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-The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof
-bei Dikanka, by Nikolaj Gogol
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
- Phantastische Novellen
-
-Author: Nikolaj Gogol
-
-Commentator: B. Schenrock
-
-Editor: Otto Buek
-
-Translator: Ludwig Rubiner
- Frieda Ichak
- Alexandra Ramm
-
-Release Date: July 2, 2017 [EBook #55026]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 3: ABENDE ***
-
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
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-
- Nikolaus Gogol
- Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
-
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- Nikolaus Gogol
- Sämmtliche Werke
- In 8 Bänden
-
-
- Herausgegeben
- von
- Otto Buek
-
-
- Band 3
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1910
-
-
- Nikolaus Gogol
-
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-
- Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
-
-
- Phantastische Novellen
-
- Deutsch
- von
- Ludwig Rubiner
- und
- Frida Ichak.
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1910
-
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- Inhalt
-
-
- Abende auf dem Gutshof bei Dikanka I 1
- Vorrede 3
- Der Jahrmarkt in Sorotschintzy 11
- Die Johannisnacht 55
- Mainacht oder die Ertrunkene 83
- Der verschwundene Brief 133
- Abende auf dem Gutshof bei Dikanka II 155
- Vorrede 157
- Die Nacht vor dem Weihnachtsfest 163
- Schreckliche Rache 239
- Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante 311
- Der verhexte Ort 355
- Biographische Skizze von B. Schenrock 373
- Anhang 399
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- Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.
- Erster Teil
-
-
- Erzählungen
- Herausgegeben von _Rotfuchs Panjko_, Bienenzüchter.
-
- Übersetzt von _Ludwig Rubiner_
- und _Frida Ichak_
-
-
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-
- Vorrede
-
-
-Was ist denn das wieder für ein Ding: Abende auf dem Gutshof bei
-Dikanka? Was für »Abende« sind denn das? Und die dazu gar noch ein
-Bienenzüchter in die Welt gesetzt hat! Gott bewahr' uns! Hat man etwa
-noch zu wenig Gänsefedern gerupft und allzu wenig Lumpen zu Papier
-verarbeitet! Hat etwa noch zu wenig Pack, haben etwa noch zu wenig Leute
-von jeglichem Stand ihre Finger mit Tinte bekleckst! Da muß der Teufel
-nach all dem anderen Volk auch noch einen Bienenzüchter reiten, es den
-andern nachzumachen! Wahrhaftig! Es gibt doch schon so viel bedrucktes
-Papier, daß man bald nicht mehr recht weiß, was alles man hineinwickeln
-soll!
-
-All diese Reden hat meine Prophetie schon gehört, schon vor einem Monat
-gehört! Ich will nämlich sagen, daß es für unsereins, daß es für uns
-Vorwerksbesitzer genau dasselbe ist, wenn man -- o du grundgütiger
-Himmel --, die Nase aus seinem Loch in die große Welt steckt, als wenn
-man in die Gemächer eines feinen Herrn tritt: alle bilden einen Kreis um
-einen, und der Schabernack geht los; derartiges könnte man sich am Ende
-noch von besseren Lakaien gefallen lassen, -- aber nein, irgend so ein
-zerlumpter Junge, irgendein Lümmel, der sich im Hinterhof herumdrückt,
-auch so einer traut sich heran. Da stampfen sie mit den Füßen und rufen
-einem von allen Seiten zu: »Wohin willst du? Zu wem? Pack dich du
-Bauernkerl! Scher dich zum Teufel!« ..... Ich kann euch sagen .... Aber
-was sollen alle Worte! Mir fällt's wahrhaftig leichter, zweimal im Jahr
-nach Mirgorod zu reisen, wo mich schon seit fünf Jahren weder der
-Schreiber vom Landgericht noch seine Hochwürden zu Gesicht bekommen
-haben, als zu den großen Leuten zu steigen; tu ich's aber mal, dann
-heißt's, ob's dir nun paßt oder nicht, Rede und Antwort stehen.
-
-Nichts für ungut, meine lieben Leser (und ihr nehmt's vielleicht übel,
-daß ein einfacher Bienenzüchter zu euch redet wie zu seinem Gevatter
-oder Ehestifter), wir Vorwerksleute haben von jeher solche Bräuche:
-sowie die Feldarbeiten zu Ende sind, der Bauer übern Winter zur Ruh'
-hintern Ofen kriecht und unsereins seine Bienen in den dunklen Keller
-steckt; sowie es keinen Kranich mehr am Himmel und auf dem Baum keine
-Birne mehr gibt, da kann man, wenn es Abend wird, sicherlich irgendwo am
-Ende der Dorfstraße ein Licht blinken sehen; von ferne hört man lachen
-und singen, die Balalaika klimpert, oft auch vernimmt man Geigenklänge,
-lauten Schwatz und Lärmen .... Das sind die _Unterhaltungen_ unserer
-_Abende_! Sie ähneln sozusagen euren Bällen, aber doch nicht ganz. Wenn
-ihr auf einen Ball fahrt, so geschieht's doch nur, um herumzuspringen
-und in die hohle Hand zu gähnen. Bei uns dagegen, wenn da in einer Stube
-ein Haufen Mädchen mit Spinnrocken und Spindelkamm zusammenkommt, so ist
-das durchaus kein Ball. O nein! -- Zuerst sieht's aus, als ob sie
-ernstlich an die Arbeit gehen wollten. Die Spindeln surren, die Lieder
-schwirren, und keine wagt es, zur Seite zu blicken. Kaum aber kommen die
-Burschen mit dem Fiedelmann in die Stube, da beginnt ein Toben und
-Schreien, es wird getanzt, und solche Streiche geschehen da oft, daß
-man's gar nicht erzählen kann.
-
-Aber am schönsten ist's doch, wenn alle sich zu einem Haufen
-zusammentun, und man beginnt, Rätsel zu raten, oder ganz einfach -- zu
-schwatzen. O mein Gott! Was wird da nicht alles erzählt! Was wird da
-nicht für alter Kram ausgegraben! Was für Gruselzeug wird da nicht
-herangeschleppt! Aber nirgends ward wohl soviel Wunderliches erzählt wie
-an den Abenden beim Rotfuchs Panjko, dem Bienenzüchter. Warum mich die
-Leute den »Rotfuchs Panjko« nennen, das vermag ich, weiß Gott, nicht zu
-sagen. Auch ist ja mein Haar, sollt' ich wohl glauben, eher grau als
-rot. Aber das ist bei uns nun eben, mit Verlaub zu sagen, so Sitte:
-haben die Leute einem mal 'nen Spitznamen gegeben, so behält er ihn in
-alle Ewigkeit. Oft kamen am Vorabend hoher Feiertage allerlei brave
-Leute in die Hütte des Bienenzüchters zu Gaste, und wenn die sich erst
-an den Tisch gesetzt hatten, da gab's dann was zu hören. Das waren nicht
-etwa Leute aus den einfachen Ständen, nicht etwa Bauern aus einem
-Vorwerk; manch einem, der mehr als Bienenzüchter ist, würde ihr Besuch
-Ehre machen. Kennt ihr zum Beispiel Foma Grigorjewitsch, den Küster an
-der Kirche zu Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte der
-nicht für Geschichten erzählen! Zwei davon sollt ihr in diesem Büchlein
-finden. Nie hat der einen Kittel aus Bast getragen, wie ihr ihn bei so
-vielen Küstern auf dem Lande findet; ja, kamt ihr selbst an Werkeltagen
-zu ihm, so empfing er euch immer in einer Joppe aus feinem Tuch von
-einer Farbe wie die von kaltem Kartoffelbrei, für das er in Poltawa fast
-sechs Rubel die Elle bezahlt hat. Von seinen Stiefeln wird niemand auf
-dem ganzen Weiler behaupten können, sie hätten nach Teer gerochen; jeder
-weiß, daß er sie mit dem allerfeinsten Schmalz geschmiert hat, das,
-glaub' ich, mancher Bauer sich wohl mit Freuden in den Brei getan hätte.
-Auch wird niemand zu sagen wagen, daß er sich je die Nase mit dem
-Rockschoß gewischt hat, wie es manche Leute seines Standes zu tun
-pflegen; nein, er zog ein weißes, säuberlich gefaltetes Tüchlein aus dem
-Busen, dessen Bänder mit rotem Zwirn bestickt waren, verrichtete sein
-Bedürfnis, faltete es nach seiner Gewohnheit zwölffach zusammen und barg
-es wieder im Busen. Und ein anderer Gast .... je nun, das war solch ein
-feines Herrchen, daß man ihn stracks zum Präsidenten oder Exekutor hätte
-machen können. Er pflanzte seinen Finger vor der Nase auf, und dann
-blickte er die Spitze an und erzählte so spitzfindig durch die Blume,
-akkurat wie es in den gedruckten Büchern steht! Wenn ihn unsereiner
-manchmal so hörte, da mußte man ja ganz nachdenklich werden. Kein
-Sterbenswörtchen war zu verstehen. Wo hat der bloß solche Worte
-hergenommen? Diesbezüglich hat Foma Grigorjewitsch einmal eine
-treffliche Schnurre erdacht: er erzählte ihm eine Geschichte von einem
-Schüler, der einst bei einem Küster zur Schule ging; als der wieder zu
-seinem Vater kam, da war er ein solcher Lateiner geworden, daß er sogar
-unsere rechtgläubige Sprache vergessen hatte -- alle Worte ließ er auf
-»us« endigen: statt Schaufel sagte er »Schaufelus«, statt Weib »Weibus«
-usw. Einmal ging er mit seinem Vater über Feld. Der Lateiner erblickt
-eine Harke und fragt: »Wie nennt man das bei euch, Vater?« und dabei
-sperrte er das Maul weit auf und trat der Hacke auf die Zähne. Der Vater
-hatte kaum antworten können, da flog der Griff der Harke dem Sohne mit
-einem Schwung gegen die Stirn. »Die verdammte Harke!« schrie der
-Schuljunge, fuhr sich mit der Hand an den Kopf und sprang eine Elle hoch
-in die Luft. »Der Satan soll den Mann holen, der das Harkenzeug gemacht
-hat! Sie tut so weh!« »So, bist du endlich auf den Namen gekommen, mein
-Täubchen?« -- Dieses Märchen wollte dem verblümten Erzähler nicht
-besonders gefallen. Ohne ein Wort zu sagen, stand er von seinem Platze
-auf, stellte sich breitbeinig mitten im Zimmer hin, neigte den Kopf
-etwas vor, schob die Hand in die Seitentasche seines erbsengrauen
-Rockes, holte seine runde lackierte Tabakdose hervor, schnippte mit dem
-Finger über das draufgemalte Gesicht eines ausländischen Generals, nahm
-eine ziemlich große Prise seines mit Asche und Liebstöckelblättern
-vermischten Tabaks, führte sie weit ausholend an die Nase und sog im Nu
-das ganze Häufchen ein, ohne auch nur den Daumen zu streifen, und dabei
-sprach er keine Silbe. Erst als er in die andere Tasche griff und ein
-blaukariertes Baumwollentuch hervorholte, da murmelte er etwas vor sich
-hin, wie: »_Man darf seine Perlen nicht vor die Säue werfen!_« ..... »Da
-gibt's einen Krach,« dachte ich, als ich sah, wie Foma Grigorjewitschs
-Finger sich zu einer Ohrfeige zusammenballten; zum Glück hatte meine
-Alte die gute Idee gehabt, gebackenes Weißbrot mit Butter auf den Tisch
-zu stellen. So machten sich denn alle daran; auch Foma Grigorjewitschs
-Hand griff, statt dem andern eine Nase zu drehen, danach, und alle
-begannen, wie üblich, die tüchtige Hausfrau zu loben. Dann gab's bei uns
-noch einen, der zu erzählen verstand; aber der (nie zur Nacht sei dran
-gedacht!) der erzählte so gruselige Geschichten, daß einem die Haare zu
-Berge standen. Ich habe sie absichtlich nicht hier hereingebracht: die
-guten Leute könnten gar noch solche Angst vor dem Bienenzüchter
-bekommen, wie -- Gott bewahre mich -- vor dem Teufel. Lieber will ich,
-wenn's Gott gefällt, bis Neujahr warten, und gebe dann noch ein Büchlein
-heraus. Da sollen uns meinetwegen Gestalten aus jener anderen Welt
-entsetzen, und Mirakel, die sich in alten Zeiten in unserem
-rechtgläubigen Lande zugetragen haben. Ihr werdet darunter vielleicht
-auch einige Parabeln vom Bienenzüchter selbst finden, wie er sie seinen
-Enkeln erzählt hat. Ihr braucht nur die Ohren zu spitzen. Ich hab' nur
-keine Lust herumzukramen, sonst könnte ich wohl noch zehn solche
-Büchlein zusammenbringen.
-
-Doch halt -- ich habe ja die Hauptsache vergessen: Wenn Ihr, lieben
-Herren, zu mir fahrt, dann schlagt die gerade Poststraße nach Dikanka
-ein. Ich hab' mit Fleiß den Ort an die erste Seite gestellt, damit Ihr
-den Weiler schneller zu erreichen wißt. Doch Ihr habt wohl schon zur
-Genüge von Dikanka gehört. Wahrlich, dort sind die Häuser stattlicher
-als die Strohbude eines bescheidenen Bienenzüchters. Ganz zu schweigen
-vom Garten: dergleichen findet ihr wohl nur noch in eurem Petersburg.
-Wenn ihr nach Dikanka kommt, so fragt bloß den ersten besten Jungen, der
-im schmierigen Hemde seine Gänse hütet: »Wo wohnt hier der Bienenzüchter
-Panjko?« -- »Da hier,« wird er sagen, und zeigt's euch mit dem Finger,
-und wenn ihr wollt, so bringt er euch sogar bis vors Haus. Doch bitte
-ich euch, legt nur nicht zu gemächlich die Hände auf den Rücken und
-springt mir nicht zu unbedacht herum, denn unsere Landstraßen sind nicht
-so glatt wie die vor euren feinen Häusern. Als Foma Grigorjewitsch vor
-zwei Jahren aus Dikanka hinausfuhr, geriet er mit seinem Wägelchen
-mitsamt dem vorgespannten Braunen in den Graben, obwohl er selbst die
-Zügel führte und sich zu seinen eignen Augen noch manchmal gekaufte
-aufsetzte.
-
-Wenn ihr nun aber doch zu Gaste kommt, so sollt ihr solche Melonen
-kriegen, wie ihr sie euer Lebtage noch nicht gegessen habt; und besseren
-Honig, das schwör' ich euch, werdet ihr auf keinem Vorwerk finden:
-stellt euch vor, wenn man so eine Wabe hereinbringt, da strömt euch ein
-Geruch durchs ganze Zimmer -- es läßt sich gar nicht ausdenken, was für
-ein Geruch! Klar wie eine Träne oder wie teures Kristall, das man in den
-Ohrringen trägt! Und was für Pasteten euch meine Alte vorsetzt! Was für
-Pasteten! Wenn ihr das wüßtet: Zucker, der reine Zucker! Und die Butter
-läuft einem beim Essen nur so über die Lippen. Es ist nicht zu glauben,
-was diese Weiber alles können! Habt ihr schon je Birnenmost mit
-Schlehdornbeeren gekostet, meine Herren? Oder Bier mit Rosinen und
-Pflaumen? Oder Gekröse in Milch? O Gott, was es alles für Gerichte in
-der Welt gibt! Man kann kaum genug bekommen. O, es ist ein Genuß: zum
-Fingerablecken! Im vergangenen Jahr ..... Aber was schwatz' ich da
-zusammen ..... kommt nur, kommt recht bald; ihr sollt so bewirtet
-werden, daß ihr's ganz sicher weit und breit erzählen werdet.
-
- _Rotfuchs Panjko_.
- Bienenzüchter.
-
-
-
-
- Der Jahrmarkt in Sorotschintzy
-
-
- I.
-
- Trüb wird mir in dieser Hütte,
- O so führ mich aus dem Haus!
- Führ mich hin zu Lärm und Braus,
- Dorthin, wo die Mädel springen
- Und die Burschen Gläser schwingen!
-
- Aus einer alten Legende.
-
-Wie köstlich und erquickend ist doch ein Sommertag in Kleinrußland! Wie
-schmachtend heiß sind jene Stunden, da der Mittag in Stille und Glut
-erstrahlt, der unermeßliche blaue Ozean wie eine Kuppel der Wollust über
-der Erde hängt und wie ein Schlafender, ganz versunken in Wonne, seine
-luftigen Arme um die Schöne schlingt! Keine Wolke steht am Himmel, kein
-Laut ist im Felde zu hören. Alles liegt da wie tot; nur oben in der
-Tiefe des Himmels schwirrt eine Lerche, silberne Lieder fliegen die
-luftigen Stufen herab zur verliebten Erde, und ab und zu hallt der
-Schrei einer Möve oder der gellende Ruf einer Wachtel durch die Steppe.
-Träg und allen Denkens bar, wie Lustwandelnde ohne Ziel, stehen bis zu
-den Wolken ragend die Eichen, und die blendende Glut der Sonnenstrahlen
-entzündet ganze Haufen von Laub, die malerisch daliegen, während sie
-andere in nachtschwarze Schatten hüllt, die nur bei starkem Winde wie
-Gold aufleuchten. Smaragde, Topase und Saphire ätherischer Insekten
-regnen auf die bunten Farben der Gärten herab, die von steilen
-Sonnenblumen geschirmt werden. Graue Heuschober und goldene Garben malen
-ein Kriegslager auf das Feld und wandern weit hinaus über den
-unermeßlichen Raum. Breite Zweige, die unter der Schwere der Früchte
-herabsinken, Kirschbäume, Pflaumen, Äpfel, Birnenbäume; der klare Himmel
-und sein heller Spiegel, der Fluß in grünem, stolz erhöhten Rahmen .....
-wie voll Wonne und Lust ist doch der kleinrussische Sommer!
-
-In solcher Pracht erglänzte einer der heißen Augusttage des Jahres
-achtzehnhundert ..... achtzehnhundert .... es werden wohl etwa dreißig
-Jahre her sein, -- da die Straße schon zehn Werst vorm Städtchen
-Sorotschintzy ganz schwarz von wimmelndem Volke war, das von allen nahen
-und fernen Vorwerken der Umgebung auf den Jahrmarkt eilte. Seit dem
-frühen Morgen zog sich eine endlose Reihe Wagen mit Salz und Fisch
-dahin. Ganze Berge von Töpfen, die in Stroh gewickelt waren, schwankten
-langsam hin und her und schienen sich höchlich zu langweilen über das
-Dunkel ihrer Verkerkerung; nur stellenweise guckte eine buntbemalte
-Schüssel oder ein tönerner Mörser prahlerisch unter dem hoch überm Wagen
-aufgespannten Schutznetz hervor und lenkte die entzückten Blicke aller
-Verehrer von Prunk und Luxus auf sich. Viele von den Vorübergehenden
-blickten neidisch auf den hochgewachsenen Töpfer, den Besitzer dieser
-Kostbarkeiten, der langsamen Schrittes hinter seiner Ware einherging,
-und seine tönernen Gecken und Koketten sorgfältig in das ihnen so
-verhaßte Stroh einwickelte.
-
-Ein einsamer Wagen schleppte sich abseits hinter müden Ochsen einher. Er
-war mit Säcken, Hanf, Flachs und allerhand Häuslichkeit beladen, und
-hinter ihm trollte sich der Besitzer in reinem Leinwandhemd und
-schmutzigen Hosen einher. Mit träger Hand wischte er den herabrieselnden
-Schweiß vom braunen Gesicht und dem langen Schnurrbart, der von jenem
-unerbittlichen Barbier gepudert war, der ebenso ungerufen, zum schönsten
-Mädchen wie zum Krüppel kommt und seit Tausenden von Jahren das ganze
-menschliche Geschlecht wider seinen Willen mit Puder bestreut. An der
-Seite des Mannes trottete eine an den Wagen gebundene Stute, deren
-demütiges Äußere ihr hohes Alter bezeugte. Viele Fußgänger, besonders
-die jungen Burschen, griffen an ihre Mütze, wenn sie den Bauer
-einholten. Allein es war weder sein Schnurrbart, noch sein stolzer Gang,
-was sie zu diesem Gruße veranlaßte; man brauchte nur die Augen etwas zu
-heben, um den Grund dieser Hochachtung wahrzunehmen: Oben auf dem Wagen
-saß sein hübsches Töchterlein mit rundem Gesichtchen, schwarzen
-Augenbrauen, die sich wie steil geschwungene Bögen über den hellgrauen
-Augen abzeichneten, und sorglos lächelnden rosigen Lippchen; sie hatte
-den Kopf mit roten und blauen Bändern umwunden, die zusammen mit den
-langen Zöpfen und einem Strauß aus Feldblumen wie eine prächtige Krone
-auf ihrem entzückenden Köpfchen ruhten. Alles schien sie zu locken;
-alles war ihr so seltsam neu .... Und die hübschen Äuglein sprangen
-unablässig von einem Ding zum anderen hinüber. Wie sollten sie auch
-nicht! War sie doch zum ersten Male auf dem Jahrmarkt! Ein Mädchen von
-achtzehn Jahren und das erstemal auf dem Jahrmarkt! ..... Aber keiner
-der Vorbeiziehenden und Vorüberwandernden konnte wissen, wieviel Mühe es
-sie gekostet hatte, ihren Vater zu erweichen, der es ja von Herzen gern
-getan hätte, wäre nicht die böse Stiefmutter dagewesen. Die verstand's
-nämlich, ihn ebenso geschickt zu lenken, wie er seine alte Stute, die er
-jetzt am Zügel hielt und nach langem Dienste zum Verkauf mit sich
-führte. Diese ruhelose Ehegattin ..... Aber wir haben ganz vergessen,
-daß sie ja auch da oben auf dem Wagen dasaß in einer schmucken, grünen
-Wolljacke, auf die, wie beim Hermelin, kleine Schwänzchen aufgenäht
-waren; allerdings waren es nur solche von roter Farbe. Das reiche Tuch
-sah fast so bunt aus wie ein Schachbrett, und das bunte baumwollene
-Häubchen verlieh ihrem hübschen runden Gesicht eine ganz besondere
-Würde. Aber ihre Züge hatten etwas so Unangenehmes und Wüstes an sich,
-daß jeder sich sofort beeilte, seinen erschreckten Blick dem heiteren
-Gesichtchen der Tochter zuzuwenden.
-
-Doch jetzt leuchtete vor den Augen unserer Reisenden bereits der
-Psjoll-Fluß auf; schon wehte aus der Ferne eine frische Kühle herüber,
-die nach der ermattenden, zehrenden Hitze um so deutlicher spürbar war.
-Durch das Dunkel und Hellgrün des Laubs schwarzer und schlanker Pappeln
-und Birken, die hie und da auf der Wiese verstreut waren, leuchteten
-feurige in schattige Kühle gehüllte Funken auf, und der Strom entblößte
-blitzend, wie ein schönes Weib, seine silberne Brust, auf die die
-dichten grünen Locken der Bäume üppig herabsanken.
-
-In jenen köstlichen Stunden, wo der treue und beneidenswerte Spiegel den
-stolzen und blendenden Glanz von des Flusses Stirn, seine lilienweißen
-Schultern und seinen Marmorhals, der von einer dunkel vom blonden Haupte
-fallenden Flut überschattet ist, in sich aufnimmt, wo der Strom
-verächtlich den einen Schmuck von sich streift, um ihn durch einen
-anderen zu ersetzen, und seine Launen kein Ende finden wollen, -- in
-diesen Stunden wechselt er mutwillig, wie er ist, fast jedes Jahr seine
-Umgebung, wählt sich einen neuen Weg und umgibt sich mit neuen,
-mannigfaltigen Landschaften. Die langen Reihen der Mühlen hoben die
-breiten Wellen auf ihre schweren Räder und warfen sie mächtig zurück,
-zerstäubten sie, ließen sie über die ganze Umgebung herabsprühen und
-erfüllten ringsherum alles mit Lärm. Um diese Zeit fuhr der Wagen mit
-den uns schon bekannten Passagieren über die Brücke, und nun streckte
-sich vor ihnen der Strom in seiner ganzen Pracht und Schönheit hin, wie
-eine riesige Fläche von Glas. Der Himmel, die grünen und blauen Wälder,
-die Menschen, die Wagen mit den Töpfen, die Mühlen -- alles schien
-umgestürzt, zog vorüber und stand auf dem Kopfe, ohne doch in den
-schönen, blauen Abgrund herabzufallen. Das schöne Mädchen wurde bei der
-Herrlichkeit der Aussicht ganz nachdenklich und vergaß sogar, an ihren
-Sonnenblumenkernen zu knabbern, was sie während des ganzen Weges getan
-hatte, als ihr auf einmal die Worte: »Ei was für ein Mädel!« ans Ohr
-drangen. Sie schaute sich um und sah auf der Brücke einen Haufen
-Burschen stehen, deren einer etwas feiner gekleidet war als die anderen;
-er hatte eine weiße Bluse an und eine graue Lammfellmütze auf dem Kopf,
-stützte die Hände auf die Hüften und sah sich keck die Vorüberfahrenden
-an. Die Schöne konnte ihn unmöglich nicht bemerken, ihr Blick streifte
-sein braungebranntes, doch angenehmes Gesicht und seine feurigen Augen,
-die sie gleichsam durchbohren wollten, aber sie senkte ihn wieder bei
-dem Gedanken, das Wort, das sie vernommen hatte, sei von ihm gekommen.
-»Ein prächtiges Mädel!« fuhr der Bursch in der weißen Bluse fort, ohne
-seine Augen von ihr abzuwenden. »Ich würde mein ganzes Hab und Gut darum
-geben, wenn ich sie einmal küssen könnte. Aber da vorne sitzt der
-Teufel!« Von allen Seiten erhob sich Gelächter, allein der geputzten
-Gefährtin des langsam voranschreitenden Gemahls war diese Begrüßung doch
-zu stark: ihre roten Backen wandelten sich in lauter Feuer, und eine
-Salve ausgesuchter Flüche regnete auf den Kopf des ausgelassenen Jungen
-herab:
-
-»Daß du erstickst, nichtsnutziger Kerl! Ein Topf möge deinem Vater den
-Schädel einschlagen! Er soll sich auf dem Eise die Beine brechen, der
-verdammte Antichrist! Möge ihm doch der Teufel in jener Welt den Bart
-verbrennen!«
-
-»Was die nur schimpfen kann,« sagte der Bursche die Frau anstarrend und
-gleichsam verblüfft durch dies Geknatter unerwarteter Begrüßungen: »Daß
-der hundertjährigen Hexe bei solchen Worten nicht die Zunge weh tut!«
-
-»Hundertjährig! ....« fiel die alte Schöne ein. »Du Heidendreck, geh,
-wasch dich mal zuerst! So ein unnützer Tunichtgut! Ich habe deine Mutter
-nie gesehen, aber das weiß ich, daß sie nichts taugt! Auch dein Vater
-ist ein Nichtsnutz, und deine Muhme ist es auch! ...... Hundertjährig!
-..... Der ist ja noch grün hinter den Ohren ...«
-
-Hier begann der Wagen von der Brücke herunterzufahren, und man konnte
-die letzten Worte nicht mehr hören; aber der Bursche wollte offenbar
-noch nicht Schluß machen: ohne sich lange zu besinnen, packte er einen
-Haufen Schmutz und warf ihn hinter ihr her. Der Wurf war geschickter,
-als man erwarten konnte: das ganze neue baumwollene Häubchen wurde mit
-Dreck bespritzt, und so das Gelächter der ausgelassenen Windbeutel nur
-noch doppelt angefacht. Die wohlbeleibte Kokette entbrannte vor Zorn;
-aber der Wagen war schon ziemlich weit davongefahren, und ihre Rache
-sprang auf die unschuldige Stieftochter und den langsamen Ehemann über,
-der, schon lange an solche Vorkommnisse gewöhnt, hartnäckig Schweigen
-bewahrte und die tobenden Reden der erzürnten Gemahlin kaltblütig
-aufnahm. Trotzdem knarrte und zappelte ihre unermüdliche Zunge so lange
-im Munde herum, bis sie endlich in der Vorstadt, bei ihrem alten
-Bekannten und Gevatter, dem Kosaken Zybulja, dem »Zwiebelmann«,
-anlangten. Die Begegnung mit den Gevattersleuten, die sie lange nicht
-mehr gesehen hatten, verscheuchte für eine Zeitlang die Erinnerung an
-diese unangenehme Begebenheit aus ihrem Kopfe. Sie sprachen erst ein
-wenig über den Jahrmarkt und ruhten sich dann von der langen Reise aus.
-
-
- II.
-
- Ach du lieber Herrgott! Was gibt es nicht alles auf
- diesem Jahrmarkt! Räder, Glas, Teer, Tabak, Riemen,
- Zwiebel, Ware aus aller Welt ..... Und wenn man
- selbst dreißig Rubel in der Tasche hätte, man
- könnte noch lange nicht den ganzen Jahrmarkt
- aufkaufen.
-
- Aus einem kleinrussischen Schwank.
-
-Ihr habt wohl schon einmal einen Wasserfall in der Ferne sich
-herabwälzen hören? Die aufgestörte Gegend ist voller dröhnenden Getöses,
-und ein Chaos wundersamer und unbestimmter Geräusche braust im Wirbel an
-euch vorüber. Nicht wahr? Es sind dieselben Empfindungen, die euch
-plötzlich im Trubel eines ländlichen Jahrmarktes erfassen, wenn das
-ganze Volk zu einem riesigen Ungeheuer zusammenwächst und sich mit
-seinem riesigen Leibe über den Platz und durch die engen Straßen
-schiebt, schreit, johlt und tobt. Lärmen, Schimpfen, Meckern, Blöken,
-Brüllen -- alles verschmilzt zu einem verwirrenden Mißklang. Stiere,
-Säcke, Strohbündel, Zigeuner, Geschirr, Weiber, Lebkuchen, Mützen -- all
-dies Grelle, Bunte, Mißklingende wühlt und wimmelt haufenweise herum und
-schwirrt einem vor den Augen. Vielstimmige Reden verschlingen einander,
-und in dieser Sintflut läßt sich kein Wort retten und ist kein Ruf mehr
-deutlich zu vernehmen. Der Handschlag der Händler beim Kaufe ist noch
-das einzige, was man auf allen Seiten des Jahrmarktes hört. Wagen
-krachen, Eisenstangen klirren, Bretter fallen lärmend zur Erde nieder,
-und der schwindelnde Kopf weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Unser
-zugereister Bauer mit dem schwarzbrauigen Töchterchen drückte sich schon
-lange unter dem Volk herum: bald trat er an einen Wagen heran, bald
-befühlte er den anderen und fragte nach den Preisen, unterdessen aber
-kreisten seine Gedanken unaufhörlich um die zehn Säcke Weizen und die
-alte Stute, die er zum Verkauf mitgebracht hatte. Aus dem Gesichte
-seiner Tochter konnte man ersehen, daß es ihr nicht besonders angenehm
-war, neben dem mit Mehl und Weizen beladenen Wagen herumlungern zu
-müssen. Sie hätte lieber dahin gewollt, wo unter Leinwandzelten rote
-Bänder, Ohrringe, Kreuze von Zinn und Messing und Schmuckdukaten kokett
-aufgehängt waren. Aber auch hier fand sie viel Dinge zu beobachten: es
-ergötzte sie höchlich, wie ein Zigeuner und ein Bauer einander den
-Handschlag gaben und dabei selbst vor Schmerz aufschreien mußten; wie
-ein betrunkener Jude einem Frauenzimmer von hinten Püffe versetzte; wie
-zankende Händlerinnen einander mit Schlägen und Schimpfworten
-überschütteten; wie ein Moskowiter sich mit der einen Hand sein
-Ziegenbärtchen strich und mit der anderen ...... Aber da fühlte sie, wie
-sie jemand am gestickten Ärmel zupfte. Sie wandte sich um -- und der
-Bursche im weißen Kittel und mit den hellen Augen stand vor ihr. Sie
-erbebte, ihr Herz schlug so heftig, wie es noch nie, bei keiner Freude
-und keinem Schmerz geschlagen hatte: Wunderlich und lieblich zugleich
-ward ihr zumute, und sie konnte sich selbst nicht erklären, was mit ihr
-geschah.
-
-»Fürchte dich nicht, Herzchen, fürcht' dich nicht!« sprach er halblaut
-zu ihr und ergriff ihre Hand: »Ich will dir nichts Schlimmes sagen!«
-
-»Es mag schon sein, daß du mir nichts Schlimmes sagen willst,« dachte
-die Schöne bei sich, »aber mir ist so wunderlich zumute ... das ist
-sicher der Satan! Ich weiß ja selbst, daß sich's nicht schickt ... aber
-mir fehlt die Kraft, meine Hand fortzuziehen.«
-
-Der Bauer drehte sich um und wollte seiner Tochter etwas sagen, aber da
-hörte er plötzlich aus nächster Nähe das Wort: »Weizen!« fallen. Dieses
-magische Wort veranlaßte ihn im Nu, sich an zwei laut miteinander
-sprechende Handelsmänner zu wenden, und seine Aufmerksamkeit konnte nun
-durch nichts mehr abgelenkt werden. Die Handelsmänner unterhielten sich
-über den Weizen und sprachen folgendermaßen.
-
-
- III.
-
- Schau, was für ein Kerl da steht!
- So gibt's wenige auf der Welt.
- Schnaps säuft der wie süßen Meth!
-
- Kotljarewski »Äneas«.
-
-»Du glaubst also, daß unser Weizen sich schlecht verkaufen wird,
-Landsmann,« sagte der eine Mann, nach seinem Äußeren zu urteilen ein
-zugereister Kleinbürger, in geteerten, fettigen und fleckigen
-Hanfleinwandhosen, offenbar der Bewohner irgendeines winzigen
-Städtchens, zu dem anderen, der einen blauen, stellenweise etwas
-geflickten Kittel trug, und dessen Stirn eine riesige Beule schmückte.
-
-»Was soll ich da groß von denken: ich will mir 'ne Schlinge um den Hals
-legen und an diesem Baum hier hin und her baumeln wie die Wurst vor
-Weihnachten in der Stube, wenn wir auch nur ein Maß verkaufen!«
-
-»Was schwatzst du da, Landsmann? Wir sind doch hier die einzigen
-Weizenleute,« erwiderte der Mann mit den Leinwandhosen.
-
-»Ihr könnt reden, was ihr wollt!« dachte der Vater unserer Schönen, der
-sich kein Wort vom Gespräch der beiden Handelsleute entgehen ließ: »Ich
-habe meine zehn Säcke im Vorrat!«
-
-»Das stimmt ja, aber wenn der Teufel sich ins Spiel mischt, richtet man
-gerad so viel aus, wie bei einem hungrigen Moskowiter,« sprach der Mann
-mit der Beule auf der Stirn bedeutungsvoll.
-
-»Was für ein _Teufel_?« fragte der Mann mit den Leinwandhosen.
-
-»Hast du nicht gehört, was die Leute da reden?« fuhr der mit der Beule
-auf der Stirne fort und sah ihn mit seinen mürrischen Augen von der
-Seite an.
-
-»Nun?«
-
-»Nun? Was >nun<? Der Präsident -- möge er sich doch nach der Rahmspeise
-die Lippen nicht mehr wischen können! -- Der Präsident hat einen ganz
-verdammten Ort für den Jahrmarkt ausgesucht, auf dem wird man kein
-Körnchen los, und wenn man platzt! Siehst du dort am Berge die
-verfallene Scheune?« (Hier rückte der neugierige Vater unserer Schönen
-noch näher und wurde ganz Ohr.) »In dieser Scheune treibt der Teufel
-sein Spiel, und an diesem Ort verläuft kein Jahrmarkt ohne Unglück.
-Gestern geht da spät abends der Gemeindeschreiber vorbei und plötzlich
-sieht er -- aus der Luke ein Schweinemaul herausgucken: das grunzte so,
-daß es ihn ganz kalt überlief. Bald wird uns noch der _rote Kittel_
-heimsuchen.«
-
-»Was für ein _roter Kittel_?«
-
-Hier sträubten sich unserem aufmerksamen Zuhörer die Haare. Voller Angst
-drehte er sich um und sah, wie sein Töchterchen und der Bursche ruhig
-dastanden, sich umarmt hielten, ein Liebesliedchen sangen und alle
-Kittel der Welt vergessen hatten. Das zerstreute seine Angst und gab ihm
-seine frühere Sorglosigkeit wieder.
-
-»Hehe! Landsmann! Du verstehst dich aber aufs Küssen! Ich habe es erst
-drei Tage nach der Hochzeit gelernt, meine selige Chwesjka zu küssen,
-und auch das nur dank dem Gevatter: der hat's mich als Brautführer
-gelehrt!«
-
-Der Bursche merkte sofort, daß der Vater seiner Liebsten da stand, und
-begann in Gedanken Pläne zu schmieden, wie er ihn für sich gewinnen
-könne.
-
-»Du bist sicher ein guter Mensch, du kennst mich zwar nicht, aber ich
-habe dich gleich erkannt!«
-
-»Kann schon sein.«
-
-»Wenn du willst, kann ich dir deinen Vor- und Zunamen nennen und dir
-auch alles andere sagen: du heißt Solopi Tscherewik!«
-
-»Stimmt!«
-
-»Sieh mich mal recht an, erkennst du mich nicht wieder?«
-
-»Nein. Nimm's mir nicht übel, ich erkenne dich nicht! Ich habe mein
-Lebtage so viel Fratzen gesehen, daß nur der Teufel sich auf alle
-besinnen könnte!«
-
-»Schade, daß du dich nicht mehr auf Golupupenkos Sohn besinnst!«
-
-»So bist du der Sohn des Achrim?«
-
-»Wer denn sonst? Bin ich etwa der kahlköpfige Satan?«
-
-Da faßten beide an die Mütze, und es begann ein gegenseitiges
-Abschmatzen; Golupupenkos Sohn beschloß sofort, ohne viel Zeit zu
-verlieren, seinen neuen Bekannten zu überfallen.
-
-»Sieh mal, Solopi, deine Tochter und ich, wir lieben uns und wollen
-immer beieinander bleiben!«
-
-»Nun, Paraßka,« sagte Tscherewik zu seiner Tochter und lachte,
-»vielleicht solltet ihr wirklich, wie man so sagt, gemeinsam ..... auf
-einer Weide grasen! Nun, schlag ein! Trinken wir eins darauf, mein Herr
-nagelneuer Schwiegersohn!«
-
-Und alle drei zogen miteinander zur wohlbekannten Jahrmarktsschenke --
-in die Bude des Judenweibes -- die mit einer zahlreichen Flotille von
-Kruken und Flaschen jeder Art und jeden Alters angefüllt war.
-
-»Brav, brav -- alle Achtung!« rief Tscherewik lustig, als er sah, wie
-sein künftiger Schwiegersohn sich ein Glas, das ein Viertelmaß faßte,
-vollschenkte, es, ohne eine Miene zu verziehen, auf einen Zug
-hinuntergoß und dann das Glas in Stücke schmiß. »Nun, was sagst du,
-Paraßka? Was ich dir für einen Bräutigam ausgesucht habe! Schau, schau,
-der säuft wie ein Held! ...«
-
-Und lachend und sich hin und her wiegend, schwankte er mit ihr bis zu
-seinem Wagen. Unser Bursche strich die Budenreihen ab, vor denen sogar
-Kaufleute aus Gadjatsch und Mirgorod, jenen beiden so berühmten Städten
-des Gouvernements Poltawa, standen; er wollte sich eine Holzpfeife mit
-Messingbeschlag, ein rotgeblümtes Tuch und eine Mütze kaufen; als
-Hochzeitsgeschenke für den Schwiegervater und die anderen, wie es sich
-nun einmal gehörte.
-
-
- IV.
-
- Hältst dich wohl für einen Mann,
- Aber rückt ein Weibsbild an,
- Dann setzt's Senge .......
-
- _Kotljarewski._
-
-»He, Frauchen, ich habe einen Bräutigam für unsere Tochter gefunden!«
-
-»'s ist wohl gerad die rechte Zeit, sich einen Bräutigam zu suchen! Du
-Dummkopf du, mußt wohl dein Leben lang ein Dummkopf bleiben! Wo hast du
-gesehen oder wo hast du gehört, daß ein anständiger Mensch jetzt hinter
-einem Bräutigam herläuft? Hättest du doch lieber daran gedacht, den
-Weizen loszuwerden. Das wird ein schöner Bräutigam sein! Sicher ist's
-der zerlumpteste aller Habenichtse!«
-
-»Ach was, davon ist keine Rede! Du solltest nur mal sehen, was das für
-ein Bursche ist! Sein Kittel allein kostet mehr als deine grüne Jacke
-und die roten Stiefel zusammengenommen. Und wie der großartig Schnaps
-saufen kann! ..... Der Teufel hole mich mit dir zusammen, wenn ich je
-gesehen habe, daß ein Bursche ein halbes Maß hinuntergießt, ohne mit der
-Wimper zu zucken .....«
-
-»Ei freilich, also ein Trunkenbold und ein Landstreicher wie du! das
-würde dir so passen! Ich möcht' darauf wetten, daß es derselbe Lümmel
-ist, der uns auf der Brücke angerempelt hat. Schade, daß ich ihn bis
-jetzt noch nicht erwischt habe -- ich hätte ihm schon was gezeigt!«
-
-»Und wenn's nun wirklich derselbe wäre, Chiwrja? Warum soll er denn ein
-Lümmel sein?«
-
-»Warum soll er _kein_ Lümmel sein? Ach du hirnloser Schädel! So hör doch
--- warum soll er denn kein Lümmel sein! Wo hattest du denn deine
-kreuzdummen Augen versteckt, als wir an den Mühlen vorbeifuhren? So
-einem Mann kann man wahrhaftig geradeswegs vor seiner, mit Tabak
-beschmutzten Nase die eigene Frau beleidigen, und er kümmert sich nicht
-drum!«
-
-»Ich kann nichts Schlimmes dabei sehen: der Junge ist großartig!
-Höchstens, daß er dir die Fratze mit Mist vollgekleistert hat!«
-
-»Aha! Ich sehe schon, du willst mich nicht mehr zu Worte kommen lassen!
-Das wär' mir noch was Neues! Du hast wohl einen zu viel getrunken, noch
-bevor du überhaupt etwas verkauft hast!«
-
-Unser Tscherewik merkte jetzt selbst, daß er in seiner Rede zu weit
-gegangen war, und bedeckte schnell den Kopf mit den Händen, da er
-annehmen mußte, daß die erzürnte Gattin es nicht unterlassen würde, ihre
-ehelichen Tatzen in sein Haar zu krallen.
-
-»Den Teufel auch, da hast du deine Hochzeit!« dachte er bei sich,
-während er die heftig vordringende Gattin abwehrte. »Ich werde dem
-lieben Kerl ohne allen Grund eine Absage erteilen müssen. Himmel,
-Herrgott! Wofür strafst du uns arme Sünder so? Es gibt doch schon soviel
-Unrat, mußtest du auch noch die Weiber in die Welt setzen.«
-
-
- V.
-
- Bäumlein, Bäumlein, bück dich nicht,
- Weil du noch zu fein bist!
- Sei nicht bös, Kosakenbursch,
- Weil du noch zu klein bist!
-
- Kleinrussisches Lied.
-
-Zerstreut saß der Bursch im weißen Kittel neben seinem Wagen und blickte
-auf das rings um ihn dumpf rauschende Volk. Die müde Sonne, die Morgen
-und Mittag ruhig über den Himmel dahingeglüht hatte, verließ nun die
-Welt, und der erlöschende Tag bemalte sich in berückender Helligkeit mit
-rotem Gold. Blendend blitzten die Spitzen der weißen Zelte und Buden,
-von einem kaum merkbaren feurig rosigen Glanz überstrahlt; die Scheiben
-des zu Haufen aufgestapelten Fensterglases glühten; die grünen Flaschen
-und die Gläser auf den Tischen der Schankweiber verwandelten sich in
-Feuer; die Berge von Kürbissen und Melonen schienen aus Gold und dunklem
-Kupfer gegossen zu sein. Die Gespräche wurden merkbar leiser und
-dumpfer, und die müden Zungen der Händler, Bauern und Zigeuner regten
-sich träger und langsamer. Irgendwo glomm ein Feuerchen auf, und ein
-würziger Dampf von gekochten Klößen verbreitete sich in den immer
-stiller werdenden Gassen.
-
-»Was sinnst du, Grytzko?« rief ein hochgewachsener brauner Zigeuner, und
-schlug unserem Burschen auf die Schulter. »Also gibst du die Bullen für
-zwanzig her?«
-
-»Du denkst an nichts als an Bullen und wieder Bullen! Ihr Leute wollt
-nur immer Geschäfte machen und einen ehrlichen Menschen übers Ohr
-hauen!«
-
-»Pfui Teufel! Im Ernst, bei dir rappelt's wohl! Vielleicht gar aus
-Ärger, daß du dir selbst eine Braut zugelegt hast?«
-
-»Nein, so bin ich nicht: ich halte mein Wort. Was ich einmal getan habe,
-das bleibt ewig bestehn. Aber dieser alte Knaster, der Tscherewik, hat
-auch nicht für einen halben Heller Gewissen: erst versprochen, dann
-gebrochen .... Na, ihm kann man keine Schuld geben: der ist ein Klotz
-und nichts weiter. Das sind alles die Streiche der alten Hexe, die wir
-Jungen heut auf der Brücke so recht nach Noten ausgeschimpft haben. Ach,
-wenn ich ein König oder ein großer Herr wäre, ich wär' der erste, der
-alle die Dummköpfe an den Galgen brächte, die sich von Weibern in die
-Kandare nehmen lassen ....«
-
-»Gibst du uns die Bullen für zwanzig, wenn wir Tscherewik zwingen, dir
-Paraßka zu geben?«
-
-Ganz erstaunt blickte ihn Grytzko an. Die braunen Züge des Zigeuners
-hatten etwas Boshaftes, Grausames, Niedriges und zugleich Hochmütiges an
-sich: jeder, der ihn ansah, mußte gestehen, daß in dieser seltsamen
-Seele große Gefühle brodelten, für die es jedoch nur einen Lohn auf
-Erden gibt -- den Galgen. Den Mund, der zwischen der Nase und dem
-spitzen Kinn wie eingefallen erschien, umspielte ewig ein giftiges
-Lächeln, kleine Augen, die lebhaft wie Feuer waren, und ein ewig
-wechselndes Aufleuchten von Unternehmungen und Plänen im Gesicht, -- zu
-alledem schien nur ein ganz besonderes Kostüm zu passen und zwar gerad
-ein so sonderbares, wie er es trug. Dieser dunkelbraune Kaftan, der sich
-bei der geringsten Berührung sicherlich in Staub verwandelt hätte; das
-lang in Strähnen über die Schultern fallende Haar, die Schuhe an den
-nackten braunen Füßen, -- all das schien mit ihm verwachsen zu sein und
-seine eigentliche Natur auszumachen.
-
-»Nicht nur für zwanzig, ich geb' sie dir für fünfzehn, wenn du Wort
-hältst!« antwortete der Bursche, ohne seine prüfenden Augen von ihm
-abzuwenden.
-
-»Für fünfzehn? -- Gut! Paß auf und vergiß nicht: für fünfzehn! Hier hast
-du einen Blauen als Handgeld!«
-
-»Und wenn du lügst?«
-
-»Wenn ich lüge, ist das Handgeld wieder dein!«
-
-»Gut! Also schlag ein!«
-
-»Nun gut, 's ist recht!«
-
-
- VI.
-
- Welch ein Malheur: da seh ich Roman kommen, der
- bringt mir gewiß Schlimmes, aber auch Sie, Herr
- Choma, kriegen was ab!
-
- Aus einem kleinrussischen Schwank.
-
-»Hier, Afannassi Iwanowitsch! Da ist der Zaun etwas niedriger, steigt
-nur hinüber und habt keine Angst: mein Tölpel ist mit dem Gevatter zu
-den Wagen gegangen, um dort zu übernachten, damit die Moskowiter nichts
-stibitzen!«
-
-So ermutigte Tscherewiks gestrenge Herrin freundlich den Popensohn, der
-sich ängstlich an den Zaun quetschte. Eilig kletterte er hinauf und hing
-lange und unschlüssig dort oben, wie ein hageres schreckliches Gespenst,
-mit den Augen abmessend, wo er wohl am besten abspringen könne; endlich
-plumpste er mit viel Lärm ins Gras.
-
-»O jemine! Habt Ihr Euch nicht weh getan? Habt Ihr Euch nicht am Ende,
-was Gott verhüte, noch gar das Genick gebrochen?« jammerte Chiwrja
-besorgt.
-
-»Pst! es ist nichts passiert, meine Liebe!« sprach der Popensohn
-schmerzbewegt im Flüsterton, und sprang wieder auf die Füße: »abgesehen
-von der Blessur durch die Nesseln, dieses schlangengleiche Kraut, wie
-unser hochseliger weiser Protopope zu sagen pflegte.«
-
-»Kommt nur in die Stube, es ist niemand da. Ich habe schon gedacht, was
-hat bloß mein Afannassi Iwanowitsch? am Ende hat er gar das Reißen oder
-das Magendrücken, er kommt und kommt nicht! Wie geht es Euch? Ich habe
-gehört, Euer Herr Vater hat jetzt mancherlei schöne Dinge bekommen!«
-
-»Ach, 'ne reine Kleinigkeit, Chawronja Nikiforowna: Väterchen hat
-während der ganzen Fasten nur etwa fünfzehn Sack Korn, vier Sack Hirse
-und etwa hundert Laib Brot bekommen; was die Hühner betrifft, so waren's
-alles in allem höchstens fünfzig Stück; und die Eier waren zum größten
-Teil faul. Wahrhaftig, gute Gaben sind nur von Euch zu erwarten, meine
-Liebe!« fuhr der Popensohn fort, indem er sie süß ansah und näher
-rückte.
-
-»Da sind meine Gaben, Afanassi Iwanowitsch!« sprach sie, während sie die
-Schüsseln auf den Tisch stellte und geziert ihre Jacke zuknöpfte, die
-wie zufällig aufgegangen war, »da sind Zuckerfrüchte, Weizenklöße,
-Krapfen und Strizel!«
-
-»Ich wette darauf, daß dies hier die flinksten Hände aus Evas Geschlecht
-hergerichtet haben!« sprach der Popensohn, indem er sich an die Strizel
-machte und mit der anderen Hand die Krapfen zu sich heranzog. »Aber mein
-Herz schmachtet nach einer anderen Speise, die süßer ist, als alle
-Klößchen und Kräpfchen.«
-
-»Ich weiß nicht, was für eine Speise Ihr meint,« antwortete die
-wohlbeleibte Schöne, die so tat, als ob sie nicht verstände.
-
-»Natürlich Eure Liebe, meine unvergleichliche Chiwrja!« sagte der
-Popensohn im Flüsterton, indem er mit der einen Hand einen Krapfen
-ergriff und die andere um ihre breiten Hüften legte.
-
-»Weiß Gott, was Ihr Euch nur alles ausdenkt, Afanassi Iwanowitsch,«
-sagte Chiwrja, schämig die Augen senkend. »Am Ende wollt Ihr mich gar
-noch küssen!«
-
-»Was das anbetrifft, so will ich Euch sagen,« fuhr der Popensohn fort,
-»als ich gewissermaßen noch auf dem Seminar war -- ich erinnere mich
-noch als wär' es heute, da ....«
-
-Hier wurde auf dem Hof ein Bellen laut, und jemand klopfte ans Tor.
-Chiwrja lief eilig hinaus und kam ganz bleich zurück.
-
-»Wir sind verloren, Afanassi Iwanowitsch: ein ganzer Haufen Leute klopft
-ans Tor, und ich glaube, ich habe die Stimme des Gevatters gehört ....«
-
-Der Krapfen blieb dem Popensohn im Halse stecken .... Seine Augen
-quollen heraus, als ob eine Erscheinung aus jener Welt ihm soeben ihre
-Visite abgestattet hätte.
-
-»Kriecht hier herauf!« rief die erschrockene Chiwrja und zeigte auf die
-Bretter, die dicht unter der Stubendecke über zwei Balken angebracht
-waren, und auf denen allerlei Hausgerümpel herumlag.
-
-Die Gefahr verlieh unserem Helden Mut. Er kam wieder zur Besinnung,
-sprang auf die Ofenbank und kletterte von dort vorsichtig auf die
-Bretter; unterdessen lief Chiwrja ganz außer sich ans Tor, denn das
-Klopfen wiederholte sich mit immer größerer Kraft und Ungeduld.
-
-
- VII.
-
- Das ist ja ein Wunder, mein Herr!
-
- Aus einem kleinrussischen Schwank.
-
-Auf dem Jahrmarkt hatte sich ein sonderbares Ereignis zugetragen: alles
-war von dem Gerüchte erfüllt, daß irgendwo unter den Waren der _rote
-Kittel_ aufgetaucht sei. Die Alte, die Brezeln verkaufte, behauptete,
-den Satan in Gestalt eines Schweines gesehen zu haben, das unaufhörlich
-unter den Wagen umherschnüffelte, als ob es da irgend etwas suchte. Das
-Gerücht verbreitete sich schnell an allen Ecken und Enden des nun schon
-stillen Lagers, und jeder hätte es für ein Verbrechen gehalten, nicht
-daran zu glauben, obgleich die Brezelverkäuferin, die ihren Stand neben
-der Bude des Schankweibes aufgeschlagen hatte, den ganzen lieben Tag
-ohne jeglichen Grund Verbeugungen machte und mit den Füßen ähnliche
-Linien beschrieb wie ihre leckere Ware. Dazu kamen noch die
-übertriebenen Gerüchte von dem Mirakel, das der Gemeindeschreiber
-angeblich nachts in der verfallenen Scheune gesehen hatte, so daß sich
-alle, als es Nacht wurde, eng aneinander drängten; die Ruh war gestört,
-und die Angst ließ keinen ein Auge zutun. Die, welche ein Nachtlager in
-den Häusern haben konnten und nicht sehr wagemutig waren, zogen unter
-Dach und Fach. Zu diesen letzteren gehörten auch der Gevatter und
-Tscherewik mit seiner Tochter, die zusammen mit den Gästen, welche
-ebenfalls ins Haus drängten, das Gepolter verursacht hatten, das unsere
-Chiwrja so sehr erschreckte. Der Gevatter hatte schon etwas geladen. Das
-konnte man daraus ersehen, daß er bereits zweimal mit dem Wagen den Hof
-abgefahren hatte, bevor er sein Haus fand. Die Gäste waren ebenfalls
-alle schon sehr heiter und traten ganz ohne Umstände vor dem Wirt ins
-Haus. Die Frau unseres Tscherewik saß wie auf Nadeln, als sie in allen
-Ecken der Stube umherzuscharren begannen.
-
-»Nun, Frau Gevatter,« rief der eintretende Hausherr, »wirst du immer
-noch vom Fieber geschüttelt?«
-
-»Ja, mir ist nicht wohl!« antwortete Chiwrja, unruhig auf die Bretter
-unter der Decke blickend.
-
-»So, Frau, hole uns doch das Fäßchen dort vom Wagen!« sprach der
-Gevatter zu seiner Frau, die mit ihm gekommen war, »wir wollen eins mit
-den guten Leuten trinken, die verfluchten Weiber haben einem solche
-Angst eingejagt, daß es einfach eine Schande ist! Bei Gott, Brüder, wir
-sind ganz umsonst hierhergekommen!« fuhr er, aus dem Tonkrug schlürfend,
-fort. »Ich setz' eine neue Mütze zum Pfand, daß die Weiber uns zum
-besten gehalten haben. Und wenn es auch Satan wäre, -- was ist denn das,
-der Satan? Spuckt ihm auf den Kopf! Wenn er, beispielsweise jetzt im
-Augenblick hier vor mir erschiene: ich will ein Hundesohn sein, wenn ich
-ihm nicht einen Nasenstüber versetze!«
-
-»Warum bist du denn auf einmal so bleich geworden?« rief einer der
-Gäste, der alle anderen einen Kopf hoch überragte und sich stets als
-Held aufspielte.
-
-»Ich? ..... Was fällt dir ein! Du träumst wohl!«
-
-Die Gäste lachten. Ein zufriedenes Lächeln glitt über das Gesicht des
-prahlmutigen Helden.
-
-»Warum soll denn der bleich werden!« fiel da ein anderer ein: »seine
-Backen blühen ja wie Mohn; jetzt sieht Zibulja nicht mehr wie eine
-Zwiebel aus, sondern wie eine rote Rübe, oder richtiger wie der _rote
-Kittel_ selbst, der die Leute so erschreckt hat!«
-
-Das Fäßchen wurde auf den Tisch gerollt und machte die Gäste noch
-lustiger. Unser Tscherewik, der schon lange von dem Gedanken an den
-_roten Kittel_ gequält wurde, und dessen neugieriger Geist keinen
-Augenblick Ruhe fand, machte sich an den Gevatter heran.
-
-»Sag mir doch, Gevatter, sei so gut, ich frage und frage und kann's
-nicht herausbekommen, was für eine Bewandtnis es mit dem verdammten
-_Kittel_ hat!«
-
-»He, Gevatter! Das sollte man eigentlich nicht zur Nacht erzählen; aber
-um dir einen Gefallen zu tun und den guten Leuten da (dabei wandte er
-sich zu den Gästen), die, wie ich merke, die Geschichte genau so wie du
-kennen lernen wollen -- Meinetwegen, also hört!«
-
-Er kratzte sich die Schulter, wischte sich am Rockschoß ab, legte beide
-Arme auf den Tisch und begann:
-
-»Einst wurde -- ob er nun etwas verschuldet hatte oder nicht, das weiß
-ich bei Gott nicht -- ein Teufel aus der Hölle gejagt .....«
-
-»Wieso denn, Gevatter?« unterbrach ihn Tscherewik. »Wie ist das bloß
-möglich, daß ein Teufel aus der Hölle gejagt wird?«
-
-»Was kann man da machen, Gevatter! Man jagt ihn heraus und fertig! --
-wie ein Bauer seinen Hund aus der Stube jagt. Vielleicht hatte ihn die
-Lust überkommen, eine gute Tat zu tun: nun, da hat man ihn eben
-hinausgeworfen. Da ward dem armen Teufel so bang zumute, und er begann
-sich so nach der Hölle zu sehnen, daß er sich am liebsten aufgehängt
-hätte. Was war zu machen? Vor Kummer warf er sich aufs Saufen, er
-nistete sich in der verfallenen Scheune ein, die du dort am Berge
-gesehen hast, und an der jetzt kein guter Mensch vorübergeht, ohne
-vorher das Zeichen des heiligen Kreuzes zu machen, und der Teufel wurde
-zu so einem Säufer, wie man ihn selbst unter den Burschen kaum finden
-kann: vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er nur immer in der
-Schenke ......«
-
-Hier unterbrach der gestrenge Tscherewik wiederum unseren Erzähler:
-
-»Gott, was du da redest, Gevatter! Wie ist denn das möglich, daß jemand
-den Teufel in die Schenke hineinläßt? Er hat doch, Gott sei gelobt,
-Krallen an den Tatzen und Hörner auf dem Kopf.«
-
-»Das ist's ja eben! er hatte eine Mütze aufgesetzt und Däumlinge
-angezogen. Wie sollte man ihn da wohl erkennen? Er fing an, ein lustiges
-Leben zu führen und endlich kam es so weit, daß er alles versoffen
-hatte, was er bei sich trug. Der Schankwirt gab ihm längere Zeit Kredit,
-aber endlich hörte er damit auf. Da war der Teufel gezwungen, seinen
-roten Kittel fast für ein Drittel des Wertes bei dem Juden zu versetzen,
-der damals auf dem Jahrmarkt zu Sorotschintzy den Schnapsausschank in
-Besitz hatte. Er versetzte ihn also und sprach: »Gib acht, Jude, genau
-nach einem Jahre hole ich mir den Kittel wieder, heb ihn wohl auf!« --
-und weg war er, wie in die Erde gesunken. Der Jude sah sich den Kittel
-genau an: solches Tuch war in Mirgorod nicht zu bekommen, und die rote
-Farbe brannte wie Feuer, daß man sich an ihr gar nicht satt sehen
-konnte. Nun wurde es dem Juden aber zu viel, den Termin abzuwarten. Er
-kratzte sich die Schläfenlöckchen, und nahm einem zugereisten Pan ganze
-fünf Dukaten für den Kittel ab! denn den Termin hatte der Jude schon
-längst vergessen. Einmal, so gegen Abend, kam da ein Mensch angerückt:
-»Nun Jude, gib mir meinen Kittel!« Der Jude erkannte ihn zuerst nicht,
-aber dann tat er so, als ob er ihn nie gesehen hätte: »Was für einen
-Kittel? Ich weiß von keinem Kittel!« Jener ging seiner Wege, aber gegen
-Abend, als der Jude, der seine Bude schon geschlossen und das Geld in
-den Kästen gezählt hatte, ein Bettuch umnahm und nach Judenart zu Gott
-zu beten anfing, -- da hörte er ein Geräusch .... Sieh da -- aus allen
-Fenstern gucken Schweineschnauzen herein .....«
-
-Hier wurde tatsächlich ein undeutlicher Laut hörbar, der dem Grunzen
-eines Schweines sehr ähnlich war; alle erbleichten ... Der Schweiß trat
-dem Erzähler auf die Stirn.
-
-»Was gibt's!« fragte Tscherewik ganz erschrocken.
-
-»Es ist nichts!« .... antwortete der Gevatter, der am ganzen Leibe
-zitterte.
-
-»Ah!« rief einer der Gäste.
-
-»Hast du was gesagt?« ......
-
-»Nein!«
-
-»Wer hat da gegrunzt?«
-
-»Ach Gott, warum sind wir nur so erschrocken? Es war ja nichts!«
-
-Alle begannen sich scheu umzusehen und die Winkel abzusuchen. Chiwrja
-war mehr tot als lebendig. »Ach was seid ihr doch für Weiber, was seid
-ihr für Weiber!« rief sie laut aus: »Ihr wollt Kosaken und Männer sein!
-Man sollte euch ein Spinnrad in die Hände geben und an den Rocken
-setzen! Einem von euch ist wohl, mit Verlaub zu sagen, eine Sünde
-entfahren, oder die Bank hat unter jemandem geknarrt, und ihr springt in
-die Höhe, als ob ihr halb toll seid!«
-
-Das beschämte unsere Helden und gab ihnen neuen Mut. Der Gevatter
-schlürfte aus dem Krug und erzählte weiter: »Der Jude war fast tot vor
-Schreck; aber die Schweine krochen auf ihren Beinen, die so lang wie
-Stelzen waren, in die Fenster, machten ihn im Nu mit dem dreischwänzigen
-Kantschu wieder lebendig und ließen ihn höher springen, als dieser
-Balken da oben ist. Der Jude fiel auf die Knie und gestand alles ein.
-Aber der Kittel war nicht so schnell wieder zu finden. Der Pan war
-unterwegs von einem Zigeuner bestohlen worden, der den Kittel an eine
-Händlerin verkauft hatte. Die brachte ihn wieder auf den Jahrmarkt von
-Sorotschintzy, aber von Stund an wollte niemand etwas bei ihr kaufen.
-Die Händlerin wunderte sich lange Zeit, aber endlich kam sie der Sache
-auf den Grund. Sicher hatte der rote Kittel an allem schuld; daher
-fühlte sie auch immer, wenn sie ihn anzog, daß sie etwas drückte. Ohne
-lange zu überlegen, warf sie ihn ins Feuer -- aber der Teufelsrock
-wollte nicht brennen! .... »Ah so, das ist also ein Teufelsgeschenk!«
-Die Händlerin war so klug, ihn einem Bauern unter den Wagen zu schieben,
-der Butter zum Verkauf brachte. Der Dummkopf war hocherfreut, aber
-niemand fragte mehr nach seiner Butter. »O weh, da haben mir böse Hände
-den Kittel da unter den Wagen gesteckt!« Er ergriff eine Axt und hackte
-ihn in Stücke; aber sieh da, ein Stück kriecht zum andern, und wieder
-ist's ein ganzer Kittel! Er bekreuzigte sich, schlug noch mal darauf,
-streute die Stücke auseinander und machte sich davon. Und seit jener
-Stunde geht jedes Jahr, pünktlich zur Jahrmarktszeit, der Teufel in
-Gestalt eines Schweines auf dem Platze um, grunzt und sucht die Stücke
-seines Kittels zusammen. Jetzt soll ihm nur noch der linke Ärmel fehlen.
-Die Leute hüten sich seitdem vor jenem Orte, und bald werden es zehn
-Jahre sein, daß dort kein Jahrmarkt mehr gewesen ist. Da muß nun der
-Böse den Präsidenten reiten, daß er gerade _hier_ den Jahr......«
-
-Die andere Hälfte des Wortes erstarb dem Erzähler auf den Lippen:
-krachend sprang das Fenster auf; klirrend flogen die Scheiben herum, und
-eine schreckliche Schweinsfratze erschien in der Öffnung, die Augen
-rollend, als ob sie fragen wollte: »Was treibt ihr hier, ihr lieben
-Leute?«
-
-
- VIII.
-
- Dem Hunde gleich, dem man den Schwanz geklemmt,
- So steht dies Jammerbild, wie Kain zitternd,
- Und aus der Nase tropft Tabak aufs Hemd.
-
- Kotljarewski: »Äneas«.
-
-Entsetzen packte alle in der Stube. Der Gevatter saß offenen Mundes da
-und schien zu Stein erstarrt; seine Augen krochen hervor, als ob sie
-schießen wollten, und die Finger blieben regungslos in der Luft
-gespreizt. Der lange Kerl, der so mutig getan hatte, sprang in
-unverkennbarer Angst bis zur Decke und stieß mit dem Kopf gegen den
-Balken; die Bretter klafften auseinander, und der Popensohn flog Knall
-und Fall zu Boden.
-
-»Au! au! au!« schrie der eine verzweifelt, fiel entsetzt auf eine Bank
-und zappelte mit Armen und Beinen.
-
-»Hilfe!« brüllte ein anderer und zog sich schnell seinen Pelz über die
-Augen.
-
-Der Gevatter, den dieser zweite Schreck aus seiner Erstarrung geweckt
-hatte, kroch, an allen Gliedern zitternd, seiner Ehefrau unter den Rock.
