnd an und erhob sich, wobei sie ihm ganz nahe kam. Wieder -wurde es ihm so zu Sinne, als sei es seine Pflicht, sie zu liebkosen, -und ihre Augen sahen so aus, als sehne sie sich danach; -doch abermals streckte der Gedanke, daß nur ihre einsame, verwaiste -Seele geküßt und umarmt sein wolle und nicht ihr Leib, die -Hand gegen ihn aus und hielt ihn zurück. Als sie vor dem Spiegel -ihren Hut aufsetzte, sah ihr Spiegelbild ihn mit vieler Zärtlichkeit -an, und er gab sich einen Ruck, um sie zu umfassen; doch da -polterte eins von den Kindern in das Zimmer, blieb mit offenem -Mund stehen, starrte das Mädchen an, wie einen Geist und stürzte -wieder hinaus; er aber atmete erleichtert auf, als sei er einer Gefahr -entgangen.</p> - -<p>Sie schlenderten durch die Felder und unterhielten sich mit -Mühe. Erst als sie in die Haide kamen, frischte ihr Gespräch -etwas auf, flaute aber immer wieder ab. Swaantje fragte, welcher<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -Art die Bilder wären, die er für das Schauspielhaus male; -dadurch kam etwas Zug in ihre Unterhaltung, so daß er schließlich, -zumal er über die Schlafsucht hinaus war, ganz lustig wurde, -und es zu einem ganz fröhlichen Geplauder kam, das aber rein -äußerlicher Art blieb und sie im Grunde mehr auseinanderhielt, -als zusammenführte. Es war ihnen beiden zumute, als -schritte irgend ein langweiliger Mensch zwischen ihnen, den sie -nicht abschütteln konnten. Dazu begegneten ihnen fortwährend -Leute, die vom Heuen kamen, darunter Marien. Seitdem sie verheiratet -war, hatte Helmold sie nur einmal flüchtig gesprochen -und sich darüber gefreut, daß sie tat, als kenne sie ihn nur ganz -oberflächlich. Auch jetzt bot sie ihm mit unbewegtem Gesichte die -Tageszeit wie einem fremden Menschen.</p> - -<p>»Hier sind so viele Leute,« klagte Swaantje. Er nickte und bog -mit ihr in einen schmalen Pfad ein, der tief in das Haidkraut getreten -war und nach einem kleinen Wäldchen führte. Ein weißer -Bussard, der auf einem Irrsteine gefußt hatte, flog vor ihnen -auf, und ein schwarzes Reh, das sich am Zwergginster äste, sprang -an ihnen vorüber. Da der Weg nur drei Hände breit war, ging -Helmold hinter Swaantje. Sie trug ein Kleid von ähnlichem -Schnitt wie an jenem Tage, als er mit ihr nach dem Tödeloh -ging, doch war es nicht rosenrot, sondern mattblau, und auch -das Band, das den weichen Strohhut umgab, war von derselben -kühlen Farbe.</p> - -<p>Er nickte. »Ja,« dachte er; »damals erschien sie mir als rosenroter -Traum; heute ist sie mir eine mattblaue Erinnerung.«</p> - -<p>Er sah sich um; der eiserne Ritter ging nicht hinter ihm. »Meine -Liebe habe ich in der Bilderkiste eingesargt«, dachte er, »und mein -Verlangen; so blieb mir weiter nichts davon als das Gespenst. -Aber ich glaube nun einmal nicht an Gespenster!«</p> - -<p>Hinter dem Wäldchen lagen unter einer krausen Eiche zwei gewaltige<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span> -Findelsteine; auf den einen legte er seinen Mantel und -wies ihn Swaantje als Sitz an, auf dem anderen nahm er selber -Platz. Vor ihnen kroch der bleigraue Pfad durch die braune -Haide und verlor sich zwischen hohen Wacholdern und Ginsterbüschen, -die mit ihren gelben Blüten nur so prahlten; davor -leuchtete das helle Grün einer quelligen Sinke.</p> - -<p>»Wie wunderschön ist das,« seufzte das Mädchen, und ihre -Brust hob sich unter dem kühlen Kleide; »zum Weinen schön ist -es,« fügte sie nach einem Weilchen hinzu. Ihr Vetter nickte und -dachte: »Ganz wie du.« Er sah, daß ihre Hand zuckte, als wolle -sie nach der seinen hin; aber da der Raum zwischen den beiden -Steinen zu groß war, so glitt ihr Arm an dem Granitblocke herab -und nahm eine Eulenfeder auf, die zwischen den grünen -Ranken der Krähenbeere am Fuße des Steines lag.</p> - -<p>Das Mädchen drehte die bunte Feder zwischen ihren farblosen -Fingern, besah sie mit gemachter Aufmerksamkeit und fragte, -ohne ihren Vetter anzusehen: »Von welcher Eule ist das?« Er -antwortete: »Waldkauz« und flötete halblaut den Balzruf dieses -Nachtvogels. Ohne ihn anzusehen, sprach sie: »Ich war neulich -wieder einmal im Tödeloh.« Er erwiderte nichts und sah nach -dem runden weißen Fleck, der die Spitze des höchsten und schlanksten -Wacholders krönte. Er deutete mit dem Finger danach: -»Der große Würger,« sagte er.</p> - -<p>Das Mädchen nickte, räusperte sich und begann wieder: »Sage -mal, Helmold, was hast du dir eigentlich damals gedacht,« sie -stockte, scheuchte eine Mücke fort, die auf ihrem Arme saß und -sprach dann weiter, »damals, als ich dir in dem Walde sagte, du -weißt doch, als uns der Oberbürgermeister begegnete, daß,« sie -stockte, »daß das, du weißt ja, vorbei sei?« Er sah nicht auf und -erwiderte mit gleichmütigem Tone, über den aber ein tiefer Klang -von Verständnis hinwegsah: »Das wußte ich schon vor dem.«<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span> -Swaantje nickte, strich sich mit der Eulenfeder über die Stirne -und fuhr fort: »Das war vorbei, seitdem du mir im Tödeloh -das eine Wort sagtest.« Er nickte, sah nach einem blanken Raubkäfer, -der eine Raupe umbrachte, und sprach leise: »Das schien -mir damals auch schon so.« Der Würger verließ den Wacholderbusch, -rüttelte eine Weile über der Sinke und strich mit klirrendem -Rufe ab. Helmold sah hinter ihm her.</p> - -<p>Die Brust des Mädchens hob sich schwer. »Du verstehst doch, -lieber Helmold,« sie sprach es matt, aber er vernahm die tiefe -Zärtlichkeit, die dahinter lag, »nicht wahr, daß ich nicht anders -handeln konnte?« Er nickte, sah sie aber nicht an. »Denn sieh -mal, lieber Helmold, Grete, du weißt, das ging doch nicht.«</p> - -<p>Ihm wurde immer trauriger zumute und immer hilfloser, -ihretwegen und seinethalben erst recht. Da hielt sie ihm nun ihr -Herz auf den Händen hin, dieses arme, ledige, verwaiste Herz, -und er konnte es nicht hinnehmen. Er wußte, was sie ihm gerne -gesagt hätte, aber nicht sagen konnte, daß Grete ihr nämlich dasselbe -gesagt hatte, wie ihm, daß sie an dem ganzen Unglücke schuld -sei, das über ihn und das Mädchen und auch über die Frau -gekommen war, und daß sie drei zusammengehörten, daß sie drei -eins waren und sein sollten. Aber Swaantje wußte es nicht, und -er konnte es ihr nicht sagen, daß es dafür zu spät sei.</p> - -<p>Er sah, daß die Mücken häufiger flogen, und war ihnen dankbar -dafür, denn nun konnte er mit Anstand rauchen. Er scheuchte -eine summende Mücke fort, langte sich eine Zigarre heraus und -zündete sie an. Swaantjes Lippen versteckten sich. »Sieh mal nach -der Uhr,« bat sie; »ich glaube, wir müssen gehen, denn ich möchte -nicht zu spät kommen.« Sie fuhr heftig zusammen, denn in dem -Gebüsch hinter ihnen schreckte laut ein Reh.</p> - -<p>Sie gingen einen anderen Weg zurück. Die Frösche prahlten in -den Gräben, und eine helle Weihe schwebte über den Wiesen.<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span> -Swaantje schritt vor ihm her. »Mein Gott, mein Gott,« klagte -es in ihm; »wie schön ist sie, wie wunderschön!« Er sah ihre -Nackenlocken an und den vornehmen Bogen ihrer Backen und -dachte: »Warum lege ich nicht meinen Arm um sie, warum küsse -ich sie nicht? Sie will es doch so gern.«</p> - -<p>Der Weg zwillte sich. Swaantje ging nach rechts. Er faßte sie -unter den Arm und zog sie nach links. Er hatte vorgehabt, sie an -sich heranzuziehen und ihren Mund zu küssen; aber als seine Hand -wohl die Wärme ihres Armes spürte und sein Herz sich doch nicht -regte, ließ er sie los und ging stumm hinter ihr her, bis der Pfad -in den Weg einlief und sie nebeneinander gehen konnten.</p> - -<p>Da begann Swaantje wieder zu reden: »Du bist mir doch -nicht mehr böse, lieber Helmold?« Sie errötete, als sie das sagte, -und sah ihn halb von der Seite an und mit einem Blicke, in dem -Sehnsucht und Verlegenheit miteinander rangen. Er lächelte sie -an und versetzte: »Aber, Swaantje, wie kannst du das denken!« -Und dabei keuchte es in ihm: »Ja, aber warum küsse ich sie denn -nicht? Deutlicher kann sie es mir doch nicht zeigen, daß sie sich -selber zürnt, weil sie mich damals zurückstieß.«</p> - -<p>Er kam sich vor wie ein rätselhaftes Tier, das ihm noch niemals -über den Weg gelaufen war, ein Geschöpf, ebenso unheimlich, -wie lächerlich. In dumpfem Schweigen schritt er neben ihr -her und rauchte.</p> - -<p>»Und zwischen dir und Grete ist auch alles wie früher?« fragte -endlich das Mädchen. Er seufzte und antwortete: »Ja, vollständig.« -Nach einer Weile fuhr er fort: »Das heißt, es bleibt doch -ein Riß, Swaantje; denn sieh mal, ich bin damals zerbrochen, -und wenn der Bruch auch wieder heilte, eine gewisse Schwäche -blieb zurück.«</p> - -<p>Er räusperte sich, ehe er weiter redete: »Ich habe nämlich, -verstehst du? ich bin nämlich, ich werde nie wieder das sein, was<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -ich war. Ich bin alt geworden damals, zum Greis geworden, -wenn ich auch nicht so aussehe. Mein Mai ist vorüber, und der -Sommer ist hin; ich bin beim Grummet, beim dritten Schnitt; -ich bin kein voller Mann mehr.«</p> - -<p>Er stockte, warf seine Zigarre in einen Tümpel und sprach leiser: -»Swaantje, ich, weißt du? ja, das ist nun so!« Er zeigte neben -den Weg: »Ich bin wie die Haide hier, zertreten und kurz, weil -lange Zeit Tag für Tag graue Gedanken auf mir herumtraten -und mich kurz hielten.« Als er sah, daß das Mädchen ganz blaß -war, setzte er hinzu: »Doch du, liebe Swaantje, meine Gefühle -dir gegenüber sind die selben geblieben; wenn ich auch ein anderer -Mann geworden bin.«</p> - -<p>Sie antwortete nicht und hatte einen ganz engen Mund. Er -sah nach der Uhr. »Wir haben noch reichlich Zeit, was sollen wir -so lange in der muffigen Bude sitzen,« meinte er. »Wollen -noch einen Umweg machen.« Er schlug den Weg nach einem -Birkenwäldchen ein. Die Augen des Mädchens belebten sich, und -ihr Mund blühte wieder auf.</p> - -<p>»So,« sagte er sich; »nun, sobald wir im Walde sind, und ich -halte Wort, soll sie den Kuß haben, den ich ihr schuldig bin, und -mir das geben, was sie mir schuldet.« Warm lief es ihm über die -Brust, und mit heißen Blicken streichelte er ihren Nacken.</p> - -<p>»Sieh mal, Swaantje,« sprach er mit zärtlichem Klange; -»als wir nach dem Tödeloh gingen, nahm ich mir fest vor, dich -umzufassen und in mein Herz hineinzuküssen. Ich habe dir das -schon einmal gesagt; ganz fest nahm ich mir das vor. Ich glaube, -das wäre für uns beide gut gewesen.</p> - -<p>Vielleicht war es aber damals noch zu früh, weil du glaubtest, -du liebtest den andern noch, obgleich ich damals schon wußte, oder -vielmehr ahnte, daß es nicht so war.« Sie antwortete ganz leise: -»Aber ich habe dir doch niemals etwas gesagt, lieber Helmold.«<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span> -Er schüttelte den Kopf: »Nein, so schwer dir das auch wurde.« -Sie seufzte und er fuhr fort: »Das war stark von dir, und ich -achtete dich darum hoch; aber klug war es nicht. Es hat uns -beide zerbrochen.