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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 11:08:52 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - Phantastische Novellen - -Author: Nikolaj Gogol - -Commentator: B. Schenrock - -Editor: Otto Buek - -Translator: Ludwig Rubiner - Frieda Ichak - Alexandra Ramm - -Release Date: July 2, 2017 [EBook #55026] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 3: ABENDE *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - Nikolaus Gogol - Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - - - - - Nikolaus Gogol - Sämmtliche Werke - In 8 Bänden - - - Herausgegeben - von - Otto Buek - - - Band 3 - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1910 - - - Nikolaus Gogol - - - - - Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - - - Phantastische Novellen - - Deutsch - von - Ludwig Rubiner - und - Frida Ichak. - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1910 - - - - - Inhalt - - - Abende auf dem Gutshof bei Dikanka I 1 - Vorrede 3 - Der Jahrmarkt in Sorotschintzy 11 - Die Johannisnacht 55 - Mainacht oder die Ertrunkene 83 - Der verschwundene Brief 133 - Abende auf dem Gutshof bei Dikanka II 155 - Vorrede 157 - Die Nacht vor dem Weihnachtsfest 163 - Schreckliche Rache 239 - Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante 311 - Der verhexte Ort 355 - Biographische Skizze von B. Schenrock 373 - Anhang 399 - - - - - Abende auf dem Gutshof bei Dikanka. - Erster Teil - - - Erzählungen - Herausgegeben von _Rotfuchs Panjko_, Bienenzüchter. - - Übersetzt von _Ludwig Rubiner_ - und _Frida Ichak_ - - - - - Vorrede - - -Was ist denn das wieder für ein Ding: Abende auf dem Gutshof bei -Dikanka? Was für »Abende« sind denn das? Und die dazu gar noch ein -Bienenzüchter in die Welt gesetzt hat! Gott bewahr' uns! Hat man etwa -noch zu wenig Gänsefedern gerupft und allzu wenig Lumpen zu Papier -verarbeitet! Hat etwa noch zu wenig Pack, haben etwa noch zu wenig Leute -von jeglichem Stand ihre Finger mit Tinte bekleckst! Da muß der Teufel -nach all dem anderen Volk auch noch einen Bienenzüchter reiten, es den -andern nachzumachen! Wahrhaftig! Es gibt doch schon so viel bedrucktes -Papier, daß man bald nicht mehr recht weiß, was alles man hineinwickeln -soll! - -All diese Reden hat meine Prophetie schon gehört, schon vor einem Monat -gehört! Ich will nämlich sagen, daß es für unsereins, daß es für uns -Vorwerksbesitzer genau dasselbe ist, wenn man -- o du grundgütiger -Himmel --, die Nase aus seinem Loch in die große Welt steckt, als wenn -man in die Gemächer eines feinen Herrn tritt: alle bilden einen Kreis um -einen, und der Schabernack geht los; derartiges könnte man sich am Ende -noch von besseren Lakaien gefallen lassen, -- aber nein, irgend so ein -zerlumpter Junge, irgendein Lümmel, der sich im Hinterhof herumdrückt, -auch so einer traut sich heran. Da stampfen sie mit den Füßen und rufen -einem von allen Seiten zu: »Wohin willst du? Zu wem? Pack dich du -Bauernkerl! Scher dich zum Teufel!« ..... Ich kann euch sagen .... Aber -was sollen alle Worte! Mir fällt's wahrhaftig leichter, zweimal im Jahr -nach Mirgorod zu reisen, wo mich schon seit fünf Jahren weder der -Schreiber vom Landgericht noch seine Hochwürden zu Gesicht bekommen -haben, als zu den großen Leuten zu steigen; tu ich's aber mal, dann -heißt's, ob's dir nun paßt oder nicht, Rede und Antwort stehen. - -Nichts für ungut, meine lieben Leser (und ihr nehmt's vielleicht übel, -daß ein einfacher Bienenzüchter zu euch redet wie zu seinem Gevatter -oder Ehestifter), wir Vorwerksleute haben von jeher solche Bräuche: -sowie die Feldarbeiten zu Ende sind, der Bauer übern Winter zur Ruh' -hintern Ofen kriecht und unsereins seine Bienen in den dunklen Keller -steckt; sowie es keinen Kranich mehr am Himmel und auf dem Baum keine -Birne mehr gibt, da kann man, wenn es Abend wird, sicherlich irgendwo am -Ende der Dorfstraße ein Licht blinken sehen; von ferne hört man lachen -und singen, die Balalaika klimpert, oft auch vernimmt man Geigenklänge, -lauten Schwatz und Lärmen .... Das sind die _Unterhaltungen_ unserer -_Abende_! Sie ähneln sozusagen euren Bällen, aber doch nicht ganz. Wenn -ihr auf einen Ball fahrt, so geschieht's doch nur, um herumzuspringen -und in die hohle Hand zu gähnen. Bei uns dagegen, wenn da in einer Stube -ein Haufen Mädchen mit Spinnrocken und Spindelkamm zusammenkommt, so ist -das durchaus kein Ball. O nein! -- Zuerst sieht's aus, als ob sie -ernstlich an die Arbeit gehen wollten. Die Spindeln surren, die Lieder -schwirren, und keine wagt es, zur Seite zu blicken. Kaum aber kommen die -Burschen mit dem Fiedelmann in die Stube, da beginnt ein Toben und -Schreien, es wird getanzt, und solche Streiche geschehen da oft, daß -man's gar nicht erzählen kann. - -Aber am schönsten ist's doch, wenn alle sich zu einem Haufen -zusammentun, und man beginnt, Rätsel zu raten, oder ganz einfach -- zu -schwatzen. O mein Gott! Was wird da nicht alles erzählt! Was wird da -nicht für alter Kram ausgegraben! Was für Gruselzeug wird da nicht -herangeschleppt! Aber nirgends ward wohl soviel Wunderliches erzählt wie -an den Abenden beim Rotfuchs Panjko, dem Bienenzüchter. Warum mich die -Leute den »Rotfuchs Panjko« nennen, das vermag ich, weiß Gott, nicht zu -sagen. Auch ist ja mein Haar, sollt' ich wohl glauben, eher grau als -rot. Aber das ist bei uns nun eben, mit Verlaub zu sagen, so Sitte: -haben die Leute einem mal 'nen Spitznamen gegeben, so behält er ihn in -alle Ewigkeit. Oft kamen am Vorabend hoher Feiertage allerlei brave -Leute in die Hütte des Bienenzüchters zu Gaste, und wenn die sich erst -an den Tisch gesetzt hatten, da gab's dann was zu hören. Das waren nicht -etwa Leute aus den einfachen Ständen, nicht etwa Bauern aus einem -Vorwerk; manch einem, der mehr als Bienenzüchter ist, würde ihr Besuch -Ehre machen. Kennt ihr zum Beispiel Foma Grigorjewitsch, den Küster an -der Kirche zu Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte der -nicht für Geschichten erzählen! Zwei davon sollt ihr in diesem Büchlein -finden. Nie hat der einen Kittel aus Bast getragen, wie ihr ihn bei so -vielen Küstern auf dem Lande findet; ja, kamt ihr selbst an Werkeltagen -zu ihm, so empfing er euch immer in einer Joppe aus feinem Tuch von -einer Farbe wie die von kaltem Kartoffelbrei, für das er in Poltawa fast -sechs Rubel die Elle bezahlt hat. Von seinen Stiefeln wird niemand auf -dem ganzen Weiler behaupten können, sie hätten nach Teer gerochen; jeder -weiß, daß er sie mit dem allerfeinsten Schmalz geschmiert hat, das, -glaub' ich, mancher Bauer sich wohl mit Freuden in den Brei getan hätte. -Auch wird niemand zu sagen wagen, daß er sich je die Nase mit dem -Rockschoß gewischt hat, wie es manche Leute seines Standes zu tun -pflegen; nein, er zog ein weißes, säuberlich gefaltetes Tüchlein aus dem -Busen, dessen Bänder mit rotem Zwirn bestickt waren, verrichtete sein -Bedürfnis, faltete es nach seiner Gewohnheit zwölffach zusammen und barg -es wieder im Busen. Und ein anderer Gast .... je nun, das war solch ein -feines Herrchen, daß man ihn stracks zum Präsidenten oder Exekutor hätte -machen können. Er pflanzte seinen Finger vor der Nase auf, und dann -blickte er die Spitze an und erzählte so spitzfindig durch die Blume, -akkurat wie es in den gedruckten Büchern steht! Wenn ihn unsereiner -manchmal so hörte, da mußte man ja ganz nachdenklich werden. Kein -Sterbenswörtchen war zu verstehen. Wo hat der bloß solche Worte -hergenommen? Diesbezüglich hat Foma Grigorjewitsch einmal eine -treffliche Schnurre erdacht: er erzählte ihm eine Geschichte von einem -Schüler, der einst bei einem Küster zur Schule ging; als der wieder zu -seinem Vater kam, da war er ein solcher Lateiner geworden, daß er sogar -unsere rechtgläubige Sprache vergessen hatte -- alle Worte ließ er auf -»us« endigen: statt Schaufel sagte er »Schaufelus«, statt Weib »Weibus« -usw. Einmal ging er mit seinem Vater über Feld. Der Lateiner erblickt -eine Harke und fragt: »Wie nennt man das bei euch, Vater?« und dabei -sperrte er das Maul weit auf und trat der Hacke auf die Zähne. Der Vater -hatte kaum antworten können, da flog der Griff der Harke dem Sohne mit -einem Schwung gegen die Stirn. »Die verdammte Harke!« schrie der -Schuljunge, fuhr sich mit der Hand an den Kopf und sprang eine Elle hoch -in die Luft. »Der Satan soll den Mann holen, der das Harkenzeug gemacht -hat! Sie tut so weh!« »So, bist du endlich auf den Namen gekommen, mein -Täubchen?« -- Dieses Märchen wollte dem verblümten Erzähler nicht -besonders gefallen. Ohne ein Wort zu sagen, stand er von seinem Platze -auf, stellte sich breitbeinig mitten im Zimmer hin, neigte den Kopf -etwas vor, schob die Hand in die Seitentasche seines erbsengrauen -Rockes, holte seine runde lackierte Tabakdose hervor, schnippte mit dem -Finger über das draufgemalte Gesicht eines ausländischen Generals, nahm -eine ziemlich große Prise seines mit Asche und Liebstöckelblättern -vermischten Tabaks, führte sie weit ausholend an die Nase und sog im Nu -das ganze Häufchen ein, ohne auch nur den Daumen zu streifen, und dabei -sprach er keine Silbe. Erst als er in die andere Tasche griff und ein -blaukariertes Baumwollentuch hervorholte, da murmelte er etwas vor sich -hin, wie: »_Man darf seine Perlen nicht vor die Säue werfen!_« ..... »Da -gibt's einen Krach,« dachte ich, als ich sah, wie Foma Grigorjewitschs -Finger sich zu einer Ohrfeige zusammenballten; zum Glück hatte meine -Alte die gute Idee gehabt, gebackenes Weißbrot mit Butter auf den Tisch -zu stellen. So machten sich denn alle daran; auch Foma Grigorjewitschs -Hand griff, statt dem andern eine Nase zu drehen, danach, und alle -begannen, wie üblich, die tüchtige Hausfrau zu loben. Dann gab's bei uns -noch einen, der zu erzählen verstand; aber der (nie zur Nacht sei dran -gedacht!) der erzählte so gruselige Geschichten, daß einem die Haare zu -Berge standen. Ich habe sie absichtlich nicht hier hereingebracht: die -guten Leute könnten gar noch solche Angst vor dem Bienenzüchter -bekommen, wie -- Gott bewahre mich -- vor dem Teufel. Lieber will ich, -wenn's Gott gefällt, bis Neujahr warten, und gebe dann noch ein Büchlein -heraus. Da sollen uns meinetwegen Gestalten aus jener anderen Welt -entsetzen, und Mirakel, die sich in alten Zeiten in unserem -rechtgläubigen Lande zugetragen haben. Ihr werdet darunter vielleicht -auch einige Parabeln vom Bienenzüchter selbst finden, wie er sie seinen -Enkeln erzählt hat. Ihr braucht nur die Ohren zu spitzen. Ich hab' nur -keine Lust herumzukramen, sonst könnte ich wohl noch zehn solche -Büchlein zusammenbringen. - -Doch halt -- ich habe ja die Hauptsache vergessen: Wenn Ihr, lieben -Herren, zu mir fahrt, dann schlagt die gerade Poststraße nach Dikanka -ein. Ich hab' mit Fleiß den Ort an die erste Seite gestellt, damit Ihr -den Weiler schneller zu erreichen wißt. Doch Ihr habt wohl schon zur -Genüge von Dikanka gehört. Wahrlich, dort sind die Häuser stattlicher -als die Strohbude eines bescheidenen Bienenzüchters. Ganz zu schweigen -vom Garten: dergleichen findet ihr wohl nur noch in eurem Petersburg. -Wenn ihr nach Dikanka kommt, so fragt bloß den ersten besten Jungen, der -im schmierigen Hemde seine Gänse hütet: »Wo wohnt hier der Bienenzüchter -Panjko?« -- »Da hier,« wird er sagen, und zeigt's euch mit dem Finger, -und wenn ihr wollt, so bringt er euch sogar bis vors Haus. Doch bitte -ich euch, legt nur nicht zu gemächlich die Hände auf den Rücken und -springt mir nicht zu unbedacht herum, denn unsere Landstraßen sind nicht -so glatt wie die vor euren feinen Häusern. Als Foma Grigorjewitsch vor -zwei Jahren aus Dikanka hinausfuhr, geriet er mit seinem Wägelchen -mitsamt dem vorgespannten Braunen in den Graben, obwohl er selbst die -Zügel führte und sich zu seinen eignen Augen noch manchmal gekaufte -aufsetzte. - -Wenn ihr nun aber doch zu Gaste kommt, so sollt ihr solche Melonen -kriegen, wie ihr sie euer Lebtage noch nicht gegessen habt; und besseren -Honig, das schwör' ich euch, werdet ihr auf keinem Vorwerk finden: -stellt euch vor, wenn man so eine Wabe hereinbringt, da strömt euch ein -Geruch durchs ganze Zimmer -- es läßt sich gar nicht ausdenken, was für -ein Geruch! Klar wie eine Träne oder wie teures Kristall, das man in den -Ohrringen trägt! Und was für Pasteten euch meine Alte vorsetzt! Was für -Pasteten! Wenn ihr das wüßtet: Zucker, der reine Zucker! Und die Butter -läuft einem beim Essen nur so über die Lippen. Es ist nicht zu glauben, -was diese Weiber alles können! Habt ihr schon je Birnenmost mit -Schlehdornbeeren gekostet, meine Herren? Oder Bier mit Rosinen und -Pflaumen? Oder Gekröse in Milch? O Gott, was es alles für Gerichte in -der Welt gibt! Man kann kaum genug bekommen. O, es ist ein Genuß: zum -Fingerablecken! Im vergangenen Jahr ..... Aber was schwatz' ich da -zusammen ..... kommt nur, kommt recht bald; ihr sollt so bewirtet -werden, daß ihr's ganz sicher weit und breit erzählen werdet. - - _Rotfuchs Panjko_. - Bienenzüchter. - - - - - Der Jahrmarkt in Sorotschintzy - - - I. - - Trüb wird mir in dieser Hütte, - O so führ mich aus dem Haus! - Führ mich hin zu Lärm und Braus, - Dorthin, wo die Mädel springen - Und die Burschen Gläser schwingen! - - Aus einer alten Legende. - -Wie köstlich und erquickend ist doch ein Sommertag in Kleinrußland! Wie -schmachtend heiß sind jene Stunden, da der Mittag in Stille und Glut -erstrahlt, der unermeßliche blaue Ozean wie eine Kuppel der Wollust über -der Erde hängt und wie ein Schlafender, ganz versunken in Wonne, seine -luftigen Arme um die Schöne schlingt! Keine Wolke steht am Himmel, kein -Laut ist im Felde zu hören. Alles liegt da wie tot; nur oben in der -Tiefe des Himmels schwirrt eine Lerche, silberne Lieder fliegen die -luftigen Stufen herab zur verliebten Erde, und ab und zu hallt der -Schrei einer Möve oder der gellende Ruf einer Wachtel durch die Steppe. -Träg und allen Denkens bar, wie Lustwandelnde ohne Ziel, stehen bis zu -den Wolken ragend die Eichen, und die blendende Glut der Sonnenstrahlen -entzündet ganze Haufen von Laub, die malerisch daliegen, während sie -andere in nachtschwarze Schatten hüllt, die nur bei starkem Winde wie -Gold aufleuchten. Smaragde, Topase und Saphire ätherischer Insekten -regnen auf die bunten Farben der Gärten herab, die von steilen -Sonnenblumen geschirmt werden. Graue Heuschober und goldene Garben malen -ein Kriegslager auf das Feld und wandern weit hinaus über den -unermeßlichen Raum. Breite Zweige, die unter der Schwere der Früchte -herabsinken, Kirschbäume, Pflaumen, Äpfel, Birnenbäume; der klare Himmel -und sein heller Spiegel, der Fluß in grünem, stolz erhöhten Rahmen ..... -wie voll Wonne und Lust ist doch der kleinrussische Sommer! - -In solcher Pracht erglänzte einer der heißen Augusttage des Jahres -achtzehnhundert ..... achtzehnhundert .... es werden wohl etwa dreißig -Jahre her sein, -- da die Straße schon zehn Werst vorm Städtchen -Sorotschintzy ganz schwarz von wimmelndem Volke war, das von allen nahen -und fernen Vorwerken der Umgebung auf den Jahrmarkt eilte. Seit dem -frühen Morgen zog sich eine endlose Reihe Wagen mit Salz und Fisch -dahin. Ganze Berge von Töpfen, die in Stroh gewickelt waren, schwankten -langsam hin und her und schienen sich höchlich zu langweilen über das -Dunkel ihrer Verkerkerung; nur stellenweise guckte eine buntbemalte -Schüssel oder ein tönerner Mörser prahlerisch unter dem hoch überm Wagen -aufgespannten Schutznetz hervor und lenkte die entzückten Blicke aller -Verehrer von Prunk und Luxus auf sich. Viele von den Vorübergehenden -blickten neidisch auf den hochgewachsenen Töpfer, den Besitzer dieser -Kostbarkeiten, der langsamen Schrittes hinter seiner Ware einherging, -und seine tönernen Gecken und Koketten sorgfältig in das ihnen so -verhaßte Stroh einwickelte. - -Ein einsamer Wagen schleppte sich abseits hinter müden Ochsen einher. Er -war mit Säcken, Hanf, Flachs und allerhand Häuslichkeit beladen, und -hinter ihm trollte sich der Besitzer in reinem Leinwandhemd und -schmutzigen Hosen einher. Mit träger Hand wischte er den herabrieselnden -Schweiß vom braunen Gesicht und dem langen Schnurrbart, der von jenem -unerbittlichen Barbier gepudert war, der ebenso ungerufen, zum schönsten -Mädchen wie zum Krüppel kommt und seit Tausenden von Jahren das ganze -menschliche Geschlecht wider seinen Willen mit Puder bestreut. An der -Seite des Mannes trottete eine an den Wagen gebundene Stute, deren -demütiges Äußere ihr hohes Alter bezeugte. Viele Fußgänger, besonders -die jungen Burschen, griffen an ihre Mütze, wenn sie den Bauer -einholten. Allein es war weder sein Schnurrbart, noch sein stolzer Gang, -was sie zu diesem Gruße veranlaßte; man brauchte nur die Augen etwas zu -heben, um den Grund dieser Hochachtung wahrzunehmen: Oben auf dem Wagen -saß sein hübsches Töchterlein mit rundem Gesichtchen, schwarzen -Augenbrauen, die sich wie steil geschwungene Bögen über den hellgrauen -Augen abzeichneten, und sorglos lächelnden rosigen Lippchen; sie hatte -den Kopf mit roten und blauen Bändern umwunden, die zusammen mit den -langen Zöpfen und einem Strauß aus Feldblumen wie eine prächtige Krone -auf ihrem entzückenden Köpfchen ruhten. Alles schien sie zu locken; -alles war ihr so seltsam neu .... Und die hübschen Äuglein sprangen -unablässig von einem Ding zum anderen hinüber. Wie sollten sie auch -nicht! War sie doch zum ersten Male auf dem Jahrmarkt! Ein Mädchen von -achtzehn Jahren und das erstemal auf dem Jahrmarkt! ..... Aber keiner -der Vorbeiziehenden und Vorüberwandernden konnte wissen, wieviel Mühe es -sie gekostet hatte, ihren Vater zu erweichen, der es ja von Herzen gern -getan hätte, wäre nicht die böse Stiefmutter dagewesen. Die verstand's -nämlich, ihn ebenso geschickt zu lenken, wie er seine alte Stute, die er -jetzt am Zügel hielt und nach langem Dienste zum Verkauf mit sich -führte. Diese ruhelose Ehegattin ..... Aber wir haben ganz vergessen, -daß sie ja auch da oben auf dem Wagen dasaß in einer schmucken, grünen -Wolljacke, auf die, wie beim Hermelin, kleine Schwänzchen aufgenäht -waren; allerdings waren es nur solche von roter Farbe. Das reiche Tuch -sah fast so bunt aus wie ein Schachbrett, und das bunte baumwollene -Häubchen verlieh ihrem hübschen runden Gesicht eine ganz besondere -Würde. Aber ihre Züge hatten etwas so Unangenehmes und Wüstes an sich, -daß jeder sich sofort beeilte, seinen erschreckten Blick dem heiteren -Gesichtchen der Tochter zuzuwenden. - -Doch jetzt leuchtete vor den Augen unserer Reisenden bereits der -Psjoll-Fluß auf; schon wehte aus der Ferne eine frische Kühle herüber, -die nach der ermattenden, zehrenden Hitze um so deutlicher spürbar war. -Durch das Dunkel und Hellgrün des Laubs schwarzer und schlanker Pappeln -und Birken, die hie und da auf der Wiese verstreut waren, leuchteten -feurige in schattige Kühle gehüllte Funken auf, und der Strom entblößte -blitzend, wie ein schönes Weib, seine silberne Brust, auf die die -dichten grünen Locken der Bäume üppig herabsanken. - -In jenen köstlichen Stunden, wo der treue und beneidenswerte Spiegel den -stolzen und blendenden Glanz von des Flusses Stirn, seine lilienweißen -Schultern und seinen Marmorhals, der von einer dunkel vom blonden Haupte -fallenden Flut überschattet ist, in sich aufnimmt, wo der Strom -verächtlich den einen Schmuck von sich streift, um ihn durch einen -anderen zu ersetzen, und seine Launen kein Ende finden wollen, -- in -diesen Stunden wechselt er mutwillig, wie er ist, fast jedes Jahr seine -Umgebung, wählt sich einen neuen Weg und umgibt sich mit neuen, -mannigfaltigen Landschaften. Die langen Reihen der Mühlen hoben die -breiten Wellen auf ihre schweren Räder und warfen sie mächtig zurück, -zerstäubten sie, ließen sie über die ganze Umgebung herabsprühen und -erfüllten ringsherum alles mit Lärm. Um diese Zeit fuhr der Wagen mit -den uns schon bekannten Passagieren über die Brücke, und nun streckte -sich vor ihnen der Strom in seiner ganzen Pracht und Schönheit hin, wie -eine riesige Fläche von Glas. Der Himmel, die grünen und blauen Wälder, -die Menschen, die Wagen mit den Töpfen, die Mühlen -- alles schien -umgestürzt, zog vorüber und stand auf dem Kopfe, ohne doch in den -schönen, blauen Abgrund herabzufallen. Das schöne Mädchen wurde bei der -Herrlichkeit der Aussicht ganz nachdenklich und vergaß sogar, an ihren -Sonnenblumenkernen zu knabbern, was sie während des ganzen Weges getan -hatte, als ihr auf einmal die Worte: »Ei was für ein Mädel!« ans Ohr -drangen. Sie schaute sich um und sah auf der Brücke einen Haufen -Burschen stehen, deren einer etwas feiner gekleidet war als die anderen; -er hatte eine weiße Bluse an und eine graue Lammfellmütze auf dem Kopf, -stützte die Hände auf die Hüften und sah sich keck die Vorüberfahrenden -an. Die Schöne konnte ihn unmöglich nicht bemerken, ihr Blick streifte -sein braungebranntes, doch angenehmes Gesicht und seine feurigen Augen, -die sie gleichsam durchbohren wollten, aber sie senkte ihn wieder bei -dem Gedanken, das Wort, das sie vernommen hatte, sei von ihm gekommen. -»Ein prächtiges Mädel!« fuhr der Bursch in der weißen Bluse fort, ohne -seine Augen von ihr abzuwenden. »Ich würde mein ganzes Hab und Gut darum -geben, wenn ich sie einmal küssen könnte. Aber da vorne sitzt der -Teufel!« Von allen Seiten erhob sich Gelächter, allein der geputzten -Gefährtin des langsam voranschreitenden Gemahls war diese Begrüßung doch -zu stark: ihre roten Backen wandelten sich in lauter Feuer, und eine -Salve ausgesuchter Flüche regnete auf den Kopf des ausgelassenen Jungen -herab: - -»Daß du erstickst, nichtsnutziger Kerl! Ein Topf möge deinem Vater den -Schädel einschlagen! Er soll sich auf dem Eise die Beine brechen, der -verdammte Antichrist! Möge ihm doch der Teufel in jener Welt den Bart -verbrennen!« - -»Was die nur schimpfen kann,« sagte der Bursche die Frau anstarrend und -gleichsam verblüfft durch dies Geknatter unerwarteter Begrüßungen: »Daß -der hundertjährigen Hexe bei solchen Worten nicht die Zunge weh tut!« - -»Hundertjährig! ....« fiel die alte Schöne ein. »Du Heidendreck, geh, -wasch dich mal zuerst! So ein unnützer Tunichtgut! Ich habe deine Mutter -nie gesehen, aber das weiß ich, daß sie nichts taugt! Auch dein Vater -ist ein Nichtsnutz, und deine Muhme ist es auch! ...... Hundertjährig! -..... Der ist ja noch grün hinter den Ohren ...« - -Hier begann der Wagen von der Brücke herunterzufahren, und man konnte -die letzten Worte nicht mehr hören; aber der Bursche wollte offenbar -noch nicht Schluß machen: ohne sich lange zu besinnen, packte er einen -Haufen Schmutz und warf ihn hinter ihr her. Der Wurf war geschickter, -als man erwarten konnte: das ganze neue baumwollene Häubchen wurde mit -Dreck bespritzt, und so das Gelächter der ausgelassenen Windbeutel nur -noch doppelt angefacht. Die wohlbeleibte Kokette entbrannte vor Zorn; -aber der Wagen war schon ziemlich weit davongefahren, und ihre Rache -sprang auf die unschuldige Stieftochter und den langsamen Ehemann über, -der, schon lange an solche Vorkommnisse gewöhnt, hartnäckig Schweigen -bewahrte und die tobenden Reden der erzürnten Gemahlin kaltblütig -aufnahm. Trotzdem knarrte und zappelte ihre unermüdliche Zunge so lange -im Munde herum, bis sie endlich in der Vorstadt, bei ihrem alten -Bekannten und Gevatter, dem Kosaken Zybulja, dem »Zwiebelmann«, -anlangten. Die Begegnung mit den Gevattersleuten, die sie lange nicht -mehr gesehen hatten, verscheuchte für eine Zeitlang die Erinnerung an -diese unangenehme Begebenheit aus ihrem Kopfe. Sie sprachen erst ein -wenig über den Jahrmarkt und ruhten sich dann von der langen Reise aus. - - - II. - - Ach du lieber Herrgott! Was gibt es nicht alles auf - diesem Jahrmarkt! Räder, Glas, Teer, Tabak, Riemen, - Zwiebel, Ware aus aller Welt ..... Und wenn man - selbst dreißig Rubel in der Tasche hätte, man - könnte noch lange nicht den ganzen Jahrmarkt - aufkaufen. - - Aus einem kleinrussischen Schwank. - -Ihr habt wohl schon einmal einen Wasserfall in der Ferne sich -herabwälzen hören? Die aufgestörte Gegend ist voller dröhnenden Getöses, -und ein Chaos wundersamer und unbestimmter Geräusche braust im Wirbel an -euch vorüber. Nicht wahr? Es sind dieselben Empfindungen, die euch -plötzlich im Trubel eines ländlichen Jahrmarktes erfassen, wenn das -ganze Volk zu einem riesigen Ungeheuer zusammenwächst und sich mit -seinem riesigen Leibe über den Platz und durch die engen Straßen -schiebt, schreit, johlt und tobt. Lärmen, Schimpfen, Meckern, Blöken, -Brüllen -- alles verschmilzt zu einem verwirrenden Mißklang. Stiere, -Säcke, Strohbündel, Zigeuner, Geschirr, Weiber, Lebkuchen, Mützen -- all -dies Grelle, Bunte, Mißklingende wühlt und wimmelt haufenweise herum und -schwirrt einem vor den Augen. Vielstimmige Reden verschlingen einander, -und in dieser Sintflut läßt sich kein Wort retten und ist kein Ruf mehr -deutlich zu vernehmen. Der Handschlag der Händler beim Kaufe ist noch -das einzige, was man auf allen Seiten des Jahrmarktes hört. Wagen -krachen, Eisenstangen klirren, Bretter fallen lärmend zur Erde nieder, -und der schwindelnde Kopf weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Unser -zugereister Bauer mit dem schwarzbrauigen Töchterchen drückte sich schon -lange unter dem Volk herum: bald trat er an einen Wagen heran, bald -befühlte er den anderen und fragte nach den Preisen, unterdessen aber -kreisten seine Gedanken unaufhörlich um die zehn Säcke Weizen und die -alte Stute, die er zum Verkauf mitgebracht hatte. Aus dem Gesichte -seiner Tochter konnte man ersehen, daß es ihr nicht besonders angenehm -war, neben dem mit Mehl und Weizen beladenen Wagen herumlungern zu -müssen. Sie hätte lieber dahin gewollt, wo unter Leinwandzelten rote -Bänder, Ohrringe, Kreuze von Zinn und Messing und Schmuckdukaten kokett -aufgehängt waren. Aber auch hier fand sie viel Dinge zu beobachten: es -ergötzte sie höchlich, wie ein Zigeuner und ein Bauer einander den -Handschlag gaben und dabei selbst vor Schmerz aufschreien mußten; wie -ein betrunkener Jude einem Frauenzimmer von hinten Püffe versetzte; wie -zankende Händlerinnen einander mit Schlägen und Schimpfworten -überschütteten; wie ein Moskowiter sich mit der einen Hand sein -Ziegenbärtchen strich und mit der anderen ...... Aber da fühlte sie, wie -sie jemand am gestickten Ärmel zupfte. Sie wandte sich um -- und der -Bursche im weißen Kittel und mit den hellen Augen stand vor ihr. Sie -erbebte, ihr Herz schlug so heftig, wie es noch nie, bei keiner Freude -und keinem Schmerz geschlagen hatte: Wunderlich und lieblich zugleich -ward ihr zumute, und sie konnte sich selbst nicht erklären, was mit ihr -geschah. - -»Fürchte dich nicht, Herzchen, fürcht' dich nicht!« sprach er halblaut -zu ihr und ergriff ihre Hand: »Ich will dir nichts Schlimmes sagen!« - -»Es mag schon sein, daß du mir nichts Schlimmes sagen willst,« dachte -die Schöne bei sich, »aber mir ist so wunderlich zumute ... das ist -sicher der Satan! Ich weiß ja selbst, daß sich's nicht schickt ... aber -mir fehlt die Kraft, meine Hand fortzuziehen.« - -Der Bauer drehte sich um und wollte seiner Tochter etwas sagen, aber da -hörte er plötzlich aus nächster Nähe das Wort: »Weizen!« fallen. Dieses -magische Wort veranlaßte ihn im Nu, sich an zwei laut miteinander -sprechende Handelsmänner zu wenden, und seine Aufmerksamkeit konnte nun -durch nichts mehr abgelenkt werden. Die Handelsmänner unterhielten sich -über den Weizen und sprachen folgendermaßen. - - - III. - - Schau, was für ein Kerl da steht! - So gibt's wenige auf der Welt. - Schnaps säuft der wie süßen Meth! - - Kotljarewski »Äneas«. - -»Du glaubst also, daß unser Weizen sich schlecht verkaufen wird, -Landsmann,« sagte der eine Mann, nach seinem Äußeren zu urteilen ein -zugereister Kleinbürger, in geteerten, fettigen und fleckigen -Hanfleinwandhosen, offenbar der Bewohner irgendeines winzigen -Städtchens, zu dem anderen, der einen blauen, stellenweise etwas -geflickten Kittel trug, und dessen Stirn eine riesige Beule schmückte. - -»Was soll ich da groß von denken: ich will mir 'ne Schlinge um den Hals -legen und an diesem Baum hier hin und her baumeln wie die Wurst vor -Weihnachten in der Stube, wenn wir auch nur ein Maß verkaufen!« - -»Was schwatzst du da, Landsmann? Wir sind doch hier die einzigen -Weizenleute,« erwiderte der Mann mit den Leinwandhosen. - -»Ihr könnt reden, was ihr wollt!« dachte der Vater unserer Schönen, der -sich kein Wort vom Gespräch der beiden Handelsleute entgehen ließ: »Ich -habe meine zehn Säcke im Vorrat!« - -»Das stimmt ja, aber wenn der Teufel sich ins Spiel mischt, richtet man -gerad so viel aus, wie bei einem hungrigen Moskowiter,« sprach der Mann -mit der Beule auf der Stirn bedeutungsvoll. - -»Was für ein _Teufel_?« fragte der Mann mit den Leinwandhosen. - -»Hast du nicht gehört, was die Leute da reden?« fuhr der mit der Beule -auf der Stirne fort und sah ihn mit seinen mürrischen Augen von der -Seite an. - -»Nun?« - -»Nun? Was >nun<? Der Präsident -- möge er sich doch nach der Rahmspeise -die Lippen nicht mehr wischen können! -- Der Präsident hat einen ganz -verdammten Ort für den Jahrmarkt ausgesucht, auf dem wird man kein -Körnchen los, und wenn man platzt! Siehst du dort am Berge die -verfallene Scheune?« (Hier rückte der neugierige Vater unserer Schönen -noch näher und wurde ganz Ohr.) »In dieser Scheune treibt der Teufel -sein Spiel, und an diesem Ort verläuft kein Jahrmarkt ohne Unglück. -Gestern geht da spät abends der Gemeindeschreiber vorbei und plötzlich -sieht er -- aus der Luke ein Schweinemaul herausgucken: das grunzte so, -daß es ihn ganz kalt überlief. Bald wird uns noch der _rote Kittel_ -heimsuchen.« - -»Was für ein _roter Kittel_?« - -Hier sträubten sich unserem aufmerksamen Zuhörer die Haare. Voller Angst -drehte er sich um und sah, wie sein Töchterchen und der Bursche ruhig -dastanden, sich umarmt hielten, ein Liebesliedchen sangen und alle -Kittel der Welt vergessen hatten. Das zerstreute seine Angst und gab ihm -seine frühere Sorglosigkeit wieder. - -»Hehe! Landsmann! Du verstehst dich aber aufs Küssen! Ich habe es erst -drei Tage nach der Hochzeit gelernt, meine selige Chwesjka zu küssen, -und auch das nur dank dem Gevatter: der hat's mich als Brautführer -gelehrt!« - -Der Bursche merkte sofort, daß der Vater seiner Liebsten da stand, und -begann in Gedanken Pläne zu schmieden, wie er ihn für sich gewinnen -könne. - -»Du bist sicher ein guter Mensch, du kennst mich zwar nicht, aber ich -habe dich gleich erkannt!« - -»Kann schon sein.« - -»Wenn du willst, kann ich dir deinen Vor- und Zunamen nennen und dir -auch alles andere sagen: du heißt Solopi Tscherewik!« - -»Stimmt!« - -»Sieh mich mal recht an, erkennst du mich nicht wieder?« - -»Nein. Nimm's mir nicht übel, ich erkenne dich nicht! Ich habe mein -Lebtage so viel Fratzen gesehen, daß nur der Teufel sich auf alle -besinnen könnte!« - -»Schade, daß du dich nicht mehr auf Golupupenkos Sohn besinnst!« - -»So bist du der Sohn des Achrim?« - -»Wer denn sonst? Bin ich etwa der kahlköpfige Satan?« - -Da faßten beide an die Mütze, und es begann ein gegenseitiges -Abschmatzen; Golupupenkos Sohn beschloß sofort, ohne viel Zeit zu -verlieren, seinen neuen Bekannten zu überfallen. - -»Sieh mal, Solopi, deine Tochter und ich, wir lieben uns und wollen -immer beieinander bleiben!« - -»Nun, Paraßka,« sagte Tscherewik zu seiner Tochter und lachte, -»vielleicht solltet ihr wirklich, wie man so sagt, gemeinsam ..... auf -einer Weide grasen! Nun, schlag ein! Trinken wir eins darauf, mein Herr -nagelneuer Schwiegersohn!« - -Und alle drei zogen miteinander zur wohlbekannten Jahrmarktsschenke -- -in die Bude des Judenweibes -- die mit einer zahlreichen Flotille von -Kruken und Flaschen jeder Art und jeden Alters angefüllt war. - -»Brav, brav -- alle Achtung!« rief Tscherewik lustig, als er sah, wie -sein künftiger Schwiegersohn sich ein Glas, das ein Viertelmaß faßte, -vollschenkte, es, ohne eine Miene zu verziehen, auf einen Zug -hinuntergoß und dann das Glas in Stücke schmiß. »Nun, was sagst du, -Paraßka? Was ich dir für einen Bräutigam ausgesucht habe! Schau, schau, -der säuft wie ein Held! ...« - -Und lachend und sich hin und her wiegend, schwankte er mit ihr bis zu -seinem Wagen. Unser Bursche strich die Budenreihen ab, vor denen sogar -Kaufleute aus Gadjatsch und Mirgorod, jenen beiden so berühmten Städten -des Gouvernements Poltawa, standen; er wollte sich eine Holzpfeife mit -Messingbeschlag, ein rotgeblümtes Tuch und eine Mütze kaufen; als -Hochzeitsgeschenke für den Schwiegervater und die anderen, wie es sich -nun einmal gehörte. - - - IV. - - Hältst dich wohl für einen Mann, - Aber rückt ein Weibsbild an, - Dann setzt's Senge ....... - - _Kotljarewski._ - -»He, Frauchen, ich habe einen Bräutigam für unsere Tochter gefunden!« - -»'s ist wohl gerad die rechte Zeit, sich einen Bräutigam zu suchen! Du -Dummkopf du, mußt wohl dein Leben lang ein Dummkopf bleiben! Wo hast du -gesehen oder wo hast du gehört, daß ein anständiger Mensch jetzt hinter -einem Bräutigam herläuft? Hättest du doch lieber daran gedacht, den -Weizen loszuwerden. Das wird ein schöner Bräutigam sein! Sicher ist's -der zerlumpteste aller Habenichtse!« - -»Ach was, davon ist keine Rede! Du solltest nur mal sehen, was das für -ein Bursche ist! Sein Kittel allein kostet mehr als deine grüne Jacke -und die roten Stiefel zusammengenommen. Und wie der großartig Schnaps -saufen kann! ..... Der Teufel hole mich mit dir zusammen, wenn ich je -gesehen habe, daß ein Bursche ein halbes Maß hinuntergießt, ohne mit der -Wimper zu zucken .....« - -»Ei freilich, also ein Trunkenbold und ein Landstreicher wie du! das -würde dir so passen! Ich möcht' darauf wetten, daß es derselbe Lümmel -ist, der uns auf der Brücke angerempelt hat. Schade, daß ich ihn bis -jetzt noch nicht erwischt habe -- ich hätte ihm schon was gezeigt!« - -»Und wenn's nun wirklich derselbe wäre, Chiwrja? Warum soll er denn ein -Lümmel sein?« - -»Warum soll er _kein_ Lümmel sein? Ach du hirnloser Schädel! So hör doch --- warum soll er denn kein Lümmel sein! Wo hattest du denn deine -kreuzdummen Augen versteckt, als wir an den Mühlen vorbeifuhren? So -einem Mann kann man wahrhaftig geradeswegs vor seiner, mit Tabak -beschmutzten Nase die eigene Frau beleidigen, und er kümmert sich nicht -drum!« - -»Ich kann nichts Schlimmes dabei sehen: der Junge ist großartig! -Höchstens, daß er dir die Fratze mit Mist vollgekleistert hat!« - -»Aha! Ich sehe schon, du willst mich nicht mehr zu Worte kommen lassen! -Das wär' mir noch was Neues! Du hast wohl einen zu viel getrunken, noch -bevor du überhaupt etwas verkauft hast!« - -Unser Tscherewik merkte jetzt selbst, daß er in seiner Rede zu weit -gegangen war, und bedeckte schnell den Kopf mit den Händen, da er -annehmen mußte, daß die erzürnte Gattin es nicht unterlassen würde, ihre -ehelichen Tatzen in sein Haar zu krallen. - -»Den Teufel auch, da hast du deine Hochzeit!« dachte er bei sich, -während er die heftig vordringende Gattin abwehrte. »Ich werde dem -lieben Kerl ohne allen Grund eine Absage erteilen müssen. Himmel, -Herrgott! Wofür strafst du uns arme Sünder so? Es gibt doch schon soviel -Unrat, mußtest du auch noch die Weiber in die Welt setzen.« - - - V. - - Bäumlein, Bäumlein, bück dich nicht, - Weil du noch zu fein bist! - Sei nicht bös, Kosakenbursch, - Weil du noch zu klein bist! - - Kleinrussisches Lied. - -Zerstreut saß der Bursch im weißen Kittel neben seinem Wagen und blickte -auf das rings um ihn dumpf rauschende Volk. Die müde Sonne, die Morgen -und Mittag ruhig über den Himmel dahingeglüht hatte, verließ nun die -Welt, und der erlöschende Tag bemalte sich in berückender Helligkeit mit -rotem Gold. Blendend blitzten die Spitzen der weißen Zelte und Buden, -von einem kaum merkbaren feurig rosigen Glanz überstrahlt; die Scheiben -des zu Haufen aufgestapelten Fensterglases glühten; die grünen Flaschen -und die Gläser auf den Tischen der Schankweiber verwandelten sich in -Feuer; die Berge von Kürbissen und Melonen schienen aus Gold und dunklem -Kupfer gegossen zu sein. Die Gespräche wurden merkbar leiser und -dumpfer, und die müden Zungen der Händler, Bauern und Zigeuner regten -sich träger und langsamer. Irgendwo glomm ein Feuerchen auf, und ein -würziger Dampf von gekochten Klößen verbreitete sich in den immer -stiller werdenden Gassen. - -»Was sinnst du, Grytzko?« rief ein hochgewachsener brauner Zigeuner, und -schlug unserem Burschen auf die Schulter. »Also gibst du die Bullen für -zwanzig her?« - -»Du denkst an nichts als an Bullen und wieder Bullen! Ihr Leute wollt -nur immer Geschäfte machen und einen ehrlichen Menschen übers Ohr -hauen!« - -»Pfui Teufel! Im Ernst, bei dir rappelt's wohl! Vielleicht gar aus -Ärger, daß du dir selbst eine Braut zugelegt hast?« - -»Nein, so bin ich nicht: ich halte mein Wort. Was ich einmal getan habe, -das bleibt ewig bestehn. Aber dieser alte Knaster, der Tscherewik, hat -auch nicht für einen halben Heller Gewissen: erst versprochen, dann -gebrochen .... Na, ihm kann man keine Schuld geben: der ist ein Klotz -und nichts weiter. Das sind alles die Streiche der alten Hexe, die wir -Jungen heut auf der Brücke so recht nach Noten ausgeschimpft haben. Ach, -wenn ich ein König oder ein großer Herr wäre, ich wär' der erste, der -alle die Dummköpfe an den Galgen brächte, die sich von Weibern in die -Kandare nehmen lassen ....« - -»Gibst du uns die Bullen für zwanzig, wenn wir Tscherewik zwingen, dir -Paraßka zu geben?« - -Ganz erstaunt blickte ihn Grytzko an. Die braunen Züge des Zigeuners -hatten etwas Boshaftes, Grausames, Niedriges und zugleich Hochmütiges an -sich: jeder, der ihn ansah, mußte gestehen, daß in dieser seltsamen -Seele große Gefühle brodelten, für die es jedoch nur einen Lohn auf -Erden gibt -- den Galgen. Den Mund, der zwischen der Nase und dem -spitzen Kinn wie eingefallen erschien, umspielte ewig ein giftiges -Lächeln, kleine Augen, die lebhaft wie Feuer waren, und ein ewig -wechselndes Aufleuchten von Unternehmungen und Plänen im Gesicht, -- zu -alledem schien nur ein ganz besonderes Kostüm zu passen und zwar gerad -ein so sonderbares, wie er es trug. Dieser dunkelbraune Kaftan, der sich -bei der geringsten Berührung sicherlich in Staub verwandelt hätte; das -lang in Strähnen über die Schultern fallende Haar, die Schuhe an den -nackten braunen Füßen, -- all das schien mit ihm verwachsen zu sein und -seine eigentliche Natur auszumachen. - -»Nicht nur für zwanzig, ich geb' sie dir für fünfzehn, wenn du Wort -hältst!« antwortete der Bursche, ohne seine prüfenden Augen von ihm -abzuwenden. - -»Für fünfzehn? -- Gut! Paß auf und vergiß nicht: für fünfzehn! Hier hast -du einen Blauen als Handgeld!« - -»Und wenn du lügst?« - -»Wenn ich lüge, ist das Handgeld wieder dein!« - -»Gut! Also schlag ein!« - -»Nun gut, 's ist recht!« - - - VI. - - Welch ein Malheur: da seh ich Roman kommen, der - bringt mir gewiß Schlimmes, aber auch Sie, Herr - Choma, kriegen was ab! - - Aus einem kleinrussischen Schwank. - -»Hier, Afannassi Iwanowitsch! Da ist der Zaun etwas niedriger, steigt -nur hinüber und habt keine Angst: mein Tölpel ist mit dem Gevatter zu -den Wagen gegangen, um dort zu übernachten, damit die Moskowiter nichts -stibitzen!« - -So ermutigte Tscherewiks gestrenge Herrin freundlich den Popensohn, der -sich ängstlich an den Zaun quetschte. Eilig kletterte er hinauf und hing -lange und unschlüssig dort oben, wie ein hageres schreckliches Gespenst, -mit den Augen abmessend, wo er wohl am besten abspringen könne; endlich -plumpste er mit viel Lärm ins Gras. - -»O jemine! Habt Ihr Euch nicht weh getan? Habt Ihr Euch nicht am Ende, -was Gott verhüte, noch gar das Genick gebrochen?« jammerte Chiwrja -besorgt. - -»Pst! es ist nichts passiert, meine Liebe!« sprach der Popensohn -schmerzbewegt im Flüsterton, und sprang wieder auf die Füße: »abgesehen -von der Blessur durch die Nesseln, dieses schlangengleiche Kraut, wie -unser hochseliger weiser Protopope zu sagen pflegte.« - -»Kommt nur in die Stube, es ist niemand da. Ich habe schon gedacht, was -hat bloß mein Afannassi Iwanowitsch? am Ende hat er gar das Reißen oder -das Magendrücken, er kommt und kommt nicht! Wie geht es Euch? Ich habe -gehört, Euer Herr Vater hat jetzt mancherlei schöne Dinge bekommen!« - -»Ach, 'ne reine Kleinigkeit, Chawronja Nikiforowna: Väterchen hat -während der ganzen Fasten nur etwa fünfzehn Sack Korn, vier Sack Hirse -und etwa hundert Laib Brot bekommen; was die Hühner betrifft, so waren's -alles in allem höchstens fünfzig Stück; und die Eier waren zum größten -Teil faul. Wahrhaftig, gute Gaben sind nur von Euch zu erwarten, meine -Liebe!« fuhr der Popensohn fort, indem er sie süß ansah und näher -rückte. - -»Da sind meine Gaben, Afanassi Iwanowitsch!« sprach sie, während sie die -Schüsseln auf den Tisch stellte und geziert ihre Jacke zuknöpfte, die -wie zufällig aufgegangen war, »da sind Zuckerfrüchte, Weizenklöße, -Krapfen und Strizel!« - -»Ich wette darauf, daß dies hier die flinksten Hände aus Evas Geschlecht -hergerichtet haben!« sprach der Popensohn, indem er sich an die Strizel -machte und mit der anderen Hand die Krapfen zu sich heranzog. »Aber mein -Herz schmachtet nach einer anderen Speise, die süßer ist, als alle -Klößchen und Kräpfchen.« - -»Ich weiß nicht, was für eine Speise Ihr meint,« antwortete die -wohlbeleibte Schöne, die so tat, als ob sie nicht verstände. - -»Natürlich Eure Liebe, meine unvergleichliche Chiwrja!« sagte der -Popensohn im Flüsterton, indem er mit der einen Hand einen Krapfen -ergriff und die andere um ihre breiten Hüften legte. - -»Weiß Gott, was Ihr Euch nur alles ausdenkt, Afanassi Iwanowitsch,« -sagte Chiwrja, schämig die Augen senkend. »Am Ende wollt Ihr mich gar -noch küssen!« - -»Was das anbetrifft, so will ich Euch sagen,« fuhr der Popensohn fort, -»als ich gewissermaßen noch auf dem Seminar war -- ich erinnere mich -noch als wär' es heute, da ....« - -Hier wurde auf dem Hof ein Bellen laut, und jemand klopfte ans Tor. -Chiwrja lief eilig hinaus und kam ganz bleich zurück. - -»Wir sind verloren, Afanassi Iwanowitsch: ein ganzer Haufen Leute klopft -ans Tor, und ich glaube, ich habe die Stimme des Gevatters gehört ....« - -Der Krapfen blieb dem Popensohn im Halse stecken .... Seine Augen -quollen heraus, als ob eine Erscheinung aus jener Welt ihm soeben ihre -Visite abgestattet hätte. - -»Kriecht hier herauf!« rief die erschrockene Chiwrja und zeigte auf die -Bretter, die dicht unter der Stubendecke über zwei Balken angebracht -waren, und auf denen allerlei Hausgerümpel herumlag. - -Die Gefahr verlieh unserem Helden Mut. Er kam wieder zur Besinnung, -sprang auf die Ofenbank und kletterte von dort vorsichtig auf die -Bretter; unterdessen lief Chiwrja ganz außer sich ans Tor, denn das -Klopfen wiederholte sich mit immer größerer Kraft und Ungeduld. - - - VII. - - Das ist ja ein Wunder, mein Herr! - - Aus einem kleinrussischen Schwank. - -Auf dem Jahrmarkt hatte sich ein sonderbares Ereignis zugetragen: alles -war von dem Gerüchte erfüllt, daß irgendwo unter den Waren der _rote -Kittel_ aufgetaucht sei. Die Alte, die Brezeln verkaufte, behauptete, -den Satan in Gestalt eines Schweines gesehen zu haben, das unaufhörlich -unter den Wagen umherschnüffelte, als ob es da irgend etwas suchte. Das -Gerücht verbreitete sich schnell an allen Ecken und Enden des nun schon -stillen Lagers, und jeder hätte es für ein Verbrechen gehalten, nicht -daran zu glauben, obgleich die Brezelverkäuferin, die ihren Stand neben -der Bude des Schankweibes aufgeschlagen hatte, den ganzen lieben Tag -ohne jeglichen Grund Verbeugungen machte und mit den Füßen ähnliche -Linien beschrieb wie ihre leckere Ware. Dazu kamen noch die -übertriebenen Gerüchte von dem Mirakel, das der Gemeindeschreiber -angeblich nachts in der verfallenen Scheune gesehen hatte, so daß sich -alle, als es Nacht wurde, eng aneinander drängten; die Ruh war gestört, -und die Angst ließ keinen ein Auge zutun. Die, welche ein Nachtlager in -den Häusern haben konnten und nicht sehr wagemutig waren, zogen unter -Dach und Fach. Zu diesen letzteren gehörten auch der Gevatter und -Tscherewik mit seiner Tochter, die zusammen mit den Gästen, welche -ebenfalls ins Haus drängten, das Gepolter verursacht hatten, das unsere -Chiwrja so sehr erschreckte. Der Gevatter hatte schon etwas geladen. Das -konnte man daraus ersehen, daß er bereits zweimal mit dem Wagen den Hof -abgefahren hatte, bevor er sein Haus fand. Die Gäste waren ebenfalls -alle schon sehr heiter und traten ganz ohne Umstände vor dem Wirt ins -Haus. Die Frau unseres Tscherewik saß wie auf Nadeln, als sie in allen -Ecken der Stube umherzuscharren begannen. - -»Nun, Frau Gevatter,« rief der eintretende Hausherr, »wirst du immer -noch vom Fieber geschüttelt?« - -»Ja, mir ist nicht wohl!« antwortete Chiwrja, unruhig auf die Bretter -unter der Decke blickend. - -»So, Frau, hole uns doch das Fäßchen dort vom Wagen!« sprach der -Gevatter zu seiner Frau, die mit ihm gekommen war, »wir wollen eins mit -den guten Leuten trinken, die verfluchten Weiber haben einem solche -Angst eingejagt, daß es einfach eine Schande ist! Bei Gott, Brüder, wir -sind ganz umsonst hierhergekommen!« fuhr er, aus dem Tonkrug schlürfend, -fort. »Ich setz' eine neue Mütze zum Pfand, daß die Weiber uns zum -besten gehalten haben. Und wenn es auch Satan wäre, -- was ist denn das, -der Satan? Spuckt ihm auf den Kopf! Wenn er, beispielsweise jetzt im -Augenblick hier vor mir erschiene: ich will ein Hundesohn sein, wenn ich -ihm nicht einen Nasenstüber versetze!« - -»Warum bist du denn auf einmal so bleich geworden?« rief einer der -Gäste, der alle anderen einen Kopf hoch überragte und sich stets als -Held aufspielte. - -»Ich? ..... Was fällt dir ein! Du träumst wohl!« - -Die Gäste lachten. Ein zufriedenes Lächeln glitt über das Gesicht des -prahlmutigen Helden. - -»Warum soll denn der bleich werden!« fiel da ein anderer ein: »seine -Backen blühen ja wie Mohn; jetzt sieht Zibulja nicht mehr wie eine -Zwiebel aus, sondern wie eine rote Rübe, oder richtiger wie der _rote -Kittel_ selbst, der die Leute so erschreckt hat!« - -Das Fäßchen wurde auf den Tisch gerollt und machte die Gäste noch -lustiger. Unser Tscherewik, der schon lange von dem Gedanken an den -_roten Kittel_ gequält wurde, und dessen neugieriger Geist keinen -Augenblick Ruhe fand, machte sich an den Gevatter heran. - -»Sag mir doch, Gevatter, sei so gut, ich frage und frage und kann's -nicht herausbekommen, was für eine Bewandtnis es mit dem verdammten -_Kittel_ hat!« - -»He, Gevatter! Das sollte man eigentlich nicht zur Nacht erzählen; aber -um dir einen Gefallen zu tun und den guten Leuten da (dabei wandte er -sich zu den Gästen), die, wie ich merke, die Geschichte genau so wie du -kennen lernen wollen -- Meinetwegen, also hört!« - -Er kratzte sich die Schulter, wischte sich am Rockschoß ab, legte beide -Arme auf den Tisch und begann: - -»Einst wurde -- ob er nun etwas verschuldet hatte oder nicht, das weiß -ich bei Gott nicht -- ein Teufel aus der Hölle gejagt .....« - -»Wieso denn, Gevatter?« unterbrach ihn Tscherewik. »Wie ist das bloß -möglich, daß ein Teufel aus der Hölle gejagt wird?« - -»Was kann man da machen, Gevatter! Man jagt ihn heraus und fertig! -- -wie ein Bauer seinen Hund aus der Stube jagt. Vielleicht hatte ihn die -Lust überkommen, eine gute Tat zu tun: nun, da hat man ihn eben -hinausgeworfen. Da ward dem armen Teufel so bang zumute, und er begann -sich so nach der Hölle zu sehnen, daß er sich am liebsten aufgehängt -hätte. Was war zu machen? Vor Kummer warf er sich aufs Saufen, er -nistete sich in der verfallenen Scheune ein, die du dort am Berge -gesehen hast, und an der jetzt kein guter Mensch vorübergeht, ohne -vorher das Zeichen des heiligen Kreuzes zu machen, und der Teufel wurde -zu so einem Säufer, wie man ihn selbst unter den Burschen kaum finden -kann: vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er nur immer in der -Schenke ......« - -Hier unterbrach der gestrenge Tscherewik wiederum unseren Erzähler: - -»Gott, was du da redest, Gevatter! Wie ist denn das möglich, daß jemand -den Teufel in die Schenke hineinläßt? Er hat doch, Gott sei gelobt, -Krallen an den Tatzen und Hörner auf dem Kopf.« - -»Das ist's ja eben! er hatte eine Mütze aufgesetzt und Däumlinge -angezogen. Wie sollte man ihn da wohl erkennen? Er fing an, ein lustiges -Leben zu führen und endlich kam es so weit, daß er alles versoffen -hatte, was er bei sich trug. Der Schankwirt gab ihm längere Zeit Kredit, -aber endlich hörte er damit auf. Da war der Teufel gezwungen, seinen -roten Kittel fast für ein Drittel des Wertes bei dem Juden zu versetzen, -der damals auf dem Jahrmarkt zu Sorotschintzy den Schnapsausschank in -Besitz hatte. Er versetzte ihn also und sprach: »Gib acht, Jude, genau -nach einem Jahre hole ich mir den Kittel wieder, heb ihn wohl auf!« -- -und weg war er, wie in die Erde gesunken. Der Jude sah sich den Kittel -genau an: solches Tuch war in Mirgorod nicht zu bekommen, und die rote -Farbe brannte wie Feuer, daß man sich an ihr gar nicht satt sehen -konnte. Nun wurde es dem Juden aber zu viel, den Termin abzuwarten. Er -kratzte sich die Schläfenlöckchen, und nahm einem zugereisten Pan ganze -fünf Dukaten für den Kittel ab! denn den Termin hatte der Jude schon -längst vergessen. Einmal, so gegen Abend, kam da ein Mensch angerückt: -»Nun Jude, gib mir meinen Kittel!« Der Jude erkannte ihn zuerst nicht, -aber dann tat er so, als ob er ihn nie gesehen hätte: »Was für einen -Kittel? Ich weiß von keinem Kittel!« Jener ging seiner Wege, aber gegen -Abend, als der Jude, der seine Bude schon geschlossen und das Geld in -den Kästen gezählt hatte, ein Bettuch umnahm und nach Judenart zu Gott -zu beten anfing, -- da hörte er ein Geräusch .... Sieh da -- aus allen -Fenstern gucken Schweineschnauzen herein .....« - -Hier wurde tatsächlich ein undeutlicher Laut hörbar, der dem Grunzen -eines Schweines sehr ähnlich war; alle erbleichten ... Der Schweiß trat -dem Erzähler auf die Stirn. - -»Was gibt's!« fragte Tscherewik ganz erschrocken. - -»Es ist nichts!« .... antwortete der Gevatter, der am ganzen Leibe -zitterte. - -»Ah!« rief einer der Gäste. - -»Hast du was gesagt?« ...... - -»Nein!« - -»Wer hat da gegrunzt?« - -»Ach Gott, warum sind wir nur so erschrocken? Es war ja nichts!« - -Alle begannen sich scheu umzusehen und die Winkel abzusuchen. Chiwrja -war mehr tot als lebendig. »Ach was seid ihr doch für Weiber, was seid -ihr für Weiber!« rief sie laut aus: »Ihr wollt Kosaken und Männer sein! -Man sollte euch ein Spinnrad in die Hände geben und an den Rocken -setzen! Einem von euch ist wohl, mit Verlaub zu sagen, eine Sünde -entfahren, oder die Bank hat unter jemandem geknarrt, und ihr springt in -die Höhe, als ob ihr halb toll seid!« - -Das beschämte unsere Helden und gab ihnen neuen Mut. Der Gevatter -schlürfte aus dem Krug und erzählte weiter: »Der Jude war fast tot vor -Schreck; aber die Schweine krochen auf ihren Beinen, die so lang wie -Stelzen waren, in die Fenster, machten ihn im Nu mit dem dreischwänzigen -Kantschu wieder lebendig und ließen ihn höher springen, als dieser -Balken da oben ist. Der Jude fiel auf die Knie und gestand alles ein. -Aber der Kittel war nicht so schnell wieder zu finden. Der Pan war -unterwegs von einem Zigeuner bestohlen worden, der den Kittel an eine -Händlerin verkauft hatte. Die brachte ihn wieder auf den Jahrmarkt von -Sorotschintzy, aber von Stund an wollte niemand etwas bei ihr kaufen. -Die Händlerin wunderte sich lange Zeit, aber endlich kam sie der Sache -auf den Grund. Sicher hatte der rote Kittel an allem schuld; daher -fühlte sie auch immer, wenn sie ihn anzog, daß sie etwas drückte. Ohne -lange zu überlegen, warf sie ihn ins Feuer -- aber der Teufelsrock -wollte nicht brennen! .... »Ah so, das ist also ein Teufelsgeschenk!« -Die Händlerin war so klug, ihn einem Bauern unter den Wagen zu schieben, -der Butter zum Verkauf brachte. Der Dummkopf war hocherfreut, aber -niemand fragte mehr nach seiner Butter. »O weh, da haben mir böse Hände -den Kittel da unter den Wagen gesteckt!« Er ergriff eine Axt und hackte -ihn in Stücke; aber sieh da, ein Stück kriecht zum andern, und wieder -ist's ein ganzer Kittel! Er bekreuzigte sich, schlug noch mal darauf, -streute die Stücke auseinander und machte sich davon. Und seit jener -Stunde geht jedes Jahr, pünktlich zur Jahrmarktszeit, der Teufel in -Gestalt eines Schweines auf dem Platze um, grunzt und sucht die Stücke -seines Kittels zusammen. Jetzt soll ihm nur noch der linke Ärmel fehlen. -Die Leute hüten sich seitdem vor jenem Orte, und bald werden es zehn -Jahre sein, daß dort kein Jahrmarkt mehr gewesen ist. Da muß nun der -Böse den Präsidenten reiten, daß er gerade _hier_ den Jahr......« - -Die andere Hälfte des Wortes erstarb dem Erzähler auf den Lippen: -krachend sprang das Fenster auf; klirrend flogen die Scheiben herum, und -eine schreckliche Schweinsfratze erschien in der Öffnung, die Augen -rollend, als ob sie fragen wollte: »Was treibt ihr hier, ihr lieben -Leute?« - - - VIII. - - Dem Hunde gleich, dem man den Schwanz geklemmt, - So steht dies Jammerbild, wie Kain zitternd, - Und aus der Nase tropft Tabak aufs Hemd. - - Kotljarewski: »Äneas«. - -Entsetzen packte alle in der Stube. Der Gevatter saß offenen Mundes da -und schien zu Stein erstarrt; seine Augen krochen hervor, als ob sie -schießen wollten, und die Finger blieben regungslos in der Luft -gespreizt. Der lange Kerl, der so mutig getan hatte, sprang in -unverkennbarer Angst bis zur Decke und stieß mit dem Kopf gegen den -Balken; die Bretter klafften auseinander, und der Popensohn flog Knall -und Fall zu Boden. - -»Au! au! au!« schrie der eine verzweifelt, fiel entsetzt auf eine Bank -und zappelte mit Armen und Beinen. - -»Hilfe!« brüllte ein anderer und zog sich schnell seinen Pelz über die -Augen. - -Der Gevatter, den dieser zweite Schreck aus seiner Erstarrung geweckt -hatte, kroch, an allen Gliedern zitternd, seiner Ehefrau unter den Rock. -Der lange Maulheld kroch, trotz der kleinen Öffnung, in den Ofen und -schlug selbst die Klappe zu. Tscherewik stülpte sich, wie von brühheißem -Wasser begossen, statt der Mütze einen Topf über den Kopf, stürzte zur -Tür hinaus und rannte besinnungslos, ohne auf den Weg zu achten, wie ein -Wahnsinniger durch die Straßen; erst die Ermüdung zwang ihn, seinen -schnellen Lauf zu hemmen. Sein Herz ratterte wie eine Mühlenstampfe, und -die Schweißtropfen rollten an ihm herunter wie die Hagelkörner. Ganz -erschöpft wäre er fast zu Boden gesunken, als er auf einmal hörte, wie -jemand hinter ihm herjagte .... Sein Atem stockte .... - -»Der Teufel! der Teufel!« schrie er ganz außer sich, seine Kräfte -verdreifachend, und einen Augenblick später stürzte er besinnungslos zu -Boden. - -»Der Teufel! der Teufel!« schrie es hinter ihm her: er hörte nur noch, -wie etwas lärmend auf ihn herabstürzte; aber da verließ ihn die -Besinnung, und er blieb wie der grausige Bewohner eines engen Sarges -stumm und reglos mitten auf dem Wege liegen. - - - IX. - - Vorne geht die Sache noch halbwegs, - Aber hinten ist's der ganze Teufel! - - Aus einem Volksmärchen. - -»Hörst du, Wlas!« sprach einer von den Leuten, die im Freien geschlafen -hatten, nachts aus dem Schlafe auffahrend. »Jemand in der Nähe hat hier ->Teufel< geschrien.« - -»Was geht mich das an?« brummte der neben ihm liegende Zigeuner, sich -räkelnd. »Mag er doch nach der ganzen Sippe schreien!« - -»Aber er hat doch so geschrien, als ob man ihn abwürgte!« - -»Was schreit ein Mensch nicht alles im Schlaf!« - -»Na, wie du meinst. Ich geh' nachsehen. Mach mal Feuer!« - -Der andere Zigeuner stand brummend auf, ließ ein paar Funken wie Blitze -vor sich aufstieben, blies den Zunder mit dem Munde an und ging mit -seinem Lämpchen in der Hand -- einer der üblichen kleinrussischen -Lampen, die aus einem zerbrochenen Scherben, der mit Hammelfett gefüllt -ist, bestehen -- die Straße hinunter. - -»Halt, hier liegt jemand! Komm her und leuchte mir!« - -Noch einige Menschen schlossen sich ihm an. - -»Was liegt da, Wlas?« - -»Es sieht ganz nach zwei Menschen aus: der eine liegt oben, der andere -unten; wer von ihnen der Teufel ist, weiß ich nicht!« - -»Wer liegt oben?« - -»Ein Frauenzimmer!« - -»Dann ist _das_ der Teufel!« - -Ein allgemeines Gelächter weckte fast die ganze Straße. - -»Ein Frauenzimmer ist auf einen Kerl raufgekrochen, na, die versteht das -Kutschieren!« sprach einer aus der herumstehenden Menge. - -»Seht doch bloß, Brüder!« sprach ein anderer und hob einen Scherben des -Topfes auf, von dem nur noch die eine Hälfte auf dem Kopfe Tscherewiks -ganz geblieben war. »Was der gute Mann sich für eine Mütze aufgesetzt -hat!« - -Der Lärm und das Gelächter, die immer mehr anschwollen, riefen unsere -beiden Toten wieder ins Leben zurück, Tscherewik und seine Frau, die -voll Entsetzen über den überstandenen Schreck, mit starrem Blick in die -braunen Gesichter der Zigeuner schauten. Beim unsicheren Flackern des -Lichts erschienen sie wie ein Haufen Gnomen, umhüllt von einem -unterirdisch schweren Qualm in der Finsternis einer tiefen Nacht. - - - X. - - Packe dich, Satansbrut! - - Aus einem kleinrussischen Schwank. - -Die Frische des Morgens wehte über der erwachten Stadt. Aus allen -Schloten stiegen Rauchsäulen der Sonne entgegen. Auf dem Jahrmarkt wurde -es wieder lebendig. Schafe blökten, Pferde wieherten, das Schnattern der -Gänse und der Händlerinnen erfüllte wieder das ganze Lager -- und die -schrecklichen Gerüchte vom _roten Kittel_, die in der geheimnisvollen -Stimmung der Dämmerstunde die Menschen in eine solche Angst versetzt -hatten, waren mit dem Heraufkommen des Morgens verschwunden. - -Gähnend und sich räkelnd schlummerte Tscherewik in der strohgedeckten -Scheune seines Gevatters unter Ochsen, Mehlsäcken und Weizen weiter und -schien gar keine Lust zu haben, sich von seinen Träumen zu trennen, als -er auf einmal eine Stimme vernahm, die ihm ebenso vertraut vorkam, wie -der gesegnete Ofen seiner Stube oder die Kneipe einer entfernten -Verwandten, die keine zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses -entfernt war, diese Zufluchtsstätten seiner großen Faulheit. - -»Steh auf! Steh auf!« knurrte die zärtliche Gattin, die ihn aus aller -Kraft am Arm zerrte, über seinem Ohre. - -Statt jeder Antwort blies Tscherewik die Backen auf und begann mit den -Armen zu fuchteln wie ein Trommelschläger. - -»Du verrückter Kerl!« schrie sie und prallte vor dem Schwung seiner -Hand, die ihr beinahe ins Gesicht gefahren wäre, zurück. - -Tscherewik erhob sich, rieb sich die Augen und sah sich um. - -»Hol' mich der Henker! Aber deine Fratze kam mir wie eine Trommel vor, -auf der ich den Zapfenstreich schlagen mußte, mein Täubchen. Akkurat wie -die Moskowiter! diese Schweinsfratzen, von denen der Gevatter sagt ....« - -»Laß das Tratschen! Geh, führ die Stute auf den Markt. Es ist einfach -zum Lachen. Wir sind auf den Jahrmarkt gekommen, und bisher ist noch -keine Handvoll Hanf verkauft ....« - -»Ja, Frauchen,« sagte Tscherewik, »jetzt wird man schön über uns -lachen!« - -»Geh, geh! Man lacht ohnehin über dich!« - -»Du siehst ja, ich habe mich noch nicht gewaschen!« fuhr Tscherewik -gähnend und sich den Rücken kratzend fort, um Zeit für seine Faulheit zu -gewinnen. - -»Du hast dir ja eine recht passende Zeit für deine Reinlichkeit gewählt! -Wann war sowas bei dir Sitte? Da ist ein Handtuch für dich, wisch dir -deine Fresse ab.« - -Sie ergriff etwas, das zu einem Knäuel geballt dalag, und -- schleuderte -es entsetzt von sich: es war der Ärmelaufschlag eines _roten Kittels_. - -»Geh schon, geh an deine Sachen!« wiederholte sie, bereits wieder -ermutigt, als sie sah, daß ihm vor Angst die Beine gelähmt waren und die -Zähne klapperten. - -»Das wird ja jetzt ein schönes Geschäft werden!« brummte er bei sich, -während er die Stute losband und sie auf den Platz führte. »Nicht ohne -Grund also lag mir's, als ich zu diesem verfluchten Jahrmarkt fuhr, so -schwer auf der Seele, als hatte mir jemand eine krepierte Kuh -aufgeladen; und die Ochsen sind ja auch zweimal von selbst mitten auf -dem Wege umgekehrt. Und da fällt mir ein, wir sind ja auch am Montag -abgereist. Da haben wir die Bescherung! .... Ein schöner Störenfried ist -mir dieser verdammte Teufel: Kann er nicht seinen Kittel ohne den einen -Ärmel tragen! Aber nein, er gönnt den Leuten ihre liebe Ruhe nicht. Wenn -ich beispielsweise, was Gott bewahre, der Teufel wäre, -- hätte ich mich -da um solch einen verfluchten Fetzen herumgetrollt?« - -Hier wurde unser Tscherewik durch eine fette und schrille Stimme in -seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm stand ein großer Zigeuner. - -»Was hast du zu verkaufen, guter Mann?« - -Der Händler blieb eine Weile stumm, sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an -und sagte dann mit ruhiger Miene, ohne stehen zu bleiben oder die Zügel -aus der Hand zu lassen: »Du siehst ja selbst, was ich zu verkaufen -habe!« - -»Riemen?« fragte der Zigeuner und blickte auf die Zügel in Tscherewiks -Hand. - -»Jawohl, Riemen -- wenn eine Stute 'nem Riemen ähnelt!« - -»Potztausend, Landsmann! Du hast sie wohl mit Stroh gefüttert!« - -»Mit Stroh?« - -Tscherewik wollte eben die Zügel anziehen, um seine Stute vorzuführen, -und den schamlosen Beleidiger Lügen zu strafen; aber seine Hand fuhr ihm -mit ungewöhnlicher Leichtigkeit ans Kinn. Was sah er! -- Die Zügel waren -durchgeschnitten, und daran gebunden sah man -- oh Entsetzen! Seine -Haare standen ihm zu Berge! -- den Ärmelfetzen eines _roten Kittels_! -.... Ausspuckend, sich bekreuzigend, und mit den Armen fuchtelnd floh er -von dannen vor diesem unerwarteten Geschenk, und verschwand flinker als -irgendein junger Bursch in der Menge. - - - XI. - - Wes das Korn, des die Prügel. - - Sprichwort. - -»Haltet ihn! Haltet ihn!« so schrien einige Burschen am schmalen Ende -der Straße, und Tscherewik fühlte, wie er plötzlich von festen Händen -gepackt wurde. - -»Bindet den Kerl! 's ist derselbe, der dem guten Mann die Stute -gestohlen hat!« - -»Gott mit euch, warum wollt ihr mich denn binden?« - -»Er fragt noch! Und warum hast du dem fremden Bauern, dem Tscherewik, -seine Stute gestohlen?« - -»Seid ihr bei Sinnen, Leute? Wo hat man denn je gesehen, daß einer sich -selbst etwas stiehlt?« - -»Alte Possen, alte Possen! Warum bist du denn so atemlos davongelaufen, -als wenn der Satan selbst dir auf den Fersen wäre?« - -»Soll man denn nicht laufen, wenn einem der Teufelsrock .....« - -»He, Bester, das lüg' du anderen vor. Du wirst noch was Schönes vom -Präsidenten erleben, weil du die Leute mit Teufelsgeschichten -erschreckst!« - -»Haltet ihn, haltet ihn!« ertönte da ein Ruf am anderen Ende der Straße, -»da ist der Ausreißer!« - -Und vor unserem Tscherewik erschien der Gevatter im allerjämmerlichsten -Aufzuge, er hielt die Arme auf dem Rücken und wurde von einigen Burschen -vorwärts gestoßen. - -»Wunder über Wunder,« rief einer von ihnen. - -»Ihr solltet nur hören, was dieser Halunke erzählt. Man braucht ihm doch -nur ins Gesicht zu schauen, und man sieht ihm den Dieb an! Als man ihn -fragte, warum er so wahnsinnig davonrannte, da sagte er: >Ich steckte -die Hand in die Tasche, um eine Prise zu nehmen, aber statt der -Tabaksdose zog ich ein Stück von dem teuflischen _Kittel_ heraus, und -eine rote Flamme sprang auf.< -- Darum sei er davongerannt!« - -»He he! Es sind also beides Vögel aus demselben Nest! Bindet sie alle -beide!« - - - XII. - - »Was hab' ich denn getan, ihr lieben Leute? - Was glotzt ihr mich so an?« sprach unser Bursche, - »Was spottet ihr und höhnt ihr denn mich Armen? - Warum, warum?« so ruft er aus und flennt, - Daß ihm die Träne auf der Backe brennt. - - Artemowski-Gulak: »Der Herr und der Hund«. - -»Gevatter, vielleicht hast du in der Tat etwas stibitzt?« fragte -Tscherewik, der zusammen mit seinem Gevatter gebunden in einer -Strohhütte lag. - -»Also auch du, Gevatter! Hände und Füße sollen mir verdorren, wenn ich -je etwas gestohlen habe, höchstens Krapfen mit Rahm bei meiner Mutter, -aber auch das nur, als ich erst zehn Jahr alt war.« - -»Wofür werden wir denn so gestraft, Gevatter? Bei dir ist's ja noch -nicht schlimm: du wirst doch wenigstens nur beschuldigt, einen anderen -bestohlen zu haben; aber mich Unglücksmenschen verleumdet der Satan: ich -soll mir selbst 'ne Stute gestohlen haben. Es ist uns wohl nicht -beschieden, auch mal ein bißchen Glück zu haben, Gevatter!« - -»O weh uns armen Waisen!« - -Und die beiden Gevatter fingen heftig an zu schluchzen. - -»Was hast du, Tscherewik?« fragte da Grytzko, der in diesem Augenblicke -eintrat. »Wer hat dich gebunden?« - -»Ach, Golupupenko, Golupupenko!« schrie Tscherewik freudig. »Gevatter, -das ist der, von dem ich dir erzählt habe. O, das ist ein tüchtiger -Kerl! Gott soll mich hier auf der Stelle töten, wenn er nicht einen Krug -ausgelutscht hat, so groß wie dein Kopf; und dabei verzog er keine -Miene!« - -»Nun, Gevatter, und warum hast du einen solchen Prachtkerl abgewiesen?« - -»Sieh,« fuhr Tscherewik zu Grytzko gewandt fort: »Gott straft mich wohl, -weil ich mich gegen dich versündigt habe. Vergib mir, lieber Junge! Bei -Gott, ich hätte ja alles für dich getan .... Aber was soll man da -machen! Der Satan sitzt in meiner Alten!« - -»Ich trage nie jemandem Böses nach! Wenn du willst, so befreie ich -dich!« - -Er winkte den Burschen, und dieselben jungen Leute, die Tscherewik -bewacht hatten, eilten herbei, ihn zu entfesseln. - -»Nun aber wird Hochzeit gemacht, wie's sich gehört! Und wir wollen -tanzen, daß uns vom Hopsen die Beine ein ganzes Jahr lang weh tun!« - -»_Recht so!_« rief Tscherewik und klatschte in die Hände. »Nun bin ich -wieder so vergnügt, als ob meine Alte von den Moskowitern geholt worden -wäre! Was ist da viel zu bedenken! Ob's nun recht ist oder nicht -- -heute ist Hochzeit und damit Schluß!« - -»Nur sieh zu, Tscherewik, in einer Stunde komm' ich zu dir, und jetzt -geh nach Hause, dort warten Käufer auf dich, die deine Stute und den -Weizen haben wollen.« - -»Wie? Hat sich die Stute gefunden?« - -»Ja, sie hat sich gefunden!« - -Tscherewik blickte dem Grytzko starr vor Freude nach. - -»Na, Grytzko, haben wir unsere Sache gut gemacht?« fragte der lange -Zigeuner den vorübereilenden Burschen. »Jetzt kriege ich doch die -Bullen?« - -»Ja, ja, du sollst sie haben!« - - - XIII. - - Fürcht dich nicht, lieb Mütterchen, - Zieh die roten Schühchen an. - Tritt mit Füßen - Deine Feinde. - Wenn die Schuh' - Von Eisen klirren, - werden alle Feinde schweigen. - - Hochzeitslied. - -Das liebliche Kinn auf die Hand gestützt saß Paraßka sinnend allein im -Zimmer. Mancherlei Träume umschwirrten ihr blondes Köpfchen. Manchmal -berührte plötzlich ein leichtes Lächeln ihre rosigen Lippen, und ein -freudiges Gefühl ließ sie die dunklen Brauen emporheben, bald aber -senkte sich wieder ein Sinnen wie eine Wolke auf ihre grauen klaren -Augen. - -»Wie wenn es nun doch nicht so käme, wie er gesagt hat!« flüsterte sie -mit einem Ausdruck des Zweifels. »Wenn er mich nun aber doch nicht -bekommt? Wenn .... Nein, nein! Das kann nicht sein! Die Stiefmutter tut -alles, was sie will! Kann ich nicht auch tun, was _ich_ will? Mein Trotz -ist groß genug! Wie schön ist er doch! Wie wunderbar glühen seine -schwarzen Augen! Wie lieb kann er sagen: >_Paraßja, mein Täubchen!_< -- -Wie gut steht ihm der weiße Kittel! Wenn er noch dazu einen hellen -Gürtel .... Ja ich will ihm einen machen, wenn wir zusammen in die neue -Wohnung ziehen. O wie ich mich darauf freue!« fuhr sie fort, indem sie -ein kleines, mit rotem Papier beklebtes Spiegelchen aus dem Busen zog, -das sie auf dem Jahrmarkt gekauft hatte, und in das sie mit geheimem -Vergnügen hineinschaute. »Wenn ich ihr später begegne, so grüße ich sie -nicht, und wenn sie platzt! Nein, Stiefmütterchen, du hast deine -Stieftochter genug geprügelt! Eher wächst Sand auf Steinen, und neigt -sich die Eiche wie eine Weide zum Wasser herab, als daß ich mich vor -_dir_ neige! Aber ich habe ja ganz vergessen .... ich will doch das -Häubchen umbinden; ob es mir wohl gut steht; wenn's auch der Stiefmutter -gehört.« - -Sie stand auf, den Spiegel in der Hand und den Kopf über ihn geneigt, -und ging behutsam durch die Stube, als fürchtete sie sich hinzufallen; -denn statt des Fußbodens sah sie die Decke mit den Brettern, von denen -neulich der Popensohn heruntergefallen war, und die Wandborde mit den -Töpfen drauf vor sich. - -»Ich bin doch wirklich wie ein Kind!« rief sie lachend aus, »ich hab -Angst, einen Fuß vor den andern zu setzen!« - -Und sie begann laut mit den Füßen aufzustampfen, immer mutiger und -mutiger. Endlich sank ihre linke Hand herab und stemmte sich auf die -Hüfte, und sie tanzte, mit den Sporen der Stiefelchen klirrend, drauf -los, hielt sich den Spiegel vor und sang ihr Lieblingsliedchen: - - Grüne Gräser, grüne Auen, - Wachset nicht zu sehr! - Liebster mit den schwarzen Brauen, - Schmieg dich zu mir her! - - Grüne Gräser, grüne Auen, - Wachset nimmermehr! - Liebster mit den schwarzen Brauen, - Schmieg dich näher her! - -In diesem Augenblicke blickte Tscherewik durch die Türöffnung, und als -er seine Tochter vor dem Spiegel tanzen sah, blieb er stehen. Lange sah -er ihr zu, über die seltsame Laune des Mädchens lachend, das ganz in -Gedanken versunken, nichts um sich herum zu bemerken schien; als er aber -die bekannten Laute des Liedes hörte, da wurde es ihm heiß ums Herz; -stolz die Hände auf die Hüften gestemmt, sprang er vor und begann so zu -hopsen, daß er all seine andern Geschäfte vergaß. Das laute Lachen des -Gevatters ließ beide auffahren. - -»Großartig! Vater und Tochter feiern hier selber Hochzeit! Kommt! kommt! -der Bräutigam ist da!« - -Bei den letzten Worten glühte Paraßka in einem Rot auf, das tiefer war -als das, welches das leuchtende Band auf ihrem Kopfe färbte. Dem -sorglosen Vater fiel es erst jetzt ein, warum er eigentlich hierher -gekommen war. - -»Töchterchen, komm schnell! Chiwrja ist vor Freude, daß ich die Stute -verkauft habe, fortgelaufen, um sich feine Tücher und allerhand -Schmucksachen zu kaufen!« sprach er und sah sich dabei ängstlich nach -allen Seiten um. »Bis zu ihrer Rückkehr wollen wir alles erledigt -haben!« - -Kaum hatte Paraßka die Schwelle des Hauses überschritten, da fühlte sie -sich schon in den Armen des Burschen im weißen Kittel, der sie inmitten -einer Menge von Leuten auf der Straße erwartete. - -»Gott segne euch!« sagte Tscherewik, ihre Hände vereinend. »In Glück und -Glanz haltet fest wie ein Kranz!« - -Da gab's plötzlich einen Lärm. - -»Eher will ich zerspringen, als daß ich das zulasse!« schrie Tscherewiks -Ehehälfte, die von der lachenden Menge zurückgedrängt wurde. - -»Wüt nicht so, wüte doch nicht!« sprach Tscherewik kaltblütig, als er -sah, wie ein paar handfeste Zigeuner sich ihrer Arme bemächtigten. -»Geschehen ist geschehen! Ich bin nicht für Änderungen!« - -»Nein, nein, das darf nicht sein!« schrie Chiwrja, aber niemand hörte -auf sie; ein paar lustige Leute umringten das junge Paar und bildeten -eine undurchdringliche, tanzende Mauer um sie. - -Ein sonderbares unsagbares Gefühl mußte einen Zuschauer ergreifen, der -mit ansah, wie beim ersten Bogenstrich des Fiedelmanns in dem groben -Rock, mit dem langgeschweiften Schnurrbart, alles unwillkürlich ein -einiges Ganzes bildete und zu friedlicher Eintracht überging. Leute, -deren mürrische Gesichter offenbar ihr Lebtag niemals ein Lächeln -erhellt hatte, stampften mit den Füßen und warfen die Schultern empor. -Alles wirbelte im Tanze durcheinander. Aber ein noch sonderbareres, noch -unsagbareres Gefühl mußte in der Tiefe der Seele beim Anblick jener -Greisinnen erwachen, über deren uralten Gesichtern schon die -Gleichgültigkeit des Grabes wehte -- und die sich unter die neuen -Menschen drängten, die dem Leben angehörten und dem Lachen. Die -Sorglosen! Selbst sie, die keine kindliche Freude und keinen Funken des -Mitgefühls kannten, die erst der Rausch, wie ein Mechaniker seine -leblosen Automaten, zu einer menschlichen Äußerung zwingt, -- selbst -_sie_ nickten leise mit den berauschten Köpfen und hüpften ein wenig -hinter der lustigen Menge her, ohne auf das junge Paar zu achten. - -Das Lärmen, Lachen, Singen verklang zu einem leisen und immer leiseren -Summen. Die Fiedel erstarb, ertönte schwächer und schwächer und ließ nur -noch ein paar undeutliche Töne durch die leere Luft zittern. Noch hörte -man hie und da ein Stampfen, gleich dem Tosen des fernen Meeres, aber -bald lag alles wieder öde und stumm da. - -Fliegt uns nicht so auch die Freude davon, die schöne und flatterhafte -Freundin? Vergeblich sucht ein einsamer Klang, von Lust und Seligkeit zu -singen. Im eignen Echo schon vernimmt er die Laute der Trauer und -Einsamkeit, und er lauscht ihnen voller Schrecken. Stieben nicht so auch -die ausgelassenen Freunde der freien stürmischen Jugend einer nach dem -andern in alle Winde und lassen ihren alten Herzensbruder allein? Bang -wird dem Verlassenen! Voller Schwermut und Traurigkeit ist sein Herz, -doch für ihn gibt es keine Hilfe! - - - - - Die Johannisnacht - - - Eine Sage - Erzählt vom Küster an der --Kirche zu *** - -Foma Grigorjewitsch hatte eine merkwürdige Eigentümlichkeit: Er konnte -es auf den Tod nicht leiden, ein und dieselbe Geschichte mehrmals -erzählen zu müssen. Gab er aber schon einmal den Bitten nach und -erzählte etwas zum zweiten Male, dann fügte er entweder hier eine neue -Wendung hinzu, oder änderte dort etwas, so daß man die Geschichte kaum -wiedererkennen konnte. Einmal hatte einer jener Herren -- wir einfachen -Leute wissen nicht recht, wie wir sie nennen sollen: Schreiber oder -dergleichen, so was ähnliches wie die Makler auf unseren Jahrmärkten; -sie kramen, betteln und stehlen sich allerhand Zeug zusammen und senden -dann jeden Monat oder gar jede Woche ein Büchelchen so dick wie eine -Fibel in die Welt hinaus, -- einmal also hatte einer jener Herren -unserem Foma Grigorjewitsch die folgende Geschichte hier abgeluchst, und -der hatte das ganz vergessen. Aber eines Tages kommt dasselbe Herrchen -im erbsengrauen Kaftan aus Poltawa, von dem ich schon einmal sprach, und -von dem ihr wohl die eine Geschichte schon gelesen habt, -- er kommt -also, bringt ein kleines Büchelchen mit, schlägt's in der Mitte auf und -zeigt uns die Sache. Foma Grigorjewitsch war schon im Begriff, seine -Nase mit der Brille zu besatteln, aber da fiel ihm ein, daß er vergessen -hatte, ein Stück Faden um sie zu wickeln und Wachs drauf zu kleben, und -so gab er denn mir das Buch. Ich verstehe mich nun mal leidlich aufs -Lesen und brauche keine Brille, und so begann ich denn. Aber ich hatte -noch keine zwei Seiten umgewendet, als er mich fest bei der Hand nahm -und unterbrach. - -»Halt, sagt mir zuerst, was Ihr da lest?« - -Ich muß gestehen, diese Frage verblüffte mich ein wenig. - -»Wie, Foma Grigorjewitsch? Was ich da lese? Das ist doch Eure -Geschichte, es sind Eure eigenen Worte!« - -»Wer hat Euch das erzählt, daß das meine Worte sind?« - -»Was wollt Ihr denn noch mehr? Da steht's doch gedruckt. Erzählt von dem -Küster Soundso.« - -»Spuckt dem Jungen auf den Kopf, der das darauf gedruckt hat! Er lügt, -der Saukerl! Das soll ich gesagt haben? Das ist ja fast so, als hätte -der Satan einen Sparren! Hört zu, die muß ich Euch selbst erzählen!« - -Wir rückten am Tische zusammen, und er begann. - - * * * * * - -Mein Großvater (Gott hab' ihn selig! Möge er in jener Welt nur -Weizenbrot und Mohnkuchen mit Meth zu essen bekommen!) mein Großvater -verstand es wunderbar zu erzählen. Wenn der erst einmal damit anfing, so -mochte man sich am liebsten den ganzen lieben Tag nicht vom Platze -rühren und nur immer zuhören. Und er redete nicht etwa wie einer von den -heutigen Faselhänsen; wenn so einer anfängt, sein Garn herunter zu -spinnen, und dabei noch mit einem Maul, als hätte er drei Tage lang -nichts zu essen gekriegt, dann möchte man am liebsten nach der Mütze -greifen und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, wie wenn es heute wäre, --- meine Mutter selig war noch am Leben, -- an die langen Winterabende, -wenn draußen heftiges Frostwetter herrschte und das schmale Fensterchen -unserer Stube dicht mit Schnee verklebte, wie sie da am Spinnrocken saß, -mit der Hand den langen Faden zog, mit dem Fuß die Wiege schaukelte und -ein Lied dazu sang, das ich jetzt noch im Ohr habe. Das Lämpchen -beleuchtete zitternd und wie im Schreck aufflackernd die Stube. Die -Spindel surrte; und wir Kinder hörten alle, zu einem Haufen -zusammengedrängt, dem Großvater zu, der vor Alter schon über fünf Jahre -nicht mehr hinterm Ofen hervorgekrochen war. Aber keiner der wundersamen -Berichte aus den alten Tagen von den Ritten der Saporoger, von den -Polen, von den kühnen Taten des Podkowa, des Poltora-Koschucha oder des -Sagajdatschny ergriffen uns so stark wie die Berichte über eine alte, -sonderbare Begebenheit, bei der einem ein Schauer über den Leib lief und -das Haar sich sträubte. Manchmal kam eine solche Angst über einen, daß -man abends Gott weiß was für Ungeheuer zu sehen meinte. Hattest du mal -nachts die Stube verlassen, um etwas zu besorgen, so glaubtest du -sicher, es habe sich ein Fremdling aus jener Welt in dein Bett gelegt, -um zu schlafen. Ich will auf der Stelle sterben, wenn ich nicht oft -meinen eignen Kittel am Kopfende des Bettes für einen zusammengekauerten -Teufel hielt. Aber die Hauptsache an den Erzählungen des Großvaters war, -daß er sein Lebtag nie gelogen hat, und wie er's sagte, genau so war es -auch. - -Eine von seinen sonderbaren Geschichten will ich euch jetzt erzählen. -Ich weiß wohl, es werden sich schon etliche Klüglinge finden, die -Gerichtsschreiber sind oder gar neumodische Schriften lesen, -- welche -zwar keinen Deut verstehen, wenn man ihnen ein Stundenbuch in die Hand -drückt, -- aber dafür um so besser die Zähne zu fletschen wissen. Was -man denen auch erzählen mag, sie lachen ja doch. Was hat sich doch jetzt -für ein Unglaube in der Welt verbreitet! Gott und die unbefleckte -Jungfrau mögen mir beistehen -- ihr werdet's vielleicht nicht glauben: -als ich einmal von Hexen sprach -- da fand sich doch wahrhaftig so ein -Springinsfeld, der nicht an Hexen glauben wollte! Gott sei Dank, ich -lebe schon viele Jahre; ich habe schon Menschen gesehen, die solche -Heiden waren, daß es ihnen leichter wurde, in der Beichte zu lügen, als -unsereinem, eine Prise zu nehmen; aber auch die schlugen vor einer Hexe -das Kreuz. Wenn denen einmal im Traum .... na, ich will's gar nicht erst -über die Zunge bringen .... was soll man über sowas noch Redens machen. - -Vor vielen vielen Jahren, 's werden wohl sicher über hundert sein, -- -erzählte mein Großvater selig -- war unser Dorf noch etwas ganz anderes -als jetzt! Da war's noch ein Weiler, der allerärmste Weiler! Zehn -ungetünchte und ungedeckte Hütten lagen mitten im Felde verstreut, und -es gab weder einen Zaun, noch einen anständigen Schuppen, in dem man -Vieh oder einen Wagen hätte unterstellen können. Und die, die so lebten, -das waren noch die Reichen, was aber erst unsereiner von der -Brüderschaft der Habenichtse für ein Leben hatte, das läßt sich kaum -beschreiben! Ein Loch in der Erde -- das war das ganze Haus! Nur an dem -Rauch konnte man merken, daß da ein Menschenkind unseres lieben -Herrgotts hauste. Ihr werdet nun fragen, warum lebten die wohl so? Armut -allein war's nicht, denn damals war fast jeder ein freier Kosak und -hatte sich in fremden Ländern nicht wenig Reichtümer erbeutet; nein, man -sehnte sich gar nicht nach einem richtigen Hause. Was trieben sich -damals nicht allerorts für Menschen herum: Leute aus der Krim, Polen, -Litauer usw. Oft geschah es auch, daß man von den eigenen Landsleuten -geschunden wurde. Ja ja, da kam mancherlei vor. - -In diesem Weiler nun tauchte zuweilen ganz plötzlich ein Mensch oder -richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt auf. Woher er kam und zu -welchem Zwecke -- das wußte niemand. Er soff, vergnügte sich, -- und auf -einmal war er verschwunden, wie wenn er in die Erde gesunken wäre. Dann -kam er wieder, wie vom Himmel gefallen, trieb sich auf den Straßen des -Dorfes umher, von dem jetzt keine Spur mehr übrig ist, und das -vielleicht nicht mehr als hundert Schritte von Dikanka entfernt war, -sammelte die ersten besten Kosaken um sich, und dann ging ein Lachen und -Singen an: das Geld wurde nur so ausgeschüttet, und der Schnaps rann -dahin wie Wasser. Dann ging er zu den Mädchen und schenkte ihnen Bänder, -Ohrringe und Perlen -- in vollen Haufen! Freilich, so manches Mädel -wurde bedenklich bei diesen Geschenken: Weiß Gott, am Ende waren sie in -der Tat durch unreine Hände gegangen. Die leibliche Tante meines -Großvaters, die damals auf der heutigen Landstraße von Oposchnjani einen -Ausschank hatte, in dem Bassawrjuk (so hieß dieser Teufelskerl) oft -zechte, pflegte zu sagen, sie würde um keinen Preis in der Welt ein -Geschenk von ihm annehmen. Aber wie konnte man wiederum etwas -zurückweisen? -- Jedem wurde gruselig zumute, wenn _er_ seine borstigen -Brauen runzelte und einen finstern Blick auf einen warf, daß man am -liebsten ausgerissen wäre; nahm man aber das Geschenk an, so konnte man -schon in der nächsten Nacht einen Gast aus dem Moor, einen mit Hörnern -auf dem Kopfe, erwarten. Und der würgte einen, wenn man Perlen am Halse -trug, biß einen in den Finger, wenn ein Ring darauf steckte, oder riß -einer Frau fast den Zopf aus, wenn sie ein Band darein geflochten hatte. -Zehn Schritt vom Leibe mit solchen Geschenken! Eine neue Not aber war -es, sie los zu werden: Man wirft sie ins Wasser -- aber der teuflische -Ring oder die Perlen schwimmen oben auf und springen einem wieder in die -Hand zurück. - -Im Dorfe stand auch eine Kirche, die, wenn ich mich recht besinne, dem -heiligen Pantelej angehörte. Damals nun waltete in ihr ein Priester -namens Vater Afanassi, seligen Angedenkens. Als er gewahrte, daß -Bassawrjuk sogar am Ostersonntag nicht in die Kirche kam, wollte er ihn -ausschelten und ihm eine Kirchenbuße auferlegen; aber sieh da, er kam -kaum mit heiler Haut davon. »Hör mal, _Herr_!« brüllte ihn jener an, -»kümmere dich lieber um deine Geschäfte, anstatt dich in fremde zu -mischen, wenn du nicht willst, daß dir dein Ziegenhals mit einem heißen -Sterbekuchen verkleistert wird!« Was konnte man mit diesem -Gottverdammten anfangen? Vater Afanassi erklärte nun jeden, der mit -Bassawrjuk verkehren würde, für einen Römling, und für einen Feind der -Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts. - -In demselben Dorfe hatte auch ein Kosak namens Korsch einen Arbeiter, -den die Leute Peter Heimatlos nannten, vielleicht deshalb, weil er weder -seinen Vater noch seine Mutter kannte. Der Kirchenvorstand hatte zwar -gesagt, die wären schon in seinem zweiten Lebensjahr an der Pest -gestorben; aber die Tante meines Großvaters wollte es nicht wahrhaben -und war aus aller Kraft bemüht, ihm Eltern aufzudrängen, obgleich der -arme Peter sich geradesoviel um diese Frage kümmerte, wie wir um den -vorjährigen Schnee. Sie behauptete, sein Vater befinde sich jetzt noch -in der Saporoger Gegend, sei in Gefangenschaft bei den Türken gewesen, -habe Gott weiß welche Qualen erdulden müssen, und habe nur durch ein -Wunder, als Eunuch verkleidet, Reißaus nehmen können. Die -schwarzbrauigen Mädels und die jungen Weibsleute scherten sich wenig um -seine Verwandtschaft. Sie äußerten nur, wenn man ihm einen feinen Rock --- etwa einen neuen Schupan -- anzöge, einen roten Gürtel umlegte, eine -neue Mütze aus schwarzem Lammfell mit einer schmucken blauen Kappe -aufsetzte, ihm einen türkischen Säbel an die Seite schnallte, und in die -eine Hand einen langen Degen und in die andere eine hübsch eingefaßte -Pfeife gäbe -- dann würde er alle andern Burschen in die Tasche stecken. -Aber der arme Petrusj besaß alles in allem nur einen einzigen grauen -Kittel, der mehr Löcher hatte, als mancher Jude Dukaten in der Tasche. -Doch das wäre noch nicht schlimm gewesen, was schlimm war, war vielmehr -dies: der alte Korsch hatte ein Töchterchen, eine Schönheit, wie ihr sie -wohl kaum je gesehen habt. Die Tante des seligen Großvaters pflegte zu -erzählen, -- und ihr wißt ja, ein Weib wird, mit Verlaub zu sagen, eher -den Teufel küssen, als eine andere schön nennen, -- daß die runden -Bäckchen des Kosakenmädchens so frisch und glänzend waren wie die -allerzarteste rote Mohnblume, die sich in Gottes Tau gebadet hat und nun -aufleuchtet, ihre Blättchen ausbreitet und sich vor der aufgehenden -Sonne putzt. Wie schwarze Schnürchen, die die Mädchen heutzutage bei den -Hausierern in den Dörfern für ihre Kreuze und Schmuckdukaten kaufen, so -zart schwangen sich die Brauen über ihren Augen, als spiegelten sie sich -in ihrem klaren Kristall. Ihr Mündchen, nach dem der ganzen jungen Welt -von damals der Mund wässerte, schien wie geschaffen für die Gesänge -einer Nachtigall. Ihr Haar, schwarz wie Rabenfittiche und weich wie -junger Flachs (denn damals flochten es die jungen Mädchen noch nicht zu -kleinen Zöpfchen, durch die sie sich jetzt hübsche bunte Bänderchen -ziehen) fiel in vollen Locken auf den goldbestickten Überwurf herab. Ei, -da soll mich doch Gott von der Kanzel nie wieder das Hallelujah singen -lassen, wenn ich sie nicht auf der Stelle abküssen möchte, und wenn auch -der alte Wald auf meinem Schädel schon so ziemlich grau ist, und meine -Alte sich mir an die Seite heftet, wie ein Star ins Auge. Na, wenn ein -Bursch und ein Mädel nah beieinander wohnen .... ja, da wißt ihr schon, -was draus wird. Man konnte stets in aller Herrgottsfrühe den Abdruck der -Stiefeleisen auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj -gestanden hatte. Korsch hätte immer noch nichts Schlimmes geahnt, aber -einst, -- und das kam durch nichts anderes als durch die List eines -Teufels -- da fiel es Petrusj ein, ohne sich genauer im Flur umzusehen, -sozusagen von ganzer Seele einen Kuß auf die rosigen Lippen des -Kosakenmädchens zu pressen. Und dieser selbe Teufel, -- mag doch der -Hundesohn vom heiligen Kreuz träumen! -- ritt den alten Knasterbart, daß -er gerade zu dieser Zeit die Tür öffnete. Korsch stand da wie ein -Holzklotz, sperrte den Mund auf und mußte sich an die Tür lehnen. Der -verdammte Kuß schien ihn vollkommen betäubt zu haben. Er kam ihm lauter -vor als der Schlag eines Mörserstößels auf ein Brett, mit dem zu unserer -Zeit die Bauern in Ermangelung von Pulver und Flinte den Festschmaus zu -Ehren Johannes des Täufers begleiten. Als er wieder zu sich gekommen -war, nahm er seine Nagaika aus Urväter Zeiten von der Wand und wollte -sie schon auf den Rücken des armen Peter niedersausen lassen, da -erschien auf einmal Pidorkas sechsjähriges Brüderchen Iwasj, kam -erschreckt herbeigelaufen, umschlang seine Beine mit den Händchen und -schrie: »Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht!« Was war da zu machen? -Ein Vaterherz ist nicht von Stein: er hing die Nagaika an die Wand und -führte ihn leise aus dem Zimmer hinaus. »Wenn du dich jemals wieder hier -im Hause sehen läßt oder auch nur am Fenster, so höre, Petrusj: Bei -Gott, dein schwarzer Schnurrbart ist dahin und auch deine Kosakenlocke, -die du dir doppelt ums Ohr wickelst, -- ich will nicht Terenti Korsch -sein, wenn sie nicht von deinem Schädel Abschied nimmt!« Bei diesen -Worten versetzte er ihm einen leichten Stoß in den Nacken, so daß -Petrusj Hals über Kopf hinausflog. So weit hatten sie es mit dem Küssen -gebracht. Ein schwerer Kummer überfiel unser Täubchen; dazu ging noch im -Dorfe das Gerücht um, zu Korsch ins Haus käme ein goldbeladener Pole mit -Schnurrbart, Säbel und Sporen, dessen Taschen so klirrten wie der -Klingelbeutel, den unser Meßner Taras täglich in der Kirche umgehen -läßt. Nun man weiß ja, wozu man einen Vater besucht, der eine -schwarzäugige Tochter hat. Einmal schlang Pidorka die Arme um ihren -Bruder Iwasj: »Iwasj, mein Liebling, bester Iwasj! Lauf zu Petrusj, mein -goldenes Kind, rasch wie ein Pfeil vom Bogen schnellt, und erzähl ihm -alles: ich möchte seine grauen Augen liebkosen und sein weißes Antlitz -küssen, aber das Schicksal will es nicht. Manches Tuch habe ich mit -meinen heißen Tränen benetzt, mir ist so bang und so schwer ums Herz. -Mein eigner Vater ist mir feind und zwingt mich, dem ungeliebten Polen -in die Ehe zu folgen. Sag ihm, man bereite schon die Hochzeit vor, doch -es soll keine Musik auf unserer Hochzeit geben, und nur die Küster -werden plärren, statt daß Zither und Schalmei erklingen. Und nicht werde -ich mit meinem Gemahl zum Tanze gehen, sondern hinaustragen wird man -mich aus dem Hause. Dunkel und düster wird mein enges Haus sein -- aus -Ahornbrettern wird es gezimmert sein, und statt eines Schlotes wird ein -Kreuz auf dem Dache stehn!« - -Wie versteinert und ohne sich von der Stelle rühren zu können, hörte -Petrusj das unschuldige Kind Pidorkas Worte nachlallen. »Dacht' ich -Unglücklicher nicht schon daran, in die Krim oder ins Türkenland zu -ziehen, mir Gold zu erbeuten und mit vielen Gütern beladen zu dir -zurückzukehren, du meine Schönste? Doch es sollte nicht sein. Ein böser -Blick hat uns getroffen. Wohl werden wir Hochzeit feiern, mein teures -Fischlein du, aber kein Küster wird auf unserer Hochzeit singen -- statt -eines Popen krächzt mir zu Häupten ein schwarzer Rabe, das weite Feld -wird mein Haus und die graue Wolke mein Dach sein; meine grauen Augen -hackt der Adler aus; der Regen wird mir die Kosakenknochen bleich -waschen, und der Sturmwind wird sie austrocknen. Doch was tu ich? Wem -klag' ich was vor? Gott hat's wohl so angeordnet! Verloren ist -verloren!« -- Und stracks zog er in die Schenke. - -Die Tante meines seligen Großvaters war nicht wenig erstaunt, als sie -Petrusj in der Schenke sah, und dazu noch zu einer Zeit, wo ein braver -Mensch zur Frühmesse geht. Sie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie wenn -sie noch im Schlafe läge, als er einen Krug -- oder richtiger fast einen -halben Eimer voll Branntwein bestellte. Allein vergebens suchte der -Ärmste seinen Kummer zu ertränken. Der Schnaps brannte ihm auf der Zunge -wie Nesseln und dünkte ihn bitterer als Wermut. Weit von sich warf er -den Krug zu Boden. Da dröhnte es im Baß über seinem Kopfe: »Laß doch das -Trauern, Kosak!« Er schaut auf: Es war Bassawrjuk! Uh, welche Fratze! -Der hatte Haare wie ein Borstenvieh und Augen wie ein Bulle! »Ich weiß, -was dir fehlt: das da!« rief er und klirrte teuflisch grinsend mit -seiner ledernen Geldkatze, die ihm am Gürtel hing. Petrusj erbebte. -»Hehe, wie die glühen!« brüllte er und schüttete sich die Dukaten auf -die Hand. »Hehe, die klimpern! Und doch heißt's nur eine einzige Tat -vollbringen, um einen ganzen Berg solcher Schnipsel!« -- »Satan!« schrie -da Petrusj. »Her damit! Ich bin zu allem bereit!« Beide gaben sich den -Handschlag und waren einig. »Sieh, Petrusj, du kommst gerade zur rechten -Zeit: morgen ist Johannistag. Nur in dieser einen Nacht des Jahres -treibt das Farnkraut Blüten. Du darfst es nicht verpassen. Ich erwarte -dich um Mitternacht in der Bärenschlucht.« - -Ich glaube, die Hühner warten nicht so auf den Augenblick, wo ihnen die -Hausfrau Krumen streut, wie Petrusj auf den Abend wartete. Immerwährend -blickte er aus, ob die Baumschatten nicht länger würden, ob nicht die -tief herabgesunkene Sonne in Purpur erglömme, und je länger er wartete, -um so ungeduldiger wurde er. Wie lange dauerte das doch! Gottes Tag -konnte wohl kein Ende finden. -- Nun ist die Sonne fort. Nur noch auf -einer Seite rötet sich der Himmel noch. Und schon erlischt er. Es wird -kälter im Felde; dunkler und dunkler wird's, und alles liegt in -nächtlicher Finsternis da. Endlich! Das Herz wollte ihm schier aus der -Brust springen, als er sich auf den Weg machte und mit Vorsicht durch -den dichten Wald zu dem tiefen Grunde herabstieg, der Bärenschlucht -genannt wurde. Bassawrjuk wartete schon auf ihn. Es war so finster, daß -man die Hand vor den Augen nicht sah. Hand in Hand schlichen sie durch -die Sümpfe des Moors, verfingen sich im dichten Gestrüpp und -strauchelten fast bei jedem Schritte. Endlich fanden sie einen ebenen -Platz. Petrusj sah sich um: Er war noch nie hier gewesen. Auch -Bassawrjuk blieb stehen. - -»Siehst du: da vor dir liegen drei Hügel. Viel mannigfache Blumen -wachsen dort; doch alle Mächte der Welt mögen dich bewahren, auch nur -eine zu pflücken. Kaum aber erblüht der Farn, so greif nach ihm und -blick dich nicht um, was du auch hinter dir dünken magst.« - -Petrusj wollte noch etwas fragen .... aber jener war verschwunden. Er -ging auf die Hügel zu: wo waren die Blumen? Es war nichts zu sehen. -Schwarz lag das wilde Steppengras da und überwucherte alles mit seinem -Gestrüpp. Da blitzte ein Wetterleuchten auf, und vor ihm erschien ein -ganzes Beet voll wundersamer und nie gesehener Blumen; darinnen sah er -auch die einfachen Blätter des Farnkrautes. Voller Zweifel stemmte -Petrusj beide Hände in die Hüften und stellte sich nachdenklich vor sie -hin. - -»Was ist denn Wunderbares dabei? Zehnmal des Tages sehe ich solches -Kraut: was ist denn das für ein Mirakel? Am Ende macht sich die -Teufelsfratze nur über mich lustig!« - -Auf einmal aber glüht ein kleines Knöspchen rot auf und rührt sich wie -wenn es lebendig wäre. Seltsam fürwahr! Rührt sich, wird immer größer -und größer und glüht heiß wie eine rote Kohle. Da flammte ein Sternchen -auf, etwas knisterte leise, und vor seinen Augen entfaltet sich die -Blume wie eine Flamme, loht leuchtend auf und überstrahlt alles rings -herum. - -»Jetzt ist's Zeit,« dachte Petrusj und streckte die Hand aus. Aber -siehe, da strecken sich noch hundert andere zottige Hände nach der Blume -aus, und hinter ihm läuft raschelnd etwas von Ort zu Ort. Er drückte die -Augen zu, riß am Stengel, und die Blume blieb in seiner Hand. Alles -verstummte. Da tauchte Bassawrjuk, auf einem Baumstumpf sitzend, empor: -ganz bläulich wie eine Leiche. Er rührte keinen Finger, seine Augen -waren starr auf etwas gerichtet, das nur ihm allein sichtbar war; sein -Mund stand halb offen, aber er sprach nichts. Ringsum rührte sich -nichts. Wie furchtbar war Petrusj zumute! .... Aber nun vernahm Petrusj -ein Pfeifen, daß ihm das Herz im Leibe erstarrte, und es kam ihm so vor, -als ob das Gras summe, und die Blumen sich mit dünnen Stimmchen -unterhielten, die wie silberne Glöcklein klangen. Die Bäume donnerten -grollend durcheinander .... Bassawrjuks Antlitz wurde auf einmal -lebendig. Seine Augen funkelten. »Endlich ist sie da, die Hexe,« grunzte -er durch die Zähne. »Petrusj schau, bald wird dir eine schöne Frau -erscheinen: Tu alles, was sie dir befiehlt, sonst bist du auf ewig -verloren!« Er zerteilte das Dickicht mit einem Knotenstock, und vor -ihnen erschien ein Häuschen, das auf Hühnerfüßchen stand, wie es im -Märchen heißt. Bassawrjuk schlug mit der Faust dagegen, und die Wand -wankte. Ein großer, schwarzer Hund kam winselnd herausgelaufen, -verwandelte sich plötzlich in eine Katze und warf sich ihnen entgegen. -»Tobe nicht, wüte nicht, alte Teufelin,« rief Bassawrjuk und würzte -seine Rede mit so einem Wörtlein, daß sich ein rechtschaffener Mensch -dabei die Ohren zugestopft hätte. Da wurde die Katze zu einem alten -Weibe mit einem so runzligen Gesicht wie ein gebratener Apfel, und -krümmte sich wie ein Bogen; Nase und Kinn glichen einem Nußknacker. -»Welch herrliche Schönheit!« dachte Petrusj, und es überlief ihn kalt. -Die Hexe riß ihm die Blume aus der Hand, beugte sich über sie, flüsterte -einen langen Spruch vor sich hin und besprengte sie mit einer -unbekannten Flüssigkeit. Funken stoben aus ihrem Munde, und Schaum trat -ihr auf die Lippen. »Wirf sie hin«, rief sie, indem sie ihm die Blume -reichte. Petrusj warf die Blume hin, aber -- o Wunder: die Blume fiel -nicht gleich zur Erde, sondern leuchtete lange wie eine Feuerkugel -mitten im Dunkel und segelte wie ein Kahn durch die Luft; endlich begann -sie sich leise zu senken und fiel so fern von ihnen herab, daß das -Sternchen kaum mehr zu sehen war und nicht größer erschien, denn ein -Mohnkorn. »Hier!« krächzte die Alte dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm -einen Spaten hin und rief: »Grabe hier nach, Petrusj! Da wirst du so -viel Gold finden, als weder du noch Korsch je geträumt haben!« -- -Petrusj spie sich in die Hände, ergriff den Spaten, trat mit dem Fuß -darauf und wühlte die Erde auf, einmal, noch einmal, ein drittes Mal, -noch einmal .... Da stieß er auf etwas Hartes! .... Der Spaten klirrte -und wollte nicht tiefer in die Erde hinein. Jetzt begannen seine Augen -plötzlich ganz deutlich eine kleine, eisenbeschlagene Kiste -wahrzunehmen. Schon wollte er sie mit der Hand erfassen, aber die Kiste -begann immer tiefer und tiefer in die Erde zu sinken, und hinter sich -vernahm er ein Lachen, das dem Zischen von Schlangen glich. »Nie sollst -du das Gold erschauen, ehe du nicht Menschenblut herbeischaffst!« rief -die Hexe und führte auf einmal ein etwa sechsjähriges Kind vor ihn hin, -das mit einem weißen Tuch bedeckt war; sie deutete ihm mit Zeichen an, -er müsse dem Kinde den Kopf abhacken. Petrusj erstarrte. Ist's denn eine -Kleinigkeit, so mir nichts, dir nichts einem Menschen den Kopf -abzuhacken, und dazu noch einem unschuldigen Kinde! Wütend riß er das -Tuch vom Kopfe, und was sah er? Vor ihm stand Iwasj! Das arme Kind stand -mit gekreuzten Händchen und gesenktem Köpfchen da .... Wie ein Rasender -sprang Petrusj mit dem Messer auf die Hexe los und erhob die Hand .... - -»Was versprachst du, für das Mädchen zu tun?« donnerte ihn Bassawrjuk -an, und versetzte ihm einen Schlag in den Rücken, der ihn traf wie ein -Schuß. Die Hexe stampfte mit dem Fuße, und eine blaue Flamme sprang aus -dem Boden. Das Innere der Erde strahlte auf und war wie aus Glas, und -alles in der Erde wurde so deutlich sichtbar, gleich als läge es auf der -flachen Hand! In Kisten und Kesseln waren Dukaten und Edelsteine -haufenweise aufgestapelt, genau unter der Stelle, auf der sie standen. -Des Petrusj Augen brannten, .... sein Verstand verfinsterte sich .... -wie ein Toller packte er das Messer, und das unschuldige Blut spritzte -ihm in die Augen. Ein teuflisches Gelächter toste auf allen Seiten. -- -Widerwärtige Ungeheuer sprangen scharenweise vor ihm auf und ab. Wie ein -Wolf, die Hände in den enthaupteten Leichnam gekrallt, sog die Hexe das -Blut. In Petrusj Kopf kreiste alles, und mit dem Aufwand seiner letzten -Kräfte begann er zu laufen. Alles vor ihm versank in rotes Licht. Alle -Bäume brannten in rotem Blut und stöhnten. In Rotglut getaucht wankte -der Himmel hin und her. Feuerflecke zuckten glimmend vor seinen Augen -auf. Entkräftet lief er bis in seine Hütte, sank dort zu Boden wie eine -Ähre und ein totenähnlicher Schlaf umfing ihn. - -Zwei Tage und zwei Nächte schlief Petrusj, ohne zu erwachen. Als er am -dritten Tage wieder zu sich kam, betrachtete er lange alle Ecken und -Winkel seiner Stube, doch vergeblich suchte er sich an die Begebenheiten -der letzten Zeit zu erinnern: sein Gedächtnis glich der Tasche eines -alten Geizhalses, aus der man keinen Heller herauslocken kann. Nachdem -er sich ein wenig gereckt hatte, vernahm er plötzlich zu seinen Füßen -ein Klirren. Sieh da: vor ihm lagen zwei Säcke voll Gold. Erst jetzt -erinnerte er sich wie in einem Träume, daß er einen Schatz gesucht -hatte, und wie es grausig im Walde gewesen war .... Aber um welchen -Preis er ihn erhalten hatte, darauf konnte er sich durchaus nicht mehr -besinnen. - -Sowie Korsch die Säcke erblickte, da wurde er seidenweich. »Petrusj, so -ein Herzensjung', den sollt' ich nicht lieben? Der war mir doch stets -wie mein eigner Sohn!« Und der alte Knurrhahn begann so zu schwefeln, -daß dem Petrusj die Tränen in die Augen kamen. Da lief Pidorka bestürzt -herbei und begann zu erzählen, Iwasj sei von vorbeiziehenden Zigeunern -gestohlen worden. Aber Petrusj konnte sich nicht einmal mehr auf ihn -besinnen, so sehr stand er im Banne des verdammten Teufelsspukes! Nun -war keine Zeit mehr zu verlieren. Der Pole wurde vor die Tür gesetzt, -und man feierte Hochzeit: da wurden Kuchen gebacken, Wäsche genäht, man -rollte ein Fäßchen Schnaps herbei, das junge Paar ward an den Tisch -gesetzt, das Hochzeitsgebäck aufgeschnitten, da klimperten Harfen und -die Saiten des Zymbals, es kreischten die Schalmeien und die Zithern -summten -- und die Lustbarkeit begann .... - -Ein Hochzeitsfest aus alten Tagen ist nicht mit einem in unserer Zeit zu -vergleichen. Die Tante meines Großvaters erzählte -- hei juchhei! Ei wie -da die Mädels im prächtigen Kopftuch mit den gelben, blauen und rosa -Bändern und der Goldtresse daran darauf lossprangen. Sie hatten feine -Hemden an, deren Nähte mit roter Seide bestickt waren und die kleine -silberne Blümchen zierten, und hohe Saffianstiefelchen, die mit Hufeisen -beschlagen waren; stolz wie Pfauen flogen sie gleich einem Wirbelwind -rauschend durchs Zimmer. Wie da die jungen Frauen eine nach der anderen -hervortraten mit ihrem bootsartigen Kopfputz, dessen Kappe aus Brokat -gewirkt war, mit einem Nackenausschnitt, durch den das goldene Häubchen -mit den zwei herabbaumelnden Zipfelchen aus feinstem schwarzen Lammfell -hervorguckte, in ihren blauen Ueberwürfen aus herrlichstem Seidenstoff -mit roten Aufschlägen -- ei wie sie da gar würdig, die Hände auf die -Hüften gestützt, eine nach der anderen hervortraten, und im Takt ihren -Hopak tanzten. Wie da die Burschen in ihren hohen Kosakenmützen, in -feinen Tuchkitteln mit silbergesticktem Gürtel, und die Pfeife zwischen -den Zähnen um sie herum scharwenzelten und ihr Licht durchaus nicht -unter den Scheffel stellten! Korsch selbst konnte beim Anblick des -jungen Volkes nicht mehr an sich halten und legte los wie in alten -Tagen. Mit der Harfe in der Hand, aus der Pfeife paffend und ein Lied -vor sich hin singend, so begann der Alte, mit dem Schnapsglas auf dem -Kopf, beim lauten Geschrei der lustigen Kumpanei seinen Hopser herunter -zu stampfen. Was die nicht alles in ihrer Lustigkeit anstifteten! Schon -wenn man anfing, Mummenschanz zu treiben, Gott, was gab's da nicht -alles. Das war eine ganz andere Mummerei als auf unseren heutigen -Hochzeiten. Was macht man denn heute? Man verkleidet sich als -Zigeunerinnen und Moskowiter, das ist alles! Nein, damals verkleidete -sich einer als Jude und der andere als Teufel; erst küßte man sich, und -dann packte man einander beim Schopf .... Ich bitt' euch, das gab ein -Lachen, daß man sich den Bauch halten mußte. Oder man legte türkische -und tatarische Gewänder an, die da glühten wie das reine Feuer .... Und -wenn man erst wirklich anfing, Unsinn und Schabernack zu treiben .... -das war geradezu zum Platzen! Mit der Tante meines verstorbenen -Großvaters, die mit auf dieser Hochzeit war, begab sich eine drollige -Geschichte. Sie trug damals ein weites tatarisches Kleid und ging mit -dem Schnapsglas in der Hand umher, um alle wohl zu versorgen. Da mußte -einen der Teufel reiten, daß er sie von hinten mit Branntwein begoß, ein -anderer mußte gerade in diesem Augenblick Feuer schlagen, und so setzten -sie sie denn lichterloh in Brand. Die Flammen flackerten im Nu hoch auf: -die arme Tante begann sich voller Schrecken in aller Gegenwart die -Kleider vom Leibe zu reißen .... Was sich da für ein Lärm, Gelächter und -ein wildes Durcheinander erhob, rein wie auf einem Jahrmarkt! Kurz, die -ältesten Leute konnten sich nicht auf eine so lustige Hochzeit besinnen. - -Pidorka und Petrusj begannen ein Leben miteinander wie die feinsten -Herrschaften. Alles war in Hülle und Fülle vorhanden, alles blinkte und -funkelte nur so .... Doch die lieben Nachbarn, die ihren Wohlstand -mitansahen, schüttelten nur den Kopf. »Vom Teufel kommt nichts Gutes!« -sagten sie alle einstimmig. »Woher hat er denn den Reichtum, wenn nicht -vom Versucher aller rechtgläubigen Christen? Wo hätte er einen solchen -Haufen Goldes wohl hergenommen? Warum ist Bassawrjuk gerade an demselben -Tage verschwunden, als Petrusj zu seinem Reichtum kam?« -- Und was die -Leute noch alles redeten. Und in der Tat; es war noch kein Monat -vergangen, da war Petrusj nicht mehr wiederzuerkennen. Was mit ihm -geschehen war, das weiß Gott allein. Sitzt immer auf ein und derselben -Stelle fest und redet kein Wort; er grübelt nur immer, als wollte er -sich auf etwas besinnen. Wenn es Pidorka gelang, ein Wort aus ihm -herauszupressen, sodaß er sich vergaß, ins Gespräch kam und sogar ganz -heiter wurde, dann brauchte er nur wie zufällig auf die Geldsäcke zu -blicken, und sofort schrie er los: »Halt, halt, ich hab's vergessen!« -Und wieder verfiel er in Sinnen und quälte sich ab, eine Erinnerung -heraufzurufen. Manchmal, wenn er lange Zeit still auf einem Flecke saß, -kam es ihm so vor, als ob etwas Längstvergangenes wieder in sein -Gedächtnis zurückkehrte .... aber gleich darauf verschwand alles wieder. -Es dünkt ihn, er sitzt in der Schenke, man bringt ihm Schnaps, der -Schnaps brennt ihm auf der Zunge und widert ihn an; jemand tritt zu ihm --- schlägt ihm auf die Schulter, und er .... Aber dann schien alles vor -ihm in einen Nebel zu sinken, der Schweiß rann ihm vom Gesicht, und er -sank erschöpft wieder auf seinen Platz zurück. - -Was auch Pidorka tun mochte: Kluge Frauen befragen, Zinndeuten, Wasser -besprechen -- nichts wollte helfen. So verging der Sommer. Manch ein -Kosak hatte schon sein Korn abgemäht und sein Heu geschnitten; manch -kühnerer Kosak war ins Feld gezogen. Schwärme von Enten drängten sich -auf unseren Weihern, und der Zaunkönig war schon längst verschwunden. -Die Steppen färbten sich rot, Getreidehaufen lagen hie und da verstreut -wie Kosakenmützen auf dem Felde. Auf den Wegen konnte man schon Wagen -begegnen, die mit Reisig und Holz beladen waren. Die Erde wurde hart, -und zeitweise gab es schon Frost. Schon rieselte der Schnee vom Himmel -herab, und die Zweige der Bäume waren mit Rauhreif verziert wie mit -Hasenpelzchen. Schon stolzierte in klaren Wintertagen der rotbrüstige -Gimpel wie ein eitler, polnischer Schlachziz auf den Schneehaufen umher -und suchte sich Körner, und die Kinder trieben mit Riesenstäben hölzerne -Bälle übers Eis, während ihre Väter ruhig hinter den Öfen lagen und nur -ab und zu mit der brennden Pfeife im Munde vors Haus gingen, um tüchtig -auf den russischen Frost zu schimpfen, um sich mal auszulüften, oder -weil sie das Korn in den Schobern noch einmal durchdreschen wollten. -Endlich begann der Schnee zu schmelzen, und der Hecht schlug mit dem -Schwanze das Eis auf; Petrusj aber war derselbe geblieben, und nur um so -düsterer geworden, je weiter die Zeit vorrückte. Wie angeschmiedet saß -er mitten im Zimmer, die Säcke mit dem Golde zwischen den Beinen. Er -verwilderte, war ganz und gar mit Haaren bewachsen, und wurde ein wahres -Schreckbild; immer denkt er an ein und dasselbe, will sich etwas ins -Gedächtnis zurückrufen, grollt mit sich und wütet, daß es ihm nicht -gelingt. Oft springt er wild von seinem Sitze auf, fährt mit den Händen -umher und heftet seine Augen auf etwas, als ob er es festhalten wollte; -seine Lippen bewegen sich, als wollten sie ein längst vergessenes Wort -aussprechen und -- erstarren ...... Tobsucht packt ihn; wie toll nagt -und beißt er an seinen Händen, und voll Grimm reißt er sich ganze -Büschel von Haaren aus, bis er wieder still wird, bewußtlos hinsinkt, -wieder zu sinnen anfängt; und dann wieder dieselbe Wut, und dieselbe -Qual ..... Was für eine Strafe Gottes war das! Was Pidorka durchmachen -mußte, das war kein Leben mehr! Zuerst graute sie's, allein im Hause zu -bleiben, aber dann gewöhnte sich die Ärmste an ihr Unglück. Die Pidorka -von einst war nicht mehr wiederzuerkennen. Ihr Gesicht hatte weder Farbe -noch ein Lächeln mehr; abgehärmt und abgezehrt war's, ausgeweint waren -die klaren Augen. Einst gab ihr jemand aus Erbarmen den Rat, sie solle -zu der Zauberin gehen, die in der Bärenschlucht hauste, und von der der -Ruf ausging, sie könne alle Gebreste der Welt heilen. Sie beschloß, dies -letzte Mittel zu versuchen. Nach vielem Hin und Her überredete sie -endlich die Alte, mit ihr mitzugehen. Es war gegen Abend und gerade vor -Johannisnacht. Petrusj lag besinnungslos auf der Bank und nahm den neuen -Gast gar nicht wahr. Doch bald begann er sich nach und nach aufzurichten -und um sich zu blicken. Plötzlich erbebte er wie auf dem Schafott; sein -Haar sträubte sich .... und er brach in ein solches Lachen aus, daß die -Angst Pidorka ins Herz schnitt. »Ich hab's, ich hab's!« schrie er in -fürchterlicher Lustigkeit, schwang das Beil hoch empor und ließ es aus -aller Leibeskraft auf die Alte fallen. Das Beil sauste zwei Zoll tief in -die Eichentür hinein. Die Alte war verschwunden, und mitten in der Stube -stand ein Kind von sieben Jahren in weißem Hemdchen mit verhülltem -Haupte .... Das Tuch flog herunter. »Iwasj!« schrie Pidorka und stürzte -auf ihn zu; doch das Gespenst war vom Kopf bis zu Füßen mit Blut bedeckt -und erglühte in rotem Lichte, das die ganze Stube in brennendes Rot -tauchte. Voller Angst lief sie auf den Flur; als sie wieder ein wenig zu -sich gekommen war, wollte sie ihm helfen; aber vergebens! Die Tür war so -fest hinter ihr zugeschlagen, daß man nicht imstande war, sie wieder zu -öffnen. Die Leute liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die Tür -ein: Keine Seele war da! Die ganze Stube war voll Rauch, nur in der -Mitte, wo Petrusj gestanden hatte, lag ein Haufen Asche, von dem hie und -da ein Qualm aufstieg. Man eilte zu den Säcken, darin lagen statt der -Dukaten nur zerbrochene Scherben. Mit glotzenden Augen, aufgesperrten -Mäulern, und ohne den Mut, sich zu regen, standen die Kosaken wie -angewurzelt da. In solche Angst hatte sie dies Wunder versetzt. - -Was weiter geschah, das weiß ich nicht. Pidorka legte das Gelübde ab, -eine Pilgerfahrt zu machen; sie suchte ihr Hab und Gut zusammen, das ihr -vom Vater übrig geblieben war, und war in der Tat einige Tage später aus -dem Dorfe verschwunden. Wohin sie sich begeben hatte, das wußte niemand -zu sagen. Geschwätzige alte Weiber wollten wissen, sie sei dort, wo auch -Petrusj sei; aber ein Kosak, der aus Kiew kam, erzählte, er habe im -Kloster eine zum Skelett abgemagerte Nonne gesehen, die immerwährend -betete und in der ihre Landsleute allen Anzeichen nach Pidorka -wiedererkannt hätten. Bis jetzt, hieß es, habe noch niemand von ihr ein -einzig Wörtlein gehört, sie solle allein zu Fuß gekommen sein und habe -eine Fassung für das Heiligenbild der Mutter Gottes mitgebracht, eine -Fassung, die mit solchen bunten Steinen besetzt gewesen sei, daß allen -die Augen flimmerten, wenn sie sie ansähen. - -Mit Verlaub, aber damit war noch nicht alles zu Ende. An demselben Tage, -als der Böse Petrusj zu sich genommen hatte, tauchte auch Bassawrjuk -wieder auf; aber alle mieden ihn von nun ab. Man wußte jetzt, was das -für ein Vogel war: niemand anders als der Satan war's, der -Menschengestalt angenommen hatte, um Schätze zu heben; und da unreine -Hände nicht Schätze heben können, so lockte er brave Burschen an sich. -Noch in demselben Jahre ließen alle ihre Lehmhütten stehen und liegen -und zogen ins Kirchdorf; aber auch dort hatte man keine Ruhe vor dem -verfluchten Bassawrjuk. Die Tante meines verstorbenen Großvaters -erzählte, er habe eine besondere Wut auf sie gehabt, weil sie ihre alte -Schenke auf der Landstraße nach Oposchnjany aufgegeben hatte, und er -habe mit allen Mitteln versucht, seinen Zorn an ihr auszulassen. Einst -waren die Dorfältesten in der Schenke beieinander; sie saßen und -unterhielten sich, wie man so sagt, nach Amt und Würden am Tisch, auf -dessen Mitte ein gewiß nicht allzu kleiner gebratener Hammel stand. Man -schwatzte über dies und jenes, auch über mannigfache Wunder und -Ungeheuerlichkeiten. Auf einmal schien's, und nicht nur einem, -- was ja -nichts bedeuten würde, -- sondern allen, als ob der Hammel den Kopf -erhob, die gebrochenen Augen wie lebendig leuchteten, und als ob -plötzlich ein borstiger schwarzer Schnurrbart sich auf die Anwesenden -zubewegte. Alle erkannten in dem Hammelkopf sofort die Fratze -Bassawrjuks, und die Tante meines Großvaters dachte schon, er würde -gleich Schnaps bestellen! .... Die guten Leutchen griffen nach ihren -Mützen und zogen ihres Weges. Ein anderes Mal sah der Kirchenvorstand in -eigener Person, der es liebte, ab und zu ein Stündchen bei Großvaters -Schnapsglas zu verbringen, noch ehe er zum zweiten Male das Glas geleert -hatte, auf einmal, wie das Glas anfing, sich ehrerbietigst vor ihm bis -zur Erde zu verneigen. »Hol' dich der Teufel!« rief er und begann sich -zu bekreuzigen ..... Aber da widerfuhr seiner Ehehälfte gleichfalls ein -Wunder: sie hatte gerade begonnen, Teig in einem mächtigen Trog zu -kneten, da sprang der Trog auf einmal in die Höhe. »Halt! Halt! Wohin -willst du?« rief sie. Aber da begann er, die Henkel in die Hüften -gestemmt, ehrwürdig in der Stube umherzutänzeln ..... Ja lacht nur! Aber -unserem Großvater war's nicht zum Lachen zumute. Vergeblich ging Vater -Afanassi im ganzen Dorfe mit Weihwasser umher und suchte den Teufel -durch Besprengen aller Straßen zu vertreiben. Es half nichts. Noch lange -klagte die Tante meines verstorbenen Großvaters darüber, daß, sobald es -Abend wurde, jemand aufs Dach klopfte und an den Wänden kratzte. - -Aber das ist noch nicht alles! Jetzt scheint ja auf der Stelle, wo unser -Dorf steht, alles ruhig zu sein; aber es ist noch garnicht so lange her, --- mein verstorbener Vater und ich haben es noch erlebt -- daß kein -ehrenwerter Mensch an der verfallenen Schenke, die noch lange Zeit -danach immer wieder von den unreinen Geistern ausgebessert wurde, ohne -Furcht vorbeigehen konnte. Aus dem rußigen Schlot schlugen Säulen Qualms -empor, die so hoch in die Luft stiegen, daß einem beim Hinaufsehen die -Mütze herunterfiel, und aus dem Qualm fielen glühende Kohlen über die -ganze Steppe. Und der Teufel -- gar nicht nennen dürft' man den -Hundesohn -- schluchzte so jämmerlich in seiner Kammer, daß die Aasgeier -erschreckt in ganzen Scharen aus dem nahen Eichenwäldchen emporstießen -und mit wildem Geschrei am Himmel umherschossen. - - - - - Mainacht - oder - Die Ertrunkene - - - Der Teufel mag wissen wie's kommt! Machen sich - ehrliche getaufte Leute an irgend etwas, so müssen - sie sich abrackern, wie der Windhund hinterm Hasen, - und kriegen's doch nie zu fassen. Kommt aber der - Böse und wackelt bloß mit dem Schwänzchen -- da - geht's auf einmal wie vom Himmel gefallen. - - - I. - Hanna - -Hell wie ein leuchtender Strom ergoß sich ein Lied durch die Straßen des -Dorfes ***. Es war die Stunde, da Burschen und Mädchen, matt von des -Tages Müh und Sorge, sich lärmend im Kreise versammeln, um im Glanz des -reinen Abends ihre Lust in Klängen hinauszujubeln, in denen stets etwas -wie eine geheime Trauer mitschwingt. Ganz in Sinnen versunken umschlang -der Abend träumerisch den blauen Himmel und wandelte alles in -Ungewißheit und Ferne. Schon begann es zu dämmern, aber die Lieder -verstummten dennoch nicht. Mit der Harfe in der Hand zieht Lewko einher. -Er hat sich von den Sängern weggeschlichen, der junge Kosak, des -Dorfamtmanns Sohn. Mit seiner hohen Kosakenmütz' auf dem Kopfe zieht der -Kosak durch die Gasse, zupft mit der Hand die Saiten und tänzelt dazu. -Doch nun blieb er vor der Tür eines Häuschens stehen, das niedrige -Kirschbäume umstanden. Wes Haus ist dieses? Und wes die Tür? Nach kurzem -Verweilen spielte er und sang: - - Sonne sinkt, Abend winkt, - Komm zu mir, mein Herzenskind! - -»Nein, mein helläugiges Liebchen schläft wohl schon fest,« sprach der -Kosak, indem er sein Lied beendete und ans Fenster trat. »Halja, Halja! -Schläfst du, oder willst du nicht zu mir kommen? Du fürchtest gewiß, es -könnt' uns jemand erblicken, oder will sich am Ende gar dein weißes -Gesichtchen nicht in die Kälte hinauswagen? Fürcht' dich nicht, niemand -ist in der Nähe; der Abend ist warm. Ja, käm' auch jemand, ich deck' -dich mit meinem Kittel zu, ich will dich mit meinem Gürtel umwinden, mit -meinen Händen bedecken, -- und niemand wird uns sehen. Und wehte es -selbst eisig kalt, ich drück' dich noch näher an mein Herz, ich wärm' -dich mit Küssen und zieh meine Mütze über deine weißen Füßchen. Mein -Herz, mein Fischchen, mein Kleinod! Schau nur einen Augenblick heraus. -Steck nur dein weißes Händchen durchs Fensterchen ... Nein, du schläfst -nicht, stolzes Mädchen!« rief er lauter und in einem Ton, wie ihn wohl -jemand findet, der sich über einen Augenblick der Erniedrigung schämt. -»Dir gefällt's, mich zu verhöhnen. Leb' wohl!« - -Er wandte sich ab, schob die Mütze schief aufs Ohr und zog stolz davon, -leis die Saiten der Harfe zupfend. Da drehte sich der Holzgriff der Tür, -knarrend öffnete sich die Pforte, und ein Mädchen, das etwa siebzehn -Lenze zählte, trat, von Dämmerung umwoben, über die Schwelle; scheu sah -sie sich um, ohne den hölzernen Griff aus der Hand zu lassen. Ihre -hellen Augen leuchteten im ungewissen Dunkel freundlich wie Sternlein; -die rote Korallenkette blinkte, und vor den Adleraugen des Burschen -blieb nicht einmal die Röte verborgen, die ihr schamhaft über die Wangen -flammte. - -»Wie ungeduldig du bist!« sprach sie halblaut zu ihm. »Gleich bist du -böse! Warum hast du denn gerade diese Zeit gewählt? Eine Unmenge von -Leuten lungert auf den Straßen umher .... ich zittere am ganzen Leibe.« - -»O zittere nicht, mein Knöspchen! Drück dich recht fest an mich!« sprach -der Bursch, umarmte sie, streifte die Harfe ab, die ihm an einem langen -Riemen um den Hals hing, und ließ sich neben ihr vor der Türe nieder. -»Du weißt: dich auch nur eine Stunde nicht zu sehen, ist so bitter für -mich!« - -»Weißt du, was ich glaube?« unterbrach ihn das Mädchen und richtete -sinnend die Augen auf ihn. »Mir ist's, als raunte mir jemand ins Ohr, -daß wir uns in Zukunft nimmer so oft mehr sehen werden. Die Menschen -sind bei euch so schlimm, die Mädchen sehen mich so neidvoll an, und die -Burschen .... Fühl' ich's doch gar, daß mich die Mutter seit einiger -Zeit noch strenger bewacht. Ich will dir's gestehen, fröhlicher war's in -der Fremde!« - -Bei den letzten Worten huschte ein schmerzlicher Zug über ihr Gesicht. - -»Du bist kaum zwei Monate in der Heimat, und schon wird dir's zu lang; -bin ich dir vielleicht auch schon zuwider?« - -»O nein, du bist mit nicht zuwider!« sagte sie lächelnd, »ich liebe dich -doch, du schöner Kosak! Ich liebe dich um deiner klaren Augen willen, -und wenn du mit ihnen auf mich blickst, so lächelt alles in meiner -Seele, und ihr wird so wohl und so heiter; ich liebe dich, weil du so -freundlich mit dem schwarzen Schnurrbart zuckst, weil du auf der Straße -singst und spielst, und lieblich ist's, dir zuzuhören.« - -»O meine Halja!« rief der Bursch, und drückte sie unter Küssen noch -fester an seine Brust. - -»Halt ein, Lewko! Sag mir zuerst, hast du mit deinem Vater gesprochen?« - -»Was?« rief er, wie aus dem Schlafe auffahrend, »daß wir uns heiraten -wollen? Ich habe mit ihm gesprochen.« Doch das Wort »gesprochen« klang -voller Bitterkeit in seinem Munde. - -»Und nun?« - -»Was soll man mit ihm machen? Der alte Tropf stellt sich nach seiner -Gewohnheit taub, will nichts hören, und schilt noch, daß ich mich, weiß -Gott wo, umhertreibe und mich mit den Burschen in den Straßen vergnüge. -Doch verzage nicht, meine Halja! Da hast du mein Kosakenwort drauf, daß -ich ihn doch beuge!« - -»Ja, Lewko, du brauchst nur ein Wörtlein zu sagen, und alles geschieht -nach deinem Willen. Weiß ich es doch von mir: Ich möchte mich dir so -manches Mal widersetzen, doch du sagst nur ein Wort, und wider die -eigene Absicht tu ich, was du willst. Sieh nur, sieh --« fuhr sie fort, -indem sie den Kopf an seine Schultern lehnte und ihre Augen zur Höhe -erhob. Dort blaute der warme unermeßliche Himmel der Ukraine, der unten -von den krausen Zweigen der Kirschbäume verhängt war. »Sieh dort, -- -weit, weit, da blinken Sternchen: eins, zwei, drei, vier, fünf .... -Nicht wahr, das sind doch Gottes Engel, die die Fensterchen ihrer hellen -Himmelsstübchen aufmachen und uns ansehen? Sie blicken doch auf unsere -Erde herab? O, wenn die Menschen doch Flügel hätten wie die Vögel, -- -und so hinauffliegen könnten, hoch, hoch in die Höhe .... O, wie -schrecklich! Keine Eiche ragt bei uns in den Himmel. Aber es soll -irgendwo in einem fernen Lande solch einen Baum geben, dessen Wipfel in -den Himmel hineinrauscht, und Gott soll auf ihm in der Osternacht zur -Erde herabsteigen.« - -»Nein, Halja, Gott hat eine lange Leiter, die vom Himmel bis zur Erde -reicht. Am Ostersonntag wird sie von den heiligen Erzengeln -aufgerichtet, und sowie Gott auf die erste Stufe tritt, da schwirren -alle unreinen Geister empor und stürzen zu Haufen herab in die Hölle. -Und darum ist zum Fest Christi kein böser Geist auf der Erde.« - -»Wie sanft wiegt sich das Wasser hin und her, wie ein Kind in der -Wiege,« fuhr Hanna, auf den Teich weisend, fort, der mürrisch von -dunklem Ahorngehölz umstanden war und von den Weiden beweint wurde, die -ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hatten. Wie ein kraftloser Greis -hielt er den ferndunklen Himmel in seinen kalten Armen, überschüttete -mit frostigen Küssen die brennenden Sterne, die trübe mitten im warmen -Meer der nächtlichen Luft glimmten, in ängstlicher Vorahnung, daß bald -der König der Nacht in blendendem Glanz aufleuchten würde. Auf dem Berge -schlummerte neben dem Walde ein altes hölzernes Haus mit geschlossenen -Läden; Moos und Unkraut bedeckten sein Dach; krausgelockte Apfelbäume -wucherten vor den Fenstern, der Wald umarmte es mit seinen Schatten und -warf eine wilde Düsternis darauf, und vor ihm breitete sich ein -Nußbaumhain aus und glitt zum Teiche herab. - -»Ich erinnere mich wie im Traume,« sagte Hanna, ohne die Augen von ihm -abzuwenden. »Vor langer, langer Zeit, als ich noch klein war und bei -meiner Mutter lebte, da wurde gar Schreckliches von diesem Hause -gesprochen. Lewko, du weißt es sicher, erzähle!« - -»Da sei Gott vor! Liebste! Was doch die Weiber und Dummköpfe nicht alles -erzählen. Du bringst dich nur um deine Ruhe, du könntest dich ängstigen -und nachher nicht gut schlafen!« - -»Erzähl, erzähl, liebster, schönster Junge!« rief sie, preßte ihr -Gesicht an seine Wange und umschlang ihn fest. »Nein, du liebst mich -nicht! Sicher liebst du noch ein anderes Mädchen! Ich ängstige mich doch -nicht -- ich schlafe die Nacht über ganz ruhig. Aber wenn du mir's nicht -erzählst, werde ich nicht einschlafen können. Ich werde mich quälen und -werde grübeln .... erzähle, Lewko!« - -»Die Leute sprechen wohl die Wahrheit, die da sagen, daß ein Teufel in -den Mädchen sitzt und beständig ihre Neugier reizt. So höre denn. Vor -langer Zeit, mein Herz, da lebte ein Hauptmann in diesem Hause. Dieser -Hauptmann hatte ein Töchterlein, ein hübsches Fräulein, so weiß wie -Schnee, ganz so wie dein Gesichtchen. Des Hauptmanns Weib war schon -lange tot, und der Hauptmann gedachte nun, sich eine andere Frau zu -nehmen. >Wirst du mich auch liebkosen wie früher, Väterchen, wenn du dir -eine andere Frau nimmst?< -- Freilich, mein liebes Töchterchen, noch -fester als früher werd' ich dich an mein Herze drücken! Glänzendere -Ohrringe noch und Perlen werd' ich dir schenken!« - -»Der Hauptmann brachte das junge Weib in sein Haus. Schön war das junge -Weib, rosig und weiß war das junge Weib, und doch blickte sie so -furchtbar auf ihre Stieftochter, daß die aufschrie bei ihrem Anblick, -die strenge Stiefmutter aber sprach den ganzen Tag über kein Wort. So -kam die Nacht heran. Der Hauptmann begab sich mit seinem jungen Weibe -ins Schlafgemach; und auch das schneeweiße Fräulein schloß sich in ihre -Kammer ein. Bitter ward ihr zumute und sie begann zu weinen. Plötzlich -sieht sie, wie eine schreckliche Katze auf sie zuschleicht; ihr Fell -glüht, und ihre eisernen Krallen schlagen laut auf die Diele. Voll Angst -springt sie auf die Bank, -- die Katze ihr nach; sie springt auf die -Ofenbank, die Katze folgt ihr dort hinauf, und mit einem Male springt -sie dem Mädchen an den Hals und beginnt sie zu würgen. Mit einem Schrei -riß das Mädchen sie von sich los und schleuderte sie zu Boden. Und -wieder schleicht die schreckliche Katze heran. Ein Grausen erfaßt das -Mädchen. An der Wand hing ihres Vaters Säbel. Sie packte ihn, und -sausend fiel der Hieb, -- die Tatze mit den Eisenkrallen flog ab, und -die Katze verschwand winselnd in der dunklen Ecke. Den ganzen Tag über -verließ die junge Frau ihr Gemach nicht, erst am dritten Tage erschien -sie wieder mit einer verbundenen Hand. Da ging dem armen Fräulein eine -Ahnung auf, daß ihre Stiefmutter eine Hexe war, und daß sie ihr die Hand -abgehauen hatte. Am vierten Tage befahl der Hauptmann seiner Tochter, -Wasser herbei zu tragen und das Haus zu fegen wie eine gemeine Magd, und -verbot ihr, sich in den herrschaftlichen Gemächern zu zeigen. Der -Ärmsten ward so schwer ums Herz, doch was konnte sie tun, sie mußte ja -den Willen des Vaters erfüllen. Am fünften Tage jagte der Hauptmann -seine Tochter barfuß aus dem Hause, und gab ihr nicht einmal ein -Stückchen Brot mit auf den Weg. Da schlug das Fräulein die Hände vor das -Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen. >O mein Vater, in Verderben -gestürzt hast du deine eigne Tochter. Die Hexe hat deine sündige Seele -ins Verderben gestürzt! Möge Gott dir verzeihen, mir hat Er wohl nicht -länger zu leben beschieden ....< -- Siehst du da ....?« wandte sich -Lewko an Hanna und wies mit dem Finger auf das Haus, »schau hin: dort -hinter dem Hause ist das Ufer am steilsten. Von diesem Ufer stürzte sich -das Fräulein ins Wasser, und ward seit dem Tage nicht mehr gesehen ....« - -»Und die Hexe?« unterbrach ihn Hanna ängstlich und richtete ihre -tränenschweren Augen auf ihn. - -»Die Hexe? Alte Weiber haben das Märchen ersonnen, daß seit jener Zeit -in mondhellen Nächten alle ertrunkenen Mädchen in den Garten des -Hauptmanns kamen, um sich im Mondlicht zu wärmen, und des Hauptmanns -Töchterlein war die erste unter ihnen. Eines Nachts erblickte sie ihre -Stiefmutter neben dem Teich, fiel über sie her und schleppte sie mit -Geschrei ins Wasser. Aber auch diesmal ließ sich die Hexe nicht aus der -Fassung bringen, sie verwandelte sich unter dem Wasser in eine von den -Ertrunkenen und entkam so der Peitsche aus grünem Schilf, mit der die -Ertrunkenen sie schlagen wollten. - -Glaub' einer den Weibern! -- Man erzählt auch noch, daß das Fräulein -seit jener Nacht die Ertrunkenen um sich sammelt, jeder einzelnen ins -Gesicht blickt, und sich abmüht, zu erkennen, welche von ihnen die Hexe -sei; aber bis jetzt hat sie es noch nicht erfahren. Und wenn sie einen -_Menschen_ in die Hände bekommt, so zwingt sie ihn, die Hexe zu suchen, -und droht ihm, ihn sonst zu ertränken. So erzählen die alten Leute, -liebe Halja! .... Unser jetziger Pan aber will an dieser Stelle eine -Schnapsbrennerei errichten und hat schon eigens dazu einen Brennmeister -hergeschickt .... Doch ich höre reden. Die Unsrigen kommen vom Singen -zurück. Leb' wohl, Halja! Schlafe ruhig und denk nicht an diese -Weibermärchen.« -- - -Mit diesen Worten umschlang er sie noch fester, küßte sie und ging. - -»Leb' wohl, Lewko!« sprach Hanna und richtete sinnend ihre Augen auf den -dunklen Wald. - -In diesem Augenblicke begann ein riesenhafter Feuer-Mond majestätisch -aus der Erde zu wachsen. Noch lag die eine Hälfte unter der Erde, aber -schon erfüllte sich die ganze Welt mit einem feierlichen Lichte. Der -Teich sprühte Funken. Der Schatten der Bäume löste sich scharf vom -dunklen Grün. - -»Leb' wohl, Hanna!« tönt es hinter ihr, und ein Kuß begleitete diese -Worte. - -»Du bist wieder zurückgekehrt?« sagte sie und schaute sich um. Aber als -sie einen unbekannten Burschen sah, wandte sie sich zur Seite. - -»Leb' wohl, Hanna!« ertönte es da wieder, und wieder küßte sie jemand -auf die Wange. - -»Hat der Teufel noch einen hierhergeführt!« rief sie voller Zorn. - -»Leb' wohl, liebe Hanna!« - -»Ein Dritter!« - -»Leb' wohl, leb' wohl, leb' wohl, Hanna!« Und von allen Seiten regneten -Küsse auf sie herab. - -»Das ist ja eine ganze Horde!« schrie Hanna und mußte sich gewaltsam aus -einem großen Haufen von Burschen losreißen, die sie um die Wette -umarmten. »Wie ist ihnen nur das ewige Küssen nicht zuwider! Bei Gott, -bald darf man sich nicht mehr auf der Straße zeigen!« - -Nach diesen Worten schlug die Türe zu, und man hörte nur noch, wie der -eiserne Riegel sich klirrend vorschob. - - - II. - Der Dorfamtmann - -Kennt Ihr die Nächte der Ukraine? O Ihr kennt die Nächte der Ukraine -nicht. Blickt nur recht tief in sie hinein, versenkt Euch tiefer in ihre -Wunder. Mitten vom Himmel herab blickt der Mond; noch gewaltiger als -sonst ist die unermeßliche Wölbung des Himmels, dehnt sich noch weiter -in unermeßlichen Fernen und scheint brennend und lohend zu atmen. Die -ganze Erde liegt in silbernem Lichte da, die wundersame Luft ist von -einer schwülen Kühle und Wonne erfüllt, und strömt einen Ozean von -Wohlgerüchen aus. Göttliche Nacht! Berückende Nacht! Regungslos und wie -begeistert stehen die Wälder in tiefer Finsternis und werfen ungeheure -Schatten. Still liegen die Teiche ruhend da; die Kälte und die -Finsternis sind düster verkerkert in die dunkelgrünen Mauern der Gärten. -Die jungfräulichen Hecken aus Faulbeer und Kirschbäumen strecken scheu -ihre Wurzeln in die kühle Flut der Quellen, und ihre Blätter lispeln ab -und zu, als ob sie zürnten oder sich empörten, wenn der schöne, -flatterhafte Nachtwind schnell herangeschlichen kommt und sie küßt. Die -ganze Natur schläft. Oben aber lebt und webt alles in herrlicher Feier. -Und auch die Seele breitet sich herrlich aus ins Unermeßliche, und -Reigen silberner Visionen steigen aus ihrer Tiefe auf. Göttliche Nacht! -Berückende Nacht! Mit einemmal aber wird alles lebendig: Wälder, Teiche -und Steppen. Majestätisch rollt das Schmettern der ukrainischen -Nachtigall dahin, und man meint, selbst der Mond lausche ihr aus der -Mitte des Himmels .... Wie verzaubert schlummert das Dorf auf der -Anhöhe. Noch weißer und prächtiger strahlen die Haufen der Häuschen im -Mondlichte, noch blendender heben sich ihre niederen Mauern von der -Dunkelheit ab. Die Lieder sind verstummt. Alles ist still. Die frommen -Leute schlafen schon. Nur hie und da leuchtet ein schmales Fensterchen -auf. Auf den Schwellen einzelner Hütten sitzt noch eine Familie und -verzehrt ihr spätes Nachtmahl. - -»I wo, ein Hopser wird ganz anders getanzt! Also darum ging's nicht vom -Fleck! -- Was erzählt der Gevatter da? .... Nun also: Hop, trala! -- -hop, trala! -- hop, hop, hop!« So sprach ein angeheiterter Bauer -mittleren Alters zu sich selbst und begann mitten auf der Straße zu -tanzen. »Bei Gott, so wird kein Hopser getanzt! Was soll ich schwindeln? -Bei Gott! So nicht! Nun also: Hop trala! -- Hop trala! -- hop, hop, -hop!« - -»Der Mensch ist ja ganz närrisch. Wenn's noch ein junger Kerl wäre, aber -so ein alter Bär .... der tanzt bloß den Kindern zum Spott hier nachts -auf der Straße!« rief eine ältere Frau im Vorübergehen, die Stroh in der -Hand trug. »Geh nach Haus! Es ist schon längst Schlafenszeit!« - -»Ich gehe ja schon,« sagte der Bauer und blieb stehen. »Ich geh' ja -schon. Ich pfeife auf den Amtmann. Was denkt er sich denn. Der Teufel -soll seinen Vater holen. Wenn er Amtmann ist und die Leute bei stärkstem -Frostwetter noch mit kaltem Wasser begießt, hat er darum etwa das Recht, -so hochnäsig und wichtig zu tun? Ei, ist das mir ein Amtmann! Ich bin -mein eigner Amtmann! Gott soll mich schlagen -- ich bin mein eigner -Amtmann! Jawohl,« fuhr er fort, »und nicht etwa ....« Er trat ans erste -beste Häuschen heran, blieb vor dem Fenster stehen, und bemühte sich, -mit den Fingern über die Scheibe gleitend, den hölzernen Griff zu -finden. »Weib, mach auf! Schnell, Weib, ich sage dir, mach auf! Der -Kosak will schlafen!« - -»Wo willst du hin, Kalenik? du bist an ein fremdes Haus geraten!« -schrien lachend die Mädchen hinter ihm her, die vom fröhlichen Sang -heimkehrten. »Sollen wir dir dein Haus zeigen?« - -»Zeigt mir's, meine lieben jungen Damen!« - -»Damen? Hört ihr's?« rief die eine, »wie artig Kalenik ist! Dafür müssen -wir ihm sein Haus zeigen ....! Aber nein, erst tanz uns mal eins vor!« - -»Tanzen? .... Ah, ihr schlauen Mädel!« rief Kalenik gedehnt lachend, mit -dem Finger drohend und stolpernd, denn er war etwas unsicher auf den -Beinen. »Laßt Ihr euch auch küssen? Ich will euch alle küssen -- alle -.... alle!« Und mit wankenden Schritten jagte er hinter ihnen her. Die -Mädchen schrieen alle durcheinander; aber bald faßten sie Mut und liefen -auf die andere Seite der Straße, als sie merkten, daß Kalenik nicht -allzu flink auf den Beinen war. - -»Da ist dein Haus!« schrien sie ihm beim Fortgehen zu und zeigten auf -ein Haus, das größer war als die übrigen und dem Dorfamtmann gehörte. -Kalenik wankte gehorsam auf jene Seite hinüber und begann dann von neuem -auf den Amtmann zu schimpfen. - -Wer aber ist denn eigentlich dieser Amtmann, der so böses Gerede über -sich erregt? O, dieser Amtmann ist eine wichtige Person auf dem Lande. -Bis Kalenik das Ende seines Weges erreicht hat, werden wir wohl Zeit -finden, einiges über ihn zu sagen. Alle im Dorfe greifen bei seinem -Anblick an die Mütze, und selbst die allerjüngsten Mädchen sagen ihm -Guten Tag. Wer im Dorfe möchte nicht Amtmann sein? Dem Amtmann ist der -Weg zu allen Tabaksdosen offen, und der kräftige Bauer steht die ganze -Zeit über ehrfurchtsvoll mit der Mütze in der Hand da, solange jener -seine dicken und groben Finger in seine Tabatiere von Bast steckt. Im -Gemeinderat hat der Amtmann immer die Oberhand, obgleich seine Macht -noch durch andere Stimmen beschränkt wird, und er heißt fast ganz nach -seiner Willkür jeden, der ihm gerade paßt, den Weg ebnen oder einen -Graben anlegen. Der Amtmann ist mürrisch, von plumpem Äußeren und redet -nicht gern. Vor langer, langer Zeit, als noch die große Zarin Katharina -seligen Angedenkens einmal in die Krim reiste, war er auserwählt worden, -an ihrem Gefolge teilzunehmen; er bekleidete dieses Amt ganze zwei Tage -und hatte sogar die Ehre, auf dem Bock neben dem Kutscher der Zarin -sitzen zu dürfen. Seit dieser Zeit weiß der Amtmann würdevoll und -sinnend den Kopf zu senken, seinen langen und an der Spitze etwas -krausen Schnurrbart zu glätten und drohende Falkenblicke um sich zu -werfen. Seit dieser Zeit weiß er auch, worüber man immer mit ihm -sprechen mag, stets die Rede darauf zu bringen, daß er die Zarin -begleitet und auf dem Kutschbock des kaiserlichen Wagens gesessen habe. -Der Amtmann beliebt nur manchmal, sich taub zu stellen, besonders wenn -er etwas hören muß, was er nicht gerne hört. Er liebt es nicht, Staat zu -machen, trägt stets einen Kittel aus schwarzem Haustuch, umgürtet sich -mit einem bunten Wollgürtel, und noch _nie_ hat ihn jemand in einem -anderen Kostüm gesehen, ausgenommen vielleicht in der Zeit, wo die Zarin -in die Krim reiste, und wo er einen blauen Kosakenrock, den Schupan, -trug. Aber auf diese Zeit kann sich wohl kaum jemand aus dem ganzen -Dorfe besinnen; den Schupan aber bewahrt er in einem Kasten unter Schloß -und Riegel. Der Amtmann ist Witwer; aber in seinem hause lebt eine -Schwägerin, die ihm Mittag- und Abendbrot kocht, die Bänke scheuert, die -Stube weißt, ihm Hemdentuch webt und sein ganzes Hauswesen leitet. Im -Dorfe heißt es, sie sei nicht richtig mit ihm verwandt; aber wir haben -ja schon gesehen, daß der Amtmann viele Feinde hat, die ihn gern ein -wenig verleumden. Übrigens hat vielleicht der Umstand Anlaß dazu -gegeben, daß es der Schwägerin immer mißfiel, wenn der Amtmann aufs Feld -ging, wo die Schnitterinnen an der Arbeit waren, oder zu einem Kosaken, -der ein junges Töchterchen hatte. Der Amtmann ist einäugig, dafür aber -ist sein einsames Auge ein Schelm und kann schon von fern ein hübsches -Bauernmädchen erkennen. Doch bevor er sein Auge auf ein niedliches -Gesichtchen richtet, sieht er sich erst sorgfältig um, ob ihm die -Schwägerin auch nicht zuschaut. - -Nun haben wir schon fast alles Notwendige vom Amtmann erzählt, und der -betrunkene Kalenik hat noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt. -Noch lange traktierte er den Amtmann mit den ausgesuchtesten Worten, die -ihm auf seine faule und zusammenhangloses Zeug lallende Zunge kamen. - - - III. - Ein unerwarteter Nebenbuhler - Die Verschwörung - -»Nein, Burschen, nein! Ich will nicht! Was soll diese Ausgelassenheit? -Wie, wird euch das Tollen nicht zuwider? Wir gelten ohnehin schon für -Gott weiß was für Raufbolde. Geht lieber schlafen!« So sprach Lewko zu -seinen fröhlichen Kumpanen, die ihn zu neuen Streichen überreden -wollten. »Lebt wohl, Brüder! Gute Nacht!« Und schnellen Schrittes eilte -er davon. - -»Schläft meine helläugige Hanna?« dachte er, als er an das uns schon -bekannte, von Kirschbäumen umstandene Häuschen trat. Mitten in der -Stille vernahm er ein leises Gespräch. Lewko blieb stehen. Durch die -Bäume schimmerte ein weißes Frauengewand .... »Was soll das?« dachte er, -schlich näher heran und versteckte sich hinter einem Baum. Der -Mondschein erhellte das Gesicht des vor ihm stehenden Mädchens. - -»Hanna?« Aber wer war der hochgewachsene Mann, der mit dem Rücken zu ihm -stand? Vergeblich blickte er nach ihm hin: Der war vom Kopfe bis zu den -Füßen in Schatten gehüllt. Nur von vorn fiel etwas Licht auf ihn, aber -schon der kleinste und leiseste Schritt setzte Lewko der -Unannehmlichkeit aus, entdeckt zu werden. Still an einen Baum gelehnt, -blieb er stehen. Das Mädchen hatte ganz deutlich seinen Namen -ausgesprochen. - -»Lewko? Lewko ist noch ein Milchbart!« rief der große Mann. »Wenn ich -ihn bei dir treffe, reiße ich ihm den Schopf aus ....« - -»Ich möchte wohl wissen, welcher Lump damit prahlt, er werde mir meinen -Schopf ausreißen!« sagte sich Lewko still und reckte den Hals empor, um -ja kein Wort zu verlieren. Aber der Unbekannte fuhr so leise fort, daß -man nichts mehr hören konnte. - -»Schämst du dich denn gar nicht!« sprach Hanna, als er zu Ende geredet -hatte. »Du lügst, du willst mich betrügen. Du liebst mich nicht, ich -werde dir nie glauben, daß du mich liebst!« - -»Ich weiß,« erwiderte der große Mann, »Lewko hat dir viel unsinniges -Zeug vorgeschwatzt und dir den Kopf verdreht!« (Hier kam es dem Burschen -so vor, als sei die Stimme des Unbekannten ihm nicht ganz fremd, und als -habe er sie schon einmal gehört.) »Aber ich werd' es dem Lewko schon -zeigen!« fuhr der Unbekannte fort. »Er glaubt, ich sehe alle seine -Streiche nicht, er soll meine Fäuste schon zu kosten bekommen, der -Hundesohn!« - -Bei diesen Worten konnte Lewko seinen Zorn nicht länger unterdrücken. Er -schlich bis auf drei Schritte an ihn heran und holte aus aller Kraft -aus, um ihm einen Hieb zu versetzen, dem der Unbekannte trotz seiner -offenbaren Stämmigkeit vielleicht nicht standgehalten hätte; aber in -diesem Augenblicke fiel das Licht auf des Unbekannten Antlitz, und Lewko -erstarrte -- er sah seinen eigenen Vater vor sich. Nur ein -unwillkürliches Kopfschütteln und ein leises Pfeifen durch die Zähne -verrieten seine Verblüffung. Dann vernahm man ein feines Rascheln, Hanna -floh eiligst ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu. - -»Leb wohl, Hanna!« rief in diesem Augenblick einer der Burschen, der -leise herangeschlichen war, und umarmte den Amtmann, aber er prallte -entsetzt zurück, als er den struppigen Schnurrbart berührte. - -»Leb wohl, mein schönes Kind!« rief ein anderer, aber dieser flog Hals -über Kopf, von einem schweren Stoß des Amtmanns getroffen, zur Erde. - -»Leb wohl, leb wohl, Hanna!« riefen einige Burschen und hingen sich ihm -an den Hals. - -»Fahrt doch zur Hölle, ihr verdammten Lümmel!« schrie der Amtmann, indem -er sie von sich abwehrte, und stampfte voller Wut mit den Füßen. »Bin -ich etwa Hanna? Schert euch hinter euren Vätern her; an den Galgen mit -euch, ihr Teufelsbrut! Kleben die fest an einem, rein wie die Bienen am -Honig! Ich will euch schon zeigen wer Hanna ist ....« - -»Der Amtmann, der Amtmann! 's ist der Amtmann!« schrien die Burschen und -liefen nach allen Seiten auseinander. - -»Ei, ei, Väterchen!« sprach Lewko, als er sich wieder von seinem Staunen -erholt hatte, und blickte dem schimpfend davonziehenden Amtmann nach. -»Solche Streiche machst du also? Großartig! Und ich habe mich noch -gewundert und immer gedacht, was mag das nur bedeuten, daß er sich immer -taub stellt, sobald ich mit ihm von dieser Sache zu sprechen anfange. -Halt, alter Graubart, ich will dir schon beibringen, was das heißt, sich -vor den Fenstern junger Mädchen herumzudrücken; fremde Bräute abspenstig -machen? -- na, ich will dir's schon zeigen! Hollah, Jungens, hierher!« -schrie er, mit der Hand die Burschen zu sich heranwinkend, die sich -wieder versammelt hatten und in einem Haufen zusammenstanden. »Kommt -doch her! Ich hab' euch zwar ermahnt, schlafen zu gehen, aber ich hab's -mir wieder überlegt und will gern die ganze Nacht mit euch verbummeln.« - -»Das laß ich mir gefallen!« rief ein breitschultriger und stattlicher -Bursche, der als der erste Herumstreicher und Wildfang im Dorf galt. -»Mir ist nicht wohl zumute, wenn ich keine Gelegenheit habe, ein paar -Streiche zu machen und mich ordentlich auszutoben. Mir ist, als fehlte -mir etwas, es kommt mir dann so vor, als hätte ich die Mütze oder die -Pfeife verloren, kurz, ich fühle mich nicht mehr als rechter Kosak!« - -»Wollt ihr heute den Amtmann mal tüchtig ärgern?« - -»Den Amtmann?« - -»Ja, den Amtmann. Wahrhaftig! Was denkt sich denn der? Der kommandiert -bei uns herum wie ein Hetman! Nicht genug, daß er uns hin und her hetzt -wie seine Knechte, nein, er macht sich auch noch an unsere Mädchen -heran! Ich glaube, im ganzen Dorfe gibt's auch nicht _ein_ hübsches -Mädchen, mit dem der Amtmann nicht anbändelte.« - -»'s ist wahr, 's ist wahr!« riefen alle Burschen wie aus einer Kehle. - -»Aber, Kinder, was sind wir denn für Kerle? Sind wir nicht Männer von -altem Stamm wie er? Wir sind doch gottlob freie Kosaken! Jungens, zeigen -wir ihm, daß wir freie Kosaken sind!« - -»Ja, ja, wir wollen's ihm zeigen!« riefen die Burschen. »Und kommt erst -der Amtmann an die Reihe, so wollen wir auch den Schreiber nicht -vergessen!« - -»Freilich, wir wollen auch den Schreiber nicht vergessen. Gerade eben -ist mir so ein hübsches Liedchen auf den Amtmann eingefallen. Kommt, ich -will es euch lehren,« fuhr Lewko fort und schlug mit der Hand die Saiten -der Harfe an. »Aber hört: jeder muß sich verkleiden wie sich's gerad -trifft!« - -»Los, Kosaken!« rief der wilde, stämmige Mensch, schlug die Beine -zusammen und klatschte in die Hände. »Ist das eine Freude! Das nenn' ich -Freiheit! Wenn das Toben beginnt, so möcht' ich fast glauben, die alten -Tage erständen aufs neue. So herrlich und frei wird einem ums Herz und -die Seele fühlt sich wie im Paradies. He, Jungens! Auf, drauf los!« .... - -Und die Menge zog lärmend durch die Straßen. Die frommen alten Frauen, -die vom Geschrei geweckt wurden, schoben die Fenster in die Höhe, -bekreuzigten sich mit ihren schläfrigen Händen und sprachen: »Ja, ja, -jetzt gehen die Burschen bummeln!« - - - IV. - Die Burschen bummeln - -Nur in einem Hause, am Ende der Straße brannte noch Licht. Das war das -Haus des Amtmanns. Der Amtmann hatte schon längst sein Nachtmahl beendet -und wäre zweifellos schon lange schlafen gegangen, aber er hatte noch -einen Gast, den Branntweinbrenner, der von einem Gutsbesitzer, welcher -mitten im Kosakenlande ein kleines Gut besaß, hierher geschickt worden -war, um eine Schnapsbrennerei zu errichten. Obenan auf dem Ehrenplatze -unterm Heiligenbilde, saß der Gast -- ein kurzes, dickes Männchen mit -ewig lachenden Äuglein, die das ganze Behagen wiederzuspiegeln schienen, -mit dem er seine Pfeife rauchte; er spuckte jeden Augenblick zur Seite -und preßte den aus der Pfeife kriechenden Tabak, der sich schon zu Asche -verwandelt hatte, mit dem Daumen wieder hinein. Dichte Rauchwolken -türmten sich schnell über ihm auf und hüllten ihn in ein Kleid von -blauem Nebel. Es schien, als ob der breite Schlot einer Schnapsfabrik -herunterspaziert wäre, weil er es überdrüssig geworden war, ewig auf -seinem Dache zu hocken, und nun artig in der Stube des Amtmanns bei -Tisch säße. Dicht unter seiner Nase befand sich ein kurzer dichter -Schnurrbart; aber dieser Schnurrbart guckte so undeutlich aus der -Tabaksluft hervor, als wäre er eine Maus, die der Branntweinbrenner -gefangen hätte und nun im Munde hielte; wie wenn jener die Absicht -hätte, das Monopol des Katers auf dem Speicher zu untergraben. Der -Amtmann saß als Hausherr in bloßem Hemd und in einer Leinwandhose da; -sein Adlerauge begann allmählich zu blinzeln und zu erlöschen wie die -Abendsonne. Am Ende des Tisches rauchte einer der Dorfbüttel, die das -Kommando des Amtmanns bildeten ein Pfeifchen; er saß aus Respekt vor dem -Hausherrn im Kittel da. - -»Gedenkt ihr,« sprach der Amtmann zum Brennmeister gewandt, indem er ein -Kreuz über seinen gähnenden Mund machte, »gedenkt ihr die Brennerei bald -zu eröffnen?« - -»Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht schon in diesem Herbst zu -brennen anfangen. Ich wette, zu Mariä Geburt werden der Herr Amtmann -schon auf der Straße mit den Beinen die Linien von deutschen Bretzeln -beschreiben!« - -Bei diesen Worten verschwanden die Augen des Branntweinbrenners, und an -ihrer Stelle zogen sich lange Strahlen bis zu den Ohren hin. Der ganze -Körper schüttelte sich vor Lachen, und seine lustigen Lippen trennten -sich für einen Augenblick von der paffenden Pfeife. - -»Das gebe Gott!« sprach der Amtmann und drückte auf seinem Gesicht so -etwas wie ein Lächeln aus. »Jetzt gibt's Gottlob, wenig -Schnapsbrennereien. Aber in alten Zeiten, als ich die Zarin auf der -Landstraße von Perejaslawl geleitete, und der verstorbene Besborodko -...« - -»An was für Zeiten du auch denkst, Gevatter! Damals konnte man auf dem -ganzen Wege von Krementschug nach Romny noch nicht eine Schnapsbrennerei -finden. Jetzt dagegen .. hast du gehört, was sich diese verdammten -Deutschen ausgedacht haben? Bald wird man, wie es heißt, den Schnaps -nicht mehr mit Holz brennen, wie das alle ehrlichen Christen tun, -sondern mit irgend einem verteufelten Dampfe!« ... Bei diesen Worten -blickte der Brandmeister nachdenklich auf seine Ellbogen, die er auf den -Tisch stützte. »Wie das mit Dampf gemacht werden soll, das weiß ich bei -Gott nicht!« - -»Was für Narren doch diese Deutschen sind! Lieber Gott erbarme dich!« -sagte der Amtmann. »Die sollten den Knüppel zu kosten kriegen, diese -Hundesöhne! Wo hat man je gehört, daß man mit Dampf kocht? Auf diese Art -könnte man ja keinen Löffel Borschtschsuppe in den Mund nehmen, ohne -sich die Lippen zu verbrühen und auch kein junges Ferkel ....« - -»Gevatter,« rief da die Schwägerin, die mit übereinandergeschlagenen -Beinen auf der Ofenbank saß: »Wirst du denn die ganze Zeit über ohne -deine Frau bei uns leben?« - -»Wozu brauche ich _die_? Wenn's noch was Rechtes wär'!« - -»Ist sie nicht nett?« fragte der Amtmann, sein Auge auf ihn richtend. - -»Gott bewahre, nett! Die ist so alt wie der Teufel! Und hat die Fratze -voller Runzeln wie ein leerer Beutel!« Und die gedrungene Gestalt des -Branntweinbrenners fing wieder an zu wackeln, so laut lachte er. - -In diesem Augenblick scharrte jemand an der Tür; die Tür ging auf -- ein -Bauer trat über die Schwelle, ohne die Mütze abzunehmen, und pflanzte -sich mitten in der Stube auf, wie nachdenklich, mit aufgesperrtem Munde -die Decke musternd. Es war der uns schon bekannte Kalenik. - -»So, nun bin ich zu Hause!« rief er aus und setzte sich auf eine Bank -neben der Tür, ohne im geringsten auf die Anwesenden zu achten. »Wie -lang mir der Sohn des Bösen den Weg gemacht hat! Man geht und geht, und -es nimmt kein Ende! Die Beine sind einem wie zerschlagen. Weib, gib mir -doch den Schafspelz als Unterlage. Weiß Gott, ich kriech' nicht zu dir -auf den Ofen, dazu tun mir die Beine zu weh! Gib ihn mir her. Dort liegt -er neben dem Heiligenbilde, aber sieh zu, wirf den Topf mit dem -geriebenen Tabak nicht um. Oder nein, laß ihn lieber! Du bist heute -vielleicht betrunken .... ich hol ihn mir schon lieber selbst.« - -Kalenik wollte sich aufrichten, aber eine unüberwindliche Macht fesselte -ihn an die Bank. - -»Das gefällt mir,« sagte der Amtmann, »der kommt in fremde Stuben und -benimmt sich ganz wie zu Hause! Schafft ihn nur in Frieden wieder -hinaus! ....« - -»Laßt ihn ausruhen, Gevatter,« sprach der Branntweinbrenner, den Amtmann -an der Hand zurückhaltend. »Das ist ein nützlicher Mensch: noch mehr -solche Leute -- und unsere Brennerei geht großartig!