-Der lange Maulheld kroch, trotz der kleinen Öffnung, in den Ofen und
-schlug selbst die Klappe zu. Tscherewik stülpte sich, wie von brühheißem
-Wasser begossen, statt der Mütze einen Topf über den Kopf, stürzte zur
-Tür hinaus und rannte besinnungslos, ohne auf den Weg zu achten, wie ein
-Wahnsinniger durch die Straßen; erst die Ermüdung zwang ihn, seinen
-schnellen Lauf zu hemmen. Sein Herz ratterte wie eine Mühlenstampfe, und
-die Schweißtropfen rollten an ihm herunter wie die Hagelkörner. Ganz
-erschöpft wäre er fast zu Boden gesunken, als er auf einmal hörte, wie
-jemand hinter ihm herjagte .... Sein Atem stockte ....
-
-»Der Teufel! der Teufel!« schrie er ganz außer sich, seine Kräfte
-verdreifachend, und einen Augenblick später stürzte er besinnungslos zu
-Boden.
-
-»Der Teufel! der Teufel!« schrie es hinter ihm her: er hörte nur noch,
-wie etwas lärmend auf ihn herabstürzte; aber da verließ ihn die
-Besinnung, und er blieb wie der grausige Bewohner eines engen Sarges
-stumm und reglos mitten auf dem Wege liegen.
-
-
- IX.
-
- Vorne geht die Sache noch halbwegs,
- Aber hinten ist's der ganze Teufel!
-
- Aus einem Volksmärchen.
-
-»Hörst du, Wlas!« sprach einer von den Leuten, die im Freien geschlafen
-hatten, nachts aus dem Schlafe auffahrend. »Jemand in der Nähe hat hier
->Teufel< geschrien.«
-
-»Was geht mich das an?« brummte der neben ihm liegende Zigeuner, sich
-räkelnd. »Mag er doch nach der ganzen Sippe schreien!«
-
-»Aber er hat doch so geschrien, als ob man ihn abwürgte!«
-
-»Was schreit ein Mensch nicht alles im Schlaf!«
-
-»Na, wie du meinst. Ich geh' nachsehen. Mach mal Feuer!«
-
-Der andere Zigeuner stand brummend auf, ließ ein paar Funken wie Blitze
-vor sich aufstieben, blies den Zunder mit dem Munde an und ging mit
-seinem Lämpchen in der Hand -- einer der üblichen kleinrussischen
-Lampen, die aus einem zerbrochenen Scherben, der mit Hammelfett gefüllt
-ist, bestehen -- die Straße hinunter.
-
-»Halt, hier liegt jemand! Komm her und leuchte mir!«
-
-Noch einige Menschen schlossen sich ihm an.
-
-»Was liegt da, Wlas?«
-
-»Es sieht ganz nach zwei Menschen aus: der eine liegt oben, der andere
-unten; wer von ihnen der Teufel ist, weiß ich nicht!«
-
-»Wer liegt oben?«
-
-»Ein Frauenzimmer!«
-
-»Dann ist _das_ der Teufel!«
-
-Ein allgemeines Gelächter weckte fast die ganze Straße.
-
-»Ein Frauenzimmer ist auf einen Kerl raufgekrochen, na, die versteht das
-Kutschieren!« sprach einer aus der herumstehenden Menge.
-
-»Seht doch bloß, Brüder!« sprach ein anderer und hob einen Scherben des
-Topfes auf, von dem nur noch die eine Hälfte auf dem Kopfe Tscherewiks
-ganz geblieben war. »Was der gute Mann sich für eine Mütze aufgesetzt
-hat!«
-
-Der Lärm und das Gelächter, die immer mehr anschwollen, riefen unsere
-beiden Toten wieder ins Leben zurück, Tscherewik und seine Frau, die
-voll Entsetzen über den überstandenen Schreck, mit starrem Blick in die
-braunen Gesichter der Zigeuner schauten. Beim unsicheren Flackern des
-Lichts erschienen sie wie ein Haufen Gnomen, umhüllt von einem
-unterirdisch schweren Qualm in der Finsternis einer tiefen Nacht.
-
-
- X.
-
- Packe dich, Satansbrut!
-
- Aus einem kleinrussischen Schwank.
-
-Die Frische des Morgens wehte über der erwachten Stadt. Aus allen
-Schloten stiegen Rauchsäulen der Sonne entgegen. Auf dem Jahrmarkt wurde
-es wieder lebendig. Schafe blökten, Pferde wieherten, das Schnattern der
-Gänse und der Händlerinnen erfüllte wieder das ganze Lager -- und die
-schrecklichen Gerüchte vom _roten Kittel_, die in der geheimnisvollen
-Stimmung der Dämmerstunde die Menschen in eine solche Angst versetzt
-hatten, waren mit dem Heraufkommen des Morgens verschwunden.
-
-Gähnend und sich räkelnd schlummerte Tscherewik in der strohgedeckten
-Scheune seines Gevatters unter Ochsen, Mehlsäcken und Weizen weiter und
-schien gar keine Lust zu haben, sich von seinen Träumen zu trennen, als
-er auf einmal eine Stimme vernahm, die ihm ebenso vertraut vorkam, wie
-der gesegnete Ofen seiner Stube oder die Kneipe einer entfernten
-Verwandten, die keine zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses
-entfernt war, diese Zufluchtsstätten seiner großen Faulheit.
-
-»Steh auf! Steh auf!« knurrte die zärtliche Gattin, die ihn aus aller
-Kraft am Arm zerrte, über seinem Ohre.
-
-Statt jeder Antwort blies Tscherewik die Backen auf und begann mit den
-Armen zu fuchteln wie ein Trommelschläger.
-
-»Du verrückter Kerl!« schrie sie und prallte vor dem Schwung seiner
-Hand, die ihr beinahe ins Gesicht gefahren wäre, zurück.
-
-Tscherewik erhob sich, rieb sich die Augen und sah sich um.
-
-»Hol' mich der Henker! Aber deine Fratze kam mir wie eine Trommel vor,
-auf der ich den Zapfenstreich schlagen mußte, mein Täubchen. Akkurat wie
-die Moskowiter! diese Schweinsfratzen, von denen der Gevatter sagt ....«
-
-»Laß das Tratschen! Geh, führ die Stute auf den Markt. Es ist einfach
-zum Lachen. Wir sind auf den Jahrmarkt gekommen, und bisher ist noch
-keine Handvoll Hanf verkauft ....«
-
-»Ja, Frauchen,« sagte Tscherewik, »jetzt wird man schön über uns
-lachen!«
-
-»Geh, geh! Man lacht ohnehin über dich!«
-
-»Du siehst ja, ich habe mich noch nicht gewaschen!« fuhr Tscherewik
-gähnend und sich den Rücken kratzend fort, um Zeit für seine Faulheit zu
-gewinnen.
-
-»Du hast dir ja eine recht passende Zeit für deine Reinlichkeit gewählt!
-Wann war sowas bei dir Sitte? Da ist ein Handtuch für dich, wisch dir
-deine Fresse ab.«
-
-Sie ergriff etwas, das zu einem Knäuel geballt dalag, und -- schleuderte
-es entsetzt von sich: es war der Ärmelaufschlag eines _roten Kittels_.
-
-»Geh schon, geh an deine Sachen!« wiederholte sie, bereits wieder
-ermutigt, als sie sah, daß ihm vor Angst die Beine gelähmt waren und die
-Zähne klapperten.
-
-»Das wird ja jetzt ein schönes Geschäft werden!« brummte er bei sich,
-während er die Stute losband und sie auf den Platz führte. »Nicht ohne
-Grund also lag mir's, als ich zu diesem verfluchten Jahrmarkt fuhr, so
-schwer auf der Seele, als hatte mir jemand eine krepierte Kuh
-aufgeladen; und die Ochsen sind ja auch zweimal von selbst mitten auf
-dem Wege umgekehrt. Und da fällt mir ein, wir sind ja auch am Montag
-abgereist. Da haben wir die Bescherung! .... Ein schöner Störenfried ist
-mir dieser verdammte Teufel: Kann er nicht seinen Kittel ohne den einen
-Ärmel tragen! Aber nein, er gönnt den Leuten ihre liebe Ruhe nicht. Wenn
-ich beispielsweise, was Gott bewahre, der Teufel wäre, -- hätte ich mich
-da um solch einen verfluchten Fetzen herumgetrollt?«
-
-Hier wurde unser Tscherewik durch eine fette und schrille Stimme in
-seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm stand ein großer Zigeuner.
-
-»Was hast du zu verkaufen, guter Mann?«
-
-Der Händler blieb eine Weile stumm, sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an
-und sagte dann mit ruhiger Miene, ohne stehen zu bleiben oder die Zügel
-aus der Hand zu lassen: »Du siehst ja selbst, was ich zu verkaufen
-habe!«
-
-»Riemen?« fragte der Zigeuner und blickte auf die Zügel in Tscherewiks
-Hand.
-
-»Jawohl, Riemen -- wenn eine Stute 'nem Riemen ähnelt!«
-
-»Potztausend, Landsmann! Du hast sie wohl mit Stroh gefüttert!«
-
-»Mit Stroh?«
-
-Tscherewik wollte eben die Zügel anziehen, um seine Stute vorzuführen,
-und den schamlosen Beleidiger Lügen zu strafen; aber seine Hand fuhr ihm
-mit ungewöhnlicher Leichtigkeit ans Kinn. Was sah er! -- Die Zügel waren
-durchgeschnitten, und daran gebunden sah man -- oh Entsetzen! Seine
-Haare standen ihm zu Berge! -- den Ärmelfetzen eines _roten Kittels_!
-.... Ausspuckend, sich bekreuzigend, und mit den Armen fuchtelnd floh er
-von dannen vor diesem unerwarteten Geschenk, und verschwand flinker als
-irgendein junger Bursch in der Menge.
-
-
- XI.
-
- Wes das Korn, des die Prügel.
-
- Sprichwort.
-
-»Haltet ihn! Haltet ihn!« so schrien einige Burschen am schmalen Ende
-der Straße, und Tscherewik fühlte, wie er plötzlich von festen Händen
-gepackt wurde.
-
-»Bindet den Kerl! 's ist derselbe, der dem guten Mann die Stute
-gestohlen hat!«
-
-»Gott mit euch, warum wollt ihr mich denn binden?«
-
-»Er fragt noch! Und warum hast du dem fremden Bauern, dem Tscherewik,
-seine Stute gestohlen?«
-
-»Seid ihr bei Sinnen, Leute? Wo hat man denn je gesehen, daß einer sich
-selbst etwas stiehlt?«
-
-»Alte Possen, alte Possen! Warum bist du denn so atemlos davongelaufen,
-als wenn der Satan selbst dir auf den Fersen wäre?«
-
-»Soll man denn nicht laufen, wenn einem der Teufelsrock .....«
-
-»He, Bester, das lüg' du anderen vor. Du wirst noch was Schönes vom
-Präsidenten erleben, weil du die Leute mit Teufelsgeschichten
-erschreckst!«
-
-»Haltet ihn, haltet ihn!« ertönte da ein Ruf am anderen Ende der Straße,
-»da ist der Ausreißer!«
-
-Und vor unserem Tscherewik erschien der Gevatter im allerjämmerlichsten
-Aufzuge, er hielt die Arme auf dem Rücken und wurde von einigen Burschen
-vorwärts gestoßen.
-
-»Wunder über Wunder,« rief einer von ihnen.
-
-»Ihr solltet nur hören, was dieser Halunke erzählt. Man braucht ihm doch
-nur ins Gesicht zu schauen, und man sieht ihm den Dieb an! Als man ihn
-fragte, warum er so wahnsinnig davonrannte, da sagte er: >Ich steckte
-die Hand in die Tasche, um eine Prise zu nehmen, aber statt der
-Tabaksdose zog ich ein Stück von dem teuflischen _Kittel_ heraus, und
-eine rote Flamme sprang auf.< -- Darum sei er davongerannt!«
-
-»He he! Es sind also beides Vögel aus demselben Nest! Bindet sie alle
-beide!«
-
-
- XII.
-
- »Was hab' ich denn getan, ihr lieben Leute?
- Was glotzt ihr mich so an?« sprach unser Bursche,
- »Was spottet ihr und höhnt ihr denn mich Armen?
- Warum, warum?« so ruft er aus und flennt,
- Daß ihm die Träne auf der Backe brennt.
-
- Artemowski-Gulak: »Der Herr und der Hund«.
-
-»Gevatter, vielleicht hast du in der Tat etwas stibitzt?« fragte
-Tscherewik, der zusammen mit seinem Gevatter gebunden in einer
-Strohhütte lag.
-
-»Also auch du, Gevatter! Hände und Füße sollen mir verdorren, wenn ich
-je etwas gestohlen habe, höchstens Krapfen mit Rahm bei meiner Mutter,
-aber auch das nur, als ich erst zehn Jahr alt war.«
-
-»Wofür werden wir denn so gestraft, Gevatter? Bei dir ist's ja noch
-nicht schlimm: du wirst doch wenigstens nur beschuldigt, einen anderen
-bestohlen zu haben; aber mich Unglücksmenschen verleumdet der Satan: ich
-soll mir selbst 'ne Stute gestohlen haben. Es ist uns wohl nicht
-beschieden, auch mal ein bißchen Glück zu haben, Gevatter!«
-
-»O weh uns armen Waisen!«
-
-Und die beiden Gevatter fingen heftig an zu schluchzen.
-
-»Was hast du, Tscherewik?« fragte da Grytzko, der in diesem Augenblicke
-eintrat. »Wer hat dich gebunden?«
-
-»Ach, Golupupenko, Golupupenko!« schrie Tscherewik freudig. »Gevatter,
-das ist der, von dem ich dir erzählt habe. O, das ist ein tüchtiger
-Kerl! Gott soll mich hier auf der Stelle töten, wenn er nicht einen Krug
-ausgelutscht hat, so groß wie dein Kopf; und dabei verzog er keine
-Miene!«
-
-»Nun, Gevatter, und warum hast du einen solchen Prachtkerl abgewiesen?«
-
-»Sieh,« fuhr Tscherewik zu Grytzko gewandt fort: »Gott straft mich wohl,
-weil ich mich gegen dich versündigt habe. Vergib mir, lieber Junge! Bei
-Gott, ich hätte ja alles für dich getan .... Aber was soll man da
-machen! Der Satan sitzt in meiner Alten!«
-
-»Ich trage nie jemandem Böses nach! Wenn du willst, so befreie ich
-dich!«
-
-Er winkte den Burschen, und dieselben jungen Leute, die Tscherewik
-bewacht hatten, eilten herbei, ihn zu entfesseln.
-
-»Nun aber wird Hochzeit gemacht, wie's sich gehört! Und wir wollen
-tanzen, daß uns vom Hopsen die Beine ein ganzes Jahr lang weh tun!«
-
-»_Recht so!_« rief Tscherewik und klatschte in die Hände. »Nun bin ich
-wieder so vergnügt, als ob meine Alte von den Moskowitern geholt worden
-wäre! Was ist da viel zu bedenken! Ob's nun recht ist oder nicht --
-heute ist Hochzeit und damit Schluß!«
-
-»Nur sieh zu, Tscherewik, in einer Stunde komm' ich zu dir, und jetzt
-geh nach Hause, dort warten Käufer auf dich, die deine Stute und den
-Weizen haben wollen.«
-
-»Wie? Hat sich die Stute gefunden?«
-
-»Ja, sie hat sich gefunden!«
-
-Tscherewik blickte dem Grytzko starr vor Freude nach.
-
-»Na, Grytzko, haben wir unsere Sache gut gemacht?« fragte der lange
-Zigeuner den vorübereilenden Burschen. »Jetzt kriege ich doch die
-Bullen?«
-
-»Ja, ja, du sollst sie haben!«
-
-
- XIII.
-
- Fürcht dich nicht, lieb Mütterchen,
- Zieh die roten Schühchen an.
- Tritt mit Füßen
- Deine Feinde.
- Wenn die Schuh'
- Von Eisen klirren,
- werden alle Feinde schweigen.
-
- Hochzeitslied.
-
-Das liebliche Kinn auf die Hand gestützt saß Paraßka sinnend allein im
-Zimmer. Mancherlei Träume umschwirrten ihr blondes Köpfchen. Manchmal
-berührte plötzlich ein leichtes Lächeln ihre rosigen Lippen, und ein
-freudiges Gefühl ließ sie die dunklen Brauen emporheben, bald aber
-senkte sich wieder ein Sinnen wie eine Wolke auf ihre grauen klaren
-Augen.
-
-»Wie wenn es nun doch nicht so käme, wie er gesagt hat!« flüsterte sie
-mit einem Ausdruck des Zweifels. »Wenn er mich nun aber doch nicht
-bekommt? Wenn .... Nein, nein! Das kann nicht sein! Die Stiefmutter tut
-alles, was sie will! Kann ich nicht auch tun, was _ich_ will? Mein Trotz
-ist groß genug! Wie schön ist er doch! Wie wunderbar glühen seine
-schwarzen Augen! Wie lieb kann er sagen: >_Paraßja, mein Täubchen!_< --
-Wie gut steht ihm der weiße Kittel! Wenn er noch dazu einen hellen
-Gürtel .... Ja ich will ihm einen machen, wenn wir zusammen in die neue
-Wohnung ziehen. O wie ich mich darauf freue!« fuhr sie fort, indem sie
-ein kleines, mit rotem Papier beklebtes Spiegelchen aus dem Busen zog,
-das sie auf dem Jahrmarkt gekauft hatte, und in das sie mit geheimem
-Vergnügen hineinschaute. »Wenn ich ihr später begegne, so grüße ich sie
-nicht, und wenn sie platzt! Nein, Stiefmütterchen, du hast deine
-Stieftochter genug geprügelt! Eher wächst Sand auf Steinen, und neigt
-sich die Eiche wie eine Weide zum Wasser herab, als daß ich mich vor
-_dir_ neige! Aber ich habe ja ganz vergessen .... ich will doch das
-Häubchen umbinden; ob es mir wohl gut steht; wenn's auch der Stiefmutter
-gehört.«
-
-Sie stand auf, den Spiegel in der Hand und den Kopf über ihn geneigt,
-und ging behutsam durch die Stube, als fürchtete sie sich hinzufallen;
-denn statt des Fußbodens sah sie die Decke mit den Brettern, von denen
-neulich der Popensohn heruntergefallen war, und die Wandborde mit den
-Töpfen drauf vor sich.
-
-»Ich bin doch wirklich wie ein Kind!« rief sie lachend aus, »ich hab
-Angst, einen Fuß vor den andern zu setzen!«
-
-Und sie begann laut mit den Füßen aufzustampfen, immer mutiger und
-mutiger. Endlich sank ihre linke Hand herab und stemmte sich auf die
-Hüfte, und sie tanzte, mit den Sporen der Stiefelchen klirrend, drauf
-los, hielt sich den Spiegel vor und sang ihr Lieblingsliedchen:
-
- Grüne Gräser, grüne Auen,
- Wachset nicht zu sehr!
- Liebster mit den schwarzen Brauen,
- Schmieg dich zu mir her!
-
- Grüne Gräser, grüne Auen,
- Wachset nimmermehr!
- Liebster mit den schwarzen Brauen,
- Schmieg dich näher her!
-
-In diesem Augenblicke blickte Tscherewik durch die Türöffnung, und als
-er seine Tochter vor dem Spiegel tanzen sah, blieb er stehen. Lange sah
-er ihr zu, über die seltsame Laune des Mädchens lachend, das ganz in
-Gedanken versunken, nichts um sich herum zu bemerken schien; als er aber
-die bekannten Laute des Liedes hörte, da wurde es ihm heiß ums Herz;
-stolz die Hände auf die Hüften gestemmt, sprang er vor und begann so zu
-hopsen, daß er all seine andern Geschäfte vergaß. Das laute Lachen des
-Gevatters ließ beide auffahren.
-
-»Großartig! Vater und Tochter feiern hier selber Hochzeit! Kommt! kommt!
-der Bräutigam ist da!«
-
-Bei den letzten Worten glühte Paraßka in einem Rot auf, das tiefer war
-als das, welches das leuchtende Band auf ihrem Kopfe färbte. Dem
-sorglosen Vater fiel es erst jetzt ein, warum er eigentlich hierher
-gekommen war.
-
-»Töchterchen, komm schnell! Chiwrja ist vor Freude, daß ich die Stute
-verkauft habe, fortgelaufen, um sich feine Tücher und allerhand
-Schmucksachen zu kaufen!« sprach er und sah sich dabei ängstlich nach
-allen Seiten um. »Bis zu ihrer Rückkehr wollen wir alles erledigt
-haben!«
-
-Kaum hatte Paraßka die Schwelle des Hauses überschritten, da fühlte sie
-sich schon in den Armen des Burschen im weißen Kittel, der sie inmitten
-einer Menge von Leuten auf der Straße erwartete.
-
-»Gott segne euch!« sagte Tscherewik, ihre Hände vereinend. »In Glück und
-Glanz haltet fest wie ein Kranz!«
-
-Da gab's plötzlich einen Lärm.
-
-»Eher will ich zerspringen, als daß ich das zulasse!« schrie Tscherewiks
-Ehehälfte, die von der lachenden Menge zurückgedrängt wurde.
-
-»Wüt nicht so, wüte doch nicht!« sprach Tscherewik kaltblütig, als er
-sah, wie ein paar handfeste Zigeuner sich ihrer Arme bemächtigten.
-»Geschehen ist geschehen! Ich bin nicht für Änderungen!«
-
-»Nein, nein, das darf nicht sein!« schrie Chiwrja, aber niemand hörte
-auf sie; ein paar lustige Leute umringten das junge Paar und bildeten
-eine undurchdringliche, tanzende Mauer um sie.
-
-Ein sonderbares unsagbares Gefühl mußte einen Zuschauer ergreifen, der
-mit ansah, wie beim ersten Bogenstrich des Fiedelmanns in dem groben
-Rock, mit dem langgeschweiften Schnurrbart, alles unwillkürlich ein
-einiges Ganzes bildete und zu friedlicher Eintracht überging. Leute,
-deren mürrische Gesichter offenbar ihr Lebtag niemals ein Lächeln
-erhellt hatte, stampften mit den Füßen und warfen die Schultern empor.
-Alles wirbelte im Tanze durcheinander. Aber ein noch sonderbareres, noch
-unsagbareres Gefühl mußte in der Tiefe der Seele beim Anblick jener
-Greisinnen erwachen, über deren uralten Gesichtern schon die
-Gleichgültigkeit des Grabes wehte -- und die sich unter die neuen
-Menschen drängten, die dem Leben angehörten und dem Lachen. Die
-Sorglosen! Selbst sie, die keine kindliche Freude und keinen Funken des
-Mitgefühls kannten, die erst der Rausch, wie ein Mechaniker seine
-leblosen Automaten, zu einer menschlichen Äußerung zwingt, -- selbst
-_sie_ nickten leise mit den berauschten Köpfen und hüpften ein wenig
-hinter der lustigen Menge her, ohne auf das junge Paar zu achten.
-
-Das Lärmen, Lachen, Singen verklang zu einem leisen und immer leiseren
-Summen. Die Fiedel erstarb, ertönte schwächer und schwächer und ließ nur
-noch ein paar undeutliche Töne durch die leere Luft zittern. Noch hörte
-man hie und da ein Stampfen, gleich dem Tosen des fernen Meeres, aber
-bald lag alles wieder öde und stumm da.
-
-Fliegt uns nicht so auch die Freude davon, die schöne und flatterhafte
-Freundin? Vergeblich sucht ein einsamer Klang, von Lust und Seligkeit zu
-singen. Im eignen Echo schon vernimmt er die Laute der Trauer und
-Einsamkeit, und er lauscht ihnen voller Schrecken. Stieben nicht so auch
-die ausgelassenen Freunde der freien stürmischen Jugend einer nach dem
-andern in alle Winde und lassen ihren alten Herzensbruder allein? Bang
-wird dem Verlassenen! Voller Schwermut und Traurigkeit ist sein Herz,
-doch für ihn gibt es keine Hilfe!
-
-
-
-
- Die Johannisnacht
-
-
- Eine Sage
- Erzählt vom Küster an der --Kirche zu ***
-
-Foma Grigorjewitsch hatte eine merkwürdige Eigentümlichkeit: Er konnte
-es auf den Tod nicht leiden, ein und dieselbe Geschichte mehrmals
-erzählen zu müssen. Gab er aber schon einmal den Bitten nach und
-erzählte etwas zum zweiten Male, dann fügte er entweder hier eine neue
-Wendung hinzu, oder änderte dort etwas, so daß man die Geschichte kaum
-wiedererkennen konnte. Einmal hatte einer jener Herren -- wir einfachen
-Leute wissen nicht recht, wie wir sie nennen sollen: Schreiber oder
-dergleichen, so was ähnliches wie die Makler auf unseren Jahrmärkten;
-sie kramen, betteln und stehlen sich allerhand Zeug zusammen und senden
-dann jeden Monat oder gar jede Woche ein Büchelchen so dick wie eine
-Fibel in die Welt hinaus, -- einmal also hatte einer jener Herren
-unserem Foma Grigorjewitsch die folgende Geschichte hier abgeluchst, und
-der hatte das ganz vergessen. Aber eines Tages kommt dasselbe Herrchen
-im erbsengrauen Kaftan aus Poltawa, von dem ich schon einmal sprach, und
-von dem ihr wohl die eine Geschichte schon gelesen habt, -- er kommt
-also, bringt ein kleines Büchelchen mit, schlägt's in der Mitte auf und
-zeigt uns die Sache. Foma Grigorjewitsch war schon im Begriff, seine
-Nase mit der Brille zu besatteln, aber da fiel ihm ein, daß er vergessen
-hatte, ein Stück Faden um sie zu wickeln und Wachs drauf zu kleben, und
-so gab er denn mir das Buch. Ich verstehe mich nun mal leidlich aufs
-Lesen und brauche keine Brille, und so begann ich denn. Aber ich hatte
-noch keine zwei Seiten umgewendet, als er mich fest bei der Hand nahm
-und unterbrach.
-
-»Halt, sagt mir zuerst, was Ihr da lest?«
-
-Ich muß gestehen, diese Frage verblüffte mich ein wenig.
-
-»Wie, Foma Grigorjewitsch? Was ich da lese? Das ist doch Eure
-Geschichte, es sind Eure eigenen Worte!«
-
-»Wer hat Euch das erzählt, daß das meine Worte sind?«
-
-»Was wollt Ihr denn noch mehr? Da steht's doch gedruckt. Erzählt von dem
-Küster Soundso.«
-
-»Spuckt dem Jungen auf den Kopf, der das darauf gedruckt hat! Er lügt,
-der Saukerl! Das soll ich gesagt haben? Das ist ja fast so, als hätte
-der Satan einen Sparren! Hört zu, die muß ich Euch selbst erzählen!«
-
-Wir rückten am Tische zusammen, und er begann.
-
- * * * * *
-
-Mein Großvater (Gott hab' ihn selig! Möge er in jener Welt nur
-Weizenbrot und Mohnkuchen mit Meth zu essen bekommen!) mein Großvater
-verstand es wunderbar zu erzählen. Wenn der erst einmal damit anfing, so
-mochte man sich am liebsten den ganzen lieben Tag nicht vom Platze
-rühren und nur immer zuhören. Und er redete nicht etwa wie einer von den
-heutigen Faselhänsen; wenn so einer anfängt, sein Garn herunter zu
-spinnen, und dabei noch mit einem Maul, als hätte er drei Tage lang
-nichts zu essen gekriegt, dann möchte man am liebsten nach der Mütze
-greifen und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, wie wenn es heute wäre,
--- meine Mutter selig war noch am Leben, -- an die langen Winterabende,
-wenn draußen heftiges Frostwetter herrschte und das schmale Fensterchen
-unserer Stube dicht mit Schnee verklebte, wie sie da am Spinnrocken saß,
-mit der Hand den langen Faden zog, mit dem Fuß die Wiege schaukelte und
-ein Lied dazu sang, das ich jetzt noch im Ohr habe. Das Lämpchen
-beleuchtete zitternd und wie im Schreck aufflackernd die Stube. Die
-Spindel surrte; und wir Kinder hörten alle, zu einem Haufen
-zusammengedrängt, dem Großvater zu, der vor Alter schon über fünf Jahre
-nicht mehr hinterm Ofen hervorgekrochen war. Aber keiner der wundersamen
-Berichte aus den alten Tagen von den Ritten der Saporoger, von den
-Polen, von den kühnen Taten des Podkowa, des Poltora-Koschucha oder des
-Sagajdatschny ergriffen uns so stark wie die Berichte über eine alte,
-sonderbare Begebenheit, bei der einem ein Schauer über den Leib lief und
-das Haar sich sträubte. Manchmal kam eine solche Angst über einen, daß
-man abends Gott weiß was für Ungeheuer zu sehen meinte. Hattest du mal
-nachts die Stube verlassen, um etwas zu besorgen, so glaubtest du
-sicher, es habe sich ein Fremdling aus jener Welt in dein Bett gelegt,
-um zu schlafen. Ich will auf der Stelle sterben, wenn ich nicht oft
-meinen eignen Kittel am Kopfende des Bettes für einen zusammengekauerten
-Teufel hielt. Aber die Hauptsache an den Erzählungen des Großvaters war,
-daß er sein Lebtag nie gelogen hat, und wie er's sagte, genau so war es
-auch.
-
-Eine von seinen sonderbaren Geschichten will ich euch jetzt erzählen.
-Ich weiß wohl, es werden sich schon etliche Klüglinge finden, die
-Gerichtsschreiber sind oder gar neumodische Schriften lesen, -- welche
-zwar keinen Deut verstehen, wenn man ihnen ein Stundenbuch in die Hand
-drückt, -- aber dafür um so besser die Zähne zu fletschen wissen. Was
-man denen auch erzählen mag, sie lachen ja doch. Was hat sich doch jetzt
-für ein Unglaube in der Welt verbreitet! Gott und die unbefleckte
-Jungfrau mögen mir beistehen -- ihr werdet's vielleicht nicht glauben:
-als ich einmal von Hexen sprach -- da fand sich doch wahrhaftig so ein
-Springinsfeld, der nicht an Hexen glauben wollte! Gott sei Dank, ich
-lebe schon viele Jahre; ich habe schon Menschen gesehen, die solche
-Heiden waren, daß es ihnen leichter wurde, in der Beichte zu lügen, als
-unsereinem, eine Prise zu nehmen; aber auch die schlugen vor einer Hexe
-das Kreuz. Wenn denen einmal im Traum .... na, ich will's gar nicht erst
-über die Zunge bringen .... was soll man über sowas noch Redens machen.
-
-Vor vielen vielen Jahren, 's werden wohl sicher über hundert sein, --
-erzählte mein Großvater selig -- war unser Dorf noch etwas ganz anderes
-als jetzt! Da war's noch ein Weiler, der allerärmste Weiler! Zehn
-ungetünchte und ungedeckte Hütten lagen mitten im Felde verstreut, und
-es gab weder einen Zaun, noch einen anständigen Schuppen, in dem man
-Vieh oder einen Wagen hätte unterstellen können. Und die, die so lebten,
-das waren noch die Reichen, was aber erst unsereiner von der
-Brüderschaft der Habenichtse für ein Leben hatte, das läßt sich kaum
-beschreiben! Ein Loch in der Erde -- das war das ganze Haus! Nur an dem
-Rauch konnte man merken, daß da ein Menschenkind unseres lieben
-Herrgotts hauste. Ihr werdet nun fragen, warum lebten die wohl so? Armut
-allein war's nicht, denn damals war fast jeder ein freier Kosak und
-hatte sich in fremden Ländern nicht wenig Reichtümer erbeutet; nein, man
-sehnte sich gar nicht nach einem richtigen Hause. Was trieben sich
-damals nicht allerorts für Menschen herum: Leute aus der Krim, Polen,
-Litauer usw. Oft geschah es auch, daß man von den eigenen Landsleuten
-geschunden wurde. Ja ja, da kam mancherlei vor.
-
-In diesem Weiler nun tauchte zuweilen ganz plötzlich ein Mensch oder
-richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt auf. Woher er kam und zu
-welchem Zwecke -- das wußte niemand. Er soff, vergnügte sich, -- und auf
-einmal war er verschwunden, wie wenn er in die Erde gesunken wäre. Dann
-kam er wieder, wie vom Himmel gefallen, trieb sich auf den Straßen des
-Dorfes umher, von dem jetzt keine Spur mehr übrig ist, und das
-vielleicht nicht mehr als hundert Schritte von Dikanka entfernt war,
-sammelte die ersten besten Kosaken um sich, und dann ging ein Lachen und
-Singen an: das Geld wurde nur so ausgeschüttet, und der Schnaps rann
-dahin wie Wasser. Dann ging er zu den Mädchen und schenkte ihnen Bänder,
-Ohrringe und Perlen -- in vollen Haufen! Freilich, so manches Mädel
-wurde bedenklich bei diesen Geschenken: Weiß Gott, am Ende waren sie in
-der Tat durch unreine Hände gegangen. Die leibliche Tante meines
-Großvaters, die damals auf der heutigen Landstraße von Oposchnjani einen
-Ausschank hatte, in dem Bassawrjuk (so hieß dieser Teufelskerl) oft
-zechte, pflegte zu sagen, sie würde um keinen Preis in der Welt ein
-Geschenk von ihm annehmen. Aber wie konnte man wiederum etwas
-zurückweisen? -- Jedem wurde gruselig zumute, wenn _er_ seine borstigen
-Brauen runzelte und einen finstern Blick auf einen warf, daß man am
-liebsten ausgerissen wäre; nahm man aber das Geschenk an, so konnte man
-schon in der nächsten Nacht einen Gast aus dem Moor, einen mit Hörnern
-auf dem Kopfe, erwarten. Und der würgte einen, wenn man Perlen am Halse
-trug, biß einen in den Finger, wenn ein Ring darauf steckte, oder riß
-einer Frau fast den Zopf aus, wenn sie ein Band darein geflochten hatte.
-Zehn Schritt vom Leibe mit solchen Geschenken! Eine neue Not aber war
-es, sie los zu werden: Man wirft sie ins Wasser -- aber der teuflische
-Ring oder die Perlen schwimmen oben auf und springen einem wieder in die
-Hand zurück.
-
-Im Dorfe stand auch eine Kirche, die, wenn ich mich recht besinne, dem
-heiligen Pantelej angehörte. Damals nun waltete in ihr ein Priester
-namens Vater Afanassi, seligen Angedenkens. Als er gewahrte, daß
-Bassawrjuk sogar am Ostersonntag nicht in die Kirche kam, wollte er ihn
-ausschelten und ihm eine Kirchenbuße auferlegen; aber sieh da, er kam
-kaum mit heiler Haut davon. »Hör mal, _Herr_!« brüllte ihn jener an,
-»kümmere dich lieber um deine Geschäfte, anstatt dich in fremde zu
-mischen, wenn du nicht willst, daß dir dein Ziegenhals mit einem heißen
-Sterbekuchen verkleistert wird!« Was konnte man mit diesem
-Gottverdammten anfangen? Vater Afanassi erklärte nun jeden, der mit
-Bassawrjuk verkehren würde, für einen Römling, und für einen Feind der
-Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts.
-
-In demselben Dorfe hatte auch ein Kosak namens Korsch einen Arbeiter,
-den die Leute Peter Heimatlos nannten, vielleicht deshalb, weil er weder
-seinen Vater noch seine Mutter kannte. Der Kirchenvorstand hatte zwar
-gesagt, die wären schon in seinem zweiten Lebensjahr an der Pest
-gestorben; aber die Tante meines Großvaters wollte es nicht wahrhaben
-und war aus aller Kraft bemüht, ihm Eltern aufzudrängen, obgleich der
-arme Peter sich geradesoviel um diese Frage kümmerte, wie wir um den
-vorjährigen Schnee. Sie behauptete, sein Vater befinde sich jetzt noch
-in der Saporoger Gegend, sei in Gefangenschaft bei den Türken gewesen,
-habe Gott weiß welche Qualen erdulden müssen, und habe nur durch ein
-Wunder, als Eunuch verkleidet, Reißaus nehmen können. Die
-schwarzbrauigen Mädels und die jungen Weibsleute scherten sich wenig um
-seine Verwandtschaft. Sie äußerten nur, wenn man ihm einen feinen Rock
--- etwa einen neuen Schupan -- anzöge, einen roten Gürtel umlegte, eine
-neue Mütze aus schwarzem Lammfell mit einer schmucken blauen Kappe
-aufsetzte, ihm einen türkischen Säbel an die Seite schnallte, und in die
-eine Hand einen langen Degen und in die andere eine hübsch eingefaßte
-Pfeife gäbe -- dann würde er alle andern Burschen in die Tasche stecken.
-Aber der arme Petrusj besaß alles in allem nur einen einzigen grauen
-Kittel, der mehr Löcher hatte, als mancher Jude Dukaten in der Tasche.
-Doch das wäre noch nicht schlimm gewesen, was schlimm war, war vielmehr
-dies: der alte Korsch hatte ein Töchterchen, eine Schönheit, wie ihr sie
-wohl kaum je gesehen habt. Die Tante des seligen Großvaters pflegte zu
-erzählen, -- und ihr wißt ja, ein Weib wird, mit Verlaub zu sagen, eher
-den Teufel küssen, als eine andere schön nennen, -- daß die runden
-Bäckchen des Kosakenmädchens so frisch und glänzend waren wie die
-allerzarteste rote Mohnblume, die sich in Gottes Tau gebadet hat und nun
-aufleuchtet, ihre Blättchen ausbreitet und sich vor der aufgehenden
-Sonne putzt. Wie schwarze Schnürchen, die die Mädchen heutzutage bei den
-Hausierern in den Dörfern für ihre Kreuze und Schmuckdukaten kaufen, so
-zart schwangen sich die Brauen über ihren Augen, als spiegelten sie sich
-in ihrem klaren Kristall. Ihr Mündchen, nach dem der ganzen jungen Welt
-von damals der Mund wässerte, schien wie geschaffen für die Gesänge
-einer Nachtigall. Ihr Haar, schwarz wie Rabenfittiche und weich wie
-junger Flachs (denn damals flochten es die jungen Mädchen noch nicht zu
-kleinen Zöpfchen, durch die sie sich jetzt hübsche bunte Bänderchen
-ziehen) fiel in vollen Locken auf den goldbestickten Überwurf herab. Ei,
-da soll mich doch Gott von der Kanzel nie wieder das Hallelujah singen
-lassen, wenn ich sie nicht auf der Stelle abküssen möchte, und wenn auch
-der alte Wald auf meinem Schädel schon so ziemlich grau ist, und meine
-Alte sich mir an die Seite heftet, wie ein Star ins Auge. Na, wenn ein
-Bursch und ein Mädel nah beieinander wohnen .... ja, da wißt ihr schon,
-was draus wird. Man konnte stets in aller Herrgottsfrühe den Abdruck der
-Stiefeleisen auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj
-gestanden hatte. Korsch hätte immer noch nichts Schlimmes geahnt, aber
-einst, -- und das kam durch nichts anderes als durch die List eines
-Teufels -- da fiel es Petrusj ein, ohne sich genauer im Flur umzusehen,
-sozusagen von ganzer Seele einen Kuß auf die rosigen Lippen des
-Kosakenmädchens zu pressen. Und dieser selbe Teufel, -- mag doch der
-Hundesohn vom heiligen Kreuz träumen! -- ritt den alten Knasterbart, daß
-er gerade zu dieser Zeit die Tür öffnete. Korsch stand da wie ein
-Holzklotz, sperrte den Mund auf und mußte sich an die Tür lehnen. Der
-verdammte Kuß schien ihn vollkommen betäubt zu haben. Er kam ihm lauter
-vor als der Schlag eines Mörserstößels auf ein Brett, mit dem zu unserer
-Zeit die Bauern in Ermangelung von Pulver und Flinte den Festschmaus zu
-Ehren Johannes des Täufers begleiten. Als er wieder zu sich gekommen
-war, nahm er seine Nagaika aus Urväter Zeiten von der Wand und wollte
-sie schon auf den Rücken des armen Peter niedersausen lassen, da
-erschien auf einmal Pidorkas sechsjähriges Brüderchen Iwasj, kam
-erschreckt herbeigelaufen, umschlang seine Beine mit den Händchen und
-schrie: »Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht!« Was war da zu machen?
-Ein Vaterherz ist nicht von Stein: er hing die Nagaika an die Wand und
-führte ihn leise aus dem Zimmer hinaus. »Wenn du dich jemals wieder hier
-im Hause sehen läßt oder auch nur am Fenster, so höre, Petrusj: Bei
-Gott, dein schwarzer Schnurrbart ist dahin und auch deine Kosakenlocke,
-die du dir doppelt ums Ohr wickelst, -- ich will nicht Terenti Korsch
-sein, wenn sie nicht von deinem Schädel Abschied nimmt!« Bei diesen
-Worten versetzte er ihm einen leichten Stoß in den Nacken, so daß
-Petrusj Hals über Kopf hinausflog. So weit hatten sie es mit dem Küssen
-gebracht. Ein schwerer Kummer überfiel unser Täubchen; dazu ging noch im
-Dorfe das Gerücht um, zu Korsch ins Haus käme ein goldbeladener Pole mit
-Schnurrbart, Säbel und Sporen, dessen Taschen so klirrten wie der
-Klingelbeutel, den unser Meßner Taras täglich in der Kirche umgehen
-läßt. Nun man weiß ja, wozu man einen Vater besucht, der eine
-schwarzäugige Tochter hat. Einmal schlang Pidorka die Arme um ihren
-Bruder Iwasj: »Iwasj, mein Liebling, bester Iwasj! Lauf zu Petrusj, mein
-goldenes Kind, rasch wie ein Pfeil vom Bogen schnellt, und erzähl ihm
-alles: ich möchte seine grauen Augen liebkosen und sein weißes Antlitz
-küssen, aber das Schicksal will es nicht. Manches Tuch habe ich mit
-meinen heißen Tränen benetzt, mir ist so bang und so schwer ums Herz.
-Mein eigner Vater ist mir feind und zwingt mich, dem ungeliebten Polen
-in die Ehe zu folgen. Sag ihm, man bereite schon die Hochzeit vor, doch
-es soll keine Musik auf unserer Hochzeit geben, und nur die Küster
-werden plärren, statt daß Zither und Schalmei erklingen. Und nicht werde
-ich mit meinem Gemahl zum Tanze gehen, sondern hinaustragen wird man
-mich aus dem Hause. Dunkel und düster wird mein enges Haus sein -- aus
-Ahornbrettern wird es gezimmert sein, und statt eines Schlotes wird ein
-Kreuz auf dem Dache stehn!«
-
-Wie versteinert und ohne sich von der Stelle rühren zu können, hörte
-Petrusj das unschuldige Kind Pidorkas Worte nachlallen. »Dacht' ich
-Unglücklicher nicht schon daran, in die Krim oder ins Türkenland zu
-ziehen, mir Gold zu erbeuten und mit vielen Gütern beladen zu dir
-zurückzukehren, du meine Schönste? Doch es sollte nicht sein. Ein böser
-Blick hat uns getroffen. Wohl werden wir Hochzeit feiern, mein teures
-Fischlein du, aber kein Küster wird auf unserer Hochzeit singen -- statt
-eines Popen krächzt mir zu Häupten ein schwarzer Rabe, das weite Feld
-wird mein Haus und die graue Wolke mein Dach sein; meine grauen Augen
-hackt der Adler aus; der Regen wird mir die Kosakenknochen bleich
-waschen, und der Sturmwind wird sie austrocknen. Doch was tu ich? Wem
-klag' ich was vor? Gott hat's wohl so angeordnet! Verloren ist
-verloren!« -- Und stracks zog er in die Schenke.
-
-Die Tante meines seligen Großvaters war nicht wenig erstaunt, als sie
-Petrusj in der Schenke sah, und dazu noch zu einer Zeit, wo ein braver
-Mensch zur Frühmesse geht. Sie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie wenn
-sie noch im Schlafe läge, als er einen Krug -- oder richtiger fast einen
-halben Eimer voll Branntwein bestellte. Allein vergebens suchte der
-Ärmste seinen Kummer zu ertränken. Der Schnaps brannte ihm auf der Zunge
-wie Nesseln und dünkte ihn bitterer als Wermut. Weit von sich warf er
-den Krug zu Boden. Da dröhnte es im Baß über seinem Kopfe: »Laß doch das
-Trauern, Kosak!« Er schaut auf: Es war Bassawrjuk! Uh, welche Fratze!
-Der hatte Haare wie ein Borstenvieh und Augen wie ein Bulle! »Ich weiß,
-was dir fehlt: das da!« rief er und klirrte teuflisch grinsend mit
-seiner ledernen Geldkatze, die ihm am Gürtel hing. Petrusj erbebte.
-»Hehe, wie die glühen!« brüllte er und schüttete sich die Dukaten auf
-die Hand. »Hehe, die klimpern! Und doch heißt's nur eine einzige Tat
-vollbringen, um einen ganzen Berg solcher Schnipsel!« -- »Satan!« schrie
-da Petrusj. »Her damit! Ich bin zu allem bereit!« Beide gaben sich den
-Handschlag und waren einig. »Sieh, Petrusj, du kommst gerade zur rechten
-Zeit: morgen ist Johannistag. Nur in dieser einen Nacht des Jahres
-treibt das Farnkraut Blüten. Du darfst es nicht verpassen. Ich erwarte
-dich um Mitternacht in der Bärenschlucht.«
-
-Ich glaube, die Hühner warten nicht so auf den Augenblick, wo ihnen die
-Hausfrau Krumen streut, wie Petrusj auf den Abend wartete. Immerwährend
-blickte er aus, ob die Baumschatten nicht länger würden, ob nicht die
-tief herabgesunkene Sonne in Purpur erglömme, und je länger er wartete,
-um so ungeduldiger wurde er. Wie lange dauerte das doch! Gottes Tag
-konnte wohl kein Ende finden. -- Nun ist die Sonne fort. Nur noch auf
-einer Seite rötet sich der Himmel noch. Und schon erlischt er. Es wird
-kälter im Felde; dunkler und dunkler wird's, und alles liegt in
-nächtlicher Finsternis da. Endlich! Das Herz wollte ihm schier aus der
-Brust springen, als er sich auf den Weg machte und mit Vorsicht durch
-den dichten Wald zu dem tiefen Grunde herabstieg, der Bärenschlucht
-genannt wurde. Bassawrjuk wartete schon auf ihn. Es war so finster, daß
-man die Hand vor den Augen nicht sah. Hand in Hand schlichen sie durch
-die Sümpfe des Moors, verfingen sich im dichten Gestrüpp und
-strauchelten fast bei jedem Schritte. Endlich fanden sie einen ebenen
-Platz. Petrusj sah sich um: Er war noch nie hier gewesen. Auch
-Bassawrjuk blieb stehen.
-
-»Siehst du: da vor dir liegen drei Hügel. Viel mannigfache Blumen
-wachsen dort; doch alle Mächte der Welt mögen dich bewahren, auch nur
-eine zu pflücken. Kaum aber erblüht der Farn, so greif nach ihm und
-blick dich nicht um, was du auch hinter dir dünken magst.«
-
-Petrusj wollte noch etwas fragen .... aber jener war verschwunden. Er
-ging auf die Hügel zu: wo waren die Blumen? Es war nichts zu sehen.
-Schwarz lag das wilde Steppengras da und überwucherte alles mit seinem
-Gestrüpp. Da blitzte ein Wetterleuchten auf, und vor ihm erschien ein
-ganzes Beet voll wundersamer und nie gesehener Blumen; darinnen sah er
-auch die einfachen Blätter des Farnkrautes. Voller Zweifel stemmte
-Petrusj beide Hände in die Hüften und stellte sich nachdenklich vor sie
-hin.
-
-»Was ist denn Wunderbares dabei? Zehnmal des Tages sehe ich solches
-Kraut: was ist denn das für ein Mirakel? Am Ende macht sich die
-Teufelsfratze nur über mich lustig!«
-
-Auf einmal aber glüht ein kleines Knöspchen rot auf und rührt sich wie
-wenn es lebendig wäre. Seltsam fürwahr! Rührt sich, wird immer größer
-und größer und glüht heiß wie eine rote Kohle. Da flammte ein Sternchen
-auf, etwas knisterte leise, und vor seinen Augen entfaltet sich die
-Blume wie eine Flamme, loht leuchtend auf und überstrahlt alles rings
-herum.
-
-»Jetzt ist's Zeit,« dachte Petrusj und streckte die Hand aus. Aber
-siehe, da strecken sich noch hundert andere zottige Hände nach der Blume
-aus, und hinter ihm läuft raschelnd etwas von Ort zu Ort. Er drückte die
-Augen zu, riß am Stengel, und die Blume blieb in seiner Hand. Alles
-verstummte. Da tauchte Bassawrjuk, auf einem Baumstumpf sitzend, empor:
-ganz bläulich wie eine Leiche. Er rührte keinen Finger, seine Augen
-waren starr auf etwas gerichtet, das nur ihm allein sichtbar war; sein
-Mund stand halb offen, aber er sprach nichts. Ringsum rührte sich
-nichts. Wie furchtbar war Petrusj zumute! .... Aber nun vernahm Petrusj
-ein Pfeifen, daß ihm das Herz im Leibe erstarrte, und es kam ihm so vor,
-als ob das Gras summe, und die Blumen sich mit dünnen Stimmchen
-unterhielten, die wie silberne Glöcklein klangen. Die Bäume donnerten
-grollend durcheinander .... Bassawrjuks Antlitz wurde auf einmal
-lebendig. Seine Augen funkelten. »Endlich ist sie da, die Hexe,« grunzte
-er durch die Zähne. »Petrusj schau, bald wird dir eine schöne Frau
-erscheinen: Tu alles, was sie dir befiehlt, sonst bist du auf ewig
-verloren!« Er zerteilte das Dickicht mit einem Knotenstock, und vor
-ihnen erschien ein Häuschen, das auf Hühnerfüßchen stand, wie es im
-Märchen heißt. Bassawrjuk schlug mit der Faust dagegen, und die Wand
-wankte. Ein großer, schwarzer Hund kam winselnd herausgelaufen,
-verwandelte sich plötzlich in eine Katze und warf sich ihnen entgegen.
-»Tobe nicht, wüte nicht, alte Teufelin,« rief Bassawrjuk und würzte
-seine Rede mit so einem Wörtlein, daß sich ein rechtschaffener Mensch
-dabei die Ohren zugestopft hätte. Da wurde die Katze zu einem alten
-Weibe mit einem so runzligen Gesicht wie ein gebratener Apfel, und
-krümmte sich wie ein Bogen; Nase und Kinn glichen einem Nußknacker.
-»Welch herrliche Schönheit!« dachte Petrusj, und es überlief ihn kalt.
-Die Hexe riß ihm die Blume aus der Hand, beugte sich über sie, flüsterte
-einen langen Spruch vor sich hin und besprengte sie mit einer
-unbekannten Flüssigkeit. Funken stoben aus ihrem Munde, und Schaum trat
-ihr auf die Lippen. »Wirf sie hin«, rief sie, indem sie ihm die Blume
-reichte. Petrusj warf die Blume hin, aber -- o Wunder: die Blume fiel
-nicht gleich zur Erde, sondern leuchtete lange wie eine Feuerkugel
-mitten im Dunkel und segelte wie ein Kahn durch die Luft; endlich begann
-sie sich leise zu senken und fiel so fern von ihnen herab, daß das
-Sternchen kaum mehr zu sehen war und nicht größer erschien, denn ein
-Mohnkorn. »Hier!« krächzte die Alte dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm
-einen Spaten hin und rief: »Grabe hier nach, Petrusj! Da wirst du so
-viel Gold finden, als weder du noch Korsch je geträumt haben!« --
-Petrusj spie sich in die Hände, ergriff den Spaten, trat mit dem Fuß
-darauf und wühlte die Erde auf, einmal, noch einmal, ein drittes Mal,
-noch einmal .... Da stieß er auf etwas Hartes! .... Der Spaten klirrte
-und wollte nicht tiefer in die Erde hinein. Jetzt begannen seine Augen
-plötzlich ganz deutlich eine kleine, eisenbeschlagene Kiste
-wahrzunehmen. Schon wollte er sie mit der Hand erfassen, aber die Kiste
-begann immer tiefer und tiefer in die Erde zu sinken, und hinter sich
-vernahm er ein Lachen, das dem Zischen von Schlangen glich. »Nie sollst
-du das Gold erschauen, ehe du nicht Menschenblut herbeischaffst!« rief
-die Hexe und führte auf einmal ein etwa sechsjähriges Kind vor ihn hin,
-das mit einem weißen Tuch bedeckt war; sie deutete ihm mit Zeichen an,
-er müsse dem Kinde den Kopf abhacken. Petrusj erstarrte. Ist's denn eine
-Kleinigkeit, so mir nichts, dir nichts einem Menschen den Kopf
-abzuhacken, und dazu noch einem unschuldigen Kinde! Wütend riß er das
-Tuch vom Kopfe, und was sah er? Vor ihm stand Iwasj! Das arme Kind stand
-mit gekreuzten Händchen und gesenktem Köpfchen da .... Wie ein Rasender
-sprang Petrusj mit dem Messer auf die Hexe los und erhob die Hand ....
-
-»Was versprachst du, für das Mädchen zu tun?« donnerte ihn Bassawrjuk
-an, und versetzte ihm einen Schlag in den Rücken, der ihn traf wie ein
-Schuß. Die Hexe stampfte mit dem Fuße, und eine blaue Flamme sprang aus
-dem Boden. Das Innere der Erde strahlte auf und war wie aus Glas, und
-alles in der Erde wurde so deutlich sichtbar, gleich als läge es auf der
-flachen Hand! In Kisten und Kesseln waren Dukaten und Edelsteine
-haufenweise aufgestapelt, genau unter der Stelle, auf der sie standen.
-Des Petrusj Augen brannten, .... sein Verstand verfinsterte sich ....
-wie ein Toller packte er das Messer, und das unschuldige Blut spritzte
-ihm in die Augen. Ein teuflisches Gelächter toste auf allen Seiten. --
-Widerwärtige Ungeheuer sprangen scharenweise vor ihm auf und ab. Wie ein
-Wolf, die Hände in den enthaupteten Leichnam gekrallt, sog die Hexe das
-Blut. In Petrusj Kopf kreiste alles, und mit dem Aufwand seiner letzten
-Kräfte begann er zu laufen. Alles vor ihm versank in rotes Licht. Alle
-Bäume brannten in rotem Blut und stöhnten. In Rotglut getaucht wankte
-der Himmel hin und her. Feuerflecke zuckten glimmend vor seinen Augen
-auf. Entkräftet lief er bis in seine Hütte, sank dort zu Boden wie eine
-Ähre und ein totenähnlicher Schlaf umfing ihn.
-
-Zwei Tage und zwei Nächte schlief Petrusj, ohne zu erwachen. Als er am
-dritten Tage wieder zu sich kam, betrachtete er lange alle Ecken und
-Winkel seiner Stube, doch vergeblich suchte er sich an die Begebenheiten
-der letzten Zeit zu erinnern: sein Gedächtnis glich der Tasche eines
-alten Geizhalses, aus der man keinen Heller herauslocken kann. Nachdem
-er sich ein wenig gereckt hatte, vernahm er plötzlich zu seinen Füßen
-ein Klirren. Sieh da: vor ihm lagen zwei Säcke voll Gold. Erst jetzt
-erinnerte er sich wie in einem Träume, daß er einen Schatz gesucht
-hatte, und wie es grausig im Walde gewesen war .... Aber um welchen
-Preis er ihn erhalten hatte, darauf konnte er sich durchaus nicht mehr
-besinnen.
-
-Sowie Korsch die Säcke erblickte, da wurde er seidenweich. »Petrusj, so
-ein Herzensjung', den sollt' ich nicht lieben? Der war mir doch stets
-wie mein eigner Sohn!« Und der alte Knurrhahn begann so zu schwefeln,
-daß dem Petrusj die Tränen in die Augen kamen. Da lief Pidorka bestürzt
-herbei und begann zu erzählen, Iwasj sei von vorbeiziehenden Zigeunern
-gestohlen worden. Aber Petrusj konnte sich nicht einmal mehr auf ihn
-besinnen, so sehr stand er im Banne des verdammten Teufelsspukes! Nun
-war keine Zeit mehr zu verlieren. Der Pole wurde vor die Tür gesetzt,
-und man feierte Hochzeit: da wurden Kuchen gebacken, Wäsche genäht, man
-rollte ein Fäßchen Schnaps herbei, das junge Paar ward an den Tisch
-gesetzt, das Hochzeitsgebäck aufgeschnitten, da klimperten Harfen und
-die Saiten des Zymbals, es kreischten die Schalmeien und die Zithern
-summten -- und die Lustbarkeit begann ....
-
-Ein Hochzeitsfest aus alten Tagen ist nicht mit einem in unserer Zeit zu
-vergleichen. Die Tante meines Großvaters erzählte -- hei juchhei! Ei wie
-da die Mädels im prächtigen Kopftuch mit den gelben, blauen und rosa
-Bändern und der Goldtresse daran darauf lossprangen. Sie hatten feine
-Hemden an, deren Nähte mit roter Seide bestickt waren und die kleine
-silberne Blümchen zierten, und hohe Saffianstiefelchen, die mit Hufeisen
-beschlagen waren; stolz wie Pfauen flogen sie gleich einem Wirbelwind
-rauschend durchs Zimmer. Wie da die jungen Frauen eine nach der anderen
-hervortraten mit ihrem bootsartigen Kopfputz, dessen Kappe aus Brokat
-gewirkt war, mit einem Nackenausschnitt, durch den das goldene Häubchen
-mit den zwei herabbaumelnden Zipfelchen aus feinstem schwarzen Lammfell
-hervorguckte, in ihren blauen Ueberwürfen aus herrlichstem Seidenstoff
-mit roten Aufschlägen -- ei wie sie da gar würdig, die Hände auf die
-Hüften gestützt, eine nach der anderen hervortraten, und im Takt ihren
-Hopak tanzten. Wie da die Burschen in ihren hohen Kosakenmützen, in
-feinen Tuchkitteln mit silbergesticktem Gürtel, und die Pfeife zwischen
-den Zähnen um sie herum scharwenzelten und ihr Licht durchaus nicht
-unter den Scheffel stellten! Korsch selbst konnte beim Anblick des
-jungen Volkes nicht mehr an sich halten und legte los wie in alten
-Tagen. Mit der Harfe in der Hand, aus der Pfeife paffend und ein Lied
-vor sich hin singend, so begann der Alte, mit dem Schnapsglas auf dem
-Kopf, beim lauten Geschrei der lustigen Kumpanei seinen Hopser herunter
-zu stampfen. Was die nicht alles in ihrer Lustigkeit anstifteten! Schon
-wenn man anfing, Mummenschanz zu treiben, Gott, was gab's da nicht
-alles. Das war eine ganz andere Mummerei als auf unseren heutigen
-Hochzeiten. Was macht man denn heute? Man verkleidet sich als
-Zigeunerinnen und Moskowiter, das ist alles! Nein, damals verkleidete
-sich einer als Jude und der andere als Teufel; erst küßte man sich, und
-dann packte man einander beim Schopf .... Ich bitt' euch, das gab ein
-Lachen, daß man sich den Bauch halten mußte. Oder man legte türkische
-und tatarische Gewänder an, die da glühten wie das reine Feuer .... Und
-wenn man erst wirklich anfing, Unsinn und Schabernack zu treiben ....
-das war geradezu zum Platzen! Mit der Tante meines verstorbenen
-Großvaters, die mit auf dieser Hochzeit war, begab sich eine drollige
-Geschichte. Sie trug damals ein weites tatarisches Kleid und ging mit
-dem Schnapsglas in der Hand umher, um alle wohl zu versorgen. Da mußte
-einen der Teufel reiten, daß er sie von hinten mit Branntwein begoß, ein
-anderer mußte gerade in diesem Augenblick Feuer schlagen, und so setzten
-sie sie denn lichterloh in Brand. Die Flammen flackerten im Nu hoch auf:
-die arme Tante begann sich voller Schrecken in aller Gegenwart die
-Kleider vom Leibe zu reißen .... Was sich da für ein Lärm, Gelächter und
-ein wildes Durcheinander erhob, rein wie auf einem Jahrmarkt! Kurz, die
-ältesten Leute konnten sich nicht auf eine so lustige Hochzeit besinnen.
-
-Pidorka und Petrusj begannen ein Leben miteinander wie die feinsten
-Herrschaften. Alles war in Hülle und Fülle vorhanden, alles blinkte und
-funkelte nur so .... Doch die lieben Nachbarn, die ihren Wohlstand
-mitansahen, schüttelten nur den Kopf. »Vom Teufel kommt nichts Gutes!«
-sagten sie alle einstimmig. »Woher hat er denn den Reichtum, wenn nicht
-vom Versucher aller rechtgläubigen Christen? Wo hätte er einen solchen
-Haufen Goldes wohl hergenommen? Warum ist Bassawrjuk gerade an demselben
-Tage verschwunden, als Petrusj zu seinem Reichtum kam?« -- Und was die
-Leute noch alles redeten. Und in der Tat; es war noch kein Monat
-vergangen, da war Petrusj nicht mehr wiederzuerkennen. Was mit ihm
-geschehen war, das weiß Gott allein. Sitzt immer auf ein und derselben
-Stelle fest und redet kein Wort; er grübelt nur immer, als wollte er
-sich auf etwas besinnen. Wenn es Pidorka gelang, ein Wort aus ihm
-herauszupressen, sodaß er sich vergaß, ins Gespräch kam und sogar ganz
-heiter wurde, dann brauchte er nur wie zufällig auf die Geldsäcke zu
-blicken, und sofort schrie er los: »Halt, halt, ich hab's vergessen!«
-Und wieder verfiel er in Sinnen und quälte sich ab, eine Erinnerung
-heraufzurufen. Manchmal, wenn er lange Zeit still auf einem Flecke saß,
-kam es ihm so vor, als ob etwas Längstvergangenes wieder in sein
-Gedächtnis zurückkehrte .... aber gleich darauf verschwand alles wieder.
-Es dünkt ihn, er sitzt in der Schenke, man bringt ihm Schnaps, der
-Schnaps brennt ihm auf der Zunge und widert ihn an; jemand tritt zu ihm
--- schlägt ihm auf die Schulter, und er .... Aber dann schien alles vor
-ihm in einen Nebel zu sinken, der Schweiß rann ihm vom Gesicht, und er
-sank erschöpft wieder auf seinen Platz zurück.
-
-Was auch Pidorka tun mochte: Kluge Frauen befragen, Zinndeuten, Wasser
-besprechen -- nichts wollte helfen. So verging der Sommer. Manch ein
-Kosak hatte schon sein Korn abgemäht und sein Heu geschnitten; manch
-kühnerer Kosak war ins Feld gezogen. Schwärme von Enten drängten sich
-auf unseren Weihern, und der Zaunkönig war schon längst verschwunden.
-Die Steppen färbten sich rot, Getreidehaufen lagen hie und da verstreut
-wie Kosakenmützen auf dem Felde. Auf den Wegen konnte man schon Wagen
-begegnen, die mit Reisig und Holz beladen waren. Die Erde wurde hart,
-und zeitweise gab es schon Frost. Schon rieselte der Schnee vom Himmel
-herab, und die Zweige der Bäume waren mit Rauhreif verziert wie mit
-Hasenpelzchen. Schon stolzierte in klaren Wintertagen der rotbrüstige
-Gimpel wie ein eitler, polnischer Schlachziz auf den Schneehaufen umher
-und suchte sich Körner, und die Kinder trieben mit Riesenstäben hölzerne
-Bälle übers Eis, während ihre Väter ruhig hinter den Öfen lagen und nur
-ab und zu mit der brennden Pfeife im Munde vors Haus gingen, um tüchtig
-auf den russischen Frost zu schimpfen, um sich mal auszulüften, oder
-weil sie das Korn in den Schobern noch einmal durchdreschen wollten.
-Endlich begann der Schnee zu schmelzen, und der Hecht schlug mit dem
-Schwanze das Eis auf; Petrusj aber war derselbe geblieben, und nur um so
-düsterer geworden, je weiter die Zeit vorrückte. Wie angeschmiedet saß
-er mitten im Zimmer, die Säcke mit dem Golde zwischen den Beinen. Er
-verwilderte, war ganz und gar mit Haaren bewachsen, und wurde ein wahres
-Schreckbild; immer denkt er an ein und dasselbe, will sich etwas ins
-Gedächtnis zurückrufen, grollt mit sich und wütet, daß es ihm nicht
-gelingt. Oft springt er wild von seinem Sitze auf, fährt mit den Händen
-umher und heftet seine Augen auf etwas, als ob er es festhalten wollte;
-seine Lippen bewegen sich, als wollten sie ein längst vergessenes Wort
-aussprechen und -- erstarren ...... Tobsucht packt ihn; wie toll nagt
-und beißt er an seinen Händen, und voll Grimm reißt er sich ganze
-Büschel von Haaren aus, bis er wieder still wird, bewußtlos hinsinkt,
-wieder zu sinnen anfängt; und dann wieder dieselbe Wut, und dieselbe
-Qual ..... Was für eine Strafe Gottes war das! Was Pidorka durchmachen
-mußte, das war kein Leben mehr! Zuerst graute sie's, allein im Hause zu
-bleiben, aber dann gewöhnte sich die Ärmste an ihr Unglück. Die Pidorka
-von einst war nicht mehr wiederzuerkennen. Ihr Gesicht hatte weder Farbe
-noch ein Lächeln mehr; abgehärmt und abgezehrt war's, ausgeweint waren
-die klaren Augen. Einst gab ihr jemand aus Erbarmen den Rat, sie solle
-zu der Zauberin gehen, die in der Bärenschlucht hauste, und von der der
-Ruf ausging, sie könne alle Gebreste der Welt heilen. Sie beschloß, dies
-letzte Mittel zu versuchen. Nach vielem Hin und Her überredete sie
-endlich die Alte, mit ihr mitzugehen. Es war gegen Abend und gerade vor
-Johannisnacht. Petrusj lag besinnungslos auf der Bank und nahm den neuen
-Gast gar nicht wahr. Doch bald begann er sich nach und nach aufzurichten
-und um sich zu blicken. Plötzlich erbebte er wie auf dem Schafott; sein
-Haar sträubte sich .... und er brach in ein solches Lachen aus, daß die
-Angst Pidorka ins Herz schnitt. »Ich hab's, ich hab's!« schrie er in
-fürchterlicher Lustigkeit, schwang das Beil hoch empor und ließ es aus
-aller Leibeskraft auf die Alte fallen. Das Beil sauste zwei Zoll tief in
-die Eichentür hinein. Die Alte war verschwunden, und mitten in der Stube
-stand ein Kind von sieben Jahren in weißem Hemdchen mit verhülltem
-Haupte .... Das Tuch flog herunter. »Iwasj!« schrie Pidorka und stürzte
-auf ihn zu; doch das Gespenst war vom Kopf bis zu Füßen mit Blut bedeckt
-und erglühte in rotem Lichte, das die ganze Stube in brennendes Rot
-tauchte. Voller Angst lief sie auf den Flur; als sie wieder ein wenig zu
-sich gekommen war, wollte sie ihm helfen; aber vergebens! Die Tür war so
-fest hinter ihr zugeschlagen, daß man nicht imstande war, sie wieder zu
-öffnen. Die Leute liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die Tür
-ein: Keine Seele war da! Die ganze Stube war voll Rauch, nur in der
-Mitte, wo Petrusj gestanden hatte, lag ein Haufen Asche, von dem hie und
-da ein Qualm aufstieg. Man eilte zu den Säcken, darin lagen statt der
-Dukaten nur zerbrochene Scherben. Mit glotzenden Augen, aufgesperrten
-Mäulern, und ohne den Mut, sich zu regen, standen die Kosaken wie
-angewurzelt da. In solche Angst hatte sie dies Wunder versetzt.