«</p> - -<p>Sie sah ihn demütig an: »Aber ich konnte doch nicht anders, -Helmold!« Er lächelte sie zärtlich an, so daß sie rot werden mußte. -»Nein, Geliebte, du hast keine Schuld, und ich auch nicht. Sieh -mal, ich kann dich nicht so behandeln wie andere Frauen; du bist -so ganz anders, und ich empfinde dir gegenüber auch ganz anders! -Im Tödeloh solltest du mein sein, ganz mein sein, das hatte ich -mir auf Ehrenwort versprochen, und ich mußte es brechen, denn -mein inneres Wollen stieß meinen äußeren Willen beiseite.« Das -Mädchen atmete schwer und drängte sich dichter an ihn, denn der -Weg war nur eben breit genug für sie beide.</p> - -<p>Da, wo der Weg sich teilte, kam ihnen ein stattlicher, sehr anständig -gekleideter Zigeuner zwischen zwei jungen, grell aufgeputzten -Weibern, die beide guter Hoffnung waren, entgegen. Helmold -kannte den Mann; er blieb stehen und rief: »Na, Jorgas Michali, -wohin und woher?« Der Zigeuner lachte und sagte: »Von -der Windwiege nach dem Windgrabe, Herr Maler.« Die Weiber -sahen Swaantje an, wie ein Heiligenbild. »Na, welche von -beiden ist denn deine Frau?« fragte Helmold. Der Zigeuner -grinste: »Beide, Herr Maler!« Hagenrieder lachte: »Vertragen -sie sich denn?« Jorgas' Raubtiergebiß blitzte aus dem schwarzen -Krausbarte heraus: »Wollt' sie kuranzen, wenn nicht,« sagte er -und machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er eine -Peitsche darin hielte, und die Frauen lachten. Der Maler gab -ihm eine Zigarre und jeder der Frauen ein blitzblankes Markstück. -Sie küßten ihm die Hände. »Viel Glück, Herr,« riefen sie, verbeugten -sich vor Swaantje und setzten hinzu: »und deiner scheenen -Frau ville Kinder!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span></p> - -<p>Als die Zigeuner hinter den Büschen verschwunden waren, -fragte Swaantje leise: »Sind das wirklich beides seine Frauen?« -Ihr Vetter nickte. »Natürlich; er hat vielleicht noch ein paar. -Jorgas Michali ist einer der reichsten Häuptlinge; er hat drei -große Häuser bei Berlin und Geld auf der Bank. Und er hat eine -schwere Hand. Horch, wie schön der Kuckuck ruft! immer dreimal.« -Er deutete nach dem Birkenwäldchen, in dem der Kuckuck -läutete und die Zippe schlug.</p> - -<p>Vor seinen Augen tanzten goldene Flammen, sein Herz schlug -fieberhaft, und der Atem pfiff ihm im Kehlkopfe. »Drei Schritte -noch,« dachte er, »drei Schritte noch, und ich küsse sie, und nehme -sie mir.« Gerade wollte er den Mund öffnen, um »Swaantje, meine -Swaantje!« zu sagen, da stand ein alter Bauer vor ihnen, der ihnen -freundlich die Tageszeit bot und sagte: »Na, dennso kriege ich -noch feine Begleitung auf den Weg.« Helmold wußte nicht, ob -er dem Manne danken oder fluchen sollte; er hörte nur mit einem -Ohre auf das, was er erzählte, und wußte nicht, ob er sich bedauern -oder beglückwünschen sollte. Mit Gedanken, so umrißlos -wie Wacholderbüsche im Herbstnebel, kam er im Kruge an.</p> - -<p>Das Abendessen verlief anfangs recht still, obgleich Helmold sich -alle Mühe gab, das Mädchen aufzumuntern; doch da er, wie -er wußte, um das, was Swaantje am meisten am Herzen lag, -herumgehen mußte, kam ihm jedes Wort, das er sprach, unehrlich -und verlogen vor. So war er froh, als die Kastenuhr dreiviertel -auf sieben meldete. »Noch zwanzig Minuten,« sagte das -Mädchen, und er fügte hinzu: »Ja, es ist schade, daß wir nur -die paar Stunden für uns hatten; wir haben uns so lange nicht -gesehen.« Sie sah ihn an und ihre Augen fieberten. »Ja, wenn -sie mir den Wagen nicht zur Bahn schickten,« sagte sie, schwieg -einige Zeit und fuhr fort: »Ich hätte so gern einmal Stillenliebe -gesehen und länger mit dir geplaudert. Wer weiß, wann wir uns<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -nun wiedersehen. Muhme Gese will nach Karlsbad, und ich muß -wohl mit.« Mit einer hastigen Bewegung, die so gar nicht ihrem -wirklichen Wesen entsprach, haschte sie nach seiner Hand, die auf -dem Tische lag, führte aber ihre Absicht nicht aus, da er vor sich -hinbrütete, sondern drehte die alte Tasse um, als wollte sie sich -die Aufschrift ansehen.</p> - -<p>»Wollen gehen,« sprach sie dann matt und sah nach der Uhr. -Er half ihr in den Mantel hinein und klingelte dem Wirte. Der -ließ die Türen hinter sich offen, und während Helmold bezahlte, -klang aus der Gaststube lauter Gesang herüber. Swaantje wurde -kreidebleich, als sie das Lied erkannte; es war das, was Helmold -ihr gesungen hatte, als er mit ihr zum Tödeloh ging, das kecke -Lied von dem Jäger und der Jungfrau im schlohweißen Kleid. -Ihre Augen wurden starr, und ihre Lippen verkrochen sich, als es -hinter ihnen herklang: »Denn deine Unschuld und die mußt du -lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid, eins zwei.«</p> - -<p>Der Zug hatte Verspätung. Sie lehnten an dem Geländer. -Swaantje sah nach der alten Kiefer hin, die ihr düsteres Haupt -hinter einem moosigen Giebel erhob, und ihr Vetter betrachtete -ihr Gesicht und wunderte sich über sich selber. Plötzlich kehrte sie -sich zu ihm: »Nun habe ich die Hauptsache beinahe vergessen, -lieber Helmold!« Sie drückte ihm die Hand. »Ich danke dir viele -Male für das Bild, viele Male!« Ihre Augen wurden dunkel. -»Du glaubst gar nicht, wie ich mich darüber gefreut habe!« -Wieder drückte sie seine Hand. »Ich dachte, du wärest mir böse -gewesen. Bist du das auch ganz gewiß nicht mehr?«</p> - -<p>Er wußte nicht, was er sagen sollte, und lächelte sie an, als er -den Kopf schüttelte, und er wußte, sein Lächeln mußte gefälscht -aussehen. »Ich bin dir nie böse gewesen, und wenn ich es einmal -war, so redete ich mir das ein, weil ich dir einen Begriff unterlegte, -der nicht auf dich paßte, dich als Weib schlechthin und nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span> -als das sehen wollte, was du bist!« Etwas heiser klang seine -Stimme, als er das sprach.</p> - -<p>Der Zug lief ein. »Schade, daß du nicht mitkannst, lieber -Helmold,« sagte Swaantje und umklammerte seine Hand; »in -Bockshorn habe ich fast eine Stunde Aufenthalt.« Helmold -fühlte, daß ihm das Blut in das Gesicht schoß. »Einsteigen!« -rief der Schaffner. Helmold half dem Mädchen in das Abteil -und stieg auf den Tritt. »Lebe wohl, lieber, guter Helmold,« -flüsterte sie und beugte sich zu ihm herunter, als wollte sie ihn -küssen. Aber da schrillte die Pfeife, und eine harte Stimme -schnarrte: »Abfahren!« Er hatte eben noch Zeit, ihre Hand zu -küssen, und er küßte sie, daß sie seine Zähne fühlte, dann schlug -der Schaffner die Tür zu, und der Zug ruckte an.</p> - -<p>Swaantje stand an dem offenen Fenster, stützte den Ellenbogen -auf die Fensterleiste und hielt den Rücken ihrer rechten Hand, -den Helmold geküßt hatte, an die Lippen. Ihr Gesicht war ganz -weiß, ihre Augen sahen schwarz aus, und sie lächelte, daß Helmold -elend zumute wurde. Der Zug fuhr ab; das Mädchen -nickte ihm zu, küßte ihren Handrücken und gab ihm so seinen -Kuß zurück, und nickte und winkte, solange ihr Vetter in Sicht -blieb, und ehe der Zug hinter den Bäumen verschwand, grüßte -sie ihn noch einmal mit ihrem Tuche.</p> - -<p>Das Schlußlicht des Zuges war schon lange unsichtbar, da -stand er noch auf der selben Stelle und starrte nach dem Walde -hin. Er ballte die Faust, denn er hätte sich am liebsten in das -Gesicht geschlagen. Er warf sich rohe Schimpfworte zu. »Du -Idiot,« schrie es in ihm; »du dreimal vernagelter Idiot; wie -eine Dirne hast du sie behandelt! Warum fuhrest du nicht mit -nach Bockshorn? Weil du kein Nachthemd und keine Zahnbürste -bei dir hattest? Jahrelang wimmertest du hinter ihr her, -und nun, wo sie daherkommt im Brautkleide, den Myrtenkranz<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -im Haare, dachtest du daran, daß der Wagen sie in Weddingen -erwarte, und daß du dich für morgen mit dem Prinzen verabredet -hast, und dabei hatte sie gesagt: ›Ich möchte nicht gern zu -spät kommen.‹ Bist doch sonst so neunmalweise, und merktest -nicht, daß das hieß: ›Vorausgesetzt, daß du mich daran nicht -hinderst, Geliebter!‹ Kauf' dir einen Strick, und hänge dich an -den ersten besten krummen Birkenbaum am Wege; mehr bist du -wahrhaftig nicht wert.«</p> - -<p>Der ganze Bahnhof drehte sich mit ihm herum, so daß er erst, -als er schon aus dem Dorfe heraus war, daran dachte, daß er -sein Rad im Kruge hatte. Er ging zurück, suchte es im Hausflur -und im Stalle, bis ihm einfiel, daß es im Schuppen stand. -Endlich hatte er es. Ein quälender Durst trocknete ihm den Hals -aus; er wollte schon in die Gaststube treten, ließ es aber und fuhr -zum Dorfe hinaus. Ganz sicher fuhr er, ohne auf die Sandstellen -und Löcher im Wege zu achten, und so rasend, daß die Leute, die -ihm entgegenkamen, ihm verwundert nachsahen. Aber in der Haide -mußte er stoppen; sein Herz schlug ihm zu grob gegen die Brust.</p> - -<p>Er sah über das dämmernde Land, an dessen Rande ein Ferngewitter -seine blutigen Witze riß. In einem schwarzen Wacholderbusche -war ein weißer Fleck; wie ein menschliches Gesicht -sah es aus. »Das ist meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte -Swaantje,« obgleich er ganz genau sah, daß es der Stamm -einer Birke war. Einzelne warme Regentropfen fielen. »Jetzt -weint meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje.« -Ein Windstoß bewegte die weißen Zweige der Birken. »Meine -Swaantje ringt ihre Hände,« dachte er, »meine liebe, geliebte -Swaantje.« Einmal huschte so etwas wie Genugtuung über -sein Herz, und es war ihm, als wenn er dachte: »Nun habe -ich die Rache für meine Tränen«; aber dieser Gedanke wurde -sofort vom Winde fortgewirbelt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p> - -<p>Es begann stärker zu regnen; die Birkenbäume stellten sich wie -wahnsinnig an, und die Wachholder taten so, als wenn sie weglaufen -wollten; in der Ferne murmelte das Gewitter unverständliche -Drohworte. Die Regentropfen klatschten Helmold auf Gesicht -und Hände und schlugen ihm durch die Hose. Siedehitze -kribbelte ihm unter dem Hute, und über seinen Rücken lief ein -eisiger Schauer.</p> - -<p>Vor sich sah er den Schneekrug; er blickte ihn mit zwei leuchtenden -Augen so einladend an, daß er absprang und sein Rad hinter -die Krippe stellte. Er besann sich einen Augenblick, ob er eintreten -oder ob er weiter fahren sollte, aber der Regen stürzte nur -so aus dem Himmel, und das Gewitter begann sich deutlicher -auszudrücken. So schwenkte er seinen Hut aus und trat ein.</p> - -<p>Er hatte noch niemals im Schneekruge vorgesprochen, aber er -war dort sofort zu Hause; es war eine Wirtschaft noch ganz -von der alten Art, mit brauner <span id="corr242">Balkendecke</span>, Kugelfußtisch und -den bunten Bildern an den verräucherten Wänden, die des Jägers -Hochzeit, Taufe, Grab und Auferstehung darstellten, und die -noch nicht von Plakaten verscheußlicht und von einer Musikmaschine -veralbert war.</p> - -<p>»'n Abend zusammen!« rief er, »binnen is 't besser als buten,« -und nahm an dem Tische unter der Hängelampe, an dem schon -drei Bauernsöhne saßen, Platz. »Mehrste Heu rein?