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-The Project Gutenberg EBook of Das zweite Gesicht, by Hermann Löns
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Das zweite Gesicht
- Eine Liebesgeschichte
-
-Author: Hermann Löns
-
-Release Date: July 2, 2017 [EBook #55033]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ZWEITE GESICHT ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-[Illustration]
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- Hermann Löns
-
- [Illustration]
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- Das zweite Gesicht
-
- Eine Liebesgeschichte
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- Sechzehntes bis dreiundzwanzigstes Tausend
-
- Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1917
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-Vorspuk
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-
-Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind
-angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in der Nase, so daß sie
-niesen mußte, und davon wachte sie auf.
-
-Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang auf, schüttelte ihre Röcke
-zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über eine
-Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung sei und ob die
-Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände auf die strammen Lenden,
-wiegte den Kopf hin und her, lächelte, summte eine frische Weise vor
-sich hin und tanzte los.
-
-Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß der feuerrote
-Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen Bindebänder an der
-goldenen Haube nur so flogen; so schön war das anzusehen, daß dem
-dürren Moose, dem mürben Wollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz
-sonderbar zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu sehen:
-die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen Strümpfe mit
-den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder und was es sonst noch
-gab. Darum verliebte sich alles, über dem der rote Rock und das weiße
-Hemd sich drehte, so sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte,
-sogar der stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den
-strammen Waden packte, juchte die Brennhexe auf und sprang ein Ende
-weiter.
-
-So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da; aber
-sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps war sie
-schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging es da ebenso, wupps
-war sie wieder fort, und die Flammen machten lange Hälse hinter ihr her.
-
-Doch auf die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig; sie blieb
-stehen, daß das weiße Hemd über der runden Brust auf- und abging,
-hielt die Hand über die Augen und sah über das Moor, das ganz weiß vom
-Wollgrase war.
-
-Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbüschen
-Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang, und das war
-ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu einem Manne im grünen
-Rocke, der ein Schießgewehr auf dem Rücken trug, an dem Rucksacke drei
-Birkhähne hängen hatte, und mit dem Springstocke über die Gräben und
-Abstiche hinwegsetzte.
-
-»Deubel auch!« sprach die Brennhexe und lachte; »das ist aber ein
-glatter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade paßlich.« Sie ging
-schneller, aber sie konnte den Mann nicht einholen. Sie hielt die Hände
-um den Mund und rief: »He, du!«, aber der Jäger hörte sie nicht. Sie
-versuchte zu flöten; doch damit hatte sie erst recht kein Glück.
-
-So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen und
-schrie: »He!« und »Holla!« oder »Teuf!«, bis der Mann, als sie schon
-ganz außer Atem war, sich endlich umdrehte und nach ihr hinsah. Sie
-winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger, mit wem er es zu tun hatte,
-setzte den Springstock ein und machte, daß er weiter kam.
-
-»Du Flegel!« schimpfte die Brennhexe und lief wieder hinter ihm her, so
-daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm immer dichter auf
-die Hacken. Als es gar nicht mehr anders ging, sprang er in einen alten
-Abstich, warf Gewehr und Rucksack von sich, duckte sich so tief, daß
-ihm das Wasser bis an die Brust ging und wartete, bis das verliebte
-Frauenzimmer an ihm vorbeigerannt war.
-
-Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, hängte den Drilling und
-den Rucksack um, nahm den Stock wieder zur Hand und sprang nach der
-anderen Seite hin über das schwelende Haidkraut, den glimmenden Torf,
-an den knisternden Wachholderbüschen und den lichterloh brennenden
-Krüppelkiefern vorüber, ab und zu hinter sich sehend, wo alles ein
-Rauch und eine Glut war. Einmal blieb er stehen, verpustete sich und
-zog ein Büschel Torfmoos aus, das er aus einem Graben riß; aber da
-sah er auch schon das rote Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die
-gemeinen Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin,
-wo der Bach an den Wiesen vorbeilief.
-
-Erst als er den hinter sich hatte und an dem großen Weidenbaume
-angekommen war, machte er Halt, ließ den Stock fallen, hängte die
-Büchse an den Baum, legte den Rucksack ab, warf sich in das Gras,
-lehnte den Rücken gegen den Stamm und atmete tief, dahin sehend, wo
-die Brennhexe stand und ihm mit der Faust drohte, während um sie her
-allerhand schwarze und graue Gesichter nach ihm hinglotzten, ihm
-Fratzen schnitten, Ruß nach ihm spuckten, Rauch nach ihm pusteten und
-ihm ihre roten Zungen ausstreckten. Er lachte sie aus, machte ihnen
-eine lange Nase, steckte sich eine Pfeife an und blies dem Gelichter
-den Dampf entgegen, mit kleinen Augen nach ihm hinsehend.
-
-Die grauen Fratzen verzogen sich langsam, und auch die Brennhexe
-war verschwunden; aber nun kam ein Mädchen über das ausgebrannte
-Moor gegangen. Schlank war es und hatte einen stolzen Schritt; ihr
-aschblondes Haar sah sanft aus, ihre Augen hatten einen zärtlichen
-Glanz, und ihre Hände waren weiß und sehr klein. Sie nahm damit an
-beiden Seiten ihr Kleid auf; das war von weißem Wollstoffe und so lose
-geschnitten, daß es schöne Falten warf; der Halsausschnitt und die
-halblangen, weiten Ärmel waren mit einer goldenen Borde besetzt.
-
-Immer näher kam das Mädchen, ging gerade auf ihn zu und blickte ihn mit
-freundlichen Augen an; die kamen ihm erst schwarz vor, dann meinte er,
-sie wären braun, und schließlich sah er, daß sie blau waren, blau mit
-goldenen Blumen darin. Da erkannte er das Mädchen, nickte ihm zu und
-rief: »Swaantje, wie kommst du denn hierher?«
-
-Davon wachte er auf und merkte, daß er eingeschlafen war und geträumt
-hatte; aber er war über den Traum so erschrocken, daß ihm das Herz
-bis in den Hals hinein schlug. Er stand auf, warf die Büchse über
-den Rücken, stellte den Springstock in den Busch und sah sich nach
-seinem Hute um, bis ihm einfiel, daß der ihm vom Kopfe geflogen war,
-als er vor der Brennhexe fortlaufen mußte. Er lachte und ging langsam
-dem Walde zu, in dem der wilde Täuber ihn bedauerte: »O du, du, du!«
-rief er; aber der Häher lachte den Jäger aus, weil er so schwarz und
-schmierig im Gesichte aussah und nichts davon wußte; er flog vor ihm
-her und schrie in einem fort: »Ätsch, ätsch, ätsch!« Doch als der Jäger
-ihm drohte und zum Spaß nach der Flinte griff, kreischte der bunte
-Vogel laut auf: »Nein, nein!« schrie er und flog schnell in den tiefen
-Wald hinein.
-
-»Du lieber Himmel, Herr Hagenrieder«, rief die Wirtin vom Blauen Himmel
-und schlug die Hände zusammen; »wie sehen Sie denn aus!« Als der Jäger
-ein dummes Gesicht machte, drehte sie ihn an der Schulter um, daß er
-in den Spiegel sehen mußte, und da lachte er, denn er war schwarz und
-grau gestreift von Ruß und Schweiß. Die Wirtin hatte die Hände auf die
-Hüften gestemmt und lachte, daß ihre Zähne blitzten.
-
-»Auch noch auslachen!« rief der Jäger, faßte sie um und küßte sie so
-lange, bis sie ebenso aussah, wie er, und ihn halb böse, halb verliebt
-ansah; er aber lachte und sagte: »So, nun haben Sie nichts mehr vor
-mir voraus, und jetzt muß ich für drei Taler Waschwasser und drei
-Handtücher auf mein Zimmer haben, und wenn ich wieder herunterkomme,
-ordentlich etwas zu essen und zu trinken, denn die Brennhexe hat mich
-über das ganze Moor gejagt.« Da wurde die Frau ganz blaß und sagte:
-»Und ich dachte, Sie hätten bloß ein bißchen beim Löschen geholfen.«
-
-Er stieg die Treppe hinauf und ging in sein Zimmer, legte sein Zeug
-ab, wusch sich von oben bis unten und zog einen städtischen Anzug
-an. Als er vor dem Spiegel stand, die Halsbinde zur Schleife band
-und die gleichfarbige Schärpe um den Leib knüpfte, mußte er wieder
-an Swaantje denken. Er hatte sie einmal zu einem Ausfluge abgeholt,
-und weil es sehr heiß war, kam er in weißer Bluse und mit gegürteten
-Lenden, die Jacke auf dem Arme. »Reizend siehst du aus, Vetter Helmold,
-ganz reizend«, hatte das Mädchen ausgerufen und vor Vergnügen in die
-Hände geklatscht; »ich finde, Westen sind scheußlich, und warum die
-Männer selbst bei dieser Hitze dreifaches Zeug anhaben, das verstehe
-ich nicht. Und sieh bloß, wir sind ja ganz auf eine Melodie gestimmt:
-beide in Weiß und Weinrot! Hast du dich vielleicht vorher bei Fride
-erkundigt, was ich anziehen wollte?«
-
-In der Eisenbahn saß ihm ein junges Mädchen gegenüber. Es war sehr
-hübsch; aber da es eine bräunliche Hautfarbe, dunkle Augen und
-schwarzes Haar hatte, so machte er sich aus den anerkennenden Blicken
-nichts, mit denen es ihn musterte. Ab und zu, wenn er aus dem Fenster
-sah, mußte er mit den Augen über es hingehen, und dann fiel es ihm
-auf, welchen Gegensatz zu Swaantje es darstellte, mit den zackigen
-Bewegungen, dem grellen Augenaufschlag, den rastlosen Händen, der
-wirbelnden Stimme und dem klirrenden Lachen, denn es unterhielt sich
-eifrig mit einem alten Herrn, in dessen Begleitung es fuhr.
-
-Da hörte er Swaantjes milde Stimme und vernahm ihr weiches Lachen,
-sah ihre abgemessenen Bewegungen und dachte an ihre kleinen, fast
-zu kleinen Hände, die niemals hin- und hersprangen, sondern still
-auf ihrem Schoße lagen oder bedächtig die Nadel führten, und ab und
-zu schlug sie langsam die Augen auf und sah ihn mit schwesterlicher
-Zärtlichkeit an. »Ich habe sie lange nicht mehr gesehen« dachte er.
-
-Als er sein Haus aufschloß, fuhren ihm seine Hunde winselnd und
-kläffend um die Beine, und eine lustige Frauenstimme rief: »Schon da?
-Das ist ja prächtig!« Seine Frau kam ihm entgegen, frisch und fröhlich
-wie immer; sie hielt ihm den lachenden Mund hin, und er küßte ihn
-dreimal.
-
-Sodann fragte sie ihn: »Wir haben Besuch; rate einmal, wer es ist?«
-Er lachte: »Du weißt doch, Grete, der Verstand ist zum Glück meine
-schwache Seite!« Aber da tat sich die Tür zum Eßzimmer auf und Swaantje
-Swantenius stand vor ihm, genau so, wie er sie im Traume gesehen hatte,
-in dem weißen losen Wollkleide mit der goldenen Borde am Halse und
-unter den Ellenbeugen, goldene Blumen in den blauen Augen. Sie gab ihm
-die Hand und sagte: »Willkommen, lieber Helmold! Wie schön, daß du so
-früh kommst; da wird uns das Essen gleich dreimal so gut munden.«
-
-Seine Augen freuten sich, als er sie so dastehen sah, und sein Herz
-lachte, als er ihre Stimme hörte. Er nahm seine Frau in den rechten
-Arm und ihre Base in den linken und sagte: »Das ist hübsch von dir,
-Swaantje, daß du einmal wieder hergefunden hast; dafür bekommst du auch
-ein Glas Sekt. Nicht wahr, Weibchen?«
-
-Seine Frau nickte eifrig: »Natürlich, wenn eine so liebe Kusine da ist!«
-
-»Kußine«, scherzte ihr Mann und gab erst seiner Frau und dann Swaantje
-einen Kuß auf die Backe.
-
-
-
-
-Die Sektflasche
-
-
-Als die alte Kastenuhr auf dem Vorplatze zwölf Male geschlagen hatte,
-kam etwas über die Straße getaumelt, wankte bald auf dem Fahrdamm,
-bald auf dem Bürgersteige umher, rannte fast den Laternenpfahl um,
-der vor Helmold Hagenrieders Hause stand, schob sich an der Mauer
-entlang, kehrte nach einer Weile um, sah nach den Hausnummern und
-Namenschildern, fand sich wieder zu dem Hause mit der Laterne vor
-der Türe hin, tippte sich vor den Kopf, murmelte etwas, langte in
-die Tasche, suchte mühsam darin umher, brachte einen Schlüssel zum
-Vorschein, besah ihn genau, steckte ihn wieder ein, fand endlich den
-richtigen, schloß die Haustür auf und trat ein.
-
-Die Hunde im Gange knurrten, als es bei ihnen vorüberschlich, aber wach
-wurden sie nicht. So konnte es mit dem Drücker, den es aus der Tasche
-nahm, die Türe des Windfanges aufmachen. Es trat ein, klinkte die Türe
-des Eßzimmers auf, schlug den Vorhang zum Nebenzimmer zurück, schlich
-sich hinein, wobei es gegen eine Truhe anlief und sich das eine seiner
-Beinchen so stieß, daß es zurückprallte, sich umdrehte und mit dem
-dicken Bäuchlein, das gleich unter dem Halse anfing, gegen den Nähtisch
-stieß, daß es krachte. Aber nun hatte es auch, was es wollte; denn es
-zog die Schieblade auf und suchte so lange in den Fächern umher, bis es
-ein Stück Kreide fand.
-
-Damit malte es eine gewaltige Sektflasche auf die Flügeltür, holte ein
-Messer aus der Tasche, klappte den Schampagnerhaken auf, setzte ihn an
-den Stöpsel der Flasche, brach die Drahtverschlüsse auf, und buff flog
-der Kork heraus. Schäumend stieg der heitere Trank aus der Mündung,
-lief über, floß auf den Fußboden, quoll unter den Türen durch in die
-Schlafzimmer, in die Küche, in das Kinderzimmer, auf die Veranda, über
-den Vorplatz, tropfte die Treppenstufen hinunter, geriet in den Gang
-und von da in den Garten, erfüllte die Malwerkstatt, die an dessen
-Ende lag, kehrte wieder um, hüpfte die Treppe empor und krabbelte
-sogar in die Mädchenkammer. Als nun das ganze Haus nach Sekt roch,
-suchte der Eindringling mühsam den Pfropfen auf, quälte ihn ächzend
-in den Flaschenhals hinein, band ihn mit zwei Kreidestrichen, die er
-übereinanderbog, fest, löschte die Flasche von der Türe weg und stahl
-sich kichernd wieder aus dem Hause heraus.
-
-Um sechs Uhr in der Frühe sprang die hübsche Dienstmagd trällernd die
-Treppe hinunter und ließ die Hunde auf die Straße, und die stellten
-sich ganz übermütig an. Dann erschien das Kindermädchen und summte ein
-fröhliches Liedchen vor sich hin. Um sieben kam die Hausfrau heiteren
-Angesichts aus dem oberen Stocke und hinter ihr ihr Mann, eine kecke
-Weise durch die Zähne flötend, und nun gab es im Kinderzimmer ein
-großes Lachen und Quieken. Als dann die ganze Familie am Kaffeetische
-saß, auf dem ein knallbunter Blumenstrauß stand, wurden die Vorhänge
-aufgeschlagen, und mit einem Lächeln, so freundlich wie die Sonne,
-die durch die offene Treppentür in die Veranda schien, trat Swaantje
-in ihrem weißen Kleide ein, küßte die Hausfrau und die Kinder und gab
-ihrem Vetter die Hand. Als der brummigen Gesichtes, aber mit lustigen
-Augen sagte: »Mich auch Kuß haben!« bekam er einen auf die Backe,
-sagte: »Ah!« strich sich den Magen, und alle lachten.
-
-Es wurde viel gelacht bei Tische und nachher auch; denn als Swaantje
-hinter Helmold, der ihr seine neuen Bilder zeigen wollte, die
-Gartentreppe hinunterging, rief Frau Grete, die gesehen hatte, daß es
-über Nacht schwer getaut hatte, ihr besorgt nach: »Mach dich nicht
-naß!«, worauf das Mädchen sich entsetzt umsah und entrüstet ausrief:
-»Aber Greete!« Nun hallte der ganze Garten von Gelächter, und Swaantje
-nahm ihre Röcke zusammen und huschte in die Werkstatt. Dort aber vergaß
-sie das Lachen; sie ließ die Hände an den Hüften herabhängen, hob sie
-dann langsam wieder hoch, schlug sie vor der Brust ineinander, seufzte
-tief auf, wandte sich nach ihrem Vetter hin und flüsterte: »O, das ist
-ja wundervoll, lieber Helmold; das ist das Schönste, was du bisher
-gemalt hast«. Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände, drückte sie und
-sagte: »Ich danke dir viele Male, und ich bin sehr stolz auf dich!«
-
-Der Maler betrachtete mit zugekniffenen Augen das Bild und lächelte.
-Es war von gewaltigem Umfange und stellte mehrere hünenhafte,
-unbekleidete Männer dar, die auf Tod und Leben mit bunten Tigertieren
-rangen. Die hell und dunkel gestreiften Körper der Riesenkatzen, die
-nackten Menschenleiber mit den bis auf das höchste angespannten, durch
-helle Lichter und dumpfe Schatten betonten Muskeln, das zertretene
-Gras, die wirbelnden Staubwolken, von schräg fallenden Sonnenstrahlen
-geteilt, das war eine Menge von scharfen Gegensätzen, die eine reife
-Anschauung durch einen starken Willen zu einer einheitlichen Wirkung
-zusammengefügt hatte.
-
-Swaantje hatte sich in den bequemen Ledersessel gleiten lassen, stützte
-ihre schmalen Schuhe, über denen das weiße Kleid ein Stück der seidenen
-Strümpfe sehen ließ, auf eine mächtige Elchschaufel, die als Fußbank
-diente, und vergrub sich ganz in die Stimmung, die von dem Gemälde
-ausging. Helmold stand am Fenster und freute sich über den stolzen
-Schnitt ihres Gesichtes, über den bescheidenen Glanz, der auf ihrem
-aschenblonden Haare lag, über die vornehme Sprache ihres Unterarmes
-und fand, daß ihre Hände zu klein waren, und der unentschlossene Zug,
-der sich darin ausprägte, paßte schlecht zu der ganzen Erscheinung des
-Mädchens. Auch sah er, daß ihr Gesicht zu durchgeistigt war, und mit
-Betrübnis entdeckte er hinter ihren Mundwinkeln eine Falte, die er dort
-nicht haben wollte.
-
-Aber da fing Swaantje zu sprechen an: »Weißt du, Helmold, was ich mir
-bei dem Bilde denke? Ich ginge unter den Rabenbergen her, wenn die
-Abendsonne darauf liegt. Dann sieht es dort genau so aus.« Ihr Vetter
-machte ein ganz ernstes Gesicht. Dann zeigte er auf das Bild und
-sagte: »Vorgestern war Frau Jucunda Othen-Othen hier, du weißt doch,
-die berühmte Kunstgewerblerin, um nicht zu sagen, die berüchtigte
-Eklektikerin, besser wohl Ekleptikerin. Sie rauschte mir hier mit
-ihren gräßlichen seidenen Unterröcken herum; schauderhaft, dies
-Seidenpapiergeraschel!, tat so, als interessiere sie sich für Kunst,
-wollte natürlich nur Technik schinden und Motive klauen; na, und als
-sie das Bild sah, steckte sie ihre Nase unter das Lorgnon, machte ihr
-überlegenstes Gänsegesicht und fragte: ›Was soll denn das bedeuten,
-Herr Hagenrieder?‹ ›Abendsonne auf der Haide, gnädige Frau,‹ sagte
-ich. Die Miene, die sie da aufsteckte, war zum Heulen, sage ich dir.
-Sie glaubte, ich wollte sie uzen. Na, das wollte ich ja auch wohl,
-denn sonst hätte ich ihr nicht die blanke Wahrheit gesagt. Das ist in
-manchen Fällen die höchste Raffiniertheit. Bismarck, der verstand sich
-großartig darauf.«
-
-Er warf die blonde Stirnlocke zurück. »Weißt du, die habe ich den Tag
-erst klug und dann wieder dumm gequatscht. ›Ja,‹ sagte ich zu ihr,
-›wenn man den Eindruck einer Landschaft gänzlich falsch wiedergeben
-will, tut man am besten, sie zu porträtieren, vorausgesetzt, daß
-sie stille sitzt und nicht alle fünf Bierminuten ein anderes
-Beleuchtungsgesicht schneidet. Das tun die meisten sogenannten
-Landschafter, oder besser gesagt, Landschaftsschuster, und darum
-hängt überall so viel Schauderschund herum.‹ Sie machte ein Gesicht
-wie eine Meerkatze, die niesen muß. ›Ja,‹ sagte ich dann, ›wenn man
-das aber nicht will, dann muß man eben durch ganz etwas anderes sein
-Ziel zu erreichen suchen, oder vielmehr, man muß warten, bis das von
-selber kommt, denn mit Überlegung, Verstand und anderen billigen
-Malmitteln kommt man doch zu nichts.‹ Mit einem Male fuhr sie mir
-dazwischen: ›Danach müßten Sie ja einen Menschen durch eine Landschaft
-wiedergeben!‹ Ich nickte und bewies ihr das so scharf, daß sie ganz
-begossen dastand, und da fragte sie: ›Wie würden Sie denn den Eindruck
-wiedergeben, den ich auf Sie mache?‹ Und da sagte ich zu ihr: ›Gnä'
-Frau, Sie haben doch schon gesehen, wenn bei windstillem Wetter auf
-einmal die Luft küsselt und Papier, Stroh, Blätter und Staub umeinander
-dreht und mit nach Hause nimmt, eine der lieblichsten Erscheinungen in
-der Natur, so flüchtig, so luftig, so entzückend vergänglich. So kommen
-Sie mir vor.‹«
-
-Er lachte unbändig und Swaantje ließ ihre Fröhlichkeit dazwischen
-läuten. »Was hat sie denn darauf gesagt?« forschte sie. »Gar nichts,«
-antwortete ihr Vetter. »Erst hat sie ein fuchtiges Gesicht gemacht und
-mit einem Male wurde sie wie Margarine; ich konnte sie hinschmieren,
-wo ich sie hinhaben wollte. Aber ich mache mir aus Kunstbutter nichts;
-lieber schon Schmalz. Unsere Luise ist mir dreimal so lieb, als
-diese Donnja. Sie macht in Kunstgewerbe, wie andere in Heringen oder
-Flanell.« Er sah Swaantje an: »Weißt du, was ich malen würde, um den
-Eindruck wiederzugeben, den du auf mich machst? Weiße Haide, aber
-Sandhaide!«
-
-Das Mädchen fuhr in die Höhe: »Aber weiße Haide bedeutet doch Unglück!
-Wirke ich so auf dich?« Er schüttelte den Kopf: »Im Gegenteil! Und
-warum bedeutet weiße Haide Unglück? Weil sie zu der Zeit, da unser
-ureigenes Wesen von der wälsch-fränkischen Vergewaltigung noch nicht
-vermanscht war, eine Glücksblume war, was sie in England heute noch
-ist und ebenso in der Haide. Der Freitag war der Tag der Frigge, der
-Friggetag, der Glückstag; an ihm wurden die Ehen geschlossen, und
-unsere Haidbauern heiraten heute noch möglichst an diesem Tage. Die
-Dreizehn war die heilige Zahl und die Sieben auch; unsere Ahnen liebten
-nichts, was aufging, denn damit hörte es auf, ein Problem zu sein. Aber
-die Taktik der karolingischen Mönche verkehrte alles das ins Gegenteil;
-der brave Deutsche fiel darauf hinein und gab sein naturfreudiges Wesen
-gegen eine asiatische Naturentfremdung auf. Und daher unser tiefes,
-weites und hohes Unverständnis für alles, was Kunst heißt.«
-
-Er schob das Bild, das auf einer Rollstaffelei stand, zur Seite und
-sagte: »Bitte, setz dich einmal da hin, nein, da rechts von der Tür!«
-Dann zog er den goldbraunen Vorhang zurück, der die Hinterwand des
-Raumes verhüllte, und ein anderes Gemälde wurde sichtbar, doch nur in
-seinen großen Umrissen, da das Oberlicht abgeblendet war, und auch
-dem Seitenlichte war durch Vorhänge der Zutritt verwehrt. Das Mädchen
-richtete sich in dem Sessel auf, beugte sich vor, öffnete ihre Augen
-ganz weit und fragte verwundert: »Seit wann malst du denn Dolomiten,
-Helmold? Du sagtest doch, bloß die Haide könne dir zur visionären
-Erscheinung werden? Aber dieses Bild gibt ganz und gar die Geheimnisse
-der Sellagruppe wieder. Das heißt, so ganz verstehe ich es doch nicht.«
-
-Der Maler lächelte, zog erst die Vorhänge von dem Seitenlichte fort und
-machte dann dem Oberlichte Platz, und da sprang Swaantje auf, brach
-in ein helles Jubellachen aus und rief: »Nein, nein, Helmold, du bist
-ja ein Zauberer! Das ist ja, ja das ist ja der Kreuzestod Christi!«
-Sie schüttelte den Kopf, bewegte die Lippen, als wenn sie etwas sagen
-wollte, und dann ließ sie sich wieder in den Sessel fallen, lehnte den
-Kopf gegen die alte Stickerei, die darüber hing, blendete sich mit den
-Händen das Ober- und das Seitenlicht ab und flüsterte: »Die Sella und
-die Kreuzigung; wie geheimnisvoll! Helmold, wo ist die Lösung?«
-
-»Ja, Swaantje,« antwortete er und ein bißchen Selbstverspottung lag
-in seiner Stimme; »ja, ich sage: ich will dies, und hinter mir steht
-wer und sagt: ›du sollst das!‹ Sieh mal, die Sellagruppe hat damals
-auf mich den selben blödsinnigen Eindruck gemacht, wie auf dich, aber
-mein bewußtes Ich sagte mir: du hast doch weiter nichts davon, als
-daß du durch die Komplementärwirkung zu einem tieferen Verständnis
-deiner Heimlandschaft kommst. Niemals habe ich daran gedacht, Dolomiten
-zu malen. Als ich dann eines Abends bei Hennecke saß, kam die Rede
-auf den Verlust der Überlieferung in der bildenden Kunst und auf das
-Effekthaschen und Sensationsmachen in der Wahl der Stoffe, und da
-sagte der Prinz: ›Der Staat müßte einmal zehn Jahre lang verbieten,
-daß etwas anderes gemalt würde als Kreuzigungen; dann würde man bald
-sehen, wer wirklich etwas kann.‹ Dieses Wort juckte mich so lange,
-bis ich mir eines Tages sagte: So, jetzt wird eine Kreuzigung gemalt,
-damit du endlich Ruhe hast! Ja Kuchen: Als ich den Schaden besah, stand
-die schöne Frau Sella neben mir, machte mir eine lange Nase, knixte
-und sagte: Schau, da hast du mich doch malen müssen, ätsch! Na, und
-so war es; der lange schwarze Mann im Vordergrunde wirkt als tiefe
-schmale Schlucht, die anderen Figuren und die Längsbalken der Kreuze
-geben die senkrechten, die Querbalken und die Arme der Gerichteten
-die wagerechten Linien der Sellaarchitektur wieder, und so hatte ich
-Dolomiten gemalt und keinen Dunst davon gehabt. Ja, bei uns muß es wohl
-heißen: suchet nicht, so werdet ihr finden.«
-
-Das Mädchen nickte ernsthaft. »Ja,« meinte sie dann, »Kunst und Glaube
-sind zweierlei.« Ihr Vetter schüttelte den Kopf. »Nein, Swaantje, sie
-sind das selbe, und deshalb sind alle wahren Künstler gottlose Menschen
-in landläufigem Sinne. Sie suchen Gott nicht; sie haben ihn in sich;
-ihn oder den Ungott.«
-
-Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und blies den Rauch weit
-von sich, schob das Bild zur Seite, verhüllte es und desgleichen das
-andere Gemälde und machte die Tür zu dem Nebengemache auf. Das Mädchen
-stieß einen Laut aus, halb Seufzer, halb Schrei und sprang auf, die
-Hand auf dem Herzen und mit weit aufgerissenen Augen nach dem Gemälde
-starrend, das hinter dem Türloche stand. Als der Maler, den ihr jähes
-Erbleichen erschreckt hatte, neben sie trat, umklammerte sie seinen
-Arm, und er fühlte, wie ihr Herz zitterte, und sah, wie ihr der Atem
-hastig über die Lippen sprang. Er warf ebenfalls seine Augen auf das
-Bild, und da erschrak auch er, denn einen so gemeinen Ausdruck hatte er
-noch nie in den Augen des Weibes gesehen, das er da gemalt hatte.
-
-»Chali,« flüsterte es an seiner Schulter, und er murmelte: »Das ist
-es! Ich habe gedacht, es gibt keinen Namen dafür, aber du hast sofort
-den einzig möglichen dafür gefunden. Das böse Prinzip des Weibes.« Sie
-ließ sich, wie vor Erschöpfung, in den Sessel gleiten, und fragte,
-immer das Bild anstarrend: »Wirst du es mir sagen?« Er nickte. »Ja,
-Kind, gern, soweit es sich um den äußeren Anstoß dazu handelt. Du weißt
-ja, wie der Prinz ist. Eines Tages kommt er hier angeautobt und stellt
-mir eine kostbare Schüssel vor die Nase, in der auf bleichem Moose
-dreißig unheimliche Blumen lagen und mich auf ganz hundsgemeine Weise
-anschielten. Ich machte ein dummes Gesicht und fragte: ›Bist du auf dem
-Mars gewesen?‹ Denn in meinem Leben hatte ich solche Satansblumen noch
-nicht gesehen. Da lachte er und sagte, es wären Stapelien, Kusinen von
-den Kakteen, und sie wären aus seinem Treibhause, und er kritzelt mir
-eine argentinische Stapelienlandschaft in das Skizzenbuch.«
-
-Er holte tief Atem und fuhr fort. »Den ganzen Tag war ich zu nichts
-zu gebrauchen. Wie ein Affe saß ich da und sah diese niederträchtigen
-Blumen an, diese Katerideen von Blumen, diese Antiblumen oder was weiß
-ich. Ein Vierteljahr war ich ganz elend. Erst dachte ich, es wäre die
-Grippe, nahm Dampfbäder, ließ mich massieren und trank Grog. Dann
-hielt ich es für einen Darmkatarrh, trank Boonekamp und ließ mir heiße
-Pottdeckel auf den Magen legen, wenn ich zu Bett ging. Dann wieder
-schien es mir Nervenüberreizung zu sein; ich aß Sanatogen, schluckte
-Hämatogen, verkniff mir den Tabak, den Kaffee und den Wein, trank
-abends Fliedertee und morgens Brombeerblätteraufguß und wurde immer
-elender, bis ich mich auf einmal benahm, wie ein Brunnendelphin, der
-abends vorher zu viel Bier getrunken hat. Darauf schlief ich drei Tage,
-und dann malte ich das Bild aus dem Handgelenk in acht Tagen und war
-kreuzfidel, als ich es hinter mir hatte, denn mir fehlte gar nichts;
-mir hatte nur das scheußliche Bild verquer im Leibe gesessen, ein Meter
-vierzig zu eins zwanzig. Aber sieh es dir einmal genau an!«
-
-Swaantje stand auf, doch sie zögerte noch. Sie sah den schweren,
-klobigen, in den massigen Formen der sumerischen Bauweise gehaltenen,
-reich geschnitzten, mit buntem Glasflusse ausgelegten und mit goldenen
-und silbernen Ziernägeln beschlagenen Rahmen und dann das unheimliche
-nackte Weib an, das vor einem unglaublich klaren und grundlosen Wasser,
-das eine unbekannte Farbe hatte und von der Abendsonne eiterrote
-Glanzlichter bekam, auf der Seite lag, die brutalen Knie gegen den
-üppigen Leib gezogen, den stützenden Arm halb überschüttet von einem
-Sturzbache straffen Haares von einer rohen roten Farbe, und das sie mit
-seelenlosen Tigeraugen ansah, ebenso schrecklich, wie die unheimlichen
-großen Blumen, die an den starren Stämmen hinter ihrem Rücken hingen,
-aber auch ebenso schön, Chali, die Göttin des unblutigen Meuchelmordes,
-das greuliche Geheimnis des bengalischen Bambusdickichts.
-
-Langsam ging sie darauf zu und sah, daß das Weib keine Tigeraugen,
-sondern Menschenaugen hatte, doch mit dem Blicke des Tigers, oder
-vielmehr, mit gar keinem Blicke, aber dadurch wirkten sie gerade so
-tigerhaft. Als sie noch näher kam, nahmen ihre Züge den Ausdruck
-kindlicher Neugier und einer dummen Verwunderung an, denn das Bild
-war auf Holz gemalt und der Leib des Weibes war nicht gemalt, sondern
-ausgespart, so daß überall die Maserung und hier und da ein Astfleck zu
-sehen war. Der Gesamteindruck war aber so mächtig, daß diese Dinge vor
-ihm völlig zurückgingen.
-
-Helmold, der hinter sie getreten war, nickte ihr zu und sagte: »Ja,
-ja, es ist wunderlich, was man nicht alles macht, wenn man so dumm
-dahertollpatscht. Warum habe ich das auf Holz gemalt und nicht auf
-Leinwand? Im allgemeinen male ich nicht gern auf Holz, und wenn schon,
-so kleine Bilder. Aber dieses mußte ich auf Holz malen, scheinbar,
-weil das Brett gerade da stand, in Wirklichkeit aber, weil dieses
-Weib nicht gemalt, sondern ausgespart werden mußte. Es verkörpert das
-negative Prinzip des weiblichen Wesens, konnte also am besten durch
-eine Negativität wiedergegeben werden. So ist es auch im Leben; das
-Schlechte, das Unheimliche, das Gemeine: tritt dicht davor, und siehe,
-es ist ein Nichts, es ist Holz, dumm gemasert und mit Kienstellen
-durchsetzt. Ein wirkliches Weib, ein Weib von Herz und Gemüt, von
-Fleisch und Blut, das hat nicht hier mitten auf dem Bauche einen
-Leberfleck aus Kien und auf der Kalipygie eine Maserung, soweit meine
-geringen Erfahrungen auf diesem interessanten, aber schwierigen Gebiete
-reichen.«
-
-Er zog den Vorhang zu, nahm Swaantje um die Mitte, führte sie zu dem
-Ruhebett, stellte einen alten Bauernteller mit Äpfeln und eine Dose
-mit Biskuit vor sie hin und nötigte zum Zulangen: »Iß, Mädchen, desto
-eher wirst du elend! Und hier sind auch Nüsse.« Swaantje nahm eine,
-steckte sie dem wunderlichen Nußknacker in das Maul, zerbrach sie und
-rief dann: »O, ein Vielliebchen! Wer ißt es mit mir?« Ihr Vetter hielt
-die Hand auf. »Dir zuliebe tue ich alles,« lachte er; »sonst esse ich
-nur Nüsse, wenn sie mir einer kaut, aber das will keiner. Wenn man
-nämlich nicht aufpaßt, kaut man acht Tage lang an einer Nuß herum.« Er
-steckte die Nuß in den Mund, schluckte und sagte, indem er auf seine
-Weste zeigte: »Es geht auch ohne die alte Kauerei.« Da lernte Swaantje
-das Lachen wieder und vergaß das unheimliche Bild und den entsetzten
-Blick, den Helmold darauf geworfen hatte. Dann zeigte er ihr einige
-Porträts und eine Anzahl von den Studien, die er zu Hunderten in den
-Schiebladen der großen Schränke liegen hatte, schwatzte Kraut und Rüben
-durcheinander und hetzte einen Witz hinter dem anderen her, bis sie
-vor Lachen nasse Augen bekam und ihn händeringend bat, aufzuhören:
-»Denn ich habe nur ein Zwerchfell, Helmold, und das ist schon dreimal
-gestopft!«
-
-Sie kuschelte sich bequem auf das Ruhebett hin, biß in einen Apfel
-und sah zu, wie er überall herumkramte, und ihr allerlei zeigte, das
-bravste Gehörn von dem letzten Jahre, eine Pfeilspitze aus Feuerstein,
-die er in der Haide gefunden hatte, eine alte Schnapsflasche mit einem
-himmelblauen Vogel Phönix darauf und der Inschrift: »So wie der Fönix
-der Flamme entspringt, so meine Liebe zu dir hin dringt« und ähnliche
-Seltsamkeiten, die er bei seinen Jagdfahrten in den Dörfern aufgegabelt
-hatte. Dann, als er eine Schieblade aus einem grell gestrichenen
-Schranke zog, rief er: »Holla! Beinahe vergessen!« Er langte ein
-Kästchen heraus, machte es auf, nahm etwas heraus und drückte es
-dem Mädchen in die Hand. Es war eine Fibel aus dickem, gerieftem
-Silberdraht, aus zwei engen Spiralen gebildet, deren jede einen
-prachtvoll gebräunten Hirschhaken umschloß. »Da!« sagte er, »als Dank
-für diesen schönen Morgen!«
-
-Sie errötete und klatschte in die Hände: »Wie entzückend! So eine
-fehlte mir gerade. Die hast du doch selbst entworfen? Und wie reizend
-von dir, mir die zu schenken, mit den prachtvollen Kusen darin!«
-
-Sie drehte das Schmuckstück hin und her, nahm die Pfeilspitze von
-Flintstein von dem Tischchen, hielt beide Gegenstände aneinander und
-sagte: »Die gehörten einmal zusammen, paß auf: der alte Oberpriester
-war voller Wut, denn seine Tochter, Loide hieß sie, sah Wuni gern; aber
-der war ihrem Vater ein Gräuel, weil er die Kunst, Waffen und Geräte
-aus Metall zu schmieden, aus der Fremde mitgebracht hatte und deshalb
-der Priesterschaft als gottloser Mensch galt. Nun war noch jemand da,
-der die schöne Loide liebte; Ulahu hieß er, und war ihrem Vater genehm,
-dieweil er ein Steinschmied war und jede Neuerung haßte. Aber Wuni war
-stark und Ulahu schwach, und da sprach der Oberpriester, Krwo hieß er:
-›Der Rabe jagt dem Adler den Fraß ab, obwohl dieser siebenmal so stark
-ist.‹ Ulahu merkte sich diese Rede, und als er Loide einmal in das Haus
-ihres Vaters eintreten sah, mit flammenden Augen, brennenden Wangen und
-glühenden Lippen, und bemerkte, daß ihr Kleid vor der Brust mit einer
-silbernen Fibel, in der zwei Hirschhaken befestigt waren, geschlossen
-war, da ging er zu seiner Hütte, weinte, nahm den Eibenbogen und drei
-Pfeile zur Hand und schlich Wuni nach, als er in der Frühe auf Jagd
-ging, und schoß ihm den Pfeil von hinten durch das Herz, daß er sterben
-mußte. Ulahu aber freite Loide, doch am Morgen nach der Hochzeit lag
-er tot in seiner Hütte; Loide aber war verschwunden, und wenn die
-Nachtschwalbe rief, sagten die Mädchen: ›Da schreit Loide nach Wuni.‹«
-
-Während sie so sprach, verhärteten sich ihre Augen, so daß es Helmold,
-der ihr anfangs mit vieler Freude zugehört hatte, erschien, sie hätten
-ein wenig von dem, was die Augen der Chali aufwiesen, und sein Herz
-kehrte sich um. Doch er jagte die graue Fledermaus, die auf ihn zuflog,
-mit einer heftigen Bewegung fort, nickte, lächelte und sagte: »Das
-ist sehr schön, Swaantje, und du wirst das aufschreiben und mir als
-Gegengeschenk verehren. Du solltest überhaupt deine Gesichte zu Papier
-bringen. Ich habe es schon oft gedacht: Du bist eine Künstlerin! Und
-wem eine Gabe ward, der soll ihrer pflegen, sonst bleibt er unfroh sein
-Leben lang.«
-
-Doch als er das gesagt hatte, schüttelte er in sich darüber den Kopf,
-denn er glaubte nicht an eine künstlerische Begabung des Weibes. Er
-hatte, als er einst einer schönen Frau, die acht gesunde Kinder besaß,
-einen Spruch in ihr Gästebuch schreiben sollte, folgendes eingetragen:
-»Der größte Künstler ist klein gegen eine Mutter; denn er kann keinen
-Menschen von Fleisch und Blut schaffen.«
-
-Während er nun Swaantje freundlich ansah, besah er ihr Gesicht genau
-und dachte: »Ihr ganzes Wesen ist weiblich, aber ihr Geist ist
-männlicher Art. Am Ende ist sie kein völliges Weib; das wäre ein
-Jammer, denn dann wird sie das wahre Glück nie kennen lernen. Denn die
-Liebe ist alles, und das andere ist nichts.«
-
-Da kam Swaan angelaufen und rief: »Väterchen und Muhme Swaantje,
-ihr möchtet zum Essen kommen, aber schnell, sonst wird der Braten
-kalt!« Stolz setzte er hinzu: »Es gibt Birkhahn, den Vater geschossen
-hat.« Sweenechien aber, die hinter ihm hergetappelt war, rief: »Und
-Flammerie! Hast du das auch geschossen?« Da lachte Swaan sie aus und
-Helmold und Swaantje auch; unter viel Lachen und Scherzen ging es in
-die Veranda, wo Frau Grete sie mit den Worten empfing: »Was ist das
-bloß heute? Alles im Hause lacht in einem fort! Die Mädchen sind aus
-Rand und Band und ihr auch. Der Sekt kann doch nicht nachspuken?«
-
-Das schien aber doch so, denn es blieb bei dem Lachen. Helmold lachte,
-wenn er zu Bett ging, und er lachte, wenn er aufstand. Die Arbeit
-flog ihm nur so von der Hand, und während der Pinsel bald langsam und
-vorsichtig, bald schnell und sorglos über die Leinwand ging, sang und
-pfiff er, daß man es über den ganzen Garten bis in das Haus hören
-konnte.
-
-Wenn aber aus der Werkstatt kein Singen und Pfeifen kam, so wußte
-Grete, daß Swaantje dort war. Die saß dann in einem der großen Sessel
-und arbeitete an einer Stickerei oder lag auf dem Ruhebett, sah ihrem
-Vetter zu und freute sich an seinen schnellen und doch so sicheren
-Bewegungen, an seiner frohen Laune und seiner Urwüchsigkeit; denn wenn
-er mitten in der Arbeit war, vergaß er alles um sich und konnte, fuhr
-er einmal gegen einen Baum, mit den saftigsten Ausdrücken um sich
-werfen, und Swaantje rief dann wehklagend: »Aber Herr Hagenrieder, ich
-bin eine deutsche Jungfrau!« Wenn er dann sagte: »Leider! vergaßen sie
-zu bemerken, mein allergnädigstes Fräulein«, dann lachte sie.
-
-Einmal wäre ihm beinahe die Antwort entwischt: »An mir liegt es
-wahrhaftig nicht«; doch er packte rechtzeitig den schlechten Witz noch
-am Nackenfell, denn es war ihm wirklich nur Spaß damit gewesen.
-
-Mehr als einmal sagte er zu seiner Frau: »Es ist nun an der Zeit, daß
-Swaantje heiratet; sie bekommt sonst noch Druckstellen.«
-
-
-
-
-Das Stapelienbild
-
-
-Chali langweilte sich. Früher konnte sie fast den ganzen Tag mit dem
-Maler sprechen; seitdem aber das junge Mädchen da war, war es aus
-damit, denn Swaantje fürchtete sich vor ihr, und so hatte Helmold das
-Bild in den Nebenraum gestellt, wo es weiter nichts gab als Bilder,
-Rahmen, Kisten und Kasten, Töpfe und Kruken.
-
-Aber wenn Chali auch nicht dort hätte sein müssen, sondern in der
-Werkstätte hätte weilen dürfen, so hätte ihr das doch nichts genützt.
-Holz und Stoffe boten ihren Blicken keinen Widerstand, und so mußte sie
-es einen Tag wie den anderen mit ansehen, wie der Maler sich mit dem
-blonden Mädchen unterhielt und ihm liebreiche Blicke zuwarf. Sie lag
-da und starrte auf die Tür; ihre Augen wurden von Tag zu Tag böser und
-leuchteten im Dunkeln grün.
-
-Eines Abends, als Helmold und Swaantje in der Werkstätte waren, holte
-der Maler sich aus der Vorratskammer ein frisches Malbrett, was er
-immer tat, wenn er ein neues Bild begann, das ihm aus dem Herzen kam,
-und da er an das Bild dachte, das er anfangen wollte, so ließ er in
-Gedanken die Tür offen stehen. Er wollte nämlich Swaantje malen; er
-hatte es schon bei Tage mehrfach versucht, war aber nie über den Anfang
-hinweggekommen, bis ihm einfiel, daß er eine andere Beleuchtung haben
-müsse, als das Tageslicht, und er hatte gefunden, daß das Mädchen im
-Halbschatten sitzen müsse, während rings umher alles hell von Licht
-war. So setzte Swaantje sich also an das große Fenster, vor dem die
-Vorhänge zusammengezogen waren, und drehte der zweiten Tür den Nacken
-zu.
-
-»Heute wird es etwas, Swaantje,« rief Helmold; »das kommt wohl daher,
-weil ich dich gestern eigentlich zum ersten Male in Erregung gesehen
-habe. Du bist übrigens der einzige Mensch, mit dem ich Walzer tanzen
-kann. Sonst liegt mir der Walzer nicht; mein Blut geht im Polkatakt.
-Hamburger, Schwedische Quadrille, der Achtturige, Schardas, Kasatschka
-und dergleichen, wobei man seine Knochen rühren und ordentlich trampeln
-kann, das ist mein Fall. Aber sich wie ein Brummkreisel andauernd um
-seine Perpendikulärachse zu drehen, das ist nichts für mich. Gestern
-bin ich aber auf den Geschmack gekommen. So wie du den Walzer tanzst,
-so glaube ich, tanzen die Nebelfrauen ihn auch. Ich will sie nächstens
-mal fragen.«
-
-Chalis Augen sprühten, als sie das mit anhören mußte, und sie stach mit
-spitzen Blicken nach dem Nacken des Mädchens; jedesmal, wenn Helmold
-hinzutrat und mit seiner Hand ihre Kopfhaltung ein wenig änderte,
-fuhren grüne Blitze aus dem Nebenraume dahin, wo die aschenblonden
-Nackenlocken auf der roten Stuhllehne schimmerten. Solange ihr Vetter
-mit ihr plauderte, merkte Swaantje nichts von dem, was hinter ihr
-vorging; aber nun fing Helmold an, eine neue Singweise zu suchen, indem
-er ganz leise durch die Zähne pfiff, und das bedeutete, wie sie wußte,
-daß er dem Reime zwischen Stoff und Form nahe war. Darum rührte sie
-sich nicht, so gern sie das auch getan hätte.
-
-Denn ihr war so merkwürdig schwach und hülflos zumute. Sie hatte ein
-bißchen viel getanzt und gelacht und vielleicht auch ein Glas Sekt
-mehr getrunken, als ihr gut war; aber es war so wunderschön auf dem
-Frühlingsfeste gewesen; so viele hübsche, fröhliche Frauen und Mädchen,
-und so viele nette, lustige Männer hatte sie noch nie beisammen
-gesehen, und so hatte sie mit den anderen getollt und sich prachtvoll
-vergnügt.
-
-Jetzt aber fühlte sie sich müde; sie hatte einen peinlichen Druck in
-der Herzgrube, und ihr war, als klemmte etwas ihre Herzschlagadern ein.
-Am liebsten hätte sie ihrem Vetter nicht gesessen; aber sie wußte,
-wie gern er sie malen wollte, und daß er endlich dazu kam; denn nun
-pfiff er nicht mehr durch die Zähne und trat nicht fortwährend vor und
-zurück, sondern er stand still, malte eifrig, summte erst eine Weise
-vor sich hin, und dann sang er: »Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre
-mein Herz nach dir schrie, Rose Marie, Rose Marie, aber du hörtest es
-nie.« Er war in voller Fahrt.
-
-Sie hielt still, obgleich ihr von Minute zu Minute hülfloser zumute
-wurde; denn Chali ärgerte sich über die zärtlichen Blicke, die der
-Maler fortwährend nach dem Mädchen warf, und über das Lied, das er
-sang, während er malte, und so wandte sie ihre Meuchelmörderaugen nicht
-einen Pulsschlag lang von dem Nacken Swaantjes.
-
-»Erzähle was, Maus!« sagte Helmold, und Swaantje war froh; aber ihr
-fiel nichts weiter ein, als das, wovon sie noch zu keinem Menschen
-gesprochen hatte, und was sie auch keinem sagen wollte. Aber da dachte
-sie an die Faschingsnacht in München, als ihr Vetter zwischen all dem
-tollen Lärm zu ihr gesagt hatte: »Kleine, wenn du einmal etwas hast,
-das dich drückt, und du magst es niemandem sagen, so sage es mir; wenn
-ich dir irgend helfen kann, so tue ich es.«
-
-Sie hatte ihm die Hand gereicht und gesagt: »Das werde ich, Helmold!«
-Aber dann hatte sie lachen müssen; wie er so dasaß, vollkommen im
-Ballanzuge, aber mit einem Radieschen im Knopfloch, mit gebrannten,
-gepuderten Haaren, weißgeschminktem Gesicht und kohlschwarzem
-Schnurrbart und dazu die vergoldeten Ohren, das hatte zu närrisch
-ausgesehen, zumal seine blauen Augen so treuernst blickten.
-
-Weil sie nun an diese Augen dachte, fing sie an: »Lieber Helmold, ich
-muß dir jetzt etwas sagen, weil ich deinen Rat brauche: ich liebe einen
-Mann.« Helmold blieb ganz ruhig und malte weiter; ihm war zumute, als
-habe ihm jemand ganz heimlich sein Herz weggenommen und ihm nur den
-Verstand gelassen. Darum fragte er, ohne daß seine Stimme anders klang
-als sonst: »Weiß er es?« Swaantje sah gerade aus: »Nein; das glaube
-ich nicht.« Ihr Vetter fragte weiter: »Ist er deiner würdig?« Sie
-erwiderte: »Er ist viel besser als ich.« Er brummte: »Danach liebst du
-ihn also; deine Behauptung bezweifele ich übrigens. Kenne ich ihn?«
-Sie schüttelte den Kopf. »Darf ich wissen, wer es ist?« Sie nickte:
-»Professor Groenewold; bei dem ich Literatur und Kunstgeschichte
-hatte.« Er fragte weiter: »Wie alt ist er?« und als sie sagte:
-»Fünfundvierzig,« brummte er, eifrig weiter malend: »Zu jung für eine
-Backfischliebe! Verheiratet?« Swaantje sah ihn groß an: »Dann würde ich
-ihn doch nicht lieben können!«
-
-Er lächelte und dachte: »Heilige Einfalt!« Aber dann steckte er die
-Pinsel in das Glas, legte das Malbrett hin und sagte: »So, nun rüttele
-dich und schüttele dich, wirf aber nicht alle deine Blätter über mich,
-sondern behalte noch ein paar für dich übrig. Wir wollen einmal eine
-Pause machen; mich rauchert.«
-
-Swaantje stand auf und reckte sich, und er holte sich eine Zigarre. Als
-er sie angezündet hatte, sah er, daß die Tür nach dem Nebenraume offen
-stand; Chalis Augen starrten ihn höhnisch an. Wütend warf er ihr das
-Streichholz in das Gesicht und wunderte sich, daß es grüne Funken gab.
-
-»Helmold, um Himmels willen, was machst du?« rief Swaantje, »dein
-schönstes Bild.« Er zog die Tür zu, daß es krachte, und knurrte:
-»Schönes Bild? Scheußliches Bild! Chali? Schon mehr Zyankali!«
-Swaantje lachte und rief: »Das war aber ein echter Kalauer!« Er
-schüttelte den Kopf: »Das ist noch gar nichts; wenn mir ganz schlecht
-ist, setzt es nicht nur Kalauer, sondern sogar Kawärmer, wenn nicht
-Kaheißer.« Das Mädchen hielt sich die Ohren zu: »Kommt das noch
-schlimmer?« Dann lachten sie beide aus vollem Herzen, bis es Helmold
-einfiel, daß er sein Herz irgendwo habe liegen lassen müssen; denn ihm
-war so leer in der Brust und so schön leicht, als ob er tot wäre.
-
-Aber er dachte doch mehr an das Mädchen als an sich und sprach: »Ja,
-liebe Swaantje, das ist eine sehr traurige Sache. Du liebst ihn, und er
-weiß es nicht. Du liebst ihn seit sieben Jahren, und er ahnt es nicht.
-Entweder ist er blind, oder er liebt eine andere, oder aber, denn es
-gibt solche Männer, so unglaublich das auch klingt,« und er lachte,
-als er das sagte, »er hat kein Verlangen nach dem Weibe. Hier kann dir
-niemand helfen, sogar ich nicht, der ich doch verdammt dem Teufel die
-Zähne ausziehen würde, wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte.«
-
-Er ging mit großen Schritten auf und ab. »Sieh mal, Swaantje,« fuhr
-er dann fort, »alles, was ich von dem Manne gehört habe, spricht für
-ihn. Er hat den Mut gehabt, eine Schrift herauszugeben, in der er den
-Unwert der karolingischen Zivilisation für uns nachweist. Wir Stedinger
-Blutsbrüder haben ihm damals ein Horüdhotelegramm geschickt und noch
-eins, als ihm die hochwohllöbliche Behörde in ihrer Eselhaftigkeit den
-Geschichtsunterricht abknöpfte, damit er nicht mehr in der Lage sei,
-gegen die Verherrlichung des Schlachterkarls und seines edlen Filiusses
-Louis des Frömmlers anzuarbeiten. Insofern freue ich mich, daß deine
-Wahl gerade ihn getroffen hat, abgesehen von dem famosen farbigen
-Namen, den du dir ausgesucht hast. Aber, wie gesagt, es ist nichts zu
-machen. Hingehen und ihm sagen: ›Bitte, seien Sie so gütig und heiraten
-Sie mich!‹ das kannst du nicht gut, und ich kann auch nicht zu ihm
-gehen und ihm sagen: ›Heiraten Sie meine liebe Base, oder ich fordere
-Sie auf dreimaligen Kugelwechsel ohne Binden und Bandagen!‹ Denn je
-besser ein Mann ist, um so mehr Verlangen hat er danach, sich das Weib
-seines Herzens zu erobern, und er wird sofort auf der Hinterhand Kehrt
-machen, wenn der Fall sich umgekehrt entwickelt. Daß auch gerade dir so
-etwas zustoßen muß! Wenn du dich wenigstens in mich verliebt hättest!
-Ich hätte es schon gemerkt. Ich schlüge sofort mein Zelt in der Türkei
-auf und betete zu Allah. Hol's der sogenannte Dieser und Jener!« Er
-warf seine Zigarre gegen den Ofen, daß es ein kleines Feuerwerk gab,
-und steckte sich eine Zigarette an.
-
-Dann stellte er sich vor das angefangene Bild, auf dem Swaantjes
-Kopf schon deutlich vor einem Haidberge zu erkennen war, aus dessen
-rosiger Pracht ein Busch weißer Haide verschämt hervorschimmerte, und
-als spräche er zu dem Bilde, fuhr er fort: »Dein Fall ist so gut wie
-hoffnungslos, liebe Swaantje. Liebst du ihn wirklich so sehr?« Sie
-nickte. »Als Schülerin oder als Weib?« Sie wurde rot. »Nicht nur als
-Schülerin.« Er räusperte sich, und dann fragte er in trockenem Tone:
-»Entschuldige, Swaantje, und wenn es dir nicht paßt, so antworte nicht:
-Grete und ich glaubten bisher, du wüßtest noch nicht, daß du ein Weib
-bist; das kommt oft sehr spät zum bewußten Ausdrucke. Du kamest mir
-bisher gänzlich unsinnlich nach dieser Richtung hin vor. Für kalt
-von Natur hielt ich dich nicht, aber für unaufgewacht. Du weißt, ich
-spreche als Freund und Bruder, und darum darfst du mir diese Frage
-nicht übel nehmen: Wie steht es damit?« Das Mädchen sah ihn mit klaren
-Augen an. »Weißt du, Helmold, nach dem, was ich in den Büchern las und
-von anderen jungen Mädchen hörte, glaubte ich, daß ich anders bin als
-die anderen Menschen. Nur ein einziges Mal merkte ich, daß ich doch so
-bin. Das war,« sie wurde blaß und stockte, fuhr aber dann fort. »Doch
-das ist ja Nebensache!« Helmold runzelte die Stirn: »Leidest du sehr
-unter deiner Neigung?« Sie nickte: »Sehr; ich glaube, ich gehe daran
-zugrunde.«
-
-Ihr Vetter sah sie böse an: »Möglich, das heißt, wenn du dieses
-zwecklose, unbefriedigte Leben weiter führst. Sieh mal, ich kenne dich
-ziemlich gut. Ich habe früher schon Grete aufgehetzt, sie solle Muhme
-Gesina so lange zwiebeln, bis sie dich aus dem Käfig läßt. Grete hat
-das auch getan; den Erfolg kennst du: es stellte sich glücklich der
-so bequeme Herzkrampf ein, und dann sprach die gute Swaantien: ›Nein,
-liebstes Tantchen, ich verlasse dich nicht!‹ Deine Muhme in Ehren;
-wäre sie nicht gewesen, so könntest du dich vielleicht als Gouvernante
-oder Gesellschafterin piesacken lassen; das weiß ich. Aber vielleicht
-wäre das besser gewesen; denn was hast du von deinem vielen Gelde? Du
-willst deinen Geist betätigen, möchtest schaffen; statt dessen mottet
-Muhme Gese deinen Geist ein und zwingt dich, zu murksen. Lauter dumme
-Arbeiten sind es, zu denen sie dich antriezt, und da keine davon dein
-Denken ausfüllt, zerfetzt sich diese hoffnungslose Neigung völlig.
-Daß deine Nervenschmerzen, die dich seit einigen Jahren quälen, einen
-anderen Grund haben, als weil du dir einmal beim Schlittschuhlaufen
-nasse Beine geholt hast, das ist mir und Grete schon lange klar.«
-
-Er setzte sich in den Vierländer Bauernstuhl, nahm die Laute und begann
-die Weise zu klimpern, die er vorhin gesungen hatte. »Sieben Jahre mein
-Herz nach dir schrie,« flüsterte es in ihm und dann: »Mensch, weißt du
-es denn nicht, daß du sie liebst! daß du sie zum Verrücktwerden liebst!
-von dem Tage an liebst, als du sie zum ersten Male sahst, als sie ein
-Backfisch und du ein glücklicher Bräutigam warst?« Sein Herz zuckte
-zusammen; das war wahr, war wirklich wahr. Er mochte nicht aufsehen
-und steckte sich aus Verlegenheit eine neue Zigarette an, denn wenn
-er jetzt, in diesem Augenblicke, das Mädchen ansah, dann, das fühlte
-er, lag er vor ihr, küßte ihre Hände und bettelte um einen Kuß von den
-Lippen, die nach einem anderen Manne seufzten.
-
-Er griff in die Saiten und spielte das frechste von allen Liedern, die
-er kannte, und summte dabei halblaut die ersten beiden Verszeilen:
-»Auf der Lüneburger Haide ging ich auf und ging ich unter,« und
-dann setzte er das Singen durch Flöten fort. Als er in den Spiegel
-blickte, erkannte er, daß er tiefe Schatten unter den Augen hatte.
-»Swaantje,« rief er und legte die Laute fort; »hier gibt es nur ein
-Mittel: eine Tätigkeit für dich, die dir Freude macht. Dieser Kram da
-zu Hause, wo du nur die Rolle eines unmaßgeblichen Haushaltsreferendars
-spielst und nie eine freie Stunde für dich hast, das ist Gift für
-dich. Raus mußt du, auf einen verantwortungsreichen Posten, der dich
-müde, aber nicht matt macht, und auf dem du die Hauptperson bist
-und nicht bloß ein Tantenschwanz, der alles machen muß, aber nichts
-zu sagen hat. Entweder du verabschiedest die Tante, aber dann würde
-sie sich natürlich sofort einen ihr gut stehenden Sarg anmessen
-lassen, oder du kündigst ihr und ziehst mit lautem Hörnerklang in
-die Hinausferne, siehst dir die Welt einmal ohne die Tante an und
-siehst zu, daß du eine Arbeit findest, als Krankenschwester, als
-Redaktörin, meinetwegen auch als sozialdemokrätzige Agittattersche
-oder Frauenbewegungspropagandame. Aber zu Hause sitzen, Strümpfe für
-Niggerblagen stricken, Missionspredigten anhören, Traktätchen verteilen
-und sonst die Einmacherei überwachen und die Eierproduktion des
-Federviehs statistisch aufnehmen und den ganzen Tag die Tante auf den
-Hacken zu haben mit ihrer kamigen Liebe, dafür halte ich mir keine so
-hübsche Kusine!«
-
-Da lachte Swaantje wieder, stand auf und schüttelte die Falten aus
-ihrem Rocke, und wie ein Blitz schlug in Helmold eine Erinnerung ein.
-Er war vor Jahren einmal mit ihr Rad gefahren, und zwar an einem Tage,
-an dem seine Lippen abscheulich heißhungrig waren, denn er war seit
-drei Wochen Strohwitwer und sah, ohne sich viel dabei zu denken, allem
-nach, was Röcke trug und jung und hübsch war. Als er so mit Swaantje
-dahinradelte und ihr allerlei dumme Witze zuwarf, paßte sie nicht auf,
-fuhr gegen einen Stein und kippte um. Er sprang sofort ab, aber ehe er
-bei ihr war, stand sie schon wieder auf den Füßen, lachte, faßte ihren
-Rock und schüttelte ihn in der Aufregung so gehörig, daß er in die Höhe
-flog und er ihre Hosen bis oben hin sah. Nun konnte er alles vertragen,
-bloß keine weißen Mädchenhosen; aber das einzige Gefühl, das er damals
-gehabt hatte, war: »Wenn sie es bloß nicht gemerkt hat, daß ich es
-gesehen habe!«
-
-Jetzt, wo sie mit der selben Bewegung, wie an jenem Maienmorgen,
-ihre Röcke schüttelte, brannte ihn eine nesselnde Vorstellung. Ihm,
-das wußte er, konnte sie nie gehören, und er wünschte ihr alles
-Gute, und dazu gehört für ein Weib ein Mann; aber der Gedanke, daß
-ein Mann einmal so vertraut mit ihr stehen würde, daß er sie in den
-verschwiegensten Hüllen sehen durfte, diese Vorstellung flog ihm wie
-Schwefeldampf in den Hals und klemmte ihm die Lunge zusammen. Doch
-sobald er das Mädchen wieder ansah, wurde ihm leichter zumute, und
-während er sie in das Wohnhaus geleitete, fielen ihm schon wieder ein
-paar Schnurren ein, und lachend kam er mit ihr in das Wohnzimmer.
-
-Sie gingen alle früh zu Bett, und er schlief auch bald ein; aber am
-anderen Morgen sah er so wenig frisch aus, denn er hatte fast die ganze
-Nacht die quersten Sachen geträumt, daß seine Frau ihn fragte, ob er
-nicht wohl wäre.
-
-Da erzählte er ihr von Swaantjes tauber Liebe zu Professor Groenewold,
-und Grete, die den Mann kannte, meinte ernst: »Das ist eine ganz
-dumme Geschichte; nun wollen wir doppelt so lieb zu ihr sein und sie
-möglichst lange hier behalten.« Sie wunderte sich weiter nicht, daß
-ihr Mann nicht mehr sang und pfiff, wenn er malte, und nicht mehr so
-frisch und fröhlich aussah, außer wenn das Mädchen zugegen war, und
-dann dachte sie: »Er nimmt sich ihr Schicksal sehr zu Herzen.« Deshalb
-schickte sie die beiden möglichst oft allein aus und freute sich, wenn
-sie mit blanken Augen und roten Backen zurückkamen, und sie machte sich
-weiter keine Sorgen darüber, daß Helmold, wenn er im Garten bei den
-Blumen beschäftigt war, meist einen trüben Zug um den Mund hatte.
-
-Sie war nicht eifersüchtig veranlagt, hatte viel gelesen und scharf
-beobachtet. Nachdem ihre beiderseitige Liebe nicht mehr so toll
-schäumte, sondern ruhig weiterperlte, hätte sie ihrem Manne eine
-kleine Grenzverletzung nicht weiter nachgetragen, wenigstens wäre ihr
-das lieber gewesen, als wenn er sich mit einer unglücklichen Neigung
-herumgeschleppt hätte. In einer rosenroten Stunde hatte sie einst
-seinen Kopf an die Brust gezogen und ihm gesagt: »Du, ich glaube, den
-meisten Männerchen fällt es sehr schwer, ihren Weiberchen treu zu
-bleiben. Wenn es dir einmal so geht, und du richtest weiter kein Unheil
-an, tu', was du willst, nur wissen möchte ich es nicht.« Da hatte er
-hellauf gelacht und gesagt: »Bist du aber gemein! Damit hast du mir den
-ganzen Ulk verdorben; denn wenn ich tun darf, was ich will, dann ist
-das Beste davon weg.«
-
-In den drei Jahren, da sie beide mit vielen Sorgen kämpften, und er
-noch obendrein in der ihm gar nicht liegenden Stellung als Lehrer an
-der Kunstgewerbeschule reichlich Ärger und Verdruß gehabt hatte, hatten
-sie ein Dienstmädchen gehabt, ein bildhübsches Menschenkind, das ihnen
-mit seinem Lächeln ein wahres Labsal gewesen war. Als sie den Dienst
-verließ, um zu heiraten, seufzte Frau Hagenrieder lang und breit hinter
-ihr her; ihr Mann aber sagte: »Du hast am allerwenigsten Ursache, so zu
-seufzen. Danke Gott, daß sie fort ist; denn wenn sie noch lange hier
-gewesen wäre, wahrhaftig, ich hätte es nicht ausgehalten: ich hätte sie
-in den Arm nehmen und küssen müssen.« Seine Frau hatte ganz trocken
-geantwortet: »Das hätte ich dir weiter gar nicht übel genommen, und ich
-wundere mich bloß, daß du es nicht getan hast; denn du bist doch sonst
-nicht so.« Aber Helmold schüttelte den Kopf: »Erstens war sie verlobt,
-und zweitens mochte ich sie viel zu gern leiden, um sie in Verwirrung
-zu bringen. Aber offen gestanden, einen Kuß hätte ich als Andenken ganz
-gern behalten.«
-
-Von Swaantje bekam er auch keinen Kuß zum Andenken. Früher hatte er
-ihr immer einen gegeben, wenn sie kam oder ging. Dieses Mal war er
-dazu nicht imstande und küßte ihr noch nicht einmal die Hand, als
-sie in ihr Abteil stieg. Am Abend vorher hatte seine Frau nämlich
-etwas gesagt, das ihm wie ein Dachziegel auf den Kopf gefallen war.
-Er hatte sich alle Mühe gegeben, recht lustig zu sein, und wenn ihm
-auch gar nicht so zumute war, so gelang es ihm doch; es wurde ein so
-vergnügter Abend, daß seine Frau seufzend sagte: »Es ist ein Jammer,
-Swaantje, daß du morgen abreisen mußt; wie schön wäre es, wenn du
-immer bei uns bliebest. Helmold kann ganz gut zwei Frauen brauchen,
-und du paßt eigentlich besser zu ihm, als ich. Außerdem habe ich mit
-dem Haushalte und mit den Kindern so viel zu tun, daß ich mich um den
-armen Mann so gut wie gar nicht kümmern kann. Überlege dir das einmal,
-Swaantje! Ich bin dann seine Sonnenfrau, die für den Leib sorgt, und
-du das Mondweiberchen, das seine Seele bescheint.« Das Mädchen hatte
-gelacht und gesagt: »Wenn alle Stränge reißen, werde ich von deiner
-freundlichen Erlaubnis Gebrauch machen!« Als aber Grete lachend fragte:
-»Und du, Helmold, wie denkst da darüber?« da ging er nach der Türe und
-ließ den Hund herein, obgleich der noch gar nicht gekratzt hatte.
-
-In der Nacht aber tat er kein Auge zu und sah am Morgen grün aus. »Sieh
-bloß, Swaantje, wie er sich grämt, daß du uns verläßt!« sagte Grete
-beim Frühstück. Das Mädchen wollte ihn ansehen, aber er sagte, ohne
-aufzusehen, denn er strich sich gerade ein Brötchen: »Ich freue mich
-auf das Wiedersehen; Swaantje will uns ja bald wieder besuchen.« Die
-nickte. »Ja, aber erst, wenn du bei uns gewesen bist. Nicht wahr, du
-kommst recht bald, lieber Helmold?«
-
-Das versprach er ihr; aber ein halbes Jahr verging, bis er sein Wort
-einlöste. Zu seiner Frau, die ihn oft genug quälte, hinzureisen, denn
-er gefiel ihr von Woche zu Woche weniger, sagte er, seine Pläne hielten
-ihn an beiden Händen fest. Das schien auch so; denn er arbeitete wie
-verrückt darauf los, und wenn er kaum über den Anfang bei einem Gemälde
-hinaus war, dann redete er schon von einer anderen Vorstellung, die
-er unter dem Herzen trüge, und seine Frau mußte ihm recht geben, wenn
-er sagte: »Du kennst mich ja! Ich würde doch keine Ruhe haben. Mich
-langweilt vorläufig alles, außer der Arbeit. Das kommt, weil ich mich
-jetzt endlich als Meister fühle. Stoff und Farbe gehorchen auf den
-Pfiff. Zudem fange ich an, berühmt zu werden, und ich muß das Publikum
-schmieden, solange es warm ist. Ich werde fünfundvierzig Jahre alt, und
-diese Jahre sind meine besten. Aber, du hast recht; ich habe zu viel
-getan. Sobald dieses Bild fertig ist, schnüre ich meinen Wanderstab und
-fahre los.«
-
-Doch als er soweit war, bekam er einen Auftrag von dem Prinzen, der
-endlich zu seiner größten Freude das Stapelienbild bekommen hatte,
-das sein Freund ihm früher nicht verkaufen wollte. Als der Prinz ihm
-den Gutschein gab, lachte Helmold und sagte: »Danke! Übrigens neulich
-wollte ich es dir beinahe schenken, lieber Brüne. Leider kann ich mir
-solche Scherze nicht leisten.« Der Prinz, der seine Augen nicht von dem
-Bild losbrechen konnte, meinte: »Geschenkt hätte ich es nicht genommen,
-und wenn ich armes Tier mehr Geld hätte, würde ich dafür bezahlen, was
-es wert ist. Aber warum magst du es eigentlich nicht mehr?« Der Maler
-sah das Bild böse an: »Weiß ich selber nicht; bin die Person leid
-geworden! Liegt mir zu offenbarungseidmäßig da. Sieh dich übrigens mit
-ihr etwas vor; sie hat den bösen Blick.«
-
-Als Gegengift bestellte der Prinz dann ein Gegenstück dazu. Der Maler
-sagte: »Pendants sind eigentlich Blödsinn, aber mir fällt zufällig eins
-ein.« Vier Wochen darauf hatte der Prinz das Bild, und da gerade eine
-alte Muhme ihm eine gehäufte Million und ein Gut hinterlassen hatte,
-gab er Helmold zwanzig statt der vereinbarten zehn Tausendmarkscheine.
-
-Das neue Bild zeigte in der selben Lage, aber als Spiegelbild, und in
-einem ähnlichen, nur in den Einzelheiten anders gehaltenen Rahmen, ein
-Mädchen, dessen Augen alle Süßigkeit, die vom Weibe kommt, ausdrücken.
-Hier war nur der Leib gemalt und einiges an den Lilien und Rosen, die
-den Hintergrund bildeten; die Landschaft als solche aber war aus dem
-Holze herausgespart. Helmold fiel, als er das Bild malte, das ein, was
-er zu Swaantje über das Aussparen des Aktes der Chali gesagt hatte, und
-als er den letzten Pinselstrich tat, sagte er vor sich hin: »Die Liebe
-ist alles; das andere ist nichts.«
-
-Dann trat er vor den Spiegel und sah sich an. Grete hatte recht; er
-sah elend aus und hatte unruhige Augen. Er hatte zu viel gearbeitet,
-hatte gar keine Erholung gehabt als höchstens eine Abendstunde, wenn er
-mit den Kindern spielte. Das taube Herumlaufen hatte er immer gehaßt,
-und die Jagd reizte ihn augenblicklich nicht. Dazu aß er nicht genug,
-schlief vor drei Uhr nicht ein, rauchte viel zu viel, konnte keine
-Flasche Wein mehr vertragen; es war Zeit, daß er Schluß machte.
-
-Der Arzt hatte ihm geraten, eine Kuranstalt aufzusuchen, aber dazu
-hatte er keine Lust. »Geh zu Swaantje!« riet ihm seine Frau, »die
-bügelt dich wieder auf!« Aber das mochte er auch nicht; denn er sagte,
-die Muhme fiele ihm auf die Nerven. Er fuhr in die Alpen, kam aber
-bald zurück: »Die aufgedonnerte Landschaft mit ihrer Eiskonditorei und
-ihrer Fastnachtsstaffage macht mir Nesselfieber!« Er ging an die See
-und war nach acht Tagen wieder da: »Tortenbacken aus Sand, dazu bin ich
-denn doch schon zu ausgewachsen. Und dann das ewige Geschmatze von dem
-Meere! Ehe es sich keine besseren Tischmanieren angewöhnt, lasse ich da
-nicht mehr arbeiten!«
-
-Da schrieb Ohm Ollig, daß es mit Swaantje gar nicht gut stände; sie
-schliefe keine Nacht vor Schmerzen, sähe wie ein Kellertrieb aus
-und mache ihm wirklich Sorgen. »Fahr hin, und muntere sie auf!«
-sagte Frau Grete, und wenn es auch drei Tage dauerte, ehe er so weit
-war, schließlich fuhr er doch los. »Daß du sie mir aber mitbringst,
-Helmold,« rief ihm seine Frau noch nach, als er auf der Treppe war; »es
-ist doch niemals schöner bei uns, als wenn wir drei zusammen sind.«
-
-Er hätte nicht sagen können, was für Fahrtgesellschaft er gehabt hatte;
-er sah auch kaum die Landschaft, die er sonst immer zur Unterhaltung
-mitnahm. Er hörte nur, daß die Wagenräder fortwährend nach einer und
-der selben Weise seiner Frau die Worte nachsangen: »Wir drei, wir drei,
-und wir drei und wir drei,« und als er sich besann, fand er heraus, daß
-es eine Singweise von ihm selber war, die nämliche, die er gefunden
-hatte, als er Swaantje vor der weißen Haide malte, das Lied von Rose
-Marie, zu dem ihm noch folgende Strophe eingefallen war: »Jedwede
-Nacht, jedwede Nacht, hat mir im Traume dein Mund zugelacht; kam dann
-der Tag, kam dann der Tag, wieder alleine ich lag.«
-
-Er wollte etwas anderes denken, aber er konnte die Melodie nicht
-abschütteln, solange er in der Eisenbahn saß. Als er dann in dem
-Jagdwagen nach Swaanhof fuhr, rasselten auch die Räder des Wagens in
-dem Takte des Liedes.
-
-Der Mond aber stand hinter den hohen Pappeln und grinste.
-
-
-
-
-Der Vollmond
-
-
-Von allen Freunden, die Helmold hatte, war der Mond der älteste; ob
-es sein bester war, das erschien ihm freilich fraglich, als er in dem
-großen Himmelbette lag.
-
-Treu und anhänglich war er zwar, aber er hatte die dumme Angewohnheit,
-immer dann zu kommen, wenn es Helmold am wenigsten paßte. Jetzt zum
-Beispiel hätte er gern geschlafen, um die Gedanken loszuwerden, die
-ihn fortwährend bissen; doch es ging nicht. Schon dreimal war er
-aufgestanden und hatte in den Park gesehen, der taghell vom Mondlichte
-war, und immer hatte er sich wieder hingelegt und den Versuch gemacht
-einzuschlafen. Schließlich gab er es auf; er lag mit offenen Augen da.
-Der Rücken tat ihm weh, sein Herz ging bald laut, bald leise, eben war
-ihm die Steppdecke zu schwer, dann wieder zu leicht. Und dann war diese
-aufdringliche Erinnerung da mit ihrem abgegriffenen Bilderbuche.
-
-»Helmke, schläfst du noch nicht?« fragte ihn seine Mutter. Er sah sie
-vor sich mit ihren sanften Augen und vernahm ihre warme Stimme. Und er
-hörte, wie er ihr entgegenquiekte: »Ach, Muttchen, der Mond und ich,
-wir haben eben so prachtvoll zusammen gespielt.« Ja, der Vollmond,
-der war an vielem schuld gewesen, auch daran, daß Harmtien Hilgenberg
-auf einmal zu ihrer Muhme auf das Land mußte. Helmold lächelte.
-Harmtien Hilgenberg! Wenn die Mädchen Wadenmessen spielten, war sie
-immer die Beste gewesen. Als sie dann einmal im Kirschbaum saß mit
-ihren weißen Strümpfen und ihren weißen Hosen, damit fing es an. Und
-dann der Wassergang und der Schloßwall! Ach ja! Schön war es doch
-gewesen, trotzdem es eine Kinderei war! Na, und schließlich kam der
-alte Hilgenberg dahinter, und es gab einen großen Krach. Beinahe wäre
-Helmold von der Lateinschule gejagt, und bei allen Müttern in der Stadt
-galt er als ganz verdorbener Junge. Er lächelte. Dafür galt er bei den
-Töchtern als gefährlicher Mensch, und das schadete ihm wenig.
-
-Er seufzte. Das Bild an der Wand, das Swaantjes Mutter darstellte,
-sah ihn freundlich an. Ob das Mädchen auch wohl wachte? Sie hatte
-den ganzen Tag nicht gut ausgesehen; auch sie litt unter der
-Zudringlichkeit des Mondes. Ob er ihr auch Dinge erzählte, an die
-man sonst nicht denkt? »Kerl,« hatte der Mond oft zu Helmold gesagt,
-»Kerl, weißt du, wie dein Leben sein müßte: ein Gedicht von rot in Rot;
-rote Küsse auf rotem Blut! Die weite Haide, Kerl, ein blitzblanker
-Rappe zwischen den Beinen, den Bogen auf dem Rücken, den Köcher an
-der Seite, und in der Hand das Schwert, das mit dem damaszenischen
-Stichblatt, Kerl! Und dann, Kerl, hinter dir tausend Kerle, so wie du,
-Kerl, die dir alle auf den Pfiff gehorchen, Kerl, und dann der Feind!
-Kerl, nichts sieht doch feiner aus, als rotes Blut auf einer mit Gold
-ausgelegten Klinge! Und dann, Kerl, wenn die Wölfe sich um Männerköpfe
-anknurren, Kerl, und du dich gebadet und umgezogen hast, dann Kerl,
-das Haus am Berge, das weiße, du weißt doch, unter den Eichen, und die
-beiden schönen Frauen, die dir entgegenwinken, Kerl, und dir geben, was
-du haben mußt, laute und leise Küsse, und heiße und kühle, so viel du
-willst. Was hältst du davon, Kerl?«
-
-Helmold warf sich auf die andere Seite. Albernheit! Aber schön wäre es
-doch. Damals, in München, hatte er jeden Tag zweierlei Küsse bekommen,
-laute und leise, heiße und kühle. Wie Swaantje wohl küßte? Sicher
-leise und kühl. Er schüttelte den Kopf und wischte sich die Lippen ab.
-Würde sie ihn wohl küssen mögen, wenn sie wüßte? Die kleine sanfte
-Schneiderin, was war sie weiblich. Miezi hieß sie. Und das dicke
-heftige Tresl! Er wäre verhungert, hätte er die damals nicht gehabt.
-Sie hatte sich ihm aufgedrängt, und er hatte sich ihre heißen Küsse
-und ihre heißen Bockwürste gefallen lassen. Die Akademie hatte ihm
-den ehrenvollen Abschied gegeben, Schneeschüppen brachte nicht sehr
-viel ein, der Vormund schickte ihm kein Geld; eine schöne Patsche war
-es, in der er saß. Keine Wohnung und ein Hunger, ein Hunger! Kalte
-Pellkartoffeln hatte er einmal mit Wonne gegessen, zweiundzwanzig
-Stück, und amerikanisches Schmalz dazu. Wenn er gewollt hätte, konnte
-er damals Selchermeister werden, denn das Tresl hätte ihren Vater
-dazu herumgekriegt. Beinahe war er schon so mürbe, aber da traf ihn
-der Mond im englischen Garten: »Kerl, du wirst doch nicht? Bist wohl
-verrückt, Kerl! Würstemachen? Ja, wenn es in der Haide wäre! Aber hier,
-das hältst du nicht aus auf die Dauer. Komm mit, Kerl, ich will in die
-Haide!«
-
-Helmold trat die Steppdecke von sich, aber dann zog er sie wieder über
-sich und streichelte sie; Swaantje hatte die Spitzenkante gehäkelt.
-Swaantje! Er sprach den Namen leise vor sich hin. »Du hast dich
-eigentlich noch so gut wie gar nicht erholt, lieber Vetter!«, hatte sie
-ihm gesagt; »du mußt hier nicht an deine Bilder denken!« Verächtlich
-verzog er den Mund. Seine Bilder! Die quälten ihn nicht. Ein Dutzend
-hatte er im Kopfe fertig, ein ganzes Dutzend, in diesen vier Wochen,
-seitdem er auf Swaanhof war. Und was für Bilder! Schulze in Firma
-Schulze und Schultze würde sich alle seine zehn klebrigen Finger
-danach lecken. Sechsmal hatte er ihm schon geschrieben und gefragt,
-ob er nicht das nächste Bild haben könnte. Früher war das anders;
-da mußte Helmold im Vorzimmer warten, bis ihm der Magen knurrte, und
-nachher hieß es: »Herr Schulze ist leider abgerufen!« Jetzt konnte er
-Herrn Schulze warten lassen, und der nahm es ihm nicht übel. »Ich habe
-Zeit, verehrter Meister!« grinste er. Und Hennig Hennecke sagte ganz
-ernst: »Malermeister, Herr Schulze, Malermeister!« Und Schulze lächelte
-schlagsahnig: »Ein Witzbold, der Herr Redaktör, ein geistreicher Kopf!«
-
-Ja, daß er und Hennig Freunde wurden, das hatte er auch wieder
-dem Monde zu verdanken. Eigentlich war es zu dumm. Auf der großen
-Frühjahrskitschausstellung hatte die Jury endlich ein Bild von ihm
-angenommen und in die Ecke gehängt, wo das Tageslicht seine blendendste
-Negativität entwickelte. Hennecke hatte sein Verzeichnis dort liegen
-lassen und es abends geholt, und dabei hatte ihm der Vollmond
-Hagenrieders Bild gezeigt. »Die Nebelfrauen« hieß es, aber der Mond
-hatte Leberwürste aus den Elfen gemacht, und Hennecke hatte in seinem
-Berichte also geschrieben. Helmold lachte. Wo er hinkam, hielt man ihm
-die Zeitung unter die Nase. Fuchsteufelswild hatte er Hennecke auf eine
-Postkarte gemalt, wie der abends über eine Moorwiese lief und sich vor
-lauter gespenstigen Leberwürsten ängstigte, die ihre Mostricharme nach
-ihm ausstreckten, und die hatte er ihm geschickt.
-
-Am anderen Tage klingelte es: »Sind Sie Hagenrieder? Ich heiße
-Hennecke! Wo pflegen Sie sich zu betrinken?« Nach einer Stunde waren
-sie ebenso angeheitert wie angefreundet.
-
-Ach ja! Wer so sein könnte, wie dieser Mann! So ruhig, so bäurisch, so
-zielbewußt. Er hatte ihm das einmal gesagt. Hennig hatte gelacht, ein
-Buch aus dem Schranke gelangt, eine Stelle aufgeschlagen und gelesen:
-»Der wird nicht weit kommen, der von Anfang an weiß, wohin er geht.«
-Dann hatte er gesagt: »Also sprach der Korse. Merke es dir, du Dussel,
-und sei froh, daß du nicht diese verflucht übersichtliche Begabung
-hast, wie ich. Konjak oder Schartrös?«
-
-Helmold langte nach der Wasserflasche. In seinem Wohnzimmer hatte er
-Konjak. Aber er wollte nicht trinken; nun gerade nicht. Jedesmal, wenn
-er nicht hatte Maß halten können, war es bei Vollmond gewesen. Auch
-damals, als ihm das Leben auf der Kunstgewerbeschule den Atem nahm. Der
-Direktor, dieser Professor Römer, er meinte es ja gut, als er ihm eine
-Schwungfeder nach der anderen auszog. Und dann kam der bewußte Abend.
-»Nun noch die Schwanzfedern, dann der Professortitel und dann bin ich
-so weit,« hatte Helmold gedacht und sich derartig unter Sekt gesetzt,
-daß er drei Tage schwänzen mußte.
-
-Er lachte, denn das Gesicht des Direktors war zu niedlich gewesen,
-als der ihn gefragt hatte, warum er weggeblieben war, und die Antwort
-bekam: »Ich hatte zu viel Sekt getrunken!« Na ja, und dann gab es
-Krach, und es war Schluß. Grete hatte erst ein langes Gesicht gemacht,
-sich aber bald sehr tapfer benommen. Tüchtiges Mädel! Schade nur, daß
-sie ihn so gar nicht verstand. Oder vielmehr, daß sie zu sehr auf sich
-gestellt war. Da war Swaantje anders. Die lehnte sich mehr an, gab sich
-mehr hin, war weniger Mensch für sich, mehr Weib.
-
-Der Goldrahmen an der Wand blitzte. Im Garten rief das Käuzchen.
-Mehr Weib? Vielleicht schien das nur so. Wenn sie an einem anderen
-Platze stände, würde sie vielleicht weniger weiblich-hülflos wirken;
-körperlich wenigstens, oder vielmehr: leiblich.
-
-Helmold nahm sein Tuch und trocknete sich die Stirne und die Brust.
-Er sah sie neben sich, den Kopf auf seinem Arme, und er nahm sie und
-küßte sie auf die Hände und den Mund und langte nach den Spitzen unter
-ihrem Kinn; aber da war sie verschwunden. Er lachte bitter. So ging es
-ihm immer; Hände und Mund, mehr bekam er von ihr nie, auch in Gedanken
-nicht, und im Traume schon gar nicht. Seine Stirne bezog sich, seine
-Augen stachen nach dem Bilde ihrer Mutter hin. »Wenn ein Mensch einen
-anderen liebt, müßte er es doch merken«, hatte Swaantje neulich gesagt.
-Professor Groenewold merkte es nicht, und Swaantje auch nicht.
-
-»Vielleicht kommt das daher, weil ich sie gar nicht als Weib liebe«,
-dachte er. »Wie aber? Als Bruder, als Vater, als Künstler?« Er seufzte
-tief auf und fuhr sich über die Augen. Das ging nun Nacht für Nacht so;
-die eine Nacht las er, die andere dachte er. Wenn Grete da wäre? Aber
-nein! Liebte er sie noch? Düster sah er in die Falten der Vorhänge. Was
-ist Liebe? Zusammenklang, aber kein Nebeneinanderklang. Ebu Zeidun, du
-hattest recht, zu singen: ›Und wir brachen den Zweig der Liebe, und
-wir rissen seine Blüten herunter.‹ Und Henry Beyle wußte es auch, als
-er seiner Schwester schrieb: ›Wenn wirkliche Liebe in der Ehe besteht,
-so ist sie ein Feuer, das erlischt, und zwar um so schneller erlischt,
-je heller es gelodert hat. Die Natur läßt die Nerven nicht lange in
-derselben Spannung, und jeder häufig wiederholte Eindruck wird geringer
-und weniger fühlbar.‹ Als er jene Stelle zum ersten Male las, vor
-sieben Jahren, hatte er an ihrer Wahrheit gezweifelt; aber es stimmte
-schon.
-
-Eine Mücke summte über ihn hin. »Wir drei, wir drei, wir drei«, summte
-sie. Ganz deutlich war das zu hören. Eine Totenuhr klopfte: »Wir drei,
-wir drei, wir drei«, klopfte sie. Die Turmuhr schlug: »Wir drei, wir
-drei, wir drei«, schlug sie. Wieder rief das Käuzchen: »Wir drei,
-wir drei, wir drei«, rief es. Die Wildenten schnatterten auf dem
-Burggraben: »Wir drei, wir drei, wir drei«, schnatterten sie. Grete
-oder Swaantje? Grete und Swaantje! Rot und grün! Laut und leise! Licht
-und Schatten! Heiß und kühl! Komplemente! Das eine ohne das andere
-nicht zu denken. Ergänzungen! Hälften! Nein, Drittel, erst ganz, wenn
-es hieß: Gretehelmoldswaantje! Swaantjehelmoldgrete! »Wir drei, wir
-drei, wir drei!«, klopfte sein Puls, schlug sein Herz, hauchte sein
-Atem.
-
-Vor seinen Augen jagten sich seine Bilder und sangen ihm die Lieder,
-die er noch nicht kannte. Hier Wode, da Christus, der eine schwarz,
-der andere weiß, und dazwischen als Mittelbild des Triptychons die
-Hinrichtung der Sachsen, rot in Rot. Christus und Wode sahen sich über
-das Bild an; Christus lächelte verlegen, Wode überlegen. Und das Bild
-sang: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund!«
-
-Er sang die Weise vor sich hin. Weg war sie, und eine andere kam
-angesummt, leise, wie eine Mücke. »Sie sangen ihm von Avalun, gelb
-war sein Haar«, klang es. Und da war das Bild: schneeweiße Sandhügel
-mit kohlschwarzen Schatten, die Sahara; davor tote Männer, Kabylen,
-lang, mit edlen Gesichtern; der eine mit rotem Bart und blauen Augen,
-der andere schwarz, Beni Benjamin, der Doktor. Und daneben mit
-Zuhältergesichtern, grinsend, wie Mandrills, französische Offiziere,
-Dirnen am Arm. Und dann Swaantje vor weißer Haide, und die Haide sang:
-»Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie«. Und
-noch ein Bild, furchtbar: Mönche vor einem Holzstoße, der brannte, und
-in den Flammen Frigges, der Süßen süßes Gesicht. Und eine weinende
-Stimme sang: »Dann blühen alle Blumen rot, so rot, so rosenrot.«
-
-Frigge verschwand; Chali sah ihn an, doch sie hatte Gretes Augen,
-traurige Augen! Aber nein, Swaantjes Augen waren es, bitterböse Augen.
-Am Morgen war ihnen in der Stadt eine junge Frau begegnet; böse hatte
-sie nach Swaantje hingesehen, und deren Augen wurden zu Eis. »Kennst
-du die?« Swaantje nickte. »Du haßt sie?« Sie zuckte die Achseln. »Ich
-glaube.« »Weshalb?« fragte er weiter. Sie hob abermals die Schultern.
-»Ich weiß es nicht; ich glaube, sie haßt mich; das fühlt man.
-Gesprochen habe ich nie mit ihr.«
-
-Liebe und Haß, was ist das? Die Buddhisten glauben, daß mit dem Tode
-die Seele zerreißt, und daß dann die Stücke neue Verbindungen eingehen,
-glückliche und unglückliche; daher kommt alle Wonne in die Welt und
-alles Weh, alle Liebe, aller Haß, jede Guttat, jede Bluttat. Ein
-schöner Gedanke und ein schrecklicher! Swaantje, gib mir das Stück
-meiner Seele, das du bekamst, als du geboren wurdest, und wenn du das
-nicht kannst, gib dich mir ganz! Kannst du das? Am Ende bist du zum
-Teil Mann! Unsinn! Aber nein: denn wenn eine Frau nicht etwas Mann
-wäre, wie könnte sie dann Knaben gebären, und wenn ein Mann nicht etwas
-vom weiblichen Wesen in sich hätte, wie wäre es ihm wohl möglich,
-ein Mädchen zu zeugen? Es gibt keine Grenzen zwischen den Dingen;
-sie werden gemacht! Es gibt keine Arten und Gattungen bei Pflanzen
-und Tieren; wir denken das System in die Natur hinein! Eine dumme
-Eselsbrücke ist das für uns einsichtsloses Pack. Man kann Umrisse
-malen, aber wo sind sie in der Natur? Auch die Moral, auch die Gesetze,
-sie sind künstliche Konturen. Wer sich in sie hineinbegeben kann, wohl
-ihm; jeder kann es nicht.
-
-Der Mond, der hinter den hohen Pappeln herschielte, schüttelte
-mitleidig den Kopf, als er alles das mit ansehen mußte, was sein Freund
-sich dachte. Er tippte ihm auf die Schulter und flüsterte ihm zu:
-»Kerl, komm, wollen uns was erzählen! Kannst ja doch nicht schlafen.«
-Listig grinsend setzte er hinzu: »Sie schläft auch nicht.« »Was geht
-dich das an, alter Esel?« schnauzte der Maler, aber dann lachte er,
-stand auf, holte sich seine Zigarettendose und setzte sich in den einen
-Sessel, der in der tiefen Fensternische stand, und der Mond plumpste in
-den anderen.
-
-»Berühmt siehst du nicht aus, Kerl,« sagte der Mond; »regst dich viel
-zu sehr auf. Mußt es machen wie ich, immer kühl bleiben, das setzt
-an.« Dabei klopfte er sich auf die strammsitzende Weste. »Halt die
-Schnauze, du dämlicher Affe,« fuhr ihn sein Freund an, aber dann fragte
-er: »Schläft sie wirklich nicht?« Doch der Mond war beleidigt; er
-antwortete nicht, und als Helmold ihm eine Zigarette anbot, dankte er;
-er sei nur Russen gewohnt und möge keine Herzogowinas.
-
-Helmold grinste heimtückisch und dachte: »Warte nur, alter
-Kartoffelkopp, ich kriege dich schon! Ich packe dich bei deiner
-Künstlereitelkeit; darauf fällt unsereins ja immer hinein.« Er blies
-den Rauch der Zigarette so, daß er dem anderen in die Stubbsnase zog;
-der atmete ihn verstohlen ein und schielte heimlich nach der Dose aus
-Tulasilber, die aufgeklappt auf dem Fensterbörde lag.
-
-Der Maler sah in den Park, wiegte wohlgefällig den Kopf, nickte,
-sah den Mond an und sagte: »Kerl, so gut ist dir noch kein Gedicht
-gelungen, wie dieses da; allerhand Hochachtung!« Er zeigte nach dem
-Schloßgraben: »Köstlich, dieser trefflich gelungene Vergleich des
-Wassers mit einer silbernen Brücke, einfach köstlich!« Er steckte sich
-eine neue Zigarette an: »Du bist sonst sparsam mit Ausrufungszeichen,
-Kerl; aber wie du da mit der Pappel die hochpathetische Stelle zu
-betonen wußtest, das ist einfach Goethe!«
-
-Er nickte und ließ seine Augen über den Park gehen: »Und wie famos,
-daß du hier und da nicht das Letzte sagst, sondern dem denkenden Leser
-Gelegenheit gibst, weiterzudichten, so dort bei der Epheustrophe;
-erst alles ganz bestimmt und klar, und dann diese geheimnisvolle,
-vielsagende, andeutende Dunkelheit.«
-
-Dann setzte er hinzu: »Nur eine Kleinigkeit, Kerl, die stört mich. Der
-an und für sich ganz prächtige Vergleich des witzigen Baumschattens auf
-der Wand des Flügelgebäudes mit einem Wegweiser könnte fehlen; er ist
-überflüssig, und das Überflüssige ist immer unkünstlerisch, ist das
-Unkünstlerischste. Du kannst ja diese Stelle auch leicht streichen.«
-
-Der Mond, der anscheinend gleichgültig, aber innerlich sehr
-gestreichelt das Lob hingenommen hatte, lächelte spitzbübisch. Er faßte
-erst in die eine, dann in die andere Tasche, machte ein ärgerliches
-Gesicht und griff dann nach der Zigarettendose, indem er sagte: »Du
-erlaubst? ich habe meine im Überzieher stecken lassen!« Er zündete sich
-eine Zigarette an, ließ den Rauch aus den Lippen in die Nase steigen,
-atmete ihn ein, ließ ihn in zwei Ketten winziger Kringel aus den
-Mundwinkeln quellen, lächelte seinen Freund schelmisch an und sprach:
-»Meinst du, daß der Vergleich so überflüssig ist? Du glaubst, ich hätte
-ein einfaches Stimmungsgedicht geschrieben. Nimm einmal deine zwei
-bis drei Sinne zusammen und lies es mit Verstand, so wirst du finden,
-daß es ein zweites Gesicht hat. Weißt du, was es ist, Kerl?« Er sang
-halblaut: »Ein Lied der Liebe, ein Sang der Sehnsucht, ein Gebet an die
-guteste aller Göttinnen, an Frigge, die fröhliche Frau.«
-
-Helmold zog die Augenbrauen hoch: »Das ist mir zu hoch, Kerl; das mußt
-du mir verklaren!« Der Mond grinste: »Also du hast den Vergleich mit
-einem Handweiser glücklich begriffen?« Der andere nickte. »Handweiser
-pflegen zu weisen.« Wieder nickte Helmold. »Na also!« lachte der
-andere, und als der Freund ihn dumm ansah, plinkte er ihm zu, und da
-schlug der Maler sich vor die Stirn, denn der blaue Schatten auf der
-weißen Wand zeigte nach dem Erker hin, hinter dem Swaantje schlief.
-
-Bittend sah er den Freund an: »Du hast sie gesehen?« Der andere nickte
-listig lächelnd. »Bitte, lieber Dicker, erzähle, erzähle; was tut
-sie? schläft sie? Und wie geht es ihr? Geht es ihr gut, oder hat sie
-wieder ihre Schmerzen? Ach, Kerl, du weißt doch! Los, erzähle! Ich tu
-auch alles, was du willst. Soll ich dich in Öl malen oder in Pastell?
-Halbakt oder ganz? Kniestück oder stehend? Voll oder halbvoll?«
-
-Der Mond nahm sich eine neue Zigarette, zündete sie an dem Stümpfchen
-der ausgerauchten an, blies den Rauch von sich, sah den Maler ernst
-an und begann: »Sie ist jetzt eingeschlafen, jetzt eben. Sie hatte
-Schmerzen, aber nicht sehr schlimme. Sie sah sehr schön aus. Ich
-habe sie gesehen, als sie sich umzog. Na, du weißt, ich sehe nicht
-mit Menschenblicken«, setzte er schnell hinzu, denn Helmolds Augen
-bewölkten sich. »Sie zieht sich niemals bei Licht aus; sie ist vor sich
-selber keusch.«
-
-Er blies einen dicken Ring in den Park. »Sieh mal, Kerl, ich kenne alle
-Frauen, die da waren, und sämtliche, die da sind. Ich sah noch wenige,
-die diesem Mädchen glichen. Bis vor zwei Jahren war noch kein Gedanke
-an einen Mann auf ihren Lippen zu sehen, ihre Brüste lebten still für
-sich hin, ihre Lenden schliefen, und ihr Schoß wußte nichts von sich
-selber. Das ist jetzt manchmal anders.«
-
-Er runzelte die Stirn: »Ein sonderbares Menschenkind! Sonst weiß ich
-stets, an wen eine denkt, hier nicht. Zu flüchtig ist die Schrift,
-kaum zu lesen. Anfangs glaubte ich, so solle es heißen, aber dann sah
-ich, daß ich mich geirrt hatte. Außerdem, was sie denkt, es ist so
-wenig bewußt, daß schwer dahinter zu kommen ist, sehr schwer. Wenn
-ein unberührtes Weib eines Mannes liebend gedenkt, wird sie seiner
-gleichzeitig als Mutter, Schwester und Braut gedenken. Darum, lieber
-Helmold, du weißt, wir haben uns Aufrichtigkeit gelobt: sie denkt an
-dich.«
-
-Der Maler sprang auf: »An mich?« Der andere drückte ihn in den Sessel
-zurück. »Ja, aber in welcher Weise, das, mein Lieber, weiß ich nicht.«
-Helmold keuchte: »Und der andere? Wie ist es damit?« Der Mond wiegte
-den Kopf hin und her: »An den denkt sie auch noch, aber in verblaßter
-Weise; an dich denkt sie mehr. Sie trägt Sorge um dich; sie denkt
-immer an dich. Ob aber nicht nur als Schwester, oder in der Art, wie
-eine Mutter ihres Kindes gedenkt, das kann ich dir wahrhaftig nicht
-sagen. Ich weiß nur das eine: ich bin heilsfroh, daß ich kein Mensch
-bin, denn sonst müßten wir uns auf krumme Säbel schlagen. Sie ist ohne
-Fehl trotz ihrer Fehler. Deren hat sie mehrere an Leib und Geist.
-Du weißt ja: ihre zu kleinen Hände, ihre allzugroße Nachgiebigkeit,
-und die zu stark entwickelte Willensschwäche, und dieser gänzliche
-Mangel an Selbstsucht. Und dann dieses allzu bewußte Vertiefen in
-Philosophie, Geschichte, Kultur, Dichtkunst und andere Allotria. Das
-ist mir zu unweiblich. Die Mitgift von Mannestum, die jedes Weib hat,
-braucht sie für ihre Bildung, statt für ihr Leben. Sie ist ein Stück
-Künstler, leider! Künstlertum verträgt sich nicht mit Vollweiblichkeit;
-das Erzeugen ist euer Vorrecht. Frauen haben etwas anderes zu tun,
-vielleicht besseres. Denn, wie du weißt: Kunst, was ist das? Ein
-Notbehelf für das Leben.«
-
-Er seufzte: »Keiner weiß das so gut wie ich. Alle meine Werke und
-meinen ganzen Ruhm, ich gäbe das sofort hin für ein Stück gelebtes
-Leben.« Er stand auf: »Und nun, Kerl, es wird Zeit; ich muß fort. Und
-dir fallen ja die Augen zu. Bis morgen!«
-
-Helmold stand müde auf. Er warf seine Zigarette in den Garten; wie eine
-Sternschnuppe fiel sie im Bogen in das Buschwerk. Vier Jahre waren es
-her, daß er mit Swaantje den sterbenden Sternen zusah. Sie hatte ihn
-gefragt: »Was hast du dir gewünscht, lieber Helmold?« Er hatte sie
-angelacht: »Ich wünsche nie etwas; ich will etwas. Aber was hast du dir
-gewünscht?« Sie lächelte: »Nichts; ich dachte erst daran, als es zu
-spät war.«
-
-Ja, so war sie, wunschlos und unbegehrt. Und wenn er nur wüßte, ob
-er selber sie begehrte! Er hatte vergessen, den Mond danach zu
-fragen. Seine Seele begehrte ihre Seele. Das andere? Er prallte vor
-dem Gedanken zurück. Seine Lippen flatterten nach ihrer Stirne, seine
-Finger dachten an ihre Hände; aber scheu gingen sie an ihren Schultern
-vorbei und mieden ihre Hüften gänzlich. Wie oft hatte er sie nicht im
-Ballkleide gesehen! Niemals war sein Blut wärmer geworden, und sie war
-doch so schön an Hals und Schultern, und ihre Arme waren herrlich.
-Aber nie hatte sich die gemeine Habsucht neben ihn gestellt und mit
-dem Kopfe nach ihr gewinkt. Sogar damals nicht in jener schlaflosen
-Nacht, einer Nacht, voll von Rosenduft und Nachtigallenschlag, als er
-in den Büchersaal ging, um sich den Angelus Silesius zu suchen, und sie
-plötzlich vor ihm stand, im Nachtkleide, das Licht in der Hand, und der
-Schatten der Palmblätter mit unverschämten Fingern über ihre Schultern
-nach ihren Brüsten wies, die aus den Spitzen hervorsahen, die sie mit
-der linken Hand schnell zusammenraffte, als ihr Vetter ihr plötzlich
-gegenüberstand. Nur Schreck war es gewesen, was sie damals in seinen
-Augen hätte lesen können, und vielleicht eine reine Freude an ihrer
-Schönheit. Möglichenfalls hatte auf dem tiefsten Grunde seiner Seele
-ein zaghafter Wunsch schüchterne Worte gestammelt; doch sie waren von
-dem Willen überhört worden.
-
-Nur wenn sie das weiche, lose Kleid aus weißer Wolle trug, hatten seine
-Arme zärtliche Gedanken gehabt, denn so verlockend fraulich sah sie
-darin aus. Einmal, als sie in rosenrot und weißgestreiftem, locker
-gerafftem Kleide vor ihm her durch die blühende Wiese schritt, hatten
-seine aktgeschulten Augen sich auf die Melodie ihres Leibes zu besinnen
-versucht; bis zu dem Texte hatten sie sich aber nicht hingetraut.
-
-Die Schleiereule flog an dem Fenster vorbei; die Turmuhr schlug
-fünfmal; da legte er sich nieder. Aber noch zwei Viertelstunden mußte
-er sich von seinen Gedanken stechen lassen, ehe sie fortflogen.
-
-Die Amsel sang schon seit Stunden, da tat sich die Tür leise auf, und
-Swaantje kam im Nachtkleid herein; unter dem weißen Gewande schoben
-sich ihre nackten Füße verstohlen über den Teppich. Sie hielt mit der
-einen Hand die Spitzen über ihrer Brust zusammen, die andere hatte
-sie vor den Augen liegen, so daß das Morgensonnenlicht warm auf ihrem
-gebogenen Arme spielte. Sie riegelte hinter sich die Tür ab, beugte ihr
-Gesicht über ihn und ließ ihre Lippen seinem Munde entgegenschweben;
-mit einem stummen Jauchzer legte er seinen Arm um Adda.
-
-Denn Swaantje hatte sich verwandelt; Adda küßte ihn, Adda mußte er
-liebkosen, Adda, die ihm nicht mehr war, als ein hübscher, kluger,
-kaltherziger Mensch, der zufällig ein Weib war, mit dem kein einziger
-seiner geheimen Gedanken sich je beschäftigt hatte. Wehrlos mußte er
-sich der ungeliebten Frau hingeben, machtlos war er in ihren Armen,
-ohne Widerstand duldete er ihre langweilige Leidenschaft.
-
-Mit einem Seufzer, aus Lust und Ekel gemischt, fuhr er in die Höhe, sah
-wirr um sich, sprang aus dem Bette, warf sein Nachtgewand von sich und
-stieg in das Bad. Erst als er fertig angezogen vor dem Spiegel stand,
-gelang es ihm, den Zug von Pein fortzuwischen, der um seinen Mund lag.
-
-Aber als er genauer zusah, erblickte er hinter seinem Spiegelbilde
-einen anderen Mann, von den Füßen bis zum Kopfe in Eisen gehüllt, der
-ihn aus der Visierspalte mit herrischen Augen ansah, und als er sich
-die Augen näher anschaute, erkannte er, daß es seine eigenen waren, und
-er wunderte sich darüber.
-
-Doch da war das zweite Spiegelbild auch schon verschwunden.
-»Nervenüberreizung«, dachte er und ging in das gelbe Zimmer.
-
-
-
-
-Der eiserne Ritter
-
-
-Die Sonne spielte mit den Stäubchen Kriegen, als er durch das
-Treppenhaus ging; sie fiel durch die grünen und roten Fensterrauten
-und warf bunte Streifen durch den Raum, die als seltsame Flecke an den
-Wänden hängen blieben.
-
-Helmold ging auf dem Läufer; deshalb wunderte er sich, daß seine
-Schritte klirrten, als habe er Reitstiefel an. Er drehte sich um, denn
-er dachte, der Reitknecht sei hinter ihm; aber als er den Kopf wandte
-und sein Blick in den Pfeilerspiegel fiel, sah er den eisernen Ritter
-darin stehen und zu ihm herübernicken. »Kaltwasserheilanstalt!«, dachte
-er.
-
-Swaantje stand am Fenster, als er in das Frühstückszimmer trat; sie
-hatte das gefährliche Kleid an. Als sie ihn anlächelte und ihm die
-Hand bot, wurde ihm weh um das Herz, und ein bitterer Geschmack war
-in seinem Munde. Er dankte stumm, als sie ihm in ihrer lautlosen Art
-die Brotschnitten zurechtmachte und hinreichte, ihm den Tee eingoß
-und freundlich sagte: »Nun iß, lieber Helmold, und erzähle mir, was
-dir geträumt hat!« Er sah sie so entsetzt an, daß sie erst auflachen
-wollte, aber dann neigte sie sich über den Tisch, griff seine Hand
-und fragte: »Was hast du für einen traurigen Mund? Wieder schlecht
-geschlafen? Du sollst hier nicht an deine Bilder denken; das hast du
-mir doch versprochen.«
-
-Ihr Vater und seine Schwester kamen; erleichtert atmete Helmold auf.
-Der alte Herr sah die Post durch. Er machte ein böses Gesicht, und
-Frau Gese fragte ihn besorgt: »Sind die Kurse wieder gefallen, liebster
-Ollig? Ich habe es mir gleich gedacht, denn wir haben nun einmal kein
-rechtes Glück; mein Los hat auch wieder eine Niete gehabt. Und denke
-dir, Pinke hat sagen lassen, mehr als acht Pfennige gäbe er für die
-Eier nicht mehr! Das ist doch wirklich stark. Swaantien, hast du schon
-gefragt, wie viele heute da sind?« Das Mädchen nickte. »Und ob das
-weiße Perlhuhn noch immer nicht da ist?« Das Mädchen antwortete durch
-ein Kopfschütteln. »Vergiß ja nicht, Fenna zu sagen, daß sie nicht
-wieder von der besten Butter für die Leuteküche nimmt, und Janna soll
-keine Zeitungen mehr zum Feueranmachen nehmen, sondern Reisig. Das
-Mädchen bringt mich noch um mit ihrer Verschwendungssucht!«
-
-Sie wandte sich an Helmold: »Ich werde nach Adda schicken; die kann
-heute nachmittag mit euch gehen, wenn ihr nach dem alten Heidengrabe
-wollt. Denn so sagtest du doch gestern, lieber Helmold?« Er wollte
-schon sagen: »Sehr angenehm!«, aber da sah er in dem Pfeilerspiegel den
-Mann im Harnisch stehen und verächtlich lachend den Kopf schütteln, und
-so antwortete er: »Ich verzichte; ist für Adda kein Genuß und für uns
-erst recht nicht!«
-
-Die Tante seufzte: »Sie tut es ja nur eurethalben.« Helmold sah
-erstaunt auf: »Unserthalben? Uns liegt gar nichts daran daß sie neben
-uns hertappelt und andauernd über die Gefahr stöhnt, der sie ihren
-Teint aussetzt.« Die alte Dame machte ihre kummervollsten Augen: »Aber,
-lieber Helmold, allein solltet ihr beiden nicht so viel ausgehen. Frau
-Bergedorf machte neulich schon eine Bemerkung darüber!« Der eiserne
-Ritter nickte; seine Augen funkelten höhnisch durch die Visierspalte.
-»Bist du der selben Ansicht, liebe Muhme,« antwortete Helmold höflich,
-»so füge ich mich durch Abreisen. Was die Gaffelzange vom Duttenhofe
-sagt, ist mir gleich. Übrigens hat sie recht, übel von ihren
-Mitmenschen zu denken; ihr Vorleben ist ja auch danach.«
-
-Er sah in den Spiegel; der gepanzerte Mann nickte beifällig. Die Muhme
-sank hinter der Kaffeemütze zusammen. Helmold warf leicht hin: »Na,
-sie kann sich beruhigen, in zwei, höchstens drei Tagen muß ich fort;
-ich habe ein Dutzend Bilder im Leibe. Aber heute und morgen will ich
-Swaantje noch für mich haben. Also verschone mich mit Adda, bitte!
-Kommst du mit in den Park, Swaantje?« Das Mädchen nickte und stand auf.
-
-Im Hausflur schüttelte er sich wie ein nasser Hund und lachte:
-»Muhme Geses Piepmatz ist bald schlachtereif; kommt sie mir noch
-einmal so dumm, dann male ich sie als Göttin der alles aufweichenden
-Philisterhaftigkeit und die Bergedorfen daneben als die der
-kleinstädtischen Niedertracht, aber beide als Ganzakte, die eine als
-Braten, die andere als Knochenbeilage. Und darunter schreibe ich: Hätt'
-Eva so oder so ausgesehn, brauchte Adam nicht aus Eden zu gehn!«
-
-Das Mädchen lächelte, aber dann flehte sie: »Bitte, Helmold, die Tante
-ist so gut; und sie hat dich so gern. Gestern sagte sie es noch.«
-Er knurrte: »Ich verzichte auf eine Liebe, die mir nicht bekommt;
-Schwindel ist das. Bitte, laß mich ausreden! Deine Muhme, ich habe
-dir das schon einmal in scherzhafter Weise gesagt, ist ein Ungetüm,
-das inkognito reist, ein menschenfressendes, kannibalisches Geschöpf.
-Gestern hat sie in einer Stunde achtzehn geschlagene Male gesagt:
-›Swaantien, hast du dies getan? Swaantien, hast du auch daran gedacht?‹
-Hätte sie es noch einmal getan, so hätte ich gesagt, die Krebssuppe
-wäre nicht geraten oder sonst etwas bodenlos Ruchloses.«
-
-Er zischte durch die Zähne: »Vierundzwanzig Jahre bist du alt,
-und sie behandelt dich, als ob du vierzehn wärest. Jede Spur von
-Selbständigkeit nöhlt sie dir fort. Sie hat es durchgesetzt, daß du
-nicht nach Rom kamest; sie hat es vereitelt, daß du Krankenschwester
-wurdest; sie hat dich glücklich so weit gebracht, daß du eine Art von
-besserer Großmagd geworden bist. Du mußt stundenlang dabeistehen, wenn
-die Renekloden oder irgendein sonstiges besseres Baumgemüse abgenommen
-wird, damit die Mägde ja keine essen! Keine Stunde am Tage hast du für
-dich. Der Deuwel soll darein schlagen!«
-
-Er faßte sie an der Hand und zog sie in die Ebereschenlaube, die ganz
-rot von den reifen Beeren war. »Sieh mal, liebes Kind, ich habe mich
-allein durchgerungen; ich habe mir ein Wissen angeeignet, das sich
-sehen lassen kann; ich habe vier Erdteile bereist, habe gehungert und
-verschwendet, beides reichlich; habe geliebt und gehaßt, und nicht zu
-knapp; habe mit Fürsten und Verbrechern an einem Tische gesessen; habe
-die ganze Weltgeschichte in mich aufgenommen; alle philosophischen
-Systeme durchgekaut; zu vielen Göttern gebetet und vielen entsagt;
-mehr Wonne und Weh erlebt, als tausend Menschen, und deine Muhme
-sieht von der Höhe ihres Unternivos auf mich herab, wie die Katze
-auf dem Dach auf den Löwen; denn: Renekloden einmachen, das kann ich
-freilich nicht so wie sie, und mir geht jedes tiefere Verständnis für
-die metaphysische Bedeutung der Muskatnuß bei der Zubereitung des
-Blumenkohls ab.«
-
-Er holte eine Zigarre heraus. »Du erlaubst, Liebe? mit Dampf geht es
-besser. Du hast wegen deiner Neuralgie zehn Ärzte gefragt und zwanzig
-Kuren gebraucht. Ich werde dir etwas sagen: ich schlage Muhme Gese
-tot, wir beerdigen sie mit Musik, lassen die vorschriftsmäßigen drei
-Zähren auf ihr Grab tröpfeln, und ich wette: in vier Wochen bist du
-nicht mehr Swaantien, die arme, verwaiste, hülflos betantete Nichte,
-sondern Swaantje Swantenius, meine schöne, kluge und stolze Base. Bei
-der Sonnenrune und dem heiligen Kreis, meine Geduld hat ein Ende! Ich
-bin ja nur ein Schwippvetter, der hier nichts zu sagen hat, aber ich
-werde, bevor ich abreise, einen solchen Höllenlärm schlagen, daß Muhme
-Gesina drei Tage lang von Angst und Baldriantee lebt und alle ihre
-Kommodenschiebladen nach Herzkrämpfen durchkramt. Und wenn sie mir
-nicht bei den Manen ihres Mopses verspricht, dich auf zwei Jahre aus
-dem Stalle zu lassen, dann erzähle ich es überall, ich hätte abreisen
-müssen, weil Frau Gesina Stieghölter geborene Swanteniussen mir
-andauernd schmutzige Anträge gemacht hätte.«
-
-Swaantje mußte nun doch lachen; ihr Vetter aber fuhr fort, indem er
-dabei wütend paffte: »Der Mensch hat an erster Stelle Pflichten gegen
-sich selber. Deine Pflicht ist, aus dir das zu machen, wozu dich
-das Schicksal bestimmt hat, aber dich nicht selber im Grundrisse zu
-verzeichnen und in der Fassade zu verkorksen. Du mußt heraus aus deiner
-Watteverpackung, mußt etwas erleben, Gutes und Schlimmes, aber nicht
-dasitzen, bis du jenseits von Gut und Böse bist, dein Herz an einen
-Mops hängst und drei Stunden darüber redest, daß der Gerichtsrat Meyer
-seinen Lehnstuhl neu hat überziehen lassen. Ich mache mir aus deiner
-Bibel nicht viel; sie liegt mir nicht, aber es steht doch manches
-vernünftige Wort darin, so von dem Pfunde Sterling, mit dem man wuchern
-soll. Glaubst du denn, ich weiß nicht, wie dir zumute ist? Nun bin ich
-bald vier Wochen hier, und in der ganzen Zeit habe ich keine Nacht mehr
-als drei Stunden geschlafen, und manche gar nicht. Heute war es halb
-sechse, als ich einschlief! Du meinst, weil ich an meine Bilder denke?
-Ich pfeife darauf! An dich habe ich gedacht, um dich mir Sorge gemacht;
-denn ich kann es nicht ansehen, wie die Frau dich auf kaltem Wege
-hinrichtet, und das tut sie. Aber ich kenne dich und weiß, bei dir hat
-alles Reden keinen Zweck, weil du verbrecherisch selbstlos bist. Und
-das macht mich so mutlos.«
-
-Beim Mittagessen war er von blendender Kälte, denn der eiserne Mann
-sah ihn fortwährend aus dem Spiegel an. Deshalb versalzte er der Muhme
-die Suppe mit gleißenden Widersprüchen, verpfefferte ihr den Braten
-mit funkelnden Vergleichen und übersüßte ihr den Schokoladenpudding
-mit irrlichternden Witzen, bewies ihr auf das höflichste, daß sie eine
-Gans in Großfolio sei, und überzeugte sie auf das verbindlichste, daß
-sie am besten täte, nichts zu sagen. So aß sie denn kaum so viel, wie
-die drei anderen zusammen, und war selig, sah Helmold sie einmal nicht
-spöttisch an. Auch sagte sie nichts, als er nachher in weißer Bluse,
-Kniehosen und langen Strümpfen, die Jacke auf dem Arme, herunterkam,
-und sie seufzte noch nicht einmal, als er auf ihre Frage: »Wollt ihr
-denn kein Butterbrot mitnehmen?« antwortete: »Im Gegenteil; einmal ist
-das kleinbürgerlich, und dann wollen die Wirte auch leben.«
-
-Es war ein Tag in Blau und Gold. Der Himmel war hoch, die Sonne lachte
-über das ganze Gesicht, die Feuerbohnen, Sonnenblumen und Georginen
-hinter den Zäunen freuten sich ihres Lebens. Und Helmold auch. Er
-hatte den unbarmherzigen Zug um die Lippen verloren, und hinter dem
-frohen Leuchten seiner Augen schimmerte eine geheime Zärtlichkeit,
-wenn er Swaantje ansah, die ihr rosenrotes Kleid, ihr Morgenrotkleid,
-wie er sagte, anhatte, und den weißen, weichen, mit einem rosenroten
-Bande umwundenen Hut. Tausende von goldenen Gedanken blitzten vor ihm
-über den Weg hin, und nur ab und zu summte ein schwarzer oder brauner
-dazwischen herum. Hinter ihm her aber schritt der eiserne Ritter; das
-Klirren seiner Sporen klang gut zu Swaantjes hellem Lachen, mit dem sie
-Helmold für sein fröhliches Geplauder dankte.
-
-Zwei Bauermädchen kamen ihnen entgegen und boten ihnen die Tageszeit.
-Sie streiften ihn trotz seiner auffallenden Kleidung kaum mit
-den Augen, sahen Swaantje aber voll andächtiger Bewunderung an.
-»Merkwürdig!« dachte er; »alle Frauen sehen sie an, und jeder Mann
-blickt an ihr vorbei! Woher das wohl kommt? Sie ist ihnen zu geistig,
-zu hoch, zu unnahbar; ein goldenes Gitter von Reinheit ist vor ihr.«
-
-Der Fußweg unter den Hängebirken war so schmal, daß Helmold hinter
-ihr gehen mußte. Ein Fest war das für seine Augen, wie sie vor ihm
-herschritt, umflossen von dem leichten Kleide, dessen lose Formen ihren
-hochadeligen Wuchs geflissentlich hervorhoben. Der Ritter flüsterte ihm
-über die Schulter zu: »Sie ist die Schönste, die Allerschönste: wer
-sie lieben darf, den kann kein Himmel mehr lohnen und keine Hölle mehr
-schrecken.« Aber Helmold zuckte die Achseln.
-
-Eine Viertelstunde hatten seine Blicke nun schon die Locken ihres
-Nackens geküßt, ohne daß ihre Wangen roter wurden, ohne daß sie sich
-umwendete, und er wußte es: jedes Weib, dem er in den Nacken blickte,
-drehte sich nach ihm um. Er sah sich nach dem Ritter um; der lächelte
-und flüsterte: »Das Windröschen blüht in einer Stunde auf; die Rose
-braucht mehr Zeit dazu.«
-
-Aus den Zweigen der Birken lispelte die Hoffnung Helmold
-verheißungsvolle Worte zu; aber da flog ihm ein dicker, schwarzer
-Gedanke mitten in das Gesicht; er dachte an den Mann, den Swaantje
-liebte. Doch dann wiegten sich seine Blicke wieder in den Falten ihres
-Kleides, das über dem grauen Fußsteige schwebte wie Morgenröte über
-einem Flusse.
-
-Als sie vor dem Donnerkruge waren, setzte er die hohlen Hände vor den
-Mund und schrie wie ein Haupthirsch vom zwölften Kopfe. Die hübsche
-Wirtin schoß aus der Tür heraus, lachte, gab ihm die Hand und rief:
-»Nein, haben Sie sich aber nüdlich gemacht, Herr Hagenrieder!« und dann
-war sie fertig mit ihm und machte zu Swaantje die selben andächtigen
-Augen wie vorhin die beiden Bauermädchen.
-
-Sie deckte unter der Linde. Als sie den Kaffee herbeitrug, stellte sie
-in einen alten Krug, auf dem ein springendes Pferd zu sehen war, einen
-mächtigen Busch von Astern, Ringelblumen und Georginen auf den Tisch,
-so daß Helmold ihr eine Kußhand zuwarf und rief: »Großartig, Frau Trui;
-nun haben wir alles, was wir brauchen.«
-
-Er hatte seine lichte Laune wieder. Seine Augen lachten, als Swaantje
-ihm den Kaffee aus der bauchigen Zinnkanne eingoß, und er aß in einem
-fort, nur um sich an den leisen Bewegungen ihrer Arme zu erfreuen, wenn
-sie ihm vorlegte. Aber dann sah er ihre Hände an, und ein mütterliches
-Mitleid stieg in ihm auf: »Arme, kleine, müde, entsagungsvolle Hände!«
-dachte er, und ein bitterer Zug schloß seine Lippen; »Hände, deren
-Seele nur gedacht und nie gelebt hat, die von Sehnsucht erzählen, aber
-von keinem Wunsche; Hände, die im Schatten aufwuchsen!«
-
-Doch da flüsterte der Ritter ihm etwas in das Ohr. Entsetzt prallte er
-zurück und machte Kontrahieraugen; aber als er den eisernen Mann ansah
-und merkte, daß der keinen häßlichen Spott mit ihm trieb, da nickte er
-ihm verstohlen zu, gab ihm heimlich die Hand und war wieder der lustige
-Kamerad. Fortwährend erklang Swaantjes fröhliches Lachen, so viel bunte
-Witze und farbige Schnurren breitete er vor ihr aus, und die Falte der
-Entsagung zwischen ihren Brauen war nicht mehr zu sehen.
-
-Sie gingen dann die heiße Landstraße entlang, bogen zwischen den kühlen
-Wallhecken ein, kamen über die sonnenbeschienene Haide und durch
-Wiesen, glitzernd von Licht. Solange sie nebeneinander gingen, blieb
-der Mann im Harnisch taktvoll zurück; wurde aber der Weg schmal oder
-morastig, so daß das Mädchen vorangehen mußte, sofort war der Ritter
-wieder neben Helmold und flüsterte ihm durch die Visierspalte zu:
-»Vergiß nicht, was ich dir geraten habe!« und Helmold sah ihn an und
-schüttelte den Kopf.
-
-Ja, er wollte es wagen, mochte daraus entstehen, was da wollte! Eine
-übermütige Lust überkam ihn. Mit schmetternder Stimme begann er ein
-schalkhaftes Volkslied; in den Schlußreim aber legte er jedesmal alle
-Süßigkeit der Sehnsucht. Er sprang von Hott zu Hüh und kam immer
-wieder geschickt darauf zurück, daß Kunst, Wissenschaft, Religion und
-Philosophie nichts seien gegen ein bißchen erlebtes Leben; aber das
-beste an ihm sei und bleibe die Liebe zwischen Mann und Weib. Das
-Mädchen hörte aufmerksam zu, doch ihre Wangen blühten nicht voller
-auf, und ihr Atem ging seinen gewohnten Weg. Aber wenn er auf den
-wundersamen Zusammenklang von Schatten und Licht, auf die Unter- und
-Übertöne der Landschaft, auf den geheimen Sinn der Blumen und auf das
-beredte Schweigen der Bäume hindeutete, dann schenkten ihm ihre Augen
-zärtliche Blicke.
-
-Kalt durchschauerte es ihn, wenn bei jedem ernstgemeinten Worte ihr
-innerstes Wesen sich gegen seine Brust lehnte. Mit barschem Griffe
-faßte er mitten in ihr religiöses Gefühl hinein, als sie von der
-Seligkeit des Glaubens sprach. »Du verabscheust den Selbstmord,
-liebe Swaantje,« begann er; »aber was ist denn Glauben anders als
-Selbstmord? Wer glaubt, dem ist das Leben kein Problem. Er kann
-sich getrost begraben lassen; für ihn gibt es keinen Kampf mehr.
-Ich aber will kämpfen; sonst danke ich für das Leben. Wir Germanen
-sind niemals gläubig gewesen. Religion hatten wir immer, aber eine
-Diesseitsreligion; das Jenseits versparten wir uns für später. Mit
-beiden Beinen standen wir auf dieser lieben Erde, lebten unser Leben
-in Zucht und Sitte, berauschten uns nicht an Wollust und Grausamkeit
-und brauchten daher auch nicht, wie die Asiaten, Opiate wie Reue und
-Buße. Zu unsern Göttern standen wir wie zu unsern Fürsten; wir zahlten
-ihnen pünktlich den Zins, machten Front, fuhren sie vorbei, und damit
-holla! In unser persönliches Leben durften sie nicht hineinreden.
-Ich habe mehr als einmal mit dem Tode Kugeln gewechselt; aber niemals
-ist mir dabei der Gedanke gekommen, daß ich vorher erst ein reines
-Hemd anziehen müsse, für den Fall, daß ich plötzlich vor jemand stehen
-würde, der erst meine Wäsche ansähe, ehe er mir die Tür aufmachen
-ließ. Wir sagen: wir sind Christen, aber wir sind es nicht; wir können
-es auch nicht sein. Christentum und Stammesbewußtsein vertragen sich
-ebensowenig, wie Sozialismus und Kultur. In der Theorie sind wir
-Christen; aber sobald es an die Praxis geht, in Politik, Geschäft und
-dergleichen, dann sind wir genau solche Heiden wie die Männer, die dort
-schlafen gelegt wurden.«
-
-Er zeigte nach dem Tödeloh hin, der sich vor ihnen über der
-Kiefernhaide erhob, und von dem das verbuhlte Gurren eines
-Ringeltäubers herüberklang. Die Sonne stand noch hoch, so daß die
-gewaltigen Wachholderbüsche halb schwarz, halb goldig aussahen; aber
-die Ferne war in dichten Duft gehüllt, und über dem Bachgrunde lag der
-Nebel wie der Atem eines Hünen.
-
-Der Fußweg war so schmal, daß Helmold die Gelegenheit benutzte, um
-hinter der Heißgeliebten herzugehen. Er drehte sich um und nickte
-seinem Hintermanne zu. Ja, er wollte es wagen! Sie sollte etwas
-erleben! Er wollte sie umfassen und küssen und das Weib in ihr wecken;
-der Föhn seines Atems sollte das Gletschereis von ihrer Seele schmelzen
-und der Platzregen seiner Küsse den Staub von ihrem Herzen waschen.
-
-Sie sollte sein werden, ehe die Sonne hinter dem Wahrbaume zu Boden
-glitt. Er wollte jedes Gedenken an den anderen in ihr fällen, wollte
-Feuer in ihre Vergangenheit werfen und das taube Gekräut totbrennen, um
-Platz für die junge Saat zu schaffen.
-
-Absichtlich blieb er hinter ihr, mit Fleiß ließ er sie vor sich
-hergehen. Seine Lippen sollten dursten nach ihrem Munde und seine Hände
-hungern nach ihrem Leibe; sinnlos sollten sie vor Liebe werden.
-
-Er pflückte einen langen Halm und ließ dessen Spitze über ihre Wangen
-gleiten; lässig strich sie mit der Hand nach der Stelle hin. Als er
-zum dritten Male den Scherz machte, sah sie sich um und lächelte
-ihm schalkhaft in die übermütig funkelnden Augen. Er sang leise und
-mit aller Zärtlichkeit, die er in seine Stimme legen konnte, ein
-verträumtes Liebeslied, das das Volk sich erdachte, und in dem das
-Allerletzte zwischen Mann und Weib gesagt wird, aber als er endete:
-»Denn deine Unschuld und die mußt du lassen bei dem Jäger auf der
-Lüneburger Haid«, da blieb sie stehen, sah ihn mit leuchtenden Augen
-an und sagte: »Das ist ja ein köstliches Lied; das habe ich noch nie
-gehört!« Ein kalter Schauder lief ihm über das Herz; sie sah das
-Kunstwerk in dem Liede und fühlte nichts dabei. Mutlos ließ er den Kopf
-hängen und schritt hinter ihr her; ihm war, als müßte er sie schlagen.
-
-Doch der Ritter flüsterte ihm zu: »Sie ist ein unberührtes Weib; wer
-sie zuerst küßt, den wird sie lieben. Und du willst sie küssen, wirst
-sie küssen, mußt sie küssen, schon ihretwegen, um sie zu erlösen, damit
-sie sich herausringt aus dieser blutlosen Nonnenhaftigkeit, aus diesem
-unmenschlichen Vegetieren, aus diesem geschlechtlosen Unleben. Das
-willst du, das mußt du, und das wirst du!«
-
-Der urzeitliche Friedhof lag in zufriedenem Schweigen da; der
-Stechpalmen Korallenschmuck leuchtete heiß aus dem kalten Blattwerke,
-das sich hinter dem grauen Seelenhause erhob. Swaantje nahm aus
-dem bunten Strauße, den ihr Frau Heinemann mitgegeben hatte, eine
-schneeweiße Aster, zwei blutrote Georginen und vier von den grellen
-Ringelblumen, band sie mit einem blonden Halme zusammen und legte sie
-vor die Tür der Urahnenkapelle hin. Dann ließ sie sich auf der Jacke
-nieder, die Helmold für sie über das schimmernde Moos gelegt hatte, und
-er setzte sich zu ihrer Linken.
-
-Sie saß ein wenig unter ihm, so daß er sie mit den Augen umspannen
-konnte. Wild schlug sein Herz und dann wieder zaghaft. Ein dumpfer
-Druck lag auf seinem Gehirne, und seine Kehle war wie eingeschnürt.
-Aber kein heißer Schauer lief ihm über die Brust, und keine süße
-Erwartung fieberte in seinen Lippen; nur eine bleiche Furcht hockte
-hinter ihm, und vor ihm kauerte die Hoffnungslosigkeit, von oben bis
-unten in Spinneweben gekleidet.
-
-Swaantje sah in die Sonne, die rot und rund über dem weiß atmenden
-Bruche stand. Sie wandte sich nach Helmold, sah ihn zärtlich an und
-sagte: »Vetter, wieviel Schönes habe ich dir doch zu verdanken; ich
-hätte nicht geglaubt, daß der Herbst mir so viel bringen würde.« Ihre
-Augen schimmerten feucht, als sie ihm die Hand gab; kühl lag sie in
-seinen heißen Fingern, so kühl, daß er sie nicht festzuhalten vermochte.
-
-Aber da flüsterte ihm der Ritter zu: »Jetzt sprich ihren Namen so
-zärtlich aus, wie du kannst, und sieh ihr so bittend in die Augen, wie
-du es vermagst, und dann nimm sie und küsse sie, bis ihre Seele in der
-deinigen ertrinkt.«
-
-Helmold nickte und sah das Mädchen an, das verträumt nach der Sonne
-hinblickte, die sich immer schneller dem Wahrbaume näherte, dessen
-schwarze Krone wie eine böse Rune über dem Milchsee stand.
-
-»Swaantje,« begann er, und er erschrak, denn seine Stimme klang ganz
-blaß. »Vetter?« antwortete es ihm, aber dabei sah Swaantje unverwandt
-in die Sonne. »Liebe Swaantje«, begann er von neuem, und er spottete in
-sich selber über die Farblosigkeit seiner Stimme; »du hast mir kürzlich
-etwas gesagt; nun will ich dir auch etwas sagen: ich liebe dich.«
-
-Er sah scheu zur Seite, denn da stand der Ritter, stampfte mit dem
-Fuße, daß es klirrte, lachte verächtlich und fauchte durch das Visier:
-»Dümmer konntest du es gar nicht anfangen!«
-
-Swaantje war kaum zusammengezuckt; sie sah nach der Sonne, und Helmold
-fuhr fort: »Ich liebe dich seit sieben Jahren. Ich habe dich vom ersten
-Tage an geliebt. Ich habe dich schon geliebt, ehe daß ich dich kannte,
-ehe daß du lebtest.«
-
-Er seufzte tief auf: »Ich weiß das erst seit jenem Abend, als Grete
-sagte: ›Du müßtest immer bei uns bleiben, Swaantje; ich dächte mir das
-reizend, wenn wir drei immer zusammen blieben. Ich wäre dann deine
-Sonnenfrau, Helmke, und Swaantje wäre dein Mondweiberchen‹.«
-
-Das Gesicht des Mädchens war blutlos geworden; geisterhaft hob es sich
-von dem dunklen Wachholderbusche ab; ihre Augen hingen fest an der
-Sonne, die mit bösem Blicke über dem Wahrbaume stand.
-
-Helmold half einem Käfer auf, der im Sande auf dem Rücken lag; dann
-sprach er weiter: »Du weißt, daß Grete am anderen Morgen fragte: ›Ist
-dir nicht gut?‹ Ich hatte in der Nacht kein Auge zugetan. Ich habe
-seitdem überhaupt noch nicht wieder geschlafen. Es ist seither keine
-Stunde gewesen, daß ich nicht an dich gedacht habe. Und deswegen kam
-ich nicht zu euch. Aber schließlich sah ich ein, daß ich zugrunde ging,
-wenn ich dich nicht wiedersah. Ich habe wie ein Verrückter gearbeitet;
-sonst wäre ich irrsinnig geworden. Ich habe seitdem mehr gemalt, als
-andere in zehn Jahren zuwege bringen. Aber ich habe es als totkranker
-Mann gemalt. Schließlich mußte ich dich sehen und kam. Am Tage lebte
-ich; in jeder Nacht starb ich. Du weißt, wie ich des Morgens aussehe,
-und du weißt, wie anders mein Gesicht wird, wenn ich eine Viertelstunde
-bei dir bin. Ich habe mich ganz genau daraufhin untersucht, wie ich
-dich liebe, ob als Bruder, ob als Vater; aber ich liebe dich als Mann;
-ich will dich. Und deshalb muß ich dir das alles sagen, denn sonst, ich
-bin meiner nicht mehr sicher, und wenn ich dein Vertrauen verlöre, dann
-müßte ich mein Leben fortwerfen. Denn das würde ich verlieren, hätte
-ich das getan, was ich mir vorhin vorgenommen hatte: dich in den Arm zu
-nehmen und in mein Herz hinein zu küssen.« Der Ritter schüttelte den
-Kopf und ging langsam von dannen.
-
-Helmold und Swaantje sahen nach dem Wahrbaume, dessen unheimliche
-Zauberrune mit Gold unterlegt war. Dann sprach das Mädchen: »Helmold,
-das ist furchtbar, das ist entsetzlich. Ich wollte, ich könnte dir
-helfen, aber ich kann es nicht. Selbst wenn das nicht wäre, wovon ich
-dir sprach, könnte ich dir nicht helfen. Ich bin sehr unglücklich
-darüber, denn du tust mir so unsäglich leid. Und doch bin ich stolz
-darauf, sehr stolz, und ich danke dir; du hast mir ein großes Leid
-geschenkt, und eine große Freude. Wenn ich dir nur helfen könnte,
-liebster Helmold! Aber du weißt es selbst, daß ich das nicht kann.
-Nicht wahr?«
-
-Sie sah ihn zum erstenmal wieder an; er nickte ihr mit ernstem Gesichte
-zu, bückte sich und küßte ihre Hand, und sie zuckte merkbar zusammen,
-denn sie fühlte, daß eine Träne darauf fiel. »Armer Helmold!« flüsterte
-sie und sah dahin, wo die riesenhafte Rune stumpf und tot vor dem
-rosenroten Himmel stand, während darüber ein Stern aufgehen wollte.
-
-Der Ritter kam wieder herangeschlichen: »Noch ist es Zeit, noch ist es
-nicht zu spät!«, raunte er heiser; »greif zu! Eine Stunde wie diese
-kommt niemals wieder. Küsse sie! Mein Wort darauf, sie ist dein.«
-
-Helmold sah ihn ungläubig an. Swaantje schauderte zusammen. »Steht
-hier irgendwo Irrkraut?« fragte sie und drängte sich ganz dicht an ihn
-heran, so dicht, daß ihre Backe an seiner Schulter lag und ihre Lende
-seinen Schenkel berührte. »Nun oder nie!« zischte der Mann im Harnische
-ihm zu, und Helmold näherte von hinten seine Hand, mit der er sich in
-das Moos gestützt hatte, der Schulter des Mädchens; aber da sah sie ihm
-ängstlich in die Augen und flüsterte: »Steht hier welches? Ich fürchte
-mich!« Er gab ihr die Hand und half ihr auf. »Feigling, Dummkopf!« rief
-ihm der Ritter zu und ging laut lachend durch den hohen Adlerfarn, daß
-es rauschte.
-
-Der Abendwind warf mit dem dunkelgrünen Geruche des zertretenen Krautes
-um sich, und Swaantje schauderte abermals zusammen. »Schrecklich,
-wie das Farnkraut riecht! Hast du keine Angst davor?« Er lächelte:
-»Nein, ich habe vor nichts Angst!« Er legte ihr das Spitzentuch um die
-Schultern, zog die Jacke an und reichte ihr den Arm; ohne Zögern legte
-sie ihre Hand hinein und lehnte sich fest an ihn, wie er es liebte. Als
-er sich umdrehte, stand der Ritter an einen Baum gelehnt und blickte
-ihm höhnisch nach; er sah wie ein hoher, spitzer Wachholderbusch aus.
-
-Krähen flogen über sie hinweg und schrieen sich heiser; schweigend
-ruderte ein Reiher dem Flusse zu. Der Himmel sagte einen zweiten
-Sonnentag an; hell stand der Liebesstern da.
-
-Lange Zeit sprach Helmold nicht, dann begann er: »Du verstehst doch,
-Swaantje, daß ich dir das alles sagen mußte?« Sie nickte ernsthaft.
-»Und ich muß es auch Grete sagen.« Sie nickte abermals. »Und obzwar
-ich mir dadurch, daß ich dir meine Liebe in dieser Weise offenbarte,
-alle und jede Hoffnung genommen habe, ich bin doch froh darüber, daß
-ich es tat. Und ich bin froh, daß es so gekommen ist. Ich hatte immer
-die Angst, daß ich alt und kalt geworden wäre; wer liebt, ist nicht
-alt. Ich weiß, daß ich noch jung bin und ein Herz habe; denn es blutet,
-und das danke ich dir. Ich war so hoffnungslos. Grete und ich, wir
-haben uns heiß geliebt. Das ist vorbei. Sie ist zu sehr selbsteigene
-Persönlichkeit, um in mir aufgehen zu können; alles in ihr wehrt
-sich gegen mich. Darum macht sie mir so oft, oder eigentlich immer,
-Opposition. Das kann ich nicht vertragen, denn ich bin eine Herrennatur
-und will keinen Widerspruch; von meinem Lebensgenossen wenigstens
-nicht. Wer mir widerspricht, ist mein Feind. Die Frau aber soll der
-beste Freund des Mannes sein. Grete kann mir das nicht sein; mein Wesen
-und ihres stammen aus verschiedenen Ländern, meines aus Nord, ihres aus
-Süd. Uns trennt eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung. Ihr Wollen
-drängt von sich zur Welt; mein Wille geht von dem, was da ist, zu dem,
-was ich bin. Sie ist zentrifugal, ich bin zentripetal. Sie lebt; ich
-schaffe. Wir haben aneinander keinen Teil.«
-
-Er blieb stehen, zündete sich eine Zigarre an, und als er bemerkte, daß
-das Mädchen totenblaß aussah, strich er ihm sanft über die Backen, gab
-ihm den Arm und sprach im Weitergehen: »Trotzdem gehören Grete und ich
-zusammen, denn sie liebt mich, und ich liebe sie; und dann haben wir
-Kinder. Ich weiß, was du denkst, aber ich sage dir: trennte ich mich
-von ihr, und liebtest du mich auch, so wie ich dich liebe, du kämest
-dann erst recht nicht zu mir, und solange Grete meine Frau ist, habe
-ich auch keine Hoffnung, daß du mein wirst. Das ist mir alles ganz
-klar. Zudem: du liebst einen anderen.«
-
-Der Arm des Mädchens zuckte in dem seinigen, und er fühlte, wie sie
-sich fester gegen ihn lehnte. »Friert dich?« fragte er. Sie schüttelte
-den Kopf, und er fuhr fort: »Wenn der, den du liebst, dich liebte,
-und er brächte dir das Glück, dann könnte ich wieder ein froher Mann
-sein.« Sie schauderte wiederum zusammen und lehnte sich noch fester an
-ihn. »Du frierst doch wohl?« fragte er; »willst du meine Jacke haben?
-Ich brauche sie nicht.« Sie wehrte ab und flüsterte, und süßer als je
-zuvor, erschien ihm der Tonfall ihrer Worte: »Dann mußt du mich aber
-sehr lieb haben, Helmold!« Er antwortete erst nicht, aber dann sprach
-er mit ernster Stimme: »Mehr als meine Kunst.«
-
-Der Ritter flüsterte hinter ihm: »Aber Mensch, sie will ja, daß du
-sie küssest! Küsse sie! Sie liebt dich und nicht den anderen!« Doch
-Helmold, der bemerkt hatte, daß Schauer auf Schauer das Mädchen
-schüttelte, blieb stehen, zog seine Jacke aus und befahl: »So; kleine
-Mädchen haben zu gehorchen!« und so verstand er nicht, was der Mann im
-Harnisch ihm zuraunte. Er half Swaantje, die mit niedergeschlagenen
-Augen dastand und beklommen atmete, in die Jacke, und dann sagte er:
-»Nun wollen wir etwas schneller gehen«, und eine lustige Weise flötend,
-schritt er, das Mädchen am Arm, an dem Ritter vorbei, der schwarz und
-gespenstig auf der Haide zurückblieb.
-
-Tief im Walde ließ der Kauz sein blutrotes Lied erschallen; vom Flusse
-her heulte ein Dampfer; es klang fast genau so. Der Mond kam hinter den
-Kiefern hervorgegangen; sie spannen lange Schatten über den weißen Weg.
-
-Helmold lachte auf: »Hör, Swaantje, die beiden! Was sich liebt, das
-neckt sich. Denk dir das Bild: Der Waldkauz balzt den Dampfer an!
-Findet er Gehör, so gibt es ulkige Küken: kleine Dampferchen, die auf
-die Mausjagd gehen, oder Ulenküken, die nach Steinkohlen piepen. Und
-nun reden wir nicht mehr davon!« Er schwenkte ihren Arm auf und ab und
-pfiff die Kasatschka.
-
-»H' ach!« fing er dann an; »die möchte ich noch einmal tanzen. Das ist
-ein Tanz, der nach roten Küssen und nach roten Messerklingen riecht!
-Tanzen ist: trampeln, daß die Diele donnert, und die Mädchen hin- und
-herschmeißen, bis sie windelweich sind, aber nicht diese betutige
-Dreherei, wie sie jetzt in Mitteleuropa im Schwange ist. Überhaupt:
-Ballschleppe und Tanzen! Das ist schon mehr Fesselballonbetrieb.
-Etwas angetrunken muß man auch sein, und die, mit der man tanzt,
-muß hinterher zu allem Ja sagen; sonst ist das einfach zuchtlos. In
-der Ukranja habe ich mit einer getanzt, Marja hieß sie und war ganz
-hellblond; aber sie hatte den Satan im Leibe!«
-
-So prahlte er und erzählte Kasakenschwänke und Witze, die er in der
-Herzegowina gehört hatte, und Schnäcke im Hamburger Ewerführerplatt
-und Schnurren in pfälzischer und ostpreußischer, schlesischer und
-bayerischer, münsterscher und berliner Mundart, eine immer toller als
-die andere, so daß Swaantje mehr als einmal hell auflachen mußte. Er
-blieb auch den ganzen Abend lustig und versöhnte Tante Gesina gänzlich
-wieder, denn er machte gar keine kecken Witze, sondern blieb völlig in
-der guten Weise des Marktfleckens.
-
-Um elf Uhr ging er zu Bett und las bis zwölf Uhr im Herodot. Dann blies
-er das Licht aus und sah gegen die Decke, die taghell vom Mondlichte
-war. Um ihn summte ein neues Lied, erst leise dann laut, bis seine
-Lippen die Weise nachsummten: »Am Himmel steht ein goldener Stern
-dahinten über dem Walde«. Und ein neues Bild reimte sich darauf; ganz
-kühl zog er es in den Vordergrund seines Bewußtseins: gelben Sand,
-weißglühende Sonne, ein Trupp französischer Fremdenlegionäre, alle
-blondbärtig und blauäugig, halb verrückt vor Durst durch den Sand
-stolpernd; neben ihnen, zu Pferde, ihre Zigaretten rauchend, die
-schwarzbärtigen Offiziere, darüber ein Aasgeier.
-
-Plötzlich warf er sich auf das Gesicht, biß in das Kopfkissen, weinte,
-daß es ihn schüttelte und flüsterte: »Swaantje, meine geliebte, süße
-Swaantje!« Eine halbe Stunde lag er so da. Dann stand er auf, wusch
-sich das Gesicht, trank die Wasserflasche fast leer, sah in den Park,
-holte sich seine Zigarettendose und wollte sich damit vor das Fenster
-setzen. Aber als er an dem Spiegel vorbeikam, prallte er zurück: der
-Ritter stand da. Seine Rüstung blitzte weiß, das Visier hatte er
-heruntergeklappt; er sah an ihm vorbei, wie an einem wortbrüchigen
-Hallunken, und wies mit dem Finger nach dem Seelenhause im Tödeloh.
-
-Helmold stellte die silberne Dose hin und legte sich nieder. »Elende
-Hyperästhesie!« dachte er, als ihm die Augenlider zufielen.
-
-
-
-
-Das Seelenhaus
-
-
-Das gelbe Zimmer war voll von der Vormittagssonne, als Helmold eintrat;
-zwei Sonnenblumen, die in einem blauen Zierkruge standen, starrten ihn
-mit toten Augen an.
-
-Swaantje kam herein; sie sah frisch und gehoben aus, erschrak aber
-sichtlich, als sie ihren Vetter ansah, und als der in den Spiegel
-blickte, erkannte er sich kaum wieder: er sah nicht angegriffen aus,
-aber seine Augen waren welk und seine Lippen abgeblüht.
-
-Er las die Briefe, die auf seinem Platze lagen, und reichte einen
-nach dem anderen dem Mädchen. Das nickte ihm bei dem ersten fröhlich
-zu, jubelte bei dem zweiten auf und klatschte bei dem dritten in die
-Hände. »Wie freue ich mich, wie freue ich mich! Drei große Bilder so
-gut verkauft, Aufträge über Aufträge, und nun noch erster Sieger in
-einem internationalen Ausschreiben!« Ihre Stimme fiel herab, als sie
-ihn ansah: »Aber freust du dich denn gar nicht ein bißchen, lieber
-Helmold?« Er nötigte sich ein Lächeln ab und sagte gleichgültig:
-»Natürlich; Berühmtheit ist bar Geld.« Sie sah ihn enttäuscht an.
-»Lieber Helmold,« begann sie nach einer Weile schüchtern, »sei nicht
-böse; heute kann ich dich nicht begleiten. Lies bitte!« Er nahm den
-Brief und seufzte: »Was fange ich nun ohne dich an? Aber den Vormittag,
-Swaantje, nicht wahr, den bekomme ich doch? Viel ist es ja nicht mehr.«
-
-Sie gingen nach dem Ausgang des Parkes. Da stand unter zwei ungeheueren
-Silberpappeln eine graue Steinbank; dort ließen sie sich nieder und
-sahen über die Wiesen, von denen der Maikrautduft des Grummets herkam.
-Beide waren still; Helmold war todmüde; es war schon hellichter Tag
-gewesen, als seine Augen das Sehen vergaßen, und Swaantje war betrübt,
-denn unter seinen Brauen her flogen nur kalte Blitze über das lachende
-Land, und wenn er sprach, so hörte es sich an wie Herbstlaubgeraschel
-im Winde. Er sah dahin, wo unter einem breiten Weißdornbusche die
-Hütebude lag; mit ihren beiden kleinen Türen und ihrer stumpfen grauen
-Farbe sah sie aus, wie das Seelenhaus in Tödeloh.
-
-»In den Büchern steht, in den großen Steinkammern hätten unsere Urahnen
-ihre Häuptlinge begraben,« fing Swaantje an; »glaubst du das?« Er
-nickte: »Ja, das schon, aber diese Hünenbetten sind auch Seelenhäuser
-gewesen, denn sie sind genau in der Art der Wohnhäuser erbaut. Alle
-Jahre am Todestage ihrer Lieben legten unsere Urahnen dort Wildpret hin
-und gossen Honigbier in die Schalen und zündeten ein Feuer darin an,
-damit die Seelen sich erquicken und wärmen könnten, kehrten sie einmal
-wieder zurück. Auch Blumen werden sie dort wohl niedergelegt haben.« Er
-sah mit verlorenen Blicken nach der Hütebude, und sonderbar klang es,
-als er fortfuhr: »Swaantje, wirst du mir auch Blumen bringen, damit ich
-mich darüber freuen kann, wenn ich einmal wiederkomme?«
-
-Das Mädchen sah ihn erschrocken an und faßte seine Hand: »Lieber
-Helmold, wie kannst du mich so ängstigen! Das war nicht hübsch von
-dir. Du bist überreizt, überarbeitet, nervös; du solltest einmal in
-ein richtiges Pussiersanatorium gehen, wie damals, als du so herunter
-warest.« Er sah sie spöttisch an: »Meinst du, daß mir heute noch
-ein Flirt hilft? Das glaubst du doch selber nicht.« Das Mädchen sah
-einem weißen Falter nach, der an ihr vorüber in die Wiese flog, die
-Weidenröschen am Grabenrand umflatterte und ziellos weitertaumelte.
-Dann sah sie die Hand ihres Vetters an, die auf seinem Knie lag;
-gestern war sie noch männlich und straff gewesen, nun sah sie
-weiberhaft aus und ermüdet. Verstohlen besah sie ihre eigene Hand;
-beide Hände waren sich jetzt ähnlich; früher waren es Gegensätze
-gewesen. Die braune, derbhäutige, großporige, haarige, in breiten,
-harten Nägeln endende Hand des Mannes erinnerte sie an den Vorsteher
-Groenhagen, hinter dessen derben Zügen, unter dessen harten Augen so
-sehr viel unausgesprochener Kummer lebte.
-
-»Ja, Swaantje, das ist nun so!« lachte Helmold und wies nach einem
-hohen Riesenampferbusche, der mit seinen feuerroten Blättern unbändig
-prahlte; »der rote Hinnerk da, so nennen die Bauern das Kraut, jeder
-freut sich darüber, wie er so knietschrot dasteht; aber er ist welk,
-ist tot. Ein Meister der Farbe ist er; aber sein grünes Herz ist
-gestorben.« Er unterbrach sich, denn ihm war, als stände eine bleiche
-Gestalt in dem Seelenhause und winkte ihn zu sich heran. Dann lächelte
-er über sich; erstens war das kein Seelenhaus, sondern eine Hütte für
-die Hütejungen, und die bleiche Gestalt, das war ein alter Lappen, der
-da hing.
-
-Er warf den Kopf in den Nacken: »Du magst recht haben, Swaantien!«
-Sie lächelte ihn an, denn noch nie hatte er die Koseform ihres Namens
-gebraucht. Er pfiff eine leichtsinnige Weise vor sich hin. »Ich bin
-überarbeitet, habe mich dazu um dich zu viel gesorgt. Nun verschieße
-ich mich noch dazu; das zieht in keinen hohlen Weidenbaum.« Er summte:
-»Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück ich mir ein Röselein.« Er
-machte ein säuerliches Gesicht: »Mein Herz heil pussieren, das wird
-schwer halten, aber als Heftpflaster hilft vielleicht so ein bißchen
-Eintagsliebe. Man weiß nur nie, was man sich damit für Löcher ins
-Gewissen läuft. Die andere hat sich vielleicht schon wer weiß wie lange
-getröstet, und man denkt immer noch, sie wankt mit durchgescheuerter
-Seele herum.«
-
-Er scharrte mit der Fußspitze im Sande umher: »Na, die Hauptsache ist,
-daß du dich heute nachmittag in eurem Geisteslackierklub gut vergnügst.
-Wird Er auch da sein?« Swaantje wurde rot: »Ich glaube,« flüsterte sie,
-aber es lag keine Freude in ihrer Stimme.
-
-»Weißt du was, Zuckerchen,« fuhr es Helmold heraus, »eigentlich
-müßte ich mit und dir dort in einer so feuergefährlichen Weise den
-Hof schneiden, daß dem Professor das Brett vor dem Kopfe aufbrennt;
-denn das hat er doch sicher dort, denn schließlich gönnt kein
-rechtschaffener Mann eine einem anderen, und tritt man ihm auf die
-Platzhirschhühneraugen, dann wetzt er sogleich die Kampfsprossen. Aber
-die Bergedorfsche ist da samt ihren üblen Töchtern, und so wie ich mich
-kenne, setzte es einen Heidenskandal, ginge ich mit. So will ich lieber
-zusehen, daß ich den Bock in der Wittenriede bekomme.«
-
-Nach dem Mittagessen bat er sich den Fuchs aus, hängte die Büchse
-über und ritt in das Bruch. Dort stieg er ab, ließ das Pferd bei den
-Hütejungen und waidwerkte zu Fuße weiter. Aber er spähte nicht nach dem
-alten Bocke, der dort umging, er träumte mit kalten Augen über das Land
-hin, das in der Sonne glitzerte. Schließlich setzte er sich bei dem
-Seelenhause an, rauchte und brütete vor sich hin. Immer wieder gingen
-seine Augen nach der Büchse. Er sah sich um: wenn er seinen einen Fuß
-in die Brombeerranken wickelte und sich durch das Herz schoß, dann nahm
-alle Welt ein Unglück an; denn daß ein Künstler an dem Tage, der ihm
-den größten Auftrag seines Lebens gebracht hatte, Selbstmord verüben
-könne, das glaubte kein Mensch. Ein Druck, und er konnte endlich einmal
-wieder ausschlafen.