-
-Was weiter geschah, das weiß ich nicht. Pidorka legte das Gelübde ab,
-eine Pilgerfahrt zu machen; sie suchte ihr Hab und Gut zusammen, das ihr
-vom Vater übrig geblieben war, und war in der Tat einige Tage später aus
-dem Dorfe verschwunden. Wohin sie sich begeben hatte, das wußte niemand
-zu sagen. Geschwätzige alte Weiber wollten wissen, sie sei dort, wo auch
-Petrusj sei; aber ein Kosak, der aus Kiew kam, erzählte, er habe im
-Kloster eine zum Skelett abgemagerte Nonne gesehen, die immerwährend
-betete und in der ihre Landsleute allen Anzeichen nach Pidorka
-wiedererkannt hätten. Bis jetzt, hieß es, habe noch niemand von ihr ein
-einzig Wörtlein gehört, sie solle allein zu Fuß gekommen sein und habe
-eine Fassung für das Heiligenbild der Mutter Gottes mitgebracht, eine
-Fassung, die mit solchen bunten Steinen besetzt gewesen sei, daß allen
-die Augen flimmerten, wenn sie sie ansähen.
-
-Mit Verlaub, aber damit war noch nicht alles zu Ende. An demselben Tage,
-als der Böse Petrusj zu sich genommen hatte, tauchte auch Bassawrjuk
-wieder auf; aber alle mieden ihn von nun ab. Man wußte jetzt, was das
-für ein Vogel war: niemand anders als der Satan war's, der
-Menschengestalt angenommen hatte, um Schätze zu heben; und da unreine
-Hände nicht Schätze heben können, so lockte er brave Burschen an sich.
-Noch in demselben Jahre ließen alle ihre Lehmhütten stehen und liegen
-und zogen ins Kirchdorf; aber auch dort hatte man keine Ruhe vor dem
-verfluchten Bassawrjuk. Die Tante meines verstorbenen Großvaters
-erzählte, er habe eine besondere Wut auf sie gehabt, weil sie ihre alte
-Schenke auf der Landstraße nach Oposchnjany aufgegeben hatte, und er
-habe mit allen Mitteln versucht, seinen Zorn an ihr auszulassen. Einst
-waren die Dorfältesten in der Schenke beieinander; sie saßen und
-unterhielten sich, wie man so sagt, nach Amt und Würden am Tisch, auf
-dessen Mitte ein gewiß nicht allzu kleiner gebratener Hammel stand. Man
-schwatzte über dies und jenes, auch über mannigfache Wunder und
-Ungeheuerlichkeiten. Auf einmal schien's, und nicht nur einem, -- was ja
-nichts bedeuten würde, -- sondern allen, als ob der Hammel den Kopf
-erhob, die gebrochenen Augen wie lebendig leuchteten, und als ob
-plötzlich ein borstiger schwarzer Schnurrbart sich auf die Anwesenden
-zubewegte. Alle erkannten in dem Hammelkopf sofort die Fratze
-Bassawrjuks, und die Tante meines Großvaters dachte schon, er würde
-gleich Schnaps bestellen! .... Die guten Leutchen griffen nach ihren
-Mützen und zogen ihres Weges. Ein anderes Mal sah der Kirchenvorstand in
-eigener Person, der es liebte, ab und zu ein Stündchen bei Großvaters
-Schnapsglas zu verbringen, noch ehe er zum zweiten Male das Glas geleert
-hatte, auf einmal, wie das Glas anfing, sich ehrerbietigst vor ihm bis
-zur Erde zu verneigen. »Hol' dich der Teufel!« rief er und begann sich
-zu bekreuzigen ..... Aber da widerfuhr seiner Ehehälfte gleichfalls ein
-Wunder: sie hatte gerade begonnen, Teig in einem mächtigen Trog zu
-kneten, da sprang der Trog auf einmal in die Höhe. »Halt! Halt! Wohin
-willst du?« rief sie. Aber da begann er, die Henkel in die Hüften
-gestemmt, ehrwürdig in der Stube umherzutänzeln ..... Ja lacht nur! Aber
-unserem Großvater war's nicht zum Lachen zumute. Vergeblich ging Vater
-Afanassi im ganzen Dorfe mit Weihwasser umher und suchte den Teufel
-durch Besprengen aller Straßen zu vertreiben. Es half nichts. Noch lange
-klagte die Tante meines verstorbenen Großvaters darüber, daß, sobald es
-Abend wurde, jemand aufs Dach klopfte und an den Wänden kratzte.
-
-Aber das ist noch nicht alles! Jetzt scheint ja auf der Stelle, wo unser
-Dorf steht, alles ruhig zu sein; aber es ist noch garnicht so lange her,
--- mein verstorbener Vater und ich haben es noch erlebt -- daß kein
-ehrenwerter Mensch an der verfallenen Schenke, die noch lange Zeit
-danach immer wieder von den unreinen Geistern ausgebessert wurde, ohne
-Furcht vorbeigehen konnte. Aus dem rußigen Schlot schlugen Säulen Qualms
-empor, die so hoch in die Luft stiegen, daß einem beim Hinaufsehen die
-Mütze herunterfiel, und aus dem Qualm fielen glühende Kohlen über die
-ganze Steppe. Und der Teufel -- gar nicht nennen dürft' man den
-Hundesohn -- schluchzte so jämmerlich in seiner Kammer, daß die Aasgeier
-erschreckt in ganzen Scharen aus dem nahen Eichenwäldchen emporstießen
-und mit wildem Geschrei am Himmel umherschossen.
-
-
-
-
- Mainacht
- oder
- Die Ertrunkene
-
-
- Der Teufel mag wissen wie's kommt! Machen sich
- ehrliche getaufte Leute an irgend etwas, so müssen
- sie sich abrackern, wie der Windhund hinterm Hasen,
- und kriegen's doch nie zu fassen. Kommt aber der
- Böse und wackelt bloß mit dem Schwänzchen -- da
- geht's auf einmal wie vom Himmel gefallen.
-
-
- I.
- Hanna
-
-Hell wie ein leuchtender Strom ergoß sich ein Lied durch die Straßen des
-Dorfes ***. Es war die Stunde, da Burschen und Mädchen, matt von des
-Tages Müh und Sorge, sich lärmend im Kreise versammeln, um im Glanz des
-reinen Abends ihre Lust in Klängen hinauszujubeln, in denen stets etwas
-wie eine geheime Trauer mitschwingt. Ganz in Sinnen versunken umschlang
-der Abend träumerisch den blauen Himmel und wandelte alles in
-Ungewißheit und Ferne. Schon begann es zu dämmern, aber die Lieder
-verstummten dennoch nicht. Mit der Harfe in der Hand zieht Lewko einher.
-Er hat sich von den Sängern weggeschlichen, der junge Kosak, des
-Dorfamtmanns Sohn. Mit seiner hohen Kosakenmütz' auf dem Kopfe zieht der
-Kosak durch die Gasse, zupft mit der Hand die Saiten und tänzelt dazu.
-Doch nun blieb er vor der Tür eines Häuschens stehen, das niedrige
-Kirschbäume umstanden. Wes Haus ist dieses? Und wes die Tür? Nach kurzem
-Verweilen spielte er und sang:
-
- Sonne sinkt, Abend winkt,
- Komm zu mir, mein Herzenskind!
-
-»Nein, mein helläugiges Liebchen schläft wohl schon fest,« sprach der
-Kosak, indem er sein Lied beendete und ans Fenster trat. »Halja, Halja!
-Schläfst du, oder willst du nicht zu mir kommen? Du fürchtest gewiß, es
-könnt' uns jemand erblicken, oder will sich am Ende gar dein weißes
-Gesichtchen nicht in die Kälte hinauswagen? Fürcht' dich nicht, niemand
-ist in der Nähe; der Abend ist warm. Ja, käm' auch jemand, ich deck'
-dich mit meinem Kittel zu, ich will dich mit meinem Gürtel umwinden, mit
-meinen Händen bedecken, -- und niemand wird uns sehen. Und wehte es
-selbst eisig kalt, ich drück' dich noch näher an mein Herz, ich wärm'
-dich mit Küssen und zieh meine Mütze über deine weißen Füßchen. Mein
-Herz, mein Fischchen, mein Kleinod! Schau nur einen Augenblick heraus.
-Steck nur dein weißes Händchen durchs Fensterchen ... Nein, du schläfst
-nicht, stolzes Mädchen!« rief er lauter und in einem Ton, wie ihn wohl
-jemand findet, der sich über einen Augenblick der Erniedrigung schämt.
-»Dir gefällt's, mich zu verhöhnen. Leb' wohl!«
-
-Er wandte sich ab, schob die Mütze schief aufs Ohr und zog stolz davon,
-leis die Saiten der Harfe zupfend. Da drehte sich der Holzgriff der Tür,
-knarrend öffnete sich die Pforte, und ein Mädchen, das etwa siebzehn
-Lenze zählte, trat, von Dämmerung umwoben, über die Schwelle; scheu sah
-sie sich um, ohne den hölzernen Griff aus der Hand zu lassen. Ihre
-hellen Augen leuchteten im ungewissen Dunkel freundlich wie Sternlein;
-die rote Korallenkette blinkte, und vor den Adleraugen des Burschen
-blieb nicht einmal die Röte verborgen, die ihr schamhaft über die Wangen
-flammte.
-
-»Wie ungeduldig du bist!« sprach sie halblaut zu ihm. »Gleich bist du
-böse! Warum hast du denn gerade diese Zeit gewählt? Eine Unmenge von
-Leuten lungert auf den Straßen umher .... ich zittere am ganzen Leibe.«
-
-»O zittere nicht, mein Knöspchen! Drück dich recht fest an mich!« sprach
-der Bursch, umarmte sie, streifte die Harfe ab, die ihm an einem langen
-Riemen um den Hals hing, und ließ sich neben ihr vor der Türe nieder.
-»Du weißt: dich auch nur eine Stunde nicht zu sehen, ist so bitter für
-mich!«
-
-»Weißt du, was ich glaube?« unterbrach ihn das Mädchen und richtete
-sinnend die Augen auf ihn. »Mir ist's, als raunte mir jemand ins Ohr,
-daß wir uns in Zukunft nimmer so oft mehr sehen werden. Die Menschen
-sind bei euch so schlimm, die Mädchen sehen mich so neidvoll an, und die
-Burschen .... Fühl' ich's doch gar, daß mich die Mutter seit einiger
-Zeit noch strenger bewacht. Ich will dir's gestehen, fröhlicher war's in
-der Fremde!«
-
-Bei den letzten Worten huschte ein schmerzlicher Zug über ihr Gesicht.
-
-»Du bist kaum zwei Monate in der Heimat, und schon wird dir's zu lang;
-bin ich dir vielleicht auch schon zuwider?«
-
-»O nein, du bist mit nicht zuwider!« sagte sie lächelnd, »ich liebe dich
-doch, du schöner Kosak! Ich liebe dich um deiner klaren Augen willen,
-und wenn du mit ihnen auf mich blickst, so lächelt alles in meiner
-Seele, und ihr wird so wohl und so heiter; ich liebe dich, weil du so
-freundlich mit dem schwarzen Schnurrbart zuckst, weil du auf der Straße
-singst und spielst, und lieblich ist's, dir zuzuhören.«
-
-»O meine Halja!« rief der Bursch, und drückte sie unter Küssen noch
-fester an seine Brust.
-
-»Halt ein, Lewko! Sag mir zuerst, hast du mit deinem Vater gesprochen?«
-
-»Was?« rief er, wie aus dem Schlafe auffahrend, »daß wir uns heiraten
-wollen? Ich habe mit ihm gesprochen.« Doch das Wort »gesprochen« klang
-voller Bitterkeit in seinem Munde.
-
-»Und nun?«
-
-»Was soll man mit ihm machen? Der alte Tropf stellt sich nach seiner
-Gewohnheit taub, will nichts hören, und schilt noch, daß ich mich, weiß
-Gott wo, umhertreibe und mich mit den Burschen in den Straßen vergnüge.
-Doch verzage nicht, meine Halja! Da hast du mein Kosakenwort drauf, daß
-ich ihn doch beuge!«
-
-»Ja, Lewko, du brauchst nur ein Wörtlein zu sagen, und alles geschieht
-nach deinem Willen. Weiß ich es doch von mir: Ich möchte mich dir so
-manches Mal widersetzen, doch du sagst nur ein Wort, und wider die
-eigene Absicht tu ich, was du willst. Sieh nur, sieh --« fuhr sie fort,
-indem sie den Kopf an seine Schultern lehnte und ihre Augen zur Höhe
-erhob. Dort blaute der warme unermeßliche Himmel der Ukraine, der unten
-von den krausen Zweigen der Kirschbäume verhängt war. »Sieh dort, --
-weit, weit, da blinken Sternchen: eins, zwei, drei, vier, fünf ....
-Nicht wahr, das sind doch Gottes Engel, die die Fensterchen ihrer hellen
-Himmelsstübchen aufmachen und uns ansehen? Sie blicken doch auf unsere
-Erde herab? O, wenn die Menschen doch Flügel hätten wie die Vögel, --
-und so hinauffliegen könnten, hoch, hoch in die Höhe .... O, wie
-schrecklich! Keine Eiche ragt bei uns in den Himmel. Aber es soll
-irgendwo in einem fernen Lande solch einen Baum geben, dessen Wipfel in
-den Himmel hineinrauscht, und Gott soll auf ihm in der Osternacht zur
-Erde herabsteigen.«
-
-»Nein, Halja, Gott hat eine lange Leiter, die vom Himmel bis zur Erde
-reicht. Am Ostersonntag wird sie von den heiligen Erzengeln
-aufgerichtet, und sowie Gott auf die erste Stufe tritt, da schwirren
-alle unreinen Geister empor und stürzen zu Haufen herab in die Hölle.
-Und darum ist zum Fest Christi kein böser Geist auf der Erde.«
-
-»Wie sanft wiegt sich das Wasser hin und her, wie ein Kind in der
-Wiege,« fuhr Hanna, auf den Teich weisend, fort, der mürrisch von
-dunklem Ahorngehölz umstanden war und von den Weiden beweint wurde, die
-ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hatten. Wie ein kraftloser Greis
-hielt er den ferndunklen Himmel in seinen kalten Armen, überschüttete
-mit frostigen Küssen die brennenden Sterne, die trübe mitten im warmen
-Meer der nächtlichen Luft glimmten, in ängstlicher Vorahnung, daß bald
-der König der Nacht in blendendem Glanz aufleuchten würde. Auf dem Berge
-schlummerte neben dem Walde ein altes hölzernes Haus mit geschlossenen
-Läden; Moos und Unkraut bedeckten sein Dach; krausgelockte Apfelbäume
-wucherten vor den Fenstern, der Wald umarmte es mit seinen Schatten und
-warf eine wilde Düsternis darauf, und vor ihm breitete sich ein
-Nußbaumhain aus und glitt zum Teiche herab.
-
-»Ich erinnere mich wie im Traume,« sagte Hanna, ohne die Augen von ihm
-abzuwenden. »Vor langer, langer Zeit, als ich noch klein war und bei
-meiner Mutter lebte, da wurde gar Schreckliches von diesem Hause
-gesprochen. Lewko, du weißt es sicher, erzähle!«
-
-»Da sei Gott vor! Liebste! Was doch die Weiber und Dummköpfe nicht alles
-erzählen. Du bringst dich nur um deine Ruhe, du könntest dich ängstigen
-und nachher nicht gut schlafen!«
-
-»Erzähl, erzähl, liebster, schönster Junge!« rief sie, preßte ihr
-Gesicht an seine Wange und umschlang ihn fest. »Nein, du liebst mich
-nicht! Sicher liebst du noch ein anderes Mädchen! Ich ängstige mich doch
-nicht -- ich schlafe die Nacht über ganz ruhig. Aber wenn du mir's nicht
-erzählst, werde ich nicht einschlafen können. Ich werde mich quälen und
-werde grübeln .... erzähle, Lewko!«
-
-»Die Leute sprechen wohl die Wahrheit, die da sagen, daß ein Teufel in
-den Mädchen sitzt und beständig ihre Neugier reizt. So höre denn. Vor
-langer Zeit, mein Herz, da lebte ein Hauptmann in diesem Hause. Dieser
-Hauptmann hatte ein Töchterlein, ein hübsches Fräulein, so weiß wie
-Schnee, ganz so wie dein Gesichtchen. Des Hauptmanns Weib war schon
-lange tot, und der Hauptmann gedachte nun, sich eine andere Frau zu
-nehmen. >Wirst du mich auch liebkosen wie früher, Väterchen, wenn du dir
-eine andere Frau nimmst?< -- Freilich, mein liebes Töchterchen, noch
-fester als früher werd' ich dich an mein Herze drücken! Glänzendere
-Ohrringe noch und Perlen werd' ich dir schenken!«
-
-»Der Hauptmann brachte das junge Weib in sein Haus. Schön war das junge
-Weib, rosig und weiß war das junge Weib, und doch blickte sie so
-furchtbar auf ihre Stieftochter, daß die aufschrie bei ihrem Anblick,
-die strenge Stiefmutter aber sprach den ganzen Tag über kein Wort. So
-kam die Nacht heran. Der Hauptmann begab sich mit seinem jungen Weibe
-ins Schlafgemach; und auch das schneeweiße Fräulein schloß sich in ihre
-Kammer ein. Bitter ward ihr zumute und sie begann zu weinen. Plötzlich
-sieht sie, wie eine schreckliche Katze auf sie zuschleicht; ihr Fell
-glüht, und ihre eisernen Krallen schlagen laut auf die Diele. Voll Angst
-springt sie auf die Bank, -- die Katze ihr nach; sie springt auf die
-Ofenbank, die Katze folgt ihr dort hinauf, und mit einem Male springt
-sie dem Mädchen an den Hals und beginnt sie zu würgen. Mit einem Schrei
-riß das Mädchen sie von sich los und schleuderte sie zu Boden. Und
-wieder schleicht die schreckliche Katze heran. Ein Grausen erfaßt das
-Mädchen. An der Wand hing ihres Vaters Säbel. Sie packte ihn, und
-sausend fiel der Hieb, -- die Tatze mit den Eisenkrallen flog ab, und
-die Katze verschwand winselnd in der dunklen Ecke. Den ganzen Tag über
-verließ die junge Frau ihr Gemach nicht, erst am dritten Tage erschien
-sie wieder mit einer verbundenen Hand. Da ging dem armen Fräulein eine
-Ahnung auf, daß ihre Stiefmutter eine Hexe war, und daß sie ihr die Hand
-abgehauen hatte. Am vierten Tage befahl der Hauptmann seiner Tochter,
-Wasser herbei zu tragen und das Haus zu fegen wie eine gemeine Magd, und
-verbot ihr, sich in den herrschaftlichen Gemächern zu zeigen. Der
-Ärmsten ward so schwer ums Herz, doch was konnte sie tun, sie mußte ja
-den Willen des Vaters erfüllen. Am fünften Tage jagte der Hauptmann
-seine Tochter barfuß aus dem Hause, und gab ihr nicht einmal ein
-Stückchen Brot mit auf den Weg. Da schlug das Fräulein die Hände vor das
-Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen. >O mein Vater, in Verderben
-gestürzt hast du deine eigne Tochter. Die Hexe hat deine sündige Seele
-ins Verderben gestürzt! Möge Gott dir verzeihen, mir hat Er wohl nicht
-länger zu leben beschieden ....< -- Siehst du da ....?« wandte sich
-Lewko an Hanna und wies mit dem Finger auf das Haus, »schau hin: dort
-hinter dem Hause ist das Ufer am steilsten. Von diesem Ufer stürzte sich
-das Fräulein ins Wasser, und ward seit dem Tage nicht mehr gesehen ....«
-
-»Und die Hexe?« unterbrach ihn Hanna ängstlich und richtete ihre
-tränenschweren Augen auf ihn.
-
-»Die Hexe? Alte Weiber haben das Märchen ersonnen, daß seit jener Zeit
-in mondhellen Nächten alle ertrunkenen Mädchen in den Garten des
-Hauptmanns kamen, um sich im Mondlicht zu wärmen, und des Hauptmanns
-Töchterlein war die erste unter ihnen. Eines Nachts erblickte sie ihre
-Stiefmutter neben dem Teich, fiel über sie her und schleppte sie mit
-Geschrei ins Wasser. Aber auch diesmal ließ sich die Hexe nicht aus der
-Fassung bringen, sie verwandelte sich unter dem Wasser in eine von den
-Ertrunkenen und entkam so der Peitsche aus grünem Schilf, mit der die
-Ertrunkenen sie schlagen wollten.
-
-Glaub' einer den Weibern! -- Man erzählt auch noch, daß das Fräulein
-seit jener Nacht die Ertrunkenen um sich sammelt, jeder einzelnen ins
-Gesicht blickt, und sich abmüht, zu erkennen, welche von ihnen die Hexe
-sei; aber bis jetzt hat sie es noch nicht erfahren. Und wenn sie einen
-_Menschen_ in die Hände bekommt, so zwingt sie ihn, die Hexe zu suchen,
-und droht ihm, ihn sonst zu ertränken. So erzählen die alten Leute,
-liebe Halja! .... Unser jetziger Pan aber will an dieser Stelle eine
-Schnapsbrennerei errichten und hat schon eigens dazu einen Brennmeister
-hergeschickt .... Doch ich höre reden. Die Unsrigen kommen vom Singen
-zurück. Leb' wohl, Halja! Schlafe ruhig und denk nicht an diese
-Weibermärchen.« --
-
-Mit diesen Worten umschlang er sie noch fester, küßte sie und ging.
-
-»Leb' wohl, Lewko!« sprach Hanna und richtete sinnend ihre Augen auf den
-dunklen Wald.
-
-In diesem Augenblicke begann ein riesenhafter Feuer-Mond majestätisch
-aus der Erde zu wachsen. Noch lag die eine Hälfte unter der Erde, aber
-schon erfüllte sich die ganze Welt mit einem feierlichen Lichte. Der
-Teich sprühte Funken. Der Schatten der Bäume löste sich scharf vom
-dunklen Grün.
-
-»Leb' wohl, Hanna!« tönt es hinter ihr, und ein Kuß begleitete diese
-Worte.
-
-»Du bist wieder zurückgekehrt?« sagte sie und schaute sich um. Aber als
-sie einen unbekannten Burschen sah, wandte sie sich zur Seite.
-
-»Leb' wohl, Hanna!« ertönte es da wieder, und wieder küßte sie jemand
-auf die Wange.
-
-»Hat der Teufel noch einen hierhergeführt!« rief sie voller Zorn.
-
-»Leb' wohl, liebe Hanna!«
-
-»Ein Dritter!«
-
-»Leb' wohl, leb' wohl, leb' wohl, Hanna!« Und von allen Seiten regneten
-Küsse auf sie herab.
-
-»Das ist ja eine ganze Horde!« schrie Hanna und mußte sich gewaltsam aus
-einem großen Haufen von Burschen losreißen, die sie um die Wette
-umarmten. »Wie ist ihnen nur das ewige Küssen nicht zuwider! Bei Gott,
-bald darf man sich nicht mehr auf der Straße zeigen!«
-
-Nach diesen Worten schlug die Türe zu, und man hörte nur noch, wie der
-eiserne Riegel sich klirrend vorschob.
-
-
- II.
- Der Dorfamtmann
-
-Kennt Ihr die Nächte der Ukraine? O Ihr kennt die Nächte der Ukraine
-nicht. Blickt nur recht tief in sie hinein, versenkt Euch tiefer in ihre
-Wunder. Mitten vom Himmel herab blickt der Mond; noch gewaltiger als
-sonst ist die unermeßliche Wölbung des Himmels, dehnt sich noch weiter
-in unermeßlichen Fernen und scheint brennend und lohend zu atmen. Die
-ganze Erde liegt in silbernem Lichte da, die wundersame Luft ist von
-einer schwülen Kühle und Wonne erfüllt, und strömt einen Ozean von
-Wohlgerüchen aus. Göttliche Nacht! Berückende Nacht! Regungslos und wie
-begeistert stehen die Wälder in tiefer Finsternis und werfen ungeheure
-Schatten. Still liegen die Teiche ruhend da; die Kälte und die
-Finsternis sind düster verkerkert in die dunkelgrünen Mauern der Gärten.
-Die jungfräulichen Hecken aus Faulbeer und Kirschbäumen strecken scheu
-ihre Wurzeln in die kühle Flut der Quellen, und ihre Blätter lispeln ab
-und zu, als ob sie zürnten oder sich empörten, wenn der schöne,
-flatterhafte Nachtwind schnell herangeschlichen kommt und sie küßt. Die
-ganze Natur schläft. Oben aber lebt und webt alles in herrlicher Feier.
-Und auch die Seele breitet sich herrlich aus ins Unermeßliche, und
-Reigen silberner Visionen steigen aus ihrer Tiefe auf. Göttliche Nacht!
-Berückende Nacht! Mit einemmal aber wird alles lebendig: Wälder, Teiche
-und Steppen. Majestätisch rollt das Schmettern der ukrainischen
-Nachtigall dahin, und man meint, selbst der Mond lausche ihr aus der
-Mitte des Himmels .... Wie verzaubert schlummert das Dorf auf der
-Anhöhe. Noch weißer und prächtiger strahlen die Haufen der Häuschen im
-Mondlichte, noch blendender heben sich ihre niederen Mauern von der
-Dunkelheit ab. Die Lieder sind verstummt. Alles ist still. Die frommen
-Leute schlafen schon. Nur hie und da leuchtet ein schmales Fensterchen
-auf. Auf den Schwellen einzelner Hütten sitzt noch eine Familie und
-verzehrt ihr spätes Nachtmahl.
-
-»I wo, ein Hopser wird ganz anders getanzt! Also darum ging's nicht vom
-Fleck! -- Was erzählt der Gevatter da? .... Nun also: Hop, trala! --
-hop, trala! -- hop, hop, hop!« So sprach ein angeheiterter Bauer
-mittleren Alters zu sich selbst und begann mitten auf der Straße zu
-tanzen. »Bei Gott, so wird kein Hopser getanzt! Was soll ich schwindeln?
-Bei Gott! So nicht! Nun also: Hop trala! -- Hop trala! -- hop, hop,
-hop!«
-
-»Der Mensch ist ja ganz närrisch. Wenn's noch ein junger Kerl wäre, aber
-so ein alter Bär .... der tanzt bloß den Kindern zum Spott hier nachts
-auf der Straße!« rief eine ältere Frau im Vorübergehen, die Stroh in der
-Hand trug. »Geh nach Haus! Es ist schon längst Schlafenszeit!«
-
-»Ich gehe ja schon,« sagte der Bauer und blieb stehen. »Ich geh' ja
-schon. Ich pfeife auf den Amtmann. Was denkt er sich denn. Der Teufel
-soll seinen Vater holen. Wenn er Amtmann ist und die Leute bei stärkstem
-Frostwetter noch mit kaltem Wasser begießt, hat er darum etwa das Recht,
-so hochnäsig und wichtig zu tun? Ei, ist das mir ein Amtmann! Ich bin
-mein eigner Amtmann! Gott soll mich schlagen -- ich bin mein eigner
-Amtmann! Jawohl,« fuhr er fort, »und nicht etwa ....« Er trat ans erste
-beste Häuschen heran, blieb vor dem Fenster stehen, und bemühte sich,
-mit den Fingern über die Scheibe gleitend, den hölzernen Griff zu
-finden. »Weib, mach auf! Schnell, Weib, ich sage dir, mach auf! Der
-Kosak will schlafen!«
-
-»Wo willst du hin, Kalenik? du bist an ein fremdes Haus geraten!«
-schrien lachend die Mädchen hinter ihm her, die vom fröhlichen Sang
-heimkehrten. »Sollen wir dir dein Haus zeigen?«
-
-»Zeigt mir's, meine lieben jungen Damen!«
-
-»Damen? Hört ihr's?« rief die eine, »wie artig Kalenik ist! Dafür müssen
-wir ihm sein Haus zeigen ....! Aber nein, erst tanz uns mal eins vor!«
-
-»Tanzen? .... Ah, ihr schlauen Mädel!« rief Kalenik gedehnt lachend, mit
-dem Finger drohend und stolpernd, denn er war etwas unsicher auf den
-Beinen. »Laßt Ihr euch auch küssen? Ich will euch alle küssen -- alle
-.... alle!« Und mit wankenden Schritten jagte er hinter ihnen her. Die
-Mädchen schrieen alle durcheinander; aber bald faßten sie Mut und liefen
-auf die andere Seite der Straße, als sie merkten, daß Kalenik nicht
-allzu flink auf den Beinen war.
-
-»Da ist dein Haus!« schrien sie ihm beim Fortgehen zu und zeigten auf
-ein Haus, das größer war als die übrigen und dem Dorfamtmann gehörte.
-Kalenik wankte gehorsam auf jene Seite hinüber und begann dann von neuem
-auf den Amtmann zu schimpfen.
-
-Wer aber ist denn eigentlich dieser Amtmann, der so böses Gerede über
-sich erregt? O, dieser Amtmann ist eine wichtige Person auf dem Lande.
-Bis Kalenik das Ende seines Weges erreicht hat, werden wir wohl Zeit
-finden, einiges über ihn zu sagen. Alle im Dorfe greifen bei seinem
-Anblick an die Mütze, und selbst die allerjüngsten Mädchen sagen ihm
-Guten Tag. Wer im Dorfe möchte nicht Amtmann sein? Dem Amtmann ist der
-Weg zu allen Tabaksdosen offen, und der kräftige Bauer steht die ganze
-Zeit über ehrfurchtsvoll mit der Mütze in der Hand da, solange jener
-seine dicken und groben Finger in seine Tabatiere von Bast steckt. Im
-Gemeinderat hat der Amtmann immer die Oberhand, obgleich seine Macht
-noch durch andere Stimmen beschränkt wird, und er heißt fast ganz nach
-seiner Willkür jeden, der ihm gerade paßt, den Weg ebnen oder einen
-Graben anlegen. Der Amtmann ist mürrisch, von plumpem Äußeren und redet
-nicht gern. Vor langer, langer Zeit, als noch die große Zarin Katharina
-seligen Angedenkens einmal in die Krim reiste, war er auserwählt worden,
-an ihrem Gefolge teilzunehmen; er bekleidete dieses Amt ganze zwei Tage
-und hatte sogar die Ehre, auf dem Bock neben dem Kutscher der Zarin
-sitzen zu dürfen. Seit dieser Zeit weiß der Amtmann würdevoll und
-sinnend den Kopf zu senken, seinen langen und an der Spitze etwas
-krausen Schnurrbart zu glätten und drohende Falkenblicke um sich zu
-werfen. Seit dieser Zeit weiß er auch, worüber man immer mit ihm
-sprechen mag, stets die Rede darauf zu bringen, daß er die Zarin
-begleitet und auf dem Kutschbock des kaiserlichen Wagens gesessen habe.
-Der Amtmann beliebt nur manchmal, sich taub zu stellen, besonders wenn
-er etwas hören muß, was er nicht gerne hört. Er liebt es nicht, Staat zu
-machen, trägt stets einen Kittel aus schwarzem Haustuch, umgürtet sich
-mit einem bunten Wollgürtel, und noch _nie_ hat ihn jemand in einem
-anderen Kostüm gesehen, ausgenommen vielleicht in der Zeit, wo die Zarin
-in die Krim reiste, und wo er einen blauen Kosakenrock, den Schupan,
-trug. Aber auf diese Zeit kann sich wohl kaum jemand aus dem ganzen
-Dorfe besinnen; den Schupan aber bewahrt er in einem Kasten unter Schloß
-und Riegel. Der Amtmann ist Witwer; aber in seinem hause lebt eine
-Schwägerin, die ihm Mittag- und Abendbrot kocht, die Bänke scheuert, die
-Stube weißt, ihm Hemdentuch webt und sein ganzes Hauswesen leitet. Im
-Dorfe heißt es, sie sei nicht richtig mit ihm verwandt; aber wir haben
-ja schon gesehen, daß der Amtmann viele Feinde hat, die ihn gern ein
-wenig verleumden. Übrigens hat vielleicht der Umstand Anlaß dazu
-gegeben, daß es der Schwägerin immer mißfiel, wenn der Amtmann aufs Feld
-ging, wo die Schnitterinnen an der Arbeit waren, oder zu einem Kosaken,
-der ein junges Töchterchen hatte. Der Amtmann ist einäugig, dafür aber
-ist sein einsames Auge ein Schelm und kann schon von fern ein hübsches
-Bauernmädchen erkennen. Doch bevor er sein Auge auf ein niedliches
-Gesichtchen richtet, sieht er sich erst sorgfältig um, ob ihm die
-Schwägerin auch nicht zuschaut.
-
-Nun haben wir schon fast alles Notwendige vom Amtmann erzählt, und der
-betrunkene Kalenik hat noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt.
-Noch lange traktierte er den Amtmann mit den ausgesuchtesten Worten, die
-ihm auf seine faule und zusammenhangloses Zeug lallende Zunge kamen.
-
-
- III.
- Ein unerwarteter Nebenbuhler
- Die Verschwörung
-
-»Nein, Burschen, nein! Ich will nicht! Was soll diese Ausgelassenheit?
-Wie, wird euch das Tollen nicht zuwider? Wir gelten ohnehin schon für
-Gott weiß was für Raufbolde. Geht lieber schlafen!« So sprach Lewko zu
-seinen fröhlichen Kumpanen, die ihn zu neuen Streichen überreden
-wollten. »Lebt wohl, Brüder! Gute Nacht!« Und schnellen Schrittes eilte
-er davon.
-
-»Schläft meine helläugige Hanna?« dachte er, als er an das uns schon
-bekannte, von Kirschbäumen umstandene Häuschen trat. Mitten in der
-Stille vernahm er ein leises Gespräch. Lewko blieb stehen. Durch die
-Bäume schimmerte ein weißes Frauengewand .... »Was soll das?« dachte er,
-schlich näher heran und versteckte sich hinter einem Baum. Der
-Mondschein erhellte das Gesicht des vor ihm stehenden Mädchens.
-
-»Hanna?« Aber wer war der hochgewachsene Mann, der mit dem Rücken zu ihm
-stand? Vergeblich blickte er nach ihm hin: Der war vom Kopfe bis zu den
-Füßen in Schatten gehüllt. Nur von vorn fiel etwas Licht auf ihn, aber
-schon der kleinste und leiseste Schritt setzte Lewko der
-Unannehmlichkeit aus, entdeckt zu werden. Still an einen Baum gelehnt,
-blieb er stehen. Das Mädchen hatte ganz deutlich seinen Namen
-ausgesprochen.
-
-»Lewko? Lewko ist noch ein Milchbart!« rief der große Mann. »Wenn ich
-ihn bei dir treffe, reiße ich ihm den Schopf aus ....«
-
-»Ich möchte wohl wissen, welcher Lump damit prahlt, er werde mir meinen
-Schopf ausreißen!« sagte sich Lewko still und reckte den Hals empor, um
-ja kein Wort zu verlieren. Aber der Unbekannte fuhr so leise fort, daß
-man nichts mehr hören konnte.
-
-»Schämst du dich denn gar nicht!« sprach Hanna, als er zu Ende geredet
-hatte. »Du lügst, du willst mich betrügen. Du liebst mich nicht, ich
-werde dir nie glauben, daß du mich liebst!«
-
-»Ich weiß,« erwiderte der große Mann, »Lewko hat dir viel unsinniges
-Zeug vorgeschwatzt und dir den Kopf verdreht!« (Hier kam es dem Burschen
-so vor, als sei die Stimme des Unbekannten ihm nicht ganz fremd, und als
-habe er sie schon einmal gehört.) »Aber ich werd' es dem Lewko schon
-zeigen!« fuhr der Unbekannte fort. »Er glaubt, ich sehe alle seine
-Streiche nicht, er soll meine Fäuste schon zu kosten bekommen, der
-Hundesohn!«
-
-Bei diesen Worten konnte Lewko seinen Zorn nicht länger unterdrücken. Er
-schlich bis auf drei Schritte an ihn heran und holte aus aller Kraft
-aus, um ihm einen Hieb zu versetzen, dem der Unbekannte trotz seiner
-offenbaren Stämmigkeit vielleicht nicht standgehalten hätte; aber in
-diesem Augenblicke fiel das Licht auf des Unbekannten Antlitz, und Lewko
-erstarrte -- er sah seinen eigenen Vater vor sich. Nur ein
-unwillkürliches Kopfschütteln und ein leises Pfeifen durch die Zähne
-verrieten seine Verblüffung. Dann vernahm man ein feines Rascheln, Hanna
-floh eiligst ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.
-
-»Leb wohl, Hanna!« rief in diesem Augenblick einer der Burschen, der
-leise herangeschlichen war, und umarmte den Amtmann, aber er prallte
-entsetzt zurück, als er den struppigen Schnurrbart berührte.
-
-»Leb wohl, mein schönes Kind!« rief ein anderer, aber dieser flog Hals
-über Kopf, von einem schweren Stoß des Amtmanns getroffen, zur Erde.
-
-»Leb wohl, leb wohl, Hanna!« riefen einige Burschen und hingen sich ihm
-an den Hals.
-
-»Fahrt doch zur Hölle, ihr verdammten Lümmel!« schrie der Amtmann, indem
-er sie von sich abwehrte, und stampfte voller Wut mit den Füßen. »Bin
-ich etwa Hanna? Schert euch hinter euren Vätern her; an den Galgen mit
-euch, ihr Teufelsbrut! Kleben die fest an einem, rein wie die Bienen am
-Honig! Ich will euch schon zeigen wer Hanna ist ....«
-
-»Der Amtmann, der Amtmann! 's ist der Amtmann!« schrien die Burschen und
-liefen nach allen Seiten auseinander.
-
-»Ei, ei, Väterchen!« sprach Lewko, als er sich wieder von seinem Staunen
-erholt hatte, und blickte dem schimpfend davonziehenden Amtmann nach.
-»Solche Streiche machst du also? Großartig! Und ich habe mich noch
-gewundert und immer gedacht, was mag das nur bedeuten, daß er sich immer
-taub stellt, sobald ich mit ihm von dieser Sache zu sprechen anfange.
-Halt, alter Graubart, ich will dir schon beibringen, was das heißt, sich
-vor den Fenstern junger Mädchen herumzudrücken; fremde Bräute abspenstig
-machen? -- na, ich will dir's schon zeigen! Hollah, Jungens, hierher!«
-schrie er, mit der Hand die Burschen zu sich heranwinkend, die sich
-wieder versammelt hatten und in einem Haufen zusammenstanden. »Kommt
-doch her! Ich hab' euch zwar ermahnt, schlafen zu gehen, aber ich hab's
-mir wieder überlegt und will gern die ganze Nacht mit euch verbummeln.«
-
-»Das laß ich mir gefallen!« rief ein breitschultriger und stattlicher
-Bursche, der als der erste Herumstreicher und Wildfang im Dorf galt.
-»Mir ist nicht wohl zumute, wenn ich keine Gelegenheit habe, ein paar
-Streiche zu machen und mich ordentlich auszutoben. Mir ist, als fehlte
-mir etwas, es kommt mir dann so vor, als hätte ich die Mütze oder die
-Pfeife verloren, kurz, ich fühle mich nicht mehr als rechter Kosak!«
-
-»Wollt ihr heute den Amtmann mal tüchtig ärgern?«
-
-»Den Amtmann?«
-
-»Ja, den Amtmann. Wahrhaftig! Was denkt sich denn der? Der kommandiert
-bei uns herum wie ein Hetman! Nicht genug, daß er uns hin und her hetzt
-wie seine Knechte, nein, er macht sich auch noch an unsere Mädchen
-heran! Ich glaube, im ganzen Dorfe gibt's auch nicht _ein_ hübsches
-Mädchen, mit dem der Amtmann nicht anbändelte.«
-
-»'s ist wahr, 's ist wahr!« riefen alle Burschen wie aus einer Kehle.
-
-»Aber, Kinder, was sind wir denn für Kerle? Sind wir nicht Männer von
-altem Stamm wie er? Wir sind doch gottlob freie Kosaken! Jungens, zeigen
-wir ihm, daß wir freie Kosaken sind!«
-
-»Ja, ja, wir wollen's ihm zeigen!« riefen die Burschen. »Und kommt erst
-der Amtmann an die Reihe, so wollen wir auch den Schreiber nicht
-vergessen!«
-
-»Freilich, wir wollen auch den Schreiber nicht vergessen. Gerade eben
-ist mir so ein hübsches Liedchen auf den Amtmann eingefallen. Kommt, ich
-will es euch lehren,« fuhr Lewko fort und schlug mit der Hand die Saiten
-der Harfe an. »Aber hört: jeder muß sich verkleiden wie sich's gerad
-trifft!«
-
-»Los, Kosaken!« rief der wilde, stämmige Mensch, schlug die Beine
-zusammen und klatschte in die Hände. »Ist das eine Freude! Das nenn' ich
-Freiheit! Wenn das Toben beginnt, so möcht' ich fast glauben, die alten
-Tage erständen aufs neue. So herrlich und frei wird einem ums Herz und
-die Seele fühlt sich wie im Paradies. He, Jungens! Auf, drauf los!« ....
-
-Und die Menge zog lärmend durch die Straßen. Die frommen alten Frauen,
-die vom Geschrei geweckt wurden, schoben die Fenster in die Höhe,
-bekreuzigten sich mit ihren schläfrigen Händen und sprachen: »Ja, ja,
-jetzt gehen die Burschen bummeln!«
-
-
- IV.
- Die Burschen bummeln
-
-Nur in einem Hause, am Ende der Straße brannte noch Licht. Das war das
-Haus des Amtmanns. Der Amtmann hatte schon längst sein Nachtmahl beendet
-und wäre zweifellos schon lange schlafen gegangen, aber er hatte noch
-einen Gast, den Branntweinbrenner, der von einem Gutsbesitzer, welcher
-mitten im Kosakenlande ein kleines Gut besaß, hierher geschickt worden
-war, um eine Schnapsbrennerei zu errichten. Obenan auf dem Ehrenplatze
-unterm Heiligenbilde, saß der Gast -- ein kurzes, dickes Männchen mit
-ewig lachenden Äuglein, die das ganze Behagen wiederzuspiegeln schienen,
-mit dem er seine Pfeife rauchte; er spuckte jeden Augenblick zur Seite
-und preßte den aus der Pfeife kriechenden Tabak, der sich schon zu Asche
-verwandelt hatte, mit dem Daumen wieder hinein. Dichte Rauchwolken
-türmten sich schnell über ihm auf und hüllten ihn in ein Kleid von
-blauem Nebel. Es schien, als ob der breite Schlot einer Schnapsfabrik
-herunterspaziert wäre, weil er es überdrüssig geworden war, ewig auf
-seinem Dache zu hocken, und nun artig in der Stube des Amtmanns bei
-Tisch säße. Dicht unter seiner Nase befand sich ein kurzer dichter
-Schnurrbart; aber dieser Schnurrbart guckte so undeutlich aus der
-Tabaksluft hervor, als wäre er eine Maus, die der Branntweinbrenner
-gefangen hätte und nun im Munde hielte; wie wenn jener die Absicht
-hätte, das Monopol des Katers auf dem Speicher zu untergraben. Der
-Amtmann saß als Hausherr in bloßem Hemd und in einer Leinwandhose da;
-sein Adlerauge begann allmählich zu blinzeln und zu erlöschen wie die
-Abendsonne. Am Ende des Tisches rauchte einer der Dorfbüttel, die das
-Kommando des Amtmanns bildeten ein Pfeifchen; er saß aus Respekt vor dem
-Hausherrn im Kittel da.
-
-»Gedenkt ihr,« sprach der Amtmann zum Brennmeister gewandt, indem er ein
-Kreuz über seinen gähnenden Mund machte, »gedenkt ihr die Brennerei bald
-zu eröffnen?«
-
-»Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht schon in diesem Herbst zu
-brennen anfangen. Ich wette, zu Mariä Geburt werden der Herr Amtmann
-schon auf der Straße mit den Beinen die Linien von deutschen Bretzeln
-beschreiben!«
-
-Bei diesen Worten verschwanden die Augen des Branntweinbrenners, und an
-ihrer Stelle zogen sich lange Strahlen bis zu den Ohren hin. Der ganze
-Körper schüttelte sich vor Lachen, und seine lustigen Lippen trennten
-sich für einen Augenblick von der paffenden Pfeife.
-
-»Das gebe Gott!« sprach der Amtmann und drückte auf seinem Gesicht so
-etwas wie ein Lächeln aus. »Jetzt gibt's Gottlob, wenig
-Schnapsbrennereien. Aber in alten Zeiten, als ich die Zarin auf der
-Landstraße von Perejaslawl geleitete, und der verstorbene Besborodko
-...«
-
-»An was für Zeiten du auch denkst, Gevatter! Damals konnte man auf dem
-ganzen Wege von Krementschug nach Romny noch nicht eine Schnapsbrennerei
-finden. Jetzt dagegen .. hast du gehört, was sich diese verdammten
-Deutschen ausgedacht haben? Bald wird man, wie es heißt, den Schnaps
-nicht mehr mit Holz brennen, wie das alle ehrlichen Christen tun,
-sondern mit irgend einem verteufelten Dampfe!« ... Bei diesen Worten
-blickte der Brandmeister nachdenklich auf seine Ellbogen, die er auf den
-Tisch stützte. »Wie das mit Dampf gemacht werden soll, das weiß ich bei
-Gott nicht!«
-
-»Was für Narren doch diese Deutschen sind! Lieber Gott erbarme dich!«
-sagte der Amtmann. »Die sollten den Knüppel zu kosten kriegen, diese
-Hundesöhne! Wo hat man je gehört, daß man mit Dampf kocht? Auf diese Art
-könnte man ja keinen Löffel Borschtschsuppe in den Mund nehmen, ohne
-sich die Lippen zu verbrühen und auch kein junges Ferkel ....«
-
-»Gevatter,« rief da die Schwägerin, die mit übereinandergeschlagenen
-Beinen auf der Ofenbank saß: »Wirst du denn die ganze Zeit über ohne
-deine Frau bei uns leben?«
-
-»Wozu brauche ich _die_? Wenn's noch was Rechtes wär'!«
-
-»Ist sie nicht nett?« fragte der Amtmann, sein Auge auf ihn richtend.
-
-»Gott bewahre, nett! Die ist so alt wie der Teufel! Und hat die Fratze
-voller Runzeln wie ein leerer Beutel!« Und die gedrungene Gestalt des
-Branntweinbrenners fing wieder an zu wackeln, so laut lachte er.
-
-In diesem Augenblick scharrte jemand an der Tür; die Tür ging auf -- ein
-Bauer trat über die Schwelle, ohne die Mütze abzunehmen, und pflanzte
-sich mitten in der Stube auf, wie nachdenklich, mit aufgesperrtem Munde
-die Decke musternd. Es war der uns schon bekannte Kalenik.
-
-»So, nun bin ich zu Hause!« rief er aus und setzte sich auf eine Bank
-neben der Tür, ohne im geringsten auf die Anwesenden zu achten. »Wie
-lang mir der Sohn des Bösen den Weg gemacht hat! Man geht und geht, und
-es nimmt kein Ende! Die Beine sind einem wie zerschlagen. Weib, gib mir
-doch den Schafspelz als Unterlage. Weiß Gott, ich kriech' nicht zu dir
-auf den Ofen, dazu tun mir die Beine zu weh! Gib ihn mir her. Dort liegt
-er neben dem Heiligenbilde, aber sieh zu, wirf den Topf mit dem
-geriebenen Tabak nicht um. Oder nein, laß ihn lieber! Du bist heute
-vielleicht betrunken .... ich hol ihn mir schon lieber selbst.«
-
-Kalenik wollte sich aufrichten, aber eine unüberwindliche Macht fesselte
-ihn an die Bank.
-
-»Das gefällt mir,« sagte der Amtmann, »der kommt in fremde Stuben und
-benimmt sich ganz wie zu Hause! Schafft ihn nur in Frieden wieder
-hinaus! ....«
-
-»Laßt ihn ausruhen, Gevatter,« sprach der Branntweinbrenner, den Amtmann
-an der Hand zurückhaltend. »Das ist ein nützlicher Mensch: noch mehr
-solche Leute -- und unsere Brennerei geht großartig!«
-
-Es war jedoch nicht Gutmütigkeit, die ihn zu diesen Worten veranlaßte.
-Der Branntweinbrenner glaubte an allerhand üble Vorzeichen, und einen
-Menschen, der sich schon gesetzt hatte, davonjagen, das hieß für ihn so
-viel wie ein Unglück heraufbeschwören.
-
-»Ach ja, das Alter rückt heran ....« brummte Kalenik und streckte sich
-auf die Bank hin. »Wäre ich noch wenigstens betrunken! Aber bei Gott,
-nein, ich bin nicht betrunken! Wozu sollte ich denn flunkern? Und das
-will ich auch dem Amtmann selbst sagen, wenn's sein muß! Was ist mir
-denn der Amtmann? Mag er verrecken, der Hundesohn. Ich spucke auf ihn.
-Ein Wagen soll ihn überfahren, den einäugigen Teufel! Was hat er den
-Leuten Wasser auf den Kopf zu gießen, wenn's friert! ....«
-
-»Oho! Kommt einem so ein Schwein ins Haus gekrochen und legt auch noch
-die Pfoten auf den Tisch!« sagte der Amtmann und stand zornig von seinem
-Platze auf; aber in diesem Augenblicke flog ein gewichtiger Stein, der
-die Fensterscheibe zerschmetterte, ihm vor die Füße. Der Amtmann blieb
-stehen. »Wenn ich wüßte,« sagte er, und hob den Stein auf, »welcher
-Galgenstrick den Stein da hereingeworfen hat, dem würde ich schon
-zeigen, was das heißt, Steine werfen! Was für Streiche!« fuhr er fort,
-indem er den Stein in die Hand nahm und mit brennendem Blicke musterte.
-»Er soll ersticken an diesem Stein! ....«
-
-»Halt, halt! Behüt dich Gott, Gevatter!« fiel der Branntweinbrenner mit
-bleichem Gesichte ein. »Behüt dich Gott in dieser und jener Welt, jemand
-mit einem solchen Fluch zu bedenken!«
-
-»Oho, der hat ja einen schönen Beschützer gefunden! Krepieren soll er
-....«
-
-»Hör auf, Gevatter! Du weißt wohl nicht, was meiner seligen
-Schwiegermutter widerfahren ist?«
-
-»Deiner Schwiegermutter?«
-
-»Ja, meiner Schwiegermutter! Eines Abends, es war ein bißchen früher als
-heute, setzten sie sich zum Abendessen hin: meine verstorbenen
-Schwiegereltern, der Knecht, die Magd und fünf Kinder. Die
-Schwiegermutter schüttete ein paar Knödel aus dem großen Kessel in die
-Schüssel, damit sie ein wenig abkühlten, denn nach der Arbeit waren alle
-hungrig und wollten nicht warten, bis die Knödel kalt waren. Sie
-steckten ihre langen Holzstäbe hinein und begannen zu essen. Auf einmal
-taucht da ein Mann auf und bittet, ihn auch mitessen zu lassen; wer das
-war, mag Gott wissen. Nun, soll man etwa einem hungrigen Menschen nicht
-zu essen geben? Man reicht ihm also auch ein Stäbchen. Aber der Gast
-räumt mit den Knödeln auf wie die Kuh mit dem Heu. Bis jene einen Knödel
-gegessen und den Stab nach einem zweiten ausgestreckt hatten, war der
-Boden der Schüssel schon so glatt wie die Diele eines Herrenhauses. Die
-Schwiegermutter tat noch Klöße hinein; denn sie dachte, nun hat der Gast
-sich satt gegessen und wird nicht mehr so stark zugreifen. Aber ganz im
-Gegenteil: er schlang und schlang noch immer gewaltiger, und leerte auch
-die zweite Schüssel. »Daß du an den Knödeln ersticktest!« dachte die
-hungrige Schwiegermutter; aber da drehte sich jener auf einmal um und
-sank zu Boden. Man stürzte zu ihm hin -- aber sein Geist war schon
-entflohen. Er war erstickt!«
-
-»Geschah ihm ganz recht, dem verdammten Freßsack!« sagte der Amtmann.
-
-»Schon recht, aber es kam ganz anders: Seit jener Zeit hatte die
-Schwiegermutter keine Ruhe mehr. Kaum wird's Nacht, sofort kommt der
-Tote angerückt. Sitzt rücklings auf dem Schornstein, der Verdammte, und
-hält einen Knödel zwischen den Zähnen. Am Tage ist alles ruhig, er läßt
-weder etwas von sich sehen noch hören; kaum aber dämmert es, so braucht
-man nur auf's Dach zu blicken und schon reitet der Hundesohn da oben auf
-dem Schornstein!«
-
-»Mit einem Knödel zwischen den Zähnen?«
-
-»Ja mit einem Knödel zwischen den Zähnen!«
-
-»Wie wunderlich, Gevatter! Ich habe ja auch so was Ähnliches von meiner
-Seligen gehört ....«
-
-Da aber hielt der Amtmann inne. Vor dem Fenster wurde Geräusch, ein
-Stampfen und Tanzen laut vernehmbar. Zuerst hörte man die Harfensaiten
-leise klimpern und dann fiel eine Stimme ein. Die Saiten erklangen
-stärker, mehrere Stimmen fielen ein -- und wie ein Wirbel ertönte
-rauschend das Lied:
-
- Burschen, habt ihr schon vernommen?
- Sind wir wirklich solche Narren?
- Unser Amtmann hat bekommen
- In dem Schädel einen Sparren!
- Böttcher, schlag um unsern Amtmann
- Deine festen Eisenreifen!
- Böttcher, laß um unsern Amtmann
- Ruten, Ruten, Ruten pfeifen!
-
- Unserm Amtmann alt und grau,
- Fehlt ein Auge in dem Kopf!
- Unser Amtmann ist 'ne Sau,
- Schleicht zu Mädels, dieser Tropf!
- Läufst du zu den jungen Leuten,
- Bleib nur lieber fein zu Haus!
- Denk' mal: wenn sie dich verbläuten
- Und den Schopf dir rissen aus! ....
-
-»Ein ausgezeichnetes Lied, Gevatter!« sagte der Branntweinbrenner, indem
-er den Kopf etwas auf die Seite neigte und sich an den Amtmann wandte,
-der bei dieser Frechheit ganz starr vor Staunen geworden war.
-»Ausgezeichnet! 's ist nur schade, daß man in nicht ganz anständigen
-Worten vom Amtmann spricht ...«
-
-Und wieder stützte er mit einer süßlichen Rührung in den Augen die Arme
-auf den Tisch und bereitete sich vor, weiter zuzuhören, denn vor dem
-Fenster erdröhnte ein Gelächter, und man vernahm den Ruf: »Noch einmal,
-noch einmal!« Ein scharfes Auge hätte jedoch sofort bemerkt, daß nicht
-das Staunen allein den Amtmann so lange auf einem Fleck festhielt. So
-läßt oft ein alter erfahrener Kater die junge unerfahrene kleine Maus
-rings um seinen Schwanz herumlaufen, während er Pläne schmiedet, wie er
-ihr am besten den Rückzug in ihr Mauseloch abschneiden kann. Noch war
-das einsame Auge des Amtmanns auf das Fenster gerichtet, aber schon lag
-seine Hand, die dem Büttel ein Zeichen gegeben hatte, am Holzgriff der
-Tür; auf einmal erhob sich auf der Straße ein lautes Geschrei ..... Der
-Branntweinbrenner, zu dessen zahlreichen Vorzügen auch eine gewisse
-Neugierde gehörte, stopfte rasch den Tabak wieder in seine Pfeife und
-lief auf die Straße hinaus. Aber die Taugenichtse waren schon
-auseinandergestoben.
-
-»Nein, du wirst mir nicht entwischen!« schrie der Amtmann und zerrte
-einen Menschen in einem schwarzen Schafspelz hinter sich her, dessen
-Fell nach außen gekehrt war. Der Branntweinbrenner benutzte die Zeit und
-eilte herzu, um dem Friedensstörer ins Gesicht zu schauen; aber er wich
-angstvoll zurück, als er einen langen Bart und eine schreckhaft
-ausgemalte Fratze erblickte. »Nein, du wirst mir nicht entwischen!«
-schrie der Amtmann und schleppte seinen Gefangenen in den Flur; ruhig
-und ohne den geringsten Widerstand zu leisten, folgte ihm der Gefangene,
-als ob's sein eignes Haus wäre. »Karpo, mach' die Kammer auf!« rief der
-Amtmann dem Büttel zu. »Wir sperren ihn in die dunkle Kammer! Dann
-wecken wir den Schreiber, holen die Büttel herbei, fangen all diese
-Raufbolde ein und urteilen sie heute noch ab!«
-
-Der Büttel klapperte im Flur am Hängeschloß und öffnete die Kammer. In
-diesem Augenblick machte sich der Gefangene die Dunkelheit im Flur
-zunutze und riß sich plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft aus den Händen,
-die ihn hielten.
-
-»Wohin?« rief der Amtmann und packte ihn noch fester am Kragen.
-
-»Laß los, ich bin's ja!« hörte man ein dünnes Stimmchen rufen.
-
-»Das nützt dir nichts, das nützt dir gar nichts, Brüderchen! Quiek du
-nur wie ein Weib oder wie ein Teufel! Mich wirst du nicht übertölpeln!«
-Und der Amtmann stieß ihn in die dunkle Kammer, so daß der arme
-Gefangene aufstöhnend zu Boden fiel. Er selbst begab sich in Begleitung
-des Büttels ins Haus des Schreibers, und hinter ihnen kam der
-Branntweinbrenner wie ein Dampfschiff dahergeraucht.
-
-Nachdenklich schritten alle drei mit gesenktem Kopfe dahin, doch auf
-einmal stießen sie beim Einbiegen in ein dunkles Gäßchen einen Schrei
-aus -- jeder hatte einen mächtigen Schlag vor die Stirn bekommen, und
-eben solch ein Schrei hallte ihnen zur Antwort entgegen. Der Amtmann
-kniff sein Auge zu und sah erstaunt den Schreiber mit zwei Bütteln vor
-sich.
-
-»Ich will gerade zu dir, Herr Schreiber!«
-
-»Und ich wollte gerade zu dir, Herr Amtmann!«
-
-»Es geschehen Wunder, Herr Schreiber!«
-
-»Ja, es gehen Wunderdinge vor, Herr Amtmann!«
-
-»Was denn?«
-
-»Die Burschen toben! In ganzen Scharen treiben sie Unfug auf den
-Straßen. Sie benennen Euer Gnaden mit solchen Worten .... Man schämt
-sich, eins davon zu nennen; selbst ein betrunkener Moskowiter würde sich
-hüten, mit seiner unreinen Zunge sowas auszusprechen! (All diese Worte
-begleitete der dürre Schreiber, der eine Hanfpluderhose und eine
-hefenfarbene Weste anhatte, mit einem Vorstrecken und schleunigem
-Zurückziehen des Halses.) Ich wollte gerade einnicken, da schleppten
-mich die verdammten Lümmel mit ihren unflätigen Liedern und ihrem
-Gepolter aus dem Bett! Ich wollte ihnen eine ordentliche Lehre geben,
-aber bis ich die Hose und Weste angezogen hatte, waren sie wieder nach
-allen Seiten auseinandergelaufen. Der Rädelsführer ist uns aber nicht
-entwischt. Jetzt brummt er in der Stube, wo man die Häftlinge festhält.
-Ich brannte darauf, zu erfahren, was das für ein Vogel sei, aber seine
-Fratze ist mit Ruß beschmiert, wie bei einem Teufel, der die Nägel für
-die Sünder schmiedet.«
-
-»Und wie ist er angezogen, Herr Schreiber?«
-
-»Er trägt einen schwarzen, nach außen gekehrten Pelz, der Hundesohn,
-Herr Amtmann!«
-
-»Lügst du auch nicht, Herr Schreiber? Wie, wenn nun dieser Taugenichts
-_bei mir_ in der Kammer säße?«
-
-»Nein, Herr Amtmann, sei nicht böse, aber da irrst du dich selbst ein
-wenig.«
-
-»Macht einmal Licht, wir wollen doch nachsehen!«
-
-Man holte Licht herbei, machte die Tür auf -- und der Amtmann stieß vor
-Verwunderung ein lautes »Ah!« aus, als er seine Schwägerin vor sich sah.
-
-»Nun sag mir doch, bitte, bist du denn ganz von Sinnen!« rief sie und
-ging mit diesen Worten auf ihn zu. »Wäre auch nur ein Quentchen Gehirn
-in deinem einäugigen Schädel, -- hättest du mich wohl dann in die dunkle
-Kammer hineingepufft? Noch ein wahres Glück, daß ich mir nicht den Kopf
-an der eisernen Türangel zerschlagen habe! Hab' ich dir nicht zugerufen,
-daß ich es bin? -- Muß mich dieser verfluchte Bär mit seinen eisernen
-Tatzen packen und mich herumstoßen. Daß dich in jener Welt der Teufel so
-stoßen möge! ....«
-
-Die letzten Worte sagte sie schon auf der Gasse, denn sie mußte aus
-gewissen Gründen hinausgehen.
-
-»Freilich sehe ich, daß du es bist!« sagte der Amtmann, der unterdes
-wieder zu sich gekommen war.
-
-»Was sagst du dazu, Herr Schreiber! Ist dieser verdammte Windbeutel
-nicht ein Schelm?«
-
-»Wahrhaftig, ein Schelm; Herr Amtmann!«
-
-»Wäre es nicht Zeit, alle diese Taugenichtse einmal tüchtig ins Gebet zu
-nehmen, damit sie an ihre Arbeit gehen?«
-
-»Es wäre schon Zeit, höchste Zeit, Herr Amtmann!«
-
-»Diese Narren haben .... Was Teufel? Ich glaube, ich höre meine
-Schwägerin auf der Straße schreien .... diese Narren haben sich in den
-Kopf gesetzt, ich sei ihresgleichen. Sie glauben offenbar, ich sei nur
-ein einfacher Kosak!« .... Aus dem nun folgenden Hüsteln und Blitzen des
-Auges, das er im Kreise umherschweifen ließ, konnte man erraten, daß der
-Amtmann vorhatte, etwas Wichtiges zu sagen. »Im Jahre Eintausend, ....
-Gott töte mich, ich kann diese verdammten Jahreszahlen nicht behalten
-.... Also im Jahre .... erhielt der damalige Kommissär Ledatschi den
-Befehl, einen Kosaken auszuwählen, der gescheiter sei, als die anderen.
-O, (der Amtmann sprach dieses »O« mit erhobenem Finger) gescheiter als
-die anderen, um der Zarin das Geleit zu geben. Ich bin damals ....«
-
-»Was ist da viel zu reden? Jeder kennt die Geschichte schon, Herr
-Amtmann! Alle wissen doch, daß du dir die Gnade der Zarin verdient hast.
-Gesteh jetzt, hatte ich nicht recht? Hast du dich nicht doch etwas
-geirrt, als du sagtest, du habest diesen Kerl im Pelz erwischt?«
-
-»Was diesen Teufel im Pelz betrifft, so soll er zur Lehre für die
-anderen in Ketten geschmiedet und tüchtig abgestraft werden. Sie sollen
-schon merken, was das heißt, Obrigkeit! Wer hat denn den Amtmann
-eingesetzt, wenn nicht der Zar? Und dann wollen wir uns um die anderen
-Lausbuben kümmern. Ich habe noch nicht vergessen, wie diese verfluchten
-Lümmel eine Schweineherde in meinen Gemüsegarten getrieben haben, die
-mir den ganzen Kohl und alle Gurken wegfraß. Ich habe auch nicht
-vergessen, wie diese Teufelskinder sich weigerten, mir mein Korn zu
-dreschen; o nein, ich hab's nicht vergessen! .... Aber sie sollen
-verrecken, ich muß auf jeden Fall erfahren, wer der Schelm im Pelz ist!«
-
-»Man merkt's, das ist ein flinker Vogel!« sagte der Branntweinbrenner,
-der sich während dieses ganzen Gespräches fortwährend die Backen mit
-Rauch vollpumpte, wie ein Belagerungsgeschütz, und dessen Lippen eine
-ganze Rauchfontäne ausstießen, wenn sie sich von der kurzen Pfeife
-trennten.
-
-»Es wäre auf jeden Fall nicht übel, diesen Menschen in der Brennerei zu
-haben, noch besser wär's freilich, ihn an einem Eichenwipfel
-aufzuhängen, wie einen Kirchenkronleuchter.«
-
-Dieser Witz kam dem Branntweinbrenner nicht ganz dumm vor, und er
-beschloß sofort, ohne erst die Billigung der anderen abzuwarten, sich
-selbst mit einem heiseren Lachen zu belohnen.