« fragte -er, als er seinen Kümmel und sein Bier getrunken hatte. Die -Bauern nickten, und bald war er mit ihnen im besten Erzählen.</p> - -<p>»Ordentlich kalt geworden,« sagte der eine, und schüttelte sich. -»Da ist Grog gut für,« versetzte er und bestellte eine Runde; -»aber nicht mit so viel Wasser, sonst wird er zu kräftig,« setzte -er hinzu, und die Männer lachten. »Auf einem Glase kann man -nicht gut stehen,« meinte er, als die Gläser leer waren, und eine -zweite Runde kam, und dann die dritte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p> - -<p>»Haben Sie's große Loos gewonnen?« fragte der eine Bauer, -der ein Gesicht hatte, als trüge er für gewöhnlich den Offiziersrock. -»Jawollja,« rief der Maler, »aber ich habe es vor der -Ziehung verloren. Das macht aber nichts. Herr Gastwirt, noch -ein' Rundgang!«</p> - -<p>Es kamen noch vier Gäste, die nach Ohlenwohle wollten, aber -von dem Gewitterregen in den Krug gejagt waren, und nun -wurde es ganz lustig, denn zwei davon kannte Helmold. Rundgesänge -wurden angestimmt, und dazwischen Witze zum besten -gegeben, daß der Saft bis an die Deckenbalken spritzte. So -wurde es fast zwei Uhr, als er fühlte, daß er nichts mehr trinken -durfte, wollte er sich in der Hand behalten. Es regnete immer -noch, und es war so dunkel, daß er nicht daran denken konnte, -zu fahren; so blieb er im Kruge.</p> - -<p>Er schlief sofort ein, als er in dem Bette lag, und wachte erst -auf, als die Uhr acht schlug. Frisch und munter kam er in die -Gaststube, lachte den Wirt, der über Haarweh klagte, aus, aß -tüchtig, trank einen großen Schnaps dazu, machte die Zeche -glatt, steckte sich eine Zigarre an und fuhr mit leichtem Herzen -davon.</p> - -<p>Es war ein bildschöner Morgen. Am Himmel war keine einzige -Wolke, die Sonne lachte, die Vögel sangen, was sie nur -konnten. »Heute müßte Swaantje kommen, heute,« dachte er, -während er durch die Pfützen sauste, daß das Wasser spritzte; -»heute bin ich ein anderer Kerl!« Er kam sich gar nicht mehr -so alt und kalt und abgestanden vor und stellte sich für sein gestriges -Verhalten ein gutes Zeugnis aus. »Denn,« sagte er sich, -»gestern litt ich an allgemeiner geistiger Körperschwäche und war -wirklich nicht hochzeitsmäßig gekleidet.«</p> - -<p>Dann dachte er, wie häßlich und dumm die äußeren Umstände -waren, falls, ja, falls er Swaantje bei alle den deutlichen Worten<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span> -genommen hätte, die sie nicht ausgesprochen hatte. Und er -sah ein weißes Haus, das lag vor einem grünen Walde, in dem -viele Nachtigallen schlugen, und oben in dem Hause war ein -Zimmer mit roten Rosen auf den Fenstervorhängen, und in dem -Zimmer standen zwei Betten nebeneinander, und weiter kam er -nicht mit seinen Augen, konnte sich den Rest nur denken.</p> - -<p>Er schleuderte seine Zigarre in den Graben; sie schmeckte ihm -bitter, und er lachte sich selber aus, weil er einsah, daß er blanken -Blödsinn gedacht hatte. »Wenn du sie liebtest, mein Lieber,« so -spöttelte er, »dann wäre es dir gleich, ob das Haus weiß oder -eselgrau wäre, und ob es im Walde stände oder zwischen Straßenbahngeleisen. -Du würdest dann überhaupt nicht denken; nein, -so unkeusch wärest du nicht; handeln würdest du. Du liebst ja -Swaantje gar nicht mehr; Swaantje ist tot. Du hast sie in den -Sarg gelegt, und den hast du zugenagelt und als Eilgut zur -Eisenbahn geschickt, samt deiner Liebe; das, was du dafür hältst, -das ist das Gespenst deiner Liebe, das auf dem Kirchhofe herumspukt -und dein totes Herz beunruhigt. Streue Kümmelsamen -hinter dich, damit der Spuk zurückbleiben muß!«</p> - -<p>Er nickte; es war so. Er sah sich in seiner Werkstatt stehen -und Swaantjes Bildnis in einen Sarg betten, in einen flachen -Sarg, der aus weißen Brettern zusammengeschlagen war; und -ein Dienstmann mit roter Nase holte ihn ab, legte ihn auf einen -Karren und fuhr ihn fort, den Sarg, Swaantje und Helmolds -heiße Liebe zu ihr.</p> - -<p>Einst hatte er um Swaantje geweint; nun galten seine Seufzer -seiner toten Liebe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Panne">Die Panne</h2> -</div> - -<p class="noind">In der nächsten Zeit kam er aber nicht dazu, an Swaantje und -an seine verstorbene Liebe zu denken und an sich selber, denn das -Leben warf so schwere Wellen gegen sein Dasein, daß alle seine -leisen Gedanken von dem Rauschen und Brausen überbrüllt -wurden.</p> - -<p>Zuerst nahm ihn die Arbeit für das Schauspielhaus mit Leib -und Seele in Anspruch. Wenn er sich auch manchmal vorgeredet -hatte, daß seine Kunst ihn, seitdem er es darin zur Meisterschaft -gebracht hatte, langweile, das war doch nicht der Fall, besonders -bei diesem Auftrage.</p> - -<p>Er hatte völlig freie Hand, sowohl was den Inhalt anbetraf, -wie in der Behandlung. Der Direktor Meier setzte ihm gar keine -Schranken, und die Bankleitung, die hinter dem Unternehmen -stand, erst recht nicht. »Machen Sie, was Sie wollen, Herr Geheimrat,« -sagte Herr Meier, ein blonder Jude, einst ein beliebter -Tenor, nun infolge einer reichen Heirat Millionär, »Sie werden -schon das Richtige treffen.«</p> - -<p>Sie saßen hinter einer Flasche Wein, als Meier so sprach. »Sie -haben gut reden,« meinte der Maler; »früher glaubte ich, Schrankenlosigkeit -sei das beste für mich. Jetzt sehe ich ein, daß ein gewisser -Zwang viel bequemer ist.« Der andere nickte: »Glaub' ich; -geht mir auch so. Wissen Sie, was habe ich früher oft geflucht, -wenn ich gerade das singen mußte, was zu meiner Stimmung -so paßte, wie der Igel zum Schnupftuch. Jetzt, wo ich nur ab<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -und zu in Konzerten singe, und singen kann, was ich will, macht -mir die Sache eh' keinen Spaß mehr. Das ist genau so, wie mit -der Liebe. Solange ich ledig war, konnte ich davon haben, soviel -ich wollte, machte mir aber nichts daraus, und ich kann -Ihnen sagen, es waren Weiber darunter, erstklassig! Na, und -jetzt? Der Mensch ist das meschuggenste Tier. Meinen Sie nicht -auch?«</p> - -<p>»Stimmt,« sagte Hagenrieder. Er wünschte, daß Meier ihm -die Stoffe vorschriebe, meinte er dann. Aber der lachte und sagte: -»Zerbrechen Sie sich Ihren Kopf gefälligst darüber, was Sie -malen wollen, und nicht meinen; krieg ich das Honorar oder -Sie? Malen Sie nur nicht so, daß jeder Esel glaubt, er müsse -sich dabei wer weiß was denken. Im Theater soll das Volk nicht -denken, sonst wird es gefährlich. Fühlen soll es und das bar -bezahlen, im Vorverkauf mit Rabatt. Dann ist das Geschäft -richtig.«</p> - -<p>Der Maler lächelte, weniger über das, was der andere sagte, -als darüber, was diese Worte in ihm locker machten. Er war -lange überzeugter Antisemit gewesen, bis er einsah, daß damit -die Judenfrage nicht zu lösen wäre, und daß dieses Volk für die -Germanen bitter notwendig sei, damit sie sich an dessen Emsigkeit -aus ihrer angeborenen Trägheit emporärgerten. »Und außerdem,« -fiel ihm nun ein, »sie sind doch gewaltige Umwerter und -Anreger trotz oder vielmehr wegen ihrer völligen Unproduktivität. -Produktive Nichtproduzenten! Wie Figura zeigt.«</p> - -<p>Denn die Worte des Direktors hatten ihn auf den Weg gebracht. -Er sah die Wände, die ihm zur Verfügung standen, sich -mit Bäumen, Blumen und Gestalten beleben, bei deren Anblicke -der Fröhliche noch fröhlicher wurde und der Betrübte seine Traurigkeit -vergessen mußte. Eine Welt wollte er malen, die leichte Herzen -noch höher hob und schwere von ihrer Unbeholfenheit befreite.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p> - -<p>Und das gelang ihm auf das beste. Als Meier die Entwürfe -sah, bekam er einen ganz roten Kopf und sagte: »Hab' ich es Ihnen -nicht gesagt, daß Sie was können? Wissen Sie was? Ihre Bilder -sind allein das Entree wert! Wahrhaftig, wenn ich nicht solch -Theaternarr wär', möcht' ich das Geld meiner Frau in Ihnen -anlegen. Ob ich 'n Geschäft mach'?«</p> - -<p>Mit ganzem Herzen ging Hagenrieder an die Ausführung und -hatte eine Freude wie ein Kind, als seine Vorstellungen Form -und Farbe annahmen. Am meisten freute er sich darüber, daß -er nur Schaffenslust, aber kein Arbeitsfieber beim Malen hatte; -er aß und schlief wie ein Junge, war ein netter Gatte und Vater -und dachte an seinen Auftrag bloß, wenn er auf dem Gerüste -stand. Alles, was er liebte und geliebt hatte auf der Welt, brachte -er auf die Wände, und so bedeckten sie sich mit viel Licht und -Sonne, und wer sie ansah, dem hob sich das Herz. »Herr Geheimrat,« -sagte ihm eines Morgens einer der Tischler, »gestern -hatte ich einen schweren Ärger gehabt und wollte mir eigentlich -einen andudeln; aber da sah ich mir ihre Bilder an und mir -wurde gleich besser, und so bin ich denn vernünftig gewesen.« -Die Tage, Wochen und Monde flogen dahin, wie die Schwalben, -und kaum einmal kam Hagenrieder dazu, auf sich und sein Leben -hinabzusehen. Einmal war Swaantje auf einen Tag gekommen; -Karlsbad hatte auch ihr gut getan, und sie sah frisch und blühend -aus. Deswegen und weil er ganz in seiner Arbeit war, zerwehte -der Besuch ihm die Stimmung nicht, zumal er keinen -Augenblick mit ihr allein blieb. Als das Mädchen schrieb, sie -käme, hatte er zu seiner Frau gesagt: »Tu mir den Gefallen, -Grete, und laß mich mit ihr nicht allein,« und als seine Frau -nickte, fuhr er fort: »Das arme Mädchen! So ganz allein zu -sein, das ist eigentlich das Schrecklichste, was es gibt.«</p> - -<p>Einige Tage darauf hatte Direktor Meier ihn und seine Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span> -eingeladen. Als Helmold gerade den Frack anziehen wollte, kam -Grete hereingestürzt, ganz unglückliche Augen in dem kreideweißen -Gesicht, die linke Hand auf dem Herzen und ein großes Schriftstück -in der anderen. »Nanu?« rief er, »was ist denn los?« Sie -hielt ihm das Papier hin, setzte sich auf das Bett und fing hellauf -zu weinen an. »Lieber Helmcke,« schluchzte sie, »um Gotteswillen, -da, lies, ich habe, denke dir, wir haben, von Ohm Mette -haben wir fünfhunderttausend Mark haben wir geerbt.« Kaum -hatte sie das gesagt, so fiel sie in Ohnmacht.</p> - -<p>»Verdammter Blödsinn,« knurrte ihr Mann; »mußte der Esel -von Anwalt das auch jetzt gerade schicken!« Er klingelte nach -dem Mädchen und brachte mit ihr zusammen seine Frau zu Bett. -Sie erwachte bald wieder, sagte aber, ihr sei so schlecht, daß sie -ihn nicht begleiten könne. Er fühlte, daß ihr Herz zu eifrig arbeitete -und ließ Benjamin rufen. Der kam sofort, untersuchte -den Herzschlag und verordnete ein leichtes Schlafmittel, machte -einen Umschlag und sagte lächelnd: »Na ja, liebe Frau Hagenrieder, -wer kann für Malhör! Morgen werden Sie den Schlag -verwunden haben.« Als er aber mit ihrem Manne allein war, -sprach er: »Hagenrieder, sie hat kein gesundes Herz von Hause -aus. Wer hätte das gedacht; solche blühende Frau! Also immer -nett und freundlich zu ihr sein, und sie mit Ihren Privatsorgen -verschonen! Sie hat reichlich viel Aufregungen und Kummer gehabt -in den letzten Jahren.