-
-Aber dann fiel ihm ein Wort Hennigs ein: »Selbstmord wirkt niemals
-tödlich«, hatte der einst gesagt und hinzugefügt: »denn es ist keine
-organische Lösung.« Und dann waren die Kinder da, seine lieben Kinder
-Swaan und Sweenechien, und Grete und Swaantje. Schon derentwegen durfte
-er nicht Hand an sich legen; sie würde vor Gram zerbrechen. Außerdem:
-er hatte den Auftrag vom Schicksal, seinem Volke viel Schönheit zu
-bringen. »Nein,« sagte er zu sich, »nein, das tust du nicht!« Er
-stand auf, entlud die Büchse, warf den Patronenrahmen in den Bachkolk
-und ging nach der Wittenriede. Der starke Bock äste sich auf dem
-Wiesenfleck; gleichgültig sah Helmold ihm zu. Ein dutzend Male war er
-hinter ihm hergepürscht; aber selbst, wenn er jetzt eine Patrone gehabt
-hätte, er hätte doch nicht schießen mögen. Ihm lag nichts mehr daran.
-Ihm war an nichts mehr etwas gelegen. Ihm war alles gleichgültig. Ihn
-langweilte sogar die Landschaft. Zu spitz dünkte ihm das Glitzern des
-Stechpalmenbusches, zu frech seine roten Beeren, und albern kam ihm des
-wilden Täubers Ruf vor. Er lag im Moose, auf der selben Stelle, auf der
-er tags zuvor gesessen hatte, rauchte und starrte ohne Blick über die
-Wiesen hin.
-
-Er sah sein zukünftiges Leben vor sich: wie ein Brandmoor würde es
-aussehen. Nur Nutzpflanzen würden darauf noch gedeihen: Moorkorn,
-Hafer, Kartoffeln, aber keine rosige Blüte mehr. Mit Hand und Kopf
-würde er große Werke schaffen, derweil sein Herz unter Ruß und Asche
-lag. »Alles müssen wir bar bezahlen,« hatte Hennig gesagt; »alles!« So
-war es; alles gab ihm das Leben und nahm ihm alles, weil es ihm das
-eine nicht gab. Er versuchte, sich zum Weinen zu zwingen, indem er den
-Namen der Geliebten vor sich hinflüsterte und die Stelle streichelte,
-wo sie gesessen hatte; doch seine Augen lachten ihn aus.
-
-Müde stand er auf, ging langsam dahin, wo der Fuchs war, schenkte
-den Jungen eine Mark, saß auf und ritt die Landstraße entlang. In
-Mecklenhusen stand die Wirtin vor der Türe und lachte ihn einladend an.
-Er grüßte flüchtig und trabte weiter, obwohl ihn hungerte; aber er
-mochte mit niemandem sprechen, der ihn kannte.
-
-Deshalb schlug er die Straße nach Lütkenhusen ein und stieg beim
-Taternkruge, wo er noch nie gewesen war, ab. Das war eine schmierige
-Kneipe; aber das paßte ihm gerade. Er aß das Butterbrot, das
-ihm die schlumpige Wirtin brachte, mit dem Genuß des Ekels. Ein
-fünfzehnjähriges Zigeunermädchen mit hübschem Gesichte, bunt angezogen,
-kam herein, bettelte ihn an und machte ihm verheißungsvolle Augen. Er
-schenkte ihm ein blankes Markstück und einige Zigaretten, ging aber
-nicht auf sein Sprechen ein. Dreimal drehte es sich noch nach ihm um,
-als es dem Walde zuging, und als es unter den Kiefern stand, winkte es
-ihm schnell mit den Augen und lächelte. Er merkte sich den Fluß der
-Bewegungen und die ganze Erscheinung, aber nur mit den Augen; sein Blut
-blieb kalt, so kalt, daß es ihn fror.
-
-»Glas Grog!« befahl er. Die Wirtin sah ihn verwundert an, denn er
-hatte sein Bier noch vor sich stehen. »Noch eins!« rief er, als er
-es ausgetrunken hatte. Da wurde ihm besser. Farben und Töne brannten
-und klangen in ihm durcheinander; er sah ein Bild in Moll vor sich
-und hörte eine blaßrote Melodie. Er nahm sein Taschenbuch heraus und
-schrieb ein Lied hin, las es durch, änderte eine Stelle, schrieb
-ein zweites, ein drittes und noch eins. Eine Kiepenflickerfamilie,
-die inzwischen eingetreten war, sah ihm neugierig zu, und zwei
-Handwerksburschen machten heimlich ihre Witze über ihn. Er sah es,
-kümmerte sich aber nicht darum. Ein Motorradfahrer kam herein,
-schimpfte mörderlich, weil er vor einem Hunde so schnell hatte stoppen
-müssen, daß er seine Maschine verdorben hatte, stampfte im Zimmer
-auf und ab und versuchte, mit Helmold ins Gespräch zu kommen; der
-antwortete nicht. Er trank noch zwei Gläser Grog und blieb sitzen, bis
-die Uhr die siebente Stunde angab. Dann stand er auf, zahlte seine
-Zeche und die der Handwerksburschen, die darüber ganz verlegen wurden,
-und ritt fort.
-
-Als er zu Tische kam, fielen seine Blicke sogleich auf Frau Adda. Sie
-saß ihm gegenüber, machte ihre verwitwetsten Augen und sprach über
-bildende Kunst. Er hielt sie in höflicher Form zum Narren, bewies
-ihr, daß es gar keine bildende Kunst gäbe, sondern nur einzelne
-Kunstwerke, aß wenig und schützte nach aufgehobener Tafel vor, er
-müsse eilige Briefe schreiben. Er schrieb aber nur die vier Gedichte
-ab, gab sie Swaantje, die er auf der Treppe traf, sagte ihr, er
-wolle den Abend allein verbringen, und ging in den Ratskeller, wo er
-sich in die dunkelste Nische setzte, den Vorhang zuzog, dem Kellner
-verbot, Licht zu machen und irgend jemandem zu sagen, daß er da sei.
-Er starrte vor sich hin, trank aber nur wenig von dem Rüdesheimer und
-ließ seine Zigarre kohlen. »Ein toter Mann trinkt nicht, ein toter
-Mann raucht nicht,« dachte er und sah das Seelenhaus vor sich, neben
-dem er unter dem goldenen Moose lag, ein Häuflein Asche in einer
-schwarzgebrannten Deckelurne. Und vor dem Seelenhause lagen Blumen,
-weiße Rosen, Lilien, Astern, Maiblumen, wie die Jahreszeit sie bot, und
-die glitzerten im Mondenlichte; aber nicht Tau war es, der in ihren
-Kelchen schimmerte, Tränen, kalte Tränen der Reue. Er sah eine Gestalt
-neben dem Seelenhause stehen, in braune Gewänder gehüllt, Schleier vor
-dem Gesicht, einen Kranz von Ringelblumen im Haar. Sie winkte ihm und
-breitete die Arme nach ihm aus und flüsterte: »Sanft will ich dich
-betten, so sanft.«
-
-Schal kam ihm seine Kunst vor: gemaltes Leben, weiter nichts.
-Leinewand, stinkende Farbe, vom Keilrahmen gehalten, der sich feige
-hinter dem Prunkrahmen verkroch, eine Lüge das Ganze! Und ein
-jammervoller Notbehelf statt des Lebens, das ihm gebührte, eines
-Lebens, das rot in Rot vor seinen Augen stand, hellrote Küsse auf
-einem Hintergrunde von dunkelrotem Blute. Das Ende? Ein Pfeil in der
-Brust, zwei Küsse auf den Lippen, und so, zwischen der Sonne und dem
-Mond, zwischen der lauten und der leisen Geliebten, schnurstracks
-nach Walhall, und da: Fortsetzung folgt! Aber sein Leben würde fortan
-anders sein: Grau in Grau, hellgraue Sehnsucht auf dunkelgrauer
-Hoffnungslosigkeit. Malen, malen, malen, der Professortitel, ein paar
-Orden, eine Jubelfeier, wenn die nötige Knickebeinigkeit da ist, und
-ein sanfter Strohtod mit viel Gezappel und Äthereinspritzungen. Hol's
-der Teufel!
-
-Straffe Männertritte näherten sich seiner Koje; der Vorhang flog zur
-Seite, und vor ihm stand Beni Benjamin. Unbefangen gab er Helmold die
-Hand; sein schmales Beduinengesicht leuchtete vor herzlicher Freude.
-»Ich hörte von der Wirtin, daß Sie hier seien,« sagte er mit seinem
-dunklen Basse, »und daß Sie allein sein wollten. Ich sah Sie heute vom
-Kruge in Mecklenhusen aus, und Ihr Gesicht gefiel mir nicht. Deshalb
-dachte ich: laß ihn grob werden, das ist sein Recht als Patient! Und
-nun: Rüdesheimer verbiete ich Ihnen; wir trinken Sekt. Erstens ist mir
-gestern ein Sohn geboren, und zweitens bekommt Ihnen das besser.«
-
-Als der Sekt da war, hob er das Glas: »Auf das, was wir
-lieben!« Helmolds Gesicht bekam Schlagschatten, und seine Augen
-wetterleuchteten. Aber dann lachte er lebhaft. »Eine Gemeinheit ist der
-anderen wert,« sagte er, zog sein Skizzenbuch hervor, riß ein Blatt
-heraus, schrieb darunter: »H. H. s. l. B. B.« und gab es dem Arzte.
-Der besah es genau; Lichter und Schatten flogen über sein Gesicht. Er
-streckte dem Maler die Hand hin: »Dank, vielen Dank, Hagenrieder!«
-Er stellte die Skizze gegen den Kühleimer und sah sie eine Weile an.
-Dann flüsterte er, und seine Stimme klang noch dunkler: »Sie sind der
-einzige Mensch, der mich erkannt hat. Durch und durch haben Sie mich
-gesehen, lieber Freund, Sie, der Vollgermane, mich, den Ganzsemiten.
-Wissen Sie warum: weil wir im Grunde ganz das selbe sind, Sie in Blond,
-ich in Schwarz.« Er seufzte: »Die Leute glauben, ich bin glücklich.«
-Er mauschelte: »Der raaiche Doktor Benjamin!« Er warf seine Zigarre
-in den Kühleimer: »Na ja, so in epidermaler Hinsicht bin ich auch
-glücklich, aber die Intestina denken anders. Jeden Tag, wenn ich mich
-nach dem Essen lang mache und rauche, dann weiß ich, daß ich ganz wo
-anders hingehöre, auf einen Pferderücken, oder ein Kameel, und um
-mich ist die weite Wüste. In meinem Zelte aber, das bei einer Quelle
-unter Palmen steht, ist nicht bloß eine Frau, die mich küßt, es sind
-deren zweie, eine laute und eine leise.« Er trank sein Glas aus und
-sah den Rauchringeln nach. »Eine für das Herz und eine für die Seele,«
-flüsterte er nach einer Weile, und seine Augen bekamen einen hungrigen
-Blick.
-
-Der Kellner kam und machte ihm eine Meldung: »Gehen Sie mit?« fragte
-er; »ich muß noch nach der Mühle hin; die Großmutter hat wieder einen
-Anfall. Das beste für die gute Frau wäre ja Morphium, denn diese
-Herzbeklemmungen sind schrecklich. Aber das dürfen wir ja nicht. Ist
-das eine verlogene Welt heute! Einer hetzt den anderen unbedenklich mit
-Geschäftspraktiken tot; aber ein elendes Geschöpf, das alle zwei Tage
-stirbt, zu erlösen, das erlaubt die Moral nicht. Ja, die Moral!«
-
-Sie gingen die mondhelle Landstraße entlang, die von den Schatten der
-Kiefern gestreift war. Der Vollmond dichtete die Wacholderbüsche auf
-der Haide zu bösartigen Gespenstern um. Helmold ließ den Arzt reden.
-Er sah sich mit Swaantje am Arm durch die mondhelle Haide gehen; ein
-kreischendes Verlangen von ihr sprechen zu können, überkam ihn. »Sie
-kommen oft nach Swaanhof, Doktor?« fragte er den Arzt. Der nickte.
-»Ja, ich tue so, als ob ich nach der alten Dame sähe, aber die junge
-meine ich. Es ist ein Skandal, was aus der geworden ist! Von dem
-bißchen Neuralgie ist sie nicht so herunter; das ganze lavendelduftende
-Kommodenschubladenleben macht sie krank. Ist das ein Mädchen! Wissen
-Sie, die in Schwarz, das wäre meine leise Frau; Blond liegt mir so fern
-wie Ihnen meine Kulör. Aber in meiner ganzen Praxis ist kein Mensch,
-um den ich mich so ängstige wie um sie. Gewalt! möchte man schreien,
-wenn man zusehen muß, wie sie zugrunde gerichtet wird. Natürlich in der
-besten Absicht. Ich kann reden, was ich will, immer heißt es: ›Lieber
-Herr Doktor, das viele Lesen und Malen greift meine Nichte zu sehr
-an‹, oder ›Sie hat doch alles, was ein junges Mädchen braucht!‹ Lieber
-Hagenrieder, machen Sie doch einmal Krach; vor Ihnen hat die Alte einen
-Heidendampf. So, und nun gehen Sie so lange in die Schenkstube. Ich
-bin gleich wieder da und dann, wenn es Ihnen recht ist, trinken wir
-noch eine dicke Flasche oder zwei. Wissen Sie, bei Vollmond muß ich
-Bettschwere haben.«
-
-Helmold setzte sich unter die Linde auf den breiten Stein; allein
-mochte er nicht in der Schenke sein, weil er dort noch nie gewesen war
-und eine alberne Schüchternheit ihn lähmte. Er lächelte vor sich hin:
-»Solamen miseris«, dachte er. Aber ein mäßiger Trost, daß es dem Arzt
-ebenso ging wie ihm! Und es ging ihm viel besser, denn der hatte seine
-leise Frau noch nicht gefunden; er aber hatte sie gefunden und hatte
-sie zur selben Stunde verloren.
-
-Im Grunde hatte Benjamin vielleicht nicht so unrecht, als er ihm vorhin
-sagte: »Frauenseele! ich glaube nicht daran; unsere heiligen Bücher
-wissen davon nichts. Frauen sollen ihre Seele ihren Männern und ihren
-Kindern geben; das ist ihr Zweck. Die das nicht können, sind mißlungen.«
-
-Eine furchtbare Angst befiel ihn. Gretes Seele hatte sich ihm
-entwunden, und Swaantjes Seele würde nie sein werden, wenn nicht
-Swaantje sein würde. »Aber wie ist das möglich,« dachte er, »daß zwei
-Seelen sich voneinander lösen, die einst eins waren, wie meine Seele
-und die von Grete.« Denn das hatte er oft gefühlt, wenn sie in seinen
-Armen zerschmolzen war, daß nicht nur ihr Leib ihm gehörte. Das war nun
-vorbei; er war hier, und sie war da. Sie war ihm Lebenskampfkamerad,
-Freund, ja; er wollte aber nicht gestützt sein, er wollte durchdrungen
-sein. Mann und Frau mußten den heiligen Kreis bilden, mußten sein, wie
-die beiden Dreiecke mit den fünf Spitzen, zwei und doch nur eins.
-
-Die Semiten waren klüger, die gaben sich nicht mit Idealen ab; darum
-war das Hexagramm ihr heiliger Kreis und nicht das Pentagramm, wie bei
-den Ariern. Und deshalb waren die Juden glücklicher im Leben, scheinbar
-wenigstens, denn schließlich: die besten unter ihnen schielten doch
-aus dem Sechsstern zum Fünfstern, wie er von Grete nach Swaantje.
-Warum: die eine ging in sich auf, war eine in sich geschlossene Natur,
-die andere ein problematischer Charakter. Die eine satt, die andere
-hungrig, unbewußt hungrig.
-
-Eine Meteorkugel zog ein himmelblaues Band über den mondhellen Himmel
-und fiel dahin, wo Swaanhof lag, oder wo das Tödeloh stand. Eine
-reisende Drossel flog über die Linde und pfiff verlassen; unsichtbare
-Brachvögel riefen trostlos. Helmold fror das Herz. Er stand auf und
-wollte in das Haus; da kamen harte Schritte näher, und der Arzt stand
-vor ihm. »Haben Sie eine Erscheinung gehabt?« fragte er, als er den
-Maler ansah. Der lachte: »Nein, eine Gänsehaut!« Aber Benjamin sah ihn
-besorgt von der Seite an. »Na,« meinte er dann, »die laute Janna und
-die leise Manna sind gut dagegen. Übrigens anständige Mädchen und nicht
-glücklich; ein und der selbe Mann hatte beiden die Ehe versprochen, und
-nun lachen sie sich am liebsten ihren Kummer fort, denn sie lieben ihn
-beide noch immer, trotzdem an dem Kerl nichts dran war.«
-
-Helmold fühlte sich in der gemütlichen alten Wirtsstube, in der es
-verstohlen nach Bratäpfeln roch, schnell heimisch. Er kam in die
-Ofenecke in den breiten Ledersessel hinein; rechts von ihm saß Janna
-und links Manna; sie sahen ihn mit Augen an, in denen eine mitfühlende
-Freundlichkeit lag. »Nach Sekt,« scherzte der Arzt, »Schampagner am
-besten schmeckt.« Er nahm die Laute von der Wand und klimperte darauf
-herum, eine Weise dazu brummend, die nach Moschus und Ambra roch. Er
-stieß mit allen an. »Funditus!« befahl er und schenkte wieder ein,
-erzählte eine lustige Geschichte, füllte die Gläser abermals und bat
-die Mädchen um ein Lied. Sie zierten sich nicht; Janna spielte, und
-Manna sang dazu ein Lied, das wie Liebesgeflüster im Lindenlaubschatten
-war, und noch eines, hell wie ein Aufquietschen hinter einer Haustüre
-an einem dunklen Winterabend.
-
-»Nun Sie,« bat der Arzt und reichte Helmold die Laute; »aber erst die
-Gläser aus und eine neue Flasche; unsere Köpfe kühlen wir nachher im
-Mondenschnee!« Helmold griff einige Akkorde und sang dann zu einer
-verschüchterten Begleitung das heimliche Lied an den Abendstern. Die
-Augen der Mädchen wichen nicht von seinen Lippen, und der Arzt sah
-ihn mit besorgter Miene an. »Bitte noch eins,« bat Janna leise, und
-Manna flüsterte: »Ach ja!« Helmold sang das Lied von dem goldlockigen
-Jüngling, der auszog, Avalun, das schöne Land, ganz und gar von
-Zuckerkand, zu suchen, und der es erreichte, als er unter dem Notlaken
-lag. Unaufgefordert sang er das dritte Lied, das so zart war, wie
-perlgraue, mit Rosenrot gesäumte Abendwolken, und als er schloß: »Sag
-ja! dann ist das ferne, fremde Land so nah; dann singt der Vogel
-nimmermehr von Tod und Not, dann blühen alle Blumen rot, so rot, so
-rosenrot,« hatten beide Mädchen feuchte Augen, und auf der Stirne des
-Arztes lag eine Falte, die wie ein Hufeisen aussah.
-
-Die Mädchen baten stumm um ein viertes Lied. Helmold stellte erst die
-Laute hin, nahm sie aber wieder auf, stürzte ein Glas Schampagner
-hinunter und begann leise, aber mit jubelnder Stimme: »Rose weiß, Rose
-rot, wie süß ist doch dein Mund, Rose rot, Rose weiß, dein denk ich
-alle Stund.« Die Augen der Mädchen erhellten sich; aber als die Laute
-einen wehen Ton gab, und es wie ein Weinen weiter klang: »alle Stund
-bei Tag und Nacht, daß dein Mund mir zugelacht, dein roter Mund,« da
-sahen sie ihn verängstigt an und atmeten beklommen. Jauchzend klang es
-wieder: »Ein Vogel sang im Lindenbaum, ein süßes Lied er sang, Rose
-weiß, Rose rot, das Herz im Leib mir sprang,« und abermals wimmerten
-die Saiten und wie ein Schluchzen war es in des Sängers Stimme: »sprang
-vor Freuden hin und her, als ob dein Lachen bei ihm wär, so süß es
-klang.«
-
-Die Uhr ging hart durch die Seufzer der Mädchen. Helmolds Stimme lachte
-wieder: »Rose weiß, Rose rot« und dann zerklirrte sie, als er fortfuhr:
-»Was wird aus dir und mir?« und schneidend, wie Glassplitter wurde ihr
-Ton bei den Worten: »ich glaube gar, es fiel ein Schnee, dein Herz ist
-nicht bei mir,« und es war bis auf das Geräusch der Uhr totenstill in
-dem Gemache, als er endigte: »nicht bei mir, geht andern Gang, falsches
-Lied der Vogel sang von mir und dir.«
-
-Die Zwillingsschwestern waren ganz blaß, Benjamin schenkte stumm den
-Rest ein, und der Maler sah mit einem bewußten Gefühle von Scham vor
-sich hin. Der Arzt ging zuerst hinaus, dann folgte Helmold. Im Hausflur
-drückten ihm die Schwestern die Hand, und eh' er es sich versah, nahm
-ihn von jeder Seite eine in den Arm und küßte ihn schnell auf den Mund,
-ohne daß sie sich vor dem Arzte scheuten. Der nickte ihnen freundlich
-zu.
-
-Der Mond stand mitten über der schneeweißen Straße; taghell war zu
-beiden Seiten der Wald. Die Männer gingen schweigend nebeneinander
-her, trocken klangen ihre Schritte. Helmold war todmüde, aber vor dem
-Bette graute es ihn. »Von wem sind die Lieder?« fragte der Arzt. »Von
-mir,« antwortete der andere, und seine Stimme hörte sich staubig an.
-»Die Melodieen auch?« fragte Benjamin weiter. Der andere nickte, aber
-er war schon wieder anderswo, denn der Wald trat angstvoll vor der
-Haide zurück, so unheimlich sah sie im Mondenlichte aus. Helmold aber
-schien sie süßer Heimlichkeiten voll zu sein; er sah über dem schmalen,
-weißen Weg, der zwischen den schwarzen Wachholderbüschen den Hügel
-emporschlich, ein morgenrotfarbiges Kleid, das einen schlanken Leib
-umspielte, und in völliger Selbstvergessenheit summte er die Singweise
-des Rosenliedes vor sich hin. Plötzlich blieb er stehen und horchte in
-den Wind hinein, der in der Ferne sang; ein angstvolles, bitterliches,
-wehes Weinen war darin, und zum streicheln deutlich sah er vor sich ein
-weißes, tränenlos schluchzendes Gesicht und einen verwaisten Mund.
-
-»Was ist Ihnen?« fragte sein Begleiter und schob ihm die Hand unter die
-Achsel. »Sie fiebern ja! Drückt Sie etwas? Mir können Sie getrost alles
-sagen.« Doch der Maler schüttelte den Kopf und lächelte gezwungen:
-»Halluzinationen, Übermüdung und Sekt, weiter nichts; ich habe oft
-dergleichen.« Aber er wurde wieder frischer, als der Arzt auf Swaantje
-zurückkam, ihm auseinandersetzte, daß das Mädchen in die Welt müsse, um
-sich einen Beruf zu suchen, Liebe und Leid zu finden, damit sie nicht
-am lebenslosen Leben verwelke. Und da Helmold straffer schritt, begann
-der andere das ganze Wesen des Mädchens zu schildern in den Farben der
-Bibel und mit einem Verständnis für ihre Eigenart, daß dem Maler das
-Herz schwoll.
-
-Als sie vor dem Gutshause Abschied nahmen, sah Benjamin, daß
-Hagenrieders Gesicht wieder fieberfrei war. Er blickte ihm nach, als er
-mit leichtem Schritte über den Hof ging und so sicher, als wenn er nur
-Wasser getrunken hätte. »Auch nicht glücklich; einer wie der andere!«
-dachte der Arzt.
-
-Als Helmold um das Haus bog, sah er nach dem Erker hin; dort war noch
-Licht. »Sie schläft nicht,« dachte er und machte sich Vorwürfe, daß er
-ihr die Lieder gegeben hatte. In seinem Zimmer fand er eine dringende
-Depesche. Er packte seinen Koffer und legte sich nieder, den Herodot in
-der Hand. Er wollte nicht einschlafen, er hatte Angst davor, aber die
-Augen fielen ihm über dem Buche zu.
-
-Es war neun Uhr, als er erwachte; das Licht war bis auf den Halter
-heruntergebrannt. »Muß ich müde gewesen sein,« dachte er. Schnell
-badete er, und als er sich angezogen hatte, ging er in das gelbe
-Zimmer. Swaantje war nicht da; ihr Gedeck war unberührt; die anderen
-hatten schon gefrühstückt, denn ihre Plätze waren abgeräumt. Ohm Ollig
-kam herein; sein Gesicht sah noch zerknitterter aus als sonst. »Es
-hat Krach gegeben, deinetwegen. Die Bestie, die Bergedorfsche, hat
-ihr Lästermaul wieder aufgemacht, und sie«, er zeigte mit dem Kopfe
-nach dem Zimmer seiner Schwester, »muß das natürlich weiterquackeln.
-Swaantje hat wieder ihre Schmerzen. Benjamin war schon da; er
-verordnete Ruhe und acht Tage Bett. Jetzt schläft sie.«
-
-Frau Gesina kam herein. »Du bist recht spät gekommen, lieber Helmold,«
-sagte sie süßlich. »Im Gegenteile,« antwortete er, »sehr früh sogar,
-denn es war erst halb vier Uhr morgens.« Er drehte sich absichtlich
-so um, daß er eine der schreiend bunten Erbvasen herunterwarf. »Ach
-meine Lieblingsvase,« rief Frau Gesina und hob ächzend die Scherben
-auf: »die ist nun in Stücken!« Helmold lachte frech: »Wenn hier weiter
-nichts in Stücke geht, kannst du Gott danken! Hör' zu: ich muß mit
-dem Mittagszuge reisen; aber so viel Zeit habe ich noch, daß ich dir
-einmal die Wahrheit sagen muß. Setz dich bitte!« Er sprach das so, daß
-sie in den Sessel knickte und ihn hülflos ansah: »Also: ich reise.
-Ob ich je wiederkomme, weiß ich nicht; es ist mir zu mulsterig hier.
-Bitte, ich rede jetzt. Paßt dir das nicht, Muhme, da ist die Tür; ich
-bin nicht dein Gast, sondern Swaantjes, das bitte ich dich zu bedenken.
-Laß das, an deine Herzkrämpfe glaube ich nicht. Du solltest nicht so
-viel Kartoffeln essen, und nicht so viel Kuchen, und deinen Kaffee zu
-Hause trinken statt bei der verfluchten Klapperschlange vom Duttenhofe,
-die bei Gott verderben möge!«
-
-Die Tante fuhr auf: »Ich bitte dich, Helmold, lästere nicht!« Er warf
-den Kopf zurück: »Das war ein christliches Gebet und keine Lästerung.
-So, und nun kommt die Hauptsache: sobald Swaantje wieder in der Reihe
-ist, geht sie auf zwei Jahre aus dieser Mottenkiste heraus, verstehst
-du mich? Oder dreie! Wohin ist mir Wurst, jedenfalls bleibt sie nicht
-hier, sonst komme ich hierher, und dann sollst du mich einmal richtig
-kennen lernen. Du meinst, ich hätte hier nichts zu sagen? Stimmt, und
-darum nehme ich mir die Freiheit. Swaantje geht erst nach Berlin, dann
-nach Wiesbaden, dann nach München, dann wohin sie will, meinetwegen
-nach dem Vetter in Rußland, vorausgesetzt daß die Esel von Letten sich
-bis dahin die Bombenschmeißerei etwas abgewöhnt haben. Drei Wochen habe
-ich deine pomadigen Reden und margarinenen Seufzer nun ausgehalten,
-um das Mädchen aufzumuntern; dir hat es gefallen, mit einem Wort
-meine ganze Kur umzuknicken. Ist sie denn eine solche Sorte wie die
-Bergedorfer Blagen, die man nicht fünf Bierminuten mit einem Manne
-allein im Zimmer lassen darf? Hat sie ihr Geld dazu, daß sie hier
-versauert? Ihren Kopf, damit du sie so dämlich machst, wie das hier
-guter Ton ist? Siehst du denn nicht, wie du sie mit deiner Tanterei
-kaput machst? Ohm Ollig, frage den, der ist ganz meiner Meinung;
-nur mag er nicht den Mund auftun, weil du ihm dann acht Tage lang
-Hammelbraten vorsetzest.«
-
-Der Ohm rutschte ganz tief in seine Vatermörder hinein, plinkte Helmold
-aber heimlich zu. Der ballerte weiter: »Glaubst du vielleicht, es ist
-eine Erquickung für sie, wenn sie den ganzen Tag in einem Ende gefragt
-wird. ›Swaantien, hast du dies gemacht? Swaantien, wie steht es damit?
-Swaantien, du hast doch nicht vergessen?‹ Als ich vor drei Jahren hier
-war, hing mir dies Gefrage schon armlang zum Halse heraus, und deswegen
-bin ich so lange nicht hier gewesen. Da hieß es: ›Swaantje ist krank,
-nervenkrank!‹ Weißt du, was ich da zu Grete sagte? ›Kein Wunder bei
-dem Zusammenleben mit der alten Schrammschraube!‹ Jawohl, das habe ich
-gesagt, und hätte Grete damals nicht die Kleine an der Brust gehabt,
-sie wäre gekommen und hätte hier einmal gründlich ausgelüftet. Na, und
-dann durfte Swaantien«, er sprach es mit schmalziger Betonung, »ja
-endlich kommen. Swaantien kam, aber Swaantje nicht. Aus dem sonnigen,
-heiteren Mädel hattest du einen hysterischen, neurasthenischen Schatten
-gemacht. Das Herz im Leibe tat uns weh, als sie ankam. Na, wir
-fütterten und ulkten sie gesund, ließen sie treiben, was sie wollte,
-und machten glücklich wieder Swaantje aus ihr. Nach einem halben Jahre
-komme ich hierher, und wen finde ich? Swaantien«, er sprach es wieder
-so niederträchtig wie möglich, »Swaantien mit dem Bindfaden am Bein,
-an dem die gute, die liebe, die mütterliche Tante Gese den ganzen Tag
-herumzockt.«
-
-Giftig funkelten seine Augen sie an. »Ja, weine nur, es wird dir ja
-leicht, bist ja am Wasser geboren, wenn auch an einem ziemlich trüben.
-Ich glaube dir gern, daß es keine Sauriertränen sind, sondern daß sie
-dir ehrlich abgehen. Sieh mal, Muhme,« seine Stimme wurde weicher,
-»eines schickt sich nicht für alle. Du weißt, ich bin ein abgesagter
-Feind des ganzen Weiberbewegungsschwindels, dem Steckenpferdchen
-von Grete. Deswegen sperrt man doch aber ein Mädchen, das nach
-Weiterbildung und nach Kunst hungert, und nach der Welt und ihren
-Menschen, nicht zeitlebens ein, bis sie eingeht. Denn das tut sie;
-Benjamin, mit dem ich die halbe Nacht durchgesumpft habe, ist ganz
-meiner Meinung, vielmehr, er fing zuerst davon an, und daß ich dir das
-alles jetzt sage, daran ist er schuld.«
-
-Er klingelte, und als der Diener kam, befahl er: »Ich fahre mit dem
-Mittagszuge; der Koffer ist fertig.« Dann sah er den Frühstückstisch,
-goß sich Tee ein, und während er auf und ab ging, würgte er ein
-trockenes Brötchen hinunter. Frau Gesina strich ihm eins und legte ihm
-mit ihrem demütigsten Lächeln Fleisch und Eier vor, und ohne zu wissen,
-was er tat, aß er. Dann riß er aus seinem Skizzenblocke zwei Blätter
-heraus, schrieb zwei Depeschen und schickte den Diener damit fort. Er
-sah ganz blaß aus, hatte blaue Schatten unter den Augen, einen engen
-Mund, und seine Hände zitterten.
-
-Die alte Frau goß ihm ein Glas Portwein ein; er drückte ihr die Hand
-und küßte sie auf die Backe. Sie fing von neuem zu weinen an. Er
-klopfte sie auf die Schulter: »Weiß ja, liebes Muhmchen, meinst es
-nicht so; bist ja von Herzen gut. Und ich glaube, du siehst auch ein,
-daß ich recht habe.« Sie nickte unterwürfig. »Na, und so lasse sofort
-die Näherinnen kommen und Swaantjes Kleider in Stand setzen, und melde
-sie bei Ohm Otte an. Von Berlin kann sie dann erst zu uns kommen; Grete
-wird viel allein sein, denn ich habe den großen Auftrag zu erledigen
-und lebe dann ganz in der Werkstätte.« Er sah nach der Uhr: »Sieh bitte
-zu, ob ich Swaantje sprechen kann; ich will ihr Lebewohl sagen.« Die
-Tante ging hinaus und kam nach einer Weile wieder. »Sie ist aufgewacht
-und möchte ein wenig gekochtes Obst essen und freut sich, dich zu
-sehen. Du mußt aber vorsichtig sein mit ihr; die Schmerzen können bei
-jeder Aufregung wiederkommen.«
-
-Er lächelte: »Bedenke das bitte, so oft du Swaantien zu ihr sagst.
-Gib mir das Obst, ich bringe es ihr. Und nun: Lebt wohl! Dank für
-alles Gute, und seid nicht böse auf mich; einmal mußte die Sache
-besprochen werden. Ich hätte es ja anders sagen müssen, aber ich bin,
-wie ich bin. Adjüs, Ohm Ollig, adjüs, Muhme Gese! Und nicht wahr,
-ich verlasse mich auf dich? Großes Bierwort darauf? Und verschone
-mir das Mädchen mit allen Butternöten und Legehennensorgen und
-Negerkinderbekleidungsmanufaktur; laß sie machen, was sie will. Sie
-redet dir in dein Ministerium des Innern ja auch nicht hinein. Also:
-Gehabet euch wohl, und grüßt mir den Doktor; das ist ein Prachtkerl.«
-
-Er ließ die beiden stehen und ging mit dem Tragbrette in der Hand aus
-dem Zimmer. Auf der Treppe traf er die Zofe. »Melden Sie mich bitte,
-Fride,« sagte er. Das Mädchen lächelte ihn an: »Das gnädige Fräulein
-warten schon.« Sie stockte einen Augenblick, dann griff sie nach seiner
-Hand, drückte sie und stammelte: »Herr Hagenrieder, ich war nebenan;
-ich horche sonst nie, aber die Hand könnte ich Ihnen küssen! Sie sollen
-sehen, sobald Fräulein Swaantje draußen ist, wird sie wieder gesund.
-Gott,« sie klappte die Hände ineinander, »und ich komme dann mit!«
-Helmold klopfte ihr die Backe: »Das ist Ihnen wohl die Hauptsache? Na
-na, ich mache bloß Spaß. Aber, Fride, geht hier oder sonstwo etwas
-verquer, Eilbrief oder Telegramm! ich komme dann sofort. Hier, das ist
-für etwaige Auslagen. Und bringen Sie mir Ihre Herrin gesund wieder,
-dann gibt es einen blauen Lappen für die Aussteuer.« Er nickte ihr zu
-und ging die Treppe hinauf.
-
-Leise öffnete er die Türe zu Swaantjes Wohnstube. Der Vorhang des
-Erkerzimmers war zurückgezogen; das Mädchen lag halb sitzend im Bette.
-Als er eintrat, nahm sie schnell die Hand von der Schläfe. »Maria mit
-den sieben Schwertern« dachte er, und er mußte sich auf die Lippen
-beißen, um nicht aufzuschreien. Ihr Gesicht sah nicht so blaß aus,
-wie er gefürchtet hatte, nur ihre Augenlider waren gerötet. Aber ein
-Leuchten lag in ihrem Blicke, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte,
-und eine Süßigkeit war in ihrem Lächeln und eine Hingebung, daß der
-Teller auf dem silbernen Tragbrette in seinen Händen an zu klirren
-fing. Doch er jagte seine Sehnsucht in die Ecke, stellte das Tragbrett
-auf den Nachttisch, setzte sich vor das Bett, gab seiner Base die
-Hand und sagte: »Arme kleine Swaantje, und daran bin ich nun schuld!«
-Sie lächelte lieblich und nickte: »Ja, aber ich danke dir doch sehr;
-du hast mich unsagbar erfreut.« Sie gab ihm die Hand und flüsterte
-zärtlich: »Lieber Helmold!« Er lächelte freundlich, aber das ganze
-Zimmer drehte sich um ihn. »Einen Kuß, einen einzigen Kuß!« dachte er.
-
-»Komm,« sagte er, legte ihr das Händetüchlein hin und nahm den Teller
-und den Löffel; »jetzt muß die kleine Swaantje erst ein bißchen essen;
-und wenn sie sich nicht beschlabbert, und wenn sie erst wieder gesund
-ist, darf sie zu Ohm Otte, und dann kommt sie zu Hagenrieders, und dann
-geht sie nach Wiesbaden, und nach München, und im Sommer geht sie mit
-uns an die See, und nachher in den Harz.« Sie lächelte, und die Augen
-wurden ihr feucht. Wie ein Kind ließ sie sich eine Pfirsichspelte nach
-der anderen zwischen die Lippen schieben.
-
-Helmold wunderte sich, daß ihm die Hände nicht zitterten. Auf die
-Knie hätte er fallen, ihre Hände mit Küssen bedecken, ihr den Schmerz
-abbitten mögen, den er ihr zugefügt hatte, und während er das dachte,
-stand der gepanzerte Ritter wieder hinter ihm, stieß ihn leise an
-und flüsterte: »Küsse sie doch, Mensch, küsse sie; sie wird dich
-wiederküssen. Mein Wort darauf!« Aber er küßte sie nicht, und keiner
-seiner Blicke sprach von mehr als von Brüderlichkeit.
-
-Er strich ihr leise die schmerzende Schläfe; sie sah ihn dankbar an und
-sagte: »Das hat mir mehr geholfen als alle Pulver. Aber du mußt gehen,
-es wird sonst zu spät für dich, lieber Helmold!« Er stand auf und sah
-sich im Zimmer um; er selbst hatte die Einrichtung entworfen. Er sah
-das Mädchen an, ihre Hände, die aus den Spitzen hervorsahen, und ihr
-Gesicht, das eng von der Halskrause umschlossen wurde. Ihr Haar lag
-halbgelöst um ihre Schläfen; es hatte einen fettigen Schimmer. Langsam
-hob ihre Brust das weiße Nachtgewand.
-
-»Lebe wohl, liebe Swaantje,« sagte er; bröcklich klang seine Stimme;
-»werde gesund und komme bald!« Er bückte sich nieder und küßte ihre
-beiden Hände, und da fühlte er, daß ihre Lippen seine Stirn streiften,
-und es schwindelte ihn, als er sich aufrichtete. Aber schnell nickte er
-ihr zu und verließ das Zimmer.
-
-Er wußte nicht, wie er zum Bahnhof gekommen war. Er nahm eine Karte
-erster Klasse; er wollte möglichst allein sein. Als ihm der Diener den
-Gepäckschein zurückgab, starrte er so dumm darauf hin, daß der Mann
-lächelte.
-
-Er hatte noch zehn Minuten Zeit; der Zug hatte Verspätung. »Zehn
-Minuten zu früh von ihr gegangen; sechshundert Sekunden fortgeworfen!«
-dachte er. Da ruschelte ein seidenes Kleid hinter ihm. Er trat zur
-Seite und sah Frau Bergedorf vor sich stehen. Sie erwiderte holdselig
-seinen Gruß und fragte ihn: »Schon fort? Ich dachte, Sie wollten noch
-eine Woche bleiben?« Er zuckte die Achseln: »Es ging nicht anders;
-ich habe in einem großen Ausschreiben gesiegt und muß nun mit den
-Auftraggebern verhandeln.« Die Frau wiegte den Kopf: »Das wird Ihre
-Kusine aber sehr bedauern; Sie beide sind doch ein Herz und eine
-Seele!« Er lächelte verbindlich: »Natürlich, soweit das bei dem großen
-Altersunterschiede möglich ist. Erwarten gnädige Frau jemanden?« Sie
-nickte: »Meine Olga.«
-
-Sie gingen den Bahnsteig entlang, bis dahin, wo sie allein waren.
-Helmold machte sein liebenswürdigstes Gesicht: »Meine Base ist leider
-recht krank; sie hat sich über das Geschwätz zu sehr aufgeregt, das ein
-Weibsbild aus der hiesigen Gesellschaft über sie aufgebracht hat. So
-etwas ist doch gemein, gnädige Frau, nicht wahr? Besonders wenn es von
-einer Person ausgeht, die als verlobte Braut abends verschleiert einen
-Leutnant so lange besuchte, bis es zum Skandal kam, und die Töchter
-hat, die es ähnlich treiben. Wenn ich nur den Namen wüßte, die könnte
-sich gratulieren. Vielleicht erfahren gnädigste Frau etwas darüber und
-haben die große Güte, es mich wissen zu lassen. Hier meine Adresse!« Er
-zog eine Karte heraus und gab sie ihr.
-
-Der Zug lief ein. »Empfehle mich ganz gehorsamst, meine Gnädigste,«
-sagte Helmold mit dem Hute in der Hand und küßte seinen Daumen über
-ihren Handschuh; »und ich bitte um gütige Empfehlung zu Hause.« Er
-verbeugte sich und ging auf den Zug zu. Vom Fenster aus grüßte er noch
-einmal; Frau Bergedorf dankte gütig.
-
-In dem Abteil saß ein Rittmeister von den Münsterschen Panzerreitern;
-er sah flüchtig auf und las weiter in seinem Buche. Helmold blieb am
-Fenster stehen, bis Swaanhof vor ihm auftauchte, und als es verschwand,
-setzte er sich und wartete, bis die Mecklenhusener Haide immer näher
-kam. Er sah den Weg, den er mit Swaantje gekommen war; das Tödeloh, wo
-der Tod ihn angebettelt hatte, flog schnell vorüber und langsamer der
-Wahrbaum.
-
-Er stützte den Kopf in beide Hände. Er dachte daran, daß er doch
-wenigstens ein Taschentuch oder einen Handschuh von ihr als Erquickung
-hätte mitnehmen sollen, oder ihr Bild. Nun hatte er nichts von ihr,
-als den verblühten Kuß auf seiner Stirn, den zerwehten Klang ihrer
-Stimme in seiner Seele, und ihr blasses Bild in seiner Erinnerung. Er
-liebkoste es mit den Augen, küßte es auf die Hände, aber jedes Mal,
-wenn er die Lippen küssen wollte, verschwand es, und er sah nichts als
-das rote Polster vor sich und den langen Offizier.
-
-Dann sah er sich tot und kalt unter der Schirmfichte liegen; drei
-Männer kamen und begruben ihn hinter dem Walle im Tödeloh. Jede Nacht
-stieg seine Seele aus dem Grabe und ging in das graue Steinhaus, wo
-sie die Schatten anderer Männer traf, die vor vielen tausend Jahren
-dort ihre Leiber vergessen hatten. Sie prahlten von Krieg und Sieg,
-schimpften darüber, daß kein Mensch mehr an sie denke und ihnen
-Wildpret und Honigbier hinstelle, und sie machten sich über ihn lustig,
-weil er ein jedes Mal jedweden von ihnen fragte, ob nicht ein Kranz
-oder ein paar Blumen für ihn abgegeben wären.
-
-Es war aber niemals etwas da und weinend stieg er wieder in sein Grab.
-
-
-
-
-Der Mohnblumenkranz
-
-
-Am Abend aber lachte er sie alle miteinander aus, die Geister der
-sächsischen Männer, denn es waren auf einmal viele Blumen da, und die
-sahen ihn so herzlich an, daß seine Seele ihren Leib wiederfand und
-singend aus dem grauen Grabe zum grünen Leben hinaufstieg.
-
-Es waren jedoch keine weißen Blumen, die vor seinem Grabe lagen, rote
-Mohnblumen waren es, und nicht Swaantje hatte sie dort niedergelegt,
-sondern Grete, seine kluge, gute und starke Frau hatte sie zum Kranze
-gewunden und zu Häupten seines Bettes aufgehängt; sie flüsterten ihm
-mit ihren leichtsinnigen roten Lippen so leise Schlummerlieder zu,
-daß er die ganze Nacht verschlief und den nächsten Tag, und nachdem
-er einen Bissen gegessen und einen Schluck getrunken hatte, schlief
-er abermals ein, denn ein frischer Kranz hing über seinem Bette, und
-den löste ein dritter ab, und so schlief Helmold Hagenrieder drei Tage
-und drei Nächte, und dann stand er in der Frühe auf und ging in seine
-Werkstatt, ging frisch und fröhlich an seine große Arbeit und pfiff ein
-Lied dabei.
-
-Es hatte eine seltsame, lustige Weise, das neue Lied; leichtsinnig
-war sie und doch so tief, froh, und doch so schwül, und die roten
-Mohnblüten hatten es ihn gelehrt. Helmolds Augen strahlten, blickte er
-seine Frau an; und er küßte sie, wie seit langem nicht, seine liebe,
-gute Grete, die sich seiner Not erbarmt hatte, als er krank und elend
-und zerbrochen von Swaanhof kam und ihr sein bitterliches Leid geklagt
-hatte. Sie hatte ihm das Haar gestreichelt und die Stirne geküßt wie
-eine Mutter, und ihm zugeflüstert: »Ja, ja, mein armer Junge; sie soll
-kommen; ich selber will sie rufen.«
-
-Deshalb konnte er mit einem Male wieder lachen und flöten und singen;
-darum aß er, wie lange nicht, und schlief fest und lange wie ein
-Kind, und küßte seine Frau, wo er sie zu fassen bekam, und sang ihr
-jede Nacht das Lied von dem roten Mohn in die Ohren; und wenn dann
-am anderen Morgen Frau Grete ihre Zöpfe flocht, dann lachte sie ihr
-Spiegelbild an und dachte: »Wie eine junge Frau seh' ich aus; wie eine
-ganzganz junge Frau!«
-
-Zum roten Mohn gehören blaue Kornblumen, und da Helmolds und Gretes
-Backen von Tag zu Tag mehr den roten Blumen ähnlich wurden, so sahen
-ihre Augen von Nacht zu Nacht blauer aus, denn die volle Sonne lag auf
-ihnen; rund herum war das Feld so gelb wie Gold und versprach eine
-Ernte, wie sie lange nicht gewesen war, reif und schwer. Kein Landregen
-schlug sie zu Boden, kein Sturm zerzauste sie, kein Schloßenfall
-knickte sie ab; jeden Tag hingen die Ähren tiefer, und wenn der Wind
-über sie ging, dann rauschten sie leise, rauschten ein heimliches Lied,
-bis Helmold es vernahm und es erst leise und dann immer lauter pfiff,
-und was er flötete, das malte er auf einen neuen Karton, erst in leisen
-Strichen, dann in halblauten Linien, und schließlich in hellklingenden
-Farben.
-
-Aus warmen Liedern, heißen Küssen und glühenden Farben waren die
-Entwürfe entstanden, die auf den drei großen Kartons an den Wänden zu
-sehen waren, und wenn Helmold, seine Frau im Arme, davor stand, dann
-schüttelte er den Kopf, lachte und sagte: »Jetzt weiß ich erst, daß ich
-etwas kann. Aber was kriege ich von dir dafür?« Dann nahm sie ihn in
-die Arme, reckte sich an ihm hinauf, zog seinen Kopf an ihren Mund und
-flüsterte ihm etwas zu, das kein dritter Mensch hören durfte, und es
-war doch weiter nichts als das Lied vom roten Mohn. Jeden Tag mußte sie
-es ihm in das Ohr summen, den einen Tag das eine, den anderen Tag das
-zweite, den dritten das dritte Stück, und als er in der Eisenbahn saß
-und dahin fuhr, wo aus den Entwürfen Werke werden sollten, sah er auf
-den kahlen Feldern lauter rote Mohnblumen vor sich, und als der Abend
-ihm die Landschaft vor den Augen fortnahm, blühten rote Mohnblüten in
-den Wolken auf, immer mehr, bis sie den ganzen Himmel erfüllten.
-
-Jedweden Tag bekam Frau Grete eine Karte mit roten Mohnblüten, eine
-einzelne oder ein ganzes Feld voll darstellend; sie legte sie alle
-der Reihe nach in einen Kasten aus kornblumenblauem Samt, besah sie
-jeden Abend, zählte sie immer und immer wieder und sang sich selbst
-mit dem Liede in den Schlaf. Doch am Tage vor dem Julfeste kam keine
-Mohnblumenkarte, da kam der, der mohnblumenrote Küsse zu verschenken
-hatte, und ganze Fäuste voll brachte er davon mit, drei große Sträuße,
-für jeden Feiertag einen. Und daran sahen sich ihre Augen, die vom
-vielen Sticken und Nähen und Kochen und Backen ein wenig blaß geworden
-waren, wieder so blau, wie Kornblumen, und auch die Augen ihres Mannes,
-die zu viel Farbe hatten hergeben müssen in den letzten Wochen, färbten
-sich voller.
-
-»Nun noch zwei oder drei Monate, Gretechien,« lachte er, »und dann
-singe ich wieder in meiner Werkstatt, denn ich habe noch manches Lied
-in den Augen, das du nicht gesehen hast. Ich bin froh, daß ich alle die
-drei Bilder auf einmal angelegt habe, und du solltest mich einmal bei
-der Arbeit sehen; ich sage dir, es ist die reine Kilometerfresserei!
-›Sie müßten sich eigentlich Rollschuhe anschnallen,‹ sagte der Herzog
-neulich. Ich hatte nicht gewußt, daß er kam, und achtete gar nicht
-darauf, daß mehrere Leute eingetreten waren, denn ich war in voller
-Arbeitsbrunft. Ich hatte grade am rechten Seitenbilde gemalt, du weißt
-doch, das Kriegsbild, und da fiel mir etwas am linken Seitenbilde
-ein, und ich sauste das Hängegerüst entlang und malte an der anderen
-Seite und flötjete dabei, wie ein Scherenschleifer. Wie ich nachher
-hörte, hat der Adjutant mich darauf aufmerksam machen wollen, daß der
-hohe Herr da sei, aber der hatte abgewinkt und mir lachend zugesehen,
-bis ich nach dem Mittelbilde hinlief, denn mir fiel ein, daß noch ein
-bißchen Schatten mehr das Gesicht der jungen Frau heller machen würde.
-Na, und da sagte der Herzog denn das.«
-
-Er lachte: »Du, ich glaube, der mag mich. Grade weil ich so
-demokrätzig-urwüchsig bin; die Pomadenmanieren hat er ja den ganzen
-Tag um sich. Ich habe Angst, daß ich mir den Professortitel zuziehe,
-und so was färbt auf das Talent ab. Ein Orden wäre mir lieber, dann
-würden die Leute doch sehen, daß ich ein ordentlicher Mensch bin.« Er
-lachte lustig. Ȇbrigens wird seine Hoheit mir sitzen. Ich hatte, als
-er das Triptychon besah, ihn schnell ein paar Mal auf den Hülfskarton
-skizziert, und das hatte man ihm gesteckt. Wenn ich nur wüßte, welches
-von seinen zwei Gesichtern ich nehmen soll, das Pflichtgesicht oder das
-Wunschgesicht, ob ich ihn als Landesvater oder als Heerführer male.
-Weißt du, der Mann tut mir leid! Bei dem Temperament, bei der Unmasse
-von Willen immer und ewig den kühlen Herrn von Stande markieren zu
-müssen, hol's der Kuckuck, da ist es kein Wunder, wenn der Charakter
-allmählich etwas viereckig wird. Wenn unsereins am falschen Platze ist,
-na, dann dudelt er sich einmal einen an und schimpft sich die Wut vom
-Balge; das kann er sich natürlich nicht leisten. Ich habe mich früher
-manchmal über das Hin und Her bei ihm geärgert, aber als Hennecke
-mich damals bei der Hofjagd einmogelte und ich den Mann eine Stunde
-lang auf drei Schritt sah, da wußte ich Bescheid. Natürlich, er ist
-ein Mensch und hat Fehler; aber er hat Leidenschaft im Leibe und ist
-imstande, sich zu begeistern, also kein Philister. Philistern verzeihe
-ich eine Ziellosigkeit nie; Karrengäule müssen ihren Trott gehen;
-Rennpferde dürfen einmal ausbrechen.«
-
-Er sah seine Frau zärtlich an: »Wenn wir uns nicht gefunden hätten!
-Ich glaube, ich wäre vor die Hunde gegangen ohne dich. Ja, du hast
-erst etwas aus mir gemacht; mit einem Ruck kam ich von der Erde aus
-dem Naturalismus in den Realismus, und nun stehe ich mit beiden
-Hinterbeinen im Idealismus, komme über mich hinaus. Herrgott, soll das
-jetzt ein Leben werden! Hätte ich nur erst die Bilder fertig! Denn
-was ich alles noch im Leibe habe, das ahnst du gar nicht, und reden
-kann ich darüber auch nicht eher, als bis ich der Sache in das Gesicht
-sehen kann. Nur das eine will ich Dir verraten: ich male fortan nur
-Tendenz.« Seine Frau sah erstaunt auf, und er lachte: »Jawohl, Liebste,
-Tendenz, faustdicke Tendenz, so faustdick, daß sie mir keiner vorwerfen
-kann! Meine Tendenz ist: meinem Volke den Rücken mit Franzbranntwein
-einzureiben, es mit Freude und Grimm zu füttern und mit Wonne und Weh
-zu tränken, damit es so bleibt, wie es ist, sich nicht verplempert
-in fremder Art und nicht vergißt, daß es zwei Gesichter hat: ein
-gutmütiges und ein bösartiges; denn wir kriegen allmählich zu viel
-Gemütsembonpoint, seufzen, wird irgendwo ein Schweinehund geköpft, und
-stöhnen, wenn wir die Knarre zur Hand nehmen sollen.«
-
-Er ballte die Hände, reckte die Fäuste und dehnte die Brust: »Einen
-Krieg, den möchte ich noch erleben, aber aktiv!« Seine Frau sah ihn
-entsetzt an, er aber lachte, drückte sie an sich und flüsterte: »Weißt
-du das Lied noch, das Lied von dem rotroten Mohn? Wir wollen es nicht
-vergessen; es ist das schönste Wiegenlied für große Kinder!«
-
-Sie vergaßen es nicht; als Helmold wieder abgereist war, flogen die
-Mohnblumenkarten jeden Morgen in das Haus. Manchmal war nur eine
-kleine, schüchterne Blüte in eine Ecke gemalt, während der übrige Raum
-voller Schrift war; dann kam eine, über die sich die Blüten von einer
-Ecke in die andere zogen, oder eine andere, auf der sie einen Rand
-bildeten oder einen Fries. Wenn aber eine eintraf, auf der ein Kranz
-von den glühenden Blumen zu sehen war, dann seufzte Frau Grete auf und
-ging abends nicht so früh schlafen, und wenn sie es tat, dann trat sie
-vorher in das Schlafzimmer ihres Mannes und streichelte das Kopfkissen.
-
-Aber als die Amsel schon übte und die Finken bereits stümperten,
-die Schneeglöckchen über den Buchsbaum sahen und der Haselbusch mit
-goldenem Staube um sich warf, kamen die Karten immer spärlicher, und
-fast nie war eine rote Blume darauf zu sehen, und wenn das doch so war,
-dann war sie mit Rotstift flüchtig hingestrichen, und Frau Grete wurde
-wieder ganz traurig.
-
-Bis dann der Tag kam, an dem der Frühling sein erstes gelbes Extrablatt
-in den Garten flattern ließ, an dem der Fink sagte: »Jetzt kann ich
-es aber!« und die Amsel: »Und ich erst recht!« Da rollte ein Wagen
-vor das Haus, hielt mit einem Ruck, und Frau Grete stürzte die Treppe
-hinunter, denn Gift und Galle, die beiden Teckel, stießen den Ruf aus:
-»Herrchen ist da!« und jaulten und kläfften und winselten und kratzten
-die Ölfarbe von der Haustüre, und als die Frau die Türe aufriß, stand
-Helmold vor ihr, küßte sie, drückte sie, daß ihr schwach wurde, und
-rannte die Treppe hinauf, um Swaan und Sweenechien zu küssen. Dann lief
-er in die Werkstatt, atmete tief auf, ging in den Garten, liebelte die
-Hunde ab, sagte allen Blumen guten Tag und den Fischen in den Teichen
-auch. Dann wurde er allmählich vernünftig und ging in die Veranda, wo
-nach einiger Zeit seine Frau eintrat. Er drehte sie um und befahl: »So
-stehen bleiben!« und als sie sich umwenden durfte, sah sie, daß er
-einen Orden vor der Brust hatte.
-
-»Ja, weißt du, ich hatte die Wahl: Professor oder ordentlicher Mensch!
-Na, da sagte ich: Exzellenz, so'n Professortitel, wenn man den alle
-Tage trägt, der sieht dann schließlich so aus, wie ein alter Gehrock;
-dann bitte ich lieber um etwas, das sich nicht so leicht abträgt, weil
-man es bloß an hohen Tagen anzieht. Hat der alte Herr gemeckert! wie
-eine Bekassine! Ja, und nun habe ich nicht nur einen Vogel im Kopf,
-sondern auch einen vor der Brust, aber einen, der sich sehen lassen
-kann.« Sweenechien wollte gern den Vogel sehen, den ihr Vater im Kopfe
-hatte; da sich das nicht gut bewerkstelligen ließ und um sie auf andere
-Gedanken zu bringen, wurde der Koffer ausgepackt, und nun gab es ein
-Gequieke und Gejubel in der Veranda, daß der Buchfink beschämt den
-Schnabel hielt und die Amsel geärgert fortflog. Aber was hatte der
-Vater nicht auch alles mitgebracht! Das war noch viel schöner, als
-zum Julfeste, denn da wußte man im voraus, daß man etwas bekam. Swaan
-wußte nicht, bei welchem Buche er zuerst anfangen sollte zu lesen,
-Sweenechien sah ratlos von der blonden zu der braunen Puppe, und die
-Luise und die Minna standen da und machten ganz dumme Gesichter wegen
-der schönen Sachen, die sie bekommen hatten, und vergaßen beinahe, sich
-zu bedanken. Als sie im Hausflure waren, fielen sie sich um die Hälse
-und küßten sich, und vor einer Stunde hatten sie sich noch gefährlich
-gezankt.
-
-Frau Grete aber bekam ein Kästchen; als sie es aufmachte, jubelte sie
-hell auf, schlug die Hände zusammen und küßte ihren Mann auf beide
-Backen, denn in dem Schächtelchen lag ein Schmuck für ihren Hals, wie
-sie sich ihn in ihren waghalsigsten Träumen nicht gewünscht hatte. Aber
-als ihr Mann aus der Innentasche der Weste einen grünen Lederumschlag
-nahm und ihr gab und sie einen Tausendmarkschein nach dem andern
-hervorholte, wurde sie mit einem Male feuerrot und steckte das, was
-unter dem letzten Scheine lag, schnell wieder in den Umschlag; denn
-das war eine roggengrüne Karte, und darauf war ein Kranz aus roten
-Mohnblumen gemalt.
-
-Helmold Hagenrieder fehlte es jetzt nie an einem Kranze aus Mohnblüten
-zu Häupten seiner Bettstatt, und so mangelte es ihm auch niemals an
-kühlendem Schlummer nach heißem Schaffen. Denn heiß waren seine Tage,
-heiß und lang. Schon in aller Frühe, wenn die Amsel zu singen begann,
-war er in seiner Werkstätte und malte. Bild um Bild entstand, nun ein
-lichtes, frohes, reines, ohne eine andere Absicht, als so wirken zu
-wollen, wie eine lächelnde Blume oder eine lachende Frucht, und dann
-andere, die zwei Gesichter hatten und eine doppelte Sprache redeten.
-
-Seine beiden Saharabilder entstanden, die Söldner und die Sieger, die
-zum Tode ermatteten Fremdenlegionäre, im glühenden Sonnenschein durch
-den Sand watend, darstellend, und die erschossenen Kabylenhäuptlinge
-im grellen Mondenlicht. Dann wurde die Hinrichtung der Sachsen
-an der Halsbeeke bei Verden beendet und gleichzeitig Frigges
-Flammentod, und hinterher kam das bitterböse Bild von Wodes Zorn.
-Auf einer dunkelgrünen Melodie hatte Helmold den Stoff gepflückt, so
-verträumt, wie sie an einem weichen Sommerabend erklingt, wenn die
-Mädchen eingehakt über die Dorfstraße ziehen und so lange singen,
-bis es den Jungens unter dem Brusttuche brennt. Aus Lindenblüten und
-Blättergeflüster war sie gewebt, und das Lied, das ihm dabei kam,
-begann also: »Ach ich war den ganzen Tag allein, denn mein Schatz
-der konnt nicht bei mir sein.« Das Bild aber stellte eine lachende
-pfälzische Landschaft dar, grüne Rebengärten an roten Felsenhängen;
-doch im Mittelgrunde brannte ein Dorf und im Vordergrunde lagerten
-Soldaten Turennes. Der Rahmen war dunkeleisengrau; er wies unten einen
-kaum sichtbaren Fries von Menschenschädeln auf, rechts und links den
-krähenden gallischen Hahn und oben zwischen zwei wütend schreienden
-Raben Wode Wutblick; der Gott aber trug die Züge des Fürsten Bismarck.
-
-Dazwischen entstand ein Bildnis nach dem anderen; denn seitdem Helmold
-den Herzog hatte malen dürfen, und in einer Auffassung, die allem
-Herkommen entgegen und dabei doch so schlicht und natürlich war, wollte
-alle Welt von ihm gemalt sein, und er konnte sich vor Aufträgen nicht
-retten, trotzdem oder weil er Preise nahm, daß Frau Grete oft sagte:
-»Du machst es ein bißchen zu grob.« Aber dann lachte er und sagte:
-»Bisher nahm ich Gesellenlöhne; jetzt lasse ich mir Meisterpreise
-zahlen. Das verlangt die Zunftehre«. Es kam ihm aber gar nicht darauf
-an, einen Menschen, den er gern hatte, oder dessen Kopf ihm gefiel,
-ohne Entgelt zu malen; wenn aber der Kunsthändler Schultze ihm sagte:
-»Machen Sie es ein bißchen billiger, verehrter Herr Hagenrieder, dann
-nehme ich die doppelte Anzahl Studien,« so hieß es: »Wenn Sie mir
-noch einmal ein solches Angebot machen, dann sehe ich mich nach einem
-anderen Verhältnisse um.«
-
-Er hatte so viel zu tun, daß er wie ein spielendes Kind dahinlebte;
-er aß wie ein Drescher und schlief wie ein Dachs; wenn die Nacht auch
-manchmal nur drei oder vier Stunden für ihn hatte, weil es ihn in
-aller Frühe schon nicht mehr im Bette litt, er schlief so fest und
-traumlos, daß die drei Stunden mehr Frische bei ihm ansetzten, als
-sonst deren neun. Das Wetter, von dem er im Sommer vorher immer bis zur
-Unerträglichkeit abhängig gewesen war, kümmerte ihn gar kein bißchen;
-der Vollmond war schlecht auf ihn zu sprechen, denn er hatte ihn links
-liegen lassen und war kein einziges Mal mit ihm losgezogen, wenn der
-ihn abholen wollte. Er trank überhaupt nur dann etwas, wenn es gar
-nicht anders ging, und wenn er im vorigen Jahre ohne die Zigarre oder
-die Zigarette nicht zu denken war, so rauchte er jetzt nur nach den
-Hauptmahlzeiten, wenn er mit seiner Frau plauderte.
-
-Die war jetzt viel bei ihm in der Werkstätte und freute sich über
-sein federndes Wesen und besonders darüber, daß er von Swaantje ganz
-selten sprach und dann nur wie von einer guten Freundin. Ganz langsam
-und vorsichtig versuchte sie, ihm den Gedanken an das Triptychonleben,
-den sie in ihm heraufbeschworen hatte, auszureden. Frau Gesina war
-krank gewesen, und Swaantje war deswegen nach Swaanhof gereist und
-hatte Grete eingeladen. Als Frau Hagenrieder wiederkam, brachte sie
-ihrem Mann einen schönen Gruß mit und sagte dann: »Wir haben sehr
-viel gelacht, denn Swaantje sagte: ›Daß ich simple Landpomeranze
-es noch einmal bis zur Romanheldin bringen würde, das hätte ich
-nicht gedacht.‹« Ihr Mann, der gerade die Zeitung las, hatte nicht
-mehr gezeichnet als ein Rehbock, an dem die Kugel vorbeiflötet, und
-hinterher hatte er ganz ruhig mit ihr über sein Verhältnis zu dem
-Mädchen gesprochen: »Sie war nötig für mich, liebe Grete,« sagte er,
-»und bleibt es auch wohl; doch nicht als Weib, glaube ich. Damals,
-als ich ganz zerknittert von Swaanhof zurückkam, meinte ich, es
-wäre anders; aber das war wohl nur ein Ausfluß meines gebrechlichen
-Zustandes. Von jeher wird mein Gefühl zu ihr auf einem anfangs
-unbewußten, dann klar sehenden Mitleid aufgewachsen sein, und wenn ich
-sie so recht von Herzen glücklich sähe, wird sie mir nicht mehr sein
-als Hennig, denn auf dessen Liebste bin ich ja auch nicht eifersüchtig,
-und ich liebe ihn doch sehr. Freilich, er ist ein Mann, und sie,
-scheinbar wenigstens, ein Weib, und so hält es schwer für mich, daß ich
-mich ihr gegenüber von allgemein männlichen Vorstellungen frei mache.
-Aber selbst, wenn ich ihr gegenüber Wünsche hätte, so dumm bin ich
-nicht, daß ich ihnen grüne Blätter vorwerfe; denn erstens liebt sie
-einen anderen, und zweitens ist keine Möglichkeit vorhanden, daß sie
-mein sein könnte. Aber ich würde mich freuen, sie bald wieder zu sehen;
-wir haben ja auch einen Wechsel auf Sicht von ihr. Und jetzt habe
-ich bald Zeit für lieben Hausbesuch; denn sonst gewöhne ich mir das
-Malen noch so an, daß es ein Laster wird, wie einst meine Rauchsucht.
-Außerdem muß ich zur Brunft nach Stillenliebe, denn sonst wird der
-Prinz öde. Und ich merke es doch, daß auch Arbeit, die man mit Freude
-tut, schließlich die roten Blutkörperchen auffrißt. Solange man im
-Trott bleibt, weiß man nichts davon; sobald es aber prr heißt, klappt
-man um.«
-
-Das fand Grete auch, denn ab und zu sah sie in dem Benehmen ihres
-Mannes leichte Schatten, die die heranziehende Nervenüberspannung
-vorweg warf. Er arbeitete schon unregelmäßiger, schaffte den einen
-Tag sehr viel, tat dann drei Tage nichts, stand den einen Morgen um
-fünf Uhr, den folgenden Vormittag um elf Uhr auf, wurde hier und da
-ungeduldig, und klagte darüber, daß die Nachbarn ihm zu laut wären,
-während er sonst gesagt hatte: »Je mehr in den Nachbargärten gelacht
-und gesungen wird, um so lustiger werde ich.« Wenn Swaan, wie es seine
-Art war, bei jedem Geschenk, das ihm der Vater mitbrachte, fragte: »Was
-hat es gekostet?« so hatte dieser früher gelacht und gemeint: »Der
-wird wie sein Großvater und wird nicht erst kreuz und quer durch das
-Leben stolpern, ehe er sich zurechtfindet.« Jetzt zog er die Stirne
-kraus und fuhr auf: »Junge, was soll das heißen; vom Geld redet man
-in anständiger Gesellschaft nicht,« und zu Grete sagte er hinterher:
-»Der Junge rückt täglich mehr von mir ab.« Auch bei Sweenechien wollte
-er das finden; sie war ihm zu selbstbewußt: »Wird wohl später auch
-anfangen, den Vermännerungsschwindel mitzumachen,« brummte er; »früh
-streckt sich, was ein tauber Halm werden will.«
-
-So war seine Frau recht froh, als Swaantje sich endlich anmeldete:
-»Ich muß Euch doch noch vorher wiedersehen, Ihr Lieben,« schrieb sie,
-»denn ich will mit Tjark und Ilsabe nach Italien. Ich freue mich
-kindisch.« Auch Helmold freute sich: »Das wird ihr gut tun; sie braucht
-Sonne und Luxus. Es wird ihr Spaß machen, einmal Geld zu vertun.« Er
-war so aufgeräumt, daß er kaum zusammenzuckte, als Grete ihm eines
-Morgens sagte: »Ich denke, es ist besser, Swaantje schläft nicht in
-dem großen Fremdenzimmer, sondern in dem kleinen, schon damit ich ihr
-beistehen kann, wenn sie ihre Schmerzen bekommt.« Nach dem Kaffee
-aber sagte Helmold, der mittags schlecht gegessen und dann geschlafen
-hatte, was ihm nie gut bekam: »Die Bemerkung von heute morgen hättest
-du im Munde behalten können, Grete; ich habe ihren Untersinn wohl
-verstanden. Wofür hältst du mich eigentlich? Glaubst du«, er machte
-eine zornige Handbewegung und warf seine Zigarre in den Garten, »ich
-bin ein Mann, der einem solchen Mädchen gegenüber sich von bequemer
-Gelegenheit bereden läßt?« Sie schüttelte unwillig den Kopf, er aber
-fuhr fort: Ȇberhaupt, deine Art und Weise, Swaantje in der letzten
-Zeit langsam bei mir abzubrechen, gefällt mir sehr wenig; ich bin
-doch nicht verliebt in sie, sondern ich liebe sie. Wie, das ist mir
-selber schleierhaft. Jedenfalls: tritt Verliebtheit in dem von dir
-befürchteten Sinne hinzu, ich würde nie etwas von ihr nehmen, was sie
-mir nicht mit beiden Händen schenken würde, noch nicht einmal einen
-Kuß.«
-
-Er steckte sich eine neue Zigarre an, die dritte seit einer Stunde,
-und sagte: »Bedenke, was du mir damit angetan hast, und wer die ganze
-Schuld trägt; ich sicher nicht! Hättest du damals nicht die fahrlässige
-Redensart von dem Triptychonleben gemacht, so wäre ich wohl kaum darauf
-gekommen, daß mir das Mädchen mehr sein könnte als eine liebe Freundin.
-Jedenfalls versuche nicht, die Sache so hinzustellen, als wenn ich den
-Stein in das Wasser geschmissen hätte.«
-
-Er sagte ihr, er wolle allein ausgehen. Das tat er denn auch, und er
-beruhigte sich durch einen strammen Marsch. Er dachte an die rosenroten
-Stunden, die er mit Grete verlebt hatte; er krempelte sich selber um
-und kam zu dem Ergebnisse, daß ihn zu Swaantje weiter nichts hinziehe
-als eine rein seelische Neigung, und er trat in Gretes Spur und fand,
-daß sie alles, was sie gesagt hatte, aus ihrem leichtherzigen Denken
-hatte herausspringen lassen. »Aber,« sagte er sich, »ob mir nun einer
-einen Stein mit oder ohne Absicht gegen den Kopf wirft, eine Beule gibt
-es auf jeden Fall.« Wenn er sich das Herz auch noch so blank zu reiben
-suchte, etwas blind blieb es doch, und so war er ganz froh, als er im
-Osterkruge den Vorsteher und den Hegemeister traf, und es war fast zwei
-Uhr, als er nach Hause kam. Er wachte um sechs auf, aber da er müde
-war, drehte er sich wieder um und schlief bis elf Uhr, und das war
-das Allerdümmste, was er tun konnte, denn immer machte ihm Nachschlaf
-Falten in die Stirne.
-
-So war auch dieser Tag verloren. Die Farben wollten nicht laufen,
-die Pinsel waren bockig, die Leinewand sträubte sich; wütend lief er
-aus der Werkstatt und ging mit Grete aus. Aber an jedem Worte, das
-sie sagte, stieß er sich die Schienbeine wund. Einige fortgeworfene
-Wiesenblumen, die zertreten auf dem Wege lagen, entlockten ihr den
-Ausruf: »Wie schade!« Er lachte und zeigte auf eine Fichte, die
-der letzte Sturm umgestoßen hatte: »Wenn etwas Kleines kaput geht,
-das beseufzt ihr; an der Leiche eines Riesen geht ihr gleichgültig
-vorbei.« Die Sonne verabschiedete sich in aller Form. »Welch' ein
-schöner Sonnenuntergang!« rief Grete. »Ein Untergang kann nie schön
-sein,« spottete er. Es wurde dunkel im Walde; Grete nahm seinen Arm.
-»Du erlaubst doch?« bat sie. »Natürlich,« lachte er; »es ist ja eine
-Wonne, einmal zu fühlen, daß du auch nur ein schwacher Mensch bist.
-Aber so seid ihr; in der Dämmerung laßt ihr euch von uns führen, am
-hellen Mittag nehmt ihr uns an die Strippe.« Grete sprach nun kein Wort
-mehr, und stumm gingen sie nach Hause.
-
-Er ging auch diesen Abend wieder aus, kam aber bald zurück und begab
-sich in die Werkstätte. Um zehn Uhr hörte seine Frau von der Veranda
-aus, daß er flötete und sang. Sie freute sich, denn nun wußte sie,
-daß er malte. Die Melodie war ihr unbekannt, und deshalb ging sie den
-moosigen Weg so weit entlang, bis sie die Worte verstand; die lauteten:
-»Und kann es nicht die Lilje sein, so pflück ich mir ein Röselein!« Ihr
-wurde traurig zumute, denn es schien ihr, als ob das Lied ihr mit der
-Faust drohe; ihr war zu Sinne, als läge sie im Halbschlafe in einer
-Wiese und im langen Grase kröche etwas auf sie zu, von dem sie nicht
-wußte, was es war, eine harmlose Natter oder die böse Adder. Darum war
-sie froh, als am anderen Morgen ihr Mann im Jagdanzuge vor ihrem Bette
-stand, sie auf die Stirne küßte und sagte: »Ich bleibe vielleicht drei
-oder vier Tage fort; ich muß mal hinaus; ich fahre nach Ueldringen.«
-Sie wunderte sich, daß er reiste, weil am folgenden Tage Swaantje
-kommen wollte; aber sie dachte: »Er will sich auf sich selber besinnen.«
-
-Als sie nachher in die Werkstatt ging, um Staub zu wischen, sah sie
-einen Haufen Papierfetzen in der Ofenecke liegen. Sie hob einige auf
-und wurde erst rot und dann weiß; es waren die Reste von zwei Arbeiten,
-an denen er Jahre lang geschrieben hatte, allerlei Gedanken über das
-Verhältnis der Kunst zum Leben und die Ergebnisse seiner Studien über
-die Technik des Malens. Sie sammelte die Fetzchen auf, Tränen in den
-Augen, verschloß sie in einer Truhe in ihrem Schlafzimmer und ging müde
-an ihre Arbeit.
-
-Dann kam Swaantje. Sie sah blaß und nervös aus, und als sie Grete
-ansah, fiel sie ihr um den Hals, küßte sie und fragte: »Aber, liebste
-Grete, wie siehst du aus? Was hat sich zugetragen?« Als sie hörte, daß
-Helmold zur Jagd gefahren war, drehte sie sich schnell nach Sweenechien
-um, die gerade in das Eßzimmer kam, nahm sie auf den Arm und küßte
-sie trotz deren Gestrampels ab, denn Kinder gingen nicht gern zu dem
-Mädchen, das von sich selber einmal gesagt hatte: »Kinder mögen mich
-nicht, und ich kann damit nichts anfangen.« Helmold hatte damals ganz
-ernst geäußert: »Bis du eigne hast; vernünftige Frauen machen sich aus
-anderer Leute Kindern nichts und sparen sich die Liebe für ihre eigenen
-auf. Grete ist es ebenso gegangen. Die Abknutscherei fremder Kinder ist
-eine Spezialität hysterischer Weiber!«
-
-Grete fand überhaupt, daß Swaantje ganz anders geworden war; ihr
-Mund sah aus, als schäme er sich, daß er noch nie geküßt war, ihre
-Augen hatten einen verlassenen Blick, und ihre Hände wirkten noch
-hoffnungsloser denn zuvor. Es dauerte auch eine geraume Zeit, ehe
-Swaantje den alten Ton wieder fand und mit Grete darüber scherzte,
-wie es nun werden solle, ob sie beide Helmolds wegen auf Säbel oder
-Pistolen losgehen oder ihn ausraten sollten. Sie zogen das Letzte
-vor, doch Swaantje gewann immer, tröstete Grete aber und sagte: »In
-den Monaten mit R sollst du ihn haben, und in den anderen nehme ich
-ihn; ist das nicht lieb von mir?« Als sie aber ihren Koffer auspackte
-und Grete sie fragte: »Hast du das weiße Wollkleid nicht mit, in dem
-Helmold dich so gern sah?« da schüttelte sie den Kopf, wie ein Pferd,
-das sich der Bremsen erwehren will, und sprach schnell von etwas
-anderem.
-
-Am Abend des dritten Tages, daß Swaantje da war, sagte Grete: »Jetzt
-wird er gleich hier sein!« Aber er kam nicht. Am Abend des vierten
-Tages war sie sehr unruhig und brachte kaum einen Bissen hinunter, und
-Swaantje ging es ebenso. Als die Uhr dreiviertel auf sieben schlug,
-sprang die Frau plötzlich auf, nahm das Mädchen in den Arm und
-schluchzte: »Ach, Swaantien, ich habe eben einen so furchtbaren Schreck
-gekriegt! Fühle nur, wie mein Herz klopft!« Aber als sie aufsah,
-bemerkte sie, daß auch Swaantje kreideweiß aussah, und sie fühlte, daß
-deren Herz ebenso sprang wie ihr eignes.
-
-Der Abend verlief trostlos; bis ein Uhr blieben sie auf, denn um
-dreiviertel auf eins lief der letzte Zug ein, mit dem Helmold kommen
-konnte; doch er kam nicht. Dann gingen sie zu Bett, ließen aber die
-Türen auf. Um zwei Uhr hielt Grete es nicht mehr aus; sie sah, daß
-Swaantje noch Licht hatte, ging zu ihr und sah sie so bittend an, daß
-das Mädchen ihre Decke zurückschlug und sagte: »Komm, liebe Grete!«
-Die Frau legte sich neben sie, nahm sie in den Arm und weinte so
-lange, bis sie einschlief. Swaantje drückte das Licht aus und sah in
-die Dunkelheit; das Bohren in ihrer linken Schläfe ging von Stunde zu
-Stunde tiefer; sie hielt aber stand, bis die Amsel zu singen begann und
-der Morgen ihr zunickte. Da endlich fielen ihr die Augen zu.
-
-Um acht Uhr wachte Grete auf und sah sich verwundert um. Dann sah sie
-Swaantje an und erschrak; das Mädchen war totenbleich und hatte ganz
-farblose Lippen. Sie stahl sich aus dem Bette und zog die Vorhänge fest
-zu; aber ehe sie das Zimmer verließ, bückte sie sich und küßte Swaantje
-ganz leise auf die böse Schläfe. Das Mädchen lächelte und flüsterte:
-»Guter Helmold!« Die Frau zuckte zurück.
-
-Kurz vor dem Mittagessen kam ihr Mann. Er sah ganz braungebrannt
-aus, hatte klare Augen und eine helle Stimme. Er küßte seine Frau
-herzlich und bewillkommnete Swaantje freundlich. Beim Essen sagte
-er: »Ihr seht beide wie die verhagelten Lohgerber aus, denen die
-Petersilie fortgeschwommen ist. Habt ihr gestern was gegessen, was
-euch unbemessen, oder was ist?« Swaantje sah auf ihren Teller, aber
-Grete sagte: »Ich habe mich gestern auf einmal so um dich geängstigt
-und Swaantje damit angesteckt.« Ihr Mann lachte: »Neuer Bacillus,
-Spirococcus terroris; den solltest du monographisch behandeln; dann
-bist du eine berühmte Frau.«
-
-Nach dem Essen sagte er: »Nun, damit du es weißt: ich habe mit einem
-Wilddiebe erst höfliche Redensarten und dann grobe Schrote gewechselt.
-Der Mann schoß Schwarzpulver; deshalb habt ihr den Krach bis hierher
-gehört.« Beide Frauen sahen ihn entsetzt an, er aber lachte: »Der dumme
-Kerl schießt mir den besten Bock vor der Nase zusammen, und als ich ihm
-sage, er solle mir wenigstens das Gehörn lassen, verjagt er sich so,
-daß ihm vor Bammel der zweite Schuß herausrutscht und mir gerade in den
-Arm. Übrigens nicht der Rede wert! Na, wie man begrüßt wird, so soll
-man sich bedanken; ich schoß ihm die langen Stiebel voll Nummer drei,
-und da gab er mir vor Rührung gleich den ganzen Bock. Ich habe ihm die
-Leber und die beiden Blätter gelassen, und dann haben wir zusammen
-einen auf den Schreck genommen. Es ist ein ganz famoser Kerl!« Swaantje
-sah ihren Vetter an, lächelte und sagte: »Du bist doch wirklich ein zu
-guter Mensch, lieber Helmold!«
-
-Er lachte: »Das sagen alle Leute, die mich nicht genau kennen. Der
-Prinz sagt, ich wäre ein Biest, und gerade deswegen könne er mich so
-gut leiden. Na ja, er ist das nicht, und hätte das Geschick dem guten
-Samlitz nicht so und so viele Erbtanten in die Wiege gelegt, ich
-möchte wohl wissen, wie der sich durch das Leben schlängeln wollte.
-Ich behandele ihn ja mehrstens etwas ruppig, schon damit er nicht noch
-millionärrischer wird. Ein wahrer Segen, daß er bloß seine Zinsen
-aufessen darf; sonst hätte er in drei Jahren alle meine Bilder und ich
-seinen Mammon nebst diesbezüglichen üblen Folgen. Scheußlich, mit einem
-Geldschrank um den Hals auf die Welt zu kommen!«
-
-Swaantje lächelte und fragte dann: »Bist du mit ihm so befreundet
-wie mit Hennecke? Und was ist es für ein Mann?« Ihr Vetter blies den
-Zigarrenrauch gegen die Decke: »Befreundet? Ja; aber mit einer Barriere
-darum; es bleibt immer eine Menge Form zwischen uns. Ich verstehe
-manches an ihm nicht.« Er sah den Rauchringeln nach: »Aber ich bin
-ihm Dank schuldig. Hätte er mir damals nicht meine alten Schinken
-abgekauft, dann hätte Grete waschen gehen können, und ich konnte mit
-meiner Leier von Destille zu Destille ziehen oder Schnellmaler im
-Tingeltangel werden.« Swaantje schüttelte den Kopf: »Allerdings, du
-brauchtest damals das Geld sehr nötig, und ich bin heute noch dir
-und Grete sehr böse, daß ihr euch nichts merken ließet; sehr böse!
-Aber bedenke, wer war der Mäzen? Doch wohl du, denn die Bilder sind
-heute das Zehnfache wert.« Helmold nickte: »Jawohl; aber erstens gab
-damals kein Mensch auch nur die Materialkosten dafür, und zweitens
-hatte der Prinz zu jener Zeit selber bloß lumpige fünfzigtausend Mark
-Jahreseinkommen; also hat er sie mir sehr gut bezahlt.« Swaantje gab
-ihm die Hand über den Tisch: »Helmold, ich freue mich über dich!«
-
-Zum ersten Male sah er sie jetzt in der alten Weise an, und fünf
-Minuten darauf hatte sie keine blauen Schatten mehr unter den Augen.
-Aber der alte Klang war doch nicht in seiner Stimme, wenn er mit ihr
-sprach; er hielt sich von ihr zurück, das merkte sie, und obgleich sie
-sich Gretes wegen darüber freuen wollte, so tat es ihr doch bitter
-weh, zumal sie fand, daß auch zwischen ihrem Vetter und seiner Frau
-eine Glasscheibe war. So beschloß sie nach drei Tagen abzureisen;
-aber da schlugen Grete und Helmold einen solchen Lärm, daß nichts
-daraus wurde, zumal ihr Vetter noch sagte: »Ehe die weiße Haide nicht
-fertig ist, kommst du nicht fort; ich habe schon dein ganzes Schuhzeug
-eingeschlossen.« So saß sie ihm denn einige Vormittagsstunden, bekam
-das Bild aber nicht zu sehen.
-
-Ihren Augen gegenüber hing ein kleines Bild, das einen weiblichen Akt
-darstellte, der auf einer weiten, im Hintergrunde mit Birken besäumten
-Haide unter einem hellblauen, mit weißem Gewölk bedeckten Himmel stand.
-»Das ist ein entzückendes Bild, lieber Helmold,« sagte sie, »ein ganz
-entzückendes Bild.« Aber weiter sagte sie nichts; sie wußte, Geld nahm
-er von ihr nicht. Sonst sprachen sie wenig miteinander, wenn er malte;
-auch flötete, summte und sang er nicht dabei. Sie wußte wohl, warum er
-das nicht tat, aber ihr Herz tat ihr doch weh. Sie schlief keine Nacht
-vor dem Morgengrauen ein und sah, daß ihr Vetter von Tag zu Tag ernster
-und blasser wurde; jede Nacht vernahm sie, wie er sich leise im Bette
-herumdrehte, ab und zu hörte sie Papier rascheln; er las also.
-
-»Heute müßt ihr beide allein ausgehen, Kinder,« sagte Frau Grete, die
-inzwischen ihre Seelenruhe wiedergefunden hatte, als sie sah, wie
-Helmold sich zu Swaantje stellte; »Tante Rößler hat mich gebeten, zu
-kommen; ihr geht es nicht gut, und für Swaantje ist es kein Genuß, die
-Geschichte von dem offenen Bein von A bis Z anzuhören. Ich gehe aber
-erst um sieben Uhr hin, denn bis dahin habe ich zu tun. Also seht zu,
-wie ihr die Zeit totschlagt.« Da Helmold die letzte Hand an Swaantjes
-Bild legte, war er erst um vier Uhr zum Ausgehen fertig. Swaantje, die
-die ganze Nacht wieder vor Schmerzen nicht geschlafen hatte, sah sehr
-hinfällig aus. »Willst du lieber hier bleiben?« fragte er; »ich gehe
-nur deinetwegen. Du weißt ja, Spazierengehen, dazu bin ich zu sehr
-Bauer.« Swaantje wäre am liebsten daheim geblieben; aber Grete hatte
-sie gebeten: »Geh ja mit; er hat zuviel gearbeitet und muß hinaus; und
-dir ist es auch gut.«
-
-Sie fuhren mit der Straßenbahn in eine Gegend, die das Mädchen noch
-nicht kannte. Helmold stellte ihm die Landschaft in prickelnder Weise
-vor. Aber wenn auch das, was er sagte, wie Demanten funkelte, so klang
-es doch ebenso kalt. In der Gartenwirtschaft, in der sie einkehrten,
-war er von der höflichsten Besorgtheit für sie; aber die Zuneigung, die
-sonst seine Handlungen durchleuchtete, fehlte.
-
-Die Sonne schien hell, die Luft war warm und blitzte von allerlei
-winzigem Getier, ein neckischer Wind kraulte den Bäumen die Köpfe,
-der Himmel war hoch, und seine lichte Bläue hoben weiße Windwölkchen,
-so zart wie mit einer Schnepfenfeder gezogen; dazu lachten die bunten
-Herbstblumen nur so, und die Stare sangen, als wenn eben der Mai
-angekommen sei; doch Helmolds Worte waren wie ein leiser Nordwind. Er
-erzählte, als wäre er der fröhlichste Mensch von der Welt; doch sein
-ganzes Geplauder war nicht das von Kamerad zu Kamerad, sondern von
-dem Herrn der guten Gesellschaft zu einer sehr geschätzten Dame aus
-denselben Kreisen. Kein einziger kecker Witz, kein gewagter Vergleich
-entschlüpfte ihm. Das Mädchen schauerte zusammen.
-
-»Friert dich?« fragte er. Ja, sie fror, sie fror sehr. Früher hatte
-er sie nie angesprochen, ohne hinzuzusetzen: »Liebe Swaantje« oder
-»Kleine« oder »Maus«; früher lachte er sie mit dem Herzen und den Augen
-an; jetzt lächelte er nur noch mit dem Gesichte. »Helmold,« begann sie
-mit einem unabsichtlich bittenden Ausdruck in der Stimme, als sie durch
-den Wald gingen, »lieber Helmold!« Er sah sie von der Seite an. »Und,
-liebe Swaantje?« fragte er und sie fuhr fort: »Was ich dir jetzt sage,
-ist vielleicht sehr töricht von mir, aber sage ich es nicht, so bin ich
-unehrlich. Das, was ich dir damals in deiner Werkstatt sagte, das ist
-vorbei.« Sie atmete schwer. Er blieb nicht stehen, er sah sie nicht an,
-er änderte auch seine ruhige Sprechweise nicht, als er fragte: »Wie
-ist das gekommen?« Sie zitterte, als sie antwortete: »Vielleicht nur,
-weil ich es dir gesagt habe.« Er nickte: »Wahrscheinlich; Sprechen und
-Weinen erlöst.« Er schwieg eine Weile. Sie sah ihn verstohlen von der
-Seite an; sein Gesicht zeigte keine Bewegung.
-
-Ein Herr mit grauem Vollbarte begegnete ihnen, sah Helmold
-aufmunternd an und grüßte, als dieser keine Miene machte, zuerst zu
-grüßen, ganz tief, und Helmold erwiderte gemessen. »Wer war das?«
-fragte das Mädchen. Ihr Vetter lachte: »Ein hohes Lokaltier, unser
-Oberbürgermeister. Er denkt, weil er Ober im Kunstverein ist, müßte ich
-zuerst grüßen, auch wenn ich mit einer Dame gehe. Na, jetzt braucht er
-sich den Knigge nicht zu kaufen«.
-
-Erst nach einer geraumen Weile begann er wieder: »Ja, Swaantje, ich
-weiß nicht, ist das nun gut für dich oder nicht? Einerseits bin ich
-froh, daß du diese taube Neigung zu den übrigen Pensionsandenken
-gepackt hast; anderseits: nun hast du gar nichts auf der Welt, noch
-nicht einmal einen Kummer. Ich hoffe, daß die Reise mit Terborgs dich
-aufrappelt; alle das viele Schöne aus alter und neuer Zeit, das du
-sehen wirst!«
-
-»Gieb mir deinen Arm,« bat das Mädchen, »mir ist etwas schwindlig.« Er
-führte sie zur nächsten Bank: »So, wir sind ein bißchen weit gegangen,«
-sagte er und lächelte, aber nur mit den Lippen; »in fünf Minuten sind
-wir bei der Haltestelle.«
-
-Beim Abendessen mußte sie sich ein Kissen ausbitten, so schmerzte sie
-der Rücken, und nach dem Essen ging sie sofort zu Bett, so todmüde
-fühlte sie sich. Alle Glieder taten ihr weh, aber schlafen konnte sie
-nicht. Auch Helmold schlief nicht. Durch das Schlüsselloch kam ein
-dünner Lichtschein, ab und zu knarrte sein Bett leise, sie hörte, wie
-er in dem Buche blätterte und dann roch sie, daß er rauchte. Sie wußte,
-daß er sonst nie im Bette rauchte; es mußte ihm also sehr schlecht
-gehen.
-
-Es war drei Uhr, da hörte sie, wie er leise aufstand und Wasser in ein
-Glas goß; ein Papierchen knitterte, ein Teelöffel klirrte in dem Glase.
-»Veronal«, dachte sie, und unter ihrem Mitleid glitzerte blanke Freude:
-»Er hat sich verstellt,« schrie es in ihr; »er liebt mich noch, denn
-sonst würde er schlafen.« Ihr Kopf fiel hintenüber, und sie schlief ein.
-
-Als sie am anderen Vormittag in der Werkstätte auf dem Ruhebette lag
-und ihrem Vetter zusah, der aus ihrem Bilde die letzten Spuren der
-Maltechnik entfernte, »denn, wo man noch Technik sieht, da ist keine,
-und deshalb ist Segantini viel früher gestorben, als er verantworten
-konnte,« hatte er gesagt, da fing er mit einem Male zu sprechen an,
-konnte aber nie den Weg zu dem Punkte finden, den er in der Nacht vor
-sich gesehen hatte, auch kam bald Grete, Sweenechien an der Hand, und
-dann Luise, die irgend etwas aus dem Nebenraum holen wollte, und so
-wurde es Mittag. Hinterher gingen sie selbdritt aus, und abends kam
-Hennecke. Er sah sich erst die neuen Bilder an, fand den Mädchenakt
-auf der Haide herrlich, aber als sein Freund fragte, was er von den
-Saharabildern und von Wodes Zorn halte, tat er, als habe er es nicht
-gehört, und ebenso verhielt er sich, als Helmold ihm sagte: »Du,
-Hennig, es ist ganz ulkig: zu jedem Bilde habe ich jetzt ein Lied.«
-Bei Tische war Helmold sehr aufgeräumt, doch sah er, wenn er sprach,
-meist seinen Freund an. Grete fand aber bald heraus, daß er nicht bei
-der Sache war, und wenn Helmold mit Swaantje sprach, ließ Hennig einen
-kurzen Blick über das Paar fliegen, als suche er im Dunkeln den Weg.
-
-In dieser Nacht schlief Swaantje fast gar nicht; sie mußte immer an den
-einen heimlichen Blick denken, den ihr Vetter ihr zugeworfen hatte,
-als sie mit Hennig und Grete in eifriger Unterhaltung war; er hatte
-geglaubt, sie sähe es nicht, und so hatte er sich nackt ausgezogen.
-
-Als sie dann am nächsten Vormittag von Helmold in die Werkstatt gebeten
-wurde, mußte sie an sich halten, um sich nicht zu verraten, denn ihr
-Vetter sah ganz alt und krank aus. Er zeigte ihr mit erkünstelter
-Unbefangenheit einige Studien aus der Umgegend von Mecklenhusen,
-nötigte sie dann auf das Ruhebett, legte ihr die Schlummerrolle unter
-den Nacken, deckte sie warm zu und sagte: »Schlaf noch ein bißchen;
-du siehst müde aus, Kleine!« Sie schlief sofort ein, wachte aber bald
-wieder auf, und als sie unter den Wimpern nach ihm hinblickte, sah
-sie, daß er vornübergebeugt im Sessel saß und sie mit hoffnungsloser
-Zärtlichkeit anblickte.
-
-Sie schlug die Augen voll auf; er lächelte sie an, redete erst von
-diesem und jenem, und dann klagte er ihr mit gleichgültig klingender
-Stimme seine Herzensnot. Sie antwortete, als Helmold endlich schloß:
-»Du tust mir sehr leid, Vetter, aber in diesem Punkte gibt es für
-mich keinen anderen Weg als den, den mir Religion und Sitte weisen;
-das wirst du selbst wissen.« Er nickte, und sein Gesicht sah ganz
-gleichmütig aus, auch klang seine Stimme alltäglich, als er leichthin
-sagte: »Natürlich weiß ich das; du bist Dame, bist höhere Tochter,
-verfügst also über einen mündelsicheren Fond von Konventionsmoral.
-Ich verstehe dich nicht nur vollkommen, ich schätze dein Verhalten
-auch in vollem Maße, denn: entsetzlich wäre mir der Gedanke, eine
-angeheiratete Kusine zu besitzen, die selbst dann, wenn es auf Tod und
-Leben geht, ihre Ladyleikigkeit vergäße. Aber länger halte ich es nicht
-aus, und das Beste ist, ich mache Schluß; für Grete und die Kinder ist
-einigermaßen gesorgt«. Swaantje sprang auf: »Auch das noch!« stöhnte
-sie und verließ müden Schrittes die Werkstatt.
-
-Helmold warf ihr einen bösen Blick nach und knirschte mit den Zähnen;
-dann aber zog er den Vorhang von ihrem Bilde und sah es lange an.
-Danach langte er den Mädchenakt auf der Haide von der Wand, suchte
-einen Grabstichel und stach in die Ecke des Rahmens die Buchstaben
-hinein: H. s. l. Sw., ging in das Wohnhaus, überzeugte sich davon, daß
-Swaantje in der Küche war, trat schnell in ihr Schlafzimmer, legte das
-Bild auf den Spiegeltisch und trat wieder in die Werkstätte.
-
-Als er zum Essen kam, bemerkte er einen harten Zug um den Mund seiner
-Frau, und daß Swaantjes Gesicht vor Kälte starrte. Er aß fast nichts
-und sprach kein Wort, antwortete kaum, wenn er angeredet wurde, und
-horchte noch nicht einmal auf das Geplauder der Kinder. Als Swaantje
-das Zimmer verlassen hatte, fragte er: »Gehen wir aus?« Seine Frau
-schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Zeit.« Er sah aus dem Fenster,
-sprach längere Zeit nichts, und dann warf er über die Schulter hin:
-»Na, dann will ich mit Swaantje nach dem Billerloh.« Seine Frau legte
-ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn bittend an: »Du, Helmold,
-sei nicht böse, aber du mußt das verstehen: Swaantje hat mich gebeten,
-sie nicht mit dir allein zu lassen; ihr ist das peinlich.« Er sah sie
-mit gleichgültigen Augen an: »So? schön; ich werde der Dame weitere
-Peinlichkeiten ersparen.« Damit ging er aus dem Zimmer und verließ
-gleich darauf das Haus.
-
-Er kam nicht zum Vesper, er kam nicht zum Abendessen. Grete und
-Swaantje saßen bis zwei Uhr auf, aber er kam nicht. Es war fünf Uhr, da
-hörte Grete die Haustüre gehen. Sie horchte und vernahm, daß ihr Mann
-in die Werkstatt ging, und als sie an das Fenster trat, sah sie, daß er
-Licht gemacht hatte, und daß sein Schatten auf und ab ging.
-
-Um acht Uhr morgens ging sie zu ihm, um ihn zu fragen, ob er nicht
-frühstücken wolle; aber die Türe war verschlossen. Er erschien auch zum
-Mittag nicht, obgleich Sweenechien, die zu ihm geschickt war, lange
-an der Tür rappelte und in einem fort bettelte: »Väterchen, essen
-kommen!« Zum Vesper aber kam er, aß jedoch fast nichts, tat so, als
-wäre nicht das Geringste vorgefallen, hatte aber flackrige Augen und
-ein welkes Gesicht. Er behandelte Swaantje höflich, doch wie einen
-Menschen, an dem ihm nicht ein bißchen gelegen war, und drehte seiner
-Frau mit liebenswürdiger Härte jedes Wort im Munde herum, bis sie
-aufstand und hinausging.
-
-»Lieber Helmold,« bat Swaantje, »sei doch nicht so zu Grete!« Er sah
-kalt an ihr vorbei, ging in sein Zimmer, zog sich um, verließ das Haus
-und kam erst am anderen Morgen wieder, ganz fahl im Gesicht und mit
-breiten Schatten unter den Augen, setzte sich an den Tisch, aß wieder
-fast nichts und sprach kein Wort, bis seine Frau an zu weinen fing. Da
-stand er auf und ging in die Werkstatt.
-
-Swaantje ging ihm nach. »Helmold,« bat sie und faßte seine Hand. Er
-sah sie kühl an und deutete auf einen Sessel; müde sank sie hinein.
-»Tut mir leid, Swaantje, daß du gekommen bist, sehr leid, deiner Nerven
-wegen. Aber schließlich: mir geht es ja nicht besser.« Er sah sie
-feindlich an: »Die arme Grete, nicht wahr? Und der böse Mann, nicht
-wahr? Die gute Frau hat ihrem lieben Mann die Augen geöffnet, und nun
-ist sie böse, daß er sehend geworden ist. Solche bodenlose Gemeinheit
-von dem Kerl! So ist nämlich die weibliche Logik. Erst heißt es: Mach,
-was du willst! dann: wir drei! und schreit dann so ein dämliches
-Männerherz vor Glück auf, dann tritt man mit dem Absatze darauf und ist
-noch peinlich,« er sprach das Wort gallenbitter aus, »peinlich berührt,
-quietscht es.«
-
-Er sah das Mädchen spöttisch lächelnd an: »Fräulein Swaantje Swantenius
-ist es peinlich, mit ansehen zu müssen, wenn ein Mann sich zu ihren
-Füßen in Todeskrämpfen windet, denn sie hat die höhere Töchterschule
-besucht und ist in dem vornehmsten Pensionat der Residenz verbildet
-worden. Sie würde ja gern alles für ihn tun, nur das eine nicht, denn
-sie ist eben Dame. Und so läßt sie ihn sich totquälen, obgleich sie ihn
-liebt.«
-
-Swaantje sah an ihm vorbei, als sie mit blasser Stimme antwortete: »Ich
-habe dir doch nichts gesagt!« Er zwang sie, ihn anzusehen und sagte in
-ruhiger Weise: »Danke, das genügt mir! Menschenskind,« fuhr er dann
-fort, und seine Stimme zitterte, »sollen wir denn alle dreie zugrunde
-gehen? Ich kann ohne dich nicht leben und du ohne mich auch nicht, und
-wärest du nicht so charakterlos charakterfest, so würdest du zu mir
-kommen und sagen: ›Da!‹ Denn, das mußt du wissen, erbetteln will ich
-mir nichts von dir, und überrumpeln will ich dich auch nicht, denn ich
-bin nicht in dich verliebt, ich liebe dich eben nur, und ich will, daß
-du dich mir aus vollem Herzen schenkst.«
-
-»Swaantje,« bat er und trat auf sie zu, ihre Hand fassend, »sieh
-doch: du weißt, wer ich bin, daß ich meinem Volke etwas sein werde.
-Meinst du, es wäre so sehr schlecht, hülfest du mir dabei? Ich will
-ja nichts,« und dabei brach seine Stimme, und die Tränen kamen ihm
-in die Augen, »als ein ganz klein bißchen Hoffnung, weiter nichts.
-Und bedenke: Grete und ich sind geschieden; nur du kannst uns wieder
-verbinden. Ihr seid für mich eins: seid das Weib. Bist du nicht mein,
-kann ich Grete nicht mehr in Liebe ansehen. Glaube mir, ich handele
-nicht leichtsinnig; ginge es nicht auf Tod und Leben, ich hätte
-dich nicht in eine so schwierige Lage gebracht. Und du mußt daran
-denken, daß Grete alle, aber auch alle Schuld hat. Jetzt heißt es:
-›Ja, ich konnte doch nicht denken, daß du das ernst nähmest!‹ Es ist
-schrecklich: da stößt einen die Frau mitten in das helle Feuer, und
-kriegt man Brandblasen, dann ist sie empört.«
-
-Mit düsteren Augen sah er aus dem Fenster, in das die Morgensonne
-hineinlachte. »Ich schlafe nicht mehr, ich esse nicht mehr; ich
-kann bloß noch malen und rauchen. Ich werde noch nicht einmal mehr
-betrunken. Noch eine solche Woche, und in mir zerreißt etwas. Ich bin
-ein ganz armer alter, kalter, toter Mann geworden, der um ein Bröckchen
-Hoffnung bettelt, und die beiden Frauen, die da vorgeben, sie lieben
-mich, schlagen mir die Tür vor der Nase zu.« Er lachte trocken auf
-und sang den Endreim des sozialdemokratischen Liedes: »Denn ich bin
-Mitglied von dem Verein gegen Verarmung und Hausbettelei.«
-
-Swaantje schüttelte sich. »Frierst du, liebe Kusine?« fragte er. »Da
-steht Kognak! Mir hilft er nicht mehr gegen die Gänsehautbildung
-auf dem Herzen. Vorige Nacht habe ich acht Kognaks, drei Grogs und
-unglaublich viel Sekt getrunken und bin doch nicht warm geworden, trotz
-der beiden zwar etwas leichten, aber bildhübschen und sehr lustigen
-Mädel, die rechts und links bei mir saßen und sich wie barmherzige
-Schwestern gegen mich benahmen. Die eine heulte sogar und sagte: ›Was
-fehlt Ihnen eigentlich? Ich möchte Ihnen so gern helfen!‹ Ja, eine Dame
-war das nicht, aber ein Weib, und darum tat ich ihr leid, und es war
-doch nicht viel mehr als ein Allermannsliebchen.«
-
-Er rückte sich eine Staffelei zurecht und malte; barsch ging der breite
-Pinsel über die Leinwand. Dann lachte er: »Malen kann ich noch, sehr
-gut sogar; aber es langweilt mich. Hast du das Bild gefunden?« Swaantje
-nickte, sah aber nicht auf, als sie sagte: »Ja, und du wirst verstanden
-haben, warum ich dir nicht danken konnte.« Er lächelte freundlich und
-nickte: »Ja, so dumm ist er nicht. Hätte Fräulein Swantenius sich
-bedankt, so hätte sie Herrn Hagenrieder notwendigerweise in den Arm
-nehmen müssen, und das schickt sich doch nicht. Und so hat man sich den
-Dank erspart, an dem mir übrigens den Kuckuck etwas liegt.«
-
-Das Mädchen seufzte schwer auf. Er schüttelte den Kopf: »Helmold
-Hagenrieder wird weiter malen; Swaantje Swantenius wird weiter als
-zweckloser Mensch dahinleben und langsam eine alte Jungfer werden, die
-nur etwas voll und ganz durchgelebt hat, nämlich ein Leben, das keins
-war. Und wenn sie alt und grau ist, dann wird sie doch einmal nachts in
-ihrem Bette weinen und wimmern: ›Ich habe es verpaßt!‹ Oder wie denkst
-du dir dein Leben?« Das Mädchen nickte: »Genau so!« Er sah sie herrisch
-an: »Und du glaubst, das werde ich dulden? Glaubst du, ich bin ein
-dummer Junge, der nach einem Küßchen gibbert? Ich will dich ganz haben,
-und du wirst dich mir ganz geben, und freiwillig wirst du das tun; denn
-obzwar du Dame bist, so bist du nebenbei doch noch etwas Mensch und ein
-wenig Weib geblieben und viel zu gebildet, um nicht einsehen zu müssen,
-daß Sitte und Gesetz Papier sind, und daß Not kein Gebot kennt. Ich
-will nicht in dich dringen, aber ich bitte dich, Swaantje: gib mir ein
-wenig Hoffnung, ein ganz klein wenig, nur so viel, daß ich mein Leben
-eben damit friste.«
-
-Er ging zu ihr hin und faßte ihre Hände. »Willst du das?« Sie sah an
-ihm vorbei und schüttelte leise den Kopf. »Kind,« flüsterte er, »ich
-brauchte dich ja nur umzufassen und zu küssen, denn ich sehe durch dich
-hindurch wie durch Glas. Aber ich will das eben nicht, denn ich liebe
-dich. Also du gibst mir keine, aber auch gar keine Hoffnung?« Abermals
-schüttelte sie den Kopf. »Na, dann vereinfacht sich der Fall, und die
-Sache liegt so: dann stehe ich hier ganz allein, Grete und die Kinder
-da, und du dort. Denn von dem Augenblicke an, daß ich weiß, ich habe
-keine Hoffnung mehr, habe ich keine Verwendung mehr für das, was man
-Herz nennt. Also reden wir von etwas anderem.«
-
-Er pfiff leise vor sich hin und malte weiter. »Weißt du, Swaantje,«
-fing er dann an, »was ich glaube? Du hast eigentlich recht! Im
-Grunde passen Männer und Frauen überhaupt nur so zueinander wie die
-Nuß und die Hülle. In der Jugend halten sie zusammen; sind sie
-reif, dann verlieren sie den Zusammenhang, weil jeder sich auf sich
-selbst besinnt. Wenn Stahl und Stein zusammenkommen, gibt es rote
-Liebesfunken; aber Stahl bleibt Stahl und Stein Stein; höchstens
-splittert der eine etwas ab, und der andere kriegt Kratzen. Zu was also
-das ganze Gehampel? Ich bin ein Mann von über vierzig, du gehst auf die
-dreißig; die schönste, dümmste Zeit liegt hinter uns. Darum tun wir
-gut, vernünftig zu sein. Der eine stickt sich ins Grab, der andere malt
-sich hinein, derweilen das junge Blut sich liebt und küßt und Wonne und
-Weh leidet. Ein Segen, daß wir beide klüger sind. Nicht, Swaantje?«
-
-Das Mädchen sah ihn hülflos an; ihr Gesicht war blaß und mager. Er ging
-zu ihr und streichelte ihr die Backen. »Arme Kleine! So quälen wir uns
-beide, aus Feigheit, aus Rücksicht, aus Mangel an Naivheit. Bald ist es
-Winter. Anstatt daß wir uns der letzten Blumen freuen, gehen wir daran
-vorüber. Nachher tut uns das leid.« Er steckte sich eine Zigarre an.
-»Na, vielleicht komme ich doch noch darüber hinweg, obgleich ich das
-nicht hoffen will, denn dann danke ich bestens für mich.« Swaantje sah
-ihn ernst an. »Helmold, du hast doch noch immer deine Kunst!« Er lachte
-lustig: »Ich pfeife darauf! Kunst, weißt du, was das ist? Ungelebtes
-Leben! Sieh dir die Griechen an; nie hat ein unglücklicheres Volk
-gelebt. Sie waren sehr unglücklich; sonst hätten sie es nicht in der
-Kunst so weit gebracht. Die Römer hatten keine Kunst, die lebten ein
-lebendiges Leben. Die Kunst ist wie ein Spiegel; vorne Farbe und Leben,
-hinten Pappe.«
-
-Er ging an den Bücherschrank, nahm den Angelus Silesius heraus, schlug
-ihn auf, reichte ihn Swaantje und sagte: »Lies die grün angestrichene
-Stelle.« Das Mädchen las und bekam ganz enge Lippen, denn da stand:
-»Die Braut verdient sich mehr mit einem Kuß um Gott, denn alle
-Mietlinge mit Arbeit bis in den Tod.« Er nickte ihr spöttisch lächelnd
-zu: »Ja, der frumbe Mann wußte Bescheid; die Liebe ist alles, das
-andere ist nichts. Aber: wie du willst! Mögest du nie wissen, was Reue
-ist! Ich weiß es. Als ich ein junger Kerl war, gab ich unserem netten
-Dienstmädel mal einen Kuß, rein aus Übermut. Als ich zu Bette ging,
-machte sie leise ihre Kammertüre auf und flüsterte: ›Gute Nacht, Herr
-Hagenrieder.‹ Ich wollte aber keinen Unfug machen und nickte ihr nur
-zu. Am anderen Tage fuhr ich nach München. Die Augen, die das Mädchen
-mir machte, als ich an ihr vorbei aus dem Hause ging, vergesse ich mein
-Leben nicht, und wenn ich einmal in die Hölle komme, so ist es wegen
-einer Unterlassungssünde.«
-
-Seine Frau kam herein. Mit scheinbarer Unbefangenheit schlug sie für
-den Nachmittag einen gemeinsamen Spaziergang vor. Helmold nickte. »Mir
-ist alles gleich,« sagte er. Aber im Walde wuchs seine Übellaune von
-Minute zu Minute; die schlaflosen Nächte wirkten nach. So wurde es ein
-ungemütlicher Spaziergang. Mit zersetzender Geistreichigkeit machte
-er sich über die Natur, das Wetter, die Menschen und die ganze Welt
-lustig, und quirlte auf dem Heimwege Ernst und Hohn so durcheinander,
-daß seine Frau und Swaantje die kalte Angst in das Genick faßte.
-
-»Weißt du, liebe Grete,« meinte er, »du müßtest eigentlich Romane
-schreiben, denn du hast ein bedeutendes Erfindertalent. Sieh mal,
-dieser hier, in dem wir drei die Hauptpersonen sind, ist doch einfach
-eine glänzende Leistung. Sag' mal, wie hast du dir den Schluß gedacht?
-Blumenthal-Schönthansch oder Shakespeare-Sophokleïsch? Hm? Denn du hast
-doch ein Ziel gehabt, als du das erste Kapitel anfingst?«
-
-»Wißt ihr was, Kinder,« und er nahm in den einen Arm Grete und in den
-anderen Swaantje, »wir wollen uns hinsetzen und jeder einen Schluß
-schreiben, oder habt ihr zwei beiden schon einen fertig? So scheint mir
-das wenigstens. Ich bin in der Beziehung etwas unbegabt. Bin überhaupt
-ein dummes Luder, das alles ernst nimmt, was seine Frau im Scherz sagt.
-Vor sieben Jahren sagte sie: ›Die Hauptsache ist, Helmold, daß wir
-beide immer gute Freunde bleiben.‹ Heute weiß sie nichts mehr davon,
-denn die Hauptwaffe der Frauen ist das abstellbare Gedächtnis.«
-
-Ȇbrigens: wie famos die Schatten da sind! Genau so wie die, die deine
-Worte über mein Herz warfen; das sieht wie ein rotes Zebra aus. Ihr
-könnt es später auf den Jahrmärkten sehen lassen. Und das da ist die
-Venus, der sogenannte Liebesstern. Sie zittert; ihr ist kalt. Mir auch.
-Ach, Kinder, ist das ein schöner Abend! Sieh, da ist ja auch der Mond.
-Na, Kerl, was sagst du nun? Jetzt habe ich die beiden Frauen, die laute
-und die leise; es fehlt nur noch der Schimmel und die Wölfe, die sich
-um Männerköpfe beißen. Kerl, es ist alles Schwindel, alles; ich habe
-überhaupt keine Frau, nur eine Frau Gemahlin, geborene Möllering.« Er
-pfiff sein frechstes Lied.
-
-Zum Abendessen kam Hennecke; Grete hatte ihn herbeigebeten und ihm
-gesagt, wie es um Helmold stand. Beim Essen wurde von der Sache nicht
-gesprochen. Hinterher sprach er erst mit Helmold und versuchte, ihn
-umzustimmen; das gelang ihm nicht. Dann ging er zu Grete. Swaantje kam
-in das Zimmer. Nach einem langen Schweigen fragte sie ihren Vetter:
-»Weiß er es?« Er nickte: »Ja, von Grete, von mir nicht.« Das Mädchen
-fragte weiter: »Was denkt er von mir?« Sie zuckte zusammen, denn ein
-Blick wie ein Messer streifte sie. Und abermals zuckte sie zusammen,
-als Helmold antwortete: »Das denkbar Schlechteste,« und zum dritten
-Male, als er fortfuhr: »nämlich, daß du dich völlig als Dame benommen
-hast!«
-
-Er ging im Zimmer auf und ab: »Ich bin mit ihm fertig, denn er hat dich
-in meinen Augen herabgesetzt. Er sagte: ›Sie ist ein Weib, also auch
-nicht wert, daß man ihretwegen auch nur ein einziges Haar grau werden
-läßt.‹ Er denkt nicht besonders von euch. Als ich ihm Gretes Verhalten
-darstellte, lachte er und sagte: ›Darüber wunderst du dich? Nimmst
-du denn Frauen ernst? Mein Lieber, du bist über vierzig! Freu' dich,
-daß es Kinder sind und bleiben, die nicht aus Gemeinheit unwahr sind
-sondern aus Instinkt.‹ Na ja, die Mädchen, mit denen er verkehrt, mögen
-so sein. Ich denke besser von Grete und von dir, oder dachte so, und
-deshalb bin ich so elend geworden.«
-
-Er ging auf das Mädchen zu, gleich als wollte er sie anfassen; sie
-sprang auf und stellte sich hinter den Sessel. Er schüttelte belustigt
-den Kopf: »Habe keine Angst; ich will dich nicht mehr. Das eine Wort:
-›es ist mir peinlich‹ hat mir gezeigt, wer du bist. Und wenn wir beide
-eine Woche allein wären, und du trügest jeden Tag das weiße Kleid, ich
-würde stets die Dame in dir achten, die Dame, die umfällt, wenn ihr
-eine Maus über den Weg läuft, und die den einzigen Mann, der das Weib
-in ihr sah, und den sie zum Sterben liebt, aus ganz gemeiner Feigheit
-umkommen läßt. Ich will dir etwas zum Andenken schenken.« Er ging in
-das Atelier und kam mit einem gerahmten Pastellbildchen wieder. Es
-stellte einen Sarg dar, der auf zwei Stühlen mitten in einer Wiese
-stand; in dem Sarge lag Helmold Hagenrieder, wie er nun war, und sah
-spöttisch auf Helmold Hagenrieder hinab, wie er einst war.
-
-Swaantje legte das Bild entsetzt fort und sah verstohlen ihren
-Vetter an. Sie fand, daß seine Schläfen ganz grau waren, und daß er
-Altemannsfalten über dem Munde und neben den Augen hatte. Sie stand auf
-und ging auf ihn zu, aber da kam Hennecke mit Grete.
-
-Um Mitternacht gingen Grete und Swaantje zu Bett; Helmold und Hennig
-saßen noch lange auf. Hennecke versuchte in seiner ruhigen Art dem
-Freunde aus dem Gestrüpp herauszuhelfen. Helmold hörte geduldig zu,
-aber dann sagte er: »Du hast vollkommen recht, und Grete hat recht,
-und Swaantje hat recht. Hier handelt es sich aber nicht darum, sondern
-darum: soll ich leben oder sterben? Ich glaube übrigens, es ist für das
-eine schon zu spät; denn ich bin bereits tot!«
-
-Er sah Hennig mit harten Augen an: »Sage mal, Grete sagte vorhin, du
-hättest gesagt: ›Wenn ich eine Schwester hätte, und ein verheirateter
-Mann näherte sich ihr in der Weise, wie es hier vorliegt, den schösse
-ich tot.‹ Ist das wahr? Hast du das gesagt?« Hennecke bekam einen
-schmalen Mund: »Muß ich antworten?« Der andere nickte, ihn starr
-ansehend, und Hennig antwortete: »Nein, das hat deine Frau gesagt,
-nicht ich; das konntest du dir doch wohl gleich denken.« Helmold holte
-schwer Luft: »Um dir zu beweisen, was aus mir geworden ist; als Grete
-mir das sagte, antwortete ich ihr: ›Hat er das gesagt, dann kenne ich
-ihn nicht mehr.‹ Wer nur im geringsten gegen mich ist, ist mein Feind.
-Pfui, wie kann eine Frau so handeln!« Hennecke zuckte die Achseln: »Was
-soll sie machen? Sie ist eine Frau! Sie hat andere Ehrbegriffe, sie
-kennt nur eine Moral: ihren und der Ihren Vorteil. Du hast deiner Frau
-viel zu danken und darfst ihr die Unbesonnenheit, die doch lediglich
-ein Ausfluß ihrer arglosen Natur ist, nicht übelnehmen.«
-
-Das hatte sich Helmold schon viele hundert Male selbst gepredigt;
-darum sah er seine Frau am anderen Morgen doch böse an, als sie sagte:
-»Swaantje fährt heute; sie leidet zu sehr.« Er sagte erst nichts, aber
-dann trat er auf sie zu und nahm sie in den Arm. »Grete,« bat er,
-und seine Stimme war wie eine Nacht ohne Mond und Sterne, »sei doch
-nicht so hart! Sieh mal, ich sterbe daran. Ich kann doch nichts dazu.
-Du sagst, du liebst mich; beweise es mir!« Seine Frau machte sich
-von ihm los; ihre Stimme klang spitz, als sie antwortete: »Was soll
-ich denn tun? Wenn es irgend jemand anders wäre; aber meine eigene
-Kusine?« Er sah sie starr an. »Erinnerst du dich, was du mir sagtest,
-als ich von Swaanhof zurückkam?« Sie zuckte die Achseln: »Was sollte
-ich machen? Du warest krank, und ich dachte ja auch, daß deine Liebe zu
-Swaantje lediglich Mitleid sei. Ich habe nicht geahnt, daß du derartige
-Absichten hattest!«
-
-Da polterte er los. Er legte sich so wenig Zwang auf, daß Swaantje
-entsetzt hereingestürzt kam. Aber auch da bremste er sich nicht,
-sondern schüttelte alle die Angst und die Wut und allen Kummer und
-Grimm vor den beiden Frauen aus. Als er herauszischte: »So höre denn:
-ich liebe dich nicht nur nicht mehr, ich hasse dich. Du hast mich
-von oben bis unten belogen, hast kein Mittel gescheut, um mich zu
-zerbrechen, hast sogar meinen einzigen Freund gegen mich auszuspielen
-versucht. Ich bin fertig mit dir!« und seine Frau den Hieb damit
-zurückgab, daß sie ihm eine Scheidung vorschlug, da lachte er und
-sagte: »Schön! Doch gehst du, so sieh zu, wie du leben willst. Mir ist
-es recht, aber ich kümmere mich dann in keiner Weise weiter um dich,
-und die Kinder bleiben bei mir. Oder sie können wählen, denn mir liegt
-jetzt an nichts mehr etwas, und sie ähneln ja auch dir mehr als mir.
-Sobald du den ersten Schritt tust, verkaufe ich alles, was mir gehört,
-und gehe irgendwohin, wo nicht Weiberköpfe, sondern Männerfäuste
-herrschen; denn dieses ganze verfluchte Land mit seinem verbildeten
-Gesindel ist mir ekelhaft.«
-
-Grete, die ganz weiß aussah, bekam einen roten Kopf, und ihre Augen
-funkelten, als sie rief: »Ich denke, du willst dir Swaantjes Liebe
-erringen; meinst du, daß dieses der Weg dazu ist?« Er lächelte
-freundlich: »Nein, denn ihre Liebe habe ich. Mir liegt übrigens nichts
-mehr daran. Jetzt kannst du sie mir schenken, und ich nehme sie nicht.
-Außerdem ist das meine ureigenste Angelegenheit, ob ich Swaantje liebe
-oder nicht, und geht weder dich noch sie etwas an. Überhaupt liebe ich
-sie nicht mehr; ich liebe das Gespenst meiner Liebe zu ihr. Ich kann
-keine Menschen mehr lieben, denn ich bin tot. Mein Herz ist nicht mehr
-da; ich habe eine Fiedel daraus gemacht und spiele jede Farbe darauf,
-die es gibt. Ich bin Künstler geworden; aber ein Mensch bin ich nicht
-mehr. Das habe ich euch zu verdanken, dir, liebe Grete, und dir,
-Swaantje; ich danke euch herzinnig dafür.« Er küßte beiden die Hand und
-ging in die Werkstatt.
-
-Ruhig und besonnen arbeitete er an seinem neuesten Bildnisse weiter.
-Da fielen seine Blicke auf die Saharabilder, und auf Wodes Zorn. Er
-stutzte, rückte die Bilder zurecht, trat zurück, und dann nahm er den
-breitesten Pinsel, tauchte ihn in einen Farbentopf und strich mit
-festen Zügen die Bilder aus.
-
-Als er fast damit fertig war, trat Swaantje ein. Er ließ sich nicht
-stören und erst, als sie trocken aufschluchzte, sagte er: »Nun sag'
-bloß noch: ›Die schönen Bilder!‹, und dann müßte Grete noch sagen:
-›Das schöne Geld!‹, und dann hätte ich einen Grund, einmal wieder von
-Herzen zu lachen.« Aber als er das Mädchen genau ansah, sprang er zu,
-geleitete sie zu dem Sessel und rückte einen anderen daneben, in den
-er sich setzte. Er faßte ihre Hand: »Ich weiß, ich weiß, Kind, in
-welcher schweren Herzensnot du dich befindest, und wie sehr du darunter
-leidest, und daß Grete so unglücklich ist. Aber bedenkt ihr denn nicht,
-daß ich mehr bin als ein beliebiger Herr Soundso? und daß ihr, helft
-ihr mir, einem Manne das Leben neu schenkt, der dazu berufen ist,
-seinem Volke große Werte zu schaffen? Wiegt das nicht die ernstesten
-Bedenken auf? Und ich will ja so wenig, will weiter nichts, als ein
-bißchen Hoffnung, mit offenen ehrlichen Händen gegeben. Und darum bitte
-ich dich: gib mir einen Kuß, einen einzigen, einzigen Kuß; ich will
-dir alles dafür geben, was ich habe: meine ganze Vergangenheit und alle
-meine Zukunft.«
-
-Bittend sah er das Mädchen an; aber als sie schwieg und an ihm
-vorbeisah, stand er auf. »Swaantje,« rief er, »du weißt, meine besten
-Bilder habe ich behalten. Ich schenke sie dir. Mache damit, was du
-willst! Gib sie irgendeinem Schuster; er darf auch sein Zeichen
-darunter setzen. Aber gib mir einen Kuß, oder laß dich von mir küssen!
-Nur ein einziges Mal, sonst geht es so nicht mehr weiter. Neulich, in
-der Bar, habe ich Heulkrämpfe gekriegt, daß alle die leichten Mädels
-und sämtliche schwergeladenen Gäste es mit der Angst bekamen. Ich bin
-fertig. Ich heule jede dritte Nacht mein Kissen naß. Grete merkt das
-nicht; aber sieh dir einmal die Augen an, mit denen unsere Luise mir
-nachsieht. Das Mädchen ist verlobt, und sie hat ihren Schatz gern.
-Aber, wenn ich winke, kommt sie; aus mütterlichem Mitleid. Alle Frauen
-und Mädchen sehen mich an, als wollten sie mich in den Arm nehmen, so
-dauere ich sie. Und ich komme mir vor, wie ein ganz kleines Kind, das
-liebgehabt werden will, weil es hungert und friert. Was habe ich früher
-die Leute beneidet, die sorglos leben konnten und die, die sich mit
-Lob wuschen und in Ruhm badeten. Jetzt bin ich so gut wie berühmt, was
-ich male, ist Gold wert; ich beherrsche die Technik autokratisch. Aber
-ich bin ärmer als damals in München, als ich mit der Miezi in einer
-Bodenkammer lebte und froh war, wenn ich Brot und Wurst hatte. Meine
-Haare sind grau geworden, meine Augen sind kalt, und mein Herz vereist
-langsam. Meine eigene Frau stieß mich in den Tod, und du stehst dabei
-und siehst zu. Hätte ich nicht diesen Indianerkörper, ich wäre längst
-auch leiblich tot.«
-
-Er trat dicht vor das Mädchen hin und sah sie lange an; sie blickte
-an ihm vorbei. »Du leidest ebensoviel wie ich, Swaantje,« begann er
-endlich wieder; »vielleicht noch mehr, denn du hast Angst zu sprechen,
-und du wagst nicht mich anzusehen. Ich will dich auch nicht weiter
-quälen, denn du tust mir sehr leid, und ich liebe dich mehr als je
-zuvor. Was ich vorhin sagte, war nichts als Wut. Ich werde dich immer
-lieben, so oder so, auch wenn ich tot bin.« Sie zuckte zusammen. »Habe
-keine Angst, ich töte mich nicht. Es hätte gar keinen Zweck mehr;
-denn ich bin schon tot. Tote darf man küssen, Swaantje, darf man auf
-Nimmerwiedersehen küssen, denn sie küssen nicht wieder. So gib mir denn
-den einen Kuß.« Er beugte sich zu ihr, faßte sie um Kinn und Nacken und
-näherte seinen Mund ihren Lippen. Aber je näher er ihr kam, um so mehr
-versteckten sich ihre Lippen, um so starrer sah sie gegen die Wand,
-um so krampfhafter hielt sie den Atem an, und so streifte er mit den
-Lippen eben ihre Stirne, ließ sie los und ging aus der Werkstatt.
-
-Beim Mittag war er sehr ruhig, sprach auch ganz freundlich mit seiner
-Frau und scherzte mit den Kindern. Als Swaantje reisefertig war, fragte
-er: »Darf ich dir einmal schreiben?« Sie schüttelte den Kopf, ohne
-ihn anzusehen. Dann sagte er ganz geschäftsmäßig: »Dein Bild schicke
-ich dir, wenn es fertig ist. Die weiße Haide muß heraus; sie drückt
-zu sehr auf dein Gesicht. Überhaupt habe ich in der letzten Zeit viel
-Quatsch gemalt; ich hatte ja auch meist Fieber. Ich werde jetzt nach
-Stillenliebe fahren; vielleicht hilft mir die Jagd. Und nun, liebe
-Swaantje, verzeihe mir alles, was ich dir antat. Ich bin krank, sehr
-krank. Und ich will mir Mühe geben, daß hier wieder alles so wird wie
-früher. Lebe wohl; der Wagen ist da!« Er reichte ihr die Hand hin; sie
-legte die ihre lose hinein, ohne ihn anzusehen, und ging die Treppe
-hinab, wo Grete sie erwartete.
-
-Beide stiegen ein, ohne sich umzublicken. Er sah dem Wagen so lange
-nach, bis er um die Ecke verschwand; dann ging er in die Werkstatt, und
-Gift und Galle, seine beiden Teckel, folgten ihm mit gesenkten Ohren
-und hängenden Ruten.
-
-
-
-
-Der Platzhirsch
-
-
-Am anderen Morgen fuhr er nach Stillenliebe; neben ihm auf der Bank
-lagen Gift und Galle, seine Hunde, und Gift und Galle waren auch in ihm.
-
-Er hatte, unterdes Grete und Swaantje zur Bahn fuhren und er in der
-Werkstatt mit Sweenechien Bilder besah, die Ereignisse der letzten Zeit
-überdacht und einen dicken Strich unter sich und Swaantje gezogen. »Das
-muß ein Ende haben,« sagte er sich und nahm sich vor, recht nett zu
-seiner Frau zu sein.
-
-So nahm er sie in den Arm, als sie zurückkam, küßte sie und sagte: »Ich
-will morgen nach Stillenliebe; sonst wird der Prinz öde. Hör' mal, er
-schreibt: Die Hirsche schreien, wenn auch nicht, wie es fälschlich
-in der Bibel heißt, nach frischem Wasser, sondern nach passender
-Damenbekanntschaft, aber auch nach dir, vorzüglich der Schadhirsch vom
-Schandenholz, der schon letzten Herbst sterben sollte. Jetzt ist er
-aber reif; er hat einen braven Zwölfender zu Tode geforkelt. Also!«
-
-Helmold hatte gelacht, als er seiner Frau den Brief vorlas. »Dem
-will ich es besorgen, Grete! Er steht in der unzugänglichsten Ecke,
-und deswegen hat ihn mir der Prinz so lange eingemottet, denn er
-weiß, bei mir heißt es: je leichter, desto langweiliger! Das ist
-ein Hirsch, den man nur auf den Ruf schießen kann, denn er tritt
-niemals bei Büchsenlicht aus der Dickung. Na, dann machen wir es
-eben, wie Mohammed mit dem Berge! Es ist ein ganz alter Bursche, der
-aber nur ein Gabelgeweih trägt und deswegen jahrelang als Schneider
-durchgegangen ist, und keiner ahnte, daß er der Mordhirsch war. Und
-wir sind gute Bekannte; vor zwei Jahren schrie ich ihn mir bis vor die
-Stiefelspitzen; aber ehe ich den Finger krumm machen konnte, bekam er
-Wind. Dieses Mal aber soll er daran glauben, oder ich will die Kunst
-nicht verstehen.«
-
-Er legte die Hände vor den Mund und machte eine Brunft im vollen Gange
-nach, vom Mahnen des Kälbertiers bis zum Orgeln des Platzhirsches, so
-daß Luise, die frisches Trinkwasser brachte, entsetzt aufschrie und die
-Flasche fallen ließ. »Ich kann's noch,« lachte Helmold; »Demonstratio
-ad Luisam! Morgen früh ziehe ich zu Holze; ich habe nun doch ein
-bißchen zu viel Farben verblutet seit vorigem Herbste, und mein Vorrat
-von Arbeitslust ist alle. Und das ist ein Zeichen, daß die roten
-Blutkörperchen bei mir sparsam werden.«
-
-Als er so prahlte, bekam Grete ihre lichte Laune wieder. Sie holte den
-kornblumenblauen Samtkasten hervor und kramte die Mohnblumenkarten aus.
-»Bekomme ich dieses Mal wieder welche?« fragte sie, indem sie sich auf
-die Sessellehne setzte und ihm das Haar kraulte. Sein Herz beschattete
-sich; er dachte an die Mohnblumenkränze, die sie ihm über das Bett
-gehängt hatte. Aus Seidenpapier waren sie gewesen. Er machte seinen
-Kopf los und sagte kühl: »Gewiß, wenn dir an papiernen Blumen so viel
-gelegen ist.« Sie stand auf, und als er ihr Gesicht im Spiegel sah,
-bemerkte er, daß ihre Augen hart und ihre Lippen unbarmherzig aussahen;
-alle die guten Vorsätze, die er am Nachmittage gefaßt hatte, fielen zu
-Boden und zerbrachen.
-
-»Bitte, sage dem Mädchen, sie solle mir einen Wagen zum Siebenuhrzuge
-bestellen und dieses Telegramm besorgen, und jetzt will ich packen.
-Zwei Wochen bleibe ich mindestens fort,« sagte er trocken und ging in
-die Werkstatt. Dort blieb er bis Mitternacht und ging schlafen, ohne
-seiner Frau den Gutenachtkuß zu bringen. Über Nacht knabberten viele
-graue Gedanken an seiner Seele; drei Uhr wurde es, ehe er einschlief,
-und als er am anderen Morgen in das Zimmer seiner Frau ging, stand das
-harte Gesicht, das ihm am Abend der Spiegel gezeigt hatte, zwischen ihm
-und ihr, so daß er mit einem losen Händedruck Abschied nahm.
-
-Es war ein frischer, sonniger Herbsttag, und die Landschaft sah
-lustig aus. Sonst hatte er sie während der Fahrt immer liebkost; nun
-behandelte er sie schlecht; sie langweilte ihn. »Schwindel!« dachte er,
-als er sah, daß hier und da einzelne Büsche sich in schreiende Farben
-gehüllt hatten; »Plunder, nicht echt!« Selbst seine guten Freunde die
-Kiefernwälder und Haidberge zerfetzte er mit höhnischen Blicken, und
-als er die gewaltigen Schirmkiefern neben der alten Hammerschmiede sah,
-sonst sein Entzücken, lächelte er verächtlich.
-
-Auf einer Haltestelle stieg ein hübsches Bauermädchen ein, das ihn mit
-ungescheutem Verlangen ansah, denn keine Kleidung stand ihm so gut wie
-der verschossene Lodenanzug. Erst achtete er wenig auf sie, dann aber
-dachte er: »Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück' ich mir das
-Röselein,« und da das Mädchen gegen die Sonne sehen mußte, machte er
-ihr neben sich Platz und sagte: »Komm hier sitzen, Mädchen, denn so
-hast du die Sonne nicht im Gesicht.« Sie wurde vor Verlegenheit ganz
-rot, setzte sich aber sofort zu ihm. Er dachte daran, daß er sich über
-Nacht gelobt hatte, sich fortan so viel Zucker in den Kaffee zu werfen,
-wie er kriegen konnte, denn ihm war eine der blödsinnig klingenden
-Weisheiten Henneckes eingefallen. Als sie eines Abends durch den Wald
-gingen, hatte Hennig ärgerlich brummend den Kopf geschüttelt, und
-als er ihn fragte, was ihm fehle, geantwortet: »Ich habe verdammt
-vergessen, mir heute morgen Zucker in den Kaffee zu schmeißen, und das
-kann ich mein Leben lang nicht wieder einholen.«
-
-Er sah das Mädchen genau an; sie strotzte vor Kraft und Frische und
-wurde jedesmal rot, wenn er sie anblickte. Er schlug sie auf die Lende:
-»Wo soll die Reise hin, Lüttje?« Sie wurde rot: »Nach Ohlenwohle!« Er
-sagte ganz trocken: »Hast du aber Dusel! Dann fährst du ja anderthalb
-Stunden mit mir zusammen!« Nun mußte sie lachen, und sie litt es, daß
-er den Arm hinter ihren Rücken schob, und als er fragte: »Hast du auch
-keine Bange vor mir?« schüttelte sie lustig den Kopf. »Ich bin aber
-ein ganz gefährlicher Kerl,« flüsterte er und zog sie an sich; »glatte
-Mädchen mag ich zum Fressen gern. Paß mal auf, jetzt geht's los!« Er
-drückte sie und küßte sie.
-
-Die Hunde hoben erstaunt die Köpfe; er warf den Jagdmantel über sie:
-»Das ist nichts für kleine Kinder,« sagte er, und zog das Mädchen auf
-den Schoß. »Magst mich leiden?« Sie nickte und sah ihn verliebt an. Sie
-blieben anderthalb Stunden allein, denn auf der nächsten Haltestelle
-steckte Helmold dem Schaffner einen Taler in die Hand. Als der Zug
-dicht vor Ohlenwohle war, sagte das Mädchen: »H' ach Junge! Na, wenn
-das unsere Mutter wüßte! Und nicht wahr, du besuchst mich mal?« Er
-küßte sie und sagte: »Ich wäre schön dumm, wenn ich das nicht täte. Auf
-Wiedersehn, und schönen Dank auch, Mariee!«
-
-Als er in Stillenliebe ausstieg, hatte er wieder einen frischen Mund
-und fröhliche Augen. Der Prinz erwartete ihn mit dem Jagdwagen. Er
-gab ihm die Hand und meinte: »Du wohnst am besten im Blauen Himmel,
-von da hast du eine knappe Stunde bis zum Schandenholz; vom Jagdhause
-sind es anderthalb. Die Zimmer habe ich schon belegt, das heißt von
-morgen ab, denn heute mußt du mit zum Jagdhause. Der Wind ist für das
-Schandenholz nicht gut, und außerdem will ich dich einmal wieder für
-mich haben. Ist dir doch recht?«
-
-Frau Sophiee Pohlmann, die Wirtin des Blauen Himmels, stand in der Türe
-des Kruges, als der Wagen vorfuhr; die junge Witwe sah in dem blauen
-Waschkleide mit der weißen Latzschürze zum Anbeißen aus. Sie lachte
-über das ganze Gesicht, als sie den Maler sah. »Das ist aber schön,
-daß Sie sich einmal wieder sehen lassen, Herr Hagenrieder!« rief sie,
-vor Freude errötend, als er ihr die Hand schüttelte; »ein ganzes Jahr
-sind Sie nicht hier gewesen. Ich dachte schon, Sie wollten uns untreu
-werden.« Sie machte ein enttäuschtes Gesicht, als er sagte, er bliebe
-den Tag im Jagdhause.
-
-Als er am anderen Mittag mit dem Prinzen in der Wirtschaft vorfuhr,
-lachte sie aber schon wieder. Sie ging ihm nachher in sein Zimmer nach
-und fragte: »Ist auch alles so richtig?« Er machte die Türe zu und
-sagte: »Jetzt ja!« und damit faßte er die Frau um und küßte sie. Sie
-stemmte ihre Hände gegen seine Schultern: »H' ach, Herr Hagenrieder,«
-stöhnte sie, »wenn aber jemand kommt!« Er lachte übermütig, ohne sie
-loszulassen. »Möchte das keinem raten, dem seine heilen Knochen lieb
-sind.« Er ließ sie los, stellte sich vor sie hin und befahl: »Kuß!«
-Mit niedergeschlagenen Augen, feuerrot im Gesichte, kam die hübsche
-Frau näher, legte ihm die Hände auf die Schultern, hob sich auf den
-Zehenspitzen und küßte ihn. »So recht, mein Mädchen, so schön, mein
-Kind, so brav, mein Zuckerchen!« lobte er, faßte sie um die Mitte und
-küßte sie, bis sie keinen Willen mehr hatte.
-
-»Mensch, du hast wohl seit acht Tagen nichts zu essen gekriegt!« sagte
-der Prinz, denn sein Freund kniete sich ganz gefährlich hinter die
-Mahlzeit. Der lachte und antwortete, indem er der Wirtin, die den
-Nachtisch hereinbrachte, einen kurzen Blick zuwarf, den sie mit einem
-langen zurückgab: »So hat es mir lange nicht geschmeckt, wie heute,
-und wenn ich nun den Hirsch nicht kriege, will ich Karl der Große
-geheißen werden.« In der Türe drehte die Wirtin sich um und warf ihm
-einen heißen Blick zu. Brüne bekam ihn durch den Spiegel zu fassen,
-lächelte aber kaum.
-
-Die Wirtin brachte dann den Kaffee und viererlei Backwerk. »Frau
-Pohlmann,« meinte der Maler, »wenn ich vier Wochen bei Ihnen in Kost
-bin, passe ich in keinen Sarg mehr!« Die Wirtin lächelte ihn an: »Wie
-lange bleiben Sie denn, Herr Hagenrieder? Sonntag haben wir Danzefest!«
-Er schlug auf den Tisch: »Hipp hipp hurrjeh! Nun ist das Geschäft
-richtig!«
-
-Als der Prinz fortgefahren war, sagte der Maler zu der Frau: »Ich will
-jetzt eine Stunde schlafen; weck' mich um halbig dreie, Sophiee! Aber
-erst will ich einen Schlafschönkuß haben; das ist bekömmlicher, als der
-Kürassao, den der Prinz nach dem Kaffee nimmt. Also!« Er ließ den Kopf
-auf die Sofalehne fallen und klopfte auf seine Kniee; die Wirtin setzte
-sich auf seinen Schoß. »Ach, ich habe so viel gegessen, daß ich nicht
-küssen kann,« sagte er lachend; »das mußt du besorgen. Und ich bin so
-müde und so faul, daß ich nicht allein ins Bett finde. Denn so wirst
-du mich wohl hinbringen müssen; hm?« Die Frau kuschelte sich an seine
-Brust: »Geh vor,« flüsterte sie heiser, »ich komme gleich nach; ich
-habe sowieso oben Wäsche fortzupacken. Jetzt muß ich erst eben in die
-Küche.«
-
-Laut flötend ging er nach zwei Stunden durch das Dorf, die Büchse über
-den Rücken geschlagen. Für alle Menschen, die ihm begegneten, hatte
-er ein lustiges Wort, und für jedes Kind einen Apfel. Gift und Galle
-jagten kläffend die Spatzen von der Straße und trieben die Katzen über
-die Zäune, und Helmold fand, daß die Welt doch noch ganz nett sei.
-Er freute sich über die bunten Blumen hinter den Zäunen, über die
-Tauben, die vor ihm herflatterten, über den Turmfalken, der auf der
-Stoppel rüttelte, und dachte: »Hol's der Teufel; Gott gibt's reichlich
-wieder!« Er war auch gar nicht ärgerlich, als er spät abends zurückkam,
-ohne seinen Hirsch gehört zu haben.
-
-Als er am anderen Nachmittage dicht vor dem Osterhohl war, kam er
-an einem kleinen Hause vorbei, das halb versteckt hinter gewaltigen
-Stechpalmenhorsten lag. Ein Mädchen stand in der Tür und sah ihm mitten
-in die Augen. Sie hatte ein volles, aber feines Gesicht, und ihre Augen
-sahen halb wie die eines Kindes aus, halb wie die einer Frau, die
-allerlei erlebt hat. Er ging auf sie zu: »Willst du mir Glück bringen,
-Mädchen?« Sie lachte ihn an: »Gerne, wenn ich es machen kann.« Er legte
-die Büchse auf den Boden. »So, nun spring dreimal darüber!« Sie nahm
-ihre Röcke zusammen und sprang, daß ihre hübschen Waden zu sehen waren.
-»Danke schön!« sagte er, nahm sie um die Mitte und küßte sie. »So, und
-nun schenk mir noch ein Glas Wasser!« Sie ging vor ihm in das Haus, und
-er folgte ihr. »Wie heißt du denn, Hübsche?« fragte er und setzte sich
-in den Spinnstuhl. »Annemieken Ahlmann,« antwortete sie und lächelte
-ihn an. »Hm,« meinte er; »nun laufe ich schon sieben Jahre hier herum
-und habe dich noch kein einmal gesehen.« »Ich Sie aber schon oft!«
-erwiderte das Mädchen; »aber Sie gingen immer so stolz vorbei.«
-
-Eine alte Frau kam herein. Sie kicherte, als sie Helmold sah, und zwang
-ihm ein Glas Buttermilch auf. »Ja,« sagte sie, »wir sind froh, wenn
-sich hier mal ein Mensch sehen läßt. Seit das mit Abbe gewesen ist,
-will keiner was mit uns zu tun haben. Und es war doch man ein Unglück.
-Ja, ja, das hitzige Geblüt, wer das hat, der kommt leicht zu Schaden.
-Na, denn viel Glück auch, junger Herr, und lassen Sie sich mal wieder
-sehen. Annemieken, zeige dem Herrn den Richteweg über die Osterhaide;
-das ist um die Hälfte näher.«
-
-Das Mädchen ging mit. Als sie im Holze waren, legte Helmold den Arm um
-sie und küßte sie. Sie wurde rot und weiß nacheinander und fragte dann:
-»Kommen Sie Sonntag auch zum Erntebier?« Er nickte. »Aber mittanzen tun
-Sie wohl nicht?« Er nickte wieder. Sie wurde feuerrot und flüsterte:
-»Auch mit mir einmal?« »Aber sicher,« antwortete er; »ich glaube, mit
-dir tanzt es sich fein!« Sie nickte: »Ich kann mich tottanzen! Aber
-wir haben Unglück gehabt. Vater und Mutter sind an der Auszehrung
-gestorben und Abbe, mein Bruder, der hat den Verwalter von Ohlenhofen
-totgestochen, wo seine Braut diente. Würden Sie das nicht auch tun?« Er
-nickte: »Ganz sicher, wenn mir einer an meine Braut käme!« Da lachte
-sie und drückte sich fester an ihn.
-
-Als er eine Viertelstunde vor dem Schandenholze war, kehrte sie um.
-Er warf seinen Rucksack zu Boden und legte die Hunde ab. Er ging erst
-schnell über die Haide, aber je näher er dem Walde kam, um so kürzer
-wurden seine Schritte. Hinter einem mächtigen Wachholderbusche blieb
-er stehen und lauschte; es war alles still, nur die Goldhähnchen
-piepten. Er schlich unter dem Winde von Busch zu Busch, bis er das
-Hauptgestell übersehen konnte. Eine halbe Stunde blieb alles still,
-dann meldete halb rechts ein geringer Hirsch. Einen Augenblick später
-brach es dort und in voller Fahrt floh der Schneider über die Schneise;
-hinter ihm her dröhnte der Baß eines starken Hirsches. Von fern her
-schrie ein guter Hirsch, näher ein anderer. In der Dickung brach es,
-dumpfe Schläge erschallten; der Schadhirsch strafte ein Stück Wildpret
-ab. Helmold lachte; am liebsten hätte er geschrieen: »So recht, mein
-Hirsch!« Seine Augen funkelten, halb vor Freude, halb vor Haß.
-
-Langsam rauchte er und sah durch die Zweige des Wachholderbusches die
-Schneise entlang, die von den schrägen Sonnenstrahlen getigert war.
-Ein Fuchs schnürte dicht an ihm vorüber, ohne ihn zu wittern; ihm
-folgte ein Hase. Eine Weile saß er still, dann rückte er zu Felde.
-Tauben schwangen sich in ihren Schlafbäumen ein; der Schwarzspecht
-rief zum letzten Male. Helmold lauschte angestrengt. Ab und zu gab der
-Platzhirsch ein halblautes Knören von sich. Die Sonne sank; hier und
-da glühte auf einem Kiefernstamme ein roter Fleck auf und täuschte ein
-menschliches Angesicht vor, verschwand und tauchte an einer anderen
-Stelle wieder auf. Im Kienmoore schrie ein guter Hirsch herausfordernd;
-drohend antwortete der Platzhirsch. Ein Kälbertier trat über das
-Gestell; das Kalb folgte. Warnend rief der Hirsch und zog bis an den
-Rand der Dickung; sein Atem flog weiß vor ihm her. Das Tier machte
-Kehrt und trat wieder zurück, und das Kalb trollte hinterher.
-
-Helmold lächelte kalt. »Der weiß mit den Weibsleuten umzugehen,«
-dachte er; »fällt ihm gar nicht ein, zu schmachten und zu betteln. Er
-nimmt sich, was ihm zukommt, kraft seines Geweihes.« Er überdachte
-das letzte Jahr. »Welch ein Narr bin ich gewesen! Hätte ich damals
-im Tödeloh zugepackt, so hätte ich nicht Nacht für Nacht in mein
-Kopfkissen hineinzuheulen brauchen. Und wäre ich Grete mit der
-Tatsache gekommen, so hätte sie sich geduckt.« Er schämte sich vor
-sich selber. Er hatte sich nackt vor ihr ausgezogen. »Ein schwerer
-Fehler! Frauen wollen den Mann über sich sehen; stellt er sich neben
-sie, so sehen sie auf ihn hinunter. Sobald sie wissen, man liebt sie
-wirklich, ist man schon verloren,« dachte er; »Mann und Weib sind
-Todfeinde; das ist es. Das Weib ist Realist, klebt an der Erde; der
-Idealismus, die Himmelssehnsucht des Mannes, ist ihm unbegreiflich, ja
-verächtlich. Urmensch ist es, handelt nur aus Instinkt. Ihre Hauptwaffe
-ist die Lüge, die Verstellung; unbewußt, darum so gefährlich, weil
-uns unlogisch erscheinend, unbegreiflich. Ihre Unwahrhaftigkeit ist
-primitiv, ist naiv.«
-
-Er drückte die Asche in der Pfeife herunter. »Sie müssen gedrückt
-werden, soll ihre Liebe nicht ausgehen,« dachte er und lachte. »Auch
-Swaantje ist ein Weib; ich habe mir eine Göttin aus ihr gemacht. Magd
-soll das Weib dem Manne sein, nicht Herrin. Nie ist sie ihm Kamerad.«
-
-Es prasselte in der Dickung; der Hirsch trieb die Tiere zusammen. Dumpf
-schallte es; er forkelte ein störrisches Stück. »Ruppig muß man sie
-behandeln. Nietzsche hat recht: ›Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die
-Peitsche nicht!‹ Erobert wollen sie sein, roh hingenommen. Wieviel
-Glück und Wonne hätte mir das Jahr bringen können, wäre ich meiner
-Natur gefolgt! Den Kameraden suchte ich in Grete; Wahnsinn! Suchte bei
-ihr Verständnis! Als ob es das zwischen Mann und Weib gäbe. Von Mann zu
-Mann, ja, und von Weib zu Weib, aber nicht über Kreuz. Der Hirsch ist
-klüger; er hält sich zum Hirsch, solange ihn die Liebe nicht zwickt,
-und ist es damit aus, läßt er das Frauensvolk stehen und sucht sich
-Kameraden, die so fühlen wie er selber.«
-
-Die Schlagschatten der Stämme fielen über das Gestell; hohl rief
-der Kauz; ein Bock schreckte in den Bleeken. Ganz selten schrie ein
-Hirsch; der Abend war zu lau und versprach Regen. Helmold stopfte sich
-eine neue Pfeife und steckte sie hinter dem Hute an. Er hielt Grete
-und Swaantje nebeneinander und schüttelte den Kopf. »Ein dreifacher
-Esel bin ich gewesen; eine Möglichkeit, die den beiden als eine
-Unmöglichkeit erscheinen muß, habe ich von ihnen erbeten. Ich war
-krank, sonst wäre ich nicht auf einen so irrsinnigen Gedanken gekommen.
-Bei beiden habe ich meinen Nimbus zerstört; sie sehen auf mich hinab.
-Das muß anders werden, denn«, er reckte die Brust, »denn ich will
-meinen Wunsch nicht verhungern lassen.«
-
-Er bohrte seine Blicke in die Dämmerung. »Und Grete, sie ist eine kluge
-und gute Frau. Sie ist eben Frau und kann deshalb kein Mensch in meinem
-Sinne sein; und die andere schließlich auch nur so lange, als bis«, er
-stockte im Denken und sah mit harten Augen nach dem schwarzen Fleck,
-der auf der Schneise stand. Langsam hob er das Glas; es war ein Stück
-Wild, das sich dort äste; ein zweites und ein drittes trat dazu. Er
-nickte vor sich hin: Jawohl, so mußte es werden; er wollte sich mit
-Grete gut stellen, denn er liebte sie. Wenn er sie zuweilen zu hassen
-glaubte, so kam das daher, daß er ihr seine eigene Dummheit nachtrug.
-
-Er fuhr zusammen; mitten auf der Schneise stand ein Schatten, höher als
-die anderen. Das Glas versagte, aber es mußte der Hirsch sein. Dumpf
-dröhnte es und die anderen Schatten zogen in das jenseitige Jagen, von
-den Geweihstößen ihres Gebieters getrieben. »Wie viele mag er bei sich
-haben?« dachte Helmold. »Sicher zehn bis zwölf. Das ist für ihn der
-Begriff des Weibes, wie für mich die Zusammenstellung Greteswaantje;
-aber Sophiee und Annemieken und Mariee runden den Vollbegriff Weib erst
-ab. Denn ich bin mehr wert als zehntausend andere Männer, kann deshalb
-auch mehr Ansprüche machen. Und das werde ich, so wahr ich Helmold
-Hagenrieder heiße!«
-
-Er erhob sich, ging einige hundert Schritte zurück und stellte sich
-unter einer Schirmkiefer auf der Haide an. Der Abendstern stand blank
-über dem Walde. Er dachte an Swaantje; kühl betrachtete er sie und
-lächelte. Sie hatte mit Grete über den Roman gelacht, dieweil er mit
-zerrissener Brust am Boden lag; sie empfand es peinlich, als er mit
-einem Weidewundschusse im Wundbette saß. Er lachte tonlos vor sich hin:
-›Was denkt er von mir?‹ hatte sie gefragt. Ach ja, die Dame war stark
-in ihr. Eine kalte Wut schüttelte ihn. »Wenn sie jetzt hier wäre, würde
-ich ihr zeigen, daß ich ein Mann bin. Komm! würde ich sagen und sie
-würde kommen.«
-
-Kühl strich der Abendwind über die Haide und ruschelte in den gelben
-Moorhalmen. Helmold fröstelte es. Er knirschte mit den Zähnen; er
-dachte daran, wie erbärmlich er sich angestellt hatte, als er in
-der Werkstatt um einen Kuß bettelte. »Hätte ich zugepackt, stände
-ich anders vor ihr da. Jetzt bemitleidet sie mich. Pfui Teufel! Und
-sie? Auch an ihr habe ich gesündigt, schwer gesündigt. Ich habe ihr
-vorenthalten, was ihr zukam; krank und elend habe ich sie gemacht,
-ebenso wie mich. Gedichtchen habe ich ihr geboten statt Küsse, Seufzer
-anstatt Liebkosungen. Schöner Held, der ich bin mit meiner schlappen
-Rücksichtnahme auf ihre Seele, auf Grete, auf die Verwandtschaft, die
-Gesellschaft, meine Stellung und ähnliche Albernheiten!« Höhnisch
-lachte die Scham ihn an. Er dachte an den Mühlenkrug, an Janna und
-Manna, an sein Lautenspiel und an die Lieder, die er den Mädchen sang.
-»Pfui, pfui; wie ein Schuljunge benahm ich mich!«
-
-Der Hirsch im Kienmoore schrie; er schrie sich bis in die Bleeken
-hinein. Der Schadhirsch antwortete und zog ihm näher. Helmold lauschte;
-blanke Freude lachte ihm aus den Augen. Die Hirsche standen sich
-gegenüber, der eine schrie dem anderen in das Gesicht. »Wundervoll,«
-dachte er, und ihm war, als wenn der eine feuerrot, der andere blutrot
-schriee. »Ein Leben von rot auf Rot; rote Liebe auf rotem Mord; das
-ist Leben!« Er dachte an einen Mann, der ihm einst mitten in sein
-Leben hineingegriffen hatte. An einem klaren Wintermorgen standen sie
-sich im weißen Walde gegenüber. Wie blödsinnig das war: die Zilinder,
-die Pelze, die Gummischuhe, die rotbraunen Handschuhe, und darin die
-Pistolen, und vor allem: die glattrasierten, höflichen Gesichter der
-Zeugen und die verbindlichen Manieren des Unparteiischen! Sein Gegner
-ebenso, und er selber nicht anders. Und dabei: zehn Schritt Barriere
-mit Vorgehen und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit. Er lächelte,
-denn er dachte daran, wie ihm sein Gegner den hohen Hut vom Kopfe schoß
-und in demselben Augenblicke mit einem schweren Schulterschusse umfiel.