« - -Es war jedoch nicht Gutmütigkeit, die ihn zu diesen Worten veranlaßte. -Der Branntweinbrenner glaubte an allerhand üble Vorzeichen, und einen -Menschen, der sich schon gesetzt hatte, davonjagen, das hieß für ihn so -viel wie ein Unglück heraufbeschwören. - -»Ach ja, das Alter rückt heran ....« brummte Kalenik und streckte sich -auf die Bank hin. »Wäre ich noch wenigstens betrunken! Aber bei Gott, -nein, ich bin nicht betrunken! Wozu sollte ich denn flunkern? Und das -will ich auch dem Amtmann selbst sagen, wenn's sein muß! Was ist mir -denn der Amtmann? Mag er verrecken, der Hundesohn. Ich spucke auf ihn. -Ein Wagen soll ihn überfahren, den einäugigen Teufel! Was hat er den -Leuten Wasser auf den Kopf zu gießen, wenn's friert! ....« - -»Oho! Kommt einem so ein Schwein ins Haus gekrochen und legt auch noch -die Pfoten auf den Tisch!« sagte der Amtmann und stand zornig von seinem -Platze auf; aber in diesem Augenblicke flog ein gewichtiger Stein, der -die Fensterscheibe zerschmetterte, ihm vor die Füße. Der Amtmann blieb -stehen. »Wenn ich wüßte,« sagte er, und hob den Stein auf, »welcher -Galgenstrick den Stein da hereingeworfen hat, dem würde ich schon -zeigen, was das heißt, Steine werfen! Was für Streiche!« fuhr er fort, -indem er den Stein in die Hand nahm und mit brennendem Blicke musterte. -»Er soll ersticken an diesem Stein! ....« - -»Halt, halt! Behüt dich Gott, Gevatter!« fiel der Branntweinbrenner mit -bleichem Gesichte ein. »Behüt dich Gott in dieser und jener Welt, jemand -mit einem solchen Fluch zu bedenken!« - -»Oho, der hat ja einen schönen Beschützer gefunden! Krepieren soll er -....« - -»Hör auf, Gevatter! Du weißt wohl nicht, was meiner seligen -Schwiegermutter widerfahren ist?« - -»Deiner Schwiegermutter?« - -»Ja, meiner Schwiegermutter! Eines Abends, es war ein bißchen früher als -heute, setzten sie sich zum Abendessen hin: meine verstorbenen -Schwiegereltern, der Knecht, die Magd und fünf Kinder. Die -Schwiegermutter schüttete ein paar Knödel aus dem großen Kessel in die -Schüssel, damit sie ein wenig abkühlten, denn nach der Arbeit waren alle -hungrig und wollten nicht warten, bis die Knödel kalt waren. Sie -steckten ihre langen Holzstäbe hinein und begannen zu essen. Auf einmal -taucht da ein Mann auf und bittet, ihn auch mitessen zu lassen; wer das -war, mag Gott wissen. Nun, soll man etwa einem hungrigen Menschen nicht -zu essen geben? Man reicht ihm also auch ein Stäbchen. Aber der Gast -räumt mit den Knödeln auf wie die Kuh mit dem Heu. Bis jene einen Knödel -gegessen und den Stab nach einem zweiten ausgestreckt hatten, war der -Boden der Schüssel schon so glatt wie die Diele eines Herrenhauses. Die -Schwiegermutter tat noch Klöße hinein; denn sie dachte, nun hat der Gast -sich satt gegessen und wird nicht mehr so stark zugreifen. Aber ganz im -Gegenteil: er schlang und schlang noch immer gewaltiger, und leerte auch -die zweite Schüssel. »Daß du an den Knödeln ersticktest!« dachte die -hungrige Schwiegermutter; aber da drehte sich jener auf einmal um und -sank zu Boden. Man stürzte zu ihm hin -- aber sein Geist war schon -entflohen. Er war erstickt!« - -»Geschah ihm ganz recht, dem verdammten Freßsack!« sagte der Amtmann. - -»Schon recht, aber es kam ganz anders: Seit jener Zeit hatte die -Schwiegermutter keine Ruhe mehr. Kaum wird's Nacht, sofort kommt der -Tote angerückt. Sitzt rücklings auf dem Schornstein, der Verdammte, und -hält einen Knödel zwischen den Zähnen. Am Tage ist alles ruhig, er läßt -weder etwas von sich sehen noch hören; kaum aber dämmert es, so braucht -man nur auf's Dach zu blicken und schon reitet der Hundesohn da oben auf -dem Schornstein!« - -»Mit einem Knödel zwischen den Zähnen?« - -»Ja mit einem Knödel zwischen den Zähnen!« - -»Wie wunderlich, Gevatter! Ich habe ja auch so was Ähnliches von meiner -Seligen gehört ....« - -Da aber hielt der Amtmann inne. Vor dem Fenster wurde Geräusch, ein -Stampfen und Tanzen laut vernehmbar. Zuerst hörte man die Harfensaiten -leise klimpern und dann fiel eine Stimme ein. Die Saiten erklangen -stärker, mehrere Stimmen fielen ein -- und wie ein Wirbel ertönte -rauschend das Lied: - - Burschen, habt ihr schon vernommen? - Sind wir wirklich solche Narren? - Unser Amtmann hat bekommen - In dem Schädel einen Sparren! - Böttcher, schlag um unsern Amtmann - Deine festen Eisenreifen! - Böttcher, laß um unsern Amtmann - Ruten, Ruten, Ruten pfeifen! - - Unserm Amtmann alt und grau, - Fehlt ein Auge in dem Kopf! - Unser Amtmann ist 'ne Sau, - Schleicht zu Mädels, dieser Tropf! - Läufst du zu den jungen Leuten, - Bleib nur lieber fein zu Haus! - Denk' mal: wenn sie dich verbläuten - Und den Schopf dir rissen aus! .... - -»Ein ausgezeichnetes Lied, Gevatter!« sagte der Branntweinbrenner, indem -er den Kopf etwas auf die Seite neigte und sich an den Amtmann wandte, -der bei dieser Frechheit ganz starr vor Staunen geworden war. -»Ausgezeichnet! 's ist nur schade, daß man in nicht ganz anständigen -Worten vom Amtmann spricht ...« - -Und wieder stützte er mit einer süßlichen Rührung in den Augen die Arme -auf den Tisch und bereitete sich vor, weiter zuzuhören, denn vor dem -Fenster erdröhnte ein Gelächter, und man vernahm den Ruf: »Noch einmal, -noch einmal!« Ein scharfes Auge hätte jedoch sofort bemerkt, daß nicht -das Staunen allein den Amtmann so lange auf einem Fleck festhielt. So -läßt oft ein alter erfahrener Kater die junge unerfahrene kleine Maus -rings um seinen Schwanz herumlaufen, während er Pläne schmiedet, wie er -ihr am besten den Rückzug in ihr Mauseloch abschneiden kann. Noch war -das einsame Auge des Amtmanns auf das Fenster gerichtet, aber schon lag -seine Hand, die dem Büttel ein Zeichen gegeben hatte, am Holzgriff der -Tür; auf einmal erhob sich auf der Straße ein lautes Geschrei ..... Der -Branntweinbrenner, zu dessen zahlreichen Vorzügen auch eine gewisse -Neugierde gehörte, stopfte rasch den Tabak wieder in seine Pfeife und -lief auf die Straße hinaus. Aber die Taugenichtse waren schon -auseinandergestoben. - -»Nein, du wirst mir nicht entwischen!« schrie der Amtmann und zerrte -einen Menschen in einem schwarzen Schafspelz hinter sich her, dessen -Fell nach außen gekehrt war. Der Branntweinbrenner benutzte die Zeit und -eilte herzu, um dem Friedensstörer ins Gesicht zu schauen; aber er wich -angstvoll zurück, als er einen langen Bart und eine schreckhaft -ausgemalte Fratze erblickte. »Nein, du wirst mir nicht entwischen!« -schrie der Amtmann und schleppte seinen Gefangenen in den Flur; ruhig -und ohne den geringsten Widerstand zu leisten, folgte ihm der Gefangene, -als ob's sein eignes Haus wäre. »Karpo, mach' die Kammer auf!« rief der -Amtmann dem Büttel zu. »Wir sperren ihn in die dunkle Kammer! Dann -wecken wir den Schreiber, holen die Büttel herbei, fangen all diese -Raufbolde ein und urteilen sie heute noch ab!« - -Der Büttel klapperte im Flur am Hängeschloß und öffnete die Kammer. In -diesem Augenblick machte sich der Gefangene die Dunkelheit im Flur -zunutze und riß sich plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft aus den Händen, -die ihn hielten. - -»Wohin?« rief der Amtmann und packte ihn noch fester am Kragen. - -»Laß los, ich bin's ja!« hörte man ein dünnes Stimmchen rufen. - -»Das nützt dir nichts, das nützt dir gar nichts, Brüderchen! Quiek du -nur wie ein Weib oder wie ein Teufel! Mich wirst du nicht übertölpeln!« -Und der Amtmann stieß ihn in die dunkle Kammer, so daß der arme -Gefangene aufstöhnend zu Boden fiel. Er selbst begab sich in Begleitung -des Büttels ins Haus des Schreibers, und hinter ihnen kam der -Branntweinbrenner wie ein Dampfschiff dahergeraucht. - -Nachdenklich schritten alle drei mit gesenktem Kopfe dahin, doch auf -einmal stießen sie beim Einbiegen in ein dunkles Gäßchen einen Schrei -aus -- jeder hatte einen mächtigen Schlag vor die Stirn bekommen, und -eben solch ein Schrei hallte ihnen zur Antwort entgegen. Der Amtmann -kniff sein Auge zu und sah erstaunt den Schreiber mit zwei Bütteln vor -sich. - -»Ich will gerade zu dir, Herr Schreiber!« - -»Und ich wollte gerade zu dir, Herr Amtmann!« - -»Es geschehen Wunder, Herr Schreiber!« - -»Ja, es gehen Wunderdinge vor, Herr Amtmann!« - -»Was denn?« - -»Die Burschen toben! In ganzen Scharen treiben sie Unfug auf den -Straßen. Sie benennen Euer Gnaden mit solchen Worten .... Man schämt -sich, eins davon zu nennen; selbst ein betrunkener Moskowiter würde sich -hüten, mit seiner unreinen Zunge sowas auszusprechen! (All diese Worte -begleitete der dürre Schreiber, der eine Hanfpluderhose und eine -hefenfarbene Weste anhatte, mit einem Vorstrecken und schleunigem -Zurückziehen des Halses.) Ich wollte gerade einnicken, da schleppten -mich die verdammten Lümmel mit ihren unflätigen Liedern und ihrem -Gepolter aus dem Bett! Ich wollte ihnen eine ordentliche Lehre geben, -aber bis ich die Hose und Weste angezogen hatte, waren sie wieder nach -allen Seiten auseinandergelaufen. Der Rädelsführer ist uns aber nicht -entwischt. Jetzt brummt er in der Stube, wo man die Häftlinge festhält. -Ich brannte darauf, zu erfahren, was das für ein Vogel sei, aber seine -Fratze ist mit Ruß beschmiert, wie bei einem Teufel, der die Nägel für -die Sünder schmiedet.« - -»Und wie ist er angezogen, Herr Schreiber?« - -»Er trägt einen schwarzen, nach außen gekehrten Pelz, der Hundesohn, -Herr Amtmann!« - -»Lügst du auch nicht, Herr Schreiber? Wie, wenn nun dieser Taugenichts -_bei mir_ in der Kammer säße?« - -»Nein, Herr Amtmann, sei nicht böse, aber da irrst du dich selbst ein -wenig.« - -»Macht einmal Licht, wir wollen doch nachsehen!« - -Man holte Licht herbei, machte die Tür auf -- und der Amtmann stieß vor -Verwunderung ein lautes »Ah!« aus, als er seine Schwägerin vor sich sah. - -»Nun sag mir doch, bitte, bist du denn ganz von Sinnen!« rief sie und -ging mit diesen Worten auf ihn zu. »Wäre auch nur ein Quentchen Gehirn -in deinem einäugigen Schädel, -- hättest du mich wohl dann in die dunkle -Kammer hineingepufft? Noch ein wahres Glück, daß ich mir nicht den Kopf -an der eisernen Türangel zerschlagen habe! Hab' ich dir nicht zugerufen, -daß ich es bin? -- Muß mich dieser verfluchte Bär mit seinen eisernen -Tatzen packen und mich herumstoßen. Daß dich in jener Welt der Teufel so -stoßen möge! ....« - -Die letzten Worte sagte sie schon auf der Gasse, denn sie mußte aus -gewissen Gründen hinausgehen. - -»Freilich sehe ich, daß du es bist!« sagte der Amtmann, der unterdes -wieder zu sich gekommen war. - -»Was sagst du dazu, Herr Schreiber! Ist dieser verdammte Windbeutel -nicht ein Schelm?« - -»Wahrhaftig, ein Schelm; Herr Amtmann!« - -»Wäre es nicht Zeit, alle diese Taugenichtse einmal tüchtig ins Gebet zu -nehmen, damit sie an ihre Arbeit gehen?« - -»Es wäre schon Zeit, höchste Zeit, Herr Amtmann!« - -»Diese Narren haben .... Was Teufel? Ich glaube, ich höre meine -Schwägerin auf der Straße schreien .... diese Narren haben sich in den -Kopf gesetzt, ich sei ihresgleichen. Sie glauben offenbar, ich sei nur -ein einfacher Kosak!« .... Aus dem nun folgenden Hüsteln und Blitzen des -Auges, das er im Kreise umherschweifen ließ, konnte man erraten, daß der -Amtmann vorhatte, etwas Wichtiges zu sagen. »Im Jahre Eintausend, .... -Gott töte mich, ich kann diese verdammten Jahreszahlen nicht behalten -.... Also im Jahre .... erhielt der damalige Kommissär Ledatschi den -Befehl, einen Kosaken auszuwählen, der gescheiter sei, als die anderen. -O, (der Amtmann sprach dieses »O« mit erhobenem Finger) gescheiter als -die anderen, um der Zarin das Geleit zu geben. Ich bin damals ....« - -»Was ist da viel zu reden? Jeder kennt die Geschichte schon, Herr -Amtmann! Alle wissen doch, daß du dir die Gnade der Zarin verdient hast. -Gesteh jetzt, hatte ich nicht recht? Hast du dich nicht doch etwas -geirrt, als du sagtest, du habest diesen Kerl im Pelz erwischt?« - -»Was diesen Teufel im Pelz betrifft, so soll er zur Lehre für die -anderen in Ketten geschmiedet und tüchtig abgestraft werden. Sie sollen -schon merken, was das heißt, Obrigkeit! Wer hat denn den Amtmann -eingesetzt, wenn nicht der Zar? Und dann wollen wir uns um die anderen -Lausbuben kümmern. Ich habe noch nicht vergessen, wie diese verfluchten -Lümmel eine Schweineherde in meinen Gemüsegarten getrieben haben, die -mir den ganzen Kohl und alle Gurken wegfraß. Ich habe auch nicht -vergessen, wie diese Teufelskinder sich weigerten, mir mein Korn zu -dreschen; o nein, ich hab's nicht vergessen! .... Aber sie sollen -verrecken, ich muß auf jeden Fall erfahren, wer der Schelm im Pelz ist!« - -»Man merkt's, das ist ein flinker Vogel!« sagte der Branntweinbrenner, -der sich während dieses ganzen Gespräches fortwährend die Backen mit -Rauch vollpumpte, wie ein Belagerungsgeschütz, und dessen Lippen eine -ganze Rauchfontäne ausstießen, wenn sie sich von der kurzen Pfeife -trennten. - -»Es wäre auf jeden Fall nicht übel, diesen Menschen in der Brennerei zu -haben, noch besser wär's freilich, ihn an einem Eichenwipfel -aufzuhängen, wie einen Kirchenkronleuchter.« - -Dieser Witz kam dem Branntweinbrenner nicht ganz dumm vor, und er -beschloß sofort, ohne erst die Billigung der anderen abzuwarten, sich -selbst mit einem heiseren Lachen zu belohnen. - -In diesem Augenblick näherten sie sich einer kleinen, halb in die Erde -gesunkenen Hütte. Die Neugierde unserer Wanderer hatte sich noch -vergrößert; alle drängten sich vor der Türe zusammen. Der Schreiber nahm -einen Schlüssel heraus und das Schloß klirrte; aber dieser Schlüssel -gehörte zu seinem Spind. Die Ungeduld stieg. Er begann in der Tasche -herumzuwühlen, fand jedoch den Schlüssel nicht. - -»Da!« sagte er endlich, und holte ihn aus der Tiefe seiner gewaltigen -Tasche hervor, die sich in seiner Hanfpluderhose befand. - -Bei diesem Laut schienen die Herzen unserer Helden zu einem einzigen -Herz zu verschmelzen, und dieses Riesenherz schlug so heftig, daß sein -unregelmäßiges Hämmern nicht einmal von dem Klirren des Schlosses -übertönt wurde. Die Tür ging auf, und .... der Amtmann wurde bleich wie -ein Stück Leinwand; den Branntweinbrauer überlief's kalt, und sein Haar -wollte gen Himmel fliegen. Entsetzen malte sich auf dem Gesicht des -Schreibers; die Büttel wuchsen fest an die Erde und waren nicht einmal -imstande, ihre aufgesperrten Mäuler zu schließen: vor ihnen stand die -Schwägerin. - -Sie war nicht weniger betroffen als die anderen, aber bald erholte sie -sich etwas und wollte gerade auf sie zugehen. - -»Halt!« schrie da der Amtmann mit wilder Stimme und schlug die Türe zu. -»Leute, das ist der Satan!« rief er dann. »Feuer! Schnell Feuer her! Es -ist nicht Schade um das Kronshaus! Steckt es an, damit die Satansknochen -nicht länger auf dieser Erde bleiben!« - -Die Schwägerin schrie entsetzt auf, als sie hinter der Tür von der -fürchterlichen Absicht vernahm. - -»Was macht ihr da, Brüder?« rief der Branntweinbrenner. »Euer Haar ist -gottlob fast so weiß wie Schnee, trotzdem aber scheint's euch noch am -Verstand zu fehlen: ein einfaches Feuer kann doch der Hexe nichts -anhaben! Nur das Feuer aus einer Pfeife kann einen Werwolf in Brand -stecken! Halt, ich mach gleich welches an!« - -Bei diesen Worten schüttete er die Glut aus der Pfeife auf ein Heubündel -und begann zu blasen. Aber die Verzweiflung der armen Schwägerin verlieh -ihr einen ungeahnten Mut; sie begann laut um Hilfe zu flehen und die -Männer zu beschwichtigen. - -»Haltet ein, Brüder! Warum wollt ihr euch grundlos einer Sünde schuldig -machen. Vielleicht ist's wirklich nicht der Satan,« rief der Schreiber. -»Vielleicht kann das Wesen, das da drinnen in der Stube sitzt, doch das -Zeichen des heiligen Kreuzes machen, und das bedeutet dann, daß es nicht -der Teufel ist!« - -Der Vorschlag wurde angenommen. - -»Packe dich, Satanas!« fuhr der Schreiber fort und legte die Lippen an -die Türspalte. »Wenn du dich nicht vom Platze rührst, machen wir dir die -Tür auf.« - -Die Tür wurde aufgemacht. - -»Bekreuzige dich!« rief der Amtmann, und sah sich um, wie wenn er für -den Fall des Rückzuges einen Zufluchtsort suchte. - -Die Schwägerin schlug ein Kreuz. - -»Was Teufel! Das ist wirklich die Schwägerin!« - -»Welche unsaubere Macht hat dich bloß in diese Kammer gebracht, -Gevatterin?« - -Die Schwägerin erzählte schluchzend, wie die Burschen auf der Straße sie -gepackt und sie trotz ihres Widerstandes durch das breite Fenster in die -Hütte hineingeschoben und die Fensterläden geschlossen hatten. Der -Schreiber sah sich die Sache an. Die Angeln waren heruntergerissen, und -der breite Laden war oben nur mit einem Holzbalken festgerammelt. - -»Du bist mir ein feiner Kerl, du einäugiger Satan du,« schrie sie und -ging auf den Amtmann zu, der zurückwich und sie immer noch mit seinem -Auge maß. »Ich kenne deine Absichten schon, du hättest mich wohl am -liebsten aufgefressen, damit du dann ungestört jeder Schürze nachlaufen -kannst, und keiner mehr weiß, wie der Jammergreis sich selbst zum Narren -macht. Du meinst, ich weiß nicht, was du heute abend mit Hanna -gesprochen hast? O, ich weiß alles! Mich kann keiner so leicht betrügen, -nicht einmal einer, der weniger blöd ist als du! Ich habe lange Geduld, -aber dann: nimm dich in acht ....!« - -Bei diesen Worten ballte sie die Faust, machte sich rasch davon; und -ließ den Amtmann in völliger Erstarrung zurück. - -»Nein, da ist der Satan ernsthaft mit im Spiel!« dachte er, sich den -Kopf kratzend. - -»Wir haben ihn!« riefen die eintretenden Büttel. - -»Wen habt ihr?« fragte der Amtmann. - -»Den Teufel im umgewendeten Pelz!« - -»Bringt ihn her!« rief der Amtmann und packte den hereingeführten -Gefangenen an der Hand. »Seid ihr verrückt geworden? -- Das ist doch der -besoffene Kalenik!« - -»Pfui Teufel, wir hielten ihn doch schon fest, Herr Amtmann!« -antworteten die Büttel. »In dem einen Gäßchen umringten uns die -verdammten Kerls, fingen an zu tanzen und uns hin und her zu zerren, -steckten die Zunge raus und rissen ihn uns aus den Händen. .... Der -Henker soll sie holen! .... Aber wie wir statt seiner zu dieser Krähe -hier gekommen sind, das mag Gott wissen!« - -»Kraft meiner Vollmacht und im Namen der ganzen Gemeinde ergeht die -Verfügung, diesen Räuber unverzüglich gefangen zu nehmen,« sprach der -Amtmann; »desgleichen alle anderen, die ihr auf den Straßen antrefft, -und sie mir zur Aburteilung vorzuführen! ....« - -»Erbarm dich doch, Herr Amtmann!« riefen da einige Büttel und verneigten -sich tief bis zur Erde vor ihm. »Hättest du nur gesehen, was das für -Fratzen sind! Gott straf uns, aber seit unserer Geburt und Taufe haben -wir keine so abscheulichen Larven gesehen. Wie leicht verfällt man der -Sünde, Herr Amtmann! Die können einen rechtschaffenen Menschen so -erschrecken, daß einem nachher kein Weib mehr ein Gebreste besprechen -kann!« - -»Ich will euch schon zeigen, was ein Gebreste ist! Was? Ungehorsam? Ihr -zieht wohl mit ihnen am selben Strang, ihr Rebellen! Was soll denn das? -.... Ihr werdet sie noch zum Mord anstiften! .... ihr .... ihr .... Ich -werde das dem Kommissär melden! Auf der Stelle, hört ihr, auf der -Stelle! Lauft, fliegt schnell wie die Vögel! Ich werde euch schon .... -Ihr sollt mir ....!« - -Alle stoben auseinander. - - - V. - Die Ertrunkene - -Unbekümmert, und ohne auf die abgesandten Verfolger zu achten, näherte -sich der Urheber dieses ganzen Wirrwarrs dem alten Hause am Teich. Ich -glaube, man braucht wohl nicht weiter hervorzuheben, daß es Lewko war. -Sein schwarzer Pelz war aufgeknöpft, er hielt seine Mütze in der Hand, -und der Schweiß rann ihm von der Stirn. -- Düster und hehr stand der -schwarze Ahornhain da, und nur auf der Seite, die dem Monde zugewandt -war, lag ein feiner Silberstaub über ihm ausgestreut. Vom regungslosen -Teich wehte eine kühlende Frische dem müden Fußgänger entgegen und lud -ihn ein, an seinen Ufern auszuruhen. Alles war still; nur im tiefen -Dickicht des Waldes hörte man das Schmettern der Nachtigall. Ein -unüberwindlicher Schlaf senkte sich rasch auf Lewkos Lider. Die -ermatteten Glieder lösten sich und erschlafften; der Kopf suchte eine -Stütze .... »Nein, auf die Art schlafe ich hier noch ein!« sprach er, -stand auf und rieb sich die Augen. Er blickte um sich: die Nacht lag -noch leuchtender vor ihm. Eine seltsam berauschende Helle mischte sich -in den Glanz des Mondes. Noch nie hatte er etwas Ähnliches gesehen. -Silberne Nebel senkten sich aufs Land. Ein Duft von blühenden -Apfelbäumen und Nachtblüten war über die ganze Erde ausgegossen. Mit -Verwunderung blickte er in die regungslosen Wasser des Teiches; das alte -Herrenhaus spiegelte sich in ihm umgestürzt, klar und in lichter -Erhabenheit. Statt der düsteren Fensterläden blinkten einem lustige -Glasfenster und Türen entgegen und das Gold schimmerte durch die klaren -Scheiben. Auch schien es ihm, als habe sich ein Fenster geöffnet. Er -hielt den Atem an, regte sich nicht und glaubte sich in die Tiefe des -Teiches versetzt. Und siehe: zuerst schob sich ein weißer Ellenbogen aus -dem Fenster, dann schaute ein liebliches Köpfchen heraus mit glänzenden -Augen, die sanft durch dunkelblonde Haarwogen hindurch leuchteten, und -stützte sich auf den Ellenbogen. Lewko sah, wie sie leise den Kopf -schüttelte, wie sie winkte und lächelte .... Sein Herz fing plötzlich an -heftig zu pochen .... das Wasser erzitterte, und das Fenster schloß sich -wieder. Leise ging er vom Teiche fort und sah das Haus unverwandt an: -Die düsteren Fensterläden standen weit offen, und die Scheiben funkelten -im Monde. »Wie wenig darf man doch auf das Gerede der Menschen geben!« -dachte er bei sich. »Das Haus ist nagelneu, und die Farben sind frisch, -als ob sie erst heute aufgetragen wären. Hier muß doch jemand wohnen!« -Und er trat schweigend näher, aber im Hause war alles still. Mächtig und -klingend tönten die leuchtenden Lieder der Nachtigall durcheinander, und -wenn sie schmachtend wie in Wonne zu ersterben schienen, vernahm man das -Rascheln und Zirpen der Heimchen oder das Schnarren eines Sumpfvogels, -der mit seinem glatten Schnabel auf den weiten Wasserspiegel aufschlug. -Lewko empfand eine süße Stille in seinem Herzen, es schien sich zu -weiten und schlug so leicht und frei. Er stimmte seine Harfe und fing an -zu spielen und zu singen: - - Du mein helles Licht der Nacht, - Du mein Mond, ach bester Mond! - Leucht mir über Haus und Hof, - Wo mein liebstes Mädchen wohnt! - -Ein Fenster tat sich leise auf, und dasselbe Köpfchen, dessen -Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, guckte heraus und lauschte -aufmerksam dem Sang. Ihre schweren Lider waren halb über die Augen -gesenkt. Sie war bleich wie Linnen, bleich wie der Mondenschein, aber -wie köstlich und wundersam! Sie lachte! .... Lewko erschauerte. »Sing -mir ein Lied, junger Kosak!« sprach sie leise, neigte den Kopf etwas zur -Seite und senkte die dunklen Lider ganz über die Augen. - -»Was für ein Lied soll ich dir singen, du mein strahlendes Fräulein?« - -Stille Tränen flossen über ihr bleiches Antlitz. »Jüngling,« sprach sie, -und etwas unsäglich Rührendes klang aus ihren Worten, »Jüngling, finde -mir meine Stiefmutter! Nichts soll mir zu schön für dich sein. Ich will -dich belohnen. Ich will dich reich und herrlich belohnen! Ich habe mit -Seide bestickte Gewänder, Korallen und Kleinode, ich will dir einen -Gürtel schenken, der mit Perlen besät ist. Ich habe Gold .... Jüngling, -finde mir meine Stiefmutter. Sie ist eine furchtbare Hexe: ich hatte -keine Ruh' vor ihr auf Gottes Erde. Sie hat mich gemartert, und ließ -mich schaffen wie eine niedrige Magd. Blick in mein Angesicht: sie ließ -die Röte von meinen Wangen schwinden mit ihrer unreinen Zauberkunst. -Blick auf meinen weißen Hals: kein Wasser wäscht die blauen Flecke fort, -keines wird sie je fortwaschen, die von ihren eisernen Krallen stammen! -Sieh meine weißen Füße an, weit sind sie gewandert, und nicht nur auf -Teppichen, auch über heißen Sand, durch sumpfiges Feld, durch stechende -Nesseln sind sie gewandert! Und meine Augen! Blick in meine Augen: sie -sehen nichts mehr vor Tränen! .... Finde sie mir, Jüngling, find mir die -Stiefmutter! ...« - -Ihre Stimme, die immer mehr und mehr angeschwollen war, stockte auf -einmal. Tränenströme flossen über ihr bleiches Antlitz. Ein drückendes -Gefühl des Mitleids und der Trauer schnürte dem Burschen das Herz -zusammen. - -»Zu allem bin ich für dich bereit, mein herrliches Fräulein,« rief er in -tiefster Erregung. »Doch sag mir nur, wo soll ich sie finden?« - -»Sieh, sieh!« rief sie schnell, »sie ist hier! Sie tanzt am Wasser mit -meinen Mädchen den Reigen und wärmt sich im Mondenlichte. Sie ist schlau -und voller List: sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; aber -ich weiß, ich hör' es, sie ist hier! Sie macht, daß mir so drückend -schwer, so dumpf zumute wird. Durch sie ward mir's verwehrt, so leicht -und frei dahin zu schwimmen wie ein Fisch. Ich sinke, versinke und falle -zu Boden wie ein Schlüssel. Find sie mir, Jüngling!« - -Lewko blickte aufs Ufer: Im zarten Silbernebel sah man etwas schimmern. -Eine Schar Mädchen tummelte sich, leicht wie ein Schatten, in lichten -Gewändern, die so hell waren, wie die Maiglöckchen auf der Wiese; -goldene Spangen, Perlenketten und Dukaten glänzten an ihren Nacken; -allein sie waren bleich: ihr Leib war wie aus durchscheinenden Wolken -gewoben und schimmerte durchsichtig im silbernen Mondenlicht. Spielend -und tanzend näherte sich der Mädchenreigen und man hörte schon ihre -Stimmen. - -»Laßt uns das Rabenspiel spielen, das Rabenspiel,« säuselten alle -durcheinander, wie das Schilf am Flusse, das der Wind in stiller -dämmernder Stunde mit seinen lustigen Lippen berührt. - -»Wer soll Rabe sein?« - -Das Los ward geworfen -- und ein Mädchen trat aus der Menge hervor. -Lewko betrachtete sie aufmerksam. Ihr Gesicht und ihr Kleid war ganz so -wie bei allen anderen. Man merkte ihr nur an, daß sie ihre Rolle nicht -gern spielte. Die Menge bildete eine lange Reihe und wich behend den -Angriffen des räuberischen Feindes aus. - -»Nein, ich will nicht Rabe sein!« rief das Mädchen, ganz schlaff vor -Müdigkeit. »Es tut mir so leid, der armen Henne die Küken zu rauben.« - -»Du bist nicht die Hexe!« dachte Lewko. - -»Wer soll Rabe sein?« - -Die Mädchen wollten wiederum losen. - -»Ich will Rabe sein!« rief da eine aus ihrer Mitte. - -Lewko begann ihr Gesicht scharf zu mustern. Schnell und kühn machte sie -Jagd auf die Schar und stürzte nach allen Seiten, um ihr Opfer zu -fangen. Da sah Lewko, daß ihr Leib nicht so leuchtete, wie der der -anderen: mitten im Innern gewahrte er etwas Dunkles. Plötzlich ertönte -ein Schrei: der Rabe stieß auf ein Mädchen herab, fing es ein, und es -deuchte Lewko, als habe sie ihre Krallen gezeigt, und als blitze in -ihrem Gesicht eine boshafte Freude auf. - -»Hexe!« rief er, und zeigte, nach dem Hause gewandt, mit dem Finger auf -sie. - -Das holde Fräulein lachte auf, und die Mädchen führten die, welche den -Raben gespielt hatte, schreiend mit sich fort. - -»Womit soll ich's dir lohnen, Jüngling? Ich weiß, du brauchst kein Gold, -du liebst Hanna. Doch der gestrenge Vater will dir's nicht erlauben, sie -zu heiraten. Nun wird er dich nimmer hindern; nimm dies Briefchen und -gib es ihm ...« - -Sie streckte ihm ihr weißes Händchen hin, ihr Antlitz leuchtete -wundersam und erstrahlte .... Mit einem nie geahnten Schauer und -sehnsüchtigen Pochen des Herzens griff er nach dem Briefchen und .... -erwachte. - - - VI. - Erwachen - -»Hab' ich wirklich geschlafen?« sprach Lewko zu sich selbst, als er sich -von der kleinen Böschung erhob. »Alles war doch so lebendig wie in -Wirklichkeit« .... »Seltsam, seltsam!« wiederholte er, indem er sich -umsah. Der Mond stand gerade über seinem Kopfe und wies auf Mitternacht. -Alles war still; vom Teich wehte es kühl her; über ihm stand traurig das -verfallene Haus mit den geschlossenen Läden; Moos und wildes Steppengras -ließen erkennen, daß sich die Menschen schon lange von ihm getrennt -hatten. Lewko öffnete seine Hand, die er während des Schlafes krampfhaft -geballt hatte, und stieß einen Schrei der Verwunderung aus; er hatte -einen Zettel in ihr entdeckt. »Ach, wenn ich doch lesen könnte!« dachte -er, indem er ihn vor seinen Augen hin und her wandte. In diesem -Augenblick vernahm er hinter sich ein Geräusch. - -»Fürchtet nichts! Packt ihn nur! Vor wem habt ihr Angst? Wir sind ja zu -zehn! Ich will darauf wetten, das ist ein Mensch und kein Teufel! ....« - -Es war der Amtmann, der diese Worte seinen Begleitern zuschrie, und -Lewko fühlte sich von mehreren Händen gepackt, von denen einige vor -Furcht zitterten. »Nun Freundchen, wirf mal endlich deine schreckliche -Maske ab, du hast die Leute schon genug in die Irre geführt!« rief der -Amtmann und packte ihn am Kragen. Aber da glotzte er ihn voller Schreck -mit seinem einzigen Auge an: »Lewko, mein Sohn!« schrie er -zurückweichend, und ließ vor Staunen die Hände herabsinken. »Du bist's? -Du Hundesohn! So eine Ausgeburt der Hölle! Ich denke: was für ein -Schelm, was für ein verkleideter Teufel treibt da sein Unwesen? Und nun -stellt sich heraus, daß du es bist. -- Der ungekochte Mehlbrei soll -deinem Vater im Halse stecken bleiben! -- Du treibst böse Streiche auf -den Straßen, du dichtest Lieder ....! Oho, Lewko! Was soll das? Dich -juckt wohl der Rücken? Bindet ihn!« - -»Halt Vater! Ich hab' dir einen Zettel zu geben!« sagte da Lewko. - -»Jetzt ist keine Zeit für Zettel, mein Täubchen! Bindet ihn!« - -»Halt ein, Herr Amtmann!« sagte der Schreiber und entfaltete den Zettel. -»Das ist ja die Handschrift des Kommissärs!« - -»Des Kommissärs?« - -»Des Kommissärs?« wiederholten die Büttel mechanisch. - -»Des Kommissärs? Wunderlich! Das ist noch unbegreiflicher!« dachte Lewko -bei sich. - -»Lies, lies!« sagte der Amtmann, »was schreibt denn der Kommissär da?« - -»Hören wir, was der Kommissär schreibt,« sprach der Branntweinbrenner, -mit der Pfeife in den Zähnen, und schlug Feuer. - -Der Schreiber hüstelte und begann zu lesen: - -»Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir haben vernommen, daß -du alter Tropf statt die alten Steuerschulden einzutreiben und die -Ordnung in dem Dorfe aufrecht zu erhalten, närrisch geworden bist und -Unzucht treibst ....« - -»Bei Gott!« unterbrach der Amtmann die Verlesung, »ich kann nichts -hören!« - -Der Schreiber begann von neuem. - -»Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir vernehmen, daß du -alter Tro....« - -»Halt, halt, es ist nicht nötig,« schrie der Amtmann, »ich habe zwar -nichts gehört, aber ich weiß, daß die Hauptsache noch kommt. Lies -schnell weiter!« - -»Infolgedessen tu ich dir den Befehl kund und zu wissen, deinen Sohn -Lewko Makohonenko alsogleich mit der Kosakentochter aus Eurem Dorf, -Hanna Petrytschenkowa, zu verehelichen, insgleichen auf der Landstraße -die Brücke instand zu setzen und ferner die Gutspferde nicht den Herren -vom Gericht zu geben, selbst dann nicht einmal, wenn sie von einer -Kronsitzung kommen. So ich bei meiner Ankunft obige Verfügung nicht -erfüllt finden sollte, wirst du allein zur Verantwortung gezogen. -Kommissär und Leutnant außer Diensten Kosjma Dergatsch-Drischpanowski.« - -»So?« meinte der Amtmann mit offenem Munde. »Hört ihr, hört ihr, für -alles macht man den Amtmann verantwortlich. Da heißt's gehorchen, -gehorchen ohne Widerrede! Sonst, mit Verlaub zu sagen .... Und du,« fuhr -er, zu Lewko gewandt, fort, »sollst auf Befehl des Kommissärs -verheiratet werden -- wenn's mich auch sonderbar dünkt, wie er das wohl -erfahren haben mag! Aber vorher sollst du noch die Nagaika zu kosten -bekommen! Kennst du _die_, die bei mir neben dem Heiligenbilde an der -Wand hängt? Ich werde sie mal morgen frisch in Gang bringen .... Wo hast -du diesen Zettel her?« - -Trotz seines Staunens über diese unerwartete Wendung der Sache, war -Lewko so vernünftig gewesen, sich im Kopfe eine Antwort zurecht zu legen -und die Wahrheit, wie er zu dem Zettel gekommen war, zu verschweigen. - -»Ich war gestern abend noch in der Stadt,« sagte er, »und da begegnete -ich dem Kommissär, der gerade aus seinem Wagen stieg. Als er erfuhr, daß -ich aus unserem Dorfe stamme, gab er mir diesen Zettel da und hieß mich, -dir mündlich ausrichten, er würde auf dem Rückwege bei uns zu Mittag -essen, Vater.« - -»Hat er das gesagt?« - -»Ja, das hat er gesagt!« - -»Hört ihr's,« sprach der Amtmann, sich mit wichtiger Gebärde an seine -Begleiter wendend, »der Kommissär kommt in eigner Person zu unsereinem, -das heißt zu mir, zur Tafel. Oh ....« Dabei hob der Amtmann den einen -Finger in die Höhe und gab seinem Kopf eine Haltung, als ob er auf etwas -lausche. »Der Kommissär, hört ihr's, der _Kommissär_ kommt zu mir zu -Tisch! Wie denkst du, Herr Schreiber, und du, Gevatter, ist das etwa -eine kleine Ehre, wie?« - -»Noch nie hat, so viel ich mich besinne,« fiel hier der Schreiber ein, -»je ein Amtmann einem Kommissär mit einer Mahlzeit aufgewartet.« - -»Es gibt eben Amtmänner und Amtmänner!« sprach der Amtmann mit -selbstzufriedener Miene. Sein Mund verzog sich, und etwas wie ein -dumpfes, heiseres Lachen, das mehr dem Grollen eines fernen Donners -glich, kam über seine Lippen. - -»Wie denkst du, Herr Schreiber? Müßte man nicht eigentlich zu Ehren des -hochgestellten Gastes den Befehl erlassen, daß jedes Haus wenigstens ein -Hühnchen, ein bißchen Leinwand oder dergleichen spendet .... was? ....« - -»Ja, das müßte man eigentlich, das müßte man, Herr Amtmann!« - -»Und wann ist die Hochzeit, Vater?« fragte Lewko. - -»Die Hochzeit? Ich möchte dir schon eine Hochzeit zeigen! .... aber, dem -hochgestellten Gaste zu Ehren .... Morgen soll euch der Pope trauen. Der -Teufel mag euch holen! Der Kommissär soll sehen, was Pünktlichkeit ist! -Nun aber, Kinder, geht zu Bett! Geht jetzt heim! .... Der heutige -Vorfall hat mich an die Zeit erinnert, wo ich ....!« - -Bei diesen Worten blickte der Amtmann nach alter Gewohnheit würdig und -bedeutungsvoll drein. - -»Jetzt wird der Amtmann zu erzählen anfangen, wie er die Zarin begleitet -hat!« sagte Lewko, und eilte schnellen Schrittes zu dem wohlbekannten -Häuschen, das von niedrigen Kirschbäumen umstanden war. »Gott schenke -dir die ewige Seligkeit, schönes gutes Fräuleinchen!« dachte er sich. -»Mögen dir in jener Welt alle heiligen Engel zulächeln! Niemand soll je -aus meinem Munde von dem Wunder hören, das in dieser Nacht geschah. Nur -dir allein, Hanna, will ich's erzählen, du allein wirst mir glauben und -wirst mit mir für die Seele der unglücklichen Ertrunkenen beten!« - -Und er näherte sich dem Häuschen; das Fenster stand offen, die -Mondstrahlen fielen durchs Fenster auf die schlafende Hanna, ihr Kopf -lag auf den Arm gestützt, ihre Wangen glühten sanft, und ihre Lippen -bewegten sich und sprachen halblaut seinen Namen. »Schlaf, mein -schönstes Mädchen! Mögest du träumen von dem Herrlichsten, was es auf -der Welt gibt; doch unser Erwachen soll noch herrlicher sein!« - -Er schlug ein Kreuz über sie, schloß das Fenster, entfernte sich leise, -und wenige Augenblicke später schlief alles im Dorfe. Der Mond allein -segelte voller Glanz und Wunder durch die unermeßlichen Fernen des -prunkenden Himmels der Ukraine. In hehrer Feier webten die Höhen dort -oben, und die Nacht, die göttliche Nacht glomm majestätisch ihrem Ende -entgegen. Und auch die Erde lag so voll Schönheit da, in ihrem -wundervollen Glanz von Silber; aber es war niemand mehr, der es genießen -konnte; alles war in Schlaf versunken. Nur ab und zu wurde das Schweigen -für einen Augenblick von Hundegebell unterbrochen, und noch lange tappte -der betrunkene Kalenik durch die schlafenden Gassen herum und suchte -sein Haus. - - - - - Der verschwundene Brief - - - Eine Sage - Erzählt vom Küster der -- Kirche zu *** - -Ihr möchtet also, daß ich euch noch mehr vom Großvater erzähle? -- -Meinetwegen. Warum soll ich euch nicht mit einer Schnurre einen Spaß -machen? O ihr Tage der Vergangenheit! Welche Freude und Lust überkommt -doch das Herz, wenn man vernimmt, was vor langer, langer Zeit einmal in -der Welt geschah, und niemand weiß mehr Jahr noch Tag. Und wenn erst so -ein Alter aus unserer Verwandtschaft mit im Spiel ist, irgendein -Großvater oder ein Urgroßvater, -- dann ist's ganz um mich geschehen: -Ich will beim Lobsingen auf die heilige Märtyrerin Barbara den Schlucken -kriegen, wenn es mir nicht immer so vorkommt, als ob ich das alles -selbst durchgemacht hätte: gerad als wenn ich in des Großvaters Seele -hineingekrochen wäre, oder als wenn die Seele des Großvaters in mir -selbst rumorte .... Nein, aber am ärgsten sind die Mädels und die jungen -Weiber dahinter her; kaum erblicken sie einen, gleich heißt es: »Foma -Grigorjewitsch, Foma Grigorjewitsch! Schnell ein Märchen recht zum -Gruseln, bitte, bitte, ein Märchen zum Gruseln ....!« Taratata -- -taratata! Und los geht es .... Warum sollt man ihnen auch nicht ein -Märchen erzählen, aber paßt mal auf, was nachher mit ihnen im Bett -geschieht. Ich weiß doch, daß jede unter der Decke zittert, als wenn sie -das Fieber hätte, und am liebsten den Kopf unter den Pelz stecken -möchte. Da braucht nur eine Ratte an einem Topf zu scharren, oder sie -gerät selbst mit dem Fuß an den Feuerhaken, Gott bewahre, -- gleich -fliegt die Seele bis in die Strümpfe. Am anderen Tage aber ist alles -vergessen; und sie drängen einen von neuem: man soll ihnen doch nur ein -recht grusliges Märchen erzählen! Was soll ich euch nun erzählen? Es -fällt mir gerade nichts ein .... Ach ja, ich will euch das erzählen, wie -die Hexen mit meinem seligen Großvater Schafskopf gespielt haben. Aber -darum muß ich im Voraus bitten, meine Herren, bringt mich nicht aus dem -Geleis, sonst giebt's so einen Brei, daß man sich schämen muß, ihn ins -Maul zu nehmen. Also mein seliger Großvater war, wie ich euch bemerken -muß, durchaus nicht einer von den gewöhnlichen Kosaken. Der verstand's, -auf jeden Topf seinen Deckel zu setzen. An Feiertagen konnte er seine -Apostel so herunterschnurren, daß sich auch jetzt noch mancher Popensohn -vor ihm verstecken könnte. Na, und das wißt ihr ja selbst, wenn man in -der damaligen Zeit die Schriftkundigen aus ganz Baturin zusammentrommeln -wollte, da brauchte man nicht erst die Mützen bereitzuhalten, -- die -offene Hand hätte schon vollständig genügt. Was Wunder, daß jeder, der -am Großvater vorüberging, sich tief vor ihm verneigte. - -Eines Tages fiel es dem hochwohlgeborenen Herrn Hetman ein, aus -irgendeinem Grunde ein Schreiben an die Zarin zu senden. Der damalige -Regimentsschreiber (daß dich der Geier hole, ich kann mich nicht auf -seinen Namen besinnen .... hieß er Wisrjak oder Motusotschka oder -Goloputzek .... ich weiß nur, daß er einen sehr komischen Namen hatte, -der ganz absonderlich anfing) er ließ also den Großvater zu sich kommen -und sagte ihm: so und so, der Hetman wolle ihn als Kurier mit einem -Briefe zu der Zarin senden. Mein Großvater liebte die langen -Vorbereitungen nicht, nähte den Brief in die Mütze ein, führte sein -Pferd aus dem Stall, schmatzte seine Frau und seine zwei Ferkelchen (wie -er sie selbst nannte) -- einer von ihnen war mein leiblicher Vater -- -ordentlich ab, und hinter ihm erhob sich eine solche Staubwolke, als ob -fünfzehn Jungen auf der Straße Schlagball spielten. Am andern Tage hatte -der Hahn noch nicht zum vierten Male gekräht, als der Großvater schon in -Konotop war. Dort war gerade Jahrmarkt; und es wimmelten so viel Leute -auf den Straßen herum, daß es einem vor den Augen flimmerte. Weil es -aber noch früh am Morgen war, so schlief alles lang hingestreckt auf der -Erde. Neben einer Kuh lag ein versoffener Kerl mit einer roten Nase, der -wie ein Gimpel aussah; etwas weiter schnarchte eine Händlerin im Sitzen -mit Feuersteinen, Waschblau, Schrot und Brezeln; unter einem Wagen lag -ein Zigeuner; auf einem andern Wagen mit Fischen ein Frachtfuhrmann, -mitten auf dem Wege lag mit gespreizten Beinen ein bärtiger Moskowiter -mit Gürteln und Däumlingen .... mit einem Wort: allerhand Pack, wie -man's auf den Jahrmärkten trifft. Der Großvater machte Halt, um sich's -anzusehen. Unterdessen aber wurde es nach und nach in den Buden -lebendig: die Judenweiber begannen mit ihren Flaschen zu klappern; der -Rauch stieg hie und da in Ringen empor, und ein Duft von heißen Buchteln -zog übers ganze Lager. Da fiel es dem Großvater ein, daß er weder Zunder -noch Tabak vorrätig hatte, und so fing er denn an, auf dem Jahrmarkt -herumzustreichen. Er hatte noch keine zwanzig Schritt gemacht, da kommt -ihm ein Saporoger entgegen. Ein Draufgänger, man sieht's ihm schon am -Gesicht an! Glutrote Pluderhosen, ein blauer Schupan, ein grellbunter -Gürtel, ein Säbel an der Seite und 'ne Pfeife mit einer Messingkette, -die bis zu den Fersen reicht -- mit einem Wort, ein Saporoger vom Kopf -bis zu den Füßen! Ist das ein Völkchen! Wie der so dasteht, sich reckt, -sich den prächtigen Schnurrbart streicht, mit den Hufeisen klirrt -- und -dann loslegt! Ja, sag' ich euch, wie der loslegt: Die Beine schwirren -nur so hin und her wie eine Spindel in Weiberhänden; wie ein Wirbelwind -saust seine Hand über alle Saiten der Harfe, er stemmt sie in die -Hüften, schnellt in Kniebeugestellung die Beine von sich und stimmt ein -jauchzendes Lied an -- daß einem die Seele erzittert! .... Ja diese -Zeiten sind vorbei; jetzt gibt's keine Saporoger mehr! Ja, ja. Sie -trafen sich also, machten Bekanntschaft, begannen miteinander zu -schwatzen, und der Großvater hatte bald seine Reise vergessen. Es ging -ein Saufen an wie auf 'ner Hochzeit vor den großen Fasten. Endlich aber -kriegten sie's satt, Töpfe zu zerschmeißen und Geld unters Volk zu -werfen, und dann kann man ja auch nicht ewig auf dem Jahrmarkt bleiben! -So verabredeten sich denn die neuen Freunde, sie wollten sich nicht mehr -trennen und den Weg zusammen zurücklegen. Es war schon gegen Abend, als -sie sich aufmachten und ins freie Feld hinausritten, die Sonne war schon -zur Ruhe gegangen und nur hie und da flammten dort, wo sie noch vor -kurzem gestanden hatte, ein paar rötliche Streifen auf. Bunte Saatwiesen -lagen ausgestreut da wie die Sonntagstücher schwarzbrauiger, junger -Frauen. Unsern Saporoger packte ein schrecklicher Drang zum Schwatzen. -Mein Großvater und noch ein anderer Kumpan, der sich zu ihnen gesellt -hatte, fragten sich schon, ob er nicht vom Teufel besessen sei: Wo hatte -er bloß all das Zeug her, all diese Geschichten und Mären so -verwunderlicher Art, daß der Großvater sich die Seiten halten mußte, um -nicht vor Lachen zu platzen. In der Steppe aber ward es immer düsterer, -je weiter man kam, und die Reden des Braven wurden immer -unzusammenhängender. Endlich aber verstummte unser Erzähler und fing -beim leisesten Geräusch an zu zittern. - -»Hoho, Landsmann! Du scheinst mir die Eulen zu zählen! Du möchtest wohl -heim, hinter den Ofen?« - -»Ich will nichts vor euch verbergen,« sprach er, sich auf einmal -umwendend, und seine Augen blickten starr. »Wißt ihr, daß ich meine -Seele schon lange an den Bösen verkauft habe?« - -»Ei potztausend! Wer hat nicht schon mit dem Bösen zu tun gehabt? In -solchen Fällen ist's das Beste, man ist lustig und geht lumpen.« - -»O je, Jungens, lumpen möcht ich schon gern, aber heut ist mein Termin! -O je, Brüder!« sprach er und schüttelte ihnen kräftig die Hände. »O je, -gebt mich nicht preis, schlaft nur diese eine Nacht nicht! Mein Lebtage -will ich eure Freundschaft nicht vergessen!« - -Warum sollte man einem Menschen in so einem Unglück nicht beistehen? Der -Großvater erklärte glattweg, er würde sich eher sein Kosakenhaar vom -eignen Kopf scheren, als den Teufel mit seiner Hundeschnauze eine -christliche Seele beschnüffeln lassen. Unsere Kosaken wären vielleicht -noch weiter geritten, wenn nicht die Nacht den ganzen Himmel umwoben -hätte, wie ein schwarzes dichtes Netz; im Feld war es so dunkel geworden -wie unter einem Schafspelz. Nur von ferne blinkte ihnen ein Lichtschein -entgegen, und die Pferde, die die nahe Krippe ahnten, sputeten sich, und -starrten mit gespitzten Ohren in die Finsternis. Der Lichtschein schien -ihnen entgegen zu eilen, und vor den Kosaken tauchte eine Schänke auf, -die ganz morsch und auf die Seite geneigt war, wie ein Frauenzimmer, das -von einer fröhlichen Taufe heimgeht. Zu jener Zeit war eine Schänke -etwas ganz anderes wie heutzutage. Nicht nur, daß man nicht ordentlich -losgehen und drinnen kein Tänzchen oder 'nen Hopser machen konnte, es -gab nicht einmal Platz genug zum Hinlegen, wenn einen ein Rausch -überkommen hatte, und die Füße von selbst anfingen, Zeichen in die Luft -zu schreiben. Der Hof war mit Frachtfuhren vollgepfropft; in den -Scheuern und den Krippen und auf dem Flur lagen Leute: der eine -zusammengekrümmt, ein anderer lang ausgestreckt, und schnarchten wie die -Kater. Nur der Wirt saß vorm Lämpchen und schnitt Kerben in einen Stock, -um sich's zu merken, wieviel Viertel und Achtel die Fuhrleute -ausgepfiffen hätten. Der Großvater bestellte ein drittel Eimer für drei -Mann, ging in die Scheune, und alle drei legten sich nebeneinander -nieder. Kaum aber hatte er sich auf die Seite gelegt, als er merkte, daß -seine Landsleute schon in einen wahren Totenschlaf versunken waren. Der -Großvater weckte den dritten Kosaken, der zu ihnen gestoßen war, und -erinnerte ihn an das Versprechen, das sie ihrem Kameraden gegeben -hatten. Jener richtete sich ein wenig auf, rieb sich die Augen und -schlief wieder ein. Es war nichts zu machen, er mußte also allein Wache -halten. Um den Schlaf zu verscheuchen, besah er sich alle Wagen, -beguckte die Pferde, steckte sich eine Pfeife an, kam wieder zurück und -setzte sich neben die Seinen. Alles war so still, daß man eine Fliege -hätte hören können. Auf einmal war es ihm, als wenn ihm ganz in der -Nähe, hinter einem Wagen, etwas Graues die Hörner zeigte .... Seine -Augen begannen zuzufallen, und er mußte sie jeden Augenblick mit den -Fäusten wach reiben und mit dem Rest vom Schnapse waschen. Kaum aber -konnten sie wieder scharf blicken, da war alles wieder verschwunden. -Nach einer kleinen Weile zeigte sich das Ungetüm von neuem hinterm Wagen -.... Der Großvater riß die Augen auf, so weit er konnte; aber die -verdammte Schlaftrunkenheit umnebelte alles vor ihm, seine Hände wurden -steif, der Kopf sank hintenüber, und ein fester Schlaf übermannte ihn, -so daß er hinfiel wie ein Toter. Der Großvater mußte wohl recht lange -geschlafen haben, denn erst als die Sonne ihm tüchtig auf den Schädel -brannte, sprang er auf die Beine. Er räkelte sich, kratzte sich den -Rücken und merkte, daß schon nicht mehr so viele Wagen dastanden wie -gestern. Die Fuhrleute waren also bereits vor Tagesanbruch davon -gefahren. Was jedoch seine Leute anging, so schlief der Kosak noch, der -Saporoger aber war weg. Er fragte herum, aber niemand wußte was. Nur -sein Kittel lag noch auf demselben Platze. Mein Großvater wurde von -Angst ergriffen und fing an zu grübeln. Er sah nach den Pferden -- sie -waren fort, sowohl seins, wie das des Saporogers! Was hatte das zu -bedeuten? Gesetzt, der Gottseibeiuns hatte den Saporoger geholt, wer -aber hatte die Pferde mitgenommen? - -Nach reiflicher Überlegung kam der Großvater zum Schluß, daß der Teufel -sicherlich zu Fuß herbeigelaufen sei; und da es gar weit bis zur Hölle -wäre, hatte er das Pferd gestohlen. Es schmerzte ihn sehr, daß er sein -Kosakenwort nicht gehalten hatte. »Nun,« dachte er, »da ist nichts zu -machen. Ich gehe zu Fuß; am Ende treff' ich unterwegs einen -Pferdehändler, der vom Jahrmarkt zurückkehrt, und dann kaufe ich mir bei -dem ein Pferd.« Wie er aber nach der Mütze griff, war auch die Mütze -fort. Da schlug mein seliger Großvater die Hände überm Kopf zusammen, -denn er erinnerte sich, daß er ja gestern mit dem Saporoger die Mützen -getauscht hatte! Wer konnte also wohl sonst der Dieb sein, wenn nicht -der Unreine! Na, das war eine schöne Hetmans-Post! Da hatte er den Brief -an die Zarin! Und der Großvater begann den Teufel mit solchen Namen zu -traktieren, daß es dem in seiner Hölle wohl mehr als einmal in den Ohren -klingen mochte. Aber alles Schimpfen hilft wenig, und so viel sich der -Großvater auch den Kopf kratzte, es wollte ihm nichts einfallen. Was war -da zu tun? Er suchte sich also eilig einen fremden Verstand zu borgen: -sammelte all die guten Leute, die in der Schänke waren, die Fuhrleute -und die anderen Reisenden, um sich und erzählte ihnen alles: so und so, -und dies Malheur sei ihm geschehen. Die Fuhrleute saßen lange, das Kinn -auf den Peitschenstiel gestützt, da, sannen nach, schüttelten die Köpfe -und meinten, von so einem Wunder hätten sie wahrhaftig in Gottes -getaufter Welt noch nie vernommen, daß ein Hetmans-Brief vom Teufel -geholt worden sei. Andere fügten noch hinzu, wenn der Teufel oder ein -Moskowiter etwas stibitzten, dann könne man hinterher nur noch drei -Kreuze machen. Der Schankwirt allein saß schweigend in seinem Winkel. -Der Großvater machte sich an ihn heran. Wenn ein Mensch schweigt, so -bedeutet das, er hat's dick hinter den Ohren. Aber der Wirt war sehr -wortkarg, und hätte der Großvater nicht fünf Gulden aus der Tasche -geholt, so hätte er bis an sein Lebensende vor ihm stehen können. - -»Ich will's dir sagen, wie du wieder zu deinem Briefe kommen kannst,« -sprach er endlich und führte ihn auf die Seite. Dem Großvater wurde -bedeutend leichter ums Herz. »Ich sehe dir's an deinen Augen an, daß du -kein Weib bist, Kosak! Gib acht: unweit von der Schänke führt ein Pfad -rechts nach dem Walde. Sobald die Dämmerung sich über's Feld senkt, sei -bereit. Im Walde da leben Zigeuner. Die kommen dann in solchen Nächten, -wo sich keine Menschenseele zeigt, und nur die Hexen auf ihren -Ofengabeln reiten, aus ihren Höhlen gekrochen, um Eisen zu schmieden. -Was sie aber in Wahrheit treiben und womit sie handeln, das braucht dich -nicht zu kümmern. Da wird's im Wald ein gewaltiges Getöse geben. Aber -geh du nicht dahin, woher der Lärm kommt; ein enger Pfad wird vor dir -liegen, der an einem verkohlten Baumstamm vorbeiführt: auf diesem Wege -geh' weiter und immer weiter .... die Dornen werden dich stechen, und -dichtes Gestrüpp versperrt dir den Weg, -- aber geh du nur immer weiter! -Erst wenn du an einen kleinen Bach kommst, dann darfst du Halt machen. -Dort wirst du finden, was du brauchst. Doch vergiß ja nicht, deine -Taschen damit zu füllen, wofür die Taschen gemacht sind .... Du -verstehst mich, diese Ware lieben die Teufel nicht weniger als die -Menschen!« Nach diesen Worten zog sich der Wirt in seinen Verschlag -zurück und wollte nichts weiter sagen. - -Mein Großvater seligen Angedenkens war ein Mann, der sich nicht so -leicht ins Bockshorn jagen ließ; wenn er einem Wolf begegnete, so packte -er ihn stracks am Schwanze; und machte er mal mit seinen Fäusten einen -Gang durch die Kosaken, so sanken sie zu Boden, wie Birnen, die man vom -Baum schüttelt. Als er aber in der stockfinsteren Nacht in den Wald kam, -da überlief's ihn denn doch kalt. Kein Sternchen stand am Himmel und es -herrschte eine düstere Finsternis, wie in einem Weinkeller; nur ganz -hoch oben über dem Kopfe, da hörte man den kalten Wind durch die -Baumwipfel streichen, und die Bäume wackelten wie berauschte -Kosakenköpfe und die Blätter flüsterten sich trunkene Reden zu. Auf -einmal wehte eine solche Kälte daher, daß der Großvater an seinen -Schafpelz denken mußte; und plötzlich fing's an zu hämmern, wie wenn -hundert Hämmer herunterfielen, und es ging so ein Riesenlärm durch den -Wald, daß es ihm fürchterlich im Kopfe dröhnte. Der ganze Wald wurde auf -einen Augenblick ganz hell wie bei einem Wetterleuchten. Der Großvater -erspähte sogleich den Pfad, der zwischen niedrigem Gebüsch dahinführte: -da war auch der verkohlte Baumstamm und das Dornendickicht! Alles genau -so, wie's ihm gesagt worden war. Nein, der Schankwirt hatte ihn nicht -betrogen. Aber besonders heiter war es doch nicht, sich durch das -dastehende Gestrüpp hindurcharbeiten zu müssen. Sein Lebtag hatte er -noch nie gespürt, daß die verfluchten Äste und Dornen so schmerzhaft -stechen können: fast bei jedem Schritte wollte er aufschreien. - -Nach und nach hatte er sich auf einen freien Platz hinausgewunden. Er -gewahrte, daß die Bäume seltener wurden, und als er weiter zusah, da -waren sie so dick, wie er's nicht einmal jenseits vom Königreich Polen -gesehen hatte. Bald schimmerte auch das Bächlein zwischen den Bäumen -auf: schwarz wie eine Damaszener Klinge. Lange stand der Großvater am -Ufer und spähte nach allen Seiten aus. Am anderen Ufer brennt ein Feuer. -Schon will es erlöschen, da fällt sein Wiederschein aufs neue ins -Bächlein, das aufzuckt wie ein polnischer Schlachziz unter einer groben -Kosakenfaust. Da ist auch eine winzige Brücke! »Da drüber kann doch -höchstens ein Teufelswägelchen fahren!« dachte der Großvater, aber er -betrat sie schnell, und schneller noch als mancher die Dose aus der -Tasche holt, um eine Prise zu nehmen, war er am anderen Ufer. Jetzt erst -nahm er wahr, daß Leute am Feuer saßen; aber die hatten solche garstige -Fratzen, daß er zu andern Zeiten Gott weiß was drum gegeben hätte, ihrer -Bekanntschaft entgehen zu dürfen. Jetzt aber war ihm nicht zu helfen: Er -mußte schon mit ihnen anbändeln. Der Großvater verneigte sich tief bis -zur Erde vor ihnen. »Grüß Gott, gute Leute!« Aber auch nicht einer -nickte mit dem Kopfe: sie saßen stumm da, schwiegen und streuten etwas -ins Feuer. Da der Großvater fand, daß noch ein Platz frei war, so setzte -er sich denn ohne weitere Umschweife. Die widerlichen Fratzen sprachen -nichts, und auch der Großvater sagte nichts. Lange saßen sie schweigend -so da, und der Großvater bekam die Sache schon satt; er griff in die -Tasche, zog die Pfeife raus, blickte um sich -- aber keiner sah nach ihm -hin. »Wollten Euer Gnaden mit Verlaub die hohe Güte haben, sozusagen« -.... (Mein Großvater war ein vielerfahrener Mann, er verstand es, am -rechten Fleck ein höfliches Wörtlein anzubringen; selbst vor dem Zaren -hätte er, wenn's drauf ankam, in Ehren bestehen können.) .... -»sozusagen, um weder von mir, noch von euch zu schweigen: ein Pfeifchen -hab' ich wohl, aber wo soll ich Feuer herkriegen?« Auch auf diese Rede -erfolgte keine Antwort. Nur eine von den Mißgestalten ergriff ein -brennendes Holzscheit und stieß es dem Großvater geradewegs gegen die -Stirn, und wenn er nicht etwas zurückgefahren wäre, hätte er auf ewig -von seinem einen Auge Abschied nehmen müssen. Als er endlich sah, daß -die Zeit unnütz verrann, beschloß er -- ob's die unreine Brut nun -anhören wollte oder nicht -- ihnen seine Sache zu erzählen. Jene -spitzten die Ohren und streckten die Pfoten vor. Der Großvater begriff, -was sie wollten; nahm sein ganzes Geld und warf es mitten vor sie hin, -wie man Hunden etwas vorwirft. Kaum hatte er das Geld hingeschmissen, da -schien alles vor ihm durcheinanderzugehen, die Erde erzitterte, und er -geriet -- _wie_, das konnte er selbst nicht erzählen -- schier in die -Hölle. »Mein Gott!« schrie der Großvater auf, als er sich wieder umsah. -Was für Ungeheuer! Fratze neben Fratze! Da gab's Hexen in so ungeheuerer -Menge, wie die Schneeflocken, die zuweilen auf Weihnachten fallen, und -alle so aufgeputzt und angemalt, wie die Fräulein auf dem Jahrmarkt. Sie -alle begannen, soviel ihrer da waren, einen teuflischen Hopser zu -tanzen. Der Staub wirbelte in die Höhe, -- Gott bewahr, welch ein Staub! -Einen ehrlich getauften Menschen hätte ein Zittern erfassen müssen, wenn -er gesehen hätte, wie hoch diese Teufelsbrut sprang. Aber den Großvater -überkam, trotz seiner Angst, ein Lachen, als er sah, wie die Teufel mit -ihren Hundeschnauzen zierliche Schritte machten und mit wedelnden -Schweifchen um die Hexen herumscharwenzelten, wie junge Burschen um die -hübschen Mädchen; und die Musikanten paukten auf ihren eignen Backen -herum wie auf Trommeln, und pfiffen durch die Nasen wie auf Flöten. Kaum -aber hatten sie den Großvater erblickt, da stürzten sie sich wie ein -ganzes Heer auf ihn: Schweinemäuler, Hundemäuler, Bocksmäuler, -Gänsemäuler, Pferdemäuler -- sie alle reckten sich vor und wollten, -kam's wie's kam, von ihm geküßt werden. Der Großvater mußte ausspucken, -so ein Ekel überkam ihn! Endlich aber wurde er gepackt und an einen -Tisch gesetzt, der vielleicht so lang war, wie der Weg von Konotop nach -Baturin. »Na, das ist wenigstens nicht übel,« dachte der Großvater, als -er Schweinefleisch, Würste, Kohl mit Zwiebeln und noch viele andere -Leckerbissen auf dem Tische stehen sah. »Das Satanspack hält wohl die -Fasten nicht!« Der Großvater ließ die Gelegenheit, einen guten Bissen zu -nehmen, nie außer acht. Er hatte stets Appetit, und darum rückte er ohne -viel Federlesens die Schüssel mit dem angeschnittenen Speck und einen -Schinken zu sich heran, ergriff eine Gabel, die nicht viel kleiner war -als die Gabeln, mit denen die Bauern Heu aufladen, spießte ein riesiges -Stück Fleisch auf, nahm noch ein mächtiges Stück Brot dazu und schob es -geradewegs in -- einen fremden Mund, der eben neben seinen Ohren -aufgetaucht war, er hörte sogar noch, wie das Maul kaute und über den -ganzen Tisch hin mit den Zähnen klapperte. Der Großvater muckste nicht, -gabelte ein anderes Stück auf, und schon glaubte er es auf seinen Lippen -zu spüren, aber da geriet es wieder in einen fremden Rachen. Er -versuchte es ein drittes Mal -- und wieder traf er vorbei. Der Großvater -raste vor Wut. Er vergaß all seine Angst und in wessen Händen er sich -befand, und sprang auf die Hexen los: »Was, ihr Herodesbrut, ihr! wollt -ihr euch vielleicht über mich lustig machen? Wenn ihr mir nicht auf der -Stelle meine Kosakenmütze herausgebt, so will ich ein Römling sein, wenn -ich euch nicht die Schweineschnauzen auf den Nacken drehe!« Noch hatte -er die letzten Worte nicht ausgesprochen, als alle Ungeheuer die Zähne -zu fletschen begannen und ein solches Gelächter aufschlugen, daß dem -Großvater die Seele zu Eis erstarrte. - -»Gut!« winselte eine der Hexen, die der Großvater für das Oberhaupt der -anderen hielt, denn ihr Lärvchen war vielleicht noch wundervoller als -die Fratzen der anderen. »Die Mütze wollen wir dir geben, aber nicht -eher, als bis du dreimal mit uns _Schafskopf_ gespielt hast.« - -Was war da zu machen? Soll etwa ein Kosak mit Weibern zusammen sitzen -und Schafskopf spielen? Der Großvater weigerte und weigerte sich immer -wieder. Endlich aber ließ er sich doch dazu herbei. Man brachte Karten, -und zwar so schmierige wie die, aus denen sich bei uns die Popentöchter -wahrsagen, wenn sie wissen wollen, was für Bräutigams sie bekommen -werden. - -»Hör'!« bellte die Hexe wieder los, »wenn du auch nur ein einziges Mal -gewinnst, so ist die Mütze dein. Wenn du aber alle dreimal Schafskopf -bleibst, so nimm's mir nicht übel, dann wirst du nicht bloß deine Mütze, -sondern vielleicht auch die Welt nie mehr wiedersehen!« - -»Gib her, alte Vettel! Komme, was kommen mag!« - -Die Karten wurden verteilt und der Großvater nahm die seinen in die -Hände. Nicht hinblicken mochte er auf den Schund! wenn auch bloß zum -Scherz nur ein einziger Trumpf darunter gewesen wäre! Bei _einer_ Farbe -war die _Zehn_ schon der höchste Stich, und nicht einmal ein Paar hatte -er; die Hexe aber spielte immer Fünfer aus. So blieb er denn Schafskopf! - -Kaum war der Großvater Schafskopf geworden, so begannen die Mäuler von -allen Seiten zu wiehern, zu bellen und zu grunzen: »Schafskopf, -Schafskopf, Schafskopf!« - -»Mögt ihr doch platzen, ihr Satansbrut!« schrie der Großvater und -stopfte sich mit dem Finger die Ohren zu. »Na,« denkt er, »die Hexe hat -wohl falsch gemischt! Jetzt werde _ich_ mal mischen!« Er gab also die -Karten, sagte Trumpf an und blickte in die Karten: waren das großartige -Karten, auch Trümpfe waren dabei! Zuerst ging die Sache, wie's nicht -besser gehen konnte; aber die Hexe hatte eine Fünf und alle Könige! Der -Großvater jedoch hatte lauter Trümpfe in Händen! Ohne da groß zu -überlegen, deckte er, bumms, alle Könige mit Trümpfen! - -»Oho, das ist nicht Kosakenart! Womit deckst du denn da, Nachbar?« - -»Was da -- womit? Mit Trümpfen natürlich!« - -»Das sind vielleicht bei euch Trümpfe, bei uns aber nicht!« - -Sieh mal an -- es war in der Tat nur eine einfache Farbe. So eine -hundsföttische Zauberei! Er mußte zum zweitenmal Schafskopf werden, und -das Teufelspack brüllte von neuem: »Schafskopf, Schafskopf!« so daß der -Tisch wackelte und die Karten auf dem Tische herumhüpften. Der Großvater -geriet in Hitze; er gab zum letzten Male Karten. Wieder ging es schlecht -und recht. Die Hexe spielte wieder eine Fünf aus; der Großvater deckte -sie und kaufte eine ganze Hand voll Trümpfe. - -»Trumpf!« schrie er und schlug mit der Karte so mächtig auf den Tisch, -daß sie sich krumm bog. Jene deckte, ohne ein Wort zu sagen, mit einer -Acht. »Und womit stichst du, alter Teufel?« Die Hexe hob die Karte auf, -unter der eine einfache Sechs lag. »Ach verdammtes Satansgeflunker!« -rief der Großvater und schlug vor Ärger aus aller Leibeskraft mit der -Faust auf den Tisch. Ein wahres Glück, daß die Hexe schlechte Karten -hatte; der Großvater hatte wie zu Fleiß lauter Paare in seiner Hand. Er -begann zu kaufen, aber er war schon mit seiner Kraft zu Ende: er bekam -so schlechte Karten, daß er die Hände sinken ließ. Es gab keine Karten -mehr zu kaufen und nun ging er schon, ohne viel hineinzublicken, mit -einer einfachen Sechs los. Die Hexe nahm sie auf. »Da hast du die -Bescherung! Was sollte das bedeuten? Oho, da stimmt sicher etwas nicht!« -Der Großvater nahm also heimlich die Karten unter den Tisch und schlug -ein Kreuz über sie; und auf einmal hatte er Trumpf-Aß, Trumpf-König und -Trumpf-Bube in Händen, und statt seiner Sechs hatte er Dame gespielt. -»Ein schöner Narr bin ich gewesen,« dachte er sich. -- »Trumpf-König! -Was? Hast du das? Du Katzenbrut! Willst du vielleicht ein Aß? Ein Aß! -einen Buben! ....« Ein donnerndes Dröhnen rollte durch die ganze Hölle; -die Hexe verfiel in Krämpfe, und auf einmal flog dem Großvater -- -patsch! -- die Mütze ins Gesicht. »Nein, das ist zu wenig!« schrie der -Großvater schon viel dreister, als er erst seine Mütze aufgesetzt hatte. -»Wenn nicht mein braves Pferd auf der Stelle vor mir erscheint, so soll -mich an diesem unreinen Ort gleich der Donner treffen, oder ich schlage -wahrhaftig das heilige Kreuz über euch alle!« Und schon erhob er die -Hand, als er auf einmal Pferdeknochen vor sich klappern hörte. - -»Da hast du dein Pferd!« - -Der Ärmste brach bei diesem Anblick in Tränen aus, wie ein törichtes -Kind. Schade um den alten Freund! »Gebt mir nur irgend ein Pferd, damit -ich aus eurem Nest herauskomme!« Der Teufel knallte mit seiner -Hetzpeitsche, -- ein Pferd sauste wie ein Feuer unter dem Großvater -herauf, und er flog wie ein Vogel in die Höhe. Aber mitten im wilden -Ritt ergriff ihn eine mächtige Angst, als das Pferd ohne auf seine Rufe -oder auf die Zügel zu achten, über Gräben und Sümpfe dahinjagte. An was -für Orten war er damals nicht überall gewesen! schon beim bloßen -Erzählen überkam ihn ein Zittern. Er blickte vor sich hinab und -erschrak: vor ihm lag ein Abgrund, eine furchtbare Schlucht! Doch das -Satansvieh machte sich nichts daraus und setzt einfach drüber weg! Der -Großvater wollte sich festhalten, aber es gelang ihm nicht. Hals über -Kopf, durch Gestrüpp und über Felsen flog er hinab in den Schlund und -prallte tief unten am Grunde so gewaltig auf, daß ihm der Atem verging. -Wenigstens konnte er sich später auf nichts mehr besinnen, was damals -mit ihm vorgegangen war; und als er wieder zu sich kam und sich umsah, -da war es schon ganz hell geworden. Vor ihm schimmerte eine wohlbekannte -Gegend, und er lag auf dem Dache seines eigenen Hauses. - -Als der Großvater heruntergeklettert war, schlug er ein Kreuz. -»Teufelszeug! Was zum Henker einem Menschen nicht für Wunderdinge -widerfahren können!« Er sah seine Hände an. Sie waren voll Blut; er sah -in das vor ihm stehende Wasserfaß -- auch sein Gesicht war voller Blut. -Er wusch sich gründlich, um die Kinder nicht zu erschrecken, trat leisen -Schrittes in die Stube, und was sieht er da? Die Kinder gehen rücklings -auf ihn zu, strecken die Finger aus und sagen: »Sieh doch, sieh -- die -Mutter springt herum wie verrückt!« Und wahrhaftig: sein Weib sitzt -eingeschlafen vorm Spinnrocken, hält die Spindel in der Hand und hüpft -im Schlaf auf der Bank hoch und nieder. Der Großvater nahm sie sanft bei -der Hand und weckte sie. »Grüß Gott, Frau, bist du auch ganz wohl?« Jene -starrte ihn lange an. Endlich erkannte sie den Großvater und erzählte, -sie habe geträumt, der Ofen sei in der Stube herumgefahren, habe mit der -Schaufel alle Töpfe und Schüsseln hinausgejagt ... und der Teufel weiß, -was noch alles! »Na ja,« sagte der Großvater, »dein Traum war meine -Wirklichkeit, ich sehe schon, man muß unser Haus mit Weihwasser -besprengen -- aber jetzt darf ich keine Zeit mehr verlieren.« So sprach -der Großvater, und als er sich etwas ausgeruht hatte, holte er das Pferd -und machte nicht eher Halt, weder bei Tag noch bei Nacht, als bis er -sein Ziel erreicht und der Zarin selbst den Brief übergeben hatte. Da -bekam der Großvater solche Wunderdinge zu sehen, daß er noch lange -nachher davon erzählen konnte: wie er in ein Schloß geführt wurde, -welches so hoch war, daß man zehn Häuser hätte übereinander bauen -können, und es hätte noch nicht gereicht; wie er in ein Gemach -hineinblickte -- die Zarin war nicht drin, -- dann in ein zweites -- -auch da war sie nicht, in ein drittes -- auch da nicht, -- in ein -viertes -- sie war immer noch nicht da. Erst im fünften Zimmer saß sie -selbst, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, in einem grauen, -funkelnagelneuen Kittel und mit roten Stiefelchen, und aß goldene -Knödel. Sie ließ ihm die ganze Mütze mit blauen Scheinen vollstopfen, -und ihm .... aber man kann sich doch nicht an alles erinnern! Der -Großvater hatte sogar die Plackerei mit den Teufeln ganz vergessen, und -wenn es geschah, daß ihn jemand daran erinnerte, so schwieg er, als -ginge ihn das nichts an, und es kostete gar viele Mühe, ihn so weit zu -bringen, daß er's erzählte. Aber wohl zur Strafe dafür, daß er damals -das Haus nicht sofort mit Weihwasser besprengt hatte, widerfuhr der Frau -jedes Jahr, und zwar immer um dieselbe Zeit, das Wunder, daß sie immerzu -tanzen wollte. Was sie auch beginnen mochte, die Beine taten das ihrige -und zwangen sie förmlich, ein Tänzchen aufzuführen. - -Ende des ersten Teils. - - - - - Abende auf dem Gutshof bei Dikanka. - Zweiter Teil - - - - - - Vorrede - - -Hier habt ihr das zweite Büchlein, oder richtiger gesagt, das letzte. -Erst wollt' ich's ja nicht, nein, ich wollt' es ganz und gar nicht -herausgeben. Wahrhaftig, man muß auch mal 'nen Schlußpunkt setzen -können. Und ich kann euch nur mitteilen: auf dem Vorwerk fängt man schon -an, über mich zu lachen. »Sieh mal einer an!« sagt man, »der alte Toback -ist ja schon ganz närrisch: der amüsiert sich auf seine alten Tage noch -mit Spielereien!« Ja wirklich, 's wäre doch längst Zeit, zur Ruhe zu -gehen. Ihr, lieben Leser, glaubt natürlich, ich tue nur so, als ob ich -schon so alt sei. Ach du lieber Gott, was heißt da Verstellung, wenn -einem kein Zahn mehr im Munde sitzt! Was Weiches kann ich ja noch -irgendwie kauen, aber Hartes kann ich nun schon gar nicht mehr beißen. -Hier habt ihr also noch ein Büchlein! Bloß eins, aber schimpft nicht! 's -ist nicht recht, beim Abschied zu schimpfen, besonders auf einen -Menschen, den man Gott weiß wann wiedersieht. In diesem Büchlein werdet -ihr Erzähler zu hören bekommen, die euch fast alle unbekannt sind, -ausgenommen etwa Foma Grigorjewitsch. Was aber jenes erbsengraue -Herrchen angeht, das immer so verblümt zu erzählen pflegte, so daß ihn -selbst irgend so ein pfiffiger Moskowiter nicht recht verstehen konnte, --- der ist schon lange nicht mehr da. Erst hat er sich gründlich mit uns -allen verkracht, und dann ließ er sich überhaupt nicht mehr blicken. Ja, -hab' ich euch denn diesen Fall nicht erzählt? Hört doch nur, es war -wirklich eine höchst possierliche Geschichte. Im vorigen Jahr, es war -gegen Anfang des Sommers, -- ich glaube beinahe am Namenstage meines -Schutzheiligen, -- kamen einige Gäste zu mir .... (Das muß ich euch -sagen, lieben Leser; meine Landsleute -- Gott schenke ihnen ein langes -Leben und eine gute Gesundheit -- haben mich alten Mann nicht vergessen. -Es geht schon ins fünfzigste Jahr, daß ich mich auf meinen Namenstag -besinne; aber wie alt ich nun genau bin, das kann weder _ich_ euch -sagen, noch meine Alte. Wahrscheinlich so gegen siebzig. Der Pope von -Dikanka, Vater Charlampi, hat's gewußt, wann ich geboren bin; aber -leider sind's schon fünfzig Jahr, daß er tot ist.) Also es kamen Gäste -zu mir: Sachar Kirilowitsch Tschuchopupenko, Stepan Iwanowitsch -Kurotschka, Taras Iwanowitsch Smatschnenjki, und der Assessor Charlampi -Kirilowitsch Chlosta; dann war noch .... sieh mal einer an, da hab' ich -doch wahrhaftig seinen Vor- und Zunamen vergessen .... Ossip .... Ossip -.... mein Gott, ganz Mirgorod kennt ihn ja! Wenn er redet, schnippt er -zuerst mit den Fingern, und dann stemmt er die Hände in die Hüften .... -Na, Gott helf' ihm! 's wird mir ein andermal einfallen. Ferner war auch -der euch schon bekannte junge Herr aus Poltawa gekommen; Foma -Grigorjewitsch rechne ich übrigens nicht mit; der gehört schon zur -Familie. Man kam ins Gespräch (ich muß schon wieder was einschalten! Bei -uns wird nämlich nie Firlefanz geredet: ich kann nur höchst anständige -Gespräche leiden, damit, wie man so zu sagen pflegt, zugleich dem -Vergnügen, und der Erbauung Genüge geschieht). -- Man kam also ins -Gespräch darüber, wie man wohl am besten Äpfel einlegt. Meine Alte -sagte, man müsse die Äpfel zuerst gut waschen, dann in Sauerbier -einweichen, und dann erst .... »Aber kein Gedanke!« fiel das Herrchen -aus Poltawa ein, schob die Hand in seinen erbsengrauen Kaftan und -stolzierte würdevoll im Zimmer auf und ab. »Aber kein Gedanke! Erst muß -man Minze auf sie streuen, und dann erst ....« Ich muß _euch_ zu Zeugen -aufrufen, liebe Leser, sagt mal ganz ehrlich: habt ihr je gehört, daß -man Minze auf die Äpfel streut? Freilich legt man Johannisbeerblätter, -Nagelkraut und Kleeblatt hinein, aber daß man Minze einlegte .... nein, -das habe ich noch nie gehört. Besser als meine Alte weiß wohl niemand -Bescheid mit solchen Sachen. Seht, nun sagt ihr's selbst! Ich führte ihn -also, als honetten Menschen, ein wenig zur Seite und sagte: »Höre, Makar -Nasarowitsch, treib doch keine Narrenspossen! Du bist doch ein feiner -Herr: hast doch, wie du selber sagst, einmal am Gouverneurstische mit -gegessen. Wenn du da so etwas sagst, da werden dich ja alle auslachen!« -Und was glaubt ihr nun, hat er drauf gesagt? -- Nichts! Er hat auf den -Boden gespuckt, hat seine Mütze genommen und ist gegangen. Nicht einmal -Abschied hat er von irgendeinem genommen, ja nicht einmal jemandem -zugenickt; wir hörten bloß, wie sein Wägelchen mit den Schellen am Tore -vorfuhr; und schon saß er drin und fuhr davon. Na, um so besser! Solche -Gäste können wir nicht brauchen! Ich will euch nur sagen, meine lieben -Leser, es gibt gar nichts Schlimmeres auf der Welt, als diese Ritter vom -hohen Roß. Weil sein Ohm mal Kommissär war, muß er drum die Nase -rümpfen? Als ob Kommissär schon so ein Rang wäre, daß es gar nichts -Höheres auf der Welt gibt! Gott sei Dank, es gibt noch höhere Tiere, als -so ein Kommissär. Nein, diese Vornehmtuerei kann ich nicht ausstehen! -Nehmt doch zum Beispiel Foma Grigorjewitsch; das ist doch kein feiner -Herr, aber seht ihn mal an: in seinem Gesicht glänzt stets eine gewisse -Würde; sogar wenn er seinen gewöhnlichen Tabak schnupft, da hat man -unwillkürlich Respekt. Und erst in der Kirche; wenn er da oben auf dem -Chore steht und singt, -- da kommt es ordentlich wie Rührung über einen! -Man möchte am liebsten vergehen! .... Aber jener .... na, Gott mit ihm! -Der glaubt ganz gewiß, ohne seine Geschichten könne man gar nicht -auskommen. Je nun, auch ohne ihn hat sich ein Büchelchen -zusammengefunden. - -Ich habe euch, glaub' ich, versprochen, daß in diesem Büchlein auch ein -Märchen von mir sein wird. Ich wollt' es auch wirklich so machen, aber -da hab' ich gemerkt, daß man für meine Geschichte wenigstens drei -solcher Büchelchen brauchte. Ich gedachte zuerst, es besonders drucken -zu lassen, aber dann hab' ich mir's überlegt. Ich kenne euch ja: ihr -werdet noch über mich alten Mann lachen. Nein, ich mag's nicht! Gehabt -euch wohl! Wir sehen uns lange Zeit nicht wieder, oder vielleicht auch -nie. Aber was ist daran gelegen? Euch kann's ja gleich sein, auch wenn -ich gar nicht auf der Welt wäre. Ein Jahr wird dahingehn und noch eins --- und ich bin sicher, niemand von euch besinnt sich mehr auf mich, oder -denkt mit Bedauern an den alten Bienenzüchter - - _Rotfuchs Panjko_. - - - - - Die Nacht vor dem Weihnachtsfest - - -Der letzte Tag vor dem Weihnachtsfeste war verstrichen. Klar brach die -Winternacht an, die Sterne schauten hervor, der Mond stieg majestätisch -am Himmel empor, um allen guten Leuten und der ganzen Welt zu leuchten, -damit allen fröhlich ums Herz sei, wenn nach dem Weihnachtsbrauch unter -den Fenstern zu Christi Lob und Preis gesungen würde. Der Frost war noch -schneidender als am Morgen; aber dafür war es so still, daß man das -Knirschen des Schnees unter den Stiefeln eine halbe Werst weit hören -konnte. Noch war unter keinem Fenster eine einzige Schar von Burschen zu -sehen; allein der Mond blickte verstohlen durch die Scheiben, als wollte -er den sich putzenden Mädchen zuwinken, sie sollten schneller -hinauslaufen in den knisternden Schnee. Da wälzten sich dichte Ballen -von Qualm aus dem Schornstein einer Hütte und stiegen wie eine Wolke zum -Himmel auf, und zugleich mit dem Rauch ritt eine Hexe auf einem -Besenstiel in die Höhe. - -Wenn in diesem Augenblick der Herr Assessor aus Sorotschintzy in einem -mit Gutspferden bespannten Dreispänner vorbeigefahren wäre, die Mütze -mit der Hammelfellborde, wie sie die Ulanen tragen, auf dem Kopf, in -seinem blauen, mit schwarzem Lammfell gefütterten Pelz, und mit seinem -Teufelsding, der geflochtenen Peitsche, mit der er gewöhnlich seinen -Kutscher anfeuerte, so hätte er sie bestimmt gesehen; denn dem Assessor -von Sorotschintzy kann keine Hexe entgehen. Er kann sich's nämlich von -jedem Frauenzimmer an den Fingern abzählen, wieviel Ferkelchen ihre Sau -wirft, wieviel Leinwand in ihrem Kasten liegt, und er weiß aufs -Tüpfelchen, was ein wackerer Mann an einem Sonntag in der Schenke an -Kleidern und Wirtschaftssachen versetzt. Aber der Assessor von -Sorotschintzy kam nicht vorbeigefahren, und dann kümmerte er sich auch -nicht um fremde Leute -- er hatte ja seinen eigenen Bezirk. Unterdessen -aber stieg die Hexe so hoch empor, daß sie da oben nur noch wie ein -schwarzes Pünktchen aussah. Aber wo dies Pünktchen sich zeigte, dort -verschwand ein Stern nach dem andern vom Himmel. Bald hatte die Hexe -einen ganzen Ärmel voll von ihnen heruntergeholt. Nur noch drei oder -vier blinkten so herum. Auf einmal jedoch tauchte an der -entgegengesetzten Seite ein andres Pünktchen auf, wurde immer größer, -dehnte sich in die Breite, und bald war es kein Pünktchen mehr. Ein -Kurzsichtiger hätte sogar statt einer Brille die Räder vom Wagen des -Kommissärs auf die Nase setzen können, aber auch dann hätte er nicht -genau erkennen können, was das für ein Ding war. Von vorne sah es sich -ganz an wie ein Welscher: das spitzige Mäulchen, das sich fortwährend -bewegte und alles und alle beschnüffelte, lief in ein rundes -Fünfkopekenstück aus, wie bei unsren Schweinen; die Beine waren so dünn, -daß sie auch dem Jereskower Amtmann, wenn er solche gehabt hätte, schon -beim ersten Sprung im Kosakentanz gebrochen wären. Dafür aber war's von -hinten ein waschechter Gouvernementsprokurator in Uniform, denn ihm -baumelte ein Schwanz herunter, der so lang war und so spitz zulief wie -die Schöße an den neumodischen Uniformen; höchstens aus dem Bocksbart -unterm Maul, aus den kleinen Hörnerchen auf dem Kopfe und daraus, daß er -nicht viel weißer war als ein Schornsteinfeger, konnte man erraten, daß -das weder ein Kerl aus dem Auslande, noch ein Gouvernementsprokurator -war, sondern ganz einfach der Teufel in eigener Person, für den die -letzte Nacht gekommen war, wo er sich in Gottes weiter Welt umhertreiben -und die guten Menschen zu allerlei Sünden verführen durfte. Denn morgen -schon sollte er beim ersten Glockenschlage der Frühmesse mit -eingezogenem Schwanz zur Hölle fahren. - -Indessen aber schlich sich der Teufel leise an den Mond heran und -streckte die Hand aus, um nach ihm zu greifen; plötzlich jedoch riß er -seine Hand zurück, als wenn er sich verbrannt hätte, sog an den -Fingerspitzen, schlenkerte mächtig mit dem einen Bein und schlüpfte dann -auf die andere Seite; aber da prallte er wiederum zurück und zog -schleunigst die Hand weg. Trotz dieser Mißerfolge ließ jedoch der -listige Teufel nicht von seinen bösen Streichen. Mit einem Anlauf rannte -er heran und packte den Mond mit beiden Händen; er krümmte sich hin und -her, blies aus vollen Backen auf ihn und warf ihn aus einer Hand in die -andere, wie ein Bauer, der sich mit bloßen Händen Feuer für seine Pfeife -holt; endlich steckte er ihn rasch in seine Tasche und sauste weiter, -als ob ganz und gar nichts geschehen wäre. - -In Dikanka hatte niemand gemerkt, daß der Teufel den Mond gestohlen -hatte. Freilich, als der Gemeindeschreiber, übrigens auf allen Vieren, -die Schänke verließ, sah er, daß der Mond plötzlich am Himmel -umhertanzte, und er beschwor das bei allen Heiligen vor dem ganzen -Dorfe; aber die Leute im Dorfe schüttelten nur die Köpfe und lachten ihn -einfach aus. Doch was hatte den Teufel eigentlich zu einer so -schändlichen Tat veranlaßt? Der Grund war folgender: er wußte, daß der -reiche Kosak Tschub vom Küster zum Weihnachtsschmaus eingeladen war, und -daß außerdem noch der Amtmann, ein Anverwandter des Vorsängers von der -Bischöflichen Sängerkapelle, ein Mann im blauen Rock, der die tiefsten -Baßtöne mühelos hervorbrachte, ferner der Kosak Swerbygus und noch -dieser und jener da sein würden. Da würde es außer dem Weihnachtskuchen -noch süßen Branntwein, Safranschnaps und noch allerhand Gutes zum Essen -und Trinken geben. Unterdessen würde aber sein Töchterchen, die erste -Schöne im ganzen Dorf, allein zu Hause bleiben; und dann würde sicher -der Schmied zu dem Mädel kommen, ein handfester, kräftiger Bursch, ein -Mordskerl, der dem Teufel noch widerwärtiger war als die Predigten des -Vaters Kondrat. In seinen Mußestunden pflegte der Dorfschmied sich -nämlich mit der Malerei zu beschäftigen, und er galt als der beste Maler -in der ganzen Umgegend. Der Kosaken-Hauptmann L...ko, der damals noch -lebte, hatte ihn sogar eigens dazu nach Poltawa kommen lassen, um den -Bretterzaun vor seinem Hause zu tünchen. Alle Schüsseln, aus denen die -Kosaken in Dikanka ihren Borschtsch schlürften, waren von ihm bemalt. -Der Schmied war ein gottesfürchtiger Mann, malte oft Heiligenbilder, und -man kann jetzt noch in der Kirche zu T..... einen Evangelisten Lukas von -seiner Hand sehen. Aber der Triumph seiner Kunst war ein Bild, das er an -die Wand der rechten Kirchenvorhalle gemalt hatte; da hatte er den -heiligen Petrus dargestellt mit Schlüsseln in der Hand, wie er am -jüngsten Tage den bösen Geist aus der Hölle vertreibt: der erschrockene -Teufel rennt, seinen Untergang vorausahnend, hin und her, und die -Sünder, die einst in die Hölle gesperrt waren, prügeln mit Knuten, -Holzscheiten und allem, was ihnen unter die Hände kommt, auf ihn los. -Zur Zeit, als der Maler an diesem Bilde arbeitete -- er malte es auf ein -großes Brett -- hatte sich der Teufel aus aller Kraft bemüht, ihn dabei -zu stören: er puffte ihn unsichtbar am Arm, holte Asche aus der -Schmiede-Esse und streute sie auf das Bild; aber trotz alledem wurde das -Werk zu Ende geführt, das Brett wurde in die Kirche gebracht, an der -Wand der Vorhalle angenagelt, und seitdem hatte der Teufel dem Schmied -Rache geschworen. - -Nur noch eine Nacht war ihm nun geblieben, durch die Welt zu ziehen; in -dieser Nacht aber wollte er seine ganze Wut an dem Schmied auslassen, -und darum beschloß er, den Mond zu stehlen; er hatte es sich nämlich -folgendermaßen ausgedacht: der alte Tschub ist träge, und schwer auf die -Beine zu kriegen, und dann ist es auch von seinem Hause bis zum Küster -nicht sehr nahe. Der Weg zu ihm führte hinterm Dorfe an Windmühlen und -am Friedhof, an einem Abgrund vorüber, und dann konnten bei hellen -Mondnächten auch noch der süße Branntwein und der Safranschnaps den -Tschub locken; aber bei dieser Finsternis konnte es wohl kaum jemandem -gelingen, ihn von seinem Plätzchen hinterm Ofen hervor und auf die -Straße hinaus zu lotsen. Und da würde der Schmied, der schon lange nicht -im besten Einvernehmen mit ihm lebte, es sicher nicht wagen, seine -Tochter aufzusuchen, und wenn er auch noch so kräftig war. - -Und so kam es, daß der Teufel kaum den Mond in die Tasche gesteckt -hatte, als es plötzlich in der ganzen Welt so stockfinster wurde, daß -manch einer den Weg ins Wirtshaus nicht gefunden hätte, geschweige denn -_den_ in des Küsters Haus. Die Hexe fand sich auf einmal im Dunkeln und -stieß einen Schrei aus. Da scharwenzelte der Teufel auf sie zu, faßte -sie flink unterm Arm und begann ihr allerhand schöne Dinge ins Ohr zu -flüstern, wie man sie den Weibern gewöhnlich zuzuraunen pflegt. Es geht -doch recht wunderlich zu in unserer Welt! Alles was in ihr leibt und -lebt, alles ist bemüht, einander was abzugucken und andere Leute -nachzuäffen. Früher gab's einmal eine Zeit, da trugen in ganz Mirgorod -nur der Richter und der Bürgermeister im Winter Pelze, die mit Tuch -überzogen waren, während die übrigen Unterbeamten gewöhnlich die Pelze -mit dem Fell nach außen trugen; jetzt dagegen haben sich der Assessor -und der Unterrendant neue Pelze aus feinem Lammfell mit Tuchbezügen -zugelegt. Vor zwei Jahren kauften der Kanzlist und der Gemeindeschreiber -Nanking zu sechzig Kopeken die Elle, und der Kirchendiener hat sich zum -Sommer gar eine Pluderhose aus Nanking und sogar eine Weste aus Kammgarn -machen lassen. Kurz, alles will zur feinen Welt gehören! Wann werden die -Menschen endlich einmal von ihrer Eitelkeit ablassen! Nun könnte man -wetten, manchem kommt der Gedanke sonderbar vor, daß der Teufel sich -ebenso benimmt. Am ärgerlichsten ist's aber, daß er sich am Ende gar -noch auf seine Schönheit was zugute tut, und dabei hat er doch eine -Fratze, daß es eine wahre Schande ist. Geradezu eine Fresse, wie Foma -Grigorjewitsch zu sagen pflegt, das Garstigste vom Garstigen, und so -einer geht auch noch auf Liebschaften aus! Aber am Himmel war es so -stockfinster geworden, daß man durchaus nichts mehr von dem sehen -konnte, was sich zwischen dem Pärchen weiter abspielte. - - * * * * * - -»Also, Gevatter, du bist noch nicht beim Küster in der neuen Hütte -gewesen?« sprach der Kosak Tschub, trat aus der Tür seines Hauses und -ging auf einen hageren, baumlangen Bauer in kurzem Schafspelz zu, mit -einem dichten Bart, der davon Zeugnis ablegen konnte, daß dies Kinn -schon über vierzehn Tage lang nicht mehr von dem Sensenstück berührt -worden, mit dem sich die Bauern in Ermanglung eines Rasiermessers ihren -Bart schaben. »Dort wird es jetzt ein schönes Gelage geben!« fuhr -Tschub, übers ganze Gesicht schmunzelnd, fort. »Daß wir nur nicht zu -spät kommen!« - -Dabei rückte Tschub seinen Gurt zurecht, der seinen Pelz fest -zusammenzog, schob die Mütze tief in die Augen und nahm die Knute -- den -Schrecken und die Angst aller lästigen Hunde -- fester in die Hand. Als -er jedoch nach oben blickte, hielt er inne .... - -»Teufel noch einmal! Schau! schau nur, Panas! ....« - -»Was denn?« sprach der Gevatter und hob ebenfalls seinen Kopf. - -»Was? Der Mond ist fort!« - -»Verflucht! Wahrhaftig, der Mond ist fort!« - -»Das ist es ja eben,« rief Tschub, einigermaßen ärgerlich über die -unerschütterliche Teilnahmslosigkeit des Gevatters. »Du scherst dich -wohl wenig drum!« - -»Ja, was soll _ich_ denn dabei machen?« - -»Mußte sich da gerad so ein Teufel,« fuhr Tschub fort und wischte sich -mit dem Ärmel den Schnurrbart, »grad so ein Teufel hineinmischen! So ein -Hundsfott! Daß er morgens doch nie wieder sein Glas Schnaps zu trinken -kriegte! .... Wahrhaftig! Es ist zum Lachen .... Als ich in der Stube -saß, da sah ich zu meinem Vergnügen zum Fenster hinaus: die Nacht war -ein reines Wunder! Es war ganz hell, der Schnee leuchtete im Mondlichte -und alles war so klar zu sehen wie am lichten Tag; kaum aber trete ich -aus der Tür -- da herrscht eine Dunkelheit, daß man die Hand vor den -Augen nicht sieht! Mag er sich doch alle Zähne an hartem Buchweizenbrot -ausbrechen!« - -Lange noch brummte und schimpfte Tschub, zugleich aber überlegte er, -wozu er sich entschließen solle. Für sein Leben gern hätte er beim -Küster über dies und jenes schwatzen mögen; denn sicher saßen dort schon -der Amtmann, der zugereiste Baß und der Teersieder Mikita, der alle -vierzehn Tage zum Markt nach Poltawa zu fahren pflegte und solche Possen -trieb, daß die Leute auf dem Dorf sich den Bauch vor Lachen hielten. -Schon sah Tschub in Gedanken den süßen Branntwein auf dem Tische stehn. -Freilich, all das war verlockend, aber die Dunkelheit der Nacht lockte -wieder zu jenem Faulenzerleben, das jedem Kosaken so lieb ist. Wie gut -wäre es jetzt, mit untergeschlagenen Beinen auf der Ofenbank zu sitzen, -seine Pfeife zu rauchen und in süß umnebelndem Schlummer den lustigen -Burschen und Mädeln zuzuhören, die in Scharen vor den Fenstern ihre -Lieder singen und die Weihnacht preisen! Ohne Zweifel hätte er sich auch -für das letztere entschieden, wenn er allein gewesen wäre; aber zu zweit -war es jetzt nicht mehr so langweilig und so gruselig, mitten durch die -Nacht zu gehen, auch wollte er vor dem andern nicht faul und feige -erscheinen. Als er mit dem Schimpfen fertig war, wandte er sich an den -Gevatter. - -»Der Mond ist also weg, Gevatter?« - -»Ja, er ist weg!« - -»Wirklich sonderbar! Gib mir mal eine Prise! Du hast einen -vortrefflichen Tabak, Gevatter! Wo hast du ihn her?« - -»Vortrefflich? Ei, da soll mich doch der und jener --« antwortete der -Gevatter, indem er seine Dose aus Baumrinde mit den eingeritzten Mustern -zuklappte. »Nicht einmal ein altes Huhn würde bei diesem Tabak niesen!« - -»Ich erinnere mich,« fuhr Tschub in demselben Tone fort, »der -verstorbene Schankwirt Susulja hatte mir einmal etwas Tabak aus Njeschin -mitgebracht. O, war das ein Tabak! Also, Gevatter, was machen wir nun? -Es ist ja mächtig dunkel.« - -»So bleiben wir meinetwegen zu Hause!« rief der Gevatter und griff schon -nach der Türklinke. - -Hätte der Gevatter das nicht gesagt, so hätte Tschub sich wohl -entschlossen, zu Hause zu bleiben; jetzt aber schien ihn geradezu etwas -zum Widerspruch zu reizen. »Nein, Gevatter, wir wollen gehen! Unmöglich! -Wir müssen gehen!« - -Kaum hatte er das gesagt, so ärgerte er sich schon über seine eigenen -Worte. Es war ihm höchst unangenehm, sich in solcher Nacht herumtreiben -zu müssen, aber der Gedanke tröstete ihn, daß er es selbst so gewollt, -und daß er wider den Ratschlag eines anderen gehandelt hatte. - -Der Gevatter ließ auch nicht die leiseste Regung von Verdrießlichkeit -auf seinem Gesichte erkennen. Er war ein Mann, dem es durchaus gleich -war, ob er zu Hause saß, oder ob er sich draußen umhertrieb. Er sah sich -nur noch einmal um, kratzte sich mit dem Stiel der Knute die Achseln -- -und die beiden Gevattern machten sich auf den Weg. - - * * * * * - -Doch sehen wir nun zu, was seine schöne Tochter trieb, die allein zu -Hause geblieben war. Oxana war noch nicht ganz siebzehn Jahre alt, als -man schon beinah in der ganzen Welt, sowohl diesseits wie jenseits von -Dikanka, von nichts anderem sprach als von ihr. Die Burschen erklärten -einstimmig, ein herrlicheres Mädchen gäbe es im ganzen Dorfe nicht, habe -es noch nie gegeben und werde es auch niemals geben. Oxana hörte und -wußte alles, was über sie geredet wurde, und sie war so eingebildet, wie -ein schönes Mädchen es eben ist. Hätte sie nicht ein Kopftuch und die -Jacke einer Bäuerin getragen, sondern ein Stadtkleid, so hätte sie -sicher alle Mädchen in den Schatten gestellt. Die Burschen liefen ihr -scharenweise nach; aber sie verloren allmählich die Geduld, verließen -nach und nach die eigensinnige Schöne und wendeten sich anderen, weniger -verwöhnten Werbern zu. Nur der Schmied blieb hartnäckig und hörte nicht -auf, sie zu umwerben, obwohl er keineswegs besser behandelt wurde als -die anderen. Sobald nun der Vater fortgegangen war, putzte und schmückte -sich Oxana noch lange vor dem kleinen Spiegel im Bleirahmen. Sie konnte -sich nicht satt sehen an ihrer Schönheit. - -»Was fällt den Leuten nur ein, mich zu rühmen, ich sei schön?« sprach -sie mit zerstreuter Miene, nur um einen Vorwand zu haben, mit sich -selbst zu plaudern. »Die Leute lügen, ich bin gar nicht schön!« - -Aber das frische, lebhafte, kindlich jugendliche Gesicht im Spiegel, mit -den strahlenden schwarzen Augen und dem unsagbar anmutigen Lächeln, das -die Seele erglühen machte, bewies das Gegenteil. - -»Sind denn meine schwarzen Brauen und meine Augen in der Tat so schön?« -fuhr sie fort, ohne den Spiegel aus der Hand zu legen, »daß sie nicht -ihresgleichen in der Welt haben? Was ist nur Schönes an dieser -Stumpfnase? an meinen Wangen? an meinen Lippen? Meine schwarzen Zöpfe -sollen schön sein? O jeh, am Abend können sie einem Menschen einen -ordentlichen Schreck einjagen: wie lange Schlangen winden und schlingen -sie sich um meinen Kopf. Ich sehe jetzt, daß ich gar nicht schön bin!« -Und sie rückte den Spiegel etwas von sich fort und rief: »Nein, ich bin -doch schön! Ach, wie ich schön bin! Wundervoll! Welch eine Freude werde -ich einst dem bereiten, dessen Frau ich werde. Wie wird mein Gemahl -entzückt von mir sein! Er wird außer sich sein vor Freude. Er wird mich -zu Tode küssen!« - -»Wunderbares Mädchen!« flüsterte der Schmied, der leise eingetreten war. -»Aber sie ist nicht wenig eitel! Schon eine Stunde lang steht sie da, -besieht sich im Spiegel und kann sich nicht satt sehen an sich selbst, -und dazu lobt sie sich noch ganz laut!« - -»Ja, ihr Burschen, ich bin nicht euersgleichen, seht mich an,« fuhr die -reizende Kokette fort. »Wie ist mein Gang so geschmeidig. Mein Hemd ist -mit roter Seide genäht. Und was für Bänder ich auf dem Kopf habe! Euer -Lebtag werdet ihr nicht mehr solche Goldborden sehen! All das hat mit -mein Vater gekauft, damit mich der schönste Bursch der Welt zur Frau -nimmt.« Sie lächelte, wandte sich um und erblickte den Schmied .... - -Sie schrie auf und blieb mit strenger Miene vor ihm stehen. - -Der Schmied ließ die Hände herabsinken. - -Es wäre schwer zu sagen, was das braune Gesicht des wundervollen -Mädchens ausdrückte: ein strenger Ausdruck spiegelte sich in ihm und -durch die Strenge hindurch blickte ein gewisser Hohn über den -verblüfften Schmied, und eine kaum merkliche Röte, die ihr der Ärger ins -Gesicht getrieben hatte; all das zusammen war so unbeschreiblich schön, -daß das Beste, was man hier hätte tun können, dies gewesen wäre: -- sie -eine Million Mal abzuküssen. - -»Wie bist du hierhergekommen?« begann Oxana. »Willst du denn, daß ich -dich mit der Schippe davonjage? Ihr versteht euch meisterhaft darauf, -euch an uns heranzumachen. Im Nu schnüffelt ihr aus, wann die Väter aus -dem Hause sind. O, ich kenne euch schon! Nun, ist meine Truhe fertig?« - -»Sie ist bald fertig, mein Herzchen; nach den Feiertagen wird sie -fertig. Wenn du wüßtest, wieviel Mühe ich mir gegeben habe: zwei Nächte -lang habe ich die Schmiede nicht verlassen. Dafür soll aber auch keine -Popentochter so eine Truhe haben. Ich habe Eisenbeschläge darauf getan, -wie ich sie nicht einmal für den Wagen des Hauptmanns nahm, als ich noch -in Poltawa auf Arbeit war. Aber wie wird sie erst bemalt sein! Und wenn -du die ganze Umgegend mit deinen weißen Füßchen abläufst, du findest -solch eine Truhe nicht mehr! Über den ganzen Grund werden rote und blaue -Blumen verstreut sein, und es wird so leuchten wie Feuer. Zürne mir -nicht! Erlaube mir wenigstens, zu dir zu reden und dich nur -anzuschauen!« - -»Wer verbietet dir das? Rede und schau!« - -Und sie nahm Platz auf der Bank, blickte wieder in den Spiegel und -begann ihre Flechten auf dem Kopfe zu ordnen. Sie blickte auf ihren -Hals, auf das neue seidenbestickte Hemd, und ein leises Gefühl der -Selbstzufriedenheit spiegelte sich auf ihren Lippen und auf ihren -frischen Wangen und leuchtete aus ihren Augen. - -»Erlaube mir, daß ich neben dir Platz nehme!« sagte der Schmied. - -»Setze dich,« sprach Oxana immer noch mit demselben selbstzufriedenen -Ausdruck auf den Lippen und in den Augen. - -»Wundervolle, herzallerliebste Oxana, erlaube mir nur, daß ich dir einen -Kuß gebe!« sagte der Schmied ermutigt und preßte sie an sich, in der -Hoffnung, ein Küßchen von ihr zu erwischen. Doch Oxana wandte ihre -Wangen ab, die sich schon in erreichbarer Nähe von den Lippen des -Schmiedes befanden, und stieß ihn von sich. »Was du nicht alles -möchtest! Kaum hat er den Honig, so braucht er gleich auch noch einen -Löffel dazu! Geh doch, deine Hände sind noch härter als Eisen. Auch -riechst du nach Rauch. Ich glaube gar, du hast mich ganz mit deinem Ruß -beschmiert.« - -Sie nahm den Spiegel und begann sich von neuem zu putzen. - -»Sie liebt mich nicht!« dachte der Schmied bei sich und ließ den Kopf -hängen. »Für sie ist alles nur Spielerei; und ich stehe vor ihr da wie -ein Narr, und kann meine Augen nicht von ihr wenden. Ja, ich möchte -immer so vor ihr stehen und meine Augen nicht von ihr wenden. Welch -herrliches Mädchen! Was würde ich alles darum geben, zu erfahren, was in -ihrem Herzen vorgeht und wen sie eigentlich liebt. Aber nein, sie -kümmert sich um niemand. Sie freut sich nur ihrer Schönheit, quält mich -Armen, und ich bin so traurig, daß mir alles trüb und dunkel erscheint. -Und dabei liebe ich sie doch so, wie kein Mensch in der Welt sie je -geliebt hat oder lieben wird.« - -»Ist es wahr, daß deine Mutter eine Hexe ist?« fragte Oxana und brach in -lautes Lachen aus; auch der Schmied fühlte, wie alles in seinem Innern -auflachte. Dieses Lachen schien plötzlich in seinem Herzen -wiederzuhallen und in den leise erschauernden Adern, aber gleich darauf -erwachte ein Ärger in seiner Seele, weil er nicht die Macht hatte, -dieses so anmutig lachende Antlitz zu küssen. - -»Was geht mich meine Mutter an? Du bist mir Mutter und Vater und alles, -was es auf der Welt an Teurem für mich gibt! Wenn mich der Zar zu sich -rufen ließe und zu mir sagte: »Wakula, du darfst mich um alles bitten, -was es Schönes in meinem Reiche gibt, ich will dir alles geben. Ich will -dir eine Schmiede aus purem Golde bauen lassen, und du sollst silberne -Hämmer zum Schmieden bekommen,« -- dann würde ich zu dem Zaren sagen: -»Ich will weder kostbare Edelsteine, noch eine goldene Schmiede, noch -dein ganzes Reich. Gib mir lieber meine Oxana!« - -»Schau, schau, so einer bist du also! Aber mein Vater ist auch nicht auf -den Kopf gefallen. Paß auf, er heiratet noch deine Mutter!« sagte sie -und lächelte listig. »Aber, wo bleiben nur die Mädchen? .... Was soll -das bedeuten? es ist schon höchste Zeit, daß man vor den Fenstern zu -singen beginnt. Ich fange an, mich zu langweilen.« - -»Mögen sie nur bleiben, wo sie sind, du meine Holde!« - -»Warum nicht gar! Mit den Mädchen werden auch wohl die Burschen -mitkommen. Da wird's was geben. Ich stell' mir vor, was für putzige -Sachen sie da erzählen werden!« - -»Du sehnst dich also wohl nach ihrer Gesellschaft?« - -»Sicherlich mehr als nach dir. Ah! Jemand hat geklopft. Das sind wohl -die Mädchen und Burschen.« - -»Worauf soll ich noch länger warten?« sprach der Schmied zu sich selbst. -»Sie macht sich über mich lustig. Ich bin ihr ebensoviel wert, wie ein -verrostetes Hufeisen. Wenn das aber wirklich so ist, dann soll -wenigstens kein anderer über mich lachen. Sobald ich merke, daß ein -anderer ihr besser gefällt als ich, dem will ich doch gleich ....« - -Hier wurden seine Gedanken durch ein Pochen an die Tür unterbrochen, und -eine Stimme, die bei dem kalten Frost ziemlich scharf klang, rief: »Mach -auf!« - -»Warte, ich mache schon selbst auf,« sagte der Schmied und trat in den -Flur hinaus mit dem Vorsatz, dem ersten, der hereinkäme, aus Ärger die -Rippen einzuschlagen. - - * * * * * - -Der Frost nahm zu, und oben in der Höhe wurde es so kalt, daß der Teufel -von einem Huf auf den anderen hüpfte und sich in die Fäuste blies, um -nur einigermaßen seine frierenden Hände zu erwärmen. Es war auch kein -Wunder, wenn's einen fror, der sich Tag für Tag in der Hölle -herumdrückte. Dort ist's bekanntlich längst nicht so kalt wie bei uns im -Winter, er aber steht da unten vor dem Feuer, mit einer Zipfelmütze auf -dem Kopf, akkurat wie ein wirklicher Küchenmeister, und brät die Sünder -mit solchem Vergnügen, wie wohl die Weiber zu Weihnachten Wurst braten. - -Selbst die Hexe litt unter der Kälte, trotzdem sie recht warm angezogen -war; daher hob sie die Arme in die Höhe, schob ein Bein vor, gab ihrem -Körper die Haltung eines Schlittschuhläufers und sauste, ohne ein Glied -zu rühren, durch die Luft, wie wenn's einen steilen Eisberg hinabginge, -geradeswegs in den Schornstein hinunter. - -Der Teufel folgte ihr auf dieselbe Art. Da dieses Vieh aber viel -gewandter ist als so mancher Geck in Seidenstrümpfen, so ist's kein -Wunder, daß er gerad am Eingang zum Schornstein seiner Geliebten auf den -Hals flog, und schnell sahen sich die beiden in dem geräumigen Ofen -mitten unter den Töpfen. - -Die Besenreiterin schob leise das Ofentürchen auf, um zu sehen, ob ihr -Sohn Wakula nicht die Stube voller Gäste geladen hatte; als sie aber -sah, daß niemand da war außer etwa ein paar Säcke, die in der Stube -umher lagen, so kroch sie aus dem Ofen, warf den warmen Pelz ab, ordnete -ihre Kleidung, und niemand hätte ihr mehr ansehen können, daß sie noch -vor einer Minute auf einem Besenstiel geritten war. - -Die Mutter des Schmieds Wakula war nicht mehr als vierzig Jahre alt und -war weder schön noch häßlich. Es ist ja auch ziemlich schwer, in diesen -Jahren schön zu sein. Sie verstand es aber, selbst die gesetztesten und -würdigsten Kosaken an sich zu fesseln (denen es, nebenbei bemerkt, auch -wenig um die Schönheit zu tun war), so daß sie ebensowohl der Amtmann, -wie der Küster Ossip Nikiforowitsch (natürlich, wenn die Frau Küsterin -nicht zu Hause war), der Kosak Korni Tschub und der Kosak Kassjan -Swerbygus aufzusuchen pflegten. Zu ihrer Ehre muß übrigens gesagt -werden, daß sie es vorzüglich verstand, mit ihnen umzugehen: keinem -einzigen von ihnen kam es auch nur von ferne in den Sinn, er könne einen -Nebenbuhler haben. Ging ein frommer Bauer oder ein »Edelmann«, wie die -Kosaken sich selbst zu nennen pflegen, am Sonntag in seinem Mantel mit -der Kapuze zur Kirche, oder -- wenn das Wetter schlecht war -- ins -Wirtshaus, so ließ er sich's nicht nehmen, bei der Solocha -vorzusprechen, um ein paar fette Käsekrapfen mit Rahm zu essen und ein -Weilchen mit der gesprächigen und gefälligen Hausfrau in der warmen -Stube zu schwatzen. Der Edelmann machte eigens zu diesem Zweck einen -großen Umweg, bevor er im Wirtshaus anlangte -- und nannte das -»unterwegs mal vorsprechen«. Oder ging die Solocha einmal an einem -Festtag, in ihrem grellen Kopftuch und ihrem Nankingkittel und dem -blauen Rock darüber, der hinten mit goldenen Bändern benäht war, zur -Kirche, und stellte sie sich gerade neben dem rechten Chor auf, so fing -der Küster sicherlich an zu hüsteln und blinzelte unwillkürlich nach -jener Seite hinüber; der Amtmann aber strich sich den Schnurrbart, -wickelte sich seine Kosakenlocke ums Ohr und sprach zu dem neben ihm -stehenden Nachbar, »Ei, ei, das ist mir ein Weibsbild! Ein ganz -verteufeltes Weib!« Die Solocha pflegte denn auch jeden Menschen zu -grüßen, und jeder glaubte, sie grüße ihn allein. - -Aber wer es liebte, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen, der -konnte sofort merken, daß die Solocha am freundlichsten gegen den -Kosaken Tschub war. Tschub war Witwer. Vor seinem Hause standen stets -acht Schober Getreide, zwei Paar mächtige Ochsen streckten beständig -ihre Köpfe durch das Geflecht des Schuppens auf die Straße hinaus und -brüllten jedesmal, wenn sie eine Muhme oder einen Ohm, das heißt eine -Kuh oder einen dicken Bullen kommen sahen. Ein bärtiger Bock kletterte -hoch auf das Dach hinauf und meckerte mit einer gerad so schrillen -Stimme von dort herab wie der Bürgermeister, um die auf dem Hofe umher -stolzierenden Truthähne zu reizen, oder er kehrte seinen Hintern hervor, -wenn er seine Feinde, die Dorfjungen, erblickte, die sich über seinen -Bart lustig zu machen pflegten. In Tschubs Truhen lagen viele Ellen -Leinwand, teure Schupans und altertümliche Röcke mit Goldborden: seine -verstorbene Frau war nämlich sehr putzsüchtig gewesen. In seinem -Gemüsegarten gab es außer Mohn, Kohl und Sonnenblumen auch noch zwei -Beete mit Tabak. Von all dem, meinte die Solocha, wäre es ganz nett, -wenn es ihrer eigenen Wirtschaft einverleibt würde; sie rechnete schon -im voraus damit, welche Ordnung sie einführen wollte, wenn all das in -ihre Hände gelangen würde, und daher verdoppelte sie ihr Wohlwollen -gegen den alten Tschub. Damit aber ihr Sohn Wakula sich nicht an seine -Tochter heran machte, alles Hab und Gut selbst einheimste, und ihr dann -am Ende nicht mehr erlaubte, sich in irgend etwas einzumischen, so griff -sie nach dem üblichen Mittel aller vierzigjährigen Weiber, das heißt, -sie säte möglichst viel Fehde zwischen Tschub und dem Schmied. -Vielleicht waren gerade diese Ränke und Listen der Grund davon, daß die -alten Weiber, besonders wenn sie in fröhlicher Gesellschaft zusammen -saßen und etwas über den Durst getrunken hatten, davon munkelten, die -Solocha sei wirklich eine Hexe: der Bursche Kisjakolupenko habe hinten -bei ihr einen Schwanz gesehen, der ungefähr so lang gewesen sei wie eine -Weiberspindel; am verflossenen Donnerstag erst sei sie in Gestalt einer -schwarzen Katze über die Straße gelaufen; auch sei einmal eine Sau zur -Popenfrau gerannt gekommen, habe wie ein Hahn gekräht, dann sich die -Mütze des Vaters Kondrat aufgesetzt und darauf sich wieder davongemacht -.... - -Der Zufall wollte es, daß gerade zu der Zeit, als die alten Weiber über -diese Dinge redeten, ein gewisser Kuhhirt namens Tymisch Korostjawi bei -ihnen erschienen war. Er versäumte nicht, zu erzählen, wie er einmal im -Sommer, kurz vor Peter und Paul, gerade als er sich im Stall schlafen -gelegt und sich ein Bündel Stroh unter den Kopf gebettet hatte, mit -eigenen Augen gesehen habe, wie eine Hexe mit aufgelöstem Haar und in -bloßem Hemde angefangen habe, die Kuh zu melken; er habe sich nicht vom -Fleck rühren können, so behext habe sie ihn, auch habe sie ihm die -Lippen mit einem so widerlichen Zeug beschmiert, daß er noch einen -ganzen Tag danach immer ausspucken mußte. Doch all das war immerhin -zweifelhaft, denn nur der Assessor von Sorotschintzy kann eine Hexe -sehen. Und daher wehrten sich alle Kosaken von Ansehen und Würden mit -Händen und Füßen dagegen, wenn sie solche Reden mit anhören mußten. »Sie -lügen, die hundsföttischen Weiber!« war gewöhnlich ihre Antwort. - -Kaum war die Solocha aus dem Ofen gekrochen und hatte sich ihre Kleider -wieder ein wenig in Ordnung gebracht, so begann sie sofort als gute -Wirtin die Stube aufzuräumen und alles auf seinen Platz zu stellen. Die -Säcke aber rührte sie nicht an. »Die hat Wakula gebracht, mag er sie -doch auch selbst wieder hinaustragen!« Der Teufel aber hatte sich, als -er in den Schornstein hineinflog, zufällig umgeschaut, und da hatte er -ganz nahe am Hause den Tschub Arm in Arm mit seinem Gevatter erblickt. -Im Nu flog er wieder aus dem Ofen, rannte ihnen auf ihrem Wege voran und -begann von allen Seiten Haufen hartgefrorenen Schnees aufzuwirbeln. Es -erhob sich ein richtiges Schneegestöber, in der Luft flimmerte es nur so -weiß durcheinander. Der Schnee wogte hin und her wie ein Netz und -drohte, den Fußgängern Augen, Mund und Ohren zu verstopfen. Der Teufel -aber flog wieder in den Schornstein hinein, fest davon überzeugt, daß -Tschub und der Gevatter umkehren würden; dann würde Tschub den Schmied -bei sich im Hause treffen und ihn sicherlich so traktieren, daß der auf -lange Zeit nicht mehr imstande sein sollte, einen Pinsel in die Hand zu -nehmen und Spottbilder zu malen. - - * * * * * - -Und in der Tat, kaum hatte sich das Schneegestöber erhoben und kaum fing -der Wind an, ihnen gerade ins Gesicht zu fegen, so äußerte Tschub schon -Reue. Er schob sich die Mütze tiefer über die Ohren und regalierte alle, -sich selbst, den Teufel und den Gevatter mit Schimpfworten. Übrigens war -diese Wut nur geheuchelt. Tschub war sehr froh über das Unwetter. Bis -zum Hause des Küsters war es ungefähr achtmal so weit, wie die Strecke, -die sie schon zurückgelegt hatten. Die Wanderer kehrten also um. Der -Wind blies ihnen zwar in den Nacken, aber es war gänzlich unmöglich, in -diesem Schneegestöber auch nur das geringste zu sehen. - -»Halt, Gevatter! Ich glaube, wir gehen falsch,« sagte Tschub nach einer -kurzen Weile. »Ich sehe keine einzige Hütte. He, ist das ein -Schneegestöber! Bieg doch mal etwas zur Seite, Gevatter, vielleicht -findest du da einen Weg, unterdessen will ich hier nach ihm suchen. -Mußte uns auch der Gottseibeiuns bei solchem Unwetter aus dem Hause -locken! Vergiß nur nicht zu rufen, wenn du den Weg gefunden hast. -Herrgott, was für einen Haufen Schnee hat mir der Satan in die Augen -gejagt!« - -Der Weg war jedoch noch immer nicht zu sehen. Der Gevatter schlug einen -Seitenweg ein und irrte in seinen langen Stiefeln hin und her, bis er -endlich auf das Wirtshaus stieß. Diese Entdeckung freute ihn dermaßen, -daß er alles vergaß, den Schnee von sich abschüttelte und ins Wirtshaus -trat, ohne sich im Geringsten um seinen Gevatter auf der Straße zu -scheren. Unterdessen war es Tschub so vorgekommen, als ob er den -richtigen Weg gefunden hätte. Er machte Halt und schrie aus voller -Kehle, als er aber sah, daß der Gevatter nicht zum Vorschein kam, -beschloß er, den Weg allein fortzusetzen. Etwas weiter erblickte er sein -Haus. Vor dem Hause und auf dem Dache lagen ganze Berge von Schnee. Er -klatschte in die vor Kälte erstarrten Hände und begann, an die Tür zu -klopfen und seiner Tochter gebieterisch zuzurufen, sie solle aufmachen. - -Da trat der Schmied aus dem Hause und schrie ihn grob an: »Was willst -du?« - -Tschub erkannte die Stimme des Schmieds und wich etwas zurück. »Hm, -nein, das ist nicht mein Haus,« sagte er sich, »in mein Haus würde sich -der Schmied doch nicht hineinwagen, aber wenn ich's mir wiederum genauer -ansehe, so ist's auch nicht das Haus des Schmieds. Wessen Haus könnte -das bloß sein? Holla! Daß ich's nicht gleich erkannt habe! Das ist ja -das Haus des lahmen Lewtschenko, der sich erst vor kurzem eine junge -Frau genommen hat. Nur sein Haus sieht dem meinen so ähnlich. Daher kam -es mir doch auch gleich etwas sonderbar vor, daß ich schon so schnell zu -Hause war! Aber Lewtschenko sitzt jetzt ja beim Küster, das weiß ich -genau. Was hat nur der Schmied hier zu suchen? .... Hahaha! Er besucht -seine junge Frau. Das ist's also! Schön! .... Jetzt verstehe ich alles.« - -»Wer bist du und was treibst du dich vor fremden Türen herum?« rief der -Schmied noch gröber als früher und rückte näher. - -»Nein, ich sag' ihm nicht, wer ich bin,« dachte sich Tschub, »am Ende -krieg ich noch Hiebe von ihm, diesem verfluchten Bastard!« Und er -antwortete mit verstellter Stimme: »Ich bin doch ein anständiger Mensch! -Ich will euch nur ein paar Weihnachtslieder vorsingen, um euch einen -kleinen Spaß zu machen!« - -»Scher' dich zum Teufel mit deinen Weihnachtsliedern,« schrie Wakula -wütend. »Was stehst du noch da? Hörst du! Packe dich auf der Stelle!« - -Tschub hatte diesen vernünftigen Vorsatz schon selbst gefaßt; es war ihm -nur unangenehm, dem Befehle des Schmieds folgen zu müssen. Es schien -ganz so, als ob ihn ein böser Geist vorwärts stieß und ihn zum -Widerstand nötigte. »Was schreist du da so?« rief er mit derselben -Stimme. »Ich will euch Weihnachtslieder vorsingen und sonst nichts!« - -»Aha! du hast also wohl an Worten noch nicht genug?« rief der Schmied, -und Tschub fühlte einen höchst schmerzhaften Schlag auf der Schulter. - -»Du bist gleich mit Prügeln bei der Hand, wie ich sehe!« sagte er und -wich etwas zurück. - -»Pack' dich, marsch!« schrie der Schmied und regalierte ihn mit einem -zweiten Schlag. - -»So!« rief Tschub mit einer Stimme, in die sich Schmerz, Ärger und -Furcht mischten. »Wie ich sehe, machst du keinen Spaß, deine Prügel tun -ja ordentlich weh!« - -»Marsch, vorwärts!« rief der Schmied und schlug die Türe zu. - -»Schau einer an, wie tapfer der tut!« sprach Tschub, als er nun allein -auf der Straße stand. »Versuch's nur und komm bloß heran! He, wer bist -du denn? Etwa ein großes Tier, was? Du glaubst wohl, ich kann dir nichts -anhaben? Nein, mein Täubchen, ich gehe geraden Wegs zum Kommissär, da -sollst du was von mir erleben! Ich werde keine Rücksicht darauf nehmen, -daß du ein Schmied bist und noch ein Maler dazu. Hm, wenn ich mir meinen -Rücken und meine Schultern ansehe, so werde ich wohl sicher blaue -Flecken finden. Er hat mir tüchtig zugesetzt, der hundsgemeine Lümmel. -Schade nur, daß es so kalt ist, ich möchte nämlich nicht gern den Pelz -ausziehen. Warte nur, du Teufelsschmied! Der Satan soll dich und deine -Schmiede in Stücke schlagen. Du sollst noch ein Tänzchen bei mir -erleben! Verfluchter Hallunke! -- Also ist er jetzt nicht zu Hause? -Solocha ist wohl allein! Hm .... Es ist ja nicht weit. -- Ob ich am Ende -hingehe! Um diese Zeit wird uns niemand überraschen. Vielleicht hab' ich -auch Glück und .... Seine Hiebe tun aber weh .... O, dieser -gottsverdammte Schmied!« - -Und Tschub kratzte sich den Rücken und schlug die entgegengesetzte -Richtung ein. Die Genüsse, die seiner bei der Solocha harrten, -verringerten einigermaßen den Schmerz, und machten Tschub sogar weniger -empfindlich gegen den Frost, der auf den Straßen knirschte, und der -nicht einmal vom Sausen des Windes übertönt wurde. Eine sauersüße Miene -erschien manchmal auf seinem Gesicht, dessen Kinn und Schnurrbart das -Unwetter schneller mit Schnee eingeseift hatte, als irgendein Barbier, -der sein Opfer tyrannisch an der Nase packt. Wäre jedoch der Schnee -einem nicht kreuz und quer vor den Augen herumgewirbelt, so hätte man -noch lange sehen können, wie Tschub immer wieder stehen blieb, sich den -Rücken kratzte, ausrief: »Die Hiebe von diesem verfluchten Schmied tun -aber mächtig weh!« und dann weiter zog. - - * * * * * - -Während der flinke Stutzer mit Schwanz und Bocksbart aus dem Schornstein -und wieder in den Schornstein zurückflog, blieb ihm zufällig seine -Tasche, die ihm an der Seite hing und in die er den gestohlenen Mond -hineingesteckt hatte, im Ofen hängen und ging auf. Der Mond benutzte -diese Gelegenheit, flog aus dem Schornstein des Hauses der Solocha in -die Freiheit hinaus und stieg flugs zum Himmel empor. Alles wurde hell! -das Schneegestöber war wie weggeblasen, der Schnee dehnte sich weit in -die Ferne wie ein großes silbernes Gefild, über das kristallene Sterne -ausgestreut waren. Selbst der Frost schien etwas nachgelassen zu haben. -Burschen und Mädchen kamen in Scharen mit ihren Säcken herbei. Die -Lieder schwirrten durcheinander, und beinahe vor keinem Fenster fehlten -Sänger, die den heiligen Christ besangen. - -Der Mond leuchtet wundersam vom Himmel herab! Es ist schwer zu -beschreiben, wie schön es ist, sich in solcher Nacht unter die Scharen -laut lachender Mädchen und Burschen zu mischen, die zu allen Späßen und -losen Streichen aufgelegt sind, wie sie nur eine lustig verbrachte Nacht -eingeben kann. Unter dem dicken Pelze ist's warm; die Backen glühen nur -noch lebhafter vor Kälte, und der Teufel scheint einen hinterrücks nur -so zu mutwilligen Stückchen zu treiben. - -Scharen von Mädchen brachen mit Säcken in Tschubs Haus ein und umringten -Oxana. Das Geschrei, das Gelächter und die Erzählungen betäubten den -Schmied. Alle beeilten sich, der Schönen etwas Neues zu erzählen, sie -luden ihre Säcke aus und prahlten mit dem Kuchen, den vielen Würsten und -Krapfen, die ihnen ihr Straßengesang bereits eingebracht hatte. Oxana -schien sehr vergnügt und fröhlich zu sein, schwatzte bald mit der einen, -bald mit der anderen und lachte ohne Ende. - -Der Schmied sah dieses fröhliche Treiben voller Neid und Ärger an, und -verfluchte diesmal das ganze Christsingen, obwohl er sonst wie besessen -darauf war. - -»Du, Odarka!« rief die Schöne lustig, zu einem der Mädchen gewandt, »du -hast ja neue Schuhe an. Ach, wie reizend! Mit Goldstickerei! Du hast es -gut, Odarka, du hast jemand, der dir alles kauft, mir kauft niemand so -entzückende Schuhe.« - -»Gräm dich nicht, meine herzallerliebste Oxana!« unterbrach sie der -Schmied. »Ich will dir solche Schuhe schenken, wie sie selbst ein -Edelfräulein selten trägt!« - -»Du?« rief Oxana sofort und blickte ihn stolz an. »Ich möchte doch -sehen, wo du solche Schuhe herkriegen willst, die an meine Füße passen. -Ja, wenn du mir die Schuhe brächtest, die die Zarin trägt ....!« - -»Sieh einer an, was die will!« riefen die Mädchen lachend. - -»Ja!« fuhr die Schöne stolz fort. »Seid ihr meine Zeugen: wenn mir der -Schmied Wakula die Schuhe bringt, die die Zarin trägt, so habt ihr mein -Wort darauf, daß ich sofort seine Frau werde.« - -Die Mädchen führten die launische Schöne mit sich fort. - -»Lache nur, lache!« sprach der Schmied, der gleich nach ihnen das Haus -verließ. »Ich lache selbst über mich! Ich grüble und grüble und kann's -nicht fassen, wo mein Verstand geblieben ist. Sie liebt mich nicht -- -nun, da ist nichts zu ändern! Als ob's in der Welt nur die eine Oxana -gäbe. Gott sei Dank, es gibt auch außer ihr noch viele nette Mädchen im -Dorfe. Was soll ich denn überhaupt mit der Oxana? Sie wird ja doch nie -eine gute Hausfrau; sie versteht es nur, sich zu putzen. Nein, nun ist's -genug! Nun soll die Narretei aufhören!« - -Aber gerade zur selben Zeit, als der Schmied diesen Entschluß fassen -wollte, führte ihm ein böser Geist Oxanas lachendes Antlitz vor Augen, -und das sprach höhnisch: »Schmied, hol mir die Schuhe der Zarin, und ich -bin deine Frau!« Und alles in ihm geriet in Wallung, und er dachte nur -noch an Oxana. - -Scharen von Sängern: Burschen und Mädchen in getrennten Trupps eilten -aus einer Straße in die andere. Aber der Schmied schritt dahin, ohne -etwas zu sehen, und teilnahmslos gegen die Lustbarkeit, die er einst -mehr geliebt hatte, als alle andern Burschen. - - * * * * * - -Unterdessen wurde der Teufel allen Ernstes zärtlich gegen Solocha: er -küßte ihr die Hand mit denselben Fratzen, mit denen der Assessor der -Popentochter die Hand zu küssen pflegt, legte seine Hand aufs Herz, -stöhnte und erklärte geradeheraus, wenn sie nicht seine Leidenschaften -stillen und ihn nach Brauch und Sitte erhören würde, wäre er zu allem -fähig: er würde sich ins Wasser stürzen und seine Seele geradeswegs in -die Hölle schicken. Solocha war nicht so hartherzig; und dann unterhielt -der Teufel ja bekanntlich auch mit ihr eine alte Freundschaft. Sie -liebte es, sich von Anbetern umringt zu sehen, und selten war sie ohne -Gesellschaft. Diesen Abend gedachte sie jedoch allein zu verbringen, -denn alle angesehenen Bewohner des Dorfes waren zum Weihnachtsschmaus -beim Küster geladen. Aber es kam alles anders: Kaum hatte der Teufel -seine Werbung vorgebracht, da vernahmen sie plötzlich ein Klopfen und -die Stimme des beleibten Amtmanns vor der Türe. Solocha lief hin, um ihm -aufzumachen, der flinke Teufel aber sprang hurtig in einen der Säcke. - -Nachdem der Amtmann den Schnee von sich abgeschüttelt und ein Gläschen -Schnaps aus Solochas Hand entgegengenommen und ausgetrunken hatte, -erzählte er, er sei nicht zum Küster gegangen, denn es habe sich ein -Schneegestöber erhoben; da habe er in ihrer Stube Licht gesehen und sei -bei ihr eingekehrt, um den Abend mit ihr zu verbringen. - -Kaum aber hatte der Amtmann das gesagt, als an die Türe geklopft wurde -und sich die Stimme des Küsters vernehmen ließ. »Versteck mich -irgendwo,« flüsterte der Amtmann, »ich möchte jetzt nicht mit dem Küster -zusammentreffen.« - -Solocha überlegte lange, wo sie einen so dicken Gast verstecken könnte; -endlich wählte sie einen der größten Kohlensäcke, schüttete die Kohlen -in einen Zuber, und der feiste Amtmann kroch mitsamt seinem Schnurrbart, -Kopf und Mütze in den Sack. - -Der Küster kam ächzend und sich die Hände reibend, herein, und erzählte, -es sei niemand zu ihm zum Essen gekommen, er sei aber herzlich froh über -die Gelegenheit, sich mit ihr unterhalten zu können, und habe sich nicht -einmal durch das Schneegestöber davon abhalten lassen. Dann trat er -näher auf sie zu, räusperte sich, grinste, tippte mit seinen langen -Fingern auf ihren nackten vollen Arm und sagte mit einer Miene, in der -Schlauheit und Selbstzufriedenheit lagen: »Was habt Ihr denn da, -reizende Solocha?« Und indem er das sagte, sprang er etwas zurück. - -»Was kann das wohl sein! Ein Arm, Ossip Nikiforowitsch!« antwortete -Solocha. - -»Hm! Ein Arm! Hähähä!« rief der Küster herzlich zufrieden über diesen -Anfang und ging im Zimmer auf und ab. - -»Und was habt Ihr hier, teuerste Solocha?« sprach er mit derselben -Miene, ging wieder auf sie zu, betappte ihren Hals mit seiner Hand und -sprang ganz so wie vorher wieder zurück. - -»Als ob Ihr das nicht seht, Ossip Nikiforowitsch,« erwiderte die -Solocha, »mein Hals ist es, und dies hier ist ein Halsband!« - -»Hm! Ein Hals mit einem Halsband! Hähähä!« und der Küster ging wieder -ein paarmal im Zimmer auf und ab und rieb sich die Hände. - -»Und was habt Ihr hier, unvergleichliche Solocha? ....« Es ist nicht -ganz sicher, was der Küster jetzt mit seinen langen Fingern berührt -hätte, denn auf einmal ertönte ein Klopfen an der Tür, und die Stimme -des Kosaken Tschub ließ sich vernehmen. - -»Oh Gott, ein Fremder!« rief der Küster erschrocken. »Das soll nur -werden, wenn man eine Person meines Standes hier antrifft .... Vater -Kondrat wird es noch erfahren! .....................« - -Aber die Befürchtungen des Küsters lagen auf anderem Gebiet; am meisten -fürchtete er, seine Ehehälfte könnte es erfahren, deren schreckliche -Hand ohnehin aus seinem dicken Priesterzopfe ein dünnes Mauseschwänzchen -gemacht hatte. »Um Gottes willen, tugendhafte Solocha!« sprach er, am -ganzen Leibe zitternd. »Eure Güte, wie es im Evangelium Lucae heißt, -Kapitel dreiz.... dreiz.... Man klopft, bei Gott, man klopft! Versteckt -mich doch nur irgendwo!« - -Solocha schüttete die Kohlen aus noch einem Sack in den Zuber, und der -nicht besonders umfangreiche Küster kroch hinein und kauerte sich ganz -am Boden des Sacks zusammen, so daß man noch einen halben Sack voll -Kohlen über ihn hatte ausschütten können. - -»Grüß Gott, Solocha!« sagte Tschub, der jetzt in die Stube trat. »Du -hast mich vielleicht nicht erwartet, was? Nicht wahr, du hast mich nicht -erwartet? Vielleicht störe ich?« .... fuhr Tschub fort und ließ auf -seinem Gesichte eine verschmitzte und vielsagende Miene sehen, aus der -man von vornherein erkennen konnte, wie sehr sein schwerfälliger Kopf -sich abmühte, etwas recht Spitzes und Schelmisches zu sagen. »Vielleicht -hast du dir gerade mit jemandem die Zeit vertrieben. Vielleicht hast du -doch jemanden versteckt, was?« Und entzückt über diese Bemerkung brach -Tschub in ein Gelächter aus, innerlich darüber triumphierend, daß nur er -allein Solochas Gunst genieße. »Nun, Solocha, trinken wir jetzt ein -Schnäpschen. Ich glaube, mir ist die Kehle ganz eingefroren von der -verfluchten Kälte. Mußte uns Gott gerad zu Weihnachten solch eine Nacht -schicken! Was das für ein Schneetreiben war! hörst du, Solocha, was das -für ein Schneetreiben war .... Mir sind die Hände ganz steif geworden: -ich kann nicht einmal den Pelz aufknöpfen! Wie das Schneegestöber -losging ....« - -»Mach auf!« ertönte in diesem Augenblick eine Stimme von der Straße her, -die von einem Stoß gegen die Tür begleitet wurde. - -»Es klopft jemand,« sagte Tschub und hielt inne. - -»Mach auf!« schrie es noch lauter. - -»Das ist der Schmied!« rief Tschub und griff rasch nach der Mütze. -»Hörst du Solocha, versteck mich, wo es auch sei, um keinen Preis der -Welt will ich mich hier vor dieser gottverdammten Mißgeburt sehen -lassen. Diesem Satanskind sollen doch gleich unter beiden Augen Blasen -anlaufen: so groß wie zwei Heuschober!« - -Solocha erschrak gleichfalls und rannte umher, als ob sie nicht ganz -gescheit wäre. Ohne sich viel zu besinnen, machte sie Tschub ein -Zeichen, er solle in denselben Sack hineinkriechen, in dem bereits der -Küster steckte. Der arme Küster konnte nicht einmal durch Husten oder -Ächzen seinen Schmerz kundgeben, als sich der schwere Mann ihm beinah -auf den Kopf setzte und ihm seine hartgefrorenen Stiefel gegen die -Schläfen drückte. - -Der Schmied trat ein und ließ sich, ohne ein Wort zu reden, und ohne die -Mütze abzunehmen, auf eine Bank sinken. Er war ersichtlich schlechter -Laune. - -Zur selben Zeit, als Solocha die Tür hinter ihm zumachte, ertönte ein -neues Klopfen. Es war der Kosak Swerbygus. Aber den hätte man schon -nicht mehr in einem Sack verstecken können, denn ein solcher Sack war -nirgends mehr zu finden. Er war noch beleibter als selbst der Amtmann -und höher von Wuchs als Tschubs Gevatter. Daher führte ihn Solocha in -den Gemüsegarten, um alles von ihm zu hören, was er ihr zu sagen hatte. - -Der Schmied blickte zerstreut in alle Winkel seiner Stube und lauschte -ab und zu den weit vom Dorfe herüber hallenden Liedern der Sänger; -endlich blieben seine Augen an den Säcken haften. »Wozu liegen diese -Säcke hier? Man hätte sie schon längst wegräumen sollen. Die dumme Liebe -hat mich ganz wirr gemacht. Morgen ist Feiertag, und in der Stube liegt -noch immer aller mögliche Plunder herum. Ich trage sie gleich in die -Schmiede!« - -Der Schmied kauerte sich neben den riesigen Säcken hin, band sie fest -zusammen und machte sich daran, sie auf seine Schultern zu heben. Aber -es war ersichtlich, daß seine Gedanken Gott weiß wo herumspazierten; -sonst hätte er hören müssen, wie Tschub keuchte, als ihm das Haar auf -dem Kopfe vom Strick festgeklemmt wurde, und wie der feiste Amtmann -ziemlich deutlich den Schlucken bekam. - -»Will mir diese abscheuliche Oxana denn gar nicht aus dem Sinne?« sprach -der Schmied. »Ich will nicht an sie denken; und doch kreisen meine -Gedanken, immerfort und wie zu Fleiß allein um sie. Wie kommt es, daß -man wider Willen an etwas denken muß? Verflucht! Die Säcke scheinen ja -schwerer geworden zu sein! Sicher hat man zu den Kohlen noch etwas -hinein gestopft. Ich Dummkopf. Ich vergesse ja ganz, daß mir jetzt doch -alles schwerer erscheint. Früher konnte ich mit einer Hand -eine Fünfkopekenmünze und ein Hufeisen zusammen- und wieder -auseinanderbiegen, und jetzt kann ich nicht einmal mehr ein paar -Kohlensäcke aufheben. Bald wird mich noch ein Windhauch umblasen .... -Nein!« rief er nach einem kurzen Schweigen und faßte Mut. »Was bin ich -doch für ein Frauenzimmer! Ich erlaube niemandem, über mich zu lachen! -Und wenn es auch zehn solche Säcke wären, -- ich trag sie alle weg!« Und -rüstig warf er sich die Säcke über die Schultern, diese Säcke, die nicht -einmal zwei kräftige Männer hätten aufheben können. »Ich nehme auch den -da noch mit,« fuhr er fort und hob den kleinen Sack in die Höhe, auf -dessen Boden der Teufel zusammengekauert lag. »Da hab ich meine -Werkzeuge hineingetan.« Mit diesen Worten verließ er das Haus, und vor -sich her summte er das Liedchen: - - »Ach vom Weibe sollt ich lassen!« - - * * * * * - -Immer lauter und lauter erklangen die Lieder und das Gelächter auf den -Straßen. Den Scharen der umherziehenden Leute schlossen sich auch noch -solche an, die aus den kleineren Nachbardörfern herbeigekommen waren. -Die Burschen tobten umher und verübten nach Herzenslust allerhand -Streiche. Oft auch klang in die Weihnachtsgesänge ein lustiges Liedchen -hinein, das einer der jungen Kosaken eben erst verfaßt hatte. Oder -plötzlich sang einer aus der Menge statt eines Weihnachtsliedes ein -Silvesterliedchen und brüllte aus vollem Halse: - - Silvester, Bester! - Will lecken 'nen Wecken! - Will papfen 'nen Krapfen! - Will Wurst nach'm Durst! - -Lautes Lachen belohnte den Spaßvogel. Die kleinen Fenster wurden -zurückgeschoben, und die dürren Arme einer alten Frau, die allein mit -den würdigen Vätern des Hauses daheimgeblieben war, streckten sich, mit -einer Wurst oder einem Stück Kuchen in der Hand, hervor. Die Burschen -und Mädchen hielten um die Wette ihre Säcke unter und fingen die Beute -auf. An einer andern Stelle umringte ein Haufen von jungen Burschen -mehrere Mädchen. Da gab es Lärm und Geschrei; der eine warf einen -Schneeball, und ein anderer raubte einen Sack, der mit allerhand Kram -angefüllt war. Wieder an einer anderen Stelle haschten Mädchen nach -einem Burschen, sie stellten ihm ein Bein, und er flog mitsamt seinem -Packen Hals über Kopf zu Boden. Es schien, als ob sie die ganze Nacht -hindurch in toller Lust verbringen wollten. Die Nacht war, wie mit -Absicht, so herrlich und milde! Und noch heller und weißer erschien der -Mondschein vom Leuchten des Schnees! - -Der Schmied machte mit seinen Säcken halt. Er glaubte die Stimme und das -feine Lachen Oxanas in der Mädchenschar vernommen zu haben. Er fühlte, -wie ihm ein Schauder durch alle Adern rann, warf die Säcke zu Boden, so -daß der Küster im Sack aufstöhnte und der Amtmann aus vollem Halse -aufschluckte, und schloß sich mit dem kleinen Sack über der Schulter dem -Haufen der Burschen an, die hinter der Schar der Mädchen herzogen, in -der er die Stimme Oxanas vernommen zu haben glaubte. - -»Sie ist es! Steht da wie eine Zarin, und ihre schwarzen Augen leuchten. -Ein stattlicher Bursch erzählt ihr etwas; sicher etwas Ergötzliches, -denn sie lacht. Aber sie lacht ja immer.« Und unwillkürlich und ohne zu -begreifen, wie es geschah, drängte sich der Schmied durch die Menge -hindurch und stellte sich an ihre Seite. - -»Ah, Wakula, du bist hier! Grüß Gott!« rief die Schöne mit jenem -Lächeln, das Wakula beinah wahnsinnig machte. »Nun, hast du dir viel -ersungen? He, was hast du denn da für einen kleinen Sack bei dir! Und -die Stiefelchen der Zarin? hast du mir die schon gekriegt? Schaff mir -die Stiefelchen, so heirate ich dich« .... Und lachend lief sie mit -einem Trupp Mädchen davon. - -Der Schmied stand wie angewurzelt auf einem Fleck. »Nein, ich kann -nicht; ich hab keine Kraft mehr« .... rief er endlich. »Himmel Herrgott, -warum ist sie nur so verteufelt schön? Ihr Blick, ihre Rede, alles -brennt in mir, glüht und brennt! Nein, ich kann mich nicht mehr -überwinden. Es muß ein Ende gemacht werden. So geh denn zugrunde, meine -Seele! Ich will mich in einem Eisloch ertränken, dann ist alles aus!« - -Er eilte entschiedenen Schritts voraus, holte die Mädchen ein, erreichte -Oxana und rief mit fester Stimme: »Leb wohl, Oxana! Suche dir einen -Bräutigam, wie du ihn haben magst, halte zum Narren, wen du willst; mich -wirst du nie mehr auf der Welt erblicken.« - -Die Schöne schien erstaunt und wollte etwas sagen, aber der Schmied -wehrte mit der Hand ab und rannte davon. - -»Wohin, Wakula?« schrien die Burschen, als sie den Schmied davonlaufen -sahen. - -»Lebt wohl, Brüder!« rief ihnen der Schmied zu. »Wenn Gott will, sehn -wir uns in jener Welt wieder, in dieser werden wir uns nie mehr -zusammenfinden. Lebt wohl! Gedenkt meiner nicht in Bösem! Sagt dem Vater -Kondrat, er möge eine Totenmesse für meine sündige Seele lesen. Ich weiß -es, ich bin schuldig und habe die Kerzen an den Bildern des heiligen -Wundertäters und der Mutter Gottes nicht bemalt, ich war zu sehr in -irdischen Dingen befangen. Mein ganzes Hab und Gut und alles, was sich -in meinem Kasten findet, vermach' ich der Kirche. Lebt wohl!« - -Nach diesen Worten lief der Schmied mit dem Sacke auf dem Rücken weiter! - -»Er ist von Sinnen!« sprachen die Burschen. - -»Eine verlorene Seele!« murmelte fromm eine vorübergehende Alte. »Ich -muß doch gleich herumgehen und allen erzählen, wie sich der Schmied -erhängt hat!« - - * * * * * - -Unterdessen lief Wakula durch die Straßen; endlich blieb er stehen, um -Luft zu schöpfen. »Wohin renne ich eigentlich so?« dachte er. »Als ob -wirklich alles verloren wäre. Ich will noch das letzte Mittel versuchen. -Ich gehe zum Saporoger, zu Patzjuk Schmerbauch. Der soll doch alle -Teufel in der Welt kennen und alles machen können, was er will. Ich geh -zu ihm, meine Seele ist ja ohnehin verloren!« - -Der Teufel, der lange regungslos dagelegen war, hüpfte im Sack vor -Freude; der Schmied aber glaubte, er selbst hätte den Sack irgendwie mit -der Hand berührt und diese Bewegung hervorgerufen, schlug mit seiner -mächtigen Faust auf den Sack, rüttelte ihn und begab sich zu Patzjuk -Schmerbauch. - -Dieser Schmerbauch Patzjuk war in der Tat vormals ein Saporoger Kosak -gewesen; aber niemand wußte, ob er aus der Gemeinschaft vertrieben oder -von selbst davongelaufen war. Er lebte schon seit langem in Dikanka, -vielleicht an die zehn oder gar fünfzehn Jahre. Zuerst führte er den -Lebenswandel eines echten Saporogers: arbeitete nicht, schlief -dreiviertel des Tages, aß wie sechs Drescher und trank einen ganzen -Eimer voll auf einen Zug; übrigens hatte der auch bequem Platz, denn -obwohl Patzjuk klein von Statur war, war er doch recht stark in die -Breite gegangen. Dazu trug er so weite Pluderhosen, daß seine Beine, so -lang er auch ausschreiten mochte, kaum zu sehen waren, und daß es den -Eindruck machte, als ob sich eine Branntweinkufe die Straße entlang -bewege. Daher mochte wohl auch sein Spitzname Schmerbauch stammen. Noch -waren keine vierzehn Tage seit seiner Ankunft im Dorfe verstrichen, da -wußte schon jedermann, daß er ein Hexenmeister sei. Hatte jemand irgend -eine Krankheit, sogleich wurde Patzjuk gerufen, Patzjuk brauchte nur ein -paar Worte zu murmeln und das Gebrechen war wie mit der Hand -weggewischt. Oder geschah es, daß einem unmäßigen Edelmann eine -Fischgräte in der Kehle stecken geblieben war, so verstand es Patzjuk, -den Rücken des Herrn so geschickt mit der Faust zu beklopfen, daß die -Gräte den rechten Weg einschlug, ohne der adligen Kehle auch nur den -leisesten Schaden zuzufügen. In der letzten Zeit hatte man ihn wenig -gesehen. Der Grund davon lag vielleicht in seiner Faulheit, vielleicht -aber auch in dem Umstande, daß es ihm mit jedem Jahre schwerer wurde, -durch die Tür zu kommen. Und so mußten denn die Leute zu ihm in sein -Haus kommen, wenn sie seiner bedurften. - -Nicht ohne Furcht öffnete der Schmied die Tür und erblickte Patzjuk, der -wie ein Türke auf dem Boden und vor einem kleinen Fasse saß, auf dem -eine Schüssel mit Klößen stand. Diese Schüssel stand wie mit Absicht -gerade vor seiner Nase. Ohne auch nur einen Finger zu rühren, neigte er -bloß den Kopf leise über die Schüssel und schlürfte die Brühe ein, ab -und zu schnappte er auch mit den Zähnen nach einem Kloß. - -»Nein,« dachte Wakula bei sich, »der da ist noch fauler als Tschub: -jener ißt doch wenigstens noch mit einem Löffel, dieser aber mag nicht -einmal die Hand aufheben!« - -Patzjuk war sicherlich mächtig mit seinen Klößen beschäftigt, denn er -schien das Kommen des Schmiedes gar nicht bemerkt zu haben; kaum aber -war dieser über die Schwelle getreten, so machte er eine tiefe -Verbeugung. - -»Ich komme zu Euer Gnaden, Patzjuk!« sagte Wakula und verbeugte sich von -neuem. - -Der dicke Patzjuk erhob den Kopf und begann wieder die Kloßbrühe zu -schlürfen. - -»Die Leute sagen, -- nimm es mir nicht übel ....« sagte der Schmied, -indem er sich selbst Mut zusprach, »ich sag's nicht, um dich zu -beleidigen -- die Leute sagen, du bist mit dem Teufel verschwägert!« - -Kaum hatte Wakula diese Worte gesprochen, so erschrak er schon, denn er -dachte, er hätte sich zu eindeutig ausgedrückt und die herben Worte -nicht genügend gemildert. Er erwartete, daß Patzjuk das Faß mitsamt der -Schüssel packen und ihm an den Kopf werfen würde; darum wich er etwas -zur Seite und hielt sich den Arm vor, damit die heiße Kloßbrühe ihm -nicht das Gesicht bespritze. - -Aber Patzjuk blickte ruhig vor sich hin und aß weiter. - -Der Schmied entschloß sich ermutigt, fortzufahren: »Ich komme zu dir, -Patzjuk; Gott schenke Dir viel Reichtum, gebe dir alles in Hülle und -Fülle, und auch Brot in Proportion!« Der Schmied verstand es sehr wohl, -ab und zu ein neumodisch Wörtchen in seine Rede einzuflechten. Das hatte -er sich während seines Aufenthaltes in Poltawa angewöhnt, als er den -Bretterzaun des Hauptmanns tünchte. »Ich armer Sünder muß zugrunde -gehen!! Nichts in der Welt kann mir mehr helfen! Komme, was kommen mag. -Es bleibt mir nichts mehr übrig, als den Teufel selbst um Beistand zu -bitten. Also, Patzjuk,« rief der Schmied, als er bemerkte, daß jener -unerschütterlich schwieg, »was soll ich anfangen!« - -»Wenn du den Teufel brauchst, so scher dich doch auch zum Teufel!« -antwortete Patzjuk, richtete nicht einmal die Augen auf ihn, und fuhr -fort, seine Klöße zu vertilgen. - -»Deshalb komme ich ja eben zu dir,« erwiderte der Schmied mit einer -Verbeugung, »außer dir, glaube ich, weiß niemand den Weg zu ihm.« - -Patzjuk sprach kein Wort -- und aß seine Klöße zu Ende. »Erbarm dich, -guter Mensch, schlag mir die Bitte nicht ab!« drängte der Schmied. »Ob -Schweinefleisch oder Wurst, ob Leinewand oder Hirse, -- oder -Buchweizenmehl, und alles, was du brauchst .... wie es so unter guten -Leuten Sitte ist .... es soll dir an nichts fehlen. Sage mir doch nur so -beispielsweise, welcher Weg zu ihm führt?« - -»Der braucht nicht weit zu gehen, der den Teufel auf dem Buckel hat,« -sprach Patzjuk gleichgültig, ohne seine Stellung zu verändern. - -Wakula starrte ihn an, als stände die Erklärung dieser Worte auf seiner -Stirne zu lesen. »Was spricht er?« schien seine Miene stumm zu fragen; -und sein halbgeöffneter Mund bereitete sich vor, das erste Wort, das er -sagen würde, zu verschlingen wie ein Klößchen. Aber Patzjuk schwieg. - -Da merkte Wakula, daß weder Klöße noch ein Faß vor Patzjuk standen; -statt dessen aber standen zwei Holzschüsseln auf dem Boden: die eine war -mit Krapfen, die andere mit Rahm gefüllt. Seine Gedanken und seine Augen -wandten sich unwillkürlich diesen Gerichten zu. »Sehn wir mal zu, wie -Patzjuk die Krapfen essen wird,« sagte er zu sich selbst. »Er wird sich -sicher nicht bücken wollen, um sie mit dem Mund einzuschlürfen, wie die -Klöße; es geht ja auch gar nicht: man muß den Krapfen ja zuerst in den -Rahm tunken!« - -Doch kaum hatte er dies gedacht, da sperrte Patzjuk seinen Mund weit -auf, blickte auf die Krapfen und riß dann den Mund noch weiter auf. Da -plantschte ein Krapfen aus der Schüssel, fiel klatschend in den Rahm, -drehte sich auf die andere Seite, hüpfte hoch empor und fiel ihm stracks -in den Mund. Patzjuk verzehrte den Krapfen, machte den Mund wieder auf, -und mit einem anderen Krapfen geschah dasselbe. Er selbst mußte sich nur -die Mühe nehmen, zu kauen und ihn zu verschlucken. - -»Potztausend!« dachte der Schmied und machte vor Verwunderung den Mund -weit auf; aber da merkte er, daß auch ihm ein Krapfen in den Mund -hineinspazierte, und schon waren seine Lippen mit Rahm beschmiert. Der -Schmied stieß den Krapfen verwirrt von sich, wischte sich die Lippen und -begann darüber nachzudenken, was für Wunder es doch in der Welt gäbe, -und bis zu welchen Spitzfindigkeiten des Satans Macht einen Menschen -gelangen ließe; und er sagte sich beiläufig, daß nur Patzjuk imstande -sei, ihm zu helfen. - -»Ich will mich noch einmal verbeugen, vielleicht sagt er's mir .... -Aber, Teufel! Morgen ist ja Weihnachten, und er ißt Krapfen -- das ist -doch kein Fastenessen! Was bin ich doch für ein Dummkopf: steh da und -belade mich mit Sünde! Zurück! ....« Und der gottesfürchtende Schmied -stürzte aus dem Hause. - -Da aber konnte der Teufel, der im Sack saß und sich schon im Voraus -gefreut hatte, vor Angst, es könne ihm eine so großartige Beute -entgehen, nicht mehr an sich halten. Kaum ließ der Schmied den Sack zu -Boden gleiten, so sprang er flugs hinaus und setzte sich rittlings auf -seinen Hals. - -Den Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde totenbleich, und wußte -einfach nicht, was er tun sollte; schon wollte er sich bekreuzigen .... -Aber der Teufel neigte sein Hundeschnäuzchen an Wakulas rechtes Ohr und -sagte: »Ich bin's, dein Freund; ich werde alles für meinen Kameraden und -Genossen tun! Ich gebe dir Geld, soviel du willst,« murmelte er ihm ins -linke Ohr. »Oxana wird heute noch die Unsere sein,« flüsterte er, sein -Maul wieder zum rechten Ohr neigend. Der Schmied stand da und sann. -»Schön,« sagte er endlich, »um diesen Preis bin ich bereit, dir -anzugehören!« - -Der Teufel schlug die Hände zusammen und begann vor Freude auf dem Halse -des Schmiedes auf und ab zu hüpfen. »Jetzt habe ich den Schmied!« dachte -er bei sich. »Gut, mein Täubchen, du sollst mir all deine Malereien und -Schmierereien, mit denen du den Teufel verspottet hast, bezahlen! was -werden meine Genossen dazu sagen, wenn sie erfahren, daß der frömmste -Mann des Dorfes in meinen Händen ist?« - -Und der Teufel lachte und stellte sich vor, wie er in der Hölle die -geschwänzte Rotte necken werde; und wie der hinkende Teufel, der als -Meister aller satanischen Streiche galt, Wut schnauben würde. - -»Na Wakula!« piepste der Teufel, der den Hals des Schmiedes immer noch -nicht verlassen hatte, gerade als ob er befürchtete, jener könne ihm -entwischen. »Du weißt ja, daß ohne Vertrag nichts unternommen wird.« - -»Ich bin bereit!« sagte der Schmied. »Wie ich gehört habe, unterzeichnet -man bei euch die Verträge mit Blut; halt, ich hol mir nur einen Nagel -aus der Tasche!« - -Dabei griff er mit der Hand nach hinten -- und siehe -- er hatte den -Teufel am Schwanze gepackt. - -»Ei ei, du Schäker!« rief der Teufel lachend, »jetzt aber laß los, genug -der Schelmenstreiche!« - -»Nein, warte mein Täubchen!« schrie der Schmied. »Und was sagst du -dazu?« Dabei machte er das Zeichen des Kreuzes, und der Teufel wurde -lammstill. »Warte mal!« rief er und zerrte ihn am Schwanze zu Boden. -»Ich will dich lehren, ehrliche Leute und anständige Christenmenschen in -Sünden zu stürzen.« - -Und der Schmied sprang rittlings auf ihn und hob die Hand empor, um das -Zeichen des Kreuzes zu machen. - -»Hab Erbarmen, Wakula!« stöhnte der Teufel kläglich. »Ich tue ja alles, -was du willst; nur verschone mich; lege mir nur nicht dies furchtbare -Kreuz auf.« - -»Jetzt singst du schon ein andres Lied, du gottverdammter Welschling du! -Nun weiß ich, was ich zu tun habe. Führe mich sofort im Ritt auf und -davon. Hörst du? eile dahin wie ein Vogel!« - -»Wohin?« rief der Teufel traurig. - -»Nach Petersburg, geradewegs zu der Zarin!« Aber da erstarrte der -Schmied vor Schreck, denn er fühlte, wie er in die Lüfte emporgehoben -wurde. - - * * * * * - -Noch lange stand Oxana da und dachte an die sonderbaren Reden des -Schmieds. Schon regte sich etwas in ihrem Innern und raunte ihr zu, sie -habe ihn zu hart behandelt. »Und wenn er sich wirklich etwas -Schreckliches antut? Nichts ist unmöglich! Vielleicht verliebt er sich -noch am Ende aus Kummer in eine andere und wird sie aus lauter Aerger -für die Schönste im Dorfe erklären. Aber nein, er liebt mich. Ich bin ja -auch so schön! Er wird mir keine andere vorziehen; er treibt nur Unsinn -und tut nur so. Es werden noch keine zehn Minuten verstreichen, und er -wird wiederkommen, um mich zu sehen. Ich bin wirklich zu hartherzig. Ich -muß mich einmal scheinbar widerwillig von ihm küssen lassen. Das wird -eine Freude für ihn sein!« Und die leichtsinnige Schöne fing schon -wieder an, mit ihren Freundinnen zu scherzen. - -»Halt!« rief die eine von ihnen, »der Schmied hat seine Säcke vergessen; -o schaut nur, was für gräßliche Säcke das sind! Er hat ganz andre -Geschenke für seinen Gesang bekommen als wir; ich glaube, man hat ihm -ein ganzes Viertel von einem Hammel geschenkt, und sicherlich Würste und -Brote ohne Zahl. Prächtig! Da kann man die ganzen Feiertage davon -essen.« - -»Sind das die Säcke des Schmiedes?« rief Oxana. »Schleppen wir sie doch -zu mir in die Stube und sehn wir zu, was er alles drin hat.« - -Alle billigten lachend diesen Vorschlag. - -»Aber wir können sie nicht in die Höhe heben!« rief auf einmal die ganze -Schar, die bemüht war, die Säcke vom Platze zu rücken. - -»Halt,« meinte Oxana, »holen wir einen Schlitten und schleppen wir sie -auf dem Schlitten zu mir!« - -Und die ganze Schar lief fort, um einen Schlitten zu holen. - -Den Gefangenen wurde indessen in den Säcken die Zeit gewaltig lang, wenn -auch der Küster sich ein tüchtiges Loch in den Sack gebohrt hatte. Wären -keine Leute dagewesen, so hätte er vielleicht auch noch ein Mittel -gefunden, herauszukriechen; aber in Gegenwart aller aus dem Sack zu -kriechen, sich lächerlich zu machen .... dieser Gedanke hielt ihn -zurück, und er beschloß daher, zu warten; und nur hie und da stöhnte er -unter Tschubs unhöflichen Stiefeln schmerzlich auf. Tschub selbst aber -sehnte sich nicht minder nach Freiheit, denn er fühlte, daß ein gewisses -Etwas unter ihm lag, auf dem ganz grauenhaft unbequem zu sitzen war. -Sobald er aber vom Entschluß seiner Tochter vernahm, beruhigte er sich -und wollte jetzt schon selbst nicht mehr zum Vorschein kommen, denn er -dachte daran, daß es bis zu seinem Hause noch mindestens hundert Schritt -oder gar noch mehr waren; hätte er aber hinauskriechen wollen, so hätte -er seine Kleidung ordnen, den Pelz zuknöpfen, und sich den Gurt umbinden -müssen -- welche Arbeit! Und dann war auch seine Mütze bei der Solocha -geblieben. Da sollten ihn doch lieber die Mädel nach Hause fahren! Es -kam jedoch ganz anders, als Tschub erwartet hatte. Während die Mädchen -davonliefen, um einen Schlitten zu holen, trat der hagere Gevatter -verstört und mißgestimmt aus dem Wirtshaus. Die Schankfrau hatte sich -durchaus nicht entschließen können, ihm zu borgen. Er wollte im -Wirtshause abwarten, ob nicht irgendein frommer Edelmann kommen und ihm -was vorsetzen würde; aber wie zum Trotz waren alle Edelleute zu Hause -geblieben und verzehrten als ehrliche Christen ihren Weihnachtskuchen -inmitten ihrer Familie. Wie nun der Gevatter so über die allgemeine -Sittenverderbnis und das steinerne Herz des Judenweibs, das den Schnaps -feilhielt, nachdachte, stieß er plötzlich auf die Säcke und blieb -erstaunt stehen. »Schau, schau, hier hat jemand Säcke auf die Straße -geworfen!« sagte er und sah sich um. »Wahrscheinlich ist Schweinefleisch -drin. Es gehört doch ein großes Glück dazu, sich so viel zu ersingen! -Was für riesige Säcke! Angenommen selbst, sie wären nur mit -Buchweizenbroden und Brezeln gefüllt, das wär' auch gar nicht übel, aber -selbst wenn nur einfaches Brot darin wäre, so ließe ich mir auch das -gefallen: die verfluchte Jüdin gibt ein Achtel Schnaps für jeden Laib. -Ich will sie rasch fortschleppen, so daß niemand es sieht.« - -Da wälzte er sich den einen Sack, gerade den mit Tschub und dem Küster, -auf die Schulter, fühlte jedoch, daß er zu schwer sei. »Nein, für mich -allein ist der zu schwer,« rief er. »Aber da kommt ja gerad wie gerufen -der Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, Ostap!« - -»Guten Abend!« erwiderte der Weber und blieb stehen. - -»Wohin gehst du?« - -»Ganz ohne Ziel, wohin mich gerad die Füße tragen.« - -»Hilf mir doch die Säcke forttragen, lieber Mensch, da hat jemand seine -Weihnachtsgeschenke hergeschleppt und sie mitten auf der Straße -hingeschmissen. Wir wollen das Gut redlich unter uns teilen.« - -»Die Säcke? Und was ist drin? Kuchen oder Brot?« - -»Ich glaube, es ist von allem etwas drin.« - -Sie rissen schnell eine Latte vom Zaun, legten die Säcke darauf und -trugen sie auf den Schultern fort. - -»Wohin wollen wir sie tragen? Ins Wirtshaus?« fragte der Weber -unterwegs. - -»Ich hab's mir auch gedacht; aber die verdammte Jüdin wird uns am Ende -nicht recht trauen, sie wird glauben, wir hätten sie gestohlen, und -außerdem _komme_ ich gerade aus dem Wirtshaus. Tragen wir den Sack zu -mir. Niemand wird uns stören: meine Frau ist nicht zu Hause.« - -»Ist sie auch sicher nicht zu Hause?« fragte der vorsichtige Weber. - -»Wir sind ja, Gott sei Dank, noch bei vollem Verstande,« sagte der -Gevatter, »nur der Teufel könnte mich dorthin bringen, wo sie jetzt ist. -Ich glaube, sie wird sich bis morgen früh mit den Weibern herumtreiben.« - -»Wer ist da?« rief die Frau des Gevatters, als sie den Lärm hörte, den -die beiden Freunde im Flur mit dem Sack machten, und öffnete die Tür. - -Der Gevatter war starr vor Schrecken. - -»Na, da haben wir die Bescherung!« rief der Weber und ließ die Arme -sinken. - -Des Gevatters Frau war so ein Juwel, wie es deren durchaus nicht wenige -in der Welt gibt. Genau wie ihr Gemahl saß sie fast niemals zu Hause und -schmarotzte fast den ganzen Tag lang bei allerhand Basen und -wohlhabenden Muhmen umher, schmeichelte sich bei ihnen ein, aß mit -vielem Appetit und prügelte sich nur am Morgen mit ihrem Manne herum, -denn bloß um diese Tageszeit pflegte sie ihn zuweilen zu sehen. Ihre -Hütte war doppelt so alt wie die Pluderhosen des Gemeindeschreibers. Das -Dach hatte an manchen Stellen gar kein Stroh mehr, und vom Zaun waren -nur noch ein paar klägliche Überreste übrig, denn kein Mensch pflegte -beim Ausgehen noch einen Stock zur Abwehr der Hunde mitzunehmen, weil -jeder hoffte, am Gemüsegarten des Webers vorüberzugehen und sich da -einen Knüppel aus seinem Zaun reißen zu können. Der Ofen wurde oft drei -Tage lang nicht geheizt. Alles, was die zärtliche Gattin bei gutherzigen -Leuten zu erbetteln pflegte, verbarg sie möglichst vor ihrem Manne, und -manchmal nahm sie sogar Sachen als Beute an sich, die ihm gehörten, -falls er sie noch nicht in der Schenke versoffen hatte. Der Gevatter -wollte ihr trotz seiner ewigen Gleichgültigkeit doch nicht nachgeben, -daher verließ er auch das Haus fast immer mit ein paar Beulen unter -beiden Augen, und die geschätzte Ehehälfte trollte sich ächzend zu ihren -alten Weibern, um ihnen von der Lüderlichkeit ihres Mannes und von den -Schlägen vorzuklatschen, die sie zu ertragen hatte. - -Man kann sich ausmalen, wie verblüfft der Weber und der Gevatter durch -ihr unerwartetes Erscheinen waren. Sie ließen den Sack zu Boden sinken, -stellten sich vor ihn hin und bedeckten ihn mit ihren Rockschößen; aber -schon war es zu spät; des Gevatters Frau hatte den Sack schon erblickt, -obwohl ihre alten Augen nur noch schlecht sahen. »Das ist aber fein!« -sagte sie mit einer Miene, in der die Freude eines Habichts aufzuckte. -»Das ist fein, daß ihr euch so viel zusammengesungen habt! Anständige -Leute machen es immer so. Aber nein, ich glaube doch, ihr habt es -irgendwo stibitzt. Zeigt mir's sofort, hört ihr, zeigt mir sofort, was -ihr in eurem Sacke habt!« - -»Vielleicht zeigt dir's ein kahlköpfiger Teufel, aber nicht wir,« sagte -der Gevatter und stellte sich in Positur. - -»Was geht dich das an?« sagte der Weber, »_wir_ haben das für unseren -Gesang bekommen und nicht du!« - -»Nein, du sollst es mir zeigen, du nichtsnutziger Trunkenbold!« rief die -Frau, versetzte dem langaufgeschossenen Gevatter einen Schlag unters -Kinn und drängte sich an den Sack heran. Jedoch der Weber und der -Gevatter verteidigten den Sack tapfer und nötigten sie zum Rückzuge. -Kaum aber hatten sie Zeit, sich recht zu besinnen, als die Gattin schon -mit einem Feuerhaken in der Hand wieder auf den Flur herausgerannt kam. -Sie schlug ihrem Mann flink mit dem Haken auf die Hände und dem Gevatter -übern Rücken, und schon stand sie neben den Säcken. - -»Warum haben wir sie herangelassen?« rief der Weber, als er wieder zu -sich gekommen war. - -»Ja, warum haben wir sie herangelassen! Warum hast du sie -herangelassen?« sagte der Gevatter kaltblütig. - -»Ihr habt wohl einen eisernen Ofenhaken!« sagte der Weber nach kurzem -Schweigen, indem er sich den Rücken kratzte. »Meine Frau hat im vorigen -Jahr auf dem Jahrmarkt einen Ofenhaken gekauft und ein halb Schock Eier -für ihn gegeben: der ist besser ..... er tut nicht so weh ......!« - -Unterdessen stellte die triumphierende Gattin ihr Lämpchen auf den -Boden, band den Sack auf und blickte hinein. - -Aber ihre alten Augen, die den Sack doch so gut wahrgenommen hatten, -täuschten sie wohl diesmal. »He, da liegt ja ein ganzer Eber!« rief sie, -vor Freude in die Hände klatschend. - -»Ein Eber! Hörst du, ein ganzer Eber!« rief der Weber und puffte den -Gevatter in die Seite, »du allein hast an allem schuld!« - -»Was ist da zu machen!