-
-In diesem Augenblick näherten sie sich einer kleinen, halb in die Erde
-gesunkenen Hütte. Die Neugierde unserer Wanderer hatte sich noch
-vergrößert; alle drängten sich vor der Türe zusammen. Der Schreiber nahm
-einen Schlüssel heraus und das Schloß klirrte; aber dieser Schlüssel
-gehörte zu seinem Spind. Die Ungeduld stieg. Er begann in der Tasche
-herumzuwühlen, fand jedoch den Schlüssel nicht.
-
-»Da!« sagte er endlich, und holte ihn aus der Tiefe seiner gewaltigen
-Tasche hervor, die sich in seiner Hanfpluderhose befand.
-
-Bei diesem Laut schienen die Herzen unserer Helden zu einem einzigen
-Herz zu verschmelzen, und dieses Riesenherz schlug so heftig, daß sein
-unregelmäßiges Hämmern nicht einmal von dem Klirren des Schlosses
-übertönt wurde. Die Tür ging auf, und .... der Amtmann wurde bleich wie
-ein Stück Leinwand; den Branntweinbrauer überlief's kalt, und sein Haar
-wollte gen Himmel fliegen. Entsetzen malte sich auf dem Gesicht des
-Schreibers; die Büttel wuchsen fest an die Erde und waren nicht einmal
-imstande, ihre aufgesperrten Mäuler zu schließen: vor ihnen stand die
-Schwägerin.
-
-Sie war nicht weniger betroffen als die anderen, aber bald erholte sie
-sich etwas und wollte gerade auf sie zugehen.
-
-»Halt!« schrie da der Amtmann mit wilder Stimme und schlug die Türe zu.
-»Leute, das ist der Satan!« rief er dann. »Feuer! Schnell Feuer her! Es
-ist nicht Schade um das Kronshaus! Steckt es an, damit die Satansknochen
-nicht länger auf dieser Erde bleiben!«
-
-Die Schwägerin schrie entsetzt auf, als sie hinter der Tür von der
-fürchterlichen Absicht vernahm.
-
-»Was macht ihr da, Brüder?« rief der Branntweinbrenner. »Euer Haar ist
-gottlob fast so weiß wie Schnee, trotzdem aber scheint's euch noch am
-Verstand zu fehlen: ein einfaches Feuer kann doch der Hexe nichts
-anhaben! Nur das Feuer aus einer Pfeife kann einen Werwolf in Brand
-stecken! Halt, ich mach gleich welches an!«
-
-Bei diesen Worten schüttete er die Glut aus der Pfeife auf ein Heubündel
-und begann zu blasen. Aber die Verzweiflung der armen Schwägerin verlieh
-ihr einen ungeahnten Mut; sie begann laut um Hilfe zu flehen und die
-Männer zu beschwichtigen.
-
-»Haltet ein, Brüder! Warum wollt ihr euch grundlos einer Sünde schuldig
-machen. Vielleicht ist's wirklich nicht der Satan,« rief der Schreiber.
-»Vielleicht kann das Wesen, das da drinnen in der Stube sitzt, doch das
-Zeichen des heiligen Kreuzes machen, und das bedeutet dann, daß es nicht
-der Teufel ist!«
-
-Der Vorschlag wurde angenommen.
-
-»Packe dich, Satanas!« fuhr der Schreiber fort und legte die Lippen an
-die Türspalte. »Wenn du dich nicht vom Platze rührst, machen wir dir die
-Tür auf.«
-
-Die Tür wurde aufgemacht.
-
-»Bekreuzige dich!« rief der Amtmann, und sah sich um, wie wenn er für
-den Fall des Rückzuges einen Zufluchtsort suchte.
-
-Die Schwägerin schlug ein Kreuz.
-
-»Was Teufel! Das ist wirklich die Schwägerin!«
-
-»Welche unsaubere Macht hat dich bloß in diese Kammer gebracht,
-Gevatterin?«
-
-Die Schwägerin erzählte schluchzend, wie die Burschen auf der Straße sie
-gepackt und sie trotz ihres Widerstandes durch das breite Fenster in die
-Hütte hineingeschoben und die Fensterläden geschlossen hatten. Der
-Schreiber sah sich die Sache an. Die Angeln waren heruntergerissen, und
-der breite Laden war oben nur mit einem Holzbalken festgerammelt.
-
-»Du bist mir ein feiner Kerl, du einäugiger Satan du,« schrie sie und
-ging auf den Amtmann zu, der zurückwich und sie immer noch mit seinem
-Auge maß. »Ich kenne deine Absichten schon, du hättest mich wohl am
-liebsten aufgefressen, damit du dann ungestört jeder Schürze nachlaufen
-kannst, und keiner mehr weiß, wie der Jammergreis sich selbst zum Narren
-macht. Du meinst, ich weiß nicht, was du heute abend mit Hanna
-gesprochen hast? O, ich weiß alles! Mich kann keiner so leicht betrügen,
-nicht einmal einer, der weniger blöd ist als du! Ich habe lange Geduld,
-aber dann: nimm dich in acht ....!«
-
-Bei diesen Worten ballte sie die Faust, machte sich rasch davon; und
-ließ den Amtmann in völliger Erstarrung zurück.
-
-»Nein, da ist der Satan ernsthaft mit im Spiel!« dachte er, sich den
-Kopf kratzend.
-
-»Wir haben ihn!« riefen die eintretenden Büttel.
-
-»Wen habt ihr?« fragte der Amtmann.
-
-»Den Teufel im umgewendeten Pelz!«
-
-»Bringt ihn her!« rief der Amtmann und packte den hereingeführten
-Gefangenen an der Hand. »Seid ihr verrückt geworden? -- Das ist doch der
-besoffene Kalenik!«
-
-»Pfui Teufel, wir hielten ihn doch schon fest, Herr Amtmann!«
-antworteten die Büttel. »In dem einen Gäßchen umringten uns die
-verdammten Kerls, fingen an zu tanzen und uns hin und her zu zerren,
-steckten die Zunge raus und rissen ihn uns aus den Händen. .... Der
-Henker soll sie holen! .... Aber wie wir statt seiner zu dieser Krähe
-hier gekommen sind, das mag Gott wissen!«
-
-»Kraft meiner Vollmacht und im Namen der ganzen Gemeinde ergeht die
-Verfügung, diesen Räuber unverzüglich gefangen zu nehmen,« sprach der
-Amtmann; »desgleichen alle anderen, die ihr auf den Straßen antrefft,
-und sie mir zur Aburteilung vorzuführen! ....«
-
-»Erbarm dich doch, Herr Amtmann!« riefen da einige Büttel und verneigten
-sich tief bis zur Erde vor ihm. »Hättest du nur gesehen, was das für
-Fratzen sind! Gott straf uns, aber seit unserer Geburt und Taufe haben
-wir keine so abscheulichen Larven gesehen. Wie leicht verfällt man der
-Sünde, Herr Amtmann! Die können einen rechtschaffenen Menschen so
-erschrecken, daß einem nachher kein Weib mehr ein Gebreste besprechen
-kann!«
-
-»Ich will euch schon zeigen, was ein Gebreste ist! Was? Ungehorsam? Ihr
-zieht wohl mit ihnen am selben Strang, ihr Rebellen! Was soll denn das?
-.... Ihr werdet sie noch zum Mord anstiften! .... ihr .... ihr .... Ich
-werde das dem Kommissär melden! Auf der Stelle, hört ihr, auf der
-Stelle! Lauft, fliegt schnell wie die Vögel! Ich werde euch schon ....
-Ihr sollt mir ....!«
-
-Alle stoben auseinander.
-
-
- V.
- Die Ertrunkene
-
-Unbekümmert, und ohne auf die abgesandten Verfolger zu achten, näherte
-sich der Urheber dieses ganzen Wirrwarrs dem alten Hause am Teich. Ich
-glaube, man braucht wohl nicht weiter hervorzuheben, daß es Lewko war.
-Sein schwarzer Pelz war aufgeknöpft, er hielt seine Mütze in der Hand,
-und der Schweiß rann ihm von der Stirn. -- Düster und hehr stand der
-schwarze Ahornhain da, und nur auf der Seite, die dem Monde zugewandt
-war, lag ein feiner Silberstaub über ihm ausgestreut. Vom regungslosen
-Teich wehte eine kühlende Frische dem müden Fußgänger entgegen und lud
-ihn ein, an seinen Ufern auszuruhen. Alles war still; nur im tiefen
-Dickicht des Waldes hörte man das Schmettern der Nachtigall. Ein
-unüberwindlicher Schlaf senkte sich rasch auf Lewkos Lider. Die
-ermatteten Glieder lösten sich und erschlafften; der Kopf suchte eine
-Stütze .... »Nein, auf die Art schlafe ich hier noch ein!« sprach er,
-stand auf und rieb sich die Augen. Er blickte um sich: die Nacht lag
-noch leuchtender vor ihm. Eine seltsam berauschende Helle mischte sich
-in den Glanz des Mondes. Noch nie hatte er etwas Ähnliches gesehen.
-Silberne Nebel senkten sich aufs Land. Ein Duft von blühenden
-Apfelbäumen und Nachtblüten war über die ganze Erde ausgegossen. Mit
-Verwunderung blickte er in die regungslosen Wasser des Teiches; das alte
-Herrenhaus spiegelte sich in ihm umgestürzt, klar und in lichter
-Erhabenheit. Statt der düsteren Fensterläden blinkten einem lustige
-Glasfenster und Türen entgegen und das Gold schimmerte durch die klaren
-Scheiben. Auch schien es ihm, als habe sich ein Fenster geöffnet. Er
-hielt den Atem an, regte sich nicht und glaubte sich in die Tiefe des
-Teiches versetzt. Und siehe: zuerst schob sich ein weißer Ellenbogen aus
-dem Fenster, dann schaute ein liebliches Köpfchen heraus mit glänzenden
-Augen, die sanft durch dunkelblonde Haarwogen hindurch leuchteten, und
-stützte sich auf den Ellenbogen. Lewko sah, wie sie leise den Kopf
-schüttelte, wie sie winkte und lächelte .... Sein Herz fing plötzlich an
-heftig zu pochen .... das Wasser erzitterte, und das Fenster schloß sich
-wieder. Leise ging er vom Teiche fort und sah das Haus unverwandt an:
-Die düsteren Fensterläden standen weit offen, und die Scheiben funkelten
-im Monde. »Wie wenig darf man doch auf das Gerede der Menschen geben!«
-dachte er bei sich. »Das Haus ist nagelneu, und die Farben sind frisch,
-als ob sie erst heute aufgetragen wären. Hier muß doch jemand wohnen!«
-Und er trat schweigend näher, aber im Hause war alles still. Mächtig und
-klingend tönten die leuchtenden Lieder der Nachtigall durcheinander, und
-wenn sie schmachtend wie in Wonne zu ersterben schienen, vernahm man das
-Rascheln und Zirpen der Heimchen oder das Schnarren eines Sumpfvogels,
-der mit seinem glatten Schnabel auf den weiten Wasserspiegel aufschlug.
-Lewko empfand eine süße Stille in seinem Herzen, es schien sich zu
-weiten und schlug so leicht und frei. Er stimmte seine Harfe und fing an
-zu spielen und zu singen:
-
- Du mein helles Licht der Nacht,
- Du mein Mond, ach bester Mond!
- Leucht mir über Haus und Hof,
- Wo mein liebstes Mädchen wohnt!
-
-Ein Fenster tat sich leise auf, und dasselbe Köpfchen, dessen
-Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, guckte heraus und lauschte
-aufmerksam dem Sang. Ihre schweren Lider waren halb über die Augen
-gesenkt. Sie war bleich wie Linnen, bleich wie der Mondenschein, aber
-wie köstlich und wundersam! Sie lachte! .... Lewko erschauerte. »Sing
-mir ein Lied, junger Kosak!« sprach sie leise, neigte den Kopf etwas zur
-Seite und senkte die dunklen Lider ganz über die Augen.
-
-»Was für ein Lied soll ich dir singen, du mein strahlendes Fräulein?«
-
-Stille Tränen flossen über ihr bleiches Antlitz. »Jüngling,« sprach sie,
-und etwas unsäglich Rührendes klang aus ihren Worten, »Jüngling, finde
-mir meine Stiefmutter! Nichts soll mir zu schön für dich sein. Ich will
-dich belohnen. Ich will dich reich und herrlich belohnen! Ich habe mit
-Seide bestickte Gewänder, Korallen und Kleinode, ich will dir einen
-Gürtel schenken, der mit Perlen besät ist. Ich habe Gold .... Jüngling,
-finde mir meine Stiefmutter. Sie ist eine furchtbare Hexe: ich hatte
-keine Ruh' vor ihr auf Gottes Erde. Sie hat mich gemartert, und ließ
-mich schaffen wie eine niedrige Magd. Blick in mein Angesicht: sie ließ
-die Röte von meinen Wangen schwinden mit ihrer unreinen Zauberkunst.
-Blick auf meinen weißen Hals: kein Wasser wäscht die blauen Flecke fort,
-keines wird sie je fortwaschen, die von ihren eisernen Krallen stammen!
-Sieh meine weißen Füße an, weit sind sie gewandert, und nicht nur auf
-Teppichen, auch über heißen Sand, durch sumpfiges Feld, durch stechende
-Nesseln sind sie gewandert! Und meine Augen! Blick in meine Augen: sie
-sehen nichts mehr vor Tränen! .... Finde sie mir, Jüngling, find mir die
-Stiefmutter! ...«
-
-Ihre Stimme, die immer mehr und mehr angeschwollen war, stockte auf
-einmal. Tränenströme flossen über ihr bleiches Antlitz. Ein drückendes
-Gefühl des Mitleids und der Trauer schnürte dem Burschen das Herz
-zusammen.
-
-»Zu allem bin ich für dich bereit, mein herrliches Fräulein,« rief er in
-tiefster Erregung. »Doch sag mir nur, wo soll ich sie finden?«
-
-»Sieh, sieh!« rief sie schnell, »sie ist hier! Sie tanzt am Wasser mit
-meinen Mädchen den Reigen und wärmt sich im Mondenlichte. Sie ist schlau
-und voller List: sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; aber
-ich weiß, ich hör' es, sie ist hier! Sie macht, daß mir so drückend
-schwer, so dumpf zumute wird. Durch sie ward mir's verwehrt, so leicht
-und frei dahin zu schwimmen wie ein Fisch. Ich sinke, versinke und falle
-zu Boden wie ein Schlüssel. Find sie mir, Jüngling!«
-
-Lewko blickte aufs Ufer: Im zarten Silbernebel sah man etwas schimmern.
-Eine Schar Mädchen tummelte sich, leicht wie ein Schatten, in lichten
-Gewändern, die so hell waren, wie die Maiglöckchen auf der Wiese;
-goldene Spangen, Perlenketten und Dukaten glänzten an ihren Nacken;
-allein sie waren bleich: ihr Leib war wie aus durchscheinenden Wolken
-gewoben und schimmerte durchsichtig im silbernen Mondenlicht. Spielend
-und tanzend näherte sich der Mädchenreigen und man hörte schon ihre
-Stimmen.
-
-»Laßt uns das Rabenspiel spielen, das Rabenspiel,« säuselten alle
-durcheinander, wie das Schilf am Flusse, das der Wind in stiller
-dämmernder Stunde mit seinen lustigen Lippen berührt.
-
-»Wer soll Rabe sein?«
-
-Das Los ward geworfen -- und ein Mädchen trat aus der Menge hervor.
-Lewko betrachtete sie aufmerksam. Ihr Gesicht und ihr Kleid war ganz so
-wie bei allen anderen. Man merkte ihr nur an, daß sie ihre Rolle nicht
-gern spielte. Die Menge bildete eine lange Reihe und wich behend den
-Angriffen des räuberischen Feindes aus.
-
-»Nein, ich will nicht Rabe sein!« rief das Mädchen, ganz schlaff vor
-Müdigkeit. »Es tut mir so leid, der armen Henne die Küken zu rauben.«
-
-»Du bist nicht die Hexe!« dachte Lewko.
-
-»Wer soll Rabe sein?«
-
-Die Mädchen wollten wiederum losen.
-
-»Ich will Rabe sein!« rief da eine aus ihrer Mitte.
-
-Lewko begann ihr Gesicht scharf zu mustern. Schnell und kühn machte sie
-Jagd auf die Schar und stürzte nach allen Seiten, um ihr Opfer zu
-fangen. Da sah Lewko, daß ihr Leib nicht so leuchtete, wie der der
-anderen: mitten im Innern gewahrte er etwas Dunkles. Plötzlich ertönte
-ein Schrei: der Rabe stieß auf ein Mädchen herab, fing es ein, und es
-deuchte Lewko, als habe sie ihre Krallen gezeigt, und als blitze in
-ihrem Gesicht eine boshafte Freude auf.
-
-»Hexe!« rief er, und zeigte, nach dem Hause gewandt, mit dem Finger auf
-sie.
-
-Das holde Fräulein lachte auf, und die Mädchen führten die, welche den
-Raben gespielt hatte, schreiend mit sich fort.
-
-»Womit soll ich's dir lohnen, Jüngling? Ich weiß, du brauchst kein Gold,
-du liebst Hanna. Doch der gestrenge Vater will dir's nicht erlauben, sie
-zu heiraten. Nun wird er dich nimmer hindern; nimm dies Briefchen und
-gib es ihm ...«
-
-Sie streckte ihm ihr weißes Händchen hin, ihr Antlitz leuchtete
-wundersam und erstrahlte .... Mit einem nie geahnten Schauer und
-sehnsüchtigen Pochen des Herzens griff er nach dem Briefchen und ....
-erwachte.
-
-
- VI.
- Erwachen
-
-»Hab' ich wirklich geschlafen?« sprach Lewko zu sich selbst, als er sich
-von der kleinen Böschung erhob. »Alles war doch so lebendig wie in
-Wirklichkeit« .... »Seltsam, seltsam!« wiederholte er, indem er sich
-umsah. Der Mond stand gerade über seinem Kopfe und wies auf Mitternacht.
-Alles war still; vom Teich wehte es kühl her; über ihm stand traurig das
-verfallene Haus mit den geschlossenen Läden; Moos und wildes Steppengras
-ließen erkennen, daß sich die Menschen schon lange von ihm getrennt
-hatten. Lewko öffnete seine Hand, die er während des Schlafes krampfhaft
-geballt hatte, und stieß einen Schrei der Verwunderung aus; er hatte
-einen Zettel in ihr entdeckt. »Ach, wenn ich doch lesen könnte!« dachte
-er, indem er ihn vor seinen Augen hin und her wandte. In diesem
-Augenblick vernahm er hinter sich ein Geräusch.
-
-»Fürchtet nichts! Packt ihn nur! Vor wem habt ihr Angst? Wir sind ja zu
-zehn! Ich will darauf wetten, das ist ein Mensch und kein Teufel! ....«
-
-Es war der Amtmann, der diese Worte seinen Begleitern zuschrie, und
-Lewko fühlte sich von mehreren Händen gepackt, von denen einige vor
-Furcht zitterten. »Nun Freundchen, wirf mal endlich deine schreckliche
-Maske ab, du hast die Leute schon genug in die Irre geführt!« rief der
-Amtmann und packte ihn am Kragen. Aber da glotzte er ihn voller Schreck
-mit seinem einzigen Auge an: »Lewko, mein Sohn!« schrie er
-zurückweichend, und ließ vor Staunen die Hände herabsinken. »Du bist's?
-Du Hundesohn! So eine Ausgeburt der Hölle! Ich denke: was für ein
-Schelm, was für ein verkleideter Teufel treibt da sein Unwesen? Und nun
-stellt sich heraus, daß du es bist. -- Der ungekochte Mehlbrei soll
-deinem Vater im Halse stecken bleiben! -- Du treibst böse Streiche auf
-den Straßen, du dichtest Lieder ....! Oho, Lewko! Was soll das? Dich
-juckt wohl der Rücken? Bindet ihn!«
-
-»Halt Vater! Ich hab' dir einen Zettel zu geben!« sagte da Lewko.
-
-»Jetzt ist keine Zeit für Zettel, mein Täubchen! Bindet ihn!«
-
-»Halt ein, Herr Amtmann!« sagte der Schreiber und entfaltete den Zettel.
-»Das ist ja die Handschrift des Kommissärs!«
-
-»Des Kommissärs?«
-
-»Des Kommissärs?« wiederholten die Büttel mechanisch.
-
-»Des Kommissärs? Wunderlich! Das ist noch unbegreiflicher!« dachte Lewko
-bei sich.
-
-»Lies, lies!« sagte der Amtmann, »was schreibt denn der Kommissär da?«
-
-»Hören wir, was der Kommissär schreibt,« sprach der Branntweinbrenner,
-mit der Pfeife in den Zähnen, und schlug Feuer.
-
-Der Schreiber hüstelte und begann zu lesen:
-
-»Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir haben vernommen, daß
-du alter Tropf statt die alten Steuerschulden einzutreiben und die
-Ordnung in dem Dorfe aufrecht zu erhalten, närrisch geworden bist und
-Unzucht treibst ....«
-
-»Bei Gott!« unterbrach der Amtmann die Verlesung, »ich kann nichts
-hören!«
-
-Der Schreiber begann von neuem.
-
-»Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir vernehmen, daß du
-alter Tro....«
-
-»Halt, halt, es ist nicht nötig,« schrie der Amtmann, »ich habe zwar
-nichts gehört, aber ich weiß, daß die Hauptsache noch kommt. Lies
-schnell weiter!«
-
-»Infolgedessen tu ich dir den Befehl kund und zu wissen, deinen Sohn
-Lewko Makohonenko alsogleich mit der Kosakentochter aus Eurem Dorf,
-Hanna Petrytschenkowa, zu verehelichen, insgleichen auf der Landstraße
-die Brücke instand zu setzen und ferner die Gutspferde nicht den Herren
-vom Gericht zu geben, selbst dann nicht einmal, wenn sie von einer
-Kronsitzung kommen. So ich bei meiner Ankunft obige Verfügung nicht
-erfüllt finden sollte, wirst du allein zur Verantwortung gezogen.
-Kommissär und Leutnant außer Diensten Kosjma Dergatsch-Drischpanowski.«
-
-»So?« meinte der Amtmann mit offenem Munde. »Hört ihr, hört ihr, für
-alles macht man den Amtmann verantwortlich. Da heißt's gehorchen,
-gehorchen ohne Widerrede! Sonst, mit Verlaub zu sagen .... Und du,« fuhr
-er, zu Lewko gewandt, fort, »sollst auf Befehl des Kommissärs
-verheiratet werden -- wenn's mich auch sonderbar dünkt, wie er das wohl
-erfahren haben mag! Aber vorher sollst du noch die Nagaika zu kosten
-bekommen! Kennst du _die_, die bei mir neben dem Heiligenbilde an der
-Wand hängt? Ich werde sie mal morgen frisch in Gang bringen .... Wo hast
-du diesen Zettel her?«
-
-Trotz seines Staunens über diese unerwartete Wendung der Sache, war
-Lewko so vernünftig gewesen, sich im Kopfe eine Antwort zurecht zu legen
-und die Wahrheit, wie er zu dem Zettel gekommen war, zu verschweigen.
-
-»Ich war gestern abend noch in der Stadt,« sagte er, »und da begegnete
-ich dem Kommissär, der gerade aus seinem Wagen stieg. Als er erfuhr, daß
-ich aus unserem Dorfe stamme, gab er mir diesen Zettel da und hieß mich,
-dir mündlich ausrichten, er würde auf dem Rückwege bei uns zu Mittag
-essen, Vater.«
-
-»Hat er das gesagt?«
-
-»Ja, das hat er gesagt!«
-
-»Hört ihr's,« sprach der Amtmann, sich mit wichtiger Gebärde an seine
-Begleiter wendend, »der Kommissär kommt in eigner Person zu unsereinem,
-das heißt zu mir, zur Tafel. Oh ....« Dabei hob der Amtmann den einen
-Finger in die Höhe und gab seinem Kopf eine Haltung, als ob er auf etwas
-lausche. »Der Kommissär, hört ihr's, der _Kommissär_ kommt zu mir zu
-Tisch! Wie denkst du, Herr Schreiber, und du, Gevatter, ist das etwa
-eine kleine Ehre, wie?«
-
-»Noch nie hat, so viel ich mich besinne,« fiel hier der Schreiber ein,
-»je ein Amtmann einem Kommissär mit einer Mahlzeit aufgewartet.«
-
-»Es gibt eben Amtmänner und Amtmänner!« sprach der Amtmann mit
-selbstzufriedener Miene. Sein Mund verzog sich, und etwas wie ein
-dumpfes, heiseres Lachen, das mehr dem Grollen eines fernen Donners
-glich, kam über seine Lippen.
-
-»Wie denkst du, Herr Schreiber? Müßte man nicht eigentlich zu Ehren des
-hochgestellten Gastes den Befehl erlassen, daß jedes Haus wenigstens ein
-Hühnchen, ein bißchen Leinwand oder dergleichen spendet .... was? ....«
-
-»Ja, das müßte man eigentlich, das müßte man, Herr Amtmann!«
-
-»Und wann ist die Hochzeit, Vater?« fragte Lewko.
-
-»Die Hochzeit? Ich möchte dir schon eine Hochzeit zeigen! .... aber, dem
-hochgestellten Gaste zu Ehren .... Morgen soll euch der Pope trauen. Der
-Teufel mag euch holen! Der Kommissär soll sehen, was Pünktlichkeit ist!
-Nun aber, Kinder, geht zu Bett! Geht jetzt heim! .... Der heutige
-Vorfall hat mich an die Zeit erinnert, wo ich ....!«
-
-Bei diesen Worten blickte der Amtmann nach alter Gewohnheit würdig und
-bedeutungsvoll drein.
-
-»Jetzt wird der Amtmann zu erzählen anfangen, wie er die Zarin begleitet
-hat!« sagte Lewko, und eilte schnellen Schrittes zu dem wohlbekannten
-Häuschen, das von niedrigen Kirschbäumen umstanden war. »Gott schenke
-dir die ewige Seligkeit, schönes gutes Fräuleinchen!« dachte er sich.
-»Mögen dir in jener Welt alle heiligen Engel zulächeln! Niemand soll je
-aus meinem Munde von dem Wunder hören, das in dieser Nacht geschah. Nur
-dir allein, Hanna, will ich's erzählen, du allein wirst mir glauben und
-wirst mit mir für die Seele der unglücklichen Ertrunkenen beten!«
-
-Und er näherte sich dem Häuschen; das Fenster stand offen, die
-Mondstrahlen fielen durchs Fenster auf die schlafende Hanna, ihr Kopf
-lag auf den Arm gestützt, ihre Wangen glühten sanft, und ihre Lippen
-bewegten sich und sprachen halblaut seinen Namen. »Schlaf, mein
-schönstes Mädchen! Mögest du träumen von dem Herrlichsten, was es auf
-der Welt gibt; doch unser Erwachen soll noch herrlicher sein!«
-
-Er schlug ein Kreuz über sie, schloß das Fenster, entfernte sich leise,
-und wenige Augenblicke später schlief alles im Dorfe. Der Mond allein
-segelte voller Glanz und Wunder durch die unermeßlichen Fernen des
-prunkenden Himmels der Ukraine. In hehrer Feier webten die Höhen dort
-oben, und die Nacht, die göttliche Nacht glomm majestätisch ihrem Ende
-entgegen. Und auch die Erde lag so voll Schönheit da, in ihrem
-wundervollen Glanz von Silber; aber es war niemand mehr, der es genießen
-konnte; alles war in Schlaf versunken. Nur ab und zu wurde das Schweigen
-für einen Augenblick von Hundegebell unterbrochen, und noch lange tappte
-der betrunkene Kalenik durch die schlafenden Gassen herum und suchte
-sein Haus.
-
-
-
-
- Der verschwundene Brief
-
-
- Eine Sage
- Erzählt vom Küster der -- Kirche zu ***
-
-Ihr möchtet also, daß ich euch noch mehr vom Großvater erzähle? --
-Meinetwegen. Warum soll ich euch nicht mit einer Schnurre einen Spaß
-machen? O ihr Tage der Vergangenheit! Welche Freude und Lust überkommt
-doch das Herz, wenn man vernimmt, was vor langer, langer Zeit einmal in
-der Welt geschah, und niemand weiß mehr Jahr noch Tag. Und wenn erst so
-ein Alter aus unserer Verwandtschaft mit im Spiel ist, irgendein
-Großvater oder ein Urgroßvater, -- dann ist's ganz um mich geschehen:
-Ich will beim Lobsingen auf die heilige Märtyrerin Barbara den Schlucken
-kriegen, wenn es mir nicht immer so vorkommt, als ob ich das alles
-selbst durchgemacht hätte: gerad als wenn ich in des Großvaters Seele
-hineingekrochen wäre, oder als wenn die Seele des Großvaters in mir
-selbst rumorte .... Nein, aber am ärgsten sind die Mädels und die jungen
-Weiber dahinter her; kaum erblicken sie einen, gleich heißt es: »Foma
-Grigorjewitsch, Foma Grigorjewitsch! Schnell ein Märchen recht zum
-Gruseln, bitte, bitte, ein Märchen zum Gruseln ....!« Taratata --
-taratata! Und los geht es .... Warum sollt man ihnen auch nicht ein
-Märchen erzählen, aber paßt mal auf, was nachher mit ihnen im Bett
-geschieht. Ich weiß doch, daß jede unter der Decke zittert, als wenn sie
-das Fieber hätte, und am liebsten den Kopf unter den Pelz stecken
-möchte. Da braucht nur eine Ratte an einem Topf zu scharren, oder sie
-gerät selbst mit dem Fuß an den Feuerhaken, Gott bewahre, -- gleich
-fliegt die Seele bis in die Strümpfe. Am anderen Tage aber ist alles
-vergessen; und sie drängen einen von neuem: man soll ihnen doch nur ein
-recht grusliges Märchen erzählen! Was soll ich euch nun erzählen? Es
-fällt mir gerade nichts ein .... Ach ja, ich will euch das erzählen, wie
-die Hexen mit meinem seligen Großvater Schafskopf gespielt haben. Aber
-darum muß ich im Voraus bitten, meine Herren, bringt mich nicht aus dem
-Geleis, sonst giebt's so einen Brei, daß man sich schämen muß, ihn ins
-Maul zu nehmen. Also mein seliger Großvater war, wie ich euch bemerken
-muß, durchaus nicht einer von den gewöhnlichen Kosaken. Der verstand's,
-auf jeden Topf seinen Deckel zu setzen. An Feiertagen konnte er seine
-Apostel so herunterschnurren, daß sich auch jetzt noch mancher Popensohn
-vor ihm verstecken könnte. Na, und das wißt ihr ja selbst, wenn man in
-der damaligen Zeit die Schriftkundigen aus ganz Baturin zusammentrommeln
-wollte, da brauchte man nicht erst die Mützen bereitzuhalten, -- die
-offene Hand hätte schon vollständig genügt. Was Wunder, daß jeder, der
-am Großvater vorüberging, sich tief vor ihm verneigte.
-
-Eines Tages fiel es dem hochwohlgeborenen Herrn Hetman ein, aus
-irgendeinem Grunde ein Schreiben an die Zarin zu senden. Der damalige
-Regimentsschreiber (daß dich der Geier hole, ich kann mich nicht auf
-seinen Namen besinnen .... hieß er Wisrjak oder Motusotschka oder
-Goloputzek .... ich weiß nur, daß er einen sehr komischen Namen hatte,
-der ganz absonderlich anfing) er ließ also den Großvater zu sich kommen
-und sagte ihm: so und so, der Hetman wolle ihn als Kurier mit einem
-Briefe zu der Zarin senden. Mein Großvater liebte die langen
-Vorbereitungen nicht, nähte den Brief in die Mütze ein, führte sein
-Pferd aus dem Stall, schmatzte seine Frau und seine zwei Ferkelchen (wie
-er sie selbst nannte) -- einer von ihnen war mein leiblicher Vater --
-ordentlich ab, und hinter ihm erhob sich eine solche Staubwolke, als ob
-fünfzehn Jungen auf der Straße Schlagball spielten. Am andern Tage hatte
-der Hahn noch nicht zum vierten Male gekräht, als der Großvater schon in
-Konotop war. Dort war gerade Jahrmarkt; und es wimmelten so viel Leute
-auf den Straßen herum, daß es einem vor den Augen flimmerte. Weil es
-aber noch früh am Morgen war, so schlief alles lang hingestreckt auf der
-Erde. Neben einer Kuh lag ein versoffener Kerl mit einer roten Nase, der
-wie ein Gimpel aussah; etwas weiter schnarchte eine Händlerin im Sitzen
-mit Feuersteinen, Waschblau, Schrot und Brezeln; unter einem Wagen lag
-ein Zigeuner; auf einem andern Wagen mit Fischen ein Frachtfuhrmann,
-mitten auf dem Wege lag mit gespreizten Beinen ein bärtiger Moskowiter
-mit Gürteln und Däumlingen .... mit einem Wort: allerhand Pack, wie
-man's auf den Jahrmärkten trifft. Der Großvater machte Halt, um sich's
-anzusehen. Unterdessen aber wurde es nach und nach in den Buden
-lebendig: die Judenweiber begannen mit ihren Flaschen zu klappern; der
-Rauch stieg hie und da in Ringen empor, und ein Duft von heißen Buchteln
-zog übers ganze Lager. Da fiel es dem Großvater ein, daß er weder Zunder
-noch Tabak vorrätig hatte, und so fing er denn an, auf dem Jahrmarkt
-herumzustreichen. Er hatte noch keine zwanzig Schritt gemacht, da kommt
-ihm ein Saporoger entgegen. Ein Draufgänger, man sieht's ihm schon am
-Gesicht an! Glutrote Pluderhosen, ein blauer Schupan, ein grellbunter
-Gürtel, ein Säbel an der Seite und 'ne Pfeife mit einer Messingkette,
-die bis zu den Fersen reicht -- mit einem Wort, ein Saporoger vom Kopf
-bis zu den Füßen! Ist das ein Völkchen! Wie der so dasteht, sich reckt,
-sich den prächtigen Schnurrbart streicht, mit den Hufeisen klirrt -- und
-dann loslegt! Ja, sag' ich euch, wie der loslegt: Die Beine schwirren
-nur so hin und her wie eine Spindel in Weiberhänden; wie ein Wirbelwind
-saust seine Hand über alle Saiten der Harfe, er stemmt sie in die
-Hüften, schnellt in Kniebeugestellung die Beine von sich und stimmt ein
-jauchzendes Lied an -- daß einem die Seele erzittert! .... Ja diese
-Zeiten sind vorbei; jetzt gibt's keine Saporoger mehr! Ja, ja. Sie
-trafen sich also, machten Bekanntschaft, begannen miteinander zu
-schwatzen, und der Großvater hatte bald seine Reise vergessen. Es ging
-ein Saufen an wie auf 'ner Hochzeit vor den großen Fasten. Endlich aber
-kriegten sie's satt, Töpfe zu zerschmeißen und Geld unters Volk zu
-werfen, und dann kann man ja auch nicht ewig auf dem Jahrmarkt bleiben!
-So verabredeten sich denn die neuen Freunde, sie wollten sich nicht mehr
-trennen und den Weg zusammen zurücklegen. Es war schon gegen Abend, als
-sie sich aufmachten und ins freie Feld hinausritten, die Sonne war schon
-zur Ruhe gegangen und nur hie und da flammten dort, wo sie noch vor
-kurzem gestanden hatte, ein paar rötliche Streifen auf. Bunte Saatwiesen
-lagen ausgestreut da wie die Sonntagstücher schwarzbrauiger, junger
-Frauen. Unsern Saporoger packte ein schrecklicher Drang zum Schwatzen.
-Mein Großvater und noch ein anderer Kumpan, der sich zu ihnen gesellt
-hatte, fragten sich schon, ob er nicht vom Teufel besessen sei: Wo hatte
-er bloß all das Zeug her, all diese Geschichten und Mären so
-verwunderlicher Art, daß der Großvater sich die Seiten halten mußte, um
-nicht vor Lachen zu platzen. In der Steppe aber ward es immer düsterer,
-je weiter man kam, und die Reden des Braven wurden immer
-unzusammenhängender. Endlich aber verstummte unser Erzähler und fing
-beim leisesten Geräusch an zu zittern.
-
-»Hoho, Landsmann! Du scheinst mir die Eulen zu zählen! Du möchtest wohl
-heim, hinter den Ofen?«
-
-»Ich will nichts vor euch verbergen,« sprach er, sich auf einmal
-umwendend, und seine Augen blickten starr. »Wißt ihr, daß ich meine
-Seele schon lange an den Bösen verkauft habe?«
-
-»Ei potztausend! Wer hat nicht schon mit dem Bösen zu tun gehabt? In
-solchen Fällen ist's das Beste, man ist lustig und geht lumpen.«
-
-»O je, Jungens, lumpen möcht ich schon gern, aber heut ist mein Termin!
-O je, Brüder!« sprach er und schüttelte ihnen kräftig die Hände. »O je,
-gebt mich nicht preis, schlaft nur diese eine Nacht nicht! Mein Lebtage
-will ich eure Freundschaft nicht vergessen!«
-
-Warum sollte man einem Menschen in so einem Unglück nicht beistehen? Der
-Großvater erklärte glattweg, er würde sich eher sein Kosakenhaar vom
-eignen Kopf scheren, als den Teufel mit seiner Hundeschnauze eine
-christliche Seele beschnüffeln lassen. Unsere Kosaken wären vielleicht
-noch weiter geritten, wenn nicht die Nacht den ganzen Himmel umwoben
-hätte, wie ein schwarzes dichtes Netz; im Feld war es so dunkel geworden
-wie unter einem Schafspelz. Nur von ferne blinkte ihnen ein Lichtschein
-entgegen, und die Pferde, die die nahe Krippe ahnten, sputeten sich, und
-starrten mit gespitzten Ohren in die Finsternis. Der Lichtschein schien
-ihnen entgegen zu eilen, und vor den Kosaken tauchte eine Schänke auf,
-die ganz morsch und auf die Seite geneigt war, wie ein Frauenzimmer, das
-von einer fröhlichen Taufe heimgeht. Zu jener Zeit war eine Schänke
-etwas ganz anderes wie heutzutage. Nicht nur, daß man nicht ordentlich
-losgehen und drinnen kein Tänzchen oder 'nen Hopser machen konnte, es
-gab nicht einmal Platz genug zum Hinlegen, wenn einen ein Rausch
-überkommen hatte, und die Füße von selbst anfingen, Zeichen in die Luft
-zu schreiben. Der Hof war mit Frachtfuhren vollgepfropft; in den
-Scheuern und den Krippen und auf dem Flur lagen Leute: der eine
-zusammengekrümmt, ein anderer lang ausgestreckt, und schnarchten wie die
-Kater. Nur der Wirt saß vorm Lämpchen und schnitt Kerben in einen Stock,
-um sich's zu merken, wieviel Viertel und Achtel die Fuhrleute
-ausgepfiffen hätten. Der Großvater bestellte ein drittel Eimer für drei
-Mann, ging in die Scheune, und alle drei legten sich nebeneinander
-nieder. Kaum aber hatte er sich auf die Seite gelegt, als er merkte, daß
-seine Landsleute schon in einen wahren Totenschlaf versunken waren. Der
-Großvater weckte den dritten Kosaken, der zu ihnen gestoßen war, und
-erinnerte ihn an das Versprechen, das sie ihrem Kameraden gegeben
-hatten. Jener richtete sich ein wenig auf, rieb sich die Augen und
-schlief wieder ein. Es war nichts zu machen, er mußte also allein Wache
-halten. Um den Schlaf zu verscheuchen, besah er sich alle Wagen,
-beguckte die Pferde, steckte sich eine Pfeife an, kam wieder zurück und
-setzte sich neben die Seinen. Alles war so still, daß man eine Fliege
-hätte hören können. Auf einmal war es ihm, als wenn ihm ganz in der
-Nähe, hinter einem Wagen, etwas Graues die Hörner zeigte .... Seine
-Augen begannen zuzufallen, und er mußte sie jeden Augenblick mit den
-Fäusten wach reiben und mit dem Rest vom Schnapse waschen. Kaum aber
-konnten sie wieder scharf blicken, da war alles wieder verschwunden.
-Nach einer kleinen Weile zeigte sich das Ungetüm von neuem hinterm Wagen
-.... Der Großvater riß die Augen auf, so weit er konnte; aber die
-verdammte Schlaftrunkenheit umnebelte alles vor ihm, seine Hände wurden
-steif, der Kopf sank hintenüber, und ein fester Schlaf übermannte ihn,
-so daß er hinfiel wie ein Toter. Der Großvater mußte wohl recht lange
-geschlafen haben, denn erst als die Sonne ihm tüchtig auf den Schädel
-brannte, sprang er auf die Beine. Er räkelte sich, kratzte sich den
-Rücken und merkte, daß schon nicht mehr so viele Wagen dastanden wie
-gestern. Die Fuhrleute waren also bereits vor Tagesanbruch davon
-gefahren. Was jedoch seine Leute anging, so schlief der Kosak noch, der
-Saporoger aber war weg. Er fragte herum, aber niemand wußte was. Nur
-sein Kittel lag noch auf demselben Platze. Mein Großvater wurde von
-Angst ergriffen und fing an zu grübeln. Er sah nach den Pferden -- sie
-waren fort, sowohl seins, wie das des Saporogers! Was hatte das zu
-bedeuten? Gesetzt, der Gottseibeiuns hatte den Saporoger geholt, wer
-aber hatte die Pferde mitgenommen?
-
-Nach reiflicher Überlegung kam der Großvater zum Schluß, daß der Teufel
-sicherlich zu Fuß herbeigelaufen sei; und da es gar weit bis zur Hölle
-wäre, hatte er das Pferd gestohlen. Es schmerzte ihn sehr, daß er sein
-Kosakenwort nicht gehalten hatte. »Nun,« dachte er, »da ist nichts zu
-machen. Ich gehe zu Fuß; am Ende treff' ich unterwegs einen
-Pferdehändler, der vom Jahrmarkt zurückkehrt, und dann kaufe ich mir bei
-dem ein Pferd.« Wie er aber nach der Mütze griff, war auch die Mütze
-fort. Da schlug mein seliger Großvater die Hände überm Kopf zusammen,
-denn er erinnerte sich, daß er ja gestern mit dem Saporoger die Mützen
-getauscht hatte! Wer konnte also wohl sonst der Dieb sein, wenn nicht
-der Unreine! Na, das war eine schöne Hetmans-Post! Da hatte er den Brief
-an die Zarin! Und der Großvater begann den Teufel mit solchen Namen zu
-traktieren, daß es dem in seiner Hölle wohl mehr als einmal in den Ohren
-klingen mochte. Aber alles Schimpfen hilft wenig, und so viel sich der
-Großvater auch den Kopf kratzte, es wollte ihm nichts einfallen. Was war
-da zu tun? Er suchte sich also eilig einen fremden Verstand zu borgen:
-sammelte all die guten Leute, die in der Schänke waren, die Fuhrleute
-und die anderen Reisenden, um sich und erzählte ihnen alles: so und so,
-und dies Malheur sei ihm geschehen. Die Fuhrleute saßen lange, das Kinn
-auf den Peitschenstiel gestützt, da, sannen nach, schüttelten die Köpfe
-und meinten, von so einem Wunder hätten sie wahrhaftig in Gottes
-getaufter Welt noch nie vernommen, daß ein Hetmans-Brief vom Teufel
-geholt worden sei. Andere fügten noch hinzu, wenn der Teufel oder ein
-Moskowiter etwas stibitzten, dann könne man hinterher nur noch drei
-Kreuze machen. Der Schankwirt allein saß schweigend in seinem Winkel.
-Der Großvater machte sich an ihn heran. Wenn ein Mensch schweigt, so
-bedeutet das, er hat's dick hinter den Ohren. Aber der Wirt war sehr
-wortkarg, und hätte der Großvater nicht fünf Gulden aus der Tasche
-geholt, so hätte er bis an sein Lebensende vor ihm stehen können.
-
-»Ich will's dir sagen, wie du wieder zu deinem Briefe kommen kannst,«
-sprach er endlich und führte ihn auf die Seite. Dem Großvater wurde
-bedeutend leichter ums Herz. »Ich sehe dir's an deinen Augen an, daß du
-kein Weib bist, Kosak! Gib acht: unweit von der Schänke führt ein Pfad
-rechts nach dem Walde. Sobald die Dämmerung sich über's Feld senkt, sei
-bereit. Im Walde da leben Zigeuner. Die kommen dann in solchen Nächten,
-wo sich keine Menschenseele zeigt, und nur die Hexen auf ihren
-Ofengabeln reiten, aus ihren Höhlen gekrochen, um Eisen zu schmieden.
-Was sie aber in Wahrheit treiben und womit sie handeln, das braucht dich
-nicht zu kümmern. Da wird's im Wald ein gewaltiges Getöse geben. Aber
-geh du nicht dahin, woher der Lärm kommt; ein enger Pfad wird vor dir
-liegen, der an einem verkohlten Baumstamm vorbeiführt: auf diesem Wege
-geh' weiter und immer weiter .... die Dornen werden dich stechen, und
-dichtes Gestrüpp versperrt dir den Weg, -- aber geh du nur immer weiter!
-Erst wenn du an einen kleinen Bach kommst, dann darfst du Halt machen.
-Dort wirst du finden, was du brauchst. Doch vergiß ja nicht, deine
-Taschen damit zu füllen, wofür die Taschen gemacht sind .... Du
-verstehst mich, diese Ware lieben die Teufel nicht weniger als die
-Menschen!« Nach diesen Worten zog sich der Wirt in seinen Verschlag
-zurück und wollte nichts weiter sagen.
-
-Mein Großvater seligen Angedenkens war ein Mann, der sich nicht so
-leicht ins Bockshorn jagen ließ; wenn er einem Wolf begegnete, so packte
-er ihn stracks am Schwanze; und machte er mal mit seinen Fäusten einen
-Gang durch die Kosaken, so sanken sie zu Boden, wie Birnen, die man vom
-Baum schüttelt. Als er aber in der stockfinsteren Nacht in den Wald kam,
-da überlief's ihn denn doch kalt. Kein Sternchen stand am Himmel und es
-herrschte eine düstere Finsternis, wie in einem Weinkeller; nur ganz
-hoch oben über dem Kopfe, da hörte man den kalten Wind durch die
-Baumwipfel streichen, und die Bäume wackelten wie berauschte
-Kosakenköpfe und die Blätter flüsterten sich trunkene Reden zu. Auf
-einmal wehte eine solche Kälte daher, daß der Großvater an seinen
-Schafpelz denken mußte; und plötzlich fing's an zu hämmern, wie wenn
-hundert Hämmer herunterfielen, und es ging so ein Riesenlärm durch den
-Wald, daß es ihm fürchterlich im Kopfe dröhnte. Der ganze Wald wurde auf
-einen Augenblick ganz hell wie bei einem Wetterleuchten. Der Großvater
-erspähte sogleich den Pfad, der zwischen niedrigem Gebüsch dahinführte:
-da war auch der verkohlte Baumstamm und das Dornendickicht! Alles genau
-so, wie's ihm gesagt worden war. Nein, der Schankwirt hatte ihn nicht
-betrogen. Aber besonders heiter war es doch nicht, sich durch das
-dastehende Gestrüpp hindurcharbeiten zu müssen. Sein Lebtag hatte er
-noch nie gespürt, daß die verfluchten Äste und Dornen so schmerzhaft
-stechen können: fast bei jedem Schritte wollte er aufschreien.
-
-Nach und nach hatte er sich auf einen freien Platz hinausgewunden. Er
-gewahrte, daß die Bäume seltener wurden, und als er weiter zusah, da
-waren sie so dick, wie er's nicht einmal jenseits vom Königreich Polen
-gesehen hatte. Bald schimmerte auch das Bächlein zwischen den Bäumen
-auf: schwarz wie eine Damaszener Klinge. Lange stand der Großvater am
-Ufer und spähte nach allen Seiten aus. Am anderen Ufer brennt ein Feuer.
-Schon will es erlöschen, da fällt sein Wiederschein aufs neue ins
-Bächlein, das aufzuckt wie ein polnischer Schlachziz unter einer groben
-Kosakenfaust. Da ist auch eine winzige Brücke! »Da drüber kann doch
-höchstens ein Teufelswägelchen fahren!« dachte der Großvater, aber er
-betrat sie schnell, und schneller noch als mancher die Dose aus der
-Tasche holt, um eine Prise zu nehmen, war er am anderen Ufer. Jetzt erst
-nahm er wahr, daß Leute am Feuer saßen; aber die hatten solche garstige
-Fratzen, daß er zu andern Zeiten Gott weiß was drum gegeben hätte, ihrer
-Bekanntschaft entgehen zu dürfen. Jetzt aber war ihm nicht zu helfen: Er
-mußte schon mit ihnen anbändeln. Der Großvater verneigte sich tief bis
-zur Erde vor ihnen. »Grüß Gott, gute Leute!« Aber auch nicht einer
-nickte mit dem Kopfe: sie saßen stumm da, schwiegen und streuten etwas
-ins Feuer. Da der Großvater fand, daß noch ein Platz frei war, so setzte
-er sich denn ohne weitere Umschweife. Die widerlichen Fratzen sprachen
-nichts, und auch der Großvater sagte nichts. Lange saßen sie schweigend
-so da, und der Großvater bekam die Sache schon satt; er griff in die
-Tasche, zog die Pfeife raus, blickte um sich -- aber keiner sah nach ihm
-hin. »Wollten Euer Gnaden mit Verlaub die hohe Güte haben, sozusagen«
-.... (Mein Großvater war ein vielerfahrener Mann, er verstand es, am
-rechten Fleck ein höfliches Wörtlein anzubringen; selbst vor dem Zaren
-hätte er, wenn's drauf ankam, in Ehren bestehen können.) ....
-»sozusagen, um weder von mir, noch von euch zu schweigen: ein Pfeifchen
-hab' ich wohl, aber wo soll ich Feuer herkriegen?« Auch auf diese Rede
-erfolgte keine Antwort. Nur eine von den Mißgestalten ergriff ein
-brennendes Holzscheit und stieß es dem Großvater geradewegs gegen die
-Stirn, und wenn er nicht etwas zurückgefahren wäre, hätte er auf ewig
-von seinem einen Auge Abschied nehmen müssen. Als er endlich sah, daß
-die Zeit unnütz verrann, beschloß er -- ob's die unreine Brut nun
-anhören wollte oder nicht -- ihnen seine Sache zu erzählen. Jene
-spitzten die Ohren und streckten die Pfoten vor. Der Großvater begriff,
-was sie wollten; nahm sein ganzes Geld und warf es mitten vor sie hin,
-wie man Hunden etwas vorwirft. Kaum hatte er das Geld hingeschmissen, da
-schien alles vor ihm durcheinanderzugehen, die Erde erzitterte, und er
-geriet -- _wie_, das konnte er selbst nicht erzählen -- schier in die
-Hölle. »Mein Gott!« schrie der Großvater auf, als er sich wieder umsah.
-Was für Ungeheuer! Fratze neben Fratze! Da gab's Hexen in so ungeheuerer
-Menge, wie die Schneeflocken, die zuweilen auf Weihnachten fallen, und
-alle so aufgeputzt und angemalt, wie die Fräulein auf dem Jahrmarkt. Sie
-alle begannen, soviel ihrer da waren, einen teuflischen Hopser zu
-tanzen. Der Staub wirbelte in die Höhe, -- Gott bewahr, welch ein Staub!
-Einen ehrlich getauften Menschen hätte ein Zittern erfassen müssen, wenn
-er gesehen hätte, wie hoch diese Teufelsbrut sprang. Aber den Großvater
-überkam, trotz seiner Angst, ein Lachen, als er sah, wie die Teufel mit
-ihren Hundeschnauzen zierliche Schritte machten und mit wedelnden
-Schweifchen um die Hexen herumscharwenzelten, wie junge Burschen um die
-hübschen Mädchen; und die Musikanten paukten auf ihren eignen Backen
-herum wie auf Trommeln, und pfiffen durch die Nasen wie auf Flöten. Kaum
-aber hatten sie den Großvater erblickt, da stürzten sie sich wie ein
-ganzes Heer auf ihn: Schweinemäuler, Hundemäuler, Bocksmäuler,
-Gänsemäuler, Pferdemäuler -- sie alle reckten sich vor und wollten,
-kam's wie's kam, von ihm geküßt werden. Der Großvater mußte ausspucken,
-so ein Ekel überkam ihn! Endlich aber wurde er gepackt und an einen
-Tisch gesetzt, der vielleicht so lang war, wie der Weg von Konotop nach
-Baturin. »Na, das ist wenigstens nicht übel,« dachte der Großvater, als
-er Schweinefleisch, Würste, Kohl mit Zwiebeln und noch viele andere
-Leckerbissen auf dem Tische stehen sah. »Das Satanspack hält wohl die
-Fasten nicht!« Der Großvater ließ die Gelegenheit, einen guten Bissen zu
-nehmen, nie außer acht. Er hatte stets Appetit, und darum rückte er ohne
-viel Federlesens die Schüssel mit dem angeschnittenen Speck und einen
-Schinken zu sich heran, ergriff eine Gabel, die nicht viel kleiner war
-als die Gabeln, mit denen die Bauern Heu aufladen, spießte ein riesiges
-Stück Fleisch auf, nahm noch ein mächtiges Stück Brot dazu und schob es
-geradewegs in -- einen fremden Mund, der eben neben seinen Ohren
-aufgetaucht war, er hörte sogar noch, wie das Maul kaute und über den
-ganzen Tisch hin mit den Zähnen klapperte. Der Großvater muckste nicht,
-gabelte ein anderes Stück auf, und schon glaubte er es auf seinen Lippen
-zu spüren, aber da geriet es wieder in einen fremden Rachen. Er
-versuchte es ein drittes Mal -- und wieder traf er vorbei. Der Großvater
-raste vor Wut. Er vergaß all seine Angst und in wessen Händen er sich
-befand, und sprang auf die Hexen los: »Was, ihr Herodesbrut, ihr! wollt
-ihr euch vielleicht über mich lustig machen? Wenn ihr mir nicht auf der
-Stelle meine Kosakenmütze herausgebt, so will ich ein Römling sein, wenn
-ich euch nicht die Schweineschnauzen auf den Nacken drehe!« Noch hatte
-er die letzten Worte nicht ausgesprochen, als alle Ungeheuer die Zähne
-zu fletschen begannen und ein solches Gelächter aufschlugen, daß dem
-Großvater die Seele zu Eis erstarrte.
-
-»Gut!« winselte eine der Hexen, die der Großvater für das Oberhaupt der
-anderen hielt, denn ihr Lärvchen war vielleicht noch wundervoller als
-die Fratzen der anderen. »Die Mütze wollen wir dir geben, aber nicht
-eher, als bis du dreimal mit uns _Schafskopf_ gespielt hast.«
-
-Was war da zu machen? Soll etwa ein Kosak mit Weibern zusammen sitzen
-und Schafskopf spielen? Der Großvater weigerte und weigerte sich immer
-wieder. Endlich aber ließ er sich doch dazu herbei. Man brachte Karten,
-und zwar so schmierige wie die, aus denen sich bei uns die Popentöchter
-wahrsagen, wenn sie wissen wollen, was für Bräutigams sie bekommen
-werden.
-
-»Hör'!« bellte die Hexe wieder los, »wenn du auch nur ein einziges Mal
-gewinnst, so ist die Mütze dein. Wenn du aber alle dreimal Schafskopf
-bleibst, so nimm's mir nicht übel, dann wirst du nicht bloß deine Mütze,
-sondern vielleicht auch die Welt nie mehr wiedersehen!«
-
-»Gib her, alte Vettel! Komme, was kommen mag!«
-
-Die Karten wurden verteilt und der Großvater nahm die seinen in die
-Hände. Nicht hinblicken mochte er auf den Schund! wenn auch bloß zum
-Scherz nur ein einziger Trumpf darunter gewesen wäre! Bei _einer_ Farbe
-war die _Zehn_ schon der höchste Stich, und nicht einmal ein Paar hatte
-er; die Hexe aber spielte immer Fünfer aus. So blieb er denn Schafskopf!
-
-Kaum war der Großvater Schafskopf geworden, so begannen die Mäuler von
-allen Seiten zu wiehern, zu bellen und zu grunzen: »Schafskopf,
-Schafskopf, Schafskopf!«
-
-»Mögt ihr doch platzen, ihr Satansbrut!« schrie der Großvater und
-stopfte sich mit dem Finger die Ohren zu. »Na,« denkt er, »die Hexe hat
-wohl falsch gemischt! Jetzt werde _ich_ mal mischen!« Er gab also die
-Karten, sagte Trumpf an und blickte in die Karten: waren das großartige
-Karten, auch Trümpfe waren dabei! Zuerst ging die Sache, wie's nicht
-besser gehen konnte; aber die Hexe hatte eine Fünf und alle Könige! Der
-Großvater jedoch hatte lauter Trümpfe in Händen! Ohne da groß zu
-überlegen, deckte er, bumms, alle Könige mit Trümpfen!
-
-»Oho, das ist nicht Kosakenart! Womit deckst du denn da, Nachbar?«
-
-»Was da -- womit? Mit Trümpfen natürlich!«
-
-»Das sind vielleicht bei euch Trümpfe, bei uns aber nicht!«
-
-Sieh mal an -- es war in der Tat nur eine einfache Farbe. So eine
-hundsföttische Zauberei! Er mußte zum zweitenmal Schafskopf werden, und
-das Teufelspack brüllte von neuem: »Schafskopf, Schafskopf!« so daß der
-Tisch wackelte und die Karten auf dem Tische herumhüpften. Der Großvater
-geriet in Hitze; er gab zum letzten Male Karten. Wieder ging es schlecht
-und recht. Die Hexe spielte wieder eine Fünf aus; der Großvater deckte
-sie und kaufte eine ganze Hand voll Trümpfe.
-
-»Trumpf!« schrie er und schlug mit der Karte so mächtig auf den Tisch,
-daß sie sich krumm bog. Jene deckte, ohne ein Wort zu sagen, mit einer
-Acht. »Und womit stichst du, alter Teufel?« Die Hexe hob die Karte auf,
-unter der eine einfache Sechs lag. »Ach verdammtes Satansgeflunker!«
-rief der Großvater und schlug vor Ärger aus aller Leibeskraft mit der
-Faust auf den Tisch. Ein wahres Glück, daß die Hexe schlechte Karten
-hatte; der Großvater hatte wie zu Fleiß lauter Paare in seiner Hand. Er
-begann zu kaufen, aber er war schon mit seiner Kraft zu Ende: er bekam
-so schlechte Karten, daß er die Hände sinken ließ. Es gab keine Karten
-mehr zu kaufen und nun ging er schon, ohne viel hineinzublicken, mit
-einer einfachen Sechs los. Die Hexe nahm sie auf. »Da hast du die
-Bescherung! Was sollte das bedeuten? Oho, da stimmt sicher etwas nicht!«
-Der Großvater nahm also heimlich die Karten unter den Tisch und schlug
-ein Kreuz über sie; und auf einmal hatte er Trumpf-Aß, Trumpf-König und
-Trumpf-Bube in Händen, und statt seiner Sechs hatte er Dame gespielt.
-»Ein schöner Narr bin ich gewesen,« dachte er sich. -- »Trumpf-König!
-Was? Hast du das? Du Katzenbrut! Willst du vielleicht ein Aß? Ein Aß!
-einen Buben! ....« Ein donnerndes Dröhnen rollte durch die ganze Hölle;
-die Hexe verfiel in Krämpfe, und auf einmal flog dem Großvater --
-patsch! -- die Mütze ins Gesicht. »Nein, das ist zu wenig!« schrie der
-Großvater schon viel dreister, als er erst seine Mütze aufgesetzt hatte.
-»Wenn nicht mein braves Pferd auf der Stelle vor mir erscheint, so soll
-mich an diesem unreinen Ort gleich der Donner treffen, oder ich schlage
-wahrhaftig das heilige Kreuz über euch alle!« Und schon erhob er die
-Hand, als er auf einmal Pferdeknochen vor sich klappern hörte.
-
-»Da hast du dein Pferd!«
-
-Der Ärmste brach bei diesem Anblick in Tränen aus, wie ein törichtes
-Kind. Schade um den alten Freund! »Gebt mir nur irgend ein Pferd, damit
-ich aus eurem Nest herauskomme!« Der Teufel knallte mit seiner
-Hetzpeitsche, -- ein Pferd sauste wie ein Feuer unter dem Großvater
-herauf, und er flog wie ein Vogel in die Höhe. Aber mitten im wilden
-Ritt ergriff ihn eine mächtige Angst, als das Pferd ohne auf seine Rufe
-oder auf die Zügel zu achten, über Gräben und Sümpfe dahinjagte. An was
-für Orten war er damals nicht überall gewesen! schon beim bloßen
-Erzählen überkam ihn ein Zittern. Er blickte vor sich hinab und
-erschrak: vor ihm lag ein Abgrund, eine furchtbare Schlucht! Doch das
-Satansvieh machte sich nichts daraus und setzt einfach drüber weg! Der
-Großvater wollte sich festhalten, aber es gelang ihm nicht. Hals über
-Kopf, durch Gestrüpp und über Felsen flog er hinab in den Schlund und
-prallte tief unten am Grunde so gewaltig auf, daß ihm der Atem verging.
-Wenigstens konnte er sich später auf nichts mehr besinnen, was damals
-mit ihm vorgegangen war; und als er wieder zu sich kam und sich umsah,
-da war es schon ganz hell geworden. Vor ihm schimmerte eine wohlbekannte
-Gegend, und er lag auf dem Dache seines eigenen Hauses.
-
-Als der Großvater heruntergeklettert war, schlug er ein Kreuz.
-»Teufelszeug! Was zum Henker einem Menschen nicht für Wunderdinge
-widerfahren können!« Er sah seine Hände an. Sie waren voll Blut; er sah
-in das vor ihm stehende Wasserfaß -- auch sein Gesicht war voller Blut.
-Er wusch sich gründlich, um die Kinder nicht zu erschrecken, trat leisen
-Schrittes in die Stube, und was sieht er da? Die Kinder gehen rücklings
-auf ihn zu, strecken die Finger aus und sagen: »Sieh doch, sieh -- die
-Mutter springt herum wie verrückt!« Und wahrhaftig: sein Weib sitzt
-eingeschlafen vorm Spinnrocken, hält die Spindel in der Hand und hüpft
-im Schlaf auf der Bank hoch und nieder. Der Großvater nahm sie sanft bei
-der Hand und weckte sie. »Grüß Gott, Frau, bist du auch ganz wohl?« Jene
-starrte ihn lange an. Endlich erkannte sie den Großvater und erzählte,
-sie habe geträumt, der Ofen sei in der Stube herumgefahren, habe mit der
-Schaufel alle Töpfe und Schüsseln hinausgejagt ... und der Teufel weiß,
-was noch alles! »Na ja,« sagte der Großvater, »dein Traum war meine
-Wirklichkeit, ich sehe schon, man muß unser Haus mit Weihwasser
-besprengen -- aber jetzt darf ich keine Zeit mehr verlieren.« So sprach
-der Großvater, und als er sich etwas ausgeruht hatte, holte er das Pferd
-und machte nicht eher Halt, weder bei Tag noch bei Nacht, als bis er
-sein Ziel erreicht und der Zarin selbst den Brief übergeben hatte. Da
-bekam der Großvater solche Wunderdinge zu sehen, daß er noch lange
-nachher davon erzählen konnte: wie er in ein Schloß geführt wurde,
-welches so hoch war, daß man zehn Häuser hätte übereinander bauen
-können, und es hätte noch nicht gereicht; wie er in ein Gemach
-hineinblickte -- die Zarin war nicht drin, -- dann in ein zweites --
-auch da war sie nicht, in ein drittes -- auch da nicht, -- in ein
-viertes -- sie war immer noch nicht da. Erst im fünften Zimmer saß sie
-selbst, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, in einem grauen,
-funkelnagelneuen Kittel und mit roten Stiefelchen, und aß goldene
-Knödel. Sie ließ ihm die ganze Mütze mit blauen Scheinen vollstopfen,
-und ihm .... aber man kann sich doch nicht an alles erinnern! Der
-Großvater hatte sogar die Plackerei mit den Teufeln ganz vergessen, und
-wenn es geschah, daß ihn jemand daran erinnerte, so schwieg er, als
-ginge ihn das nichts an, und es kostete gar viele Mühe, ihn so weit zu
-bringen, daß er's erzählte. Aber wohl zur Strafe dafür, daß er damals
-das Haus nicht sofort mit Weihwasser besprengt hatte, widerfuhr der Frau
-jedes Jahr, und zwar immer um dieselbe Zeit, das Wunder, daß sie immerzu
-tanzen wollte. Was sie auch beginnen mochte, die Beine taten das ihrige
-und zwangen sie förmlich, ein Tänzchen aufzuführen.
-
-Ende des ersten Teils.
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- Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.
- Zweiter Teil
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- Vorrede
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-
-Hier habt ihr das zweite Büchlein, oder richtiger gesagt, das letzte.
-Erst wollt' ich's ja nicht, nein, ich wollt' es ganz und gar nicht
-herausgeben. Wahrhaftig, man muß auch mal 'nen Schlußpunkt setzen
-können. Und ich kann euch nur mitteilen: auf dem Vorwerk fängt man schon
-an, über mich zu lachen. »Sieh mal einer an!« sagt man, »der alte Toback
-ist ja schon ganz närrisch: der amüsiert sich auf seine alten Tage noch
-mit Spielereien!« Ja wirklich, 's wäre doch längst Zeit, zur Ruhe zu
-gehen. Ihr, lieben Leser, glaubt natürlich, ich tue nur so, als ob ich
-schon so alt sei. Ach du lieber Gott, was heißt da Verstellung, wenn
-einem kein Zahn mehr im Munde sitzt! Was Weiches kann ich ja noch
-irgendwie kauen, aber Hartes kann ich nun schon gar nicht mehr beißen.