-Hier der Seidenhut mit dem weißen Atlasfutter im Schnee, da der Arzt
-bei dem Verwundeten, alle Wipfel voll von Goldhähnchengezirpe, die Luft
-erfüllt von den Locktönen der Kreuzschnäbel, und der von himmelblauen
-Schatten gestreifte Schnee, von der Sonne mit Demanten besät, und
-mitten darin ein großer herzförmiger roter Fleck und ein kleiner, der
-wie ein Kreuz aussah, und von dem lauter rote Kleckse bis zu der Stelle
-führten, wo der Arzt arbeitete; eine schöne Erinnerung!
-
-»O, ich habe auch solche,« dachte er, als er, die Hunde hinter sich,
-über die Haide ging; »und sogar eine ganze Menge.« Vor seinen Augen
-stand ein Tanzboden, niedrig und ganz mit Tabaksrauch gefüllt, und
-durch das Fenster flog, das Fensterkreuz und alle Scheiben mitnehmend,
-ein Gefreiter von den Oldenburger Dragonern, und der ihn so auf den
-Schwung gebracht hatte, das war der Einjährigfreiwillige Hagenrieder
-gewesen. Seine gewilderten Rehböcke fielen ihm ein und der Hirsch,
-den er auf einem Birkenbaume dreihundert Gänge weit über die Grenze
-geschleift hatte, und Tiedo Tiedsen, sein Konpennäler, der auszog, um
-den Buren gegen die Khakis zu helfen, und der das redlich besorgte,
-bis eine Kugel sein heißes Herz zur Ruhe brachte. Eine unbändige
-Lust packte ihn, die ganze Zivilisation auszuziehen und irgendwohin
-zu gehen, wo Kraft vor Recht geht und nur der Mann gilt, der am
-schnellsten im Anschlage ist. Aber dann dachte er: »Verpfuscht, zu
-spät!« Die drei wilden Blumen, die er die letzten Tage über am Wege
-gepflückt hatte, kamen ihm wertlos vor; er schlug einen Bogen, um
-nicht an Ahlmanns Hause vorbeizukommen, von dem ein kleines Licht
-herüberschimmerte, und er setzte sich im Krug in das Gastzimmer und
-nicht in die kleine Stube, wo er mit der Wirtin allein sein mußte.
-
-Es kamen nun einige regnerische Tage und die Hirsche schrieen nicht.
-Vergebens umschlich er das Schandenholz und pürschte im Kienmoore; es
-blieb alles stumm. Jede Nacht trat der Schadhirsch aus, wie die Fährten
-auf der Haide wiesen, zog jedoch vor Tau und Tag wieder in die sichere
-Dickung. Am Sonnabend aber drehte sich der Wind und wurde hart und
-kalt, und sofort orgelten überall die Hirsche.
-
-Es war noch schwarze Nacht, als Helmold zu Holze zog, Gift am
-Schweißriemen. Unter dem Winde wartete er auf der Haide den Tag ab,
-in seinen Mantel gewickelt. Der Himmel war ganz hoch und sternenklar,
-und das Haidkraut starrte von Reif. Der Schadhirsch schrie zwischen
-den Krüppelkiefern in den Bleeken und zog dem Hirsche vom Kienmoore
-entgegen. Helmold hörte, wie die Geweihe aneinanderprasselten, und
-das Keuchen der beiden Kämpen war deutlich zu vernehmen. Ein heller
-Wind bewegte die Kronen der Kiefern und flüsterte in dem Haidkraute;
-im Osten zerriß die Nacht über dem Walde; Wanderdrosseln pfiffen, und
-im Moore weckten sich die Kraniche auf. Die Sterne gingen langsam
-nach Hause, und aus den unheimlichen Gespenstern wurden harmlose
-Wachholderbüsche.
-
-Der zweite Hirsch schrie schon wieder im Kienmoore. Helmold merkte
-sich ganz genau seine Stimme, während er langsam und bedächtig Brot
-und Speck aß. Als er damit fertig war, prüfte er mit nassem Finger
-die Windrichtung, nahm einen kleinen Schluck Kognak, zog den Mantel
-aus, legte den Rucksack ab, steckte den Hirschruf in die rechte
-Joppentasche, legte den Hund ab und deckte ihn mit dem Mantel zu, und
-sobald er Korn und Kimme zusammenbringen konnte, pürschte er sich an
-das Holz heran.
-
-Der Wind wurde noch schärfer; Helmold knöpfte die Joppe fest zu und
-zog den Gürtel enger. An der Ostseite bohrte der Morgen ein Loch in
-die Dämmerung und sah dadurch über die Haide. Der Hirsch im Kienmoore
-schrie noch einmal und verschwieg dann. Helmold trat an den Rand
-des Hauptgestelles, prüfte den Wind und lauschte. Endlich hörte er
-es einmal linkerhand brechen; der Platzhirsch hatte seinen alten
-Stand eingenommen. Er hörte ihn ab und zu knören und vernahm, wie ein
-Kälbertier mahnte.
-
-Es war mittlerweile ganz hell geworden; die Meisen wachten auf, die
-Goldhähnchen piepten in den Zweigen, eine Krähe zerkrächzte die Stille.
-Helmold sah sich um; ein Mutterreh mit zwei Kitzen zog über das
-Gestell, dicht an dem Hasen vorbei, der still wie ein Baumstumpf da
-saß und nur die Löffel aufrichtete, als Helmold in den Bestand trat.
-Da sah es wild und wüst aus; der Sturm hatte vor Jahren einen Teil
-der untergebauten Fichten umgeschmissen, und den Rest hatte die Nonne
-umgebracht. Die von allerlei Gestrüpp bewachsenen Wurfböden erhoben
-sich überall, zwischen ihnen lagen kreuz und quer die hohen Stangen,
-von oben bis unten mit silbergrauen Flechten bezogen.
-
-Behutsam das Geknick meidend schob er sich von Stamm zu Stamm, die
-Büchse schußfertig in den Händen, mit den Augen das silbergraue Gewirr
-zerpflückend. Nichts entging ihm, weder die Fährte am Boden, noch der
-Dompfaff in dem Ebereschenbusch, nicht der Fliegenpilz unter der Birke,
-nicht die zerfetzte Rinde an den Malbäumen.
-
-Eine Stunde war vergangen, da hatte er erst zweihundert Schritte
-hinter sich, denn nach jedem Tritte machte er Halt und lauschte mit
-offenem Munde oder prüfte den Wind. Da hörte er den Hirsch knören.
-Langsam schob er sich hinter einen Wurfboden, langte die Muschel aus
-der Tasche und quetschte einen neidischen Ruf heraus; von drüben kam
-eine mürrische Antwort. Er ging, den Schritt eines Hirsches nachahmend,
-rücksichtslos durch das Fallholz, sich immer in Deckung haltend und
-ab und zu einen Schrei aus der Muschel herausholend; der Schadhirsch
-antwortete schon ärgerlicher. Helmold machte das Mahnen eines Tieres
-nach und ließ einen herausfordernden Ruf hinterher folgen; gereizt
-erwiderte ihn der Mordhirsch und zog näher. Hinter einem Wurfboden
-trat Helmold laut hin und her, daß der anmoorige Boden quatschte und
-das Fallholz brach, und während ihn der Frost schüttelte, vernahm er,
-wie sein Hirsch immer näher kam. Er setzte die Muschel an den Mund
-und schrie ihm eine grobe Redensart entgegen, und abermals eine, die
-noch viel frecher war, und eine dritte, mehr als gemein. Der Hirsch
-meldete nicht; es schien, als ob er starr wäre über die bodenlose
-Unverschämtheit des Nebenbuhlers. Helmold ließ den Hirschruf in die
-Tasche gleiten und machte scharf.
-
-Vor ihm war alles still, dann mahnte ein Schmaltier und darauf brach
-es laut; vor ihm stand der Hirsch auf dreißig Gänge und schrie aus
-vollem Halse. Helmold sah nichts, als vier lange blanke Enden, ein
-graues Gesicht mit tief liegenden Lichtern und einen Strom weißen
-Dampfes. Die volle Brunftwitterung stank ihm in Nase und Mund hinein.
-Der Hirsch schrie noch einmal mit ganzer Kraft und wendete sich. Sowie
-er das Blatt freigab, hielt Helmold darauf und riß Funken. Er hörte
-Kugelschlag und sah durch das Feuer, daß der Hirsch stark zeichnete.
-Prasselnd fuhr er ab, daß das graue Geäst weit umherflog. Hinter ihm
-her polterte das Kahlwild.
-
-Helmold blieb eine Weile stehen, wischte sich den Schweiß von der
-Stirne, trank einen Schluck Tee, steckte sich eine Zigarre an und ging
-auf den Anschuß. Er brauchte nicht lange zu suchen; er fand Schweiß
-und Schnitthaar. »Tiefblatt«, murmelte er, als er die Schweißspritzer
-betrachtete und von einem Farnwedel einige Haare ablas. Er verbrach den
-Anschuß und ging dahin, wo er den Hund abgelegt hatte. Dort überlegte
-er; bis zu der Wirtschaft, das war reichlich weit. Da fiel ihm
-Annemieken ein, und er ging nach dem Osterhohl.
-
-Als er in das Haus trat, begrüßte ihn die alte Frau freudestrahlend.
-Dann trippelte sie nach der Halbetüre und rief mit ihrer brüchigen
-Stimme: »Annemieken, Mädchen, komm hille!« Das Mädchen kam herein; es
-hatte bloße Arme und vor dem Leibe einen alten Sack als Schürze. »Kann
-ich bei euch einen Teller Suppe haben?« fragte Helmold. Sie lachte
-glücklich; aber dann bekam sie einen roten Kopf und sagte: »Wir haben
-aber bloß Bohnensuppe und alten Speck.« Er lachte: »Das ist grade
-das Richtige; ich habe einen Hirsch geschossen und will ihn nachher
-nachsuchen, und bis zum Kruge ist es mir zu weit.« Er ließ sich in
-den Spinnstuhl fallen und sah den Funken zu, die um den Kesselhaken
-spielten. Als die alte Frau hinausgegangen war, sagte das Mädchen:
-»Ich dachte, du würdest gestern abend hier noch einmal vorbeikommen.«
-Er antwortete: »Ich war sehr müde und hatte meine böse Stunde.« Das
-Mädchen sah ihn groß an: »So ein feiner Herr? Ich dachte, der hätte
-nicht Kummer, noch Sorgen. Denn ist es wohl um ein Mädchen? Aber
-darüber mußt du dir keinen Kummer machen; wenn man nicht hat, was man
-lieben will, denn so liebt man, was man hat.« Er lachte: »Woher hast du
-denn diese Weisheit?« Sie bekam dunkele Augen: »Ich war eine Zeit in
-der Stadt.«
-
-Sie ging zu dem Kessel, rührte das Schweinefutter um und sah in dem
-kleinen Topf nach, ob das Essen bald fertig war. Dann ging sie in den
-Garten und kam mit einem Blumenstrauß zurück, den sie auf den Tisch
-stellte, über den sie ein weißes Tuch gelegt hatte, machte sich vor
-dem halbblinden Spiegel das Haar, band die Sackleinwandschürze ab,
-ließ ihren Rock herunter, wusch sich die Hände und band eine reine
-Schürze vor. Die Großmutter brachte die Suppe, Helmold holte, was er
-an Wurst und Schinken im Rucksacke hatte, heraus und legte es auf den
-Tisch, desgleichen eine Tafel Schokolade und stellte die Kognakflasche
-dazu, aus der die alte Frau ein Schlückchen bekam. Es wurde ein sehr
-gemütliches Essen, und die Großmutter gnickerte in einem fort über den
-lustigen Jägersmann, der so schöne schlechte Witze erzählen konnte.
-Nach dem Essen aber nickte sie sofort im Spinnstuhle ein und Helmold
-gähnte auch. »Kannst in meinem Bette schlafen gehen, Junge,« sagte
-Annemieken. »Und du mein Schatz, bleibst hier?« sang er. Sie schüttelte
-den Kopf und ließ sich mitnehmen.
-
-Um zwei Uhr wachte er auf und hörte die Großmutter im Flett
-umhertrippeln. Annemieken stand vor dem Spiegel und kämmte sich. Er
-wunderte sich, daß ihr Spiegelbild ganz anders aussah, als ihr Gesicht,
-bis ihm einfiel, daß Spiegel lügen. »Alle Reproduktion ist Schwindel,«
-dachte er. Die Großmutter klopfte an: »Der Kaffee ist fertig,« rief
-sie, und als er auf die Diele kam, tat sie, als ob sie von nichts wüßte.
-
-»So, Gift, nun ist es aber Zeit, daß wir uns auf die Strümpfe machen,«
-sagte Helmold, als er gegessen und getrunken hatte. Als er den Anberg
-hinaufging, flötete er vor sich hin und dachte dabei: »So, das war
-ein Tag, rot in Rot; den nimmt mir keiner mehr weg!« Lustig pfeifend
-schritt er über die Osterhaide. Auf der Blöße äste sich vertraut ein
-guter Bock; er ließ ihn leben. »Annemiekens wegen,« dachte er, denn sie
-hatte ihm erzählt, daß sie sich jeden Morgen über den Bock freute.
-
-Vor dem Holze nahm er den Schweißriemen ab, dockte ihn halb auf, und
-als er bei dem Anschusse war, legte er den Hund zur Fährte. »Such
-verwund't, mein Hund,« rief er ihm zu; »weis' verwund't, mein Hund!«
-Der Teckel stieß einen dünnen Laut aus und tupfte mit der rotbraunen
-Nase auf einen Schweißspritzer. Dann legte er sich so stürmisch in den
-Riemen, daß sein Herr gänzlich aufdocken mußte.
-
-Es war eine wilde Nachsuche, denn der Hund schliefte fortwährend
-unter den gefallenen Fichten durch, so daß Helmold alle Augenblicke
-den Riemen fahren und über die toten Stangen hinwegsetzen und den
-Riemen wieder festtreten und greifen mußte. Nach fünfhundert Gängen
-wies der Hund das erste Wundbett vor. Das zweite kam, ein drittes in
-einem Tümpel und ein viertes; aber da brach es in der Dickung, der
-Hund riß Helmold den Riemen aus der Hand und hetzte mit hellem Halse
-weiter. Sein Herr blieb stehen und atmete tief, auf den Ball des
-Teckels horchend. Seine Augen strahlten: »Wundervoll, ganz wundervoll!«
-dachte er, wischte sich Stirn und Hals ab, nahm einen Schluck aus der
-Kognakflasche und setzte sich auf einen Wurfboden, bis sein Herz sich
-beruhigt hatte.
-
-Dann horchte er auf; der helle Hatzlaut des Hundes brach mit einem Male
-ab und vertiefte sich zu dumpfem Standlaut. Helmold lachte: »Hat ihn
-schon!« Er nahm die Büchse vom Rücken und ging schnell aber vorsichtig
-dem Halse des Hundes nach, der aus dem Nachbarjagen herüberläutete.
-Er trat über das Gestell und drängte sich durch die Fichtenleichen,
-ab und zu springend, wenn die grauen Stangen zu hoch lagen, oder sich
-zwischen zwei Wurfböden durchwindend. Je näher der Standlaut klang,
-um so behutsamer schlich er, und dann blieb er auf einmal stehen und
-riß sein Gesicht zu einem breiten Lachen auseinander, denn mitten in
-einem quelligen Ellernsumpfe stand der Hirsch bis an den Leib in der
-Modder und versuchte, den Hund zu forkeln, der vor ihm auf einem zwei
-Fuß hohen Kissen von Silbermoos vorstand und ihn mit heiserem Halse
-verbellte, ab und zu den Versuch machend, ihn niederzuziehen, aber
-gewandt zurückzuckend, sobald der Hirsch das Haupt senkte.
-
-»Prachtvoll, ganz prachtvoll,« dachte der Maler, legte den Rucksack
-ab, langte vorsichtig das Skizzenbuch heraus und hielt mit dem Stifte
-Hund, Hirsch und Landschaft fest; dann stach er die Büchse, zielte auf
-den Halsansatz, und so wie es knallte, prasselte und quatschte es,
-der Hirsch war verschwunden, und mit giftigem Laute sprang der Teckel
-zu. »Tot, tot!« rief Helmold ihm zu, liebelte ihn ab, brach sich einen
-Bruch, zog ihn über den Einschuß und steckte ihn an den Hut; dann
-setzte er das Horn an die Lippen und prahlerisch klang es über Wald und
-Haide: »Hirsch tot, Hirsch tot, Hirsch tot!«
-
-Er hob das Geweih aus dem Schlamm. »Donnerhagel!« sagte er, als er es
-sich ansah, »Donnerhagel noch einmal, das ist mein bester Hirsch!« Er
-zog das Waidmesser und brach mit zwei Griffen die Kusen heraus. »Nummer
-eins,« lachte er, als er sie in die Hosentasche steckte. Aber dann
-strich er sich über die Stirn, als ob er da Herbstseide gefühlt hätte;
-er dachte an die silberne Spange mit den Hirschhaken, die er Swaantje
-verehrt hatte. Mit Mühe brachte er den Hirsch auf die Decke, brach ihn
-auf, machte den Hund genossen, schärfte die Mürbebraten heraus und
-die Zunge und tat sie in den Rucksack, während er das große Gescheide
-verscharrte und das Kleine zum Ausschweißen an einen Ast hängte. Dann
-zog er säuberlich das lange Gehääre aus der Brunftmähne, wickelte es in
-ein Stück Papier, legte es in das Skizzenbuch, wusch sich die Hände und
-machte das Messer sauber, trank den Rest seines Tees aus, steckte sich
-eine Zigarre an, dockte den Schweißriemen auf und ging dem Gestelle zu,
-wo er sich der Länge lang an einen Jagenhaufen lehnte, gegen den Himmel
-sah und rauchte, während Gift in seinem linken Arme lag und schlief.
-
-Nach einer Viertelstunde knallte Peitschenschlag; der Wagen hielt
-vor dem Gestell. Helmold sprang auf und winkte den Wagen heran; der
-Prinz lenkte, und hintenauf saß der Jagdhüter und der Kutscher.
-»Waidmannsheil!« rief der Prinz, »ist es der Mörder?« Der Maler lachte:
-»Jawollja, ein Haupthirsch; herzlichschönen Dank auch! Es ist mein
-bester Hirsch bis heute, obzwar er man vier Enden hat. Aber solche!«
-Er reckte den Arm und zeigte mit der Hand erst auf den Ellenbogen, dann
-auf den Schulteransatz. »Klobige Stangen, und Enden so weiß wie ein
-Jungfernbein.«
-
-Der Prinz sprang ab und folgte seinem Freunde, der ihn zu dem Hirsche
-führte. »Auf den Ruf?« fragte er. Helmold nickte und erzählte, wie er
-es angefangen hatte. Etwas wie Neid kroch um den Mund des anderen, als
-er das Geweih sah, doch dann sagte er: »Na, den wollen wir heute abend
-im Jagdhause ordentlich tottrinken.« Der Maler schüttelte den Kopf:
-»Nee, im Blauen Himmel, da ist heute Erntebier!« Der Prinz faltete
-seine Stirne zusammen, aber dann meinte er: »Ich danke, bleibe lieber
-im Jagdhause. Willst da wohl Studien machen, Helmold?« Der lachte: »I
-wo, denke nicht daran; tanzen will ich, daß die Haide wackelt; mir
-läuft jetzt schon das Wasser in den Tanzbeinen zusammen.«
-
-Der Jagdhüter und der Kutscher schleiften den Hirsch dem Gestelle zu.
-»Guter Schuß,« meinte der Prinz; »Blatt rein, Blatt raus.« Er sah
-sich das Herz an, dessen Spitze durchschossen war. »Unglaublich, daß
-der Hirsch damit so weit geflohen ist! Man sollte meinen, mit einem
-solchen Schusse müßte er im Feuer bleiben. Und der Gift, das ist ja ein
-Haupthund! Komm her, Kerlchen, hast brave Arbeit gemacht!« Aber der
-Teckel wich ihm aus.
-
-Helmold hielt das Herz des Hirsches in der Hand und ihm war, als
-wäre es sein eigenes. Auch er hatte einen tödlichen Blattschuß
-bekommen und lebte noch, floh durch Dorn und Dickung, schleppte sich
-von einem Wundbette zum andern, und war doch verloren, denn hinter
-ihm her hetzte mit hellem Halse das Gedenken an die Eine. Mit einem
-Schlage sah er ein, daß seine Wunde nie verheilen würde, und wenn er
-sie noch so oft kühlen würde in allen Marieen und Sophieen, die er
-auf seiner Todesflucht antraf, denn immer kläffte die Erinnerung
-in seiner Rotfährte, und einmal würde sie ihn doch zu Stande hetzen
-und niederziehen. »Und wenn schon,« dachte er, und sah mit frechem
-Blicke hinter sich, als stände der eiserne Ritter da, »und wenn schon!
-Vorgestern die Mariee, gestern die Sophiee, heute Annemieken, und
-morgen,« er stockte, aber dann sprang er über den Graben, »und morgen
-Grete und übermorgen Swaantje. Blut um Blut; denn umsonst will ich
-nicht gestorben sein!«
-
-Sie brachten den Hirsch nach dem Jagdhause, wo der Prinz zurückblieb,
-während der Maler mit dem Kutscher und dem Jagdaufseher nach
-Stillenliebe fuhr. Helmold freute sich über den prachtvollen Nacken
-des Jagdhüters, über den festen Schnitt seines Gesichtes und den
-weitausgreifenden Blick seiner ruhigen blauen Augen. Es war ein Mann
-der schnellen Tat, der nicht viele Worte machte und niemals lange
-fackelte, ganz gleich, ob es sich um Wild oder Weib handelte, oder um
-einen Wilddieb. Früher wurde in der Gegend viel gewildert; seitdem
-Moormann da war, hatte das fast ganz aufgehört, besonders seit der
-Zeit, daß er Sliekenhinnerk, einen Freischützen von Beruf, der im
-Verdacht stand, den Ohlenwohler Hegemeister totgeschossen zu haben,
-niedergeknallt hatte. Hagenrieder hatte ihn gefragt, wie ihm dabei
-zumute gewesen war, als der Mann tot zu seinen Füßen lag. »Großartig«,
-hatte Moormann gesagt und lachend hinzugesetzt: »Ein Schade, daß er
-nichts auf dem Kopfe hatte zum Andiewandhängen; aber ich habe doch
-wenigstens seine Photographie!«
-
-Hagenrieder sah ihn sich genauer an. Er war fünfundvierzig Jahre alt,
-hatte aber keine einzige Falte in dem braunen, rotbäckigen Gesichte,
-und auf seinem Handrücken hatte kein unerfüllter Wunsch seine Fährte
-hinterlassen. Er hatte eine hübsche stramme Frau und einen Haufen
-Kinder; doch sagte man ihm nach, er ließe auch sonst nichts anbrennen.
-Die Blicke, die manche Frauen und Mädchen ihm gaben, waren wie ein
-verstohlener Händedruck; aber die von einigen Männern und Jungkerlen
-schmeckten nach Messerstichen. Wenn er anlegte, knallte es auch
-schon, ob er nun Hagel oder Kugeln nahm. »Wer sich besinnt, der nicht
-gewinnt,« sagte er. Er hatte mehrere solcher Sprüche: »Wer viel denkt,
-sich viel kränkt,« hatte er einmal zu Hagenrieder gesagt, und ein
-anderes Mal meinte er: »Frauenvolk und Nesselkraut, wer sachte zufaßt,
-kriegt Blasen auf die Haut.« Dieser Spruch fiel Helmold nun ein. »Ach
-ja!« dachte er und kam sich klein und feige vor.
-
-Als sie ein Weilchen gefahren waren, kamen sie an einem Trupp
-junger Burschen vorbei, die ihnen nachjohlten. »Sind das nicht
-Schadhörstener?« fragte der Kutscher. Der Jagdaufseher nickte, und der
-andere meinte: »Das ist eine rüdige Bande.« Moormann zuckte verächtlich
-die rechte Schulter.
-
-Helmold hörte kaum darauf, was vor ihm gesprochen wurde; er mußte
-wieder an Swaantje denken, an den Tag, als sie krank im Bette lag und
-er ihr die Pfirsichspelten zwischen die Lippen schob. »Nein,« dachte
-er, »es ist doch ein Unterschied zwischen diesen Weibsleuten hier und
-Grete und Swaantje; die einen kann man ganz hinnehmen und sie bleiben,
-was sie sind, und bei den anderen kann ein einziger Kuß die Seele bis
-auf den Grund aufwühlen.« Ein Schatten flog über sein Gemüt; er wußte:
-nie und nimmer würde er Swaantje so behandeln können, wie Mariee oder
-die Krugwirtin, und deshalb würde er sich bis an sein Lebensende mit
-dieser tauben Liebe herumschlagen. Dann aber sagte er sich: »Und wenn
-Swaantje daran zerbricht, ich will meinen Willen haben, denn ich bin
-zu wertvoll, als daß ich an ihr umkommen darf. Was ist sie denn? Ein
-schönes Mädchen aus guter Familie! Es gibt mehr solche; aber Männer
-wie ich kommen nicht oft vor. Sobald ich nach Swaanhof komme, mache
-ich einen Bajonettangriff auf sie. Denn zum Kuckuck noch einmal, es
-ist doch alles Unsinn, was ich in sie hineingeheimnist habe, auch
-ihre Schriftstellerei. Das war nichts als Widerhall meiner Seele, und
-es war schließlich nur ein Geständnis von ihr, eine feine Art der
-Hingebung. Sie hat von mir empfangen und brachte Novellen und Skizzen
-zur Welt. Aber so sind wir: schafft ein Mann etwas Mittelmäßiges, so
-verreißen wir ihn nach allen Regeln der Kunst; bei einem Weibe finden
-wir dieselbe Leistung riesig. Warum? Weil Weiber im Durchschnitt nicht
-produktiv sind bei ihrer rein rezeptiven Veranlagung und uns jede
-Ausnahme davon als Riesenleistung vorkommt.«
-
-Eine heiße Blutwelle brandete in seinem Gesichte; er schämte
-sich. »Verflucht!« dachte er; »ich machte sie zur mittelmäßigen
-Schriftstellerin, und sie rächte sich dadurch, daß sie mich auf Abwege
-brachte.« Seine Tendenzbilder fielen ihm ein; alle vier hatte er
-übergestrichen. Niemals hatte er früher eigene Verse und Singweisen
-bei der Arbeit gehabt; so sehr hatte ihn diese elende Verliebtheit
-zerrüttet, daß er alle Klarheit verloren hatte.
-
-Noch einmal schämte er sich, denn ihm fielen die zugeknöpften Augen
-Hennigs ein, mit denen der die Bilder betrachtet hatte. »Famoser
-Kerl!« dachte er, und ging in Gedanken alle seine Bilder aus der
-letzten Zeit durch. Aber er fand nur noch bei Swaantjes Bildnis einen
-Fehler; die Landschaft war zu aufdringlich, die Haide zu rosenrot,
-die Wacholder zu botanisch richtig. Das mußte alles zusammendämmern,
-ineinanderfließen, so daß nur das Gesicht allein wirkte. Er wischte
-in Gedanken alle Härten aus der Landschaft und arbeitete den Kopf
-mehr heraus. Dabei fiel ihm ein, daß er nur die halbe Swaantje gemalt
-hatte, die milde, weiche, selbstlose Swaantje mit den zärtlichen Augen
-und den liebevollen Lippen; aber sie konnte auch unbarmherzige Augen
-haben und grausame Lippen. Davon sollte das Bild auch erzählen, von
-ihrem zweiten Gesichte; aber nur ganz verstohlen durfte es aus dem
-Alltagsgesichte hervordrohen. »Alltagsgesicht, das ist es,« dachte er;
-»Maske ist ihre Weichheit, ihr feuchtschimmernder Blick, ihre hilflose
-Anschmiegsamkeit, mit der ihr Gesicht sich Tag für Tag schmückt;
-dahinter ist Starrheit, Kälte und Geiz. Ich will das alles in ihr
-zerbrechen, und wenn sie dabei zusammenkracht!«
-
-So dachte er, denn eine freche, schwefelgelb und feuerrot geringelte
-Tanzweise schallte vom Kruge herüber. Der Wagen hielt. Unter der Linde
-stand Hennig, seine Line neben sich. »Donnerwetter, Kerl, ist das ein
-blödsinnig vernünftiger Gedanke von dir!« rief Helmold, »und fein, daß
-du deine Lüttje mitgebracht hast. Tag, schöne junge Frau!« Das Mädchen
-schlug lachend ein. »Kinder, kommt mit rauf, ich muß mich erst noch
-umhosen und waschen.«
-
-»Du siehst großartig aus, Helmke,« sagte Hennig, als sie oben waren,
-ihn mit zufriedenen Augen ansehend. »Tja,« erwiderte der andere; »die
-gute Landluft!« Er schrie die Treppe hinunter: »Mine, zwei Handtücher!«
-Das Mädchen kam heraufgestürzt. Es war ein blasses, dünnes Geschöpf,
-aber sie sah in dem hellen Tanzkleide so niedlich aus, daß der Maler
-sie an das Ohr faßte und heranzog. »Kiek sieh, aus Kindern werden
-Leute! Hast'e schon 'n Bräutigam?« Sie schlug die Augen unter sich.
-»Na, dann bring' ihm das mit und sag', ich lasse ihn schön grüßen!«
-Er küßte sie, daß ihr die Luft fortblieb. Mit feuerrotem Kopf schob
-sie sich aus dem Zimmer. »Na, ihr seid gut!« sagte Line lachend; »die
-wievielte ist das denn hier? Aber alles was recht ist, so seid ihr mir
-doch lieber, als wie neulich, wo ihr aussahet, wie eine kranke Katze.«
-
-Helmold wusch sich im Nebenraum. Er hatte nur die Kniehosen an, als
-er, das Handtuch in der Hand, hereinschoß. »Du, Hennig, ach so; na,
-Line, Sie sind ja schon etwas abgehärtet! Also, warum hast du neulich
-nichts gesagt, als ich dir meine Saharabilder und so weiter zeigte?«
-Sein Freund schnitt sorgfältig die Spitze der Zigarre ein. »Muß man
-denn immer etwas sagen?« Helmold lachte. »Alter Politikus!« Er ging
-in das Schlafzimmer und kam wieder heraus, nun mit einem grün und
-rot gestreiften Leinenhemde über dem Oberkörper. Er stellte sich
-vor den Spiegel, zog eine Halsbinde durch den Kragen, knöpfte ihn
-an und band sich eine unverschämte Schleife. Als er die Hosenträger
-über den Kopf schlug, fragte er: »Du, Hennig, ich male nicht mehr
-mit Orchesterbegleitung.« Der andere brummte etwas vor sich hin, und
-Helmold fuhr fort: »Mir kommt das so vor, als wenn du mit der einen
-Hand schreiben würdest, und mit der anderen malst du.« Hennig sah
-auf und nickte seinem Freunde in den Spiegel zu: »Sehr richtig!« Der
-lachte: »Ja, warum hast du das nicht eher gesagt, alter Heimtücker!«
-Der antwortete: »Ein Schwäre muß von selbst aufgehen!« Helmold platzte
-los: »Großartig; meine Lyrik als Abszeß! Aber du hast recht. Und nun
-höre: geh' morgen in meine Malstatt, und sieh dir die Saharabilder,
-Wodes Zorn und Frigges Feuertod an; ich glaube, jetzt werden dir die
-Bilder gefallen.« Er drehte sich um und sah Hennig listiglustig an.
-Der machte sein dümmstes Gesicht. »Ich habe nämlich an allen eine
-Kleinigkeit geändert; rate mal, was?« Der andere nahm die Schultern
-auf und ließ sie wieder fallen. »Malgründe habe ich daraus gemacht,
-weggestrichen habe ich sie!« Er lachte ausgelassen.
-
-Hennecke sprang mit feuerrotem Gesichte auf: »Mensch,« rief er,
-»Helmke!« nahm ihn an den Ohren und küßte ihn, daß es knallte; »das ist
-ja großartig!« Er faßte Line an den Arm und warf sie Helmold an den
-Hals: »Küsse ihn, Mädchen, küsse ihn, bis er nicht mehr piep sagen
-kann! Wir haben unsern Helmke wieder! Er ist gesund! Er wird keine
-Heulkrämpfe mehr kriegen und anständige Leute im Ratskeller blamieren.«
-Er sauste aus der Türe und kam nach einer Weile mit einer Flasche
-Sekt und drei Gläsern zurück: »Kerl, darauf wollen wir aber mit dem
-Besten anstoßen, das es in diesem Kretscham gibt! Heil, heil und zum
-abermalten Male heil!«
-
-Er schenkte wieder ein und fröhlich paffend kramte er, Line neben
-sich in das Sofa ziehend, aus: »Was haben wir uns für Sorgen um
-dich gemacht! Nicht wahr, Linchen?« Das Mädchen nickte und lächelte
-ernsthaft. »Eine halbe Nacht heulte sie mir im Bette herum und
-wimmerte: ›Was fehlt ihm bloß! was fehlt ihm bloß! wenn wir ihm doch
-bloß helfen könnten!‹ Ich habe mich in meinem Leben noch nicht so
-erschrocken, als wie du uns sagtest, daß du bei jedem Bild jetzt ein
-Lied und eine Melodie hast! Und als ich dann deine gemalten Leitartikel
-sah, da war ich ganz zertrümmert; am liebsten hätte ich dir eins
-an den Hals gehauen! Kerl, was bin ich froh, daß du diese schwere
-Infektion hinter dir hast! Denn ich war tatsächlich in Sorge um dich.
-Du kamest so fein in die Höhe, und mit einem Male fielest du die ganze
-Treppe wieder hinunter und fingest an zu malen, als läge dir etwas am
-schwarzen Adler. Übrigens: die weiße Haide ist auch fehlerhaft; es ist
-eine Tautologie.« Helmold nickte. »Das Dümmste ist schon heraus; das
-andere kommt noch. Ja, ich war schön in den Dreck gefallen.« Er pfiff
-laut: »Das macht die Liebe ganz allein!« Hennig sah ihn von der Seite
-an, lachte dann und sagte: »Auf der großen Diele sieht es sengerich
-aus; die Schadhörstener Rauhbeine sind da; es riecht nach Kloppe!«
-
-Als sie auf die Diele traten, Line zwischen sich, kam von dem
-Ausschanke her ein heiseres Hohnlachen; da standen die Schadhörstener,
-prahlten und tranken sich Frechheit an. Helmold ging vorbei, ohne
-sie anzusehen, und ohne darauf zu achten, daß es hinter ihm herflog:
-»Kiek den Stadtjapper! Der hat sich die Waden ausgestoppt!« Brüllendes
-Hohnlachen folgte dem Witze. Die Freunde gingen auf die Stillenlieber
-Jungens zu; Helmold sagte ganz laut: »In Schadhorsten haben sie wohl
-kein Geld für ein eigenes Erntebier? Und da tanzen sie wohl bloß, wenn
-sie eine Handvoll Schrote auf den Hintern kriegen!« Die Stillenlieber
-lachten hell auf; die Schadhorstener brummten wie Dächse, denn zwei von
-ihnen hatten wegen Wilderns gesessen.
-
-Den Walzer ließ Helmold vorbeigehen; Hennig und Line tanzten ihn.
-Als sie zum vierten Male bei den Schadhörstenern vorbeikamen, wurde
-aus ihrer Mitte ein junger Bengel so gegen Line gestoßen, daß sie
-stolperte; aber Hennecke hielt sie und trat einem Schadhörstener mit
-Absicht so auf die große Zehe, daß der Mensch die Zigarre aus dem Munde
-fallen ließ.
-
-Helmold bestellte bei der Musik die Hamburger Polka; die Trompeter
-bliesen sogleich an. Er klatschte in die Hände und winkte Annemieken
-heran; mit hochaufgerichtetem Kopfe ging sie quer über die Diele und
-stellte sich neben ihn. »Dunnerkiel,« sagte Hennig zu Line; aber was er
-sich dachte, sagte er nicht.
-
-Die Musik legte los; hastig liefen die verrückten Töne hintereinander
-her. Helmold und Annemieken tanzten vor, dann kam Klaus Ruter, der
-Sohn des Vorstehers, mit seinem Schatz, und darauf Hennig und Line
-und dann die anderen Stillenlieber. Die Schadhörstener machten lange
-Augen; solch Tanzen hatten sie noch kein Mal gesehen; aber Helmold
-hatte vorher eine Runde Portwein ausgegeben, und der hatte die Knochen
-geschmiert. Er tanzte gerade auf die Schadhörstener los, schlug ihnen
-die Füße dicht vor den Gesichtern vorbei und sah durch sie durch, als
-wenn sie Luft waren. Sie ärgerten sich blau und blaß, trauten sich aber
-nicht aus ihrem Winkel heraus, denn die Stillenlieber Jungens hatten
-keine guten Augen, und der Schadhörstener Hauptschläger sollte erst
-noch kommen.
-
-Mit dumpfem Getrampel und gellendem Aufjuchen brach der Tanz ab; die
-Stillenlieber Jungens hatten alle rote Köpfe, und ihren Mädchen gingen
-die Schürzenlätze auf und ab. »Kinder!« schrie Hagenrieder und schlug
-auf den Tisch, daß die Gläser Polka tanzten, »ich habe von Morgen
-den dicken Happbock vom Schandenholz dode geschossen; darauf will
-ich einen ausgeben. Frau Pohlmann, sechs Buddeln Rotkopp und eine
-Kiste Ziehgarr'n!« Die Schadhörstener, die sich erst alle umgedreht
-hatten, als er so losprahlte, machten schnell wieder kehrt, als der
-Wein herbeigeschleppt wurde. Aber dann lachten sie, denn Christel
-Remmert, der Sohn ihres Vorstehers und der Hauptschläger weit und
-breit, trat ein, gerade als die Stillenlieber mit Hagenrieder und
-Hennecke anstießen und lauthals hoch riefen, als Helmold schrie: »Hoch
-Stillenliebe und alles, was sich dazu rechnet, und die Knochen für die
-Hunde vor der Türe!«
-
-Christel Remmert ging quer über die Diele, warf der Musik einen Taler
-hin und schrie: »Solo für Schadhorsten!« Die Musiker standen auf und
-stimmten einen Walzer an. Die Stillenlieber tranken ihre Gläser aus
-und stellten sich vor ihre Mädchen. In der vordersten Reihe standen
-Hagenrieder, Hennecke und Ruter, die Hände in den Taschen, die Zigarren
-in den Mundwinkeln.
-
-Remmert trat vor sie hin, klatschte in die Hände und winkte Annemieken,
-und zwei andere Schadhörstener machten es bei Line und Ruters Mädchen
-ebenso, aber die Mädchen lachten sie aus. Da versuchte Remmert,
-sich zwischen dem Maler und seinem Freunde durchzudrängen, erst mit
-der Schulter, und als das nicht gehen wollte, indem er sie mit den
-Händen auseinanderschob. Aber Helmold stieß ihn vor die Brust, daß er
-zurücktaumelte.
-
-»Teuf, du Aas!« schrie der lange Kerl und sprang auf den Maler zu;
-der trat zur Seite und schlug ihm mit einer schnellen Fußbewegung die
-Beine unter dem Leibe weg, so daß er schwer auf die Diele hinstürzte.
-Auf ihn fiel ein anderer Bengel aus Schadhorsten, den Hennecke in die
-Herzgrube geboxt hatte, und da schrie Klaus Ruter: »Die Fenster auf!«,
-sprang mitten zwischen die Fremden, packte den Stärksten von ihnen an
-Brust und Hosenlatz, hob ihn auf, warf ihn zwischen die Stühle, daß es
-krachte, griff wieder zu, schleppte ihn zum Fenster und warf ihn in die
-Mistgrube.
-
-Die Stillenlieber brüllten vor Vergnügen, und Helmold auch. Da hörte
-er hinter sich einen Schrei, und als er sich umdrehte, sah er Remmerts
-kreideweißes Gesicht und eine Hand, die ein Messer hielt. Im nächsten
-Augenblicke aber war das Gesicht rotgestreift, und das Messer fiel
-zu Boden; Annemieken hatte dem Heimtücker eine Weinflasche so in das
-Gesicht geschlagen, daß ihm die Scherben Mund und Nase zerschnitten.
-
-Im nächsten Augenblicke stand kein Schadhörstener mehr auf den
-Beinen. Moormann, der von der Gaststube aus zugesehen hatte, rief:
-»Sie gebrauchen das Messer!« Sofort standen die acht Stillenlieber
-Bauern den jungen Leuten aus dem Orte bei, und nun flogen die
-Fremden kopfoberst, kopfunterst teils aus der großen Tür, teils aus
-dem Fenster, und die diesen Weg gehen mußten, lernten dabei, wie
-Stalljauche schmeckt. Helmold und Hennig halfen tüchtig mit, und dabei
-bekam der erste einen Schlag mit einem Bierglase auf die Backe, daß er
-einen fingerlangen Schnitt davon behielt. Er ließ sich schnell nach
-Ohlenwohle fahren, wo der Arzt wohnte, und kam nach anderthalb Stunden
-geflickt und vernüchtert wieder, aß wie ein Wolf und tanzte bis in die
-zwölfte Stunde. Dann brachte er Annemieken nach Hause und saß hinterher
-mit Hennecke und den Bauern noch beim Biere. Frisch und munter wachte
-er am anderen Morgen um acht Uhr auf, frühstückte mit Hennig und Line
-und fuhr sie zur Haltestelle.
-
-Auf dem Rückwege fiel ihm ein, daß er seit dem vorigen Nachmittage noch
-nicht an Swaantje gedacht hatte, und nun er das tat, schien sie ihm nur
-noch ein Schatten zu sein. Als er nach dem Mittagessen auf dem Sofa
-lag und den Spielfliegen zusah, die unter den Deckenbalken tanzten,
-überlegte er sich seine Lage in aller Ruhe. »Sieben Jahre lang hat mir
-diese Liebe in den Knochen gesteckt; ein Jahr lang war sie akut. Das
-genügt mir; jetzt ist Schluß«, sann er. »Ein Loch behalte ich immer
-davon, das weiß ich; ungeküßte Küsse und ungeschlagene Schläge, das
-ist das bitterste Weh. Aber schließlich vernarbt alles und schmerzt
-nur noch ab und zu bei Wetterwechsel.« Er dachte geflissentlich an das
-Mädchen; aber seine Gedanken waren nicht hell und zart wie das Laub der
-Maibuchen, und nicht welk und mürbe, wie Fallaub, sie waren hart und
-fest, wie das Buchenblatt, das sich schon gewendet hat.
-
-»Im Grunde hat mir die Sache nur genützt,« überlegte er; »bisher
-war ich ein Junge, ein Kind; jetzt habe ich mich entweiblicht und
-vermännlicht. Ich will jetzt nur noch tun, was ich will, und mich unter
-keinen fremden Willen mehr ducken. Ich werde küssen, was mir gefällt,
-und zu Boden schlagen, was mir vor die Pferde kommt.«
-
-Es klopfte leise an die Tür. Er rief: »Herein, wenn es kein
-Geldbriefträger ist!« Die Wirtin kam mit dem Kaffee. Sie hatte den
-ganzen Tag mit ihm gemuckt, Annemiekens wegen, und als er sie vorhin
-in der kleinen Stube umfassen wollte, hatte sie sich ihm schweigend
-entzogen. Jetzt stellte sie ihm ihr feinstes Geschirr auf den Tisch und
-einen bunten Strauß dazu, und als er sich in der Sofaecke reckte und
-unter herrischem Augenaufschlage fragte: »Ist das alles?« da warf sie
-sich in seine Arme und küßte ihn, wie sie ihn noch nie geküßt hatte.
-
-»So werde ich das fortan immer machen,« beschloß er, als sie ihn
-verlassen hatte und er seine Zigarre rauchte; »den Hirschen und den
-Männern werde ich höflich entgegengehen und die Frauenzimmer auf mich
-zukommen lassen. Das Hinterherlaufen hat nun ein Ende. Moormann hat
-recht.«
-
-Ruhig und bedächtig machte er sich für die Nachmittagsbrunft zurecht,
-nachdem er Grete eine Mohnblumenkarte gemalt und in den Kasten gesteckt
-hatte.
-
-
-
-
-Die Wundfährte
-
-
-Seine Frau freute sich, als er braungebrannt und helläugig zurückkam.
-»Aber wie bist zu dem schönen Schmisse gekommen, Helmold?« fragte sie.
-»Ja,« sagte er und lachte, »bei der Schweißarbeit geht es oft nicht
-gerade säuberlich her, und die drei Geweihe sind den Krätzer schon
-wert.« Er schämte sich gar nicht, daß er um die Wahrheit herumging.
-Früher hatte er seiner Frau alles, aber auch alles gesagt und sich in
-Hemdsärmel und ohne Kragen vor ihr gezeigt; das sollte nicht wieder
-vorkommen.
-
-Nach dem Abendessen sagte er: »Ich muß noch ausgehen; wie lange ich
-bleibe, weiß ich nicht.« Seine Frau machte ein etwas beleidigtes
-Gesicht: »Gleich den ersten Abend?« Er faßte sie unter das Kinn und
-küßte sie: »Jawohl, mein Herze; es geht nicht anders.« Er ging erst
-ziellos auf der Hauptstraße hin und her, setzte sich dann anderthalb
-Stunden in ein Kaffeehaus, spielte mit einem ihm unbekannten Herrn
-Billard und ging gegen zehn Uhr nach Hause. Grete, die etwas blaß und
-ermüdet aussah, lachte vor Glück, als er so früh und mit so fröhlichen
-Augen zurückkam, rückte ihm den bequemsten Sessel hin, brachte ihm Wein
-und Zigarren und räumte dann auf.
-
-Er sah ihr nach und freute sich über ihre vornehme Erscheinung, ihr
-schönes Haar und ihre frischen Bewegungen. »Sie ist eigentlich doch die
-Schönste!« dachte er und machte so verliebte Augen, daß sie sich auf
-seinen Schoß setzte. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und meinte:
-»Ich danke dir auch sehr für die wunderschöne Karte; es war nur eine
-in zwei Wochen, aber es ist ja auch Herbst!«
-
-Sie besann sich einen Augenblick, unterdes sie ihm bald die Hände
-streichelte, bald den Nacken kraulte, und dann sagte sie mit etwas
-verlegener Stimme: »Ich habe dir auch etwas zu schenken: ich bin aus
-dem Verein ausgetreten. Weißt du, das ging mir doch zu weit: das ist
-kein Frauenbildungsverein mehr, das ist ein Vermännerungsklub. Und
-dann diese Geschichten, die da vorgekommen sind! Die überspannte Frau
-Kelling ist mit einem Kalifritzen ausgerückt und hat ihren netten Mann
-und die reizenden Kinder sitzen lassen, und Frau von Besentzien läßt
-sich scheiden. ›Mein Mann ist mir geistig nicht gewachsen,‹ hat die
-Gans gesagt. Aber das schlimmste ist die Sache mit Professor Detten,
-du weißt doch, der uns immer die glänzenden Vorträge über Frauenkultur
-hielt. Jetzt hat er einen Haufen Geld geerbt, und was tut er? Er
-heiratet die Köchin seiner Mutter!«
-
-Helmold lachte, daß ihm die Arme flogen: »Ja, das ist allerdings
-eine Gemeinheit sondergleichen, wo er doch in dem Vereine ein so
-wohlassortiertes Lager von ge-, ver- und überbildeten Dämlichkeiten
-hatte. Aber ich habe es dir ja früher oft gesagt: die radikale
-Frauenbewegung hat sehr viel Gutes; sie verekelt allen ernsthaften
-Männern die Damen und veranlaßt sie, Mädchen zu freien, die ihren
-Männern weiter nichts als Frauen sein wollen und ihren Kindern Mütter.
-Übrigens, so sehr ich mich freue, daß du aus der Blase heraus bist, in
-die du vernünftige Frau gar nicht hineinpaßt, meinetwegen hättest du
-das nicht zu tun brauchen. So ein bißchen Sport will jeder Mensch neben
-dem Alltagsleben haben.«
-
-Es gingen einige schöne Wochen in das Land; Helmold arbeitete fleißig,
-aber ohne Überstürzung. Er malte den Hintergrund zu Swaantjes Bild um,
-gab ihrem äußeren Gesichte einen weichen Zug, brachte aber dahinter
-etwas rätselhaft Hartes an, das niemand fassen konnte, das aber jeder
-fühlte, und umgab das Bild mit einem dunkelgrünen, gleißenden, durch
-grellrote Perlen gehobenen Rahmen, der die Wirkung von reich tragenden
-Stechpalmen andeutete. Als er sein Malzeichen unter das Bild setzte,
-pfiff er das freche Lied von der Lüneburger Haide so laut, daß Grete
-angestürzt kam und ihn fragte: »Du pfeifst das üble Lied, und so denke
-ich, ich darf mal kommen!« Er nickte und sagte, auf das Bild weisend:
-»So! vorher war es wabbliger Kitsch, jetzt ist es etwas. Nicht wahr,
-Gretechien?« Sie nickte; frei wurde es ihr um das Herz. Seine Stimme
-war ohne Unterklang, seine Augen sprachen nur von dem Bildnisse und
-nicht ein bißchen von dem Mädchen, das es darstellte. Sie hätte
-aufschreien mögen vor Glück. Doch der Brief, den sie in der Hand hielt,
-verbot ihr das.
-
-»Helmold,« begann sie, und ihre Stimme duckte sich, »hier lies mal.
-Swaantje geht es nicht gut. Sie bittet mich, zu kommen, denn Muhme
-Gese, schreibt sie, fiele ihr doch etwas auf die Nerven. Was meinst du,
-soll ich fahren?« Sie setzte sich auf das Ruhebett, und er nahm in dem
-Sessel Platz. Langsam und bedächtig las er den Brief. Bei jeder Zeile
-wurde seine Stirne krauser; aber obwohl er tiefes Mitleid empfand,
-spöttelte er in sich doch über die verlogene, oder, wie er sich selber
-verbesserte, verbogene Schrift und den gequälten Humor, der den ganzen
-Brief durchzog. Er gab den Brief zurück und sagte: »Natürlich fährst
-du; sie braucht einen Menschen, den sie wirklich liebt; die alten
-Leute bieten ihr so gut wie nichts. Ich glaube, sie ist von ihnen
-mit Altersschwäche angesteckt, denn Ohm Ollig und Tante Gese sind,
-meine ich, schon mit Arterienverkalkung und Hämorrhoiden auf die Welt
-gekommen, in geistiger Beziehung wenigstens sicher. Fahre sofort und
-muntere sie auf. Übrigens Thorbergs fahren erst nach Neujahr; sein
-Prokurist ist krank, schreibt er mir, und es ist jetzt zu viel zu tun.
-Schade! Was Swaantje fehlt, ist frische Luft und neue Menschen.«
-
-Seine Frau hatte ihn aufmerksam angesehen, solange er sprach. War das
-derselbe Mann, der jüngst noch fast einen Tobsuchtsanfall bekommen
-hatte, als sie sich zwischen ihn und das Mädchen stellte? Ein
-sonderbares Angstgefühl hielt ihr den Atem fest. Sie betrachtete ihn,
-während er Swaantjes Bild an den ersten besten Nagel hängte, ganz
-aufmerksam. Es war ihr Helmcke, aber er war es doch nicht; es lag eine
-Ruhe und eine Gelassenheit in seinem Gesichte, die sie erschreckte. Der
-dummejungenhafte Zug, der ihre Lust und ihr Leid gewesen war, fehlte
-gänzlich. Schon die Art und Weise, wie er schritt, befremdete sie, und
-als er ganz behutsam die Zigarre einschnitt, langsam das Streichholz
-entzündete, mit großer Aufmerksamkeit die Zigarre ansteckte, das
-Zündholz ausblies und in den Dreifuß fallen ließ, kam er ihr wie ein
-ganz anderer Mensch vor, wie ein Mann, der weit von ihr gerückt war und
-hoch über ihr stand. Wenn er früher eine Zigarre ansteckte, ging das
-immer hopphopp. Und wie er rauchte! wie ein alter Geheimrat. Und alt
-war er geworden; es war nicht das graue Haar über den Ohren, es waren
-nicht die scharfen Falten hinter dem Munde, und es war auch nicht ein
-Altern, sondern eine Ausgereiftheit. Niemals mehr würde er poltern, das
-sah sie, nie wieder grob werden, aber sich auch niemals wieder wie ein
-Kind an sie schmiegen.
-
-Die Angst drückte ihr die eiskalte Hand auf die Stirne. Sie stand auf,
-legte ihrem Manne die Arme um den Hals und flüsterte: »Helmold, fahre
-du hin!« Er machte eine abwehrende Bewegung. »Höre zu!« fuhr sie fort,
-»während du in Stillenliebe warest, habe ich über die ganze Sache sehr
-viel nachgedacht. Du hast ganz recht gehabt; erst habe ich dich zu
-Swaantje hingestoßen, und dann riß ich dich zurück. Das war schlecht
-von mir, und dumm. Aber du verstehst?« sie lehnte sich an ihn, »ich
-hatte solche Angst, daß sie dir mehr würde als ich, und wenn ich dich
-ihr auch sonst gern gegönnt hätte, und sie dir, Zweitfrau wollte ich
-doch nicht sein. Aber jetzt,« sie stockte und sprach heiser weiter,
-ohne ihn anzusehen, »jetzt weiß ich, daß du mir doch ganz und immer
-gehörst, auch wenn, wenn,« sie atmete erleichtert auf und hob ihr
-Gesicht zu ihm empor, und ihre Augen waren mit Tränen gefüllt, »wenn
-sie ganz dein geworden ist. Und deshalb, liebster Mann, fahre hin und
-denke, daß ich nicht deine Frau, deine Liebste bin, sondern dein bester
-Freund, der dir alles gerne gönnt, was dein Herz fröhlich macht. Denn
-ich habe dich lieb. Und Swaantje auch.«
-
-Helmold fühlte, daß ihm die Augen feucht wurden, aber er jagte die
-Tränen dahin, wo sie hingehörten. Er küßte seine Frau auf die Stirne,
-nahm sie um den Leib und zog sie, sich in den Sessel gleiten lassend,
-auf seinen Schoß. »Sieh mal, Grete,« begann er mit etwas rauher Stimme,
-»hättest du eher so gesprochen, so hättest du mir viele bittere Wochen
-erspart, und dir auch. Aber alles auf der Welt hat seine Zeit. Zudem
-war ich damals so krank, daß du gar nicht wissen konntest, ob das, was
-ich wollte, einem zwingenden Grunde oder einer Einbildung entsprang.
-Wir wollen von dieser Sache nie wieder sprechen, denn ich glaube, ich
-bin darüber hinaus. Jedenfalls bin ich dir herzlich dankbar für deine
-gütigen Worte, und rechne dir die Selbstüberwindung, die sie dich auf
-jeden Fall kosteten, sehr hoch an. Was nun die praktische Seite deines
-Vorschlages anbetrifft, so kommt hier lediglich Swaantje in Frage, und
-Swaantje braucht, so scheint es mir, jetzt mehr eine Schwester denn
-einen Bruder. Grüße sie herzlich von mir, und sage ihr, sie solle sich
-zusammenreißen und sich mit Italien und Spanien im voraus trösten, und
-schustere Tante Gesina einmal gehörig zurecht, das heißt, in Güte,
-denn Grobheiten habe ich ihr damals so viele gesagt, daß ihr Bedarf
-vorläufig gedeckt sein wird.«
-
-Sie sah ihn ungläubig an. »Übrigens,« fuhr er fort, »mache nicht
-solch ein Passionsgesicht! So schlimm wird es mit ihr nicht stehen;
-Neuralgiker sind zähe, das sieht man an Bismarck. Der Tausend, du
-siehst ja wie Buttermilch aus! Lege dich einen Augenblick hin!« Er
-führte sie nach dem Ruhebette, deckte sie zu und streichelte ihr so
-lange die Stirne, bis sie einzuschlafen schien.
-
-Aber sie schlief nicht, sie dämmerte nur. Gespenstige Vorstellungen
-wisperten ihr seltsame Worte zu. »Wenn er sie nicht mehr liebt, liebt
-er dich auch nicht mehr,« flüsterten sie; »du bist rot und warm, sie
-ist grün und kühl; ihr seid ihm Komplemente, bildet eine Einheit in
-seinen Augen. Fühlst du nicht, daß er nur noch mit den Lippen küßt und
-nicht mehr mit der Seele? Daß bloß seine Hände dich streicheln, aber
-daß seine Gedanken nicht auf deiner Stirn sind? Daß nur seine Sinne
-noch leben, sein Herz aber, das ist tot?«
-
-Sie fuhr in die Höhe, seufzte gequält und sah verängstet um sich.
-Ihr Mann streichelte ihr die Backen; sie blickte ihn verzweifelt an:
-»Helmold,« schluchzte sie, »ich habe so schrecklich geträumt! Ich
-möchte am liebsten nicht fahren. Ich habe solche Angst, ich glaube du,
-daß du, du liebst Swaantje nicht mehr und mich auch nicht mehr. Wir
-haben dir das Herz zertreten. Du bist so ganz anders geworden, du bist
-mir so fremd, daß ich dich nicht ansehen kann, wie man seinen Mann
-ansehen soll. Du kommst mir so vor, wie damals, als du auf einmal ohne
-Bart nach Hause kamest. Helmold,« stöhnte sie und faßte seinen Kopf
-mit beiden Händen, »ist das wahr? Ich habe jetzt immer so viel Angst.
-Fühle, wie mein Herz klopft. Komm mit, du und ich und Swaantje, wir
-drei wollen uns so lieb haben, wie noch niemals Menschen sich lieb
-hatten.« Sie schluchzte fassungslos in das Kissen hinein.
-
-»Gretechien, mein dummes Gretechien,« scherzte er und liebkoste sie;
-»du siehst Gespensterchien! oder willst du dich rächen? denn genau
-solchen Unsinn habe ich damals auch von dir gedacht. Glaubst du, solche
-rosenroten Stunden, wie wir sie erlebten, könnten verblassen und
-verwelken? Waren diese Wochen nicht ganz so, wie vor acht Jahren, als
-wir Tag für Tag zu Frigge beteten und sie lobten, wie sie gelobt werden
-will? Gewiß bin ich anders geworden, aber auch ohne das, was sich die
-letzte Zeit begab, wäre ich mehr Mann geworden, denn allzulange bin ich
-Junge gewesen. Und bist du nicht auch in den beiden letzten Wochen eine
-andere geworden? Glaubst du, daß du noch einmal wieder zu mir so ein
-hartes Gesicht machen kannst, wenn ich ein bißchen ungezogen bin?« Sie
-lächelte unter Tränen und schüttelte den Kopf und zog ihn fest an ihre
-Brust, hungrig seine Lippen suchend.
-
-Am Nachmittage brachte Helmold sie, Swaan und Sweenechien samt der
-Kindermagd zur Bahn, denn er hatte bestimmt, daß die Kinder mitfahren
-sollten. »Sie haben Ferien, und Swaanhof ist für sie das, was für uns
-die Riviera. Und sonst bangst du dich nach ihnen. Außerdem hat Muhme
-Gese dann etwas mehr zu tun und läßt Swaantje in Ruhe. Und bleibe,
-solange es dir da gefällt. Sage aber nichts von dem Bilde; das soll sie
-als Julklapp haben.«
-
-Als er nach Hause ging, mußte er immer noch an das reizende Bild in
-dem Fenster des Eisenbahnwagens denken: seine schöne Frau zwischen
-den beiden Blondköpfen und dahinter das niedliche Mädchen, glühend
-vor Reisefieber. Und welche glücklichen Augen Grete gehabt hatte und
-welchen weichen bräutlichen Mund!
-
-Stolz leuchteten seine Augen, als er die Straße entlang ging, und alle
-Frauen und Mädchen, die ihm begegneten, sahen ihn an, als wollten sie
-sagen: »Muß der aber küssen können!« Er nahm alle diese Blicke dankbar
-hin, nutzte sie aber nicht aus, trotz des überlegenen Paschagefühles,
-das ihm die Muskeln schwellte.
-
-Er dachte an den neuen großen Auftrag, den er bekommen hatte. Anfangs
-hatte er sich darüber geärgert, denn es handelte sich um eine
-naturgetreue Wiedergabe von drei Landschaftsbildern für den Speisesaal
-auf Rottenwiede, dem Stammschlosse des Freiherrn von der Rotten. Er
-hatte angenommen, weil er den Preis bestimmen durfte, und er hatte sehr
-viel gefordert. Jetzt freute er sich über den Auftrag. »Denn die enge
-stoffliche Begrenzung«, dachte er, »schließlich ist sie doch keine
-größere Einengung als die, die bei jedem Bildnisse Voraussetzung ist.«
-Und er wollte einmal den Nurlandschaftern zeigen, was es heißt, eine
-Landschaft wörtlich abzuschreiben und doch einen echten Hagenrieder
-aus ihr zu machen. Ein Wort Oskar Wildes über den Wert des Reimes fiel
-ihm ein, über den wohltätigen Zwang, den er auf das Gemüt des Dichters
-ausübt, und er sagte sich: »Künstler ist nur der, der vor keinem
-Auftrage zittert.« Er ging schneller, denn die Hand juckte ihn nach der
-Arbeit.
-
-Als er am anderen Morgen mitten im Schaffen war, fröhlich vor sich
-hinsummend, sah er, daß die Großmagd sich im Garten zu schaffen machte.
-Er hatte es immer mit Freude angesehen, das große, schlanke, herrlich
-gewachsene Mädchen. »Sonnenschein über Apfelblüten,« dachte er, als er
-ihr goldenes Haar und ihr rosiges Gesicht ab und zu über den Büschen
-auftauchen sah. Er freute sich über das prächtig entwickelte Muskelwerk
-ihrer Unterarme und den guten Sitz ihres frischen Waschkleides, und
-er dachte, indem er dem Spiele der Schulterblätter und der Lenden
-unter dem rosenrot und weiß gestreiften Rocke zusah: »Muß die einen
-köstlichen, unverbildeten Akt haben!«
-
-Plötzlich fand er, daß das Mittelbild sehr gewinnen würde, wenn im
-Vordergrunde rechts Figuren wären, und er sah Luise da stehen und,
-ein Kind an der Hand, über die Haide nach dem Dorfe hinsehen. Er trat
-aus der Tür und rief das Mädchen in die Werkstatt. »Hören Sie mal,
-Luise,« begann er, sie mit Wohlgefallen ansehend. Sie wurde über
-und über rot und konnte ihn nicht anblicken. »Ich brauche hier für
-das Bild eine schlanke Figur, und Sie würden großartig dazu passen.
-Würden Sie so gut sein und mir dazu stehen?« Das Gesicht des Mädchens
-färbte sich noch roter: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr
-Hagenrieder,« antwortete sie leise, und ihre Stimme zitterte. »Aber
-in dem Kleide geht es nicht,« meinte er, und da er gerade das Bild
-betrachtete und dann in das Nebengemach ging, um sich Farbe und Pinsel
-herauszusuchen, so sah er nicht, was hinter ihm vorging. Als er nun aus
-dem Vorratsraume zurückkehrte, stutzte er und stand mit heißem Gesichte
-vor dem Mädchen, das gerade dabei war, das letzte Kleidungsstück, das
-ihren Leib verhüllte, abzulegen.
-
-»Halt!« rief er und hob die Hand; »so habe ich das nicht gemeint,
-Luise. Ich wollte, Sie sollten sich ihr Dorfkleid anziehen; denn so
-brauche ich Sie hier und nicht in Ihrem städtischen Zeug.« Das Mädchen,
-dessen Gesicht aufgeflammt war, als er ihm gegenüberstand, wurde
-kreidebleich. Schlaff ließ es die Arme an den Hüften herabhängen, hielt
-den Kopf tief gesenkt und stotterte: »Ich, ich dachte, Sie meinten
-das so, weil doch die Modellmädchen und deshalb.« Ihr Herr suchte
-nach Luft. Das Blut kribbelte ihm unter den Haaren, der Atem wollte
-ihm nicht über die Lippen, und seine Augen klammerten sich an den
-Fußboden. »Luise,« sagte er, und heiser klang seine Stimme, »es wäre
-sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie mir einmal Akt stehen wollten, denn
-solche Figur, wie Ihre, die finde ich wohl nie wieder. Aber was wird
-Ihr Bräutigam sagen?« Das Mädchen nahm den Kopf in die Höhe und sah ihn
-an, und ihre Augen schienen ihm zu leuchten, als sie erwiderte: »Das
-ist aus.« Erstaunt fragte er: »Aus? Warum denn? Es war doch eine gute
-Partie für Sie?« Kühl antwortete sie: »Ja, er war einmal eklig gegen
-seine Mutter, und er schämte sich, weil sie eine Waschfrau ist.« Ohne
-daran zu denken, daß das Mädchen nur noch das Hemd anhatte, trat er auf
-sie zu und faßte ihre Hand, denn er wollte sie trösten, und da kam in
-ihre Augen ein Glanz, daß ihm auf einmal einfiel, daß sie vorhin gesagt
-hatte: »Ich will alles tun, was Sie wünschen.« Dann war alles rosenrot
-um ihn, und im selben Augenblicke hing das Mädchen an seiner Brust,
-willenlos und willfährig. Ohne zu wissen, was er tat, nahm er hin, was
-sie ihm gerne gab. Freude war in ihm, als sie ihn verlassen hatte. »Du
-liebst sie,« dachte er; »und wer liebt, ist noch jung.«
-
-Die Blutsbrüderschaft der Stedinger, ein loser Freundschaftsverein,
-aus einer Mitschülervereinigung entstanden, hatte einen klobigen
-Häuptlingsstuhl, auf dessen riesiger mennigroter Lehne in knallweißer
-Pfefferkuchenschrift zu lesen war: »Der moralisch bessere Teil der
-deutschen Studentenschaft ist ein ganz rauhbeiniges und freches
-Gesindel, und dazu gehören wir!« An diesen protzigen Leitspruch mußte
-Helmold denken, und er lächelte dabei vor sich hin. »Ja, ich bin ein
-ganz unmoralischer Mensch,« dachte er, »und das bekömmt mich denn
-so schön!« Er besah sich ganz genau und lächelte wieder, denn ein
-Ausspruch von Hans von Bülow, den er sehr liebte, fiel ihm ein: »Die
-Kunst steht über der Moral,« hatte der irgendwo geschrieben: »Der
-Künstler, der würdige Priester seiner Kunst, hat, sei er im übrigen
-auch wie er wolle, gerechten Anspruch auf höhere persönliche Geltung
-als der einfache gute Mensch und Bürger.«
-
-Er belehrte sich daraus also: »Ich bin äußerst schöpferisch als
-Künstler, also auch als Mensch. Ich habe eine Welt in mir, die ich
-nicht nur in Kunstwerken wiedergeben kann, sondern die ich auch durch
-mein Leben verkörpern muß. Ich liebe alles, was sehr schön und sehr
-gut ist, und eine große Zärtlichkeit drängt mich, es zu umfassen.
-Aus Weibes Schoße bin ich geboren und fühle mich in Dankbarkeit
-wieder dorthin gezwungen. Ein einziges Weib kann, ohne in Flammen
-aufzugehen, alle die Liebe nicht ertragen, die ich dem Weibe als
-solchem abzustatten mich für verpflichtet fühle, und verglimmen und
-verkohlen würde ich, dürfte ich meine Liebe nicht hellauf lodern und
-weithin leuchten lassen. Von jeher war, wo gesunde, einfache Sitten
-herrschten, die Magd die Zweitfrau des Hausherrn. Sie sorgte für ihn,
-sie schaffte für ihn, sie kannte alle seine Geheimnisse oft besser als
-seine Ehefrau, denn sie machte sein Bett und sah, ob er gut geschlafen
-hatte oder nicht. Er muß ihr dankbar sein, und wie kann ein Mann einem
-Weibe besser Dank abstatten als durch Kuß und Umarmung?«
-
-Er dachte an die reizende Magd, die ihm und seiner Frau in schweren
-Jahren das Leben verschönt hatte durch ihr sonnenhelles Wesen, und er
-sandte einen Seufzer der Reue dem Kusse nach, den er sich von ihr nicht
-hatte nehmen mögen, weil ihr Herz für einen andern Mann schlug.
-
-Alles das dachte er, wenn er frisch und fröhlich an den drei gewaltigen
-Bildern malte. Er fühlte sich durchaus nicht minderwertig, weil seine
-Magd seine Geliebte war; im Gegenteil, sein Gesicht blühte von Tag
-zu Tag mehr auf, immer federnder wurde sein Schritt, und er schaffte
-wieder, wie vor der Zeit, da Märzenschnee die Jungsaat seiner Seele
-versengt hatte. Nie hatte er vor dem Jenseits gebangt, nie ein
-Dankgefühl einem höheren Wesen gegenüber empfunden, aber jetzt hatte er
-es in sich. »Gott,« dachte er, »wenn du bist, so bist, wie das Volk ihn
-sich denkt, gütig und voller Verständnis für alles, was deine Kinder
-tun, daß du mir, dem Manne, der die Höhe seiner Tage überschritten
-hat, so viel blühende Jugend an das Herz legtest, damit er sich daran
-erquicke, ich danke dir und will dafür zu dir beten, vorausgesetzt,
-daß dir daran etwas gelegen ist; denn ich glaube, dir genügt es, deine
-Geschöpfe glücklich zu wissen.«
-
-Er verhehlte sich gar nicht, daß sein Verhältnis zu Luise eine
-Gefahr für ihn wie für sie war. Sie entstammte einer hochachtbaren
-Arbeiterfamilie und war streng kirchlich; zudem war sie seiner Frau von
-Herzen zugetan. Doch sie war ebenso ganz und gar und nichts als nur
-Weib, daß der Gedanke, eine Sünde zu begehen, ihr die Küsse, die sie
-geschenkt bekam, auch nur ein ganz wenig vergällen konnten; denn sonst
-wäre sie nicht in den beiden Wochen des Alleinseins mit ihrem Herrn
-nur noch ansehnlicher geworden. Nie aber vergaß sie ihre Stellung,
-niemals war sie, außer, wenn sein Arm sie umschlungen hielt, etwas
-anderes als die Magd, die ihre Arbeit tat und dafür ihren Lohn erhielt.
-Als seine Frau wiederkam und das Mädchen es mehr als einmal ansehen
-mußte, wie die Ehegatten zärtlich zueinander waren, blieb ihr Benehmen
-sich gleich, nur daß es Helmold schien, als ob sie der Frau gegenüber
-noch mehr Willfährigkeit und Aufmerksamkeit darlegte, so daß diese
-sagte: »Das Mädchen wird mir von Tag zu Tag lieber; sie tut, was sie
-mir an den Augen absehen kann, und ich glaube, sie ist in dich gehörig
-verschossen.«
-
-Er mußte lächeln, als sie so redete; sie blieb trotz der einen
-schlimmen Erfahrung immer noch das harmlose Gretechien ohne Arg und
-Sorge und dachte sich nichts bei dem, was sie in ihrer frohen Art
-dahinplauderte. So hatte sie auch, als sie von Swaanhof zurückkam, in
-aller Unschuld von Swaantje ein so rührendes Bild gemalt, daß Helmold
-schnell von etwas anderem sprach, denn er fühlte, daß die Sehnsucht
-sich wieder vor ihn stellte und ihn bittend ansah, und so sagte er
-denn: »Ich will ihr einen hübschen Brief schreiben, wenn ich ihr ihr
-Bildnis schicke, und ein paar Bücher beilegen, die ihr Freude machen
-werden und sie zerstreuen, bis sie nach Italien fährt.«
-
-So kaufte er einige gute Werke, die ihr die Augen für alles das
-öffnen sollten, was sie in der Fremde sehen würde, wählte auch einige
-Bücher heiteren Inhalts, damit sie sich durch sie nötigenfalls über
-ihre Schmerzen hinweglesen sollte, die, wie Grete ihm erzählte, oft
-noch sehr arg waren, und an die er mit Bedauern dachte, doch ohne
-den Wunsch, sie mit leise streichelnden Händen von ihrer Schläfe zu
-entfernen. Dann und wann erhob sich zwar in seiner Seele das geheime
-Wünschen und flüsterte begehrliche Worte, aber da ihn sein Weib mit
-herzlicher Liebe erquickte und die Magd ihn mit untertäniger Hingebung
-erfrischte, so glaubte er herauszufinden, daß er in Swaantje weiter
-nichts gesehen habe als ein Sinnbild für seine starke Hinneigung zu dem
-Weibe an sich, dem er durch die Eingehung der Ehe hatte entsagen müssen.
-
-Das Gefühl von Gereiztheit seiner Frau gegenüber, unter dem er selber
-am meisten gelitten hatte, war völlig verschwunden, seitdem er vor
-ihr diese Heimlichkeit hatte. Er hatte vor ihr eine Schuld, aber eine
-Schuld, die ihn nicht drückte, die ihn nur dazu antrieb, doppelt so
-gut zu ihr zu sein, und mehr als je zuvor regelte er sein Benehmen ihr
-gegenüber, wurde zärtlich wie ein Bräutigam und aufmerksam wie ein
-Hausfreund.
-
-Vor allem hütete er sich, sie mit seinen eigenen Angelegenheiten zu
-behelligen, sobald diese unerquicklicher Art waren, und daran fehlte es
-ihm nicht. Der Oberbürgermeister hatte es ihm nicht vergessen, daß er
-ihn seinerzeit gezwungen hatte, ihn zuerst zu grüßen; er versuchte es
-ihm heimzuzahlen, indem er die Ausschreibung eines Wettbewerbes für die
-Ausschmückung des neuen Rathauses hintertrieb und es durchsetzte, daß
-die Aufträge unter der Hand vergeben werden sollten. So lag die Gefahr
-vor, daß die Hauptarbeiten recht mäßigen Malern zufielen, die es
-keine Überwindung kostete, den Rücken zu beugen und Vorzimmerlungerei
-zu treiben, worauf Helmold sich nicht einließ. Er tat überhaupt keine
-Schritte, einen Auftrag zu bekommen, und bat Hennecke sogar, in der
-Presse nicht für ihn einzutreten, zumal es ihm an Aufträgen nicht
-fehlte.
-
-Als er darum mit dem Oberbürgermeister bei dem Oberpräsidenten zum
-Abendessen geladen war, und der Oberpräsident sagte: »Wir freuen
-uns sehr auf das, was Sie im Rathause schaffen werden, lieber Herr
-Hagenrieder, denn die Hauptgemälde werden Sie doch wohl bekommen,«
-lächelte er verbindlich und sagte: »Sehr schmeichelhaft, Exzellenz,
-aber in Hinsicht auf die vielen Aufträge, die ich anderweitig habe, war
-die Stadt so rücksichtsvoll, mich nicht aufzufordern.« Die Hausfrau
-lächelte, der Oberbürgermeister verschluckte sich und spielte während
-des ganzen Abends das Mauerblümchen, während Hagenrieder, den die
-Gastgeber sehr herangezogen, seinen Geist schillern ließ, so daß die
-Oberpräsidentin ganz entzückt von ihm war und ihn bat, ein für allemal
-sich als Gast an ihren offenen Tagen zu betrachten, eine Ehre, mit der
-sie recht sparsam umging.
-
-Drei Tage darauf schrieb das Stadtoberhaupt an ihn und fragte, ob er
-die Wandgemälde für Rottenwiede sehen könne. Er kam, lobte mit einem
-gewaltigen Aufwande von hohlen Redensarten das Werk, und als er ging,
-hatte Hagenrieder die vier Wände des Sitzungssaales in dem neuen
-Rathause und die Glasfenster im Treppenhause in der Tasche. Einige
-Monate später ernannten ihn die städtischen Körperschaften zum Beirat
-in Kunstfragen, nachdem ihm kurz vorher der Herzog den Professortitel
-verliehen hatte. »So,« sagte er zu seiner Frau, »jetzt gelte ich sogar
-bei den Stadtverordneten etwas, und das will etwas heißen, denn das
-mehrste sind Heuochsen mit Eichenlaub und Schwertlilien.«
-
-In voller Absicht stellte er sich jetzt in den Vordergrund der
-Gesellschaft, soweit es seine Zeit erlaubte. Während er früher am
-liebsten in Loden ging und sich halb bäuerlich trug, kleidete er sich
-nun derartig modisch, ohne die Albernheiten der Mode mitzumachen, daß
-er als einer der bestangezogenen Männer der Stadt galt und von allen
-Gecken studiert wurde, denn nie war ein Stilfehler in seiner Kleidung,
-obgleich, oder vielmehr, gerade weil er seine Kleidung ganz nach
-eigenem Ermessen zusammenstellte.
-
-»Der amüsanteste Mann, den wir haben,« sagte die Oberpräsidentin;
-»schon als Erscheinung ein Genuß.« Er war zu einer ihrer Gesellschaften
-in hochgeschlossener Weste gekommen, wie sie die Bauern trugen. »Wo
-haben Sie denn den famosen Westenschnitt her, Herr Hagenrieder?«
-fragte die Gräfin Tschelinski etwas spöttisch. »Von den Bauern, meine
-Gnädigste, den einzigen Leuten, die heutzutage noch Kultur haben,«
-versetzte er. Sie warf den Kopf zurück: »Und wir, Herr Professor?« Er
-lächelte: »Sind nur zivilisiert!« Der Bildhauer Professor Brambach, ein
-würdevoller Figurenfabrikant, versuchte ihn lächerlich zu machen, indem
-er sagte: »Sehr praktische Tracht!« »Jawohl,« antwortete er ihm, »man
-braucht nicht alle acht Tage ein reines Hemd anzuziehen.« Die Gräfin
-schrie vor Vergnügen, und es gab eine gepfefferte Toilettendebatte.
-
-»Sehen Sie, meine Herrschaften,« lehrte der Maler, »für den Pöbel ist
-es ja erziehlich, zwingt die Mode ihn, ein Teil seiner Leibwäsche zu
-zeigen; sonst läuft er am Ende vier Wochen in derselben Linnenhülle
-herum. Wir aber brauchen den Beweis, daß wir uns reinlich halten,
-nicht erst anzutreten; denn sonst müßten wir die umliegende Menschheit
-durch einen mit dem Westenausschnitt übereinstimmenden Ausschnitt
-in unseren unaussprechlichen Hosen davon überzeugen, daß die noch
-unaussprechlicheren Unterbeinkleider ebenfalls durch Tadellosigkeit
-glänzen.« Professor Brambach war entrüstet, die anderen quiekten vor
-Vergnügen.
-
-Dann kam die Damenkleidung an die Reihe. Hagenrieder erklärte: »Nur
-im Reformkleid ist eine Frau angezogen; im Zweistöckigen ist sie
-kuvertiert.« Scharf wurde widersprochen. »Beweis?« hieß es. Mit
-todernstem Gesicht dozierte er: »Sie selber, meine Damen, denn Sie
-tragen alle Reform.« Sie lärmten, denn nur die Gräfin trug sich so. In
-lehrhaftem Tone fuhr er fort: »Dasjenige Kleidungsstück, das Ihnen am
-teuersten ist, weil es Ihrem Herzen am nächsten steht, ist, soweit ich
-in den Auslagen der Wäschemagazine darüber Studien machen konnte, nicht
-zweistöckig, sondern besteht aus einem Stücke.« Die Gräfin schloß die
-Augen bis auf einen kleinen Spalt, sah ihn von oben bis unten an, und
-ihre Zungenspitze ging über ihre Lippen.
-
-Als er nachher im Wintergarten mit ihr allein war, fragte sie mit
-gemachter Harmlosigkeit: »Sie sagten vorhin, Herr Professor, schön
-sei der Mensch nur im Arbeitskleide.« Er nickte ernsthaft. »Ja,
-aber,« meinte sie, »eine Frau wie ich, in welchem Kostüm finden Sie
-denn die am schönsten?« Er machte sein treuherzigstes Gesicht, als er
-antwortete: »Auch im Arbeitskleide.« Sie fragte neugierig: »Und das
-ist?« Mit kindlich naiven Augen sah er sie an, als er versetzte: »Das
-Nachtkleid.« Sie machte ein halb entrüstetes, halb belustigtes Gesicht,
-als sie ihm mit ihrem Fächer einen Schlag auf die Schulter gab und
-zischte: »Unverschämter Mensch!« Aber als er sich glücklich lächelnd
-verneigte und fragte: »Ich danke gehorsamst, gnädigste Gräfin; ich darf
-diese Bemerkung doch wohl im Gewinnkonto eintragen?«, da lächelte sie,
-und ihre Augen sagten: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr
-Hagenrieder.«
-
-Dann meinte sie leichthin: »Ich habe zu Hause allerlei Ahnen hängen,
-die ein bißchen gichtbrüchig sind, und möchte von Ihnen wissen, ob
-das zu heilen ist. Vielleicht sehen Sie sich die Bilder einmal an und
-empfehlen mir einen Restaurator, wenn es sich noch lohnt.« Er sah ihr
-mit heißen Blicken in die Augen: »Muß das gleich sein?« fragte er
-und hielt ihr den gebogenen Arm hin. Sie drohte ihm mit dem Fächer,
-lachte und sagte über die Schulter: »O nein. Aber wenn Sie morgen
-nachmittag Zeit haben?« und ging dann zu den anderen Gästen. Als er
-am anderen Tage zu ihr kam, empfing sie ihn in einem weichen losen
-Kleide von weißer Wolle. Er erhob die Hände bis zu den Schultern: »Wie
-wundervoll Sie aussehen, Gräfin; der Künstler dankt Ihnen.« Als er ihre
-Handgelenke küßte, flüsterte es über seinem Kopfe: »Nur der Künstler?«
-Er nahm sie in den Arm, raunte ihr in das Ohr: »O nein; der Mann dankt
-noch viel mehr,« und dabei küßte er sie.
-
-Die Gräfin blieb nicht die einzige Frau aus der Gesellschaft, die
-sein wurde. Wenn er gewollt hätte, konnte er jeden Tag im Monat einen
-anderen Mund küssen. Doch er ging auf Eroberungen nicht aus; wenn aber
-ein Weib ihm ihre Neigung mit lächelnden Augen kredenzte, und sie
-erregte sein Wohlgefallen, so nahm er dankbar die Labe hin. Mit jeder
-Frauenseele, die sich ihm erschloß, glaubte er ein Stück Jenseitsdasein
-mehr zu erwerben, wähnte er sein persönliches Leben zu verlängern. Wenn
-er malte, sah er sich oft dastehen, umdrängt von vielen schönen Frauen
-und Mädchen aus allen Kreisen, die ihre Herzen in den Händen hielten,
-Herzen, aus denen frohlockende Flammen schlugen, die einen Duft von
-Weihrauch verbreiteten.
-
-Nur eine Lücke war in der Reihe der weißen Leiber, nur ein Gesicht
-fehlte, nur ein Herz flammte und duftete nicht zwischen den anderen.
-Denn je mehr rote Rosen er in seiner Erinnerung fand, um so stärker
-trat wieder der Gedanke an die eine weiße Lilienblüte vor ihn. Er
-wehrte ihn ab, trat ihn von sich, aber immer und immer wieder winselte
-er vor seiner Seele herum, stahl sich in seine Träume und trabte vor
-ihm her, wo er ging und stand. Er suchte sich dadurch von ihm zu
-befreien, daß er nach Stillenliebe fuhr, auf Sauen pürschte und bei
-Sophien und Annemieken Trost suchte. Er mietete sich in Ohlenwohle ein,
-angeblich um Studien zu machen, in Wirklichkeit, um sich an Marieens
-derber Art von der städtischen Überfeinerung zu erholen. Es half ihm
-wenig; denn überall stand ein blasses, müdes Gesicht neben ihm und
-zwei dunkelblaue, tiefumhofte Augen sahen ihn bittend an. Er schloß
-alle Lichtbilder von Swaantje ein und jegliches Stück, das ihn an sie
-erinnerte; aber dadurch wurde es nur noch ärger.
-
-Er schrieb seinen Zustand auf das Übermaß von Arbeit und Geselligkeit,
-das er sich aufgeladen hatte, schaffte langsamer, zog sich mehr zurück,
-doch immer mehr nur quälte ihn Swaantje Swantenius, und ab und zu waren
-seine Nächte wieder ohne Schlaf und seine Tage ohne Frische. So setzte
-er sich denn kurz vor dem Julfeste hin und schrieb ihr einen langen
-Brief, einen Brief, in dem er nur heiter von seinem äußeren Leben
-plauderte, doch ihm war, als flüsterte jede Seite Worte der Liebe, und
-als wäre jeder Buchstabe ein verstohlener Seufzer. Mit eigenen Händen
-packte er Swaantjes Bild und einige Bücher ein, legte den Brief dazu
-und sandte die Kiste nach Swaanhof.
-
-Ihm war sofort leichter zumute; es schien ihm, als hielte er
-Swaantje bei der Hand und plauderte mit ihr, und fröhlich wartete
-er auf eine Antwort. Er hoffte auf weiter nichts, als auf einen im
-kameradschaftlichen Tone gehaltenen Brief, hinter dessen Gitterwerk
-von schwarzen Buchstaben vielleicht ein ganz klein wenig blumiges
-Hoffnungsgrün für ihn sichtbar wurde. Aber erst einige Tage nach dem
-Feste kam eine Sendung aus Swaanhof an ihn; sie enthielt eine lederne
-Zigarettentasche, verziert mit der Sonnenrune, und eine Karte, auf der
-die Worte standen: »Lieber Vetter, über die Bücher, das Bild und deinen
-lieben Brief ganz besonders habe ich mich sehr gefreut. Wie schön, daß
-es dir wieder gut geht! Hab tausend Dank. Dir und Grete herzlichen
-Gruß. Deine Swaantje.«
-
-Ganz fassungslos starrte er auf die Zeilen. Eine Absage für immer in
-aller Form. »Laß mich in Ruhe!« hieß das. Er sah auf den Sessel, in dem
-Swaantje gesessen hatte, als er sie um einen Kuß anbettelte, und nickte
-mit dem Kopfe. Er holte sich alle Bilder des Mädchens aus Gretes Truhe,
-sah eines nach dem anderen genau an und schüttelte den Kopf. Er nahm
-wieder alles das durch, was er von Swaantje und sich gedacht hatte,
-und sagte sich: »Es hilft alles nichts; sie wird mein Tod sein, mein
-Vampir. Ich werde im Grabe keine Ruhe finden, wird sie nicht mein, und
-bleibt sie nicht die Meine.«
-
-Als Luise ihn zum Essen rief, sah sie ihn ganz erschrocken an, und
-seine Frau fragte ihn: »Was ist dir, Liebster? du siehst so krank aus.«
-Er lächelte ihr die Sorge fort: »Ich habe mich wohl erkältet, das Feuer
-wollte nicht brennen.« Er legte sich nach dem Essen zu Bett und stand
-erst am anderen Morgen wieder auf. Alle Arbeitslust war ihm vergangen,
-und eine beschämende Schlaffheit beugte ihn nieder. »Geh nach
-Stillenliebe!« riet ihm Grete. Er nickte. »Ja, Kind, ich muß hinaus; es
-war ein bißchen viel Anspannung in der letzten Zeit. Ich will mir die
-Knochen wieder munter pürschen.«
-
-Als er den Koffer packte, zitterten ihm die Hände, so setzte ihm
-das Fieber zu, und in der Eisenbahn lähmte ihn eine so ermattende
-Schüchternheit, daß er es sich nicht verbat, als zwei dicke
-Viehhändler, die einen frechen Schnapsgeruch verbreiteten, die Fenster
-auf beiden Seiten aufrissen. Völlig durchgefroren und ganz blaß kam
-er an, holte sich aus dem Grogglase wieder warmes Blut und setzte
-sich auf Sauen an. Gleich am ersten Abend erlegte er eine angehende
-Sau, und als er zurückkam, fühlte er sich wohl und munter. Aber wohl
-zehn Male wachte er in der Nacht vor Durst auf, und jedesmal, bevor
-er einschlief, sah er in seinem fieberhaften Zustande Swaantjes
-Gesicht auf sich zuschwimmen, weiß, kalt, ohne Haare und Augenbrauen,
-mit blicklosen Augen und einem Mund, dessen Lippen sich versteckten.
-Sehnsüchtig nannte er es bei Namen und versuchte es zu streicheln, aber
-sofort zerfloß es zu nichts.
-
-Müde und unfrisch wachte er um elf Uhr auf, und die Wirtin sagte
-bedauernd: »Sie gefallen mir gar nicht mehr; ich glaube, nach dem
-Essen bringe ich Sie gleich wieder zu Bette, mache Ihnen einen Tee und
-decke Sie bis zum Hals zu.« Er ließ sich ihre Fürsorge gefallen und
-fühlte sich dadurch erwärmt; doch bald darauf war ihm noch eisiger
-und unglücklicher zumute, und heftige Fieberschauer stießen ihn aus
-dem Halbschlafe. Sein Herz klopfte, sein Blut kochte, aus dem Muster
-der Tapete lösten sich fratzenhafte Gesichter los, jeder Laut von der
-Straße drang in zehnfacher Stärke zu ihm, und jede Farbe, die er um
-sich sah, sang ihm ein böses Lied.
-
-So stand er bald auf, zog sich an, ging aber nicht hinaus, sondern
-spielte mit Klaus Ruter und dem Förster Karten und trank sich das
-Fieber fort. Am anderen Morgen fühlte er sich besser.
-
-Es regnete nun drei Tage lang, und dann gab es Plattfrost. Eines
-Abends, als er reichlich müde von dem weiten Wege und durch und
-durch kalt vom langen Passen bei Annemieken saß und sich die Füße
-am Torffeuer wärmte, klagte er ihr sein Leid, und als er sie dabei
-ansah, kam sie ihm ganz anders vor als sonst, und er fand, daß das
-junge Weib ein neues Gesicht und fremde Bewegungen hatte. Sah sie
-eben noch wie Sophiee Pohlmann aus, so schien es ihm gleich darauf,
-daß sie ihn mit den Augen der Gräfin anblickte; dann wieder war sie
-Grete, gleich darauf Swaantje und hinterher Mariee oder Luise oder
-eine andere, die er geküßt hatte. Außerdem war die Diele bald hoch und
-hell, bald niedrig und duster; eben brannte das Feuer blau, gleich
-darauf grün und dann gar nicht; war die Katze jetzt ganz klein, so fing
-sie mit einem Male an, unheimlich zu wachsen, und während es vorhin
-nach Schweinefutter roch, war plötzlich ein strenger Duft von weißen
-Lilien da. Nun fing auch noch der Kesselhaken an, ihm böse Gesichter zu
-schneiden, um ihn sofort durch ein freundliches Grinsen zu versöhnen,
-aber da begann das Zinngeschirr an der Feuerwand, ihn auszulachen,
-das Spinnrad machte ihm einen albernen Knix, der Tranküsel winkte
-ihm spöttisch zu, und die Mährenköpfe am Herdrahmen wieherten und
-schnaubten gewaltig.
-
-Doch alles das ängstigte ihn kein bißchen, sondern machte ihm
-Vergnügen. Er trank ein Glas Grog nach dem anderen und erzählte seine
-tollsten Witze, bis ihm einfiel, daß er nun schon drei Tage auf
-Spurschnee wartete, und lachend befahl er Annemieken, ihm welchen zu
-besorgen. Das Mädchen, das tüchtig mitgehalten hatte und dessen Augen
-von dem heißen Grog und den wilden Witzen nur so blitzten, lachte und
-sagte: »Ich werde es Großmutter sagen, und die soll dir geben, was du
-haben willst; und dann werde ich dir sagen, was du mir dafür schenken
-sollst.«
-
-Da ging die Großmutter zu der Herdflamme und sagte ihr den Spruch, den
-ihre Mutter sie gelehrt hatte, ehe daß sie starb, und die Flamme lachte
-und nickte und wurde gleich siebenmal so lang und leckte mit sieben
-Zungen am Kesselhaken entlang. Dann warf die alte Frau die Schuhe
-hinter sich und winkte nach der Dönze. Da kamen drei Taubenfedern
-angeflogen und sieben Hühnerfedern und dreizehn Entenfedern und
-einundzwanzig Gänsefedern und dreiunddreißig Schwanenfedern, alle so
-weiß wie Schnee. Sie flogen um die rote Flamme, und die spielte Kriegen
-mit ihnen, bis sie eine nach der anderen fing und dem Rauche gab und
-ihm sagte: »Zeige ihnen, wo sie hinsollen, und sage ihnen, wie sie es
-machen müssen, und dann komme wieder und bring mir Bescheid.«
-
-Der Rauch aber machte einen Knix, und dann wurde er wieder ganz
-lang und immer länger, bis er zum Dachloche hinausfuhr, und die
-siebenundsiebzig schlohweißen Federn nahm er mit. Nach einer Weile war
-er wieder da, warf sich vor der Flamme hin und sprach: »Ich habe alles
-getreulich ausgerichtet.« Und die Flamme erwiderte: »Denn so wollen wir
-schlafen gehen.« Und da lachte Annemieke und sagte: »Und wir auch!«
-
-In der Nacht hatte Helmold einen blitzblanken Traum. Er sah Frau Holle
-auf der blauen Sternenwiese stehen und die Betten sonnen, in denen die
-erdenmüden Seelen ausschlafen. Da kamen drei Federchen angetrippelt,
-drei schneeweiße Taubenfederchen, stahlen sich durch das Gras und
-suchten so lange, bis sie an einem Bette eine Naht offen fanden, und
-dann kicherten sie und krochen hinein. Und es dauerte nicht lange, und
-sieben weiße Hühnerfedern kamen angelaufen; die machten es ebenso, und
-nach ihnen die dreizehn Entenfedern und hinterher die einundzwanzig
-Gänsefedern und die dreiunddreißig Schwanenfedern kamen auch an und
-krochen in das Bett.
-
-»Was ist denn das?« sagte Frau Holle und stemmte die Hände in die
-Hüften, daß das weiße Fleisch ihrer Arme so reizende Falten in der
-Ellenbeuge schlug, daß gleich zwei Schmetterlinge kamen und sich dort
-niederließen. »Was ist denn das?« sagte Frau Holle, und ihr Kleid
-hüpfte vor der Brust, daß unten auf der Erde das Meer ganz still
-wurde, weil es solche Wellen nicht schlagen konnte. »Was ist denn
-das?« fragte Frau Holle und ihre Brauen wurden ganz schwarz, so sehr
-zog sie sie zusammen, und die Wetterwolken auf der Erde krochen vor
-Angst in die tiefsten Wälder. Aber dann lachte die schöne Frau, und
-der Sturm hörte sofort auf zu schimpfen, und der Donner fluchte nicht
-mehr hinter den Bergen. »Ahlmanns Mutter, Ahlmanns Mutter!« lachte die
-Hunderttausendschöne, »was machst du mir für Geschichten!« Und dann
-nahm sie ihr blitzblankes Messerchen und ritzeratz war die ganze Naht
-auf und holterdipolter flogen die weißen Federn von der blauen Wiese
-nach der grauen Erde.
-
-»Hat dich was geträumt über Nacht, lieber Jägersmann?« fragte
-Annemieken. Sie stand vor dem Spiegel und machte sich ihr Haar. »Und
-was hat dich geträumt?« fragte sie und lachte Helmold mit ihrem
-Spiegelbilde an; das hatte dunkle Augen und schwarzes Haar und ein
-weißes Gesicht, und Helmold wußte es ganz genau, Annemiekens Backen
-waren rot wie Rosen, ihre Augen blau wie Bachblumen und ihr Haar sah
-aus, wie Haferstroh in der Sonne. Aber er schlief noch in sich, und da
-ging sie hinaus, und als sie wieder hineinkam, warf sie ihm eine Grabse
-voll Schnee auf den Mund, lachte und sagte: »Da hast du, was du haben
-wolltest. Und nun komm und iß; die Suppe schreit schon nach dem Löffel!«
-
-Als er wegging, nahm sie die Katze auf, daß die ihm nicht über den Weg
-laufen sollte, und sie spuckte ihm in die Hacken und warf ihm ihren
-Schuh in den Rücken und wünschte ihm Pech den ganzen Tag und Hals- und
-Beinbruch, soviel es gibt, und lauter schlechten Anblick, und zwischen
-jedem, was sie tat und sagte, warf sie dreimal die Türe zu, und
-schließlich lief sie hinter ihm her, weinte zwei bittere Tränen über
-ihren süßen Mund und sagte: »Auf Wiedersehn, Nimmerwiedersehn, mein
-Jägersmann!«
-
-Drei Vögel sah er, als er durch die Feldmark ging. Das erste war ein
-Stieglitz; sein Scheitel war rot wie Blut. Das zweite war ein Dompfaff;
-seine Brust war rot wie Blut. Das dritte war ein Kreuzschnabel; der war
-von oben bis unten so rot wie Blut. Und als er in den Wald hineinkam,
-sah er im Schnee eine Fährte; in der war rotes Blut. Alle sieben
-Schritte stand sie wieder im Schnee, rot von Blut. Und er sagte: »Du
-edeles Wild, adelig Getier, kein anderes Wild, gemeines Tier will ich
-jagen noch fangen, ehe daß du nicht mein bist.« Da kam der Häher und
-sagte: »Nein!« Da kam der Bussard und sagte: »Niemals!« Da kam die
-Krähe und sagte: »Nimmermehr!«
-
-Er wurde traurig und sah, der Schnee war schwarz und die Tannen waren
-weiß, sein Herz wurde kalt und sein Gesicht wurde heiß, das Blut blieb
-ihm stehen und der Atem flog vor ihm weg, bis er die Wundfährte wieder
-fand; da wurden die Tannen schwarz und der Schnee weiß, sein Herz ward
-warm, und sein Gesicht wurde kalt, sein Blut fing an zu gehen und sein
-Atem beruhigte sich, und er lachte und sagte: »Du edeles Wild, adelig
-Getier, mein wirst du sein, ehe daß die Sonne schlafen geht, ehe der
-Fuchs auf Raub auszieht und die Eule umfliegt!« »Nein!« sagte der
-Häher, »niemals!« der Bussard, »nimmermehr!« die Krähe; aber er lachte
-sie alle drei aus.
-
-Und er ging und ging und ging den ganzen Tag. Er kam an den Teich, in
-dem die schöne Rosemariee sich ertränkt hatte, und nach dem Stein, wo
-der Förster erschossen wurde, und zu dem Kreuz, das da steht, wo die
-Nonne ermordet war, und er ging über die Haide und an dem Moore vorbei
-und durch den Wald, ließ den Morgen hinter sich liegen und den Mittag
-und den Abend, und alle seine Fußstapfen waren gefüllt, erst mit grüner
-Hoffnung, dann mit schwarzer Trauer und zuletzt mit grauer Angst. Seine
-Füße wollten ausruhen, seine Augen wollten schlafen gehen, sein Herz
-sprach: »Ich kann nicht mehr!« Er aber hörte nicht auf sie und ging
-weiter, immer dem roten Blute nach.
-
-»Ich will dir helfen!« sprach der Schnee und machte die Nacht heller,
-und der Mond kam auch und alle Sterne, die es gibt, und sie gingen
-rechts und links neben ihm, daß er die Fährte finden konnte. Er fiel
-hin und stand wieder auf, er setzte sich und ging weiter, er bückte
-sich über die Quelle und richtete sich empor, und blieb immer wieder
-stehen und redete seinen Füßen zu und seinen Augen und seinem Herzen
-und sagte: »Nur noch bis zum nächsten Blutsfleck, bitte nur noch dieses
-einzige Mal; dann sollt ihr auch schlafen, solange ihr wollt.« Aber
-wenn er da war und stehenblieb und um sich sah und horchte, ob er sein
-Edelwild nicht sah oder hörte, dann war nur der Wald da und der Himmel
-und der Mond, und der nickte ihm zu und sagte: »Immer weiter, immer
-weiter!«
-
-Da kam er in einen dunkelen Wald, und die Finsternis sprach zu ihm:
-»Siehe!« Da sah er, wie der Wind über den Berg gelaufen kam; in seinen
-Händen trug er zwölf Glockenschläge. Dann trat die Stille vor ihn hin
-und sprach: »Horch!« Da hörte er die Nacht über den Wald springen; in
-ihrem Mantel trug sie ein Weinen, das war ganz fern und doch so nah,
-war sehr leise und doch so laut, und so bitter war es und so süß. Seine
-Füße starben vor Angst, sein Herz fiel tot um, und seine Augen brachen.
-Aber als der Wind den letzten Glockenschlag vor ihn hingelegt hatte,
-gab ihm der Tod sein Leben wieder in die Hände; die waren so kalt wie
-Eis. Und kalt wie Eis war er ganz und gar und konnte nicht fühlen und
-nicht denken und stand da wie ein toter Baum, wie ein lebloser Fels,
-wie eine abgestorbene Blume.
-
-Doch der Sturm ermunterte ihn wieder; er hielt das Weinen über ihn,
-und daraus flossen Tränen auf ihn und weckten ihn auf, bis das Eis von
-seinen Augen schmolz, und seine Füße lebten wieder, und sein Herz
-stand auf, und da sah er, daß die rote Fährte im Schnee dort zu Ende
-war, wo er stand, und daß es zwei nackte Fußspuren waren, über und
-über rot von Blut. Seine Füße zitterten, sein Herz fing an zu bluten,
-und seine Augen weinten bitterlich, bis daß die beiden Fußspuren
-weißgewaschen waren. Das Alter lehnte sich gegen seinen Rücken, Falten
-krochen in sein Angesicht hinein, in sein Haar aber fiel der Schnee.
-
-Das Weinen über seinem Haupte wurde zu einem Lächeln und stellte sich
-über die weiße Fährte im Schnee und winkte seinen Augen zu. Und als sie
-ihm folgten, kamen ihnen zwei andere Augen entgegen und gingen wieder
-zurück und blieben vor ihm stehen, weit genug von seinen Händen. Sie
-sahen ihn an und weinten Tränen, die fielen als Blut in die Fußspuren
-und füllten sie wieder bis zum Rande, und das Lächeln schlug die Hände
-vor das Gesicht und weinte leise, und das Weinen sah ihn mit Augen
-an, die voller Furcht waren und leer von Hoffnung, aber beladen mit
-Verzweiflung.
-
-Seine Seele zitterte und schrie: »Was soll ich tun, ihr beiden Augen,
-beladen mit Angst, gefüllt mit Trauer, beschwert mit Grauen, daß ihr
-wieder lächeln könnt? Und du Weinen, bitterliches Weinen, sage mir, was
-beginne ich, daß du nicht mehr im Sturm umherirren mußt und in Frost
-und Kälte und einsamer Nacht? Und du Lächeln, banges Lächeln, sprich,
-was muß werden, damit du dich nicht mehr zu bergen brauchst hinter den
-Dornen und in den Disteln und unter den Nesseln? Und du, nackte Seele,
-was ist es, das dir wieder Ruhe gibt, auf daß du nicht mehr mit bloßen
-Füßen wandern mußt über Berg und Tal und Stock und Stein und Feld und
-Flur, blutend aus sieben Wunden, kalt bis in das Herz und müde bis auf
-den Tod?«
-
-Da trat die Finsternis hinter ihn, die Einsamkeit winkte der Stille
-zu und die legte dem Sturme Schweigen auf. Der Mond ging zur Seite
-und nahm die Sterne alle mit; dunkel wurde es rund umher. Aber die
-Dunkelheit war klar, so daß er die rote Fährte im Schnee sehen konnte
-und die beiden Augen über ihr und einen blassen Mund und zwei Hände vor
-einer bangen Brust; die waren ineinander gefaltet. Eine Stimme, die war
-nicht hier noch da, nicht von gestern und nicht von heute, nicht leise
-und nicht laut, kam langsam aus den blassen Lippen zu ihm gegangen,
-stellte sich vor ihn hin und sprach:
-
-»Du, von dem ich nicht weiß, wer du bist, den ich niemals gesehen habe,
-und der immer vor meinen Augen steht, vor dem ich vor Angst vergehe
-und vor Sehnsucht nach ihm sterbe, du, o du und du, was habe ich dir
-getan, daß du mich jagst barfuß und barhaupt und bloß durch Nacht
-und Schnee und Frost und durch Dunkelheit und Einsamkeit und diese
-Totenstille? Siehe, meine Augen bluten, meine Füße sind wund, mein
-Leib ist vor Kälte erstarrt. Mein Lächeln habe ich im Schnee verloren,
-meine Ruhe rissen mir die Dornen vom Leibe, der Sturm trägt mein Weinen
-vor mir her. Ich bitte dich, bitte dich so sehr, bitte dich um alles
-in der Welt, höre auf, mich mit Furcht zu schlagen, mich mit Angst zu
-peitschen, mich mit Jammer zu geißeln, da ich dir doch nichts zuleide
-tat.«
-
-Seine Seele stöhnte auf; sie fiel auf die Knie, streckte die Arme aus,
-schluchzte auf und schrie: »So sage mir, arme Seele, gehetztes Herz,
-müder Geist, sprich, was soll ich tun, daß du dein Lächeln wieder
-findest, die Angst aus deinen Augen verlierst und dem Sturme dein
-Weinen aus den Händen nimmst? Was ich dir antat, ich weiß es nicht;
-aber ich will es wieder gut machen; büßen will ich es, wie du es mir
-sagst, mit Not und Tod oder einem Leben ohne Abend- und Morgenrot. Das
-schwöre ich dir bei den sieben Sünden, die bei mir stehen, drei zu
-meiner Rechten, drei zu meiner Linken und der einen, die über mir ist.
-Ich gelobe es dir bei allen Lüsten, die mich locken, und bei allen
-Süchten, die mich schrecken. Siebenmal schwöre ich es dir.«
-
-Da sah ihn die Stimme, die nicht von gestern war und nicht von heute,
-und nicht hier noch da, und weder laut noch leise, freundlich an,
-und also sprach sie: »Ich halte deine Schwüre in der einen Hand und
-deine Gelübde in der anderen, und ich sehe, sie sind wahr und ehrlich
-und treu; so wisse denn: lege deine grünen Hoffnungen alle ab, wirf
-deine blauen Träume hinter dich und tritt weit fort von deinen roten
-Wünschen. Das ist das eine; aber das zweite ist dieses: zertritt das
-bunte Gedenken, reiße ab die lachenden Erinnerungen und rotte gänzlich
-aus das Wissen von dem, was du nicht wissen durftest. Das ist das
-andere; aber das letzte ist dieses: laß dein Lachen hier im Walde
-liegen und dein Weinen, wo deine Füße stehen, und all dein Fühlen mußt
-du der Einsamkeit geben und der Dunkelheit und der Stille. Ohne Wehr
-und Waffen gehe von hier, daß ich nicht mehr zittern muß, wenn deine
-Schritte meine Gedanken kreuzen, wenn deine Augen Schatten auf meinen
-Weg werfen und deine Sehnsucht über mein Herz hinwegfliegt. Gelobest du
-mir das?«
-
-Seine Seele neigte ihr Haupt und gelobte es bei allem, was sie
-fürchtete, und da sprach die Stimme zu ihm, und noch freundlicher
-sprach sie, daß es wie Maiensonne auf seine Angst fiel, und also
-sprach sie zu ihm: »Siehe, meine Augen sie bluten nicht mehr so sehr,
-und meine Lippen röten sich ein wenig, und meine Hände zittern kaum
-noch, weil die Furcht sie nicht mehr so quält und die Angst und das
-Entsetzen; und nun höre: du hast gerufen heute: du edeles Wild, adelig
-Getier, mein sollst du sein, ehe daß die Sonne sinkt. Wenn die Sonne
-sank für dich wie für mich, keine Blume uns mehr blüht und Schmerz und
-Lust uns nicht mehr ihre Lieder singen, dann will ich dein sein, ganz
-und gar dein sein, für immer und ewig dein sein, du lieber, viellieber,
-geliebter Jägersmann.«
-
-Als er in das Dorf zurückkam, riefen im Kruge die Fiedeln, und die
-Trompeten schrien, und eine Flöte lachte: »Komm tanzen, junger
-Jägersmann!« Er ging in den Saal und sah sich um. Annemieken stand da,
-schön wie immer, aber sie kannte ihn nicht. Sein Freund ging an ihm
-vorüber, aber er sprach ihn nicht an, und sein Feind warf seine Augen
-auf ihn, doch ohne Haß.
-
-An der Wand hing ein Spiegel; der rief ihn zu sich hin. Er sah hinein
-und setzte sich auf die Bank der alten Leute.
-
-
-
-
-Der graue Engel
-
-
-Im blauen Himmel ging alles auf Strümpfen. Die Straße war auf drei
-Häuserlängen mit Stroh belegt und mit Kaff bestreut, und an der
-Haustüre hing ein Schild, auf dem zu lesen stand: Kein Ausschank. Alles
-Vieh und auch der Hund waren in der Nachbarschaft untergebracht, und
-die Pumpe war festgebunden, und auf der untersten Treppenstufe war
-mit Kreide die heilige Fünf hingemalt, denn der Tod stand hinter der
-Haustür.
-
-Er war wütend. Kinder, Greise und sonstiges Niederwild zu jagen dünkte
-ihm kein Waidwerk; nach Edelwild gelüstete ihn, nach einer hohen Beute.
-Diesen Mann da zu fällen, diesen großen Künstler, ehe er sein Bestes
-gegeben, ehe daß er Tausenden von Menschen das Herz gestärkt hatte,
-das war ein lohnendes Ziel. Über die zwei Männer und die Frau, die zu
-seiten des Krankenbettes saßen und ihre Schilde vor den siechen Mann
-hielten, lachte der Tod; aber die eine, die nicht da war, die machte
-ihm schwer zu schaffen.
-
-Ingrimmig knirschte der graue Engel mit den Zähnen, daß es dem Förster,
-der in der Gaststube saß, eisig über den Rücken lief und er schnell
-seinen Schnaps austrank. Dann bückte der Tod sich, trat auf die Straße,
-von der die Spatzen entsetzt aufflogen, als sein Schatten auf sie
-fiel, und stellte sich vor das gegenüberliegende Haus, wo Lorenmutters
-Fuchsien sofort die Knospen verloren, denn die Augen des Todes hatten
-sie gestreift. Aber auf die alte Frau fielen seine Blicke nicht; er
-wandte sie dahin, wo Helmold lag, und stierte nach dem Fenster.
-Hineinsehen konnte er nicht, weil die Vorhänge zugezogen waren; aber er
-wollte doch wenigstens hinsehen.
-
-Der Kranke hatte ruhig dagelegen. Sein Gesicht sah wie eine Totenmaske
-aus; jede Spur von Leben hatte das Fieber aus ihm herausstilisiert.
-Regungslos saß der Arzt da, mit losen Fingern das Handgelenk des
-Freundes umspannend. Aber nun blickte er auf; die weiße Flaumfeder auf
-den Lippen des Kranken rührte sich hastiger. Frau Gretes Züge verzogen
-sich zum Weinen, Hennigs Gesicht verdunkelte sich; die Augen des Arztes
-sahen starr nach dem Gesicht des Kranken.
-
-Im nächsten Augenblicke sprang er auf und hielt beide Hände über das
-Bett, denn Helmold hatte sich mit einem Ruck emporgeschmissen, sah ohne
-Verstand um sich, machte einen bittenden Mund und flehte: »Kuß, ein'
-einz'gen Kuß, Swaantje!« Sein Gesicht füllte sich mit Entsetzen; er
-fiel zurück und atmete schwer. Dann sprach er mit verdorrter Stimme:
-»Die Augen, nein die Augen; was sind das für Augen? Leg sie fort, ganz
-weit, nein, dahin, weg!« Seine Brust ging auf und ab; er röchelte: »Ist
-nicht wahr, hab ich nicht gemalt, Lüge, alles gelogen. Die Augen, die
-Augen! Grete, du hast gelogen. Wir drei, wir drei, wir drei, hast du
-gesagt. Gemeine Lüge!«
-
-Er knirschte mit den Zähnen und stöhnte: »Tödeloh, da bin ich
-gestorben, ganz totgestorben. Ha la lit! Der gute Bock ist tot! Bock
-tot, will ich blasen. Mein Horn ist weg.« Er warf sich hin und her;
-dann sang er: »Rose weiß, Rose rot,« und flüsterte weiter: »Sophie,
-eine Runde! Deuwel auch, Klaus, laß dir das nicht gefallen; Wiebken
-mogelt.« Er lachte: »Es gibt viel Schönes, Wunderschönes: Maserholz,
-grobe Leinwand, so wie Annemiekens Hemden, rohes Kupfer, das heilige
-Dreieck. Ach ja, das heilige Dreieck, das dunkele Geheimnis, unser
-Anfang, Ende auch. Such verwundt, mein Hund, weis' verwund't, mein
-Hund! Szissa her mit'n Lüttjen, her mit'n lüttjen Schluck!«
-
-Er flötete den Jagdpfiff, versuchte zu blatten, zog beide Hände vor
-das Gesicht, als wollte er in Anschlag gehen, und schrie: »Mariee,
-Dicke, was hast du für Arme! Wahre Pracht. Auf Chali pfeif ich; das
-ist ein Biest. Jawohl, gnädige Frau, künstlerische Reife ist Beginn
-der Fäulnis. Entweder leben oder Künstler sein. Die Atrappe ist höhere
-Gemeinheit. Hurra, es lebe der Öldruck! Hennig, deine Line ist keine
-Dame, darum mußt du sie heiraten. Damen sind inaktive Dirnen. Pfui
-Teufel! Hier habe ich voriges Jahr den Keiler geschossen. Nein, ich
-schieß ihn nicht, Swaantje, aber küssen will ich dich, wenn du auch
-noch solche Augen machst.«
-
-Er griff mit den Händen umher! »Hülfe, Hülfe, tut mir nichts: ich will
-ja mein Herz wegschmeißen! Da, da liegt es, seht Ihr, im Dreck; der
-Hund hat es geholt! Seid Ihr zufrieden, Grete und Swaantje? Nun bin ich
-ganz artig.«
-
-Er fiel zurück und schlief ein, wachte aber sofort wieder auf und
-schrie: »Schwindel! Alles Schwindel, Farbe, Liebe, alles, alles!
-Hennig, sieh den Schillerfalter; alle Farben hat er, hat er; also
-Schwindel. Hat überhaupt keine, tut bloß so. Nichts ist so, wie es
-aussieht. Swaantje sieht gut aus, Swaantje ist böse. Grete auch,
-Sophiee auch, Mariee auch, aber Annemieken ist gut. Soll ich dir
-helfen, Annemie? Was brauchen wir unsere Herzen? Weg damit! Ohne Herz
-liebt es sich bequemer. Wer hat den Hochsitz hierher gestellt? Senator,
-Sie irren sich, Sie sind Fachmann, verstehen also von der Sache nichts,
-sind darin, nicht darüber. Prinz, du schießt ja doch nur vorbei, ganz
-sicher; hast ja den Tatterich. Frau Trui, der Honig ist ausgezeichnet,
-süß, wie heimliche Küsse. Aber die Farbe ist Schwindel; Honig muß rot
-sein. Alles, was süß ist, ist rot. Rote Rosen sind schön. Wer hat die
-verdammten Nesseln mang die Küsse gebunden? Was sollen die Witze? Häh?«
-
-Er fiel abermals zurück. Der Arzt goß Arznei ein und flößte sie dem
-Kranken ein, der unwillig schluckte. Frau Grete sah wie der Tod aus,
-Hennigs Gesicht war wie aus Holz. Helmold schlug um sich. »Laß mich
-in Ruhe mit dem verdammten Kleide, hörst du? Es ist mit kalten Augen
-besetzt, gemeinen Augen. Fort damit! Ich hasse die Kanaille und halt
-sie mir vom Balge, sagt Horaz. Prost, oller Römer! Janna, Manna, singt
-noch eins!« Er summte: »Meiner zu gedenken, das gebrauchest du ja
-nicht.« Starr sah er nach der Wand: »Ich habe deine Brüste gesehen, o
-wie schön, und ich will sie küssen. Gib sie her, sofort, hörst du! Ach
-laß auch, sie sind kalt. Siehst du, das hast du davon. Lauf mir nicht
-immer nach, Swaantje! Überall bist du! Ich will den Bock haben, stell'
-dich nicht immer davor, sonst wahrhaftig, ich mache den Finger krumm.
-Frau Pohlmann, in meinem Bette waren Flöhe. Nein, bloß Spaß, waren
-Gewissensbisse. Annemie, ich bin müde. Du sagst, du willst nicht? Teuf,
-Lork! Hast auch zwei Gesichter, ein Taggesicht und eins in der Nacht,
-und das ist mir lieber.«
-
-Er sang nach einer Tanzmelodie: »Beni Benjamin hat gesagt, ich hab den
-Lungenkataharr! Hab' mir das Herz verkühlt, hat kalte Füße gekriegt.
-Heißen Pottdeckel darauf, das hilft. Ich will nicht mehr malen, ich
-male mir noch alles Blut aus dem Leibe. Und das brauch' ich noch 'ne
-Weile. Fritsche, alter Döllmer, trag' das Gewehr nicht so dämlich!
-Hennig, wo willst du hin? Ach so! Na, wenn das man gut geht! Nun hab
-ich es dicke; überall stehst du mir im Wege, Swaantje! Komm her,
-Mädchen. Hoch lebe die Liebe und die umliegenden Bierdörfer!«
-
-Er murmelte: »Ja, ja, schon gut. Mein Bild, das kannst du küssen und
-mit ins Bett nehmen, aber mich, das fällt dir nicht ein! Ach Süße, komm
-her, einmal, o du, du, du!«
-
-Er schwenkte den Arm: »Tanzen sollst du, bist du weich bist,
-windelweich, und dann nehm' ich dir den Rosenkranz ab,
-Ringelringelrosenkranz ab. Ein bißchen welk ist er schon. Und nun haben
-wir die Bescherung. Siehst du, Prinz, du pürschst zu laut! Sekt her!
-Was kann das schlechte Leben helfen. Die alten Deutschen tranken noch
-eins!«
-
-Er lachte: »Ja, malen, das kann ich. Kranke Frauen kriegen ganz
-gesunde Kinder, gehen aber leicht hopps dabei. Amanda, was sagst du?
-Biermamsell, ja, mir Wurst, aber du kannst wenigstens küssen! Jawohl,
-Miezi, es ist noch etwas Leberwurst da, aber die Kohlen sind rein alle.
-Bete zu deiner Heiligen, und schaff sie ab, wenn sie uns keine Kohlen
-schickt. Swaantje, ich will meinen Kuß haben! Den hab ich kontraktlich.
-Och Chott, Mensch, das ist ja viel zu weit! schießt ja doch daneben!
-Bei meiner Beerdigung muß ich aber dabei sein, diesmal wenigstens.
-Christus sagst du? Bin mehr für Wode. Ist ja auch gleich. Meinetwegen
-Maria; ich denke dabei an Frigge. Importen mag ich nicht, bekommen
-nicht. Frigge hilft uns schon; bete zu ihr. Du sollst sehen, sie hilft
-dir. Frigge fügt Hand zu Hand, Mund zu Mund, Schoß zu Schoß. Gelobt sei
-Frigge!«
-
-Er lächelte: »Mein Herz tanzt auf einer goldenen Wiese, und mein Mund
-läuft hinter dir her. Siehst du, jetzt bist du hingefallen. Na, weine
-man nicht; komm her, ich heb' dich auf!«
-
-Er bewegte den Kopf in einem sanften Takte, als horche er auf eine
-ferne Melodie; dann fing er an zu summen, so seltsam, daß seine Frau
-ein Schauer schüttelte, denn die Singweise war aus Lust und Leid
-gewebt, mit Übermut durchwirkt und mit Verzweiflung besäumt.
-
-»H' ach,« rief er dann, »h'ach du, du! Du hast es gesagt. Sagst: ich
-habe dir ja nichts gesagt!« Er lachte glücklich auf. »Du sagst, ich
-habe dir ja nichts gesagt! Habe dir ja nichts gesagt, nichts gesagt.«
-Er lachte belustigt: »Ich habe doch ein Gehör wie der Fuchs. Weiß schon
-Bescheid, weiß, was das heißt. An der Fährte spricht man den Hirsch an;
-das da ist sicher einer vom zwölften Kopfe. Und den will ich haben,
-oder ich will die Kunst nicht verstehen.«
-
-Er schauerte zusammen; der Arzt zog ihm die Steppdecke bis unter das
-Kinn. Er flüsterte: »Danke, danke!« Er küßte in die Luft: »Ach wie
-schön warm! Das ist so lieb von dir, liebe Swaantje. So warm.« Er
-schnurrte wohlig: »Wie lange habe ich dich gesucht, wie lange, aber du
-hast die Fährte verwischt. Das ist sicher ein guter Bock. Gute Nacht,
-Herrschaften; ich gehe schlafen. Komm Annemie! Mädchen, du hast ja
-Swaantjes Kleid an! Nein, das geht nicht; ist dir ja viel zu lang.
-Sofort ausziehen, hörst du! Na, weine man nicht, behalt's an; bist ja
-doch die beste, die allerbeste!«
-
-Frau Grete ging hinaus, kreidebleich im Gesichte; als sie wieder
-hereinkam, sah sie Hennecke an und schüttelte den Kopf. Der Kranke
-flüsterte: »Dein Herz ist von Gold, Swaantje, und du hast es an einer
-silbernen Kette unter den Spitzen auf deiner Brust. Das sieht doll aus,
-ganz doll.« Er schrie auf: »Wo bist du, Gotteswillen komm her!« Sein
-Kopf fiel auf die Seite, und er begann rasselnd zu schnarchen.
-
-Der Arzt flüsterte: »Gehen Sie essen, ich bleibe so lange hier; er
-schläft. Das ist ein gutes Zeichen, ich habe Hoffnung.« Er zählte die
-Pulsschläge und nickte langsam. Dann lächelte er der Frau zu und zeigte
-mit dem Kopfe nach der Tür. »Erst etwas essen und dann ein bißchen
-hinlegen. Wir haben an einem Kranken genug. Hennecke, gehen Sie mit!
-Und daß es ja ganz stille im Hause ist.«
-
-Als Frau Grete draußen war, sah sie Hennig an und flüsterte: »Behalten
-wir ihn wohl, lieber Freund?« Er nickte: »Ich glaube es; seine
-Indianernatur wird ihm durchhelfen. Aber nicht wahr, jetzt essen Sie
-ein bißchen?« Sie nickte müde.
-
-Er führte sie in das kleine Zimmer, rückte ihr den Sessel und die
-Fußbank zurecht, goß ihr ein Glas Sekt ein und begann dann zu essen,
-ruhig und langsam, wie immer. Das half; sie aß ein Stückchen Brot und
-kaltes Fleisch und bekam wieder etwas Farbe.
-
-Hennecke tat, als kümmere er sich nicht um sie; aber wenn er etwas
-nahm, rückte er den Auflageteller immer so, daß die besten Stücke vor
-ihr lagen, und als ihr Glas leer war, füllte er es. Dann aber sagte er:
-»Nun schlafen, bitte, und sobald die Antwort kommt oder eine Änderung
-im Befinden eintritt, klopfe ich.«
-
-Die Frau nickte und stand auf; als sie schon die Türklinke in der
-Hand hatte, blieb sie stehen und hielt den Kopf schräg, als wenn
-sie lauschte. Dann lächelte sie Hennecke zu und sagte: »Sie kommt,
-wir werden gleich Nachricht haben. Sie hat das Telegramm selber
-aufgegeben.« Hennecke sah sie ernst an und nickte. Die Frau trat auf
-ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »War es so
-schlecht von mir, was ich tat? Wenn er stirbt, so bin ich schuld.« Er
-antwortete: »Beruhigen Sie sich, liebe Freundin; Reue ist die größte
-Sünde, die es gibt, denn sie hat keinen Zweck. Sie haben gehandelt, wie
-Sie mußten.« Sie sah ihn ernst an und schüttelte den Kopf: »Nein, ich
-habe ihn belogen. Aber, nicht wahr, der Gedanke, er liebt eine andere,
-und ich, seine Frau, die zwei Kinder von ihm hat, soll entsagen, Sie
-begreifen, daß da zuerst alles Kleine und Enge in einem nach oben
-kommt. Und so bin ich hart zu ihm gewesen und schlecht, sehr schlecht.
-Erst habe ich gesagt: ›Ja ja, mein guter Junge, sie soll kommen! Wir
-drei, nicht wahr?‹ Und so nach und nach nahm ich alles zurück und
-dachte nicht daran, daß ich ihm zuerst die Augen geöffnet hatte.«
-
-Dann setzte sie sich an das Fenster. Düster sah sie vor sich hin, die
-Hände im Schoße faltend. »Ich bleibe hier; schlafen kann ich doch
-nicht, ehe das Telegramm da ist. Rauchen Sie bitte, lieber Hennecke.
-Aber erst sehen Sie zu, wie es oben steht.«
-
-Langsam gingen die Stunden dahin, Hennecke löste den Arzt ab. Der
-war zufrieden. »Er kommt an das Ufer, glaube ich, der Puls ist ganz
-ruhig.« Er aß und ging nach oben, und Hennecke leistete der Frau
-wieder Gesellschaft. Sie sprachen wenig. Plötzlich seufzte Frau Grete
-erleichtert auf und lächelte gespannt. Männertritte kamen näher und
-erklommen die Treppe; die Haustür ging auf. Die Frau erhob sich,
-öffnete die Tür und nahm dem Briefträger das Telegramm ab, gab ihm
-den Taler, den sie schon bereit hielt, löste gelassen den Verschluß,
-faltete das Papier auseinander, las den Inhalt, ohne eine Miene zu
-verziehen, nickte, reichte Hennecke die Depesche und sprach: »Es ist
-so, wie ich sagte: sie kommt. Gott sei Lob und Dank!«
-
-Die Tür ging auf; der Arzt stand darin, helle Freude im Gesicht. »Sie
-haben Ihren Mann wieder, Frau Hagenrieder,« sagte er ganz laut. Er sah
-erstaunt auf, als die Frau nur nickte und meinte: »Ich wußte es.« Er
-trank ein Glas Sekt aus: »Merkwürdig,« murmelte er dann; »eben erwachte
-er, seufzte sich den Schlaf fort, sah ganz klar aus den Augen, machte
-sie wieder zu und mit ganz fieberfreier Stimme flüsterte er: ›Sie
-kommt!‹ Und dann schlief er wieder ein.«
-
-Am andern Morgen lachte die Sonne, und die Amsel sang zum ersten
-Male. Helmold war sehr schwach, aber fieberfrei. Als er die drei
-Schneeglöckchen sah, die seine Frau ihm auf das Tischchen stellte, ging
-ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er winkte mit den Augen, und sie
-bückte sich zu ihm nieder. »Näher!« hauchte er, »noch näher!« Sie küßte
-ihn auf den Mund. »Meine liebe Frau,« flüsterte er und schlief ein.
-
-
-
-
-Der weiße Garten
-
-
-Als Swaantje in Stillenliebe anlangte, war Helmold bereits aus aller
-Gefahr, aber noch so angegriffen, daß der Arzt jede Aufregung verbot.
-Er gestattete ihr nur, daß sie ihn sah, während er schlief.
-
-Das Mädchen mußte sich am Türrahmen festhalten, als sie ihren Vetter
-erblickte. Welk fiel ihm das fast völlig ergraute Haar in die Stirne,
-der Bart hing schlaff über die blutleeren Lippen, die Nase trat
-scharf hervor, unter den Augen waren tiefe Löcher, die in allen
-Farben spielten, die Ohren sahen wächsern aus, und die Hände waren
-leichenfarbig.
-
-Als sie das Zimmer verlassen hatte, fiel sie Grete um den Hals und
-schluchzte tränenlos, und die Frau sagte, als sie mit ihr in dem besten
-Zimmer saß: »Wir wollen Gott danken, daß wir ihn behalten haben,
-Swaantje; und sobald er kräftig genug ist, fährst du mit ihm in irgend
-eine stille Ecke und pflegst ihn mir ganz gesund. Nicht wahr, Liebste?«
-Das Mädchen nickte, denn sie fühlte, daß die andere das im vollen
-Ernste sagte.
-
-Es wurde aber nicht so; denn je mehr sich Helmold körperlich erholte,
-um so mehr schien seine Liebe für Swaantje zu erkalten. Als ihm seine
-Frau einmal von dem Mädchen sprechen wollte, wehrte er ab. »Ich
-genese, Grete,« sagte er, »und auch davon.« Er sah sie voll an und
-fuhr fort: »Möglich, daß ich ihr später wieder kameradschaftlich näher
-komme; vorläufig wäre mir ein Zusammentreffen peinlich, und schädlich.
-Hennecke und Benjamin sind der selben Ansicht.«
-
-Wenn er, warm zugedeckt, auf dem Ruhestuhle im Garten lag, dem Schlage
-der Finken zuhörte und die knospenden Zweige betrachtete, dachte er
-noch oft an das Mädchen, aber nicht in Liebe. Etwas wie Unmut war in
-ihm; denn er fühlte sich beleidigt. Er hatte sich vor ihr erniedrigt,
-hatte um einen Kuß gebettelt, war fast irrsinnig vor Liebe geworden,
-und es hätte nicht viel gefehlt, daß er an seinem Verlangen zu Grunde
-ging.
-
-Er wußte aber auch, daß dieses der letzte Rückfall war. »Was hat
-sie nicht alles aus mir gemacht,« dachte er; »einen Trinker, einen
-Wüstling, einen Salonaffen, einen Streber!« Er las in dem Buche, das
-Hennig ihm mitgebracht hatte, und lächelte belustigt, denn er war
-vorhin auf einen Ausspruch Montanabbis gestoßen, der vortrefflich zu
-seinen eigenen Gedanken paßte, und der folgendermaßen hieß: »Viele
-Menschen waren gleich mir Opfer eines weißen Halses, eines rosigen
-Angesichtes und zweier Augen, die sanft blickten, wie die der Gazelle.«
-Er nickte und dachte: »Hast recht, beturbanter Philosoph; wir wollen
-den Fall zu den Akten in das Fach Erledigt legen.«
-
-Die Magd wusch in der Küche Gläser auf und sang. Er nickte lächelnd,
-pfiff leise die Singweise durch die Zähne und summte den Schlußreim:
-»Kehr' dich ab von mir, heb' dich fort von mir, scher' dich weg von
-meiner Tür.« So waren seine Gedanken, wenn er an Swaantje dachte.
-Mochte sie sich jetzt ebenso um ihn quälen, wie er es ihrethalben getan
-hatte; sie hatte es verdient durch ihre Feigheit.
-
-Mit Schadenfreude stellte er fest, daß er sie nicht mehr liebte. Das
-war nur natürlich; es entsprach seiner Veranlagung. Sein Vater hatte
-den Grundsatz gehabt, ihm niemals einen Wunsch sofort zu gewähren.
-So hatte er ihm, als Helmold zwölf Jahre alt war, verboten, sich
-eine Armbrust zu kaufen. Nach einem halben Jahr bekam er sie zum
-Geburtstage, rührte sie aber nicht an, denn er war schon darüber
-hinaus.
-
-Allmählich dachte er milder. Zu Hennig, der sich seinetwegen frei
-gemacht hatte, sprach er sich einmal, als er mit ihm vor das Dorf
-ging, darüber aus: »Weißt du, mein Lieber, ich zürne ihr auch nicht
-mehr, denn sie konnte schließlich nicht anders handeln, schon ihres
-Verhältnisses zu Grete wegen nicht. Ich weiß, das Ganze war Einbildung;
-aber daß ich das weiß, das ist eben das Schlimme. Ich bin doch jetzt
-körperlich schon wieder ganz rüstig; aber ich bleibe innerlich kalt und
-tot. Ich lebe in einem weißen Garten; wo ich hinsehe, verlieren die
-Blumen die Farbe und die Blätter das Grün. Mein Herz ist gefeit gegen
-jegliches Gefühl; es hat kein Teil mehr am lebendigen Leben.«
-
-Er schwieg und dachte an alle die Frauen und Mädchen, die er geliebt
-hatte. Aus Gewohnheit fühlte er ihnen gegenüber Dank, in Wirklichkeit
-waren sie ihm alle gleichgültig. »Ja, Hennig,« murmelte er und nickte,
-auf das Dorf hinabsehend, wo alle Obstbäume blühten, »das ist nun so:
-Helmold Hagenrieder ist tot. Was da lebt, ist bloß noch der Professor
-gleichen Namens. Zwischen mir und der Welt ist eine Glasscheibe. Ich
-habe noch Sinne, noch Sinnlichkeit; aber ich habe die alte kindliche
-Anteilnahme an den Menschen und den Dingen verloren. Ich sehe sie nur
-noch in ihren kalten Lokaltönen, nicht mehr in der warmen persönlichen
-Beleuchtung, die ich ihnen früher gab.«
-
-Er seufzte, aber dann lächelte er: »Ist übrigens das einzig Wahre. Der
-Künstler muß außerhalb der Welt stehen, wie Gott. Wer im Leben steht,
-bringt es nie zur Meisterschaft. War schon das beste für mich, diese
-dämliche Entgleisung. Wäre ich irgend ein Soundsomensch, Beamter oder
-so was, Philister, so wäre ich daran eingegangen; so aber hat mich
-diese Geschichte gereinigt. Denn ich bin da, um zu wirken, nicht um zu
-leben, wie Hans X und Kunz Y.«
-
-Leise sprach er vor sich hin: »Künstler sollten nicht heiraten; sie
-können nicht treu sein, dürfen es nicht, sollen sie sich nicht selber
-untreu werden. Aber heiratet man nicht, so hat man keinen Zusammenhang
-mit dem Leben, lernt dessen tiefste Nöte nicht kennen. Wie man es auch
-macht, es ist immer verkehrt, und so wird das Allerverkehrteste wohl
-das einzig Richtige sein.«
-
-Er zündete sich die erste der zwei Zigaretten an, die Benjamin ihm
-gestattet hatte, sah den Freund an, legte ihm die Hand auf das Knie
-und sprach weiter: »Ich habe früher von der Philosophie niemals viel
-gehalten; sie ist noch ein viel lorbeernerer Ersatz für das Leben, als
-die Kunst. Jetzt aber, wo ich mit dem Leben innerlich nichts mehr zu
-tun habe, philosophiere ich. Höre zu: Nach Kant gibt es kein Ding an
-und für sich; ich aber sehe die Dinge an und für sich. Also gibt es
-kein Ding an und für mich, sondern nur Dinge an und für sich für mich.
-Also geht mich als Menschen nichts mehr etwas an. Also bin ich kein
-Mensch mehr; also bin ich tot!«
-
-Ein Goldammerhähnchen kam angeschnurrt, ließ sich auf einem Zaunpfahle
-nieder, sah die Männer zutraulich an, glättete seine gelbe Holle und
-begann zu singen. Helmold pfiff leise durch die Zähne das Lied des
-Vogels nach, nickte und murmelte: »Manche sagen, der Goldammer singt:
-›Wie wie hab ich dich lieb, lieb.‹ Andere meinen, er sänge: ›Mein Nest
-ist weit weit, weit.‹ Alles auf der Welt hat ein zweites Gesicht, die
-Natur, die Kultur, die Religion, die Kunst, die Politik, die Liebe,
-alles, alles. Wer das nicht weiß, ist glücklich; ich weiß es. Ich habe
-es wohl immer gewußt, bloß manchmal vergaß ich es, und dann glaubte
-ich, glücklich zu sein. Im Sichselbstvergessen allein liegt das einzige
-Glück, also in der Narkose, durch Liebe, oder Haß, oder Arbeit. Der
-Mensch ist die Krone der Schöpfung, sagt man. Er ist und bleibt aber,
-wie alles Leben, eine dilettantische Leistung. In einem Buche über die
-Kultur der alten Assyrer steht folgender Vers eines Dichters jener
-Zeit: ›Gewandert ist in Hast mein müder Fuß so viel; ich gönnt' ihm
-keine Rast, doch fern bleibt stets das Ziel.‹«
-
-Ein braunes Ding kam über den Zaun geschwenkt, streckte gelbe
-Krallen nach dem singenden Vogel aus und verschwand damit hinter der
-Hecke. Helmold sah Hennig an und lachte lustig: »Eine Gemeinheit
-sondergleichen; der gelbe Vogel singt von Liebe, und die Natur oder
-die Vorsehung schickt ihm den braunen Tod! Ich hatte einen Mitschüler,
-er hieß zwar Julius und noch dazu Müller, aber nie hat es ein so
-goldenes Herz gegeben, nie so viel Güte in einem Menschen. Er starb
-an Wundstarre, starb sieben Tage lang, lag da bei vollem Bewußtsein,
-konnte kein Glied rühren und mußte durch künstliche Atmung hingehalten
-werden, bis auch das nichts mehr half. Seine Mutter, eine Witwe, war
-eine gläubige Katholikin. Sie hat, nachdem ihr Julius tot war, keine
-Kirche mehr betreten und nie wieder gebetet. Ich war jeden Tag, solange
-mein Freund im Sterben lag, bei ihr, und mit jedem Tag bröckelte mein
-Gottesglauben mehr ab, bis nichts mehr davon übrig war, besonders
-seitdem ich vergleichende Religionsgeschichte gelesen hatte. Und dann
-kam ich an die Philosophie.« Er schüttelte den Kopf: »Na, das ist
-erst der größte Blödsinn; Narkose im Quadrat; vierte Dimension des
-Stumpfsinnes.«
-
-Ein fast voll entwickeltes Mädchen von vierzehn Jahren mit hellblonden
-Flechten kam losen Ganges den Fußweg entlang, warf sich in die Brust,
-als sie die beiden Männer sah, machte ihnen einen Knix und sah den
-Maler so heiß an, daß Hennig die Augenbrauen hochzog. Helmold bemerkte
-es und meinte: »Ein reizendes Geschöpf, und so sehr verliebt. Die
-am Herzen liegen zu haben, das brächte mir am Ende noch ein bißchen
-Glück. Aber das wäre unmoralisch. Früher lebte ich unmoralisch, und
-hielt darum von der Moral sehr viel. Jetzt werde ich wohl moralisch
-leben, denn ich weiß, daß die Moral Schwindel ist, besonders die
-Geschlechtsmoral; ihre Wurzel ist der Neid, und weiter nichts. Wenn
-ich mit den Augen winkte, flöge mir dieses Bild von Mädchen an die
-Brust, und gäbe mir alles, was sie zu verschenken hat. Und nähme ich
-es, so gäbe das ein schönes Geschrei; denn alle Männer sehen ihr mit
-den selben hungrigen Augen nach, wie ich, und wie du, lieber Hennig.
-Infolgedessen, darum und so weiter!«
-
-Er sah den Rauchringeln nach, blickte mit leeren Augen über das
-lachende Land und auf die kleinen Mädchen, die in der Wiese Blumen
-pflückten, und sprach vor sich hin: »Ich will hier fort. Mir ist es
-peinlich, die Anteilnahme in Frau Pohlmanns Augen zu sehen. Und dann
-ist Annemieken da. Allen bin ich Dank schuldig; aber wie kann ein toter
-Mann Dank abstatten? Höchstens durch kalte Worte. Laß uns irgendwohin
-fahren, wo kein Mensch mich kennt, und wo kein Mensch ist, den ich
-lieben muß.«
-
-Das taten sie denn auch; doch zuvor fuhr Helmold nach Hause, um einige
-Tage mit den Kindern zu verleben. Als er eines Morgens, während seine
-Frau ausgegangen war, in der Werkstatt seine Bilder betrachtete, um
-zu prüfen, ob nicht dort oder da Spuren einer krankhaft verzerrten
-Anschauung zu finden seien, klopfte es an der Tür und auf seinen Zuruf
-trat Luise herein. Sie war ganz blaß und hatte die Augen unter sich. Er
-hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihr allein zu sein, und er war
-sehr froh darüber gewesen; aber als er sie so dastehen sah mit auf den
-Estrich gerichteten Augen, wurde sein Herz doch ein wenig warm, denn
-sie sah so schön und dabei so magdlich demütig aus. »Nun, liebe Luise,«
-fragte er, und strich ihr mit der Hand über die Backe, »wo fehlt es?
-Denn du hast etwas auf dem Herzen, das sehe ich dir an.«
-
-Das Mädchen sah auf, schlug aber die Augen sofort wieder nieder, und
-ihre Brüste gingen auf und ab, als sie endlich herausstotterte: »Herr
-Hagenrieder, ich, ich, mein Schwager, Sie wissen doch, meine Schwester
-ist gestorben, und nun sitzt er da mit den beiden kleinen Kindern. Und
-er ist da und fragt mich, ob ich ihn nicht heiraten will.« Sie strich
-an ihrer Schürze entlang und schwieg. »Hast du ihn gern?« fragte er.
-Sie nickte: »Er ist ein guter Mann und fleißig, und er sagt, er hat
-mich von jeher gut leiden mögen, und denn sind die Kinder da, und die
-mögen mich gut leiden. Und so wie es ist, kann es doch nicht bleiben.«
-Sie stockte, fuhr aber gleich fort: »Aber ich meine, solche Eile hat
-das just nicht, und wenn Sie wollen, Herr Hagenrieder, so bleibe ich
-noch.«
-
-Eine warme Welle lief ihm über die Brust. Er faßte das Mädchen bei der
-Hand und sagte: »Nein, das will ich nicht; denn auf die Dauer durften
-wir nicht so weiter leben. Wenn Sie Ihren Schwager wirklich gern haben,
-ist es so das Beste.« Sie nickte und sah ihn dankbar an, Tränen in den
-Augen. Er gab ihr die Hand und sagte: »Ich wünsche dir viel Glück, mein
-liebes Kind. Und noch eins: jeder Mensch kann einmal Sorgen haben.
-Vergiß nie, daß ich dir sehr viel Dank schuldig bin.«
-
-Er sah ihr nach, als sie gerade und aufrecht durch den Garten ging, und
-als sie in der Haustür verschwand, dachte er: »Meine Jugend hat mich
-verlassen; wohl mir!«
-
-Am anderen Tage fuhr er mit Hennecke fort. Als er nach einem Monde
-wieder kam, hatte er ein volles, braunes Gesicht, klare Augen, eine
-feste Stimme und einen straffen Gang. Das Weiche, Zarte war ganz bei
-ihm verschwunden, doch auch das Harte und Eckige.
-
-Er sah seinen Kleiderschrank durch, tat alles beiseite, was nach
-gesuchter Eigenart schmeckte, hielt eine fürchterliche Musterung unter
-seinen Halsbinden und Handschuhen ab und gab dann der neuen Magd den
-Auftrag, das Moos, das er früher so sehr geliebt hatte, von den Wegen
-im Garten zu entfernen. Dann stellte er alle Bilder von Swaantje wieder
-an ihre Plätze und desgleichen die Geschenke, die er und seine Frau
-von ihr erhalten hatten, und schließlich schrieb er ihr einen netten
-Vetternbrief, in dem er ihr in leichter Weise erzählte, wie sein
-äußeres Leben in der letzten Zeit gewesen war. »Denn,« sagte er sich,
-»sie ist nun doch einmal unser Bäschen.«
-
-Als Grete ihm erzählte, daß Swaantje Krankenschwester werden wolle,
-erwiderte er: »Na, dann wird sie hoffentlich über kurz oder lang Frau
-Doktor Soundso heißen. Das wäre auch das beste für sie.« Seine Frau
-stand auf, legte ihren Kopf an seine Schulter und flüsterte: »Ist das
-dein voller Ernst, lieber Helmold?« Er sah sie mit aufrichtigen Augen
-an, nickte und antwortete: »Jawohl, das ist es; ich werde nicht wieder
-rückfällig.« Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er fort: »Sie war
-mir ein leiser Oktavton; er ist in mir aufgegangen und klingt nicht
-mehr. Ich war C, sie eine Oktav tiefer. Es gab keine Dissonanz, aber
-auch keinen Akkord, denn sie war ein zu unselbständiger Ton neben mir.
-Ich liebte sie aus Angst vor dem Altwerden; jetzt habe ich vor dieser
-Angst keine Bange mehr.«
-
-Er sprach die Wahrheit; er wußte, daß er bereits alt war. In dem
-Luftkurorte, in den er sich mit Hennecke geflüchtet hatte, war er
-bald der Mittelpunkt der Geselligkeit gewesen, und wenn er gewollt
-hätte, so konnte er viel süße Küsse pflücken. Er hatte aber nur mit
-Worten getändelt und zumeist harmlos, bis sich aus dem Wortgetändel
-zwischen ihm und einer hübschen, sehr schlagfertigen Frau, die unter
-den Folgen eines Scheidungsprozesses litt, etwas entwickelte, das wie
-Liebe aussah, aber im Grunde nur der Niederschlag der gepfefferten
-Wortgefechte war, die ihm neue Spannkraft gaben und ihr das zerdrückte
-Herz aufrichteten.
-
-Er war oft sehr weit in seinen Bemerkungen gegangen. Die Frau trug
-eines Tages seidene Strümpfe mit einem spiralig verlaufenden Muster.
-Als er mit lustigen Augen darauf hinsah, fragte sie ihn: »Interessieren
-Sie meine Strümpfe so sehr?« Er lachte: »Ja freilich; das Muster
-eröffnet dem denkenden Leser die interessantesten Perspektiven?« Sie
-fuhr auf: »Aber, Herr Hagenrieder?« Er lachte wieder: »Na was denn?
-Denkt man sich die Spirale fortgesetzt, so landet man schließlich bei,«
-er sah sie harmlos an, »dem klugen und schönen Gesichtchen!« Sie drohte
-ihm mit dem Finger.
-
-Drei Tage, bevor sie abreiste, sagte sie ihm: »Sie haben mein Herz
-wieder lachen gelehrt, Sie ganz frecher Mensch Sie; aber ich glaube,
-ich habe Ihnen auch etwas geholfen. Es ist übrigens gut, daß jetzt
-wieder jeder seinen eigenen Weg geht.« Sie sagte das mit lachendem
-Munde, aber dabei liefen ihr Tränen in die Augen, und sie drehte sich
-schnell um.
-
-Er hatte sich sehr an sie gewöhnt, und ihm war so, als müßte er ihr in
-den Laubengang nachgehen und sie in den Arm nehmen; aber er riß sich
-zurück. Als sie abgereist war, sagte er sich: »Herr Hagenrieder, Sie
-werden alt, oder vielmehr, Sie sind es schon.«
-
-Er war es; er wurde kühlverbindlich in seinem Benehmen, zurückhaltend
-im Reden und vorsichtig im Handeln. Er, der früher Gefahren und
-Verwicklungen suchte, schlug jetzt Richtwege ein, konnte er dadurch
-eine Unannehmlichkeit vermeiden. »Passé!« dachte die Gräfin
-Tschelinski, als sie ihn wiedersah, und wich ihm aus, was ihm sehr lieb
-war, denn ihr übermodernes Wesen hatte ihm schon längst den Appetit
-verdorben. Noch froher war er, als der Prinz ihm erzählte, daß Frau
-Pohlmann ihr Anwesen verkauft und sich anderswohin verheiratet habe.
-
-Mit viel mehr Freude konnte er nun zur Pürsch auf den roten Bock
-fahren. Aber auch mit der Jagd war er auseinandergekommen; er schoß
-nach dem Bock, wie nach der Scheibe, und während er sich früher
-gänzlich der Stimmung der Landschaft hingegeben hatte, betrachtete
-er sie jetzt mit den selben Augen, mit der er seine entthronten
-Herzensköniginnen ansah. Er bemerkte ihre Schwächen, ohne daß er
-dadurch abgestoßen wurde; er hing nicht mehr an ihnen, und so
-beleidigte ihn das Fehlerhafte nicht.
-
-Seine Frau freute sich über ihn; er war jetzt immer gleichen Mutes,
-hatte nie üble Laune, vergaß kein einziges Mal den Morgen- und
-Abendkuß, gab sich viel mit den Kindern ab, war der rücksichtsvollste
-und verbindlichste Kavalier in allen Gesellschaften, zu denen sie mit
-ihm ging, sah nie mehr mit langenden Augen nach anderen Frauen hin, aß
-stets mit Appetit, ging rechtzeitig schlafen und teilte sich Arbeit und
-Erholung gewissenhaft ein.
-
-Ab und zu wurde ihr die Abgeklärtheit und Durchsichtigkeit seines
-Wesens etwas unheimlich; aber bei ihrer frohherzigen Natur kam sie bald
-darüber hinweg, und sie sagte sich schließlich auch: »Ach was, es ist
-auch besser so!«
-
-Ganz das selbe dachte er dann und wann auch. Wenn er beim Malen war,
-und er alle die Formen und Farben, die sein Herz ihm nicht mehr bot,
-aus seinem Verstand hervorholte und kühl und überlegen zu kraftvollen
-Werken zusammenklingen ließ, dachte er: »Ist das langweilig! Ich weiß
-ja, es gelingt: also lohnt es sich nicht mehr!«
-
-Er wünschte sich in solchen Augenblicken, er wäre tot, und seine Witwe
-fände einen netten, guten und klugen Mann; denn in Wirklichkeit stand
-auch sie samt den Kindern fern von ihm.
-
-Mit Hennecke ging es ihm nicht anders; er liebte ihn nur noch in der
-Erinnerung und hatte ihm das einst gesagt. »Ist mir ganz schnuppe,«
-hatte Hennig geantwortet, und er setzte hinzu: »es freut mich aber,
-daß du es mir sagst; das ist eine Liebeserklärung in bester Form. Ich
-habe dir viel, du mir einiges zu danken; daran wollen wir uns genügen
-lassen. Schließlich bleibt doch jeder Mensch allein.«
-
-Auch er war ein kalter Mann geworden, seitdem ihm seine Line drei
-Tage, bevor er sich mit ihr trauen lassen wollte, von einem Kraftwagen
-totgefahren war. Nicht viel anders ging es Beni Benjamin. Er hatte die
-Stelle als Nervenspezialist am städtischen Krankenhause angenommen,
-den Professortitel bekommen, spielte eine Rolle in der Gesellschaft,
-und noch mehr seine schöne, lebhafte Frau, und er hatte auch die leise
-Frau, die er sich geträumt hatte, in einer Patientin gefunden, die er
-von jahrelangem Leiden gerettet hatte. Da starb ihm sein Sohn, und
-nach einem Vierteljahr war er ein stiller Mann mit toten Augen und
-lippenlosem Munde.
-
-»Tja«, scherzte Helmold Hagenrieder, als er mit ihm und Hennecke
-hinter einer guten Flasche saß, »hier sitzen wir drei Weisen aus dem
-Morgen- und Abendlande, hocherhaben über der blöden Menge und können
-singen: ›Guter Mond, du gehst so stille!‹ Ja, lieber Hennig, du hattest
-recht, als du mit zwanzig Jahren dichtetest: ›Nichts hoffen, aber
-auch nichts fürchten, nie traurig, doch auch niemals froh; Ich möchte
-sein, was ich gewesen; ach was, es ist auch besser so!‹ Stoßt an,
-Brüder von der kalten Lamain; das Leben ist einer Hühnerleiter nicht
-unähnlich: ziemlich dreckig, oder noch mehr einem Kinderhemde: kurz und
-bescheiden. Na, wir haben es bald zur Strecke gebracht. Ha la lit!«
-
-Das meinte er aber durchaus nicht im trübseligen Sinne, und gleich
-darauf erzählte er die tollsten Schnurren, ließ sich den Wein und die
-Zigarre schmecken und ging um halb elf Uhr heim; denn der Alkohol war
-ihm jetzt nur noch ein guter Freund, von dem er sagte: »Man darf die
-Freundschaft nicht zum Verkehr ausarten lassen.« Einmal in der Woche
-traf er sich mit Hennig und Beni beim Wein und einen anderen Abend ging
-er in den Künstlerverein, um Billard zu spielen und zwei Gläser Bier
-dabei zu trinken.
-
-Nur wenn Vollmond war, kam ab und zu die alte Unruhe über ihn; aber
-dann sah er sich vor und fuhr nach Stillenliebe, tobte sich mit Klaus
-Ruter, der inzwischen den väterlichen Hof übernommen hatte, hinter den
-Karten aus und ließ sich von Annemieken die Brummfliegen wegjagen.
-
-Bei diesem Mädchen, das gar keine Bildung, aber ein Herz und einen
-scharfen, wenn auch nicht weiten Verstand und viel Takt hatte, wich
-alle seine Unruhe sehr bald. Zudem fesselte sie ihn, wenn auch wenig
-mehr als Weib und auch kaum als Einzelmensch, sondern als Typus; das
-Erdgebürtige, das Urwüchsige, Unverbildete ihrer Erscheinung und
-ihres Wesens sagte seinem Urmenschenempfinden zu, und mit stets neuem
-Erstaunen lauschte er den unwillkürlichen Offenbarungen, die ihrem
-Unterbewußtsein entsprangen.
-
-Sie konnte eben noch lustig lachen, aber dann begannen ihre Augen
-zu verschwimmen, und wenn sie sprach, hörte er nicht ein hübsches
-Landmädchen reden, sondern sein Volk sprach zu ihm. Stundenlang konnte
-er, die Pfeife im Munde, im Backenstuhle sitzen und in das offene
-Feuer sehen, während Gift und Galle sich zu seinen Füßen räkelten und
-die Katze auf seinem Schoße saß und schnurrte; ihm gegenüber saß dann
-Annemieken, spann und sang mit nur halb entfalteter Stimme ein altes
-Lied.
-
-»So kann man tausend Jahre sitzen,« sagte er, den Funken zusehend, die
-um den Dreifuß sprangen. »Ja, Feuer ist Gesellschaft,« antwortete das
-Mädchen und ließ das Rad weiter schnurren.
-
-Er sah sie groß an; dieses eine Wort, das einzig mögliche, um die
-Bedeutung des offenen Feuers für das Seelenleben eines ganzen Volkes
-wiederzugeben, eröffnete ihm einen Ausblick auf die Entstehung der
-gesamten Volksdichtung.
-
-»Weißt du, Mieken, daß du eine Dichterin bist?« fragte er sie. Sie
-nickte gleichmütig: »Ja, ich habe erst heute noch das Fenster
-im Ziegenstall gedichtet«, und dann lachte sie, weil er ein ganz
-verblüfftes Gesicht machte, denn das war der erste Kalauer, den er von
-ihr hörte.
-
-Doch so ging es ihm oft mit ihr; sie hatte tausend Schubladen und
-Geheimfächer in ihrer Seele, und manche davon waren so versteckt
-angebracht, daß sie sie nur ganz zufällig fand und selber erstaunt
-war über die alten Erbstücke, die darin herumlagen, einige noch
-gut erhaltene, andere vergilbt und stockfleckig, mottenfräßig oder
-schimmelig.
-
-Das Spinnrad schnurrte, der Tranküsel flackerte, rote Funken sprangen
-hin und her, und die gewaltigen Pferdeköpfe des Herdrahmens warfen
-unheimliche Schatten auf die Wände des Fletts. Mieken rührte die Arme
-fleißig, und Helmold betrachtete mit zufriedenen Augen ihr reiches
-blondes Haar, ihr frisches Gesicht, das bei jedem Lächeln drei Grübchen
-vorwies, die vollen Brüste, die sich ungesucht unter dem weißen Hemde
-und dem roten Leibchen abzeichneten, und die prallen Lenden, die
-der blaue Rock umspannte, während die weiße Schürze sich im Schoße
-verführerisch knickte, und er ließ sich von der alten Weise streicheln,
-die der Kessel brummte und Annemieken summte, bis sie, mit verträumten
-Augen vor sich hinstarrend, zu erzählen begann und ihn in die Zeiten
-führte, da noch die Bäume rote Herzen hatten und jedes Tier eine
-Sprache besaß, die von Menschenohren verstanden wurde.
-
-Sein Volk, das einzige, das er auf der Welt noch liebte, saß vor ihm
-in Weibesgestalt, durchsichtig, wie ein tiefes Wasser, und ebenso
-unergründlich, schön anzusehen und doch schrecklicher Geheimnisse voll,
-und es blickte ihn mit hellen warmen Augen an, die einen Pulsschlag
-später kalt und dunkel aussehen konnten.
-
-Er zerfaserte sein Verhältnis zu dem jungen Weibe, das vor ihm saß und
-in völliger Selbstvergessenheit spann. Zu Bildern waren ihm die Frauen
-im allgemeinen nun geworden; er konnte sie nur noch flächig sehen.