« rief der Gevatter achselzuckend. - -»Was? Warum stehen wir auch so ruhig da? Nehmen wir ihr doch den Sack -ab! Pack dich!« - -»Vorwärts marsch, du Teufelsweib! Der Eber gehört uns!« rief der -Gevatter und rückte vor. Seine Gattin griff wieder zum Ofenhaken, aber -in diesem Augenblick kroch Tschub aus dem Sack und stellte sich -breitbeinig mitten im Flur hin, indem er sich dehnte und reckte, wie ein -Mensch, der soeben aus einem langen Schlafe erwacht ist. - -Des Gevatters Frau stieß einen Schrei aus, schlug die Hände zusammen, -und alle miteinander sperrten unwillkürlich die Mäuler auf. - -»Was faselt sie da von einem Eber, diese Närrin! Das ist doch kein -Eber,« sagte der Gevatter, die Augen weit aufreißend. - -»Sieh einer an, was für einen Kerl sie da in den Sack gesteckt haben!« -rief der Weber, vor Schreck zurückweichend. »Sag, was du willst, ich -will auf der Stelle platzen, wenn da nicht der Böse seine Hand im Spiel -hat. Der da kann doch durch kein Fenster, geschweige denn in einen Sack -geraten!« - -»Das ist ja Gevatter Tschub!« rief der Gevatter, als er näher zusah. - -»Und was dachtest du?« rief Tschub schmunzelnd. »Was? habe ich euch -einen Schabernack gespielt? Ihr wolltet mich wohl schon gar verspeisen, -wie ein Stück Schweinefleisch? Wartet nur, ich will euch noch eine -Freude bereiten: im Sacke liegt noch etwas, wenn das kein Eber ist, so -ist's sicher ein Ferkel oder irgendein anderes Vieh. Es hat fortwährend -unter mir gezappelt.« - -Der Weber und der Gevatter stürzten sich auf den Sack, die Hausfrau -klammerte sich auf der anderen Seite an ihn und das Gefecht wäre wieder -losgegangen, wenn nicht der Küster, der einsah, daß er sich nirgends -mehr verbergen konnte, von selbst aus dem Sacke herausgekrochen wäre. - -Die Frau des Gevatters wurde starr wie Stein und ließ den Fuß los, an -dem sie den Küster bereits aus dem Sacke ziehen wollte. - -»Also noch einer!« rief der Weber in heller Angst. »Der Teufel mag -wissen, was in der Welt los ist .... Der Kopf dreht sich mir im Kreise -herum .... Weder Würste noch Brot, sondern lauter Menschen wirft man -jetzt in die Säcke!« - -»Das ist der Küster!« rief Tschub, der noch mehr erstaunt war, als die -anderen. »Da haben wir's! Ei, ei, die Solocha! Die Menschen in einen -Sack zu stecken .... Ich dachte mir gleich: warum ist nur die Stube -voller Säcke .... Jetzt weiß ich alles: bei ihr saßen zwei Kerle in -jedem Sacke. Und ich glaubte, daß sie mir allein .... Ei, ei! diese -Solocha!« - - * * * * * - -Die Mädchen waren einigermaßen erstaunt, als sie den einen Sack nicht -mehr fanden. - -»Nun, da ist nichts zu machen, wir werden auch an dem anderen genug -haben!« meinte Oxana. - -Alle ergriffen den Sack und wälzten ihn auf den Schlitten. Der Amtmann -beschloß zu schweigen, denn er bedachte die Folgen, wenn er schrie, man -solle den Sack aufbinden; die dummen Mädel würden auseinanderlaufen, -würden glauben, im Sacke sitze der Teufel, und er müßte dann vielleicht -bis morgen auf der Straße bleiben. - -Indes flogen die Mädchen, Hand in Hand, wie der Sturmwind mit dem -Schlitten über den knisternden Schnee. Einige von ihnen setzten sich -mutwillig auf den Schlitten; und manche setzten sich sogar auf den -Amtmann selbst. Der Amtmann aber war entschlossen, alles zu ertragen. - -Endlich waren sie angekommen, sie rissen die Türen zum Flur und zur -Stube weit auf und schleppten den Sack unter lautem Gelächter hinein. - -»Sehn wir zu, was drin ist,« riefen alle auf einmal und beeilten sich, -ihn aufzubinden. - -Da aber wurde der Schlucken, der nicht aufgehört hatte, den Amtmann -während der ganzen Zeit seines Aufenthalts im Sack zu quälen, so arg, -daß der laut aufzuschlucksen und zu husten begann. - -»Ach, da sitzt ja jemand drin!« schrien alle, und stürzten erschrocken -zur Tür. - -»Was Teufel! Wohin rennt ihr denn alle, als ob ihr nicht gescheit seid?« -fragte Tschub, der in die Türe trat. - -»O, Vater!« rief Oxana, »im Sacke sitzt jemand!« - -»Im Sacke? Wo habt ihr diesen Sack her?« - -»Der Schmied hat ihn mitten auf die Straße hingeschmissen,« riefen alle -zugleich. - -»Na also; hab ich's nicht gleich gesagt? ....« dachte Tschub bei sich. -»Worüber seid ihr so erschrocken? Wir wollen doch mal nachsehn. Holla, -Menschenskind -- nimm's mir nicht übel, daß ich dich nicht bei deinem -Vor- und Zunamen rufe -- kriech mal aus dem Sack heraus!« - -Der Amtmann kroch heraus. - -»Ah!« riefen die Mädchen. - -»Auch der Amtmann war also dabei,« sprach Tschub verblüfft zu sich, und -maß ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. »So so? .... Hehe! ....« Mehr konnte -er nicht hervorbringen. - -Der Amtmann selbst war nicht minder verlegen und wußte nicht, was er -anfangen sollte. »Es ist wohl recht kalt draußen?« fragte er, zu Tschub -gewandt. - -»Ein mächtiges Frostwetter,« antwortete Tschub. »Darf ich dich fragen: -womit schmierst du eigentlich deine Stiefel: mit Schmalz oder mit Teer?« -Er hatte natürlich etwas ganz andres sagen wollen, und fragen wollen: -»Wieso kommst du, der Amtmann, in den Sack?« und er wußte selbst nicht, -wie es kam, daß er etwas ganz anderes gesagt hatte. - -»Mit Teer ist's besser,« erwiderte der Amtmann. »Leb wohl, Tschub!« Und -er drückte die Mütze in die Stirn und verließ die Stube. - -»Warum habe ich so dumm gefragt, womit er seine Stiefel schmiert!« rief -Tschub, auf die Tür blickend, durch die der Amtmann hinausgegangen war. -»Ei, ei, diese Solocha! Solch einen Herrn in den Sack zu stecken! Dieses -Teufelsweib! Und ich Dummkopf .... Aber wo ist nur der verfluchte Sack -geblieben?« - -»Ich habe ihn in die Ecke geschmissen, es ist nichts mehr drin,« sagte -Oxana. - -»Ich kenne diese Scherze schon. Nichts drin! Gib ihn mal her: dort sitzt -doch noch jemand! Schüttelt ihn nur mal ordentlich. Wie? ist wirklich -nichts drin? Ei, _so_ ein verfluchtes Weibsbild! Und dabei ist sie von -Aussehen die reinste Heilige, als ob sie noch nie was anderes als -Fastenspeisen gekostet hätte .....!« - -Aber lassen wir Tschub in aller Gemütlichkeit seinen Ärger verpuffen und -kehren wir zu dem Schmied zurück; denn es geht gewiß schon in die neunte -Stunde. - - * * * * * - -Zuerst war's Wakula sehr unheimlich zumute, besonders als er so hoch -oben schwebte, daß er unten auf der Erde nichts mehr unterscheiden -konnte, und als er wie eine Fliege hart am Monde vorbeigeflogen kam, so -daß er, hätte er sich nicht etwas gebückt, den Mond mit der Mütze -gestreift hätte. Bald darauf faßte er jedoch Mut, und begann wieder über -den Teufel zu scherzen. Es ergötzte ihn außerordentlich, wie der Teufel -jedesmal, wenn Wakula sein Kreuz aus Zedernholz vom Halse nahm und es -ihm vor die Nase hielt, niesen und prusten mußte. Absichtlich erhob er -die Hand, um sich den Kopf zu kratzen, aber der Teufel dachte, er greife -nach dem Kreuze und flog noch rascher dahin. Alles in der Höhe leuchtete -hell. Die Luft schimmerte durchsichtig in dem sanften silbernen Nebel. -Alles war klar zu sehen und man konnte sogar wahrnehmen, wie ein -Zauberer rittlings auf einem Topfe sitzend an ihnen vorüberjagte, wie -die Sterne, zu einem Haufen geballt, Blindekuh spielten, wie ein ganzes -Rudel Geister sich gleich Wolken dahin wälzte, wie ein im Mondschein -tanzender Teufel beim Anblick des daherreitenden Schmiedes die Mütze -zog, und wie ein Besen, auf dem offensichtlich soeben eine Hexe zu ihrem -Ziel geritten war, heimwärts flog ......! Und noch vieles andere und -mancherlei böses Gesindel trafen sie auf ihrem Wege. Beim Anblick des -Schmiedes machten alle halt, um ihn anzusehen, und dann rasten sie zu -ihren Verrichtungen weiter; der Schmied flog immer weiter und weiter, -und auf einmal leuchtete Petersburg ganz in Feuer gehüllt vor ihm auf. -(Damals fand dort aus irgend einem Anlaß gerade eine Illumination -statt.) Der Teufel flog über den Schlagbaum hinweg, verwandelte sich in -ein Roß, und der Schmied fand sich plötzlich mitten auf der Straße auf -einem hitzigen Renner wieder. - -Himmel Herrgott! War das ein Lärmen, Rasseln und Funkeln; auf beiden -Seiten ragten vier Stockwerk hohe Mauern in die Höhe; das Stampfen der -Pferdehufe und das Rollen der Wagenräder hallte donnernd aus allen vier -Himmelsrichtungen wider; da schossen Häuser empor und schienen auf -Schritt und Tritt der Erde zu entsteigen; Brücken bebten; Equipagen -flogen dahin, Kutscher und Vorreiter brüllten; der Schnee pfiff unter -den tausenden, von allen Seiten vorbeifliegenden Schlitten; die -Fußgänger drückten sich ängstlich an die Häuser, die mit Lämpchen -übersät waren; und ihre riesigen Schatten huschten über die Wände und -reichten mit den Köpfen bis an die Dächer und Schornsteine. - -Voller Staunen sah sich der Schmied nach allen Seiten um. Es schien ihm, -als ob alle diese Häuser ihre zahllosen Feueraugen auf ihn richteten und -ihn anschauten. Soviel feine Herren in ihren mit Tuch überzogenen Pelzen -erblickte er, daß er nicht wußte, vor wem er zuerst die Mütze ziehen -sollte. »O Gott, wieviel Herrschaften es hier gibt!« dachte der Schmied. -»Ich glaube, hier ist jeder, der einem auf der Straße in einem Pelz -begegnet, Assessor und wieder Assessor! Und die, die in diesem -wunderbaren Wagen mit Glasscheiben dahinfahren, sind, wenn nicht -Bürgermeister, so doch sicherlich Kommissäre oder vielleicht sogar noch -mehr.« Hier wurden seine Betrachtungen durch eine Frage des Teufels -unterbrochen: »Soll ich gradeswegs zur Zarin?« -- »Nein, ich habe -Angst!« dachte der Schmied. »Ich weiß nicht, hier sind doch irgendwo die -Saporoger Kosaken abgestiegen, die im Herbst durch Dikanka gekommen -sind. Sie fuhren mit einem Schreiben zur Zarin; nicht übel wäre es, sie -um Rat zu fragen. He, Satan! kriech mir in die Tasche und führe mich zu -den Saporogern!« - -Im Nu magerte der Teufel ab und wurde so klein, daß er ohne Müh zu ihm -in die Tasche hineinhüpfen konnte. Noch bevor Wakula sich umzusehen -vermochte, stand er schon vor einem riesigen Hause und, ohne selbst zu -wissen wie, stieg er die Treppe empor, machte die Türe auf und prallte -ein wenig zurück vor dem blendenden Glanze, als er das geschmückte -Gemach erblickte; doch er faßte wieder etwas Mut, als er die Saporoger -erkannte, die durch Dikanka gekommen waren, und die nun auf seidenen -Sofas saßen: mit geteerten Stiefeln an den übereinandergeschlagenen -Beinen, und den allerstärksten Tabak rauchten, jenen Tabak, den man -gewöhnlich Wurzeltabak nennt. - -»Grüß Gott, Herrschaften! Helf euch Gott! Wo wir uns wiedersehn!« sprach -der Schmied, trat näher und verbeugte sich tief bis zur Erde. - -»Was ist das für ein Mensch?« fragte der dem Schmied zunächst Sitzende -einen andern, der etwas abseits saß. - -»Habt ihr mich nicht wiedererkannt?« rief der Schmied. »Ich bins ja, der -Schmied Wakula! Als ihr im Herbst durch Dikanka kamt, da wart ihr ja -zwei Tage lang bei mir zu Gaste, Gott schenke euch Gesundheit und langes -Leben. Ich hab euch doch noch damals einen neuen Reifen ans Vorderrad -eures Wagens geschlagen!« - -»Ah!« rief da der Saporoger, »das ist ja derselbe Schmied, der so -großartig malt. Gott zum Gruß, Landsmann! Was führt dich hierher?« - -»Ich wollte mich nur ein wenig umsehen .... Man sagt ja ....« - -»Nun, Landsmann,« rief der Saporoger wichtig und da er zeigen wollte, -daß er nicht bloß seine Kosaken-Mundart, sondern auch reinstes Russisch -sprechen konnte, sagte er: »Eine gewoltige Stadt, wie?« - -Der Schmied wollte sich auch nicht bloßstellen und als Neuling zeigen, -außerdem verstand er sich auch selbst auf die Schriftsprache, wie wir -bereits oben zu bemerken Gelegenheit hatten, und so antwortete er ruhig: -»Eine mächtige Goubernie! Hier gibt's unstreitig große Häuser, und -meisterhafte Bilder hängen darin. Gar viele Häuser sind mit köstlichen -Lettern aus Blattgold bemalt. Man muß zugeben, eine herrliche -Proportion!« - -Als die Saporoger den Schmied so frei sich ausdrücken hörten, bekamen -sie die günstigste Meinung von ihm. - -»Wir wollen uns später weiter unterhalten, Landsmann: Jetzt müssen wir -gleich zur Zarin fahren.« - -»Zur Zarin? O seid so lieb, meine Herren, nehmt mich auch mit!« - -»Dich?« rief der Saporoger in einem Ton, wie etwa ein Kinderwärter zu -seinem vierjährigen Zögling redet, der bittet, ihn auf ein großes Pferd -zu setzen. - -»Was willst du denn dort? Nein, das geht nicht.« Dabei nahm sein Gesicht -eine wichtige Miene an. »Wir müssen mit der Zarin über unsere eigenen -Angelegenheiten reden, Bruder!« - -»Nehmt mich doch mit!« drängte der Schmied. »Bitte du sie!« flüsterte er -dem Teufel leise zu, indem er mit der Faust auf seine Tasche schlug. - -Kaum aber hatte er das gesagt, als ein anderer Saporoger ausrief: -»Nehmen wir ihn doch wirklich mit, Brüder!« - -»Uns ist's recht, nehmen wir ihn mit!« sprachen die Anderen. - -»So leg ein Kleid an, wie wir es tragen.« - -Der Schmied beeilte sich, einen grünen Schupan anzuziehen, als auf -einmal die Tür aufging und ein Mann mit Tressen am Rock eintrat und -sagte, es sei die höchste Zeit, abzufahren. - -Dem Schmied war es wieder wunderlich zumute, als er in der riesigen -Kalesche dahinfuhr, die auf Sprungfedern hin und her schaukelte; und als -die vierstöckigen Häuser auf beiden Seiten an ihm vorbeirannten, und das -Pflaster mit Gepolter wie von selbst unter den Füßen der Pferde -dahinzurollen schien. - -»O Gott, wie hell es ist!« dachte der Schmied bei sich, »bei uns ist es -nicht einmal am Tage so hell!« - -Die Wagen hielten vor einem Palaste. Die Saporoger stiegen aus, traten -auf den prächtigen Vorplatz und begannen die blendend beleuchtete Treppe -hinaufzusteigen. - -»Was für eine Treppe!« flüsterte der Schmied vor sich hin, »es wäre doch -schade, mit den Füßen drauf zu treten. Welch ein Schmuck! Und da sage -noch einer: die Märchen lügen! Wahrlich, die lügen nicht! O Gott, mein -Gott, was für ein Geländer! Was für eine Arbeit! Da hat man allein fürs -Eisen mindestens fünfzig Rubel ausgegeben!« - -Oben angelangt, durchschritten die Saporoger den ersten Saal. Scheu -folgte ihnen der Schmied, voller Angst, er könnte bei jedem Schritt auf -dem Parkett ausgleiten. Drei Säle durchschritten sie und der Schmied war -noch immer nicht aus seiner Verwunderung herausgekommen. Wie sie in den -vierten Saal traten, ging er unwillkürlich an ein Gemälde heran, das an -der Wand hing. Es war ein Bild der heiligen Jungfrau mit dem Sohne auf -dem Arm. - -»Was für ein Bild! Was für eine wunderbare Malerei!« dachte er und -stellte seine Betrachtungen an. »Es sieht aus, als wollte es reden! Wie -lebendig es ist! Und das Christkind! Wie es die Händchen faltet und -lächelt, das Ärmste! Und diese Farben! O Gott! Welche Farben! Da hat man -wohl auch nicht für eine Kopeke Ocker gebraucht, glaub ich, sondern -nichts als Karmin und Grünspan. Und wie das Blau leuchtet! Eine -meisterhafte Arbeit. Der Grund ist wahrscheinlich mit dem kostbarsten -Bleiweiß angelegt. Aber wenn diese Malerei wunderbar ist, so ist doch -dieser Messinggriff noch mehr der Bewunderung würdig,« fuhr er fort, -indem er an die Tür trat und das Schloß betastete. »Was für eine saubere -Arbeit! Ich bin sicher, das alles ist von ausländischen Schmieden -gemacht und die haben sich sicherlich die höchsten Preise dafür zahlen -lassen.« - -Der Schmied wäre vielleicht noch lange in seinen Betrachtungen -fortgefahren, wenn ihn nicht ein betreßter Lakai am Arm gepufft und -ermahnt hätte, nicht hinter den anderen zurückzubleiben. Die Saporoger -durchschritten noch zwei Säle und machten dann halt. Da hieß man sie -warten. Im Saale standen einige Generäle in goldbestickten Uniformen. -Die Saporoger verbeugten sich nach allen Seiten und traten zu einer -Gruppe zusammen. - -Einen Augenblick später kam, begleitet von einem ganzen Gefolge, ein -korpulenter Mann von majestätischer Statur, in Hetmansuniform und mit -feinen gelben Stiefeln herein. Sein Haar war wirr, das eine Auge -schielte etwas, das Gesicht drückte Stolz und Erhabenheit aus, allen -seinen Bewegungen merkte man die Gewohnheit, zu befehlen, an. Alle -Generäle, die in ihren goldenen Uniformen umherstolzierten, gerieten in -Bewegung und schienen jedes seiner Worte, ja die leiseste Bewegung von -ihm unter tiefen Verbeugungen auffangen zu wollen, um alles schleunigst -auszuführen. Aber der Hetman achtete nicht einmal darauf, nickte kaum -mit dem Kopfe und ging auf die Saporoger zu. - -Sämtliche Saporoger verbeugten sich tief. - -»Seid ihr alle hier?« fragte er gedehnt und mit etwas näselnder Stimme. - -»Alle, alle miteinander, Väterchen!« antworteten die Saporoger und -verbeugten sich von Neuem. - -»Vergeßt nicht, zu reden, wie ich's euch gelehrt habe!« - -»Nein, Väterchen, wir werden's nicht vergessen!« - -»Ist das der Zar?« fragte der Schmied den einen Saporoger. - -»Der Zar? Warum nicht gar! Das ist doch Potemkin in eigener Person!« -antwortete jener. - -Im Nebenzimmer wurden Stimmen laut, und der Schmied wußte nicht, wo er -seine Augen lassen sollte, soviel Damen in Atlaskleidern mit langen -Schleppen und Höflinge in goldgewirkten Kaftans und mit steifen Zöpfchen -traten jetzt herein. Er sah nur ein Aufleuchten -- sonst nichts. - -Auf einmal fielen alle Saporoger zu Boden und schrien wie ein Mann: -»Gnade, Mütterchen! Erbarmen!« - -Der Schmied, der schon gar keine Ahnung mehr hatte, was da eigentlich -vorging, streckte sich in seinem Eifer auch lang auf den Boden hin. - -»Steht auf!« erklang über ihnen eine gebieterische, aber zugleich -angenehme Stimme. Einige Höflinge gaben den Saporogern geschäftig ein -paar Rippenstöße. - -»Wir stehen nicht auf, Mütterchen! Wir wollen nicht aufstehen! Wir -sterben lieber, als daß wir aufstehen!« schrien die Saporoger. - -Potemkin biß sich auf die Lippen; endlich trat er selbst zu ihnen und -flüsterte dem einen Saporoger gebieterisch etwas zu. Die Saporoger -erhoben sich sofort. - -Da wagte es auch der Schmied, den Kopf zu erheben und erblickte eine -- -etwas beleibte -- Frau von mittlerer Größe vor sich; sie war gepudert, -hatte blaue Augen und jene erhaben lächelnde Miene, die es so gut -verstand, sich alles untertan zu machen, und nur einem königlichen Weibe -angehören konnte. - -»Durchlaucht haben mir versprochen, mich heute mit meinem Volke bekannt -zu machen, das ich bisher noch nicht gesehen habe,« sprach die Dame mit -den blauen Augen, während sie die Saporoger neugierig musterte. »Seid -ihr hier gut aufgehoben?« fuhr sie fort und trat näher. - -»Danke, Mütterchen! Die Kost ist gut, obwohl die Hammel hier lange nicht -so gut sind -- wie bei uns daheim -- aber es läßt sich leben! ....« - -Potemkin runzelte die Stirn, als er sah, daß die Saporoger keineswegs -sagten, was er sie gelehrt hatte .... - -Ein Saporoger gab sich nun ein Ansehen und trat vor: »Erbarmen, -Mütterchen! Womit hat dein treues Volk dich erzürnt? Haben wir etwa dem -heidnischen Tatarenvolke beigestanden, haben wir gemeinsame Sache mit -den Türken gemacht, haben wir dir in Wort oder Tat die Treue gebrochen? -Womit haben wir deine Ungnade verdient? Erst hörten wir, du ließest -überall Festungen gegen uns bauen; nachher vernahmen wir, du wollest -Scharfschützen aus uns machen; jetzt hören wir von neuem Unheil. Welche -Schuld trifft das Heer der Saporoger? Ist's etwa die, daß sie deine -Armee über den Perekop geführt und deinen Generälen geholfen haben, die -Männer der Krim niederzuwerfen? ....« - -Potemkin schwieg und putzte mit einem kleinen Bürstchen lässig die -Brillanten, mit denen seine Hände besät waren. - -»Was wünscht ihr also?« fragte Katherina freundlich. - -Die Saporoger sahen einander vielsagend an. - -»Jetzt ist's Zeit! Die Zarin fragt, was wir wünschen,« sagte der Schmied -zu sich selbst, und auf einmal stürzte er zu ihren Füßen nieder. - -»Eure kaiserliche Hoheit, straft mich nicht, sondern schenkt mir Eure -Gnade! Mögen meine Worte Eure kaiserliche Hoheit nicht erzürnen: woraus -sind die Schuhe gemacht, in denen Eure Füßchen stecken? Ich glaube, kein -Schuster in der Welt vermag je wieder solche Schuhe zu machen. O Gott! -Wenn mein Frauchen nur solche tragen könnte!« - -Die Kaiserin brach in Lachen aus. Die Höflinge lachten ebenfalls. -Potemkin ärgerte sich, aber er lächelte gleichfalls. Die Saporoger -glaubten, der Schmied sei verrückt geworden und begannen ihm Rippenstöße -zu geben. - -»Steh auf!« sagte die Kaiserin freundlich. »Du willst durchaus solche -Schuhe haben? Nun wohl, das hat keine Schwierigkeiten. Bringt ihm sofort -die kostbarsten, mit Gold bestickten Schuhe. Wahrlich, diese Einfalt -gefällt mir sehr! Da habt Ihr,« fuhr die Kaiserin fort, indem sie ihre -Augen auf einen abseits stehenden Herrn mit einem vollen aber ein wenig -bleichen Gesicht richtete, dessen bescheidener Kaftan mit den großen -Perlmuttknöpfen erkennen ließ, daß er nicht zu den Höflingen gehörte, -»da habt Ihr ein Sujet, das Eurer geistvollen Feder würdig ist!« - -»Majestät sind allzu gnädig. Dazu bedürfte es mindestens eines -Lafontaine!« erwiderte der Mann mit den Perlmutterknöpfen, der Dichter -Von Wisin, indem er sich verneigte. - -»Auf Ehre und Gewissen: ich muß sagen: ich bin jetzt noch von Eurem -»Brigadier« in hellem Entzücken. Ihr lest aber auch ganz wunderbar vor.« -Dann wandte sich die Kaiserin wieder dem Saporoger zu. »Ihr habe -übrigens gehört, bei Euch in der Ssjetsch soll kein Kosak heiraten -dürfen!« - -»Was sagst du, Mütterchen! Du weißt doch selbst: kein Mensch kann ohne -ein Frauchen leben,« antwortete der Saporoger, mit dem der Schmied -gesprochen hatte, und der Schmied mußte staunen, als er hörte, daß -dieser Saporoger, der die Schriftsprache so gut beherrschte, gerade, wie -absichtlich, mit der Zarin in der gröbsten Mundart redete, jener -Mundart, die man gewöhnlich die Bauernsprache nennt. »Schlaue Leutchen!« -dachte er bei sich, »sicher tut er es nicht ohne Absicht.« - -»Wir sind doch keine Mönche,« fuhr der Saporoger fort, »wir sind ja nur -sündige Menschen. Wir sind, wie die ganze ehrliche Christenheit, der -Fleischeslust verfallen. Es gibt nicht wenige unter uns, die Frauen -haben, nur wohnen die Frauen nicht in der Ssjetsch. Es gibt auch solche, -die ihre Frauen im Polenlande und in der Ukraine haben; es gibt aber -auch solche, deren Frauen in der Türkei leben.« - -Unterdessen hatte man dem Schmied die Schuhe gebracht. - -»O Gott, was für eine Zier!« rief er freudig und ergriff die Schuhe. -»Kaiserliche Hoheit! Wenn Ihr solche Schühchen anhabt und darin -einhergeht, Euer Gnaden, oder gar noch übers Eis mit ihnen gleiten könnt --- wie müssen da die Füßchen selbst sein? Ich glaub', wahr und -wahrhaftig, sie sind von reinstem Zucker.« - -Die Kaiserin, die in der Tat die zierlichsten und reizendsten Füßchen -besaß, mußte lächeln, als sie ein solches Kompliment aus dem Munde eines -einfältigen Schmiedes vernahm, der trotz seines braunen Gesichtes in -seinem Saporogergewand für einen wirklich schönen Mann gelten konnte. - -Hocherfreut über diese wohlwollende Aufmerksamkeit wollte der Schmied -die Zarin schon über alles ordentlich ausfragen: ob's wahr sei, daß die -Zaren nichts wie Honig und Speck äßen und ähnliches mehr. Da aber fühlte -er, wie die Saporoger ihn in die Rippen pufften, und er beschloß, zu -verstummen. Und als die Zarin sich den alten Leuten zuwandte und sie -über ihr Leben und Treiben in der Ssjetsch auszufragen begann, trat er -zur Seite, neigte sich zu seiner Tasche hinab, sagte leise: »Bring mich -schnell von hier weg!« Und auf einmal befand er sich wieder hinter dem -Schlagbaum. - - * * * * * - -»Ertrunken! Bei Gott, er ist ertrunken! Ich will mich nicht mehr vom -Fleck rühren, wenn er nicht ertrunken ist!« murmelte die dicke -Webersfrau, die mitten auf der Straße in einem Haufen von Weibern stand. - -»Was, ich bin also eine Lügnerin? Hab' ich etwa jemandem eine Kuh -gestohlen? Oder hab' ich jemand böse angesehen, daß ihr mir nicht trauen -wollt?« schrie eine Frau mit violetter Nase und in einem Kosakenkittel, -indem sie mit ihren Armen hin und her fuchtelte. »Ich will nie wieder -Wasser trinken, wenn die alte Perepertschicha nicht mit eigenen Augen -gesehen hat, wie der Schmied sich erhängt hat!« - -»Der Schmied hat sich erhängt? Eine schöne Bescherung!« rief der -Amtmann, der eben aus dem Hause Tschubs kam; er blieb stehen und drängte -sich unter die Keifenden. - -»Sage lieber, du willst keinen Schnaps mehr trinken, du alte Sauftrine -du!« antwortete die Webersfrau. »Da müßte man ja gerad' so blöde sein, -wie du, um sich aufzuhängen! Er ist ertrunken, er ist im Eisloch -ertrunken! Das weiß ich so gewiß, wie daß du soeben im Wirtshaus gewesen -bist.« - -»Was, du freches Frauenzimmer? Sieh mal einer an, was die mir vorwirft!« -entgegnete wütend die Frau mit der violetten Nase. »Du hättest doch -lieber das Maul halten sollen, du Weibsstück du! Als ob ich nicht wüßte, -daß jeden Abend der Küster zu dir kommt!« - -Die Webersfrau geriet außer sich. - -»Was tut der Küster? Zu wem kommt er? Was faselst du da?« - -»Der Küster?« krähte die Frau des Küsters, sich in ihrem Hasenpelz, der -mit blauem Nanking bezogen war, an die Streitenden herandrängend. »Ich -will dir schon zeigen, was es heißt, so vom Küster zu reden! Wer sagt da -was vom Küster?« - -»Man weiß ja doch, wen der Küster besucht!« schrie die Frau mit der -violetten Nase und zeigte auf die Weberin. - -»Du also bist's, du Hündin«, rief die Frau des Küsters und ging auf die -Webersfrau los, »du bist's, du Hexe, die ihn umnebelt und ihn mit -Satanskräutern behext, daß er zu dir kommt?« - -»Pack dich fort, du Satan!« sprach die Webersfrau zurückweichend. - -»Sieh mal einer die verdammte Hexe an, du sollst's nicht mehr erleben, -daß du deine Kinder jemals wiedersiehst! Du niederträchtiges Weib! -Pfui!« Und dabei spuckte die Küsterin der Webersfrau gerade in die -Augen. - -Die Webersfrau wollte dasselbe tun, aber statt dessen spuckte sie dem -Amtmann, der näher an die Streitenden herangekommen war, um alles besser -zu hören, in seinen unrasierten Bart. - -»Ah, du garstiges Weibsbild, du!« rief der Amtmann, wischte sich mit dem -Rockschoß das Gesicht ab und schwenkte seine Knute. - -Diese Bewegung veranlaßte alle, schimpfend nach allen Seiten -auseinanderzustieben. »So was Ekelhaftes!« wiederholte der Amtmann und -wischte sich wieder ab. »Der Schmied ist also ertrunken! O du meine -Güte! Was war das für ein großartiger Maler! Was für starke Messer, -Sensen und Pflüge konnte der schmieden! Und wie kräftig der war! Ja, -ja,« fuhr er nachdenklich fort, »bei uns im Dorfe haben wir wenig solche -Leute. Ich hab's ja gleich gemerkt, als ich noch in diesem verfluchten -Sacke saß, daß der Aermste ganz bedrückt und traurig war. Ja, da haben -wir nun den Schmied! Einst war er, und nun ist er nicht mehr! Ich wollte -doch gerade noch meine scheckige Stute beschlagen lassen! ....« Und -solcher christlicher Gedanken voll, trottete der Amtmann langsam seinem -Hause zu. - -Oxana war ganz bestürzt, als diese Gerüchte zu ihr drangen. Sie traute -zwar den Augen der Perepertschicha und dem Weibergetratsch nur wenig, -denn sie wußte, daß der Schmied fromm genug war, seine Seele nicht ins -Verderben zu stürzen. Wie aber, wenn er in der Tat mit der Absicht -davongegangen war, nie wieder ins Dorf zurückzukehren? Schwerlich konnte -man wo anders einen so schmucken Burschen finden, wie der Schmied einer -war. Und dann liebte er sie doch so sehr! Er ertrug auch ihre Launen -länger als alle anderen ... Die Schöne drehte sich die ganze Nacht -hindurch unter ihrer Decke von der rechten Seite auf die linke, und von -der linken auf die rechte, und konnte doch nicht einschlafen. Bald warf -sie sich in ihrer berückenden Nacktheit, die das nächtliche Dunkel sogar -vor ihr selbst verbarg, hin und her, und schalt laut auf sich, bald -verstummte sie, faßte den Entschluß, an nichts mehr zu denken -- und -grübelte doch weiter und weiter. Sie lag da wie in lohendem Feuer, und -gegen Morgen war sie bis über die Ohren in den Schmied verliebt. - -Als Tschub den Tod Wakulas vernahm, ließ er weder Freude noch Trauer -erkennen. Seine Gedanken waren nur mit einer Sache beschäftigt: er -konnte Solochas Treubruch nicht vergessen, und ließ sogar im Schlafe -nicht davon ab, auf sie zu schimpfen. - -Der Tag brach an. Die Kirche war schon vor Morgengrauen voll von -Menschen. Die alten Frauen in ihren weißen Kopftüchern und Tuchkitteln -standen ganz nahe am Eingang und bekreuzigten sich fromm. Vor ihnen -standen die adligen Damen in grünen und gelben Jacken, ja manche sogar -in blauen Überwürfen, die hinten mit Brokatschleifen versehen waren. Die -Mädchen, die einen ganzen Laden von aufgewickelten Bändern auf dem Kopfe -und ebensoviel Perlenbänder, Kreuze und Dukaten um den Hals trugen, -suchten so nahe als möglich an den Altar heran zu kommen. Ganz vorne -aber standen die Edelleute und die einfachen Bauern mit Schnurrbärten, -Haarschöpfen, mit dickem Hals und frisch rasiertem Kinn, die meisten in -Mänteln, unter denen ein weißer, oder bei manchen auch ein blauer Kittel -hervorguckte. Wohin man auch blicken mochte, auf allen Gesichtern -spiegelte sich die Feiertagsstimmung wieder. Der Amtmann leckte sich -schon die Lippen, wenn er an die Wurst dachte, mit der er die Festtage -beschließen würde; die Mädel dachten daran, wie sie mit den Burschen auf -dem Eise schlittern würden, und die alten Frauen murmelten eifriger denn -je ihre Gebete. Durch die ganze Kirche konnte man hören, wie der Kosak -Swerbygus niederkniete. Nur Oxana stand wie abwesend da: sie betete und -betete doch auch nicht. Ihr Herz bestürmten so viele und mannigfaltige -Empfindungen, von denen eine immer peinlicher war, als die andere, daß -ihr Gesicht nichts wie eine starke Verwirrung ausdrückte, und in ihren -Augen zitterten Tränen. Die Mädchen konnten natürlich den Grund davon -nicht erkennen, und ahnten nicht, daß der Schmied daran schuld war. -Jedoch der Schmied beschäftigte nicht nur Oxana allein. Alle Bewohner -des Dorfes fühlten, daß der Feiertag kein rechter Feiertag war, und daß -gewissermaßen etwas fehlte. Unglücklicherweise war auch der Küster nach -seiner Reise im Sack vom Abend vorher noch heiser geworden, und sang -seine Lieder mit kaum hörbarer krächzender Stimme; wohl brachte der -zugereiste Sänger ein paar prächtige Baßtöne hervor, aber wieviel besser -wäre es gewesen, wenn man auch noch den Schmied dagehabt hätte, der -jedes Mal, wenn man das »Vaterunser« oder die »Himmlischen Heerscharen« -sang, auf den Chor stieg und so schön sang, wie man es sonst nur in -Poltawa hören konnte. Dazu kam noch, daß er ganz allein sich um das Amt -des Kirchenvorstands kümmerte. Schon war die Frühmesse zu Ende und nach -der Frühmesse war bald auch das Hochamt vorbei ..... In der Tat, wo war -nun der Schmied geblieben? - - * * * * * - -Noch rascher fast flog der Teufel in den letzten Stunden der Nacht mit -dem Schmied auf dem Rücken heimwärts, und im Nu befand sich Wakula vor -seiner Hütte. In diesem Augenblick krähte der Hahn. - -»Wohin?« rief der Schmied und ergriff den Teufel, der ausreißen wollte, -am Schwanz. »Halt, Freundchen, das ist noch nicht alles: ich hab mich -noch nicht bei dir bedankt.« - -Und er ergriff eine Gerte und versetzte ihm drei mächtige Hiebe, daß der -arme Teufel davonrannte wie ein Bauer, dem der Assessor eben -tüchtig eingeheizt hat. Und so geschah's, daß der Erzfeind des -Menschengeschlechts, statt andere Leute zu foppen, zu versuchen und zu -narren, selbst genarrt wurde. - -Hierauf trat Wakula in den Flur seines Hauses, warf sich auf ein -Heubündel und schlief bis spät in den Mittag hinein. Als er erwachte, -erschrak er heftig, denn er sah, daß die Sonne schon hoch am Himmel -stand. »Ei, Herrjeh, ich habe ja die Frühmesse und das Hochamt -verschlafen!« rief er aus. - -Und der gottesfürchtige Schmied verfiel in eine tiefe Zerknirschung, -denn er vermeinte, Gott habe zur Strafe für sein schlimmes Vorhaben, und -um seine Seele zu verderben, einen Schlaf auf ihn herabgeschickt, der -ihn verhindert habe, an einem so großen Feiertag die Kirche zu besuchen. -Er beruhigte sich jedoch bald, nachdem er den Beschluß gefaßt hatte, in -der künftigen Woche alles dem Popen zu beichten und von da ab ein ganzes -Jahr lang täglich fünfzig Kniefälle zu machen. Er blickte in die Stube -hinein: es war niemand da. Die Solocha war offenbar noch nicht -zurückgekehrt. - -Behutsam zog er die Schuhe aus dem Busen, staunte von neuem die kostbare -Arbeit an, und wunderte sich über die sonderbaren Ereignisse der -vergangenen Nacht; er wusch sich, kleidete sich an, so gut er nur -konnte, zog das Gewand an, das er von den Saporogern bekommen hatte, -holte seine neue Lammfellmütze mit dem blauen Dach, die er, seit er sie -seinerzeit in Poltawa gekauft, noch niemals aufgesetzt hatte, aus der -Truhe; holte auch einen neuen, vielfarbigen Gurt hervor, packte alles, -zusammen mit einer Nagaika, in ein Tüchlein ein und begab sich gradewegs -zu Tschub. - -Tschub machte große Augen, als der Schmied eintrat und wußte nicht, -worüber er mehr staunen sollte: darüber, daß der Schmied von den Toten -auferstanden war, daß er es wagte, zu ihm zu kommen, oder darüber, daß -er so stutzerhaft herausgeputzt und wie ein echter und rechter Saporoger -angezogen war. Noch mehr aber staunte er, als Wakula das Tuch aufband, -die funkelnagelneue Mütze nebst einem Gurt, wie man ihn noch niemals im -Dorfe gesehen hatte, vor ihm auf den Tisch legte, ihm zu Füßen fiel und -flehentlich ausrief: »Hab' Erbarmen, Väterchen! Zürne mir nicht! Da hast -du eine Peitsche: schlag zu, soviel deine Seele verlangt. Ich gebe mich -selbst in deine Hand, ich bereue ja alles; schlage mich, aber zürne mir -nicht. Du warst ja vormals meinem seligen Vater wie ein Bruder, ihr habt -doch zusammen gegessen und getrunken!« - -Nicht ohne heimliche Freude sah Tschub, wie der Schmied, der sich den -Teufel um jemand im Dorfe scherte und der Fünfkopekenstücke und Hufeisen -mit der Hand zusammendrückte wie Buchweizenflinsen, wie dieser selbe -Schmied jetzt zu seinen Füßen lag. Um sich nichts zu vergeben, ergriff -Tschub die Peitsche und schlug ihn dreimal auf den Rücken. »Nun ist's -aber genug, steh auf! Hör stets auf die Alten! Wir wollen alles -vergessen, was zwischen uns vorgefallen ist. Und nun sag, was du -möchtest?« - -»Väterchen, gib mir Oxana zur Frau!« - -Tschub überlegte einen Augenblick und sah sich die Mütze und den Gurt -an: die Mütze war wunderbar und der Gurt nicht minder; dabei fiel ihm -auch noch die treulose Solocha ein, und er rief entschlossen: »'s ist -recht! Schicke deine Brautwerber her!« - -»Ah!« schrie Oxana auf, die über die Schwelle getreten war und den -Schmied erblickt hatte, und sie richtete freudig und ganz erstaunt ihre -Blicke auf ihn. - -»Schau mal, was ich dir für kleine Schuhe mitgebracht habe!« sagte -Wakula, »dieselben sind's, die die Zarin trägt.« - -»Nein, nein! Ich brauche keine Schuhe!« rief sie, ihn mit den Händen -abwehrend und ohne ihre Augen von ihm abzuwenden; »ich bin auch ohne -Schuhe ....« Und sie sagte nichts weiter, sondern errötete nur. - -Der Schmied kam näher heran, ergriff sie bei der Hand, und die Schöne -schlug die Augen nieder. Noch nie hatte sie so wunderbar schön -ausgesehen. Der Schmied küßte sie voller Entzücken auf die Lippen, ihr -Antlitz verfärbte sich noch tiefer, und sie wurde nur noch schöner. - - * * * * * - -Der Bischof seligen Angedenkens kam einmal durch Dikanka, lobte die -schöne Lage des Dorfes und hielt, als er die Straße herunterfuhr, vor -einer der Hütten an. - -»Wem gehört diese schön bemalte Hütte?« fragten Seine Hochwürden die -hübsche Frau, die mit einem Kinde auf dem Arm vor der Türe stand. - -»Dem Schmied Wakula!« antwortete ihm mit einer Verbeugung Oxana, denn -sie war es. - -»Großartig! Eine wundervolle Arbeit!« sprachen Seine Hochwürden, als sie -sich Türen und Fenster ansahen. Die Fenster waren ringsherum mit roter -Farbe bestrichen und auf den Türen waren überall Bildnisse von reitenden -Kosaken mit Pfeifen in den Zähnen aufgemalt. - -Noch mehr aber lobten Seine Hochwürden den Schmied Wakula, als sie -erfuhren, daß er eine Kirchenbuße eingehalten, die er sich selbst -auferlegt, und in der Kirche den ganzen linken Chor mit grüner Farbe -gestrichen und mit roten Blumen bemalt habe. - -Das ist jedoch noch nicht alles. An die Wand, die, wenn man die Kirche -betritt, sich gleich zur Linken befindet, hatte Wakula einen in der -Hölle sitzenden Teufel gemalt und zwar einen so abscheulichen Teufel, -daß jedermann, der vorbeiging, ausspeien mußte, und wenn einer Frau das -Kind auf dem Arme zu weinen anfing, so trug sie es ans Bild und sprach: -»Schau, schau, hu, hu, was da hingemalt ist!« Und das Kind verschluckte -seine Tränen, schielte scheu nach dem Bilde und schmiegte sich enger an -die Brust der Mutter. - - - - - Schreckliche Rache - - - I. - -Dröhnend braust's dahin durch Kijews Vorstadt: Da feiert Gorobetz, der -Kosakenhauptmann, den sie Jessaul nennen, die Hochzeit seines Sohnes. -Viel Leute sind beim Jessaul zu Gast. In alten Zeiten liebte man's wohl, -gut zu essen, gut zu trinken und noch lieber mocht' man lustig sein. Auf -braunem Roß kam Mikitka, der Saporoger Kosak, stracks vom gewaltigen -Zechgelag auf dem Pereschlaj-Gefilde, allwo er sieben Nächte und sieben -Tage des Königs Schlachta mit rotem Weine bewirtet hatte. Auch der -Kriegskamerad des Jessaul, Danilo Burulbasch kam angefahren vom anderen -Ufer des Dnjepr, wo zwischen zwei Bergen sein Landgut lag; er kam mit -seinem jungen Weibe Katerina und seinem einjährigen Sohne. Die Gäste -staunten über das weiße Gesicht der Pani Katerina, über die Brauen, die -schwarz wie deutscher Sammet waren, über den prächtigen Rock und die -Jacke aus altertümlich blauer Seide, und über die Stiefel mit den -silbernen Hufen; aber mehr noch nahm sie's wunder, daß der alte Vater -nicht mit ihnen zusammen gekommen war. Der lebte seit einem Jahr in dem -Landstrich hinterm Dnjepr, einundzwanzig Jahre war er verschollen -gewesen und erst zu seinem Töchterchen zurückgekehrt, als es vermählt -war und einen Sohn geboren hatte. Gewiß hätt' er viel Wunderliches -erzählen können. Ja, wie hätte er auch nicht erzählen können, da er doch -so lange im fremden Lande geweilt! Dort ist doch alles so anders wie -hier: die Menschen sind anders, und dort gibts auch keine christlichen -Kirchen ..... Allein er war nicht gekommen. - -Den Gästen ward Schnaps mit Rosinen und Pflaumen und auf einer großen -Schüssel Hochzeitsbrot gereicht. Die Musikanten griffen tief in den -Brotlaib hinein, wo Geld eingebacken war; verstummten eine kurze Zeit -lang und legten die Zymbeln, Geigen und Pauken beiseite. Indes wischten -sich die jungen Frauen und die Mädchen mit gestickten Tüchern den Mund -und traten wieder aus ihren Reihen hervor, während die Burschen, die -Hände in die Hüften gestützt, stolz zur Seite blickend, gerad ihnen -entgegen wollten, als der alte Jessaul zwei Heiligenbilder herbeitrug, -um das junge Paar zu segnen. Er hatte diese Bilder von einem würdigen -Eremiten, dem greisen Bartholomäus erhalten. Ihr Zierat war nicht reich, -weder Silber noch Gold funkelte auf ihnen, und doch hätte keine unreine -Macht es gewagt, den zu berühren, in dessen Haus sie sich befanden. Der -Jessaul hob die Bilder in die Höhe und schickte sich an, ein kurzes -Gebet zu sprechen ...... da schrien die Kinder, die am Boden spielten, -auf einmal in hellem Schreck auf, das Volk wich zurück hinter ihnen, und -alle wiesen voll Angst auf einen Kosaken, der in ihrer Mitte stand. Wer -er war, das wußte niemand zu sagen, aber schon fing er wacker an, seinen -Kosakentanz zu tanzen und ergötzte die Menge, die ihn umringte und -brachte sie zum Lachen. Als jedoch der Jessaul die Heiligenbilder -emporhob, da verwandelte sich auf einmal das Antlitz des Kosaken: die -Nase fing an zu wachsen, wurde größer und größer und krümmte sich zur -Seite; grüne Äuglein blitzten anstelle der grauen hervor, die Lippen -wurden blau, das Kinn fing an zu zittern und wurde spitz wie ein Speer, -aus dem Mund entsprangen zwei Hauer, hinter dem Kopfe wölbte sich ein -Buckel empor, und der Kosak wurde zum Greise. - -»Das ist _er_! Das ist _er_!« schrien die Menschen, sich eng aneinander -drängend. - -»Der Zauberer ist wieder da!« schrien die Mütter und faßten ihre Kinder -schnell bei der Hand. - -Würdig und stolz trat der Jessaul vor, und während er die Heiligenbilder -vor sich hinhielt, sprach er mit lauter Stimme: - -»Verschwinde, Satansbild! Für dich ist kein Platz hier!« - -Und siehe da, der seltsame Greis knirschte zischend mit den Zähnen wie -ein Wolf, und verschwand. - -Da erhob sich ein Raunen und Reden unter dem Volke, schwoll immer mehr -an und rollte dahin wie das Brausen des Meeres im Ungewitter. - -»Was ist das für ein Hexenmeister!« fragten die Jungen und Unerfahrenen. - -»Ein Unheil zieht herauf!« sprachen die Alten kopfschüttelnd, und -überall im weiten Gehöfte des Jessaul lauschten die Haufen des Volkes -den Geschichten von dem unheimlichen Zauberer. Doch beinahe alle wußten -Verschiedenes zu erzählen, und niemand konnte etwas Sicheres von ihm -berichten. - -Ein Faß Meth ward auf den Hof gerollt und nicht allzuwenige Eimer voll -griechischen Weines stellte man hin. Und wiederum tobte es lustig -weiter. Die Musikanten spielten drauf los -- und die Mädchen, die jungen -Frauen und die noblen Kosaken in blanken Schupans wirbelten wild -durcheinander. Das Greisenvolk der Neunzig- und Hundertjährigen wagte, -auch schon bezecht, ein Tänzchen und gedachte so mancher Jahre, die -nicht ganz tatenlos verflossen waren. Bis zur späten Nacht wurde gezecht -und so wurde gezecht, wie man's jetzt nimmermehr tut. Dann strömten die -Gäste auseinander, aber nur wenige gingen ihres Weges: viele blieben in -dem weiten Hofraume des Jessaul über Nacht, und noch viel mehr Kosaken -schliefen von selbst ein, ungebeten, unter den Bänken, auf dem Fußboden, -neben den Rossen oder vor den Ställen: und wo ein rechter Kosak im -Rausche hintaumelte, da lag er auch schon und schnarchte laut über ganz -Kijew. - - - II. - -Still leuchtete es über dem Weltall auf: der Mond schien hinterm Berg -empor. Mit einem kostbaren Schleier aus schneeweißem Damast verhüllte er -des Dnjepr gebirgiges Ufer und sein Schatten schlich weit zurück bis ins -Dickicht der Fichten. - -Inmitten des Dnjepr schwimmt ein eichener Kahn, vorn sitzen zwei -Burschen, die schwarzen Kosakenmützen schief in die Stirn gedrückt, und -von ihren Rudern sprühen Wasserstrahlen nach allen Seiten auf, wie aus -dem Feuerstein Funken. - -Warum singen die Kosaken nicht? Warum sprechen sie nicht davon, daß die -römischen Pfaffen die Ukraine durchwandern, die Kosaken umzutaufen und -zu Katholiken zu machen, und auch nicht davon, wie ihre Horde zwei ganze -Tage lang am Salzsee gekämpft. Wie sollten sie auch singen und sagen von -kühnen Taten? Pan Danilo, ihr Herr, war in Gedanken versunken, ein Ärmel -seines rostroten Schupans glitt aus dem Boot und sank ins Wasser, aber -ihre Herrin, Pani Katerina, wiegte leise das Kind und wendete kein Auge -von dem Manne, und auf ihren festlichen Rock, der nicht von schützender -Leinwand bedeckt war, sprühte das Wasser herab wie grauer Staub. - -Köstlich ist von der Mitte des Dnjepr die Schau auf die hohen Berge, die -weiten Wiesen und die Wälder im Grün! Das sind nicht Berge wie andere -auch: ihr Fuß ist nicht zu sehen, nach oben wie nach unten ragen die -spitzen Gipfel empor, sich im Wasser spiegelnd, und über und unter ihnen -dehnt sich hoch und weit der Himmel. Auch auf den Hügeln die Wälder sind -keine Wälder: das sind Haare auf des Waldgreises zottigem Haupte. Unten -umspült ihm das Wasser den Bart, und ganz hoch über dem Barte und über -den Haaren erhebt sich der hohe Himmel. Auch die Wiesen sind keine -Wiesen: ein grüner Gürtel ist's, der den runden Himmel in der Mitte -umgürtet, und auf seiner oberen wie auf der unteren Hälfte lustwandelt -der Mond. - -Pan Danilo blickt nicht zur Seite, er blickt auf sein junges Weib. -»Warum versankst du in Gram, mein junges Weib, meine goldene Katerina?« - -»Nicht bin ich in Gram versunken, mein Herr Danilo! Mich erschreckten -nur die seltsamen Sagen vom zaubernden Mann. Man sagt doch, gar -furchtbar an Gestalt sei er zur Welt gekommen ..... und von klein auf -wollte kein Kind mit ihm spielen. Hör', Pan Danilo, wie schrecklich das -ist, was man erzählt: man sagt, es dünkte ihn stets, daß ihn alle -verhöhnten. Geschieht's, daß abends, wenn's dunkelt, ein Mensch ihm -begegnet, so meint der gleich zu sehen, wie jener den Mund auftut und -die Zähne fletscht. Und dann ist der Mensch am folgenden Tage tot. Es -ward mir so sonderbar, so grauenvoll ward mir zumute, als ich die Mären -vernahm,« sprach Katerina, und sie nahm ein Tuch und wischte damit ihrem -Kinde, das ihr in den Armen schlief, das Gesicht. Dies Tuch war mit -Blättern und Beeren geziert, die mit roter Seide darauf gestickt waren. - -Pan Danilo sprach kein Wort. Er blickte ins Dunkel der Schatten hinüber, -wo in der Ferne sich hinter dem Wald ein Erdwall gleich einem schwarzen -Streifen dahinzog, und wo hinter dem Walle ein altes Schloß in die Höhe -starrte. Da zeichneten sich in Danilos Antlitz drei Falten über den -Brauen ab, und die linke Hand spielte mit dem kecken Schnurrbart. »Nicht -das ist schrecklich, daß er ein Zauberer ist,« sprach er, »schrecklich -ist's, daß er ein schlimmer Gast ist. Was fiel ihm ein, hierher zu -kommen? Ich hörte, die Polen wollen eine Festung bauen, um uns den Weg -zu den Saporogern abzuschneiden. Mag's wahr sein ..... Dies Teufelsnest -will ich vernichten, sobald nur das Gerücht umzugehen beginnt, daß das -ein Schlupfwinkel sei! Ich will den alten Zauberer verbrennen, daß -selbst den Raben nichts zu picken mehr bleibt. Doch ich denke mir, er -besitzt wohl nicht wenig Gold und allerhand Gut. Hier ist's, wo dieser -Satan wohnt! Wär' Gold bei ihm zu finden, so ...... Wir rudern sogleich -bei den Kreuzen vorbei -- da ist der Friedhof, wo das unreine Gebein -seiner Ahnen modert. Sie alle, sagt man, waren bereit, sich für einen -Groschen dem Satan zu verkaufen, mitsamt ihrer Seele und ihrem -zerlumpten Schupan. Doch besitzt er in Wahrheit soviel Gold, dürfte man -jetzt nicht lange mehr zögern, nicht immer kann man's im Kriege da -erbeuten.« - -»Ich kenne dein Vorhaben wohl: nichts Gutes verkündet mir die Begegnung -mit ihm. Du atmest so schwer, du blickst so rauh, deine Brauen sind so -finster über den Augen geballt! ....« - -»Schweig, Weib!« rief Danilo wütend, »wer sich mit euch verbindet, wird -selbst zum Weibe. Gib mir Feuer für meine Pfeife, Junge!« - -Er wandte sich an einen der Ruderer, der klopfte glühende Asche aus -seiner Pfeife und tat sie in die Pfeife des Herrn. - -»Sie schreckt mich mit dem Zauberer!« fuhr Pan Danilo fort. »Der Kosak -fürchtet, Gott Lob und Dank, weder Teufel, noch römische Priester. Das -wär' was Rechtes, wenn wir auf die Weiber zu hören anfingen. Nicht wahr, -Burschen? Unsere Frau ist die Pfeife und die Schärfe des Schwerts!« - -Katerina verstummte und ließ die Augen über das träge Wasser gleiten; -der Wind kräuselte die stille Flut, und der ganze Dnjepr schimmerte -silbern wie ein Wolfsfell zur Nacht. - -Der Kahn machte eine Wendung und glitt am waldigen Ufer entlang. Jetzt -wurde der Friedhof am Ufer sichtbar. Haufen morscher Kreuze drängten -sich da aneinander. Da blühte kein Wachholder zwischen ihnen, da grünte -kein Moos, und nur der Mond schien von seiner himmlischen Höhe wärmend -auf sie herab. - -»Hört ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft uns zu Hilfe!« sprach -da Pan Danilo, indem er sich an seine Ruderer wandte. - -»Ja, wir hören jemand rufen, und dort von jener Seite her, scheint's!« -riefen alle Burschen zugleich und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war -schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun und fuhr um eine -Landzunge herum. Plötzlich ließen die Leute ihre Ruder sinken und -blickten starr zum Ufer hinüber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und -kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern. - -Das Kreuz auf einem der Gräber wankte, und plötzlich erhob sich daraus -ganz leise ein vertrockneter Leichnam. Er hatte einen Bart, der bis auf -den Gürtel reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch länger -waren als die Finger. Leis erhob er die Arme, sein Gesicht erschauerte -und verzerrte sich. Man sah ihm an, daß er entsetzliche Qualen litt. - -»Mir ist so schwül, so schwül!« stöhnte er mit wilder unmenschlicher -Stimme. Seine Stimme bohrte sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber -plötzlich war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden. Dann wankte -ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg ein Leichnam dem Grabe, noch -schrecklicher und noch größer als jener: er war ganz von Haar -überwachsen, sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an den -Knochen waren noch länger. Er rief noch wilder: »Mir ist so schwül!« und -sank in die Erde zurück. Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter -Leichnam stand auf. Da schien's, als wenn ein riesenhaftes Knochengerüst -sich hoch über die Erde erhob. Der Bart floß bis zu den Fersen herab, -die Finger mit den riesigen Krallen gruben sich tief in die Erde, -furchtbar warf er die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen -wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer seine gelben -Knochen zersägte .... - -Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag, stieß einen Schrei aus -und erwachte; die Pani selbst schrie auf, die Ruderer ließen die Mützen -in den Dnjepr fallen, und auch der Pan erschauerte. - -Auf einmal aber war alles verschwunden, als wär' es überhaupt nie -gewesen, doch die Burschen griffen noch lange nicht zu den Rudern. -Besorgt blickte Burulbasch auf seine junge Frau, die das schreiende Kind -voller Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drückte sie an sein -Herz und küßte sie auf die Stirn. »Fürchte dich nicht, Katerina! Schau: -es ist ja nichts!« sprach er und wies nach allen Seiten. »Der Zauberer -will den Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand bis an sein -unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann er damit schrecken! Gib mir den -Sohn doch herüber!« - -Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn in die Höhe und drückte ihn -an seine Lippen. »Nun, mein Iwan, fürchtest du dich vor Zauberern? -- -Sag: >nein, Vater, ich bin ein Kosak!< Doch genug, hör auf zu weinen! -Wir fahren nach Hause! Gleich sind wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter -dir Brei, legt den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied: - - Lulli, lulli, lulli, lulli! - Schlaf, mein Söhnchen, schlafe ein! - Bleib gesund und wachs mir fein! - Bring Kosaken Ruhm und Freud, - Und den Feinden Schmerz und Leid! - -Hör', Katerina, ich glaube, dein Vater will nicht in Frieden mit uns -leben. So mürrisch kam er hier an und so verdrießlich, als zürnte er uns -... Wenn er nicht zufrieden ist -- wozu kam er denn her? Er wollte nicht -mit uns trinken auf die Kosakenfreiheit und hat nicht einmal das Kind in -den Armen gewiegt! Zuerst wollte ich ihm alles anvertrauen, was mir das -Herze beschwert, doch etwas hielt mich zurück, und meine Rede stockte. -Nein, er hat kein Kosakenherz! Ein Kosakenherz fängt gleich laut in der -Brust an zu schlagen, wenn's einem andern begegnet! Nun, liebe Burschen, -ist das Ufer schon nah? Ihr sollt auch neue Mützen bekommen. Du, -Stetzko, kriegst eine, die mit Sammet und Gold verziert ist. Ich hab' -sie dereinst einem Tataren mitsamt seinem Kopfe genommen; auch sein -ganzes Rüstzeug fiel mir damals zu, nur seine Seele allein ließ ich -frei. Legt an! Siehst du, Iwan, da sind wir schon, und du weinst noch -immer! Nimm ihn, Katerina!« - -Alle gingen ans Land. Hinter dem Berge stieg ein Strohdach auf, das war -Pan Danilos Erbsitz. Dahinter lag noch ein anderer Berg, dann kam gleich -freies Feld, und hundert Werst weit konnte man laufen, ohne auf eine -Kosakenseele zu stoßen. - - - III. - -Das Landgut Pan Danilos liegt zwischen zwei Bergen in einem engen Tal, -das auf den Dnjepr hinausgeht. Das Haus ist nicht hoch, gleicht von -außen der Hütte eines einfachen Kosaken, und bloß eine Stube ist drin; -doch ist Raum darinnen genug für ihn, wie für sein Weib und für die alte -Magd und zehn auserlesene Burschen. An den Wänden entlang laufen oben -eichene Bohlen. Dort stehen zahlreiche Schüsseln und Töpfe für die -Mahlzeiten, darunter auch Pokale von Silber, in Gold gefaßte Becher, die -der Pan zum Geschenke erhielt oder im Kriege erbeutete. Kostbare -Musketen hängen von den Wänden herab, Säbel, Feuergewehr und Lanzen; -freiwillig oder mit Gewalt nahm man sie aus Tatarenhänden oder von -Türken und Polen, und darum haben sie auch so viele Scharten. Ihr -Anblick gemahnte Pan Danilo gar oft wie Merkzeichen an seine vielen -Gefechte. An den Wänden ziehen sich glatte, gehobelte Eichenbänke hin -und daneben, vor der Ofenbank, hängt die Wiege an ein paar Stricken, die -man durch einen Ring an der Zimmerdecke oben gezogen hat. In der ganzen -Stube ist der Fußboden glatt gestampft und mit Lehm überstrichen. Auf -den Bänken schläft Pan Danilo mit seiner Frau, auf der Ofenbank die alte -Dienerin; in der Wiege spielt und schaukelt das kleine Kind, und auf dem -Fußboden schlafen die Burschen. Doch ist's dem Kosaken lieber, auf -nackter Erde unter dem freien Himmel zu schlafen, da braucht er weder -Kissen noch Federbett: er bettet sich frisches Heu unter den Kopf und -streckt sich wohlig hin aufs Gras. Dann freut's ihn wohl, wenn er mitten -in der Nacht erwacht, nach dem hohen, von Sternen besäten Himmel zu -sehen, und in der nächtlichen Kälte, die doch den Kosakenknochen soviel -Frische verleiht, zu erschauern; er dehnt sich, murmelt schlaftrunken -etwas, steckt seine Pfeife an und hüllt sich fester in seinen warmen -Pelz. - -Es war nicht mehr ganz früh, als Burulbasch nach dem gestrigen Fest -erwachte; er setzte sich auf eine Bank in der Ecke und begann seinen neu -eingetauschten türkischen Säbel zu schleifen, Pani Katerina aber machte -sich dran, ein seidenes Tuch mit Gold zu besticken. - -Auf einmal trat Katerinas Vater ein, griesgrämig und mürrisch, mit einer -fremdländischen Pfeife zwischen den Zähnen. Er ging auf seine Tochter zu -und begann streng sie auszuforschen, was wohl der Grund sei, daß sie so -spät nach Hause gekommen. - -»Nach solcherlei Dingen hast du, Schwäher, nicht sie zu befragen, -sondern mich! Nicht der Frau steht die Antwort zu, sondern dem Manne. So -ist es nun einmal Sitte bei uns, nehmt es nicht übel!« sprach Danilo, -ohne von seiner Arbeit zu lassen, »vielleicht ist es in manchen Ländern, -wo Ungläubige wohnen, anders -- das freilich weiß ich nicht!« - -Das rauhe Gesicht des Schwiegervaters verfärbte sich, und seine Augen -blitzten wild auf. »Wer hat denn sonst nach seiner Tochter zu sehen wenn -nicht der Vater!« murmelte er vor sich hin. »Nun denn, so frage ich -dich: wo bist du herumgestrichen bis spät in die Nacht?« - -»Das hört sich schon anders an, lieber Schwäher. Darauf will ich dir -antworten, daß ich schon lange nicht mehr zu denen gehöre, die von einem -Weib in Windeln gewickelt werden. Ich weiß wohl, hoch zu Pferde zu -sitzen und in der Hand den scharfen Säbel zu schwingen; auch manches -andere noch versteh' ich ... Ich versteh es auch, niemandem Rechenschaft -zu geben über das, was ich treibe!« - -»Ich seh' es, Danilo, ich weiß, du suchst Hader! Wer Heimliches tut, der -führt sicher nichts Gutes im Schilde.« - -»Denk doch, was dir beliebt,« sagte Danilo, »auch ich denke das Meine. -Noch war ich nie in einen schändlichen Handel verwickelt, stets stand -ich für rechten Glauben und das Vaterland ein, nicht so wie mancher -Landstreicher, der sich, Gott weiß wo, umhertreibt, wenn rechtgläubige -Leute sich bis aufs Blut schlagen müssen; der will dann das Korn ernten, -das nie er gesät. Die gleichen nicht einmal den Unierten: nicht einmal -in Gottes Kirchen schauen sie hinein. Diese Leute sollte man befragen, -wo sie sich umhertreiben!« - -»Holla, weißt du wohl, Kosak!« rief jener .... »Ich schieße ja nicht -gut, höchstens bis auf hundert Klafter trifft meine Kugel ins Herz, auch -bin ich kein allzu starker Fechter: die Stücke, in die ich die Menschen -schlage, sind kleiner als die Körner, draus man Brei kocht!« - -»Ich bin bereit,« rief Pan Danilo und schlug flink mit dem Schwert ein -Kreuz in der Luft, als hätt' er gewußt, wozu er's geschliffen. - -»Danilo!« schrie Katerina laut, ergriff ihn beim Arm und hing sich an -ihn, »du Wahnwitziger, bedenke doch, gegen wen du den Arm erhebst! -Vater, dein Haar ist so weiß wie Schnee, und doch erhitzest du dich wie -ein törichter Knabe!« - -»Weib!« rief Danilo streng, »du weißt, das leide ich nicht, bleibe bei -deinen Weibergeschäften!« - -Furchtbar erklirrten die Säbel; Eisen schlug Eisen, und die Kosaken -wurden von Funken besprüht wie von Staub. Weinend lief Katerina in eine -gesonderte Kammer, warf sich aufs Bett und hielt sich die Ohren zu, um -nichts von den Säbelhieben zu hören. - -Doch so schlecht kämpften die Kosaken nicht, daß man ihren Hieb -überhören konnte. Das Herz wollte ihr springen, sie hört' es in ihrem -ganzen Leibe erzittern bei den klirrenden Lauten: Klick -- klack! - -»Nein, ich halt es nicht aus, ich halt's nicht aus ... vielleicht -sprudelt schon purpurnes Blut aus dem weißen Leibe, vielleicht hat -meinen Liebsten schon seine Kraft verlassen, und ich liege noch hier!« -Und bleich, und kaum atmend schlich sie in die Stube. - -Gleichmäßig und furchtbar schlugen sich die Kosaken, nicht der, noch -jener hatte einen Vorteil errungen. Bald drang Katerinas Vater vor und -Pan Danilo wich zurück oder Pan Danilo griff an, und der Vater wehrte -sich finster, und dann standen beide wieder gleich. Die Wut kocht in -ihnen. Sie holten aus .... hui! wie die Säbel schmettern .... und tosend -fliegen die Klingen zur Seite. - -»Ich danke dir, Gott!« rief Katerina, doch tat sie gleich einen neuen -Schrei, als sie sah, wie die Kosaken nach den Musketen griffen; sie -richteten die Feuersteine und spannten die Hähne. - -Pan Danilo feuerte ab und traf nicht. Jetzt zielte der Vater. Er war -alt, er sah nicht so scharf wie ein Junger und doch zittert ihm die Hand -nicht. Da krachte der Schuß ..... Pan Danilo wankte, und rot lief sein -helles Blut in den linken Ärmel des Kosakenschupans. - -»Nein!« rief er, »so billig verkauf ich mich nicht! Nicht der linke Arm -ist der Herr, 's ist der rechte! Bei mir an der Wand hängt eine -türkische Pistole: noch nie in meinem Leben ist sie mir untreu geworden. -Komm von der Wand herab, alter Genosse! Erweis dem Freund deinen -Dienst!« Und Danilo streckte die Hand aus. - -»Danilo!« schrie Katerina verzweifelt, packte ihn am Arm und warf sich -vor ihm auf die Knie, »nicht meinetwegen fleh ich dich an. Dein Ende ist -auch das meine: unwürdig ist die Frau, die ihren Mann überlebt; der -Dnjepr, der kalte Dnjepr wird mein Grab sein .. Aber siehe deinen Sohn -an, Danilo, sieh deinen Sohn! Wer wird das arme Kind beschirmen? Wer -wird es hätscheln? Wer wird es lehren, auf rabenschwarzem Rosse -dahinzufliegen, für Freiheit und Glauben zu kämpfen, nach Kosakenart zu -trinken und zechen? Mein Sohn, geh dahin und verdirb! Dein eigner Vater -will dich nicht mehr kennen! Schau, wie er sein Gesicht von dir -abwendet. Oh, jetzt kenn ich dich erst! Du bist ein Tier und kein -Mensch! Du hast das Herz eines Wolfs und den Sinn einer listigen -Schlange! Glaubt' ich denn nicht, du hegest ein Tröpflein Erbarmen in -deinem Herzen, und in deinem steinernen Leibe brenne ein menschlich -Gefühl? Wie töricht täuschte ich mich. Ja, das bereitet dir Freude. -Deine Knochen werden im Grabe vor Freude springen, wenn sie vernehmen, -wie diese ungläubigen Tiere, die Polen, deinen Sohn in die Flamme -werfen, wenn dein Sohn dann unter dem Messer und im siedenden Wasser -liegt und schreit! Oh, ich kenne dich! Froh wärest du wahrlich, -aufzustehn aus dem Grabe und das Feuer mit der Mütze zu schüren, das -unter ihm lodert!« - -»Halt, Katerina! Komm her zu mir, lieber Iwan, ich will dich küssen! -Nein, mein Kind, niemand soll dir ein Härchen krümmen. Du wirst -aufwachsen zum Ruhm deines Vaterlands, wie im Sturm rasest du dereinst -vor den Kosaken dahin, mit einer Sammetmütze auf dem Kopfe und mit dem -scharfen Schwert in der Hand! Vater, reich mir die Hand! Wir wollen -vergessen, was zwischen uns vorfiel. Hab' ich dir Unrecht getan, nun so -gesteh' ich meine Schuld ein. Warum gibst du mir nicht deine Hand?« -sprach Danilo zu Katerinas Vater, der immer noch auf seinem alten Platze -dastand und dessen Gesicht weder von Zorn noch von Versöhnung sprach. - -»Vater!« rief Katerina, umarmte und küßte ihn, »laß dich erbitten. -Vergib Danilo, er wird dich nimmermehr kränken!« - -»Nur deinetwegen vergebe ich ihm, meine Tochter,« erwiderte jener, küßte -sie und seine Augen glänzten absonderlich auf. - -Katerina schrak leise zusammen: so seltsam erschien ihr der Kuß, so -seltsam der Glanz seiner Augen. Sie stützte sich mit der Hand auf den -Tisch, auf dem Pan Danilo seinen verwundeten Arm verband. Indessen sann -Danilo darüber nach, daß er falsch gehandelt, und nicht nach rechter -Kosakenart, als er um Vergebung gebeten, obwohl er sich keiner Schuld -bewußt war. - - - IV. - -Ein Tag kam herauf, doch ein Tag ohne Sonne: der Himmel war finster, und -ein feiner Regen rieselte über die Felder und Wälder und über den -breiten Dnjepr hernieder. Pani Katerina war aufgewacht, aber ihr war -nicht recht froh zumute: ihre Augen waren verweint, und sie war wirr und -ruhelos. »Geliebter Mann, teurer Mann,« sprach sie, »ich hab' einen -wunderlichen Traum geträumt!« - -»Was für einen Traum, meine liebe Pani Katerina?« - -»Mir träumte etwas so Wunderliches, und wahrlich so lebensvoll, als ob -ich wachte, mir träumte, mein eigner Vater sei jenes selbe Ungeheuer, -das wir beim Jessaul geschaut. Doch ich bitt' dich, trau' dem Traume -nicht: was träumt man nicht alles für Torheit! Mir war's, als stände ich -vor ihm und zitterte, und bei jedem Wort von ihm stöhnte es auf in -meinen Adern. O hättest du gehört, was er gesprochen ....« - -»Was sprach er denn, meine goldene Katerina?« - -»Er sprach: »Schau mich an, Katerina, ich bin schön! Zu Unrecht sagen -die Leute, daß häßlich ich sei. Doch werde ich dir ein trefflicher Mann -sein. Sieh, wie mein Auge glüht!« -- Da warf er einen flammenden Blick -auf mich, und ich schrie auf und erwachte!« - -»Ja, vieles Wahre sagen die Träume. Ist es dir auch bekannt, daß hinter -den Bergen nicht alles mehr ruhig ist? Die Polen sollen sich wieder -gezeigt haben. Gorobetz ließ mir verkünden, ich solle nicht schlafen; -doch seine Sorge ist grundlos: auch ohne dies bin ich kein Schläfer. -Meine Burschen schlugen heut Nacht zwölf Schanzen auf. Wir wollen den -Herren vom Polenreich mit Bleipflaumen aufwarten, und die Schlachzizen -sollen unter der Zuchtrute tanzen lernen!« - -»Und weiß mein Vater das?« - -»Dein Vater sitzt mir auf dem Halse! Er blieb mir ein Rätsel bis zur -Stunde. Er hat wohl viel gesündigt im fremden Lande. Wahrlich, was mag -das für einen Sinn haben -- schon einen Monat fast lebt er hier, und -noch nie war er lustig und froh, wie ein rechter Kosak! Er weigert sich, -Meth zu trinken! Hörst, Katerina, weigert sich Meth zu trinken, den ich -herausgesackt habe von den Brester Juden! Heda, Bursche!« rief Pan -Danilo, »lauf schnell in den Keller, Junge, und hol mir Judenmeth! Auch -trinkt er keinen Schnaps! Hölle und Teufel! mir scheint fast, Pani -Katerina, er glaubt wohl auch nicht an Christus, unseren Herrgott! Was -dünkt dir?« - -»Weiß Gott, was alles du sprichst, Pan Danilo!« - -»'S ist wunderlich, Pani,« fuhr Danilo fort und nahm den Tonkrug aus der -Hand des Kosaken entgegen. »Selbst die Katholiken im heidnischen Rom -sind Freunde des Schnapses. Nur die Türken trinken ihn nicht. Nun, -Stetzko, hast du im Keller tüchtig vom Meth geschluckt?« - -»Ich habe nur gekostet, Pan!« - -»Du lügst, Hundesohn! Sieh nur, wie sich die Fliegen auf deinen -Schnurrbart stürzen! Ich seh's an deinen Augen, daß du einen halben -Kübel ausgesoffen hast. Hei, ihr Kosaken! Was für ein tolles Volk seid -ihr doch! Ihr seid bereit, alles dem Freunde hinzugeben, doch wenn's -gilt zu saufen, dann schluckt ihr's selbst herunter. Ich war schon lange -nicht mehr betrunken, wie, Katerina?« - -»Ei, warum lange! Erst am letzten .....« - -»Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht! Ich trink nicht mehr, als einen -Krug! Da kommt der türkische Abt durch die Tür geschlichen!« murmelte er -durch die Zähne, als er den Schwiegervater erblickte, der sich bückte, -um durch die Tür zu kommen. - -»Nun, meine Tochter,« sagte der Vater, nahm die Mütze vom Kopf und -ordnete seinen Gürtel, an dem ein Säbel mit wundersamem Gestein hing, -»die Sonne steht schon hoch, und noch ist das Mittagsmahl nicht -bereitet.« - -»Das Mahl ist bereit, Herr Vater, bald wird es gerichtet sein! Nimm den -Topf mit den Klößen vom Feuer!« fuhr Pani Katerina zu der alten Dienerin -gewandt fort, die das Holzgerät abwischte. »Nein, warte, ich tu' es -lieber selbst, ruf mir die Burschen!« - -Alle ließen sich im Kreis auf die Erde nieder, der Vater gegenüber dem -Heiligenbild, ihm zur Linken Pan Danilo, ihm zur Rechten Pani Katerina -und zehn der allertreuesten Burschen in blauen und gelben Schupans. - -»Ich mag diese Klöße nicht!« sprach der Herr Vater; er aß nur wenig und -legte den Löffel hin, »sie schmecken nach nichts!« - -»Ich weiß, besser schmecken dir Judennudeln!« dachte Danilo bei sich. -»Warum, meinst du, die Klöße schmeckten nach nichts, Herr Schwäher?« -fuhr er laut fort. »Oder sind sie vielleicht schlecht bereitet? Meine -Katerina macht so gute Klöße, wie sie selbst der Hetman selten zu essen -bekommt. So was verschmäht man nicht: 's ist ein christlich Gericht! -Alle heiligen und gottesfürchtigen Männer haben stets Klöße gegessen!« - -Der Vater sagte kein Wort, und auch Pan Danilo verstummte. Hierauf wurde -ein gebratener Eber mit Kohl und Pflaumen gebracht. »Ich mag das -Schweinefleisch nicht!« sprach Katerinas Vater und steckte den Löffel in -den Kohl. - -»Wie kann man Schweinefleisch verschmähen?« sagte Danilo: »nur Türken -und Juden essen kein Schweinefleisch.« - -Des Vaters Stimmung wurde noch finsterer und düsterer; nichts als -Mehlbrei mit Milch aß der Alte, und statt des Schnapses trank er nur -dann und wann eine dunkle Flüssigkeit aus einer Flasche, die er im Busen -verwahrt hielt. - -Nach dem Mahl legte sich Danilo zu einem kräftigen Schläfchen nieder und -wachte erst gegen Abend auf. Er setzte sich hin, Sendbriefe zu schreiben -an das Heer der Kosaken. Pani Katerina aber saß währenddessen auf der -Ofenbank und schaukelte die Wiege mit ihrem Fuße. Pan Danilo sitzt da, -blickt mit dem linken Aug' auf die Schrift und mit dem rechten nach dem -Fenster. Und ins Fenster leuchten die Berge und glänzt der Dnjepr von -ferne herein; hinter dem Dnjepr blauen die Wälder, und von oben glimmt -der geklärte Himmel der Nacht. Doch nicht auf dem fernen Himmel noch auf -dem blauen Walde ruht Danilos Blick; er schaut nach der vorspringenden -Landzunge. Schwarz erhebt sich darauf das alte Schloß. Ihn deuchte, es -blitzte im Schlosse ein schmales Fensterchen auf. Doch alles blieb -still; gewiß hatte es ihm nur so geschienen. Unten hörte man nur den -Dnjepr dumpf rauschen und von drei Seiten das Tosen der jäh erwachten -Wogen herüber hallen. Nicht Aufruhr war's oder Empörung: der Dnjepr -murrte und grollte wie ein Greis; nichts wollte ihm gefallen, denn alles -um ihn herum war verändert; er führte einen heimlichen Krieg mit den -Bergen, den Wäldern und den Wiesen am Ufer und Klage trägt er ob ihrer -zum Schwarzen Meere hin. - -Da erschien plötzlich ein Kahn wie ein schwarzer Fleck auf dem breiten -Spiegel des Dnjepr, und im Schlosse flammte es von neuem auf. Leise -pfiff Danilo, und auf den Pfiff lief der treue Bursche herzu: »Nimm -schnell den scharfen Säbel und das Gewehr, Stetzko, und folge mir!« - -»Du gehst?« fragte Pani Katerina. - -»Ja, Frau, ich gehe. Ich muß überall hingehen, zu sehen, ob alles in -Ordnung ist.« - -»Ich fürchte mich so, allein zu bleiben. Der Schlaf kommt über mich. -Wie, wenn ich heute wieder dasselbe träumte? Ich bin nicht gewiß, ob es -auch wirklich nur ein Traum war, -- so lebendig stand alles vor mir!« - -»Die Alte bleibt bei dir, und auf der Diele und im Hof schlafen die -Kosaken!« - -»Die Alte schläft auch schon, und auf die Kosaken vertrau ich nicht -sehr. Hör, Pan Danilo: Schließ mich im Zimmer ein und nimm den Schlüssel -mit dir. Dann ist mir nicht so schrecklich zumute, und die Kosaken laß -vor der Tür schlafen.« - -»Sei's denn so,« sagte Danilo, wischte den Staub von der Flinte und -schüttete Pulver auf. - -Der treue Stetzko stand schon angekleidet da in seiner ganzen -Kosakenausrüstung. Danilo setzte die Lammfellmütze auf, machte das -Fenster zu, schob den Riegel vor die Tür, schloß sie ab und ging -zwischen den schlafenden Kosaken hindurch auf den Hof und in die Berge -hinaus. - -Der Himmel war jetzt schon fast völlig klar. Ein frischer Wind wehte -leise vom Dnjepr herüber. Und hätte man nicht von ferne den Schrei einer -Möwe gehört, so wäre alles tot und starr erschienen. Doch jetzt vernahm -man ein Rascheln ..... Burulbasch versteckte sich leise mit seinem -treuen Diener hinter dem Gestrüpp, das einen Verhau verdeckte. Vom Berge -kam jemand herabgeschritten, mit zwei Pistolen im roten Schupan, und an -der Seite den Säbel. -- »Das ist der Schwäher!« sagte Pan Danilo, -während er ihn hinterm Busch beschaute. »Wohin nur geht er zu dieser -Stunde und wozu? -- Gähne nicht, Stetzko, und gib acht, welchen Weg der -Herr Vater einschlägt!« Der Mann im roten Schupan schritt zum Ufer -hinab, machte eine Wendung und ging auf die Landzunge zu: »Ah, dahin -geht's also!« sprach Pan Danilo. »Wie, Stetzko, ist er nicht geradeswegs -in die Höhle des Zaubrers geschlichen?« - -»Ja, sicher an keinen anderen Ort, Pan Danilo, sonst würden wir ihn auf -jener Seite sehen, aber er ist vor dem Schlosse verschwunden.« - -»Halt, kriechen wir aus dem Verhau und gehen wir seinen Spuren nach. -Dahinter steckt etwas. Nein, Katerina, hab's dir wohl gleich gesagt, daß -dein Vater kein guter Mensch sei; sein Tun ist nicht das eines -Rechtgläubigen!« - -Schon standen Pan Danilo und sein getreuer Bursch auf der Landzunge. -Schon waren sie nicht mehr zu sehen, denn der dichte Wald, der das -Schloß rings umgab, ließ nichts von ihnen gewahr werden. In der Höhe -leuchtete schwach ein Fensterchen auf. Unten standen die Kosaken und -trachteten hineinzukommen: doch waren weder Tor noch Tür zu sehen; vom -Hof aus gab's sicher einen Zugang, aber wie sollte man dort hingelangen? -Von ferne hörte man Ketten rasseln und Hunde herumlaufen. - -»Was grüble ich noch lange!« sprach Pan Danilo, als er eine hohe Eiche -vor dem Fenster erblickte. »Bleib hier, mein Junge! Ich steig' auf die -Eiche: von hier aus kann ich gerad ins Fenster schauen.« - -Da nahm er seinen Gürtel ab, legte den Säbel nieder, damit er nicht -klirrte, griff in die Zweige und schwang sich hinauf. Das Fenster war -immer noch hell. Dicht davor klammerte er sich mit einer Hand, auf einem -Aste zusammengekauert, am Baum fest, und was sah er? Im Zimmer brannte -kein Licht, doch es leuchtete ganz. Die Wände waren mit wunderlichen -Zeichen bedeckt und mit Waffen behängt; doch war es höchst seltsames -Gewaffen: solches tragen weder die Türken noch die Bewohner der Krim, -weder Polen noch Christen, noch das wackere Schwedenvolk. Unter der -Decke flogen Fledermäuse hin und her, und ihr Schatten huschte über die -Wände, die Türen und die Diele. Doch da öffnete sich ganz leise und ohne -zu knarren die Tür. Ein Mann im roten Schupan trat herein und ging -geradewegs auf den Tisch zu, der mit einem weißen Tuche bedeckt war. »Er -ist's! Es ist der Schwiegervater!« Pan Danilo kauerte sich noch mehr -zusammen und drückte sich noch fester an den Baumstamm. - -Doch der Schwiegervater hatte nicht Zeit darnach zu sehen, ob ihm jemand -ins Fenster guckte oder nicht. Finster trat er herein und zornig riß er -die Decke vom Tisch herab -- und plötzlich ergoß sich fast unmerklich -ein blau durchsichtiges Licht übers Zimmer, und nur die Wellen des alten -bleichgoldigen Lichtes, die sich noch nicht mit dem neuen vermischt -hatten, fluteten auf und ab wie ein azurenes Meer und zogen sich, wie -ein buntscheinendes Aderngeflecht im Marmor, durch die Luft. Da stellte -er einen Topf auf den Tisch und begann Kräuter hineinzuwerfen. - -Pan Danilo sah genauer hin, doch jetzt gewahrte er schon den roten -Schupan nicht mehr; statt dessen hatte jener weite Pluderhosen an, wie -sie die Türken tragen, in seinem Gürtel steckten Pistolen, und auf dem -Kopfe hatte er eine wunderliche Mütze, ganz mit Zeichen bemalt, die aber -weder dem russischen, noch dem polnischen Alphabet angehörten. Er sah -ihm ins Antlitz -- und auch das Gesicht begann sich zu verwandeln: die -Nase fing an sich zu dehnen und hing ihm bald über die Lippe herüber; -der Mund breitete sich bis an die Ohren, ein Hauer kroch aus ihm hervor -und bog sich zur Seite -- vor ihm stand derselbe Zauberer, der einst -beim Jessaul auf der Hochzeit erschienen war. »Dein Traum ist wahr, -Katerina!« dachte Burulbasch. - -Der Zauberer fing an, den Tisch schneller zu umkreisen, die Zeichen an -der Wand begannen sich rascher zu ändern und Fledermäuse flatterten -wilder herauf und herab, hin und her. Das blaue Licht ward milder und -milder und schien ganz zu verlöschen. Und schon hellte die Kammer sich -auf von sanft rosigem Licht. Wie ein zarter Klang, so floß das -wundersame Licht in alle Winkel, doch plötzlich schwand es dahin, und es -wurde ganz dunkel. Nur ein Geräusch war noch zu hören, wie wenn zur -stillen Abendstunde der Wind kreisend auf dem Wasserspiegel spielt und -die Silberweiden noch tiefer zum Wasser biegt. Und Pan Danilo ist's, als -ob im Gemach ein Mond aufglänzte, Sterne auf und ab wandelten und ein -dunkelblauer Himmel darüber aufleuchtete, ja sogar die Kühle der -Nachtluft hauchte ihm ins Gesicht. Dann aber ist's Pan Danilo plötzlich -so (er zupfte sich gar am Schnurrbart, ob er nicht schliefe), als breite -sich im Gemach schon kein Himmel mehr aus, sondern als sei dies seine -eigene Schlafkammer: an den Wänden hängen seine Säbel von Tataren und -Türken; längs der Wände Bretter mit allerhand Geschirr und Hausgeräten; -auf dem Tische Brot und Salz, und dort hängt die Wiege. Doch statt der -Heiligen blickten schreckliche Larven aus den Bilderrahmen hervor, und -auf der Ofenbank ..... aber nun sank ein Nebel hernieder und legte sich -auf alles, und es wurde wieder dunkel. Und wieder erfüllt sich der Raum -in wunderbarem Klingen mit rosigem Lichte und wieder steht der Zauberer -regungslos da in seinem sonderbaren Turban. Die Klänge werden immer -stärker und tiefer, das sanfte Rosenlicht wird immer heller, und etwas -wie eine weiße Wolke strich durch das Zimmer. Und es kam Pan Danilo so -vor, als sei die Wolke keine Wolke, sondern eine Frau; doch was war das, -war sie gar aus Luft gewebt? Wie stand sie denn da, ohne die Erde zu -berühren? Sie stützte sich auf nichts, und das rosige Licht und die -Zeichen an der Wand schimmerten durch sie hindurch. Doch jetzt bewegte -sie den durchsichtigen Kopf: die blaßblauen Augen leuchteten still auf, -das Haar fiel ihr kraus wie ein fahlgrauer Nebel über die Schultern, ein -blasses Rot färbte ihre Lippen, wie wenn in der Frühe das junge -Morgenrot kümmerlich durch den bleichen durchsichtigen Himmel -hindurchschimmert, ganz wie ein schwacher Schatten leuchteten ihre -Brauen. »Ah! es ist Katerina.« Und Danilo fühlte, wie ihm die Glieder -erstarrten; er wollte sprechen, doch seine Lippen bewegten sich lautlos. - -Der Zauberer stand regungslos auf seinem Platze. »Wo bist du gewesen?« -fragte er, und sie, die vor ihm stand, erschauerte. - -»Oh, warum hast du mich gerufen?« stöhnte sie leise. »Ich war so froh. -Ich befand mich an jenem Ort, wo ich geboren ward, und ich lebte -fünfzehn Jahre lang dort. O, wie herrlich ist's da! Wie grün und duftig -ist diese Wiese, auf der ich in meiner Kindheit spielte! Auch die -Feldblümelein sind noch dieselben, und das Haus und der Garten auch! Wie -zärtlich umarmte mich die gute Mutter! Wieviel Liebe ist in ihren Augen! -Sie hat mich geherzt und auf Wange und Mund geküßt und meine blonden -Flechten mit dem dichten Kamme gekämmt. Vater!« Sie heftete ihre -bleichen Augen auf den Zauberer. »Warum hast du meine Mutter ermordet?« - -Der Zauberer drohte zornig mit dem Finger. »Hab' ich verlangt, du -sollest davon sprechen?« Und die aus Luft gewobene Schöne erbebte. - -»Wo ist deine Herrin jetzt?« - -»Meine Herrin, Pani Katerina, ist jetzt eingeschlafen. Ich freute mich -des, flatterte empor und flog von hinnen. Ich wollte meine Mutter schon -lang wieder sehen. Auf einmal war ich wieder fünfzehn Jahre alt und so -leicht wie ein Vogel. Warum hast du mich gerufen?« - -»Denkst du noch an all das, was ich dir gestern gesagt?« fragte der -Zauberer so leise, daß man's kaum hören konnte. - -»Gewiß denk' ich dran, gewiß. Aber was würd' ich darum geben, es zu -vergessen. Arme Katerina! Sie weiß gar manches von dem nicht, was ihre -Seele weiß.« - -»Das ist die Seele Katerinas!« dachte Pan Danilo, aber er wagte es noch -immer nicht, sich zu bewegen. - -»Tu Buße, Vater! Ist's dir denn nicht fürchterlich, wenn nach jedem -deiner Morde die Toten aus den Gräbern steigen?« - -»Schon wieder die alten Reden!« unterbrach sie der Zauberer streng »Ich -setz' meinen Willen durch, ich werde dich zwingen, mir zu gehorchen. -Katerina wird mich lieben lernen!« - -»Oh, ein Ungeheuer bist du, du bist nicht mein Vater!« stöhnte sie auf. -»Nein, nicht sei es so, wie du willst! Hast dir freilich mit unreinen -Zauberkünsten die Macht erworben, meine Seele heraufzubeschwören und sie -zu martern. Doch Gott allein kann sie zwingen, ihm den Willen zu tun. -Nein, nie wird Katerina, solange ich in ihr lebe, die gottverfluchte Tat -vollbringen. O, Vater! Das jüngste Gericht ist nahe! Und wärst du auch -nicht mein Vater, nie würdest du mich zwingen können, meinen treuen, -geliebten Gatten zu betrügen. Ja, wär' mir mein Gemahl auch nicht so -lieb und so treu, ich würd' ihn dennoch nie betrügen; denn Gott liebt -die meineidigen und treulosen Seelen nicht!« - -Da heftete sie ihre bleichen Augen auf das Fenster, vor dem Pan Danilo -saß, und hielt starr inne .... - -»Wohin blickst du? Was siehst du dort?« schrie der Zauberer auf. - -Die luftgewobene Katerina erzitterte. Aber Pan Danilo war schon längst -wieder unten auf der Erde und zog mit seinem getreuen Stetzko in die -Berge. - -»Furchtbar, furchtbar!« sprach er bei sich selber und Angst umfing sein -Kosakenherz. - -Bald war er wieder auf seinem Hofe, wo die Kosaken noch immer fest -schliefen; nur der eine saß da, hielt Wache und rauchte sein Pfeifchen. - -Der Himmel war ganz mit Sternen besät. - - - V. - -»Wie gut tatest du, daß du mich wecktest!« sprach Katerina, und während -sie sich mit dem gestickten Ärmel ihres Hemdes die Augen rieb, -betrachtete sie ihren Mann, der vor ihr stand, vom Kopf bis zu Füßen. -»Welch schrecklichen Traum ich gehabt! Wie schwer atmete meine Brust! -Oh! .... mir war's als stürbe ich ....« - -»Was war das für ein Traum? Vielleicht dieser?« und Burulbasch erzählte -seinem Weibe alles, was er geschaut. - -»Wie konntest du das nur erfahren, mein Gemahl?« fragte Katerina -erstaunt. »Doch, nein. Gar vieles, was du erzählt hast, ward mit nicht -bekannt. Nein, mir hat nicht geträumt, der Vater habe meine Mutter -getötet; auch hab' ich keine Toten gesehen, ich habe nichts gesehen. -Nein, Danilo, es war ganz anders, wie du's erzählst. O, wie furchtbar -ist doch mein Vater!« - -»Das ist fürwahr auch kein Wunder, daß du gar vieles davon nicht sahest! -Du weißt doch nicht den zehnten Teil von dem, was deine Seele weiß. -Weißt du -- dein Vater -- das ist der Antichrist! Erst im vorigen Jahr, -als ich mich mit den Polen zum Feldzug in die Krim aufmachte (damals -hielt ich's noch mit diesem Heidenvolk), da hat der Abt des -Bruderklosters zu mir gesagt (und das ist ein heiliger Mann, Weib!), der -Antichrist habe die Macht, jedes Menschen Seele zu beschwören; die -lustwandle dann nach eigenem Willen, wenn er einschläft, und fliege -zusammen mit den Erzengeln um Gottes Gemach herum. Schon auf den ersten -Blick wollt' mir deines Vaters Gesicht nicht recht gefallen. Hätt' ich -geahnt, daß du solch einen Vater hast, nie hätt' ich mich mit dir -vermählt; ich hätt' dich verlassen und der Seele nimmer die Sünde -aufgebürdet, mich der Sippe des Antichrist zu verschwägern.« - -»Danilo!« rief Katerina, verbarg ihr Gesicht in den Händen und -schluchzte auf. »Hab' ich je eine Schuld gegen dich auf mich geladen? -Ward ich dir je untreu, geliebter Gemahl? Womit hab' ich deinen Zorn auf -mich gelenkt? Hab' ich dir nicht treu gedient? Hab' ich denn je ein -widriges Wort gesprochen, wenn du angezecht vom lustigen Schmaus -heimkamst? Gebar ich dir nicht einen schwarzbrauigen Sohn? ...« - -»Weine nicht, Katerina, jetzt kenne ich dich, und ich werde dich nie -verlassen. Alle Sünden liegen bei deinem Vater!« - -»Nein, nenne ihn nicht meinen Vater! Er ist nicht mein Vater! Gott ist -mein Zeuge, ich sage mich von ihm los! Er ist der Antichrist und ein -Gottesverächter! Mag er verderben, mag er ersaufen, nie biet' ich die -Hand ihm zur Rettung. Und wenn er dahinsiecht an einem todbringenden -Kraut, so will ich ihm kein Wasser zum Trinken reichen. _Du_ bist mir -mein Vater!« - - - VI. - -In Pan Danilos tiefem Verließe sitzt der Zauberer in eiserne Ketten -geschmiedet; fern über dem Dnjepr brennt sein satanisches Schloß, und -blutrote Wellen gurgeln und lecken an den uralten Mauern empor. Nicht -wegen Hexerei, noch um gottwidrige Taten sitzt der Zauberer im tiefen -Verließ: die richtet nur Gott; um eines geheimen Verrates willen sitzt -er dort, und wegen seines Bundes mit den Feinden des rechtgläubigen -Russenlands -- den er mit den Römlingen eingegangen, um ihnen das -ukrainische Volk zu verschachern und die christlichen Kirchen -niederzubrennen. Gar finster und grimmig ist der Zauberer; -nachtschwarzes Sinnen zieht durch seinen Kopf; nur ein Tag noch bleibt -ihm zu leben, und morgen gilt's, Abschied zu nehmen von der Welt: morgen -erwartet ihn Tod. Kein leichter Tod wartet auf ihn: es ginge noch gnädig -ab, wenn er lebendig im Kessel gekocht oder wenn ihm die sündhafte Haut -abgezogen würde. Düster und grimmig ist der Zauberer, und er läßt den -Kopf hängen. Vielleicht geht er vor seiner Sterbestunde noch in sich; -doch sind seine Sünden nicht so, daß Gott ihm verzeihen könnte. Hoch -oben vor ihm ist ein schmales Fenster, das Eisenstäbe vergittern. Mit -seinen klirrenden Ketten hat er sich bis zum Fenster emporgehoben, um zu -schauen, ob seine Tochter nicht vorbeiginge. Sie ist mild wie ein -Täubchen und nicht rachesüchtig. Würde sie sich nicht des Vaters -erbarmen? ... Aber es war niemand da. Tief unten zieht der Weg sich hin, -aber niemand wandert auf ihm. Und tiefer noch zieht der Dnjepr vorbei; -aber der achtet auf niemand: er tost dahin, und schmerzlich ist's dem -Gefesselten, seinem dumpfen Rauschen zu lauschen. - -Da erschien jemand auf dem Wege -- es war ein Kosak! Schwer seufzte der -Gefangene auf, und wieder ward alles tot und leer. Doch dort in der -Ferne kam jemand herab ...... Ein grüner Überwurf flatterte empor, ein -goldener Kopfschmuck glänzte auf dem Haupte. Das war _sie_! Noch enger -preßte er sich ans Fenster. Sie kam näher und immer näher ... - -»Katerina! Meine Tochter, erbarme dich! Hab' Mitleid mit mir! .......« - -Aber sie blieb stumm, sie wollte ihn nicht hören. Sie wendete nicht -einmal die Augen nach dem Gefängnis, und schon war sie vorbei und wieder -verschwunden. Leer wird die Welt, wehmütig rauscht der Dnjepr; -hoffnungslose Trauer und Wehmut umfängt das Herz; aber wußte wohl der -Zauberer, was Wehmut ist? - -Der Tag ging zur Neige. Schon sank die Sonne hinab, schon ist sie nicht -mehr. Schon war es Abend. Kühl ward es, irgendwo brüllte ein Stier, von -irgendwo tönten verwehte Klänge herüber; sicherlich kamen jetzt die -Menschen von ihrer Arbeit, um auszuruhen und fröhlich zu sein: über den -Dnjepr glitt ein Kahn ...... aber wer kümmerte sich um den Gefangenen? -Die silberne Sichel leuchtet am Himmel auf; da schreitet jemand von der -anderen Seite den Weg empor; schwer war's, im Dunkeln zu erkennen, wer -das war: Es war Katerina, die jetzt zurückkehrte. - -»In Christi Namen, Tochter! Selbst das grausame Junge des Wolfes -zerfleischt seine Mutter nicht! Tochter, so wirf doch nur einen Blick -auf deinen sündigen Vater!« - -Aber sie hörte ihn nicht und ging weiter. - -»Tochter, im Namen deiner unglücklichen Mutter ...« Sie blieb stehen. - -»Komm und vernimm mein letztes Wort!« - -»Wozu rufst du mich, Gottesverächter? Nenn' mich nicht Tochter! Zwischen -uns ist keine Verwandtschaft! Was willst du von mir im Namen meiner -unglücklichen Mutter?« - -»Katerina, mein Ende ist nahe! Ich weiß, dein Mann gedenkt, mich an den -Schweif eines Rosses zu binden und übers Feld zu schleifen, oder -vielleicht erfindet er einen noch grauenvolleren Tod für mich ...« - -»Gibt es denn auf der Welt einen Tod, der deinen Sünden gleichkommt? -Mach dich darauf gefaßt, für dich wird niemand bitten!« - -»Katerina, mich schreckt nicht der Tod, mich schrecken die Qualen in -_jener_ Welt! ...... _Du_ bist frei von Schuld, Katerina: deine Seele -wird im Paradies in Gottes Nähe weilen, aber die Seele deines gottlosen -Vaters wird im ewigen Feuer brennen, und nimmer wird dieses Feuer -erlöschen, nur noch höher und höher wird es emporlodern. Kein Tautropfen -wird auf ihn herabfallen, und kein Wind wird ins Feuer hauchen.« - -»Ich habe nicht die Macht, deine Strafe durch Gebet zu mindern!« sprach -Katerina und wandte sich ab. - -»Katerina, warte, noch ein Wort: Du kannst meine Seele erretten. Du -weißt noch nicht, wie gut und gnädig Gott ist. Hast du je vom Apostel -Paulus gehört, der voller Sünden war und dann in sich ging -- und ein -Heiliger wurde?« - -»Was kann ich tun, deine Seele zu retten?« sprach Katerina. »Sollte ich, -ein schwaches Weib, daran denken können?« - -»Wenn es mir gelänge, von hier zu entfliehen, so würde ich mein ganzes -altes Leben aufgeben! Ich würde Buße tun, in die Wüste gehen, ein -härenes Hemd anlegen und Tag und Nacht beten! Ja, nicht einmal -Fastenkost und keinen Fisch soll mein Mund mehr berühren! Kein Gewand -breit' ich mir hin, wenn ich mich zum Schlaf niederlege! Und immer nur -werde ich beten und beten! Und wenn Gottes Gnade auch nicht den -hundertsten Teil meiner Sünden von mir nimmt, dann will ich mich bis an -den Hals in die Erde vergraben oder eine Wand von Stein um mich -aufmauern, nicht Speise noch Trank will ich mehr zu mir nehmen und -sterben, und all mein Hab und Gut will ich den Mönchen vermachen, auf -daß sie vierzig Tage und vierzig Nächte lang Seelenmessen für mich -lesen!« - -Katerina sann nach. »Selbst wenn ich dir das Tor aufschlösse, ich kann -dir doch die Ketten nicht aufschmieden!« - -»Die Ketten fürchte ich nicht. Du meinst wohl, sie hätten mir Hände und -Füße zusammengeschmiedet? O nein, ich senkte Nebel auf die Augen der -Menschen und hielt ihnen statt der Hände ein trockenes Holz hin. Schau, -hier bin ich: jetzt trag' ich keine Kette mehr!« sagte er und trat frei -in die Mitte des Raumes. »Ich hätte ja auch die Wände nimmer gefürchtet -und wäre hindurchgeschritten; aber dein Mann weiß nicht, was das hier -für Mauern sind: Ein heiliger Anachoret hat sie einst errichtet und -keine unreine Macht ist imstande, den Gefangenen zu befreien, ohne die -Zelle mit jenem Schlüssel aufzuschließen, mit dem der Heilige sie -verschloß. Solch eine Zelle will ich, schrecklichster aller Sünder, auch -mir erbauen, wenn ich nur frei bin!« - -»Nun wohl, so höre: ich lass' dich hinaus, doch, wie wenn du mich -trügst,« sprach Katerina und blieb vor der Tür starr stehen. »Wenn du, -statt in dich zu gehen, wieder des Teufels Bruder wirst?« - -»Nein, Katerina, ich hab' nicht mehr lange zu leben; auch ohne diese -Marter ist mein Ende nahe. Glaubst du denn, daß ich mich selbst zu -ewigen Qualen verurteilen will?« - -Die Schlösser klirrten. »Leb' wohl, der barmherzige Gott behüte dich, -mein Kind!« sprach der Zauberer und küßte sie. - -»Rühr mich nicht an, schrecklichster aller Sünder! Geh schnell von -hinnen!« rief Katerina. - -Doch er war schon verschwunden. - -»Ich hab' ihn befreit!« flüsterte sie und blickte voller Schrecken wie -irr auf die Mauern. »Was soll ich jetzt meinem Manne sagen? Ich bin -verloren! Ich kann mich nur noch lebendig ins Grab legen.« Und sie sank -schluchzend auf den Klotz, auf dem der Gefangene gesessen hatte. »Aber -ich habe eine Seele gerettet!« sagte sie leise. »Ich tat ein Gott -wohlgefälliges Werk. Jedoch mein Mann ...... Ich hab' ihn zum ersten -Male betrogen. O, wie furchtbar, wie schwer wird mir's werden, ihm die -Unwahrheit zu sagen! Da kommt jemand! O, _er_ ist es! es ist mein Mann!« -rief sie verzweifelt, und besinnungslos fiel sie zu Boden. - - - VII. - -»Ich bin's, meine liebe Tochter, ich bin's, mein Herzchen!« hörte -Katerina jemand sagen, als sie wieder zu sich kam; sie sah ihre alte -Dienerin vor sich. Die Alte beugte sich über sie, schien ihr etwas -zuzuflüstern, und ihre vertrocknete Hand bespritzte sie mit kaltem -Wasser. - -»Wo bin ich?« sagte Katerina, indem sie aufstand und um sich blickte. -»Vor mir rauscht der Dnjepr und hinter mir liegen die Berge ... Wohin -hast du mich geführt, Weib?« - -»Ich hab' dich nicht weggeführt, sondern hinausgetragen; auf meinen -Armen trug ich dich aus dem dumpfen Gewölbe. Ich habe die Tür mit dem -Schlüsselchen zugeschlossen, damit dich Pan Danilo nicht findet und -bestraft!« - -»Wo ist der Schlüssel?« sprach Katerina und blickte auf ihren Gürtel, -»ich seh' ihn nicht!« - -»Dein Mann hat ihn abgebunden, um nach dem Zauberer zu sehen, mein -Kind!« - -»Um nach ihm zu sehen? .... Weib, ich bin verloren!« rief Katerina. - -»Davor mag Gott uns bewahren, mein Kind! Schweig du nur, liebe Herrin. -Niemand wird etwas erfahren!« - -»Er ist entflohen, der verfluchte Antichrist! Hast du gehört, Katerina? -Er ist entflohen!« rief Pan Danilo, der auf seine Frau zutrat. Seine -Augen sprühten Feuer, und sein Säbel schüttelte sich klirrend an seiner -Seite. Sein Weib erstarrte. - -»Es hat ihn wohl jemand befreit, lieber Mann?« sprach sie zitternd. - -»Befreit! Du hast recht. Aber der Teufel hat ihn befreit. Schau hin! -Statt seiner liegt ein in Eisen geschmiedeter Klotz da. Gott hat's nun -einmal so eingerichtet, daß der Teufel sich nicht vor Kosakenfäusten -fürchtet! Wenn einer von meinen Kosaken auch nur von fern daran gedacht -haben sollte, und ich erfahre es ..... O, ich würde keine Strafe -ausdenken können, die schwer genug für ihn wäre!« - -»Und wenn ich es wäre?« sprach Katerina unwillkürlich und hielt -erschrocken inne. - -»Wenn du's getan hättest, so wärest du mein Weib nicht mehr! Ich würde -dich in einen Sack einnähen lassen und mitten im Dnjepr ertränken! ....« - -Katerina stockte der Atem und ihr war, als lösten sich ihr die Haare vom -Haupte. - - - VIII. - -In einer Schänke am Grenzwege sind die Polen versammelt und zechen schon -zwei Tage lang. Nicht wenig Gesindel sitzt da beisammen. Sie sind wohl -zusammengekommen, um einen Überfall auszuhecken! Manche von ihnen haben -Musketen, die Sporen klirren und die Säbel rasseln. Die polnischen -Herren sind lustig, schneiden auf und reden prahlerisch von unerhörten -Taten, sie spotten über den rechten Glauben, nennen das Volk der Ukraine -ihre »Knechte«, zwirbeln stolz den Schnurrbart in die Höhe, und mit -hochmütig zurückgeworfenen Köpfen recken sie sich auf den Bänken. Auch -ihr Priester ist bei ihnen; doch auch der ist vom selben Schlage wie -sie. Er gleicht nicht einmal dem Äußern nach einem christlichen -Priester, denn er schmaust und zecht mit ihnen, und seine unreine Zunge -führt unzüchtige Reden. Auch das Gesinde gibt ihnen in nichts nach: sie -haben die Ärmel der schäbigen Schupans aufgestreift und stolzieren so -aufrecht einher, als wären sie was Rechtes! Sie spielen und hauen -einander mit den Karten auf die Nasen. Dann haben sie fremde Weiber bei -sich und das gibt ein Geschrei und ein Raufen! ... Die polnischen Herren -toben nur so und treiben Schabernack mit den Leuten; sie packen einen -Juden am Bart, malen ihm ein Kreuz auf seine gottlose Stirn, schießen -mit blind geladenen Pistolen nach dem Weibsvolk und tanzen einen -Krakowiak mit ihrem schändlichen Priester. Gab's doch nicht einmal von -den Tataren solch Ärgernis im russischen Lande: Gott hat es ihm wohl -beschieden, solche Schmach für seine Sünden zu erdulden. Und mitten in -diesem Sodom hört man sie vom Gutshof des Pan Danilo am Dnjepr und von -seinem schönen Weibe sprechen ..... Wahrlich, nichts Gutes sinnt die -Rotte, die hier versammelt ist! - - - IX. - -Pan Danilo sitzt in seiner Stube am Tisch, das Haupt auf den Ellenbogen -gestützt, und sinnt nach. Auf der Ofenbank aber sitzt Pani Katerina und -singt ein Lied. - -»Mir ist so traurig zumute, Weib!« spricht Pan Danilo, »der Kopf tut mir -weh und das Herze auch. Es lastet etwas auf mir! Mein Tod ist wohl nicht -mehr fern.« - -»O, mein herzliebster Gemahl, neig deinen Kopf zu mir her! Warum hegst -du so schwarze Gedanken in deiner Brust?« dachte Katerina, wagte es aber -nicht auszusprechen. Ihr, der Schuldbewußten, wurde es schwer, des -Mannes Liebkosungen entgegenzunehmen. - -»Hör, liebes Weib!« sagte Danilo, »verlaß meinen Sohn nicht, wenn ich -einst tot bin! Gott wird kein Glück auf dich herabsenden, weder in -dieser, noch in jener Welt, wenn du ihn von dir stößt. Schwer würde es -meinen Knochen werden, in der feuchten Erde zu verfaulen, und noch -trauriger wär' meine Seele!« - -»Was sprichst du, mein Gemahl? Warst du es nicht, der uns schwache -Frauen einst auslachte? Und jetzt redest du selbst wie ein schwaches -Weib. Du wirst noch lange leben!« - -»Nein, Katerina, meine Seele ahnt schon den nahen Tod. Es wird so -traurig in der Welt und schlimme Zeiten brechen an. Oh! ich besinne mich -wohl auf die vergangenen Jahre; die kehren wohl nimmer wieder! Damals -war noch der alte Konaschewitsch am Leben, der Ruhm und die Ehr' unseres -Heeres! Und all die Kosakenregimenter ziehen wieder an meinen Augen -vorüber. Ja, es war eine goldene Zeit, Katerina! Der alte Hetman saß auf -seinem Rappen und in seiner Hand glänzte der Hetmansstab; rings um ihn -standen die Führer, und auf den Seiten wogte das rote Meer der -Saporoger. Und wenn der Hetman zu sprechen begann, dann stand alles da -wie erstarrt. Der Alte weinte, als er der früheren Taten und Gefechte -gedachte. Ach, wenn du wüßtest, Katerina, wie wir damals uns mit den -Türken schlugen: Noch heute sieht man die Narbe auf meinem Haupte. Vier -Kugeln durchbohrten mich an vier Stellen, und keine der Wunden ist je -vollständig geheilt. O, wieviel Gold wir damals erbeuteten, und die -Edelsteine schöpften die Kosaken wie Wasser mit ihren Mützen. Und was -für Pferde, wenn du wüßtest, was für Pferde wir damals raubten, -Katerina! Nein, solche Kriege erleb' ich nie wieder! Noch bin ich ja -nicht alt, ich bin noch rüstig, doch das Kosakenschwert entsinkt meiner -Hand, ich lebe tatenlos dahin und weiß selbst nicht, wozu ich lebe. In -der Ukraine herrscht keine Ordnung mehr: die Feldherrn und Jessauls -beißen sich herum wie die Hunde; 's ist keiner da, dem alle gehorchten -und der ihr Haupt wäre. Unsere Schlachzizen haben alles geändert und -polnische Sitten eingeführt, sie sind so schlau und so tückisch geworden -und haben ihre Seelen verkauft, indem sie die Union annahmen und einen -Bund mit dem Papst schlossen. Die Juden knechten das arme Volk. O -Zeiten, Zeiten, vergangene Zeiten! Wo seid ihr geblieben, ihr, meine -vergangenen Jahre? Geh ins Gewölbe hinab, Bursch, und hol mir einen Krug -mit Meth! Ich will trinken auf unser altes Leben und die vergangenen -Zeiten!« - -»Womit sollen wir die Gäste empfangen, Pan? Die Polen kommen von der -Wiese her!« rief Stetzko, der in diesem Augenblick ins Zimmer -hereinstürzte. - -»Ich weiß wohl, wozu sie kommen!« sprach Danilo, sich von seinem Platze -erhebend. »Sattelt die Pferde, meine treuen Knechte! Schirrt sie rasch -an und heraus mit den Säbeln! Vergeßt auch die blauen Bohnen nicht! Die -Gäste sollen mit Ehren empfangen werden!« - -Kaum hatten die Kosaken ihre Pferde bestiegen und die Musketen geladen, -da überschwemmten die Polen schon den Berg wie Laub, das im Herbst von -den Bäumen fällt. - -»Hehe, da gibt's eine feine Gesellschaft!« rief Danilo und blickte auf -die dicken Pans, die sich würdevoll auf ihren goldgeschirrten Rossen -schaukelten. »Wohl denn, so werden wir uns einmal noch herrlich tummeln! -Freu dich zum letzten Male, Kosakenseele. Wohlauf, ihr Burschen, das -Fest hat begonnen!« - -Und auf den Bergen ward es fröhlich, und das Fest hub an: da schwirren -die Säbel, da fliegen die Kugeln, da wiehern und trampeln die Pferde. -Die Schädel dröhnen vom Rufen und Schreien, und der Rauch blendet die -Augen. Alles geht wild durcheinander, aber der Kosak ahnt wohl, wo -Freund und Feind ist. Eine Kugel kommt gepfiffen, und ein tapferer -Reitersmann stürzt vom Roß; ein Säbel klirrt -- und ein Kopf wälzt sich, -zusammenhanglose Reden lallend, am Boden. - -Aber mitten im Haufen, da sieht man die rote Kosakenmütze des Pan -Danilo, und wie ein Blitz trifft das Auge das Gefunkel des goldenen -Gürtels auf dem blanken Schupan; wie ein Wirbelwind flattert die Mähne -des Rapphengstes daher; gleich einem Vogel eilt er bald hier hin, bald -dort hin, schreit laut auf, schwenkt den Damaszener-Säbel und schlägt -rechts und links um sich. Hau zu, Kosak! Frisch drauf und los, Kosak! -Erfreu dein mutiges Herz, aber verguck dich nicht in das Gold der -Gespanne und Schupans; tritt Gold und Edelsteine mit den Füßen! Stich -zu, Kosak! Frisch drauf los, Kosak! Aber sieh dich nicht um: schon -stecken die frevelnden Polen die Hütten in Brand und treiben das -ängstliche Vieh fort. Wie ein Sturm wirbelt Pan Danilo zurück, die Mütze -mit dem roten Dach blitzt schon dicht neben den Häusern auf, und rings -um ihn wird der Haufen geringer. - -Nicht nur eine Stunde oder zwei kämpften die Kosaken und Polen. Immer -weniger wurden ihrer auf beiden Seiten; doch Pan Danilo ermattete nicht: -mit seiner langen Lanze hob er die Feinde aus dem Sattel, und trat mit -seinem tapferen Roß das Fußvolk nieder. Schon leert sich der Hof, schon -fliehen die Polen, schon reißen die Kosaken die goldenen Schupans und -die reiche Rüstung von den Gefallenen herab. Schon will Pan Danilo zur -Verfolgung aufbrechen, schon blickt er sich um, die Seinen zu sammeln -..... doch da kocht in ihm die Wut, vor ihm taucht Katerinas Vater auf. -Nun steht er auf dem Berge und zielt mit seiner Muskete nach ihm. Danilo -treibt sein Pferd grad auf ihn los .... Kosak, du eilst ins Verderben! -Da kracht die Muskete, und der Zauberer ist hinter dem Berge -verschwunden. Nur der getreue Stetzko hat noch gesehen, wie das rote -Gewand und die seltsame Mütze im Husch vorbeiflogen. Danilo schwankt und -stürzt zu Boden. Der treue Stetzko eilte zu seinem Pan: sein Herr liegt -ausgestreckt auf der Erde, und hat die hellen Augen geschlossen, und das -hellrote Blut quillt aus seiner Brust. Aber er erkannte den treuen -Diener noch, leis hob er die Lider und blitzte ihn mit den Augen an: -»Leb wohl, mein Stetzko! Sag Katerina, sie soll meinen Sohn nicht -verlassen! Verlaßt auch ihr ihn nicht, ihr meine treuen Diener!« und er -verstummte. Die tapfere Kosakenseele war aus dem adligen Leibe -entflohen; blau sind seine Lippen, der Kosak schläft einen Schlaf, aus -dem es kein Erwachen gibt. - -Da schluchzte der getreue Diener auf und winkte Katerina mit der Hand: -»Komm, komm schnell herbei, Pani! Dein Pan hat ausgetobt; sieh, da liegt -er, trunken auf feuchtem Erdreich; nimmer wird der aus seinem Rausche -erwachen!« - -Da schlug Katerina die Hände zusammen und sank über den Leichnam hin wie -eine Garbe. »O mein Gemahl, du mein Gemahl! Bist du's, der geschlossenen -Auges daliegt? Steh auf, mein herzallerliebster Falke, rühr deine süße -Hand! Erhebe dich doch! O, schau sie nur einmal noch an, deine Katerina, -reg deine Lippen und sprich nur ein einziges Wörtlein! ... Doch ach, du -schweigst, du schweigst, mein lieber herrlicher Pan! Bläulich wardst du -wie das Schwarze Meer, und dein Herz schlägt nicht! Warum bist du so -kalt, mein Pan? O, ich seh's, meine Tränen sind nicht heiß genug, sie -können dich nicht erwärmen! Ich seh's, nicht laut genug ist meine Klage, -denn sie kann dich nicht erwecken! Wer wird jetzt deine Heere anführen? -Wer wird nun auf deinem Rappen dahinjagen und laut jauchzend vor den -Kosaken den Säbel schwingen? Kosaken, Kosaken! Wo ist eure Ehre und euer -Ruhm? Da liegt eure Ehre und euer Ruhm geschlossenen Augs auf der -feuchten Erde. O, begrabt nun auch mich, begrabt mich zusammen mit ihm! -Streut mir Erde auf die Augen, preßt die Bretter von Ahorn mir auf die -weißen Brüste! Ich brauche meine Schönheit nicht mehr!« - -Und Katerina weinte und klagte bitterlich, da aber steigt eine -Staubwolke in der Ferne auf: Gorobetz, der alte Jessaul, sprengt zu -Hilfe heran. - - - X. - -Voller Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter, wenn er frei und -ungehemmt durch Gebirg und Wälder seine reichen Wasser trägt. Da ertönt -kein leises Rauschen und kein mächtiger Donnerlaut. Du blickst hin und -weißt es kaum, ob sich sein hehrer breiter Rücken regt, ob nicht; ganz -aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer Spiegelweg windet -sich, breit ohne Maßen, lang ohn' Ende, in verschlungenen Bahnen durch -die grüne Welt. Dann blickt auch die heiße Sonne selig von der Höhe -herab und taucht ihre Strahlen in die kühlen gläsernen Wässer, und selig -spiegeln sich die Wälder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr -Grüngelockten! Ihr drängt euch mit den Feldblumen zum Wasser hin, beugt -euch hinab, schaut hinein und könnt euch nicht satt sehen an eurem -klaren Angesicht und ihr lächelt ihm zu und grüßt es, indem ihr die -Zweige schüttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch nicht zu -blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und der blaue Himmel, und -selten nur kommt ein Vogel bis mitten über den Dnjepr geflogen. O, du -herrlicher Fluß! Kein Strom in der Welt kommt dir gleich. Voller Wunder -ist auch der Dnjepr in einer stillen Sommernacht, wenn alles in -Schlummer sinkt: Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt -majestätisch auf Himmel und Erde und schüttelt gewaltig sein wunderbares -Ornat. Und von dem Kleide regnen Sterne herab; die Sterne aber glühen -und leuchten über die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr wieder. Der -Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen Schoße, und kein einziger kann -ihm entrinnen -- es sei denn, daß er am Himmel erlischt. Der schwarze -Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben und die in grauer Urzeit -geborstenen Berge beugen sich vor und suchen ihn wenigstens mit ihren -langen Schatten zu bedecken -- vergebens! Es gibt nichts auf der Welt, -das den Dnjepr überdecken könnte. Azurblau fließt er gemessen dahin, und -bei Nacht wie bei Tage sieht man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen -kann. Wenn er sich wiegt und wie ein verzärteltes Kind bei der -nächtlichen Kühle ans Ufer schmiegt, dann wird er zur silbernen Flut und -die flammt auf, wie die stählerne Schneide einer Damaszenerklinge und -dann liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch dann ist der -Dnjepr voller Wunder und kein Fluß in der Welt kommt ihm gleich! Doch -wenn sich am Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der schwarze -Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen krachen und der Blitz, aus den -Wolken splitternd, plötzlich die ganze Welt erhellt -- o, dann ist der -Dnjepr schrecklich! Die Wasserhügel tosen, wenn sie gegen die steinigen -Felsen anprallen, sinken blitzend und stöhnend zurück und ächzen und -heulen in der Ferne. So jammert wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie -ihren Sohn ins Kriegslager geleitet: frei und kühn reitet er auf seinem -rabenschwarzen Roß dahin, die Hand in die Hüfte gestemmt und die Mütze -keck aufs Ohr geschoben, sie aber läuft schluchzend hinter ihm her, -hängt sich an den Steigbügel, greift ihm in die Zügel, ringt die Hände -und zerfließt in heißen Tränen. - -Wild und schwarz ragen zwischen den kämpfenden Wellen auf der Landzunge -verkohlte Baumstümpfe und Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will, -wird ans Ufer geworfen, schießt hoch empor und sinkt dann wieder tief -abwärts. Wer ist der Kosak, der sich in den Kahn gewagt, zu einer Zeit, -da der alte Dnjepr grollt? Der weiß nicht, daß der Dnjepr die Menschen -hinabschlingt wie Fliegen! - -Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg ihm. Ihm ist nicht -heiter zumute. Er grollt über den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem -erschlagenen Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen mußten ihn teuer -bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schönen Schupans, ihr ganzes -Pferdegeschirr und dreiunddreißig Knechte dazu wurden in Stücke gehauen, -und die übrigen saßen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die -Tataren verkauft werden. - -Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten Baumstümpfen -hinab, wo sich tief unten im Erdreich seine Hütte befand. Leise und ohne -mit der Türe zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den -gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen unbekannte Kräuter in -ihn hineinzuwerfen, dann holte er einen Krug herbei, der aus einem -merkwürdigen Holz geschnitzt war, schöpfte Wasser und begann es wieder -auszugießen, während seine Lippen Beschwörungen murmelten. - -Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich war es, sein Gesicht -zu schauen: es sah ganz blutig aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich -drein, und die Augen glühten wie ein Feuer. Schrecklicher Sünder! Der -Bart war ihm längst ergraut, und das Gesicht von Runzeln durchfurcht, -schon ist er fast gänzlich verdorrt, und noch immer trachtet er nach -gottlästerlichen Taten. Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weiße -wehende Wolke, und etwas wie Freude huschte über des Zaubrers Gesicht. -Doch warum stand er plötzlich regungslos mit weitgeöffnetem Munde da, -warum wagte er es nicht, sich zu bewegen? Und warum sträubten sich die -Haare wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien ihm ein -sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen kam es zu Gaste; immer -deutlicher trat es hervor und bohrte die starren Augen in ihn hinein. -Die Züge, die Brauen, die Augen, die Lippen -- alles war ihm unbekannt -und noch nie in seinem Leben hatte er es gesehen. Auch war nichts -eigentlich Grauenhaftes an ihm, und doch packte ihn ein unüberwindliches -Entsetzen. Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch immer starr -durch die Wolke an. Doch nun war die Wolke verschwunden, aber das -unbekannte Gesicht hing noch klarer vor ihm, und die scharfen -schneidenden Blicke wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer -wurde so weiß wie Leinen; mit einer furchtbaren Stimme, die ihn selber -fremd dünkte, schrie er auf, warf den Topf um. Alles war verschwunden. - - - XI. - -»Sei ruhig, liebe Schwester!« sprach der alte Jessaul Gorobetz. »Träume -reden selten die Wahrheit.« - -»Leg dich doch hin, Schwesterchen!« sagte seine junge Schwiegertochter. -»Ich werde die alte Wahrsagerin rufen: ihr kann keine Macht der Welt -widerstehen: sie wird deine Unruhe bannen.« - -»Fürchte nichts!« rief der Sohn und griff nach dem Säbel, »niemand soll -dir etwas zuleide tun.« - -Mit trüben und düsteren Augen blickte Katerina sie alle an und fand kein -Wort zur Antwort. »Ich habe mir selbst mein Verderben bereitet: ich hab -ihn befreit!« Endlich aber sprach sie: »Ich habe keine Ruhe vor ihm. -Schon sind's zehn Tage, daß ich bei euch in Kijew bin, und mein Schmerz -ist um keinen Tropfen geringer. Ich hab mir gedacht, ich will nun in -aller Stille mein Söhnchen als Rächer aufziehen ...... O, furchtbar, -furchtbar war er, wie er mir im Traume erschien. Behüt euch Gott davor, -ihn je zu erblicken! Mein Herz pocht noch immer!« -- »Ich hack dir dein -Kind in Stücke, Katerina!« schrie er, »wenn du nicht mein Weib sein -willst! ....« Schluchzend stürzte sie sich auf die Wiege, daß das -erschrockene Kindlein die Hände ausstreckte und zu schreien begann. - -Des Jessauls Sohn brauste zornig auf, als er diese Rede hörte. - -Auch Gorobetz, der Jessaul, raste vor Wut: »Mag er's nur wagen, hierher -zu kommen, der gottlose Antichrist -- er soll die Kraft meiner alten -Kosakenarme kosten. Gott ist mein Zeuge!« rief er und hob die scharf -blickenden Augen gen Himmel empor. »Bin ich denn Bruder Danilo nicht zu -Hilfe geeilt? Doch es war Gottes heiliger Wille! Ich traf ihn schon auf -dem kalten Lager, darauf schon so viel Kosakenvolk sich gebettet. Hat -man ihm zu Ehren nicht dafür einen prächtigen Leichenschmaus gefeiert? -Ist etwa auch nur ein Pole lebend entkommen? Sei ruhig, mein Kind! -Niemand wird es wagen, dich zu berühren, solange wir leben, ich und mein -Sohn!« - -Mit diesen Worten trat der alte Jessaul an die Wiege. Das Kindchen -erblickte die rote Pfeife mit der silbernen Fassung am Riemen und den -Beutel mit dem glänzenden Feuerstein, streckte die Händchen zu ihm hin -und lachte. »Der wird ganz wie der Vater!« sprach der alte Jessaul, nahm -die Pfeife aus dem Munde und reichte sie dem Kinde hin. »Noch hat er die -Wiege nicht verlassen und schon will er ein Pfeifchen rauchen!« - -Katerina seufzte leise auf und begann die Wiege zu schaukeln. Man -verabredete sich, die Nacht gemeinsam zu verbringen; nach einer kurzen -Weile schliefen alle, und auch Katerina schlummerte bald ein. - -Im Hofe und in der Stube war alles still, nur die Kosaken, die Wache -hielten, schlummerten nicht. Plötzlich wachte Katerina mit einem Schrei -auf, und mit ihr erwachten alle aus ihrem Schlummer. »Er ist tot, man -hat ihn ermordet!« schrie sie und stürzte zur Wiege hin ..... Alle -umringten die Wiege und waren starr vor Entsetzen, als sie das leblose -Kind daliegen sahen. Keiner sprach ein Wort und niemand wußte, was er -von dem unerhörten Frevel denken sollte. - - - XII. - -Fern vom Lande der Ukraine, wenn man das Polenreich durchreist und schon -die volkreiche Stadt Lemberg hinter sich hat, stößt man auf eine -Gebirgskette mit hohen Gipfeln. Berg an Berg umklammern hier von rechts -und links wie mit steinernen Ketten die Erde und schmieden sie in einen -Felsenring, damit das brausende tosende Meer nicht hereinbreche. Die -Felsenketten ziehen sich bis in die Wallachei und das Siebengebirge -hinein, und ragen wie ein gigantisches Hufeisen zwischen Galiziens und -Ungarns Völkern empor. Solche Berge gibt's in unserer Gegend nicht, und -das Auge wagt es nicht, sie zu umspannen. Einige von diesen Gipfeln hat -noch kein menschlicher Fuß betreten. Wie ein Mirakel sind sie zu -schauen: gleich als wäre ein trotziges Meer während eines Sturmes seinen -weiten Ufern entflohen und als hätte es mißgestalte Wogen aufgetürmt, -die dann zu Stein geworden, steil in der Luft emporstarrten. Oder sind -es schwarze Wolken, die vom Himmel herabgestürzt sind und den Weg zur -Erde versperrt haben? Denn ihre Farbe ist ebenso grau wie die der -Wolken, und der weiße Gipfel blitzt und funkelt in der Sonne. Bis zu den -Karpathen hin hört man die russische Zunge, und auch hinter den Bergen -hallt's hie und da wieder wie ein Klang aus der Heimat; doch dann kommen -Menschen mit einem andern Glauben und einer fremden Sprache. Hier lebt -das zahlreiche Volk der Ungarn; die reiten, fechten und trinken nicht -schlechter als die Kosaken und kargen nicht, wenn's gilt, goldene -Dukaten für Pferdegeschirr und kostbare Kaftans aus dem Beutel zu holen. -Groß und frei liegen ihre Seen zwischen den Bergen. Unbeweglich wie Glas -sind sie, und wie ein Spiegel werfen sie die nackten Gipfel der Berge -und die grünende Sohle zurück. - -Doch wer kommt dort inmitten der Nacht -- bei Finsternis oder -Sternenglanz -- auf dem riesigen Rappen daher geritten? Welch ein Recke -von übermenschlichem Körpermaß fegt die Berge entlang und über die Seen -dahin und spiegelt sich samt seinem Riesenroß in den leblosen Gewässern, -daß sein unermeßlicher Schatten furchtbar über die Berge hinhuscht? Es -glänzt der Harnisch von herrlichem Schmiedeeisen; er trägt eine Pike auf -der Schulter, am Sattel rasselt der Säbel, das Visier ist -niedergelassen, schwarz hängt ihm der Schnurrbart herab, die Augen sind -geschlossen, und die Lider gesenkt. -- Er schläft und hält im Schlafe -die Zügel fest, hinter ihm auf demselben Roß sitzt der junge Page und -auch er schläft und klammert sich schlafend an den Ritter. Wer ist er, -wo reitet er hin und zu welchem Ziele? Wer weiß etwas von ihm? Nicht -einen Tag nur oder zwei reitet er schon über die Berge dahin. Der Tag -bricht an, die Sonne geht auf, aber _er_ ist nicht zu erblicken. Nur -selten sehen die Bergbewohner einen langen Schatten durch die Berge -huschen -- und doch ist der Himmel ganz klar, und keine Wolke zieht über -ihn hin. Aber kaum bricht die Nacht an und mit ihr die Finsternis, so -läßt er sich wieder sehen; dann spiegelt er sich in den Seen, und hinter -ihm kommt zitternd sein Schatten einher gesprungen. Schon ist er an -vielen Bergen vorbeigekommen und selbst auf den Kriwan ist er -hinaufgeritten. Und doch ist in den Karpathen kein Berg höher als -dieser, denn einem Könige gleich erhebt er sich über die andern. Da -machte Roß und Reiter Halt; tiefer noch sank er in Schlaf, und -herabsinkende Wolken bedeckten ihn. - - - XIII. - -»Pst ... still doch, Weib! Lärme nicht so! Mein Kind ist eingeschlafen. -Lang hat mein Kindchen geschrien, jetzt aber schläft es. Ich geh' in den -Wald, Weib! Was siehst du mich denn so an? Du bist fürchterlich: eiserne -Zangen strecken sich aus deinen Augen hervor -- -- oh, und wie lang sie -sind, und brennen wie Feuer! Du bist gewiß eine Hexe! Hör, wenn du eine -Hexe bist, so verschwinde! Du willst mir meinen Sohn stehlen! Wie -töricht ist doch dieser Jessaul: er glaubt, es machte mir Vergnügen, in -Kijew zu leben; doch nein, mein Mann und mein Sohn sind hier, wer soll -denn das Haus überwachen? Ich bin so leise davongeschlichen, daß weder -Katze noch Hund es hören konnten. Weib, du willst wieder jung werden? O, -das ist garnicht so schwer: man muß nur recht viel tanzen. Schau, wie -ich tanze .....« Und nachdem sie diese zusammenhanglosen Worte -gesprochen hatte, fing Katerina an zu tanzen, sie drehte sich wie ein -Wirbel herum -- blickte stier nach allen Seiten, stemmte die Arme in die -Hüften, und ihre silbernen Hufeisen klirrten regellos und ohne Takt. -Ihre schwarzen aufgelösten Flechten hingen ihr über den weißen Hals -hinüber, sie schwirrte wie ein Vogel dahin, weiter und immer weiter ohne -Halt, schwang die Arme im Kreise, schüttelte den Kopf, und es schien so, -als müßte sie gleich matt zu Boden sinken oder weit hinausfliegen aus -dieser Welt. - -Traurig stand die alte Amme vor ihr, und die Tränen strömten ihr über -die tiefen Runzeln hinab, schwer wie ein Stein lastete es auf dem Herzen -der treuen Burschen, die zusehen mußten, wie ihre Herrin tanzte. Doch -schon fing sie an, müde zu werden, träg stampfte sie mit den Beinen auf -ein und derselben Stelle herum und glaubte doch, sie tanze den -Lachtaubentanz. »Ah, ich hab' auch ein Perlenhalsband, ihr Burschen!« -rief sie endlich aus und hielt inne. »Ihr aber habt keins! .... Wo ist -mein Mann?« schrie sie plötzlich auf und zog rasch einen Türkendolch aus -dem Gürtel. »Oh, das ist kein Messer, wie ich es brauche!« und dabei -flossen ihr die Tränen über ihr schmerzbewegtes Gesicht. »Das Herz -meines Vaters ist weit, weit von hier, und dieses Messer wird's nicht -erreichen. Sein Herz ist von Eisen, eine Hexe hat es ihm auf dem -höllischen Feuer geschmiedet. Warum erscheint mein Vater nur nicht? Weiß -er denn nicht, daß die Zeit gekommen ist, wo ich ihn töten muß? Er will -wohl gar, daß ich selbst zu ihm komme ....« Und ohne ihre Rede vollendet -zu haben, lachte sie seltsam auf. »Eine komische Mär kam mir in den -Sinn: Ich erinnerte mich, wie sie mir den Gemahl begruben. Sie haben ihn -lebendig begraben ... O, wie mußte ich lachen! ...... Hört, hört!« und -statt weiterzureden, begann sie ein Lied zu singen: - - Da fährt 'ne Karre im Blut ..... - 'S liegt ein Kosak im Wagen - Zerschossen und zerschlagen, - Hält in der Rechten einen Spieß, - Und von dem Spieß läuft soviel Blut - Soviel Blut, - Daß es 'nen Blutstrom wies. - - Überm Bach da steht ein Ahornschragen - Und ein Rabe krächzt darüber her. - Vom Kosaken will die Mutter klagen, - Wein nicht, Mutter, gräm dich nicht zu sehr! - - Dein Sohn hat wohl genommen - Ein Fräuleinchen gar fein, - Drum soll er auch bekommen - Ein Stübchen eng und klein, - Ohne Fenster, ohne Tür, - So geht's immer für und für. - - Ging ein Fisch mit 'nem Krebs zu Tanz ... - Wer mich nicht leiden mag, den soll der Kuckuck .. - -So wirrten sich bei ihr alle Lieder durcheinander. Schon einen oder zwei -Tage lang lebte sie in ihrem Hause und wollte nichts von Kijew hören; -sie betete nicht, sie floh vor den Menschen und vom frühen Morgen bis in -die späte Nacht hinein streifte sie im dunklen Eichwald umher. Spitzige -Äste ritzten ihr weißes Gesicht und ihre Schultern, der Wind zerzauste -ihr die aufgelösten Flechten, das Herbstlaub raschelte unter ihren Füßen --- sie aber achtete es nicht. Zu der Stunde, da das Abendrot erlischt, -die Sterne noch nicht vom Himmel herab blinken und der Mond noch nicht -leuchtet, ist es voll Grauen, durch den Wald zu wandern. Die ungetauften -Kinder kratzen an den Baumstämmen, hangen an den Zweigen, heulen, lachen -gellend auf und wälzen sich wie ein Knäuel über die Wege und durch das -dichte Dornengestrüpp; den Fluten des Dnjepr entsteigt ein Reigen von -Jungfrauen, die selbst ihre Seele verderbten, die Haare rieseln ihnen -vom grünlichen Haupte auf die Schultern herab; das Wasser rinnt laut -glucksend vom langen Haare hinunter, und der Leib der Jungfrau schimmert -durchs Wasser hindurch wie durch ein gläsernes Hemd, seltsam lächeln die -Lippen, die Wangen glühen, die Blicke locken einem die Seele aus dem -Leibe .... sie möchte in Liebe entbrennen, sie sehnt sich nach heißen -Küssen .... Fliehe, der du ein Mensch bist und ein Christ, ihre Lippen -sind Eis, ihr Bett ist das kühle Wasser, sie wird dich zu Tode kitzeln -und dich mit in den Fluß schleifen. Katerina aber blickt niemanden an. -Sie, die Wahnsinnige, fürchtet die Waldgeister und Wasserjungfrauen -nicht; zu später Stunde läuft sie umher mit dem Dolche im Busen und -sucht nach dem Vater. - -Ganz früh am Morgen kam ein stattlicher Gast in rotem Schupan angeritten -und fragte nach Pan Danilo; als er die traurige Kunde vernahm, wischte -er sich die weinenden Augen mit dem Ärmel und zuckte die Achseln. Er -habe manch einen Feldzug mit dem verstorbenen Burulbasch gemacht, und -sie hätten gemeinsam gegen die Krimschen Tataren und Türken gefochten; -wie hätt' er erwarten können, daß Pan Danilo so enden würde! Und noch -von manchem anderen wußte der Gast zu berichten, und dann wünschte er -Pani Katerina zu sehen. - -Katerina achtete zuerst nicht darauf, was der Gast erzählte; schließlich -aber begann sie dennoch, seinen Reden zu lauschen, ganz als ob sie bei -Vernunft wäre. Er sprach davon, daß er und Danilo miteinander wie Brüder -gelebt, wie sie sich einst hinter einem Damm vor den Krimschen Tataren -versteckt hielten und mehr dergleichen ....... Katerina hörte dies alles -und wandte keinen Blick von ihm ab. - -»Sie kommt wieder zu sich,« dachten die Burschen, die sie aufmerksam -beobachteten. »Der Gast wird sie heilen! Schon hört sie ihm zu wie ein -vernünftiges Wesen!« - -Unterdessen aber begann der Gast zu berichten, wie Pan Danilo ihm in -vertraulicher Stunde gesagt hatte: »Sieh, Bruder Koprian: ist es einmal -Gottes Wille, und ich bin nicht mehr unter den Lebenden, dann nimm mein -Weib zu dir, und sie soll deine Gattin sein ....« - -Da heftete Katerina die Augen mit einem fürchterlichen Ausdruck auf ihn. -»Ah!« rief sie, »er ist es, er ist es. Es ist mein Vater!« und sie -stürzte sich mit einem Messer auf ihn. - -Lange rang jener mit ihr und wollte ihr das Messer entwinden; endlich -riß er ihr's aus den Händen, holte aus -- und die schaurige Tat geschah: -der Vater erstach seine wahnsinnige Tochter. - -Entsetzt stürzten sich die Kosaken auf ihn, aber der Zauberer schwang -sich aufs Pferd und war aller Blicken entschwunden. - - - XIV. - -Vor Kijew begab sich ein unerhörtes Wunder. Alle hohen Herren und -Hetmans kamen zusammen, dies Wunder anzustaunen, und plötzlich war es -weithin zu sehen bis an alle Enden der Welt. Weit in der Ferne blaute -die breite Mündung des Stroms, und hinter ihr rollte das Schwarze Meer. -Weltkundige Leute wollten auch die Krim erkennen, die wie ein Berg aus -dem Meere emporstieg, und auch den sumpfigen Siwasch erkannten sie. Zur -Linken aber sah man das galizische Land. - -»Und was ist _das_?« fragte das versammelte Volk die großen Männer, und -alle wiesen auf die fern am Himmel leuchtenden mächtigen weißen Spitzen, -die grauen Wolken glichen. - -»Das sind die Karpathen!« sprachen die alten Männer. »Da gibt's auch -solche darunter, von denen der Schnee nie verschwindet; dort landen und -übernachten die Wolken.« - -Und nun geschah ein neues Wunder: die Wolken senkten sich vom höchsten -Berggipfel herab, und auf seiner Spitze erschien ein Recke zu Roß und in -voller Ritterrüstung; seine Augen waren geschlossen, und er war zu -schauen, als ob er ganz in der Nähe vor allen dastände. - -Da sprang einer von der schreckvoll staunenden Menge aufs Pferd und -jagte eilig und so schnell er konnte, fort. - -Er blickte wild um sich, als wollte er mit seinen Augen prüfen, ob nicht -jemand ihm nachsetzte. Es war der Zauberer! Doch was hatte ihn so in -Schrecken gesetzt? Als er den wunderbaren Ritter betrachtete, hatte er -plötzlich dasselbe Gesicht erkannt, das ihm damals bei seinen schwarzen -Künsten so ungerufen erschienen war. Er konnte es selbst nicht -begreifen, warum bei diesem Anblick alles in ihm zusammenschrak, und er -raste, scheu um sich blickend, auf seinem Rosse dahin, bis ihn der Abend -überraschte und die Sterne am Himmel erschienen. Da erst machte er kehrt -und floh heimwärts, vielleicht um die unreinen Mächte zu befragen, was -dies Wunder wohl zu bedeuten hatte. Schon wollte er mit dem Roß über den -schmalen Bach setzen, der wie ein Ärmel sich mitten über den Weg -dahinzog, als sein Roß mit einem Male gerad vor dem Sprunge anhielt, das -Maul zu ihm wandte, und -- o Wunder! -- zu lachen begann. Zwei Reihen -weißer Zähne grinsten ihm aus der Dunkelheit entgegen. Das Haar sträubte -sich auf dem Haupte des Zauberers, er schrie wild auf, kreischte laut -wie ein Besessener und spornte sein Pferd stracks auf Kijew zu. Es war -ihm, als ob jemand von überall her nach ihm haschte: die Bäume schienen -zu einem dichten Wald zusammenzulaufen und ihn einzuschließen, sie -schüttelten ihre schwarzen Bärte und reckten ihre langen Zweige heraus, -als ob sie lebendig wären und ihn erdrosseln wollten. Die Sterne -schienen ihm vorauszueilen und vor der ganzen Welt auf den Sünder zu -weisen; selbst die Landstraße, schien ihm, jagte auf seinen Spuren -hinter ihm her. - -Und der Zauberer floh voller Verzweiflung nach den heiligen -Wallfahrtsorten der Stadt Kijew. - - - XV. - -Ein Anachoret saß einsam in seiner Höhle vor einer Leuchte und wandte -seine Blicke nicht von dem heiligen Buche ab, das vor ihm lag. Seit -vielen Jahren schon hatte er sich in der Höhle eingeschlossen und schon -hatte er sich den hölzernen Sarg gezimmert, in dem er zu ruhen pflegte, -wie in einem Bett. Der heilige Greis schloß eben das Buch und begann zu -beten .... Da stürzte plötzlich ein Mann von seltsamem und schrecklichem -Äußeren herein. Zum ersten Male erstaunte der heilige Einsiedler und -trat einen Schritt zurück vor diesem Menschen. Der aber bebte am ganzen -Leibe wie Espenlaub, seine Augen irrten wild umher; ein schreckliches -Feuer glomm furchtsam in ihnen, und sein verzerrtes Gesicht machte die -Seele erschauern. - -»Bete, Vater! So bete doch!« schrie er verzweifelt. »Bete für eine -verlorene Seele!« Und er stürzte zu Boden. - -Der heilige Anachoret machte das Zeichen des Kreuzes, holte das Buch -hervor, schlug es auf, aber er wich entsetzt zurück und ließ das Buch -wieder herabsinken. »Nein, du unerhörter Sünder! Es gibt keine Gnade für -dich! Flieh von hinnen! Nie vermag ich für dich zu beten!« - -»Nie!« schrie der Sünder wie toll. - -»Blick hin: die heiligen Lettern dieses Buches sind blutüberströmt .... -noch niemals hat die Welt einen solchen Sünder gesehen.« - -»Vater! Du spottest über mich!« - -»Geh, du gottverdammter Sünder! Ich spotte nicht. Angst ergreift mich. -Nichts Gutes bedeutet es für einen Menschen, in deiner Nähe zu weilen.« - -»Nein, nein! Du spottest, rede nicht .... Ich sehe, wie dein Mund sich -öffnet und mich die weißen Reihen deiner alten Zähne spöttisch -anblicken!« - -Und er sprang rasend vor -- und erschlug den heiligen Einsiedler. - -Da stöhnte etwas schwer auf, und das Stöhnen hallte durch Feld und Wald -weiter. Hinter dem Walde streckten sich ein Paar dürre hagere Hände mit -langen Krallen hervor, fingen an zu beben und verschwanden wieder. - -Und schon war keine Angst mehr da, und er fühlte nichts mehr. Alles -erschien ihm verschwommen: in seinen Ohren sauste es, es rauschte ihm im -Kopfe wie wenn er trunken wäre. Er sprang aufs Roß und ritt gen Kanew, -von dort gedachte er seinen Weg über Tscherkany geradeaus zu den Tataren -und nach der Krim zu lenken, doch wußte er selbst nicht, zu welchem -Zweck er es tat. Er ritt einen Tag lang und ritt einen zweiten, aber -Kanew wollte sich immer noch nicht sehen lassen. Es war der richtige -Weg, und er hätte schon längst in Kanew sein müssen, aber die Stadt -wurde und wurde nicht sichtbar. Da leuchteten plötzlich in der Ferne die -Kuppeln von Kirchen auf, aber es war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der -Zauberer war aufs höchste betroffen, als er sah, daß er eine falsche -Richtung eingeschlagen hatte; er jagte sein Roß zurück auf Kijew zu, und -einen Tag später tauchte eine Stadt vor ihm auf, aber es war wieder -nicht Kijew, sondern Halitsch, eine Stadt, die noch weiter von Kijew -entfernt ist als selbst Schumsk und schon nahe bei Ungarn liegt. Ohne zu -wissen, was er tun sollte, riß er sein Pferd wieder herum. Aber wiederum -fühlte er, daß er in der entgegengesetzten Richtung dahinritt, und immer -weiter und weiter. Kein Mensch in der Welt hätte sagen können, was in -der Seele des Zauberers vorging; und hätte jemand hinein geblickt und -gesehen, was dort geschah, so hätte er keine Nacht mehr ruhig -geschlafen, und nie hätt' er mehr gelacht. Das war nicht Wut, nicht -Furcht noch wilder Groll. Es gibt kein Wort dafür in der Welt. Es glühte -und siedete in ihm, die ganze Welt hätte er mit seinem Rosse -zerstampfen, die ganze Erde von Kijew bis Halitsch mitsamt all den -Menschen und allem, was drauf lebte, packen, und sie im Schwarzen Meere -ertränken mögen. Doch war es nicht Grimm, warum er dies tun wollte, er -wußte selbst nicht warum. Und er erbebte, als ganz nahe vor ihm die -Karpathen und der hohe Kriwan erschienen, der sich eine schwarze Wolke -wie eine Mütze auf seinen Schädel gestülpt hatte; aber das Roß jagte -immer weiter dahin und trabte schließlich bis ins Gebirge. Plötzlich -verschwanden die Wolken und vor ihm erschien in furchtbarer Erhabenheit -der Reiter ..... Der Zauberer mühte sich, Halt zu machen und zog die -Zügel straff, aber das Roß wieherte wild, warf den Kopf empor und raste -dem Ritter entgegen. Da ward dem Zauberer zumute, als ob alles in ihm -erstarrte und ihm schien, der regungslose Ritter rührte sich vom Fleck; -er machte auf einmal die Augen weit auf, sah den ihm entgegeneilenden -Zauberer an und lacht laut auf. Wie ein Donner rollte das wilde -Gelächter durchs Gebirge, hallte dröhnend im Herzen des Zauberers wieder -und erschütterte sein ganzes Innere. Es schien ihm, als ob ein -furchtbares, gewaltiges Wesen in ihn hineingekrochen wäre und in seinem -Inneren umherwandere, auf sein Herz und alle seine Sehnen loshämmerte, -so gewaltig hallte das Gelächter in ihm wieder! - -Der Reiter packte den Zauberer mit seiner schrecklichen Hand und hob ihn -hoch in die Lüfte, und im Nu war der Zauberer tot, doch er öffnete nach -dem Tode noch die Augen; aber schon war er ein Leichnam und sah wie ein -Toter vor sich hin. So fürchterlich blickt kein Lebender und auch kein -Auferstandener. Er rollte die blinden Augen nach allen Seiten, und er -sah, wie sich die Toten in Kijew, Galizien und in den Karpaten erhoben, -und sie alle glichen ihm von Angesicht, wie zwei Tropfen Wasser einander -gleichen. - -Bleich, totenbleich, der eine den anderen an Größe überragend, und der -eine knochiger als der andere, so drängten sie sich um den Ritter, der -seine furchtbare Beute in der Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter -auf und dann schleuderte er sie in den Abgrund. Und alle Toten sprangen -in den Abgrund herab, fingen den toten Zauberer auf und bohrten ihre -Zähne in ihn hinein. Aber da war noch einer, der größer und furchtbarer -war als alle; der wollte sich auch aus der Erde erheben, doch er -vermochte es nicht, er hatte nicht mehr die Kraft, es zu tun. -- So -riesengroß war er geworden in seiner Erdengrube; hätte er sich erhoben, -so hätte er die Karpathen umgestürzt und das Siebengebirge und das -Türkenreich dazu. Ein wenig nur rührte er sich im Grabe -- und es ging -ein Beben über die ganze Erde, viele Häuser wurden allerorten -umgeworfen, und viele Menschen erstickten. - -Oft hört man in den Karpathen ein Schnauben, wie wenn das Wasser über -tausend Mühlräder dahinrauscht: das sind die Toten, die in einem -Abgrund, dem man nicht entrinnen kann und den noch nie ein Mensch -gesehen hat, an einem Leichnam nagen, und jeden graut es, vorbeizugehen. -Gar oft geschieht es, daß die Erde von einem Ende bis zum andern erbebt: -das kommt, wie die Schriftgelehrten sagen, daher, daß irgendwo, in der -Nähe des Meeres ein Berg steht; aus dem schlagen Flammen und fließen -brennende Ströme hervor. Aber die greisen Männer im Ungarlande und auch -in Galizien wissen es besser und erzählen von dem ungeheueren Toten, der -in die Erde hineinwuchs, sich erheben will und so das Weltall -erschüttert. - - - XVI. - -In der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um einen greisen Harfenspieler -geschart und lauschte wohl schon eine Stunde lang dem Spiele des -Blinden. Kein Harfenspieler hatte je so wundersame Lieder, so herrlich -hatte noch nie ein Harfenspieler gesungen. Er sang von den Hetmans der -alten Zeiten: von dem Sagajdatschny und von Chmelnitzki. Ja, das war -eine andere Zeit: weit berühmt und geehrt waren damals die Kosaken; sie -zertraten ihre Feinde mit den Hufen ihrer Rosse, und niemand wagte es, -ihrer zu spotten. Aber der Greis sang auch lustige Lieder und er ließ -seine Augen im Kreise umherwandern wie ein Sehender, und die Finger mit -den Knochenstäbchen flogen wie Fliegen über die Saiten, sodaß die Saiten -von selbst zu spielen schienen; und ringsherum stand das Volk, -- die -Greise gesenkten Hauptes, und die Jungen, die Augen zum Sänger erhoben, -und wagten es nicht einmal, untereinander zu flüstern. - -»Wartet einmal!« sprach der Alte. »Ich will euch singen von einer -längstvergangnen Begebenheit.« - -Die Leute drängten sich noch enger zusammen, und der Blinde begann: - -Zur Zeit Pan Stephans, des Fürsten von Siebenbürgen (der Fürst von -Siebenbürgen war auch König der Polen), da lebten einmal zwei Kosaken: -Iwan und Petro. Sie lebten wie zwei Brüder. »Hör, Iwan,« sagte Petro -einst, »alles, was wir erbeuten, -- sei zu gleichen Teilen unter uns -geteilt; des einen Freude sei des andern Freude und des einen Kummer sei -des andern Schmerz; des einen Beute soll auch dem anderen zukommen, und -wenn der eine in Gefangenschaft gerät, soll der andere alles verkaufen -und Lösegeld zahlen, oder selbst in Gefangenschaft gehen.« Und so -geschah's auch, alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie -untereinander: ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder Pferde -- sie -teilten alles zu gleichen Teilen unter sich. - - * * * * * - -Einst führte König Stephan Krieg mit dem Türkenvolk. Drei Wochen schon -focht er gegen den Türken und konnte ihn immer noch nicht vertreiben. -Die Türken aber hatten einen Pascha, der ganz allein mit zehn -Janitscharen ein ganzes Heer in die Flucht schlagen konnte. Da tat König -Stephan kund, wenn sich ein Wagehals fände, der ihm den Pascha lebend -oder tot brächte, so wolle er ihm allein einen so hohen Lohn bezahlen, -wie den, den er seinem ganzen Heere zukommen ließ. Da sprach Iwan zu -Petro: »Komm, Herzensbruder, wir wollen den Pascha fangen!« Und die -Kosaken ritten davon: der eine hierhin, der andere dorthin. - - * * * * * - -Ob ihn Petro nun gefangen hätte oder nicht, das läßt sich nicht sagen, -doch schon führt Iwan den Pascha an einem Strick um den Hals vor den -König. »Tapfrer Kosak,« sprach König Stephan und ließ ihm allein soviel -Lohn ausbezahlen, als sonst sein ganzes Heer erhielt; und er hieß ihm -Land zuzuteilen, wo er welches haben wollte, und Vieh schenken, soviel -er nur wünschte. Wie Iwan nun den Lohn vom König erhalten hatte, teilte -er ihn noch am selbigen Tage zu gleichen Teilen unter sich und Petro. -Petro bekam die Hälfte vom Lohne des Königs, aber der konnte es nicht -verwinden, daß Iwan vom Könige solche Ehren zuteil geworden waren, und -in den Tiefen seiner Seele regten sich Rachegedanken. - - * * * * * - -Einst ritten die beiden Ritter jenseits der Karpathen durch das Land, -das der König ihnen geschenkt hatte, und der Kosak Iwan hatte auch -seinen Sohn neben sich auf dem Roß sitzen und ihn fest an sich gebunden. -Schon senkte sich die Dämmerung aufs Land herab -- sie aber ritten immer -weiter und weiter. Der Knabe schlief, und auch Iwan fing an -einzuschlummern. »Schlaf nicht, Kosak, denn gefahrvoll sind die Pfade in -den Bergen!« .... Doch der Kosak hatte ein Pferd, das alle Wege kannte, -und nie stolperte oder strauchelte es. Ein Abgrund lag tief zwischen den -Bergen versenkt, und noch niemand hatte den Grund des Schlundes gesehen, -denn so hoch es von der Erde bis zum Himmel ist, so tief ist es bis zum -Grunde jener Schlucht. Über den Abgrund führte ein Steg -- über dem noch -gerade zwei Menschen hinweg reiten konnten, nicht aber drei. Behutsam -schritt das Roß mit dem schlummernden Kosaken über den Steg. An seiner -Seite aber ritt Petro, er bebte am ganzen Leibe und hielt vor Freude den -Atem an, und nun blickte er um sich, stieß seinen selbst erkorenen -Bruder in den Abgrund hinab, und das Roß stürzte mitsamt dem Kosaken und -dem Kinde in die Tiefe. - - * * * * * - -Doch der Kosak vermochte noch einen Ast zu erfassen, und das Pferd -stürzte allein hinab. So begann er denn, mit seinem Sohne auf dem -Rücken, in die Höhe zu klimmen; und er war schon beinahe ganz oben, da -erhob er die Augen und sah, wie Petro mit seiner Pike nach ihm zielte, -um ihn wieder hinabzustoßen. »O, du gerechter Gott! Hätte ich doch -lieber nicht die Augen erhoben; warum muß ich jetzt sehn, wie mein -erkorener Bruder mit der Pike nach mir zielt, um mich wieder -hinabzustoßen. O, lieber Bruder! Stich zu mit der Pike, wenn's mir denn -schon so beschieden ist, nur nimm meinen Sohn zu dir: was hat das -unschuldige Kind denn getan, daß es solch grimmen Tod erleiden soll?« Da -lachte Petro, stieß mit der Pike nach ihm, und der Kosak flog samt dem -Knaben in den Abgrund hinab. Und Petro nahm all sein Hab und Gut an -sich, und lebte dahin wie ein Pascha. Niemand hatte solche Viehherden -wie Petro, und nirgends gab's so viel Schafe und Hammel, wie er besaß. -Doch eines Tages starb Petro. - - * * * * * - -Als Petro tot war, rief Gott die Seele der beiden Brüder, Petro und -Iwan, vor Gericht. »Dieser Mensch ist ein großer Sünder!« sprach Gott. -»Iwan! Ich weiß keine Strafe, die groß genug für ihn wäre; wähle du -sie!« Lang grübelte Iwan nach, um eine Strafe zu ersinnen, und endlich -sprach er: »Dieser Mensch hat mir einen großen Schmerz zugefügt: er hat -seinen Bruder verraten wie ein Judas, und er hat mich meines edlen -Geschlechts beraubt und meiner Nachkommenschaft auf Erden, und ein -Mensch ohne ehrlich Geschlecht und ohne Nachkommen ist wie ein -Getreidekorn, das man auf die Erde wirft, und das in der Erde umkommt. -Da gibt's keine Saat, und niemand erfährt je, daß ein Same ausgesät -ward.« - - * * * * * - -»So tu denn also, o Gott, daß sein ganzes Geschlecht auf Erden kein -Glück habe und daß der letzte seines Geschlechts solch ein Bösewicht -werde, wie es noch nie einen in der Welt gab: seine Ahnen und Urahnen -mögen durch jede seiner Freveltaten aus der Ruhe ihrer Gräber aufgestört -werden, und in Qualen, wie die Welt sie nicht kennt, ihren Gräbern -entsteigen! Der Judas Petro aber soll nicht die Kraft haben, sich zu -erheben, auf daß noch viel größere Martern ihn peinigen; wütend soll er -Erde fressen und sich wie ein Rasender unter der Erde winden!« - - * * * * * - -»Und wenn das Maß der Freveltaten jenes Menschen voll ist, Gott, so -erhebe mich mitsamt meinem Roß aus jenem Schlunde bis auf den höchsten -Berg, dann soll jener zu mir kommen, und ich will ihn von dem Berge in -den tiefen Abgrund stürzen, und alle Toten, seine Ahnen und Urahnen, sie -sollen herbeieilen von allen Enden der Welt, wo sie auch bei Lebzeiten -geweilet haben mögen, und an ihm nagen zum Dank für die Qualen, die er -ihnen zugefügt; ewiglich sollen sie an ihm nagen, ich aber werde mich -freuen beim Anblick seiner Qualen. Der Judas Petro aber soll sich nicht -aus der Erde erheben können, er soll _auch_ den Wunsch haben, an dem -andren zu nagen, aber er mag an sich selbst nagen, und seine Knochen -sollen immer größer werden und höher empor wachsen, auf daß darob seine -Qual noch stärker werde. Diese Qual ist die fürchterlichste von allen; -denn es gibt keine größere Folter für den Menschen, als sich rächen zu -wollen und nicht rächen zu können.« - - * * * * * - -»Furchtbar fürwahr ist die Strafe, die du ersonnen, o Mensch!« sprach da -Gott. »Und alles möge so geschehen, wie du es gesprochen; aber auch du -sitze nun ewiglich dort zu Pferde, und das Himmelreich sei dir nicht -beschieden, solange du noch dort auf deinem Rosse sitzen mußt!« Und -alles geschah, wie es gesagt ward: auch heute noch steht der wunderbare -Ritter auf dem Karpathenberge und sieht im bodenlosen Schlunde die Toten -an einem Leichnam nagen, und er fühlt, wie der Leichnam unter der Erde -wächst, wie er in furchtbarer Pein an den eigenen Knochen nagt und -schrecklich die Erde erschüttert ........ - -Der Blinde hatte sein Lied beendet, schon fing er von neuem an, die -Saiten zu zupfen und schon begann er wieder ergötzliche Märlein von -Choma und Jerjoma, und von Stkljar Stokosa zu singen ... aber Alt und -Jung konnten noch immer nicht zu sich kommen, und lange noch standen sie -mit gesenktem Haupte da, in tiefes Sinnen versunken über die -schreckliche Tat aus vergangenen Zeiten. - - - - - Iwan Fjodorowitsch Schponjka - und seine Tante - - -Mit dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert: erzählt hat -sie uns Stepan Iwanowitsch Kurotschka aus Gadjatsch. Nun muß ich euch -vermelden, daß mein Gedächtnis ganz unmöglich schlecht ist: ob mir einer -was sagt oder nicht, das kommt ganz auf dasselbe hinaus, es ist genau -so, als wenn man Wasser in ein Sieb gießt. Weil ich aber meinen Fehler -kenne, so habe ich ihn gebeten, die Geschichte in ein Heftchen -einzutragen. Gott schenke ihm ein langes Leben, er hat sich mir -gegenüber immer als guter Mensch erwiesen, und so hat er die Geschichte -denn auch wirklich aufgeschrieben. Nun gut. Ich legte also das Heftchen -in das kleine Tischchen: -- Ich glaube, ihr kennt es alle, es steht -gleich in der Ecke, wenn man zur Tür hereinkommt ..... Ja, da hab' ich -richtig vergessen, daß ihr noch niemals bei mir wart! Meine Alte, mit -der ich schon an die dreißig Jahre zusammen lebe, hat, -- was soll ich -ein Hehl daraus machen, -- ihr Lebtag nichts vom Lesen verstanden. -Einmal bemerkte ich nun, wie sie Küchel auf Papier bäckt. Diese -Küchelchen kann sie nämlich ganz wunderbar backen, lieber Leser; bessere -Küchel bekommt ihr sicherlich nirgends zu essen. Wie ich mir nun so den -Boden eines Küchelchens anschaue, da finde ich plötzlich geschriebene -Worte! Ich laufe zum Tischchen, als ob mein Herz es geahnt hätte: -- vom -Hefte ist kaum mehr als die Hälfte übrig! Sie hatte sich alle übrigen -Blätter für ihre Kuchen weggeschleppt! Was sollte man da machen? Man -kann sich doch nicht auf seine alten Tage noch raufen! Nun reiste ich -aber im vorigen Jahre so einmal durch Gadjatsch hindurch: noch, bevor -ich in die Stadt kam, hatte ich mir absichtlich einen Knoten ins -Taschentuch gemacht, um nicht zu vergessen, daß ich Stepan Iwanowitsch -meine Bitte vortragen wollte. Mehr noch, ich nahm mir selbst das -Versprechen ab: mich, sobald ich in der Stadt niesen würde, daran zu -erinnern. Aber es war alles vergebens. Ich kam durch die Stadt, nieste -auch, schneuzte mich in mein Taschentuch und vergaß es dennoch; erst als -ich schon sechs Werst hinterm Tor war, da fiel es mir wieder ein. Na, da -war nichts mehr zu machen, und so mußte die Geschichte denn notgedrungen -ohne Schluß abgedruckt werden. Übrigens, wenn jemand unbedingt wissen -will, wie diese Geschichte weitergeht, braucht er nur nach Gadjatsch zu -fahren und bei Stepan Iwanowitsch vorzusprechen. Der wird sie ihm mit -dem größten Vergnügen von Anfang bis zu Ende erzählen. Stepan -Iwanowitsch wohnt nicht weit von der steinernen Kirche. Da ist gleich so -ein kleines Gäßchen: sobald ihr in dies Gäßchen einbiegt, ist's der -zweite oder dritte Torweg. Oder noch besser: wenn ihr im Hofe eine lange -Stange mit einer Wachtel erblickt und euch ein dickes Weibsbild in einem -grünen Rocke entgegenkommt (nebenbei bemerkt, er führt ein -Junggesellenleben), so ist das sein Hof. Ihr könnt ihm übrigens auch auf -dem Markt begegnen, wo er jeden Morgen bis gegen neun Uhr Fische oder -Gemüse für seinen Tisch einkauft und sich mit Vater Antip oder mit dem -jüdischen Händler unterhält. Ihr werdet ihn sofort erkennen, denn -niemand außer ihm trägt Hosen aus bedruckter Leinewand oder einen gelben -Nankingrock. Oder, da habt ihr noch ein gutes Merkzeichen: wenn er geht, -so schlägt er mit den Armen um sich. Der Assessor am Ort, Denis -Petrowitsch, pflegte immer zu sagen, wenn er ihn von ferne herankommen -sah: »Seht, seht doch, da kommt die Windmühle!« - - - I. - Iwan Fjodorowitsch Schponjka - -Es ist schon vier Jahre her, daß Iwan Fjodorowitsch Schponjka Abschied -vom Militär genommen hatte und auf seinem Gutshof Wytrebenjki hauste. -Als er noch der kleine Iwan hieß, besuchte er die Kreisschule zu -Gadjatsch, und das muß man sagen, er war ein höchst sittsamer und -fleißiger Junge. Sein Lehrer in der russischen Grammatik, Nikifor -Timofejewitsch Dejepritschastje, behauptete immer, wenn alle so fleißig -gewesen wären wie Schponjka, dann hätte er das Ahornlineal nicht in die -Klasse mitzunehmen brauchen, denn er war, wie er selbst eingestand, es -schon müde, den Faulen und Mutwilligen immer auf die Finger zu klopfen. -Iwans Heftchen war stets sauber; es war rings herum mit einem Rande -versehen, und nirgends war ein Fleckchen zu entdecken. Er saß stets -still mit gefalteten Händen und die Augen auf den Lehrer gerichtet, da; -nie heftete er einem vor ihm sitzenden Kameraden einen Zettel auf den -Rücken, schnitzte nie Buchstaben oder Zeichen in die Bank und spielte -auch nie »Drängeln,« bevor der Lehrer in die Klasse trat. Wenn jemand -ein Messer brauchte, um sich eine Feder zu schneiden, so wandte er sich -sofort an Iwan Fjodorowitsch, da jeder wußte, daß er stets ein -Messerchen bei sich hatte; und Iwan Fjodorowitsch, der damals noch -einfach »Wanjuscha« genannt wurde, holte das Messer aus dem kleinen -Ledertäschchen, das am Knopfloch seines grauen Rockes hing, und bat nur -darum, man möchte die Feder nicht mit der scharfen Seite des Messers -schaben, denn er behauptete, daß die stumpfe Seite dazu da sei. - -Diese Sittsamkeit lenkte bald sogar die Aufmerksamkeit des lateinischen -Lehrers auf ihn, der schon im Korridor durch sein Husten, und noch bevor -sein Friesmantel und sein blatternarbiges Gesicht in der Tür erschien, -die ganze Klasse in Angst und Schrecken jagte. Dieser fürchterliche -Lehrer, auf dessen Katheder stets zwei Rutenbündel prangten, und bei dem -die Hälfte aller Schüler auf den Knien stehen mußten, machte Iwan -Fjodorowitsch zum Auditor der anderen, obwohl es in der Klasse viele -Schüler gab, die bedeutend begabter waren als er. Hier darf ein Fall -nicht übergangen werden, der einen gewissen Einfluß auf Iwans Leben -gewann. Einer der ihm anvertrauten Schüler, der den Auditor bewegen -wollte, ihm ein »_Scit_« ins Klassenbuch zu schreiben, obgleich er keine -blasse Ahnung von seiner Lektion hatte, brachte einen in Papier -eingewickelten und mit Butter übergossenen Eierkuchen in die Klasse mit. -Trotzdem Iwan Fjodorowitsch sonst stets gerecht war, war er doch gerade -in diesem Augenblick sehr hungrig und daher konnte er der Versuchung -nicht widerstehen. Er nahm den Eierkuchen, pflanzte ein Buch vor sich -auf und begann ihn zu verzehren. Er war so damit beschäftigt, daß er -nicht einmal merkte, wie es plötzlich in der Klasse totenstill wurde. So -kam er erst wieder zu sich, als sich eine schreckliche Hand aus dem -Friesmantel hervorstreckte, ihn beim Ohr packte und mitten in die Klasse -zerrte. »Gib den Eierkuchen heraus, gib ihn heraus! sagt man dir, du -Taugenichts!« rief der schreckliche Lehrer, ergriff den fettigen -Eierkuchen mit den Fingern und warf ihn durchs Fenster, wobei er es -übrigens nicht vergaß, den im Hofe herumlaufenden Schuljungen aufs -strengste zu verbieten, ihn aufzuheben. Darauf schlug er Iwan -Fjodorowitsch gleich an Ort und Stelle kräftig auf die Finger, und das -mit Recht: denn die Finger waren ja gerade die Schuldigen, _sie_ hatten -sich ja den Eierkuchen genommen und kein anderer Körperteil. Wie dem -auch sei, genug, seitdem wurde Iwans Schüchternheit, die aufs engste mit -seiner Person verwachsen war, nur noch größer. Vielleicht war eben -dieses Geschehnis der Grund davon, daß er später nie Lust hatte, in den -Zivildienst einzutreten; hatte er doch aus eigener Erfahrung erkannt, -daß es uns nicht immer gelingt, unsere Sünden zu verbergen. - -Er war nicht weniger als fünfzehn Jahre alt, als er in die zweite Klasse -versetzt wurde, wo er vom kleinen Katechismus und den vier Spezies in -der Arithmetik, zum großen Katechismus, zum Buch von den Pflichten des -Menschen und zu den Brüchen überging. Aber da er merkte, daß, je größer -der Wald, um so dichter die Baumstämme beieinander ständen, und als er -die Nachricht erhielt, daß sein Vater das Zeitliche gesegnet habe, blieb -er nur noch zwei Jahre dort und trat dann mit Einwilligung seiner Mutter -in das P--er Infanterieregiment. - -Das P--er Infanterieregiment war nun keineswegs von der Sorte, zu der -die meisten Infanterieregimenter gehören; und obwohl es gewöhnlich nur -in Dörfern lag, lebte es doch auf großem Fuße, so daß es manchem -Kavallerieregiment nichts nachgab. Der größte Teil der Offiziere trank -den stärksten Schnaps, den man nur durch Gefrierenlassen gewinnt, und -verstand es nicht schlechter als die Husaren, die Juden bei den -Schläfenlöckchen zu packen und nach sich zu ziehen; einige von den -Offizieren konnten sogar Mazurka tanzen, und der Oberst des P--schen -Regiments ließ sich in Gesellschaft nie die Gelegenheit entgehen, dies -besonders zu betonen. »Bei mir,« sagte er gewöhnlich und tätschelte sich -bei jedem Wort seinen Bauch, »bei mir im Regiment tanzen viele Mazurka, -jawohl viele, sogar sehr viele!