-Hier habt ihr also noch ein Büchlein! Bloß eins, aber schimpft nicht! 's
-ist nicht recht, beim Abschied zu schimpfen, besonders auf einen
-Menschen, den man Gott weiß wann wiedersieht. In diesem Büchlein werdet
-ihr Erzähler zu hören bekommen, die euch fast alle unbekannt sind,
-ausgenommen etwa Foma Grigorjewitsch. Was aber jenes erbsengraue
-Herrchen angeht, das immer so verblümt zu erzählen pflegte, so daß ihn
-selbst irgend so ein pfiffiger Moskowiter nicht recht verstehen konnte,
--- der ist schon lange nicht mehr da. Erst hat er sich gründlich mit uns
-allen verkracht, und dann ließ er sich überhaupt nicht mehr blicken. Ja,
-hab' ich euch denn diesen Fall nicht erzählt? Hört doch nur, es war
-wirklich eine höchst possierliche Geschichte. Im vorigen Jahr, es war
-gegen Anfang des Sommers, -- ich glaube beinahe am Namenstage meines
-Schutzheiligen, -- kamen einige Gäste zu mir .... (Das muß ich euch
-sagen, lieben Leser; meine Landsleute -- Gott schenke ihnen ein langes
-Leben und eine gute Gesundheit -- haben mich alten Mann nicht vergessen.
-Es geht schon ins fünfzigste Jahr, daß ich mich auf meinen Namenstag
-besinne; aber wie alt ich nun genau bin, das kann weder _ich_ euch
-sagen, noch meine Alte. Wahrscheinlich so gegen siebzig. Der Pope von
-Dikanka, Vater Charlampi, hat's gewußt, wann ich geboren bin; aber
-leider sind's schon fünfzig Jahr, daß er tot ist.) Also es kamen Gäste
-zu mir: Sachar Kirilowitsch Tschuchopupenko, Stepan Iwanowitsch
-Kurotschka, Taras Iwanowitsch Smatschnenjki, und der Assessor Charlampi
-Kirilowitsch Chlosta; dann war noch .... sieh mal einer an, da hab' ich
-doch wahrhaftig seinen Vor- und Zunamen vergessen .... Ossip .... Ossip
-.... mein Gott, ganz Mirgorod kennt ihn ja! Wenn er redet, schnippt er
-zuerst mit den Fingern, und dann stemmt er die Hände in die Hüften ....
-Na, Gott helf' ihm! 's wird mir ein andermal einfallen. Ferner war auch
-der euch schon bekannte junge Herr aus Poltawa gekommen; Foma
-Grigorjewitsch rechne ich übrigens nicht mit; der gehört schon zur
-Familie. Man kam ins Gespräch (ich muß schon wieder was einschalten! Bei
-uns wird nämlich nie Firlefanz geredet: ich kann nur höchst anständige
-Gespräche leiden, damit, wie man so zu sagen pflegt, zugleich dem
-Vergnügen, und der Erbauung Genüge geschieht). -- Man kam also ins
-Gespräch darüber, wie man wohl am besten Äpfel einlegt. Meine Alte
-sagte, man müsse die Äpfel zuerst gut waschen, dann in Sauerbier
-einweichen, und dann erst .... »Aber kein Gedanke!« fiel das Herrchen
-aus Poltawa ein, schob die Hand in seinen erbsengrauen Kaftan und
-stolzierte würdevoll im Zimmer auf und ab. »Aber kein Gedanke! Erst muß
-man Minze auf sie streuen, und dann erst ....« Ich muß _euch_ zu Zeugen
-aufrufen, liebe Leser, sagt mal ganz ehrlich: habt ihr je gehört, daß
-man Minze auf die Äpfel streut? Freilich legt man Johannisbeerblätter,
-Nagelkraut und Kleeblatt hinein, aber daß man Minze einlegte .... nein,
-das habe ich noch nie gehört. Besser als meine Alte weiß wohl niemand
-Bescheid mit solchen Sachen. Seht, nun sagt ihr's selbst! Ich führte ihn
-also, als honetten Menschen, ein wenig zur Seite und sagte: »Höre, Makar
-Nasarowitsch, treib doch keine Narrenspossen! Du bist doch ein feiner
-Herr: hast doch, wie du selber sagst, einmal am Gouverneurstische mit
-gegessen. Wenn du da so etwas sagst, da werden dich ja alle auslachen!«
-Und was glaubt ihr nun, hat er drauf gesagt? -- Nichts! Er hat auf den
-Boden gespuckt, hat seine Mütze genommen und ist gegangen. Nicht einmal
-Abschied hat er von irgendeinem genommen, ja nicht einmal jemandem
-zugenickt; wir hörten bloß, wie sein Wägelchen mit den Schellen am Tore
-vorfuhr; und schon saß er drin und fuhr davon. Na, um so besser! Solche
-Gäste können wir nicht brauchen! Ich will euch nur sagen, meine lieben
-Leser, es gibt gar nichts Schlimmeres auf der Welt, als diese Ritter vom
-hohen Roß. Weil sein Ohm mal Kommissär war, muß er drum die Nase
-rümpfen? Als ob Kommissär schon so ein Rang wäre, daß es gar nichts
-Höheres auf der Welt gibt! Gott sei Dank, es gibt noch höhere Tiere, als
-so ein Kommissär. Nein, diese Vornehmtuerei kann ich nicht ausstehen!
-Nehmt doch zum Beispiel Foma Grigorjewitsch; das ist doch kein feiner
-Herr, aber seht ihn mal an: in seinem Gesicht glänzt stets eine gewisse
-Würde; sogar wenn er seinen gewöhnlichen Tabak schnupft, da hat man
-unwillkürlich Respekt. Und erst in der Kirche; wenn er da oben auf dem
-Chore steht und singt, -- da kommt es ordentlich wie Rührung über einen!
-Man möchte am liebsten vergehen! .... Aber jener .... na, Gott mit ihm!
-Der glaubt ganz gewiß, ohne seine Geschichten könne man gar nicht
-auskommen. Je nun, auch ohne ihn hat sich ein Büchelchen
-zusammengefunden.
-
-Ich habe euch, glaub' ich, versprochen, daß in diesem Büchlein auch ein
-Märchen von mir sein wird. Ich wollt' es auch wirklich so machen, aber
-da hab' ich gemerkt, daß man für meine Geschichte wenigstens drei
-solcher Büchelchen brauchte. Ich gedachte zuerst, es besonders drucken
-zu lassen, aber dann hab' ich mir's überlegt. Ich kenne euch ja: ihr
-werdet noch über mich alten Mann lachen. Nein, ich mag's nicht! Gehabt
-euch wohl! Wir sehen uns lange Zeit nicht wieder, oder vielleicht auch
-nie. Aber was ist daran gelegen? Euch kann's ja gleich sein, auch wenn
-ich gar nicht auf der Welt wäre. Ein Jahr wird dahingehn und noch eins
--- und ich bin sicher, niemand von euch besinnt sich mehr auf mich, oder
-denkt mit Bedauern an den alten Bienenzüchter
-
- _Rotfuchs Panjko_.
-
-
-
-
- Die Nacht vor dem Weihnachtsfest
-
-
-Der letzte Tag vor dem Weihnachtsfeste war verstrichen. Klar brach die
-Winternacht an, die Sterne schauten hervor, der Mond stieg majestätisch
-am Himmel empor, um allen guten Leuten und der ganzen Welt zu leuchten,
-damit allen fröhlich ums Herz sei, wenn nach dem Weihnachtsbrauch unter
-den Fenstern zu Christi Lob und Preis gesungen würde. Der Frost war noch
-schneidender als am Morgen; aber dafür war es so still, daß man das
-Knirschen des Schnees unter den Stiefeln eine halbe Werst weit hören
-konnte. Noch war unter keinem Fenster eine einzige Schar von Burschen zu
-sehen; allein der Mond blickte verstohlen durch die Scheiben, als wollte
-er den sich putzenden Mädchen zuwinken, sie sollten schneller
-hinauslaufen in den knisternden Schnee. Da wälzten sich dichte Ballen
-von Qualm aus dem Schornstein einer Hütte und stiegen wie eine Wolke zum
-Himmel auf, und zugleich mit dem Rauch ritt eine Hexe auf einem
-Besenstiel in die Höhe.
-
-Wenn in diesem Augenblick der Herr Assessor aus Sorotschintzy in einem
-mit Gutspferden bespannten Dreispänner vorbeigefahren wäre, die Mütze
-mit der Hammelfellborde, wie sie die Ulanen tragen, auf dem Kopf, in
-seinem blauen, mit schwarzem Lammfell gefütterten Pelz, und mit seinem
-Teufelsding, der geflochtenen Peitsche, mit der er gewöhnlich seinen
-Kutscher anfeuerte, so hätte er sie bestimmt gesehen; denn dem Assessor
-von Sorotschintzy kann keine Hexe entgehen. Er kann sich's nämlich von
-jedem Frauenzimmer an den Fingern abzählen, wieviel Ferkelchen ihre Sau
-wirft, wieviel Leinwand in ihrem Kasten liegt, und er weiß aufs
-Tüpfelchen, was ein wackerer Mann an einem Sonntag in der Schenke an
-Kleidern und Wirtschaftssachen versetzt. Aber der Assessor von
-Sorotschintzy kam nicht vorbeigefahren, und dann kümmerte er sich auch
-nicht um fremde Leute -- er hatte ja seinen eigenen Bezirk. Unterdessen
-aber stieg die Hexe so hoch empor, daß sie da oben nur noch wie ein
-schwarzes Pünktchen aussah. Aber wo dies Pünktchen sich zeigte, dort
-verschwand ein Stern nach dem andern vom Himmel. Bald hatte die Hexe
-einen ganzen Ärmel voll von ihnen heruntergeholt. Nur noch drei oder
-vier blinkten so herum. Auf einmal jedoch tauchte an der
-entgegengesetzten Seite ein andres Pünktchen auf, wurde immer größer,
-dehnte sich in die Breite, und bald war es kein Pünktchen mehr. Ein
-Kurzsichtiger hätte sogar statt einer Brille die Räder vom Wagen des
-Kommissärs auf die Nase setzen können, aber auch dann hätte er nicht
-genau erkennen können, was das für ein Ding war. Von vorne sah es sich
-ganz an wie ein Welscher: das spitzige Mäulchen, das sich fortwährend
-bewegte und alles und alle beschnüffelte, lief in ein rundes
-Fünfkopekenstück aus, wie bei unsren Schweinen; die Beine waren so dünn,
-daß sie auch dem Jereskower Amtmann, wenn er solche gehabt hätte, schon
-beim ersten Sprung im Kosakentanz gebrochen wären. Dafür aber war's von
-hinten ein waschechter Gouvernementsprokurator in Uniform, denn ihm
-baumelte ein Schwanz herunter, der so lang war und so spitz zulief wie
-die Schöße an den neumodischen Uniformen; höchstens aus dem Bocksbart
-unterm Maul, aus den kleinen Hörnerchen auf dem Kopfe und daraus, daß er
-nicht viel weißer war als ein Schornsteinfeger, konnte man erraten, daß
-das weder ein Kerl aus dem Auslande, noch ein Gouvernementsprokurator
-war, sondern ganz einfach der Teufel in eigener Person, für den die
-letzte Nacht gekommen war, wo er sich in Gottes weiter Welt umhertreiben
-und die guten Menschen zu allerlei Sünden verführen durfte. Denn morgen
-schon sollte er beim ersten Glockenschlage der Frühmesse mit
-eingezogenem Schwanz zur Hölle fahren.
-
-Indessen aber schlich sich der Teufel leise an den Mond heran und
-streckte die Hand aus, um nach ihm zu greifen; plötzlich jedoch riß er
-seine Hand zurück, als wenn er sich verbrannt hätte, sog an den
-Fingerspitzen, schlenkerte mächtig mit dem einen Bein und schlüpfte dann
-auf die andere Seite; aber da prallte er wiederum zurück und zog
-schleunigst die Hand weg. Trotz dieser Mißerfolge ließ jedoch der
-listige Teufel nicht von seinen bösen Streichen. Mit einem Anlauf rannte
-er heran und packte den Mond mit beiden Händen; er krümmte sich hin und
-her, blies aus vollen Backen auf ihn und warf ihn aus einer Hand in die
-andere, wie ein Bauer, der sich mit bloßen Händen Feuer für seine Pfeife
-holt; endlich steckte er ihn rasch in seine Tasche und sauste weiter,
-als ob ganz und gar nichts geschehen wäre.
-
-In Dikanka hatte niemand gemerkt, daß der Teufel den Mond gestohlen
-hatte. Freilich, als der Gemeindeschreiber, übrigens auf allen Vieren,
-die Schänke verließ, sah er, daß der Mond plötzlich am Himmel
-umhertanzte, und er beschwor das bei allen Heiligen vor dem ganzen
-Dorfe; aber die Leute im Dorfe schüttelten nur die Köpfe und lachten ihn
-einfach aus. Doch was hatte den Teufel eigentlich zu einer so
-schändlichen Tat veranlaßt? Der Grund war folgender: er wußte, daß der
-reiche Kosak Tschub vom Küster zum Weihnachtsschmaus eingeladen war, und
-daß außerdem noch der Amtmann, ein Anverwandter des Vorsängers von der
-Bischöflichen Sängerkapelle, ein Mann im blauen Rock, der die tiefsten
-Baßtöne mühelos hervorbrachte, ferner der Kosak Swerbygus und noch
-dieser und jener da sein würden. Da würde es außer dem Weihnachtskuchen
-noch süßen Branntwein, Safranschnaps und noch allerhand Gutes zum Essen
-und Trinken geben. Unterdessen würde aber sein Töchterchen, die erste
-Schöne im ganzen Dorf, allein zu Hause bleiben; und dann würde sicher
-der Schmied zu dem Mädel kommen, ein handfester, kräftiger Bursch, ein
-Mordskerl, der dem Teufel noch widerwärtiger war als die Predigten des
-Vaters Kondrat. In seinen Mußestunden pflegte der Dorfschmied sich
-nämlich mit der Malerei zu beschäftigen, und er galt als der beste Maler
-in der ganzen Umgegend. Der Kosaken-Hauptmann L...ko, der damals noch
-lebte, hatte ihn sogar eigens dazu nach Poltawa kommen lassen, um den
-Bretterzaun vor seinem Hause zu tünchen. Alle Schüsseln, aus denen die
-Kosaken in Dikanka ihren Borschtsch schlürften, waren von ihm bemalt.
-Der Schmied war ein gottesfürchtiger Mann, malte oft Heiligenbilder, und
-man kann jetzt noch in der Kirche zu T..... einen Evangelisten Lukas von
-seiner Hand sehen. Aber der Triumph seiner Kunst war ein Bild, das er an
-die Wand der rechten Kirchenvorhalle gemalt hatte; da hatte er den
-heiligen Petrus dargestellt mit Schlüsseln in der Hand, wie er am
-jüngsten Tage den bösen Geist aus der Hölle vertreibt: der erschrockene
-Teufel rennt, seinen Untergang vorausahnend, hin und her, und die
-Sünder, die einst in die Hölle gesperrt waren, prügeln mit Knuten,
-Holzscheiten und allem, was ihnen unter die Hände kommt, auf ihn los.
-Zur Zeit, als der Maler an diesem Bilde arbeitete -- er malte es auf ein
-großes Brett -- hatte sich der Teufel aus aller Kraft bemüht, ihn dabei
-zu stören: er puffte ihn unsichtbar am Arm, holte Asche aus der
-Schmiede-Esse und streute sie auf das Bild; aber trotz alledem wurde das
-Werk zu Ende geführt, das Brett wurde in die Kirche gebracht, an der
-Wand der Vorhalle angenagelt, und seitdem hatte der Teufel dem Schmied
-Rache geschworen.
-
-Nur noch eine Nacht war ihm nun geblieben, durch die Welt zu ziehen; in
-dieser Nacht aber wollte er seine ganze Wut an dem Schmied auslassen,
-und darum beschloß er, den Mond zu stehlen; er hatte es sich nämlich
-folgendermaßen ausgedacht: der alte Tschub ist träge, und schwer auf die
-Beine zu kriegen, und dann ist es auch von seinem Hause bis zum Küster
-nicht sehr nahe. Der Weg zu ihm führte hinterm Dorfe an Windmühlen und
-am Friedhof, an einem Abgrund vorüber, und dann konnten bei hellen
-Mondnächten auch noch der süße Branntwein und der Safranschnaps den
-Tschub locken; aber bei dieser Finsternis konnte es wohl kaum jemandem
-gelingen, ihn von seinem Plätzchen hinterm Ofen hervor und auf die
-Straße hinaus zu lotsen. Und da würde der Schmied, der schon lange nicht
-im besten Einvernehmen mit ihm lebte, es sicher nicht wagen, seine
-Tochter aufzusuchen, und wenn er auch noch so kräftig war.
-
-Und so kam es, daß der Teufel kaum den Mond in die Tasche gesteckt
-hatte, als es plötzlich in der ganzen Welt so stockfinster wurde, daß
-manch einer den Weg ins Wirtshaus nicht gefunden hätte, geschweige denn
-_den_ in des Küsters Haus. Die Hexe fand sich auf einmal im Dunkeln und
-stieß einen Schrei aus. Da scharwenzelte der Teufel auf sie zu, faßte
-sie flink unterm Arm und begann ihr allerhand schöne Dinge ins Ohr zu
-flüstern, wie man sie den Weibern gewöhnlich zuzuraunen pflegt. Es geht
-doch recht wunderlich zu in unserer Welt! Alles was in ihr leibt und
-lebt, alles ist bemüht, einander was abzugucken und andere Leute
-nachzuäffen. Früher gab's einmal eine Zeit, da trugen in ganz Mirgorod
-nur der Richter und der Bürgermeister im Winter Pelze, die mit Tuch
-überzogen waren, während die übrigen Unterbeamten gewöhnlich die Pelze
-mit dem Fell nach außen trugen; jetzt dagegen haben sich der Assessor
-und der Unterrendant neue Pelze aus feinem Lammfell mit Tuchbezügen
-zugelegt. Vor zwei Jahren kauften der Kanzlist und der Gemeindeschreiber
-Nanking zu sechzig Kopeken die Elle, und der Kirchendiener hat sich zum
-Sommer gar eine Pluderhose aus Nanking und sogar eine Weste aus Kammgarn
-machen lassen. Kurz, alles will zur feinen Welt gehören! Wann werden die
-Menschen endlich einmal von ihrer Eitelkeit ablassen! Nun könnte man
-wetten, manchem kommt der Gedanke sonderbar vor, daß der Teufel sich
-ebenso benimmt. Am ärgerlichsten ist's aber, daß er sich am Ende gar
-noch auf seine Schönheit was zugute tut, und dabei hat er doch eine
-Fratze, daß es eine wahre Schande ist. Geradezu eine Fresse, wie Foma
-Grigorjewitsch zu sagen pflegt, das Garstigste vom Garstigen, und so
-einer geht auch noch auf Liebschaften aus! Aber am Himmel war es so
-stockfinster geworden, daß man durchaus nichts mehr von dem sehen
-konnte, was sich zwischen dem Pärchen weiter abspielte.
-
- * * * * *
-
-»Also, Gevatter, du bist noch nicht beim Küster in der neuen Hütte
-gewesen?« sprach der Kosak Tschub, trat aus der Tür seines Hauses und
-ging auf einen hageren, baumlangen Bauer in kurzem Schafspelz zu, mit
-einem dichten Bart, der davon Zeugnis ablegen konnte, daß dies Kinn
-schon über vierzehn Tage lang nicht mehr von dem Sensenstück berührt
-worden, mit dem sich die Bauern in Ermanglung eines Rasiermessers ihren
-Bart schaben. »Dort wird es jetzt ein schönes Gelage geben!« fuhr
-Tschub, übers ganze Gesicht schmunzelnd, fort. »Daß wir nur nicht zu
-spät kommen!«
-
-Dabei rückte Tschub seinen Gurt zurecht, der seinen Pelz fest
-zusammenzog, schob die Mütze tief in die Augen und nahm die Knute -- den
-Schrecken und die Angst aller lästigen Hunde -- fester in die Hand. Als
-er jedoch nach oben blickte, hielt er inne ....
-
-»Teufel noch einmal! Schau! schau nur, Panas! ....«
-
-»Was denn?« sprach der Gevatter und hob ebenfalls seinen Kopf.
-
-»Was? Der Mond ist fort!«
-
-»Verflucht! Wahrhaftig, der Mond ist fort!«
-
-»Das ist es ja eben,« rief Tschub, einigermaßen ärgerlich über die
-unerschütterliche Teilnahmslosigkeit des Gevatters. »Du scherst dich
-wohl wenig drum!«
-
-»Ja, was soll _ich_ denn dabei machen?«
-
-»Mußte sich da gerad so ein Teufel,« fuhr Tschub fort und wischte sich
-mit dem Ärmel den Schnurrbart, »grad so ein Teufel hineinmischen! So ein
-Hundsfott! Daß er morgens doch nie wieder sein Glas Schnaps zu trinken
-kriegte! .... Wahrhaftig! Es ist zum Lachen .... Als ich in der Stube
-saß, da sah ich zu meinem Vergnügen zum Fenster hinaus: die Nacht war
-ein reines Wunder! Es war ganz hell, der Schnee leuchtete im Mondlichte
-und alles war so klar zu sehen wie am lichten Tag; kaum aber trete ich
-aus der Tür -- da herrscht eine Dunkelheit, daß man die Hand vor den
-Augen nicht sieht! Mag er sich doch alle Zähne an hartem Buchweizenbrot
-ausbrechen!«
-
-Lange noch brummte und schimpfte Tschub, zugleich aber überlegte er,
-wozu er sich entschließen solle. Für sein Leben gern hätte er beim
-Küster über dies und jenes schwatzen mögen; denn sicher saßen dort schon
-der Amtmann, der zugereiste Baß und der Teersieder Mikita, der alle
-vierzehn Tage zum Markt nach Poltawa zu fahren pflegte und solche Possen
-trieb, daß die Leute auf dem Dorf sich den Bauch vor Lachen hielten.
-Schon sah Tschub in Gedanken den süßen Branntwein auf dem Tische stehn.
-Freilich, all das war verlockend, aber die Dunkelheit der Nacht lockte
-wieder zu jenem Faulenzerleben, das jedem Kosaken so lieb ist. Wie gut
-wäre es jetzt, mit untergeschlagenen Beinen auf der Ofenbank zu sitzen,
-seine Pfeife zu rauchen und in süß umnebelndem Schlummer den lustigen
-Burschen und Mädeln zuzuhören, die in Scharen vor den Fenstern ihre
-Lieder singen und die Weihnacht preisen! Ohne Zweifel hätte er sich auch
-für das letztere entschieden, wenn er allein gewesen wäre; aber zu zweit
-war es jetzt nicht mehr so langweilig und so gruselig, mitten durch die
-Nacht zu gehen, auch wollte er vor dem andern nicht faul und feige
-erscheinen. Als er mit dem Schimpfen fertig war, wandte er sich an den
-Gevatter.
-
-»Der Mond ist also weg, Gevatter?«
-
-»Ja, er ist weg!«
-
-»Wirklich sonderbar! Gib mir mal eine Prise! Du hast einen
-vortrefflichen Tabak, Gevatter! Wo hast du ihn her?«
-
-»Vortrefflich? Ei, da soll mich doch der und jener --« antwortete der
-Gevatter, indem er seine Dose aus Baumrinde mit den eingeritzten Mustern
-zuklappte. »Nicht einmal ein altes Huhn würde bei diesem Tabak niesen!«
-
-»Ich erinnere mich,« fuhr Tschub in demselben Tone fort, »der
-verstorbene Schankwirt Susulja hatte mir einmal etwas Tabak aus Njeschin
-mitgebracht. O, war das ein Tabak! Also, Gevatter, was machen wir nun?
-Es ist ja mächtig dunkel.«
-
-»So bleiben wir meinetwegen zu Hause!« rief der Gevatter und griff schon
-nach der Türklinke.
-
-Hätte der Gevatter das nicht gesagt, so hätte Tschub sich wohl
-entschlossen, zu Hause zu bleiben; jetzt aber schien ihn geradezu etwas
-zum Widerspruch zu reizen. »Nein, Gevatter, wir wollen gehen! Unmöglich!
-Wir müssen gehen!«
-
-Kaum hatte er das gesagt, so ärgerte er sich schon über seine eigenen
-Worte. Es war ihm höchst unangenehm, sich in solcher Nacht herumtreiben
-zu müssen, aber der Gedanke tröstete ihn, daß er es selbst so gewollt,
-und daß er wider den Ratschlag eines anderen gehandelt hatte.
-
-Der Gevatter ließ auch nicht die leiseste Regung von Verdrießlichkeit
-auf seinem Gesichte erkennen. Er war ein Mann, dem es durchaus gleich
-war, ob er zu Hause saß, oder ob er sich draußen umhertrieb. Er sah sich
-nur noch einmal um, kratzte sich mit dem Stiel der Knute die Achseln --
-und die beiden Gevattern machten sich auf den Weg.
-
- * * * * *
-
-Doch sehen wir nun zu, was seine schöne Tochter trieb, die allein zu
-Hause geblieben war. Oxana war noch nicht ganz siebzehn Jahre alt, als
-man schon beinah in der ganzen Welt, sowohl diesseits wie jenseits von
-Dikanka, von nichts anderem sprach als von ihr. Die Burschen erklärten
-einstimmig, ein herrlicheres Mädchen gäbe es im ganzen Dorfe nicht, habe
-es noch nie gegeben und werde es auch niemals geben. Oxana hörte und
-wußte alles, was über sie geredet wurde, und sie war so eingebildet, wie
-ein schönes Mädchen es eben ist. Hätte sie nicht ein Kopftuch und die
-Jacke einer Bäuerin getragen, sondern ein Stadtkleid, so hätte sie
-sicher alle Mädchen in den Schatten gestellt. Die Burschen liefen ihr
-scharenweise nach; aber sie verloren allmählich die Geduld, verließen
-nach und nach die eigensinnige Schöne und wendeten sich anderen, weniger
-verwöhnten Werbern zu. Nur der Schmied blieb hartnäckig und hörte nicht
-auf, sie zu umwerben, obwohl er keineswegs besser behandelt wurde als
-die anderen. Sobald nun der Vater fortgegangen war, putzte und schmückte
-sich Oxana noch lange vor dem kleinen Spiegel im Bleirahmen. Sie konnte
-sich nicht satt sehen an ihrer Schönheit.
-
-»Was fällt den Leuten nur ein, mich zu rühmen, ich sei schön?« sprach
-sie mit zerstreuter Miene, nur um einen Vorwand zu haben, mit sich
-selbst zu plaudern. »Die Leute lügen, ich bin gar nicht schön!«
-
-Aber das frische, lebhafte, kindlich jugendliche Gesicht im Spiegel, mit
-den strahlenden schwarzen Augen und dem unsagbar anmutigen Lächeln, das
-die Seele erglühen machte, bewies das Gegenteil.
-
-»Sind denn meine schwarzen Brauen und meine Augen in der Tat so schön?«
-fuhr sie fort, ohne den Spiegel aus der Hand zu legen, »daß sie nicht
-ihresgleichen in der Welt haben? Was ist nur Schönes an dieser
-Stumpfnase? an meinen Wangen? an meinen Lippen? Meine schwarzen Zöpfe
-sollen schön sein? O jeh, am Abend können sie einem Menschen einen
-ordentlichen Schreck einjagen: wie lange Schlangen winden und schlingen
-sie sich um meinen Kopf. Ich sehe jetzt, daß ich gar nicht schön bin!«
-Und sie rückte den Spiegel etwas von sich fort und rief: »Nein, ich bin
-doch schön! Ach, wie ich schön bin! Wundervoll! Welch eine Freude werde
-ich einst dem bereiten, dessen Frau ich werde. Wie wird mein Gemahl
-entzückt von mir sein! Er wird außer sich sein vor Freude. Er wird mich
-zu Tode küssen!«
-
-»Wunderbares Mädchen!« flüsterte der Schmied, der leise eingetreten war.
-»Aber sie ist nicht wenig eitel! Schon eine Stunde lang steht sie da,
-besieht sich im Spiegel und kann sich nicht satt sehen an sich selbst,
-und dazu lobt sie sich noch ganz laut!«
-
-»Ja, ihr Burschen, ich bin nicht euersgleichen, seht mich an,« fuhr die
-reizende Kokette fort. »Wie ist mein Gang so geschmeidig. Mein Hemd ist
-mit roter Seide genäht. Und was für Bänder ich auf dem Kopf habe! Euer
-Lebtag werdet ihr nicht mehr solche Goldborden sehen! All das hat mit
-mein Vater gekauft, damit mich der schönste Bursch der Welt zur Frau
-nimmt.« Sie lächelte, wandte sich um und erblickte den Schmied ....
-
-Sie schrie auf und blieb mit strenger Miene vor ihm stehen.
-
-Der Schmied ließ die Hände herabsinken.
-
-Es wäre schwer zu sagen, was das braune Gesicht des wundervollen
-Mädchens ausdrückte: ein strenger Ausdruck spiegelte sich in ihm und
-durch die Strenge hindurch blickte ein gewisser Hohn über den
-verblüfften Schmied, und eine kaum merkliche Röte, die ihr der Ärger ins
-Gesicht getrieben hatte; all das zusammen war so unbeschreiblich schön,
-daß das Beste, was man hier hätte tun können, dies gewesen wäre: -- sie
-eine Million Mal abzuküssen.
-
-»Wie bist du hierhergekommen?« begann Oxana. »Willst du denn, daß ich
-dich mit der Schippe davonjage? Ihr versteht euch meisterhaft darauf,
-euch an uns heranzumachen. Im Nu schnüffelt ihr aus, wann die Väter aus
-dem Hause sind. O, ich kenne euch schon! Nun, ist meine Truhe fertig?«
-
-»Sie ist bald fertig, mein Herzchen; nach den Feiertagen wird sie
-fertig. Wenn du wüßtest, wieviel Mühe ich mir gegeben habe: zwei Nächte
-lang habe ich die Schmiede nicht verlassen. Dafür soll aber auch keine
-Popentochter so eine Truhe haben. Ich habe Eisenbeschläge darauf getan,
-wie ich sie nicht einmal für den Wagen des Hauptmanns nahm, als ich noch
-in Poltawa auf Arbeit war. Aber wie wird sie erst bemalt sein! Und wenn
-du die ganze Umgegend mit deinen weißen Füßchen abläufst, du findest
-solch eine Truhe nicht mehr! Über den ganzen Grund werden rote und blaue
-Blumen verstreut sein, und es wird so leuchten wie Feuer. Zürne mir
-nicht! Erlaube mir wenigstens, zu dir zu reden und dich nur
-anzuschauen!«
-
-»Wer verbietet dir das? Rede und schau!«
-
-Und sie nahm Platz auf der Bank, blickte wieder in den Spiegel und
-begann ihre Flechten auf dem Kopfe zu ordnen. Sie blickte auf ihren
-Hals, auf das neue seidenbestickte Hemd, und ein leises Gefühl der
-Selbstzufriedenheit spiegelte sich auf ihren Lippen und auf ihren
-frischen Wangen und leuchtete aus ihren Augen.
-
-»Erlaube mir, daß ich neben dir Platz nehme!« sagte der Schmied.
-
-»Setze dich,« sprach Oxana immer noch mit demselben selbstzufriedenen
-Ausdruck auf den Lippen und in den Augen.
-
-»Wundervolle, herzallerliebste Oxana, erlaube mir nur, daß ich dir einen
-Kuß gebe!« sagte der Schmied ermutigt und preßte sie an sich, in der
-Hoffnung, ein Küßchen von ihr zu erwischen. Doch Oxana wandte ihre
-Wangen ab, die sich schon in erreichbarer Nähe von den Lippen des
-Schmiedes befanden, und stieß ihn von sich. »Was du nicht alles
-möchtest! Kaum hat er den Honig, so braucht er gleich auch noch einen
-Löffel dazu! Geh doch, deine Hände sind noch härter als Eisen. Auch
-riechst du nach Rauch. Ich glaube gar, du hast mich ganz mit deinem Ruß
-beschmiert.«
-
-Sie nahm den Spiegel und begann sich von neuem zu putzen.
-
-»Sie liebt mich nicht!« dachte der Schmied bei sich und ließ den Kopf
-hängen. »Für sie ist alles nur Spielerei; und ich stehe vor ihr da wie
-ein Narr, und kann meine Augen nicht von ihr wenden. Ja, ich möchte
-immer so vor ihr stehen und meine Augen nicht von ihr wenden. Welch
-herrliches Mädchen! Was würde ich alles darum geben, zu erfahren, was in
-ihrem Herzen vorgeht und wen sie eigentlich liebt. Aber nein, sie
-kümmert sich um niemand. Sie freut sich nur ihrer Schönheit, quält mich
-Armen, und ich bin so traurig, daß mir alles trüb und dunkel erscheint.
-Und dabei liebe ich sie doch so, wie kein Mensch in der Welt sie je
-geliebt hat oder lieben wird.«
-
-»Ist es wahr, daß deine Mutter eine Hexe ist?« fragte Oxana und brach in
-lautes Lachen aus; auch der Schmied fühlte, wie alles in seinem Innern
-auflachte. Dieses Lachen schien plötzlich in seinem Herzen
-wiederzuhallen und in den leise erschauernden Adern, aber gleich darauf
-erwachte ein Ärger in seiner Seele, weil er nicht die Macht hatte,
-dieses so anmutig lachende Antlitz zu küssen.
-
-»Was geht mich meine Mutter an? Du bist mir Mutter und Vater und alles,
-was es auf der Welt an Teurem für mich gibt! Wenn mich der Zar zu sich
-rufen ließe und zu mir sagte: »Wakula, du darfst mich um alles bitten,
-was es Schönes in meinem Reiche gibt, ich will dir alles geben. Ich will
-dir eine Schmiede aus purem Golde bauen lassen, und du sollst silberne
-Hämmer zum Schmieden bekommen,« -- dann würde ich zu dem Zaren sagen:
-»Ich will weder kostbare Edelsteine, noch eine goldene Schmiede, noch
-dein ganzes Reich. Gib mir lieber meine Oxana!«
-
-»Schau, schau, so einer bist du also! Aber mein Vater ist auch nicht auf
-den Kopf gefallen. Paß auf, er heiratet noch deine Mutter!« sagte sie
-und lächelte listig. »Aber, wo bleiben nur die Mädchen? .... Was soll
-das bedeuten? es ist schon höchste Zeit, daß man vor den Fenstern zu
-singen beginnt. Ich fange an, mich zu langweilen.«
-
-»Mögen sie nur bleiben, wo sie sind, du meine Holde!«
-
-»Warum nicht gar! Mit den Mädchen werden auch wohl die Burschen
-mitkommen. Da wird's was geben. Ich stell' mir vor, was für putzige
-Sachen sie da erzählen werden!«
-
-»Du sehnst dich also wohl nach ihrer Gesellschaft?«
-
-»Sicherlich mehr als nach dir. Ah! Jemand hat geklopft. Das sind wohl
-die Mädchen und Burschen.«
-
-»Worauf soll ich noch länger warten?« sprach der Schmied zu sich selbst.
-»Sie macht sich über mich lustig. Ich bin ihr ebensoviel wert, wie ein
-verrostetes Hufeisen. Wenn das aber wirklich so ist, dann soll
-wenigstens kein anderer über mich lachen. Sobald ich merke, daß ein
-anderer ihr besser gefällt als ich, dem will ich doch gleich ....«
-
-Hier wurden seine Gedanken durch ein Pochen an die Tür unterbrochen, und
-eine Stimme, die bei dem kalten Frost ziemlich scharf klang, rief: »Mach
-auf!«
-
-»Warte, ich mache schon selbst auf,« sagte der Schmied und trat in den
-Flur hinaus mit dem Vorsatz, dem ersten, der hereinkäme, aus Ärger die
-Rippen einzuschlagen.
-
- * * * * *
-
-Der Frost nahm zu, und oben in der Höhe wurde es so kalt, daß der Teufel
-von einem Huf auf den anderen hüpfte und sich in die Fäuste blies, um
-nur einigermaßen seine frierenden Hände zu erwärmen. Es war auch kein
-Wunder, wenn's einen fror, der sich Tag für Tag in der Hölle
-herumdrückte. Dort ist's bekanntlich längst nicht so kalt wie bei uns im
-Winter, er aber steht da unten vor dem Feuer, mit einer Zipfelmütze auf
-dem Kopf, akkurat wie ein wirklicher Küchenmeister, und brät die Sünder
-mit solchem Vergnügen, wie wohl die Weiber zu Weihnachten Wurst braten.
-
-Selbst die Hexe litt unter der Kälte, trotzdem sie recht warm angezogen
-war; daher hob sie die Arme in die Höhe, schob ein Bein vor, gab ihrem
-Körper die Haltung eines Schlittschuhläufers und sauste, ohne ein Glied
-zu rühren, durch die Luft, wie wenn's einen steilen Eisberg hinabginge,
-geradeswegs in den Schornstein hinunter.
-
-Der Teufel folgte ihr auf dieselbe Art. Da dieses Vieh aber viel
-gewandter ist als so mancher Geck in Seidenstrümpfen, so ist's kein
-Wunder, daß er gerad am Eingang zum Schornstein seiner Geliebten auf den
-Hals flog, und schnell sahen sich die beiden in dem geräumigen Ofen
-mitten unter den Töpfen.
-
-Die Besenreiterin schob leise das Ofentürchen auf, um zu sehen, ob ihr
-Sohn Wakula nicht die Stube voller Gäste geladen hatte; als sie aber
-sah, daß niemand da war außer etwa ein paar Säcke, die in der Stube
-umher lagen, so kroch sie aus dem Ofen, warf den warmen Pelz ab, ordnete
-ihre Kleidung, und niemand hätte ihr mehr ansehen können, daß sie noch
-vor einer Minute auf einem Besenstiel geritten war.
-
-Die Mutter des Schmieds Wakula war nicht mehr als vierzig Jahre alt und
-war weder schön noch häßlich. Es ist ja auch ziemlich schwer, in diesen
-Jahren schön zu sein. Sie verstand es aber, selbst die gesetztesten und
-würdigsten Kosaken an sich zu fesseln (denen es, nebenbei bemerkt, auch
-wenig um die Schönheit zu tun war), so daß sie ebensowohl der Amtmann,
-wie der Küster Ossip Nikiforowitsch (natürlich, wenn die Frau Küsterin
-nicht zu Hause war), der Kosak Korni Tschub und der Kosak Kassjan
-Swerbygus aufzusuchen pflegten. Zu ihrer Ehre muß übrigens gesagt
-werden, daß sie es vorzüglich verstand, mit ihnen umzugehen: keinem
-einzigen von ihnen kam es auch nur von ferne in den Sinn, er könne einen
-Nebenbuhler haben. Ging ein frommer Bauer oder ein »Edelmann«, wie die
-Kosaken sich selbst zu nennen pflegen, am Sonntag in seinem Mantel mit
-der Kapuze zur Kirche, oder -- wenn das Wetter schlecht war -- ins
-Wirtshaus, so ließ er sich's nicht nehmen, bei der Solocha
-vorzusprechen, um ein paar fette Käsekrapfen mit Rahm zu essen und ein
-Weilchen mit der gesprächigen und gefälligen Hausfrau in der warmen
-Stube zu schwatzen. Der Edelmann machte eigens zu diesem Zweck einen
-großen Umweg, bevor er im Wirtshaus anlangte -- und nannte das
-»unterwegs mal vorsprechen«. Oder ging die Solocha einmal an einem
-Festtag, in ihrem grellen Kopftuch und ihrem Nankingkittel und dem
-blauen Rock darüber, der hinten mit goldenen Bändern benäht war, zur
-Kirche, und stellte sie sich gerade neben dem rechten Chor auf, so fing
-der Küster sicherlich an zu hüsteln und blinzelte unwillkürlich nach
-jener Seite hinüber; der Amtmann aber strich sich den Schnurrbart,
-wickelte sich seine Kosakenlocke ums Ohr und sprach zu dem neben ihm
-stehenden Nachbar, »Ei, ei, das ist mir ein Weibsbild! Ein ganz
-verteufeltes Weib!« Die Solocha pflegte denn auch jeden Menschen zu
-grüßen, und jeder glaubte, sie grüße ihn allein.
-
-Aber wer es liebte, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen, der
-konnte sofort merken, daß die Solocha am freundlichsten gegen den
-Kosaken Tschub war. Tschub war Witwer. Vor seinem Hause standen stets
-acht Schober Getreide, zwei Paar mächtige Ochsen streckten beständig
-ihre Köpfe durch das Geflecht des Schuppens auf die Straße hinaus und
-brüllten jedesmal, wenn sie eine Muhme oder einen Ohm, das heißt eine
-Kuh oder einen dicken Bullen kommen sahen. Ein bärtiger Bock kletterte
-hoch auf das Dach hinauf und meckerte mit einer gerad so schrillen
-Stimme von dort herab wie der Bürgermeister, um die auf dem Hofe umher
-stolzierenden Truthähne zu reizen, oder er kehrte seinen Hintern hervor,
-wenn er seine Feinde, die Dorfjungen, erblickte, die sich über seinen
-Bart lustig zu machen pflegten. In Tschubs Truhen lagen viele Ellen
-Leinwand, teure Schupans und altertümliche Röcke mit Goldborden: seine
-verstorbene Frau war nämlich sehr putzsüchtig gewesen. In seinem
-Gemüsegarten gab es außer Mohn, Kohl und Sonnenblumen auch noch zwei
-Beete mit Tabak. Von all dem, meinte die Solocha, wäre es ganz nett,
-wenn es ihrer eigenen Wirtschaft einverleibt würde; sie rechnete schon
-im voraus damit, welche Ordnung sie einführen wollte, wenn all das in
-ihre Hände gelangen würde, und daher verdoppelte sie ihr Wohlwollen
-gegen den alten Tschub. Damit aber ihr Sohn Wakula sich nicht an seine
-Tochter heran machte, alles Hab und Gut selbst einheimste, und ihr dann
-am Ende nicht mehr erlaubte, sich in irgend etwas einzumischen, so griff
-sie nach dem üblichen Mittel aller vierzigjährigen Weiber, das heißt,
-sie säte möglichst viel Fehde zwischen Tschub und dem Schmied.
-Vielleicht waren gerade diese Ränke und Listen der Grund davon, daß die
-alten Weiber, besonders wenn sie in fröhlicher Gesellschaft zusammen
-saßen und etwas über den Durst getrunken hatten, davon munkelten, die
-Solocha sei wirklich eine Hexe: der Bursche Kisjakolupenko habe hinten
-bei ihr einen Schwanz gesehen, der ungefähr so lang gewesen sei wie eine
-Weiberspindel; am verflossenen Donnerstag erst sei sie in Gestalt einer
-schwarzen Katze über die Straße gelaufen; auch sei einmal eine Sau zur
-Popenfrau gerannt gekommen, habe wie ein Hahn gekräht, dann sich die
-Mütze des Vaters Kondrat aufgesetzt und darauf sich wieder davongemacht
-....
-
-Der Zufall wollte es, daß gerade zu der Zeit, als die alten Weiber über
-diese Dinge redeten, ein gewisser Kuhhirt namens Tymisch Korostjawi bei
-ihnen erschienen war. Er versäumte nicht, zu erzählen, wie er einmal im
-Sommer, kurz vor Peter und Paul, gerade als er sich im Stall schlafen
-gelegt und sich ein Bündel Stroh unter den Kopf gebettet hatte, mit
-eigenen Augen gesehen habe, wie eine Hexe mit aufgelöstem Haar und in
-bloßem Hemde angefangen habe, die Kuh zu melken; er habe sich nicht vom
-Fleck rühren können, so behext habe sie ihn, auch habe sie ihm die
-Lippen mit einem so widerlichen Zeug beschmiert, daß er noch einen
-ganzen Tag danach immer ausspucken mußte. Doch all das war immerhin
-zweifelhaft, denn nur der Assessor von Sorotschintzy kann eine Hexe
-sehen. Und daher wehrten sich alle Kosaken von Ansehen und Würden mit
-Händen und Füßen dagegen, wenn sie solche Reden mit anhören mußten. »Sie
-lügen, die hundsföttischen Weiber!« war gewöhnlich ihre Antwort.
-
-Kaum war die Solocha aus dem Ofen gekrochen und hatte sich ihre Kleider
-wieder ein wenig in Ordnung gebracht, so begann sie sofort als gute
-Wirtin die Stube aufzuräumen und alles auf seinen Platz zu stellen. Die
-Säcke aber rührte sie nicht an. »Die hat Wakula gebracht, mag er sie
-doch auch selbst wieder hinaustragen!« Der Teufel aber hatte sich, als
-er in den Schornstein hineinflog, zufällig umgeschaut, und da hatte er
-ganz nahe am Hause den Tschub Arm in Arm mit seinem Gevatter erblickt.
-Im Nu flog er wieder aus dem Ofen, rannte ihnen auf ihrem Wege voran und
-begann von allen Seiten Haufen hartgefrorenen Schnees aufzuwirbeln. Es
-erhob sich ein richtiges Schneegestöber, in der Luft flimmerte es nur so
-weiß durcheinander. Der Schnee wogte hin und her wie ein Netz und
-drohte, den Fußgängern Augen, Mund und Ohren zu verstopfen. Der Teufel
-aber flog wieder in den Schornstein hinein, fest davon überzeugt, daß
-Tschub und der Gevatter umkehren würden; dann würde Tschub den Schmied
-bei sich im Hause treffen und ihn sicherlich so traktieren, daß der auf
-lange Zeit nicht mehr imstande sein sollte, einen Pinsel in die Hand zu
-nehmen und Spottbilder zu malen.
-
- * * * * *
-
-Und in der Tat, kaum hatte sich das Schneegestöber erhoben und kaum fing
-der Wind an, ihnen gerade ins Gesicht zu fegen, so äußerte Tschub schon
-Reue. Er schob sich die Mütze tiefer über die Ohren und regalierte alle,
-sich selbst, den Teufel und den Gevatter mit Schimpfworten. Übrigens war
-diese Wut nur geheuchelt. Tschub war sehr froh über das Unwetter. Bis
-zum Hause des Küsters war es ungefähr achtmal so weit, wie die Strecke,
-die sie schon zurückgelegt hatten. Die Wanderer kehrten also um. Der
-Wind blies ihnen zwar in den Nacken, aber es war gänzlich unmöglich, in
-diesem Schneegestöber auch nur das geringste zu sehen.
-
-»Halt, Gevatter! Ich glaube, wir gehen falsch,« sagte Tschub nach einer
-kurzen Weile. »Ich sehe keine einzige Hütte. He, ist das ein
-Schneegestöber! Bieg doch mal etwas zur Seite, Gevatter, vielleicht
-findest du da einen Weg, unterdessen will ich hier nach ihm suchen.
-Mußte uns auch der Gottseibeiuns bei solchem Unwetter aus dem Hause
-locken! Vergiß nur nicht zu rufen, wenn du den Weg gefunden hast.
-Herrgott, was für einen Haufen Schnee hat mir der Satan in die Augen
-gejagt!«
-
-Der Weg war jedoch noch immer nicht zu sehen. Der Gevatter schlug einen
-Seitenweg ein und irrte in seinen langen Stiefeln hin und her, bis er
-endlich auf das Wirtshaus stieß. Diese Entdeckung freute ihn dermaßen,
-daß er alles vergaß, den Schnee von sich abschüttelte und ins Wirtshaus
-trat, ohne sich im Geringsten um seinen Gevatter auf der Straße zu
-scheren. Unterdessen war es Tschub so vorgekommen, als ob er den
-richtigen Weg gefunden hätte. Er machte Halt und schrie aus voller
-Kehle, als er aber sah, daß der Gevatter nicht zum Vorschein kam,
-beschloß er, den Weg allein fortzusetzen. Etwas weiter erblickte er sein
-Haus. Vor dem Hause und auf dem Dache lagen ganze Berge von Schnee. Er
-klatschte in die vor Kälte erstarrten Hände und begann, an die Tür zu
-klopfen und seiner Tochter gebieterisch zuzurufen, sie solle aufmachen.
-
-Da trat der Schmied aus dem Hause und schrie ihn grob an: »Was willst
-du?«
-
-Tschub erkannte die Stimme des Schmieds und wich etwas zurück. »Hm,
-nein, das ist nicht mein Haus,« sagte er sich, »in mein Haus würde sich
-der Schmied doch nicht hineinwagen, aber wenn ich's mir wiederum genauer
-ansehe, so ist's auch nicht das Haus des Schmieds. Wessen Haus könnte
-das bloß sein? Holla! Daß ich's nicht gleich erkannt habe! Das ist ja
-das Haus des lahmen Lewtschenko, der sich erst vor kurzem eine junge
-Frau genommen hat. Nur sein Haus sieht dem meinen so ähnlich. Daher kam
-es mir doch auch gleich etwas sonderbar vor, daß ich schon so schnell zu
-Hause war! Aber Lewtschenko sitzt jetzt ja beim Küster, das weiß ich
-genau. Was hat nur der Schmied hier zu suchen? .... Hahaha! Er besucht
-seine junge Frau. Das ist's also! Schön! .... Jetzt verstehe ich alles.«
-
-»Wer bist du und was treibst du dich vor fremden Türen herum?« rief der
-Schmied noch gröber als früher und rückte näher.
-
-»Nein, ich sag' ihm nicht, wer ich bin,« dachte sich Tschub, »am Ende
-krieg ich noch Hiebe von ihm, diesem verfluchten Bastard!« Und er
-antwortete mit verstellter Stimme: »Ich bin doch ein anständiger Mensch!
-Ich will euch nur ein paar Weihnachtslieder vorsingen, um euch einen
-kleinen Spaß zu machen!«
-
-»Scher' dich zum Teufel mit deinen Weihnachtsliedern,« schrie Wakula
-wütend. »Was stehst du noch da? Hörst du! Packe dich auf der Stelle!«
-
-Tschub hatte diesen vernünftigen Vorsatz schon selbst gefaßt; es war ihm
-nur unangenehm, dem Befehle des Schmieds folgen zu müssen. Es schien
-ganz so, als ob ihn ein böser Geist vorwärts stieß und ihn zum
-Widerstand nötigte. »Was schreist du da so?« rief er mit derselben
-Stimme. »Ich will euch Weihnachtslieder vorsingen und sonst nichts!«
-
-»Aha! du hast also wohl an Worten noch nicht genug?« rief der Schmied,
-und Tschub fühlte einen höchst schmerzhaften Schlag auf der Schulter.
-
-»Du bist gleich mit Prügeln bei der Hand, wie ich sehe!« sagte er und
-wich etwas zurück.
-
-»Pack' dich, marsch!« schrie der Schmied und regalierte ihn mit einem
-zweiten Schlag.
-
-»So!« rief Tschub mit einer Stimme, in die sich Schmerz, Ärger und
-Furcht mischten. »Wie ich sehe, machst du keinen Spaß, deine Prügel tun
-ja ordentlich weh!«
-
-»Marsch, vorwärts!« rief der Schmied und schlug die Türe zu.
-
-»Schau einer an, wie tapfer der tut!« sprach Tschub, als er nun allein
-auf der Straße stand. »Versuch's nur und komm bloß heran! He, wer bist
-du denn? Etwa ein großes Tier, was? Du glaubst wohl, ich kann dir nichts
-anhaben? Nein, mein Täubchen, ich gehe geraden Wegs zum Kommissär, da
-sollst du was von mir erleben! Ich werde keine Rücksicht darauf nehmen,
-daß du ein Schmied bist und noch ein Maler dazu. Hm, wenn ich mir meinen
-Rücken und meine Schultern ansehe, so werde ich wohl sicher blaue
-Flecken finden. Er hat mir tüchtig zugesetzt, der hundsgemeine Lümmel.
-Schade nur, daß es so kalt ist, ich möchte nämlich nicht gern den Pelz
-ausziehen. Warte nur, du Teufelsschmied! Der Satan soll dich und deine
-Schmiede in Stücke schlagen. Du sollst noch ein Tänzchen bei mir
-erleben! Verfluchter Hallunke! -- Also ist er jetzt nicht zu Hause?
-Solocha ist wohl allein! Hm .... Es ist ja nicht weit. -- Ob ich am Ende
-hingehe! Um diese Zeit wird uns niemand überraschen. Vielleicht hab' ich
-auch Glück und .... Seine Hiebe tun aber weh .... O, dieser
-gottsverdammte Schmied!«
-
-Und Tschub kratzte sich den Rücken und schlug die entgegengesetzte
-Richtung ein. Die Genüsse, die seiner bei der Solocha harrten,
-verringerten einigermaßen den Schmerz, und machten Tschub sogar weniger
-empfindlich gegen den Frost, der auf den Straßen knirschte, und der
-nicht einmal vom Sausen des Windes übertönt wurde. Eine sauersüße Miene
-erschien manchmal auf seinem Gesicht, dessen Kinn und Schnurrbart das
-Unwetter schneller mit Schnee eingeseift hatte, als irgendein Barbier,
-der sein Opfer tyrannisch an der Nase packt. Wäre jedoch der Schnee
-einem nicht kreuz und quer vor den Augen herumgewirbelt, so hätte man
-noch lange sehen können, wie Tschub immer wieder stehen blieb, sich den
-Rücken kratzte, ausrief: »Die Hiebe von diesem verfluchten Schmied tun
-aber mächtig weh!« und dann weiter zog.
-
- * * * * *
-
-Während der flinke Stutzer mit Schwanz und Bocksbart aus dem Schornstein
-und wieder in den Schornstein zurückflog, blieb ihm zufällig seine
-Tasche, die ihm an der Seite hing und in die er den gestohlenen Mond
-hineingesteckt hatte, im Ofen hängen und ging auf. Der Mond benutzte
-diese Gelegenheit, flog aus dem Schornstein des Hauses der Solocha in
-die Freiheit hinaus und stieg flugs zum Himmel empor. Alles wurde hell!
-das Schneegestöber war wie weggeblasen, der Schnee dehnte sich weit in
-die Ferne wie ein großes silbernes Gefild, über das kristallene Sterne
-ausgestreut waren. Selbst der Frost schien etwas nachgelassen zu haben.
-Burschen und Mädchen kamen in Scharen mit ihren Säcken herbei. Die
-Lieder schwirrten durcheinander, und beinahe vor keinem Fenster fehlten
-Sänger, die den heiligen Christ besangen.
-
-Der Mond leuchtet wundersam vom Himmel herab! Es ist schwer zu
-beschreiben, wie schön es ist, sich in solcher Nacht unter die Scharen
-laut lachender Mädchen und Burschen zu mischen, die zu allen Späßen und
-losen Streichen aufgelegt sind, wie sie nur eine lustig verbrachte Nacht
-eingeben kann. Unter dem dicken Pelze ist's warm; die Backen glühen nur
-noch lebhafter vor Kälte, und der Teufel scheint einen hinterrücks nur
-so zu mutwilligen Stückchen zu treiben.
-
-Scharen von Mädchen brachen mit Säcken in Tschubs Haus ein und umringten
-Oxana. Das Geschrei, das Gelächter und die Erzählungen betäubten den
-Schmied. Alle beeilten sich, der Schönen etwas Neues zu erzählen, sie
-luden ihre Säcke aus und prahlten mit dem Kuchen, den vielen Würsten und
-Krapfen, die ihnen ihr Straßengesang bereits eingebracht hatte. Oxana
-schien sehr vergnügt und fröhlich zu sein, schwatzte bald mit der einen,
-bald mit der anderen und lachte ohne Ende.
-
-Der Schmied sah dieses fröhliche Treiben voller Neid und Ärger an, und
-verfluchte diesmal das ganze Christsingen, obwohl er sonst wie besessen
-darauf war.
-
-»Du, Odarka!« rief die Schöne lustig, zu einem der Mädchen gewandt, »du
-hast ja neue Schuhe an. Ach, wie reizend! Mit Goldstickerei! Du hast es
-gut, Odarka, du hast jemand, der dir alles kauft, mir kauft niemand so
-entzückende Schuhe.«
-
-»Gräm dich nicht, meine herzallerliebste Oxana!« unterbrach sie der
-Schmied. »Ich will dir solche Schuhe schenken, wie sie selbst ein
-Edelfräulein selten trägt!«
-
-»Du?« rief Oxana sofort und blickte ihn stolz an. »Ich möchte doch
-sehen, wo du solche Schuhe herkriegen willst, die an meine Füße passen.
-Ja, wenn du mir die Schuhe brächtest, die die Zarin trägt ....!«
-
-»Sieh einer an, was die will!« riefen die Mädchen lachend.
-
-»Ja!« fuhr die Schöne stolz fort. »Seid ihr meine Zeugen: wenn mir der
-Schmied Wakula die Schuhe bringt, die die Zarin trägt, so habt ihr mein
-Wort darauf, daß ich sofort seine Frau werde.«
-
-Die Mädchen führten die launische Schöne mit sich fort.
-
-»Lache nur, lache!« sprach der Schmied, der gleich nach ihnen das Haus
-verließ. »Ich lache selbst über mich! Ich grüble und grüble und kann's
-nicht fassen, wo mein Verstand geblieben ist. Sie liebt mich nicht --
-nun, da ist nichts zu ändern! Als ob's in der Welt nur die eine Oxana
-gäbe. Gott sei Dank, es gibt auch außer ihr noch viele nette Mädchen im
-Dorfe. Was soll ich denn überhaupt mit der Oxana? Sie wird ja doch nie
-eine gute Hausfrau; sie versteht es nur, sich zu putzen. Nein, nun ist's
-genug! Nun soll die Narretei aufhören!«
-
-Aber gerade zur selben Zeit, als der Schmied diesen Entschluß fassen
-wollte, führte ihm ein böser Geist Oxanas lachendes Antlitz vor Augen,
-und das sprach höhnisch: »Schmied, hol mir die Schuhe der Zarin, und ich
-bin deine Frau!« Und alles in ihm geriet in Wallung, und er dachte nur
-noch an Oxana.
-
-Scharen von Sängern: Burschen und Mädchen in getrennten Trupps eilten
-aus einer Straße in die andere. Aber der Schmied schritt dahin, ohne
-etwas zu sehen, und teilnahmslos gegen die Lustbarkeit, die er einst
-mehr geliebt hatte, als alle andern Burschen.
-
- * * * * *
-
-Unterdessen wurde der Teufel allen Ernstes zärtlich gegen Solocha: er
-küßte ihr die Hand mit denselben Fratzen, mit denen der Assessor der
-Popentochter die Hand zu küssen pflegt, legte seine Hand aufs Herz,
-stöhnte und erklärte geradeheraus, wenn sie nicht seine Leidenschaften
-stillen und ihn nach Brauch und Sitte erhören würde, wäre er zu allem
-fähig: er würde sich ins Wasser stürzen und seine Seele geradeswegs in
-die Hölle schicken. Solocha war nicht so hartherzig; und dann unterhielt
-der Teufel ja bekanntlich auch mit ihr eine alte Freundschaft. Sie
-liebte es, sich von Anbetern umringt zu sehen, und selten war sie ohne
-Gesellschaft. Diesen Abend gedachte sie jedoch allein zu verbringen,
-denn alle angesehenen Bewohner des Dorfes waren zum Weihnachtsschmaus
-beim Küster geladen. Aber es kam alles anders: Kaum hatte der Teufel
-seine Werbung vorgebracht, da vernahmen sie plötzlich ein Klopfen und
-die Stimme des beleibten Amtmanns vor der Türe. Solocha lief hin, um ihm
-aufzumachen, der flinke Teufel aber sprang hurtig in einen der Säcke.
-
-Nachdem der Amtmann den Schnee von sich abgeschüttelt und ein Gläschen
-Schnaps aus Solochas Hand entgegengenommen und ausgetrunken hatte,
-erzählte er, er sei nicht zum Küster gegangen, denn es habe sich ein
-Schneegestöber erhoben; da habe er in ihrer Stube Licht gesehen und sei
-bei ihr eingekehrt, um den Abend mit ihr zu verbringen.
-
-Kaum aber hatte der Amtmann das gesagt, als an die Türe geklopft wurde
-und sich die Stimme des Küsters vernehmen ließ. »Versteck mich
-irgendwo,« flüsterte der Amtmann, »ich möchte jetzt nicht mit dem Küster
-zusammentreffen.«
-
-Solocha überlegte lange, wo sie einen so dicken Gast verstecken könnte;
-endlich wählte sie einen der größten Kohlensäcke, schüttete die Kohlen
-in einen Zuber, und der feiste Amtmann kroch mitsamt seinem Schnurrbart,
-Kopf und Mütze in den Sack.
-
-Der Küster kam ächzend und sich die Hände reibend, herein, und erzählte,
-es sei niemand zu ihm zum Essen gekommen, er sei aber herzlich froh über
-die Gelegenheit, sich mit ihr unterhalten zu können, und habe sich nicht
-einmal durch das Schneegestöber davon abhalten lassen. Dann trat er
-näher auf sie zu, räusperte sich, grinste, tippte mit seinen langen
-Fingern auf ihren nackten vollen Arm und sagte mit einer Miene, in der
-Schlauheit und Selbstzufriedenheit lagen: »Was habt Ihr denn da,
-reizende Solocha?« Und indem er das sagte, sprang er etwas zurück.
-
-»Was kann das wohl sein! Ein Arm, Ossip Nikiforowitsch!« antwortete
-Solocha.
-
-»Hm! Ein Arm! Hähähä!« rief der Küster herzlich zufrieden über diesen
-Anfang und ging im Zimmer auf und ab.
-
-»Und was habt Ihr hier, teuerste Solocha?« sprach er mit derselben
-Miene, ging wieder auf sie zu, betappte ihren Hals mit seiner Hand und
-sprang ganz so wie vorher wieder zurück.
-
-»Als ob Ihr das nicht seht, Ossip Nikiforowitsch,« erwiderte die
-Solocha, »mein Hals ist es, und dies hier ist ein Halsband!«
-
-»Hm! Ein Hals mit einem Halsband! Hähähä!« und der Küster ging wieder
-ein paarmal im Zimmer auf und ab und rieb sich die Hände.
-
-»Und was habt Ihr hier, unvergleichliche Solocha? ....« Es ist nicht
-ganz sicher, was der Küster jetzt mit seinen langen Fingern berührt
-hätte, denn auf einmal ertönte ein Klopfen an der Tür, und die Stimme
-des Kosaken Tschub ließ sich vernehmen.
-
-»Oh Gott, ein Fremder!« rief der Küster erschrocken. »Das soll nur
-werden, wenn man eine Person meines Standes hier antrifft .... Vater
-Kondrat wird es noch erfahren! .....................«
-
-Aber die Befürchtungen des Küsters lagen auf anderem Gebiet; am meisten
-fürchtete er, seine Ehehälfte könnte es erfahren, deren schreckliche
-Hand ohnehin aus seinem dicken Priesterzopfe ein dünnes Mauseschwänzchen
-gemacht hatte. »Um Gottes willen, tugendhafte Solocha!« sprach er, am
-ganzen Leibe zitternd. »Eure Güte, wie es im Evangelium Lucae heißt,
-Kapitel dreiz.... dreiz.... Man klopft, bei Gott, man klopft! Versteckt
-mich doch nur irgendwo!«
-
-Solocha schüttete die Kohlen aus noch einem Sack in den Zuber, und der
-nicht besonders umfangreiche Küster kroch hinein und kauerte sich ganz
-am Boden des Sacks zusammen, so daß man noch einen halben Sack voll
-Kohlen über ihn hatte ausschütten können.
-
-»Grüß Gott, Solocha!« sagte Tschub, der jetzt in die Stube trat. »Du
-hast mich vielleicht nicht erwartet, was? Nicht wahr, du hast mich nicht
-erwartet? Vielleicht störe ich?« .... fuhr Tschub fort und ließ auf
-seinem Gesichte eine verschmitzte und vielsagende Miene sehen, aus der
-man von vornherein erkennen konnte, wie sehr sein schwerfälliger Kopf
-sich abmühte, etwas recht Spitzes und Schelmisches zu sagen. »Vielleicht
-hast du dir gerade mit jemandem die Zeit vertrieben. Vielleicht hast du
-doch jemanden versteckt, was?« Und entzückt über diese Bemerkung brach
-Tschub in ein Gelächter aus, innerlich darüber triumphierend, daß nur er
-allein Solochas Gunst genieße. »Nun, Solocha, trinken wir jetzt ein
-Schnäpschen. Ich glaube, mir ist die Kehle ganz eingefroren von der
-verfluchten Kälte. Mußte uns Gott gerad zu Weihnachten solch eine Nacht
-schicken! Was das für ein Schneetreiben war! hörst du, Solocha, was das
-für ein Schneetreiben war .... Mir sind die Hände ganz steif geworden:
-ich kann nicht einmal den Pelz aufknöpfen! Wie das Schneegestöber
-losging ....«
-
-»Mach auf!« ertönte in diesem Augenblick eine Stimme von der Straße her,
-die von einem Stoß gegen die Tür begleitet wurde.
-
-»Es klopft jemand,« sagte Tschub und hielt inne.
-
-»Mach auf!« schrie es noch lauter.
-
-»Das ist der Schmied!« rief Tschub und griff rasch nach der Mütze.
-»Hörst du Solocha, versteck mich, wo es auch sei, um keinen Preis der
-Welt will ich mich hier vor dieser gottverdammten Mißgeburt sehen
-lassen. Diesem Satanskind sollen doch gleich unter beiden Augen Blasen
-anlaufen: so groß wie zwei Heuschober!«
-
-Solocha erschrak gleichfalls und rannte umher, als ob sie nicht ganz
-gescheit wäre. Ohne sich viel zu besinnen, machte sie Tschub ein
-Zeichen, er solle in denselben Sack hineinkriechen, in dem bereits der
-Küster steckte. Der arme Küster konnte nicht einmal durch Husten oder
-Ächzen seinen Schmerz kundgeben, als sich der schwere Mann ihm beinah
-auf den Kopf setzte und ihm seine hartgefrorenen Stiefel gegen die
-Schläfen drückte.
-
-Der Schmied trat ein und ließ sich, ohne ein Wort zu reden, und ohne die
-Mütze abzunehmen, auf eine Bank sinken. Er war ersichtlich schlechter
-Laune.