-Bei Annemieken war das anders, die lebte um ihn; weniger sie selber,
-als das, dessen Sinnbild sie war, als sein Volk, mit dem er sich eins
-fühlte.
-
-Er dachte an die Stadt und lächelte in sich; Plunder, Volants, außen
-und innen, ein Staffeleileben, zwecklose Ornamentik, Künstelei, das
-Ganze ohne viel Sinn und Zweck.
-
-Er sah sich im Flett um; da war nur Zweck und gar kein Ornament. Selbst
-die Mährenhäupter des Rahmens waren nur Zweck, eine Verbeugung vor
-Wode, dem entthronten Gotte. Aber wie schön war nicht der Kesselhaken
-in seiner ganz auf den Zweck gearbeiteten Form, wie schön jedes Stück
-Geschirr an der Feuerwand, wie sinngemäß die kunstvolle Pflasterung des
-Estrichs mit den geschwungenen Schmuckstreifen aus weißen Kieseln. Das
-war Kunst, Kunst im Leben, nicht neben dem Leben, keine Staffelei- und
-Atelierkunst.
-
-Überall lachte sie ihn an, die Seele seines Volkes, die ein Kunstwerk
-aus jedem Geräte gemacht hatte, und nur deshalb, weil sie an Kunst
-nicht dachte. Ob es nun der Kugelfußtisch war oder der Stuhl mit dem
-Sitze aus Schilf, die Tranlampe oder der Tellerkranz, jedes Stück
-erzählte oder sang in seiner leisen Art; desgleichen der Rosmarinstock
-vor dem Fenster der Dönze und der grüne Topf, in dem das Allwundheil
-wuchs. Das war die Welt, in die er hineinpaßte, in der er hätte leben
-müssen, wenn auch nur als kleiner Handwerker.
-
-Hier tönte ihm noch ein Echo des wirklichen Lebens. Es war ihm ein
-Bedürfnis, Annemieken die schweren Arbeiten abzunehmen; er fühlte
-sich ganz hineingestimmt in diese Welt, er, der Mann, der dem übrigen
-Leben gegenüber sich zum Außerhalbsbewußtsein hingefunden oder verirrt
-hatte. Da war Ruhe und Frieden und langsames, bedächtiges Schaffen;
-da war nicht jeder Augenaufschlag mit einem Lächeln gewürzt, wurden
-Zärtlichkeiten nicht feilgeboten. Alles mußte erarbeitet oder erobert
-werden.
-
-Unglaublich tief war das Verständnis dieses einfachen Weibes für
-seine Art; denn es beruhte auf der uralten Überlieferung, auf nach
-Jahrtausenden zählenden Gewohnheiten, auf einer unermeßlichen Erfahrung.
-
-›Hier ich, da du!‹ das war die Losung, und das Feldgeschrei
-hieß: ›Jedem das Seine!‹ Da gab es keine Seelenvermanschung,
-Persönlichkeitsverquirlung, nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie
-zwischen dem Birnbaum im Grasgarten und dem Efeu, der ihn umwuchs. Vor
-allem! man sprach nicht über Dinge, die mit Worten nicht zu ändern
-sind, wie man seit Jahrzehntausenden wußte; man war zu klug und zu
-gebildet und zu keusch. Man zog sich nie nackt vor einander aus, und
-man quälte sich nicht mit Unmöglichkeiten. Man gab sich keine Mühe, den
-anderen zu durchdringen; man wußte, jeder blieb doch für sich. So gab
-es keine Enttäuschung und kein Entfremden, keinen kalten Blick nach dem
-Nacken des anderen.
-
-Er trank den Rest Warmbier aus der zinnernen Kanne, die er neben dem
-Feuer stehen hatte, klopfte seine Pfeife aus, hängte sie an den Nagel,
-sah das Mädchen an und sprach: »Annemie!« Sie lächelte und ihre Augen
-leuchteten, denn wenn er sie so anredete, das wußte sie, mußte sie ihm
-irgendwie helfen. Sie sah ihn fragend an. Er fing an: »Annemieken, du
-hast sie doch gesehen, damals, als ich so krank war?« Sie nickte. »Wie
-gefiel sie dir?« Sie wiegte den Kopf hin und her: »Ich weiß nicht; das
-war nicht Fisch noch Fleisch!«
-
-Er sah Swaantje vor sich. Ihre Augen hatten keine goldenen Blumen
-mehr, sondern gelbe Flecke; ihre Stimme war nicht mehr weich, sondern
-schwach; ihr Gesicht war zu sehr nach Mannesart geschnitten, und ihr
-Haar roch nicht wie Mädchenhaar; was sollte er also mit ihr?
-
-Aber er hatte ein Anrecht auf sie, er wollte seine Satisfaktion von ihr
-haben; wollte damit alles das, was er durch sie eingebüßt hatte, wieder
-in sich hineinzwingen. »Aber das wird doch nicht gehen,« überlegte
-er, nahm Annemieken in den Arm und küßte in ihr sein Volk, ließ sein
-Bewußtsein in ihr untergehen, wärmte sein altes Herz an dessen ewig
-jungem Leben.
-
-Als dann der Schlummer sein Denken schon zudecken wollte, war es ihm,
-als ob seine Ehefrau neben ihm atmete, und sehnsüchtig gedachte er
-ihrer. Er sah sie als Bäuerin im Hause walten, ruhig und bedächtig,
-nur ihm und den Kindern lebend, unbekümmert um das, was außerhalb
-ihres Hofes in der Welt vor sich ging, ganz und gar weiter nichts als
-Frau Hagenrieder, von seiner selbstverständlichen Achtung umgeben, und
-seiner vollen Liebe um so sicherer, als davon niemals die Rede war.
-
-Als er nach drei Tagen in der zweiten Wagenklasse heimfuhr, hatte er
-ein Mädchen aus der ersten Gesellschaft zur Fahrtgenossin. Sie war
-einst seine Tischnachbarin gewesen, hatte ihm in allen möglichen Dingen
-widersprochen, bis ihm die Geduld riß und er freundlich antwortete:
-»Ja, über bildende Kunst kann ich nicht urteilen, gnädiges Fräulein;
-ich bin man bloß Maler.« Sie hatte erst einen roten Kopf bekommen und
-glühende Augen, war aber dann ganz weich geworden und hatte ihn in
-aller Form um Entschuldigung gebeten.
-
-Nun war sie wie Knetwachs in seinen Händen. Sie war sehr schön und
-von reizendem Wesen, und er wußte es: »Ein Wort, ein Griff und du
-hast sie.« Aber er hatte eingesehen, warum er noch vor kurzem jedes
-Frauenherz annahm, das ihm hingehalten wurde; Seelen hatte er sich
-vermählen wollen. Nun er einsah, daß das eine Unmöglichkeit war, riß
-er sich zurück, unterhielt das hübsche Mädchen auf das beste, vermied
-jene innere Annäherung und schied von ihr mit einem höflichen Lächeln.
-
-Am nächsten Tage mußte er abermals ein Herzchen dankend ablehnen. Er
-war allein im Hause und Minna, das Kindermädchen, das mit einem Male
-einen prallen Schürzenlatz und verlangende Augen bekommen hatte, umgab
-ihn, als er zu Abend aß, mit so durchsichtiger Hingebung, daß die
-Absicht mit Händen zu greifen war. Als er dann allein in der Werkstatt
-war, erschien sie zweimal dort, reizend anzusehen in dem Waschkleide,
-dem weißen Tändelschürzchen und dem Spitzenhäubchen in dem welligen
-hellen Haar.
-
-Sie tat ihm leid, denn allzu deutlich bot sie sich ihm an, von der
-Natur getrieben und aus dem Gefühle der Dankbarkeit heraus gegen den
-allzeit gütigen Herrn; auch war er sich ganz klar darüber, daß er sie
-begehrte, einfach deshalb, weil die Natur den reifen Mann zu dem eben
-aufblühenden Weibe hinzwingt; aber er nickte ihr nur freundlich zu und
-sagte: »Danke, liebes Kind, nun habe ich alles; wenn du noch etwas
-ausgehen willst, so ist mir das recht. Es ist ein so schöner Abend.«
-
-Rüstig arbeitete er an seinem Bilde weiter, denkend: »Ich bin nicht
-mehr jung genug für solche Dinge und habe also das Recht darauf
-eingebüßt. Und sie ist zu schade dafür, mir weiter nichts zu sein, als
-ein Spielzeug. Und sie wird nicht mehr an mich denken, sobald sie einen
-findet, der ihrer Art ist.«
-
-Die nächste Zeit hatte er sehr viel zu tun, einmal mit seinen großen
-Aufträgen und dann mit dem Doppelbildnis des Oberpräsidenten und
-seiner Frau. Als es fertig war, schickte er es ihnen hin, und als er
-am folgenden Tage dort eingeladen war und die Oberpräsidentin ihm
-sagte: »Sie haben uns hoch erfreut, lieber Freund; wie sollen wir das
-gut machen?« lachte er und sagte: »Dadurch, daß Eure Exzellenz mir
-gestatten, noch oft kommen zu dürfen.«
-
-Im Verlaufe des Abends fragte der Hausherr: »Sagen Sie mal, Ihre
-Familie war doch einst von Adel?« Der Maler nickte: »Jawohl, von
-altem Bauernadel. Wir verarmten in Kriegszeiten völlig und legten die
-Standesbezeichnung ab, denn sie war zum störenden Ornament geworden,
-womit man überall anhakte. Ich besitze übrigens alle Papiere über mein
-Geschlecht; der Stammbaum weist keine Lücke auf über sechshundert
-Jahre.« »Ei, ei,« meinte der Gastgeber und sprach von etwas anderem.
-
-Einige Zeit darauf wurde Hagenrieder zum geheimen Hofrate ernannt.
-Um den Glückwünschen aus dem Wege zu gehen, und um sich von den
-gesellschaftlichen Anstrengungen zu erholen, fuhr er nach Stillenliebe.
-Er hatte sich in Annemiekens Hause eine Dönze eingerichtet und wohnte
-nicht mehr in der Wirtschaft. Die Bauern vermieden jede Anspielung auf
-seine Stellung zu dem Mädchen; er gehörte so sehr zu ihnen, daß sie
-sein Eigenleben ebenso achteten, wie sie ihr eigenes schützten.
-
-Alle, die ihn näher kannten, fühlten heraus, daß er nicht mehr der
-lustige Mann war, als den sie ihn kennen lernten; aber da jeder von
-ihnen selber einen Packen auf dem Nacken hatte, erbot sich keiner, ihm
-den seinen tragen zu helfen, selbst der Vorsteher Klaus Ruter nicht,
-sein bester Freund im Dorfe. Als der Pfarrer vom Kirchdorfe einmal bei
-Ruter vorsprach, angeblich kirchlicher Angelegenheiten halber, und
-anscheinend beiläufig auf das Verhältnis Hagenrieders zu Annemieken zu
-sprechen kam, fragte ihn der Vorsteher: »Was trinken Sie lieber, Herr
-Pastor, Bier oder Wein?« Da sprach der Geistliche schnell von etwas
-anderem.
-
-So hatte Helmold Hagenrieder zwei Gesichter, das des Jägers und Bauern,
-und das des Stadtmenschen und Künstlers. Er konnte die halbe Nacht mit
-den Bauern trinken und Karten spielen, und er brachte es fertig, vier
-Stunden lang im Frack der Glanzpunkt einer Tischgesellschaft zu sein.
-Die Bauern ahnten nicht, daß der Mann, der mit jedem von ihnen auf
-du und du stand, der bedeutendste bildende Künstler seiner Zeit war.
-Als ein Reisender eine Zeitschrift im Kruge liegen ließ, in dem der
-Geheime Hofrat Professor Hagenrieder beschrieben und abgebildet war,
-machten sie zwar den verlegenen Versuch, ihm seine Titel zu geben,
-aber da lachte er und sagte zu dem Wiebkenbauern: »Alter Döllmer! Soll
-ich zu dir vielleicht Herr Vollmeier oder Herr Jagdvorsteher oder Herr
-Gemeinderatsmitglied sagen? Professor und Geheimrat und das andere bin
-ich, wenn ich die Kellneruniform anhabe; hier heiße ich Hagenrieder
-und damit basta. Prost, Korl! auf daß deine Kinder einen klugen Vater
-kriegen!« In der Stadt hinwiederum hatte man keine Ahnung davon, daß
-der Herr Geheimrat, der fesselnde Plauderer, da hinten in der Haide
-wie ein Halbindianer lebte und mit einem Mädchen, das mir und mich
-verwechselte, selbst wintertags keine Hosen trug und mit dem Messer
-aß, auf du und du und so weiter stand und ihr beim Holzhacken und
-Stallausmisten half. Die einzigen Stadtleute, die darum wußten, Hennig
-Hennecke und der Prinz, sprachen darüber nicht.
-
-Mehr als einmal hatte Helmold es vorgehabt, sich seiner Frau zu
-entdecken; doch stand er davon ab, indem er sich sagte: »Wozu soll
-ich sie ärgern?« Und dann wußte er auch, daß er ihr eigentlich gar
-nichts verheimlichte, denn was war ihm Annemieken schließlich mehr als
-ein Teil des Dorfes, ein Stück der Landschaft? Die Zeit der Liebe war
-vorbei für ihn, also auch die Zeit der heimlichen Sünde.
-
-Er hatte sich jetzt völlig in der Hand; sein Herz lief Schritt und
-Trab, wie er es haben wollte. Nur ein einziges Mal schlug es noch
-etwas über die Stränge. Das war auf dem großen Maienfeste, das die
-Künstlerschaft im Hirschgarten veranstaltete. Es fiel gerade in die
-Zeit, in der sich Swaantje bei Benjamin einer Behandlung unterzog.
-Sie wohnte bei Hagenrieders. »Ist es dir auch nicht unangenehm?« hatte
-Grete gefragt. »Durchaus nicht,« antwortete ihr Mann.
-
-Mit einer gewissen Feindseligkeit im Herzen trat er ihr anfangs
-gegenüber, doch fand er bald, daß er sich unnütz in Paukwichs geworfen
-hatte. Ihre Stimme klang nicht mehr bis zu seiner Seele, und seine
-Augen streichelten sie weder, noch drohten sie ihr. Er vermied aus
-Nützlichkeitsgründen das Alleinsein mit ihr; ließ es sich aber nicht
-umgehen, so zwang er sich zu einem leichten freundlichen Plaudertone.
-Sobald sie aber eine ernste Frage anbrach oder an sein Innenleben
-heranging, machte er kehrt.
-
-Ganz kalt beobachtete er sie. Sie war noch ebenso schön, wie einst;
-aber er hatte zu lange hinter ihr hergeweint, als daß seine Augen für
-sie nicht erblindet wären. Er liebte sie nicht mehr, und fühlte auch
-keinen Haß gegen sie; sie war ihm nichts, als das Bild eines Menschen,
-den er einst heiß geliebt hatte.
-
-»Schade,« dachte er, »daß es so ist; aber nichts ist überzeugender, als
-die Wucht der Tatsache!«
-
-Er sah sie im Garten neben Grete stehen. Er zog sie mit den Augen aus,
-betrachtete ihren Akt, gab ihr alle Stellungen und setzte sie jeglicher
-Beleuchtung aus, schüttelte den Kopf und dachte: »Es war einmal! Ein
-Segen, daß sie nicht meine Frau geworden ist.« Und mit einem Male mußte
-er auflachen. Er hatte Professor Groenewald kennen gelernt, einen Mann,
-der nach Eitelkeit und Kölnischem Wasser roch, Weiberhände hatte und
-einen Brillantring trug. »Schmalzlerche!« hatte Helmold gedacht, als er
-ihn sah. Nun aber dachte er: »Solche Männer, die keine sind, gefallen
-so'nen Weibern, die keine sind.«
-
-Bei der Tafel hatte er Swaantje halb rechts gegenüber sitzen; ein
-großer Strauß trennte zumeist ihre Blicke, so daß er sich völlig
-seiner Tischdame widmen konnte, eben jenem schönen Mädchen, das ihm
-einst in der Eisenbahn ihr Herz umsonst hingehalten hatte, und das
-den rosenroten Namen Meinholde Marten trug. Sie war glücklich, neben
-ihm sitzen zu können; ihre Augen funkelten noch mehr als die Demanten
-in ihrem goldenen Haar und auf ihrem herrlichen Halse. Seine Blicke
-streichelten ihre Schultern und stahlen sich dahin, wo ihre Brüste im
-Schatten der Spitzen auf und abhüpften, ab und zu freudig errötend,
-wenn eine zarte Schmeichelei oder ein kecker Vergleich sie in Erregung
-versetzte.
-
-Niemals war Helmold bezaubernder gewesen, als an diesem Abend: er focht
-Dessin mit seinen Worten, schlug ganz leichte Terzen an, gebrauchte
-listige Finten und setzte dann eine Tiefquart dahinter, daß Lappen und
-Knochensplitter flogen und die Abfuhr völlig war. Aber das war nichts
-als Schlägermensur; mit dem krummen Säbel trat er erst an, als er sich
-zum Trinkspruche erhob, denn da sah man den Renommierfechter. »Ich
-habe den peinlichen Auftrag erhalten, den Trinkspruch auf die Damen
-auszubringen,« begann er und sah kalt von rechts nach links in die
-vierhundert verblüfften Augen. »Ich denke gar nicht daran, den Auftrag
-zu erfüllen; denn,« er sprach es mit einem bösen Blicke, »den Frauen
-und Jungfrauen will ich ein Lobredner sein, so gut ich es kann.« Alle
-Augen wurden hell. »Dame, was ist das?« fuhr er fort; »ein wälsch Wort,
-ein farblos Wort, ein Unwort. In der galanten Zeit kam es auf, und
-bedeutete nichts Sauberes, schmeckte nach Liebelei, aber nicht nach
-treuer Liebe, sagt doch der alte gute Friedrich von Logau: ›Was Dame
-sei und dann, was Dama wird verspürt, daß jene Hörner macht und dieses
-Hörner führt.‹«
-
-Er lachte lustig und rief: »Fort mit dem dämlichen Wort!« Und dann wand
-er den Frauen und Jungfrauen einen Kranz aus roten und weißen Blüten;
-er huldigte ihnen als Mann, nicht als Knecht; er gab ihnen die Hand,
-küßte ihre aber nicht, die Kniee beugend; vergaß keine, weder die
-vornehme Frau noch die einfache Magd, und dann schwenkte er ab, näherte
-sich gefährlichen Punkten, daß die Männer unruhige Augen bekamen und
-den Frauen das Herz stille stand, weil sie ihn schon abstürzen sahen;
-doch mit einem harmlosen Lächeln gab er seinen Worten eine Wendung,
-die ihn rettete. So führte er seine Zuhörer ein dutzend Male an
-gefährlichen Abgründen vorbei, um sie schließlich zu einem Gipfel zu
-leiten, von dem aus sich ihnen eine Aussicht bot auf lauter Sonne und
-Wonne.
-
-Alle Augen an der Tafel waren erfüllt von dem Abglanze seiner Worte,
-als er endete und hinter einem Gitter weißer Arme verschwand, die ihm
-die Sektkelche entgegenstreckten, deren helles Klirren sich von dem
-neidischen Beifallsgemurmel der Männer abhob, wie weiße Blumen von
-abendlich dunklem Gebüsche. Doch am meisten leuchteten die Augen seiner
-Tischnachbarin; als er mit ihr anstieß, hauchte sie: »Du!«
-
-Swaantjes Augen aber standen schwarz in ihrem weißen Gesichte; ihr
-Mund war wie ein Strich, und ihre Hand lag geballt auf dem Tische. Sie
-hatte das selbe Gesicht, wie an jenem Tage, als er in der Werkstatt um
-einen Kuß flehend vor ihr stand, Tränen in den Augen. Nun stieß er,
-sie unbefangen anblickend, mit ihr an und setzte sich nieder, seiner
-Tischnachbarin ein Wort zuflüsternd, das Abendröte auf ihrem Gesichte
-hervorrief.
-
-Keinen Augenblick ließ Swaantje das Paar mit den Blicken los, solange
-die Tafel währte. Ihr Vetter merkte es wohl; als er sah, wie blaß sie
-war, stieg ein unbehagliches Gefühl in ihm auf. Aber da er rundumher
-nur zärtliche Augen erblickte, und der Sekt sein Blut erhitzte, und das
-Mädchen, das neben ihm saß, ihn ganz in Anspruch nahm, und zudem der
-Fliederstrauß Swaantje halb verbarg, so vergaß sein Herz sie.
-
-Und dann kam der Fackelreigen durch den dunkelen Wald, an dessen
-Rändern die Nachtigallen schlugen, und er hatte das wunderschöne
-Mädchen erst am Arm, und bald darauf, als der Zug sich auflöste, im
-Arm, und der Kauz rief und der Waldmeister und das junge Buchenlaub
-dufteten, und Helmold küßte Meinholde und sie küßte ihn wieder, bis sie
-aufseufzte und flüsterte: »Nun geh! sonst reden sie über uns.«
-
-Dann aber fand er sich mitten im Trubel, stand vor Swaantje und bat
-sie um den Walzer. Sie tanzte schlechter als sonst, und sah so bleich
-aus, daß er sie zu einer Bank führte, sich zu ihr setzte und einen
-leichten Ton anschlug. Sie antwortete matt und lächelte kaum, wenn er
-etwas Lustiges sagte, und mit einem Male sah sie starr nach seiner
-Hemdenbrust, stand jäh auf und sagte: »Ich muß einen Augenblick allein
-sein; mir ist so sonderbar.«
-
-Als sie ihn verlassen hatte, nahm er das goldblonde lange Haar fort,
-das an der Perle hing, die sein Hemd zusammenhielt, und er wußte
-nicht, sollte er die Stirn runzeln oder lächeln. Aber dann erinnerte
-er sich an das, was er sich an dem Tage vorgenommen hatte, als er den
-Mordhirsch im Schandenholze geschossen hatte. »Blut um Blut!« dachte er.
-
-Am folgenden Tage fuhr er zur Jagd; absichtlich fuhr er in aller Frühe
-fort, ohne Abschied zu nehmen. Als er nach einer halben Woche wieder
-kam, nach jungem Birkenlaube und Post duftend, drei Birkhähne in der
-Hand, traf er Swaantje ganz allein zu Hause, denn seine Frau hatte
-einen Besuch zu machen und die Mädchen waren mit den Kindern aus.
-
-»Du siehst nicht besonders aus, Kleine,« sagte er und tätschelte ihr
-die Backen wie einem Kinde. Sie bediente ihn beim Kaffee; er freute
-sich der kraftlosen Anmut ihrer Bewegungen und nahm den Klang ihrer
-weichen Stimme dankbar hin, suchte aber vergebens nach den goldenen
-Blumen in ihren Augen und lauschte umsonst auf den Widerhall seiner
-Liebe in seiner Brust.
-
-Wenn er sie ansah, war ihm zu Mute, als käme er in eine Stadt, in der
-er einst viele liebe Freunde hatte, und nun waren sie alle tot.
-
-Doch als er dann in der Werkstätte war, dachte er: »Ich will sie an
-ihre Schuld mahnen, jetzt gleich. Donnerwetter, sie ist und bleibt
-doch immer eine Lücke in meinem Leben, über die ich in Gedanken alle
-naselang noch stolpere!« Er gedachte der Nacht, in der sie in dem
-Büchersaale von Swaanhof vor ihm stand in dem weißen Nachtkleide, den
-hellen Schein der Kerze über ihrer Brust, auf die der Schatten des
-Palmenwedels mit kecken Fingern deutete, und des Maientages, an dem sie
-mit dem Rade fiel und ihre Röcke so schüttelte, daß ihre Hosen bis über
-die Hüfte sichtbar wurden, und er sagte sich: »Ich will mir holen, was
-mir zukommt; denn ich habe es mit meinem Leben erkauft. Also!«
-
-In diesem Augenblicke kam Swaantje aus dem Wohnhause und ging in den
-Garten, ein Buch in der Hand. »Aha!« sagte er sich; »läuft der Hase
-so?« Denn sie hatte ein weißes loses Kleid an, fast ganz so wie jenes,
-das einst seine Hände hungrig gemacht hatte.
-
-Er ging ihr entgegen: »Du hast mein neuestes Bild noch nicht gesehen,
-Swaantien,« sagte er. Sie wurde rot und folgte ihm. »Ach, wie schön,«
-flüsterte sie und sah ihn mit hingebungsvollen Augen an.
-
-»Bleibe ein bißchen hier und erzähle mir was, Maus,« bat er und deutete
-auf das Ruhebett. Sie gehorchte und sah ihm zu, wie er an dem Bilde
-einige Stellen vollendete.
-
-»Ach was, malen!« rief er und stellte den Pinsel in das Glas; »ich habe
-keine rechte Lust dazu!« Er schob einen Sessel heran und setzte sich
-zu ihr. »Hast du nichts Neues geschrieben?« fragte er. Sie schüttelte
-den Kopf: »Ich habe es aufgesteckt; ich habe gar kein Talent.« Er
-lächelte in sich. »Ist auch besser so. Talentvolle Frauen sind keine.«
-Und dann fragte er weiter: »Hat dir Benjamin geholfen?« Sie nickte:
-»Etwas!« antwortete sie. Er strich über ihre Schläfe. »Immer noch die
-alte Stelle?« Sie nickte und sah ihn dankbar an, denn seine Hand war
-ihr eine Erquickung. Er legte den Arm um ihren Nacken, küßte sie auf
-den Mund und flüsterte: »Meine Swaantje!« Ihre Arme erhoben sich, als
-wenn sie seinen Hals umfassen wollten, aber dann stieß sie ihn zurück
-und rief: »Aber Helmold, schäme dich!« Er ließ sofort von ihr ab und
-lächelte: »Entschuldige, liebe Swaantje; das verflixte Kleid!«
-
-Als er zu Bette ging, fragte ihn seine Frau: »Hast du Swaantje etwas
-Böses gesagt? Sie war so sonderbar und will morgen abreisen.« Er
-errötete etwas, erwiderte jedoch ganz ruhig: »Ich! wie sollte ich dazu
-kommen?« Doch ehe er einschlief, schämte er sich, einmal, weil er seine
-Hände nach einem Weibe ausgestreckt hatte, an dem ihm nichts gelegen
-war, und dann, weil er fühlte, daß er sie doch noch liebte, wenn auch
-nicht als Weib. »Ich habe in ihrer Seele, die ich immer und ewig liebe
-und begehre, mein Bild zerschnitten,« dachte er und nahm sich vor, sie
-um Verzeihung zu bitten.
-
-Dazu kam er aber nicht, denn als er sie am Frühstückstische traf, sah
-sie nicht bleich und elend aus, wie er gefürchtet hatte, sondern eher
-froh und glücklicher, als in den letzten Wochen, und als sie abreiste,
-nickte sie ihm aus der Wagentür freundlich zu.
-
-»Der Teufel soll aus den Frauenzimmern klug werden,« dachte er und kam
-sich wie ein dummer Junge vor, der eine kokette Abwehr ernst genommen
-hatte. Späterhin aber freute er sich des Mißerfolges. Was früher seine
-höchste Wonne gewesen wäre, nun wäre es besten Falles weiter nichts
-gewesen, als ein Vergnügen.
-
-»Ich hätte nicht mehr davon gehabt, als wenn ich die Zunge zum Fenster
-hinausgehalten hätte,« dachte er, suchte einen bespannten Keilrahmen
-heraus und entwarf ein Bild von ihr.
-
-
-
-
-Der Sarg
-
-
-Es wurde ein wahrhaftiges Kunstwerk; es war so schön, daß er dachte:
-»Eine Liebeserklärung auf Leinewand!« Dann aber lächelte er und meinte
-zu sich: »Nicht ganz, eher das Gegenteil.«
-
-Als er aber das Bild, bevor er es einpackte, noch einmal ansah, schien
-es ihm doch anders. Er setzte sich ihm gegenüber und sah ihm in die
-Augen, bis das weiße Mädchenangesicht, das hell und kühl aus dem
-Schatten des Kiefernwaldes hervordämmerte, zu lächeln begann und mit
-bittenden Lippen flüsterte.
-
-»Meine Nonne,« dachte er, »warum liebte ich dich so sehr, ohne dich zu
-begehren? und begehrte dich, ohne dich zu lieben? Weil ich der einzige
-Mann bin, der dich aus deiner Nonnenhaftigkeit erlösen konnte, aus
-deinem eiskalten Alleinsein, dir ein Kind schenken, ein warmes Leben,
-damit du des Nachts nicht frierst, wenn du erwachst?«
-
-Er dachte daran, daß alle Kinder Angst vor dem Mädchen hatten, oder
-wenigstens keine Zuneigung für sie, und daß kein Mann sie ansah,
-außer ihm selbst und Brüne. Und mit einem Male sah er den Freund, den
-einsamen, der keine Frau hatte, und der vielleicht nie eine Geliebte
-gehabt hatte, der zwischen seinen Büchern und Gemälden und Bildwerken
-das tote Leben des unfruchtbaren Ästheten führte, und erkannte, daß
-dieser Mann denselben unerfüllten Wunsch in den Augen hatte, wie
-Swaantje, und dasselbe hoffnungslose Bitten um die Lippen.
-
-»Was ist es,« dachte er, »das diese Menschen zu mir hinscheucht
-und mich zu ihnen, mich, dem alles Halbe, Unfertige, Dilettantische
-gleichgültig ist? dem das Problematische kein Problem ist, und dem
-das Rätselhafte nicht wert dünkt, es zu raten?« Er sah zwei Gärten
-vor sich, von Mauern umschlossen, alte stille Gärten, deren Blumen
-nur verstohlen dufteten, und in denen die Vögel ganz anders sangen
-als sonstwo, ohne Wunsch und Wille. Er sah Brüne in weißer Kutte und
-Swaantje in der steifen, kühlen Tracht der Bräute Christi, und beide
-blickten ihn an mit wunschleeren Augen, in denen ein hoffnungsloses
-Bitten lag.
-
-Er pfiff das freche Lied von der Lüneburger Haide, steckte sich
-eine Zigarre an und dachte an die vielen, vielen schönen Frauen und
-hübschen Mädchen, die in seinen Armen zerschmolzen waren. »Restlos
-zerschmolzen,« dachte er und lächelte spöttisch; »Weh und Wonne
-hinterlassen gleicherweise keine sichtbaren Spuren in der Erinnerung;
-wenigstens nicht auf die Dauer.«
-
-Früher hatte er sich in lauen Stunden gern der roten Küsse erinnert,
-die rechts und links in reicher Fülle neben seinem Wege blühten.
-Sie waren verwelkt; dürre Stengel waren alles, was von ihnen übrig
-geblieben war. »Das Leben lohnt sich wirklich nicht,« dachte er und
-folgte einem Winke des Standspiegels.
-
-Er besah sich von oben bis unten, kehrte sich um und um, zerpflückte
-sich und betrachtete die einzelnen Stücke. Seine Augen sprachen die
-Worte Antars, des Dichters: »Wir gehören zu einem Geschlechte, das
-nicht in seinen Betten stirbt,« tuschelten sie ihm zu. »Irrtum,
-Herrschaften,« sagte er, »zu dem Geschlechte derer, die nur dann
-glücklich werden, wenn sie nicht in ihren Betten sterben.« Er langte
-die Chronik derer von Hagenrieder heraus, ein Werk Henneckes, blätterte
-darin und sah, daß die Hagenrieder nur dann Glück fanden, wenn sie den
-Pflug oder das Schwert geführt hatten.
-
-Sein Vater fiel ihm ein, der strenge, gemessene, kühle Kaufmann, der
-daran gestorben war, daß er so oft verbindlich hatte lächeln müssen,
-wenn er lieber gebrüllt und dreingeschlagen hätte, und daß er selber,
-des früh Verstorbenen Sohn, niemals stolzer und froher gewesen war, als
-wenn er die Faust hatte gebrauchen können, als Werkzeug, wenn er den
-Garten grub oder Pürschsteige schlug, oder als Waffe.
-
-»So ist es,« sprach er vor sich hin, als er die Bilderkiste zunagelte;
-»Kunst ist ungelebtes Leben, ist ein Notbehelf dafür, ein ganz elender
-Ersatz!«
-
-Als er die Aufschrift auf die Kiste malte, mußte er lächeln; ihm war zu
-Sinne, als schicke er seine Liebe nach Swaanhof, damit sie dort an die
-Wand gehängt werde. »O, ich entbehre sie ja auch nicht mehr,« dachte
-er. »Einst, als ich jung und heiß war, suchte ich in Swaantje den
-Frieden des Schattens, seine kühle Ruhe, seine sanfte Stille; was soll
-ich jetzt mit ihr, jetzt, da ich alt und kalt bin? Glut brauche ich
-heute, sehr viel Glut und Licht und Farbe für mein kaltes Herz. Mein
-ganzer Leib ist mit Küssen bedeckt, wenigstens bedeckt gewesen, aber
-mein Herz hat keine davon abbekommen, mindestens lange nicht genug.
-Aber Tränen sind reichlich darauf gefallen, doch die wärmen nur einen
-Augenblick; sobald sie verdunsten, erzeugen sie Kälte. Das weiß ich
-noch aus der Physikstunde.«
-
-Er schrieb den Frachtschein und freute sich, daß seine Handschrift
-noch genau dieselbe war wie vor dreißig Jahren, anspruchslos, ohne
-Schnörkel und übersichtlich. »Im Grunde bin ich ein ganz einfacher
-Mensch,« überlegte er, »so gar kein bißchen kompliziert. Wenn ich
-mir und anderen manchmal so vorkam, so lag es daran, daß dies Leben,
-dies zivilisierte Leben von heute in diesem Koofmichzeitalter,
-in dieser Ära des geistigen Mittelstandes, in dieser Periode des
-bekömmlichen Durchschnittes, so kompliziert ist. Ach ja, die goldene
-Mittelmäßigkeitsstraße! Freiheit für alle Unfreien, Gleichheit
-zwischen Groß und Klein, Brüderlichkeit zwischen dem, was sich haßt;
-schöner Blödsinn, an dem wir vor die Hunde gehen werden.«
-
-Die Sonne fiel plötzlich so in die Werkstatt, daß die Büchse an der
-Wand grell funkelte. Er nahm sie herunter, spannte sie, stach den
-Hahn ein, suchte ein Ziel, drückte ab, repetierte, stach wieder,
-drückte wieder ab, schüttelte den Kopf und hängte sie an das Geweih.
-Sein Gesicht war ganz ernst geworden. Er dachte daran, daß er lange
-Zeit den heißen Wunsch gehabt hatte, eine Schlacht mitzumachen, aber
-vorne, in den ersten Reihen. Er lächelte und sagte sich: »Na die, in
-der ich mir damals den schweren Blattschuß, zwölf Ringe, faustgroßer
-Ausschuß, geholt habe, die war schon blutig genug; vollkommen
-invalide, knapp landsturmfähig kam ich nach Hause, und ohne Orden und
-Kriegsauszeichnungen.«
-
-Er lachte, zog ein Buch aus dem Schranke, schlug eine Stelle auf und
-nickte: »Hast recht, Tscheng ki tong, wenn du schreibst: ›Übrigens kann
-so etwas nie genug kosten, denn nur die Vergnügen, die uns ruinieren,
-haben wirklichen Reiz.‹« Er lächelte, als er das Buch wieder in die
-Reihe schob: »Stimmt, alter Chinese, und mit den Schmerzen ist es
-ebenso. Der Unterschied ist nur der, daß überstandenes Weh salzig
-schmeckt, verlorene Wonne aber bitter. Man kann jedes Leid wieder
-erleben, aber keine Lust.«
-
-Er ließ einen Dienstmann rufen, schickte die Kiste fort und vergaß
-Swaantje, bis ein Brief von ihr kam, oder vielmehr ein Kasten, in dem
-drei rote Rosen lagen, und eine Karte, auf der weiter nichts stand als
-die drei Worte: »Lieber guter Helmold!«
-
-Sie klangen ihm wie ein Schrei. Dabei freuten sie ihn wenig und
-schmerzten ihn kein bißchen, trotzdem er wußte, was sie bedeuten
-sollten, eine demütige Abbitte und eine Hingabe auf Gnade und Ungnade.
-Übrigens mangelte ihm auch die Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen;
-ein ganz großer Auftrag nahm ihn vollkommen in Anspruch, ein Auftrag,
-der sich nach jeder Seite hin lohnte: ihm war der gesamte Wandschmuck
-und die Innenausstattung für das neue Schauspielhaus übertragen worden,
-ohne daß er sich darum beworben hätte.
-
-Früher hätte er die Kasatschka getanzt, wäre ihm eine solche Arbeit
-angeboten worden; jetzt verzog er keine Miene und sagte beim
-Mittagessen so nebenbei: »Ich habe die Inneneinrichtung und alle Wände
-für das Schauspielhaus bekommen, Grete, will aber Kersten, Ludemann und
-natürlich für die Bildhauerarbeit Voß und Meinecke heranziehen. Mir
-bleibt ja so noch genug übrig.« Seine Frau sah ihn groß an: »Wann hast
-du den Auftrag bekommen?« und als er sagte: »Gestern abend,« wurde sie
-ganz blaß.
-
-Denn war das noch ihr Mann, dessen fernster Traum es einst war, einen
-solchen Auftrag zu bekommen? Und mit diesem Auftrag hatte er gut
-geschlafen und den halben Tag gearbeitet, und er sprach davon, als wenn
-er eine Kiste Zigarren geschenkt bekommen hätte.
-
-Angst und Trauer befielen sie, und nach dem Essen schrieb sie an
-Swaantje, die bei Thorbergs in Weddingen war, daß Helmold den Auftrag
-bekommen habe und für die nächste Woche in Stillenliebe zur Jagd sei.
-Warum sie ihr das schrieb, wußte sie nicht; sie fühlte nur, daß sie
-schreiben mußte. »Besucht ihn da doch einmal,« schrieb sie.
-
-Es war einige Tage später, da kam Helmold gegen Mittag von der Pürsch
-zurück. »Es ist auch ein Brief für Sie da, Herr Hagenrieder,« sagte der
-Wirt. Der Maler nickte und setzte sich, trank sein Bier und spielte
-mit den Kindern. Als er nach dem Essen auf sein Zimmer ging, um zu
-schlafen, sah er, daß der Brief, der auf dem Tische lag, von Swaantje
-war. Sie schrieb aus Weddingen: »Tjark und Ilsabe und ich kommen heute
-nach Ohlenwohle mit dem Mittagszuge; hole uns mit Gespann ab. Wir
-wollen gern einmal Stillenliebe sehen. Deine Swaantje.«
-
-Ein Gefühl peinlichen Unbehagens, durchduftet von etwas Genugtuung,
-überkam ihn. Aber als er über sich selber den Kopf schüttelte, fand er,
-daß es weniger Genugtuung war als Freude, und auch weniger Freude als
-Zärtlichkeit, und schließlich auch das nicht, sondern ein Gefühl, in
-dem allerlei sich mischte, und das er nicht genau betrachten konnte,
-weil etwas wie eine beschlagene Fensterscheibe davor war. Jedenfalls,
-das fühlte er, jauchzte sein Herz nicht, und seine Seele schrie weder
-Hurra noch Holdrio. Aber er war betrübt, daß er nicht gleich auf sein
-Zimmer gegangen war und den Brief aufgemacht hatte. »Nun sitzt das
-arme Mädchen in Ohlenwohle in der Kneipe und langweilt sich nach der
-Schwierigkeit« dachte er. Daß Tjark und Ilsabe bei ihr sein mußten,
-daran dachte er nicht.
-
-Er zog sich einen besseren Anzug an und war schon auf der Treppe, als
-Reimers vom Treppenfuße aus ihm zurief: »Sie werden von Ohlenwohle am
-Fernsprecher verlangt, Herr Hagenrieder, von einem Fräulein. Den Namen
-konnte ich nicht verstehen.« Ganz ruhig ging Helmold in die beste
-Stube und wunderte sich dabei, daß er so gelassen blieb. Aber sein
-Herz machte doch einen kleinen Sprung, als er anfragte: »Bist du das,
-Swaantje?« und er ihre Stimme und damit das ganze Mädchen dicht bei
-sich hatte. »Tjark konnte nicht, er hatte wieder einen Gichtanfall, und
-Ilsabe konnte deshalb auch nicht mit, und so bin ich allein gekommen,«
-antwortete sie. »Kannst du hier über Nacht bleiben oder nicht, und
-wann mußt du wieder zurück?« fragte er weiter. »Ich habe gesagt, ich
-führe mit dem letzten Zuge, und der geht um sieben Uhr,« kam es zurück.
-»Dann lohnt es sich nicht, daß du erst hierherkommst,« meinte er; »dann
-komme ich mit dem Rade dorthin,« setzte er hinzu. Eine Weile war es
-still. »Bist du noch da?« fragte er. »Ja,« rief sie; »dann komm, lieber
-Helmold; das wird das beste sein.« Es kam ihm vor, als wenn ihre Stimme
-mit einem Male ganz anders geklungen hätte.
-
-Er holte das Rad aus dem Schuppen und fuhr los. Er wunderte sich,
-daß er so unsicher war; sonst fuhr er den schmalen Fußweg neben der
-Haidstraße, ohne vor sich hinzusehen; nun mußte er die Lenkstange
-festhalten und bewußt aufpassen, und wo bei einem Querwege eine sandige
-Stelle den Pfad unterbrach, da wurde es ihm sauer, durch den Sand zu
-kommen. Er schrieb das erst der Hitze zu, bis ihm einfiel, daß er um
-drei Uhr aufgestanden war und seitdem keine Stunde gesessen hatte.
-
-Mit vor Schläfrigkeit gleichgültigen Augen sah er die herrlichen
-Wacholdergruppen und den über und über mit goldenen Blumen behängten
-Ginster an, der die Böschungen des Weges verbarg, und das Gezwitscher
-der Hänflinge und das Geschmetter des Baumpiepers kam ihm unbekannt
-vor, ja, er lachte nicht einmal, als ein Rehbock, der im Graben
-gestanden hatte, so dicht vor ihm absprang, daß er ihn beinahe
-umgefahren hätte. Erst als er im Lohkruge einen Schnaps und ein Glas
-Wasser getrunken hatte, wurde er einigermaßen munter und konnte wieder
-denken.
-
-»Was mag sie haben, daß sie mit dieser elenden Klingelbahn bei dieser
-üblen Hitze drei Stunden gefahren ist?« dachte er und stellte sich
-vor, wie sie angekommen war und allen Glanz aus den Augen verloren
-hatte, als sie ihn auf der Haltestelle nicht vorfand. Und nun saß sie
-in dem Kruge und wartete auf ihn. Aber warum hatte sie ihm auch keine
-Drahtnachricht geschickt, sondern erst am Abend vor der Abreise den
-Brief, der mit der üblichen Verspätung ankam? Und nun: was sollte es
-zwischen ihnen geben?
-
-Als er den Morgen vor dem Moore stand und sich über eine Fuchsbetze
-freute, die mit vier Junghasen im Fange auf zwanzig Gänge bei ihm
-vorüberschnürte, hatte sein Gewissen ihm ganz gehörig die Leviten
-gelesen. Er hatte an alle seine Liebschaften gedacht und sich gesagt,
-daß er sich keine Vorwürfe darüber zu machen brauchte. »Banausen,
-Philister, Fünfgroschenmenschen scheuen sich durchaus nicht, ihrer
-Leidenschaft zu folgen; also warum soll ich, ein wertvoller Mensch,
-mich zum Verzichten nötigen?«
-
-Aber da hatte eine fremde Stimme gelacht und gesprochen: »Du kamst dir
-doch immer als Übermensch vor, mein Herze, nicht wahr, und billigst
-dir dabei die Untermoral des waschlappigen Gesindels zu? Glaubst du
-vielleicht, die Borgias und ähnliche Kerle waren Helden? Jämmerlinge
-waren es, die sich kratzten, sobald es sie juckte. Rede dir nicht
-selber etwas vor! Seinen Instinkten zu folgen, ist keine Stärke;
-Schlappheit ist es, urmenschenhafte Schwäche oder Neurasthenie.
-Außerdem warest du doch stets stolz darauf, ein Mann von Wort zu
-sein; war dein Treueschwur vor dem Altar nicht ehrlich gemeint? Du
-kannst dich vor dir entschuldigen, das kannst du, mit Schwäche, mit
-Gedankenlosigkeit, mit was du willst; aber wenn du versuchst, dich zu
-rechtfertigen, dann machst du dich einfach lächerlich. Du bist polygam
-veranlagt, sagst du. Schön, aber dann hättest du Junggeselle bleiben
-sollen. Du warst ja mehr als mündig, als du vor dem Priester dein
-Ehrenwort gabest. Also rede nicht!«
-
-So kam er mit einem Herzen voller verschiedenartiger Empfindungen vor
-dem Ohlenwohler Kruge an, grau und kühl wie der Himmel an einem toten
-Tage. Der Wirt stand vor der Tür, als er vom Rade sprang. »Das Fräulein
-ist rechts in der Stube,« sagte er. Swaantje saß auf dem unbequemsten
-Stuhle, als er eintrat. Sie sah blaß und müde aus und hatte Schatten
-unter den Augen; aber noch niemals war sie ihm so schön und
-hilfsbedürftig vorgekommen. Sie errötete über das ganze Gesicht, als er
-ihr beide Hände gab, und ihm war, als verlangten ihre Augen, daß er sie
-in den Arm nehmen sollte, und daß er sie küssen möchte; aber er hatte
-die Tür nicht hinter sich zugemacht, und auf dem Gange standen Leute
-und vor dem Fenster auch, und da die Sonne darauf lag, hätten sie sehen
-können, was in der Stube vorging. So drückte er ihr die Hand, zwang sie
-in das Sofa und fragte: »Hast du schon etwas gegessen?« Sie schüttelte
-den Kopf, und er ging hinaus und bestellte Kaffee und Zukost. Dann
-setzte er sich vor den Tisch auf den Stuhl.
-
-Es wurde ihm schwer, etwas Vernünftiges zu sprechen. Der pilzige Geruch
-des schlecht gelüfteten Raumes erstickte den Rest von Frische, der noch
-in ihm war, und ein Mitleid, stark mit Verlegenheit durchsetzt, machte
-ihn unsicher. Und Swaantje saß da, sagte nichts und sah ihn an, mit
-einem rührenden Lächeln um den blassen Mund, und ihre Augen schimmerten
-feucht.
-
-Endlich sprach sie mit einer weichen, farblosen Stimme, daß sie sich so
-sehr auf Stillenliebe gefreut habe, und daß sie vor Enttäuschung nicht
-habe schlafen können, als Tjark am Abend vorher seinen Anfall bekommen
-hatte. Und daß sie ihm für das Bild doch endlich ihren Dank sagen
-müsse. »Denn schreiben, lieber Helmold,« sagte sie und lächelte ihn an,
-als wäre sie eben mit ihm getraut, »das konnte ich doch nicht, wie sehr
-ich mich darüber gefreut habe.« Sie nahm seine Hand und drückte sie:
-»Bist du mir immer noch böse, lieber Helmold?«
-
-Er wußte nicht, was er sagen sollte, und war froh, als die Wirtin mit
-dem Kaffee hereinkam. Absichtlich bestellte er noch Brot und Butter
-und dann eine Postkarte, denn er wußte wirklich nicht, wie er sich
-verhalten sollte. Das weiße lose Kleid hatte sie nicht an, wie damals
-im Garten, als er hinterher den Bajonettangriff auf sie machte; aber
-sie war ihm nachgereist, die weiße Fahne in der Hand.
-
-Doch er traute ihr nicht und sich noch viel weniger. Ihr nicht, weil
-sie ihm heute mehr denn je als reine Seele, als Nonne, als unsinnliches
-Wesen erschien, und sich nicht, weil er sich nur als Bruder oder Vater
-ihr gegenüber vorkam, und so gar kein bißchen als begehrender Mann.
-Dabei war sie ihm noch nie so schön vorgekommen wie an diesem Tage.
-»Zum Erbarmen schön,« dachte er. Gar zu gerne hätte er sie in den Arm
-genommen, ihre Backen gestreichelt und ihre Stirn geküßt; aber er hatte
-Angst, daß sie seine Liebkosungen mißdeuten oder Erwartungen daran
-knüpfen könnte, die er nicht erfüllen konnte. So schleppte sich die
-Unterhaltung lendenlahm und langsam hin.
-
-Endlich hielt er es nicht mehr aus. »Komm, Swaantje,« sagte er;
-»wenn es dir recht ist, bummeln wir durch die Haide. In dieser Luft
-schrumpelt einem ja das Gemüt ein.« Sie nickte ihn lächelnd an und
-erhob sich, wobei sie ihm ganz nahe kam. Wieder wurde es ihm so zu
-Sinne, als sei es seine Pflicht, sie zu liebkosen, und ihre Augen sahen
-so aus, als sehne sie sich danach; doch abermals streckte der Gedanke,
-daß nur ihre einsame, verwaiste Seele geküßt und umarmt sein wolle
-und nicht ihr Leib, die Hand gegen ihn aus und hielt ihn zurück. Als
-sie vor dem Spiegel ihren Hut aufsetzte, sah ihr Spiegelbild ihn mit
-vieler Zärtlichkeit an, und er gab sich einen Ruck, um sie zu umfassen;
-doch da polterte eins von den Kindern in das Zimmer, blieb mit offenem
-Mund stehen, starrte das Mädchen an, wie einen Geist und stürzte
-wieder hinaus; er aber atmete erleichtert auf, als sei er einer Gefahr
-entgangen.
-
-Sie schlenderten durch die Felder und unterhielten sich mit Mühe. Erst
-als sie in die Haide kamen, frischte ihr Gespräch etwas auf, flaute
-aber immer wieder ab. Swaantje fragte, welcher Art die Bilder wären,
-die er für das Schauspielhaus male; dadurch kam etwas Zug in ihre
-Unterhaltung, so daß er schließlich, zumal er über die Schlafsucht
-hinaus war, ganz lustig wurde, und es zu einem ganz fröhlichen
-Geplauder kam, das aber rein äußerlicher Art blieb und sie im Grunde
-mehr auseinanderhielt, als zusammenführte. Es war ihnen beiden zumute,
-als schritte irgend ein langweiliger Mensch zwischen ihnen, den sie
-nicht abschütteln konnten. Dazu begegneten ihnen fortwährend Leute, die
-vom Heuen kamen, darunter Marien. Seitdem sie verheiratet war, hatte
-Helmold sie nur einmal flüchtig gesprochen und sich darüber gefreut,
-daß sie tat, als kenne sie ihn nur ganz oberflächlich. Auch jetzt
-bot sie ihm mit unbewegtem Gesichte die Tageszeit wie einem fremden
-Menschen.
-
-»Hier sind so viele Leute,« klagte Swaantje. Er nickte und bog mit ihr
-in einen schmalen Pfad ein, der tief in das Haidkraut getreten war und
-nach einem kleinen Wäldchen führte. Ein weißer Bussard, der auf einem
-Irrsteine gefußt hatte, flog vor ihnen auf, und ein schwarzes Reh, das
-sich am Zwergginster äste, sprang an ihnen vorüber. Da der Weg nur drei
-Hände breit war, ging Helmold hinter Swaantje. Sie trug ein Kleid von
-ähnlichem Schnitt wie an jenem Tage, als er mit ihr nach dem Tödeloh
-ging, doch war es nicht rosenrot, sondern mattblau, und auch das Band,
-das den weichen Strohhut umgab, war von derselben kühlen Farbe.
-
-Er nickte. »Ja,« dachte er; »damals erschien sie mir als rosenroter
-Traum; heute ist sie mir eine mattblaue Erinnerung.«
-
-Er sah sich um; der eiserne Ritter ging nicht hinter ihm. »Meine
-Liebe habe ich in der Bilderkiste eingesargt«, dachte er, »und mein
-Verlangen; so blieb mir weiter nichts davon als das Gespenst. Aber ich
-glaube nun einmal nicht an Gespenster!«
-
-Hinter dem Wäldchen lagen unter einer krausen Eiche zwei gewaltige
-Findelsteine; auf den einen legte er seinen Mantel und wies ihn
-Swaantje als Sitz an, auf dem anderen nahm er selber Platz. Vor ihnen
-kroch der bleigraue Pfad durch die braune Haide und verlor sich
-zwischen hohen Wacholdern und Ginsterbüschen, die mit ihren gelben
-Blüten nur so prahlten; davor leuchtete das helle Grün einer quelligen
-Sinke.
-
-»Wie wunderschön ist das,« seufzte das Mädchen, und ihre Brust hob sich
-unter dem kühlen Kleide; »zum Weinen schön ist es,« fügte sie nach
-einem Weilchen hinzu. Ihr Vetter nickte und dachte: »Ganz wie du.« Er
-sah, daß ihre Hand zuckte, als wolle sie nach der seinen hin; aber da
-der Raum zwischen den beiden Steinen zu groß war, so glitt ihr Arm an
-dem Granitblocke herab und nahm eine Eulenfeder auf, die zwischen den
-grünen Ranken der Krähenbeere am Fuße des Steines lag.
-
-Das Mädchen drehte die bunte Feder zwischen ihren farblosen Fingern,
-besah sie mit gemachter Aufmerksamkeit und fragte, ohne ihren Vetter
-anzusehen: »Von welcher Eule ist das?« Er antwortete: »Waldkauz« und
-flötete halblaut den Balzruf dieses Nachtvogels. Ohne ihn anzusehen,
-sprach sie: »Ich war neulich wieder einmal im Tödeloh.« Er erwiderte
-nichts und sah nach dem runden weißen Fleck, der die Spitze des
-höchsten und schlanksten Wacholders krönte. Er deutete mit dem Finger
-danach: »Der große Würger,« sagte er.
-
-Das Mädchen nickte, räusperte sich und begann wieder: »Sage mal,
-Helmold, was hast du dir eigentlich damals gedacht,« sie stockte,
-scheuchte eine Mücke fort, die auf ihrem Arme saß und sprach dann
-weiter, »damals, als ich dir in dem Walde sagte, du weißt doch, als uns
-der Oberbürgermeister begegnete, daß,« sie stockte, »daß das, du weißt
-ja, vorbei sei?« Er sah nicht auf und erwiderte mit gleichmütigem Tone,
-über den aber ein tiefer Klang von Verständnis hinwegsah: »Das wußte
-ich schon vor dem.« Swaantje nickte, strich sich mit der Eulenfeder
-über die Stirne und fuhr fort: »Das war vorbei, seitdem du mir im
-Tödeloh das eine Wort sagtest.« Er nickte, sah nach einem blanken
-Raubkäfer, der eine Raupe umbrachte, und sprach leise: »Das schien mir
-damals auch schon so.« Der Würger verließ den Wacholderbusch, rüttelte
-eine Weile über der Sinke und strich mit klirrendem Rufe ab. Helmold
-sah hinter ihm her.
-
-Die Brust des Mädchens hob sich schwer. »Du verstehst doch, lieber
-Helmold,« sie sprach es matt, aber er vernahm die tiefe Zärtlichkeit,
-die dahinter lag, »nicht wahr, daß ich nicht anders handeln konnte?« Er
-nickte, sah sie aber nicht an. »Denn sieh mal, lieber Helmold, Grete,
-du weißt, das ging doch nicht.«
-
-Ihm wurde immer trauriger zumute und immer hilfloser, ihretwegen und
-seinethalben erst recht. Da hielt sie ihm nun ihr Herz auf den Händen
-hin, dieses arme, ledige, verwaiste Herz, und er konnte es nicht
-hinnehmen. Er wußte, was sie ihm gerne gesagt hätte, aber nicht sagen
-konnte, daß Grete ihr nämlich dasselbe gesagt hatte, wie ihm, daß sie
-an dem ganzen Unglücke schuld sei, das über ihn und das Mädchen und
-auch über die Frau gekommen war, und daß sie drei zusammengehörten, daß
-sie drei eins waren und sein sollten. Aber Swaantje wußte es nicht, und
-er konnte es ihr nicht sagen, daß es dafür zu spät sei.
-
-Er sah, daß die Mücken häufiger flogen, und war ihnen dankbar dafür,
-denn nun konnte er mit Anstand rauchen. Er scheuchte eine summende
-Mücke fort, langte sich eine Zigarre heraus und zündete sie an.
-Swaantjes Lippen versteckten sich. »Sieh mal nach der Uhr,« bat sie;
-»ich glaube, wir müssen gehen, denn ich möchte nicht zu spät kommen.«
-Sie fuhr heftig zusammen, denn in dem Gebüsch hinter ihnen schreckte
-laut ein Reh.
-
-Sie gingen einen anderen Weg zurück. Die Frösche prahlten in den
-Gräben, und eine helle Weihe schwebte über den Wiesen. Swaantje
-schritt vor ihm her. »Mein Gott, mein Gott,« klagte es in ihm; »wie
-schön ist sie, wie wunderschön!« Er sah ihre Nackenlocken an und den
-vornehmen Bogen ihrer Backen und dachte: »Warum lege ich nicht meinen
-Arm um sie, warum küsse ich sie nicht? Sie will es doch so gern.«
-
-Der Weg zwillte sich. Swaantje ging nach rechts. Er faßte sie unter
-den Arm und zog sie nach links. Er hatte vorgehabt, sie an sich
-heranzuziehen und ihren Mund zu küssen; aber als seine Hand wohl die
-Wärme ihres Armes spürte und sein Herz sich doch nicht regte, ließ er
-sie los und ging stumm hinter ihr her, bis der Pfad in den Weg einlief
-und sie nebeneinander gehen konnten.
-
-Da begann Swaantje wieder zu reden: »Du bist mir doch nicht mehr böse,
-lieber Helmold?« Sie errötete, als sie das sagte, und sah ihn halb von
-der Seite an und mit einem Blicke, in dem Sehnsucht und Verlegenheit
-miteinander rangen. Er lächelte sie an und versetzte: »Aber, Swaantje,
-wie kannst du das denken!« Und dabei keuchte es in ihm: »Ja, aber warum
-küsse ich sie denn nicht? Deutlicher kann sie es mir doch nicht zeigen,
-daß sie sich selber zürnt, weil sie mich damals zurückstieß.«
-
-Er kam sich vor wie ein rätselhaftes Tier, das ihm noch niemals über
-den Weg gelaufen war, ein Geschöpf, ebenso unheimlich, wie lächerlich.
-In dumpfem Schweigen schritt er neben ihr her und rauchte.
-
-»Und zwischen dir und Grete ist auch alles wie früher?« fragte endlich
-das Mädchen. Er seufzte und antwortete: »Ja, vollständig.« Nach einer
-Weile fuhr er fort: »Das heißt, es bleibt doch ein Riß, Swaantje; denn
-sieh mal, ich bin damals zerbrochen, und wenn der Bruch auch wieder
-heilte, eine gewisse Schwäche blieb zurück.«
-
-Er räusperte sich, ehe er weiter redete: »Ich habe nämlich, verstehst
-du? ich bin nämlich, ich werde nie wieder das sein, was ich war. Ich
-bin alt geworden damals, zum Greis geworden, wenn ich auch nicht so
-aussehe. Mein Mai ist vorüber, und der Sommer ist hin; ich bin beim
-Grummet, beim dritten Schnitt; ich bin kein voller Mann mehr.«
-
-Er stockte, warf seine Zigarre in einen Tümpel und sprach leiser:
-»Swaantje, ich, weißt du? ja, das ist nun so!« Er zeigte neben den Weg:
-»Ich bin wie die Haide hier, zertreten und kurz, weil lange Zeit Tag
-für Tag graue Gedanken auf mir herumtraten und mich kurz hielten.« Als
-er sah, daß das Mädchen ganz blaß war, setzte er hinzu: »Doch du, liebe
-Swaantje, meine Gefühle dir gegenüber sind die selben geblieben; wenn
-ich auch ein anderer Mann geworden bin.«
-
-Sie antwortete nicht und hatte einen ganz engen Mund. Er sah nach der
-Uhr. »Wir haben noch reichlich Zeit, was sollen wir so lange in der
-muffigen Bude sitzen,« meinte er. »Wollen noch einen Umweg machen.« Er
-schlug den Weg nach einem Birkenwäldchen ein. Die Augen des Mädchens
-belebten sich, und ihr Mund blühte wieder auf.
-
-»So,« sagte er sich; »nun, sobald wir im Walde sind, und ich halte
-Wort, soll sie den Kuß haben, den ich ihr schuldig bin, und mir das
-geben, was sie mir schuldet.« Warm lief es ihm über die Brust, und mit
-heißen Blicken streichelte er ihren Nacken.
-
-»Sieh mal, Swaantje,« sprach er mit zärtlichem Klange; »als wir nach
-dem Tödeloh gingen, nahm ich mir fest vor, dich umzufassen und in mein
-Herz hineinzuküssen. Ich habe dir das schon einmal gesagt; ganz fest
-nahm ich mir das vor. Ich glaube, das wäre für uns beide gut gewesen.
-
-Vielleicht war es aber damals noch zu früh, weil du glaubtest, du
-liebtest den andern noch, obgleich ich damals schon wußte, oder
-vielmehr ahnte, daß es nicht so war.« Sie antwortete ganz leise: »Aber
-ich habe dir doch niemals etwas gesagt, lieber Helmold.« Er schüttelte
-den Kopf: »Nein, so schwer dir das auch wurde.« Sie seufzte und er fuhr
-fort: »Das war stark von dir, und ich achtete dich darum hoch; aber
-klug war es nicht. Es hat uns beide zerbrochen.«
-
-Sie sah ihn demütig an: »Aber ich konnte doch nicht anders, Helmold!«
-Er lächelte sie zärtlich an, so daß sie rot werden mußte. »Nein,
-Geliebte, du hast keine Schuld, und ich auch nicht. Sieh mal, ich kann
-dich nicht so behandeln wie andere Frauen; du bist so ganz anders, und
-ich empfinde dir gegenüber auch ganz anders! Im Tödeloh solltest du
-mein sein, ganz mein sein, das hatte ich mir auf Ehrenwort versprochen,
-und ich mußte es brechen, denn mein inneres Wollen stieß meinen äußeren
-Willen beiseite.« Das Mädchen atmete schwer und drängte sich dichter an
-ihn, denn der Weg war nur eben breit genug für sie beide.
-
-Da, wo der Weg sich teilte, kam ihnen ein stattlicher, sehr anständig
-gekleideter Zigeuner zwischen zwei jungen, grell aufgeputzten Weibern,
-die beide guter Hoffnung waren, entgegen. Helmold kannte den Mann;
-er blieb stehen und rief: »Na, Jorgas Michali, wohin und woher?« Der
-Zigeuner lachte und sagte: »Von der Windwiege nach dem Windgrabe,
-Herr Maler.« Die Weiber sahen Swaantje an, wie ein Heiligenbild. »Na,
-welche von beiden ist denn deine Frau?« fragte Helmold. Der Zigeuner
-grinste: »Beide, Herr Maler!« Hagenrieder lachte: »Vertragen sie sich
-denn?« Jorgas' Raubtiergebiß blitzte aus dem schwarzen Krausbarte
-heraus: »Wollt' sie kuranzen, wenn nicht,« sagte er und machte eine
-Bewegung mit der Hand, als wenn er eine Peitsche darin hielte, und die
-Frauen lachten. Der Maler gab ihm eine Zigarre und jeder der Frauen ein
-blitzblankes Markstück. Sie küßten ihm die Hände. »Viel Glück, Herr,«
-riefen sie, verbeugten sich vor Swaantje und setzten hinzu: »und deiner
-scheenen Frau ville Kinder!«
-
-Als die Zigeuner hinter den Büschen verschwunden waren, fragte Swaantje
-leise: »Sind das wirklich beides seine Frauen?« Ihr Vetter nickte.
-»Natürlich; er hat vielleicht noch ein paar. Jorgas Michali ist einer
-der reichsten Häuptlinge; er hat drei große Häuser bei Berlin und
-Geld auf der Bank. Und er hat eine schwere Hand. Horch, wie schön der
-Kuckuck ruft! immer dreimal.« Er deutete nach dem Birkenwäldchen, in
-dem der Kuckuck läutete und die Zippe schlug.
-
-Vor seinen Augen tanzten goldene Flammen, sein Herz schlug fieberhaft,
-und der Atem pfiff ihm im Kehlkopfe. »Drei Schritte noch,« dachte er,
-»drei Schritte noch, und ich küsse sie, und nehme sie mir.« Gerade
-wollte er den Mund öffnen, um »Swaantje, meine Swaantje!« zu sagen, da
-stand ein alter Bauer vor ihnen, der ihnen freundlich die Tageszeit bot
-und sagte: »Na, dennso kriege ich noch feine Begleitung auf den Weg.«
-Helmold wußte nicht, ob er dem Manne danken oder fluchen sollte; er
-hörte nur mit einem Ohre auf das, was er erzählte, und wußte nicht, ob
-er sich bedauern oder beglückwünschen sollte. Mit Gedanken, so umrißlos
-wie Wacholderbüsche im Herbstnebel, kam er im Kruge an.
-
-Das Abendessen verlief anfangs recht still, obgleich Helmold sich alle
-Mühe gab, das Mädchen aufzumuntern; doch da er, wie er wußte, um das,
-was Swaantje am meisten am Herzen lag, herumgehen mußte, kam ihm jedes
-Wort, das er sprach, unehrlich und verlogen vor. So war er froh, als
-die Kastenuhr dreiviertel auf sieben meldete. »Noch zwanzig Minuten,«
-sagte das Mädchen, und er fügte hinzu: »Ja, es ist schade, daß wir nur
-die paar Stunden für uns hatten; wir haben uns so lange nicht gesehen.«
-Sie sah ihn an und ihre Augen fieberten. »Ja, wenn sie mir den Wagen
-nicht zur Bahn schickten,« sagte sie, schwieg einige Zeit und fuhr
-fort: »Ich hätte so gern einmal Stillenliebe gesehen und länger mit dir
-geplaudert. Wer weiß, wann wir uns nun wiedersehen. Muhme Gese will
-nach Karlsbad, und ich muß wohl mit.« Mit einer hastigen Bewegung, die
-so gar nicht ihrem wirklichen Wesen entsprach, haschte sie nach seiner
-Hand, die auf dem Tische lag, führte aber ihre Absicht nicht aus, da er
-vor sich hinbrütete, sondern drehte die alte Tasse um, als wollte sie
-sich die Aufschrift ansehen.
-
-»Wollen gehen,« sprach sie dann matt und sah nach der Uhr. Er half ihr
-in den Mantel hinein und klingelte dem Wirte. Der ließ die Türen hinter
-sich offen, und während Helmold bezahlte, klang aus der Gaststube
-lauter Gesang herüber. Swaantje wurde kreidebleich, als sie das Lied
-erkannte; es war das, was Helmold ihr gesungen hatte, als er mit ihr
-zum Tödeloh ging, das kecke Lied von dem Jäger und der Jungfrau im
-schlohweißen Kleid. Ihre Augen wurden starr, und ihre Lippen verkrochen
-sich, als es hinter ihnen herklang: »Denn deine Unschuld und die mußt
-du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid, eins zwei.«
-
-Der Zug hatte Verspätung. Sie lehnten an dem Geländer. Swaantje sah
-nach der alten Kiefer hin, die ihr düsteres Haupt hinter einem moosigen
-Giebel erhob, und ihr Vetter betrachtete ihr Gesicht und wunderte sich
-über sich selber. Plötzlich kehrte sie sich zu ihm: »Nun habe ich die
-Hauptsache beinahe vergessen, lieber Helmold!« Sie drückte ihm die
-Hand. »Ich danke dir viele Male für das Bild, viele Male!« Ihre Augen
-wurden dunkel. »Du glaubst gar nicht, wie ich mich darüber gefreut
-habe!« Wieder drückte sie seine Hand. »Ich dachte, du wärest mir böse
-gewesen. Bist du das auch ganz gewiß nicht mehr?«
-
-Er wußte nicht, was er sagen sollte, und lächelte sie an, als er den
-Kopf schüttelte, und er wußte, sein Lächeln mußte gefälscht aussehen.
-»Ich bin dir nie böse gewesen, und wenn ich es einmal war, so redete
-ich mir das ein, weil ich dir einen Begriff unterlegte, der nicht auf
-dich paßte, dich als Weib schlechthin und nicht als das sehen wollte,
-was du bist!« Etwas heiser klang seine Stimme, als er das sprach.
-
-Der Zug lief ein. »Schade, daß du nicht mitkannst, lieber Helmold,«
-sagte Swaantje und umklammerte seine Hand; »in Bockshorn habe ich
-fast eine Stunde Aufenthalt.« Helmold fühlte, daß ihm das Blut in das
-Gesicht schoß. »Einsteigen!« rief der Schaffner. Helmold half dem
-Mädchen in das Abteil und stieg auf den Tritt. »Lebe wohl, lieber,
-guter Helmold,« flüsterte sie und beugte sich zu ihm herunter, als
-wollte sie ihn küssen. Aber da schrillte die Pfeife, und eine harte
-Stimme schnarrte: »Abfahren!« Er hatte eben noch Zeit, ihre Hand zu
-küssen, und er küßte sie, daß sie seine Zähne fühlte, dann schlug der
-Schaffner die Tür zu, und der Zug ruckte an.
-
-Swaantje stand an dem offenen Fenster, stützte den Ellenbogen auf die
-Fensterleiste und hielt den Rücken ihrer rechten Hand, den Helmold
-geküßt hatte, an die Lippen. Ihr Gesicht war ganz weiß, ihre Augen
-sahen schwarz aus, und sie lächelte, daß Helmold elend zumute wurde.
-Der Zug fuhr ab; das Mädchen nickte ihm zu, küßte ihren Handrücken und
-gab ihm so seinen Kuß zurück, und nickte und winkte, solange ihr Vetter
-in Sicht blieb, und ehe der Zug hinter den Bäumen verschwand, grüßte
-sie ihn noch einmal mit ihrem Tuche.
-
-Das Schlußlicht des Zuges war schon lange unsichtbar, da stand er
-noch auf der selben Stelle und starrte nach dem Walde hin. Er ballte
-die Faust, denn er hätte sich am liebsten in das Gesicht geschlagen.
-Er warf sich rohe Schimpfworte zu. »Du Idiot,« schrie es in ihm; »du
-dreimal vernagelter Idiot; wie eine Dirne hast du sie behandelt! Warum
-fuhrest du nicht mit nach Bockshorn? Weil du kein Nachthemd und keine
-Zahnbürste bei dir hattest? Jahrelang wimmertest du hinter ihr her,
-und nun, wo sie daherkommt im Brautkleide, den Myrtenkranz im Haare,
-dachtest du daran, daß der Wagen sie in Weddingen erwarte, und daß du
-dich für morgen mit dem Prinzen verabredet hast, und dabei hatte sie
-gesagt: ›Ich möchte nicht gern zu spät kommen.‹ Bist doch sonst so
-neunmalweise, und merktest nicht, daß das hieß: ›Vorausgesetzt, daß
-du mich daran nicht hinderst, Geliebter!‹ Kauf' dir einen Strick, und
-hänge dich an den ersten besten krummen Birkenbaum am Wege; mehr bist
-du wahrhaftig nicht wert.«
-
-Der ganze Bahnhof drehte sich mit ihm herum, so daß er erst, als er
-schon aus dem Dorfe heraus war, daran dachte, daß er sein Rad im Kruge
-hatte. Er ging zurück, suchte es im Hausflur und im Stalle, bis ihm
-einfiel, daß es im Schuppen stand. Endlich hatte er es. Ein quälender
-Durst trocknete ihm den Hals aus; er wollte schon in die Gaststube
-treten, ließ es aber und fuhr zum Dorfe hinaus. Ganz sicher fuhr er,
-ohne auf die Sandstellen und Löcher im Wege zu achten, und so rasend,
-daß die Leute, die ihm entgegenkamen, ihm verwundert nachsahen. Aber
-in der Haide mußte er stoppen; sein Herz schlug ihm zu grob gegen die
-Brust.
-
-Er sah über das dämmernde Land, an dessen Rande ein Ferngewitter
-seine blutigen Witze riß. In einem schwarzen Wacholderbusche war
-ein weißer Fleck; wie ein menschliches Gesicht sah es aus. »Das ist
-meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje,« obgleich er
-ganz genau sah, daß es der Stamm einer Birke war. Einzelne warme
-Regentropfen fielen. »Jetzt weint meine Swaantje,« dachte er, »meine
-geliebte Swaantje.« Ein Windstoß bewegte die weißen Zweige der Birken.
-»Meine Swaantje ringt ihre Hände,« dachte er, »meine liebe, geliebte
-Swaantje.« Einmal huschte so etwas wie Genugtuung über sein Herz, und
-es war ihm, als wenn er dachte: »Nun habe ich die Rache für meine
-Tränen«; aber dieser Gedanke wurde sofort vom Winde fortgewirbelt.
-
-Es begann stärker zu regnen; die Birkenbäume stellten sich wie
-wahnsinnig an, und die Wachholder taten so, als wenn sie weglaufen
-wollten; in der Ferne murmelte das Gewitter unverständliche Drohworte.
-Die Regentropfen klatschten Helmold auf Gesicht und Hände und schlugen
-ihm durch die Hose. Siedehitze kribbelte ihm unter dem Hute, und über
-seinen Rücken lief ein eisiger Schauer.
-
-Vor sich sah er den Schneekrug; er blickte ihn mit zwei leuchtenden
-Augen so einladend an, daß er absprang und sein Rad hinter die Krippe
-stellte. Er besann sich einen Augenblick, ob er eintreten oder ob er
-weiter fahren sollte, aber der Regen stürzte nur so aus dem Himmel,
-und das Gewitter begann sich deutlicher auszudrücken. So schwenkte er
-seinen Hut aus und trat ein.
-
-Er hatte noch niemals im Schneekruge vorgesprochen, aber er war
-dort sofort zu Hause; es war eine Wirtschaft noch ganz von der
-alten Art, mit brauner Balkendecke, Kugelfußtisch und den bunten
-Bildern an den verräucherten Wänden, die des Jägers Hochzeit, Taufe,
-Grab und Auferstehung darstellten, und die noch nicht von Plakaten
-verscheußlicht und von einer Musikmaschine veralbert war.
-
-»'n Abend zusammen!« rief er, »binnen is 't besser als buten,« und
-nahm an dem Tische unter der Hängelampe, an dem schon drei Bauernsöhne
-saßen, Platz. »Mehrste Heu rein?« fragte er, als er seinen Kümmel und
-sein Bier getrunken hatte. Die Bauern nickten, und bald war er mit
-ihnen im besten Erzählen.
-
-»Ordentlich kalt geworden,« sagte der eine, und schüttelte sich. »Da
-ist Grog gut für,« versetzte er und bestellte eine Runde; »aber nicht
-mit so viel Wasser, sonst wird er zu kräftig,« setzte er hinzu, und die
-Männer lachten. »Auf einem Glase kann man nicht gut stehen,« meinte
-er, als die Gläser leer waren, und eine zweite Runde kam, und dann die
-dritte.
-
-»Haben Sie's große Loos gewonnen?« fragte der eine Bauer, der ein
-Gesicht hatte, als trüge er für gewöhnlich den Offiziersrock.
-»Jawollja,« rief der Maler, »aber ich habe es vor der Ziehung verloren.
-Das macht aber nichts. Herr Gastwirt, noch ein' Rundgang!«
-
-Es kamen noch vier Gäste, die nach Ohlenwohle wollten, aber von dem
-Gewitterregen in den Krug gejagt waren, und nun wurde es ganz lustig,
-denn zwei davon kannte Helmold. Rundgesänge wurden angestimmt,
-und dazwischen Witze zum besten gegeben, daß der Saft bis an die
-Deckenbalken spritzte. So wurde es fast zwei Uhr, als er fühlte, daß
-er nichts mehr trinken durfte, wollte er sich in der Hand behalten. Es
-regnete immer noch, und es war so dunkel, daß er nicht daran denken
-konnte, zu fahren; so blieb er im Kruge.
-
-Er schlief sofort ein, als er in dem Bette lag, und wachte erst auf,
-als die Uhr acht schlug. Frisch und munter kam er in die Gaststube,
-lachte den Wirt, der über Haarweh klagte, aus, aß tüchtig, trank einen
-großen Schnaps dazu, machte die Zeche glatt, steckte sich eine Zigarre
-an und fuhr mit leichtem Herzen davon.
-
-Es war ein bildschöner Morgen. Am Himmel war keine einzige Wolke, die
-Sonne lachte, die Vögel sangen, was sie nur konnten. »Heute müßte
-Swaantje kommen, heute,« dachte er, während er durch die Pfützen
-sauste, daß das Wasser spritzte; »heute bin ich ein anderer Kerl!« Er
-kam sich gar nicht mehr so alt und kalt und abgestanden vor und stellte
-sich für sein gestriges Verhalten ein gutes Zeugnis aus. »Denn,« sagte
-er sich, »gestern litt ich an allgemeiner geistiger Körperschwäche und
-war wirklich nicht hochzeitsmäßig gekleidet.«
-
-Dann dachte er, wie häßlich und dumm die äußeren Umstände waren, falls,
-ja, falls er Swaantje bei alle den deutlichen Worten genommen hätte,
-die sie nicht ausgesprochen hatte. Und er sah ein weißes Haus, das lag
-vor einem grünen Walde, in dem viele Nachtigallen schlugen, und oben
-in dem Hause war ein Zimmer mit roten Rosen auf den Fenstervorhängen,
-und in dem Zimmer standen zwei Betten nebeneinander, und weiter kam er
-nicht mit seinen Augen, konnte sich den Rest nur denken.
-
-Er schleuderte seine Zigarre in den Graben; sie schmeckte ihm bitter,
-und er lachte sich selber aus, weil er einsah, daß er blanken Blödsinn
-gedacht hatte. »Wenn du sie liebtest, mein Lieber,« so spöttelte er,
-»dann wäre es dir gleich, ob das Haus weiß oder eselgrau wäre, und ob
-es im Walde stände oder zwischen Straßenbahngeleisen. Du würdest dann
-überhaupt nicht denken; nein, so unkeusch wärest du nicht; handeln
-würdest du. Du liebst ja Swaantje gar nicht mehr; Swaantje ist tot. Du
-hast sie in den Sarg gelegt, und den hast du zugenagelt und als Eilgut
-zur Eisenbahn geschickt, samt deiner Liebe; das, was du dafür hältst,
-das ist das Gespenst deiner Liebe, das auf dem Kirchhofe herumspukt und
-dein totes Herz beunruhigt. Streue Kümmelsamen hinter dich, damit der
-Spuk zurückbleiben muß!«
-
-Er nickte; es war so. Er sah sich in seiner Werkstatt stehen und
-Swaantjes Bildnis in einen Sarg betten, in einen flachen Sarg, der aus
-weißen Brettern zusammengeschlagen war; und ein Dienstmann mit roter
-Nase holte ihn ab, legte ihn auf einen Karren und fuhr ihn fort, den
-Sarg, Swaantje und Helmolds heiße Liebe zu ihr.
-
-Einst hatte er um Swaantje geweint; nun galten seine Seufzer seiner
-toten Liebe.
-
-
-
-
-Die Panne
-
-
-In der nächsten Zeit kam er aber nicht dazu, an Swaantje und an seine
-verstorbene Liebe zu denken und an sich selber, denn das Leben warf so
-schwere Wellen gegen sein Dasein, daß alle seine leisen Gedanken von
-dem Rauschen und Brausen überbrüllt wurden.
-
-Zuerst nahm ihn die Arbeit für das Schauspielhaus mit Leib und Seele in
-Anspruch. Wenn er sich auch manchmal vorgeredet hatte, daß seine Kunst
-ihn, seitdem er es darin zur Meisterschaft gebracht hatte, langweile,
-das war doch nicht der Fall, besonders bei diesem Auftrage.
-
-Er hatte völlig freie Hand, sowohl was den Inhalt anbetraf, wie in der
-Behandlung. Der Direktor Meier setzte ihm gar keine Schranken, und
-die Bankleitung, die hinter dem Unternehmen stand, erst recht nicht.
-»Machen Sie, was Sie wollen, Herr Geheimrat,« sagte Herr Meier, ein
-blonder Jude, einst ein beliebter Tenor, nun infolge einer reichen
-Heirat Millionär, »Sie werden schon das Richtige treffen.«
-
-Sie saßen hinter einer Flasche Wein, als Meier so sprach. »Sie haben
-gut reden,« meinte der Maler; »früher glaubte ich, Schrankenlosigkeit
-sei das beste für mich. Jetzt sehe ich ein, daß ein gewisser Zwang viel
-bequemer ist.« Der andere nickte: »Glaub' ich; geht mir auch so. Wissen
-Sie, was habe ich früher oft geflucht, wenn ich gerade das singen
-mußte, was zu meiner Stimmung so paßte, wie der Igel zum Schnupftuch.
-Jetzt, wo ich nur ab und zu in Konzerten singe, und singen kann, was
-ich will, macht mir die Sache eh' keinen Spaß mehr. Das ist genau so,
-wie mit der Liebe. Solange ich ledig war, konnte ich davon haben,
-soviel ich wollte, machte mir aber nichts daraus, und ich kann Ihnen
-sagen, es waren Weiber darunter, erstklassig! Na, und jetzt? Der Mensch
-ist das meschuggenste Tier. Meinen Sie nicht auch?«
-
-»Stimmt,« sagte Hagenrieder. Er wünschte, daß Meier ihm die Stoffe
-vorschriebe, meinte er dann. Aber der lachte und sagte: »Zerbrechen Sie
-sich Ihren Kopf gefälligst darüber, was Sie malen wollen, und nicht
-meinen; krieg ich das Honorar oder Sie? Malen Sie nur nicht so, daß
-jeder Esel glaubt, er müsse sich dabei wer weiß was denken. Im Theater
-soll das Volk nicht denken, sonst wird es gefährlich. Fühlen soll es
-und das bar bezahlen, im Vorverkauf mit Rabatt. Dann ist das Geschäft
-richtig.«
-
-Der Maler lächelte, weniger über das, was der andere sagte, als
-darüber, was diese Worte in ihm locker machten. Er war lange
-überzeugter Antisemit gewesen, bis er einsah, daß damit die Judenfrage
-nicht zu lösen wäre, und daß dieses Volk für die Germanen bitter
-notwendig sei, damit sie sich an dessen Emsigkeit aus ihrer angeborenen
-Trägheit emporärgerten. »Und außerdem,« fiel ihm nun ein, »sie sind
-doch gewaltige Umwerter und Anreger trotz oder vielmehr wegen ihrer
-völligen Unproduktivität. Produktive Nichtproduzenten! Wie Figura
-zeigt.«
-
-Denn die Worte des Direktors hatten ihn auf den Weg gebracht. Er sah
-die Wände, die ihm zur Verfügung standen, sich mit Bäumen, Blumen und
-Gestalten beleben, bei deren Anblicke der Fröhliche noch fröhlicher
-wurde und der Betrübte seine Traurigkeit vergessen mußte. Eine Welt
-wollte er malen, die leichte Herzen noch höher hob und schwere von
-ihrer Unbeholfenheit befreite.
-
-Und das gelang ihm auf das beste. Als Meier die Entwürfe sah, bekam
-er einen ganz roten Kopf und sagte: »Hab' ich es Ihnen nicht gesagt,
-daß Sie was können? Wissen Sie was? Ihre Bilder sind allein das Entree
-wert! Wahrhaftig, wenn ich nicht solch Theaternarr wär', möcht' ich das
-Geld meiner Frau in Ihnen anlegen. Ob ich 'n Geschäft mach'?«
-
-Mit ganzem Herzen ging Hagenrieder an die Ausführung und hatte eine
-Freude wie ein Kind, als seine Vorstellungen Form und Farbe annahmen.
-Am meisten freute er sich darüber, daß er nur Schaffenslust, aber kein
-Arbeitsfieber beim Malen hatte; er aß und schlief wie ein Junge, war
-ein netter Gatte und Vater und dachte an seinen Auftrag bloß, wenn
-er auf dem Gerüste stand. Alles, was er liebte und geliebt hatte auf
-der Welt, brachte er auf die Wände, und so bedeckten sie sich mit
-viel Licht und Sonne, und wer sie ansah, dem hob sich das Herz. »Herr
-Geheimrat,« sagte ihm eines Morgens einer der Tischler, »gestern
-hatte ich einen schweren Ärger gehabt und wollte mir eigentlich einen
-andudeln; aber da sah ich mir ihre Bilder an und mir wurde gleich
-besser, und so bin ich denn vernünftig gewesen.« Die Tage, Wochen und
-Monde flogen dahin, wie die Schwalben, und kaum einmal kam Hagenrieder
-dazu, auf sich und sein Leben hinabzusehen. Einmal war Swaantje auf
-einen Tag gekommen; Karlsbad hatte auch ihr gut getan, und sie sah
-frisch und blühend aus. Deswegen und weil er ganz in seiner Arbeit war,
-zerwehte der Besuch ihm die Stimmung nicht, zumal er keinen Augenblick
-mit ihr allein blieb. Als das Mädchen schrieb, sie käme, hatte er zu
-seiner Frau gesagt: »Tu mir den Gefallen, Grete, und laß mich mit ihr
-nicht allein,« und als seine Frau nickte, fuhr er fort: »Das arme
-Mädchen! So ganz allein zu sein, das ist eigentlich das Schrecklichste,
-was es gibt.«
-
-Einige Tage darauf hatte Direktor Meier ihn und seine Frau eingeladen.
-Als Helmold gerade den Frack anziehen wollte, kam Grete hereingestürzt,
-ganz unglückliche Augen in dem kreideweißen Gesicht, die linke Hand auf
-dem Herzen und ein großes Schriftstück in der anderen. »Nanu?« rief er,
-»was ist denn los?« Sie hielt ihm das Papier hin, setzte sich auf das
-Bett und fing hellauf zu weinen an. »Lieber Helmcke,« schluchzte sie,
-»um Gotteswillen, da, lies, ich habe, denke dir, wir haben, von Ohm
-Mette haben wir fünfhunderttausend Mark haben wir geerbt.« Kaum hatte
-sie das gesagt, so fiel sie in Ohnmacht.
-
-»Verdammter Blödsinn,« knurrte ihr Mann; »mußte der Esel von Anwalt
-das auch jetzt gerade schicken!« Er klingelte nach dem Mädchen und
-brachte mit ihr zusammen seine Frau zu Bett. Sie erwachte bald wieder,
-sagte aber, ihr sei so schlecht, daß sie ihn nicht begleiten könne.
-Er fühlte, daß ihr Herz zu eifrig arbeitete und ließ Benjamin rufen.
-Der kam sofort, untersuchte den Herzschlag und verordnete ein leichtes
-Schlafmittel, machte einen Umschlag und sagte lächelnd: »Na ja, liebe
-Frau Hagenrieder, wer kann für Malhör! Morgen werden Sie den Schlag
-verwunden haben.« Als er aber mit ihrem Manne allein war, sprach er:
-»Hagenrieder, sie hat kein gesundes Herz von Hause aus. Wer hätte das
-gedacht; solche blühende Frau! Also immer nett und freundlich zu ihr
-sein, und sie mit Ihren Privatsorgen verschonen! Sie hat reichlich
-viel Aufregungen und Kummer gehabt in den letzten Jahren.« Am anderen
-Tage war sie aber schon wieder ganz vergnügt und freute sich in ihrer
-kindlichen Weise über das viele Geld, und ihr Mann tat so, als ob ihm
-auch so viel daran gelegen wäre, obgleich das durchaus nicht der Fall
-war. Es war ihm natürlich angenehm, daß die Zukunft seiner Frau und
-Kinder gesichert war, aber die Menge von Schererei, die die Erbschaft
-mit sich brachte, weil ein Teil davon in Häusern und Grundstücken
-bestand, war ihm sehr lästig, und es war ihm äußerst unbequem, daß er
-deswegen mehrere Reisen machen mußte.
-
-Er hatte seine Frau gebeten, den Kindern nichts von der Erbschaft zu
-sagen, aber sie hatten es in der Schule gehört, und Swaan sowohl wie
-Swenechien trugen die Nasen nun noch einmal so hoch. Das verdroß ihren
-Vater über die Maßen, und als der Junge eines Tages fragte: »Kaufen wir
-uns nun ein feineres Haus?«, da fuhr er ihn recht grob an und fauchte:
-»Wir? welcher Wir? Glaubst du, das Geld gehöre dir mit? In diesem Hause
-ist deine Mutter zur Welt gekommen, und es entspricht der Stellung
-deines Vaters vollkommen. Glaubst du, wir sollen uns mit solcher
-Protzscheune lächerlich machen wie Noltens, als sie das große Loos
-gewannen und sich gleich einen Nagel in den Kopf traten?«
-
-Swaan bekam einen feuerroten Kopf und würgte an seinem Bissen herum;
-dann aber sah er Swenechien an und lächelte heimlich. Hagenrieder hatte
-es schon öfter bemerkt, daß die Kinder über ihn lachten, wenn er ein
-derbes Wort oder einen klobigen Vergleich gebrauchte, und anfangs hatte
-er sich darüber gegrämt. Seitdem sein Herz aber kälter geworden war,
-war es ihm gleichgültig, wie seine Kinder sich zu ihm stellten; er
-wußte es, daß es sein Schicksal war, allein zu bleiben.
-
-In der ersten Zeit nach der Auszahlung der Erbschaft hatte Grete
-einen Anfall von Einkaufsfieber gehabt; das hatte sich jedoch sehr
-bald gelegt. Sie quälte ihn eine Zeitlang mit der Bitte, sich etwas
-zu wünschen, bis er schließlich sagte: »Eine gute Doppelbüchse mit
-Sicherheitsverschluß für rauchloses Pulver und Mantelgeschoß, elf
-Millimeter, Nickelmantel und Stahlkern, die hätte ich schon lange gern
-gehabt; war mir bloß immer zu teuer.« Er bekam sie zum Geburtstage,
-und er überlegte lange, was er seiner Frau schenken solle, bis er
-hörte, daß das Nachbargrundstück verkauft würde. Da erwarb er den
-größten Teil des Gartens von dem Gelde, das er für die Ausmalung des
-Schauspielhauses bekommen hatte, schickte seine Frau und die Kinder auf
-acht Tage nach Swaanhof, ließ den Zaun abreißen und die Neuerwerbung
-in den alten Garten hineinziehen. Grete bekam nasse Augen, als sie am
-Morgen ihres Geburtstages von ihm in den Garten geführt wurde, denn
-ihr Vater hatte einst, als er Verluste gehabt hatte, die Hälfte seines
-Grundstückes an den Nachbar abgetreten, und jedesmal, wenn sie über
-den Zaun sah, tat ihr das Herz weh, denn gerade das Stück jenseits des
-Gatters war früher ihre liebste Spielecke gewesen. »Du einziger Mann,«
-rief sie, und küßte ihn wie in der Flitterwochenzeit. »Aber nun darf
-ich dir auch etwas recht Schönes schenken, nicht wahr?« jubelte sie;
-»einen kapitalen Elch und einen Hauptbären? Bitte, bitte!«
-
-Er nahm lachend an; er wollte ihr die Freude nicht verderben. Vor fünf
-Jahren hätte er ein Indianergeheul ausgestoßen, hätte er auf Elch
-oder Bär jagen dürfen; nun waidwerkte er nur noch aus Gewohnheit, und
-um mit Anstand den Asphalt hinter sich liegen lassen zu können. Wenn
-er mit seiner Frau durch den Stadtwald ging, und die Ulenflucht kam
-heran, dann sagte er wohl aufseufzend: »H' ach, ich muß doch einmal
-wieder hinaus!« War er dann im Wald und auf der Haide, dann gab er sich
-wenig Mühe um Bock und Hirsch, und wenn er den Finger krumm machte,
-dachte er: »Hoffentlich hört es den Knall nicht mehr, daß ich es nicht
-abzufangen brauche!« Mußte er es dennoch tun, so ekelte ihn das auch
-nicht weiter; nur der Gedanke daran war ihm unbequem.
-
-Er fuhr schließlich mit dem Prinzen nach Rußland, legte auch einen
-sehr starken Elchhirsch auf der Pürsche aus freier Hand auf die Decke,
-schoß einen fast ebenso guten vor den Hunden, regte sich aber so wenig
-dabei auf und schoß so kalt wie auf eine Geltricke, so daß er sich
-sagte: »Den Bären will ich nun nicht mehr; erstens mache ich mir aus
-dem Totschießen gar nichts mehr, und zweitens hat mir der Bär zu viel
-Gemüt.« Der Prinz lächelte und sagte: »Du auch? Mir geht es ebenso.«
-
-Nach einer gut gelungenen Saujagd saß Helmold mit ihm im Jagdhause
-vor dem brennenden Kamine. Das Gespräch tropfte langsam. Mehrere Male
-schien es dem Maler so, als ob der andere etwas auf dem Herzen habe,
-aber er fragte nicht; niemals waren zwischen ihnen persönliche Dinge
-zur Sprache gekommen; immer nur hatte sich die Rede um Jagd, Kunst,
-Literatur, Musik, Philosophie, Religion und Politik gedreht. Der Prinz
-wußte, daß Annemieken Hagenrieders Geliebte war; er ahnte auch, daß
-zwischen seinem Freunde und Swaantje ein Gewitter niedergegangen war;
-doch nie hatte er ein Wort darüber verloren.
-
-Helmold war manches rätselhaft an Samlitz, den er von der Quarta an
-kannte, aber er hatte niemals darüber nachgedacht. Jetzt, wo er in
-seinen Augen eine schüchterne Bitte zu sehen meinte, fiel ihm ein, daß
-er es noch nie bemerkt hatte, daß dieser große, ebenmäßig gewachsene
-Mann mit dem Apollogesicht einen weiblichen Mund und unmännliche
-Augen hatte, und es fiel ihm ein, daß Brüne so gut wie nie über
-Frauen sprach, ihre Gesellschaft möglichst vermied und auch von ihnen
-wenig beachtet wurde, und daß er ihn sich mit einer Frau im Arme
-schlechterdings nicht vorstellen könne. Er war aber von dem langen
-Wege im hohen Schnee so müde, daß der Gedanke, der in ihm aufstieg,
-verschwunden war, ehe er ihn genau ins Auge gefaßt hatte. Am anderen
-Morgen fand er die stumme Bitte nicht mehr in den Augen des Prinzen
-und wunderte sich auch nicht, daß dieser ihm länger und fester, denn
-je, die Hand drückte und sagte: »Lebe wohl, und auf ein schönes
-Wiedersehen!«, denn Brüne hatte ihm gesagt, er habe eine längere Reise
-vor.
-
-Drei Tage später, als er mitten in der Arbeit war, hörte er, wie die
-vierschrötige Magd in ihrer groben Weise sagte: »Unser Herr ist für
-niemand nicht zu sprechen«, und als er aus dem Fenster sah, mußte er
-lachen, denn da stand Klaus Ruter, den Wolkenschieber auf die Nase
-gezogen, einen grünen Schal um den Hals und in Kniestiefeln, wischte
-mit einer einzigen Bewegung seiner ungeheuren Hand das Frauenzimmer
-beiseite und knurrte: »Ich bin auch kein Niemand nicht; ich bin der
-Vorsteher von Stillenliebe und ein Duzfreund zu deinem Herrn, daß du's
-weißt,« und damit stieg er breitspurig quer über die verschneiten
-Beete, und die Magd machte Augen wie eine Kuh, wenn es donnert.
-
-Helmold riß die Tür auf und rief: »Sieh, das ist ja fein, daß du dich
-wieder mal hergefunden hast, Rutersklawes; nun riecht es hier doch mal
-wieder nach Stillenlieber Torf!« Der Bauer sah sich um, stellte seinen
-Eichheister in die Ecke, drehte dann den Schal von dem Halse und sagte:
-»Du mußt nicht für ungut nehmen, daß ich hier so hereinkomme, wie ich
-bin; ich hatte ein eiliges Geschäft und konnte mich nicht erst fein
-machen.« Hagenrieder lachte, drückte ihn in einen Sessel und sagte: »Du
-bist mir in Joppe und Kniestiebeln lieber als der König von Spanien in
-Frack und Lackschuhen. Hast du schon gefrühstückt?« Ruter schüttelte
-den Kopf, und so bestellte der Maler ein handfestes Frühstück.
-
-Der Bauer sprach erst von der Jagd, dann davon, daß das Dorf im
-nächsten Jahre eine Haltestelle bekommen würde, und daß die Wirtschaft
-in Ohlenwohle abgebrannt sei, und der alte Hillmers vom Schneekruge
-hätte tags zuvor das Zeitliche gesegnet, und als er Messer und Gabel
-hingelegt und seinen Schlußschnaps getrunken hatte und die Zigarre
-anbrannte, sah er Hagenrieder etwas verlegen an, räusperte sich
-und sprach: »So, weswegen ich hergekommen bin: es hat sich etwas
-Unliebsames bei uns begeben, oder vielmehr ein Unglück.« Helmold riß
-die Augen auf: »Mit Annemieken?« Klaus schüttelte den Kopf. »Nein,
-der geht es gut, soviel ich weiß. Das heißt, ich habe sie manchen
-Donnerstag nicht gesehen; denn wann komm' ich mal nach dem Osterhohl!«
-Er drückte an seiner Zigarre, obschon die sehr gut brannte. »Es handelt
-sich um den Prinzen.« Hagenrieder wurde es leichter um das Herz; denn
-wenn Annemieken ihm seit längerer Zeit nur noch eine Freundin war,
-oder vielmehr eine Zuflucht, war ihm die Stadt zu bunt und ihr Volk
-zu laut, ihr Schicksal lag ihm doch sehr am Herzen, und er hatte sich
-etwas erschrocken, als er sie das letztemal blaß und mager vorgefunden
-hatte. Als Ruter nun ganz trocken fortfuhr: »Das heißt, ich glaube, daß
-es sich um ein Unglück handelt, und daß er nicht selber Hand an sich
-gelegt hat«, da wunderte Hagenrieder sich, wie wenig ihn das zuerst
-berührte.
-
-Als Ruter sich aber verabschiedet hatte, kam es Helmold kalt in
-seiner Werkstätte vor. Er zog die Schieblade auf, in der er seine
-Skizzenbücher verwahrte, nahm ein grünes Heft heraus, schlug es auf,
-besah lange das Blatt, auf dem der Prinz in voller Gestalt zu sehen
-war, und die, auf denen sein Gesicht abgezeichnet war, setzte sich vor
-den Kamin, stützte den Kopf in die Hände und sann lange nach, sich
-dabei bittere Vorwürfe machend.
-
-»Ich hätte ihn doch fragen müssen; seine Augen baten so sehr darum,«
-dachte er; »vielleicht lebte er dann noch.« Denn er wußte, es war ganz
-ausgeschlossen, daß ein Unfall vorlag; so sorgsam, wie Samlitz, ging
-kein Mensch mit Schußwaffen um. Ein einziges Mal hatte er ihn grob
-werden sehen; das war, als ein Jäger beim Treiben mit dem Gewehr durch
-die Schützenlinie zog. »Ist Ihre Waffe nicht geladen?« hatte er den
-Herrn gefragt, und als der ein verwundertes Gesicht machte und sagte:
-»Natürlich!«, kam die eiskalte Antwort: »Na, dann benehmen Sie sich
-bitte dementsprechend!«
-
-Es stand für ihn fest, daß Samlitz Selbstmord verübt hatte. Er sann
-vergeblich darüber nach, was der Beweggrund dafür gewesen wäre.
-Mangel an Geld oder Schulden kamen nicht in Frage; seit fünf Jahren
-war der Prinz sehr reich. Irgend eine schlechte Tat konnte auch
-nicht vorliegen, denn er war ein zu gefestigter Mann, um sich einer
-Leidenschaft hinzugeben. Helmold hatte ihn oft deshalb bedauert.
-Niemals hatte er bemerkt, daß Brüne mehr als drei Glas Wein auf einem
-Sitz trank, und über zwei Zigarren und eine Zigarette brachte er es
-keinen Tag. Auch konnte kein Weib die Ursache dieses unpathetischen
-Trauerspiels sein, weder mittelbar noch unmittelbar. »Vielleicht liegt
-doch ein Unglücksfall vor,« dachte er schließlich.
-
-Am folgenden Tage wußte er, daß das nicht der Fall war. Zwar war
-Samlitz unter einer Wildkanzel gefunden worden, aber gerade das machte
-Hagenrieder stutzig; denn daß der Prinz mit geladener Büchse den
-Hochsitz erstiegen haben könnte, das war undenkbar. Außerdem saß der
-Schuß zu gut, Mitte Blatt. Aber den Ausschlag gab der Brief, der auf
-dem Schreibtische des Prinzen lag, und der an Hagenrieder gerichtet
-war, einen kleinen Schlüssel und folgende Zeilen enthielt: »Lieber
-Freund, in dem Geheimfache meines Schreibtisches, das du hinter der
-linken Schublade findest, liegt etwas für dich. Lies es, und sei gut
-zu mir, wenn wir uns wiedersehen. Dein Brüne.« In dem Fache lag ein
-versiegelter Umschlag, der Hagenrieders Namen trug und darin war ein
-schmales, in schwarzes Leder gebundenes Büchlein, dessen fünfzig
-Büttenpapierseiten mit der gesucht kräftigen Handschrift des Prinzen
-bedeckt waren.
-
-Als Helmold das Buch zu Ende gelesen hatte, schüttelte er sich;
-das Herz fror ihm. Er hatte geglaubt, sein eigenes Schicksal sei
-schrecklich; das des Freundes war grauenhaft. Nun, da er tot und kalt
-war, fühlte er, daß er ihn liebte, oder daß er ihn jetzt erst lieben
-gelernt hatte. »Barmherzigkeit!« dachte er, »wenn ich das geahnt hätte!
-Wie gern hätte ich ihm, wenn ich ihm auch nicht helfen konnte, die
-Lippen geöffnet, daß er einmal in seinem Leben einem Menschen sein
-Elend klagen und einen Teil davon abgeben konnte.« Immer und immer
-wieder mußte er den Schluß der Niederschrift lesen: »Und weil mir das
-Schicksal bestimmt hatte: du sollst nicht wissen, was Liebe ist, und
-weil es mir keine Fähigkeiten gab, durch die ich der Menschheit nützen
-konnte, und mein Elend dadurch vergessen, so bin ich ohne Liebe und
-ohne Haß durch das Leben gegangen, ein überflüssiger Mensch, nicht mehr
-wert, als ein seiner selbst unbewußter Trottel. Ich hoffe, daß mir
-drüben das gegeben wird, was ich hienieden nicht kennen lernte: eine
-Liebe und ein Haß.«
-
-Helmold ging an die Kredenz und trank drei Gläser spanischen Wein,
-so fror es ihn. Und dann fiel ihm Swaantje ein, und er fand, daß ihr
-Geschick dem des Toten ähnele, und er fühlte etwas wie Genugtuung, daß
-er ihr wenigstens eine unglückliche Liebe aufgezwungen hatte. »Das
-ist doch besser als gar keine,« dachte er und staubte den Rest der
-Vorwürfe, die er sich ab und zu ihretwegen noch machte, von seinem
-Gewissen herunter.
-
-Er besorgte alles, was der traurige Fall erforderte, und dann ging er
-zu Annemieken, um an ihrem stillen Wesen Beruhigung zu suchen. Die
-fand er bei ihr auch, so daß er am folgenden Tage dem Bruder des Toten
-gefaßt gegenüber treten konnte.
-
-Er fand einen großen, schweren Mann mit gutmütigem Gesichte, dem man
-es nicht ansah, daß er im französischen Kriege eine Batterie über den
-Haufen geritten und hundert Buschklepper hatte zusammenschießen lassen.
-Er hatte so etwas Bestimmtes in seinem Wesen, daß Hagenrieder mit der
-Wahrheit nicht hinter dem Berge zu bleiben vermochte. Als der Fürst
-das Buch gelesen hatte, fragte er: »Darf ich es behalten?« Der Maler
-nickte: »Ich danke Ihnen, mein Freund,« sagte der andere ernst, indem
-er ihm fest die Hand drückte; dann legte er das Heft in das Kaminfeuer,
-und Hagenrieder schickte den Brief Brünes hinterher.
-
-»Daß etwas anders als ein Unfall vorliegen könnte,« fing der Fürst nach
-einer Weile an, »vermutet hier niemand?« Als sein Gegenüber durch eine
-Kopfbewegung verneinte, murmelte er: »Um so besser!«
-
-Hagenrieder begleitete den Fürsten nach Hohen-Samlitz, wo die
-Beisetzung stattfand. Die Fürstin, eine sehr große und schöne Frau mit
-jungen Augen und ganz weißem Haare, empfing ihn, auf einem Ruhebett
-liegend. Nachdem sie dem vierten Kinde das Leben gegeben hatte, war
-sie leidend geblieben. »Also Sie waren unseres armen Brüne einziger
-Freund?« sprach sie leise, ihn voll ansehend; »er hat sehr oft von
-Ihnen gesprochen und ganz anders als von seinen übrigen Bekannten. Sind
-Sie sehr vertraut mit ihm gewesen?« Der Maler verneinte. »Also auch Sie
-nicht, selbst Sie nicht! Er war so unglücklich sein Leben lang, denn
-ich kannte ihn von klein auf. Die Mutter hat ihm gefehlt; sie starb,
-bevor er sprechen lernte. Jetzt erst, wo er von uns gegangen ist, weiß
-ich, wie gern ich ihn hatte; aber er war so unnahbar. Erzählen Sie mir
-von ihm, wenn Sie mögen.«
-
-Obwohl Hagenrieder gleich nach der Beisetzung fortgefahren war, hatte
-die Fürstin einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er während
-der ganzen langen Fahrt ihr Gesicht vor Augen hatte. »Was ist das bloß
-wieder mit mir?« dachte er; »ich habe mich glatt in sie verliebt, in
-ihre Augen, ihr Haar, ihren Mund, ihre Hände und in ihre Stimme.« Es
-bekümmerte ihn sehr, daß diese schöne, stolze und gute Frau, einst eine
-der besten Reiterinnen im Lande, in deren Stimme so viel Kraft und
-Leidenschaft lag, seit langen Jahren mit hilflosem Körper da lag, ein
-Wrack am Strande.
-
-»Merkwürdig,« so sann er, »und ich liebe sie gerade deswegen. Und darum
-liebte ich Swaantje auch so sehr, und darum liebe ich nachträglich
-den armen Brüne, alles gefesselte Seelen, und das war es auch wohl,
-was mich zu Annemieken zog, das Leid, das hinter ihrem hübschen
-Kindergesichte lag.« Er hatte sie niemals gefragt, welcher Art das
-Unwetter gewesen war, das sie erlebt hatte.
-
-Zwischen ihr und Helmold war aus der Liebschaft ein Verhältnis
-geworden, wie zwischen Bruder und Schwester. Er schlief jetzt immer
-im Kruge, denn das Mädchen sagte einmal: »Es könnte darüber doch
-einmal so laut geredet werden, daß es in der Stadt zu hören ist; na,
-und das willst du doch auch nicht gern!« Aber wenn er in Stillenliebe
-war, kehrte er zum Vesper immer bei ihr ein und blieb bei ihr, bis es
-Schlafenszeit war. Er saß dann im Backenstuhl am Feuer, rauchte, sah
-ihr beim Spinnen zu, dachte an das, was ihm das Leben an Licht und
-Schatten gebracht hatte und fand, daß er damit eigentlich zufrieden
-sein könne.
-
-Ab und zu sah er in dem wirbelnden Herdrauche Swaantjes Gesicht. Ohne
-Eigenleid dachte er an sie; denn er war sich ganz klar darüber, daß er
-ihr mehr gewesen war als sie ihm. Er hätte ihr Leben ausfüllen können;
-sie wäre ihm nur eine Ergänzung gewesen.
-
-Überhaupt sah er jetzt ganz klar. Eines Tages fuhr er im Kraftwagen
-nach Stillenliebe, um den Pachtvertrag auf seine Person umschreiben
-zu lassen. Hennig begleitete ihn, wie jetzt öfters, wenn er auch kein
-Gewehr anrührte. Helmold hatte am Tage vorher einen langen Brief vom
-Fürsten bekommen, der den letzten Willen Brünes betraf, und wonach
-Hagenrieder mit der Bauleitung und Ausschmückung für ein Soldatenheim
-betraut wurde, das der Verstorbene seiner ehemaligen Garnison stiftete.
-Das Honorar war so hoch bemessen, daß der Maler dem Fürsten schrieb,
-er wolle erst persönlich mit ihm Rücksprache nehmen.
-
-Gerade setzte er Hennig die näheren Umstände auseinander, da gab es
-einen Stoß, und das Auto wollte nicht vom Flecke; die Vorderachse war
-gebrochen. Da Hennecke sich den linken Schenkel etwas verstaucht hatte,
-verbot es sich, daß er die zwei vollen Stunden nach Stillenliebe zu
-Fuß abmachte; darum schickte Hagenrieder den Wagenlenker nach einem
-Fuhrwerke.
-
-»Ein Segen, daß es sich aufgeklärt hat,« meinte Hennig und räkelte sich
-im Haidkraute; »wenn es jetzt regnete, fände ich den Fall tragisch.«
-Sein Freund lachte: »Optimist, der du bist!« Der andere zuckte die
-Achseln: »Na, und du bist es ja auch.« Der Maler steckte sich eine
-Zigarre an und sah gegen den Himmel, unter dem ein Gabelweih kreiste.
-»Hm,« meinte er dann, »anders bleibt einem ja schließlich auch nichts
-übrig, wenn man kein oberflächlicher Kopf ist. Sieht der Milan da nicht
-herrlich aus, und wie schön die Haidlerche singt!«
-
-Er streichelte ein goldrot blühendes Moospolster. »Du hast einmal
-gesagt, Hennig, man ist, wie man ist. Das stimmt. Was habe ich früher
-an mir herumgebogen; Zweck hat es nicht gehabt. Ich habe immer gedacht,
-als Bauer oder Trapper wäre ich glücklicher geworden; das war natürlich
-Unsinn. Ich habe auch geglaubt, ich sei ein Ausnahmemensch, eine
-untypische Erscheinung. Jetzt sehe ich ein, daß ich ein Typus bin und
-dessen Gesetzen unterliege, mir selber keine schaffen kann. Weil ich
-aber ein Künstler bin, bin ich stets unzufrieden gewesen. Zufriedene
-Maler und Bildhauer und Dichter und Musiker, die gibt es wohl, aber
-dann sind es eben Handwerker. Die Unzufriedenheit ist die Grundlage der
-Kunst und alles andern Schaffens.«
-
-Er sah Hennecke an, lachte süßsauer und fuhr fort: »Früher,
-hurra, was fühlte ich mich! Aber meine Kunst, die war doch eine
-künstliche Maschine, wie diese rote Karre da, die jetzt mit
-gebrochenem Schlüsselbein auf der Nase liegt. Vorzüglich in diesem
-Koofmichzeitalter ist die Kunst kein solides Lebensfahrzeug. Das
-Kunstwerk ist Ware geworden. Ich male ein Bild mit Hirn und Herzblut,
-und dann kommt irgend ein weltfremder Kerl und kauft es, und ich und
-mein Volk haben das Hinterhersehen. Ach ja, man sieht mächtig klar,
-liegt man einmal neben der Karre im Straßengraben!«
-
-Er pfiff leise vor sich hin und fragte dann: »Stimmt das?« Sein Freund
-nickte. »Ja, und dann,« spann er weiter an seinen Gedanken, »in dieser
-barbarischen kulturlosen Zeit, in diesem exakten Präzisionszeitalter,
-wo alles Wertlose seinen festen Barwert hat, führt die Kunst nicht
-mehr, sie rennt hinterher und nebenher; sie schenkt nicht mehr, sondern
-sie schachert; sie ist nicht mehr Königin, sondern Konfektionöse; dient
-nicht dem Volke, sondern dem Kapital. Das habe ich wohl immer gefühlt,
-aber nun erkenne ich es. Verfluchte Zucht!« Er warf seine Zigarre gegen
-den Erdboden, daß es sprühte.
-
-Sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, als er weiter sprach: »Irgend
-ein zielbewußter Idiot hat gesagt, der Künstler müsse sich selbst
-genügen; das ist hervorragender Blödsinn! Der Künstler will wirken!
-Wenn ich ein Mädchen in den Arm nehme, was suche ich dann: Vergnügen
-oder Fortpflanzung? Ich meine das letzte! Aber uns bildenden Künstlern
-von heute fehlt jede Fernwirkung; ein kleiner Zeitungsschreiber wirkt
-weiter als der größte Maler. Alles verhunzt uns dieses Jahrhundert
-der Schachermachai, Kunst, Liebe und Leben. Man existiert, aber man
-lebt nicht, und macht man mal den Versuch, schwupp, beißt einen das
-sogenannte Gewissen. Der Held dieses Jahrhunderts ist der Philister;
-sogar ein Bismarck strich sich demgemäß an, um sich in dieser
-halbseidenen Zeit durchsetzen zu können. Wir müßten einmal wieder
-einen Krieg bekommen und gründliche Keile, das ist das einzige, was
-uns helfen kann, damit wieder Männer oder besser, Kerle an die Spitze
-kommen, statt dieser Knechte, die sich Herren schimpfen.«
-
-Er nahm einen roten Feuersteinsplitter auf, besah ihn lange und
-murmelte: »Was hat uns bloß so minderwertig gemacht? Die Technik oder
-das Christentum? oder der Protestantismus? Ich weiß es nicht. Aber ich
-weiß: ich möchte Seeräuber gewesen sein oder Beduinenscheik und jetzt«,
-er lachte Hennig an, »Mönch, aber nicht in einem Kloster, in dem Schuhe
-und Stiefel unter demselben Bette stehen. Aber ich würde es doch wohl
-nicht länger als acht Tage aushalten!«
-
-Er legte den Stein wieder in den Sand. »Quatsch! Ich will lieber
-vespern; ich merke, mir wird flau. Vielleicht philosophiere ich dann
-etwas positiver.«
-
-Hennecke lächelte, als er sah, wie tapfer sein Freund aß und welchen
-gefährlichen Zug Portwein er hinterher nahm. »Das Essen schmeckt dir
-ja noch anscheinend und der Wein auch,« meinte er, »und ich glaube,
-ein junges Mädchen im Alltagskleide ist dir immer noch lieber, als ein
-alter Pastor im Sonntagsstaat. Hm?« Der Maler verlor mit einem Male
-jede Spur von Humor aus den Augen, lachte dann aber laut auf und sagte:
-»In der Theorie, ja! Sonst aber, weißt du, Hennig, die Frauen sind mir
-in der Hauptsache nur noch hübsche Bilder, und du weißt, ich mag in
-meinen Räumen keine Bilder leiden.«
-
-Er sah dahin, wo ein Turmfalkenpaar über einem Birkenwäldchen schwebte
-und laut kicherte, und er dachte an die junge frische Witwe, die ihn,
-den halbreifen Knaben, die Liebe gelehrt hatte, oder vielmehr die
-Lust. Früher hatte er immer gedacht, daß das ein Glück für ihn war;
-nun erkannte er, daß es sein Verderben gewesen war, denn seitdem hatte
-er kein hübsches Weib ansehen können, ohne es zu begehren. Nur in
-der Zeit, da er lichterloh für Grete brannte, hatte es für ihn keine
-Frauen gegeben; aber dieser Zustand der Reinheit hatte auch nicht lange
-gedauert.
-
-»Das kommt vom späten Heiraten«, dachte er; »stückweise habe ich mein
-Herz verschleudert und es unkräftig für eine große Liebe gemacht.«
-Einst hatte es seiner Eitelkeit geschmeichelt, daß so viele Frauen
-und Mädchen seine Augen suchten; nun sah er den Grund dafür ein. »Sie
-sahen in mir den liebeshungrigen, ungesättigten Mann, den unglücklichen
-Mann, hatten Mitleid mit mir, und Mitleid und Zuneigung sind
-Zwillingsgeschwister.« Er schämte sich. »Pfui, Mitleid! Das empfindet
-man mit Krüppeln.«
-
-Ihm fiel der seltsame Blick ein, mit dem Prinzessin Almut ihn bei der
-Beisetzung angesehen hatte. Das hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt,
-aber weiter keine Wirkung auf ihn gehabt, obgleich das junge Mädchen
-eine Schönheit war und Augen hatte, wie ihre Mutter. Der Blick, mit dem
-sie ihn ansah, hätte ihn früher in Brand gesteckt; jetzt wurde er kaum
-warm davon.
-
-Daß es so war, merkte er, während er eine Woche darauf auf
-Hohen-Samlitz zu Gaste war. Als er mit dem Fürsten und der Fürstin über
-Brünes letzten Willen sprach und meinte, daß das Honorar das übliche
-Maß weit übersteige, erwiderte der Fürst: »Ihre Kunst ist überhaupt
-nicht mit Geld zu bezahlen: bitte fassen Sie die Summe nur als Sinnbild
-der Wertschätzung auf, die mein Bruder Ihnen entgegenbrachte.«
-Da schwieg der Maler. Als der Fürst ging, fragte die Fürstin, ob
-Hagenrieder nicht Lust habe, sie alle zu malen, und da versetzte er:
-»Durchlaucht verzeihen, aber ich glaube, das ist nicht gut«, und als
-sie ihn verwundert ansah, sagte er leise und er wurde ganz rot dabei:
-»Ich bin nicht eitel, Euer Durchlaucht, aber ich habe ein sehr bitteres
-Erlebnis gehabt, und seitdem habe ich das Unglück, auf Frauen von
-Herz sonderbar zu wirken, und noch mehr auf ganz junge Mädchen, die
-Mitgefühl und Liebe verwechseln.«
-
-Die Fürstin sagte nichts, hielt aber bei der Tafel die Augen offen, und
-so entgingen ihr die Blicke nicht, die ihre jüngste Tochter dem Maler
-schenkte. Geflissentlich fragte sie ihn nach seiner Frau und seinen
-Kindern, und von da ab sah Almut auf ihren Teller. Nach dem Essen bat
-die Fürstin ihn, ihr das Bild seiner Frau zu zeigen. Er holte es, und
-sie ließ es rund gehen. Die Prinzessin war ganz blaß, als sie es ansah,
-so daß ihre Mutter sie zu Bett schickte.
-
-Hatte auf der ersten Rückfahrt von Hohen-Samlitz die Fürstin Helmolds
-Gedanken beschäftigt, so sah er während dieser Reise das Gesicht ihrer
-Tochter vor sich und späterhin noch oft genug. Er stellte es sich
-vor, welch ein Glück es sein müßte, sie im Arme zu halten und küssen
-zu dürfen, aber es schien ihm doch, als wenn er sie nur wie ein Vater
-würde küssen können, und daß das zärtliche Verlangen, das ihn in der
-letzten Zeit ganz jungen Mädchen gegenüber beschlich, wohl darauf
-beruhte, daß es ihm an einer Tochter fehlte, die in ihm aufging;
-denn Swenechien entfernte sich immer mehr von ihm. »Ich habe zu spät
-geheiratet,« dachte er; »die Kinder haben keine Schuld, daß sie fern
-von mir stehen; ich bin zu alt für sie, zu alt und zu kalt. Und darum
-ist eine Kluft zwischen ihnen und mir.«
-
-Seine Augen verhärteten sich; denn sein Verstand raunte ihm zu: »Sie
-reden Unsinn, Herr Hagenrieder; jeder Mensch bleibt für sich allein;
-versuchen Sie logisch zu denken, und Sie werden einsehen, daß Sie vom
-Wege abgekommen sind und sich verbiestert haben. Solange man verliebt
-ist, ist es anders; aber das hält nicht vor, ist also ein plumper
-Schwindel von der Natur, die euch damit ihren Zwecken dienstbar macht.
-Und ist die heiße Liebe abgeblüht, dann gibt es einen Kompromiß mit den
-notwendigen Kompromißverständnissen. Kein Mensch kann aus seiner Haut
-heraus, keiner sein Ich dem andern geben, Mann und Frau sich nicht,
-Eltern und Kinder sich nicht.«
-
-Sein Herz wehrte sich gegen diese Worte, aber es konnte nichts
-Triftiges darauf erwidern, und ihm wurde kalt vor Einsamkeit. »Leben
-wir denn bloß, um uns fortzupflanzen?« fragte er.
-
-Das Soldatenheim brachte ihm aber so viele Arbeit, daß er keine Zeit
-behielt, sich zu bedauern. Auch Ärger brachte ihm der Auftrag, denn der
-kommandierende General, ein straffer, kurz angebundener Herr, machte
-wiederholt Versuche, ihn in der Wahl der Stoffe zu beeinflussen, bis
-Hagenrieder die Geduld riß und er sagte: »Nach dem letzten Willen
-meines Freundes habe ich unbeschränkte Vollmacht! lehne ich den Auftrag
-ab, so fällt das ganze Unternehmen.« Da ließ ihn der General in Ruhe.
-
-Hagenrieder arbeitete nun darauf los, wie es ihm gefiel. Er hatte in
-der Garnison einen tüchtigen jungen Baumeister gefunden, dem er trotz
-aller Quertreibereien der einflußreichen Klüngelkreise den Bau gab. Er
-hatte ihn gefragt, wie er sich das Haus denke: »Einfach und gemütlich,«
-hatte Kolden geantwortet, und der Maler erwiderte: »Sie sind mein Mann.«
-
-Als der Bau fertig war, gefiel er ihm so sehr, daß er voller Freude
-an die Arbeit ging. Er verzichtete vollkommen darauf, die Wände mit
-Schlachtenbildern zu bedecken; er malte Landschaften mannigfachster
-Art, in deren Vordergründen der Bauer bei der Arbeit dargestellt war.
-Nur die Hauptwand des Vortragssaales bekam ein Bild anderer Art, eine
-weite Herbsthaide, rechts und links von goldenen Birken umschlossen,
-und über die Haide ritt an der Spitze seiner Reiter, die wie Schatten
-aus dem Frühnebel auftauchten, der König als oberster Kriegsherr.
-
-»Ich habe immer gedacht, Uniformen könne man nicht malen,« sagte
-Kolden; »ich habe mich geirrt.« Der Maler lachte: »Ja, ohne die
-Eselsbrücke mit dem Nebel wäre es auch nicht gegangen.« Aber er freute
-sich selber, daß das Bild ein Kunstwerk geworden war, und als der
-kommandierende General ihm die Hand schüttelte und sagte: »Ganz recht
-von Ihnen gewesen, daß Sie sich mein Dreinreden verbaten; Sie haben
-alle meine Bedenken schlank übergeritten,« da fühlte er, wie ihm das
-Gesicht heiß wurde.
-
-Am Tage darauf war er bei dem General zu Tisch geladen. »Sagen Sie
-mal, was haben Sie eigentlich,« fragte der ihn beim Braten; »machen
-immer so hinterhältsche Augen. Auf ihr Wohl!« Helmold lachte und sagte:
-»Schlechte Kinderstube, Exzellenz!« Nach aufgehobener Tafel überreichte
-er dem Gastgeber ein gestempeltes Schriftstück. Der alte Herr, der
-drei Feldzüge mitgemacht hatte, zog die Augenbrauen immer höher, je
-länger er las, und ließ sogar seine Zigarre ausgehen. Dann legte er das
-Aktenstück auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, sah seine Frau,
-den Adjutanten, den Baumeister und dann den Maler an, holte tief Luft
-und stöhnte: »Na, das muß ich aber sagen; besser konnten Sie es mir gar
-nicht geben. Hört mal, Kinder: unser Freund hier verzichtet auf das
-ganze Honorar zugunsten des Militärhülfsvereins. Pff! Ich muß einen
-Kognak trinken. Erst Gänsebraten und dann der Schreck!«
-
-Hagenrieder hatte die Schenkung gemacht, weil eine wahrscheinlich
-von den Klüngelkreisen beeinflußte recht minderwertige Zeitung eine
-Andeutung gemacht hatte, als habe er Samlitz bewogen, ihm den Auftrag
-zuzuwenden, und dann war ihm auch zu Ohren gekommen, daß an einigen
-Stammtischen gesagt war, mit dem vierten Teile der Summe wäre seine
-Arbeit reichlich bezahlt. Er lachte aber nur, als er einige Zeit darauf
-das plumpe Lob las, das ebendieselbe Zeitung vor seiner Hoteltür ablud,
-und als er mit den Leuten zusammenkam, von denen er wußte, daß sie
-ihm von hinten gegen den Rock gespuckt hatten, ließ er es sie nicht
-merken, daß er genau darüber unterrichtet war. Aber als er mit ihnen
-anstieß und ihnen freundlich zunickte, dachte er: »Ach ja, ich kann
-mich sogar diesem Gesindel gegenüber beherrschen; was hätte es mir
-früher für einen Spaß gemacht, ihnen die Reißzähne zu zeigen. Man wird
-alt.«
-
-Zu der Einweihung des Soldatenheimes erschien der König selbst. Er
-zeichnete Hagenrieder sehr aus und ließ sich sagen, welche Absicht er
-gehabt habe, daß er bis auf das eine Bild lediglich bäuerliche Arbeit
-dargestellt habe. »Ja,« erwiderte der Maler, »Majestät, gedacht? Ich
-denke beim Malen nicht. Aber ich hatte so das Gefühl: du malst für
-Soldaten, und mußt ihnen das Komplement zum Soldatenleben geben.« Der
-König sah ihn ernst an, nickte mehrere Male und sagte: »Ich glaube, Sie
-haben das Richtige getroffen. Anfangs stutzte ich, als ich unter dem
-Hauptbilde im Lesezimmer den Spruch des großen Korsikaners las. ›Den
-Acker bestellen, das ist der wahre Beruf des Menschen,‹ denn er wirkt
-unwillkürlich wie ein Witz, und ob der Mann das ehrlich gemeint hat,
-ist noch fraglich, denn seine Sankt Helenaer Aussprüche schmecken zum
-Teil sehr nach Kaptatio benevolentiae. Aber eine Wahrheit wird darum
-nicht entwertet, wird sie nicht aus ehrlicher Absicht gesagt.« Er
-betrachtete dann aufmerksam das Gemälde im Vortragssaale, sprach aber
-nur von der Landschaft und wandte sich zu dem Baumeister.
-
-Hagenrieder bekam die nächste Klasse des Ordens, den er schon besaß,
-und beim Geburtstage des Königs wurde ihm der Adel, den seine Vorfahren
-abgelegt hatten, wieder verliehen. Er holte Hennecke ab: »Komm mit nach
-Stillenliebe, Hennig,« bat er; »es ist nicht zum Aushalten; jeder Ochse
-tut so, als wenn ich auf einmal ein anständiger Mensch wäre. Ich komme
-mir wahrhaftig beinahe selber schon so vor.«
-
-Auf dem Bahnsteige begegnete ihm Kommerzienrat Britting mit seiner
-Frau Meinholde geborene Marten. Sie war noch schöner geworden und sah
-den Maler so an, daß Hennecke dachte: ›Dunnerkiel!‹ Er sagte jedoch
-nichts. Er hatte seinen Freund und sie vor Jahren einmal im Walde
-getroffen, Helmold aber nie nach ihr gefragt. Der grüßte höflich
-wieder, ohne den heißen Blick zurückzugeben. Zwischen ihm und ihr
-hatte sich beinahe eine Liebschaft angeknüpft, und es wäre ihm leicht
-gewesen, das Mädchen ganz zu gewinnen. Da bemerkte er bei einer
-Gesellschaft, daß sie mit einem häßlichen Blick nach dem Nacken seiner
-Frau sah. »Unverschämtheit!« hatte er gedacht, und sie fortan gemieden.
-
-Während der Zug durch das herbstliche Land schnaufte, dachte er
-an alles das, was ihm im Leben entgangen war, aber mit demselben
-Gleichmute, wie an das, was es ihm beschert hatte. »Du«, sagte Hennig,
-und hielt ihm die Zeitung hin, »die Prinzessin hat sich verlobt.« Sein
-Freund nickte; das rührte ihn nicht mehr als das Adelsprädikat, als
-Meinholdes einladender Blick, als das ganze Leben mit allem seinem Drum
-und Dran. Er erschrak sogar recht wenig, als er Annemieken wiedersah;
-sie hatte eine verdächtige Glut in den Augen, auf jeder Backe einen
-kreisrunden roten Fleck, und ihr Husten war hart und trocken. Er
-sagte ihr, sie solle sich einmal gründlich untersuchen lassen, und er
-wollte sie gern nach dem Süden schicken, aber sie wehrte ab: »Das geht
-vorüber. Und mich vor dem Doktor nackigt ausziehen, ich müßte mich ja
-totschämen. Und unter fremde Leute kann ich schon gar nicht gehen.«
-
-Als er abends mit Hennecke im Jagdhause vor dem Kamin saß, wunderte
-er sich, wie stumpf er geworden war. »Sehe ich sehr alt aus, Hennig?«
-fragte er ihn. »Du alt?« erwiderte der lachend: »Mann in den besten
-Jahren! Ordentlich heiratsfähig siehst du aus!«
-
-Helmold aber dachte: »Das ist bloß äußerlich; mein Herz wird immer
-knickebeiniger.«
-
-
-
-
-Nachspuk
-
-
-Die Brennhexe lag im Moore und schlief; da kam der Südwestwind
-angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalme in der Nase, so daß sie
-niesen mußte, und davon wachte sie auf.
-
-Sie gähnte, reckte sich, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte die
-Schürze glatt, lächelte, wiegte den Kopf hin und her und begann zu
-tanzen, daß der feuerrote Rock und die gelbe Schürze wie Flammen
-leuchteten.
-
-Da sah sie dort, wo zwischen den Birkenbüschen Wasser blitzte, einen
-hellen Fleck, und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu
-einem Manne im grünen Rocke, der mit der Büchse auf dem Rücken langsam
-dahinging.
-
-»He du!« rief die Brennhexe und winkte ihm, aber Helmold Hagenrieder
-hörte nicht. Er blickte gerade aus, denn er sah einen mit Kienruß
-schwarz gemachten Sarg, und darin ein weißes Gesicht, und zwei
-wachsgelbe Hände, die einen Rosmarinstrauch hielten, Hände, die ihn so
-manche Nacht lieb gehabt hatten, wenn er des Stadtlebens müde und des
-Malens satt, in dem Strohdachhause unter dem Osterhohl eingekehrt war.
-
-Es war keine Trauer in ihm, sondern nur ein Mitleid mit sich selber,
-daß er jetzt niemand mehr hatte, dem er sagen konnte, daß sein Herz
-unter der Erde läge, unter einem Hügel, auf dem ein Brett stände mit
-der Inschrift: »Es ruhe in Unfrieden.«
-
-Gleichmütig rauchte er seine Pfeife. »Herr Geheimer Hofrat Senator
-Professor Helmold von Hagenrieder, erster Vorsitzender des
-Kunstvereins, Ehrenmitglied der Kunstgenossenschaft, Inhaber von
-einem halben Dutzend goldener Ehrenmünzen und Staatspreisen, Ritter
-hoher Orden, wissen Sie, was Sie sind, Verehrtester?« sagte er
-zu sich und sah sich spöttisch an: »erinnern Sie sich noch jenes
-Ligusterschwärmerweibchens, das Sie als zwölfjähriger Bengel fingen,
-mit Schwefeläther töteten, nadelten und aufspannten? Als Sie nach vier
-Tagen das Spannbrett vom Schranke nahmen, bewegte der Schmetterling
-ruhig und besonnen den Hinterleib hin und her und entledigte sich
-seiner Eier, obgleich sein Vorderleib gänzlich abgestorben war. In
-demselben Zustande, mein Lieber, befinden Sie sich; ruhig und besonnen
-schaffen Sie ein Kunstwerk nach dem anderen, aber nur mit Kopf und
-Hand, denn Ihr Herz ist längst tot.«
-
-Das sah die Brennhexe auch ein. Sie war ganz dicht hinter ihm gewesen,
-aber als sie sein Gesicht sah, machte sie eine verächtliche Bewegung
-mit der Hand und blickte sich nach einem anderen Tanzeschatz um,
-dessen Augen nicht so kalt aussahen, wie Moorwasser im März. Da sie
-aber immer noch so hübsche Beine hatte, wie damals, als sie den
-selben Mann quer durch das Moor gehetzt hatte, so war der Torf wieder
-lichterloh verliebt geworden, und Helmold Hagenrieder mußte machen,
-daß er weiterkam, denn das Feuer rückte ihm von drei Seiten auf den
-Leib. Dieweil er aber den Springstock nicht bei sich hatte, so wurde es
-ihm schwer, die Moorgräben zu nehmen, so daß er schließlich in einen
-Abstich springen und bis an den Hals untertauchen mußte.
-
-Ziemlich lange mußte er im Wasser bleiben, obgleich ein Schauer nach
-dem andern ihn schüttelte, denn er war unfrisch und müde. Er war,
-nachdem er Annemieken die letzte Ehre erwiesen hatte, die ganze Nacht
-aufgeblieben und hatte sich mit dem Monde unterhalten; er hatte in dem
-Backenstuhle neben der Feuerstelle gesessen, und der Mond hatte sich in
-dem Spinnstuhle niedergelassen.
-
-Es war kalt gewesen in der Nacht; denn das Feuer war ausgegangen,
-und das Spinnrad stand still; es sah wie ein Gespenst aus, und der
-Kesselhaken hatte ein trauriges Gesicht.
-
-»Ja, ja, Kerl,« hatte der Mond gesagt, »es nimmt eben alles einmal ein
-Ende; auch ich war einst jung, hatte ein rotes Herz und Gedanken, so
-grün wie Maibaumlaub zur Pfingstzeit. Das ist schon manchen Donnerstag
-her, und mir ist so, als wäre das alles nicht wahr, die vulkanischen
-Träume meiner Jugend und meines Mannesalters Ebbe und Flut. Aber so
-stehe ich mich schließlich doch besser; man hat keine Hoffnungen mehr,
-aber auch keine Enttäuschungen. Sei froh, Kerl, daß es dir ebenso geht!«
-
-Sein Freund hatte sich eine neue Pfeife gestopft und nichts gesagt, so
-daß der Mond geärgert aufstand und fortging. Helmold hatte gegen Morgen
-ein Glas kalte Milch getrunken, ein Stück Brot gegessen und war auf die
-Frühpürsch gegangen; doch machte ihm das Waidwerken gar keine Freude.
-»Lebendiges Leben ist so schön«, sagte er sich, als er den Hauptbock in
-der Wiese stehen sah, wie eine Flamme in der ersten Sonne leuchtend;
-»lebe und liebe, du adelig Getier, bis deine Zeit um ist. Ich weiß, was
-es heißt, zu sterben vor der Zeit, die einem bestimmt ist!« Er hatte
-sich umgedreht und war weiter geschlichen.
-
-»Es ist immer das selbe«, dachte er; »der Himmel ist blau und die Sonne
-gelb. Man müßte eigentlich einmal in ein Land gehen, wo der Himmel
-weiß und die Sonne schwarz ist, oder dahin, wo eine weiße Sonne in
-einem schwarzen Himmel steht. Ein wie das andere Jahr blüht das Moor
-im Spätsommer rosenrot; hinterher werden die Birken gelb; dann kommt
-der Schnee, und so geht es in der selben langweiligen Weise weiter.
-Das kenne ich nun ein halbes Jahrhundert lang und bin seiner satt. Und
-mit Liebe und Haß ist es ebenso: erst rot, dann gelb, dann braun und
-zuletzt weiß, immer in der selben eintönigen Art; ich mache mir nichts
-mehr daraus.«
-
-Er fuhr nach Hause. »Du siehst nicht gut aus, Liebster,« sagte seine
-Frau. »Bißchen erkältet,« antwortete er und ging an seine Arbeit. Er
-lebte in stiller Tätigkeit drei Tage hin, bis ein heftiges Kopfweh,
-Schüttelfrost und Fieber ihn zu Bette brachten. In der Nacht wachte er
-auf und sah den grauen Engel vor seinem Bette sitzen. »Meinetwegen!«
-sagte er zu ihm. Eine alberne Angst kniete ihm auf dem Herzen, würgte
-ihm am Halse und schlug ihn, daß ihm der Kopf zu zerspringen drohte; er
-weckte seine Frau aber nicht, um sie nicht zu ängstigen.
-
-Am Morgen sah er so elend aus, daß Grete Beni Benjamin herbeirief.
-Der untersuchte ihn, runzelte die Stirn und sprach nachher zu Frau
-Hagenrieder: »Es steht recht schlimm; doppelseitige Lungenentzündung.
-Bereiten Sie sich auf alles vor, liebe Freundin. Und lassen Sie Hennig
-rufen.«
-
-Am Nachmittage des dritten Tages, nach dem Helmold sich niedergelegt
-hatte, gab der Arzt keine Hoffnung mehr. »Trösten Sie sich, Frau
-Hagenrieder,« sagte er: »er hat alles erreicht, was einem Menschen
-beschieden sein kann, und mehr gelebt, als wenn er hundert Jahre alt
-geworden wäre.« Der Frau liefen stumme Tränen über das Gesicht. »Nein,«
-erwiderte sie und schüttelte den Kopf, »nein, das hat er nicht.«
-
-Sie seufzte auf und begann wieder: »Lieber Hennig, und bester Herr
-Doktor, was meinen Sie, soll ich nicht Swaantje telegraphieren?
-Vielleicht ist es ihm eine Freude, sie noch einmal zu sehen.« Der
-Arzt sah Hennecke an und dieser ihn. »Er hat von ihr kaum mehr
-gesprochen,« antwortete Hennig, und Benjamin setzte hinzu: »Auch in
-seinen Fieberdelirien nicht. Ich glaube, er denkt nicht mehr an sie. So
-ist es wohl besser, wir stören ihn nicht beim Einschlafen.« Hennecke
-aber fragte: »Wann kann sie spätestens hier sein?« »Morgen mittag,«
-antwortete sie. »Dann hat es keinen Zweck mehr;« dachte der Arzt, »denn
-er überlebt die Nacht nicht mehr.« Dann schwiegen die drei Menschen
-und sahen mit leeren Augen aneinander vorbei.
-
-»Grete,« flüsterte es im Nebenzimmer. »Helmold?« rief die Frau, nötigte
-ein Lächeln auf ihr Gesicht und ging zu ihrem Gatten. Seine Augen waren
-ganz klar. Er griff schwach nach ihrer Hand; sie gab sie ihm, und er
-drückte sie. »Es ist alles in Ordnung,« murmelte er, »das Testament,
-und das andere. Weißt du mit den Kindern,« er schloß die Augen, »nicht
-Bescheid, Hennig hilft dir, und Beni auch.« Sie flüsterte ihm zu:
-»Sollen die Kinder kommen?« Er winkte mit den Augen ab und hauchte:
-»Schlafen lassen!« Er fing an zu keuchen und wand sich hin und her.
-»Kommen Sie,« sagte der Arzt und führte die Frau hinaus, denn er sah,
-daß es zu Ende ging.
-
-Der Kranke keuchte immer schwerer und murmelte bald laut, bald
-leise. »Alles in Ordnung, alles, alles,« flüsterte er; »mündelsicher
-angelegt.« Seine Stimme starb, und sein Atem schlief ein. Noch einmal
-stieß sein Leben den Tod zurück: »Bravo, Prinz!« murmelte er; »er hat
-die Kugel zwölf Ring, der Hirsch. Frau Pohlmann, einen können wir
-noch!« Er hielt an und flüsterte: »Klaus, wollen eins singen!« Wie aus
-weiter Ferne klang es: »Ein Jägermädchen, das trägt ein grünes, grünes
-Kleid.« Sein Kopf fiel herum; der Arzt sah, daß die Augen gebrochen
-waren. »Annemieken!« flüsterte der Sterbende, und die Steppdecke
-zitterte.
-
-Der Arzt horchte eine Weile, murmelte etwas, drückte dem Toten die
-Augen zu, zog die Bettdecke zurecht und ging hinaus.
-
-Es war ein Uhr in der Nacht, als er das Haus verließ; Hennig blieb
-zurück, damit die Frau nicht allein mit dem Toten wäre. Als der Arzt am
-anderen Vormittage zurückkehrte, fand er Swaantje Swantenius bei Frau
-Hagenrieder. Er begrüßte sie kühl, und Hennecke, der bald darauf auch
-kam, benahm sich noch kälter gegen sie.
-
-Zwei Tage später wurde Helmold Hagenrieder begraben. Wagen auf Wagen
-folgte dem Sarge, und hunderte von Männern zu Fuß gingen hinter ihm
-her. Als der Geistliche die Leichenrede hielt, wurde er fast verwirrt,
-denn noch niemals hatte er ein so verschiedenartiges Gefolge gesehen.
-Die höchsten Staatsbeamten, das ganze Stadtverordnetenkollegium samt
-dem Magistrate waren zugegen, viele Offiziere, Förster und Jagdaufseher
-und eine lange Reihe von Bauern und Landarbeitern mit ihren harten
-Gesichtern und unmodischen Hüten.
-
-Der Himmel war von einem abgeschmackten Grau, ein langweiliger Wind
-ging, und mit blassem Gesichte stand der Mond am Himmel und sah mit
-gleichgültigen Augen auf die Menschen, die das Grab umgaben, und als
-sie sich verkrümelten, lächelte er ein bißchen spöttisch über den Wall
-von kostbaren Kränzen, der die Stätte bedeckte, wo Helmold Hagenrieders
-leerer Leib lag; denn dessen Seele war gänzlich verschwunden, weil sie
-schon vor dem Tode ihren Inhalt verloren hatte. »Ein schöner Blödsinn«,
-dachte der Mond, schüttelte den Kopf und verzog sich bis auf weiteres.
-
-In der Nacht aber suchte er Swaantje Swantenius auf. Sie lag ohne
-Schlaf in ihrem Bette und lauschte auf das, was die Stille sprach, und
-sah, was die Dunkelheit ihr wies.
-
-Die Stille sang ein höhnisches Lied, und die Dunkelheit hielt ihr
-Helmolds Gesicht hin. Sie streckte die Hände danach aus und flüsterte:
-»Ich habe dich so oft heimlich lieb gehabt, so oft; hast du es nie
-gefühlt?« Aber das weiße Gesicht starrte sie an, als wäre sie nicht da.
-
-Bittend sah sie den Mond an: »Du warest sein guter Freund, du weißt
-alles von ihm; denkt er noch an mich, weiß er noch von mir?« Der Mond
-sah sie nicht einmal an.
-
-Sie schlief die ganze Nacht nicht und reiste am andern Morgen ab,
-worüber Frau Hagenrieder sich sehr wunderte.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Vorspuk 1
-
- Die Sektflasche 7
-
- Das Stapelienbild 21
-
- Der Vollmond 36
-
- Der eiserne Ritter 50
-
- Das Seelenhaus 68
-
- Der Mohnblumenkranz 91
-
- Der Platzhirsch 128
-
- Die Wundfährte 162
-
- Der graue Engel 189
-
- Der weiße Garten 197
-
- Der Sarg 222
-
- Die Panne 245
-
- Nachspuk 267
-
-
-
-
-Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
-Eugen Diederichs Verlag in Jena
-
-
-Hermann Löns
-
-Der kleine Rosengarten, Volkslieder
-
-Mit Umschlag von _Wilhelm Schulz_
-
-14.--23. Tausend. kartoniert 2 Mark
-
-
-Der Wehrwolf. Eine Bauernchronik
-
-27.--31. Tausend. broschiert 3 Mark. gebunden 4.20 Mark
-
-_Die neue Rundschau_ (Verlag S. Fischer): Dieses Buch des Norddeutschen
-Löns ist ein männliches Buch. Hier erlebt man den Dreißigjährigen
-Krieg in einem einzigen Dorf. Hier heißt es jeden Augenblick: das
-Leben. Wäre dies nur der Krieg, dann lese man allerdings besser im
-Geschichtsbuch. Hier ist aber alles allgemein deutsam, gerade weil
-dies nicht unterstrichen wird. Hast du bemerkt, wie das Genrebild
-hier in die Landschaft gesetzt ist, das Einzelne ins Allgemeine, wie
-bei Breughel und den Seinen? Und wie ist hier alles komponiert, von
-den Kapitelüberschriften bis zu den Schlußliedern! In zwanzig Zeilen
-weiß dieser Löns die Herankunft einer Reiterschar zu beschreiben, das
-Harren von hundert versteckten Bauern, ihren Überfall. Wie die Kinder
-noch den toten Hund streicheln. Wie der einzig überlebende Knecht
-während seiner Erzählung von dem Überfall des Dorfes mitten im Satze
-einschläft. Wie diese Bauern, als sie die beiden Haupthalunken haben,
-plötzlich zeremoniös werden: ohne Ansehen haben sie alle fremden
-Scharen erschlagen, -- hier, wo Schuld und Sühne lebendig wird, vor
-ganz bestimmten Schuldigen, bahnt sich das Rechtsgefühl durch ihre Wut
-den Weg und stellt sich auf mit Schwert und Wage, wie als wäre es ein
-bestellter Gerichtshof, der dort Recht spricht. »Die Sonne kam heraus«,
-heißt es da, »und beschien zweihundert Gesichter. Sie waren alle von
-Stein.« Hier ist nichts erarbeitet, alles verarbeitet und so im ganzen
-aufgegangen, wie bei einem, der die Geschichte seiner Väter schreibt.
-
-_Der Kunstwart_: Diese kernigen reisigen Männer und frischen
-unverbildeten Frauenzimmer konnten offenbar nur einem gelingen, der
-mit Waidmanns- und Landmanns-Augen sie zu sehen gewohnt ist. So ward
-denn »Der Werwolf« ein prächtiges Bauernlebensbuch, Wunder weckend:
-daß nämlich so kerngesunde »Literatur« in deutschen Landen noch immer
-zustande kommt.
-
-
-Die Geschichte vom Skalden Egil
-
-Übersetzt von _Felix Niedner_ (Thule Bd. III)
-
-broschiert M 4.--, gebunden M 5.50
-
-_Der Tag_: Aus den isländischen Sagas schöpfen wir noch immer die
-unmittelbar lebendigsten Vorstellungen und farbenreichsten Bilder
-vom ursprünglichen Wesen und der ganzen Eigenart vorschriftlichen
-germanischen Geistes- und Kulturlebens. Was man im eigentlichen Sinne
-als heroisches Zeitalter bezeichnet, das steht hier lebendig vor uns,
-und doch keineswegs nur als Phantasieprodukt, sondern voll innerer
-Realistik, so daß man nicht zweifeln kann: hier ist zuletzt durchaus
-nur wirkliche Geschichte. Ein Volk von lauter Künstlern, Helden
-und Sängern zugleich ... Egil Skallagrimsson ist die prachtvollste
-Inkarnation der Nietzscheschen »blonden Bestie«, er ist ein
-kraftstrotzender Kerl durch und durch. Die Geschichte seines Lebens,
-seiner ewigen Kämpfe, seiner Wikingerfahrten, die ihn von Island bis
-nach Rußland und südlich nach England und Irland führen und ihn kundig
-machen aller nordeuropäischen Länder und Meere, ist der spannendste und
-unterhaltendste Helden- und Abenteuerroman.
-
- Julius Hart
-
-
-W. S. Reymont
-
-Die polnischen Bauern
-
-I. Herbst/Winter. II. Frühling/Sommer
-
-Zwei Bände. br. M 12.--, geb. M 15.--
-
-Der Slawe besitzt weniger Individualität als der Germane. Darum gibt es
-in diesem Epos des polnischen Bauerntums keinen eigentlichen Helden,
-an seine Stelle tritt das ganze Dorf. Es ist ein grandioser Wurf, wie
-durch das Liebesleben einer leidenschaftlichen Frau, -- es verkörpert
-sich in ihr fast symbolisch die polnische Leidenschaftlichkeit, -- sich
-das Schicksal aller Dorfbewohner miteinander verknüpft. Und in das
-dumpfe Seelenleben dieser Bauern werfen Landschaft und die Natur der
-Jahreszeiten die für ihr Schicksal entscheidenden Antriebe. Die Art,
-wie Natur und Menschenschicksal miteinander verknüpft sind, unterstützt
-von intimer Kenntnis aller Volksgebräuche, machen das Buch zu einer
-ganz einzigartigen Erscheinung der Weltliteratur.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Unterschiedliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten.
-
- Korrekturen:
-
- S. 242: Balkenecke → Balkendecke
- mit brauner {Balkendecke}, Kugelfußtisch
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Das zweite Gesicht, by Hermann Löns
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ZWEITE GESICHT ***
-
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-
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@@ -1,9976 +0,0 @@
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- The Project Gutenberg eBook of Das zweite Gesicht, by Hermann Löns.
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-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Das zweite Gesicht, by Hermann Löns
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Das zweite Gesicht
- Eine Liebesgeschichte
-
-Author: Hermann Löns
-
-Release Date: July 2, 2017 [EBook #55033]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ZWEITE GESICHT ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-<a href="#tnextra">am Ende des Buches.</a></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
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-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Hermann Löns</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/title.png" alt="Titel" />
-</div>
-
-<h1>Das zweite Gesicht</h1>
-
-<p class="center larger">
-Eine Liebesgeschichte</p>
-<p class="center">
-Sechzehntes bis dreiundzwanzigstes Tausend</p>
-<p class="center p2">
-Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1917
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="Vorspuk">Vorspuk</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind
-angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in
-der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf.</p>
-
-<p>Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang auf, schüttelte ihre
-Röcke zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über
-eine Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung
-sei und ob die Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände auf
-die strammen Lenden, wiegte den Kopf hin und her, lächelte,
-summte eine frische Weise vor sich hin und tanzte los.</p>
-
-<p>Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß
-der feuerrote Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen
-Bindebänder an der goldenen Haube nur so flogen; so
-schön war das anzusehen, daß dem dürren Moose, dem mürben
-Wollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz sonderbar
-zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu
-sehen: die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen
-Strümpfe mit den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder
-und was es sonst noch gab. Darum verliebte sich alles,
-über dem der rote Rock und das weiße Hemd sich drehte, so
-sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, sogar der
-stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den
-strammen Waden packte, juchte die Brennhexe auf und sprang
-ein Ende weiter.</p>
-
-<p>So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da;
-aber sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-war sie schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging
-es da ebenso, wupps war sie wieder fort, und die Flammen
-machten lange Hälse hinter ihr her.</p>
-
-<p>Doch auf die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig;
-sie blieb stehen, daß das weiße Hemd über der runden
-Brust auf- und abging, hielt die Hand über die Augen und
-sah über das Moor, das ganz weiß vom Wollgrase war.</p>
-
-<p>Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbüschen
-Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang,
-und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu
-einem Manne im grünen Rocke, der ein Schießgewehr auf dem
-Rücken trug, an dem Rucksacke drei Birkhähne hängen hatte,
-und mit dem Springstocke über die Gräben und Abstiche hinwegsetzte.</p>
-
-<p>»Deubel auch!« sprach die Brennhexe und lachte; »das ist
-aber ein glatter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade
-paßlich.« Sie ging schneller, aber sie konnte den Mann nicht
-einholen. Sie hielt die Hände um den Mund und rief: »He, du!«,
-aber der Jäger hörte sie nicht. Sie versuchte zu flöten; doch damit
-hatte sie erst recht kein Glück.</p>
-
-<p>So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen
-und schrie: »He!« und »Holla!« oder »Teuf!«, bis der Mann,
-als sie schon ganz außer Atem war, sich endlich umdrehte und
-nach ihr hinsah. Sie winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger,
-mit wem er es zu tun hatte, setzte den Springstock ein und machte,
-daß er weiter kam.</p>
-
-<p>»Du Flegel!« schimpfte die Brennhexe und lief wieder hinter
-ihm her, so daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm
-immer dichter auf die Hacken. Als es gar nicht mehr anders
-ging, sprang er in einen alten Abstich, warf Gewehr und Rucksack
-von sich, duckte sich so tief, daß ihm das Wasser bis an die<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-Brust ging und wartete, bis das verliebte Frauenzimmer an ihm
-vorbeigerannt war.</p>
-
-<p>Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, hängte den Drilling
-und den Rucksack um, nahm den Stock wieder zur Hand und
-sprang nach der anderen Seite hin über das schwelende Haidkraut,
-den glimmenden Torf, an den knisternden Wachholderbüschen
-und den lichterloh brennenden Krüppelkiefern vorüber, ab und
-zu hinter sich sehend, wo alles ein Rauch und eine Glut war. Einmal
-blieb er stehen, verpustete sich und zog ein Büschel Torfmoos
-aus, das er aus einem Graben riß; aber da sah er auch schon
-das rote Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die gemeinen
-Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin,
-wo der Bach an den Wiesen vorbeilief.</p>
-
-<p>Erst als er den hinter sich hatte und an dem großen Weidenbaume
-angekommen war, machte er Halt, ließ den Stock fallen,
-hängte die Büchse an den Baum, legte den Rucksack ab, warf
-sich in das Gras, lehnte den Rücken gegen den Stamm und atmete
-tief, dahin sehend, wo die Brennhexe stand und ihm mit der
-Faust drohte, während um sie her allerhand schwarze und graue
-Gesichter nach ihm hinglotzten, ihm Fratzen schnitten, Ruß nach
-ihm spuckten, Rauch nach ihm pusteten und ihm ihre roten Zungen
-ausstreckten. Er lachte sie aus, machte ihnen eine lange Nase,
-steckte sich eine Pfeife an und blies dem Gelichter den Dampf
-entgegen, mit kleinen Augen nach ihm hinsehend.</p>
-
-<p>Die grauen Fratzen verzogen sich langsam, und auch die Brennhexe
-war verschwunden; aber nun kam ein Mädchen über das
-ausgebrannte Moor gegangen. Schlank war es und hatte einen
-stolzen Schritt; ihr aschblondes Haar sah sanft aus, ihre Augen
-hatten einen zärtlichen Glanz, und ihre Hände waren weiß und
-sehr klein. Sie nahm damit an beiden Seiten ihr Kleid auf; das
-war von weißem Wollstoffe und so lose geschnitten, daß es schöne<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-Falten warf; der Halsausschnitt und die halblangen, weiten Ärmel
-waren mit einer goldenen Borde besetzt.</p>
-
-<p>Immer näher kam das Mädchen, ging gerade auf ihn zu und
-blickte ihn mit freundlichen Augen an; die kamen ihm erst schwarz
-vor, dann meinte er, sie wären braun, und schließlich sah er, daß
-sie blau waren, blau mit goldenen Blumen darin. Da erkannte
-er das Mädchen, nickte ihm zu und rief: »Swaantje, wie kommst
-du denn hierher?«</p>
-
-<p>Davon wachte er auf und merkte, daß er eingeschlafen war
-und geträumt hatte; aber er war über den Traum so erschrocken,
-daß ihm das Herz bis in den Hals hinein schlug. Er stand auf,
-warf die Büchse über den Rücken, stellte den Springstock in den
-Busch und sah sich nach seinem Hute um, bis ihm einfiel, daß der
-ihm vom Kopfe geflogen war, als er vor der Brennhexe fortlaufen
-mußte. Er lachte und ging langsam dem Walde zu, in dem
-der wilde Täuber ihn bedauerte: »O du, du, du!« rief er; aber
-der Häher lachte den Jäger aus, weil er so schwarz und schmierig
-im Gesichte aussah und nichts davon wußte; er flog vor ihm her
-und schrie in einem fort: »Ätsch, ätsch, ätsch!« Doch als der
-Jäger ihm drohte und zum Spaß nach der Flinte griff, kreischte
-der bunte Vogel laut auf: »Nein, nein!« schrie er und flog schnell
-in den tiefen Wald hinein.</p>
-
-<p>»Du lieber Himmel, Herr Hagenrieder«, rief die Wirtin vom
-Blauen Himmel und schlug die Hände zusammen; »wie sehen
-Sie denn aus!« Als der Jäger ein dummes Gesicht machte, drehte
-sie ihn an der Schulter um, daß er in den Spiegel sehen mußte,
-und da lachte er, denn er war schwarz und grau gestreift von
-Ruß und Schweiß. Die Wirtin hatte die Hände auf die Hüften
-gestemmt und lachte, daß ihre Zähne blitzten.</p>
-
-<p>»Auch noch auslachen!« rief der Jäger, faßte sie um und küßte
-sie so lange, bis sie ebenso aussah, wie er, und ihn halb böse,<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-halb verliebt ansah; er aber lachte und sagte: »So, nun haben
-Sie nichts mehr vor mir voraus, und jetzt muß ich für drei Taler
-Waschwasser und drei Handtücher auf mein Zimmer haben, und
-wenn ich wieder herunterkomme, ordentlich etwas zu essen und
-zu trinken, denn die Brennhexe hat mich über das ganze Moor
-gejagt.« Da wurde die Frau ganz blaß und sagte: »Und ich
-dachte, Sie hätten bloß ein bißchen beim Löschen geholfen.«</p>
-
-<p>Er stieg die Treppe hinauf und ging in sein Zimmer, legte
-sein Zeug ab, wusch sich von oben bis unten und zog einen
-städtischen Anzug an. Als er vor dem Spiegel stand, die Halsbinde
-zur Schleife band und die gleichfarbige Schärpe um den
-Leib knüpfte, mußte er wieder an Swaantje denken. Er hatte sie
-einmal zu einem Ausfluge abgeholt, und weil es sehr heiß war,
-kam er in weißer Bluse und mit gegürteten Lenden, die Jacke auf
-dem Arme. »Reizend siehst du aus, Vetter Helmold, ganz reizend«,
-hatte das Mädchen ausgerufen und vor Vergnügen in die Hände
-geklatscht; »ich finde, Westen sind scheußlich, und warum die
-Männer selbst bei dieser Hitze dreifaches Zeug anhaben, das verstehe
-ich nicht. Und sieh bloß, wir sind ja ganz auf eine Melodie
-gestimmt: beide in Weiß und Weinrot! Hast du dich vielleicht
-vorher bei Fride erkundigt, was ich anziehen wollte?«</p>
-
-<p>In der Eisenbahn saß ihm ein junges Mädchen gegenüber.