« Um dem Leser den Grad der Bildung, der -im P--er Infanterieregiment herrschte, noch deutlicher vor Augen zu -führen, wollen wir noch hinzufügen, daß zwei seiner Offiziere ganz -schreckliche Spielratten waren und Uniform, Mütze, Mantel samt ihrer -Troddel und ihrer Unterkleidung im Bankspiel verloren, und das kommt ja -selbst bei den Kavalleristen nicht immer vor. - -Der Umgang mit solchen Kameraden hatte jedoch nicht im geringsten dazu -beigetragen, die Schüchternheit von Iwan Fjodorowitsch zu vermindern, -und da er nur einfachen Schnaps trank, und zwar _ein_ Gläschen vor dem -_Mittag_- und _ein_ Gläschen _vor_ dem _Abend_essen -- weder Mazurka -tanzte noch Karten spielte, so blieb er natürlich immer allein. Auf -diese Art pflegte er, während die anderen auf Gutspferden zu den -kleineren Grundbesitzern zu Besuch fuhren, in seiner Wohnung zu sitzen -und sich Beschäftigungen zu widmen, die nur zu einer sanften und gütigen -Seele passen: bald putzte er seine Knöpfe, bald las er im Wahrsagebuch, -bald stellte er in allen Winkeln seines Zimmers Mausefallen auf, und -bald warf er endlich die Uniform ab und lag dann lang ausgestreckt auf -dem Bette. - -Dafür aber gab es niemand im Regiment, der zuverlässiger gewesen wäre, -als Iwan Fjodorowitsch, und er befehligte seine Korporaltruppen so gut, -daß der Kompagniechef ihn den andern immer zum Vorbild aufstellte. Dafür -wurde er auch, kaum elf Jahre, nachdem er die Fähnrichscharge erhalten -hatte, zum Sekondeleutnant ernannt. - -Während dieser Zeit erhielt er die Nachricht, seine Mutter sei gestorben -und seine Tante, die leibliche Schwester seiner Mutter, eine Tante, die -er nur _daher_ kannte, weil sie ihm in seiner Kindheit einmal -getrocknete Rosinen und äußerst schmackhafte, selbst gebackene Bretzeln -mitgebracht hatte und die ihm später dergleichen schöne Dinge sogar nach -Gadjatsch schickte (sie war mit seiner Mutter verfeindet, und daher -bekam sie Iwan Fjodorowitsch später nicht mehr zu sehen), -- diese Tante -habe aus reiner Gutherzigkeit die Verwaltung seines kleinen Gutes -übernommen, wovon sie ihm rechtzeitig in einem Briefe Mitteilung machte. - -Iwan Fjodorowitsch, der von dem verständigen Sinn seiner Tante -vollkommen überzeugt war, verrichtete indes seinen Dienst weiter wie -früher. Manch einer an seiner Stelle wäre, wenn er solch einen Rang -erklommen hätte, stolz geworden; aber jeglicher Stolz war ihm völlig -fremd, und auch als Sekondeleutnant blieb er ganz derselbe Iwan -Fjodorowitsch, der er auch als Fähnrich gewesen war. Er brachte nach -diesem für ihn so denkwürdigen Ereignis noch weitere vier Jahre so zu, -und war gerade im Begriff, mit seinem Regiment aus dem Gouvernement -Mohilew nach Großrußland zu ziehen, als er einen Brief folgenden Inhalts -erhielt: - - »Mein lieber Neffe Iwan Fjodorowitsch! - - Ich schicke Dir Wäsche: fünf Paar Zwirnsocken und vier feine - Leinenhemden; auch möchte ich geschäftlich mit Dir reden: da Du ja - schon einen nicht geringen Rang erklommen, und, wie ich glaube, ein - Alter erreicht hast, wo man weiß, daß es an der Zeit ist, sich mit - der Landwirtschaft zu beschäftigen, so solltest Du nicht länger noch - beim Militär bleiben. Ich bin schon alt und kann auf Deinem - Besitztum nicht alles selbst besorgen; auch muß ich Dir vieles - persönlich mitteilen. Komm, mein Lieber. Indem ich sehnsüchtig auf - das Vergnügen warte, Dich wiederzusehen, verbleibe ich Deine Dich - innig liebende Tante - - Wassilissa Zuptschewska. - - _P. S._ Bei uns im Garten gibt's jetzt herrliche Rüben: sie gleichen - schon mehr Kartoffeln als Rüben.« - -Acht Tage nach Empfang des Briefes erhielt Iwan Fjodorowitschs Tante -folgende Antwort: - - »Liebe Tante Wassilissa Kaschparowna!« - - »Vielen Dank für die Wäschesendung. Besonders meine Socken sind - schon sehr alt, so daß der Bursche sie bereits viermal stopfen - mußte; dadurch sind sie mir auch zu eng geworden. Was Ihre Ansicht - über den Dienst anbelangt, so bin ich ganz mit Ihnen einverstanden, - und habe daher vorgestern meinen Abschied eingereicht. Sobald ich - den Dispens erhalte, nehme ich mir sogleich einen Wagen. Ihren - früheren Auftrag, Ihnen sibirischen Weizensamen zu besorgen, konnte - ich leider nicht ausführen: im ganzen Gouvernement Mohilew gibt es - keinen solchen Samen. Schweine werden hier meistenteils mit Mais - gemästet, wobei man etwas gegorenes Bier hinzutut. - - Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich - Ihr Neffe - Iwan Schponjka.« - -Endlich erhielt Iwan Fjodorowitsch seinen Abschied, und wurde dabei zum -Oberleutnant befördert; mietete sich für vierzig Rubel einen jüdischen -Fuhrmann von Mohilew bis Gadjatsch und nahm im Wagen Platz, just zu der -Zeit, da die Bäume sich mit den ersten jungen Blättern schmückten, die -Erde in frischem Grün prangte, und alle Felder einen herrlichen -Frühlingsduft ausströmten. - - - II. - Die Reise - -Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. Man reiste etwas -über vierzehn Tage lang. Vielleicht wäre Iwan Fjodorowitsch noch früher -angekommen, wenn der fromme Jude nicht seinen Sabbath eingehalten und -nicht den ganzen Tag über, in seine Pferdedecke gehüllt, gebetet hätte. -Wie ich übrigens schon gelegentlich bemerkt habe, war Iwan Fjodorowitsch -ein Mensch, der keine Langeweile aufkommen ließ. Während dieser Zeit -schnallte er seinen Koffer auf, nahm seine Wäsche heraus, musterte sie, -ob sie auch gut gewaschen und richtig zusammengelegt sei, entfernte -behutsam ein Federchen von seiner Uniform, die schon keine Epauletten -mehr zierten, und legte alles wieder in schönster Weise zusammen. Er -liebte im Allgemeinen das Bücherlesen nicht; und wenn er auch hie und da -in das Wahrsagebuch hineinblickte, so geschah es nur deshalb, weil er es -gern hatte, bekannten Dingen, die er schon einige Male gelesen, wieder -einmal zu begegnen. Genau so besucht der Städter seinen Klub, nicht etwa -um irgend etwas Neues zu hören, sondern um dort Freunde zu treffen, mit -denen er seit unvordenklichen Zeiten im Klub zu plaudern gewohnt ist. -Oder so liest ein Beamter ein paarmal täglich mit viel Genuß das -Adreßbuch, nicht etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Pläne -willen, sondern weil ihn die gedruckten Namen amüsieren. »Ah! Das ist -Iwan Gawrilowitsch so und so! ....« murmelt er dumpf vor sich hin. »Ah! -Da bin ich! hm! ....« Und am folgenden Tage liest er's wieder, wobei er -seine Lektüre mit denselben Interjektionen begleitet. - -Nach einer vierzehntägigen Fahrt erreichte Iwan Fjodorowitsch ein -Dörfchen, das hundert Werst von Gadjatsch entfernt war. Es war gerade -ein Freitag und die Sonne war schon längst untergegangen, als er samt -seinem Wagen und dem Juden in den Hof des Gasthauses einfuhr. - -Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von allen andren -Gasthäusern, die man in kleinen Dörfern vorfindet. Dort bringt man dem -Fremden zumeist mit viel Eifer Heu und Hafer entgegen, gleich als ob er -ein Postgaul wäre. Will er dagegen frühstücken, wie anständige Leute es -gewöhnlich zu tun pflegen, so soll er sich seinen Appetit ruhig und -unversehrt bis zu einer anderen Gelegenheit aufsparen. Indessen, da Iwan -Fjodorowitsch all das wußte, hatte er sich rechtzeitig zwei Bündel -Brezeln und Wurst besorgt, bestellte sich jetzt nur einen Schnaps, an -dem es in keinem Wirtshaus fehlt, und begann sein Abendmahl, indem er -auf der Bank vor dem Eichentisch Platz nahm, der fest in den Lehmboden -eingegraben war. - -Währenddessen kam unter mächtigem Gerassel ein Wagen heran. Das Tor -knarrte, aber der Wagen fuhr noch lange nicht in den Hof hinein und man -hörte jemand mit lauter Stimme auf die Alte losschimpfen, der das -Wirtshaus gehörte. »Gut, ich steige hier ab,« hörte Iwan Fjodorowitsch -den Fremden rufen, »wenn mich aber auch nur eine Wanze beißt, so prügle -ich dich durch, bei Gott, du alte Hexe, ich prügle dich durch, und -bezahle dir nichts für dein Heu!« - -Einen Augenblick später ging die Tür auf, und herein trat, oder -richtiger gesagt, _kroch_ ein dicker Mann in einem grünen Rock. Sein -Kopf saß unbeweglich auf dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns -noch dicker erschien. Schon nach dem bloßen Äußeren hätte man glauben -können, einen Mann vor sich zu haben, der sich nie den Kopf über -Alfanzereien zerbrach, und dessen Leben ruhig dahinglitt wie Öl. - -»Ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit, mein Herr!« rief er, als er -Iwan Fjodorowitsch erblickte. - -Iwan Fjodorowitsch verneigte sich stumm. - -»Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre, zu sprechen?« fuhr der -dicke Fremde fort. - -Bei diesen Fragen erhob sich Iwan Fjodorowitsch unwillkürlich von seinem -Platze und richtete sich stramm auf, wie er es zu tun pflegte, wenn sein -Oberst sich bei ihm nach irgend etwas erkundigte. »Leutnant außer -Diensten Iwan Fjodorowitsch Schponjka,« antwortete er. - -»Darf ich fragen, wohin Sie zu fahren belieben?« - -»Auf mein Gut Wytrebenjki«. - -»Wytrebenjki!« rief der gestrenge Frager. »Gestatten Sie, mein Herr, -gestatten Sie!« rief er, indem er auf ihn zutrat und mit den Armen um -sich schlug, gleich als ob er sich gegen jemanden wehren, oder sich -durch eine Menschenmenge hindurchdrängen wollte. Dann aber trat er auf -ihn zu, schloß Iwan Fjodorowitsch in die Arme und küßte ihn zuerst auf -die rechte, dann auf die linke und dann wieder auf die rechte Wange. -Iwan Fjodorowitsch fand Gefallen an diesem Zärtlichkeitsausbruch, denn -die großen Wangen des Fremden erschienen seinen Lippen wie zwei weiche -Kissen. - -»Erlauben Sie, mein Herr, daß wir einander kennen lernen!« fuhr der -Dicke fort. »Ich bin Gutsbesitzer, und zwar ebenfalls im Kreise -Gadjatsch; ich bin Ihr Nachbar, wohne höchstens fünf Werst von Ihrem -Gutshof Wytrebenjki entfernt auf meinem Gute Chortystsche, und heiße -Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Nein, unbedingt, mein Herr, -unbedingt .... ich will nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht zu mir -nach Chortystsche zu Besuch kommen. Jetzt muß ich eilig in Geschäften -weiter .... Was soll denn das da bedeuten?« sprach er mit sanfter Stimme -zu seinem Reitknecht, einem Knaben in einem Kosakenkittel mit geflickten -Ellenbogen und verwunderter Miene, der allerhand Pakete und Schachteln -auf den Tisch stellte. »Was soll das? Wie?« -- und Grigori -Grigorjewitschs Stimme wurde zusehends strenger und strenger. »Habe ich -dir etwa befohlen, das hierher zu stellen, du Schurke? Habe ich dir -nicht befohlen, zuerst das Huhn warm zu machen, Halunke du? Pack dich!« -rief er und stampfte mit dem Fuße auf. »Halt, du Fratz du! Wo ist denn -das Kästchen mit den Flaschen? Iwan Fjodorowitsch!« fuhr er fort, indem -er ein Gläschen Kräuterschnaps einschenkte, »bitte ergebenst: ärztlich -empfohlen!« - -»Bei Gott, ich kann nicht .... ich hatte schon Gelegenheit ....« sagte -Iwan Fjodorowitsch stockend. - -»Nein, ich will nichts hören, mein Herr!« rief der Gutsbesitzer mit -erhobener Stimme, »ich will nichts hören! Ich rühr' mich nicht vom -Fleck, bis Sie getrunken haben ....« - -Iwan Fjodorowitsch sah ein, daß hier eine Weigerung unmöglich war, und -trank den Schnaps nicht ohne Vergnügen. - -»Hier ist Huhn, mein Herr,« fuhr der dicke Grigori Grigorjewitsch fort, -indem er das Huhn in seinem Holzkästchen mit dem Messer zerlegte. »Ich -muß Ihnen sagen, meine Köchin Jawdocha liebt es manchmal, ein Gläschen -hinter die Binde zu gießen, und daher macht sie's zuweilen zu trocken. -He, Junge!« und hierbei wandte er sich an den Knaben im Kosakenkittel, -der gerade ein Federbett und ein Kissen hereinbrachte, »mach mir das -Bett auf dem Fußboden, mitten in der Stube! Paß aber auch gut auf, lege -recht viel Heu unter das Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein -bißchen Hanf aus der Decke, damit ich mir zur Nacht die Ohren zustopfen -kann! Sie müssen nämlich wissen, mein Herr, daß ich die Gewohnheit habe, -mir nachts die Ohren zuzustopfen, seit jener verfluchten Geschichte, wo -mir einmal in einer großrussischen Kneipe eine Schwabe ins Ohr gekrochen -ist. Wie ich später erfahren habe, essen diese verdammten Russen sogar -Kohlsuppe mit Schwaben. Es ist unmöglich zu beschreiben, was damals mit -mir vorging: es kitzelte und kitzelte mir nur so im Ohr ... na, um auf -die Wände zu klettern! Schließlich hat mir ein einfaches altes Weib -geholfen, aber das war schon hier in unserer Gegend, und womit glauben -Sie? Ganz einfach, indem sie mich besprach. Was denken Sie über die -Ärzte, mein Herr? Ich meine, die foppen uns nur und halten uns zum -Besten; manche alte Frau weiß zwanzigmal mehr, als all diese Ärzte.« - -»In der Tat, was Sie da zu sagen belieben, ist vollkommen richtig. In -der Tat, es gibt ....« Und Iwan Fjodorowitsch hielt inne, als ob er kein -passendes Wort finden konnte. An dieser Stelle muß ich sagen, daß er -überhaupt ziemlich wortkarg war. Vielleicht rührte das von seiner -Schüchternheit her, vielleicht aber entsprach es auch nur dem Wunsche, -sich möglichst hübsch auszudrücken. - -»Schüttle das Heu nur recht tüchtig; tüchtig, hörst du!« rief Grigori -Grigorjewitsch seinem Lakai zu. »Hier ist das Heu so abscheulich, daß -man nur allzuleicht auf ein Ästchen stoßen kann. Ich erlaube mir, Ihnen -eine gute Nacht zu wünschen, mein Herr! Morgen werden wir uns wohl nicht -mehr sehen: ich fahre noch vor Tagesanbruch weiter. Ihr Jude wird hier -wohl seinen Sabbath halten, morgen ist nämlich Sonnabend; da brauchen -Sie nicht so früh aufzustehen. Vergessen Sie nur meine Bitte nicht, ich -will einfach nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht nach Chortystsche -kommen.« - -Der Kammerdiener zog dem Grigori Grigorjewitsch Rock und Stiefel aus, -half ihm statt dessen in einen Schlafrock hinein, und Grigori -Grigorjewitsch warf sich auf sein Bett, was genau so aussah, wie wenn -ein riesiges Federbett sich auf ein anderes gelegt hätte. - -»He, Bursche! Wo steckst du nur, du Schuft? Komm her, leg mir die Decke -zurecht! He, Junge, lege mir noch Heu unter den Kopf! Wie? sind die -Pferde schon getränkt? _Noch_ mehr Heu! Hierher, _da_ unter die Seite! -Aber so lege mir doch die Decke zurecht, du Schurke! So! Besser, noch -besser .... Oh! ....« - -Und Grigori Grigorjewitsch seufzte noch ein paarmal tief auf, und -erfüllte das ganze Zimmer mit einem fürchterlichen Pfeifen, das aus -seiner Nase hervordrang; er schnarchte zuweilen so laut, daß die alte -Frau, die auf der Ofenbank schlummerte, aufwachte, verwundert in alle -Ecken und Winkel guckte, und erst, als sie nichts besonderes bemerkte, -beruhigt wieder einschlief. - -Als Iwan Fjodorowitsch am nächsten Morgen erwachte, war der dicke -Gutsbesitzer nicht mehr da. Das war das einzige merkwürdige Ereignis, -das sich während seiner Reise zugetragen hatte. Zwei Tage darauf näherte -er sich seinem Gutshof. - -Er fühlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann, als die Windmühle, -ihre Flügel schwenkend, hervorschaute, und als in dem Maße, wie der Jude -seine Stuten den Berg hinaufjagte, unten eine Reihe von Weiden -auftauchte. Hell und lebhaft schimmerte der Teich zwischen ihnen auf und -strömte eine kühlende Frische aus. Hier pflegte er früher zu baden; und -in demselben Teiche war er einstmals mit den Dorfjungen, bis zum Halse -im Wasser, herumgewatet, um Krebse zu fangen. Das Wägelchen fuhr den -Damm hinauf, und jetzt erblickte Iwan Fjodorowitsch das alte mit Schilf -gedeckte Häuschen, und die alten Äpfel- und Kirschbäume, auf denen er -einstmals heimlich herumgeklettert war. Kaum war er in den Hof -eingefahren, so kamen von allen Seiten Hunde aller möglichen Rassen -herbeigelaufen: schwarze, dunkelbraune, graue, scheckige. Die einen -warfen sich den Pferden bellend vor die Füße, die anderen liefen -hinterdrein, da sie merkten, daß die Achse mit Fett eingeschmiert war; -ein Hund stand neben der Küche, hatte die Pfote auf einen Knochen gelegt -und kläffte aus Leibeskräften; ein andrer bellte von ferne, rannte hin -und her, und wedelte mit dem Schweif, gleich als ob er sagen wollte: -»Seht, ihr Christenmenschen, was ich noch für ein Jüngling bin!« Mehrere -Jungen in schmutzigen Hemden kamen herausgelaufen, um zu gaffen. Eine -Sau, die mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumpromenierte, hob ihre -Schnauze mit prüfender Miene in die Höhe und grunzte noch lauter als -sonst. Im Hofe lag auf einem Stück grober Leinwand eine Unmenge Weizen, -Gerste und Buchweizen, und all dieses trocknete in der Sonne. Auch auf -dem Dache lagen allerhand Kräuter zum Trocknen: Nagelkraut, Grindkraut -und mehr dergleichen. - -Iwan Fjodorowitsch war dermaßen in Betrachtung all dieser Herrlichkeiten -versunken, daß er erst wieder zu sich kam, als ein scheckiger Hund den -vom Bock herunterkriechenden Juden in die Wade biß. Das Gesinde, das -auch herbeigeeilt war und aus einer Köchin, einer Frau und zwei Mädeln -in wollenen Röcken bestand, meldete ihm, nachdem alle laut ausgerufen -hatten »Da ist ja der junge Herr!«, daß sich die Tante im Gemüsegarten -befände und zusammen mit der Dienstmagd Paloschka und dem Kutscher -Omeljka, der manchmal auch das Amt eines Gärtners und Wärters versah, -Weizen säe. Aber die Tante, die den Wagen von ferne erblickt hatte, war -schon selbst erschienen. Iwan Fjodorowitsch erstaunte, als sie ihn fast -in ihren Armen in die Höhe hob, und er fing beinahe an zu zweifeln, ob -das auch wirklich dieselbe Tante sei, die ihm so viel von ihrer -Gebrechlichkeit und Kränklichkeit geschrieben hatte. - - - III. - Die Tante - -Tante Wassilissa Kaschparowna war damals gegen fünfzig Jahre alt. Sie -war nie verheiratet gewesen, und sie behauptete, das jungfräuliche Leben -sei ihr wertvoller als alles auf der Welt. Übrigens hatte -- so viel ich -mich besinnen kann, -- auch nie jemand um ihre Hand angehalten. Das kam -daher, daß alle Männer ihr gegenüber eine gewisse Schüchternheit -empfanden und nicht den Mut hatten, ihr ihre Gefühle zu erklären. -»Wassilissa Kaschparowna hat sehr viel Charakter,« sagten die Freier, -und sie hatten recht, denn Wassilissa Kaschparowna verstand es, einen -sammetweich zu machen. Aus dem versoffenen Müller, der zu gar nichts -mehr zu gebrauchen war, hatte sie ohne Anwendung irgendwelcher äußerer -Mittel und nur indem sie ihn täglich ein paarmal am Schopfe rupfte, -verstanden, einen ganzen Menschen, ja, mehr noch, geradezu einen -Goldklumpen zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre -Beleibtheit und Kraft entsprachen ihm. Es hatte den Anschein, als ob die -Natur einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, als sie es ihr zum -Schicksal bestimmte, an den Werktagen ewig einen dunkelbraunen -Morgenrock mit kleinen Säumchen und am Ostersonntag und an ihrem -Namenstage einen roten Kaschmir-Schal zu tragen, während ihr ein -Dragonerschnurrbart und lange Schaftstiefel am besten gestanden hätten. -Dafür aber entsprach ihre Beschäftigung vollkommen ihrem Charakter, sie -konnte rudern, und zwar besser als irgend ein Fischer; sie ging auf die -Jagd; sie beaufsichtigte die Schnitter, sie kannte die Zahl der Kürbisse -und Melonen auf dem Felde auswendig; sie erhob eine Steuer von fünf -Kopeken von jedem Wagen, der über ihren Damm fuhr; sie kletterte auf die -Bäume und schüttelte die Birnen herunter; sie prügelte eigenhändig ihre -faulen »Vasallen« mit ihrer schrecklichen Hand und belohnte die Würdigen -mit einem Schnaps aus derselben gestrengen Hand. Und fast zur gleichen -Zeit konnte sie schimpfen, Leinwand färben, in die Küche rennen, Kwas -bereiten, und Honig einmachen; sie machte sich den ganzen lieben Tag zu -schaffen und versäumte nichts. Die Folge davon war, daß Iwan -Fjodorowitschs kleines Gut, das nach der letzten Revision achtzehn -Leibeigene gezählt hatte, förmlich aufblühte, und zwar im vollen Sinne -dieses Wortes. Übrigens liebte sie auch ihren Neffen viel zu sehr und -hob sorgsam jede Kopeke für ihn auf. - -Seit Iwan Fjodorowitsch wieder zu Hause war, ging eine große Veränderung -in seinem Leben vor und es schlug völlig neue Bahnen ein. Es schien so, -als ob die Natur ihn geradezu dazu geschaffen hätte, ein Gut mit -achtzehn Leibeigenen zu beaufsichtigen. Sogar die Tante merkte, daß er -einen guten Landwirt abgeben würde, obwohl sie ihm übrigens nicht -gestattete, sich in alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. »Der Junge -ist noch nicht alt genug!« pflegte sie gewöhnlich zu sagen, trotzdem -Iwan Fjodorowitsch mindestens vierzig Jahre alt war; »woher soll er auch -alles wissen!« - -Er wich jedoch auf dem Felde keinen Schritt von den Schnittern und -Mähern, und dies bereitete seiner sanften Seele einen unaussprechlichen -Genuß. Ein Dutzend glänzender Sensen und mehr fliegen einmütig in einem -Schwunge in die Höhe; das Gras sinkt rauschend in harmonischen Reihen -zur Erde; und nun erklingen die Lieder der Schnitterinnen, bald lustig, -wie beim Empfang von Gästen, und bald wehmütig, wie bei einer Trennung; -der Abend ist still und die Luft ist rein! -- O wie köstlich ist solch -ein Abend! Wie leicht und frisch ist die Luft! wie erscheint dann alles -belebt: die Steppe rötet sich, blaut und glüht in allen Farben auf; -Wachteln, Trappgänse, Möwen, Heimchen und tausende von Insekten: sie -alle pfeifen, summen, knarren, schreien, und auf einmal ist's ein -harmonischer Chor; und nichts verstummt auch nur für einen Augenblick. -Schon senkt sich die Sonne herab und versteckt sich. Ah! wie frisch und -wohlig wird einem da! Auf dem Felde werden hie und da Feuer entzündet -und Kessel aufgestellt, und die schnauzbärtigen Schnitter setzen sich -rings um die Kessel herum; von den brodelnden Klößen steigt ein Dampf -auf; der Abend graut .... Es wäre schwer zu sagen, was dann in Iwan -Fjodorowitsch vorging. Er vergaß es, wenn er sich zu den Schnittern -gesellte, von ihren Klößen zu kosten, obwohl er sie doch so gerne aß, -stand regungslos auf einem Fleck da, verfolgte eine hoch im Himmel -schwirrende Möwe mit den Augen oder zählte die Garben des abgemähten -Kornes, die das Feld überfluteten. - -Bald erzählte man überall von Iwan Fjodorowitsch, er sei ein großer -Landwirt vor dem Herrn. Die Tante konnte sich nicht genug über ihren -Neffen freuen und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu -prahlen und wichtig zu tun. Eines Tages aber -- es war am Ausgang des -Juli und schon nach Beendigung der Ernte -- faßte Wassilissa -Kaschparowna ihren Neffen mit geheimnisvoller Miene bei der Hand und -erklärte ihm, sie wolle mit ihm über etwas sprechen, was sie schon seit -langem beschäftigte. - -»Es ist dir wohl bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch,« begann sie, »daß -dein Gutshof achtzehn Leibeigene zählt; übrigens nur laut der letzten -Revision, in Wirklichkeit werden's vielleicht noch mehr sein, vielleicht -gar bis an die vierundzwanzig. Doch es handelt sich nicht darum, du -kennst wohl das Wäldchen, das sich hinter unserer Trift befindet, und -wohl auch die breite Wiese hinter diesem Walde: sie ist mindestens -zwanzig Deßjatin groß, und es wächst so viel Gras darauf, daß man jedes -Jahr für mehr als hundert Rubel davon verkaufen kann, besonders wenn, -wie man erzählt, ein Kavallerie-Regiment in Gadjatsch stehen wird.« - -»Gewiß, liebe Tante; das Gras ist sehr gut!« - -»Ich weiß selbst, daß es sehr gut ist; aber weißt du auch, daß dieses -ganze Land eigentlich von Rechts wegen dir gehört? Was siehst du mich so -groß an? Hör mich an, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch an -Stepan Kusmitsch? Warum sage ich eigentlich: erinnerst du dich? Du warst -ja damals noch so klein, daß du nicht einmal seinen Namen aussprechen -konntest. Wie solltest du dir da noch eine Erinnerung bewahrt haben! Ich -weiß noch: als ich grad vor Philippi zu euch kam und ich dich auf die -Arme nahm, da hättest du mir beinahe das ganze Kleid verdorben; zum -Glück konnte ich dich noch der Amme Matrjona übergeben, so abscheulich -warst du damals .... Aber es handelt sich ja nicht darum. Das ganze -Land, das sich hinter unserem Gutshof befindet, und selbst das Dorf -Chortystsche gehörte damals Stepan Kusmitsch. Und da muß ich dir sagen --- denn damals warst du noch nicht auf der Welt -- der kam zu jener Zeit -oft zu deiner Mutter zu Besuch, -- freilich zu einer Zeit, da dein Vater -nicht zu Hause war. Ich sag' es jedoch nicht, um ihr einen Vorwurf -daraus zu machen. -- Gott sei ihrer Seele gnädig! Obwohl die Selige mir -gegenüber im Unrecht war. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Wie -dem auch sei, genug, Stepan Kusmitsch setzte eine Schenkungsurkunde auf, -in der er dir das Gut vermachte, von dem ich dir eben sprach. Deine -selige Mutter hatte jedoch, -- unter uns gesagt, einen ganz wunderlichen -Charakter. Selbst der Teufel (Gott verzeih mir dies häßliche Wort!) -hätte sie nicht verstehen können. Wohin sie diese Urkunde gesteckt hat --- das weiß der liebe Himmel. Ich glaube einfach, sie befindet sich in -den Händen des alten Junggesellen, Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. -Und nun ist alles diesem dickbäuchigen Schurken zugefallen. Bei Gott, -ich wäre bereit, um alles in der Welt zu wetten, daß er die Urkunde -einfach unterschlagen hat.« - -»Darf ich fragen, liebe Tante, ob das derselbe Stortschenko ist, den ich -auf der Station kennen gelernt habe?« Und Iwan Fjodorowitsch erzählte -ihr von seiner Begegnung. - -»Wer weiß!« antwortete die Tante nach kurzem Nachdenken. »Vielleicht ist -er doch kein Schuft. Es ist wahr, er lebt erst ein halbes Jahr lang -hier, und in so kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht genau kennen -lernen. Die Alte, das heißt seine Mutter, soll, wie ich gehört habe, -eine sehr vernünftige Frau sein und sich meisterlich darauf verstehen, -Gurken einzulegen, und ihre Mägde sollen großartige Teppiche weben. Da -er dich, wie du sagst, so freundlich empfangen hat, so fahre nur zu ihm -hin: vielleicht wird der alte Sünder auf sein Gewissen hören und -zurückgeben, was ihm nicht gehört. Du kannst meinetwegen die Kalesche -nehmen, nur haben die verdammten Kinder hinten alle Nägel herausgezogen; -man muß vorher dem Kutscher Omeljko sagen, daß er das Leder festnageln -soll.« - -»Wozu nur, liebe Tante? Ich nehme lieber das Wägelchen, in dem Sie auf -die Jagd fahren.« - -Damit schloß das Gespräch. - - - IV. - Das Diner - -Iwan Fjodorowitsch kam um die Mittagszeit im Dorfe Chortystsche an, und -wurde etwas unruhig, als er sich dem Herrenhause näherte. Dieses Haus -war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt, wie die Häuser so vieler -Gutsbesitzer in der Umgegend, sondern hatte ein Holzdach. Die zwei -Schuppen im Hofe waren ebenfalls mit Holzdächern versehen; und das Tor -war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich einem jener Stutzer, die -auf einen Ball kommen und plötzlich bemerken, daß, wohin sie auch -blicken mögen, alle Leute feiner gekleidet sind als sie selbst. Er ließ -sein Wägelchen respektvoll neben einem Schuppen halten und ging zu Fuß -auf die Freitreppe zu. - -»Ah! Iwan Fjodorowitsch!« rief der dicke Grigori Grigorjewitsch, der -gerade im Hof herumspazierte; er hatte einen Rock an, aber keine -Kravatte, keine Weste und keine Hosenträger. Aber auch dies Kostüm -schien ihn bei seiner Leibesfülle noch zu belästigen, denn der Schweiß -rieselte ihm nur so vom Gesicht herunter. - -»Sie sagten doch, daß Sie sofort kommen würden, sobald Sie Ihre Tante -gesehen hätten; warum sind Sie denn dann nicht früher gekommen?« Und bei -diesen Worten berührten die Lippen Iwan Fjodorowitschs die ihm -wohlbekannten Kissen. - -»Ich war meist in der Wirtschaft beschäftigt .... Ich komme auch nur auf -einen Augenblick zu Ihnen, eigentlich sogar in Geschäften ....« - -»Was, nur für einen Augenblick? Nein, das gibt's nicht. He, Junge!« rief -der dicke Hausherr, und der Bursche im Kosakenkittel, den Iwan schon -kannte, kam aus der Küche gelaufen. »Sage dem Kaßjan, er solle sofort -das Tor schließen, -- hörst du! -- fest zuschließen! Und die Pferde -dieses Herrn sollen auf der Stelle ausgespannt werden. Bitte, kommen Sie -mit mir ins Haus: hier ist es so heiß, daß mein Hemd schon ganz naß -ist.« - -Im Zimmer angelangt, beschloß Iwan Fjodorowitsch, keine Zeit zu -verlieren, und trotz seiner Schüchternheit, mit aller Entschiedenheit -vorzugehen. - -»Meine Tante hatte die Ehre .... Meine Tante hat mir gesagt, daß die -Schenkungsurkunde des verstorbenen Stepan Kusmitsch ....« - -Es ist schwer zu beschreiben, welch unangenehmen Ausdruck das breite -Gesicht Grigori Grigorjewitschs bei diesen Worten annahm. »Bei Gott, ich -höre rein gar nichts!« antwortete er. »Ich muß Ihnen sagen, daß eine -Schwabe in mein linkes Ohr hineingekrochen ist, (bei diesen verfluchten -Russen gibt's überall Schwaben in den Häusern); keine Feder kann Ihnen -beschreiben, was das für eine Qual war -- es kitzelte so fürchterlich, -sage ich Ihnen, -- es kitzelte und krabbelte ....! Aber eine kluge Frau -hat mir mit einem ganz einfachen Mittel geholfen ....« - -»Ich wollte nur sagen ....« wagte Iwan Fjodorowitsch ihn zu -unterbrechen, als er sah, daß Grigori Grigorjewitsch das Gespräch -absichtlich auf ein andres Thema lenken wollte, »daß im Testament des -verstorbenen Stepan Kusmitsch die Rede von .... sozusagen die Rede von -einer Schenkungsurkunde ist .... nach der ich ....« - -»Ich weiß schon, was Ihre Tante Ihnen eingeredet hat. Das ist alles -erlogen, bei Gott, es ist erlogen! Mein Onkel hat nicht die geringste -Schenkungsurkunde hinterlassen. Im Testament ist allerdings von einer -Urkunde die Rede, aber wo ist sie? Niemand hat sie vorlegen können. Ich -sage Ihnen das nur deshalb, weil ich Ihnen von Herzen wohl will. Bei -Gott, es ist erlogen!« - -Iwan Fjodorowitsch verstummte, da ihm der Gedanke kam, es könnte der -Tante vielleicht in der Tat nur so vorgekommen sein. - -»Ah, da kommen ja auch meine Mutter und meine Schwestern!« rief Grigori -Grigorjewitsch. »Das Mittagessen ist also schon fertig; gehen wir!« - -Und er zog Iwan Fjodorowitsch am Ärmel ins Zimmer, wo bereits allerhand -Schnäpse und eine kalte Platte auf dem Tische standen. - -In demselben Augenblick trat eine alte Frau herein; sie war sehr klein -und glich einer Kaffeekanne, die mit einer Haube bedeckt ist; zwei junge -Mädchen, ein blondes und ein brünettes, begleiteten sie. Als -wohlerzogener Kavalier küßte Iwan Fjodorowitsch erst der Alten und dann -den beiden Fräuleins die Hand. - -»Das ist unser Nachbar, Iwan Fjodorowitsch Schponjka, Mütterchen!« sagte -Grigori Grigorjewitsch. - -Die Alte sah Iwan Fjodorowitsch scharf an oder gab sich vielleicht auch -nur den Anschein, als ob sie ihn anblickte. Übrigens war sie die Güte -selbst; es schien, als ob sie Iwan Fjodorowitsch gleich hätte fragen -wollen: »Wie viel Gurken machen Sie zum Winter ein?« - -»Haben Sie schon einen Schnaps genommen?« fragte die Alte. - -»Sie haben wohl nicht ausgeschlafen, Mütterchen,« meinte Grigori -Grigorjewitsch. »Wer wird denn einen Gast fragen, ob er schon einen -Schnaps getrunken hat? Reden Sie dem Gast nur zu; ob wir aber trinken -oder nicht, das ist schon unsere Sache. Iwan Fjodorowitsch, bitte: -Wollen Sie Tausendgüldenkräuterlikör oder diesen Schnaps? Welchen ziehen -Sie vor? Iwan Iwanowitsch! Nun, was stehst du so da?« rief Grigori -Grigorjewitsch, indem er sich rückwärts wandte, und Iwan Fjodorowitsch -sah den soeben erwähnten Iwan Iwanowitsch auf den Schnaps zugehen; dies -war ein Mann in einem Rock mit langen Schößen und mit einem riesigen -Stehkragen, der seinen ganzen Nacken bedeckte, so daß sein Kopf ganz im -Kragen steckte, wie in einer Kutsche. - -Iwan Iwanowitsch trat an den Schnaps heran, rieb sich die Hände, sah -sich das Glas genau an, schenkte ein, hielt es gegen das Licht, und goß -den Schnaps mit einem Male aus dem Glase in den Mund, aber er schluckte -ihn nicht herunter, sondern spülte sich erst ordentlich den Mund, -schluckte ihn erst darauf herunter, nahm etwas Brod und gesalzene -Eierschwämme, und wandte sich dann an Iwan Fjodorowitsch. - -»Habe ich die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodorowitsch Schponjka zu sprechen?« - -»Jawohl,« antwortete Iwan Fjodorowitsch. - -»Sie beliebten sich seit der Zeit, wo ich Sie kenne, sehr zu verändern. -O ja!« fuhr Iwan Iwanowitsch fort: »ich kannte Sie, als Sie noch so groß -waren!« Dabei hielt er die Hand eine halbe Elle weit über den Boden. -»Ihr seliger Vater -- Gott schenke ihm die ewige Seligkeit -- war ein -seltener Mann. Er hatte solche Kürbisse und Melonen, wie man sie jetzt -nirgends mehr findet. Hier zum Beispiel«, fuhr er fort, indem er ihn zur -Seite führte, »werden Ihnen auch Melonen vorgesetzt werden -- aber was -sind das für Melonen? Nicht ansehen möchte man sie. Glauben Sie mir's, -seine Melonen waren ....« rief er mit geheimnisvoller Miene und spreizte -die Arme, als ob er einen dicken Baum umschlingen wollte, »bei Gott, -seine Melonen waren so dick!« - -»Gehn wir zu Tisch!« sagte Grigori Grigorjewitsch und faßte Iwan -Fjodorowitsch rasch unterm Arm. - -Grigori Grigorjewitsch ließ sich auf seinen üblichen Platz am Ende des -Tisches nieder; er band sich seine riesige Serviette vor und glich so -einem jener Helden, wie sie sich die Barbiere auf ihre Schilder malen -lassen. Iwan Fjodorowitsch setzte sich errötend auf den ihm zugewiesenen -Platz, den beiden Fräuleins gegenüber, und Iwan Iwanowitsch versäumte -nicht, an seiner Seite Platz zu nehmen, innerlich hocherfreut, daß er -jemanden hatte, dem er seine Kenntnisse mitteilen konnte. - -»Nehmen Sie doch lieber kein _Bürzelbein_, Iwan Fjodorowitsch! Da ist ja -noch ein Truthahn!« rief die Alte, zu Iwan Fjodorowitsch gewandt, dem -der Diener vom Lande in einem grauen Frack mit schwarzem Flicken gerade -eine Schüssel reichte. »Nehmen Sie doch ein Stück vom Rücken!« - -»Mütterchen! Es hat Sie doch niemand gebeten, sich in fremde -Angelegenheiten zu mischen!« rief Grigori Grigorjewitsch. »Seien Sie -versichert, unser Gast weiß selbst, was er nehmen soll! Iwan -Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Flügelchen und noch dies zweite und -den Magen dazu! Warum haben Sie sich nur so wenig genommen? Nehmen Sie -noch ein Beinchen! Was stehst du mit der Schüssel da und sperrst den -Mund auf? Du sollst ihn sofort darum bitten, auf die Knie, du Schurke -und sag sofort: >Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!<« - -»Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!« brüllte der Diener, -mit der Schüssel in der Hand, und kniete nieder. - -»Hm! Was sind denn das für Truthähne!« sagte Iwan Iwanowitsch halblaut -und mit verächtlicher Miene zu seinem Tischnachbar. »Darf denn ein -Truthahn so sein, wie der da? Sie hätten mal meine Truthähne sehen -sollen! Ich versichere Ihnen, jeder einzelne hatte mehr Fett an sich, -als zehn solche, wie die da. Glauben Sie mir, mein Herr, man mag gar -nicht ansehen, wie sie bei mir auf dem Hof herumspazieren -- so fett -sind sie! ....« - -»Du lügst, Iwan Iwanowitsch!« schrie Grigori Grigorjewitsch, der -zugehört hatte. - -»Ich will Ihnen was sagen,« fuhr Iwan Iwanowitsch zu seinem Nachbar -gewandt fort, indem er so tat, als ob er Grigori Grigorjewitschs Worte -gar nicht gehört hätte. »Als ich sie im vorigen Jahre nach Gadjatsch -brachte, da bot man mir fünfzig Kopeken pro Stück, und doch wollte ich -sie nicht dafür hergeben.« - -»Ich sage dir, du lügst, Iwan Iwanowitsch!« rief Grigori Grigorjewitsch, -hierbei betonte er, um noch deutlicher zu sein, jede Silbe und sprach -noch lauter als vorher. - -Aber Iwan Iwanowitsch tat so, als ob ihn das gar nicht anginge und fuhr -in seiner Rede fort, nur sprach er jetzt bedeutend leiser als früher. -»Ja, mein Herr, ich wollte das Geld nicht nehmen. In Gadjatsch hatte -kein Gutsbesitzer ....« - -»Iwan Iwanowitsch! du bist ganz dumm und weiter nichts,« rief Grigori -Grigorjewitsch laut. »Iwan Fjodorowitsch weiß doch das alles besser als -du und glaubt dir sicher nicht!« - -Da aber fühlte sich Iwan Iwanowitsch verletzt; er verstummte und begann, -mit dem Truthahn aufzuräumen, trotzdem dieser lange nicht so fett war, -wie die Truthähne, die man »gar nicht ansehen« mochte. - -Eine Zeitlang ersetzte das Klappern der Messer, der Löffel und Teller -das Gespräch; am lautesten aber hörte man, wie Grigori Grigorjewitsch -das Mark aus einem Hammelknochen aussog. - -»Haben Sie schon gelesen,« fragte Iwan Iwanowitsch nach einigem -Stillschweigen, steckte den Kopf aus seinem Wagen und wandte ihn Iwan -Fjodorowitsch zu, »haben Sie das Buch: >Korobejnikows Reise ins heilige -Land< gelesen? Ein wahrer Genuß für Seele und Leib! Jetzt werden keine -solchen Bücher mehr gedruckt. Leider habe ich nicht nachgesehen, aus -welchem Jahre es stammt.« - -Als Iwan Fjodorowitsch hörte, daß es sich um ein Buch handelte, begann -er, eifrig seine Sauce aufzulöffeln. - -»Ein wahres Wunder, mein Herr, wenn man bedenkt, daß ein einfacher -Kleinbürger all diese Länder durchwandert hat: über dreitausend Werst, -mein Herr! Über dreitausend Werst! Wahrlich, Gott selbst hat ihn würdig -befunden, bis nach Palästina und Jerusalem zu kommen.« - -»Sie sagen, daß er auch in Jerusalem war,« rief Iwan Fjodorowitsch, der -noch als Soldat von seinem Burschen viel über Jerusalem gehört hatte. - -»Worüber sprechen Sie, Iwan Fjodorowitsch?« rief Grigori Grigorjewitsch -vom Ende des Tisches herüber. - -»Ich habe, das heißt, ich bemerkte gelegentlich, daß es in der Welt -ferne Länder gibt!« antwortete Iwan Fjodorowitsch, innerlich -hochbefriedigt, daß es ihm gelungen war, einen so langen und schweren -Satz zu Ende zu bringen. - -»Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch!« sagte Grigori -Grigorjewitsch, ohne genauer hinzuhören, »alles ist gelogen!« - -Das Diner war zu Ende. Grigori Grigorjewitsch zog sich nach seiner -Gewohnheit zurück, um ein Nickerchen zu machen; und die Gäste folgten -der alten Hausfrau und den jungen Mädchen ins Gastzimmer, wo derselbe -Tisch, auf dem sie den Schnaps stehen gelassen hatten, als sie sich zum -Mittagsmahl begaben, sich wie auf einen Wink verwandelt und mit -Schälchen voll verschiedener Konfitüren und Schüsseln mit Melonen, -Kirschen und Zuckerkürbissen bedeckt hatte. - -Grigori Grigorjewitschs Abwesenheit machte sich an allem bemerkbar: die -Hausfrau wurde gesprächig und teilte ganz von selbst, ohne dazu -aufgefordert worden zu sein, mancherlei Geheimnisse über die Zubereitung -von Marmelade und das Trocknen von Birnen mit. Selbst die jungen Mädchen -begannen zu sprechen, doch blieb die Blonde, die sechs Jahre jünger -aussah als ihre Schwester und von Ansehen etwa fünfundzwanzig Jahre alt -sein mochte, etwas schweigsam. - -Am meisten aber redete und betätigte sich Iwan Iwanowitsch. Da er sicher -war, daß ihn nun niemand mehr unterbrechen und in Verlegenheit bringen -würde, redete er von allem möglichen: von Gurken und Kartoffelsaat, -davon, wie gescheit die Leute früher waren -- was wären die Heutigen -dagegen? -- und davon, wie jetzt alle immer klüger würden, je weiter man -komme, wie man noch die allergescheitesten Dinge ersinnen würde; kurz er -war einer von den Menschen, die sich mit dem größten Vergnügen -erbaulichen Gesprächen hingeben und über alles reden, worüber man nur -reden kann. Wenn das Gespräch wichtige und heilige Gegenstände berührte, -seufzte Iwan Iwanowitsch nach jedem Worte auf und nickte leise mit dem -Kopfe; wenn es sich um Wirtschaftsangelegenheiten handelte, so steckte -er den Kopf aus seinem Wagen hervor und schnitt seltsame Gesichter, aus -denen man ganz deutlich entnehmen konnte, wie man den Birnenmost -zubereiten müsse, wie groß die Melonen seien, von denen er sprach, und -wie fett die Gänse wären, die bei ihm im Hofe herumliefen. - -Endlich gelang es Iwan Fjodorowitsch mit vieler Mühe und erst gegen -Abend, sich zu verabschieden; aber obwohl er leicht zu überreden war und -man ihn geradezu zwingen wollte, über Nacht dazubleiben, bestand er doch -auf seiner Absicht, nach Hause zu fahren -- und fuhr richtig davon. - - - V. - Der neue Plan der Tante - -»Nun? Hast du die Urkunde von dem alten Schelm herausgelockt?« Dies war -die erste Frage, mit der Iwan Fjodorowitsch von seiner Tante empfangen -wurde, die ihn bereits seit einigen Stunden voller Ungeduld an der -Freitreppe erwartete, und sich schließlich kaum hatte überwinden können, -nicht bis vors Tor zu laufen. - -»Nein, liebe Tante!« sagte Iwan Fjodorowitsch indem er ausstieg. -»Grigori Grigorjewitsch _hat_ gar keine Urkunde.« - -»Und du hast ihm geglaubt? Er lügt, der verdammte Kerl! O, ich bekomme -ihn noch eines Tages zu sehen, wahrhaftig, und dann prügle ich ihn mit -meinen eigenen Händen durch. Oh, ich werde ihm schon etwas von seinem -Fett abzapfen! Übrigens wollen wir zuerst mit unsrem Gerichtsschreiber -reden, ob man vielleicht auf gerichtlichem Wege .... Aber es handelt -sich jetzt ja nicht darum. Nun, war das Diner gut?« - -»Sehr gut! .... sehr gut, liebe Tante!« - -»Nun, und was gab's dort zu essen? Erzähle! ich weiß schon, die Alte -versteht sich gut auf die Küche.« - -»Käsekuchen mit Rahm, liebe Tante; Sauce mit gefüllten Tauben ....« - -»Und gab es auch einen Truthahn mit Pflaumen?« fragte die Tante, denn -sie selbst verstand es meisterhaft, dieses Gericht zuzubereiten. - -»Es gab auch Truthahn! .... Die Schwestern von Grigori Grigorjewitsch -sind sehr hübsche junge Mädchen, besonders die Blonde!« - -»Ah!« rief die Tante und sah Iwan Fjodorowitsch scharf an, er errötete -und ließ die Augen sinken. Ein neuer Gedanke blitzte in ihr auf. »So?« -fragte sie voll Neugierde, »und was für Augenbrauen hat sie?« Hier ist -es nicht überflüssig zu bemerken, daß für die Tante das Schönste an der -Frau die Augenbrauen waren. - -»Das Fräulein hat genau solche Augenbrauen, liebe Tante, wie Sie sie -nach Ihren Erzählungen in Ihrer Jugend gehabt haben müssen, und ihr -ganzes Gesicht ist voller Sommersprossen.« - -»Ah!« rief die Tante, äußerst befriedigt über Iwan Fjodorowitschs -Bemerkung, der allerdings nie daran gedacht hatte, der Tante ein -Kompliment machen zu wollen. »Und was für ein Kleid hatte sie an? Man -findet zwar heutzutage keine solchen haltbaren Stoffe mehr wie zum -Beispiel den, aus dem dieser Morgenrock gemacht ist. Aber es handelt -sich jetzt nicht darum. Und hast du dich gut mit ihr unterhalten?« - -»Das heißt, wie meinen Sie .... liebe Tante? Sie glauben vielleicht -schon ....« - -»Was denn? Was ist denn Wunderbares dabei? Das ist nun mal Gottes Wille! -Vielleicht ist's euch beiden noch beschieden, einmal ein Paar zu -werden.« - -»Ich verstehe nicht, liebe Tante, wie Sie nur so reden können. Das -beweist doch nur, daß Sie mich absolut nicht kennen ....« - -»So, nun fühlt er sich richtig beleidigt!« sagte die Tante. »Der Junge -ist noch nicht alt genug!« dachte sie bei sich. »Er weiß noch von -nichts! Ich werde die beiden mal zusammenbringen, sie sollen einander -näher kennen lernen!« - -Und die Tante ging nach der Küche und ließ Iwan Fjodorowitsch allein. -Aber seit der Zeit dachte sie an nichts anderes, als daran, ihren Neffen -möglichst bald zu verheiraten und seine kleinen Enkelkinder zu wiegen. -Ihr Kopf war nur noch von Gedanken an die Vorbereitungen zur Hochzeit -erfüllt, und man sah ganz deutlich, daß sie noch viel emsiger war als -vorher, obwohl alles eher schlimmer als besser ging. Wenn sie jetzt -einen Kuchen zubereitete, den sie übrigens niemals der Köchin -anzuvertrauen pflegte, versank sie häufig in Gedanken, bildete sich ein, -neben ihr stehe ein kleines Enkelchen, das ein Stückchen Kuchen haben -wollte, und streckte zerstreut die Hand mit dem besten Stücke aus; der -Hofhund machte sich das gewöhnlich zunutze, packte den leckeren Bissen -und weckte sie durch sein lautes Schmatzen aus ihrer Nachdenklichkeit, -wofür der Hund übrigens immer Schläge mit dem Ofenhaken bekam. Sie gab -sogar ihre Lieblingsbeschäftigung auf und fuhr nicht mehr zur Jagd, -besonders seitdem sie einmal statt eines Truthahns eine Krähe geschossen -hatte, was ihr früher niemals widerfahren war. - -Vier Tage später sah man endlich die Kalesche aus dem Schuppen in den -Hof fahren. Der Kutscher Omeljko, der gleichzeitig auch Gärtner und -Aufseher war, fing schon seit dem frühen Morgen an zu hämmern und das -Leder anzunageln, während er immerzu die Hunde davonjagen mußte, die -herankamen und an den Rädern leckten. Hier halte ich es für meine -Pflicht, dem Leser zu berichten, daß dies dieselbe Kalesche war, in der -schon Adam gefahren ist, und sollte daher jemand eine andere für die -Adams ausgeben, so wäre das sicherlich eine freche Lüge, und die -Kalesche wäre unecht. Es ist nicht genau bekannt, wie sie der Sintflut -entronnen ist, man kann nur annehmen, daß in der Arche Noah ein -besonderer Schuppen für sie vorhanden war. Es ist sehr schade, daß ich -dem Leser ihre Gestalt nicht lebendig vor Augen führen kann. Es genüge -daher zu sagen, daß Wassilissa Kaschparowna mit ihrer Bauart äußerst -zufrieden war und es stets bedauerte, daß die alten Equipagen aus der -Mode gekommen seien. Selbst das, daß die Kalesche etwas schief, und daß -die rechte Seite etwas höher war, als die linke, erregte ihren Beifall, -denn so konnte von der _einen_ Seite, wie sie behauptete, ein Mensch von -kleinem Wuchse, und von der anderen ein großer aussteigen. Im übrigen -konnte die Kalesche etwa fünf Personen von kleiner Statur und drei -solche, wie die Tante, in ihrem Inneren aufnehmen. - -Als er mit der Kalesche fertig war, führte Omeljko gegen Mittag drei -Pferde aus dem Stall, die etwas jünger waren als die Kalesche und band -sie mit einem Strick fest an die majestätische Equipage. Iwan -Fjodorowitsch und die Tante stiegen ein, er von der einen, sie von der -anderen Seite, und die Pferde zogen an. Alle Bauern, die ihnen -begegneten, blieben beim Anblick dieser vornehmen Equipage (die Tante -pflegte nämlich nur selten in ihr auszufahren) respektvoll stehen, -nahmen die Mützen ab und verbeugten sich bis zur Erde. - -Nach etwa zwei Stunden machte der Wagen vor der Freitreppe Halt; ich -glaube, es ist hier nicht erst nötig zu sagen, vor wessen Freitreppe er -hielt. Grigori Grigorjewitsch war nicht zu Hause; und die Alte und die -Fräuleins empfingen die Gäste im Speisezimmer; die Tante näherte sich -ihnen mit majestätischen Schritten, stellte mit viel Geschicklichkeit -einen Fuß vor und sagte laut: - -»Gnädige Frau, ich freue mich, daß ich die Ehre habe, Ihnen persönlich -meine Hochachtung ausdrücken zu dürfen, zugleich erlaube ich mir mit -Respekt, Ihnen meinen Dank für die gastfreundliche Aufnahme meines -Neffen Iwan Fjodorowitsch auszusprechen, der Ihres Lobes voll ist. Sie -haben einen wundervollen Buchweizen, gnädige Frau, das habe ich bemerkt, -als ich mich dem Dorfe näherte. Darf ich fragen, wieviel Sie pro -Deßjatin ernten?« - -Hierauf küßten alle einander aufs herzlichste ab und erst als man im -Gastzimmer Platz genommen hatte, begann die Alte: - -»Was den Buchweizen anbetrifft, so kann ich Ihnen nichts Genaues darüber -sagen. Das ist Grigori Grigorjewitschs Ressort; ich beschäftige mich -schon längst nicht mehr damit, auch könnte ich's nicht, selbst wenn ich -wollte: ich bin schon zu alt dazu! In früheren Zeiten wuchs, wie ich -mich besinne, der Buchweizen bei uns so hoch, daß er einem bis an den -Gürtel reichte, jetzt ist das nicht mehr so, obwohl man stets behauptet, -es werde jetzt alles immer besser.« Die Alte stieß einen Seufzer aus, -und ein aufmerksamer Beobachter hätte in ihm das Aufseufzen des alten -achtzehnten Jahrhunderts vernehmen können. - -»Ich habe gehört, daß bei Ihnen im Hause großartige Teppiche gemacht -werden, gnädige Frau,« sagte Wassilissa Kaschparowna und berührte damit -die empfindlichste Seite der Alten: bei diesen Worten lebte jene auf, -und nun strömten ihre Reden nur so hin: wie man das Gewebe färben, -welchen Faden man dazu nehmen müsse und was dergleichen mehr ist. - -Von den Teppichen ging die Unterhaltung bald aufs Gurkeneinlegen und -Birnentrocknen über. Kurz, es war noch keine Stunde verflossen, da -unterhielten sich die beiden Damen schon so lebhaft, als ob sie ihr -Lebtag miteinander bekannt gewesen wären. Ja, Wassilissa Kaschparowna -sprach sogar über viele Dinge so leise mit der Alten, daß Iwan -Fjodorowitsch nichts mehr hören konnte. - -»Wollen Sie nicht selbst sehen?« sagte die greise Hausfrau und erhob -sich. - -Die Fräuleins und Wassilissa Kaschparowna erhoben sich mit ihr und -begaben sich ins Mädchenzimmer. Die Tante machte Iwan Fjodorowitsch ein -Zeichen, er solle zurückbleiben und flüsterte der alten Dame etwas zu. - -»Maschenjka!« sagte die Alte zu dem blonden Fräulein, »bleibe bei -unserem Gaste und unterhalte ihn, damit ihm die Zeit nicht zu lang -wird!« - -Das blonde Fräulein blieb zurück und setzte sich auf das Sofa. Iwan -Fjodorowitsch saß auf seinem Stuhle wie auf Nadeln, errötete und schlug -die Augen nieder; aber das Fräulein schien dies gar nicht zu bemerken, -saß gleichgültig auf dem Sofa, beobachtete fleißig die Fenster und die -Wände, oder verfolgte die Katze, die scheu unter den Stühlen umherlief, -mit den Augen. - -Iwan Fjodorowitsch wurde etwas mutiger und wollte schon ein Gespräch -anknüpfen, es war ihm aber so, als ob er unterwegs alle Worte verloren -hätte. Es wollte ihm kein einziger Gedanke in den Sinn kommen. - -Dieses Schweigen dauerte eine Viertelstunde lang, aber das Fräulein saß -noch immer ebenso da wie früher. - -Endlich faßte Iwan Fjodorowitsch sich ein Herz. »Im Sommer gibt's so -viel Fliegen, gnädiges Fräulein!« rief er mit einer Stimme, die vor -Erregung zitterte. - -»Ja, außerordentlich viele Fliegen!« versetzte das Fräulein. »Mein -Bruder hat eigens deswegen aus Mamas altem Schuh eine Fliegenklappe -hergestellt, aber es bleiben doch noch immer sehr viele übrig.« - -Hier stockte die Unterhaltung, und Iwan Fjodorowitsch wollte durchaus -kein Wort mehr einfallen. - -Endlich kamen die Alte, die Tante und das dunkle Fräulein zurück. -Nachdem man sich noch etwas unterhalten hatte, nahm Wassilissa -Kaschparowna Abschied von der Dame und den Fräuleins, obwohl sie -dringend gebeten wurde, über Nacht da zu bleiben. Die Dame und die -Fräuleins begleiteten die Gäste bis zur Freitreppe und winkten der aus -der Kalesche hinausblickenden Tante und ihrem Neffen noch lange zu. - -»Nun, Iwan Fjodorowitsch, worüber hast du dich mit dem Fräulein -unterhalten?« fragte die Tante unterwegs. - -»Marja Grigorjewna ist ein sehr bescheidenes und sittsames Fräulein!« -sagte Iwan Fjodorowitsch. - -»Höre, Iwan Fjodorowitsch: ich will ernst mit dir reden. Du bist, Gott -sei Dank, schon fast achtunddreißig Jahre alt; und einen schönen Rang -hast du _auch_ schon: es wird nun bald Zeit, an die Kinder zu denken! Du -brauchst unbedingt eine Frau ....« - -»Wie, liebe Tante!« rief Iwan Fjodorowitsch ganz erschrocken: »Wie? Eine -Frau! Nein, liebe Tante, seien Sie doch so lieb .... Sie beschämen mich -.... Ich bin noch nie verheiratet gewesen .... Ich weiß ja gar nicht, -was ich mit einer Frau anfangen soll!« - -»Du wirst's schon lernen, Iwan Fjodorowitsch, du wirst es schon lernen,« -rief die Tante lächelnd und dachte bei sich: >Kein Gedanke! Der Junge -ist noch ein richtiges Kind: er weiß ja von gar nichts!< -- »Ja, ja, -Iwan Fjodorowitsch!« fuhr sie laut fort, »eine bessere Frau als Marja -Grigorjewna wirst du wohl nie finden. Außerdem hat sie dir ja doch gut -gefallen. Die Alte und ich haben schon viel darüber gesprochen: sie wäre -sehr froh, dich zum Schwiegersohn zu bekommen. Freilich weiß man noch -nicht, was dieser alte Sünder Grigori Grigorjewitsch dazu sagen wird; -aber wir werden nicht darauf achten, und sollte er dir etwa die Mitgift -nicht herausgeben wollen, so würden wir ihn auf gerichtlichem Wege ....« - -In diesem Augenblick fuhr der Wagen in den Hof und die uralten Stuten -lebten auf, als sie die Nähe des Stalles witterten. - -»Höre, Omeljko! laß die Pferde zuerst gut ausruhen und führe sie nicht -gleich zur Tränke. Die Pferde sind ja noch ganz heiß. -- Also, Iwan -Fjodorowitsch, ich rate dir, dir die Sache gründlich zu überlegen. Ich -muß noch etwas in der Küche nachschauen: ich habe vergessen, das -Abendbrot bei der Solocha zu bestellen und das nichtsnutzige Weib hat -sicher nicht von selbst daran gedacht.« - -Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner gerührt. Marja Grigorjewna -war zwar ein sehr nettes Fräulein: aber heiraten! .... Das erschien ihm -so sonderbar und wundersam, daß er nicht ohne Schreck daran denken -konnte. Mit einer Frau zusammen leben! .... das war doch ganz -unbegreiflich! Er sollte nicht mehr allein in seinem Zimmer sein können, -sondern sie würden immer zu zwei sein! .... Und der Schweiß trat ihm auf -die Stirn, je mehr er sich in die Betrachtung vertiefte. - -Früher als sonst ging er zu Bett, aber trotz aller Bemühungen konnte er -nicht einschlafen. Endlich suchte ihn der ersehnte Schlaf, dieser -Ruhebringer und Tröster aller Menschen auf. Aber was war das für ein -Schlaf! Unzusammenhängendere Träume hatte er noch niemals gesehen. Bald -träumte er, rings um ihn rausche und drehe sich alles, und er selbst -laufe und laufe atemlos dahin .... Schon verließen ihn die Kräfte .... -Plötzlich aber packte ihn jemand am Ohr. »O je! Wer ist das?« -- »Das -bin _ich_, deine Frau!« sprach eine lärmende Stimme zu ihm -- und er -erwachte. Bald schien es ihm, er sei schon verheiratet und alles in dem -Häuschen sei so absonderlich und so merkwürdig; in seinem Zimmer stehe -statt eines einfachen Bettes ein Doppelbett und auf dem Stuhle sitze -seine Frau. Es war ihm ganz eigentümlich zumute: er wußte nicht, wie er -an sie herantreten, worüber er mit ihr sprechen sollte, und nun erst -merkte er, daß sie das Gesicht einer Gans hatte. Zufällig drehte er sich -um und sah eine zweite Frau, die ebenfalls einen Gänseschnabel hatte, er -drehte sich auf die andere Seite um -- da stand eine dritte Frau, er -wandte sich nach hinten -- da stand noch eine Frau. Da erfaßte ihn eine -wilde Angst; er stürzte in den Garten, aber im Garten war es heiß, er -nahm den Hut ab, und siehe: auch im Hute saß eine Frau. Schweiß bedeckte -sein Gesicht; er wollte das Taschentuch aus der Tasche holen -- aber -auch in der Tasche saß eine Frau; er zog sich die Watte aus dem Ohre -- -auch da saß eine Frau .... Dann hüpfte er wieder auf einem Bein, und die -Tante sah zu und sprach mit würdevoller Miene: »Ja, jetzt kannst du -hüpfen und springen, denn du bist ja jetzt ein verheirateter Mann.« Er -eilte auf sie zu; aber die Tante war nicht mehr die Tante, sondern ein -Glockenturm. Und er fühlte, wie jemand ihn an einem Strick auf den -Glockenturm hinaufzog. »Wer zieht mich da hinauf?« fragte Iwan -Fjodorowitsch klagend. »Ich ziehe dich, ich, deine Frau, denn du bist -eine Glocke!« »Nein, ich bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch!« -schrie er. »Nein, du bist eine Glocke!« sprach der Oberst des P--er -Infanterieregiments im Vorübergehen. - -Oder er träumte, seine Frau sei gar kein Mensch, sondern ein wollener -Stoff; er käme nach Mohilew in einen Laden, und der Kaufmann fragte ihn: -»Was für einen Stoff wünschen Sie? Nehmen Sie doch Frau, das ist der -modernste Stoff! Er ist sehr haltbar! Man macht jetzt Röcke daraus.« Und -der Kaufmann maß und schnitt ein Stück von der Frau ab. Iwan -Fjodorowitsch nahm sie unter den Arm und ging damit zum jüdischen -Schneider. -- »Nein,« meinte der Jude, »das ist ein schlechter Stoff! -Daraus läßt sich doch niemand einen Rock machen ....!« - -Voller Angst und ganz außer sich erwachte Iwan Fjodorowitsch; der kalte -Schweiß troff nur so von ihm herunter wie ein Platzregen. - -Kaum war er aufgestanden, so wandte er sich sofort an sein Wahrsagebuch, -dem ein tugendhafter Buchhändler in seiner seltenen Güte und -Uneigennützigkeit noch einen kurzen Traumdeuter angehängt hatte. Aber -dort stand nichts, was diesem sinnlosen Traume auch nur einigermaßen -entsprochen hätte. - -Indessen aber reifte im Kopfe der Tante ein ganz neuer Plan, von dem Sie -im nächsten Kapitel hören sollen. - - - - - Der verhexte Ort - - - Sage - Erzählt vom Küster an der Kirche zu *** - -Bei Gott, ich hab' das Erzählen satt! Was glaubt ihr denn? Es ist -wahrhaftig auch zu langweilig: man erzählt und erzählt, und kommt nie -wieder davon los! Na, meinetwegen, ich will euch noch was erzählen, aber -gebt acht, es ist das letztemal. Ja, ihr habt also davon gesprochen, daß -ein Mensch mit dem unreinen Geiste fertig werden könne. Gewiß, das -heißt, wenn man genauer zusieht, dann merkt man dennoch, daß es in der -Welt allerhand sonderbare Vorfälle gibt .... Indessen sagt das nicht: -will einen die Teufelsmacht blenden, so tut sie es, bei Gott, sie tut -es! ..... Nun also, mein Vater hatte im ganzen vier Kinder; ich war -damals noch ein Grünschnabel, und war erst elf Jahre alt ... Doch nein, -ich war noch nicht elf Jahre alt, ich erinnere mich, wie wenn's heute -wäre, daß ich einmal auf allen Vieren herumkroch und wie ein Hund zu -bellen anfing, und wie da mein Vater den Kopf schüttelte und mich -anschrie: »Ei, Foma, Foma! Es ist Zeit, daß man dich verheiratet, sonst -wirst du noch so närrisch wie ein junges Maultier!« - -Mein Großvater war damals noch gesund und -- mag ihm in jener Welt der -Schluckauf leicht werden -- noch ziemlich gut auf den Beinen. Wenn der -nun manchmal so ..... Aber wozu erzähle ich euch das eigentlich? Der -eine von euch wühlt schon seit einer Stunde im Ofen herum und sucht nach -einer Kohle für seine Pfeife, und ein anderer ist in die Kammer -gelaufen, um sich was zu holen ... Ach was! Wenn ich mich euch noch -aufgedrängt hätte -- aber ihr habt ja selbst darauf bestanden .... Man -hört entweder ordentlich zu oder gar nicht. - -Mein Vater war schon im Anfang des Frühlings in die Krim gefahren, um -Tabak zu verkaufen. Ich kann mich nun nicht mehr daran erinnern, ob er -zwei oder drei Wagen ausgerüstet hatte; aber der Tabak stand damals hoch -im Preise. Er nahm meinen dreijährigen Bruder mit sich, um ihn -frühzeitig an das Handwerk zu gewöhnen; wir dagegen: der Großvater, die -Mutter, ich, ein Bruder und noch ein zweiter Bruder blieben zu Hause. -Der Vater hatte dicht an der Landstraße ein Stück Land, das er bebaut -hatte; er siedelte daher in seine Hütte auf dem Felde über, und nahm -auch _uns_ mit, um ihm die Spatzen und die Elstern von den Feldern -verscheuchen zu helfen. Man kann nicht sagen, daß es uns gerade schlecht -ging. Den Tag über aß man sich so sehr an Gurken, Melonen, Rüben, -Zwiebeln und Erbsen voll, daß es einem zumute war, als ob einem die -Hähne im Bauche krähten. Dazu brachte es auch noch etwas ein: manch ein -Reisender zog auf der Straße vorbei, und da wollte jeder gerne eine -Wassermelone oder eine Zuckermelone kosten, oder man brachte von den -umliegenden Vorwerken Hühner, Eier und Truthähne herbei und tauschte sie -ein. Das war ein schönes Leben. - -Am meisten aber freute sich der Großvater, wenn jeden Tag an die fünfzig -Frachtfuhrleute vorbeigezogen kamen. Das sind meist Leute, die was -erlebt und erfahren haben: und dann ging ein Erzählen los, daß man nur -so die Ohren aufsperren mochte! Für den Großvater aber war das halt, so -wie Knödel für einen Hungrigen. Manchmal stieß er auf alte Bekannte, -- -denn meinen Großvater kannte jedermann, -- na, ihr könnt euchs ja wohl -selbst denken, wie das ist, wenn die alten Leute zusammensitzen: dann -geht's taratata und taratata, über dies und jenes, diese und jene -Zeiten, da floß ihnen wohl der Mund über, wenn sie so anfingen, sich auf -Anno dazumal zu besinnen. - -Einst ging der Großvater über Feld -- 's ist mir wahrhaftig, als wär's -jetzt eben geschehen --; die Sonne war im Begriff unterzugehen, und -Großvater war damit beschäftigt, die Blätter von den Zuckermelonen -abzunehmen; er pflegte die Melonen nämlich den Tag über mit Blättern zu -bedecken, damit sie nicht so in der Sonne brieten. - -»Schau, Ostap!« sagte ich zu meinem Bruder, »da kommen Frachtfuhrleute -angefahren!« - -»Wo sind die Fuhrleute?« fragte der Großvater und machte ein Zeichen auf -einer großen Melone, damit sie ihm die Buben nicht gelegentlich wegäßen. - -Und in der Tat, auf der Landstraße kamen so an die sechs Wagen -dahergezogen. Vorn schritt ein Fuhrmann mit einem angegrauten -Schnurrbart. Er kam uns -- nun, wie soll ich sagen, -- so etwa bis auf -zehn Schritte nah' und blieb dann stehen. - -»Guten Tag, Maxim! Sieh nur, wo Gott uns wieder zusammengeführt hat!« - -Der Großvater kniff die Augen zusammen: »Ah! Guten Tag! Guten Tag! Woher -des Wegs? Ist Boljatschka auch da? Grüß Gott, Bruder! Was Teufel! Da -sind ja alle miteinander: Krutotrystschenko! Und Petzcherytzja, Kowelek -und Stetzko! Grüß euch Gott! Haha, hoho! ...« Und alle umarmten und -küßten sich. - -Die Ochsen wurden ausgespannt und auf die Wiese getrieben, die Wagen -aber blieben auf der Landstraße stehen; alle setzten sich in einen Kreis -zusammen und steckten sich ihre Pfeifchen an. Aber da kam keiner recht -zum Rauchen! Vor lauter Erzählen und Klatschen kam kaum ein Zug auf -jeden. Nach dem Essen begann der Großvater, die Gäste mit Melonen zu -bewirten. Jeder nahm eine Melone und putzte sie hübsch mit dem -Messerchen ab (das waren alles gerissene Kerle, die waren weit in der -Welt herumgekommen, und hatten mancherlei erfahren, daher wußten sie -auch, wie man in der vornehmen Welt ißt -- man hätte sie geradezu an -einen herrschaftlichen Tisch setzen können), sie putzten die Melonen -also hübsch ab, bohrten mit dem Finger ein Löchelchen in sie hinein, -sogen den Saft raus, zerschnitten sie in Stücke und schoben sie in den -Mund. - -»Und ihr, Jungens!« rief der Großvater uns zu, »was haltet ihr Maulaffen -feil? Tanzt doch los, ihr Hundesöhne! Ostap, wo ist deine Schalmei? Nun -also, einen Kosakentanz! Foma, die Hände auf die Hüften! Recht so! hei, -hopp!« - -Ich war damals noch ein beweglicher Bursche. Ach ja, dieses verdammte -Alter! Jetzt kann ich's nicht mehr so: anstatt zierliche Sprünge zu -machen, stolpere ich über meine eigenen Beine. Lang schauten der -Großvater und die Fuhrleute uns zu, und ich merkte, daß seine Beine -nicht mehr ruhig bleiben wollten, gleich als ob jemand an ihnen zupfte. - -»Schau, Foma!« sagte Ostap, »der alte Knaster tritt wohl selbst noch zum -Tanze an!« - -Was glaubt ihr? Kaum hatte er das gesagt, da konnte das Großväterchen -wirklich nicht mehr an sich halten! Der wollte den Fuhrleuten nämlich -zeigen, was er konnte. »Was, ihr Teufelskinder? tanzt man denn so? _So_ -tanzt man!« rief er, sprang auf die Beine, streckte die Arme vor und -stampfte mit dem Hacken auf. - -Und in der Tat, man konnte nichts dawider sagen, er tanzte wahrhaftig so -gut, daß er auch mit der Hetmansfrau hätte tanzen können. Wir traten ein -wenig zur Seite, und nun begann der alte Knasterbart seine Beine auf dem -glatten Plätzchen, das sich neben dem Gurkenbeet befand, in die Luft zu -werfen. Kaum war er jedoch bis in die Mitte des Platzes gelangt -- und -wollte nun erst richtig losgehen, wie ein Wirbel mit den Füßen -dahinfahren und uns ein besonderes Kunststückchen zeigen -- da wollten -die Beine plötzlich nicht vom Fleck und aus war es! War das ein -sonderbarer Teufelsspuk! Er fing noch einmal an, gab sich einen Schwung, -kam wieder bis zur Mitte, aber wieder ging es nicht weiter! Tu einer, -was er will -- es ging und ging nicht! Die Beine waren plötzlich so -steif wie ein Stück Holz. »So eine verteufelte Stelle, so ein -Satansspuk! Da ist wohl gar der Herodes, dieser Feind des -Menschengeschlechts mit im Spiel!« Und nun gar noch diese Schmach vor -den fremden Lastführern! Er fing aber wiederum an, und begann von neuem -mit ganz kleinen Schritten im Takt herumzuhüpfen, daß es nur so eine -Freude war, es mit anzusehen; aber wie er bis zur Mitte kam, ging's -wieder nicht weiter, und der Tanz wollte ihm durchaus nicht gelingen! -»Ah, verdammter Satan! Daß du doch an einer faulen Melone erstickest! -Als Kind schon sollst du krepieren, du Hundesohn! Mir in meinen alten -Tagen noch eine solche Schmach anzutun ....« Und in der Tat, hinter ihm -lachte jemand laut auf. - -Er sah sich um, das Feld und die Fuhrleute waren verschwunden, hinter -ihm, vor ihm, und zu beiden Seiten sah man nichts als flaches Land. »He -... da haben wir die Bescherung!« Er begann mit den Augen zu blinzeln, -der Ort kam ihm nicht unbekannt vor: auf der einen Seite lag ein Wald, -und hinter dem Wald ragte eine hohe Stange empor, die bis weit in der -Ferne zu sehen war. Was Teufel! Das ist ja der Taubenschlag im -Gemüsegarten des Popen! Auch von der anderen Seite schimmerte etwas grau -herüber; er sah näher hin. Es war die Scheune des Gemeindeschreibers. -Teufel auch, wohin einen die unreine Macht forttragen kann! Er lief ein -paarmal hin und her und im Kreise herum und entdeckte endlich einen -kleinen Pfad. Der Mond war unsichtbar, und an seiner Stelle blinkte ein -weißer Fleck durch eine Wolke. »Morgen wird's sehr windig sein!« dachte -der Großvater, da leuchtete plötzlich, etwas abseits vom Wege auf einem -kleinen Grabe, ein Flämmchen auf. »Sieh mal an!« und der Großvater blieb -stehen, stemmte die Hände in die Hüften und sah näher hin: nun war das -Flämmchen erloschen, aber weiter und noch etwas weiter, da flackerte ein -anderes auf. »Ein Schatz!« schrie der Großvater, »bei Gott, ich möchte -alles darum geben, daß das ein Schatz ist!« Und schon wollte er sich in -die Hände spucken, um nach dem Schatz zu graben, da fiel ihm ein, daß er -ja weder Schippe noch Spaten bei sich hatte. »Schade, schade! Aber wer -weiß? Vielleicht braucht man nur den Rasen wegzuräumen, und der -Herzensschatz liegt gleich darunter! Na, da ist eben nichts zu machen! -Merken wir uns wenigstens den Platz, daß wir's später nicht vergessen.« - -Er nahm einen mächtigen Ast, der offenbar vom Sturm zerbrochen worden -war, wälzte ihn auf das Grab, auf dem das Licht gebrannt hatte, und ging -seines Weges. Der junge Eichenwald lichtete sich; und ein geflochtener -Zaun tauchte vor ihm auf. »Na also, hab' ich's nicht gleich gesagt, daß -es die Trift des Popen ist!« dachte der Großvater, »da ist ja auch sein -Zaun. Jetzt ist's keine ganze Werst mehr bis zu meinem Melonenfeld.« - -Er kam aber erst spät am Abend heim und wollte nicht einmal von den -Klößen kosten. Er weckte meinen Bruder Ostap, fragte nur, ob die -Fuhrleute schon lange fort seien, und wickelte sich dann in seinen -Schafspelz. Mein Bruder wollte ihn ausfragen. »Wo haben dich denn heute -die Teufel hingebracht, Großvater?« begann er. - -»Frage nicht,« sagte dieser, sich noch fester in seinen Pelz hüllend, -»frage nicht, Ostap, vom vielen Fragen kriegt man graue Haare!« Und er -fing so an zu schnarchen, daß die Sperlinge, die sich im Melonenfelde -niedergelassen hatten, vor Schreck in die Luft aufflogen. Aber in -Wahrheit schlief er gar nicht! Es ist nicht zu sagen, was das für eine -schlaue Bestie war -- Gott hab ihn selig -- aber er verstand es -vorzüglich, sich mit allem abzufinden. Manchmal konnt' er einem ein -Liedchen singen, daß man sich nur so in die Lippen biß. - -Kaum aber brach der nächste Tag an, und kaum begann es im Felde zu -dämmern, da zog der Großvater seinen Kittel an, legte den Gürtel um, -nahm einen Spaten und eine Schaufel unter den Arm, setzte die Mütze auf, -trank einen Krug Brotkwas, wischte sich die Lippen mit dem Rockschoß und -ging geradewegs in des Popen Gemüsegarten. Er war schon am Zaun und an -dem niedrigen Eichenwäldchen vorbei. Da schlängelte sich zwischen den -Bäumen ein Pfad hin, der gerad ins Feld führte; offenbar derselbe, den -er gestern entdeckt hatte. Er betrat das Feld -- es war dieselbe Stelle, -wo er gestern gewesen war. Da ragte auch der Taubenschlag in die Höhe, -aber die Scheune war nicht zu sehen. »Nein, das ist nicht der rechte -Ort. Der liegt also etwas weiter; ich muß offenbar umkehren und auf die -Scheune zugehen!« Er kehrte also um, und ging auf einem andern Wege -weiter: jetzt war die Scheune zu sehen, aber nun war der Taubenschlag -fort! Er kehrte also wieder um und näherte sich dem Taubenschlag, doch -nun war wieder die Scheune verschwunden. Und nun begann, wie zu Fleiß, -noch ein Regen herunterzurieseln. Er lief wieder nach der Scheune -- -aber der Taubenschlag war fort; oder zum Taubenschlag -- dann war die -Scheune fort. - -»Verfluchter Satan, daß du es nie mehr erlebtest, deine Kinder zu -sehen!« Der Regen aber rauschte in Strömen herab. Der Großvater zog sich -die neuen Stiefel aus, wickelte sie in ein Tüchlein ein, damit sie sich -nicht vor Nässe zusammenzögen und gab Fersengeld wie ein -herrschaftlicher Renner. Er kroch, ganz durchnäßt bis auf die Knochen, -in die Hütte, bedeckte sich mit dem Schafspelz und begann etwas durch -die Zähne zu murmeln und den Teufel mit so lieblichen Worten zu -traktieren, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gehört habe. Ich gestehe, -ich wäre ganz rot geworden, wenn so etwas am helllichten Tage geschehen -wäre. - -Am anderen Morgen erwache ich und sehe: der Großvater zieht auf dem -Felde umher, als ob nichts geschehen wäre und bedeckt die Wassermelonen -mit Blättern von Kletten. Beim Essen wurde der Alte erst wieder -gesprächig und begann meinen jüngeren Bruder damit zu schrecken, daß er -ihn gegen ein Paar Hühner umtauschen werde wie eine Wassermelone; nach -Tisch schnitt er sich selbst eine Flöte aus Holz und fing an, auf ihr zu -blasen; dann gab er uns eine Melone zum spielen, die ganz -zusammengeschrumpft war wie eine Schlange, und die er eine türkische -Melone nannte. Ich habe nie wieder eine solche Melone gesehen; er hatte -den Samen von weit her gesandt bekommen. - -Abends, nach dem man gevespert hatte, ging der Großvater mit dem Spaten -ins Feld, um ein neues Beet für die späten Kürbisse zu graben. Wie er -nun an der behexten Stelle vorüberkam, da konnte er nicht an sich halten -und murmelte durch die Zähne: »Verfluchter Ort!«, er trat in die Mitte -des Platzes, wo er tags zuvor nicht hatte zu Ende tanzen können, und -schlug wütend mit dem Spaten auf die Erde. Da lag plötzlich wieder -dasselbe Feld vor ihm: auf der einen Seite ragte der Taubenschlag empor, -auf der anderen stand die Scheune. »Noch gut, daß ich so klug war, einen -Spaten mitzunehmen,« dachte er: »Da ist auch der Pfad, da ist das Grab, -und da liegt noch der Ast! Sieh, da brennt ja auch das Flämmchen! Daß -ich mich nur nicht irre!« - -Leise lief er herzu, hob den Spaten in die Höhe, als ob er einem Eber, -der sich bis ins Feld verirrt hatte, einen Schlag versetzen wollte, und -blieb vor dem Grabe stehen. Das Flämmchen war erloschen und auf dem -Grabe lag ein mit Gras bewachsener Stein. »Diesen Stein muß ich heben!« -dachte der Großvater und begann rings um ihn herum die Erde aufzugraben. -Der verfluchte Stein war verdammt groß! Doch, nun stemmte er die Füße -fest gegen die Erde und stieß ihn vom Grabe herab. »Bums --!« dröhnte es -weit durch's Tal. »Nun sind wir dich los! Jetzt wird die Arbeit -schneller gehen!« dachte der Großvater. - -Und der Alte machte ein wenig Halt, holte seinen Tabaksbeutel hervor, -schüttete sich etwas Tabak auf die Faust und wollte ihn an die Nase -bringen, als plötzlich über seinem Kopfe ein »Pschü!« ertönte und jemand -so laut nieste, daß die Bäume zu schwanken begannen und das ganze -Gesicht des Großvaters bespritzt wurde. »Du könntest dich doch auch -abwenden, wenn du niesen willst!« rief der Großvater und rieb sich die -Augen. Er sah sich um, aber es war niemand da. »Der Teufel liebt wohl -den Tabak nicht!« fuhr er fort, steckte den Beutel wieder in die Brust -und nahm den Spaten wieder in die Hand. »Er ist wirklich dumm genug -dazu! Solch einen Tabak hat weder sein Großvater noch sein Vater je -geschnupft!« Und er begann zu graben. Die Erde war weich, und der Spaten -versank nur so in ihr. Jetzt klirrte etwas. Er schaufelte die Erde weg -und erblickte einen Kessel. - -»Ah, Täubchen, hier also bist du!« rief der Großvater und schob den -Spaten unter den Kessel. - -»Ah, Täubchen, hier also bist du!« piepte ein Vogel und pickte auf den -Kessel. - -Der Großvater wich zur Seite und ließ den Spaten fallen. - -»Ah, Täubchen, hier also bist du!« blökte ein Hammelkopf von einem -Baumwipfel herab. - -»Ah, Täubchen, hier also bist du!« brüllte ein Bär, seine Schnauze -hinter dem Baum hervorschiebend. - -Den Großvater überlief es kalt. »Hier hat man ja rein Angst, noch ein -Wort zu sagen«, brummte er vor sich bin. - -»Hat man ja rein Angst, ein Wort zu sagen!« piepte der Vogelschnabel. - -»Angst, ein Wort zu sagen!« blökte der Hammelkopf. - -»Wort zu sagen!« brüllte der Bär. - -»Hm ....« machte der Großvater, und schrak zusammen. - -»Hm!« piepte der Vogel. - -»Hm!« blökte der Hammelkopf. - -»Hum!« brüllte der Bär. - -Voll Angst blickte der Großvater um sich: O Gott, was für eine Nacht! -Weder Mond, noch Sterne; und ringsumher nichts wie Schluchten; ihm zu -Füßen lag ein schier bodenloser Abgrund, ihm zu Häupten hing ein Fels -herab, der gerade auf ihn herunterstürzen wollte! Und es deuchte den -Großvater, als blinzelte ihn hinter dem Felsen eine Fratze an: Hu! Hu! -Die hatte eine Nase wie der große Blasebalg in der Schmiede; die Nüstern -waren so groß, daß man einen Eimer Wasser in jede hinein gießen konnte, -und zwei Lippen hatte sie, bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten -Augen glotzten nach oben und dazu steckte sie noch die Zunge heraus und -bläkte ihn an! »Hol dich der Teufel!« rief da der Großvater und warf den -Kessel hin. »Da hast du deinen Schatz! Solch eine widerwärtige Fratze!« -Und schon wollte er Reißaus nehmen, aber da sah er sich um, und siehe -da, es war alles wie früher. »Der Satan will mich nur schrecken!« dachte -er sich. - -Er ging wieder daran, den Kessel auszugraben -- doch nein, er war zu -schwer! Was war da zu machen? Er konnte ihn doch nicht etwa da lassen! -So nahm er denn alle Kraft zusammen und packte ihn mit beiden Händen: -»Nun also, eins -- zwei, drei!« und er hatte ihn emporgehoben. »So, -jetzt nehmen wir mal erst eine Prise!« dachte er sich. - -Er holte den Tabaksbeutel hervor. Zuerst aber sah er sich um, ob auch -niemand da war. Nein, es war niemand da, so schien es wenigstens! Aber -auf einmal kam es ihm so vor, als ob der Baumstamm ihn anfauchte und -sich aufblies, zwei Ohren traten hervor, ein Paar rote Augen quollen -heraus, die Nüstern bliesen sich auf und eine Nase zog sich kraus, als -wollte sie niesen. »Nein, ich will lieber doch nicht schnupfen!« dachte -der Großvater und steckte den Tabak wieder ein. »Sonst spuckt mir der -Satan wieder in die Augen!« Er ergriff also schnell den Kessel und -begann aus allen Leibeskräften zu laufen, da fühlte er, wie ihm von -hinten jemand wie mit Ruten auf die Beine schlug ..... »O je, o je!« -schrie der Großvater und rannte weiter, als ob er nicht gescheit wäre; -erst als er an des Popen Gemüsegarten vorbeikam, schöpfte er wieder ein -wenig Atem. - -»Wo mag nur der Großvater geblieben sein?« dachten wir, nachdem wir drei -Stunden auf ihn gewartet hatten. Die Mutter war schon längst vom Vorwerk -zurückgekommen und hatte einen Topf mit heißen Klößen mitgebracht. Der -Großvater aber kam und kam nicht! Wir setzten uns also allein hin, um zu -vespern. Nach dem Abendessen wusch die Mutter den Topf und suchte mit -den Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht ausgießen konnte; denn -ringsum gab es nichts als Beete, da sieht sie auf einmal, wie ihr eine -Tonne entgegengerollt kommt. Es war ziemlich dunkel. Sicherlich hatte -sich jemand von den Burschen mutwillig hinter die Tonne gesteckt und -schob sie vor sich hin. »Ei, da kann ich ja das Spülicht in die Tonne -gießen,« sagte sie und goß das heiße Spülicht hinein. - -»O weh!« schrie da eine tiefe Baßstimme auf. Sieh da. Es war der -Großvater! Ja, wer konnte denn das wissen! Bei Gott, wir dachten -einfach, ein Faß käme herangerollt! Offen gestanden, wenn's auch eine -Sünde ist, aber es war wirklich furchtbar komisch, als der graue Kopf -des Großvaters ganz von Spülicht triefend und mit Melonenschalen behängt -hervorschaute. - -»So ein Teufelsweib!« rief der Großvater und wischte sich den Kopf mit -dem Rockschoß ab. »Wie die mich verbrüht hat, rein wie ein Schwein vor -Weihnachten! Na, Jungens, jetzt sollt ihr aber Bretzeln bekommen. Ihr -sollt nur in goldenen Schupans herumlaufen, ihr Hundesöhne. Seht her! -Seht, was ich euch mitgebracht habe!« rief der Großvater und deckte den -Kessel auf. - -Und was glaubt ihr wohl, was drin war? Überlegt's euch wohl, hört ihr -- -ihr denkt wohl: Gold? Aber das ist's ja eben, daß es kein Gold war: -Mist, Unrat und sowas ..... Es ist eine Schande zu sagen, was alles da -drin war. Der Großvater spuckte aus, warf den Kessel hin und wusch sich -die Hände. - -Und seit der Zeit beschwor uns der Großvater, niemals dem Teufel zu -trauen. »Denkt lieber gar nicht dran!« sagte er oft zu uns. »Alles, was -der Feind Jesu Christi spricht, hat er erlogen, dieser Hundesohn! Der -hat auch nicht für einen Deut Wahrheitsliebe!« Und kaum vernahm der -Alte, daß es irgendwo rumore, so rief er uns schon zu: »Schnell Kinder, -machen wir ein Kreuz darüber! So, so, so geschieht's ihm recht! Tüchtig -soll er's kriegen!« und dann legte er los mit dem Kreuzschlagen. Jenen -verhexten Ort aber, an dem er nicht zu Ende tanzen konnte, ließ er -umzäunen und ließ von da ab alles, was man nicht brauchen konnte, also -den ganzen Schutt und Unrat, den er auf dem Felde ausgrub, dort -hinwerfen. - -So also foppte des Satans Macht den Menschen! Ich kenne diesen Ort sehr -gut: später haben ein paar Kosaken aus der Nachbarschaft ihn von meinem -Vater gepachtet, um ihn zu bebauen. Der Boden ist prachtvoll, und die -Ernte war immer ganz herrlich; aber von einem behexten Orte kann ja nie -Gutes kommen. Man sät etwas, was man braucht, dann aber geht etwas auf, -wovon nur der Teufel weiß, was es ist: Es ist kein Kürbis, keine Melone -und auch keine Gurke ..... Weiß der Teufel, was es ist. - - - - - Biographische Skizze - von - B. Schenrock - - - Übersetzt von _Alexandra Ramm_ - -Nikolaj Wassiljewitsch Gogol, der mit vollem Recht als einer der großen -schöpferischen Geister im Gebiete der Wortkunst anerkannt wird, hat -sich, wie bekannt, seinen Anspruch auf Unsterblichkeit nicht nur durch -die großen Qualitäten seiner Werke, sondern auch durch die entscheidende -Wirkung erworben, die er als richtunggebende Kraft auf die gesamte -Entwicklung des russischen Schrifttums ausübte. Als ein Schriftsteller, -der der Literatur unschätzbare Dienste erwies: indem er sie von der -Nachahmung befreite und sie endgültig auf die Darstellung des wirklichen -Lebens richtete, hat Gogol sich für immer einen der ersten Plätze in der -Literaturgeschichte gesichert, wie groß auch die Verdienste seiner -Nachfolger sein mögen. - -Die persönlichste Note Gogols, des Menschen wie des Dichters, ist die -unbezweifelbare Eigenart seiner Erscheinung, dies Wort in seinem -höchsten Sinne genommen. Ihr hat er es zu verdanken, daß er fast allein -durch sein natürliches Temperament die hohe Vollkommenheit erreichte, -die seine Werke auszeichnet. Es ist kaum möglich, einen ähnlich -bedeutsamen Vertreter der russischen Literatur zu nennen, der in gleich -geringem Maße fremden Einflüssen verpflichtet ist. - -Gogol war ein echter Kleinrusse. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der großen -russischen Dichter war er sowohl seiner Abstammung wie seiner Erziehung -nach fast gänzlich frei von jeder Beimischung fremder Einwirkungen. Mit -den frühesten Eindrücken seiner Kindheit sog er zugleich alle nationalen -Eigenheiten des Kleinrussentums ein, als er noch die Luft seiner -heimatlichen, so inniggeliebten Ukraine atmete. Immer blieb ihm -Kleinrußland, das der Gegenwart wie der Vergangenheit, teuer und er -forschte lebhaft nach seinen Ahnen, wenn auch nicht in dem Sinne -genealogischen Nachspürens. Im Gegenteil: Gogol empfand aufs tiefste den -_dichterischen_ Zauber der Erinnerung an die Ahnen, dem er in folgenden -tief gefühlten Zeilen Ausdruck gab: »O Vergangenheit, Vergangenheit! -Welch ein Jubel, welch eine Befreiung erfüllt unsere Seele, wenn wir von -dem hören, was vor langer, langer Zeit, vor Jahr und Tag einmal in der -Welt geschah! Und wenn nun noch ein Blutsverwandter, ein Großvater oder -Urgroßvater an jenen Ereignissen teilnahm, ah -- dann verstummt der -sonst so beredte Mund.« Wir wollen hier nicht die Geschichte Ostaps -erzählen, der vermutlich ein Ahne Gogols war und bemerken nur, daß diese -echt kleinrussische Familie, wenn auch nur für kurze Zeit, mit zweien -ihrer Mitglieder in die Reihen der polnischen Schlachta eingetreten war, -was eine Erklärung für den zweiten polnischen Namen liefert, dem die -Gogols dem ihren anfügten: Gogols Urgroßvater hieß Jan, nach ihm nannten -sie sich auch Janowski, und ihr Erbgut im Kreise Mirgorod, -Regierungsbezirk Poltawa, erhielt den Namen Janowschtschina (wie ein -anderes Gut, Wassiljewka, seinen Namen nach Gogols Vater Wassilij -erhalten hatte). Später war Gogol bemüht, diesen zweiten Namen -abzulegen, denn er behauptete, daß »die Polen« dieses Anhängsel erfunden -hätten. - -Und doch war Gogol den Professoren und Mitschülern fast ausschließlich -unter dem Namen Janowski bekannt. Schon der Sohn Jan Gogols war -griechisch-katholisch geworden; er wurde in der Kiewer Akademie erzogen -und trat sogar in den geistlichen Stand ein; sein Enkel, der Großvater -unseres Dichters, war den Zeugnissen nach, die sich erhalten haben, ein -echter Kleinrusse. Für uns hat die Bekanntschaft mit den Ahnen Gogols -vor allem die Bedeutung, daß sie uns von der Überlieferung alle als -hochbegabte Menschen geschildert werden -- jedenfalls waren sie keine -gewöhnlichen Erscheinungen. Auch der Vater Gogols, Wassilij -Afanaßjewitsch, war ein außerordentlich begabter und herzensguter -Mensch, mit einem lebendigen und wißbegierigen Verstand, literarischen -Neigungen und einem ausgesprochenen Erzählertalent. Sorglos und geliebt -von Nachbarn und Freunden begnügte er sich mit seinem bescheidenen -Familienglück und träumte nie von dem lockenden Ruhm des Dichters. Ein -Zufall, die Übersiedelung nach dem Gute des bekannten kleinrussischen -Magnaten Troschtschinsky, einem Verwandten seiner Frau, Kibinzu, -erschloß der dichterischen Begabung Wassilij Afanaßjewitschs ein -würdigeres Feld. Dank der weitherzigen Gastfreundschaft Troschtschinskys -war dieser immer von Freunden umringt: stets standen Zimmer und ganze -Flügel für die Ankömmlinge bereit. In seinem Hause herrschte ewiger -Feiertag: man musizierte, spielte Theater, arrangierte Feste -- und -alles war immer von einer erregten Atmosphäre von Freude und Glanz -umgeben. Nicht minder hing man in diesem Schlosse geistigen Interessen -nach: selbst bloße Vergnügungen trugen das Merkmal vollendeten Taktes -und Geschmacks, und keiner widerstand dem bezaubernden Eindruck des -Ganzen. Gogols Eltern wurden hier gern gesehen, und man schien in diesem -zeitgenössischen Athen dem alltäglichen Leben ganz entrückt zu sein. - -Am 19. März 1800 wurde W. A. Gogol, das ältere von den zwei am Leben -gebliebenen Kindern, unser Dichter, geboren. Von dem ersten Tag an war -er der Abgott der Familie, vor allem der Mutter, deren Güte und -Freundlichkeit allgemein hochgeschätzt wurde. Es ist selbstverständlich, -daß der Knabe von seinen Eltern mit zartester Sorgfalt behütet wurde, -und so wuchs er mitten unter Gutsherrn und Bauern alten Schlages auf. -Schon als Kind hatte ihm die Natur eine außerordentliche -Beobachtungsgabe verliehen, und so prägte sich ihm von früher Jugend an -das Bild eines kleinrussischen Dorfes ein: unmerklich schleichen sich -die kleinrussischen Sagen, Sitten und Tänze in sein Herz. Auf dem Gute -Troschtschinskys lernt er vieles kennen, was ihm in der Enge seines -väterlichen Hauses ewig unbekannt geblieben wäre. Und hier erlebte er -seinen ersten künstlerischen Genuß: als er bezaubert den Dramen -Kotlarewskis zuschaute, die von Leibeigenen auf dem Haustheater gespielt -wurden. Mit zehn Jahren brachte man ihn nach Poltawa, um ihn dort für -sein späteres Studium vorbereiten zu lassen; bald jedoch wurde er nach -Njäschin geschickt in das »Gymnasium der höheren Wissenschaften,« wo er -vom Mai 1821 bis Juni 1828 als Schüler verblieb. In der Schule machte -der kränkliche, nicht allzufleißige Knabe, der seine geringe Zuneigung -zu den Wissenschaften durch eine innige Hingabe an allerlei kleine -Streiche und Neckereien ersetzte, weder auf seine Altersgenossen noch -auf die älteren Schüler einen besonders guten Eindruck: die einen -lachten ihn als einen Spaßmacher aus, die andern verachteten ihn als -einen Faulenzer. Der natürlichen Begabung des Knaben, die sich vorläufig -nur dadurch kundgab, daß er den Lehrern treffende Spitznamen gab und -ihre Eigenheiten geschickt nachahmte, schenkte keiner irgendwelche -ernstere Beachtung: aber die von ihm erfundenen Spitznamen werden von -den andern sogleich aufgegriffen, und alles belacht seine närrischen -Streiche, wenn auch keiner glaubt, daß sich hierin irgend etwas -ungewöhnliches ausdrückt. In dieser Zeit faßt er plötzlich eine -leidenschaftliche Hinneigung zur Malerei, wohl auch zu Büchern: aber -bald beherrscht das Theater widerspruchslos seine Sehnsucht. Er bemüht -sich, im Njäjiner Lyzeum kleine Aufführungen zu arrangieren und als -Schauspieler gelingen ihm vor allem die Rollen der komischen Alten. -Seine Leidenschaft entflammte auch seine Kameraden. Bald gibt er eine -Schülerzeitschrift heraus und träumt von seiner Zukunft, die sich in -lichten Farben vor ihm eröffnet. Als er sechzehn Jahre alt ist, stirbt -sein Vater plötzlich. Dadurch wird seine Entwicklung entscheidend in -eine andere Bahn gelenkt. Aus dem spielerischen Knaben wird unversehens -ein Jüngling. Sein und seiner Angehörigen Schicksal, dem er sich ganz -widmen will, bemächtigt sich seiner Phantasie: vor allem will er der -jüngeren Schwester den Vater ersetzen. Noch immer sind seine -Fortschritte in der Schule gering, nur für Geschichte wird ein größeres -Interesse bei ihm bemerkbar, ebenso für die Poesie, wenn ihn auch der -Literaturunterricht im Gymnasium wenig anzieht. Er macht sich über den -Professor, dessen vorsintflutliche Anschauungen noch in der »guten alten -Zeit« wurzeln und der Puschkin verachtet, lustig ... Und dann erwacht -die jugendliche Sehnsucht nach Freundschaft in ihm. Außer seiner -Knabenfreundschaft mit Danilewski, dem Sohne des Gutsnachbars, gewinnt -er noch Wyssozki und die Brüder Prokopowitsch zu Freunden. Die letzten -Jahre der Schulzeit eilen schnell vorüber; Wyssozki, der die Schule -absolviert hat, reist nach Petersburg, und Gogol, der oft mit dem -Freunde von der Hauptstadt im Norden geträumt hat, sehnt sich heiß nach -den Ufern der Newa. Seine Träume zaubern ihm das herrliche Leben in -Petersburg vor, wo die großen Ziele locken: gereizt empfindet er das -Provinzielle seiner Umgebung. Seine scharfe Beobachtungsgabe verbindet -sich mit schneidendem Humor zu bissigen Ironien. Aus den kühnen Träumen -der Jugend gestaltet sich das Idyll »Hans Küchelgarten«. Endlich naht -die Zeit der Abschlußprüfung. Gogol fühlt, daß er noch große Lücken -auszufüllen hat und beginnt angestrengt zu arbeiten. In den Briefen an -seine Mutter, die in dieser Zeit geschrieben sind, macht er der Schule -bittere Vorwürfe, daß sie ihn so lange aufgehalten hat, ohne ihm sichere -Kenntnisse beizubringen. Aber endlich besteht er die Prüfling. - -Er kehrte auf kurze Zeit in seine Heimat zurück, um dann mit seinem -treuen Kameraden Danilewski nach Petersburg zu fahren. Bald enttäuscht -die grausame Wirklichkeit die großartigen Träume der Jugend: statt in -einem großen Zimmer mit hohen Fenstern auf die Newa hinaus zu wohnen, -muß er sich mit einem Raum in einer höheren Etage in einer viel -prosaischeren Gegend begnügen; die hohen Preise machen ihn -niedergeschlagen. Die Empfehlungsbriefe, mit denen ihn die sorgliche -Mutter ausgerüstet hatte, öffnen ihm zwar die Häuser einiger angesehener -Personen, bleiben aber ohne jegliches praktisches Resultat. Er leidet -Not und muß im Winter mit einem Sommermantel herumlaufen. Er muß allen -Vergnügungen entsagen: nicht einmal das heißgeliebte Theater kann er -besuchen ... Er fühlt sich tief unglücklich und mit fieberhafter Eile -unternimmt er einen Versuch nach dem andern; aber alles mißglückt ihm. -Er erinnert sich der Erfolge, die er auf der Bühne des Schultheaters -errungen hatte und läßt sich als Schauspieler prüfen: aber sein Organ, -klar und jeder Übertreibung bar, macht auf die zeitgenössischen -Theateraristarchen einen ungünstigen Eindruck. Er selbst bemerkt es -während der Probe und entfernt sich heimlich, ohne das Resultat -abzuwarten. Dann fiel es ihm ein, sein Idyll »Hans Küchelgarten« drucken -zu lassen, aber die Kritik nahm es kühl auf, und der gekränkte Dichter -warf eiligst seinen Erstling in die Flammen. Inzwischen war ihm aber das -Interesse der Petersburger für alles Kleinrussische aufgefallen, und der -unternehmungslustige Jüngling beschäftigt sich mit dem Plan, die -Komödien seines Vaters aufzuführen. Ebenso beginnt er, mit Hilfe der -Mutter und seiner Freunde näheres Material für einige geplante -kleinrussische Erzählungen zu sammeln, die er auch wirklich -niederschreibt und die unter dem Namen »Abende auf dem Gutshof bei -Dikanka« bald eine umfassende Popularität erlangten. Über seine Stimmung -zu dieser Zeit mögen einige Zeilen Auskunft geben, die einem -gleichzeitigen Brief an seine Mutter entnommen sind: »Ist das eine ein -Mißerfolg, kann man zum andern greifen, und mißglückt das auch -- dann -zum dritten usw. Das Kleinste kann manchmal eine große Hilfe bedeuten.« -In dieser Stimmung reifte plötzlich der Plan in ihm, ins Ausland zu -reisen -- in das Ausland, von dem er seit seiner Schülerzeit zu Njäschin -geträumt hatte! Er sehnte sich nach einem phantastischen Land des Glücks -und der schöpferischen Arbeit. Aber auch diesmal enttäuschte die -Wirklichkeit die farbige Glut seiner Jugendträume. In der »Beichte des -Dichters« bekannte er, daß »er sich kaum auf dem Meere, auf dem Dampfer, -unter fremden Menschen« befand, als schon die frohen Träume von einem -glücklichen exotischen Leben in nichts zerflossen. Kaum hatte er sich -flüchtig umgesehen, kaum hatte er Lübeck, Travemünde, Hamburg kennen -gelernt, als er schon zurück nach Petersburg eilte. (Nach A. S. -Danilewskis Angabe war Gogol aus Petersburg fortgefahren, um sich in -Amerika anzusiedeln.) Bald nach seiner Rückkehr erhielt er eine Stellung -im Apanagen-Departement. So kläglich hatten seine herrlichen -Dichterträume geendet. Und gerade diesen Ausgang hatte er wie das Feuer -gefürchtet, und mit allen Kräften sträubte er sich gegen den Gedanken, -daß »das Schicksal ihm ein düsteres Heim des Ungekanntseins zugedacht -hätte«. - -Inzwischen aber gediehen die »Abende auf dem Gutshof bei Dikanka« -fleißig weiter; außerdem begann Gogol seine ersten literarischen -Versuche in Zeitschriften zu veröffentlichen und Beziehungen zu -Schriftstellern anzuknüpfen. So war er endlich auf der Bahn, die zu -einer Verwirklichung seiner Träume führen konnte. Delwig, Schukowski, -Pletniew -- vor allem der letztere -- erkannten seine glänzende Begabung -und entwickelten für seine Zukunft eine geradezu väterliche Besorgnis. -Pletniew verschaffte ihm eine Stellung als Geschichtslehrer am -»Patriotischen Institut,« wo er selbst Geschichtsunterricht erteilte, -und ebenso einige Stunden in vornehmen Häusern. Er war es auch, der ihn -mit Puschkin bekannt machte. Noch ein paar Mißerfolge hatte Gogol zu -überwinden, und dann erhaschte er das Glück, das phantastische, -zauberhafte Glück ... Plötzlich fühlte er sich in die Sphäre der höheren -literarischen Welt gehoben ... aussichtsreiche Beziehungen eröffneten -sich ihm. Vor allem befreundete er sich mit dem vielumworbenen Fräulein -A. O. Rosset, der späteren Frau Smirnowa. Ihre gemeinsame heiße Liebe -zur Ukraine hatte sie zusammengeführt, und das war für ihn um so -bedeutungsvoller, als sich sein Verhältnis zur Heimat in den seelischen -Erschütterungen der letzten Jahre wesentlich verändert hatte. War es -früher seine leidenschaftliche Sehnsucht, nur schnell in die Hauptstadt -zu kommen, so sehnte er sich jetzt aus den schweren Enttäuschungen der -großen Stadt in seine geliebte Ukraine zurück, obwohl er die Bedeutung -Petersburgs für seine Zukunft wohl erkannt hatte. Im Jahre 1831 gab er -unter dem ihm von Pletniew empfohlenem Pseudonym Rudy Panjko die »Abende -auf dem Gutshof bei Dikanka« heraus. Den Sommer verbrachte er in -Zarskoje Selo, in glücklicher Gemeinschaft mit Puschkin und Schukowski. -(Nunmehr war er überhaupt einer »derer um Puschkin« geworden.) Erst im -Sommer 1832 benutzte er seine Ferien, um die Heimat aufzusuchen. Eine -neue Idee hatte sich um diese Zeit seiner bemächtigt: er wollte eine -Komödie schreiben, deren Stoff dem alltäglichen Leben entnommen sein -sollte. Seine eminente Beobachtungsgabe mußte einmal einen solchen -Gedanken gebären, um sich vollkommen entladen zu können: durch sie -wurden Züge seiner Umgebung hell bestrahlt, die dem gewöhnlichen Blick -für immer verborgen bleiben, obwohl sie in Wahrheit die am tiefsten -charakteristischen sind. Das zeitgenössische Repertoire bestand in der -Mehrzahl aus affektierten Dramen und Tragödien: teils waren es lärmende -Trauerspiele im pseudoklassischen Geschmack, teils anspruchslose -Komödien, die, ohne jede Bedeutung, nur der Abwechslung dienten. Es kann -nicht stark genug betont werden, daß in dieser Lage Gogols Plan geradezu -eine Offenbarung bedeutete: und wenn um Gogols schöpferischer Stellung -in der Literatur vielleicht gestritten werden kann, so kann über seine -Bedeutung für die dramatische Kunst nicht der geringste Zweifel -herrschen. Denn die Entwicklung des russischen Dramas kann selbst durch -so starke ästhetische Schöpfungen wie Puschkins »Geizige Ritter«, -»Mozart und Salieri« oder »Der steinerne Gast« nicht erklärt werden: -überall wird man der entscheidenden Einwirkung Gogols begegnen. Seine -Ansicht von der Bedeutung des Dramas, die ihm aus tiefstem Innern -zugeflossen war, war so selbstständig und neu, daß sie ihm bei einem -vorübergehenden Aufenthalt in Moskau die gerühmten Produkte der -zeitgenössischen dramatischen Literatur ganz bedeutungslos erscheinen -ließ; diesen Aufenthalt in Moskau -- übrigens auf seiner Reise in die -Heimat -- benutzte er, um literarische Beziehungen anzuknüpfen, die er -sich vorher sorgfältig ausgewählt hatte und von denen er eine Förderung -seiner dramatischen Absichten erwarten konnte, oder die ihm bei einer -praktischen Ausnutzung seiner Geschichtsstudien behilflich sein konnten. -Gogols Ansichten frappierten allgemein und selbst ein so kultivierter -Kenner des Theaters wie S. T. Aksakow war von einigen gelegentlichen -Äußerungen aufs tiefste überrascht, deren tiefe Wahrheit er trotz ihrer -scheinbaren Seltsamkeit sofort einsah. In Moskau kam Gogol mit M. P. -Pogodin und seinen Landsleuten Maximowitsch und dem Schauspieler -Schtschepkin in nähere Berührung. Seine Rückkehr in die Heimat -bereicherte ihn um viele trostlose Erfahrungen: er kehrte ja nicht mehr -als der glückliche, von lichten Träumen erfüllte Jüngling zurück, als -der er vor drei Jahren mit Danilewski fortgezogen war. In diesen drei -Jahren hatte er etwas köstliches verloren: die frohen Träume der Jugend. -Die Träume der Jugend, die voll blühender Sehnsucht die Welt als einen -Triumphpfad träumt, mit bunten Blumen überschüttet. Aber der rosa -Vorhang ist gesunken, und nackt starrt vor dem bestürzten Auge die kahle -Mittelmäßigkeit des Alltags. Und Gogol erfüllt die ernste Tragik des -Lebens, die sich unter dem grauen Einerlei des Weltlaufs verbirgt. -Alles, was ihm der Traum in verlockenden Bildern gemalt hat, was in der -Ferne ihm begehrenswert erschienen war -- alles zeigte sich noch -nichtiger und trostloser, als es ihm vor drei Jahren erschienen war. Und -in der Nähe wartete das gleiche Petersburg auf ihn: aber ohne die -magische Aureole, die es ihm vor drei Jahren verklärt hatte. Das alles -drückt sich in der veränderten Stimmung seiner nächsten Werke aus: -deutlich scheidet sich schon »Mirgorod« hierin von den »Abenden auf dem -Gutshof bei Dikanka,« die in allem die zärtliche Verklärung der Jugend -atmen. Aber kaum ist er wieder in Petersburg angelangt, als er sich -schon den Traum einer neuen glücklichen Zukunft ausmalt: er will nach -Kiew gehen, um sich dort um die Geschichtsprofessur an der eben -eröffneten Universität zu bewerben. Erfüllt von dem Gefühl seiner -reichen inneren Kräfte, durchdrungen von der Überzeugung, die im Kreise -Puschkins alle beherrschte, daß das Genie der Masse und ihrer Meinung -absolut überlegen sei -- hatte er sich nie ernste Gedanken über die -Verantwortlichkeit einer akademischen Stellung gemacht. Er war fest -überzeugt, daß allein durch die Kraft der lebendig-bildlich-bewegten -Vorstellung die Künste der »welken Schulmeister« in Schatten gestellt -würden. Nachdem er sich mit Puschkins und Schukowskis Hilfe den -Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Petersburger -Universität erobert hatte, hielt er es natürlich auch nicht für nötig, -sich für die bevorstehenden Vorlesungen ernsthaft vorzubereiten: statt -dessen überläßt er sich der geliebten Arbeit des dichterischen -Schaffens. In dieser Zeit schreibt er den »Revisor.« Sein -Selbstvertrauen wächst maßlos: er denkt daran, eine Geschichte -Kleinrußlands im Mittelalter zu schreiben. Das Resultat ist nicht -anders, als man erwarten konnte: in seiner Universitätszeit entstehen -dichterische Schöpfungen von hohem Werte, würdig seines Talents -- aber -seine wissenschaftlichen Pläne scheitern jammervoll, und seine -Vorlesungen sind, wenn man von einigen wirklich glänzenden absteht, -flüchtig und mittelmäßig. Die Hörer verlieren Achtung und Vertrauen vor -ihrem Professor, und wenn sie ab und zu in sein Auditorium hineinsehen, -geschieht es nur, um sich »durch seine phantastische Diktion unterhalten -zu lassen.« Gogols Professur endete mit einem vollständigen Fiasko, -zumal er seine Vorlesungen bald aus Mangel an gelehrtem Material -ausfallen lassen mußte. Und da gerade zu dieser Zeit die Anforderungen -an die Professoren erhöht wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als -seinen Abschied zu nehmen. Kurz vorher hatte er auch die Stunden im -»Patriotischen Institut« verloren. - -Nach diesen Mißerfolgen richtete er all seine Kraft auf die Aufführung -des »Revisors«. Am 19. April 1836 wurde dieses große Werk, das bis heute -noch eine hohe Zierde der russischen Bühne ist, endlich zum erstenmal -gegeben. Anders als jene Dutzendautoren, deren kühnste Hoffnung nur bis -zum freundwilligen Applaus des Publikums reicht, blickte Gogol auf die -Bühne: mit tiefer Angst und Wehmut verfolgte er das Schicksal seines -Werkes, in das er seine ganze Seele, seine edelsten Kräfte gelegt hatte. -Die Pfeile der Komödie trafen scharf ins Ziel, und im Publikum wogte -eine außerordentliche Erregung gegen das Werk. Kaiser Nilolaj -Pawlowitsch, der bei der ersten Vorstellung des Revisors anwesend war, -entschlüpften folgende denkwürdige Worte: »Das ist ein Stück! Alle haben -ihr Teil bekommen -- aber ich am meisten!« Von tiefer Anteilnahme für -die schonungslose Entblößung sozialer Schäden erfüllt, ebnete der Kaiser -durch seine Protektion dem Werk den Weg zur Bühne. Aber statt daß der -Dichter über eine so offensichtliche Wirkung erfreut ist, ist er -überrascht und niedergeschlagen und wehmütig ruft er aus: »Herrgott, -wenn nur einer oder zwei geschimpft hätten -- Gott segne sie. Aber alle -... alle!« Bitter beklagt er sich bei seinen Freunden, daß alle das Werk -schmähten und doch abends in die Vorstellung liefen. Die Aufführungen -werden durch die üblichen Schikanen und Intriguen der Theaterbehörden -immer wieder gestört: und das alles bringt den Kelch schließlich zum -Überlaufen. Von den schweren Erlebnissen der letzten Jahre gequält und -zerrüttet, reist er mit seinem unzertrennlichen Freunde Danilewski ins -Ausland, um dort Ruhe und Zerstreuung zu finden. - -Trotz der vielen Mißerfolge blickt er mit unzerstörbarer Heiterkeit in -sein zukünftiges Leben. Und so reisten beide Freunde in die Welt hinaus, -jung, frei, und fortgerissen von dem Drange, sich in das lockende, -fremde, westeuropäische Leben zu stürzen. Fröhlich, als hätten sie die -Last düsterer, ewig gleicher Eindrücke für immer abgeworfen, eilten sie -einer hellen, rosigen Zukunft entgegen. Die goldenen Träume der Jugend -schwebten noch über ihnen, und vor ihnen erhob sich die Morgenröte eines -besseren poetischeren Lebens, erfüllt von Jubel und lichtem Glück. - -Mit dieser Reise in das Ausland begann für Gogol eine neue Epoche seines -Lebens. Von allen Interessen der offiziellen Petersburger Welt getrennt, -gab er sich ungehemmt der ihm entgegenbrausenden neuen Welle hin. Er -schließt neue Bekanntschaften, und die Distanz zwischen ihm und seiner -Vergangenheit wird mit jedem Tage größer, entscheidender. Ein, zwei -Monate vergehen -- und er fühlte sich allen ehmaligen Sorgen und -Ärgernissen entfremdet. Nur die innige Liebe zur Heimat erwacht wieder: -und jede Erinnerung wird ihm zu einem sorgsam gehegten Schatz. Aber die -Bitterkeit, mit der sie die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatte, -ließ sich doch nicht ganz vergessen, und in seinen intimen Bekenntnissen -stehen neben begeisterten Hymnen auf die Heimat bittere Klagen über ihre -Schattenseiten. Beides ist gleichbezeichnend für des Dichters -unübertroffene Aufnahmefähigkeit. Mit der Hingabe eines Jünglings weiß -er die zahllosen neuen Eindrücke zu genießen, er reist von einem Land in -das andere, um sich endlich für längere Zeit in Italien niederzulassen, -das er später seine »zweite Heimat« nennt. Die Wunder der italienischen -Natur und Kunst, die große Eigenart Roms, die Lebensführung, die allem -früher Gesehenen nur allzu Gewohntem direkt widersprach -- wie stark -mußte das alles auf die empfängliche Seele des Künstlers wirken! Und -gierig schlürft Gogol den Kelch dieses erregten Lebens, oft mit seinem -Freund Danilewski, oft auch mit einem andern Enthusiasten, dem edlen und -reinen Maler A. A. Iwanow. In einer glücklichen poetischen Umgebung -geben sie sich bis zur Selbstvergessenheit dem ästhetischen Genießen der -Natur hin, und voll tiefer Seligkeit empfinden sie sich als freie -Menschen, unendlich fern von allem Kalten und Offiziellen, von allen -materiellen Ablenkungen. Hier in Italien berührten alle Dinge die Seele -unserer Einsiedler zärtlich: das stille Genießen der Kunst, der Zauber -der wundervollsten Sprachmelodie, das Ergreifende überraschender -Farbenwechsel und die mit nichts zu vergleichende Pracht des südlichen -Himmels. Jede durchkreuzte Straße dieser hingebend geliebten Stadt, -jeder unbedeutende Winkel in den dunklen und nicht immer ganz sauberen -Osterien wird ihnen teuer. Eine besondere Freude war es für Gogol, hier -in der Fremde Seelenverwandte zu treffen, und er fand ihrer viele. Mit -einem Wort: es war die glücklichste, hellste Zeit seines Lebens. - -Aber wie es immer im Leben geht, diese Zeit war nicht von langer Dauer, -und ihr Glück mußte hart gebüßt werden. Das Schicksal ist nicht -freigiebig mit solchen Geschenken, und es war Gogol nicht lange -beschieden, in dieser Hochflut ästhetischer Genüsse zu leben. Allein in -dieser Zeit hatte er den ersten Band der »Toten Seelen« geschrieben, -eines Werkes, das nunmehr zu seiner Lebensaufgabe heranwächst. Das -glückliche Leben verdüsterte sich durch materielle Sorgen, und auch -Wolken anderer Art bedrohten seinen heiteren Horizont. Bald mußte er -eine kostspielige Reise nach der Heimat machen, um seine Schwestern aus -dem Institut zu nehmen und die jungen unerfahrenen Mädchen wenigstens -nach Moskau zu begleiten, und die Rückreise brachte neue Sorgen, die -eine erhebliche Anleihe verlangten. Bald vergifteten Krankheiten sein -Leben; im Jahre 1840 überstand er nacheinander in Wien und Rom zwei -schwere Krankenlager. Eine Zeitlang glaubte er sich sogar am Rande des -Grabes. Jede Genesung empfindet der von Kindheit an religiös gestimmte -Gogol als eine göttliche Erlösung von dem Tode, die ihm das Schicksal -nur gewährt hat, um durch neue Schöpfungen dem Nutzen der Menschheit in -einem höheren Sinne dienen zu können oder, wie er sich später äußerte, -»um einen Hymnus auf die göttliche Schönheit zu singen«. - -Das alles geschah an der Grenze der dreißiger und vierziger Jahre. Die -sensible Natur des Künstlers hatte sich der schweren Anfechtungen zu -erwehren, die unbarmherzig auf ihn niederprasselten. Einer der -schwersten Schicksalsschläge, die ihn betroffen hatten, war der frühe -Tod des jungen Josef Wielgorski, an dem er während der letzten Monate -seines langsamen Dahinschwindens mit ganzer Seele gehangen hatte. Gogol -war für die Freundschaft aufs äußerste empfindlich, und gerade darum -blieb der Kreis seiner Freunde immer sehr klein. Aber nicht minder -zerrütteten ihn die kleinlichen Sorgen des Alltags. Fern von den -aktuellen Tagesfragen und den Interessen der zeitgenössischen -literarischen Welt, beschränkt durch seine persönlichen Beziehungen und -materiellen Verpflichtungen, konnte er seinen Freunden kaum etwas recht -tun. Unter dem Kreuzfeuer ihrer Ansprüche und gegenseitiger -Gereiztheiten geriet er unwillkürlich in eine unangenehme und unbequeme -Lage, da sie sich alle für berechtigt hielten, eine Unterstützung ihrer -zahlreichen Zeitschriften durch Arbeiten aus seiner Feder zu verlangen. -So entzweite er sich mit dem ihm einst in Moskau (1841) sehr -nahestehenden Pogodin, der ihm Geld geliehen hatte und sich berechtigt -fühlte, Arbeiten von ihm zu verlangen. Pletniew und seinen andern -Petersburger Freunden gefiel wiederum seine Annäherung an die Moskauer -nicht, und die Aksakows mit ihrer aufrichtigen, aber wie Gogol selbst -sagte, übertriebenen Liebe zu ihm waren durch seine Anhänglichkeit an -Italien verletzt. Die Mühen, die das Erscheinen der »Toten Seelen« im -Jahre 1842 verursachte, machten in Gogol die Erinnerung an die -schrecklichen Seelenqualen lebendig, die er bei der Aufführung des -Revisors erlitten hatte. Wieder die gleichen offiziellen Scherereien, -vor allem mit der Zensur, die Meinungen äußerte wie folgende: der Titel -»Tote Seelen« schon könne nicht zugelassen werden, da die Seele -unsterblich sei! Besonders hatte die Erzählung vom Kapitän Kopeikin -darunter zu leiden. Wieder war Gogol gezwungen, durch Bitten und Besuche -hochgestellte Persönlichkeiten zu interessieren, wieder allerlei -quälende Intrigen. Und waren es früher nur die Intrigen im Theater, die -ihn marterten, so bereiteten ihm jetzt seine Freunde allerlei -Schwierigkeiten: vor den Aksakows mußte er seine Beziehungen zu -Belinski[1] verbergen, und bei Pogodin war es ihm unangenehm, daß er mit -dem von ihm erborgten Gelde dem Maler Iwanow geholfen hatte. Zu gleicher -Zeit beunruhigten ihn die finanziellen Verhältnisse seiner Familie auf -das äußerste, und er durfte nicht einmal daran denken, zu helfen, da -seine eigene materielle Lage eher alles andere als glänzend war. Noch -während seines Petersburger Aufenthaltes hatte er in dieser Beziehung -allen Boden unter den Füßen verloren. Nachdem er seinen früheren Beruf -aufgegeben hatte, war es ihm nie wieder in den Sinn gekommen, zu einer -bestimmten Tätigkeit zurückzukehren -- ausgenommen natürlich die Arbeit -an seinen Dichtungen. Wiederholt wandte er sich an die Regierung mit der -Bitte um eine Subvention, wobei er immer wieder darauf hinwies, daß es -sein heißer Wunsch sei, dem Vaterlande zu nützen, und daß er, da er sich -in keiner Stellung befände, ohne bestimmte Einnahmen sei. Gleichzeitig -befestigt sich in ihm die Überzeugung, daß er sich ganz dem heiligen -Werk der Arbeit an den »Toten Seelen« widmen müsse. Er glaubt sich von -Gott dazu berufen, in den folgenden Bänden die Ganzheit des russischen -Menschen darzustellen und die besseren helleren Seiten seiner Natur. Für -Gogol beginnt sich nunmehr die Frage nach der Fortsetzung seiner Arbeit -immer stärker mit dem Problem der Rettung seiner Seele zu verknüpfen; -und um die ihm gestellte Aufgabe würdig lösen zu können, glaubt er sich -geistig ganz neu gebären zu müssen. Er bittet Gott, ihm Kraft zu -verleihen, die ihm bevorstehende heroische Tat vollbringen zu können. -Inzwischen geht er immer mehr in sich und verschließt seine Seele vor -den andern. Er beginnt, seinen früheren Arbeiten wenig Bedeutung -beizulegen, er findet sie leer, und mit der ganzen Kraft seiner Seele -geht er in dem innig gehegten Traum auf, seinem Volke das ihm so nötige, -noch nie gesagte Wort zu verkünden. Grandiose Perspektiven eröffnen sich -vor seinem Auge, und unwillkürlich drängt sich ihm die Empfindung auf, -daß der erste Teil der »Toten Seelen« nur die Vorhalle zu einem -mächtigen, noch im Bau befindlichen Palast sei. In dieser Stimmung -schreibt er Zeilen, wie jene über Rußland, die tiefster Inspiration -entsprungen sind und die ihn den von diesem Anspruch gereizten -Zeitgenossen als mehr denn anmaßend erscheinen ließen. Tönend verkündet -er in diesen Zeilen, daß nunmehr aller Augen auf ihn gerichtet seien und -daß er der Sendbote einer anderen neuen Zeit sei, »wo aus einem anderen -Quell ein furchtbarer Sturm der Begeisterung sich erheben wird, aus -einem Haupte, das von heiligem Schrecken und strahlendem Glanz umweht -ist: und in verwirrtem Zittern wird man den erhabenen Donner anderer -Reden hören«. Gogol träumt von seiner messianischen Sendung: wenn er -auch nicht, wie es der Traum seiner Jugend war, der ganzen Menschheit -Segen bringen könne, so doch zumindest seinem geliebten Vaterlande. Er -vergißt seine Bitterkeit und die tiefen Wunden, dankbar segnet er die -Vorsehung für sein hohes, über der Ebene des gewöhnlichen Lebens -gelegenes Schicksal, und er heißt alle Prüfungen willkommen: selbst die -Armut, die er nach seinen eigenen Worten liebgewonnen hat, wie der -Liebhaber seine Geliebte. Mit starrer Entschlossenheit beschränkt er -seine Habe auf ein »Köfferchen« mit den Handschriften seiner Werke und -einigen Büchern religiösen Inhalts; und zuletzt sucht er Tröstung selbst -in den physischen Leiden, die seinen von Natur schwachen Körper mehr und -mehr untergraben. Diese Idee, an die er sich klammert und die sein -ganzes sittliches Sein erfüllt, wandelt seine moralische Persönlichkeit -vollkommen um, obschon es keine wurzelhafte Veränderung ist, vielmehr -erhalten einige Seiten seiner moralischen Konstitution, die in der -Jugend durch Sehnsucht, Lebensfrische, Gestaltungslust im Gleichgewicht -gehalten wurden, jetzt mehr und mehr das Übergewicht. Dieser Prozeß -beginnt Ende der dreißiger Jahre und erfüllt das ganze nächste -Jahrzehnt, er spiegelt sich deutlich in den Briefen dieser Periode, und -wenn er mitunter so abweichende, leidenschaftlich vertretene -Beurteilungen findet, so ist dies eine Folge der Verschiedenheit des -Gesichtswinkels, unter dem man ihn betrachtet; ob man auf das stürmische -Wachsen des inneren Menschen in Gogol achtet, der sich bis zum reinsten -Idealismus läutert, oder ob man die seelische Krise Gogols vom -Standpunkt des Ästhetikers bewertet, der ihren zerstörenden Einfluß auf -seine schöpferische Kraft betrachtet. Unter diesem ästhetischen -Gesichtspunkt ergibt sich diese Wandlung als notwendige Folge des -Zwiespaltes, in den die freie schöpferische Kraft durch ihre Bindung mit --- wenn auch zweifellos idealen -- religiösen Motiven geraten muß. Eines -aber ist unzweifelhaft: das letzte Jahrzehnt des Dichters stellt einen -schmerzlichen und langwierigen Auflösungsprozeß seiner physischen Kräfte -dar und ihm parallel einen stetigen Niedergang seiner ästhetischen -Schöpfungskraft und eine sich bis zum Krankhaften steigernde religiöse -Ekstase. Aber trotz der hartnäckigen Gerüchte, die sich bis über seinen -Tod hinaus erhielten, hat keiner seiner Freunde je bei ihm eine geistige -Störung festgestellt. Andererseits hat jeder von der äußerst schroffen -Umwandlung Gogols während seiner letzten Jahre berichtet, und dieser -Eindruck, der von seiner Familie wie von seinem Vertrauten Danilewski -bestätigt wird, muß bei der Beurteilung dieser Epoche Gogols durchaus -mit berücksichtigt werden. Keime der mystischen Stimmung, die -Maximowitsch schon 1835 bei Gogol beobachtet hat, und nach ihm -- aber -immer noch früher als die andern Freunde -- S. T. Aksakow, sind unter -dem Eindruck der überstandenen Qualen und der ewigen Angst vor der Not -der Todesstunde schnell gereift, außerdem fanden sie auch einen -günstigen Boden in der Umgebung, in der Gogol sich während seines Lebens -im Auslande befand. Die Gesellschaft der Schukowski, Frau Smirnowas, A. -P. Tolstois und des kranken Dichters Jasykow schien geradezu auserwählt -zu sein, um Gogol, der von der Heimat getrennt und von allen Einflüssen -des westeuropäischen Lebens ganz abgeschlossen war, immer tiefer und -hemmungsloser in einen bodenlosen Mystizismus versinken zu lassen. -Gogols Umwandlung in seinen letzten Lebensjahren war eine endgültige: -mitgerissen von seelischen Entdeckungen, Prophetien, und zermarternden -Selbstbespiegelungen und bestürmt von grausamen unablässigen Leiden -zerrann ihm sein früheres Dasein in nichts. Seine Verschlossenheit und -innere Einsamkeit wuchs: seine Zuneigung zu seinen Jugendfreunden -verwandelte sich in eine mißtrauische Gespanntheit, seine dichterische -Schöpfungskraft nahm an Umfang und Wert ab. Lange noch lebte Gogol im -Ausland, mitunter auch in dem von ihm so innig geliebten Italien, aber -er ist nicht mehr der frühere Enthusiast, der sich vor der wundervollen -italienischen Landschaft begeistert. Immer ausschließlicher beschränkten -sich seine Gedanken auf das Religiöse: es zieht ihn nach Palästina, und -eine Zeitlang läßt er sogar die Arbeit an den »Toten Seelen«, um die -»Ausgewählten Stellen aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden« zu -schreiben. 1847 erscheint der Briefwechsel: es entspinnen sich -leidenschaftliche Diskussionen, und vor allem gefällt er in seiner von -der Zensur entstellten und verkürzten Gestalt dem Autor nicht. Gogol ist -bis zum Äußersten gequält und niedergedrückt. - -[Fußnote 1: berühmter russischer Kritiker.] - -Der bekannte Brief Belinskis und eine andere Äußerung seiner Freunde, -verstärkt durch eine Anzahl Kritiken zerrütteten Gogol endgültig. Er -fühlt sich zu einer Gegenäußerung gezwungen und schreibt die »Beichte -des Dichters«. Und Anfang 1848 gibt er seiner heißen Sehnsucht nach und -reist nach Jerusalem. Nach seiner Rückkehr bleibt er in der Heimat, -langsam nur schreitet die Arbeit an den »Toten Seelen« vorwärts. Sein -Lebensmut sinkt und allmählich unterliegt er in dem schweren Kampfe -zwischen der ungeheuren Aufgabe, die er sich gestellt hat, und seinen -immer schwächer werdenden geistigen und körperlichen Kräften. In dieser -Zeit gewinnt der Geistliche von Rschew, Pater Mathäus, einen -tiefgehenden Einfluß auf ihn, und seine strengen asketischen Worte -peinigen die kranke Seele des Dichters so, daß er die Predigt des -Geistlichen einmal mit dem Angstschrei unterbricht: »Genug, genug, es -ist furchtbar!« Hier soll bemerkt werden, daß ein starker Bestandteil -von Gogols Religiosität die Furcht vor dem Jenseits war. - -Kurz vor seinem Tode verbrannte er den zweiten Teil der »Toten Seelen«. -Hartnäckig verweigert er die Annahme von Nahrung: er will sterben. -Beides, Verzweiflung und Todessehnsucht, erklärt sich aus der -peinigenden Ungewißheit des Dichters, ob seine Werke Gutes stiften -würden oder nicht: bis zu seinem Tode kämpften in Gogol flammende -Hoffnung und dumpfes Verzweifeln. Und hinzu kommt die unerträgliche -Angst vor der Qual der Todesstunde, die nur einen Wunsch gestattet, sich -so weit wie möglich auf den furchtbaren Augenblick der Abrechnung mit -dem Irdischen vorzubereiten, um die Seele vor der ewigen Verdammnis zu -retten. - -Gogol starb in Moskau am 21. Februar 1852. Zu seinem Begräbnis -erschienen die Spitzen der Stadt, die Leichenfeier fand in der -Universitätskirche statt. Eine große Menge Volk hatte sich eingefunden, -um dem Dichter die letzte Ehre zu erweisen. - -Die feindlichen Stimmen verstummen, und die große Bedeutung Gogols -stellt sich immer klarer, wahrnehmbarer heraus. Und in unsern Tagen wird -keiner versuchen, an der Bedeutung seiner gewaltigen Dichtungen zu -zweifeln, an diesem starken Darsteller der Wirklichkeit -- dem ersten, -den Rußland aus eigener Kraft hervorgebracht hat. - - - - - Anhang - - - Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - (Erster Teil.) - -Der erste Teil der in diesem Bande vereinigten Erzählungen erschien im -September des Jahres 1831. Die Unterschrift des Zensors trägt das Datum -»den 26. Mai 1831.« - - -I. _Der Jahrmarkt in Sorotschintzy_ stammt aus dem Jahre 1830. 1851 -wurde diese Novelle mit unwesentlichen stilistischen Änderungen in der -Gesamtausgabe von Gogols Werken wieder abgedruckt. - -II. _Die Johannisnacht._ Diese Erzählung erschien zuerst im Februar- und -Märzheft der »Vaterländischen Annalen« (Otetschestwennye Sapiski), -Jahrgang 1830 und zwar anonym unter dem Titel: »_Basawrjuk oder die -Johannisnacht_«. Eine kleinrussische Novelle (nach einer Volkssage), -erzählt vom Küster an der Kirche zu Pokrowsk. Gogol arbeitete die -Novelle später für die »Abende auf dem Gutshof bei Dikanka« um. Hierbei -beseitigte er einige Änderungen, die _Swinjin_ bei der Drucklegung in -den Vaterländischen Annalen eingefügt hatte, und schickte der Erzählung -eine kleine Vorrede voraus, in der er auch auf Swinjins Änderungen -hinwies. - -III. _Mainacht oder die Ertrunkene._ Ist im Jahre 1829 entworfen und -dann für die »Abende« neu bearbeitet worden. 1851 fügte Gogol noch -einige kleine Änderungen ein. - -IV. _Der verschwundene Brief._ Stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1831, -und wurde von Gogol für die Gesamtausgabe (II. Aufl.) noch einmal -durchgesehen. - - - Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - (Zweiter Teil.) - -Der zweite Teil der »Abende« erschien Anfang März 1832; die Unterschrift -des Zensors trägt das Datum: »den 31. Januar 1832.« - - -I. _Die Nacht vor dem Weihnachtsfest_ wurde 1831 niedergeschrieben und -1851 noch einmal durchgesehen. - -II. _Schreckliche Rache_ stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1831. In -der ersten Ausgabe der »Abende« lautete der Titel dieser Novelle -»Schreckliche Rache« (»eine alte Sage«). In der zweiten und den -folgenden Auflagen der »Abende« vom Jahre 1836 wurde der Untertitel -(»eine alte Sage«) fortgelassen. - -III. _Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante._ Die Zeit der -Entstehung dieser Novelle ist unbekannt. - -IV. _Der verhexte Ort._ Auch über die Entstehungszeit dieser Erzählung -liegen keine Nachrichten vor. - - _Der Herausgeber._ - - * * * * * - - - Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht -verändert. - -Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des -russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - ... Frieda Ichak. ... - ... Frida Ichak. ... - - [S. 6]: - ... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konten ... - ... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte ... - - [S. 92]: - ... Die Hexe hat deine sündige Seele in Verderben gestürzt! ... - ... Die Hexe hat deine sündige Seele ins Verderben gestürzt! ... - - [S. 127]: - ... »Verfügung: An den Amtman Jewtuch Makohonenko. ... - ... »Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. ... - - [S. 198]: - ... erschien der Mondschein vom Leuchten der Schnees! ... - ... erschien der Mondschein vom Leuchten des Schnees! ... - - [S. 205]: - ... Dem Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde ... - ... Den Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde ... - - [S. 210]: - ... Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, Ostop!« ... - ... Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, Ostap!« ... - - [S. 219]: - ... Herrschaften es hier gibt!« dache der Schmied. ... - ... Herrschaften es hier gibt!« dachte der Schmied. ... - - [S. 228]: - ... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,« anwortete der ... - ... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,« antwortete der ... - - [S. 242]: - ... hät' er viel Wunderliches erzählen können. Ja, ... - ... hätt' er viel Wunderliches erzählen können. Ja, ... - - [S. 243]: - ... Und siehe da, der seltsame Greis knirrschte zischend ... - ... Und siehe da, der seltsame Greis knirschte zischend ... - - [S. 244]: - ... schon und schnarrchte laut über ganz Kijew. ... - ... schon und schnarchte laut über ganz Kijew. ... - - [S. 260]: - ... Hetmann selten zu essen bekommt. So was verschmäht ... - ... Hetman selten zu essen bekommt. So was verschmäht ... - - [S. 299]: - ... von seltsamem und schrecklichen Äußeren herein. Zum ... - ... von seltsamem und schrecklichem Äußeren herein. Zum ... - - [S. 309]: - ... vergangener Zeiten. ... - ... vergangenen Zeiten. ... - - [S. 313]: - ... und so hat er die Geschiche denn auch wirklich - aufgeschrieben. ... - ... und so hat er die Geschichte denn auch wirklich - aufgeschrieben. ... - - [S. 322]: - ... Unterwegs passierte nicht besonders Bemerkenswertes. ... - ... Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. ... - - [S. 322]: - ... etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischen Pläne willen, ... - ... etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Pläne willen, ... - - [S. 326]: - ... Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein bischen ... - ... Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein bißchen ... - - [S. 342]: - ... Burschen viel über Jerusalem gehört hatte? ... - ... Burschen viel über Jerusalem gehört hatte. ... - - [S. 359]: - ... »Wo sind die Fuhrleute,« fragte der Großvater und ... - ... »Wo sind die Fuhrleute?« fragte der Großvater und ... - - [S. 365]: - ... Stömen herab. Der Großvater zog sich die neuen ... - ... Strömen herab. Der Großvater zog sich die neuen ... - - [S. 368]: - ... bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen glotzen ... - ... bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen glotzten ... - - [S. 369]: - ... Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht aufgießen ... - ... Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht ausgießen ... - - [S. 383]: - ... Sommer verbrachte er in Zarskoje Selow, in glücklicher ... - ... Sommer verbrachte er in Zarskoje Selo, in glücklicher ... - - [S. 391]: - ... Pletniew und seinen andern Petursburger Freunden gefiel ... - ... Pletniew und seinen andern Petersburger Freunden gefiel ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem -Gutshof bei Dikanka, by Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 3: ABENDE *** - -***** This file should be named 55026-8.txt or 55026-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/0/2/55026/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka - Phantastische Novellen - -Author: Nikolaj Gogol - -Commentator: B. Schenrock - -Editor: Otto Buek - -Translator: Ludwig Rubiner - Frieda Ichak - Alexandra Ramm - -Release Date: July 2, 2017 [EBook #55026] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 3: ABENDE *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<p class="halftitle"> -Nikolaus Gogol<br /> -Abende auf dem Gutshof bei Dikanka -</p> - -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="ser"> -<span class="line1">Nikolaus Gogol</span><br /> -<span class="line2">Sämmtliche Werke</span><br /> -<span class="line3">In 8 Bänden</span> -</p> - -<p class="edt"> -<span class="line1">Herausgegeben</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Otto Buek</span> -</p> - -<p class="vol"> -Band 3 -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">München und Leipzig</span><br /> -<span class="line2">bei Georg Müller</span><br /> -<span class="line3">1910</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="aut"> -Nikolaus Gogol -</p> - -<h1 class="title"> -Abende auf dem -Gutshof bei Dikanka -</h1> - -<p class="subt"> -Phantastische Novellen -</p> - -<p class="trn"> -<span class="line1">Deutsch</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Ludwig Rubiner</span><br /> -<span class="line4">und</span><br /> -<span class="line5"><a id="corr-0"></a>Frida Ichak.</span> -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">München und Leipzig</span><br /> -<span class="line2">bei Georg Müller</span><br /> -<span class="line3">1910</span> -</p> - -</div> - -<h2 class="toc" id="part-1"> -Inhalt -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka I</td> - <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Vorrede</td> - <td class="col_page"><a href="#page-3">3</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Der Jahrmarkt in Sorotschintzy</td> - <td class="col_page"><a href="#page-11">11</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Die Johannisnacht</td> - <td class="col_page"><a href="#page-55">55</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Mainacht oder die Ertrunkene</td> - <td class="col_page"><a href="#page-83">83</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Der verschwundene Brief</td> - <td class="col_page"><a href="#page-133">133</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka II</td> - <td class="col_page"><a href="#page-155">155</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Vorrede</td> - <td class="col_page"><a href="#page-157">157</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Die Nacht vor dem Weihnachtsfest</td> - <td class="col_page"><a href="#page-163">163</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Schreckliche Rache</td> - <td class="col_page"><a href="#page-239">239</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante</td> - <td class="col_page"><a href="#page-311">311</a></td> - </tr> - <tr class="i2"> - <td class="col1">Der verhexte Ort</td> - <td class="col_page"><a href="#page-355">355</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Biographische Skizze von B. Schenrock</td> - <td class="col_page"><a href="#page-373">373</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Anhang</td> - <td class="col_page"><a href="#page-399">399</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -<span class="line1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.</span><br /> -<span class="line2">Erster Teil</span> -</h2> - -<p class="subt"> -Erzählungen<br /> -Herausgegeben von <em>Rotfuchs Panjko</em>, Bienenzüchter. -</p> - -<p class="trnpart"> -<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> -Übersetzt von <em>Ludwig Rubiner</em><br /> -und <em>Frida Ichak</em> -</p> - -<h3 class="intro" id="chapter-2-1"> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -Vorrede -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">as</span> ist denn das wieder für ein Ding: Abende -auf dem Gutshof bei Dikanka? Was für -„Abende“ sind denn das? Und die dazu -gar noch ein Bienenzüchter in die Welt gesetzt hat! -Gott bewahr’ uns! Hat man etwa noch zu wenig Gänsefedern -gerupft und allzu wenig Lumpen zu Papier verarbeitet! -Hat etwa noch zu wenig Pack, haben etwa -noch zu wenig Leute von jeglichem Stand ihre Finger -mit Tinte bekleckst! Da muß der Teufel nach all dem -anderen Volk auch noch einen Bienenzüchter reiten, es -den andern nachzumachen! Wahrhaftig! Es gibt doch -schon so viel bedrucktes Papier, daß man bald nicht mehr -recht weiß, was alles man hineinwickeln soll! -</p> - -<p> -All diese Reden hat meine Prophetie schon gehört, -schon vor einem Monat gehört! Ich will nämlich sagen, -daß es für unsereins, daß es für uns Vorwerksbesitzer genau -dasselbe ist, wenn man — o du grundgütiger Himmel -—, die Nase aus seinem Loch in die große Welt steckt, -als wenn man in die Gemächer eines feinen Herrn tritt: -alle bilden einen Kreis um einen, und der Schabernack -geht los; derartiges könnte man sich am Ende noch von -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -besseren Lakaien gefallen lassen, — aber nein, irgend so -ein zerlumpter Junge, irgendein Lümmel, der sich im -Hinterhof herumdrückt, auch so einer traut sich heran. -Da stampfen sie mit den Füßen und rufen einem von allen -Seiten zu: „Wohin willst du? Zu wem? Pack dich -du Bauernkerl! Scher dich zum Teufel!“ ..... -Ich kann euch sagen .... Aber was sollen alle Worte! -Mir fällt’s wahrhaftig leichter, zweimal im Jahr nach -Mirgorod zu reisen, wo mich schon seit fünf Jahren -weder der Schreiber vom Landgericht noch seine Hochwürden -zu Gesicht bekommen haben, als zu den großen -Leuten zu steigen; tu ich’s aber mal, dann heißt’s, ob’s -dir nun paßt oder nicht, Rede und Antwort stehen. -</p> - -<p> -Nichts für ungut, meine lieben Leser (und ihr nehmt’s -vielleicht übel, daß ein einfacher Bienenzüchter zu euch -redet wie zu seinem Gevatter oder Ehestifter), wir Vorwerksleute -haben von jeher solche Bräuche: sowie die -Feldarbeiten zu Ende sind, der Bauer übern Winter zur -Ruh’ hintern Ofen kriecht und unsereins seine Bienen -in den dunklen Keller steckt; sowie es keinen Kranich -mehr am Himmel und auf dem Baum keine Birne -mehr gibt, da kann man, wenn es Abend wird, sicherlich -irgendwo am Ende der Dorfstraße ein Licht blinken -sehen; von ferne hört man lachen und singen, die Balalaika -klimpert, oft auch vernimmt man Geigenklänge, -lauten Schwatz und Lärmen .... Das sind die -<em>Unterhaltungen</em> unserer <em>Abende</em>! Sie ähneln -sozusagen euren Bällen, aber doch nicht ganz. Wenn -ihr auf einen Ball fahrt, so geschieht’s doch nur, um -herumzuspringen und in die hohle Hand zu gähnen. -Bei uns dagegen, wenn da in einer Stube ein Haufen -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Mädchen mit Spinnrocken und Spindelkamm zusammenkommt, -so ist das durchaus kein Ball. O nein! — -Zuerst sieht’s aus, als ob sie ernstlich an die Arbeit -gehen wollten. Die Spindeln surren, die Lieder schwirren, -und keine wagt es, zur Seite zu blicken. Kaum aber -kommen die Burschen mit dem Fiedelmann in die Stube, -da beginnt ein Toben und Schreien, es wird getanzt, -und solche Streiche geschehen da oft, daß man’s gar -nicht erzählen kann. -</p> - -<p> -Aber am schönsten ist’s doch, wenn alle sich zu -einem Haufen zusammentun, und man beginnt, Rätsel -zu raten, oder ganz einfach — zu schwatzen. O mein -Gott! Was wird da nicht alles erzählt! Was wird -da nicht für alter Kram ausgegraben! Was für Gruselzeug -wird da nicht herangeschleppt! Aber nirgends ward -wohl soviel Wunderliches erzählt wie an den Abenden -beim Rotfuchs Panjko, dem Bienenzüchter. Warum -mich die Leute den „Rotfuchs Panjko“ nennen, das vermag -ich, weiß Gott, nicht zu sagen. Auch ist ja mein -Haar, sollt’ ich wohl glauben, eher grau als rot. Aber -das ist bei uns nun eben, mit Verlaub zu sagen, so -Sitte: haben die Leute einem mal ’nen Spitznamen -gegeben, so behält er ihn in alle Ewigkeit. Oft kamen -am Vorabend hoher Feiertage allerlei brave Leute in die -Hütte des Bienenzüchters zu Gaste, und wenn die sich -erst an den Tisch gesetzt hatten, da gab’s dann was -zu hören. Das waren nicht etwa Leute aus den einfachen -Ständen, nicht etwa Bauern aus einem Vorwerk; -manch einem, der mehr als Bienenzüchter ist, -würde ihr Besuch Ehre machen. Kennt ihr zum Beispiel -Foma Grigorjewitsch, den Küster an der Kirche zu -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -Dikanka? Das ist ein Kopf, sag’ ich euch! Was <a id="corr-1"></a>konnte -der nicht für Geschichten erzählen! Zwei davon sollt -ihr in diesem Büchlein finden. Nie hat der einen Kittel -aus Bast getragen, wie ihr ihn bei so vielen Küstern -auf dem Lande findet; ja, kamt ihr selbst an Werkeltagen -zu ihm, so empfing er euch immer in einer Joppe -aus feinem Tuch von einer Farbe wie die von kaltem -Kartoffelbrei, für das er in Poltawa fast sechs Rubel -die Elle bezahlt hat. Von seinen Stiefeln wird niemand -auf dem ganzen Weiler behaupten können, sie -hätten nach Teer gerochen; jeder weiß, daß er sie mit -dem allerfeinsten Schmalz geschmiert hat, das, glaub’ -ich, mancher Bauer sich wohl mit Freuden in den Brei -getan hätte. Auch wird niemand zu sagen wagen, daß -er sich je die Nase mit dem Rockschoß gewischt hat, wie -es manche Leute seines Standes zu tun pflegen; nein, -er zog ein weißes, säuberlich gefaltetes Tüchlein aus dem -Busen, dessen Bänder mit rotem Zwirn bestickt waren, -verrichtete sein Bedürfnis, faltete es nach seiner Gewohnheit -zwölffach zusammen und barg es wieder im Busen. -Und ein anderer Gast .... je nun, das war solch ein -feines Herrchen, daß man ihn stracks zum Präsidenten -oder Exekutor hätte machen können. Er pflanzte seinen -Finger vor der Nase auf, und dann blickte er die Spitze -an und erzählte so spitzfindig durch die Blume, akkurat -wie es in den gedruckten Büchern steht! Wenn ihn -unsereiner manchmal so hörte, da mußte man ja ganz -nachdenklich werden. Kein Sterbenswörtchen war zu -verstehen. Wo hat der bloß solche Worte hergenommen? -Diesbezüglich hat Foma Grigorjewitsch einmal eine treffliche -Schnurre erdacht: er erzählte ihm eine Geschichte -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -von einem Schüler, der einst bei einem Küster zur Schule -ging; als der wieder zu seinem Vater kam, da war -er ein solcher Lateiner geworden, daß er sogar unsere -rechtgläubige Sprache vergessen hatte — alle Worte ließ -er auf „us“ endigen: statt Schaufel sagte er „Schaufelus“, -statt Weib „Weibus“ usw. Einmal ging er mit -seinem Vater über Feld. Der Lateiner erblickt eine -Harke und fragt: „Wie nennt man das bei euch, Vater?“ -und dabei sperrte er das Maul weit auf und trat der -Hacke auf die Zähne. Der Vater hatte kaum antworten -können, da flog der Griff der Harke dem Sohne mit -einem Schwung gegen die Stirn. „Die verdammte -Harke!“ schrie der Schuljunge, fuhr sich mit der Hand -an den Kopf und sprang eine Elle hoch in die Luft. -„Der Satan soll den Mann holen, der das Harkenzeug -gemacht hat! Sie tut so weh!“ „So, bist du -endlich auf den Namen gekommen, mein Täubchen?“ -— Dieses Märchen wollte dem verblümten Erzähler -nicht besonders gefallen. Ohne ein Wort zu sagen, -stand er von seinem Platze auf, stellte sich breitbeinig -mitten im Zimmer hin, neigte den Kopf etwas vor, -schob die Hand in die Seitentasche seines erbsengrauen -Rockes, holte seine runde lackierte Tabakdose hervor, -schnippte mit dem Finger über das draufgemalte Gesicht -eines ausländischen Generals, nahm eine ziemlich große -Prise seines mit Asche und Liebstöckelblättern vermischten -Tabaks, führte sie weit ausholend an die Nase und sog -im Nu das ganze Häufchen ein, ohne auch nur den -Daumen zu streifen, und dabei sprach er keine Silbe. -Erst als er in die andere Tasche griff und ein blaukariertes -Baumwollentuch hervorholte, da murmelte er -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -etwas vor sich hin, wie: „<em>Man darf seine Perlen -nicht vor die Säue werfen!</em>“ ..... „Da -gibt’s einen Krach,“ dachte ich, als ich sah, wie Foma -Grigorjewitschs Finger sich zu einer Ohrfeige zusammenballten; -zum Glück hatte meine Alte die gute Idee gehabt, -gebackenes Weißbrot mit Butter auf den Tisch zu -stellen. So machten sich denn alle daran; auch Foma -Grigorjewitschs Hand griff, statt dem andern eine Nase -zu drehen, danach, und alle begannen, wie üblich, die tüchtige -Hausfrau zu loben. Dann gab’s bei uns noch einen, -der zu erzählen verstand; aber der (nie zur Nacht sei -dran gedacht!) der erzählte so gruselige Geschichten, -daß einem die Haare zu Berge standen. Ich habe sie absichtlich -nicht hier hereingebracht: die guten Leute könnten -gar noch solche Angst vor dem Bienenzüchter bekommen, -wie — Gott bewahre mich — vor dem Teufel. Lieber -will ich, wenn’s Gott gefällt, bis Neujahr warten, und -gebe dann noch ein Büchlein heraus. Da sollen uns -meinetwegen Gestalten aus jener anderen Welt entsetzen, -und Mirakel, die sich in alten Zeiten in unserem rechtgläubigen -Lande zugetragen haben. Ihr werdet darunter -vielleicht auch einige Parabeln vom Bienenzüchter selbst -finden, wie er sie seinen Enkeln erzählt hat. Ihr braucht -nur die Ohren zu spitzen. Ich hab’ nur keine Lust herumzukramen, -sonst könnte ich wohl noch zehn solche Büchlein -zusammenbringen. -</p> - -<p> -Doch halt — ich habe ja die Hauptsache vergessen: -Wenn Ihr, lieben Herren, zu mir fahrt, dann schlagt -die gerade Poststraße nach Dikanka ein. Ich hab’ mit -Fleiß den Ort an die erste Seite gestellt, damit Ihr den -Weiler schneller zu erreichen wißt. Doch Ihr habt wohl -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -schon zur Genüge von Dikanka gehört. Wahrlich, dort sind -die Häuser stattlicher als die Strohbude eines bescheidenen -Bienenzüchters. Ganz zu schweigen vom Garten: dergleichen -findet ihr wohl nur noch in eurem Petersburg. -Wenn ihr nach Dikanka kommt, so fragt bloß -den ersten besten Jungen, der im schmierigen Hemde -seine Gänse hütet: „Wo wohnt hier der Bienenzüchter -Panjko?“ — „Da hier,“ wird er sagen, und -zeigt’s euch mit dem Finger, und wenn ihr wollt, so -bringt er euch sogar bis vors Haus. Doch bitte ich -euch, legt nur nicht zu gemächlich die Hände auf den -Rücken und springt mir nicht zu unbedacht herum, denn -unsere Landstraßen sind nicht so glatt wie die vor euren -feinen Häusern. Als Foma Grigorjewitsch vor zwei -Jahren aus Dikanka hinausfuhr, geriet er mit seinem -Wägelchen mitsamt dem vorgespannten Braunen in den -Graben, obwohl er selbst die Zügel führte und sich zu -seinen eignen Augen noch manchmal gekaufte aufsetzte. -</p> - -<p> -Wenn ihr nun aber doch zu Gaste kommt, so sollt -ihr solche Melonen kriegen, wie ihr sie euer Lebtage noch -nicht gegessen habt; und besseren Honig, das schwör’ ich -euch, werdet ihr auf keinem Vorwerk finden: stellt euch -vor, wenn man so eine Wabe hereinbringt, da strömt -euch ein Geruch durchs ganze Zimmer — es läßt sich -gar nicht ausdenken, was für ein Geruch! Klar -wie eine Träne oder wie teures Kristall, das man in -den Ohrringen trägt! Und was für Pasteten euch -meine Alte vorsetzt! Was für Pasteten! Wenn ihr das -wüßtet: Zucker, der reine Zucker! Und die Butter läuft -einem beim Essen nur so über die Lippen. Es ist nicht -zu glauben, was diese Weiber alles können! Habt ihr -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -schon je Birnenmost mit Schlehdornbeeren gekostet, meine -Herren? Oder Bier mit Rosinen und Pflaumen? Oder -Gekröse in Milch? O Gott, was es alles für Gerichte -in der Welt gibt! Man kann kaum genug bekommen. O, -es ist ein Genuß: zum Fingerablecken! Im vergangenen -Jahr ..... Aber was schwatz’ ich da zusammen ..... -kommt nur, kommt recht bald; ihr sollt so bewirtet -werden, daß ihr’s ganz sicher weit und breit erzählen -werdet. -</p> - -<p class="sign"> -<em>Rotfuchs Panjko</em>.<br /> -Bienenzüchter. -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-2-2"> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Der Jahrmarkt in Sorotschintzy -</h3> - -<h4 class="no pbb" id="subchap-2-2-1"> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -I. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Trüb wird mir in dieser Hütte,</p> - <p class="verse">O so führ mich aus dem Haus!</p> - <p class="verse">Führ mich hin zu Lärm und Braus,</p> - <p class="verse">Dorthin, wo die Mädel springen</p> - <p class="verse">Und die Burschen Gläser schwingen!</p> - </div> - </div> - </div> -<p class="right"> -Aus einer alten Legende. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> köstlich und erquickend ist doch ein Sommertag -in Kleinrußland! Wie schmachtend -heiß sind jene Stunden, da der Mittag in -Stille und Glut erstrahlt, der unermeßliche blaue Ozean -wie eine Kuppel der Wollust über der Erde hängt und -wie ein Schlafender, ganz versunken in Wonne, seine luftigen -Arme um die Schöne schlingt! Keine Wolke steht -am Himmel, kein Laut ist im Felde zu hören. Alles -liegt da wie tot; nur oben in der Tiefe des Himmels -schwirrt eine Lerche, silberne Lieder fliegen die luftigen -Stufen herab zur verliebten Erde, und ab und zu -hallt der Schrei einer Möve oder der gellende Ruf einer -Wachtel durch die Steppe. Träg und allen Denkens -bar, wie Lustwandelnde ohne Ziel, stehen bis zu den -Wolken ragend die Eichen, und die blendende Glut der -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Sonnenstrahlen entzündet ganze Haufen von Laub, die -malerisch daliegen, während sie andere in nachtschwarze -Schatten hüllt, die nur bei starkem Winde wie Gold -aufleuchten. Smaragde, Topase und Saphire ätherischer -Insekten regnen auf die bunten Farben der Gärten -herab, die von steilen Sonnenblumen geschirmt werden. -Graue Heuschober und goldene Garben malen ein Kriegslager -auf das Feld und wandern weit hinaus über den -unermeßlichen Raum. Breite Zweige, die unter der -Schwere der Früchte herabsinken, Kirschbäume, Pflaumen, -Äpfel, Birnenbäume; der klare Himmel und sein heller -Spiegel, der Fluß in grünem, stolz erhöhten Rahmen -..... wie voll Wonne und Lust ist doch der kleinrussische -Sommer! -</p> - -<p> -In solcher Pracht erglänzte einer der heißen Augusttage -des Jahres achtzehnhundert ..... achtzehnhundert -.... es werden wohl etwa dreißig Jahre her -sein, — da die Straße schon zehn Werst vorm Städtchen -Sorotschintzy ganz schwarz von wimmelndem Volke war, -das von allen nahen und fernen Vorwerken der Umgebung -auf den Jahrmarkt eilte. Seit dem frühen -Morgen zog sich eine endlose Reihe Wagen mit Salz -und Fisch dahin. Ganze Berge von Töpfen, die -in Stroh gewickelt waren, schwankten langsam hin -und her und schienen sich höchlich zu langweilen über -das Dunkel ihrer Verkerkerung; nur stellenweise guckte -eine buntbemalte Schüssel oder ein tönerner Mörser -prahlerisch unter dem hoch überm Wagen aufgespannten -Schutznetz hervor und lenkte die entzückten Blicke aller -Verehrer von Prunk und Luxus auf sich. Viele von -den Vorübergehenden blickten neidisch auf den hochgewachsenen -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -Töpfer, den Besitzer dieser Kostbarkeiten, der -langsamen Schrittes hinter seiner Ware einherging, und -seine tönernen Gecken und Koketten sorgfältig in das -ihnen so verhaßte Stroh einwickelte. -</p> - -<p> -Ein einsamer Wagen schleppte sich abseits hinter -müden Ochsen einher. Er war mit Säcken, Hanf, -Flachs und allerhand Häuslichkeit beladen, und hinter -ihm trollte sich der Besitzer in reinem Leinwandhemd -und schmutzigen Hosen einher. Mit träger Hand wischte -er den herabrieselnden Schweiß vom braunen Gesicht -und dem langen Schnurrbart, der von jenem unerbittlichen -Barbier gepudert war, der ebenso ungerufen, zum -schönsten Mädchen wie zum Krüppel kommt und seit -Tausenden von Jahren das ganze menschliche Geschlecht -wider seinen Willen mit Puder bestreut. An der Seite des -Mannes trottete eine an den Wagen gebundene Stute, -deren demütiges Äußere ihr hohes Alter bezeugte. Viele -Fußgänger, besonders die jungen Burschen, griffen an ihre -Mütze, wenn sie den Bauer einholten. Allein es war -weder sein Schnurrbart, noch sein stolzer Gang, was -sie zu diesem Gruße veranlaßte; man brauchte nur die -Augen etwas zu heben, um den Grund dieser Hochachtung -wahrzunehmen: Oben auf dem Wagen saß sein -hübsches Töchterlein mit rundem Gesichtchen, schwarzen -Augenbrauen, die sich wie steil geschwungene Bögen über -den hellgrauen Augen abzeichneten, und sorglos lächelnden -rosigen Lippchen; sie hatte den Kopf mit roten und blauen -Bändern umwunden, die zusammen mit den langen -Zöpfen und einem Strauß aus Feldblumen wie eine -prächtige Krone auf ihrem entzückenden Köpfchen ruhten. -Alles schien sie zu locken; alles war ihr so seltsam -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -neu .... Und die hübschen Äuglein sprangen unablässig -von einem Ding zum anderen hinüber. Wie sollten sie -auch nicht! War sie doch zum ersten Male auf dem -Jahrmarkt! Ein Mädchen von achtzehn Jahren und -das erstemal auf dem Jahrmarkt! ..... Aber -keiner der Vorbeiziehenden und Vorüberwandernden konnte -wissen, wieviel Mühe es sie gekostet hatte, ihren Vater -zu erweichen, der es ja von Herzen gern getan hätte, -wäre nicht die böse Stiefmutter dagewesen. Die verstand’s -nämlich, ihn ebenso geschickt zu lenken, wie er -seine alte Stute, die er jetzt am Zügel hielt und nach -langem Dienste zum Verkauf mit sich führte. Diese -ruhelose Ehegattin ..... Aber wir haben ganz vergessen, -daß sie ja auch da oben auf dem Wagen dasaß -in einer schmucken, grünen Wolljacke, auf die, wie -beim Hermelin, kleine Schwänzchen aufgenäht waren; -allerdings waren es nur solche von roter Farbe. Das reiche -Tuch sah fast so bunt aus wie ein Schachbrett, und -das bunte baumwollene Häubchen verlieh ihrem hübschen -runden Gesicht eine ganz besondere Würde. Aber ihre -Züge hatten etwas so Unangenehmes und Wüstes an -sich, daß jeder sich sofort beeilte, seinen erschreckten Blick -dem heiteren Gesichtchen der Tochter zuzuwenden. -</p> - -<p> -Doch jetzt leuchtete vor den Augen unserer Reisenden -bereits der Psjoll-Fluß auf; schon wehte aus der Ferne -eine frische Kühle herüber, die nach der ermattenden, -zehrenden Hitze um so deutlicher spürbar war. Durch das -Dunkel und Hellgrün des Laubs schwarzer und schlanker -Pappeln und Birken, die hie und da auf der Wiese -verstreut waren, leuchteten feurige in schattige Kühle gehüllte -Funken auf, und der Strom entblößte blitzend, -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -wie ein schönes Weib, seine silberne Brust, auf die die -dichten grünen Locken der Bäume üppig herabsanken. -</p> - -<p> -In jenen köstlichen Stunden, wo der treue und beneidenswerte -Spiegel den stolzen und blendenden Glanz von -des Flusses Stirn, seine lilienweißen Schultern und seinen -Marmorhals, der von einer dunkel vom blonden Haupte -fallenden Flut überschattet ist, in sich aufnimmt, wo -der Strom verächtlich den einen Schmuck von sich -streift, um ihn durch einen anderen zu ersetzen, und -seine Launen kein Ende finden wollen, — in diesen -Stunden wechselt er mutwillig, wie er ist, fast jedes -Jahr seine Umgebung, wählt sich einen neuen Weg und -umgibt sich mit neuen, mannigfaltigen Landschaften. -Die langen Reihen der Mühlen hoben die breiten Wellen -auf ihre schweren Räder und warfen sie mächtig zurück, -zerstäubten sie, ließen sie über die ganze Umgebung -herabsprühen und erfüllten ringsherum alles mit Lärm. -Um diese Zeit fuhr der Wagen mit den uns schon bekannten -Passagieren über die Brücke, und nun streckte -sich vor ihnen der Strom in seiner ganzen Pracht und Schönheit -hin, wie eine riesige Fläche von Glas. Der Himmel, -die grünen und blauen Wälder, die Menschen, die Wagen -mit den Töpfen, die Mühlen — alles schien umgestürzt, -zog vorüber und stand auf dem Kopfe, ohne doch in -den schönen, blauen Abgrund herabzufallen. Das schöne -Mädchen wurde bei der Herrlichkeit der Aussicht ganz -nachdenklich und vergaß sogar, an ihren Sonnenblumenkernen -zu knabbern, was sie während des ganzen Weges -getan hatte, als ihr auf einmal die Worte: „Ei was -für ein Mädel!“ ans Ohr drangen. Sie schaute sich -um und sah auf der Brücke einen Haufen Burschen -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -stehen, deren einer etwas feiner gekleidet war als die -anderen; er hatte eine weiße Bluse an und eine graue -Lammfellmütze auf dem Kopf, stützte die Hände auf -die Hüften und sah sich keck die Vorüberfahrenden an. -Die Schöne konnte ihn unmöglich nicht bemerken, ihr -Blick streifte sein braungebranntes, doch angenehmes Gesicht -und seine feurigen Augen, die sie gleichsam durchbohren -wollten, aber sie senkte ihn wieder bei dem Gedanken, -das Wort, das sie vernommen hatte, sei von -ihm gekommen. „Ein prächtiges Mädel!“ fuhr der -Bursch in der weißen Bluse fort, ohne seine Augen -von ihr abzuwenden. „Ich würde mein ganzes Hab -und Gut darum geben, wenn ich sie einmal küssen -könnte. Aber da vorne sitzt der Teufel!“ Von allen -Seiten erhob sich Gelächter, allein der geputzten Gefährtin -des langsam voranschreitenden Gemahls war diese Begrüßung -doch zu stark: ihre roten Backen wandelten -sich in lauter Feuer, und eine Salve ausgesuchter -Flüche regnete auf den Kopf des ausgelassenen Jungen -herab: -</p> - -<p> -„Daß du erstickst, nichtsnutziger Kerl! Ein Topf -möge deinem Vater den Schädel einschlagen! Er soll -sich auf dem Eise die Beine brechen, der verdammte -Antichrist! Möge ihm doch der Teufel in jener Welt -den Bart verbrennen!“ -</p> - -<p> -„Was die nur schimpfen kann,“ sagte der Bursche -die Frau anstarrend und gleichsam verblüfft durch dies -Geknatter unerwarteter Begrüßungen: „Daß der hundertjährigen -Hexe bei solchen Worten nicht die Zunge -weh tut!“ -</p> - -<p> -„Hundertjährig! ....“ fiel die alte Schöne ein. -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -„Du Heidendreck, geh, wasch dich mal zuerst! So ein -unnützer Tunichtgut! Ich habe deine Mutter nie gesehen, -aber das weiß ich, daß sie nichts taugt! Auch -dein Vater ist ein Nichtsnutz, und deine Muhme ist es -auch! ...... Hundertjährig! ..... Der ist ja -noch grün hinter den Ohren ...