-
-Zur selben Zeit, als Solocha die Tür hinter ihm zumachte, ertönte ein
-neues Klopfen. Es war der Kosak Swerbygus. Aber den hätte man schon
-nicht mehr in einem Sack verstecken können, denn ein solcher Sack war
-nirgends mehr zu finden. Er war noch beleibter als selbst der Amtmann
-und höher von Wuchs als Tschubs Gevatter. Daher führte ihn Solocha in
-den Gemüsegarten, um alles von ihm zu hören, was er ihr zu sagen hatte.
-
-Der Schmied blickte zerstreut in alle Winkel seiner Stube und lauschte
-ab und zu den weit vom Dorfe herüber hallenden Liedern der Sänger;
-endlich blieben seine Augen an den Säcken haften. »Wozu liegen diese
-Säcke hier? Man hätte sie schon längst wegräumen sollen. Die dumme Liebe
-hat mich ganz wirr gemacht. Morgen ist Feiertag, und in der Stube liegt
-noch immer aller mögliche Plunder herum. Ich trage sie gleich in die
-Schmiede!«
-
-Der Schmied kauerte sich neben den riesigen Säcken hin, band sie fest
-zusammen und machte sich daran, sie auf seine Schultern zu heben. Aber
-es war ersichtlich, daß seine Gedanken Gott weiß wo herumspazierten;
-sonst hätte er hören müssen, wie Tschub keuchte, als ihm das Haar auf
-dem Kopfe vom Strick festgeklemmt wurde, und wie der feiste Amtmann
-ziemlich deutlich den Schlucken bekam.
-
-»Will mir diese abscheuliche Oxana denn gar nicht aus dem Sinne?« sprach
-der Schmied. »Ich will nicht an sie denken; und doch kreisen meine
-Gedanken, immerfort und wie zu Fleiß allein um sie. Wie kommt es, daß
-man wider Willen an etwas denken muß? Verflucht! Die Säcke scheinen ja
-schwerer geworden zu sein! Sicher hat man zu den Kohlen noch etwas
-hinein gestopft. Ich Dummkopf. Ich vergesse ja ganz, daß mir jetzt doch
-alles schwerer erscheint. Früher konnte ich mit einer Hand
-eine Fünfkopekenmünze und ein Hufeisen zusammen- und wieder
-auseinanderbiegen, und jetzt kann ich nicht einmal mehr ein paar
-Kohlensäcke aufheben. Bald wird mich noch ein Windhauch umblasen ....
-Nein!« rief er nach einem kurzen Schweigen und faßte Mut. »Was bin ich
-doch für ein Frauenzimmer! Ich erlaube niemandem, über mich zu lachen!
-Und wenn es auch zehn solche Säcke wären, -- ich trag sie alle weg!« Und
-rüstig warf er sich die Säcke über die Schultern, diese Säcke, die nicht
-einmal zwei kräftige Männer hätten aufheben können. »Ich nehme auch den
-da noch mit,« fuhr er fort und hob den kleinen Sack in die Höhe, auf
-dessen Boden der Teufel zusammengekauert lag. »Da hab ich meine
-Werkzeuge hineingetan.« Mit diesen Worten verließ er das Haus, und vor
-sich her summte er das Liedchen:
-
- »Ach vom Weibe sollt ich lassen!«
-
- * * * * *
-
-Immer lauter und lauter erklangen die Lieder und das Gelächter auf den
-Straßen. Den Scharen der umherziehenden Leute schlossen sich auch noch
-solche an, die aus den kleineren Nachbardörfern herbeigekommen waren.
-Die Burschen tobten umher und verübten nach Herzenslust allerhand
-Streiche. Oft auch klang in die Weihnachtsgesänge ein lustiges Liedchen
-hinein, das einer der jungen Kosaken eben erst verfaßt hatte. Oder
-plötzlich sang einer aus der Menge statt eines Weihnachtsliedes ein
-Silvesterliedchen und brüllte aus vollem Halse:
-
- Silvester, Bester!
- Will lecken 'nen Wecken!
- Will papfen 'nen Krapfen!
- Will Wurst nach'm Durst!
-
-Lautes Lachen belohnte den Spaßvogel. Die kleinen Fenster wurden
-zurückgeschoben, und die dürren Arme einer alten Frau, die allein mit
-den würdigen Vätern des Hauses daheimgeblieben war, streckten sich, mit
-einer Wurst oder einem Stück Kuchen in der Hand, hervor. Die Burschen
-und Mädchen hielten um die Wette ihre Säcke unter und fingen die Beute
-auf. An einer andern Stelle umringte ein Haufen von jungen Burschen
-mehrere Mädchen. Da gab es Lärm und Geschrei; der eine warf einen
-Schneeball, und ein anderer raubte einen Sack, der mit allerhand Kram
-angefüllt war. Wieder an einer anderen Stelle haschten Mädchen nach
-einem Burschen, sie stellten ihm ein Bein, und er flog mitsamt seinem
-Packen Hals über Kopf zu Boden. Es schien, als ob sie die ganze Nacht
-hindurch in toller Lust verbringen wollten. Die Nacht war, wie mit
-Absicht, so herrlich und milde! Und noch heller und weißer erschien der
-Mondschein vom Leuchten des Schnees!
-
-Der Schmied machte mit seinen Säcken halt. Er glaubte die Stimme und das
-feine Lachen Oxanas in der Mädchenschar vernommen zu haben. Er fühlte,
-wie ihm ein Schauder durch alle Adern rann, warf die Säcke zu Boden, so
-daß der Küster im Sack aufstöhnte und der Amtmann aus vollem Halse
-aufschluckte, und schloß sich mit dem kleinen Sack über der Schulter dem
-Haufen der Burschen an, die hinter der Schar der Mädchen herzogen, in
-der er die Stimme Oxanas vernommen zu haben glaubte.
-
-»Sie ist es! Steht da wie eine Zarin, und ihre schwarzen Augen leuchten.
-Ein stattlicher Bursch erzählt ihr etwas; sicher etwas Ergötzliches,
-denn sie lacht. Aber sie lacht ja immer.« Und unwillkürlich und ohne zu
-begreifen, wie es geschah, drängte sich der Schmied durch die Menge
-hindurch und stellte sich an ihre Seite.
-
-»Ah, Wakula, du bist hier! Grüß Gott!« rief die Schöne mit jenem
-Lächeln, das Wakula beinah wahnsinnig machte. »Nun, hast du dir viel
-ersungen? He, was hast du denn da für einen kleinen Sack bei dir! Und
-die Stiefelchen der Zarin? hast du mir die schon gekriegt? Schaff mir
-die Stiefelchen, so heirate ich dich« .... Und lachend lief sie mit
-einem Trupp Mädchen davon.
-
-Der Schmied stand wie angewurzelt auf einem Fleck. »Nein, ich kann
-nicht; ich hab keine Kraft mehr« .... rief er endlich. »Himmel Herrgott,
-warum ist sie nur so verteufelt schön? Ihr Blick, ihre Rede, alles
-brennt in mir, glüht und brennt! Nein, ich kann mich nicht mehr
-überwinden. Es muß ein Ende gemacht werden. So geh denn zugrunde, meine
-Seele! Ich will mich in einem Eisloch ertränken, dann ist alles aus!«
-
-Er eilte entschiedenen Schritts voraus, holte die Mädchen ein, erreichte
-Oxana und rief mit fester Stimme: »Leb wohl, Oxana! Suche dir einen
-Bräutigam, wie du ihn haben magst, halte zum Narren, wen du willst; mich
-wirst du nie mehr auf der Welt erblicken.«
-
-Die Schöne schien erstaunt und wollte etwas sagen, aber der Schmied
-wehrte mit der Hand ab und rannte davon.
-
-»Wohin, Wakula?« schrien die Burschen, als sie den Schmied davonlaufen
-sahen.
-
-»Lebt wohl, Brüder!« rief ihnen der Schmied zu. »Wenn Gott will, sehn
-wir uns in jener Welt wieder, in dieser werden wir uns nie mehr
-zusammenfinden. Lebt wohl! Gedenkt meiner nicht in Bösem! Sagt dem Vater
-Kondrat, er möge eine Totenmesse für meine sündige Seele lesen. Ich weiß
-es, ich bin schuldig und habe die Kerzen an den Bildern des heiligen
-Wundertäters und der Mutter Gottes nicht bemalt, ich war zu sehr in
-irdischen Dingen befangen. Mein ganzes Hab und Gut und alles, was sich
-in meinem Kasten findet, vermach' ich der Kirche. Lebt wohl!«
-
-Nach diesen Worten lief der Schmied mit dem Sacke auf dem Rücken weiter!
-
-»Er ist von Sinnen!« sprachen die Burschen.
-
-»Eine verlorene Seele!« murmelte fromm eine vorübergehende Alte. »Ich
-muß doch gleich herumgehen und allen erzählen, wie sich der Schmied
-erhängt hat!«
-
- * * * * *
-
-Unterdessen lief Wakula durch die Straßen; endlich blieb er stehen, um
-Luft zu schöpfen. »Wohin renne ich eigentlich so?« dachte er. »Als ob
-wirklich alles verloren wäre. Ich will noch das letzte Mittel versuchen.
-Ich gehe zum Saporoger, zu Patzjuk Schmerbauch. Der soll doch alle
-Teufel in der Welt kennen und alles machen können, was er will. Ich geh
-zu ihm, meine Seele ist ja ohnehin verloren!«
-
-Der Teufel, der lange regungslos dagelegen war, hüpfte im Sack vor
-Freude; der Schmied aber glaubte, er selbst hätte den Sack irgendwie mit
-der Hand berührt und diese Bewegung hervorgerufen, schlug mit seiner
-mächtigen Faust auf den Sack, rüttelte ihn und begab sich zu Patzjuk
-Schmerbauch.
-
-Dieser Schmerbauch Patzjuk war in der Tat vormals ein Saporoger Kosak
-gewesen; aber niemand wußte, ob er aus der Gemeinschaft vertrieben oder
-von selbst davongelaufen war. Er lebte schon seit langem in Dikanka,
-vielleicht an die zehn oder gar fünfzehn Jahre. Zuerst führte er den
-Lebenswandel eines echten Saporogers: arbeitete nicht, schlief
-dreiviertel des Tages, aß wie sechs Drescher und trank einen ganzen
-Eimer voll auf einen Zug; übrigens hatte der auch bequem Platz, denn
-obwohl Patzjuk klein von Statur war, war er doch recht stark in die
-Breite gegangen. Dazu trug er so weite Pluderhosen, daß seine Beine, so
-lang er auch ausschreiten mochte, kaum zu sehen waren, und daß es den
-Eindruck machte, als ob sich eine Branntweinkufe die Straße entlang
-bewege. Daher mochte wohl auch sein Spitzname Schmerbauch stammen. Noch
-waren keine vierzehn Tage seit seiner Ankunft im Dorfe verstrichen, da
-wußte schon jedermann, daß er ein Hexenmeister sei. Hatte jemand irgend
-eine Krankheit, sogleich wurde Patzjuk gerufen, Patzjuk brauchte nur ein
-paar Worte zu murmeln und das Gebrechen war wie mit der Hand
-weggewischt. Oder geschah es, daß einem unmäßigen Edelmann eine
-Fischgräte in der Kehle stecken geblieben war, so verstand es Patzjuk,
-den Rücken des Herrn so geschickt mit der Faust zu beklopfen, daß die
-Gräte den rechten Weg einschlug, ohne der adligen Kehle auch nur den
-leisesten Schaden zuzufügen. In der letzten Zeit hatte man ihn wenig
-gesehen. Der Grund davon lag vielleicht in seiner Faulheit, vielleicht
-aber auch in dem Umstande, daß es ihm mit jedem Jahre schwerer wurde,
-durch die Tür zu kommen. Und so mußten denn die Leute zu ihm in sein
-Haus kommen, wenn sie seiner bedurften.
-
-Nicht ohne Furcht öffnete der Schmied die Tür und erblickte Patzjuk, der
-wie ein Türke auf dem Boden und vor einem kleinen Fasse saß, auf dem
-eine Schüssel mit Klößen stand. Diese Schüssel stand wie mit Absicht
-gerade vor seiner Nase. Ohne auch nur einen Finger zu rühren, neigte er
-bloß den Kopf leise über die Schüssel und schlürfte die Brühe ein, ab
-und zu schnappte er auch mit den Zähnen nach einem Kloß.
-
-»Nein,« dachte Wakula bei sich, »der da ist noch fauler als Tschub:
-jener ißt doch wenigstens noch mit einem Löffel, dieser aber mag nicht
-einmal die Hand aufheben!«
-
-Patzjuk war sicherlich mächtig mit seinen Klößen beschäftigt, denn er
-schien das Kommen des Schmiedes gar nicht bemerkt zu haben; kaum aber
-war dieser über die Schwelle getreten, so machte er eine tiefe
-Verbeugung.
-
-»Ich komme zu Euer Gnaden, Patzjuk!« sagte Wakula und verbeugte sich von
-neuem.
-
-Der dicke Patzjuk erhob den Kopf und begann wieder die Kloßbrühe zu
-schlürfen.
-
-»Die Leute sagen, -- nimm es mir nicht übel ....« sagte der Schmied,
-indem er sich selbst Mut zusprach, »ich sag's nicht, um dich zu
-beleidigen -- die Leute sagen, du bist mit dem Teufel verschwägert!«
-
-Kaum hatte Wakula diese Worte gesprochen, so erschrak er schon, denn er
-dachte, er hätte sich zu eindeutig ausgedrückt und die herben Worte
-nicht genügend gemildert. Er erwartete, daß Patzjuk das Faß mitsamt der
-Schüssel packen und ihm an den Kopf werfen würde; darum wich er etwas
-zur Seite und hielt sich den Arm vor, damit die heiße Kloßbrühe ihm
-nicht das Gesicht bespritze.
-
-Aber Patzjuk blickte ruhig vor sich hin und aß weiter.
-
-Der Schmied entschloß sich ermutigt, fortzufahren: »Ich komme zu dir,
-Patzjuk; Gott schenke Dir viel Reichtum, gebe dir alles in Hülle und
-Fülle, und auch Brot in Proportion!« Der Schmied verstand es sehr wohl,
-ab und zu ein neumodisch Wörtchen in seine Rede einzuflechten. Das hatte
-er sich während seines Aufenthaltes in Poltawa angewöhnt, als er den
-Bretterzaun des Hauptmanns tünchte. »Ich armer Sünder muß zugrunde
-gehen!! Nichts in der Welt kann mir mehr helfen! Komme, was kommen mag.
-Es bleibt mir nichts mehr übrig, als den Teufel selbst um Beistand zu
-bitten. Also, Patzjuk,« rief der Schmied, als er bemerkte, daß jener
-unerschütterlich schwieg, »was soll ich anfangen!«
-
-»Wenn du den Teufel brauchst, so scher dich doch auch zum Teufel!«
-antwortete Patzjuk, richtete nicht einmal die Augen auf ihn, und fuhr
-fort, seine Klöße zu vertilgen.
-
-»Deshalb komme ich ja eben zu dir,« erwiderte der Schmied mit einer
-Verbeugung, »außer dir, glaube ich, weiß niemand den Weg zu ihm.«
-
-Patzjuk sprach kein Wort -- und aß seine Klöße zu Ende. »Erbarm dich,
-guter Mensch, schlag mir die Bitte nicht ab!« drängte der Schmied. »Ob
-Schweinefleisch oder Wurst, ob Leinewand oder Hirse, -- oder
-Buchweizenmehl, und alles, was du brauchst .... wie es so unter guten
-Leuten Sitte ist .... es soll dir an nichts fehlen. Sage mir doch nur so
-beispielsweise, welcher Weg zu ihm führt?«
-
-»Der braucht nicht weit zu gehen, der den Teufel auf dem Buckel hat,«
-sprach Patzjuk gleichgültig, ohne seine Stellung zu verändern.
-
-Wakula starrte ihn an, als stände die Erklärung dieser Worte auf seiner
-Stirne zu lesen. »Was spricht er?« schien seine Miene stumm zu fragen;
-und sein halbgeöffneter Mund bereitete sich vor, das erste Wort, das er
-sagen würde, zu verschlingen wie ein Klößchen. Aber Patzjuk schwieg.
-
-Da merkte Wakula, daß weder Klöße noch ein Faß vor Patzjuk standen;
-statt dessen aber standen zwei Holzschüsseln auf dem Boden: die eine war
-mit Krapfen, die andere mit Rahm gefüllt. Seine Gedanken und seine Augen
-wandten sich unwillkürlich diesen Gerichten zu. »Sehn wir mal zu, wie
-Patzjuk die Krapfen essen wird,« sagte er zu sich selbst. »Er wird sich
-sicher nicht bücken wollen, um sie mit dem Mund einzuschlürfen, wie die
-Klöße; es geht ja auch gar nicht: man muß den Krapfen ja zuerst in den
-Rahm tunken!«
-
-Doch kaum hatte er dies gedacht, da sperrte Patzjuk seinen Mund weit
-auf, blickte auf die Krapfen und riß dann den Mund noch weiter auf. Da
-plantschte ein Krapfen aus der Schüssel, fiel klatschend in den Rahm,
-drehte sich auf die andere Seite, hüpfte hoch empor und fiel ihm stracks
-in den Mund. Patzjuk verzehrte den Krapfen, machte den Mund wieder auf,
-und mit einem anderen Krapfen geschah dasselbe. Er selbst mußte sich nur
-die Mühe nehmen, zu kauen und ihn zu verschlucken.
-
-»Potztausend!« dachte der Schmied und machte vor Verwunderung den Mund
-weit auf; aber da merkte er, daß auch ihm ein Krapfen in den Mund
-hineinspazierte, und schon waren seine Lippen mit Rahm beschmiert. Der
-Schmied stieß den Krapfen verwirrt von sich, wischte sich die Lippen und
-begann darüber nachzudenken, was für Wunder es doch in der Welt gäbe,
-und bis zu welchen Spitzfindigkeiten des Satans Macht einen Menschen
-gelangen ließe; und er sagte sich beiläufig, daß nur Patzjuk imstande
-sei, ihm zu helfen.
-
-»Ich will mich noch einmal verbeugen, vielleicht sagt er's mir ....
-Aber, Teufel! Morgen ist ja Weihnachten, und er ißt Krapfen -- das ist
-doch kein Fastenessen! Was bin ich doch für ein Dummkopf: steh da und
-belade mich mit Sünde! Zurück! ....« Und der gottesfürchtende Schmied
-stürzte aus dem Hause.
-
-Da aber konnte der Teufel, der im Sack saß und sich schon im Voraus
-gefreut hatte, vor Angst, es könne ihm eine so großartige Beute
-entgehen, nicht mehr an sich halten. Kaum ließ der Schmied den Sack zu
-Boden gleiten, so sprang er flugs hinaus und setzte sich rittlings auf
-seinen Hals.
-
-Den Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde totenbleich, und wußte
-einfach nicht, was er tun sollte; schon wollte er sich bekreuzigen ....
-Aber der Teufel neigte sein Hundeschnäuzchen an Wakulas rechtes Ohr und
-sagte: »Ich bin's, dein Freund; ich werde alles für meinen Kameraden und
-Genossen tun! Ich gebe dir Geld, soviel du willst,« murmelte er ihm ins
-linke Ohr. »Oxana wird heute noch die Unsere sein,« flüsterte er, sein
-Maul wieder zum rechten Ohr neigend. Der Schmied stand da und sann.
-»Schön,« sagte er endlich, »um diesen Preis bin ich bereit, dir
-anzugehören!«
-
-Der Teufel schlug die Hände zusammen und begann vor Freude auf dem Halse
-des Schmiedes auf und ab zu hüpfen. »Jetzt habe ich den Schmied!« dachte
-er bei sich. »Gut, mein Täubchen, du sollst mir all deine Malereien und
-Schmierereien, mit denen du den Teufel verspottet hast, bezahlen! was
-werden meine Genossen dazu sagen, wenn sie erfahren, daß der frömmste
-Mann des Dorfes in meinen Händen ist?«
-
-Und der Teufel lachte und stellte sich vor, wie er in der Hölle die
-geschwänzte Rotte necken werde; und wie der hinkende Teufel, der als
-Meister aller satanischen Streiche galt, Wut schnauben würde.
-
-»Na Wakula!« piepste der Teufel, der den Hals des Schmiedes immer noch
-nicht verlassen hatte, gerade als ob er befürchtete, jener könne ihm
-entwischen. »Du weißt ja, daß ohne Vertrag nichts unternommen wird.«
-
-»Ich bin bereit!« sagte der Schmied. »Wie ich gehört habe, unterzeichnet
-man bei euch die Verträge mit Blut; halt, ich hol mir nur einen Nagel
-aus der Tasche!«
-
-Dabei griff er mit der Hand nach hinten -- und siehe -- er hatte den
-Teufel am Schwanze gepackt.
-
-»Ei ei, du Schäker!« rief der Teufel lachend, »jetzt aber laß los, genug
-der Schelmenstreiche!«
-
-»Nein, warte mein Täubchen!« schrie der Schmied. »Und was sagst du
-dazu?« Dabei machte er das Zeichen des Kreuzes, und der Teufel wurde
-lammstill. »Warte mal!« rief er und zerrte ihn am Schwanze zu Boden.
-»Ich will dich lehren, ehrliche Leute und anständige Christenmenschen in
-Sünden zu stürzen.«
-
-Und der Schmied sprang rittlings auf ihn und hob die Hand empor, um das
-Zeichen des Kreuzes zu machen.
-
-»Hab Erbarmen, Wakula!« stöhnte der Teufel kläglich. »Ich tue ja alles,
-was du willst; nur verschone mich; lege mir nur nicht dies furchtbare
-Kreuz auf.«
-
-»Jetzt singst du schon ein andres Lied, du gottverdammter Welschling du!
-Nun weiß ich, was ich zu tun habe. Führe mich sofort im Ritt auf und
-davon. Hörst du? eile dahin wie ein Vogel!«
-
-»Wohin?« rief der Teufel traurig.
-
-»Nach Petersburg, geradewegs zu der Zarin!« Aber da erstarrte der
-Schmied vor Schreck, denn er fühlte, wie er in die Lüfte emporgehoben
-wurde.
-
- * * * * *
-
-Noch lange stand Oxana da und dachte an die sonderbaren Reden des
-Schmieds. Schon regte sich etwas in ihrem Innern und raunte ihr zu, sie
-habe ihn zu hart behandelt. »Und wenn er sich wirklich etwas
-Schreckliches antut? Nichts ist unmöglich! Vielleicht verliebt er sich
-noch am Ende aus Kummer in eine andere und wird sie aus lauter Aerger
-für die Schönste im Dorfe erklären. Aber nein, er liebt mich. Ich bin ja
-auch so schön! Er wird mir keine andere vorziehen; er treibt nur Unsinn
-und tut nur so. Es werden noch keine zehn Minuten verstreichen, und er
-wird wiederkommen, um mich zu sehen. Ich bin wirklich zu hartherzig. Ich
-muß mich einmal scheinbar widerwillig von ihm küssen lassen. Das wird
-eine Freude für ihn sein!« Und die leichtsinnige Schöne fing schon
-wieder an, mit ihren Freundinnen zu scherzen.
-
-»Halt!« rief die eine von ihnen, »der Schmied hat seine Säcke vergessen;
-o schaut nur, was für gräßliche Säcke das sind! Er hat ganz andre
-Geschenke für seinen Gesang bekommen als wir; ich glaube, man hat ihm
-ein ganzes Viertel von einem Hammel geschenkt, und sicherlich Würste und
-Brote ohne Zahl. Prächtig! Da kann man die ganzen Feiertage davon
-essen.«
-
-»Sind das die Säcke des Schmiedes?« rief Oxana. »Schleppen wir sie doch
-zu mir in die Stube und sehn wir zu, was er alles drin hat.«
-
-Alle billigten lachend diesen Vorschlag.
-
-»Aber wir können sie nicht in die Höhe heben!« rief auf einmal die ganze
-Schar, die bemüht war, die Säcke vom Platze zu rücken.
-
-»Halt,« meinte Oxana, »holen wir einen Schlitten und schleppen wir sie
-auf dem Schlitten zu mir!«
-
-Und die ganze Schar lief fort, um einen Schlitten zu holen.
-
-Den Gefangenen wurde indessen in den Säcken die Zeit gewaltig lang, wenn
-auch der Küster sich ein tüchtiges Loch in den Sack gebohrt hatte. Wären
-keine Leute dagewesen, so hätte er vielleicht auch noch ein Mittel
-gefunden, herauszukriechen; aber in Gegenwart aller aus dem Sack zu
-kriechen, sich lächerlich zu machen .... dieser Gedanke hielt ihn
-zurück, und er beschloß daher, zu warten; und nur hie und da stöhnte er
-unter Tschubs unhöflichen Stiefeln schmerzlich auf. Tschub selbst aber
-sehnte sich nicht minder nach Freiheit, denn er fühlte, daß ein gewisses
-Etwas unter ihm lag, auf dem ganz grauenhaft unbequem zu sitzen war.
-Sobald er aber vom Entschluß seiner Tochter vernahm, beruhigte er sich
-und wollte jetzt schon selbst nicht mehr zum Vorschein kommen, denn er
-dachte daran, daß es bis zu seinem Hause noch mindestens hundert Schritt
-oder gar noch mehr waren; hätte er aber hinauskriechen wollen, so hätte
-er seine Kleidung ordnen, den Pelz zuknöpfen, und sich den Gurt umbinden
-müssen -- welche Arbeit! Und dann war auch seine Mütze bei der Solocha
-geblieben. Da sollten ihn doch lieber die Mädel nach Hause fahren! Es
-kam jedoch ganz anders, als Tschub erwartet hatte. Während die Mädchen
-davonliefen, um einen Schlitten zu holen, trat der hagere Gevatter
-verstört und mißgestimmt aus dem Wirtshaus. Die Schankfrau hatte sich
-durchaus nicht entschließen können, ihm zu borgen. Er wollte im
-Wirtshause abwarten, ob nicht irgendein frommer Edelmann kommen und ihm
-was vorsetzen würde; aber wie zum Trotz waren alle Edelleute zu Hause
-geblieben und verzehrten als ehrliche Christen ihren Weihnachtskuchen
-inmitten ihrer Familie. Wie nun der Gevatter so über die allgemeine
-Sittenverderbnis und das steinerne Herz des Judenweibs, das den Schnaps
-feilhielt, nachdachte, stieß er plötzlich auf die Säcke und blieb
-erstaunt stehen. »Schau, schau, hier hat jemand Säcke auf die Straße
-geworfen!« sagte er und sah sich um. »Wahrscheinlich ist Schweinefleisch
-drin. Es gehört doch ein großes Glück dazu, sich so viel zu ersingen!
-Was für riesige Säcke! Angenommen selbst, sie wären nur mit
-Buchweizenbroden und Brezeln gefüllt, das wär' auch gar nicht übel, aber
-selbst wenn nur einfaches Brot darin wäre, so ließe ich mir auch das
-gefallen: die verfluchte Jüdin gibt ein Achtel Schnaps für jeden Laib.
-Ich will sie rasch fortschleppen, so daß niemand es sieht.«
-
-Da wälzte er sich den einen Sack, gerade den mit Tschub und dem Küster,
-auf die Schulter, fühlte jedoch, daß er zu schwer sei. »Nein, für mich
-allein ist der zu schwer,« rief er. »Aber da kommt ja gerad wie gerufen
-der Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, Ostap!«
-
-»Guten Abend!« erwiderte der Weber und blieb stehen.
-
-»Wohin gehst du?«
-
-»Ganz ohne Ziel, wohin mich gerad die Füße tragen.«
-
-»Hilf mir doch die Säcke forttragen, lieber Mensch, da hat jemand seine
-Weihnachtsgeschenke hergeschleppt und sie mitten auf der Straße
-hingeschmissen. Wir wollen das Gut redlich unter uns teilen.«
-
-»Die Säcke? Und was ist drin? Kuchen oder Brot?«
-
-»Ich glaube, es ist von allem etwas drin.«
-
-Sie rissen schnell eine Latte vom Zaun, legten die Säcke darauf und
-trugen sie auf den Schultern fort.
-
-»Wohin wollen wir sie tragen? Ins Wirtshaus?« fragte der Weber
-unterwegs.
-
-»Ich hab's mir auch gedacht; aber die verdammte Jüdin wird uns am Ende
-nicht recht trauen, sie wird glauben, wir hätten sie gestohlen, und
-außerdem _komme_ ich gerade aus dem Wirtshaus. Tragen wir den Sack zu
-mir. Niemand wird uns stören: meine Frau ist nicht zu Hause.«
-
-»Ist sie auch sicher nicht zu Hause?« fragte der vorsichtige Weber.
-
-»Wir sind ja, Gott sei Dank, noch bei vollem Verstande,« sagte der
-Gevatter, »nur der Teufel könnte mich dorthin bringen, wo sie jetzt ist.
-Ich glaube, sie wird sich bis morgen früh mit den Weibern herumtreiben.«
-
-»Wer ist da?« rief die Frau des Gevatters, als sie den Lärm hörte, den
-die beiden Freunde im Flur mit dem Sack machten, und öffnete die Tür.
-
-Der Gevatter war starr vor Schrecken.
-
-»Na, da haben wir die Bescherung!« rief der Weber und ließ die Arme
-sinken.
-
-Des Gevatters Frau war so ein Juwel, wie es deren durchaus nicht wenige
-in der Welt gibt. Genau wie ihr Gemahl saß sie fast niemals zu Hause und
-schmarotzte fast den ganzen Tag lang bei allerhand Basen und
-wohlhabenden Muhmen umher, schmeichelte sich bei ihnen ein, aß mit
-vielem Appetit und prügelte sich nur am Morgen mit ihrem Manne herum,
-denn bloß um diese Tageszeit pflegte sie ihn zuweilen zu sehen. Ihre
-Hütte war doppelt so alt wie die Pluderhosen des Gemeindeschreibers. Das
-Dach hatte an manchen Stellen gar kein Stroh mehr, und vom Zaun waren
-nur noch ein paar klägliche Überreste übrig, denn kein Mensch pflegte
-beim Ausgehen noch einen Stock zur Abwehr der Hunde mitzunehmen, weil
-jeder hoffte, am Gemüsegarten des Webers vorüberzugehen und sich da
-einen Knüppel aus seinem Zaun reißen zu können. Der Ofen wurde oft drei
-Tage lang nicht geheizt. Alles, was die zärtliche Gattin bei gutherzigen
-Leuten zu erbetteln pflegte, verbarg sie möglichst vor ihrem Manne, und
-manchmal nahm sie sogar Sachen als Beute an sich, die ihm gehörten,
-falls er sie noch nicht in der Schenke versoffen hatte. Der Gevatter
-wollte ihr trotz seiner ewigen Gleichgültigkeit doch nicht nachgeben,
-daher verließ er auch das Haus fast immer mit ein paar Beulen unter
-beiden Augen, und die geschätzte Ehehälfte trollte sich ächzend zu ihren
-alten Weibern, um ihnen von der Lüderlichkeit ihres Mannes und von den
-Schlägen vorzuklatschen, die sie zu ertragen hatte.
-
-Man kann sich ausmalen, wie verblüfft der Weber und der Gevatter durch
-ihr unerwartetes Erscheinen waren. Sie ließen den Sack zu Boden sinken,
-stellten sich vor ihn hin und bedeckten ihn mit ihren Rockschößen; aber
-schon war es zu spät; des Gevatters Frau hatte den Sack schon erblickt,
-obwohl ihre alten Augen nur noch schlecht sahen. »Das ist aber fein!«
-sagte sie mit einer Miene, in der die Freude eines Habichts aufzuckte.
-»Das ist fein, daß ihr euch so viel zusammengesungen habt! Anständige
-Leute machen es immer so. Aber nein, ich glaube doch, ihr habt es
-irgendwo stibitzt. Zeigt mir's sofort, hört ihr, zeigt mir sofort, was
-ihr in eurem Sacke habt!«
-
-»Vielleicht zeigt dir's ein kahlköpfiger Teufel, aber nicht wir,« sagte
-der Gevatter und stellte sich in Positur.
-
-»Was geht dich das an?« sagte der Weber, »_wir_ haben das für unseren
-Gesang bekommen und nicht du!«
-
-»Nein, du sollst es mir zeigen, du nichtsnutziger Trunkenbold!« rief die
-Frau, versetzte dem langaufgeschossenen Gevatter einen Schlag unters
-Kinn und drängte sich an den Sack heran. Jedoch der Weber und der
-Gevatter verteidigten den Sack tapfer und nötigten sie zum Rückzuge.
-Kaum aber hatten sie Zeit, sich recht zu besinnen, als die Gattin schon
-mit einem Feuerhaken in der Hand wieder auf den Flur herausgerannt kam.
-Sie schlug ihrem Mann flink mit dem Haken auf die Hände und dem Gevatter
-übern Rücken, und schon stand sie neben den Säcken.
-
-»Warum haben wir sie herangelassen?« rief der Weber, als er wieder zu
-sich gekommen war.
-
-»Ja, warum haben wir sie herangelassen! Warum hast du sie
-herangelassen?« sagte der Gevatter kaltblütig.
-
-»Ihr habt wohl einen eisernen Ofenhaken!« sagte der Weber nach kurzem
-Schweigen, indem er sich den Rücken kratzte. »Meine Frau hat im vorigen
-Jahr auf dem Jahrmarkt einen Ofenhaken gekauft und ein halb Schock Eier
-für ihn gegeben: der ist besser ..... er tut nicht so weh ......!«
-
-Unterdessen stellte die triumphierende Gattin ihr Lämpchen auf den
-Boden, band den Sack auf und blickte hinein.
-
-Aber ihre alten Augen, die den Sack doch so gut wahrgenommen hatten,
-täuschten sie wohl diesmal. »He, da liegt ja ein ganzer Eber!« rief sie,
-vor Freude in die Hände klatschend.
-
-»Ein Eber! Hörst du, ein ganzer Eber!« rief der Weber und puffte den
-Gevatter in die Seite, »du allein hast an allem schuld!«
-
-»Was ist da zu machen!« rief der Gevatter achselzuckend.
-
-»Was? Warum stehen wir auch so ruhig da? Nehmen wir ihr doch den Sack
-ab! Pack dich!«
-
-»Vorwärts marsch, du Teufelsweib! Der Eber gehört uns!« rief der
-Gevatter und rückte vor. Seine Gattin griff wieder zum Ofenhaken, aber
-in diesem Augenblick kroch Tschub aus dem Sack und stellte sich
-breitbeinig mitten im Flur hin, indem er sich dehnte und reckte, wie ein
-Mensch, der soeben aus einem langen Schlafe erwacht ist.
-
-Des Gevatters Frau stieß einen Schrei aus, schlug die Hände zusammen,
-und alle miteinander sperrten unwillkürlich die Mäuler auf.
-
-»Was faselt sie da von einem Eber, diese Närrin! Das ist doch kein
-Eber,« sagte der Gevatter, die Augen weit aufreißend.
-
-»Sieh einer an, was für einen Kerl sie da in den Sack gesteckt haben!«
-rief der Weber, vor Schreck zurückweichend. »Sag, was du willst, ich
-will auf der Stelle platzen, wenn da nicht der Böse seine Hand im Spiel
-hat. Der da kann doch durch kein Fenster, geschweige denn in einen Sack
-geraten!«
-
-»Das ist ja Gevatter Tschub!« rief der Gevatter, als er näher zusah.
-
-»Und was dachtest du?« rief Tschub schmunzelnd. »Was? habe ich euch
-einen Schabernack gespielt? Ihr wolltet mich wohl schon gar verspeisen,
-wie ein Stück Schweinefleisch? Wartet nur, ich will euch noch eine
-Freude bereiten: im Sacke liegt noch etwas, wenn das kein Eber ist, so
-ist's sicher ein Ferkel oder irgendein anderes Vieh. Es hat fortwährend
-unter mir gezappelt.«
-
-Der Weber und der Gevatter stürzten sich auf den Sack, die Hausfrau
-klammerte sich auf der anderen Seite an ihn und das Gefecht wäre wieder
-losgegangen, wenn nicht der Küster, der einsah, daß er sich nirgends
-mehr verbergen konnte, von selbst aus dem Sacke herausgekrochen wäre.
-
-Die Frau des Gevatters wurde starr wie Stein und ließ den Fuß los, an
-dem sie den Küster bereits aus dem Sacke ziehen wollte.
-
-»Also noch einer!« rief der Weber in heller Angst. »Der Teufel mag
-wissen, was in der Welt los ist .... Der Kopf dreht sich mir im Kreise
-herum .... Weder Würste noch Brot, sondern lauter Menschen wirft man
-jetzt in die Säcke!«
-
-»Das ist der Küster!« rief Tschub, der noch mehr erstaunt war, als die
-anderen. »Da haben wir's! Ei, ei, die Solocha! Die Menschen in einen
-Sack zu stecken .... Ich dachte mir gleich: warum ist nur die Stube
-voller Säcke .... Jetzt weiß ich alles: bei ihr saßen zwei Kerle in
-jedem Sacke. Und ich glaubte, daß sie mir allein .... Ei, ei! diese
-Solocha!«
-
- * * * * *
-
-Die Mädchen waren einigermaßen erstaunt, als sie den einen Sack nicht
-mehr fanden.
-
-»Nun, da ist nichts zu machen, wir werden auch an dem anderen genug
-haben!« meinte Oxana.
-
-Alle ergriffen den Sack und wälzten ihn auf den Schlitten. Der Amtmann
-beschloß zu schweigen, denn er bedachte die Folgen, wenn er schrie, man
-solle den Sack aufbinden; die dummen Mädel würden auseinanderlaufen,
-würden glauben, im Sacke sitze der Teufel, und er müßte dann vielleicht
-bis morgen auf der Straße bleiben.
-
-Indes flogen die Mädchen, Hand in Hand, wie der Sturmwind mit dem
-Schlitten über den knisternden Schnee. Einige von ihnen setzten sich
-mutwillig auf den Schlitten; und manche setzten sich sogar auf den
-Amtmann selbst. Der Amtmann aber war entschlossen, alles zu ertragen.
-
-Endlich waren sie angekommen, sie rissen die Türen zum Flur und zur
-Stube weit auf und schleppten den Sack unter lautem Gelächter hinein.
-
-»Sehn wir zu, was drin ist,« riefen alle auf einmal und beeilten sich,
-ihn aufzubinden.
-
-Da aber wurde der Schlucken, der nicht aufgehört hatte, den Amtmann
-während der ganzen Zeit seines Aufenthalts im Sack zu quälen, so arg,
-daß der laut aufzuschlucksen und zu husten begann.
-
-»Ach, da sitzt ja jemand drin!« schrien alle, und stürzten erschrocken
-zur Tür.
-
-»Was Teufel! Wohin rennt ihr denn alle, als ob ihr nicht gescheit seid?«
-fragte Tschub, der in die Türe trat.
-
-»O, Vater!« rief Oxana, »im Sacke sitzt jemand!«
-
-»Im Sacke? Wo habt ihr diesen Sack her?«
-
-»Der Schmied hat ihn mitten auf die Straße hingeschmissen,« riefen alle
-zugleich.
-
-»Na also; hab ich's nicht gleich gesagt? ....« dachte Tschub bei sich.
-»Worüber seid ihr so erschrocken? Wir wollen doch mal nachsehn. Holla,
-Menschenskind -- nimm's mir nicht übel, daß ich dich nicht bei deinem
-Vor- und Zunamen rufe -- kriech mal aus dem Sack heraus!«
-
-Der Amtmann kroch heraus.
-
-»Ah!« riefen die Mädchen.
-
-»Auch der Amtmann war also dabei,« sprach Tschub verblüfft zu sich, und
-maß ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. »So so? .... Hehe! ....« Mehr konnte
-er nicht hervorbringen.
-
-Der Amtmann selbst war nicht minder verlegen und wußte nicht, was er
-anfangen sollte. »Es ist wohl recht kalt draußen?« fragte er, zu Tschub
-gewandt.
-
-»Ein mächtiges Frostwetter,« antwortete Tschub. »Darf ich dich fragen:
-womit schmierst du eigentlich deine Stiefel: mit Schmalz oder mit Teer?«
-Er hatte natürlich etwas ganz andres sagen wollen, und fragen wollen:
-»Wieso kommst du, der Amtmann, in den Sack?« und er wußte selbst nicht,
-wie es kam, daß er etwas ganz anderes gesagt hatte.
-
-»Mit Teer ist's besser,« erwiderte der Amtmann. »Leb wohl, Tschub!« Und
-er drückte die Mütze in die Stirn und verließ die Stube.
-
-»Warum habe ich so dumm gefragt, womit er seine Stiefel schmiert!« rief
-Tschub, auf die Tür blickend, durch die der Amtmann hinausgegangen war.
-»Ei, ei, diese Solocha! Solch einen Herrn in den Sack zu stecken! Dieses
-Teufelsweib! Und ich Dummkopf .... Aber wo ist nur der verfluchte Sack
-geblieben?«
-
-»Ich habe ihn in die Ecke geschmissen, es ist nichts mehr drin,« sagte
-Oxana.
-
-»Ich kenne diese Scherze schon. Nichts drin! Gib ihn mal her: dort sitzt
-doch noch jemand! Schüttelt ihn nur mal ordentlich. Wie? ist wirklich
-nichts drin? Ei, _so_ ein verfluchtes Weibsbild! Und dabei ist sie von
-Aussehen die reinste Heilige, als ob sie noch nie was anderes als
-Fastenspeisen gekostet hätte .....!«
-
-Aber lassen wir Tschub in aller Gemütlichkeit seinen Ärger verpuffen und
-kehren wir zu dem Schmied zurück; denn es geht gewiß schon in die neunte
-Stunde.
-
- * * * * *
-
-Zuerst war's Wakula sehr unheimlich zumute, besonders als er so hoch
-oben schwebte, daß er unten auf der Erde nichts mehr unterscheiden
-konnte, und als er wie eine Fliege hart am Monde vorbeigeflogen kam, so
-daß er, hätte er sich nicht etwas gebückt, den Mond mit der Mütze
-gestreift hätte. Bald darauf faßte er jedoch Mut, und begann wieder über
-den Teufel zu scherzen. Es ergötzte ihn außerordentlich, wie der Teufel
-jedesmal, wenn Wakula sein Kreuz aus Zedernholz vom Halse nahm und es
-ihm vor die Nase hielt, niesen und prusten mußte. Absichtlich erhob er
-die Hand, um sich den Kopf zu kratzen, aber der Teufel dachte, er greife
-nach dem Kreuze und flog noch rascher dahin. Alles in der Höhe leuchtete
-hell. Die Luft schimmerte durchsichtig in dem sanften silbernen Nebel.
-Alles war klar zu sehen und man konnte sogar wahrnehmen, wie ein
-Zauberer rittlings auf einem Topfe sitzend an ihnen vorüberjagte, wie
-die Sterne, zu einem Haufen geballt, Blindekuh spielten, wie ein ganzes
-Rudel Geister sich gleich Wolken dahin wälzte, wie ein im Mondschein
-tanzender Teufel beim Anblick des daherreitenden Schmiedes die Mütze
-zog, und wie ein Besen, auf dem offensichtlich soeben eine Hexe zu ihrem
-Ziel geritten war, heimwärts flog ......! Und noch vieles andere und
-mancherlei böses Gesindel trafen sie auf ihrem Wege. Beim Anblick des
-Schmiedes machten alle halt, um ihn anzusehen, und dann rasten sie zu
-ihren Verrichtungen weiter; der Schmied flog immer weiter und weiter,
-und auf einmal leuchtete Petersburg ganz in Feuer gehüllt vor ihm auf.
-(Damals fand dort aus irgend einem Anlaß gerade eine Illumination
-statt.) Der Teufel flog über den Schlagbaum hinweg, verwandelte sich in
-ein Roß, und der Schmied fand sich plötzlich mitten auf der Straße auf
-einem hitzigen Renner wieder.
-
-Himmel Herrgott! War das ein Lärmen, Rasseln und Funkeln; auf beiden
-Seiten ragten vier Stockwerk hohe Mauern in die Höhe; das Stampfen der
-Pferdehufe und das Rollen der Wagenräder hallte donnernd aus allen vier
-Himmelsrichtungen wider; da schossen Häuser empor und schienen auf
-Schritt und Tritt der Erde zu entsteigen; Brücken bebten; Equipagen
-flogen dahin, Kutscher und Vorreiter brüllten; der Schnee pfiff unter
-den tausenden, von allen Seiten vorbeifliegenden Schlitten; die
-Fußgänger drückten sich ängstlich an die Häuser, die mit Lämpchen
-übersät waren; und ihre riesigen Schatten huschten über die Wände und
-reichten mit den Köpfen bis an die Dächer und Schornsteine.
-
-Voller Staunen sah sich der Schmied nach allen Seiten um. Es schien ihm,
-als ob alle diese Häuser ihre zahllosen Feueraugen auf ihn richteten und
-ihn anschauten. Soviel feine Herren in ihren mit Tuch überzogenen Pelzen
-erblickte er, daß er nicht wußte, vor wem er zuerst die Mütze ziehen
-sollte. »O Gott, wieviel Herrschaften es hier gibt!« dachte der Schmied.
-»Ich glaube, hier ist jeder, der einem auf der Straße in einem Pelz
-begegnet, Assessor und wieder Assessor! Und die, die in diesem
-wunderbaren Wagen mit Glasscheiben dahinfahren, sind, wenn nicht
-Bürgermeister, so doch sicherlich Kommissäre oder vielleicht sogar noch
-mehr.« Hier wurden seine Betrachtungen durch eine Frage des Teufels
-unterbrochen: »Soll ich gradeswegs zur Zarin?« -- »Nein, ich habe
-Angst!« dachte der Schmied. »Ich weiß nicht, hier sind doch irgendwo die
-Saporoger Kosaken abgestiegen, die im Herbst durch Dikanka gekommen
-sind. Sie fuhren mit einem Schreiben zur Zarin; nicht übel wäre es, sie
-um Rat zu fragen. He, Satan! kriech mir in die Tasche und führe mich zu
-den Saporogern!«
-
-Im Nu magerte der Teufel ab und wurde so klein, daß er ohne Müh zu ihm
-in die Tasche hineinhüpfen konnte. Noch bevor Wakula sich umzusehen
-vermochte, stand er schon vor einem riesigen Hause und, ohne selbst zu
-wissen wie, stieg er die Treppe empor, machte die Türe auf und prallte
-ein wenig zurück vor dem blendenden Glanze, als er das geschmückte
-Gemach erblickte; doch er faßte wieder etwas Mut, als er die Saporoger
-erkannte, die durch Dikanka gekommen waren, und die nun auf seidenen
-Sofas saßen: mit geteerten Stiefeln an den übereinandergeschlagenen
-Beinen, und den allerstärksten Tabak rauchten, jenen Tabak, den man
-gewöhnlich Wurzeltabak nennt.
-
-»Grüß Gott, Herrschaften! Helf euch Gott! Wo wir uns wiedersehn!« sprach
-der Schmied, trat näher und verbeugte sich tief bis zur Erde.
-
-»Was ist das für ein Mensch?« fragte der dem Schmied zunächst Sitzende
-einen andern, der etwas abseits saß.
-
-»Habt ihr mich nicht wiedererkannt?« rief der Schmied. »Ich bins ja, der
-Schmied Wakula! Als ihr im Herbst durch Dikanka kamt, da wart ihr ja
-zwei Tage lang bei mir zu Gaste, Gott schenke euch Gesundheit und langes
-Leben. Ich hab euch doch noch damals einen neuen Reifen ans Vorderrad
-eures Wagens geschlagen!«
-
-»Ah!« rief da der Saporoger, »das ist ja derselbe Schmied, der so
-großartig malt. Gott zum Gruß, Landsmann! Was führt dich hierher?«
-
-»Ich wollte mich nur ein wenig umsehen .... Man sagt ja ....«
-
-»Nun, Landsmann,« rief der Saporoger wichtig und da er zeigen wollte,
-daß er nicht bloß seine Kosaken-Mundart, sondern auch reinstes Russisch
-sprechen konnte, sagte er: »Eine gewoltige Stadt, wie?«
-
-Der Schmied wollte sich auch nicht bloßstellen und als Neuling zeigen,
-außerdem verstand er sich auch selbst auf die Schriftsprache, wie wir
-bereits oben zu bemerken Gelegenheit hatten, und so antwortete er ruhig:
-»Eine mächtige Goubernie! Hier gibt's unstreitig große Häuser, und
-meisterhafte Bilder hängen darin. Gar viele Häuser sind mit köstlichen
-Lettern aus Blattgold bemalt. Man muß zugeben, eine herrliche
-Proportion!«
-
-Als die Saporoger den Schmied so frei sich ausdrücken hörten, bekamen
-sie die günstigste Meinung von ihm.
-
-»Wir wollen uns später weiter unterhalten, Landsmann: Jetzt müssen wir
-gleich zur Zarin fahren.«
-
-»Zur Zarin? O seid so lieb, meine Herren, nehmt mich auch mit!«
-
-»Dich?« rief der Saporoger in einem Ton, wie etwa ein Kinderwärter zu
-seinem vierjährigen Zögling redet, der bittet, ihn auf ein großes Pferd
-zu setzen.
-
-»Was willst du denn dort? Nein, das geht nicht.« Dabei nahm sein Gesicht
-eine wichtige Miene an. »Wir müssen mit der Zarin über unsere eigenen
-Angelegenheiten reden, Bruder!«
-
-»Nehmt mich doch mit!« drängte der Schmied. »Bitte du sie!« flüsterte er
-dem Teufel leise zu, indem er mit der Faust auf seine Tasche schlug.
-
-Kaum aber hatte er das gesagt, als ein anderer Saporoger ausrief:
-»Nehmen wir ihn doch wirklich mit, Brüder!«
-
-»Uns ist's recht, nehmen wir ihn mit!« sprachen die Anderen.
-
-»So leg ein Kleid an, wie wir es tragen.«
-
-Der Schmied beeilte sich, einen grünen Schupan anzuziehen, als auf
-einmal die Tür aufging und ein Mann mit Tressen am Rock eintrat und
-sagte, es sei die höchste Zeit, abzufahren.
-
-Dem Schmied war es wieder wunderlich zumute, als er in der riesigen
-Kalesche dahinfuhr, die auf Sprungfedern hin und her schaukelte; und als
-die vierstöckigen Häuser auf beiden Seiten an ihm vorbeirannten, und das
-Pflaster mit Gepolter wie von selbst unter den Füßen der Pferde
-dahinzurollen schien.
-
-»O Gott, wie hell es ist!« dachte der Schmied bei sich, »bei uns ist es
-nicht einmal am Tage so hell!«
-
-Die Wagen hielten vor einem Palaste. Die Saporoger stiegen aus, traten
-auf den prächtigen Vorplatz und begannen die blendend beleuchtete Treppe
-hinaufzusteigen.
-
-»Was für eine Treppe!« flüsterte der Schmied vor sich hin, »es wäre doch
-schade, mit den Füßen drauf zu treten. Welch ein Schmuck! Und da sage
-noch einer: die Märchen lügen! Wahrlich, die lügen nicht! O Gott, mein
-Gott, was für ein Geländer! Was für eine Arbeit! Da hat man allein fürs
-Eisen mindestens fünfzig Rubel ausgegeben!«
-
-Oben angelangt, durchschritten die Saporoger den ersten Saal. Scheu
-folgte ihnen der Schmied, voller Angst, er könnte bei jedem Schritt auf
-dem Parkett ausgleiten. Drei Säle durchschritten sie und der Schmied war
-noch immer nicht aus seiner Verwunderung herausgekommen. Wie sie in den
-vierten Saal traten, ging er unwillkürlich an ein Gemälde heran, das an
-der Wand hing. Es war ein Bild der heiligen Jungfrau mit dem Sohne auf
-dem Arm.
-
-»Was für ein Bild! Was für eine wunderbare Malerei!« dachte er und
-stellte seine Betrachtungen an. »Es sieht aus, als wollte es reden! Wie
-lebendig es ist! Und das Christkind! Wie es die Händchen faltet und
-lächelt, das Ärmste! Und diese Farben! O Gott! Welche Farben! Da hat man
-wohl auch nicht für eine Kopeke Ocker gebraucht, glaub ich, sondern
-nichts als Karmin und Grünspan. Und wie das Blau leuchtet! Eine
-meisterhafte Arbeit. Der Grund ist wahrscheinlich mit dem kostbarsten
-Bleiweiß angelegt. Aber wenn diese Malerei wunderbar ist, so ist doch
-dieser Messinggriff noch mehr der Bewunderung würdig,« fuhr er fort,
-indem er an die Tür trat und das Schloß betastete. »Was für eine saubere
-Arbeit! Ich bin sicher, das alles ist von ausländischen Schmieden
-gemacht und die haben sich sicherlich die höchsten Preise dafür zahlen
-lassen.«
-
-Der Schmied wäre vielleicht noch lange in seinen Betrachtungen
-fortgefahren, wenn ihn nicht ein betreßter Lakai am Arm gepufft und
-ermahnt hätte, nicht hinter den anderen zurückzubleiben. Die Saporoger
-durchschritten noch zwei Säle und machten dann halt. Da hieß man sie
-warten. Im Saale standen einige Generäle in goldbestickten Uniformen.
-Die Saporoger verbeugten sich nach allen Seiten und traten zu einer
-Gruppe zusammen.
-
-Einen Augenblick später kam, begleitet von einem ganzen Gefolge, ein
-korpulenter Mann von majestätischer Statur, in Hetmansuniform und mit
-feinen gelben Stiefeln herein. Sein Haar war wirr, das eine Auge
-schielte etwas, das Gesicht drückte Stolz und Erhabenheit aus, allen
-seinen Bewegungen merkte man die Gewohnheit, zu befehlen, an. Alle
-Generäle, die in ihren goldenen Uniformen umherstolzierten, gerieten in
-Bewegung und schienen jedes seiner Worte, ja die leiseste Bewegung von
-ihm unter tiefen Verbeugungen auffangen zu wollen, um alles schleunigst
-auszuführen. Aber der Hetman achtete nicht einmal darauf, nickte kaum
-mit dem Kopfe und ging auf die Saporoger zu.
-
-Sämtliche Saporoger verbeugten sich tief.
-
-»Seid ihr alle hier?« fragte er gedehnt und mit etwas näselnder Stimme.
-
-»Alle, alle miteinander, Väterchen!« antworteten die Saporoger und
-verbeugten sich von Neuem.
-
-»Vergeßt nicht, zu reden, wie ich's euch gelehrt habe!«
-
-»Nein, Väterchen, wir werden's nicht vergessen!«
-
-»Ist das der Zar?« fragte der Schmied den einen Saporoger.
-
-»Der Zar? Warum nicht gar! Das ist doch Potemkin in eigener Person!«
-antwortete jener.
-
-Im Nebenzimmer wurden Stimmen laut, und der Schmied wußte nicht, wo er
-seine Augen lassen sollte, soviel Damen in Atlaskleidern mit langen
-Schleppen und Höflinge in goldgewirkten Kaftans und mit steifen Zöpfchen
-traten jetzt herein. Er sah nur ein Aufleuchten -- sonst nichts.
-
-Auf einmal fielen alle Saporoger zu Boden und schrien wie ein Mann:
-»Gnade, Mütterchen! Erbarmen!«
-
-Der Schmied, der schon gar keine Ahnung mehr hatte, was da eigentlich
-vorging, streckte sich in seinem Eifer auch lang auf den Boden hin.
-
-»Steht auf!« erklang über ihnen eine gebieterische, aber zugleich
-angenehme Stimme. Einige Höflinge gaben den Saporogern geschäftig ein
-paar Rippenstöße.
-
-»Wir stehen nicht auf, Mütterchen! Wir wollen nicht aufstehen! Wir
-sterben lieber, als daß wir aufstehen!« schrien die Saporoger.
-
-Potemkin biß sich auf die Lippen; endlich trat er selbst zu ihnen und
-flüsterte dem einen Saporoger gebieterisch etwas zu. Die Saporoger
-erhoben sich sofort.
-
-Da wagte es auch der Schmied, den Kopf zu erheben und erblickte eine --
-etwas beleibte -- Frau von mittlerer Größe vor sich; sie war gepudert,
-hatte blaue Augen und jene erhaben lächelnde Miene, die es so gut
-verstand, sich alles untertan zu machen, und nur einem königlichen Weibe
-angehören konnte.
-
-»Durchlaucht haben mir versprochen, mich heute mit meinem Volke bekannt
-zu machen, das ich bisher noch nicht gesehen habe,« sprach die Dame mit
-den blauen Augen, während sie die Saporoger neugierig musterte. »Seid
-ihr hier gut aufgehoben?« fuhr sie fort und trat näher.
-
-»Danke, Mütterchen! Die Kost ist gut, obwohl die Hammel hier lange nicht
-so gut sind -- wie bei uns daheim -- aber es läßt sich leben! ....«
-
-Potemkin runzelte die Stirn, als er sah, daß die Saporoger keineswegs
-sagten, was er sie gelehrt hatte ....
-
-Ein Saporoger gab sich nun ein Ansehen und trat vor: »Erbarmen,
-Mütterchen! Womit hat dein treues Volk dich erzürnt? Haben wir etwa dem
-heidnischen Tatarenvolke beigestanden, haben wir gemeinsame Sache mit
-den Türken gemacht, haben wir dir in Wort oder Tat die Treue gebrochen?
-Womit haben wir deine Ungnade verdient? Erst hörten wir, du ließest
-überall Festungen gegen uns bauen; nachher vernahmen wir, du wollest
-Scharfschützen aus uns machen; jetzt hören wir von neuem Unheil. Welche
-Schuld trifft das Heer der Saporoger? Ist's etwa die, daß sie deine
-Armee über den Perekop geführt und deinen Generälen geholfen haben, die
-Männer der Krim niederzuwerfen? ....«
-
-Potemkin schwieg und putzte mit einem kleinen Bürstchen lässig die
-Brillanten, mit denen seine Hände besät waren.
-
-»Was wünscht ihr also?« fragte Katherina freundlich.
-
-Die Saporoger sahen einander vielsagend an.
-
-»Jetzt ist's Zeit! Die Zarin fragt, was wir wünschen,« sagte der Schmied
-zu sich selbst, und auf einmal stürzte er zu ihren Füßen nieder.
-
-»Eure kaiserliche Hoheit, straft mich nicht, sondern schenkt mir Eure
-Gnade! Mögen meine Worte Eure kaiserliche Hoheit nicht erzürnen: woraus
-sind die Schuhe gemacht, in denen Eure Füßchen stecken? Ich glaube, kein
-Schuster in der Welt vermag je wieder solche Schuhe zu machen. O Gott!
-Wenn mein Frauchen nur solche tragen könnte!«
-
-Die Kaiserin brach in Lachen aus. Die Höflinge lachten ebenfalls.
-Potemkin ärgerte sich, aber er lächelte gleichfalls. Die Saporoger
-glaubten, der Schmied sei verrückt geworden und begannen ihm Rippenstöße
-zu geben.
-
-»Steh auf!« sagte die Kaiserin freundlich. »Du willst durchaus solche
-Schuhe haben? Nun wohl, das hat keine Schwierigkeiten. Bringt ihm sofort
-die kostbarsten, mit Gold bestickten Schuhe. Wahrlich, diese Einfalt
-gefällt mir sehr! Da habt Ihr,« fuhr die Kaiserin fort, indem sie ihre
-Augen auf einen abseits stehenden Herrn mit einem vollen aber ein wenig
-bleichen Gesicht richtete, dessen bescheidener Kaftan mit den großen
-Perlmuttknöpfen erkennen ließ, daß er nicht zu den Höflingen gehörte,
-»da habt Ihr ein Sujet, das Eurer geistvollen Feder würdig ist!«
-
-»Majestät sind allzu gnädig. Dazu bedürfte es mindestens eines
-Lafontaine!« erwiderte der Mann mit den Perlmutterknöpfen, der Dichter
-Von Wisin, indem er sich verneigte.
-
-»Auf Ehre und Gewissen: ich muß sagen: ich bin jetzt noch von Eurem
-»Brigadier« in hellem Entzücken. Ihr lest aber auch ganz wunderbar vor.«
-Dann wandte sich die Kaiserin wieder dem Saporoger zu. »Ihr habe
-übrigens gehört, bei Euch in der Ssjetsch soll kein Kosak heiraten
-dürfen!«
-
-»Was sagst du, Mütterchen! Du weißt doch selbst: kein Mensch kann ohne
-ein Frauchen leben,« antwortete der Saporoger, mit dem der Schmied
-gesprochen hatte, und der Schmied mußte staunen, als er hörte, daß
-dieser Saporoger, der die Schriftsprache so gut beherrschte, gerade, wie
-absichtlich, mit der Zarin in der gröbsten Mundart redete, jener
-Mundart, die man gewöhnlich die Bauernsprache nennt. »Schlaue Leutchen!«
-dachte er bei sich, »sicher tut er es nicht ohne Absicht.«
-
-»Wir sind doch keine Mönche,« fuhr der Saporoger fort, »wir sind ja nur
-sündige Menschen. Wir sind, wie die ganze ehrliche Christenheit, der
-Fleischeslust verfallen. Es gibt nicht wenige unter uns, die Frauen
-haben, nur wohnen die Frauen nicht in der Ssjetsch. Es gibt auch solche,
-die ihre Frauen im Polenlande und in der Ukraine haben; es gibt aber
-auch solche, deren Frauen in der Türkei leben.«
-
-Unterdessen hatte man dem Schmied die Schuhe gebracht.
-
-»O Gott, was für eine Zier!« rief er freudig und ergriff die Schuhe.
-»Kaiserliche Hoheit! Wenn Ihr solche Schühchen anhabt und darin
-einhergeht, Euer Gnaden, oder gar noch übers Eis mit ihnen gleiten könnt
--- wie müssen da die Füßchen selbst sein? Ich glaub', wahr und
-wahrhaftig, sie sind von reinstem Zucker.«
-
-Die Kaiserin, die in der Tat die zierlichsten und reizendsten Füßchen
-besaß, mußte lächeln, als sie ein solches Kompliment aus dem Munde eines
-einfältigen Schmiedes vernahm, der trotz seines braunen Gesichtes in
-seinem Saporogergewand für einen wirklich schönen Mann gelten konnte.
-
-Hocherfreut über diese wohlwollende Aufmerksamkeit wollte der Schmied
-die Zarin schon über alles ordentlich ausfragen: ob's wahr sei, daß die
-Zaren nichts wie Honig und Speck äßen und ähnliches mehr. Da aber fühlte
-er, wie die Saporoger ihn in die Rippen pufften, und er beschloß, zu
-verstummen. Und als die Zarin sich den alten Leuten zuwandte und sie
-über ihr Leben und Treiben in der Ssjetsch auszufragen begann, trat er
-zur Seite, neigte sich zu seiner Tasche hinab, sagte leise: »Bring mich
-schnell von hier weg!« Und auf einmal befand er sich wieder hinter dem
-Schlagbaum.
-
- * * * * *
-
-»Ertrunken! Bei Gott, er ist ertrunken! Ich will mich nicht mehr vom
-Fleck rühren, wenn er nicht ertrunken ist!« murmelte die dicke
-Webersfrau, die mitten auf der Straße in einem Haufen von Weibern stand.
-
-»Was, ich bin also eine Lügnerin? Hab' ich etwa jemandem eine Kuh
-gestohlen? Oder hab' ich jemand böse angesehen, daß ihr mir nicht trauen
-wollt?« schrie eine Frau mit violetter Nase und in einem Kosakenkittel,
-indem sie mit ihren Armen hin und her fuchtelte. »Ich will nie wieder
-Wasser trinken, wenn die alte Perepertschicha nicht mit eigenen Augen
-gesehen hat, wie der Schmied sich erhängt hat!«
-
-»Der Schmied hat sich erhängt? Eine schöne Bescherung!« rief der
-Amtmann, der eben aus dem Hause Tschubs kam; er blieb stehen und drängte
-sich unter die Keifenden.
-
-»Sage lieber, du willst keinen Schnaps mehr trinken, du alte Sauftrine
-du!« antwortete die Webersfrau. »Da müßte man ja gerad' so blöde sein,
-wie du, um sich aufzuhängen! Er ist ertrunken, er ist im Eisloch
-ertrunken! Das weiß ich so gewiß, wie daß du soeben im Wirtshaus gewesen
-bist.«
-
-»Was, du freches Frauenzimmer? Sieh mal einer an, was die mir vorwirft!«
-entgegnete wütend die Frau mit der violetten Nase. »Du hättest doch
-lieber das Maul halten sollen, du Weibsstück du! Als ob ich nicht wüßte,
-daß jeden Abend der Küster zu dir kommt!«
-
-Die Webersfrau geriet außer sich.
-
-»Was tut der Küster? Zu wem kommt er? Was faselst du da?«
-
-»Der Küster?« krähte die Frau des Küsters, sich in ihrem Hasenpelz, der
-mit blauem Nanking bezogen war, an die Streitenden herandrängend. »Ich
-will dir schon zeigen, was es heißt, so vom Küster zu reden! Wer sagt da
-was vom Küster?«
-
-»Man weiß ja doch, wen der Küster besucht!« schrie die Frau mit der
-violetten Nase und zeigte auf die Weberin.
-
-»Du also bist's, du Hündin«, rief die Frau des Küsters und ging auf die
-Webersfrau los, »du bist's, du Hexe, die ihn umnebelt und ihn mit
-Satanskräutern behext, daß er zu dir kommt?«
-
-»Pack dich fort, du Satan!« sprach die Webersfrau zurückweichend.
-
-»Sieh mal einer die verdammte Hexe an, du sollst's nicht mehr erleben,
-daß du deine Kinder jemals wiedersiehst! Du niederträchtiges Weib!
-Pfui!« Und dabei spuckte die Küsterin der Webersfrau gerade in die
-Augen.
-
-Die Webersfrau wollte dasselbe tun, aber statt dessen spuckte sie dem
-Amtmann, der näher an die Streitenden herangekommen war, um alles besser
-zu hören, in seinen unrasierten Bart.
-
-»Ah, du garstiges Weibsbild, du!« rief der Amtmann, wischte sich mit dem
-Rockschoß das Gesicht ab und schwenkte seine Knute.