-Es war sehr hübsch; aber da es eine bräunliche Hautfarbe, dunkle
-Augen und schwarzes Haar hatte, so machte er sich aus den anerkennenden
-Blicken nichts, mit denen es ihn musterte. Ab und
-zu, wenn er aus dem Fenster sah, mußte er mit den Augen über es
-hingehen, und dann fiel es ihm auf, welchen Gegensatz zu Swaantje
-es darstellte, mit den zackigen Bewegungen, dem grellen Augenaufschlag,
-den rastlosen Händen, der wirbelnden Stimme und
-dem klirrenden Lachen, denn es unterhielt sich eifrig mit einem
-alten Herrn, in dessen Begleitung es fuhr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>Da hörte er Swaantjes milde Stimme und vernahm ihr weiches
-Lachen, sah ihre abgemessenen Bewegungen und dachte an ihre
-kleinen, fast zu kleinen Hände, die niemals hin- und hersprangen,
-sondern still auf ihrem Schoße lagen oder bedächtig die Nadel
-führten, und ab und zu schlug sie langsam die Augen auf und
-sah ihn mit schwesterlicher Zärtlichkeit an. »Ich habe sie lange
-nicht mehr gesehen« dachte er.</p>
-
-<p>Als er sein Haus aufschloß, fuhren ihm seine Hunde winselnd
-und kläffend um die Beine, und eine lustige Frauenstimme rief:
-»Schon da? Das ist ja prächtig!« Seine Frau kam ihm entgegen,
-frisch und fröhlich wie immer; sie hielt ihm den lachenden
-Mund hin, und er küßte ihn dreimal.</p>
-
-<p>Sodann fragte sie ihn: »Wir haben Besuch; rate einmal, wer
-es ist?« Er lachte: »Du weißt doch, Grete, der Verstand ist zum
-Glück meine schwache Seite!« Aber da tat sich die Tür zum Eßzimmer
-auf und Swaantje Swantenius stand vor ihm, genau
-so, wie er sie im Traume gesehen hatte, in dem weißen losen
-Wollkleide mit der goldenen Borde am Halse und unter den
-Ellenbeugen, goldene Blumen in den blauen Augen. Sie gab ihm
-die Hand und sagte: »Willkommen, lieber Helmold! Wie schön,
-daß du so früh kommst; da wird uns das Essen gleich dreimal
-so gut munden.«</p>
-
-<p>Seine Augen freuten sich, als er sie so dastehen sah, und sein Herz
-lachte, als er ihre Stimme hörte. Er nahm seine Frau in den rechten
-Arm und ihre Base in den linken und sagte: »Das ist hübsch von
-dir, Swaantje, daß du einmal wieder hergefunden hast; dafür
-bekommst du auch ein Glas Sekt. Nicht wahr, Weibchen?«</p>
-
-<p>Seine Frau nickte eifrig: »Natürlich, wenn eine so liebe Kusine
-da ist!«</p>
-
-<p>»Kußine«, scherzte ihr Mann und gab erst seiner Frau und
-dann Swaantje einen Kuß auf die Backe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Sektflasche">Die Sektflasche</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Als die alte Kastenuhr auf dem Vorplatze zwölf Male geschlagen
-hatte, kam etwas über die Straße getaumelt, wankte bald auf
-dem Fahrdamm, bald auf dem Bürgersteige umher, rannte fast
-den Laternenpfahl um, der vor Helmold Hagenrieders Hause
-stand, schob sich an der Mauer entlang, kehrte nach einer Weile
-um, sah nach den Hausnummern und Namenschildern, fand sich
-wieder zu dem Hause mit der Laterne vor der Türe hin, tippte
-sich vor den Kopf, murmelte etwas, langte in die Tasche, suchte
-mühsam darin umher, brachte einen Schlüssel zum Vorschein,
-besah ihn genau, steckte ihn wieder ein, fand endlich den richtigen,
-schloß die Haustür auf und trat ein.</p>
-
-<p>Die Hunde im Gange knurrten, als es bei ihnen vorüberschlich,
-aber wach wurden sie nicht. So konnte es mit dem Drücker, den
-es aus der Tasche nahm, die Türe des Windfanges aufmachen.
-Es trat ein, klinkte die Türe des Eßzimmers auf, schlug den Vorhang
-zum Nebenzimmer zurück, schlich sich hinein, wobei es gegen
-eine Truhe anlief und sich das eine seiner Beinchen so stieß, daß
-es zurückprallte, sich umdrehte und mit dem dicken Bäuchlein,
-das gleich unter dem Halse anfing, gegen den Nähtisch stieß, daß
-es krachte. Aber nun hatte es auch, was es wollte; denn es zog
-die Schieblade auf und suchte so lange in den Fächern umher,
-bis es ein Stück Kreide fand.</p>
-
-<p>Damit malte es eine gewaltige Sektflasche auf die Flügeltür,
-holte ein Messer aus der Tasche, klappte den Schampagnerhaken<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-auf, setzte ihn an den Stöpsel der Flasche, brach die Drahtverschlüsse
-auf, und buff flog der Kork heraus. Schäumend stieg
-der heitere Trank aus der Mündung, lief über, floß auf den Fußboden,
-quoll unter den Türen durch in die Schlafzimmer, in die
-Küche, in das Kinderzimmer, auf die Veranda, über den Vorplatz,
-tropfte die Treppenstufen hinunter, geriet in den Gang und von
-da in den Garten, erfüllte die Malwerkstatt, die an dessen Ende
-lag, kehrte wieder um, hüpfte die Treppe empor und krabbelte
-sogar in die Mädchenkammer. Als nun das ganze Haus nach
-Sekt roch, suchte der Eindringling mühsam den Pfropfen auf,
-quälte ihn ächzend in den Flaschenhals hinein, band ihn mit zwei
-Kreidestrichen, die er übereinanderbog, fest, löschte die Flasche von
-der Türe weg und stahl sich kichernd wieder aus dem Hause heraus.</p>
-
-<p>Um sechs Uhr in der Frühe sprang die hübsche Dienstmagd
-trällernd die Treppe hinunter und ließ die Hunde auf die Straße,
-und die stellten sich ganz übermütig an. Dann erschien das Kindermädchen
-und summte ein fröhliches Liedchen vor sich hin. Um
-sieben kam die Hausfrau heiteren Angesichts aus dem oberen
-Stocke und hinter ihr ihr Mann, eine kecke Weise durch die Zähne
-flötend, und nun gab es im Kinderzimmer ein großes Lachen und
-Quieken. Als dann die ganze Familie am Kaffeetische saß, auf
-dem ein knallbunter Blumenstrauß stand, wurden die Vorhänge
-aufgeschlagen, und mit einem Lächeln, so freundlich wie die Sonne,
-die durch die offene Treppentür in die Veranda schien, trat
-Swaantje in ihrem weißen Kleide ein, küßte die Hausfrau und
-die Kinder und gab ihrem Vetter die Hand. Als der brummigen
-Gesichtes, aber mit lustigen Augen sagte: »Mich auch Kuß haben!«
-bekam er einen auf die Backe, sagte: »Ah!« strich sich den Magen,
-und alle lachten.</p>
-
-<p>Es wurde viel gelacht bei Tische und nachher auch; denn als
-Swaantje hinter Helmold, der ihr seine neuen Bilder zeigen wollte,<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-die Gartentreppe hinunterging, rief Frau Grete, die gesehen hatte,
-daß es über Nacht schwer getaut hatte, ihr besorgt nach: »Mach
-dich nicht naß!«, worauf das Mädchen sich entsetzt umsah und
-entrüstet ausrief: »Aber Greete!« Nun hallte der ganze Garten
-von Gelächter, und Swaantje nahm ihre Röcke zusammen und
-huschte in die Werkstatt. Dort aber vergaß sie das Lachen; sie
-ließ die Hände an den Hüften herabhängen, hob sie dann langsam
-wieder hoch, schlug sie vor der Brust ineinander, seufzte tief
-auf, wandte sich nach ihrem Vetter hin und flüsterte: »O, das
-ist ja wundervoll, lieber Helmold; das ist das Schönste, was du
-bisher gemalt hast«. Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände,
-drückte sie und sagte: »Ich danke dir viele Male, und ich bin sehr
-stolz auf dich!«</p>
-
-<p>Der Maler betrachtete mit zugekniffenen Augen das Bild und
-lächelte. Es war von gewaltigem Umfange und stellte mehrere
-hünenhafte, unbekleidete Männer dar, die auf Tod und Leben
-mit bunten Tigertieren rangen. Die hell und dunkel gestreiften
-Körper der Riesenkatzen, die nackten Menschenleiber mit den bis
-auf das höchste angespannten, durch helle Lichter und dumpfe
-Schatten betonten Muskeln, das zertretene Gras, die wirbelnden
-Staubwolken, von schräg fallenden Sonnenstrahlen geteilt, das
-war eine Menge von scharfen Gegensätzen, die eine reife Anschauung
-durch einen starken Willen zu einer einheitlichen Wirkung
-zusammengefügt hatte.</p>
-
-<p>Swaantje hatte sich in den bequemen Ledersessel gleiten lassen,
-stützte ihre schmalen Schuhe, über denen das weiße Kleid ein Stück
-der seidenen Strümpfe sehen ließ, auf eine mächtige Elchschaufel,
-die als Fußbank diente, und vergrub sich ganz in die Stimmung,
-die von dem Gemälde ausging. Helmold stand am Fenster und
-freute sich über den stolzen Schnitt ihres Gesichtes, über den bescheidenen
-Glanz, der auf ihrem aschenblonden Haare lag, über die<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-vornehme Sprache ihres Unterarmes und fand, daß ihre Hände
-zu klein waren, und der unentschlossene Zug, der sich darin ausprägte,
-paßte schlecht zu der ganzen Erscheinung des Mädchens.
-Auch sah er, daß ihr Gesicht zu durchgeistigt war, und mit Betrübnis
-entdeckte er hinter ihren Mundwinkeln eine Falte, die er
-dort nicht haben wollte.</p>
-
-<p>Aber da fing Swaantje zu sprechen an: »Weißt du, Helmold,
-was ich mir bei dem Bilde denke? Ich ginge unter den Rabenbergen
-her, wenn die Abendsonne darauf liegt. Dann sieht es dort
-genau so aus.« Ihr Vetter machte ein ganz ernstes Gesicht.
-Dann zeigte er auf das Bild und sagte: »Vorgestern war Frau
-Jucunda Othen-Othen hier, du weißt doch, die berühmte Kunstgewerblerin,
-um nicht zu sagen, die berüchtigte Eklektikerin, besser
-wohl Ekleptikerin. Sie rauschte mir hier mit ihren gräßlichen seidenen
-Unterröcken herum; schauderhaft, dies Seidenpapiergeraschel!,
-tat so, als interessiere sie sich für Kunst, wollte natürlich
-nur Technik schinden und Motive klauen; na, und als sie das
-Bild sah, steckte sie ihre Nase unter das Lorgnon, machte ihr
-überlegenstes Gänsegesicht und fragte: ›Was soll denn das bedeuten,
-Herr Hagenrieder?‹ ›Abendsonne auf der Haide, gnädige
-Frau,‹ sagte ich. Die Miene, die sie da aufsteckte, war zum Heulen,
-sage ich dir. Sie glaubte, ich wollte sie uzen. Na, das wollte ich
-ja auch wohl, denn sonst hätte ich ihr nicht die blanke Wahrheit
-gesagt. Das ist in manchen Fällen die höchste Raffiniertheit. Bismarck,
-der verstand sich großartig darauf.«</p>
-
-<p>Er warf die blonde Stirnlocke zurück. »Weißt du, die habe ich
-den Tag erst klug und dann wieder dumm gequatscht. ›Ja,‹ sagte
-ich zu ihr, ›wenn man den Eindruck einer Landschaft gänzlich
-falsch wiedergeben will, tut man am besten, sie zu porträtieren,
-vorausgesetzt, daß sie stille sitzt und nicht alle fünf Bierminuten
-ein anderes Beleuchtungsgesicht schneidet. Das tun die meisten<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-sogenannten Landschafter, oder besser gesagt, Landschaftsschuster,
-und darum hängt überall so viel Schauderschund herum.‹ Sie
-machte ein Gesicht wie eine Meerkatze, die niesen muß. ›Ja,‹ sagte
-ich dann, ›wenn man das aber nicht will, dann muß man eben
-durch ganz etwas anderes sein Ziel zu erreichen suchen, oder vielmehr,
-man muß warten, bis das von selber kommt, denn mit
-Überlegung, Verstand und anderen billigen Malmitteln kommt
-man doch zu nichts.‹ Mit einem Male fuhr sie mir dazwischen:
-›Danach müßten Sie ja einen Menschen durch eine Landschaft
-wiedergeben!‹ Ich nickte und bewies ihr das so scharf, daß sie
-ganz begossen dastand, und da fragte sie: ›Wie würden Sie denn
-den Eindruck wiedergeben, den ich auf Sie mache?‹ Und da
-sagte ich zu ihr: ›Gnä' Frau, Sie haben doch schon gesehen, wenn
-bei windstillem Wetter auf einmal die Luft küsselt und Papier,
-Stroh, Blätter und Staub umeinander dreht und mit nach Hause
-nimmt, eine der lieblichsten Erscheinungen in der Natur, so flüchtig,
-so luftig, so entzückend vergänglich. So kommen Sie mir vor.‹«</p>
-
-<p>Er lachte unbändig und Swaantje ließ ihre Fröhlichkeit dazwischen
-läuten. »Was hat sie denn darauf gesagt?« forschte sie.
-»Gar nichts,« antwortete ihr Vetter. »Erst hat sie ein fuchtiges
-Gesicht gemacht und mit einem Male wurde sie wie Margarine;
-ich konnte sie hinschmieren, wo ich sie hinhaben wollte. Aber ich
-mache mir aus Kunstbutter nichts; lieber schon Schmalz. Unsere
-Luise ist mir dreimal so lieb, als diese Donnja. Sie macht in Kunstgewerbe,
-wie andere in Heringen oder Flanell.« Er sah Swaantje
-an: »Weißt du, was ich malen würde, um den Eindruck wiederzugeben,
-den du auf mich machst? Weiße Haide, aber Sandhaide!«</p>
-
-<p>Das Mädchen fuhr in die Höhe: »Aber weiße Haide bedeutet
-doch Unglück! Wirke ich so auf dich?« Er schüttelte den Kopf:
-»Im Gegenteil! Und warum bedeutet weiße Haide Unglück?
-Weil sie zu der Zeit, da unser ureigenes Wesen von der wälsch-fränkischen<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-Vergewaltigung noch nicht vermanscht war, eine
-Glücksblume war, was sie in England heute noch ist und ebenso
-in der Haide. Der Freitag war der Tag der Frigge, der Friggetag,
-der Glückstag; an ihm wurden die Ehen geschlossen, und
-unsere Haidbauern heiraten heute noch möglichst an diesem Tage.
-Die Dreizehn war die heilige Zahl und die Sieben auch; unsere
-Ahnen liebten nichts, was aufging, denn damit hörte es auf, ein
-Problem zu sein. Aber die Taktik der karolingischen Mönche verkehrte
-alles das ins Gegenteil; der brave Deutsche fiel darauf
-hinein und gab sein naturfreudiges Wesen gegen eine asiatische
-Naturentfremdung auf. Und daher unser tiefes, weites und hohes
-Unverständnis für alles, was Kunst heißt.«</p>
-
-<p>Er schob das Bild, das auf einer Rollstaffelei stand, zur Seite
-und sagte: »Bitte, setz dich einmal da hin, nein, da rechts von der
-Tür!« Dann zog er den goldbraunen Vorhang zurück, der die
-Hinterwand des Raumes verhüllte, und ein anderes Gemälde
-wurde sichtbar, doch nur in seinen großen Umrissen, da das Oberlicht
-abgeblendet war, und auch dem Seitenlichte war durch Vorhänge
-der Zutritt verwehrt. Das Mädchen richtete sich in dem
-Sessel auf, beugte sich vor, öffnete ihre Augen ganz weit und
-fragte verwundert: »Seit wann malst du denn Dolomiten, Helmold?
-Du sagtest doch, bloß die Haide könne dir zur visionären
-Erscheinung werden? Aber dieses Bild gibt ganz und gar die
-Geheimnisse der Sellagruppe wieder. Das heißt, so ganz verstehe
-ich es doch nicht.«</p>
-
-<p>Der Maler lächelte, zog erst die Vorhänge von dem Seitenlichte
-fort und machte dann dem Oberlichte Platz, und da sprang
-Swaantje auf, brach in ein helles Jubellachen aus und rief:
-»Nein, nein, Helmold, du bist ja ein Zauberer! Das ist ja, ja das
-ist ja der Kreuzestod Christi!« Sie schüttelte den Kopf, bewegte
-die Lippen, als wenn sie etwas sagen wollte, und dann ließ sie<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-sich wieder in den Sessel fallen, lehnte den Kopf gegen die alte
-Stickerei, die darüber hing, blendete sich mit den Händen das
-Ober- und das Seitenlicht ab und flüsterte: »Die Sella und die
-Kreuzigung; wie geheimnisvoll! Helmold, wo ist die Lösung?«</p>
-
-<p>»Ja, Swaantje,« antwortete er und ein bißchen Selbstverspottung
-lag in seiner Stimme; »ja, ich sage: ich will dies, und
-hinter mir steht wer und sagt: ›du sollst das!‹ Sieh mal, die
-Sellagruppe hat damals auf mich den selben blödsinnigen Eindruck
-gemacht, wie auf dich, aber mein bewußtes Ich sagte mir:
-du hast doch weiter nichts davon, als daß du durch die Komplementärwirkung
-zu einem tieferen Verständnis deiner Heimlandschaft
-kommst. Niemals habe ich daran gedacht, Dolomiten zu
-malen. Als ich dann eines Abends bei Hennecke saß, kam die
-Rede auf den Verlust der Überlieferung in der bildenden Kunst
-und auf das Effekthaschen und Sensationsmachen in der Wahl
-der Stoffe, und da sagte der Prinz: ›Der Staat müßte einmal
-zehn Jahre lang verbieten, daß etwas anderes gemalt würde als
-Kreuzigungen; dann würde man bald sehen, wer wirklich etwas
-kann.‹ Dieses Wort juckte mich so lange, bis ich mir eines Tages
-sagte: So, jetzt wird eine Kreuzigung gemalt, damit du endlich
-Ruhe hast! Ja Kuchen: Als ich den Schaden besah, stand die
-schöne Frau Sella neben mir, machte mir eine lange Nase, knixte
-und sagte: Schau, da hast du mich doch malen müssen, ätsch!
-Na, und so war es; der lange schwarze Mann im Vordergrunde
-wirkt als tiefe schmale Schlucht, die anderen Figuren und die
-Längsbalken der Kreuze geben die senkrechten, die Querbalken und
-die Arme der Gerichteten die wagerechten Linien der Sellaarchitektur
-wieder, und so hatte ich Dolomiten gemalt und keinen
-Dunst davon gehabt. Ja, bei uns muß es wohl heißen: suchet
-nicht, so werdet ihr finden.«</p>
-
-<p>Das Mädchen nickte ernsthaft. »Ja,« meinte sie dann, »Kunst<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-und Glaube sind zweierlei.« Ihr Vetter schüttelte den Kopf.
-»Nein, Swaantje, sie sind das selbe, und deshalb sind alle wahren
-Künstler gottlose Menschen in landläufigem Sinne. Sie suchen
-Gott nicht; sie haben ihn in sich; ihn oder den Ungott.«</p>
-
-<p>Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und blies den Rauch
-weit von sich, schob das Bild zur Seite, verhüllte es und desgleichen
-das andere Gemälde und machte die Tür zu dem Nebengemache
-auf. Das Mädchen stieß einen Laut aus, halb Seufzer,
-halb Schrei und sprang auf, die Hand auf dem Herzen und mit
-weit aufgerissenen Augen nach dem Gemälde starrend, das hinter
-dem Türloche stand. Als der Maler, den ihr jähes Erbleichen erschreckt
-hatte, neben sie trat, umklammerte sie seinen Arm, und
-er fühlte, wie ihr Herz zitterte, und sah, wie ihr der Atem hastig
-über die Lippen sprang. Er warf ebenfalls seine Augen auf das
-Bild, und da erschrak auch er, denn einen so gemeinen Ausdruck
-hatte er noch nie in den Augen des Weibes gesehen, das er da
-gemalt hatte.</p>
-
-<p>»Chali,« flüsterte es an seiner Schulter, und er murmelte: »Das
-ist es! Ich habe gedacht, es gibt keinen Namen dafür, aber du
-hast sofort den einzig möglichen dafür gefunden. Das böse Prinzip
-des Weibes.« Sie ließ sich, wie vor Erschöpfung, in den Sessel
-gleiten, und fragte, immer das Bild anstarrend: »Wirst du es
-mir sagen?« Er nickte. »Ja, Kind, gern, soweit es sich um den
-äußeren Anstoß dazu handelt. Du weißt ja, wie der Prinz ist.
-Eines Tages kommt er hier angeautobt und stellt mir eine kostbare
-Schüssel vor die Nase, in der auf bleichem Moose dreißig
-unheimliche Blumen lagen und mich auf ganz hundsgemeine
-Weise anschielten. Ich machte ein dummes Gesicht und fragte:
-›Bist du auf dem Mars gewesen?‹ Denn in meinem Leben hatte
-ich solche Satansblumen noch nicht gesehen. Da lachte er und
-sagte, es wären Stapelien, Kusinen von den Kakteen, und sie<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-wären aus seinem Treibhause, und er kritzelt mir eine argentinische
-Stapelienlandschaft in das Skizzenbuch.«</p>
-
-<p>Er holte tief Atem und fuhr fort. »Den ganzen Tag war ich
-zu nichts zu gebrauchen. Wie ein Affe saß ich da und sah diese
-niederträchtigen Blumen an, diese Katerideen von Blumen, diese
-Antiblumen oder was weiß ich. Ein Vierteljahr war ich ganz elend.
-Erst dachte ich, es wäre die Grippe, nahm Dampfbäder, ließ mich
-massieren und trank Grog. Dann hielt ich es für einen Darmkatarrh,
-trank Boonekamp und ließ mir heiße Pottdeckel auf
-den Magen legen, wenn ich zu Bett ging. Dann wieder schien es
-mir Nervenüberreizung zu sein; ich aß Sanatogen, schluckte
-Hämatogen, verkniff mir den Tabak, den Kaffee und den Wein,
-trank abends Fliedertee und morgens Brombeerblätteraufguß
-und wurde immer elender, bis ich mich auf einmal benahm, wie
-ein Brunnendelphin, der abends vorher zu viel Bier getrunken
-hat. Darauf schlief ich drei Tage, und dann malte ich das Bild
-aus dem Handgelenk in acht Tagen und war kreuzfidel, als ich
-es hinter mir hatte, denn mir fehlte gar nichts; mir hatte nur das
-scheußliche Bild verquer im Leibe gesessen, ein Meter vierzig zu
-eins zwanzig. Aber sieh es dir einmal genau an!«</p>
-
-<p>Swaantje stand auf, doch sie zögerte noch. Sie sah den schweren,
-klobigen, in den massigen Formen der sumerischen Bauweise gehaltenen,
-reich geschnitzten, mit buntem Glasflusse ausgelegten
-und mit goldenen und silbernen Ziernägeln beschlagenen Rahmen
-und dann das unheimliche nackte Weib an, das vor einem unglaublich
-klaren und grundlosen Wasser, das eine unbekannte
-Farbe hatte und von der Abendsonne eiterrote Glanzlichter bekam,
-auf der Seite lag, die brutalen Knie gegen den üppigen Leib gezogen,
-den stützenden Arm halb überschüttet von einem Sturzbache
-straffen Haares von einer rohen roten Farbe, und das sie
-mit seelenlosen Tigeraugen ansah, ebenso schrecklich, wie die unheimlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-großen Blumen, die an den starren Stämmen hinter
-ihrem Rücken hingen, aber auch ebenso schön, Chali, die Göttin
-des unblutigen Meuchelmordes, das greuliche Geheimnis des
-bengalischen Bambusdickichts.</p>
-
-<p>Langsam ging sie darauf zu und sah, daß das Weib keine Tigeraugen,
-sondern Menschenaugen hatte, doch mit dem Blicke des
-Tigers, oder vielmehr, mit gar keinem Blicke, aber dadurch wirkten
-sie gerade so tigerhaft. Als sie noch näher kam, nahmen ihre
-Züge den Ausdruck kindlicher Neugier und einer dummen Verwunderung
-an, denn das Bild war auf Holz gemalt und der
-Leib des Weibes war nicht gemalt, sondern ausgespart, so daß
-überall die Maserung und hier und da ein Astfleck zu sehen war.
-Der Gesamteindruck war aber so mächtig, daß diese Dinge vor
-ihm völlig zurückgingen.</p>
-
-<p>Helmold, der hinter sie getreten war, nickte ihr zu und sagte:
-»Ja, ja, es ist wunderlich, was man nicht alles macht, wenn
-man so dumm dahertollpatscht. Warum habe ich das auf Holz
-gemalt und nicht auf Leinwand? Im allgemeinen male ich nicht
-gern auf Holz, und wenn schon, so kleine Bilder. Aber dieses
-mußte ich auf Holz malen, scheinbar, weil das Brett gerade da
-stand, in Wirklichkeit aber, weil dieses Weib nicht gemalt, sondern
-ausgespart werden mußte. Es verkörpert das negative Prinzip
-des weiblichen Wesens, konnte also am besten durch eine Negativität
-wiedergegeben werden. So ist es auch im Leben; das
-Schlechte, das Unheimliche, das Gemeine: tritt dicht davor, und
-siehe, es ist ein Nichts, es ist Holz, dumm gemasert und mit Kienstellen
-durchsetzt. Ein wirkliches Weib, ein Weib von Herz und Gemüt,
-von Fleisch und Blut, das hat nicht hier mitten auf dem Bauche
-einen Leberfleck aus Kien und auf der Kalipygie eine Maserung,
-soweit meine geringen Erfahrungen auf diesem interessanten, aber
-schwierigen Gebiete reichen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<p>Er zog den Vorhang zu, nahm Swaantje um die Mitte, führte
-sie zu dem Ruhebett, stellte einen alten Bauernteller mit Äpfeln
-und eine Dose mit Biskuit vor sie hin und nötigte zum Zulangen:
-»Iß, Mädchen, desto eher wirst du elend! Und hier sind auch
-Nüsse.« Swaantje nahm eine, steckte sie dem wunderlichen Nußknacker
-in das Maul, zerbrach sie und rief dann: »O, ein Vielliebchen!
-Wer ißt es mit mir?« Ihr Vetter hielt die Hand auf.
-»Dir zuliebe tue ich alles,« lachte er; »sonst esse ich nur Nüsse,
-wenn sie mir einer kaut, aber das will keiner. Wenn man nämlich
-nicht aufpaßt, kaut man acht Tage lang an einer Nuß herum.«
-Er steckte die Nuß in den Mund, schluckte und sagte, indem
-er auf seine Weste zeigte: »Es geht auch ohne die alte
-Kauerei.« Da lernte Swaantje das Lachen wieder und vergaß
-das unheimliche Bild und den entsetzten Blick, den Helmold
-darauf geworfen hatte. Dann zeigte er ihr einige Porträts und
-eine Anzahl von den Studien, die er zu Hunderten in den Schiebladen
-der großen Schränke liegen hatte, schwatzte Kraut und
-Rüben durcheinander und hetzte einen Witz hinter dem anderen
-her, bis sie vor Lachen nasse Augen bekam und ihn händeringend
-bat, aufzuhören: »Denn ich habe nur ein Zwerchfell, Helmold,
-und das ist schon dreimal gestopft!«</p>
-
-<p>Sie kuschelte sich bequem auf das Ruhebett hin, biß in einen
-Apfel und sah zu, wie er überall herumkramte, und ihr allerlei
-zeigte, das bravste Gehörn von dem letzten Jahre, eine Pfeilspitze
-aus Feuerstein, die er in der Haide gefunden hatte, eine
-alte Schnapsflasche mit einem himmelblauen Vogel Phönix darauf
-und der Inschrift: »So wie der Fönix der Flamme entspringt,
-so meine Liebe zu dir hin dringt« und ähnliche Seltsamkeiten,
-die er bei seinen Jagdfahrten in den Dörfern aufgegabelt hatte.
-Dann, als er eine Schieblade aus einem grell gestrichenen Schranke
-zog, rief er: »Holla! Beinahe vergessen!« Er langte ein Kästchen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-heraus, machte es auf, nahm etwas heraus und drückte es dem
-Mädchen in die Hand. Es war eine Fibel aus dickem, gerieftem
-Silberdraht, aus zwei engen Spiralen gebildet, deren jede einen
-prachtvoll gebräunten Hirschhaken umschloß. »Da!« sagte er,
-»als Dank für diesen schönen Morgen!«</p>
-
-<p>Sie errötete und klatschte in die Hände: »Wie entzückend! So
-eine fehlte mir gerade. Die hast du doch selbst entworfen? Und
-wie reizend von dir, mir die zu schenken, mit den prachtvollen
-Kusen darin!«</p>
-
-<p>Sie drehte das Schmuckstück hin und her, nahm die Pfeilspitze
-von Flintstein von dem Tischchen, hielt beide Gegenstände aneinander
-und sagte: »Die gehörten einmal zusammen, paß auf:
-der alte Oberpriester war voller Wut, denn seine Tochter, Loide
-hieß sie, sah Wuni gern; aber der war ihrem Vater ein Gräuel,
-weil er die Kunst, Waffen und Geräte aus Metall zu schmieden,
-aus der Fremde mitgebracht hatte und deshalb der Priesterschaft
-als gottloser Mensch galt. Nun war noch jemand da, der die schöne
-Loide liebte; Ulahu hieß er, und war ihrem Vater genehm, dieweil
-er ein Steinschmied war und jede Neuerung haßte. Aber
-Wuni war stark und Ulahu schwach, und da sprach der Oberpriester,
-Krwo hieß er: ›Der Rabe jagt dem Adler den Fraß ab,
-obwohl dieser siebenmal so stark ist.‹ Ulahu merkte sich diese
-Rede, und als er Loide einmal in das Haus ihres Vaters eintreten
-sah, mit flammenden Augen, brennenden Wangen und
-glühenden Lippen, und bemerkte, daß ihr Kleid vor der Brust
-mit einer silbernen Fibel, in der zwei Hirschhaken befestigt waren,
-geschlossen war, da ging er zu seiner Hütte, weinte, nahm den
-Eibenbogen und drei Pfeile zur Hand und schlich Wuni nach,
-als er in der Frühe auf Jagd ging, und schoß ihm den Pfeil von
-hinten durch das Herz, daß er sterben mußte. Ulahu aber freite
-Loide, doch am Morgen nach der Hochzeit lag er tot in seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-Hütte; Loide aber war verschwunden, und wenn die Nachtschwalbe
-rief, sagten die Mädchen: ›Da schreit Loide nach Wuni.‹«</p>
-
-<p>Während sie so sprach, verhärteten sich ihre Augen, so daß es
-Helmold, der ihr anfangs mit vieler Freude zugehört hatte, erschien,
-sie hätten ein wenig von dem, was die Augen der Chali
-aufwiesen, und sein Herz kehrte sich um. Doch er jagte die graue
-Fledermaus, die auf ihn zuflog, mit einer heftigen Bewegung
-fort, nickte, lächelte und sagte: »Das ist sehr schön, Swaantje,
-und du wirst das aufschreiben und mir als Gegengeschenk verehren.
-Du solltest überhaupt deine Gesichte zu Papier bringen.
-Ich habe es schon oft gedacht: Du bist eine Künstlerin! Und wem
-eine Gabe ward, der soll ihrer pflegen, sonst bleibt er unfroh sein
-Leben lang.«</p>
-
-<p>Doch als er das gesagt hatte, schüttelte er in sich darüber den
-Kopf, denn er glaubte nicht an eine künstlerische Begabung des
-Weibes. Er hatte, als er einst einer schönen Frau, die acht gesunde
-Kinder besaß, einen Spruch in ihr Gästebuch schreiben
-sollte, folgendes eingetragen: »Der größte Künstler ist klein gegen
-eine Mutter; denn er kann keinen Menschen von Fleisch und
-Blut schaffen.«</p>
-
-<p>Während er nun Swaantje freundlich ansah, besah er ihr Gesicht
-genau und dachte: »Ihr ganzes Wesen ist weiblich, aber ihr
-Geist ist männlicher Art. Am Ende ist sie kein völliges Weib; das
-wäre ein Jammer, denn dann wird sie das wahre Glück nie
-kennen lernen. Denn die Liebe ist alles, und das andere ist nichts.«</p>
-
-<p>Da kam Swaan angelaufen und rief: »Väterchen und Muhme
-Swaantje, ihr möchtet zum Essen kommen, aber schnell, sonst
-wird der Braten kalt!« Stolz setzte er hinzu: »Es gibt Birkhahn,
-den Vater geschossen hat.« Sweenechien aber, die hinter ihm
-hergetappelt war, rief: »Und Flammerie! Hast du das auch geschossen?«
-Da lachte Swaan sie aus und Helmold und Swaantje<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-auch; unter viel Lachen und Scherzen ging es in die Veranda,
-wo Frau Grete sie mit den Worten empfing: »Was ist das bloß
-heute? Alles im Hause lacht in einem fort! Die Mädchen sind
-aus Rand und Band und ihr auch. Der Sekt kann doch nicht
-nachspuken?«</p>
-
-<p>Das schien aber doch so, denn es blieb bei dem Lachen. Helmold
-lachte, wenn er zu Bett ging, und er lachte, wenn er aufstand.
-Die Arbeit flog ihm nur so von der Hand, und während
-der Pinsel bald langsam und vorsichtig, bald schnell und sorglos
-über die Leinwand ging, sang und pfiff er, daß man es über den
-ganzen Garten bis in das Haus hören konnte.</p>
-
-<p>Wenn aber aus der Werkstatt kein Singen und Pfeifen kam,
-so wußte Grete, daß Swaantje dort war. Die saß dann in einem
-der großen Sessel und arbeitete an einer Stickerei oder lag auf
-dem Ruhebett, sah ihrem Vetter zu und freute sich an seinen
-schnellen und doch so sicheren Bewegungen, an seiner frohen
-Laune und seiner Urwüchsigkeit; denn wenn er mitten in der
-Arbeit war, vergaß er alles um sich und konnte, fuhr er einmal
-gegen einen Baum, mit den saftigsten Ausdrücken um sich werfen,
-und Swaantje rief dann wehklagend: »Aber Herr Hagenrieder,
-ich bin eine deutsche Jungfrau!« Wenn er dann sagte: »Leider!
-vergaßen sie zu bemerken, mein allergnädigstes Fräulein«, dann
-lachte sie.</p>
-
-<p>Einmal wäre ihm beinahe die Antwort entwischt: »An mir
-liegt es wahrhaftig nicht«; doch er packte rechtzeitig den schlechten
-Witz noch am Nackenfell, denn es war ihm wirklich nur Spaß
-damit gewesen.</p>
-
-<p>Mehr als einmal sagte er zu seiner Frau: »Es ist nun an der
-Zeit, daß Swaantje heiratet; sie bekommt sonst noch Druckstellen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Stapelienbild">Das Stapelienbild</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Chali langweilte sich. Früher konnte sie fast den ganzen Tag
-mit dem Maler sprechen; seitdem aber das junge Mädchen da
-war, war es aus damit, denn Swaantje fürchtete sich vor ihr,
-und so hatte Helmold das Bild in den Nebenraum gestellt, wo
-es weiter nichts gab als Bilder, Rahmen, Kisten und Kasten,
-Töpfe und Kruken.</p>
-
-<p>Aber wenn Chali auch nicht dort hätte sein müssen, sondern in
-der Werkstätte hätte weilen dürfen, so hätte ihr das doch nichts
-genützt. Holz und Stoffe boten ihren Blicken keinen Widerstand,
-und so mußte sie es einen Tag wie den anderen mit ansehen, wie
-der Maler sich mit dem blonden Mädchen unterhielt und ihm
-liebreiche Blicke zuwarf. Sie lag da und starrte auf die Tür; ihre
-Augen wurden von Tag zu Tag böser und leuchteten im Dunkeln
-grün.</p>
-
-<p>Eines Abends, als Helmold und Swaantje in der Werkstätte
-waren, holte der Maler sich aus der Vorratskammer ein frisches
-Malbrett, was er immer tat, wenn er ein neues Bild begann,
-das ihm aus dem Herzen kam, und da er an das Bild dachte,
-das er anfangen wollte, so ließ er in Gedanken die Tür offen
-stehen. Er wollte nämlich Swaantje malen; er hatte es schon bei
-Tage mehrfach versucht, war aber nie über den Anfang hinweggekommen,
-bis ihm einfiel, daß er eine andere Beleuchtung haben
-müsse, als das Tageslicht, und er hatte gefunden, daß das Mädchen
-im Halbschatten sitzen müsse, während rings umher alles<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-hell von Licht war. So setzte Swaantje sich also an das große
-Fenster, vor dem die Vorhänge zusammengezogen waren, und
-drehte der zweiten Tür den Nacken zu.</p>
-
-<p>»Heute wird es etwas, Swaantje,« rief Helmold; »das kommt
-wohl daher, weil ich dich gestern eigentlich zum ersten Male in
-Erregung gesehen habe. Du bist übrigens der einzige Mensch,
-mit dem ich Walzer tanzen kann. Sonst liegt mir der Walzer
-nicht; mein Blut geht im Polkatakt. Hamburger, Schwedische
-Quadrille, der Achtturige, Schardas, Kasatschka und dergleichen,
-wobei man seine Knochen rühren und ordentlich trampeln kann,
-das ist mein Fall. Aber sich wie ein Brummkreisel andauernd um
-seine Perpendikulärachse zu drehen, das ist nichts für mich. Gestern
-bin ich aber auf den Geschmack gekommen. So wie du den Walzer
-tanzst, so glaube ich, tanzen die Nebelfrauen ihn auch. Ich
-will sie nächstens mal fragen.«</p>
-
-<p>Chalis Augen sprühten, als sie das mit anhören mußte, und
-sie stach mit spitzen Blicken nach dem Nacken des Mädchens;
-jedesmal, wenn Helmold hinzutrat und mit seiner Hand ihre Kopfhaltung
-ein wenig änderte, fuhren grüne Blitze aus dem Nebenraume
-dahin, wo die aschenblonden Nackenlocken auf der roten
-Stuhllehne schimmerten. Solange ihr Vetter mit ihr plauderte,
-merkte Swaantje nichts von dem, was hinter ihr vorging; aber
-nun fing Helmold an, eine neue Singweise zu suchen, indem er
-ganz leise durch die Zähne pfiff, und das bedeutete, wie sie wußte,
-daß er dem Reime zwischen Stoff und Form nahe war. Darum
-rührte sie sich nicht, so gern sie das auch getan hätte.</p>
-
-<p>Denn ihr war so merkwürdig schwach und hülflos zumute.
-Sie hatte ein bißchen viel getanzt und gelacht und vielleicht auch
-ein Glas Sekt mehr getrunken, als ihr gut war; aber es war so
-wunderschön auf dem Frühlingsfeste gewesen; so viele hübsche,
-fröhliche Frauen und Mädchen, und so viele nette, lustige Männer<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-hatte sie noch nie beisammen gesehen, und so hatte sie mit den
-anderen getollt und sich prachtvoll vergnügt.</p>
-
-<p>Jetzt aber fühlte sie sich müde; sie hatte einen peinlichen Druck
-in der Herzgrube, und ihr war, als klemmte etwas ihre Herzschlagadern
-ein. Am liebsten hätte sie ihrem Vetter nicht gesessen; aber
-sie wußte, wie gern er sie malen wollte, und daß er endlich dazu
-kam; denn nun pfiff er nicht mehr durch die Zähne und trat
-nicht fortwährend vor und zurück, sondern er stand still, malte
-eifrig, summte erst eine Weise vor sich hin, und dann sang er:
-»Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir
-schrie, Rose Marie, Rose Marie, aber du hörtest es nie.« Er war
-in voller Fahrt.</p>
-
-<p>Sie hielt still, obgleich ihr von Minute zu Minute hülfloser zumute
-wurde; denn Chali ärgerte sich über die zärtlichen Blicke,
-die der Maler fortwährend nach dem Mädchen warf, und über
-das Lied, das er sang, während er malte, und so wandte sie ihre
-Meuchelmörderaugen nicht einen Pulsschlag lang von dem Nacken
-Swaantjes.</p>
-
-<p>»Erzähle was, Maus!« sagte Helmold, und Swaantje war
-froh; aber ihr fiel nichts weiter ein, als das, wovon sie noch zu
-keinem Menschen gesprochen hatte, und was sie auch keinem sagen
-wollte. Aber da dachte sie an die Faschingsnacht in München, als
-ihr Vetter zwischen all dem tollen Lärm zu ihr gesagt hatte:
-»Kleine, wenn du einmal etwas hast, das dich drückt, und du
-magst es niemandem sagen, so sage es mir; wenn ich dir irgend
-helfen kann, so tue ich es.«</p>
-
-<p>Sie hatte ihm die Hand gereicht und gesagt: »Das werde ich,
-Helmold!« Aber dann hatte sie lachen müssen; wie er so dasaß,
-vollkommen im Ballanzuge, aber mit einem Radieschen im Knopfloch,
-mit gebrannten, gepuderten Haaren, weißgeschminktem Gesicht
-und kohlschwarzem Schnurrbart und dazu die vergoldeten<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-Ohren, das hatte zu närrisch ausgesehen, zumal seine blauen
-Augen so treuernst blickten.</p>
-
-<p>Weil sie nun an diese Augen dachte, fing sie an: »Lieber Helmold,
-ich muß dir jetzt etwas sagen, weil ich deinen Rat brauche:
-ich liebe einen Mann.« Helmold blieb ganz ruhig und malte weiter;
-ihm war zumute, als habe ihm jemand ganz heimlich sein Herz
-weggenommen und ihm nur den Verstand gelassen. Darum fragte
-er, ohne daß seine Stimme anders klang als sonst: »Weiß er es?«
-Swaantje sah gerade aus: »Nein; das glaube ich nicht.« Ihr
-Vetter fragte weiter: »Ist er deiner würdig?« Sie erwiderte:
-»Er ist viel besser als ich.« Er brummte: »Danach liebst du ihn
-also; deine Behauptung bezweifele ich übrigens. Kenne ich ihn?«
-Sie schüttelte den Kopf. »Darf ich wissen, wer es ist?« Sie
-nickte: »Professor Groenewold; bei dem ich Literatur und Kunstgeschichte
-hatte.« Er fragte weiter: »Wie alt ist er?« und als sie
-sagte: »Fünfundvierzig,« brummte er, eifrig weiter malend: »Zu
-jung für eine Backfischliebe! Verheiratet?« Swaantje sah ihn
-groß an: »Dann würde ich ihn doch nicht lieben können!«</p>
-
-<p>Er lächelte und dachte: »Heilige Einfalt!« Aber dann steckte er
-die Pinsel in das Glas, legte das Malbrett hin und sagte: »So,
-nun rüttele dich und schüttele dich, wirf aber nicht alle deine
-Blätter über mich, sondern behalte noch ein paar für dich übrig.
-Wir wollen einmal eine Pause machen; mich rauchert.«</p>
-
-<p>Swaantje stand auf und reckte sich, und er holte sich eine Zigarre.
-Als er sie angezündet hatte, sah er, daß die Tür nach dem
-Nebenraume offen stand; Chalis Augen starrten ihn höhnisch
-an. Wütend warf er ihr das Streichholz in das Gesicht und wunderte
-sich, daß es grüne Funken gab.</p>
-
-<p>»Helmold, um Himmels willen, was machst du?« rief Swaantje,
-»dein schönstes Bild.« Er zog die Tür zu, daß es krachte, und
-knurrte: »Schönes Bild? Scheußliches Bild! Chali? Schon mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-Zyankali!« Swaantje lachte und rief: »Das war aber ein echter
-Kalauer!« Er schüttelte den Kopf: »Das ist noch gar nichts; wenn
-mir ganz schlecht ist, setzt es nicht nur Kalauer, sondern sogar
-Kawärmer, wenn nicht Kaheißer.« Das Mädchen hielt sich die
-Ohren zu: »Kommt das noch schlimmer?« Dann lachten sie beide
-aus vollem Herzen, bis es Helmold einfiel, daß er sein Herz irgendwo
-habe liegen lassen müssen; denn ihm war so leer in der Brust
-und so schön leicht, als ob er tot wäre.</p>
-
-<p>Aber er dachte doch mehr an das Mädchen als an sich und
-sprach: »Ja, liebe Swaantje, das ist eine sehr traurige Sache.
-Du liebst ihn, und er weiß es nicht. Du liebst ihn seit sieben Jahren,
-und er ahnt es nicht. Entweder ist er blind, oder er liebt eine andere,
-oder aber, denn es gibt solche Männer, so unglaublich das
-auch klingt,« und er lachte, als er das sagte, »er hat kein Verlangen
-nach dem Weibe. Hier kann dir niemand helfen, sogar
-ich nicht, der ich doch verdammt dem Teufel die Zähne ausziehen
-würde, wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte.«</p>
-
-<p>Er ging mit großen Schritten auf und ab. »Sieh mal, Swaantje,«
-fuhr er dann fort, »alles, was ich von dem Manne gehört habe,
-spricht für ihn. Er hat den Mut gehabt, eine Schrift herauszugeben,
-in der er den Unwert der karolingischen Zivilisation für
-uns nachweist. Wir Stedinger Blutsbrüder haben ihm damals
-ein Horüdhotelegramm geschickt und noch eins, als ihm die hochwohllöbliche
-Behörde in ihrer Eselhaftigkeit den Geschichtsunterricht
-abknöpfte, damit er nicht mehr in der Lage sei, gegen die
-Verherrlichung des Schlachterkarls und seines edlen Filiusses Louis
-des Frömmlers anzuarbeiten. Insofern freue ich mich, daß deine
-Wahl gerade ihn getroffen hat, abgesehen von dem famosen farbigen
-Namen, den du dir ausgesucht hast. Aber, wie gesagt, es
-ist nichts zu machen. Hingehen und ihm sagen: ›Bitte, seien Sie
-so gütig und heiraten Sie mich!‹ das kannst du nicht gut, und<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-ich kann auch nicht zu ihm gehen und ihm sagen: ›Heiraten Sie
-meine liebe Base, oder ich fordere Sie auf dreimaligen Kugelwechsel
-ohne Binden und Bandagen!‹ Denn je besser ein Mann
-ist, um so mehr Verlangen hat er danach, sich das Weib seines
-Herzens zu erobern, und er wird sofort auf der Hinterhand Kehrt
-machen, wenn der Fall sich umgekehrt entwickelt. Daß auch gerade
-dir so etwas zustoßen muß! Wenn du dich wenigstens in
-mich verliebt hättest! Ich hätte es schon gemerkt. Ich schlüge sofort
-mein Zelt in der Türkei auf und betete zu Allah. Hol's der
-sogenannte Dieser und Jener!« Er warf seine Zigarre gegen den
-Ofen, daß es ein kleines Feuerwerk gab, und steckte sich eine
-Zigarette an.</p>
-
-<p>Dann stellte er sich vor das angefangene Bild, auf dem Swaantjes
-Kopf schon deutlich vor einem Haidberge zu erkennen war, aus
-dessen rosiger Pracht ein Busch weißer Haide verschämt hervorschimmerte,
-und als spräche er zu dem Bilde, fuhr er fort: »Dein
-Fall ist so gut wie hoffnungslos, liebe Swaantje. Liebst du ihn
-wirklich so sehr?« Sie nickte. »Als Schülerin oder als Weib?«
-Sie wurde rot. »Nicht nur als Schülerin.« Er räusperte sich,
-und dann fragte er in trockenem Tone: »Entschuldige, Swaantje,
-und wenn es dir nicht paßt, so antworte nicht: Grete und ich
-glaubten bisher, du wüßtest noch nicht, daß du ein Weib bist;
-das kommt oft sehr spät zum bewußten Ausdrucke. Du kamest
-mir bisher gänzlich unsinnlich nach dieser Richtung hin vor. Für
-kalt von Natur hielt ich dich nicht, aber für unaufgewacht. Du
-weißt, ich spreche als Freund und Bruder, und darum darfst du
-mir diese Frage nicht übel nehmen: Wie steht es damit?« Das
-Mädchen sah ihn mit klaren Augen an. »Weißt du, Helmold,
-nach dem, was ich in den Büchern las und von anderen jungen
-Mädchen hörte, glaubte ich, daß ich anders bin als die anderen
-Menschen. Nur ein einziges Mal merkte ich, daß ich doch so bin.<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-Das war,« sie wurde blaß und stockte, fuhr aber dann fort.
-»Doch das ist ja Nebensache!« Helmold runzelte die Stirn:
-»Leidest du sehr unter deiner Neigung?« Sie nickte: »Sehr; ich
-glaube, ich gehe daran zugrunde.«</p>
-
-<p>Ihr Vetter sah sie böse an: »Möglich, das heißt, wenn du
-dieses zwecklose, unbefriedigte Leben weiter führst. Sieh mal, ich
-kenne dich ziemlich gut. Ich habe früher schon Grete aufgehetzt,
-sie solle Muhme Gesina so lange zwiebeln, bis sie dich aus dem
-Käfig läßt. Grete hat das auch getan; den Erfolg kennst du: es
-stellte sich glücklich der so bequeme Herzkrampf ein, und dann
-sprach die gute Swaantien: ›Nein, liebstes Tantchen, ich verlasse
-dich nicht!‹ Deine Muhme in Ehren; wäre sie nicht gewesen,
-so könntest du dich vielleicht als Gouvernante oder Gesellschafterin
-piesacken lassen; das weiß ich. Aber vielleicht wäre das
-besser gewesen; denn was hast du von deinem vielen Gelde?
-Du willst deinen Geist betätigen, möchtest schaffen; statt dessen
-mottet Muhme Gese deinen Geist ein und zwingt dich, zu murksen.
-Lauter dumme Arbeiten sind es, zu denen sie dich antriezt, und da
-keine davon dein Denken ausfüllt, zerfetzt sich diese hoffnungslose
-Neigung völlig. Daß deine Nervenschmerzen, die dich seit
-einigen Jahren quälen, einen anderen Grund haben, als weil du
-dir einmal beim Schlittschuhlaufen nasse Beine geholt hast, das
-ist mir und Grete schon lange klar.«</p>
-
-<p>Er setzte sich in den Vierländer Bauernstuhl, nahm die Laute
-und begann die Weise zu klimpern, die er vorhin gesungen hatte.
-»Sieben Jahre mein Herz nach dir schrie,« flüsterte es in ihm und
-dann: »Mensch, weißt du es denn nicht, daß du sie liebst! daß
-du sie zum Verrücktwerden liebst! von dem Tage an liebst, als
-du sie zum ersten Male sahst, als sie ein Backfisch und du ein
-glücklicher Bräutigam warst?« Sein Herz zuckte zusammen; das
-war wahr, war wirklich wahr. Er mochte nicht aufsehen und<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-steckte sich aus Verlegenheit eine neue Zigarette an, denn wenn
-er jetzt, in diesem Augenblicke, das Mädchen ansah, dann, das
-fühlte er, lag er vor ihr, küßte ihre Hände und bettelte um einen
-Kuß von den Lippen, die nach einem anderen Manne seufzten.</p>
-
-<p>Er griff in die Saiten und spielte das frechste von allen Liedern,
-die er kannte, und summte dabei halblaut die ersten beiden Verszeilen:
-»Auf der Lüneburger Haide ging ich auf und ging ich
-unter,« und dann setzte er das Singen durch Flöten fort. Als er
-in den Spiegel blickte, erkannte er, daß er tiefe Schatten unter
-den Augen hatte. »Swaantje,« rief er und legte die Laute fort;
-»hier gibt es nur ein Mittel: eine Tätigkeit für dich, die dir Freude
-macht. Dieser Kram da zu Hause, wo du nur die Rolle eines
-unmaßgeblichen Haushaltsreferendars spielst und nie eine freie
-Stunde für dich hast, das ist Gift für dich. Raus mußt du, auf
-einen verantwortungsreichen Posten, der dich müde, aber nicht
-matt macht, und auf dem du die Hauptperson bist und nicht
-bloß ein Tantenschwanz, der alles machen muß, aber nichts zu
-sagen hat. Entweder du verabschiedest die Tante, aber dann
-würde sie sich natürlich sofort einen ihr gut stehenden Sarg anmessen
-lassen, oder du kündigst ihr und ziehst mit lautem Hörnerklang
-in die Hinausferne, siehst dir die Welt einmal ohne die
-Tante an und siehst zu, daß du eine Arbeit findest, als Krankenschwester,
-als Redaktörin, meinetwegen auch als sozialdemokrätzige
-Agittattersche oder Frauenbewegungspropagandame.
-Aber zu Hause sitzen, Strümpfe für Niggerblagen stricken, Missionspredigten
-anhören, Traktätchen verteilen und sonst die Einmacherei
-überwachen und die Eierproduktion des Federviehs statistisch
-aufnehmen und den ganzen Tag die Tante auf den
-Hacken zu haben mit ihrer kamigen Liebe, dafür halte ich mir keine
-so hübsche Kusine!«</p>
-
-<p>Da lachte Swaantje wieder, stand auf und schüttelte die Falten<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-aus ihrem Rocke, und wie ein Blitz schlug in Helmold eine Erinnerung
-ein. Er war vor Jahren einmal mit ihr Rad gefahren,
-und zwar an einem Tage, an dem seine Lippen abscheulich heißhungrig
-waren, denn er war seit drei Wochen Strohwitwer und
-sah, ohne sich viel dabei zu denken, allem nach, was Röcke trug
-und jung und hübsch war. Als er so mit Swaantje dahinradelte
-und ihr allerlei dumme Witze zuwarf, paßte sie nicht auf, fuhr
-gegen einen Stein und kippte um. Er sprang sofort ab, aber ehe
-er bei ihr war, stand sie schon wieder auf den Füßen, lachte,
-faßte ihren Rock und schüttelte ihn in der Aufregung so gehörig,
-daß er in die Höhe flog und er ihre Hosen bis oben hin sah.
-Nun konnte er alles vertragen, bloß keine weißen Mädchenhosen;
-aber das einzige Gefühl, das er damals gehabt hatte, war: »Wenn
-sie es bloß nicht gemerkt hat, daß ich es gesehen habe!«</p>
-
-<p>Jetzt, wo sie mit der selben Bewegung, wie an jenem Maienmorgen,
-ihre Röcke schüttelte, brannte ihn eine nesselnde Vorstellung.
-Ihm, das wußte er, konnte sie nie gehören, und er
-wünschte ihr alles Gute, und dazu gehört für ein Weib ein Mann;
-aber der Gedanke, daß ein Mann einmal so vertraut mit ihr
-stehen würde, daß er sie in den verschwiegensten Hüllen sehen
-durfte, diese Vorstellung flog ihm wie Schwefeldampf in den
-Hals und klemmte ihm die Lunge zusammen. Doch sobald er das
-Mädchen wieder ansah, wurde ihm leichter zumute, und während
-er sie in das Wohnhaus geleitete, fielen ihm schon wieder
-ein paar Schnurren ein, und lachend kam er mit ihr in das Wohnzimmer.</p>
-
-<p>Sie gingen alle früh zu Bett, und er schlief auch bald ein; aber
-am anderen Morgen sah er so wenig frisch aus, denn er hatte
-fast die ganze Nacht die quersten Sachen geträumt, daß seine
-Frau ihn fragte, ob er nicht wohl wäre.</p>
-
-<p>Da erzählte er ihr von Swaantjes tauber Liebe zu Professor<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-Groenewold, und Grete, die den Mann kannte, meinte ernst:
-»Das ist eine ganz dumme Geschichte; nun wollen wir doppelt
-so lieb zu ihr sein und sie möglichst lange hier behalten.« Sie
-wunderte sich weiter nicht, daß ihr Mann nicht mehr sang und
-pfiff, wenn er malte, und nicht mehr so frisch und fröhlich aussah,
-außer wenn das Mädchen zugegen war, und dann dachte
-sie: »Er nimmt sich ihr Schicksal sehr zu Herzen.« Deshalb schickte
-sie die beiden möglichst oft allein aus und freute sich, wenn sie
-mit blanken Augen und roten Backen zurückkamen, und sie machte
-sich weiter keine Sorgen darüber, daß Helmold, wenn er im Garten
-bei den Blumen beschäftigt war, meist einen trüben Zug um
-den Mund hatte.</p>
-
-<p>Sie war nicht eifersüchtig veranlagt, hatte viel gelesen und
-scharf beobachtet. Nachdem ihre beiderseitige Liebe nicht mehr so
-toll schäumte, sondern ruhig weiterperlte, hätte sie ihrem Manne
-eine kleine Grenzverletzung nicht weiter nachgetragen, wenigstens
-wäre ihr das lieber gewesen, als wenn er sich mit einer unglücklichen
-Neigung herumgeschleppt hätte. In einer rosenroten Stunde
-hatte sie einst seinen Kopf an die Brust gezogen und ihm gesagt:
-»Du, ich glaube, den meisten Männerchen fällt es sehr schwer,
-ihren Weiberchen treu zu bleiben. Wenn es dir einmal so geht,
-und du richtest weiter kein Unheil an, tu', was du willst, nur
-wissen möchte ich es nicht.« Da hatte er hellauf gelacht und gesagt:
-»Bist du aber gemein! Damit hast du mir den ganzen Ulk
-verdorben; denn wenn ich tun darf, was ich will, dann ist das
-Beste davon weg.«</p>
-
-<p>In den drei Jahren, da sie beide mit vielen Sorgen kämpften,
-und er noch obendrein in der ihm gar nicht liegenden Stellung
-als Lehrer an der Kunstgewerbeschule reichlich Ärger und Verdruß
-gehabt hatte, hatten sie ein Dienstmädchen gehabt, ein bildhübsches
-Menschenkind, das ihnen mit seinem Lächeln ein wahres<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-Labsal gewesen war. Als sie den Dienst verließ, um zu heiraten,
-seufzte Frau Hagenrieder lang und breit hinter ihr her; ihr
-Mann aber sagte: »Du hast am allerwenigsten Ursache, so zu
-seufzen. Danke Gott, daß sie fort ist; denn wenn sie noch lange
-hier gewesen wäre, wahrhaftig, ich hätte es nicht ausgehalten:
-ich hätte sie in den Arm nehmen und küssen müssen.« Seine Frau
-hatte ganz trocken geantwortet: »Das hätte ich dir weiter gar
-nicht übel genommen, und ich wundere mich bloß, daß du es
-nicht getan hast; denn du bist doch sonst nicht so.« Aber Helmold
-schüttelte den Kopf: »Erstens war sie verlobt, und zweitens mochte
-ich sie viel zu gern leiden, um sie in Verwirrung zu bringen. Aber
-offen gestanden, einen Kuß hätte ich als Andenken ganz gern behalten.«</p>
-
-<p>Von Swaantje bekam er auch keinen Kuß zum Andenken.
-Früher hatte er ihr immer einen gegeben, wenn sie kam oder ging.
-Dieses Mal war er dazu nicht imstande und küßte ihr noch
-nicht einmal die Hand, als sie in ihr Abteil stieg. Am Abend vorher
-hatte seine Frau nämlich etwas gesagt, das ihm wie ein
-Dachziegel auf den Kopf gefallen war. Er hatte sich alle Mühe
-gegeben, recht lustig zu sein, und wenn ihm auch gar nicht so zumute
-war, so gelang es ihm doch; es wurde ein so vergnügter
-Abend, daß seine Frau seufzend sagte: »Es ist ein Jammer,
-Swaantje, daß du morgen abreisen mußt; wie schön wäre es,
-wenn du immer bei uns bliebest. Helmold kann ganz gut zwei
-Frauen brauchen, und du paßt eigentlich besser zu ihm, als ich.
-Außerdem habe ich mit dem Haushalte und mit den Kindern so
-viel zu tun, daß ich mich um den armen Mann so gut wie gar
-nicht kümmern kann. Überlege dir das einmal, Swaantje! Ich
-bin dann seine Sonnenfrau, die für den Leib sorgt, und du das
-Mondweiberchen, das seine Seele bescheint.« Das Mädchen hatte
-gelacht und gesagt: »Wenn alle Stränge reißen, werde ich von<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-deiner freundlichen Erlaubnis Gebrauch machen!« Als aber Grete
-lachend fragte: »Und du, Helmold, wie denkst da darüber?« da
-ging er nach der Türe und ließ den Hund herein, obgleich der
-noch gar nicht gekratzt hatte.</p>
-
-<p>In der Nacht aber tat er kein Auge zu und sah am Morgen
-grün aus. »Sieh bloß, Swaantje, wie er sich grämt, daß du uns
-verläßt!« sagte Grete beim Frühstück. Das Mädchen wollte ihn
-ansehen, aber er sagte, ohne aufzusehen, denn er strich sich gerade
-ein Brötchen: »Ich freue mich auf das Wiedersehen; Swaantje
-will uns ja bald wieder besuchen.« Die nickte. »Ja, aber erst,
-wenn du bei uns gewesen bist. Nicht wahr, du kommst recht bald,
-lieber Helmold?«</p>
-
-<p>Das versprach er ihr; aber ein halbes Jahr verging, bis er sein
-Wort einlöste. Zu seiner Frau, die ihn oft genug quälte, hinzureisen,
-denn er gefiel ihr von Woche zu Woche weniger, sagte er,
-seine Pläne hielten ihn an beiden Händen fest. Das schien auch
-so; denn er arbeitete wie verrückt darauf los, und wenn er kaum
-über den Anfang bei einem Gemälde hinaus war, dann redete
-er schon von einer anderen Vorstellung, die er unter dem Herzen
-trüge, und seine Frau mußte ihm recht geben, wenn er sagte:
-»Du kennst mich ja! Ich würde doch keine Ruhe haben. Mich
-langweilt vorläufig alles, außer der Arbeit. Das kommt, weil
-ich mich jetzt endlich als Meister fühle. Stoff und Farbe gehorchen
-auf den Pfiff. Zudem fange ich an, berühmt zu werden, und ich
-muß das Publikum schmieden, solange es warm ist. Ich werde
-fünfundvierzig Jahre alt, und diese Jahre sind meine besten.
-Aber, du hast recht; ich habe zu viel getan. Sobald dieses Bild
-fertig ist, schnüre ich meinen Wanderstab und fahre los.«</p>
-
-<p>Doch als er soweit war, bekam er einen Auftrag von dem
-Prinzen, der endlich zu seiner größten Freude das Stapelienbild
-bekommen hatte, das sein Freund ihm früher nicht verkaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-wollte. Als der Prinz ihm den Gutschein gab, lachte Helmold
-und sagte: »Danke! Übrigens neulich wollte ich es dir beinahe
-schenken, lieber Brüne. Leider kann ich mir solche Scherze nicht
-leisten.« Der Prinz, der seine Augen nicht von dem Bild losbrechen
-konnte, meinte: »Geschenkt hätte ich es nicht genommen,
-und wenn ich armes Tier mehr Geld hätte, würde ich dafür bezahlen,
-was es wert ist. Aber warum magst du es eigentlich nicht
-mehr?« Der Maler sah das Bild böse an: »Weiß ich selber nicht;
-bin die Person leid geworden! Liegt mir zu offenbarungseidmäßig
-da. Sieh dich übrigens mit ihr etwas vor; sie hat den
-bösen Blick.«</p>
-
-<p>Als Gegengift bestellte der Prinz dann ein Gegenstück dazu.
-Der Maler sagte: »Pendants sind eigentlich Blödsinn, aber mir
-fällt zufällig eins ein.« Vier Wochen darauf hatte der Prinz das
-Bild, und da gerade eine alte Muhme ihm eine gehäufte Million
-und ein Gut hinterlassen hatte, gab er Helmold zwanzig statt
-der vereinbarten zehn Tausendmarkscheine.</p>
-
-<p>Das neue Bild zeigte in der selben Lage, aber als Spiegelbild,
-und in einem ähnlichen, nur in den Einzelheiten anders gehaltenen
-Rahmen, ein Mädchen, dessen Augen alle Süßigkeit, die vom
-Weibe kommt, ausdrücken. Hier war nur der Leib gemalt und
-einiges an den Lilien und Rosen, die den Hintergrund bildeten;
-die Landschaft als solche aber war aus dem Holze herausgespart.
-Helmold fiel, als er das Bild malte, das ein, was er zu Swaantje
-über das Aussparen des Aktes der Chali gesagt hatte, und als er
-den letzten Pinselstrich tat, sagte er vor sich hin: »Die Liebe ist
-alles; das andere ist nichts.«</p>
-
-<p>Dann trat er vor den Spiegel und sah sich an. Grete hatte recht;
-er sah elend aus und hatte unruhige Augen. Er hatte zu viel gearbeitet,
-hatte gar keine Erholung gehabt als höchstens eine
-Abendstunde, wenn er mit den Kindern spielte. Das taube Herumlaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-hatte er immer gehaßt, und die Jagd reizte ihn augenblicklich
-nicht. Dazu aß er nicht genug, schlief vor drei Uhr nicht
-ein, rauchte viel zu viel, konnte keine Flasche Wein mehr vertragen;
-es war Zeit, daß er Schluß machte.</p>
-
-<p>Der Arzt hatte ihm geraten, eine Kuranstalt aufzusuchen, aber
-dazu hatte er keine Lust. »Geh zu Swaantje!« riet ihm seine
-Frau, »die bügelt dich wieder auf!« Aber das mochte er auch
-nicht; denn er sagte, die Muhme fiele ihm auf die Nerven. Er
-fuhr in die Alpen, kam aber bald zurück: »Die aufgedonnerte
-Landschaft mit ihrer Eiskonditorei und ihrer Fastnachtsstaffage
-macht mir Nesselfieber!« Er ging an die See und war nach acht
-Tagen wieder da: »Tortenbacken aus Sand, dazu bin ich denn
-doch schon zu ausgewachsen. Und dann das ewige Geschmatze
-von dem Meere! Ehe es sich keine besseren Tischmanieren angewöhnt,
-lasse ich da nicht mehr arbeiten!«</p>
-
-<p>Da schrieb Ohm Ollig, daß es mit Swaantje gar nicht gut
-stände; sie schliefe keine Nacht vor Schmerzen, sähe wie ein Kellertrieb
-aus und mache ihm wirklich Sorgen. »Fahr hin, und
-muntere sie auf!« sagte Frau Grete, und wenn es auch drei Tage
-dauerte, ehe er so weit war, schließlich fuhr er doch los. »Daß
-du sie mir aber mitbringst, Helmold,« rief ihm seine Frau noch
-nach, als er auf der Treppe war; »es ist doch niemals schöner
-bei uns, als wenn wir drei zusammen sind.«</p>
-
-<p>Er hätte nicht sagen können, was für Fahrtgesellschaft er gehabt
-hatte; er sah auch kaum die Landschaft, die er sonst immer zur
-Unterhaltung mitnahm. Er hörte nur, daß die Wagenräder fortwährend
-nach einer und der selben Weise seiner Frau die Worte
-nachsangen: »Wir drei, wir drei, und wir drei und wir drei,«
-und als er sich besann, fand er heraus, daß es eine Singweise von
-ihm selber war, die nämliche, die er gefunden hatte, als er Swaantje
-vor der weißen Haide malte, das Lied von Rose Marie, zu dem<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-ihm noch folgende Strophe eingefallen war: »Jedwede Nacht,
-jedwede Nacht, hat mir im Traume dein Mund zugelacht; kam
-dann der Tag, kam dann der Tag, wieder alleine ich lag.«</p>
-
-<p>Er wollte etwas anderes denken, aber er konnte die Melodie
-nicht abschütteln, solange er in der Eisenbahn saß. Als er dann
-in dem Jagdwagen nach Swaanhof fuhr, rasselten auch die
-Räder des Wagens in dem Takte des Liedes.</p>
-
-<p>Der Mond aber stand hinter den hohen Pappeln und grinste.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Vollmond">Der Vollmond</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Von allen Freunden, die Helmold hatte, war der Mond der
-älteste; ob es sein bester war, das erschien ihm freilich fraglich,
-als er in dem großen Himmelbette lag.</p>
-
-<p>Treu und anhänglich war er zwar, aber er hatte die dumme
-Angewohnheit, immer dann zu kommen, wenn es Helmold am
-wenigsten paßte. Jetzt zum Beispiel hätte er gern geschlafen, um
-die Gedanken loszuwerden, die ihn fortwährend bissen; doch es
-ging nicht. Schon dreimal war er aufgestanden und hatte in den
-Park gesehen, der taghell vom Mondlichte war, und immer hatte
-er sich wieder hingelegt und den Versuch gemacht einzuschlafen.
-Schließlich gab er es auf; er lag mit offenen Augen da. Der
-Rücken tat ihm weh, sein Herz ging bald laut, bald leise, eben
-war ihm die Steppdecke zu schwer, dann wieder zu leicht. Und
-dann war diese aufdringliche Erinnerung da mit ihrem abgegriffenen
-Bilderbuche.</p>
-
-<p>»Helmke, schläfst du noch nicht?« fragte ihn seine Mutter. Er
-sah sie vor sich mit ihren sanften Augen und vernahm ihre warme
-Stimme. Und er hörte, wie er ihr entgegenquiekte: »Ach, Muttchen,
-der Mond und ich, wir haben eben so prachtvoll zusammen
-gespielt.« Ja, der Vollmond, der war an vielem schuld gewesen,
-auch daran, daß Harmtien Hilgenberg auf einmal zu
-ihrer Muhme auf das Land mußte. Helmold lächelte. Harmtien
-Hilgenberg! Wenn die Mädchen Wadenmessen spielten, war sie
-immer die Beste gewesen. Als sie dann einmal im Kirschbaum<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-saß mit ihren weißen Strümpfen und ihren weißen Hosen, damit
-fing es an. Und dann der Wassergang und der Schloßwall! Ach
-ja! Schön war es doch gewesen, trotzdem es eine Kinderei war!
-Na, und schließlich kam der alte Hilgenberg dahinter, und es gab
-einen großen Krach. Beinahe wäre Helmold von der Lateinschule
-gejagt, und bei allen Müttern in der Stadt galt er als ganz
-verdorbener Junge. Er lächelte. Dafür galt er bei den Töchtern
-als gefährlicher Mensch, und das schadete ihm wenig.</p>
-
-<p>Er seufzte. Das Bild an der Wand, das Swaantjes Mutter
-darstellte, sah ihn freundlich an. Ob das Mädchen auch wohl
-wachte? Sie hatte den ganzen Tag nicht gut ausgesehen; auch
-sie litt unter der Zudringlichkeit des Mondes. Ob er ihr auch
-Dinge erzählte, an die man sonst nicht denkt? »Kerl,« hatte der
-Mond oft zu Helmold gesagt, »Kerl, weißt du, wie dein Leben
-sein müßte: ein Gedicht von rot in Rot; rote Küsse auf rotem
-Blut! Die weite Haide, Kerl, ein blitzblanker Rappe zwischen den
-Beinen, den Bogen auf dem Rücken, den Köcher an der Seite,
-und in der Hand das Schwert, das mit dem damaszenischen
-Stichblatt, Kerl! Und dann, Kerl, hinter dir tausend Kerle, so
-wie du, Kerl, die dir alle auf den Pfiff gehorchen, Kerl, und
-dann der Feind! Kerl, nichts sieht doch feiner aus, als rotes
-Blut auf einer mit Gold ausgelegten Klinge! Und dann, Kerl,
-wenn die Wölfe sich um Männerköpfe anknurren, Kerl, und du
-dich gebadet und umgezogen hast, dann Kerl, das Haus am
-Berge, das weiße, du weißt doch, unter den Eichen, und die
-beiden schönen Frauen, die dir entgegenwinken, Kerl, und dir
-geben, was du haben mußt, laute und leise Küsse, und heiße und
-kühle, so viel du willst. Was hältst du davon, Kerl?«</p>
-
-<p>Helmold warf sich auf die andere Seite. Albernheit! Aber schön
-wäre es doch. Damals, in München, hatte er jeden Tag zweierlei
-Küsse bekommen, laute und leise, heiße und kühle. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-Swaantje wohl küßte? Sicher leise und kühl. Er schüttelte den
-Kopf und wischte sich die Lippen ab. Würde sie ihn wohl küssen
-mögen, wenn sie wüßte? Die kleine sanfte Schneiderin, was war
-sie weiblich. Miezi hieß sie. Und das dicke heftige Tresl! Er wäre
-verhungert, hätte er die damals nicht gehabt. Sie hatte sich ihm
-aufgedrängt, und er hatte sich ihre heißen Küsse und ihre heißen
-Bockwürste gefallen lassen. Die Akademie hatte ihm den ehrenvollen
-Abschied gegeben, Schneeschüppen brachte nicht sehr viel
-ein, der Vormund schickte ihm kein Geld; eine schöne Patsche war
-es, in der er saß. Keine Wohnung und ein Hunger, ein Hunger!
-Kalte Pellkartoffeln hatte er einmal mit Wonne gegessen, zweiundzwanzig
-Stück, und amerikanisches Schmalz dazu. Wenn er
-gewollt hätte, konnte er damals Selchermeister werden, denn das
-Tresl hätte ihren Vater dazu herumgekriegt. Beinahe war er
-schon so mürbe, aber da traf ihn der Mond im englischen Garten:
-»Kerl, du wirst doch nicht? Bist wohl verrückt, Kerl! Würstemachen?
-Ja, wenn es in der Haide wäre! Aber hier, das hältst
-du nicht aus auf die Dauer. Komm mit, Kerl, ich will in die
-Haide!«</p>
-
-<p>Helmold trat die Steppdecke von sich, aber dann zog er sie
-wieder über sich und streichelte sie; Swaantje hatte die Spitzenkante
-gehäkelt. Swaantje! Er sprach den Namen leise vor sich
-hin. »Du hast dich eigentlich noch so gut wie gar nicht erholt,
-lieber Vetter!«, hatte sie ihm gesagt; »du mußt hier nicht an
-deine Bilder denken!« Verächtlich verzog er den Mund. Seine
-Bilder! Die quälten ihn nicht. Ein Dutzend hatte er im Kopfe
-fertig, ein ganzes Dutzend, in diesen vier Wochen, seitdem er auf
-Swaanhof war. Und was für Bilder! Schulze in Firma Schulze
-und Schultze würde sich alle seine zehn klebrigen Finger danach
-lecken. Sechsmal hatte er ihm schon geschrieben und gefragt, ob
-er nicht das nächste Bild haben könnte. Früher war das anders;<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-da mußte Helmold im Vorzimmer warten, bis ihm der Magen
-knurrte, und nachher hieß es: »Herr Schulze ist leider abgerufen!«
-Jetzt konnte er Herrn Schulze warten lassen, und der nahm es
-ihm nicht übel. »Ich habe Zeit, verehrter Meister!« grinste er.
-Und Hennig Hennecke sagte ganz ernst: »Malermeister, Herr
-Schulze, Malermeister!« Und Schulze lächelte schlagsahnig:
-»Ein Witzbold, der Herr Redaktör, ein geistreicher Kopf!«</p>
-
-<p>Ja, daß er und Hennig Freunde wurden, das hatte er auch
-wieder dem Monde zu verdanken. Eigentlich war es zu dumm.
-Auf der großen Frühjahrskitschausstellung hatte die Jury endlich
-ein Bild von ihm angenommen und in die Ecke gehängt, wo
-das Tageslicht seine blendendste Negativität entwickelte. Hennecke
-hatte sein Verzeichnis dort liegen lassen und es abends geholt,
-und dabei hatte ihm der Vollmond Hagenrieders Bild gezeigt.
-»Die Nebelfrauen« hieß es, aber der Mond hatte Leberwürste
-aus den Elfen gemacht, und Hennecke hatte in seinem Berichte
-also geschrieben. Helmold lachte. Wo er hinkam, hielt man ihm
-die Zeitung unter die Nase. Fuchsteufelswild hatte er Hennecke
-auf eine Postkarte gemalt, wie der abends über eine Moorwiese
-lief und sich vor lauter gespenstigen Leberwürsten ängstigte, die
-ihre Mostricharme nach ihm ausstreckten, und die hatte er ihm
-geschickt.</p>
-
-<p>Am anderen Tage klingelte es: »Sind Sie Hagenrieder? Ich
-heiße Hennecke! Wo pflegen Sie sich zu betrinken?« Nach einer
-Stunde waren sie ebenso angeheitert wie angefreundet.</p>
-
-<p>Ach ja! Wer so sein könnte, wie dieser Mann! So ruhig, so
-bäurisch, so zielbewußt. Er hatte ihm das einmal gesagt. Hennig
-hatte gelacht, ein Buch aus dem Schranke gelangt, eine Stelle
-aufgeschlagen und gelesen: »Der wird nicht weit kommen, der
-von Anfang an weiß, wohin er geht.« Dann hatte er gesagt:
-»Also sprach der Korse. Merke es dir, du Dussel, und sei froh,<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-daß du nicht diese verflucht übersichtliche Begabung hast, wie ich.
-Konjak oder Schartrös?«</p>
-
-<p>Helmold langte nach der Wasserflasche. In seinem Wohnzimmer
-hatte er Konjak. Aber er wollte nicht trinken; nun gerade nicht.
-Jedesmal, wenn er nicht hatte Maß halten können, war es bei
-Vollmond gewesen. Auch damals, als ihm das Leben auf der
-Kunstgewerbeschule den Atem nahm. Der Direktor, dieser Professor
-Römer, er meinte es ja gut, als er ihm eine Schwungfeder
-nach der anderen auszog. Und dann kam der bewußte Abend.
-»Nun noch die Schwanzfedern, dann der Professortitel und dann
-bin ich so weit,« hatte Helmold gedacht und sich derartig unter
-Sekt gesetzt, daß er drei Tage schwänzen mußte.</p>
-
-<p>Er lachte, denn das Gesicht des Direktors war zu niedlich gewesen,
-als der ihn gefragt hatte, warum er weggeblieben war,
-und die Antwort bekam: »Ich hatte zu viel Sekt getrunken!«
-Na ja, und dann gab es Krach, und es war Schluß. Grete hatte
-erst ein langes Gesicht gemacht, sich aber bald sehr tapfer benommen.
-Tüchtiges Mädel! Schade nur, daß sie ihn so gar nicht
-verstand. Oder vielmehr, daß sie zu sehr auf sich gestellt war.
-Da war Swaantje anders. Die lehnte sich mehr an, gab sich
-mehr hin, war weniger Mensch für sich, mehr Weib.</p>
-
-<p>Der Goldrahmen an der Wand blitzte. Im Garten rief das
-Käuzchen. Mehr Weib? Vielleicht schien das nur so. Wenn sie
-an einem anderen Platze stände, würde sie vielleicht weniger weiblich-hülflos
-wirken; körperlich wenigstens, oder vielmehr: leiblich.</p>
-
-<p>Helmold nahm sein Tuch und trocknete sich die Stirne und die
-Brust. Er sah sie neben sich, den Kopf auf seinem Arme, und
-er nahm sie und küßte sie auf die Hände und den Mund und
-langte nach den Spitzen unter ihrem Kinn; aber da war sie verschwunden.
-Er lachte bitter. So ging es ihm immer; Hände und
-Mund, mehr bekam er von ihr nie, auch in Gedanken nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-und im Traume schon gar nicht. Seine Stirne bezog sich, seine
-Augen stachen nach dem Bilde ihrer Mutter hin. »Wenn ein
-Mensch einen anderen liebt, müßte er es doch merken«, hatte
-Swaantje neulich gesagt. Professor Groenewold merkte es nicht,
-und Swaantje auch nicht.</p>
-
-<p>»Vielleicht kommt das daher, weil ich sie gar nicht als Weib
-liebe«, dachte er. »Wie aber? Als Bruder, als Vater, als Künstler?«
-Er seufzte tief auf und fuhr sich über die Augen. Das ging
-nun Nacht für Nacht so; die eine Nacht las er, die andere dachte
-er. Wenn Grete da wäre? Aber nein! Liebte er sie noch? Düster
-sah er in die Falten der Vorhänge. Was ist Liebe? Zusammenklang,
-aber kein Nebeneinanderklang. Ebu Zeidun, du hattest
-recht, zu singen: ›Und wir brachen den Zweig der Liebe, und wir
-rissen seine Blüten herunter.‹ Und Henry Beyle wußte es auch,
-als er seiner Schwester schrieb: ›Wenn wirkliche Liebe in der Ehe
-besteht, so ist sie ein Feuer, das erlischt, und zwar um so schneller
-erlischt, je heller es gelodert hat. Die Natur läßt die Nerven
-nicht lange in derselben Spannung, und jeder häufig wiederholte
-Eindruck wird geringer und weniger fühlbar.‹ Als er jene Stelle
-zum ersten Male las, vor sieben Jahren, hatte er an ihrer Wahrheit
-gezweifelt; aber es stimmte schon.</p>
-
-<p>Eine Mücke summte über ihn hin. »Wir drei, wir drei, wir
-drei«, summte sie. Ganz deutlich war das zu hören. Eine Totenuhr
-klopfte: »Wir drei, wir drei, wir drei«, klopfte sie. Die Turmuhr
-schlug: »Wir drei, wir drei, wir drei«, schlug sie. Wieder
-rief das Käuzchen: »Wir drei, wir drei, wir drei«, rief es. Die
-Wildenten schnatterten auf dem Burggraben: »Wir drei, wir
-drei, wir drei«, schnatterten sie. Grete oder Swaantje? Grete
-und Swaantje! Rot und grün! Laut und leise! Licht und Schatten!
-Heiß und kühl! Komplemente! Das eine ohne das andere
-nicht zu denken. Ergänzungen! Hälften! Nein, Drittel, erst ganz,<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-wenn es hieß: Gretehelmoldswaantje! Swaantjehelmoldgrete!
-»Wir drei, wir drei, wir drei!«, klopfte sein Puls, schlug sein
-Herz, hauchte sein Atem.</p>
-
-<p>Vor seinen Augen jagten sich seine Bilder und sangen ihm die
-Lieder, die er noch nicht kannte. Hier Wode, da Christus, der
-eine schwarz, der andere weiß, und dazwischen als Mittelbild des
-Triptychons die Hinrichtung der Sachsen, rot in Rot. Christus
-und Wode sahen sich über das Bild an; Christus lächelte verlegen,
-Wode überlegen. Und das Bild sang: »Rose weiß, Rose
-rot, wie süß ist doch dein Mund!«</p>
-
-<p>Er sang die Weise vor sich hin. Weg war sie, und eine andere
-kam angesummt, leise, wie eine Mücke. »Sie sangen ihm von
-Avalun, gelb war sein Haar«, klang es. Und da war das Bild:
-schneeweiße Sandhügel mit kohlschwarzen Schatten, die Sahara;
-davor tote Männer, Kabylen, lang, mit edlen Gesichtern; der
-eine mit rotem Bart und blauen Augen, der andere schwarz, Beni
-Benjamin, der Doktor. Und daneben mit Zuhältergesichtern,
-grinsend, wie Mandrills, französische Offiziere, Dirnen am Arm.
-Und dann Swaantje vor weißer Haide, und die Haide sang:
-»Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir
-schrie«. Und noch ein Bild, furchtbar: Mönche vor einem Holzstoße,
-der brannte, und in den Flammen Frigges, der Süßen
-süßes Gesicht. Und eine weinende Stimme sang: »Dann blühen
-alle Blumen rot, so rot, so rosenrot.«</p>
-
-<p>Frigge verschwand; Chali sah ihn an, doch sie hatte Gretes
-Augen, traurige Augen! Aber nein, Swaantjes Augen waren
-es, bitterböse Augen. Am Morgen war ihnen in der Stadt eine
-junge Frau begegnet; böse hatte sie nach Swaantje hingesehen,
-und deren Augen wurden zu Eis. »Kennst du die?« Swaantje
-nickte. »Du haßt sie?« Sie zuckte die Achseln. »Ich glaube.«
-»Weshalb?« fragte er weiter. Sie hob abermals die Schultern.<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-»Ich weiß es nicht; ich glaube, sie haßt mich; das fühlt man.
-Gesprochen habe ich nie mit ihr.«</p>
-
-<p>Liebe und Haß, was ist das? Die Buddhisten glauben, daß
-mit dem Tode die Seele zerreißt, und daß dann die Stücke neue
-Verbindungen eingehen, glückliche und unglückliche; daher kommt
-alle Wonne in die Welt und alles Weh, alle Liebe, aller Haß,
-jede Guttat, jede Bluttat. Ein schöner Gedanke und ein schrecklicher!
-Swaantje, gib mir das Stück meiner Seele, das du bekamst,
-als du geboren wurdest, und wenn du das nicht kannst,
-gib dich mir ganz! Kannst du das? Am Ende bist du zum Teil
-Mann! Unsinn! Aber nein: denn wenn eine Frau nicht etwas
-Mann wäre, wie könnte sie dann Knaben gebären, und wenn
-ein Mann nicht etwas vom weiblichen Wesen in sich hätte, wie
-wäre es ihm wohl möglich, ein Mädchen zu zeugen? Es gibt
-keine Grenzen zwischen den Dingen; sie werden gemacht! Es gibt
-keine Arten und Gattungen bei Pflanzen und Tieren; wir denken
-das System in die Natur hinein! Eine dumme Eselsbrücke ist
-das für uns einsichtsloses Pack. Man kann Umrisse malen,
-aber wo sind sie in der Natur? Auch die Moral, auch die Gesetze,
-sie sind künstliche Konturen. Wer sich in sie hineinbegeben kann,
-wohl ihm; jeder kann es nicht.</p>
-
-<p>Der Mond, der hinter den hohen Pappeln herschielte, schüttelte
-mitleidig den Kopf, als er alles das mit ansehen mußte, was
-sein Freund sich dachte. Er tippte ihm auf die Schulter und flüsterte
-ihm zu: »Kerl, komm, wollen uns was erzählen! Kannst
-ja doch nicht schlafen.« Listig grinsend setzte er hinzu: »Sie schläft
-auch nicht.« »Was geht dich das an, alter Esel?« schnauzte der
-Maler, aber dann lachte er, stand auf, holte sich seine Zigarettendose
-und setzte sich in den einen Sessel, der in der tiefen Fensternische
-stand, und der Mond plumpste in den anderen.</p>
-
-<p>»Berühmt siehst du nicht aus, Kerl,« sagte der Mond; »regst<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-dich viel zu sehr auf. Mußt es machen wie ich, immer kühl
-bleiben, das setzt an.« Dabei klopfte er sich auf die strammsitzende
-Weste. »Halt die Schnauze, du dämlicher Affe,« fuhr ihn sein
-Freund an, aber dann fragte er: »Schläft sie wirklich nicht?«
-Doch der Mond war beleidigt; er antwortete nicht, und als Helmold
-ihm eine Zigarette anbot, dankte er; er sei nur Russen gewohnt
-und möge keine Herzogowinas.</p>
-
-<p>Helmold grinste heimtückisch und dachte: »Warte nur, alter
-Kartoffelkopp, ich kriege dich schon! Ich packe dich bei deiner
-Künstlereitelkeit; darauf fällt unsereins ja immer hinein.« Er
-blies den Rauch der Zigarette so, daß er dem anderen in die
-Stubbsnase zog; der atmete ihn verstohlen ein und schielte heimlich
-nach der Dose aus Tulasilber, die aufgeklappt auf dem
-Fensterbörde lag.</p>
-
-<p>Der Maler sah in den Park, wiegte wohlgefällig den Kopf,
-nickte, sah den Mond an und sagte: »Kerl, so gut ist dir noch
-kein Gedicht gelungen, wie dieses da; allerhand Hochachtung!«
-Er zeigte nach dem Schloßgraben: »Köstlich, dieser trefflich gelungene
-Vergleich des Wassers mit einer silbernen Brücke, einfach
-köstlich!« Er steckte sich eine neue Zigarette an: »Du bist
-sonst sparsam mit Ausrufungszeichen, Kerl; aber wie du da mit
-der Pappel die hochpathetische Stelle zu betonen wußtest, das ist
-einfach Goethe!«</p>
-
-<p>Er nickte und ließ seine Augen über den Park gehen: »Und wie
-famos, daß du hier und da nicht das Letzte sagst, sondern dem
-denkenden Leser Gelegenheit gibst, weiterzudichten, so dort bei
-der Epheustrophe; erst alles ganz bestimmt und klar, und dann
-diese geheimnisvolle, vielsagende, andeutende Dunkelheit.«</p>
-
-<p>Dann setzte er hinzu: »Nur eine Kleinigkeit, Kerl, die stört mich.
-Der an und für sich ganz prächtige Vergleich des witzigen Baumschattens
-auf der Wand des Flügelgebäudes mit einem Wegweiser<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-könnte fehlen; er ist überflüssig, und das Überflüssige ist
-immer unkünstlerisch, ist das Unkünstlerischste. Du kannst ja diese
-Stelle auch leicht streichen.«</p>
-
-<p>Der Mond, der anscheinend gleichgültig, aber innerlich sehr
-gestreichelt das Lob hingenommen hatte, lächelte spitzbübisch.
-Er faßte erst in die eine, dann in die andere Tasche, machte ein
-ärgerliches Gesicht und griff dann nach der Zigarettendose, indem
-er sagte: »Du erlaubst? ich habe meine im Überzieher stecken
-lassen!« Er zündete sich eine Zigarette an, ließ den Rauch aus
-den Lippen in die Nase steigen, atmete ihn ein, ließ ihn in zwei
-Ketten winziger Kringel aus den Mundwinkeln quellen, lächelte
-seinen Freund schelmisch an und sprach: »Meinst du, daß der
-Vergleich so überflüssig ist? Du glaubst, ich hätte ein einfaches
-Stimmungsgedicht geschrieben. Nimm einmal deine zwei bis drei
-Sinne zusammen und lies es mit Verstand, so wirst du finden,
-daß es ein zweites Gesicht hat. Weißt du, was es ist, Kerl?« Er
-sang halblaut: »Ein Lied der Liebe, ein Sang der Sehnsucht, ein
-Gebet an die guteste aller Göttinnen, an Frigge, die fröhliche
-Frau.«</p>
-
-<p>Helmold zog die Augenbrauen hoch: »Das ist mir zu hoch,
-Kerl; das mußt du mir verklaren!« Der Mond grinste: »Also
-du hast den Vergleich mit einem Handweiser glücklich begriffen?«
-Der andere nickte. »Handweiser pflegen zu weisen.« Wieder nickte
-Helmold. »Na also!« lachte der andere, und als der Freund ihn
-dumm ansah, plinkte er ihm zu, und da schlug der Maler sich vor
-die Stirn, denn der blaue Schatten auf der weißen Wand zeigte
-nach dem Erker hin, hinter dem Swaantje schlief.</p>
-
-<p>Bittend sah er den Freund an: »Du hast sie gesehen?« Der
-andere nickte listig lächelnd. »Bitte, lieber Dicker, erzähle, erzähle;
-was tut sie? schläft sie? Und wie geht es ihr? Geht es ihr gut,
-oder hat sie wieder ihre Schmerzen? Ach, Kerl, du weißt doch!<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-Los, erzähle! Ich tu auch alles, was du willst. Soll ich dich in
-Öl malen oder in Pastell? Halbakt oder ganz? Kniestück oder
-stehend? Voll oder halbvoll?«</p>
-
-<p>Der Mond nahm sich eine neue Zigarette, zündete sie an dem
-Stümpfchen der ausgerauchten an, blies den Rauch von sich,
-sah den Maler ernst an und begann: »Sie ist jetzt eingeschlafen,
-jetzt eben. Sie hatte Schmerzen, aber nicht sehr schlimme. Sie sah
-sehr schön aus. Ich habe sie gesehen, als sie sich umzog. Na, du
-weißt, ich sehe nicht mit Menschenblicken«, setzte er schnell hinzu,
-denn Helmolds Augen bewölkten sich. »Sie zieht sich niemals bei
-Licht aus; sie ist vor sich selber keusch.«</p>
-
-<p>Er blies einen dicken Ring in den Park. »Sieh mal, Kerl, ich
-kenne alle Frauen, die da waren, und sämtliche, die da sind. Ich
-sah noch wenige, die diesem Mädchen glichen. Bis vor zwei
-Jahren war noch kein Gedanke an einen Mann auf ihren Lippen
-zu sehen, ihre Brüste lebten still für sich hin, ihre Lenden schliefen,
-und ihr Schoß wußte nichts von sich selber. Das ist jetzt manchmal
-anders.«</p>
-
-<p>Er runzelte die Stirn: »Ein sonderbares Menschenkind! Sonst
-weiß ich stets, an wen eine denkt, hier nicht. Zu flüchtig ist die
-Schrift, kaum zu lesen. Anfangs glaubte ich, so solle es heißen,
-aber dann sah ich, daß ich mich geirrt hatte. Außerdem, was sie
-denkt, es ist so wenig bewußt, daß schwer dahinter zu kommen
-ist, sehr schwer. Wenn ein unberührtes Weib eines Mannes
-liebend gedenkt, wird sie seiner gleichzeitig als Mutter, Schwester
-und Braut gedenken. Darum, lieber Helmold, du weißt, wir
-haben uns Aufrichtigkeit gelobt: sie denkt an dich.«</p>
-
-<p>Der Maler sprang auf: »An mich?« Der andere drückte ihn
-in den Sessel zurück. »Ja, aber in welcher Weise, das, mein Lieber,
-weiß ich nicht.« Helmold keuchte: »Und der andere? Wie ist es
-damit?« Der Mond wiegte den Kopf hin und her: »An den<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-denkt sie auch noch, aber in verblaßter Weise; an dich denkt sie
-mehr. Sie trägt Sorge um dich; sie denkt immer an dich. Ob
-aber nicht nur als Schwester, oder in der Art, wie eine Mutter
-ihres Kindes gedenkt, das kann ich dir wahrhaftig nicht sagen. Ich
-weiß nur das eine: ich bin heilsfroh, daß ich kein Mensch bin,
-denn sonst müßten wir uns auf krumme Säbel schlagen. Sie ist
-ohne Fehl trotz ihrer Fehler. Deren hat sie mehrere an Leib und
-Geist. Du weißt ja: ihre zu kleinen Hände, ihre allzugroße Nachgiebigkeit,
-und die zu stark entwickelte Willensschwäche, und dieser
-gänzliche Mangel an Selbstsucht. Und dann dieses allzu bewußte
-Vertiefen in Philosophie, Geschichte, Kultur, Dichtkunst und
-andere Allotria. Das ist mir zu unweiblich. Die Mitgift von
-Mannestum, die jedes Weib hat, braucht sie für ihre Bildung,
-statt für ihr Leben. Sie ist ein Stück Künstler, leider! Künstlertum
-verträgt sich nicht mit Vollweiblichkeit; das Erzeugen ist
-euer Vorrecht. Frauen haben etwas anderes zu tun, vielleicht
-besseres. Denn, wie du weißt: Kunst, was ist das? Ein Notbehelf
-für das Leben.«</p>
-
-<p>Er seufzte: »Keiner weiß das so gut wie ich. Alle meine Werke
-und meinen ganzen Ruhm, ich gäbe das sofort hin für ein Stück
-gelebtes Leben.« Er stand auf: »Und nun, Kerl, es wird Zeit;
-ich muß fort. Und dir fallen ja die Augen zu. Bis morgen!«</p>
-
-<p>Helmold stand müde auf. Er warf seine Zigarette in den Garten;
-wie eine Sternschnuppe fiel sie im Bogen in das Buschwerk.
-Vier Jahre waren es her, daß er mit Swaantje den sterbenden
-Sternen zusah. Sie hatte ihn gefragt: »Was hast du dir gewünscht,
-lieber Helmold?« Er hatte sie angelacht: »Ich wünsche
-nie etwas; ich will etwas. Aber was hast du dir gewünscht?«
-Sie lächelte: »Nichts; ich dachte erst daran, als es zu spät war.«</p>
-
-<p>Ja, so war sie, wunschlos und unbegehrt. Und wenn er nur
-wüßte, ob er selber sie begehrte! Er hatte vergessen, den Mond<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-danach zu fragen. Seine Seele begehrte ihre Seele. Das andere?
-Er prallte vor dem Gedanken zurück. Seine Lippen flatterten
-nach ihrer Stirne, seine Finger dachten an ihre Hände; aber scheu
-gingen sie an ihren Schultern vorbei und mieden ihre Hüften
-gänzlich. Wie oft hatte er sie nicht im Ballkleide gesehen! Niemals
-war sein Blut wärmer geworden, und sie war doch so
-schön an Hals und Schultern, und ihre Arme waren herrlich.
-Aber nie hatte sich die gemeine Habsucht neben ihn gestellt und
-mit dem Kopfe nach ihr gewinkt. Sogar damals nicht in jener
-schlaflosen Nacht, einer Nacht, voll von Rosenduft und Nachtigallenschlag,
-als er in den Büchersaal ging, um sich den Angelus
-Silesius zu suchen, und sie plötzlich vor ihm stand, im Nachtkleide,
-das Licht in der Hand, und der Schatten der Palmblätter
-mit unverschämten Fingern über ihre Schultern nach ihren Brüsten
-wies, die aus den Spitzen hervorsahen, die sie mit der linken Hand
-schnell zusammenraffte, als ihr Vetter ihr plötzlich gegenüberstand.
-Nur Schreck war es gewesen, was sie damals in seinen Augen
-hätte lesen können, und vielleicht eine reine Freude an ihrer
-Schönheit. Möglichenfalls hatte auf dem tiefsten Grunde seiner
-Seele ein zaghafter Wunsch schüchterne Worte gestammelt; doch
-sie waren von dem Willen überhört worden.</p>
-
-<p>Nur wenn sie das weiche, lose Kleid aus weißer Wolle trug,
-hatten seine Arme zärtliche Gedanken gehabt, denn so verlockend
-fraulich sah sie darin aus. Einmal, als sie in rosenrot und weißgestreiftem,
-locker gerafftem Kleide vor ihm her durch die blühende
-Wiese schritt, hatten seine aktgeschulten Augen sich auf die Melodie
-ihres Leibes zu besinnen versucht; bis zu dem Texte hatten sie
-sich aber nicht hingetraut.</p>
-
-<p>Die Schleiereule flog an dem Fenster vorbei; die Turmuhr schlug
-fünfmal; da legte er sich nieder. Aber noch zwei Viertelstunden
-mußte er sich von seinen Gedanken stechen lassen, ehe sie fortflogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p>
-
-<p>Die Amsel sang schon seit Stunden, da tat sich die Tür leise
-auf, und Swaantje kam im Nachtkleid herein; unter dem weißen
-Gewande schoben sich ihre nackten Füße verstohlen über den
-Teppich. Sie hielt mit der einen Hand die Spitzen über ihrer
-Brust zusammen, die andere hatte sie vor den Augen liegen, so daß
-das Morgensonnenlicht warm auf ihrem gebogenen Arme spielte.
-Sie riegelte hinter sich die Tür ab, beugte ihr Gesicht über ihn
-und ließ ihre Lippen seinem Munde entgegenschweben; mit einem
-stummen Jauchzer legte er seinen Arm um Adda.</p>
-
-<p>Denn Swaantje hatte sich verwandelt; Adda küßte ihn, Adda
-mußte er liebkosen, Adda, die ihm nicht mehr war, als ein hübscher,
-kluger, kaltherziger Mensch, der zufällig ein Weib war,
-mit dem kein einziger seiner geheimen Gedanken sich je beschäftigt
-hatte. Wehrlos mußte er sich der ungeliebten Frau hingeben,
-machtlos war er in ihren Armen, ohne Widerstand duldete er
-ihre langweilige Leidenschaft.</p>
-
-<p>Mit einem Seufzer, aus Lust und Ekel gemischt, fuhr er in die
-Höhe, sah wirr um sich, sprang aus dem Bette, warf sein Nachtgewand
-von sich und stieg in das Bad. Erst als er fertig angezogen
-vor dem Spiegel stand, gelang es ihm, den Zug von Pein
-fortzuwischen, der um seinen Mund lag.</p>
-
-<p>Aber als er genauer zusah, erblickte er hinter seinem Spiegelbilde
-einen anderen Mann, von den Füßen bis zum Kopfe in
-Eisen gehüllt, der ihn aus der Visierspalte mit herrischen Augen
-ansah, und als er sich die Augen näher anschaute, erkannte er,
-daß es seine eigenen waren, und er wunderte sich darüber.</p>
-
-<p>Doch da war das zweite Spiegelbild auch schon verschwunden.
-»Nervenüberreizung«, dachte er und ging in das gelbe Zimmer.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_eiserne_Ritter">Der eiserne Ritter</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Die Sonne spielte mit den Stäubchen Kriegen, als er durch
-das Treppenhaus ging; sie fiel durch die grünen und roten Fensterrauten
-und warf bunte Streifen durch den Raum, die als seltsame
-Flecke an den Wänden hängen blieben.</p>
-
-<p>Helmold ging auf dem Läufer; deshalb wunderte er sich, daß
-seine Schritte klirrten, als habe er Reitstiefel an. Er drehte sich
-um, denn er dachte, der Reitknecht sei hinter ihm; aber als er
-den Kopf wandte und sein Blick in den Pfeilerspiegel fiel, sah
-er den eisernen Ritter darin stehen und zu ihm herübernicken.
-»Kaltwasserheilanstalt!«, dachte er.</p>
-
-<p>Swaantje stand am Fenster, als er in das Frühstückszimmer
-trat; sie hatte das gefährliche Kleid an. Als sie ihn anlächelte und
-ihm die Hand bot, wurde ihm weh um das Herz, und ein bitterer
-Geschmack war in seinem Munde. Er dankte stumm, als sie ihm
-in ihrer lautlosen Art die Brotschnitten zurechtmachte und hinreichte,
-ihm den Tee eingoß und freundlich sagte: »Nun iß, lieber
-Helmold, und erzähle mir, was dir geträumt hat!« Er sah sie
-so entsetzt an, daß sie erst auflachen wollte, aber dann neigte sie
-sich über den Tisch, griff seine Hand und fragte: »Was hast du
-für einen traurigen Mund? Wieder schlecht geschlafen? Du sollst
-hier nicht an deine Bilder denken; das hast du mir doch versprochen.«</p>
-
-<p>Ihr Vater und seine Schwester kamen; erleichtert atmete Helmold
-auf. Der alte Herr sah die Post durch. Er machte ein böses<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-Gesicht, und Frau Gese fragte ihn besorgt: »Sind die Kurse
-wieder gefallen, liebster Ollig? Ich habe es mir gleich gedacht,
-denn wir haben nun einmal kein rechtes Glück; mein Los hat
-auch wieder eine Niete gehabt. Und denke dir, Pinke hat sagen
-lassen, mehr als acht Pfennige gäbe er für die Eier nicht mehr!
-Das ist doch wirklich stark. Swaantien, hast du schon gefragt,
-wie viele heute da sind?« Das Mädchen nickte. »Und ob das
-weiße Perlhuhn noch immer nicht da ist?« Das Mädchen antwortete
-durch ein Kopfschütteln. »Vergiß ja nicht, Fenna zu
-sagen, daß sie nicht wieder von der besten Butter für die Leuteküche
-nimmt, und Janna soll keine Zeitungen mehr zum Feueranmachen
-nehmen, sondern Reisig. Das Mädchen bringt mich
-noch um mit ihrer Verschwendungssucht!«</p>
-
-<p>Sie wandte sich an Helmold: »Ich werde nach Adda schicken;
-die kann heute nachmittag mit euch gehen, wenn ihr nach dem
-alten Heidengrabe wollt. Denn so sagtest du doch gestern, lieber
-Helmold?« Er wollte schon sagen: »Sehr angenehm!«, aber
-da sah er in dem Pfeilerspiegel den Mann im Harnisch stehen
-und verächtlich lachend den Kopf schütteln, und so antwortete
-er: »Ich verzichte; ist für Adda kein Genuß und für uns erst recht
-nicht!«</p>
-
-<p>Die Tante seufzte: »Sie tut es ja nur eurethalben.« Helmold
-sah erstaunt auf: »Unserthalben? Uns liegt gar nichts daran
-daß sie neben uns hertappelt und andauernd über die Gefahr
-stöhnt, der sie ihren Teint aussetzt.« Die alte Dame machte ihre
-kummervollsten Augen: »Aber, lieber Helmold, allein solltet ihr
-beiden nicht so viel ausgehen. Frau Bergedorf machte neulich
-schon eine Bemerkung darüber!« Der eiserne Ritter nickte; seine
-Augen funkelten höhnisch durch die Visierspalte. »Bist du der selben
-Ansicht, liebe Muhme,« antwortete Helmold höflich, »so füge
-ich mich durch Abreisen. Was die Gaffelzange vom Duttenhofe<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-sagt, ist mir gleich. Übrigens hat sie recht, übel von ihren Mitmenschen
-zu denken; ihr Vorleben ist ja auch danach.«</p>
-
-<p>Er sah in den Spiegel; der gepanzerte Mann nickte beifällig.
-Die Muhme sank hinter der Kaffeemütze zusammen. Helmold
-warf leicht hin: »Na, sie kann sich beruhigen, in zwei, höchstens
-drei Tagen muß ich fort; ich habe ein Dutzend Bilder im Leibe.
-Aber heute und morgen will ich Swaantje noch für mich haben.
-Also verschone mich mit Adda, bitte! Kommst du mit in den
-Park, Swaantje?« Das Mädchen nickte und stand auf.</p>
-
-<p>Im Hausflur schüttelte er sich wie ein nasser Hund und lachte:
-»Muhme Geses Piepmatz ist bald schlachtereif; kommt sie mir
-noch einmal so dumm, dann male ich sie als Göttin der alles aufweichenden
-Philisterhaftigkeit und die Bergedorfen daneben als
-die der kleinstädtischen Niedertracht, aber beide als Ganzakte, die
-eine als Braten, die andere als Knochenbeilage. Und darunter
-schreibe ich: Hätt' Eva so oder so ausgesehn, brauchte Adam
-nicht aus Eden zu gehn!«</p>
-
-<p>Das Mädchen lächelte, aber dann flehte sie: »Bitte, Helmold,
-die Tante ist so gut; und sie hat dich so gern. Gestern sagte sie
-es noch.« Er knurrte: »Ich verzichte auf eine Liebe, die mir nicht
-bekommt; Schwindel ist das. Bitte, laß mich ausreden! Deine
-Muhme, ich habe dir das schon einmal in scherzhafter Weise gesagt,
-ist ein Ungetüm, das inkognito reist, ein menschenfressendes,
-kannibalisches Geschöpf. Gestern hat sie in einer Stunde achtzehn
-geschlagene Male gesagt: ›Swaantien, hast du dies getan?
-Swaantien, hast du auch daran gedacht?‹ Hätte sie es noch einmal
-getan, so hätte ich gesagt, die Krebssuppe wäre nicht geraten
-oder sonst etwas bodenlos Ruchloses.«</p>
-
-<p>Er zischte durch die Zähne: »Vierundzwanzig Jahre bist du
-alt, und sie behandelt dich, als ob du vierzehn wärest. Jede Spur
-von Selbständigkeit nöhlt sie dir fort. Sie hat es durchgesetzt,<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-daß du nicht nach Rom kamest; sie hat es vereitelt, daß du Krankenschwester
-wurdest; sie hat dich glücklich so weit gebracht, daß du
-eine Art von besserer Großmagd geworden bist. Du mußt stundenlang
-dabeistehen, wenn die Renekloden oder irgendein sonstiges
-besseres Baumgemüse abgenommen wird, damit die Mägde ja
-keine essen! Keine Stunde am Tage hast du für dich. Der Deuwel
-soll darein schlagen!«</p>
-
-<p>Er faßte sie an der Hand und zog sie in die Ebereschenlaube,
-die ganz rot von den reifen Beeren war. »Sieh mal, liebes Kind,
-ich habe mich allein durchgerungen; ich habe mir ein Wissen angeeignet,
-das sich sehen lassen kann; ich habe vier Erdteile bereist,
-habe gehungert und verschwendet, beides reichlich; habe geliebt
-und gehaßt, und nicht zu knapp; habe mit Fürsten und Verbrechern
-an einem Tische gesessen; habe die ganze Weltgeschichte
-in mich aufgenommen; alle philosophischen Systeme durchgekaut;
-zu vielen Göttern gebetet und vielen entsagt; mehr Wonne und
-Weh erlebt, als tausend Menschen, und deine Muhme sieht von
-der Höhe ihres Unternivos auf mich herab, wie die Katze auf dem
-Dach auf den Löwen; denn: Renekloden einmachen, das kann
-ich freilich nicht so wie sie, und mir geht jedes tiefere Verständnis
-für die metaphysische Bedeutung der Muskatnuß bei der Zubereitung
-des Blumenkohls ab.«</p>
-
-<p>Er holte eine Zigarre heraus. »Du erlaubst, Liebe? mit Dampf
-geht es besser. Du hast wegen deiner Neuralgie zehn Ärzte gefragt
-und zwanzig Kuren gebraucht. Ich werde dir etwas sagen:
-ich schlage Muhme Gese tot, wir beerdigen sie mit Musik, lassen
-die vorschriftsmäßigen drei Zähren auf ihr Grab tröpfeln, und
-ich wette: in vier Wochen bist du nicht mehr Swaantien, die arme,
-verwaiste, hülflos betantete Nichte, sondern Swaantje Swantenius,
-meine schöne, kluge und stolze Base. Bei der Sonnenrune und
-dem heiligen Kreis, meine Geduld hat ein Ende! Ich bin ja nur<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-ein Schwippvetter, der hier nichts zu sagen hat, aber ich werde,
-bevor ich abreise, einen solchen Höllenlärm schlagen, daß Muhme
-Gesina drei Tage lang von Angst und Baldriantee lebt und alle
-ihre Kommodenschiebladen nach Herzkrämpfen durchkramt. Und
-wenn sie mir nicht bei den Manen ihres Mopses verspricht, dich
-auf zwei Jahre aus dem Stalle zu lassen, dann erzähle ich es
-überall, ich hätte abreisen müssen, weil Frau Gesina Stieghölter
-geborene Swanteniussen mir andauernd schmutzige Anträge gemacht
-hätte.«</p>
-
-<p>Swaantje mußte nun doch lachen; ihr Vetter aber fuhr fort,
-indem er dabei wütend paffte: »Der Mensch hat an erster Stelle
-Pflichten gegen sich selber. Deine Pflicht ist, aus dir das zu machen,
-wozu dich das Schicksal bestimmt hat, aber dich nicht selber im
-Grundrisse zu verzeichnen und in der Fassade zu verkorksen. Du
-mußt heraus aus deiner Watteverpackung, mußt etwas erleben,
-Gutes und Schlimmes, aber nicht dasitzen, bis du jenseits von
-Gut und Böse bist, dein Herz an einen Mops hängst und drei
-Stunden darüber redest, daß der Gerichtsrat Meyer seinen Lehnstuhl
-neu hat überziehen lassen. Ich mache mir aus deiner Bibel
-nicht viel; sie liegt mir nicht, aber es steht doch manches vernünftige
-Wort darin, so von dem Pfunde Sterling, mit dem man
-wuchern soll. Glaubst du denn, ich weiß nicht, wie dir zumute ist?
-Nun bin ich bald vier Wochen hier, und in der ganzen Zeit habe
-ich keine Nacht mehr als drei Stunden geschlafen, und manche
-gar nicht. Heute war es halb sechse, als ich einschlief! Du meinst,
-weil ich an meine Bilder denke? Ich pfeife darauf! An dich habe
-ich gedacht, um dich mir Sorge gemacht; denn ich kann es nicht
-ansehen, wie die Frau dich auf kaltem Wege hinrichtet, und das
-tut sie. Aber ich kenne dich und weiß, bei dir hat alles Reden
-keinen Zweck, weil du verbrecherisch selbstlos bist. Und das macht
-mich so mutlos.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<p>Beim Mittagessen war er von blendender Kälte, denn der eiserne
-Mann sah ihn fortwährend aus dem Spiegel an. Deshalb versalzte
-er der Muhme die Suppe mit gleißenden Widersprüchen,
-verpfefferte ihr den Braten mit funkelnden Vergleichen und übersüßte
-ihr den Schokoladenpudding mit irrlichternden Witzen, bewies
-ihr auf das höflichste, daß sie eine Gans in Großfolio sei,
-und überzeugte sie auf das verbindlichste, daß sie am besten täte,
-nichts zu sagen. So aß sie denn kaum so viel, wie die drei anderen
-zusammen, und war selig, sah Helmold sie einmal nicht spöttisch
-an. Auch sagte sie nichts, als er nachher in weißer Bluse, Kniehosen
-und langen Strümpfen, die Jacke auf dem Arme, herunterkam,
-und sie seufzte noch nicht einmal, als er auf ihre Frage:
-»Wollt ihr denn kein Butterbrot mitnehmen?« antwortete: »Im
-Gegenteil; einmal ist das kleinbürgerlich, und dann wollen die
-Wirte auch leben.«</p>
-
-<p>Es war ein Tag in Blau und Gold. Der Himmel war hoch,
-die Sonne lachte über das ganze Gesicht, die Feuerbohnen, Sonnenblumen
-und Georginen hinter den Zäunen freuten sich ihres Lebens.
-Und Helmold auch. Er hatte den unbarmherzigen Zug um die
-Lippen verloren, und hinter dem frohen Leuchten seiner Augen
-schimmerte eine geheime Zärtlichkeit, wenn er Swaantje ansah,
-die ihr rosenrotes Kleid, ihr Morgenrotkleid, wie er sagte, anhatte,
-und den weißen, weichen, mit einem rosenroten Bande umwundenen
-Hut. Tausende von goldenen Gedanken blitzten vor
-ihm über den Weg hin, und nur ab und zu summte ein schwarzer
-oder brauner dazwischen herum. Hinter ihm her aber schritt der
-eiserne Ritter; das Klirren seiner Sporen klang gut zu Swaantjes
-hellem Lachen, mit dem sie Helmold für sein fröhliches Geplauder
-dankte.</p>
-
-<p>Zwei Bauermädchen kamen ihnen entgegen und boten ihnen
-die Tageszeit. Sie streiften ihn trotz seiner auffallenden Kleidung<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-kaum mit den Augen, sahen Swaantje aber voll andächtiger
-Bewunderung an. »Merkwürdig!« dachte er; »alle Frauen sehen
-sie an, und jeder Mann blickt an ihr vorbei! Woher das wohl
-kommt? Sie ist ihnen zu geistig, zu hoch, zu unnahbar; ein goldenes
-Gitter von Reinheit ist vor ihr.«</p>
-
-<p>Der Fußweg unter den Hängebirken war so schmal, daß Helmold
-hinter ihr gehen mußte. Ein Fest war das für seine Augen, wie
-sie vor ihm herschritt, umflossen von dem leichten Kleide, dessen lose
-Formen ihren hochadeligen Wuchs geflissentlich hervorhoben. Der
-Ritter flüsterte ihm über die Schulter zu: »Sie ist die Schönste, die
-Allerschönste: wer sie lieben darf, den kann kein Himmel mehr lohnen
-und keine Hölle mehr schrecken.« Aber Helmold zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde hatten seine Blicke nun schon die Locken
-ihres Nackens geküßt, ohne daß ihre Wangen roter wurden,
-ohne daß sie sich umwendete, und er wußte es: jedes Weib, dem
-er in den Nacken blickte, drehte sich nach ihm um. Er sah sich
-nach dem Ritter um; der lächelte und flüsterte: »Das Windröschen
-blüht in einer Stunde auf; die Rose braucht mehr Zeit dazu.«</p>
-
-<p>Aus den Zweigen der Birken lispelte die Hoffnung Helmold
-verheißungsvolle Worte zu; aber da flog ihm ein dicker, schwarzer
-Gedanke mitten in das Gesicht; er dachte an den Mann, den
-Swaantje liebte. Doch dann wiegten sich seine Blicke wieder in
-den Falten ihres Kleides, das über dem grauen Fußsteige schwebte
-wie Morgenröte über einem Flusse.</p>
-
-<p>Als sie vor dem Donnerkruge waren, setzte er die hohlen Hände
-vor den Mund und schrie wie ein Haupthirsch vom zwölften
-Kopfe. Die hübsche Wirtin schoß aus der Tür heraus, lachte, gab
-ihm die Hand und rief: »Nein, haben Sie sich aber nüdlich gemacht,
-Herr Hagenrieder!« und dann war sie fertig mit ihm und
-machte zu Swaantje die selben andächtigen Augen wie vorhin die
-beiden Bauermädchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>Sie deckte unter der Linde. Als sie den Kaffee herbeitrug, stellte
-sie in einen alten Krug, auf dem ein springendes Pferd zu sehen
-war, einen mächtigen Busch von Astern, Ringelblumen und Georginen
-auf den Tisch, so daß Helmold ihr eine Kußhand zuwarf
-und rief: »Großartig, Frau Trui; nun haben wir alles, was wir
-brauchen.«</p>
-
-<p>Er hatte seine lichte Laune wieder. Seine Augen lachten, als
-Swaantje ihm den Kaffee aus der bauchigen Zinnkanne eingoß,
-und er aß in einem fort, nur um sich an den leisen Bewegungen
-ihrer Arme zu erfreuen, wenn sie ihm vorlegte. Aber dann sah er
-ihre Hände an, und ein mütterliches Mitleid stieg in ihm auf:
-»Arme, kleine, müde, entsagungsvolle Hände!« dachte er, und
-ein bitterer Zug schloß seine Lippen; »Hände, deren Seele nur gedacht
-und nie gelebt hat, die von Sehnsucht erzählen, aber von
-keinem Wunsche; Hände, die im Schatten aufwuchsen!«</p>
-
-<p>Doch da flüsterte der Ritter ihm etwas in das Ohr. Entsetzt
-prallte er zurück und machte Kontrahieraugen; aber als er den
-eisernen Mann ansah und merkte, daß der keinen häßlichen Spott
-mit ihm trieb, da nickte er ihm verstohlen zu, gab ihm heimlich
-die Hand und war wieder der lustige Kamerad. Fortwährend erklang
-Swaantjes fröhliches Lachen, so viel bunte Witze und farbige
-Schnurren breitete er vor ihr aus, und die Falte der Entsagung
-zwischen ihren Brauen war nicht mehr zu sehen.</p>
-
-<p>Sie gingen dann die heiße Landstraße entlang, bogen zwischen
-den kühlen Wallhecken ein, kamen über die sonnenbeschienene
-Haide und durch Wiesen, glitzernd von Licht. Solange sie nebeneinander
-gingen, blieb der Mann im Harnisch taktvoll zurück; wurde
-aber der Weg schmal oder morastig, so daß das Mädchen vorangehen
-mußte, sofort war der Ritter wieder neben Helmold und
-flüsterte ihm durch die Visierspalte zu: »Vergiß nicht, was ich dir
-geraten habe!« und Helmold sah ihn an und schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>Ja, er wollte es wagen, mochte daraus entstehen, was da wollte!
-Eine übermütige Lust überkam ihn. Mit schmetternder Stimme
-begann er ein schalkhaftes Volkslied; in den Schlußreim aber
-legte er jedesmal alle Süßigkeit der Sehnsucht. Er sprang von
-Hott zu Hüh und kam immer wieder geschickt darauf zurück, daß
-Kunst, Wissenschaft, Religion und Philosophie nichts seien gegen
-ein bißchen erlebtes Leben; aber das beste an ihm sei und bleibe
-die Liebe zwischen Mann und Weib. Das Mädchen hörte aufmerksam
-zu, doch ihre Wangen blühten nicht voller auf, und ihr
-Atem ging seinen gewohnten Weg. Aber wenn er auf den wundersamen
-Zusammenklang von Schatten und Licht, auf die Unter-
-und Übertöne der Landschaft, auf den geheimen Sinn der Blumen
-und auf das beredte Schweigen der Bäume hindeutete, dann
-schenkten ihm ihre Augen zärtliche Blicke.</p>
-
-<p>Kalt durchschauerte es ihn, wenn bei jedem ernstgemeinten
-Worte ihr innerstes Wesen sich gegen seine Brust lehnte. Mit
-barschem Griffe faßte er mitten in ihr religiöses Gefühl hinein,
-als sie von der Seligkeit des Glaubens sprach. »Du verabscheust
-den Selbstmord, liebe Swaantje,« begann er; »aber was ist denn
-Glauben anders als Selbstmord? Wer glaubt, dem ist das Leben
-kein Problem. Er kann sich getrost begraben lassen; für ihn gibt
-es keinen Kampf mehr. Ich aber will kämpfen; sonst danke ich
-für das Leben. Wir Germanen sind niemals gläubig gewesen.
-Religion hatten wir immer, aber eine Diesseitsreligion; das Jenseits
-versparten wir uns für später. Mit beiden Beinen standen
-wir auf dieser lieben Erde, lebten unser Leben in Zucht und Sitte,
-berauschten uns nicht an Wollust und Grausamkeit und brauchten
-daher auch nicht, wie die Asiaten, Opiate wie Reue und Buße.
-Zu unsern Göttern standen wir wie zu unsern Fürsten; wir zahlten
-ihnen pünktlich den Zins, machten Front, fuhren sie vorbei,
-und damit holla! In unser persönliches Leben durften sie nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-hineinreden. Ich habe mehr als einmal mit dem Tode Kugeln gewechselt;
-aber niemals ist mir dabei der Gedanke gekommen, daß
-ich vorher erst ein reines Hemd anziehen müsse, für den Fall, daß
-ich plötzlich vor jemand stehen würde, der erst meine Wäsche ansähe,
-ehe er mir die Tür aufmachen ließ. Wir sagen: wir sind
-Christen, aber wir sind es nicht; wir können es auch nicht sein.
-Christentum und Stammesbewußtsein vertragen sich ebensowenig,
-wie Sozialismus und Kultur. In der Theorie sind wir Christen;
-aber sobald es an die Praxis geht, in Politik, Geschäft und dergleichen,
-dann sind wir genau solche Heiden wie die Männer,
-die dort schlafen gelegt wurden.«</p>
-
-<p>Er zeigte nach dem Tödeloh hin, der sich vor ihnen über der
-Kiefernhaide erhob, und von dem das verbuhlte Gurren eines
-Ringeltäubers herüberklang. Die Sonne stand noch hoch, so daß
-die gewaltigen Wachholderbüsche halb schwarz, halb goldig aussahen;
-aber die Ferne war in dichten Duft gehüllt, und über dem
-Bachgrunde lag der Nebel wie der Atem eines Hünen.</p>
-
-<p>Der Fußweg war so schmal, daß Helmold die Gelegenheit benutzte,
-um hinter der Heißgeliebten herzugehen. Er drehte sich
-um und nickte seinem Hintermanne zu. Ja, er wollte es wagen!
-Sie sollte etwas erleben! Er wollte sie umfassen und küssen und
-das Weib in ihr wecken; der Föhn seines Atems sollte das Gletschereis
-von ihrer Seele schmelzen und der Platzregen seiner Küsse
-den Staub von ihrem Herzen waschen.</p>
-
-<p>Sie sollte sein werden, ehe die Sonne hinter dem Wahrbaume
-zu Boden glitt. Er wollte jedes Gedenken an den anderen in ihr
-fällen, wollte Feuer in ihre Vergangenheit werfen und das taube
-Gekräut totbrennen, um Platz für die junge Saat zu schaffen.</p>
-
-<p>Absichtlich blieb er hinter ihr, mit Fleiß ließ er sie vor sich hergehen.
-Seine Lippen sollten dursten nach ihrem Munde und seine Hände
-hungern nach ihrem Leibe; sinnlos sollten sie vor Liebe werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>Er pflückte einen langen Halm und ließ dessen Spitze über ihre
-Wangen gleiten; lässig strich sie mit der Hand nach der Stelle
-hin. Als er zum dritten Male den Scherz machte, sah sie sich um
-und lächelte ihm schalkhaft in die übermütig funkelnden Augen.
-Er sang leise und mit aller Zärtlichkeit, die er in seine Stimme
-legen konnte, ein verträumtes Liebeslied, das das Volk sich erdachte,
-und in dem das Allerletzte zwischen Mann und Weib gesagt
-wird, aber als er endete: »Denn deine Unschuld und die
-mußt du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid«, da
-blieb sie stehen, sah ihn mit leuchtenden Augen an und sagte:
-»Das ist ja ein köstliches Lied; das habe ich noch nie gehört!«
-Ein kalter Schauder lief ihm über das Herz; sie sah das Kunstwerk
-in dem Liede und fühlte nichts dabei. Mutlos ließ er den
-Kopf hängen und schritt hinter ihr her; ihm war, als müßte er
-sie schlagen.</p>
-
-<p>Doch der Ritter flüsterte ihm zu: »Sie ist ein unberührtes Weib;
-wer sie zuerst küßt, den wird sie lieben. Und du willst sie küssen,
-wirst sie küssen, mußt sie küssen, schon ihretwegen, um sie zu erlösen,
-damit sie sich herausringt aus dieser blutlosen Nonnenhaftigkeit,
-aus diesem unmenschlichen Vegetieren, aus diesem geschlechtlosen
-Unleben. Das willst du, das mußt du, und das wirst du!«</p>
-
-<p>Der urzeitliche Friedhof lag in zufriedenem Schweigen da; der
-Stechpalmen Korallenschmuck leuchtete heiß aus dem kalten Blattwerke,
-das sich hinter dem grauen Seelenhause erhob. Swaantje
-nahm aus dem bunten Strauße, den ihr Frau Heinemann mitgegeben
-hatte, eine schneeweiße Aster, zwei blutrote Georginen
-und vier von den grellen Ringelblumen, band sie mit einem blonden
-Halme zusammen und legte sie vor die Tür der Urahnenkapelle
-hin. Dann ließ sie sich auf der Jacke nieder, die Helmold
-für sie über das schimmernde Moos gelegt hatte, und er setzte
-sich zu ihrer Linken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span></p>
-
-<p>Sie saß ein wenig unter ihm, so daß er sie mit den Augen umspannen
-konnte. Wild schlug sein Herz und dann wieder zaghaft.
-Ein dumpfer Druck lag auf seinem Gehirne, und seine Kehle war
-wie eingeschnürt. Aber kein heißer Schauer lief ihm über die
-Brust, und keine süße Erwartung fieberte in seinen Lippen; nur
-eine bleiche Furcht hockte hinter ihm, und vor ihm kauerte die
-Hoffnungslosigkeit, von oben bis unten in Spinneweben gekleidet.</p>
-
-<p>Swaantje sah in die Sonne, die rot und rund über dem weiß
-atmenden Bruche stand. Sie wandte sich nach Helmold, sah ihn
-zärtlich an und sagte: »Vetter, wieviel Schönes habe ich dir doch
-zu verdanken; ich hätte nicht geglaubt, daß der Herbst mir so viel
-bringen würde.« Ihre Augen schimmerten feucht, als sie ihm die
-Hand gab; kühl lag sie in seinen heißen Fingern, so kühl, daß er
-sie nicht festzuhalten vermochte.</p>
-
-<p>Aber da flüsterte ihm der Ritter zu: »Jetzt sprich ihren Namen
-so zärtlich aus, wie du kannst, und sieh ihr so bittend in die Augen,
-wie du es vermagst, und dann nimm sie und küsse sie, bis ihre
-Seele in der deinigen ertrinkt.«</p>
-
-<p>Helmold nickte und sah das Mädchen an, das verträumt nach
-der Sonne hinblickte, die sich immer schneller dem Wahrbaume
-näherte, dessen schwarze Krone wie eine böse Rune über dem
-Milchsee stand.</p>
-
-<p>»Swaantje,« begann er, und er erschrak, denn seine Stimme
-klang ganz blaß. »Vetter?« antwortete es ihm, aber dabei sah
-Swaantje unverwandt in die Sonne. »Liebe Swaantje«, begann
-er von neuem, und er spottete in sich selber über die Farblosigkeit
-seiner Stimme; »du hast mir kürzlich etwas gesagt; nun will ich
-dir auch etwas sagen: ich liebe dich.«</p>
-
-<p>Er sah scheu zur Seite, denn da stand der Ritter, stampfte mit
-dem Fuße, daß es klirrte, lachte verächtlich und fauchte durch das
-Visier: »Dümmer konntest du es gar nicht anfangen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p>
-
-<p>Swaantje war kaum zusammengezuckt; sie sah nach der Sonne,
-und Helmold fuhr fort: »Ich liebe dich seit sieben Jahren. Ich
-habe dich vom ersten Tage an geliebt. Ich habe dich schon geliebt,
-ehe daß ich dich kannte, ehe daß du lebtest.«</p>
-
-<p>Er seufzte tief auf: »Ich weiß das erst seit jenem Abend, als
-Grete sagte: ›Du müßtest immer bei uns bleiben, Swaantje; ich
-dächte mir das reizend, wenn wir drei immer zusammen blieben.
-Ich wäre dann deine Sonnenfrau, Helmke, und Swaantje wäre
-dein Mondweiberchen‹.«</p>
-
-<p>Das Gesicht des Mädchens war blutlos geworden; geisterhaft
-hob es sich von dem dunklen Wachholderbusche ab; ihre Augen
-hingen fest an der Sonne, die mit bösem Blicke über dem Wahrbaume
-stand.</p>
-
-<p>Helmold half einem Käfer auf, der im Sande auf dem Rücken
-lag; dann sprach er weiter: »Du weißt, daß Grete am anderen
-Morgen fragte: ›Ist dir nicht gut?‹ Ich hatte in der Nacht kein
-Auge zugetan. Ich habe seitdem überhaupt noch nicht wieder geschlafen.
-Es ist seither keine Stunde gewesen, daß ich nicht an
-dich gedacht habe. Und deswegen kam ich nicht zu euch. Aber
-schließlich sah ich ein, daß ich zugrunde ging, wenn ich dich nicht
-wiedersah. Ich habe wie ein Verrückter gearbeitet; sonst wäre
-ich irrsinnig geworden. Ich habe seitdem mehr gemalt, als andere
-in zehn Jahren zuwege bringen. Aber ich habe es als totkranker
-Mann gemalt. Schließlich mußte ich dich sehen und kam. Am
-Tage lebte ich; in jeder Nacht starb ich. Du weißt, wie ich des
-Morgens aussehe, und du weißt, wie anders mein Gesicht wird,
-wenn ich eine Viertelstunde bei dir bin. Ich habe mich ganz genau
-daraufhin untersucht, wie ich dich liebe, ob als Bruder, ob
-als Vater; aber ich liebe dich als Mann; ich will dich. Und deshalb
-muß ich dir das alles sagen, denn sonst, ich bin meiner nicht
-mehr sicher, und wenn ich dein Vertrauen verlöre, dann müßte<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-ich mein Leben fortwerfen. Denn das würde ich verlieren, hätte
-ich das getan, was ich mir vorhin vorgenommen hatte: dich in
-den Arm zu nehmen und in mein Herz hinein zu küssen.« Der
-Ritter schüttelte den Kopf und ging langsam von dannen.</p>
-
-<p>Helmold und Swaantje sahen nach dem Wahrbaume, dessen
-unheimliche Zauberrune mit Gold unterlegt war. Dann sprach
-das Mädchen: »Helmold, das ist furchtbar, das ist entsetzlich. Ich
-wollte, ich könnte dir helfen, aber ich kann es nicht. Selbst wenn
-das nicht wäre, wovon ich dir sprach, könnte ich dir nicht helfen.
-Ich bin sehr unglücklich darüber, denn du tust mir so unsäglich
-leid. Und doch bin ich stolz darauf, sehr stolz, und ich danke dir;
-du hast mir ein großes Leid geschenkt, und eine große Freude.
-Wenn ich dir nur helfen könnte, liebster Helmold! Aber du weißt
-es selbst, daß ich das nicht kann. Nicht wahr?«</p>
-
-<p>Sie sah ihn zum erstenmal wieder an; er nickte ihr mit ernstem
-Gesichte zu, bückte sich und küßte ihre Hand, und sie zuckte merkbar
-zusammen, denn sie fühlte, daß eine Träne darauf fiel. »Armer
-Helmold!« flüsterte sie und sah dahin, wo die riesenhafte Rune
-stumpf und tot vor dem rosenroten Himmel stand, während darüber
-ein Stern aufgehen wollte.</p>
-
-<p>Der Ritter kam wieder herangeschlichen: »Noch ist es Zeit,
-noch ist es nicht zu spät!«, raunte er heiser; »greif zu! Eine
-Stunde wie diese kommt niemals wieder. Küsse sie! Mein Wort
-darauf, sie ist dein.«</p>
-
-<p>Helmold sah ihn ungläubig an. Swaantje schauderte zusammen.
-»Steht hier irgendwo Irrkraut?« fragte sie und drängte sich
-ganz dicht an ihn heran, so dicht, daß ihre Backe an seiner Schulter
-lag und ihre Lende seinen Schenkel berührte. »Nun oder nie!«
-zischte der Mann im Harnische ihm zu, und Helmold näherte von
-hinten seine Hand, mit der er sich in das Moos gestützt hatte,
-der Schulter des Mädchens; aber da sah sie ihm ängstlich in die<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-Augen und flüsterte: »Steht hier welches? Ich fürchte mich!«
-Er gab ihr die Hand und half ihr auf. »Feigling, Dummkopf!«
-rief ihm der Ritter zu und ging laut lachend durch den hohen
-Adlerfarn, daß es rauschte.</p>
-
-<p>Der Abendwind warf mit dem dunkelgrünen Geruche des zertretenen
-Krautes um sich, und Swaantje schauderte abermals zusammen.
-»Schrecklich, wie das Farnkraut riecht! Hast du keine
-Angst davor?« Er lächelte: »Nein, ich habe vor nichts Angst!«
-Er legte ihr das Spitzentuch um die Schultern, zog die Jacke an
-und reichte ihr den Arm; ohne Zögern legte sie ihre Hand hinein
-und lehnte sich fest an ihn, wie er es liebte. Als er sich umdrehte,
-stand der Ritter an einen Baum gelehnt und blickte ihm höhnisch
-nach; er sah wie ein hoher, spitzer Wachholderbusch aus.</p>
-
-<p>Krähen flogen über sie hinweg und schrieen sich heiser; schweigend
-ruderte ein Reiher dem Flusse zu. Der Himmel sagte einen
-zweiten Sonnentag an; hell stand der Liebesstern da.</p>
-
-<p>Lange Zeit sprach Helmold nicht, dann begann er: »Du verstehst
-doch, Swaantje, daß ich dir das alles sagen mußte?« Sie
-nickte ernsthaft. »Und ich muß es auch Grete sagen.« Sie nickte
-abermals. »Und obzwar ich mir dadurch, daß ich dir meine Liebe
-in dieser Weise offenbarte, alle und jede Hoffnung genommen
-habe, ich bin doch froh darüber, daß ich es tat. Und ich bin froh,
-daß es so gekommen ist. Ich hatte immer die Angst, daß ich alt
-und kalt geworden wäre; wer liebt, ist nicht alt. Ich weiß, daß
-ich noch jung bin und ein Herz habe; denn es blutet, und das
-danke ich dir. Ich war so hoffnungslos. Grete und ich, wir haben
-uns heiß geliebt. Das ist vorbei. Sie ist zu sehr selbsteigene Persönlichkeit,
-um in mir aufgehen zu können; alles in ihr wehrt sich
-gegen mich. Darum macht sie mir so oft, oder eigentlich immer,
-Opposition. Das kann ich nicht vertragen, denn ich bin eine Herrennatur
-und will keinen Widerspruch; von meinem Lebensgenossen<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-wenigstens nicht. Wer mir widerspricht, ist mein Feind. Die Frau
-aber soll der beste Freund des Mannes sein. Grete kann mir das
-nicht sein; mein Wesen und ihres stammen aus verschiedenen
-Ländern, meines aus Nord, ihres aus Süd. Uns trennt eine Weltanschauung,
-eine Lebensauffassung. Ihr Wollen drängt von sich
-zur Welt; mein Wille geht von dem, was da ist, zu dem, was
-ich bin. Sie ist zentrifugal, ich bin zentripetal. Sie lebt; ich schaffe.
-Wir haben aneinander keinen Teil.«</p>
-
-<p>Er blieb stehen, zündete sich eine Zigarre an, und als er bemerkte,
-daß das Mädchen totenblaß aussah, strich er ihm sanft
-über die Backen, gab ihm den Arm und sprach im Weitergehen:
-»Trotzdem gehören Grete und ich zusammen, denn sie liebt mich,
-und ich liebe sie; und dann haben wir Kinder. Ich weiß, was du
-denkst, aber ich sage dir: trennte ich mich von ihr, und liebtest du
-mich auch, so wie ich dich liebe, du kämest dann erst recht nicht zu
-mir, und solange Grete meine Frau ist, habe ich auch keine Hoffnung,
-daß du mein wirst. Das ist mir alles ganz klar. Zudem: du
-liebst einen anderen.«</p>
-
-<p>Der Arm des Mädchens zuckte in dem seinigen, und er fühlte,
-wie sie sich fester gegen ihn lehnte. »Friert dich?« fragte er. Sie
-schüttelte den Kopf, und er fuhr fort: »Wenn der, den du liebst,
-dich liebte, und er brächte dir das Glück, dann könnte ich wieder
-ein froher Mann sein.« Sie schauderte wiederum zusammen und
-lehnte sich noch fester an ihn. »Du frierst doch wohl?« fragte er;
-»willst du meine Jacke haben? Ich brauche sie nicht.« Sie wehrte
-ab und flüsterte, und süßer als je zuvor, erschien ihm der Tonfall
-ihrer Worte: »Dann mußt du mich aber sehr lieb haben,
-Helmold!« Er antwortete erst nicht, aber dann sprach er mit
-ernster Stimme: »Mehr als meine Kunst.«</p>
-
-<p>Der Ritter flüsterte hinter ihm: »Aber Mensch, sie will ja, daß
-du sie küssest! Küsse sie! Sie liebt dich und nicht den anderen!«<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Doch Helmold, der bemerkt hatte, daß Schauer auf Schauer das
-Mädchen schüttelte, blieb stehen, zog seine Jacke aus und befahl:
-»So; kleine Mädchen haben zu gehorchen!« und so verstand er
-nicht, was der Mann im Harnisch ihm zuraunte. Er half Swaantje,
-die mit niedergeschlagenen Augen dastand und beklommen atmete,
-in die Jacke, und dann sagte er: »Nun wollen wir etwas schneller
-gehen«, und eine lustige Weise flötend, schritt er, das Mädchen
-am Arm, an dem Ritter vorbei, der schwarz und gespenstig auf
-der Haide zurückblieb.</p>
-
-<p>Tief im Walde ließ der Kauz sein blutrotes Lied erschallen; vom
-Flusse her heulte ein Dampfer; es klang fast genau so. Der
-Mond kam hinter den Kiefern hervorgegangen; sie spannen lange
-Schatten über den weißen Weg.</p>
-
-<p>Helmold lachte auf: »Hör, Swaantje, die beiden! Was sich
-liebt, das neckt sich. Denk dir das Bild: Der Waldkauz balzt den
-Dampfer an! Findet er Gehör, so gibt es ulkige Küken: kleine
-Dampferchen, die auf die Mausjagd gehen, oder Ulenküken, die
-nach Steinkohlen piepen. Und nun reden wir nicht mehr davon!«
-Er schwenkte ihren Arm auf und ab und pfiff die Kasatschka.</p>
-
-<p>»H' ach!« fing er dann an; »die möchte ich noch einmal tanzen.
-Das ist ein Tanz, der nach roten Küssen und nach roten Messerklingen
-riecht! Tanzen ist: trampeln, daß die Diele donnert, und
-die Mädchen hin- und herschmeißen, bis sie windelweich sind,
-aber nicht diese betutige Dreherei, wie sie jetzt in Mitteleuropa
-im Schwange ist. Überhaupt: Ballschleppe und Tanzen! Das
-ist schon mehr Fesselballonbetrieb. Etwas angetrunken muß man
-auch sein, und die, mit der man tanzt, muß hinterher zu allem
-Ja sagen; sonst ist das einfach zuchtlos. In der Ukranja habe
-ich mit einer getanzt, Marja hieß sie und war ganz hellblond;
-aber sie hatte den Satan im Leibe!«</p>
-
-<p>So prahlte er und erzählte Kasakenschwänke und Witze, die er<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-in der Herzegowina gehört hatte, und Schnäcke im Hamburger
-Ewerführerplatt und Schnurren in pfälzischer und ostpreußischer,
-schlesischer und bayerischer, münsterscher und berliner Mundart,
-eine immer toller als die andere, so daß Swaantje mehr als einmal
-hell auflachen mußte. Er blieb auch den ganzen Abend lustig
-und versöhnte Tante Gesina gänzlich wieder, denn er machte gar
-keine kecken Witze, sondern blieb völlig in der guten Weise des
-Marktfleckens.</p>
-
-<p>Um elf Uhr ging er zu Bett und las bis zwölf Uhr im Herodot.
-Dann blies er das Licht aus und sah gegen die Decke, die taghell
-vom Mondlichte war. Um ihn summte ein neues Lied, erst
-leise dann laut, bis seine Lippen die Weise nachsummten: »Am
-Himmel steht ein goldener Stern dahinten über dem Walde«.
-Und ein neues Bild reimte sich darauf; ganz kühl zog er es in
-den Vordergrund seines Bewußtseins: gelben Sand, weißglühende
-Sonne, ein Trupp französischer Fremdenlegionäre, alle blondbärtig
-und blauäugig, halb verrückt vor Durst durch den Sand
-stolpernd; neben ihnen, zu Pferde, ihre Zigaretten rauchend, die
-schwarzbärtigen Offiziere, darüber ein Aasgeier.</p>
-
-<p>Plötzlich warf er sich auf das Gesicht, biß in das Kopfkissen,
-weinte, daß es ihn schüttelte und flüsterte: »Swaantje, meine
-geliebte, süße Swaantje!« Eine halbe Stunde lag er so da. Dann
-stand er auf, wusch sich das Gesicht, trank die Wasserflasche fast
-leer, sah in den Park, holte sich seine Zigarettendose und wollte
-sich damit vor das Fenster setzen. Aber als er an dem Spiegel
-vorbeikam, prallte er zurück: der Ritter stand da. Seine Rüstung
-blitzte weiß, das Visier hatte er heruntergeklappt; er sah an ihm
-vorbei, wie an einem wortbrüchigen Hallunken, und wies mit
-dem Finger nach dem Seelenhause im Tödeloh.</p>
-
-<p>Helmold stellte die silberne Dose hin und legte sich nieder.
-»Elende Hyperästhesie!« dachte er, als ihm die Augenlider zufielen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Seelenhaus">Das Seelenhaus</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Das gelbe Zimmer war voll von der Vormittagssonne, als
-Helmold eintrat; zwei Sonnenblumen, die in einem blauen Zierkruge
-standen, starrten ihn mit toten Augen an.</p>
-
-<p>Swaantje kam herein; sie sah frisch und gehoben aus, erschrak
-aber sichtlich, als sie ihren Vetter ansah, und als der in den Spiegel
-blickte, erkannte er sich kaum wieder: er sah nicht angegriffen aus,
-aber seine Augen waren welk und seine Lippen abgeblüht.</p>
-
-<p>Er las die Briefe, die auf seinem Platze lagen, und reichte einen
-nach dem anderen dem Mädchen. Das nickte ihm bei dem ersten
-fröhlich zu, jubelte bei dem zweiten auf und klatschte bei dem
-dritten in die Hände. »Wie freue ich mich, wie freue ich mich!
-Drei große Bilder so gut verkauft, Aufträge über Aufträge, und
-nun noch erster Sieger in einem internationalen Ausschreiben!«
-Ihre Stimme fiel herab, als sie ihn ansah: »Aber freust du dich
-denn gar nicht ein bißchen, lieber Helmold?« Er nötigte sich ein
-Lächeln ab und sagte gleichgültig: »Natürlich; Berühmtheit ist
-bar Geld.« Sie sah ihn enttäuscht an. »Lieber Helmold,« begann
-sie nach einer Weile schüchtern, »sei nicht böse; heute kann ich dich
-nicht begleiten. Lies bitte!« Er nahm den Brief und seufzte: »Was
-fange ich nun ohne dich an? Aber den Vormittag, Swaantje,
-nicht wahr, den bekomme ich doch? Viel ist es ja nicht mehr.«</p>
-
-<p>Sie gingen nach dem Ausgang des Parkes. Da stand unter
-zwei ungeheueren Silberpappeln eine graue Steinbank; dort ließen
-sie sich nieder und sahen über die Wiesen, von denen der Maikrautduft<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-des Grummets herkam. Beide waren still; Helmold
-war todmüde; es war schon hellichter Tag gewesen, als seine
-Augen das Sehen vergaßen, und Swaantje war betrübt, denn
-unter seinen Brauen her flogen nur kalte Blitze über das lachende
-Land, und wenn er sprach, so hörte es sich an wie Herbstlaubgeraschel
-im Winde. Er sah dahin, wo unter einem breiten Weißdornbusche
-die Hütebude lag; mit ihren beiden kleinen Türen
-und ihrer stumpfen grauen Farbe sah sie aus, wie das Seelenhaus
-in Tödeloh.</p>
-
-<p>»In den Büchern steht, in den großen Steinkammern hätten
-unsere Urahnen ihre Häuptlinge begraben,« fing Swaantje an;
-»glaubst du das?« Er nickte: »Ja, das schon, aber diese Hünenbetten
-sind auch Seelenhäuser gewesen, denn sie sind genau in
-der Art der Wohnhäuser erbaut. Alle Jahre am Todestage ihrer
-Lieben legten unsere Urahnen dort Wildpret hin und gossen
-Honigbier in die Schalen und zündeten ein Feuer darin an, damit
-die Seelen sich erquicken und wärmen könnten, kehrten sie
-einmal wieder zurück. Auch Blumen werden sie dort wohl niedergelegt
-haben.« Er sah mit verlorenen Blicken nach der Hütebude,
-und sonderbar klang es, als er fortfuhr: »Swaantje, wirst du
-mir auch Blumen bringen, damit ich mich darüber freuen kann,
-wenn ich einmal wiederkomme?«</p>
-
-<p>Das Mädchen sah ihn erschrocken an und faßte seine Hand:
-»Lieber Helmold, wie kannst du mich so ängstigen! Das war
-nicht hübsch von dir. Du bist überreizt, überarbeitet, nervös; du
-solltest einmal in ein richtiges Pussiersanatorium gehen, wie damals,
-als du so herunter warest.« Er sah sie spöttisch an: »Meinst
-du, daß mir heute noch ein Flirt hilft? Das glaubst du doch
-selber nicht.« Das Mädchen sah einem weißen Falter nach, der
-an ihr vorüber in die Wiese flog, die Weidenröschen am Grabenrand
-umflatterte und ziellos weitertaumelte. Dann sah sie die<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-Hand ihres Vetters an, die auf seinem Knie lag; gestern war sie
-noch männlich und straff gewesen, nun sah sie weiberhaft aus
-und ermüdet. Verstohlen besah sie ihre eigene Hand; beide Hände
-waren sich jetzt ähnlich; früher waren es Gegensätze gewesen. Die
-braune, derbhäutige, großporige, haarige, in breiten, harten Nägeln
-endende Hand des Mannes erinnerte sie an den Vorsteher
-Groenhagen, hinter dessen derben Zügen, unter dessen harten Augen
-so sehr viel unausgesprochener Kummer lebte.</p>
-
-<p>»Ja, Swaantje, das ist nun so!« lachte Helmold und wies nach
-einem hohen Riesenampferbusche, der mit seinen feuerroten Blättern
-unbändig prahlte; »der rote Hinnerk da, so nennen die
-Bauern das Kraut, jeder freut sich darüber, wie er so knietschrot
-dasteht; aber er ist welk, ist tot. Ein Meister der Farbe ist er;
-aber sein grünes Herz ist gestorben.« Er unterbrach sich, denn
-ihm war, als stände eine bleiche Gestalt in dem Seelenhause und
-winkte ihn zu sich heran. Dann lächelte er über sich; erstens war
-das kein Seelenhaus, sondern eine Hütte für die Hütejungen, und
-die bleiche Gestalt, das war ein alter Lappen, der da hing.</p>
-
-<p>Er warf den Kopf in den Nacken: »Du magst recht haben,
-Swaantien!« Sie lächelte ihn an, denn noch nie hatte er die Koseform
-ihres Namens gebraucht. Er pfiff eine leichtsinnige Weise
-vor sich hin. »Ich bin überarbeitet, habe mich dazu um dich zu
-viel gesorgt. Nun verschieße ich mich noch dazu; das zieht in keinen
-hohlen Weidenbaum.« Er summte: »Und kann es nicht die Lilie
-sein, so pflück ich mir ein Röselein.« Er machte ein säuerliches
-Gesicht: »Mein Herz heil pussieren, das wird schwer halten, aber
-als Heftpflaster hilft vielleicht so ein bißchen Eintagsliebe. Man
-weiß nur nie, was man sich damit für Löcher ins Gewissen läuft.
-Die andere hat sich vielleicht schon wer weiß wie lange getröstet,
-und man denkt immer noch, sie wankt mit durchgescheuerter Seele
-herum.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>Er scharrte mit der Fußspitze im Sande umher: »Na, die Hauptsache
-ist, daß du dich heute nachmittag in eurem Geisteslackierklub
-gut vergnügst. Wird Er auch da sein?« Swaantje wurde
-rot: »Ich glaube,« flüsterte sie, aber es lag keine Freude in ihrer
-Stimme.</p>
-
-<p>»Weißt du was, Zuckerchen,« fuhr es Helmold heraus, »eigentlich
-müßte ich mit und dir dort in einer so feuergefährlichen Weise
-den Hof schneiden, daß dem Professor das Brett vor dem Kopfe
-aufbrennt; denn das hat er doch sicher dort, denn schließlich gönnt
-kein rechtschaffener Mann eine einem anderen, und tritt man ihm
-auf die Platzhirschhühneraugen, dann wetzt er sogleich die Kampfsprossen.
-Aber die Bergedorfsche ist da samt ihren üblen Töchtern,
-und so wie ich mich kenne, setzte es einen Heidenskandal, ginge
-ich mit. So will ich lieber zusehen, daß ich den Bock in der Wittenriede
-bekomme.«</p>
-
-<p>Nach dem Mittagessen bat er sich den Fuchs aus, hängte die
-Büchse über und ritt in das Bruch. Dort stieg er ab, ließ das
-Pferd bei den Hütejungen und waidwerkte zu Fuße weiter. Aber
-er spähte nicht nach dem alten Bocke, der dort umging, er träumte
-mit kalten Augen über das Land hin, das in der Sonne glitzerte.
-Schließlich setzte er sich bei dem Seelenhause an, rauchte und
-brütete vor sich hin. Immer wieder gingen seine Augen nach der
-Büchse. Er sah sich um: wenn er seinen einen Fuß in die Brombeerranken
-wickelte und sich durch das Herz schoß, dann nahm
-alle Welt ein Unglück an; denn daß ein Künstler an dem Tage,
-der ihm den größten Auftrag seines Lebens gebracht hatte, Selbstmord
-verüben könne, das glaubte kein Mensch. Ein Druck, und
-er konnte endlich einmal wieder ausschlafen.</p>
-
-<p>Aber dann fiel ihm ein Wort Hennigs ein: »Selbstmord wirkt
-niemals tödlich«, hatte der einst gesagt und hinzugefügt: »denn
-es ist keine organische Lösung.« Und dann waren die Kinder da,<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-seine lieben Kinder Swaan und Sweenechien, und Grete und
-Swaantje. Schon derentwegen durfte er nicht Hand an sich legen;
-sie würde vor Gram zerbrechen. Außerdem: er hatte den Auftrag
-vom Schicksal, seinem Volke viel Schönheit zu bringen. »Nein,«
-sagte er zu sich, »nein, das tust du nicht!« Er stand auf, entlud
-die Büchse, warf den Patronenrahmen in den Bachkolk und ging
-nach der Wittenriede. Der starke Bock äste sich auf dem Wiesenfleck;
-gleichgültig sah Helmold ihm zu. Ein dutzend Male war er
-hinter ihm hergepürscht; aber selbst, wenn er jetzt eine Patrone
-gehabt hätte, er hätte doch nicht schießen mögen. Ihm lag nichts
-mehr daran. Ihm war an nichts mehr etwas gelegen. Ihm war
-alles gleichgültig. Ihn langweilte sogar die Landschaft. Zu spitz
-dünkte ihm das Glitzern des Stechpalmenbusches, zu frech seine
-roten Beeren, und albern kam ihm des wilden Täubers Ruf vor.
-Er lag im Moose, auf der selben Stelle, auf der er tags zuvor
-gesessen hatte, rauchte und starrte ohne Blick über die Wiesen
-hin.</p>
-
-<p>Er sah sein zukünftiges Leben vor sich: wie ein Brandmoor
-würde es aussehen. Nur Nutzpflanzen würden darauf noch gedeihen:
-Moorkorn, Hafer, Kartoffeln, aber keine rosige Blüte
-mehr. Mit Hand und Kopf würde er große Werke schaffen, derweil
-sein Herz unter Ruß und Asche lag. »Alles müssen wir bar
-bezahlen,« hatte Hennig gesagt; »alles!« So war es; alles gab
-ihm das Leben und nahm ihm alles, weil es ihm das eine nicht
-gab. Er versuchte, sich zum Weinen zu zwingen, indem er den
-Namen der Geliebten vor sich hinflüsterte und die Stelle streichelte,
-wo sie gesessen hatte; doch seine Augen lachten ihn aus.</p>
-
-<p>Müde stand er auf, ging langsam dahin, wo der Fuchs war,
-schenkte den Jungen eine Mark, saß auf und ritt die Landstraße
-entlang. In Mecklenhusen stand die Wirtin vor der Türe und
-lachte ihn einladend an. Er grüßte flüchtig und trabte weiter, obwohl<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-ihn hungerte; aber er mochte mit niemandem sprechen, der
-ihn kannte.</p>
-
-<p>Deshalb schlug er die Straße nach Lütkenhusen ein und stieg
-beim Taternkruge, wo er noch nie gewesen war, ab. Das war
-eine schmierige Kneipe; aber das paßte ihm gerade. Er aß das
-Butterbrot, das ihm die schlumpige Wirtin brachte, mit dem Genuß
-des Ekels. Ein fünfzehnjähriges Zigeunermädchen mit hübschem
-Gesichte, bunt angezogen, kam herein, bettelte ihn an und
-machte ihm verheißungsvolle Augen. Er schenkte ihm ein blankes
-Markstück und einige Zigaretten, ging aber nicht auf sein Sprechen
-ein. Dreimal drehte es sich noch nach ihm um, als es dem Walde
-zuging, und als es unter den Kiefern stand, winkte es ihm schnell
-mit den Augen und lächelte. Er merkte sich den Fluß der Bewegungen
-und die ganze Erscheinung, aber nur mit den Augen;
-sein Blut blieb kalt, so kalt, daß es ihn fror.</p>
-
-<p>»Glas Grog!« befahl er. Die Wirtin sah ihn verwundert an,
-denn er hatte sein Bier noch vor sich stehen. »Noch eins!« rief
-er, als er es ausgetrunken hatte. Da wurde ihm besser. Farben
-und Töne brannten und klangen in ihm durcheinander; er sah
-ein Bild in Moll vor sich und hörte eine blaßrote Melodie. Er
-nahm sein Taschenbuch heraus und schrieb ein Lied hin, las es
-durch, änderte eine Stelle, schrieb ein zweites, ein drittes und noch
-eins. Eine Kiepenflickerfamilie, die inzwischen eingetreten war,
-sah ihm neugierig zu, und zwei Handwerksburschen machten
-heimlich ihre Witze über ihn. Er sah es, kümmerte sich aber nicht
-darum. Ein Motorradfahrer kam herein, schimpfte mörderlich,
-weil er vor einem Hunde so schnell hatte stoppen müssen, daß er
-seine Maschine verdorben hatte, stampfte im Zimmer auf und
-ab und versuchte, mit Helmold ins Gespräch zu kommen; der
-antwortete nicht. Er trank noch zwei Gläser Grog und blieb sitzen,
-bis die Uhr die siebente Stunde angab. Dann stand er auf, zahlte<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-seine Zeche und die der Handwerksburschen, die darüber ganz
-verlegen wurden, und ritt fort.</p>
-
-<p>Als er zu Tische kam, fielen seine Blicke sogleich auf Frau Adda.