« Am anderen Tage war sie aber -schon wieder ganz vergnügt und freute sich in ihrer kindlichen -Weise über das viele Geld, und ihr Mann tat so, als ob ihm -auch so viel daran gelegen wäre, obgleich das durchaus nicht der -Fall war. Es war ihm natürlich angenehm, daß die Zukunft -seiner Frau und Kinder gesichert war, aber die Menge von -Schererei, die die Erbschaft mit sich brachte, weil ein Teil davon -in Häusern und Grundstücken bestand, war ihm sehr lästig, und<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -es war ihm äußerst unbequem, daß er deswegen mehrere Reisen -machen mußte.</p> - -<p>Er hatte seine Frau gebeten, den Kindern nichts von der Erbschaft -zu sagen, aber sie hatten es in der Schule gehört, und -Swaan sowohl wie Swenechien trugen die Nasen nun noch einmal -so hoch. Das verdroß ihren Vater über die Maßen, und -als der Junge eines Tages fragte: »Kaufen wir uns nun ein -feineres Haus?«, da fuhr er ihn recht grob an und fauchte: -»Wir? welcher Wir? Glaubst du, das Geld gehöre dir mit? In -diesem Hause ist deine Mutter zur Welt gekommen, und es entspricht -der Stellung deines Vaters vollkommen. Glaubst du, wir -sollen uns mit solcher Protzscheune lächerlich machen wie Noltens, -als sie das große Loos gewannen und sich gleich einen Nagel in -den Kopf traten?«</p> - -<p>Swaan bekam einen feuerroten Kopf und würgte an seinem -Bissen herum; dann aber sah er Swenechien an und lächelte heimlich. -Hagenrieder hatte es schon öfter bemerkt, daß die Kinder -über ihn lachten, wenn er ein derbes Wort oder einen klobigen -Vergleich gebrauchte, und anfangs hatte er sich darüber gegrämt. -Seitdem sein Herz aber kälter geworden war, war es ihm gleichgültig, -wie seine Kinder sich zu ihm stellten; er wußte es, daß es -sein Schicksal war, allein zu bleiben.</p> - -<p>In der ersten Zeit nach der Auszahlung der Erbschaft hatte -Grete einen Anfall von Einkaufsfieber gehabt; das hatte sich jedoch -sehr bald gelegt. Sie quälte ihn eine Zeitlang mit der Bitte, sich -etwas zu wünschen, bis er schließlich sagte: »Eine gute Doppelbüchse -mit Sicherheitsverschluß für rauchloses Pulver und Mantelgeschoß, -elf Millimeter, Nickelmantel und Stahlkern, die hätte ich -schon lange gern gehabt; war mir bloß immer zu teuer.« Er bekam -sie zum Geburtstage, und er überlegte lange, was er seiner -Frau schenken solle, bis er hörte, daß das Nachbargrundstück<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -verkauft würde. Da erwarb er den größten Teil des Gartens von -dem Gelde, das er für die Ausmalung des Schauspielhauses bekommen -hatte, schickte seine Frau und die Kinder auf acht Tage -nach Swaanhof, ließ den Zaun abreißen und die Neuerwerbung -in den alten Garten hineinziehen. Grete bekam nasse Augen, als -sie am Morgen ihres Geburtstages von ihm in den Garten geführt -wurde, denn ihr Vater hatte einst, als er Verluste gehabt -hatte, die Hälfte seines Grundstückes an den Nachbar abgetreten, -und jedesmal, wenn sie über den Zaun sah, tat ihr das Herz weh, -denn gerade das Stück jenseits des Gatters war früher ihre liebste -Spielecke gewesen. »Du einziger Mann,« rief sie, und küßte -ihn wie in der Flitterwochenzeit. »Aber nun darf ich dir auch etwas -recht Schönes schenken, nicht wahr?« jubelte sie; »einen kapitalen -Elch und einen Hauptbären? Bitte, bitte!«</p> - -<p>Er nahm lachend an; er wollte ihr die Freude nicht verderben. -Vor fünf Jahren hätte er ein Indianergeheul ausgestoßen, hätte -er auf Elch oder Bär jagen dürfen; nun waidwerkte er nur noch -aus Gewohnheit, und um mit Anstand den Asphalt hinter sich -liegen lassen zu können. Wenn er mit seiner Frau durch den -Stadtwald ging, und die Ulenflucht kam heran, dann sagte er -wohl aufseufzend: »H' ach, ich muß doch einmal wieder hinaus!« -War er dann im Wald und auf der Haide, dann gab er sich -wenig Mühe um Bock und Hirsch, und wenn er den Finger -krumm machte, dachte er: »Hoffentlich hört es den Knall nicht -mehr, daß ich es nicht abzufangen brauche!« Mußte er es dennoch -tun, so ekelte ihn das auch nicht weiter; nur der Gedanke daran -war ihm unbequem.</p> - -<p>Er fuhr schließlich mit dem Prinzen nach Rußland, legte auch -einen sehr starken Elchhirsch auf der Pürsche aus freier Hand auf -die Decke, schoß einen fast ebenso guten vor den Hunden, regte -sich aber so wenig dabei auf und schoß so kalt wie auf eine Geltricke,<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span> -so daß er sich sagte: »Den Bären will ich nun nicht mehr; erstens -mache ich mir aus dem Totschießen gar nichts mehr, und zweitens -hat mir der Bär zu viel Gemüt.« Der Prinz lächelte und sagte: -»Du auch? Mir geht es ebenso.«</p> - -<p>Nach einer gut gelungenen Saujagd saß Helmold mit ihm im -Jagdhause vor dem brennenden Kamine. Das Gespräch tropfte -langsam. Mehrere Male schien es dem Maler so, als ob der -andere etwas auf dem Herzen habe, aber er fragte nicht; niemals -waren zwischen ihnen persönliche Dinge zur Sprache gekommen; -immer nur hatte sich die Rede um Jagd, Kunst, Literatur, Musik, -Philosophie, Religion und Politik gedreht. Der Prinz wußte, -daß Annemieken Hagenrieders Geliebte war; er ahnte auch, daß -zwischen seinem Freunde und Swaantje ein Gewitter niedergegangen -war; doch nie hatte er ein Wort darüber verloren.</p> - -<p>Helmold war manches rätselhaft an Samlitz, den er von der -Quarta an kannte, aber er hatte niemals darüber nachgedacht. -Jetzt, wo er in seinen Augen eine schüchterne Bitte zu sehen -meinte, fiel ihm ein, daß er es noch nie bemerkt hatte, daß dieser -große, ebenmäßig gewachsene Mann mit dem Apollogesicht einen -weiblichen Mund und unmännliche Augen hatte, und es fiel ihm -ein, daß Brüne so gut wie nie über Frauen sprach, ihre Gesellschaft -möglichst vermied und auch von ihnen wenig beachtet -wurde, und daß er ihn sich mit einer Frau im Arme schlechterdings -nicht vorstellen könne. Er war aber von dem langen Wege -im hohen Schnee so müde, daß der Gedanke, der in ihm aufstieg, -verschwunden war, ehe er ihn genau ins Auge gefaßt hatte. Am -anderen Morgen fand er die stumme Bitte nicht mehr in den -Augen des Prinzen und wunderte sich auch nicht, daß dieser ihm -länger und fester, denn je, die Hand drückte und sagte: »Lebe -wohl, und auf ein schönes Wiedersehen!«, denn Brüne hatte ihm -gesagt, er habe eine längere Reise vor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p> - -<p>Drei Tage später, als er mitten in der Arbeit war, hörte er, -wie die vierschrötige Magd in ihrer groben Weise sagte: »Unser -Herr ist für niemand nicht zu sprechen«, und als er aus dem -Fenster sah, mußte er lachen, denn da stand Klaus Ruter, den -Wolkenschieber auf die Nase gezogen, einen grünen Schal um -den Hals und in Kniestiefeln, wischte mit einer einzigen Bewegung -seiner ungeheuren Hand das Frauenzimmer beiseite und knurrte: -»Ich bin auch kein Niemand nicht; ich bin der Vorsteher von -Stillenliebe und ein Duzfreund zu deinem Herrn, daß du's weißt,« -und damit stieg er breitspurig quer über die verschneiten Beete, -und die Magd machte Augen wie eine Kuh, wenn es donnert.</p> - -<p>Helmold riß die Tür auf und rief: »Sieh, das ist ja fein, daß -du dich wieder mal hergefunden hast, Rutersklawes; nun riecht -es hier doch mal wieder nach Stillenlieber Torf!« Der Bauer -sah sich um, stellte seinen Eichheister in die Ecke, drehte dann den -Schal von dem Halse und sagte: »Du mußt nicht für ungut -nehmen, daß ich hier so hereinkomme, wie ich bin; ich hatte ein -eiliges Geschäft und konnte mich nicht erst fein machen.« Hagenrieder -lachte, drückte ihn in einen Sessel und sagte: »Du bist mir -in Joppe und Kniestiebeln lieber als der König von Spanien in Frack -und Lackschuhen. Hast du schon gefrühstückt?« Ruter schüttelte -den Kopf, und so bestellte der Maler ein handfestes Frühstück.</p> - -<p>Der Bauer sprach erst von der Jagd, dann davon, daß das -Dorf im nächsten Jahre eine Haltestelle bekommen würde, und -daß die Wirtschaft in Ohlenwohle abgebrannt sei, und der alte -Hillmers vom Schneekruge hätte tags zuvor das Zeitliche gesegnet, -und als er Messer und Gabel hingelegt und seinen Schlußschnaps -getrunken hatte und die Zigarre anbrannte, sah er Hagenrieder -etwas verlegen an, räusperte sich und sprach: »So, weswegen -ich hergekommen bin: es hat sich etwas Unliebsames bei -uns begeben, oder vielmehr ein Unglück.« Helmold riß die Augen<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -auf: »Mit Annemieken?« Klaus schüttelte den Kopf. »Nein, der -geht es gut, soviel ich weiß. Das heißt, ich habe sie manchen -Donnerstag nicht gesehen; denn wann komm' ich mal nach dem -Osterhohl!« Er drückte an seiner Zigarre, obschon die sehr gut -brannte. »Es handelt sich um den Prinzen.« Hagenrieder wurde -es leichter um das Herz; denn wenn Annemieken ihm seit längerer -Zeit nur noch eine Freundin war, oder vielmehr eine Zuflucht, -war ihm die Stadt zu bunt und ihr Volk zu laut, ihr Schicksal -lag ihm doch sehr am Herzen, und er hatte sich etwas erschrocken, -als er sie das letztemal blaß und mager vorgefunden hatte. Als -Ruter nun ganz trocken fortfuhr: »Das heißt, ich glaube, daß -es sich um ein Unglück handelt, und daß er nicht selber Hand an -sich gelegt hat«, da wunderte Hagenrieder sich, wie wenig ihn -das zuerst berührte.</p> - -<p>Als Ruter sich aber verabschiedet hatte, kam es Helmold kalt -in seiner Werkstätte vor. Er zog die Schieblade auf, in der er seine -Skizzenbücher verwahrte, nahm ein grünes Heft heraus, schlug -es auf, besah lange das Blatt, auf dem der Prinz in voller Gestalt -zu sehen war, und die, auf denen sein Gesicht abgezeichnet -war, setzte sich vor den Kamin, stützte den Kopf in die Hände -und sann lange nach, sich dabei bittere Vorwürfe machend.</p> - -<p>»Ich hätte ihn doch fragen müssen; seine Augen baten so sehr -darum,« dachte er; »vielleicht lebte er dann noch.« Denn er -wußte, es war ganz ausgeschlossen, daß ein Unfall vorlag; so -sorgsam, wie Samlitz, ging kein Mensch mit Schußwaffen um. -Ein einziges Mal hatte er ihn grob werden sehen; das war, als -ein Jäger beim Treiben mit dem Gewehr durch die Schützenlinie -zog. »Ist Ihre Waffe nicht geladen?« hatte er den Herrn gefragt, -und als der ein verwundertes Gesicht machte und sagte: -»Natürlich!«, kam die eiskalte Antwort: »Na, dann benehmen -Sie sich bitte dementsprechend!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span></p> - -<p>Es stand für ihn fest, daß Samlitz Selbstmord verübt hatte. -Er sann vergeblich darüber nach, was der Beweggrund dafür -gewesen wäre. Mangel an Geld oder Schulden kamen nicht in -Frage; seit fünf Jahren war der Prinz sehr reich. Irgend eine -schlechte Tat konnte auch nicht vorliegen, denn er war ein zu gefestigter -Mann, um sich einer Leidenschaft hinzugeben. Helmold -hatte ihn oft deshalb bedauert. Niemals hatte er bemerkt, daß -Brüne mehr als drei Glas Wein auf einem Sitz trank, und über -zwei Zigarren und eine Zigarette brachte er es keinen Tag. Auch -konnte kein Weib die Ursache dieses unpathetischen Trauerspiels -sein, weder mittelbar noch unmittelbar. »Vielleicht liegt doch ein -Unglücksfall vor,« dachte er schließlich.