“ -</p> - -<p> -Hier begann der Wagen von der Brücke herunterzufahren, -und man konnte die letzten Worte nicht mehr -hören; aber der Bursche wollte offenbar noch nicht -Schluß machen: ohne sich lange zu besinnen, packte er -einen Haufen Schmutz und warf ihn hinter ihr her. -Der Wurf war geschickter, als man erwarten konnte: -das ganze neue baumwollene Häubchen wurde mit Dreck -bespritzt, und so das Gelächter der ausgelassenen Windbeutel -nur noch doppelt angefacht. Die wohlbeleibte -Kokette entbrannte vor Zorn; aber der Wagen war schon -ziemlich weit davongefahren, und ihre Rache sprang auf -die unschuldige Stieftochter und den langsamen Ehemann -über, der, schon lange an solche Vorkommnisse -gewöhnt, hartnäckig Schweigen bewahrte und die tobenden -Reden der erzürnten Gemahlin kaltblütig aufnahm. Trotzdem -knarrte und zappelte ihre unermüdliche Zunge so lange -im Munde herum, bis sie endlich in der Vorstadt, bei -ihrem alten Bekannten und Gevatter, dem Kosaken -Zybulja, dem „Zwiebelmann“, anlangten. Die Begegnung -mit den Gevattersleuten, die sie lange nicht mehr -gesehen hatten, verscheuchte für eine Zeitlang die Erinnerung -an diese unangenehme Begebenheit aus ihrem -Kopfe. Sie sprachen erst ein wenig über den Jahrmarkt -und ruhten sich dann von der langen Reise -aus. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-2"> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -II. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> -<p class="epi"> -Ach du lieber Herrgott! Was gibt es nicht -alles auf diesem Jahrmarkt! Räder, Glas, -Teer, Tabak, Riemen, Zwiebel, Ware -aus aller Welt ..... Und wenn man -selbst dreißig Rubel in der Tasche hätte, man -könnte noch lange nicht den ganzen Jahrmarkt -aufkaufen. -</p> - -<p class="right"> -Aus einem kleinrussischen Schwank. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">hr</span> habt wohl schon einmal einen Wasserfall in der -Ferne sich herabwälzen hören? Die aufgestörte -Gegend ist voller dröhnenden Getöses, und ein -Chaos wundersamer und unbestimmter Geräusche braust -im Wirbel an euch vorüber. Nicht wahr? Es sind dieselben -Empfindungen, die euch plötzlich im Trubel eines ländlichen -Jahrmarktes erfassen, wenn das ganze Volk zu -einem riesigen Ungeheuer zusammenwächst und sich mit -seinem riesigen Leibe über den Platz und durch die engen -Straßen schiebt, schreit, johlt und tobt. Lärmen, Schimpfen, -Meckern, Blöken, Brüllen — alles verschmilzt zu einem -verwirrenden Mißklang. Stiere, Säcke, Strohbündel, -Zigeuner, Geschirr, Weiber, Lebkuchen, Mützen — all -dies Grelle, Bunte, Mißklingende wühlt und wimmelt -haufenweise herum und schwirrt einem vor den Augen. -Vielstimmige Reden verschlingen einander, und in dieser -Sintflut läßt sich kein Wort retten und ist kein Ruf -mehr deutlich zu vernehmen. Der Handschlag der Händler -beim Kaufe ist noch das einzige, was man auf allen -Seiten des Jahrmarktes hört. Wagen krachen, Eisenstangen -klirren, Bretter fallen lärmend zur Erde nieder, -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -und der schwindelnde Kopf weiß nicht, wohin er sich -wenden soll. Unser zugereister Bauer mit dem schwarzbrauigen -Töchterchen drückte sich schon lange unter dem -Volk herum: bald trat er an einen Wagen heran, bald -befühlte er den anderen und fragte nach den Preisen, -unterdessen aber kreisten seine Gedanken unaufhörlich um -die zehn Säcke Weizen und die alte Stute, die er zum -Verkauf mitgebracht hatte. Aus dem Gesichte seiner -Tochter konnte man ersehen, daß es ihr nicht besonders -angenehm war, neben dem mit Mehl und Weizen beladenen -Wagen herumlungern zu müssen. Sie hätte -lieber dahin gewollt, wo unter Leinwandzelten rote -Bänder, Ohrringe, Kreuze von Zinn und Messing und -Schmuckdukaten kokett aufgehängt waren. Aber auch -hier fand sie viel Dinge zu beobachten: es ergötzte sie -höchlich, wie ein Zigeuner und ein Bauer einander den -Handschlag gaben und dabei selbst vor Schmerz aufschreien -mußten; wie ein betrunkener Jude einem Frauenzimmer -von hinten Püffe versetzte; wie zankende Händlerinnen -einander mit Schlägen und Schimpfworten -überschütteten; wie ein Moskowiter sich mit der einen -Hand sein Ziegenbärtchen strich und mit der anderen -...... Aber da fühlte sie, wie sie jemand am gestickten -Ärmel zupfte. Sie wandte sich um — und der -Bursche im weißen Kittel und mit den hellen Augen -stand vor ihr. Sie erbebte, ihr Herz schlug so heftig, -wie es noch nie, bei keiner Freude und keinem Schmerz -geschlagen hatte: Wunderlich und lieblich zugleich ward -ihr zumute, und sie konnte sich selbst nicht erklären, -was mit ihr geschah. -</p> - -<p> -„Fürchte dich nicht, Herzchen, fürcht’ dich nicht!“ -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -sprach er halblaut zu ihr und ergriff ihre Hand: „Ich -will dir nichts Schlimmes sagen!“ -</p> - -<p> -„Es mag schon sein, daß du mir nichts Schlimmes -sagen willst,“ dachte die Schöne bei sich, „aber mir ist -so wunderlich zumute ... das ist sicher der Satan! -Ich weiß ja selbst, daß sich’s nicht schickt ... aber mir -fehlt die Kraft, meine Hand fortzuziehen.“ -</p> - -<p> -Der Bauer drehte sich um und wollte seiner Tochter -etwas sagen, aber da hörte er plötzlich aus nächster -Nähe das Wort: „Weizen!“ fallen. Dieses magische -Wort veranlaßte ihn im Nu, sich an zwei laut miteinander -sprechende Handelsmänner zu wenden, und seine -Aufmerksamkeit konnte nun durch nichts mehr abgelenkt -werden. Die Handelsmänner unterhielten sich über den -Weizen und sprachen folgendermaßen. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-3"> -III. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Schau, was für ein Kerl da steht!</p> - <p class="verse">So gibt’s wenige auf der Welt.</p> - <p class="verse">Schnaps säuft der wie süßen Meth!</p> - </div> - </div> - </div> -<p class="right"> -Kotljarewski „Äneas“. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>D</span><span class="postfirstchar">u</span> glaubst also, daß unser Weizen sich schlecht -verkaufen wird, Landsmann,“ sagte der eine -Mann, nach seinem Äußeren zu urteilen ein -zugereister Kleinbürger, in geteerten, fettigen und -fleckigen Hanfleinwandhosen, offenbar der Bewohner -irgendeines winzigen Städtchens, zu dem anderen, der -einen blauen, stellenweise etwas geflickten Kittel trug, -und dessen Stirn eine riesige Beule schmückte. -</p> - -<p> -„Was soll ich da groß von denken: ich will mir ’ne -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Schlinge um den Hals legen und an diesem Baum -hier hin und her baumeln wie die Wurst vor Weihnachten -in der Stube, wenn wir auch nur ein Maß -verkaufen!“ -</p> - -<p> -„Was schwatzst du da, Landsmann? Wir sind doch -hier die einzigen Weizenleute,“ erwiderte der Mann mit -den Leinwandhosen. -</p> - -<p> -„Ihr könnt reden, was ihr wollt!“ dachte der Vater -unserer Schönen, der sich kein Wort vom Gespräch der -beiden Handelsleute entgehen ließ: „Ich habe meine -zehn Säcke im Vorrat!“ -</p> - -<p> -„Das stimmt ja, aber wenn der Teufel sich ins -Spiel mischt, richtet man gerad so viel aus, wie bei -einem hungrigen Moskowiter,“ sprach der Mann mit -der Beule auf der Stirn bedeutungsvoll. -</p> - -<p> -„Was für ein <em>Teufel</em>?“ fragte der Mann mit den -Leinwandhosen. -</p> - -<p> -„Hast du nicht gehört, was die Leute da reden?“ -fuhr der mit der Beule auf der Stirne fort und sah -ihn mit seinen mürrischen Augen von der Seite an. -</p> - -<p> -„Nun?“ -</p> - -<p> -„Nun? Was ‚nun‘? Der Präsident — möge er -sich doch nach der Rahmspeise die Lippen nicht mehr -wischen können! — Der Präsident hat einen ganz verdammten -Ort für den Jahrmarkt ausgesucht, auf dem -wird man kein Körnchen los, und wenn man platzt! -Siehst du dort am Berge die verfallene Scheune?“ -(Hier rückte der neugierige Vater unserer Schönen noch -näher und wurde ganz Ohr.) „In dieser Scheune treibt -der Teufel sein Spiel, und an diesem Ort verläuft kein -Jahrmarkt ohne Unglück. Gestern geht da spät abends -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -der Gemeindeschreiber vorbei und plötzlich sieht er — -aus der Luke ein Schweinemaul herausgucken: das -grunzte so, daß es ihn ganz kalt überlief. Bald wird -uns noch der <em>rote Kittel</em> heimsuchen.“ -</p> - -<p> -„Was für ein <em>roter Kittel</em>?“ -</p> - -<p> -Hier sträubten sich unserem aufmerksamen Zuhörer -die Haare. Voller Angst drehte er sich um und sah, -wie sein Töchterchen und der Bursche ruhig dastanden, -sich umarmt hielten, ein Liebesliedchen sangen und alle -Kittel der Welt vergessen hatten. Das zerstreute seine -Angst und gab ihm seine frühere Sorglosigkeit wieder. -</p> - -<p> -„Hehe! Landsmann! Du verstehst dich aber aufs -Küssen! Ich habe es erst drei Tage nach der Hochzeit -gelernt, meine selige Chwesjka zu küssen, und auch das -nur dank dem Gevatter: der hat’s mich als Brautführer -gelehrt!“ -</p> - -<p> -Der Bursche merkte sofort, daß der Vater seiner -Liebsten da stand, und begann in Gedanken Pläne zu -schmieden, wie er ihn für sich gewinnen könne. -</p> - -<p> -„Du bist sicher ein guter Mensch, du kennst mich -zwar nicht, aber ich habe dich gleich erkannt!“ -</p> - -<p> -„Kann schon sein.“ -</p> - -<p> -„Wenn du willst, kann ich dir deinen Vor- und -Zunamen nennen und dir auch alles andere sagen: du -heißt Solopi Tscherewik!“ -</p> - -<p> -„Stimmt!“ -</p> - -<p> -„Sieh mich mal recht an, erkennst du mich nicht -wieder?“ -</p> - -<p> -„Nein. Nimm’s mir nicht übel, ich erkenne dich -nicht! Ich habe mein Lebtage so viel Fratzen gesehen, -daß nur der Teufel sich auf alle besinnen könnte!“ -</p> - -<p> -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -„Schade, daß du dich nicht mehr auf Golupupenkos -Sohn besinnst!“ -</p> - -<p> -„So bist du der Sohn des Achrim?“ -</p> - -<p> -„Wer denn sonst? Bin ich etwa der kahlköpfige -Satan?“ -</p> - -<p> -Da faßten beide an die Mütze, und es begann -ein gegenseitiges Abschmatzen; Golupupenkos Sohn beschloß -sofort, ohne viel Zeit zu verlieren, seinen neuen -Bekannten zu überfallen. -</p> - -<p> -„Sieh mal, Solopi, deine Tochter und ich, wir lieben -uns und wollen immer beieinander bleiben!“ -</p> - -<p> -„Nun, Paraßka,“ sagte Tscherewik zu seiner Tochter -und lachte, „vielleicht solltet ihr wirklich, wie man so -sagt, gemeinsam ..... auf einer Weide grasen! Nun, -schlag ein! Trinken wir eins darauf, mein Herr nagelneuer -Schwiegersohn!“ -</p> - -<p> -Und alle drei zogen miteinander zur wohlbekannten -Jahrmarktsschenke — in die Bude des Judenweibes — -die mit einer zahlreichen Flotille von Kruken und Flaschen -jeder Art und jeden Alters angefüllt war. -</p> - -<p> -„Brav, brav — alle Achtung!“ rief Tscherewik lustig, -als er sah, wie sein künftiger Schwiegersohn sich ein -Glas, das ein Viertelmaß faßte, vollschenkte, es, ohne -eine Miene zu verziehen, auf einen Zug hinuntergoß -und dann das Glas in Stücke schmiß. „Nun, was -sagst du, Paraßka? Was ich dir für einen Bräutigam -ausgesucht habe! Schau, schau, der säuft wie ein Held! ...“ -</p> - -<p> -Und lachend und sich hin und her wiegend, schwankte -er mit ihr bis zu seinem Wagen. Unser Bursche strich -die Budenreihen ab, vor denen sogar Kaufleute aus -Gadjatsch und Mirgorod, jenen beiden so berühmten -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Städten des Gouvernements Poltawa, standen; er wollte -sich eine Holzpfeife mit Messingbeschlag, ein rotgeblümtes -Tuch und eine Mütze kaufen; als Hochzeitsgeschenke für -den Schwiegervater und die anderen, wie es sich nun -einmal gehörte. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-4"> -IV. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hältst dich wohl für einen Mann,</p> - <p class="verse">Aber rückt ein Weibsbild an,</p> - <p class="verse">Dann setzt’s Senge .......</p> - </div> - </div> - </div> -<p class="right"> -<em>Kotljarewski.</em> -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>H</span><span class="postfirstchar">e,</span> Frauchen, ich habe einen Bräutigam für unsere -Tochter gefunden!“ -</p> - -<p> -„’s ist wohl gerad die rechte Zeit, sich einen -Bräutigam zu suchen! Du Dummkopf du, mußt wohl -dein Leben lang ein Dummkopf bleiben! Wo hast du -gesehen oder wo hast du gehört, daß ein anständiger -Mensch jetzt hinter einem Bräutigam herläuft? Hättest -du doch lieber daran gedacht, den Weizen loszuwerden. -Das wird ein schöner Bräutigam sein! Sicher ist’s der -zerlumpteste aller Habenichtse!“ -</p> - -<p> -„Ach was, davon ist keine Rede! Du solltest nur -mal sehen, was das für ein Bursche ist! Sein Kittel -allein kostet mehr als deine grüne Jacke und die -roten Stiefel zusammengenommen. Und wie der großartig -Schnaps saufen kann! ..... Der Teufel hole -mich mit dir zusammen, wenn ich je gesehen habe, daß -ein Bursche ein halbes Maß hinuntergießt, ohne mit -der Wimper zu zucken .....“ -</p> - -<p> -„Ei freilich, also ein Trunkenbold und ein Landstreicher -wie du! das würde dir so passen! Ich möcht’ -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -darauf wetten, daß es derselbe Lümmel ist, der uns -auf der Brücke angerempelt hat. Schade, daß ich ihn -bis jetzt noch nicht erwischt habe — ich hätte ihm schon -was gezeigt!“ -</p> - -<p> -„Und wenn’s nun wirklich derselbe wäre, Chiwrja? -Warum soll er denn ein Lümmel sein?“ -</p> - -<p> -„Warum soll er <em>kein</em> Lümmel sein? Ach du hirnloser -Schädel! So hör doch — warum soll er denn -kein Lümmel sein! Wo hattest du denn deine kreuzdummen -Augen versteckt, als wir an den Mühlen -vorbeifuhren? So einem Mann kann man wahrhaftig -geradeswegs vor seiner, mit Tabak beschmutzten Nase -die eigene Frau beleidigen, und er kümmert sich nicht -drum!“ -</p> - -<p> -„Ich kann nichts Schlimmes dabei sehen: der Junge -ist großartig! Höchstens, daß er dir die Fratze mit Mist -vollgekleistert hat!“ -</p> - -<p> -„Aha! Ich sehe schon, du willst mich nicht mehr -zu Worte kommen lassen! Das wär’ mir noch was -Neues! Du hast wohl einen zu viel getrunken, noch -bevor du überhaupt etwas verkauft hast!“ -</p> - -<p> -Unser Tscherewik merkte jetzt selbst, daß er in seiner -Rede zu weit gegangen war, und bedeckte schnell den -Kopf mit den Händen, da er annehmen mußte, daß -die erzürnte Gattin es nicht unterlassen würde, ihre ehelichen -Tatzen in sein Haar zu krallen. -</p> - -<p> -„Den Teufel auch, da hast du deine Hochzeit!“ -dachte er bei sich, während er die heftig vordringende -Gattin abwehrte. „Ich werde dem lieben Kerl ohne -allen Grund eine Absage erteilen müssen. Himmel, -Herrgott! Wofür strafst du uns arme Sünder so? -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -Es gibt doch schon soviel Unrat, mußtest du auch noch -die Weiber in die Welt setzen.“ -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-5"> -V. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Bäumlein, Bäumlein, bück dich nicht,</p> - <p class="verse">Weil du noch zu fein bist!</p> - <p class="verse">Sei nicht bös, Kosakenbursch,</p> - <p class="verse">Weil du noch zu klein bist!</p> - </div> - </div> - </div> -<p class="right"> -Kleinrussisches Lied. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">erstreut</span> saß der Bursch im weißen Kittel neben -seinem Wagen und blickte auf das rings um ihn -dumpf rauschende Volk. Die müde Sonne, die -Morgen und Mittag ruhig über den Himmel dahingeglüht -hatte, verließ nun die Welt, und der erlöschende -Tag bemalte sich in berückender Helligkeit mit rotem -Gold. Blendend blitzten die Spitzen der weißen Zelte -und Buden, von einem kaum merkbaren feurig rosigen -Glanz überstrahlt; die Scheiben des zu Haufen aufgestapelten -Fensterglases glühten; die grünen Flaschen und -die Gläser auf den Tischen der Schankweiber verwandelten -sich in Feuer; die Berge von Kürbissen und -Melonen schienen aus Gold und dunklem Kupfer gegossen -zu sein. Die Gespräche wurden merkbar leiser -und dumpfer, und die müden Zungen der Händler, -Bauern und Zigeuner regten sich träger und langsamer. -Irgendwo glomm ein Feuerchen auf, und ein würziger -Dampf von gekochten Klößen verbreitete sich in den -immer stiller werdenden Gassen. -</p> - -<p> -„Was sinnst du, Grytzko?“ rief ein hochgewachsener -brauner Zigeuner, und schlug unserem Burschen auf die -Schulter. „Also gibst du die Bullen für zwanzig her?“ -</p> - -<p> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -„Du denkst an nichts als an Bullen und wieder -Bullen! Ihr Leute wollt nur immer Geschäfte machen -und einen ehrlichen Menschen übers Ohr hauen!“ -</p> - -<p> -„Pfui Teufel! Im Ernst, bei dir rappelt’s wohl! -Vielleicht gar aus Ärger, daß du dir selbst eine Braut -zugelegt hast?“ -</p> - -<p> -„Nein, so bin ich nicht: ich halte mein Wort. Was -ich einmal getan habe, das bleibt ewig bestehn. Aber -dieser alte Knaster, der Tscherewik, hat auch nicht für -einen halben Heller Gewissen: erst versprochen, dann gebrochen -.... Na, ihm kann man keine Schuld geben: -der ist ein Klotz und nichts weiter. Das sind alles die -Streiche der alten Hexe, die wir Jungen heut auf der -Brücke so recht nach Noten ausgeschimpft haben. Ach, -wenn ich ein König oder ein großer Herr wäre, ich wär’ -der erste, der alle die Dummköpfe an den Galgen brächte, -die sich von Weibern in die Kandare nehmen lassen ....“ -</p> - -<p> -„Gibst du uns die Bullen für zwanzig, wenn wir -Tscherewik zwingen, dir Paraßka zu geben?“ -</p> - -<p> -Ganz erstaunt blickte ihn Grytzko an. Die braunen -Züge des Zigeuners hatten etwas Boshaftes, Grausames, -Niedriges und zugleich Hochmütiges an sich: jeder, der -ihn ansah, mußte gestehen, daß in dieser seltsamen Seele -große Gefühle brodelten, für die es jedoch nur einen -Lohn auf Erden gibt — den Galgen. Den Mund, der -zwischen der Nase und dem spitzen Kinn wie eingefallen -erschien, umspielte ewig ein giftiges Lächeln, kleine Augen, -die lebhaft wie Feuer waren, und ein ewig wechselndes -Aufleuchten von Unternehmungen und Plänen im Gesicht, -— zu alledem schien nur ein ganz besonderes Kostüm -zu passen und zwar gerad ein so sonderbares, wie er es -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -trug. Dieser dunkelbraune Kaftan, der sich bei der geringsten -Berührung sicherlich in Staub verwandelt hätte; -das lang in Strähnen über die Schultern fallende Haar, -die Schuhe an den nackten braunen Füßen, — all das -schien mit ihm verwachsen zu sein und seine eigentliche -Natur auszumachen. -</p> - -<p> -„Nicht nur für zwanzig, ich geb’ sie dir für fünfzehn, -wenn du Wort hältst!“ antwortete der Bursche, ohne -seine prüfenden Augen von ihm abzuwenden. -</p> - -<p> -„Für fünfzehn? — Gut! Paß auf und vergiß nicht: -für fünfzehn! Hier hast du einen Blauen als Handgeld!“ -</p> - -<p> -„Und wenn du lügst?“ -</p> - -<p> -„Wenn ich lüge, ist das Handgeld wieder dein!“ -</p> - -<p> -„Gut! Also schlag ein!“ -</p> - -<p> -„Nun gut, ’s ist recht!“ -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-6"> -VI. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> -<p class="epi"> -Welch ein Malheur: da seh ich Roman -kommen, der bringt mir gewiß Schlimmes, -aber auch Sie, Herr Choma, kriegen was -ab! -</p> - -<p class="right"> -Aus einem kleinrussischen Schwank. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>H</span><span class="postfirstchar">ier,</span> Afannassi Iwanowitsch! Da ist der Zaun -etwas niedriger, steigt nur hinüber und habt -keine Angst: mein Tölpel ist mit dem Gevatter -zu den Wagen gegangen, um dort zu übernachten, -damit die Moskowiter nichts stibitzen!“ -</p> - -<p> -So ermutigte Tscherewiks gestrenge Herrin freundlich -den Popensohn, der sich ängstlich an den Zaun -quetschte. Eilig kletterte er hinauf und hing lange und -unschlüssig dort oben, wie ein hageres schreckliches Gespenst, -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -mit den Augen abmessend, wo er wohl am besten -abspringen könne; endlich plumpste er mit viel Lärm -ins Gras. -</p> - -<p> -„O jemine! Habt Ihr Euch nicht weh getan? -Habt Ihr Euch nicht am Ende, was Gott verhüte, noch -gar das Genick gebrochen?“ jammerte Chiwrja besorgt. -</p> - -<p> -„Pst! es ist nichts passiert, meine Liebe!“ sprach -der Popensohn schmerzbewegt im Flüsterton, und sprang -wieder auf die Füße: „abgesehen von der Blessur durch -die Nesseln, dieses schlangengleiche Kraut, wie unser hochseliger -weiser Protopope zu sagen pflegte.“ -</p> - -<p> -„Kommt nur in die Stube, es ist niemand da. -Ich habe schon gedacht, was hat bloß mein Afannassi -Iwanowitsch? am Ende hat er gar das Reißen oder -das Magendrücken, er kommt und kommt nicht! Wie -geht es Euch? Ich habe gehört, Euer Herr Vater -hat jetzt mancherlei schöne Dinge bekommen!“ -</p> - -<p> -„Ach, ’ne reine Kleinigkeit, Chawronja Nikiforowna: -Väterchen hat während der ganzen Fasten nur etwa -fünfzehn Sack Korn, vier Sack Hirse und etwa hundert -Laib Brot bekommen; was die Hühner betrifft, so -waren’s alles in allem höchstens fünfzig Stück; und -die Eier waren zum größten Teil faul. Wahrhaftig, -gute Gaben sind nur von Euch zu erwarten, meine -Liebe!“ fuhr der Popensohn fort, indem er sie süß ansah -und näher rückte. -</p> - -<p> -„Da sind meine Gaben, Afanassi Iwanowitsch!“ -sprach sie, während sie die Schüsseln auf den Tisch -stellte und geziert ihre Jacke zuknöpfte, die wie zufällig -aufgegangen war, „da sind Zuckerfrüchte, Weizenklöße, -Krapfen und Strizel!“ -</p> - -<p> -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -„Ich wette darauf, daß dies hier die flinksten Hände -aus Evas Geschlecht hergerichtet haben!“ sprach der -Popensohn, indem er sich an die Strizel machte und -mit der anderen Hand die Krapfen zu sich heranzog. -„Aber mein Herz schmachtet nach einer anderen Speise, -die süßer ist, als alle Klößchen und Kräpfchen.“ -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht, was für eine Speise Ihr meint,“ -antwortete die wohlbeleibte Schöne, die so tat, als ob -sie nicht verstände. -</p> - -<p> -„Natürlich Eure Liebe, meine unvergleichliche Chiwrja!“ -sagte der Popensohn im Flüsterton, indem er mit der -einen Hand einen Krapfen ergriff und die andere um -ihre breiten Hüften legte. -</p> - -<p> -„Weiß Gott, was Ihr Euch nur alles ausdenkt, -Afanassi Iwanowitsch,“ sagte Chiwrja, schämig die Augen -senkend. „Am Ende wollt Ihr mich gar noch küssen!“ -</p> - -<p> -„Was das anbetrifft, so will ich Euch sagen,“ fuhr -der Popensohn fort, „als ich gewissermaßen noch auf -dem Seminar war — ich erinnere mich noch als wär’ -es heute, da ....“ -</p> - -<p> -Hier wurde auf dem Hof ein Bellen laut, und -jemand klopfte ans Tor. Chiwrja lief eilig hinaus und -kam ganz bleich zurück. -</p> - -<p> -„Wir sind verloren, Afanassi Iwanowitsch: ein -ganzer Haufen Leute klopft ans Tor, und ich glaube, -ich habe die Stimme des Gevatters gehört ....“ -</p> - -<p> -Der Krapfen blieb dem Popensohn im Halse stecken .... -Seine Augen quollen heraus, als ob eine Erscheinung -aus jener Welt ihm soeben ihre Visite abgestattet hätte. -</p> - -<p> -„Kriecht hier herauf!“ rief die erschrockene Chiwrja -und zeigte auf die Bretter, die dicht unter der Stubendecke -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -über zwei Balken angebracht waren, und auf denen -allerlei Hausgerümpel herumlag. -</p> - -<p> -Die Gefahr verlieh unserem Helden Mut. Er kam -wieder zur Besinnung, sprang auf die Ofenbank und -kletterte von dort vorsichtig auf die Bretter; unterdessen -lief Chiwrja ganz außer sich ans Tor, denn das Klopfen -wiederholte sich mit immer größerer Kraft und Ungeduld. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-7"> -VII. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> -<p class="epi"> -Das ist ja ein Wunder, mein Herr! -</p> - -<p class="right"> -Aus einem kleinrussischen Schwank. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> dem Jahrmarkt hatte sich ein sonderbares Ereignis -zugetragen: alles war von dem Gerüchte -erfüllt, daß irgendwo unter den Waren der <em>rote -Kittel</em> aufgetaucht sei. Die Alte, die Brezeln verkaufte, -behauptete, den Satan in Gestalt eines Schweines -gesehen zu haben, das unaufhörlich unter den Wagen -umherschnüffelte, als ob es da irgend etwas suchte. Das -Gerücht verbreitete sich schnell an allen Ecken und Enden -des nun schon stillen Lagers, und jeder hätte es für ein -Verbrechen gehalten, nicht daran zu glauben, obgleich -die Brezelverkäuferin, die ihren Stand neben der Bude -des Schankweibes aufgeschlagen hatte, den ganzen lieben -Tag ohne jeglichen Grund Verbeugungen machte und -mit den Füßen ähnliche Linien beschrieb wie ihre leckere -Ware. Dazu kamen noch die übertriebenen Gerüchte -von dem Mirakel, das der Gemeindeschreiber angeblich -nachts in der verfallenen Scheune gesehen hatte, so daß sich -alle, als es Nacht wurde, eng aneinander drängten; die -Ruh war gestört, und die Angst ließ keinen ein Auge -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -zutun. Die, welche ein Nachtlager in den Häusern haben -konnten und nicht sehr wagemutig waren, zogen unter -Dach und Fach. Zu diesen letzteren gehörten auch der -Gevatter und Tscherewik mit seiner Tochter, die zusammen -mit den Gästen, welche ebenfalls ins Haus drängten, -das Gepolter verursacht hatten, das unsere Chiwrja so -sehr erschreckte. Der Gevatter hatte schon etwas geladen. -Das konnte man daraus ersehen, daß er bereits -zweimal mit dem Wagen den Hof abgefahren hatte, -bevor er sein Haus fand. Die Gäste waren ebenfalls -alle schon sehr heiter und traten ganz ohne Umstände vor -dem Wirt ins Haus. Die Frau unseres Tscherewik saß -wie auf Nadeln, als sie in allen Ecken der Stube umherzuscharren -begannen. -</p> - -<p> -„Nun, Frau Gevatter,“ rief der eintretende Hausherr, -„wirst du immer noch vom Fieber geschüttelt?“ -</p> - -<p> -„Ja, mir ist nicht wohl!“ antwortete Chiwrja, unruhig -auf die Bretter unter der Decke blickend. -</p> - -<p> -„So, Frau, hole uns doch das Fäßchen dort vom -Wagen!“ sprach der Gevatter zu seiner Frau, die mit -ihm gekommen war, „wir wollen eins mit den guten -Leuten trinken, die verfluchten Weiber haben einem -solche Angst eingejagt, daß es einfach eine Schande ist! -Bei Gott, Brüder, wir sind ganz umsonst hierhergekommen!“ -fuhr er, aus dem Tonkrug schlürfend, fort. „Ich -setz’ eine neue Mütze zum Pfand, daß die Weiber uns -zum besten gehalten haben. Und wenn es auch Satan -wäre, — was ist denn das, der Satan? Spuckt ihm -auf den Kopf! Wenn er, beispielsweise jetzt im Augenblick -hier vor mir erschiene: ich will ein Hundesohn sein, -wenn ich ihm nicht einen Nasenstüber versetze!“ -</p> - -<p> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -„Warum bist du denn auf einmal so bleich geworden?“ -rief einer der Gäste, der alle anderen einen Kopf -hoch überragte und sich stets als Held aufspielte. -</p> - -<p> -„Ich? ..... Was fällt dir ein! Du träumst -wohl!“ -</p> - -<p> -Die Gäste lachten. Ein zufriedenes Lächeln glitt über -das Gesicht des prahlmutigen Helden. -</p> - -<p> -„Warum soll denn der bleich werden!“ fiel da ein -anderer ein: „seine Backen blühen ja wie Mohn; jetzt -sieht Zibulja nicht mehr wie eine Zwiebel aus, sondern -wie eine rote Rübe, oder richtiger wie der <em>rote Kittel</em> -selbst, der die Leute so erschreckt hat!“ -</p> - -<p> -Das Fäßchen wurde auf den Tisch gerollt und machte -die Gäste noch lustiger. Unser Tscherewik, der schon lange -von dem Gedanken an den <em>roten Kittel</em> gequält wurde, -und dessen neugieriger Geist keinen Augenblick Ruhe fand, -machte sich an den Gevatter heran. -</p> - -<p> -„Sag mir doch, Gevatter, sei so gut, ich frage und -frage und kann’s nicht herausbekommen, was für eine -Bewandtnis es mit dem verdammten <em>Kittel</em> hat!“ -</p> - -<p> -„He, Gevatter! Das sollte man eigentlich nicht zur -Nacht erzählen; aber um dir einen Gefallen zu tun und -den guten Leuten da (dabei wandte er sich zu den -Gästen), die, wie ich merke, die Geschichte genau so -wie du kennen lernen wollen — Meinetwegen, also -hört!“ -</p> - -<p> -Er kratzte sich die Schulter, wischte sich am Rockschoß -ab, legte beide Arme auf den Tisch und begann: -</p> - -<p> -„Einst wurde — ob er nun etwas verschuldet hatte -oder nicht, das weiß ich bei Gott nicht — ein Teufel -aus der Hölle gejagt .....“ -</p> - -<p> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -„Wieso denn, Gevatter?“ unterbrach ihn Tscherewik. -„Wie ist das bloß möglich, daß ein Teufel aus der Hölle -gejagt wird?“ -</p> - -<p> -„Was kann man da machen, Gevatter! Man jagt -ihn heraus und fertig! — wie ein Bauer seinen Hund -aus der Stube jagt. Vielleicht hatte ihn die Lust überkommen, -eine gute Tat zu tun: nun, da hat man ihn -eben hinausgeworfen. Da ward dem armen Teufel so -bang zumute, und er begann sich so nach der Hölle zu -sehnen, daß er sich am liebsten aufgehängt hätte. Was -war zu machen? Vor Kummer warf er sich aufs Saufen, -er nistete sich in der verfallenen Scheune ein, die -du dort am Berge gesehen hast, und an der jetzt kein -guter Mensch vorübergeht, ohne vorher das Zeichen des -heiligen Kreuzes zu machen, und der Teufel wurde zu so -einem Säufer, wie man ihn selbst unter den Burschen kaum -finden kann: vom frühen Morgen bis zum späten Abend -saß er nur immer in der Schenke ......“ -</p> - -<p> -Hier unterbrach der gestrenge Tscherewik wiederum -unseren Erzähler: -</p> - -<p> -„Gott, was du da redest, Gevatter! Wie ist denn -das möglich, daß jemand den Teufel in die Schenke -hineinläßt? Er hat doch, Gott sei gelobt, Krallen an -den Tatzen und Hörner auf dem Kopf.“ -</p> - -<p> -„Das ist’s ja eben! er hatte eine Mütze aufgesetzt und -Däumlinge angezogen. Wie sollte man ihn da wohl erkennen? -Er fing an, ein lustiges Leben zu führen und -endlich kam es so weit, daß er alles versoffen hatte, was -er bei sich trug. Der Schankwirt gab ihm längere Zeit -Kredit, aber endlich hörte er damit auf. Da war der -Teufel gezwungen, seinen roten Kittel fast für ein Drittel -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -des Wertes bei dem Juden zu versetzen, der damals auf -dem Jahrmarkt zu Sorotschintzy den Schnapsausschank -in Besitz hatte. Er versetzte ihn also und sprach: „Gib -acht, Jude, genau nach einem Jahre hole ich mir den -Kittel wieder, heb ihn wohl auf!“ — und weg war er, -wie in die Erde gesunken. Der Jude sah sich den Kittel -genau an: solches Tuch war in Mirgorod nicht zu bekommen, -und die rote Farbe brannte wie Feuer, daß man -sich an ihr gar nicht satt sehen konnte. Nun wurde es -dem Juden aber zu viel, den Termin abzuwarten. Er -kratzte sich die Schläfenlöckchen, und nahm einem zugereisten -Pan ganze fünf Dukaten für den Kittel ab! denn -den Termin hatte der Jude schon längst vergessen. Einmal, -so gegen Abend, kam da ein Mensch angerückt: -„Nun Jude, gib mir meinen Kittel!“ Der Jude erkannte -ihn zuerst nicht, aber dann tat er so, als ob er -ihn nie gesehen hätte: „Was für einen Kittel? Ich -weiß von keinem Kittel!“ Jener ging seiner Wege, aber -gegen Abend, als der Jude, der seine Bude schon geschlossen -und das Geld in den Kästen gezählt hatte, -ein Bettuch umnahm und nach Judenart zu Gott zu -beten anfing, — da hörte er ein Geräusch .... Sieh -da — aus allen Fenstern gucken Schweineschnauzen -herein .....“ -</p> - -<p> -Hier wurde tatsächlich ein undeutlicher Laut hörbar, -der dem Grunzen eines Schweines sehr ähnlich war; -alle erbleichten ... Der Schweiß trat dem Erzähler -auf die Stirn. -</p> - -<p> -„Was gibt’s!“ fragte Tscherewik ganz erschrocken. -</p> - -<p> -„Es ist nichts!“ .... antwortete der Gevatter, -der am ganzen Leibe zitterte. -</p> - -<p> -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -„Ah!“ rief einer der Gäste. -</p> - -<p> -„Hast du was gesagt?“ ...... -</p> - -<p> -„Nein!“ -</p> - -<p> -„Wer hat da gegrunzt?“ -</p> - -<p> -„Ach Gott, warum sind wir nur so erschrocken? -Es war ja nichts!“ -</p> - -<p> -Alle begannen sich scheu umzusehen und die Winkel -abzusuchen. Chiwrja war mehr tot als lebendig. „Ach -was seid ihr doch für Weiber, was seid ihr für Weiber!“ -rief sie laut aus: „Ihr wollt Kosaken und Männer -sein! Man sollte euch ein Spinnrad in die Hände -geben und an den Rocken setzen! Einem von euch -ist wohl, mit Verlaub zu sagen, eine Sünde entfahren, -oder die Bank hat unter jemandem geknarrt, -und ihr springt in die Höhe, als ob ihr halb toll -seid!“ -</p> - -<p> -Das beschämte unsere Helden und gab ihnen neuen -Mut. Der Gevatter schlürfte aus dem Krug und erzählte -weiter: „Der Jude war fast tot vor Schreck; -aber die Schweine krochen auf ihren Beinen, die so lang -wie Stelzen waren, in die Fenster, machten ihn im -Nu mit dem dreischwänzigen Kantschu wieder lebendig -und ließen ihn höher springen, als dieser Balken da -oben ist. Der Jude fiel auf die Knie und gestand alles -ein. Aber der Kittel war nicht so schnell wieder zu -finden. Der Pan war unterwegs von einem Zigeuner -bestohlen worden, der den Kittel an eine Händlerin verkauft -hatte. Die brachte ihn wieder auf den Jahrmarkt -von Sorotschintzy, aber von Stund an wollte niemand -etwas bei ihr kaufen. Die Händlerin wunderte sich -lange Zeit, aber endlich kam sie der Sache auf den -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Grund. Sicher hatte der rote Kittel an allem schuld; -daher fühlte sie auch immer, wenn sie ihn anzog, daß -sie etwas drückte. Ohne lange zu überlegen, warf sie -ihn ins Feuer — aber der Teufelsrock wollte nicht -brennen! .... „Ah so, das ist also ein Teufelsgeschenk!“ -Die Händlerin war so klug, ihn einem -Bauern unter den Wagen zu schieben, der Butter zum -Verkauf brachte. Der Dummkopf war hocherfreut, aber -niemand fragte mehr nach seiner Butter. „O weh, da -haben mir böse Hände den Kittel da unter den Wagen -gesteckt!“ Er ergriff eine Axt und hackte ihn in Stücke; -aber sieh da, ein Stück kriecht zum andern, und wieder -ist’s ein ganzer Kittel! Er bekreuzigte sich, schlug noch -mal darauf, streute die Stücke auseinander und machte -sich davon. Und seit jener Stunde geht jedes Jahr, -pünktlich zur Jahrmarktszeit, der Teufel in Gestalt -eines Schweines auf dem Platze um, grunzt und sucht -die Stücke seines Kittels zusammen. Jetzt soll ihm nur -noch der linke Ärmel fehlen. Die Leute hüten sich seitdem -vor jenem Orte, und bald werden es zehn Jahre -sein, daß dort kein Jahrmarkt mehr gewesen ist. Da -muß nun der Böse den Präsidenten reiten, daß er -gerade <em>hier</em> den Jahr......“ -</p> - -<p> -Die andere Hälfte des Wortes erstarb dem Erzähler -auf den Lippen: krachend sprang das Fenster auf; klirrend -flogen die Scheiben herum, und eine schreckliche Schweinsfratze -erschien in der Öffnung, die Augen rollend, als -ob sie fragen wollte: „Was treibt ihr hier, ihr lieben -Leute?“ -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-8"> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -VIII. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dem Hunde gleich, dem man den Schwanz geklemmt,</p> - <p class="verse">So steht dies Jammerbild, wie Kain zitternd,</p> - <p class="verse">Und aus der Nase tropft Tabak aufs Hemd.</p> - </div> - </div> - </div> -<p class="right"> -Kotljarewski: „Äneas“. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ntsetzen</span> packte alle in der Stube. Der Gevatter -saß offenen Mundes da und schien zu Stein -erstarrt; seine Augen krochen hervor, als ob sie -schießen wollten, und die Finger blieben regungslos in -der Luft gespreizt. Der lange Kerl, der so mutig getan -hatte, sprang in unverkennbarer Angst bis zur Decke und -stieß mit dem Kopf gegen den Balken; die Bretter -klafften auseinander, und der Popensohn flog Knall und -Fall zu Boden. -</p> - -<p> -„Au! au! au!“ schrie der eine verzweifelt, fiel entsetzt -auf eine Bank und zappelte mit Armen und Beinen. -</p> - -<p> -„Hilfe!“ brüllte ein anderer und zog sich schnell seinen -Pelz über die Augen. -</p> - -<p> -Der Gevatter, den dieser zweite Schreck aus seiner -Erstarrung geweckt hatte, kroch, an allen Gliedern zitternd, -seiner Ehefrau unter den Rock. Der lange Maulheld -kroch, trotz der kleinen Öffnung, in den Ofen und schlug -selbst die Klappe zu. Tscherewik stülpte sich, wie von -brühheißem Wasser begossen, statt der Mütze einen Topf -über den Kopf, stürzte zur Tür hinaus und rannte besinnungslos, -ohne auf den Weg zu achten, wie ein Wahnsinniger -durch die Straßen; erst die Ermüdung zwang -ihn, seinen schnellen Lauf zu hemmen. Sein Herz ratterte -wie eine Mühlenstampfe, und die Schweißtropfen rollten -an ihm herunter wie die Hagelkörner. Ganz erschöpft -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -wäre er fast zu Boden gesunken, als er auf einmal -hörte, wie jemand hinter ihm herjagte .... Sein -Atem stockte .... -</p> - -<p> -„Der Teufel! der Teufel!“ schrie er ganz außer sich, -seine Kräfte verdreifachend, und einen Augenblick später -stürzte er besinnungslos zu Boden. -</p> - -<p> -„Der Teufel! der Teufel!“ schrie es hinter ihm her: -er hörte nur noch, wie etwas lärmend auf ihn herabstürzte; -aber da verließ ihn die Besinnung, und er blieb -wie der grausige Bewohner eines engen Sarges stumm -und reglos mitten auf dem Wege liegen. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-9"> -IX. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Vorne geht die Sache noch halbwegs,</p> - <p class="verse">Aber hinten ist’s der ganze Teufel!</p> - </div> - </div> - </div> -<p class="right"> -Aus einem Volksmärchen. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>H</span><span class="postfirstchar">örst</span> du, Wlas!“ sprach einer von den Leuten, -die im Freien geschlafen hatten, nachts aus -dem Schlafe auffahrend. „Jemand in der -Nähe hat hier ‚Teufel‘ geschrien.“ -</p> - -<p> -„Was geht mich das an?“ brummte der neben ihm -liegende Zigeuner, sich räkelnd. „Mag er doch nach der -ganzen Sippe schreien!“ -</p> - -<p> -„Aber er hat doch so geschrien, als ob man ihn -abwürgte!“ -</p> - -<p> -„Was schreit ein Mensch nicht alles im Schlaf!“ -</p> - -<p> -„Na, wie du meinst. Ich geh’ nachsehen. Mach -mal Feuer!“ -</p> - -<p> -Der andere Zigeuner stand brummend auf, ließ ein -paar Funken wie Blitze vor sich aufstieben, blies den -Zunder mit dem Munde an und ging mit seinem Lämpchen -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -in der Hand — einer der üblichen kleinrussischen -Lampen, die aus einem zerbrochenen Scherben, der mit -Hammelfett gefüllt ist, bestehen — die Straße hinunter. -</p> - -<p> -„Halt, hier liegt jemand! Komm her und leuchte -mir!“ -</p> - -<p> -Noch einige Menschen schlossen sich ihm an. -</p> - -<p> -„Was liegt da, Wlas?“ -</p> - -<p> -„Es sieht ganz nach zwei Menschen aus: der eine -liegt oben, der andere unten; wer von ihnen der Teufel -ist, weiß ich nicht!“ -</p> - -<p> -„Wer liegt oben?“ -</p> - -<p> -„Ein Frauenzimmer!“ -</p> - -<p> -„Dann ist <em>das</em> der Teufel!“ -</p> - -<p> -Ein allgemeines Gelächter weckte fast die ganze -Straße. -</p> - -<p> -„Ein Frauenzimmer ist auf einen Kerl raufgekrochen, -na, die versteht das Kutschieren!“ sprach einer aus der -herumstehenden Menge. -</p> - -<p> -„Seht doch bloß, Brüder!“ sprach ein anderer und -hob einen Scherben des Topfes auf, von dem nur -noch die eine Hälfte auf dem Kopfe Tscherewiks ganz -geblieben war. „Was der gute Mann sich für eine Mütze -aufgesetzt hat!“ -</p> - -<p> -Der Lärm und das Gelächter, die immer mehr anschwollen, -riefen unsere beiden Toten wieder ins Leben -zurück, Tscherewik und seine Frau, die voll Entsetzen über -den überstandenen Schreck, mit starrem Blick in die braunen -Gesichter der Zigeuner schauten. Beim unsicheren -Flackern des Lichts erschienen sie wie ein Haufen Gnomen, -umhüllt von einem unterirdisch schweren Qualm in der -Finsternis einer tiefen Nacht. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-10"> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -X. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> -<p class="epi"> -Packe dich, Satansbrut! -</p> - -<p class="right"> -Aus einem kleinrussischen Schwank. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Frische des Morgens wehte über der erwachten -Stadt. Aus allen Schloten stiegen Rauchsäulen -der Sonne entgegen. Auf dem Jahrmarkt wurde -es wieder lebendig. Schafe blökten, Pferde wieherten, -das Schnattern der Gänse und der Händlerinnen erfüllte -wieder das ganze Lager — und die schrecklichen Gerüchte -vom <em>roten Kittel</em>, die in der geheimnisvollen Stimmung -der Dämmerstunde die Menschen in eine solche -Angst versetzt hatten, waren mit dem Heraufkommen des -Morgens verschwunden. -</p> - -<p> -Gähnend und sich räkelnd schlummerte Tscherewik in -der strohgedeckten Scheune seines Gevatters unter Ochsen, -Mehlsäcken und Weizen weiter und schien gar keine -Lust zu haben, sich von seinen Träumen zu trennen, -als er auf einmal eine Stimme vernahm, die ihm ebenso -vertraut vorkam, wie der gesegnete Ofen seiner Stube -oder die Kneipe einer entfernten Verwandten, die keine -zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses entfernt -war, diese Zufluchtsstätten seiner großen Faulheit. -</p> - -<p> -„Steh auf! Steh auf!“ knurrte die zärtliche Gattin, -die ihn aus aller Kraft am Arm zerrte, über seinem -Ohre. -</p> - -<p> -Statt jeder Antwort blies Tscherewik die Backen -auf und begann mit den Armen zu fuchteln wie ein -Trommelschläger. -</p> - -<p> -„Du verrückter Kerl!“ schrie sie und prallte vor dem -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -Schwung seiner Hand, die ihr beinahe ins Gesicht gefahren -wäre, zurück. -</p> - -<p> -Tscherewik erhob sich, rieb sich die Augen und sah -sich um. -</p> - -<p> -„Hol’ mich der Henker! Aber deine Fratze kam -mir wie eine Trommel vor, auf der ich den Zapfenstreich -schlagen mußte, mein Täubchen. Akkurat wie die Moskowiter! -diese Schweinsfratzen, von denen der Gevatter -sagt ....“ -</p> - -<p> -„Laß das Tratschen! Geh, führ die Stute auf den -Markt. Es ist einfach zum Lachen. Wir sind auf den -Jahrmarkt gekommen, und bisher ist noch keine Handvoll -Hanf verkauft ....“ -</p> - -<p> -„Ja, Frauchen,“ sagte Tscherewik, „jetzt wird man -schön über uns lachen!“ -</p> - -<p> -„Geh, geh! Man lacht ohnehin über dich!“ -</p> - -<p> -„Du siehst ja, ich habe mich noch nicht gewaschen!“ -fuhr Tscherewik gähnend und sich den Rücken kratzend -fort, um Zeit für seine Faulheit zu gewinnen. -</p> - -<p> -„Du hast dir ja eine recht passende Zeit für deine -Reinlichkeit gewählt! Wann war sowas bei dir Sitte? -Da ist ein Handtuch für dich, wisch dir deine Fresse ab.“ -</p> - -<p> -Sie ergriff etwas, das zu einem Knäuel geballt dalag, -und — schleuderte es entsetzt von sich: es war der -Ärmelaufschlag eines <em>roten Kittels</em>. -</p> - -<p> -„Geh schon, geh an deine Sachen!“ wiederholte sie, -bereits wieder ermutigt, als sie sah, daß ihm vor Angst -die Beine gelähmt waren und die Zähne klapperten. -</p> - -<p> -„Das wird ja jetzt ein schönes Geschäft werden!“ -brummte er bei sich, während er die Stute losband und -sie auf den Platz führte. „Nicht ohne Grund also lag -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -mir’s, als ich zu diesem verfluchten Jahrmarkt fuhr, so -schwer auf der Seele, als hatte mir jemand eine krepierte -Kuh aufgeladen; und die Ochsen sind ja auch zweimal -von selbst mitten auf dem Wege umgekehrt. Und da -fällt mir ein, wir sind ja auch am Montag abgereist. -Da haben wir die Bescherung! .... Ein schöner -Störenfried ist mir dieser verdammte Teufel: Kann er nicht -seinen Kittel ohne den einen Ärmel tragen! Aber nein, -er gönnt den Leuten ihre liebe Ruhe nicht. Wenn ich -beispielsweise, was Gott bewahre, der Teufel wäre, — -hätte ich mich da um solch einen verfluchten Fetzen -herumgetrollt?“ -</p> - -<p> -Hier wurde unser Tscherewik durch eine fette und schrille -Stimme in seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm -stand ein großer Zigeuner. -</p> - -<p> -„Was hast du zu verkaufen, guter Mann?“ -</p> - -<p> -Der Händler blieb eine Weile stumm, sah ihn vom -Kopf bis zu den Füßen an und sagte dann mit ruhiger -Miene, ohne stehen zu bleiben oder die Zügel aus der -Hand zu lassen: „Du siehst ja selbst, was ich zu verkaufen -habe!“ -</p> - -<p> -„Riemen?“ fragte der Zigeuner und blickte auf die -Zügel in Tscherewiks Hand. -</p> - -<p> -„Jawohl, Riemen — wenn eine Stute ’nem Riemen -ähnelt!“ -</p> - -<p> -„Potztausend, Landsmann! Du hast sie wohl mit -Stroh gefüttert!“ -</p> - -<p> -„Mit Stroh?“ -</p> - -<p> -Tscherewik wollte eben die Zügel anziehen, um seine -Stute vorzuführen, und den schamlosen Beleidiger Lügen -zu strafen; aber seine Hand fuhr ihm mit ungewöhnlicher -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -Leichtigkeit ans Kinn. Was sah er! — Die -Zügel waren durchgeschnitten, und daran gebunden sah -man — oh Entsetzen! Seine Haare standen ihm zu -Berge! — den Ärmelfetzen eines <em>roten Kittels</em>! .... -Ausspuckend, sich bekreuzigend, und mit den Armen -fuchtelnd floh er von dannen vor diesem unerwarteten -Geschenk, und verschwand flinker als irgendein junger -Bursch in der Menge. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-11"> -XI. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> -<p class="epi"> -Wes das Korn, des die Prügel. -</p> - -<p class="right"> -Sprichwort. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>H</span><span class="postfirstchar">altet</span> ihn! Haltet ihn!“ so schrien einige Burschen -am schmalen Ende der Straße, und Tscherewik -fühlte, wie er plötzlich von festen Händen -gepackt wurde. -</p> - -<p> -„Bindet den Kerl! ’s ist derselbe, der dem guten -Mann die Stute gestohlen hat!“ -</p> - -<p> -„Gott mit euch, warum wollt ihr mich denn binden?“ -</p> - -<p> -„Er fragt noch! Und warum hast du dem fremden -Bauern, dem Tscherewik, seine Stute gestohlen?“ -</p> - -<p> -„Seid ihr bei Sinnen, Leute? Wo hat man denn -je gesehen, daß einer sich selbst etwas stiehlt?“ -</p> - -<p> -„Alte Possen, alte Possen! Warum bist du denn -so atemlos davongelaufen, als wenn der Satan selbst -dir auf den Fersen wäre?“ -</p> - -<p> -„Soll man denn nicht laufen, wenn einem der -Teufelsrock .....“ -</p> - -<p> -„He, Bester, das lüg’ du anderen vor. Du wirst -noch was Schönes vom Präsidenten erleben, weil du die -Leute mit Teufelsgeschichten erschreckst!“ -</p> - -<p> -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -„Haltet ihn, haltet ihn!“ ertönte da ein Ruf am -anderen Ende der Straße, „da ist der Ausreißer!“ -</p> - -<p> -Und vor unserem Tscherewik erschien der Gevatter -im allerjämmerlichsten Aufzuge, er hielt die Arme auf -dem Rücken und wurde von einigen Burschen vorwärts -gestoßen. -</p> - -<p> -„Wunder über Wunder,“ rief einer von ihnen. -</p> - -<p> -„Ihr solltet nur hören, was dieser Halunke erzählt. -Man braucht ihm doch nur ins Gesicht zu schauen, und -man sieht ihm den Dieb an! Als man ihn fragte, -warum er so wahnsinnig davonrannte, da sagte er: -‚Ich steckte die Hand in die Tasche, um eine Prise zu -nehmen, aber statt der Tabaksdose zog ich ein Stück von -dem teuflischen <em>Kittel</em> heraus, und eine rote Flamme -sprang auf.‘ — Darum sei er davongerannt!“ -</p> - -<p> -„He he! Es sind also beides Vögel aus demselben -Nest! Bindet sie alle beide!“ -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-12"> -XII. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Was hab’ ich denn getan, ihr lieben Leute?</p> - <p class="verse">Was glotzt ihr mich so an?“ sprach unser Bursche,</p> - <p class="verse">„Was spottet ihr und höhnt ihr denn mich Armen?</p> - <p class="verse">Warum, warum?“ so ruft er aus und flennt,</p> - <p class="verse">Daß ihm die Träne auf der Backe brennt.</p> - </div> - </div> - </div> -<p class="right"> -Artemowski-Gulak: „Der Herr und der Hund“. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>G</span><span class="postfirstchar">evatter,</span> vielleicht hast du in der Tat etwas -stibitzt?“ fragte Tscherewik, der zusammen mit -seinem Gevatter gebunden in einer Strohhütte -lag. -</p> - -<p> -„Also auch du, Gevatter! Hände und Füße sollen -mir verdorren, wenn ich je etwas gestohlen habe, höchstens -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Krapfen mit Rahm bei meiner Mutter, aber auch -das nur, als ich erst zehn Jahr alt war.“ -</p> - -<p> -„Wofür werden wir denn so gestraft, Gevatter? Bei -dir ist’s ja noch nicht schlimm: du wirst doch wenigstens -nur beschuldigt, einen anderen bestohlen zu haben; aber -mich Unglücksmenschen verleumdet der Satan: ich soll -mir selbst ’ne Stute gestohlen haben. Es ist uns wohl -nicht beschieden, auch mal ein bißchen Glück zu haben, -Gevatter!“ -</p> - -<p> -„O weh uns armen Waisen!“ -</p> - -<p> -Und die beiden Gevatter fingen heftig an zu schluchzen. -</p> - -<p> -„Was hast du, Tscherewik?“ fragte da Grytzko, der -in diesem Augenblicke eintrat. „Wer hat dich gebunden?“ -</p> - -<p> -„Ach, Golupupenko, Golupupenko!“ schrie Tscherewik -freudig. „Gevatter, das ist der, von dem ich dir erzählt -habe. O, das ist ein tüchtiger Kerl! Gott soll mich -hier auf der Stelle töten, wenn er nicht einen Krug -ausgelutscht hat, so groß wie dein Kopf; und dabei verzog -er keine Miene!“ -</p> - -<p> -„Nun, Gevatter, und warum hast du einen solchen -Prachtkerl abgewiesen?“ -</p> - -<p> -„Sieh,“ fuhr Tscherewik zu Grytzko gewandt fort: -„Gott straft mich wohl, weil ich mich gegen dich versündigt -habe. Vergib mir, lieber Junge! Bei Gott, -ich hätte ja alles für dich getan .... Aber was soll -man da machen! Der Satan sitzt in meiner Alten!“ -</p> - -<p> -„Ich trage nie jemandem Böses nach! Wenn du willst, -so befreie ich dich!“ -</p> - -<p> -Er winkte den Burschen, und dieselben jungen Leute, die -Tscherewik bewacht hatten, eilten herbei, ihn zu entfesseln. -</p> - -<p> -„Nun aber wird Hochzeit gemacht, wie’s sich gehört! -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -Und wir wollen tanzen, daß uns vom Hopsen die Beine -ein ganzes Jahr lang weh tun!“ -</p> - -<p> -„<em>Recht so!</em>“ rief Tscherewik und klatschte in die -Hände. „Nun bin ich wieder so vergnügt, als ob meine -Alte von den Moskowitern geholt worden wäre! Was -ist da viel zu bedenken! Ob’s nun recht ist oder nicht — -heute ist Hochzeit und damit Schluß!“ -</p> - -<p> -„Nur sieh zu, Tscherewik, in einer Stunde komm’ -ich zu dir, und jetzt geh nach Hause, dort warten Käufer -auf dich, die deine Stute und den Weizen haben wollen.“ -</p> - -<p> -„Wie? Hat sich die Stute gefunden?“ -</p> - -<p> -„Ja, sie hat sich gefunden!“ -</p> - -<p> -Tscherewik blickte dem Grytzko starr vor Freude nach. -</p> - -<p> -„Na, Grytzko, haben wir unsere Sache gut gemacht?“ -fragte der lange Zigeuner den vorübereilenden Burschen. -„Jetzt kriege ich doch die Bullen?“ -</p> - -<p> -„Ja, ja, du sollst sie haben!“ -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-2-13"> -XIII. -</h4> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Fürcht dich nicht, lieb Mütterchen,</p> - <p class="verse">Zieh die roten Schühchen an.</p> - <p class="verse">Tritt mit Füßen</p> - <p class="verse">Deine Feinde.</p> - <p class="verse">Wenn die Schuh’</p> - <p class="verse">Von Eisen klirren,</p> - <p class="verse">werden alle Feinde schweigen.</p> - </div> - </div> - </div> -<p class="right"> -Hochzeitslied. -</p> - - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> liebliche Kinn auf die Hand gestützt saß Paraßka -sinnend allein im Zimmer. Mancherlei Träume -umschwirrten ihr blondes Köpfchen. Manchmal -berührte plötzlich ein leichtes Lächeln ihre rosigen Lippen, -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -und ein freudiges Gefühl ließ sie die dunklen Brauen -emporheben, bald aber senkte sich wieder ein Sinnen -wie eine Wolke auf ihre grauen klaren Augen. -</p> - -<p> -„Wie wenn es nun doch nicht so käme, wie er -gesagt hat!“ flüsterte sie mit einem Ausdruck des -Zweifels. „Wenn er mich nun aber doch nicht bekommt? -Wenn .... Nein, nein! Das kann nicht -sein! Die Stiefmutter tut alles, was sie will! Kann -ich nicht auch tun, was <em>ich</em> will? Mein Trotz ist groß -genug! Wie schön ist er doch! Wie wunderbar glühen -seine schwarzen Augen! Wie lieb kann er sagen: ‚<em>Paraßja, -mein Täubchen!</em>‘ — Wie gut steht ihm -der weiße Kittel! Wenn er noch dazu einen hellen -Gürtel .... Ja ich will ihm einen machen, wenn -wir zusammen in die neue Wohnung ziehen. O wie -ich mich darauf freue!“ fuhr sie fort, indem sie ein -kleines, mit rotem Papier beklebtes Spiegelchen aus dem -Busen zog, das sie auf dem Jahrmarkt gekauft hatte, -und in das sie mit geheimem Vergnügen hineinschaute. -„Wenn ich ihr später begegne, so grüße ich sie nicht, -und wenn sie platzt! Nein, Stiefmütterchen, du hast -deine Stieftochter genug geprügelt! Eher wächst Sand -auf Steinen, und neigt sich die Eiche wie eine Weide -zum Wasser herab, als daß ich mich vor <em>dir</em> neige! Aber -ich habe ja ganz vergessen .... ich will doch das -Häubchen umbinden; ob es mir wohl gut steht; wenn’s -auch der Stiefmutter gehört.“ -</p> - -<p> -Sie stand auf, den Spiegel in der Hand und den -Kopf über ihn geneigt, und ging behutsam durch die -Stube, als fürchtete sie sich hinzufallen; denn statt -des Fußbodens sah sie die Decke mit den Brettern, von -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -denen neulich der Popensohn heruntergefallen war, und -die Wandborde mit den Töpfen drauf vor sich. -</p> - -<p> -„Ich bin doch wirklich wie ein Kind!“ rief sie lachend -aus, „ich hab Angst, einen Fuß vor den andern zu setzen!“ -</p> - -<p> -Und sie begann laut mit den Füßen aufzustampfen, -immer mutiger und mutiger. Endlich sank ihre linke -Hand herab und stemmte sich auf die Hüfte, und sie -tanzte, mit den Sporen der Stiefelchen klirrend, drauf -los, hielt sich den Spiegel vor und sang ihr Lieblingsliedchen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Grüne Gräser, grüne Auen,</p> - <p class="verse">Wachset nicht zu sehr!</p> - <p class="verse">Liebster mit den schwarzen Brauen,</p> - <p class="verse">Schmieg dich zu mir her!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Grüne Gräser, grüne Auen,</p> - <p class="verse">Wachset nimmermehr!</p> - <p class="verse">Liebster mit den schwarzen Brauen,</p> - <p class="verse">Schmieg dich näher her!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -In diesem Augenblicke blickte Tscherewik durch die -Türöffnung, und als er seine Tochter vor dem Spiegel -tanzen sah, blieb er stehen. Lange sah er ihr zu, über -die seltsame Laune des Mädchens lachend, das ganz in -Gedanken versunken, nichts um sich herum zu bemerken -schien; als er aber die bekannten Laute des Liedes hörte, -da wurde es ihm heiß ums Herz; stolz die Hände auf -die Hüften gestemmt, sprang er vor und begann so zu -hopsen, daß er all seine andern Geschäfte vergaß. Das -laute Lachen des Gevatters ließ beide auffahren. -</p> - -<p> -„Großartig! Vater und Tochter feiern hier selber -Hochzeit! Kommt! kommt! der Bräutigam ist da!“ -</p> - -<p> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Bei den letzten Worten glühte Paraßka in einem -Rot auf, das tiefer war als das, welches das leuchtende -Band auf ihrem Kopfe färbte. Dem sorglosen Vater fiel -es erst jetzt ein, warum er eigentlich hierher gekommen -war. -</p> - -<p> -„Töchterchen, komm schnell! Chiwrja ist vor Freude, -daß ich die Stute verkauft habe, fortgelaufen, um sich -feine Tücher und allerhand Schmucksachen zu kaufen!“ -sprach er und sah sich dabei ängstlich nach allen Seiten -um. „Bis zu ihrer Rückkehr wollen wir alles erledigt -haben!“ -</p> - -<p> -Kaum hatte Paraßka die Schwelle des Hauses überschritten, -da fühlte sie sich schon in den Armen des -Burschen im weißen Kittel, der sie inmitten einer Menge -von Leuten auf der Straße erwartete. -</p> - -<p> -„Gott segne euch!“ sagte Tscherewik, ihre Hände vereinend. -„In Glück und Glanz haltet fest wie ein -Kranz!“ -</p> - -<p> -Da gab’s plötzlich einen Lärm. -</p> - -<p> -„Eher will ich zerspringen, als daß ich das zulasse!“ -schrie Tscherewiks Ehehälfte, die von der lachenden Menge -zurückgedrängt wurde. -</p> - -<p> -„Wüt nicht so, wüte doch nicht!“ sprach Tscherewik -kaltblütig, als er sah, wie ein paar handfeste Zigeuner -sich ihrer Arme bemächtigten. „Geschehen ist geschehen! -Ich bin nicht für Änderungen!“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, das darf nicht sein!“ schrie Chiwrja, -aber niemand hörte auf sie; ein paar lustige Leute umringten -das junge Paar und bildeten eine undurchdringliche, -tanzende Mauer um sie. -</p> - -<p> -Ein sonderbares unsagbares Gefühl mußte einen Zuschauer -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -ergreifen, der mit ansah, wie beim ersten Bogenstrich -des Fiedelmanns in dem groben Rock, mit dem -langgeschweiften Schnurrbart, alles unwillkürlich ein einiges -Ganzes bildete und zu friedlicher Eintracht überging. Leute, -deren mürrische Gesichter offenbar ihr Lebtag niemals -ein Lächeln erhellt hatte, stampften mit den Füßen und -warfen die Schultern empor. Alles wirbelte im Tanze -durcheinander. Aber ein noch sonderbareres, noch unsagbareres -Gefühl mußte in der Tiefe der Seele beim -Anblick jener Greisinnen erwachen, über deren uralten -Gesichtern schon die Gleichgültigkeit des Grabes wehte — -und die sich unter die neuen Menschen drängten, die -dem Leben angehörten und dem Lachen. Die Sorglosen! -Selbst sie, die keine kindliche Freude und keinen -Funken des Mitgefühls kannten, die erst der Rausch, wie -ein Mechaniker seine leblosen Automaten, zu einer menschlichen -Äußerung zwingt, — selbst <em>sie</em> nickten leise mit -den berauschten Köpfen und hüpften ein wenig hinter -der lustigen Menge her, ohne auf das junge Paar zu -achten. -</p> - -<p> -Das Lärmen, Lachen, Singen verklang zu einem -leisen und immer leiseren Summen. Die Fiedel erstarb, -ertönte schwächer und schwächer und ließ nur noch ein -paar undeutliche Töne durch die leere Luft zittern. Noch -hörte man hie und da ein Stampfen, gleich dem Tosen -des fernen Meeres, aber bald lag alles wieder öde und -stumm da. -</p> - -<p> -Fliegt uns nicht so auch die Freude davon, die -schöne und flatterhafte Freundin? Vergeblich sucht ein -einsamer Klang, von Lust und Seligkeit zu singen. Im -eignen Echo schon vernimmt er die Laute der Trauer -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -und Einsamkeit, und er lauscht ihnen voller Schrecken. -Stieben nicht so auch die ausgelassenen Freunde der -freien stürmischen Jugend einer nach dem andern in alle -Winde und lassen ihren alten Herzensbruder allein? Bang -wird dem Verlassenen! Voller Schwermut und Traurigkeit -ist sein Herz, doch für ihn gibt es keine Hilfe! -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-2-3"> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Die Johannisnacht -</h3> - -<p class="subt"> -Eine Sage<br /> -Erzählt vom Küster an der —Kirche zu *** -</p> - -<p class="pbb first"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">oma</span> Grigorjewitsch hatte eine merkwürdige Eigentümlichkeit: -Er konnte es auf den Tod nicht leiden, -ein und dieselbe Geschichte mehrmals erzählen zu -müssen. Gab er aber schon einmal den Bitten nach -und erzählte etwas zum zweiten Male, dann fügte er -entweder hier eine neue Wendung hinzu, oder änderte -dort etwas, so daß man die Geschichte kaum wiedererkennen -konnte. Einmal hatte einer jener Herren — -wir einfachen Leute wissen nicht recht, wie wir sie nennen -sollen: Schreiber oder dergleichen, so was ähnliches wie die -Makler auf unseren Jahrmärkten; sie kramen, betteln und -stehlen sich allerhand Zeug zusammen und senden dann jeden -Monat oder gar jede Woche ein Büchelchen so dick wie -eine Fibel in die Welt hinaus, — einmal also hatte -einer jener Herren unserem Foma Grigorjewitsch die folgende -Geschichte hier abgeluchst, und der hatte das ganz -vergessen. Aber eines Tages kommt dasselbe Herrchen -im erbsengrauen Kaftan aus Poltawa, von dem ich -schon einmal sprach, und von dem ihr wohl die eine -Geschichte schon gelesen habt, — er kommt also, bringt -ein kleines Büchelchen mit, schlägt’s in der Mitte auf -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -und zeigt uns die Sache. Foma Grigorjewitsch war -schon im Begriff, seine Nase mit der Brille zu besatteln, -aber da fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, ein Stück -Faden um sie zu wickeln und Wachs drauf zu kleben, -und so gab er denn mir das Buch. Ich verstehe mich -nun mal leidlich aufs Lesen und brauche keine Brille, -und so begann ich denn. Aber ich hatte noch keine -zwei Seiten umgewendet, als er mich fest bei der Hand -nahm und unterbrach. -</p> - -<p> -„Halt, sagt mir zuerst, was Ihr da lest?“ -</p> - -<p> -Ich muß gestehen, diese Frage verblüffte mich ein -wenig. -</p> - -<p> -„Wie, Foma Grigorjewitsch? Was ich da lese? -Das ist doch Eure Geschichte, es sind Eure eigenen -Worte!“ -</p> - -<p> -„Wer hat Euch das erzählt, daß das meine Worte -sind?“ -</p> - -<p> -„Was wollt Ihr denn noch mehr? Da steht’s doch -gedruckt. Erzählt von dem Küster Soundso.“ -</p> - -<p> -„Spuckt dem Jungen auf den Kopf, der das darauf -gedruckt hat! Er lügt, der Saukerl! Das soll ich gesagt -haben? Das ist ja fast so, als hätte der Satan -einen Sparren! Hört zu, die muß ich Euch selbst erzählen!“ -</p> - -<p> -Wir rückten am Tische zusammen, und er begann. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Mein Großvater (Gott hab’ ihn selig! Möge er in -jener Welt nur Weizenbrot und Mohnkuchen mit Meth -zu essen bekommen!) mein Großvater verstand es -wunderbar zu erzählen. Wenn der erst einmal damit anfing, -so mochte man sich am liebsten den ganzen lieben -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -Tag nicht vom Platze rühren und nur immer zuhören. -Und er redete nicht etwa wie einer von den -heutigen Faselhänsen; wenn so einer anfängt, sein Garn -herunter zu spinnen, und dabei noch mit einem Maul, -als hätte er drei Tage lang nichts zu essen gekriegt, -dann möchte man am liebsten nach der Mütze greifen -und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, wie wenn -es heute wäre, — meine Mutter selig war noch am -Leben, — an die langen Winterabende, wenn draußen -heftiges Frostwetter herrschte und das schmale Fensterchen -unserer Stube dicht mit Schnee verklebte, wie sie da -am Spinnrocken saß, mit der Hand den langen Faden -zog, mit dem Fuß die Wiege schaukelte und ein Lied -dazu sang, das ich jetzt noch im Ohr habe. Das Lämpchen -beleuchtete zitternd und wie im Schreck aufflackernd -die Stube. Die Spindel surrte; und wir Kinder hörten -alle, zu einem Haufen zusammengedrängt, dem Großvater -zu, der vor Alter schon über fünf Jahre nicht -mehr hinterm Ofen hervorgekrochen war. Aber keiner -der wundersamen Berichte aus den alten Tagen von -den Ritten der Saporoger, von den Polen, von den -kühnen Taten des Podkowa, des Poltora-Koschucha oder -des Sagajdatschny ergriffen uns so stark wie die Berichte -über eine alte, sonderbare Begebenheit, bei der -einem ein Schauer über den Leib lief und das Haar -sich sträubte. Manchmal kam eine solche Angst über -einen, daß man abends Gott weiß was für Ungeheuer -zu sehen meinte. Hattest du mal nachts die Stube -verlassen, um etwas zu besorgen, so glaubtest du sicher, -es habe sich ein Fremdling aus jener Welt in dein -Bett gelegt, um zu schlafen. Ich will auf der -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -Stelle sterben, wenn ich nicht oft meinen eignen Kittel -am Kopfende des Bettes für einen zusammengekauerten -Teufel hielt. Aber die Hauptsache an den Erzählungen -des Großvaters war, daß er sein Lebtag nie gelogen -hat, und wie er’s sagte, genau so war es auch. -</p> - -<p> -Eine von seinen sonderbaren Geschichten will ich euch -jetzt erzählen. Ich weiß wohl, es werden sich schon -etliche Klüglinge finden, die Gerichtsschreiber sind oder -gar neumodische Schriften lesen, — welche zwar -keinen Deut verstehen, wenn man ihnen ein Stundenbuch -in die Hand drückt, — aber dafür um so besser -die Zähne zu fletschen wissen. Was man denen auch -erzählen mag, sie lachen ja doch. Was hat sich doch jetzt -für ein Unglaube in der Welt verbreitet! Gott und -die unbefleckte Jungfrau mögen mir beistehen — ihr -werdet’s vielleicht nicht glauben: als ich einmal von -Hexen sprach — da fand sich doch wahrhaftig so ein -Springinsfeld, der nicht an Hexen glauben wollte! Gott -sei Dank, ich lebe schon viele Jahre; ich habe schon Menschen -gesehen, die solche Heiden waren, daß es ihnen -leichter wurde, in der Beichte zu lügen, als unsereinem, -eine Prise zu nehmen; aber auch die schlugen vor einer -Hexe das Kreuz. Wenn denen einmal im Traum .... -na, ich will’s gar nicht erst über die Zunge bringen .... -was soll man über sowas noch Redens machen. -</p> - -<p> -Vor vielen vielen Jahren, ’s werden wohl sicher -über hundert sein, — erzählte mein Großvater selig — -war unser Dorf noch etwas ganz anderes als jetzt! -Da war’s noch ein Weiler, der allerärmste Weiler! Zehn ungetünchte -und ungedeckte Hütten lagen mitten im Felde verstreut, -und es gab weder einen Zaun, noch einen anständigen -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Schuppen, in dem man Vieh oder einen Wagen hätte -unterstellen können. Und die, die so lebten, das waren -noch die Reichen, was aber erst unsereiner von der -Brüderschaft der Habenichtse für ein Leben hatte, das -läßt sich kaum beschreiben! Ein Loch in der Erde — das -war das ganze Haus! Nur an dem Rauch konnte man -merken, daß da ein Menschenkind unseres lieben Herrgotts -hauste. Ihr werdet nun fragen, warum lebten -die wohl so? Armut allein war’s nicht, denn damals -war fast jeder ein freier Kosak und hatte sich in fremden -Ländern nicht wenig Reichtümer erbeutet; nein, man -sehnte sich gar nicht nach einem richtigen Hause. Was -trieben sich damals nicht allerorts für Menschen herum: -Leute aus der Krim, Polen, Litauer usw. Oft geschah -es auch, daß man von den eigenen Landsleuten -geschunden wurde. Ja ja, da kam mancherlei vor. -</p> - -<p> -In diesem Weiler nun tauchte zuweilen ganz plötzlich -ein Mensch oder richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt -auf. Woher er kam und zu welchem Zwecke — -das wußte niemand. Er soff, vergnügte sich, — und -auf einmal war er verschwunden, wie wenn er in die -Erde gesunken wäre. Dann kam er wieder, wie vom -Himmel gefallen, trieb sich auf den Straßen des Dorfes -umher, von dem jetzt keine Spur mehr übrig ist, und -das vielleicht nicht mehr als hundert Schritte von Dikanka -entfernt war, sammelte die ersten besten Kosaken -um sich, und dann ging ein Lachen und Singen an: -das Geld wurde nur so ausgeschüttet, und der Schnaps -rann dahin wie Wasser. Dann ging er zu den Mädchen -und schenkte ihnen Bänder, Ohrringe und Perlen — -in vollen Haufen! Freilich, so manches Mädel wurde -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -bedenklich bei diesen Geschenken: Weiß Gott, am Ende -waren sie in der Tat durch unreine Hände gegangen. -Die leibliche Tante meines Großvaters, die damals auf -der heutigen Landstraße von Oposchnjani einen Ausschank -hatte, in dem Bassawrjuk (so hieß dieser Teufelskerl) -oft zechte, pflegte zu sagen, sie würde um keinen Preis -in der Welt ein Geschenk von ihm annehmen. Aber -wie konnte man wiederum etwas zurückweisen? — Jedem -wurde gruselig zumute, wenn <em>er</em> seine borstigen Brauen -runzelte und einen finstern Blick auf einen warf, daß -man am liebsten ausgerissen wäre; nahm man aber -das Geschenk an, so konnte man schon in der nächsten -Nacht einen Gast aus dem Moor, einen mit Hörnern -auf dem Kopfe, erwarten. Und der würgte einen, -wenn man Perlen am Halse trug, biß einen in den -Finger, wenn ein Ring darauf steckte, oder riß einer -Frau fast den Zopf aus, wenn sie ein Band darein geflochten -hatte. Zehn Schritt vom Leibe mit solchen Geschenken! -Eine neue Not aber war es, sie los zu werden: -Man wirft sie ins Wasser — aber der teuflische -Ring oder die Perlen schwimmen oben auf und springen -einem wieder in die Hand zurück. -</p> - -<p> -Im Dorfe stand auch eine Kirche, die, wenn ich mich -recht besinne, dem heiligen Pantelej angehörte. Damals -nun waltete in ihr ein Priester namens Vater Afanassi, -seligen Angedenkens. Als er gewahrte, daß Bassawrjuk -sogar am Ostersonntag nicht in die Kirche kam, wollte -er ihn ausschelten und ihm eine Kirchenbuße auferlegen; -aber sieh da, er kam kaum mit heiler Haut davon. -„Hör mal, <em>Herr</em>!“ brüllte ihn jener an, „kümmere -dich lieber um deine Geschäfte, anstatt dich in fremde -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -zu mischen, wenn du nicht willst, daß dir dein Ziegenhals -mit einem heißen Sterbekuchen verkleistert wird!“ -Was konnte man mit diesem Gottverdammten anfangen? -Vater Afanassi erklärte nun jeden, der mit Bassawrjuk -verkehren würde, für einen Römling, und für einen -Feind der Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts. -</p> - -<p> -In demselben Dorfe hatte auch ein Kosak namens -Korsch einen Arbeiter, den die Leute Peter Heimatlos -nannten, vielleicht deshalb, weil er weder seinen Vater -noch seine Mutter kannte. Der Kirchenvorstand hatte -zwar gesagt, die wären schon in seinem zweiten Lebensjahr -an der Pest gestorben; aber die Tante meines Großvaters -wollte es nicht wahrhaben und war aus aller -Kraft bemüht, ihm Eltern aufzudrängen, obgleich der -arme Peter sich geradesoviel um diese Frage kümmerte, -wie wir um den vorjährigen Schnee. Sie behauptete, -sein Vater befinde sich jetzt noch in der Saporoger -Gegend, sei in Gefangenschaft bei den Türken gewesen, -habe Gott weiß welche Qualen erdulden müssen, und -habe nur durch ein Wunder, als Eunuch verkleidet, -Reißaus nehmen können. Die schwarzbrauigen Mädels -und die jungen Weibsleute scherten sich wenig um seine -Verwandtschaft. Sie äußerten nur, wenn man ihm einen -feinen Rock — etwa einen neuen Schupan — anzöge, einen -roten Gürtel umlegte, eine neue Mütze aus schwarzem Lammfell -mit einer schmucken blauen Kappe aufsetzte, ihm einen -türkischen Säbel an die Seite schnallte, und in die eine -Hand einen langen Degen und in die andere eine hübsch -eingefaßte Pfeife gäbe — dann würde er alle andern -Burschen in die Tasche stecken. Aber der arme Petrusj -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -besaß alles in allem nur einen einzigen grauen Kittel, -der mehr Löcher hatte, als mancher Jude Dukaten in -der Tasche. Doch das wäre noch nicht schlimm gewesen, -was schlimm war, war vielmehr dies: der alte -Korsch hatte ein Töchterchen, eine Schönheit, wie ihr sie -wohl kaum je gesehen habt. Die Tante des seligen -Großvaters pflegte zu erzählen, — und ihr wißt ja, ein -Weib wird, mit Verlaub zu sagen, eher den Teufel küssen, -als eine andere schön nennen, — daß die runden -Bäckchen des Kosakenmädchens so frisch und glänzend -waren wie die allerzarteste rote Mohnblume, die sich in -Gottes Tau gebadet hat und nun aufleuchtet, ihre Blättchen -ausbreitet und sich vor der aufgehenden Sonne putzt. -Wie schwarze Schnürchen, die die Mädchen heutzutage -bei den Hausierern in den Dörfern für ihre Kreuze und -Schmuckdukaten kaufen, so zart schwangen sich die Brauen -über ihren Augen, als spiegelten sie sich in ihrem klaren -Kristall. Ihr Mündchen, nach dem der ganzen jungen -Welt von damals der Mund wässerte, schien wie geschaffen -für die Gesänge einer Nachtigall. Ihr Haar, -schwarz wie Rabenfittiche und weich wie junger Flachs -(denn damals flochten es die jungen Mädchen noch nicht -zu kleinen Zöpfchen, durch die sie sich jetzt hübsche bunte -Bänderchen ziehen) fiel in vollen Locken auf den goldbestickten -Überwurf herab. Ei, da soll mich doch Gott -von der Kanzel nie wieder das Hallelujah singen lassen, -wenn ich sie nicht auf der Stelle abküssen möchte, und -wenn auch der alte Wald auf meinem Schädel schon -so ziemlich grau ist, und meine Alte sich mir an die -Seite heftet, wie ein Star ins Auge. Na, wenn ein -Bursch und ein Mädel nah beieinander wohnen .... -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -ja, da wißt ihr schon, was draus wird. Man konnte -stets in aller Herrgottsfrühe den Abdruck der Stiefeleisen -auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj -gestanden hatte. Korsch hätte immer noch nichts Schlimmes -geahnt, aber einst, — und das kam durch nichts -anderes als durch die List eines Teufels — da fiel es -Petrusj ein, ohne sich genauer im Flur umzusehen, sozusagen -von ganzer Seele einen Kuß auf die rosigen -Lippen des Kosakenmädchens zu pressen. Und dieser selbe -Teufel, — mag doch der Hundesohn vom heiligen Kreuz -träumen! — ritt den alten Knasterbart, daß er gerade -zu dieser Zeit die Tür öffnete. Korsch stand da wie ein -Holzklotz, sperrte den Mund auf und mußte sich an die -Tür lehnen. Der verdammte Kuß schien ihn vollkommen -betäubt zu haben. Er kam ihm lauter vor als -der Schlag eines Mörserstößels auf ein Brett, mit dem -zu unserer Zeit die Bauern in Ermangelung von Pulver -und Flinte den Festschmaus zu Ehren Johannes des -Täufers begleiten. Als er wieder zu sich gekommen war, -nahm er seine Nagaika aus Urväter Zeiten von der -Wand und wollte sie schon auf den Rücken des armen -Peter niedersausen lassen, da erschien auf einmal Pidorkas -sechsjähriges Brüderchen Iwasj, kam erschreckt herbeigelaufen, -umschlang seine Beine mit den Händchen und -schrie: „Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht!“ Was -war da zu machen? Ein Vaterherz ist nicht von Stein: -er hing die Nagaika an die Wand und führte ihn leise -aus dem Zimmer hinaus. „Wenn du dich jemals wieder -hier im Hause sehen läßt oder auch nur am Fenster, so -höre, Petrusj: Bei Gott, dein schwarzer Schnurrbart ist -dahin und auch deine Kosakenlocke, die du dir doppelt -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -ums Ohr wickelst, — ich will nicht Terenti Korsch sein, -wenn sie nicht von deinem Schädel Abschied nimmt!“ -Bei diesen Worten versetzte er ihm einen leichten Stoß -in den Nacken, so daß Petrusj Hals über Kopf hinausflog. -So weit hatten sie es mit dem Küssen gebracht. -Ein schwerer Kummer überfiel unser Täubchen; dazu -ging noch im Dorfe das Gerücht um, zu Korsch ins -Haus käme ein goldbeladener Pole mit Schnurrbart, -Säbel und Sporen, dessen Taschen so klirrten wie der -Klingelbeutel, den unser Meßner Taras täglich in der -Kirche umgehen läßt. Nun man weiß ja, wozu man -einen Vater besucht, der eine schwarzäugige Tochter hat. -Einmal schlang Pidorka die Arme um ihren Bruder -Iwasj: „Iwasj, mein Liebling, bester Iwasj! Lauf zu -Petrusj, mein goldenes Kind, rasch wie ein Pfeil vom -Bogen schnellt, und erzähl ihm alles: ich möchte seine -grauen Augen liebkosen und sein weißes Antlitz küssen, -aber das Schicksal will es nicht. Manches Tuch habe -ich mit meinen heißen Tränen benetzt, mir ist so bang -und so schwer ums Herz. Mein eigner Vater ist mir -feind und zwingt mich, dem ungeliebten Polen in die -Ehe zu folgen. Sag ihm, man bereite schon die Hochzeit -vor, doch es soll keine Musik auf unserer Hochzeit -geben, und nur die Küster werden plärren, statt daß -Zither und Schalmei erklingen. Und nicht werde ich mit -meinem Gemahl zum Tanze gehen, sondern hinaustragen -wird man mich aus dem Hause. Dunkel und düster -wird mein enges Haus sein — aus Ahornbrettern wird -es gezimmert sein, und statt eines Schlotes wird ein -Kreuz auf dem Dache stehn!“ -</p> - -<p> -Wie versteinert und ohne sich von der Stelle rühren -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -zu können, hörte Petrusj das unschuldige Kind Pidorkas -Worte nachlallen. „Dacht’ ich Unglücklicher nicht schon -daran, in die Krim oder ins Türkenland zu ziehen, -mir Gold zu erbeuten und mit vielen Gütern beladen -zu dir zurückzukehren, du meine Schönste? Doch es -sollte nicht sein. Ein böser Blick hat uns getroffen. -Wohl werden wir Hochzeit feiern, mein teures Fischlein -du, aber kein Küster wird auf unserer Hochzeit singen — -statt eines Popen krächzt mir zu Häupten ein schwarzer -Rabe, das weite Feld wird mein Haus und die graue -Wolke mein Dach sein; meine grauen Augen hackt der -Adler aus; der Regen wird mir die Kosakenknochen -bleich waschen, und der Sturmwind wird sie austrocknen. -Doch was tu ich? Wem klag’ ich was vor? Gott hat’s -wohl so angeordnet! Verloren ist verloren!“ — Und -stracks zog er in die Schenke. -</p> - -<p> -Die Tante meines seligen Großvaters war nicht wenig -erstaunt, als sie Petrusj in der Schenke sah, und dazu -noch zu einer Zeit, wo ein braver Mensch zur Frühmesse -geht. Sie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie -wenn sie noch im Schlafe läge, als er einen Krug — -oder richtiger fast einen halben Eimer voll Branntwein -bestellte. Allein vergebens suchte der Ärmste seinen -Kummer zu ertränken. Der Schnaps brannte ihm auf -der Zunge wie Nesseln und dünkte ihn bitterer als Wermut. -Weit von sich warf er den Krug zu Boden. Da -dröhnte es im Baß über seinem Kopfe: „Laß doch das -Trauern, Kosak!“ Er schaut auf: Es war Bassawrjuk! -Uh, welche Fratze! Der hatte Haare wie ein Borstenvieh -und Augen wie ein Bulle! „Ich weiß, was dir -fehlt: das da!“ rief er und klirrte teuflisch grinsend mit -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -seiner ledernen Geldkatze, die ihm am Gürtel hing. -Petrusj erbebte. „Hehe, wie die glühen!“ brüllte er -und schüttete sich die Dukaten auf die Hand. „Hehe, -die klimpern! Und doch heißt’s nur eine einzige Tat -vollbringen, um einen ganzen Berg solcher Schnipsel!“ — -„Satan!“ schrie da Petrusj. „Her damit! Ich bin zu allem -bereit!“ Beide gaben sich den Handschlag und waren einig. -„Sieh, Petrusj, du kommst gerade zur rechten Zeit: morgen -ist Johannistag. Nur in dieser einen Nacht des -Jahres treibt das Farnkraut Blüten. Du darfst es nicht -verpassen. Ich erwarte dich um Mitternacht in der Bärenschlucht.“ -</p> - -<p> -Ich glaube, die Hühner warten nicht so auf den -Augenblick, wo ihnen die Hausfrau Krumen streut, wie -Petrusj auf den Abend wartete. Immerwährend blickte -er aus, ob die Baumschatten nicht länger würden, ob -nicht die tief herabgesunkene Sonne in Purpur erglömme, -und je länger er wartete, um so ungeduldiger wurde er. -Wie lange dauerte das doch! Gottes Tag konnte wohl -kein Ende finden. — Nun ist die Sonne fort. Nur -noch auf einer Seite rötet sich der Himmel noch. -Und schon erlischt er. Es wird kälter im Felde; dunkler -und dunkler wird’s, und alles liegt in nächtlicher -Finsternis da. Endlich! Das Herz wollte ihm schier -aus der Brust springen, als er sich auf den Weg -machte und mit Vorsicht durch den dichten Wald zu dem -tiefen Grunde herabstieg, der Bärenschlucht genannt -wurde. Bassawrjuk wartete schon auf ihn. Es war so -finster, daß man die Hand vor den Augen nicht sah. -Hand in Hand schlichen sie durch die Sümpfe des Moors, -verfingen sich im dichten Gestrüpp und strauchelten fast -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -bei jedem Schritte. Endlich fanden sie einen ebenen -Platz. Petrusj sah sich um: Er war noch nie hier gewesen. -Auch Bassawrjuk blieb stehen. -</p> - -<p> -„Siehst du: da vor dir liegen drei Hügel. Viel -mannigfache Blumen wachsen dort; doch alle Mächte -der Welt mögen dich bewahren, auch nur eine zu -pflücken. Kaum aber erblüht der Farn, so greif nach -ihm und blick dich nicht um, was du auch hinter dir -dünken magst.“ -</p> - -<p> -Petrusj wollte noch etwas fragen .... aber jener -war verschwunden. Er ging auf die Hügel zu: wo -waren die Blumen? Es war nichts zu sehen. Schwarz -lag das wilde Steppengras da und überwucherte alles -mit seinem Gestrüpp. Da blitzte ein Wetterleuchten auf, -und vor ihm erschien ein ganzes Beet voll wundersamer -und nie gesehener Blumen; darinnen sah er auch die -einfachen Blätter des Farnkrautes. Voller Zweifel -stemmte Petrusj beide Hände in die Hüften und stellte -sich nachdenklich vor sie hin. -</p> - -<p> -„Was ist denn Wunderbares dabei? Zehnmal des -Tages sehe ich solches Kraut: was ist denn das für ein -Mirakel? Am Ende macht sich die Teufelsfratze nur -über mich lustig!“ -</p> - -<p> -Auf einmal aber glüht ein kleines Knöspchen rot auf -und rührt sich wie wenn es lebendig wäre. Seltsam -fürwahr! Rührt sich, wird immer größer und größer -und glüht heiß wie eine rote Kohle. Da flammte ein Sternchen -auf, etwas knisterte leise, und vor seinen Augen entfaltet -sich die Blume wie eine Flamme, loht leuchtend -auf und überstrahlt alles rings herum. -</p> - -<p> -„Jetzt ist’s Zeit,“ dachte Petrusj und streckte die -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -Hand aus. Aber siehe, da strecken sich noch hundert -andere zottige Hände nach der Blume aus, und hinter -ihm läuft raschelnd etwas von Ort zu Ort. Er drückte -die Augen zu, riß am Stengel, und die Blume blieb -in seiner Hand. Alles verstummte. Da tauchte Bassawrjuk, -auf einem Baumstumpf sitzend, empor: ganz -bläulich wie eine Leiche. Er rührte keinen Finger, -seine Augen waren starr auf etwas gerichtet, das nur -ihm allein sichtbar war; sein Mund stand halb offen, -aber er sprach nichts. Ringsum rührte sich nichts. Wie -furchtbar war Petrusj zumute! .... Aber nun vernahm -Petrusj ein Pfeifen, daß ihm das Herz im Leibe -erstarrte, und es kam ihm so vor, als ob das Gras -summe, und die Blumen sich mit dünnen Stimmchen -unterhielten, die wie silberne Glöcklein klangen. Die -Bäume donnerten grollend durcheinander .... Bassawrjuks -Antlitz wurde auf einmal lebendig. Seine Augen -funkelten. „Endlich ist sie da, die Hexe,“ grunzte er -durch die Zähne. „Petrusj schau, bald wird dir eine -schöne Frau erscheinen: Tu alles, was sie dir befiehlt, sonst -bist du auf ewig verloren!“ Er zerteilte das Dickicht -mit einem Knotenstock, und vor ihnen erschien ein -Häuschen, das auf Hühnerfüßchen stand, wie es im -Märchen heißt. Bassawrjuk schlug mit der Faust dagegen, -und die Wand wankte. Ein großer, schwarzer -Hund kam winselnd herausgelaufen, verwandelte sich -plötzlich in eine Katze und warf sich ihnen entgegen. -„Tobe nicht, wüte nicht, alte Teufelin,“ rief Bassawrjuk -und würzte seine Rede mit so einem Wörtlein, daß sich -ein rechtschaffener Mensch dabei die Ohren zugestopft -hätte. Da wurde die Katze zu einem alten Weibe mit -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -einem so runzligen Gesicht wie ein gebratener Apfel, -und krümmte sich wie ein Bogen; Nase und Kinn -glichen einem Nußknacker. „Welch herrliche Schönheit!“ -dachte Petrusj, und es überlief ihn kalt. Die Hexe riß -ihm die Blume aus der Hand, beugte sich über sie, -flüsterte einen langen Spruch vor sich hin und besprengte -sie mit einer unbekannten Flüssigkeit. Funken -stoben aus ihrem Munde, und Schaum trat ihr auf die -Lippen. „Wirf sie hin“, rief sie, indem sie ihm die -Blume reichte. Petrusj warf die Blume hin, aber — -o Wunder: die Blume fiel nicht gleich zur Erde, sondern -leuchtete lange wie eine Feuerkugel mitten im Dunkel -und segelte wie ein Kahn durch die Luft; endlich begann -sie sich leise zu senken und fiel so fern von ihnen -herab, daß das Sternchen kaum mehr zu sehen war und -nicht größer erschien, denn ein Mohnkorn. „Hier!“ -krächzte die Alte dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm -einen Spaten hin und rief: „Grabe hier nach, Petrusj! -Da wirst du so viel Gold finden, als weder du noch -Korsch je geträumt haben!“ — Petrusj spie sich in die -Hände, ergriff den Spaten, trat mit dem Fuß darauf -und wühlte die Erde auf, einmal, noch einmal, -ein drittes Mal, noch einmal .... Da stieß er auf -etwas Hartes! .... Der Spaten klirrte und wollte -nicht tiefer in die Erde hinein. Jetzt begannen seine -Augen plötzlich ganz deutlich eine kleine, eisenbeschlagene -Kiste wahrzunehmen. Schon wollte er sie mit der Hand -erfassen, aber die Kiste begann immer tiefer und tiefer -in die Erde zu sinken, und hinter sich vernahm er ein -Lachen, das dem Zischen von Schlangen glich. „Nie -sollst du das Gold erschauen, ehe du nicht Menschenblut -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -herbeischaffst!“ rief die Hexe und führte auf einmal ein -etwa sechsjähriges Kind vor ihn hin, das mit einem -weißen Tuch bedeckt war; sie deutete ihm mit Zeichen an, -er müsse dem Kinde den Kopf abhacken. Petrusj erstarrte. -Ist’s denn eine Kleinigkeit, so mir nichts, dir -nichts einem Menschen den Kopf abzuhacken, und dazu -noch einem unschuldigen Kinde! Wütend riß er das -Tuch vom Kopfe, und was sah er? Vor ihm stand -Iwasj! Das arme Kind stand mit gekreuzten Händchen -und gesenktem Köpfchen da .... Wie ein Rasender -sprang Petrusj mit dem Messer auf die Hexe los und -erhob die Hand .... -</p> - -<p> -„Was versprachst du, für das Mädchen zu tun?“ -donnerte ihn Bassawrjuk an, und versetzte ihm einen -Schlag in den Rücken, der ihn traf wie ein Schuß. -Die Hexe stampfte mit dem Fuße, und eine blaue Flamme -sprang aus dem Boden. Das Innere der Erde strahlte -auf und war wie aus Glas, und alles in der Erde wurde -so deutlich sichtbar, gleich als läge es auf der flachen Hand! -In Kisten und Kesseln waren Dukaten und Edelsteine haufenweise -aufgestapelt, genau unter der Stelle, auf der sie -standen. Des Petrusj Augen brannten, .... sein -Verstand verfinsterte sich .... wie ein Toller packte er das -Messer, und das unschuldige Blut spritzte ihm in die -Augen. Ein teuflisches Gelächter toste auf allen Seiten. -— Widerwärtige Ungeheuer sprangen scharenweise vor -ihm auf und ab. Wie ein Wolf, die Hände in den -enthaupteten Leichnam gekrallt, sog die Hexe das Blut. -In Petrusj Kopf kreiste alles, und mit dem Aufwand -seiner letzten Kräfte begann er zu laufen. Alles vor -ihm versank in rotes Licht. Alle Bäume brannten in -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -rotem Blut und stöhnten. In Rotglut getaucht wankte -der Himmel hin und her. Feuerflecke zuckten glimmend -vor seinen Augen auf. Entkräftet lief er bis in seine -Hütte, sank dort zu Boden wie eine Ähre und ein totenähnlicher -Schlaf umfing ihn. -</p> - -<p> -Zwei Tage und zwei Nächte schlief Petrusj, ohne -zu erwachen. Als er am dritten Tage wieder zu sich -kam, betrachtete er lange alle Ecken und Winkel seiner -Stube, doch vergeblich suchte er sich an die Begebenheiten -der letzten Zeit zu erinnern: sein Gedächtnis glich -der Tasche eines alten Geizhalses, aus der man keinen -Heller herauslocken kann. Nachdem er sich ein wenig -gereckt hatte, vernahm er plötzlich zu seinen Füßen ein -Klirren. Sieh da: vor ihm lagen zwei Säcke voll Gold. -Erst jetzt erinnerte er sich wie in einem Träume, daß er -einen Schatz gesucht hatte, und wie es grausig im Walde -gewesen war .... Aber um welchen Preis er ihn erhalten -hatte, darauf konnte er sich durchaus nicht mehr besinnen. -</p> - -<p> -Sowie Korsch die Säcke erblickte, da wurde er seidenweich. -„Petrusj, so ein Herzensjung’, den sollt’ ich -nicht lieben? Der war mir doch stets wie mein eigner -Sohn!“ Und der alte Knurrhahn begann so zu schwefeln, -daß dem Petrusj die Tränen in die Augen kamen. Da -lief Pidorka bestürzt herbei und begann zu erzählen, -Iwasj sei von vorbeiziehenden Zigeunern gestohlen worden. -Aber Petrusj konnte sich nicht einmal mehr auf ihn -besinnen, so sehr stand er im Banne des verdammten -Teufelsspukes! Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. -Der Pole wurde vor die Tür gesetzt, und man feierte -Hochzeit: da wurden Kuchen gebacken, Wäsche genäht, -man rollte ein Fäßchen Schnaps herbei, das junge Paar -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -ward an den Tisch gesetzt, das Hochzeitsgebäck aufgeschnitten, -da klimperten Harfen und die Saiten des -Zymbals, es kreischten die Schalmeien und die Zithern -summten — und die Lustbarkeit begann .... -</p> - -<p> -Ein Hochzeitsfest aus alten Tagen ist nicht mit -einem in unserer Zeit zu vergleichen. Die Tante meines -Großvaters erzählte — hei juchhei! Ei wie da die Mädels im -prächtigen Kopftuch mit den gelben, blauen und rosa Bändern -und der Goldtresse daran darauf lossprangen. Sie -hatten feine Hemden an, deren Nähte mit roter Seide -bestickt waren und die kleine silberne Blümchen zierten, -und hohe Saffianstiefelchen, die mit Hufeisen beschlagen -waren; stolz wie Pfauen flogen sie gleich einem Wirbelwind -rauschend durchs Zimmer. Wie da die jungen Frauen -eine nach der anderen hervortraten mit ihrem bootsartigen -Kopfputz, dessen Kappe aus Brokat gewirkt war, -mit einem Nackenausschnitt, durch den das goldene -Häubchen mit den zwei herabbaumelnden Zipfelchen aus -feinstem schwarzen Lammfell hervorguckte, in ihren -blauen Ueberwürfen aus herrlichstem Seidenstoff mit -roten Aufschlägen — ei wie sie da gar würdig, die -Hände auf die Hüften gestützt, eine nach der anderen -hervortraten, und im Takt ihren Hopak tanzten. Wie -da die Burschen in ihren hohen Kosakenmützen, in feinen -Tuchkitteln mit silbergesticktem Gürtel, und die Pfeife -zwischen den Zähnen um sie herum scharwenzelten und -ihr Licht durchaus nicht unter den Scheffel stellten! -Korsch selbst konnte beim Anblick des jungen Volkes -nicht mehr an sich halten und legte los wie in alten -Tagen. Mit der Harfe in der Hand, aus der Pfeife -paffend und ein Lied vor sich hin singend, so begann -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -der Alte, mit dem Schnapsglas auf dem Kopf, beim -lauten Geschrei der lustigen Kumpanei seinen Hopser -herunter zu stampfen. Was die nicht alles in ihrer -Lustigkeit anstifteten! Schon wenn man anfing, Mummenschanz -zu treiben, Gott, was gab’s da nicht alles. -Das war eine ganz andere Mummerei als auf unseren -heutigen Hochzeiten. Was macht man denn heute? -Man verkleidet sich als Zigeunerinnen und Moskowiter, -das ist alles! Nein, damals verkleidete sich einer als -Jude und der andere als Teufel; erst küßte man sich, -und dann packte man einander beim Schopf .... Ich -bitt’ euch, das gab ein Lachen, daß man sich den Bauch -halten mußte. Oder man legte türkische und tatarische -Gewänder an, die da glühten wie das reine Feuer .... -Und wenn man erst wirklich anfing, Unsinn und Schabernack -zu treiben .... das war geradezu zum Platzen! -Mit der Tante meines verstorbenen Großvaters, die -mit auf dieser Hochzeit war, begab sich eine drollige -Geschichte. Sie trug damals ein weites tatarisches -Kleid und ging mit dem Schnapsglas in der Hand -umher, um alle wohl zu versorgen. Da mußte einen -der Teufel reiten, daß er sie von hinten mit Branntwein -begoß, ein anderer mußte gerade in diesem -Augenblick Feuer schlagen, und so setzten sie sie denn -lichterloh in Brand. Die Flammen flackerten im Nu -hoch auf: die arme Tante begann sich voller Schrecken -in aller Gegenwart die Kleider vom Leibe zu reißen .... -Was sich da für ein Lärm, Gelächter und ein wildes -Durcheinander erhob, rein wie auf einem Jahrmarkt! -Kurz, die ältesten Leute konnten sich nicht auf eine so -lustige Hochzeit besinnen. -</p> - -<p> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Pidorka und Petrusj begannen ein Leben miteinander -wie die feinsten Herrschaften. Alles war in Hülle und -Fülle vorhanden, alles blinkte und funkelte nur so .... -Doch die lieben Nachbarn, die ihren Wohlstand mitansahen, -schüttelten nur den Kopf. „Vom Teufel kommt -nichts Gutes!“ sagten sie alle einstimmig. „Woher -hat er denn den Reichtum, wenn nicht vom Versucher -aller rechtgläubigen Christen? Wo hätte er einen solchen -Haufen Goldes wohl hergenommen? Warum ist Bassawrjuk -gerade an demselben Tage verschwunden, als Petrusj -zu seinem Reichtum kam?“ — Und was die -Leute noch alles redeten. Und in der Tat; es war noch -kein Monat vergangen, da war Petrusj nicht mehr -wiederzuerkennen. Was mit ihm geschehen war, das -weiß Gott allein. Sitzt immer auf ein und derselben -Stelle fest und redet kein Wort; er grübelt nur immer, -als wollte er sich auf etwas besinnen. Wenn es Pidorka -gelang, ein Wort aus ihm herauszupressen, sodaß -er sich vergaß, ins Gespräch kam und sogar ganz heiter -wurde, dann brauchte er nur wie zufällig auf die Geldsäcke -zu blicken, und sofort schrie er los: „Halt, halt, -ich hab’s vergessen!“ Und wieder verfiel er in Sinnen -und quälte sich ab, eine Erinnerung heraufzurufen. -Manchmal, wenn er lange Zeit still auf einem Flecke -saß, kam es ihm so vor, als ob etwas Längstvergangenes -wieder in sein Gedächtnis zurückkehrte .... aber -gleich darauf verschwand alles wieder. Es dünkt ihn, -er sitzt in der Schenke, man bringt ihm Schnaps, der -Schnaps brennt ihm auf der Zunge und widert ihn -an; jemand tritt zu ihm — schlägt ihm auf die Schulter, -und er .... Aber dann schien alles vor ihm in einen -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -Nebel zu sinken, der Schweiß rann ihm vom Gesicht, -und er sank erschöpft wieder auf seinen Platz zurück. -</p> - -<p> -Was auch Pidorka tun mochte: Kluge Frauen befragen, -Zinndeuten, Wasser besprechen — nichts wollte helfen. -So verging der Sommer. Manch ein Kosak hatte schon -sein Korn abgemäht und sein Heu geschnitten; manch -kühnerer Kosak war ins Feld gezogen. Schwärme von -Enten drängten sich auf unseren Weihern, und der Zaunkönig -war schon längst verschwunden. Die Steppen färbten -sich rot, Getreidehaufen lagen hie und da verstreut -wie Kosakenmützen auf dem Felde. Auf den Wegen -konnte man schon Wagen begegnen, die mit Reisig und -Holz beladen waren. Die Erde wurde hart, und zeitweise -gab es schon Frost. Schon rieselte der Schnee vom Himmel -herab, und die Zweige der Bäume waren mit Rauhreif -verziert wie mit Hasenpelzchen. Schon stolzierte in -klaren Wintertagen der rotbrüstige Gimpel wie ein eitler, -polnischer Schlachziz auf den Schneehaufen umher und -suchte sich Körner, und die Kinder trieben mit Riesenstäben -hölzerne Bälle übers Eis, während ihre Väter -ruhig hinter den Öfen lagen und nur ab und zu mit -der brennden Pfeife im Munde vors Haus gingen, um -tüchtig auf den russischen Frost zu schimpfen, um -sich mal auszulüften, oder weil sie das Korn in den -Schobern noch einmal durchdreschen wollten. Endlich begann -der Schnee zu schmelzen, und der Hecht schlug mit -dem Schwanze das Eis auf; Petrusj aber war derselbe -geblieben, und nur um so düsterer geworden, je weiter die -Zeit vorrückte. Wie angeschmiedet saß er mitten im Zimmer, -die Säcke mit dem Golde zwischen den Beinen. -Er verwilderte, war ganz und gar mit Haaren bewachsen, -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -und wurde ein wahres Schreckbild; immer denkt er an -ein und dasselbe, will sich etwas ins Gedächtnis zurückrufen, -grollt mit sich und wütet, daß es ihm nicht -gelingt. Oft springt er wild von seinem Sitze auf, -fährt mit den Händen umher und heftet seine Augen -auf etwas, als ob er es festhalten wollte; seine Lippen -bewegen sich, als wollten sie ein längst vergessenes -Wort aussprechen und — erstarren ...... Tobsucht -packt ihn; wie toll nagt und beißt er an seinen Händen, -und voll Grimm reißt er sich ganze Büschel von -Haaren aus, bis er wieder still wird, bewußtlos hinsinkt, -wieder zu sinnen anfängt; und dann wieder dieselbe -Wut, und dieselbe Qual ..... Was für eine Strafe -Gottes war das! Was Pidorka durchmachen mußte, -das war kein Leben mehr! Zuerst graute sie’s, allein im -Hause zu bleiben, aber dann gewöhnte sich die Ärmste -an ihr Unglück. Die Pidorka von einst war nicht mehr -wiederzuerkennen. Ihr Gesicht hatte weder Farbe noch -ein Lächeln mehr; abgehärmt und abgezehrt war’s, ausgeweint -waren die klaren Augen. Einst gab ihr jemand -aus Erbarmen den Rat, sie solle zu der Zauberin gehen, -die in der Bärenschlucht hauste, und von der der Ruf -ausging, sie könne alle Gebreste der Welt heilen. Sie -beschloß, dies letzte Mittel zu versuchen. Nach vielem Hin -und Her überredete sie endlich die Alte, mit ihr mitzugehen. -Es war gegen Abend und gerade vor Johannisnacht. -Petrusj lag besinnungslos auf der Bank und -nahm den neuen Gast gar nicht wahr. Doch bald begann -er sich nach und nach aufzurichten und um sich zu blicken. -Plötzlich erbebte er wie auf dem Schafott; sein -Haar sträubte sich .... und er brach in ein solches -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -Lachen aus, daß die Angst Pidorka ins Herz schnitt. -„Ich hab’s, ich hab’s!“ schrie er in fürchterlicher Lustigkeit, -schwang das Beil hoch empor und ließ es aus aller -Leibeskraft auf die Alte fallen. Das Beil sauste zwei -Zoll tief in die Eichentür hinein. Die Alte war verschwunden, -und mitten in der Stube stand ein Kind von sieben -Jahren in weißem Hemdchen mit verhülltem Haupte .... -Das Tuch flog herunter. „Iwasj!“ schrie Pidorka und -stürzte auf ihn zu; doch das Gespenst war vom Kopf -bis zu Füßen mit Blut bedeckt und erglühte in rotem Lichte, -das die ganze Stube in brennendes Rot tauchte. Voller -Angst lief sie auf den Flur; als sie wieder ein wenig zu -sich gekommen war, wollte sie ihm helfen; aber vergebens! -Die Tür war so fest hinter ihr zugeschlagen, daß man -nicht imstande war, sie wieder zu öffnen. Die Leute -liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die Tür -ein: Keine Seele war da! Die ganze Stube war voll -Rauch, nur in der Mitte, wo Petrusj gestanden hatte, -lag ein Haufen Asche, von dem hie und da ein Qualm -aufstieg. Man eilte zu den Säcken, darin lagen statt der -Dukaten nur zerbrochene Scherben. Mit glotzenden Augen, -aufgesperrten Mäulern, und ohne den Mut, sich zu -regen, standen die Kosaken wie angewurzelt da. In solche -Angst hatte sie dies Wunder versetzt. -</p> - -<p> -Was weiter geschah, das weiß ich nicht. Pidorka -legte das Gelübde ab, eine Pilgerfahrt zu machen; sie -suchte ihr Hab und Gut zusammen, das ihr vom Vater -übrig geblieben war, und war in der Tat einige Tage -später aus dem Dorfe verschwunden. Wohin sie sich -begeben hatte, das wußte niemand zu sagen. Geschwätzige -alte Weiber wollten wissen, sie sei dort, wo auch Petrusj -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -sei; aber ein Kosak, der aus Kiew kam, erzählte, er habe -im Kloster eine zum Skelett abgemagerte Nonne gesehen, -die immerwährend betete und in der ihre Landsleute -allen Anzeichen nach Pidorka wiedererkannt hätten. -Bis jetzt, hieß es, habe noch niemand von ihr ein einzig -Wörtlein gehört, sie solle allein zu Fuß gekommen sein -und habe eine Fassung für das Heiligenbild der Mutter -Gottes mitgebracht, eine Fassung, die mit solchen bunten -Steinen besetzt gewesen sei, daß allen die Augen flimmerten, -wenn sie sie ansähen. -</p> - -<p> -Mit Verlaub, aber damit war noch nicht alles zu -Ende. An demselben Tage, als der Böse Petrusj zu -sich genommen hatte, tauchte auch Bassawrjuk wieder -auf; aber alle mieden ihn von nun ab. Man wußte -jetzt, was das für ein Vogel war: niemand anders als -der Satan war’s, der Menschengestalt angenommen -hatte, um Schätze zu heben; und da unreine Hände -nicht Schätze heben können, so lockte er brave Burschen -an sich. Noch in demselben Jahre ließen alle ihre Lehmhütten -stehen und liegen und zogen ins Kirchdorf; aber -auch dort hatte man keine Ruhe vor dem verfluchten -Bassawrjuk. Die Tante meines verstorbenen Großvaters -erzählte, er habe eine besondere Wut auf sie gehabt, -weil sie ihre alte Schenke auf der Landstraße nach -Oposchnjany aufgegeben hatte, und er habe mit allen -Mitteln versucht, seinen Zorn an ihr auszulassen. Einst -waren die Dorfältesten in der Schenke beieinander; sie -saßen und unterhielten sich, wie man so sagt, nach Amt -und Würden am Tisch, auf dessen Mitte ein gewiß -nicht allzu kleiner gebratener Hammel stand. Man schwatzte -über dies und jenes, auch über mannigfache Wunder -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -und Ungeheuerlichkeiten. Auf einmal schien’s, und nicht -nur einem, — was ja nichts bedeuten würde, — sondern -allen, als ob der Hammel den Kopf erhob, die gebrochenen -Augen wie lebendig leuchteten, und als ob -plötzlich ein borstiger schwarzer Schnurrbart sich auf die -Anwesenden zubewegte. Alle erkannten in dem Hammelkopf -sofort die Fratze Bassawrjuks, und die Tante meines -Großvaters dachte schon, er würde gleich Schnaps bestellen! -.... Die guten Leutchen griffen nach ihren -Mützen und zogen ihres Weges. Ein anderes Mal sah -der Kirchenvorstand in eigener Person, der es liebte, ab -und zu ein Stündchen bei Großvaters Schnapsglas zu -verbringen, noch ehe er zum zweiten Male das Glas -geleert hatte, auf einmal, wie das Glas anfing, sich -ehrerbietigst vor ihm bis zur Erde zu verneigen. „Hol’ -dich der Teufel!“ rief er und begann sich zu bekreuzigen -..... Aber da widerfuhr seiner Ehehälfte -gleichfalls ein Wunder: sie hatte gerade begonnen, Teig -in einem mächtigen Trog zu kneten, da sprang der Trog -auf einmal in die Höhe. „Halt! Halt! Wohin willst -du?“ rief sie. Aber da begann er, die Henkel in die -Hüften gestemmt, ehrwürdig in der Stube umherzutänzeln -..... Ja lacht nur! Aber unserem Großvater -war’s nicht zum Lachen zumute. Vergeblich -ging Vater Afanassi im ganzen Dorfe mit Weihwasser -umher und suchte den Teufel durch Besprengen aller -Straßen zu vertreiben. Es half nichts. Noch lange -klagte die Tante meines verstorbenen Großvaters darüber, -daß, sobald es Abend wurde, jemand aufs Dach klopfte -und an den Wänden kratzte. -</p> - -<p> -Aber das ist noch nicht alles! Jetzt scheint ja auf -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -der Stelle, wo unser Dorf steht, alles ruhig zu sein; -aber es ist noch garnicht so lange her, — mein verstorbener -Vater und ich haben es noch erlebt — daß -kein ehrenwerter Mensch an der verfallenen Schenke, die -noch lange Zeit danach immer wieder von den unreinen -Geistern ausgebessert wurde, ohne Furcht vorbeigehen -konnte. Aus dem rußigen Schlot schlugen Säulen Qualms -empor, die so hoch in die Luft stiegen, daß einem beim -Hinaufsehen die Mütze herunterfiel, und aus dem Qualm -fielen glühende Kohlen über die ganze Steppe. Und -der Teufel — gar nicht nennen dürft’ man den Hundesohn -— schluchzte so jämmerlich in seiner Kammer, daß -die Aasgeier erschreckt in ganzen Scharen aus dem nahen -Eichenwäldchen emporstießen und mit wildem Geschrei -am Himmel umherschossen. -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-2-4"> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Mainacht<br /> -oder<br /> -Die Ertrunkene -</h3> - -<div class="epi-container"> - <div class="epi"> -<p class="epi"> -Der Teufel mag wissen wie’s kommt! -Machen sich ehrliche getaufte Leute an irgend -etwas, so müssen sie sich abrackern, wie der -Windhund hinterm Hasen, und kriegen’s doch -nie zu fassen. Kommt aber der Böse und -wackelt bloß mit dem Schwänzchen — da -geht’s auf einmal wie vom Himmel gefallen. -</p> - - </div> -</div> - -<h4 class="no pbb" id="subchap-2-4-1"> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -I.<br /> -Hanna -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ell</span> wie ein leuchtender Strom ergoß sich ein Lied -durch die Straßen des Dorfes ***. Es war -die Stunde, da Burschen und Mädchen, matt -von des Tages Müh und Sorge, sich lärmend im Kreise -versammeln, um im Glanz des reinen Abends ihre Lust -in Klängen hinauszujubeln, in denen stets etwas wie -eine geheime Trauer mitschwingt. Ganz in Sinnen versunken -umschlang der Abend träumerisch den blauen -Himmel und wandelte alles in Ungewißheit und Ferne. -Schon begann es zu dämmern, aber die Lieder verstummten -dennoch nicht. Mit der Harfe in der Hand -zieht Lewko einher. Er hat sich von den Sängern weggeschlichen, -der junge Kosak, des Dorfamtmanns Sohn. -Mit seiner hohen Kosakenmütz’ auf dem Kopfe zieht -der Kosak durch die Gasse, zupft mit der Hand die -Saiten und tänzelt dazu. Doch nun blieb er vor der -Tür eines Häuschens stehen, das niedrige Kirschbäume -umstanden. Wes Haus ist dieses? Und wes die Tür? -Nach kurzem Verweilen spielte er und sang: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> - <p class="verse">Sonne sinkt, Abend winkt,</p> - <p class="verse">Komm zu mir, mein Herzenskind!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Nein, mein helläugiges Liebchen schläft wohl schon -fest,“ sprach der Kosak, indem er sein Lied beendete und -ans Fenster trat. „Halja, Halja! Schläfst du, oder willst -du nicht zu mir kommen? Du fürchtest gewiß, es könnt’ -uns jemand erblicken, oder will sich am Ende gar dein -weißes Gesichtchen nicht in die Kälte hinauswagen? -Fürcht’ dich nicht, niemand ist in der Nähe; der Abend -ist warm. Ja, käm’ auch jemand, ich deck’ dich mit -meinem Kittel zu, ich will dich mit meinem Gürtel umwinden, -mit meinen Händen bedecken, — und niemand -wird uns sehen. Und wehte es selbst eisig kalt, ich -drück’ dich noch näher an mein Herz, ich wärm’ dich mit -Küssen und zieh meine Mütze über deine weißen Füßchen. -Mein Herz, mein Fischchen, mein Kleinod! Schau nur -einen Augenblick heraus. Steck nur dein weißes Händchen -durchs Fensterchen ... Nein, du schläfst nicht, -stolzes Mädchen!“ rief er lauter und in einem Ton, wie -ihn wohl jemand findet, der sich über einen Augenblick -der Erniedrigung schämt. „Dir gefällt’s, mich zu verhöhnen. -Leb’ wohl!“ -</p> - -<p> -Er wandte sich ab, schob die Mütze schief aufs Ohr -und zog stolz davon, leis die Saiten der Harfe zupfend. -Da drehte sich der Holzgriff der Tür, knarrend öffnete -sich die Pforte, und ein Mädchen, das etwa siebzehn -Lenze zählte, trat, von Dämmerung umwoben, über -die Schwelle; scheu sah sie sich um, ohne den hölzernen -Griff aus der Hand zu lassen. Ihre hellen Augen -leuchteten im ungewissen Dunkel freundlich wie Sternlein; -die rote Korallenkette blinkte, und vor den Adleraugen -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -des Burschen blieb nicht einmal die Röte verborgen, -die ihr schamhaft über die Wangen flammte. -</p> - -<p> -„Wie ungeduldig du bist!“ sprach sie halblaut zu ihm. -„Gleich bist du böse! Warum hast du denn gerade diese -Zeit gewählt? Eine Unmenge von Leuten lungert auf -den Straßen umher .... ich zittere am ganzen -Leibe.“ -</p> - -<p> -„O zittere nicht, mein Knöspchen! Drück dich recht -fest an mich!“ sprach der Bursch, umarmte sie, streifte -die Harfe ab, die ihm an einem langen Riemen um -den Hals hing, und ließ sich neben ihr vor der Türe -nieder. „Du weißt: dich auch nur eine Stunde nicht -zu sehen, ist so bitter für mich!“ -</p> - -<p> -„Weißt du, was ich glaube?“ unterbrach ihn das -Mädchen und richtete sinnend die Augen auf ihn. „Mir -ist’s, als raunte mir jemand ins Ohr, daß wir uns in -Zukunft nimmer so oft mehr sehen werden. Die Menschen -sind bei euch so schlimm, die Mädchen sehen mich -so neidvoll an, und die Burschen .... Fühl’ ich’s doch -gar, daß mich die Mutter seit einiger Zeit noch strenger -bewacht. Ich will dir’s gestehen, fröhlicher war’s in -der Fremde!“ -</p> - -<p> -Bei den letzten Worten huschte ein schmerzlicher Zug -über ihr Gesicht. -</p> - -<p> -„Du bist kaum zwei Monate in der Heimat, und -schon wird dir’s zu lang; bin ich dir vielleicht auch schon -zuwider?“ -</p> - -<p> -„O nein, du bist mit nicht zuwider!“ sagte sie lächelnd, -„ich liebe dich doch, du schöner Kosak! Ich liebe dich -um deiner klaren Augen willen, und wenn du mit ihnen -auf mich blickst, so lächelt alles in meiner Seele, und -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -ihr wird so wohl und so heiter; ich liebe dich, weil du -so freundlich mit dem schwarzen Schnurrbart zuckst, weil -du auf der Straße singst und spielst, und lieblich ist’s, -dir zuzuhören.“ -</p> - -<p> -„O meine Halja!“ rief der Bursch, und drückte sie -unter Küssen noch fester an seine Brust. -</p> - -<p> -„Halt ein, Lewko! Sag mir zuerst, hast du mit deinem -Vater gesprochen?“ -</p> - -<p> -„Was?“ rief er, wie aus dem Schlafe auffahrend, -„daß wir uns heiraten wollen? Ich habe mit ihm gesprochen.“ -Doch das Wort „gesprochen“ klang voller -Bitterkeit in seinem Munde. -</p> - -<p> -„Und nun?“ -</p> - -<p> -„Was soll man mit ihm machen? Der alte Tropf -stellt sich nach seiner Gewohnheit taub, will nichts hören, -und schilt noch, daß ich mich, weiß Gott wo, umhertreibe -und mich mit den Burschen in den Straßen vergnüge. -Doch verzage nicht, meine Halja! Da hast du -mein Kosakenwort drauf, daß ich ihn doch beuge!“ -</p> - -<p> -„Ja, Lewko, du brauchst nur ein Wörtlein zu sagen, -und alles geschieht nach deinem Willen. Weiß ich es -doch von mir: Ich möchte mich dir so manches Mal -widersetzen, doch du sagst nur ein Wort, und wider die -eigene Absicht tu ich, was du willst. Sieh nur, sieh —“ -fuhr sie fort, indem sie den Kopf an seine Schultern -lehnte und ihre Augen zur Höhe erhob. Dort blaute der -warme unermeßliche Himmel der Ukraine, der unten -von den krausen Zweigen der Kirschbäume verhängt war. -„Sieh dort, — weit, weit, da blinken Sternchen: eins, -zwei, drei, vier, fünf .... Nicht wahr, das sind doch -Gottes Engel, die die Fensterchen ihrer hellen Himmelsstübchen -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -aufmachen und uns ansehen? Sie blicken doch -auf unsere Erde herab? O, wenn die Menschen doch -Flügel hätten wie die Vögel, — und so hinauffliegen -könnten, hoch, hoch in die Höhe .... O, wie schrecklich! -Keine Eiche ragt bei uns in den Himmel. Aber -es soll irgendwo in einem fernen Lande solch einen -Baum geben, dessen Wipfel in den Himmel hineinrauscht, -und Gott soll auf ihm in der Osternacht zur Erde herabsteigen.“ -</p> - -<p> -„Nein, Halja, Gott hat eine lange Leiter, die vom -Himmel bis zur Erde reicht. Am Ostersonntag wird -sie von den heiligen Erzengeln aufgerichtet, und sowie -Gott auf die erste Stufe tritt, da schwirren alle unreinen -Geister empor und stürzen zu Haufen herab in die Hölle. -Und darum ist zum Fest Christi kein böser Geist auf -der Erde.“ -</p> - -<p> -„Wie sanft wiegt sich das Wasser hin und her, wie -ein Kind in der Wiege,“ fuhr Hanna, auf den Teich -weisend, fort, der mürrisch von dunklem Ahorngehölz -umstanden war und von den Weiden beweint wurde, -die ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hatten. Wie -ein kraftloser Greis hielt er den ferndunklen Himmel in -seinen kalten Armen, überschüttete mit frostigen Küssen -die brennenden Sterne, die trübe mitten im warmen -Meer der nächtlichen Luft glimmten, in ängstlicher Vorahnung, -daß bald der König der Nacht in blendendem -Glanz aufleuchten würde. Auf dem Berge schlummerte -neben dem Walde ein altes hölzernes Haus mit geschlossenen -Läden; Moos und Unkraut bedeckten sein -Dach; krausgelockte Apfelbäume wucherten vor den Fenstern, -der Wald umarmte es mit seinen Schatten und warf -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -eine wilde Düsternis darauf, und vor ihm breitete sich -ein Nußbaumhain aus und glitt zum Teiche herab. -</p> - -<p> -„Ich erinnere mich wie im Traume,“ sagte Hanna, -ohne die Augen von ihm abzuwenden. „Vor langer, -langer Zeit, als ich noch klein war und bei meiner -Mutter lebte, da wurde gar Schreckliches von diesem -Hause gesprochen. Lewko, du weißt es sicher, erzähle!“ -</p> - -<p> -„Da sei Gott vor! Liebste! Was doch die Weiber -und Dummköpfe nicht alles erzählen. Du bringst dich -nur um deine Ruhe, du könntest dich ängstigen und -nachher nicht gut schlafen!“ -</p> - -<p> -„Erzähl, erzähl, liebster, schönster Junge!“ rief sie, -preßte ihr Gesicht an seine Wange und umschlang ihn -fest. „Nein, du liebst mich nicht! Sicher liebst du noch -ein anderes Mädchen! Ich ängstige mich doch nicht — -ich schlafe die Nacht über ganz ruhig. Aber wenn du -mir’s nicht erzählst, werde ich nicht einschlafen können. Ich -werde mich quälen und werde grübeln .... erzähle, Lewko!“ -</p> - -<p> -„Die Leute sprechen wohl die Wahrheit, die da sagen, -daß ein Teufel in den Mädchen sitzt und beständig ihre -Neugier reizt. So höre denn. Vor langer Zeit, mein -Herz, da lebte ein Hauptmann in diesem Hause. Dieser -Hauptmann hatte ein Töchterlein, ein hübsches Fräulein, -so weiß wie Schnee, ganz so wie dein Gesichtchen. Des -Hauptmanns Weib war schon lange tot, und der Hauptmann -gedachte nun, sich eine andere Frau zu nehmen. -‚Wirst du mich auch liebkosen wie früher, Väterchen, -wenn du dir eine andere Frau nimmst?‘ — Freilich, -mein liebes Töchterchen, noch fester als früher werd’ ich -dich an mein Herze drücken! Glänzendere Ohrringe noch -und Perlen werd’ ich dir schenken!“ -</p> - -<p> -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -„Der Hauptmann brachte das junge Weib in sein -Haus. Schön war das junge Weib, rosig und weiß -war das junge Weib, und doch blickte sie so furchtbar -auf ihre Stieftochter, daß die aufschrie bei ihrem Anblick, -die strenge Stiefmutter aber sprach den ganzen -Tag über kein Wort. So kam die Nacht heran. Der -Hauptmann begab sich mit seinem jungen Weibe ins Schlafgemach; -und auch das schneeweiße Fräulein schloß sich -in ihre Kammer ein. Bitter ward ihr zumute und sie -begann zu weinen. Plötzlich sieht sie, wie eine schreckliche -Katze auf sie zuschleicht; ihr Fell glüht, und ihre -eisernen Krallen schlagen laut auf die Diele. Voll Angst -springt sie auf die Bank, — die Katze ihr nach; sie -springt auf die Ofenbank, die Katze folgt ihr dort hinauf, -und mit einem Male springt sie dem Mädchen an den -Hals und beginnt sie zu würgen. Mit einem Schrei -riß das Mädchen sie von sich los und schleuderte sie zu -Boden. Und wieder schleicht die schreckliche Katze heran. -Ein Grausen erfaßt das Mädchen. An der Wand -hing ihres Vaters Säbel. Sie packte ihn, und sausend -fiel der Hieb, — die Tatze mit den Eisenkrallen flog -ab, und die Katze verschwand winselnd in der dunklen -Ecke. Den ganzen Tag über verließ die junge Frau ihr -Gemach nicht, erst am dritten Tage erschien sie wieder -mit einer verbundenen Hand. Da ging dem armen -Fräulein eine Ahnung auf, daß ihre Stiefmutter eine -Hexe war, und daß sie ihr die Hand abgehauen hatte. -Am vierten Tage befahl der Hauptmann seiner Tochter, -Wasser herbei zu tragen und das Haus zu fegen wie -eine gemeine Magd, und verbot ihr, sich in den herrschaftlichen -Gemächern zu zeigen. Der Ärmsten ward so -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -schwer ums Herz, doch was konnte sie tun, sie mußte -ja den Willen des Vaters erfüllen. Am fünften Tage -jagte der Hauptmann seine Tochter barfuß aus dem Hause, -und gab ihr nicht einmal ein Stückchen Brot mit auf -den Weg. Da schlug das Fräulein die Hände vor das -Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen. ‚O mein -Vater, in Verderben gestürzt hast du deine eigne Tochter. -Die Hexe hat deine sündige Seele <a id="corr-4"></a>ins Verderben gestürzt! -Möge Gott dir verzeihen, mir hat Er wohl nicht länger -zu leben beschieden ....‘ — Siehst du da ....?“ -wandte sich Lewko an Hanna und wies mit dem Finger -auf das Haus, „schau hin: dort hinter dem Hause ist -das Ufer am steilsten. Von diesem Ufer stürzte sich das -Fräulein ins Wasser, und ward seit dem Tage nicht -mehr gesehen ....“ -</p> - -<p> -„Und die Hexe?“ unterbrach ihn Hanna ängstlich -und richtete ihre tränenschweren Augen auf ihn. -</p> - -<p> -„Die Hexe? Alte Weiber haben das Märchen ersonnen, -daß seit jener Zeit in mondhellen Nächten alle -ertrunkenen Mädchen in den Garten des Hauptmanns -kamen, um sich im Mondlicht zu wärmen, und des -Hauptmanns Töchterlein war die erste unter ihnen. Eines -Nachts erblickte sie ihre Stiefmutter neben dem Teich, -fiel über sie her und schleppte sie mit Geschrei ins Wasser. -Aber auch diesmal ließ sich die Hexe nicht aus der -Fassung bringen, sie verwandelte sich unter dem Wasser in -eine von den Ertrunkenen und entkam so der Peitsche aus -grünem Schilf, mit der die Ertrunkenen sie schlagen wollten. -</p> - -<p> -Glaub’ einer den Weibern! — Man erzählt auch noch, -daß das Fräulein seit jener Nacht die Ertrunkenen um -sich sammelt, jeder einzelnen ins Gesicht blickt, und sich -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -abmüht, zu erkennen, welche von ihnen die Hexe sei; -aber bis jetzt hat sie es noch nicht erfahren. Und wenn -sie einen <em>Menschen</em> in die Hände bekommt, so zwingt -sie ihn, die Hexe zu suchen, und droht ihm, ihn sonst -zu ertränken. So erzählen die alten Leute, liebe Halja! -.... Unser jetziger Pan aber will an dieser Stelle -eine Schnapsbrennerei errichten und hat schon eigens -dazu einen Brennmeister hergeschickt .... Doch ich -höre reden. Die Unsrigen kommen vom Singen zurück. -Leb’ wohl, Halja! Schlafe ruhig und denk nicht an -diese Weibermärchen.“ — -</p> - -<p> -Mit diesen Worten umschlang er sie noch fester, -küßte sie und ging. -</p> - -<p> -„Leb’ wohl, Lewko!“ sprach Hanna und richtete sinnend -ihre Augen auf den dunklen Wald. -</p> - -<p> -In diesem Augenblicke begann ein riesenhafter Feuer-Mond -majestätisch aus der Erde zu wachsen. Noch lag -die eine Hälfte unter der Erde, aber schon erfüllte sich -die ganze Welt mit einem feierlichen Lichte. Der Teich -sprühte Funken. Der Schatten der Bäume löste sich -scharf vom dunklen Grün. -</p> - -<p> -„Leb’ wohl, Hanna!“ tönt es hinter ihr, und ein -Kuß begleitete diese Worte. -</p> - -<p> -„Du bist wieder zurückgekehrt?“ sagte sie und -schaute sich um. Aber als sie einen unbekannten Burschen -sah, wandte sie sich zur Seite. -</p> - -<p> -„Leb’ wohl, Hanna!“ ertönte es da wieder, und wieder -küßte sie jemand auf die Wange. -</p> - -<p> -„Hat der Teufel noch einen hierhergeführt!“ rief -sie voller Zorn. -</p> - -<p> -„Leb’ wohl, liebe Hanna!“ -</p> - -<p> -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -„Ein Dritter!“ -</p> - -<p> -„Leb’ wohl, leb’ wohl, leb’ wohl, Hanna!“ Und von -allen Seiten regneten Küsse auf sie herab. -</p> - -<p> -„Das ist ja eine ganze Horde!“ schrie Hanna und -mußte sich gewaltsam aus einem großen Haufen von -Burschen losreißen, die sie um die Wette umarmten. -„Wie ist ihnen nur das ewige Küssen nicht zuwider! -Bei Gott, bald darf man sich nicht mehr auf der -Straße zeigen!“ -</p> - -<p> -Nach diesen Worten schlug die Türe zu, und man -hörte nur noch, wie der eiserne Riegel sich klirrend -vorschob. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-4-2"> -II.<br /> -Der Dorfamtmann -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">K</span><span class="postfirstchar">ennt</span> Ihr die Nächte der Ukraine? O Ihr -kennt die Nächte der Ukraine nicht. Blickt -nur recht tief in sie hinein, versenkt Euch tiefer -in ihre Wunder. Mitten vom Himmel herab blickt der -Mond; noch gewaltiger als sonst ist die unermeßliche -Wölbung des Himmels, dehnt sich noch weiter in unermeßlichen -Fernen und scheint brennend und lohend -zu atmen. Die ganze Erde liegt in silbernem Lichte -da, die wundersame Luft ist von einer schwülen Kühle -und Wonne erfüllt, und strömt einen Ozean von Wohlgerüchen -aus. Göttliche Nacht! Berückende Nacht! -Regungslos und wie begeistert stehen die Wälder in -tiefer Finsternis und werfen ungeheure Schatten. Still -liegen die Teiche ruhend da; die Kälte und die -Finsternis sind düster verkerkert in die dunkelgrünen -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -Mauern der Gärten. Die jungfräulichen Hecken aus -Faulbeer und Kirschbäumen strecken scheu ihre Wurzeln -in die kühle Flut der Quellen, und ihre Blätter lispeln -ab und zu, als ob sie zürnten oder sich empörten, -wenn der schöne, flatterhafte Nachtwind schnell herangeschlichen -kommt und sie küßt. Die ganze Natur -schläft. Oben aber lebt und webt alles in herrlicher -Feier. Und auch die Seele breitet sich herrlich aus ins -Unermeßliche, und Reigen silberner Visionen steigen -aus ihrer Tiefe auf. Göttliche Nacht! Berückende -Nacht! Mit einemmal aber wird alles lebendig: Wälder, -Teiche und Steppen. Majestätisch rollt das Schmettern -der ukrainischen Nachtigall dahin, und man meint, selbst -der Mond lausche ihr aus der Mitte des Himmels .... -Wie verzaubert schlummert das Dorf auf der Anhöhe. -Noch weißer und prächtiger strahlen die Haufen der -Häuschen im Mondlichte, noch blendender heben sich -ihre niederen Mauern von der Dunkelheit ab. Die -Lieder sind verstummt. Alles ist still. Die frommen Leute -schlafen schon. Nur hie und da leuchtet ein schmales -Fensterchen auf. Auf den Schwellen einzelner Hütten -sitzt noch eine Familie und verzehrt ihr spätes Nachtmahl. -</p> - -<p> -„I wo, ein Hopser wird ganz anders getanzt! Also -darum ging’s nicht vom Fleck! — Was erzählt der Gevatter -da? .... Nun also: Hop, trala! — hop, -trala! — hop, hop, hop!“ So sprach ein angeheiterter -Bauer mittleren Alters zu sich selbst und begann mitten -auf der Straße zu tanzen. „Bei Gott, so wird kein -Hopser getanzt! Was soll ich schwindeln? Bei Gott! -So nicht! Nun also: Hop trala! — Hop trala! — -hop, hop, hop!“ -</p> - -<p> -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -„Der Mensch ist ja ganz närrisch. Wenn’s noch -ein junger Kerl wäre, aber so ein alter Bär .... der -tanzt bloß den Kindern zum Spott hier nachts auf der -Straße!“ rief eine ältere Frau im Vorübergehen, die -Stroh in der Hand trug. „Geh nach Haus! Es ist -schon längst Schlafenszeit!“ -</p> - -<p> -„Ich gehe ja schon,“ sagte der Bauer und blieb -stehen. „Ich geh’ ja schon. Ich pfeife auf den Amtmann. -Was denkt er sich denn. Der Teufel soll seinen -Vater holen. Wenn er Amtmann ist und die Leute bei -stärkstem Frostwetter noch mit kaltem Wasser begießt, -hat er darum etwa das Recht, so hochnäsig und wichtig -zu tun? Ei, ist das mir ein Amtmann! Ich bin -mein eigner Amtmann! Gott soll mich schlagen — ich -bin mein eigner Amtmann! Jawohl,“ fuhr er fort, „und -nicht etwa ....“ Er trat ans erste beste Häuschen -heran, blieb vor dem Fenster stehen, und bemühte sich, -mit den Fingern über die Scheibe gleitend, den hölzernen -Griff zu finden. „Weib, mach auf! Schnell, Weib, -ich sage dir, mach auf! Der Kosak will schlafen!“ -</p> - -<p> -„Wo willst du hin, Kalenik? du bist an ein -fremdes Haus geraten!“ schrien lachend die Mädchen -hinter ihm her, die vom fröhlichen Sang heimkehrten. -„Sollen wir dir dein Haus zeigen?“ -</p> - -<p> -„Zeigt mir’s, meine lieben jungen Damen!“ -</p> - -<p> -„Damen? Hört ihr’s?“ rief die eine, „wie artig -Kalenik ist! Dafür müssen wir ihm sein Haus zeigen ....! -Aber nein, erst tanz uns mal eins vor!“ -</p> - -<p> -„Tanzen? .... Ah, ihr schlauen Mädel!“ rief -Kalenik gedehnt lachend, mit dem Finger drohend und -stolpernd, denn er war etwas unsicher auf den Beinen. -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -„Laßt Ihr euch auch küssen? Ich will euch alle küssen -— alle .... alle!“ Und mit wankenden Schritten -jagte er hinter ihnen her. Die Mädchen schrieen alle -durcheinander; aber bald faßten sie Mut und liefen auf -die andere Seite der Straße, als sie merkten, daß Kalenik -nicht allzu flink auf den Beinen war. -</p> - -<p> -„Da ist dein Haus!“ schrien sie ihm beim Fortgehen -zu und zeigten auf ein Haus, das größer war als die -übrigen und dem Dorfamtmann gehörte. Kalenik wankte -gehorsam auf jene Seite hinüber und begann dann von -neuem auf den Amtmann zu schimpfen. -</p> - -<p> -Wer aber ist denn eigentlich dieser Amtmann, der -so böses Gerede über sich erregt? O, dieser Amtmann -ist eine wichtige Person auf dem Lande. Bis Kalenik -das Ende seines Weges erreicht hat, werden wir wohl -Zeit finden, einiges über ihn zu sagen. Alle im Dorfe -greifen bei seinem Anblick an die Mütze, und selbst die -allerjüngsten Mädchen sagen ihm Guten Tag. Wer im -Dorfe möchte nicht Amtmann sein? Dem Amtmann -ist der Weg zu allen Tabaksdosen offen, und der -kräftige Bauer steht die ganze Zeit über ehrfurchtsvoll -mit der Mütze in der Hand da, solange jener seine -dicken und groben Finger in seine Tabatiere von Bast -steckt. Im Gemeinderat hat der Amtmann immer die -Oberhand, obgleich seine Macht noch durch andere -Stimmen beschränkt wird, und er heißt fast ganz nach -seiner Willkür jeden, der ihm gerade paßt, den Weg -ebnen oder einen Graben anlegen. Der Amtmann ist -mürrisch, von plumpem Äußeren und redet nicht gern. -Vor langer, langer Zeit, als noch die große Zarin Katharina -seligen Angedenkens einmal in die Krim reiste, war -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -er auserwählt worden, an ihrem Gefolge teilzunehmen; -er bekleidete dieses Amt ganze zwei Tage -und hatte sogar die Ehre, auf dem Bock neben dem -Kutscher der Zarin sitzen zu dürfen. Seit dieser -Zeit weiß der Amtmann würdevoll und sinnend den -Kopf zu senken, seinen langen und an der Spitze etwas -krausen Schnurrbart zu glätten und drohende Falkenblicke -um sich zu werfen. Seit dieser Zeit weiß er -auch, worüber man immer mit ihm sprechen mag, stets -die Rede darauf zu bringen, daß er die Zarin begleitet -und auf dem Kutschbock des kaiserlichen Wagens gesessen -habe. Der Amtmann beliebt nur manchmal, sich -taub zu stellen, besonders wenn er etwas hören muß, -was er nicht gerne hört. Er liebt es nicht, Staat zu -machen, trägt stets einen Kittel aus schwarzem Haustuch, -umgürtet sich mit einem bunten Wollgürtel, und -noch <em>nie</em> hat ihn jemand in einem anderen Kostüm -gesehen, ausgenommen vielleicht in der Zeit, wo die -Zarin in die Krim reiste, und wo er einen blauen -Kosakenrock, den Schupan, trug. Aber auf diese Zeit kann -sich wohl kaum jemand aus dem ganzen Dorfe besinnen; -den Schupan aber bewahrt er in einem Kasten unter -Schloß und Riegel. Der Amtmann ist Witwer; aber -in seinem hause lebt eine Schwägerin, die ihm Mittag- -und Abendbrot kocht, die Bänke scheuert, die Stube -weißt, ihm Hemdentuch webt und sein ganzes Hauswesen -leitet. Im Dorfe heißt es, sie sei nicht richtig -mit ihm verwandt; aber wir haben ja schon gesehen, -daß der Amtmann viele Feinde hat, die ihn gern -ein wenig verleumden. Übrigens hat vielleicht der -Umstand Anlaß dazu gegeben, daß es der Schwägerin -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -immer mißfiel, wenn der Amtmann aufs Feld ging, -wo die Schnitterinnen an der Arbeit waren, oder zu -einem Kosaken, der ein junges Töchterchen hatte. Der -Amtmann ist einäugig, dafür aber ist sein einsames -Auge ein Schelm und kann schon von fern ein hübsches -Bauernmädchen erkennen. Doch bevor er sein Auge -auf ein niedliches Gesichtchen richtet, sieht er sich erst -sorgfältig um, ob ihm die Schwägerin auch nicht zuschaut. -</p> - -<p> -Nun haben wir schon fast alles Notwendige vom -Amtmann erzählt, und der betrunkene Kalenik hat noch -nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt. Noch lange -traktierte er den Amtmann mit den ausgesuchtesten -Worten, die ihm auf seine faule und zusammenhangloses -Zeug lallende Zunge kamen. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-4-3"> -III.<br /> -Ein unerwarteter Nebenbuhler<br /> -Die Verschwörung -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>N</span><span class="postfirstchar">ein,</span> Burschen, nein! Ich will nicht! Was soll -diese Ausgelassenheit? Wie, wird euch das -Tollen nicht zuwider? Wir gelten ohnehin -schon für Gott weiß was für Raufbolde. Geht lieber -schlafen!“ So sprach Lewko zu seinen fröhlichen Kumpanen, -die ihn zu neuen Streichen überreden wollten. -„Lebt wohl, Brüder! Gute Nacht!“ Und schnellen Schrittes -eilte er davon. -</p> - -<p> -„Schläft meine helläugige Hanna?“ dachte er, als -er an das uns schon bekannte, von Kirschbäumen umstandene -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Häuschen trat. Mitten in der Stille vernahm -er ein leises Gespräch. Lewko blieb stehen. Durch die -Bäume schimmerte ein weißes Frauengewand .... -„Was soll das?“ dachte er, schlich näher heran und versteckte -sich hinter einem Baum. Der Mondschein erhellte -das Gesicht des vor ihm stehenden Mädchens. -</p> - -<p> -„Hanna?“ Aber wer war der hochgewachsene Mann, -der mit dem Rücken zu ihm stand? Vergeblich blickte -er nach ihm hin: Der war vom Kopfe bis zu den -Füßen in Schatten gehüllt. Nur von vorn fiel etwas -Licht auf ihn, aber schon der kleinste und leiseste Schritt -setzte Lewko der Unannehmlichkeit aus, entdeckt zu werden. -Still an einen Baum gelehnt, blieb er stehen. -Das Mädchen hatte ganz deutlich seinen Namen ausgesprochen. -</p> - -<p> -„Lewko? Lewko ist noch ein Milchbart!“ rief der -große Mann. „Wenn ich ihn bei dir treffe, reiße ich -ihm den Schopf aus ....“ -</p> - -<p> -„Ich möchte wohl wissen, welcher Lump damit prahlt, -er werde mir meinen Schopf ausreißen!“ sagte sich Lewko -still und reckte den Hals empor, um ja kein Wort zu -verlieren. Aber der Unbekannte fuhr so leise fort, daß -man nichts mehr hören konnte. -</p> - -<p> -„Schämst du dich denn gar nicht!“ sprach Hanna, -als er zu Ende geredet hatte. „Du lügst, du willst mich -betrügen. Du liebst mich nicht, ich werde dir nie glauben, -daß du mich liebst!“ -</p> - -<p> -„Ich weiß,“ erwiderte der große Mann, „Lewko hat -dir viel unsinniges Zeug vorgeschwatzt und dir den Kopf -verdreht!“ (Hier kam es dem Burschen so vor, als sei -die Stimme des Unbekannten ihm nicht ganz fremd, -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -und als habe er sie schon einmal gehört.) „Aber ich -werd’ es dem Lewko schon zeigen!“ fuhr der Unbekannte -fort. „Er glaubt, ich sehe alle seine Streiche nicht, er -soll meine Fäuste schon zu kosten bekommen, der -Hundesohn!“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten konnte Lewko seinen Zorn nicht -länger unterdrücken. Er schlich bis auf drei Schritte an -ihn heran und holte aus aller Kraft aus, um ihm einen -Hieb zu versetzen, dem der Unbekannte trotz seiner offenbaren -Stämmigkeit vielleicht nicht standgehalten hätte; -aber in diesem Augenblicke fiel das Licht auf des Unbekannten -Antlitz, und Lewko erstarrte — er sah seinen -eigenen Vater vor sich. Nur ein unwillkürliches Kopfschütteln -und ein leises Pfeifen durch die Zähne verrieten -seine Verblüffung. Dann vernahm man ein feines -Rascheln, Hanna floh eiligst ins Haus und schlug die -Tür hinter sich zu. -</p> - -<p> -„Leb wohl, Hanna!“ rief in diesem Augenblick einer -der Burschen, der leise herangeschlichen war, und umarmte -den Amtmann, aber er prallte entsetzt zurück, als -er den struppigen Schnurrbart berührte. -</p> - -<p> -„Leb wohl, mein schönes Kind!“ rief ein anderer, -aber dieser flog Hals über Kopf, von einem schweren -Stoß des Amtmanns getroffen, zur Erde. -</p> - -<p> -„Leb wohl, leb wohl, Hanna!“ riefen einige Burschen -und hingen sich ihm an den Hals. -</p> - -<p> -„Fahrt doch zur Hölle, ihr verdammten Lümmel!“ -schrie der Amtmann, indem er sie von sich abwehrte, -und stampfte voller Wut mit den Füßen. „Bin ich -etwa Hanna? Schert euch hinter euren Vätern her; -an den Galgen mit euch, ihr Teufelsbrut! Kleben die -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -fest an einem, rein wie die Bienen am Honig! Ich will -euch schon zeigen wer Hanna ist ....“ -</p> - -<p> -„Der Amtmann, der Amtmann! ’s ist der Amtmann!“ -schrien die Burschen und liefen nach allen Seiten -auseinander. -</p> - -<p> -„Ei, ei, Väterchen!“ sprach Lewko, als er sich wieder -von seinem Staunen erholt hatte, und blickte dem -schimpfend davonziehenden Amtmann nach. „Solche -Streiche machst du also? Großartig! Und ich habe mich -noch gewundert und immer gedacht, was mag das nur -bedeuten, daß er sich immer taub stellt, sobald ich mit -ihm von dieser Sache zu sprechen anfange. Halt, alter -Graubart, ich will dir schon beibringen, was das heißt, -sich vor den Fenstern junger Mädchen herumzudrücken; -fremde Bräute abspenstig machen? — na, ich will -dir’s schon zeigen! Hollah, Jungens, hierher!“ schrie -er, mit der Hand die Burschen zu sich heranwinkend, -die sich wieder versammelt hatten und in einem Haufen -zusammenstanden. „Kommt doch her! Ich hab’ euch -zwar ermahnt, schlafen zu gehen, aber ich hab’s mir -wieder überlegt und will gern die ganze Nacht mit euch -verbummeln.“ -</p> - -<p> -„Das laß ich mir gefallen!“ rief ein breitschultriger -und stattlicher Bursche, der als der erste Herumstreicher -und Wildfang im Dorf galt. „Mir ist nicht wohl zumute, -wenn ich keine Gelegenheit habe, ein paar Streiche -zu machen und mich ordentlich auszutoben. Mir ist, -als fehlte mir etwas, es kommt mir dann so vor, als -hätte ich die Mütze oder die Pfeife verloren, kurz, ich -fühle mich nicht mehr als rechter Kosak!“ -</p> - -<p> -„Wollt ihr heute den Amtmann mal tüchtig ärgern?“ -</p> - -<p> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -„Den Amtmann?“ -</p> - -<p> -„Ja, den Amtmann. Wahrhaftig! Was denkt sich -denn der? Der kommandiert bei uns herum wie ein -Hetman! Nicht genug, daß er uns hin und her hetzt -wie seine Knechte, nein, er macht sich auch noch an -unsere Mädchen heran! Ich glaube, im ganzen Dorfe -gibt’s auch nicht <em>ein</em> hübsches Mädchen, mit dem der -Amtmann nicht anbändelte.“ -</p> - -<p> -„’s ist wahr, ’s ist wahr!“ riefen alle Burschen wie -aus einer Kehle. -</p> - -<p> -„Aber, Kinder, was sind wir denn für Kerle? Sind -wir nicht Männer von altem Stamm wie er? Wir -sind doch gottlob freie Kosaken! Jungens, zeigen wir -ihm, daß wir freie Kosaken sind!“ -</p> - -<p> -„Ja, ja, wir wollen’s ihm zeigen!“ riefen die Burschen. -„Und kommt erst der Amtmann an die Reihe, -so wollen wir auch den Schreiber nicht vergessen!“ -</p> - -<p> -„Freilich, wir wollen auch den Schreiber nicht vergessen. -Gerade eben ist mir so ein hübsches Liedchen -auf den Amtmann eingefallen. Kommt, ich will es euch -lehren,“ fuhr Lewko fort und schlug mit der Hand die -Saiten der Harfe an. „Aber hört: jeder muß sich verkleiden -wie sich’s gerad trifft!“ -</p> - -<p> -„Los, Kosaken!“ rief der wilde, stämmige Mensch, -schlug die Beine zusammen und klatschte in die Hände. -„Ist das eine Freude! Das nenn’ ich Freiheit! Wenn -das Toben beginnt, so möcht’ ich fast glauben, die alten -Tage erständen aufs neue. So herrlich und frei wird -einem ums Herz und die Seele fühlt sich wie im Paradies. -He, Jungens! Auf, drauf los!“ .... -</p> - -<p> -Und die Menge zog lärmend durch die Straßen. -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Die frommen alten Frauen, die vom Geschrei geweckt -wurden, schoben die Fenster in die Höhe, bekreuzigten -sich mit ihren schläfrigen Händen und sprachen: „Ja, ja, -jetzt gehen die Burschen bummeln!“ -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-4-4"> -IV.<br /> -Die Burschen bummeln -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ur</span> in einem Hause, am Ende der Straße brannte -noch Licht. Das war das Haus des Amtmanns. -Der Amtmann hatte schon längst sein Nachtmahl -beendet und wäre zweifellos schon lange schlafen -gegangen, aber er hatte noch einen Gast, den Branntweinbrenner, -der von einem Gutsbesitzer, welcher mitten -im Kosakenlande ein kleines Gut besaß, hierher geschickt -worden war, um eine Schnapsbrennerei zu errichten. -Obenan auf dem Ehrenplatze unterm Heiligenbilde, saß -der Gast — ein kurzes, dickes Männchen mit ewig lachenden -Äuglein, die das ganze Behagen wiederzuspiegeln -schienen, mit dem er seine Pfeife rauchte; er spuckte jeden -Augenblick zur Seite und preßte den aus der Pfeife kriechenden -Tabak, der sich schon zu Asche verwandelt hatte, -mit dem Daumen wieder hinein. Dichte Rauchwolken -türmten sich schnell über ihm auf und hüllten ihn in -ein Kleid von blauem Nebel. Es schien, als ob der -breite Schlot einer Schnapsfabrik herunterspaziert wäre, -weil er es überdrüssig geworden war, ewig auf seinem -Dache zu hocken, und nun artig in der Stube des -Amtmanns bei Tisch säße. Dicht unter seiner Nase -befand sich ein kurzer dichter Schnurrbart; aber dieser -Schnurrbart guckte so undeutlich aus der Tabaksluft -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -hervor, als wäre er eine Maus, die der Branntweinbrenner -gefangen hätte und nun im Munde hielte; wie -wenn jener die Absicht hätte, das Monopol des Katers -auf dem Speicher zu untergraben. Der Amtmann saß -als Hausherr in bloßem Hemd und in einer Leinwandhose -da; sein Adlerauge begann allmählich zu blinzeln -und zu erlöschen wie die Abendsonne. Am Ende des -Tisches rauchte einer der Dorfbüttel, die das Kommando -des Amtmanns bildeten ein Pfeifchen; er saß aus Respekt -vor dem Hausherrn im Kittel da. -</p> - -<p> -„Gedenkt ihr,“ sprach der Amtmann zum Brennmeister -gewandt, indem er ein Kreuz über seinen gähnenden -Mund machte, „gedenkt ihr die Brennerei bald zu -eröffnen?“ -</p> - -<p> -„Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht schon in diesem -Herbst zu brennen anfangen. Ich wette, zu Mariä Geburt -werden der Herr Amtmann schon auf der Straße mit -den Beinen die Linien von deutschen Bretzeln beschreiben!“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten verschwanden die Augen des Branntweinbrenners, -und an ihrer Stelle zogen sich lange Strahlen -bis zu den Ohren hin. Der ganze Körper schüttelte -sich vor Lachen, und seine lustigen Lippen trennten -sich für einen Augenblick von der paffenden Pfeife. -</p> - -<p> -„Das gebe Gott!“ sprach der Amtmann und drückte -auf seinem Gesicht so etwas wie ein Lächeln aus. „Jetzt -gibt’s Gottlob, wenig Schnapsbrennereien. Aber in alten -Zeiten, als ich die Zarin auf der Landstraße von Perejaslawl -geleitete, und der verstorbene Besborodko ...“ -</p> - -<p> -„An was für Zeiten du auch denkst, Gevatter! Damals -konnte man auf dem ganzen Wege von Krementschug -nach Romny noch nicht eine Schnapsbrennerei finden. -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -Jetzt dagegen .. hast du gehört, was sich diese -verdammten Deutschen ausgedacht haben? Bald wird -man, wie es heißt, den Schnaps nicht mehr mit Holz -brennen, wie das alle ehrlichen Christen tun, sondern mit -irgend einem verteufelten Dampfe!“ ... Bei diesen Worten -blickte der Brandmeister nachdenklich auf seine Ellbogen, -die er auf den Tisch stützte. „Wie das mit Dampf -gemacht werden soll, das weiß ich bei Gott nicht!“ -</p> - -<p> -„Was für Narren doch diese Deutschen sind! Lieber -Gott erbarme dich!“ sagte der Amtmann. „Die sollten -den Knüppel zu kosten kriegen, diese Hundesöhne! Wo -hat man je gehört, daß man mit Dampf kocht? Auf -diese Art könnte man ja keinen Löffel Borschtschsuppe in den -Mund nehmen, ohne sich die Lippen zu verbrühen und -auch kein junges Ferkel ....“ -</p> - -<p> -„Gevatter,“ rief da die Schwägerin, die mit übereinandergeschlagenen -Beinen auf der Ofenbank saß: „Wirst -du denn die ganze Zeit über ohne deine Frau bei uns -leben?“ -</p> - -<p> -„Wozu brauche ich <em>die</em>? Wenn’s noch was Rechtes -wär’!“ -</p> - -<p> -„Ist sie nicht nett?“ fragte der Amtmann, sein Auge -auf ihn richtend. -</p> - -<p> -„Gott bewahre, nett! Die ist so alt wie der Teufel! -Und hat die Fratze voller Runzeln wie ein leerer Beutel!“ -Und die gedrungene Gestalt des Branntweinbrenners -fing wieder an zu wackeln, so laut lachte er. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick scharrte jemand an der Tür; -die Tür ging auf — ein Bauer trat über die Schwelle, -ohne die Mütze abzunehmen, und pflanzte sich mitten in -der Stube auf, wie nachdenklich, mit aufgesperrtem -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Munde die Decke musternd. Es war der uns schon -bekannte Kalenik. -</p> - -<p> -„So, nun bin ich zu Hause!“ rief er aus und setzte -sich auf eine Bank neben der Tür, ohne im geringsten -auf die Anwesenden zu achten. „Wie lang mir der Sohn -des Bösen den Weg gemacht hat! Man geht und geht, -und es nimmt kein Ende! Die Beine sind einem wie -zerschlagen. Weib, gib mir doch den Schafspelz als -Unterlage. Weiß Gott, ich kriech’ nicht zu dir auf den -Ofen, dazu tun mir die Beine zu weh! Gib ihn mir -her. Dort liegt er neben dem Heiligenbilde, aber sieh -zu, wirf den Topf mit dem geriebenen Tabak nicht um. -Oder nein, laß ihn lieber! Du bist heute vielleicht betrunken -.... ich hol ihn mir schon lieber selbst.“ -</p> - -<p> -Kalenik wollte sich aufrichten, aber eine unüberwindliche -Macht fesselte ihn an die Bank. -</p> - -<p> -„Das gefällt mir,“ sagte der Amtmann, „der kommt -in fremde Stuben und benimmt sich ganz wie zu Hause! -Schafft ihn nur in Frieden wieder hinaus! ....“ -</p> - -<p> -„Laßt ihn ausruhen, Gevatter,“ sprach der Branntweinbrenner, -den Amtmann an der Hand zurückhaltend. -„Das ist ein nützlicher Mensch: noch mehr solche Leute — -und unsere Brennerei geht großartig!“ -</p> - -<p> -Es war jedoch nicht Gutmütigkeit, die ihn zu diesen -Worten veranlaßte. Der Branntweinbrenner glaubte an -allerhand üble Vorzeichen, und einen Menschen, der sich -schon gesetzt hatte, davonjagen, das hieß für ihn so viel -wie ein Unglück heraufbeschwören. -</p> - -<p> -„Ach ja, das Alter rückt heran ....“ brummte -Kalenik und streckte sich auf die Bank hin. „Wäre ich -noch wenigstens betrunken! Aber bei Gott, nein, ich -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -bin nicht betrunken! Wozu sollte ich denn flunkern? -Und das will ich auch dem Amtmann selbst sagen, wenn’s -sein muß! Was ist mir denn der Amtmann? Mag er -verrecken, der Hundesohn. Ich spucke auf ihn. Ein Wagen -soll ihn überfahren, den einäugigen Teufel! Was hat -er den Leuten Wasser auf den Kopf zu gießen, wenn’s -friert! ....“ -</p> - -<p> -„Oho! Kommt einem so ein Schwein ins Haus gekrochen -und legt auch noch die Pfoten auf den Tisch!“ -sagte der Amtmann und stand zornig von seinem Platze -auf; aber in diesem Augenblicke flog ein gewichtiger -Stein, der die Fensterscheibe zerschmetterte, ihm vor die -Füße. Der Amtmann blieb stehen. „Wenn ich wüßte,“ -sagte er, und hob den Stein auf, „welcher Galgenstrick -den Stein da hereingeworfen hat, dem würde ich schon -zeigen, was das heißt, Steine werfen! Was für Streiche!“ -fuhr er fort, indem er den Stein in die Hand nahm -und mit brennendem Blicke musterte. „Er soll ersticken -an diesem Stein! ....“ -</p> - -<p> -„Halt, halt! Behüt dich Gott, Gevatter!“ fiel der -Branntweinbrenner mit bleichem Gesichte ein. „Behüt -dich Gott in dieser und jener Welt, jemand mit einem -solchen Fluch zu bedenken!“ -</p> - -<p> -„Oho, der hat ja einen schönen Beschützer gefunden! -Krepieren soll er ....“ -</p> - -<p> -„Hör auf, Gevatter! Du weißt wohl nicht, was -meiner seligen Schwiegermutter widerfahren ist?“ -</p> - -<p> -„Deiner Schwiegermutter?“ -</p> - -<p> -„Ja, meiner Schwiegermutter! Eines Abends, es -war ein bißchen früher als heute, setzten sie sich zum -Abendessen hin: meine verstorbenen Schwiegereltern, der -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Knecht, die Magd und fünf Kinder. Die Schwiegermutter -schüttete ein paar Knödel aus dem großen Kessel -in die Schüssel, damit sie ein wenig abkühlten, denn -nach der Arbeit waren alle hungrig und wollten nicht -warten, bis die Knödel kalt waren. Sie steckten ihre -langen Holzstäbe hinein und begannen zu essen. Auf einmal -taucht da ein Mann auf und bittet, ihn auch mitessen -zu lassen; wer das war, mag Gott wissen. Nun, -soll man etwa einem hungrigen Menschen nicht zu essen -geben? Man reicht ihm also auch ein Stäbchen. Aber -der Gast räumt mit den Knödeln auf wie die Kuh mit -dem Heu. Bis jene einen Knödel gegessen und den -Stab nach einem zweiten ausgestreckt hatten, war -der Boden der Schüssel schon so glatt wie die Diele eines -Herrenhauses. Die Schwiegermutter tat noch Klöße -hinein; denn sie dachte, nun hat der Gast sich satt gegessen -und wird nicht mehr so stark zugreifen. Aber ganz -im Gegenteil: er schlang und schlang noch immer gewaltiger, -und leerte auch die zweite Schüssel. „Daß du an den -Knödeln ersticktest!“ dachte die hungrige Schwiegermutter; -aber da drehte sich jener auf einmal um und sank zu Boden. -Man stürzte zu ihm hin — aber sein Geist war schon -entflohen. Er war erstickt!“ -</p> - -<p> -„Geschah ihm ganz recht, dem verdammten Freßsack!“ -sagte der Amtmann. -</p> - -<p> -„Schon recht, aber es kam ganz anders: Seit jener -Zeit hatte die Schwiegermutter keine Ruhe mehr. Kaum -wird’s Nacht, sofort kommt der Tote angerückt. Sitzt -rücklings auf dem Schornstein, der Verdammte, und hält -einen Knödel zwischen den Zähnen. Am Tage ist alles -ruhig, er läßt weder etwas von sich sehen noch hören; -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -kaum aber dämmert es, so braucht man nur auf’s Dach -zu blicken und schon reitet der Hundesohn da oben auf -dem Schornstein!“ -</p> - -<p> -„Mit einem Knödel zwischen den Zähnen?“ -</p> - -<p> -„Ja mit einem Knödel zwischen den Zähnen!“ -</p> - -<p> -„Wie wunderlich, Gevatter! Ich habe ja auch so was -Ähnliches von meiner Seligen gehört ....“ -</p> - -<p> -Da aber hielt der Amtmann inne. Vor dem Fenster -wurde Geräusch, ein Stampfen und Tanzen laut vernehmbar. -Zuerst hörte man die Harfensaiten leise klimpern -und dann fiel eine Stimme ein. Die Saiten erklangen -stärker, mehrere Stimmen fielen ein — und wie ein -Wirbel ertönte rauschend das Lied: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Burschen, habt ihr schon vernommen?</p> - <p class="verse">Sind wir wirklich solche Narren?</p> - <p class="verse">Unser Amtmann hat bekommen</p> - <p class="verse">In dem Schädel einen Sparren!</p> - <p class="verse">Böttcher, schlag um unsern Amtmann</p> - <p class="verse">Deine festen Eisenreifen!</p> - <p class="verse">Böttcher, laß um unsern Amtmann</p> - <p class="verse">Ruten, Ruten, Ruten pfeifen!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Unserm Amtmann alt und grau,</p> - <p class="verse">Fehlt ein Auge in dem Kopf!</p> - <p class="verse">Unser Amtmann ist ’ne Sau,</p> - <p class="verse">Schleicht zu Mädels, dieser Tropf!</p> - <p class="verse">Läufst du zu den jungen Leuten,</p> - <p class="verse">Bleib nur lieber fein zu Haus!</p> - <p class="verse">Denk’ mal: wenn sie dich verbläuten</p> - <p class="verse">Und den Schopf dir rissen aus! ....</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Ein ausgezeichnetes Lied, Gevatter!“ sagte der -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Branntweinbrenner, indem er den Kopf etwas auf die -Seite neigte und sich an den Amtmann wandte, der -bei dieser Frechheit ganz starr vor Staunen geworden -war. „Ausgezeichnet! ’s ist nur schade, daß man in nicht -ganz anständigen Worten vom Amtmann spricht ...“ -</p> - -<p> -Und wieder stützte er mit einer süßlichen Rührung -in den Augen die Arme auf den Tisch und bereitete sich -vor, weiter zuzuhören, denn vor dem Fenster erdröhnte -ein Gelächter, und man vernahm den Ruf: „Noch einmal, -noch einmal!“ Ein scharfes Auge hätte jedoch sofort -bemerkt, daß nicht das Staunen allein den Amtmann -so lange auf einem Fleck festhielt. So läßt oft -ein alter erfahrener Kater die junge unerfahrene kleine -Maus rings um seinen Schwanz herumlaufen, während -er Pläne schmiedet, wie er ihr am besten den Rückzug -in ihr Mauseloch abschneiden kann. Noch war das einsame -Auge des Amtmanns auf das Fenster gerichtet, -aber schon lag seine Hand, die dem Büttel ein Zeichen -gegeben hatte, am Holzgriff der Tür; auf einmal erhob -sich auf der Straße ein lautes Geschrei ..... Der -Branntweinbrenner, zu dessen zahlreichen Vorzügen auch -eine gewisse Neugierde gehörte, stopfte rasch den Tabak -wieder in seine Pfeife und lief auf die Straße hinaus. -Aber die Taugenichtse waren schon auseinandergestoben. -</p> - -<p> -„Nein, du wirst mir nicht entwischen!“ schrie der -Amtmann und zerrte einen Menschen in einem schwarzen -Schafspelz hinter sich her, dessen Fell nach außen gekehrt -war. Der Branntweinbrenner benutzte die Zeit -und eilte herzu, um dem Friedensstörer ins Gesicht zu -schauen; aber er wich angstvoll zurück, als er einen -langen Bart und eine schreckhaft ausgemalte Fratze erblickte. -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -„Nein, du wirst mir nicht entwischen!“ schrie -der Amtmann und schleppte seinen Gefangenen in den -Flur; ruhig und ohne den geringsten Widerstand zu -leisten, folgte ihm der Gefangene, als ob’s sein eignes -Haus wäre. „Karpo, mach’ die Kammer auf!“ rief -der Amtmann dem Büttel zu. „Wir sperren ihn in -die dunkle Kammer! Dann wecken wir den Schreiber, -holen die Büttel herbei, fangen all diese Raufbolde ein -und urteilen sie heute noch ab!“ -</p> - -<p> -Der Büttel klapperte im Flur am Hängeschloß und -öffnete die Kammer. In diesem Augenblick machte sich -der Gefangene die Dunkelheit im Flur zunutze und riß -sich plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft aus den Händen, -die ihn hielten. -</p> - -<p> -„Wohin?“ rief der Amtmann und packte ihn noch -fester am Kragen. -</p> - -<p> -„Laß los, ich bin’s ja!“ hörte man ein dünnes -Stimmchen rufen. -</p> - -<p> -„Das nützt dir nichts, das nützt dir gar nichts, Brüderchen! -Quiek du nur wie ein Weib oder wie ein Teufel! -Mich wirst du nicht übertölpeln!“ Und der Amtmann -stieß ihn in die dunkle Kammer, so daß der arme Gefangene -aufstöhnend zu Boden fiel. Er selbst begab -sich in Begleitung des Büttels ins Haus des Schreibers, -und hinter ihnen kam der Branntweinbrenner wie ein -Dampfschiff dahergeraucht. -</p> - -<p> -Nachdenklich schritten alle drei mit gesenktem Kopfe -dahin, doch auf einmal stießen sie beim Einbiegen in -ein dunkles Gäßchen einen Schrei aus — jeder hatte -einen mächtigen Schlag vor die Stirn bekommen, und -eben solch ein Schrei hallte ihnen zur Antwort entgegen. -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -Der Amtmann kniff sein Auge zu und sah erstaunt den -Schreiber mit zwei Bütteln vor sich. -</p> - -<p> -„Ich will gerade zu dir, Herr Schreiber!“ -</p> - -<p> -„Und ich wollte gerade zu dir, Herr Amtmann!“ -</p> - -<p> -„Es geschehen Wunder, Herr Schreiber!“ -</p> - -<p> -„Ja, es gehen Wunderdinge vor, Herr Amtmann!“ -</p> - -<p> -„Was denn?“ -</p> - -<p> -„Die Burschen toben! In ganzen Scharen treiben sie -Unfug auf den Straßen. Sie benennen Euer Gnaden -mit solchen Worten .... Man schämt sich, eins davon -zu nennen; selbst ein betrunkener Moskowiter würde -sich hüten, mit seiner unreinen Zunge sowas auszusprechen! -(All diese Worte begleitete der dürre Schreiber, -der eine Hanfpluderhose und eine hefenfarbene Weste anhatte, -mit einem Vorstrecken und schleunigem Zurückziehen -des Halses.) Ich wollte gerade einnicken, da schleppten mich -die verdammten Lümmel mit ihren unflätigen Liedern -und ihrem Gepolter aus dem Bett! Ich wollte ihnen -eine ordentliche Lehre geben, aber bis ich die Hose und -Weste angezogen hatte, waren sie wieder nach allen -Seiten auseinandergelaufen. Der Rädelsführer ist uns -aber nicht entwischt. Jetzt brummt er in der Stube, -wo man die Häftlinge festhält. Ich brannte darauf, -zu erfahren, was das für ein Vogel sei, aber seine Fratze -ist mit Ruß beschmiert, wie bei einem Teufel, der die -Nägel für die Sünder schmiedet.