-
-Diese Bewegung veranlaßte alle, schimpfend nach allen Seiten
-auseinanderzustieben. »So was Ekelhaftes!« wiederholte der Amtmann und
-wischte sich wieder ab. »Der Schmied ist also ertrunken! O du meine
-Güte! Was war das für ein großartiger Maler! Was für starke Messer,
-Sensen und Pflüge konnte der schmieden! Und wie kräftig der war! Ja,
-ja,« fuhr er nachdenklich fort, »bei uns im Dorfe haben wir wenig solche
-Leute. Ich hab's ja gleich gemerkt, als ich noch in diesem verfluchten
-Sacke saß, daß der Aermste ganz bedrückt und traurig war. Ja, da haben
-wir nun den Schmied! Einst war er, und nun ist er nicht mehr! Ich wollte
-doch gerade noch meine scheckige Stute beschlagen lassen! ....« Und
-solcher christlicher Gedanken voll, trottete der Amtmann langsam seinem
-Hause zu.
-
-Oxana war ganz bestürzt, als diese Gerüchte zu ihr drangen. Sie traute
-zwar den Augen der Perepertschicha und dem Weibergetratsch nur wenig,
-denn sie wußte, daß der Schmied fromm genug war, seine Seele nicht ins
-Verderben zu stürzen. Wie aber, wenn er in der Tat mit der Absicht
-davongegangen war, nie wieder ins Dorf zurückzukehren? Schwerlich konnte
-man wo anders einen so schmucken Burschen finden, wie der Schmied einer
-war. Und dann liebte er sie doch so sehr! Er ertrug auch ihre Launen
-länger als alle anderen ... Die Schöne drehte sich die ganze Nacht
-hindurch unter ihrer Decke von der rechten Seite auf die linke, und von
-der linken auf die rechte, und konnte doch nicht einschlafen. Bald warf
-sie sich in ihrer berückenden Nacktheit, die das nächtliche Dunkel sogar
-vor ihr selbst verbarg, hin und her, und schalt laut auf sich, bald
-verstummte sie, faßte den Entschluß, an nichts mehr zu denken -- und
-grübelte doch weiter und weiter. Sie lag da wie in lohendem Feuer, und
-gegen Morgen war sie bis über die Ohren in den Schmied verliebt.
-
-Als Tschub den Tod Wakulas vernahm, ließ er weder Freude noch Trauer
-erkennen. Seine Gedanken waren nur mit einer Sache beschäftigt: er
-konnte Solochas Treubruch nicht vergessen, und ließ sogar im Schlafe
-nicht davon ab, auf sie zu schimpfen.
-
-Der Tag brach an. Die Kirche war schon vor Morgengrauen voll von
-Menschen. Die alten Frauen in ihren weißen Kopftüchern und Tuchkitteln
-standen ganz nahe am Eingang und bekreuzigten sich fromm. Vor ihnen
-standen die adligen Damen in grünen und gelben Jacken, ja manche sogar
-in blauen Überwürfen, die hinten mit Brokatschleifen versehen waren. Die
-Mädchen, die einen ganzen Laden von aufgewickelten Bändern auf dem Kopfe
-und ebensoviel Perlenbänder, Kreuze und Dukaten um den Hals trugen,
-suchten so nahe als möglich an den Altar heran zu kommen. Ganz vorne
-aber standen die Edelleute und die einfachen Bauern mit Schnurrbärten,
-Haarschöpfen, mit dickem Hals und frisch rasiertem Kinn, die meisten in
-Mänteln, unter denen ein weißer, oder bei manchen auch ein blauer Kittel
-hervorguckte. Wohin man auch blicken mochte, auf allen Gesichtern
-spiegelte sich die Feiertagsstimmung wieder. Der Amtmann leckte sich
-schon die Lippen, wenn er an die Wurst dachte, mit der er die Festtage
-beschließen würde; die Mädel dachten daran, wie sie mit den Burschen auf
-dem Eise schlittern würden, und die alten Frauen murmelten eifriger denn
-je ihre Gebete. Durch die ganze Kirche konnte man hören, wie der Kosak
-Swerbygus niederkniete. Nur Oxana stand wie abwesend da: sie betete und
-betete doch auch nicht. Ihr Herz bestürmten so viele und mannigfaltige
-Empfindungen, von denen eine immer peinlicher war, als die andere, daß
-ihr Gesicht nichts wie eine starke Verwirrung ausdrückte, und in ihren
-Augen zitterten Tränen. Die Mädchen konnten natürlich den Grund davon
-nicht erkennen, und ahnten nicht, daß der Schmied daran schuld war.
-Jedoch der Schmied beschäftigte nicht nur Oxana allein. Alle Bewohner
-des Dorfes fühlten, daß der Feiertag kein rechter Feiertag war, und daß
-gewissermaßen etwas fehlte. Unglücklicherweise war auch der Küster nach
-seiner Reise im Sack vom Abend vorher noch heiser geworden, und sang
-seine Lieder mit kaum hörbarer krächzender Stimme; wohl brachte der
-zugereiste Sänger ein paar prächtige Baßtöne hervor, aber wieviel besser
-wäre es gewesen, wenn man auch noch den Schmied dagehabt hätte, der
-jedes Mal, wenn man das »Vaterunser« oder die »Himmlischen Heerscharen«
-sang, auf den Chor stieg und so schön sang, wie man es sonst nur in
-Poltawa hören konnte. Dazu kam noch, daß er ganz allein sich um das Amt
-des Kirchenvorstands kümmerte. Schon war die Frühmesse zu Ende und nach
-der Frühmesse war bald auch das Hochamt vorbei ..... In der Tat, wo war
-nun der Schmied geblieben?
-
- * * * * *
-
-Noch rascher fast flog der Teufel in den letzten Stunden der Nacht mit
-dem Schmied auf dem Rücken heimwärts, und im Nu befand sich Wakula vor
-seiner Hütte. In diesem Augenblick krähte der Hahn.
-
-»Wohin?« rief der Schmied und ergriff den Teufel, der ausreißen wollte,
-am Schwanz. »Halt, Freundchen, das ist noch nicht alles: ich hab mich
-noch nicht bei dir bedankt.«
-
-Und er ergriff eine Gerte und versetzte ihm drei mächtige Hiebe, daß der
-arme Teufel davonrannte wie ein Bauer, dem der Assessor eben
-tüchtig eingeheizt hat. Und so geschah's, daß der Erzfeind des
-Menschengeschlechts, statt andere Leute zu foppen, zu versuchen und zu
-narren, selbst genarrt wurde.
-
-Hierauf trat Wakula in den Flur seines Hauses, warf sich auf ein
-Heubündel und schlief bis spät in den Mittag hinein. Als er erwachte,
-erschrak er heftig, denn er sah, daß die Sonne schon hoch am Himmel
-stand. »Ei, Herrjeh, ich habe ja die Frühmesse und das Hochamt
-verschlafen!« rief er aus.
-
-Und der gottesfürchtige Schmied verfiel in eine tiefe Zerknirschung,
-denn er vermeinte, Gott habe zur Strafe für sein schlimmes Vorhaben, und
-um seine Seele zu verderben, einen Schlaf auf ihn herabgeschickt, der
-ihn verhindert habe, an einem so großen Feiertag die Kirche zu besuchen.
-Er beruhigte sich jedoch bald, nachdem er den Beschluß gefaßt hatte, in
-der künftigen Woche alles dem Popen zu beichten und von da ab ein ganzes
-Jahr lang täglich fünfzig Kniefälle zu machen. Er blickte in die Stube
-hinein: es war niemand da. Die Solocha war offenbar noch nicht
-zurückgekehrt.
-
-Behutsam zog er die Schuhe aus dem Busen, staunte von neuem die kostbare
-Arbeit an, und wunderte sich über die sonderbaren Ereignisse der
-vergangenen Nacht; er wusch sich, kleidete sich an, so gut er nur
-konnte, zog das Gewand an, das er von den Saporogern bekommen hatte,
-holte seine neue Lammfellmütze mit dem blauen Dach, die er, seit er sie
-seinerzeit in Poltawa gekauft, noch niemals aufgesetzt hatte, aus der
-Truhe; holte auch einen neuen, vielfarbigen Gurt hervor, packte alles,
-zusammen mit einer Nagaika, in ein Tüchlein ein und begab sich gradewegs
-zu Tschub.
-
-Tschub machte große Augen, als der Schmied eintrat und wußte nicht,
-worüber er mehr staunen sollte: darüber, daß der Schmied von den Toten
-auferstanden war, daß er es wagte, zu ihm zu kommen, oder darüber, daß
-er so stutzerhaft herausgeputzt und wie ein echter und rechter Saporoger
-angezogen war. Noch mehr aber staunte er, als Wakula das Tuch aufband,
-die funkelnagelneue Mütze nebst einem Gurt, wie man ihn noch niemals im
-Dorfe gesehen hatte, vor ihm auf den Tisch legte, ihm zu Füßen fiel und
-flehentlich ausrief: »Hab' Erbarmen, Väterchen! Zürne mir nicht! Da hast
-du eine Peitsche: schlag zu, soviel deine Seele verlangt. Ich gebe mich
-selbst in deine Hand, ich bereue ja alles; schlage mich, aber zürne mir
-nicht. Du warst ja vormals meinem seligen Vater wie ein Bruder, ihr habt
-doch zusammen gegessen und getrunken!«
-
-Nicht ohne heimliche Freude sah Tschub, wie der Schmied, der sich den
-Teufel um jemand im Dorfe scherte und der Fünfkopekenstücke und Hufeisen
-mit der Hand zusammendrückte wie Buchweizenflinsen, wie dieser selbe
-Schmied jetzt zu seinen Füßen lag. Um sich nichts zu vergeben, ergriff
-Tschub die Peitsche und schlug ihn dreimal auf den Rücken. »Nun ist's
-aber genug, steh auf! Hör stets auf die Alten! Wir wollen alles
-vergessen, was zwischen uns vorgefallen ist. Und nun sag, was du
-möchtest?«
-
-»Väterchen, gib mir Oxana zur Frau!«
-
-Tschub überlegte einen Augenblick und sah sich die Mütze und den Gurt
-an: die Mütze war wunderbar und der Gurt nicht minder; dabei fiel ihm
-auch noch die treulose Solocha ein, und er rief entschlossen: »'s ist
-recht! Schicke deine Brautwerber her!«
-
-»Ah!« schrie Oxana auf, die über die Schwelle getreten war und den
-Schmied erblickt hatte, und sie richtete freudig und ganz erstaunt ihre
-Blicke auf ihn.
-
-»Schau mal, was ich dir für kleine Schuhe mitgebracht habe!« sagte
-Wakula, »dieselben sind's, die die Zarin trägt.«
-
-»Nein, nein! Ich brauche keine Schuhe!« rief sie, ihn mit den Händen
-abwehrend und ohne ihre Augen von ihm abzuwenden; »ich bin auch ohne
-Schuhe ....« Und sie sagte nichts weiter, sondern errötete nur.
-
-Der Schmied kam näher heran, ergriff sie bei der Hand, und die Schöne
-schlug die Augen nieder. Noch nie hatte sie so wunderbar schön
-ausgesehen. Der Schmied küßte sie voller Entzücken auf die Lippen, ihr
-Antlitz verfärbte sich noch tiefer, und sie wurde nur noch schöner.
-
- * * * * *
-
-Der Bischof seligen Angedenkens kam einmal durch Dikanka, lobte die
-schöne Lage des Dorfes und hielt, als er die Straße herunterfuhr, vor
-einer der Hütten an.
-
-»Wem gehört diese schön bemalte Hütte?« fragten Seine Hochwürden die
-hübsche Frau, die mit einem Kinde auf dem Arm vor der Türe stand.
-
-»Dem Schmied Wakula!« antwortete ihm mit einer Verbeugung Oxana, denn
-sie war es.
-
-»Großartig! Eine wundervolle Arbeit!« sprachen Seine Hochwürden, als sie
-sich Türen und Fenster ansahen. Die Fenster waren ringsherum mit roter
-Farbe bestrichen und auf den Türen waren überall Bildnisse von reitenden
-Kosaken mit Pfeifen in den Zähnen aufgemalt.
-
-Noch mehr aber lobten Seine Hochwürden den Schmied Wakula, als sie
-erfuhren, daß er eine Kirchenbuße eingehalten, die er sich selbst
-auferlegt, und in der Kirche den ganzen linken Chor mit grüner Farbe
-gestrichen und mit roten Blumen bemalt habe.
-
-Das ist jedoch noch nicht alles. An die Wand, die, wenn man die Kirche
-betritt, sich gleich zur Linken befindet, hatte Wakula einen in der
-Hölle sitzenden Teufel gemalt und zwar einen so abscheulichen Teufel,
-daß jedermann, der vorbeiging, ausspeien mußte, und wenn einer Frau das
-Kind auf dem Arme zu weinen anfing, so trug sie es ans Bild und sprach:
-»Schau, schau, hu, hu, was da hingemalt ist!« Und das Kind verschluckte
-seine Tränen, schielte scheu nach dem Bilde und schmiegte sich enger an
-die Brust der Mutter.
-
-
-
-
- Schreckliche Rache
-
-
- I.
-
-Dröhnend braust's dahin durch Kijews Vorstadt: Da feiert Gorobetz, der
-Kosakenhauptmann, den sie Jessaul nennen, die Hochzeit seines Sohnes.
-Viel Leute sind beim Jessaul zu Gast. In alten Zeiten liebte man's wohl,
-gut zu essen, gut zu trinken und noch lieber mocht' man lustig sein. Auf
-braunem Roß kam Mikitka, der Saporoger Kosak, stracks vom gewaltigen
-Zechgelag auf dem Pereschlaj-Gefilde, allwo er sieben Nächte und sieben
-Tage des Königs Schlachta mit rotem Weine bewirtet hatte. Auch der
-Kriegskamerad des Jessaul, Danilo Burulbasch kam angefahren vom anderen
-Ufer des Dnjepr, wo zwischen zwei Bergen sein Landgut lag; er kam mit
-seinem jungen Weibe Katerina und seinem einjährigen Sohne. Die Gäste
-staunten über das weiße Gesicht der Pani Katerina, über die Brauen, die
-schwarz wie deutscher Sammet waren, über den prächtigen Rock und die
-Jacke aus altertümlich blauer Seide, und über die Stiefel mit den
-silbernen Hufen; aber mehr noch nahm sie's wunder, daß der alte Vater
-nicht mit ihnen zusammen gekommen war. Der lebte seit einem Jahr in dem
-Landstrich hinterm Dnjepr, einundzwanzig Jahre war er verschollen
-gewesen und erst zu seinem Töchterchen zurückgekehrt, als es vermählt
-war und einen Sohn geboren hatte. Gewiß hätt' er viel Wunderliches
-erzählen können. Ja, wie hätte er auch nicht erzählen können, da er doch
-so lange im fremden Lande geweilt! Dort ist doch alles so anders wie
-hier: die Menschen sind anders, und dort gibts auch keine christlichen
-Kirchen ..... Allein er war nicht gekommen.
-
-Den Gästen ward Schnaps mit Rosinen und Pflaumen und auf einer großen
-Schüssel Hochzeitsbrot gereicht. Die Musikanten griffen tief in den
-Brotlaib hinein, wo Geld eingebacken war; verstummten eine kurze Zeit
-lang und legten die Zymbeln, Geigen und Pauken beiseite. Indes wischten
-sich die jungen Frauen und die Mädchen mit gestickten Tüchern den Mund
-und traten wieder aus ihren Reihen hervor, während die Burschen, die
-Hände in die Hüften gestützt, stolz zur Seite blickend, gerad ihnen
-entgegen wollten, als der alte Jessaul zwei Heiligenbilder herbeitrug,
-um das junge Paar zu segnen. Er hatte diese Bilder von einem würdigen
-Eremiten, dem greisen Bartholomäus erhalten. Ihr Zierat war nicht reich,
-weder Silber noch Gold funkelte auf ihnen, und doch hätte keine unreine
-Macht es gewagt, den zu berühren, in dessen Haus sie sich befanden. Der
-Jessaul hob die Bilder in die Höhe und schickte sich an, ein kurzes
-Gebet zu sprechen ...... da schrien die Kinder, die am Boden spielten,
-auf einmal in hellem Schreck auf, das Volk wich zurück hinter ihnen, und
-alle wiesen voll Angst auf einen Kosaken, der in ihrer Mitte stand. Wer
-er war, das wußte niemand zu sagen, aber schon fing er wacker an, seinen
-Kosakentanz zu tanzen und ergötzte die Menge, die ihn umringte und
-brachte sie zum Lachen. Als jedoch der Jessaul die Heiligenbilder
-emporhob, da verwandelte sich auf einmal das Antlitz des Kosaken: die
-Nase fing an zu wachsen, wurde größer und größer und krümmte sich zur
-Seite; grüne Äuglein blitzten anstelle der grauen hervor, die Lippen
-wurden blau, das Kinn fing an zu zittern und wurde spitz wie ein Speer,
-aus dem Mund entsprangen zwei Hauer, hinter dem Kopfe wölbte sich ein
-Buckel empor, und der Kosak wurde zum Greise.
-
-»Das ist _er_! Das ist _er_!« schrien die Menschen, sich eng aneinander
-drängend.
-
-»Der Zauberer ist wieder da!« schrien die Mütter und faßten ihre Kinder
-schnell bei der Hand.
-
-Würdig und stolz trat der Jessaul vor, und während er die Heiligenbilder
-vor sich hinhielt, sprach er mit lauter Stimme:
-
-»Verschwinde, Satansbild! Für dich ist kein Platz hier!«
-
-Und siehe da, der seltsame Greis knirschte zischend mit den Zähnen wie
-ein Wolf, und verschwand.
-
-Da erhob sich ein Raunen und Reden unter dem Volke, schwoll immer mehr
-an und rollte dahin wie das Brausen des Meeres im Ungewitter.
-
-»Was ist das für ein Hexenmeister!« fragten die Jungen und Unerfahrenen.
-
-»Ein Unheil zieht herauf!« sprachen die Alten kopfschüttelnd, und
-überall im weiten Gehöfte des Jessaul lauschten die Haufen des Volkes
-den Geschichten von dem unheimlichen Zauberer. Doch beinahe alle wußten
-Verschiedenes zu erzählen, und niemand konnte etwas Sicheres von ihm
-berichten.
-
-Ein Faß Meth ward auf den Hof gerollt und nicht allzuwenige Eimer voll
-griechischen Weines stellte man hin. Und wiederum tobte es lustig
-weiter. Die Musikanten spielten drauf los -- und die Mädchen, die jungen
-Frauen und die noblen Kosaken in blanken Schupans wirbelten wild
-durcheinander. Das Greisenvolk der Neunzig- und Hundertjährigen wagte,
-auch schon bezecht, ein Tänzchen und gedachte so mancher Jahre, die
-nicht ganz tatenlos verflossen waren. Bis zur späten Nacht wurde gezecht
-und so wurde gezecht, wie man's jetzt nimmermehr tut. Dann strömten die
-Gäste auseinander, aber nur wenige gingen ihres Weges: viele blieben in
-dem weiten Hofraume des Jessaul über Nacht, und noch viel mehr Kosaken
-schliefen von selbst ein, ungebeten, unter den Bänken, auf dem Fußboden,
-neben den Rossen oder vor den Ställen: und wo ein rechter Kosak im
-Rausche hintaumelte, da lag er auch schon und schnarchte laut über ganz
-Kijew.
-
-
- II.
-
-Still leuchtete es über dem Weltall auf: der Mond schien hinterm Berg
-empor. Mit einem kostbaren Schleier aus schneeweißem Damast verhüllte er
-des Dnjepr gebirgiges Ufer und sein Schatten schlich weit zurück bis ins
-Dickicht der Fichten.
-
-Inmitten des Dnjepr schwimmt ein eichener Kahn, vorn sitzen zwei
-Burschen, die schwarzen Kosakenmützen schief in die Stirn gedrückt, und
-von ihren Rudern sprühen Wasserstrahlen nach allen Seiten auf, wie aus
-dem Feuerstein Funken.
-
-Warum singen die Kosaken nicht? Warum sprechen sie nicht davon, daß die
-römischen Pfaffen die Ukraine durchwandern, die Kosaken umzutaufen und
-zu Katholiken zu machen, und auch nicht davon, wie ihre Horde zwei ganze
-Tage lang am Salzsee gekämpft. Wie sollten sie auch singen und sagen von
-kühnen Taten? Pan Danilo, ihr Herr, war in Gedanken versunken, ein Ärmel
-seines rostroten Schupans glitt aus dem Boot und sank ins Wasser, aber
-ihre Herrin, Pani Katerina, wiegte leise das Kind und wendete kein Auge
-von dem Manne, und auf ihren festlichen Rock, der nicht von schützender
-Leinwand bedeckt war, sprühte das Wasser herab wie grauer Staub.
-
-Köstlich ist von der Mitte des Dnjepr die Schau auf die hohen Berge, die
-weiten Wiesen und die Wälder im Grün! Das sind nicht Berge wie andere
-auch: ihr Fuß ist nicht zu sehen, nach oben wie nach unten ragen die
-spitzen Gipfel empor, sich im Wasser spiegelnd, und über und unter ihnen
-dehnt sich hoch und weit der Himmel. Auch auf den Hügeln die Wälder sind
-keine Wälder: das sind Haare auf des Waldgreises zottigem Haupte. Unten
-umspült ihm das Wasser den Bart, und ganz hoch über dem Barte und über
-den Haaren erhebt sich der hohe Himmel. Auch die Wiesen sind keine
-Wiesen: ein grüner Gürtel ist's, der den runden Himmel in der Mitte
-umgürtet, und auf seiner oberen wie auf der unteren Hälfte lustwandelt
-der Mond.
-
-Pan Danilo blickt nicht zur Seite, er blickt auf sein junges Weib.
-»Warum versankst du in Gram, mein junges Weib, meine goldene Katerina?«
-
-»Nicht bin ich in Gram versunken, mein Herr Danilo! Mich erschreckten
-nur die seltsamen Sagen vom zaubernden Mann. Man sagt doch, gar
-furchtbar an Gestalt sei er zur Welt gekommen ..... und von klein auf
-wollte kein Kind mit ihm spielen. Hör', Pan Danilo, wie schrecklich das
-ist, was man erzählt: man sagt, es dünkte ihn stets, daß ihn alle
-verhöhnten. Geschieht's, daß abends, wenn's dunkelt, ein Mensch ihm
-begegnet, so meint der gleich zu sehen, wie jener den Mund auftut und
-die Zähne fletscht. Und dann ist der Mensch am folgenden Tage tot. Es
-ward mir so sonderbar, so grauenvoll ward mir zumute, als ich die Mären
-vernahm,« sprach Katerina, und sie nahm ein Tuch und wischte damit ihrem
-Kinde, das ihr in den Armen schlief, das Gesicht. Dies Tuch war mit
-Blättern und Beeren geziert, die mit roter Seide darauf gestickt waren.
-
-Pan Danilo sprach kein Wort. Er blickte ins Dunkel der Schatten hinüber,
-wo in der Ferne sich hinter dem Wald ein Erdwall gleich einem schwarzen
-Streifen dahinzog, und wo hinter dem Walle ein altes Schloß in die Höhe
-starrte. Da zeichneten sich in Danilos Antlitz drei Falten über den
-Brauen ab, und die linke Hand spielte mit dem kecken Schnurrbart. »Nicht
-das ist schrecklich, daß er ein Zauberer ist,« sprach er, »schrecklich
-ist's, daß er ein schlimmer Gast ist. Was fiel ihm ein, hierher zu
-kommen? Ich hörte, die Polen wollen eine Festung bauen, um uns den Weg
-zu den Saporogern abzuschneiden. Mag's wahr sein ..... Dies Teufelsnest
-will ich vernichten, sobald nur das Gerücht umzugehen beginnt, daß das
-ein Schlupfwinkel sei! Ich will den alten Zauberer verbrennen, daß
-selbst den Raben nichts zu picken mehr bleibt. Doch ich denke mir, er
-besitzt wohl nicht wenig Gold und allerhand Gut. Hier ist's, wo dieser
-Satan wohnt! Wär' Gold bei ihm zu finden, so ...... Wir rudern sogleich
-bei den Kreuzen vorbei -- da ist der Friedhof, wo das unreine Gebein
-seiner Ahnen modert. Sie alle, sagt man, waren bereit, sich für einen
-Groschen dem Satan zu verkaufen, mitsamt ihrer Seele und ihrem
-zerlumpten Schupan. Doch besitzt er in Wahrheit soviel Gold, dürfte man
-jetzt nicht lange mehr zögern, nicht immer kann man's im Kriege da
-erbeuten.«
-
-»Ich kenne dein Vorhaben wohl: nichts Gutes verkündet mir die Begegnung
-mit ihm. Du atmest so schwer, du blickst so rauh, deine Brauen sind so
-finster über den Augen geballt! ....«
-
-»Schweig, Weib!« rief Danilo wütend, »wer sich mit euch verbindet, wird
-selbst zum Weibe. Gib mir Feuer für meine Pfeife, Junge!«
-
-Er wandte sich an einen der Ruderer, der klopfte glühende Asche aus
-seiner Pfeife und tat sie in die Pfeife des Herrn.
-
-»Sie schreckt mich mit dem Zauberer!« fuhr Pan Danilo fort. »Der Kosak
-fürchtet, Gott Lob und Dank, weder Teufel, noch römische Priester. Das
-wär' was Rechtes, wenn wir auf die Weiber zu hören anfingen. Nicht wahr,
-Burschen? Unsere Frau ist die Pfeife und die Schärfe des Schwerts!«
-
-Katerina verstummte und ließ die Augen über das träge Wasser gleiten;
-der Wind kräuselte die stille Flut, und der ganze Dnjepr schimmerte
-silbern wie ein Wolfsfell zur Nacht.
-
-Der Kahn machte eine Wendung und glitt am waldigen Ufer entlang. Jetzt
-wurde der Friedhof am Ufer sichtbar. Haufen morscher Kreuze drängten
-sich da aneinander. Da blühte kein Wachholder zwischen ihnen, da grünte
-kein Moos, und nur der Mond schien von seiner himmlischen Höhe wärmend
-auf sie herab.
-
-»Hört ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft uns zu Hilfe!« sprach
-da Pan Danilo, indem er sich an seine Ruderer wandte.
-
-»Ja, wir hören jemand rufen, und dort von jener Seite her, scheint's!«
-riefen alle Burschen zugleich und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war
-schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun und fuhr um eine
-Landzunge herum. Plötzlich ließen die Leute ihre Ruder sinken und
-blickten starr zum Ufer hinüber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und
-kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern.
-
-Das Kreuz auf einem der Gräber wankte, und plötzlich erhob sich daraus
-ganz leise ein vertrockneter Leichnam. Er hatte einen Bart, der bis auf
-den Gürtel reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch länger
-waren als die Finger. Leis erhob er die Arme, sein Gesicht erschauerte
-und verzerrte sich. Man sah ihm an, daß er entsetzliche Qualen litt.
-
-»Mir ist so schwül, so schwül!« stöhnte er mit wilder unmenschlicher
-Stimme. Seine Stimme bohrte sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber
-plötzlich war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden. Dann wankte
-ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg ein Leichnam dem Grabe, noch
-schrecklicher und noch größer als jener: er war ganz von Haar
-überwachsen, sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an den
-Knochen waren noch länger. Er rief noch wilder: »Mir ist so schwül!« und
-sank in die Erde zurück. Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter
-Leichnam stand auf. Da schien's, als wenn ein riesenhaftes Knochengerüst
-sich hoch über die Erde erhob. Der Bart floß bis zu den Fersen herab,
-die Finger mit den riesigen Krallen gruben sich tief in die Erde,
-furchtbar warf er die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen
-wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer seine gelben
-Knochen zersägte ....
-
-Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag, stieß einen Schrei aus
-und erwachte; die Pani selbst schrie auf, die Ruderer ließen die Mützen
-in den Dnjepr fallen, und auch der Pan erschauerte.
-
-Auf einmal aber war alles verschwunden, als wär' es überhaupt nie
-gewesen, doch die Burschen griffen noch lange nicht zu den Rudern.
-Besorgt blickte Burulbasch auf seine junge Frau, die das schreiende Kind
-voller Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drückte sie an sein
-Herz und küßte sie auf die Stirn. »Fürchte dich nicht, Katerina! Schau:
-es ist ja nichts!« sprach er und wies nach allen Seiten. »Der Zauberer
-will den Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand bis an sein
-unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann er damit schrecken! Gib mir den
-Sohn doch herüber!«
-
-Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn in die Höhe und drückte ihn
-an seine Lippen. »Nun, mein Iwan, fürchtest du dich vor Zauberern? --
-Sag: >nein, Vater, ich bin ein Kosak!< Doch genug, hör auf zu weinen!
-Wir fahren nach Hause! Gleich sind wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter
-dir Brei, legt den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied:
-
- Lulli, lulli, lulli, lulli!
- Schlaf, mein Söhnchen, schlafe ein!
- Bleib gesund und wachs mir fein!
- Bring Kosaken Ruhm und Freud,
- Und den Feinden Schmerz und Leid!
-
-Hör', Katerina, ich glaube, dein Vater will nicht in Frieden mit uns
-leben. So mürrisch kam er hier an und so verdrießlich, als zürnte er uns
-... Wenn er nicht zufrieden ist -- wozu kam er denn her? Er wollte nicht
-mit uns trinken auf die Kosakenfreiheit und hat nicht einmal das Kind in
-den Armen gewiegt! Zuerst wollte ich ihm alles anvertrauen, was mir das
-Herze beschwert, doch etwas hielt mich zurück, und meine Rede stockte.
-Nein, er hat kein Kosakenherz! Ein Kosakenherz fängt gleich laut in der
-Brust an zu schlagen, wenn's einem andern begegnet! Nun, liebe Burschen,
-ist das Ufer schon nah? Ihr sollt auch neue Mützen bekommen. Du,
-Stetzko, kriegst eine, die mit Sammet und Gold verziert ist. Ich hab'
-sie dereinst einem Tataren mitsamt seinem Kopfe genommen; auch sein
-ganzes Rüstzeug fiel mir damals zu, nur seine Seele allein ließ ich
-frei. Legt an! Siehst du, Iwan, da sind wir schon, und du weinst noch
-immer! Nimm ihn, Katerina!«
-
-Alle gingen ans Land. Hinter dem Berge stieg ein Strohdach auf, das war
-Pan Danilos Erbsitz. Dahinter lag noch ein anderer Berg, dann kam gleich
-freies Feld, und hundert Werst weit konnte man laufen, ohne auf eine
-Kosakenseele zu stoßen.
-
-
- III.
-
-Das Landgut Pan Danilos liegt zwischen zwei Bergen in einem engen Tal,
-das auf den Dnjepr hinausgeht. Das Haus ist nicht hoch, gleicht von
-außen der Hütte eines einfachen Kosaken, und bloß eine Stube ist drin;
-doch ist Raum darinnen genug für ihn, wie für sein Weib und für die alte
-Magd und zehn auserlesene Burschen. An den Wänden entlang laufen oben
-eichene Bohlen. Dort stehen zahlreiche Schüsseln und Töpfe für die
-Mahlzeiten, darunter auch Pokale von Silber, in Gold gefaßte Becher, die
-der Pan zum Geschenke erhielt oder im Kriege erbeutete. Kostbare
-Musketen hängen von den Wänden herab, Säbel, Feuergewehr und Lanzen;
-freiwillig oder mit Gewalt nahm man sie aus Tatarenhänden oder von
-Türken und Polen, und darum haben sie auch so viele Scharten. Ihr
-Anblick gemahnte Pan Danilo gar oft wie Merkzeichen an seine vielen
-Gefechte. An den Wänden ziehen sich glatte, gehobelte Eichenbänke hin
-und daneben, vor der Ofenbank, hängt die Wiege an ein paar Stricken, die
-man durch einen Ring an der Zimmerdecke oben gezogen hat. In der ganzen
-Stube ist der Fußboden glatt gestampft und mit Lehm überstrichen. Auf
-den Bänken schläft Pan Danilo mit seiner Frau, auf der Ofenbank die alte
-Dienerin; in der Wiege spielt und schaukelt das kleine Kind, und auf dem
-Fußboden schlafen die Burschen. Doch ist's dem Kosaken lieber, auf
-nackter Erde unter dem freien Himmel zu schlafen, da braucht er weder
-Kissen noch Federbett: er bettet sich frisches Heu unter den Kopf und
-streckt sich wohlig hin aufs Gras. Dann freut's ihn wohl, wenn er mitten
-in der Nacht erwacht, nach dem hohen, von Sternen besäten Himmel zu
-sehen, und in der nächtlichen Kälte, die doch den Kosakenknochen soviel
-Frische verleiht, zu erschauern; er dehnt sich, murmelt schlaftrunken
-etwas, steckt seine Pfeife an und hüllt sich fester in seinen warmen
-Pelz.
-
-Es war nicht mehr ganz früh, als Burulbasch nach dem gestrigen Fest
-erwachte; er setzte sich auf eine Bank in der Ecke und begann seinen neu
-eingetauschten türkischen Säbel zu schleifen, Pani Katerina aber machte
-sich dran, ein seidenes Tuch mit Gold zu besticken.
-
-Auf einmal trat Katerinas Vater ein, griesgrämig und mürrisch, mit einer
-fremdländischen Pfeife zwischen den Zähnen. Er ging auf seine Tochter zu
-und begann streng sie auszuforschen, was wohl der Grund sei, daß sie so
-spät nach Hause gekommen.
-
-»Nach solcherlei Dingen hast du, Schwäher, nicht sie zu befragen,
-sondern mich! Nicht der Frau steht die Antwort zu, sondern dem Manne. So
-ist es nun einmal Sitte bei uns, nehmt es nicht übel!« sprach Danilo,
-ohne von seiner Arbeit zu lassen, »vielleicht ist es in manchen Ländern,
-wo Ungläubige wohnen, anders -- das freilich weiß ich nicht!«
-
-Das rauhe Gesicht des Schwiegervaters verfärbte sich, und seine Augen
-blitzten wild auf. »Wer hat denn sonst nach seiner Tochter zu sehen wenn
-nicht der Vater!« murmelte er vor sich hin. »Nun denn, so frage ich
-dich: wo bist du herumgestrichen bis spät in die Nacht?«
-
-»Das hört sich schon anders an, lieber Schwäher. Darauf will ich dir
-antworten, daß ich schon lange nicht mehr zu denen gehöre, die von einem
-Weib in Windeln gewickelt werden. Ich weiß wohl, hoch zu Pferde zu
-sitzen und in der Hand den scharfen Säbel zu schwingen; auch manches
-andere noch versteh' ich ... Ich versteh es auch, niemandem Rechenschaft
-zu geben über das, was ich treibe!«
-
-»Ich seh' es, Danilo, ich weiß, du suchst Hader! Wer Heimliches tut, der
-führt sicher nichts Gutes im Schilde.«
-
-»Denk doch, was dir beliebt,« sagte Danilo, »auch ich denke das Meine.
-Noch war ich nie in einen schändlichen Handel verwickelt, stets stand
-ich für rechten Glauben und das Vaterland ein, nicht so wie mancher
-Landstreicher, der sich, Gott weiß wo, umhertreibt, wenn rechtgläubige
-Leute sich bis aufs Blut schlagen müssen; der will dann das Korn ernten,
-das nie er gesät. Die gleichen nicht einmal den Unierten: nicht einmal
-in Gottes Kirchen schauen sie hinein. Diese Leute sollte man befragen,
-wo sie sich umhertreiben!«
-
-»Holla, weißt du wohl, Kosak!« rief jener .... »Ich schieße ja nicht
-gut, höchstens bis auf hundert Klafter trifft meine Kugel ins Herz, auch
-bin ich kein allzu starker Fechter: die Stücke, in die ich die Menschen
-schlage, sind kleiner als die Körner, draus man Brei kocht!«
-
-»Ich bin bereit,« rief Pan Danilo und schlug flink mit dem Schwert ein
-Kreuz in der Luft, als hätt' er gewußt, wozu er's geschliffen.
-
-»Danilo!« schrie Katerina laut, ergriff ihn beim Arm und hing sich an
-ihn, »du Wahnwitziger, bedenke doch, gegen wen du den Arm erhebst!
-Vater, dein Haar ist so weiß wie Schnee, und doch erhitzest du dich wie
-ein törichter Knabe!«
-
-»Weib!« rief Danilo streng, »du weißt, das leide ich nicht, bleibe bei
-deinen Weibergeschäften!«
-
-Furchtbar erklirrten die Säbel; Eisen schlug Eisen, und die Kosaken
-wurden von Funken besprüht wie von Staub. Weinend lief Katerina in eine
-gesonderte Kammer, warf sich aufs Bett und hielt sich die Ohren zu, um
-nichts von den Säbelhieben zu hören.
-
-Doch so schlecht kämpften die Kosaken nicht, daß man ihren Hieb
-überhören konnte. Das Herz wollte ihr springen, sie hört' es in ihrem
-ganzen Leibe erzittern bei den klirrenden Lauten: Klick -- klack!
-
-»Nein, ich halt es nicht aus, ich halt's nicht aus ... vielleicht
-sprudelt schon purpurnes Blut aus dem weißen Leibe, vielleicht hat
-meinen Liebsten schon seine Kraft verlassen, und ich liege noch hier!«
-Und bleich, und kaum atmend schlich sie in die Stube.
-
-Gleichmäßig und furchtbar schlugen sich die Kosaken, nicht der, noch
-jener hatte einen Vorteil errungen. Bald drang Katerinas Vater vor und
-Pan Danilo wich zurück oder Pan Danilo griff an, und der Vater wehrte
-sich finster, und dann standen beide wieder gleich. Die Wut kocht in
-ihnen. Sie holten aus .... hui! wie die Säbel schmettern .... und tosend
-fliegen die Klingen zur Seite.
-
-»Ich danke dir, Gott!« rief Katerina, doch tat sie gleich einen neuen
-Schrei, als sie sah, wie die Kosaken nach den Musketen griffen; sie
-richteten die Feuersteine und spannten die Hähne.
-
-Pan Danilo feuerte ab und traf nicht. Jetzt zielte der Vater. Er war
-alt, er sah nicht so scharf wie ein Junger und doch zittert ihm die Hand
-nicht. Da krachte der Schuß ..... Pan Danilo wankte, und rot lief sein
-helles Blut in den linken Ärmel des Kosakenschupans.
-
-»Nein!« rief er, »so billig verkauf ich mich nicht! Nicht der linke Arm
-ist der Herr, 's ist der rechte! Bei mir an der Wand hängt eine
-türkische Pistole: noch nie in meinem Leben ist sie mir untreu geworden.
-Komm von der Wand herab, alter Genosse! Erweis dem Freund deinen
-Dienst!« Und Danilo streckte die Hand aus.
-
-»Danilo!« schrie Katerina verzweifelt, packte ihn am Arm und warf sich
-vor ihm auf die Knie, »nicht meinetwegen fleh ich dich an. Dein Ende ist
-auch das meine: unwürdig ist die Frau, die ihren Mann überlebt; der
-Dnjepr, der kalte Dnjepr wird mein Grab sein .. Aber siehe deinen Sohn
-an, Danilo, sieh deinen Sohn! Wer wird das arme Kind beschirmen? Wer
-wird es hätscheln? Wer wird es lehren, auf rabenschwarzem Rosse
-dahinzufliegen, für Freiheit und Glauben zu kämpfen, nach Kosakenart zu
-trinken und zechen? Mein Sohn, geh dahin und verdirb! Dein eigner Vater
-will dich nicht mehr kennen! Schau, wie er sein Gesicht von dir
-abwendet. Oh, jetzt kenn ich dich erst! Du bist ein Tier und kein
-Mensch! Du hast das Herz eines Wolfs und den Sinn einer listigen
-Schlange! Glaubt' ich denn nicht, du hegest ein Tröpflein Erbarmen in
-deinem Herzen, und in deinem steinernen Leibe brenne ein menschlich
-Gefühl? Wie töricht täuschte ich mich. Ja, das bereitet dir Freude.
-Deine Knochen werden im Grabe vor Freude springen, wenn sie vernehmen,
-wie diese ungläubigen Tiere, die Polen, deinen Sohn in die Flamme
-werfen, wenn dein Sohn dann unter dem Messer und im siedenden Wasser
-liegt und schreit! Oh, ich kenne dich! Froh wärest du wahrlich,
-aufzustehn aus dem Grabe und das Feuer mit der Mütze zu schüren, das
-unter ihm lodert!«
-
-»Halt, Katerina! Komm her zu mir, lieber Iwan, ich will dich küssen!
-Nein, mein Kind, niemand soll dir ein Härchen krümmen. Du wirst
-aufwachsen zum Ruhm deines Vaterlands, wie im Sturm rasest du dereinst
-vor den Kosaken dahin, mit einer Sammetmütze auf dem Kopfe und mit dem
-scharfen Schwert in der Hand! Vater, reich mir die Hand! Wir wollen
-vergessen, was zwischen uns vorfiel. Hab' ich dir Unrecht getan, nun so
-gesteh' ich meine Schuld ein. Warum gibst du mir nicht deine Hand?«
-sprach Danilo zu Katerinas Vater, der immer noch auf seinem alten Platze
-dastand und dessen Gesicht weder von Zorn noch von Versöhnung sprach.
-
-»Vater!« rief Katerina, umarmte und küßte ihn, »laß dich erbitten.
-Vergib Danilo, er wird dich nimmermehr kränken!«
-
-»Nur deinetwegen vergebe ich ihm, meine Tochter,« erwiderte jener, küßte
-sie und seine Augen glänzten absonderlich auf.
-
-Katerina schrak leise zusammen: so seltsam erschien ihr der Kuß, so
-seltsam der Glanz seiner Augen. Sie stützte sich mit der Hand auf den
-Tisch, auf dem Pan Danilo seinen verwundeten Arm verband. Indessen sann
-Danilo darüber nach, daß er falsch gehandelt, und nicht nach rechter
-Kosakenart, als er um Vergebung gebeten, obwohl er sich keiner Schuld
-bewußt war.
-
-
- IV.
-
-Ein Tag kam herauf, doch ein Tag ohne Sonne: der Himmel war finster, und
-ein feiner Regen rieselte über die Felder und Wälder und über den
-breiten Dnjepr hernieder. Pani Katerina war aufgewacht, aber ihr war
-nicht recht froh zumute: ihre Augen waren verweint, und sie war wirr und
-ruhelos. »Geliebter Mann, teurer Mann,« sprach sie, »ich hab' einen
-wunderlichen Traum geträumt!«
-
-»Was für einen Traum, meine liebe Pani Katerina?«
-
-»Mir träumte etwas so Wunderliches, und wahrlich so lebensvoll, als ob
-ich wachte, mir träumte, mein eigner Vater sei jenes selbe Ungeheuer,
-das wir beim Jessaul geschaut. Doch ich bitt' dich, trau' dem Traume
-nicht: was träumt man nicht alles für Torheit! Mir war's, als stände ich
-vor ihm und zitterte, und bei jedem Wort von ihm stöhnte es auf in
-meinen Adern. O hättest du gehört, was er gesprochen ....«
-
-»Was sprach er denn, meine goldene Katerina?«
-
-»Er sprach: »Schau mich an, Katerina, ich bin schön! Zu Unrecht sagen
-die Leute, daß häßlich ich sei. Doch werde ich dir ein trefflicher Mann
-sein. Sieh, wie mein Auge glüht!« -- Da warf er einen flammenden Blick
-auf mich, und ich schrie auf und erwachte!«
-
-»Ja, vieles Wahre sagen die Träume. Ist es dir auch bekannt, daß hinter
-den Bergen nicht alles mehr ruhig ist? Die Polen sollen sich wieder
-gezeigt haben. Gorobetz ließ mir verkünden, ich solle nicht schlafen;
-doch seine Sorge ist grundlos: auch ohne dies bin ich kein Schläfer.
-Meine Burschen schlugen heut Nacht zwölf Schanzen auf. Wir wollen den
-Herren vom Polenreich mit Bleipflaumen aufwarten, und die Schlachzizen
-sollen unter der Zuchtrute tanzen lernen!«
-
-»Und weiß mein Vater das?«
-
-»Dein Vater sitzt mir auf dem Halse! Er blieb mir ein Rätsel bis zur
-Stunde. Er hat wohl viel gesündigt im fremden Lande. Wahrlich, was mag
-das für einen Sinn haben -- schon einen Monat fast lebt er hier, und
-noch nie war er lustig und froh, wie ein rechter Kosak! Er weigert sich,
-Meth zu trinken! Hörst, Katerina, weigert sich Meth zu trinken, den ich
-herausgesackt habe von den Brester Juden! Heda, Bursche!« rief Pan
-Danilo, »lauf schnell in den Keller, Junge, und hol mir Judenmeth! Auch
-trinkt er keinen Schnaps! Hölle und Teufel! mir scheint fast, Pani
-Katerina, er glaubt wohl auch nicht an Christus, unseren Herrgott! Was
-dünkt dir?«
-
-»Weiß Gott, was alles du sprichst, Pan Danilo!«
-
-»'S ist wunderlich, Pani,« fuhr Danilo fort und nahm den Tonkrug aus der
-Hand des Kosaken entgegen. »Selbst die Katholiken im heidnischen Rom
-sind Freunde des Schnapses. Nur die Türken trinken ihn nicht. Nun,
-Stetzko, hast du im Keller tüchtig vom Meth geschluckt?«
-
-»Ich habe nur gekostet, Pan!«
-
-»Du lügst, Hundesohn! Sieh nur, wie sich die Fliegen auf deinen
-Schnurrbart stürzen! Ich seh's an deinen Augen, daß du einen halben
-Kübel ausgesoffen hast. Hei, ihr Kosaken! Was für ein tolles Volk seid
-ihr doch! Ihr seid bereit, alles dem Freunde hinzugeben, doch wenn's
-gilt zu saufen, dann schluckt ihr's selbst herunter. Ich war schon lange
-nicht mehr betrunken, wie, Katerina?«
-
-»Ei, warum lange! Erst am letzten .....«
-
-»Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht! Ich trink nicht mehr, als einen
-Krug! Da kommt der türkische Abt durch die Tür geschlichen!« murmelte er
-durch die Zähne, als er den Schwiegervater erblickte, der sich bückte,
-um durch die Tür zu kommen.
-
-»Nun, meine Tochter,« sagte der Vater, nahm die Mütze vom Kopf und
-ordnete seinen Gürtel, an dem ein Säbel mit wundersamem Gestein hing,
-»die Sonne steht schon hoch, und noch ist das Mittagsmahl nicht
-bereitet.«
-
-»Das Mahl ist bereit, Herr Vater, bald wird es gerichtet sein! Nimm den
-Topf mit den Klößen vom Feuer!« fuhr Pani Katerina zu der alten Dienerin
-gewandt fort, die das Holzgerät abwischte. »Nein, warte, ich tu' es
-lieber selbst, ruf mir die Burschen!«
-
-Alle ließen sich im Kreis auf die Erde nieder, der Vater gegenüber dem
-Heiligenbild, ihm zur Linken Pan Danilo, ihm zur Rechten Pani Katerina
-und zehn der allertreuesten Burschen in blauen und gelben Schupans.
-
-»Ich mag diese Klöße nicht!« sprach der Herr Vater; er aß nur wenig und
-legte den Löffel hin, »sie schmecken nach nichts!«
-
-»Ich weiß, besser schmecken dir Judennudeln!« dachte Danilo bei sich.
-»Warum, meinst du, die Klöße schmeckten nach nichts, Herr Schwäher?«
-fuhr er laut fort. »Oder sind sie vielleicht schlecht bereitet? Meine
-Katerina macht so gute Klöße, wie sie selbst der Hetman selten zu essen
-bekommt. So was verschmäht man nicht: 's ist ein christlich Gericht!
-Alle heiligen und gottesfürchtigen Männer haben stets Klöße gegessen!«
-
-Der Vater sagte kein Wort, und auch Pan Danilo verstummte. Hierauf wurde
-ein gebratener Eber mit Kohl und Pflaumen gebracht. »Ich mag das
-Schweinefleisch nicht!« sprach Katerinas Vater und steckte den Löffel in
-den Kohl.
-
-»Wie kann man Schweinefleisch verschmähen?« sagte Danilo: »nur Türken
-und Juden essen kein Schweinefleisch.«
-
-Des Vaters Stimmung wurde noch finsterer und düsterer; nichts als
-Mehlbrei mit Milch aß der Alte, und statt des Schnapses trank er nur
-dann und wann eine dunkle Flüssigkeit aus einer Flasche, die er im Busen
-verwahrt hielt.
-
-Nach dem Mahl legte sich Danilo zu einem kräftigen Schläfchen nieder und
-wachte erst gegen Abend auf. Er setzte sich hin, Sendbriefe zu schreiben
-an das Heer der Kosaken. Pani Katerina aber saß währenddessen auf der
-Ofenbank und schaukelte die Wiege mit ihrem Fuße. Pan Danilo sitzt da,
-blickt mit dem linken Aug' auf die Schrift und mit dem rechten nach dem
-Fenster. Und ins Fenster leuchten die Berge und glänzt der Dnjepr von
-ferne herein; hinter dem Dnjepr blauen die Wälder, und von oben glimmt
-der geklärte Himmel der Nacht. Doch nicht auf dem fernen Himmel noch auf
-dem blauen Walde ruht Danilos Blick; er schaut nach der vorspringenden
-Landzunge. Schwarz erhebt sich darauf das alte Schloß. Ihn deuchte, es
-blitzte im Schlosse ein schmales Fensterchen auf. Doch alles blieb
-still; gewiß hatte es ihm nur so geschienen. Unten hörte man nur den
-Dnjepr dumpf rauschen und von drei Seiten das Tosen der jäh erwachten
-Wogen herüber hallen. Nicht Aufruhr war's oder Empörung: der Dnjepr
-murrte und grollte wie ein Greis; nichts wollte ihm gefallen, denn alles
-um ihn herum war verändert; er führte einen heimlichen Krieg mit den
-Bergen, den Wäldern und den Wiesen am Ufer und Klage trägt er ob ihrer
-zum Schwarzen Meere hin.
-
-Da erschien plötzlich ein Kahn wie ein schwarzer Fleck auf dem breiten
-Spiegel des Dnjepr, und im Schlosse flammte es von neuem auf. Leise
-pfiff Danilo, und auf den Pfiff lief der treue Bursche herzu: »Nimm
-schnell den scharfen Säbel und das Gewehr, Stetzko, und folge mir!«
-
-»Du gehst?« fragte Pani Katerina.
-
-»Ja, Frau, ich gehe. Ich muß überall hingehen, zu sehen, ob alles in
-Ordnung ist.«
-
-»Ich fürchte mich so, allein zu bleiben. Der Schlaf kommt über mich.
-Wie, wenn ich heute wieder dasselbe träumte? Ich bin nicht gewiß, ob es
-auch wirklich nur ein Traum war, -- so lebendig stand alles vor mir!«
-
-»Die Alte bleibt bei dir, und auf der Diele und im Hof schlafen die
-Kosaken!«
-
-»Die Alte schläft auch schon, und auf die Kosaken vertrau ich nicht
-sehr. Hör, Pan Danilo: Schließ mich im Zimmer ein und nimm den Schlüssel
-mit dir. Dann ist mir nicht so schrecklich zumute, und die Kosaken laß
-vor der Tür schlafen.«
-
-»Sei's denn so,« sagte Danilo, wischte den Staub von der Flinte und
-schüttete Pulver auf.
-
-Der treue Stetzko stand schon angekleidet da in seiner ganzen
-Kosakenausrüstung. Danilo setzte die Lammfellmütze auf, machte das
-Fenster zu, schob den Riegel vor die Tür, schloß sie ab und ging
-zwischen den schlafenden Kosaken hindurch auf den Hof und in die Berge
-hinaus.
-
-Der Himmel war jetzt schon fast völlig klar. Ein frischer Wind wehte
-leise vom Dnjepr herüber. Und hätte man nicht von ferne den Schrei einer
-Möwe gehört, so wäre alles tot und starr erschienen. Doch jetzt vernahm
-man ein Rascheln ..... Burulbasch versteckte sich leise mit seinem
-treuen Diener hinter dem Gestrüpp, das einen Verhau verdeckte. Vom Berge
-kam jemand herabgeschritten, mit zwei Pistolen im roten Schupan, und an
-der Seite den Säbel. -- »Das ist der Schwäher!« sagte Pan Danilo,
-während er ihn hinterm Busch beschaute. »Wohin nur geht er zu dieser
-Stunde und wozu? -- Gähne nicht, Stetzko, und gib acht, welchen Weg der
-Herr Vater einschlägt!« Der Mann im roten Schupan schritt zum Ufer
-hinab, machte eine Wendung und ging auf die Landzunge zu: »Ah, dahin
-geht's also!« sprach Pan Danilo. »Wie, Stetzko, ist er nicht geradeswegs
-in die Höhle des Zaubrers geschlichen?«
-
-»Ja, sicher an keinen anderen Ort, Pan Danilo, sonst würden wir ihn auf
-jener Seite sehen, aber er ist vor dem Schlosse verschwunden.«
-
-»Halt, kriechen wir aus dem Verhau und gehen wir seinen Spuren nach.
-Dahinter steckt etwas. Nein, Katerina, hab's dir wohl gleich gesagt, daß
-dein Vater kein guter Mensch sei; sein Tun ist nicht das eines
-Rechtgläubigen!«
-
-Schon standen Pan Danilo und sein getreuer Bursch auf der Landzunge.
-Schon waren sie nicht mehr zu sehen, denn der dichte Wald, der das
-Schloß rings umgab, ließ nichts von ihnen gewahr werden. In der Höhe
-leuchtete schwach ein Fensterchen auf. Unten standen die Kosaken und
-trachteten hineinzukommen: doch waren weder Tor noch Tür zu sehen; vom
-Hof aus gab's sicher einen Zugang, aber wie sollte man dort hingelangen?
-Von ferne hörte man Ketten rasseln und Hunde herumlaufen.
-
-»Was grüble ich noch lange!« sprach Pan Danilo, als er eine hohe Eiche
-vor dem Fenster erblickte. »Bleib hier, mein Junge! Ich steig' auf die
-Eiche: von hier aus kann ich gerad ins Fenster schauen.«
-
-Da nahm er seinen Gürtel ab, legte den Säbel nieder, damit er nicht
-klirrte, griff in die Zweige und schwang sich hinauf. Das Fenster war
-immer noch hell. Dicht davor klammerte er sich mit einer Hand, auf einem
-Aste zusammengekauert, am Baum fest, und was sah er? Im Zimmer brannte
-kein Licht, doch es leuchtete ganz. Die Wände waren mit wunderlichen
-Zeichen bedeckt und mit Waffen behängt; doch war es höchst seltsames
-Gewaffen: solches tragen weder die Türken noch die Bewohner der Krim,
-weder Polen noch Christen, noch das wackere Schwedenvolk. Unter der
-Decke flogen Fledermäuse hin und her, und ihr Schatten huschte über die
-Wände, die Türen und die Diele. Doch da öffnete sich ganz leise und ohne
-zu knarren die Tür. Ein Mann im roten Schupan trat herein und ging
-geradewegs auf den Tisch zu, der mit einem weißen Tuche bedeckt war. »Er
-ist's! Es ist der Schwiegervater!« Pan Danilo kauerte sich noch mehr
-zusammen und drückte sich noch fester an den Baumstamm.
-
-Doch der Schwiegervater hatte nicht Zeit darnach zu sehen, ob ihm jemand
-ins Fenster guckte oder nicht. Finster trat er herein und zornig riß er
-die Decke vom Tisch herab -- und plötzlich ergoß sich fast unmerklich
-ein blau durchsichtiges Licht übers Zimmer, und nur die Wellen des alten
-bleichgoldigen Lichtes, die sich noch nicht mit dem neuen vermischt
-hatten, fluteten auf und ab wie ein azurenes Meer und zogen sich, wie
-ein buntscheinendes Aderngeflecht im Marmor, durch die Luft. Da stellte
-er einen Topf auf den Tisch und begann Kräuter hineinzuwerfen.
-
-Pan Danilo sah genauer hin, doch jetzt gewahrte er schon den roten
-Schupan nicht mehr; statt dessen hatte jener weite Pluderhosen an, wie
-sie die Türken tragen, in seinem Gürtel steckten Pistolen, und auf dem
-Kopfe hatte er eine wunderliche Mütze, ganz mit Zeichen bemalt, die aber
-weder dem russischen, noch dem polnischen Alphabet angehörten. Er sah
-ihm ins Antlitz -- und auch das Gesicht begann sich zu verwandeln: die
-Nase fing an sich zu dehnen und hing ihm bald über die Lippe herüber;
-der Mund breitete sich bis an die Ohren, ein Hauer kroch aus ihm hervor
-und bog sich zur Seite -- vor ihm stand derselbe Zauberer, der einst
-beim Jessaul auf der Hochzeit erschienen war. »Dein Traum ist wahr,
-Katerina!« dachte Burulbasch.
-
-Der Zauberer fing an, den Tisch schneller zu umkreisen, die Zeichen an
-der Wand begannen sich rascher zu ändern und Fledermäuse flatterten
-wilder herauf und herab, hin und her. Das blaue Licht ward milder und
-milder und schien ganz zu verlöschen. Und schon hellte die Kammer sich
-auf von sanft rosigem Licht. Wie ein zarter Klang, so floß das
-wundersame Licht in alle Winkel, doch plötzlich schwand es dahin, und es
-wurde ganz dunkel. Nur ein Geräusch war noch zu hören, wie wenn zur
-stillen Abendstunde der Wind kreisend auf dem Wasserspiegel spielt und
-die Silberweiden noch tiefer zum Wasser biegt. Und Pan Danilo ist's, als
-ob im Gemach ein Mond aufglänzte, Sterne auf und ab wandelten und ein
-dunkelblauer Himmel darüber aufleuchtete, ja sogar die Kühle der
-Nachtluft hauchte ihm ins Gesicht. Dann aber ist's Pan Danilo plötzlich
-so (er zupfte sich gar am Schnurrbart, ob er nicht schliefe), als breite
-sich im Gemach schon kein Himmel mehr aus, sondern als sei dies seine
-eigene Schlafkammer: an den Wänden hängen seine Säbel von Tataren und
-Türken; längs der Wände Bretter mit allerhand Geschirr und Hausgeräten;
-auf dem Tische Brot und Salz, und dort hängt die Wiege. Doch statt der
-Heiligen blickten schreckliche Larven aus den Bilderrahmen hervor, und
-auf der Ofenbank ..... aber nun sank ein Nebel hernieder und legte sich
-auf alles, und es wurde wieder dunkel. Und wieder erfüllt sich der Raum
-in wunderbarem Klingen mit rosigem Lichte und wieder steht der Zauberer
-regungslos da in seinem sonderbaren Turban. Die Klänge werden immer
-stärker und tiefer, das sanfte Rosenlicht wird immer heller, und etwas
-wie eine weiße Wolke strich durch das Zimmer. Und es kam Pan Danilo so
-vor, als sei die Wolke keine Wolke, sondern eine Frau; doch was war das,
-war sie gar aus Luft gewebt? Wie stand sie denn da, ohne die Erde zu
-berühren? Sie stützte sich auf nichts, und das rosige Licht und die
-Zeichen an der Wand schimmerten durch sie hindurch. Doch jetzt bewegte
-sie den durchsichtigen Kopf: die blaßblauen Augen leuchteten still auf,
-das Haar fiel ihr kraus wie ein fahlgrauer Nebel über die Schultern, ein
-blasses Rot färbte ihre Lippen, wie wenn in der Frühe das junge
-Morgenrot kümmerlich durch den bleichen durchsichtigen Himmel
-hindurchschimmert, ganz wie ein schwacher Schatten leuchteten ihre
-Brauen. »Ah! es ist Katerina.« Und Danilo fühlte, wie ihm die Glieder
-erstarrten; er wollte sprechen, doch seine Lippen bewegten sich lautlos.
-
-Der Zauberer stand regungslos auf seinem Platze. »Wo bist du gewesen?«
-fragte er, und sie, die vor ihm stand, erschauerte.
-
-»Oh, warum hast du mich gerufen?« stöhnte sie leise. »Ich war so froh.
-Ich befand mich an jenem Ort, wo ich geboren ward, und ich lebte
-fünfzehn Jahre lang dort. O, wie herrlich ist's da! Wie grün und duftig
-ist diese Wiese, auf der ich in meiner Kindheit spielte! Auch die
-Feldblümelein sind noch dieselben, und das Haus und der Garten auch! Wie
-zärtlich umarmte mich die gute Mutter! Wieviel Liebe ist in ihren Augen!
-Sie hat mich geherzt und auf Wange und Mund geküßt und meine blonden
-Flechten mit dem dichten Kamme gekämmt. Vater!« Sie heftete ihre
-bleichen Augen auf den Zauberer. »Warum hast du meine Mutter ermordet?«
-
-Der Zauberer drohte zornig mit dem Finger. »Hab' ich verlangt, du
-sollest davon sprechen?« Und die aus Luft gewobene Schöne erbebte.
-
-»Wo ist deine Herrin jetzt?«
-
-»Meine Herrin, Pani Katerina, ist jetzt eingeschlafen. Ich freute mich
-des, flatterte empor und flog von hinnen. Ich wollte meine Mutter schon
-lang wieder sehen. Auf einmal war ich wieder fünfzehn Jahre alt und so
-leicht wie ein Vogel. Warum hast du mich gerufen?«
-
-»Denkst du noch an all das, was ich dir gestern gesagt?« fragte der
-Zauberer so leise, daß man's kaum hören konnte.
-
-»Gewiß denk' ich dran, gewiß. Aber was würd' ich darum geben, es zu
-vergessen. Arme Katerina! Sie weiß gar manches von dem nicht, was ihre
-Seele weiß.«
-
-»Das ist die Seele Katerinas!« dachte Pan Danilo, aber er wagte es noch
-immer nicht, sich zu bewegen.
-
-»Tu Buße, Vater! Ist's dir denn nicht fürchterlich, wenn nach jedem
-deiner Morde die Toten aus den Gräbern steigen?«
-
-»Schon wieder die alten Reden!« unterbrach sie der Zauberer streng »Ich
-setz' meinen Willen durch, ich werde dich zwingen, mir zu gehorchen.
-Katerina wird mich lieben lernen!«
-
-»Oh, ein Ungeheuer bist du, du bist nicht mein Vater!« stöhnte sie auf.
-»Nein, nicht sei es so, wie du willst! Hast dir freilich mit unreinen
-Zauberkünsten die Macht erworben, meine Seele heraufzubeschwören und sie
-zu martern. Doch Gott allein kann sie zwingen, ihm den Willen zu tun.
-Nein, nie wird Katerina, solange ich in ihr lebe, die gottverfluchte Tat
-vollbringen. O, Vater! Das jüngste Gericht ist nahe! Und wärst du auch
-nicht mein Vater, nie würdest du mich zwingen können, meinen treuen,
-geliebten Gatten zu betrügen. Ja, wär' mir mein Gemahl auch nicht so
-lieb und so treu, ich würd' ihn dennoch nie betrügen; denn Gott liebt
-die meineidigen und treulosen Seelen nicht!«
-
-Da heftete sie ihre bleichen Augen auf das Fenster, vor dem Pan Danilo
-saß, und hielt starr inne ....
-
-»Wohin blickst du? Was siehst du dort?« schrie der Zauberer auf.
-
-Die luftgewobene Katerina erzitterte. Aber Pan Danilo war schon längst
-wieder unten auf der Erde und zog mit seinem getreuen Stetzko in die
-Berge.
-
-»Furchtbar, furchtbar!« sprach er bei sich selber und Angst umfing sein
-Kosakenherz.
-
-Bald war er wieder auf seinem Hofe, wo die Kosaken noch immer fest
-schliefen; nur der eine saß da, hielt Wache und rauchte sein Pfeifchen.
-
-Der Himmel war ganz mit Sternen besät.
-
-
- V.
-
-»Wie gut tatest du, daß du mich wecktest!« sprach Katerina, und während
-sie sich mit dem gestickten Ärmel ihres Hemdes die Augen rieb,
-betrachtete sie ihren Mann, der vor ihr stand, vom Kopf bis zu Füßen.
-»Welch schrecklichen Traum ich gehabt! Wie schwer atmete meine Brust!
-Oh! .... mir war's als stürbe ich ....«
-
-»Was war das für ein Traum? Vielleicht dieser?« und Burulbasch erzählte
-seinem Weibe alles, was er geschaut.
-
-»Wie konntest du das nur erfahren, mein Gemahl?« fragte Katerina
-erstaunt. »Doch, nein. Gar vieles, was du erzählt hast, ward mit nicht
-bekannt. Nein, mir hat nicht geträumt, der Vater habe meine Mutter
-getötet; auch hab' ich keine Toten gesehen, ich habe nichts gesehen.
-Nein, Danilo, es war ganz anders, wie du's erzählst. O, wie furchtbar
-ist doch mein Vater!«
-
-»Das ist fürwahr auch kein Wunder, daß du gar vieles davon nicht sahest!
-Du weißt doch nicht den zehnten Teil von dem, was deine Seele weiß.
-Weißt du -- dein Vater -- das ist der Antichrist! Erst im vorigen Jahr,
-als ich mich mit den Polen zum Feldzug in die Krim aufmachte (damals
-hielt ich's noch mit diesem Heidenvolk), da hat der Abt des
-Bruderklosters zu mir gesagt (und das ist ein heiliger Mann, Weib!), der
-Antichrist habe die Macht, jedes Menschen Seele zu beschwören; die
-lustwandle dann nach eigenem Willen, wenn er einschläft, und fliege
-zusammen mit den Erzengeln um Gottes Gemach herum. Schon auf den ersten
-Blick wollt' mir deines Vaters Gesicht nicht recht gefallen. Hätt' ich
-geahnt, daß du solch einen Vater hast, nie hätt' ich mich mit dir
-vermählt; ich hätt' dich verlassen und der Seele nimmer die Sünde
-aufgebürdet, mich der Sippe des Antichrist zu verschwägern.«
-
-»Danilo!« rief Katerina, verbarg ihr Gesicht in den Händen und
-schluchzte auf. »Hab' ich je eine Schuld gegen dich auf mich geladen?