</p> - -<p>Am folgenden Tage wußte er, daß das nicht der Fall war. -Zwar war Samlitz unter einer Wildkanzel gefunden worden, -aber gerade das machte Hagenrieder stutzig; denn daß der Prinz -mit geladener Büchse den Hochsitz erstiegen haben könnte, das -war undenkbar. Außerdem saß der Schuß zu gut, Mitte Blatt. -Aber den Ausschlag gab der Brief, der auf dem Schreibtische des -Prinzen lag, und der an Hagenrieder gerichtet war, einen kleinen -Schlüssel und folgende Zeilen enthielt: »Lieber Freund, in dem -Geheimfache meines Schreibtisches, das du hinter der linken -Schublade findest, liegt etwas für dich. Lies es, und sei gut zu -mir, wenn wir uns wiedersehen. Dein Brüne.« In dem Fache -lag ein versiegelter Umschlag, der Hagenrieders Namen trug und -darin war ein schmales, in schwarzes Leder gebundenes Büchlein, -dessen fünfzig Büttenpapierseiten mit der gesucht kräftigen Handschrift -des Prinzen bedeckt waren.</p> - -<p>Als Helmold das Buch zu Ende gelesen hatte, schüttelte er sich; -das Herz fror ihm. Er hatte geglaubt, sein eigenes Schicksal sei -schrecklich; das des Freundes war grauenhaft. Nun, da er tot -und kalt war, fühlte er, daß er ihn liebte, oder daß er ihn jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span> -erst lieben gelernt hatte. »Barmherzigkeit!« dachte er, »wenn ich -das geahnt hätte! Wie gern hätte ich ihm, wenn ich ihm auch -nicht helfen konnte, die Lippen geöffnet, daß er einmal in seinem -Leben einem Menschen sein Elend klagen und einen Teil davon -abgeben konnte.« Immer und immer wieder mußte er den Schluß -der Niederschrift lesen: »Und weil mir das Schicksal bestimmt -hatte: du sollst nicht wissen, was Liebe ist, und weil es mir keine -Fähigkeiten gab, durch die ich der Menschheit nützen konnte, und -mein Elend dadurch vergessen, so bin ich ohne Liebe und ohne Haß -durch das Leben gegangen, ein überflüssiger Mensch, nicht mehr -wert, als ein seiner selbst unbewußter Trottel. Ich hoffe, daß mir -drüben das gegeben wird, was ich hienieden nicht kennen lernte: -eine Liebe und ein Haß.«</p> - -<p>Helmold ging an die Kredenz und trank drei Gläser spanischen -Wein, so fror es ihn. Und dann fiel ihm Swaantje ein, und er -fand, daß ihr Geschick dem des Toten ähnele, und er fühlte etwas -wie Genugtuung, daß er ihr wenigstens eine unglückliche Liebe -aufgezwungen hatte. »Das ist doch besser als gar keine,« dachte -er und staubte den Rest der Vorwürfe, die er sich ab und zu ihretwegen -noch machte, von seinem Gewissen herunter.</p> - -<p>Er besorgte alles, was der traurige Fall erforderte, und dann -ging er zu Annemieken, um an ihrem stillen Wesen Beruhigung -zu suchen. Die fand er bei ihr auch, so daß er am folgenden -Tage dem Bruder des Toten gefaßt gegenüber treten konnte.</p> - -<p>Er fand einen großen, schweren Mann mit gutmütigem Gesichte, -dem man es nicht ansah, daß er im französischen Kriege eine -Batterie über den Haufen geritten und hundert Buschklepper -hatte zusammenschießen lassen. Er hatte so etwas Bestimmtes in -seinem Wesen, daß Hagenrieder mit der Wahrheit nicht hinter -dem Berge zu bleiben vermochte. Als der Fürst das Buch gelesen -hatte, fragte er: »Darf ich es behalten?« Der Maler nickte: »Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span> -danke Ihnen, mein Freund,« sagte der andere ernst, indem er ihm -fest die Hand drückte; dann legte er das Heft in das Kaminfeuer, -und Hagenrieder schickte den Brief Brünes hinterher.</p> - -<p>»Daß etwas anders als ein Unfall vorliegen könnte,« fing -der Fürst nach einer Weile an, »vermutet hier niemand?« Als -sein Gegenüber durch eine Kopfbewegung verneinte, murmelte -er: »Um so besser!«</p> - -<p>Hagenrieder begleitete den Fürsten nach Hohen-Samlitz, wo -die Beisetzung stattfand. Die Fürstin, eine sehr große und schöne -Frau mit jungen Augen und ganz weißem Haare, empfing ihn, -auf einem Ruhebett liegend. Nachdem sie dem vierten Kinde das -Leben gegeben hatte, war sie leidend geblieben. »Also Sie waren -unseres armen Brüne einziger Freund?« sprach sie leise, ihn voll -ansehend; »er hat sehr oft von Ihnen gesprochen und ganz anders -als von seinen übrigen Bekannten. Sind Sie sehr vertraut mit -ihm gewesen?« Der Maler verneinte. »Also auch Sie nicht, selbst -Sie nicht! Er war so unglücklich sein Leben lang, denn ich kannte -ihn von klein auf. Die Mutter hat ihm gefehlt; sie starb, bevor -er sprechen lernte. Jetzt erst, wo er von uns gegangen ist, weiß -ich, wie gern ich ihn hatte; aber er war so unnahbar. Erzählen -Sie mir von ihm, wenn Sie mögen.«</p> - -<p>Obwohl Hagenrieder gleich nach der Beisetzung fortgefahren -war, hatte die Fürstin einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, -daß er während der ganzen langen Fahrt ihr Gesicht vor Augen -hatte. »Was ist das bloß wieder mit mir?« dachte er; »ich habe -mich glatt in sie verliebt, in ihre Augen, ihr Haar, ihren Mund, -ihre Hände und in ihre Stimme.« Es bekümmerte ihn sehr, daß -diese schöne, stolze und gute Frau, einst eine der besten Reiterinnen -im Lande, in deren Stimme so viel Kraft und Leidenschaft lag, -seit langen Jahren mit hilflosem Körper da lag, ein Wrack am -Strande.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p> - -<p>»Merkwürdig,« so sann er, »und ich liebe sie gerade deswegen. -Und darum liebte ich Swaantje auch so sehr, und darum liebe -ich nachträglich den armen Brüne, alles gefesselte Seelen, und -das war es auch wohl, was mich zu Annemieken zog, das Leid, -das hinter ihrem hübschen Kindergesichte lag.« Er hatte sie niemals -gefragt, welcher Art das Unwetter gewesen war, das sie -erlebt hatte.</p> - -<p>Zwischen ihr und Helmold war aus der Liebschaft ein Verhältnis -geworden, wie zwischen Bruder und Schwester. Er schlief -jetzt immer im Kruge, denn das Mädchen sagte einmal: »Es -könnte darüber doch einmal so laut geredet werden, daß es in der -Stadt zu hören ist; na, und das willst du doch auch nicht gern!« -Aber wenn er in Stillenliebe war, kehrte er zum Vesper immer -bei ihr ein und blieb bei ihr, bis es Schlafenszeit war. Er saß -dann im Backenstuhl am Feuer, rauchte, sah ihr beim Spinnen -zu, dachte an das, was ihm das Leben an Licht und Schatten -gebracht hatte und fand, daß er damit eigentlich zufrieden sein -könne.</p> - -<p>Ab und zu sah er in dem wirbelnden Herdrauche Swaantjes -Gesicht. Ohne Eigenleid dachte er an sie; denn er war sich ganz -klar darüber, daß er ihr mehr gewesen war als sie ihm. Er hätte -ihr Leben ausfüllen können; sie wäre ihm nur eine Ergänzung -gewesen.</p> - -<p>Überhaupt sah er jetzt ganz klar. Eines Tages fuhr er im Kraftwagen -nach Stillenliebe, um den Pachtvertrag auf seine Person -umschreiben zu lassen. Hennig begleitete ihn, wie jetzt öfters, -wenn er auch kein Gewehr anrührte. Helmold hatte am Tage -vorher einen langen Brief vom Fürsten bekommen, der den letzten -Willen Brünes betraf, und wonach Hagenrieder mit der Bauleitung -und Ausschmückung für ein Soldatenheim betraut wurde, -das der Verstorbene seiner ehemaligen Garnison stiftete. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span> -Honorar war so hoch bemessen, daß der Maler dem Fürsten -schrieb, er wolle erst persönlich mit ihm Rücksprache nehmen.</p> - -<p>Gerade setzte er Hennig die näheren Umstände auseinander, da -gab es einen Stoß, und das Auto wollte nicht vom Flecke; die -Vorderachse war gebrochen. Da Hennecke sich den linken Schenkel -etwas verstaucht hatte, verbot es sich, daß er die zwei vollen -Stunden nach Stillenliebe zu Fuß abmachte; darum schickte -Hagenrieder den Wagenlenker nach einem Fuhrwerke.</p> - -<p>»Ein Segen, daß es sich aufgeklärt hat,« meinte Hennig und -räkelte sich im Haidkraute; »wenn es jetzt regnete, fände ich den -Fall tragisch.« Sein Freund lachte: »Optimist, der du bist!« -Der andere zuckte die Achseln: »Na, und du bist es ja auch.« -Der Maler steckte sich eine Zigarre an und sah gegen den Himmel, -unter dem ein Gabelweih kreiste. »Hm,« meinte er dann, »anders -bleibt einem ja schließlich auch nichts übrig, wenn man kein oberflächlicher -Kopf ist. Sieht der Milan da nicht herrlich aus, und -wie schön die Haidlerche singt!«</p> - -<p>Er streichelte ein goldrot blühendes Moospolster. »Du hast -einmal gesagt, Hennig, man ist, wie man ist. Das stimmt. Was -habe ich früher an mir herumgebogen; Zweck hat es nicht gehabt. -Ich habe immer gedacht, als Bauer oder Trapper wäre ich -glücklicher geworden; das war natürlich Unsinn. Ich habe auch -geglaubt, ich sei ein Ausnahmemensch, eine untypische Erscheinung. -Jetzt sehe ich ein, daß ich ein Typus bin und dessen Gesetzen -unterliege, mir selber keine schaffen kann. Weil ich aber -ein Künstler bin, bin ich stets unzufrieden gewesen. Zufriedene -Maler und Bildhauer und Dichter und Musiker, die gibt es -wohl, aber dann sind es eben Handwerker. Die Unzufriedenheit -ist die Grundlage der Kunst und alles andern Schaffens.«</p> - -<p>Er sah Hennecke an, lachte süßsauer und fuhr fort: »Früher, -hurra, was fühlte ich mich! Aber meine Kunst, die war doch<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span> -eine künstliche Maschine, wie diese rote Karre da, die jetzt mit gebrochenem -Schlüsselbein auf der Nase liegt. Vorzüglich in -diesem Koofmichzeitalter ist die Kunst kein solides Lebensfahrzeug. -Das Kunstwerk ist Ware geworden. Ich male ein Bild mit Hirn -und Herzblut, und dann kommt irgend ein weltfremder Kerl und -kauft es, und ich und mein Volk haben das Hinterhersehen. Ach -ja, man sieht mächtig klar, liegt man einmal neben der Karre im -Straßengraben!«</p> - -<p>Er pfiff leise vor sich hin und fragte dann: »Stimmt das?« -Sein Freund nickte. »Ja, und dann,« spann er weiter an seinen -Gedanken, »in dieser barbarischen kulturlosen Zeit, in diesem -exakten Präzisionszeitalter, wo alles Wertlose seinen festen -Barwert hat, führt die Kunst nicht mehr, sie rennt hinterher -und nebenher; sie schenkt nicht mehr, sondern sie schachert; sie -ist nicht mehr Königin, sondern Konfektionöse; dient nicht dem -Volke, sondern dem Kapital. Das habe ich wohl immer gefühlt, -aber nun erkenne ich es. Verfluchte Zucht!« Er warf seine Zigarre -gegen den Erdboden, daß es sprühte.</p> - -<p>Sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, als er weiter sprach: -»Irgend ein zielbewußter Idiot hat gesagt, der Künstler müsse -sich selbst genügen; das ist hervorragender Blödsinn! Der Künstler -will wirken! Wenn ich ein Mädchen in den Arm nehme, was -suche ich dann: Vergnügen oder Fortpflanzung? Ich meine das -letzte! Aber uns bildenden Künstlern von heute fehlt jede Fernwirkung; -ein kleiner Zeitungsschreiber wirkt weiter als der größte -Maler. Alles verhunzt uns dieses Jahrhundert der Schachermachai, -Kunst, Liebe und Leben. Man existiert, aber man lebt -nicht, und macht man mal den Versuch, schwupp, beißt einen -das sogenannte Gewissen. Der Held dieses Jahrhunderts ist der -Philister; sogar ein Bismarck strich sich demgemäß an, um sich -in dieser halbseidenen Zeit durchsetzen zu können. Wir müßten<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span> -einmal wieder einen Krieg bekommen und gründliche Keile, das -ist das einzige, was uns helfen kann, damit wieder Männer oder -besser, Kerle an die Spitze kommen, statt dieser Knechte, die sich -Herren schimpfen.