“ -</p> - -<p> -„Und wie ist er angezogen, Herr Schreiber?“ -</p> - -<p> -„Er trägt einen schwarzen, nach außen gekehrten -Pelz, der Hundesohn, Herr Amtmann!“ -</p> - -<p> -„Lügst du auch nicht, Herr Schreiber? Wie, wenn -nun dieser Taugenichts <em>bei mir</em> in der Kammer säße?“ -</p> - -<p> -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -„Nein, Herr Amtmann, sei nicht böse, aber da irrst du -dich selbst ein wenig.“ -</p> - -<p> -„Macht einmal Licht, wir wollen doch nachsehen!“ -</p> - -<p> -Man holte Licht herbei, machte die Tür auf — und -der Amtmann stieß vor Verwunderung ein lautes „Ah!“ -aus, als er seine Schwägerin vor sich sah. -</p> - -<p> -„Nun sag mir doch, bitte, bist du denn ganz von -Sinnen!“ rief sie und ging mit diesen Worten auf ihn -zu. „Wäre auch nur ein Quentchen Gehirn in deinem -einäugigen Schädel, — hättest du mich wohl dann in -die dunkle Kammer hineingepufft? Noch ein wahres -Glück, daß ich mir nicht den Kopf an der eisernen -Türangel zerschlagen habe! Hab’ ich dir nicht zugerufen, -daß ich es bin? — Muß mich dieser verfluchte -Bär mit seinen eisernen Tatzen packen und mich herumstoßen. -Daß dich in jener Welt der Teufel so stoßen -möge! ....“ -</p> - -<p> -Die letzten Worte sagte sie schon auf der Gasse, -denn sie mußte aus gewissen Gründen hinausgehen. -</p> - -<p> -„Freilich sehe ich, daß du es bist!“ sagte der Amtmann, -der unterdes wieder zu sich gekommen war. -</p> - -<p> -„Was sagst du dazu, Herr Schreiber! Ist dieser -verdammte Windbeutel nicht ein Schelm?“ -</p> - -<p> -„Wahrhaftig, ein Schelm; Herr Amtmann!“ -</p> - -<p> -„Wäre es nicht Zeit, alle diese Taugenichtse einmal -tüchtig ins Gebet zu nehmen, damit sie an ihre Arbeit -gehen?“ -</p> - -<p> -„Es wäre schon Zeit, höchste Zeit, Herr Amtmann!“ -</p> - -<p> -„Diese Narren haben .... Was Teufel? Ich -glaube, ich höre meine Schwägerin auf der Straße -schreien .... diese Narren haben sich in den Kopf -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -gesetzt, ich sei ihresgleichen. Sie glauben offenbar, ich -sei nur ein einfacher Kosak!“ .... Aus dem nun -folgenden Hüsteln und Blitzen des Auges, das er im -Kreise umherschweifen ließ, konnte man erraten, daß -der Amtmann vorhatte, etwas Wichtiges zu sagen. „Im -Jahre Eintausend, .... Gott töte mich, ich kann diese -verdammten Jahreszahlen nicht behalten .... Also im -Jahre .... erhielt der damalige Kommissär Ledatschi -den Befehl, einen Kosaken auszuwählen, der gescheiter -sei, als die anderen. O, (der Amtmann sprach dieses -„O“ mit erhobenem Finger) gescheiter als die anderen, -um der Zarin das Geleit zu geben. Ich bin damals ....“ -</p> - -<p> -„Was ist da viel zu reden? Jeder kennt die Geschichte -schon, Herr Amtmann! Alle wissen doch, daß -du dir die Gnade der Zarin verdient hast. Gesteh jetzt, -hatte ich nicht recht? Hast du dich nicht doch etwas -geirrt, als du sagtest, du habest diesen Kerl im Pelz -erwischt?“ -</p> - -<p> -„Was diesen Teufel im Pelz betrifft, so soll er zur -Lehre für die anderen in Ketten geschmiedet und tüchtig -abgestraft werden. Sie sollen schon merken, was das -heißt, Obrigkeit! Wer hat denn den Amtmann eingesetzt, -wenn nicht der Zar? Und dann wollen wir uns -um die anderen Lausbuben kümmern. Ich habe noch -nicht vergessen, wie diese verfluchten Lümmel eine -Schweineherde in meinen Gemüsegarten getrieben haben, -die mir den ganzen Kohl und alle Gurken wegfraß. -Ich habe auch nicht vergessen, wie diese Teufelskinder -sich weigerten, mir mein Korn zu dreschen; o nein, ich -hab’s nicht vergessen! .... Aber sie sollen verrecken, ich -muß auf jeden Fall erfahren, wer der Schelm im Pelz ist!“ -</p> - -<p> -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -„Man merkt’s, das ist ein flinker Vogel!“ sagte -der Branntweinbrenner, der sich während dieses ganzen -Gespräches fortwährend die Backen mit Rauch vollpumpte, -wie ein Belagerungsgeschütz, und dessen Lippen -eine ganze Rauchfontäne ausstießen, wenn sie sich von -der kurzen Pfeife trennten. -</p> - -<p> -„Es wäre auf jeden Fall nicht übel, diesen Menschen -in der Brennerei zu haben, noch besser wär’s freilich, -ihn an einem Eichenwipfel aufzuhängen, wie einen -Kirchenkronleuchter.“ -</p> - -<p> -Dieser Witz kam dem Branntweinbrenner nicht ganz -dumm vor, und er beschloß sofort, ohne erst die Billigung -der anderen abzuwarten, sich selbst mit einem -heiseren Lachen zu belohnen. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick näherten sie sich einer kleinen, -halb in die Erde gesunkenen Hütte. Die Neugierde -unserer Wanderer hatte sich noch vergrößert; alle drängten -sich vor der Türe zusammen. Der Schreiber nahm -einen Schlüssel heraus und das Schloß klirrte; aber -dieser Schlüssel gehörte zu seinem Spind. Die Ungeduld -stieg. Er begann in der Tasche herumzuwühlen, fand -jedoch den Schlüssel nicht. -</p> - -<p> -„Da!“ sagte er endlich, und holte ihn aus der Tiefe -seiner gewaltigen Tasche hervor, die sich in seiner Hanfpluderhose -befand. -</p> - -<p> -Bei diesem Laut schienen die Herzen unserer Helden -zu einem einzigen Herz zu verschmelzen, und dieses -Riesenherz schlug so heftig, daß sein unregelmäßiges -Hämmern nicht einmal von dem Klirren des Schlosses -übertönt wurde. Die Tür ging auf, und .... der -Amtmann wurde bleich wie ein Stück Leinwand; den -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Branntweinbrauer überlief’s kalt, und sein Haar wollte -gen Himmel fliegen. Entsetzen malte sich auf dem -Gesicht des Schreibers; die Büttel wuchsen fest an -die Erde und waren nicht einmal imstande, ihre aufgesperrten -Mäuler zu schließen: vor ihnen stand die -Schwägerin. -</p> - -<p> -Sie war nicht weniger betroffen als die anderen, -aber bald erholte sie sich etwas und wollte gerade auf -sie zugehen. -</p> - -<p> -„Halt!“ schrie da der Amtmann mit wilder Stimme -und schlug die Türe zu. „Leute, das ist der Satan!“ -rief er dann. „Feuer! Schnell Feuer her! Es ist -nicht Schade um das Kronshaus! Steckt es an, damit -die Satansknochen nicht länger auf dieser Erde -bleiben!“ -</p> - -<p> -Die Schwägerin schrie entsetzt auf, als sie hinter der -Tür von der fürchterlichen Absicht vernahm. -</p> - -<p> -„Was macht ihr da, Brüder?“ rief der Branntweinbrenner. -„Euer Haar ist gottlob fast so weiß wie -Schnee, trotzdem aber scheint’s euch noch am Verstand -zu fehlen: ein einfaches Feuer kann doch der Hexe nichts -anhaben! Nur das Feuer aus einer Pfeife kann einen -Werwolf in Brand stecken! Halt, ich mach gleich -welches an!“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten schüttete er die Glut aus der -Pfeife auf ein Heubündel und begann zu blasen. Aber -die Verzweiflung der armen Schwägerin verlieh ihr -einen ungeahnten Mut; sie begann laut um Hilfe zu -flehen und die Männer zu beschwichtigen. -</p> - -<p> -„Haltet ein, Brüder! Warum wollt ihr euch grundlos -einer Sünde schuldig machen. Vielleicht ist’s wirklich -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -nicht der Satan,“ rief der Schreiber. „Vielleicht -kann das Wesen, das da drinnen in der Stube sitzt, -doch das Zeichen des heiligen Kreuzes machen, und das -bedeutet dann, daß es nicht der Teufel ist!“ -</p> - -<p> -Der Vorschlag wurde angenommen. -</p> - -<p> -„Packe dich, Satanas!“ fuhr der Schreiber fort und -legte die Lippen an die Türspalte. „Wenn du dich -nicht vom Platze rührst, machen wir dir die Tür auf.“ -</p> - -<p> -Die Tür wurde aufgemacht. -</p> - -<p> -„Bekreuzige dich!“ rief der Amtmann, und sah sich -um, wie wenn er für den Fall des Rückzuges einen -Zufluchtsort suchte. -</p> - -<p> -Die Schwägerin schlug ein Kreuz. -</p> - -<p> -„Was Teufel! Das ist wirklich die Schwägerin!“ -</p> - -<p> -„Welche unsaubere Macht hat dich bloß in diese -Kammer gebracht, Gevatterin?“ -</p> - -<p> -Die Schwägerin erzählte schluchzend, wie die Burschen -auf der Straße sie gepackt und sie trotz ihres Widerstandes -durch das breite Fenster in die Hütte hineingeschoben -und die Fensterläden geschlossen hatten. Der -Schreiber sah sich die Sache an. Die Angeln waren -heruntergerissen, und der breite Laden war oben nur mit -einem Holzbalken festgerammelt. -</p> - -<p> -„Du bist mir ein feiner Kerl, du einäugiger Satan -du,“ schrie sie und ging auf den Amtmann zu, der -zurückwich und sie immer noch mit seinem Auge maß. -„Ich kenne deine Absichten schon, du hättest mich -wohl am liebsten aufgefressen, damit du dann ungestört -jeder Schürze nachlaufen kannst, und keiner -mehr weiß, wie der Jammergreis sich selbst zum Narren -macht. Du meinst, ich weiß nicht, was du heute abend -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -mit Hanna gesprochen hast? O, ich weiß alles! Mich -kann keiner so leicht betrügen, nicht einmal einer, der -weniger blöd ist als du! Ich habe lange Geduld, aber -dann: nimm dich in acht ....!“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten ballte sie die Faust, machte sich -rasch davon; und ließ den Amtmann in völliger Erstarrung -zurück. -</p> - -<p> -„Nein, da ist der Satan ernsthaft mit im Spiel!“ -dachte er, sich den Kopf kratzend. -</p> - -<p> -„Wir haben ihn!“ riefen die eintretenden Büttel. -</p> - -<p> -„Wen habt ihr?“ fragte der Amtmann. -</p> - -<p> -„Den Teufel im umgewendeten Pelz!“ -</p> - -<p> -„Bringt ihn her!“ rief der Amtmann und packte -den hereingeführten Gefangenen an der Hand. „Seid -ihr verrückt geworden? — Das ist doch der besoffene -Kalenik!“ -</p> - -<p> -„Pfui Teufel, wir hielten ihn doch schon fest, Herr -Amtmann!“ antworteten die Büttel. „In dem einen -Gäßchen umringten uns die verdammten Kerls, fingen -an zu tanzen und uns hin und her zu zerren, steckten -die Zunge raus und rissen ihn uns aus den Händen. -.... Der Henker soll sie holen! .... Aber wie wir -statt seiner zu dieser Krähe hier gekommen sind, das -mag Gott wissen!“ -</p> - -<p> -„Kraft meiner Vollmacht und im Namen der ganzen -Gemeinde ergeht die Verfügung, diesen Räuber unverzüglich -gefangen zu nehmen,“ sprach der Amtmann; -„desgleichen alle anderen, die ihr auf den Straßen antrefft, -und sie mir zur Aburteilung vorzuführen! ....“ -</p> - -<p> -„Erbarm dich doch, Herr Amtmann!“ riefen da -einige Büttel und verneigten sich tief bis zur Erde vor -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -ihm. „Hättest du nur gesehen, was das für Fratzen -sind! Gott straf uns, aber seit unserer Geburt und -Taufe haben wir keine so abscheulichen Larven gesehen. -Wie leicht verfällt man der Sünde, Herr Amtmann! -Die können einen rechtschaffenen Menschen so erschrecken, -daß einem nachher kein Weib mehr ein Gebreste besprechen -kann!“ -</p> - -<p> -„Ich will euch schon zeigen, was ein Gebreste ist! -Was? Ungehorsam? Ihr zieht wohl mit ihnen am -selben Strang, ihr Rebellen! Was soll denn das? .... -Ihr werdet sie noch zum Mord anstiften! .... ihr -.... ihr .... Ich werde das dem Kommissär melden! -Auf der Stelle, hört ihr, auf der Stelle! Lauft, fliegt -schnell wie die Vögel! Ich werde euch schon .... Ihr -sollt mir ....!“ -</p> - -<p> -Alle stoben auseinander. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-4-5"> -V.<br /> -Die Ertrunkene -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nbekümmert,</span> und ohne auf die abgesandten Verfolger -zu achten, näherte sich der Urheber dieses -ganzen Wirrwarrs dem alten Hause am Teich. -Ich glaube, man braucht wohl nicht weiter hervorzuheben, -daß es Lewko war. Sein schwarzer Pelz war -aufgeknöpft, er hielt seine Mütze in der Hand, und der -Schweiß rann ihm von der Stirn. — Düster und -hehr stand der schwarze Ahornhain da, und nur -auf der Seite, die dem Monde zugewandt war, lag -ein feiner Silberstaub über ihm ausgestreut. Vom regungslosen -Teich wehte eine kühlende Frische dem müden Fußgänger -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -entgegen und lud ihn ein, an seinen Ufern auszuruhen. -Alles war still; nur im tiefen Dickicht des -Waldes hörte man das Schmettern der Nachtigall. Ein -unüberwindlicher Schlaf senkte sich rasch auf Lewkos -Lider. Die ermatteten Glieder lösten sich und erschlafften; -der Kopf suchte eine Stütze .... „Nein, auf die Art -schlafe ich hier noch ein!“ sprach er, stand auf und rieb -sich die Augen. Er blickte um sich: die Nacht lag noch -leuchtender vor ihm. Eine seltsam berauschende Helle -mischte sich in den Glanz des Mondes. Noch nie hatte -er etwas Ähnliches gesehen. Silberne Nebel senkten -sich aufs Land. Ein Duft von blühenden Apfelbäumen -und Nachtblüten war über die ganze Erde ausgegossen. -Mit Verwunderung blickte er in die regungslosen -Wasser des Teiches; das alte Herrenhaus spiegelte -sich in ihm umgestürzt, klar und in lichter Erhabenheit. -Statt der düsteren Fensterläden blinkten einem -lustige Glasfenster und Türen entgegen und das Gold -schimmerte durch die klaren Scheiben. Auch schien es -ihm, als habe sich ein Fenster geöffnet. Er hielt den -Atem an, regte sich nicht und glaubte sich in die Tiefe -des Teiches versetzt. Und siehe: zuerst schob sich ein -weißer Ellenbogen aus dem Fenster, dann schaute ein -liebliches Köpfchen heraus mit glänzenden Augen, die sanft -durch dunkelblonde Haarwogen hindurch leuchteten, und -stützte sich auf den Ellenbogen. Lewko sah, wie sie leise -den Kopf schüttelte, wie sie winkte und lächelte .... -Sein Herz fing plötzlich an heftig zu pochen .... das -Wasser erzitterte, und das Fenster schloß sich wieder. -Leise ging er vom Teiche fort und sah das Haus unverwandt -an: Die düsteren Fensterläden standen weit -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -offen, und die Scheiben funkelten im Monde. „Wie -wenig darf man doch auf das Gerede der Menschen -geben!“ dachte er bei sich. „Das Haus ist nagelneu, -und die Farben sind frisch, als ob sie erst heute -aufgetragen wären. Hier muß doch jemand wohnen!“ -Und er trat schweigend näher, aber im Hause war alles -still. Mächtig und klingend tönten die leuchtenden Lieder -der Nachtigall durcheinander, und wenn sie schmachtend -wie in Wonne zu ersterben schienen, vernahm man das -Rascheln und Zirpen der Heimchen oder das Schnarren -eines Sumpfvogels, der mit seinem glatten Schnabel -auf den weiten Wasserspiegel aufschlug. Lewko empfand -eine süße Stille in seinem Herzen, es schien sich zu -weiten und schlug so leicht und frei. Er stimmte seine -Harfe und fing an zu spielen und zu singen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du mein helles Licht der Nacht,</p> - <p class="verse">Du mein Mond, ach bester Mond!</p> - <p class="verse">Leucht mir über Haus und Hof,</p> - <p class="verse">Wo mein liebstes Mädchen wohnt!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Ein Fenster tat sich leise auf, und dasselbe Köpfchen, -dessen Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, guckte -heraus und lauschte aufmerksam dem Sang. Ihre schweren -Lider waren halb über die Augen gesenkt. Sie war bleich -wie Linnen, bleich wie der Mondenschein, aber wie köstlich -und wundersam! Sie lachte! .... Lewko erschauerte. -„Sing mir ein Lied, junger Kosak!“ sprach sie leise, neigte -den Kopf etwas zur Seite und senkte die dunklen Lider -ganz über die Augen. -</p> - -<p> -„Was für ein Lied soll ich dir singen, du mein -strahlendes Fräulein?“ -</p> - -<p> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -Stille Tränen flossen über ihr bleiches Antlitz. „Jüngling,“ -sprach sie, und etwas unsäglich Rührendes klang -aus ihren Worten, „Jüngling, finde mir meine Stiefmutter! -Nichts soll mir zu schön für dich sein. Ich -will dich belohnen. Ich will dich reich und herrlich -belohnen! Ich habe mit Seide bestickte Gewänder, -Korallen und Kleinode, ich will dir einen Gürtel schenken, -der mit Perlen besät ist. Ich habe Gold .... Jüngling, -finde mir meine Stiefmutter. Sie ist eine furchtbare -Hexe: ich hatte keine Ruh’ vor ihr auf Gottes -Erde. Sie hat mich gemartert, und ließ mich schaffen wie -eine niedrige Magd. Blick in mein Angesicht: sie ließ die -Röte von meinen Wangen schwinden mit ihrer unreinen -Zauberkunst. Blick auf meinen weißen Hals: kein -Wasser wäscht die blauen Flecke fort, keines wird sie je -fortwaschen, die von ihren eisernen Krallen stammen! -Sieh meine weißen Füße an, weit sind sie gewandert, -und nicht nur auf Teppichen, auch über heißen Sand, -durch sumpfiges Feld, durch stechende Nesseln sind sie -gewandert! Und meine Augen! Blick in meine Augen: -sie sehen nichts mehr vor Tränen! .... Finde sie mir, -Jüngling, find mir die Stiefmutter! ...“ -</p> - -<p> -Ihre Stimme, die immer mehr und mehr angeschwollen -war, stockte auf einmal. Tränenströme flossen -über ihr bleiches Antlitz. Ein drückendes Gefühl des -Mitleids und der Trauer schnürte dem Burschen das -Herz zusammen. -</p> - -<p> -„Zu allem bin ich für dich bereit, mein herrliches -Fräulein,“ rief er in tiefster Erregung. „Doch sag mir -nur, wo soll ich sie finden?“ -</p> - -<p> -„Sieh, sieh!“ rief sie schnell, „sie ist hier! Sie tanzt -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -am Wasser mit meinen Mädchen den Reigen und wärmt -sich im Mondenlichte. Sie ist schlau und voller List: -sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; aber -ich weiß, ich hör’ es, sie ist hier! Sie macht, daß mir -so drückend schwer, so dumpf zumute wird. Durch -sie ward mir’s verwehrt, so leicht und frei dahin zu -schwimmen wie ein Fisch. Ich sinke, versinke und -falle zu Boden wie ein Schlüssel. Find sie mir, Jüngling!“ -</p> - -<p> -Lewko blickte aufs Ufer: Im zarten Silbernebel sah -man etwas schimmern. Eine Schar Mädchen tummelte -sich, leicht wie ein Schatten, in lichten Gewändern, die so -hell waren, wie die Maiglöckchen auf der Wiese; goldene -Spangen, Perlenketten und Dukaten glänzten an ihren -Nacken; allein sie waren bleich: ihr Leib war wie aus durchscheinenden -Wolken gewoben und schimmerte durchsichtig -im silbernen Mondenlicht. Spielend und tanzend näherte -sich der Mädchenreigen und man hörte schon ihre -Stimmen. -</p> - -<p> -„Laßt uns das Rabenspiel spielen, das Rabenspiel,“ -säuselten alle durcheinander, wie das Schilf am Flusse, -das der Wind in stiller dämmernder Stunde mit seinen -lustigen Lippen berührt. -</p> - -<p> -„Wer soll Rabe sein?“ -</p> - -<p> -Das Los ward geworfen — und ein Mädchen trat -aus der Menge hervor. Lewko betrachtete sie aufmerksam. -Ihr Gesicht und ihr Kleid war ganz so wie bei allen -anderen. Man merkte ihr nur an, daß sie ihre Rolle -nicht gern spielte. Die Menge bildete eine lange Reihe -und wich behend den Angriffen des räuberischen Feindes -aus. -</p> - -<p> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -„Nein, ich will nicht Rabe sein!“ rief das Mädchen, -ganz schlaff vor Müdigkeit. „Es tut mir so leid, der -armen Henne die Küken zu rauben.“ -</p> - -<p> -„Du bist nicht die Hexe!“ dachte Lewko. -</p> - -<p> -„Wer soll Rabe sein?“ -</p> - -<p> -Die Mädchen wollten wiederum losen. -</p> - -<p> -„Ich will Rabe sein!“ rief da eine aus ihrer Mitte. -</p> - -<p> -Lewko begann ihr Gesicht scharf zu mustern. Schnell -und kühn machte sie Jagd auf die Schar und stürzte -nach allen Seiten, um ihr Opfer zu fangen. Da sah -Lewko, daß ihr Leib nicht so leuchtete, wie der der anderen: -mitten im Innern gewahrte er etwas Dunkles. Plötzlich -ertönte ein Schrei: der Rabe stieß auf ein Mädchen -herab, fing es ein, und es deuchte Lewko, als habe sie ihre -Krallen gezeigt, und als blitze in ihrem Gesicht eine boshafte -Freude auf. -</p> - -<p> -„Hexe!“ rief er, und zeigte, nach dem Hause gewandt, -mit dem Finger auf sie. -</p> - -<p> -Das holde Fräulein lachte auf, und die Mädchen führten -die, welche den Raben gespielt hatte, schreiend mit sich -fort. -</p> - -<p> -„Womit soll ich’s dir lohnen, Jüngling? Ich weiß, -du brauchst kein Gold, du liebst Hanna. Doch der gestrenge -Vater will dir’s nicht erlauben, sie zu heiraten. -Nun wird er dich nimmer hindern; nimm dies Briefchen -und gib es ihm ...“ -</p> - -<p> -Sie streckte ihm ihr weißes Händchen hin, ihr Antlitz -leuchtete wundersam und erstrahlte .... Mit einem -nie geahnten Schauer und sehnsüchtigen Pochen des -Herzens griff er nach dem Briefchen und .... erwachte. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-2-4-6"> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -VI.<br /> -Erwachen -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>H</span><span class="postfirstchar">ab’</span> ich wirklich geschlafen?“ sprach Lewko zu -sich selbst, als er sich von der kleinen Böschung -erhob. „Alles war doch so lebendig wie in -Wirklichkeit“ .... „Seltsam, seltsam!“ wiederholte er, -indem er sich umsah. Der Mond stand gerade über -seinem Kopfe und wies auf Mitternacht. Alles war -still; vom Teich wehte es kühl her; über ihm stand -traurig das verfallene Haus mit den geschlossenen -Läden; Moos und wildes Steppengras ließen erkennen, -daß sich die Menschen schon lange von ihm getrennt -hatten. Lewko öffnete seine Hand, die er während des -Schlafes krampfhaft geballt hatte, und stieß einen Schrei -der Verwunderung aus; er hatte einen Zettel in ihr entdeckt. -„Ach, wenn ich doch lesen könnte!“ dachte er, -indem er ihn vor seinen Augen hin und her wandte. -In diesem Augenblick vernahm er hinter sich ein Geräusch. -</p> - -<p> -„Fürchtet nichts! Packt ihn nur! Vor wem habt -ihr Angst? Wir sind ja zu zehn! Ich will darauf -wetten, das ist ein Mensch und kein Teufel! ....“ -</p> - -<p> -Es war der Amtmann, der diese Worte seinen Begleitern -zuschrie, und Lewko fühlte sich von mehreren -Händen gepackt, von denen einige vor Furcht zitterten. -„Nun Freundchen, wirf mal endlich deine schreckliche -Maske ab, du hast die Leute schon genug in die Irre geführt!“ -rief der Amtmann und packte ihn am Kragen. -Aber da glotzte er ihn voller Schreck mit seinem einzigen -Auge an: „Lewko, mein Sohn!“ schrie er zurückweichend, -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -und ließ vor Staunen die Hände herabsinken. „Du -bist’s? Du Hundesohn! So eine Ausgeburt der Hölle! -Ich denke: was für ein Schelm, was für ein verkleideter -Teufel treibt da sein Unwesen? Und nun stellt sich -heraus, daß du es bist. — Der ungekochte Mehlbrei -soll deinem Vater im Halse stecken bleiben! — Du -treibst böse Streiche auf den Straßen, du dichtest Lieder -....! Oho, Lewko! Was soll das? Dich juckt -wohl der Rücken? Bindet ihn!“ -</p> - -<p> -„Halt Vater! Ich hab’ dir einen Zettel zu geben!“ -sagte da Lewko. -</p> - -<p> -„Jetzt ist keine Zeit für Zettel, mein Täubchen! -Bindet ihn!“ -</p> - -<p> -„Halt ein, Herr Amtmann!“ sagte der Schreiber und -entfaltete den Zettel. „Das ist ja die Handschrift des -Kommissärs!“ -</p> - -<p> -„Des Kommissärs?“ -</p> - -<p> -„Des Kommissärs?“ wiederholten die Büttel mechanisch. -</p> - -<p> -„Des Kommissärs? Wunderlich! Das ist noch unbegreiflicher!“ -dachte Lewko bei sich. -</p> - -<p> -„Lies, lies!“ sagte der Amtmann, „was schreibt denn -der Kommissär da?“ -</p> - -<p> -„Hören wir, was der Kommissär schreibt,“ sprach -der Branntweinbrenner, mit der Pfeife in den Zähnen, -und schlug Feuer. -</p> - -<p> -Der Schreiber hüstelte und begann zu lesen: -</p> - -<p> -„Verfügung: An den <a id="corr-11"></a>Amtmann Jewtuch Makohonenko. -Wir haben vernommen, daß du alter Tropf statt die -alten Steuerschulden einzutreiben und die Ordnung in -dem Dorfe aufrecht zu erhalten, närrisch geworden bist -und Unzucht treibst ....“ -</p> - -<p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -„Bei Gott!“ unterbrach der Amtmann die Verlesung, -„ich kann nichts hören!“ -</p> - -<p> -Der Schreiber begann von neuem. -</p> - -<p> -„Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. -Wir vernehmen, daß du alter Tro....“ -</p> - -<p> -„Halt, halt, es ist nicht nötig,“ schrie der Amtmann, -„ich habe zwar nichts gehört, aber ich weiß, daß die -Hauptsache noch kommt. Lies schnell weiter!“ -</p> - -<p> -„Infolgedessen tu ich dir den Befehl kund und zu -wissen, deinen Sohn Lewko Makohonenko alsogleich mit -der Kosakentochter aus Eurem Dorf, Hanna Petrytschenkowa, -zu verehelichen, insgleichen auf der Landstraße die -Brücke instand zu setzen und ferner die Gutspferde nicht den -Herren vom Gericht zu geben, selbst dann nicht einmal, -wenn sie von einer Kronsitzung kommen. So ich bei -meiner Ankunft obige Verfügung nicht erfüllt finden -sollte, wirst du allein zur Verantwortung gezogen. Kommissär -und Leutnant außer Diensten Kosjma Dergatsch-Drischpanowski.“ -</p> - -<p> -„So?“ meinte der Amtmann mit offenem Munde. -„Hört ihr, hört ihr, für alles macht man den Amtmann -verantwortlich. Da heißt’s gehorchen, gehorchen -ohne Widerrede! Sonst, mit Verlaub zu sagen .... -Und du,“ fuhr er, zu Lewko gewandt, fort, „sollst auf -Befehl des Kommissärs verheiratet werden — wenn’s -mich auch sonderbar dünkt, wie er das wohl erfahren -haben mag! Aber vorher sollst du noch die Nagaika zu -kosten bekommen! Kennst du <em>die</em>, die bei mir neben -dem Heiligenbilde an der Wand hängt? Ich werde sie -mal morgen frisch in Gang bringen .... Wo hast -du diesen Zettel her?“ -</p> - -<p> -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -Trotz seines Staunens über diese unerwartete Wendung -der Sache, war Lewko so vernünftig gewesen, sich -im Kopfe eine Antwort zurecht zu legen und die Wahrheit, -wie er zu dem Zettel gekommen war, zu verschweigen. -</p> - -<p> -„Ich war gestern abend noch in der Stadt,“ sagte -er, „und da begegnete ich dem Kommissär, der gerade -aus seinem Wagen stieg. Als er erfuhr, daß ich aus -unserem Dorfe stamme, gab er mir diesen Zettel da und -hieß mich, dir mündlich ausrichten, er würde auf dem -Rückwege bei uns zu Mittag essen, Vater.“ -</p> - -<p> -„Hat er das gesagt?“ -</p> - -<p> -„Ja, das hat er gesagt!“ -</p> - -<p> -„Hört ihr’s,“ sprach der Amtmann, sich mit wichtiger -Gebärde an seine Begleiter wendend, „der Kommissär -kommt in eigner Person zu unsereinem, das heißt zu -mir, zur Tafel. Oh ....“ Dabei hob der Amtmann -den einen Finger in die Höhe und gab seinem Kopf -eine Haltung, als ob er auf etwas lausche. „Der Kommissär, -hört ihr’s, der <em>Kommissär</em> kommt zu mir zu -Tisch! Wie denkst du, Herr Schreiber, und du, Gevatter, -ist das etwa eine kleine Ehre, wie?“ -</p> - -<p> -„Noch nie hat, so viel ich mich besinne,“ fiel hier -der Schreiber ein, „je ein Amtmann einem Kommissär -mit einer Mahlzeit aufgewartet.“ -</p> - -<p> -„Es gibt eben Amtmänner und Amtmänner!“ sprach -der Amtmann mit selbstzufriedener Miene. Sein Mund -verzog sich, und etwas wie ein dumpfes, heiseres Lachen, -das mehr dem Grollen eines fernen Donners glich, kam -über seine Lippen. -</p> - -<p> -„Wie denkst du, Herr Schreiber? Müßte man nicht -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -eigentlich zu Ehren des hochgestellten Gastes den Befehl -erlassen, daß jedes Haus wenigstens ein Hühnchen, ein -bißchen Leinwand oder dergleichen spendet .... was? ....“ -</p> - -<p> -„Ja, das müßte man eigentlich, das müßte man, -Herr Amtmann!“ -</p> - -<p> -„Und wann ist die Hochzeit, Vater?“ fragte Lewko. -</p> - -<p> -„Die Hochzeit? Ich möchte dir schon eine Hochzeit -zeigen! .... aber, dem hochgestellten Gaste -zu Ehren .... Morgen soll euch der Pope trauen. -Der Teufel mag euch holen! Der Kommissär soll sehen, -was Pünktlichkeit ist! Nun aber, Kinder, geht zu Bett! Geht -jetzt heim! .... Der heutige Vorfall hat mich an die -Zeit erinnert, wo ich ....!“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten blickte der Amtmann nach alter -Gewohnheit würdig und bedeutungsvoll drein. -</p> - -<p> -„Jetzt wird der Amtmann zu erzählen anfangen, -wie er die Zarin begleitet hat!“ sagte Lewko, und eilte -schnellen Schrittes zu dem wohlbekannten Häuschen, -das von niedrigen Kirschbäumen umstanden war. „Gott -schenke dir die ewige Seligkeit, schönes gutes Fräuleinchen!“ -dachte er sich. „Mögen dir in jener Welt alle heiligen -Engel zulächeln! Niemand soll je aus meinem Munde -von dem Wunder hören, das in dieser Nacht geschah. -Nur dir allein, Hanna, will ich’s erzählen, du allein -wirst mir glauben und wirst mit mir für die Seele -der unglücklichen Ertrunkenen beten!“ -</p> - -<p> -Und er näherte sich dem Häuschen; das Fenster -stand offen, die Mondstrahlen fielen durchs Fenster auf -die schlafende Hanna, ihr Kopf lag auf den Arm gestützt, -ihre Wangen glühten sanft, und ihre Lippen bewegten -sich und sprachen halblaut seinen Namen. -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -„Schlaf, mein schönstes Mädchen! Mögest du träumen -von dem Herrlichsten, was es auf der Welt gibt; doch -unser Erwachen soll noch herrlicher sein!“ -</p> - -<p> -Er schlug ein Kreuz über sie, schloß das Fenster, -entfernte sich leise, und wenige Augenblicke später schlief -alles im Dorfe. Der Mond allein segelte voller -Glanz und Wunder durch die unermeßlichen Fernen des -prunkenden Himmels der Ukraine. In hehrer Feier webten -die Höhen dort oben, und die Nacht, die göttliche Nacht -glomm majestätisch ihrem Ende entgegen. Und auch -die Erde lag so voll Schönheit da, in ihrem wundervollen -Glanz von Silber; aber es war niemand mehr, der -es genießen konnte; alles war in Schlaf versunken. -Nur ab und zu wurde das Schweigen für einen Augenblick -von Hundegebell unterbrochen, und noch lange -tappte der betrunkene Kalenik durch die schlafenden -Gassen herum und suchte sein Haus. -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-2-5"> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -Der verschwundene Brief -</h3> - -<p class="subt"> -Eine Sage<br /> -Erzählt vom Küster der — Kirche zu *** -</p> - -<p class="pbb first"> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">hr</span> möchtet also, daß ich euch noch mehr vom -Großvater erzähle? — Meinetwegen. Warum -soll ich euch nicht mit einer Schnurre einen Spaß -machen? O ihr Tage der Vergangenheit! Welche -Freude und Lust überkommt doch das Herz, wenn man -vernimmt, was vor langer, langer Zeit einmal in der -Welt geschah, und niemand weiß mehr Jahr noch Tag. -Und wenn erst so ein Alter aus unserer Verwandtschaft -mit im Spiel ist, irgendein Großvater oder ein Urgroßvater, -— dann ist’s ganz um mich geschehen: -Ich will beim Lobsingen auf die heilige Märtyrerin -Barbara den Schlucken kriegen, wenn es mir nicht -immer so vorkommt, als ob ich das alles selbst durchgemacht -hätte: gerad als wenn ich in des Großvaters -Seele hineingekrochen wäre, oder als wenn die Seele -des Großvaters in mir selbst rumorte .... Nein, aber -am ärgsten sind die Mädels und die jungen Weiber dahinter -her; kaum erblicken sie einen, gleich heißt es: -„Foma Grigorjewitsch, Foma Grigorjewitsch! Schnell -ein Märchen recht zum Gruseln, bitte, bitte, ein Märchen -zum Gruseln ....!“ Taratata — taratata! Und -los geht es .... Warum sollt man ihnen auch nicht -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -ein Märchen erzählen, aber paßt mal auf, was nachher -mit ihnen im Bett geschieht. Ich weiß doch, daß jede -unter der Decke zittert, als wenn sie das Fieber hätte, -und am liebsten den Kopf unter den Pelz stecken möchte. -Da braucht nur eine Ratte an einem Topf zu scharren, -oder sie gerät selbst mit dem Fuß an den Feuerhaken, -Gott bewahre, — gleich fliegt die Seele bis in die Strümpfe. -Am anderen Tage aber ist alles vergessen; und sie drängen -einen von neuem: man soll ihnen doch nur ein -recht grusliges Märchen erzählen! Was soll ich euch -nun erzählen? Es fällt mir gerade nichts ein .... -Ach ja, ich will euch das erzählen, wie die Hexen mit -meinem seligen Großvater Schafskopf gespielt haben. -Aber darum muß ich im Voraus bitten, meine Herren, -bringt mich nicht aus dem Geleis, sonst giebt’s so einen -Brei, daß man sich schämen muß, ihn ins Maul zu -nehmen. Also mein seliger Großvater war, wie ich euch -bemerken muß, durchaus nicht einer von den gewöhnlichen -Kosaken. Der verstand’s, auf jeden Topf seinen -Deckel zu setzen. An Feiertagen konnte er seine Apostel -so herunterschnurren, daß sich auch jetzt noch mancher -Popensohn vor ihm verstecken könnte. Na, und das -wißt ihr ja selbst, wenn man in der damaligen Zeit die -Schriftkundigen aus ganz Baturin zusammentrommeln -wollte, da brauchte man nicht erst die Mützen bereitzuhalten, -— die offene Hand hätte schon vollständig genügt. -Was Wunder, daß jeder, der am Großvater -vorüberging, sich tief vor ihm verneigte. -</p> - -<p> -Eines Tages fiel es dem hochwohlgeborenen Herrn -Hetman ein, aus irgendeinem Grunde ein Schreiben -an die Zarin zu senden. Der damalige Regimentsschreiber -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -(daß dich der Geier hole, ich kann mich nicht -auf seinen Namen besinnen .... hieß er Wisrjak oder -Motusotschka oder Goloputzek .... ich weiß nur, daß -er einen sehr komischen Namen hatte, der ganz absonderlich -anfing) er ließ also den Großvater zu sich kommen und -sagte ihm: so und so, der Hetman wolle ihn als Kurier -mit einem Briefe zu der Zarin senden. Mein Großvater -liebte die langen Vorbereitungen nicht, nähte den -Brief in die Mütze ein, führte sein Pferd aus dem -Stall, schmatzte seine Frau und seine zwei Ferkelchen -(wie er sie selbst nannte) — einer von ihnen war mein -leiblicher Vater — ordentlich ab, und hinter ihm erhob -sich eine solche Staubwolke, als ob fünfzehn Jungen -auf der Straße Schlagball spielten. Am andern Tage -hatte der Hahn noch nicht zum vierten Male gekräht, -als der Großvater schon in Konotop war. Dort war -gerade Jahrmarkt; und es wimmelten so viel Leute auf -den Straßen herum, daß es einem vor den Augen flimmerte. -Weil es aber noch früh am Morgen war, so -schlief alles lang hingestreckt auf der Erde. Neben einer -Kuh lag ein versoffener Kerl mit einer roten Nase, der -wie ein Gimpel aussah; etwas weiter schnarchte eine -Händlerin im Sitzen mit Feuersteinen, Waschblau, -Schrot und Brezeln; unter einem Wagen lag ein -Zigeuner; auf einem andern Wagen mit Fischen ein -Frachtfuhrmann, mitten auf dem Wege lag mit gespreizten -Beinen ein bärtiger Moskowiter mit Gürteln und -Däumlingen .... mit einem Wort: allerhand Pack, -wie man’s auf den Jahrmärkten trifft. Der Großvater -machte Halt, um sich’s anzusehen. Unterdessen aber -wurde es nach und nach in den Buden lebendig: die -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Judenweiber begannen mit ihren Flaschen zu klappern; -der Rauch stieg hie und da in Ringen empor, und ein -Duft von heißen Buchteln zog übers ganze Lager. Da -fiel es dem Großvater ein, daß er weder Zunder noch -Tabak vorrätig hatte, und so fing er denn an, auf dem -Jahrmarkt herumzustreichen. Er hatte noch keine zwanzig -Schritt gemacht, da kommt ihm ein Saporoger entgegen. -Ein Draufgänger, man sieht’s ihm schon am Gesicht -an! Glutrote Pluderhosen, ein blauer Schupan, ein -grellbunter Gürtel, ein Säbel an der Seite und ’ne -Pfeife mit einer Messingkette, die bis zu den Fersen -reicht — mit einem Wort, ein Saporoger vom Kopf -bis zu den Füßen! Ist das ein Völkchen! Wie der -so dasteht, sich reckt, sich den prächtigen Schnurrbart -streicht, mit den Hufeisen klirrt — und dann loslegt! -Ja, sag’ ich euch, wie der loslegt: Die Beine schwirren -nur so hin und her wie eine Spindel in Weiberhänden; -wie ein Wirbelwind saust seine Hand über alle Saiten -der Harfe, er stemmt sie in die Hüften, schnellt in -Kniebeugestellung die Beine von sich und stimmt ein -jauchzendes Lied an — daß einem die Seele erzittert! .... -Ja diese Zeiten sind vorbei; jetzt gibt’s keine Saporoger -mehr! Ja, ja. Sie trafen sich also, machten Bekanntschaft, -begannen miteinander zu schwatzen, und der Großvater -hatte bald seine Reise vergessen. Es ging ein -Saufen an wie auf ’ner Hochzeit vor den großen Fasten. -Endlich aber kriegten sie’s satt, Töpfe zu zerschmeißen -und Geld unters Volk zu werfen, und dann kann man -ja auch nicht ewig auf dem Jahrmarkt bleiben! So -verabredeten sich denn die neuen Freunde, sie wollten -sich nicht mehr trennen und den Weg zusammen zurücklegen. -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -Es war schon gegen Abend, als sie sich aufmachten -und ins freie Feld hinausritten, die Sonne -war schon zur Ruhe gegangen und nur hie und da -flammten dort, wo sie noch vor kurzem gestanden hatte, -ein paar rötliche Streifen auf. Bunte Saatwiesen lagen -ausgestreut da wie die Sonntagstücher schwarzbrauiger, -junger Frauen. Unsern Saporoger packte ein schrecklicher -Drang zum Schwatzen. Mein Großvater und -noch ein anderer Kumpan, der sich zu ihnen gesellt -hatte, fragten sich schon, ob er nicht vom Teufel besessen -sei: Wo hatte er bloß all das Zeug her, all diese Geschichten -und Mären so verwunderlicher Art, daß der Großvater -sich die Seiten halten mußte, um nicht vor Lachen -zu platzen. In der Steppe aber ward es immer düsterer, -je weiter man kam, und die Reden des Braven wurden -immer unzusammenhängender. Endlich aber verstummte -unser Erzähler und fing beim leisesten Geräusch an zu zittern. -</p> - -<p> -„Hoho, Landsmann! Du scheinst mir die Eulen zu -zählen! Du möchtest wohl heim, hinter den Ofen?“ -</p> - -<p> -„Ich will nichts vor euch verbergen,“ sprach er, sich -auf einmal umwendend, und seine Augen blickten starr. -„Wißt ihr, daß ich meine Seele schon lange an den -Bösen verkauft habe?“ -</p> - -<p> -„Ei potztausend! Wer hat nicht schon mit dem Bösen -zu tun gehabt? In solchen Fällen ist’s das Beste, man -ist lustig und geht lumpen.“ -</p> - -<p> -„O je, Jungens, lumpen möcht ich schon gern, aber -heut ist mein Termin! O je, Brüder!“ sprach er und -schüttelte ihnen kräftig die Hände. „O je, gebt mich -nicht preis, schlaft nur diese eine Nacht nicht! Mein -Lebtage will ich eure Freundschaft nicht vergessen!“ -</p> - -<p> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -Warum sollte man einem Menschen in so einem Unglück -nicht beistehen? Der Großvater erklärte glattweg, -er würde sich eher sein Kosakenhaar vom eignen Kopf -scheren, als den Teufel mit seiner Hundeschnauze eine -christliche Seele beschnüffeln lassen. Unsere Kosaken wären -vielleicht noch weiter geritten, wenn nicht die Nacht den -ganzen Himmel umwoben hätte, wie ein schwarzes dichtes -Netz; im Feld war es so dunkel geworden wie unter -einem Schafspelz. Nur von ferne blinkte ihnen ein -Lichtschein entgegen, und die Pferde, die die nahe Krippe -ahnten, sputeten sich, und starrten mit gespitzten Ohren -in die Finsternis. Der Lichtschein schien ihnen entgegen -zu eilen, und vor den Kosaken tauchte eine Schänke auf, -die ganz morsch und auf die Seite geneigt war, wie -ein Frauenzimmer, das von einer fröhlichen Taufe heimgeht. -Zu jener Zeit war eine Schänke etwas ganz -anderes wie heutzutage. Nicht nur, daß man nicht -ordentlich losgehen und drinnen kein Tänzchen oder ’nen -Hopser machen konnte, es gab nicht einmal Platz genug -zum Hinlegen, wenn einen ein Rausch überkommen -hatte, und die Füße von selbst anfingen, Zeichen in die -Luft zu schreiben. Der Hof war mit Frachtfuhren vollgepfropft; -in den Scheuern und den Krippen und auf -dem Flur lagen Leute: der eine zusammengekrümmt, ein -anderer lang ausgestreckt, und schnarchten wie die Kater. -Nur der Wirt saß vorm Lämpchen und schnitt Kerben -in einen Stock, um sich’s zu merken, wieviel Viertel -und Achtel die Fuhrleute ausgepfiffen hätten. Der Großvater -bestellte ein drittel Eimer für drei Mann, ging in -die Scheune, und alle drei legten sich nebeneinander -nieder. Kaum aber hatte er sich auf die Seite gelegt, -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -als er merkte, daß seine Landsleute schon in einen wahren -Totenschlaf versunken waren. Der Großvater weckte den -dritten Kosaken, der zu ihnen gestoßen war, und erinnerte -ihn an das Versprechen, das sie ihrem Kameraden gegeben -hatten. Jener richtete sich ein wenig auf, rieb -sich die Augen und schlief wieder ein. Es war nichts -zu machen, er mußte also allein Wache halten. Um den -Schlaf zu verscheuchen, besah er sich alle Wagen, beguckte -die Pferde, steckte sich eine Pfeife an, kam wieder zurück -und setzte sich neben die Seinen. Alles war so still, -daß man eine Fliege hätte hören können. Auf einmal -war es ihm, als wenn ihm ganz in der Nähe, hinter -einem Wagen, etwas Graues die Hörner zeigte .... -Seine Augen begannen zuzufallen, und er mußte sie -jeden Augenblick mit den Fäusten wach reiben und mit -dem Rest vom Schnapse waschen. Kaum aber konnten -sie wieder scharf blicken, da war alles wieder verschwunden. -Nach einer kleinen Weile zeigte sich das Ungetüm -von neuem hinterm Wagen .... Der Großvater riß -die Augen auf, so weit er konnte; aber die verdammte -Schlaftrunkenheit umnebelte alles vor ihm, seine Hände -wurden steif, der Kopf sank hintenüber, und ein fester -Schlaf übermannte ihn, so daß er hinfiel wie ein Toter. -Der Großvater mußte wohl recht lange geschlafen haben, -denn erst als die Sonne ihm tüchtig auf den Schädel -brannte, sprang er auf die Beine. Er räkelte sich, kratzte -sich den Rücken und merkte, daß schon nicht mehr so -viele Wagen dastanden wie gestern. Die Fuhrleute waren -also bereits vor Tagesanbruch davon gefahren. Was -jedoch seine Leute anging, so schlief der Kosak noch, der -Saporoger aber war weg. Er fragte herum, aber niemand -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -wußte was. Nur sein Kittel lag noch auf -demselben Platze. Mein Großvater wurde von Angst -ergriffen und fing an zu grübeln. Er sah nach den -Pferden — sie waren fort, sowohl seins, wie das -des Saporogers! Was hatte das zu bedeuten? Gesetzt, -der Gottseibeiuns hatte den Saporoger geholt, wer aber -hatte die Pferde mitgenommen? -</p> - -<p> -Nach reiflicher Überlegung kam der Großvater zum -Schluß, daß der Teufel sicherlich zu Fuß herbeigelaufen -sei; und da es gar weit bis zur Hölle wäre, hatte er -das Pferd gestohlen. Es schmerzte ihn sehr, daß er sein -Kosakenwort nicht gehalten hatte. „Nun,“ dachte er, -„da ist nichts zu machen. Ich gehe zu Fuß; am Ende -treff’ ich unterwegs einen Pferdehändler, der vom Jahrmarkt -zurückkehrt, und dann kaufe ich mir bei dem ein -Pferd.“ Wie er aber nach der Mütze griff, war auch -die Mütze fort. Da schlug mein seliger Großvater die -Hände überm Kopf zusammen, denn er erinnerte sich, -daß er ja gestern mit dem Saporoger die Mützen getauscht -hatte! Wer konnte also wohl sonst der Dieb sein, -wenn nicht der Unreine! Na, das war eine schöne Hetmans-Post! -Da hatte er den Brief an die Zarin! -Und der Großvater begann den Teufel mit solchen Namen -zu traktieren, daß es dem in seiner Hölle wohl mehr -als einmal in den Ohren klingen mochte. Aber alles -Schimpfen hilft wenig, und so viel sich der Großvater -auch den Kopf kratzte, es wollte ihm nichts einfallen. -Was war da zu tun? Er suchte sich also eilig einen -fremden Verstand zu borgen: sammelte all die guten -Leute, die in der Schänke waren, die Fuhrleute und die -anderen Reisenden, um sich und erzählte ihnen alles: -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -so und so, und dies Malheur sei ihm geschehen. Die Fuhrleute -saßen lange, das Kinn auf den Peitschenstiel gestützt, -da, sannen nach, schüttelten die Köpfe und meinten, -von so einem Wunder hätten sie wahrhaftig in Gottes getaufter -Welt noch nie vernommen, daß ein Hetmans-Brief -vom Teufel geholt worden sei. Andere fügten noch hinzu, -wenn der Teufel oder ein Moskowiter etwas stibitzten, -dann könne man hinterher nur noch drei Kreuze machen. -Der Schankwirt allein saß schweigend in seinem Winkel. -Der Großvater machte sich an ihn heran. Wenn ein -Mensch schweigt, so bedeutet das, er hat’s dick hinter -den Ohren. Aber der Wirt war sehr wortkarg, und hätte -der Großvater nicht fünf Gulden aus der Tasche geholt, -so hätte er bis an sein Lebensende vor ihm stehen -können. -</p> - -<p> -„Ich will’s dir sagen, wie du wieder zu deinem -Briefe kommen kannst,“ sprach er endlich und führte -ihn auf die Seite. Dem Großvater wurde bedeutend -leichter ums Herz. „Ich sehe dir’s an deinen Augen an, -daß du kein Weib bist, Kosak! Gib acht: unweit von -der Schänke führt ein Pfad rechts nach dem Walde. -Sobald die Dämmerung sich über’s Feld senkt, sei -bereit. Im Walde da leben Zigeuner. Die kommen -dann in solchen Nächten, wo sich keine Menschenseele -zeigt, und nur die Hexen auf ihren Ofengabeln reiten, -aus ihren Höhlen gekrochen, um Eisen zu schmieden. -Was sie aber in Wahrheit treiben und womit sie handeln, -das braucht dich nicht zu kümmern. Da wird’s im -Wald ein gewaltiges Getöse geben. Aber geh du nicht dahin, -woher der Lärm kommt; ein enger Pfad wird vor dir -liegen, der an einem verkohlten Baumstamm vorbeiführt: -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -auf diesem Wege geh’ weiter und immer weiter .... -die Dornen werden dich stechen, und dichtes Gestrüpp -versperrt dir den Weg, — aber geh du nur immer weiter! -Erst wenn du an einen kleinen Bach kommst, dann -darfst du Halt machen. Dort wirst du finden, was du -brauchst. Doch vergiß ja nicht, deine Taschen damit zu -füllen, wofür die Taschen gemacht sind .... Du verstehst -mich, diese Ware lieben die Teufel nicht weniger -als die Menschen!“ Nach diesen Worten zog sich der -Wirt in seinen Verschlag zurück und wollte nichts weiter -sagen. -</p> - -<p> -Mein Großvater seligen Angedenkens war ein Mann, -der sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen ließ; wenn -er einem Wolf begegnete, so packte er ihn stracks am -Schwanze; und machte er mal mit seinen Fäusten einen -Gang durch die Kosaken, so sanken sie zu Boden, -wie Birnen, die man vom Baum schüttelt. Als er -aber in der stockfinsteren Nacht in den Wald kam, -da überlief’s ihn denn doch kalt. Kein Sternchen -stand am Himmel und es herrschte eine düstere Finsternis, -wie in einem Weinkeller; nur ganz hoch oben -über dem Kopfe, da hörte man den kalten Wind durch -die Baumwipfel streichen, und die Bäume wackelten wie -berauschte Kosakenköpfe und die Blätter flüsterten sich -trunkene Reden zu. Auf einmal wehte eine solche Kälte -daher, daß der Großvater an seinen Schafpelz denken -mußte; und plötzlich fing’s an zu hämmern, wie wenn -hundert Hämmer herunterfielen, und es ging so ein Riesenlärm -durch den Wald, daß es ihm fürchterlich im Kopfe -dröhnte. Der ganze Wald wurde auf einen Augenblick -ganz hell wie bei einem Wetterleuchten. Der -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -Großvater erspähte sogleich den Pfad, der zwischen -niedrigem Gebüsch dahinführte: da war auch der verkohlte -Baumstamm und das Dornendickicht! Alles genau -so, wie’s ihm gesagt worden war. Nein, der Schankwirt -hatte ihn nicht betrogen. Aber besonders heiter war -es doch nicht, sich durch das dastehende Gestrüpp hindurcharbeiten -zu müssen. Sein Lebtag hatte er noch nie -gespürt, daß die verfluchten Äste und Dornen so schmerzhaft -stechen können: fast bei jedem Schritte wollte er -aufschreien. -</p> - -<p> -Nach und nach hatte er sich auf einen freien Platz -hinausgewunden. Er gewahrte, daß die Bäume seltener -wurden, und als er weiter zusah, da waren sie so dick, -wie er’s nicht einmal jenseits vom Königreich Polen -gesehen hatte. Bald schimmerte auch das Bächlein zwischen -den Bäumen auf: schwarz wie eine Damaszener -Klinge. Lange stand der Großvater am Ufer und spähte -nach allen Seiten aus. Am anderen Ufer brennt ein -Feuer. Schon will es erlöschen, da fällt sein Wiederschein -aufs neue ins Bächlein, das aufzuckt wie ein polnischer -Schlachziz unter einer groben Kosakenfaust. Da ist -auch eine winzige Brücke! „Da drüber kann doch höchstens -ein Teufelswägelchen fahren!“ dachte der Großvater, aber -er betrat sie schnell, und schneller noch als mancher die -Dose aus der Tasche holt, um eine Prise zu nehmen, -war er am anderen Ufer. Jetzt erst nahm er wahr, daß -Leute am Feuer saßen; aber die hatten solche garstige -Fratzen, daß er zu andern Zeiten Gott weiß was drum -gegeben hätte, ihrer Bekanntschaft entgehen zu dürfen. -Jetzt aber war ihm nicht zu helfen: Er mußte schon mit -ihnen anbändeln. Der Großvater verneigte sich tief bis -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -zur Erde vor ihnen. „Grüß Gott, gute Leute!“ Aber -auch nicht einer nickte mit dem Kopfe: sie saßen stumm -da, schwiegen und streuten etwas ins Feuer. Da der -Großvater fand, daß noch ein Platz frei war, so setzte -er sich denn ohne weitere Umschweife. Die widerlichen -Fratzen sprachen nichts, und auch der Großvater sagte -nichts. Lange saßen sie schweigend so da, und der Großvater -bekam die Sache schon satt; er griff in die Tasche, -zog die Pfeife raus, blickte um sich — aber keiner sah -nach ihm hin. „Wollten Euer Gnaden mit Verlaub die -hohe Güte haben, sozusagen“ .... (Mein Großvater -war ein vielerfahrener Mann, er verstand es, am rechten -Fleck ein höfliches Wörtlein anzubringen; selbst vor dem -Zaren hätte er, wenn’s drauf ankam, in Ehren bestehen -können.) .... „sozusagen, um weder von mir, noch -von euch zu schweigen: ein Pfeifchen hab’ ich wohl, aber -wo soll ich Feuer herkriegen?“ Auch auf diese Rede erfolgte -keine Antwort. Nur eine von den Mißgestalten -ergriff ein brennendes Holzscheit und stieß es dem Großvater -geradewegs gegen die Stirn, und wenn er nicht -etwas zurückgefahren wäre, hätte er auf ewig von seinem -einen Auge Abschied nehmen müssen. Als er endlich -sah, daß die Zeit unnütz verrann, beschloß er — ob’s -die unreine Brut nun anhören wollte oder nicht — ihnen -seine Sache zu erzählen. Jene spitzten die Ohren und -streckten die Pfoten vor. Der Großvater begriff, was -sie wollten; nahm sein ganzes Geld und warf es mitten -vor sie hin, wie man Hunden etwas vorwirft. Kaum -hatte er das Geld hingeschmissen, da schien alles vor ihm -durcheinanderzugehen, die Erde erzitterte, und er geriet — -<em>wie</em>, das konnte er selbst nicht erzählen — schier in die -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -Hölle. „Mein Gott!“ schrie der Großvater auf, als er -sich wieder umsah. Was für Ungeheuer! Fratze neben -Fratze! Da gab’s Hexen in so ungeheuerer Menge, wie -die Schneeflocken, die zuweilen auf Weihnachten fallen, und -alle so aufgeputzt und angemalt, wie die Fräulein auf -dem Jahrmarkt. Sie alle begannen, soviel ihrer da -waren, einen teuflischen Hopser zu tanzen. Der Staub -wirbelte in die Höhe, — Gott bewahr, welch ein Staub! -Einen ehrlich getauften Menschen hätte ein Zittern erfassen -müssen, wenn er gesehen hätte, wie hoch diese -Teufelsbrut sprang. Aber den Großvater überkam, trotz -seiner Angst, ein Lachen, als er sah, wie die Teufel mit -ihren Hundeschnauzen zierliche Schritte machten und mit -wedelnden Schweifchen um die Hexen herumscharwenzelten, -wie junge Burschen um die hübschen Mädchen; und die -Musikanten paukten auf ihren eignen Backen herum wie -auf Trommeln, und pfiffen durch die Nasen wie auf -Flöten. Kaum aber hatten sie den Großvater erblickt, -da stürzten sie sich wie ein ganzes Heer auf ihn: Schweinemäuler, -Hundemäuler, Bocksmäuler, Gänsemäuler, Pferdemäuler -— sie alle reckten sich vor und wollten, kam’s -wie’s kam, von ihm geküßt werden. Der Großvater -mußte ausspucken, so ein Ekel überkam ihn! Endlich -aber wurde er gepackt und an einen Tisch gesetzt, der -vielleicht so lang war, wie der Weg von Konotop nach -Baturin. „Na, das ist wenigstens nicht übel,“ dachte -der Großvater, als er Schweinefleisch, Würste, Kohl mit -Zwiebeln und noch viele andere Leckerbissen auf dem Tische -stehen sah. „Das Satanspack hält wohl die Fasten -nicht!“ Der Großvater ließ die Gelegenheit, einen guten -Bissen zu nehmen, nie außer acht. Er hatte stets Appetit, -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -und darum rückte er ohne viel Federlesens die Schüssel -mit dem angeschnittenen Speck und einen Schinken zu -sich heran, ergriff eine Gabel, die nicht viel kleiner war -als die Gabeln, mit denen die Bauern Heu aufladen, -spießte ein riesiges Stück Fleisch auf, nahm noch ein -mächtiges Stück Brot dazu und schob es geradewegs in — -einen fremden Mund, der eben neben seinen Ohren aufgetaucht -war, er hörte sogar noch, wie das Maul kaute und -über den ganzen Tisch hin mit den Zähnen klapperte. -Der Großvater muckste nicht, gabelte ein anderes Stück -auf, und schon glaubte er es auf seinen Lippen zu spüren, -aber da geriet es wieder in einen fremden Rachen. -Er versuchte es ein drittes Mal — und wieder traf er -vorbei. Der Großvater raste vor Wut. Er vergaß all -seine Angst und in wessen Händen er sich befand, und -sprang auf die Hexen los: „Was, ihr Herodesbrut, ihr! -wollt ihr euch vielleicht über mich lustig machen? Wenn -ihr mir nicht auf der Stelle meine Kosakenmütze herausgebt, -so will ich ein Römling sein, wenn ich euch nicht -die Schweineschnauzen auf den Nacken drehe!“ Noch hatte er -die letzten Worte nicht ausgesprochen, als alle Ungeheuer die -Zähne zu fletschen begannen und ein solches Gelächter -aufschlugen, daß dem Großvater die Seele zu Eis erstarrte. -</p> - -<p> -„Gut!“ winselte eine der Hexen, die der Großvater -für das Oberhaupt der anderen hielt, denn ihr Lärvchen -war vielleicht noch wundervoller als die Fratzen der anderen. -„Die Mütze wollen wir dir geben, aber nicht eher, als -bis du dreimal mit uns <em>Schafskopf</em> gespielt hast.“ -</p> - -<p> -Was war da zu machen? Soll etwa ein Kosak mit -Weibern zusammen sitzen und Schafskopf spielen? Der -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -Großvater weigerte und weigerte sich immer wieder. -Endlich aber ließ er sich doch dazu herbei. Man brachte -Karten, und zwar so schmierige wie die, aus denen sich -bei uns die Popentöchter wahrsagen, wenn sie wissen -wollen, was für Bräutigams sie bekommen werden. -</p> - -<p> -„Hör’!“ bellte die Hexe wieder los, „wenn du auch -nur ein einziges Mal gewinnst, so ist die Mütze dein. -Wenn du aber alle dreimal Schafskopf bleibst, so nimm’s -mir nicht übel, dann wirst du nicht bloß deine Mütze, -sondern vielleicht auch die Welt nie mehr wiedersehen!“ -</p> - -<p> -„Gib her, alte Vettel! Komme, was kommen mag!“ -</p> - -<p> -Die Karten wurden verteilt und der Großvater nahm -die seinen in die Hände. Nicht hinblicken mochte er auf -den Schund! wenn auch bloß zum Scherz nur ein einziger -Trumpf darunter gewesen wäre! Bei <em>einer</em> Farbe war -die <em>Zehn</em> schon der höchste Stich, und nicht einmal ein -Paar hatte er; die Hexe aber spielte immer Fünfer aus. -So blieb er denn Schafskopf! -</p> - -<p> -Kaum war der Großvater Schafskopf geworden, so -begannen die Mäuler von allen Seiten zu wiehern, zu -bellen und zu grunzen: „Schafskopf, Schafskopf, Schafskopf!“ -</p> - -<p> -„Mögt ihr doch platzen, ihr Satansbrut!“ schrie der -Großvater und stopfte sich mit dem Finger die Ohren -zu. „Na,“ denkt er, „die Hexe hat wohl falsch gemischt! -Jetzt werde <em>ich</em> mal mischen!“ Er gab also die Karten, -sagte Trumpf an und blickte in die Karten: waren das -großartige Karten, auch Trümpfe waren dabei! Zuerst -ging die Sache, wie’s nicht besser gehen konnte; aber -die Hexe hatte eine Fünf und alle Könige! Der -Großvater jedoch hatte lauter Trümpfe in Händen! Ohne -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -da groß zu überlegen, deckte er, bumms, alle Könige mit -Trümpfen! -</p> - -<p> -„Oho, das ist nicht Kosakenart! Womit deckst du -denn da, Nachbar?“ -</p> - -<p> -„Was da — womit? Mit Trümpfen natürlich!“ -</p> - -<p> -„Das sind vielleicht bei euch Trümpfe, bei uns aber -nicht!“ -</p> - -<p> -Sieh mal an — es war in der Tat nur eine einfache -Farbe. So eine hundsföttische Zauberei! Er mußte -zum zweitenmal Schafskopf werden, und das Teufelspack -brüllte von neuem: „Schafskopf, Schafskopf!“ -so daß der Tisch wackelte und die Karten auf dem Tische -herumhüpften. Der Großvater geriet in Hitze; er gab -zum letzten Male Karten. Wieder ging es schlecht und -recht. Die Hexe spielte wieder eine Fünf aus; der Großvater -deckte sie und kaufte eine ganze Hand voll Trümpfe. -</p> - -<p> -„Trumpf!“ schrie er und schlug mit der Karte so -mächtig auf den Tisch, daß sie sich krumm bog. Jene -deckte, ohne ein Wort zu sagen, mit einer Acht. „Und -womit stichst du, alter Teufel?“ Die Hexe hob die Karte -auf, unter der eine einfache Sechs lag. „Ach verdammtes -Satansgeflunker!“ rief der Großvater und schlug vor -Ärger aus aller Leibeskraft mit der Faust auf den Tisch. -Ein wahres Glück, daß die Hexe schlechte Karten hatte; -der Großvater hatte wie zu Fleiß lauter Paare in seiner -Hand. Er begann zu kaufen, aber er war schon mit -seiner Kraft zu Ende: er bekam so schlechte Karten, daß -er die Hände sinken ließ. Es gab keine Karten mehr -zu kaufen und nun ging er schon, ohne viel hineinzublicken, -mit einer einfachen Sechs los. Die Hexe nahm -sie auf. „Da hast du die Bescherung! Was sollte das -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -bedeuten? Oho, da stimmt sicher etwas nicht!“ Der -Großvater nahm also heimlich die Karten unter den -Tisch und schlug ein Kreuz über sie; und auf einmal -hatte er Trumpf-Aß, Trumpf-König und Trumpf-Bube -in Händen, und statt seiner Sechs hatte er Dame gespielt. -„Ein schöner Narr bin ich gewesen,“ dachte er -sich. — „Trumpf-König! Was? Hast du das? Du Katzenbrut! -Willst du vielleicht ein Aß? Ein Aß! einen -Buben! ....“ Ein donnerndes Dröhnen rollte durch -die ganze Hölle; die Hexe verfiel in Krämpfe, und -auf einmal flog dem Großvater — patsch! — die Mütze -ins Gesicht. „Nein, das ist zu wenig!“ schrie der Großvater -schon viel dreister, als er erst seine Mütze aufgesetzt -hatte. „Wenn nicht mein braves Pferd auf der -Stelle vor mir erscheint, so soll mich an diesem unreinen -Ort gleich der Donner treffen, oder ich schlage wahrhaftig -das heilige Kreuz über euch alle!“ Und schon erhob -er die Hand, als er auf einmal Pferdeknochen vor -sich klappern hörte. -</p> - -<p> -„Da hast du dein Pferd!“ -</p> - -<p> -Der Ärmste brach bei diesem Anblick in Tränen aus, -wie ein törichtes Kind. Schade um den alten Freund! -„Gebt mir nur irgend ein Pferd, damit ich aus eurem -Nest herauskomme!“ Der Teufel knallte mit seiner Hetzpeitsche, -— ein Pferd sauste wie ein Feuer unter -dem Großvater herauf, und er flog wie ein Vogel in -die Höhe. Aber mitten im wilden Ritt ergriff ihn eine -mächtige Angst, als das Pferd ohne auf seine Rufe oder -auf die Zügel zu achten, über Gräben und Sümpfe dahinjagte. -An was für Orten war er damals nicht überall -gewesen! schon beim bloßen Erzählen überkam ihn ein Zittern. -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -Er blickte vor sich hinab und erschrak: vor ihm lag ein -Abgrund, eine furchtbare Schlucht! Doch das Satansvieh -machte sich nichts daraus und setzt einfach drüber -weg! Der Großvater wollte sich festhalten, aber es gelang -ihm nicht. Hals über Kopf, durch Gestrüpp und -über Felsen flog er hinab in den Schlund und prallte -tief unten am Grunde so gewaltig auf, daß ihm -der Atem verging. Wenigstens konnte er sich später auf -nichts mehr besinnen, was damals mit ihm vorgegangen -war; und als er wieder zu sich kam und sich umsah, -da war es schon ganz hell geworden. Vor ihm schimmerte -eine wohlbekannte Gegend, und er lag auf -dem Dache seines eigenen Hauses. -</p> - -<p> -Als der Großvater heruntergeklettert war, schlug er -ein Kreuz. „Teufelszeug! Was zum Henker einem -Menschen nicht für Wunderdinge widerfahren können!“ -Er sah seine Hände an. Sie waren voll Blut; er sah -in das vor ihm stehende Wasserfaß — auch sein Gesicht -war voller Blut. Er wusch sich gründlich, um die Kinder -nicht zu erschrecken, trat leisen Schrittes in die Stube, -und was sieht er da? Die Kinder gehen rücklings auf -ihn zu, strecken die Finger aus und sagen: „Sieh doch, -sieh — die Mutter springt herum wie verrückt!“ Und -wahrhaftig: sein Weib sitzt eingeschlafen vorm Spinnrocken, -hält die Spindel in der Hand und hüpft im -Schlaf auf der Bank hoch und nieder. Der Großvater -nahm sie sanft bei der Hand und weckte sie. „Grüß -Gott, Frau, bist du auch ganz wohl?“ Jene starrte ihn -lange an. Endlich erkannte sie den Großvater und erzählte, -sie habe geträumt, der Ofen sei in der Stube -herumgefahren, habe mit der Schaufel alle Töpfe und -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -Schüsseln hinausgejagt ... und der Teufel weiß, was noch -alles! „Na ja,“ sagte der Großvater, „dein Traum war -meine Wirklichkeit, ich sehe schon, man muß unser Haus -mit Weihwasser besprengen — aber jetzt darf ich keine -Zeit mehr verlieren.“ So sprach der Großvater, und -als er sich etwas ausgeruht hatte, holte er das Pferd -und machte nicht eher Halt, weder bei Tag noch bei Nacht, -als bis er sein Ziel erreicht und der Zarin selbst den Brief übergeben -hatte. Da bekam der Großvater solche Wunderdinge -zu sehen, daß er noch lange nachher davon erzählen konnte: -wie er in ein Schloß geführt wurde, welches so hoch war, -daß man zehn Häuser hätte übereinander bauen können, -und es hätte noch nicht gereicht; wie er in ein Gemach -hineinblickte — die Zarin war nicht drin, — dann in -ein zweites — auch da war sie nicht, in ein drittes — -auch da nicht, — in ein viertes — sie war immer noch -nicht da. Erst im fünften Zimmer saß sie selbst, mit -einer goldenen Krone auf dem Haupte, in einem grauen, -funkelnagelneuen Kittel und mit roten Stiefelchen, und -aß goldene Knödel. Sie ließ ihm die ganze Mütze mit -blauen Scheinen vollstopfen, und ihm .... aber man kann -sich doch nicht an alles erinnern! Der Großvater hatte -sogar die Plackerei mit den Teufeln ganz vergessen, und -wenn es geschah, daß ihn jemand daran erinnerte, so -schwieg er, als ginge ihn das nichts an, und es kostete -gar viele Mühe, ihn so weit zu bringen, daß er’s erzählte. -Aber wohl zur Strafe dafür, daß er damals -das Haus nicht sofort mit Weihwasser besprengt hatte, -widerfuhr der Frau jedes Jahr, und zwar immer um -dieselbe Zeit, das Wunder, daß sie immerzu tanzen -wollte. Was sie auch beginnen mochte, die Beine taten -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -das ihrige und zwangen sie förmlich, ein Tänzchen aufzuführen. -</p> - -<p class="end"> -Ende des ersten Teils. -</p> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -<span class="line1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.</span><br /> -<span class="line2">Zweiter Teil</span> -</h2> - -<h3 class="intro" id="chapter-3-1"> -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -Vorrede -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ier</span> habt ihr das zweite Büchlein, oder richtiger -gesagt, das letzte. Erst wollt’ ich’s ja nicht, -nein, ich wollt’ es ganz und gar nicht herausgeben. -Wahrhaftig, man muß auch mal ’nen -Schlußpunkt setzen können. Und ich kann euch nur -mitteilen: auf dem Vorwerk fängt man schon an, über -mich zu lachen. „Sieh mal einer an!“ sagt man, „der -alte Toback ist ja schon ganz närrisch: der amüsiert sich -auf seine alten Tage noch mit Spielereien!“ Ja wirklich, -’s wäre doch längst Zeit, zur Ruhe zu gehen. Ihr, -lieben Leser, glaubt natürlich, ich tue nur so, als ob ich -schon so alt sei. Ach du lieber Gott, was heißt da -Verstellung, wenn einem kein Zahn mehr im Munde -sitzt! Was Weiches kann ich ja noch irgendwie kauen, -aber Hartes kann ich nun schon gar nicht mehr beißen. -Hier habt ihr also noch ein Büchlein! Bloß eins, aber -schimpft nicht! ’s ist nicht recht, beim Abschied zu -schimpfen, besonders auf einen Menschen, den man Gott -weiß wann wiedersieht. In diesem Büchlein werdet ihr -Erzähler zu hören bekommen, die euch fast alle unbekannt -sind, ausgenommen etwa Foma Grigorjewitsch. -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -Was aber jenes erbsengraue Herrchen angeht, das immer -so verblümt zu erzählen pflegte, so daß ihn selbst irgend -so ein pfiffiger Moskowiter nicht recht verstehen konnte, -— der ist schon lange nicht mehr da. Erst hat er -sich gründlich mit uns allen verkracht, und dann ließ -er sich überhaupt nicht mehr blicken. Ja, hab’ ich euch -denn diesen Fall nicht erzählt? Hört doch nur, es war -wirklich eine höchst possierliche Geschichte. Im vorigen -Jahr, es war gegen Anfang des Sommers, — ich glaube -beinahe am Namenstage meines Schutzheiligen, — kamen -einige Gäste zu mir .... (Das muß ich euch sagen, -lieben Leser; meine Landsleute — Gott schenke ihnen -ein langes Leben und eine gute Gesundheit — haben mich -alten Mann nicht vergessen. Es geht schon ins fünfzigste -Jahr, daß ich mich auf meinen Namenstag besinne; -aber wie alt ich nun genau bin, das kann weder -<em>ich</em> euch sagen, noch meine Alte. Wahrscheinlich so gegen -siebzig. Der Pope von Dikanka, Vater Charlampi, hat’s -gewußt, wann ich geboren bin; aber leider sind’s schon -fünfzig Jahr, daß er tot ist.) Also es kamen Gäste zu -mir: Sachar Kirilowitsch Tschuchopupenko, Stepan -Iwanowitsch Kurotschka, Taras Iwanowitsch Smatschnenjki, -und der Assessor Charlampi Kirilowitsch Chlosta; -dann war noch .... sieh mal einer an, da hab’ ich -doch wahrhaftig seinen Vor- und Zunamen vergessen .... -Ossip .... Ossip .... mein Gott, ganz Mirgorod -kennt ihn ja! Wenn er redet, schnippt er zuerst mit -den Fingern, und dann stemmt er die Hände in die -Hüften .... Na, Gott helf’ ihm! ’s wird mir ein -andermal einfallen. Ferner war auch der euch schon -bekannte junge Herr aus Poltawa gekommen; Foma -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -Grigorjewitsch rechne ich übrigens nicht mit; der gehört -schon zur Familie. Man kam ins Gespräch (ich muß -schon wieder was einschalten! Bei uns wird nämlich -nie Firlefanz geredet: ich kann nur höchst anständige -Gespräche leiden, damit, wie man so zu sagen pflegt, -zugleich dem Vergnügen, und der Erbauung Genüge geschieht). -— Man kam also ins Gespräch darüber, wie -man wohl am besten Äpfel einlegt. Meine Alte sagte, -man müsse die Äpfel zuerst gut waschen, dann in -Sauerbier einweichen, und dann erst .... „Aber kein -Gedanke!“ fiel das Herrchen aus Poltawa ein, schob -die Hand in seinen erbsengrauen Kaftan und stolzierte -würdevoll im Zimmer auf und ab. „Aber kein Gedanke! -Erst muß man Minze auf sie streuen, und dann erst ....“ -Ich muß <em>euch</em> zu Zeugen aufrufen, liebe Leser, sagt -mal ganz ehrlich: habt ihr je gehört, daß man Minze -auf die Äpfel streut? Freilich legt man Johannisbeerblätter, -Nagelkraut und Kleeblatt hinein, aber daß man -Minze einlegte .... nein, das habe ich noch nie gehört. -Besser als meine Alte weiß wohl niemand Bescheid -mit solchen Sachen. Seht, nun sagt ihr’s selbst! -Ich führte ihn also, als honetten Menschen, ein wenig -zur Seite und sagte: „Höre, Makar Nasarowitsch, treib -doch keine Narrenspossen! Du bist doch ein feiner -Herr: hast doch, wie du selber sagst, einmal am Gouverneurstische -mit gegessen. Wenn du da so etwas sagst, -da werden dich ja alle auslachen!“ Und was glaubt -ihr nun, hat er drauf gesagt? — Nichts! Er hat auf -den Boden gespuckt, hat seine Mütze genommen und -ist gegangen. Nicht einmal Abschied hat er von irgendeinem -genommen, ja nicht einmal jemandem zugenickt; -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -wir hörten bloß, wie sein Wägelchen mit den Schellen -am Tore vorfuhr; und schon saß er drin und fuhr -davon. Na, um so besser! Solche Gäste können wir nicht -brauchen! Ich will euch nur sagen, meine lieben Leser, -es gibt gar nichts Schlimmeres auf der Welt, als diese -Ritter vom hohen Roß. Weil sein Ohm mal Kommissär -war, muß er drum die Nase rümpfen? Als -ob Kommissär schon so ein Rang wäre, daß es gar nichts -Höheres auf der Welt gibt! Gott sei Dank, es gibt -noch höhere Tiere, als so ein Kommissär. Nein, diese -Vornehmtuerei kann ich nicht ausstehen! Nehmt doch -zum Beispiel Foma Grigorjewitsch; das ist doch kein -feiner Herr, aber seht ihn mal an: in seinem Gesicht -glänzt stets eine gewisse Würde; sogar wenn er seinen -gewöhnlichen Tabak schnupft, da hat man unwillkürlich -Respekt. Und erst in der Kirche; wenn er da oben auf -dem Chore steht und singt, — da kommt es ordentlich -wie Rührung über einen! Man möchte am liebsten -vergehen! .... Aber jener .... na, Gott mit ihm! -Der glaubt ganz gewiß, ohne seine Geschichten könne -man gar nicht auskommen. Je nun, auch ohne ihn hat -sich ein Büchelchen zusammengefunden. -</p> - -<p> -Ich habe euch, glaub’ ich, versprochen, daß in diesem -Büchlein auch ein Märchen von mir sein wird. Ich -wollt’ es auch wirklich so machen, aber da hab’ ich -gemerkt, daß man für meine Geschichte wenigstens drei -solcher Büchelchen brauchte. Ich gedachte zuerst, es besonders -drucken zu lassen, aber dann hab’ ich mir’s überlegt. -Ich kenne euch ja: ihr werdet noch über mich -alten Mann lachen. Nein, ich mag’s nicht! Gehabt -euch wohl! Wir sehen uns lange Zeit nicht wieder, -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -oder vielleicht auch nie. Aber was ist daran gelegen? -Euch kann’s ja gleich sein, auch wenn ich gar nicht auf -der Welt wäre. Ein Jahr wird dahingehn und noch -eins — und ich bin sicher, niemand von euch besinnt -sich mehr auf mich, oder denkt mit Bedauern an den -alten Bienenzüchter -</p> - -<p class="sign"> -<em>Rotfuchs Panjko</em>. -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-3-2"> -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Die Nacht vor dem Weihnachtsfest -</h3> - -<p class="pbb first"> -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> letzte Tag vor dem Weihnachtsfeste war verstrichen. -Klar brach die Winternacht an, die -Sterne schauten hervor, der Mond stieg majestätisch -am Himmel empor, um allen guten Leuten und -der ganzen Welt zu leuchten, damit allen fröhlich ums -Herz sei, wenn nach dem Weihnachtsbrauch unter den -Fenstern zu Christi Lob und Preis gesungen würde. Der -Frost war noch schneidender als am Morgen; aber dafür -war es so still, daß man das Knirschen des Schnees -unter den Stiefeln eine halbe Werst weit hören konnte. -Noch war unter keinem Fenster eine einzige Schar von Burschen -zu sehen; allein der Mond blickte verstohlen durch die -Scheiben, als wollte er den sich putzenden Mädchen zuwinken, -sie sollten schneller hinauslaufen in den knisternden -Schnee. Da wälzten sich dichte Ballen von Qualm -aus dem Schornstein einer Hütte und stiegen wie eine -Wolke zum Himmel auf, und zugleich mit dem Rauch -ritt eine Hexe auf einem Besenstiel in die Höhe. -</p> - -<p> -Wenn in diesem Augenblick der Herr Assessor aus -Sorotschintzy in einem mit Gutspferden bespannten Dreispänner -vorbeigefahren wäre, die Mütze mit der Hammelfellborde, -wie sie die Ulanen tragen, auf dem Kopf, in -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -seinem blauen, mit schwarzem Lammfell gefütterten Pelz, -und mit seinem Teufelsding, der geflochtenen Peitsche, mit -der er gewöhnlich seinen Kutscher anfeuerte, so hätte er sie bestimmt -gesehen; denn dem Assessor von Sorotschintzy kann keine -Hexe entgehen. Er kann sich’s nämlich von jedem Frauenzimmer -an den Fingern abzählen, wieviel Ferkelchen ihre -Sau wirft, wieviel Leinwand in ihrem Kasten liegt, und -er weiß aufs Tüpfelchen, was ein wackerer Mann an -einem Sonntag in der Schenke an Kleidern und Wirtschaftssachen -versetzt. Aber der Assessor von Sorotschintzy -kam nicht vorbeigefahren, und dann kümmerte er sich -auch nicht um fremde Leute — er hatte ja seinen eigenen -Bezirk. Unterdessen aber stieg die Hexe so hoch empor, -daß sie da oben nur noch wie ein schwarzes Pünktchen -aussah. Aber wo dies Pünktchen sich zeigte, dort verschwand -ein Stern nach dem andern vom Himmel. -Bald hatte die Hexe einen ganzen Ärmel voll von ihnen -heruntergeholt. Nur noch drei oder vier blinkten so -herum. Auf einmal jedoch tauchte an der entgegengesetzten -Seite ein andres Pünktchen auf, wurde -immer größer, dehnte sich in die Breite, und bald war -es kein Pünktchen mehr. Ein Kurzsichtiger hätte sogar -statt einer Brille die Räder vom Wagen des Kommissärs -auf die Nase setzen können, aber auch dann hätte er nicht -genau erkennen können, was das für ein Ding war. -Von vorne sah es sich ganz an wie ein Welscher: das -spitzige Mäulchen, das sich fortwährend bewegte und alles -und alle beschnüffelte, lief in ein rundes Fünfkopekenstück -aus, wie bei unsren Schweinen; die Beine waren -so dünn, daß sie auch dem Jereskower Amtmann, wenn -er solche gehabt hätte, schon beim ersten Sprung -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -im Kosakentanz gebrochen wären. Dafür aber war’s von -hinten ein waschechter Gouvernementsprokurator in Uniform, -denn ihm baumelte ein Schwanz herunter, der so -lang war und so spitz zulief wie die Schöße an den neumodischen -Uniformen; höchstens aus dem Bocksbart -unterm Maul, aus den kleinen Hörnerchen auf dem -Kopfe und daraus, daß er nicht viel weißer war als -ein Schornsteinfeger, konnte man erraten, daß das weder -ein Kerl aus dem Auslande, noch ein Gouvernementsprokurator -war, sondern ganz einfach der Teufel in -eigener Person, für den die letzte Nacht gekommen war, -wo er sich in Gottes weiter Welt umhertreiben und die -guten Menschen zu allerlei Sünden verführen durfte. -Denn morgen schon sollte er beim ersten Glockenschlage -der Frühmesse mit eingezogenem Schwanz zur Hölle -fahren. -</p> - -<p> -Indessen aber schlich sich der Teufel leise an den -Mond heran und streckte die Hand aus, um nach ihm -zu greifen; plötzlich jedoch riß er seine Hand zurück, als -wenn er sich verbrannt hätte, sog an den Fingerspitzen, -schlenkerte mächtig mit dem einen Bein und schlüpfte -dann auf die andere Seite; aber da prallte er wiederum -zurück und zog schleunigst die Hand weg. Trotz dieser -Mißerfolge ließ jedoch der listige Teufel nicht von seinen -bösen Streichen. Mit einem Anlauf rannte er heran -und packte den Mond mit beiden Händen; er krümmte -sich hin und her, blies aus vollen Backen auf ihn und -warf ihn aus einer Hand in die andere, wie ein Bauer, -der sich mit bloßen Händen Feuer für seine Pfeife holt; -endlich steckte er ihn rasch in seine Tasche und sauste -weiter, als ob ganz und gar nichts geschehen wäre. -</p> - -<p> -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -In Dikanka hatte niemand gemerkt, daß der Teufel -den Mond gestohlen hatte. Freilich, als der Gemeindeschreiber, -übrigens auf allen Vieren, die Schänke verließ, -sah er, daß der Mond plötzlich am Himmel umhertanzte, -und er beschwor das bei allen Heiligen vor dem -ganzen Dorfe; aber die Leute im Dorfe schüttelten nur -die Köpfe und lachten ihn einfach aus. Doch was hatte -den Teufel eigentlich zu einer so schändlichen Tat veranlaßt? -Der Grund war folgender: er wußte, daß -der reiche Kosak Tschub vom Küster zum Weihnachtsschmaus -eingeladen war, und daß außerdem noch -der Amtmann, ein Anverwandter des Vorsängers von -der Bischöflichen Sängerkapelle, ein Mann im blauen -Rock, der die tiefsten Baßtöne mühelos hervorbrachte, -ferner der Kosak Swerbygus und noch dieser und jener -da sein würden. Da würde es außer dem Weihnachtskuchen -noch süßen Branntwein, Safranschnaps und noch -allerhand Gutes zum Essen und Trinken geben. Unterdessen -würde aber sein Töchterchen, die erste Schöne im -ganzen Dorf, allein zu Hause bleiben; und dann würde -sicher der Schmied zu dem Mädel kommen, ein handfester, -kräftiger Bursch, ein Mordskerl, der dem Teufel -noch widerwärtiger war als die Predigten des Vaters -Kondrat. In seinen Mußestunden pflegte der Dorfschmied -sich nämlich mit der Malerei zu beschäftigen, -und er galt als der beste Maler in der ganzen Umgegend. -Der Kosaken-Hauptmann L...ko, der damals noch -lebte, hatte ihn sogar eigens dazu nach Poltawa kommen -lassen, um den Bretterzaun vor seinem Hause zu tünchen. -Alle Schüsseln, aus denen die Kosaken in Dikanka ihren -Borschtsch schlürften, waren von ihm bemalt. Der -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -Schmied war ein gottesfürchtiger Mann, malte oft -Heiligenbilder, und man kann jetzt noch in der Kirche -zu T..... einen Evangelisten Lukas von seiner Hand -sehen. Aber der Triumph seiner Kunst war ein Bild, -das er an die Wand der rechten Kirchenvorhalle gemalt -hatte; da hatte er den heiligen Petrus dargestellt mit -Schlüsseln in der Hand, wie er am jüngsten Tage den -bösen Geist aus der Hölle vertreibt: der erschrockene -Teufel rennt, seinen Untergang vorausahnend, hin und -her, und die Sünder, die einst in die Hölle gesperrt -waren, prügeln mit Knuten, Holzscheiten und allem, -was ihnen unter die Hände kommt, auf ihn los. Zur -Zeit, als der Maler an diesem Bilde arbeitete — er -malte es auf ein großes Brett — hatte sich der Teufel -aus aller Kraft bemüht, ihn dabei zu stören: er puffte -ihn unsichtbar am Arm, holte Asche aus der Schmiede-Esse -und streute sie auf das Bild; aber trotz alledem -wurde das Werk zu Ende geführt, das Brett wurde in -die Kirche gebracht, an der Wand der Vorhalle angenagelt, -und seitdem hatte der Teufel dem Schmied -Rache geschworen. -</p> - -<p> -Nur noch eine Nacht war ihm nun geblieben, durch die -Welt zu ziehen; in dieser Nacht aber wollte er seine -ganze Wut an dem Schmied auslassen, und darum beschloß -er, den Mond zu stehlen; er hatte es sich nämlich -folgendermaßen ausgedacht: der alte Tschub ist träge, -und schwer auf die Beine zu kriegen, und dann ist es -auch von seinem Hause bis zum Küster nicht sehr nahe. -Der Weg zu ihm führte hinterm Dorfe an Windmühlen -und am Friedhof, an einem Abgrund vorüber, und dann -konnten bei hellen Mondnächten auch noch der süße -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -Branntwein und der Safranschnaps den Tschub locken; -aber bei dieser Finsternis konnte es wohl kaum jemandem -gelingen, ihn von seinem Plätzchen hinterm Ofen hervor -und auf die Straße hinaus zu lotsen. Und da -würde der Schmied, der schon lange nicht im besten Einvernehmen -mit ihm lebte, es sicher nicht wagen, seine -Tochter aufzusuchen, und wenn er auch noch so kräftig war. -</p> - -<p> -Und so kam es, daß der Teufel kaum den Mond in -die Tasche gesteckt hatte, als es plötzlich in der ganzen -Welt so stockfinster wurde, daß manch einer den Weg -ins Wirtshaus nicht gefunden hätte, geschweige denn -<em>den</em> in des Küsters Haus. Die Hexe fand sich auf -einmal im Dunkeln und stieß einen Schrei aus. Da -scharwenzelte der Teufel auf sie zu, faßte sie flink unterm -Arm und begann ihr allerhand schöne Dinge ins Ohr -zu flüstern, wie man sie den Weibern gewöhnlich zuzuraunen -pflegt. Es geht doch recht wunderlich zu in unserer -Welt! Alles was in ihr leibt und lebt, alles ist bemüht, -einander was abzugucken und andere Leute nachzuäffen. -Früher gab’s einmal eine Zeit, da trugen in -ganz Mirgorod nur der Richter und der Bürgermeister -im Winter Pelze, die mit Tuch überzogen waren, während -die übrigen Unterbeamten gewöhnlich die Pelze mit -dem Fell nach außen trugen; jetzt dagegen haben sich -der Assessor und der Unterrendant neue Pelze aus feinem -Lammfell mit Tuchbezügen zugelegt. Vor zwei Jahren -kauften der Kanzlist und der Gemeindeschreiber Nanking -zu sechzig Kopeken die Elle, und der Kirchendiener hat -sich zum Sommer gar eine Pluderhose aus Nanking und -sogar eine Weste aus Kammgarn machen lassen. Kurz, -alles will zur feinen Welt gehören! Wann werden die -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -Menschen endlich einmal von ihrer Eitelkeit ablassen! -Nun könnte man wetten, manchem kommt der Gedanke -sonderbar vor, daß der Teufel sich ebenso benimmt. Am -ärgerlichsten ist’s aber, daß er sich am Ende gar noch -auf seine Schönheit was zugute tut, und dabei hat er -doch eine Fratze, daß es eine wahre Schande ist. Geradezu -eine Fresse, wie Foma Grigorjewitsch zu sagen pflegt, -das Garstigste vom Garstigen, und so einer geht auch -noch auf Liebschaften aus! Aber am Himmel war es -so stockfinster geworden, daß man durchaus nichts mehr -von dem sehen konnte, was sich zwischen dem Pärchen -weiter abspielte. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -„Also, Gevatter, du bist noch nicht beim Küster in -der neuen Hütte gewesen?“ sprach der Kosak Tschub, -trat aus der Tür seines Hauses und ging auf einen -hageren, baumlangen Bauer in kurzem Schafspelz zu, -mit einem dichten Bart, der davon Zeugnis ablegen -konnte, daß dies Kinn schon über vierzehn Tage lang -nicht mehr von dem Sensenstück berührt worden, mit -dem sich die Bauern in Ermanglung eines Rasiermessers -ihren Bart schaben. „Dort wird es jetzt ein schönes -Gelage geben!“ fuhr Tschub, übers ganze Gesicht -schmunzelnd, fort. „Daß wir nur nicht zu spät -kommen!“ -</p> - -<p> -Dabei rückte Tschub seinen Gurt zurecht, der seinen -Pelz fest zusammenzog, schob die Mütze tief in die -Augen und nahm die Knute — den Schrecken und die -Angst aller lästigen Hunde — fester in die Hand. Als -er jedoch nach oben blickte, hielt er inne .... -</p> - -<p> -„Teufel noch einmal! Schau! schau nur, Panas! ....“ -</p> - -<p> -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -„Was denn?“ sprach der Gevatter und hob ebenfalls -seinen Kopf. -</p> - -<p> -„Was? Der Mond ist fort!“ -</p> - -<p> -„Verflucht! Wahrhaftig, der Mond ist fort!“ -</p> - -<p> -„Das ist es ja eben,“ rief Tschub, einigermaßen -ärgerlich über die unerschütterliche Teilnahmslosigkeit des -Gevatters. „Du scherst dich wohl wenig drum!“ -</p> - -<p> -„Ja, was soll <em>ich</em> denn dabei machen?“ -</p> - -<p> -„Mußte sich da gerad so ein Teufel,“ fuhr Tschub -fort und wischte sich mit dem Ärmel den Schnurrbart, -„grad so ein Teufel hineinmischen! So ein Hundsfott! -Daß er morgens doch nie wieder sein Glas Schnaps zu -trinken kriegte! .... Wahrhaftig! Es ist zum Lachen .... -Als ich in der Stube saß, da sah ich zu meinem Vergnügen -zum Fenster hinaus: die Nacht war ein reines -Wunder! Es war ganz hell, der Schnee leuchtete im -Mondlichte und alles war so klar zu sehen wie am lichten -Tag; kaum aber trete ich aus der Tür — da -herrscht eine Dunkelheit, daß man die Hand vor den -Augen nicht sieht! Mag er sich doch alle Zähne an -hartem Buchweizenbrot ausbrechen!“ -</p> - -<p> -Lange noch brummte und schimpfte Tschub, zugleich -aber überlegte er, wozu er sich entschließen solle. Für -sein Leben gern hätte er beim Küster über dies und jenes -schwatzen mögen; denn sicher saßen dort schon der Amtmann, -der zugereiste Baß und der Teersieder Mikita, der -alle vierzehn Tage zum Markt nach Poltawa zu fahren -pflegte und solche Possen trieb, daß die Leute auf dem -Dorf sich den Bauch vor Lachen hielten. Schon sah -Tschub in Gedanken den süßen Branntwein auf dem -Tische stehn. Freilich, all das war verlockend, aber die -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -Dunkelheit der Nacht lockte wieder zu jenem Faulenzerleben, -das jedem Kosaken so lieb ist. Wie gut wäre es -jetzt, mit untergeschlagenen Beinen auf der Ofenbank zu -sitzen, seine Pfeife zu rauchen und in süß umnebelndem -Schlummer den lustigen Burschen und Mädeln zuzuhören, -die in Scharen vor den Fenstern ihre Lieder singen und -die Weihnacht preisen! Ohne Zweifel hätte er sich auch -für das letztere entschieden, wenn er allein gewesen wäre; -aber zu zweit war es jetzt nicht mehr so langweilig und -so gruselig, mitten durch die Nacht zu gehen, auch wollte -er vor dem andern nicht faul und feige erscheinen. Als -er mit dem Schimpfen fertig war, wandte er sich an -den Gevatter. -</p> - -<p> -„Der Mond ist also weg, Gevatter?“ -</p> - -<p> -„Ja, er ist weg!“ -</p> - -<p> -„Wirklich sonderbar! Gib mir mal eine Prise! Du -hast einen vortrefflichen Tabak, Gevatter! Wo hast du -ihn her?“ -</p> - -<p> -„Vortrefflich? Ei, da soll mich doch der und jener —“ -antwortete der Gevatter, indem er seine Dose aus Baumrinde -mit den eingeritzten Mustern zuklappte. „Nicht -einmal ein altes Huhn würde bei diesem Tabak niesen!“ -</p> - -<p> -„Ich erinnere mich,“ fuhr Tschub in demselben Tone -fort, „der verstorbene Schankwirt Susulja hatte mir einmal -etwas Tabak aus Njeschin mitgebracht. O, war -das ein Tabak! Also, Gevatter, was machen wir nun? -Es ist ja mächtig dunkel.“ -</p> - -<p> -„So bleiben wir meinetwegen zu Hause!“ rief der -Gevatter und griff schon nach der Türklinke. -</p> - -<p> -Hätte der Gevatter das nicht gesagt, so hätte Tschub -sich wohl entschlossen, zu Hause zu bleiben; jetzt aber -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -schien ihn geradezu etwas zum Widerspruch zu reizen. -„Nein, Gevatter, wir wollen gehen! Unmöglich! Wir -müssen gehen!“ -</p> - -<p> -Kaum hatte er das gesagt, so ärgerte er sich schon -über seine eigenen Worte. Es war ihm höchst unangenehm, -sich in solcher Nacht herumtreiben zu müssen, -aber der Gedanke tröstete ihn, daß er es selbst so gewollt, -und daß er wider den Ratschlag eines anderen -gehandelt hatte. -</p> - -<p> -Der Gevatter ließ auch nicht die leiseste Regung von -Verdrießlichkeit auf seinem Gesichte erkennen. Er war -ein Mann, dem es durchaus gleich war, ob er zu Hause -saß, oder ob er sich draußen umhertrieb. Er sah sich -nur noch einmal um, kratzte sich mit dem Stiel der Knute -die Achseln — und die beiden Gevattern machten sich -auf den Weg. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Doch sehen wir nun zu, was seine schöne Tochter -trieb, die allein zu Hause geblieben war. Oxana war -noch nicht ganz siebzehn Jahre alt, als man schon beinah -in der ganzen Welt, sowohl diesseits wie jenseits von -Dikanka, von nichts anderem sprach als von ihr. Die -Burschen erklärten einstimmig, ein herrlicheres Mädchen -gäbe es im ganzen Dorfe nicht, habe es noch nie gegeben -und werde es auch niemals geben. Oxana hörte -und wußte alles, was über sie geredet wurde, und sie -war so eingebildet, wie ein schönes Mädchen es eben -ist. Hätte sie nicht ein Kopftuch und die Jacke einer -Bäuerin getragen, sondern ein Stadtkleid, so hätte sie -sicher alle Mädchen in den Schatten gestellt. Die -Burschen liefen ihr scharenweise nach; aber sie verloren -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -allmählich die Geduld, verließen nach und nach die eigensinnige -Schöne und wendeten sich anderen, weniger verwöhnten -Werbern zu. Nur der Schmied blieb hartnäckig -und hörte nicht auf, sie zu umwerben, obwohl -er keineswegs besser behandelt wurde als die anderen. -Sobald nun der Vater fortgegangen war, putzte und -schmückte sich Oxana noch lange vor dem kleinen Spiegel -im Bleirahmen. Sie konnte sich nicht satt sehen an ihrer -Schönheit. -</p> - -<p> -„Was fällt den Leuten nur ein, mich zu rühmen, -ich sei schön?“ sprach sie mit zerstreuter Miene, nur um -einen Vorwand zu haben, mit sich selbst zu plaudern. -„Die Leute lügen, ich bin gar nicht schön!“ -</p> - -<p> -Aber das frische, lebhafte, kindlich jugendliche Gesicht -im Spiegel, mit den strahlenden schwarzen Augen und -dem unsagbar anmutigen Lächeln, das die Seele erglühen -machte, bewies das Gegenteil. -</p> - -<p> -„Sind denn meine schwarzen Brauen und meine -Augen in der Tat so schön?“ fuhr sie fort, ohne den -Spiegel aus der Hand zu legen, „daß sie nicht ihresgleichen -in der Welt haben? Was ist nur Schönes an -dieser Stumpfnase? an meinen Wangen? an meinen -Lippen? Meine schwarzen Zöpfe sollen schön sein? -O jeh, am Abend können sie einem Menschen einen ordentlichen -Schreck einjagen: wie lange Schlangen winden -und schlingen sie sich um meinen Kopf. Ich sehe jetzt, -daß ich gar nicht schön bin!“ Und sie rückte den Spiegel -etwas von sich fort und rief: „Nein, ich bin doch schön! -Ach, wie ich schön bin! Wundervoll! Welch eine Freude -werde ich einst dem bereiten, dessen Frau ich werde. -Wie wird mein Gemahl entzückt von mir sein! Er wird -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -außer sich sein vor Freude. Er wird mich zu Tode -küssen!“ -</p> - -<p> -„Wunderbares Mädchen!“ flüsterte der Schmied, der -leise eingetreten war. „Aber sie ist nicht wenig eitel! -Schon eine Stunde lang steht sie da, besieht sich im -Spiegel und kann sich nicht satt sehen an sich selbst, und -dazu lobt sie sich noch ganz laut!“ -</p> - -<p> -„Ja, ihr Burschen, ich bin nicht euersgleichen, seht -mich an,“ fuhr die reizende Kokette fort. „Wie ist mein -Gang so geschmeidig. Mein Hemd ist mit roter Seide -genäht. Und was für Bänder ich auf dem Kopf habe! -Euer Lebtag werdet ihr nicht mehr solche Goldborden -sehen! All das hat mit mein Vater gekauft, damit mich -der schönste Bursch der Welt zur Frau nimmt.“ Sie -lächelte, wandte sich um und erblickte den Schmied .... -</p> - -<p> -Sie schrie auf und blieb mit strenger Miene vor ihm -stehen. -</p> - -<p> -Der Schmied ließ die Hände herabsinken. -</p> - -<p> -Es wäre schwer zu sagen, was das braune Gesicht -des wundervollen Mädchens ausdrückte: ein strenger Ausdruck -spiegelte sich in ihm und durch die Strenge hindurch -blickte ein gewisser Hohn über den verblüfften -Schmied, und eine kaum merkliche Röte, die ihr der -Ärger ins Gesicht getrieben hatte; all das zusammen war -so unbeschreiblich schön, daß das Beste, was man hier -hätte tun können, dies gewesen wäre: — sie eine Million -Mal abzuküssen. -</p> - -<p> -„Wie bist du hierhergekommen?“ begann Oxana. -„Willst du denn, daß ich dich mit der Schippe davonjage? -Ihr versteht euch meisterhaft darauf, euch an -uns heranzumachen. Im Nu schnüffelt ihr aus, wann -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -die Väter aus dem Hause sind. O, ich kenne euch schon! -Nun, ist meine Truhe fertig?“ -</p> - -<p> -„Sie ist bald fertig, mein Herzchen; nach den Feiertagen -wird sie fertig. Wenn du wüßtest, wieviel Mühe -ich mir gegeben habe: zwei Nächte lang habe ich die -Schmiede nicht verlassen. Dafür soll aber auch keine -Popentochter so eine Truhe haben. Ich habe Eisenbeschläge -darauf getan, wie ich sie nicht einmal für den -Wagen des Hauptmanns nahm, als ich noch in Poltawa -auf Arbeit war. Aber wie wird sie erst bemalt sein! -Und wenn du die ganze Umgegend mit deinen weißen Füßchen -abläufst, du findest solch eine Truhe nicht mehr! -Über den ganzen Grund werden rote und blaue Blumen -verstreut sein, und es wird so leuchten wie Feuer. Zürne -mir nicht! Erlaube mir wenigstens, zu dir zu reden und -dich nur anzuschauen!“ -</p> - -<p> -„Wer verbietet dir das? Rede und schau!“ -</p> - -<p> -Und sie nahm Platz auf der Bank, blickte wieder -in den Spiegel und begann ihre Flechten auf dem Kopfe -zu ordnen. Sie blickte auf ihren Hals, auf das neue -seidenbestickte Hemd, und ein leises Gefühl der Selbstzufriedenheit -spiegelte sich auf ihren Lippen und auf ihren -frischen Wangen und leuchtete aus ihren Augen. -</p> - -<p> -„Erlaube mir, daß ich neben dir Platz nehme!“ sagte -der Schmied. -</p> - -<p> -„Setze dich,“ sprach Oxana immer noch mit demselben -selbstzufriedenen Ausdruck auf den Lippen und in -den Augen. -</p> - -<p> -„Wundervolle, herzallerliebste Oxana, erlaube mir nur, -daß ich dir einen Kuß gebe!“ sagte der Schmied ermutigt -und preßte sie an sich, in der Hoffnung, ein -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -Küßchen von ihr zu erwischen. Doch Oxana wandte -ihre Wangen ab, die sich schon in erreichbarer Nähe von -den Lippen des Schmiedes befanden, und stieß ihn von -sich. „Was du nicht alles möchtest! Kaum hat er -den Honig, so braucht er gleich auch noch einen Löffel -dazu! Geh doch, deine Hände sind noch härter als -Eisen. Auch riechst du nach Rauch. Ich glaube gar, -du hast mich ganz mit deinem Ruß beschmiert.“ -</p> - -<p> -Sie nahm den Spiegel und begann sich von neuem -zu putzen. -</p> - -<p> -„Sie liebt mich nicht!“ dachte der Schmied bei sich -und ließ den Kopf hängen. „Für sie ist alles nur -Spielerei; und ich stehe vor ihr da wie ein Narr, und -kann meine Augen nicht von ihr wenden. Ja, ich -möchte immer so vor ihr stehen und meine Augen nicht -von ihr wenden. Welch herrliches Mädchen! Was -würde ich alles darum geben, zu erfahren, was in -ihrem Herzen vorgeht und wen sie eigentlich liebt. Aber -nein, sie kümmert sich um niemand. Sie freut sich -nur ihrer Schönheit, quält mich Armen, und ich bin -so traurig, daß mir alles trüb und dunkel erscheint. -Und dabei liebe ich sie doch so, wie kein Mensch in der -Welt sie je geliebt hat oder lieben wird.“ -</p> - -<p> -„Ist es wahr, daß deine Mutter eine Hexe ist?“ -fragte Oxana und brach in lautes Lachen aus; auch der -Schmied fühlte, wie alles in seinem Innern auflachte. -Dieses Lachen schien plötzlich in seinem Herzen wiederzuhallen -und in den leise erschauernden Adern, aber gleich -darauf erwachte ein Ärger in seiner Seele, weil er nicht -die Macht hatte, dieses so anmutig lachende Antlitz zu -küssen. -</p> - -<p> -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -„Was geht mich meine Mutter an? Du bist mir -Mutter und Vater und alles, was es auf der Welt an -Teurem für mich gibt! Wenn mich der Zar zu sich -rufen ließe und zu mir sagte: „Wakula, du darfst mich -um alles bitten, was es Schönes in meinem Reiche -gibt, ich will dir alles geben. Ich will dir eine -Schmiede aus purem Golde bauen lassen, und du sollst -silberne Hämmer zum Schmieden bekommen,“ — dann -würde ich zu dem Zaren sagen: „Ich will weder kostbare -Edelsteine, noch eine goldene Schmiede, noch dein -ganzes Reich. Gib mir lieber meine Oxana!“ -</p> - -<p> -„Schau, schau, so einer bist du also! Aber mein -Vater ist auch nicht auf den Kopf gefallen. Paß auf, -er heiratet noch deine Mutter!“ sagte sie und lächelte -listig. „Aber, wo bleiben nur die Mädchen? .... -Was soll das bedeuten? es ist schon höchste Zeit, daß -man vor den Fenstern zu singen beginnt. Ich fange -an, mich zu langweilen.“ -</p> - -<p> -„Mögen sie nur bleiben, wo sie sind, du meine -Holde!“ -</p> - -<p> -„Warum nicht gar! Mit den Mädchen werden auch -wohl die Burschen mitkommen. Da wird’s was geben. -Ich stell’ mir vor, was für putzige Sachen sie da erzählen -werden!“ -</p> - -<p> -„Du sehnst dich also wohl nach ihrer Gesellschaft?“ -</p> - -<p> -„Sicherlich mehr als nach dir. Ah! Jemand hat -geklopft. Das sind wohl die Mädchen und Burschen.“ -</p> - -<p> -„Worauf soll ich noch länger warten?“ sprach der -Schmied zu sich selbst. „Sie macht sich über mich -lustig. Ich bin ihr ebensoviel wert, wie ein verrostetes -Hufeisen. Wenn das aber wirklich so ist, dann -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -soll wenigstens kein anderer über mich lachen. Sobald -ich merke, daß ein anderer ihr besser gefällt als ich, dem -will ich doch gleich ....“ -</p> - -<p> -Hier wurden seine Gedanken durch ein Pochen an -die Tür unterbrochen, und eine Stimme, die bei dem -kalten Frost ziemlich scharf klang, rief: „Mach auf!“ -</p> - -<p> -„Warte, ich mache schon selbst auf,“ sagte der -Schmied und trat in den Flur hinaus mit dem Vorsatz, -dem ersten, der hereinkäme, aus Ärger die Rippen einzuschlagen. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Der Frost nahm zu, und oben in der Höhe wurde -es so kalt, daß der Teufel von einem Huf auf den -anderen hüpfte und sich in die Fäuste blies, um nur -einigermaßen seine frierenden Hände zu erwärmen. Es -war auch kein Wunder, wenn’s einen fror, der sich -Tag für Tag in der Hölle herumdrückte. Dort ist’s -bekanntlich längst nicht so kalt wie bei uns im Winter, -er aber steht da unten vor dem Feuer, mit einer Zipfelmütze -auf dem Kopf, akkurat wie ein wirklicher Küchenmeister, -und brät die Sünder mit solchem Vergnügen, -wie wohl die Weiber zu Weihnachten Wurst braten. -</p> - -<p> -Selbst die Hexe litt unter der Kälte, trotzdem sie -recht warm angezogen war; daher hob sie die Arme in -die Höhe, schob ein Bein vor, gab ihrem Körper die -Haltung eines Schlittschuhläufers und sauste, ohne ein -Glied zu rühren, durch die Luft, wie wenn’s einen -steilen Eisberg hinabginge, geradeswegs in den Schornstein -hinunter. -</p> - -<p> -Der Teufel folgte ihr auf dieselbe Art. Da dieses -Vieh aber viel gewandter ist als so mancher Geck in -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -Seidenstrümpfen, so ist’s kein Wunder, daß er gerad am -Eingang zum Schornstein seiner Geliebten auf den Hals -flog, und schnell sahen sich die beiden in dem geräumigen -Ofen mitten unter den Töpfen. -</p> - -<p> -Die Besenreiterin schob leise das Ofentürchen auf, um zu -sehen, ob ihr Sohn Wakula nicht die Stube voller Gäste -geladen hatte; als sie aber sah, daß niemand da war -außer etwa ein paar Säcke, die in der Stube umher -lagen, so kroch sie aus dem Ofen, warf den warmen -Pelz ab, ordnete ihre Kleidung, und niemand hätte ihr -mehr ansehen können, daß sie noch vor einer Minute -auf einem Besenstiel geritten war. -</p> - -<p> -Die Mutter des Schmieds Wakula war nicht mehr -als vierzig Jahre alt und war weder schön noch häßlich. -Es ist ja auch ziemlich schwer, in diesen Jahren schön -zu sein. Sie verstand es aber, selbst die gesetztesten und -würdigsten Kosaken an sich zu fesseln (denen es, nebenbei -bemerkt, auch wenig um die Schönheit zu tun war), -so daß sie ebensowohl der Amtmann, wie der Küster -Ossip Nikiforowitsch (natürlich, wenn die Frau Küsterin -nicht zu Hause war), der Kosak Korni Tschub und der -Kosak Kassjan Swerbygus aufzusuchen pflegten. Zu ihrer -Ehre muß übrigens gesagt werden, daß sie es vorzüglich -verstand, mit ihnen umzugehen: keinem einzigen -von ihnen kam es auch nur von ferne in den Sinn, er -könne einen Nebenbuhler haben. Ging ein frommer -Bauer oder ein „Edelmann“, wie die Kosaken sich selbst -zu nennen pflegen, am Sonntag in seinem Mantel mit -der Kapuze zur Kirche, oder — wenn das Wetter schlecht -war — ins Wirtshaus, so ließ er sich’s nicht nehmen, -bei der Solocha vorzusprechen, um ein paar fette Käsekrapfen -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -mit Rahm zu essen und ein Weilchen mit der -gesprächigen und gefälligen Hausfrau in der warmen -Stube zu schwatzen. Der Edelmann machte eigens zu -diesem Zweck einen großen Umweg, bevor er im Wirtshaus -anlangte — und nannte das „unterwegs mal vorsprechen“. -Oder ging die Solocha einmal an einem -Festtag, in ihrem grellen Kopftuch und ihrem Nankingkittel -und dem blauen Rock darüber, der hinten mit -goldenen Bändern benäht war, zur Kirche, und stellte sie -sich gerade neben dem rechten Chor auf, so fing der -Küster sicherlich an zu hüsteln und blinzelte unwillkürlich -nach jener Seite hinüber; der Amtmann aber strich -sich den Schnurrbart, wickelte sich seine Kosakenlocke ums -Ohr und sprach zu dem neben ihm stehenden Nachbar, -„Ei, ei, das ist mir ein Weibsbild! Ein ganz verteufeltes -Weib!“ Die Solocha pflegte denn auch jeden Menschen -zu grüßen, und jeder glaubte, sie grüße ihn allein. -</p> - -<p> -Aber wer es liebte, sich in fremde Angelegenheiten -zu mischen, der konnte sofort merken, daß die Solocha -am freundlichsten gegen den Kosaken Tschub war. Tschub -war Witwer. Vor seinem Hause standen stets acht -Schober Getreide, zwei Paar mächtige Ochsen streckten -beständig ihre Köpfe durch das Geflecht des Schuppens -auf die Straße hinaus und brüllten jedesmal, wenn sie -eine Muhme oder einen Ohm, das heißt eine Kuh oder -einen dicken Bullen kommen sahen. Ein bärtiger Bock -kletterte hoch auf das Dach hinauf und meckerte mit -einer gerad so schrillen Stimme von dort herab wie der -Bürgermeister, um die auf dem Hofe umher stolzierenden -Truthähne zu reizen, oder er kehrte seinen Hintern hervor, -wenn er seine Feinde, die Dorfjungen, erblickte, die -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -sich über seinen Bart lustig zu machen pflegten. In -Tschubs Truhen lagen viele Ellen Leinwand, teure Schupans -und altertümliche Röcke mit Goldborden: seine verstorbene -Frau war nämlich sehr putzsüchtig gewesen. In -seinem Gemüsegarten gab es außer Mohn, Kohl und -Sonnenblumen auch noch zwei Beete mit Tabak. Von -all dem, meinte die Solocha, wäre es ganz nett, wenn -es ihrer eigenen Wirtschaft einverleibt würde; sie rechnete -schon im voraus damit, welche Ordnung sie einführen -wollte, wenn all das in ihre Hände gelangen würde, -und daher verdoppelte sie ihr Wohlwollen gegen den -alten Tschub. Damit aber ihr Sohn Wakula sich nicht -an seine Tochter heran machte, alles Hab und -Gut selbst einheimste, und ihr dann am Ende nicht mehr -erlaubte, sich in irgend etwas einzumischen, so griff sie -nach dem üblichen Mittel aller vierzigjährigen Weiber, -das heißt, sie säte möglichst viel Fehde zwischen Tschub -und dem Schmied. Vielleicht waren gerade diese Ränke -und Listen der Grund davon, daß die alten Weiber, besonders -wenn sie in fröhlicher Gesellschaft zusammen -saßen und etwas über den Durst getrunken hatten, davon -munkelten, die Solocha sei wirklich eine Hexe: der -Bursche Kisjakolupenko habe hinten bei ihr einen Schwanz -gesehen, der ungefähr so lang gewesen sei wie eine Weiberspindel; -am verflossenen Donnerstag erst sei sie in Gestalt -einer schwarzen Katze über die Straße gelaufen; auch sei -einmal eine Sau zur Popenfrau gerannt gekommen, habe -wie ein Hahn gekräht, dann sich die Mütze des Vaters -Kondrat aufgesetzt und darauf sich wieder davongemacht .... -</p> - -<p> -Der Zufall wollte es, daß gerade zu der Zeit, als die -alten Weiber über diese Dinge redeten, ein gewisser Kuhhirt -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -namens Tymisch Korostjawi bei ihnen erschienen war. -Er versäumte nicht, zu erzählen, wie er einmal im Sommer, -kurz vor Peter und Paul, gerade als er sich im Stall -schlafen gelegt und sich ein Bündel Stroh unter den Kopf -gebettet hatte, mit eigenen Augen gesehen habe, wie eine -Hexe mit aufgelöstem Haar und in bloßem Hemde angefangen -habe, die Kuh zu melken; er habe sich nicht -vom Fleck rühren können, so behext habe sie ihn, auch -habe sie ihm die Lippen mit einem so widerlichen Zeug -beschmiert, daß er noch einen ganzen Tag danach immer -ausspucken mußte. Doch all das war immerhin zweifelhaft, -denn nur der Assessor von Sorotschintzy kann eine -Hexe sehen. Und daher wehrten sich alle Kosaken von -Ansehen und Würden mit Händen und Füßen dagegen, -wenn sie solche Reden mit anhören mußten. „Sie lügen, -die hundsföttischen Weiber!“ war gewöhnlich ihre Antwort. -</p> - -<p> -Kaum war die Solocha aus dem Ofen gekrochen und -hatte sich ihre Kleider wieder ein wenig in Ordnung gebracht, -so begann sie sofort als gute Wirtin die Stube -aufzuräumen und alles auf seinen Platz zu stellen. Die -Säcke aber rührte sie nicht an. „Die hat Wakula gebracht, -mag er sie doch auch selbst wieder hinaustragen!“ -Der Teufel aber hatte sich, als er in den Schornstein -hineinflog, zufällig umgeschaut, und da hatte er ganz -nahe am Hause den Tschub Arm in Arm mit seinem -Gevatter erblickt. Im Nu flog er wieder aus dem Ofen, -rannte ihnen auf ihrem Wege voran und begann von -allen Seiten Haufen hartgefrorenen Schnees aufzuwirbeln. -Es erhob sich ein richtiges Schneegestöber, in der Luft -flimmerte es nur so weiß durcheinander. Der Schnee wogte -hin und her wie ein Netz und drohte, den Fußgängern -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -Augen, Mund und Ohren zu verstopfen. Der Teufel aber -flog wieder in den Schornstein hinein, fest davon überzeugt, -daß Tschub und der Gevatter umkehren würden; -dann würde Tschub den Schmied bei sich im Hause -treffen und ihn sicherlich so traktieren, daß der auf lange -Zeit nicht mehr imstande sein sollte, einen Pinsel in die -Hand zu nehmen und Spottbilder zu malen. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Und in der Tat, kaum hatte sich das Schneegestöber -erhoben und kaum fing der Wind an, ihnen gerade ins -Gesicht zu fegen, so äußerte Tschub schon Reue. Er schob -sich die Mütze tiefer über die Ohren und regalierte alle, -sich selbst, den Teufel und den Gevatter mit Schimpfworten. -Übrigens war diese Wut nur geheuchelt. Tschub -war sehr froh über das Unwetter. Bis zum Hause des -Küsters war es ungefähr achtmal so weit, wie die -Strecke, die sie schon zurückgelegt hatten. Die Wanderer -kehrten also um. Der Wind blies ihnen zwar in den -Nacken, aber es war gänzlich unmöglich, in diesem -Schneegestöber auch nur das geringste zu sehen. -</p> - -<p> -„Halt, Gevatter! Ich glaube, wir gehen falsch,“ sagte -Tschub nach einer kurzen Weile. „Ich sehe keine einzige -Hütte. He, ist das ein Schneegestöber! Bieg doch mal -etwas zur Seite, Gevatter, vielleicht findest du da einen -Weg, unterdessen will ich hier nach ihm suchen. Mußte -uns auch der Gottseibeiuns bei solchem Unwetter aus -dem Hause locken! Vergiß nur nicht zu rufen, wenn du -den Weg gefunden hast. Herrgott, was für einen Haufen -Schnee hat mir der Satan in die Augen gejagt!“ -</p> - -<p> -Der Weg war jedoch noch immer nicht zu sehen. -Der Gevatter schlug einen Seitenweg ein und irrte in -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -seinen langen Stiefeln hin und her, bis er endlich auf -das Wirtshaus stieß. Diese Entdeckung freute ihn dermaßen, -daß er alles vergaß, den Schnee von sich abschüttelte -und ins Wirtshaus trat, ohne sich im Geringsten -um seinen Gevatter auf der Straße zu scheren. Unterdessen -war es Tschub so vorgekommen, als ob er den -richtigen Weg gefunden hätte. Er machte Halt und -schrie aus voller Kehle, als er aber sah, daß der Gevatter -nicht zum Vorschein kam, beschloß er, den Weg -allein fortzusetzen. Etwas weiter erblickte er sein Haus. -Vor dem Hause und auf dem Dache lagen ganze Berge -von Schnee. Er klatschte in die vor Kälte erstarrten -Hände und begann, an die Tür zu klopfen und seiner -Tochter gebieterisch zuzurufen, sie solle aufmachen. -</p> - -<p> -Da trat der Schmied aus dem Hause und schrie ihn -grob an: „Was willst du?“ -</p> - -<p> -Tschub erkannte die Stimme des Schmieds und wich -etwas zurück. „Hm, nein, das ist nicht mein Haus,“ -sagte er sich, „in mein Haus würde sich der Schmied -doch nicht hineinwagen, aber wenn ich’s mir wiederum -genauer ansehe, so ist’s auch nicht das Haus des Schmieds. -Wessen Haus könnte das bloß sein? Holla! Daß ich’s -nicht gleich erkannt habe! Das ist ja das Haus des -lahmen Lewtschenko, der sich erst vor kurzem eine junge -Frau genommen hat. Nur sein Haus sieht dem meinen -so ähnlich. Daher kam es mir doch auch gleich etwas -sonderbar vor, daß ich schon so schnell zu Hause war! -Aber Lewtschenko sitzt jetzt ja beim Küster, das weiß ich -genau. Was hat nur der Schmied hier zu suchen? .... -Hahaha! Er besucht seine junge Frau. Das ist’s also! -Schön! .... Jetzt verstehe ich alles.“ -</p> - -<p> -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -„Wer bist du und was treibst du dich vor fremden -Türen herum?“ rief der Schmied noch gröber als früher -und rückte näher. -</p> - -<p> -„Nein, ich sag’ ihm nicht, wer ich bin,“ dachte sich -Tschub, „am Ende krieg ich noch Hiebe von ihm, diesem -verfluchten Bastard!“ Und er antwortete mit verstellter -Stimme: „Ich bin doch ein anständiger Mensch! Ich -will euch nur ein paar Weihnachtslieder vorsingen, um -euch einen kleinen Spaß zu machen!“ -</p> - -<p> -„Scher’ dich zum Teufel mit deinen Weihnachtsliedern,“ -schrie Wakula wütend. „Was stehst du noch -da? Hörst du! Packe dich auf der Stelle!“ -</p> - -<p> -Tschub hatte diesen vernünftigen Vorsatz schon selbst -gefaßt; es war ihm nur unangenehm, dem Befehle des -Schmieds folgen zu müssen. Es schien ganz so, als ob -ihn ein böser Geist vorwärts stieß und ihn zum Widerstand -nötigte. „Was schreist du da so?“ rief er mit -derselben Stimme. „Ich will euch Weihnachtslieder vorsingen -und sonst nichts!“ -</p> - -<p> -„Aha! du hast also wohl an Worten noch nicht genug?“ -rief der Schmied, und Tschub fühlte einen höchst -schmerzhaften Schlag auf der Schulter. -</p> - -<p> -„Du bist gleich mit Prügeln bei der Hand, wie ich -sehe!“ sagte er und wich etwas zurück. -</p> - -<p> -„Pack’ dich, marsch!“ schrie der Schmied und regalierte -ihn mit einem zweiten Schlag. -</p> - -<p> -„So!“ rief Tschub mit einer Stimme, in die sich -Schmerz, Ärger und Furcht mischten. „Wie ich sehe, machst -du keinen Spaß, deine Prügel tun ja ordentlich weh!“ -</p> - -<p> -„Marsch, vorwärts!“ rief der Schmied und schlug -die Türe zu. -</p> - -<p> -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -„Schau einer an, wie tapfer der tut!“ sprach Tschub, -als er nun allein auf der Straße stand. „Versuch’s nur -und komm bloß heran! He, wer bist du denn? Etwa -ein großes Tier, was? Du glaubst wohl, ich kann dir -nichts anhaben? Nein, mein Täubchen, ich gehe geraden -Wegs zum Kommissär, da sollst du was von mir erleben! -Ich werde keine Rücksicht darauf nehmen, daß -du ein Schmied bist und noch ein Maler dazu. Hm, wenn -ich mir meinen Rücken und meine Schultern ansehe, so -werde ich wohl sicher blaue Flecken finden. Er hat mir -tüchtig zugesetzt, der hundsgemeine Lümmel. Schade -nur, daß es so kalt ist, ich möchte nämlich nicht gern -den Pelz ausziehen. Warte nur, du Teufelsschmied! -Der Satan soll dich und deine Schmiede in Stücke -schlagen. Du sollst noch ein Tänzchen bei mir erleben! -Verfluchter Hallunke! — Also ist er jetzt nicht zu Hause? -Solocha ist wohl allein! Hm .... Es ist ja nicht -weit. — Ob ich am Ende hingehe! Um diese Zeit wird -uns niemand überraschen. Vielleicht hab’ ich auch Glück -und .... Seine Hiebe tun aber weh .... O, dieser -gottsverdammte Schmied!“ -</p> - -<p> -Und Tschub kratzte sich den Rücken und schlug die -entgegengesetzte Richtung ein. Die Genüsse, die seiner -bei der Solocha harrten, verringerten einigermaßen den -Schmerz, und machten Tschub sogar weniger empfindlich -gegen den Frost, der auf den Straßen knirschte, und -der nicht einmal vom Sausen des Windes übertönt wurde. -Eine sauersüße Miene erschien manchmal auf seinem Gesicht, -dessen Kinn und Schnurrbart das Unwetter schneller -mit Schnee eingeseift hatte, als irgendein Barbier, der -sein Opfer tyrannisch an der Nase packt. Wäre jedoch -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -der Schnee einem nicht kreuz und quer vor den Augen -herumgewirbelt, so hätte man noch lange sehen können, -wie Tschub immer wieder stehen blieb, sich den Rücken -kratzte, ausrief: „Die Hiebe von diesem verfluchten Schmied -tun aber mächtig weh!“ und dann weiter zog. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Während der flinke Stutzer mit Schwanz und Bocksbart -aus dem Schornstein und wieder in den Schornstein -zurückflog, blieb ihm zufällig seine Tasche, die ihm -an der Seite hing und in die er den gestohlenen Mond -hineingesteckt hatte, im Ofen hängen und ging auf. Der -Mond benutzte diese Gelegenheit, flog aus dem Schornstein -des Hauses der Solocha in die Freiheit hinaus und -stieg flugs zum Himmel empor. Alles wurde hell! das -Schneegestöber war wie weggeblasen, der Schnee dehnte -sich weit in die Ferne wie ein großes silbernes Gefild, -über das kristallene Sterne ausgestreut waren. Selbst -der Frost schien etwas nachgelassen zu haben. Burschen -und Mädchen kamen in Scharen mit ihren Säcken herbei. -Die Lieder schwirrten durcheinander, und beinahe -vor keinem Fenster fehlten Sänger, die den heiligen -Christ besangen. -</p> - -<p> -Der Mond leuchtet wundersam vom Himmel herab! -Es ist schwer zu beschreiben, wie schön es ist, sich in -solcher Nacht unter die Scharen laut lachender Mädchen -und Burschen zu mischen, die zu allen Späßen und -losen Streichen aufgelegt sind, wie sie nur eine lustig -verbrachte Nacht eingeben kann. Unter dem dicken Pelze -ist’s warm; die Backen glühen nur noch lebhafter vor -Kälte, und der Teufel scheint einen hinterrücks nur so -zu mutwilligen Stückchen zu treiben. -</p> - -<p> -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -Scharen von Mädchen brachen mit Säcken in Tschubs -Haus ein und umringten Oxana. Das Geschrei, das -Gelächter und die Erzählungen betäubten den Schmied. -Alle beeilten sich, der Schönen etwas Neues zu erzählen, -sie luden ihre Säcke aus und prahlten mit dem -Kuchen, den vielen Würsten und Krapfen, die ihnen ihr -Straßengesang bereits eingebracht hatte. Oxana schien -sehr vergnügt und fröhlich zu sein, schwatzte bald mit -der einen, bald mit der anderen und lachte ohne Ende. -</p> - -<p> -Der Schmied sah dieses fröhliche Treiben voller Neid -und Ärger an, und verfluchte diesmal das ganze Christsingen, -obwohl er sonst wie besessen darauf war. -</p> - -<p> -„Du, Odarka!“ rief die Schöne lustig, zu einem der -Mädchen gewandt, „du hast ja neue Schuhe an. Ach, -wie reizend! Mit Goldstickerei! Du hast es gut, Odarka, -du hast jemand, der dir alles kauft, mir kauft niemand -so entzückende Schuhe.“ -</p> - -<p> -„Gräm dich nicht, meine herzallerliebste Oxana!“ -unterbrach sie der Schmied. „Ich will dir solche Schuhe -schenken, wie sie selbst ein Edelfräulein selten trägt!“ -</p> - -<p> -„Du?“ rief Oxana sofort und blickte ihn stolz an. -„Ich möchte doch sehen, wo du solche Schuhe herkriegen -willst, die an meine Füße passen. Ja, wenn du mir -die Schuhe brächtest, die die Zarin trägt ....!“ -</p> - -<p> -„Sieh einer an, was die will!“ riefen die Mädchen -lachend. -</p> - -<p> -„Ja!“ fuhr die Schöne stolz fort. „Seid ihr meine -Zeugen: wenn mir der Schmied Wakula die Schuhe -bringt, die die Zarin trägt, so habt ihr mein Wort darauf, -daß ich sofort seine Frau werde.“ -</p> - -<p> -Die Mädchen führten die launische Schöne mit sich fort. -</p> - -<p> -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -„Lache nur, lache!“ sprach der Schmied, der gleich -nach ihnen das Haus verließ. „Ich lache selbst über -mich! Ich grüble und grüble und kann’s nicht fassen, -wo mein Verstand geblieben ist. Sie liebt mich nicht — -nun, da ist nichts zu ändern! Als ob’s in der Welt -nur die eine Oxana gäbe. Gott sei Dank, es gibt auch -außer ihr noch viele nette Mädchen im Dorfe. Was -soll ich denn überhaupt mit der Oxana? Sie wird ja -doch nie eine gute Hausfrau; sie versteht es nur, sich -zu putzen. Nein, nun ist’s genug! Nun soll die Narretei -aufhören!“ -</p> - -<p> -Aber gerade zur selben Zeit, als der Schmied diesen -Entschluß fassen wollte, führte ihm ein böser Geist Oxanas -lachendes Antlitz vor Augen, und das sprach höhnisch: -„Schmied, hol mir die Schuhe der Zarin, und ich bin -deine Frau!“ Und alles in ihm geriet in Wallung, und -er dachte nur noch an Oxana. -</p> - -<p> -Scharen von Sängern: Burschen und Mädchen -in getrennten Trupps eilten aus einer Straße in die -andere. Aber der Schmied schritt dahin, ohne etwas zu -sehen, und teilnahmslos gegen die Lustbarkeit, die er einst -mehr geliebt hatte, als alle andern Burschen. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Unterdessen wurde der Teufel allen Ernstes zärtlich -gegen Solocha: er küßte ihr die Hand mit denselben -Fratzen, mit denen der Assessor der Popentochter die -Hand zu küssen pflegt, legte seine Hand aufs Herz, -stöhnte und erklärte geradeheraus, wenn sie nicht seine -Leidenschaften stillen und ihn nach Brauch und Sitte -erhören würde, wäre er zu allem fähig: er würde sich -ins Wasser stürzen und seine Seele geradeswegs in die -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -Hölle schicken. Solocha war nicht so hartherzig; und -dann unterhielt der Teufel ja bekanntlich auch mit ihr -eine alte Freundschaft. Sie liebte es, sich von Anbetern -umringt zu sehen, und selten war sie ohne Gesellschaft. -Diesen Abend gedachte sie jedoch allein zu verbringen, -denn alle angesehenen Bewohner des Dorfes waren zum -Weihnachtsschmaus beim Küster geladen. Aber es kam -alles anders: Kaum hatte der Teufel seine Werbung vorgebracht, -da vernahmen sie plötzlich ein Klopfen und die -Stimme des beleibten Amtmanns vor der Türe. Solocha -lief hin, um ihm aufzumachen, der flinke Teufel aber -sprang hurtig in einen der Säcke. -</p> - -<p> -Nachdem der Amtmann den Schnee von sich abgeschüttelt -und ein Gläschen Schnaps aus Solochas Hand -entgegengenommen und ausgetrunken hatte, erzählte er, -er sei nicht zum Küster gegangen, denn es habe sich ein -Schneegestöber erhoben; da habe er in ihrer Stube Licht -gesehen und sei bei ihr eingekehrt, um den Abend mit -ihr zu verbringen. -</p> - -<p> -Kaum aber hatte der Amtmann das gesagt, als an -die Türe geklopft wurde und sich die Stimme des Küsters -vernehmen ließ. „Versteck mich irgendwo,“ flüsterte der -Amtmann, „ich möchte jetzt nicht mit dem Küster zusammentreffen.“ -</p> - -<p> -Solocha überlegte lange, wo sie einen so dicken Gast -verstecken könnte; endlich wählte sie einen der größten -Kohlensäcke, schüttete die Kohlen in einen Zuber, und der -feiste Amtmann kroch mitsamt seinem Schnurrbart, -Kopf und Mütze in den Sack. -</p> - -<p> -Der Küster kam ächzend und sich die Hände reibend, -herein, und erzählte, es sei niemand zu ihm zum -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -Essen gekommen, er sei aber herzlich froh über die Gelegenheit, -sich mit ihr unterhalten zu können, und habe -sich nicht einmal durch das Schneegestöber davon abhalten -lassen. Dann trat er näher auf sie zu, räusperte -sich, grinste, tippte mit seinen langen Fingern auf ihren -nackten vollen Arm und sagte mit einer Miene, in der -Schlauheit und Selbstzufriedenheit lagen: „Was habt Ihr -denn da, reizende Solocha?“ Und indem er das sagte, -sprang er etwas zurück. -</p> - -<p> -„Was kann das wohl sein! Ein Arm, Ossip Nikiforowitsch!“ -antwortete Solocha. -</p> - -<p> -„Hm! Ein Arm! Hähähä!“ rief der Küster herzlich -zufrieden über diesen Anfang und ging im Zimmer auf -und ab. -</p> - -<p> -„Und was habt Ihr hier, teuerste Solocha?“ sprach -er mit derselben Miene, ging wieder auf sie zu, betappte -ihren Hals mit seiner Hand und sprang ganz so wie vorher -wieder zurück. -</p> - -<p> -„Als ob Ihr das nicht seht, Ossip Nikiforowitsch,“ -erwiderte die Solocha, „mein Hals ist es, und dies hier -ist ein Halsband!“ -</p> - -<p> -„Hm! Ein Hals mit einem Halsband! Hähähä!“ -und der Küster ging wieder ein paarmal im Zimmer -auf und ab und rieb sich die Hände. -</p> - -<p> -„Und was habt Ihr hier, unvergleichliche Solocha? -....“ Es ist nicht ganz sicher, was der -Küster jetzt mit seinen langen Fingern berührt hätte, -denn auf einmal ertönte ein Klopfen an der Tür, -und die Stimme des Kosaken Tschub ließ sich vernehmen. -</p> - -<p> -„Oh Gott, ein Fremder!“ rief der Küster erschrocken. -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -„Das soll nur werden, wenn man eine Person meines -Standes hier antrifft .... Vater Kondrat wird es -noch erfahren! .....................“ -</p> - -<p> -Aber die Befürchtungen des Küsters lagen auf anderem -Gebiet; am meisten fürchtete er, seine Ehehälfte -könnte es erfahren, deren schreckliche Hand ohnehin aus -seinem dicken Priesterzopfe ein dünnes Mauseschwänzchen -gemacht hatte. „Um Gottes willen, tugendhafte Solocha!“ -sprach er, am ganzen Leibe zitternd. „Eure -Güte, wie es im Evangelium Lucae heißt, Kapitel -dreiz.... dreiz.... Man klopft, bei Gott, man -klopft! Versteckt mich doch nur irgendwo!“ -</p> - -<p> -Solocha schüttete die Kohlen aus noch einem Sack -in den Zuber, und der nicht besonders umfangreiche -Küster kroch hinein und kauerte sich ganz am Boden -des Sacks zusammen, so daß man noch einen halben -Sack voll Kohlen über ihn hatte ausschütten können. -</p> - -<p> -„Grüß Gott, Solocha!“ sagte Tschub, der jetzt in -die Stube trat. „Du hast mich vielleicht nicht erwartet, -was? Nicht wahr, du hast mich nicht erwartet? -Vielleicht störe ich?“ .... fuhr Tschub fort und ließ -auf seinem Gesichte eine verschmitzte und vielsagende -Miene sehen, aus der man von vornherein erkennen konnte, -wie sehr sein schwerfälliger Kopf sich abmühte, etwas recht -Spitzes und Schelmisches zu sagen. „Vielleicht hast du dir -gerade mit jemandem die Zeit vertrieben. Vielleicht -hast du doch jemanden versteckt, was?“ Und entzückt -über diese Bemerkung brach Tschub in ein Gelächter -aus, innerlich darüber triumphierend, daß nur er allein -Solochas Gunst genieße. „Nun, Solocha, trinken wir -jetzt ein Schnäpschen. Ich glaube, mir ist die Kehle -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -ganz eingefroren von der verfluchten Kälte. Mußte uns -Gott gerad zu Weihnachten solch eine Nacht schicken! -Was das für ein Schneetreiben war! hörst du, Solocha, -was das für ein Schneetreiben war .... Mir -sind die Hände ganz steif geworden: ich kann nicht einmal -den Pelz aufknöpfen! Wie das Schneegestöber -losging ....“ -</p> - -<p> -„Mach auf!“ ertönte in diesem Augenblick eine -Stimme von der Straße her, die von einem Stoß -gegen die Tür begleitet wurde. -</p> - -<p> -„Es klopft jemand,“ sagte Tschub und hielt inne. -</p> - -<p> -„Mach auf!“ schrie es noch lauter. -</p> - -<p> -„Das ist der Schmied!“ rief Tschub und griff rasch -nach der Mütze. „Hörst du Solocha, versteck mich, wo -es auch sei, um keinen Preis der Welt will ich mich -hier vor dieser gottverdammten Mißgeburt sehen lassen. -Diesem Satanskind sollen doch gleich unter beiden Augen -Blasen anlaufen: so groß wie zwei Heuschober!“ -</p> - -<p> -Solocha erschrak gleichfalls und rannte umher, als -ob sie nicht ganz gescheit wäre. Ohne sich viel zu besinnen, -machte sie Tschub ein Zeichen, er solle in denselben -Sack hineinkriechen, in dem bereits der Küster -steckte. Der arme Küster konnte nicht einmal durch -Husten oder Ächzen seinen Schmerz kundgeben, als sich -der schwere Mann ihm beinah auf den Kopf setzte und -ihm seine hartgefrorenen Stiefel gegen die Schläfen -drückte. -</p> - -<p> -Der Schmied trat ein und ließ sich, ohne ein Wort -zu reden, und ohne die Mütze abzunehmen, auf eine -Bank sinken. Er war ersichtlich schlechter Laune. -</p> - -<p> -Zur selben Zeit, als Solocha die Tür hinter ihm -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -zumachte, ertönte ein neues Klopfen. Es war der Kosak -Swerbygus. Aber den hätte man schon nicht mehr -in einem Sack verstecken können, denn ein solcher Sack -war nirgends mehr zu finden. Er war noch beleibter -als selbst der Amtmann und höher von Wuchs als -Tschubs Gevatter. Daher führte ihn Solocha in den -Gemüsegarten, um alles von ihm zu hören, was er -ihr zu sagen hatte. -</p> - -<p> -Der Schmied blickte zerstreut in alle Winkel seiner -Stube und lauschte ab und zu den weit vom Dorfe herüber -hallenden Liedern der Sänger; endlich blieben -seine Augen an den Säcken haften. „Wozu liegen diese -Säcke hier? Man hätte sie schon längst wegräumen -sollen. Die dumme Liebe hat mich ganz wirr gemacht. -Morgen ist Feiertag, und in der Stube liegt noch immer -aller mögliche Plunder herum. Ich trage sie gleich -in die Schmiede!“ -</p> - -<p> -Der Schmied kauerte sich neben den riesigen Säcken -hin, band sie fest zusammen und machte sich daran, sie -auf seine Schultern zu heben. Aber es war ersichtlich, -daß seine Gedanken Gott weiß wo herumspazierten; -sonst hätte er hören müssen, wie Tschub keuchte, als -ihm das Haar auf dem Kopfe vom Strick festgeklemmt -wurde, und wie der feiste Amtmann ziemlich deutlich -den Schlucken bekam. -</p> - -<p> -„Will mir diese abscheuliche Oxana denn gar nicht -aus dem Sinne?“ sprach der Schmied. „Ich will -nicht an sie denken; und doch kreisen meine Gedanken, -immerfort und wie zu Fleiß allein um sie. Wie -kommt es, daß man wider Willen an etwas denken -muß? Verflucht! Die Säcke scheinen ja schwerer -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -geworden zu sein! Sicher hat man zu den Kohlen -noch etwas hinein gestopft. Ich Dummkopf. Ich vergesse -ja ganz, daß mir jetzt doch alles schwerer erscheint. -Früher konnte ich mit einer Hand eine Fünfkopekenmünze -und ein Hufeisen zusammen- und wieder auseinanderbiegen, -und jetzt kann ich nicht einmal mehr ein -paar Kohlensäcke aufheben. Bald wird mich noch ein -Windhauch umblasen .... Nein!“ rief er nach einem -kurzen Schweigen und faßte Mut. „Was bin ich doch -für ein Frauenzimmer! Ich erlaube niemandem, über -mich zu lachen! Und wenn es auch zehn solche Säcke -wären, — ich trag sie alle weg!“ Und rüstig warf er -sich die Säcke über die Schultern, diese Säcke, die nicht -einmal zwei kräftige Männer hätten aufheben können. -„Ich nehme auch den da noch mit,“ fuhr er fort und -hob den kleinen Sack in die Höhe, auf dessen Boden -der Teufel zusammengekauert lag. „Da hab ich meine -Werkzeuge hineingetan.“ Mit diesen Worten verließ er -das Haus, und vor sich her summte er das Liedchen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Ach vom Weibe sollt ich lassen!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Immer lauter und lauter erklangen die Lieder und -das Gelächter auf den Straßen. Den Scharen der -umherziehenden Leute schlossen sich auch noch solche an, die -aus den kleineren Nachbardörfern herbeigekommen waren. -Die Burschen tobten umher und verübten nach Herzenslust -allerhand Streiche. Oft auch klang in die Weihnachtsgesänge -ein lustiges Liedchen hinein, das einer der -jungen Kosaken eben erst verfaßt hatte. Oder plötzlich -sang einer aus der Menge statt eines Weihnachtsliedes -ein Silvesterliedchen und brüllte aus vollem Halse: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> - <p class="verse">Silvester, Bester!</p> - <p class="verse">Will lecken ’nen Wecken!</p> - <p class="verse">Will papfen ’nen Krapfen!</p> - <p class="verse">Will Wurst nach’m Durst!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Lautes Lachen belohnte den Spaßvogel. Die kleinen -Fenster wurden zurückgeschoben, und die dürren -Arme einer alten Frau, die allein mit den würdigen -Vätern des Hauses daheimgeblieben war, streckten sich, -mit einer Wurst oder einem Stück Kuchen in der Hand, -hervor. Die Burschen und Mädchen hielten um die -Wette ihre Säcke unter und fingen die Beute auf. An -einer andern Stelle umringte ein Haufen von jungen -Burschen mehrere Mädchen. Da gab es Lärm und Geschrei; -der eine warf einen Schneeball, und ein anderer raubte -einen Sack, der mit allerhand Kram angefüllt war. -Wieder an einer anderen Stelle haschten Mädchen nach -einem Burschen, sie stellten ihm ein Bein, und er flog -mitsamt seinem Packen Hals über Kopf zu Boden. -Es schien, als ob sie die ganze Nacht hindurch in toller -Lust verbringen wollten. Die Nacht war, wie mit Absicht, -so herrlich und milde! Und noch heller und weißer -erschien der Mondschein vom Leuchten <a id="corr-18"></a>des Schnees! -</p> - -<p> -Der Schmied machte mit seinen Säcken halt. Er -glaubte die Stimme und das feine Lachen Oxanas in -der Mädchenschar vernommen zu haben. Er fühlte, -wie ihm ein Schauder durch alle Adern rann, -warf die Säcke zu Boden, so daß der Küster im Sack -aufstöhnte und der Amtmann aus vollem Halse aufschluckte, -und schloß sich mit dem kleinen Sack über der -Schulter dem Haufen der Burschen an, die hinter der -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -Schar der Mädchen herzogen, in der er die Stimme -Oxanas vernommen zu haben glaubte. -</p> - -<p> -„Sie ist es! Steht da wie eine Zarin, und ihre -schwarzen Augen leuchten. Ein stattlicher Bursch erzählt -ihr etwas; sicher etwas Ergötzliches, denn sie lacht. -Aber sie lacht ja immer.“ Und unwillkürlich und -ohne zu begreifen, wie es geschah, drängte sich der -Schmied durch die Menge hindurch und stellte sich an -ihre Seite. -</p> - -<p> -„Ah, Wakula, du bist hier! Grüß Gott!“ rief die -Schöne mit jenem Lächeln, das Wakula beinah wahnsinnig -machte. „Nun, hast du dir viel ersungen? He, -was hast du denn da für einen kleinen Sack bei dir! -Und die Stiefelchen der Zarin? hast du mir die schon -gekriegt? Schaff mir die Stiefelchen, so heirate ich -dich“ .... Und lachend lief sie mit einem Trupp -Mädchen davon. -</p> - -<p> -Der Schmied stand wie angewurzelt auf einem Fleck. -„Nein, ich kann nicht; ich hab keine Kraft mehr“ .... -rief er endlich. „Himmel Herrgott, warum ist sie nur -so verteufelt schön? Ihr Blick, ihre Rede, alles brennt -in mir, glüht und brennt! Nein, ich kann mich nicht -mehr überwinden. Es muß ein Ende gemacht werden. -So geh denn zugrunde, meine Seele! Ich will mich in -einem Eisloch ertränken, dann ist alles aus!“ -</p> - -<p> -Er eilte entschiedenen Schritts voraus, holte die Mädchen -ein, erreichte Oxana und rief mit fester Stimme: -„Leb wohl, Oxana! Suche dir einen Bräutigam, wie -du ihn haben magst, halte zum Narren, wen du willst; -mich wirst du nie mehr auf der Welt erblicken.“ -</p> - -<p> -Die Schöne schien erstaunt und wollte etwas sagen, -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -aber der Schmied wehrte mit der Hand ab und -rannte davon. -</p> - -<p> -„Wohin, Wakula?“ schrien die Burschen, als sie den -Schmied davonlaufen sahen. -</p> - -<p> -„Lebt wohl, Brüder!“ rief ihnen der Schmied zu. -„Wenn Gott will, sehn wir uns in jener Welt wieder, -in dieser werden wir uns nie mehr zusammenfinden. -Lebt wohl! Gedenkt meiner nicht in Bösem! Sagt dem -Vater Kondrat, er möge eine Totenmesse für meine sündige -Seele lesen. Ich weiß es, ich bin schuldig und -habe die Kerzen an den Bildern des heiligen Wundertäters -und der Mutter Gottes nicht bemalt, ich war zu -sehr in irdischen Dingen befangen. Mein ganzes Hab -und Gut und alles, was sich in meinem Kasten findet, -vermach’ ich der Kirche. Lebt wohl!“ -</p> - -<p> -Nach diesen Worten lief der Schmied mit dem Sacke -auf dem Rücken weiter! -</p> - -<p> -„Er ist von Sinnen!“ sprachen die Burschen. -</p> - -<p> -„Eine verlorene Seele!“ murmelte fromm eine vorübergehende -Alte. „Ich muß doch gleich herumgehen und -allen erzählen, wie sich der Schmied erhängt hat!“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Unterdessen lief Wakula durch die Straßen; endlich -blieb er stehen, um Luft zu schöpfen. „Wohin renne ich -eigentlich so?“ dachte er. „Als ob wirklich alles verloren -wäre. Ich will noch das letzte Mittel versuchen. -Ich gehe zum Saporoger, zu Patzjuk Schmerbauch. Der -soll doch alle Teufel in der Welt kennen und alles machen -können, was er will. Ich geh zu ihm, meine Seele ist -ja ohnehin verloren!“ -</p> - -<p> -Der Teufel, der lange regungslos dagelegen war, -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -hüpfte im Sack vor Freude; der Schmied aber glaubte, -er selbst hätte den Sack irgendwie mit der Hand berührt -und diese Bewegung hervorgerufen, schlug mit seiner -mächtigen Faust auf den Sack, rüttelte ihn und begab -sich zu Patzjuk Schmerbauch. -</p> - -<p> -Dieser Schmerbauch Patzjuk war in der Tat vormals -ein Saporoger Kosak gewesen; aber niemand wußte, ob -er aus der Gemeinschaft vertrieben oder von selbst davongelaufen -war. Er lebte schon seit langem in Dikanka, -vielleicht an die zehn oder gar fünfzehn Jahre. -Zuerst führte er den Lebenswandel eines echten Saporogers: -arbeitete nicht, schlief dreiviertel des Tages, aß -wie sechs Drescher und trank einen ganzen Eimer voll -auf einen Zug; übrigens hatte der auch bequem Platz, -denn obwohl Patzjuk klein von Statur war, war er doch -recht stark in die Breite gegangen. Dazu trug er so -weite Pluderhosen, daß seine Beine, so lang er auch ausschreiten -mochte, kaum zu sehen waren, und daß es den -Eindruck machte, als ob sich eine Branntweinkufe die -Straße entlang bewege. Daher mochte wohl auch sein -Spitzname Schmerbauch stammen. Noch waren keine -vierzehn Tage seit seiner Ankunft im Dorfe verstrichen, -da wußte schon jedermann, daß er ein Hexenmeister sei. -Hatte jemand irgend eine Krankheit, sogleich wurde -Patzjuk gerufen, Patzjuk brauchte nur ein paar Worte -zu murmeln und das Gebrechen war wie mit der Hand -weggewischt. Oder geschah es, daß einem unmäßigen -Edelmann eine Fischgräte in der Kehle stecken geblieben -war, so verstand es Patzjuk, den Rücken des Herrn so -geschickt mit der Faust zu beklopfen, daß die Gräte den -rechten Weg einschlug, ohne der adligen Kehle auch nur -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -den leisesten Schaden zuzufügen. In der letzten Zeit -hatte man ihn wenig gesehen. Der Grund davon lag -vielleicht in seiner Faulheit, vielleicht aber auch in dem -Umstande, daß es ihm mit jedem Jahre schwerer wurde, -durch die Tür zu kommen. Und so mußten denn die -Leute zu ihm in sein Haus kommen, wenn sie seiner bedurften. -</p> - -<p> -Nicht ohne Furcht öffnete der Schmied die Tür und -erblickte Patzjuk, der wie ein Türke auf dem Boden und vor -einem kleinen Fasse saß, auf dem eine Schüssel mit Klößen -stand. Diese Schüssel stand wie mit Absicht gerade vor -seiner Nase. Ohne auch nur einen Finger zu rühren, -neigte er bloß den Kopf leise über die Schüssel und -schlürfte die Brühe ein, ab und zu schnappte er auch -mit den Zähnen nach einem Kloß. -</p> - -<p> -„Nein,“ dachte Wakula bei sich, „der da ist noch -fauler als Tschub: jener ißt doch wenigstens noch mit -einem Löffel, dieser aber mag nicht einmal die Hand -aufheben!“ -</p> - -<p> -Patzjuk war sicherlich mächtig mit seinen Klößen beschäftigt, -denn er schien das Kommen des Schmiedes -gar nicht bemerkt zu haben; kaum aber war dieser über -die Schwelle getreten, so machte er eine tiefe Verbeugung. -</p> - -<p> -„Ich komme zu Euer Gnaden, Patzjuk!“ sagte Wakula -und verbeugte sich von neuem. -</p> - -<p> -Der dicke Patzjuk erhob den Kopf und begann wieder -die Kloßbrühe zu schlürfen. -</p> - -<p> -„Die Leute sagen, — nimm es mir nicht übel ....“ -sagte der Schmied, indem er sich selbst Mut zusprach, -„ich sag’s nicht, um dich zu beleidigen — die Leute sagen, -du bist mit dem Teufel verschwägert!“ -</p> - -<p> -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -Kaum hatte Wakula diese Worte gesprochen, so erschrak -er schon, denn er dachte, er hätte sich zu eindeutig -ausgedrückt und die herben Worte nicht genügend gemildert. -Er erwartete, daß Patzjuk das Faß mitsamt -der Schüssel packen und ihm an den Kopf werfen würde; -darum wich er etwas zur Seite und hielt sich den Arm -vor, damit die heiße Kloßbrühe ihm nicht das Gesicht -bespritze. -</p> - -<p> -Aber Patzjuk blickte ruhig vor sich hin und aß -weiter. -</p> - -<p> -Der Schmied entschloß sich ermutigt, fortzufahren: -„Ich komme zu dir, Patzjuk; Gott schenke Dir viel -Reichtum, gebe dir alles in Hülle und Fülle, und auch -Brot in Proportion!“ Der Schmied verstand es sehr -wohl, ab und zu ein neumodisch Wörtchen in seine -Rede einzuflechten. Das hatte er sich während seines -Aufenthaltes in Poltawa angewöhnt, als er den Bretterzaun -des Hauptmanns tünchte. „Ich armer Sünder -muß zugrunde gehen!! Nichts in der Welt kann mir -mehr helfen! Komme, was kommen mag. Es bleibt -mir nichts mehr übrig, als den Teufel selbst um Beistand -zu bitten. Also, Patzjuk,“ rief der Schmied, als -er bemerkte, daß jener unerschütterlich schwieg, „was -soll ich anfangen!“ -</p> - -<p> -„Wenn du den Teufel brauchst, so scher dich doch -auch zum Teufel!“ antwortete Patzjuk, richtete nicht einmal -die Augen auf ihn, und fuhr fort, seine Klöße zu -vertilgen. -</p> - -<p> -„Deshalb komme ich ja eben zu dir,“ erwiderte -der Schmied mit einer Verbeugung, „außer dir, glaube -ich, weiß niemand den Weg zu ihm.“ -</p> - -<p> -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -Patzjuk sprach kein Wort — und aß seine Klöße -zu Ende. „Erbarm dich, guter Mensch, schlag mir die -Bitte nicht ab!“ drängte der Schmied. „Ob Schweinefleisch -oder Wurst, ob Leinewand oder Hirse, — oder -Buchweizenmehl, und alles, was du brauchst .... -wie es so unter guten Leuten Sitte ist .... es soll -dir an nichts fehlen. Sage mir doch nur so beispielsweise, -welcher Weg zu ihm führt?“ -</p> - -<p> -„Der braucht nicht weit zu gehen, der den Teufel -auf dem Buckel hat,“ sprach Patzjuk gleichgültig, ohne -seine Stellung zu verändern. -</p> - -<p> -Wakula starrte ihn an, als stände die Erklärung -dieser Worte auf seiner Stirne zu lesen. „Was spricht -er?“ schien seine Miene stumm zu fragen; und sein -halbgeöffneter Mund bereitete sich vor, das erste Wort, -das er sagen würde, zu verschlingen wie ein Klößchen. -Aber Patzjuk schwieg. -</p> - -<p> -Da merkte Wakula, daß weder Klöße noch ein Faß -vor Patzjuk standen; statt dessen aber standen zwei Holzschüsseln -auf dem Boden: die eine war mit Krapfen, -die andere mit Rahm gefüllt. Seine Gedanken und -seine Augen wandten sich unwillkürlich diesen Gerichten -zu. „Sehn wir mal zu, wie Patzjuk die Krapfen -essen wird,“ sagte er zu sich selbst. „Er wird sich sicher -nicht bücken wollen, um sie mit dem Mund einzuschlürfen, -wie die Klöße; es geht ja auch gar nicht: man -muß den Krapfen ja zuerst in den Rahm tunken!“ -</p> - -<p> -Doch kaum hatte er dies gedacht, da sperrte Patzjuk -seinen Mund weit auf, blickte auf die Krapfen und riß -dann den Mund noch weiter auf. Da plantschte ein -Krapfen aus der Schüssel, fiel klatschend in den Rahm, -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -drehte sich auf die andere Seite, hüpfte hoch empor und -fiel ihm stracks in den Mund. Patzjuk verzehrte den -Krapfen, machte den Mund wieder auf, und mit einem -anderen Krapfen geschah dasselbe. Er selbst mußte sich -nur die Mühe nehmen, zu kauen und ihn zu verschlucken. -</p> - -<p> -„Potztausend!“ dachte der Schmied und machte vor -Verwunderung den Mund weit auf; aber da merkte er, -daß auch ihm ein Krapfen in den Mund hineinspazierte, -und schon waren seine Lippen mit Rahm beschmiert. -Der Schmied stieß den Krapfen verwirrt von sich, -wischte sich die Lippen und begann darüber nachzudenken, -was für Wunder es doch in der Welt gäbe, -und bis zu welchen Spitzfindigkeiten des Satans Macht -einen Menschen gelangen ließe; und er sagte sich beiläufig, -daß nur Patzjuk imstande sei, ihm zu helfen. -</p> - -<p> -„Ich will mich noch einmal verbeugen, vielleicht -sagt er’s mir .... Aber, Teufel! Morgen ist ja -Weihnachten, und er ißt Krapfen — das ist doch kein -Fastenessen! Was bin ich doch für ein Dummkopf: -steh da und belade mich mit Sünde! Zurück! ....“ -Und der gottesfürchtende Schmied stürzte aus dem Hause. -</p> - -<p> -Da aber konnte der Teufel, der im Sack saß und -sich schon im Voraus gefreut hatte, vor Angst, es könne -ihm eine so großartige Beute entgehen, nicht mehr an -sich halten. Kaum ließ der Schmied den Sack zu Boden -gleiten, so sprang er flugs hinaus und setzte sich rittlings -auf seinen Hals. -</p> - -<p> -<a id="corr-19"></a>Den Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde -totenbleich, und wußte einfach nicht, was er tun sollte; -schon wollte er sich bekreuzigen .... Aber der Teufel -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -neigte sein Hundeschnäuzchen an Wakulas rechtes Ohr -und sagte: „Ich bin’s, dein Freund; ich werde alles für -meinen Kameraden und Genossen tun! Ich gebe dir -Geld, soviel du willst,“ murmelte er ihm ins linke -Ohr. „Oxana wird heute noch die Unsere sein,“ flüsterte -er, sein Maul wieder zum rechten Ohr neigend. Der -Schmied stand da und sann. „Schön,“ sagte er endlich, -„um diesen Preis bin ich bereit, dir anzugehören!“ -</p> - -<p> -Der Teufel schlug die Hände zusammen und begann -vor Freude auf dem Halse des Schmiedes auf und ab -zu hüpfen. „Jetzt habe ich den Schmied!“ dachte er -bei sich. „Gut, mein Täubchen, du sollst mir all deine -Malereien und Schmierereien, mit denen du den Teufel -verspottet hast, bezahlen! was werden meine Genossen -dazu sagen, wenn sie erfahren, daß der frömmste Mann -des Dorfes in meinen Händen ist?“ -</p> - -<p> -Und der Teufel lachte und stellte sich vor, wie er in -der Hölle die geschwänzte Rotte necken werde; und wie -der hinkende Teufel, der als Meister aller satanischen -Streiche galt, Wut schnauben würde. -</p> - -<p> -„Na Wakula!“ piepste der Teufel, der den Hals -des Schmiedes immer noch nicht verlassen hatte, gerade -als ob er befürchtete, jener könne ihm entwischen. „Du -weißt ja, daß ohne Vertrag nichts unternommen wird.“ -</p> - -<p> -„Ich bin bereit!“ sagte der Schmied. „Wie ich gehört -habe, unterzeichnet man bei euch die Verträge mit -Blut; halt, ich hol mir nur einen Nagel aus der Tasche!“ -</p> - -<p> -Dabei griff er mit der Hand nach hinten — und -siehe — er hatte den Teufel am Schwanze gepackt. -</p> - -<p> -„Ei ei, du Schäker!“ rief der Teufel lachend, „jetzt -aber laß los, genug der Schelmenstreiche!“ -</p> - -<p> -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -„Nein, warte mein Täubchen!“ schrie der Schmied. -„Und was sagst du dazu?“ Dabei machte er das -Zeichen des Kreuzes, und der Teufel wurde lammstill. -„Warte mal!“ rief er und zerrte ihn am Schwanze zu -Boden. „Ich will dich lehren, ehrliche Leute und anständige -Christenmenschen in Sünden zu stürzen.“ -</p> - -<p> -Und der Schmied sprang rittlings auf ihn und hob -die Hand empor, um das Zeichen des Kreuzes zu machen. -</p> - -<p> -„Hab Erbarmen, Wakula!“ stöhnte der Teufel kläglich. -„Ich tue ja alles, was du willst; nur verschone -mich; lege mir nur nicht dies furchtbare Kreuz auf.“ -</p> - -<p> -„Jetzt singst du schon ein andres Lied, du gottverdammter -Welschling du! Nun weiß ich, was ich zu tun -habe. Führe mich sofort im Ritt auf und davon. Hörst -du? eile dahin wie ein Vogel!“ -</p> - -<p> -„Wohin?“ rief der Teufel traurig. -</p> - -<p> -„Nach Petersburg, geradewegs zu der Zarin!“ Aber -da erstarrte der Schmied vor Schreck, denn er fühlte, -wie er in die Lüfte emporgehoben wurde. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Noch lange stand Oxana da und dachte an die sonderbaren -Reden des Schmieds. Schon regte sich etwas -in ihrem Innern und raunte ihr zu, sie habe ihn zu -hart behandelt. „Und wenn er sich wirklich etwas -Schreckliches antut? Nichts ist unmöglich! Vielleicht -verliebt er sich noch am Ende aus Kummer in eine -andere und wird sie aus lauter Aerger für die Schönste -im Dorfe erklären. Aber nein, er liebt mich. Ich bin -ja auch so schön! Er wird mir keine andere vorziehen; -er treibt nur Unsinn und tut nur so. Es werden noch -keine zehn Minuten verstreichen, und er wird wiederkommen, -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -um mich zu sehen. Ich bin wirklich zu hartherzig. -Ich muß mich einmal scheinbar widerwillig von -ihm küssen lassen. Das wird eine Freude für ihn sein!“ -Und die leichtsinnige Schöne fing schon wieder an, mit -ihren Freundinnen zu scherzen. -</p> - -<p> -„Halt!“ rief die eine von ihnen, „der Schmied hat -seine Säcke vergessen; o schaut nur, was für gräßliche -Säcke das sind! Er hat ganz andre Geschenke für seinen -Gesang bekommen als wir; ich glaube, man hat ihm -ein ganzes Viertel von einem Hammel geschenkt, und -sicherlich Würste und Brote ohne Zahl. Prächtig! Da kann -man die ganzen Feiertage davon essen.“ -</p> - -<p> -„Sind das die Säcke des Schmiedes?“ rief Oxana. -„Schleppen wir sie doch zu mir in die Stube und sehn -wir zu, was er alles drin hat.“ -</p> - -<p> -Alle billigten lachend diesen Vorschlag. -</p> - -<p> -„Aber wir können sie nicht in die Höhe heben!“ -rief auf einmal die ganze Schar, die bemüht war, die -Säcke vom Platze zu rücken. -</p> - -<p> -„Halt,“ meinte Oxana, „holen wir einen Schlitten -und schleppen wir sie auf dem Schlitten zu mir!“ -</p> - -<p> -Und die ganze Schar lief fort, um einen Schlitten -zu holen. -</p> - -<p> -Den Gefangenen wurde indessen in den Säcken die -Zeit gewaltig lang, wenn auch der Küster sich ein tüchtiges -Loch in den Sack gebohrt hatte. Wären keine Leute -dagewesen, so hätte er vielleicht auch noch ein Mittel gefunden, -herauszukriechen; aber in Gegenwart aller aus -dem Sack zu kriechen, sich lächerlich zu machen .... -dieser Gedanke hielt ihn zurück, und er beschloß daher, -zu warten; und nur hie und da stöhnte er unter Tschubs -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -unhöflichen Stiefeln schmerzlich auf. Tschub selbst aber -sehnte sich nicht minder nach Freiheit, denn er fühlte, -daß ein gewisses Etwas unter ihm lag, auf dem ganz -grauenhaft unbequem zu sitzen war. Sobald er aber -vom Entschluß seiner Tochter vernahm, beruhigte er sich -und wollte jetzt schon selbst nicht mehr zum Vorschein -kommen, denn er dachte daran, daß es bis zu seinem -Hause noch mindestens hundert Schritt oder gar noch -mehr waren; hätte er aber hinauskriechen wollen, so -hätte er seine Kleidung ordnen, den Pelz zuknöpfen, und -sich den Gurt umbinden müssen — welche Arbeit! Und -dann war auch seine Mütze bei der Solocha geblieben. -Da sollten ihn doch lieber die Mädel nach Hause fahren! -Es kam jedoch ganz anders, als Tschub erwartet hatte. -Während die Mädchen davonliefen, um einen Schlitten -zu holen, trat der hagere Gevatter verstört und mißgestimmt -aus dem Wirtshaus. Die Schankfrau hatte -sich durchaus nicht entschließen können, ihm zu -borgen. Er wollte im Wirtshause abwarten, ob nicht -irgendein frommer Edelmann kommen und ihm was -vorsetzen würde; aber wie zum Trotz waren alle Edelleute -zu Hause geblieben und verzehrten als ehrliche -Christen ihren Weihnachtskuchen inmitten ihrer Familie. -Wie nun der Gevatter so über die allgemeine Sittenverderbnis -und das steinerne Herz des Judenweibs, das -den Schnaps feilhielt, nachdachte, stieß er plötzlich auf -die Säcke und blieb erstaunt stehen. „Schau, schau, hier -hat jemand Säcke auf die Straße geworfen!“ sagte er -und sah sich um. „Wahrscheinlich ist Schweinefleisch -drin. Es gehört doch ein großes Glück dazu, sich so -viel zu ersingen! Was für riesige Säcke! Angenommen -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -selbst, sie wären nur mit Buchweizenbroden und -Brezeln gefüllt, das wär’ auch gar nicht übel, aber selbst -wenn nur einfaches Brot darin wäre, so ließe ich mir -auch das gefallen: die verfluchte Jüdin gibt ein Achtel -Schnaps für jeden Laib. Ich will sie rasch fortschleppen, -so daß niemand es sieht.“ -</p> - -<p> -Da wälzte er sich den einen Sack, gerade den mit -Tschub und dem Küster, auf die Schulter, fühlte jedoch, daß -er zu schwer sei. „Nein, für mich allein ist der zu schwer,“ -rief er. „Aber da kommt ja gerad wie gerufen der -Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, <a id="corr-21"></a>Ostap!“ -</p> - -<p> -„Guten Abend!“ erwiderte der Weber und blieb -stehen. -</p> - -<p> -„Wohin gehst du?“ -</p> - -<p> -„Ganz ohne Ziel, wohin mich gerad die Füße tragen.“ -</p> - -<p> -„Hilf mir doch die Säcke forttragen, lieber Mensch, -da hat jemand seine Weihnachtsgeschenke hergeschleppt -und sie mitten auf der Straße hingeschmissen. Wir -wollen das Gut redlich unter uns teilen.“ -</p> - -<p> -„Die Säcke? Und was ist drin? Kuchen oder Brot?“ -</p> - -<p> -„Ich glaube, es ist von allem etwas drin.“ -</p> - -<p> -Sie rissen schnell eine Latte vom Zaun, legten die -Säcke darauf und trugen sie auf den Schultern fort. -</p> - -<p> -„Wohin wollen wir sie tragen? Ins Wirtshaus?“ -fragte der Weber unterwegs. -</p> - -<p> -„Ich hab’s mir auch gedacht; aber die verdammte -Jüdin wird uns am Ende nicht recht trauen, sie wird -glauben, wir hätten sie gestohlen, und außerdem <em>komme</em> -ich gerade aus dem Wirtshaus. Tragen wir den Sack -zu mir. Niemand wird uns stören: meine Frau ist -nicht zu Hause.“ -</p> - -<p> -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -„Ist sie auch sicher nicht zu Hause?“ fragte der vorsichtige -Weber. -</p> - -<p> -„Wir sind ja, Gott sei Dank, noch bei vollem Verstande,“ -sagte der Gevatter, „nur der Teufel könnte mich -dorthin bringen, wo sie jetzt ist. Ich glaube, sie wird -sich bis morgen früh mit den Weibern herumtreiben.“ -</p> - -<p> -„Wer ist da?“ rief die Frau des Gevatters, als sie -den Lärm hörte, den die beiden Freunde im Flur mit -dem Sack machten, und öffnete die Tür. -</p> - -<p> -Der Gevatter war starr vor Schrecken. -</p> - -<p> -„Na, da haben wir die Bescherung!“ rief der Weber -und ließ die Arme sinken. -</p> - -<p> -Des Gevatters Frau war so ein Juwel, wie es deren -durchaus nicht wenige in der Welt gibt. Genau wie ihr Gemahl -saß sie fast niemals zu Hause und schmarotzte -fast den ganzen Tag lang bei allerhand Basen und -wohlhabenden Muhmen umher, schmeichelte sich bei ihnen -ein, aß mit vielem Appetit und prügelte sich nur am Morgen -mit ihrem Manne herum, denn bloß um diese Tageszeit -pflegte sie ihn zuweilen zu sehen. Ihre Hütte war -doppelt so alt wie die Pluderhosen des Gemeindeschreibers. -Das Dach hatte an manchen Stellen gar -kein Stroh mehr, und vom Zaun waren nur noch ein -paar klägliche Überreste übrig, denn kein Mensch pflegte -beim Ausgehen noch einen Stock zur Abwehr der Hunde -mitzunehmen, weil jeder hoffte, am Gemüsegarten des -Webers vorüberzugehen und sich da einen Knüppel aus -seinem Zaun reißen zu können. Der Ofen wurde oft -drei Tage lang nicht geheizt. Alles, was die zärtliche -Gattin bei gutherzigen Leuten zu erbetteln pflegte, verbarg -sie möglichst vor ihrem Manne, und manchmal -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -nahm sie sogar Sachen als Beute an sich, die ihm -gehörten, falls er sie noch nicht in der Schenke versoffen -hatte. Der Gevatter wollte ihr trotz seiner ewigen -Gleichgültigkeit doch nicht nachgeben, daher verließ er auch -das Haus fast immer mit ein paar Beulen unter beiden -Augen, und die geschätzte Ehehälfte trollte sich ächzend -zu ihren alten Weibern, um ihnen von der Lüderlichkeit -ihres Mannes und von den Schlägen vorzuklatschen, die -sie zu ertragen hatte. -</p> - -<p> -Man kann sich ausmalen, wie verblüfft der Weber -und der Gevatter durch ihr unerwartetes Erscheinen waren. -Sie ließen den Sack zu Boden sinken, stellten sich vor -ihn hin und bedeckten ihn mit ihren Rockschößen; aber -schon war es zu spät; des Gevatters Frau hatte den -Sack schon erblickt, obwohl ihre alten Augen nur noch -schlecht sahen. „Das ist aber fein!“ sagte sie mit einer -Miene, in der die Freude eines Habichts aufzuckte. -„Das ist fein, daß ihr euch so viel zusammengesungen -habt! Anständige Leute machen es immer so. Aber -nein, ich glaube doch, ihr habt es irgendwo stibitzt. -Zeigt mir’s sofort, hört ihr, zeigt mir sofort, was ihr -in eurem Sacke habt!“ -</p> - -<p> -„Vielleicht zeigt dir’s ein kahlköpfiger Teufel, aber -nicht wir,“ sagte der Gevatter und stellte sich in Positur. -</p> - -<p> -„Was geht dich das an?