-Sie saß ihm gegenüber, machte ihre verwitwetsten Augen und
-sprach über bildende Kunst. Er hielt sie in höflicher Form zum
-Narren, bewies ihr, daß es gar keine bildende Kunst gäbe, sondern
-nur einzelne Kunstwerke, aß wenig und schützte nach aufgehobener
-Tafel vor, er müsse eilige Briefe schreiben. Er schrieb
-aber nur die vier Gedichte ab, gab sie Swaantje, die er auf der
-Treppe traf, sagte ihr, er wolle den Abend allein verbringen,
-und ging in den Ratskeller, wo er sich in die dunkelste Nische
-setzte, den Vorhang zuzog, dem Kellner verbot, Licht zu machen
-und irgend jemandem zu sagen, daß er da sei. Er starrte vor sich
-hin, trank aber nur wenig von dem Rüdesheimer und ließ seine
-Zigarre kohlen. »Ein toter Mann trinkt nicht, ein toter Mann
-raucht nicht,« dachte er und sah das Seelenhaus vor sich, neben
-dem er unter dem goldenen Moose lag, ein Häuflein Asche in
-einer schwarzgebrannten Deckelurne. Und vor dem Seelenhause
-lagen Blumen, weiße Rosen, Lilien, Astern, Maiblumen, wie die
-Jahreszeit sie bot, und die glitzerten im Mondenlichte; aber nicht
-Tau war es, der in ihren Kelchen schimmerte, Tränen, kalte
-Tränen der Reue. Er sah eine Gestalt neben dem Seelenhause
-stehen, in braune Gewänder gehüllt, Schleier vor dem Gesicht,
-einen Kranz von Ringelblumen im Haar. Sie winkte ihm und
-breitete die Arme nach ihm aus und flüsterte: »Sanft will ich dich
-betten, so sanft.«</p>
-
-<p>Schal kam ihm seine Kunst vor: gemaltes Leben, weiter nichts.
-Leinewand, stinkende Farbe, vom Keilrahmen gehalten, der sich
-feige hinter dem Prunkrahmen verkroch, eine Lüge das Ganze!
-Und ein jammervoller Notbehelf statt des Lebens, das ihm gebührte,
-eines Lebens, das rot in Rot vor seinen Augen stand,<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-hellrote Küsse auf einem Hintergrunde von dunkelrotem Blute.
-Das Ende? Ein Pfeil in der Brust, zwei Küsse auf den Lippen,
-und so, zwischen der Sonne und dem Mond, zwischen der lauten
-und der leisen Geliebten, schnurstracks nach Walhall, und da:
-Fortsetzung folgt! Aber sein Leben würde fortan anders sein:
-Grau in Grau, hellgraue Sehnsucht auf dunkelgrauer Hoffnungslosigkeit.
-Malen, malen, malen, der Professortitel, ein paar
-Orden, eine Jubelfeier, wenn die nötige Knickebeinigkeit da ist,
-und ein sanfter Strohtod mit viel Gezappel und Äthereinspritzungen.
-Hol's der Teufel!</p>
-
-<p>Straffe Männertritte näherten sich seiner Koje; der Vorhang
-flog zur Seite, und vor ihm stand Beni Benjamin. Unbefangen
-gab er Helmold die Hand; sein schmales Beduinengesicht leuchtete
-vor herzlicher Freude. »Ich hörte von der Wirtin, daß Sie
-hier seien,« sagte er mit seinem dunklen Basse, »und daß Sie
-allein sein wollten. Ich sah Sie heute vom Kruge in Mecklenhusen
-aus, und Ihr Gesicht gefiel mir nicht. Deshalb dachte ich:
-laß ihn grob werden, das ist sein Recht als Patient! Und nun:
-Rüdesheimer verbiete ich Ihnen; wir trinken Sekt. Erstens ist
-mir gestern ein Sohn geboren, und zweitens bekommt Ihnen das
-besser.«</p>
-
-<p>Als der Sekt da war, hob er das Glas: »Auf das, was wir
-lieben!« Helmolds Gesicht bekam Schlagschatten, und seine Augen
-wetterleuchteten. Aber dann lachte er lebhaft. »Eine Gemeinheit
-ist der anderen wert,« sagte er, zog sein Skizzenbuch hervor, riß
-ein Blatt heraus, schrieb darunter: »H. H. s. l. B. B.« und gab
-es dem Arzte. Der besah es genau; Lichter und Schatten flogen
-über sein Gesicht. Er streckte dem Maler die Hand hin: »Dank,
-vielen Dank, Hagenrieder!« Er stellte die Skizze gegen den Kühleimer
-und sah sie eine Weile an. Dann flüsterte er, und seine
-Stimme klang noch dunkler: »Sie sind der einzige Mensch, der<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-mich erkannt hat. Durch und durch haben Sie mich gesehen,
-lieber Freund, Sie, der Vollgermane, mich, den Ganzsemiten.
-Wissen Sie warum: weil wir im Grunde ganz das selbe sind,
-Sie in Blond, ich in Schwarz.« Er seufzte: »Die Leute glauben,
-ich bin glücklich.« Er mauschelte: »Der raaiche Doktor Benjamin!«
-Er warf seine Zigarre in den Kühleimer: »Na ja, so in epidermaler
-Hinsicht bin ich auch glücklich, aber die Intestina denken
-anders. Jeden Tag, wenn ich mich nach dem Essen lang mache
-und rauche, dann weiß ich, daß ich ganz wo anders hingehöre,
-auf einen Pferderücken, oder ein Kameel, und um mich ist die
-weite Wüste. In meinem Zelte aber, das bei einer Quelle unter
-Palmen steht, ist nicht bloß eine Frau, die mich küßt, es sind
-deren zweie, eine laute und eine leise.« Er trank sein Glas aus
-und sah den Rauchringeln nach. »Eine für das Herz und eine
-für die Seele,« flüsterte er nach einer Weile, und seine Augen bekamen
-einen hungrigen Blick.</p>
-
-<p>Der Kellner kam und machte ihm eine Meldung: »Gehen Sie
-mit?« fragte er; »ich muß noch nach der Mühle hin; die Großmutter
-hat wieder einen Anfall. Das beste für die gute Frau wäre
-ja Morphium, denn diese Herzbeklemmungen sind schrecklich.
-Aber das dürfen wir ja nicht. Ist das eine verlogene Welt heute!
-Einer hetzt den anderen unbedenklich mit Geschäftspraktiken tot;
-aber ein elendes Geschöpf, das alle zwei Tage stirbt, zu erlösen,
-das erlaubt die Moral nicht. Ja, die Moral!«</p>
-
-<p>Sie gingen die mondhelle Landstraße entlang, die von den
-Schatten der Kiefern gestreift war. Der Vollmond dichtete die
-Wacholderbüsche auf der Haide zu bösartigen Gespenstern um.
-Helmold ließ den Arzt reden. Er sah sich mit Swaantje am Arm
-durch die mondhelle Haide gehen; ein kreischendes Verlangen von
-ihr sprechen zu können, überkam ihn. »Sie kommen oft nach
-Swaanhof, Doktor?« fragte er den Arzt. Der nickte. »Ja, ich<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-tue so, als ob ich nach der alten Dame sähe, aber die junge meine
-ich. Es ist ein Skandal, was aus der geworden ist! Von dem
-bißchen Neuralgie ist sie nicht so herunter; das ganze lavendelduftende
-Kommodenschubladenleben macht sie krank. Ist das ein
-Mädchen! Wissen Sie, die in Schwarz, das wäre meine leise
-Frau; Blond liegt mir so fern wie Ihnen meine Kulör. Aber in
-meiner ganzen Praxis ist kein Mensch, um den ich mich so ängstige
-wie um sie. Gewalt! möchte man schreien, wenn man zusehen
-muß, wie sie zugrunde gerichtet wird. Natürlich in der besten Absicht.
-Ich kann reden, was ich will, immer heißt es: ›Lieber Herr
-Doktor, das viele Lesen und Malen greift meine Nichte zu sehr
-an‹, oder ›Sie hat doch alles, was ein junges Mädchen braucht!‹
-Lieber Hagenrieder, machen Sie doch einmal Krach; vor Ihnen
-hat die Alte einen Heidendampf. So, und nun gehen Sie so lange
-in die Schenkstube. Ich bin gleich wieder da und dann, wenn es
-Ihnen recht ist, trinken wir noch eine dicke Flasche oder zwei.
-Wissen Sie, bei Vollmond muß ich Bettschwere haben.«</p>
-
-<p>Helmold setzte sich unter die Linde auf den breiten Stein; allein
-mochte er nicht in der Schenke sein, weil er dort noch nie gewesen
-war und eine alberne Schüchternheit ihn lähmte. Er lächelte
-vor sich hin: »Solamen miseris«, dachte er. Aber ein mäßiger
-Trost, daß es dem Arzt ebenso ging wie ihm! Und es ging ihm
-viel besser, denn der hatte seine leise Frau noch nicht gefunden;
-er aber hatte sie gefunden und hatte sie zur selben Stunde verloren.</p>
-
-<p>Im Grunde hatte Benjamin vielleicht nicht so unrecht, als er
-ihm vorhin sagte: »Frauenseele! ich glaube nicht daran; unsere
-heiligen Bücher wissen davon nichts. Frauen sollen ihre Seele
-ihren Männern und ihren Kindern geben; das ist ihr Zweck. Die
-das nicht können, sind mißlungen.«</p>
-
-<p>Eine furchtbare Angst befiel ihn. Gretes Seele hatte sich ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-entwunden, und Swaantjes Seele würde nie sein werden, wenn
-nicht Swaantje sein würde. »Aber wie ist das möglich,« dachte
-er, »daß zwei Seelen sich voneinander lösen, die einst eins waren,
-wie meine Seele und die von Grete.« Denn das hatte er oft gefühlt,
-wenn sie in seinen Armen zerschmolzen war, daß nicht nur
-ihr Leib ihm gehörte. Das war nun vorbei; er war hier, und sie
-war da. Sie war ihm Lebenskampfkamerad, Freund, ja; er
-wollte aber nicht gestützt sein, er wollte durchdrungen sein. Mann
-und Frau mußten den heiligen Kreis bilden, mußten sein, wie die
-beiden Dreiecke mit den fünf Spitzen, zwei und doch nur eins.</p>
-
-<p>Die Semiten waren klüger, die gaben sich nicht mit Idealen
-ab; darum war das Hexagramm ihr heiliger Kreis und nicht das
-Pentagramm, wie bei den Ariern. Und deshalb waren die Juden
-glücklicher im Leben, scheinbar wenigstens, denn schließlich: die
-besten unter ihnen schielten doch aus dem Sechsstern zum Fünfstern,
-wie er von Grete nach Swaantje. Warum: die eine ging
-in sich auf, war eine in sich geschlossene Natur, die andere ein
-problematischer Charakter. Die eine satt, die andere hungrig, unbewußt
-hungrig.</p>
-
-<p>Eine Meteorkugel zog ein himmelblaues Band über den mondhellen
-Himmel und fiel dahin, wo Swaanhof lag, oder wo das
-Tödeloh stand. Eine reisende Drossel flog über die Linde und pfiff
-verlassen; unsichtbare Brachvögel riefen trostlos. Helmold fror
-das Herz. Er stand auf und wollte in das Haus; da kamen harte
-Schritte näher, und der Arzt stand vor ihm. »Haben Sie eine
-Erscheinung gehabt?« fragte er, als er den Maler ansah. Der
-lachte: »Nein, eine Gänsehaut!« Aber Benjamin sah ihn besorgt
-von der Seite an. »Na,« meinte er dann, »die laute Janna
-und die leise Manna sind gut dagegen. Übrigens anständige
-Mädchen und nicht glücklich; ein und der selbe Mann hatte beiden
-die Ehe versprochen, und nun lachen sie sich am liebsten ihren<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-Kummer fort, denn sie lieben ihn beide noch immer, trotzdem an
-dem Kerl nichts dran war.«</p>
-
-<p>Helmold fühlte sich in der gemütlichen alten Wirtsstube, in der
-es verstohlen nach Bratäpfeln roch, schnell heimisch. Er kam in
-die Ofenecke in den breiten Ledersessel hinein; rechts von ihm saß
-Janna und links Manna; sie sahen ihn mit Augen an, in denen
-eine mitfühlende Freundlichkeit lag. »Nach Sekt,« scherzte der
-Arzt, »Schampagner am besten schmeckt.« Er nahm die Laute von
-der Wand und klimperte darauf herum, eine Weise dazu brummend,
-die nach Moschus und Ambra roch. Er stieß mit allen an.
-»Funditus!« befahl er und schenkte wieder ein, erzählte eine
-lustige Geschichte, füllte die Gläser abermals und bat die Mädchen
-um ein Lied. Sie zierten sich nicht; Janna spielte, und Manna
-sang dazu ein Lied, das wie Liebesgeflüster im Lindenlaubschatten
-war, und noch eines, hell wie ein Aufquietschen hinter einer Haustüre
-an einem dunklen Winterabend.</p>
-
-<p>»Nun Sie,« bat der Arzt und reichte Helmold die Laute; »aber
-erst die Gläser aus und eine neue Flasche; unsere Köpfe kühlen
-wir nachher im Mondenschnee!« Helmold griff einige Akkorde
-und sang dann zu einer verschüchterten Begleitung das heimliche
-Lied an den Abendstern. Die Augen der Mädchen wichen nicht
-von seinen Lippen, und der Arzt sah ihn mit besorgter Miene an.
-»Bitte noch eins,« bat Janna leise, und Manna flüsterte: »Ach
-ja!« Helmold sang das Lied von dem goldlockigen Jüngling, der
-auszog, Avalun, das schöne Land, ganz und gar von Zuckerkand,
-zu suchen, und der es erreichte, als er unter dem Notlaken lag.
-Unaufgefordert sang er das dritte Lied, das so zart war, wie
-perlgraue, mit Rosenrot gesäumte Abendwolken, und als er
-schloß: »Sag ja! dann ist das ferne, fremde Land so nah; dann
-singt der Vogel nimmermehr von Tod und Not, dann blühen
-alle Blumen rot, so rot, so rosenrot,« hatten beide Mädchen<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-feuchte Augen, und auf der Stirne des Arztes lag eine Falte, die
-wie ein Hufeisen aussah.</p>
-
-<p>Die Mädchen baten stumm um ein viertes Lied. Helmold stellte
-erst die Laute hin, nahm sie aber wieder auf, stürzte ein Glas
-Schampagner hinunter und begann leise, aber mit jubelnder
-Stimme: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund,
-Rose rot, Rose weiß, dein denk ich alle Stund.« Die Augen der
-Mädchen erhellten sich; aber als die Laute einen wehen Ton gab,
-und es wie ein Weinen weiter klang: »alle Stund bei Tag und
-Nacht, daß dein Mund mir zugelacht, dein roter Mund,« da
-sahen sie ihn verängstigt an und atmeten beklommen. Jauchzend
-klang es wieder: »Ein Vogel sang im Lindenbaum, ein süßes
-Lied er sang, Rose weiß, Rose rot, das Herz im Leib mir sprang,«
-und abermals wimmerten die Saiten und wie ein Schluchzen
-war es in des Sängers Stimme: »sprang vor Freuden hin und
-her, als ob dein Lachen bei ihm wär, so süß es klang.«</p>
-
-<p>Die Uhr ging hart durch die Seufzer der Mädchen. Helmolds
-Stimme lachte wieder: »Rose weiß, Rose rot« und dann zerklirrte
-sie, als er fortfuhr: »Was wird aus dir und mir?« und
-schneidend, wie Glassplitter wurde ihr Ton bei den Worten: »ich
-glaube gar, es fiel ein Schnee, dein Herz ist nicht bei mir,« und
-es war bis auf das Geräusch der Uhr totenstill in dem Gemache,
-als er endigte: »nicht bei mir, geht andern Gang, falsches Lied
-der Vogel sang von mir und dir.«</p>
-
-<p>Die Zwillingsschwestern waren ganz blaß, Benjamin schenkte
-stumm den Rest ein, und der Maler sah mit einem bewußten
-Gefühle von Scham vor sich hin. Der Arzt ging zuerst hinaus,
-dann folgte Helmold. Im Hausflur drückten ihm die Schwestern
-die Hand, und eh' er es sich versah, nahm ihn von jeder Seite
-eine in den Arm und küßte ihn schnell auf den Mund, ohne daß
-sie sich vor dem Arzte scheuten. Der nickte ihnen freundlich zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>Der Mond stand mitten über der schneeweißen Straße; taghell
-war zu beiden Seiten der Wald. Die Männer gingen schweigend
-nebeneinander her, trocken klangen ihre Schritte. Helmold
-war todmüde, aber vor dem Bette graute es ihn. »Von wem
-sind die Lieder?« fragte der Arzt. »Von mir,« antwortete der
-andere, und seine Stimme hörte sich staubig an. »Die Melodieen
-auch?« fragte Benjamin weiter. Der andere nickte, aber er war
-schon wieder anderswo, denn der Wald trat angstvoll vor der
-Haide zurück, so unheimlich sah sie im Mondenlichte aus. Helmold
-aber schien sie süßer Heimlichkeiten voll zu sein; er sah über
-dem schmalen, weißen Weg, der zwischen den schwarzen Wachholderbüschen
-den Hügel emporschlich, ein morgenrotfarbiges
-Kleid, das einen schlanken Leib umspielte, und in völliger Selbstvergessenheit
-summte er die Singweise des Rosenliedes vor sich
-hin. Plötzlich blieb er stehen und horchte in den Wind hinein, der
-in der Ferne sang; ein angstvolles, bitterliches, wehes Weinen
-war darin, und zum streicheln deutlich sah er vor sich ein weißes,
-tränenlos schluchzendes Gesicht und einen verwaisten Mund.</p>
-
-<p>»Was ist Ihnen?« fragte sein Begleiter und schob ihm die
-Hand unter die Achsel. »Sie fiebern ja! Drückt Sie etwas? Mir
-können Sie getrost alles sagen.« Doch der Maler schüttelte den
-Kopf und lächelte gezwungen: »Halluzinationen, Übermüdung
-und Sekt, weiter nichts; ich habe oft dergleichen.« Aber er wurde
-wieder frischer, als der Arzt auf Swaantje zurückkam, ihm auseinandersetzte,
-daß das Mädchen in die Welt müsse, um sich einen
-Beruf zu suchen, Liebe und Leid zu finden, damit sie nicht am
-lebenslosen Leben verwelke. Und da Helmold straffer schritt, begann
-der andere das ganze Wesen des Mädchens zu schildern in
-den Farben der Bibel und mit einem Verständnis für ihre Eigenart,
-daß dem Maler das Herz schwoll.</p>
-
-<p>Als sie vor dem Gutshause Abschied nahmen, sah Benjamin,<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-daß Hagenrieders Gesicht wieder fieberfrei war. Er blickte ihm
-nach, als er mit leichtem Schritte über den Hof ging und so sicher,
-als wenn er nur Wasser getrunken hätte. »Auch nicht glücklich;
-einer wie der andere!« dachte der Arzt.</p>
-
-<p>Als Helmold um das Haus bog, sah er nach dem Erker hin;
-dort war noch Licht. »Sie schläft nicht,« dachte er und machte
-sich Vorwürfe, daß er ihr die Lieder gegeben hatte. In seinem
-Zimmer fand er eine dringende Depesche. Er packte seinen Koffer
-und legte sich nieder, den Herodot in der Hand. Er wollte nicht
-einschlafen, er hatte Angst davor, aber die Augen fielen ihm über
-dem Buche zu.</p>
-
-<p>Es war neun Uhr, als er erwachte; das Licht war bis auf den
-Halter heruntergebrannt. »Muß ich müde gewesen sein,« dachte
-er. Schnell badete er, und als er sich angezogen hatte, ging
-er in das gelbe Zimmer. Swaantje war nicht da; ihr Gedeck
-war unberührt; die anderen hatten schon gefrühstückt, denn ihre
-Plätze waren abgeräumt. Ohm Ollig kam herein; sein Gesicht
-sah noch zerknitterter aus als sonst. »Es hat Krach gegeben,
-deinetwegen. Die Bestie, die Bergedorfsche, hat ihr Lästermaul
-wieder aufgemacht, und sie«, er zeigte mit dem Kopfe nach dem
-Zimmer seiner Schwester, »muß das natürlich weiterquackeln.
-Swaantje hat wieder ihre Schmerzen. Benjamin war schon da;
-er verordnete Ruhe und acht Tage Bett. Jetzt schläft sie.«</p>
-
-<p>Frau Gesina kam herein. »Du bist recht spät gekommen, lieber
-Helmold,« sagte sie süßlich. »Im Gegenteile,« antwortete er,
-»sehr früh sogar, denn es war erst halb vier Uhr morgens.« Er
-drehte sich absichtlich so um, daß er eine der schreiend bunten Erbvasen
-herunterwarf. »Ach meine Lieblingsvase,« rief Frau Gesina
-und hob ächzend die Scherben auf: »die ist nun in Stücken!«
-Helmold lachte frech: »Wenn hier weiter nichts in Stücke geht,
-kannst du Gott danken! Hör' zu: ich muß mit dem Mittagszuge<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-reisen; aber so viel Zeit habe ich noch, daß ich dir einmal die
-Wahrheit sagen muß. Setz dich bitte!« Er sprach das so, daß
-sie in den Sessel knickte und ihn hülflos ansah: »Also: ich reise.
-Ob ich je wiederkomme, weiß ich nicht; es ist mir zu mulsterig
-hier. Bitte, ich rede jetzt. Paßt dir das nicht, Muhme, da ist die
-Tür; ich bin nicht dein Gast, sondern Swaantjes, das bitte ich
-dich zu bedenken. Laß das, an deine Herzkrämpfe glaube ich
-nicht. Du solltest nicht so viel Kartoffeln essen, und nicht so viel
-Kuchen, und deinen Kaffee zu Hause trinken statt bei der verfluchten
-Klapperschlange vom Duttenhofe, die bei Gott verderben
-möge!«</p>
-
-<p>Die Tante fuhr auf: »Ich bitte dich, Helmold, lästere nicht!«
-Er warf den Kopf zurück: »Das war ein christliches Gebet und
-keine Lästerung. So, und nun kommt die Hauptsache: sobald
-Swaantje wieder in der Reihe ist, geht sie auf zwei Jahre aus
-dieser Mottenkiste heraus, verstehst du mich? Oder dreie! Wohin
-ist mir Wurst, jedenfalls bleibt sie nicht hier, sonst komme ich
-hierher, und dann sollst du mich einmal richtig kennen lernen.
-Du meinst, ich hätte hier nichts zu sagen? Stimmt, und darum
-nehme ich mir die Freiheit. Swaantje geht erst nach Berlin, dann
-nach Wiesbaden, dann nach München, dann wohin sie will,
-meinetwegen nach dem Vetter in Rußland, vorausgesetzt daß
-die Esel von Letten sich bis dahin die Bombenschmeißerei etwas
-abgewöhnt haben. Drei Wochen habe ich deine pomadigen
-Reden und margarinenen Seufzer nun ausgehalten, um das
-Mädchen aufzumuntern; dir hat es gefallen, mit einem Wort
-meine ganze Kur umzuknicken. Ist sie denn eine solche Sorte wie
-die Bergedorfer Blagen, die man nicht fünf Bierminuten mit
-einem Manne allein im Zimmer lassen darf? Hat sie ihr Geld
-dazu, daß sie hier versauert? Ihren Kopf, damit du sie so dämlich
-machst, wie das hier guter Ton ist? Siehst du denn nicht,<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-wie du sie mit deiner Tanterei kaput machst? Ohm Ollig, frage
-den, der ist ganz meiner Meinung; nur mag er nicht den Mund
-auftun, weil du ihm dann acht Tage lang Hammelbraten vorsetzest.«</p>
-
-<p>Der Ohm rutschte ganz tief in seine Vatermörder hinein, plinkte
-Helmold aber heimlich zu. Der ballerte weiter: »Glaubst du
-vielleicht, es ist eine Erquickung für sie, wenn sie den ganzen Tag
-in einem Ende gefragt wird. ›Swaantien, hast du dies gemacht?
-Swaantien, wie steht es damit? Swaantien, du hast doch nicht
-vergessen?‹ Als ich vor drei Jahren hier war, hing mir dies Gefrage
-schon armlang zum Halse heraus, und deswegen bin ich so
-lange nicht hier gewesen. Da hieß es: ›Swaantje ist krank, nervenkrank!‹
-Weißt du, was ich da zu Grete sagte? ›Kein Wunder
-bei dem Zusammenleben mit der alten Schrammschraube!‹ Jawohl,
-das habe ich gesagt, und hätte Grete damals nicht die
-Kleine an der Brust gehabt, sie wäre gekommen und hätte hier
-einmal gründlich ausgelüftet. Na, und dann durfte Swaantien«,
-er sprach es mit schmalziger Betonung, »ja endlich kommen.
-Swaantien kam, aber Swaantje nicht. Aus dem sonnigen,
-heiteren Mädel hattest du einen hysterischen, neurasthenischen
-Schatten gemacht. Das Herz im Leibe tat uns weh, als sie ankam.
-Na, wir fütterten und ulkten sie gesund, ließen sie treiben,
-was sie wollte, und machten glücklich wieder Swaantje aus ihr.
-Nach einem halben Jahre komme ich hierher, und wen finde ich?
-Swaantien«, er sprach es wieder so niederträchtig wie möglich,
-»Swaantien mit dem Bindfaden am Bein, an dem die gute,
-die liebe, die mütterliche Tante Gese den ganzen Tag herumzockt.«</p>
-
-<p>Giftig funkelten seine Augen sie an. »Ja, weine nur, es wird
-dir ja leicht, bist ja am Wasser geboren, wenn auch an einem
-ziemlich trüben. Ich glaube dir gern, daß es keine Sauriertränen
-sind, sondern daß sie dir ehrlich abgehen. Sieh mal, Muhme,«<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-seine Stimme wurde weicher, »eines schickt sich nicht für alle. Du
-weißt, ich bin ein abgesagter Feind des ganzen Weiberbewegungsschwindels,
-dem Steckenpferdchen von Grete. Deswegen sperrt
-man doch aber ein Mädchen, das nach Weiterbildung und nach
-Kunst hungert, und nach der Welt und ihren Menschen, nicht
-zeitlebens ein, bis sie eingeht. Denn das tut sie; Benjamin, mit
-dem ich die halbe Nacht durchgesumpft habe, ist ganz meiner
-Meinung, vielmehr, er fing zuerst davon an, und daß ich dir das
-alles jetzt sage, daran ist er schuld.«</p>
-
-<p>Er klingelte, und als der Diener kam, befahl er: »Ich fahre
-mit dem Mittagszuge; der Koffer ist fertig.« Dann sah er den
-Frühstückstisch, goß sich Tee ein, und während er auf und ab
-ging, würgte er ein trockenes Brötchen hinunter. Frau Gesina
-strich ihm eins und legte ihm mit ihrem demütigsten Lächeln Fleisch
-und Eier vor, und ohne zu wissen, was er tat, aß er. Dann riß
-er aus seinem Skizzenblocke zwei Blätter heraus, schrieb zwei
-Depeschen und schickte den Diener damit fort. Er sah ganz blaß
-aus, hatte blaue Schatten unter den Augen, einen engen Mund,
-und seine Hände zitterten.</p>
-
-<p>Die alte Frau goß ihm ein Glas Portwein ein; er drückte ihr
-die Hand und küßte sie auf die Backe. Sie fing von neuem zu
-weinen an. Er klopfte sie auf die Schulter: »Weiß ja, liebes
-Muhmchen, meinst es nicht so; bist ja von Herzen gut. Und ich
-glaube, du siehst auch ein, daß ich recht habe.« Sie nickte unterwürfig.
-»Na, und so lasse sofort die Näherinnen kommen und
-Swaantjes Kleider in Stand setzen, und melde sie bei Ohm Otte
-an. Von Berlin kann sie dann erst zu uns kommen; Grete wird
-viel allein sein, denn ich habe den großen Auftrag zu erledigen
-und lebe dann ganz in der Werkstätte.« Er sah nach der Uhr:
-»Sieh bitte zu, ob ich Swaantje sprechen kann; ich will ihr Lebewohl
-sagen.« Die Tante ging hinaus und kam nach einer Weile<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-wieder. »Sie ist aufgewacht und möchte ein wenig gekochtes Obst
-essen und freut sich, dich zu sehen. Du mußt aber vorsichtig sein
-mit ihr; die Schmerzen können bei jeder Aufregung wiederkommen.«</p>
-
-<p>Er lächelte: »Bedenke das bitte, so oft du Swaantien zu ihr sagst.
-Gib mir das Obst, ich bringe es ihr. Und nun: Lebt wohl!
-Dank für alles Gute, und seid nicht böse auf mich; einmal mußte
-die Sache besprochen werden. Ich hätte es ja anders sagen
-müssen, aber ich bin, wie ich bin. Adjüs, Ohm Ollig, adjüs,
-Muhme Gese! Und nicht wahr, ich verlasse mich auf dich?
-Großes Bierwort darauf? Und verschone mir das Mädchen mit
-allen Butternöten und Legehennensorgen und Negerkinderbekleidungsmanufaktur;
-laß sie machen, was sie will. Sie redet dir
-in dein Ministerium des Innern ja auch nicht hinein. Also: Gehabet
-euch wohl, und grüßt mir den Doktor; das ist ein Prachtkerl.«</p>
-
-<p>Er ließ die beiden stehen und ging mit dem Tragbrette in der
-Hand aus dem Zimmer. Auf der Treppe traf er die Zofe. »Melden
-Sie mich bitte, Fride,« sagte er. Das Mädchen lächelte ihn an:
-»Das gnädige Fräulein warten schon.« Sie stockte einen Augenblick,
-dann griff sie nach seiner Hand, drückte sie und stammelte:
-»Herr Hagenrieder, ich war nebenan; ich horche sonst nie, aber
-die Hand könnte ich Ihnen küssen! Sie sollen sehen, sobald
-Fräulein Swaantje draußen ist, wird sie wieder gesund. Gott,«
-sie klappte die Hände ineinander, »und ich komme dann mit!«
-Helmold klopfte ihr die Backe: »Das ist Ihnen wohl die Hauptsache?
-Na na, ich mache bloß Spaß. Aber, Fride, geht hier oder
-sonstwo etwas verquer, Eilbrief oder Telegramm! ich komme
-dann sofort. Hier, das ist für etwaige Auslagen. Und bringen
-Sie mir Ihre Herrin gesund wieder, dann gibt es einen blauen
-Lappen für die Aussteuer.« Er nickte ihr zu und ging die Treppe
-hinauf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p>
-
-<p>Leise öffnete er die Türe zu Swaantjes Wohnstube. Der Vorhang
-des Erkerzimmers war zurückgezogen; das Mädchen lag
-halb sitzend im Bette. Als er eintrat, nahm sie schnell die Hand
-von der Schläfe. »Maria mit den sieben Schwertern« dachte er,
-und er mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht aufzuschreien.
-Ihr Gesicht sah nicht so blaß aus, wie er gefürchtet hatte, nur
-ihre Augenlider waren gerötet. Aber ein Leuchten lag in ihrem
-Blicke, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte, und eine Süßigkeit
-war in ihrem Lächeln und eine Hingebung, daß der Teller
-auf dem silbernen Tragbrette in seinen Händen an zu klirren fing.
-Doch er jagte seine Sehnsucht in die Ecke, stellte das Tragbrett
-auf den Nachttisch, setzte sich vor das Bett, gab seiner Base die
-Hand und sagte: »Arme kleine Swaantje, und daran bin ich nun
-schuld!« Sie lächelte lieblich und nickte: »Ja, aber ich danke dir
-doch sehr; du hast mich unsagbar erfreut.« Sie gab ihm die
-Hand und flüsterte zärtlich: »Lieber Helmold!« Er lächelte freundlich,
-aber das ganze Zimmer drehte sich um ihn. »Einen Kuß,
-einen einzigen Kuß!« dachte er.</p>
-
-<p>»Komm,« sagte er, legte ihr das Händetüchlein hin und nahm
-den Teller und den Löffel; »jetzt muß die kleine Swaantje erst
-ein bißchen essen; und wenn sie sich nicht beschlabbert, und wenn
-sie erst wieder gesund ist, darf sie zu Ohm Otte, und dann kommt
-sie zu Hagenrieders, und dann geht sie nach Wiesbaden, und nach
-München, und im Sommer geht sie mit uns an die See, und
-nachher in den Harz.« Sie lächelte, und die Augen wurden ihr
-feucht. Wie ein Kind ließ sie sich eine Pfirsichspelte nach der anderen
-zwischen die Lippen schieben.</p>
-
-<p>Helmold wunderte sich, daß ihm die Hände nicht zitterten. Auf
-die Knie hätte er fallen, ihre Hände mit Küssen bedecken, ihr
-den Schmerz abbitten mögen, den er ihr zugefügt hatte, und
-während er das dachte, stand der gepanzerte Ritter wieder hinter<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-ihm, stieß ihn leise an und flüsterte: »Küsse sie doch, Mensch,
-küsse sie; sie wird dich wiederküssen. Mein Wort darauf!« Aber
-er küßte sie nicht, und keiner seiner Blicke sprach von mehr als
-von Brüderlichkeit.</p>
-
-<p>Er strich ihr leise die schmerzende Schläfe; sie sah ihn dankbar
-an und sagte: »Das hat mir mehr geholfen als alle Pulver.
-Aber du mußt gehen, es wird sonst zu spät für dich, lieber
-Helmold!« Er stand auf und sah sich im Zimmer um; er selbst
-hatte die Einrichtung entworfen. Er sah das Mädchen an, ihre
-Hände, die aus den Spitzen hervorsahen, und ihr Gesicht, das
-eng von der Halskrause umschlossen wurde. Ihr Haar lag halbgelöst
-um ihre Schläfen; es hatte einen fettigen Schimmer.
-Langsam hob ihre Brust das weiße Nachtgewand.</p>
-
-<p>»Lebe wohl, liebe Swaantje,« sagte er; bröcklich klang seine
-Stimme; »werde gesund und komme bald!« Er bückte sich nieder
-und küßte ihre beiden Hände, und da fühlte er, daß ihre Lippen
-seine Stirn streiften, und es schwindelte ihn, als er sich aufrichtete.
-Aber schnell nickte er ihr zu und verließ das Zimmer.</p>
-
-<p>Er wußte nicht, wie er zum Bahnhof gekommen war. Er nahm
-eine Karte erster Klasse; er wollte möglichst allein sein. Als ihm
-der Diener den Gepäckschein zurückgab, starrte er so dumm darauf
-hin, daß der Mann lächelte.</p>
-
-<p>Er hatte noch zehn Minuten Zeit; der Zug hatte Verspätung.
-»Zehn Minuten zu früh von ihr gegangen; sechshundert Sekunden
-fortgeworfen!« dachte er. Da ruschelte ein seidenes Kleid
-hinter ihm. Er trat zur Seite und sah Frau Bergedorf vor sich
-stehen. Sie erwiderte holdselig seinen Gruß und fragte ihn:
-»Schon fort? Ich dachte, Sie wollten noch eine Woche bleiben?«
-Er zuckte die Achseln: »Es ging nicht anders; ich habe in einem
-großen Ausschreiben gesiegt und muß nun mit den Auftraggebern
-verhandeln.« Die Frau wiegte den Kopf: »Das wird Ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-Kusine aber sehr bedauern; Sie beide sind doch ein Herz und eine
-Seele!« Er lächelte verbindlich: »Natürlich, soweit das bei dem
-großen Altersunterschiede möglich ist. Erwarten gnädige Frau
-jemanden?« Sie nickte: »Meine Olga.«</p>
-
-<p>Sie gingen den Bahnsteig entlang, bis dahin, wo sie allein
-waren. Helmold machte sein liebenswürdigstes Gesicht: »Meine
-Base ist leider recht krank; sie hat sich über das Geschwätz zu
-sehr aufgeregt, das ein Weibsbild aus der hiesigen Gesellschaft
-über sie aufgebracht hat. So etwas ist doch gemein, gnädige
-Frau, nicht wahr? Besonders wenn es von einer Person ausgeht,
-die als verlobte Braut abends verschleiert einen Leutnant
-so lange besuchte, bis es zum Skandal kam, und die Töchter hat,
-die es ähnlich treiben. Wenn ich nur den Namen wüßte, die
-könnte sich gratulieren. Vielleicht erfahren gnädigste Frau etwas
-darüber und haben die große Güte, es mich wissen zu lassen.
-Hier meine Adresse!« Er zog eine Karte heraus und gab sie ihr.</p>
-
-<p>Der Zug lief ein. »Empfehle mich ganz gehorsamst, meine
-Gnädigste,« sagte Helmold mit dem Hute in der Hand und küßte
-seinen Daumen über ihren Handschuh; »und ich bitte um gütige
-Empfehlung zu Hause.« Er verbeugte sich und ging auf den Zug
-zu. Vom Fenster aus grüßte er noch einmal; Frau Bergedorf
-dankte gütig.</p>
-
-<p>In dem Abteil saß ein Rittmeister von den Münsterschen Panzerreitern;
-er sah flüchtig auf und las weiter in seinem Buche. Helmold
-blieb am Fenster stehen, bis Swaanhof vor ihm auftauchte,
-und als es verschwand, setzte er sich und wartete, bis die Mecklenhusener
-Haide immer näher kam. Er sah den Weg, den er mit
-Swaantje gekommen war; das Tödeloh, wo der Tod ihn angebettelt
-hatte, flog schnell vorüber und langsamer der Wahrbaum.</p>
-
-<p>Er stützte den Kopf in beide Hände. Er dachte daran, daß er
-doch wenigstens ein Taschentuch oder einen Handschuh von ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-als Erquickung hätte mitnehmen sollen, oder ihr Bild. Nun hatte
-er nichts von ihr, als den verblühten Kuß auf seiner Stirn, den
-zerwehten Klang ihrer Stimme in seiner Seele, und ihr blasses
-Bild in seiner Erinnerung. Er liebkoste es mit den Augen, küßte
-es auf die Hände, aber jedes Mal, wenn er die Lippen küssen
-wollte, verschwand es, und er sah nichts als das rote Polster vor
-sich und den langen Offizier.</p>
-
-<p>Dann sah er sich tot und kalt unter der Schirmfichte liegen;
-drei Männer kamen und begruben ihn hinter dem Walle im
-Tödeloh. Jede Nacht stieg seine Seele aus dem Grabe und ging
-in das graue Steinhaus, wo sie die Schatten anderer Männer
-traf, die vor vielen tausend Jahren dort ihre Leiber vergessen
-hatten. Sie prahlten von Krieg und Sieg, schimpften darüber,
-daß kein Mensch mehr an sie denke und ihnen Wildpret und
-Honigbier hinstelle, und sie machten sich über ihn lustig, weil er
-ein jedes Mal jedweden von ihnen fragte, ob nicht ein Kranz
-oder ein paar Blumen für ihn abgegeben wären.</p>
-
-<p>Es war aber niemals etwas da und weinend stieg er wieder in
-sein Grab.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Mohnblumenkranz">Der Mohnblumenkranz</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Am Abend aber lachte er sie alle miteinander aus, die Geister
-der sächsischen Männer, denn es waren auf einmal viele Blumen
-da, und die sahen ihn so herzlich an, daß seine Seele ihren Leib
-wiederfand und singend aus dem grauen Grabe zum grünen
-Leben hinaufstieg.</p>
-
-<p>Es waren jedoch keine weißen Blumen, die vor seinem Grabe
-lagen, rote Mohnblumen waren es, und nicht Swaantje hatte
-sie dort niedergelegt, sondern Grete, seine kluge, gute und starke
-Frau hatte sie zum Kranze gewunden und zu Häupten seines
-Bettes aufgehängt; sie flüsterten ihm mit ihren leichtsinnigen
-roten Lippen so leise Schlummerlieder zu, daß er die ganze Nacht
-verschlief und den nächsten Tag, und nachdem er einen Bissen
-gegessen und einen Schluck getrunken hatte, schlief er abermals
-ein, denn ein frischer Kranz hing über seinem Bette, und den löste
-ein dritter ab, und so schlief Helmold Hagenrieder drei Tage und
-drei Nächte, und dann stand er in der Frühe auf und ging in
-seine Werkstatt, ging frisch und fröhlich an seine große Arbeit
-und pfiff ein Lied dabei.</p>
-
-<p>Es hatte eine seltsame, lustige Weise, das neue Lied; leichtsinnig
-war sie und doch so tief, froh, und doch so schwül, und die roten
-Mohnblüten hatten es ihn gelehrt. Helmolds Augen strahlten,
-blickte er seine Frau an; und er küßte sie, wie seit langem nicht,
-seine liebe, gute Grete, die sich seiner Not erbarmt hatte, als er
-krank und elend und zerbrochen von Swaanhof kam und ihr sein<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-bitterliches Leid geklagt hatte. Sie hatte ihm das Haar gestreichelt
-und die Stirne geküßt wie eine Mutter, und ihm zugeflüstert:
-»Ja, ja, mein armer Junge; sie soll kommen; ich selber will sie
-rufen.«</p>
-
-<p>Deshalb konnte er mit einem Male wieder lachen und flöten
-und singen; darum aß er, wie lange nicht, und schlief fest und
-lange wie ein Kind, und küßte seine Frau, wo er sie zu fassen
-bekam, und sang ihr jede Nacht das Lied von dem roten Mohn
-in die Ohren; und wenn dann am anderen Morgen Frau Grete
-ihre Zöpfe flocht, dann lachte sie ihr Spiegelbild an und dachte:
-»Wie eine junge Frau seh' ich aus; wie eine ganzganz junge
-Frau!«</p>
-
-<p>Zum roten Mohn gehören blaue Kornblumen, und da Helmolds
-und Gretes Backen von Tag zu Tag mehr den roten
-Blumen ähnlich wurden, so sahen ihre Augen von Nacht zu Nacht
-blauer aus, denn die volle Sonne lag auf ihnen; rund herum
-war das Feld so gelb wie Gold und versprach eine Ernte, wie sie
-lange nicht gewesen war, reif und schwer. Kein Landregen schlug
-sie zu Boden, kein Sturm zerzauste sie, kein Schloßenfall knickte
-sie ab; jeden Tag hingen die Ähren tiefer, und wenn der Wind
-über sie ging, dann rauschten sie leise, rauschten ein heimliches
-Lied, bis Helmold es vernahm und es erst leise und dann immer
-lauter pfiff, und was er flötete, das malte er auf einen neuen
-Karton, erst in leisen Strichen, dann in halblauten Linien, und
-schließlich in hellklingenden Farben.</p>
-
-<p>Aus warmen Liedern, heißen Küssen und glühenden Farben
-waren die Entwürfe entstanden, die auf den drei großen Kartons
-an den Wänden zu sehen waren, und wenn Helmold, seine Frau
-im Arme, davor stand, dann schüttelte er den Kopf, lachte und
-sagte: »Jetzt weiß ich erst, daß ich etwas kann. Aber was kriege
-ich von dir dafür?« Dann nahm sie ihn in die Arme, reckte sich<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-an ihm hinauf, zog seinen Kopf an ihren Mund und flüsterte
-ihm etwas zu, das kein dritter Mensch hören durfte, und es war
-doch weiter nichts als das Lied vom roten Mohn. Jeden Tag
-mußte sie es ihm in das Ohr summen, den einen Tag das eine,
-den anderen Tag das zweite, den dritten das dritte Stück, und
-als er in der Eisenbahn saß und dahin fuhr, wo aus den Entwürfen
-Werke werden sollten, sah er auf den kahlen Feldern
-lauter rote Mohnblumen vor sich, und als der Abend ihm die
-Landschaft vor den Augen fortnahm, blühten rote Mohnblüten
-in den Wolken auf, immer mehr, bis sie den ganzen Himmel erfüllten.</p>
-
-<p>Jedweden Tag bekam Frau Grete eine Karte mit roten Mohnblüten,
-eine einzelne oder ein ganzes Feld voll darstellend; sie
-legte sie alle der Reihe nach in einen Kasten aus kornblumenblauem
-Samt, besah sie jeden Abend, zählte sie immer und immer
-wieder und sang sich selbst mit dem Liede in den Schlaf. Doch
-am Tage vor dem Julfeste kam keine Mohnblumenkarte, da kam
-der, der mohnblumenrote Küsse zu verschenken hatte, und ganze
-Fäuste voll brachte er davon mit, drei große Sträuße, für jeden
-Feiertag einen. Und daran sahen sich ihre Augen, die vom vielen
-Sticken und Nähen und Kochen und Backen ein wenig blaß geworden
-waren, wieder so blau, wie Kornblumen, und auch die
-Augen ihres Mannes, die zu viel Farbe hatten hergeben müssen
-in den letzten Wochen, färbten sich voller.</p>
-
-<p>»Nun noch zwei oder drei Monate, Gretechien,« lachte er,
-»und dann singe ich wieder in meiner Werkstatt, denn ich habe
-noch manches Lied in den Augen, das du nicht gesehen hast. Ich
-bin froh, daß ich alle die drei Bilder auf einmal angelegt habe,
-und du solltest mich einmal bei der Arbeit sehen; ich sage dir,
-es ist die reine Kilometerfresserei! ›Sie müßten sich eigentlich Rollschuhe
-anschnallen,‹ sagte der Herzog neulich. Ich hatte nicht gewußt,<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-daß er kam, und achtete gar nicht darauf, daß mehrere
-Leute eingetreten waren, denn ich war in voller Arbeitsbrunft.
-Ich hatte grade am rechten Seitenbilde gemalt, du weißt doch,
-das Kriegsbild, und da fiel mir etwas am linken Seitenbilde ein,
-und ich sauste das Hängegerüst entlang und malte an der anderen
-Seite und flötjete dabei, wie ein Scherenschleifer. Wie ich
-nachher hörte, hat der Adjutant mich darauf aufmerksam machen
-wollen, daß der hohe Herr da sei, aber der hatte abgewinkt und mir
-lachend zugesehen, bis ich nach dem Mittelbilde hinlief, denn mir fiel
-ein, daß noch ein bißchen Schatten mehr das Gesicht der jungen
-Frau heller machen würde. Na, und da sagte der Herzog denn das.«</p>
-
-<p>Er lachte: »Du, ich glaube, der mag mich. Grade weil ich so
-demokrätzig-urwüchsig bin; die Pomadenmanieren hat er ja den
-ganzen Tag um sich. Ich habe Angst, daß ich mir den Professortitel
-zuziehe, und so was färbt auf das Talent ab. Ein Orden
-wäre mir lieber, dann würden die Leute doch sehen, daß ich ein
-ordentlicher Mensch bin.« Er lachte lustig. »Übrigens wird seine
-Hoheit mir sitzen. Ich hatte, als er das Triptychon besah, ihn
-schnell ein paar Mal auf den Hülfskarton skizziert, und das hatte
-man ihm gesteckt. Wenn ich nur wüßte, welches von seinen zwei
-Gesichtern ich nehmen soll, das Pflichtgesicht oder das Wunschgesicht,
-ob ich ihn als Landesvater oder als Heerführer male.
-Weißt du, der Mann tut mir leid! Bei dem Temperament, bei
-der Unmasse von Willen immer und ewig den kühlen Herrn von
-Stande markieren zu müssen, hol's der Kuckuck, da ist es kein
-Wunder, wenn der Charakter allmählich etwas viereckig wird.
-Wenn unsereins am falschen Platze ist, na, dann dudelt er sich
-einmal einen an und schimpft sich die Wut vom Balge; das kann
-er sich natürlich nicht leisten. Ich habe mich früher manchmal über
-das Hin und Her bei ihm geärgert, aber als Hennecke mich damals
-bei der Hofjagd einmogelte und ich den Mann eine Stunde<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-lang auf drei Schritt sah, da wußte ich Bescheid. Natürlich, er
-ist ein Mensch und hat Fehler; aber er hat Leidenschaft im Leibe
-und ist imstande, sich zu begeistern, also kein Philister. Philistern
-verzeihe ich eine Ziellosigkeit nie; Karrengäule müssen ihren Trott
-gehen; Rennpferde dürfen einmal ausbrechen.«</p>
-
-<p>Er sah seine Frau zärtlich an: »Wenn wir uns nicht gefunden
-hätten! Ich glaube, ich wäre vor die Hunde gegangen ohne dich.
-Ja, du hast erst etwas aus mir gemacht; mit einem Ruck kam
-ich von der Erde aus dem Naturalismus in den Realismus, und
-nun stehe ich mit beiden Hinterbeinen im Idealismus, komme
-über mich hinaus. Herrgott, soll das jetzt ein Leben werden! Hätte
-ich nur erst die Bilder fertig! Denn was ich alles noch im Leibe
-habe, das ahnst du gar nicht, und reden kann ich darüber auch
-nicht eher, als bis ich der Sache in das Gesicht sehen kann. Nur
-das eine will ich Dir verraten: ich male fortan nur Tendenz.«
-Seine Frau sah erstaunt auf, und er lachte: »Jawohl, Liebste,
-Tendenz, faustdicke Tendenz, so faustdick, daß sie mir keiner vorwerfen
-kann! Meine Tendenz ist: meinem Volke den Rücken mit
-Franzbranntwein einzureiben, es mit Freude und Grimm zu
-füttern und mit Wonne und Weh zu tränken, damit es so bleibt,
-wie es ist, sich nicht verplempert in fremder Art und nicht vergißt,
-daß es zwei Gesichter hat: ein gutmütiges und ein bösartiges;
-denn wir kriegen allmählich zu viel Gemütsembonpoint,
-seufzen, wird irgendwo ein Schweinehund geköpft, und stöhnen,
-wenn wir die Knarre zur Hand nehmen sollen.«</p>
-
-<p>Er ballte die Hände, reckte die Fäuste und dehnte die Brust:
-»Einen Krieg, den möchte ich noch erleben, aber aktiv!« Seine
-Frau sah ihn entsetzt an, er aber lachte, drückte sie an sich und
-flüsterte: »Weißt du das Lied noch, das Lied von dem rotroten
-Mohn? Wir wollen es nicht vergessen; es ist das schönste Wiegenlied
-für große Kinder!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p>
-
-<p>Sie vergaßen es nicht; als Helmold wieder abgereist war, flogen
-die Mohnblumenkarten jeden Morgen in das Haus. Manchmal
-war nur eine kleine, schüchterne Blüte in eine Ecke gemalt, während
-der übrige Raum voller Schrift war; dann kam eine, über
-die sich die Blüten von einer Ecke in die andere zogen, oder eine
-andere, auf der sie einen Rand bildeten oder einen Fries. Wenn
-aber eine eintraf, auf der ein Kranz von den glühenden Blumen
-zu sehen war, dann seufzte Frau Grete auf und ging abends
-nicht so früh schlafen, und wenn sie es tat, dann trat sie vorher
-in das Schlafzimmer ihres Mannes und streichelte das Kopfkissen.</p>
-
-<p>Aber als die Amsel schon übte und die Finken bereits stümperten,
-die Schneeglöckchen über den Buchsbaum sahen und der Haselbusch
-mit goldenem Staube um sich warf, kamen die Karten
-immer spärlicher, und fast nie war eine rote Blume darauf zu
-sehen, und wenn das doch so war, dann war sie mit Rotstift
-flüchtig hingestrichen, und Frau Grete wurde wieder ganz traurig.</p>
-
-<p>Bis dann der Tag kam, an dem der Frühling sein erstes gelbes
-Extrablatt in den Garten flattern ließ, an dem der Fink sagte:
-»Jetzt kann ich es aber!« und die Amsel: »Und ich erst recht!«
-Da rollte ein Wagen vor das Haus, hielt mit einem Ruck, und
-Frau Grete stürzte die Treppe hinunter, denn Gift und Galle, die
-beiden Teckel, stießen den Ruf aus: »Herrchen ist da!« und jaulten
-und kläfften und winselten und kratzten die Ölfarbe von der Haustüre,
-und als die Frau die Türe aufriß, stand Helmold vor ihr,
-küßte sie, drückte sie, daß ihr schwach wurde, und rannte die
-Treppe hinauf, um Swaan und Sweenechien zu küssen. Dann
-lief er in die Werkstatt, atmete tief auf, ging in den Garten,
-liebelte die Hunde ab, sagte allen Blumen guten Tag und den
-Fischen in den Teichen auch. Dann wurde er allmählich vernünftig
-und ging in die Veranda, wo nach einiger Zeit seine Frau
-eintrat. Er drehte sie um und befahl: »So stehen bleiben!« und<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-als sie sich umwenden durfte, sah sie, daß er einen Orden vor der
-Brust hatte.</p>
-
-<p>»Ja, weißt du, ich hatte die Wahl: Professor oder ordentlicher
-Mensch! Na, da sagte ich: Exzellenz, so'n Professortitel, wenn
-man den alle Tage trägt, der sieht dann schließlich so aus, wie
-ein alter Gehrock; dann bitte ich lieber um etwas, das sich nicht
-so leicht abträgt, weil man es bloß an hohen Tagen anzieht. Hat
-der alte Herr gemeckert! wie eine Bekassine! Ja, und nun habe
-ich nicht nur einen Vogel im Kopf, sondern auch einen vor der
-Brust, aber einen, der sich sehen lassen kann.« Sweenechien
-wollte gern den Vogel sehen, den ihr Vater im Kopfe hatte; da
-sich das nicht gut bewerkstelligen ließ und um sie auf andere
-Gedanken zu bringen, wurde der Koffer ausgepackt, und nun gab
-es ein Gequieke und Gejubel in der Veranda, daß der Buchfink
-beschämt den Schnabel hielt und die Amsel geärgert fortflog.
-Aber was hatte der Vater nicht auch alles mitgebracht! Das war
-noch viel schöner, als zum Julfeste, denn da wußte man im voraus,
-daß man etwas bekam. Swaan wußte nicht, bei welchem
-Buche er zuerst anfangen sollte zu lesen, Sweenechien sah ratlos
-von der blonden zu der braunen Puppe, und die Luise und die
-Minna standen da und machten ganz dumme Gesichter wegen
-der schönen Sachen, die sie bekommen hatten, und vergaßen beinahe,
-sich zu bedanken. Als sie im Hausflure waren, fielen sie sich
-um die Hälse und küßten sich, und vor einer Stunde hatten sie
-sich noch gefährlich gezankt.</p>
-
-<p>Frau Grete aber bekam ein Kästchen; als sie es aufmachte,
-jubelte sie hell auf, schlug die Hände zusammen und küßte ihren
-Mann auf beide Backen, denn in dem Schächtelchen lag ein
-Schmuck für ihren Hals, wie sie sich ihn in ihren waghalsigsten
-Träumen nicht gewünscht hatte. Aber als ihr Mann aus der
-Innentasche der Weste einen grünen Lederumschlag nahm und<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-ihr gab und sie einen Tausendmarkschein nach dem andern hervorholte,
-wurde sie mit einem Male feuerrot und steckte das, was
-unter dem letzten Scheine lag, schnell wieder in den Umschlag;
-denn das war eine roggengrüne Karte, und darauf war ein Kranz
-aus roten Mohnblumen gemalt.</p>
-
-<p>Helmold Hagenrieder fehlte es jetzt nie an einem Kranze aus
-Mohnblüten zu Häupten seiner Bettstatt, und so mangelte es ihm
-auch niemals an kühlendem Schlummer nach heißem Schaffen.
-Denn heiß waren seine Tage, heiß und lang. Schon in aller
-Frühe, wenn die Amsel zu singen begann, war er in seiner Werkstätte
-und malte. Bild um Bild entstand, nun ein lichtes, frohes,
-reines, ohne eine andere Absicht, als so wirken zu wollen, wie
-eine lächelnde Blume oder eine lachende Frucht, und dann andere,
-die zwei Gesichter hatten und eine doppelte Sprache redeten.</p>
-
-<p>Seine beiden Saharabilder entstanden, die Söldner und die
-Sieger, die zum Tode ermatteten Fremdenlegionäre, im glühenden
-Sonnenschein durch den Sand watend, darstellend, und die erschossenen
-Kabylenhäuptlinge im grellen Mondenlicht. Dann
-wurde die Hinrichtung der Sachsen an der Halsbeeke bei Verden
-beendet und gleichzeitig Frigges Flammentod, und hinterher kam
-das bitterböse Bild von Wodes Zorn. Auf einer dunkelgrünen
-Melodie hatte Helmold den Stoff gepflückt, so verträumt, wie
-sie an einem weichen Sommerabend erklingt, wenn die Mädchen
-eingehakt über die Dorfstraße ziehen und so lange singen, bis es
-den Jungens unter dem Brusttuche brennt. Aus Lindenblüten
-und Blättergeflüster war sie gewebt, und das Lied, das ihm dabei
-kam, begann also: »Ach ich war den ganzen Tag allein, denn
-mein Schatz der konnt nicht bei mir sein.« Das Bild aber stellte
-eine lachende pfälzische Landschaft dar, grüne Rebengärten an
-roten Felsenhängen; doch im Mittelgrunde brannte ein Dorf
-und im Vordergrunde lagerten Soldaten Turennes. Der Rahmen<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-war dunkeleisengrau; er wies unten einen kaum sichtbaren Fries
-von Menschenschädeln auf, rechts und links den krähenden gallischen
-Hahn und oben zwischen zwei wütend schreienden Raben
-Wode Wutblick; der Gott aber trug die Züge des Fürsten Bismarck.</p>
-
-<p>Dazwischen entstand ein Bildnis nach dem anderen; denn seitdem
-Helmold den Herzog hatte malen dürfen, und in einer Auffassung,
-die allem Herkommen entgegen und dabei doch so schlicht
-und natürlich war, wollte alle Welt von ihm gemalt sein, und er
-konnte sich vor Aufträgen nicht retten, trotzdem oder weil er
-Preise nahm, daß Frau Grete oft sagte: »Du machst es ein bißchen
-zu grob.« Aber dann lachte er und sagte: »Bisher nahm ich
-Gesellenlöhne; jetzt lasse ich mir Meisterpreise zahlen. Das verlangt
-die Zunftehre«. Es kam ihm aber gar nicht darauf an,
-einen Menschen, den er gern hatte, oder dessen Kopf ihm gefiel,
-ohne Entgelt zu malen; wenn aber der Kunsthändler Schultze
-ihm sagte: »Machen Sie es ein bißchen billiger, verehrter Herr
-Hagenrieder, dann nehme ich die doppelte Anzahl Studien,«
-so hieß es: »Wenn Sie mir noch einmal ein solches Angebot
-machen, dann sehe ich mich nach einem anderen Verhältnisse um.«</p>
-
-<p>Er hatte so viel zu tun, daß er wie ein spielendes Kind dahinlebte;
-er aß wie ein Drescher und schlief wie ein Dachs; wenn die
-Nacht auch manchmal nur drei oder vier Stunden für ihn hatte,
-weil es ihn in aller Frühe schon nicht mehr im Bette litt, er schlief
-so fest und traumlos, daß die drei Stunden mehr Frische bei ihm
-ansetzten, als sonst deren neun. Das Wetter, von dem er im
-Sommer vorher immer bis zur Unerträglichkeit abhängig gewesen
-war, kümmerte ihn gar kein bißchen; der Vollmond war
-schlecht auf ihn zu sprechen, denn er hatte ihn links liegen lassen
-und war kein einziges Mal mit ihm losgezogen, wenn der ihn
-abholen wollte. Er trank überhaupt nur dann etwas, wenn es<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-gar nicht anders ging, und wenn er im vorigen Jahre ohne die
-Zigarre oder die Zigarette nicht zu denken war, so rauchte er jetzt
-nur nach den Hauptmahlzeiten, wenn er mit seiner Frau plauderte.</p>
-
-<p>Die war jetzt viel bei ihm in der Werkstätte und freute sich über
-sein federndes Wesen und besonders darüber, daß er von Swaantje
-ganz selten sprach und dann nur wie von einer guten Freundin.
-Ganz langsam und vorsichtig versuchte sie, ihm den Gedanken
-an das Triptychonleben, den sie in ihm heraufbeschworen hatte,
-auszureden. Frau Gesina war krank gewesen, und Swaantje war
-deswegen nach Swaanhof gereist und hatte Grete eingeladen.
-Als Frau Hagenrieder wiederkam, brachte sie ihrem Mann einen
-schönen Gruß mit und sagte dann: »Wir haben sehr viel gelacht,
-denn Swaantje sagte: ›Daß ich simple Landpomeranze es noch
-einmal bis zur Romanheldin bringen würde, das hätte ich nicht
-gedacht.‹« Ihr Mann, der gerade die Zeitung las, hatte nicht mehr
-gezeichnet als ein Rehbock, an dem die Kugel vorbeiflötet, und
-hinterher hatte er ganz ruhig mit ihr über sein Verhältnis zu
-dem Mädchen gesprochen: »Sie war nötig für mich, liebe Grete,«
-sagte er, »und bleibt es auch wohl; doch nicht als Weib, glaube
-ich. Damals, als ich ganz zerknittert von Swaanhof zurückkam,
-meinte ich, es wäre anders; aber das war wohl nur ein Ausfluß
-meines gebrechlichen Zustandes. Von jeher wird mein Gefühl zu
-ihr auf einem anfangs unbewußten, dann klar sehenden Mitleid
-aufgewachsen sein, und wenn ich sie so recht von Herzen glücklich
-sähe, wird sie mir nicht mehr sein als Hennig, denn auf dessen
-Liebste bin ich ja auch nicht eifersüchtig, und ich liebe ihn doch
-sehr. Freilich, er ist ein Mann, und sie, scheinbar wenigstens, ein
-Weib, und so hält es schwer für mich, daß ich mich ihr gegenüber
-von allgemein männlichen Vorstellungen frei mache. Aber selbst,
-wenn ich ihr gegenüber Wünsche hätte, so dumm bin ich nicht,
-daß ich ihnen grüne Blätter vorwerfe; denn erstens liebt sie<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-einen anderen, und zweitens ist keine Möglichkeit vorhanden, daß
-sie mein sein könnte. Aber ich würde mich freuen, sie bald wieder
-zu sehen; wir haben ja auch einen Wechsel auf Sicht von ihr.
-Und jetzt habe ich bald Zeit für lieben Hausbesuch; denn sonst
-gewöhne ich mir das Malen noch so an, daß es ein Laster wird,
-wie einst meine Rauchsucht. Außerdem muß ich zur Brunft nach
-Stillenliebe, denn sonst wird der Prinz öde. Und ich merke es
-doch, daß auch Arbeit, die man mit Freude tut, schließlich die
-roten Blutkörperchen auffrißt. Solange man im Trott bleibt,
-weiß man nichts davon; sobald es aber prr heißt, klappt
-man um.«</p>
-
-<p>Das fand Grete auch, denn ab und zu sah sie in dem Benehmen
-ihres Mannes leichte Schatten, die die heranziehende Nervenüberspannung
-vorweg warf. Er arbeitete schon unregelmäßiger,
-schaffte den einen Tag sehr viel, tat dann drei Tage nichts, stand
-den einen Morgen um fünf Uhr, den folgenden Vormittag um
-elf Uhr auf, wurde hier und da ungeduldig, und klagte darüber,
-daß die Nachbarn ihm zu laut wären, während er sonst gesagt
-hatte: »Je mehr in den Nachbargärten gelacht und gesungen
-wird, um so lustiger werde ich.« Wenn Swaan, wie es seine
-Art war, bei jedem Geschenk, das ihm der Vater mitbrachte,
-fragte: »Was hat es gekostet?« so hatte dieser früher gelacht
-und gemeint: »Der wird wie sein Großvater und wird nicht erst
-kreuz und quer durch das Leben stolpern, ehe er sich zurechtfindet.«
-Jetzt zog er die Stirne kraus und fuhr auf: »Junge, was soll
-das heißen; vom Geld redet man in anständiger Gesellschaft
-nicht,« und zu Grete sagte er hinterher: »Der Junge rückt täglich
-mehr von mir ab.« Auch bei Sweenechien wollte er das
-finden; sie war ihm zu selbstbewußt: »Wird wohl später auch
-anfangen, den Vermännerungsschwindel mitzumachen,« brummte
-er; »früh streckt sich, was ein tauber Halm werden will.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p>
-
-<p>So war seine Frau recht froh, als Swaantje sich endlich anmeldete:
-»Ich muß Euch doch noch vorher wiedersehen, Ihr
-Lieben,« schrieb sie, »denn ich will mit Tjark und Ilsabe nach
-Italien. Ich freue mich kindisch.« Auch Helmold freute sich:
-»Das wird ihr gut tun; sie braucht Sonne und Luxus. Es wird
-ihr Spaß machen, einmal Geld zu vertun.« Er war so aufgeräumt,
-daß er kaum zusammenzuckte, als Grete ihm eines Morgens
-sagte: »Ich denke, es ist besser, Swaantje schläft nicht in dem
-großen Fremdenzimmer, sondern in dem kleinen, schon damit ich
-ihr beistehen kann, wenn sie ihre Schmerzen bekommt.« Nach
-dem Kaffee aber sagte Helmold, der mittags schlecht gegessen
-und dann geschlafen hatte, was ihm nie gut bekam: »Die Bemerkung
-von heute morgen hättest du im Munde behalten
-können, Grete; ich habe ihren Untersinn wohl verstanden. Wofür
-hältst du mich eigentlich? Glaubst du«, er machte eine zornige
-Handbewegung und warf seine Zigarre in den Garten, »ich bin
-ein Mann, der einem solchen Mädchen gegenüber sich von bequemer
-Gelegenheit bereden läßt?« Sie schüttelte unwillig den
-Kopf, er aber fuhr fort: Ȇberhaupt, deine Art und Weise,
-Swaantje in der letzten Zeit langsam bei mir abzubrechen, gefällt
-mir sehr wenig; ich bin doch nicht verliebt in sie, sondern ich liebe
-sie. Wie, das ist mir selber schleierhaft. Jedenfalls: tritt Verliebtheit
-in dem von dir befürchteten Sinne hinzu, ich würde nie
-etwas von ihr nehmen, was sie mir nicht mit beiden Händen
-schenken würde, noch nicht einmal einen Kuß.«</p>
-
-<p>Er steckte sich eine neue Zigarre an, die dritte seit einer Stunde,
-und sagte: »Bedenke, was du mir damit angetan hast, und wer
-die ganze Schuld trägt; ich sicher nicht! Hättest du damals nicht
-die fahrlässige Redensart von dem Triptychonleben gemacht, so
-wäre ich wohl kaum darauf gekommen, daß mir das Mädchen
-mehr sein könnte als eine liebe Freundin. Jedenfalls versuche<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-nicht, die Sache so hinzustellen, als wenn ich den Stein in das
-Wasser geschmissen hätte.«</p>
-
-<p>Er sagte ihr, er wolle allein ausgehen. Das tat er denn auch,
-und er beruhigte sich durch einen strammen Marsch. Er dachte
-an die rosenroten Stunden, die er mit Grete verlebt hatte; er
-krempelte sich selber um und kam zu dem Ergebnisse, daß ihn zu
-Swaantje weiter nichts hinziehe als eine rein seelische Neigung,
-und er trat in Gretes Spur und fand, daß sie alles, was sie gesagt
-hatte, aus ihrem leichtherzigen Denken hatte herausspringen
-lassen. »Aber,« sagte er sich, »ob mir nun einer einen Stein mit
-oder ohne Absicht gegen den Kopf wirft, eine Beule gibt es auf
-jeden Fall.« Wenn er sich das Herz auch noch so blank zu reiben
-suchte, etwas blind blieb es doch, und so war er ganz froh, als
-er im Osterkruge den Vorsteher und den Hegemeister traf, und
-es war fast zwei Uhr, als er nach Hause kam. Er wachte um
-sechs auf, aber da er müde war, drehte er sich wieder um und
-schlief bis elf Uhr, und das war das Allerdümmste, was er tun
-konnte, denn immer machte ihm Nachschlaf Falten in die Stirne.</p>
-
-<p>So war auch dieser Tag verloren. Die Farben wollten nicht
-laufen, die Pinsel waren bockig, die Leinewand sträubte sich;
-wütend lief er aus der Werkstatt und ging mit Grete aus. Aber
-an jedem Worte, das sie sagte, stieß er sich die Schienbeine wund.
-Einige fortgeworfene Wiesenblumen, die zertreten auf dem Wege
-lagen, entlockten ihr den Ausruf: »Wie schade!« Er lachte und
-zeigte auf eine Fichte, die der letzte Sturm umgestoßen hatte:
-»Wenn etwas Kleines kaput geht, das beseufzt ihr; an der Leiche
-eines Riesen geht ihr gleichgültig vorbei.« Die Sonne verabschiedete
-sich in aller Form. »Welch' ein schöner Sonnenuntergang!«
-rief Grete. »Ein Untergang kann nie schön sein,« spottete
-er. Es wurde dunkel im Walde; Grete nahm seinen Arm. »Du
-erlaubst doch?« bat sie. »Natürlich,« lachte er; »es ist ja eine<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-Wonne, einmal zu fühlen, daß du auch nur ein schwacher Mensch
-bist. Aber so seid ihr; in der Dämmerung laßt ihr euch von uns
-führen, am hellen Mittag nehmt ihr uns an die Strippe.« Grete
-sprach nun kein Wort mehr, und stumm gingen sie nach Hause.</p>
-
-<p>Er ging auch diesen Abend wieder aus, kam aber bald zurück
-und begab sich in die Werkstätte. Um zehn Uhr hörte seine Frau
-von der Veranda aus, daß er flötete und sang. Sie freute sich,
-denn nun wußte sie, daß er malte. Die Melodie war ihr unbekannt,
-und deshalb ging sie den moosigen Weg so weit entlang,
-bis sie die Worte verstand; die lauteten: »Und kann es nicht die
-Lilje sein, so pflück ich mir ein Röselein!« Ihr wurde traurig zumute,
-denn es schien ihr, als ob das Lied ihr mit der Faust
-drohe; ihr war zu Sinne, als läge sie im Halbschlafe in einer
-Wiese und im langen Grase kröche etwas auf sie zu, von dem sie
-nicht wußte, was es war, eine harmlose Natter oder die böse
-Adder. Darum war sie froh, als am anderen Morgen ihr Mann
-im Jagdanzuge vor ihrem Bette stand, sie auf die Stirne küßte
-und sagte: »Ich bleibe vielleicht drei oder vier Tage fort; ich
-muß mal hinaus; ich fahre nach Ueldringen.« Sie wunderte sich,
-daß er reiste, weil am folgenden Tage Swaantje kommen wollte;
-aber sie dachte: »Er will sich auf sich selber besinnen.«</p>
-
-<p>Als sie nachher in die Werkstatt ging, um Staub zu wischen,
-sah sie einen Haufen Papierfetzen in der Ofenecke liegen. Sie hob
-einige auf und wurde erst rot und dann weiß; es waren die Reste
-von zwei Arbeiten, an denen er Jahre lang geschrieben hatte,
-allerlei Gedanken über das Verhältnis der Kunst zum Leben und
-die Ergebnisse seiner Studien über die Technik des Malens. Sie
-sammelte die Fetzchen auf, Tränen in den Augen, verschloß sie in
-einer Truhe in ihrem Schlafzimmer und ging müde an ihre Arbeit.</p>
-
-<p>Dann kam Swaantje. Sie sah blaß und nervös aus, und als
-sie Grete ansah, fiel sie ihr um den Hals, küßte sie und fragte:<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-»Aber, liebste Grete, wie siehst du aus? Was hat sich zugetragen?«
-Als sie hörte, daß Helmold zur Jagd gefahren war, drehte sie
-sich schnell nach Sweenechien um, die gerade in das Eßzimmer
-kam, nahm sie auf den Arm und küßte sie trotz deren Gestrampels
-ab, denn Kinder gingen nicht gern zu dem Mädchen, das von
-sich selber einmal gesagt hatte: »Kinder mögen mich nicht, und
-ich kann damit nichts anfangen.« Helmold hatte damals ganz
-ernst geäußert: »Bis du eigne hast; vernünftige Frauen machen
-sich aus anderer Leute Kindern nichts und sparen sich die Liebe
-für ihre eigenen auf. Grete ist es ebenso gegangen. Die Abknutscherei
-fremder Kinder ist eine Spezialität hysterischer Weiber!«</p>
-
-<p>Grete fand überhaupt, daß Swaantje ganz anders geworden
-war; ihr Mund sah aus, als schäme er sich, daß er noch nie geküßt
-war, ihre Augen hatten einen verlassenen Blick, und ihre
-Hände wirkten noch hoffnungsloser denn zuvor. Es dauerte auch
-eine geraume Zeit, ehe Swaantje den alten Ton wieder fand und
-mit Grete darüber scherzte, wie es nun werden solle, ob sie beide
-Helmolds wegen auf Säbel oder Pistolen losgehen oder ihn ausraten
-sollten. Sie zogen das Letzte vor, doch Swaantje gewann
-immer, tröstete Grete aber und sagte: »In den Monaten mit R
-sollst du ihn haben, und in den anderen nehme ich ihn; ist das
-nicht lieb von mir?« Als sie aber ihren Koffer auspackte und
-Grete sie fragte: »Hast du das weiße Wollkleid nicht mit, in dem
-Helmold dich so gern sah?« da schüttelte sie den Kopf, wie ein
-Pferd, das sich der Bremsen erwehren will, und sprach schnell
-von etwas anderem.</p>
-
-<p>Am Abend des dritten Tages, daß Swaantje da war, sagte
-Grete: »Jetzt wird er gleich hier sein!« Aber er kam nicht. Am
-Abend des vierten Tages war sie sehr unruhig und brachte kaum
-einen Bissen hinunter, und Swaantje ging es ebenso. Als die
-Uhr dreiviertel auf sieben schlug, sprang die Frau plötzlich auf,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-nahm das Mädchen in den Arm und schluchzte: »Ach, Swaantien,
-ich habe eben einen so furchtbaren Schreck gekriegt! Fühle
-nur, wie mein Herz klopft!« Aber als sie aufsah, bemerkte sie,
-daß auch Swaantje kreideweiß aussah, und sie fühlte, daß deren
-Herz ebenso sprang wie ihr eignes.</p>
-
-<p>Der Abend verlief trostlos; bis ein Uhr blieben sie auf, denn um
-dreiviertel auf eins lief der letzte Zug ein, mit dem Helmold kommen
-konnte; doch er kam nicht. Dann gingen sie zu Bett, ließen aber
-die Türen auf. Um zwei Uhr hielt Grete es nicht mehr aus; sie
-sah, daß Swaantje noch Licht hatte, ging zu ihr und sah sie so
-bittend an, daß das Mädchen ihre Decke zurückschlug und sagte:
-»Komm, liebe Grete!« Die Frau legte sich neben sie, nahm sie
-in den Arm und weinte so lange, bis sie einschlief. Swaantje
-drückte das Licht aus und sah in die Dunkelheit; das Bohren in
-ihrer linken Schläfe ging von Stunde zu Stunde tiefer; sie hielt
-aber stand, bis die Amsel zu singen begann und der Morgen
-ihr zunickte. Da endlich fielen ihr die Augen zu.</p>
-
-<p>Um acht Uhr wachte Grete auf und sah sich verwundert um.
-Dann sah sie Swaantje an und erschrak; das Mädchen war
-totenbleich und hatte ganz farblose Lippen. Sie stahl sich aus
-dem Bette und zog die Vorhänge fest zu; aber ehe sie das Zimmer
-verließ, bückte sie sich und küßte Swaantje ganz leise auf die
-böse Schläfe. Das Mädchen lächelte und flüsterte: »Guter Helmold!«
-Die Frau zuckte zurück.</p>
-
-<p>Kurz vor dem Mittagessen kam ihr Mann. Er sah ganz braungebrannt
-aus, hatte klare Augen und eine helle Stimme. Er küßte
-seine Frau herzlich und bewillkommnete Swaantje freundlich.
-Beim Essen sagte er: »Ihr seht beide wie die verhagelten Lohgerber
-aus, denen die Petersilie fortgeschwommen ist. Habt ihr
-gestern was gegessen, was euch unbemessen, oder was ist?«
-Swaantje sah auf ihren Teller, aber Grete sagte: »Ich habe mich<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-gestern auf einmal so um dich geängstigt und Swaantje damit
-angesteckt.« Ihr Mann lachte: »Neuer Bacillus, Spirococcus
-terroris; den solltest du monographisch behandeln; dann bist du
-eine berühmte Frau.«</p>
-
-<p>Nach dem Essen sagte er: »Nun, damit du es weißt: ich habe
-mit einem Wilddiebe erst höfliche Redensarten und dann grobe
-Schrote gewechselt. Der Mann schoß Schwarzpulver; deshalb
-habt ihr den Krach bis hierher gehört.« Beide Frauen sahen ihn
-entsetzt an, er aber lachte: »Der dumme Kerl schießt mir den
-besten Bock vor der Nase zusammen, und als ich ihm sage, er
-solle mir wenigstens das Gehörn lassen, verjagt er sich so, daß
-ihm vor Bammel der zweite Schuß herausrutscht und mir gerade
-in den Arm. Übrigens nicht der Rede wert! Na, wie man
-begrüßt wird, so soll man sich bedanken; ich schoß ihm die langen
-Stiebel voll Nummer drei, und da gab er mir vor Rührung
-gleich den ganzen Bock. Ich habe ihm die Leber und die beiden
-Blätter gelassen, und dann haben wir zusammen einen auf den
-Schreck genommen. Es ist ein ganz famoser Kerl!« Swaantje
-sah ihren Vetter an, lächelte und sagte: »Du bist doch wirklich
-ein zu guter Mensch, lieber Helmold!«</p>
-
-<p>Er lachte: »Das sagen alle Leute, die mich nicht genau kennen.
-Der Prinz sagt, ich wäre ein Biest, und gerade deswegen könne
-er mich so gut leiden. Na ja, er ist das nicht, und hätte das Geschick
-dem guten Samlitz nicht so und so viele Erbtanten in die
-Wiege gelegt, ich möchte wohl wissen, wie der sich durch das
-Leben schlängeln wollte. Ich behandele ihn ja mehrstens etwas
-ruppig, schon damit er nicht noch millionärrischer wird. Ein
-wahrer Segen, daß er bloß seine Zinsen aufessen darf; sonst hätte
-er in drei Jahren alle meine Bilder und ich seinen Mammon
-nebst diesbezüglichen üblen Folgen. Scheußlich, mit einem Geldschrank
-um den Hals auf die Welt zu kommen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>Swaantje lächelte und fragte dann: »Bist du mit ihm so befreundet
-wie mit Hennecke? Und was ist es für ein Mann?«
-Ihr Vetter blies den Zigarrenrauch gegen die Decke: »Befreundet?
-Ja; aber mit einer Barriere darum; es bleibt immer eine
-Menge Form zwischen uns. Ich verstehe manches an ihm nicht.«
-Er sah den Rauchringeln nach: »Aber ich bin ihm Dank schuldig.
-Hätte er mir damals nicht meine alten Schinken abgekauft,
-dann hätte Grete waschen gehen können, und ich konnte mit
-meiner Leier von Destille zu Destille ziehen oder Schnellmaler im
-Tingeltangel werden.« Swaantje schüttelte den Kopf: »Allerdings,
-du brauchtest damals das Geld sehr nötig, und ich bin
-heute noch dir und Grete sehr böse, daß ihr euch nichts merken
-ließet; sehr böse! Aber bedenke, wer war der Mäzen? Doch wohl
-du, denn die Bilder sind heute das Zehnfache wert.« Helmold
-nickte: »Jawohl; aber erstens gab damals kein Mensch auch
-nur die Materialkosten dafür, und zweitens hatte der Prinz
-zu jener Zeit selber bloß lumpige fünfzigtausend Mark Jahreseinkommen;
-also hat er sie mir sehr gut bezahlt.« Swaantje
-gab ihm die Hand über den Tisch: »Helmold, ich freue mich
-über dich!«</p>
-
-<p>Zum ersten Male sah er sie jetzt in der alten Weise an, und
-fünf Minuten darauf hatte sie keine blauen Schatten mehr unter
-den Augen. Aber der alte Klang war doch nicht in seiner Stimme,
-wenn er mit ihr sprach; er hielt sich von ihr zurück, das merkte
-sie, und obgleich sie sich Gretes wegen darüber freuen wollte, so
-tat es ihr doch bitter weh, zumal sie fand, daß auch zwischen
-ihrem Vetter und seiner Frau eine Glasscheibe war. So beschloß
-sie nach drei Tagen abzureisen; aber da schlugen Grete und Helmold
-einen solchen Lärm, daß nichts daraus wurde, zumal ihr
-Vetter noch sagte: »Ehe die weiße Haide nicht fertig ist, kommst
-du nicht fort; ich habe schon dein ganzes Schuhzeug eingeschlossen.«<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-So saß sie ihm denn einige Vormittagsstunden, bekam das Bild
-aber nicht zu sehen.</p>
-
-<p>Ihren Augen gegenüber hing ein kleines Bild, das einen weiblichen
-Akt darstellte, der auf einer weiten, im Hintergrunde mit
-Birken besäumten Haide unter einem hellblauen, mit weißem Gewölk
-bedeckten Himmel stand. »Das ist ein entzückendes Bild,
-lieber Helmold,« sagte sie, »ein ganz entzückendes Bild.« Aber
-weiter sagte sie nichts; sie wußte, Geld nahm er von ihr nicht.
-Sonst sprachen sie wenig miteinander, wenn er malte; auch
-flötete, summte und sang er nicht dabei. Sie wußte wohl, warum
-er das nicht tat, aber ihr Herz tat ihr doch weh. Sie schlief keine
-Nacht vor dem Morgengrauen ein und sah, daß ihr Vetter von
-Tag zu Tag ernster und blasser wurde; jede Nacht vernahm sie,
-wie er sich leise im Bette herumdrehte, ab und zu hörte sie Papier
-rascheln; er las also.</p>
-
-<p>»Heute müßt ihr beide allein ausgehen, Kinder,« sagte Frau
-Grete, die inzwischen ihre Seelenruhe wiedergefunden hatte, als
-sie sah, wie Helmold sich zu Swaantje stellte; »Tante Rößler hat
-mich gebeten, zu kommen; ihr geht es nicht gut, und für Swaantje
-ist es kein Genuß, die Geschichte von dem offenen Bein von A
-bis Z anzuhören. Ich gehe aber erst um sieben Uhr hin, denn
-bis dahin habe ich zu tun. Also seht zu, wie ihr die Zeit totschlagt.«
-Da Helmold die letzte Hand an Swaantjes Bild legte,
-war er erst um vier Uhr zum Ausgehen fertig. Swaantje, die die
-ganze Nacht wieder vor Schmerzen nicht geschlafen hatte, sah
-sehr hinfällig aus. »Willst du lieber hier bleiben?« fragte er; »ich
-gehe nur deinetwegen. Du weißt ja, Spazierengehen, dazu bin
-ich zu sehr Bauer.« Swaantje wäre am liebsten daheim geblieben;
-aber Grete hatte sie gebeten: »Geh ja mit; er hat zuviel gearbeitet
-und muß hinaus; und dir ist es auch gut.«</p>
-
-<p>Sie fuhren mit der Straßenbahn in eine Gegend, die das<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-Mädchen noch nicht kannte. Helmold stellte ihm die Landschaft
-in prickelnder Weise vor. Aber wenn auch das, was er sagte, wie
-Demanten funkelte, so klang es doch ebenso kalt. In der Gartenwirtschaft,
-in der sie einkehrten, war er von der höflichsten Besorgtheit
-für sie; aber die Zuneigung, die sonst seine Handlungen
-durchleuchtete, fehlte.</p>
-
-<p>Die Sonne schien hell, die Luft war warm und blitzte von
-allerlei winzigem Getier, ein neckischer Wind kraulte den Bäumen
-die Köpfe, der Himmel war hoch, und seine lichte Bläue hoben
-weiße Windwölkchen, so zart wie mit einer Schnepfenfeder gezogen;
-dazu lachten die bunten Herbstblumen nur so, und die Stare
-sangen, als wenn eben der Mai angekommen sei; doch Helmolds
-Worte waren wie ein leiser Nordwind. Er erzählte, als wäre er
-der fröhlichste Mensch von der Welt; doch sein ganzes Geplauder
-war nicht das von Kamerad zu Kamerad, sondern von dem
-Herrn der guten Gesellschaft zu einer sehr geschätzten Dame aus
-denselben Kreisen. Kein einziger kecker Witz, kein gewagter Vergleich
-entschlüpfte ihm. Das Mädchen schauerte zusammen.</p>
-
-<p>»Friert dich?« fragte er. Ja, sie fror, sie fror sehr. Früher hatte
-er sie nie angesprochen, ohne hinzuzusetzen: »Liebe Swaantje«
-oder »Kleine« oder »Maus«; früher lachte er sie mit dem Herzen
-und den Augen an; jetzt lächelte er nur noch mit dem Gesichte.
-»Helmold,« begann sie mit einem unabsichtlich bittenden Ausdruck
-in der Stimme, als sie durch den Wald gingen, »lieber
-Helmold!« Er sah sie von der Seite an. »Und, liebe Swaantje?«
-fragte er und sie fuhr fort: »Was ich dir jetzt sage, ist vielleicht
-sehr töricht von mir, aber sage ich es nicht, so bin ich unehrlich.
-Das, was ich dir damals in deiner Werkstatt sagte, das ist vorbei.«
-Sie atmete schwer. Er blieb nicht stehen, er sah sie nicht an,
-er änderte auch seine ruhige Sprechweise nicht, als er fragte:
-»Wie ist das gekommen?« Sie zitterte, als sie antwortete:<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-»Vielleicht nur, weil ich es dir gesagt habe.« Er nickte: »Wahrscheinlich;
-Sprechen und Weinen erlöst.« Er schwieg eine Weile.
-Sie sah ihn verstohlen von der Seite an; sein Gesicht zeigte keine
-Bewegung.</p>
-
-<p>Ein Herr mit grauem Vollbarte begegnete ihnen, sah Helmold
-aufmunternd an und grüßte, als dieser keine Miene machte, zuerst
-zu grüßen, ganz tief, und Helmold erwiderte gemessen.
-»Wer war das?« fragte das Mädchen. Ihr Vetter lachte: »Ein
-hohes Lokaltier, unser Oberbürgermeister. Er denkt, weil er Ober
-im Kunstverein ist, müßte ich zuerst grüßen, auch wenn ich mit
-einer Dame gehe. Na, jetzt braucht er sich den Knigge nicht zu
-kaufen«.</p>
-
-<p>Erst nach einer geraumen Weile begann er wieder: »Ja, Swaantje,
-ich weiß nicht, ist das nun gut für dich oder nicht? Einerseits
-bin ich froh, daß du diese taube Neigung zu den übrigen Pensionsandenken
-gepackt hast; anderseits: nun hast du gar nichts
-auf der Welt, noch nicht einmal einen Kummer. Ich hoffe, daß
-die Reise mit Terborgs dich aufrappelt; alle das viele Schöne
-aus alter und neuer Zeit, das du sehen wirst!«</p>
-
-<p>»Gieb mir deinen Arm,« bat das Mädchen, »mir ist etwas
-schwindlig.« Er führte sie zur nächsten Bank: »So, wir sind ein
-bißchen weit gegangen,« sagte er und lächelte, aber nur mit den
-Lippen; »in fünf Minuten sind wir bei der Haltestelle.«</p>
-
-<p>Beim Abendessen mußte sie sich ein Kissen ausbitten, so schmerzte
-sie der Rücken, und nach dem Essen ging sie sofort zu Bett, so
-todmüde fühlte sie sich. Alle Glieder taten ihr weh, aber schlafen
-konnte sie nicht. Auch Helmold schlief nicht. Durch das Schlüsselloch
-kam ein dünner Lichtschein, ab und zu knarrte sein Bett leise,
-sie hörte, wie er in dem Buche blätterte und dann roch sie, daß
-er rauchte. Sie wußte, daß er sonst nie im Bette rauchte; es
-mußte ihm also sehr schlecht gehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span></p>
-
-<p>Es war drei Uhr, da hörte sie, wie er leise aufstand und Wasser
-in ein Glas goß; ein Papierchen knitterte, ein Teelöffel klirrte in
-dem Glase. »Veronal«, dachte sie, und unter ihrem Mitleid
-glitzerte blanke Freude: »Er hat sich verstellt,« schrie es in ihr;
-»er liebt mich noch, denn sonst würde er schlafen.« Ihr Kopf fiel
-hintenüber, und sie schlief ein.</p>
-
-<p>Als sie am anderen Vormittag in der Werkstätte auf dem Ruhebette
-lag und ihrem Vetter zusah, der aus ihrem Bilde die letzten
-Spuren der Maltechnik entfernte, »denn, wo man noch Technik
-sieht, da ist keine, und deshalb ist Segantini viel früher gestorben,
-als er verantworten konnte,« hatte er gesagt, da fing er mit
-einem Male zu sprechen an, konnte aber nie den Weg zu dem
-Punkte finden, den er in der Nacht vor sich gesehen hatte, auch
-kam bald Grete, Sweenechien an der Hand, und dann Luise, die
-irgend etwas aus dem Nebenraum holen wollte, und so wurde
-es Mittag. Hinterher gingen sie selbdritt aus, und abends kam
-Hennecke. Er sah sich erst die neuen Bilder an, fand den Mädchenakt
-auf der Haide herrlich, aber als sein Freund fragte, was er
-von den Saharabildern und von Wodes Zorn halte, tat er, als
-habe er es nicht gehört, und ebenso verhielt er sich, als Helmold
-ihm sagte: »Du, Hennig, es ist ganz ulkig: zu jedem Bilde habe
-ich jetzt ein Lied.« Bei Tische war Helmold sehr aufgeräumt, doch
-sah er, wenn er sprach, meist seinen Freund an. Grete fand aber
-bald heraus, daß er nicht bei der Sache war, und wenn Helmold
-mit Swaantje sprach, ließ Hennig einen kurzen Blick über das
-Paar fliegen, als suche er im Dunkeln den Weg.</p>
-
-<p>In dieser Nacht schlief Swaantje fast gar nicht; sie mußte
-immer an den einen heimlichen Blick denken, den ihr Vetter ihr
-zugeworfen hatte, als sie mit Hennig und Grete in eifriger Unterhaltung
-war; er hatte geglaubt, sie sähe es nicht, und so hatte
-er sich nackt ausgezogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p>
-
-<p>Als sie dann am nächsten Vormittag von Helmold in die Werkstatt
-gebeten wurde, mußte sie an sich halten, um sich nicht zu
-verraten, denn ihr Vetter sah ganz alt und krank aus. Er zeigte
-ihr mit erkünstelter Unbefangenheit einige Studien aus der Umgegend
-von Mecklenhusen, nötigte sie dann auf das Ruhebett,
-legte ihr die Schlummerrolle unter den Nacken, deckte sie warm
-zu und sagte: »Schlaf noch ein bißchen; du siehst müde aus,
-Kleine!« Sie schlief sofort ein, wachte aber bald wieder auf, und
-als sie unter den Wimpern nach ihm hinblickte, sah sie, daß er
-vornübergebeugt im Sessel saß und sie mit hoffnungsloser Zärtlichkeit
-anblickte.</p>
-
-<p>Sie schlug die Augen voll auf; er lächelte sie an, redete erst von
-diesem und jenem, und dann klagte er ihr mit gleichgültig klingender
-Stimme seine Herzensnot. Sie antwortete, als Helmold
-endlich schloß: »Du tust mir sehr leid, Vetter, aber in diesem
-Punkte gibt es für mich keinen anderen Weg als den, den mir
-Religion und Sitte weisen; das wirst du selbst wissen.« Er nickte,
-und sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, auch klang seine
-Stimme alltäglich, als er leichthin sagte: »Natürlich weiß ich
-das; du bist Dame, bist höhere Tochter, verfügst also über einen
-mündelsicheren Fond von Konventionsmoral. Ich verstehe dich
-nicht nur vollkommen, ich schätze dein Verhalten auch in vollem
-Maße, denn: entsetzlich wäre mir der Gedanke, eine angeheiratete
-Kusine zu besitzen, die selbst dann, wenn es auf Tod
-und Leben geht, ihre Ladyleikigkeit vergäße. Aber länger halte ich
-es nicht aus, und das Beste ist, ich mache Schluß; für Grete und
-die Kinder ist einigermaßen gesorgt«. Swaantje sprang auf:
-»Auch das noch!« stöhnte sie und verließ müden Schrittes die
-Werkstatt.</p>
-
-<p>Helmold warf ihr einen bösen Blick nach und knirschte mit den
-Zähnen; dann aber zog er den Vorhang von ihrem Bilde und<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-sah es lange an. Danach langte er den Mädchenakt auf der
-Haide von der Wand, suchte einen Grabstichel und stach in die
-Ecke des Rahmens die Buchstaben hinein: H. s. l. Sw., ging in
-das Wohnhaus, überzeugte sich davon, daß Swaantje in der
-Küche war, trat schnell in ihr Schlafzimmer, legte das Bild auf
-den Spiegeltisch und trat wieder in die Werkstätte.</p>
-
-<p>Als er zum Essen kam, bemerkte er einen harten Zug um den
-Mund seiner Frau, und daß Swaantjes Gesicht vor Kälte starrte.
-Er aß fast nichts und sprach kein Wort, antwortete kaum, wenn
-er angeredet wurde, und horchte noch nicht einmal auf das Geplauder
-der Kinder. Als Swaantje das Zimmer verlassen hatte,
-fragte er: »Gehen wir aus?« Seine Frau schüttelte den Kopf.
-»Ich habe keine Zeit.« Er sah aus dem Fenster, sprach längere
-Zeit nichts, und dann warf er über die Schulter hin: »Na, dann
-will ich mit Swaantje nach dem Billerloh.« Seine Frau legte
-ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn bittend an: »Du,
-Helmold, sei nicht böse, aber du mußt das verstehen: Swaantje
-hat mich gebeten, sie nicht mit dir allein zu lassen; ihr ist das
-peinlich.« Er sah sie mit gleichgültigen Augen an: »So? schön;
-ich werde der Dame weitere Peinlichkeiten ersparen.« Damit ging
-er aus dem Zimmer und verließ gleich darauf das Haus.</p>
-
-<p>Er kam nicht zum Vesper, er kam nicht zum Abendessen. Grete
-und Swaantje saßen bis zwei Uhr auf, aber er kam nicht. Es
-war fünf Uhr, da hörte Grete die Haustüre gehen. Sie horchte
-und vernahm, daß ihr Mann in die Werkstatt ging, und als sie
-an das Fenster trat, sah sie, daß er Licht gemacht hatte, und daß
-sein Schatten auf und ab ging.</p>
-
-<p>Um acht Uhr morgens ging sie zu ihm, um ihn zu fragen, ob
-er nicht frühstücken wolle; aber die Türe war verschlossen. Er
-erschien auch zum Mittag nicht, obgleich Sweenechien, die zu
-ihm geschickt war, lange an der Tür rappelte und in einem fort<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-bettelte: »Väterchen, essen kommen!« Zum Vesper aber kam er,
-aß jedoch fast nichts, tat so, als wäre nicht das Geringste vorgefallen,
-hatte aber flackrige Augen und ein welkes Gesicht. Er behandelte
-Swaantje höflich, doch wie einen Menschen, an dem
-ihm nicht ein bißchen gelegen war, und drehte seiner Frau mit
-liebenswürdiger Härte jedes Wort im Munde herum, bis sie aufstand
-und hinausging.</p>
-
-<p>»Lieber Helmold,« bat Swaantje, »sei doch nicht so zu Grete!«
-Er sah kalt an ihr vorbei, ging in sein Zimmer, zog sich um,
-verließ das Haus und kam erst am anderen Morgen wieder,
-ganz fahl im Gesicht und mit breiten Schatten unter den Augen,
-setzte sich an den Tisch, aß wieder fast nichts und sprach kein
-Wort, bis seine Frau an zu weinen fing. Da stand er auf und
-ging in die Werkstatt.</p>
-
-<p>Swaantje ging ihm nach. »Helmold,« bat sie und faßte seine
-Hand. Er sah sie kühl an und deutete auf einen Sessel; müde
-sank sie hinein. »Tut mir leid, Swaantje, daß du gekommen bist,
-sehr leid, deiner Nerven wegen. Aber schließlich: mir geht es ja
-nicht besser.« Er sah sie feindlich an: »Die arme Grete, nicht
-wahr? Und der böse Mann, nicht wahr? Die gute Frau hat
-ihrem lieben Mann die Augen geöffnet, und nun ist sie böse, daß
-er sehend geworden ist. Solche bodenlose Gemeinheit von dem
-Kerl! So ist nämlich die weibliche Logik. Erst heißt es: Mach,
-was du willst! dann: wir drei! und schreit dann so ein dämliches
-Männerherz vor Glück auf, dann tritt man mit dem Absatze
-darauf und ist noch peinlich,« er sprach das Wort gallenbitter
-aus, »peinlich berührt, quietscht es.«</p>
-
-<p>Er sah das Mädchen spöttisch lächelnd an: »Fräulein Swaantje
-Swantenius ist es peinlich, mit ansehen zu müssen, wenn ein
-Mann sich zu ihren Füßen in Todeskrämpfen windet, denn sie
-hat die höhere Töchterschule besucht und ist in dem vornehmsten<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-Pensionat der Residenz verbildet worden. Sie würde ja gern alles
-für ihn tun, nur das eine nicht, denn sie ist eben Dame. Und so
-läßt sie ihn sich totquälen, obgleich sie ihn liebt.«</p>
-
-<p>Swaantje sah an ihm vorbei, als sie mit blasser Stimme antwortete:
-»Ich habe dir doch nichts gesagt!« Er zwang sie, ihn
-anzusehen und sagte in ruhiger Weise: »Danke, das genügt mir!
-Menschenskind,« fuhr er dann fort, und seine Stimme zitterte,
-»sollen wir denn alle dreie zugrunde gehen? Ich kann ohne dich
-nicht leben und du ohne mich auch nicht, und wärest du nicht so
-charakterlos charakterfest, so würdest du zu mir kommen und
-sagen: ›Da!‹ Denn, das mußt du wissen, erbetteln will ich mir
-nichts von dir, und überrumpeln will ich dich auch nicht, denn
-ich bin nicht in dich verliebt, ich liebe dich eben nur, und ich will,
-daß du dich mir aus vollem Herzen schenkst.«</p>
-
-<p>»Swaantje,« bat er und trat auf sie zu, ihre Hand fassend,
-»sieh doch: du weißt, wer ich bin, daß ich meinem Volke etwas
-sein werde. Meinst du, es wäre so sehr schlecht, hülfest du mir
-dabei? Ich will ja nichts,« und dabei brach seine Stimme, und
-die Tränen kamen ihm in die Augen, »als ein ganz klein bißchen
-Hoffnung, weiter nichts. Und bedenke: Grete und ich sind geschieden;
-nur du kannst uns wieder verbinden. Ihr seid für mich
-eins: seid das Weib. Bist du nicht mein, kann ich Grete nicht
-mehr in Liebe ansehen. Glaube mir, ich handele nicht leichtsinnig;
-ginge es nicht auf Tod und Leben, ich hätte dich nicht in eine so
-schwierige Lage gebracht. Und du mußt daran denken, daß Grete
-alle, aber auch alle Schuld hat. Jetzt heißt es: ›Ja, ich konnte doch
-nicht denken, daß du das ernst nähmest!‹ Es ist schrecklich: da
-stößt einen die Frau mitten in das helle Feuer, und kriegt man
-Brandblasen, dann ist sie empört.«</p>
-
-<p>Mit düsteren Augen sah er aus dem Fenster, in das die Morgensonne
-hineinlachte. »Ich schlafe nicht mehr, ich esse nicht mehr;<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-ich kann bloß noch malen und rauchen. Ich werde noch nicht
-einmal mehr betrunken. Noch eine solche Woche, und in mir zerreißt
-etwas. Ich bin ein ganz armer alter, kalter, toter Mann
-geworden, der um ein Bröckchen Hoffnung bettelt, und die beiden
-Frauen, die da vorgeben, sie lieben mich, schlagen mir die Tür
-vor der Nase zu.« Er lachte trocken auf und sang den Endreim
-des sozialdemokratischen Liedes: »Denn ich bin Mitglied von
-dem Verein gegen Verarmung und Hausbettelei.«</p>
-
-<p>Swaantje schüttelte sich. »Frierst du, liebe Kusine?« fragte er.
-»Da steht Kognak! Mir hilft er nicht mehr gegen die Gänsehautbildung
-auf dem Herzen. Vorige Nacht habe ich acht Kognaks,
-drei Grogs und unglaublich viel Sekt getrunken und bin doch
-nicht warm geworden, trotz der beiden zwar etwas leichten, aber
-bildhübschen und sehr lustigen Mädel, die rechts und links bei
-mir saßen und sich wie barmherzige Schwestern gegen mich benahmen.
-Die eine heulte sogar und sagte: ›Was fehlt Ihnen
-eigentlich? Ich möchte Ihnen so gern helfen!‹ Ja, eine Dame
-war das nicht, aber ein Weib, und darum tat ich ihr leid, und
-es war doch nicht viel mehr als ein Allermannsliebchen.«</p>
-
-<p>Er rückte sich eine Staffelei zurecht und malte; barsch ging der
-breite Pinsel über die Leinwand. Dann lachte er: »Malen kann
-ich noch, sehr gut sogar; aber es langweilt mich. Hast du das
-Bild gefunden?« Swaantje nickte, sah aber nicht auf, als sie
-sagte: »Ja, und du wirst verstanden haben, warum ich dir nicht
-danken konnte.« Er lächelte freundlich und nickte: »Ja, so dumm
-ist er nicht. Hätte Fräulein Swantenius sich bedankt, so hätte
-sie Herrn Hagenrieder notwendigerweise in den Arm nehmen
-müssen, und das schickt sich doch nicht. Und so hat man sich den
-Dank erspart, an dem mir übrigens den Kuckuck etwas liegt.«</p>
-
-<p>Das Mädchen seufzte schwer auf. Er schüttelte den Kopf:
-»Helmold Hagenrieder wird weiter malen; Swaantje Swantenius<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-wird weiter als zweckloser Mensch dahinleben und langsam eine
-alte Jungfer werden, die nur etwas voll und ganz durchgelebt
-hat, nämlich ein Leben, das keins war. Und wenn sie alt und
-grau ist, dann wird sie doch einmal nachts in ihrem Bette weinen
-und wimmern: ›Ich habe es verpaßt!‹ Oder wie denkst du dir
-dein Leben?« Das Mädchen nickte: »Genau so!« Er sah sie
-herrisch an: »Und du glaubst, das werde ich dulden? Glaubst
-du, ich bin ein dummer Junge, der nach einem Küßchen gibbert?
-Ich will dich ganz haben, und du wirst dich mir ganz geben,
-und freiwillig wirst du das tun; denn obzwar du Dame bist, so
-bist du nebenbei doch noch etwas Mensch und ein wenig Weib
-geblieben und viel zu gebildet, um nicht einsehen zu müssen, daß
-Sitte und Gesetz Papier sind, und daß Not kein Gebot kennt.
-Ich will nicht in dich dringen, aber ich bitte dich, Swaantje: gib
-mir ein wenig Hoffnung, ein ganz klein wenig, nur so viel, daß
-ich mein Leben eben damit friste.«</p>
-
-<p>Er ging zu ihr hin und faßte ihre Hände. »Willst du das?«
-Sie sah an ihm vorbei und schüttelte leise den Kopf. »Kind,«
-flüsterte er, »ich brauchte dich ja nur umzufassen und zu küssen,
-denn ich sehe durch dich hindurch wie durch Glas. Aber ich will
-das eben nicht, denn ich liebe dich. Also du gibst mir keine, aber
-auch gar keine Hoffnung?« Abermals schüttelte sie den Kopf.
-»Na, dann vereinfacht sich der Fall, und die Sache liegt so: dann
-stehe ich hier ganz allein, Grete und die Kinder da, und du dort.
-Denn von dem Augenblicke an, daß ich weiß, ich habe keine Hoffnung
-mehr, habe ich keine Verwendung mehr für das, was man
-Herz nennt. Also reden wir von etwas anderem.«</p>
-
-<p>Er pfiff leise vor sich hin und malte weiter. »Weißt du, Swaantje,«
-fing er dann an, »was ich glaube? Du hast eigentlich recht!
-Im Grunde passen Männer und Frauen überhaupt nur so zueinander
-wie die Nuß und die Hülle. In der Jugend halten sie<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-zusammen; sind sie reif, dann verlieren sie den Zusammenhang,
-weil jeder sich auf sich selbst besinnt. Wenn Stahl und Stein zusammenkommen,
-gibt es rote Liebesfunken; aber Stahl bleibt
-Stahl und Stein Stein; höchstens splittert der eine etwas ab,
-und der andere kriegt Kratzen. Zu was also das ganze Gehampel?
-Ich bin ein Mann von über vierzig, du gehst auf die dreißig;
-die schönste, dümmste Zeit liegt hinter uns. Darum tun wir gut,
-vernünftig zu sein. Der eine stickt sich ins Grab, der andere malt
-sich hinein, derweilen das junge Blut sich liebt und küßt und
-Wonne und Weh leidet. Ein Segen, daß wir beide klüger sind.
-Nicht, Swaantje?«</p>
-
-<p>Das Mädchen sah ihn hülflos an; ihr Gesicht war blaß und
-mager. Er ging zu ihr und streichelte ihr die Backen. »Arme
-Kleine! So quälen wir uns beide, aus Feigheit, aus Rücksicht,
-aus Mangel an Naivheit. Bald ist es Winter. Anstatt daß wir
-uns der letzten Blumen freuen, gehen wir daran vorüber. Nachher
-tut uns das leid.« Er steckte sich eine Zigarre an. »Na,
-vielleicht komme ich doch noch darüber hinweg, obgleich ich das
-nicht hoffen will, denn dann danke ich bestens für mich.«
-Swaantje sah ihn ernst an. »Helmold, du hast doch noch immer
-deine Kunst!« Er lachte lustig: »Ich pfeife darauf! Kunst, weißt
-du, was das ist? Ungelebtes Leben! Sieh dir die Griechen an;
-nie hat ein unglücklicheres Volk gelebt. Sie waren sehr unglücklich;
-sonst hätten sie es nicht in der Kunst so weit gebracht. Die
-Römer hatten keine Kunst, die lebten ein lebendiges Leben. Die
-Kunst ist wie ein Spiegel; vorne Farbe und Leben, hinten Pappe.«</p>
-
-<p>Er ging an den Bücherschrank, nahm den Angelus Silesius
-heraus, schlug ihn auf, reichte ihn Swaantje und sagte: »Lies
-die grün angestrichene Stelle.« Das Mädchen las und bekam
-ganz enge Lippen, denn da stand: »Die Braut verdient sich mehr
-mit einem Kuß um Gott, denn alle Mietlinge mit Arbeit bis in<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-den Tod.« Er nickte ihr spöttisch lächelnd zu: »Ja, der frumbe
-Mann wußte Bescheid; die Liebe ist alles, das andere ist nichts.
-Aber: wie du willst! Mögest du nie wissen, was Reue ist! Ich
-weiß es. Als ich ein junger Kerl war, gab ich unserem netten
-Dienstmädel mal einen Kuß, rein aus Übermut. Als ich zu Bette
-ging, machte sie leise ihre Kammertüre auf und flüsterte: ›Gute
-Nacht, Herr Hagenrieder.‹ Ich wollte aber keinen Unfug machen
-und nickte ihr nur zu. Am anderen Tage fuhr ich nach München.
-Die Augen, die das Mädchen mir machte, als ich an ihr vorbei
-aus dem Hause ging, vergesse ich mein Leben nicht, und wenn
-ich einmal in die Hölle komme, so ist es wegen einer Unterlassungssünde.«</p>
-
-<p>Seine Frau kam herein. Mit scheinbarer Unbefangenheit schlug
-sie für den Nachmittag einen gemeinsamen Spaziergang vor.
-Helmold nickte. »Mir ist alles gleich,« sagte er. Aber im Walde
-wuchs seine Übellaune von Minute zu Minute; die schlaflosen
-Nächte wirkten nach. So wurde es ein ungemütlicher Spaziergang.
-Mit zersetzender Geistreichigkeit machte er sich über die
-Natur, das Wetter, die Menschen und die ganze Welt lustig, und
-quirlte auf dem Heimwege Ernst und Hohn so durcheinander,
-daß seine Frau und Swaantje die kalte Angst in das Genick
-faßte.</p>
-
-<p>»Weißt du, liebe Grete,« meinte er, »du müßtest eigentlich Romane
-schreiben, denn du hast ein bedeutendes Erfindertalent. Sieh
-mal, dieser hier, in dem wir drei die Hauptpersonen sind, ist doch
-einfach eine glänzende Leistung. Sag' mal, wie hast du dir den
-Schluß gedacht? Blumenthal-Schönthansch oder Shakespeare-Sophokleïsch?
-Hm? Denn du hast doch ein Ziel gehabt, als du
-das erste Kapitel anfingst?«</p>
-
-<p>»Wißt ihr was, Kinder,« und er nahm in den einen Arm
-Grete und in den anderen Swaantje, »wir wollen uns hinsetzen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-und jeder einen Schluß schreiben, oder habt ihr zwei beiden
-schon einen fertig? So scheint mir das wenigstens. Ich bin in
-der Beziehung etwas unbegabt. Bin überhaupt ein dummes
-Luder, das alles ernst nimmt, was seine Frau im Scherz sagt.
-Vor sieben Jahren sagte sie: ›Die Hauptsache ist, Helmold, daß
-wir beide immer gute Freunde bleiben.‹ Heute weiß sie nichts
-mehr davon, denn die Hauptwaffe der Frauen ist das abstellbare
-Gedächtnis.«</p>
-
-<p>Ȇbrigens: wie famos die Schatten da sind! Genau so wie
-die, die deine Worte über mein Herz warfen; das sieht wie ein
-rotes Zebra aus. Ihr könnt es später auf den Jahrmärkten sehen
-lassen. Und das da ist die Venus, der sogenannte Liebesstern. Sie
-zittert; ihr ist kalt. Mir auch. Ach, Kinder, ist das ein schöner
-Abend! Sieh, da ist ja auch der Mond. Na, Kerl, was sagst du
-nun? Jetzt habe ich die beiden Frauen, die laute und die leise; es
-fehlt nur noch der Schimmel und die Wölfe, die sich um Männerköpfe
-beißen. Kerl, es ist alles Schwindel, alles; ich habe überhaupt
-keine Frau, nur eine Frau Gemahlin, geborene Möllering.«
-Er pfiff sein frechstes Lied.</p>
-
-<p>Zum Abendessen kam Hennecke; Grete hatte ihn herbeigebeten
-und ihm gesagt, wie es um Helmold stand. Beim Essen wurde
-von der Sache nicht gesprochen. Hinterher sprach er erst mit
-Helmold und versuchte, ihn umzustimmen; das gelang ihm nicht.
-Dann ging er zu Grete. Swaantje kam in das Zimmer. Nach
-einem langen Schweigen fragte sie ihren Vetter: »Weiß er es?«
-Er nickte: »Ja, von Grete, von mir nicht.« Das Mädchen fragte
-weiter: »Was denkt er von mir?« Sie zuckte zusammen, denn
-ein Blick wie ein Messer streifte sie. Und abermals zuckte sie zusammen,
-als Helmold antwortete: »Das denkbar Schlechteste,«
-und zum dritten Male, als er fortfuhr: »nämlich, daß du dich
-völlig als Dame benommen hast!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p>
-
-<p>Er ging im Zimmer auf und ab: »Ich bin mit ihm fertig, denn
-er hat dich in meinen Augen herabgesetzt. Er sagte: ›Sie ist ein
-Weib, also auch nicht wert, daß man ihretwegen auch nur ein
-einziges Haar grau werden läßt.‹ Er denkt nicht besonders
-von euch. Als ich ihm Gretes Verhalten darstellte, lachte er und
-sagte: ›Darüber wunderst du dich? Nimmst du denn Frauen
-ernst? Mein Lieber, du bist über vierzig! Freu' dich, daß es Kinder
-sind und bleiben, die nicht aus Gemeinheit unwahr sind sondern
-aus Instinkt.‹ Na ja, die Mädchen, mit denen er verkehrt, mögen
-so sein. Ich denke besser von Grete und von dir, oder dachte so,
-und deshalb bin ich so elend geworden.«</p>
-
-<p>Er ging auf das Mädchen zu, gleich als wollte er sie anfassen;
-sie sprang auf und stellte sich hinter den Sessel. Er schüttelte belustigt
-den Kopf: »Habe keine Angst; ich will dich nicht mehr.
-Das eine Wort: ›es ist mir peinlich‹ hat mir gezeigt, wer du bist.
-Und wenn wir beide eine Woche allein wären, und du trügest
-jeden Tag das weiße Kleid, ich würde stets die Dame in dir achten,
-die Dame, die umfällt, wenn ihr eine Maus über den Weg läuft,
-und die den einzigen Mann, der das Weib in ihr sah, und den
-sie zum Sterben liebt, aus ganz gemeiner Feigheit umkommen
-läßt. Ich will dir etwas zum Andenken schenken.« Er ging in
-das Atelier und kam mit einem gerahmten Pastellbildchen wieder.
-Es stellte einen Sarg dar, der auf zwei Stühlen mitten in einer
-Wiese stand; in dem Sarge lag Helmold Hagenrieder, wie er nun
-war, und sah spöttisch auf Helmold Hagenrieder hinab, wie er
-einst war.</p>
-
-<p>Swaantje legte das Bild entsetzt fort und sah verstohlen ihren
-Vetter an. Sie fand, daß seine Schläfen ganz grau waren, und daß
-er Altemannsfalten über dem Munde und neben den Augen hatte.
-Sie stand auf und ging auf ihn zu, aber da kam Hennecke mit Grete.</p>
-
-<p>Um Mitternacht gingen Grete und Swaantje zu Bett; Helmold<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-und Hennig saßen noch lange auf. Hennecke versuchte in seiner
-ruhigen Art dem Freunde aus dem Gestrüpp herauszuhelfen.
-Helmold hörte geduldig zu, aber dann sagte er: »Du hast vollkommen
-recht, und Grete hat recht, und Swaantje hat recht.
-Hier handelt es sich aber nicht darum, sondern darum: soll ich
-leben oder sterben? Ich glaube übrigens, es ist für das eine schon
-zu spät; denn ich bin bereits tot!«</p>
-
-<p>Er sah Hennig mit harten Augen an: »Sage mal, Grete sagte
-vorhin, du hättest gesagt: ›Wenn ich eine Schwester hätte, und
-ein verheirateter Mann näherte sich ihr in der Weise, wie es hier
-vorliegt, den schösse ich tot.‹ Ist das wahr? Hast du das gesagt?«
-Hennecke bekam einen schmalen Mund: »Muß ich antworten?«
-Der andere nickte, ihn starr ansehend, und Hennig
-antwortete: »Nein, das hat deine Frau gesagt, nicht ich; das
-konntest du dir doch wohl gleich denken.« Helmold holte schwer
-Luft: »Um dir zu beweisen, was aus mir geworden ist; als Grete
-mir das sagte, antwortete ich ihr: ›Hat er das gesagt, dann kenne
-ich ihn nicht mehr.‹ Wer nur im geringsten gegen mich ist, ist
-mein Feind. Pfui, wie kann eine Frau so handeln!« Hennecke
-zuckte die Achseln: »Was soll sie machen? Sie ist eine Frau! Sie
-hat andere Ehrbegriffe, sie kennt nur eine Moral: ihren und der
-Ihren Vorteil. Du hast deiner Frau viel zu danken und darfst
-ihr die Unbesonnenheit, die doch lediglich ein Ausfluß ihrer arglosen
-Natur ist, nicht übelnehmen.«</p>
-
-<p>Das hatte sich Helmold schon viele hundert Male selbst gepredigt;
-darum sah er seine Frau am anderen Morgen doch böse
-an, als sie sagte: »Swaantje fährt heute; sie leidet zu sehr.« Er
-sagte erst nichts, aber dann trat er auf sie zu und nahm sie in den
-Arm. »Grete,« bat er, und seine Stimme war wie eine Nacht
-ohne Mond und Sterne, »sei doch nicht so hart! Sieh mal, ich
-sterbe daran. Ich kann doch nichts dazu. Du sagst, du liebst mich;<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-beweise es mir!« Seine Frau machte sich von ihm los; ihre Stimme
-klang spitz, als sie antwortete: »Was soll ich denn tun? Wenn
-es irgend jemand anders wäre; aber meine eigene Kusine?« Er
-sah sie starr an. »Erinnerst du dich, was du mir sagtest, als ich
-von Swaanhof zurückkam?« Sie zuckte die Achseln: »Was sollte
-ich machen? Du warest krank, und ich dachte ja auch, daß deine
-Liebe zu Swaantje lediglich Mitleid sei. Ich habe nicht geahnt,
-daß du derartige Absichten hattest!«</p>
-
-<p>Da polterte er los. Er legte sich so wenig Zwang auf, daß
-Swaantje entsetzt hereingestürzt kam. Aber auch da bremste er
-sich nicht, sondern schüttelte alle die Angst und die Wut und allen
-Kummer und Grimm vor den beiden Frauen aus. Als er herauszischte:
-»So höre denn: ich liebe dich nicht nur nicht mehr, ich
-hasse dich. Du hast mich von oben bis unten belogen, hast kein
-Mittel gescheut, um mich zu zerbrechen, hast sogar meinen einzigen
-Freund gegen mich auszuspielen versucht. Ich bin fertig mit
-dir!« und seine Frau den Hieb damit zurückgab, daß sie ihm eine
-Scheidung vorschlug, da lachte er und sagte: »Schön! Doch gehst
-du, so sieh zu, wie du leben willst. Mir ist es recht, aber ich
-kümmere mich dann in keiner Weise weiter um dich, und die Kinder
-bleiben bei mir. Oder sie können wählen, denn mir liegt jetzt an
-nichts mehr etwas, und sie ähneln ja auch dir mehr als mir. Sobald
-du den ersten Schritt tust, verkaufe ich alles, was mir gehört,
-und gehe irgendwohin, wo nicht Weiberköpfe, sondern
-Männerfäuste herrschen; denn dieses ganze verfluchte Land mit
-seinem verbildeten Gesindel ist mir ekelhaft.«</p>
-
-<p>Grete, die ganz weiß aussah, bekam einen roten Kopf, und ihre
-Augen funkelten, als sie rief: »Ich denke, du willst dir Swaantjes
-Liebe erringen; meinst du, daß dieses der Weg dazu ist?« Er
-lächelte freundlich: »Nein, denn ihre Liebe habe ich. Mir liegt
-übrigens nichts mehr daran. Jetzt kannst du sie mir schenken, und<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-ich nehme sie nicht. Außerdem ist das meine ureigenste Angelegenheit,
-ob ich Swaantje liebe oder nicht, und geht weder dich noch
-sie etwas an. Überhaupt liebe ich sie nicht mehr; ich liebe das
-Gespenst meiner Liebe zu ihr. Ich kann keine Menschen mehr
-lieben, denn ich bin tot. Mein Herz ist nicht mehr da; ich habe
-eine Fiedel daraus gemacht und spiele jede Farbe darauf, die es
-gibt. Ich bin Künstler geworden; aber ein Mensch bin ich nicht
-mehr. Das habe ich euch zu verdanken, dir, liebe Grete, und dir,
-Swaantje; ich danke euch herzinnig dafür.« Er küßte beiden die
-Hand und ging in die Werkstatt.</p>
-
-<p>Ruhig und besonnen arbeitete er an seinem neuesten Bildnisse
-weiter. Da fielen seine Blicke auf die Saharabilder, und auf Wodes
-Zorn. Er stutzte, rückte die Bilder zurecht, trat zurück, und dann
-nahm er den breitesten Pinsel, tauchte ihn in einen Farbentopf
-und strich mit festen Zügen die Bilder aus.</p>
-
-<p>Als er fast damit fertig war, trat Swaantje ein. Er ließ sich
-nicht stören und erst, als sie trocken aufschluchzte, sagte er: »Nun
-sag' bloß noch: ›Die schönen Bilder!‹, und dann müßte Grete noch
-sagen: ›Das schöne Geld!‹, und dann hätte ich einen Grund, einmal
-wieder von Herzen zu lachen.« Aber als er das Mädchen
-genau ansah, sprang er zu, geleitete sie zu dem Sessel und rückte
-einen anderen daneben, in den er sich setzte. Er faßte ihre Hand:
-»Ich weiß, ich weiß, Kind, in welcher schweren Herzensnot du
-dich befindest, und wie sehr du darunter leidest, und daß Grete so
-unglücklich ist. Aber bedenkt ihr denn nicht, daß ich mehr bin als
-ein beliebiger Herr Soundso? und daß ihr, helft ihr mir, einem
-Manne das Leben neu schenkt, der dazu berufen ist, seinem Volke
-große Werte zu schaffen? Wiegt das nicht die ernstesten Bedenken
-auf? Und ich will ja so wenig, will weiter nichts, als ein bißchen
-Hoffnung, mit offenen ehrlichen Händen gegeben. Und darum
-bitte ich dich: gib mir einen Kuß, einen einzigen, einzigen Kuß;<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-ich will dir alles dafür geben, was ich habe: meine ganze Vergangenheit
-und alle meine Zukunft.«</p>
-
-<p>Bittend sah er das Mädchen an; aber als sie schwieg und an
-ihm vorbeisah, stand er auf. »Swaantje,« rief er, »du weißt,
-meine besten Bilder habe ich behalten. Ich schenke sie dir. Mache
-damit, was du willst! Gib sie irgendeinem Schuster; er darf auch
-sein Zeichen darunter setzen. Aber gib mir einen Kuß, oder laß
-dich von mir küssen! Nur ein einziges Mal, sonst geht es so nicht
-mehr weiter. Neulich, in der Bar, habe ich Heulkrämpfe gekriegt,
-daß alle die leichten Mädels und sämtliche schwergeladenen Gäste
-es mit der Angst bekamen. Ich bin fertig. Ich heule jede dritte
-Nacht mein Kissen naß. Grete merkt das nicht; aber sieh dir einmal
-die Augen an, mit denen unsere Luise mir nachsieht. Das
-Mädchen ist verlobt, und sie hat ihren Schatz gern. Aber, wenn
-ich winke, kommt sie; aus mütterlichem Mitleid. Alle Frauen und
-Mädchen sehen mich an, als wollten sie mich in den Arm nehmen,
-so dauere ich sie. Und ich komme mir vor, wie ein ganz kleines
-Kind, das liebgehabt werden will, weil es hungert und friert.
-Was habe ich früher die Leute beneidet, die sorglos leben konnten
-und die, die sich mit Lob wuschen und in Ruhm badeten. Jetzt bin
-ich so gut wie berühmt, was ich male, ist Gold wert; ich beherrsche
-die Technik autokratisch. Aber ich bin ärmer als damals in München,
-als ich mit der Miezi in einer Bodenkammer lebte und froh war,
-wenn ich Brot und Wurst hatte. Meine Haare sind grau geworden,
-meine Augen sind kalt, und mein Herz vereist langsam. Meine eigene
-Frau stieß mich in den Tod, und du stehst dabei und siehst zu. Hätte
-ich nicht diesen Indianerkörper, ich wäre längst auch leiblich tot.«</p>
-
-<p>Er trat dicht vor das Mädchen hin und sah sie lange an; sie
-blickte an ihm vorbei. »Du leidest ebensoviel wie ich, Swaantje,«
-begann er endlich wieder; »vielleicht noch mehr, denn du hast
-Angst zu sprechen, und du wagst nicht mich anzusehen. Ich will<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-dich auch nicht weiter quälen, denn du tust mir sehr leid, und ich
-liebe dich mehr als je zuvor. Was ich vorhin sagte, war nichts
-als Wut. Ich werde dich immer lieben, so oder so, auch wenn
-ich tot bin.« Sie zuckte zusammen. »Habe keine Angst, ich töte
-mich nicht. Es hätte gar keinen Zweck mehr; denn ich bin schon
-tot. Tote darf man küssen, Swaantje, darf man auf Nimmerwiedersehen
-küssen, denn sie küssen nicht wieder. So gib mir
-denn den einen Kuß.« Er beugte sich zu ihr, faßte sie um Kinn
-und Nacken und näherte seinen Mund ihren Lippen. Aber je
-näher er ihr kam, um so mehr versteckten sich ihre Lippen, um so
-starrer sah sie gegen die Wand, um so krampfhafter hielt sie den
-Atem an, und so streifte er mit den Lippen eben ihre Stirne, ließ
-sie los und ging aus der Werkstatt.</p>
-
-<p>Beim Mittag war er sehr ruhig, sprach auch ganz freundlich
-mit seiner Frau und scherzte mit den Kindern. Als Swaantje reisefertig
-war, fragte er: »Darf ich dir einmal schreiben?« Sie
-schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen. Dann sagte er ganz
-geschäftsmäßig: »Dein Bild schicke ich dir, wenn es fertig ist.
-Die weiße Haide muß heraus; sie drückt zu sehr auf dein Gesicht.
-Überhaupt habe ich in der letzten Zeit viel Quatsch gemalt; ich
-hatte ja auch meist Fieber. Ich werde jetzt nach Stillenliebe fahren;
-vielleicht hilft mir die Jagd. Und nun, liebe Swaantje, verzeihe
-mir alles, was ich dir antat. Ich bin krank, sehr krank. Und ich
-will mir Mühe geben, daß hier wieder alles so wird wie früher.
-Lebe wohl; der Wagen ist da!« Er reichte ihr die Hand hin; sie
-legte die ihre lose hinein, ohne ihn anzusehen, und ging die Treppe
-hinab, wo Grete sie erwartete.</p>
-
-<p>Beide stiegen ein, ohne sich umzublicken. Er sah dem Wagen so
-lange nach, bis er um die Ecke verschwand; dann ging er in die
-Werkstatt, und Gift und Galle, seine beiden Teckel, folgten ihm
-mit gesenkten Ohren und hängenden Ruten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Platzhirsch">Der Platzhirsch</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Am anderen Morgen fuhr er nach Stillenliebe; neben ihm auf
-der Bank lagen Gift und Galle, seine Hunde, und Gift und Galle
-waren auch in ihm.</p>
-
-<p>Er hatte, unterdes Grete und Swaantje zur Bahn fuhren und
-er in der Werkstatt mit Sweenechien Bilder besah, die Ereignisse
-der letzten Zeit überdacht und einen dicken Strich unter sich und
-Swaantje gezogen. »Das muß ein Ende haben,« sagte er sich
-und nahm sich vor, recht nett zu seiner Frau zu sein.</p>
-
-<p>So nahm er sie in den Arm, als sie zurückkam, küßte sie und
-sagte: »Ich will morgen nach Stillenliebe; sonst wird der Prinz
-öde. Hör' mal, er schreibt: Die Hirsche schreien, wenn auch nicht,
-wie es fälschlich in der Bibel heißt, nach frischem Wasser, sondern
-nach passender Damenbekanntschaft, aber auch nach dir, vorzüglich
-der Schadhirsch vom Schandenholz, der schon letzten
-Herbst sterben sollte. Jetzt ist er aber reif; er hat einen braven
-Zwölfender zu Tode geforkelt. Also!«</p>
-
-<p>Helmold hatte gelacht, als er seiner Frau den Brief vorlas.
-»Dem will ich es besorgen, Grete! Er steht in der unzugänglichsten
-Ecke, und deswegen hat ihn mir der Prinz so lange eingemottet,
-denn er weiß, bei mir heißt es: je leichter, desto langweiliger!
-Das ist ein Hirsch, den man nur auf den Ruf schießen
-kann, denn er tritt niemals bei Büchsenlicht aus der Dickung.
-Na, dann machen wir es eben, wie Mohammed mit dem Berge!
-Es ist ein ganz alter Bursche, der aber nur ein Gabelgeweih<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-trägt und deswegen jahrelang als Schneider durchgegangen ist,
-und keiner ahnte, daß er der Mordhirsch war. Und wir sind gute
-Bekannte; vor zwei Jahren schrie ich ihn mir bis vor die Stiefelspitzen;
-aber ehe ich den Finger krumm machen konnte, bekam
-er Wind. Dieses Mal aber soll er daran glauben, oder ich will
-die Kunst nicht verstehen.«</p>
-
-<p>Er legte die Hände vor den Mund und machte eine Brunft im
-vollen Gange nach, vom Mahnen des Kälbertiers bis zum Orgeln
-des Platzhirsches, so daß Luise, die frisches Trinkwasser brachte,
-entsetzt aufschrie und die Flasche fallen ließ. »Ich kann's noch,«
-lachte Helmold; »Demonstratio ad Luisam! Morgen früh ziehe
-ich zu Holze; ich habe nun doch ein bißchen zu viel Farben verblutet
-seit vorigem Herbste, und mein Vorrat von Arbeitslust ist
-alle. Und das ist ein Zeichen, daß die roten Blutkörperchen bei
-mir sparsam werden.«</p>
-
-<p>Als er so prahlte, bekam Grete ihre lichte Laune wieder. Sie
-holte den kornblumenblauen Samtkasten hervor und kramte die
-Mohnblumenkarten aus. »Bekomme ich dieses Mal wieder
-welche?« fragte sie, indem sie sich auf die Sessellehne setzte und
-ihm das Haar kraulte. Sein Herz beschattete sich; er dachte an
-die Mohnblumenkränze, die sie ihm über das Bett gehängt hatte.
-Aus Seidenpapier waren sie gewesen. Er machte seinen Kopf
-los und sagte kühl: »Gewiß, wenn dir an papiernen Blumen so
-viel gelegen ist.« Sie stand auf, und als er ihr Gesicht im Spiegel
-sah, bemerkte er, daß ihre Augen hart und ihre Lippen unbarmherzig
-aussahen; alle die guten Vorsätze, die er am Nachmittage
-gefaßt hatte, fielen zu Boden und zerbrachen.</p>
-
-<p>»Bitte, sage dem Mädchen, sie solle mir einen Wagen zum
-Siebenuhrzuge bestellen und dieses Telegramm besorgen, und
-jetzt will ich packen. Zwei Wochen bleibe ich mindestens fort,«
-sagte er trocken und ging in die Werkstatt. Dort blieb er bis<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-Mitternacht und ging schlafen, ohne seiner Frau den Gutenachtkuß
-zu bringen. Über Nacht knabberten viele graue Gedanken an
-seiner Seele; drei Uhr wurde es, ehe er einschlief, und als er am
-anderen Morgen in das Zimmer seiner Frau ging, stand das
-harte Gesicht, das ihm am Abend der Spiegel gezeigt hatte,
-zwischen ihm und ihr, so daß er mit einem losen Händedruck Abschied
-nahm.</p>
-
-<p>Es war ein frischer, sonniger Herbsttag, und die Landschaft sah
-lustig aus. Sonst hatte er sie während der Fahrt immer liebkost;
-nun behandelte er sie schlecht; sie langweilte ihn. »Schwindel!«
-dachte er, als er sah, daß hier und da einzelne Büsche sich in
-schreiende Farben gehüllt hatten; »Plunder, nicht echt!« Selbst
-seine guten Freunde die Kiefernwälder und Haidberge zerfetzte
-er mit höhnischen Blicken, und als er die gewaltigen Schirmkiefern
-neben der alten Hammerschmiede sah, sonst sein Entzücken,
-lächelte er verächtlich.</p>
-
-<p>Auf einer Haltestelle stieg ein hübsches Bauermädchen ein, das
-ihn mit ungescheutem Verlangen ansah, denn keine Kleidung
-stand ihm so gut wie der verschossene Lodenanzug. Erst achtete
-er wenig auf sie, dann aber dachte er: »Und kann es nicht die
-Lilie sein, so pflück' ich mir das Röselein,« und da das Mädchen
-gegen die Sonne sehen mußte, machte er ihr neben sich Platz und
-sagte: »Komm hier sitzen, Mädchen, denn so hast du die Sonne
-nicht im Gesicht.« Sie wurde vor Verlegenheit ganz rot, setzte
-sich aber sofort zu ihm. Er dachte daran, daß er sich über Nacht
-gelobt hatte, sich fortan so viel Zucker in den Kaffee zu werfen,
-wie er kriegen konnte, denn ihm war eine der blödsinnig klingenden
-Weisheiten Henneckes eingefallen. Als sie eines Abends durch
-den Wald gingen, hatte Hennig ärgerlich brummend den Kopf
-geschüttelt, und als er ihn fragte, was ihm fehle, geantwortet:
-»Ich habe verdammt vergessen, mir heute morgen Zucker in den<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-Kaffee zu schmeißen, und das kann ich mein Leben lang nicht
-wieder einholen.«</p>
-
-<p>Er sah das Mädchen genau an; sie strotzte vor Kraft und
-Frische und wurde jedesmal rot, wenn er sie anblickte. Er schlug
-sie auf die Lende: »Wo soll die Reise hin, Lüttje?« Sie wurde
-rot: »Nach Ohlenwohle!« Er sagte ganz trocken: »Hast du aber
-Dusel! Dann fährst du ja anderthalb Stunden mit mir zusammen!«
-Nun mußte sie lachen, und sie litt es, daß er den Arm
-hinter ihren Rücken schob, und als er fragte: »Hast du auch keine
-Bange vor mir?« schüttelte sie lustig den Kopf. »Ich bin aber
-ein ganz gefährlicher Kerl,« flüsterte er und zog sie an sich; »glatte
-Mädchen mag ich zum Fressen gern. Paß mal auf, jetzt geht's
-los!« Er drückte sie und küßte sie.</p>
-
-<p>Die Hunde hoben erstaunt die Köpfe; er warf den Jagdmantel
-über sie: »Das ist nichts für kleine Kinder,« sagte er, und zog
-das Mädchen auf den Schoß. »Magst mich leiden?« Sie nickte
-und sah ihn verliebt an. Sie blieben anderthalb Stunden allein,
-denn auf der nächsten Haltestelle steckte Helmold dem Schaffner
-einen Taler in die Hand. Als der Zug dicht vor Ohlenwohle
-war, sagte das Mädchen: »H' ach Junge! Na, wenn
-das unsere Mutter wüßte! Und nicht wahr, du besuchst
-mich mal?« Er küßte sie und sagte: »Ich wäre schön dumm,
-wenn ich das nicht täte. Auf Wiedersehn, und schönen Dank
-auch, Mariee!«</p>
-
-<p>Als er in Stillenliebe ausstieg, hatte er wieder einen frischen
-Mund und fröhliche Augen. Der Prinz erwartete ihn mit dem
-Jagdwagen. Er gab ihm die Hand und meinte: »Du wohnst
-am besten im Blauen Himmel, von da hast du eine knappe
-Stunde bis zum Schandenholz; vom Jagdhause sind es anderthalb.
-Die Zimmer habe ich schon belegt, das heißt von morgen
-ab, denn heute mußt du mit zum Jagdhause. Der Wind ist für<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-das Schandenholz nicht gut, und außerdem will ich dich einmal
-wieder für mich haben. Ist dir doch recht?«</p>
-
-<p>Frau Sophiee Pohlmann, die Wirtin des Blauen Himmels,
-stand in der Türe des Kruges, als der Wagen vorfuhr; die junge
-Witwe sah in dem blauen Waschkleide mit der weißen Latzschürze
-zum Anbeißen aus. Sie lachte über das ganze Gesicht, als sie den
-Maler sah. »Das ist aber schön, daß Sie sich einmal wieder sehen
-lassen, Herr Hagenrieder!« rief sie, vor Freude errötend, als er
-ihr die Hand schüttelte; »ein ganzes Jahr sind Sie nicht hier gewesen.
-Ich dachte schon, Sie wollten uns untreu werden.« Sie
-machte ein enttäuschtes Gesicht, als er sagte, er bliebe den Tag
-im Jagdhause.</p>
-
-<p>Als er am anderen Mittag mit dem Prinzen in der Wirtschaft
-vorfuhr, lachte sie aber schon wieder. Sie ging ihm nachher in
-sein Zimmer nach und fragte: »Ist auch alles so richtig?« Er
-machte die Türe zu und sagte: »Jetzt ja!« und damit faßte er
-die Frau um und küßte sie. Sie stemmte ihre Hände gegen seine
-Schultern: »H' ach, Herr Hagenrieder,« stöhnte sie, »wenn aber
-jemand kommt!« Er lachte übermütig, ohne sie loszulassen.
-»Möchte das keinem raten, dem seine heilen Knochen lieb sind.«
-Er ließ sie los, stellte sich vor sie hin und befahl: »Kuß!« Mit
-niedergeschlagenen Augen, feuerrot im Gesichte, kam die hübsche
-Frau näher, legte ihm die Hände auf die Schultern, hob sich auf
-den Zehenspitzen und küßte ihn. »So recht, mein Mädchen, so
-schön, mein Kind, so brav, mein Zuckerchen!« lobte er, faßte sie
-um die Mitte und küßte sie, bis sie keinen Willen mehr hatte.</p>
-
-<p>»Mensch, du hast wohl seit acht Tagen nichts zu essen gekriegt!«
-sagte der Prinz, denn sein Freund kniete sich ganz gefährlich hinter
-die Mahlzeit. Der lachte und antwortete, indem er der Wirtin,
-die den Nachtisch hereinbrachte, einen kurzen Blick zuwarf, den sie
-mit einem langen zurückgab: »So hat es mir lange nicht geschmeckt,<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-wie heute, und wenn ich nun den Hirsch nicht kriege, will ich Karl
-der Große geheißen werden.« In der Türe drehte die Wirtin sich
-um und warf ihm einen heißen Blick zu. Brüne bekam ihn durch
-den Spiegel zu fassen, lächelte aber kaum.</p>
-
-<p>Die Wirtin brachte dann den Kaffee und viererlei Backwerk.
-»Frau Pohlmann,« meinte der Maler, »wenn ich vier Wochen
-bei Ihnen in Kost bin, passe ich in keinen Sarg mehr!« Die
-Wirtin lächelte ihn an: »Wie lange bleiben Sie denn, Herr Hagenrieder?
-Sonntag haben wir Danzefest!« Er schlug auf den Tisch:
-»Hipp hipp hurrjeh! Nun ist das Geschäft richtig!«</p>
-
-<p>Als der Prinz fortgefahren war, sagte der Maler zu der Frau:
-»Ich will jetzt eine Stunde schlafen; weck' mich um halbig dreie,
-Sophiee! Aber erst will ich einen Schlafschönkuß haben; das ist
-bekömmlicher, als der Kürassao, den der Prinz nach dem Kaffee
-nimmt. Also!« Er ließ den Kopf auf die Sofalehne fallen und
-klopfte auf seine Kniee; die Wirtin setzte sich auf seinen Schoß.
-»Ach, ich habe so viel gegessen, daß ich nicht küssen kann,« sagte
-er lachend; »das mußt du besorgen. Und ich bin so müde und so
-faul, daß ich nicht allein ins Bett finde. Denn so wirst du mich
-wohl hinbringen müssen; hm?« Die Frau kuschelte sich an seine
-Brust: »Geh vor,« flüsterte sie heiser, »ich komme gleich nach;
-ich habe sowieso oben Wäsche fortzupacken. Jetzt muß ich erst
-eben in die Küche.«</p>
-
-<p>Laut flötend ging er nach zwei Stunden durch das Dorf, die
-Büchse über den Rücken geschlagen. Für alle Menschen, die ihm
-begegneten, hatte er ein lustiges Wort, und für jedes Kind einen
-Apfel. Gift und Galle jagten kläffend die Spatzen von der Straße
-und trieben die Katzen über die Zäune, und Helmold fand, daß
-die Welt doch noch ganz nett sei. Er freute sich über die bunten
-Blumen hinter den Zäunen, über die Tauben, die vor ihm herflatterten,
-über den Turmfalken, der auf der Stoppel rüttelte,<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-und dachte: »Hol's der Teufel; Gott gibt's reichlich wieder!« Er
-war auch gar nicht ärgerlich, als er spät abends zurückkam, ohne
-seinen Hirsch gehört zu haben.</p>
-
-<p>Als er am anderen Nachmittage dicht vor dem Osterhohl war,
-kam er an einem kleinen Hause vorbei, das halb versteckt hinter
-gewaltigen Stechpalmenhorsten lag. Ein Mädchen stand in der
-Tür und sah ihm mitten in die Augen. Sie hatte ein volles, aber
-feines Gesicht, und ihre Augen sahen halb wie die eines Kindes
-aus, halb wie die einer Frau, die allerlei erlebt hat. Er ging auf
-sie zu: »Willst du mir Glück bringen, Mädchen?« Sie lachte ihn
-an: »Gerne, wenn ich es machen kann.« Er legte die Büchse auf
-den Boden. »So, nun spring dreimal darüber!« Sie nahm ihre
-Röcke zusammen und sprang, daß ihre hübschen Waden zu sehen
-waren. »Danke schön!« sagte er, nahm sie um die Mitte und küßte
-sie. »So, und nun schenk mir noch ein Glas Wasser!« Sie ging
-vor ihm in das Haus, und er folgte ihr. »Wie heißt du denn,
-Hübsche?« fragte er und setzte sich in den Spinnstuhl. »Annemieken
-Ahlmann,« antwortete sie und lächelte ihn an. »Hm,«
-meinte er; »nun laufe ich schon sieben Jahre hier herum und habe
-dich noch kein einmal gesehen.« »Ich Sie aber schon oft!« erwiderte
-das Mädchen; »aber Sie gingen immer so stolz vorbei.«</p>
-
-<p>Eine alte Frau kam herein. Sie kicherte, als sie Helmold sah,
-und zwang ihm ein Glas Buttermilch auf. »Ja,« sagte sie, »wir
-sind froh, wenn sich hier mal ein Mensch sehen läßt. Seit das
-mit Abbe gewesen ist, will keiner was mit uns zu tun haben. Und
-es war doch man ein Unglück. Ja, ja, das hitzige Geblüt, wer
-das hat, der kommt leicht zu Schaden. Na, denn viel Glück auch,
-junger Herr, und lassen Sie sich mal wieder sehen. Annemieken,
-zeige dem Herrn den Richteweg über die Osterhaide; das ist um
-die Hälfte näher.«</p>
-
-<p>Das Mädchen ging mit. Als sie im Holze waren, legte Helmold<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-den Arm um sie und küßte sie. Sie wurde rot und weiß nacheinander
-und fragte dann: »Kommen Sie Sonntag auch zum
-Erntebier?« Er nickte. »Aber mittanzen tun Sie wohl nicht?«
-Er nickte wieder. Sie wurde feuerrot und flüsterte: »Auch mit
-mir einmal?« »Aber sicher,« antwortete er; »ich glaube, mit dir
-tanzt es sich fein!« Sie nickte: »Ich kann mich tottanzen! Aber
-wir haben Unglück gehabt. Vater und Mutter sind an der Auszehrung
-gestorben und Abbe, mein Bruder, der hat den Verwalter
-von Ohlenhofen totgestochen, wo seine Braut diente. Würden
-Sie das nicht auch tun?« Er nickte: »Ganz sicher, wenn mir einer
-an meine Braut käme!« Da lachte sie und drückte sich fester an ihn.</p>
-
-<p>Als er eine Viertelstunde vor dem Schandenholze war, kehrte
-sie um. Er warf seinen Rucksack zu Boden und legte die Hunde
-ab. Er ging erst schnell über die Haide, aber je näher er dem
-Walde kam, um so kürzer wurden seine Schritte. Hinter einem
-mächtigen Wachholderbusche blieb er stehen und lauschte; es war
-alles still, nur die Goldhähnchen piepten. Er schlich unter dem
-Winde von Busch zu Busch, bis er das Hauptgestell übersehen
-konnte. Eine halbe Stunde blieb alles still, dann meldete halb
-rechts ein geringer Hirsch. Einen Augenblick später brach es dort
-und in voller Fahrt floh der Schneider über die Schneise; hinter
-ihm her dröhnte der Baß eines starken Hirsches. Von fern her
-schrie ein guter Hirsch, näher ein anderer. In der Dickung brach
-es, dumpfe Schläge erschallten; der Schadhirsch strafte ein Stück
-Wildpret ab. Helmold lachte; am liebsten hätte er geschrieen:
-»So recht, mein Hirsch!« Seine Augen funkelten, halb vor Freude,
-halb vor Haß.</p>
-
-<p>Langsam rauchte er und sah durch die Zweige des Wachholderbusches
-die Schneise entlang, die von den schrägen Sonnenstrahlen
-getigert war. Ein Fuchs schnürte dicht an ihm vorüber, ohne ihn
-zu wittern; ihm folgte ein Hase. Eine Weile saß er still, dann<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-rückte er zu Felde. Tauben schwangen sich in ihren Schlafbäumen
-ein; der Schwarzspecht rief zum letzten Male. Helmold lauschte
-angestrengt. Ab und zu gab der Platzhirsch ein halblautes Knören
-von sich. Die Sonne sank; hier und da glühte auf einem Kiefernstamme
-ein roter Fleck auf und täuschte ein menschliches Angesicht
-vor, verschwand und tauchte an einer anderen Stelle wieder
-auf. Im Kienmoore schrie ein guter Hirsch herausfordernd; drohend
-antwortete der Platzhirsch. Ein Kälbertier trat über das
-Gestell; das Kalb folgte. Warnend rief der Hirsch und zog bis
-an den Rand der Dickung; sein Atem flog weiß vor ihm her.
-Das Tier machte Kehrt und trat wieder zurück, und das Kalb
-trollte hinterher.</p>
-
-<p>Helmold lächelte kalt. »Der weiß mit den Weibsleuten umzugehen,«
-dachte er; »fällt ihm gar nicht ein, zu schmachten und
-zu betteln. Er nimmt sich, was ihm zukommt, kraft seines Geweihes.«
-Er überdachte das letzte Jahr. »Welch ein Narr bin ich
-gewesen! Hätte ich damals im Tödeloh zugepackt, so hätte ich
-nicht Nacht für Nacht in mein Kopfkissen hineinzuheulen brauchen.
-Und wäre ich Grete mit der Tatsache gekommen, so hätte sie sich
-geduckt.« Er schämte sich vor sich selber. Er hatte sich nackt vor
-ihr ausgezogen. »Ein schwerer Fehler! Frauen wollen den Mann
-über sich sehen; stellt er sich neben sie, so sehen sie auf ihn hinunter.
-Sobald sie wissen, man liebt sie wirklich, ist man schon
-verloren,« dachte er; »Mann und Weib sind Todfeinde; das ist
-es. Das Weib ist Realist, klebt an der Erde; der Idealismus, die
-Himmelssehnsucht des Mannes, ist ihm unbegreiflich, ja verächtlich.
-Urmensch ist es, handelt nur aus Instinkt. Ihre Hauptwaffe
-ist die Lüge, die Verstellung; unbewußt, darum so gefährlich,
-weil uns unlogisch erscheinend, unbegreiflich. Ihre Unwahrhaftigkeit
-ist primitiv, ist naiv.«</p>
-
-<p>Er drückte die Asche in der Pfeife herunter. »Sie müssen gedrückt<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-werden, soll ihre Liebe nicht ausgehen,« dachte er und lachte.
-»Auch Swaantje ist ein Weib; ich habe mir eine Göttin aus ihr
-gemacht. Magd soll das Weib dem Manne sein, nicht Herrin.
-Nie ist sie ihm Kamerad.«</p>
-
-<p>Es prasselte in der Dickung; der Hirsch trieb die Tiere zusammen.
-Dumpf schallte es; er forkelte ein störrisches Stück. »Ruppig
-muß man sie behandeln. Nietzsche hat recht: ›Wenn du zum Weibe
-gehst, vergiß die Peitsche nicht!‹ Erobert wollen sie sein, roh hingenommen.
-Wieviel Glück und Wonne hätte mir das Jahr
-bringen können, wäre ich meiner Natur gefolgt! Den Kameraden
-suchte ich in Grete; Wahnsinn! Suchte bei ihr Verständnis! Als
-ob es das zwischen Mann und Weib gäbe. Von Mann zu
-Mann, ja, und von Weib zu Weib, aber nicht über Kreuz. Der
-Hirsch ist klüger; er hält sich zum Hirsch, solange ihn die Liebe
-nicht zwickt, und ist es damit aus, läßt er das Frauensvolk stehen
-und sucht sich Kameraden, die so fühlen wie er selber.«</p>
-
-<p>Die Schlagschatten der Stämme fielen über das Gestell; hohl
-rief der Kauz; ein Bock schreckte in den Bleeken. Ganz selten schrie
-ein Hirsch; der Abend war zu lau und versprach Regen. Helmold
-stopfte sich eine neue Pfeife und steckte sie hinter dem Hute an.
-Er hielt Grete und Swaantje nebeneinander und schüttelte den
-Kopf. »Ein dreifacher Esel bin ich gewesen; eine Möglichkeit, die
-den beiden als eine Unmöglichkeit erscheinen muß, habe ich von
-ihnen erbeten. Ich war krank, sonst wäre ich nicht auf einen so
-irrsinnigen Gedanken gekommen. Bei beiden habe ich meinen
-Nimbus zerstört; sie sehen auf mich hinab. Das muß anders
-werden, denn«, er reckte die Brust, »denn ich will meinen Wunsch
-nicht verhungern lassen.«</p>
-
-<p>Er bohrte seine Blicke in die Dämmerung. »Und Grete, sie ist
-eine kluge und gute Frau. Sie ist eben Frau und kann deshalb
-kein Mensch in meinem Sinne sein; und die andere schließlich auch<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-nur so lange, als bis«, er stockte im Denken und sah mit harten
-Augen nach dem schwarzen Fleck, der auf der Schneise stand.
-Langsam hob er das Glas; es war ein Stück Wild, das sich dort
-äste; ein zweites und ein drittes trat dazu. Er nickte vor sich hin:
-Jawohl, so mußte es werden; er wollte sich mit Grete gut stellen,
-denn er liebte sie. Wenn er sie zuweilen zu hassen glaubte, so kam
-das daher, daß er ihr seine eigene Dummheit nachtrug.</p>
-
-<p>Er fuhr zusammen; mitten auf der Schneise stand ein Schatten,
-höher als die anderen. Das Glas versagte, aber es mußte der
-Hirsch sein. Dumpf dröhnte es und die anderen Schatten zogen
-in das jenseitige Jagen, von den Geweihstößen ihres Gebieters
-getrieben. »Wie viele mag er bei sich haben?« dachte Helmold.
-»Sicher zehn bis zwölf. Das ist für ihn der Begriff des Weibes,
-wie für mich die Zusammenstellung Greteswaantje; aber Sophiee
-und Annemieken und Mariee runden den Vollbegriff Weib erst
-ab. Denn ich bin mehr wert als zehntausend andere Männer,
-kann deshalb auch mehr Ansprüche machen. Und das werde ich,
-so wahr ich Helmold Hagenrieder heiße!«</p>
-
-<p>Er erhob sich, ging einige hundert Schritte zurück und stellte
-sich unter einer Schirmkiefer auf der Haide an. Der Abendstern
-stand blank über dem Walde. Er dachte an Swaantje; kühl betrachtete
-er sie und lächelte. Sie hatte mit Grete über den Roman
-gelacht, dieweil er mit zerrissener Brust am Boden lag; sie empfand
-es peinlich, als er mit einem Weidewundschusse im Wundbette
-saß. Er lachte tonlos vor sich hin: ›Was denkt er von mir?‹
-hatte sie gefragt. Ach ja, die Dame war stark in ihr. Eine kalte
-Wut schüttelte ihn. »Wenn sie jetzt hier wäre, würde ich ihr zeigen,
-daß ich ein Mann bin. Komm! würde ich sagen und sie würde
-kommen.«</p>
-
-<p>Kühl strich der Abendwind über die Haide und ruschelte in den
-gelben Moorhalmen. Helmold fröstelte es. Er knirschte mit den<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-Zähnen; er dachte daran, wie erbärmlich er sich angestellt hatte,
-als er in der Werkstatt um einen Kuß bettelte. »Hätte ich zugepackt,
-stände ich anders vor ihr da. Jetzt bemitleidet sie mich.
-Pfui Teufel! Und sie? Auch an ihr habe ich gesündigt, schwer
-gesündigt. Ich habe ihr vorenthalten, was ihr zukam; krank und
-elend habe ich sie gemacht, ebenso wie mich. Gedichtchen habe ich
-ihr geboten statt Küsse, Seufzer anstatt Liebkosungen. Schöner
-Held, der ich bin mit meiner schlappen Rücksichtnahme auf ihre
-Seele, auf Grete, auf die Verwandtschaft, die Gesellschaft, meine
-Stellung und ähnliche Albernheiten!« Höhnisch lachte die Scham
-ihn an. Er dachte an den Mühlenkrug, an Janna und Manna,
-an sein Lautenspiel und an die Lieder, die er den Mädchen sang.
-»Pfui, pfui; wie ein Schuljunge benahm ich mich!«</p>
-
-<p>Der Hirsch im Kienmoore schrie; er schrie sich bis in die Bleeken
-hinein. Der Schadhirsch antwortete und zog ihm näher. Helmold
-lauschte; blanke Freude lachte ihm aus den Augen. Die Hirsche
-standen sich gegenüber, der eine schrie dem anderen in das Gesicht.
-»Wundervoll,« dachte er, und ihm war, als wenn der eine feuerrot,
-der andere blutrot schriee. »Ein Leben von rot auf Rot;
-rote Liebe auf rotem Mord; das ist Leben!« Er dachte an einen
-Mann, der ihm einst mitten in sein Leben hineingegriffen hatte.
-An einem klaren Wintermorgen standen sie sich im weißen Walde
-gegenüber. Wie blödsinnig das war: die Zilinder, die Pelze, die
-Gummischuhe, die rotbraunen Handschuhe, und darin die Pistolen,
-und vor allem: die glattrasierten, höflichen Gesichter der Zeugen
-und die verbindlichen Manieren des Unparteiischen! Sein Gegner
-ebenso, und er selber nicht anders. Und dabei: zehn Schritt
-Barriere mit Vorgehen und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit.