«</p> - -<p>Er nahm einen roten Feuersteinsplitter auf, besah ihn lange -und murmelte: »Was hat uns bloß so minderwertig gemacht? -Die Technik oder das Christentum? oder der Protestantismus? -Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: ich möchte Seeräuber -gewesen sein oder Beduinenscheik und jetzt«, er lachte Hennig an, -»Mönch, aber nicht in einem Kloster, in dem Schuhe und Stiefel -unter demselben Bette stehen. Aber ich würde es doch wohl nicht -länger als acht Tage aushalten!«</p> - -<p>Er legte den Stein wieder in den Sand. »Quatsch! Ich will -lieber vespern; ich merke, mir wird flau. Vielleicht philosophiere -ich dann etwas positiver.«</p> - -<p>Hennecke lächelte, als er sah, wie tapfer sein Freund aß und -welchen gefährlichen Zug Portwein er hinterher nahm. »Das -Essen schmeckt dir ja noch anscheinend und der Wein auch,« -meinte er, »und ich glaube, ein junges Mädchen im Alltagskleide -ist dir immer noch lieber, als ein alter Pastor im Sonntagsstaat. -Hm?« Der Maler verlor mit einem Male jede Spur von Humor -aus den Augen, lachte dann aber laut auf und sagte: »In -der Theorie, ja! Sonst aber, weißt du, Hennig, die Frauen sind -mir in der Hauptsache nur noch hübsche Bilder, und du weißt, -ich mag in meinen Räumen keine Bilder leiden.«</p> - -<p>Er sah dahin, wo ein Turmfalkenpaar über einem Birkenwäldchen -schwebte und laut kicherte, und er dachte an die junge frische -Witwe, die ihn, den halbreifen Knaben, die Liebe gelehrt hatte, -oder vielmehr die Lust. Früher hatte er immer gedacht, daß das -ein Glück für ihn war; nun erkannte er, daß es sein Verderben -gewesen war, denn seitdem hatte er kein hübsches Weib ansehen<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span> -können, ohne es zu begehren. Nur in der Zeit, da er lichterloh -für Grete brannte, hatte es für ihn keine Frauen gegeben; aber -dieser Zustand der Reinheit hatte auch nicht lange gedauert.</p> - -<p>»Das kommt vom späten Heiraten«, dachte er; »stückweise -habe ich mein Herz verschleudert und es unkräftig für eine große -Liebe gemacht.« Einst hatte es seiner Eitelkeit geschmeichelt, daß -so viele Frauen und Mädchen seine Augen suchten; nun sah er -den Grund dafür ein. »Sie sahen in mir den liebeshungrigen, -ungesättigten Mann, den unglücklichen Mann, hatten Mitleid -mit mir, und Mitleid und Zuneigung sind Zwillingsgeschwister.« -Er schämte sich. »Pfui, Mitleid! Das empfindet man mit -Krüppeln.«</p> - -<p>Ihm fiel der seltsame Blick ein, mit dem Prinzessin Almut ihn -bei der Beisetzung angesehen hatte. Das hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt, -aber weiter keine Wirkung auf ihn gehabt, obgleich -das junge Mädchen eine Schönheit war und Augen hatte, wie -ihre Mutter. Der Blick, mit dem sie ihn ansah, hätte ihn früher -in Brand gesteckt; jetzt wurde er kaum warm davon.</p> - -<p>Daß es so war, merkte er, während er eine Woche darauf auf -Hohen-Samlitz zu Gaste war. Als er mit dem Fürsten und der -Fürstin über Brünes letzten Willen sprach und meinte, daß das -Honorar das übliche Maß weit übersteige, erwiderte der Fürst: -»Ihre Kunst ist überhaupt nicht mit Geld zu bezahlen: bitte -fassen Sie die Summe nur als Sinnbild der Wertschätzung auf, -die mein Bruder Ihnen entgegenbrachte.« Da schwieg der Maler. -Als der Fürst ging, fragte die Fürstin, ob Hagenrieder nicht Lust -habe, sie alle zu malen, und da versetzte er: »Durchlaucht verzeihen, -aber ich glaube, das ist nicht gut«, und als sie ihn verwundert -ansah, sagte er leise und er wurde ganz rot dabei: »Ich -bin nicht eitel, Euer Durchlaucht, aber ich habe ein sehr bitteres -Erlebnis gehabt, und seitdem habe ich das Unglück, auf Frauen<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span> -von Herz sonderbar zu wirken, und noch mehr auf ganz junge -Mädchen, die Mitgefühl und Liebe verwechseln.«</p> - -<p>Die Fürstin sagte nichts, hielt aber bei der Tafel die Augen -offen, und so entgingen ihr die Blicke nicht, die ihre jüngste Tochter -dem Maler schenkte. Geflissentlich fragte sie ihn nach seiner -Frau und seinen Kindern, und von da ab sah Almut auf ihren -Teller. Nach dem Essen bat die Fürstin ihn, ihr das Bild seiner -Frau zu zeigen. Er holte es, und sie ließ es rund gehen. Die Prinzessin -war ganz blaß, als sie es ansah, so daß ihre Mutter sie zu -Bett schickte.</p> - -<p>Hatte auf der ersten Rückfahrt von Hohen-Samlitz die Fürstin -Helmolds Gedanken beschäftigt, so sah er während dieser Reise -das Gesicht ihrer Tochter vor sich und späterhin noch oft genug. -Er stellte es sich vor, welch ein Glück es sein müßte, sie im Arme -zu halten und küssen zu dürfen, aber es schien ihm doch, als -wenn er sie nur wie ein Vater würde küssen können, und daß -das zärtliche Verlangen, das ihn in der letzten Zeit ganz jungen -Mädchen gegenüber beschlich, wohl darauf beruhte, daß es ihm -an einer Tochter fehlte, die in ihm aufging; denn Swenechien -entfernte sich immer mehr von ihm. »Ich habe zu spät geheiratet,« -dachte er; »die Kinder haben keine Schuld, daß sie fern -von mir stehen; ich bin zu alt für sie, zu alt und zu kalt. Und -darum ist eine Kluft zwischen ihnen und mir.«</p> - -<p>Seine Augen verhärteten sich; denn sein Verstand raunte ihm -zu: »Sie reden Unsinn, Herr Hagenrieder; jeder Mensch bleibt -für sich allein; versuchen Sie logisch zu denken, und Sie werden -einsehen, daß Sie vom Wege abgekommen sind und sich verbiestert -haben. Solange man verliebt ist, ist es anders; aber das -hält nicht vor, ist also ein plumper Schwindel von der Natur, -die euch damit ihren Zwecken dienstbar macht. Und ist die heiße -Liebe abgeblüht, dann gibt es einen Kompromiß mit den notwendigen<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span> -Kompromißverständnissen. Kein Mensch kann aus seiner -Haut heraus, keiner sein Ich dem andern geben, Mann und -Frau sich nicht, Eltern und Kinder sich nicht.«</p> - -<p>Sein Herz wehrte sich gegen diese Worte, aber es konnte nichts -Triftiges darauf erwidern, und ihm wurde kalt vor Einsamkeit. -»Leben wir denn bloß, um uns fortzupflanzen?« fragte er.</p> - -<p>Das Soldatenheim brachte ihm aber so viele Arbeit, daß er -keine Zeit behielt, sich zu bedauern. Auch Ärger brachte ihm der -Auftrag, denn der kommandierende General, ein straffer, kurz -angebundener Herr, machte wiederholt Versuche, ihn in der Wahl -der Stoffe zu beeinflussen, bis Hagenrieder die Geduld riß und -er sagte: »Nach dem letzten Willen meines Freundes habe ich -unbeschränkte Vollmacht! lehne ich den Auftrag ab, so fällt das -ganze Unternehmen.« Da ließ ihn der General in Ruhe.</p> - -<p>Hagenrieder arbeitete nun darauf los, wie es ihm gefiel. Er -hatte in der Garnison einen tüchtigen jungen Baumeister gefunden, -dem er trotz aller Quertreibereien der einflußreichen -Klüngelkreise den Bau gab. Er hatte ihn gefragt, wie er sich das -Haus denke: »Einfach und gemütlich,« hatte Kolden geantwortet, -und der Maler erwiderte: »Sie sind mein Mann.«</p> - -<p>Als der Bau fertig war, gefiel er ihm so sehr, daß er voller -Freude an die Arbeit ging. Er verzichtete vollkommen darauf, die -Wände mit Schlachtenbildern zu bedecken; er malte Landschaften -mannigfachster Art, in deren Vordergründen der Bauer bei der -Arbeit dargestellt war. Nur die Hauptwand des Vortragssaales -bekam ein Bild anderer Art, eine weite Herbsthaide, rechts und -links von goldenen Birken umschlossen, und über die Haide ritt -an der Spitze seiner Reiter, die wie Schatten aus dem Frühnebel -auftauchten, der König als oberster Kriegsherr.</p> - -<p>»Ich habe immer gedacht, Uniformen könne man nicht malen,« -sagte Kolden; »ich habe mich geirrt.« Der Maler lachte: »Ja,<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span> -ohne die Eselsbrücke mit dem Nebel wäre es auch nicht gegangen.« -Aber er freute sich selber, daß das Bild ein Kunstwerk geworden -war, und als der kommandierende General ihm die Hand -schüttelte und sagte: »Ganz recht von Ihnen gewesen, daß Sie -sich mein Dreinreden verbaten; Sie haben alle meine Bedenken -schlank übergeritten,« da fühlte er, wie ihm das Gesicht heiß wurde.</p> - -<p>Am Tage darauf war er bei dem General zu Tisch geladen. -»Sagen Sie mal, was haben Sie eigentlich,« fragte der ihn -beim Braten; »machen immer so hinterhältsche Augen. Auf ihr -Wohl!« Helmold lachte und sagte: »Schlechte Kinderstube, Exzellenz!« -Nach aufgehobener Tafel überreichte er dem Gastgeber -ein gestempeltes Schriftstück. Der alte Herr, der drei Feldzüge -mitgemacht hatte, zog die Augenbrauen immer höher, je länger -er las, und ließ sogar seine Zigarre ausgehen. Dann legte er das -Aktenstück auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, sah seine -Frau, den Adjutanten, den Baumeister und dann den Maler an, -holte tief Luft und stöhnte: »Na, das muß ich aber sagen; besser -konnten Sie es mir gar nicht geben. Hört mal, Kinder: unser -Freund hier verzichtet auf das ganze Honorar zugunsten des -Militärhülfsvereins. Pff! Ich muß einen Kognak trinken. Erst -Gänsebraten und dann der Schreck!«</p> - -<p>Hagenrieder hatte die Schenkung gemacht, weil eine wahrscheinlich -von den Klüngelkreisen beeinflußte recht minderwertige Zeitung -eine Andeutung gemacht hatte, als habe er Samlitz bewogen, -ihm den Auftrag zuzuwenden, und dann war ihm auch -zu Ohren gekommen, daß an einigen Stammtischen gesagt war, -mit dem vierten Teile der Summe wäre seine Arbeit reichlich bezahlt. -Er lachte aber nur, als er einige Zeit darauf das plumpe -Lob las, das ebendieselbe Zeitung vor seiner Hoteltür ablud, -und als er mit den Leuten zusammenkam, von denen er wußte, -daß sie ihm von hinten gegen den Rock gespuckt hatten, ließ er<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span> -es sie nicht merken, daß er genau darüber unterrichtet war. Aber -als er mit ihnen anstieß und ihnen freundlich zunickte, dachte er: -»Ach ja, ich kann mich sogar diesem Gesindel gegenüber beherrschen; -was hätte es mir früher für einen Spaß gemacht, ihnen -die Reißzähne zu zeigen. Man wird alt.«</p> - -<p>Zu der Einweihung des Soldatenheimes erschien der König -selbst. Er zeichnete Hagenrieder sehr aus und ließ sich sagen, -welche Absicht er gehabt habe, daß er bis auf das eine Bild lediglich -bäuerliche Arbeit dargestellt habe. »Ja,« erwiderte der Maler, -»Majestät, gedacht? Ich denke beim Malen nicht. Aber ich hatte -so das Gefühl: du malst für Soldaten, und mußt ihnen das -Komplement zum Soldatenleben geben.