“ sagte der Weber, „<em>wir</em> -haben das für unseren Gesang bekommen und nicht du!“ -</p> - -<p> -„Nein, du sollst es mir zeigen, du nichtsnutziger -Trunkenbold!“ rief die Frau, versetzte dem langaufgeschossenen -Gevatter einen Schlag unters Kinn und -drängte sich an den Sack heran. Jedoch der Weber -und der Gevatter verteidigten den Sack tapfer und -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -nötigten sie zum Rückzuge. Kaum aber hatten sie Zeit, -sich recht zu besinnen, als die Gattin schon mit einem -Feuerhaken in der Hand wieder auf den Flur herausgerannt -kam. Sie schlug ihrem Mann flink mit dem -Haken auf die Hände und dem Gevatter übern Rücken, -und schon stand sie neben den Säcken. -</p> - -<p> -„Warum haben wir sie herangelassen?“ rief der -Weber, als er wieder zu sich gekommen war. -</p> - -<p> -„Ja, warum haben wir sie herangelassen! Warum -hast du sie herangelassen?“ sagte der Gevatter kaltblütig. -</p> - -<p> -„Ihr habt wohl einen eisernen Ofenhaken!“ sagte -der Weber nach kurzem Schweigen, indem er sich den -Rücken kratzte. „Meine Frau hat im vorigen Jahr auf -dem Jahrmarkt einen Ofenhaken gekauft und ein halb -Schock Eier für ihn gegeben: der ist besser ..... er -tut nicht so weh ......!“ -</p> - -<p> -Unterdessen stellte die triumphierende Gattin ihr Lämpchen -auf den Boden, band den Sack auf und blickte -hinein. -</p> - -<p> -Aber ihre alten Augen, die den Sack doch so gut -wahrgenommen hatten, täuschten sie wohl diesmal. „He, -da liegt ja ein ganzer Eber!“ rief sie, vor Freude in die -Hände klatschend. -</p> - -<p> -„Ein Eber! Hörst du, ein ganzer Eber!“ rief der -Weber und puffte den Gevatter in die Seite, „du allein -hast an allem schuld!“ -</p> - -<p> -„Was ist da zu machen!“ rief der Gevatter achselzuckend. -</p> - -<p> -„Was? Warum stehen wir auch so ruhig da? -Nehmen wir ihr doch den Sack ab! Pack dich!“ -</p> - -<p> -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -„Vorwärts marsch, du Teufelsweib! Der Eber gehört -uns!“ rief der Gevatter und rückte vor. Seine -Gattin griff wieder zum Ofenhaken, aber in diesem -Augenblick kroch Tschub aus dem Sack und stellte sich -breitbeinig mitten im Flur hin, indem er sich dehnte -und reckte, wie ein Mensch, der soeben aus einem langen -Schlafe erwacht ist. -</p> - -<p> -Des Gevatters Frau stieß einen Schrei aus, schlug -die Hände zusammen, und alle miteinander sperrten -unwillkürlich die Mäuler auf. -</p> - -<p> -„Was faselt sie da von einem Eber, diese Närrin! -Das ist doch kein Eber,“ sagte der Gevatter, die Augen -weit aufreißend. -</p> - -<p> -„Sieh einer an, was für einen Kerl sie da in den -Sack gesteckt haben!“ rief der Weber, vor Schreck zurückweichend. -„Sag, was du willst, ich will auf der -Stelle platzen, wenn da nicht der Böse seine Hand im -Spiel hat. Der da kann doch durch kein Fenster, -geschweige denn in einen Sack geraten!“ -</p> - -<p> -„Das ist ja Gevatter Tschub!“ rief der Gevatter, als -er näher zusah. -</p> - -<p> -„Und was dachtest du?“ rief Tschub schmunzelnd. -„Was? habe ich euch einen Schabernack gespielt? Ihr -wolltet mich wohl schon gar verspeisen, wie ein Stück -Schweinefleisch? Wartet nur, ich will euch noch eine -Freude bereiten: im Sacke liegt noch etwas, wenn das -kein Eber ist, so ist’s sicher ein Ferkel oder irgendein -anderes Vieh. Es hat fortwährend unter mir gezappelt.“ -</p> - -<p> -Der Weber und der Gevatter stürzten sich auf den -Sack, die Hausfrau klammerte sich auf der anderen Seite -an ihn und das Gefecht wäre wieder losgegangen, wenn -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -nicht der Küster, der einsah, daß er sich nirgends mehr -verbergen konnte, von selbst aus dem Sacke herausgekrochen -wäre. -</p> - -<p> -Die Frau des Gevatters wurde starr wie Stein -und ließ den Fuß los, an dem sie den Küster bereits -aus dem Sacke ziehen wollte. -</p> - -<p> -„Also noch einer!“ rief der Weber in heller Angst. -„Der Teufel mag wissen, was in der Welt los ist .... -Der Kopf dreht sich mir im Kreise herum .... Weder -Würste noch Brot, sondern lauter Menschen wirft -man jetzt in die Säcke!“ -</p> - -<p> -„Das ist der Küster!“ rief Tschub, der noch mehr -erstaunt war, als die anderen. „Da haben wir’s! Ei, -ei, die Solocha! Die Menschen in einen Sack zu -stecken .... Ich dachte mir gleich: warum ist nur die -Stube voller Säcke .... Jetzt weiß ich alles: bei ihr -saßen zwei Kerle in jedem Sacke. Und ich glaubte, daß -sie mir allein .... Ei, ei! diese Solocha!“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Die Mädchen waren einigermaßen erstaunt, als sie -den einen Sack nicht mehr fanden. -</p> - -<p> -„Nun, da ist nichts zu machen, wir werden auch -an dem anderen genug haben!“ meinte Oxana. -</p> - -<p> -Alle ergriffen den Sack und wälzten ihn auf den -Schlitten. Der Amtmann beschloß zu schweigen, denn -er bedachte die Folgen, wenn er schrie, man solle den -Sack aufbinden; die dummen Mädel würden auseinanderlaufen, -würden glauben, im Sacke sitze der Teufel, -und er müßte dann vielleicht bis morgen auf der Straße -bleiben. -</p> - -<p> -Indes flogen die Mädchen, Hand in Hand, wie der -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -Sturmwind mit dem Schlitten über den knisternden -Schnee. Einige von ihnen setzten sich mutwillig auf -den Schlitten; und manche setzten sich sogar auf den -Amtmann selbst. Der Amtmann aber war entschlossen, -alles zu ertragen. -</p> - -<p> -Endlich waren sie angekommen, sie rissen die Türen -zum Flur und zur Stube weit auf und schleppten den -Sack unter lautem Gelächter hinein. -</p> - -<p> -„Sehn wir zu, was drin ist,“ riefen alle auf einmal -und beeilten sich, ihn aufzubinden. -</p> - -<p> -Da aber wurde der Schlucken, der nicht aufgehört -hatte, den Amtmann während der ganzen Zeit seines -Aufenthalts im Sack zu quälen, so arg, daß der laut -aufzuschlucksen und zu husten begann. -</p> - -<p> -„Ach, da sitzt ja jemand drin!“ schrien alle, und -stürzten erschrocken zur Tür. -</p> - -<p> -„Was Teufel! Wohin rennt ihr denn alle, als ob -ihr nicht gescheit seid?“ fragte Tschub, der in die Türe -trat. -</p> - -<p> -„O, Vater!“ rief Oxana, „im Sacke sitzt jemand!“ -</p> - -<p> -„Im Sacke? Wo habt ihr diesen Sack her?“ -</p> - -<p> -„Der Schmied hat ihn mitten auf die Straße hingeschmissen,“ -riefen alle zugleich. -</p> - -<p> -„Na also; hab ich’s nicht gleich gesagt? ....“ -dachte Tschub bei sich. „Worüber seid ihr so erschrocken? -Wir wollen doch mal nachsehn. Holla, Menschenskind — -nimm’s mir nicht übel, daß ich dich nicht bei deinem -Vor- und Zunamen rufe — kriech mal aus dem Sack -heraus!“ -</p> - -<p> -Der Amtmann kroch heraus. -</p> - -<p> -„Ah!“ riefen die Mädchen. -</p> - -<p> -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -„Auch der Amtmann war also dabei,“ sprach Tschub -verblüfft zu sich, und maß ihn vom Kopfe bis zu den -Füßen. „So so? .... Hehe! ....“ Mehr konnte -er nicht hervorbringen. -</p> - -<p> -Der Amtmann selbst war nicht minder verlegen und -wußte nicht, was er anfangen sollte. „Es ist wohl recht -kalt draußen?“ fragte er, zu Tschub gewandt. -</p> - -<p> -„Ein mächtiges Frostwetter,“ antwortete Tschub. -„Darf ich dich fragen: womit schmierst du eigentlich -deine Stiefel: mit Schmalz oder mit Teer?“ Er -hatte natürlich etwas ganz andres sagen wollen, und -fragen wollen: „Wieso kommst du, der Amtmann, in -den Sack?“ und er wußte selbst nicht, wie es kam, daß -er etwas ganz anderes gesagt hatte. -</p> - -<p> -„Mit Teer ist’s besser,“ erwiderte der Amtmann. -„Leb wohl, Tschub!“ Und er drückte die Mütze in die -Stirn und verließ die Stube. -</p> - -<p> -„Warum habe ich so dumm gefragt, womit er seine -Stiefel schmiert!“ rief Tschub, auf die Tür blickend, -durch die der Amtmann hinausgegangen war. „Ei, ei, -diese Solocha! Solch einen Herrn in den Sack zu stecken! -Dieses Teufelsweib! Und ich Dummkopf .... Aber -wo ist nur der verfluchte Sack geblieben?“ -</p> - -<p> -„Ich habe ihn in die Ecke geschmissen, es ist nichts -mehr drin,“ sagte Oxana. -</p> - -<p> -„Ich kenne diese Scherze schon. Nichts drin! Gib -ihn mal her: dort sitzt doch noch jemand! Schüttelt -ihn nur mal ordentlich. Wie? ist wirklich nichts drin? -Ei, <em>so</em> ein verfluchtes Weibsbild! Und dabei ist sie -von Aussehen die reinste Heilige, als ob sie noch nie was -anderes als Fastenspeisen gekostet hätte .....!“ -</p> - -<p> -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -Aber lassen wir Tschub in aller Gemütlichkeit seinen -Ärger verpuffen und kehren wir zu dem Schmied zurück; -denn es geht gewiß schon in die neunte Stunde. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Zuerst war’s Wakula sehr unheimlich zumute, besonders -als er so hoch oben schwebte, daß er unten auf -der Erde nichts mehr unterscheiden konnte, und als er wie -eine Fliege hart am Monde vorbeigeflogen kam, so daß er, -hätte er sich nicht etwas gebückt, den Mond mit der -Mütze gestreift hätte. Bald darauf faßte er jedoch Mut, -und begann wieder über den Teufel zu scherzen. Es ergötzte -ihn außerordentlich, wie der Teufel jedesmal, wenn -Wakula sein Kreuz aus Zedernholz vom Halse nahm und -es ihm vor die Nase hielt, niesen und prusten mußte. -Absichtlich erhob er die Hand, um sich den Kopf zu -kratzen, aber der Teufel dachte, er greife nach dem Kreuze -und flog noch rascher dahin. Alles in der Höhe leuchtete -hell. Die Luft schimmerte durchsichtig in dem sanften -silbernen Nebel. Alles war klar zu sehen und man -konnte sogar wahrnehmen, wie ein Zauberer rittlings -auf einem Topfe sitzend an ihnen vorüberjagte, wie die -Sterne, zu einem Haufen geballt, Blindekuh spielten, -wie ein ganzes Rudel Geister sich gleich Wolken dahin -wälzte, wie ein im Mondschein tanzender Teufel beim -Anblick des daherreitenden Schmiedes die Mütze zog, -und wie ein Besen, auf dem offensichtlich soeben eine Hexe -zu ihrem Ziel geritten war, heimwärts flog ......! -Und noch vieles andere und mancherlei böses Gesindel -trafen sie auf ihrem Wege. Beim Anblick des -Schmiedes machten alle halt, um ihn anzusehen, und -dann rasten sie zu ihren Verrichtungen weiter; der -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -Schmied flog immer weiter und weiter, und auf einmal -leuchtete Petersburg ganz in Feuer gehüllt vor ihm auf. -(Damals fand dort aus irgend einem Anlaß gerade eine -Illumination statt.) Der Teufel flog über den Schlagbaum -hinweg, verwandelte sich in ein Roß, und der -Schmied fand sich plötzlich mitten auf der Straße auf -einem hitzigen Renner wieder. -</p> - -<p> -Himmel Herrgott! War das ein Lärmen, Rasseln -und Funkeln; auf beiden Seiten ragten vier Stockwerk -hohe Mauern in die Höhe; das Stampfen der Pferdehufe -und das Rollen der Wagenräder hallte donnernd -aus allen vier Himmelsrichtungen wider; da schossen -Häuser empor und schienen auf Schritt und Tritt der -Erde zu entsteigen; Brücken bebten; Equipagen flogen -dahin, Kutscher und Vorreiter brüllten; der Schnee pfiff -unter den tausenden, von allen Seiten vorbeifliegenden -Schlitten; die Fußgänger drückten sich ängstlich an -die Häuser, die mit Lämpchen übersät waren; und -ihre riesigen Schatten huschten über die Wände und -reichten mit den Köpfen bis an die Dächer und -Schornsteine. -</p> - -<p> -Voller Staunen sah sich der Schmied nach allen -Seiten um. Es schien ihm, als ob alle diese Häuser -ihre zahllosen Feueraugen auf ihn richteten und ihn anschauten. -Soviel feine Herren in ihren mit Tuch überzogenen -Pelzen erblickte er, daß er nicht wußte, vor -wem er zuerst die Mütze ziehen sollte. „O Gott, wieviel -Herrschaften es hier gibt!“ <a id="corr-22"></a>dachte der Schmied. -„Ich glaube, hier ist jeder, der einem auf der Straße -in einem Pelz begegnet, Assessor und wieder Assessor! -Und die, die in diesem wunderbaren Wagen mit Glasscheiben -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -dahinfahren, sind, wenn nicht Bürgermeister, so -doch sicherlich Kommissäre oder vielleicht sogar noch mehr.“ -Hier wurden seine Betrachtungen durch eine Frage des -Teufels unterbrochen: „Soll ich gradeswegs zur Zarin?“ -— „Nein, ich habe Angst!“ dachte der Schmied. „Ich -weiß nicht, hier sind doch irgendwo die Saporoger Kosaken -abgestiegen, die im Herbst durch Dikanka gekommen -sind. Sie fuhren mit einem Schreiben zur Zarin; -nicht übel wäre es, sie um Rat zu fragen. He, Satan! -kriech mir in die Tasche und führe mich zu den Saporogern!“ -</p> - -<p> -Im Nu magerte der Teufel ab und wurde so klein, -daß er ohne Müh zu ihm in die Tasche hineinhüpfen -konnte. Noch bevor Wakula sich umzusehen vermochte, stand -er schon vor einem riesigen Hause und, ohne selbst zu -wissen wie, stieg er die Treppe empor, machte die Türe -auf und prallte ein wenig zurück vor dem blendenden -Glanze, als er das geschmückte Gemach erblickte; doch -er faßte wieder etwas Mut, als er die Saporoger erkannte, -die durch Dikanka gekommen waren, und die -nun auf seidenen Sofas saßen: mit geteerten Stiefeln an -den übereinandergeschlagenen Beinen, und den allerstärksten -Tabak rauchten, jenen Tabak, den man gewöhnlich -Wurzeltabak nennt. -</p> - -<p> -„Grüß Gott, Herrschaften! Helf euch Gott! Wo -wir uns wiedersehn!“ sprach der Schmied, trat näher und -verbeugte sich tief bis zur Erde. -</p> - -<p> -„Was ist das für ein Mensch?“ fragte der dem -Schmied zunächst Sitzende einen andern, der etwas abseits -saß. -</p> - -<p> -„Habt ihr mich nicht wiedererkannt?“ rief der -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -Schmied. „Ich bins ja, der Schmied Wakula! Als -ihr im Herbst durch Dikanka kamt, da wart ihr ja zwei -Tage lang bei mir zu Gaste, Gott schenke euch Gesundheit -und langes Leben. Ich hab euch doch noch damals -einen neuen Reifen ans Vorderrad eures Wagens geschlagen!“ -</p> - -<p> -„Ah!“ rief da der Saporoger, „das ist ja derselbe -Schmied, der so großartig malt. Gott zum Gruß, -Landsmann! Was führt dich hierher?“ -</p> - -<p> -„Ich wollte mich nur ein wenig umsehen .... -Man sagt ja ....“ -</p> - -<p> -„Nun, Landsmann,“ rief der Saporoger wichtig und -da er zeigen wollte, daß er nicht bloß seine Kosaken-Mundart, -sondern auch reinstes Russisch sprechen konnte, -sagte er: „Eine gewoltige Stadt, wie?“ -</p> - -<p> -Der Schmied wollte sich auch nicht bloßstellen und -als Neuling zeigen, außerdem verstand er sich auch selbst -auf die Schriftsprache, wie wir bereits oben zu bemerken -Gelegenheit hatten, und so antwortete er ruhig: „Eine -mächtige Goubernie! Hier gibt’s unstreitig große -Häuser, und meisterhafte Bilder hängen darin. Gar -viele Häuser sind mit köstlichen Lettern aus Blattgold -bemalt. Man muß zugeben, eine herrliche Proportion!“ -</p> - -<p> -Als die Saporoger den Schmied so frei sich ausdrücken -hörten, bekamen sie die günstigste Meinung -von ihm. -</p> - -<p> -„Wir wollen uns später weiter unterhalten, Landsmann: -Jetzt müssen wir gleich zur Zarin fahren.“ -</p> - -<p> -„Zur Zarin? O seid so lieb, meine Herren, nehmt -mich auch mit!“ -</p> - -<p> -„Dich?“ rief der Saporoger in einem Ton, wie -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -etwa ein Kinderwärter zu seinem vierjährigen Zögling redet, -der bittet, ihn auf ein großes Pferd zu setzen. -</p> - -<p> -„Was willst du denn dort? Nein, das geht nicht.“ -Dabei nahm sein Gesicht eine wichtige Miene an. -„Wir müssen mit der Zarin über unsere eigenen Angelegenheiten -reden, Bruder!“ -</p> - -<p> -„Nehmt mich doch mit!“ drängte der Schmied. -„Bitte du sie!“ flüsterte er dem Teufel leise zu, indem -er mit der Faust auf seine Tasche schlug. -</p> - -<p> -Kaum aber hatte er das gesagt, als ein anderer -Saporoger ausrief: „Nehmen wir ihn doch wirklich -mit, Brüder!“ -</p> - -<p> -„Uns ist’s recht, nehmen wir ihn mit!“ sprachen -die Anderen. -</p> - -<p> -„So leg ein Kleid an, wie wir es tragen.“ -</p> - -<p> -Der Schmied beeilte sich, einen grünen Schupan -anzuziehen, als auf einmal die Tür aufging und ein -Mann mit Tressen am Rock eintrat und sagte, es sei -die höchste Zeit, abzufahren. -</p> - -<p> -Dem Schmied war es wieder wunderlich zumute, -als er in der riesigen Kalesche dahinfuhr, die auf Sprungfedern -hin und her schaukelte; und als die vierstöckigen -Häuser auf beiden Seiten an ihm vorbeirannten, und das -Pflaster mit Gepolter wie von selbst unter den Füßen -der Pferde dahinzurollen schien. -</p> - -<p> -„O Gott, wie hell es ist!“ dachte der Schmied bei -sich, „bei uns ist es nicht einmal am Tage so hell!“ -</p> - -<p> -Die Wagen hielten vor einem Palaste. Die Saporoger -stiegen aus, traten auf den prächtigen Vorplatz -und begannen die blendend beleuchtete Treppe hinaufzusteigen. -</p> - -<p> -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -„Was für eine Treppe!“ flüsterte der Schmied vor -sich hin, „es wäre doch schade, mit den Füßen drauf zu -treten. Welch ein Schmuck! Und da sage noch einer: -die Märchen lügen! Wahrlich, die lügen nicht! O Gott, -mein Gott, was für ein Geländer! Was für eine Arbeit! -Da hat man allein fürs Eisen mindestens fünfzig -Rubel ausgegeben!“ -</p> - -<p> -Oben angelangt, durchschritten die Saporoger den -ersten Saal. Scheu folgte ihnen der Schmied, -voller Angst, er könnte bei jedem Schritt auf dem -Parkett ausgleiten. Drei Säle durchschritten sie und -der Schmied war noch immer nicht aus seiner Verwunderung -herausgekommen. Wie sie in den vierten -Saal traten, ging er unwillkürlich an ein Gemälde -heran, das an der Wand hing. Es war ein Bild der -heiligen Jungfrau mit dem Sohne auf dem Arm. -</p> - -<p> -„Was für ein Bild! Was für eine wunderbare -Malerei!“ dachte er und stellte seine Betrachtungen an. -„Es sieht aus, als wollte es reden! Wie lebendig es -ist! Und das Christkind! Wie es die Händchen faltet -und lächelt, das Ärmste! Und diese Farben! O Gott! -Welche Farben! Da hat man wohl auch nicht für eine -Kopeke Ocker gebraucht, glaub ich, sondern nichts als -Karmin und Grünspan. Und wie das Blau leuchtet! -Eine meisterhafte Arbeit. Der Grund ist wahrscheinlich -mit dem kostbarsten Bleiweiß angelegt. Aber wenn -diese Malerei wunderbar ist, so ist doch dieser Messinggriff -noch mehr der Bewunderung würdig,“ fuhr er -fort, indem er an die Tür trat und das Schloß betastete. -„Was für eine saubere Arbeit! Ich bin sicher, -das alles ist von ausländischen Schmieden gemacht und -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -die haben sich sicherlich die höchsten Preise dafür zahlen -lassen.“ -</p> - -<p> -Der Schmied wäre vielleicht noch lange in seinen -Betrachtungen fortgefahren, wenn ihn nicht ein betreßter -Lakai am Arm gepufft und ermahnt hätte, nicht -hinter den anderen zurückzubleiben. Die Saporoger -durchschritten noch zwei Säle und machten dann halt. -Da hieß man sie warten. Im Saale standen einige -Generäle in goldbestickten Uniformen. Die Saporoger -verbeugten sich nach allen Seiten und traten zu einer -Gruppe zusammen. -</p> - -<p> -Einen Augenblick später kam, begleitet von einem -ganzen Gefolge, ein korpulenter Mann von majestätischer -Statur, in Hetmansuniform und mit feinen gelben -Stiefeln herein. Sein Haar war wirr, das eine Auge -schielte etwas, das Gesicht drückte Stolz und Erhabenheit -aus, allen seinen Bewegungen merkte man die -Gewohnheit, zu befehlen, an. Alle Generäle, die in -ihren goldenen Uniformen umherstolzierten, gerieten in -Bewegung und schienen jedes seiner Worte, ja die -leiseste Bewegung von ihm unter tiefen Verbeugungen -auffangen zu wollen, um alles schleunigst auszuführen. -Aber der Hetman achtete nicht einmal -darauf, nickte kaum mit dem Kopfe und ging auf die -Saporoger zu. -</p> - -<p> -Sämtliche Saporoger verbeugten sich tief. -</p> - -<p> -„Seid ihr alle hier?“ fragte er gedehnt und mit -etwas näselnder Stimme. -</p> - -<p> -„Alle, alle miteinander, Väterchen!“ antworteten die -Saporoger und verbeugten sich von Neuem. -</p> - -<p> -„Vergeßt nicht, zu reden, wie ich’s euch gelehrt habe!“ -</p> - -<p> -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -„Nein, Väterchen, wir werden’s nicht vergessen!“ -</p> - -<p> -„Ist das der Zar?“ fragte der Schmied den einen -Saporoger. -</p> - -<p> -„Der Zar? Warum nicht gar! Das ist doch Potemkin -in eigener Person!“ antwortete jener. -</p> - -<p> -Im Nebenzimmer wurden Stimmen laut, und der -Schmied wußte nicht, wo er seine Augen lassen sollte, -soviel Damen in Atlaskleidern mit langen Schleppen -und Höflinge in goldgewirkten Kaftans und mit steifen -Zöpfchen traten jetzt herein. Er sah nur ein Aufleuchten -— sonst nichts. -</p> - -<p> -Auf einmal fielen alle Saporoger zu Boden und -schrien wie ein Mann: „Gnade, Mütterchen! Erbarmen!“ -</p> - -<p> -Der Schmied, der schon gar keine Ahnung mehr -hatte, was da eigentlich vorging, streckte sich in seinem -Eifer auch lang auf den Boden hin. -</p> - -<p> -„Steht auf!“ erklang über ihnen eine gebieterische, -aber zugleich angenehme Stimme. Einige Höflinge gaben -den Saporogern geschäftig ein paar Rippenstöße. -</p> - -<p> -„Wir stehen nicht auf, Mütterchen! Wir wollen -nicht aufstehen! Wir sterben lieber, als daß wir aufstehen!“ -schrien die Saporoger. -</p> - -<p> -Potemkin biß sich auf die Lippen; endlich trat er -selbst zu ihnen und flüsterte dem einen Saporoger gebieterisch -etwas zu. Die Saporoger erhoben sich sofort. -</p> - -<p> -Da wagte es auch der Schmied, den Kopf zu erheben -und erblickte eine — etwas beleibte — Frau von -mittlerer Größe vor sich; sie war gepudert, hatte blaue -Augen und jene erhaben lächelnde Miene, die es so -gut verstand, sich alles untertan zu machen, und nur -einem königlichen Weibe angehören konnte. -</p> - -<p> -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -„Durchlaucht haben mir versprochen, mich heute mit -meinem Volke bekannt zu machen, das ich bisher noch -nicht gesehen habe,“ sprach die Dame mit den blauen -Augen, während sie die Saporoger neugierig musterte. -„Seid ihr hier gut aufgehoben?“ fuhr sie fort und trat -näher. -</p> - -<p> -„Danke, Mütterchen! Die Kost ist gut, obwohl die -Hammel hier lange nicht so gut sind — wie bei uns -daheim — aber es läßt sich leben! ....“ -</p> - -<p> -Potemkin runzelte die Stirn, als er sah, daß die -Saporoger keineswegs sagten, was er sie gelehrt hatte .... -</p> - -<p> -Ein Saporoger gab sich nun ein Ansehen und trat -vor: „Erbarmen, Mütterchen! Womit hat dein treues -Volk dich erzürnt? Haben wir etwa dem heidnischen -Tatarenvolke beigestanden, haben wir gemeinsame Sache -mit den Türken gemacht, haben wir dir in Wort oder -Tat die Treue gebrochen? Womit haben wir deine Ungnade -verdient? Erst hörten wir, du ließest überall -Festungen gegen uns bauen; nachher vernahmen wir, du -wollest Scharfschützen aus uns machen; jetzt hören wir -von neuem Unheil. Welche Schuld trifft das Heer der -Saporoger? Ist’s etwa die, daß sie deine Armee über -den Perekop geführt und deinen Generälen geholfen haben, -die Männer der Krim niederzuwerfen? ....“ -</p> - -<p> -Potemkin schwieg und putzte mit einem kleinen Bürstchen -lässig die Brillanten, mit denen seine Hände besät waren. -</p> - -<p> -„Was wünscht ihr also?“ fragte Katherina freundlich. -</p> - -<p> -Die Saporoger sahen einander vielsagend an. -</p> - -<p> -„Jetzt ist’s Zeit! Die Zarin fragt, was wir wünschen,“ -sagte der Schmied zu sich selbst, und auf einmal stürzte -er zu ihren Füßen nieder. -</p> - -<p> -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -„Eure kaiserliche Hoheit, straft mich nicht, sondern -schenkt mir Eure Gnade! Mögen meine Worte Eure -kaiserliche Hoheit nicht erzürnen: woraus sind die Schuhe -gemacht, in denen Eure Füßchen stecken? Ich glaube, -kein Schuster in der Welt vermag je wieder solche Schuhe -zu machen. O Gott! Wenn mein Frauchen nur solche -tragen könnte!“ -</p> - -<p> -Die Kaiserin brach in Lachen aus. Die Höflinge -lachten ebenfalls. Potemkin ärgerte sich, aber er lächelte -gleichfalls. Die Saporoger glaubten, der Schmied sei -verrückt geworden und begannen ihm Rippenstöße zu -geben. -</p> - -<p> -„Steh auf!“ sagte die Kaiserin freundlich. „Du willst -durchaus solche Schuhe haben? Nun wohl, das hat -keine Schwierigkeiten. Bringt ihm sofort die kostbarsten, -mit Gold bestickten Schuhe. Wahrlich, diese Einfalt gefällt -mir sehr! Da habt Ihr,“ fuhr die Kaiserin fort, -indem sie ihre Augen auf einen abseits stehenden Herrn -mit einem vollen aber ein wenig bleichen Gesicht richtete, -dessen bescheidener Kaftan mit den großen Perlmuttknöpfen -erkennen ließ, daß er nicht zu den Höflingen gehörte, -„da habt Ihr ein Sujet, das Eurer geistvollen Feder -würdig ist!“ -</p> - -<p> -„Majestät sind allzu gnädig. Dazu bedürfte es -mindestens eines Lafontaine!“ erwiderte der Mann mit -den Perlmutterknöpfen, der Dichter Von Wisin, indem -er sich verneigte. -</p> - -<p> -„Auf Ehre und Gewissen: ich muß sagen: ich bin -jetzt noch von Eurem „Brigadier“ in hellem Entzücken. -Ihr lest aber auch ganz wunderbar vor.“ -Dann wandte sich die Kaiserin wieder dem Saporoger -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -zu. „Ihr habe übrigens gehört, bei Euch in der Ssjetsch -soll kein Kosak heiraten dürfen!“ -</p> - -<p> -„Was sagst du, Mütterchen! Du weißt doch selbst: -kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,“ <a id="corr-23"></a>antwortete der -Saporoger, mit dem der Schmied gesprochen hatte, und -der Schmied mußte staunen, als er hörte, daß dieser -Saporoger, der die Schriftsprache so gut beherrschte, -gerade, wie absichtlich, mit der Zarin in der gröbsten -Mundart redete, jener Mundart, die man gewöhnlich -die Bauernsprache nennt. „Schlaue Leutchen!“ dachte -er bei sich, „sicher tut er es nicht ohne Absicht.“ -</p> - -<p> -„Wir sind doch keine Mönche,“ fuhr der Saporoger -fort, „wir sind ja nur sündige Menschen. Wir sind, -wie die ganze ehrliche Christenheit, der Fleischeslust verfallen. -Es gibt nicht wenige unter uns, die Frauen -haben, nur wohnen die Frauen nicht in der Ssjetsch. -Es gibt auch solche, die ihre Frauen im Polenlande -und in der Ukraine haben; es gibt aber auch solche, -deren Frauen in der Türkei leben.“ -</p> - -<p> -Unterdessen hatte man dem Schmied die Schuhe -gebracht. -</p> - -<p> -„O Gott, was für eine Zier!“ rief er freudig -und ergriff die Schuhe. „Kaiserliche Hoheit! Wenn -Ihr solche Schühchen anhabt und darin einhergeht, Euer -Gnaden, oder gar noch übers Eis mit ihnen gleiten -könnt — wie müssen da die Füßchen selbst sein? Ich -glaub’, wahr und wahrhaftig, sie sind von reinstem -Zucker.“ -</p> - -<p> -Die Kaiserin, die in der Tat die zierlichsten und -reizendsten Füßchen besaß, mußte lächeln, als sie ein -solches Kompliment aus dem Munde eines einfältigen -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -Schmiedes vernahm, der trotz seines braunen Gesichtes -in seinem Saporogergewand für einen wirklich schönen -Mann gelten konnte. -</p> - -<p> -Hocherfreut über diese wohlwollende Aufmerksamkeit -wollte der Schmied die Zarin schon über alles ordentlich -ausfragen: ob’s wahr sei, daß die Zaren nichts wie -Honig und Speck äßen und ähnliches mehr. Da aber -fühlte er, wie die Saporoger ihn in die Rippen pufften, -und er beschloß, zu verstummen. Und als die Zarin -sich den alten Leuten zuwandte und sie über ihr Leben -und Treiben in der Ssjetsch auszufragen begann, trat -er zur Seite, neigte sich zu seiner Tasche hinab, sagte -leise: „Bring mich schnell von hier weg!“ Und auf -einmal befand er sich wieder hinter dem Schlagbaum. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -„Ertrunken! Bei Gott, er ist ertrunken! Ich will -mich nicht mehr vom Fleck rühren, wenn er nicht ertrunken -ist!“ murmelte die dicke Webersfrau, die mitten -auf der Straße in einem Haufen von Weibern stand. -</p> - -<p> -„Was, ich bin also eine Lügnerin? Hab’ ich etwa -jemandem eine Kuh gestohlen? Oder hab’ ich jemand -böse angesehen, daß ihr mir nicht trauen wollt?“ schrie -eine Frau mit violetter Nase und in einem Kosakenkittel, -indem sie mit ihren Armen hin und her fuchtelte. „Ich -will nie wieder Wasser trinken, wenn die alte Perepertschicha -nicht mit eigenen Augen gesehen hat, wie der -Schmied sich erhängt hat!“ -</p> - -<p> -„Der Schmied hat sich erhängt? Eine schöne Bescherung!“ -rief der Amtmann, der eben aus dem Hause -Tschubs kam; er blieb stehen und drängte sich unter die -Keifenden. -</p> - -<p> -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -„Sage lieber, du willst keinen Schnaps mehr trinken, -du alte Sauftrine du!“ antwortete die Webersfrau. „Da -müßte man ja gerad’ so blöde sein, wie du, um sich -aufzuhängen! Er ist ertrunken, er ist im Eisloch ertrunken! -Das weiß ich so gewiß, wie daß du soeben -im Wirtshaus gewesen bist.“ -</p> - -<p> -„Was, du freches Frauenzimmer? Sieh mal einer -an, was die mir vorwirft!“ entgegnete wütend die Frau -mit der violetten Nase. „Du hättest doch lieber das -Maul halten sollen, du Weibsstück du! Als ob ich nicht -wüßte, daß jeden Abend der Küster zu dir kommt!“ -</p> - -<p> -Die Webersfrau geriet außer sich. -</p> - -<p> -„Was tut der Küster? Zu wem kommt er? Was -faselst du da?“ -</p> - -<p> -„Der Küster?“ krähte die Frau des Küsters, sich in -ihrem Hasenpelz, der mit blauem Nanking bezogen -war, an die Streitenden herandrängend. „Ich will -dir schon zeigen, was es heißt, so vom Küster zu reden! -Wer sagt da was vom Küster?“ -</p> - -<p> -„Man weiß ja doch, wen der Küster besucht!“ schrie -die Frau mit der violetten Nase und zeigte auf die -Weberin. -</p> - -<p> -„Du also bist’s, du Hündin“, rief die Frau des -Küsters und ging auf die Webersfrau los, „du bist’s, -du Hexe, die ihn umnebelt und ihn mit Satanskräutern -behext, daß er zu dir kommt?“ -</p> - -<p> -„Pack dich fort, du Satan!“ sprach die Webersfrau -zurückweichend. -</p> - -<p> -„Sieh mal einer die verdammte Hexe an, du sollst’s -nicht mehr erleben, daß du deine Kinder jemals wiedersiehst! -Du niederträchtiges Weib! Pfui!“ Und dabei -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -spuckte die Küsterin der Webersfrau gerade in die -Augen. -</p> - -<p> -Die Webersfrau wollte dasselbe tun, aber statt dessen -spuckte sie dem Amtmann, der näher an die Streitenden -herangekommen war, um alles besser zu hören, in seinen -unrasierten Bart. -</p> - -<p> -„Ah, du garstiges Weibsbild, du!“ rief der Amtmann, -wischte sich mit dem Rockschoß das Gesicht ab -und schwenkte seine Knute. -</p> - -<p> -Diese Bewegung veranlaßte alle, schimpfend nach allen -Seiten auseinanderzustieben. „So was Ekelhaftes!“ -wiederholte der Amtmann und wischte sich wieder ab. -„Der Schmied ist also ertrunken! O du meine Güte! -Was war das für ein großartiger Maler! Was für -starke Messer, Sensen und Pflüge konnte der schmieden! -Und wie kräftig der war! Ja, ja,“ fuhr er nachdenklich -fort, „bei uns im Dorfe haben wir wenig solche Leute. -Ich hab’s ja gleich gemerkt, als ich noch in diesem verfluchten -Sacke saß, daß der Aermste ganz bedrückt und -traurig war. Ja, da haben wir nun den Schmied! -Einst war er, und nun ist er nicht mehr! Ich -wollte doch gerade noch meine scheckige Stute beschlagen -lassen! ....“ Und solcher christlicher Gedanken voll, -trottete der Amtmann langsam seinem Hause zu. -</p> - -<p> -Oxana war ganz bestürzt, als diese Gerüchte zu -ihr drangen. Sie traute zwar den Augen der Perepertschicha -und dem Weibergetratsch nur wenig, denn -sie wußte, daß der Schmied fromm genug war, -seine Seele nicht ins Verderben zu stürzen. Wie aber, -wenn er in der Tat mit der Absicht davongegangen war, -nie wieder ins Dorf zurückzukehren? Schwerlich konnte -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -man wo anders einen so schmucken Burschen finden, -wie der Schmied einer war. Und dann liebte er sie -doch so sehr! Er ertrug auch ihre Launen länger als -alle anderen ... Die Schöne drehte sich die ganze -Nacht hindurch unter ihrer Decke von der rechten Seite -auf die linke, und von der linken auf die rechte, und -konnte doch nicht einschlafen. Bald warf sie sich in -ihrer berückenden Nacktheit, die das nächtliche Dunkel -sogar vor ihr selbst verbarg, hin und her, und schalt -laut auf sich, bald verstummte sie, faßte den Entschluß, -an nichts mehr zu denken — und grübelte doch weiter -und weiter. Sie lag da wie in lohendem Feuer, -und gegen Morgen war sie bis über die Ohren in -den Schmied verliebt. -</p> - -<p> -Als Tschub den Tod Wakulas vernahm, ließ er weder -Freude noch Trauer erkennen. Seine Gedanken waren -nur mit einer Sache beschäftigt: er konnte Solochas -Treubruch nicht vergessen, und ließ sogar im Schlafe -nicht davon ab, auf sie zu schimpfen. -</p> - -<p> -Der Tag brach an. Die Kirche war schon vor -Morgengrauen voll von Menschen. Die alten Frauen -in ihren weißen Kopftüchern und Tuchkitteln standen -ganz nahe am Eingang und bekreuzigten sich -fromm. Vor ihnen standen die adligen Damen in -grünen und gelben Jacken, ja manche sogar in blauen -Überwürfen, die hinten mit Brokatschleifen versehen -waren. Die Mädchen, die einen ganzen Laden von -aufgewickelten Bändern auf dem Kopfe und ebensoviel -Perlenbänder, Kreuze und Dukaten um den Hals trugen, -suchten so nahe als möglich an den Altar heran zu kommen. -Ganz vorne aber standen die Edelleute und die einfachen -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -Bauern mit Schnurrbärten, Haarschöpfen, mit dickem Hals -und frisch rasiertem Kinn, die meisten in Mänteln, -unter denen ein weißer, oder bei manchen auch ein blauer -Kittel hervorguckte. Wohin man auch blicken mochte, -auf allen Gesichtern spiegelte sich die Feiertagsstimmung -wieder. Der Amtmann leckte sich schon die Lippen, -wenn er an die Wurst dachte, mit der er die Festtage -beschließen würde; die Mädel dachten daran, wie sie mit -den Burschen auf dem Eise schlittern würden, und die -alten Frauen murmelten eifriger denn je ihre Gebete. -Durch die ganze Kirche konnte man hören, wie der -Kosak Swerbygus niederkniete. Nur Oxana stand -wie abwesend da: sie betete und betete doch auch -nicht. Ihr Herz bestürmten so viele und mannigfaltige -Empfindungen, von denen eine immer peinlicher war, -als die andere, daß ihr Gesicht nichts wie eine starke -Verwirrung ausdrückte, und in ihren Augen zitterten -Tränen. Die Mädchen konnten natürlich den Grund -davon nicht erkennen, und ahnten nicht, daß der Schmied -daran schuld war. Jedoch der Schmied beschäftigte -nicht nur Oxana allein. Alle Bewohner des Dorfes -fühlten, daß der Feiertag kein rechter Feiertag war, und -daß gewissermaßen etwas fehlte. Unglücklicherweise war -auch der Küster nach seiner Reise im Sack vom Abend -vorher noch heiser geworden, und sang seine Lieder mit -kaum hörbarer krächzender Stimme; wohl brachte der -zugereiste Sänger ein paar prächtige Baßtöne hervor, -aber wieviel besser wäre es gewesen, wenn man auch -noch den Schmied dagehabt hätte, der jedes Mal, wenn -man das „Vaterunser“ oder die „Himmlischen Heerscharen“ -sang, auf den Chor stieg und so schön sang, -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -wie man es sonst nur in Poltawa hören konnte. Dazu kam -noch, daß er ganz allein sich um das Amt des Kirchenvorstands -kümmerte. Schon war die Frühmesse zu Ende -und nach der Frühmesse war bald auch das Hochamt -vorbei ..... In der Tat, wo war nun der Schmied -geblieben? -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Noch rascher fast flog der Teufel in den letzten -Stunden der Nacht mit dem Schmied auf dem Rücken -heimwärts, und im Nu befand sich Wakula vor seiner -Hütte. In diesem Augenblick krähte der Hahn. -</p> - -<p> -„Wohin?“ rief der Schmied und ergriff den Teufel, -der ausreißen wollte, am Schwanz. „Halt, Freundchen, -das ist noch nicht alles: ich hab mich noch nicht bei -dir bedankt.“ -</p> - -<p> -Und er ergriff eine Gerte und versetzte ihm drei -mächtige Hiebe, daß der arme Teufel davonrannte wie -ein Bauer, dem der Assessor eben tüchtig eingeheizt hat. -Und so geschah’s, daß der Erzfeind des Menschengeschlechts, -statt andere Leute zu foppen, zu versuchen -und zu narren, selbst genarrt wurde. -</p> - -<p> -Hierauf trat Wakula in den Flur seines Hauses, -warf sich auf ein Heubündel und schlief bis spät in den -Mittag hinein. Als er erwachte, erschrak er heftig, denn -er sah, daß die Sonne schon hoch am Himmel stand. -„Ei, Herrjeh, ich habe ja die Frühmesse und das Hochamt -verschlafen!“ rief er aus. -</p> - -<p> -Und der gottesfürchtige Schmied verfiel in eine tiefe -Zerknirschung, denn er vermeinte, Gott habe zur Strafe -für sein schlimmes Vorhaben, und um seine Seele zu -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -verderben, einen Schlaf auf ihn herabgeschickt, der ihn -verhindert habe, an einem so großen Feiertag die Kirche -zu besuchen. Er beruhigte sich jedoch bald, nachdem er -den Beschluß gefaßt hatte, in der künftigen Woche alles -dem Popen zu beichten und von da ab ein ganzes Jahr -lang täglich fünfzig Kniefälle zu machen. Er blickte in -die Stube hinein: es war niemand da. Die Solocha -war offenbar noch nicht zurückgekehrt. -</p> - -<p> -Behutsam zog er die Schuhe aus dem Busen, -staunte von neuem die kostbare Arbeit an, und wunderte -sich über die sonderbaren Ereignisse der vergangenen -Nacht; er wusch sich, kleidete sich an, so gut er nur -konnte, zog das Gewand an, das er von den Saporogern -bekommen hatte, holte seine neue Lammfellmütze mit -dem blauen Dach, die er, seit er sie seinerzeit in Poltawa -gekauft, noch niemals aufgesetzt hatte, aus der Truhe; -holte auch einen neuen, vielfarbigen Gurt hervor, packte -alles, zusammen mit einer Nagaika, in ein Tüchlein ein -und begab sich gradewegs zu Tschub. -</p> - -<p> -Tschub machte große Augen, als der Schmied eintrat -und wußte nicht, worüber er mehr staunen sollte: -darüber, daß der Schmied von den Toten auferstanden -war, daß er es wagte, zu ihm zu kommen, oder darüber, -daß er so stutzerhaft herausgeputzt und wie ein echter -und rechter Saporoger angezogen war. Noch mehr aber -staunte er, als Wakula das Tuch aufband, die funkelnagelneue -Mütze nebst einem Gurt, wie man ihn noch -niemals im Dorfe gesehen hatte, vor ihm auf den Tisch -legte, ihm zu Füßen fiel und flehentlich ausrief: „Hab’ -Erbarmen, Väterchen! Zürne mir nicht! Da hast du -eine Peitsche: schlag zu, soviel deine Seele verlangt. -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -Ich gebe mich selbst in deine Hand, ich bereue ja alles; -schlage mich, aber zürne mir nicht. Du warst ja vormals -meinem seligen Vater wie ein Bruder, ihr habt -doch zusammen gegessen und getrunken!“ -</p> - -<p> -Nicht ohne heimliche Freude sah Tschub, wie der -Schmied, der sich den Teufel um jemand im Dorfe -scherte und der Fünfkopekenstücke und Hufeisen mit der -Hand zusammendrückte wie Buchweizenflinsen, wie dieser -selbe Schmied jetzt zu seinen Füßen lag. Um sich -nichts zu vergeben, ergriff Tschub die Peitsche und -schlug ihn dreimal auf den Rücken. „Nun ist’s aber -genug, steh auf! Hör stets auf die Alten! Wir wollen -alles vergessen, was zwischen uns vorgefallen ist. Und -nun sag, was du möchtest?“ -</p> - -<p> -„Väterchen, gib mir Oxana zur Frau!“ -</p> - -<p> -Tschub überlegte einen Augenblick und sah sich die -Mütze und den Gurt an: die Mütze war wunderbar -und der Gurt nicht minder; dabei fiel ihm auch noch -die treulose Solocha ein, und er rief entschlossen: „’s -ist recht! Schicke deine Brautwerber her!“ -</p> - -<p> -„Ah!“ schrie Oxana auf, die über die Schwelle getreten -war und den Schmied erblickt hatte, und sie -richtete freudig und ganz erstaunt ihre Blicke auf ihn. -</p> - -<p> -„Schau mal, was ich dir für kleine Schuhe mitgebracht -habe!“ sagte Wakula, „dieselben sind’s, die -die Zarin trägt.“ -</p> - -<p> -„Nein, nein! Ich brauche keine Schuhe!“ rief sie, -ihn mit den Händen abwehrend und ohne ihre Augen -von ihm abzuwenden; „ich bin auch ohne Schuhe ....“ -Und sie sagte nichts weiter, sondern errötete nur. -</p> - -<p> -Der Schmied kam näher heran, ergriff sie bei der -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -Hand, und die Schöne schlug die Augen nieder. Noch -nie hatte sie so wunderbar schön ausgesehen. Der -Schmied küßte sie voller Entzücken auf die Lippen, ihr -Antlitz verfärbte sich noch tiefer, und sie wurde nur -noch schöner. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Der Bischof seligen Angedenkens kam einmal durch -Dikanka, lobte die schöne Lage des Dorfes und hielt, als -er die Straße herunterfuhr, vor einer der Hütten an. -</p> - -<p> -„Wem gehört diese schön bemalte Hütte?“ fragten -Seine Hochwürden die hübsche Frau, die mit einem -Kinde auf dem Arm vor der Türe stand. -</p> - -<p> -„Dem Schmied Wakula!“ antwortete ihm mit -einer Verbeugung Oxana, denn sie war es. -</p> - -<p> -„Großartig! Eine wundervolle Arbeit!“ sprachen -Seine Hochwürden, als sie sich Türen und Fenster ansahen. -Die Fenster waren ringsherum mit roter Farbe -bestrichen und auf den Türen waren überall Bildnisse -von reitenden Kosaken mit Pfeifen in den Zähnen -aufgemalt. -</p> - -<p> -Noch mehr aber lobten Seine Hochwürden den Schmied -Wakula, als sie erfuhren, daß er eine Kirchenbuße eingehalten, -die er sich selbst auferlegt, und in der Kirche den -ganzen linken Chor mit grüner Farbe gestrichen und mit -roten Blumen bemalt habe. -</p> - -<p> -Das ist jedoch noch nicht alles. An die Wand, die, -wenn man die Kirche betritt, sich gleich zur Linken befindet, -hatte Wakula einen in der Hölle sitzenden Teufel -gemalt und zwar einen so abscheulichen Teufel, daß -jedermann, der vorbeiging, ausspeien mußte, und wenn -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -einer Frau das Kind auf dem Arme zu weinen anfing, -so trug sie es ans Bild und sprach: „Schau, schau, -hu, hu, was da hingemalt ist!“ Und das Kind verschluckte -seine Tränen, schielte scheu nach dem Bilde -und schmiegte sich enger an die Brust der Mutter. -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-3-3"> -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -Schreckliche Rache -</h3> - -<h4 class="no pbb" id="subchap-3-3-1"> -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -I. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">röhnend</span> braust’s dahin durch Kijews Vorstadt: -Da feiert Gorobetz, der Kosakenhauptmann, den -sie Jessaul nennen, die Hochzeit seines Sohnes. -Viel Leute sind beim Jessaul zu Gast. In alten Zeiten -liebte man’s wohl, gut zu essen, gut zu trinken und -noch lieber mocht’ man lustig sein. Auf braunem Roß -kam Mikitka, der Saporoger Kosak, stracks vom gewaltigen -Zechgelag auf dem Pereschlaj-Gefilde, allwo er sieben -Nächte und sieben Tage des Königs Schlachta mit -rotem Weine bewirtet hatte. Auch der Kriegskamerad -des Jessaul, Danilo Burulbasch kam angefahren vom -anderen Ufer des Dnjepr, wo zwischen zwei Bergen sein -Landgut lag; er kam mit seinem jungen Weibe Katerina -und seinem einjährigen Sohne. Die Gäste staunten -über das weiße Gesicht der Pani Katerina, über die -Brauen, die schwarz wie deutscher Sammet waren, über -den prächtigen Rock und die Jacke aus altertümlich -blauer Seide, und über die Stiefel mit den silbernen -Hufen; aber mehr noch nahm sie’s wunder, daß der -alte Vater nicht mit ihnen zusammen gekommen war. -Der lebte seit einem Jahr in dem Landstrich hinterm -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -Dnjepr, einundzwanzig Jahre war er verschollen gewesen -und erst zu seinem Töchterchen zurückgekehrt, als es -vermählt war und einen Sohn geboren hatte. Gewiß -<a id="corr-27"></a>hätt’ er viel Wunderliches erzählen können. Ja, -wie hätte er auch nicht erzählen können, da er doch so -lange im fremden Lande geweilt! Dort ist doch alles -so anders wie hier: die Menschen sind anders, und -dort gibts auch keine christlichen Kirchen ..... Allein -er war nicht gekommen. -</p> - -<p> -Den Gästen ward Schnaps mit Rosinen und -Pflaumen und auf einer großen Schüssel Hochzeitsbrot -gereicht. Die Musikanten griffen tief in den Brotlaib -hinein, wo Geld eingebacken war; verstummten eine -kurze Zeit lang und legten die Zymbeln, Geigen und -Pauken beiseite. Indes wischten sich die jungen -Frauen und die Mädchen mit gestickten Tüchern den -Mund und traten wieder aus ihren Reihen hervor, -während die Burschen, die Hände in die Hüften gestützt, -stolz zur Seite blickend, gerad ihnen entgegen wollten, -als der alte Jessaul zwei Heiligenbilder herbeitrug, um -das junge Paar zu segnen. Er hatte diese Bilder von -einem würdigen Eremiten, dem greisen Bartholomäus -erhalten. Ihr Zierat war nicht reich, weder Silber noch -Gold funkelte auf ihnen, und doch hätte keine unreine -Macht es gewagt, den zu berühren, in dessen Haus sie -sich befanden. Der Jessaul hob die Bilder in die Höhe -und schickte sich an, ein kurzes Gebet zu sprechen ...... -da schrien die Kinder, die am Boden spielten, auf einmal -in hellem Schreck auf, das Volk wich zurück hinter -ihnen, und alle wiesen voll Angst auf einen Kosaken, -der in ihrer Mitte stand. Wer er war, das wußte niemand -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -zu sagen, aber schon fing er wacker an, seinen -Kosakentanz zu tanzen und ergötzte die Menge, die ihn umringte -und brachte sie zum Lachen. Als jedoch der Jessaul -die Heiligenbilder emporhob, da verwandelte sich auf -einmal das Antlitz des Kosaken: die Nase fing an zu -wachsen, wurde größer und größer und krümmte sich -zur Seite; grüne Äuglein blitzten anstelle der grauen -hervor, die Lippen wurden blau, das Kinn fing an zu -zittern und wurde spitz wie ein Speer, aus dem Mund -entsprangen zwei Hauer, hinter dem Kopfe wölbte sich -ein Buckel empor, und der Kosak wurde zum Greise. -</p> - -<p> -„Das ist <em>er</em>! Das ist <em>er</em>!“ schrien die Menschen, -sich eng aneinander drängend. -</p> - -<p> -„Der Zauberer ist wieder da!“ schrien die Mütter -und faßten ihre Kinder schnell bei der Hand. -</p> - -<p> -Würdig und stolz trat der Jessaul vor, und während -er die Heiligenbilder vor sich hinhielt, sprach er mit lauter -Stimme: -</p> - -<p> -„Verschwinde, Satansbild! Für dich ist kein Platz -hier!“ -</p> - -<p> -Und siehe da, der seltsame Greis <a id="corr-28"></a>knirschte zischend -mit den Zähnen wie ein Wolf, und verschwand. -</p> - -<p> -Da erhob sich ein Raunen und Reden unter dem -Volke, schwoll immer mehr an und rollte dahin wie -das Brausen des Meeres im Ungewitter. -</p> - -<p> -„Was ist das für ein Hexenmeister!“ fragten die -Jungen und Unerfahrenen. -</p> - -<p> -„Ein Unheil zieht herauf!“ sprachen die Alten kopfschüttelnd, -und überall im weiten Gehöfte des Jessaul -lauschten die Haufen des Volkes den Geschichten von -dem unheimlichen Zauberer. Doch beinahe alle wußten -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -Verschiedenes zu erzählen, und niemand konnte etwas -Sicheres von ihm berichten. -</p> - -<p> -Ein Faß Meth ward auf den Hof gerollt und nicht -allzuwenige Eimer voll griechischen Weines stellte man -hin. Und wiederum tobte es lustig weiter. Die Musikanten -spielten drauf los — und die Mädchen, die jungen -Frauen und die noblen Kosaken in blanken Schupans -wirbelten wild durcheinander. Das Greisenvolk der -Neunzig- und Hundertjährigen wagte, auch schon bezecht, -ein Tänzchen und gedachte so mancher Jahre, die -nicht ganz tatenlos verflossen waren. Bis zur späten -Nacht wurde gezecht und so wurde gezecht, wie man’s -jetzt nimmermehr tut. Dann strömten die Gäste auseinander, -aber nur wenige gingen ihres Weges: viele -blieben in dem weiten Hofraume des Jessaul über -Nacht, und noch viel mehr Kosaken schliefen von selbst -ein, ungebeten, unter den Bänken, auf dem Fußboden, -neben den Rossen oder vor den Ställen: und wo ein -rechter Kosak im Rausche hintaumelte, da lag er auch -schon und <a id="corr-29"></a>schnarchte laut über ganz Kijew. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-2"> -II. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">till</span> leuchtete es über dem Weltall auf: der -Mond schien hinterm Berg empor. Mit -einem kostbaren Schleier aus schneeweißem -Damast verhüllte er des Dnjepr gebirgiges Ufer und -sein Schatten schlich weit zurück bis ins Dickicht der -Fichten. -</p> - -<p> -Inmitten des Dnjepr schwimmt ein eichener Kahn, -vorn sitzen zwei Burschen, die schwarzen Kosakenmützen -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -schief in die Stirn gedrückt, und von ihren Rudern -sprühen Wasserstrahlen nach allen Seiten auf, wie -aus dem Feuerstein Funken. -</p> - -<p> -Warum singen die Kosaken nicht? Warum sprechen -sie nicht davon, daß die römischen Pfaffen die Ukraine -durchwandern, die Kosaken umzutaufen und zu Katholiken -zu machen, und auch nicht davon, wie ihre -Horde zwei ganze Tage lang am Salzsee gekämpft. -Wie sollten sie auch singen und sagen von kühnen -Taten? Pan Danilo, ihr Herr, war in Gedanken versunken, -ein Ärmel seines rostroten Schupans glitt aus -dem Boot und sank ins Wasser, aber ihre Herrin, Pani -Katerina, wiegte leise das Kind und wendete kein Auge -von dem Manne, und auf ihren festlichen Rock, der -nicht von schützender Leinwand bedeckt war, sprühte das -Wasser herab wie grauer Staub. -</p> - -<p> -Köstlich ist von der Mitte des Dnjepr die Schau auf -die hohen Berge, die weiten Wiesen und die Wälder im -Grün! Das sind nicht Berge wie andere auch: ihr -Fuß ist nicht zu sehen, nach oben wie nach unten -ragen die spitzen Gipfel empor, sich im Wasser spiegelnd, -und über und unter ihnen dehnt sich hoch und weit der -Himmel. Auch auf den Hügeln die Wälder sind keine -Wälder: das sind Haare auf des Waldgreises zottigem -Haupte. Unten umspült ihm das Wasser den Bart, -und ganz hoch über dem Barte und über den Haaren -erhebt sich der hohe Himmel. Auch die Wiesen sind -keine Wiesen: ein grüner Gürtel ist’s, der den runden -Himmel in der Mitte umgürtet, und auf seiner oberen -wie auf der unteren Hälfte lustwandelt der Mond. -</p> - -<p> -Pan Danilo blickt nicht zur Seite, er blickt auf sein -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -junges Weib. „Warum versankst du in Gram, mein -junges Weib, meine goldene Katerina?“ -</p> - -<p> -„Nicht bin ich in Gram versunken, mein Herr -Danilo! Mich erschreckten nur die seltsamen Sagen vom -zaubernden Mann. Man sagt doch, gar furchtbar an -Gestalt sei er zur Welt gekommen ..... und von -klein auf wollte kein Kind mit ihm spielen. Hör’, Pan -Danilo, wie schrecklich das ist, was man erzählt: man -sagt, es dünkte ihn stets, daß ihn alle verhöhnten. -Geschieht’s, daß abends, wenn’s dunkelt, ein Mensch ihm -begegnet, so meint der gleich zu sehen, wie jener den -Mund auftut und die Zähne fletscht. Und dann ist der -Mensch am folgenden Tage tot. Es ward mir so -sonderbar, so grauenvoll ward mir zumute, als ich -die Mären vernahm,“ sprach Katerina, und sie nahm -ein Tuch und wischte damit ihrem Kinde, das ihr in -den Armen schlief, das Gesicht. Dies Tuch war mit -Blättern und Beeren geziert, die mit roter Seide darauf -gestickt waren. -</p> - -<p> -Pan Danilo sprach kein Wort. Er blickte ins Dunkel -der Schatten hinüber, wo in der Ferne sich hinter dem -Wald ein Erdwall gleich einem schwarzen Streifen dahinzog, -und wo hinter dem Walle ein altes Schloß in die -Höhe starrte. Da zeichneten sich in Danilos Antlitz -drei Falten über den Brauen ab, und die linke Hand spielte -mit dem kecken Schnurrbart. „Nicht das ist schrecklich, -daß er ein Zauberer ist,“ sprach er, „schrecklich ist’s, -daß er ein schlimmer Gast ist. Was fiel ihm ein, hierher -zu kommen? Ich hörte, die Polen wollen eine -Festung bauen, um uns den Weg zu den Saporogern -abzuschneiden. Mag’s wahr sein ..... Dies Teufelsnest -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -will ich vernichten, sobald nur das Gerücht umzugehen -beginnt, daß das ein Schlupfwinkel sei! Ich -will den alten Zauberer verbrennen, daß selbst den -Raben nichts zu picken mehr bleibt. Doch ich denke -mir, er besitzt wohl nicht wenig Gold und allerhand -Gut. Hier ist’s, wo dieser Satan wohnt! Wär’ Gold -bei ihm zu finden, so ...... Wir rudern sogleich -bei den Kreuzen vorbei — da ist der Friedhof, wo das -unreine Gebein seiner Ahnen modert. Sie alle, sagt -man, waren bereit, sich für einen Groschen dem Satan -zu verkaufen, mitsamt ihrer Seele und ihrem zerlumpten -Schupan. Doch besitzt er in Wahrheit soviel Gold, dürfte -man jetzt nicht lange mehr zögern, nicht immer kann -man’s im Kriege da erbeuten.“ -</p> - -<p> -„Ich kenne dein Vorhaben wohl: nichts Gutes verkündet -mir die Begegnung mit ihm. Du atmest so -schwer, du blickst so rauh, deine Brauen sind so finster -über den Augen geballt! ....“ -</p> - -<p> -„Schweig, Weib!“ rief Danilo wütend, „wer sich -mit euch verbindet, wird selbst zum Weibe. Gib mir -Feuer für meine Pfeife, Junge!“ -</p> - -<p> -Er wandte sich an einen der Ruderer, der klopfte -glühende Asche aus seiner Pfeife und tat sie in die -Pfeife des Herrn. -</p> - -<p> -„Sie schreckt mich mit dem Zauberer!“ fuhr Pan -Danilo fort. „Der Kosak fürchtet, Gott Lob und Dank, -weder Teufel, noch römische Priester. Das wär’ was -Rechtes, wenn wir auf die Weiber zu hören anfingen. -Nicht wahr, Burschen? Unsere Frau ist die Pfeife und -die Schärfe des Schwerts!“ -</p> - -<p> -Katerina verstummte und ließ die Augen über das träge -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -Wasser gleiten; der Wind kräuselte die stille Flut, und -der ganze Dnjepr schimmerte silbern wie ein Wolfsfell -zur Nacht. -</p> - -<p> -Der Kahn machte eine Wendung und glitt am -waldigen Ufer entlang. Jetzt wurde der Friedhof am -Ufer sichtbar. Haufen morscher Kreuze drängten sich da -aneinander. Da blühte kein Wachholder zwischen ihnen, -da grünte kein Moos, und nur der Mond schien von -seiner himmlischen Höhe wärmend auf sie herab. -</p> - -<p> -„Hört ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft -uns zu Hilfe!“ sprach da Pan Danilo, indem er sich -an seine Ruderer wandte. -</p> - -<p> -„Ja, wir hören jemand rufen, und dort von -jener Seite her, scheint’s!“ riefen alle Burschen zugleich -und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war -schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun -und fuhr um eine Landzunge herum. Plötzlich ließen -die Leute ihre Ruder sinken und blickten starr zum -Ufer hinüber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und -kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern. -</p> - -<p> -Das Kreuz auf einem der Gräber wankte, und plötzlich -erhob sich daraus ganz leise ein vertrockneter Leichnam. -Er hatte einen Bart, der bis auf den Gürtel -reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch -länger waren als die Finger. Leis erhob er die Arme, -sein Gesicht erschauerte und verzerrte sich. Man sah -ihm an, daß er entsetzliche Qualen litt. -</p> - -<p> -„Mir ist so schwül, so schwül!“ stöhnte er mit -wilder unmenschlicher Stimme. Seine Stimme bohrte -sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber plötzlich -war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden. -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -Dann wankte ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg -ein Leichnam dem Grabe, noch schrecklicher und noch -größer als jener: er war ganz von Haar überwachsen, -sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an -den Knochen waren noch länger. Er rief noch wilder: -„Mir ist so schwül!“ und sank in die Erde zurück. -Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter Leichnam -stand auf. Da schien’s, als wenn ein riesenhaftes -Knochengerüst sich hoch über die Erde erhob. Der Bart -floß bis zu den Fersen herab, die Finger mit den riesigen -Krallen gruben sich tief in die Erde, furchtbar warf er -die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen -wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer -seine gelben Knochen zersägte .... -</p> - -<p> -Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag, -stieß einen Schrei aus und erwachte; die Pani selbst -schrie auf, die Ruderer ließen die Mützen in den Dnjepr -fallen, und auch der Pan erschauerte. -</p> - -<p> -Auf einmal aber war alles verschwunden, als wär’ -es überhaupt nie gewesen, doch die Burschen griffen -noch lange nicht zu den Rudern. Besorgt blickte Burulbasch -auf seine junge Frau, die das schreiende Kind voller -Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drückte sie an -sein Herz und küßte sie auf die Stirn. „Fürchte dich -nicht, Katerina! Schau: es ist ja nichts!“ sprach er -und wies nach allen Seiten. „Der Zauberer will den -Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand -bis an sein unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann -er damit schrecken! Gib mir den Sohn doch herüber!“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn -in die Höhe und drückte ihn an seine Lippen. „Nun, -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -mein Iwan, fürchtest du dich vor Zauberern? — Sag: -‚nein, Vater, ich bin ein Kosak!‘ Doch genug, hör -auf zu weinen! Wir fahren nach Hause! Gleich sind -wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter dir Brei, legt -den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Lulli, lulli, lulli, lulli!</p> - <p class="verse">Schlaf, mein Söhnchen, schlafe ein!</p> - <p class="verse">Bleib gesund und wachs mir fein!</p> - <p class="verse">Bring Kosaken Ruhm und Freud,</p> - <p class="verse">Und den Feinden Schmerz und Leid!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Hör’, Katerina, ich glaube, dein Vater will nicht -in Frieden mit uns leben. So mürrisch kam er hier an -und so verdrießlich, als zürnte er uns ... Wenn er -nicht zufrieden ist — wozu kam er denn her? Er -wollte nicht mit uns trinken auf die Kosakenfreiheit und -hat nicht einmal das Kind in den Armen gewiegt! -Zuerst wollte ich ihm alles anvertrauen, was mir das -Herze beschwert, doch etwas hielt mich zurück, und meine -Rede stockte. Nein, er hat kein Kosakenherz! Ein -Kosakenherz fängt gleich laut in der Brust an zu schlagen, -wenn’s einem andern begegnet! Nun, liebe Burschen, -ist das Ufer schon nah? Ihr sollt auch neue Mützen -bekommen. Du, Stetzko, kriegst eine, die mit Sammet -und Gold verziert ist. Ich hab’ sie dereinst einem -Tataren mitsamt seinem Kopfe genommen; auch sein -ganzes Rüstzeug fiel mir damals zu, nur seine Seele -allein ließ ich frei. Legt an! Siehst du, Iwan, da -sind wir schon, und du weinst noch immer! Nimm ihn, -Katerina!“ -</p> - -<p> -Alle gingen ans Land. Hinter dem Berge stieg -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -ein Strohdach auf, das war Pan Danilos Erbsitz. Dahinter -lag noch ein anderer Berg, dann kam gleich -freies Feld, und hundert Werst weit konnte man laufen, -ohne auf eine Kosakenseele zu stoßen. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-3"> -III. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Landgut Pan Danilos liegt zwischen zwei -Bergen in einem engen Tal, das auf den Dnjepr -hinausgeht. Das Haus ist nicht hoch, gleicht -von außen der Hütte eines einfachen Kosaken, und -bloß eine Stube ist drin; doch ist Raum darinnen genug -für ihn, wie für sein Weib und für die alte Magd -und zehn auserlesene Burschen. An den Wänden entlang -laufen oben eichene Bohlen. Dort stehen zahlreiche -Schüsseln und Töpfe für die Mahlzeiten, darunter auch -Pokale von Silber, in Gold gefaßte Becher, die der -Pan zum Geschenke erhielt oder im Kriege erbeutete. -Kostbare Musketen hängen von den Wänden herab, -Säbel, Feuergewehr und Lanzen; freiwillig oder mit -Gewalt nahm man sie aus Tatarenhänden oder von -Türken und Polen, und darum haben sie auch so viele -Scharten. Ihr Anblick gemahnte Pan Danilo gar -oft wie Merkzeichen an seine vielen Gefechte. An -den Wänden ziehen sich glatte, gehobelte Eichenbänke -hin und daneben, vor der Ofenbank, hängt die Wiege -an ein paar Stricken, die man durch einen Ring an der -Zimmerdecke oben gezogen hat. In der ganzen Stube ist -der Fußboden glatt gestampft und mit Lehm überstrichen. -Auf den Bänken schläft Pan Danilo mit seiner Frau, -auf der Ofenbank die alte Dienerin; in der Wiege spielt -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -und schaukelt das kleine Kind, und auf dem Fußboden -schlafen die Burschen. Doch ist’s dem Kosaken lieber, -auf nackter Erde unter dem freien Himmel zu schlafen, -da braucht er weder Kissen noch Federbett: er -bettet sich frisches Heu unter den Kopf und streckt sich -wohlig hin aufs Gras. Dann freut’s ihn wohl, wenn -er mitten in der Nacht erwacht, nach dem hohen, von -Sternen besäten Himmel zu sehen, und in der nächtlichen -Kälte, die doch den Kosakenknochen soviel Frische verleiht, -zu erschauern; er dehnt sich, murmelt schlaftrunken etwas, -steckt seine Pfeife an und hüllt sich fester in seinen -warmen Pelz. -</p> - -<p> -Es war nicht mehr ganz früh, als Burulbasch nach -dem gestrigen Fest erwachte; er setzte sich auf eine Bank -in der Ecke und begann seinen neu eingetauschten türkischen -Säbel zu schleifen, Pani Katerina aber machte sich dran, -ein seidenes Tuch mit Gold zu besticken. -</p> - -<p> -Auf einmal trat Katerinas Vater ein, griesgrämig und -mürrisch, mit einer fremdländischen Pfeife zwischen den -Zähnen. Er ging auf seine Tochter zu und begann -streng sie auszuforschen, was wohl der Grund sei, daß -sie so spät nach Hause gekommen. -</p> - -<p> -„Nach solcherlei Dingen hast du, Schwäher, nicht -sie zu befragen, sondern mich! Nicht der Frau steht -die Antwort zu, sondern dem Manne. So ist es nun -einmal Sitte bei uns, nehmt es nicht übel!“ sprach -Danilo, ohne von seiner Arbeit zu lassen, „vielleicht ist -es in manchen Ländern, wo Ungläubige wohnen, anders -— das freilich weiß ich nicht!“ -</p> - -<p> -Das rauhe Gesicht des Schwiegervaters verfärbte -sich, und seine Augen blitzten wild auf. „Wer hat denn -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -sonst nach seiner Tochter zu sehen wenn nicht der Vater!“ -murmelte er vor sich hin. „Nun denn, so frage ich dich: -wo bist du herumgestrichen bis spät in die Nacht?“ -</p> - -<p> -„Das hört sich schon anders an, lieber Schwäher. -Darauf will ich dir antworten, daß ich schon lange nicht -mehr zu denen gehöre, die von einem Weib in Windeln -gewickelt werden. Ich weiß wohl, hoch zu Pferde -zu sitzen und in der Hand den scharfen Säbel zu -schwingen; auch manches andere noch versteh’ ich ... -Ich versteh es auch, niemandem Rechenschaft zu geben -über das, was ich treibe!“ -</p> - -<p> -„Ich seh’ es, Danilo, ich weiß, du suchst Hader! -Wer Heimliches tut, der führt sicher nichts Gutes im -Schilde.“ -</p> - -<p> -„Denk doch, was dir beliebt,“ sagte Danilo, „auch -ich denke das Meine. Noch war ich nie in einen -schändlichen Handel verwickelt, stets stand ich für rechten -Glauben und das Vaterland ein, nicht so wie mancher -Landstreicher, der sich, Gott weiß wo, umhertreibt, -wenn rechtgläubige Leute sich bis aufs Blut schlagen -müssen; der will dann das Korn ernten, das nie -er gesät. Die gleichen nicht einmal den Unierten: -nicht einmal in Gottes Kirchen schauen sie hinein. Diese -Leute sollte man befragen, wo sie sich umhertreiben!“ -</p> - -<p> -„Holla, weißt du wohl, Kosak!“ rief jener .... -„Ich schieße ja nicht gut, höchstens bis auf hundert -Klafter trifft meine Kugel ins Herz, auch bin ich kein -allzu starker Fechter: die Stücke, in die ich die Menschen -schlage, sind kleiner als die Körner, draus man Brei -kocht!“ -</p> - -<p> -„Ich bin bereit,“ rief Pan Danilo und schlug flink -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -mit dem Schwert ein Kreuz in der Luft, als hätt’ er gewußt, -wozu er’s geschliffen. -</p> - -<p> -„Danilo!“ schrie Katerina laut, ergriff ihn beim -Arm und hing sich an ihn, „du Wahnwitziger, bedenke -doch, gegen wen du den Arm erhebst! Vater, dein -Haar ist so weiß wie Schnee, und doch erhitzest du dich -wie ein törichter Knabe!“ -</p> - -<p> -„Weib!“ rief Danilo streng, „du weißt, das leide -ich nicht, bleibe bei deinen Weibergeschäften!“ -</p> - -<p> -Furchtbar erklirrten die Säbel; Eisen schlug Eisen, -und die Kosaken wurden von Funken besprüht wie -von Staub. Weinend lief Katerina in eine gesonderte -Kammer, warf sich aufs Bett und hielt sich die Ohren -zu, um nichts von den Säbelhieben zu hören. -</p> - -<p> -Doch so schlecht kämpften die Kosaken nicht, daß -man ihren Hieb überhören konnte. Das Herz wollte -ihr springen, sie hört’ es in ihrem ganzen Leibe erzittern -bei den klirrenden Lauten: Klick — klack! -</p> - -<p> -„Nein, ich halt es nicht aus, ich halt’s nicht aus ... -vielleicht sprudelt schon purpurnes Blut aus dem weißen -Leibe, vielleicht hat meinen Liebsten schon seine Kraft -verlassen, und ich liege noch hier!“ Und bleich, und -kaum atmend schlich sie in die Stube. -</p> - -<p> -Gleichmäßig und furchtbar schlugen sich die Kosaken, -nicht der, noch jener hatte einen Vorteil errungen. -Bald drang Katerinas Vater vor und Pan -Danilo wich zurück oder Pan Danilo griff an, und der -Vater wehrte sich finster, und dann standen beide wieder -gleich. Die Wut kocht in ihnen. Sie holten aus -.... hui! wie die Säbel schmettern .... und tosend -fliegen die Klingen zur Seite. -</p> - -<p> -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -„Ich danke dir, Gott!“ rief Katerina, doch tat sie -gleich einen neuen Schrei, als sie sah, wie die -Kosaken nach den Musketen griffen; sie richteten die -Feuersteine und spannten die Hähne. -</p> - -<p> -Pan Danilo feuerte ab und traf nicht. Jetzt zielte -der Vater. Er war alt, er sah nicht so scharf wie ein -Junger und doch zittert ihm die Hand nicht. Da krachte -der Schuß ..... Pan Danilo wankte, und rot lief -sein helles Blut in den linken Ärmel des Kosakenschupans. -</p> - -<p> -„Nein!“ rief er, „so billig verkauf ich mich nicht! -Nicht der linke Arm ist der Herr, ’s ist der rechte! Bei -mir an der Wand hängt eine türkische Pistole: noch nie in -meinem Leben ist sie mir untreu geworden. Komm -von der Wand herab, alter Genosse! Erweis dem -Freund deinen Dienst!“ Und Danilo streckte die Hand aus. -</p> - -<p> -„Danilo!“ schrie Katerina verzweifelt, packte ihn am -Arm und warf sich vor ihm auf die Knie, „nicht meinetwegen -fleh ich dich an. Dein Ende ist auch das meine: -unwürdig ist die Frau, die ihren Mann überlebt; der -Dnjepr, der kalte Dnjepr wird mein Grab sein .. -Aber siehe deinen Sohn an, Danilo, sieh deinen Sohn! -Wer wird das arme Kind beschirmen? Wer wird es -hätscheln? Wer wird es lehren, auf rabenschwarzem -Rosse dahinzufliegen, für Freiheit und Glauben zu kämpfen, -nach Kosakenart zu trinken und zechen? Mein Sohn, -geh dahin und verdirb! Dein eigner Vater will -dich nicht mehr kennen! Schau, wie er sein Gesicht -von dir abwendet. Oh, jetzt kenn ich dich erst! Du -bist ein Tier und kein Mensch! Du hast das Herz -eines Wolfs und den Sinn einer listigen Schlange! -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -Glaubt’ ich denn nicht, du hegest ein Tröpflein Erbarmen -in deinem Herzen, und in deinem steinernen -Leibe brenne ein menschlich Gefühl? Wie töricht -täuschte ich mich. Ja, das bereitet dir Freude. Deine -Knochen werden im Grabe vor Freude springen, wenn sie -vernehmen, wie diese ungläubigen Tiere, die Polen, deinen -Sohn in die Flamme werfen, wenn dein Sohn dann -unter dem Messer und im siedenden Wasser liegt und -schreit! Oh, ich kenne dich! Froh wärest du wahrlich, -aufzustehn aus dem Grabe und das Feuer mit der -Mütze zu schüren, das unter ihm lodert!“ -</p> - -<p> -„Halt, Katerina! Komm her zu mir, lieber Iwan, -ich will dich küssen! Nein, mein Kind, niemand soll -dir ein Härchen krümmen. Du wirst aufwachsen zum -Ruhm deines Vaterlands, wie im Sturm rasest du -dereinst vor den Kosaken dahin, mit einer Sammetmütze -auf dem Kopfe und mit dem scharfen Schwert in der -Hand! Vater, reich mir die Hand! Wir wollen vergessen, -was zwischen uns vorfiel. Hab’ ich dir Unrecht -getan, nun so gesteh’ ich meine Schuld ein. Warum -gibst du mir nicht deine Hand?“ sprach Danilo zu -Katerinas Vater, der immer noch auf seinem alten -Platze dastand und dessen Gesicht weder von Zorn noch -von Versöhnung sprach. -</p> - -<p> -„Vater!“ rief Katerina, umarmte und küßte ihn, -„laß dich erbitten. Vergib Danilo, er wird dich nimmermehr -kränken!“ -</p> - -<p> -„Nur deinetwegen vergebe ich ihm, meine Tochter,“ -erwiderte jener, küßte sie und seine Augen glänzten absonderlich -auf. -</p> - -<p> -Katerina schrak leise zusammen: so seltsam erschien -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -ihr der Kuß, so seltsam der Glanz seiner Augen. Sie -stützte sich mit der Hand auf den Tisch, auf dem Pan -Danilo seinen verwundeten Arm verband. Indessen -sann Danilo darüber nach, daß er falsch gehandelt, und -nicht nach rechter Kosakenart, als er um Vergebung -gebeten, obwohl er sich keiner Schuld bewußt war. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-4"> -IV. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> Tag kam herauf, doch ein Tag ohne Sonne: -der Himmel war finster, und ein feiner Regen -rieselte über die Felder und Wälder und über -den breiten Dnjepr hernieder. Pani Katerina war aufgewacht, -aber ihr war nicht recht froh zumute: ihre -Augen waren verweint, und sie war wirr und ruhelos. -„Geliebter Mann, teurer Mann,“ sprach sie, „ich hab’ -einen wunderlichen Traum geträumt!“ -</p> - -<p> -„Was für einen Traum, meine liebe Pani Katerina?“ -</p> - -<p> -„Mir träumte etwas so Wunderliches, und wahrlich -so lebensvoll, als ob ich wachte, mir träumte, mein -eigner Vater sei jenes selbe Ungeheuer, das wir beim -Jessaul geschaut. Doch ich bitt’ dich, trau’ dem -Traume nicht: was träumt man nicht alles für Torheit! -Mir war’s, als stände ich vor ihm und zitterte, -und bei jedem Wort von ihm stöhnte es auf in -meinen Adern. O hättest du gehört, was er gesprochen -....“ -</p> - -<p> -„Was sprach er denn, meine goldene Katerina?“ -</p> - -<p> -„Er sprach: „Schau mich an, Katerina, ich bin -schön! Zu Unrecht sagen die Leute, daß häßlich ich sei. -Doch werde ich dir ein trefflicher Mann sein. Sieh, -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -wie mein Auge glüht!“ — Da warf er einen flammenden -Blick auf mich, und ich schrie auf und erwachte!“ -</p> - -<p> -„Ja, vieles Wahre sagen die Träume. Ist es dir -auch bekannt, daß hinter den Bergen nicht alles mehr -ruhig ist? Die Polen sollen sich wieder gezeigt haben. -Gorobetz ließ mir verkünden, ich solle nicht schlafen; -doch seine Sorge ist grundlos: auch ohne dies bin ich -kein Schläfer. Meine Burschen schlugen heut Nacht -zwölf Schanzen auf. Wir wollen den Herren vom -Polenreich mit Bleipflaumen aufwarten, und die Schlachzizen -sollen unter der Zuchtrute tanzen lernen!“ -</p> - -<p> -„Und weiß mein Vater das?“ -</p> - -<p> -„Dein Vater sitzt mir auf dem Halse! Er blieb -mir ein Rätsel bis zur Stunde. Er hat wohl viel -gesündigt im fremden Lande. Wahrlich, was mag das -für einen Sinn haben — schon einen Monat fast lebt -er hier, und noch nie war er lustig und froh, wie ein -rechter Kosak! Er weigert sich, Meth zu trinken! Hörst, -Katerina, weigert sich Meth zu trinken, den ich herausgesackt -habe von den Brester Juden! Heda, Bursche!“ -rief Pan Danilo, „lauf schnell in den Keller, Junge, -und hol mir Judenmeth! Auch trinkt er keinen Schnaps! -Hölle und Teufel! mir scheint fast, Pani Katerina, er -glaubt wohl auch nicht an Christus, unseren Herrgott! -Was dünkt dir?“ -</p> - -<p> -„Weiß Gott, was alles du sprichst, Pan Danilo!“ -</p> - -<p> -„’S ist wunderlich, Pani,“ fuhr Danilo fort und -nahm den Tonkrug aus der Hand des Kosaken entgegen. -„Selbst die Katholiken im heidnischen Rom -sind Freunde des Schnapses. Nur die Türken trinken -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -ihn nicht. Nun, Stetzko, hast du im Keller tüchtig vom -Meth geschluckt?“ -</p> - -<p> -„Ich habe nur gekostet, Pan!“ -</p> - -<p> -„Du lügst, Hundesohn! Sieh nur, wie sich die -Fliegen auf deinen Schnurrbart stürzen! Ich seh’s an -deinen Augen, daß du einen halben Kübel ausgesoffen -hast. Hei, ihr Kosaken! Was für ein tolles Volk -seid ihr doch! Ihr seid bereit, alles dem Freunde hinzugeben, -doch wenn’s gilt zu saufen, dann schluckt ihr’s -selbst herunter. Ich war schon lange nicht mehr betrunken, -wie, Katerina?“ -</p> - -<p> -„Ei, warum lange! Erst am letzten .....“ -</p> - -<p> -„Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht! Ich trink -nicht mehr, als einen Krug! Da kommt der türkische -Abt durch die Tür geschlichen!“ murmelte er durch die -Zähne, als er den Schwiegervater erblickte, der sich bückte, -um durch die Tür zu kommen. -</p> - -<p> -„Nun, meine Tochter,“ sagte der Vater, nahm die -Mütze vom Kopf und ordnete seinen Gürtel, an dem -ein Säbel mit wundersamem Gestein hing, „die Sonne -steht schon hoch, und noch ist das Mittagsmahl nicht -bereitet.“ -</p> - -<p> -„Das Mahl ist bereit, Herr Vater, bald wird es -gerichtet sein! Nimm den Topf mit den Klößen vom -Feuer!“ fuhr Pani Katerina zu der alten Dienerin gewandt -fort, die das Holzgerät abwischte. „Nein, warte, -ich tu’ es lieber selbst, ruf mir die Burschen!“ -</p> - -<p> -Alle ließen sich im Kreis auf die Erde nieder, der -Vater gegenüber dem Heiligenbild, ihm zur Linken Pan -Danilo, ihm zur Rechten Pani Katerina und zehn der -allertreuesten Burschen in blauen und gelben Schupans. -</p> - -<p> -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -„Ich mag diese Klöße nicht!“ sprach der Herr -Vater; er aß nur wenig und legte den Löffel hin, „sie -schmecken nach nichts!“ -</p> - -<p> -„Ich weiß, besser schmecken dir Judennudeln!“ dachte -Danilo bei sich. „Warum, meinst du, die Klöße -schmeckten nach nichts, Herr Schwäher?“ fuhr er laut -fort. „Oder sind sie vielleicht schlecht bereitet? -Meine Katerina macht so gute Klöße, wie sie selbst der -<a id="corr-34"></a>Hetman selten zu essen bekommt. So was verschmäht -man nicht: ’s ist ein christlich Gericht! Alle heiligen -und gottesfürchtigen Männer haben stets Klöße gegessen!“ -</p> - -<p> -Der Vater sagte kein Wort, und auch Pan Danilo -verstummte. Hierauf wurde ein gebratener Eber mit -Kohl und Pflaumen gebracht. „Ich mag das -Schweinefleisch nicht!“ sprach Katerinas Vater und -steckte den Löffel in den Kohl. -</p> - -<p> -„Wie kann man Schweinefleisch verschmähen?“ -sagte Danilo: „nur Türken und Juden essen kein -Schweinefleisch.“ -</p> - -<p> -Des Vaters Stimmung wurde noch finsterer und -düsterer; nichts als Mehlbrei mit Milch aß der Alte, -und statt des Schnapses trank er nur dann und wann -eine dunkle Flüssigkeit aus einer Flasche, die er im -Busen verwahrt hielt. -</p> - -<p> -Nach dem Mahl legte sich Danilo zu einem kräftigen -Schläfchen nieder und wachte erst gegen Abend auf. -Er setzte sich hin, Sendbriefe zu schreiben an das Heer -der Kosaken. Pani Katerina aber saß währenddessen -auf der Ofenbank und schaukelte die Wiege mit -ihrem Fuße. Pan Danilo sitzt da, blickt mit dem -linken Aug’ auf die Schrift und mit dem rechten nach -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -dem Fenster. Und ins Fenster leuchten die Berge -und glänzt der Dnjepr von ferne herein; hinter -dem Dnjepr blauen die Wälder, und von oben -glimmt der geklärte Himmel der Nacht. Doch nicht -auf dem fernen Himmel noch auf dem blauen Walde -ruht Danilos Blick; er schaut nach der vorspringenden -Landzunge. Schwarz erhebt sich darauf das alte Schloß. -Ihn deuchte, es blitzte im Schlosse ein schmales -Fensterchen auf. Doch alles blieb still; gewiß hatte -es ihm nur so geschienen. Unten hörte man nur den -Dnjepr dumpf rauschen und von drei Seiten das Tosen -der jäh erwachten Wogen herüber hallen. Nicht Aufruhr -war’s oder Empörung: der Dnjepr murrte und -grollte wie ein Greis; nichts wollte ihm gefallen, denn -alles um ihn herum war verändert; er führte einen -heimlichen Krieg mit den Bergen, den Wäldern und den -Wiesen am Ufer und Klage trägt er ob ihrer zum -Schwarzen Meere hin. -</p> - -<p> -Da erschien plötzlich ein Kahn wie ein schwarzer -Fleck auf dem breiten Spiegel des Dnjepr, und im -Schlosse flammte es von neuem auf. Leise pfiff -Danilo, und auf den Pfiff lief der treue Bursche herzu: -„Nimm schnell den scharfen Säbel und das Gewehr, -Stetzko, und folge mir!“ -</p> - -<p> -„Du gehst?“ fragte Pani Katerina. -</p> - -<p> -„Ja, Frau, ich gehe. Ich muß überall hingehen, -zu sehen, ob alles in Ordnung ist.“ -</p> - -<p> -„Ich fürchte mich so, allein zu bleiben. Der Schlaf -kommt über mich. Wie, wenn ich heute wieder dasselbe -träumte? Ich bin nicht gewiß, ob es auch wirklich -nur ein Traum war, — so lebendig stand alles vor mir!“ -</p> - -<p> -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -„Die Alte bleibt bei dir, und auf der Diele und im -Hof schlafen die Kosaken!“ -</p> - -<p> -„Die Alte schläft auch schon, und auf die Kosaken -vertrau ich nicht sehr. Hör, Pan Danilo: Schließ mich -im Zimmer ein und nimm den Schlüssel mit dir. Dann -ist mir nicht so schrecklich zumute, und die Kosaken -laß vor der Tür schlafen.“ -</p> - -<p> -„Sei’s denn so,“ sagte Danilo, wischte den Staub -von der Flinte und schüttete Pulver auf. -</p> - -<p> -Der treue Stetzko stand schon angekleidet da in -seiner ganzen Kosakenausrüstung. Danilo setzte die -Lammfellmütze auf, machte das Fenster zu, schob den -Riegel vor die Tür, schloß sie ab und ging zwischen -den schlafenden Kosaken hindurch auf den Hof und in -die Berge hinaus. -</p> - -<p> -Der Himmel war jetzt schon fast völlig klar. Ein -frischer Wind wehte leise vom Dnjepr herüber. Und -hätte man nicht von ferne den Schrei einer Möwe -gehört, so wäre alles tot und starr erschienen. -Doch jetzt vernahm man ein Rascheln ..... Burulbasch -versteckte sich leise mit seinem treuen Diener hinter -dem Gestrüpp, das einen Verhau verdeckte. Vom Berge -kam jemand herabgeschritten, mit zwei Pistolen im roten -Schupan, und an der Seite den Säbel. — „Das ist -der Schwäher!“ sagte Pan Danilo, während er ihn -hinterm Busch beschaute. „Wohin nur geht er zu -dieser Stunde und wozu? — Gähne nicht, Stetzko, und -gib acht, welchen Weg der Herr Vater einschlägt!“ -Der Mann im roten Schupan schritt zum Ufer hinab, -machte eine Wendung und ging auf die Landzunge zu: -„Ah, dahin geht’s also!“ sprach Pan Danilo. „Wie, -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -Stetzko, ist er nicht geradeswegs in die Höhle des -Zaubrers geschlichen?“ -</p> - -<p> -„Ja, sicher an keinen anderen Ort, Pan Danilo, -sonst würden wir ihn auf jener Seite sehen, -aber er ist vor dem Schlosse verschwunden.“ -</p> - -<p> -„Halt, kriechen wir aus dem Verhau und gehen -wir seinen Spuren nach. Dahinter steckt etwas. Nein, -Katerina, hab’s dir wohl gleich gesagt, daß dein Vater -kein guter Mensch sei; sein Tun ist nicht das eines -Rechtgläubigen!“ -</p> - -<p> -Schon standen Pan Danilo und sein getreuer Bursch -auf der Landzunge. Schon waren sie nicht mehr zu -sehen, denn der dichte Wald, der das Schloß rings -umgab, ließ nichts von ihnen gewahr werden. In der -Höhe leuchtete schwach ein Fensterchen auf. Unten -standen die Kosaken und trachteten hineinzukommen: -doch waren weder Tor noch Tür zu sehen; vom Hof -aus gab’s sicher einen Zugang, aber wie sollte man -dort hingelangen? Von ferne hörte man Ketten rasseln -und Hunde herumlaufen. -</p> - -<p> -„Was grüble ich noch lange!“ sprach Pan Danilo, -als er eine hohe Eiche vor dem Fenster erblickte. „Bleib -hier, mein Junge! Ich steig’ auf die Eiche: von hier -aus kann ich gerad ins Fenster schauen.“ -</p> - -<p> -Da nahm er seinen Gürtel ab, legte den Säbel nieder, -damit er nicht klirrte, griff in die Zweige und schwang -sich hinauf. Das Fenster war immer noch hell. Dicht -davor klammerte er sich mit einer Hand, auf einem -Aste zusammengekauert, am Baum fest, und was sah -er? Im Zimmer brannte kein Licht, doch es -leuchtete ganz. Die Wände waren mit wunderlichen -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -Zeichen bedeckt und mit Waffen behängt; doch war -es höchst seltsames Gewaffen: solches tragen weder die -Türken noch die Bewohner der Krim, weder Polen -noch Christen, noch das wackere Schwedenvolk. Unter -der Decke flogen Fledermäuse hin und her, und ihr -Schatten huschte über die Wände, die Türen und die -Diele. Doch da öffnete sich ganz leise und ohne zu -knarren die Tür. Ein Mann im roten Schupan trat -herein und ging geradewegs auf den Tisch zu, der mit -einem weißen Tuche bedeckt war. „Er ist’s! Es ist -der Schwiegervater!“ Pan Danilo kauerte sich noch mehr -zusammen und drückte sich noch fester an den Baumstamm. -</p> - -<p> -Doch der Schwiegervater hatte nicht Zeit darnach zu -sehen, ob ihm jemand ins Fenster guckte oder nicht. -Finster trat er herein und zornig riß er die Decke vom -Tisch herab — und plötzlich ergoß sich fast unmerklich ein -blau durchsichtiges Licht übers Zimmer, und nur die -Wellen des alten bleichgoldigen Lichtes, die sich noch -nicht mit dem neuen vermischt hatten, fluteten auf und -ab wie ein azurenes Meer und zogen sich, wie ein buntscheinendes -Aderngeflecht im Marmor, durch die Luft. -Da stellte er einen Topf auf den Tisch und begann -Kräuter hineinzuwerfen. -</p> - -<p> -Pan Danilo sah genauer hin, doch jetzt gewahrte er -schon den roten Schupan nicht mehr; statt dessen hatte -jener weite Pluderhosen an, wie sie die Türken tragen, -in seinem Gürtel steckten Pistolen, und auf dem Kopfe -hatte er eine wunderliche Mütze, ganz mit Zeichen -bemalt, die aber weder dem russischen, noch dem -polnischen Alphabet angehörten. Er sah ihm ins Antlitz -— und auch das Gesicht begann sich zu verwandeln: -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -die Nase fing an sich zu dehnen und hing ihm bald -über die Lippe herüber; der Mund breitete sich bis an -die Ohren, ein Hauer kroch aus ihm hervor und bog -sich zur Seite — vor ihm stand derselbe Zauberer, -der einst beim Jessaul auf der Hochzeit erschienen -war. „Dein Traum ist wahr, Katerina!“ dachte -Burulbasch. -</p> - -<p> -Der Zauberer fing an, den Tisch schneller zu umkreisen, -die Zeichen an der Wand begannen sich rascher zu ändern und -Fledermäuse flatterten wilder herauf und herab, hin und -her. Das blaue Licht ward milder und milder und -schien ganz zu verlöschen. Und schon hellte die Kammer -sich auf von sanft rosigem Licht. Wie ein -zarter Klang, so floß das wundersame Licht in alle -Winkel, doch plötzlich schwand es dahin, und es wurde -ganz dunkel. Nur ein Geräusch war noch zu hören, -wie wenn zur stillen Abendstunde der Wind kreisend -auf dem Wasserspiegel spielt und die Silberweiden noch -tiefer zum Wasser biegt. Und Pan Danilo ist’s, als -ob im Gemach ein Mond aufglänzte, Sterne auf und -ab wandelten und ein dunkelblauer Himmel darüber -aufleuchtete, ja sogar die Kühle der Nachtluft hauchte -ihm ins Gesicht. Dann aber ist’s Pan Danilo plötzlich -so (er zupfte sich gar am Schnurrbart, ob er nicht -schliefe), als breite sich im Gemach schon kein Himmel -mehr aus, sondern als sei dies seine eigene Schlafkammer: -an den Wänden hängen seine Säbel von -Tataren und Türken; längs der Wände Bretter mit allerhand -Geschirr und Hausgeräten; auf dem Tische Brot und -Salz, und dort hängt die Wiege. Doch statt der Heiligen -blickten schreckliche Larven aus den Bilderrahmen hervor, -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -und auf der Ofenbank ..... aber nun sank ein Nebel -hernieder und legte sich auf alles, und es wurde wieder -dunkel. Und wieder erfüllt sich der Raum in wunderbarem -Klingen mit rosigem Lichte und wieder steht der Zauberer -regungslos da in seinem sonderbaren Turban. Die -Klänge werden immer stärker und tiefer, das sanfte -Rosenlicht wird immer heller, und etwas wie eine weiße -Wolke strich durch das Zimmer. Und es kam Pan -Danilo so vor, als sei die Wolke keine Wolke, sondern -eine Frau; doch was war das, war sie gar aus Luft -gewebt? Wie stand sie denn da, ohne die Erde zu -berühren? Sie stützte sich auf nichts, und das rosige -Licht und die Zeichen an der Wand schimmerten durch -sie hindurch. Doch jetzt bewegte sie den durchsichtigen -Kopf: die blaßblauen Augen leuchteten still auf, das -Haar fiel ihr kraus wie ein fahlgrauer Nebel über die -Schultern, ein blasses Rot färbte ihre Lippen, wie wenn -in der Frühe das junge Morgenrot kümmerlich durch -den bleichen durchsichtigen Himmel hindurchschimmert, -ganz wie ein schwacher Schatten leuchteten ihre Brauen. -„Ah! es ist Katerina.“ Und Danilo fühlte, wie ihm -die Glieder erstarrten; er wollte sprechen, doch seine -Lippen bewegten sich lautlos. -</p> - -<p> -Der Zauberer stand regungslos auf seinem Platze. -„Wo bist du gewesen?“ fragte er, und sie, die vor ihm -stand, erschauerte. -</p> - -<p> -„Oh, warum hast du mich gerufen?“ stöhnte sie -leise. „Ich war so froh. Ich befand mich an jenem -Ort, wo ich geboren ward, und ich lebte fünfzehn Jahre -lang dort. O, wie herrlich ist’s da! Wie grün und -duftig ist diese Wiese, auf der ich in meiner Kindheit -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -spielte! Auch die Feldblümelein sind noch dieselben, und -das Haus und der Garten auch! Wie zärtlich umarmte -mich die gute Mutter! Wieviel Liebe ist in -ihren Augen! Sie hat mich geherzt und auf Wange -und Mund geküßt und meine blonden Flechten mit -dem dichten Kamme gekämmt. Vater!“ Sie heftete -ihre bleichen Augen auf den Zauberer. „Warum hast -du meine Mutter ermordet?“ -</p> - -<p> -Der Zauberer drohte zornig mit dem Finger. „Hab’ -ich verlangt, du sollest davon sprechen?“ Und die aus -Luft gewobene Schöne erbebte. -</p> - -<p> -„Wo ist deine Herrin jetzt?“ -</p> - -<p> -„Meine Herrin, Pani Katerina, ist jetzt eingeschlafen. -Ich freute mich des, flatterte empor und flog von -hinnen. Ich wollte meine Mutter schon lang wieder -sehen. Auf einmal war ich wieder fünfzehn Jahre alt -und so leicht wie ein Vogel. Warum hast du mich -gerufen?“ -</p> - -<p> -„Denkst du noch an all das, was ich dir gestern -gesagt?“ fragte der Zauberer so leise, daß man’s kaum -hören konnte. -</p> - -<p> -„Gewiß denk’ ich dran, gewiß. Aber was würd’ -ich darum geben, es zu vergessen. Arme Katerina! -Sie weiß gar manches von dem nicht, was ihre Seele -weiß.“ -</p> - -<p> -„Das ist die Seele Katerinas!“ dachte Pan Danilo, -aber er wagte es noch immer nicht, sich zu bewegen. -</p> - -<p> -„Tu Buße, Vater! Ist’s dir denn nicht fürchterlich, -wenn nach jedem deiner Morde die Toten aus den -Gräbern steigen?“ -</p> - -<p> -„Schon wieder die alten Reden!“ unterbrach sie -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -der Zauberer streng „Ich setz’ meinen Willen durch, -ich werde dich zwingen, mir zu gehorchen. Katerina wird -mich lieben lernen!“ -</p> - -<p> -„Oh, ein Ungeheuer bist du, du bist nicht mein -Vater!“ stöhnte sie auf. „Nein, nicht sei es so, wie -du willst! Hast dir freilich mit unreinen Zauberkünsten -die Macht erworben, meine Seele heraufzubeschwören -und sie zu martern. Doch Gott allein -kann sie zwingen, ihm den Willen zu tun. Nein, nie -wird Katerina, solange ich in ihr lebe, die gottverfluchte -Tat vollbringen. O, Vater! Das jüngste Gericht ist -nahe! Und wärst du auch nicht mein Vater, nie würdest -du mich zwingen können, meinen treuen, geliebten Gatten -zu betrügen. Ja, wär’ mir mein Gemahl auch nicht -so lieb und so treu, ich würd’ ihn dennoch nie betrügen; -denn Gott liebt die meineidigen und treulosen Seelen -nicht!“ -</p> - -<p> -Da heftete sie ihre bleichen Augen auf das Fenster, -vor dem Pan Danilo saß, und hielt starr inne .... -</p> - -<p> -„Wohin blickst du? Was siehst du dort?“ schrie -der Zauberer auf. -</p> - -<p> -Die luftgewobene Katerina erzitterte. Aber Pan -Danilo war schon längst wieder unten auf der Erde -und zog mit seinem getreuen Stetzko in die Berge. -</p> - -<p> -„Furchtbar, furchtbar!“ sprach er bei sich selber und -Angst umfing sein Kosakenherz. -</p> - -<p> -Bald war er wieder auf seinem Hofe, wo die Kosaken -noch immer fest schliefen; nur der eine saß da, hielt -Wache und rauchte sein Pfeifchen. -</p> - -<p> -Der Himmel war ganz mit Sternen besät. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-5"> -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -V. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>W</span><span class="postfirstchar">ie</span> gut tatest du, daß du mich wecktest!“ sprach -Katerina, und während sie sich mit dem gestickten -Ärmel ihres Hemdes die Augen rieb, betrachtete -sie ihren Mann, der vor ihr stand, vom Kopf bis -zu Füßen. „Welch schrecklichen Traum ich gehabt! -Wie schwer atmete meine Brust! Oh! .... mir war’s -als stürbe ich ....“ -</p> - -<p> -„Was war das für ein Traum? Vielleicht dieser?“ -und Burulbasch erzählte seinem Weibe alles, was er geschaut. -</p> - -<p> -„Wie konntest du das nur erfahren, mein Gemahl?“ -fragte Katerina erstaunt. „Doch, nein. Gar vieles, -was du erzählt hast, ward mit nicht bekannt. Nein, -mir hat nicht geträumt, der Vater habe meine Mutter -getötet; auch hab’ ich keine Toten gesehen, ich habe -nichts gesehen. Nein, Danilo, es war ganz anders, -wie du’s erzählst. O, wie furchtbar ist doch mein -Vater!“ -</p> - -<p> -„Das ist fürwahr auch kein Wunder, daß du gar -vieles davon nicht sahest! Du weißt doch nicht -den zehnten Teil von dem, was deine Seele weiß. -Weißt du — dein Vater — das ist der Antichrist! -Erst im vorigen Jahr, als ich mich mit den Polen -zum Feldzug in die Krim aufmachte (damals hielt ich’s -noch mit diesem Heidenvolk), da hat der Abt des -Bruderklosters zu mir gesagt (und das ist ein heiliger -Mann, Weib!), der Antichrist habe die Macht, jedes -Menschen Seele zu beschwören; die lustwandle dann -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -nach eigenem Willen, wenn er einschläft, und fliege -zusammen mit den Erzengeln um Gottes Gemach herum. -Schon auf den ersten Blick wollt’ mir deines -Vaters Gesicht nicht recht gefallen. Hätt’ ich geahnt, -daß du solch einen Vater hast, nie hätt’ ich mich mit -dir vermählt; ich hätt’ dich verlassen und der Seele -nimmer die Sünde aufgebürdet, mich der Sippe des -Antichrist zu verschwägern.“ -</p> - -<p> -„Danilo!“ rief Katerina, verbarg ihr Gesicht in den -Händen und schluchzte auf. „Hab’ ich je eine Schuld -gegen dich auf mich geladen? Ward ich dir je untreu, -geliebter Gemahl? Womit hab’ ich deinen Zorn auf -mich gelenkt? Hab’ ich dir nicht treu gedient? Hab’ -ich denn je ein widriges Wort gesprochen, wenn du angezecht -vom lustigen Schmaus heimkamst? Gebar ich -dir nicht einen schwarzbrauigen Sohn? ...“ -</p> - -<p> -„Weine nicht, Katerina, jetzt kenne ich dich, und ich -werde dich nie verlassen. Alle Sünden liegen bei deinem -Vater!“ -</p> - -<p> -„Nein, nenne ihn nicht meinen Vater! Er ist nicht -mein Vater! Gott ist mein Zeuge, ich sage mich von -ihm los! Er ist der Antichrist und ein Gottesverächter! -Mag er verderben, mag er ersaufen, nie biet’ ich die -Hand ihm zur Rettung. Und wenn er dahinsiecht an -einem todbringenden Kraut, so will ich ihm kein Wasser -zum Trinken reichen. <em>Du</em> bist mir mein Vater!“ -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-6"> -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -VI. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Pan Danilos tiefem Verließe sitzt der Zauberer -in eiserne Ketten geschmiedet; fern über dem -Dnjepr brennt sein satanisches Schloß, und blutrote -Wellen gurgeln und lecken an den uralten Mauern empor. -Nicht wegen Hexerei, noch um gottwidrige Taten -sitzt der Zauberer im tiefen Verließ: die richtet nur -Gott; um eines geheimen Verrates willen sitzt er dort, -und wegen seines Bundes mit den Feinden des rechtgläubigen -Russenlands — den er mit den Römlingen -eingegangen, um ihnen das ukrainische Volk zu verschachern -und die christlichen Kirchen niederzubrennen. -Gar finster und grimmig ist der Zauberer; nachtschwarzes -Sinnen zieht durch seinen Kopf; nur ein -Tag noch bleibt ihm zu leben, und morgen gilt’s, Abschied -zu nehmen von der Welt: morgen erwartet -ihn Tod. Kein leichter Tod wartet auf ihn: es ginge -noch gnädig ab, wenn er lebendig im Kessel gekocht -oder wenn ihm die sündhafte Haut abgezogen würde. -Düster und grimmig ist der Zauberer, und er läßt den -Kopf hängen. Vielleicht geht er vor seiner Sterbestunde -noch in sich; doch sind seine Sünden nicht so, -daß Gott ihm verzeihen könnte. Hoch oben vor ihm -ist ein schmales Fenster, das Eisenstäbe vergittern. -Mit seinen klirrenden Ketten hat er sich bis zum -Fenster emporgehoben, um zu schauen, ob seine Tochter -nicht vorbeiginge. Sie ist mild wie ein Täubchen -und nicht rachesüchtig. Würde sie sich nicht des Vaters -erbarmen? ... Aber es war niemand da. Tief unten -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -zieht der Weg sich hin, aber niemand wandert auf ihm. -Und tiefer noch zieht der Dnjepr vorbei; aber der -achtet auf niemand: er tost dahin, und schmerzlich ist’s -dem Gefesselten, seinem dumpfen Rauschen zu lauschen. -</p> - -<p> -Da erschien jemand auf dem Wege — es war ein -Kosak! Schwer seufzte der Gefangene auf, und wieder -ward alles tot und leer. Doch dort in der Ferne kam -jemand herab ...... Ein grüner Überwurf flatterte -empor, ein goldener Kopfschmuck glänzte auf dem -Haupte. Das war <em>sie</em>! Noch enger preßte er sich -ans Fenster. Sie kam näher und immer näher ... -</p> - -<p> -„Katerina! Meine Tochter, erbarme dich! Hab’ -Mitleid mit mir! .......“ -</p> - -<p> -Aber sie blieb stumm, sie wollte ihn nicht hören. -Sie wendete nicht einmal die Augen nach dem Gefängnis, -und schon war sie vorbei und wieder verschwunden. -Leer wird die Welt, wehmütig rauscht der -Dnjepr; hoffnungslose Trauer und Wehmut umfängt -das Herz; aber wußte wohl der Zauberer, was Wehmut -ist? -</p> - -<p> -Der Tag ging zur Neige. Schon sank die Sonne -hinab, schon ist sie nicht mehr. Schon war es -Abend. Kühl ward es, irgendwo brüllte ein Stier, -von irgendwo tönten verwehte Klänge herüber; sicherlich -kamen jetzt die Menschen von ihrer Arbeit, um auszuruhen -und fröhlich zu sein: über den Dnjepr glitt ein -Kahn ...... aber wer kümmerte sich um den Gefangenen? -Die silberne Sichel leuchtet am Himmel auf; -da schreitet jemand von der anderen Seite den Weg empor; -schwer war’s, im Dunkeln zu erkennen, wer das war: Es -war Katerina, die jetzt zurückkehrte. -</p> - -<p> -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -„In Christi Namen, Tochter! Selbst das grausame -Junge des Wolfes zerfleischt seine Mutter nicht! Tochter, -so wirf doch nur einen Blick auf deinen sündigen Vater!“ -</p> - -<p> -Aber sie hörte ihn nicht und ging weiter. -</p> - -<p> -„Tochter, im Namen deiner unglücklichen Mutter ...“ -Sie blieb stehen. -</p> - -<p> -„Komm und vernimm mein letztes Wort!“ -</p> - -<p> -„Wozu rufst du mich, Gottesverächter? Nenn’ mich -nicht Tochter! Zwischen uns ist keine Verwandtschaft! -Was willst du von mir im Namen meiner -unglücklichen Mutter?“ -</p> - -<p> -„Katerina, mein Ende ist nahe! Ich weiß, dein -Mann gedenkt, mich an den Schweif eines Rosses -zu binden und übers Feld zu schleifen, oder vielleicht -erfindet er einen noch grauenvolleren Tod für mich ...“ -</p> - -<p> -„Gibt es denn auf der Welt einen Tod, der deinen -Sünden gleichkommt? Mach dich darauf gefaßt, für -dich wird niemand bitten!“ -</p> - -<p> -„Katerina, mich schreckt nicht der Tod, mich schrecken -die Qualen in <em>jener</em> Welt! ...... <em>Du</em> bist frei -von Schuld, Katerina: deine Seele wird im Paradies -in Gottes Nähe weilen, aber die Seele deines gottlosen -Vaters wird im ewigen Feuer brennen, und nimmer -wird dieses Feuer erlöschen, nur noch höher und höher -wird es emporlodern. Kein Tautropfen wird auf ihn -herabfallen, und kein Wind wird ins Feuer hauchen.“ -</p> - -<p> -„Ich habe nicht die Macht, deine Strafe durch Gebet -zu mindern!“ sprach Katerina und wandte sich ab. -</p> - -<p> -„Katerina, warte, noch ein Wort: Du kannst meine -Seele erretten. Du weißt noch nicht, wie gut und -gnädig Gott ist. Hast du je vom Apostel Paulus gehört, -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -der voller Sünden war und dann in sich ging — -und ein Heiliger wurde?“ -</p> - -<p> -„Was kann ich tun, deine Seele zu retten?“ sprach -Katerina. „Sollte ich, ein schwaches Weib, daran denken -können?“ -</p> - -<p> -„Wenn es mir gelänge, von hier zu entfliehen, so -würde ich mein ganzes altes Leben aufgeben! Ich -würde Buße tun, in die Wüste gehen, ein härenes Hemd -anlegen und Tag und Nacht beten! Ja, nicht einmal -Fastenkost und keinen Fisch soll mein Mund mehr berühren! -Kein Gewand breit’ ich mir hin, wenn ich mich -zum Schlaf niederlege! Und immer nur werde ich -beten und beten! Und wenn Gottes Gnade auch nicht -den hundertsten Teil meiner Sünden von mir nimmt, -dann will ich mich bis an den Hals in die Erde vergraben -oder eine Wand von Stein um mich aufmauern, -nicht Speise noch Trank will ich mehr zu mir nehmen -und sterben, und all mein Hab und Gut will ich den -Mönchen vermachen, auf daß sie vierzig Tage und vierzig -Nächte lang Seelenmessen für mich lesen!“ -</p> - -<p> -Katerina sann nach. „Selbst wenn ich dir das -Tor aufschlösse, ich kann dir doch die Ketten nicht aufschmieden!“ -</p> - -<p> -„Die Ketten fürchte ich nicht. Du meinst wohl, sie -hätten mir Hände und Füße zusammengeschmiedet? -O nein, ich senkte Nebel auf die Augen der Menschen -und hielt ihnen statt der Hände ein trockenes Holz -hin. Schau, hier bin ich: jetzt trag’ ich keine Kette -mehr!“ sagte er und trat frei in die Mitte des Raumes. -„Ich hätte ja auch die Wände nimmer gefürchtet und -wäre hindurchgeschritten; aber dein Mann weiß nicht, -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -was das hier für Mauern sind: Ein heiliger Anachoret -hat sie einst errichtet und keine unreine Macht ist imstande, -den Gefangenen zu befreien, ohne die Zelle -mit jenem Schlüssel aufzuschließen, mit dem der -Heilige sie verschloß. Solch eine Zelle will ich, schrecklichster -aller Sünder, auch mir erbauen, wenn ich nur -frei bin!“ -</p> - -<p> -„Nun wohl, so höre: ich lass’ dich hinaus, doch, -wie wenn du mich trügst,“ sprach Katerina und blieb -vor der Tür starr stehen. „Wenn du, statt in dich zu -gehen, wieder des Teufels Bruder wirst?“ -</p> - -<p> -„Nein, Katerina, ich hab’ nicht mehr lange zu leben; -auch ohne diese Marter ist mein Ende nahe. Glaubst -du denn, daß ich mich selbst zu ewigen Qualen verurteilen -will?“ -</p> - -<p> -Die Schlösser klirrten. „Leb’ wohl, der barmherzige -Gott behüte dich, mein Kind!“ sprach der -Zauberer und küßte sie. -</p> - -<p> -„Rühr mich nicht an, schrecklichster aller Sünder! -Geh schnell von hinnen!“ rief Katerina. -</p> - -<p> -Doch er war schon verschwunden. -</p> - -<p> -„Ich hab’ ihn befreit!“ flüsterte sie und blickte voller -Schrecken wie irr auf die Mauern. „Was soll ich -jetzt meinem Manne sagen? Ich bin verloren! Ich -kann mich nur noch lebendig ins Grab legen.“ Und -sie sank schluchzend auf den Klotz, auf dem der Gefangene -gesessen hatte. „Aber ich habe eine Seele gerettet!“ -sagte sie leise. „Ich tat ein Gott wohlgefälliges -Werk. Jedoch mein Mann ...... Ich hab’ ihn -zum ersten Male betrogen. O, wie furchtbar, wie schwer -wird mir’s werden, ihm die Unwahrheit zu sagen! Da -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -kommt jemand! O, <em>er</em> ist es! es ist mein Mann!“ -rief sie verzweifelt, und besinnungslos fiel sie zu Boden. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-7"> -VII. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>I</span><span class="postfirstchar">ch</span> bin’s, meine liebe Tochter, ich bin’s, mein -Herzchen!“ hörte Katerina jemand sagen, als -sie wieder zu sich kam; sie sah ihre alte Dienerin -vor sich. Die Alte beugte sich über sie, schien ihr etwas -zuzuflüstern, und ihre vertrocknete Hand bespritzte sie mit -kaltem Wasser. -</p> - -<p> -„Wo bin ich?“ sagte Katerina, indem sie aufstand -und um sich blickte. „Vor mir rauscht der Dnjepr -und hinter mir liegen die Berge ... Wohin hast du -mich geführt, Weib?“ -</p> - -<p> -„Ich hab’ dich nicht weggeführt, sondern hinausgetragen; -auf meinen Armen trug ich dich aus dem -dumpfen Gewölbe. Ich habe die Tür mit dem Schlüsselchen -zugeschlossen, damit dich Pan Danilo nicht findet -und bestraft!“ -</p> - -<p> -„Wo ist der Schlüssel?“ sprach Katerina und blickte -auf ihren Gürtel, „ich seh’ ihn nicht!“ -</p> - -<p> -„Dein Mann hat ihn abgebunden, um nach dem -Zauberer zu sehen, mein Kind!“ -</p> - -<p> -„Um nach ihm zu sehen? .... Weib, ich bin -verloren!“ rief Katerina. -</p> - -<p> -„Davor mag Gott uns bewahren, mein Kind! -Schweig du nur, liebe Herrin. Niemand wird etwas -erfahren!“ -</p> - -<p> -„Er ist entflohen, der verfluchte Antichrist! Hast -du gehört, Katerina? Er ist entflohen!“ rief Pan Danilo, -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -der auf seine Frau zutrat. Seine Augen sprühten Feuer, -und sein Säbel schüttelte sich klirrend an seiner Seite. -Sein Weib erstarrte. -</p> - -<p> -„Es hat ihn wohl jemand befreit, lieber Mann?“ -sprach sie zitternd. -</p> - -<p> -„Befreit! Du hast recht. Aber der Teufel hat -ihn befreit. Schau hin! Statt seiner liegt ein in -Eisen geschmiedeter Klotz da. Gott hat’s nun einmal -so eingerichtet, daß der Teufel sich nicht vor Kosakenfäusten -fürchtet! Wenn einer von meinen Kosaken auch -nur von fern daran gedacht haben sollte, und ich erfahre -es ..... O, ich würde keine Strafe ausdenken -können, die schwer genug für ihn wäre!“ -</p> - -<p> -„Und wenn ich es wäre?“ sprach Katerina unwillkürlich -und hielt erschrocken inne. -</p> - -<p> -„Wenn du’s getan hättest, so wärest du mein Weib -nicht mehr! Ich würde dich in einen Sack einnähen -lassen und mitten im Dnjepr ertränken! ....“ -</p> - -<p> -Katerina stockte der Atem und ihr war, als lösten -sich ihr die Haare vom Haupte. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-8"> -VIII. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> einer Schänke am Grenzwege sind die Polen -versammelt und zechen schon zwei Tage lang. -Nicht wenig Gesindel sitzt da beisammen. Sie -sind wohl zusammengekommen, um einen Überfall auszuhecken! -Manche von ihnen haben Musketen, die -Sporen klirren und die Säbel rasseln. Die polnischen -Herren sind lustig, schneiden auf und reden prahlerisch -von unerhörten Taten, sie spotten über den rechten -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -Glauben, nennen das Volk der Ukraine ihre „Knechte“, -zwirbeln stolz den Schnurrbart in die Höhe, und mit -hochmütig zurückgeworfenen Köpfen recken sie sich auf -den Bänken. Auch ihr Priester ist bei ihnen; doch auch -der ist vom selben Schlage wie sie. Er gleicht nicht -einmal dem Äußern nach einem christlichen Priester, denn -er schmaust und zecht mit ihnen, und seine unreine Zunge -führt unzüchtige Reden. Auch das Gesinde gibt ihnen -in nichts nach: sie haben die Ärmel der schäbigen Schupans -aufgestreift und stolzieren so aufrecht einher, als wären sie -was Rechtes! Sie spielen und hauen einander mit den -Karten auf die Nasen. Dann haben sie fremde Weiber -bei sich und das gibt ein Geschrei und ein Raufen! ... -Die polnischen Herren toben nur so und treiben Schabernack -mit den Leuten; sie packen einen Juden am Bart, -malen ihm ein Kreuz auf seine gottlose Stirn, schießen -mit blind geladenen Pistolen nach dem Weibsvolk und -tanzen einen Krakowiak mit ihrem schändlichen Priester. -Gab’s doch nicht einmal von den Tataren solch Ärgernis -im russischen Lande: Gott hat es ihm wohl beschieden, -solche Schmach für seine Sünden zu erdulden. -Und mitten in diesem Sodom hört man sie vom Gutshof -des Pan Danilo am Dnjepr und von seinem schönen -Weibe sprechen ..... Wahrlich, nichts Gutes sinnt -die Rotte, die hier versammelt ist! -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-9"> -IX. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">P</span><span class="postfirstchar">an</span> Danilo sitzt in seiner Stube am Tisch, das -Haupt auf den Ellenbogen gestützt, und sinnt -nach. Auf der Ofenbank aber sitzt Pani Katerina -und singt ein Lied. -</p> - -<p> -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -„Mir ist so traurig zumute, Weib!“ spricht Pan -Danilo, „der Kopf tut mir weh und das Herze auch. -Es lastet etwas auf mir! Mein Tod ist wohl nicht -mehr fern.“ -</p> - -<p> -„O, mein herzliebster Gemahl, neig deinen Kopf zu -mir her! Warum hegst du so schwarze Gedanken in -deiner Brust?“ dachte Katerina, wagte es aber nicht -auszusprechen. Ihr, der Schuldbewußten, wurde es -schwer, des Mannes Liebkosungen entgegenzunehmen. -</p> - -<p> -„Hör, liebes Weib!“ sagte Danilo, „verlaß meinen -Sohn nicht, wenn ich einst tot bin! Gott wird kein -Glück auf dich herabsenden, weder in dieser, noch in -jener Welt, wenn du ihn von dir stößt. Schwer würde -es meinen Knochen werden, in der feuchten Erde zu -verfaulen, und noch trauriger wär’ meine Seele!“ -</p> - -<p> -„Was sprichst du, mein Gemahl? Warst du es -nicht, der uns schwache Frauen einst auslachte? Und -jetzt redest du selbst wie ein schwaches Weib. Du wirst -noch lange leben!“ -</p> - -<p> -„Nein, Katerina, meine Seele ahnt schon den -nahen Tod. Es wird so traurig in der Welt und -schlimme Zeiten brechen an. Oh! ich besinne mich wohl -auf die vergangenen Jahre; die kehren wohl nimmer -wieder! Damals war noch der alte Konaschewitsch am -Leben, der Ruhm und die Ehr’ unseres Heeres! Und -all die Kosakenregimenter ziehen wieder an meinen -Augen vorüber. Ja, es war eine goldene Zeit, Katerina! -Der alte Hetman saß auf seinem Rappen und in -seiner Hand glänzte der Hetmansstab; rings um ihn -standen die Führer, und auf den Seiten wogte das rote -Meer der Saporoger. Und wenn der Hetman zu sprechen -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -begann, dann stand alles da wie erstarrt. Der Alte -weinte, als er der früheren Taten und Gefechte gedachte. -Ach, wenn du wüßtest, Katerina, wie wir damals uns -mit den Türken schlugen: Noch heute sieht man die -Narbe auf meinem Haupte. Vier Kugeln durchbohrten -mich an vier Stellen, und keine der Wunden ist je vollständig -geheilt. O, wieviel Gold wir damals erbeuteten, -und die Edelsteine schöpften die Kosaken wie Wasser mit -ihren Mützen. Und was für Pferde, wenn du wüßtest, -was für Pferde wir damals raubten, Katerina! Nein, -solche Kriege erleb’ ich nie wieder! Noch bin ich ja -nicht alt, ich bin noch rüstig, doch das Kosakenschwert -entsinkt meiner Hand, ich lebe tatenlos dahin -und weiß selbst nicht, wozu ich lebe. In der Ukraine -herrscht keine Ordnung mehr: die Feldherrn und -Jessauls beißen sich herum wie die Hunde; ’s ist keiner -da, dem alle gehorchten und der ihr Haupt wäre. -Unsere Schlachzizen haben alles geändert und polnische -Sitten eingeführt, sie sind so schlau und so tückisch geworden -und haben ihre Seelen verkauft, indem sie die -Union annahmen und einen Bund mit dem Papst schlossen. -Die Juden knechten das arme Volk. O Zeiten, Zeiten, -vergangene Zeiten! Wo seid ihr geblieben, ihr, meine -vergangenen Jahre? Geh ins Gewölbe hinab, Bursch, -und hol mir einen Krug mit Meth! Ich will trinken -auf unser altes Leben und die vergangenen Zeiten!“ -</p> - -<p> -„Womit sollen wir die Gäste empfangen, Pan? -Die Polen kommen von der Wiese her!“ rief Stetzko, -der in diesem Augenblick ins Zimmer hereinstürzte. -</p> - -<p> -„Ich weiß wohl, wozu sie kommen!“ sprach Danilo, -sich von seinem Platze erhebend. „Sattelt die Pferde, -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -meine treuen Knechte! Schirrt sie rasch an und heraus -mit den Säbeln! Vergeßt auch die blauen Bohnen -nicht! Die Gäste sollen mit Ehren empfangen werden!“ -</p> - -<p> -Kaum hatten die Kosaken ihre Pferde bestiegen und -die Musketen geladen, da überschwemmten die Polen -schon den Berg wie Laub, das im Herbst von den -Bäumen fällt. -</p> - -<p> -„Hehe, da gibt’s eine feine Gesellschaft!“ rief Danilo -und blickte auf die dicken Pans, die sich würdevoll auf -ihren goldgeschirrten Rossen schaukelten. „Wohl denn, -so werden wir uns einmal noch herrlich tummeln! -Freu dich zum letzten Male, Kosakenseele. Wohlauf, -ihr Burschen, das Fest hat begonnen!“ -</p> - -<p> -Und auf den Bergen ward es fröhlich, und das Fest -hub an: da schwirren die Säbel, da fliegen die Kugeln, -da wiehern und trampeln die Pferde. Die Schädel -dröhnen vom Rufen und Schreien, und der Rauch blendet -die Augen. Alles geht wild durcheinander, aber der -Kosak ahnt wohl, wo Freund und Feind ist. Eine Kugel -kommt gepfiffen, und ein tapferer Reitersmann stürzt -vom Roß; ein Säbel klirrt — und ein Kopf wälzt sich, -zusammenhanglose Reden lallend, am Boden. -</p> - -<p> -Aber mitten im Haufen, da sieht man die rote -Kosakenmütze des Pan Danilo, und wie ein Blitz trifft -das Auge das Gefunkel des goldenen Gürtels auf dem -blanken Schupan; wie ein Wirbelwind flattert die Mähne -des Rapphengstes daher; gleich einem Vogel eilt er bald -hier hin, bald dort hin, schreit laut auf, schwenkt den -Damaszener-Säbel und schlägt rechts und links um sich. -Hau zu, Kosak! Frisch drauf und los, Kosak! Erfreu -dein mutiges Herz, aber verguck dich nicht in das Gold -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -der Gespanne und Schupans; tritt Gold und Edelsteine -mit den Füßen! Stich zu, Kosak! Frisch drauf los, -Kosak! Aber sieh dich nicht um: schon stecken die -frevelnden Polen die Hütten in Brand und treiben das -ängstliche Vieh fort. Wie ein Sturm wirbelt Pan Danilo -zurück, die Mütze mit dem roten Dach blitzt schon dicht -neben den Häusern auf, und rings um ihn wird der -Haufen geringer. -</p> - -<p> -Nicht nur eine Stunde oder zwei kämpften die -Kosaken und Polen. Immer weniger wurden ihrer auf -beiden Seiten; doch Pan Danilo ermattete nicht: mit -seiner langen Lanze hob er die Feinde aus dem Sattel, -und trat mit seinem tapferen Roß das Fußvolk nieder. -Schon leert sich der Hof, schon fliehen die Polen, schon -reißen die Kosaken die goldenen Schupans und die reiche -Rüstung von den Gefallenen herab. Schon will Pan -Danilo zur Verfolgung aufbrechen, schon blickt er sich -um, die Seinen zu sammeln ..... doch da -kocht in ihm die Wut, vor ihm taucht Katerinas -Vater auf. Nun steht er auf dem Berge und zielt -mit seiner Muskete nach ihm. Danilo treibt sein Pferd -grad auf ihn los .... Kosak, du eilst ins Verderben! -Da kracht die Muskete, und der Zauberer ist hinter dem -Berge verschwunden. Nur der getreue Stetzko hat noch -gesehen, wie das rote Gewand und die seltsame Mütze -im Husch vorbeiflogen. Danilo schwankt und stürzt zu -Boden. Der treue Stetzko eilte zu seinem Pan: sein -Herr liegt ausgestreckt auf der Erde, und hat die hellen -Augen geschlossen, und das hellrote Blut quillt aus seiner -Brust. Aber er erkannte den treuen Diener noch, leis -hob er die Lider und blitzte ihn mit den Augen an: -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -„Leb wohl, mein Stetzko! Sag Katerina, sie soll meinen -Sohn nicht verlassen! Verlaßt auch ihr ihn nicht, ihr -meine treuen Diener!“ und er verstummte. Die -tapfere Kosakenseele war aus dem adligen Leibe entflohen; -blau sind seine Lippen, der Kosak schläft einen -Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt. -</p> - -<p> -Da schluchzte der getreue Diener auf und winkte -Katerina mit der Hand: „Komm, komm schnell -herbei, Pani! Dein Pan hat ausgetobt; sieh, da liegt -er, trunken auf feuchtem Erdreich; nimmer wird der aus -seinem Rausche erwachen!“ -</p> - -<p> -Da schlug Katerina die Hände zusammen und sank -über den Leichnam hin wie eine Garbe. „O mein Gemahl, -du mein Gemahl! Bist du’s, der geschlossenen -Auges daliegt? Steh auf, mein herzallerliebster Falke, -rühr deine süße Hand! Erhebe dich doch! O, -schau sie nur einmal noch an, deine Katerina, reg -deine Lippen und sprich nur ein einziges Wörtlein! ... -Doch ach, du schweigst, du schweigst, mein lieber herrlicher -Pan! Bläulich wardst du wie das Schwarze Meer, -und dein Herz schlägt nicht! Warum bist du so kalt, -mein Pan? O, ich seh’s, meine Tränen sind nicht heiß -genug, sie können dich nicht erwärmen! Ich seh’s, nicht -laut genug ist meine Klage, denn sie kann dich nicht -erwecken! Wer wird jetzt deine Heere anführen? Wer -wird nun auf deinem Rappen dahinjagen und laut -jauchzend vor den Kosaken den Säbel schwingen? -Kosaken, Kosaken! Wo ist eure Ehre und euer Ruhm? -Da liegt eure Ehre und euer Ruhm geschlossenen Augs -auf der feuchten Erde. O, begrabt nun auch mich, begrabt -mich zusammen mit ihm! Streut mir Erde auf -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -die Augen, preßt die Bretter von Ahorn mir auf die -weißen Brüste! Ich brauche meine Schönheit nicht -mehr!“ -</p> - -<p> -Und Katerina weinte und klagte bitterlich, da aber -steigt eine Staubwolke in der Ferne auf: Gorobetz, -der alte Jessaul, sprengt zu Hilfe heran. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-10"> -X. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">oller</span> Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter, -wenn er frei und ungehemmt durch Gebirg -und Wälder seine reichen Wasser trägt. -Da ertönt kein leises Rauschen und kein mächtiger -Donnerlaut. Du blickst hin und weißt es kaum, ob -sich sein hehrer breiter Rücken regt, ob nicht; ganz -aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer -Spiegelweg windet sich, breit ohne Maßen, lang -ohn’ Ende, in verschlungenen Bahnen durch die -grüne Welt. Dann blickt auch die heiße Sonne selig -von der Höhe herab und taucht ihre Strahlen in die -kühlen gläsernen Wässer, und selig spiegeln sich die -Wälder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr Grüngelockten! -Ihr drängt euch mit den Feldblumen zum -Wasser hin, beugt euch hinab, schaut hinein und könnt -euch nicht satt sehen an eurem klaren Angesicht und -ihr lächelt ihm zu und grüßt es, indem ihr die Zweige -schüttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch -nicht zu blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und -der blaue Himmel, und selten nur kommt ein Vogel -bis mitten über den Dnjepr geflogen. O, du herrlicher -Fluß! Kein Strom in der Welt kommt dir -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -gleich. Voller Wunder ist auch der Dnjepr in einer -stillen Sommernacht, wenn alles in Schlummer sinkt: -Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt -majestätisch auf Himmel und Erde und schüttelt gewaltig -sein wunderbares Ornat. Und von dem Kleide -regnen Sterne herab; die Sterne aber glühen und -leuchten über die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr -wieder. Der Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen -Schoße, und kein einziger kann ihm entrinnen — es -sei denn, daß er am Himmel erlischt. Der schwarze -Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben -und die in grauer Urzeit geborstenen Berge beugen sich -vor und suchen ihn wenigstens mit ihren langen Schatten -zu bedecken — vergebens! Es gibt nichts auf der Welt, -das den Dnjepr überdecken könnte. Azurblau fließt -er gemessen dahin, und bei Nacht wie bei Tage sieht -man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen kann. -Wenn er sich wiegt und wie ein verzärteltes Kind -bei der nächtlichen Kühle ans Ufer schmiegt, dann -wird er zur silbernen Flut und die flammt auf, wie -die stählerne Schneide einer Damaszenerklinge und dann -liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch -dann ist der Dnjepr voller Wunder und kein Fluß in -der Welt kommt ihm gleich! Doch wenn sich am -Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der -schwarze Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen -krachen und der Blitz, aus den Wolken splitternd, -plötzlich die ganze Welt erhellt — o, dann ist der Dnjepr -schrecklich! Die Wasserhügel tosen, wenn sie gegen die -steinigen Felsen anprallen, sinken blitzend und stöhnend -zurück und ächzen und heulen in der Ferne. So jammert -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie ihren Sohn ins -Kriegslager geleitet: frei und kühn reitet er auf seinem -rabenschwarzen Roß dahin, die Hand in die Hüfte -gestemmt und die Mütze keck aufs Ohr geschoben, sie -aber läuft schluchzend hinter ihm her, hängt sich an den -Steigbügel, greift ihm in die Zügel, ringt die Hände -und zerfließt in heißen Tränen. -</p> - -<p> -Wild und schwarz ragen zwischen den kämpfenden -Wellen auf der Landzunge verkohlte Baumstümpfe und -Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will, wird -ans Ufer geworfen, schießt hoch empor und sinkt dann -wieder tief abwärts. Wer ist der Kosak, der sich in -den Kahn gewagt, zu einer Zeit, da der alte Dnjepr -grollt? Der weiß nicht, daß der Dnjepr die Menschen -hinabschlingt wie Fliegen! -</p> - -<p> -Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg -ihm. Ihm ist nicht heiter zumute. Er grollt über -den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem erschlagenen -Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen mußten ihn teuer -bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schönen -Schupans, ihr ganzes Pferdegeschirr und dreiunddreißig -Knechte dazu wurden in Stücke gehauen, und die übrigen -saßen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die -Tataren verkauft werden. -</p> - -<p> -Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten -Baumstümpfen hinab, wo sich tief unten im -Erdreich seine Hütte befand. Leise und ohne mit der -Türe zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den -gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen -unbekannte Kräuter in ihn hineinzuwerfen, dann holte -er einen Krug herbei, der aus einem merkwürdigen Holz -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -geschnitzt war, schöpfte Wasser und begann es wieder auszugießen, -während seine Lippen Beschwörungen murmelten. -</p> - -<p> -Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich -war es, sein Gesicht zu schauen: es sah ganz blutig -aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich drein, und -die Augen glühten wie ein Feuer. Schrecklicher Sünder! -Der Bart war ihm längst ergraut, und das Gesicht von -Runzeln durchfurcht, schon ist er fast gänzlich verdorrt, -und noch immer trachtet er nach gottlästerlichen Taten. -Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weiße wehende -Wolke, und etwas wie Freude huschte über des Zaubrers -Gesicht. Doch warum stand er plötzlich regungslos mit -weitgeöffnetem Munde da, warum wagte er es nicht, -sich zu bewegen? Und warum sträubten sich die Haare -wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien -ihm ein sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen -kam es zu Gaste; immer deutlicher trat es hervor -und bohrte die starren Augen in ihn hinein. Die -Züge, die Brauen, die Augen, die Lippen — alles war -ihm unbekannt und noch nie in seinem Leben hatte er -es gesehen. Auch war nichts eigentlich Grauenhaftes -an ihm, und doch packte ihn ein unüberwindliches Entsetzen. -Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch -immer starr durch die Wolke an. Doch nun war die -Wolke verschwunden, aber das unbekannte Gesicht hing -noch klarer vor ihm, und die scharfen schneidenden Blicke -wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer -wurde so weiß wie Leinen; mit einer furchtbaren -Stimme, die ihn selber fremd dünkte, schrie er auf, -warf den Topf um. Alles war verschwunden. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-11"> -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -XI. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>S</span><span class="postfirstchar">ei</span> ruhig, liebe Schwester!“ sprach der alte -Jessaul Gorobetz. „Träume reden selten die -Wahrheit.“ -</p> - -<p> -„Leg dich doch hin, Schwesterchen!“ sagte seine junge -Schwiegertochter. „Ich werde die alte Wahrsagerin -rufen: ihr kann keine Macht der Welt widerstehen: sie -wird deine Unruhe bannen.“ -</p> - -<p> -„Fürchte nichts!“ rief der Sohn und griff nach dem -Säbel, „niemand soll dir etwas zuleide tun.“ -</p> - -<p> -Mit trüben und düsteren Augen blickte Katerina sie -alle an und fand kein Wort zur Antwort. „Ich habe -mir selbst mein Verderben bereitet: ich hab ihn befreit!“ -Endlich aber sprach sie: „Ich habe keine Ruhe vor ihm. -Schon sind’s zehn Tage, daß ich bei euch in Kijew -bin, und mein Schmerz ist um keinen Tropfen geringer. -Ich hab mir gedacht, ich will nun in aller Stille mein -Söhnchen als Rächer aufziehen ...... O, furchtbar, -furchtbar war er, wie er mir im Traume erschien. -Behüt euch Gott davor, ihn je zu erblicken! Mein Herz -pocht noch immer!“ — „Ich hack dir dein Kind in -Stücke, Katerina!“ schrie er, „wenn du nicht mein Weib -sein willst! ....“ Schluchzend stürzte sie sich auf -die Wiege, daß das erschrockene Kindlein die Hände ausstreckte -und zu schreien begann. -</p> - -<p> -Des Jessauls Sohn brauste zornig auf, als er diese -Rede hörte. -</p> - -<p> -Auch Gorobetz, der Jessaul, raste vor Wut: „Mag -er’s nur wagen, hierher zu kommen, der gottlose Antichrist -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -— er soll die Kraft meiner alten Kosakenarme -kosten. Gott ist mein Zeuge!“ rief er und hob die -scharf blickenden Augen gen Himmel empor. „Bin ich -denn Bruder Danilo nicht zu Hilfe geeilt? Doch es -war Gottes heiliger Wille! Ich traf ihn schon auf dem -kalten Lager, darauf schon so viel Kosakenvolk sich gebettet. -Hat man ihm zu Ehren nicht dafür einen prächtigen -Leichenschmaus gefeiert? Ist etwa auch nur ein -Pole lebend entkommen? Sei ruhig, mein Kind! Niemand -wird es wagen, dich zu berühren, solange wir -leben, ich und mein Sohn!“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten trat der alte Jessaul an die -Wiege. Das Kindchen erblickte die rote Pfeife mit der -silbernen Fassung am Riemen und den Beutel mit dem -glänzenden Feuerstein, streckte die Händchen zu ihm hin -und lachte. „Der wird ganz wie der Vater!“ sprach der -alte Jessaul, nahm die Pfeife aus dem Munde und -reichte sie dem Kinde hin. „Noch hat er die Wiege -nicht verlassen und schon will er ein Pfeifchen rauchen!“ -</p> - -<p> -Katerina seufzte leise auf und begann die Wiege zu -schaukeln. Man verabredete sich, die Nacht gemeinsam -zu verbringen; nach einer kurzen Weile schliefen alle, und -auch Katerina schlummerte bald ein. -</p> - -<p> -Im Hofe und in der Stube war alles still, nur die -Kosaken, die Wache hielten, schlummerten nicht. Plötzlich -wachte Katerina mit einem Schrei auf, und mit ihr -erwachten alle aus ihrem Schlummer. „Er ist tot, man -hat ihn ermordet!“ schrie sie und stürzte zur Wiege -hin ..... Alle umringten die Wiege und -waren starr vor Entsetzen, als sie das leblose Kind -daliegen sahen. Keiner sprach ein Wort und niemand -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -wußte, was er von dem unerhörten Frevel denken -sollte. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-12"> -XII. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">ern</span> vom Lande der Ukraine, wenn man das -Polenreich durchreist und schon die volkreiche -Stadt Lemberg hinter sich hat, stößt man auf -eine Gebirgskette mit hohen Gipfeln. Berg an Berg -umklammern hier von rechts und links wie mit steinernen -Ketten die Erde und schmieden sie in einen Felsenring, -damit das brausende tosende Meer nicht hereinbreche. -Die Felsenketten ziehen sich bis in die Wallachei und -das Siebengebirge hinein, und ragen wie ein gigantisches -Hufeisen zwischen Galiziens und Ungarns Völkern -empor. Solche Berge gibt’s in unserer Gegend nicht, -und das Auge wagt es nicht, sie zu umspannen. Einige -von diesen Gipfeln hat noch kein menschlicher Fuß betreten. -Wie ein Mirakel sind sie zu schauen: gleich als -wäre ein trotziges Meer während eines Sturmes seinen -weiten Ufern entflohen und als hätte es mißgestalte -Wogen aufgetürmt, die dann zu Stein geworden, steil -in der Luft emporstarrten. Oder sind es schwarze Wolken, -die vom Himmel herabgestürzt sind und den Weg zur -Erde versperrt haben? Denn ihre Farbe ist ebenso grau -wie die der Wolken, und der weiße Gipfel blitzt und -funkelt in der Sonne. Bis zu den Karpathen hin hört -man die russische Zunge, und auch hinter den Bergen -hallt’s hie und da wieder wie ein Klang aus der Heimat; -doch dann kommen Menschen mit einem andern Glauben -und einer fremden Sprache. Hier lebt das zahlreiche -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -Volk der Ungarn; die reiten, fechten und trinken nicht -schlechter als die Kosaken und kargen nicht, wenn’s gilt, -goldene Dukaten für Pferdegeschirr und kostbare Kaftans -aus dem Beutel zu holen. Groß und frei liegen ihre -Seen zwischen den Bergen. Unbeweglich wie Glas sind -sie, und wie ein Spiegel werfen sie die nackten Gipfel -der Berge und die grünende Sohle zurück. -</p> - -<p> -Doch wer kommt dort inmitten der Nacht — bei -Finsternis oder Sternenglanz — auf dem riesigen Rappen -daher geritten? Welch ein Recke von übermenschlichem -Körpermaß fegt die Berge entlang und über die Seen -dahin und spiegelt sich samt seinem Riesenroß in den -leblosen Gewässern, daß sein unermeßlicher Schatten -furchtbar über die Berge hinhuscht? Es glänzt der -Harnisch von herrlichem Schmiedeeisen; er trägt eine Pike -auf der Schulter, am Sattel rasselt der Säbel, das -Visier ist niedergelassen, schwarz hängt ihm der Schnurrbart -herab, die Augen sind geschlossen, und die Lider gesenkt. -— Er schläft und hält im Schlafe die Zügel fest, -hinter ihm auf demselben Roß sitzt der junge Page und -auch er schläft und klammert sich schlafend an den Ritter. -Wer ist er, wo reitet er hin und zu welchem Ziele? Wer -weiß etwas von ihm? Nicht einen Tag nur oder zwei -reitet er schon über die Berge dahin. Der Tag bricht -an, die Sonne geht auf, aber <em>er</em> ist nicht zu erblicken. -Nur selten sehen die Bergbewohner einen langen Schatten -durch die Berge huschen — und doch ist der Himmel -ganz klar, und keine Wolke zieht über ihn hin. Aber -kaum bricht die Nacht an und mit ihr die Finsternis, so -läßt er sich wieder sehen; dann spiegelt er sich in den -Seen, und hinter ihm kommt zitternd sein Schatten -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -einher gesprungen. Schon ist er an vielen Bergen vorbeigekommen -und selbst auf den Kriwan ist er hinaufgeritten. -Und doch ist in den Karpathen kein Berg höher -als dieser, denn einem Könige gleich erhebt er sich über -die andern. Da machte Roß und Reiter Halt; -tiefer noch sank er in Schlaf, und herabsinkende Wolken -bedeckten ihn. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-13"> -XIII. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>P</span><span class="postfirstchar">st</span> ... still doch, Weib! Lärme nicht so! Mein -Kind ist eingeschlafen. Lang hat mein Kindchen -geschrien, jetzt aber schläft es. Ich geh’ -in den Wald, Weib! Was siehst du mich denn so an? -Du bist fürchterlich: eiserne Zangen strecken sich aus -deinen Augen hervor — — oh, und wie lang sie sind, -und brennen wie Feuer! Du bist gewiß eine Hexe! -Hör, wenn du eine Hexe bist, so verschwinde! Du willst -mir meinen Sohn stehlen! Wie töricht ist doch dieser -Jessaul: er glaubt, es machte mir Vergnügen, in Kijew -zu leben; doch nein, mein Mann und mein Sohn sind -hier, wer soll denn das Haus überwachen? Ich bin so -leise davongeschlichen, daß weder Katze noch Hund es -hören konnten. Weib, du willst wieder jung werden? -O, das ist garnicht so schwer: man muß nur recht viel -tanzen. Schau, wie ich tanze .....“ Und nachdem -sie diese zusammenhanglosen Worte gesprochen hatte, -fing Katerina an zu tanzen, sie drehte sich wie ein -Wirbel herum — blickte stier nach allen Seiten, stemmte -die Arme in die Hüften, und ihre silbernen Hufeisen -klirrten regellos und ohne Takt. Ihre schwarzen -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -aufgelösten Flechten hingen ihr über den weißen Hals -hinüber, sie schwirrte wie ein Vogel dahin, weiter und -immer weiter ohne Halt, schwang die Arme im Kreise, -schüttelte den Kopf, und es schien so, als müßte sie gleich -matt zu Boden sinken oder weit hinausfliegen aus -dieser Welt. -</p> - -<p> -Traurig stand die alte Amme vor ihr, und die Tränen -strömten ihr über die tiefen Runzeln hinab, schwer wie -ein Stein lastete es auf dem Herzen der treuen Burschen, -die zusehen mußten, wie ihre Herrin tanzte. Doch schon -fing sie an, müde zu werden, träg stampfte sie mit den -Beinen auf ein und derselben Stelle herum und glaubte -doch, sie tanze den Lachtaubentanz. „Ah, ich hab’ auch -ein Perlenhalsband, ihr Burschen!“ rief sie endlich aus -und hielt inne. „Ihr aber habt keins! .... Wo ist -mein Mann?“ schrie sie plötzlich auf und zog rasch einen -Türkendolch aus dem Gürtel. „Oh, das ist kein Messer, -wie ich es brauche!“ und dabei flossen ihr die Tränen -über ihr schmerzbewegtes Gesicht. „Das Herz meines -Vaters ist weit, weit von hier, und dieses Messer wird’s -nicht erreichen. Sein Herz ist von Eisen, eine Hexe hat -es ihm auf dem höllischen Feuer geschmiedet. Warum -erscheint mein Vater nur nicht? Weiß er denn nicht, -daß die Zeit gekommen ist, wo ich ihn töten muß? -Er will wohl gar, daß ich selbst zu ihm komme ....“ -Und ohne ihre Rede vollendet zu haben, lachte sie seltsam -auf. „Eine komische Mär kam mir in den Sinn: -Ich erinnerte mich, wie sie mir den Gemahl begruben. -Sie haben ihn lebendig begraben ... O, wie mußte -ich lachen! ...... Hört, hört!“ und statt weiterzureden, -begann sie ein Lied zu singen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> - <p class="verse">Da fährt ’ne Karre im Blut .....</p> - <p class="verse">’S liegt ein Kosak im Wagen</p> - <p class="verse">Zerschossen und zerschlagen,</p> - <p class="verse">Hält in der Rechten einen Spieß,</p> - <p class="verse">Und von dem Spieß läuft soviel Blut</p> - <p class="verse3">Soviel Blut,</p> - <p class="verse">Daß es ’nen Blutstrom wies.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Überm Bach da steht ein Ahornschragen</p> - <p class="verse">Und ein Rabe krächzt darüber her.</p> - <p class="verse">Vom Kosaken will die Mutter klagen,</p> - <p class="verse">Wein nicht, Mutter, gräm dich nicht zu sehr!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dein Sohn hat wohl genommen</p> - <p class="verse">Ein Fräuleinchen gar fein,</p> - <p class="verse">Drum soll er auch bekommen</p> - <p class="verse">Ein Stübchen eng und klein,</p> - <p class="verse">Ohne Fenster, ohne Tür,</p> - <p class="verse">So geht’s immer für und für.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ging ein Fisch mit ’nem Krebs zu Tanz ...</p> - <p class="verse">Wer mich nicht leiden mag, den soll der Kuckuck ..</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -So wirrten sich bei ihr alle Lieder durcheinander. -Schon einen oder zwei Tage lang lebte sie in ihrem -Hause und wollte nichts von Kijew hören; sie betete -nicht, sie floh vor den Menschen und vom frühen Morgen -bis in die späte Nacht hinein streifte sie im dunklen -Eichwald umher. Spitzige Äste ritzten ihr weißes Gesicht -und ihre Schultern, der Wind zerzauste ihr die -aufgelösten Flechten, das Herbstlaub raschelte unter ihren -Füßen — sie aber achtete es nicht. Zu der Stunde, -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -da das Abendrot erlischt, die Sterne noch nicht vom -Himmel herab blinken und der Mond noch nicht leuchtet, -ist es voll Grauen, durch den Wald zu wandern. Die -ungetauften Kinder kratzen an den Baumstämmen, hangen -an den Zweigen, heulen, lachen gellend auf und wälzen -sich wie ein Knäuel über die Wege und durch das dichte -Dornengestrüpp; den Fluten des Dnjepr entsteigt ein -Reigen von Jungfrauen, die selbst ihre Seele verderbten, -die Haare rieseln ihnen vom grünlichen Haupte auf die -Schultern herab; das Wasser rinnt laut glucksend vom -langen Haare hinunter, und der Leib der Jungfrau -schimmert durchs Wasser hindurch wie durch ein gläsernes -Hemd, seltsam lächeln die Lippen, die Wangen glühen, -die Blicke locken einem die Seele aus dem Leibe .... -sie möchte in Liebe entbrennen, sie sehnt sich nach heißen -Küssen .... Fliehe, der du ein Mensch bist und ein -Christ, ihre Lippen sind Eis, ihr Bett ist das kühle -Wasser, sie wird dich zu Tode kitzeln und dich mit in -den Fluß schleifen. Katerina aber blickt niemanden an. -Sie, die Wahnsinnige, fürchtet die Waldgeister und Wasserjungfrauen -nicht; zu später Stunde läuft sie umher mit -dem Dolche im Busen und sucht nach dem Vater. -</p> - -<p> -Ganz früh am Morgen kam ein stattlicher Gast in -rotem Schupan angeritten und fragte nach Pan Danilo; -als er die traurige Kunde vernahm, wischte er sich die -weinenden Augen mit dem Ärmel und zuckte die Achseln. -Er habe manch einen Feldzug mit dem verstorbenen -Burulbasch gemacht, und sie hätten gemeinsam gegen die -Krimschen Tataren und Türken gefochten; wie hätt’ er -erwarten können, daß Pan Danilo so enden würde! -Und noch von manchem anderen wußte der Gast zu -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -berichten, und dann wünschte er Pani Katerina zu -sehen. -</p> - -<p> -Katerina achtete zuerst nicht darauf, was der Gast -erzählte; schließlich aber begann sie dennoch, seinen Reden -zu lauschen, ganz als ob sie bei Vernunft wäre. Er -sprach davon, daß er und Danilo miteinander wie Brüder -gelebt, wie sie sich einst hinter einem Damm vor den -Krimschen Tataren versteckt hielten und mehr dergleichen -....... Katerina hörte dies alles und -wandte keinen Blick von ihm ab. -</p> - -<p> -„Sie kommt wieder zu sich,“ dachten die Burschen, -die sie aufmerksam beobachteten. „Der Gast wird sie -heilen! Schon hört sie ihm zu wie ein vernünftiges -Wesen!“ -</p> - -<p> -Unterdessen aber begann der Gast zu berichten, wie -Pan Danilo ihm in vertraulicher Stunde gesagt hatte: -„Sieh, Bruder Koprian: ist es einmal Gottes Wille, -und ich bin nicht mehr unter den Lebenden, dann nimm -mein Weib zu dir, und sie soll deine Gattin sein ....“ -</p> - -<p> -Da heftete Katerina die Augen mit einem fürchterlichen -Ausdruck auf ihn. „Ah!“ rief sie, „er ist es, er -ist es. Es ist mein Vater!“ und sie stürzte sich mit -einem Messer auf ihn. -</p> - -<p> -Lange rang jener mit ihr und wollte ihr das Messer -entwinden; endlich riß er ihr’s aus den Händen, holte -aus — und die schaurige Tat geschah: der Vater erstach -seine wahnsinnige Tochter. -</p> - -<p> -Entsetzt stürzten sich die Kosaken auf ihn, aber der -Zauberer schwang sich aufs Pferd und war aller Blicken -entschwunden. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-14"> -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -XIV. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> Kijew begab sich ein unerhörtes Wunder. -Alle hohen Herren und Hetmans kamen zusammen, -dies Wunder anzustaunen, und plötzlich -war es weithin zu sehen bis an alle Enden der Welt. -Weit in der Ferne blaute die breite Mündung des Stroms, -und hinter ihr rollte das Schwarze Meer. Weltkundige -Leute wollten auch die Krim erkennen, die wie -ein Berg aus dem Meere emporstieg, und auch den -sumpfigen Siwasch erkannten sie. Zur Linken aber sah -man das galizische Land. -</p> - -<p> -„Und was ist <em>das</em>?“ fragte das versammelte Volk -die großen Männer, und alle wiesen auf die fern am -Himmel leuchtenden mächtigen weißen Spitzen, die grauen -Wolken glichen. -</p> - -<p> -„Das sind die Karpathen!“ sprachen die alten Männer. -„Da gibt’s auch solche darunter, von denen der Schnee -nie verschwindet; dort landen und übernachten die Wolken.“ -</p> - -<p> -Und nun geschah ein neues Wunder: die Wolken -senkten sich vom höchsten Berggipfel herab, und auf -seiner Spitze erschien ein Recke zu Roß und in voller -Ritterrüstung; seine Augen waren geschlossen, und er -war zu schauen, als ob er ganz in der Nähe vor allen -dastände. -</p> - -<p> -Da sprang einer von der schreckvoll staunenden -Menge aufs Pferd und jagte eilig und so schnell er -konnte, fort. -</p> - -<p> -Er blickte wild um sich, als wollte er mit seinen -Augen prüfen, ob nicht jemand ihm nachsetzte. Es war -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -der Zauberer! Doch was hatte ihn so in Schrecken gesetzt? Als -er den wunderbaren Ritter betrachtete, hatte er plötzlich -dasselbe Gesicht erkannt, das ihm damals bei -seinen schwarzen Künsten so ungerufen erschienen war. -Er konnte es selbst nicht begreifen, warum bei diesem -Anblick alles in ihm zusammenschrak, und er raste, scheu -um sich blickend, auf seinem Rosse dahin, bis ihn der -Abend überraschte und die Sterne am Himmel erschienen. -Da erst machte er kehrt und floh heimwärts, vielleicht -um die unreinen Mächte zu befragen, was dies Wunder -wohl zu bedeuten hatte. Schon wollte er mit dem -Roß über den schmalen Bach setzen, der wie ein Ärmel -sich mitten über den Weg dahinzog, als sein Roß mit -einem Male gerad vor dem Sprunge anhielt, das Maul -zu ihm wandte, und — o Wunder! — zu lachen -begann. Zwei Reihen weißer Zähne grinsten ihm aus -der Dunkelheit entgegen. Das Haar sträubte sich auf -dem Haupte des Zauberers, er schrie wild auf, kreischte -laut wie ein Besessener und spornte sein Pferd stracks -auf Kijew zu. Es war ihm, als ob jemand von überall -her nach ihm haschte: die Bäume schienen zu einem -dichten Wald zusammenzulaufen und ihn einzuschließen, -sie schüttelten ihre schwarzen Bärte und reckten ihre -langen Zweige heraus, als ob sie lebendig wären und -ihn erdrosseln wollten. Die Sterne schienen ihm vorauszueilen -und vor der ganzen Welt auf den Sünder zu -weisen; selbst die Landstraße, schien ihm, jagte auf -seinen Spuren hinter ihm her. -</p> - -<p> -Und der Zauberer floh voller Verzweiflung nach den -heiligen Wallfahrtsorten der Stadt Kijew. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-15"> -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -XV. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> Anachoret saß einsam in seiner Höhle vor einer -Leuchte und wandte seine Blicke nicht von dem -heiligen Buche ab, das vor ihm lag. Seit -vielen Jahren schon hatte er sich in der Höhle eingeschlossen -und schon hatte er sich den hölzernen Sarg -gezimmert, in dem er zu ruhen pflegte, wie in einem -Bett. Der heilige Greis schloß eben das Buch und begann -zu beten .... Da stürzte plötzlich ein Mann -von seltsamem und <a id="corr-38"></a>schrecklichem Äußeren herein. Zum -ersten Male erstaunte der heilige Einsiedler und trat -einen Schritt zurück vor diesem Menschen. Der aber -bebte am ganzen Leibe wie Espenlaub, seine Augen -irrten wild umher; ein schreckliches Feuer glomm furchtsam -in ihnen, und sein verzerrtes Gesicht machte die -Seele erschauern. -</p> - -<p> -„Bete, Vater! So bete doch!“ schrie er verzweifelt. -„Bete für eine verlorene Seele!“ Und er stürzte zu -Boden. -</p> - -<p> -Der heilige Anachoret machte das Zeichen des Kreuzes, -holte das Buch hervor, schlug es auf, aber er wich entsetzt -zurück und ließ das Buch wieder herabsinken. „Nein, -du unerhörter Sünder! Es gibt keine Gnade für dich! -Flieh von hinnen! Nie vermag ich für dich zu beten!“ -</p> - -<p> -„Nie!“ schrie der Sünder wie toll. -</p> - -<p> -„Blick hin: die heiligen Lettern dieses Buches sind -blutüberströmt .... noch niemals hat die Welt einen -solchen Sünder gesehen.“ -</p> - -<p> -„Vater! Du spottest über mich!“ -</p> - -<p> -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -„Geh, du gottverdammter Sünder! Ich spotte -nicht. Angst ergreift mich. Nichts Gutes bedeutet es -für einen Menschen, in deiner Nähe zu weilen.“ -</p> - -<p> -„Nein, nein! Du spottest, rede nicht .... Ich -sehe, wie dein Mund sich öffnet und mich die weißen -Reihen deiner alten Zähne spöttisch anblicken!“ -</p> - -<p> -Und er sprang rasend vor — und erschlug den heiligen -Einsiedler. -</p> - -<p> -Da stöhnte etwas schwer auf, und das Stöhnen -hallte durch Feld und Wald weiter. Hinter dem Walde -streckten sich ein Paar dürre hagere Hände mit langen -Krallen hervor, fingen an zu beben und verschwanden -wieder. -</p> - -<p> -Und schon war keine Angst mehr da, und er fühlte -nichts mehr. Alles erschien ihm verschwommen: -in seinen Ohren sauste es, es rauschte ihm im Kopfe -wie wenn er trunken wäre. Er sprang aufs Roß -und ritt gen Kanew, von dort gedachte er seinen -Weg über Tscherkany geradeaus zu den Tataren und -nach der Krim zu lenken, doch wußte er selbst nicht, zu -welchem Zweck er es tat. Er ritt einen Tag lang und -ritt einen zweiten, aber Kanew wollte sich immer noch -nicht sehen lassen. Es war der richtige Weg, und er -hätte schon längst in Kanew sein müssen, aber die -Stadt wurde und wurde nicht sichtbar. Da leuchteten -plötzlich in der Ferne die Kuppeln von Kirchen auf, aber -es war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der Zauberer -war aufs höchste betroffen, als er sah, daß er eine -falsche Richtung eingeschlagen hatte; er jagte sein Roß -zurück auf Kijew zu, und einen Tag später tauchte eine -Stadt vor ihm auf, aber es war wieder nicht Kijew, -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -sondern Halitsch, eine Stadt, die noch weiter von Kijew -entfernt ist als selbst Schumsk und schon nahe bei Ungarn -liegt. Ohne zu wissen, was er tun sollte, riß er -sein Pferd wieder herum. Aber wiederum fühlte er, daß -er in der entgegengesetzten Richtung dahinritt, und immer -weiter und weiter. Kein Mensch in der Welt -hätte sagen können, was in der Seele des Zauberers -vorging; und hätte jemand hinein geblickt und gesehen, -was dort geschah, so hätte er keine Nacht mehr ruhig -geschlafen, und nie hätt’ er mehr gelacht. Das war -nicht Wut, nicht Furcht noch wilder Groll. Es gibt -kein Wort dafür in der Welt. Es glühte und siedete -in ihm, die ganze Welt hätte er mit seinem Rosse -zerstampfen, die ganze Erde von Kijew bis Halitsch -mitsamt all den Menschen und allem, was drauf -lebte, packen, und sie im Schwarzen Meere ertränken -mögen. Doch war es nicht Grimm, warum er -dies tun wollte, er wußte selbst nicht warum. Und -er erbebte, als ganz nahe vor ihm die Karpathen und -der hohe Kriwan erschienen, der sich eine schwarze -Wolke wie eine Mütze auf seinen Schädel gestülpt -hatte; aber das Roß jagte immer weiter dahin und -trabte schließlich bis ins Gebirge. Plötzlich verschwanden -die Wolken und vor ihm erschien in furchtbarer Erhabenheit -der Reiter ..... Der Zauberer mühte -sich, Halt zu machen und zog die Zügel straff, aber das -Roß wieherte wild, warf den Kopf empor und raste -dem Ritter entgegen. Da ward dem Zauberer zumute, -als ob alles in ihm erstarrte und ihm schien, der regungslose -Ritter rührte sich vom Fleck; er machte auf einmal -die Augen weit auf, sah den ihm entgegeneilenden -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -Zauberer an und lacht laut auf. Wie ein -Donner rollte das wilde Gelächter durchs Gebirge, hallte -dröhnend im Herzen des Zauberers wieder und erschütterte -sein ganzes Innere. Es schien ihm, als ob ein furchtbares, -gewaltiges Wesen in ihn hineingekrochen wäre -und in seinem Inneren umherwandere, auf sein Herz -und alle seine Sehnen loshämmerte, so gewaltig hallte -das Gelächter in ihm wieder! -</p> - -<p> -Der Reiter packte den Zauberer mit seiner schrecklichen -Hand und hob ihn hoch in die Lüfte, und im -Nu war der Zauberer tot, doch er öffnete nach dem -Tode noch die Augen; aber schon war er ein Leichnam -und sah wie ein Toter vor sich hin. So fürchterlich -blickt kein Lebender und auch kein Auferstandener. Er -rollte die blinden Augen nach allen Seiten, und er sah, -wie sich die Toten in Kijew, Galizien und in den Karpaten -erhoben, und sie alle glichen ihm von Angesicht, -wie zwei Tropfen Wasser einander gleichen. -</p> - -<p> -Bleich, totenbleich, der eine den anderen an Größe -überragend, und der eine knochiger als der andere, so -drängten sie sich um den Ritter, der seine furchtbare -Beute in der Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter -auf und dann schleuderte er sie in den Abgrund. Und -alle Toten sprangen in den Abgrund herab, fingen den -toten Zauberer auf und bohrten ihre Zähne in ihn hinein. -Aber da war noch einer, der größer und furchtbarer -war als alle; der wollte sich auch aus der Erde erheben, -doch er vermochte es nicht, er hatte nicht mehr die Kraft, -es zu tun. — So riesengroß war er geworden in seiner -Erdengrube; hätte er sich erhoben, so hätte er die Karpathen -umgestürzt und das Siebengebirge und das Türkenreich -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -dazu. Ein wenig nur rührte er sich im Grabe — -und es ging ein Beben über die ganze Erde, viele Häuser -wurden allerorten umgeworfen, und viele Menschen erstickten. -</p> - -<p> -Oft hört man in den Karpathen ein Schnauben, wie -wenn das Wasser über tausend Mühlräder dahinrauscht: -das sind die Toten, die in einem Abgrund, dem man -nicht entrinnen kann und den noch nie ein Mensch -gesehen hat, an einem Leichnam nagen, und jeden graut -es, vorbeizugehen. Gar oft geschieht es, daß die Erde -von einem Ende bis zum andern erbebt: das kommt, wie -die Schriftgelehrten sagen, daher, daß irgendwo, in der -Nähe des Meeres ein Berg steht; aus dem schlagen -Flammen und fließen brennende Ströme hervor. Aber -die greisen Männer im Ungarlande und auch in Galizien -wissen es besser und erzählen von dem ungeheueren Toten, -der in die Erde hineinwuchs, sich erheben will und so -das Weltall erschüttert. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-3-16"> -XVI. -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um -einen greisen Harfenspieler geschart und lauschte -wohl schon eine Stunde lang dem Spiele des -Blinden. Kein Harfenspieler hatte je so wundersame -Lieder, so herrlich hatte noch nie ein Harfenspieler gesungen. -Er sang von den Hetmans der alten Zeiten: -von dem Sagajdatschny und von Chmelnitzki. Ja, das -war eine andere Zeit: weit berühmt und geehrt waren -damals die Kosaken; sie zertraten ihre Feinde mit den -Hufen ihrer Rosse, und niemand wagte es, ihrer zu -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -spotten. Aber der Greis sang auch lustige Lieder und -er ließ seine Augen im Kreise umherwandern wie ein -Sehender, und die Finger mit den Knochenstäbchen flogen -wie Fliegen über die Saiten, sodaß die Saiten von -selbst zu spielen schienen; und ringsherum stand das -Volk, — die Greise gesenkten Hauptes, und die Jungen, -die Augen zum Sänger erhoben, und wagten es nicht -einmal, untereinander zu flüstern. -</p> - -<p> -„Wartet einmal!“ sprach der Alte. „Ich will euch -singen von einer längstvergangnen Begebenheit.“ -</p> - -<p> -Die Leute drängten sich noch enger zusammen, und -der Blinde begann: -</p> - -<p> -Zur Zeit Pan Stephans, des Fürsten von Siebenbürgen -(der Fürst von Siebenbürgen war auch König -der Polen), da lebten einmal zwei Kosaken: Iwan und -Petro. Sie lebten wie zwei Brüder. „Hör, Iwan,“ -sagte Petro einst, „alles, was wir erbeuten, — sei zu -gleichen Teilen unter uns geteilt; des einen Freude sei -des andern Freude und des einen Kummer sei des andern -Schmerz; des einen Beute soll auch dem anderen zukommen, -und wenn der eine in Gefangenschaft gerät, -soll der andere alles verkaufen und Lösegeld zahlen, oder -selbst in Gefangenschaft gehen.“ Und so geschah’s auch, -alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie untereinander: -ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder -Pferde — sie teilten alles zu gleichen Teilen unter sich. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Einst führte König Stephan Krieg mit dem Türkenvolk. -Drei Wochen schon focht er gegen den Türken -und konnte ihn immer noch nicht vertreiben. Die Türken -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -aber hatten einen Pascha, der ganz allein mit zehn Janitscharen -ein ganzes Heer in die Flucht schlagen -konnte. Da tat König Stephan kund, wenn sich ein -Wagehals fände, der ihm den Pascha lebend oder tot -brächte, so wolle er ihm allein einen so hohen Lohn -bezahlen, wie den, den er seinem ganzen Heere zukommen -ließ. Da sprach Iwan zu Petro: „Komm, Herzensbruder, -wir wollen den Pascha fangen!“ Und die Kosaken -ritten davon: der eine hierhin, der andere dorthin. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Ob ihn Petro nun gefangen hätte oder nicht, das -läßt sich nicht sagen, doch schon führt Iwan den Pascha -an einem Strick um den Hals vor den König. „Tapfrer -Kosak,“ sprach König Stephan und ließ ihm allein soviel -Lohn ausbezahlen, als sonst sein ganzes Heer erhielt; -und er hieß ihm Land zuzuteilen, wo er welches haben -wollte, und Vieh schenken, soviel er nur wünschte. Wie -Iwan nun den Lohn vom König erhalten hatte, teilte -er ihn noch am selbigen Tage zu gleichen Teilen unter -sich und Petro. Petro bekam die Hälfte vom Lohne -des Königs, aber der konnte es nicht verwinden, daß -Iwan vom Könige solche Ehren zuteil geworden waren, -und in den Tiefen seiner Seele regten sich Rachegedanken. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Einst ritten die beiden Ritter jenseits der Karpathen -durch das Land, das der König ihnen geschenkt hatte, -und der Kosak Iwan hatte auch seinen Sohn neben sich -auf dem Roß sitzen und ihn fest an sich gebunden. -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -Schon senkte sich die Dämmerung aufs Land herab — -sie aber ritten immer weiter und weiter. Der Knabe -schlief, und auch Iwan fing an einzuschlummern. „Schlaf -nicht, Kosak, denn gefahrvoll sind die Pfade in den -Bergen!