-Er lächelte, denn er dachte daran, wie ihm sein Gegner den
-hohen Hut vom Kopfe schoß und in demselben Augenblicke mit
-einem schweren Schulterschusse umfiel. Hier der Seidenhut mit<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-dem weißen Atlasfutter im Schnee, da der Arzt bei dem Verwundeten,
-alle Wipfel voll von Goldhähnchengezirpe, die Luft
-erfüllt von den Locktönen der Kreuzschnäbel, und der von himmelblauen
-Schatten gestreifte Schnee, von der Sonne mit Demanten
-besät, und mitten darin ein großer herzförmiger roter Fleck und
-ein kleiner, der wie ein Kreuz aussah, und von dem lauter rote
-Kleckse bis zu der Stelle führten, wo der Arzt arbeitete; eine
-schöne Erinnerung!</p>
-
-<p>»O, ich habe auch solche,« dachte er, als er, die Hunde hinter
-sich, über die Haide ging; »und sogar eine ganze Menge.« Vor
-seinen Augen stand ein Tanzboden, niedrig und ganz mit Tabaksrauch
-gefüllt, und durch das Fenster flog, das Fensterkreuz und
-alle Scheiben mitnehmend, ein Gefreiter von den Oldenburger
-Dragonern, und der ihn so auf den Schwung gebracht hatte,
-das war der Einjährigfreiwillige Hagenrieder gewesen. Seine gewilderten
-Rehböcke fielen ihm ein und der Hirsch, den er auf
-einem Birkenbaume dreihundert Gänge weit über die Grenze geschleift
-hatte, und Tiedo Tiedsen, sein Konpennäler, der auszog,
-um den Buren gegen die Khakis zu helfen, und der das redlich
-besorgte, bis eine Kugel sein heißes Herz zur Ruhe brachte. Eine
-unbändige Lust packte ihn, die ganze Zivilisation auszuziehen und
-irgendwohin zu gehen, wo Kraft vor Recht geht und nur der
-Mann gilt, der am schnellsten im Anschlage ist. Aber dann dachte
-er: »Verpfuscht, zu spät!« Die drei wilden Blumen, die er die
-letzten Tage über am Wege gepflückt hatte, kamen ihm wertlos
-vor; er schlug einen Bogen, um nicht an Ahlmanns Hause vorbeizukommen,
-von dem ein kleines Licht herüberschimmerte, und
-er setzte sich im Krug in das Gastzimmer und nicht in die kleine
-Stube, wo er mit der Wirtin allein sein mußte.</p>
-
-<p>Es kamen nun einige regnerische Tage und die Hirsche schrieen
-nicht. Vergebens umschlich er das Schandenholz und pürschte<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-im Kienmoore; es blieb alles stumm. Jede Nacht trat der Schadhirsch
-aus, wie die Fährten auf der Haide wiesen, zog jedoch vor
-Tau und Tag wieder in die sichere Dickung. Am Sonnabend
-aber drehte sich der Wind und wurde hart und kalt, und sofort
-orgelten überall die Hirsche.</p>
-
-<p>Es war noch schwarze Nacht, als Helmold zu Holze zog, Gift
-am Schweißriemen. Unter dem Winde wartete er auf der Haide
-den Tag ab, in seinen Mantel gewickelt. Der Himmel war ganz
-hoch und sternenklar, und das Haidkraut starrte von Reif. Der
-Schadhirsch schrie zwischen den Krüppelkiefern in den Bleeken und
-zog dem Hirsche vom Kienmoore entgegen. Helmold hörte, wie
-die Geweihe aneinanderprasselten, und das Keuchen der beiden
-Kämpen war deutlich zu vernehmen. Ein heller Wind bewegte
-die Kronen der Kiefern und flüsterte in dem Haidkraute; im
-Osten zerriß die Nacht über dem Walde; Wanderdrosseln pfiffen,
-und im Moore weckten sich die Kraniche auf. Die Sterne gingen
-langsam nach Hause, und aus den unheimlichen Gespenstern
-wurden harmlose Wachholderbüsche.</p>
-
-<p>Der zweite Hirsch schrie schon wieder im Kienmoore. Helmold
-merkte sich ganz genau seine Stimme, während er langsam und
-bedächtig Brot und Speck aß. Als er damit fertig war, prüfte
-er mit nassem Finger die Windrichtung, nahm einen kleinen
-Schluck Kognak, zog den Mantel aus, legte den Rucksack ab,
-steckte den Hirschruf in die rechte Joppentasche, legte den Hund
-ab und deckte ihn mit dem Mantel zu, und sobald er Korn und
-Kimme zusammenbringen konnte, pürschte er sich an das Holz
-heran.</p>
-
-<p>Der Wind wurde noch schärfer; Helmold knöpfte die Joppe
-fest zu und zog den Gürtel enger. An der Ostseite bohrte der
-Morgen ein Loch in die Dämmerung und sah dadurch über die
-Haide. Der Hirsch im Kienmoore schrie noch einmal und verschwieg<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-dann. Helmold trat an den Rand des Hauptgestelles,
-prüfte den Wind und lauschte. Endlich hörte er es einmal linkerhand
-brechen; der Platzhirsch hatte seinen alten Stand eingenommen.
-Er hörte ihn ab und zu knören und vernahm, wie ein
-Kälbertier mahnte.</p>
-
-<p>Es war mittlerweile ganz hell geworden; die Meisen wachten
-auf, die Goldhähnchen piepten in den Zweigen, eine Krähe zerkrächzte
-die Stille. Helmold sah sich um; ein Mutterreh mit zwei
-Kitzen zog über das Gestell, dicht an dem Hasen vorbei, der still
-wie ein Baumstumpf da saß und nur die Löffel aufrichtete, als
-Helmold in den Bestand trat. Da sah es wild und wüst aus; der
-Sturm hatte vor Jahren einen Teil der untergebauten Fichten
-umgeschmissen, und den Rest hatte die Nonne umgebracht. Die
-von allerlei Gestrüpp bewachsenen Wurfböden erhoben sich überall,
-zwischen ihnen lagen kreuz und quer die hohen Stangen, von
-oben bis unten mit silbergrauen Flechten bezogen.</p>
-
-<p>Behutsam das Geknick meidend schob er sich von Stamm zu
-Stamm, die Büchse schußfertig in den Händen, mit den Augen
-das silbergraue Gewirr zerpflückend. Nichts entging ihm, weder
-die Fährte am Boden, noch der Dompfaff in dem Ebereschenbusch,
-nicht der Fliegenpilz unter der Birke, nicht die zerfetzte
-Rinde an den Malbäumen.</p>
-
-<p>Eine Stunde war vergangen, da hatte er erst zweihundert
-Schritte hinter sich, denn nach jedem Tritte machte er Halt und
-lauschte mit offenem Munde oder prüfte den Wind. Da hörte
-er den Hirsch knören. Langsam schob er sich hinter einen Wurfboden,
-langte die Muschel aus der Tasche und quetschte einen
-neidischen Ruf heraus; von drüben kam eine mürrische Antwort.
-Er ging, den Schritt eines Hirsches nachahmend, rücksichtslos
-durch das Fallholz, sich immer in Deckung haltend und ab und
-zu einen Schrei aus der Muschel herausholend; der Schadhirsch<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-antwortete schon ärgerlicher. Helmold machte das Mahnen eines
-Tieres nach und ließ einen herausfordernden Ruf hinterher folgen;
-gereizt erwiderte ihn der Mordhirsch und zog näher. Hinter einem
-Wurfboden trat Helmold laut hin und her, daß der anmoorige
-Boden quatschte und das Fallholz brach, und während ihn der
-Frost schüttelte, vernahm er, wie sein Hirsch immer näher kam.
-Er setzte die Muschel an den Mund und schrie ihm eine grobe
-Redensart entgegen, und abermals eine, die noch viel frecher war,
-und eine dritte, mehr als gemein. Der Hirsch meldete nicht; es
-schien, als ob er starr wäre über die bodenlose Unverschämtheit
-des Nebenbuhlers. Helmold ließ den Hirschruf in die Tasche
-gleiten und machte scharf.</p>
-
-<p>Vor ihm war alles still, dann mahnte ein Schmaltier und darauf
-brach es laut; vor ihm stand der Hirsch auf dreißig Gänge und schrie
-aus vollem Halse. Helmold sah nichts, als vier lange blanke Enden,
-ein graues Gesicht mit tief liegenden Lichtern und einen Strom
-weißen Dampfes. Die volle Brunftwitterung stank ihm in Nase
-und Mund hinein. Der Hirsch schrie noch einmal mit ganzer Kraft
-und wendete sich. Sowie er das Blatt freigab, hielt Helmold darauf
-und riß Funken. Er hörte Kugelschlag und sah durch das Feuer,
-daß der Hirsch stark zeichnete. Prasselnd fuhr er ab, daß das graue
-Geäst weit umherflog. Hinter ihm her polterte das Kahlwild.</p>
-
-<p>Helmold blieb eine Weile stehen, wischte sich den Schweiß von
-der Stirne, trank einen Schluck Tee, steckte sich eine Zigarre an
-und ging auf den Anschuß. Er brauchte nicht lange zu suchen; er
-fand Schweiß und Schnitthaar. »Tiefblatt«, murmelte er, als
-er die Schweißspritzer betrachtete und von einem Farnwedel einige
-Haare ablas. Er verbrach den Anschuß und ging dahin, wo er
-den Hund abgelegt hatte. Dort überlegte er; bis zu der Wirtschaft,
-das war reichlich weit. Da fiel ihm Annemieken ein, und
-er ging nach dem Osterhohl.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span></p>
-
-<p>Als er in das Haus trat, begrüßte ihn die alte Frau freudestrahlend.
-Dann trippelte sie nach der Halbetüre und rief mit
-ihrer brüchigen Stimme: »Annemieken, Mädchen, komm hille!«
-Das Mädchen kam herein; es hatte bloße Arme und vor dem
-Leibe einen alten Sack als Schürze. »Kann ich bei euch einen
-Teller Suppe haben?« fragte Helmold. Sie lachte glücklich;
-aber dann bekam sie einen roten Kopf und sagte: »Wir haben
-aber bloß Bohnensuppe und alten Speck.« Er lachte: »Das ist
-grade das Richtige; ich habe einen Hirsch geschossen und will ihn
-nachher nachsuchen, und bis zum Kruge ist es mir zu weit.« Er
-ließ sich in den Spinnstuhl fallen und sah den Funken zu, die um
-den Kesselhaken spielten. Als die alte Frau hinausgegangen war,
-sagte das Mädchen: »Ich dachte, du würdest gestern abend hier
-noch einmal vorbeikommen.« Er antwortete: »Ich war sehr
-müde und hatte meine böse Stunde.« Das Mädchen sah ihn
-groß an: »So ein feiner Herr? Ich dachte, der hätte nicht Kummer,
-noch Sorgen. Denn ist es wohl um ein Mädchen? Aber
-darüber mußt du dir keinen Kummer machen; wenn man nicht
-hat, was man lieben will, denn so liebt man, was man hat.«
-Er lachte: »Woher hast du denn diese Weisheit?« Sie bekam
-dunkele Augen: »Ich war eine Zeit in der Stadt.«</p>
-
-<p>Sie ging zu dem Kessel, rührte das Schweinefutter um und sah
-in dem kleinen Topf nach, ob das Essen bald fertig war. Dann
-ging sie in den Garten und kam mit einem Blumenstrauß zurück,
-den sie auf den Tisch stellte, über den sie ein weißes Tuch gelegt
-hatte, machte sich vor dem halbblinden Spiegel das Haar, band
-die Sackleinwandschürze ab, ließ ihren Rock herunter, wusch sich
-die Hände und band eine reine Schürze vor. Die Großmutter
-brachte die Suppe, Helmold holte, was er an Wurst und Schinken
-im Rucksacke hatte, heraus und legte es auf den Tisch, desgleichen
-eine Tafel Schokolade und stellte die Kognakflasche dazu, aus<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-der die alte Frau ein Schlückchen bekam. Es wurde ein sehr gemütliches
-Essen, und die Großmutter gnickerte in einem fort über
-den lustigen Jägersmann, der so schöne schlechte Witze erzählen
-konnte. Nach dem Essen aber nickte sie sofort im Spinnstuhle ein
-und Helmold gähnte auch. »Kannst in meinem Bette schlafen
-gehen, Junge,« sagte Annemieken. »Und du mein Schatz, bleibst
-hier?« sang er. Sie schüttelte den Kopf und ließ sich mitnehmen.</p>
-
-<p>Um zwei Uhr wachte er auf und hörte die Großmutter im Flett
-umhertrippeln. Annemieken stand vor dem Spiegel und kämmte
-sich. Er wunderte sich, daß ihr Spiegelbild ganz anders aussah,
-als ihr Gesicht, bis ihm einfiel, daß Spiegel lügen. »Alle Reproduktion
-ist Schwindel,« dachte er. Die Großmutter klopfte an:
-»Der Kaffee ist fertig,« rief sie, und als er auf die Diele kam,
-tat sie, als ob sie von nichts wüßte.</p>
-
-<p>»So, Gift, nun ist es aber Zeit, daß wir uns auf die Strümpfe
-machen,« sagte Helmold, als er gegessen und getrunken hatte.
-Als er den Anberg hinaufging, flötete er vor sich hin und dachte
-dabei: »So, das war ein Tag, rot in Rot; den nimmt mir keiner
-mehr weg!« Lustig pfeifend schritt er über die Osterhaide. Auf
-der Blöße äste sich vertraut ein guter Bock; er ließ ihn leben.
-»Annemiekens wegen,« dachte er, denn sie hatte ihm erzählt, daß
-sie sich jeden Morgen über den Bock freute.</p>
-
-<p>Vor dem Holze nahm er den Schweißriemen ab, dockte ihn
-halb auf, und als er bei dem Anschusse war, legte er den Hund
-zur Fährte. »Such verwund't, mein Hund,« rief er ihm zu;
-»weis' verwund't, mein Hund!« Der Teckel stieß einen dünnen
-Laut aus und tupfte mit der rotbraunen Nase auf einen Schweißspritzer.
-Dann legte er sich so stürmisch in den Riemen, daß sein
-Herr gänzlich aufdocken mußte.</p>
-
-<p>Es war eine wilde Nachsuche, denn der Hund schliefte fortwährend
-unter den gefallenen Fichten durch, so daß Helmold alle<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-Augenblicke den Riemen fahren und über die toten Stangen hinwegsetzen
-und den Riemen wieder festtreten und greifen mußte.
-Nach fünfhundert Gängen wies der Hund das erste Wundbett
-vor. Das zweite kam, ein drittes in einem Tümpel und ein viertes;
-aber da brach es in der Dickung, der Hund riß Helmold den
-Riemen aus der Hand und hetzte mit hellem Halse weiter. Sein
-Herr blieb stehen und atmete tief, auf den Ball des Teckels horchend.
-Seine Augen strahlten: »Wundervoll, ganz wundervoll!«
-dachte er, wischte sich Stirn und Hals ab, nahm einen Schluck
-aus der Kognakflasche und setzte sich auf einen Wurfboden, bis
-sein Herz sich beruhigt hatte.</p>
-
-<p>Dann horchte er auf; der helle Hatzlaut des Hundes brach mit
-einem Male ab und vertiefte sich zu dumpfem Standlaut. Helmold
-lachte: »Hat ihn schon!« Er nahm die Büchse vom Rücken
-und ging schnell aber vorsichtig dem Halse des Hundes nach, der
-aus dem Nachbarjagen herüberläutete. Er trat über das Gestell
-und drängte sich durch die Fichtenleichen, ab und zu springend,
-wenn die grauen Stangen zu hoch lagen, oder sich zwischen zwei
-Wurfböden durchwindend. Je näher der Standlaut klang, um
-so behutsamer schlich er, und dann blieb er auf einmal stehen
-und riß sein Gesicht zu einem breiten Lachen auseinander, denn
-mitten in einem quelligen Ellernsumpfe stand der Hirsch bis an
-den Leib in der Modder und versuchte, den Hund zu forkeln, der
-vor ihm auf einem zwei Fuß hohen Kissen von Silbermoos vorstand
-und ihn mit heiserem Halse verbellte, ab und zu den Versuch
-machend, ihn niederzuziehen, aber gewandt zurückzuckend,
-sobald der Hirsch das Haupt senkte.</p>
-
-<p>»Prachtvoll, ganz prachtvoll,« dachte der Maler, legte den
-Rucksack ab, langte vorsichtig das Skizzenbuch heraus und hielt
-mit dem Stifte Hund, Hirsch und Landschaft fest; dann stach er
-die Büchse, zielte auf den Halsansatz, und so wie es knallte,<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-prasselte und quatschte es, der Hirsch war verschwunden, und
-mit giftigem Laute sprang der Teckel zu. »Tot, tot!« rief Helmold
-ihm zu, liebelte ihn ab, brach sich einen Bruch, zog ihn über
-den Einschuß und steckte ihn an den Hut; dann setzte er das Horn
-an die Lippen und prahlerisch klang es über Wald und Haide:
-»Hirsch tot, Hirsch tot, Hirsch tot!«</p>
-
-<p>Er hob das Geweih aus dem Schlamm. »Donnerhagel!« sagte
-er, als er es sich ansah, »Donnerhagel noch einmal, das ist mein
-bester Hirsch!« Er zog das Waidmesser und brach mit zwei
-Griffen die Kusen heraus. »Nummer eins,« lachte er, als er sie
-in die Hosentasche steckte. Aber dann strich er sich über die Stirn,
-als ob er da Herbstseide gefühlt hätte; er dachte an die silberne
-Spange mit den Hirschhaken, die er Swaantje verehrt hatte.
-Mit Mühe brachte er den Hirsch auf die Decke, brach ihn auf,
-machte den Hund genossen, schärfte die Mürbebraten heraus und
-die Zunge und tat sie in den Rucksack, während er das große Gescheide
-verscharrte und das Kleine zum Ausschweißen an einen
-Ast hängte. Dann zog er säuberlich das lange Gehääre aus der
-Brunftmähne, wickelte es in ein Stück Papier, legte es in das
-Skizzenbuch, wusch sich die Hände und machte das Messer sauber,
-trank den Rest seines Tees aus, steckte sich eine Zigarre an, dockte
-den Schweißriemen auf und ging dem Gestelle zu, wo er sich der
-Länge lang an einen Jagenhaufen lehnte, gegen den Himmel
-sah und rauchte, während Gift in seinem linken Arme lag und
-schlief.</p>
-
-<p>Nach einer Viertelstunde knallte Peitschenschlag; der Wagen
-hielt vor dem Gestell. Helmold sprang auf und winkte den Wagen
-heran; der Prinz lenkte, und hintenauf saß der Jagdhüter und
-der Kutscher. »Waidmannsheil!« rief der Prinz, »ist es der
-Mörder?« Der Maler lachte: »Jawollja, ein Haupthirsch; herzlichschönen
-Dank auch! Es ist mein bester Hirsch bis heute, obzwar<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-er man vier Enden hat. Aber solche!« Er reckte den Arm
-und zeigte mit der Hand erst auf den Ellenbogen, dann auf den
-Schulteransatz. »Klobige Stangen, und Enden so weiß wie ein
-Jungfernbein.«</p>
-
-<p>Der Prinz sprang ab und folgte seinem Freunde, der ihn zu
-dem Hirsche führte. »Auf den Ruf?« fragte er. Helmold nickte
-und erzählte, wie er es angefangen hatte. Etwas wie Neid kroch
-um den Mund des anderen, als er das Geweih sah, doch dann
-sagte er: »Na, den wollen wir heute abend im Jagdhause ordentlich
-tottrinken.« Der Maler schüttelte den Kopf: »Nee, im Blauen
-Himmel, da ist heute Erntebier!« Der Prinz faltete seine Stirne
-zusammen, aber dann meinte er: »Ich danke, bleibe lieber im
-Jagdhause. Willst da wohl Studien machen, Helmold?« Der
-lachte: »I wo, denke nicht daran; tanzen will ich, daß die Haide
-wackelt; mir läuft jetzt schon das Wasser in den Tanzbeinen zusammen.«</p>
-
-<p>Der Jagdhüter und der Kutscher schleiften den Hirsch dem Gestelle
-zu. »Guter Schuß,« meinte der Prinz; »Blatt rein, Blatt
-raus.« Er sah sich das Herz an, dessen Spitze durchschossen war.
-»Unglaublich, daß der Hirsch damit so weit geflohen ist! Man
-sollte meinen, mit einem solchen Schusse müßte er im Feuer bleiben.
-Und der Gift, das ist ja ein Haupthund! Komm her, Kerlchen,
-hast brave Arbeit gemacht!« Aber der Teckel wich ihm aus.</p>
-
-<p>Helmold hielt das Herz des Hirsches in der Hand und ihm war,
-als wäre es sein eigenes. Auch er hatte einen tödlichen Blattschuß
-bekommen und lebte noch, floh durch Dorn und Dickung, schleppte
-sich von einem Wundbette zum andern, und war doch verloren,
-denn hinter ihm her hetzte mit hellem Halse das Gedenken an die
-Eine. Mit einem Schlage sah er ein, daß seine Wunde nie verheilen
-würde, und wenn er sie noch so oft kühlen würde in allen
-Marieen und Sophieen, die er auf seiner Todesflucht antraf,<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-denn immer kläffte die Erinnerung in seiner Rotfährte, und einmal
-würde sie ihn doch zu Stande hetzen und niederziehen. »Und
-wenn schon,« dachte er, und sah mit frechem Blicke hinter sich,
-als stände der eiserne Ritter da, »und wenn schon! Vorgestern
-die Mariee, gestern die Sophiee, heute Annemieken, und morgen,«
-er stockte, aber dann sprang er über den Graben, »und morgen
-Grete und übermorgen Swaantje. Blut um Blut; denn umsonst
-will ich nicht gestorben sein!«</p>
-
-<p>Sie brachten den Hirsch nach dem Jagdhause, wo der Prinz
-zurückblieb, während der Maler mit dem Kutscher und dem Jagdaufseher
-nach Stillenliebe fuhr. Helmold freute sich über den
-prachtvollen Nacken des Jagdhüters, über den festen Schnitt
-seines Gesichtes und den weitausgreifenden Blick seiner ruhigen
-blauen Augen. Es war ein Mann der schnellen Tat, der nicht
-viele Worte machte und niemals lange fackelte, ganz gleich, ob
-es sich um Wild oder Weib handelte, oder um einen Wilddieb.
-Früher wurde in der Gegend viel gewildert; seitdem Moormann
-da war, hatte das fast ganz aufgehört, besonders seit der Zeit,
-daß er Sliekenhinnerk, einen Freischützen von Beruf, der im Verdacht
-stand, den Ohlenwohler Hegemeister totgeschossen zu haben,
-niedergeknallt hatte. Hagenrieder hatte ihn gefragt, wie ihm dabei
-zumute gewesen war, als der Mann tot zu seinen Füßen
-lag. »Großartig«, hatte Moormann gesagt und lachend hinzugesetzt:
-»Ein Schade, daß er nichts auf dem Kopfe hatte zum
-Andiewandhängen; aber ich habe doch wenigstens seine Photographie!«</p>
-
-<p>Hagenrieder sah ihn sich genauer an. Er war fünfundvierzig
-Jahre alt, hatte aber keine einzige Falte in dem braunen, rotbäckigen
-Gesichte, und auf seinem Handrücken hatte kein unerfüllter
-Wunsch seine Fährte hinterlassen. Er hatte eine hübsche
-stramme Frau und einen Haufen Kinder; doch sagte man ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-nach, er ließe auch sonst nichts anbrennen. Die Blicke, die manche
-Frauen und Mädchen ihm gaben, waren wie ein verstohlener
-Händedruck; aber die von einigen Männern und Jungkerlen
-schmeckten nach Messerstichen. Wenn er anlegte, knallte es auch
-schon, ob er nun Hagel oder Kugeln nahm. »Wer sich besinnt, der
-nicht gewinnt,« sagte er. Er hatte mehrere solcher Sprüche: »Wer
-viel denkt, sich viel kränkt,« hatte er einmal zu Hagenrieder gesagt,
-und ein anderes Mal meinte er: »Frauenvolk und Nesselkraut,
-wer sachte zufaßt, kriegt Blasen auf die Haut.« Dieser
-Spruch fiel Helmold nun ein. »Ach ja!« dachte er und kam sich
-klein und feige vor.</p>
-
-<p>Als sie ein Weilchen gefahren waren, kamen sie an einem Trupp
-junger Burschen vorbei, die ihnen nachjohlten. »Sind das nicht
-Schadhörstener?« fragte der Kutscher. Der Jagdaufseher nickte,
-und der andere meinte: »Das ist eine rüdige Bande.« Moormann
-zuckte verächtlich die rechte Schulter.</p>
-
-<p>Helmold hörte kaum darauf, was vor ihm gesprochen wurde;
-er mußte wieder an Swaantje denken, an den Tag, als sie krank
-im Bette lag und er ihr die Pfirsichspelten zwischen die Lippen
-schob. »Nein,« dachte er, »es ist doch ein Unterschied zwischen
-diesen Weibsleuten hier und Grete und Swaantje; die einen kann
-man ganz hinnehmen und sie bleiben, was sie sind, und bei den
-anderen kann ein einziger Kuß die Seele bis auf den Grund aufwühlen.«
-Ein Schatten flog über sein Gemüt; er wußte: nie und
-nimmer würde er Swaantje so behandeln können, wie Mariee
-oder die Krugwirtin, und deshalb würde er sich bis an sein Lebensende
-mit dieser tauben Liebe herumschlagen. Dann aber sagte er
-sich: »Und wenn Swaantje daran zerbricht, ich will meinen
-Willen haben, denn ich bin zu wertvoll, als daß ich an ihr umkommen
-darf. Was ist sie denn? Ein schönes Mädchen aus guter
-Familie! Es gibt mehr solche; aber Männer wie ich kommen<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-nicht oft vor. Sobald ich nach Swaanhof komme, mache ich
-einen Bajonettangriff auf sie. Denn zum Kuckuck noch einmal,
-es ist doch alles Unsinn, was ich in sie hineingeheimnist habe,
-auch ihre Schriftstellerei. Das war nichts als Widerhall meiner
-Seele, und es war schließlich nur ein Geständnis von ihr, eine
-feine Art der Hingebung. Sie hat von mir empfangen und brachte
-Novellen und Skizzen zur Welt. Aber so sind wir: schafft ein
-Mann etwas Mittelmäßiges, so verreißen wir ihn nach allen
-Regeln der Kunst; bei einem Weibe finden wir dieselbe Leistung
-riesig. Warum? Weil Weiber im Durchschnitt nicht produktiv
-sind bei ihrer rein rezeptiven Veranlagung und uns jede
-Ausnahme davon als Riesenleistung vorkommt.«</p>
-
-<p>Eine heiße Blutwelle brandete in seinem Gesichte; er schämte
-sich. »Verflucht!« dachte er; »ich machte sie zur mittelmäßigen
-Schriftstellerin, und sie rächte sich dadurch, daß sie mich auf Abwege
-brachte.« Seine Tendenzbilder fielen ihm ein; alle vier hatte
-er übergestrichen. Niemals hatte er früher eigene Verse und Singweisen
-bei der Arbeit gehabt; so sehr hatte ihn diese elende Verliebtheit
-zerrüttet, daß er alle Klarheit verloren hatte.</p>
-
-<p>Noch einmal schämte er sich, denn ihm fielen die zugeknöpften
-Augen Hennigs ein, mit denen der die Bilder betrachtet hatte.
-»Famoser Kerl!« dachte er, und ging in Gedanken alle seine
-Bilder aus der letzten Zeit durch. Aber er fand nur noch bei
-Swaantjes Bildnis einen Fehler; die Landschaft war zu aufdringlich,
-die Haide zu rosenrot, die Wacholder zu botanisch
-richtig. Das mußte alles zusammendämmern, ineinanderfließen,
-so daß nur das Gesicht allein wirkte. Er wischte in Gedanken
-alle Härten aus der Landschaft und arbeitete den Kopf mehr heraus.
-Dabei fiel ihm ein, daß er nur die halbe Swaantje gemalt
-hatte, die milde, weiche, selbstlose Swaantje mit den zärtlichen
-Augen und den liebevollen Lippen; aber sie konnte auch unbarmherzige<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-Augen haben und grausame Lippen. Davon sollte das
-Bild auch erzählen, von ihrem zweiten Gesichte; aber nur ganz
-verstohlen durfte es aus dem Alltagsgesichte hervordrohen. »Alltagsgesicht,
-das ist es,« dachte er; »Maske ist ihre Weichheit,
-ihr feuchtschimmernder Blick, ihre hilflose Anschmiegsamkeit, mit
-der ihr Gesicht sich Tag für Tag schmückt; dahinter ist Starrheit,
-Kälte und Geiz. Ich will das alles in ihr zerbrechen, und
-wenn sie dabei zusammenkracht!«</p>
-
-<p>So dachte er, denn eine freche, schwefelgelb und feuerrot geringelte
-Tanzweise schallte vom Kruge herüber. Der Wagen hielt.
-Unter der Linde stand Hennig, seine Line neben sich. »Donnerwetter,
-Kerl, ist das ein blödsinnig vernünftiger Gedanke von
-dir!« rief Helmold, »und fein, daß du deine Lüttje mitgebracht
-hast. Tag, schöne junge Frau!« Das Mädchen schlug lachend
-ein. »Kinder, kommt mit rauf, ich muß mich erst noch umhosen
-und waschen.«</p>
-
-<p>»Du siehst großartig aus, Helmke,« sagte Hennig, als sie oben
-waren, ihn mit zufriedenen Augen ansehend. »Tja,« erwiderte
-der andere; »die gute Landluft!« Er schrie die Treppe hinunter:
-»Mine, zwei Handtücher!« Das Mädchen kam heraufgestürzt.
-Es war ein blasses, dünnes Geschöpf, aber sie sah in dem hellen
-Tanzkleide so niedlich aus, daß der Maler sie an das Ohr faßte
-und heranzog. »Kiek sieh, aus Kindern werden Leute! Hast'e
-schon 'n Bräutigam?« Sie schlug die Augen unter sich. »Na,
-dann bring' ihm das mit und sag', ich lasse ihn schön grüßen!«
-Er küßte sie, daß ihr die Luft fortblieb. Mit feuerrotem Kopf
-schob sie sich aus dem Zimmer. »Na, ihr seid gut!« sagte Line
-lachend; »die wievielte ist das denn hier? Aber alles was recht
-ist, so seid ihr mir doch lieber, als wie neulich, wo ihr aussahet,
-wie eine kranke Katze.«</p>
-
-<p>Helmold wusch sich im Nebenraum. Er hatte nur die Kniehosen<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-an, als er, das Handtuch in der Hand, hereinschoß. »Du, Hennig,
-ach so; na, Line, Sie sind ja schon etwas abgehärtet! Also, warum
-hast du neulich nichts gesagt, als ich dir meine Saharabilder
-und so weiter zeigte?« Sein Freund schnitt sorgfältig die
-Spitze der Zigarre ein. »Muß man denn immer etwas sagen?«
-Helmold lachte. »Alter Politikus!« Er ging in das Schlafzimmer
-und kam wieder heraus, nun mit einem grün und rot gestreiften
-Leinenhemde über dem Oberkörper. Er stellte sich vor den Spiegel,
-zog eine Halsbinde durch den Kragen, knöpfte ihn an und band
-sich eine unverschämte Schleife. Als er die Hosenträger über den
-Kopf schlug, fragte er: »Du, Hennig, ich male nicht mehr mit
-Orchesterbegleitung.« Der andere brummte etwas vor sich hin,
-und Helmold fuhr fort: »Mir kommt das so vor, als wenn du
-mit der einen Hand schreiben würdest, und mit der anderen malst
-du.« Hennig sah auf und nickte seinem Freunde in den Spiegel
-zu: »Sehr richtig!« Der lachte: »Ja, warum hast du das nicht
-eher gesagt, alter Heimtücker!« Der antwortete: »Ein Schwäre
-muß von selbst aufgehen!« Helmold platzte los: »Großartig;
-meine Lyrik als Abszeß! Aber du hast recht. Und nun höre: geh'
-morgen in meine Malstatt, und sieh dir die Saharabilder, Wodes
-Zorn und Frigges Feuertod an; ich glaube, jetzt werden dir die
-Bilder gefallen.« Er drehte sich um und sah Hennig listiglustig
-an. Der machte sein dümmstes Gesicht. »Ich habe nämlich an
-allen eine Kleinigkeit geändert; rate mal, was?« Der andere
-nahm die Schultern auf und ließ sie wieder fallen. »Malgründe
-habe ich daraus gemacht, weggestrichen habe ich sie!« Er lachte
-ausgelassen.</p>
-
-<p>Hennecke sprang mit feuerrotem Gesichte auf: »Mensch,« rief
-er, »Helmke!« nahm ihn an den Ohren und küßte ihn, daß es
-knallte; »das ist ja großartig!« Er faßte Line an den Arm und
-warf sie Helmold an den Hals: »Küsse ihn, Mädchen, küsse ihn,<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-bis er nicht mehr piep sagen kann! Wir haben unsern Helmke
-wieder! Er ist gesund! Er wird keine Heulkrämpfe mehr kriegen
-und anständige Leute im Ratskeller blamieren.« Er sauste aus
-der Türe und kam nach einer Weile mit einer Flasche Sekt und
-drei Gläsern zurück: »Kerl, darauf wollen wir aber mit dem
-Besten anstoßen, das es in diesem Kretscham gibt! Heil, heil und
-zum abermalten Male heil!«</p>
-
-<p>Er schenkte wieder ein und fröhlich paffend kramte er, Line neben
-sich in das Sofa ziehend, aus: »Was haben wir uns für Sorgen
-um dich gemacht! Nicht wahr, Linchen?« Das Mädchen nickte und
-lächelte ernsthaft. »Eine halbe Nacht heulte sie mir im Bette herum
-und wimmerte: ›Was fehlt ihm bloß! was fehlt ihm bloß! wenn wir
-ihm doch bloß helfen könnten!‹ Ich habe mich in meinem Leben noch
-nicht so erschrocken, als wie du uns sagtest, daß du bei jedem Bild jetzt
-ein Lied und eine Melodie hast! Und als ich dann deine gemalten
-Leitartikel sah, da war ich ganz zertrümmert; am liebsten hätte
-ich dir eins an den Hals gehauen! Kerl, was bin ich froh, daß
-du diese schwere Infektion hinter dir hast! Denn ich war tatsächlich
-in Sorge um dich. Du kamest so fein in die Höhe, und mit
-einem Male fielest du die ganze Treppe wieder hinunter und
-fingest an zu malen, als läge dir etwas am schwarzen Adler.
-Übrigens: die weiße Haide ist auch fehlerhaft; es ist eine Tautologie.«
-Helmold nickte. »Das Dümmste ist schon heraus; das
-andere kommt noch. Ja, ich war schön in den Dreck gefallen.«
-Er pfiff laut: »Das macht die Liebe ganz allein!« Hennig sah
-ihn von der Seite an, lachte dann und sagte: »Auf der großen
-Diele sieht es sengerich aus; die Schadhörstener Rauhbeine sind
-da; es riecht nach Kloppe!«</p>
-
-<p>Als sie auf die Diele traten, Line zwischen sich, kam von dem
-Ausschanke her ein heiseres Hohnlachen; da standen die Schadhörstener,
-prahlten und tranken sich Frechheit an. Helmold ging<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-vorbei, ohne sie anzusehen, und ohne darauf zu achten, daß es
-hinter ihm herflog: »Kiek den Stadtjapper! Der hat sich die
-Waden ausgestoppt!« Brüllendes Hohnlachen folgte dem Witze.
-Die Freunde gingen auf die Stillenlieber Jungens zu; Helmold
-sagte ganz laut: »In Schadhorsten haben sie wohl kein Geld
-für ein eigenes Erntebier? Und da tanzen sie wohl bloß, wenn
-sie eine Handvoll Schrote auf den Hintern kriegen!« Die Stillenlieber
-lachten hell auf; die Schadhorstener brummten wie Dächse,
-denn zwei von ihnen hatten wegen Wilderns gesessen.</p>
-
-<p>Den Walzer ließ Helmold vorbeigehen; Hennig und Line tanzten
-ihn. Als sie zum vierten Male bei den Schadhörstenern vorbeikamen,
-wurde aus ihrer Mitte ein junger Bengel so gegen Line
-gestoßen, daß sie stolperte; aber Hennecke hielt sie und trat einem
-Schadhörstener mit Absicht so auf die große Zehe, daß der Mensch
-die Zigarre aus dem Munde fallen ließ.</p>
-
-<p>Helmold bestellte bei der Musik die Hamburger Polka; die
-Trompeter bliesen sogleich an. Er klatschte in die Hände und
-winkte Annemieken heran; mit hochaufgerichtetem Kopfe ging
-sie quer über die Diele und stellte sich neben ihn. »Dunnerkiel,«
-sagte Hennig zu Line; aber was er sich dachte, sagte er nicht.</p>
-
-<p>Die Musik legte los; hastig liefen die verrückten Töne hintereinander
-her. Helmold und Annemieken tanzten vor, dann kam
-Klaus Ruter, der Sohn des Vorstehers, mit seinem Schatz, und
-darauf Hennig und Line und dann die anderen Stillenlieber. Die
-Schadhörstener machten lange Augen; solch Tanzen hatten sie
-noch kein Mal gesehen; aber Helmold hatte vorher eine Runde
-Portwein ausgegeben, und der hatte die Knochen geschmiert. Er
-tanzte gerade auf die Schadhörstener los, schlug ihnen die Füße
-dicht vor den Gesichtern vorbei und sah durch sie durch, als wenn
-sie Luft waren. Sie ärgerten sich blau und blaß, trauten sich aber
-nicht aus ihrem Winkel heraus, denn die Stillenlieber Jungens<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-hatten keine guten Augen, und der Schadhörstener Hauptschläger
-sollte erst noch kommen.</p>
-
-<p>Mit dumpfem Getrampel und gellendem Aufjuchen brach der
-Tanz ab; die Stillenlieber Jungens hatten alle rote Köpfe, und
-ihren Mädchen gingen die Schürzenlätze auf und ab. »Kinder!«
-schrie Hagenrieder und schlug auf den Tisch, daß die Gläser
-Polka tanzten, »ich habe von Morgen den dicken Happbock vom
-Schandenholz dode geschossen; darauf will ich einen ausgeben.
-Frau Pohlmann, sechs Buddeln Rotkopp und eine Kiste Ziehgarr'n!«
-Die Schadhörstener, die sich erst alle umgedreht hatten,
-als er so losprahlte, machten schnell wieder kehrt, als der Wein
-herbeigeschleppt wurde. Aber dann lachten sie, denn Christel
-Remmert, der Sohn ihres Vorstehers und der Hauptschläger
-weit und breit, trat ein, gerade als die Stillenlieber mit Hagenrieder
-und Hennecke anstießen und lauthals hoch riefen, als
-Helmold schrie: »Hoch Stillenliebe und alles, was sich dazu
-rechnet, und die Knochen für die Hunde vor der Türe!«</p>
-
-<p>Christel Remmert ging quer über die Diele, warf der Musik
-einen Taler hin und schrie: »Solo für Schadhorsten!« Die Musiker
-standen auf und stimmten einen Walzer an. Die Stillenlieber
-tranken ihre Gläser aus und stellten sich vor ihre Mädchen.
-In der vordersten Reihe standen Hagenrieder, Hennecke und
-Ruter, die Hände in den Taschen, die Zigarren in den Mundwinkeln.</p>
-
-<p>Remmert trat vor sie hin, klatschte in die Hände und winkte
-Annemieken, und zwei andere Schadhörstener machten es bei Line
-und Ruters Mädchen ebenso, aber die Mädchen lachten sie aus.
-Da versuchte Remmert, sich zwischen dem Maler und seinem
-Freunde durchzudrängen, erst mit der Schulter, und als das nicht
-gehen wollte, indem er sie mit den Händen auseinanderschob.
-Aber Helmold stieß ihn vor die Brust, daß er zurücktaumelte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>»Teuf, du Aas!« schrie der lange Kerl und sprang auf den
-Maler zu; der trat zur Seite und schlug ihm mit einer schnellen
-Fußbewegung die Beine unter dem Leibe weg, so daß er schwer
-auf die Diele hinstürzte. Auf ihn fiel ein anderer Bengel aus
-Schadhorsten, den Hennecke in die Herzgrube geboxt hatte, und
-da schrie Klaus Ruter: »Die Fenster auf!«, sprang mitten
-zwischen die Fremden, packte den Stärksten von ihnen an Brust
-und Hosenlatz, hob ihn auf, warf ihn zwischen die Stühle, daß
-es krachte, griff wieder zu, schleppte ihn zum Fenster und warf
-ihn in die Mistgrube.</p>
-
-<p>Die Stillenlieber brüllten vor Vergnügen, und Helmold auch.
-Da hörte er hinter sich einen Schrei, und als er sich umdrehte,
-sah er Remmerts kreideweißes Gesicht und eine Hand, die ein
-Messer hielt. Im nächsten Augenblicke aber war das Gesicht rotgestreift,
-und das Messer fiel zu Boden; Annemieken hatte dem
-Heimtücker eine Weinflasche so in das Gesicht geschlagen, daß
-ihm die Scherben Mund und Nase zerschnitten.</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblicke stand kein Schadhörstener mehr auf
-den Beinen. Moormann, der von der Gaststube aus zugesehen
-hatte, rief: »Sie gebrauchen das Messer!« Sofort standen die
-acht Stillenlieber Bauern den jungen Leuten aus dem Orte bei,
-und nun flogen die Fremden kopfoberst, kopfunterst teils aus der
-großen Tür, teils aus dem Fenster, und die diesen Weg gehen
-mußten, lernten dabei, wie Stalljauche schmeckt. Helmold und
-Hennig halfen tüchtig mit, und dabei bekam der erste einen Schlag
-mit einem Bierglase auf die Backe, daß er einen fingerlangen
-Schnitt davon behielt. Er ließ sich schnell nach Ohlenwohle
-fahren, wo der Arzt wohnte, und kam nach anderthalb Stunden
-geflickt und vernüchtert wieder, aß wie ein Wolf und tanzte bis
-in die zwölfte Stunde. Dann brachte er Annemieken nach Hause
-und saß hinterher mit Hennecke und den Bauern noch beim<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-Biere. Frisch und munter wachte er am anderen Morgen um
-acht Uhr auf, frühstückte mit Hennig und Line und fuhr sie zur
-Haltestelle.</p>
-
-<p>Auf dem Rückwege fiel ihm ein, daß er seit dem vorigen Nachmittage
-noch nicht an Swaantje gedacht hatte, und nun er das
-tat, schien sie ihm nur noch ein Schatten zu sein. Als er nach dem
-Mittagessen auf dem Sofa lag und den Spielfliegen zusah, die
-unter den Deckenbalken tanzten, überlegte er sich seine Lage in
-aller Ruhe. »Sieben Jahre lang hat mir diese Liebe in den
-Knochen gesteckt; ein Jahr lang war sie akut. Das genügt mir;
-jetzt ist Schluß«, sann er. »Ein Loch behalte ich immer davon,
-das weiß ich; ungeküßte Küsse und ungeschlagene Schläge, das
-ist das bitterste Weh. Aber schließlich vernarbt alles und schmerzt
-nur noch ab und zu bei Wetterwechsel.« Er dachte geflissentlich
-an das Mädchen; aber seine Gedanken waren nicht hell und zart
-wie das Laub der Maibuchen, und nicht welk und mürbe, wie
-Fallaub, sie waren hart und fest, wie das Buchenblatt, das sich
-schon gewendet hat.</p>
-
-<p>»Im Grunde hat mir die Sache nur genützt,« überlegte er;
-»bisher war ich ein Junge, ein Kind; jetzt habe ich mich entweiblicht
-und vermännlicht. Ich will jetzt nur noch tun, was ich
-will, und mich unter keinen fremden Willen mehr ducken. Ich
-werde küssen, was mir gefällt, und zu Boden schlagen, was mir
-vor die Pferde kommt.«</p>
-
-<p>Es klopfte leise an die Tür. Er rief: »Herein, wenn es kein
-Geldbriefträger ist!« Die Wirtin kam mit dem Kaffee. Sie hatte
-den ganzen Tag mit ihm gemuckt, Annemiekens wegen, und als
-er sie vorhin in der kleinen Stube umfassen wollte, hatte sie sich
-ihm schweigend entzogen. Jetzt stellte sie ihm ihr feinstes Geschirr
-auf den Tisch und einen bunten Strauß dazu, und als er sich in
-der Sofaecke reckte und unter herrischem Augenaufschlage fragte:<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-»Ist das alles?« da warf sie sich in seine Arme und küßte ihn,
-wie sie ihn noch nie geküßt hatte.</p>
-
-<p>»So werde ich das fortan immer machen,« beschloß er, als sie
-ihn verlassen hatte und er seine Zigarre rauchte; »den Hirschen
-und den Männern werde ich höflich entgegengehen und die
-Frauenzimmer auf mich zukommen lassen. Das Hinterherlaufen
-hat nun ein Ende. Moormann hat recht.«</p>
-
-<p>Ruhig und bedächtig machte er sich für die Nachmittagsbrunft
-zurecht, nachdem er Grete eine Mohnblumenkarte gemalt und in
-den Kasten gesteckt hatte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Wundfaehrte">Die Wundfährte</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Seine Frau freute sich, als er braungebrannt und helläugig zurückkam.
-»Aber wie bist zu dem schönen Schmisse gekommen,
-Helmold?« fragte sie. »Ja,« sagte er und lachte, »bei der
-Schweißarbeit geht es oft nicht gerade säuberlich her, und die drei
-Geweihe sind den Krätzer schon wert.« Er schämte sich gar nicht,
-daß er um die Wahrheit herumging. Früher hatte er seiner Frau
-alles, aber auch alles gesagt und sich in Hemdsärmel und ohne
-Kragen vor ihr gezeigt; das sollte nicht wieder vorkommen.</p>
-
-<p>Nach dem Abendessen sagte er: »Ich muß noch ausgehen; wie
-lange ich bleibe, weiß ich nicht.« Seine Frau machte ein etwas
-beleidigtes Gesicht: »Gleich den ersten Abend?« Er faßte sie unter
-das Kinn und küßte sie: »Jawohl, mein Herze; es geht nicht anders.«
-Er ging erst ziellos auf der Hauptstraße hin und her, setzte
-sich dann anderthalb Stunden in ein Kaffeehaus, spielte mit
-einem ihm unbekannten Herrn Billard und ging gegen zehn Uhr
-nach Hause. Grete, die etwas blaß und ermüdet aussah, lachte
-vor Glück, als er so früh und mit so fröhlichen Augen zurückkam,
-rückte ihm den bequemsten Sessel hin, brachte ihm Wein
-und Zigarren und räumte dann auf.</p>
-
-<p>Er sah ihr nach und freute sich über ihre vornehme Erscheinung,
-ihr schönes Haar und ihre frischen Bewegungen. »Sie ist eigentlich
-doch die Schönste!« dachte er und machte so verliebte Augen,
-daß sie sich auf seinen Schoß setzte. Sie legte ihren Kopf an seine
-Schulter und meinte: »Ich danke dir auch sehr für die wunderschöne<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-Karte; es war nur eine in zwei Wochen, aber es ist ja
-auch Herbst!«</p>
-
-<p>Sie besann sich einen Augenblick, unterdes sie ihm bald die
-Hände streichelte, bald den Nacken kraulte, und dann sagte sie
-mit etwas verlegener Stimme: »Ich habe dir auch etwas zu
-schenken: ich bin aus dem Verein ausgetreten. Weißt du, das
-ging mir doch zu weit: das ist kein Frauenbildungsverein mehr,
-das ist ein Vermännerungsklub. Und dann diese Geschichten, die
-da vorgekommen sind! Die überspannte Frau Kelling ist mit
-einem Kalifritzen ausgerückt und hat ihren netten Mann und die
-reizenden Kinder sitzen lassen, und Frau von Besentzien läßt sich
-scheiden. ›Mein Mann ist mir geistig nicht gewachsen,‹ hat die
-Gans gesagt. Aber das schlimmste ist die Sache mit Professor
-Detten, du weißt doch, der uns immer die glänzenden Vorträge
-über Frauenkultur hielt. Jetzt hat er einen Haufen Geld geerbt,
-und was tut er? Er heiratet die Köchin seiner Mutter!«</p>
-
-<p>Helmold lachte, daß ihm die Arme flogen: »Ja, das ist allerdings
-eine Gemeinheit sondergleichen, wo er doch in dem Vereine
-ein so wohlassortiertes Lager von ge-, ver- und überbildeten Dämlichkeiten
-hatte. Aber ich habe es dir ja früher oft gesagt: die radikale
-Frauenbewegung hat sehr viel Gutes; sie verekelt allen
-ernsthaften Männern die Damen und veranlaßt sie, Mädchen
-zu freien, die ihren Männern weiter nichts als Frauen sein wollen
-und ihren Kindern Mütter. Übrigens, so sehr ich mich freue, daß
-du aus der Blase heraus bist, in die du vernünftige Frau gar
-nicht hineinpaßt, meinetwegen hättest du das nicht zu tun
-brauchen. So ein bißchen Sport will jeder Mensch neben dem
-Alltagsleben haben.«</p>
-
-<p>Es gingen einige schöne Wochen in das Land; Helmold arbeitete
-fleißig, aber ohne Überstürzung. Er malte den Hintergrund
-zu Swaantjes Bild um, gab ihrem äußeren Gesichte einen weichen<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-Zug, brachte aber dahinter etwas rätselhaft Hartes an, das niemand
-fassen konnte, das aber jeder fühlte, und umgab das Bild
-mit einem dunkelgrünen, gleißenden, durch grellrote Perlen gehobenen
-Rahmen, der die Wirkung von reich tragenden Stechpalmen
-andeutete. Als er sein Malzeichen unter das Bild setzte,
-pfiff er das freche Lied von der Lüneburger Haide so laut, daß
-Grete angestürzt kam und ihn fragte: »Du pfeifst das üble Lied,
-und so denke ich, ich darf mal kommen!« Er nickte und sagte,
-auf das Bild weisend: »So! vorher war es wabbliger Kitsch,
-jetzt ist es etwas. Nicht wahr, Gretechien?« Sie nickte; frei wurde
-es ihr um das Herz. Seine Stimme war ohne Unterklang, seine
-Augen sprachen nur von dem Bildnisse und nicht ein bißchen von
-dem Mädchen, das es darstellte. Sie hätte aufschreien mögen vor
-Glück. Doch der Brief, den sie in der Hand hielt, verbot ihr das.</p>
-
-<p>»Helmold,« begann sie, und ihre Stimme duckte sich, »hier
-lies mal. Swaantje geht es nicht gut. Sie bittet mich, zu kommen,
-denn Muhme Gese, schreibt sie, fiele ihr doch etwas auf die
-Nerven. Was meinst du, soll ich fahren?« Sie setzte sich auf das
-Ruhebett, und er nahm in dem Sessel Platz. Langsam und bedächtig
-las er den Brief. Bei jeder Zeile wurde seine Stirne
-krauser; aber obwohl er tiefes Mitleid empfand, spöttelte er in
-sich doch über die verlogene, oder, wie er sich selber verbesserte,
-verbogene Schrift und den gequälten Humor, der den ganzen
-Brief durchzog. Er gab den Brief zurück und sagte: »Natürlich
-fährst du; sie braucht einen Menschen, den sie wirklich liebt; die
-alten Leute bieten ihr so gut wie nichts. Ich glaube, sie ist von
-ihnen mit Altersschwäche angesteckt, denn Ohm Ollig und Tante
-Gese sind, meine ich, schon mit Arterienverkalkung und Hämorrhoiden
-auf die Welt gekommen, in geistiger Beziehung wenigstens
-sicher. Fahre sofort und muntere sie auf. Übrigens Thorbergs
-fahren erst nach Neujahr; sein Prokurist ist krank, schreibt er mir,<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-und es ist jetzt zu viel zu tun. Schade! Was Swaantje fehlt, ist
-frische Luft und neue Menschen.«</p>
-
-<p>Seine Frau hatte ihn aufmerksam angesehen, solange er
-sprach. War das derselbe Mann, der jüngst noch fast einen Tobsuchtsanfall
-bekommen hatte, als sie sich zwischen ihn und das
-Mädchen stellte? Ein sonderbares Angstgefühl hielt ihr den Atem
-fest. Sie betrachtete ihn, während er Swaantjes Bild an den
-ersten besten Nagel hängte, ganz aufmerksam. Es war ihr Helmcke,
-aber er war es doch nicht; es lag eine Ruhe und eine Gelassenheit
-in seinem Gesichte, die sie erschreckte. Der dummejungenhafte
-Zug, der ihre Lust und ihr Leid gewesen war, fehlte gänzlich.
-Schon die Art und Weise, wie er schritt, befremdete sie, und als
-er ganz behutsam die Zigarre einschnitt, langsam das Streichholz
-entzündete, mit großer Aufmerksamkeit die Zigarre ansteckte, das
-Zündholz ausblies und in den Dreifuß fallen ließ, kam er ihr
-wie ein ganz anderer Mensch vor, wie ein Mann, der weit von
-ihr gerückt war und hoch über ihr stand. Wenn er früher eine
-Zigarre ansteckte, ging das immer hopphopp. Und wie er rauchte!
-wie ein alter Geheimrat. Und alt war er geworden; es war nicht
-das graue Haar über den Ohren, es waren nicht die scharfen
-Falten hinter dem Munde, und es war auch nicht ein Altern,
-sondern eine Ausgereiftheit. Niemals mehr würde er poltern, das
-sah sie, nie wieder grob werden, aber sich auch niemals wieder
-wie ein Kind an sie schmiegen.</p>
-
-<p>Die Angst drückte ihr die eiskalte Hand auf die Stirne. Sie
-stand auf, legte ihrem Manne die Arme um den Hals und flüsterte:
-»Helmold, fahre du hin!« Er machte eine abwehrende
-Bewegung. »Höre zu!« fuhr sie fort, »während du in Stillenliebe
-warest, habe ich über die ganze Sache sehr viel nachgedacht. Du
-hast ganz recht gehabt; erst habe ich dich zu Swaantje hingestoßen,
-und dann riß ich dich zurück. Das war schlecht von mir, und<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-dumm. Aber du verstehst?« sie lehnte sich an ihn, »ich hatte solche
-Angst, daß sie dir mehr würde als ich, und wenn ich dich ihr
-auch sonst gern gegönnt hätte, und sie dir, Zweitfrau wollte ich
-doch nicht sein. Aber jetzt,« sie stockte und sprach heiser weiter,
-ohne ihn anzusehen, »jetzt weiß ich, daß du mir doch ganz und
-immer gehörst, auch wenn, wenn,« sie atmete erleichtert auf und
-hob ihr Gesicht zu ihm empor, und ihre Augen waren mit Tränen
-gefüllt, »wenn sie ganz dein geworden ist. Und deshalb,
-liebster Mann, fahre hin und denke, daß ich nicht deine Frau,
-deine Liebste bin, sondern dein bester Freund, der dir alles
-gerne gönnt, was dein Herz fröhlich macht. Denn ich habe dich
-lieb. Und Swaantje auch.«</p>
-
-<p>Helmold fühlte, daß ihm die Augen feucht wurden, aber er
-jagte die Tränen dahin, wo sie hingehörten. Er küßte seine Frau
-auf die Stirne, nahm sie um den Leib und zog sie, sich in den
-Sessel gleiten lassend, auf seinen Schoß. »Sieh mal, Grete,« begann
-er mit etwas rauher Stimme, »hättest du eher so gesprochen,
-so hättest du mir viele bittere Wochen erspart, und dir auch.
-Aber alles auf der Welt hat seine Zeit. Zudem war ich damals
-so krank, daß du gar nicht wissen konntest, ob das, was ich wollte,
-einem zwingenden Grunde oder einer Einbildung entsprang.
-Wir wollen von dieser Sache nie wieder sprechen, denn ich glaube,
-ich bin darüber hinaus. Jedenfalls bin ich dir herzlich dankbar
-für deine gütigen Worte, und rechne dir die Selbstüberwindung,
-die sie dich auf jeden Fall kosteten, sehr hoch an. Was nun
-die praktische Seite deines Vorschlages anbetrifft, so kommt hier
-lediglich Swaantje in Frage, und Swaantje braucht, so scheint
-es mir, jetzt mehr eine Schwester denn einen Bruder. Grüße sie
-herzlich von mir, und sage ihr, sie solle sich zusammenreißen und
-sich mit Italien und Spanien im voraus trösten, und schustere
-Tante Gesina einmal gehörig zurecht, das heißt, in Güte, denn<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-Grobheiten habe ich ihr damals so viele gesagt, daß ihr Bedarf
-vorläufig gedeckt sein wird.«</p>
-
-<p>Sie sah ihn ungläubig an. »Übrigens,« fuhr er fort, »mache
-nicht solch ein Passionsgesicht! So schlimm wird es mit ihr nicht
-stehen; Neuralgiker sind zähe, das sieht man an Bismarck. Der
-Tausend, du siehst ja wie Buttermilch aus! Lege dich einen Augenblick
-hin!« Er führte sie nach dem Ruhebette, deckte sie zu und streichelte
-ihr so lange die Stirne, bis sie einzuschlafen schien.</p>
-
-<p>Aber sie schlief nicht, sie dämmerte nur. Gespenstige Vorstellungen
-wisperten ihr seltsame Worte zu. »Wenn er sie nicht mehr
-liebt, liebt er dich auch nicht mehr,« flüsterten sie; »du bist rot
-und warm, sie ist grün und kühl; ihr seid ihm Komplemente, bildet
-eine Einheit in seinen Augen. Fühlst du nicht, daß er nur noch
-mit den Lippen küßt und nicht mehr mit der Seele? Daß bloß
-seine Hände dich streicheln, aber daß seine Gedanken nicht auf
-deiner Stirn sind? Daß nur seine Sinne noch leben, sein Herz
-aber, das ist tot?«</p>
-
-<p>Sie fuhr in die Höhe, seufzte gequält und sah verängstet um
-sich. Ihr Mann streichelte ihr die Backen; sie blickte ihn verzweifelt
-an: »Helmold,« schluchzte sie, »ich habe so schrecklich geträumt!
-Ich möchte am liebsten nicht fahren. Ich habe solche
-Angst, ich glaube du, daß du, du liebst Swaantje nicht mehr
-und mich auch nicht mehr. Wir haben dir das Herz zertreten. Du
-bist so ganz anders geworden, du bist mir so fremd, daß ich dich
-nicht ansehen kann, wie man seinen Mann ansehen soll. Du
-kommst mir so vor, wie damals, als du auf einmal ohne Bart
-nach Hause kamest. Helmold,« stöhnte sie und faßte seinen Kopf mit
-beiden Händen, »ist das wahr? Ich habe jetzt immer so viel Angst.
-Fühle, wie mein Herz klopft. Komm mit, du und ich und Swaantje,
-wir drei wollen uns so lieb haben, wie noch niemals Menschen sich
-lieb hatten.« Sie schluchzte fassungslos in das Kissen hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span></p>
-
-<p>»Gretechien, mein dummes Gretechien,« scherzte er und liebkoste
-sie; »du siehst Gespensterchien! oder willst du dich rächen? denn
-genau solchen Unsinn habe ich damals auch von dir gedacht.
-Glaubst du, solche rosenroten Stunden, wie wir sie erlebten,
-könnten verblassen und verwelken? Waren diese Wochen nicht ganz
-so, wie vor acht Jahren, als wir Tag für Tag zu Frigge beteten
-und sie lobten, wie sie gelobt werden will? Gewiß bin ich anders
-geworden, aber auch ohne das, was sich die letzte Zeit begab,
-wäre ich mehr Mann geworden, denn allzulange bin ich Junge
-gewesen. Und bist du nicht auch in den beiden letzten Wochen
-eine andere geworden? Glaubst du, daß du noch einmal wieder
-zu mir so ein hartes Gesicht machen kannst, wenn ich ein bißchen
-ungezogen bin?« Sie lächelte unter Tränen und schüttelte
-den Kopf und zog ihn fest an ihre Brust, hungrig seine Lippen
-suchend.</p>
-
-<p>Am Nachmittage brachte Helmold sie, Swaan und Sweenechien
-samt der Kindermagd zur Bahn, denn er hatte bestimmt, daß
-die Kinder mitfahren sollten. »Sie haben Ferien, und Swaanhof
-ist für sie das, was für uns die Riviera. Und sonst bangst du
-dich nach ihnen. Außerdem hat Muhme Gese dann etwas mehr
-zu tun und läßt Swaantje in Ruhe. Und bleibe, solange es dir
-da gefällt. Sage aber nichts von dem Bilde; das soll sie als Julklapp
-haben.«</p>
-
-<p>Als er nach Hause ging, mußte er immer noch an das reizende
-Bild in dem Fenster des Eisenbahnwagens denken: seine schöne
-Frau zwischen den beiden Blondköpfen und dahinter das niedliche
-Mädchen, glühend vor Reisefieber. Und welche glücklichen
-Augen Grete gehabt hatte und welchen weichen bräutlichen Mund!</p>
-
-<p>Stolz leuchteten seine Augen, als er die Straße entlang ging,
-und alle Frauen und Mädchen, die ihm begegneten, sahen ihn
-an, als wollten sie sagen: »Muß der aber küssen können!« Er<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-nahm alle diese Blicke dankbar hin, nutzte sie aber nicht aus, trotz
-des überlegenen Paschagefühles, das ihm die Muskeln schwellte.</p>
-
-<p>Er dachte an den neuen großen Auftrag, den er bekommen hatte.
-Anfangs hatte er sich darüber geärgert, denn es handelte sich um
-eine naturgetreue Wiedergabe von drei Landschaftsbildern für
-den Speisesaal auf Rottenwiede, dem Stammschlosse des Freiherrn
-von der Rotten. Er hatte angenommen, weil er den Preis
-bestimmen durfte, und er hatte sehr viel gefordert. Jetzt freute
-er sich über den Auftrag. »Denn die enge stoffliche Begrenzung«,
-dachte er, »schließlich ist sie doch keine größere Einengung als die,
-die bei jedem Bildnisse Voraussetzung ist.« Und er wollte einmal
-den Nurlandschaftern zeigen, was es heißt, eine Landschaft
-wörtlich abzuschreiben und doch einen echten Hagenrieder aus ihr
-zu machen. Ein Wort Oskar Wildes über den Wert des Reimes
-fiel ihm ein, über den wohltätigen Zwang, den er auf das Gemüt
-des Dichters ausübt, und er sagte sich: »Künstler ist nur der, der
-vor keinem Auftrage zittert.« Er ging schneller, denn die Hand
-juckte ihn nach der Arbeit.</p>
-
-<p>Als er am anderen Morgen mitten im Schaffen war, fröhlich
-vor sich hinsummend, sah er, daß die Großmagd sich im Garten
-zu schaffen machte. Er hatte es immer mit Freude angesehen, das
-große, schlanke, herrlich gewachsene Mädchen. »Sonnenschein
-über Apfelblüten,« dachte er, als er ihr goldenes Haar und ihr
-rosiges Gesicht ab und zu über den Büschen auftauchen sah. Er
-freute sich über das prächtig entwickelte Muskelwerk ihrer Unterarme
-und den guten Sitz ihres frischen Waschkleides, und er
-dachte, indem er dem Spiele der Schulterblätter und der Lenden
-unter dem rosenrot und weiß gestreiften Rocke zusah: »Muß die
-einen köstlichen, unverbildeten Akt haben!«</p>
-
-<p>Plötzlich fand er, daß das Mittelbild sehr gewinnen würde,
-wenn im Vordergrunde rechts Figuren wären, und er sah Luise<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-da stehen und, ein Kind an der Hand, über die Haide nach dem
-Dorfe hinsehen. Er trat aus der Tür und rief das Mädchen in
-die Werkstatt. »Hören Sie mal, Luise,« begann er, sie mit Wohlgefallen
-ansehend. Sie wurde über und über rot und konnte ihn
-nicht anblicken. »Ich brauche hier für das Bild eine schlanke
-Figur, und Sie würden großartig dazu passen. Würden Sie so
-gut sein und mir dazu stehen?« Das Gesicht des Mädchens färbte
-sich noch roter: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr
-Hagenrieder,« antwortete sie leise, und ihre Stimme zitterte. »Aber
-in dem Kleide geht es nicht,« meinte er, und da er gerade das
-Bild betrachtete und dann in das Nebengemach ging, um sich
-Farbe und Pinsel herauszusuchen, so sah er nicht, was hinter
-ihm vorging. Als er nun aus dem Vorratsraume zurückkehrte,
-stutzte er und stand mit heißem Gesichte vor dem Mädchen, das
-gerade dabei war, das letzte Kleidungsstück, das ihren Leib verhüllte,
-abzulegen.</p>
-
-<p>»Halt!« rief er und hob die Hand; »so habe ich das nicht gemeint,
-Luise. Ich wollte, Sie sollten sich ihr Dorfkleid anziehen;
-denn so brauche ich Sie hier und nicht in Ihrem städtischen Zeug.«
-Das Mädchen, dessen Gesicht aufgeflammt war, als er ihm
-gegenüberstand, wurde kreidebleich. Schlaff ließ es die Arme an
-den Hüften herabhängen, hielt den Kopf tief gesenkt und stotterte:
-»Ich, ich dachte, Sie meinten das so, weil doch die Modellmädchen
-und deshalb.« Ihr Herr suchte nach Luft. Das Blut
-kribbelte ihm unter den Haaren, der Atem wollte ihm nicht über
-die Lippen, und seine Augen klammerten sich an den Fußboden.
-»Luise,« sagte er, und heiser klang seine Stimme, »es wäre sehr
-freundlich von Ihnen, wenn Sie mir einmal Akt stehen wollten,
-denn solche Figur, wie Ihre, die finde ich wohl nie wieder. Aber
-was wird Ihr Bräutigam sagen?« Das Mädchen nahm den
-Kopf in die Höhe und sah ihn an, und ihre Augen schienen ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-zu leuchten, als sie erwiderte: »Das ist aus.« Erstaunt fragte er:
-»Aus? Warum denn? Es war doch eine gute Partie für Sie?«
-Kühl antwortete sie: »Ja, er war einmal eklig gegen seine
-Mutter, und er schämte sich, weil sie eine Waschfrau ist.« Ohne
-daran zu denken, daß das Mädchen nur noch das Hemd anhatte,
-trat er auf sie zu und faßte ihre Hand, denn er wollte sie trösten,
-und da kam in ihre Augen ein Glanz, daß ihm auf einmal einfiel,
-daß sie vorhin gesagt hatte: »Ich will alles tun, was Sie wünschen.«
-Dann war alles rosenrot um ihn, und im selben Augenblicke
-hing das Mädchen an seiner Brust, willenlos und willfährig.
-Ohne zu wissen, was er tat, nahm er hin, was sie ihm
-gerne gab. Freude war in ihm, als sie ihn verlassen hatte. »Du
-liebst sie,« dachte er; »und wer liebt, ist noch jung.«</p>
-
-<p>Die Blutsbrüderschaft der Stedinger, ein loser Freundschaftsverein,
-aus einer Mitschülervereinigung entstanden, hatte einen
-klobigen Häuptlingsstuhl, auf dessen riesiger mennigroter Lehne
-in knallweißer Pfefferkuchenschrift zu lesen war: »Der moralisch
-bessere Teil der deutschen Studentenschaft ist ein ganz rauhbeiniges
-und freches Gesindel, und dazu gehören wir!« An diesen
-protzigen Leitspruch mußte Helmold denken, und er lächelte dabei
-vor sich hin. »Ja, ich bin ein ganz unmoralischer Mensch,«
-dachte er, »und das bekömmt mich denn so schön!« Er besah
-sich ganz genau und lächelte wieder, denn ein Ausspruch von
-Hans von Bülow, den er sehr liebte, fiel ihm ein: »Die Kunst
-steht über der Moral,« hatte der irgendwo geschrieben: »Der
-Künstler, der würdige Priester seiner Kunst, hat, sei er im übrigen
-auch wie er wolle, gerechten Anspruch auf höhere persönliche
-Geltung als der einfache gute Mensch und Bürger.«</p>
-
-<p>Er belehrte sich daraus also: »Ich bin äußerst schöpferisch als
-Künstler, also auch als Mensch. Ich habe eine Welt in mir, die
-ich nicht nur in Kunstwerken wiedergeben kann, sondern die ich<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span>
-auch durch mein Leben verkörpern muß. Ich liebe alles, was sehr
-schön und sehr gut ist, und eine große Zärtlichkeit drängt mich,
-es zu umfassen. Aus Weibes Schoße bin ich geboren und fühle
-mich in Dankbarkeit wieder dorthin gezwungen. Ein einziges Weib
-kann, ohne in Flammen aufzugehen, alle die Liebe nicht ertragen,
-die ich dem Weibe als solchem abzustatten mich für verpflichtet
-fühle, und verglimmen und verkohlen würde ich, dürfte ich meine
-Liebe nicht hellauf lodern und weithin leuchten lassen. Von jeher
-war, wo gesunde, einfache Sitten herrschten, die Magd die Zweitfrau
-des Hausherrn. Sie sorgte für ihn, sie schaffte für ihn, sie
-kannte alle seine Geheimnisse oft besser als seine Ehefrau, denn
-sie machte sein Bett und sah, ob er gut geschlafen hatte oder
-nicht. Er muß ihr dankbar sein, und wie kann ein Mann einem
-Weibe besser Dank abstatten als durch Kuß und Umarmung?«</p>
-
-<p>Er dachte an die reizende Magd, die ihm und seiner Frau in
-schweren Jahren das Leben verschönt hatte durch ihr sonnenhelles
-Wesen, und er sandte einen Seufzer der Reue dem Kusse nach,
-den er sich von ihr nicht hatte nehmen mögen, weil ihr Herz für
-einen andern Mann schlug.</p>
-
-<p>Alles das dachte er, wenn er frisch und fröhlich an den drei
-gewaltigen Bildern malte. Er fühlte sich durchaus nicht minderwertig,
-weil seine Magd seine Geliebte war; im Gegenteil, sein
-Gesicht blühte von Tag zu Tag mehr auf, immer federnder wurde
-sein Schritt, und er schaffte wieder, wie vor der Zeit, da Märzenschnee
-die Jungsaat seiner Seele versengt hatte. Nie hatte er vor
-dem Jenseits gebangt, nie ein Dankgefühl einem höheren Wesen
-gegenüber empfunden, aber jetzt hatte er es in sich. »Gott,«
-dachte er, »wenn du bist, so bist, wie das Volk ihn sich denkt,
-gütig und voller Verständnis für alles, was deine Kinder tun,
-daß du mir, dem Manne, der die Höhe seiner Tage überschritten
-hat, so viel blühende Jugend an das Herz legtest, damit er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-daran erquicke, ich danke dir und will dafür zu dir beten, vorausgesetzt,
-daß dir daran etwas gelegen ist; denn ich glaube, dir genügt
-es, deine Geschöpfe glücklich zu wissen.«</p>
-
-<p>Er verhehlte sich gar nicht, daß sein Verhältnis zu Luise eine
-Gefahr für ihn wie für sie war. Sie entstammte einer hochachtbaren
-Arbeiterfamilie und war streng kirchlich; zudem war sie
-seiner Frau von Herzen zugetan. Doch sie war ebenso ganz und
-gar und nichts als nur Weib, daß der Gedanke, eine Sünde zu
-begehen, ihr die Küsse, die sie geschenkt bekam, auch nur ein ganz
-wenig vergällen konnten; denn sonst wäre sie nicht in den beiden
-Wochen des Alleinseins mit ihrem Herrn nur noch ansehnlicher
-geworden. Nie aber vergaß sie ihre Stellung, niemals war sie,
-außer, wenn sein Arm sie umschlungen hielt, etwas anderes als
-die Magd, die ihre Arbeit tat und dafür ihren Lohn erhielt. Als
-seine Frau wiederkam und das Mädchen es mehr als einmal
-ansehen mußte, wie die Ehegatten zärtlich zueinander waren,
-blieb ihr Benehmen sich gleich, nur daß es Helmold schien, als
-ob sie der Frau gegenüber noch mehr Willfährigkeit und Aufmerksamkeit
-darlegte, so daß diese sagte: »Das Mädchen wird
-mir von Tag zu Tag lieber; sie tut, was sie mir an den
-Augen absehen kann, und ich glaube, sie ist in dich gehörig
-verschossen.«</p>
-
-<p>Er mußte lächeln, als sie so redete; sie blieb trotz der einen
-schlimmen Erfahrung immer noch das harmlose Gretechien ohne
-Arg und Sorge und dachte sich nichts bei dem, was sie in ihrer
-frohen Art dahinplauderte. So hatte sie auch, als sie von Swaanhof
-zurückkam, in aller Unschuld von Swaantje ein so rührendes
-Bild gemalt, daß Helmold schnell von etwas anderem sprach,
-denn er fühlte, daß die Sehnsucht sich wieder vor ihn stellte und
-ihn bittend ansah, und so sagte er denn: »Ich will ihr einen
-hübschen Brief schreiben, wenn ich ihr ihr Bildnis schicke, und<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-ein paar Bücher beilegen, die ihr Freude machen werden und sie
-zerstreuen, bis sie nach Italien fährt.«</p>
-
-<p>So kaufte er einige gute Werke, die ihr die Augen für alles das
-öffnen sollten, was sie in der Fremde sehen würde, wählte auch
-einige Bücher heiteren Inhalts, damit sie sich durch sie nötigenfalls
-über ihre Schmerzen hinweglesen sollte, die, wie Grete ihm
-erzählte, oft noch sehr arg waren, und an die er mit Bedauern
-dachte, doch ohne den Wunsch, sie mit leise streichelnden Händen
-von ihrer Schläfe zu entfernen. Dann und wann erhob sich zwar
-in seiner Seele das geheime Wünschen und flüsterte begehrliche
-Worte, aber da ihn sein Weib mit herzlicher Liebe erquickte und
-die Magd ihn mit untertäniger Hingebung erfrischte, so glaubte
-er herauszufinden, daß er in Swaantje weiter nichts gesehen
-habe als ein Sinnbild für seine starke Hinneigung zu dem Weibe
-an sich, dem er durch die Eingehung der Ehe hatte entsagen
-müssen.</p>
-
-<p>Das Gefühl von Gereiztheit seiner Frau gegenüber, unter dem
-er selber am meisten gelitten hatte, war völlig verschwunden,
-seitdem er vor ihr diese Heimlichkeit hatte. Er hatte vor ihr eine
-Schuld, aber eine Schuld, die ihn nicht drückte, die ihn nur dazu
-antrieb, doppelt so gut zu ihr zu sein, und mehr als je zuvor
-regelte er sein Benehmen ihr gegenüber, wurde zärtlich wie ein
-Bräutigam und aufmerksam wie ein Hausfreund.</p>
-
-<p>Vor allem hütete er sich, sie mit seinen eigenen Angelegenheiten
-zu behelligen, sobald diese unerquicklicher Art waren, und daran
-fehlte es ihm nicht. Der Oberbürgermeister hatte es ihm nicht
-vergessen, daß er ihn seinerzeit gezwungen hatte, ihn zuerst zu
-grüßen; er versuchte es ihm heimzuzahlen, indem er die Ausschreibung
-eines Wettbewerbes für die Ausschmückung des neuen
-Rathauses hintertrieb und es durchsetzte, daß die Aufträge unter
-der Hand vergeben werden sollten. So lag die Gefahr vor, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-die Hauptarbeiten recht mäßigen Malern zufielen, die es keine
-Überwindung kostete, den Rücken zu beugen und Vorzimmerlungerei
-zu treiben, worauf Helmold sich nicht einließ. Er tat
-überhaupt keine Schritte, einen Auftrag zu bekommen, und bat
-Hennecke sogar, in der Presse nicht für ihn einzutreten, zumal es
-ihm an Aufträgen nicht fehlte.</p>
-
-<p>Als er darum mit dem Oberbürgermeister bei dem Oberpräsidenten
-zum Abendessen geladen war, und der Oberpräsident
-sagte: »Wir freuen uns sehr auf das, was Sie im Rathause
-schaffen werden, lieber Herr Hagenrieder, denn die Hauptgemälde
-werden Sie doch wohl bekommen,« lächelte er verbindlich und
-sagte: »Sehr schmeichelhaft, Exzellenz, aber in Hinsicht auf die
-vielen Aufträge, die ich anderweitig habe, war die Stadt so rücksichtsvoll,
-mich nicht aufzufordern.« Die Hausfrau lächelte, der
-Oberbürgermeister verschluckte sich und spielte während des
-ganzen Abends das Mauerblümchen, während Hagenrieder, den
-die Gastgeber sehr herangezogen, seinen Geist schillern ließ, so daß
-die Oberpräsidentin ganz entzückt von ihm war und ihn bat, ein
-für allemal sich als Gast an ihren offenen Tagen zu betrachten,
-eine Ehre, mit der sie recht sparsam umging.</p>
-
-<p>Drei Tage darauf schrieb das Stadtoberhaupt an ihn und fragte,
-ob er die Wandgemälde für Rottenwiede sehen könne. Er kam,
-lobte mit einem gewaltigen Aufwande von hohlen Redensarten
-das Werk, und als er ging, hatte Hagenrieder die vier Wände
-des Sitzungssaales in dem neuen Rathause und die Glasfenster
-im Treppenhause in der Tasche. Einige Monate später ernannten
-ihn die städtischen Körperschaften zum Beirat in Kunstfragen,
-nachdem ihm kurz vorher der Herzog den Professortitel verliehen
-hatte. »So,« sagte er zu seiner Frau, »jetzt gelte ich sogar bei
-den Stadtverordneten etwas, und das will etwas heißen, denn
-das mehrste sind Heuochsen mit Eichenlaub und Schwertlilien.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span></p>
-
-<p>In voller Absicht stellte er sich jetzt in den Vordergrund der
-Gesellschaft, soweit es seine Zeit erlaubte. Während er früher
-am liebsten in Loden ging und sich halb bäuerlich trug, kleidete
-er sich nun derartig modisch, ohne die Albernheiten der Mode
-mitzumachen, daß er als einer der bestangezogenen Männer der
-Stadt galt und von allen Gecken studiert wurde, denn nie war
-ein Stilfehler in seiner Kleidung, obgleich, oder vielmehr, gerade
-weil er seine Kleidung ganz nach eigenem Ermessen zusammenstellte.</p>
-
-<p>»Der amüsanteste Mann, den wir haben,« sagte die Oberpräsidentin;
-»schon als Erscheinung ein Genuß.« Er war zu einer
-ihrer Gesellschaften in hochgeschlossener Weste gekommen, wie sie
-die Bauern trugen. »Wo haben Sie denn den famosen Westenschnitt
-her, Herr Hagenrieder?« fragte die Gräfin Tschelinski
-etwas spöttisch. »Von den Bauern, meine Gnädigste, den einzigen
-Leuten, die heutzutage noch Kultur haben,« versetzte er. Sie warf
-den Kopf zurück: »Und wir, Herr Professor?« Er lächelte:
-»Sind nur zivilisiert!« Der Bildhauer Professor Brambach, ein
-würdevoller Figurenfabrikant, versuchte ihn lächerlich zu machen,
-indem er sagte: »Sehr praktische Tracht!« »Jawohl,« antwortete
-er ihm, »man braucht nicht alle acht Tage ein reines Hemd
-anzuziehen.« Die Gräfin schrie vor Vergnügen, und es gab eine
-gepfefferte Toilettendebatte.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, meine Herrschaften,« lehrte der Maler, »für den
-Pöbel ist es ja erziehlich, zwingt die Mode ihn, ein Teil seiner
-Leibwäsche zu zeigen; sonst läuft er am Ende vier Wochen in derselben
-Linnenhülle herum. Wir aber brauchen den Beweis, daß
-wir uns reinlich halten, nicht erst anzutreten; denn sonst müßten
-wir die umliegende Menschheit durch einen mit dem Westenausschnitt
-übereinstimmenden Ausschnitt in unseren unaussprechlichen
-Hosen davon überzeugen, daß die noch unaussprechlicheren<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-Unterbeinkleider ebenfalls durch Tadellosigkeit glänzen.« Professor
-Brambach war entrüstet, die anderen quiekten vor Vergnügen.</p>
-
-<p>Dann kam die Damenkleidung an die Reihe. Hagenrieder
-erklärte: »Nur im Reformkleid ist eine Frau angezogen; im Zweistöckigen
-ist sie kuvertiert.« Scharf wurde widersprochen. »Beweis?«
-hieß es. Mit todernstem Gesicht dozierte er: »Sie selber,
-meine Damen, denn Sie tragen alle Reform.« Sie lärmten, denn
-nur die Gräfin trug sich so. In lehrhaftem Tone fuhr er fort:
-»Dasjenige Kleidungsstück, das Ihnen am teuersten ist, weil es
-Ihrem Herzen am nächsten steht, ist, soweit ich in den Auslagen
-der Wäschemagazine darüber Studien machen konnte, nicht zweistöckig,
-sondern besteht aus einem Stücke.« Die Gräfin schloß die
-Augen bis auf einen kleinen Spalt, sah ihn von oben bis unten
-an, und ihre Zungenspitze ging über ihre Lippen.</p>
-
-<p>Als er nachher im Wintergarten mit ihr allein war, fragte sie
-mit gemachter Harmlosigkeit: »Sie sagten vorhin, Herr Professor,
-schön sei der Mensch nur im Arbeitskleide.« Er nickte ernsthaft.
-»Ja, aber,« meinte sie, »eine Frau wie ich, in welchem
-Kostüm finden Sie denn die am schönsten?« Er machte sein treuherzigstes
-Gesicht, als er antwortete: »Auch im Arbeitskleide.«
-Sie fragte neugierig: »Und das ist?« Mit kindlich naiven Augen
-sah er sie an, als er versetzte: »Das Nachtkleid.« Sie machte ein
-halb entrüstetes, halb belustigtes Gesicht, als sie ihm mit ihrem
-Fächer einen Schlag auf die Schulter gab und zischte: »Unverschämter
-Mensch!« Aber als er sich glücklich lächelnd verneigte
-und fragte: »Ich danke gehorsamst, gnädigste Gräfin; ich darf
-diese Bemerkung doch wohl im Gewinnkonto eintragen?«, da
-lächelte sie, und ihre Augen sagten: »Ich will alles tun, was Sie
-wünschen, Herr Hagenrieder.«</p>
-
-<p>Dann meinte sie leichthin: »Ich habe zu Hause allerlei Ahnen<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-hängen, die ein bißchen gichtbrüchig sind, und möchte von Ihnen
-wissen, ob das zu heilen ist. Vielleicht sehen Sie sich die Bilder
-einmal an und empfehlen mir einen Restaurator, wenn es sich
-noch lohnt.« Er sah ihr mit heißen Blicken in die Augen: »Muß
-das gleich sein?« fragte er und hielt ihr den gebogenen Arm hin.
-Sie drohte ihm mit dem Fächer, lachte und sagte über die
-Schulter: »O nein. Aber wenn Sie morgen nachmittag Zeit
-haben?« und ging dann zu den anderen Gästen. Als er am anderen
-Tage zu ihr kam, empfing sie ihn in einem weichen losen
-Kleide von weißer Wolle. Er erhob die Hände bis zu den Schultern:
-»Wie wundervoll Sie aussehen, Gräfin; der Künstler dankt
-Ihnen.« Als er ihre Handgelenke küßte, flüsterte es über seinem
-Kopfe: »Nur der Künstler?« Er nahm sie in den Arm, raunte
-ihr in das Ohr: »O nein; der Mann dankt noch viel mehr,«
-und dabei küßte er sie.</p>
-
-<p>Die Gräfin blieb nicht die einzige Frau aus der Gesellschaft, die
-sein wurde. Wenn er gewollt hätte, konnte er jeden Tag im
-Monat einen anderen Mund küssen. Doch er ging auf Eroberungen
-nicht aus; wenn aber ein Weib ihm ihre Neigung mit
-lächelnden Augen kredenzte, und sie erregte sein Wohlgefallen, so
-nahm er dankbar die Labe hin. Mit jeder Frauenseele, die sich
-ihm erschloß, glaubte er ein Stück Jenseitsdasein mehr zu erwerben,
-wähnte er sein persönliches Leben zu verlängern. Wenn
-er malte, sah er sich oft dastehen, umdrängt von vielen schönen
-Frauen und Mädchen aus allen Kreisen, die ihre Herzen in den
-Händen hielten, Herzen, aus denen frohlockende Flammen schlugen,
-die einen Duft von Weihrauch verbreiteten.</p>
-
-<p>Nur eine Lücke war in der Reihe der weißen Leiber, nur ein
-Gesicht fehlte, nur ein Herz flammte und duftete nicht zwischen
-den anderen. Denn je mehr rote Rosen er in seiner Erinnerung
-fand, um so stärker trat wieder der Gedanke an die eine weiße<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-Lilienblüte vor ihn. Er wehrte ihn ab, trat ihn von sich, aber
-immer und immer wieder winselte er vor seiner Seele herum,
-stahl sich in seine Träume und trabte vor ihm her, wo er ging
-und stand. Er suchte sich dadurch von ihm zu befreien, daß er
-nach Stillenliebe fuhr, auf Sauen pürschte und bei Sophien und
-Annemieken Trost suchte. Er mietete sich in Ohlenwohle ein, angeblich
-um Studien zu machen, in Wirklichkeit, um sich an Marieens
-derber Art von der städtischen Überfeinerung zu erholen.
-Es half ihm wenig; denn überall stand ein blasses, müdes Gesicht
-neben ihm und zwei dunkelblaue, tiefumhofte Augen sahen
-ihn bittend an. Er schloß alle Lichtbilder von Swaantje ein und
-jegliches Stück, das ihn an sie erinnerte; aber dadurch wurde es
-nur noch ärger.</p>
-
-<p>Er schrieb seinen Zustand auf das Übermaß von Arbeit und
-Geselligkeit, das er sich aufgeladen hatte, schaffte langsamer, zog
-sich mehr zurück, doch immer mehr nur quälte ihn Swaantje
-Swantenius, und ab und zu waren seine Nächte wieder ohne
-Schlaf und seine Tage ohne Frische. So setzte er sich denn kurz
-vor dem Julfeste hin und schrieb ihr einen langen Brief, einen
-Brief, in dem er nur heiter von seinem äußeren Leben plauderte,
-doch ihm war, als flüsterte jede Seite Worte der Liebe, und als
-wäre jeder Buchstabe ein verstohlener Seufzer. Mit eigenen Händen
-packte er Swaantjes Bild und einige Bücher ein, legte den
-Brief dazu und sandte die Kiste nach Swaanhof.</p>
-
-<p>Ihm war sofort leichter zumute; es schien ihm, als hielte er
-Swaantje bei der Hand und plauderte mit ihr, und fröhlich
-wartete er auf eine Antwort. Er hoffte auf weiter nichts, als auf
-einen im kameradschaftlichen Tone gehaltenen Brief, hinter dessen
-Gitterwerk von schwarzen Buchstaben vielleicht ein ganz klein
-wenig blumiges Hoffnungsgrün für ihn sichtbar wurde. Aber
-erst einige Tage nach dem Feste kam eine Sendung aus Swaanhof<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-an ihn; sie enthielt eine lederne Zigarettentasche, verziert mit
-der Sonnenrune, und eine Karte, auf der die Worte standen:
-»Lieber Vetter, über die Bücher, das Bild und deinen lieben
-Brief ganz besonders habe ich mich sehr gefreut. Wie schön, daß
-es dir wieder gut geht! Hab tausend Dank. Dir und Grete herzlichen
-Gruß. Deine Swaantje.«</p>
-
-<p>Ganz fassungslos starrte er auf die Zeilen. Eine Absage für
-immer in aller Form. »Laß mich in Ruhe!« hieß das. Er sah auf
-den Sessel, in dem Swaantje gesessen hatte, als er sie um einen
-Kuß anbettelte, und nickte mit dem Kopfe. Er holte sich alle
-Bilder des Mädchens aus Gretes Truhe, sah eines nach dem anderen
-genau an und schüttelte den Kopf. Er nahm wieder alles
-das durch, was er von Swaantje und sich gedacht hatte, und
-sagte sich: »Es hilft alles nichts; sie wird mein Tod sein, mein
-Vampir. Ich werde im Grabe keine Ruhe finden, wird sie nicht
-mein, und bleibt sie nicht die Meine.«</p>
-
-<p>Als Luise ihn zum Essen rief, sah sie ihn ganz erschrocken an,
-und seine Frau fragte ihn: »Was ist dir, Liebster? du siehst so
-krank aus.« Er lächelte ihr die Sorge fort: »Ich habe mich wohl
-erkältet, das Feuer wollte nicht brennen.« Er legte sich nach dem
-Essen zu Bett und stand erst am anderen Morgen wieder auf.
-Alle Arbeitslust war ihm vergangen, und eine beschämende
-Schlaffheit beugte ihn nieder. »Geh nach Stillenliebe!« riet ihm
-Grete. Er nickte. »Ja, Kind, ich muß hinaus; es war ein bißchen
-viel Anspannung in der letzten Zeit. Ich will mir die Knochen
-wieder munter pürschen.«</p>
-
-<p>Als er den Koffer packte, zitterten ihm die Hände, so setzte ihm
-das Fieber zu, und in der Eisenbahn lähmte ihn eine so ermattende
-Schüchternheit, daß er es sich nicht verbat, als zwei dicke Viehhändler,
-die einen frechen Schnapsgeruch verbreiteten, die Fenster
-auf beiden Seiten aufrissen. Völlig durchgefroren und ganz blaß<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-kam er an, holte sich aus dem Grogglase wieder warmes Blut
-und setzte sich auf Sauen an. Gleich am ersten Abend erlegte er
-eine angehende Sau, und als er zurückkam, fühlte er sich wohl
-und munter. Aber wohl zehn Male wachte er in der Nacht vor
-Durst auf, und jedesmal, bevor er einschlief, sah er in seinem
-fieberhaften Zustande Swaantjes Gesicht auf sich zuschwimmen,
-weiß, kalt, ohne Haare und Augenbrauen, mit blicklosen Augen
-und einem Mund, dessen Lippen sich versteckten. Sehnsüchtig
-nannte er es bei Namen und versuchte es zu streicheln, aber sofort
-zerfloß es zu nichts.</p>
-
-<p>Müde und unfrisch wachte er um elf Uhr auf, und die Wirtin
-sagte bedauernd: »Sie gefallen mir gar nicht mehr; ich glaube,
-nach dem Essen bringe ich Sie gleich wieder zu Bette, mache
-Ihnen einen Tee und decke Sie bis zum Hals zu.« Er ließ sich
-ihre Fürsorge gefallen und fühlte sich dadurch erwärmt; doch
-bald darauf war ihm noch eisiger und unglücklicher zumute,
-und heftige Fieberschauer stießen ihn aus dem Halbschlafe. Sein
-Herz klopfte, sein Blut kochte, aus dem Muster der Tapete lösten
-sich fratzenhafte Gesichter los, jeder Laut von der Straße drang
-in zehnfacher Stärke zu ihm, und jede Farbe, die er um sich sah,
-sang ihm ein böses Lied.</p>
-
-<p>So stand er bald auf, zog sich an, ging aber nicht hinaus, sondern
-spielte mit Klaus Ruter und dem Förster Karten und trank
-sich das Fieber fort. Am anderen Morgen fühlte er sich besser.</p>
-
-<p>Es regnete nun drei Tage lang, und dann gab es Plattfrost.
-Eines Abends, als er reichlich müde von dem weiten Wege und
-durch und durch kalt vom langen Passen bei Annemieken saß und
-sich die Füße am Torffeuer wärmte, klagte er ihr sein Leid, und
-als er sie dabei ansah, kam sie ihm ganz anders vor als sonst,
-und er fand, daß das junge Weib ein neues Gesicht und fremde
-Bewegungen hatte. Sah sie eben noch wie Sophiee Pohlmann<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span>
-aus, so schien es ihm gleich darauf, daß sie ihn mit den Augen
-der Gräfin anblickte; dann wieder war sie Grete, gleich darauf
-Swaantje und hinterher Mariee oder Luise oder eine andere, die
-er geküßt hatte. Außerdem war die Diele bald hoch und hell,
-bald niedrig und duster; eben brannte das Feuer blau, gleich
-darauf grün und dann gar nicht; war die Katze jetzt ganz klein,
-so fing sie mit einem Male an, unheimlich zu wachsen, und
-während es vorhin nach Schweinefutter roch, war plötzlich ein
-strenger Duft von weißen Lilien da. Nun fing auch noch der
-Kesselhaken an, ihm böse Gesichter zu schneiden, um ihn sofort
-durch ein freundliches Grinsen zu versöhnen, aber da begann das
-Zinngeschirr an der Feuerwand, ihn auszulachen, das Spinnrad
-machte ihm einen albernen Knix, der Tranküsel winkte ihm
-spöttisch zu, und die Mährenköpfe am Herdrahmen wieherten und
-schnaubten gewaltig.</p>
-
-<p>Doch alles das ängstigte ihn kein bißchen, sondern machte ihm
-Vergnügen. Er trank ein Glas Grog nach dem anderen und erzählte
-seine tollsten Witze, bis ihm einfiel, daß er nun schon drei
-Tage auf Spurschnee wartete, und lachend befahl er Annemieken,
-ihm welchen zu besorgen. Das Mädchen, das tüchtig mitgehalten
-hatte und dessen Augen von dem heißen Grog und den wilden
-Witzen nur so blitzten, lachte und sagte: »Ich werde es Großmutter
-sagen, und die soll dir geben, was du haben willst; und
-dann werde ich dir sagen, was du mir dafür schenken sollst.«</p>
-
-<p>Da ging die Großmutter zu der Herdflamme und sagte ihr den
-Spruch, den ihre Mutter sie gelehrt hatte, ehe daß sie starb, und
-die Flamme lachte und nickte und wurde gleich siebenmal so
-lang und leckte mit sieben Zungen am Kesselhaken entlang. Dann
-warf die alte Frau die Schuhe hinter sich und winkte nach der
-Dönze. Da kamen drei Taubenfedern angeflogen und sieben
-Hühnerfedern und dreizehn Entenfedern und einundzwanzig Gänsefedern<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-und dreiunddreißig Schwanenfedern, alle so weiß wie
-Schnee. Sie flogen um die rote Flamme, und die spielte Kriegen
-mit ihnen, bis sie eine nach der anderen fing und dem Rauche
-gab und ihm sagte: »Zeige ihnen, wo sie hinsollen, und sage
-ihnen, wie sie es machen müssen, und dann komme wieder und
-bring mir Bescheid.«</p>
-
-<p>Der Rauch aber machte einen Knix, und dann wurde er wieder
-ganz lang und immer länger, bis er zum Dachloche hinausfuhr,
-und die siebenundsiebzig schlohweißen Federn nahm er mit. Nach
-einer Weile war er wieder da, warf sich vor der Flamme hin und
-sprach: »Ich habe alles getreulich ausgerichtet.« Und die Flamme
-erwiderte: »Denn so wollen wir schlafen gehen.« Und da lachte
-Annemieke und sagte: »Und wir auch!«</p>
-
-<p>In der Nacht hatte Helmold einen blitzblanken Traum. Er sah
-Frau Holle auf der blauen Sternenwiese stehen und die Betten
-sonnen, in denen die erdenmüden Seelen ausschlafen. Da kamen
-drei Federchen angetrippelt, drei schneeweiße Taubenfederchen,
-stahlen sich durch das Gras und suchten so lange, bis sie an einem
-Bette eine Naht offen fanden, und dann kicherten sie und krochen
-hinein. Und es dauerte nicht lange, und sieben weiße Hühnerfedern
-kamen angelaufen; die machten es ebenso, und nach ihnen
-die dreizehn Entenfedern und hinterher die einundzwanzig Gänsefedern
-und die dreiunddreißig Schwanenfedern kamen auch an
-und krochen in das Bett.</p>
-
-<p>»Was ist denn das?« sagte Frau Holle und stemmte die Hände
-in die Hüften, daß das weiße Fleisch ihrer Arme so reizende Falten
-in der Ellenbeuge schlug, daß gleich zwei Schmetterlinge kamen
-und sich dort niederließen. »Was ist denn das?« sagte
-Frau Holle, und ihr Kleid hüpfte vor der Brust, daß unten auf
-der Erde das Meer ganz still wurde, weil es solche Wellen nicht
-schlagen konnte. »Was ist denn das?« fragte Frau Holle und<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span>
-ihre Brauen wurden ganz schwarz, so sehr zog sie sie zusammen, und
-die Wetterwolken auf der Erde krochen vor Angst in die tiefsten Wälder.
-Aber dann lachte die schöne Frau, und der Sturm hörte sofort
-auf zu schimpfen, und der Donner fluchte nicht mehr hinter den
-Bergen. »Ahlmanns Mutter, Ahlmanns Mutter!« lachte die
-Hunderttausendschöne, »was machst du mir für Geschichten!«
-Und dann nahm sie ihr blitzblankes Messerchen und ritzeratz war
-die ganze Naht auf und holterdipolter flogen die weißen Federn
-von der blauen Wiese nach der grauen Erde.</p>
-
-<p>»Hat dich was geträumt über Nacht, lieber Jägersmann?«
-fragte Annemieken. Sie stand vor dem Spiegel und machte sich
-ihr Haar. »Und was hat dich geträumt?« fragte sie und lachte
-Helmold mit ihrem Spiegelbilde an; das hatte dunkle Augen
-und schwarzes Haar und ein weißes Gesicht, und Helmold wußte
-es ganz genau, Annemiekens Backen waren rot wie Rosen, ihre
-Augen blau wie Bachblumen und ihr Haar sah aus, wie Haferstroh
-in der Sonne. Aber er schlief noch in sich, und da ging sie
-hinaus, und als sie wieder hineinkam, warf sie ihm eine Grabse
-voll Schnee auf den Mund, lachte und sagte: »Da hast du, was
-du haben wolltest. Und nun komm und iß; die Suppe schreit
-schon nach dem Löffel!«</p>
-
-<p>Als er wegging, nahm sie die Katze auf, daß die ihm nicht über
-den Weg laufen sollte, und sie spuckte ihm in die Hacken und
-warf ihm ihren Schuh in den Rücken und wünschte ihm Pech
-den ganzen Tag und Hals- und Beinbruch, soviel es gibt, und
-lauter schlechten Anblick, und zwischen jedem, was sie tat und
-sagte, warf sie dreimal die Türe zu, und schließlich lief sie hinter
-ihm her, weinte zwei bittere Tränen über ihren süßen Mund
-und sagte: »Auf Wiedersehn, Nimmerwiedersehn, mein Jägersmann!«</p>
-
-<p>Drei Vögel sah er, als er durch die Feldmark ging. Das erste<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span>
-war ein Stieglitz; sein Scheitel war rot wie Blut. Das zweite
-war ein Dompfaff; seine Brust war rot wie Blut. Das dritte
-war ein Kreuzschnabel; der war von oben bis unten so rot wie
-Blut. Und als er in den Wald hineinkam, sah er im Schnee eine
-Fährte; in der war rotes Blut. Alle sieben Schritte stand sie
-wieder im Schnee, rot von Blut. Und er sagte: »Du edeles Wild,
-adelig Getier, kein anderes Wild, gemeines Tier will ich jagen
-noch fangen, ehe daß du nicht mein bist.« Da kam der Häher
-und sagte: »Nein!« Da kam der Bussard und sagte: »Niemals!«
-Da kam die Krähe und sagte: »Nimmermehr!«</p>
-
-<p>Er wurde traurig und sah, der Schnee war schwarz und die
-Tannen waren weiß, sein Herz wurde kalt und sein Gesicht
-wurde heiß, das Blut blieb ihm stehen und der Atem flog vor
-ihm weg, bis er die Wundfährte wieder fand; da wurden die
-Tannen schwarz und der Schnee weiß, sein Herz ward warm,
-und sein Gesicht wurde kalt, sein Blut fing an zu gehen und sein
-Atem beruhigte sich, und er lachte und sagte: »Du edeles
-Wild, adelig Getier, mein wirst du sein, ehe daß die Sonne schlafen
-geht, ehe der Fuchs auf Raub auszieht und die Eule umfliegt!«
-»Nein!« sagte der Häher, »niemals!« der Bussard,
-»nimmermehr!« die Krähe; aber er lachte sie alle drei aus.</p>
-
-<p>Und er ging und ging und ging den ganzen Tag. Er kam an
-den Teich, in dem die schöne Rosemariee sich ertränkt hatte, und
-nach dem Stein, wo der Förster erschossen wurde, und zu dem
-Kreuz, das da steht, wo die Nonne ermordet war, und er ging
-über die Haide und an dem Moore vorbei und durch den Wald,
-ließ den Morgen hinter sich liegen und den Mittag und den
-Abend, und alle seine Fußstapfen waren gefüllt, erst mit grüner
-Hoffnung, dann mit schwarzer Trauer und zuletzt mit grauer
-Angst. Seine Füße wollten ausruhen, seine Augen wollten
-schlafen gehen, sein Herz sprach: »Ich kann nicht mehr!« Er<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-aber hörte nicht auf sie und ging weiter, immer dem roten
-Blute nach.</p>
-
-<p>»Ich will dir helfen!« sprach der Schnee und machte die Nacht
-heller, und der Mond kam auch und alle Sterne, die es gibt, und
-sie gingen rechts und links neben ihm, daß er die Fährte finden
-konnte. Er fiel hin und stand wieder auf, er setzte sich und ging
-weiter, er bückte sich über die Quelle und richtete sich empor, und
-blieb immer wieder stehen und redete seinen Füßen zu und seinen
-Augen und seinem Herzen und sagte: »Nur noch bis zum nächsten
-Blutsfleck, bitte nur noch dieses einzige Mal; dann sollt ihr
-auch schlafen, solange ihr wollt.« Aber wenn er da war und
-stehenblieb und um sich sah und horchte, ob er sein Edelwild
-nicht sah oder hörte, dann war nur der Wald da und der
-Himmel und der Mond, und der nickte ihm zu und sagte: »Immer
-weiter, immer weiter!«</p>
-
-<p>Da kam er in einen dunkelen Wald, und die Finsternis sprach
-zu ihm: »Siehe!« Da sah er, wie der Wind über den Berg gelaufen
-kam; in seinen Händen trug er zwölf Glockenschläge. Dann
-trat die Stille vor ihn hin und sprach: »Horch!« Da hörte er
-die Nacht über den Wald springen; in ihrem Mantel trug sie
-ein Weinen, das war ganz fern und doch so nah, war sehr leise
-und doch so laut, und so bitter war es und so süß. Seine Füße
-starben vor Angst, sein Herz fiel tot um, und seine Augen brachen.
-Aber als der Wind den letzten Glockenschlag vor ihn hingelegt
-hatte, gab ihm der Tod sein Leben wieder in die Hände;
-die waren so kalt wie Eis. Und kalt wie Eis war er ganz und
-gar und konnte nicht fühlen und nicht denken und stand da wie ein
-toter Baum, wie ein lebloser Fels, wie eine abgestorbene Blume.</p>
-
-<p>Doch der Sturm ermunterte ihn wieder; er hielt das Weinen
-über ihn, und daraus flossen Tränen auf ihn und weckten
-ihn auf, bis das Eis von seinen Augen schmolz, und seine Füße<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-lebten wieder, und sein Herz stand auf, und da sah er, daß die
-rote Fährte im Schnee dort zu Ende war, wo er stand, und daß
-es zwei nackte Fußspuren waren, über und über rot von Blut.
-Seine Füße zitterten, sein Herz fing an zu bluten, und seine Augen
-weinten bitterlich, bis daß die beiden Fußspuren weißgewaschen
-waren. Das Alter lehnte sich gegen seinen Rücken, Falten krochen
-in sein Angesicht hinein, in sein Haar aber fiel der Schnee.</p>
-
-<p>Das Weinen über seinem Haupte wurde zu einem Lächeln und
-stellte sich über die weiße Fährte im Schnee und winkte seinen
-Augen zu. Und als sie ihm folgten, kamen ihnen zwei andere Augen
-entgegen und gingen wieder zurück und blieben vor ihm stehen,
-weit genug von seinen Händen. Sie sahen ihn an und weinten
-Tränen, die fielen als Blut in die Fußspuren und füllten sie wieder
-bis zum Rande, und das Lächeln schlug die Hände vor das Gesicht
-und weinte leise, und das Weinen sah ihn mit Augen an,
-die voller Furcht waren und leer von Hoffnung, aber beladen
-mit Verzweiflung.</p>
-
-<p>Seine Seele zitterte und schrie: »Was soll ich tun, ihr beiden
-Augen, beladen mit Angst, gefüllt mit Trauer, beschwert mit
-Grauen, daß ihr wieder lächeln könnt? Und du Weinen, bitterliches
-Weinen, sage mir, was beginne ich, daß du nicht mehr im
-Sturm umherirren mußt und in Frost und Kälte und einsamer
-Nacht? Und du Lächeln, banges Lächeln, sprich, was muß werden,
-damit du dich nicht mehr zu bergen brauchst hinter den Dornen und
-in den Disteln und unter den Nesseln? Und du, nackte Seele,
-was ist es, das dir wieder Ruhe gibt, auf daß du nicht mehr mit
-bloßen Füßen wandern mußt über Berg und Tal und Stock und
-Stein und Feld und Flur, blutend aus sieben Wunden, kalt bis
-in das Herz und müde bis auf den Tod?«</p>
-
-<p>Da trat die Finsternis hinter ihn, die Einsamkeit winkte der
-Stille zu und die legte dem Sturme Schweigen auf. Der Mond<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-ging zur Seite und nahm die Sterne alle mit; dunkel wurde es
-rund umher. Aber die Dunkelheit war klar, so daß er die rote
-Fährte im Schnee sehen konnte und die beiden Augen über ihr
-und einen blassen Mund und zwei Hände vor einer bangen Brust;
-die waren ineinander gefaltet. Eine Stimme, die war nicht hier
-noch da, nicht von gestern und nicht von heute, nicht leise und
-nicht laut, kam langsam aus den blassen Lippen zu ihm gegangen,
-stellte sich vor ihn hin und sprach:</p>
-
-<p>»Du, von dem ich nicht weiß, wer du bist, den ich niemals gesehen
-habe, und der immer vor meinen Augen steht, vor dem ich
-vor Angst vergehe und vor Sehnsucht nach ihm sterbe, du, o
-du und du, was habe ich dir getan, daß du mich jagst barfuß und
-barhaupt und bloß durch Nacht und Schnee und Frost und durch
-Dunkelheit und Einsamkeit und diese Totenstille? Siehe, meine
-Augen bluten, meine Füße sind wund, mein Leib ist vor Kälte
-erstarrt. Mein Lächeln habe ich im Schnee verloren, meine Ruhe
-rissen mir die Dornen vom Leibe, der Sturm trägt mein Weinen
-vor mir her. Ich bitte dich, bitte dich so sehr, bitte dich um alles
-in der Welt, höre auf, mich mit Furcht zu schlagen, mich mit
-Angst zu peitschen, mich mit Jammer zu geißeln, da ich dir doch
-nichts zuleide tat.«</p>
-
-<p>Seine Seele stöhnte auf; sie fiel auf die Knie, streckte die Arme
-aus, schluchzte auf und schrie: »So sage mir, arme Seele, gehetztes
-Herz, müder Geist, sprich, was soll ich tun, daß du dein
-Lächeln wieder findest, die Angst aus deinen Augen verlierst und
-dem Sturme dein Weinen aus den Händen nimmst? Was ich
-dir antat, ich weiß es nicht; aber ich will es wieder gut machen;
-büßen will ich es, wie du es mir sagst, mit Not und Tod oder
-einem Leben ohne Abend- und Morgenrot. Das schwöre ich dir
-bei den sieben Sünden, die bei mir stehen, drei zu meiner Rechten,
-drei zu meiner Linken und der einen, die über mir ist. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-gelobe es dir bei allen Lüsten, die mich locken, und bei allen Süchten,
-die mich schrecken. Siebenmal schwöre ich es dir.«</p>
-
-<p>Da sah ihn die Stimme, die nicht von gestern war und nicht
-von heute, und nicht hier noch da, und weder laut noch leise,
-freundlich an, und also sprach sie: »Ich halte deine Schwüre in
-der einen Hand und deine Gelübde in der anderen, und ich sehe,
-sie sind wahr und ehrlich und treu; so wisse denn: lege deine grünen
-Hoffnungen alle ab, wirf deine blauen Träume hinter dich
-und tritt weit fort von deinen roten Wünschen. Das ist das eine;
-aber das zweite ist dieses: zertritt das bunte Gedenken, reiße ab
-die lachenden Erinnerungen und rotte gänzlich aus das Wissen
-von dem, was du nicht wissen durftest. Das ist das andere; aber
-das letzte ist dieses: laß dein Lachen hier im Walde liegen und
-dein Weinen, wo deine Füße stehen, und all dein Fühlen mußt
-du der Einsamkeit geben und der Dunkelheit und der Stille. Ohne
-Wehr und Waffen gehe von hier, daß ich nicht mehr zittern muß,
-wenn deine Schritte meine Gedanken kreuzen, wenn deine Augen
-Schatten auf meinen Weg werfen und deine Sehnsucht über mein
-Herz hinwegfliegt. Gelobest du mir das?«</p>
-
-<p>Seine Seele neigte ihr Haupt und gelobte es bei allem, was sie
-fürchtete, und da sprach die Stimme zu ihm, und noch freundlicher
-sprach sie, daß es wie Maiensonne auf seine Angst fiel, und also
-sprach sie zu ihm: »Siehe, meine Augen sie bluten nicht mehr so
-sehr, und meine Lippen röten sich ein wenig, und meine Hände
-zittern kaum noch, weil die Furcht sie nicht mehr so quält und die
-Angst und das Entsetzen; und nun höre: du hast gerufen heute:
-du edeles Wild, adelig Getier, mein sollst du sein, ehe daß die Sonne
-sinkt. Wenn die Sonne sank für dich wie für mich, keine Blume uns
-mehr blüht und Schmerz und Lust uns nicht mehr ihre Lieder
-singen, dann will ich dein sein, ganz und gar dein sein, für immer
-und ewig dein sein, du lieber, viellieber, geliebter Jägersmann.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p>
-
-<p>Als er in das Dorf zurückkam, riefen im Kruge die Fiedeln,
-und die Trompeten schrien, und eine Flöte lachte: »Komm tanzen,
-junger Jägersmann!« Er ging in den Saal und sah sich um.
-Annemieken stand da, schön wie immer, aber sie kannte ihn nicht.
-Sein Freund ging an ihm vorüber, aber er sprach ihn nicht an,
-und sein Feind warf seine Augen auf ihn, doch ohne Haß.</p>
-
-<p>An der Wand hing ein Spiegel; der rief ihn zu sich hin. Er sah
-hinein und setzte sich auf die Bank der alten Leute.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_graue_Engel">Der graue Engel</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Im blauen Himmel ging alles auf Strümpfen. Die Straße
-war auf drei Häuserlängen mit Stroh belegt und mit Kaff bestreut,
-und an der Haustüre hing ein Schild, auf dem zu lesen
-stand: Kein Ausschank. Alles Vieh und auch der Hund waren
-in der Nachbarschaft untergebracht, und die Pumpe war festgebunden,
-und auf der untersten Treppenstufe war mit Kreide die
-heilige Fünf hingemalt, denn der Tod stand hinter der Haustür.</p>
-
-<p>Er war wütend. Kinder, Greise und sonstiges Niederwild zu
-jagen dünkte ihm kein Waidwerk; nach Edelwild gelüstete ihn,
-nach einer hohen Beute. Diesen Mann da zu fällen, diesen großen
-Künstler, ehe er sein Bestes gegeben, ehe daß er Tausenden von
-Menschen das Herz gestärkt hatte, das war ein lohnendes Ziel.
-Über die zwei Männer und die Frau, die zu seiten des Krankenbettes
-saßen und ihre Schilde vor den siechen Mann hielten, lachte
-der Tod; aber die eine, die nicht da war, die machte ihm schwer
-zu schaffen.</p>
-
-<p>Ingrimmig knirschte der graue Engel mit den Zähnen, daß es
-dem Förster, der in der Gaststube saß, eisig über den Rücken lief
-und er schnell seinen Schnaps austrank. Dann bückte der Tod
-sich, trat auf die Straße, von der die Spatzen entsetzt aufflogen,
-als sein Schatten auf sie fiel, und stellte sich vor das gegenüberliegende
-Haus, wo Lorenmutters Fuchsien sofort die Knospen
-verloren, denn die Augen des Todes hatten sie gestreift. Aber auf
-die alte Frau fielen seine Blicke nicht; er wandte sie dahin, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span>
-Helmold lag, und stierte nach dem Fenster. Hineinsehen konnte er
-nicht, weil die Vorhänge zugezogen waren; aber er wollte doch
-wenigstens hinsehen.</p>
-
-<p>Der Kranke hatte ruhig dagelegen. Sein Gesicht sah wie eine
-Totenmaske aus; jede Spur von Leben hatte das Fieber aus ihm
-herausstilisiert. Regungslos saß der Arzt da, mit losen Fingern
-das Handgelenk des Freundes umspannend. Aber nun blickte er
-auf; die weiße Flaumfeder auf den Lippen des Kranken rührte
-sich hastiger. Frau Gretes Züge verzogen sich zum Weinen, Hennigs
-Gesicht verdunkelte sich; die Augen des Arztes sahen starr
-nach dem Gesicht des Kranken.</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblicke sprang er auf und hielt beide Hände
-über das Bett, denn Helmold hatte sich mit einem Ruck emporgeschmissen,
-sah ohne Verstand um sich, machte einen bittenden
-Mund und flehte: »Kuß, ein' einz'gen Kuß, Swaantje!« Sein
-Gesicht füllte sich mit Entsetzen; er fiel zurück und atmete schwer.
-Dann sprach er mit verdorrter Stimme: »Die Augen, nein die
-Augen; was sind das für Augen? Leg sie fort, ganz weit, nein,
-dahin, weg!« Seine Brust ging auf und ab; er röchelte: »Ist
-nicht wahr, hab ich nicht gemalt, Lüge, alles gelogen. Die Augen,
-die Augen! Grete, du hast gelogen. Wir drei, wir drei, wir drei,
-hast du gesagt. Gemeine Lüge!«</p>
-
-<p>Er knirschte mit den Zähnen und stöhnte: »Tödeloh, da bin ich
-gestorben, ganz totgestorben. Ha la lit! Der gute Bock ist tot!
-Bock tot, will ich blasen. Mein Horn ist weg.« Er warf sich hin
-und her; dann sang er: »Rose weiß, Rose rot,« und flüsterte
-weiter: »Sophie, eine Runde! Deuwel auch, Klaus, laß dir das
-nicht gefallen; Wiebken mogelt.« Er lachte: »Es gibt viel Schönes,
-Wunderschönes: Maserholz, grobe Leinwand, so wie Annemiekens
-Hemden, rohes Kupfer, das heilige Dreieck. Ach ja, das heilige
-Dreieck, das dunkele Geheimnis, unser Anfang, Ende auch. Such<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-verwundt, mein Hund, weis' verwund't, mein Hund! Szissa her
-mit'n Lüttjen, her mit'n lüttjen Schluck!«</p>
-
-<p>Er flötete den Jagdpfiff, versuchte zu blatten, zog beide Hände
-vor das Gesicht, als wollte er in Anschlag gehen, und schrie:
-»Mariee, Dicke, was hast du für Arme! Wahre Pracht. Auf
-Chali pfeif ich; das ist ein Biest. Jawohl, gnädige Frau, künstlerische
-Reife ist Beginn der Fäulnis. Entweder leben oder Künstler
-sein. Die Atrappe ist höhere Gemeinheit. Hurra, es lebe der
-Öldruck! Hennig, deine Line ist keine Dame, darum mußt du sie
-heiraten. Damen sind inaktive Dirnen. Pfui Teufel! Hier habe
-ich voriges Jahr den Keiler geschossen. Nein, ich schieß ihn nicht,
-Swaantje, aber küssen will ich dich, wenn du auch noch solche
-Augen machst.«</p>
-
-<p>Er griff mit den Händen umher! »Hülfe, Hülfe, tut mir nichts:
-ich will ja mein Herz wegschmeißen! Da, da liegt es, seht Ihr,
-im Dreck; der Hund hat es geholt! Seid Ihr zufrieden, Grete
-und Swaantje? Nun bin ich ganz artig.«</p>
-
-<p>Er fiel zurück und schlief ein, wachte aber sofort wieder auf und
-schrie: »Schwindel! Alles Schwindel, Farbe, Liebe, alles, alles!
-Hennig, sieh den Schillerfalter; alle Farben hat er, hat er; also
-Schwindel. Hat überhaupt keine, tut bloß so. Nichts ist so, wie
-es aussieht. Swaantje sieht gut aus, Swaantje ist böse. Grete
-auch, Sophiee auch, Mariee auch, aber Annemieken ist gut. Soll
-ich dir helfen, Annemie? Was brauchen wir unsere Herzen? Weg
-damit! Ohne Herz liebt es sich bequemer. Wer hat den Hochsitz
-hierher gestellt? Senator, Sie irren sich, Sie sind Fachmann, verstehen
-also von der Sache nichts, sind darin, nicht darüber. Prinz,
-du schießt ja doch nur vorbei, ganz sicher; hast ja den Tatterich.
-Frau Trui, der Honig ist ausgezeichnet, süß, wie heimliche Küsse.
-Aber die Farbe ist Schwindel; Honig muß rot sein. Alles, was
-süß ist, ist rot. Rote Rosen sind schön. Wer hat die verdammten<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-Nesseln mang die Küsse gebunden? Was sollen die Witze?
-Häh?«</p>
-
-<p>Er fiel abermals zurück. Der Arzt goß Arznei ein und flößte sie
-dem Kranken ein, der unwillig schluckte. Frau Grete sah wie der
-Tod aus, Hennigs Gesicht war wie aus Holz. Helmold schlug um
-sich. »Laß mich in Ruhe mit dem verdammten Kleide, hörst du?
-Es ist mit kalten Augen besetzt, gemeinen Augen. Fort damit! Ich
-hasse die Kanaille und halt sie mir vom Balge, sagt Horaz. Prost,
-oller Römer! Janna, Manna, singt noch eins!« Er summte:
-»Meiner zu gedenken, das gebrauchest du ja nicht.« Starr sah
-er nach der Wand: »Ich habe deine Brüste gesehen, o wie schön,
-und ich will sie küssen. Gib sie her, sofort, hörst du! Ach laß
-auch, sie sind kalt. Siehst du, das hast du davon. Lauf mir nicht
-immer nach, Swaantje! Überall bist du! Ich will den Bock haben,
-stell' dich nicht immer davor, sonst wahrhaftig, ich mache den
-Finger krumm. Frau Pohlmann, in meinem Bette waren Flöhe.
-Nein, bloß Spaß, waren Gewissensbisse. Annemie, ich bin müde.
-Du sagst, du willst nicht? Teuf, Lork! Hast auch zwei Gesichter,
-ein Taggesicht und eins in der Nacht, und das ist mir lieber.«</p>
-
-<p>Er sang nach einer Tanzmelodie: »Beni Benjamin hat gesagt,
-ich hab den Lungenkataharr! Hab' mir das Herz verkühlt, hat
-kalte Füße gekriegt. Heißen Pottdeckel darauf, das hilft. Ich will
-nicht mehr malen, ich male mir noch alles Blut aus dem Leibe.
-Und das brauch' ich noch 'ne Weile. Fritsche, alter Döllmer, trag'
-das Gewehr nicht so dämlich! Hennig, wo willst du hin? Ach so!
-Na, wenn das man gut geht! Nun hab ich es dicke; überall stehst
-du mir im Wege, Swaantje! Komm her, Mädchen. Hoch lebe
-die Liebe und die umliegenden Bierdörfer!«</p>
-
-<p>Er murmelte: »Ja, ja, schon gut. Mein Bild, das kannst du
-küssen und mit ins Bett nehmen, aber mich, das fällt dir nicht
-ein! Ach Süße, komm her, einmal, o du, du, du!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p>
-
-<p>Er schwenkte den Arm: »Tanzen sollst du, bist du weich bist,
-windelweich, und dann nehm' ich dir den Rosenkranz ab, Ringelringelrosenkranz
-ab. Ein bißchen welk ist er schon. Und nun haben
-wir die Bescherung. Siehst du, Prinz, du pürschst zu laut!
-Sekt her! Was kann das schlechte Leben helfen. Die alten Deutschen
-tranken noch eins!«</p>
-
-<p>Er lachte: »Ja, malen, das kann ich. Kranke Frauen kriegen
-ganz gesunde Kinder, gehen aber leicht hopps dabei. Amanda,
-was sagst du? Biermamsell, ja, mir Wurst, aber du kannst
-wenigstens küssen! Jawohl, Miezi, es ist noch etwas Leberwurst
-da, aber die Kohlen sind rein alle. Bete zu deiner Heiligen, und
-schaff sie ab, wenn sie uns keine Kohlen schickt. Swaantje, ich
-will meinen Kuß haben! Den hab ich kontraktlich. Och Chott,
-Mensch, das ist ja viel zu weit! schießt ja doch daneben! Bei
-meiner Beerdigung muß ich aber dabei sein, diesmal wenigstens.
-Christus sagst du? Bin mehr für Wode. Ist ja auch gleich.
-Meinetwegen Maria; ich denke dabei an Frigge. Importen mag
-ich nicht, bekommen nicht. Frigge hilft uns schon; bete zu ihr.
-Du sollst sehen, sie hilft dir. Frigge fügt Hand zu Hand, Mund
-zu Mund, Schoß zu Schoß. Gelobt sei Frigge!«</p>
-
-<p>Er lächelte: »Mein Herz tanzt auf einer goldenen Wiese, und
-mein Mund läuft hinter dir her. Siehst du, jetzt bist du hingefallen.
-Na, weine man nicht; komm her, ich heb' dich auf!«</p>
-
-<p>Er bewegte den Kopf in einem sanften Takte, als horche er auf
-eine ferne Melodie; dann fing er an zu summen, so seltsam, daß
-seine Frau ein Schauer schüttelte, denn die Singweise war aus
-Lust und Leid gewebt, mit Übermut durchwirkt und mit Verzweiflung
-besäumt.</p>
-
-<p>»H' ach,« rief er dann, »h'ach du, du! Du hast es gesagt.
-Sagst: ich habe dir ja nichts gesagt!« Er lachte glücklich auf.
-»Du sagst, ich habe dir ja nichts gesagt! Habe dir ja nichts gesagt,<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-nichts gesagt.« Er lachte belustigt: »Ich habe doch ein Gehör
-wie der Fuchs. Weiß schon Bescheid, weiß, was das heißt. An
-der Fährte spricht man den Hirsch an; das da ist sicher einer vom
-zwölften Kopfe. Und den will ich haben, oder ich will die Kunst
-nicht verstehen.«</p>
-
-<p>Er schauerte zusammen; der Arzt zog ihm die Steppdecke bis
-unter das Kinn. Er flüsterte: »Danke, danke!« Er küßte in die
-Luft: »Ach wie schön warm! Das ist so lieb von dir, liebe Swaantje.
-So warm.« Er schnurrte wohlig: »Wie lange habe ich dich
-gesucht, wie lange, aber du hast die Fährte verwischt. Das ist
-sicher ein guter Bock. Gute Nacht, Herrschaften; ich gehe schlafen.
-Komm Annemie! Mädchen, du hast ja Swaantjes Kleid
-an! Nein, das geht nicht; ist dir ja viel zu lang. Sofort ausziehen,
-hörst du! Na, weine man nicht, behalt's an; bist ja doch
-die beste, die allerbeste!«</p>
-
-<p>Frau Grete ging hinaus, kreidebleich im Gesichte; als sie wieder
-hereinkam, sah sie Hennecke an und schüttelte den Kopf. Der
-Kranke flüsterte: »Dein Herz ist von Gold, Swaantje, und du
-hast es an einer silbernen Kette unter den Spitzen auf deiner
-Brust. Das sieht doll aus, ganz doll.« Er schrie auf: »Wo bist
-du, Gotteswillen komm her!« Sein Kopf fiel auf die Seite, und
-er begann rasselnd zu schnarchen.</p>
-
-<p>Der Arzt flüsterte: »Gehen Sie essen, ich bleibe so lange hier;
-er schläft. Das ist ein gutes Zeichen, ich habe Hoffnung.« Er
-zählte die Pulsschläge und nickte langsam. Dann lächelte er der
-Frau zu und zeigte mit dem Kopfe nach der Tür. »Erst etwas
-essen und dann ein bißchen hinlegen. Wir haben an einem
-Kranken genug. Hennecke, gehen Sie mit! Und daß es ja ganz
-stille im Hause ist.«</p>
-
-<p>Als Frau Grete draußen war, sah sie Hennig an und flüsterte:
-»Behalten wir ihn wohl, lieber Freund?« Er nickte: »Ich glaube<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span>
-es; seine Indianernatur wird ihm durchhelfen. Aber nicht wahr,
-jetzt essen Sie ein bißchen?« Sie nickte müde.</p>
-
-<p>Er führte sie in das kleine Zimmer, rückte ihr den Sessel und
-die Fußbank zurecht, goß ihr ein Glas Sekt ein und begann dann
-zu essen, ruhig und langsam, wie immer. Das half; sie aß ein
-Stückchen Brot und kaltes Fleisch und bekam wieder etwas Farbe.</p>
-
-<p>Hennecke tat, als kümmere er sich nicht um sie; aber wenn er
-etwas nahm, rückte er den Auflageteller immer so, daß die besten
-Stücke vor ihr lagen, und als ihr Glas leer war, füllte er es.
-Dann aber sagte er: »Nun schlafen, bitte, und sobald die Antwort
-kommt oder eine Änderung im Befinden eintritt, klopfe
-ich.«</p>
-
-<p>Die Frau nickte und stand auf; als sie schon die Türklinke in
-der Hand hatte, blieb sie stehen und hielt den Kopf schräg, als
-wenn sie lauschte. Dann lächelte sie Hennecke zu und sagte: »Sie
-kommt, wir werden gleich Nachricht haben. Sie hat das Telegramm
-selber aufgegeben.« Hennecke sah sie ernst an und nickte.
-Die Frau trat auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter
-und sprach: »War es so schlecht von mir, was ich tat? Wenn
-er stirbt, so bin ich schuld.« Er antwortete: »Beruhigen Sie sich,
-liebe Freundin; Reue ist die größte Sünde, die es gibt, denn sie
-hat keinen Zweck. Sie haben gehandelt, wie Sie mußten.« Sie
-sah ihn ernst an und schüttelte den Kopf: »Nein, ich habe ihn
-belogen. Aber, nicht wahr, der Gedanke, er liebt eine andere, und
-ich, seine Frau, die zwei Kinder von ihm hat, soll entsagen, Sie
-begreifen, daß da zuerst alles Kleine und Enge in einem nach
-oben kommt. Und so bin ich hart zu ihm gewesen und schlecht,
-sehr schlecht. Erst habe ich gesagt: ›Ja ja, mein guter Junge,
-sie soll kommen! Wir drei, nicht wahr?‹ Und so nach und nach
-nahm ich alles zurück und dachte nicht daran, daß ich ihm zuerst
-die Augen geöffnet hatte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span></p>
-
-<p>Dann setzte sie sich an das Fenster. Düster sah sie vor sich hin,
-die Hände im Schoße faltend. »Ich bleibe hier; schlafen kann ich
-doch nicht, ehe das Telegramm da ist. Rauchen Sie bitte, lieber
-Hennecke. Aber erst sehen Sie zu, wie es oben steht.«</p>
-
-<p>Langsam gingen die Stunden dahin, Hennecke löste den Arzt
-ab. Der war zufrieden. »Er kommt an das Ufer, glaube ich, der
-Puls ist ganz ruhig.« Er aß und ging nach oben, und Hennecke
-leistete der Frau wieder Gesellschaft. Sie sprachen wenig. Plötzlich
-seufzte Frau Grete erleichtert auf und lächelte gespannt.
-Männertritte kamen näher und erklommen die Treppe; die Haustür
-ging auf. Die Frau erhob sich, öffnete die Tür und nahm
-dem Briefträger das Telegramm ab, gab ihm den Taler, den
-sie schon bereit hielt, löste gelassen den Verschluß, faltete das
-Papier auseinander, las den Inhalt, ohne eine Miene zu verziehen,
-nickte, reichte Hennecke die Depesche und sprach: »Es ist
-so, wie ich sagte: sie kommt. Gott sei Lob und Dank!«</p>
-
-<p>Die Tür ging auf; der Arzt stand darin, helle Freude im Gesicht.
-»Sie haben Ihren Mann wieder, Frau Hagenrieder,«
-sagte er ganz laut. Er sah erstaunt auf, als die Frau nur nickte
-und meinte: »Ich wußte es.« Er trank ein Glas Sekt aus:
-»Merkwürdig,« murmelte er dann; »eben erwachte er, seufzte
-sich den Schlaf fort, sah ganz klar aus den Augen, machte sie
-wieder zu und mit ganz fieberfreier Stimme flüsterte er: ›Sie
-kommt!‹ Und dann schlief er wieder ein.«</p>
-
-<p>Am andern Morgen lachte die Sonne, und die Amsel sang zum
-ersten Male. Helmold war sehr schwach, aber fieberfrei. Als er
-die drei Schneeglöckchen sah, die seine Frau ihm auf das Tischchen
-stellte, ging ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er winkte
-mit den Augen, und sie bückte sich zu ihm nieder. »Näher!« hauchte
-er, »noch näher!« Sie küßte ihn auf den Mund. »Meine liebe
-Frau,« flüsterte er und schlief ein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_weisse_Garten">Der weiße Garten</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Als Swaantje in Stillenliebe anlangte, war Helmold bereits aus
-aller Gefahr, aber noch so angegriffen, daß der Arzt jede Aufregung
-verbot. Er gestattete ihr nur, daß sie ihn sah, während er schlief.</p>
-
-<p>Das Mädchen mußte sich am Türrahmen festhalten, als sie
-ihren Vetter erblickte. Welk fiel ihm das fast völlig ergraute
-Haar in die Stirne, der Bart hing schlaff über die blutleeren
-Lippen, die Nase trat scharf hervor, unter den Augen waren
-tiefe Löcher, die in allen Farben spielten, die Ohren sahen wächsern
-aus, und die Hände waren leichenfarbig.</p>
-
-<p>Als sie das Zimmer verlassen hatte, fiel sie Grete um den Hals
-und schluchzte tränenlos, und die Frau sagte, als sie mit ihr in
-dem besten Zimmer saß: »Wir wollen Gott danken, daß wir ihn
-behalten haben, Swaantje; und sobald er kräftig genug ist,
-fährst du mit ihm in irgend eine stille Ecke und pflegst ihn mir
-ganz gesund. Nicht wahr, Liebste?« Das Mädchen nickte, denn
-sie fühlte, daß die andere das im vollen Ernste sagte.</p>
-
-<p>Es wurde aber nicht so; denn je mehr sich Helmold körperlich
-erholte, um so mehr schien seine Liebe für Swaantje zu erkalten.
-Als ihm seine Frau einmal von dem Mädchen sprechen wollte,
-wehrte er ab. »Ich genese, Grete,« sagte er, »und auch davon.«
-Er sah sie voll an und fuhr fort: »Möglich, daß ich ihr später
-wieder kameradschaftlich näher komme; vorläufig wäre mir ein
-Zusammentreffen peinlich, und schädlich. Hennecke und Benjamin
-sind der selben Ansicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p>
-
-<p>Wenn er, warm zugedeckt, auf dem Ruhestuhle im Garten lag,
-dem Schlage der Finken zuhörte und die knospenden Zweige betrachtete,
-dachte er noch oft an das Mädchen, aber nicht in Liebe.
-Etwas wie Unmut war in ihm; denn er fühlte sich beleidigt. Er
-hatte sich vor ihr erniedrigt, hatte um einen Kuß gebettelt, war
-fast irrsinnig vor Liebe geworden, und es hätte nicht viel gefehlt,
-daß er an seinem Verlangen zu Grunde ging.</p>
-
-<p>Er wußte aber auch, daß dieses der letzte Rückfall war. »Was
-hat sie nicht alles aus mir gemacht,« dachte er; »einen Trinker,
-einen Wüstling, einen Salonaffen, einen Streber!« Er las in dem
-Buche, das Hennig ihm mitgebracht hatte, und lächelte belustigt,
-denn er war vorhin auf einen Ausspruch Montanabbis gestoßen,
-der vortrefflich zu seinen eigenen Gedanken paßte, und der
-folgendermaßen hieß: »Viele Menschen waren gleich mir Opfer
-eines weißen Halses, eines rosigen Angesichtes und zweier Augen,
-die sanft blickten, wie die der Gazelle.« Er nickte und dachte:
-»Hast recht, beturbanter Philosoph; wir wollen den Fall zu den
-Akten in das Fach Erledigt legen.«</p>
-
-<p>Die Magd wusch in der Küche Gläser auf und sang. Er nickte
-lächelnd, pfiff leise die Singweise durch die Zähne und summte den
-Schlußreim: »Kehr' dich ab von mir, heb' dich fort von mir, scher'
-dich weg von meiner Tür.« So waren seine Gedanken, wenn er an
-Swaantje dachte. Mochte sie sich jetzt ebenso um ihn quälen, wie er
-es ihrethalben getan hatte; sie hatte es verdient durch ihre Feigheit.</p>
-
-<p>Mit Schadenfreude stellte er fest, daß er sie nicht mehr liebte.
-Das war nur natürlich; es entsprach seiner Veranlagung. Sein
-Vater hatte den Grundsatz gehabt, ihm niemals einen Wunsch
-sofort zu gewähren. So hatte er ihm, als Helmold zwölf Jahre
-alt war, verboten, sich eine Armbrust zu kaufen. Nach einem
-halben Jahr bekam er sie zum Geburtstage, rührte sie aber nicht
-an, denn er war schon darüber hinaus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>Allmählich dachte er milder. Zu Hennig, der sich seinetwegen
-frei gemacht hatte, sprach er sich einmal, als er mit ihm vor das
-Dorf ging, darüber aus: »Weißt du, mein Lieber, ich zürne ihr
-auch nicht mehr, denn sie konnte schließlich nicht anders handeln,
-schon ihres Verhältnisses zu Grete wegen nicht. Ich weiß, das
-Ganze war Einbildung; aber daß ich das weiß, das ist eben das
-Schlimme. Ich bin doch jetzt körperlich schon wieder ganz rüstig;
-aber ich bleibe innerlich kalt und tot. Ich lebe in einem weißen
-Garten; wo ich hinsehe, verlieren die Blumen die Farbe und die
-Blätter das Grün. Mein Herz ist gefeit gegen jegliches Gefühl;
-es hat kein Teil mehr am lebendigen Leben.«</p>
-
-<p>Er schwieg und dachte an alle die Frauen und Mädchen, die
-er geliebt hatte. Aus Gewohnheit fühlte er ihnen gegenüber Dank,
-in Wirklichkeit waren sie ihm alle gleichgültig. »Ja, Hennig,«
-murmelte er und nickte, auf das Dorf hinabsehend, wo alle Obstbäume
-blühten, »das ist nun so: Helmold Hagenrieder ist tot.
-Was da lebt, ist bloß noch der Professor gleichen Namens.
-Zwischen mir und der Welt ist eine Glasscheibe. Ich habe noch
-Sinne, noch Sinnlichkeit; aber ich habe die alte kindliche Anteilnahme
-an den Menschen und den Dingen verloren. Ich sehe sie
-nur noch in ihren kalten Lokaltönen, nicht mehr in der warmen
-persönlichen Beleuchtung, die ich ihnen früher gab.«</p>
-
-<p>Er seufzte, aber dann lächelte er: »Ist übrigens das einzig
-Wahre. Der Künstler muß außerhalb der Welt stehen, wie Gott.
-Wer im Leben steht, bringt es nie zur Meisterschaft. War schon
-das beste für mich, diese dämliche Entgleisung. Wäre ich irgend
-ein Soundsomensch, Beamter oder so was, Philister, so wäre
-ich daran eingegangen; so aber hat mich diese Geschichte gereinigt.
-Denn ich bin da, um zu wirken, nicht um zu leben, wie Hans X
-und Kunz Y.«</p>
-
-<p>Leise sprach er vor sich hin: »Künstler sollten nicht heiraten;<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-sie können nicht treu sein, dürfen es nicht, sollen sie sich nicht
-selber untreu werden. Aber heiratet man nicht, so hat man keinen
-Zusammenhang mit dem Leben, lernt dessen tiefste Nöte nicht
-kennen. Wie man es auch macht, es ist immer verkehrt, und so
-wird das Allerverkehrteste wohl das einzig Richtige sein.«</p>
-
-<p>Er zündete sich die erste der zwei Zigaretten an, die Benjamin
-ihm gestattet hatte, sah den Freund an, legte ihm die Hand auf
-das Knie und sprach weiter: »Ich habe früher von der Philosophie
-niemals viel gehalten; sie ist noch ein viel lorbeernerer Ersatz
-für das Leben, als die Kunst. Jetzt aber, wo ich mit dem
-Leben innerlich nichts mehr zu tun habe, philosophiere ich. Höre
-zu: Nach Kant gibt es kein Ding an und für sich; ich aber sehe
-die Dinge an und für sich. Also gibt es kein Ding an und für
-mich, sondern nur Dinge an und für sich für mich. Also geht
-mich als Menschen nichts mehr etwas an. Also bin ich kein
-Mensch mehr; also bin ich tot!«</p>
-
-<p>Ein Goldammerhähnchen kam angeschnurrt, ließ sich auf einem
-Zaunpfahle nieder, sah die Männer zutraulich an, glättete seine
-gelbe Holle und begann zu singen. Helmold pfiff leise durch die
-Zähne das Lied des Vogels nach, nickte und murmelte: »Manche
-sagen, der Goldammer singt: ›Wie wie hab ich dich lieb, lieb.‹
-Andere meinen, er sänge: ›Mein Nest ist weit weit, weit.‹ Alles
-auf der Welt hat ein zweites Gesicht, die Natur, die Kultur, die
-Religion, die Kunst, die Politik, die Liebe, alles, alles. Wer das
-nicht weiß, ist glücklich; ich weiß es. Ich habe es wohl immer gewußt,
-bloß manchmal vergaß ich es, und dann glaubte ich,
-glücklich zu sein. Im Sichselbstvergessen allein liegt das einzige
-Glück, also in der Narkose, durch Liebe, oder Haß, oder Arbeit.
-Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, sagt man. Er ist und
-bleibt aber, wie alles Leben, eine dilettantische Leistung. In einem
-Buche über die Kultur der alten Assyrer steht folgender Vers<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-eines Dichters jener Zeit: ›Gewandert ist in Hast mein müder
-Fuß so viel; ich gönnt' ihm keine Rast, doch fern bleibt stets das
-Ziel.‹«</p>
-
-<p>Ein braunes Ding kam über den Zaun geschwenkt, streckte gelbe
-Krallen nach dem singenden Vogel aus und verschwand damit
-hinter der Hecke. Helmold sah Hennig an und lachte lustig: »Eine
-Gemeinheit sondergleichen; der gelbe Vogel singt von Liebe, und
-die Natur oder die Vorsehung schickt ihm den braunen Tod! Ich
-hatte einen Mitschüler, er hieß zwar Julius und noch dazu
-Müller, aber nie hat es ein so goldenes Herz gegeben, nie so viel
-Güte in einem Menschen. Er starb an Wundstarre, starb sieben
-Tage lang, lag da bei vollem Bewußtsein, konnte kein Glied
-rühren und mußte durch künstliche Atmung hingehalten werden,
-bis auch das nichts mehr half. Seine Mutter, eine Witwe, war
-eine gläubige Katholikin. Sie hat, nachdem ihr Julius tot war,
-keine Kirche mehr betreten und nie wieder gebetet. Ich war jeden
-Tag, solange mein Freund im Sterben lag, bei ihr, und mit
-jedem Tag bröckelte mein Gottesglauben mehr ab, bis nichts
-mehr davon übrig war, besonders seitdem ich vergleichende
-Religionsgeschichte gelesen hatte. Und dann kam ich an die Philosophie.«
-Er schüttelte den Kopf: »Na, das ist erst der größte
-Blödsinn; Narkose im Quadrat; vierte Dimension des Stumpfsinnes.«</p>
-
-<p>Ein fast voll entwickeltes Mädchen von vierzehn Jahren mit
-hellblonden Flechten kam losen Ganges den Fußweg entlang,
-warf sich in die Brust, als sie die beiden Männer sah, machte
-ihnen einen Knix und sah den Maler so heiß an, daß Hennig die
-Augenbrauen hochzog. Helmold bemerkte es und meinte: »Ein
-reizendes Geschöpf, und so sehr verliebt. Die am Herzen liegen
-zu haben, das brächte mir am Ende noch ein bißchen Glück.
-Aber das wäre unmoralisch. Früher lebte ich unmoralisch, und<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-hielt darum von der Moral sehr viel. Jetzt werde ich wohl moralisch
-leben, denn ich weiß, daß die Moral Schwindel ist, besonders
-die Geschlechtsmoral; ihre Wurzel ist der Neid, und
-weiter nichts. Wenn ich mit den Augen winkte, flöge mir dieses
-Bild von Mädchen an die Brust, und gäbe mir alles, was sie zu
-verschenken hat. Und nähme ich es, so gäbe das ein schönes Geschrei;
-denn alle Männer sehen ihr mit den selben hungrigen
-Augen nach, wie ich, und wie du, lieber Hennig. Infolgedessen,
-darum und so weiter!«</p>
-
-<p>Er sah den Rauchringeln nach, blickte mit leeren Augen über
-das lachende Land und auf die kleinen Mädchen, die in der Wiese
-Blumen pflückten, und sprach vor sich hin: »Ich will hier fort.
-Mir ist es peinlich, die Anteilnahme in Frau Pohlmanns
-Augen zu sehen. Und dann ist Annemieken da. Allen bin ich Dank
-schuldig; aber wie kann ein toter Mann Dank abstatten? Höchstens
-durch kalte Worte. Laß uns irgendwohin fahren, wo kein
-Mensch mich kennt, und wo kein Mensch ist, den ich lieben muß.«</p>
-
-<p>Das taten sie denn auch; doch zuvor fuhr Helmold nach Hause,
-um einige Tage mit den Kindern zu verleben. Als er eines Morgens,
-während seine Frau ausgegangen war, in der Werkstatt
-seine Bilder betrachtete, um zu prüfen, ob nicht dort oder da
-Spuren einer krankhaft verzerrten Anschauung zu finden seien,
-klopfte es an der Tür und auf seinen Zuruf trat Luise herein.
-Sie war ganz blaß und hatte die Augen unter sich. Er hatte noch
-keine Gelegenheit gehabt, mit ihr allein zu sein, und er war sehr
-froh darüber gewesen; aber als er sie so dastehen sah mit auf
-den Estrich gerichteten Augen, wurde sein Herz doch ein wenig
-warm, denn sie sah so schön und dabei so magdlich demütig aus.
-»Nun, liebe Luise,« fragte er, und strich ihr mit der Hand über
-die Backe, »wo fehlt es? Denn du hast etwas auf dem Herzen,
-das sehe ich dir an.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p>
-
-<p>Das Mädchen sah auf, schlug aber die Augen sofort wieder
-nieder, und ihre Brüste gingen auf und ab, als sie endlich herausstotterte:
-»Herr Hagenrieder, ich, ich, mein Schwager, Sie wissen
-doch, meine Schwester ist gestorben, und nun sitzt er da mit den
-beiden kleinen Kindern. Und er ist da und fragt mich, ob ich ihn
-nicht heiraten will.« Sie strich an ihrer Schürze entlang und
-schwieg. »Hast du ihn gern?« fragte er. Sie nickte: »Er ist ein
-guter Mann und fleißig, und er sagt, er hat mich von jeher gut
-leiden mögen, und denn sind die Kinder da, und die mögen mich
-gut leiden. Und so wie es ist, kann es doch nicht bleiben.« Sie
-stockte, fuhr aber gleich fort: »Aber ich meine, solche Eile hat das
-just nicht, und wenn Sie wollen, Herr Hagenrieder, so bleibe ich
-noch.«</p>
-
-<p>Eine warme Welle lief ihm über die Brust. Er faßte das Mädchen
-bei der Hand und sagte: »Nein, das will ich nicht; denn
-auf die Dauer durften wir nicht so weiter leben. Wenn Sie
-Ihren Schwager wirklich gern haben, ist es so das Beste.« Sie
-nickte und sah ihn dankbar an, Tränen in den Augen. Er gab
-ihr die Hand und sagte: »Ich wünsche dir viel Glück, mein liebes
-Kind. Und noch eins: jeder Mensch kann einmal Sorgen haben.
-Vergiß nie, daß ich dir sehr viel Dank schuldig bin.«</p>
-
-<p>Er sah ihr nach, als sie gerade und aufrecht durch den Garten
-ging, und als sie in der Haustür verschwand, dachte er: »Meine
-Jugend hat mich verlassen; wohl mir!«</p>
-
-<p>Am anderen Tage fuhr er mit Hennecke fort. Als er nach einem
-Monde wieder kam, hatte er ein volles, braunes Gesicht, klare Augen,
-eine feste Stimme und einen straffen Gang. Das Weiche, Zarte
-war ganz bei ihm verschwunden, doch auch das Harte und Eckige.</p>
-
-<p>Er sah seinen Kleiderschrank durch, tat alles beiseite, was nach
-gesuchter Eigenart schmeckte, hielt eine fürchterliche Musterung
-unter seinen Halsbinden und Handschuhen ab und gab dann der<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-neuen Magd den Auftrag, das Moos, das er früher so sehr geliebt
-hatte, von den Wegen im Garten zu entfernen. Dann stellte
-er alle Bilder von Swaantje wieder an ihre Plätze und desgleichen
-die Geschenke, die er und seine Frau von ihr erhalten
-hatten, und schließlich schrieb er ihr einen netten Vetternbrief, in
-dem er ihr in leichter Weise erzählte, wie sein äußeres Leben in
-der letzten Zeit gewesen war. »Denn,« sagte er sich, »sie ist nun
-doch einmal unser Bäschen.«</p>
-
-<p>Als Grete ihm erzählte, daß Swaantje Krankenschwester werden
-wolle, erwiderte er: »Na, dann wird sie hoffentlich über kurz
-oder lang Frau Doktor Soundso heißen. Das wäre auch das
-beste für sie.« Seine Frau stand auf, legte ihren Kopf an seine
-Schulter und flüsterte: »Ist das dein voller Ernst, lieber Helmold?«
-Er sah sie mit aufrichtigen Augen an, nickte und antwortete:
-»Jawohl, das ist es; ich werde nicht wieder rückfällig.«
-Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er fort: »Sie war mir
-ein leiser Oktavton; er ist in mir aufgegangen und klingt nicht
-mehr. Ich war C, sie eine Oktav tiefer. Es gab keine Dissonanz,
-aber auch keinen Akkord, denn sie war ein zu unselbständiger
-Ton neben mir. Ich liebte sie aus Angst vor dem Altwerden;
-jetzt habe ich vor dieser Angst keine Bange mehr.«</p>
-
-<p>Er sprach die Wahrheit; er wußte, daß er bereits alt war. In
-dem Luftkurorte, in den er sich mit Hennecke geflüchtet hatte, war
-er bald der Mittelpunkt der Geselligkeit gewesen, und wenn er
-gewollt hätte, so konnte er viel süße Küsse pflücken. Er hatte aber
-nur mit Worten getändelt und zumeist harmlos, bis sich aus dem
-Wortgetändel zwischen ihm und einer hübschen, sehr schlagfertigen
-Frau, die unter den Folgen eines Scheidungsprozesses litt, etwas
-entwickelte, das wie Liebe aussah, aber im Grunde nur der
-Niederschlag der gepfefferten Wortgefechte war, die ihm neue
-Spannkraft gaben und ihr das zerdrückte Herz aufrichteten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p>
-
-<p>Er war oft sehr weit in seinen Bemerkungen gegangen. Die
-Frau trug eines Tages seidene Strümpfe mit einem spiralig verlaufenden
-Muster. Als er mit lustigen Augen darauf hinsah,
-fragte sie ihn: »Interessieren Sie meine Strümpfe so sehr?« Er
-lachte: »Ja freilich; das Muster eröffnet dem denkenden Leser
-die interessantesten Perspektiven?« Sie fuhr auf: »Aber, Herr
-Hagenrieder?« Er lachte wieder: »Na was denn? Denkt man
-sich die Spirale fortgesetzt, so landet man schließlich bei,« er sah
-sie harmlos an, »dem klugen und schönen Gesichtchen!« Sie
-drohte ihm mit dem Finger.</p>
-
-<p>Drei Tage, bevor sie abreiste, sagte sie ihm: »Sie haben mein
-Herz wieder lachen gelehrt, Sie ganz frecher Mensch Sie; aber
-ich glaube, ich habe Ihnen auch etwas geholfen. Es ist übrigens
-gut, daß jetzt wieder jeder seinen eigenen Weg geht.« Sie sagte
-das mit lachendem Munde, aber dabei liefen ihr Tränen in die
-Augen, und sie drehte sich schnell um.</p>
-
-<p>Er hatte sich sehr an sie gewöhnt, und ihm war so, als müßte
-er ihr in den Laubengang nachgehen und sie in den Arm nehmen;
-aber er riß sich zurück. Als sie abgereist war, sagte er sich: »Herr
-Hagenrieder, Sie werden alt, oder vielmehr, Sie sind es schon.«</p>
-
-<p>Er war es; er wurde kühlverbindlich in seinem Benehmen, zurückhaltend
-im Reden und vorsichtig im Handeln. Er, der früher
-Gefahren und Verwicklungen suchte, schlug jetzt Richtwege ein,
-konnte er dadurch eine Unannehmlichkeit vermeiden. »Passé!«
-dachte die Gräfin Tschelinski, als sie ihn wiedersah, und wich ihm
-aus, was ihm sehr lieb war, denn ihr übermodernes Wesen hatte
-ihm schon längst den Appetit verdorben. Noch froher war er, als
-der Prinz ihm erzählte, daß Frau Pohlmann ihr Anwesen verkauft
-und sich anderswohin verheiratet habe.</p>
-
-<p>Mit viel mehr Freude konnte er nun zur Pürsch auf den roten
-Bock fahren. Aber auch mit der Jagd war er auseinandergekommen;<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-er schoß nach dem Bock, wie nach der Scheibe, und während
-er sich früher gänzlich der Stimmung der Landschaft hingegeben
-hatte, betrachtete er sie jetzt mit den selben Augen, mit der
-er seine entthronten Herzensköniginnen ansah. Er bemerkte ihre
-Schwächen, ohne daß er dadurch abgestoßen wurde; er hing nicht
-mehr an ihnen, und so beleidigte ihn das Fehlerhafte nicht.</p>
-
-<p>Seine Frau freute sich über ihn; er war jetzt immer gleichen
-Mutes, hatte nie üble Laune, vergaß kein einziges Mal den Morgen- und
-Abendkuß, gab sich viel mit den Kindern ab, war der
-rücksichtsvollste und verbindlichste Kavalier in allen Gesellschaften,
-zu denen sie mit ihm ging, sah nie mehr mit langenden Augen
-nach anderen Frauen hin, aß stets mit Appetit, ging rechtzeitig
-schlafen und teilte sich Arbeit und Erholung gewissenhaft ein.</p>
-
-<p>Ab und zu wurde ihr die Abgeklärtheit und Durchsichtigkeit seines
-Wesens etwas unheimlich; aber bei ihrer frohherzigen Natur kam
-sie bald darüber hinweg, und sie sagte sich schließlich auch: »Ach
-was, es ist auch besser so!«</p>
-
-<p>Ganz das selbe dachte er dann und wann auch. Wenn er beim
-Malen war, und er alle die Formen und Farben, die sein Herz
-ihm nicht mehr bot, aus seinem Verstand hervorholte und kühl
-und überlegen zu kraftvollen Werken zusammenklingen ließ, dachte
-er: »Ist das langweilig! Ich weiß ja, es gelingt: also lohnt es
-sich nicht mehr!«</p>
-
-<p>Er wünschte sich in solchen Augenblicken, er wäre tot, und seine
-Witwe fände einen netten, guten und klugen Mann; denn in
-Wirklichkeit stand auch sie samt den Kindern fern von ihm.</p>
-
-<p>Mit Hennecke ging es ihm nicht anders; er liebte ihn nur noch
-in der Erinnerung und hatte ihm das einst gesagt. »Ist mir ganz
-schnuppe,« hatte Hennig geantwortet, und er setzte hinzu: »es
-freut mich aber, daß du es mir sagst; das ist eine Liebeserklärung
-in bester Form. Ich habe dir viel, du mir einiges zu danken; daran<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-wollen wir uns genügen lassen. Schließlich bleibt doch jeder
-Mensch allein.«</p>
-
-<p>Auch er war ein kalter Mann geworden, seitdem ihm seine Line
-drei Tage, bevor er sich mit ihr trauen lassen wollte, von einem
-Kraftwagen totgefahren war. Nicht viel anders ging es Beni
-Benjamin. Er hatte die Stelle als Nervenspezialist am städtischen
-Krankenhause angenommen, den Professortitel bekommen, spielte
-eine Rolle in der Gesellschaft, und noch mehr seine schöne, lebhafte
-Frau, und er hatte auch die leise Frau, die er sich geträumt hatte,
-in einer Patientin gefunden, die er von jahrelangem Leiden gerettet
-hatte. Da starb ihm sein Sohn, und nach einem Vierteljahr
-war er ein stiller Mann mit toten Augen und lippenlosem Munde.</p>
-
-<p>»Tja«, scherzte Helmold Hagenrieder, als er mit ihm und Hennecke
-hinter einer guten Flasche saß, »hier sitzen wir drei Weisen
-aus dem Morgen- und Abendlande, hocherhaben über der blöden
-Menge und können singen: ›Guter Mond, du gehst so stille!‹ Ja,
-lieber Hennig, du hattest recht, als du mit zwanzig Jahren dichtetest:
-›Nichts hoffen, aber auch nichts fürchten, nie traurig,
-doch auch niemals froh; Ich möchte sein, was ich gewesen; ach
-was, es ist auch besser so!‹ Stoßt an, Brüder von der kalten
-Lamain; das Leben ist einer Hühnerleiter nicht unähnlich: ziemlich
-dreckig, oder noch mehr einem Kinderhemde: kurz und bescheiden.
-Na, wir haben es bald zur Strecke gebracht. Ha la lit!«</p>
-
-<p>Das meinte er aber durchaus nicht im trübseligen Sinne, und
-gleich darauf erzählte er die tollsten Schnurren, ließ sich den Wein
-und die Zigarre schmecken und ging um halb elf Uhr heim; denn
-der Alkohol war ihm jetzt nur noch ein guter Freund, von dem
-er sagte: »Man darf die Freundschaft nicht zum Verkehr ausarten
-lassen.« Einmal in der Woche traf er sich mit Hennig und
-Beni beim Wein und einen anderen Abend ging er in den Künstlerverein,
-um Billard zu spielen und zwei Gläser Bier dabei zu trinken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span></p>
-
-<p>Nur wenn Vollmond war, kam ab und zu die alte Unruhe über
-ihn; aber dann sah er sich vor und fuhr nach Stillenliebe, tobte
-sich mit Klaus Ruter, der inzwischen den väterlichen Hof übernommen
-hatte, hinter den Karten aus und ließ sich von Annemieken
-die Brummfliegen wegjagen.</p>
-
-<p>Bei diesem Mädchen, das gar keine Bildung, aber ein Herz und
-einen scharfen, wenn auch nicht weiten Verstand und viel Takt
-hatte, wich alle seine Unruhe sehr bald. Zudem fesselte sie ihn,
-wenn auch wenig mehr als Weib und auch kaum als Einzelmensch,
-sondern als Typus; das Erdgebürtige, das Urwüchsige, Unverbildete
-ihrer Erscheinung und ihres Wesens sagte seinem Urmenschenempfinden
-zu, und mit stets neuem Erstaunen lauschte
-er den unwillkürlichen Offenbarungen, die ihrem Unterbewußtsein
-entsprangen.</p>
-
-<p>Sie konnte eben noch lustig lachen, aber dann begannen ihre
-Augen zu verschwimmen, und wenn sie sprach, hörte er nicht ein
-hübsches Landmädchen reden, sondern sein Volk sprach zu ihm.