« Der König sah ihn -ernst an, nickte mehrere Male und sagte: »Ich glaube, Sie haben -das Richtige getroffen. Anfangs stutzte ich, als ich unter dem -Hauptbilde im Lesezimmer den Spruch des großen Korsikaners -las. ›Den Acker bestellen, das ist der wahre Beruf des Menschen,‹ -denn er wirkt unwillkürlich wie ein Witz, und ob der Mann -das ehrlich gemeint hat, ist noch fraglich, denn seine Sankt -Helenaer Aussprüche schmecken zum Teil sehr nach Kaptatio benevolentiae. -Aber eine Wahrheit wird darum nicht entwertet, wird -sie nicht aus ehrlicher Absicht gesagt.« Er betrachtete dann aufmerksam -das Gemälde im Vortragssaale, sprach aber nur von -der Landschaft und wandte sich zu dem Baumeister.</p> - -<p>Hagenrieder bekam die nächste Klasse des Ordens, den er schon -besaß, und beim Geburtstage des Königs wurde ihm der Adel, -den seine Vorfahren abgelegt hatten, wieder verliehen. Er holte -Hennecke ab: »Komm mit nach Stillenliebe, Hennig,« bat -er; »es ist nicht zum Aushalten; jeder Ochse tut so, als wenn -ich auf einmal ein anständiger Mensch wäre. Ich komme mir -wahrhaftig beinahe selber schon so vor.«</p> - -<p>Auf dem Bahnsteige begegnete ihm Kommerzienrat Britting<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span> -mit seiner Frau Meinholde geborene Marten. Sie war noch -schöner geworden und sah den Maler so an, daß Hennecke dachte: -›Dunnerkiel!‹ Er sagte jedoch nichts. Er hatte seinen Freund und -sie vor Jahren einmal im Walde getroffen, Helmold aber nie -nach ihr gefragt. Der grüßte höflich wieder, ohne den heißen -Blick zurückzugeben. Zwischen ihm und ihr hatte sich beinahe -eine Liebschaft angeknüpft, und es wäre ihm leicht gewesen, das -Mädchen ganz zu gewinnen. Da bemerkte er bei einer Gesellschaft, -daß sie mit einem häßlichen Blick nach dem Nacken seiner Frau -sah. »Unverschämtheit!« hatte er gedacht, und sie fortan gemieden.</p> - -<p>Während der Zug durch das herbstliche Land schnaufte, dachte -er an alles das, was ihm im Leben entgangen war, aber mit -demselben Gleichmute, wie an das, was es ihm beschert hatte. -»Du«, sagte Hennig, und hielt ihm die Zeitung hin, »die Prinzessin -hat sich verlobt.« Sein Freund nickte; das rührte ihn nicht -mehr als das Adelsprädikat, als Meinholdes einladender Blick, -als das ganze Leben mit allem seinem Drum und Dran. Er erschrak -sogar recht wenig, als er Annemieken wiedersah; sie hatte -eine verdächtige Glut in den Augen, auf jeder Backe einen kreisrunden -roten Fleck, und ihr Husten war hart und trocken. Er sagte -ihr, sie solle sich einmal gründlich untersuchen lassen, und er -wollte sie gern nach dem Süden schicken, aber sie wehrte ab: -»Das geht vorüber. Und mich vor dem Doktor nackigt ausziehen, -ich müßte mich ja totschämen. Und unter fremde Leute -kann ich schon gar nicht gehen.«</p> - -<p>Als er abends mit Hennecke im Jagdhause vor dem Kamin saß, -wunderte er sich, wie stumpf er geworden war. »Sehe ich sehr alt aus, -Hennig?« fragte er ihn. »Du alt?« erwiderte der lachend: »Mann -in den besten Jahren! Ordentlich heiratsfähig siehst du aus!«</p> - -<p>Helmold aber dachte: »Das ist bloß äußerlich; mein Herz wird -immer knickebeiniger.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p> - -<h2 id="Nachspuk">Nachspuk</h2> -</div> - -<p class="noind">Die Brennhexe lag im Moore und schlief; da kam der Südwestwind -angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalme in der -Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf.</p> - -<p>Sie gähnte, reckte sich, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte die -Schürze glatt, lächelte, wiegte den Kopf hin und her und begann -zu tanzen, daß der feuerrote Rock und die gelbe Schürze wie -Flammen leuchteten.</p> - -<p>Da sah sie dort, wo zwischen den Birkenbüschen Wasser blitzte, -einen hellen Fleck, und das war ein menschliches Angesicht, und -es gehörte zu einem Manne im grünen Rocke, der mit der Büchse -auf dem Rücken langsam dahinging.</p> - -<p>»He du!« rief die Brennhexe und winkte ihm, aber Helmold -Hagenrieder hörte nicht. Er blickte gerade aus, denn er sah einen -mit Kienruß schwarz gemachten Sarg, und darin ein weißes Gesicht, -und zwei wachsgelbe Hände, die einen Rosmarinstrauch -hielten, Hände, die ihn so manche Nacht lieb gehabt hatten, -wenn er des Stadtlebens müde und des Malens satt, in dem -Strohdachhause unter dem Osterhohl eingekehrt war.</p> - -<p>Es war keine Trauer in ihm, sondern nur ein Mitleid mit sich -selber, daß er jetzt niemand mehr hatte, dem er sagen konnte, daß -sein Herz unter der Erde läge, unter einem Hügel, auf dem ein -Brett stände mit der Inschrift: »Es ruhe in Unfrieden.«</p> - -<p>Gleichmütig rauchte er seine Pfeife. »Herr Geheimer Hofrat -Senator Professor Helmold von Hagenrieder, erster Vorsitzender<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span> -des Kunstvereins, Ehrenmitglied der Kunstgenossenschaft, Inhaber -von einem halben Dutzend goldener Ehrenmünzen und -Staatspreisen, Ritter hoher Orden, wissen Sie, was Sie sind, -Verehrtester?« sagte er zu sich und sah sich spöttisch an: »erinnern -Sie sich noch jenes Ligusterschwärmerweibchens, das Sie -als zwölfjähriger Bengel fingen, mit Schwefeläther töteten, nadelten -und aufspannten? Als Sie nach vier Tagen das Spannbrett -vom Schranke nahmen, bewegte der Schmetterling ruhig -und besonnen den Hinterleib hin und her und entledigte sich -seiner Eier, obgleich sein Vorderleib gänzlich abgestorben war. -In demselben Zustande, mein Lieber, befinden Sie sich; ruhig -und besonnen schaffen Sie ein Kunstwerk nach dem anderen, -aber nur mit Kopf und Hand, denn Ihr Herz ist längst tot.«</p> - -<p>Das sah die Brennhexe auch ein. Sie war ganz dicht hinter -ihm gewesen, aber als sie sein Gesicht sah, machte sie eine verächtliche -Bewegung mit der Hand und blickte sich nach einem -anderen Tanzeschatz um, dessen Augen nicht so kalt aussahen, -wie Moorwasser im März. Da sie aber immer noch so hübsche -Beine hatte, wie damals, als sie den selben Mann quer durch -das Moor gehetzt hatte, so war der Torf wieder lichterloh verliebt -geworden, und Helmold Hagenrieder mußte machen, daß er -weiterkam, denn das Feuer rückte ihm von drei Seiten auf den Leib. -Dieweil er aber den Springstock nicht bei sich hatte, so wurde es -ihm schwer, die Moorgräben zu nehmen, so daß er schließlich in -einen Abstich springen und bis an den Hals untertauchen mußte.</p> - -<p>Ziemlich lange mußte er im Wasser bleiben, obgleich ein Schauer -nach dem andern ihn schüttelte, denn er war unfrisch und müde. -Er war, nachdem er Annemieken die letzte Ehre erwiesen hatte, -die ganze Nacht aufgeblieben und hatte sich mit dem Monde -unterhalten; er hatte in dem Backenstuhle neben der Feuerstelle gesessen, -und der Mond hatte sich in dem Spinnstuhle niedergelassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span></p> - -<p>Es war kalt gewesen in der Nacht; denn das Feuer war ausgegangen, -und das Spinnrad stand still; es sah wie ein Gespenst -aus, und der Kesselhaken hatte ein trauriges Gesicht.</p> - -<p>»Ja, ja, Kerl,« hatte der Mond gesagt, »es nimmt eben alles -einmal ein Ende; auch ich war einst jung, hatte ein rotes Herz -und Gedanken, so grün wie Maibaumlaub zur Pfingstzeit. Das -ist schon manchen Donnerstag her, und mir ist so, als wäre das alles -nicht wahr, die vulkanischen Träume meiner Jugend und meines -Mannesalters Ebbe und Flut. Aber so stehe ich mich schließlich -doch besser; man hat keine Hoffnungen mehr, aber auch keine -Enttäuschungen. Sei froh, Kerl, daß es dir ebenso geht!«</p> - -<p>Sein Freund hatte sich eine neue Pfeife gestopft und nichts gesagt, -so daß der Mond geärgert aufstand und fortging. Helmold hatte -gegen Morgen ein Glas kalte Milch getrunken, ein Stück Brot gegessen -und war auf die Frühpürsch gegangen; doch machte ihm das -Waidwerken gar keine Freude. »Lebendiges Leben ist so schön«, -sagte er sich, als er den Hauptbock in der Wiese stehen sah, wie -eine Flamme in der ersten Sonne leuchtend; »lebe und liebe, du -adelig Getier, bis deine Zeit um ist. Ich weiß, was es heißt, zu -sterben vor der Zeit, die einem bestimmt ist!« Er hatte sich umgedreht -und war weiter geschlichen.</p> - -<p>»Es ist immer das selbe«, dachte er; »der Himmel ist blau und -die Sonne gelb. Man müßte eigentlich einmal in ein Land gehen, -wo der Himmel weiß und die Sonne schwarz ist, oder dahin, wo eine -weiße Sonne in einem schwarzen Himmel steht. Ein wie das andere -Jahr blüht das Moor im Spätsommer rosenrot; hinterher werden -die Birken gelb; dann kommt der Schnee, und so geht es in der selben -langweiligen Weise weiter. Das kenne ich nun ein halbes Jahrhundert -lang und bin seiner satt. Und mit Liebe und Haß ist es -ebenso: erst rot, dann gelb, dann braun und zuletzt weiß, immer -in der selben eintönigen Art; ich mache mir nichts mehr daraus.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span></p> - -<p>Er fuhr nach Hause. »Du siehst nicht gut aus, Liebster,« sagte -seine Frau. »Bißchen erkältet,« antwortete er und ging an seine -Arbeit. Er lebte in stiller Tätigkeit drei Tage hin, bis ein heftiges -Kopfweh, Schüttelfrost und Fieber ihn zu Bette brachten. In -der Nacht wachte er auf und sah den grauen Engel vor seinem -Bette sitzen. »Meinetwegen!« sagte er zu ihm. Eine alberne -Angst kniete ihm auf dem Herzen, würgte ihm am Halse und -schlug ihn, daß ihm der Kopf zu zerspringen drohte; er weckte -seine Frau aber nicht, um sie nicht zu ängstigen.</p> - -<p>Am Morgen sah er so elend aus, daß Grete Beni Benjamin -herbeirief. Der untersuchte ihn, runzelte die Stirn und sprach -nachher zu Frau Hagenrieder: »Es steht recht schlimm; doppelseitige -Lungenentzündung. Bereiten Sie sich auf alles vor, liebe -Freundin. Und lassen Sie Hennig rufen.«</p> - -<p>Am Nachmittage des dritten Tages, nach dem Helmold sich -niedergelegt hatte, gab der Arzt keine Hoffnung mehr. »Trösten -Sie sich, Frau Hagenrieder,« sagte er: »er hat alles erreicht, was -einem Menschen beschieden sein kann, und mehr gelebt, als wenn -er hundert Jahre alt geworden wäre.« Der Frau liefen stumme -Tränen über das Gesicht. »Nein,« erwiderte sie und schüttelte -den Kopf, »nein, das hat er nicht.«</p> - -<p>Sie seufzte auf und begann wieder: »Lieber Hennig, und bester -Herr Doktor, was meinen Sie, soll ich nicht Swaantje telegraphieren? -Vielleicht ist es ihm eine Freude, sie noch einmal zu -sehen.« Der Arzt sah Hennecke an und dieser ihn. »Er hat von -ihr kaum mehr gesprochen,« antwortete Hennig, und Benjamin -setzte hinzu: »Auch in seinen Fieberdelirien nicht. Ich glaube, er -denkt nicht mehr an sie. So ist es wohl besser, wir stören ihn -nicht beim Einschlafen.« Hennecke aber fragte: »Wann kann sie -spätestens hier sein?« »Morgen mittag,« antwortete sie. »Dann -hat es keinen Zweck mehr;« dachte der Arzt, »denn er überlebt<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span> -die Nacht nicht mehr.« Dann schwiegen die drei Menschen und -sahen mit leeren Augen aneinander vorbei.</p> - -<p>»Grete,« flüsterte es im Nebenzimmer. »Helmold?