“ .... Doch der Kosak hatte ein Pferd, das -alle Wege kannte, und nie stolperte oder strauchelte es. -Ein Abgrund lag tief zwischen den Bergen versenkt, -und noch niemand hatte den Grund des Schlundes -gesehen, denn so hoch es von der Erde bis zum Himmel -ist, so tief ist es bis zum Grunde jener Schlucht. Über -den Abgrund führte ein Steg — über dem noch gerade -zwei Menschen hinweg reiten konnten, nicht aber drei. -Behutsam schritt das Roß mit dem schlummernden -Kosaken über den Steg. An seiner Seite aber ritt -Petro, er bebte am ganzen Leibe und hielt vor Freude -den Atem an, und nun blickte er um sich, stieß seinen -selbst erkorenen Bruder in den Abgrund hinab, und das -Roß stürzte mitsamt dem Kosaken und dem Kinde in -die Tiefe. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Doch der Kosak vermochte noch einen Ast zu erfassen, -und das Pferd stürzte allein hinab. So begann -er denn, mit seinem Sohne auf dem Rücken, in die -Höhe zu klimmen; und er war schon beinahe ganz oben, -da erhob er die Augen und sah, wie Petro mit seiner -Pike nach ihm zielte, um ihn wieder hinabzustoßen. -„O, du gerechter Gott! Hätte ich doch lieber nicht die Augen -erhoben; warum muß ich jetzt sehn, wie mein erkorener Bruder -mit der Pike nach mir zielt, um mich wieder hinabzustoßen. -O, lieber Bruder! Stich zu mit der Pike, wenn’s mir -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -denn schon so beschieden ist, nur nimm meinen Sohn -zu dir: was hat das unschuldige Kind denn getan, daß -es solch grimmen Tod erleiden soll?“ Da lachte Petro, -stieß mit der Pike nach ihm, und der Kosak flog samt -dem Knaben in den Abgrund hinab. Und Petro nahm -all sein Hab und Gut an sich, und lebte dahin wie ein -Pascha. Niemand hatte solche Viehherden wie Petro, -und nirgends gab’s so viel Schafe und Hammel, wie er -besaß. Doch eines Tages starb Petro. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Als Petro tot war, rief Gott die Seele der beiden -Brüder, Petro und Iwan, vor Gericht. „Dieser Mensch -ist ein großer Sünder!“ sprach Gott. „Iwan! Ich -weiß keine Strafe, die groß genug für ihn wäre; -wähle du sie!“ Lang grübelte Iwan nach, um eine -Strafe zu ersinnen, und endlich sprach er: „Dieser Mensch -hat mir einen großen Schmerz zugefügt: er hat seinen -Bruder verraten wie ein Judas, und er hat mich meines -edlen Geschlechts beraubt und meiner Nachkommenschaft -auf Erden, und ein Mensch ohne ehrlich Geschlecht und -ohne Nachkommen ist wie ein Getreidekorn, das man -auf die Erde wirft, und das in der Erde umkommt. -Da gibt’s keine Saat, und niemand erfährt je, daß ein -Same ausgesät ward.“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -„So tu denn also, o Gott, daß sein ganzes Geschlecht -auf Erden kein Glück habe und daß der letzte seines -Geschlechts solch ein Bösewicht werde, wie es noch nie -einen in der Welt gab: seine Ahnen und Urahnen mögen -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -durch jede seiner Freveltaten aus der Ruhe ihrer Gräber -aufgestört werden, und in Qualen, wie die Welt sie -nicht kennt, ihren Gräbern entsteigen! Der Judas Petro -aber soll nicht die Kraft haben, sich zu erheben, auf daß -noch viel größere Martern ihn peinigen; wütend soll er -Erde fressen und sich wie ein Rasender unter der Erde -winden!“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -„Und wenn das Maß der Freveltaten jenes Menschen -voll ist, Gott, so erhebe mich mitsamt meinem Roß aus -jenem Schlunde bis auf den höchsten Berg, dann soll jener -zu mir kommen, und ich will ihn von dem Berge in -den tiefen Abgrund stürzen, und alle Toten, seine Ahnen -und Urahnen, sie sollen herbeieilen von allen Enden der -Welt, wo sie auch bei Lebzeiten geweilet haben mögen, -und an ihm nagen zum Dank für die Qualen, die er -ihnen zugefügt; ewiglich sollen sie an ihm nagen, ich -aber werde mich freuen beim Anblick seiner Qualen. -Der Judas Petro aber soll sich nicht aus der Erde erheben -können, er soll <em>auch</em> den Wunsch haben, an dem -andren zu nagen, aber er mag an sich selbst nagen, -und seine Knochen sollen immer größer werden und -höher empor wachsen, auf daß darob seine Qual noch -stärker werde. Diese Qual ist die fürchterlichste von -allen; denn es gibt keine größere Folter für den Menschen, -als sich rächen zu wollen und nicht rächen zu -können.“ -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -„Furchtbar fürwahr ist die Strafe, die du ersonnen, -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -o Mensch!“ sprach da Gott. „Und alles möge so geschehen, -wie du es gesprochen; aber auch du sitze nun -ewiglich dort zu Pferde, und das Himmelreich sei dir -nicht beschieden, solange du noch dort auf deinem Rosse -sitzen mußt!“ Und alles geschah, wie es gesagt ward: -auch heute noch steht der wunderbare Ritter auf dem -Karpathenberge und sieht im bodenlosen Schlunde die -Toten an einem Leichnam nagen, und er fühlt, wie der -Leichnam unter der Erde wächst, wie er in furchtbarer -Pein an den eigenen Knochen nagt und schrecklich die -Erde erschüttert ........ -</p> - -<p> -Der Blinde hatte sein Lied beendet, schon fing er -von neuem an, die Saiten zu zupfen und schon begann -er wieder ergötzliche Märlein von Choma und Jerjoma, -und von Stkljar Stokosa zu singen ... aber Alt und -Jung konnten noch immer nicht zu sich kommen, und -lange noch standen sie mit gesenktem Haupte da, in -tiefes Sinnen versunken über die schreckliche Tat aus -<a id="corr-42"></a>vergangenen Zeiten. -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-3-4"> -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -Iwan Fjodorowitsch Schponjka<br /> -und seine Tante -</h3> - -<p class="pbb first"> -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert: -erzählt hat sie uns Stepan Iwanowitsch -Kurotschka aus Gadjatsch. Nun muß ich euch -vermelden, daß mein Gedächtnis ganz unmöglich schlecht ist: -ob mir einer was sagt oder nicht, das kommt ganz auf dasselbe -hinaus, es ist genau so, als wenn man Wasser in ein -Sieb gießt. Weil ich aber meinen Fehler kenne, so -habe ich ihn gebeten, die Geschichte in ein Heftchen -einzutragen. Gott schenke ihm ein langes Leben, er hat -sich mir gegenüber immer als guter Mensch erwiesen, -und so hat er die <a id="corr-43"></a>Geschichte denn auch wirklich aufgeschrieben. -Nun gut. Ich legte also das Heftchen in -das kleine Tischchen: — Ich glaube, ihr kennt es alle, -es steht gleich in der Ecke, wenn man zur Tür hereinkommt -..... Ja, da hab’ ich richtig vergessen, daß -ihr noch niemals bei mir wart! Meine Alte, mit der -ich schon an die dreißig Jahre zusammen lebe, hat, — -was soll ich ein Hehl daraus machen, — ihr Lebtag nichts -vom Lesen verstanden. Einmal bemerkte ich nun, wie -sie Küchel auf Papier bäckt. Diese Küchelchen kann sie -nämlich ganz wunderbar backen, lieber Leser; bessere -Küchel bekommt ihr sicherlich nirgends zu essen. -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -Wie ich mir nun so den Boden eines Küchelchens -anschaue, da finde ich plötzlich geschriebene Worte! Ich -laufe zum Tischchen, als ob mein Herz es geahnt hätte: -— vom Hefte ist kaum mehr als die Hälfte übrig! -Sie hatte sich alle übrigen Blätter für ihre Kuchen -weggeschleppt! Was sollte man da machen? Man -kann sich doch nicht auf seine alten Tage noch raufen! -Nun reiste ich aber im vorigen Jahre so einmal durch -Gadjatsch hindurch: noch, bevor ich in die Stadt kam, -hatte ich mir absichtlich einen Knoten ins Taschentuch -gemacht, um nicht zu vergessen, daß ich Stepan Iwanowitsch -meine Bitte vortragen wollte. Mehr noch, ich -nahm mir selbst das Versprechen ab: mich, sobald ich -in der Stadt niesen würde, daran zu erinnern. Aber -es war alles vergebens. Ich kam durch die Stadt, -nieste auch, schneuzte mich in mein Taschentuch und -vergaß es dennoch; erst als ich schon sechs Werst hinterm -Tor war, da fiel es mir wieder ein. Na, da war nichts -mehr zu machen, und so mußte die Geschichte denn -notgedrungen ohne Schluß abgedruckt werden. Übrigens, -wenn jemand unbedingt wissen will, wie diese Geschichte -weitergeht, braucht er nur nach Gadjatsch zu fahren -und bei Stepan Iwanowitsch vorzusprechen. Der wird -sie ihm mit dem größten Vergnügen von Anfang bis -zu Ende erzählen. Stepan Iwanowitsch wohnt nicht -weit von der steinernen Kirche. Da ist gleich so ein -kleines Gäßchen: sobald ihr in dies Gäßchen einbiegt, -ist’s der zweite oder dritte Torweg. Oder noch besser: -wenn ihr im Hofe eine lange Stange mit einer Wachtel -erblickt und euch ein dickes Weibsbild in einem grünen -Rocke entgegenkommt (nebenbei bemerkt, er führt ein -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -Junggesellenleben), so ist das sein Hof. Ihr könnt ihm -übrigens auch auf dem Markt begegnen, wo er jeden -Morgen bis gegen neun Uhr Fische oder Gemüse für -seinen Tisch einkauft und sich mit Vater Antip oder -mit dem jüdischen Händler unterhält. Ihr werdet ihn -sofort erkennen, denn niemand außer ihm trägt Hosen -aus bedruckter Leinewand oder einen gelben Nankingrock. -Oder, da habt ihr noch ein gutes Merkzeichen: wenn er -geht, so schlägt er mit den Armen um sich. Der -Assessor am Ort, Denis Petrowitsch, pflegte immer zu -sagen, wenn er ihn von ferne herankommen sah: „Seht, -seht doch, da kommt die Windmühle!“ -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-4-1"> -I.<br /> -Iwan Fjodorowitsch Schponjka -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> ist schon vier Jahre her, daß Iwan Fjodorowitsch -Schponjka Abschied vom Militär genommen hatte -und auf seinem Gutshof Wytrebenjki hauste. Als er -noch der kleine Iwan hieß, besuchte er die Kreisschule zu -Gadjatsch, und das muß man sagen, er war ein höchst -sittsamer und fleißiger Junge. Sein Lehrer in der russischen -Grammatik, Nikifor Timofejewitsch Dejepritschastje, -behauptete immer, wenn alle so fleißig gewesen wären -wie Schponjka, dann hätte er das Ahornlineal nicht -in die Klasse mitzunehmen brauchen, denn er war, wie -er selbst eingestand, es schon müde, den Faulen und -Mutwilligen immer auf die Finger zu klopfen. Iwans -Heftchen war stets sauber; es war rings herum mit -einem Rande versehen, und nirgends war ein Fleckchen -zu entdecken. Er saß stets still mit gefalteten Händen -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -und die Augen auf den Lehrer gerichtet, da; nie heftete -er einem vor ihm sitzenden Kameraden einen Zettel auf -den Rücken, schnitzte nie Buchstaben oder Zeichen in die -Bank und spielte auch nie „Drängeln,“ bevor der Lehrer -in die Klasse trat. Wenn jemand ein Messer brauchte, -um sich eine Feder zu schneiden, so wandte er sich sofort -an Iwan Fjodorowitsch, da jeder wußte, daß er stets -ein Messerchen bei sich hatte; und Iwan Fjodorowitsch, -der damals noch einfach „Wanjuscha“ genannt wurde, -holte das Messer aus dem kleinen Ledertäschchen, das -am Knopfloch seines grauen Rockes hing, und bat nur -darum, man möchte die Feder nicht mit der scharfen -Seite des Messers schaben, denn er behauptete, daß die -stumpfe Seite dazu da sei. -</p> - -<p> -Diese Sittsamkeit lenkte bald sogar die Aufmerksamkeit -des lateinischen Lehrers auf ihn, der schon im Korridor -durch sein Husten, und noch bevor sein Friesmantel -und sein blatternarbiges Gesicht in der Tür erschien, -die ganze Klasse in Angst und Schrecken jagte. Dieser -fürchterliche Lehrer, auf dessen Katheder stets zwei -Rutenbündel prangten, und bei dem die Hälfte aller -Schüler auf den Knien stehen mußten, machte Iwan -Fjodorowitsch zum Auditor der anderen, obwohl es in -der Klasse viele Schüler gab, die bedeutend begabter -waren als er. Hier darf ein Fall nicht übergangen -werden, der einen gewissen Einfluß auf Iwans Leben -gewann. Einer der ihm anvertrauten Schüler, der den -Auditor bewegen wollte, ihm ein „<span class="antiqua">Scit</span>“ ins Klassenbuch -zu schreiben, obgleich er keine blasse Ahnung von seiner -Lektion hatte, brachte einen in Papier eingewickelten -und mit Butter übergossenen Eierkuchen in die Klasse -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -mit. Trotzdem Iwan Fjodorowitsch sonst stets gerecht -war, war er doch gerade in diesem Augenblick sehr -hungrig und daher konnte er der Versuchung nicht -widerstehen. Er nahm den Eierkuchen, pflanzte ein -Buch vor sich auf und begann ihn zu verzehren. Er -war so damit beschäftigt, daß er nicht einmal merkte, -wie es plötzlich in der Klasse totenstill wurde. So kam -er erst wieder zu sich, als sich eine schreckliche Hand aus -dem Friesmantel hervorstreckte, ihn beim Ohr packte und -mitten in die Klasse zerrte. „Gib den Eierkuchen heraus, -gib ihn heraus! sagt man dir, du Taugenichts!“ rief -der schreckliche Lehrer, ergriff den fettigen Eierkuchen mit -den Fingern und warf ihn durchs Fenster, wobei er es -übrigens nicht vergaß, den im Hofe herumlaufenden -Schuljungen aufs strengste zu verbieten, ihn aufzuheben. -Darauf schlug er Iwan Fjodorowitsch gleich an Ort und -Stelle kräftig auf die Finger, und das mit Recht: denn -die Finger waren ja gerade die Schuldigen, <em>sie</em> hatten -sich ja den Eierkuchen genommen und kein anderer -Körperteil. Wie dem auch sei, genug, seitdem wurde -Iwans Schüchternheit, die aufs engste mit seiner Person -verwachsen war, nur noch größer. Vielleicht war -eben dieses Geschehnis der Grund davon, daß er später -nie Lust hatte, in den Zivildienst einzutreten; hatte er -doch aus eigener Erfahrung erkannt, daß es uns nicht -immer gelingt, unsere Sünden zu verbergen. -</p> - -<p> -Er war nicht weniger als fünfzehn Jahre alt, als -er in die zweite Klasse versetzt wurde, wo er vom kleinen -Katechismus und den vier Spezies in der Arithmetik, -zum großen Katechismus, zum Buch von den Pflichten -des Menschen und zu den Brüchen überging. Aber da -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -er merkte, daß, je größer der Wald, um so dichter die -Baumstämme beieinander ständen, und als er die -Nachricht erhielt, daß sein Vater das Zeitliche gesegnet -habe, blieb er nur noch zwei Jahre dort und trat dann -mit Einwilligung seiner Mutter in das P—er Infanterieregiment. -</p> - -<p> -Das P—er Infanterieregiment war nun keineswegs -von der Sorte, zu der die meisten Infanterieregimenter -gehören; und obwohl es gewöhnlich nur in Dörfern -lag, lebte es doch auf großem Fuße, so daß es manchem -Kavallerieregiment nichts nachgab. Der größte Teil der -Offiziere trank den stärksten Schnaps, den man nur -durch Gefrierenlassen gewinnt, und verstand es nicht -schlechter als die Husaren, die Juden bei den Schläfenlöckchen -zu packen und nach sich zu ziehen; einige von den -Offizieren konnten sogar Mazurka tanzen, und der Oberst -des P—schen Regiments ließ sich in Gesellschaft nie die -Gelegenheit entgehen, dies besonders zu betonen. „Bei -mir,“ sagte er gewöhnlich und tätschelte sich bei jedem -Wort seinen Bauch, „bei mir im Regiment tanzen viele -Mazurka, jawohl viele, sogar sehr viele!“ Um dem -Leser den Grad der Bildung, der im P—er Infanterieregiment -herrschte, noch deutlicher vor Augen zu führen, -wollen wir noch hinzufügen, daß zwei seiner Offiziere -ganz schreckliche Spielratten waren und Uniform, Mütze, -Mantel samt ihrer Troddel und ihrer Unterkleidung im -Bankspiel verloren, und das kommt ja selbst bei den -Kavalleristen nicht immer vor. -</p> - -<p> -Der Umgang mit solchen Kameraden hatte jedoch -nicht im geringsten dazu beigetragen, die Schüchternheit -von Iwan Fjodorowitsch zu vermindern, und da er nur -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -einfachen Schnaps trank, und zwar <em>ein</em> Gläschen vor -dem <em>Mittag</em>- und <em>ein</em> Gläschen <em>vor</em> dem <em>Abend</em>essen -— weder Mazurka tanzte noch Karten spielte, so -blieb er natürlich immer allein. Auf diese Art pflegte -er, während die anderen auf Gutspferden zu den kleineren -Grundbesitzern zu Besuch fuhren, in seiner Wohnung -zu sitzen und sich Beschäftigungen zu widmen, die nur -zu einer sanften und gütigen Seele passen: bald putzte -er seine Knöpfe, bald las er im Wahrsagebuch, bald -stellte er in allen Winkeln seines Zimmers Mausefallen -auf, und bald warf er endlich die Uniform ab und lag -dann lang ausgestreckt auf dem Bette. -</p> - -<p> -Dafür aber gab es niemand im Regiment, der zuverlässiger -gewesen wäre, als Iwan Fjodorowitsch, und -er befehligte seine Korporaltruppen so gut, daß der -Kompagniechef ihn den andern immer zum Vorbild -aufstellte. Dafür wurde er auch, kaum elf Jahre, nachdem -er die Fähnrichscharge erhalten hatte, zum Sekondeleutnant -ernannt. -</p> - -<p> -Während dieser Zeit erhielt er die Nachricht, seine -Mutter sei gestorben und seine Tante, die leibliche -Schwester seiner Mutter, eine Tante, die er nur <em>daher</em> -kannte, weil sie ihm in seiner Kindheit einmal getrocknete -Rosinen und äußerst schmackhafte, selbst gebackene Bretzeln -mitgebracht hatte und die ihm später dergleichen schöne -Dinge sogar nach Gadjatsch schickte (sie war mit seiner -Mutter verfeindet, und daher bekam sie Iwan Fjodorowitsch -später nicht mehr zu sehen), — diese Tante habe -aus reiner Gutherzigkeit die Verwaltung seines kleinen -Gutes übernommen, wovon sie ihm rechtzeitig in einem -Briefe Mitteilung machte. -</p> - -<p> -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -Iwan Fjodorowitsch, der von dem verständigen Sinn -seiner Tante vollkommen überzeugt war, verrichtete indes -seinen Dienst weiter wie früher. Manch einer an seiner -Stelle wäre, wenn er solch einen Rang erklommen hätte, -stolz geworden; aber jeglicher Stolz war ihm völlig -fremd, und auch als Sekondeleutnant blieb er ganz -derselbe Iwan Fjodorowitsch, der er auch als Fähnrich -gewesen war. Er brachte nach diesem für ihn so denkwürdigen -Ereignis noch weitere vier Jahre so zu, und -war gerade im Begriff, mit seinem Regiment aus dem -Gouvernement Mohilew nach Großrußland zu ziehen, -als er einen Brief folgenden Inhalts erhielt: -</p> - -<div class="letter"> -<p class="adr"> -„Mein lieber Neffe Iwan Fjodorowitsch! -</p> - -<p class="noindent"> -Ich schicke Dir Wäsche: fünf Paar Zwirnsocken -und vier feine Leinenhemden; auch möchte ich geschäftlich -mit Dir reden: da Du ja schon einen nicht -geringen Rang erklommen, und, wie ich glaube, ein -Alter erreicht hast, wo man weiß, daß es an der -Zeit ist, sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen, -so solltest Du nicht länger noch beim Militär bleiben. -Ich bin schon alt und kann auf Deinem Besitztum -nicht alles selbst besorgen; auch muß ich Dir vieles -persönlich mitteilen. Komm, mein Lieber. Indem -ich sehnsüchtig auf das Vergnügen warte, Dich wiederzusehen, -verbleibe ich Deine Dich innig liebende -Tante -</p> - -<p class="sign"> -Wassilissa Zuptschewska. -</p> - -<p> -<span class="antiqua">P. S.</span> Bei uns im Garten gibt’s jetzt herrliche Rüben: -sie gleichen schon mehr Kartoffeln als Rüben.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -Acht Tage nach Empfang des Briefes erhielt Iwan -Fjodorowitschs Tante folgende Antwort: -</p> - -<div class="letter"> -<p class="adr"> -„Liebe Tante Wassilissa Kaschparowna!“ -</p> - -<p class="noindent"> -„Vielen Dank für die Wäschesendung. Besonders -meine Socken sind schon sehr alt, so daß der -Bursche sie bereits viermal stopfen mußte; dadurch -sind sie mir auch zu eng geworden. Was Ihre Ansicht -über den Dienst anbelangt, so bin ich ganz mit -Ihnen einverstanden, und habe daher vorgestern meinen -Abschied eingereicht. Sobald ich den Dispens -erhalte, nehme ich mir sogleich einen Wagen. Ihren -früheren Auftrag, Ihnen sibirischen Weizensamen zu -besorgen, konnte ich leider nicht ausführen: im ganzen -Gouvernement Mohilew gibt es keinen solchen Samen. -Schweine werden hier meistenteils mit Mais -gemästet, wobei man etwas gegorenes Bier hinzutut. -</p> - -<p class="sign"> -Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich<br /> -Ihr Neffe<br /> -Iwan Schponjka.“ -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Endlich erhielt Iwan Fjodorowitsch seinen Abschied, -und wurde dabei zum Oberleutnant befördert; mietete sich -für vierzig Rubel einen jüdischen Fuhrmann von Mohilew -bis Gadjatsch und nahm im Wagen Platz, just -zu der Zeit, da die Bäume sich mit den ersten jungen -Blättern schmückten, die Erde in frischem Grün prangte, -und alle Felder einen herrlichen Frühlingsduft ausströmten. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-4-2"> -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -II.<br /> -Die Reise -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nterwegs</span> passierte <a id="corr-44"></a>nichts besonders Bemerkenswertes. -Man reiste etwas über vierzehn Tage lang. Vielleicht -wäre Iwan Fjodorowitsch noch früher angekommen, -wenn der fromme Jude nicht seinen Sabbath eingehalten -und nicht den ganzen Tag über, in seine Pferdedecke -gehüllt, gebetet hätte. Wie ich übrigens schon gelegentlich -bemerkt habe, war Iwan Fjodorowitsch ein Mensch, -der keine Langeweile aufkommen ließ. Während dieser -Zeit schnallte er seinen Koffer auf, nahm seine Wäsche -heraus, musterte sie, ob sie auch gut gewaschen und -richtig zusammengelegt sei, entfernte behutsam ein -Federchen von seiner Uniform, die schon keine Epauletten -mehr zierten, und legte alles wieder in schönster Weise -zusammen. Er liebte im Allgemeinen das Bücherlesen -nicht; und wenn er auch hie und da in das Wahrsagebuch -hineinblickte, so geschah es nur deshalb, weil er -es gern hatte, bekannten Dingen, die er schon einige -Male gelesen, wieder einmal zu begegnen. Genau so -besucht der Städter seinen Klub, nicht etwa um irgend -etwas Neues zu hören, sondern um dort Freunde zu -treffen, mit denen er seit unvordenklichen Zeiten im Klub -zu plaudern gewohnt ist. Oder so liest ein Beamter -ein paarmal täglich mit viel Genuß das Adreßbuch, nicht -etwa um irgendwelcher tiefer <a id="corr-45"></a>diplomatischer Pläne willen, -sondern weil ihn die gedruckten Namen amüsieren. „Ah! -Das ist Iwan Gawrilowitsch so und so! ....“ murmelt -er dumpf vor sich hin. „Ah! Da bin ich! hm! ....“ -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -Und am folgenden Tage liest er’s wieder, wobei er seine -Lektüre mit denselben Interjektionen begleitet. -</p> - -<p> -Nach einer vierzehntägigen Fahrt erreichte Iwan -Fjodorowitsch ein Dörfchen, das hundert Werst von Gadjatsch -entfernt war. Es war gerade ein Freitag und -die Sonne war schon längst untergegangen, als er samt -seinem Wagen und dem Juden in den Hof des Gasthauses -einfuhr. -</p> - -<p> -Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von -allen andren Gasthäusern, die man in kleinen Dörfern -vorfindet. Dort bringt man dem Fremden zumeist mit -viel Eifer Heu und Hafer entgegen, gleich als ob er ein -Postgaul wäre. Will er dagegen frühstücken, wie anständige -Leute es gewöhnlich zu tun pflegen, so soll er -sich seinen Appetit ruhig und unversehrt bis zu einer anderen -Gelegenheit aufsparen. Indessen, da Iwan Fjodorowitsch -all das wußte, hatte er sich rechtzeitig zwei -Bündel Brezeln und Wurst besorgt, bestellte sich jetzt -nur einen Schnaps, an dem es in keinem Wirtshaus -fehlt, und begann sein Abendmahl, indem er auf der -Bank vor dem Eichentisch Platz nahm, der fest in den -Lehmboden eingegraben war. -</p> - -<p> -Währenddessen kam unter mächtigem Gerassel ein -Wagen heran. Das Tor knarrte, aber der Wagen fuhr -noch lange nicht in den Hof hinein und man hörte jemand -mit lauter Stimme auf die Alte losschimpfen, -der das Wirtshaus gehörte. „Gut, ich steige hier ab,“ -hörte Iwan Fjodorowitsch den Fremden rufen, „wenn -mich aber auch nur eine Wanze beißt, so prügle ich -dich durch, bei Gott, du alte Hexe, ich prügle dich -durch, und bezahle dir nichts für dein Heu!“ -</p> - -<p> -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -Einen Augenblick später ging die Tür auf, und herein -trat, oder richtiger gesagt, <em>kroch</em> ein dicker Mann -in einem grünen Rock. Sein Kopf saß unbeweglich auf -dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns noch -dicker erschien. Schon nach dem bloßen Äußeren hätte -man glauben können, einen Mann vor sich zu haben, -der sich nie den Kopf über Alfanzereien zerbrach, und -dessen Leben ruhig dahinglitt wie Öl. -</p> - -<p> -„Ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit, mein -Herr!“ rief er, als er Iwan Fjodorowitsch erblickte. -</p> - -<p> -Iwan Fjodorowitsch verneigte sich stumm. -</p> - -<p> -„Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre, zu -sprechen?“ fuhr der dicke Fremde fort. -</p> - -<p> -Bei diesen Fragen erhob sich Iwan Fjodorowitsch -unwillkürlich von seinem Platze und richtete sich stramm -auf, wie er es zu tun pflegte, wenn sein Oberst sich bei -ihm nach irgend etwas erkundigte. „Leutnant außer -Diensten Iwan Fjodorowitsch Schponjka,“ antwortete er. -</p> - -<p> -„Darf ich fragen, wohin Sie zu fahren belieben?“ -</p> - -<p> -„Auf mein Gut Wytrebenjki“. -</p> - -<p> -„Wytrebenjki!“ rief der gestrenge Frager. „Gestatten -Sie, mein Herr, gestatten Sie!“ rief er, indem er auf -ihn zutrat und mit den Armen um sich schlug, gleich -als ob er sich gegen jemanden wehren, oder sich durch -eine Menschenmenge hindurchdrängen wollte. Dann aber -trat er auf ihn zu, schloß Iwan Fjodorowitsch in die -Arme und küßte ihn zuerst auf die rechte, dann auf -die linke und dann wieder auf die rechte Wange. Iwan -Fjodorowitsch fand Gefallen an diesem Zärtlichkeitsausbruch, -denn die großen Wangen des Fremden erschienen -seinen Lippen wie zwei weiche Kissen. -</p> - -<p> -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -„Erlauben Sie, mein Herr, daß wir einander kennen -lernen!“ fuhr der Dicke fort. „Ich bin Gutsbesitzer, -und zwar ebenfalls im Kreise Gadjatsch; ich bin Ihr -Nachbar, wohne höchstens fünf Werst von Ihrem Gutshof -Wytrebenjki entfernt auf meinem Gute Chortystsche, -und heiße Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Nein, -unbedingt, mein Herr, unbedingt .... ich will nichts -von Ihnen wissen, wenn Sie nicht zu mir nach Chortystsche -zu Besuch kommen. Jetzt muß ich eilig in Geschäften -weiter .... Was soll denn das da bedeuten?“ -sprach er mit sanfter Stimme zu seinem Reitknecht, einem -Knaben in einem Kosakenkittel mit geflickten Ellenbogen -und verwunderter Miene, der allerhand Pakete und -Schachteln auf den Tisch stellte. „Was soll das? Wie?“ -— und Grigori Grigorjewitschs Stimme wurde zusehends -strenger und strenger. „Habe ich dir etwa befohlen, -das hierher zu stellen, du Schurke? Habe ich dir nicht -befohlen, zuerst das Huhn warm zu machen, Halunke -du? Pack dich!“ rief er und stampfte mit -dem Fuße auf. „Halt, du Fratz du! Wo ist denn -das Kästchen mit den Flaschen? Iwan Fjodorowitsch!“ -fuhr er fort, indem er ein Gläschen Kräuterschnaps -einschenkte, „bitte ergebenst: ärztlich empfohlen!“ -</p> - -<p> -„Bei Gott, ich kann nicht .... ich hatte schon -Gelegenheit ....“ sagte Iwan Fjodorowitsch stockend. -</p> - -<p> -„Nein, ich will nichts hören, mein Herr!“ rief der -Gutsbesitzer mit erhobener Stimme, „ich will nichts -hören! Ich rühr’ mich nicht vom Fleck, bis Sie getrunken -haben ....“ -</p> - -<p> -Iwan Fjodorowitsch sah ein, daß hier eine Weigerung -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -unmöglich war, und trank den Schnaps nicht ohne Vergnügen. -</p> - -<p> -„Hier ist Huhn, mein Herr,“ fuhr der dicke Grigori -Grigorjewitsch fort, indem er das Huhn in seinem -Holzkästchen mit dem Messer zerlegte. „Ich muß Ihnen -sagen, meine Köchin Jawdocha liebt es manchmal, ein -Gläschen hinter die Binde zu gießen, und daher macht -sie’s zuweilen zu trocken. He, Junge!“ und hierbei -wandte er sich an den Knaben im Kosakenkittel, der -gerade ein Federbett und ein Kissen hereinbrachte, „mach -mir das Bett auf dem Fußboden, mitten in der Stube! -Paß aber auch gut auf, lege recht viel Heu unter das -Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein <a id="corr-46"></a>bißchen -Hanf aus der Decke, damit ich mir zur Nacht die Ohren -zustopfen kann! Sie müssen nämlich wissen, mein Herr, -daß ich die Gewohnheit habe, mir nachts die Ohren zuzustopfen, -seit jener verfluchten Geschichte, wo mir einmal -in einer großrussischen Kneipe eine Schwabe ins Ohr -gekrochen ist. Wie ich später erfahren habe, essen diese -verdammten Russen sogar Kohlsuppe mit Schwaben. -Es ist unmöglich zu beschreiben, was damals mit mir -vorging: es kitzelte und kitzelte mir nur so im Ohr ... na, -um auf die Wände zu klettern! Schließlich hat mir ein -einfaches altes Weib geholfen, aber das war schon hier -in unserer Gegend, und womit glauben Sie? Ganz -einfach, indem sie mich besprach. Was denken Sie über -die Ärzte, mein Herr? Ich meine, die foppen uns nur -und halten uns zum Besten; manche alte Frau weiß -zwanzigmal mehr, als all diese Ärzte.“ -</p> - -<p> -„In der Tat, was Sie da zu sagen belieben, ist vollkommen -richtig. In der Tat, es gibt ....“ Und -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -Iwan Fjodorowitsch hielt inne, als ob er kein passendes -Wort finden konnte. An dieser Stelle muß ich sagen, -daß er überhaupt ziemlich wortkarg war. Vielleicht rührte -das von seiner Schüchternheit her, vielleicht aber entsprach -es auch nur dem Wunsche, sich möglichst hübsch auszudrücken. -</p> - -<p> -„Schüttle das Heu nur recht tüchtig; tüchtig, hörst -du!“ rief Grigori Grigorjewitsch seinem Lakai zu. „Hier -ist das Heu so abscheulich, daß man nur allzuleicht auf -ein Ästchen stoßen kann. Ich erlaube mir, Ihnen eine -gute Nacht zu wünschen, mein Herr! Morgen werden -wir uns wohl nicht mehr sehen: ich fahre noch vor -Tagesanbruch weiter. Ihr Jude wird hier wohl seinen -Sabbath halten, morgen ist nämlich Sonnabend; da -brauchen Sie nicht so früh aufzustehen. Vergessen Sie -nur meine Bitte nicht, ich will einfach nichts von Ihnen -wissen, wenn Sie nicht nach Chortystsche kommen.“ -</p> - -<p> -Der Kammerdiener zog dem Grigori Grigorjewitsch -Rock und Stiefel aus, half ihm statt dessen in einen -Schlafrock hinein, und Grigori Grigorjewitsch warf sich -auf sein Bett, was genau so aussah, wie wenn ein -riesiges Federbett sich auf ein anderes gelegt hätte. -</p> - -<p> -„He, Bursche! Wo steckst du nur, du Schuft? -Komm her, leg mir die Decke zurecht! He, Junge, -lege mir noch Heu unter den Kopf! Wie? sind die -Pferde schon getränkt? <em>Noch</em> mehr Heu! Hierher, <em>da</em> -unter die Seite! Aber so lege mir doch die Decke zurecht, -du Schurke! So! Besser, noch besser .... -Oh! ....“ -</p> - -<p> -Und Grigori Grigorjewitsch seufzte noch ein paarmal -tief auf, und erfüllte das ganze Zimmer mit einem -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -fürchterlichen Pfeifen, das aus seiner Nase hervordrang; -er schnarchte zuweilen so laut, daß die alte Frau, die -auf der Ofenbank schlummerte, aufwachte, verwundert -in alle Ecken und Winkel guckte, und erst, als sie nichts -besonderes bemerkte, beruhigt wieder einschlief. -</p> - -<p> -Als Iwan Fjodorowitsch am nächsten Morgen erwachte, -war der dicke Gutsbesitzer nicht mehr da. Das -war das einzige merkwürdige Ereignis, das sich während -seiner Reise zugetragen hatte. Zwei Tage darauf -näherte er sich seinem Gutshof. -</p> - -<p> -Er fühlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann, -als die Windmühle, ihre Flügel schwenkend, hervorschaute, -und als in dem Maße, wie der Jude seine Stuten den -Berg hinaufjagte, unten eine Reihe von Weiden auftauchte. -Hell und lebhaft schimmerte der Teich zwischen -ihnen auf und strömte eine kühlende Frische aus. Hier -pflegte er früher zu baden; und in demselben Teiche -war er einstmals mit den Dorfjungen, bis zum Halse -im Wasser, herumgewatet, um Krebse zu fangen. Das -Wägelchen fuhr den Damm hinauf, und jetzt erblickte -Iwan Fjodorowitsch das alte mit Schilf gedeckte Häuschen, -und die alten Äpfel- und Kirschbäume, auf denen -er einstmals heimlich herumgeklettert war. Kaum war -er in den Hof eingefahren, so kamen von allen Seiten -Hunde aller möglichen Rassen herbeigelaufen: schwarze, -dunkelbraune, graue, scheckige. Die einen warfen sich -den Pferden bellend vor die Füße, die anderen liefen -hinterdrein, da sie merkten, daß die Achse mit Fett eingeschmiert -war; ein Hund stand neben der Küche, hatte -die Pfote auf einen Knochen gelegt und kläffte aus -Leibeskräften; ein andrer bellte von ferne, rannte hin -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -und her, und wedelte mit dem Schweif, gleich als ob -er sagen wollte: „Seht, ihr Christenmenschen, was ich -noch für ein Jüngling bin!“ Mehrere Jungen in -schmutzigen Hemden kamen herausgelaufen, um zu gaffen. -Eine Sau, die mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumpromenierte, -hob ihre Schnauze mit prüfender Miene -in die Höhe und grunzte noch lauter als sonst. Im -Hofe lag auf einem Stück grober Leinwand eine Unmenge -Weizen, Gerste und Buchweizen, und all dieses -trocknete in der Sonne. Auch auf dem Dache lagen -allerhand Kräuter zum Trocknen: Nagelkraut, Grindkraut -und mehr dergleichen. -</p> - -<p> -Iwan Fjodorowitsch war dermaßen in Betrachtung -all dieser Herrlichkeiten versunken, daß er erst wieder zu -sich kam, als ein scheckiger Hund den vom Bock herunterkriechenden -Juden in die Wade biß. Das Gesinde, -das auch herbeigeeilt war und aus einer Köchin, einer Frau -und zwei Mädeln in wollenen Röcken bestand, meldete ihm, -nachdem alle laut ausgerufen hatten „Da ist ja der -junge Herr!“, daß sich die Tante im Gemüsegarten befände -und zusammen mit der Dienstmagd Paloschka -und dem Kutscher Omeljka, der manchmal auch das -Amt eines Gärtners und Wärters versah, Weizen säe. -Aber die Tante, die den Wagen von ferne erblickt -hatte, war schon selbst erschienen. Iwan Fjodorowitsch -erstaunte, als sie ihn fast in ihren Armen in die Höhe -hob, und er fing beinahe an zu zweifeln, ob das auch -wirklich dieselbe Tante sei, die ihm so viel von ihrer -Gebrechlichkeit und Kränklichkeit geschrieben hatte. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-4-3"> -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -III.<br /> -Die Tante -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">ante</span> Wassilissa Kaschparowna war damals gegen -fünfzig Jahre alt. Sie war nie verheiratet gewesen, -und sie behauptete, das jungfräuliche Leben -sei ihr wertvoller als alles auf der Welt. Übrigens hatte -— so viel ich mich besinnen kann, — auch nie jemand um -ihre Hand angehalten. Das kam daher, daß alle Männer -ihr gegenüber eine gewisse Schüchternheit empfanden -und nicht den Mut hatten, ihr ihre Gefühle zu erklären. -„Wassilissa Kaschparowna hat sehr viel Charakter,“ sagten -die Freier, und sie hatten recht, denn Wassilissa Kaschparowna -verstand es, einen sammetweich zu machen. -Aus dem versoffenen Müller, der zu gar nichts mehr -zu gebrauchen war, hatte sie ohne Anwendung irgendwelcher -äußerer Mittel und nur indem sie ihn täglich -ein paarmal am Schopfe rupfte, verstanden, einen ganzen -Menschen, ja, mehr noch, geradezu einen Goldklumpen -zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre -Beleibtheit und Kraft entsprachen ihm. Es hatte den -Anschein, als ob die Natur einen unverzeihlichen Fehler -begangen habe, als sie es ihr zum Schicksal bestimmte, -an den Werktagen ewig einen dunkelbraunen Morgenrock -mit kleinen Säumchen und am Ostersonntag und -an ihrem Namenstage einen roten Kaschmir-Schal zu -tragen, während ihr ein Dragonerschnurrbart und lange -Schaftstiefel am besten gestanden hätten. Dafür aber -entsprach ihre Beschäftigung vollkommen ihrem Charakter, -sie konnte rudern, und zwar besser als irgend ein Fischer; -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -sie ging auf die Jagd; sie beaufsichtigte die Schnitter, -sie kannte die Zahl der Kürbisse und Melonen auf dem -Felde auswendig; sie erhob eine Steuer von fünf Kopeken -von jedem Wagen, der über ihren Damm fuhr; -sie kletterte auf die Bäume und schüttelte die Birnen -herunter; sie prügelte eigenhändig ihre faulen „Vasallen“ -mit ihrer schrecklichen Hand und belohnte die Würdigen -mit einem Schnaps aus derselben gestrengen Hand. -Und fast zur gleichen Zeit konnte sie schimpfen, Leinwand -färben, in die Küche rennen, Kwas bereiten, und Honig -einmachen; sie machte sich den ganzen lieben Tag zu -schaffen und versäumte nichts. Die Folge davon war, -daß Iwan Fjodorowitschs kleines Gut, das nach der -letzten Revision achtzehn Leibeigene gezählt hatte, förmlich -aufblühte, und zwar im vollen Sinne dieses Wortes. -Übrigens liebte sie auch ihren Neffen viel zu sehr und -hob sorgsam jede Kopeke für ihn auf. -</p> - -<p> -Seit Iwan Fjodorowitsch wieder zu Hause war, ging -eine große Veränderung in seinem Leben vor und es -schlug völlig neue Bahnen ein. Es schien so, als ob -die Natur ihn geradezu dazu geschaffen hätte, ein Gut -mit achtzehn Leibeigenen zu beaufsichtigen. Sogar die -Tante merkte, daß er einen guten Landwirt abgeben -würde, obwohl sie ihm übrigens nicht gestattete, sich in -alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. „Der Junge ist -noch nicht alt genug!“ pflegte sie gewöhnlich zu sagen, -trotzdem Iwan Fjodorowitsch mindestens vierzig Jahre -alt war; „woher soll er auch alles wissen!“ -</p> - -<p> -Er wich jedoch auf dem Felde keinen Schritt von -den Schnittern und Mähern, und dies bereitete seiner -sanften Seele einen unaussprechlichen Genuß. Ein -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -Dutzend glänzender Sensen und mehr fliegen einmütig -in einem Schwunge in die Höhe; das Gras sinkt rauschend -in harmonischen Reihen zur Erde; und nun -erklingen die Lieder der Schnitterinnen, bald lustig, wie -beim Empfang von Gästen, und bald wehmütig, wie -bei einer Trennung; der Abend ist still und die Luft ist -rein! — O wie köstlich ist solch ein Abend! Wie leicht -und frisch ist die Luft! wie erscheint dann alles belebt: -die Steppe rötet sich, blaut und glüht in allen Farben -auf; Wachteln, Trappgänse, Möwen, Heimchen und -tausende von Insekten: sie alle pfeifen, summen, knarren, -schreien, und auf einmal ist’s ein harmonischer -Chor; und nichts verstummt auch nur für einen Augenblick. -Schon senkt sich die Sonne herab und versteckt -sich. Ah! wie frisch und wohlig wird einem -da! Auf dem Felde werden hie und da Feuer -entzündet und Kessel aufgestellt, und die schnauzbärtigen -Schnitter setzen sich rings um die Kessel herum; -von den brodelnden Klößen steigt ein Dampf auf; -der Abend graut .... Es wäre schwer zu sagen, was -dann in Iwan Fjodorowitsch vorging. Er vergaß es, -wenn er sich zu den Schnittern gesellte, von ihren -Klößen zu kosten, obwohl er sie doch so gerne aß, stand -regungslos auf einem Fleck da, verfolgte eine hoch im -Himmel schwirrende Möwe mit den Augen oder zählte -die Garben des abgemähten Kornes, die das Feld überfluteten. -</p> - -<p> -Bald erzählte man überall von Iwan Fjodorowitsch, -er sei ein großer Landwirt vor dem Herrn. Die Tante -konnte sich nicht genug über ihren Neffen freuen und -ließ sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu prahlen -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -und wichtig zu tun. Eines Tages aber — es war am -Ausgang des Juli und schon nach Beendigung der -Ernte — faßte Wassilissa Kaschparowna ihren Neffen -mit geheimnisvoller Miene bei der Hand und erklärte -ihm, sie wolle mit ihm über etwas sprechen, was sie -schon seit langem beschäftigte. -</p> - -<p> -„Es ist dir wohl bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch,“ -begann sie, „daß dein Gutshof achtzehn Leibeigene zählt; -übrigens nur laut der letzten Revision, in Wirklichkeit -werden’s vielleicht noch mehr sein, vielleicht gar bis an -die vierundzwanzig. Doch es handelt sich nicht darum, -du kennst wohl das Wäldchen, das sich hinter unserer -Trift befindet, und wohl auch die breite Wiese hinter -diesem Walde: sie ist mindestens zwanzig Deßjatin groß, -und es wächst so viel Gras darauf, daß man jedes -Jahr für mehr als hundert Rubel davon verkaufen -kann, besonders wenn, wie man erzählt, ein Kavallerie-Regiment -in Gadjatsch stehen wird.“ -</p> - -<p> -„Gewiß, liebe Tante; das Gras ist sehr gut!“ -</p> - -<p> -„Ich weiß selbst, daß es sehr gut ist; aber weißt du -auch, daß dieses ganze Land eigentlich von Rechts wegen -dir gehört? Was siehst du mich so groß an? Hör -mich an, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch -an Stepan Kusmitsch? Warum sage ich eigentlich: -erinnerst du dich? Du warst ja damals noch so klein, -daß du nicht einmal seinen Namen aussprechen konntest. -Wie solltest du dir da noch eine Erinnerung bewahrt -haben! Ich weiß noch: als ich grad vor Philippi zu -euch kam und ich dich auf die Arme nahm, da hättest -du mir beinahe das ganze Kleid verdorben; zum Glück -konnte ich dich noch der Amme Matrjona übergeben, -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -so abscheulich warst du damals .... Aber es handelt -sich ja nicht darum. Das ganze Land, das sich -hinter unserem Gutshof befindet, und selbst das Dorf -Chortystsche gehörte damals Stepan Kusmitsch. Und -da muß ich dir sagen — denn damals warst du noch -nicht auf der Welt — der kam zu jener Zeit oft zu -deiner Mutter zu Besuch, — freilich zu einer Zeit, da -dein Vater nicht zu Hause war. Ich sag’ es jedoch -nicht, um ihr einen Vorwurf daraus zu machen. — -Gott sei ihrer Seele gnädig! Obwohl die Selige mir -gegenüber im Unrecht war. Aber es handelt sich jetzt -nicht darum. Wie dem auch sei, genug, Stepan Kusmitsch -setzte eine Schenkungsurkunde auf, in der er dir -das Gut vermachte, von dem ich dir eben sprach. Deine -selige Mutter hatte jedoch, — unter uns gesagt, einen -ganz wunderlichen Charakter. Selbst der Teufel (Gott -verzeih mir dies häßliche Wort!) hätte sie nicht verstehen -können. Wohin sie diese Urkunde gesteckt hat — das -weiß der liebe Himmel. Ich glaube einfach, sie befindet -sich in den Händen des alten Junggesellen, Grigori -Grigorjewitsch Stortschenko. Und nun ist alles diesem -dickbäuchigen Schurken zugefallen. Bei Gott, ich wäre -bereit, um alles in der Welt zu wetten, daß er die -Urkunde einfach unterschlagen hat.“ -</p> - -<p> -„Darf ich fragen, liebe Tante, ob das derselbe Stortschenko -ist, den ich auf der Station kennen gelernt habe?“ -Und Iwan Fjodorowitsch erzählte ihr von seiner Begegnung. -</p> - -<p> -„Wer weiß!“ antwortete die Tante nach kurzem -Nachdenken. „Vielleicht ist er doch kein Schuft. Es ist -wahr, er lebt erst ein halbes Jahr lang hier, und in so -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht genau kennen -lernen. Die Alte, das heißt seine Mutter, soll, wie ich -gehört habe, eine sehr vernünftige Frau sein und sich -meisterlich darauf verstehen, Gurken einzulegen, und ihre -Mägde sollen großartige Teppiche weben. Da er dich, -wie du sagst, so freundlich empfangen hat, so fahre nur -zu ihm hin: vielleicht wird der alte Sünder auf sein -Gewissen hören und zurückgeben, was ihm nicht gehört. -Du kannst meinetwegen die Kalesche nehmen, nur haben -die verdammten Kinder hinten alle Nägel herausgezogen; -man muß vorher dem Kutscher Omeljko sagen, daß er -das Leder festnageln soll.“ -</p> - -<p> -„Wozu nur, liebe Tante? Ich nehme lieber das -Wägelchen, in dem Sie auf die Jagd fahren.“ -</p> - -<p> -Damit schloß das Gespräch. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-4-4"> -IV.<br /> -Das Diner -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">wan</span> Fjodorowitsch kam um die Mittagszeit im -Dorfe Chortystsche an, und wurde etwas unruhig, -als er sich dem Herrenhause näherte. -Dieses Haus war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt, -wie die Häuser so vieler Gutsbesitzer in der Umgegend, -sondern hatte ein Holzdach. Die zwei Schuppen -im Hofe waren ebenfalls mit Holzdächern versehen; und -das Tor war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich -einem jener Stutzer, die auf einen Ball kommen und -plötzlich bemerken, daß, wohin sie auch blicken mögen, -alle Leute feiner gekleidet sind als sie selbst. Er ließ -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -sein Wägelchen respektvoll neben einem Schuppen halten -und ging zu Fuß auf die Freitreppe zu. -</p> - -<p> -„Ah! Iwan Fjodorowitsch!“ rief der dicke Grigori -Grigorjewitsch, der gerade im Hof herumspazierte; er -hatte einen Rock an, aber keine Kravatte, keine Weste -und keine Hosenträger. Aber auch dies Kostüm schien -ihn bei seiner Leibesfülle noch zu belästigen, denn der -Schweiß rieselte ihm nur so vom Gesicht herunter. -</p> - -<p> -„Sie sagten doch, daß Sie sofort kommen würden, -sobald Sie Ihre Tante gesehen hätten; warum sind Sie -denn dann nicht früher gekommen?“ Und bei diesen -Worten berührten die Lippen Iwan Fjodorowitschs die -ihm wohlbekannten Kissen. -</p> - -<p> -„Ich war meist in der Wirtschaft beschäftigt .... -Ich komme auch nur auf einen Augenblick zu Ihnen, -eigentlich sogar in Geschäften ....“ -</p> - -<p> -„Was, nur für einen Augenblick? Nein, das gibt’s -nicht. He, Junge!“ rief der dicke Hausherr, und der -Bursche im Kosakenkittel, den Iwan schon kannte, kam -aus der Küche gelaufen. „Sage dem Kaßjan, er solle -sofort das Tor schließen, — hörst du! — fest zuschließen! -Und die Pferde dieses Herrn sollen auf der -Stelle ausgespannt werden. Bitte, kommen Sie mit -mir ins Haus: hier ist es so heiß, daß mein Hemd -schon ganz naß ist.“ -</p> - -<p> -Im Zimmer angelangt, beschloß Iwan Fjodorowitsch, -keine Zeit zu verlieren, und trotz seiner Schüchternheit, -mit aller Entschiedenheit vorzugehen. -</p> - -<p> -„Meine Tante hatte die Ehre .... Meine Tante -hat mir gesagt, daß die Schenkungsurkunde des verstorbenen -Stepan Kusmitsch ....“ -</p> - -<p> -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -Es ist schwer zu beschreiben, welch unangenehmen -Ausdruck das breite Gesicht Grigori Grigorjewitschs bei -diesen Worten annahm. „Bei Gott, ich höre rein gar -nichts!“ antwortete er. „Ich muß Ihnen sagen, daß -eine Schwabe in mein linkes Ohr hineingekrochen ist, -(bei diesen verfluchten Russen gibt’s überall Schwaben -in den Häusern); keine Feder kann Ihnen beschreiben, -was das für eine Qual war — es kitzelte so fürchterlich, -sage ich Ihnen, — es kitzelte und krabbelte ....! -Aber eine kluge Frau hat mir mit einem ganz einfachen -Mittel geholfen ....“ -</p> - -<p> -„Ich wollte nur sagen ....“ wagte Iwan Fjodorowitsch -ihn zu unterbrechen, als er sah, daß Grigori -Grigorjewitsch das Gespräch absichtlich auf ein andres -Thema lenken wollte, „daß im Testament des verstorbenen -Stepan Kusmitsch die Rede von .... sozusagen -die Rede von einer Schenkungsurkunde ist .... -nach der ich ....“ -</p> - -<p> -„Ich weiß schon, was Ihre Tante Ihnen eingeredet -hat. Das ist alles erlogen, bei Gott, es ist erlogen! -Mein Onkel hat nicht die geringste Schenkungsurkunde -hinterlassen. Im Testament ist allerdings von einer -Urkunde die Rede, aber wo ist sie? Niemand hat sie -vorlegen können. Ich sage Ihnen das nur deshalb, weil ich -Ihnen von Herzen wohl will. Bei Gott, es ist erlogen!“ -</p> - -<p> -Iwan Fjodorowitsch verstummte, da ihm der Gedanke -kam, es könnte der Tante vielleicht in der Tat -nur so vorgekommen sein. -</p> - -<p> -„Ah, da kommen ja auch meine Mutter und meine -Schwestern!“ rief Grigori Grigorjewitsch. „Das Mittagessen -ist also schon fertig; gehen wir!“ -</p> - -<p> -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -Und er zog Iwan Fjodorowitsch am Ärmel ins -Zimmer, wo bereits allerhand Schnäpse und eine kalte -Platte auf dem Tische standen. -</p> - -<p> -In demselben Augenblick trat eine alte Frau herein; -sie war sehr klein und glich einer Kaffeekanne, die mit -einer Haube bedeckt ist; zwei junge Mädchen, ein blondes -und ein brünettes, begleiteten sie. Als wohlerzogener -Kavalier küßte Iwan Fjodorowitsch erst der Alten und -dann den beiden Fräuleins die Hand. -</p> - -<p> -„Das ist unser Nachbar, Iwan Fjodorowitsch -Schponjka, Mütterchen!“ sagte Grigori Grigorjewitsch. -</p> - -<p> -Die Alte sah Iwan Fjodorowitsch scharf an oder gab -sich vielleicht auch nur den Anschein, als ob sie ihn anblickte. -Übrigens war sie die Güte selbst; es schien, -als ob sie Iwan Fjodorowitsch gleich hätte fragen -wollen: „Wie viel Gurken machen Sie zum Winter -ein?“ -</p> - -<p> -„Haben Sie schon einen Schnaps genommen?“ -fragte die Alte. -</p> - -<p> -„Sie haben wohl nicht ausgeschlafen, Mütterchen,“ -meinte Grigori Grigorjewitsch. „Wer wird denn einen -Gast fragen, ob er schon einen Schnaps getrunken hat? -Reden Sie dem Gast nur zu; ob wir aber trinken oder -nicht, das ist schon unsere Sache. Iwan Fjodorowitsch, -bitte: Wollen Sie Tausendgüldenkräuterlikör oder diesen -Schnaps? Welchen ziehen Sie vor? Iwan Iwanowitsch! -Nun, was stehst du so da?“ rief Grigori -Grigorjewitsch, indem er sich rückwärts wandte, und -Iwan Fjodorowitsch sah den soeben erwähnten Iwan -Iwanowitsch auf den Schnaps zugehen; dies war ein -Mann in einem Rock mit langen Schößen und mit -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -einem riesigen Stehkragen, der seinen ganzen Nacken -bedeckte, so daß sein Kopf ganz im Kragen steckte, wie -in einer Kutsche. -</p> - -<p> -Iwan Iwanowitsch trat an den Schnaps heran, -rieb sich die Hände, sah sich das Glas genau an, -schenkte ein, hielt es gegen das Licht, und goß den Schnaps -mit einem Male aus dem Glase in den Mund, aber -er schluckte ihn nicht herunter, sondern spülte sich erst -ordentlich den Mund, schluckte ihn erst darauf herunter, -nahm etwas Brod und gesalzene Eierschwämme, und -wandte sich dann an Iwan Fjodorowitsch. -</p> - -<p> -„Habe ich die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodorowitsch -Schponjka zu sprechen?“ -</p> - -<p> -„Jawohl,“ antwortete Iwan Fjodorowitsch. -</p> - -<p> -„Sie beliebten sich seit der Zeit, wo ich Sie kenne, -sehr zu verändern. O ja!“ fuhr Iwan Iwanowitsch -fort: „ich kannte Sie, als Sie noch so groß waren!“ -Dabei hielt er die Hand eine halbe Elle weit über den -Boden. „Ihr seliger Vater — Gott schenke ihm die -ewige Seligkeit — war ein seltener Mann. Er hatte -solche Kürbisse und Melonen, wie man sie jetzt nirgends -mehr findet. Hier zum Beispiel“, fuhr er fort, indem -er ihn zur Seite führte, „werden Ihnen auch Melonen -vorgesetzt werden — aber was sind das für Melonen? -Nicht ansehen möchte man sie. Glauben Sie mir’s, -seine Melonen waren ....“ rief er mit geheimnisvoller -Miene und spreizte die Arme, als ob er einen -dicken Baum umschlingen wollte, „bei Gott, seine Melonen -waren so dick!“ -</p> - -<p> -„Gehn wir zu Tisch!“ sagte Grigori Grigorjewitsch -und faßte Iwan Fjodorowitsch rasch unterm Arm. -</p> - -<p> -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -Grigori Grigorjewitsch ließ sich auf seinen üblichen -Platz am Ende des Tisches nieder; er band sich seine -riesige Serviette vor und glich so einem jener Helden, -wie sie sich die Barbiere auf ihre Schilder malen lassen. -Iwan Fjodorowitsch setzte sich errötend auf den ihm -zugewiesenen Platz, den beiden Fräuleins gegenüber, und -Iwan Iwanowitsch versäumte nicht, an seiner Seite -Platz zu nehmen, innerlich hocherfreut, daß er jemanden -hatte, dem er seine Kenntnisse mitteilen konnte. -</p> - -<p> -„Nehmen Sie doch lieber kein <em>Bürzelbein</em>, Iwan -Fjodorowitsch! Da ist ja noch ein Truthahn!“ rief die -Alte, zu Iwan Fjodorowitsch gewandt, dem der Diener -vom Lande in einem grauen Frack mit schwarzem Flicken -gerade eine Schüssel reichte. „Nehmen Sie doch ein -Stück vom Rücken!“ -</p> - -<p> -„Mütterchen! Es hat Sie doch niemand gebeten, -sich in fremde Angelegenheiten zu mischen!“ rief Grigori -Grigorjewitsch. „Seien Sie versichert, unser Gast weiß -selbst, was er nehmen soll! Iwan Fjodorowitsch, nehmen -Sie doch ein Flügelchen und noch dies zweite und den -Magen dazu! Warum haben Sie sich nur so wenig -genommen? Nehmen Sie noch ein Beinchen! Was -stehst du mit der Schüssel da und sperrst den Mund -auf? Du sollst ihn sofort darum bitten, auf die Knie, -du Schurke und sag sofort: ‚Iwan Fjodorowitsch, nehmen -Sie doch ein Beinchen!‘“ -</p> - -<p> -„Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!“ -brüllte der Diener, mit der Schüssel in der Hand, -und kniete nieder. -</p> - -<p> -„Hm! Was sind denn das für Truthähne!“ sagte -Iwan Iwanowitsch halblaut und mit verächtlicher Miene -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -zu seinem Tischnachbar. „Darf denn ein Truthahn so -sein, wie der da? Sie hätten mal meine Truthähne -sehen sollen! Ich versichere Ihnen, jeder einzelne hatte -mehr Fett an sich, als zehn solche, wie die da. Glauben -Sie mir, mein Herr, man mag gar nicht ansehen, wie -sie bei mir auf dem Hof herumspazieren — so fett -sind sie! ....“ -</p> - -<p> -„Du lügst, Iwan Iwanowitsch!“ schrie Grigori -Grigorjewitsch, der zugehört hatte. -</p> - -<p> -„Ich will Ihnen was sagen,“ fuhr Iwan Iwanowitsch -zu seinem Nachbar gewandt fort, indem er so -tat, als ob er Grigori Grigorjewitschs Worte gar nicht -gehört hätte. „Als ich sie im vorigen Jahre nach Gadjatsch -brachte, da bot man mir fünfzig Kopeken pro -Stück, und doch wollte ich sie nicht dafür hergeben.“ -</p> - -<p> -„Ich sage dir, du lügst, Iwan Iwanowitsch!“ rief -Grigori Grigorjewitsch, hierbei betonte er, um noch deutlicher -zu sein, jede Silbe und sprach noch lauter als vorher. -</p> - -<p> -Aber Iwan Iwanowitsch tat so, als ob ihn das -gar nicht anginge und fuhr in seiner Rede fort, nur -sprach er jetzt bedeutend leiser als früher. „Ja, mein -Herr, ich wollte das Geld nicht nehmen. In Gadjatsch -hatte kein Gutsbesitzer ....“ -</p> - -<p> -„Iwan Iwanowitsch! du bist ganz dumm und -weiter nichts,“ rief Grigori Grigorjewitsch laut. „Iwan -Fjodorowitsch weiß doch das alles besser als du und -glaubt dir sicher nicht!“ -</p> - -<p> -Da aber fühlte sich Iwan Iwanowitsch verletzt; er -verstummte und begann, mit dem Truthahn aufzuräumen, -trotzdem dieser lange nicht so fett war, wie die Truthähne, -die man „gar nicht ansehen“ mochte. -</p> - -<p> -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -Eine Zeitlang ersetzte das Klappern der Messer, der -Löffel und Teller das Gespräch; am lautesten aber hörte -man, wie Grigori Grigorjewitsch das Mark aus einem -Hammelknochen aussog. -</p> - -<p> -„Haben Sie schon gelesen,“ fragte Iwan Iwanowitsch -nach einigem Stillschweigen, steckte den Kopf aus -seinem Wagen und wandte ihn Iwan Fjodorowitsch -zu, „haben Sie das Buch: ‚Korobejnikows Reise ins -heilige Land‘ gelesen? Ein wahrer Genuß für Seele -und Leib! Jetzt werden keine solchen Bücher mehr gedruckt. -Leider habe ich nicht nachgesehen, aus welchem -Jahre es stammt.“ -</p> - -<p> -Als Iwan Fjodorowitsch hörte, daß es sich um ein -Buch handelte, begann er, eifrig seine Sauce aufzulöffeln. -</p> - -<p> -„Ein wahres Wunder, mein Herr, wenn man bedenkt, -daß ein einfacher Kleinbürger all diese Länder -durchwandert hat: über dreitausend Werst, mein Herr! -Über dreitausend Werst! Wahrlich, Gott selbst hat ihn -würdig befunden, bis nach Palästina und Jerusalem zu -kommen.“ -</p> - -<p> -„Sie sagen, daß er auch in Jerusalem war,“ rief -Iwan Fjodorowitsch, der noch als Soldat von seinem -Burschen viel über Jerusalem gehört hatte<a id="corr-48"></a>. -</p> - -<p> -„Worüber sprechen Sie, Iwan Fjodorowitsch?“ rief -Grigori Grigorjewitsch vom Ende des Tisches herüber. -</p> - -<p> -„Ich habe, das heißt, ich bemerkte gelegentlich, daß -es in der Welt ferne Länder gibt!“ antwortete Iwan -Fjodorowitsch, innerlich hochbefriedigt, daß es ihm gelungen -war, einen so langen und schweren Satz zu -Ende zu bringen. -</p> - -<p> -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -„Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch!“ -sagte Grigori Grigorjewitsch, ohne genauer hinzuhören, -„alles ist gelogen!“ -</p> - -<p> -Das Diner war zu Ende. Grigori Grigorjewitsch zog -sich nach seiner Gewohnheit zurück, um ein Nickerchen -zu machen; und die Gäste folgten der alten Hausfrau -und den jungen Mädchen ins Gastzimmer, wo derselbe -Tisch, auf dem sie den Schnaps stehen gelassen hatten, -als sie sich zum Mittagsmahl begaben, sich wie auf einen -Wink verwandelt und mit Schälchen voll verschiedener -Konfitüren und Schüsseln mit Melonen, Kirschen und -Zuckerkürbissen bedeckt hatte. -</p> - -<p> -Grigori Grigorjewitschs Abwesenheit machte sich an -allem bemerkbar: die Hausfrau wurde gesprächig und -teilte ganz von selbst, ohne dazu aufgefordert worden -zu sein, mancherlei Geheimnisse über die Zubereitung von -Marmelade und das Trocknen von Birnen mit. Selbst -die jungen Mädchen begannen zu sprechen, doch blieb -die Blonde, die sechs Jahre jünger aussah als ihre -Schwester und von Ansehen etwa fünfundzwanzig Jahre -alt sein mochte, etwas schweigsam. -</p> - -<p> -Am meisten aber redete und betätigte sich Iwan -Iwanowitsch. Da er sicher war, daß ihn nun niemand -mehr unterbrechen und in Verlegenheit bringen würde, -redete er von allem möglichen: von Gurken und Kartoffelsaat, -davon, wie gescheit die Leute früher waren — -was wären die Heutigen dagegen? — und davon, wie -jetzt alle immer klüger würden, je weiter man komme, -wie man noch die allergescheitesten Dinge ersinnen -würde; kurz er war einer von den Menschen, die sich -mit dem größten Vergnügen erbaulichen Gesprächen hingeben -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -und über alles reden, worüber man nur reden -kann. Wenn das Gespräch wichtige und heilige Gegenstände -berührte, seufzte Iwan Iwanowitsch nach -jedem Worte auf und nickte leise mit dem Kopfe; wenn -es sich um Wirtschaftsangelegenheiten handelte, so steckte -er den Kopf aus seinem Wagen hervor und schnitt -seltsame Gesichter, aus denen man ganz deutlich entnehmen -konnte, wie man den Birnenmost zubereiten -müsse, wie groß die Melonen seien, von denen er sprach, -und wie fett die Gänse wären, die bei ihm im Hofe -herumliefen. -</p> - -<p> -Endlich gelang es Iwan Fjodorowitsch mit vieler Mühe -und erst gegen Abend, sich zu verabschieden; aber obwohl -er leicht zu überreden war und man ihn geradezu -zwingen wollte, über Nacht dazubleiben, bestand er -doch auf seiner Absicht, nach Hause zu fahren — und -fuhr richtig davon. -</p> - -<h4 class="no" id="subchap-3-4-5"> -V.<br /> -Der neue Plan der Tante -</h4> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>N</span><span class="postfirstchar">un?</span> Hast du die Urkunde von dem alten Schelm -herausgelockt?“ Dies war die erste Frage, -mit der Iwan Fjodorowitsch von seiner Tante -empfangen wurde, die ihn bereits seit einigen Stunden -voller Ungeduld an der Freitreppe erwartete, und sich -schließlich kaum hatte überwinden können, nicht bis vors -Tor zu laufen. -</p> - -<p> -„Nein, liebe Tante!“ sagte Iwan Fjodorowitsch indem -er ausstieg. „Grigori Grigorjewitsch <em>hat</em> gar keine -Urkunde.“ -</p> - -<p> -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -„Und du hast ihm geglaubt? Er lügt, der verdammte -Kerl! O, ich bekomme ihn noch eines Tages -zu sehen, wahrhaftig, und dann prügle ich ihn mit -meinen eigenen Händen durch. Oh, ich werde ihm schon -etwas von seinem Fett abzapfen! Übrigens wollen wir -zuerst mit unsrem Gerichtsschreiber reden, ob man vielleicht -auf gerichtlichem Wege .... Aber es handelt -sich jetzt ja nicht darum. Nun, war das Diner gut?“ -</p> - -<p> -„Sehr gut! .... sehr gut, liebe Tante!“ -</p> - -<p> -„Nun, und was gab’s dort zu essen? Erzähle! ich -weiß schon, die Alte versteht sich gut auf die Küche.“ -</p> - -<p> -„Käsekuchen mit Rahm, liebe Tante; Sauce mit gefüllten -Tauben ....“ -</p> - -<p> -„Und gab es auch einen Truthahn mit Pflaumen?“ -fragte die Tante, denn sie selbst verstand es meisterhaft, -dieses Gericht zuzubereiten. -</p> - -<p> -„Es gab auch Truthahn! .... Die Schwestern -von Grigori Grigorjewitsch sind sehr hübsche junge Mädchen, -besonders die Blonde!“ -</p> - -<p> -„Ah!“ rief die Tante und sah Iwan Fjodorowitsch -scharf an, er errötete und ließ die Augen sinken. Ein -neuer Gedanke blitzte in ihr auf. „So?“ fragte sie -voll Neugierde, „und was für Augenbrauen hat sie?“ -Hier ist es nicht überflüssig zu bemerken, daß für die -Tante das Schönste an der Frau die Augenbrauen waren. -</p> - -<p> -„Das Fräulein hat genau solche Augenbrauen, liebe -Tante, wie Sie sie nach Ihren Erzählungen in Ihrer -Jugend gehabt haben müssen, und ihr ganzes Gesicht -ist voller Sommersprossen.“ -</p> - -<p> -„Ah!“ rief die Tante, äußerst befriedigt über Iwan -Fjodorowitschs Bemerkung, der allerdings nie daran gedacht -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -hatte, der Tante ein Kompliment machen zu -wollen. „Und was für ein Kleid hatte sie an? Man -findet zwar heutzutage keine solchen haltbaren Stoffe -mehr wie zum Beispiel den, aus dem dieser Morgenrock -gemacht ist. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. -Und hast du dich gut mit ihr unterhalten?“ -</p> - -<p> -„Das heißt, wie meinen Sie .... liebe Tante? -Sie glauben vielleicht schon ....“ -</p> - -<p> -„Was denn? Was ist denn Wunderbares dabei? -Das ist nun mal Gottes Wille! Vielleicht ist’s euch -beiden noch beschieden, einmal ein Paar zu werden.“ -</p> - -<p> -„Ich verstehe nicht, liebe Tante, wie Sie nur so -reden können. Das beweist doch nur, daß Sie mich -absolut nicht kennen ....“ -</p> - -<p> -„So, nun fühlt er sich richtig beleidigt!“ sagte die -Tante. „Der Junge ist noch nicht alt genug!“ dachte -sie bei sich. „Er weiß noch von nichts! Ich werde die -beiden mal zusammenbringen, sie sollen einander näher -kennen lernen!“ -</p> - -<p> -Und die Tante ging nach der Küche und ließ Iwan -Fjodorowitsch allein. Aber seit der Zeit dachte sie an -nichts anderes, als daran, ihren Neffen möglichst bald zu -verheiraten und seine kleinen Enkelkinder zu wiegen. -Ihr Kopf war nur noch von Gedanken an die Vorbereitungen -zur Hochzeit erfüllt, und man sah ganz deutlich, -daß sie noch viel emsiger war als vorher, obwohl -alles eher schlimmer als besser ging. Wenn sie jetzt -einen Kuchen zubereitete, den sie übrigens niemals der -Köchin anzuvertrauen pflegte, versank sie häufig in Gedanken, -bildete sich ein, neben ihr stehe ein kleines Enkelchen, -das ein Stückchen Kuchen haben wollte, und -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -streckte zerstreut die Hand mit dem besten Stücke aus; -der Hofhund machte sich das gewöhnlich zunutze, packte -den leckeren Bissen und weckte sie durch sein lautes -Schmatzen aus ihrer Nachdenklichkeit, wofür der Hund -übrigens immer Schläge mit dem Ofenhaken bekam. -Sie gab sogar ihre Lieblingsbeschäftigung auf und fuhr -nicht mehr zur Jagd, besonders seitdem sie einmal statt -eines Truthahns eine Krähe geschossen hatte, was ihr -früher niemals widerfahren war. -</p> - -<p> -Vier Tage später sah man endlich die Kalesche aus -dem Schuppen in den Hof fahren. Der Kutscher -Omeljko, der gleichzeitig auch Gärtner und Aufseher -war, fing schon seit dem frühen Morgen an zu hämmern -und das Leder anzunageln, während er immerzu die -Hunde davonjagen mußte, die herankamen und an den -Rädern leckten. Hier halte ich es für meine Pflicht, -dem Leser zu berichten, daß dies dieselbe Kalesche war, -in der schon Adam gefahren ist, und sollte daher -jemand eine andere für die Adams ausgeben, so wäre -das sicherlich eine freche Lüge, und die Kalesche wäre -unecht. Es ist nicht genau bekannt, wie sie der Sintflut -entronnen ist, man kann nur annehmen, daß in -der Arche Noah ein besonderer Schuppen für sie vorhanden -war. Es ist sehr schade, daß ich dem Leser -ihre Gestalt nicht lebendig vor Augen führen kann. Es -genüge daher zu sagen, daß Wassilissa Kaschparowna -mit ihrer Bauart äußerst zufrieden war und es stets -bedauerte, daß die alten Equipagen aus der Mode gekommen -seien. Selbst das, daß die Kalesche etwas -schief, und daß die rechte Seite etwas höher war, als -die linke, erregte ihren Beifall, denn so konnte von der -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -<em>einen</em> Seite, wie sie behauptete, ein Mensch von kleinem -Wuchse, und von der anderen ein großer aussteigen. -Im übrigen konnte die Kalesche etwa fünf Personen -von kleiner Statur und drei solche, wie die Tante, in -ihrem Inneren aufnehmen. -</p> - -<p> -Als er mit der Kalesche fertig war, führte Omeljko -gegen Mittag drei Pferde aus dem Stall, die etwas -jünger waren als die Kalesche und band sie mit einem -Strick fest an die majestätische Equipage. Iwan Fjodorowitsch -und die Tante stiegen ein, er von der einen, sie -von der anderen Seite, und die Pferde zogen an. Alle -Bauern, die ihnen begegneten, blieben beim Anblick -dieser vornehmen Equipage (die Tante pflegte nämlich -nur selten in ihr auszufahren) respektvoll stehen, nahmen -die Mützen ab und verbeugten sich bis zur Erde. -</p> - -<p> -Nach etwa zwei Stunden machte der Wagen vor -der Freitreppe Halt; ich glaube, es ist hier nicht erst -nötig zu sagen, vor wessen Freitreppe er hielt. Grigori -Grigorjewitsch war nicht zu Hause; und die Alte und -die Fräuleins empfingen die Gäste im Speisezimmer; -die Tante näherte sich ihnen mit majestätischen Schritten, -stellte mit viel Geschicklichkeit einen Fuß vor und sagte laut: -</p> - -<p> -„Gnädige Frau, ich freue mich, daß ich die Ehre -habe, Ihnen persönlich meine Hochachtung ausdrücken -zu dürfen, zugleich erlaube ich mir mit Respekt, Ihnen -meinen Dank für die gastfreundliche Aufnahme meines -Neffen Iwan Fjodorowitsch auszusprechen, der Ihres Lobes -voll ist. Sie haben einen wundervollen Buchweizen, -gnädige Frau, das habe ich bemerkt, als ich mich dem -Dorfe näherte. Darf ich fragen, wieviel Sie pro Deßjatin -ernten?“ -</p> - -<p> -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -Hierauf küßten alle einander aufs herzlichste ab und -erst als man im Gastzimmer Platz genommen hatte, -begann die Alte: -</p> - -<p> -„Was den Buchweizen anbetrifft, so kann ich Ihnen -nichts Genaues darüber sagen. Das ist Grigori Grigorjewitschs -Ressort; ich beschäftige mich schon längst -nicht mehr damit, auch könnte ich’s nicht, selbst wenn -ich wollte: ich bin schon zu alt dazu! In früheren -Zeiten wuchs, wie ich mich besinne, der Buchweizen bei -uns so hoch, daß er einem bis an den Gürtel reichte, -jetzt ist das nicht mehr so, obwohl man stets behauptet, -es werde jetzt alles immer besser.“ Die Alte -stieß einen Seufzer aus, und ein aufmerksamer Beobachter -hätte in ihm das Aufseufzen des alten achtzehnten -Jahrhunderts vernehmen können. -</p> - -<p> -„Ich habe gehört, daß bei Ihnen im Hause großartige -Teppiche gemacht werden, gnädige Frau,“ sagte -Wassilissa Kaschparowna und berührte damit die empfindlichste -Seite der Alten: bei diesen Worten lebte jene -auf, und nun strömten ihre Reden nur so hin: wie -man das Gewebe färben, welchen Faden man dazu -nehmen müsse und was dergleichen mehr ist. -</p> - -<p> -Von den Teppichen ging die Unterhaltung bald aufs -Gurkeneinlegen und Birnentrocknen über. Kurz, es war -noch keine Stunde verflossen, da unterhielten sich die -beiden Damen schon so lebhaft, als ob sie ihr Lebtag -miteinander bekannt gewesen wären. Ja, Wassilissa -Kaschparowna sprach sogar über viele Dinge so leise mit -der Alten, daß Iwan Fjodorowitsch nichts mehr hören konnte. -</p> - -<p> -„Wollen Sie nicht selbst sehen?“ sagte die greise -Hausfrau und erhob sich. -</p> - -<p> -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -Die Fräuleins und Wassilissa Kaschparowna erhoben -sich mit ihr und begaben sich ins Mädchenzimmer. Die -Tante machte Iwan Fjodorowitsch ein Zeichen, er solle -zurückbleiben und flüsterte der alten Dame etwas zu. -</p> - -<p> -„Maschenjka!“ sagte die Alte zu dem blonden Fräulein, -„bleibe bei unserem Gaste und unterhalte ihn, damit -ihm die Zeit nicht zu lang wird!“ -</p> - -<p> -Das blonde Fräulein blieb zurück und setzte sich auf -das Sofa. Iwan Fjodorowitsch saß auf seinem Stuhle -wie auf Nadeln, errötete und schlug die Augen nieder; -aber das Fräulein schien dies gar nicht zu bemerken, -saß gleichgültig auf dem Sofa, beobachtete fleißig die -Fenster und die Wände, oder verfolgte die Katze, die scheu -unter den Stühlen umherlief, mit den Augen. -</p> - -<p> -Iwan Fjodorowitsch wurde etwas mutiger und -wollte schon ein Gespräch anknüpfen, es war ihm aber -so, als ob er unterwegs alle Worte verloren hätte. -Es wollte ihm kein einziger Gedanke in den Sinn -kommen. -</p> - -<p> -Dieses Schweigen dauerte eine Viertelstunde lang, -aber das Fräulein saß noch immer ebenso da wie früher. -</p> - -<p> -Endlich faßte Iwan Fjodorowitsch sich ein Herz. -„Im Sommer gibt’s so viel Fliegen, gnädiges Fräulein!“ -rief er mit einer Stimme, die vor Erregung zitterte. -</p> - -<p> -„Ja, außerordentlich viele Fliegen!“ versetzte das -Fräulein. „Mein Bruder hat eigens deswegen aus -Mamas altem Schuh eine Fliegenklappe hergestellt, aber -es bleiben doch noch immer sehr viele übrig.“ -</p> - -<p> -Hier stockte die Unterhaltung, und Iwan Fjodorowitsch -wollte durchaus kein Wort mehr einfallen. -</p> - -<p> -Endlich kamen die Alte, die Tante und das dunkle -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -Fräulein zurück. Nachdem man sich noch etwas unterhalten -hatte, nahm Wassilissa Kaschparowna Abschied -von der Dame und den Fräuleins, obwohl sie dringend -gebeten wurde, über Nacht da zu bleiben. Die Dame -und die Fräuleins begleiteten die Gäste bis zur Freitreppe -und winkten der aus der Kalesche hinausblickenden -Tante und ihrem Neffen noch lange zu. -</p> - -<p> -„Nun, Iwan Fjodorowitsch, worüber hast du dich mit -dem Fräulein unterhalten?“ fragte die Tante unterwegs. -</p> - -<p> -„Marja Grigorjewna ist ein sehr bescheidenes und -sittsames Fräulein!“ sagte Iwan Fjodorowitsch. -</p> - -<p> -„Höre, Iwan Fjodorowitsch: ich will ernst mit dir -reden. Du bist, Gott sei Dank, schon fast achtunddreißig -Jahre alt; und einen schönen Rang hast du -<em>auch</em> schon: es wird nun bald Zeit, an die Kinder -zu denken! Du brauchst unbedingt eine Frau ....“ -</p> - -<p> -„Wie, liebe Tante!“ rief Iwan Fjodorowitsch ganz -erschrocken: „Wie? Eine Frau! Nein, liebe Tante, -seien Sie doch so lieb .... Sie beschämen mich .... -Ich bin noch nie verheiratet gewesen .... Ich weiß -ja gar nicht, was ich mit einer Frau anfangen soll!“ -</p> - -<p> -„Du wirst’s schon lernen, Iwan Fjodorowitsch, du -wirst es schon lernen,“ rief die Tante lächelnd und -dachte bei sich: ‚Kein Gedanke! Der Junge ist noch ein -richtiges Kind: er weiß ja von gar nichts!‘ — „Ja, ja, -Iwan Fjodorowitsch!“ fuhr sie laut fort, „eine bessere -Frau als Marja Grigorjewna wirst du wohl nie finden. -Außerdem hat sie dir ja doch gut gefallen. Die Alte -und ich haben schon viel darüber gesprochen: sie wäre -sehr froh, dich zum Schwiegersohn zu bekommen. Freilich -weiß man noch nicht, was dieser alte Sünder Grigori -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -Grigorjewitsch dazu sagen wird; aber wir werden -nicht darauf achten, und sollte er dir etwa die Mitgift -nicht herausgeben wollen, so würden wir ihn auf gerichtlichem -Wege ....“ -</p> - -<p> -In diesem Augenblick fuhr der Wagen in den Hof -und die uralten Stuten lebten auf, als sie die Nähe -des Stalles witterten. -</p> - -<p> -„Höre, Omeljko! laß die Pferde zuerst gut ausruhen -und führe sie nicht gleich zur Tränke. Die Pferde sind -ja noch ganz heiß. — Also, Iwan Fjodorowitsch, ich -rate dir, dir die Sache gründlich zu überlegen. Ich muß -noch etwas in der Küche nachschauen: ich habe vergessen, -das Abendbrot bei der Solocha zu bestellen und -das nichtsnutzige Weib hat sicher nicht von selbst daran -gedacht.“ -</p> - -<p> -Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner gerührt. -Marja Grigorjewna war zwar ein sehr nettes -Fräulein: aber heiraten! .... Das erschien ihm so -sonderbar und wundersam, daß er nicht ohne Schreck -daran denken konnte. Mit einer Frau zusammen leben! -.... das war doch ganz unbegreiflich! Er sollte -nicht mehr allein in seinem Zimmer sein können, sondern -sie würden immer zu zwei sein! .... Und der -Schweiß trat ihm auf die Stirn, je mehr er sich in die -Betrachtung vertiefte. -</p> - -<p> -Früher als sonst ging er zu Bett, aber trotz aller -Bemühungen konnte er nicht einschlafen. Endlich suchte -ihn der ersehnte Schlaf, dieser Ruhebringer und Tröster -aller Menschen auf. Aber was war das für ein Schlaf! -Unzusammenhängendere Träume hatte er noch niemals -gesehen. Bald träumte er, rings um ihn rausche und -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -drehe sich alles, und er selbst laufe und laufe atemlos -dahin .... Schon verließen ihn die Kräfte .... -Plötzlich aber packte ihn jemand am Ohr. „O je! Wer -ist das?“ — „Das bin <em>ich</em>, deine Frau!“ sprach eine -lärmende Stimme zu ihm — und er erwachte. Bald -schien es ihm, er sei schon verheiratet und alles in dem -Häuschen sei so absonderlich und so merkwürdig; in -seinem Zimmer stehe statt eines einfachen Bettes ein -Doppelbett und auf dem Stuhle sitze seine Frau. Es -war ihm ganz eigentümlich zumute: er wußte nicht, -wie er an sie herantreten, worüber er mit ihr sprechen -sollte, und nun erst merkte er, daß sie das Gesicht einer -Gans hatte. Zufällig drehte er sich um und sah eine -zweite Frau, die ebenfalls einen Gänseschnabel hatte, er -drehte sich auf die andere Seite um — da stand eine -dritte Frau, er wandte sich nach hinten — da stand -noch eine Frau. Da erfaßte ihn eine wilde Angst; er -stürzte in den Garten, aber im Garten war es heiß, er -nahm den Hut ab, und siehe: auch im Hute saß eine -Frau. Schweiß bedeckte sein Gesicht; er wollte das -Taschentuch aus der Tasche holen — aber auch in der -Tasche saß eine Frau; er zog sich die Watte aus dem -Ohre — auch da saß eine Frau .... Dann hüpfte -er wieder auf einem Bein, und die Tante sah zu und -sprach mit würdevoller Miene: „Ja, jetzt kannst du hüpfen -und springen, denn du bist ja jetzt ein verheirateter -Mann.“ Er eilte auf sie zu; aber die Tante war -nicht mehr die Tante, sondern ein Glockenturm. Und -er fühlte, wie jemand ihn an einem Strick auf den -Glockenturm hinaufzog. „Wer zieht mich da hinauf?“ -fragte Iwan Fjodorowitsch klagend. „Ich ziehe dich, -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -ich, deine Frau, denn du bist eine Glocke!“ „Nein, ich -bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch!“ schrie -er. „Nein, du bist eine Glocke!“ sprach der Oberst des -P—er Infanterieregiments im Vorübergehen. -</p> - -<p> -Oder er träumte, seine Frau sei gar kein Mensch, -sondern ein wollener Stoff; er käme nach Mohilew in -einen Laden, und der Kaufmann fragte ihn: „Was für -einen Stoff wünschen Sie? Nehmen Sie doch -Frau, das ist der modernste Stoff! Er ist sehr haltbar! -Man macht jetzt Röcke daraus.“ Und der Kaufmann -maß und schnitt ein Stück von der Frau ab. -Iwan Fjodorowitsch nahm sie unter den Arm und ging -damit zum jüdischen Schneider. — „Nein,“ meinte der -Jude, „das ist ein schlechter Stoff! Daraus läßt sich -doch niemand einen Rock machen ....!“ -</p> - -<p> -Voller Angst und ganz außer sich erwachte Iwan -Fjodorowitsch; der kalte Schweiß troff nur so von ihm -herunter wie ein Platzregen. -</p> - -<p> -Kaum war er aufgestanden, so wandte er sich sofort -an sein Wahrsagebuch, dem ein tugendhafter Buchhändler -in seiner seltenen Güte und Uneigennützigkeit -noch einen kurzen Traumdeuter angehängt hatte. Aber -dort stand nichts, was diesem sinnlosen Traume auch -nur einigermaßen entsprochen hätte. -</p> - -<p> -Indessen aber reifte im Kopfe der Tante ein ganz -neuer Plan, von dem Sie im nächsten Kapitel hören -sollen. -</p> - -<h3 class="novella" id="chapter-3-5"> -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -Der verhexte Ort -</h3> - -<p class="subt"> -Sage<br /> -Erzählt vom Küster an der Kirche zu *** -</p> - -<p class="pbb first"> -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">ei</span> Gott, ich hab’ das Erzählen satt! Was glaubt -ihr denn? Es ist wahrhaftig auch zu langweilig: -man erzählt und erzählt, und kommt -nie wieder davon los! Na, meinetwegen, ich will -euch noch was erzählen, aber gebt acht, es ist das letztemal. -Ja, ihr habt also davon gesprochen, daß ein -Mensch mit dem unreinen Geiste fertig werden könne. -Gewiß, das heißt, wenn man genauer zusieht, dann -merkt man dennoch, daß es in der Welt allerhand sonderbare -Vorfälle gibt .... Indessen sagt das nicht: -will einen die Teufelsmacht blenden, so tut sie es, bei -Gott, sie tut es! ..... Nun also, mein Vater hatte -im ganzen vier Kinder; ich war damals noch ein Grünschnabel, -und war erst elf Jahre alt ... Doch nein, -ich war noch nicht elf Jahre alt, ich erinnere mich, wie -wenn’s heute wäre, daß ich einmal auf allen Vieren -herumkroch und wie ein Hund zu bellen anfing, und -wie da mein Vater den Kopf schüttelte und mich anschrie: -„Ei, Foma, Foma! Es ist Zeit, daß man dich verheiratet, -sonst wirst du noch so närrisch wie ein junges Maultier!“ -</p> - -<p> -Mein Großvater war damals noch gesund und — -mag ihm in jener Welt der Schluckauf leicht werden — noch -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -ziemlich gut auf den Beinen. Wenn der nun manchmal -so ..... Aber wozu erzähle ich euch das -eigentlich? Der eine von euch wühlt schon seit einer -Stunde im Ofen herum und sucht nach einer Kohle -für seine Pfeife, und ein anderer ist in die Kammer gelaufen, -um sich was zu holen ... Ach was! Wenn -ich mich euch noch aufgedrängt hätte — aber ihr habt -ja selbst darauf bestanden .... Man hört entweder -ordentlich zu oder gar nicht. -</p> - -<p> -Mein Vater war schon im Anfang des Frühlings -in die Krim gefahren, um Tabak zu verkaufen. Ich kann -mich nun nicht mehr daran erinnern, ob er zwei oder -drei Wagen ausgerüstet hatte; aber der Tabak stand -damals hoch im Preise. Er nahm meinen dreijährigen -Bruder mit sich, um ihn frühzeitig an das Handwerk -zu gewöhnen; wir dagegen: der Großvater, die Mutter, -ich, ein Bruder und noch ein zweiter Bruder blieben zu -Hause. Der Vater hatte dicht an der Landstraße ein -Stück Land, das er bebaut hatte; er siedelte daher in -seine Hütte auf dem Felde über, und nahm auch <em>uns</em> -mit, um ihm die Spatzen und die Elstern von den Feldern -verscheuchen zu helfen. Man kann nicht sagen, daß es -uns gerade schlecht ging. Den Tag über aß man sich -so sehr an Gurken, Melonen, Rüben, Zwiebeln und Erbsen -voll, daß es einem zumute war, als ob einem die Hähne -im Bauche krähten. Dazu brachte es auch noch etwas -ein: manch ein Reisender zog auf der Straße vorbei, -und da wollte jeder gerne eine Wassermelone oder eine -Zuckermelone kosten, oder man brachte von den umliegenden -Vorwerken Hühner, Eier und Truthähne herbei -und tauschte sie ein. Das war ein schönes Leben. -</p> - -<p> -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -Am meisten aber freute sich der Großvater, wenn -jeden Tag an die fünfzig Frachtfuhrleute vorbeigezogen -kamen. Das sind meist Leute, die was erlebt und erfahren -haben: und dann ging ein Erzählen los, daß man -nur so die Ohren aufsperren mochte! Für den Großvater -aber war das halt, so wie Knödel für einen -Hungrigen. Manchmal stieß er auf alte Bekannte, — -denn meinen Großvater kannte jedermann, — na, ihr -könnt euchs ja wohl selbst denken, wie das ist, wenn -die alten Leute zusammensitzen: dann geht’s taratata und -taratata, über dies und jenes, diese und jene Zeiten, da -floß ihnen wohl der Mund über, wenn sie so anfingen, -sich auf Anno dazumal zu besinnen. -</p> - -<p> -Einst ging der Großvater über Feld — ’s ist mir -wahrhaftig, als wär’s jetzt eben geschehen —; die Sonne -war im Begriff unterzugehen, und Großvater war damit -beschäftigt, die Blätter von den Zuckermelonen abzunehmen; -er pflegte die Melonen nämlich den Tag -über mit Blättern zu bedecken, damit sie nicht so in -der Sonne brieten. -</p> - -<p> -„Schau, Ostap!“ sagte ich zu meinem Bruder, „da -kommen Frachtfuhrleute angefahren!“ -</p> - -<p> -„Wo sind die Fuhrleute<a id="corr-49"></a>?“ fragte der Großvater und -machte ein Zeichen auf einer großen Melone, damit sie -ihm die Buben nicht gelegentlich wegäßen. -</p> - -<p> -Und in der Tat, auf der Landstraße kamen so an -die sechs Wagen dahergezogen. Vorn schritt ein Fuhrmann -mit einem angegrauten Schnurrbart. Er kam uns -— nun, wie soll ich sagen, — so etwa bis auf zehn -Schritte nah’ und blieb dann stehen. -</p> - -<p> -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -„Guten Tag, Maxim! Sieh nur, wo Gott uns -wieder zusammengeführt hat!“ -</p> - -<p> -Der Großvater kniff die Augen zusammen: „Ah! -Guten Tag! Guten Tag! Woher des Wegs? Ist Boljatschka -auch da? Grüß Gott, Bruder! Was Teufel! -Da sind ja alle miteinander: Krutotrystschenko! Und -Petzcherytzja, Kowelek und Stetzko! Grüß euch Gott! -Haha, hoho! ...“ Und alle umarmten und küßten sich. -</p> - -<p> -Die Ochsen wurden ausgespannt und auf die Wiese -getrieben, die Wagen aber blieben auf der Landstraße -stehen; alle setzten sich in einen Kreis zusammen und -steckten sich ihre Pfeifchen an. Aber da kam keiner -recht zum Rauchen! Vor lauter Erzählen und Klatschen -kam kaum ein Zug auf jeden. Nach dem Essen begann -der Großvater, die Gäste mit Melonen zu bewirten. -Jeder nahm eine Melone und putzte sie hübsch mit dem -Messerchen ab (das waren alles gerissene Kerle, die -waren weit in der Welt herumgekommen, und hatten -mancherlei erfahren, daher wußten sie auch, wie man -in der vornehmen Welt ißt — man hätte sie geradezu -an einen herrschaftlichen Tisch setzen können), sie putzten -die Melonen also hübsch ab, bohrten mit dem Finger -ein Löchelchen in sie hinein, sogen den Saft raus, zerschnitten -sie in Stücke und schoben sie in den Mund. -</p> - -<p> -„Und ihr, Jungens!“ rief der Großvater uns zu, -„was haltet ihr Maulaffen feil? Tanzt doch los, ihr -Hundesöhne! Ostap, wo ist deine Schalmei? Nun -also, einen Kosakentanz! Foma, die Hände auf die -Hüften! Recht so! hei, hopp!“ -</p> - -<p> -Ich war damals noch ein beweglicher Bursche. Ach -ja, dieses verdammte Alter! Jetzt kann ich’s nicht mehr -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -so: anstatt zierliche Sprünge zu machen, stolpere ich über -meine eigenen Beine. Lang schauten der Großvater -und die Fuhrleute uns zu, und ich merkte, daß seine -Beine nicht mehr ruhig bleiben wollten, gleich als ob -jemand an ihnen zupfte. -</p> - -<p> -„Schau, Foma!“ sagte Ostap, „der alte Knaster tritt -wohl selbst noch zum Tanze an!“ -</p> - -<p> -Was glaubt ihr? Kaum hatte er das gesagt, da -konnte das Großväterchen wirklich nicht mehr an sich -halten! Der wollte den Fuhrleuten nämlich zeigen, -was er konnte. „Was, ihr Teufelskinder? tanzt man -denn so? <em>So</em> tanzt man!“ rief er, sprang auf die -Beine, streckte die Arme vor und stampfte mit dem -Hacken auf. -</p> - -<p> -Und in der Tat, man konnte nichts dawider sagen, -er tanzte wahrhaftig so gut, daß er auch mit der Hetmansfrau -hätte tanzen können. Wir traten ein wenig -zur Seite, und nun begann der alte Knasterbart seine -Beine auf dem glatten Plätzchen, das sich neben dem -Gurkenbeet befand, in die Luft zu werfen. Kaum war -er jedoch bis in die Mitte des Platzes gelangt — und -wollte nun erst richtig losgehen, wie ein Wirbel mit -den Füßen dahinfahren und uns ein besonderes Kunststückchen -zeigen — da wollten die Beine plötzlich nicht vom -Fleck und aus war es! War das ein sonderbarer Teufelsspuk! -Er fing noch einmal an, gab sich einen Schwung, -kam wieder bis zur Mitte, aber wieder ging es nicht -weiter! Tu einer, was er will — es ging und ging -nicht! Die Beine waren plötzlich so steif wie ein Stück -Holz. „So eine verteufelte Stelle, so ein Satansspuk! -Da ist wohl gar der Herodes, dieser Feind des Menschengeschlechts -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -mit im Spiel!“ Und nun gar noch diese -Schmach vor den fremden Lastführern! Er fing aber -wiederum an, und begann von neuem mit ganz kleinen -Schritten im Takt herumzuhüpfen, daß es nur so eine -Freude war, es mit anzusehen; aber wie er bis zur -Mitte kam, ging’s wieder nicht weiter, und der Tanz -wollte ihm durchaus nicht gelingen! „Ah, verdammter -Satan! Daß du doch an einer faulen Melone erstickest! -Als Kind schon sollst du krepieren, du Hundesohn! -Mir in meinen alten Tagen noch eine solche Schmach -anzutun ....“ Und in der Tat, hinter ihm lachte -jemand laut auf. -</p> - -<p> -Er sah sich um, das Feld und die Fuhrleute waren -verschwunden, hinter ihm, vor ihm, und zu beiden Seiten -sah man nichts als flaches Land. „He ... da haben -wir die Bescherung!“ Er begann mit den Augen zu -blinzeln, der Ort kam ihm nicht unbekannt vor: auf -der einen Seite lag ein Wald, und hinter dem Wald -ragte eine hohe Stange empor, die bis weit in der Ferne -zu sehen war. Was Teufel! Das ist ja der Taubenschlag -im Gemüsegarten des Popen! Auch von der -anderen Seite schimmerte etwas grau herüber; er sah -näher hin. Es war die Scheune des Gemeindeschreibers. -Teufel auch, wohin einen die unreine Macht forttragen -kann! Er lief ein paarmal hin und her und im Kreise -herum und entdeckte endlich einen kleinen Pfad. Der -Mond war unsichtbar, und an seiner Stelle blinkte -ein weißer Fleck durch eine Wolke. „Morgen wird’s -sehr windig sein!“ dachte der Großvater, da leuchtete -plötzlich, etwas abseits vom Wege auf einem kleinen -Grabe, ein Flämmchen auf. „Sieh mal an!“ und der -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -Großvater blieb stehen, stemmte die Hände in die Hüften und -sah näher hin: nun war das Flämmchen erloschen, aber -weiter und noch etwas weiter, da flackerte ein anderes -auf. „Ein Schatz!“ schrie der Großvater, „bei Gott, -ich möchte alles darum geben, daß das ein Schatz ist!“ -Und schon wollte er sich in die Hände spucken, um nach -dem Schatz zu graben, da fiel ihm ein, daß er ja weder -Schippe noch Spaten bei sich hatte. „Schade, schade! -Aber wer weiß? Vielleicht braucht man nur den Rasen -wegzuräumen, und der Herzensschatz liegt gleich darunter! -Na, da ist eben nichts zu machen! Merken wir uns -wenigstens den Platz, daß wir’s später nicht vergessen.“ -</p> - -<p> -Er nahm einen mächtigen Ast, der offenbar vom -Sturm zerbrochen worden war, wälzte ihn auf das -Grab, auf dem das Licht gebrannt hatte, und ging seines -Weges. Der junge Eichenwald lichtete sich; und ein -geflochtener Zaun tauchte vor ihm auf. „Na also, hab’ -ich’s nicht gleich gesagt, daß es die Trift des Popen ist!“ -dachte der Großvater, „da ist ja auch sein Zaun. Jetzt -ist’s keine ganze Werst mehr bis zu meinem Melonenfeld.“ -</p> - -<p> -Er kam aber erst spät am Abend heim und wollte -nicht einmal von den Klößen kosten. Er weckte meinen -Bruder Ostap, fragte nur, ob die Fuhrleute schon lange -fort seien, und wickelte sich dann in seinen Schafspelz. -Mein Bruder wollte ihn ausfragen. „Wo haben dich denn -heute die Teufel hingebracht, Großvater?“ begann er. -</p> - -<p> -„Frage nicht,“ sagte dieser, sich noch fester in seinen -Pelz hüllend, „frage nicht, Ostap, vom vielen Fragen -kriegt man graue Haare!“ Und er fing so an zu -schnarchen, daß die Sperlinge, die sich im Melonenfelde -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -niedergelassen hatten, vor Schreck in die Luft aufflogen. -Aber in Wahrheit schlief er gar nicht! Es ist -nicht zu sagen, was das für eine schlaue Bestie war -— Gott hab ihn selig — aber er verstand es vorzüglich, -sich mit allem abzufinden. Manchmal konnt’ -er einem ein Liedchen singen, daß man sich nur so in -die Lippen biß. -</p> - -<p> -Kaum aber brach der nächste Tag an, und kaum -begann es im Felde zu dämmern, da zog der Großvater -seinen Kittel an, legte den Gürtel um, nahm -einen Spaten und eine Schaufel unter den Arm, setzte -die Mütze auf, trank einen Krug Brotkwas, wischte sich -die Lippen mit dem Rockschoß und ging geradewegs in -des Popen Gemüsegarten. Er war schon am Zaun und -an dem niedrigen Eichenwäldchen vorbei. Da schlängelte -sich zwischen den Bäumen ein Pfad hin, der gerad ins -Feld führte; offenbar derselbe, den er gestern entdeckt -hatte. Er betrat das Feld — es war dieselbe Stelle, -wo er gestern gewesen war. Da ragte auch der Taubenschlag -in die Höhe, aber die Scheune war nicht zu -sehen. „Nein, das ist nicht der rechte Ort. Der liegt -also etwas weiter; ich muß offenbar umkehren und auf -die Scheune zugehen!“ Er kehrte also um, und ging -auf einem andern Wege weiter: jetzt war die Scheune -zu sehen, aber nun war der Taubenschlag fort! Er -kehrte also wieder um und näherte sich dem Taubenschlag, -doch nun war wieder die Scheune verschwunden. -Und nun begann, wie zu Fleiß, noch ein Regen -herunterzurieseln. Er lief wieder nach der Scheune — -aber der Taubenschlag war fort; oder zum Taubenschlag -— dann war die Scheune fort. -</p> - -<p> -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -„Verfluchter Satan, daß du es nie mehr erlebtest, -deine Kinder zu sehen!“ Der Regen aber rauschte in -<a id="corr-52"></a>Strömen herab. Der Großvater zog sich die neuen -Stiefel aus, wickelte sie in ein Tüchlein ein, damit sie -sich nicht vor Nässe zusammenzögen und gab Fersengeld -wie ein herrschaftlicher Renner. Er kroch, ganz durchnäßt -bis auf die Knochen, in die Hütte, bedeckte sich -mit dem Schafspelz und begann etwas durch die Zähne -zu murmeln und den Teufel mit so lieblichen Worten -zu traktieren, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gehört -habe. Ich gestehe, ich wäre ganz rot geworden, wenn -so etwas am helllichten Tage geschehen wäre. -</p> - -<p> -Am anderen Morgen erwache ich und sehe: der Großvater -zieht auf dem Felde umher, als ob nichts geschehen -wäre und bedeckt die Wassermelonen mit Blättern -von Kletten. Beim Essen wurde der Alte erst -wieder gesprächig und begann meinen jüngeren Bruder -damit zu schrecken, daß er ihn gegen ein Paar Hühner -umtauschen werde wie eine Wassermelone; nach Tisch -schnitt er sich selbst eine Flöte aus Holz und fing an, -auf ihr zu blasen; dann gab er uns eine Melone zum -spielen, die ganz zusammengeschrumpft war wie eine -Schlange, und die er eine türkische Melone nannte. -Ich habe nie wieder eine solche Melone gesehen; er hatte -den Samen von weit her gesandt bekommen. -</p> - -<p> -Abends, nach dem man gevespert hatte, ging der -Großvater mit dem Spaten ins Feld, um ein neues -Beet für die späten Kürbisse zu graben. Wie er nun -an der behexten Stelle vorüberkam, da konnte er nicht -an sich halten und murmelte durch die Zähne: „Verfluchter -Ort!“, er trat in die Mitte des Platzes, wo er -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -tags zuvor nicht hatte zu Ende tanzen können, und -schlug wütend mit dem Spaten auf die Erde. Da lag -plötzlich wieder dasselbe Feld vor ihm: auf der einen -Seite ragte der Taubenschlag empor, auf der anderen -stand die Scheune. „Noch gut, daß ich so klug war, -einen Spaten mitzunehmen,“ dachte er: „Da ist auch der -Pfad, da ist das Grab, und da liegt noch der Ast! -Sieh, da brennt ja auch das Flämmchen! Daß ich -mich nur nicht irre!“ -</p> - -<p> -Leise lief er herzu, hob den Spaten in die Höhe, als -ob er einem Eber, der sich bis ins Feld verirrt hatte, -einen Schlag versetzen wollte, und blieb vor dem Grabe -stehen. Das Flämmchen war erloschen und auf dem -Grabe lag ein mit Gras bewachsener Stein. „Diesen -Stein muß ich heben!“ dachte der Großvater und begann -rings um ihn herum die Erde aufzugraben. Der -verfluchte Stein war verdammt groß! Doch, nun -stemmte er die Füße fest gegen die Erde und stieß ihn -vom Grabe herab. „Bums —!“ dröhnte es weit durch’s -Tal. „Nun sind wir dich los! Jetzt wird die Arbeit -schneller gehen!“ dachte der Großvater. -</p> - -<p> -Und der Alte machte ein wenig Halt, holte seinen -Tabaksbeutel hervor, schüttete sich etwas Tabak auf die -Faust und wollte ihn an die Nase bringen, als plötzlich -über seinem Kopfe ein „Pschü!“ ertönte und jemand so -laut nieste, daß die Bäume zu schwanken begannen und -das ganze Gesicht des Großvaters bespritzt wurde. „Du -könntest dich doch auch abwenden, wenn du niesen willst!“ -rief der Großvater und rieb sich die Augen. Er sah -sich um, aber es war niemand da. „Der Teufel liebt -wohl den Tabak nicht!“ fuhr er fort, steckte den Beutel -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -wieder in die Brust und nahm den Spaten wieder in -die Hand. „Er ist wirklich dumm genug dazu! Solch -einen Tabak hat weder sein Großvater noch sein Vater -je geschnupft!“ Und er begann zu graben. Die Erde -war weich, und der Spaten versank nur so in ihr. -Jetzt klirrte etwas. Er schaufelte die Erde weg und erblickte -einen Kessel. -</p> - -<p> -„Ah, Täubchen, hier also bist du!“ rief der Großvater -und schob den Spaten unter den Kessel. -</p> - -<p> -„Ah, Täubchen, hier also bist du!“ piepte ein Vogel -und pickte auf den Kessel. -</p> - -<p> -Der Großvater wich zur Seite und ließ den Spaten -fallen. -</p> - -<p> -„Ah, Täubchen, hier also bist du!“ blökte ein -Hammelkopf von einem Baumwipfel herab. -</p> - -<p> -„Ah, Täubchen, hier also bist du!“ brüllte ein Bär, -seine Schnauze hinter dem Baum hervorschiebend. -</p> - -<p> -Den Großvater überlief es kalt. „Hier hat man ja -rein Angst, noch ein Wort zu sagen“, brummte er vor -sich bin. -</p> - -<p> -„Hat man ja rein Angst, ein Wort zu sagen!“ -piepte der Vogelschnabel. -</p> - -<p> -„Angst, ein Wort zu sagen!“ blökte der Hammelkopf. -</p> - -<p> -„Wort zu sagen!“ brüllte der Bär. -</p> - -<p> -„Hm ....“ machte der Großvater, und schrak -zusammen. -</p> - -<p> -„Hm!“ piepte der Vogel. -</p> - -<p> -„Hm!“ blökte der Hammelkopf. -</p> - -<p> -„Hum!“ brüllte der Bär. -</p> - -<p> -Voll Angst blickte der Großvater um sich: O Gott, -<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -was für eine Nacht! Weder Mond, noch Sterne; und -ringsumher nichts wie Schluchten; ihm zu Füßen lag -ein schier bodenloser Abgrund, ihm zu Häupten hing ein -Fels herab, der gerade auf ihn herunterstürzen wollte! -Und es deuchte den Großvater, als blinzelte ihn hinter -dem Felsen eine Fratze an: Hu! Hu! Die hatte eine -Nase wie der große Blasebalg in der Schmiede; die -Nüstern waren so groß, daß man einen Eimer Wasser -in jede hinein gießen konnte, und zwei Lippen hatte sie, -bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen <a id="corr-55"></a>glotzten -nach oben und dazu steckte sie noch die Zunge heraus -und bläkte ihn an! „Hol dich der Teufel!“ rief da der -Großvater und warf den Kessel hin. „Da hast du deinen -Schatz! Solch eine widerwärtige Fratze!“ Und schon -wollte er Reißaus nehmen, aber da sah er sich um, und -siehe da, es war alles wie früher. „Der Satan will -mich nur schrecken!“ dachte er sich. -</p> - -<p> -Er ging wieder daran, den Kessel auszugraben — -doch nein, er war zu schwer! Was war da zu machen? -Er konnte ihn doch nicht etwa da lassen! So nahm er -denn alle Kraft zusammen und packte ihn mit beiden -Händen: „Nun also, eins — zwei, drei!“ und er hatte -ihn emporgehoben. „So, jetzt nehmen wir mal erst eine -Prise!“ dachte er sich. -</p> - -<p> -Er holte den Tabaksbeutel hervor. Zuerst aber sah -er sich um, ob auch niemand da war. Nein, es war -niemand da, so schien es wenigstens! Aber auf einmal -kam es ihm so vor, als ob der Baumstamm ihn anfauchte -und sich aufblies, zwei Ohren traten hervor, ein -Paar rote Augen quollen heraus, die Nüstern bliesen sich -auf und eine Nase zog sich kraus, als wollte sie niesen. -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -„Nein, ich will lieber doch nicht schnupfen!“ dachte der -Großvater und steckte den Tabak wieder ein. „Sonst -spuckt mir der Satan wieder in die Augen!“ Er ergriff -also schnell den Kessel und begann aus allen Leibeskräften -zu laufen, da fühlte er, wie ihm von hinten -jemand wie mit Ruten auf die Beine schlug ..... -„O je, o je!“ schrie der Großvater und rannte weiter, -als ob er nicht gescheit wäre; erst als er an des Popen -Gemüsegarten vorbeikam, schöpfte er wieder ein wenig Atem. -</p> - -<p> -„Wo mag nur der Großvater geblieben sein?“ dachten -wir, nachdem wir drei Stunden auf ihn gewartet hatten. -Die Mutter war schon längst vom Vorwerk zurückgekommen -und hatte einen Topf mit heißen Klößen mitgebracht. -Der Großvater aber kam und kam nicht! Wir setzten -uns also allein hin, um zu vespern. Nach dem Abendessen -wusch die Mutter den Topf und suchte mit den -Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht <a id="corr-56"></a>ausgießen -konnte; denn ringsum gab es nichts als Beete, da -sieht sie auf einmal, wie ihr eine Tonne entgegengerollt -kommt. Es war ziemlich dunkel. Sicherlich hatte sich -jemand von den Burschen mutwillig hinter die Tonne -gesteckt und schob sie vor sich hin. „Ei, da kann ich -ja das Spülicht in die Tonne gießen,“ sagte sie und goß -das heiße Spülicht hinein. -</p> - -<p> -„O weh!“ schrie da eine tiefe Baßstimme auf. Sieh -da. Es war der Großvater! Ja, wer konnte denn das -wissen! Bei Gott, wir dachten einfach, ein Faß käme -herangerollt! Offen gestanden, wenn’s auch eine Sünde -ist, aber es war wirklich furchtbar komisch, als der graue -Kopf des Großvaters ganz von Spülicht triefend und -mit Melonenschalen behängt hervorschaute. -</p> - -<p> -<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> -„So ein Teufelsweib!“ rief der Großvater und wischte -sich den Kopf mit dem Rockschoß ab. „Wie die mich -verbrüht hat, rein wie ein Schwein vor Weihnachten! -Na, Jungens, jetzt sollt ihr aber Bretzeln bekommen. -Ihr sollt nur in goldenen Schupans herumlaufen, ihr -Hundesöhne. Seht her! Seht, was ich euch mitgebracht -habe!“ rief der Großvater und deckte den Kessel auf. -</p> - -<p> -Und was glaubt ihr wohl, was drin war? Überlegt’s -euch wohl, hört ihr — ihr denkt wohl: Gold? -Aber das ist’s ja eben, daß es kein Gold war: Mist, -Unrat und sowas ..... Es ist eine Schande zu -sagen, was alles da drin war. Der Großvater spuckte -aus, warf den Kessel hin und wusch sich die Hände. -</p> - -<p> -Und seit der Zeit beschwor uns der Großvater, niemals -dem Teufel zu trauen. „Denkt lieber gar nicht -dran!“ sagte er oft zu uns. „Alles, was der Feind -Jesu Christi spricht, hat er erlogen, dieser Hundesohn! -Der hat auch nicht für einen Deut Wahrheitsliebe!“ -Und kaum vernahm der Alte, daß es irgendwo rumore, -so rief er uns schon zu: „Schnell Kinder, machen wir -ein Kreuz darüber! So, so, so geschieht’s ihm recht! -Tüchtig soll er’s kriegen!“ und dann legte er los mit -dem Kreuzschlagen. Jenen verhexten Ort aber, an dem -er nicht zu Ende tanzen konnte, ließ er umzäunen und -ließ von da ab alles, was man nicht brauchen konnte, -also den ganzen Schutt und Unrat, den er auf dem -Felde ausgrub, dort hinwerfen. -</p> - -<p> -So also foppte des Satans Macht den Menschen! -Ich kenne diesen Ort sehr gut: später haben ein paar -Kosaken aus der Nachbarschaft ihn von meinem Vater -gepachtet, um ihn zu bebauen. Der Boden ist prachtvoll, -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -und die Ernte war immer ganz herrlich; aber von -einem behexten Orte kann ja nie Gutes kommen. Man -sät etwas, was man braucht, dann aber geht etwas auf, -wovon nur der Teufel weiß, was es ist: Es ist kein -Kürbis, keine Melone und auch keine Gurke ..... -Weiß der Teufel, was es ist. -</p> - -<h2 class="bio" id="part-4"> -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -Biographische Skizze -von -B. Schenrock -</h2> - -<p class="pbb trnpart"> -<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -Übersetzt von <em>Alexandra Ramm</em> -</p> - -<p class="pbb first"> -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ikolaj</span> Wassiljewitsch Gogol, der mit vollem Recht -als einer der großen schöpferischen Geister im -Gebiete der Wortkunst anerkannt wird, hat sich, -wie bekannt, seinen Anspruch auf Unsterblichkeit nicht -nur durch die großen Qualitäten seiner Werke, sondern -auch durch die entscheidende Wirkung erworben, die er -als richtunggebende Kraft auf die gesamte Entwicklung -des russischen Schrifttums ausübte. Als ein Schriftsteller, -der der Literatur unschätzbare Dienste erwies: indem -er sie von der Nachahmung befreite und sie endgültig -auf die Darstellung des wirklichen Lebens richtete, -hat Gogol sich für immer einen der ersten Plätze in der -Literaturgeschichte gesichert, wie groß auch die Verdienste -seiner Nachfolger sein mögen. -</p> - -<p> -Die persönlichste Note Gogols, des Menschen wie des -Dichters, ist die unbezweifelbare Eigenart seiner Erscheinung, -dies Wort in seinem höchsten Sinne genommen. -Ihr hat er es zu verdanken, daß er fast allein durch sein -natürliches Temperament die hohe Vollkommenheit erreichte, -die seine Werke auszeichnet. Es ist kaum möglich, -einen ähnlich bedeutsamen Vertreter der russischen -Literatur zu nennen, der in gleich geringem Maße fremden -Einflüssen verpflichtet ist. -</p> - -<p> -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -Gogol war ein echter Kleinrusse. Im Gegensatz zu -der Mehrzahl der großen russischen Dichter war er sowohl -seiner Abstammung wie seiner Erziehung nach fast gänzlich -frei von jeder Beimischung fremder Einwirkungen. Mit -den frühesten Eindrücken seiner Kindheit sog er zugleich -alle nationalen Eigenheiten des Kleinrussentums ein, als -er noch die Luft seiner heimatlichen, so inniggeliebten -Ukraine atmete. Immer blieb ihm Kleinrußland, das -der Gegenwart wie der Vergangenheit, teuer und er -forschte lebhaft nach seinen Ahnen, wenn auch nicht in -dem Sinne genealogischen Nachspürens. Im Gegenteil: -Gogol empfand aufs tiefste den <em>dichterischen</em> Zauber -der Erinnerung an die Ahnen, dem er in folgenden tief -gefühlten Zeilen Ausdruck gab: „O Vergangenheit, Vergangenheit! -Welch ein Jubel, welch eine Befreiung erfüllt -unsere Seele, wenn wir von dem hören, was vor langer, -langer Zeit, vor Jahr und Tag einmal in der Welt geschah! -Und wenn nun noch ein Blutsverwandter, ein -Großvater oder Urgroßvater an jenen Ereignissen teilnahm, -ah — dann verstummt der sonst so beredte Mund.“ -Wir wollen hier nicht die Geschichte Ostaps erzählen, -der vermutlich ein Ahne Gogols war und bemerken -nur, daß diese echt kleinrussische Familie, wenn auch nur -für kurze Zeit, mit zweien ihrer Mitglieder in die Reihen -der polnischen Schlachta eingetreten war, was eine Erklärung -für den zweiten polnischen Namen liefert, dem -die Gogols dem ihren anfügten: Gogols Urgroßvater -hieß Jan, nach ihm nannten sie sich auch Janowski, -und ihr Erbgut im Kreise Mirgorod, Regierungsbezirk -Poltawa, erhielt den Namen Janowschtschina (wie ein -anderes Gut, Wassiljewka, seinen Namen nach Gogols -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -Vater Wassilij erhalten hatte). Später war Gogol bemüht, -diesen zweiten Namen abzulegen, denn er behauptete, -daß „die Polen“ dieses Anhängsel erfunden hätten. -</p> - -<p> -Und doch war Gogol den Professoren und Mitschülern -fast ausschließlich unter dem Namen Janowski bekannt. -Schon der Sohn Jan Gogols war griechisch-katholisch -geworden; er wurde in der Kiewer Akademie erzogen -und trat sogar in den geistlichen Stand ein; sein Enkel, -der Großvater unseres Dichters, war den Zeugnissen -nach, die sich erhalten haben, ein echter Kleinrusse. Für -uns hat die Bekanntschaft mit den Ahnen Gogols vor -allem die Bedeutung, daß sie uns von der Überlieferung -alle als hochbegabte Menschen geschildert werden — -jedenfalls waren sie keine gewöhnlichen Erscheinungen. -Auch der Vater Gogols, Wassilij Afanaßjewitsch, war -ein außerordentlich begabter und herzensguter Mensch, -mit einem lebendigen und wißbegierigen Verstand, -literarischen Neigungen und einem ausgesprochenen Erzählertalent. -Sorglos und geliebt von Nachbarn und -Freunden begnügte er sich mit seinem bescheidenen -Familienglück und träumte nie von dem lockenden Ruhm -des Dichters. Ein Zufall, die Übersiedelung nach dem -Gute des bekannten kleinrussischen Magnaten Troschtschinsky, -einem Verwandten seiner Frau, Kibinzu, erschloß -der dichterischen Begabung Wassilij Afanaßjewitschs -ein würdigeres Feld. Dank der weitherzigen Gastfreundschaft -Troschtschinskys war dieser immer von Freunden -umringt: stets standen Zimmer und ganze Flügel für -die Ankömmlinge bereit. In seinem Hause herrschte -ewiger Feiertag: man musizierte, spielte Theater, arrangierte -Feste — und alles war immer von einer erregten -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -Atmosphäre von Freude und Glanz umgeben. Nicht -minder hing man in diesem Schlosse geistigen Interessen -nach: selbst bloße Vergnügungen trugen das Merkmal -vollendeten Taktes und Geschmacks, und keiner widerstand -dem bezaubernden Eindruck des Ganzen. Gogols -Eltern wurden hier gern gesehen, und man schien in -diesem zeitgenössischen Athen dem alltäglichen Leben ganz -entrückt zu sein. -</p> - -<p> -Am 19. März 1800 wurde W. A. Gogol, das ältere -von den zwei am Leben gebliebenen Kindern, unser -Dichter, geboren. Von dem ersten Tag an war er der -Abgott der Familie, vor allem der Mutter, deren Güte -und Freundlichkeit allgemein hochgeschätzt wurde. Es -ist selbstverständlich, daß der Knabe von seinen Eltern -mit zartester Sorgfalt behütet wurde, und so wuchs er -mitten unter Gutsherrn und Bauern alten Schlages auf. -Schon als Kind hatte ihm die Natur eine außerordentliche -Beobachtungsgabe verliehen, und so prägte sich ihm -von früher Jugend an das Bild eines kleinrussischen -Dorfes ein: unmerklich schleichen sich die kleinrussischen -Sagen, Sitten und Tänze in sein Herz. Auf dem Gute -Troschtschinskys lernt er vieles kennen, was ihm in der -Enge seines väterlichen Hauses ewig unbekannt geblieben -wäre. Und hier erlebte er seinen ersten künstlerischen -Genuß: als er bezaubert den Dramen Kotlarewskis zuschaute, -die von Leibeigenen auf dem Haustheater gespielt -wurden. Mit zehn Jahren brachte man ihn nach -Poltawa, um ihn dort für sein späteres Studium vorbereiten -zu lassen; bald jedoch wurde er nach Njäschin -geschickt in das „Gymnasium der höheren Wissenschaften,“ -wo er vom Mai 1821 bis Juni 1828 als Schüler verblieb. -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -In der Schule machte der kränkliche, nicht allzufleißige -Knabe, der seine geringe Zuneigung zu den Wissenschaften -durch eine innige Hingabe an allerlei kleine Streiche und -Neckereien ersetzte, weder auf seine Altersgenossen noch -auf die älteren Schüler einen besonders guten Eindruck: -die einen lachten ihn als einen Spaßmacher aus, die -andern verachteten ihn als einen Faulenzer. Der natürlichen -Begabung des Knaben, die sich vorläufig nur dadurch -kundgab, daß er den Lehrern treffende Spitznamen gab -und ihre Eigenheiten geschickt nachahmte, schenkte keiner -irgendwelche ernstere Beachtung: aber die von ihm erfundenen -Spitznamen werden von den andern sogleich -aufgegriffen, und alles belacht seine närrischen Streiche, -wenn auch keiner glaubt, daß sich hierin irgend etwas -ungewöhnliches ausdrückt. In dieser Zeit faßt er plötzlich -eine leidenschaftliche Hinneigung zur Malerei, wohl auch -zu Büchern: aber bald beherrscht das Theater widerspruchslos -seine Sehnsucht. Er bemüht sich, im Njäjiner -Lyzeum kleine Aufführungen zu arrangieren und als -Schauspieler gelingen ihm vor allem die Rollen der -komischen Alten. Seine Leidenschaft entflammte auch -seine Kameraden. Bald gibt er eine Schülerzeitschrift -heraus und träumt von seiner Zukunft, die sich in lichten -Farben vor ihm eröffnet. Als er sechzehn Jahre alt ist, -stirbt sein Vater plötzlich. Dadurch wird seine Entwicklung -entscheidend in eine andere Bahn gelenkt. Aus -dem spielerischen Knaben wird unversehens ein Jüngling. -Sein und seiner Angehörigen Schicksal, dem er sich ganz -widmen will, bemächtigt sich seiner Phantasie: vor allem -will er der jüngeren Schwester den Vater ersetzen. Noch -immer sind seine Fortschritte in der Schule gering, nur -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -für Geschichte wird ein größeres Interesse bei ihm bemerkbar, -ebenso für die Poesie, wenn ihn auch der -Literaturunterricht im Gymnasium wenig anzieht. Er -macht sich über den Professor, dessen vorsintflutliche -Anschauungen noch in der „guten alten Zeit“ wurzeln -und der Puschkin verachtet, lustig ... Und dann erwacht -die jugendliche Sehnsucht nach Freundschaft in ihm. -Außer seiner Knabenfreundschaft mit Danilewski, dem -Sohne des Gutsnachbars, gewinnt er noch Wyssozki und -die Brüder Prokopowitsch zu Freunden. Die letzten Jahre -der Schulzeit eilen schnell vorüber; Wyssozki, der die -Schule absolviert hat, reist nach Petersburg, und Gogol, -der oft mit dem Freunde von der Hauptstadt im Norden -geträumt hat, sehnt sich heiß nach den Ufern der Newa. -Seine Träume zaubern ihm das herrliche Leben in -Petersburg vor, wo die großen Ziele locken: gereizt -empfindet er das Provinzielle seiner Umgebung. Seine -scharfe Beobachtungsgabe verbindet sich mit schneidendem -Humor zu bissigen Ironien. Aus den kühnen Träumen -der Jugend gestaltet sich das Idyll „Hans Küchelgarten“. -Endlich naht die Zeit der Abschlußprüfung. Gogol fühlt, -daß er noch große Lücken auszufüllen hat und beginnt -angestrengt zu arbeiten. In den Briefen an seine -Mutter, die in dieser Zeit geschrieben sind, macht er der -Schule bittere Vorwürfe, daß sie ihn so lange aufgehalten -hat, ohne ihm sichere Kenntnisse beizubringen. Aber -endlich besteht er die Prüfling. -</p> - -<p> -Er kehrte auf kurze Zeit in seine Heimat zurück, um dann -mit seinem treuen Kameraden Danilewski nach Petersburg -zu fahren. Bald enttäuscht die grausame Wirklichkeit die -großartigen Träume der Jugend: statt in einem großen -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -Zimmer mit hohen Fenstern auf die Newa hinaus zu wohnen, -muß er sich mit einem Raum in einer höheren Etage in -einer viel prosaischeren Gegend begnügen; die hohen Preise -machen ihn niedergeschlagen. Die Empfehlungsbriefe, -mit denen ihn die sorgliche Mutter ausgerüstet hatte, -öffnen ihm zwar die Häuser einiger angesehener Personen, -bleiben aber ohne jegliches praktisches Resultat. -Er leidet Not und muß im Winter mit einem Sommermantel -herumlaufen. Er muß allen Vergnügungen entsagen: -nicht einmal das heißgeliebte Theater kann er -besuchen ... Er fühlt sich tief unglücklich und mit fieberhafter -Eile unternimmt er einen Versuch nach dem -andern; aber alles mißglückt ihm. Er erinnert sich der -Erfolge, die er auf der Bühne des Schultheaters errungen -hatte und läßt sich als Schauspieler prüfen: aber sein -Organ, klar und jeder Übertreibung bar, macht auf die -zeitgenössischen Theateraristarchen einen ungünstigen Eindruck. -Er selbst bemerkt es während der Probe und -entfernt sich heimlich, ohne das Resultat abzuwarten. -Dann fiel es ihm ein, sein Idyll „Hans Küchelgarten“ -drucken zu lassen, aber die Kritik nahm es kühl auf, und -der gekränkte Dichter warf eiligst seinen Erstling in die -Flammen. Inzwischen war ihm aber das Interesse der -Petersburger für alles Kleinrussische aufgefallen, und der -unternehmungslustige Jüngling beschäftigt sich mit dem -Plan, die Komödien seines Vaters aufzuführen. Ebenso -beginnt er, mit Hilfe der Mutter und seiner Freunde -näheres Material für einige geplante kleinrussische Erzählungen -zu sammeln, die er auch wirklich niederschreibt -und die unter dem Namen „Abende auf dem Gutshof -bei Dikanka“ bald eine umfassende Popularität erlangten. -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -Über seine Stimmung zu dieser Zeit mögen einige Zeilen -Auskunft geben, die einem gleichzeitigen Brief an seine -Mutter entnommen sind: „Ist das eine ein Mißerfolg, -kann man zum andern greifen, und mißglückt das auch -— dann zum dritten usw. Das Kleinste kann manchmal -eine große Hilfe bedeuten.“ In dieser Stimmung -reifte plötzlich der Plan in ihm, ins Ausland zu reisen -— in das Ausland, von dem er seit seiner Schülerzeit -zu Njäschin geträumt hatte! Er sehnte sich nach einem -phantastischen Land des Glücks und der schöpferischen -Arbeit. Aber auch diesmal enttäuschte die Wirklichkeit -die farbige Glut seiner Jugendträume. In der „Beichte -des Dichters“ bekannte er, daß „er sich kaum auf dem -Meere, auf dem Dampfer, unter fremden Menschen“ -befand, als schon die frohen Träume von einem glücklichen -exotischen Leben in nichts zerflossen. Kaum hatte -er sich flüchtig umgesehen, kaum hatte er Lübeck, Travemünde, -Hamburg kennen gelernt, als er schon zurück nach -Petersburg eilte. (Nach A. S. Danilewskis Angabe war -Gogol aus Petersburg fortgefahren, um sich in Amerika -anzusiedeln.) Bald nach seiner Rückkehr erhielt er eine -Stellung im Apanagen-Departement. So kläglich hatten -seine herrlichen Dichterträume geendet. Und gerade diesen -Ausgang hatte er wie das Feuer gefürchtet, und mit allen -Kräften sträubte er sich gegen den Gedanken, daß „das -Schicksal ihm ein düsteres Heim des Ungekanntseins -zugedacht hätte“. -</p> - -<p> -Inzwischen aber gediehen die „Abende auf dem -Gutshof bei Dikanka“ fleißig weiter; außerdem begann -Gogol seine ersten literarischen Versuche in Zeitschriften -zu veröffentlichen und Beziehungen zu Schriftstellern -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -anzuknüpfen. So war er endlich auf der Bahn, die zu -einer Verwirklichung seiner Träume führen konnte. -Delwig, Schukowski, Pletniew — vor allem der letztere — -erkannten seine glänzende Begabung und entwickelten -für seine Zukunft eine geradezu väterliche Besorgnis. -Pletniew verschaffte ihm eine Stellung als Geschichtslehrer -am „Patriotischen Institut,“ wo er selbst Geschichtsunterricht -erteilte, und ebenso einige Stunden in -vornehmen Häusern. Er war es auch, der ihn mit -Puschkin bekannt machte. Noch ein paar Mißerfolge -hatte Gogol zu überwinden, und dann erhaschte er das -Glück, das phantastische, zauberhafte Glück ... Plötzlich -fühlte er sich in die Sphäre der höheren literarischen -Welt gehoben ... aussichtsreiche Beziehungen eröffneten -sich ihm. Vor allem befreundete er sich mit dem vielumworbenen -Fräulein A. O. Rosset, der späteren Frau -Smirnowa. Ihre gemeinsame heiße Liebe zur Ukraine -hatte sie zusammengeführt, und das war für ihn um so -bedeutungsvoller, als sich sein Verhältnis zur Heimat in -den seelischen Erschütterungen der letzten Jahre wesentlich -verändert hatte. War es früher seine leidenschaftliche -Sehnsucht, nur schnell in die Hauptstadt zu kommen, so -sehnte er sich jetzt aus den schweren Enttäuschungen der -großen Stadt in seine geliebte Ukraine zurück, obwohl -er die Bedeutung Petersburgs für seine Zukunft wohl -erkannt hatte. Im Jahre 1831 gab er unter dem ihm -von Pletniew empfohlenem Pseudonym Rudy Panjko -die „Abende auf dem Gutshof bei Dikanka“ heraus. Den -Sommer verbrachte er in Zarskoje <a id="corr-57"></a>Selo, in glücklicher -Gemeinschaft mit Puschkin und Schukowski. (Nunmehr -war er überhaupt einer „derer um Puschkin“ geworden.) -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -Erst im Sommer 1832 benutzte er seine Ferien, um die -Heimat aufzusuchen. Eine neue Idee hatte sich um diese -Zeit seiner bemächtigt: er wollte eine Komödie schreiben, -deren Stoff dem alltäglichen Leben entnommen sein -sollte. Seine eminente Beobachtungsgabe mußte einmal -einen solchen Gedanken gebären, um sich vollkommen -entladen zu können: durch sie wurden Züge seiner Umgebung -hell bestrahlt, die dem gewöhnlichen Blick für -immer verborgen bleiben, obwohl sie in Wahrheit die am -tiefsten charakteristischen sind. Das zeitgenössische Repertoire -bestand in der Mehrzahl aus affektierten Dramen und -Tragödien: teils waren es lärmende Trauerspiele im -pseudoklassischen Geschmack, teils anspruchslose Komödien, -die, ohne jede Bedeutung, nur der Abwechslung -dienten. Es kann nicht stark genug betont werden, daß -in dieser Lage Gogols Plan geradezu eine Offenbarung -bedeutete: und wenn um Gogols schöpferischer Stellung -in der Literatur vielleicht gestritten werden kann, so kann -über seine Bedeutung für die dramatische Kunst nicht der -geringste Zweifel herrschen. Denn die Entwicklung des -russischen Dramas kann selbst durch so starke ästhetische -Schöpfungen wie Puschkins „Geizige Ritter“, „Mozart -und Salieri“ oder „Der steinerne Gast“ nicht erklärt -werden: überall wird man der entscheidenden Einwirkung -Gogols begegnen. Seine Ansicht von der Bedeutung -des Dramas, die ihm aus tiefstem Innern zugeflossen -war, war so selbstständig und neu, daß sie ihm bei -einem vorübergehenden Aufenthalt in Moskau die gerühmten -Produkte der zeitgenössischen dramatischen -Literatur ganz bedeutungslos erscheinen ließ; diesen -Aufenthalt in Moskau — übrigens auf seiner Reise -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -in die Heimat — benutzte er, um literarische Beziehungen -anzuknüpfen, die er sich vorher sorgfältig ausgewählt -hatte und von denen er eine Förderung seiner -dramatischen Absichten erwarten konnte, oder die ihm -bei einer praktischen Ausnutzung seiner Geschichtsstudien -behilflich sein konnten. Gogols Ansichten frappierten -allgemein und selbst ein so kultivierter Kenner des -Theaters wie S. T. Aksakow war von einigen gelegentlichen -Äußerungen aufs tiefste überrascht, deren tiefe -Wahrheit er trotz ihrer scheinbaren Seltsamkeit sofort -einsah. In Moskau kam Gogol mit M. P. Pogodin -und seinen Landsleuten Maximowitsch und dem Schauspieler -Schtschepkin in nähere Berührung. Seine Rückkehr -in die Heimat bereicherte ihn um viele trostlose -Erfahrungen: er kehrte ja nicht mehr als der glückliche, -von lichten Träumen erfüllte Jüngling zurück, als der -er vor drei Jahren mit Danilewski fortgezogen war. -In diesen drei Jahren hatte er etwas köstliches verloren: -die frohen Träume der Jugend. Die Träume der Jugend, -die voll blühender Sehnsucht die Welt als einen Triumphpfad -träumt, mit bunten Blumen überschüttet. Aber -der rosa Vorhang ist gesunken, und nackt starrt vor dem -bestürzten Auge die kahle Mittelmäßigkeit des Alltags. -Und Gogol erfüllt die ernste Tragik des Lebens, die sich -unter dem grauen Einerlei des Weltlaufs verbirgt. Alles, -was ihm der Traum in verlockenden Bildern gemalt -hat, was in der Ferne ihm begehrenswert erschienen -war — alles zeigte sich noch nichtiger und trostloser, -als es ihm vor drei Jahren erschienen war. Und in -der Nähe wartete das gleiche Petersburg auf ihn: aber -ohne die magische Aureole, die es ihm vor drei Jahren -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -verklärt hatte. Das alles drückt sich in der veränderten -Stimmung seiner nächsten Werke aus: deutlich scheidet -sich schon „Mirgorod“ hierin von den „Abenden auf -dem Gutshof bei Dikanka,“ die in allem die zärtliche -Verklärung der Jugend atmen. Aber kaum ist er wieder -in Petersburg angelangt, als er sich schon den Traum -einer neuen glücklichen Zukunft ausmalt: er will nach -Kiew gehen, um sich dort um die Geschichtsprofessur -an der eben eröffneten Universität zu bewerben. Erfüllt -von dem Gefühl seiner reichen inneren Kräfte, durchdrungen -von der Überzeugung, die im Kreise Puschkins -alle beherrschte, daß das Genie der Masse und ihrer -Meinung absolut überlegen sei — hatte er sich nie ernste -Gedanken über die Verantwortlichkeit einer akademischen -Stellung gemacht. Er war fest überzeugt, daß allein -durch die Kraft der lebendig-bildlich-bewegten Vorstellung -die Künste der „welken Schulmeister“ in Schatten gestellt -würden. Nachdem er sich mit Puschkins und Schukowskis -Hilfe den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte -an der Petersburger Universität erobert hatte, hielt er -es natürlich auch nicht für nötig, sich für die bevorstehenden -Vorlesungen ernsthaft vorzubereiten: statt dessen -überläßt er sich der geliebten Arbeit des dichterischen -Schaffens. In dieser Zeit schreibt er den „Revisor.“ -Sein Selbstvertrauen wächst maßlos: er denkt daran, -eine Geschichte Kleinrußlands im Mittelalter zu schreiben. -Das Resultat ist nicht anders, als man erwarten konnte: -in seiner Universitätszeit entstehen dichterische Schöpfungen -von hohem Werte, würdig seines Talents — aber seine -wissenschaftlichen Pläne scheitern jammervoll, und seine -Vorlesungen sind, wenn man von einigen wirklich -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -glänzenden absteht, flüchtig und mittelmäßig. Die Hörer -verlieren Achtung und Vertrauen vor ihrem Professor, -und wenn sie ab und zu in sein Auditorium hineinsehen, -geschieht es nur, um sich „durch seine phantastische -Diktion unterhalten zu lassen.“ Gogols Professur endete -mit einem vollständigen Fiasko, zumal er seine Vorlesungen -bald aus Mangel an gelehrtem Material ausfallen -lassen mußte. Und da gerade zu dieser Zeit die -Anforderungen an die Professoren erhöht wurden, blieb -ihm nichts anderes übrig, als seinen Abschied zu nehmen. -Kurz vorher hatte er auch die Stunden im „Patriotischen -Institut“ verloren. -</p> - -<p> -Nach diesen Mißerfolgen richtete er all seine Kraft -auf die Aufführung des „Revisors“. Am 19. April 1836 -wurde dieses große Werk, das bis heute noch eine hohe -Zierde der russischen Bühne ist, endlich zum erstenmal -gegeben. Anders als jene Dutzendautoren, deren -kühnste Hoffnung nur bis zum freundwilligen Applaus -des Publikums reicht, blickte Gogol auf die Bühne: mit -tiefer Angst und Wehmut verfolgte er das Schicksal -seines Werkes, in das er seine ganze Seele, seine edelsten -Kräfte gelegt hatte. Die Pfeile der Komödie trafen -scharf ins Ziel, und im Publikum wogte eine außerordentliche -Erregung gegen das Werk. Kaiser Nilolaj Pawlowitsch, -der bei der ersten Vorstellung des Revisors anwesend -war, entschlüpften folgende denkwürdige Worte: -„Das ist ein Stück! Alle haben ihr Teil bekommen — -aber ich am meisten!“ Von tiefer Anteilnahme für die -schonungslose Entblößung sozialer Schäden erfüllt, ebnete -der Kaiser durch seine Protektion dem Werk den Weg -zur Bühne. Aber statt daß der Dichter über eine so -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -offensichtliche Wirkung erfreut ist, ist er überrascht und -niedergeschlagen und wehmütig ruft er aus: „Herrgott, -wenn nur einer oder zwei geschimpft hätten — Gott -segne sie. Aber alle ... alle!“ Bitter beklagt er sich -bei seinen Freunden, daß alle das Werk schmähten und -doch abends in die Vorstellung liefen. Die Aufführungen -werden durch die üblichen Schikanen und Intriguen der -Theaterbehörden immer wieder gestört: und das alles -bringt den Kelch schließlich zum Überlaufen. Von den -schweren Erlebnissen der letzten Jahre gequält und zerrüttet, -reist er mit seinem unzertrennlichen Freunde Danilewski -ins Ausland, um dort Ruhe und Zerstreuung -zu finden. -</p> - -<p> -Trotz der vielen Mißerfolge blickt er mit unzerstörbarer -Heiterkeit in sein zukünftiges Leben. Und so reisten -beide Freunde in die Welt hinaus, jung, frei, und fortgerissen -von dem Drange, sich in das lockende, fremde, -westeuropäische Leben zu stürzen. Fröhlich, als hätten -sie die Last düsterer, ewig gleicher Eindrücke für immer -abgeworfen, eilten sie einer hellen, rosigen Zukunft entgegen. -Die goldenen Träume der Jugend schwebten -noch über ihnen, und vor ihnen erhob sich die Morgenröte -eines besseren poetischeren Lebens, erfüllt von Jubel -und lichtem Glück. -</p> - -<p> -Mit dieser Reise in das Ausland begann für Gogol -eine neue Epoche seines Lebens. Von allen Interessen -der offiziellen Petersburger Welt getrennt, gab er sich -ungehemmt der ihm entgegenbrausenden neuen Welle -hin. Er schließt neue Bekanntschaften, und die Distanz -zwischen ihm und seiner Vergangenheit wird mit jedem -Tage größer, entscheidender. Ein, zwei Monate vergehen -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -— und er fühlte sich allen ehmaligen Sorgen und -Ärgernissen entfremdet. Nur die innige Liebe zur Heimat -erwacht wieder: und jede Erinnerung wird ihm zu einem -sorgsam gehegten Schatz. Aber die Bitterkeit, mit der -sie die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatte, ließ sich -doch nicht ganz vergessen, und in seinen intimen Bekenntnissen -stehen neben begeisterten Hymnen auf die -Heimat bittere Klagen über ihre Schattenseiten. Beides -ist gleichbezeichnend für des Dichters unübertroffene -Aufnahmefähigkeit. Mit der Hingabe eines Jünglings -weiß er die zahllosen neuen Eindrücke zu genießen, er -reist von einem Land in das andere, um sich endlich für -längere Zeit in Italien niederzulassen, das er später seine -„zweite Heimat“ nennt. Die Wunder der italienischen -Natur und Kunst, die große Eigenart Roms, die Lebensführung, -die allem früher Gesehenen nur allzu Gewohntem -direkt widersprach — wie stark mußte das -alles auf die empfängliche Seele des Künstlers wirken! -Und gierig schlürft Gogol den Kelch dieses erregten Lebens, -oft mit seinem Freund Danilewski, oft auch mit einem -andern Enthusiasten, dem edlen und reinen Maler A. -A. Iwanow. In einer glücklichen poetischen Umgebung -geben sie sich bis zur Selbstvergessenheit dem ästhetischen -Genießen der Natur hin, und voll tiefer Seligkeit empfinden -sie sich als freie Menschen, unendlich fern von -allem Kalten und Offiziellen, von allen materiellen Ablenkungen. -Hier in Italien berührten alle Dinge die -Seele unserer Einsiedler zärtlich: das stille Genießen der -Kunst, der Zauber der wundervollsten Sprachmelodie, -das Ergreifende überraschender Farbenwechsel und die -mit nichts zu vergleichende Pracht des südlichen Himmels. -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -Jede durchkreuzte Straße dieser hingebend geliebten Stadt, -jeder unbedeutende Winkel in den dunklen und nicht -immer ganz sauberen Osterien wird ihnen teuer. Eine besondere -Freude war es für Gogol, hier in der Fremde Seelenverwandte -zu treffen, und er fand ihrer viele. Mit einem -Wort: es war die glücklichste, hellste Zeit seines Lebens. -</p> - -<p> -Aber wie es immer im Leben geht, diese Zeit war -nicht von langer Dauer, und ihr Glück mußte hart gebüßt -werden. Das Schicksal ist nicht freigiebig mit -solchen Geschenken, und es war Gogol nicht lange beschieden, -in dieser Hochflut ästhetischer Genüsse zu leben. -Allein in dieser Zeit hatte er den ersten Band der „Toten -Seelen“ geschrieben, eines Werkes, das nunmehr zu -seiner Lebensaufgabe heranwächst. Das glückliche Leben -verdüsterte sich durch materielle Sorgen, und auch Wolken -anderer Art bedrohten seinen heiteren Horizont. Bald -mußte er eine kostspielige Reise nach der Heimat machen, -um seine Schwestern aus dem Institut zu nehmen und -die jungen unerfahrenen Mädchen wenigstens nach Moskau -zu begleiten, und die Rückreise brachte neue Sorgen, die -eine erhebliche Anleihe verlangten. Bald vergifteten -Krankheiten sein Leben; im Jahre 1840 überstand -er nacheinander in Wien und Rom zwei schwere Krankenlager. -Eine Zeitlang glaubte er sich sogar am Rande -des Grabes. Jede Genesung empfindet der von Kindheit -an religiös gestimmte Gogol als eine göttliche Erlösung -von dem Tode, die ihm das Schicksal nur gewährt -hat, um durch neue Schöpfungen dem Nutzen -der Menschheit in einem höheren Sinne dienen zu -können oder, wie er sich später äußerte, „um einen -Hymnus auf die göttliche Schönheit zu singen“. -</p> - -<p> -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -Das alles geschah an der Grenze der dreißiger und -vierziger Jahre. Die sensible Natur des Künstlers hatte -sich der schweren Anfechtungen zu erwehren, die unbarmherzig -auf ihn niederprasselten. Einer der schwersten -Schicksalsschläge, die ihn betroffen hatten, war der frühe -Tod des jungen Josef Wielgorski, an dem er während -der letzten Monate seines langsamen Dahinschwindens -mit ganzer Seele gehangen hatte. Gogol war für die -Freundschaft aufs äußerste empfindlich, und gerade darum -blieb der Kreis seiner Freunde immer sehr klein. Aber -nicht minder zerrütteten ihn die kleinlichen Sorgen des -Alltags. Fern von den aktuellen Tagesfragen und den -Interessen der zeitgenössischen literarischen Welt, beschränkt -durch seine persönlichen Beziehungen und materiellen -Verpflichtungen, konnte er seinen Freunden kaum etwas -recht tun. Unter dem Kreuzfeuer ihrer Ansprüche und -gegenseitiger Gereiztheiten geriet er unwillkürlich in eine -unangenehme und unbequeme Lage, da sie sich alle für -berechtigt hielten, eine Unterstützung ihrer zahlreichen Zeitschriften -durch Arbeiten aus seiner Feder zu verlangen. -So entzweite er sich mit dem ihm einst in Moskau (1841) -sehr nahestehenden Pogodin, der ihm Geld geliehen hatte -und sich berechtigt fühlte, Arbeiten von ihm zu verlangen. -Pletniew und seinen andern <a id="corr-58"></a>Petersburger Freunden gefiel -wiederum seine Annäherung an die Moskauer nicht, -und die Aksakows mit ihrer aufrichtigen, aber wie Gogol -selbst sagte, übertriebenen Liebe zu ihm waren durch seine -Anhänglichkeit an Italien verletzt. Die Mühen, die das -Erscheinen der „Toten Seelen“ im Jahre 1842 verursachte, -machten in Gogol die Erinnerung an die -schrecklichen Seelenqualen lebendig, die er bei der Aufführung -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -des Revisors erlitten hatte. Wieder die gleichen -offiziellen Scherereien, vor allem mit der Zensur, die -Meinungen äußerte wie folgende: der Titel „Tote Seelen“ -schon könne nicht zugelassen werden, da die Seele unsterblich -sei! Besonders hatte die Erzählung vom Kapitän -Kopeikin darunter zu leiden. Wieder war Gogol gezwungen, -durch Bitten und Besuche hochgestellte Persönlichkeiten -zu interessieren, wieder allerlei quälende Intrigen. Und -waren es früher nur die Intrigen im Theater, die ihn -marterten, so bereiteten ihm jetzt seine Freunde allerlei -Schwierigkeiten: vor den Aksakows mußte er seine Beziehungen -zu Belinski<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> verbergen, und bei Pogodin war -es ihm unangenehm, daß er mit dem von ihm erborgten -Gelde dem Maler Iwanow geholfen hatte. Zu -gleicher Zeit beunruhigten ihn die finanziellen Verhältnisse -seiner Familie auf das äußerste, und er durfte nicht -einmal daran denken, zu helfen, da seine eigene -materielle Lage eher alles andere als glänzend war. -Noch während seines Petersburger Aufenthaltes hatte -er in dieser Beziehung allen Boden unter den Füßen -verloren. Nachdem er seinen früheren Beruf aufgegeben -hatte, war es ihm nie wieder in den Sinn gekommen, -zu einer bestimmten Tätigkeit zurückzukehren — ausgenommen -natürlich die Arbeit an seinen Dichtungen. -Wiederholt wandte er sich an die Regierung mit der -Bitte um eine Subvention, wobei er immer wieder -darauf hinwies, daß es sein heißer Wunsch sei, dem -Vaterlande zu nützen, und daß er, da er sich in keiner -Stellung befände, ohne bestimmte Einnahmen sei. Gleichzeitig -befestigt sich in ihm die Überzeugung, daß er sich -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -ganz dem heiligen Werk der Arbeit an den „Toten -Seelen“ widmen müsse. Er glaubt sich von Gott dazu -berufen, in den folgenden Bänden die Ganzheit des -russischen Menschen darzustellen und die besseren -helleren Seiten seiner Natur. Für Gogol beginnt sich -nunmehr die Frage nach der Fortsetzung seiner Arbeit -immer stärker mit dem Problem der Rettung seiner -Seele zu verknüpfen; und um die ihm gestellte Aufgabe -würdig lösen zu können, glaubt er sich geistig ganz neu -gebären zu müssen. Er bittet Gott, ihm Kraft zu verleihen, -die ihm bevorstehende heroische Tat vollbringen -zu können. Inzwischen geht er immer mehr in sich -und verschließt seine Seele vor den andern. Er beginnt, -seinen früheren Arbeiten wenig Bedeutung beizulegen, -er findet sie leer, und mit der ganzen Kraft seiner -Seele geht er in dem innig gehegten Traum auf, seinem -Volke das ihm so nötige, noch nie gesagte Wort zu -verkünden. Grandiose Perspektiven eröffnen sich vor -seinem Auge, und unwillkürlich drängt sich ihm die -Empfindung auf, daß der erste Teil der „Toten Seelen“ -nur die Vorhalle zu einem mächtigen, noch im Bau -befindlichen Palast sei. In dieser Stimmung schreibt er -Zeilen, wie jene über Rußland, die tiefster Inspiration -entsprungen sind und die ihn den von diesem Anspruch -gereizten Zeitgenossen als mehr denn anmaßend erscheinen -ließen. Tönend verkündet er in diesen Zeilen, daß nunmehr -aller Augen auf ihn gerichtet seien und daß er -der Sendbote einer anderen neuen Zeit sei, „wo aus -einem anderen Quell ein furchtbarer Sturm der Begeisterung -sich erheben wird, aus einem Haupte, das -von heiligem Schrecken und strahlendem Glanz umweht -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -ist: und in verwirrtem Zittern wird man den erhabenen -Donner anderer Reden hören“. Gogol träumt von seiner -messianischen Sendung: wenn er auch nicht, wie es der -Traum seiner Jugend war, der ganzen Menschheit Segen -bringen könne, so doch zumindest seinem geliebten Vaterlande. -Er vergißt seine Bitterkeit und die tiefen Wunden, -dankbar segnet er die Vorsehung für sein hohes, über -der Ebene des gewöhnlichen Lebens gelegenes Schicksal, -und er heißt alle Prüfungen willkommen: selbst die -Armut, die er nach seinen eigenen Worten liebgewonnen -hat, wie der Liebhaber seine Geliebte. Mit starrer Entschlossenheit -beschränkt er seine Habe auf ein „Köfferchen“ -mit den Handschriften seiner Werke und einigen Büchern -religiösen Inhalts; und zuletzt sucht er Tröstung selbst -in den physischen Leiden, die seinen von Natur schwachen -Körper mehr und mehr untergraben. Diese Idee, an -die er sich klammert und die sein ganzes sittliches Sein -erfüllt, wandelt seine moralische Persönlichkeit vollkommen -um, obschon es keine wurzelhafte Veränderung ist, vielmehr -erhalten einige Seiten seiner moralischen Konstitution, -die in der Jugend durch Sehnsucht, Lebensfrische, -Gestaltungslust im Gleichgewicht gehalten wurden, -jetzt mehr und mehr das Übergewicht. Dieser Prozeß -beginnt Ende der dreißiger Jahre und erfüllt das ganze -nächste Jahrzehnt, er spiegelt sich deutlich in den Briefen -dieser Periode, und wenn er mitunter so abweichende, -leidenschaftlich vertretene Beurteilungen findet, so ist dies -eine Folge der Verschiedenheit des Gesichtswinkels, unter -dem man ihn betrachtet; ob man auf das stürmische -Wachsen des inneren Menschen in Gogol achtet, der sich -bis zum reinsten Idealismus läutert, oder ob man die -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -seelische Krise Gogols vom Standpunkt des Ästhetikers -bewertet, der ihren zerstörenden Einfluß auf seine -schöpferische Kraft betrachtet. Unter diesem ästhetischen -Gesichtspunkt ergibt sich diese Wandlung als notwendige -Folge des Zwiespaltes, in den die freie schöpferische Kraft -durch ihre Bindung mit — wenn auch zweifellos idealen — -religiösen Motiven geraten muß. Eines aber ist unzweifelhaft: -das letzte Jahrzehnt des Dichters stellt einen -schmerzlichen und langwierigen Auflösungsprozeß seiner -physischen Kräfte dar und ihm parallel einen stetigen -Niedergang seiner ästhetischen Schöpfungskraft und eine -sich bis zum Krankhaften steigernde religiöse Ekstase. -Aber trotz der hartnäckigen Gerüchte, die sich bis über -seinen Tod hinaus erhielten, hat keiner seiner Freunde -je bei ihm eine geistige Störung festgestellt. Andererseits -hat jeder von der äußerst schroffen Umwandlung Gogols -während seiner letzten Jahre berichtet, und dieser Eindruck, -der von seiner Familie wie von seinem Vertrauten -Danilewski bestätigt wird, muß bei der Beurteilung -dieser Epoche Gogols durchaus mit berücksichtigt werden. -Keime der mystischen Stimmung, die Maximowitsch -schon 1835 bei Gogol beobachtet hat, und nach ihm — -aber immer noch früher als die andern Freunde — S. -T. Aksakow, sind unter dem Eindruck der überstandenen -Qualen und der ewigen Angst vor der Not der Todesstunde -schnell gereift, außerdem fanden sie auch einen -günstigen Boden in der Umgebung, in der Gogol sich -während seines Lebens im Auslande befand. Die Gesellschaft -der Schukowski, Frau Smirnowas, A. P. Tolstois -und des kranken Dichters Jasykow schien geradezu auserwählt -zu sein, um Gogol, der von der Heimat getrennt -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -und von allen Einflüssen des westeuropäischen Lebens -ganz abgeschlossen war, immer tiefer und hemmungsloser -in einen bodenlosen Mystizismus versinken zu -lassen. Gogols Umwandlung in seinen letzten Lebensjahren -war eine endgültige: mitgerissen von seelischen -Entdeckungen, Prophetien, und zermarternden Selbstbespiegelungen -und bestürmt von grausamen unablässigen -Leiden zerrann ihm sein früheres Dasein in nichts. Seine -Verschlossenheit und innere Einsamkeit wuchs: seine Zuneigung -zu seinen Jugendfreunden verwandelte sich in eine -mißtrauische Gespanntheit, seine dichterische Schöpfungskraft -nahm an Umfang und Wert ab. Lange noch lebte -Gogol im Ausland, mitunter auch in dem von ihm so -innig geliebten Italien, aber er ist nicht mehr der frühere -Enthusiast, der sich vor der wundervollen italienischen -Landschaft begeistert. Immer ausschließlicher beschränkten -sich seine Gedanken auf das Religiöse: es zieht ihn nach -Palästina, und eine Zeitlang läßt er sogar die Arbeit -an den „Toten Seelen“, um die „Ausgewählten Stellen -aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden“ zu schreiben. -1847 erscheint der Briefwechsel: es entspinnen sich leidenschaftliche -Diskussionen, und vor allem gefällt er in seiner -von der Zensur entstellten und verkürzten Gestalt dem -Autor nicht. Gogol ist bis zum Äußersten gequält und -niedergedrückt. -</p> - -<p> -Der bekannte Brief Belinskis und eine andere -Äußerung seiner Freunde, verstärkt durch eine Anzahl -Kritiken zerrütteten Gogol endgültig. Er fühlt sich zu -einer Gegenäußerung gezwungen und schreibt die „Beichte -des Dichters“. Und Anfang 1848 gibt er seiner heißen -Sehnsucht nach und reist nach Jerusalem. Nach seiner -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -Rückkehr bleibt er in der Heimat, langsam nur schreitet -die Arbeit an den „Toten Seelen“ vorwärts. Sein -Lebensmut sinkt und allmählich unterliegt er in dem -schweren Kampfe zwischen der ungeheuren Aufgabe, die -er sich gestellt hat, und seinen immer schwächer werdenden -geistigen und körperlichen Kräften. In dieser Zeit gewinnt -der Geistliche von Rschew, Pater Mathäus, einen tiefgehenden -Einfluß auf ihn, und seine strengen asketischen -Worte peinigen die kranke Seele des Dichters so, daß -er die Predigt des Geistlichen einmal mit dem Angstschrei -unterbricht: „Genug, genug, es ist furchtbar!“ -Hier soll bemerkt werden, daß ein starker Bestandteil -von Gogols Religiosität die Furcht vor dem Jenseits war. -</p> - -<p> -Kurz vor seinem Tode verbrannte er den zweiten Teil -der „Toten Seelen“. Hartnäckig verweigert er die Annahme -von Nahrung: er will sterben. Beides, Verzweiflung -und Todessehnsucht, erklärt sich aus der -peinigenden Ungewißheit des Dichters, ob seine Werke -Gutes stiften würden oder nicht: bis zu seinem Tode -kämpften in Gogol flammende Hoffnung und dumpfes -Verzweifeln. Und hinzu kommt die unerträgliche Angst -vor der Qual der Todesstunde, die nur einen Wunsch gestattet, -sich so weit wie möglich auf den furchtbaren Augenblick -der Abrechnung mit dem Irdischen vorzubereiten, um -die Seele vor der ewigen Verdammnis zu retten. -</p> - -<p> -Gogol starb in Moskau am 21. Februar 1852. Zu -seinem Begräbnis erschienen die Spitzen der Stadt, die -Leichenfeier fand in der Universitätskirche statt. Eine -große Menge Volk hatte sich eingefunden, um dem -Dichter die letzte Ehre zu erweisen. -</p> - -<p> -Die feindlichen Stimmen verstummen, und die große -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -Bedeutung Gogols stellt sich immer klarer, wahrnehmbarer -heraus. Und in unsern Tagen wird keiner versuchen, -an der Bedeutung seiner gewaltigen Dichtungen -zu zweifeln, an diesem starken Darsteller der Wirklichkeit -— dem ersten, den Rußland aus eigener Kraft -hervorgebracht hat. -</p> - -<h2 class="appendix" id="part-5"> -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -<span class="line1">Anhang</span> -</h2> - -<h3 class="appendix pbb" id="chapter-5-1"> -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -<span class="line1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka</span><br /> -<span class="line2">(Erster Teil.)</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Der erste Teil der in diesem Bande vereinigten Erzählungen -erschien im September des Jahres 1831. Die -Unterschrift des Zensors trägt das Datum „den 26. -Mai 1831.“ -</p> - -<p class="vs"> -I. <em>Der Jahrmarkt in Sorotschintzy</em> stammt -aus dem Jahre 1830. 1851 wurde diese Novelle mit -unwesentlichen stilistischen Änderungen in der Gesamtausgabe -von Gogols Werken wieder abgedruckt. -</p> - -<p> -II. <em>Die Johannisnacht.</em> Diese Erzählung erschien -zuerst im Februar- und Märzheft der „Vaterländischen -Annalen“ (Otetschestwennye Sapiski), Jahrgang 1830 -und zwar anonym unter dem Titel: „<em>Basawrjuk oder -die Johannisnacht</em>“. Eine kleinrussische Novelle (nach -einer Volkssage), erzählt vom Küster an der Kirche zu -Pokrowsk. Gogol arbeitete die Novelle später für die -„Abende auf dem Gutshof bei Dikanka“ um. Hierbei -beseitigte er einige Änderungen, die <em>Swinjin</em> bei der -Drucklegung in den Vaterländischen Annalen eingefügt -hatte, und schickte der Erzählung eine kleine Vorrede -voraus, in der er auch auf Swinjins Änderungen hinwies. -</p> - -<p> -III. <em>Mainacht oder die Ertrunkene.</em> Ist im -Jahre 1829 entworfen und dann für die „Abende“ neu -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -bearbeitet worden. 1851 fügte Gogol noch einige kleine -Änderungen ein. -</p> - -<p> -IV. <em>Der verschwundene Brief.</em> Stammt wahrscheinlich -aus dem Jahre 1831, und wurde von Gogol -für die Gesamtausgabe (II. Aufl.) noch einmal durchgesehen. -</p> - -<h3 class="appendix" id="chapter-5-2"> -<span class="line1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka</span><br /> -<span class="line2">(Zweiter Teil.)</span> -</h3> - -<p class="noindent"> -Der zweite Teil der „Abende“ erschien Anfang März -1832; die Unterschrift des Zensors trägt das Datum: „den -31. Januar 1832.“ -</p> - -<p class="vs"> -I. <em>Die Nacht vor dem Weihnachtsfest</em> wurde -1831 niedergeschrieben und 1851 noch einmal durchgesehen. -</p> - -<p> -II. <em>Schreckliche Rache</em> stammt wahrscheinlich aus -dem Jahre 1831. In der ersten Ausgabe der „Abende“ -lautete der Titel dieser Novelle „Schreckliche Rache“ -(„eine alte Sage“). In der zweiten und den folgenden -Auflagen der „Abende“ vom Jahre 1836 wurde der -Untertitel („eine alte Sage“) fortgelassen. -</p> - -<p> -III. <em>Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine -Tante.</em> Die Zeit der Entstehung dieser Novelle ist -unbekannt. -</p> - -<p> -IV. <em>Der verhexte Ort.</em> Auch über die Entstehungszeit -dieser Erzählung liegen keine Nachrichten vor. -</p> - -<p class="sign"> -<em>Der Herausgeber.</em> -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="printer"> -Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt. -</p> - - -<h2 class="footnotes">Fußnoten</h2> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> berühmter russischer Kritiker. -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch -Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht -verändert. -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter -Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, korrigiert wie hier -aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... <span class="underline">Frieda</span> Ichak. ...<br /> -... <a href="#corr-0"><span class="underline">Frida</span></a> Ichak. ...<br /> -</li> - -<li> -... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag’ ich euch! Was <span class="underline">konten</span> ...<br /> -... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag’ ich euch! Was <a href="#corr-1"><span class="underline">konnte</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Die Hexe hat deine sündige Seele <span class="underline">in</span> Verderben gestürzt! ...<br /> -... Die Hexe hat deine sündige Seele <a href="#corr-4"><span class="underline">ins</span></a> Verderben gestürzt! ...<br /> -</li> - -<li> -... „Verfügung: An den <span class="underline">Amtman</span> Jewtuch Makohonenko. ...<br /> -... „Verfügung: An den <a href="#corr-11"><span class="underline">Amtmann</span></a> Jewtuch Makohonenko. ...<br /> -</li> - -<li> -... erschien der Mondschein vom Leuchten <span class="underline">der</span> Schnees! ...<br /> -... erschien der Mondschein vom Leuchten <a href="#corr-18"><span class="underline">des</span></a> Schnees! ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Dem</span> Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde ...<br /> -... <a href="#corr-19"><span class="underline">Den</span></a> Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde ...<br /> -</li> - -<li> -... Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, <span class="underline">Ostop</span>!“ ...<br /> -... Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, <a href="#corr-21"><span class="underline">Ostap</span></a>!“ ...<br /> -</li> - -<li> -... Herrschaften es hier gibt!“ <span class="underline">dache</span> der Schmied. ...<br /> -... Herrschaften es hier gibt!“ <a href="#corr-22"><span class="underline">dachte</span></a> der Schmied. ...<br /> -</li> - -<li> -... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,“ <span class="underline">anwortete</span> der ...<br /> -... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,“ <a href="#corr-23"><span class="underline">antwortete</span></a> der ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">hät’</span> er viel Wunderliches erzählen können. Ja, ...<br /> -... <a href="#corr-27"><span class="underline">hätt’</span></a> er viel Wunderliches erzählen können. Ja, ...<br /> -</li> - -<li> -... Und siehe da, der seltsame Greis <span class="underline">knirrschte</span> zischend ...<br /> -... Und siehe da, der seltsame Greis <a href="#corr-28"><span class="underline">knirschte</span></a> zischend ...<br /> -</li> - -<li> -... schon und <span class="underline">schnarrchte</span> laut über ganz Kijew. ...<br /> -... schon und <a href="#corr-29"><span class="underline">schnarchte</span></a> laut über ganz Kijew. ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Hetmann</span> selten zu essen bekommt. So was verschmäht ...<br /> -... <a href="#corr-34"><span class="underline">Hetman</span></a> selten zu essen bekommt. So was verschmäht ...<br /> -</li> - -<li> -... von seltsamem und <span class="underline">schrecklichen</span> Äußeren herein. Zum ...<br /> -... von seltsamem und <a href="#corr-38"><span class="underline">schrecklichem</span></a> Äußeren herein. Zum ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">vergangener</span> Zeiten. ...<br /> -... <a href="#corr-42"><span class="underline">vergangenen</span></a> Zeiten. ...<br /> -</li> - -<li> -... und so hat er die <span class="underline">Geschiche</span> denn auch wirklich aufgeschrieben. ...<br /> -... und so hat er die <a href="#corr-43"><span class="underline">Geschichte</span></a> denn auch wirklich aufgeschrieben. ...<br /> -</li> - -<li> -... Unterwegs passierte <span class="underline">nicht</span> besonders Bemerkenswertes. ...<br /> -... Unterwegs passierte <a href="#corr-44"><span class="underline">nichts</span></a> besonders Bemerkenswertes. ...<br /> -</li> - -<li> -... etwa um irgendwelcher tiefer <span class="underline">diplomatischen</span> Pläne willen, ...<br /> -... etwa um irgendwelcher tiefer <a href="#corr-45"><span class="underline">diplomatischer</span></a> Pläne willen, ...<br /> -</li> - -<li> -... Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein <span class="underline">bischen</span> ...<br /> -... Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein <a href="#corr-46"><span class="underline">bißchen</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Burschen viel über Jerusalem gehört hatte<span class="underline">?</span> ...<br /> -... Burschen viel über Jerusalem gehört hatte<a href="#corr-48"><span class="underline">.</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... „Wo sind die Fuhrleute<span class="underline">,</span>“ fragte der Großvater und ...<br /> -... „Wo sind die Fuhrleute<a href="#corr-49"><span class="underline">?</span></a>“ fragte der Großvater und ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Stömen</span> herab. Der Großvater zog sich die neuen ...<br /> -... <a href="#corr-52"><span class="underline">Strömen</span></a> herab. Der Großvater zog sich die neuen ...<br /> -</li> - -<li> -... bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen <span class="underline">glotzen</span> ...<br /> -... bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen <a href="#corr-55"><span class="underline">glotzten</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht <span class="underline">auf</span>gießen ...<br /> -... Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht <a href="#corr-56"><span class="underline">aus</span></a>gießen ...<br /> -</li> - -<li> -... Sommer verbrachte er in Zarskoje <span class="underline">Selow</span>, in glücklicher ...<br /> -... Sommer verbrachte er in Zarskoje <a href="#corr-57"><span class="underline">Selo</span></a>, in glücklicher ...<br /> -</li> - -<li> -... Pletniew und seinen andern <span class="underline">Petursburger</span> Freunden gefiel ...<br /> -... Pletniew und seinen andern <a href="#corr-58"><span class="underline">Petersburger</span></a> Freunden gefiel ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem -Gutshof bei Dikanka, by Nikolaj Gogol - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 3: ABENDE *** - -***** This file should be named 55026-h.htm or 55026-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/0/2/55026/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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