-Stundenlang konnte er, die Pfeife im Munde, im Backenstuhle
-sitzen und in das offene Feuer sehen, während Gift und Galle sich
-zu seinen Füßen räkelten und die Katze auf seinem Schoße saß
-und schnurrte; ihm gegenüber saß dann Annemieken, spann und
-sang mit nur halb entfalteter Stimme ein altes Lied.</p>
-
-<p>»So kann man tausend Jahre sitzen,« sagte er, den Funken zusehend,
-die um den Dreifuß sprangen. »Ja, Feuer ist Gesellschaft,«
-antwortete das Mädchen und ließ das Rad weiter schnurren.</p>
-
-<p>Er sah sie groß an; dieses eine Wort, das einzig mögliche, um
-die Bedeutung des offenen Feuers für das Seelenleben eines ganzen
-Volkes wiederzugeben, eröffnete ihm einen Ausblick auf die Entstehung
-der gesamten Volksdichtung.</p>
-
-<p>»Weißt du, Mieken, daß du eine Dichterin bist?« fragte er sie.
-Sie nickte gleichmütig: »Ja, ich habe erst heute noch das Fenster<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-im Ziegenstall gedichtet«, und dann lachte sie, weil er ein ganz
-verblüfftes Gesicht machte, denn das war der erste Kalauer, den
-er von ihr hörte.</p>
-
-<p>Doch so ging es ihm oft mit ihr; sie hatte tausend Schubladen
-und Geheimfächer in ihrer Seele, und manche davon waren so
-versteckt angebracht, daß sie sie nur ganz zufällig fand und selber
-erstaunt war über die alten Erbstücke, die darin herumlagen,
-einige noch gut erhaltene, andere vergilbt und stockfleckig, mottenfräßig
-oder schimmelig.</p>
-
-<p>Das Spinnrad schnurrte, der Tranküsel flackerte, rote Funken
-sprangen hin und her, und die gewaltigen Pferdeköpfe des Herdrahmens
-warfen unheimliche Schatten auf die Wände des Fletts.
-Mieken rührte die Arme fleißig, und Helmold betrachtete mit zufriedenen
-Augen ihr reiches blondes Haar, ihr frisches Gesicht,
-das bei jedem Lächeln drei Grübchen vorwies, die vollen Brüste,
-die sich ungesucht unter dem weißen Hemde und dem roten Leibchen
-abzeichneten, und die prallen Lenden, die der blaue Rock
-umspannte, während die weiße Schürze sich im Schoße verführerisch
-knickte, und er ließ sich von der alten Weise streicheln, die
-der Kessel brummte und Annemieken summte, bis sie, mit verträumten
-Augen vor sich hinstarrend, zu erzählen begann und
-ihn in die Zeiten führte, da noch die Bäume rote Herzen hatten
-und jedes Tier eine Sprache besaß, die von Menschenohren verstanden
-wurde.</p>
-
-<p>Sein Volk, das einzige, das er auf der Welt noch liebte, saß
-vor ihm in Weibesgestalt, durchsichtig, wie ein tiefes Wasser, und
-ebenso unergründlich, schön anzusehen und doch schrecklicher
-Geheimnisse voll, und es blickte ihn mit hellen warmen Augen
-an, die einen Pulsschlag später kalt und dunkel aussehen konnten.</p>
-
-<p>Er zerfaserte sein Verhältnis zu dem jungen Weibe, das vor
-ihm saß und in völliger Selbstvergessenheit spann. Zu Bildern<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-waren ihm die Frauen im allgemeinen nun geworden; er konnte
-sie nur noch flächig sehen. Bei Annemieken war das anders, die
-lebte um ihn; weniger sie selber, als das, dessen Sinnbild sie war,
-als sein Volk, mit dem er sich eins fühlte.</p>
-
-<p>Er dachte an die Stadt und lächelte in sich; Plunder, Volants,
-außen und innen, ein Staffeleileben, zwecklose Ornamentik, Künstelei,
-das Ganze ohne viel Sinn und Zweck.</p>
-
-<p>Er sah sich im Flett um; da war nur Zweck und gar kein Ornament.
-Selbst die Mährenhäupter des Rahmens waren nur
-Zweck, eine Verbeugung vor Wode, dem entthronten Gotte.
-Aber wie schön war nicht der Kesselhaken in seiner ganz auf den
-Zweck gearbeiteten Form, wie schön jedes Stück Geschirr an der
-Feuerwand, wie sinngemäß die kunstvolle Pflasterung des Estrichs
-mit den geschwungenen Schmuckstreifen aus weißen Kieseln. Das
-war Kunst, Kunst im Leben, nicht neben dem Leben, keine Staffelei-
-und Atelierkunst.</p>
-
-<p>Überall lachte sie ihn an, die Seele seines Volkes, die ein Kunstwerk
-aus jedem Geräte gemacht hatte, und nur deshalb, weil sie
-an Kunst nicht dachte. Ob es nun der Kugelfußtisch war oder der
-Stuhl mit dem Sitze aus Schilf, die Tranlampe oder der Tellerkranz,
-jedes Stück erzählte oder sang in seiner leisen Art; desgleichen
-der Rosmarinstock vor dem Fenster der Dönze und der
-grüne Topf, in dem das Allwundheil wuchs. Das war die Welt,
-in die er hineinpaßte, in der er hätte leben müssen, wenn auch
-nur als kleiner Handwerker.</p>
-
-<p>Hier tönte ihm noch ein Echo des wirklichen Lebens. Es war
-ihm ein Bedürfnis, Annemieken die schweren Arbeiten abzunehmen;
-er fühlte sich ganz hineingestimmt in diese Welt, er, der
-Mann, der dem übrigen Leben gegenüber sich zum Außerhalbsbewußtsein
-hingefunden oder verirrt hatte. Da war Ruhe und
-Frieden und langsames, bedächtiges Schaffen; da war nicht jeder<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-Augenaufschlag mit einem Lächeln gewürzt, wurden Zärtlichkeiten
-nicht feilgeboten. Alles mußte erarbeitet oder erobert
-werden.</p>
-
-<p>Unglaublich tief war das Verständnis dieses einfachen Weibes
-für seine Art; denn es beruhte auf der uralten Überlieferung,
-auf nach Jahrtausenden zählenden Gewohnheiten, auf einer unermeßlichen
-Erfahrung.</p>
-
-<p>›Hier ich, da du!‹ das war die Losung, und das Feldgeschrei
-hieß: ›Jedem das Seine!‹ Da gab es keine Seelenvermanschung,
-Persönlichkeitsverquirlung, nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl,
-wie zwischen dem Birnbaum im Grasgarten und dem Efeu, der
-ihn umwuchs. Vor allem! man sprach nicht über Dinge, die mit
-Worten nicht zu ändern sind, wie man seit Jahrzehntausenden
-wußte; man war zu klug und zu gebildet und zu keusch. Man
-zog sich nie nackt vor einander aus, und man quälte sich nicht
-mit Unmöglichkeiten. Man gab sich keine Mühe, den anderen
-zu durchdringen; man wußte, jeder blieb doch für sich. So gab
-es keine Enttäuschung und kein Entfremden, keinen kalten Blick
-nach dem Nacken des anderen.</p>
-
-<p>Er trank den Rest Warmbier aus der zinnernen Kanne, die er
-neben dem Feuer stehen hatte, klopfte seine Pfeife aus, hängte
-sie an den Nagel, sah das Mädchen an und sprach: »Annemie!«
-Sie lächelte und ihre Augen leuchteten, denn wenn er sie so anredete,
-das wußte sie, mußte sie ihm irgendwie helfen. Sie sah
-ihn fragend an. Er fing an: »Annemieken, du hast sie doch gesehen,
-damals, als ich so krank war?« Sie nickte. »Wie gefiel sie
-dir?« Sie wiegte den Kopf hin und her: »Ich weiß nicht; das
-war nicht Fisch noch Fleisch!«</p>
-
-<p>Er sah Swaantje vor sich. Ihre Augen hatten keine goldenen Blumen
-mehr, sondern gelbe Flecke; ihre Stimme war nicht mehr weich,
-sondern schwach; ihr Gesicht war zu sehr nach Mannesart geschnitten,<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-und ihr Haar roch nicht wie Mädchenhaar; was sollte
-er also mit ihr?</p>
-
-<p>Aber er hatte ein Anrecht auf sie, er wollte seine Satisfaktion
-von ihr haben; wollte damit alles das, was er durch sie eingebüßt
-hatte, wieder in sich hineinzwingen. »Aber das wird doch
-nicht gehen,« überlegte er, nahm Annemieken in den Arm und
-küßte in ihr sein Volk, ließ sein Bewußtsein in ihr untergehen,
-wärmte sein altes Herz an dessen ewig jungem Leben.</p>
-
-<p>Als dann der Schlummer sein Denken schon zudecken wollte,
-war es ihm, als ob seine Ehefrau neben ihm atmete, und sehnsüchtig
-gedachte er ihrer. Er sah sie als Bäuerin im Hause walten,
-ruhig und bedächtig, nur ihm und den Kindern lebend, unbekümmert
-um das, was außerhalb ihres Hofes in der Welt vor
-sich ging, ganz und gar weiter nichts als Frau Hagenrieder, von
-seiner selbstverständlichen Achtung umgeben, und seiner vollen
-Liebe um so sicherer, als davon niemals die Rede war.</p>
-
-<p>Als er nach drei Tagen in der zweiten Wagenklasse heimfuhr,
-hatte er ein Mädchen aus der ersten Gesellschaft zur Fahrtgenossin.
-Sie war einst seine Tischnachbarin gewesen, hatte ihm in
-allen möglichen Dingen widersprochen, bis ihm die Geduld riß und
-er freundlich antwortete: »Ja, über bildende Kunst kann ich nicht
-urteilen, gnädiges Fräulein; ich bin man bloß Maler.« Sie hatte
-erst einen roten Kopf bekommen und glühende Augen, war aber
-dann ganz weich geworden und hatte ihn in aller Form um Entschuldigung
-gebeten.</p>
-
-<p>Nun war sie wie Knetwachs in seinen Händen. Sie war sehr
-schön und von reizendem Wesen, und er wußte es: »Ein Wort,
-ein Griff und du hast sie.« Aber er hatte eingesehen, warum er
-noch vor kurzem jedes Frauenherz annahm, das ihm hingehalten
-wurde; Seelen hatte er sich vermählen wollen. Nun er einsah,
-daß das eine Unmöglichkeit war, riß er sich zurück, unterhielt das<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span>
-hübsche Mädchen auf das beste, vermied jene innere Annäherung
-und schied von ihr mit einem höflichen Lächeln.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage mußte er abermals ein Herzchen dankend
-ablehnen. Er war allein im Hause und Minna, das Kindermädchen,
-das mit einem Male einen prallen Schürzenlatz und
-verlangende Augen bekommen hatte, umgab ihn, als er zu Abend
-aß, mit so durchsichtiger Hingebung, daß die Absicht mit Händen
-zu greifen war. Als er dann allein in der Werkstatt war, erschien
-sie zweimal dort, reizend anzusehen in dem Waschkleide, dem weißen
-Tändelschürzchen und dem Spitzenhäubchen in dem welligen
-hellen Haar.</p>
-
-<p>Sie tat ihm leid, denn allzu deutlich bot sie sich ihm an, von
-der Natur getrieben und aus dem Gefühle der Dankbarkeit heraus
-gegen den allzeit gütigen Herrn; auch war er sich ganz klar
-darüber, daß er sie begehrte, einfach deshalb, weil die Natur den
-reifen Mann zu dem eben aufblühenden Weibe hinzwingt; aber
-er nickte ihr nur freundlich zu und sagte: »Danke, liebes Kind,
-nun habe ich alles; wenn du noch etwas ausgehen willst, so ist
-mir das recht. Es ist ein so schöner Abend.«</p>
-
-<p>Rüstig arbeitete er an seinem Bilde weiter, denkend: »Ich bin
-nicht mehr jung genug für solche Dinge und habe also das Recht
-darauf eingebüßt. Und sie ist zu schade dafür, mir weiter nichts
-zu sein, als ein Spielzeug. Und sie wird nicht mehr an mich denken,
-sobald sie einen findet, der ihrer Art ist.«</p>
-
-<p>Die nächste Zeit hatte er sehr viel zu tun, einmal mit seinen
-großen Aufträgen und dann mit dem Doppelbildnis des Oberpräsidenten
-und seiner Frau. Als es fertig war, schickte er es ihnen hin,
-und als er am folgenden Tage dort eingeladen war und die Oberpräsidentin
-ihm sagte: »Sie haben uns hoch erfreut, lieber Freund;
-wie sollen wir das gut machen?« lachte er und sagte: »Dadurch,
-daß Eure Exzellenz mir gestatten, noch oft kommen zu dürfen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p>
-
-<p>Im Verlaufe des Abends fragte der Hausherr: »Sagen Sie
-mal, Ihre Familie war doch einst von Adel?« Der Maler nickte:
-»Jawohl, von altem Bauernadel. Wir verarmten in Kriegszeiten
-völlig und legten die Standesbezeichnung ab, denn sie war zum
-störenden Ornament geworden, womit man überall anhakte. Ich
-besitze übrigens alle Papiere über mein Geschlecht; der Stammbaum
-weist keine Lücke auf über sechshundert Jahre.« »Ei, ei,«
-meinte der Gastgeber und sprach von etwas anderem.</p>
-
-<p>Einige Zeit darauf wurde Hagenrieder zum geheimen Hofrate
-ernannt. Um den Glückwünschen aus dem Wege zu gehen, und
-um sich von den gesellschaftlichen Anstrengungen zu erholen, fuhr
-er nach Stillenliebe. Er hatte sich in Annemiekens Hause eine
-Dönze eingerichtet und wohnte nicht mehr in der Wirtschaft. Die
-Bauern vermieden jede Anspielung auf seine Stellung zu dem
-Mädchen; er gehörte so sehr zu ihnen, daß sie sein Eigenleben
-ebenso achteten, wie sie ihr eigenes schützten.</p>
-
-<p>Alle, die ihn näher kannten, fühlten heraus, daß er nicht mehr
-der lustige Mann war, als den sie ihn kennen lernten; aber da
-jeder von ihnen selber einen Packen auf dem Nacken hatte, erbot
-sich keiner, ihm den seinen tragen zu helfen, selbst der Vorsteher
-Klaus Ruter nicht, sein bester Freund im Dorfe. Als der Pfarrer
-vom Kirchdorfe einmal bei Ruter vorsprach, angeblich kirchlicher
-Angelegenheiten halber, und anscheinend beiläufig auf das Verhältnis
-Hagenrieders zu Annemieken zu sprechen kam, fragte ihn
-der Vorsteher: »Was trinken Sie lieber, Herr Pastor, Bier oder
-Wein?« Da sprach der Geistliche schnell von etwas anderem.</p>
-
-<p>So hatte Helmold Hagenrieder zwei Gesichter, das des Jägers
-und Bauern, und das des Stadtmenschen und Künstlers. Er
-konnte die halbe Nacht mit den Bauern trinken und Karten
-spielen, und er brachte es fertig, vier Stunden lang im Frack der
-Glanzpunkt einer Tischgesellschaft zu sein. Die Bauern ahnten<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-nicht, daß der Mann, der mit jedem von ihnen auf du und du
-stand, der bedeutendste bildende Künstler seiner Zeit war. Als
-ein Reisender eine Zeitschrift im Kruge liegen ließ, in dem der
-Geheime Hofrat Professor Hagenrieder beschrieben und abgebildet
-war, machten sie zwar den verlegenen Versuch, ihm seine Titel
-zu geben, aber da lachte er und sagte zu dem Wiebkenbauern:
-»Alter Döllmer! Soll ich zu dir vielleicht Herr Vollmeier oder
-Herr Jagdvorsteher oder Herr Gemeinderatsmitglied sagen? Professor
-und Geheimrat und das andere bin ich, wenn ich die
-Kellneruniform anhabe; hier heiße ich Hagenrieder und damit
-basta. Prost, Korl! auf daß deine Kinder einen klugen Vater
-kriegen!« In der Stadt hinwiederum hatte man keine Ahnung
-davon, daß der Herr Geheimrat, der fesselnde Plauderer, da
-hinten in der Haide wie ein Halbindianer lebte und mit einem
-Mädchen, das mir und mich verwechselte, selbst wintertags keine
-Hosen trug und mit dem Messer aß, auf du und du und so
-weiter stand und ihr beim Holzhacken und Stallausmisten half.
-Die einzigen Stadtleute, die darum wußten, Hennig Hennecke
-und der Prinz, sprachen darüber nicht.</p>
-
-<p>Mehr als einmal hatte Helmold es vorgehabt, sich seiner Frau
-zu entdecken; doch stand er davon ab, indem er sich sagte: »Wozu
-soll ich sie ärgern?« Und dann wußte er auch, daß er ihr
-eigentlich gar nichts verheimlichte, denn was war ihm Annemieken
-schließlich mehr als ein Teil des Dorfes, ein Stück der Landschaft?
-Die Zeit der Liebe war vorbei für ihn, also auch die Zeit der
-heimlichen Sünde.</p>
-
-<p>Er hatte sich jetzt völlig in der Hand; sein Herz lief Schritt und
-Trab, wie er es haben wollte. Nur ein einziges Mal schlug es
-noch etwas über die Stränge. Das war auf dem großen Maienfeste,
-das die Künstlerschaft im Hirschgarten veranstaltete. Es
-fiel gerade in die Zeit, in der sich Swaantje bei Benjamin einer<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-Behandlung unterzog. Sie wohnte bei Hagenrieders. »Ist es dir
-auch nicht unangenehm?« hatte Grete gefragt. »Durchaus nicht,«
-antwortete ihr Mann.</p>
-
-<p>Mit einer gewissen Feindseligkeit im Herzen trat er ihr anfangs
-gegenüber, doch fand er bald, daß er sich unnütz in Paukwichs
-geworfen hatte. Ihre Stimme klang nicht mehr bis zu seiner
-Seele, und seine Augen streichelten sie weder, noch drohten sie ihr.
-Er vermied aus Nützlichkeitsgründen das Alleinsein mit ihr; ließ
-es sich aber nicht umgehen, so zwang er sich zu einem leichten
-freundlichen Plaudertone. Sobald sie aber eine ernste Frage anbrach
-oder an sein Innenleben heranging, machte er kehrt.</p>
-
-<p>Ganz kalt beobachtete er sie. Sie war noch ebenso schön, wie
-einst; aber er hatte zu lange hinter ihr hergeweint, als daß seine
-Augen für sie nicht erblindet wären. Er liebte sie nicht mehr, und
-fühlte auch keinen Haß gegen sie; sie war ihm nichts, als das
-Bild eines Menschen, den er einst heiß geliebt hatte.</p>
-
-<p>»Schade,« dachte er, »daß es so ist; aber nichts ist überzeugender,
-als die Wucht der Tatsache!«</p>
-
-<p>Er sah sie im Garten neben Grete stehen. Er zog sie mit den
-Augen aus, betrachtete ihren Akt, gab ihr alle Stellungen und
-setzte sie jeglicher Beleuchtung aus, schüttelte den Kopf und dachte:
-»Es war einmal! Ein Segen, daß sie nicht meine Frau geworden
-ist.« Und mit einem Male mußte er auflachen. Er hatte Professor
-Groenewald kennen gelernt, einen Mann, der nach Eitelkeit
-und Kölnischem Wasser roch, Weiberhände hatte und einen
-Brillantring trug. »Schmalzlerche!« hatte Helmold gedacht, als
-er ihn sah. Nun aber dachte er: »Solche Männer, die keine sind,
-gefallen so'nen Weibern, die keine sind.«</p>
-
-<p>Bei der Tafel hatte er Swaantje halb rechts gegenüber sitzen;
-ein großer Strauß trennte zumeist ihre Blicke, so daß er sich völlig
-seiner Tischdame widmen konnte, eben jenem schönen Mädchen,<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-das ihm einst in der Eisenbahn ihr Herz umsonst hingehalten
-hatte, und das den rosenroten Namen Meinholde Marten trug.
-Sie war glücklich, neben ihm sitzen zu können; ihre Augen funkelten
-noch mehr als die Demanten in ihrem goldenen Haar und
-auf ihrem herrlichen Halse. Seine Blicke streichelten ihre Schultern
-und stahlen sich dahin, wo ihre Brüste im Schatten der Spitzen
-auf und abhüpften, ab und zu freudig errötend, wenn eine zarte
-Schmeichelei oder ein kecker Vergleich sie in Erregung versetzte.</p>
-
-<p>Niemals war Helmold bezaubernder gewesen, als an diesem
-Abend: er focht Dessin mit seinen Worten, schlug ganz leichte
-Terzen an, gebrauchte listige Finten und setzte dann eine Tiefquart
-dahinter, daß Lappen und Knochensplitter flogen und die Abfuhr
-völlig war. Aber das war nichts als Schlägermensur; mit dem
-krummen Säbel trat er erst an, als er sich zum Trinkspruche erhob,
-denn da sah man den Renommierfechter. »Ich habe den
-peinlichen Auftrag erhalten, den Trinkspruch auf die Damen auszubringen,«
-begann er und sah kalt von rechts nach links in die
-vierhundert verblüfften Augen. »Ich denke gar nicht daran, den
-Auftrag zu erfüllen; denn,« er sprach es mit einem bösen Blicke,
-»den Frauen und Jungfrauen will ich ein Lobredner sein, so gut
-ich es kann.« Alle Augen wurden hell. »Dame, was ist das?«
-fuhr er fort; »ein wälsch Wort, ein farblos Wort, ein Unwort.
-In der galanten Zeit kam es auf, und bedeutete nichts Sauberes,
-schmeckte nach Liebelei, aber nicht nach treuer Liebe, sagt doch der
-alte gute Friedrich von Logau: ›Was Dame sei und dann, was
-Dama wird verspürt, daß jene Hörner macht und dieses Hörner
-führt.‹«</p>
-
-<p>Er lachte lustig und rief: »Fort mit dem dämlichen Wort!« Und
-dann wand er den Frauen und Jungfrauen einen Kranz aus
-roten und weißen Blüten; er huldigte ihnen als Mann, nicht als
-Knecht; er gab ihnen die Hand, küßte ihre aber nicht, die Kniee<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span>
-beugend; vergaß keine, weder die vornehme Frau noch die einfache
-Magd, und dann schwenkte er ab, näherte sich gefährlichen
-Punkten, daß die Männer unruhige Augen bekamen und den
-Frauen das Herz stille stand, weil sie ihn schon abstürzen sahen;
-doch mit einem harmlosen Lächeln gab er seinen Worten eine
-Wendung, die ihn rettete. So führte er seine Zuhörer ein dutzend
-Male an gefährlichen Abgründen vorbei, um sie schließlich zu
-einem Gipfel zu leiten, von dem aus sich ihnen eine Aussicht bot
-auf lauter Sonne und Wonne.</p>
-
-<p>Alle Augen an der Tafel waren erfüllt von dem Abglanze
-seiner Worte, als er endete und hinter einem Gitter weißer Arme
-verschwand, die ihm die Sektkelche entgegenstreckten, deren helles
-Klirren sich von dem neidischen Beifallsgemurmel der Männer
-abhob, wie weiße Blumen von abendlich dunklem Gebüsche.
-Doch am meisten leuchteten die Augen seiner Tischnachbarin; als
-er mit ihr anstieß, hauchte sie: »Du!«</p>
-
-<p>Swaantjes Augen aber standen schwarz in ihrem weißen Gesichte;
-ihr Mund war wie ein Strich, und ihre Hand lag geballt
-auf dem Tische. Sie hatte das selbe Gesicht, wie an jenem Tage,
-als er in der Werkstatt um einen Kuß flehend vor ihr stand,
-Tränen in den Augen. Nun stieß er, sie unbefangen anblickend,
-mit ihr an und setzte sich nieder, seiner Tischnachbarin ein Wort
-zuflüsternd, das Abendröte auf ihrem Gesichte hervorrief.</p>
-
-<p>Keinen Augenblick ließ Swaantje das Paar mit den Blicken
-los, solange die Tafel währte. Ihr Vetter merkte es wohl; als
-er sah, wie blaß sie war, stieg ein unbehagliches Gefühl in ihm
-auf. Aber da er rundumher nur zärtliche Augen erblickte, und der
-Sekt sein Blut erhitzte, und das Mädchen, das neben ihm saß,
-ihn ganz in Anspruch nahm, und zudem der Fliederstrauß Swaantje
-halb verbarg, so vergaß sein Herz sie.</p>
-
-<p>Und dann kam der Fackelreigen durch den dunkelen Wald, an<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span>
-dessen Rändern die Nachtigallen schlugen, und er hatte das
-wunderschöne Mädchen erst am Arm, und bald darauf, als
-der Zug sich auflöste, im Arm, und der Kauz rief und der
-Waldmeister und das junge Buchenlaub dufteten, und Helmold
-küßte Meinholde und sie küßte ihn wieder, bis sie aufseufzte und
-flüsterte: »Nun geh! sonst reden sie über uns.«</p>
-
-<p>Dann aber fand er sich mitten im Trubel, stand vor Swaantje
-und bat sie um den Walzer. Sie tanzte schlechter als sonst, und
-sah so bleich aus, daß er sie zu einer Bank führte, sich zu ihr setzte
-und einen leichten Ton anschlug. Sie antwortete matt und lächelte
-kaum, wenn er etwas Lustiges sagte, und mit einem Male sah sie
-starr nach seiner Hemdenbrust, stand jäh auf und sagte: »Ich
-muß einen Augenblick allein sein; mir ist so sonderbar.«</p>
-
-<p>Als sie ihn verlassen hatte, nahm er das goldblonde lange Haar
-fort, das an der Perle hing, die sein Hemd zusammenhielt, und
-er wußte nicht, sollte er die Stirn runzeln oder lächeln. Aber
-dann erinnerte er sich an das, was er sich an dem Tage vorgenommen
-hatte, als er den Mordhirsch im Schandenholze geschossen
-hatte. »Blut um Blut!« dachte er.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage fuhr er zur Jagd; absichtlich fuhr er in
-aller Frühe fort, ohne Abschied zu nehmen. Als er nach einer
-halben Woche wieder kam, nach jungem Birkenlaube und Post
-duftend, drei Birkhähne in der Hand, traf er Swaantje ganz
-allein zu Hause, denn seine Frau hatte einen Besuch zu machen
-und die Mädchen waren mit den Kindern aus.</p>
-
-<p>»Du siehst nicht besonders aus, Kleine,« sagte er und tätschelte
-ihr die Backen wie einem Kinde. Sie bediente ihn beim Kaffee;
-er freute sich der kraftlosen Anmut ihrer Bewegungen und nahm
-den Klang ihrer weichen Stimme dankbar hin, suchte aber vergebens
-nach den goldenen Blumen in ihren Augen und lauschte
-umsonst auf den Widerhall seiner Liebe in seiner Brust.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p>
-
-<p>Wenn er sie ansah, war ihm zu Mute, als käme er in eine
-Stadt, in der er einst viele liebe Freunde hatte, und nun waren
-sie alle tot.</p>
-
-<p>Doch als er dann in der Werkstätte war, dachte er: »Ich will
-sie an ihre Schuld mahnen, jetzt gleich. Donnerwetter, sie ist und
-bleibt doch immer eine Lücke in meinem Leben, über die ich in
-Gedanken alle naselang noch stolpere!« Er gedachte der Nacht,
-in der sie in dem Büchersaale von Swaanhof vor ihm stand in
-dem weißen Nachtkleide, den hellen Schein der Kerze über ihrer
-Brust, auf die der Schatten des Palmenwedels mit kecken Fingern
-deutete, und des Maientages, an dem sie mit dem Rade fiel und
-ihre Röcke so schüttelte, daß ihre Hosen bis über die Hüfte sichtbar
-wurden, und er sagte sich: »Ich will mir holen, was mir zukommt;
-denn ich habe es mit meinem Leben erkauft. Also!«</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke kam Swaantje aus dem Wohnhause
-und ging in den Garten, ein Buch in der Hand. »Aha!« sagte
-er sich; »läuft der Hase so?« Denn sie hatte ein weißes loses
-Kleid an, fast ganz so wie jenes, das einst seine Hände hungrig
-gemacht hatte.</p>
-
-<p>Er ging ihr entgegen: »Du hast mein neuestes Bild noch nicht gesehen,
-Swaantien,« sagte er. Sie wurde rot und folgte ihm. »Ach,
-wie schön,« flüsterte sie und sah ihn mit hingebungsvollen Augen an.</p>
-
-<p>»Bleibe ein bißchen hier und erzähle mir was, Maus,« bat er
-und deutete auf das Ruhebett. Sie gehorchte und sah ihm zu,
-wie er an dem Bilde einige Stellen vollendete.</p>
-
-<p>»Ach was, malen!« rief er und stellte den Pinsel in das Glas;
-»ich habe keine rechte Lust dazu!« Er schob einen Sessel heran
-und setzte sich zu ihr. »Hast du nichts Neues geschrieben?« fragte
-er. Sie schüttelte den Kopf: »Ich habe es aufgesteckt; ich habe
-gar kein Talent.« Er lächelte in sich. »Ist auch besser so. Talentvolle
-Frauen sind keine.« Und dann fragte er weiter: »Hat dir<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-Benjamin geholfen?« Sie nickte: »Etwas!« antwortete sie. Er
-strich über ihre Schläfe. »Immer noch die alte Stelle?« Sie nickte
-und sah ihn dankbar an, denn seine Hand war ihr eine Erquickung.
-Er legte den Arm um ihren Nacken, küßte sie auf den Mund und
-flüsterte: »Meine Swaantje!« Ihre Arme erhoben sich, als wenn
-sie seinen Hals umfassen wollten, aber dann stieß sie ihn zurück
-und rief: »Aber Helmold, schäme dich!« Er ließ sofort von ihr ab
-und lächelte: »Entschuldige, liebe Swaantje; das verflixte Kleid!«</p>
-
-<p>Als er zu Bette ging, fragte ihn seine Frau: »Hast du Swaantje
-etwas Böses gesagt? Sie war so sonderbar und will morgen abreisen.«
-Er errötete etwas, erwiderte jedoch ganz ruhig: »Ich!
-wie sollte ich dazu kommen?« Doch ehe er einschlief, schämte er
-sich, einmal, weil er seine Hände nach einem Weibe ausgestreckt
-hatte, an dem ihm nichts gelegen war, und dann, weil er fühlte,
-daß er sie doch noch liebte, wenn auch nicht als Weib. »Ich habe
-in ihrer Seele, die ich immer und ewig liebe und begehre, mein
-Bild zerschnitten,« dachte er und nahm sich vor, sie um Verzeihung
-zu bitten.</p>
-
-<p>Dazu kam er aber nicht, denn als er sie am Frühstückstische
-traf, sah sie nicht bleich und elend aus, wie er gefürchtet hatte,
-sondern eher froh und glücklicher, als in den letzten Wochen, und
-als sie abreiste, nickte sie ihm aus der Wagentür freundlich zu.</p>
-
-<p>»Der Teufel soll aus den Frauenzimmern klug werden,« dachte
-er und kam sich wie ein dummer Junge vor, der eine kokette Abwehr
-ernst genommen hatte. Späterhin aber freute er sich des
-Mißerfolges. Was früher seine höchste Wonne gewesen wäre, nun
-wäre es besten Falles weiter nichts gewesen, als ein Vergnügen.</p>
-
-<p>»Ich hätte nicht mehr davon gehabt, als wenn ich die Zunge
-zum Fenster hinausgehalten hätte,« dachte er, suchte einen bespannten
-Keilrahmen heraus und entwarf ein Bild von ihr.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Sarg">Der Sarg</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Es wurde ein wahrhaftiges Kunstwerk; es war so schön, daß
-er dachte: »Eine Liebeserklärung auf Leinewand!« Dann aber
-lächelte er und meinte zu sich: »Nicht ganz, eher das Gegenteil.«</p>
-
-<p>Als er aber das Bild, bevor er es einpackte, noch einmal ansah,
-schien es ihm doch anders. Er setzte sich ihm gegenüber und
-sah ihm in die Augen, bis das weiße Mädchenangesicht, das hell
-und kühl aus dem Schatten des Kiefernwaldes hervordämmerte,
-zu lächeln begann und mit bittenden Lippen flüsterte.</p>
-
-<p>»Meine Nonne,« dachte er, »warum liebte ich dich so sehr,
-ohne dich zu begehren? und begehrte dich, ohne dich zu lieben?
-Weil ich der einzige Mann bin, der dich aus deiner Nonnenhaftigkeit
-erlösen konnte, aus deinem eiskalten Alleinsein, dir ein
-Kind schenken, ein warmes Leben, damit du des Nachts nicht
-frierst, wenn du erwachst?«</p>
-
-<p>Er dachte daran, daß alle Kinder Angst vor dem Mädchen
-hatten, oder wenigstens keine Zuneigung für sie, und daß kein
-Mann sie ansah, außer ihm selbst und Brüne. Und mit einem
-Male sah er den Freund, den einsamen, der keine Frau hatte,
-und der vielleicht nie eine Geliebte gehabt hatte, der zwischen
-seinen Büchern und Gemälden und Bildwerken das tote Leben
-des unfruchtbaren Ästheten führte, und erkannte, daß dieser Mann
-denselben unerfüllten Wunsch in den Augen hatte, wie Swaantje,
-und dasselbe hoffnungslose Bitten um die Lippen.</p>
-
-<p>»Was ist es,« dachte er, »das diese Menschen zu mir hinscheucht<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-und mich zu ihnen, mich, dem alles Halbe, Unfertige, Dilettantische
-gleichgültig ist? dem das Problematische kein Problem ist,
-und dem das Rätselhafte nicht wert dünkt, es zu raten?« Er sah
-zwei Gärten vor sich, von Mauern umschlossen, alte stille Gärten,
-deren Blumen nur verstohlen dufteten, und in denen die
-Vögel ganz anders sangen als sonstwo, ohne Wunsch und Wille.
-Er sah Brüne in weißer Kutte und Swaantje in der steifen, kühlen
-Tracht der Bräute Christi, und beide blickten ihn an mit wunschleeren
-Augen, in denen ein hoffnungsloses Bitten lag.</p>
-
-<p>Er pfiff das freche Lied von der Lüneburger Haide, steckte sich
-eine Zigarre an und dachte an die vielen, vielen schönen Frauen
-und hübschen Mädchen, die in seinen Armen zerschmolzen waren.
-»Restlos zerschmolzen,« dachte er und lächelte spöttisch; »Weh
-und Wonne hinterlassen gleicherweise keine sichtbaren Spuren in
-der Erinnerung; wenigstens nicht auf die Dauer.«</p>
-
-<p>Früher hatte er sich in lauen Stunden gern der roten Küsse erinnert,
-die rechts und links in reicher Fülle neben seinem Wege
-blühten. Sie waren verwelkt; dürre Stengel waren alles, was von
-ihnen übrig geblieben war. »Das Leben lohnt sich wirklich nicht,«
-dachte er und folgte einem Winke des Standspiegels.</p>
-
-<p>Er besah sich von oben bis unten, kehrte sich um und um, zerpflückte
-sich und betrachtete die einzelnen Stücke. Seine Augen
-sprachen die Worte Antars, des Dichters: »Wir gehören zu einem
-Geschlechte, das nicht in seinen Betten stirbt,« tuschelten sie ihm
-zu. »Irrtum, Herrschaften,« sagte er, »zu dem Geschlechte derer,
-die nur dann glücklich werden, wenn sie nicht in ihren Betten
-sterben.« Er langte die Chronik derer von Hagenrieder heraus,
-ein Werk Henneckes, blätterte darin und sah, daß die Hagenrieder
-nur dann Glück fanden, wenn sie den Pflug oder das
-Schwert geführt hatten.</p>
-
-<p>Sein Vater fiel ihm ein, der strenge, gemessene, kühle Kaufmann,<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-der daran gestorben war, daß er so oft verbindlich hatte
-lächeln müssen, wenn er lieber gebrüllt und dreingeschlagen hätte,
-und daß er selber, des früh Verstorbenen Sohn, niemals stolzer
-und froher gewesen war, als wenn er die Faust hatte gebrauchen
-können, als Werkzeug, wenn er den Garten grub oder Pürschsteige
-schlug, oder als Waffe.</p>
-
-<p>»So ist es,« sprach er vor sich hin, als er die Bilderkiste zunagelte;
-»Kunst ist ungelebtes Leben, ist ein Notbehelf dafür, ein
-ganz elender Ersatz!«</p>
-
-<p>Als er die Aufschrift auf die Kiste malte, mußte er lächeln; ihm
-war zu Sinne, als schicke er seine Liebe nach Swaanhof, damit
-sie dort an die Wand gehängt werde. »O, ich entbehre sie ja
-auch nicht mehr,« dachte er. »Einst, als ich jung und heiß war,
-suchte ich in Swaantje den Frieden des Schattens, seine kühle
-Ruhe, seine sanfte Stille; was soll ich jetzt mit ihr, jetzt, da ich
-alt und kalt bin? Glut brauche ich heute, sehr viel Glut und Licht
-und Farbe für mein kaltes Herz. Mein ganzer Leib ist mit Küssen
-bedeckt, wenigstens bedeckt gewesen, aber mein Herz hat keine davon
-abbekommen, mindestens lange nicht genug. Aber Tränen
-sind reichlich darauf gefallen, doch die wärmen nur einen Augenblick;
-sobald sie verdunsten, erzeugen sie Kälte. Das weiß ich noch
-aus der Physikstunde.«</p>
-
-<p>Er schrieb den Frachtschein und freute sich, daß seine Handschrift
-noch genau dieselbe war wie vor dreißig Jahren, anspruchslos, ohne
-Schnörkel und übersichtlich. »Im Grunde bin ich ein ganz einfacher
-Mensch,« überlegte er, »so gar kein bißchen kompliziert. Wenn ich
-mir und anderen manchmal so vorkam, so lag es daran, daß dies
-Leben, dies zivilisierte Leben von heute in diesem Koofmichzeitalter,
-in dieser Ära des geistigen Mittelstandes, in dieser Periode des bekömmlichen
-Durchschnittes, so kompliziert ist. Ach ja, die goldene
-Mittelmäßigkeitsstraße! Freiheit für alle Unfreien, Gleichheit zwischen<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span>
-Groß und Klein, Brüderlichkeit zwischen dem, was sich haßt;
-schöner Blödsinn, an dem wir vor die Hunde gehen werden.«</p>
-
-<p>Die Sonne fiel plötzlich so in die Werkstatt, daß die Büchse
-an der Wand grell funkelte. Er nahm sie herunter, spannte sie,
-stach den Hahn ein, suchte ein Ziel, drückte ab, repetierte, stach
-wieder, drückte wieder ab, schüttelte den Kopf und hängte sie an
-das Geweih. Sein Gesicht war ganz ernst geworden. Er dachte
-daran, daß er lange Zeit den heißen Wunsch gehabt hatte, eine
-Schlacht mitzumachen, aber vorne, in den ersten Reihen. Er
-lächelte und sagte sich: »Na die, in der ich mir damals den schweren
-Blattschuß, zwölf Ringe, faustgroßer Ausschuß, geholt habe,
-die war schon blutig genug; vollkommen invalide, knapp landsturmfähig
-kam ich nach Hause, und ohne Orden und Kriegsauszeichnungen.«</p>
-
-<p>Er lachte, zog ein Buch aus dem Schranke, schlug eine Stelle
-auf und nickte: »Hast recht, Tscheng ki tong, wenn du schreibst:
-݆brigens kann so etwas nie genug kosten, denn nur die
-Vergnügen, die uns ruinieren, haben wirklichen Reiz.‹« Er lächelte,
-als er das Buch wieder in die Reihe schob: »Stimmt, alter
-Chinese, und mit den Schmerzen ist es ebenso. Der Unterschied
-ist nur der, daß überstandenes Weh salzig schmeckt, verlorene
-Wonne aber bitter. Man kann jedes Leid wieder erleben, aber
-keine Lust.«</p>
-
-<p>Er ließ einen Dienstmann rufen, schickte die Kiste fort und vergaß
-Swaantje, bis ein Brief von ihr kam, oder vielmehr ein
-Kasten, in dem drei rote Rosen lagen, und eine Karte, auf der
-weiter nichts stand als die drei Worte: »Lieber guter Helmold!«</p>
-
-<p>Sie klangen ihm wie ein Schrei. Dabei freuten sie ihn wenig
-und schmerzten ihn kein bißchen, trotzdem er wußte, was sie
-bedeuten sollten, eine demütige Abbitte und eine Hingabe auf
-Gnade und Ungnade. Übrigens mangelte ihm auch die Zeit, sich<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-mit ihnen zu beschäftigen; ein ganz großer Auftrag nahm ihn
-vollkommen in Anspruch, ein Auftrag, der sich nach jeder Seite
-hin lohnte: ihm war der gesamte Wandschmuck und die Innenausstattung
-für das neue Schauspielhaus übertragen worden,
-ohne daß er sich darum beworben hätte.</p>
-
-<p>Früher hätte er die Kasatschka getanzt, wäre ihm eine solche
-Arbeit angeboten worden; jetzt verzog er keine Miene und sagte
-beim Mittagessen so nebenbei: »Ich habe die Inneneinrichtung
-und alle Wände für das Schauspielhaus bekommen, Grete, will
-aber Kersten, Ludemann und natürlich für die Bildhauerarbeit
-Voß und Meinecke heranziehen. Mir bleibt ja so noch genug
-übrig.« Seine Frau sah ihn groß an: »Wann hast du den Auftrag
-bekommen?« und als er sagte: »Gestern abend,« wurde sie
-ganz blaß.</p>
-
-<p>Denn war das noch ihr Mann, dessen fernster Traum es einst
-war, einen solchen Auftrag zu bekommen? Und mit diesem Auftrag
-hatte er gut geschlafen und den halben Tag gearbeitet, und
-er sprach davon, als wenn er eine Kiste Zigarren geschenkt bekommen
-hätte.</p>
-
-<p>Angst und Trauer befielen sie, und nach dem Essen schrieb sie
-an Swaantje, die bei Thorbergs in Weddingen war, daß Helmold
-den Auftrag bekommen habe und für die nächste Woche in
-Stillenliebe zur Jagd sei. Warum sie ihr das schrieb, wußte sie
-nicht; sie fühlte nur, daß sie schreiben mußte. »Besucht ihn da
-doch einmal,« schrieb sie.</p>
-
-<p>Es war einige Tage später, da kam Helmold gegen Mittag
-von der Pürsch zurück. »Es ist auch ein Brief für Sie da, Herr
-Hagenrieder,« sagte der Wirt. Der Maler nickte und setzte sich,
-trank sein Bier und spielte mit den Kindern. Als er nach dem
-Essen auf sein Zimmer ging, um zu schlafen, sah er, daß der
-Brief, der auf dem Tische lag, von Swaantje war. Sie schrieb<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-aus Weddingen: »Tjark und Ilsabe und ich kommen heute nach
-Ohlenwohle mit dem Mittagszuge; hole uns mit Gespann ab.
-Wir wollen gern einmal Stillenliebe sehen. Deine Swaantje.«</p>
-
-<p>Ein Gefühl peinlichen Unbehagens, durchduftet von etwas Genugtuung,
-überkam ihn. Aber als er über sich selber den Kopf
-schüttelte, fand er, daß es weniger Genugtuung war als Freude,
-und auch weniger Freude als Zärtlichkeit, und schließlich auch
-das nicht, sondern ein Gefühl, in dem allerlei sich mischte, und
-das er nicht genau betrachten konnte, weil etwas wie eine beschlagene
-Fensterscheibe davor war. Jedenfalls, das fühlte er, jauchzte
-sein Herz nicht, und seine Seele schrie weder Hurra noch Holdrio.
-Aber er war betrübt, daß er nicht gleich auf sein Zimmer
-gegangen war und den Brief aufgemacht hatte. »Nun sitzt das
-arme Mädchen in Ohlenwohle in der Kneipe und langweilt sich
-nach der Schwierigkeit« dachte er. Daß Tjark und Ilsabe bei
-ihr sein mußten, daran dachte er nicht.</p>
-
-<p>Er zog sich einen besseren Anzug an und war schon auf der
-Treppe, als Reimers vom Treppenfuße aus ihm zurief: »Sie
-werden von Ohlenwohle am Fernsprecher verlangt, Herr Hagenrieder,
-von einem Fräulein. Den Namen konnte ich nicht verstehen.«
-Ganz ruhig ging Helmold in die beste Stube und wunderte
-sich dabei, daß er so gelassen blieb. Aber sein Herz machte
-doch einen kleinen Sprung, als er anfragte: »Bist du das,
-Swaantje?« und er ihre Stimme und damit das ganze Mädchen
-dicht bei sich hatte. »Tjark konnte nicht, er hatte wieder einen
-Gichtanfall, und Ilsabe konnte deshalb auch nicht mit, und so
-bin ich allein gekommen,« antwortete sie. »Kannst du hier über
-Nacht bleiben oder nicht, und wann mußt du wieder zurück?«
-fragte er weiter. »Ich habe gesagt, ich führe mit dem letzten
-Zuge, und der geht um sieben Uhr,« kam es zurück. »Dann lohnt
-es sich nicht, daß du erst hierherkommst,« meinte er; »dann komme<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span>
-ich mit dem Rade dorthin,« setzte er hinzu. Eine Weile war es
-still. »Bist du noch da?« fragte er. »Ja,« rief sie; »dann komm,
-lieber Helmold; das wird das beste sein.« Es kam ihm vor, als
-wenn ihre Stimme mit einem Male ganz anders geklungen hätte.</p>
-
-<p>Er holte das Rad aus dem Schuppen und fuhr los. Er wunderte
-sich, daß er so unsicher war; sonst fuhr er den schmalen
-Fußweg neben der Haidstraße, ohne vor sich hinzusehen; nun
-mußte er die Lenkstange festhalten und bewußt aufpassen, und
-wo bei einem Querwege eine sandige Stelle den Pfad unterbrach,
-da wurde es ihm sauer, durch den Sand zu kommen. Er schrieb
-das erst der Hitze zu, bis ihm einfiel, daß er um drei Uhr aufgestanden
-war und seitdem keine Stunde gesessen hatte.</p>
-
-<p>Mit vor Schläfrigkeit gleichgültigen Augen sah er die herrlichen
-Wacholdergruppen und den über und über mit goldenen Blumen
-behängten Ginster an, der die Böschungen des Weges verbarg,
-und das Gezwitscher der Hänflinge und das Geschmetter des
-Baumpiepers kam ihm unbekannt vor, ja, er lachte nicht einmal,
-als ein Rehbock, der im Graben gestanden hatte, so dicht vor
-ihm absprang, daß er ihn beinahe umgefahren hätte. Erst als er
-im Lohkruge einen Schnaps und ein Glas Wasser getrunken
-hatte, wurde er einigermaßen munter und konnte wieder denken.</p>
-
-<p>»Was mag sie haben, daß sie mit dieser elenden Klingelbahn
-bei dieser üblen Hitze drei Stunden gefahren ist?« dachte er und
-stellte sich vor, wie sie angekommen war und allen Glanz aus
-den Augen verloren hatte, als sie ihn auf der Haltestelle nicht
-vorfand. Und nun saß sie in dem Kruge und wartete auf ihn.
-Aber warum hatte sie ihm auch keine Drahtnachricht geschickt,
-sondern erst am Abend vor der Abreise den Brief, der mit der
-üblichen Verspätung ankam? Und nun: was sollte es zwischen
-ihnen geben?</p>
-
-<p>Als er den Morgen vor dem Moore stand und sich über eine<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-Fuchsbetze freute, die mit vier Junghasen im Fange auf zwanzig
-Gänge bei ihm vorüberschnürte, hatte sein Gewissen ihm ganz
-gehörig die Leviten gelesen. Er hatte an alle seine Liebschaften
-gedacht und sich gesagt, daß er sich keine Vorwürfe darüber zu
-machen brauchte. »Banausen, Philister, Fünfgroschenmenschen
-scheuen sich durchaus nicht, ihrer Leidenschaft zu folgen; also
-warum soll ich, ein wertvoller Mensch, mich zum Verzichten
-nötigen?«</p>
-
-<p>Aber da hatte eine fremde Stimme gelacht und gesprochen: »Du
-kamst dir doch immer als Übermensch vor, mein Herze, nicht
-wahr, und billigst dir dabei die Untermoral des waschlappigen
-Gesindels zu? Glaubst du vielleicht, die Borgias und ähnliche
-Kerle waren Helden? Jämmerlinge waren es, die sich kratzten,
-sobald es sie juckte. Rede dir nicht selber etwas vor! Seinen
-Instinkten zu folgen, ist keine Stärke; Schlappheit ist es,
-urmenschenhafte Schwäche oder Neurasthenie. Außerdem warest
-du doch stets stolz darauf, ein Mann von Wort zu sein; war
-dein Treueschwur vor dem Altar nicht ehrlich gemeint? Du
-kannst dich vor dir entschuldigen, das kannst du, mit Schwäche,
-mit Gedankenlosigkeit, mit was du willst; aber wenn du versuchst,
-dich zu rechtfertigen, dann machst du dich einfach lächerlich.
-Du bist polygam veranlagt, sagst du. Schön, aber dann
-hättest du Junggeselle bleiben sollen. Du warst ja mehr als
-mündig, als du vor dem Priester dein Ehrenwort gabest. Also
-rede nicht!«</p>
-
-<p>So kam er mit einem Herzen voller verschiedenartiger Empfindungen
-vor dem Ohlenwohler Kruge an, grau und kühl wie der
-Himmel an einem toten Tage. Der Wirt stand vor der Tür, als
-er vom Rade sprang. »Das Fräulein ist rechts in der Stube,«
-sagte er. Swaantje saß auf dem unbequemsten Stuhle, als er eintrat.
-Sie sah blaß und müde aus und hatte Schatten unter den<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-Augen; aber noch niemals war sie ihm so schön und hilfsbedürftig
-vorgekommen. Sie errötete über das ganze Gesicht, als er
-ihr beide Hände gab, und ihm war, als verlangten ihre Augen, daß
-er sie in den Arm nehmen sollte, und daß er sie küssen möchte; aber
-er hatte die Tür nicht hinter sich zugemacht, und auf dem Gange
-standen Leute und vor dem Fenster auch, und da die Sonne darauf
-lag, hätten sie sehen können, was in der Stube vorging.
-So drückte er ihr die Hand, zwang sie in das Sofa und fragte:
-»Hast du schon etwas gegessen?« Sie schüttelte den Kopf, und er
-ging hinaus und bestellte Kaffee und Zukost. Dann setzte er sich
-vor den Tisch auf den Stuhl.</p>
-
-<p>Es wurde ihm schwer, etwas Vernünftiges zu sprechen. Der
-pilzige Geruch des schlecht gelüfteten Raumes erstickte den Rest
-von Frische, der noch in ihm war, und ein Mitleid, stark mit
-Verlegenheit durchsetzt, machte ihn unsicher. Und Swaantje saß da,
-sagte nichts und sah ihn an, mit einem rührenden Lächeln um
-den blassen Mund, und ihre Augen schimmerten feucht.</p>
-
-<p>Endlich sprach sie mit einer weichen, farblosen Stimme, daß sie
-sich so sehr auf Stillenliebe gefreut habe, und daß sie vor Enttäuschung
-nicht habe schlafen können, als Tjark am Abend vorher
-seinen Anfall bekommen hatte. Und daß sie ihm für das Bild
-doch endlich ihren Dank sagen müsse. »Denn schreiben, lieber
-Helmold,« sagte sie und lächelte ihn an, als wäre sie eben mit
-ihm getraut, »das konnte ich doch nicht, wie sehr ich mich darüber
-gefreut habe.« Sie nahm seine Hand und drückte sie: »Bist
-du mir immer noch böse, lieber Helmold?«</p>
-
-<p>Er wußte nicht, was er sagen sollte, und war froh, als die
-Wirtin mit dem Kaffee hereinkam. Absichtlich bestellte er noch
-Brot und Butter und dann eine Postkarte, denn er wußte wirklich
-nicht, wie er sich verhalten sollte. Das weiße lose Kleid hatte
-sie nicht an, wie damals im Garten, als er hinterher den Bajonettangriff<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-auf sie machte; aber sie war ihm nachgereist, die weiße
-Fahne in der Hand.</p>
-
-<p>Doch er traute ihr nicht und sich noch viel weniger. Ihr nicht,
-weil sie ihm heute mehr denn je als reine Seele, als Nonne, als
-unsinnliches Wesen erschien, und sich nicht, weil er sich nur als
-Bruder oder Vater ihr gegenüber vorkam, und so gar kein bißchen
-als begehrender Mann. Dabei war sie ihm noch nie so schön
-vorgekommen wie an diesem Tage. »Zum Erbarmen schön,«
-dachte er. Gar zu gerne hätte er sie in den Arm genommen, ihre
-Backen gestreichelt und ihre Stirn geküßt; aber er hatte Angst,
-daß sie seine Liebkosungen mißdeuten oder Erwartungen daran
-knüpfen könnte, die er nicht erfüllen konnte. So schleppte sich die
-Unterhaltung lendenlahm und langsam hin.</p>
-
-<p>Endlich hielt er es nicht mehr aus. »Komm, Swaantje,« sagte
-er; »wenn es dir recht ist, bummeln wir durch die Haide. In
-dieser Luft schrumpelt einem ja das Gemüt ein.« Sie nickte ihn
-lächelnd an und erhob sich, wobei sie ihm ganz nahe kam. Wieder
-wurde es ihm so zu Sinne, als sei es seine Pflicht, sie zu liebkosen,
-und ihre Augen sahen so aus, als sehne sie sich danach;
-doch abermals streckte der Gedanke, daß nur ihre einsame, verwaiste
-Seele geküßt und umarmt sein wolle und nicht ihr Leib, die
-Hand gegen ihn aus und hielt ihn zurück. Als sie vor dem Spiegel
-ihren Hut aufsetzte, sah ihr Spiegelbild ihn mit vieler Zärtlichkeit
-an, und er gab sich einen Ruck, um sie zu umfassen; doch da
-polterte eins von den Kindern in das Zimmer, blieb mit offenem
-Mund stehen, starrte das Mädchen an, wie einen Geist und stürzte
-wieder hinaus; er aber atmete erleichtert auf, als sei er einer Gefahr
-entgangen.</p>
-
-<p>Sie schlenderten durch die Felder und unterhielten sich mit
-Mühe. Erst als sie in die Haide kamen, frischte ihr Gespräch
-etwas auf, flaute aber immer wieder ab. Swaantje fragte, welcher<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-Art die Bilder wären, die er für das Schauspielhaus male;
-dadurch kam etwas Zug in ihre Unterhaltung, so daß er schließlich,
-zumal er über die Schlafsucht hinaus war, ganz lustig wurde,
-und es zu einem ganz fröhlichen Geplauder kam, das aber rein
-äußerlicher Art blieb und sie im Grunde mehr auseinanderhielt,
-als zusammenführte. Es war ihnen beiden zumute, als
-schritte irgend ein langweiliger Mensch zwischen ihnen, den sie
-nicht abschütteln konnten. Dazu begegneten ihnen fortwährend
-Leute, die vom Heuen kamen, darunter Marien. Seitdem sie verheiratet
-war, hatte Helmold sie nur einmal flüchtig gesprochen
-und sich darüber gefreut, daß sie tat, als kenne sie ihn nur ganz
-oberflächlich. Auch jetzt bot sie ihm mit unbewegtem Gesichte die
-Tageszeit wie einem fremden Menschen.</p>
-
-<p>»Hier sind so viele Leute,« klagte Swaantje. Er nickte und bog
-mit ihr in einen schmalen Pfad ein, der tief in das Haidkraut getreten
-war und nach einem kleinen Wäldchen führte. Ein weißer
-Bussard, der auf einem Irrsteine gefußt hatte, flog vor ihnen
-auf, und ein schwarzes Reh, das sich am Zwergginster äste, sprang
-an ihnen vorüber. Da der Weg nur drei Hände breit war, ging
-Helmold hinter Swaantje. Sie trug ein Kleid von ähnlichem
-Schnitt wie an jenem Tage, als er mit ihr nach dem Tödeloh
-ging, doch war es nicht rosenrot, sondern mattblau, und auch
-das Band, das den weichen Strohhut umgab, war von derselben
-kühlen Farbe.</p>
-
-<p>Er nickte. »Ja,« dachte er; »damals erschien sie mir als rosenroter
-Traum; heute ist sie mir eine mattblaue Erinnerung.«</p>
-
-<p>Er sah sich um; der eiserne Ritter ging nicht hinter ihm. »Meine
-Liebe habe ich in der Bilderkiste eingesargt«, dachte er, »und mein
-Verlangen; so blieb mir weiter nichts davon als das Gespenst.
-Aber ich glaube nun einmal nicht an Gespenster!«</p>
-
-<p>Hinter dem Wäldchen lagen unter einer krausen Eiche zwei gewaltige<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span>
-Findelsteine; auf den einen legte er seinen Mantel und
-wies ihn Swaantje als Sitz an, auf dem anderen nahm er selber
-Platz. Vor ihnen kroch der bleigraue Pfad durch die braune
-Haide und verlor sich zwischen hohen Wacholdern und Ginsterbüschen,
-die mit ihren gelben Blüten nur so prahlten; davor
-leuchtete das helle Grün einer quelligen Sinke.</p>
-
-<p>»Wie wunderschön ist das,« seufzte das Mädchen, und ihre
-Brust hob sich unter dem kühlen Kleide; »zum Weinen schön ist
-es,« fügte sie nach einem Weilchen hinzu. Ihr Vetter nickte und
-dachte: »Ganz wie du.« Er sah, daß ihre Hand zuckte, als wolle
-sie nach der seinen hin; aber da der Raum zwischen den beiden
-Steinen zu groß war, so glitt ihr Arm an dem Granitblocke herab
-und nahm eine Eulenfeder auf, die zwischen den grünen
-Ranken der Krähenbeere am Fuße des Steines lag.</p>
-
-<p>Das Mädchen drehte die bunte Feder zwischen ihren farblosen
-Fingern, besah sie mit gemachter Aufmerksamkeit und fragte,
-ohne ihren Vetter anzusehen: »Von welcher Eule ist das?« Er
-antwortete: »Waldkauz« und flötete halblaut den Balzruf dieses
-Nachtvogels. Ohne ihn anzusehen, sprach sie: »Ich war neulich
-wieder einmal im Tödeloh.« Er erwiderte nichts und sah nach
-dem runden weißen Fleck, der die Spitze des höchsten und schlanksten
-Wacholders krönte. Er deutete mit dem Finger danach:
-»Der große Würger,« sagte er.</p>
-
-<p>Das Mädchen nickte, räusperte sich und begann wieder: »Sage
-mal, Helmold, was hast du dir eigentlich damals gedacht,« sie
-stockte, scheuchte eine Mücke fort, die auf ihrem Arme saß und
-sprach dann weiter, »damals, als ich dir in dem Walde sagte, du
-weißt doch, als uns der Oberbürgermeister begegnete, daß,« sie
-stockte, »daß das, du weißt ja, vorbei sei?« Er sah nicht auf und
-erwiderte mit gleichmütigem Tone, über den aber ein tiefer Klang
-von Verständnis hinwegsah: »Das wußte ich schon vor dem.«<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-Swaantje nickte, strich sich mit der Eulenfeder über die Stirne
-und fuhr fort: »Das war vorbei, seitdem du mir im Tödeloh
-das eine Wort sagtest.« Er nickte, sah nach einem blanken Raubkäfer,
-der eine Raupe umbrachte, und sprach leise: »Das schien
-mir damals auch schon so.« Der Würger verließ den Wacholderbusch,
-rüttelte eine Weile über der Sinke und strich mit klirrendem
-Rufe ab. Helmold sah hinter ihm her.</p>
-
-<p>Die Brust des Mädchens hob sich schwer. »Du verstehst doch,
-lieber Helmold,« sie sprach es matt, aber er vernahm die tiefe
-Zärtlichkeit, die dahinter lag, »nicht wahr, daß ich nicht anders
-handeln konnte?« Er nickte, sah sie aber nicht an. »Denn sieh
-mal, lieber Helmold, Grete, du weißt, das ging doch nicht.«</p>
-
-<p>Ihm wurde immer trauriger zumute und immer hilfloser,
-ihretwegen und seinethalben erst recht. Da hielt sie ihm nun ihr
-Herz auf den Händen hin, dieses arme, ledige, verwaiste Herz,
-und er konnte es nicht hinnehmen. Er wußte, was sie ihm gerne
-gesagt hätte, aber nicht sagen konnte, daß Grete ihr nämlich dasselbe
-gesagt hatte, wie ihm, daß sie an dem ganzen Unglücke schuld
-sei, das über ihn und das Mädchen und auch über die Frau
-gekommen war, und daß sie drei zusammengehörten, daß sie drei
-eins waren und sein sollten. Aber Swaantje wußte es nicht, und
-er konnte es ihr nicht sagen, daß es dafür zu spät sei.</p>
-
-<p>Er sah, daß die Mücken häufiger flogen, und war ihnen dankbar
-dafür, denn nun konnte er mit Anstand rauchen. Er scheuchte
-eine summende Mücke fort, langte sich eine Zigarre heraus und
-zündete sie an. Swaantjes Lippen versteckten sich. »Sieh mal nach
-der Uhr,« bat sie; »ich glaube, wir müssen gehen, denn ich möchte
-nicht zu spät kommen.« Sie fuhr heftig zusammen, denn in dem
-Gebüsch hinter ihnen schreckte laut ein Reh.</p>
-
-<p>Sie gingen einen anderen Weg zurück. Die Frösche prahlten in
-den Gräben, und eine helle Weihe schwebte über den Wiesen.<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span>
-Swaantje schritt vor ihm her. »Mein Gott, mein Gott,« klagte
-es in ihm; »wie schön ist sie, wie wunderschön!« Er sah ihre
-Nackenlocken an und den vornehmen Bogen ihrer Backen und
-dachte: »Warum lege ich nicht meinen Arm um sie, warum küsse
-ich sie nicht? Sie will es doch so gern.«</p>
-
-<p>Der Weg zwillte sich. Swaantje ging nach rechts. Er faßte sie
-unter den Arm und zog sie nach links. Er hatte vorgehabt, sie an
-sich heranzuziehen und ihren Mund zu küssen; aber als seine Hand
-wohl die Wärme ihres Armes spürte und sein Herz sich doch nicht
-regte, ließ er sie los und ging stumm hinter ihr her, bis der Pfad
-in den Weg einlief und sie nebeneinander gehen konnten.</p>
-
-<p>Da begann Swaantje wieder zu reden: »Du bist mir doch
-nicht mehr böse, lieber Helmold?« Sie errötete, als sie das sagte,
-und sah ihn halb von der Seite an und mit einem Blicke, in dem
-Sehnsucht und Verlegenheit miteinander rangen. Er lächelte sie
-an und versetzte: »Aber, Swaantje, wie kannst du das denken!«
-Und dabei keuchte es in ihm: »Ja, aber warum küsse ich sie denn
-nicht? Deutlicher kann sie es mir doch nicht zeigen, daß sie sich
-selber zürnt, weil sie mich damals zurückstieß.«</p>
-
-<p>Er kam sich vor wie ein rätselhaftes Tier, das ihm noch niemals
-über den Weg gelaufen war, ein Geschöpf, ebenso unheimlich,
-wie lächerlich. In dumpfem Schweigen schritt er neben ihr
-her und rauchte.</p>
-
-<p>»Und zwischen dir und Grete ist auch alles wie früher?« fragte
-endlich das Mädchen. Er seufzte und antwortete: »Ja, vollständig.«
-Nach einer Weile fuhr er fort: »Das heißt, es bleibt doch
-ein Riß, Swaantje; denn sieh mal, ich bin damals zerbrochen,
-und wenn der Bruch auch wieder heilte, eine gewisse Schwäche
-blieb zurück.«</p>
-
-<p>Er räusperte sich, ehe er weiter redete: »Ich habe nämlich,
-verstehst du? ich bin nämlich, ich werde nie wieder das sein, was<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-ich war. Ich bin alt geworden damals, zum Greis geworden,
-wenn ich auch nicht so aussehe. Mein Mai ist vorüber, und der
-Sommer ist hin; ich bin beim Grummet, beim dritten Schnitt;
-ich bin kein voller Mann mehr.«</p>
-
-<p>Er stockte, warf seine Zigarre in einen Tümpel und sprach leiser:
-»Swaantje, ich, weißt du? ja, das ist nun so!« Er zeigte neben
-den Weg: »Ich bin wie die Haide hier, zertreten und kurz, weil
-lange Zeit Tag für Tag graue Gedanken auf mir herumtraten
-und mich kurz hielten.« Als er sah, daß das Mädchen ganz blaß
-war, setzte er hinzu: »Doch du, liebe Swaantje, meine Gefühle
-dir gegenüber sind die selben geblieben; wenn ich auch ein anderer
-Mann geworden bin.«</p>
-
-<p>Sie antwortete nicht und hatte einen ganz engen Mund. Er
-sah nach der Uhr. »Wir haben noch reichlich Zeit, was sollen wir
-so lange in der muffigen Bude sitzen,« meinte er. »Wollen
-noch einen Umweg machen.« Er schlug den Weg nach einem
-Birkenwäldchen ein. Die Augen des Mädchens belebten sich, und
-ihr Mund blühte wieder auf.</p>
-
-<p>»So,« sagte er sich; »nun, sobald wir im Walde sind, und ich
-halte Wort, soll sie den Kuß haben, den ich ihr schuldig bin, und
-mir das geben, was sie mir schuldet.« Warm lief es ihm über die
-Brust, und mit heißen Blicken streichelte er ihren Nacken.</p>
-
-<p>»Sieh mal, Swaantje,« sprach er mit zärtlichem Klange;
-»als wir nach dem Tödeloh gingen, nahm ich mir fest vor, dich
-umzufassen und in mein Herz hineinzuküssen. Ich habe dir das
-schon einmal gesagt; ganz fest nahm ich mir das vor. Ich glaube,
-das wäre für uns beide gut gewesen.</p>
-
-<p>Vielleicht war es aber damals noch zu früh, weil du glaubtest,
-du liebtest den andern noch, obgleich ich damals schon wußte, oder
-vielmehr ahnte, daß es nicht so war.« Sie antwortete ganz leise:
-»Aber ich habe dir doch niemals etwas gesagt, lieber Helmold.«<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span>
-Er schüttelte den Kopf: »Nein, so schwer dir das auch wurde.«
-Sie seufzte und er fuhr fort: »Das war stark von dir, und ich
-achtete dich darum hoch; aber klug war es nicht. Es hat uns
-beide zerbrochen.«</p>
-
-<p>Sie sah ihn demütig an: »Aber ich konnte doch nicht anders,
-Helmold!« Er lächelte sie zärtlich an, so daß sie rot werden mußte.
-»Nein, Geliebte, du hast keine Schuld, und ich auch nicht. Sieh
-mal, ich kann dich nicht so behandeln wie andere Frauen; du bist
-so ganz anders, und ich empfinde dir gegenüber auch ganz anders!
-Im Tödeloh solltest du mein sein, ganz mein sein, das hatte ich
-mir auf Ehrenwort versprochen, und ich mußte es brechen, denn
-mein inneres Wollen stieß meinen äußeren Willen beiseite.« Das
-Mädchen atmete schwer und drängte sich dichter an ihn, denn der
-Weg war nur eben breit genug für sie beide.</p>
-
-<p>Da, wo der Weg sich teilte, kam ihnen ein stattlicher, sehr anständig
-gekleideter Zigeuner zwischen zwei jungen, grell aufgeputzten
-Weibern, die beide guter Hoffnung waren, entgegen. Helmold
-kannte den Mann; er blieb stehen und rief: »Na, Jorgas Michali,
-wohin und woher?« Der Zigeuner lachte und sagte: »Von
-der Windwiege nach dem Windgrabe, Herr Maler.« Die Weiber
-sahen Swaantje an, wie ein Heiligenbild. »Na, welche von
-beiden ist denn deine Frau?« fragte Helmold. Der Zigeuner
-grinste: »Beide, Herr Maler!« Hagenrieder lachte: »Vertragen
-sie sich denn?« Jorgas' Raubtiergebiß blitzte aus dem schwarzen
-Krausbarte heraus: »Wollt' sie kuranzen, wenn nicht,« sagte er
-und machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er eine
-Peitsche darin hielte, und die Frauen lachten. Der Maler gab
-ihm eine Zigarre und jeder der Frauen ein blitzblankes Markstück.
-Sie küßten ihm die Hände. »Viel Glück, Herr,« riefen sie, verbeugten
-sich vor Swaantje und setzten hinzu: »und deiner scheenen
-Frau ville Kinder!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span></p>
-
-<p>Als die Zigeuner hinter den Büschen verschwunden waren,
-fragte Swaantje leise: »Sind das wirklich beides seine Frauen?«
-Ihr Vetter nickte. »Natürlich; er hat vielleicht noch ein paar.
-Jorgas Michali ist einer der reichsten Häuptlinge; er hat drei
-große Häuser bei Berlin und Geld auf der Bank. Und er hat eine
-schwere Hand. Horch, wie schön der Kuckuck ruft! immer dreimal.«
-Er deutete nach dem Birkenwäldchen, in dem der Kuckuck
-läutete und die Zippe schlug.</p>
-
-<p>Vor seinen Augen tanzten goldene Flammen, sein Herz schlug
-fieberhaft, und der Atem pfiff ihm im Kehlkopfe. »Drei Schritte
-noch,« dachte er, »drei Schritte noch, und ich küsse sie, und nehme
-sie mir.« Gerade wollte er den Mund öffnen, um »Swaantje, meine
-Swaantje!« zu sagen, da stand ein alter Bauer vor ihnen, der ihnen
-freundlich die Tageszeit bot und sagte: »Na, dennso kriege ich
-noch feine Begleitung auf den Weg.« Helmold wußte nicht, ob
-er dem Manne danken oder fluchen sollte; er hörte nur mit einem
-Ohre auf das, was er erzählte, und wußte nicht, ob er sich bedauern
-oder beglückwünschen sollte. Mit Gedanken, so umrißlos
-wie Wacholderbüsche im Herbstnebel, kam er im Kruge an.</p>
-
-<p>Das Abendessen verlief anfangs recht still, obgleich Helmold sich
-alle Mühe gab, das Mädchen aufzumuntern; doch da er, wie
-er wußte, um das, was Swaantje am meisten am Herzen lag,
-herumgehen mußte, kam ihm jedes Wort, das er sprach, unehrlich
-und verlogen vor. So war er froh, als die Kastenuhr dreiviertel
-auf sieben meldete. »Noch zwanzig Minuten,« sagte das
-Mädchen, und er fügte hinzu: »Ja, es ist schade, daß wir nur
-die paar Stunden für uns hatten; wir haben uns so lange nicht
-gesehen.« Sie sah ihn an und ihre Augen fieberten. »Ja, wenn
-sie mir den Wagen nicht zur Bahn schickten,« sagte sie, schwieg
-einige Zeit und fuhr fort: »Ich hätte so gern einmal Stillenliebe
-gesehen und länger mit dir geplaudert. Wer weiß, wann wir uns<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-nun wiedersehen. Muhme Gese will nach Karlsbad, und ich muß
-wohl mit.« Mit einer hastigen Bewegung, die so gar nicht ihrem
-wirklichen Wesen entsprach, haschte sie nach seiner Hand, die auf
-dem Tische lag, führte aber ihre Absicht nicht aus, da er vor sich
-hinbrütete, sondern drehte die alte Tasse um, als wollte sie sich
-die Aufschrift ansehen.</p>
-
-<p>»Wollen gehen,« sprach sie dann matt und sah nach der Uhr.
-Er half ihr in den Mantel hinein und klingelte dem Wirte. Der
-ließ die Türen hinter sich offen, und während Helmold bezahlte,
-klang aus der Gaststube lauter Gesang herüber. Swaantje wurde
-kreidebleich, als sie das Lied erkannte; es war das, was Helmold
-ihr gesungen hatte, als er mit ihr zum Tödeloh ging, das kecke
-Lied von dem Jäger und der Jungfrau im schlohweißen Kleid.
-Ihre Augen wurden starr, und ihre Lippen verkrochen sich, als es
-hinter ihnen herklang: »Denn deine Unschuld und die mußt du
-lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid, eins zwei.«</p>
-
-<p>Der Zug hatte Verspätung. Sie lehnten an dem Geländer.
-Swaantje sah nach der alten Kiefer hin, die ihr düsteres Haupt
-hinter einem moosigen Giebel erhob, und ihr Vetter betrachtete
-ihr Gesicht und wunderte sich über sich selber. Plötzlich kehrte sie
-sich zu ihm: »Nun habe ich die Hauptsache beinahe vergessen,
-lieber Helmold!« Sie drückte ihm die Hand. »Ich danke dir viele
-Male für das Bild, viele Male!« Ihre Augen wurden dunkel.
-»Du glaubst gar nicht, wie ich mich darüber gefreut habe!«
-Wieder drückte sie seine Hand. »Ich dachte, du wärest mir böse
-gewesen. Bist du das auch ganz gewiß nicht mehr?«</p>
-
-<p>Er wußte nicht, was er sagen sollte, und lächelte sie an, als er
-den Kopf schüttelte, und er wußte, sein Lächeln mußte gefälscht
-aussehen. »Ich bin dir nie böse gewesen, und wenn ich es einmal
-war, so redete ich mir das ein, weil ich dir einen Begriff unterlegte,
-der nicht auf dich paßte, dich als Weib schlechthin und nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-als das sehen wollte, was du bist!« Etwas heiser klang seine
-Stimme, als er das sprach.</p>
-
-<p>Der Zug lief ein. »Schade, daß du nicht mitkannst, lieber
-Helmold,« sagte Swaantje und umklammerte seine Hand; »in
-Bockshorn habe ich fast eine Stunde Aufenthalt.« Helmold
-fühlte, daß ihm das Blut in das Gesicht schoß. »Einsteigen!«
-rief der Schaffner. Helmold half dem Mädchen in das Abteil
-und stieg auf den Tritt. »Lebe wohl, lieber, guter Helmold,«
-flüsterte sie und beugte sich zu ihm herunter, als wollte sie ihn
-küssen. Aber da schrillte die Pfeife, und eine harte Stimme
-schnarrte: »Abfahren!« Er hatte eben noch Zeit, ihre Hand zu
-küssen, und er küßte sie, daß sie seine Zähne fühlte, dann schlug
-der Schaffner die Tür zu, und der Zug ruckte an.</p>
-
-<p>Swaantje stand an dem offenen Fenster, stützte den Ellenbogen
-auf die Fensterleiste und hielt den Rücken ihrer rechten Hand,
-den Helmold geküßt hatte, an die Lippen. Ihr Gesicht war ganz
-weiß, ihre Augen sahen schwarz aus, und sie lächelte, daß Helmold
-elend zumute wurde. Der Zug fuhr ab; das Mädchen
-nickte ihm zu, küßte ihren Handrücken und gab ihm so seinen
-Kuß zurück, und nickte und winkte, solange ihr Vetter in Sicht
-blieb, und ehe der Zug hinter den Bäumen verschwand, grüßte
-sie ihn noch einmal mit ihrem Tuche.</p>
-
-<p>Das Schlußlicht des Zuges war schon lange unsichtbar, da
-stand er noch auf der selben Stelle und starrte nach dem Walde
-hin. Er ballte die Faust, denn er hätte sich am liebsten in das
-Gesicht geschlagen. Er warf sich rohe Schimpfworte zu. »Du
-Idiot,« schrie es in ihm; »du dreimal vernagelter Idiot; wie
-eine Dirne hast du sie behandelt! Warum fuhrest du nicht mit
-nach Bockshorn? Weil du kein Nachthemd und keine Zahnbürste
-bei dir hattest? Jahrelang wimmertest du hinter ihr her,
-und nun, wo sie daherkommt im Brautkleide, den Myrtenkranz<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-im Haare, dachtest du daran, daß der Wagen sie in Weddingen
-erwarte, und daß du dich für morgen mit dem Prinzen verabredet
-hast, und dabei hatte sie gesagt: ›Ich möchte nicht gern zu
-spät kommen.‹ Bist doch sonst so neunmalweise, und merktest
-nicht, daß das hieß: ›Vorausgesetzt, daß du mich daran nicht
-hinderst, Geliebter!‹ Kauf' dir einen Strick, und hänge dich an
-den ersten besten krummen Birkenbaum am Wege; mehr bist du
-wahrhaftig nicht wert.«</p>
-
-<p>Der ganze Bahnhof drehte sich mit ihm herum, so daß er erst,
-als er schon aus dem Dorfe heraus war, daran dachte, daß er
-sein Rad im Kruge hatte. Er ging zurück, suchte es im Hausflur
-und im Stalle, bis ihm einfiel, daß es im Schuppen stand.
-Endlich hatte er es. Ein quälender Durst trocknete ihm den Hals
-aus; er wollte schon in die Gaststube treten, ließ es aber und fuhr
-zum Dorfe hinaus. Ganz sicher fuhr er, ohne auf die Sandstellen
-und Löcher im Wege zu achten, und so rasend, daß die Leute, die
-ihm entgegenkamen, ihm verwundert nachsahen. Aber in der Haide
-mußte er stoppen; sein Herz schlug ihm zu grob gegen die Brust.</p>
-
-<p>Er sah über das dämmernde Land, an dessen Rande ein Ferngewitter
-seine blutigen Witze riß. In einem schwarzen Wacholderbusche
-war ein weißer Fleck; wie ein menschliches Gesicht
-sah es aus. »Das ist meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte
-Swaantje,« obgleich er ganz genau sah, daß es der Stamm
-einer Birke war. Einzelne warme Regentropfen fielen. »Jetzt
-weint meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje.«
-Ein Windstoß bewegte die weißen Zweige der Birken. »Meine
-Swaantje ringt ihre Hände,« dachte er, »meine liebe, geliebte
-Swaantje.« Einmal huschte so etwas wie Genugtuung über
-sein Herz, und es war ihm, als wenn er dachte: »Nun habe
-ich die Rache für meine Tränen«; aber dieser Gedanke wurde
-sofort vom Winde fortgewirbelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p>
-
-<p>Es begann stärker zu regnen; die Birkenbäume stellten sich wie
-wahnsinnig an, und die Wachholder taten so, als wenn sie weglaufen
-wollten; in der Ferne murmelte das Gewitter unverständliche
-Drohworte. Die Regentropfen klatschten Helmold auf Gesicht
-und Hände und schlugen ihm durch die Hose. Siedehitze
-kribbelte ihm unter dem Hute, und über seinen Rücken lief ein
-eisiger Schauer.</p>
-
-<p>Vor sich sah er den Schneekrug; er blickte ihn mit zwei leuchtenden
-Augen so einladend an, daß er absprang und sein Rad hinter
-die Krippe stellte. Er besann sich einen Augenblick, ob er eintreten
-oder ob er weiter fahren sollte, aber der Regen stürzte nur
-so aus dem Himmel, und das Gewitter begann sich deutlicher
-auszudrücken. So schwenkte er seinen Hut aus und trat ein.</p>
-
-<p>Er hatte noch niemals im Schneekruge vorgesprochen, aber er
-war dort sofort zu Hause; es war eine Wirtschaft noch ganz
-von der alten Art, mit brauner <span id="corr242">Balkendecke</span>, Kugelfußtisch und
-den bunten Bildern an den verräucherten Wänden, die des Jägers
-Hochzeit, Taufe, Grab und Auferstehung darstellten, und die
-noch nicht von Plakaten verscheußlicht und von einer Musikmaschine
-veralbert war.</p>
-
-<p>»'n Abend zusammen!« rief er, »binnen is 't besser als buten,«
-und nahm an dem Tische unter der Hängelampe, an dem schon
-drei Bauernsöhne saßen, Platz. »Mehrste Heu rein?« fragte
-er, als er seinen Kümmel und sein Bier getrunken hatte. Die
-Bauern nickten, und bald war er mit ihnen im besten Erzählen.</p>
-
-<p>»Ordentlich kalt geworden,« sagte der eine, und schüttelte sich.
-»Da ist Grog gut für,« versetzte er und bestellte eine Runde;
-»aber nicht mit so viel Wasser, sonst wird er zu kräftig,« setzte
-er hinzu, und die Männer lachten. »Auf einem Glase kann man
-nicht gut stehen,« meinte er, als die Gläser leer waren, und eine
-zweite Runde kam, und dann die dritte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p>
-
-<p>»Haben Sie's große Loos gewonnen?« fragte der eine Bauer,
-der ein Gesicht hatte, als trüge er für gewöhnlich den Offiziersrock.
-»Jawollja,« rief der Maler, »aber ich habe es vor der
-Ziehung verloren. Das macht aber nichts. Herr Gastwirt, noch
-ein' Rundgang!«</p>
-
-<p>Es kamen noch vier Gäste, die nach Ohlenwohle wollten, aber
-von dem Gewitterregen in den Krug gejagt waren, und nun
-wurde es ganz lustig, denn zwei davon kannte Helmold. Rundgesänge
-wurden angestimmt, und dazwischen Witze zum besten
-gegeben, daß der Saft bis an die Deckenbalken spritzte. So
-wurde es fast zwei Uhr, als er fühlte, daß er nichts mehr trinken
-durfte, wollte er sich in der Hand behalten. Es regnete immer
-noch, und es war so dunkel, daß er nicht daran denken konnte,
-zu fahren; so blieb er im Kruge.</p>
-
-<p>Er schlief sofort ein, als er in dem Bette lag, und wachte erst
-auf, als die Uhr acht schlug. Frisch und munter kam er in die
-Gaststube, lachte den Wirt, der über Haarweh klagte, aus, aß
-tüchtig, trank einen großen Schnaps dazu, machte die Zeche
-glatt, steckte sich eine Zigarre an und fuhr mit leichtem Herzen
-davon.</p>
-
-<p>Es war ein bildschöner Morgen. Am Himmel war keine einzige
-Wolke, die Sonne lachte, die Vögel sangen, was sie nur
-konnten. »Heute müßte Swaantje kommen, heute,« dachte er,
-während er durch die Pfützen sauste, daß das Wasser spritzte;
-»heute bin ich ein anderer Kerl!« Er kam sich gar nicht mehr
-so alt und kalt und abgestanden vor und stellte sich für sein gestriges
-Verhalten ein gutes Zeugnis aus. »Denn,« sagte er sich,
-»gestern litt ich an allgemeiner geistiger Körperschwäche und war
-wirklich nicht hochzeitsmäßig gekleidet.«</p>
-
-<p>Dann dachte er, wie häßlich und dumm die äußeren Umstände
-waren, falls, ja, falls er Swaantje bei alle den deutlichen Worten<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-genommen hätte, die sie nicht ausgesprochen hatte. Und er
-sah ein weißes Haus, das lag vor einem grünen Walde, in dem
-viele Nachtigallen schlugen, und oben in dem Hause war ein
-Zimmer mit roten Rosen auf den Fenstervorhängen, und in dem
-Zimmer standen zwei Betten nebeneinander, und weiter kam er
-nicht mit seinen Augen, konnte sich den Rest nur denken.</p>
-
-<p>Er schleuderte seine Zigarre in den Graben; sie schmeckte ihm
-bitter, und er lachte sich selber aus, weil er einsah, daß er blanken
-Blödsinn gedacht hatte. »Wenn du sie liebtest, mein Lieber,« so
-spöttelte er, »dann wäre es dir gleich, ob das Haus weiß oder
-eselgrau wäre, und ob es im Walde stände oder zwischen Straßenbahngeleisen.
-Du würdest dann überhaupt nicht denken; nein,
-so unkeusch wärest du nicht; handeln würdest du. Du liebst ja
-Swaantje gar nicht mehr; Swaantje ist tot. Du hast sie in den
-Sarg gelegt, und den hast du zugenagelt und als Eilgut zur
-Eisenbahn geschickt, samt deiner Liebe; das, was du dafür hältst,
-das ist das Gespenst deiner Liebe, das auf dem Kirchhofe herumspukt
-und dein totes Herz beunruhigt. Streue Kümmelsamen
-hinter dich, damit der Spuk zurückbleiben muß!«</p>
-
-<p>Er nickte; es war so. Er sah sich in seiner Werkstatt stehen
-und Swaantjes Bildnis in einen Sarg betten, in einen flachen
-Sarg, der aus weißen Brettern zusammengeschlagen war; und
-ein Dienstmann mit roter Nase holte ihn ab, legte ihn auf einen
-Karren und fuhr ihn fort, den Sarg, Swaantje und Helmolds
-heiße Liebe zu ihr.</p>
-
-<p>Einst hatte er um Swaantje geweint; nun galten seine Seufzer
-seiner toten Liebe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Panne">Die Panne</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">In der nächsten Zeit kam er aber nicht dazu, an Swaantje und
-an seine verstorbene Liebe zu denken und an sich selber, denn das
-Leben warf so schwere Wellen gegen sein Dasein, daß alle seine
-leisen Gedanken von dem Rauschen und Brausen überbrüllt
-wurden.</p>
-
-<p>Zuerst nahm ihn die Arbeit für das Schauspielhaus mit Leib
-und Seele in Anspruch. Wenn er sich auch manchmal vorgeredet
-hatte, daß seine Kunst ihn, seitdem er es darin zur Meisterschaft
-gebracht hatte, langweile, das war doch nicht der Fall, besonders
-bei diesem Auftrage.</p>
-
-<p>Er hatte völlig freie Hand, sowohl was den Inhalt anbetraf,
-wie in der Behandlung. Der Direktor Meier setzte ihm gar keine
-Schranken, und die Bankleitung, die hinter dem Unternehmen
-stand, erst recht nicht. »Machen Sie, was Sie wollen, Herr Geheimrat,«
-sagte Herr Meier, ein blonder Jude, einst ein beliebter
-Tenor, nun infolge einer reichen Heirat Millionär, »Sie werden
-schon das Richtige treffen.«</p>
-
-<p>Sie saßen hinter einer Flasche Wein, als Meier so sprach. »Sie
-haben gut reden,« meinte der Maler; »früher glaubte ich, Schrankenlosigkeit
-sei das beste für mich. Jetzt sehe ich ein, daß ein gewisser
-Zwang viel bequemer ist.« Der andere nickte: »Glaub' ich;
-geht mir auch so. Wissen Sie, was habe ich früher oft geflucht,
-wenn ich gerade das singen mußte, was zu meiner Stimmung
-so paßte, wie der Igel zum Schnupftuch. Jetzt, wo ich nur ab<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-und zu in Konzerten singe, und singen kann, was ich will, macht
-mir die Sache eh' keinen Spaß mehr. Das ist genau so, wie mit
-der Liebe. Solange ich ledig war, konnte ich davon haben, soviel
-ich wollte, machte mir aber nichts daraus, und ich kann
-Ihnen sagen, es waren Weiber darunter, erstklassig! Na, und
-jetzt? Der Mensch ist das meschuggenste Tier. Meinen Sie nicht
-auch?«</p>
-
-<p>»Stimmt,« sagte Hagenrieder. Er wünschte, daß Meier ihm
-die Stoffe vorschriebe, meinte er dann. Aber der lachte und sagte:
-»Zerbrechen Sie sich Ihren Kopf gefälligst darüber, was Sie
-malen wollen, und nicht meinen; krieg ich das Honorar oder
-Sie? Malen Sie nur nicht so, daß jeder Esel glaubt, er müsse
-sich dabei wer weiß was denken. Im Theater soll das Volk nicht
-denken, sonst wird es gefährlich. Fühlen soll es und das bar
-bezahlen, im Vorverkauf mit Rabatt. Dann ist das Geschäft
-richtig.«</p>
-
-<p>Der Maler lächelte, weniger über das, was der andere sagte,
-als darüber, was diese Worte in ihm locker machten. Er war
-lange überzeugter Antisemit gewesen, bis er einsah, daß damit
-die Judenfrage nicht zu lösen wäre, und daß dieses Volk für die
-Germanen bitter notwendig sei, damit sie sich an dessen Emsigkeit
-aus ihrer angeborenen Trägheit emporärgerten. »Und außerdem,«
-fiel ihm nun ein, »sie sind doch gewaltige Umwerter und
-Anreger trotz oder vielmehr wegen ihrer völligen Unproduktivität.
-Produktive Nichtproduzenten! Wie Figura zeigt.«</p>
-
-<p>Denn die Worte des Direktors hatten ihn auf den Weg gebracht.
-Er sah die Wände, die ihm zur Verfügung standen, sich
-mit Bäumen, Blumen und Gestalten beleben, bei deren Anblicke
-der Fröhliche noch fröhlicher wurde und der Betrübte seine Traurigkeit
-vergessen mußte. Eine Welt wollte er malen, die leichte Herzen
-noch höher hob und schwere von ihrer Unbeholfenheit befreite.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p>
-
-<p>Und das gelang ihm auf das beste. Als Meier die Entwürfe
-sah, bekam er einen ganz roten Kopf und sagte: »Hab' ich es Ihnen
-nicht gesagt, daß Sie was können? Wissen Sie was? Ihre Bilder
-sind allein das Entree wert! Wahrhaftig, wenn ich nicht solch
-Theaternarr wär', möcht' ich das Geld meiner Frau in Ihnen
-anlegen. Ob ich 'n Geschäft mach'?«</p>
-
-<p>Mit ganzem Herzen ging Hagenrieder an die Ausführung und
-hatte eine Freude wie ein Kind, als seine Vorstellungen Form
-und Farbe annahmen. Am meisten freute er sich darüber, daß
-er nur Schaffenslust, aber kein Arbeitsfieber beim Malen hatte;
-er aß und schlief wie ein Junge, war ein netter Gatte und Vater
-und dachte an seinen Auftrag bloß, wenn er auf dem Gerüste
-stand. Alles, was er liebte und geliebt hatte auf der Welt, brachte
-er auf die Wände, und so bedeckten sie sich mit viel Licht und
-Sonne, und wer sie ansah, dem hob sich das Herz. »Herr Geheimrat,«
-sagte ihm eines Morgens einer der Tischler, »gestern
-hatte ich einen schweren Ärger gehabt und wollte mir eigentlich
-einen andudeln; aber da sah ich mir ihre Bilder an und mir
-wurde gleich besser, und so bin ich denn vernünftig gewesen.«
-Die Tage, Wochen und Monde flogen dahin, wie die Schwalben,
-und kaum einmal kam Hagenrieder dazu, auf sich und sein Leben
-hinabzusehen. Einmal war Swaantje auf einen Tag gekommen;
-Karlsbad hatte auch ihr gut getan, und sie sah frisch und blühend
-aus. Deswegen und weil er ganz in seiner Arbeit war, zerwehte
-der Besuch ihm die Stimmung nicht, zumal er keinen
-Augenblick mit ihr allein blieb. Als das Mädchen schrieb, sie
-käme, hatte er zu seiner Frau gesagt: »Tu mir den Gefallen,
-Grete, und laß mich mit ihr nicht allein,« und als seine Frau
-nickte, fuhr er fort: »Das arme Mädchen! So ganz allein zu
-sein, das ist eigentlich das Schrecklichste, was es gibt.«</p>
-
-<p>Einige Tage darauf hatte Direktor Meier ihn und seine Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span>
-eingeladen. Als Helmold gerade den Frack anziehen wollte, kam
-Grete hereingestürzt, ganz unglückliche Augen in dem kreideweißen
-Gesicht, die linke Hand auf dem Herzen und ein großes Schriftstück
-in der anderen. »Nanu?« rief er, »was ist denn los?« Sie
-hielt ihm das Papier hin, setzte sich auf das Bett und fing hellauf
-zu weinen an. »Lieber Helmcke,« schluchzte sie, »um Gotteswillen,
-da, lies, ich habe, denke dir, wir haben, von Ohm Mette
-haben wir fünfhunderttausend Mark haben wir geerbt.« Kaum
-hatte sie das gesagt, so fiel sie in Ohnmacht.</p>
-
-<p>»Verdammter Blödsinn,« knurrte ihr Mann; »mußte der Esel
-von Anwalt das auch jetzt gerade schicken!« Er klingelte nach
-dem Mädchen und brachte mit ihr zusammen seine Frau zu Bett.
-Sie erwachte bald wieder, sagte aber, ihr sei so schlecht, daß sie
-ihn nicht begleiten könne. Er fühlte, daß ihr Herz zu eifrig arbeitete
-und ließ Benjamin rufen. Der kam sofort, untersuchte
-den Herzschlag und verordnete ein leichtes Schlafmittel, machte
-einen Umschlag und sagte lächelnd: »Na ja, liebe Frau Hagenrieder,
-wer kann für Malhör! Morgen werden Sie den Schlag
-verwunden haben.« Als er aber mit ihrem Manne allein war,
-sprach er: »Hagenrieder, sie hat kein gesundes Herz von Hause
-aus. Wer hätte das gedacht; solche blühende Frau! Also immer
-nett und freundlich zu ihr sein, und sie mit Ihren Privatsorgen
-verschonen! Sie hat reichlich viel Aufregungen und Kummer gehabt
-in den letzten Jahren.« Am anderen Tage war sie aber
-schon wieder ganz vergnügt und freute sich in ihrer kindlichen
-Weise über das viele Geld, und ihr Mann tat so, als ob ihm
-auch so viel daran gelegen wäre, obgleich das durchaus nicht der
-Fall war. Es war ihm natürlich angenehm, daß die Zukunft
-seiner Frau und Kinder gesichert war, aber die Menge von
-Schererei, die die Erbschaft mit sich brachte, weil ein Teil davon
-in Häusern und Grundstücken bestand, war ihm sehr lästig, und<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-es war ihm äußerst unbequem, daß er deswegen mehrere Reisen
-machen mußte.</p>
-
-<p>Er hatte seine Frau gebeten, den Kindern nichts von der Erbschaft
-zu sagen, aber sie hatten es in der Schule gehört, und
-Swaan sowohl wie Swenechien trugen die Nasen nun noch einmal
-so hoch. Das verdroß ihren Vater über die Maßen, und
-als der Junge eines Tages fragte: »Kaufen wir uns nun ein
-feineres Haus?«, da fuhr er ihn recht grob an und fauchte:
-»Wir? welcher Wir? Glaubst du, das Geld gehöre dir mit? In
-diesem Hause ist deine Mutter zur Welt gekommen, und es entspricht
-der Stellung deines Vaters vollkommen. Glaubst du, wir
-sollen uns mit solcher Protzscheune lächerlich machen wie Noltens,
-als sie das große Loos gewannen und sich gleich einen Nagel in
-den Kopf traten?«</p>
-
-<p>Swaan bekam einen feuerroten Kopf und würgte an seinem
-Bissen herum; dann aber sah er Swenechien an und lächelte heimlich.
-Hagenrieder hatte es schon öfter bemerkt, daß die Kinder
-über ihn lachten, wenn er ein derbes Wort oder einen klobigen
-Vergleich gebrauchte, und anfangs hatte er sich darüber gegrämt.
-Seitdem sein Herz aber kälter geworden war, war es ihm gleichgültig,
-wie seine Kinder sich zu ihm stellten; er wußte es, daß es
-sein Schicksal war, allein zu bleiben.</p>
-
-<p>In der ersten Zeit nach der Auszahlung der Erbschaft hatte
-Grete einen Anfall von Einkaufsfieber gehabt; das hatte sich jedoch
-sehr bald gelegt. Sie quälte ihn eine Zeitlang mit der Bitte, sich
-etwas zu wünschen, bis er schließlich sagte: »Eine gute Doppelbüchse
-mit Sicherheitsverschluß für rauchloses Pulver und Mantelgeschoß,
-elf Millimeter, Nickelmantel und Stahlkern, die hätte ich
-schon lange gern gehabt; war mir bloß immer zu teuer.« Er bekam
-sie zum Geburtstage, und er überlegte lange, was er seiner
-Frau schenken solle, bis er hörte, daß das Nachbargrundstück<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-verkauft würde. Da erwarb er den größten Teil des Gartens von
-dem Gelde, das er für die Ausmalung des Schauspielhauses bekommen
-hatte, schickte seine Frau und die Kinder auf acht Tage
-nach Swaanhof, ließ den Zaun abreißen und die Neuerwerbung
-in den alten Garten hineinziehen. Grete bekam nasse Augen, als
-sie am Morgen ihres Geburtstages von ihm in den Garten geführt
-wurde, denn ihr Vater hatte einst, als er Verluste gehabt
-hatte, die Hälfte seines Grundstückes an den Nachbar abgetreten,
-und jedesmal, wenn sie über den Zaun sah, tat ihr das Herz weh,
-denn gerade das Stück jenseits des Gatters war früher ihre liebste
-Spielecke gewesen. »Du einziger Mann,« rief sie, und küßte
-ihn wie in der Flitterwochenzeit. »Aber nun darf ich dir auch etwas
-recht Schönes schenken, nicht wahr?« jubelte sie; »einen kapitalen
-Elch und einen Hauptbären? Bitte, bitte!«</p>
-
-<p>Er nahm lachend an; er wollte ihr die Freude nicht verderben.
-Vor fünf Jahren hätte er ein Indianergeheul ausgestoßen, hätte
-er auf Elch oder Bär jagen dürfen; nun waidwerkte er nur noch
-aus Gewohnheit, und um mit Anstand den Asphalt hinter sich
-liegen lassen zu können. Wenn er mit seiner Frau durch den
-Stadtwald ging, und die Ulenflucht kam heran, dann sagte er
-wohl aufseufzend: »H' ach, ich muß doch einmal wieder hinaus!«
-War er dann im Wald und auf der Haide, dann gab er sich
-wenig Mühe um Bock und Hirsch, und wenn er den Finger
-krumm machte, dachte er: »Hoffentlich hört es den Knall nicht
-mehr, daß ich es nicht abzufangen brauche!« Mußte er es dennoch
-tun, so ekelte ihn das auch nicht weiter; nur der Gedanke daran
-war ihm unbequem.</p>
-
-<p>Er fuhr schließlich mit dem Prinzen nach Rußland, legte auch
-einen sehr starken Elchhirsch auf der Pürsche aus freier Hand auf
-die Decke, schoß einen fast ebenso guten vor den Hunden, regte
-sich aber so wenig dabei auf und schoß so kalt wie auf eine Geltricke,<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span>
-so daß er sich sagte: »Den Bären will ich nun nicht mehr; erstens
-mache ich mir aus dem Totschießen gar nichts mehr, und zweitens
-hat mir der Bär zu viel Gemüt.« Der Prinz lächelte und sagte:
-»Du auch? Mir geht es ebenso.«</p>
-
-<p>Nach einer gut gelungenen Saujagd saß Helmold mit ihm im
-Jagdhause vor dem brennenden Kamine. Das Gespräch tropfte
-langsam. Mehrere Male schien es dem Maler so, als ob der
-andere etwas auf dem Herzen habe, aber er fragte nicht; niemals
-waren zwischen ihnen persönliche Dinge zur Sprache gekommen;
-immer nur hatte sich die Rede um Jagd, Kunst, Literatur, Musik,
-Philosophie, Religion und Politik gedreht. Der Prinz wußte,
-daß Annemieken Hagenrieders Geliebte war; er ahnte auch, daß
-zwischen seinem Freunde und Swaantje ein Gewitter niedergegangen
-war; doch nie hatte er ein Wort darüber verloren.</p>
-
-<p>Helmold war manches rätselhaft an Samlitz, den er von der
-Quarta an kannte, aber er hatte niemals darüber nachgedacht.
-Jetzt, wo er in seinen Augen eine schüchterne Bitte zu sehen
-meinte, fiel ihm ein, daß er es noch nie bemerkt hatte, daß dieser
-große, ebenmäßig gewachsene Mann mit dem Apollogesicht einen
-weiblichen Mund und unmännliche Augen hatte, und es fiel ihm
-ein, daß Brüne so gut wie nie über Frauen sprach, ihre Gesellschaft
-möglichst vermied und auch von ihnen wenig beachtet
-wurde, und daß er ihn sich mit einer Frau im Arme schlechterdings
-nicht vorstellen könne. Er war aber von dem langen Wege
-im hohen Schnee so müde, daß der Gedanke, der in ihm aufstieg,
-verschwunden war, ehe er ihn genau ins Auge gefaßt hatte. Am
-anderen Morgen fand er die stumme Bitte nicht mehr in den
-Augen des Prinzen und wunderte sich auch nicht, daß dieser ihm
-länger und fester, denn je, die Hand drückte und sagte: »Lebe
-wohl, und auf ein schönes Wiedersehen!«, denn Brüne hatte ihm
-gesagt, er habe eine längere Reise vor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p>
-
-<p>Drei Tage später, als er mitten in der Arbeit war, hörte er,
-wie die vierschrötige Magd in ihrer groben Weise sagte: »Unser
-Herr ist für niemand nicht zu sprechen«, und als er aus dem
-Fenster sah, mußte er lachen, denn da stand Klaus Ruter, den
-Wolkenschieber auf die Nase gezogen, einen grünen Schal um
-den Hals und in Kniestiefeln, wischte mit einer einzigen Bewegung
-seiner ungeheuren Hand das Frauenzimmer beiseite und knurrte:
-»Ich bin auch kein Niemand nicht; ich bin der Vorsteher von
-Stillenliebe und ein Duzfreund zu deinem Herrn, daß du's weißt,«
-und damit stieg er breitspurig quer über die verschneiten Beete,
-und die Magd machte Augen wie eine Kuh, wenn es donnert.</p>
-
-<p>Helmold riß die Tür auf und rief: »Sieh, das ist ja fein, daß
-du dich wieder mal hergefunden hast, Rutersklawes; nun riecht
-es hier doch mal wieder nach Stillenlieber Torf!« Der Bauer
-sah sich um, stellte seinen Eichheister in die Ecke, drehte dann den
-Schal von dem Halse und sagte: »Du mußt nicht für ungut
-nehmen, daß ich hier so hereinkomme, wie ich bin; ich hatte ein
-eiliges Geschäft und konnte mich nicht erst fein machen.« Hagenrieder
-lachte, drückte ihn in einen Sessel und sagte: »Du bist mir
-in Joppe und Kniestiebeln lieber als der König von Spanien in Frack
-und Lackschuhen. Hast du schon gefrühstückt?« Ruter schüttelte
-den Kopf, und so bestellte der Maler ein handfestes Frühstück.</p>
-
-<p>Der Bauer sprach erst von der Jagd, dann davon, daß das
-Dorf im nächsten Jahre eine Haltestelle bekommen würde, und
-daß die Wirtschaft in Ohlenwohle abgebrannt sei, und der alte
-Hillmers vom Schneekruge hätte tags zuvor das Zeitliche gesegnet,
-und als er Messer und Gabel hingelegt und seinen Schlußschnaps
-getrunken hatte und die Zigarre anbrannte, sah er Hagenrieder
-etwas verlegen an, räusperte sich und sprach: »So, weswegen
-ich hergekommen bin: es hat sich etwas Unliebsames bei
-uns begeben, oder vielmehr ein Unglück.« Helmold riß die Augen<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-auf: »Mit Annemieken?« Klaus schüttelte den Kopf. »Nein, der
-geht es gut, soviel ich weiß. Das heißt, ich habe sie manchen
-Donnerstag nicht gesehen; denn wann komm' ich mal nach dem
-Osterhohl!« Er drückte an seiner Zigarre, obschon die sehr gut
-brannte. »Es handelt sich um den Prinzen.« Hagenrieder wurde
-es leichter um das Herz; denn wenn Annemieken ihm seit längerer
-Zeit nur noch eine Freundin war, oder vielmehr eine Zuflucht,
-war ihm die Stadt zu bunt und ihr Volk zu laut, ihr Schicksal
-lag ihm doch sehr am Herzen, und er hatte sich etwas erschrocken,
-als er sie das letztemal blaß und mager vorgefunden hatte. Als
-Ruter nun ganz trocken fortfuhr: »Das heißt, ich glaube, daß
-es sich um ein Unglück handelt, und daß er nicht selber Hand an
-sich gelegt hat«, da wunderte Hagenrieder sich, wie wenig ihn
-das zuerst berührte.</p>
-
-<p>Als Ruter sich aber verabschiedet hatte, kam es Helmold kalt
-in seiner Werkstätte vor. Er zog die Schieblade auf, in der er seine
-Skizzenbücher verwahrte, nahm ein grünes Heft heraus, schlug
-es auf, besah lange das Blatt, auf dem der Prinz in voller Gestalt
-zu sehen war, und die, auf denen sein Gesicht abgezeichnet
-war, setzte sich vor den Kamin, stützte den Kopf in die Hände
-und sann lange nach, sich dabei bittere Vorwürfe machend.</p>
-
-<p>»Ich hätte ihn doch fragen müssen; seine Augen baten so sehr
-darum,« dachte er; »vielleicht lebte er dann noch.« Denn er
-wußte, es war ganz ausgeschlossen, daß ein Unfall vorlag; so
-sorgsam, wie Samlitz, ging kein Mensch mit Schußwaffen um.
-Ein einziges Mal hatte er ihn grob werden sehen; das war, als
-ein Jäger beim Treiben mit dem Gewehr durch die Schützenlinie
-zog. »Ist Ihre Waffe nicht geladen?« hatte er den Herrn gefragt,
-und als der ein verwundertes Gesicht machte und sagte:
-»Natürlich!«, kam die eiskalte Antwort: »Na, dann benehmen
-Sie sich bitte dementsprechend!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span></p>
-
-<p>Es stand für ihn fest, daß Samlitz Selbstmord verübt hatte.
-Er sann vergeblich darüber nach, was der Beweggrund dafür
-gewesen wäre. Mangel an Geld oder Schulden kamen nicht in
-Frage; seit fünf Jahren war der Prinz sehr reich. Irgend eine
-schlechte Tat konnte auch nicht vorliegen, denn er war ein zu gefestigter
-Mann, um sich einer Leidenschaft hinzugeben. Helmold
-hatte ihn oft deshalb bedauert. Niemals hatte er bemerkt, daß
-Brüne mehr als drei Glas Wein auf einem Sitz trank, und über
-zwei Zigarren und eine Zigarette brachte er es keinen Tag. Auch
-konnte kein Weib die Ursache dieses unpathetischen Trauerspiels
-sein, weder mittelbar noch unmittelbar. »Vielleicht liegt doch ein
-Unglücksfall vor,« dachte er schließlich.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage wußte er, daß das nicht der Fall war.
-Zwar war Samlitz unter einer Wildkanzel gefunden worden,
-aber gerade das machte Hagenrieder stutzig; denn daß der Prinz
-mit geladener Büchse den Hochsitz erstiegen haben könnte, das
-war undenkbar. Außerdem saß der Schuß zu gut, Mitte Blatt.
-Aber den Ausschlag gab der Brief, der auf dem Schreibtische des
-Prinzen lag, und der an Hagenrieder gerichtet war, einen kleinen
-Schlüssel und folgende Zeilen enthielt: »Lieber Freund, in dem
-Geheimfache meines Schreibtisches, das du hinter der linken
-Schublade findest, liegt etwas für dich. Lies es, und sei gut zu
-mir, wenn wir uns wiedersehen. Dein Brüne.« In dem Fache
-lag ein versiegelter Umschlag, der Hagenrieders Namen trug und
-darin war ein schmales, in schwarzes Leder gebundenes Büchlein,
-dessen fünfzig Büttenpapierseiten mit der gesucht kräftigen Handschrift
-des Prinzen bedeckt waren.</p>
-
-<p>Als Helmold das Buch zu Ende gelesen hatte, schüttelte er sich;
-das Herz fror ihm. Er hatte geglaubt, sein eigenes Schicksal sei
-schrecklich; das des Freundes war grauenhaft. Nun, da er tot
-und kalt war, fühlte er, daß er ihn liebte, oder daß er ihn jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-erst lieben gelernt hatte. »Barmherzigkeit!« dachte er, »wenn ich
-das geahnt hätte! Wie gern hätte ich ihm, wenn ich ihm auch
-nicht helfen konnte, die Lippen geöffnet, daß er einmal in seinem
-Leben einem Menschen sein Elend klagen und einen Teil davon
-abgeben konnte.« Immer und immer wieder mußte er den Schluß
-der Niederschrift lesen: »Und weil mir das Schicksal bestimmt
-hatte: du sollst nicht wissen, was Liebe ist, und weil es mir keine
-Fähigkeiten gab, durch die ich der Menschheit nützen konnte, und
-mein Elend dadurch vergessen, so bin ich ohne Liebe und ohne Haß
-durch das Leben gegangen, ein überflüssiger Mensch, nicht mehr
-wert, als ein seiner selbst unbewußter Trottel. Ich hoffe, daß mir
-drüben das gegeben wird, was ich hienieden nicht kennen lernte:
-eine Liebe und ein Haß.«</p>
-
-<p>Helmold ging an die Kredenz und trank drei Gläser spanischen
-Wein, so fror es ihn. Und dann fiel ihm Swaantje ein, und er
-fand, daß ihr Geschick dem des Toten ähnele, und er fühlte etwas
-wie Genugtuung, daß er ihr wenigstens eine unglückliche Liebe
-aufgezwungen hatte. »Das ist doch besser als gar keine,« dachte
-er und staubte den Rest der Vorwürfe, die er sich ab und zu ihretwegen
-noch machte, von seinem Gewissen herunter.</p>
-
-<p>Er besorgte alles, was der traurige Fall erforderte, und dann
-ging er zu Annemieken, um an ihrem stillen Wesen Beruhigung
-zu suchen. Die fand er bei ihr auch, so daß er am folgenden
-Tage dem Bruder des Toten gefaßt gegenüber treten konnte.</p>
-
-<p>Er fand einen großen, schweren Mann mit gutmütigem Gesichte,
-dem man es nicht ansah, daß er im französischen Kriege eine
-Batterie über den Haufen geritten und hundert Buschklepper
-hatte zusammenschießen lassen. Er hatte so etwas Bestimmtes in
-seinem Wesen, daß Hagenrieder mit der Wahrheit nicht hinter
-dem Berge zu bleiben vermochte. Als der Fürst das Buch gelesen
-hatte, fragte er: »Darf ich es behalten?« Der Maler nickte: »Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span>
-danke Ihnen, mein Freund,« sagte der andere ernst, indem er ihm
-fest die Hand drückte; dann legte er das Heft in das Kaminfeuer,
-und Hagenrieder schickte den Brief Brünes hinterher.</p>
-
-<p>»Daß etwas anders als ein Unfall vorliegen könnte,« fing
-der Fürst nach einer Weile an, »vermutet hier niemand?« Als
-sein Gegenüber durch eine Kopfbewegung verneinte, murmelte
-er: »Um so besser!«</p>
-
-<p>Hagenrieder begleitete den Fürsten nach Hohen-Samlitz, wo
-die Beisetzung stattfand. Die Fürstin, eine sehr große und schöne
-Frau mit jungen Augen und ganz weißem Haare, empfing ihn,
-auf einem Ruhebett liegend. Nachdem sie dem vierten Kinde das
-Leben gegeben hatte, war sie leidend geblieben. »Also Sie waren
-unseres armen Brüne einziger Freund?« sprach sie leise, ihn voll
-ansehend; »er hat sehr oft von Ihnen gesprochen und ganz anders
-als von seinen übrigen Bekannten. Sind Sie sehr vertraut mit
-ihm gewesen?« Der Maler verneinte. »Also auch Sie nicht, selbst
-Sie nicht! Er war so unglücklich sein Leben lang, denn ich kannte
-ihn von klein auf. Die Mutter hat ihm gefehlt; sie starb, bevor
-er sprechen lernte. Jetzt erst, wo er von uns gegangen ist, weiß
-ich, wie gern ich ihn hatte; aber er war so unnahbar. Erzählen
-Sie mir von ihm, wenn Sie mögen.«</p>
-
-<p>Obwohl Hagenrieder gleich nach der Beisetzung fortgefahren
-war, hatte die Fürstin einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht,
-daß er während der ganzen langen Fahrt ihr Gesicht vor Augen
-hatte. »Was ist das bloß wieder mit mir?« dachte er; »ich habe
-mich glatt in sie verliebt, in ihre Augen, ihr Haar, ihren Mund,
-ihre Hände und in ihre Stimme.« Es bekümmerte ihn sehr, daß
-diese schöne, stolze und gute Frau, einst eine der besten Reiterinnen
-im Lande, in deren Stimme so viel Kraft und Leidenschaft lag,
-seit langen Jahren mit hilflosem Körper da lag, ein Wrack am
-Strande.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p>
-
-<p>»Merkwürdig,« so sann er, »und ich liebe sie gerade deswegen.
-Und darum liebte ich Swaantje auch so sehr, und darum liebe
-ich nachträglich den armen Brüne, alles gefesselte Seelen, und
-das war es auch wohl, was mich zu Annemieken zog, das Leid,
-das hinter ihrem hübschen Kindergesichte lag.« Er hatte sie niemals
-gefragt, welcher Art das Unwetter gewesen war, das sie
-erlebt hatte.</p>
-
-<p>Zwischen ihr und Helmold war aus der Liebschaft ein Verhältnis
-geworden, wie zwischen Bruder und Schwester. Er schlief
-jetzt immer im Kruge, denn das Mädchen sagte einmal: »Es
-könnte darüber doch einmal so laut geredet werden, daß es in der
-Stadt zu hören ist; na, und das willst du doch auch nicht gern!«
-Aber wenn er in Stillenliebe war, kehrte er zum Vesper immer
-bei ihr ein und blieb bei ihr, bis es Schlafenszeit war. Er saß
-dann im Backenstuhl am Feuer, rauchte, sah ihr beim Spinnen
-zu, dachte an das, was ihm das Leben an Licht und Schatten
-gebracht hatte und fand, daß er damit eigentlich zufrieden sein
-könne.</p>
-
-<p>Ab und zu sah er in dem wirbelnden Herdrauche Swaantjes
-Gesicht. Ohne Eigenleid dachte er an sie; denn er war sich ganz
-klar darüber, daß er ihr mehr gewesen war als sie ihm. Er hätte
-ihr Leben ausfüllen können; sie wäre ihm nur eine Ergänzung
-gewesen.</p>
-
-<p>Überhaupt sah er jetzt ganz klar. Eines Tages fuhr er im Kraftwagen
-nach Stillenliebe, um den Pachtvertrag auf seine Person
-umschreiben zu lassen. Hennig begleitete ihn, wie jetzt öfters,
-wenn er auch kein Gewehr anrührte. Helmold hatte am Tage
-vorher einen langen Brief vom Fürsten bekommen, der den letzten
-Willen Brünes betraf, und wonach Hagenrieder mit der Bauleitung
-und Ausschmückung für ein Soldatenheim betraut wurde,
-das der Verstorbene seiner ehemaligen Garnison stiftete. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-Honorar war so hoch bemessen, daß der Maler dem Fürsten
-schrieb, er wolle erst persönlich mit ihm Rücksprache nehmen.</p>
-
-<p>Gerade setzte er Hennig die näheren Umstände auseinander, da
-gab es einen Stoß, und das Auto wollte nicht vom Flecke; die
-Vorderachse war gebrochen. Da Hennecke sich den linken Schenkel
-etwas verstaucht hatte, verbot es sich, daß er die zwei vollen
-Stunden nach Stillenliebe zu Fuß abmachte; darum schickte
-Hagenrieder den Wagenlenker nach einem Fuhrwerke.</p>
-
-<p>»Ein Segen, daß es sich aufgeklärt hat,« meinte Hennig und
-räkelte sich im Haidkraute; »wenn es jetzt regnete, fände ich den
-Fall tragisch.« Sein Freund lachte: »Optimist, der du bist!«
-Der andere zuckte die Achseln: »Na, und du bist es ja auch.«
-Der Maler steckte sich eine Zigarre an und sah gegen den Himmel,
-unter dem ein Gabelweih kreiste. »Hm,« meinte er dann, »anders
-bleibt einem ja schließlich auch nichts übrig, wenn man kein oberflächlicher
-Kopf ist. Sieht der Milan da nicht herrlich aus, und
-wie schön die Haidlerche singt!«</p>
-
-<p>Er streichelte ein goldrot blühendes Moospolster. »Du hast
-einmal gesagt, Hennig, man ist, wie man ist. Das stimmt. Was
-habe ich früher an mir herumgebogen; Zweck hat es nicht gehabt.
-Ich habe immer gedacht, als Bauer oder Trapper wäre ich
-glücklicher geworden; das war natürlich Unsinn. Ich habe auch
-geglaubt, ich sei ein Ausnahmemensch, eine untypische Erscheinung.
-Jetzt sehe ich ein, daß ich ein Typus bin und dessen Gesetzen
-unterliege, mir selber keine schaffen kann. Weil ich aber
-ein Künstler bin, bin ich stets unzufrieden gewesen. Zufriedene
-Maler und Bildhauer und Dichter und Musiker, die gibt es
-wohl, aber dann sind es eben Handwerker. Die Unzufriedenheit
-ist die Grundlage der Kunst und alles andern Schaffens.«</p>
-
-<p>Er sah Hennecke an, lachte süßsauer und fuhr fort: »Früher,
-hurra, was fühlte ich mich! Aber meine Kunst, die war doch<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span>
-eine künstliche Maschine, wie diese rote Karre da, die jetzt mit gebrochenem
-Schlüsselbein auf der Nase liegt. Vorzüglich in
-diesem Koofmichzeitalter ist die Kunst kein solides Lebensfahrzeug.
-Das Kunstwerk ist Ware geworden. Ich male ein Bild mit Hirn
-und Herzblut, und dann kommt irgend ein weltfremder Kerl und
-kauft es, und ich und mein Volk haben das Hinterhersehen. Ach
-ja, man sieht mächtig klar, liegt man einmal neben der Karre im
-Straßengraben!«</p>
-
-<p>Er pfiff leise vor sich hin und fragte dann: »Stimmt das?«
-Sein Freund nickte. »Ja, und dann,« spann er weiter an seinen
-Gedanken, »in dieser barbarischen kulturlosen Zeit, in diesem
-exakten Präzisionszeitalter, wo alles Wertlose seinen festen
-Barwert hat, führt die Kunst nicht mehr, sie rennt hinterher
-und nebenher; sie schenkt nicht mehr, sondern sie schachert; sie
-ist nicht mehr Königin, sondern Konfektionöse; dient nicht dem
-Volke, sondern dem Kapital. Das habe ich wohl immer gefühlt,
-aber nun erkenne ich es. Verfluchte Zucht!« Er warf seine Zigarre
-gegen den Erdboden, daß es sprühte.</p>
-
-<p>Sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, als er weiter sprach:
-»Irgend ein zielbewußter Idiot hat gesagt, der Künstler müsse
-sich selbst genügen; das ist hervorragender Blödsinn! Der Künstler
-will wirken! Wenn ich ein Mädchen in den Arm nehme, was
-suche ich dann: Vergnügen oder Fortpflanzung? Ich meine das
-letzte! Aber uns bildenden Künstlern von heute fehlt jede Fernwirkung;
-ein kleiner Zeitungsschreiber wirkt weiter als der größte
-Maler. Alles verhunzt uns dieses Jahrhundert der Schachermachai,
-Kunst, Liebe und Leben. Man existiert, aber man lebt
-nicht, und macht man mal den Versuch, schwupp, beißt einen
-das sogenannte Gewissen. Der Held dieses Jahrhunderts ist der
-Philister; sogar ein Bismarck strich sich demgemäß an, um sich
-in dieser halbseidenen Zeit durchsetzen zu können. Wir müßten<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span>
-einmal wieder einen Krieg bekommen und gründliche Keile, das
-ist das einzige, was uns helfen kann, damit wieder Männer oder
-besser, Kerle an die Spitze kommen, statt dieser Knechte, die sich
-Herren schimpfen.«</p>
-
-<p>Er nahm einen roten Feuersteinsplitter auf, besah ihn lange
-und murmelte: »Was hat uns bloß so minderwertig gemacht?
-Die Technik oder das Christentum? oder der Protestantismus?
-Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: ich möchte Seeräuber
-gewesen sein oder Beduinenscheik und jetzt«, er lachte Hennig an,
-»Mönch, aber nicht in einem Kloster, in dem Schuhe und Stiefel
-unter demselben Bette stehen. Aber ich würde es doch wohl nicht
-länger als acht Tage aushalten!«</p>
-
-<p>Er legte den Stein wieder in den Sand. »Quatsch! Ich will
-lieber vespern; ich merke, mir wird flau. Vielleicht philosophiere
-ich dann etwas positiver.«</p>
-
-<p>Hennecke lächelte, als er sah, wie tapfer sein Freund aß und
-welchen gefährlichen Zug Portwein er hinterher nahm. »Das
-Essen schmeckt dir ja noch anscheinend und der Wein auch,«
-meinte er, »und ich glaube, ein junges Mädchen im Alltagskleide
-ist dir immer noch lieber, als ein alter Pastor im Sonntagsstaat.
-Hm?« Der Maler verlor mit einem Male jede Spur von Humor
-aus den Augen, lachte dann aber laut auf und sagte: »In
-der Theorie, ja! Sonst aber, weißt du, Hennig, die Frauen sind
-mir in der Hauptsache nur noch hübsche Bilder, und du weißt,
-ich mag in meinen Räumen keine Bilder leiden.«</p>
-
-<p>Er sah dahin, wo ein Turmfalkenpaar über einem Birkenwäldchen
-schwebte und laut kicherte, und er dachte an die junge frische
-Witwe, die ihn, den halbreifen Knaben, die Liebe gelehrt hatte,
-oder vielmehr die Lust. Früher hatte er immer gedacht, daß das
-ein Glück für ihn war; nun erkannte er, daß es sein Verderben
-gewesen war, denn seitdem hatte er kein hübsches Weib ansehen<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-können, ohne es zu begehren. Nur in der Zeit, da er lichterloh
-für Grete brannte, hatte es für ihn keine Frauen gegeben; aber
-dieser Zustand der Reinheit hatte auch nicht lange gedauert.</p>
-
-<p>»Das kommt vom späten Heiraten«, dachte er; »stückweise
-habe ich mein Herz verschleudert und es unkräftig für eine große
-Liebe gemacht.« Einst hatte es seiner Eitelkeit geschmeichelt, daß
-so viele Frauen und Mädchen seine Augen suchten; nun sah er
-den Grund dafür ein. »Sie sahen in mir den liebeshungrigen,
-ungesättigten Mann, den unglücklichen Mann, hatten Mitleid
-mit mir, und Mitleid und Zuneigung sind Zwillingsgeschwister.«
-Er schämte sich. »Pfui, Mitleid! Das empfindet man mit
-Krüppeln.«</p>
-
-<p>Ihm fiel der seltsame Blick ein, mit dem Prinzessin Almut ihn
-bei der Beisetzung angesehen hatte. Das hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt,
-aber weiter keine Wirkung auf ihn gehabt, obgleich
-das junge Mädchen eine Schönheit war und Augen hatte, wie
-ihre Mutter. Der Blick, mit dem sie ihn ansah, hätte ihn früher
-in Brand gesteckt; jetzt wurde er kaum warm davon.</p>
-
-<p>Daß es so war, merkte er, während er eine Woche darauf auf
-Hohen-Samlitz zu Gaste war. Als er mit dem Fürsten und der
-Fürstin über Brünes letzten Willen sprach und meinte, daß das
-Honorar das übliche Maß weit übersteige, erwiderte der Fürst:
-»Ihre Kunst ist überhaupt nicht mit Geld zu bezahlen: bitte
-fassen Sie die Summe nur als Sinnbild der Wertschätzung auf,
-die mein Bruder Ihnen entgegenbrachte.« Da schwieg der Maler.
-Als der Fürst ging, fragte die Fürstin, ob Hagenrieder nicht Lust
-habe, sie alle zu malen, und da versetzte er: »Durchlaucht verzeihen,
-aber ich glaube, das ist nicht gut«, und als sie ihn verwundert
-ansah, sagte er leise und er wurde ganz rot dabei: »Ich
-bin nicht eitel, Euer Durchlaucht, aber ich habe ein sehr bitteres
-Erlebnis gehabt, und seitdem habe ich das Unglück, auf Frauen<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span>
-von Herz sonderbar zu wirken, und noch mehr auf ganz junge
-Mädchen, die Mitgefühl und Liebe verwechseln.«</p>
-
-<p>Die Fürstin sagte nichts, hielt aber bei der Tafel die Augen
-offen, und so entgingen ihr die Blicke nicht, die ihre jüngste Tochter
-dem Maler schenkte. Geflissentlich fragte sie ihn nach seiner
-Frau und seinen Kindern, und von da ab sah Almut auf ihren
-Teller. Nach dem Essen bat die Fürstin ihn, ihr das Bild seiner
-Frau zu zeigen. Er holte es, und sie ließ es rund gehen. Die Prinzessin
-war ganz blaß, als sie es ansah, so daß ihre Mutter sie zu
-Bett schickte.</p>
-
-<p>Hatte auf der ersten Rückfahrt von Hohen-Samlitz die Fürstin
-Helmolds Gedanken beschäftigt, so sah er während dieser Reise
-das Gesicht ihrer Tochter vor sich und späterhin noch oft genug.
-Er stellte es sich vor, welch ein Glück es sein müßte, sie im Arme
-zu halten und küssen zu dürfen, aber es schien ihm doch, als
-wenn er sie nur wie ein Vater würde küssen können, und daß
-das zärtliche Verlangen, das ihn in der letzten Zeit ganz jungen
-Mädchen gegenüber beschlich, wohl darauf beruhte, daß es ihm
-an einer Tochter fehlte, die in ihm aufging; denn Swenechien
-entfernte sich immer mehr von ihm. »Ich habe zu spät geheiratet,«
-dachte er; »die Kinder haben keine Schuld, daß sie fern
-von mir stehen; ich bin zu alt für sie, zu alt und zu kalt. Und
-darum ist eine Kluft zwischen ihnen und mir.«</p>
-
-<p>Seine Augen verhärteten sich; denn sein Verstand raunte ihm
-zu: »Sie reden Unsinn, Herr Hagenrieder; jeder Mensch bleibt
-für sich allein; versuchen Sie logisch zu denken, und Sie werden
-einsehen, daß Sie vom Wege abgekommen sind und sich verbiestert
-haben. Solange man verliebt ist, ist es anders; aber das
-hält nicht vor, ist also ein plumper Schwindel von der Natur,
-die euch damit ihren Zwecken dienstbar macht. Und ist die heiße
-Liebe abgeblüht, dann gibt es einen Kompromiß mit den notwendigen<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span>
-Kompromißverständnissen. Kein Mensch kann aus seiner
-Haut heraus, keiner sein Ich dem andern geben, Mann und
-Frau sich nicht, Eltern und Kinder sich nicht.«</p>
-
-<p>Sein Herz wehrte sich gegen diese Worte, aber es konnte nichts
-Triftiges darauf erwidern, und ihm wurde kalt vor Einsamkeit.
-»Leben wir denn bloß, um uns fortzupflanzen?« fragte er.</p>
-
-<p>Das Soldatenheim brachte ihm aber so viele Arbeit, daß er
-keine Zeit behielt, sich zu bedauern. Auch Ärger brachte ihm der
-Auftrag, denn der kommandierende General, ein straffer, kurz
-angebundener Herr, machte wiederholt Versuche, ihn in der Wahl
-der Stoffe zu beeinflussen, bis Hagenrieder die Geduld riß und
-er sagte: »Nach dem letzten Willen meines Freundes habe ich
-unbeschränkte Vollmacht! lehne ich den Auftrag ab, so fällt das
-ganze Unternehmen.« Da ließ ihn der General in Ruhe.</p>
-
-<p>Hagenrieder arbeitete nun darauf los, wie es ihm gefiel. Er
-hatte in der Garnison einen tüchtigen jungen Baumeister gefunden,
-dem er trotz aller Quertreibereien der einflußreichen
-Klüngelkreise den Bau gab. Er hatte ihn gefragt, wie er sich das
-Haus denke: »Einfach und gemütlich,« hatte Kolden geantwortet,
-und der Maler erwiderte: »Sie sind mein Mann.«</p>
-
-<p>Als der Bau fertig war, gefiel er ihm so sehr, daß er voller
-Freude an die Arbeit ging. Er verzichtete vollkommen darauf, die
-Wände mit Schlachtenbildern zu bedecken; er malte Landschaften
-mannigfachster Art, in deren Vordergründen der Bauer bei der
-Arbeit dargestellt war. Nur die Hauptwand des Vortragssaales
-bekam ein Bild anderer Art, eine weite Herbsthaide, rechts und
-links von goldenen Birken umschlossen, und über die Haide ritt
-an der Spitze seiner Reiter, die wie Schatten aus dem Frühnebel
-auftauchten, der König als oberster Kriegsherr.</p>
-
-<p>»Ich habe immer gedacht, Uniformen könne man nicht malen,«
-sagte Kolden; »ich habe mich geirrt.« Der Maler lachte: »Ja,<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span>
-ohne die Eselsbrücke mit dem Nebel wäre es auch nicht gegangen.«
-Aber er freute sich selber, daß das Bild ein Kunstwerk geworden
-war, und als der kommandierende General ihm die Hand
-schüttelte und sagte: »Ganz recht von Ihnen gewesen, daß Sie
-sich mein Dreinreden verbaten; Sie haben alle meine Bedenken
-schlank übergeritten,« da fühlte er, wie ihm das Gesicht heiß wurde.</p>
-
-<p>Am Tage darauf war er bei dem General zu Tisch geladen.
-»Sagen Sie mal, was haben Sie eigentlich,« fragte der ihn
-beim Braten; »machen immer so hinterhältsche Augen. Auf ihr
-Wohl!« Helmold lachte und sagte: »Schlechte Kinderstube, Exzellenz!«
-Nach aufgehobener Tafel überreichte er dem Gastgeber
-ein gestempeltes Schriftstück. Der alte Herr, der drei Feldzüge
-mitgemacht hatte, zog die Augenbrauen immer höher, je länger
-er las, und ließ sogar seine Zigarre ausgehen. Dann legte er das
-Aktenstück auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, sah seine
-Frau, den Adjutanten, den Baumeister und dann den Maler an,
-holte tief Luft und stöhnte: »Na, das muß ich aber sagen; besser
-konnten Sie es mir gar nicht geben. Hört mal, Kinder: unser
-Freund hier verzichtet auf das ganze Honorar zugunsten des
-Militärhülfsvereins. Pff! Ich muß einen Kognak trinken. Erst
-Gänsebraten und dann der Schreck!«</p>
-
-<p>Hagenrieder hatte die Schenkung gemacht, weil eine wahrscheinlich
-von den Klüngelkreisen beeinflußte recht minderwertige Zeitung
-eine Andeutung gemacht hatte, als habe er Samlitz bewogen,
-ihm den Auftrag zuzuwenden, und dann war ihm auch
-zu Ohren gekommen, daß an einigen Stammtischen gesagt war,
-mit dem vierten Teile der Summe wäre seine Arbeit reichlich bezahlt.
-Er lachte aber nur, als er einige Zeit darauf das plumpe
-Lob las, das ebendieselbe Zeitung vor seiner Hoteltür ablud,
-und als er mit den Leuten zusammenkam, von denen er wußte,
-daß sie ihm von hinten gegen den Rock gespuckt hatten, ließ er<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span>
-es sie nicht merken, daß er genau darüber unterrichtet war. Aber
-als er mit ihnen anstieß und ihnen freundlich zunickte, dachte er:
-»Ach ja, ich kann mich sogar diesem Gesindel gegenüber beherrschen;
-was hätte es mir früher für einen Spaß gemacht, ihnen
-die Reißzähne zu zeigen. Man wird alt.«</p>
-
-<p>Zu der Einweihung des Soldatenheimes erschien der König
-selbst. Er zeichnete Hagenrieder sehr aus und ließ sich sagen,
-welche Absicht er gehabt habe, daß er bis auf das eine Bild lediglich
-bäuerliche Arbeit dargestellt habe. »Ja,« erwiderte der Maler,
-»Majestät, gedacht? Ich denke beim Malen nicht. Aber ich hatte
-so das Gefühl: du malst für Soldaten, und mußt ihnen das
-Komplement zum Soldatenleben geben.« Der König sah ihn
-ernst an, nickte mehrere Male und sagte: »Ich glaube, Sie haben
-das Richtige getroffen. Anfangs stutzte ich, als ich unter dem
-Hauptbilde im Lesezimmer den Spruch des großen Korsikaners
-las. ›Den Acker bestellen, das ist der wahre Beruf des Menschen,‹
-denn er wirkt unwillkürlich wie ein Witz, und ob der Mann
-das ehrlich gemeint hat, ist noch fraglich, denn seine Sankt
-Helenaer Aussprüche schmecken zum Teil sehr nach Kaptatio benevolentiae.
-Aber eine Wahrheit wird darum nicht entwertet, wird
-sie nicht aus ehrlicher Absicht gesagt.« Er betrachtete dann aufmerksam
-das Gemälde im Vortragssaale, sprach aber nur von
-der Landschaft und wandte sich zu dem Baumeister.</p>
-
-<p>Hagenrieder bekam die nächste Klasse des Ordens, den er schon
-besaß, und beim Geburtstage des Königs wurde ihm der Adel,
-den seine Vorfahren abgelegt hatten, wieder verliehen. Er holte
-Hennecke ab: »Komm mit nach Stillenliebe, Hennig,« bat
-er; »es ist nicht zum Aushalten; jeder Ochse tut so, als wenn
-ich auf einmal ein anständiger Mensch wäre. Ich komme mir
-wahrhaftig beinahe selber schon so vor.«</p>
-
-<p>Auf dem Bahnsteige begegnete ihm Kommerzienrat Britting<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span>
-mit seiner Frau Meinholde geborene Marten. Sie war noch
-schöner geworden und sah den Maler so an, daß Hennecke dachte:
-›Dunnerkiel!‹ Er sagte jedoch nichts. Er hatte seinen Freund und
-sie vor Jahren einmal im Walde getroffen, Helmold aber nie
-nach ihr gefragt. Der grüßte höflich wieder, ohne den heißen
-Blick zurückzugeben. Zwischen ihm und ihr hatte sich beinahe
-eine Liebschaft angeknüpft, und es wäre ihm leicht gewesen, das
-Mädchen ganz zu gewinnen. Da bemerkte er bei einer Gesellschaft,
-daß sie mit einem häßlichen Blick nach dem Nacken seiner Frau
-sah. »Unverschämtheit!« hatte er gedacht, und sie fortan gemieden.</p>
-
-<p>Während der Zug durch das herbstliche Land schnaufte, dachte
-er an alles das, was ihm im Leben entgangen war, aber mit
-demselben Gleichmute, wie an das, was es ihm beschert hatte.
-»Du«, sagte Hennig, und hielt ihm die Zeitung hin, »die Prinzessin
-hat sich verlobt.« Sein Freund nickte; das rührte ihn nicht
-mehr als das Adelsprädikat, als Meinholdes einladender Blick,
-als das ganze Leben mit allem seinem Drum und Dran. Er erschrak
-sogar recht wenig, als er Annemieken wiedersah; sie hatte
-eine verdächtige Glut in den Augen, auf jeder Backe einen kreisrunden
-roten Fleck, und ihr Husten war hart und trocken. Er sagte
-ihr, sie solle sich einmal gründlich untersuchen lassen, und er
-wollte sie gern nach dem Süden schicken, aber sie wehrte ab:
-»Das geht vorüber. Und mich vor dem Doktor nackigt ausziehen,
-ich müßte mich ja totschämen. Und unter fremde Leute
-kann ich schon gar nicht gehen.«</p>
-
-<p>Als er abends mit Hennecke im Jagdhause vor dem Kamin saß,
-wunderte er sich, wie stumpf er geworden war. »Sehe ich sehr alt aus,
-Hennig?« fragte er ihn. »Du alt?« erwiderte der lachend: »Mann
-in den besten Jahren! Ordentlich heiratsfähig siehst du aus!«</p>
-
-<p>Helmold aber dachte: »Das ist bloß äußerlich; mein Herz wird
-immer knickebeiniger.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p>
-
-<h2 id="Nachspuk">Nachspuk</h2>
-</div>
-
-<p class="noind">Die Brennhexe lag im Moore und schlief; da kam der Südwestwind
-angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalme in der
-Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf.</p>
-
-<p>Sie gähnte, reckte sich, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte die
-Schürze glatt, lächelte, wiegte den Kopf hin und her und begann
-zu tanzen, daß der feuerrote Rock und die gelbe Schürze wie
-Flammen leuchteten.</p>
-
-<p>Da sah sie dort, wo zwischen den Birkenbüschen Wasser blitzte,
-einen hellen Fleck, und das war ein menschliches Angesicht, und
-es gehörte zu einem Manne im grünen Rocke, der mit der Büchse
-auf dem Rücken langsam dahinging.</p>
-
-<p>»He du!« rief die Brennhexe und winkte ihm, aber Helmold
-Hagenrieder hörte nicht. Er blickte gerade aus, denn er sah einen
-mit Kienruß schwarz gemachten Sarg, und darin ein weißes Gesicht,
-und zwei wachsgelbe Hände, die einen Rosmarinstrauch
-hielten, Hände, die ihn so manche Nacht lieb gehabt hatten,
-wenn er des Stadtlebens müde und des Malens satt, in dem
-Strohdachhause unter dem Osterhohl eingekehrt war.</p>
-
-<p>Es war keine Trauer in ihm, sondern nur ein Mitleid mit sich
-selber, daß er jetzt niemand mehr hatte, dem er sagen konnte, daß
-sein Herz unter der Erde läge, unter einem Hügel, auf dem ein
-Brett stände mit der Inschrift: »Es ruhe in Unfrieden.«</p>
-
-<p>Gleichmütig rauchte er seine Pfeife. »Herr Geheimer Hofrat
-Senator Professor Helmold von Hagenrieder, erster Vorsitzender<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span>
-des Kunstvereins, Ehrenmitglied der Kunstgenossenschaft, Inhaber
-von einem halben Dutzend goldener Ehrenmünzen und
-Staatspreisen, Ritter hoher Orden, wissen Sie, was Sie sind,
-Verehrtester?« sagte er zu sich und sah sich spöttisch an: »erinnern
-Sie sich noch jenes Ligusterschwärmerweibchens, das Sie
-als zwölfjähriger Bengel fingen, mit Schwefeläther töteten, nadelten
-und aufspannten? Als Sie nach vier Tagen das Spannbrett
-vom Schranke nahmen, bewegte der Schmetterling ruhig
-und besonnen den Hinterleib hin und her und entledigte sich
-seiner Eier, obgleich sein Vorderleib gänzlich abgestorben war.
-In demselben Zustande, mein Lieber, befinden Sie sich; ruhig
-und besonnen schaffen Sie ein Kunstwerk nach dem anderen,
-aber nur mit Kopf und Hand, denn Ihr Herz ist längst tot.«</p>
-
-<p>Das sah die Brennhexe auch ein. Sie war ganz dicht hinter
-ihm gewesen, aber als sie sein Gesicht sah, machte sie eine verächtliche
-Bewegung mit der Hand und blickte sich nach einem
-anderen Tanzeschatz um, dessen Augen nicht so kalt aussahen,
-wie Moorwasser im März. Da sie aber immer noch so hübsche
-Beine hatte, wie damals, als sie den selben Mann quer durch
-das Moor gehetzt hatte, so war der Torf wieder lichterloh verliebt
-geworden, und Helmold Hagenrieder mußte machen, daß er
-weiterkam, denn das Feuer rückte ihm von drei Seiten auf den Leib.
-Dieweil er aber den Springstock nicht bei sich hatte, so wurde es
-ihm schwer, die Moorgräben zu nehmen, so daß er schließlich in
-einen Abstich springen und bis an den Hals untertauchen mußte.</p>
-
-<p>Ziemlich lange mußte er im Wasser bleiben, obgleich ein Schauer
-nach dem andern ihn schüttelte, denn er war unfrisch und müde.
-Er war, nachdem er Annemieken die letzte Ehre erwiesen hatte,
-die ganze Nacht aufgeblieben und hatte sich mit dem Monde
-unterhalten; er hatte in dem Backenstuhle neben der Feuerstelle gesessen,
-und der Mond hatte sich in dem Spinnstuhle niedergelassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span></p>
-
-<p>Es war kalt gewesen in der Nacht; denn das Feuer war ausgegangen,
-und das Spinnrad stand still; es sah wie ein Gespenst
-aus, und der Kesselhaken hatte ein trauriges Gesicht.</p>
-
-<p>»Ja, ja, Kerl,« hatte der Mond gesagt, »es nimmt eben alles
-einmal ein Ende; auch ich war einst jung, hatte ein rotes Herz
-und Gedanken, so grün wie Maibaumlaub zur Pfingstzeit. Das
-ist schon manchen Donnerstag her, und mir ist so, als wäre das alles
-nicht wahr, die vulkanischen Träume meiner Jugend und meines
-Mannesalters Ebbe und Flut. Aber so stehe ich mich schließlich
-doch besser; man hat keine Hoffnungen mehr, aber auch keine
-Enttäuschungen. Sei froh, Kerl, daß es dir ebenso geht!«</p>
-
-<p>Sein Freund hatte sich eine neue Pfeife gestopft und nichts gesagt,
-so daß der Mond geärgert aufstand und fortging. Helmold hatte
-gegen Morgen ein Glas kalte Milch getrunken, ein Stück Brot gegessen
-und war auf die Frühpürsch gegangen; doch machte ihm das
-Waidwerken gar keine Freude. »Lebendiges Leben ist so schön«,
-sagte er sich, als er den Hauptbock in der Wiese stehen sah, wie
-eine Flamme in der ersten Sonne leuchtend; »lebe und liebe, du
-adelig Getier, bis deine Zeit um ist. Ich weiß, was es heißt, zu
-sterben vor der Zeit, die einem bestimmt ist!« Er hatte sich umgedreht
-und war weiter geschlichen.</p>
-
-<p>»Es ist immer das selbe«, dachte er; »der Himmel ist blau und
-die Sonne gelb. Man müßte eigentlich einmal in ein Land gehen,
-wo der Himmel weiß und die Sonne schwarz ist, oder dahin, wo eine
-weiße Sonne in einem schwarzen Himmel steht. Ein wie das andere
-Jahr blüht das Moor im Spätsommer rosenrot; hinterher werden
-die Birken gelb; dann kommt der Schnee, und so geht es in der selben
-langweiligen Weise weiter. Das kenne ich nun ein halbes Jahrhundert
-lang und bin seiner satt. Und mit Liebe und Haß ist es
-ebenso: erst rot, dann gelb, dann braun und zuletzt weiß, immer
-in der selben eintönigen Art; ich mache mir nichts mehr daraus.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span></p>
-
-<p>Er fuhr nach Hause. »Du siehst nicht gut aus, Liebster,« sagte
-seine Frau. »Bißchen erkältet,« antwortete er und ging an seine
-Arbeit. Er lebte in stiller Tätigkeit drei Tage hin, bis ein heftiges
-Kopfweh, Schüttelfrost und Fieber ihn zu Bette brachten. In
-der Nacht wachte er auf und sah den grauen Engel vor seinem
-Bette sitzen. »Meinetwegen!« sagte er zu ihm. Eine alberne
-Angst kniete ihm auf dem Herzen, würgte ihm am Halse und
-schlug ihn, daß ihm der Kopf zu zerspringen drohte; er weckte
-seine Frau aber nicht, um sie nicht zu ängstigen.</p>
-
-<p>Am Morgen sah er so elend aus, daß Grete Beni Benjamin
-herbeirief. Der untersuchte ihn, runzelte die Stirn und sprach
-nachher zu Frau Hagenrieder: »Es steht recht schlimm; doppelseitige
-Lungenentzündung. Bereiten Sie sich auf alles vor, liebe
-Freundin. Und lassen Sie Hennig rufen.«</p>
-
-<p>Am Nachmittage des dritten Tages, nach dem Helmold sich
-niedergelegt hatte, gab der Arzt keine Hoffnung mehr. »Trösten
-Sie sich, Frau Hagenrieder,« sagte er: »er hat alles erreicht, was
-einem Menschen beschieden sein kann, und mehr gelebt, als wenn
-er hundert Jahre alt geworden wäre.« Der Frau liefen stumme
-Tränen über das Gesicht. »Nein,« erwiderte sie und schüttelte
-den Kopf, »nein, das hat er nicht.«</p>
-
-<p>Sie seufzte auf und begann wieder: »Lieber Hennig, und bester
-Herr Doktor, was meinen Sie, soll ich nicht Swaantje telegraphieren?
-Vielleicht ist es ihm eine Freude, sie noch einmal zu
-sehen.« Der Arzt sah Hennecke an und dieser ihn. »Er hat von
-ihr kaum mehr gesprochen,« antwortete Hennig, und Benjamin
-setzte hinzu: »Auch in seinen Fieberdelirien nicht. Ich glaube, er
-denkt nicht mehr an sie. So ist es wohl besser, wir stören ihn
-nicht beim Einschlafen.« Hennecke aber fragte: »Wann kann sie
-spätestens hier sein?« »Morgen mittag,« antwortete sie. »Dann
-hat es keinen Zweck mehr;« dachte der Arzt, »denn er überlebt<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-die Nacht nicht mehr.« Dann schwiegen die drei Menschen und
-sahen mit leeren Augen aneinander vorbei.</p>
-
-<p>»Grete,« flüsterte es im Nebenzimmer. »Helmold?« rief die Frau,
-nötigte ein Lächeln auf ihr Gesicht und ging zu ihrem Gatten. Seine
-Augen waren ganz klar. Er griff schwach nach ihrer Hand; sie gab
-sie ihm, und er drückte sie. »Es ist alles in Ordnung,« murmelte
-er, »das Testament, und das andere. Weißt du mit den Kindern,«
-er schloß die Augen, »nicht Bescheid, Hennig hilft dir, und Beni
-auch.« Sie flüsterte ihm zu: »Sollen die Kinder kommen?« Er
-winkte mit den Augen ab und hauchte: »Schlafen lassen!« Er fing
-an zu keuchen und wand sich hin und her. »Kommen Sie,« sagte der
-Arzt und führte die Frau hinaus, denn er sah, daß es zu Ende ging.</p>
-
-<p>Der Kranke keuchte immer schwerer und murmelte bald laut,
-bald leise. »Alles in Ordnung, alles, alles,« flüsterte er; »mündelsicher
-angelegt.« Seine Stimme starb, und sein Atem schlief
-ein. Noch einmal stieß sein Leben den Tod zurück: »Bravo,
-Prinz!« murmelte er; »er hat die Kugel zwölf Ring, der Hirsch.
-Frau Pohlmann, einen können wir noch!« Er hielt an und
-flüsterte: »Klaus, wollen eins singen!« Wie aus weiter Ferne
-klang es: »Ein Jägermädchen, das trägt ein grünes, grünes
-Kleid.« Sein Kopf fiel herum; der Arzt sah, daß die Augen
-gebrochen waren. »Annemieken!« flüsterte der Sterbende, und
-die Steppdecke zitterte.</p>
-
-<p>Der Arzt horchte eine Weile, murmelte etwas, drückte dem
-Toten die Augen zu, zog die Bettdecke zurecht und ging hinaus.</p>
-
-<p>Es war ein Uhr in der Nacht, als er das Haus verließ;
-Hennig blieb zurück, damit die Frau nicht allein mit dem Toten
-wäre. Als der Arzt am anderen Vormittage zurückkehrte, fand
-er Swaantje Swantenius bei Frau Hagenrieder. Er begrüßte
-sie kühl, und Hennecke, der bald darauf auch kam, benahm sich
-noch kälter gegen sie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p>
-
-<p>Zwei Tage später wurde Helmold Hagenrieder begraben.
-Wagen auf Wagen folgte dem Sarge, und hunderte von Männern
-zu Fuß gingen hinter ihm her. Als der Geistliche die Leichenrede
-hielt, wurde er fast verwirrt, denn noch niemals hatte er ein
-so verschiedenartiges Gefolge gesehen. Die höchsten Staatsbeamten,
-das ganze Stadtverordnetenkollegium samt dem Magistrate
-waren zugegen, viele Offiziere, Förster und Jagdaufseher
-und eine lange Reihe von Bauern und Landarbeitern mit ihren
-harten Gesichtern und unmodischen Hüten.</p>
-
-<p>Der Himmel war von einem abgeschmackten Grau, ein langweiliger
-Wind ging, und mit blassem Gesichte stand der Mond
-am Himmel und sah mit gleichgültigen Augen auf die Menschen,
-die das Grab umgaben, und als sie sich verkrümelten, lächelte er
-ein bißchen spöttisch über den Wall von kostbaren Kränzen, der
-die Stätte bedeckte, wo Helmold Hagenrieders leerer Leib lag; denn
-dessen Seele war gänzlich verschwunden, weil sie schon vor dem Tode
-ihren Inhalt verloren hatte. »Ein schöner Blödsinn«, dachte der
-Mond, schüttelte den Kopf und verzog sich bis auf weiteres.</p>
-
-<p>In der Nacht aber suchte er Swaantje Swantenius auf. Sie
-lag ohne Schlaf in ihrem Bette und lauschte auf das, was die
-Stille sprach, und sah, was die Dunkelheit ihr wies.</p>
-
-<p>Die Stille sang ein höhnisches Lied, und die Dunkelheit hielt
-ihr Helmolds Gesicht hin. Sie streckte die Hände danach aus und
-flüsterte: »Ich habe dich so oft heimlich lieb gehabt, so oft; hast
-du es nie gefühlt?« Aber das weiße Gesicht starrte sie an, als
-wäre sie nicht da.</p>
-
-<p>Bittend sah sie den Mond an: »Du warest sein guter Freund,
-du weißt alles von ihm; denkt er noch an mich, weiß er noch
-von mir?« Der Mond sah sie nicht einmal an.</p>
-
-<p>Sie schlief die ganze Nacht nicht und reiste am andern Morgen
-ab, worüber Frau Hagenrieder sich sehr wunderte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span></p>
-
-<h2 id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td>Vorspuk</td>
- <td class="tdr"><a href="#Vorspuk">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Sektflasche</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Sektflasche">7</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Stapelienbild</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Stapelienbild">21</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Vollmond</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Vollmond">36</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der eiserne Ritter</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_eiserne_Ritter">50</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Seelenhaus</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Seelenhaus">68</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Mohnblumenkranz</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Mohnblumenkranz">91</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Platzhirsch</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Platzhirsch">128</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Wundfährte</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Wundfaehrte">162</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der graue Engel</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_graue_Engel">189</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der weiße Garten</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_weisse_Garten">197</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Sarg</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Sarg">222</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Panne</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Panne">245</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Nachspuk</td>
- <td class="tdr"><a href="#Nachspuk">267</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span></p>
-
-<p class="center">Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Eugen Diederichs Verlag in Jena</p>
-</div>
-
-<p class="h2">Hermann Löns</p>
-
-<p class="h2">Der kleine Rosengarten, Volkslieder</p>
-
-<p class="center">Mit Umschlag von <em class="gesperrt">Wilhelm Schulz</em></p>
-
-<p class="center smaller">14.&ndash;23. Tausend. kartoniert 2 Mark</p>
-
-<p class="h2">Der Wehrwolf. Eine Bauernchronik</p>
-
-<p class="center smaller">27.&ndash;31. Tausend. broschiert 3 Mark. gebunden 4.20 Mark</p>
-
-<p class="noind"><em class="gesperrt">Die neue Rundschau</em> (Verlag S. Fischer): Dieses Buch des Norddeutschen
-Löns ist ein männliches Buch. Hier erlebt man den Dreißigjährigen
-Krieg in einem einzigen Dorf. Hier heißt es jeden Augenblick:
-das Leben. Wäre dies nur der Krieg, dann lese man allerdings besser im
-Geschichtsbuch. Hier ist aber alles allgemein deutsam, gerade weil dies nicht
-unterstrichen wird. Hast du bemerkt, wie das Genrebild hier in die Landschaft
-gesetzt ist, das Einzelne ins Allgemeine, wie bei Breughel und den
-Seinen? Und wie ist hier alles komponiert, von den Kapitelüberschriften
-bis zu den Schlußliedern! In zwanzig Zeilen weiß dieser Löns die Herankunft
-einer Reiterschar zu beschreiben, das Harren von hundert versteckten
-Bauern, ihren Überfall. Wie die Kinder noch den toten Hund
-streicheln. Wie der einzig überlebende Knecht während seiner Erzählung
-von dem Überfall des Dorfes mitten im Satze einschläft. Wie diese Bauern,
-als sie die beiden Haupthalunken haben, plötzlich zeremoniös werden: ohne
-Ansehen haben sie alle fremden Scharen erschlagen, &ndash; hier, wo Schuld
-und Sühne lebendig wird, vor ganz bestimmten Schuldigen, bahnt sich
-das Rechtsgefühl durch ihre Wut den Weg und stellt sich auf mit Schwert
-und Wage, wie als wäre es ein bestellter Gerichtshof, der dort Recht
-spricht. »Die Sonne kam heraus«, heißt es da, »und beschien zweihundert
-Gesichter. Sie waren alle von Stein.« Hier ist nichts erarbeitet,
-alles verarbeitet und so im ganzen aufgegangen, wie bei einem, der die
-Geschichte seiner Väter schreibt.</p>
-
-<p class="noind"><em class="gesperrt">Der Kunstwart</em>: Diese kernigen reisigen Männer und frischen unverbildeten
-Frauenzimmer konnten offenbar nur einem gelingen, der mit
-Waidmanns- und Landmanns-Augen sie zu sehen gewohnt ist. So ward
-denn »Der Werwolf« ein prächtiges Bauernlebensbuch, Wunder
-weckend: daß nämlich so kerngesunde »Literatur« in deutschen Landen noch
-immer zustande kommt.</p>
-
-<p class="h2">Die Geschichte vom Skalden Egil</p>
-
-<p class="center">Übersetzt von <em class="gesperrt">Felix Niedner</em> (Thule Bd. III)</p>
-
-<p class="center smaller">broschiert M 4.&ndash;, gebunden M 5.50</p>
-
-<p class="noind"><em class="gesperrt">Der Tag</em>: Aus den isländischen Sagas schöpfen wir noch immer die
-unmittelbar lebendigsten Vorstellungen und farbenreichsten Bilder vom
-ursprünglichen Wesen und der ganzen Eigenart vorschriftlichen germanischen
-Geistes- und Kulturlebens. Was man im eigentlichen Sinne
-als heroisches Zeitalter bezeichnet, das steht hier lebendig vor uns, und
-doch keineswegs nur als Phantasieprodukt, sondern voll innerer Realistik,
-so daß man nicht zweifeln kann: hier ist zuletzt durchaus nur wirkliche
-Geschichte. Ein Volk von lauter Künstlern, Helden und Sängern
-zugleich … Egil Skallagrimsson ist die prachtvollste Inkarnation der
-Nietzscheschen »blonden Bestie«, er ist ein kraftstrotzender Kerl durch und
-durch. Die Geschichte seines Lebens, seiner ewigen Kämpfe, seiner
-Wikingerfahrten, die ihn von Island bis nach Rußland und südlich nach
-England und Irland führen und ihn kundig machen aller nordeuropäischen
-Länder und Meere, ist der spannendste und unterhaltendste Helden-
-und Abenteuerroman.</p>
-
-<p class="right">
-Julius Hart
-</p>
-
-<p class="h2">W. S. Reymont</p>
-
-<p class="h2">Die polnischen Bauern</p>
-
-<p class="center">I. Herbst/Winter. II. Frühling/Sommer</p>
-
-<p class="center smaller">Zwei Bände. br. M 12.&ndash;, geb. M 15.&ndash;</p>
-
-<p class="noind">Der Slawe besitzt weniger Individualität als der Germane. Darum
-gibt es in diesem Epos des polnischen Bauerntums keinen eigentlichen
-Helden, an seine Stelle tritt das ganze Dorf. Es ist ein grandioser
-Wurf, wie durch das Liebesleben einer leidenschaftlichen Frau, &ndash; es
-verkörpert sich in ihr fast symbolisch die polnische Leidenschaftlichkeit, &ndash;
-sich das Schicksal aller Dorfbewohner miteinander verknüpft. Und in
-das dumpfe Seelenleben dieser Bauern werfen Landschaft und die Natur
-der Jahreszeiten die für ihr Schicksal entscheidenden Antriebe. Die Art,
-wie Natur und Menschenschicksal miteinander verknüpft sind, unterstützt
-von intimer Kenntnis aller Volksgebräuche, machen das Buch zu einer
-ganz einzigartigen Erscheinung der Weltliteratur.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Unterschiedliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 242: Balkenecke → Balkendecke<br />
-mit brauner <a href="#corr242">Balkendecke</a>, Kugelfußtisch</p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Das zweite Gesicht, by Hermann Löns
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ZWEITE GESICHT ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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- Dr. Gregory B. Newby
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
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-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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