« rief die Frau, -nötigte ein Lächeln auf ihr Gesicht und ging zu ihrem Gatten. Seine -Augen waren ganz klar. Er griff schwach nach ihrer Hand; sie gab -sie ihm, und er drückte sie. »Es ist alles in Ordnung,« murmelte -er, »das Testament, und das andere. Weißt du mit den Kindern,« -er schloß die Augen, »nicht Bescheid, Hennig hilft dir, und Beni -auch.« Sie flüsterte ihm zu: »Sollen die Kinder kommen?« Er -winkte mit den Augen ab und hauchte: »Schlafen lassen!« Er fing -an zu keuchen und wand sich hin und her. »Kommen Sie,« sagte der -Arzt und führte die Frau hinaus, denn er sah, daß es zu Ende ging.</p> - -<p>Der Kranke keuchte immer schwerer und murmelte bald laut, -bald leise. »Alles in Ordnung, alles, alles,« flüsterte er; »mündelsicher -angelegt.« Seine Stimme starb, und sein Atem schlief -ein. Noch einmal stieß sein Leben den Tod zurück: »Bravo, -Prinz!« murmelte er; »er hat die Kugel zwölf Ring, der Hirsch. -Frau Pohlmann, einen können wir noch!« Er hielt an und -flüsterte: »Klaus, wollen eins singen!« Wie aus weiter Ferne -klang es: »Ein Jägermädchen, das trägt ein grünes, grünes -Kleid.« Sein Kopf fiel herum; der Arzt sah, daß die Augen -gebrochen waren. »Annemieken!« flüsterte der Sterbende, und -die Steppdecke zitterte.</p> - -<p>Der Arzt horchte eine Weile, murmelte etwas, drückte dem -Toten die Augen zu, zog die Bettdecke zurecht und ging hinaus.</p> - -<p>Es war ein Uhr in der Nacht, als er das Haus verließ; -Hennig blieb zurück, damit die Frau nicht allein mit dem Toten -wäre. Als der Arzt am anderen Vormittage zurückkehrte, fand -er Swaantje Swantenius bei Frau Hagenrieder. Er begrüßte -sie kühl, und Hennecke, der bald darauf auch kam, benahm sich -noch kälter gegen sie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p> - -<p>Zwei Tage später wurde Helmold Hagenrieder begraben. -Wagen auf Wagen folgte dem Sarge, und hunderte von Männern -zu Fuß gingen hinter ihm her. Als der Geistliche die Leichenrede -hielt, wurde er fast verwirrt, denn noch niemals hatte er ein -so verschiedenartiges Gefolge gesehen. Die höchsten Staatsbeamten, -das ganze Stadtverordnetenkollegium samt dem Magistrate -waren zugegen, viele Offiziere, Förster und Jagdaufseher -und eine lange Reihe von Bauern und Landarbeitern mit ihren -harten Gesichtern und unmodischen Hüten.</p> - -<p>Der Himmel war von einem abgeschmackten Grau, ein langweiliger -Wind ging, und mit blassem Gesichte stand der Mond -am Himmel und sah mit gleichgültigen Augen auf die Menschen, -die das Grab umgaben, und als sie sich verkrümelten, lächelte er -ein bißchen spöttisch über den Wall von kostbaren Kränzen, der -die Stätte bedeckte, wo Helmold Hagenrieders leerer Leib lag; denn -dessen Seele war gänzlich verschwunden, weil sie schon vor dem Tode -ihren Inhalt verloren hatte. »Ein schöner Blödsinn«, dachte der -Mond, schüttelte den Kopf und verzog sich bis auf weiteres.</p> - -<p>In der Nacht aber suchte er Swaantje Swantenius auf. Sie -lag ohne Schlaf in ihrem Bette und lauschte auf das, was die -Stille sprach, und sah, was die Dunkelheit ihr wies.</p> - -<p>Die Stille sang ein höhnisches Lied, und die Dunkelheit hielt -ihr Helmolds Gesicht hin. Sie streckte die Hände danach aus und -flüsterte: »Ich habe dich so oft heimlich lieb gehabt, so oft; hast -du es nie gefühlt?« Aber das weiße Gesicht starrte sie an, als -wäre sie nicht da.</p> - -<p>Bittend sah sie den Mond an: »Du warest sein guter Freund, -du weißt alles von ihm; denkt er noch an mich, weiß er noch -von mir?« Der Mond sah sie nicht einmal an.</p> - -<p>Sie schlief die ganze Nacht nicht und reiste am andern Morgen -ab, worüber Frau Hagenrieder sich sehr wunderte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span></p> - -<h2 id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td>Vorspuk</td> - <td class="tdr"><a href="#Vorspuk">1</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Sektflasche</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Sektflasche">7</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Stapelienbild</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Stapelienbild">21</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Vollmond</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Vollmond">36</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der eiserne Ritter</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_eiserne_Ritter">50</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das Seelenhaus</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Seelenhaus">68</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Mohnblumenkranz</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Mohnblumenkranz">91</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Platzhirsch</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Platzhirsch">128</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Wundfährte</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Wundfaehrte">162</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der graue Engel</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_graue_Engel">189</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der weiße Garten</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_weisse_Garten">197</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Sarg</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Sarg">222</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Panne</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Panne">245</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Nachspuk</td> - <td class="tdr"><a href="#Nachspuk">267</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span></p> - -<p class="center">Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Eugen Diederichs Verlag in Jena</p> -</div> - -<p class="h2">Hermann Löns</p> - -<p class="h2">Der kleine Rosengarten, Volkslieder</p> - -<p class="center">Mit Umschlag von <em class="gesperrt">Wilhelm Schulz</em></p> - -<p class="center smaller">14.–23. Tausend. kartoniert 2 Mark</p> - -<p class="h2">Der Wehrwolf. Eine Bauernchronik</p> - -<p class="center smaller">27.–31. Tausend. broschiert 3 Mark. gebunden 4.20 Mark</p> - -<p class="noind"><em class="gesperrt">Die neue Rundschau</em> (Verlag S. Fischer): Dieses Buch des Norddeutschen -Löns ist ein männliches Buch. Hier erlebt man den Dreißigjährigen -Krieg in einem einzigen Dorf. Hier heißt es jeden Augenblick: -das Leben. Wäre dies nur der Krieg, dann lese man allerdings besser im -Geschichtsbuch. Hier ist aber alles allgemein deutsam, gerade weil dies nicht -unterstrichen wird. Hast du bemerkt, wie das Genrebild hier in die Landschaft -gesetzt ist, das Einzelne ins Allgemeine, wie bei Breughel und den -Seinen? Und wie ist hier alles komponiert, von den Kapitelüberschriften -bis zu den Schlußliedern! In zwanzig Zeilen weiß dieser Löns die Herankunft -einer Reiterschar zu beschreiben, das Harren von hundert versteckten -Bauern, ihren Überfall. Wie die Kinder noch den toten Hund -streicheln. Wie der einzig überlebende Knecht während seiner Erzählung -von dem Überfall des Dorfes mitten im Satze einschläft. Wie diese Bauern, -als sie die beiden Haupthalunken haben, plötzlich zeremoniös werden: ohne -Ansehen haben sie alle fremden Scharen erschlagen, – hier, wo Schuld -und Sühne lebendig wird, vor ganz bestimmten Schuldigen, bahnt sich -das Rechtsgefühl durch ihre Wut den Weg und stellt sich auf mit Schwert -und Wage, wie als wäre es ein bestellter Gerichtshof, der dort Recht -spricht. »Die Sonne kam heraus«, heißt es da, »und beschien zweihundert -Gesichter. Sie waren alle von Stein.« Hier ist nichts erarbeitet, -alles verarbeitet und so im ganzen aufgegangen, wie bei einem, der die -Geschichte seiner Väter schreibt.</p> - -<p class="noind"><em class="gesperrt">Der Kunstwart</em>: Diese kernigen reisigen Männer und frischen unverbildeten -Frauenzimmer konnten offenbar nur einem gelingen, der mit -Waidmanns- und Landmanns-Augen sie zu sehen gewohnt ist. So ward -denn »Der Werwolf« ein prächtiges Bauernlebensbuch, Wunder -weckend: daß nämlich so kerngesunde »Literatur« in deutschen Landen noch -immer zustande kommt.</p> - -<p class="h2">Die Geschichte vom Skalden Egil</p> - -<p class="center">Übersetzt von <em class="gesperrt">Felix Niedner</em> (Thule Bd. III)</p> - -<p class="center smaller">broschiert M 4.–, gebunden M 5.50</p> - -<p class="noind"><em class="gesperrt">Der Tag</em>: Aus den isländischen Sagas schöpfen wir noch immer die -unmittelbar lebendigsten Vorstellungen und farbenreichsten Bilder vom -ursprünglichen Wesen und der ganzen Eigenart vorschriftlichen germanischen -Geistes- und Kulturlebens. Was man im eigentlichen Sinne -als heroisches Zeitalter bezeichnet, das steht hier lebendig vor uns, und -doch keineswegs nur als Phantasieprodukt, sondern voll innerer Realistik, -so daß man nicht zweifeln kann: hier ist zuletzt durchaus nur wirkliche -Geschichte. Ein Volk von lauter Künstlern, Helden und Sängern -zugleich … Egil Skallagrimsson ist die prachtvollste Inkarnation der -Nietzscheschen »blonden Bestie«, er ist ein kraftstrotzender Kerl durch und -durch. Die Geschichte seines Lebens, seiner ewigen Kämpfe, seiner -Wikingerfahrten, die ihn von Island bis nach Rußland und südlich nach -England und Irland führen und ihn kundig machen aller nordeuropäischen -Länder und Meere, ist der spannendste und unterhaltendste Helden- -und Abenteuerroman.</p> - -<p class="right"> -Julius Hart -</p> - -<p class="h2">W. S. Reymont</p> - -<p class="h2">Die polnischen Bauern</p> - -<p class="center">I. Herbst/Winter. II. Frühling/Sommer</p> - -<p class="center smaller">Zwei Bände. br. M 12.–, geb. M 15.–</p> - -<p class="noind">Der Slawe besitzt weniger Individualität als der Germane. Darum -gibt es in diesem Epos des polnischen Bauerntums keinen eigentlichen -Helden, an seine Stelle tritt das ganze Dorf. Es ist ein grandioser -Wurf, wie durch das Liebesleben einer leidenschaftlichen Frau, – es -verkörpert sich in ihr fast symbolisch die polnische Leidenschaftlichkeit, – -sich das Schicksal aller Dorfbewohner miteinander verknüpft. Und in -das dumpfe Seelenleben dieser Bauern werfen Landschaft und die Natur -der Jahreszeiten die für ihr Schicksal entscheidenden Antriebe. Die Art, -wie Natur und Menschenschicksal miteinander verknüpft sind, unterstützt -von intimer Kenntnis aller Volksgebräuche, machen das Buch zu einer -ganz einzigartigen Erscheinung der Weltliteratur.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Unterschiedliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 242: Balkenecke → Balkendecke<br /> -mit brauner <a href="#corr242">Balkendecke</a>, Kugelfußtisch</p> -</div></div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das zweite Gesicht, by Hermann Löns - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ZWEITE GESICHT *** - -***** This file should be named 55033-h.htm or 55033-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/0/3/55033/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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