-Ward ich dir je untreu, geliebter Gemahl? Womit hab' ich deinen Zorn auf
-mich gelenkt? Hab' ich dir nicht treu gedient? Hab' ich denn je ein
-widriges Wort gesprochen, wenn du angezecht vom lustigen Schmaus
-heimkamst? Gebar ich dir nicht einen schwarzbrauigen Sohn? ...«
-
-»Weine nicht, Katerina, jetzt kenne ich dich, und ich werde dich nie
-verlassen. Alle Sünden liegen bei deinem Vater!«
-
-»Nein, nenne ihn nicht meinen Vater! Er ist nicht mein Vater! Gott ist
-mein Zeuge, ich sage mich von ihm los! Er ist der Antichrist und ein
-Gottesverächter! Mag er verderben, mag er ersaufen, nie biet' ich die
-Hand ihm zur Rettung. Und wenn er dahinsiecht an einem todbringenden
-Kraut, so will ich ihm kein Wasser zum Trinken reichen. _Du_ bist mir
-mein Vater!«
-
-
- VI.
-
-In Pan Danilos tiefem Verließe sitzt der Zauberer in eiserne Ketten
-geschmiedet; fern über dem Dnjepr brennt sein satanisches Schloß, und
-blutrote Wellen gurgeln und lecken an den uralten Mauern empor. Nicht
-wegen Hexerei, noch um gottwidrige Taten sitzt der Zauberer im tiefen
-Verließ: die richtet nur Gott; um eines geheimen Verrates willen sitzt
-er dort, und wegen seines Bundes mit den Feinden des rechtgläubigen
-Russenlands -- den er mit den Römlingen eingegangen, um ihnen das
-ukrainische Volk zu verschachern und die christlichen Kirchen
-niederzubrennen. Gar finster und grimmig ist der Zauberer;
-nachtschwarzes Sinnen zieht durch seinen Kopf; nur ein Tag noch bleibt
-ihm zu leben, und morgen gilt's, Abschied zu nehmen von der Welt: morgen
-erwartet ihn Tod. Kein leichter Tod wartet auf ihn: es ginge noch gnädig
-ab, wenn er lebendig im Kessel gekocht oder wenn ihm die sündhafte Haut
-abgezogen würde. Düster und grimmig ist der Zauberer, und er läßt den
-Kopf hängen. Vielleicht geht er vor seiner Sterbestunde noch in sich;
-doch sind seine Sünden nicht so, daß Gott ihm verzeihen könnte. Hoch
-oben vor ihm ist ein schmales Fenster, das Eisenstäbe vergittern. Mit
-seinen klirrenden Ketten hat er sich bis zum Fenster emporgehoben, um zu
-schauen, ob seine Tochter nicht vorbeiginge. Sie ist mild wie ein
-Täubchen und nicht rachesüchtig. Würde sie sich nicht des Vaters
-erbarmen? ... Aber es war niemand da. Tief unten zieht der Weg sich hin,
-aber niemand wandert auf ihm. Und tiefer noch zieht der Dnjepr vorbei;
-aber der achtet auf niemand: er tost dahin, und schmerzlich ist's dem
-Gefesselten, seinem dumpfen Rauschen zu lauschen.
-
-Da erschien jemand auf dem Wege -- es war ein Kosak! Schwer seufzte der
-Gefangene auf, und wieder ward alles tot und leer. Doch dort in der
-Ferne kam jemand herab ...... Ein grüner Überwurf flatterte empor, ein
-goldener Kopfschmuck glänzte auf dem Haupte. Das war _sie_! Noch enger
-preßte er sich ans Fenster. Sie kam näher und immer näher ...
-
-»Katerina! Meine Tochter, erbarme dich! Hab' Mitleid mit mir! .......«
-
-Aber sie blieb stumm, sie wollte ihn nicht hören. Sie wendete nicht
-einmal die Augen nach dem Gefängnis, und schon war sie vorbei und wieder
-verschwunden. Leer wird die Welt, wehmütig rauscht der Dnjepr;
-hoffnungslose Trauer und Wehmut umfängt das Herz; aber wußte wohl der
-Zauberer, was Wehmut ist?
-
-Der Tag ging zur Neige. Schon sank die Sonne hinab, schon ist sie nicht
-mehr. Schon war es Abend. Kühl ward es, irgendwo brüllte ein Stier, von
-irgendwo tönten verwehte Klänge herüber; sicherlich kamen jetzt die
-Menschen von ihrer Arbeit, um auszuruhen und fröhlich zu sein: über den
-Dnjepr glitt ein Kahn ...... aber wer kümmerte sich um den Gefangenen?
-Die silberne Sichel leuchtet am Himmel auf; da schreitet jemand von der
-anderen Seite den Weg empor; schwer war's, im Dunkeln zu erkennen, wer
-das war: Es war Katerina, die jetzt zurückkehrte.
-
-»In Christi Namen, Tochter! Selbst das grausame Junge des Wolfes
-zerfleischt seine Mutter nicht! Tochter, so wirf doch nur einen Blick
-auf deinen sündigen Vater!«
-
-Aber sie hörte ihn nicht und ging weiter.
-
-»Tochter, im Namen deiner unglücklichen Mutter ...« Sie blieb stehen.
-
-»Komm und vernimm mein letztes Wort!«
-
-»Wozu rufst du mich, Gottesverächter? Nenn' mich nicht Tochter! Zwischen
-uns ist keine Verwandtschaft! Was willst du von mir im Namen meiner
-unglücklichen Mutter?«
-
-»Katerina, mein Ende ist nahe! Ich weiß, dein Mann gedenkt, mich an den
-Schweif eines Rosses zu binden und übers Feld zu schleifen, oder
-vielleicht erfindet er einen noch grauenvolleren Tod für mich ...«
-
-»Gibt es denn auf der Welt einen Tod, der deinen Sünden gleichkommt?
-Mach dich darauf gefaßt, für dich wird niemand bitten!«
-
-»Katerina, mich schreckt nicht der Tod, mich schrecken die Qualen in
-_jener_ Welt! ...... _Du_ bist frei von Schuld, Katerina: deine Seele
-wird im Paradies in Gottes Nähe weilen, aber die Seele deines gottlosen
-Vaters wird im ewigen Feuer brennen, und nimmer wird dieses Feuer
-erlöschen, nur noch höher und höher wird es emporlodern. Kein Tautropfen
-wird auf ihn herabfallen, und kein Wind wird ins Feuer hauchen.«
-
-»Ich habe nicht die Macht, deine Strafe durch Gebet zu mindern!« sprach
-Katerina und wandte sich ab.
-
-»Katerina, warte, noch ein Wort: Du kannst meine Seele erretten. Du
-weißt noch nicht, wie gut und gnädig Gott ist. Hast du je vom Apostel
-Paulus gehört, der voller Sünden war und dann in sich ging -- und ein
-Heiliger wurde?«
-
-»Was kann ich tun, deine Seele zu retten?« sprach Katerina. »Sollte ich,
-ein schwaches Weib, daran denken können?«
-
-»Wenn es mir gelänge, von hier zu entfliehen, so würde ich mein ganzes
-altes Leben aufgeben! Ich würde Buße tun, in die Wüste gehen, ein
-härenes Hemd anlegen und Tag und Nacht beten! Ja, nicht einmal
-Fastenkost und keinen Fisch soll mein Mund mehr berühren! Kein Gewand
-breit' ich mir hin, wenn ich mich zum Schlaf niederlege! Und immer nur
-werde ich beten und beten! Und wenn Gottes Gnade auch nicht den
-hundertsten Teil meiner Sünden von mir nimmt, dann will ich mich bis an
-den Hals in die Erde vergraben oder eine Wand von Stein um mich
-aufmauern, nicht Speise noch Trank will ich mehr zu mir nehmen und
-sterben, und all mein Hab und Gut will ich den Mönchen vermachen, auf
-daß sie vierzig Tage und vierzig Nächte lang Seelenmessen für mich
-lesen!«
-
-Katerina sann nach. »Selbst wenn ich dir das Tor aufschlösse, ich kann
-dir doch die Ketten nicht aufschmieden!«
-
-»Die Ketten fürchte ich nicht. Du meinst wohl, sie hätten mir Hände und
-Füße zusammengeschmiedet? O nein, ich senkte Nebel auf die Augen der
-Menschen und hielt ihnen statt der Hände ein trockenes Holz hin. Schau,
-hier bin ich: jetzt trag' ich keine Kette mehr!« sagte er und trat frei
-in die Mitte des Raumes. »Ich hätte ja auch die Wände nimmer gefürchtet
-und wäre hindurchgeschritten; aber dein Mann weiß nicht, was das hier
-für Mauern sind: Ein heiliger Anachoret hat sie einst errichtet und
-keine unreine Macht ist imstande, den Gefangenen zu befreien, ohne die
-Zelle mit jenem Schlüssel aufzuschließen, mit dem der Heilige sie
-verschloß. Solch eine Zelle will ich, schrecklichster aller Sünder, auch
-mir erbauen, wenn ich nur frei bin!«
-
-»Nun wohl, so höre: ich lass' dich hinaus, doch, wie wenn du mich
-trügst,« sprach Katerina und blieb vor der Tür starr stehen. »Wenn du,
-statt in dich zu gehen, wieder des Teufels Bruder wirst?«
-
-»Nein, Katerina, ich hab' nicht mehr lange zu leben; auch ohne diese
-Marter ist mein Ende nahe. Glaubst du denn, daß ich mich selbst zu
-ewigen Qualen verurteilen will?«
-
-Die Schlösser klirrten. »Leb' wohl, der barmherzige Gott behüte dich,
-mein Kind!« sprach der Zauberer und küßte sie.
-
-»Rühr mich nicht an, schrecklichster aller Sünder! Geh schnell von
-hinnen!« rief Katerina.
-
-Doch er war schon verschwunden.
-
-»Ich hab' ihn befreit!« flüsterte sie und blickte voller Schrecken wie
-irr auf die Mauern. »Was soll ich jetzt meinem Manne sagen? Ich bin
-verloren! Ich kann mich nur noch lebendig ins Grab legen.« Und sie sank
-schluchzend auf den Klotz, auf dem der Gefangene gesessen hatte. »Aber
-ich habe eine Seele gerettet!« sagte sie leise. »Ich tat ein Gott
-wohlgefälliges Werk. Jedoch mein Mann ...... Ich hab' ihn zum ersten
-Male betrogen. O, wie furchtbar, wie schwer wird mir's werden, ihm die
-Unwahrheit zu sagen! Da kommt jemand! O, _er_ ist es! es ist mein Mann!«
-rief sie verzweifelt, und besinnungslos fiel sie zu Boden.
-
-
- VII.
-
-»Ich bin's, meine liebe Tochter, ich bin's, mein Herzchen!« hörte
-Katerina jemand sagen, als sie wieder zu sich kam; sie sah ihre alte
-Dienerin vor sich. Die Alte beugte sich über sie, schien ihr etwas
-zuzuflüstern, und ihre vertrocknete Hand bespritzte sie mit kaltem
-Wasser.
-
-»Wo bin ich?« sagte Katerina, indem sie aufstand und um sich blickte.
-»Vor mir rauscht der Dnjepr und hinter mir liegen die Berge ... Wohin
-hast du mich geführt, Weib?«
-
-»Ich hab' dich nicht weggeführt, sondern hinausgetragen; auf meinen
-Armen trug ich dich aus dem dumpfen Gewölbe. Ich habe die Tür mit dem
-Schlüsselchen zugeschlossen, damit dich Pan Danilo nicht findet und
-bestraft!«
-
-»Wo ist der Schlüssel?« sprach Katerina und blickte auf ihren Gürtel,
-»ich seh' ihn nicht!«
-
-»Dein Mann hat ihn abgebunden, um nach dem Zauberer zu sehen, mein
-Kind!«
-
-»Um nach ihm zu sehen? .... Weib, ich bin verloren!« rief Katerina.
-
-»Davor mag Gott uns bewahren, mein Kind! Schweig du nur, liebe Herrin.
-Niemand wird etwas erfahren!«
-
-»Er ist entflohen, der verfluchte Antichrist! Hast du gehört, Katerina?
-Er ist entflohen!« rief Pan Danilo, der auf seine Frau zutrat. Seine
-Augen sprühten Feuer, und sein Säbel schüttelte sich klirrend an seiner
-Seite. Sein Weib erstarrte.
-
-»Es hat ihn wohl jemand befreit, lieber Mann?« sprach sie zitternd.
-
-»Befreit! Du hast recht. Aber der Teufel hat ihn befreit. Schau hin!
-Statt seiner liegt ein in Eisen geschmiedeter Klotz da. Gott hat's nun
-einmal so eingerichtet, daß der Teufel sich nicht vor Kosakenfäusten
-fürchtet! Wenn einer von meinen Kosaken auch nur von fern daran gedacht
-haben sollte, und ich erfahre es ..... O, ich würde keine Strafe
-ausdenken können, die schwer genug für ihn wäre!«
-
-»Und wenn ich es wäre?« sprach Katerina unwillkürlich und hielt
-erschrocken inne.
-
-»Wenn du's getan hättest, so wärest du mein Weib nicht mehr! Ich würde
-dich in einen Sack einnähen lassen und mitten im Dnjepr ertränken! ....«
-
-Katerina stockte der Atem und ihr war, als lösten sich ihr die Haare vom
-Haupte.
-
-
- VIII.
-
-In einer Schänke am Grenzwege sind die Polen versammelt und zechen schon
-zwei Tage lang. Nicht wenig Gesindel sitzt da beisammen. Sie sind wohl
-zusammengekommen, um einen Überfall auszuhecken! Manche von ihnen haben
-Musketen, die Sporen klirren und die Säbel rasseln. Die polnischen
-Herren sind lustig, schneiden auf und reden prahlerisch von unerhörten
-Taten, sie spotten über den rechten Glauben, nennen das Volk der Ukraine
-ihre »Knechte«, zwirbeln stolz den Schnurrbart in die Höhe, und mit
-hochmütig zurückgeworfenen Köpfen recken sie sich auf den Bänken. Auch
-ihr Priester ist bei ihnen; doch auch der ist vom selben Schlage wie
-sie. Er gleicht nicht einmal dem Äußern nach einem christlichen
-Priester, denn er schmaust und zecht mit ihnen, und seine unreine Zunge
-führt unzüchtige Reden. Auch das Gesinde gibt ihnen in nichts nach: sie
-haben die Ärmel der schäbigen Schupans aufgestreift und stolzieren so
-aufrecht einher, als wären sie was Rechtes! Sie spielen und hauen
-einander mit den Karten auf die Nasen. Dann haben sie fremde Weiber bei
-sich und das gibt ein Geschrei und ein Raufen! ... Die polnischen Herren
-toben nur so und treiben Schabernack mit den Leuten; sie packen einen
-Juden am Bart, malen ihm ein Kreuz auf seine gottlose Stirn, schießen
-mit blind geladenen Pistolen nach dem Weibsvolk und tanzen einen
-Krakowiak mit ihrem schändlichen Priester. Gab's doch nicht einmal von
-den Tataren solch Ärgernis im russischen Lande: Gott hat es ihm wohl
-beschieden, solche Schmach für seine Sünden zu erdulden. Und mitten in
-diesem Sodom hört man sie vom Gutshof des Pan Danilo am Dnjepr und von
-seinem schönen Weibe sprechen ..... Wahrlich, nichts Gutes sinnt die
-Rotte, die hier versammelt ist!
-
-
- IX.
-
-Pan Danilo sitzt in seiner Stube am Tisch, das Haupt auf den Ellenbogen
-gestützt, und sinnt nach. Auf der Ofenbank aber sitzt Pani Katerina und
-singt ein Lied.
-
-»Mir ist so traurig zumute, Weib!« spricht Pan Danilo, »der Kopf tut mir
-weh und das Herze auch. Es lastet etwas auf mir! Mein Tod ist wohl nicht
-mehr fern.«
-
-»O, mein herzliebster Gemahl, neig deinen Kopf zu mir her! Warum hegst
-du so schwarze Gedanken in deiner Brust?« dachte Katerina, wagte es aber
-nicht auszusprechen. Ihr, der Schuldbewußten, wurde es schwer, des
-Mannes Liebkosungen entgegenzunehmen.
-
-»Hör, liebes Weib!« sagte Danilo, »verlaß meinen Sohn nicht, wenn ich
-einst tot bin! Gott wird kein Glück auf dich herabsenden, weder in
-dieser, noch in jener Welt, wenn du ihn von dir stößt. Schwer würde es
-meinen Knochen werden, in der feuchten Erde zu verfaulen, und noch
-trauriger wär' meine Seele!«
-
-»Was sprichst du, mein Gemahl? Warst du es nicht, der uns schwache
-Frauen einst auslachte? Und jetzt redest du selbst wie ein schwaches
-Weib. Du wirst noch lange leben!«
-
-»Nein, Katerina, meine Seele ahnt schon den nahen Tod. Es wird so
-traurig in der Welt und schlimme Zeiten brechen an. Oh! ich besinne mich
-wohl auf die vergangenen Jahre; die kehren wohl nimmer wieder! Damals
-war noch der alte Konaschewitsch am Leben, der Ruhm und die Ehr' unseres
-Heeres! Und all die Kosakenregimenter ziehen wieder an meinen Augen
-vorüber. Ja, es war eine goldene Zeit, Katerina! Der alte Hetman saß auf
-seinem Rappen und in seiner Hand glänzte der Hetmansstab; rings um ihn
-standen die Führer, und auf den Seiten wogte das rote Meer der
-Saporoger. Und wenn der Hetman zu sprechen begann, dann stand alles da
-wie erstarrt. Der Alte weinte, als er der früheren Taten und Gefechte
-gedachte. Ach, wenn du wüßtest, Katerina, wie wir damals uns mit den
-Türken schlugen: Noch heute sieht man die Narbe auf meinem Haupte. Vier
-Kugeln durchbohrten mich an vier Stellen, und keine der Wunden ist je
-vollständig geheilt. O, wieviel Gold wir damals erbeuteten, und die
-Edelsteine schöpften die Kosaken wie Wasser mit ihren Mützen. Und was
-für Pferde, wenn du wüßtest, was für Pferde wir damals raubten,
-Katerina! Nein, solche Kriege erleb' ich nie wieder! Noch bin ich ja
-nicht alt, ich bin noch rüstig, doch das Kosakenschwert entsinkt meiner
-Hand, ich lebe tatenlos dahin und weiß selbst nicht, wozu ich lebe. In
-der Ukraine herrscht keine Ordnung mehr: die Feldherrn und Jessauls
-beißen sich herum wie die Hunde; 's ist keiner da, dem alle gehorchten
-und der ihr Haupt wäre. Unsere Schlachzizen haben alles geändert und
-polnische Sitten eingeführt, sie sind so schlau und so tückisch geworden
-und haben ihre Seelen verkauft, indem sie die Union annahmen und einen
-Bund mit dem Papst schlossen. Die Juden knechten das arme Volk. O
-Zeiten, Zeiten, vergangene Zeiten! Wo seid ihr geblieben, ihr, meine
-vergangenen Jahre? Geh ins Gewölbe hinab, Bursch, und hol mir einen Krug
-mit Meth! Ich will trinken auf unser altes Leben und die vergangenen
-Zeiten!«
-
-»Womit sollen wir die Gäste empfangen, Pan? Die Polen kommen von der
-Wiese her!« rief Stetzko, der in diesem Augenblick ins Zimmer
-hereinstürzte.
-
-»Ich weiß wohl, wozu sie kommen!« sprach Danilo, sich von seinem Platze
-erhebend. »Sattelt die Pferde, meine treuen Knechte! Schirrt sie rasch
-an und heraus mit den Säbeln! Vergeßt auch die blauen Bohnen nicht! Die
-Gäste sollen mit Ehren empfangen werden!«
-
-Kaum hatten die Kosaken ihre Pferde bestiegen und die Musketen geladen,
-da überschwemmten die Polen schon den Berg wie Laub, das im Herbst von
-den Bäumen fällt.
-
-»Hehe, da gibt's eine feine Gesellschaft!« rief Danilo und blickte auf
-die dicken Pans, die sich würdevoll auf ihren goldgeschirrten Rossen
-schaukelten. »Wohl denn, so werden wir uns einmal noch herrlich tummeln!
-Freu dich zum letzten Male, Kosakenseele. Wohlauf, ihr Burschen, das
-Fest hat begonnen!«
-
-Und auf den Bergen ward es fröhlich, und das Fest hub an: da schwirren
-die Säbel, da fliegen die Kugeln, da wiehern und trampeln die Pferde.
-Die Schädel dröhnen vom Rufen und Schreien, und der Rauch blendet die
-Augen. Alles geht wild durcheinander, aber der Kosak ahnt wohl, wo
-Freund und Feind ist. Eine Kugel kommt gepfiffen, und ein tapferer
-Reitersmann stürzt vom Roß; ein Säbel klirrt -- und ein Kopf wälzt sich,
-zusammenhanglose Reden lallend, am Boden.
-
-Aber mitten im Haufen, da sieht man die rote Kosakenmütze des Pan
-Danilo, und wie ein Blitz trifft das Auge das Gefunkel des goldenen
-Gürtels auf dem blanken Schupan; wie ein Wirbelwind flattert die Mähne
-des Rapphengstes daher; gleich einem Vogel eilt er bald hier hin, bald
-dort hin, schreit laut auf, schwenkt den Damaszener-Säbel und schlägt
-rechts und links um sich. Hau zu, Kosak! Frisch drauf und los, Kosak!
-Erfreu dein mutiges Herz, aber verguck dich nicht in das Gold der
-Gespanne und Schupans; tritt Gold und Edelsteine mit den Füßen! Stich
-zu, Kosak! Frisch drauf los, Kosak! Aber sieh dich nicht um: schon
-stecken die frevelnden Polen die Hütten in Brand und treiben das
-ängstliche Vieh fort. Wie ein Sturm wirbelt Pan Danilo zurück, die Mütze
-mit dem roten Dach blitzt schon dicht neben den Häusern auf, und rings
-um ihn wird der Haufen geringer.
-
-Nicht nur eine Stunde oder zwei kämpften die Kosaken und Polen. Immer
-weniger wurden ihrer auf beiden Seiten; doch Pan Danilo ermattete nicht:
-mit seiner langen Lanze hob er die Feinde aus dem Sattel, und trat mit
-seinem tapferen Roß das Fußvolk nieder. Schon leert sich der Hof, schon
-fliehen die Polen, schon reißen die Kosaken die goldenen Schupans und
-die reiche Rüstung von den Gefallenen herab. Schon will Pan Danilo zur
-Verfolgung aufbrechen, schon blickt er sich um, die Seinen zu sammeln
-..... doch da kocht in ihm die Wut, vor ihm taucht Katerinas Vater auf.
-Nun steht er auf dem Berge und zielt mit seiner Muskete nach ihm. Danilo
-treibt sein Pferd grad auf ihn los .... Kosak, du eilst ins Verderben!
-Da kracht die Muskete, und der Zauberer ist hinter dem Berge
-verschwunden. Nur der getreue Stetzko hat noch gesehen, wie das rote
-Gewand und die seltsame Mütze im Husch vorbeiflogen. Danilo schwankt und
-stürzt zu Boden. Der treue Stetzko eilte zu seinem Pan: sein Herr liegt
-ausgestreckt auf der Erde, und hat die hellen Augen geschlossen, und das
-hellrote Blut quillt aus seiner Brust. Aber er erkannte den treuen
-Diener noch, leis hob er die Lider und blitzte ihn mit den Augen an:
-»Leb wohl, mein Stetzko! Sag Katerina, sie soll meinen Sohn nicht
-verlassen! Verlaßt auch ihr ihn nicht, ihr meine treuen Diener!« und er
-verstummte. Die tapfere Kosakenseele war aus dem adligen Leibe
-entflohen; blau sind seine Lippen, der Kosak schläft einen Schlaf, aus
-dem es kein Erwachen gibt.
-
-Da schluchzte der getreue Diener auf und winkte Katerina mit der Hand:
-»Komm, komm schnell herbei, Pani! Dein Pan hat ausgetobt; sieh, da liegt
-er, trunken auf feuchtem Erdreich; nimmer wird der aus seinem Rausche
-erwachen!«
-
-Da schlug Katerina die Hände zusammen und sank über den Leichnam hin wie
-eine Garbe. »O mein Gemahl, du mein Gemahl! Bist du's, der geschlossenen
-Auges daliegt? Steh auf, mein herzallerliebster Falke, rühr deine süße
-Hand! Erhebe dich doch! O, schau sie nur einmal noch an, deine Katerina,
-reg deine Lippen und sprich nur ein einziges Wörtlein! ... Doch ach, du
-schweigst, du schweigst, mein lieber herrlicher Pan! Bläulich wardst du
-wie das Schwarze Meer, und dein Herz schlägt nicht! Warum bist du so
-kalt, mein Pan? O, ich seh's, meine Tränen sind nicht heiß genug, sie
-können dich nicht erwärmen! Ich seh's, nicht laut genug ist meine Klage,
-denn sie kann dich nicht erwecken! Wer wird jetzt deine Heere anführen?
-Wer wird nun auf deinem Rappen dahinjagen und laut jauchzend vor den
-Kosaken den Säbel schwingen? Kosaken, Kosaken! Wo ist eure Ehre und euer
-Ruhm? Da liegt eure Ehre und euer Ruhm geschlossenen Augs auf der
-feuchten Erde. O, begrabt nun auch mich, begrabt mich zusammen mit ihm!
-Streut mir Erde auf die Augen, preßt die Bretter von Ahorn mir auf die
-weißen Brüste! Ich brauche meine Schönheit nicht mehr!«
-
-Und Katerina weinte und klagte bitterlich, da aber steigt eine
-Staubwolke in der Ferne auf: Gorobetz, der alte Jessaul, sprengt zu
-Hilfe heran.
-
-
- X.
-
-Voller Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter, wenn er frei und
-ungehemmt durch Gebirg und Wälder seine reichen Wasser trägt. Da ertönt
-kein leises Rauschen und kein mächtiger Donnerlaut. Du blickst hin und
-weißt es kaum, ob sich sein hehrer breiter Rücken regt, ob nicht; ganz
-aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer Spiegelweg windet
-sich, breit ohne Maßen, lang ohn' Ende, in verschlungenen Bahnen durch
-die grüne Welt. Dann blickt auch die heiße Sonne selig von der Höhe
-herab und taucht ihre Strahlen in die kühlen gläsernen Wässer, und selig
-spiegeln sich die Wälder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr
-Grüngelockten! Ihr drängt euch mit den Feldblumen zum Wasser hin, beugt
-euch hinab, schaut hinein und könnt euch nicht satt sehen an eurem
-klaren Angesicht und ihr lächelt ihm zu und grüßt es, indem ihr die
-Zweige schüttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch nicht zu
-blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und der blaue Himmel, und
-selten nur kommt ein Vogel bis mitten über den Dnjepr geflogen. O, du
-herrlicher Fluß! Kein Strom in der Welt kommt dir gleich. Voller Wunder
-ist auch der Dnjepr in einer stillen Sommernacht, wenn alles in
-Schlummer sinkt: Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt
-majestätisch auf Himmel und Erde und schüttelt gewaltig sein wunderbares
-Ornat. Und von dem Kleide regnen Sterne herab; die Sterne aber glühen
-und leuchten über die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr wieder. Der
-Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen Schoße, und kein einziger kann
-ihm entrinnen -- es sei denn, daß er am Himmel erlischt. Der schwarze
-Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben und die in grauer Urzeit
-geborstenen Berge beugen sich vor und suchen ihn wenigstens mit ihren
-langen Schatten zu bedecken -- vergebens! Es gibt nichts auf der Welt,
-das den Dnjepr überdecken könnte. Azurblau fließt er gemessen dahin, und
-bei Nacht wie bei Tage sieht man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen
-kann. Wenn er sich wiegt und wie ein verzärteltes Kind bei der
-nächtlichen Kühle ans Ufer schmiegt, dann wird er zur silbernen Flut und
-die flammt auf, wie die stählerne Schneide einer Damaszenerklinge und
-dann liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch dann ist der
-Dnjepr voller Wunder und kein Fluß in der Welt kommt ihm gleich! Doch
-wenn sich am Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der schwarze
-Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen krachen und der Blitz, aus den
-Wolken splitternd, plötzlich die ganze Welt erhellt -- o, dann ist der
-Dnjepr schrecklich! Die Wasserhügel tosen, wenn sie gegen die steinigen
-Felsen anprallen, sinken blitzend und stöhnend zurück und ächzen und
-heulen in der Ferne. So jammert wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie
-ihren Sohn ins Kriegslager geleitet: frei und kühn reitet er auf seinem
-rabenschwarzen Roß dahin, die Hand in die Hüfte gestemmt und die Mütze
-keck aufs Ohr geschoben, sie aber läuft schluchzend hinter ihm her,
-hängt sich an den Steigbügel, greift ihm in die Zügel, ringt die Hände
-und zerfließt in heißen Tränen.
-
-Wild und schwarz ragen zwischen den kämpfenden Wellen auf der Landzunge
-verkohlte Baumstümpfe und Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will,
-wird ans Ufer geworfen, schießt hoch empor und sinkt dann wieder tief
-abwärts. Wer ist der Kosak, der sich in den Kahn gewagt, zu einer Zeit,
-da der alte Dnjepr grollt? Der weiß nicht, daß der Dnjepr die Menschen
-hinabschlingt wie Fliegen!
-
-Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg ihm. Ihm ist nicht
-heiter zumute. Er grollt über den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem
-erschlagenen Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen mußten ihn teuer
-bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schönen Schupans, ihr ganzes
-Pferdegeschirr und dreiunddreißig Knechte dazu wurden in Stücke gehauen,
-und die übrigen saßen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die
-Tataren verkauft werden.
-
-Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten Baumstümpfen
-hinab, wo sich tief unten im Erdreich seine Hütte befand. Leise und ohne
-mit der Türe zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den
-gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen unbekannte Kräuter in
-ihn hineinzuwerfen, dann holte er einen Krug herbei, der aus einem
-merkwürdigen Holz geschnitzt war, schöpfte Wasser und begann es wieder
-auszugießen, während seine Lippen Beschwörungen murmelten.
-
-Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich war es, sein Gesicht
-zu schauen: es sah ganz blutig aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich
-drein, und die Augen glühten wie ein Feuer. Schrecklicher Sünder! Der
-Bart war ihm längst ergraut, und das Gesicht von Runzeln durchfurcht,
-schon ist er fast gänzlich verdorrt, und noch immer trachtet er nach
-gottlästerlichen Taten. Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weiße
-wehende Wolke, und etwas wie Freude huschte über des Zaubrers Gesicht.
-Doch warum stand er plötzlich regungslos mit weitgeöffnetem Munde da,
-warum wagte er es nicht, sich zu bewegen? Und warum sträubten sich die
-Haare wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien ihm ein
-sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen kam es zu Gaste; immer
-deutlicher trat es hervor und bohrte die starren Augen in ihn hinein.
-Die Züge, die Brauen, die Augen, die Lippen -- alles war ihm unbekannt
-und noch nie in seinem Leben hatte er es gesehen. Auch war nichts
-eigentlich Grauenhaftes an ihm, und doch packte ihn ein unüberwindliches
-Entsetzen. Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch immer starr
-durch die Wolke an. Doch nun war die Wolke verschwunden, aber das
-unbekannte Gesicht hing noch klarer vor ihm, und die scharfen
-schneidenden Blicke wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer
-wurde so weiß wie Leinen; mit einer furchtbaren Stimme, die ihn selber
-fremd dünkte, schrie er auf, warf den Topf um. Alles war verschwunden.
-
-
- XI.
-
-»Sei ruhig, liebe Schwester!« sprach der alte Jessaul Gorobetz. »Träume
-reden selten die Wahrheit.«
-
-»Leg dich doch hin, Schwesterchen!« sagte seine junge Schwiegertochter.
-»Ich werde die alte Wahrsagerin rufen: ihr kann keine Macht der Welt
-widerstehen: sie wird deine Unruhe bannen.«
-
-»Fürchte nichts!« rief der Sohn und griff nach dem Säbel, »niemand soll
-dir etwas zuleide tun.«
-
-Mit trüben und düsteren Augen blickte Katerina sie alle an und fand kein
-Wort zur Antwort. »Ich habe mir selbst mein Verderben bereitet: ich hab
-ihn befreit!« Endlich aber sprach sie: »Ich habe keine Ruhe vor ihm.
-Schon sind's zehn Tage, daß ich bei euch in Kijew bin, und mein Schmerz
-ist um keinen Tropfen geringer. Ich hab mir gedacht, ich will nun in
-aller Stille mein Söhnchen als Rächer aufziehen ...... O, furchtbar,
-furchtbar war er, wie er mir im Traume erschien. Behüt euch Gott davor,
-ihn je zu erblicken! Mein Herz pocht noch immer!« -- »Ich hack dir dein
-Kind in Stücke, Katerina!« schrie er, »wenn du nicht mein Weib sein
-willst! ....« Schluchzend stürzte sie sich auf die Wiege, daß das
-erschrockene Kindlein die Hände ausstreckte und zu schreien begann.
-
-Des Jessauls Sohn brauste zornig auf, als er diese Rede hörte.
-
-Auch Gorobetz, der Jessaul, raste vor Wut: »Mag er's nur wagen, hierher
-zu kommen, der gottlose Antichrist -- er soll die Kraft meiner alten
-Kosakenarme kosten. Gott ist mein Zeuge!« rief er und hob die scharf
-blickenden Augen gen Himmel empor. »Bin ich denn Bruder Danilo nicht zu
-Hilfe geeilt? Doch es war Gottes heiliger Wille! Ich traf ihn schon auf
-dem kalten Lager, darauf schon so viel Kosakenvolk sich gebettet. Hat
-man ihm zu Ehren nicht dafür einen prächtigen Leichenschmaus gefeiert?
-Ist etwa auch nur ein Pole lebend entkommen? Sei ruhig, mein Kind!
-Niemand wird es wagen, dich zu berühren, solange wir leben, ich und mein
-Sohn!«
-
-Mit diesen Worten trat der alte Jessaul an die Wiege. Das Kindchen
-erblickte die rote Pfeife mit der silbernen Fassung am Riemen und den
-Beutel mit dem glänzenden Feuerstein, streckte die Händchen zu ihm hin
-und lachte. »Der wird ganz wie der Vater!« sprach der alte Jessaul, nahm
-die Pfeife aus dem Munde und reichte sie dem Kinde hin. »Noch hat er die
-Wiege nicht verlassen und schon will er ein Pfeifchen rauchen!«
-
-Katerina seufzte leise auf und begann die Wiege zu schaukeln. Man
-verabredete sich, die Nacht gemeinsam zu verbringen; nach einer kurzen
-Weile schliefen alle, und auch Katerina schlummerte bald ein.
-
-Im Hofe und in der Stube war alles still, nur die Kosaken, die Wache
-hielten, schlummerten nicht. Plötzlich wachte Katerina mit einem Schrei
-auf, und mit ihr erwachten alle aus ihrem Schlummer. »Er ist tot, man
-hat ihn ermordet!« schrie sie und stürzte zur Wiege hin ..... Alle
-umringten die Wiege und waren starr vor Entsetzen, als sie das leblose
-Kind daliegen sahen. Keiner sprach ein Wort und niemand wußte, was er
-von dem unerhörten Frevel denken sollte.
-
-
- XII.
-
-Fern vom Lande der Ukraine, wenn man das Polenreich durchreist und schon
-die volkreiche Stadt Lemberg hinter sich hat, stößt man auf eine
-Gebirgskette mit hohen Gipfeln. Berg an Berg umklammern hier von rechts
-und links wie mit steinernen Ketten die Erde und schmieden sie in einen
-Felsenring, damit das brausende tosende Meer nicht hereinbreche. Die
-Felsenketten ziehen sich bis in die Wallachei und das Siebengebirge
-hinein, und ragen wie ein gigantisches Hufeisen zwischen Galiziens und
-Ungarns Völkern empor. Solche Berge gibt's in unserer Gegend nicht, und
-das Auge wagt es nicht, sie zu umspannen. Einige von diesen Gipfeln hat
-noch kein menschlicher Fuß betreten. Wie ein Mirakel sind sie zu
-schauen: gleich als wäre ein trotziges Meer während eines Sturmes seinen
-weiten Ufern entflohen und als hätte es mißgestalte Wogen aufgetürmt,
-die dann zu Stein geworden, steil in der Luft emporstarrten. Oder sind
-es schwarze Wolken, die vom Himmel herabgestürzt sind und den Weg zur
-Erde versperrt haben? Denn ihre Farbe ist ebenso grau wie die der
-Wolken, und der weiße Gipfel blitzt und funkelt in der Sonne. Bis zu den
-Karpathen hin hört man die russische Zunge, und auch hinter den Bergen
-hallt's hie und da wieder wie ein Klang aus der Heimat; doch dann kommen
-Menschen mit einem andern Glauben und einer fremden Sprache. Hier lebt
-das zahlreiche Volk der Ungarn; die reiten, fechten und trinken nicht
-schlechter als die Kosaken und kargen nicht, wenn's gilt, goldene
-Dukaten für Pferdegeschirr und kostbare Kaftans aus dem Beutel zu holen.
-Groß und frei liegen ihre Seen zwischen den Bergen. Unbeweglich wie Glas
-sind sie, und wie ein Spiegel werfen sie die nackten Gipfel der Berge
-und die grünende Sohle zurück.
-
-Doch wer kommt dort inmitten der Nacht -- bei Finsternis oder
-Sternenglanz -- auf dem riesigen Rappen daher geritten? Welch ein Recke
-von übermenschlichem Körpermaß fegt die Berge entlang und über die Seen
-dahin und spiegelt sich samt seinem Riesenroß in den leblosen Gewässern,
-daß sein unermeßlicher Schatten furchtbar über die Berge hinhuscht? Es
-glänzt der Harnisch von herrlichem Schmiedeeisen; er trägt eine Pike auf
-der Schulter, am Sattel rasselt der Säbel, das Visier ist
-niedergelassen, schwarz hängt ihm der Schnurrbart herab, die Augen sind
-geschlossen, und die Lider gesenkt. -- Er schläft und hält im Schlafe
-die Zügel fest, hinter ihm auf demselben Roß sitzt der junge Page und
-auch er schläft und klammert sich schlafend an den Ritter. Wer ist er,
-wo reitet er hin und zu welchem Ziele? Wer weiß etwas von ihm? Nicht
-einen Tag nur oder zwei reitet er schon über die Berge dahin. Der Tag
-bricht an, die Sonne geht auf, aber _er_ ist nicht zu erblicken. Nur
-selten sehen die Bergbewohner einen langen Schatten durch die Berge
-huschen -- und doch ist der Himmel ganz klar, und keine Wolke zieht über
-ihn hin. Aber kaum bricht die Nacht an und mit ihr die Finsternis, so
-läßt er sich wieder sehen; dann spiegelt er sich in den Seen, und hinter
-ihm kommt zitternd sein Schatten einher gesprungen. Schon ist er an
-vielen Bergen vorbeigekommen und selbst auf den Kriwan ist er
-hinaufgeritten. Und doch ist in den Karpathen kein Berg höher als
-dieser, denn einem Könige gleich erhebt er sich über die andern. Da
-machte Roß und Reiter Halt; tiefer noch sank er in Schlaf, und
-herabsinkende Wolken bedeckten ihn.
-
-
- XIII.
-
-»Pst ... still doch, Weib! Lärme nicht so! Mein Kind ist eingeschlafen.
-Lang hat mein Kindchen geschrien, jetzt aber schläft es. Ich geh' in den
-Wald, Weib! Was siehst du mich denn so an? Du bist fürchterlich: eiserne
-Zangen strecken sich aus deinen Augen hervor -- -- oh, und wie lang sie
-sind, und brennen wie Feuer! Du bist gewiß eine Hexe! Hör, wenn du eine
-Hexe bist, so verschwinde! Du willst mir meinen Sohn stehlen! Wie
-töricht ist doch dieser Jessaul: er glaubt, es machte mir Vergnügen, in
-Kijew zu leben; doch nein, mein Mann und mein Sohn sind hier, wer soll
-denn das Haus überwachen? Ich bin so leise davongeschlichen, daß weder
-Katze noch Hund es hören konnten. Weib, du willst wieder jung werden? O,
-das ist garnicht so schwer: man muß nur recht viel tanzen. Schau, wie
-ich tanze .....« Und nachdem sie diese zusammenhanglosen Worte
-gesprochen hatte, fing Katerina an zu tanzen, sie drehte sich wie ein
-Wirbel herum -- blickte stier nach allen Seiten, stemmte die Arme in die
-Hüften, und ihre silbernen Hufeisen klirrten regellos und ohne Takt.
-Ihre schwarzen aufgelösten Flechten hingen ihr über den weißen Hals
-hinüber, sie schwirrte wie ein Vogel dahin, weiter und immer weiter ohne
-Halt, schwang die Arme im Kreise, schüttelte den Kopf, und es schien so,
-als müßte sie gleich matt zu Boden sinken oder weit hinausfliegen aus
-dieser Welt.
-
-Traurig stand die alte Amme vor ihr, und die Tränen strömten ihr über
-die tiefen Runzeln hinab, schwer wie ein Stein lastete es auf dem Herzen
-der treuen Burschen, die zusehen mußten, wie ihre Herrin tanzte. Doch
-schon fing sie an, müde zu werden, träg stampfte sie mit den Beinen auf
-ein und derselben Stelle herum und glaubte doch, sie tanze den
-Lachtaubentanz. »Ah, ich hab' auch ein Perlenhalsband, ihr Burschen!«
-rief sie endlich aus und hielt inne. »Ihr aber habt keins! .... Wo ist
-mein Mann?« schrie sie plötzlich auf und zog rasch einen Türkendolch aus
-dem Gürtel. »Oh, das ist kein Messer, wie ich es brauche!« und dabei
-flossen ihr die Tränen über ihr schmerzbewegtes Gesicht. »Das Herz
-meines Vaters ist weit, weit von hier, und dieses Messer wird's nicht
-erreichen. Sein Herz ist von Eisen, eine Hexe hat es ihm auf dem
-höllischen Feuer geschmiedet. Warum erscheint mein Vater nur nicht? Weiß
-er denn nicht, daß die Zeit gekommen ist, wo ich ihn töten muß? Er will
-wohl gar, daß ich selbst zu ihm komme ....« Und ohne ihre Rede vollendet
-zu haben, lachte sie seltsam auf. »Eine komische Mär kam mir in den
-Sinn: Ich erinnerte mich, wie sie mir den Gemahl begruben. Sie haben ihn
-lebendig begraben ... O, wie mußte ich lachen! ...... Hört, hört!« und
-statt weiterzureden, begann sie ein Lied zu singen:
-
- Da fährt 'ne Karre im Blut .....
- 'S liegt ein Kosak im Wagen
- Zerschossen und zerschlagen,
- Hält in der Rechten einen Spieß,
- Und von dem Spieß läuft soviel Blut
- Soviel Blut,
- Daß es 'nen Blutstrom wies.
-
- Überm Bach da steht ein Ahornschragen
- Und ein Rabe krächzt darüber her.
- Vom Kosaken will die Mutter klagen,
- Wein nicht, Mutter, gräm dich nicht zu sehr!
-
- Dein Sohn hat wohl genommen
- Ein Fräuleinchen gar fein,
- Drum soll er auch bekommen
- Ein Stübchen eng und klein,
- Ohne Fenster, ohne Tür,
- So geht's immer für und für.
-
- Ging ein Fisch mit 'nem Krebs zu Tanz ...
- Wer mich nicht leiden mag, den soll der Kuckuck ..
-
-So wirrten sich bei ihr alle Lieder durcheinander. Schon einen oder zwei
-Tage lang lebte sie in ihrem Hause und wollte nichts von Kijew hören;
-sie betete nicht, sie floh vor den Menschen und vom frühen Morgen bis in
-die späte Nacht hinein streifte sie im dunklen Eichwald umher. Spitzige
-Äste ritzten ihr weißes Gesicht und ihre Schultern, der Wind zerzauste
-ihr die aufgelösten Flechten, das Herbstlaub raschelte unter ihren Füßen
--- sie aber achtete es nicht. Zu der Stunde, da das Abendrot erlischt,
-die Sterne noch nicht vom Himmel herab blinken und der Mond noch nicht
-leuchtet, ist es voll Grauen, durch den Wald zu wandern. Die ungetauften
-Kinder kratzen an den Baumstämmen, hangen an den Zweigen, heulen, lachen
-gellend auf und wälzen sich wie ein Knäuel über die Wege und durch das
-dichte Dornengestrüpp; den Fluten des Dnjepr entsteigt ein Reigen von
-Jungfrauen, die selbst ihre Seele verderbten, die Haare rieseln ihnen
-vom grünlichen Haupte auf die Schultern herab; das Wasser rinnt laut
-glucksend vom langen Haare hinunter, und der Leib der Jungfrau schimmert
-durchs Wasser hindurch wie durch ein gläsernes Hemd, seltsam lächeln die
-Lippen, die Wangen glühen, die Blicke locken einem die Seele aus dem
-Leibe .... sie möchte in Liebe entbrennen, sie sehnt sich nach heißen
-Küssen .... Fliehe, der du ein Mensch bist und ein Christ, ihre Lippen
-sind Eis, ihr Bett ist das kühle Wasser, sie wird dich zu Tode kitzeln
-und dich mit in den Fluß schleifen. Katerina aber blickt niemanden an.
-Sie, die Wahnsinnige, fürchtet die Waldgeister und Wasserjungfrauen
-nicht; zu später Stunde läuft sie umher mit dem Dolche im Busen und
-sucht nach dem Vater.
-
-Ganz früh am Morgen kam ein stattlicher Gast in rotem Schupan angeritten
-und fragte nach Pan Danilo; als er die traurige Kunde vernahm, wischte
-er sich die weinenden Augen mit dem Ärmel und zuckte die Achseln. Er
-habe manch einen Feldzug mit dem verstorbenen Burulbasch gemacht, und
-sie hätten gemeinsam gegen die Krimschen Tataren und Türken gefochten;
-wie hätt' er erwarten können, daß Pan Danilo so enden würde! Und noch
-von manchem anderen wußte der Gast zu berichten, und dann wünschte er
-Pani Katerina zu sehen.
-
-Katerina achtete zuerst nicht darauf, was der Gast erzählte; schließlich
-aber begann sie dennoch, seinen Reden zu lauschen, ganz als ob sie bei
-Vernunft wäre. Er sprach davon, daß er und Danilo miteinander wie Brüder
-gelebt, wie sie sich einst hinter einem Damm vor den Krimschen Tataren
-versteckt hielten und mehr dergleichen ....... Katerina hörte dies alles
-und wandte keinen Blick von ihm ab.
-
-»Sie kommt wieder zu sich,« dachten die Burschen, die sie aufmerksam
-beobachteten. »Der Gast wird sie heilen! Schon hört sie ihm zu wie ein
-vernünftiges Wesen!«
-
-Unterdessen aber begann der Gast zu berichten, wie Pan Danilo ihm in
-vertraulicher Stunde gesagt hatte: »Sieh, Bruder Koprian: ist es einmal
-Gottes Wille, und ich bin nicht mehr unter den Lebenden, dann nimm mein
-Weib zu dir, und sie soll deine Gattin sein ....«
-
-Da heftete Katerina die Augen mit einem fürchterlichen Ausdruck auf ihn.
-»Ah!« rief sie, »er ist es, er ist es. Es ist mein Vater!« und sie
-stürzte sich mit einem Messer auf ihn.
-
-Lange rang jener mit ihr und wollte ihr das Messer entwinden; endlich
-riß er ihr's aus den Händen, holte aus -- und die schaurige Tat geschah:
-der Vater erstach seine wahnsinnige Tochter.
-
-Entsetzt stürzten sich die Kosaken auf ihn, aber der Zauberer schwang
-sich aufs Pferd und war aller Blicken entschwunden.
-
-
- XIV.
-
-Vor Kijew begab sich ein unerhörtes Wunder. Alle hohen Herren und
-Hetmans kamen zusammen, dies Wunder anzustaunen, und plötzlich war es
-weithin zu sehen bis an alle Enden der Welt. Weit in der Ferne blaute
-die breite Mündung des Stroms, und hinter ihr rollte das Schwarze Meer.
-Weltkundige Leute wollten auch die Krim erkennen, die wie ein Berg aus
-dem Meere emporstieg, und auch den sumpfigen Siwasch erkannten sie. Zur
-Linken aber sah man das galizische Land.
-
-»Und was ist _das_?« fragte das versammelte Volk die großen Männer, und
-alle wiesen auf die fern am Himmel leuchtenden mächtigen weißen Spitzen,
-die grauen Wolken glichen.
-
-»Das sind die Karpathen!« sprachen die alten Männer. »Da gibt's auch
-solche darunter, von denen der Schnee nie verschwindet; dort landen und
-übernachten die Wolken.«
-
-Und nun geschah ein neues Wunder: die Wolken senkten sich vom höchsten
-Berggipfel herab, und auf seiner Spitze erschien ein Recke zu Roß und in
-voller Ritterrüstung; seine Augen waren geschlossen, und er war zu
-schauen, als ob er ganz in der Nähe vor allen dastände.
-
-Da sprang einer von der schreckvoll staunenden Menge aufs Pferd und
-jagte eilig und so schnell er konnte, fort.
-
-Er blickte wild um sich, als wollte er mit seinen Augen prüfen, ob nicht
-jemand ihm nachsetzte. Es war der Zauberer! Doch was hatte ihn so in
-Schrecken gesetzt? Als er den wunderbaren Ritter betrachtete, hatte er
-plötzlich dasselbe Gesicht erkannt, das ihm damals bei seinen schwarzen
-Künsten so ungerufen erschienen war. Er konnte es selbst nicht
-begreifen, warum bei diesem Anblick alles in ihm zusammenschrak, und er
-raste, scheu um sich blickend, auf seinem Rosse dahin, bis ihn der Abend
-überraschte und die Sterne am Himmel erschienen. Da erst machte er kehrt
-und floh heimwärts, vielleicht um die unreinen Mächte zu befragen, was
-dies Wunder wohl zu bedeuten hatte. Schon wollte er mit dem Roß über den
-schmalen Bach setzen, der wie ein Ärmel sich mitten über den Weg
-dahinzog, als sein Roß mit einem Male gerad vor dem Sprunge anhielt, das
-Maul zu ihm wandte, und -- o Wunder! -- zu lachen begann. Zwei Reihen
-weißer Zähne grinsten ihm aus der Dunkelheit entgegen. Das Haar sträubte
-sich auf dem Haupte des Zauberers, er schrie wild auf, kreischte laut
-wie ein Besessener und spornte sein Pferd stracks auf Kijew zu. Es war
-ihm, als ob jemand von überall her nach ihm haschte: die Bäume schienen
-zu einem dichten Wald zusammenzulaufen und ihn einzuschließen, sie
-schüttelten ihre schwarzen Bärte und reckten ihre langen Zweige heraus,
-als ob sie lebendig wären und ihn erdrosseln wollten. Die Sterne
-schienen ihm vorauszueilen und vor der ganzen Welt auf den Sünder zu
-weisen; selbst die Landstraße, schien ihm, jagte auf seinen Spuren
-hinter ihm her.
-
-Und der Zauberer floh voller Verzweiflung nach den heiligen
-Wallfahrtsorten der Stadt Kijew.
-
-
- XV.
-
-Ein Anachoret saß einsam in seiner Höhle vor einer Leuchte und wandte
-seine Blicke nicht von dem heiligen Buche ab, das vor ihm lag. Seit
-vielen Jahren schon hatte er sich in der Höhle eingeschlossen und schon
-hatte er sich den hölzernen Sarg gezimmert, in dem er zu ruhen pflegte,
-wie in einem Bett. Der heilige Greis schloß eben das Buch und begann zu
-beten .... Da stürzte plötzlich ein Mann von seltsamem und schrecklichem
-Äußeren herein. Zum ersten Male erstaunte der heilige Einsiedler und
-trat einen Schritt zurück vor diesem Menschen. Der aber bebte am ganzen
-Leibe wie Espenlaub, seine Augen irrten wild umher; ein schreckliches
-Feuer glomm furchtsam in ihnen, und sein verzerrtes Gesicht machte die
-Seele erschauern.
-
-»Bete, Vater! So bete doch!« schrie er verzweifelt. »Bete für eine
-verlorene Seele!« Und er stürzte zu Boden.
-
-Der heilige Anachoret machte das Zeichen des Kreuzes, holte das Buch
-hervor, schlug es auf, aber er wich entsetzt zurück und ließ das Buch
-wieder herabsinken. »Nein, du unerhörter Sünder! Es gibt keine Gnade für
-dich! Flieh von hinnen! Nie vermag ich für dich zu beten!«
-
-»Nie!« schrie der Sünder wie toll.
-
-»Blick hin: die heiligen Lettern dieses Buches sind blutüberströmt ....
-noch niemals hat die Welt einen solchen Sünder gesehen.«
-
-»Vater! Du spottest über mich!«
-
-»Geh, du gottverdammter Sünder! Ich spotte nicht. Angst ergreift mich.
-Nichts Gutes bedeutet es für einen Menschen, in deiner Nähe zu weilen.«
-
-»Nein, nein! Du spottest, rede nicht .... Ich sehe, wie dein Mund sich
-öffnet und mich die weißen Reihen deiner alten Zähne spöttisch
-anblicken!«
-
-Und er sprang rasend vor -- und erschlug den heiligen Einsiedler.
-
-Da stöhnte etwas schwer auf, und das Stöhnen hallte durch Feld und Wald
-weiter. Hinter dem Walde streckten sich ein Paar dürre hagere Hände mit
-langen Krallen hervor, fingen an zu beben und verschwanden wieder.
-
-Und schon war keine Angst mehr da, und er fühlte nichts mehr. Alles
-erschien ihm verschwommen: in seinen Ohren sauste es, es rauschte ihm im
-Kopfe wie wenn er trunken wäre. Er sprang aufs Roß und ritt gen Kanew,
-von dort gedachte er seinen Weg über Tscherkany geradeaus zu den Tataren
-und nach der Krim zu lenken, doch wußte er selbst nicht, zu welchem
-Zweck er es tat. Er ritt einen Tag lang und ritt einen zweiten, aber
-Kanew wollte sich immer noch nicht sehen lassen. Es war der richtige
-Weg, und er hätte schon längst in Kanew sein müssen, aber die Stadt
-wurde und wurde nicht sichtbar. Da leuchteten plötzlich in der Ferne die
-Kuppeln von Kirchen auf, aber es war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der
-Zauberer war aufs höchste betroffen, als er sah, daß er eine falsche
-Richtung eingeschlagen hatte; er jagte sein Roß zurück auf Kijew zu, und
-einen Tag später tauchte eine Stadt vor ihm auf, aber es war wieder
-nicht Kijew, sondern Halitsch, eine Stadt, die noch weiter von Kijew
-entfernt ist als selbst Schumsk und schon nahe bei Ungarn liegt. Ohne zu
-wissen, was er tun sollte, riß er sein Pferd wieder herum. Aber wiederum
-fühlte er, daß er in der entgegengesetzten Richtung dahinritt, und immer
-weiter und weiter. Kein Mensch in der Welt hätte sagen können, was in
-der Seele des Zauberers vorging; und hätte jemand hinein geblickt und
-gesehen, was dort geschah, so hätte er keine Nacht mehr ruhig
-geschlafen, und nie hätt' er mehr gelacht. Das war nicht Wut, nicht
-Furcht noch wilder Groll. Es gibt kein Wort dafür in der Welt. Es glühte
-und siedete in ihm, die ganze Welt hätte er mit seinem Rosse
-zerstampfen, die ganze Erde von Kijew bis Halitsch mitsamt all den
-Menschen und allem, was drauf lebte, packen, und sie im Schwarzen Meere
-ertränken mögen. Doch war es nicht Grimm, warum er dies tun wollte, er
-wußte selbst nicht warum. Und er erbebte, als ganz nahe vor ihm die
-Karpathen und der hohe Kriwan erschienen, der sich eine schwarze Wolke
-wie eine Mütze auf seinen Schädel gestülpt hatte; aber das Roß jagte
-immer weiter dahin und trabte schließlich bis ins Gebirge. Plötzlich
-verschwanden die Wolken und vor ihm erschien in furchtbarer Erhabenheit
-der Reiter ..... Der Zauberer mühte sich, Halt zu machen und zog die
-Zügel straff, aber das Roß wieherte wild, warf den Kopf empor und raste
-dem Ritter entgegen. Da ward dem Zauberer zumute, als ob alles in ihm
-erstarrte und ihm schien, der regungslose Ritter rührte sich vom Fleck;
-er machte auf einmal die Augen weit auf, sah den ihm entgegeneilenden
-Zauberer an und lacht laut auf. Wie ein Donner rollte das wilde
-Gelächter durchs Gebirge, hallte dröhnend im Herzen des Zauberers wieder
-und erschütterte sein ganzes Innere. Es schien ihm, als ob ein
-furchtbares, gewaltiges Wesen in ihn hineingekrochen wäre und in seinem
-Inneren umherwandere, auf sein Herz und alle seine Sehnen loshämmerte,
-so gewaltig hallte das Gelächter in ihm wieder!
-
-Der Reiter packte den Zauberer mit seiner schrecklichen Hand und hob ihn
-hoch in die Lüfte, und im Nu war der Zauberer tot, doch er öffnete nach
-dem Tode noch die Augen; aber schon war er ein Leichnam und sah wie ein
-Toter vor sich hin. So fürchterlich blickt kein Lebender und auch kein
-Auferstandener. Er rollte die blinden Augen nach allen Seiten, und er
-sah, wie sich die Toten in Kijew, Galizien und in den Karpaten erhoben,
-und sie alle glichen ihm von Angesicht, wie zwei Tropfen Wasser einander
-gleichen.
-
-Bleich, totenbleich, der eine den anderen an Größe überragend, und der
-eine knochiger als der andere, so drängten sie sich um den Ritter, der
-seine furchtbare Beute in der Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter
-auf und dann schleuderte er sie in den Abgrund. Und alle Toten sprangen
-in den Abgrund herab, fingen den toten Zauberer auf und bohrten ihre
-Zähne in ihn hinein. Aber da war noch einer, der größer und furchtbarer
-war als alle; der wollte sich auch aus der Erde erheben, doch er
-vermochte es nicht, er hatte nicht mehr die Kraft, es zu tun. -- So
-riesengroß war er geworden in seiner Erdengrube; hätte er sich erhoben,
-so hätte er die Karpathen umgestürzt und das Siebengebirge und das
-Türkenreich dazu. Ein wenig nur rührte er sich im Grabe -- und es ging
-ein Beben über die ganze Erde, viele Häuser wurden allerorten
-umgeworfen, und viele Menschen erstickten.
-
-Oft hört man in den Karpathen ein Schnauben, wie wenn das Wasser über
-tausend Mühlräder dahinrauscht: das sind die Toten, die in einem
-Abgrund, dem man nicht entrinnen kann und den noch nie ein Mensch
-gesehen hat, an einem Leichnam nagen, und jeden graut es, vorbeizugehen.
-Gar oft geschieht es, daß die Erde von einem Ende bis zum andern erbebt:
-das kommt, wie die Schriftgelehrten sagen, daher, daß irgendwo, in der
-Nähe des Meeres ein Berg steht; aus dem schlagen Flammen und fließen
-brennende Ströme hervor. Aber die greisen Männer im Ungarlande und auch
-in Galizien wissen es besser und erzählen von dem ungeheueren Toten, der
-in die Erde hineinwuchs, sich erheben will und so das Weltall
-erschüttert.
-
-
- XVI.
-
-In der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um einen greisen Harfenspieler
-geschart und lauschte wohl schon eine Stunde lang dem Spiele des
-Blinden. Kein Harfenspieler hatte je so wundersame Lieder, so herrlich
-hatte noch nie ein Harfenspieler gesungen. Er sang von den Hetmans der
-alten Zeiten: von dem Sagajdatschny und von Chmelnitzki. Ja, das war
-eine andere Zeit: weit berühmt und geehrt waren damals die Kosaken; sie
-zertraten ihre Feinde mit den Hufen ihrer Rosse, und niemand wagte es,
-ihrer zu spotten. Aber der Greis sang auch lustige Lieder und er ließ
-seine Augen im Kreise umherwandern wie ein Sehender, und die Finger mit
-den Knochenstäbchen flogen wie Fliegen über die Saiten, sodaß die Saiten
-von selbst zu spielen schienen; und ringsherum stand das Volk, -- die
-Greise gesenkten Hauptes, und die Jungen, die Augen zum Sänger erhoben,
-und wagten es nicht einmal, untereinander zu flüstern.
-
-»Wartet einmal!« sprach der Alte. »Ich will euch singen von einer
-längstvergangnen Begebenheit.«
-
-Die Leute drängten sich noch enger zusammen, und der Blinde begann:
-
-Zur Zeit Pan Stephans, des Fürsten von Siebenbürgen (der Fürst von
-Siebenbürgen war auch König der Polen), da lebten einmal zwei Kosaken:
-Iwan und Petro. Sie lebten wie zwei Brüder. »Hör, Iwan,« sagte Petro
-einst, »alles, was wir erbeuten, -- sei zu gleichen Teilen unter uns
-geteilt; des einen Freude sei des andern Freude und des einen Kummer sei
-des andern Schmerz; des einen Beute soll auch dem anderen zukommen, und
-wenn der eine in Gefangenschaft gerät, soll der andere alles verkaufen
-und Lösegeld zahlen, oder selbst in Gefangenschaft gehen.« Und so
-geschah's auch, alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie
-untereinander: ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder Pferde -- sie
-teilten alles zu gleichen Teilen unter sich.
-
- * * * * *
-
-Einst führte König Stephan Krieg mit dem Türkenvolk. Drei Wochen schon
-focht er gegen den Türken und konnte ihn immer noch nicht vertreiben.
-Die Türken aber hatten einen Pascha, der ganz allein mit zehn
-Janitscharen ein ganzes Heer in die Flucht schlagen konnte. Da tat König
-Stephan kund, wenn sich ein Wagehals fände, der ihm den Pascha lebend
-oder tot brächte, so wolle er ihm allein einen so hohen Lohn bezahlen,
-wie den, den er seinem ganzen Heere zukommen ließ. Da sprach Iwan zu
-Petro: »Komm, Herzensbruder, wir wollen den Pascha fangen!« Und die
-Kosaken ritten davon: der eine hierhin, der andere dorthin.
-
- * * * * *
-
-Ob ihn Petro nun gefangen hätte oder nicht, das läßt sich nicht sagen,
-doch schon führt Iwan den Pascha an einem Strick um den Hals vor den
-König. »Tapfrer Kosak,« sprach König Stephan und ließ ihm allein soviel
-Lohn ausbezahlen, als sonst sein ganzes Heer erhielt; und er hieß ihm
-Land zuzuteilen, wo er welches haben wollte, und Vieh schenken, soviel
-er nur wünschte. Wie Iwan nun den Lohn vom König erhalten hatte, teilte
-er ihn noch am selbigen Tage zu gleichen Teilen unter sich und Petro.
-Petro bekam die Hälfte vom Lohne des Königs, aber der konnte es nicht
-verwinden, daß Iwan vom Könige solche Ehren zuteil geworden waren, und
-in den Tiefen seiner Seele regten sich Rachegedanken.
-
- * * * * *
-
-Einst ritten die beiden Ritter jenseits der Karpathen durch das Land,
-das der König ihnen geschenkt hatte, und der Kosak Iwan hatte auch
-seinen Sohn neben sich auf dem Roß sitzen und ihn fest an sich gebunden.
-Schon senkte sich die Dämmerung aufs Land herab -- sie aber ritten immer
-weiter und weiter. Der Knabe schlief, und auch Iwan fing an
-einzuschlummern. »Schlaf nicht, Kosak, denn gefahrvoll sind die Pfade in
-den Bergen!« .... Doch der Kosak hatte ein Pferd, das alle Wege kannte,
-und nie stolperte oder strauchelte es. Ein Abgrund lag tief zwischen den
-Bergen versenkt, und noch niemand hatte den Grund des Schlundes gesehen,
-denn so hoch es von der Erde bis zum Himmel ist, so tief ist es bis zum
-Grunde jener Schlucht. Über den Abgrund führte ein Steg -- über dem noch
-gerade zwei Menschen hinweg reiten konnten, nicht aber drei. Behutsam
-schritt das Roß mit dem schlummernden Kosaken über den Steg. An seiner
-Seite aber ritt Petro, er bebte am ganzen Leibe und hielt vor Freude den
-Atem an, und nun blickte er um sich, stieß seinen selbst erkorenen
-Bruder in den Abgrund hinab, und das Roß stürzte mitsamt dem Kosaken und
-dem Kinde in die Tiefe.
-
- * * * * *
-
-Doch der Kosak vermochte noch einen Ast zu erfassen, und das Pferd
-stürzte allein hinab. So begann er denn, mit seinem Sohne auf dem
-Rücken, in die Höhe zu klimmen; und er war schon beinahe ganz oben, da
-erhob er die Augen und sah, wie Petro mit seiner Pike nach ihm zielte,
-um ihn wieder hinabzustoßen. »O, du gerechter Gott! Hätte ich doch
-lieber nicht die Augen erhoben; warum muß ich jetzt sehn, wie mein
-erkorener Bruder mit der Pike nach mir zielt, um mich wieder
-hinabzustoßen. O, lieber Bruder! Stich zu mit der Pike, wenn's mir denn
-schon so beschieden ist, nur nimm meinen Sohn zu dir: was hat das
-unschuldige Kind denn getan, daß es solch grimmen Tod erleiden soll?« Da
-lachte Petro, stieß mit der Pike nach ihm, und der Kosak flog samt dem
-Knaben in den Abgrund hinab. Und Petro nahm all sein Hab und Gut an
-sich, und lebte dahin wie ein Pascha. Niemand hatte solche Viehherden
-wie Petro, und nirgends gab's so viel Schafe und Hammel, wie er besaß.
-Doch eines Tages starb Petro.
-
- * * * * *
-
-Als Petro tot war, rief Gott die Seele der beiden Brüder, Petro und
-Iwan, vor Gericht. »Dieser Mensch ist ein großer Sünder!« sprach Gott.
-»Iwan! Ich weiß keine Strafe, die groß genug für ihn wäre; wähle du
-sie!« Lang grübelte Iwan nach, um eine Strafe zu ersinnen, und endlich
-sprach er: »Dieser Mensch hat mir einen großen Schmerz zugefügt: er hat
-seinen Bruder verraten wie ein Judas, und er hat mich meines edlen
-Geschlechts beraubt und meiner Nachkommenschaft auf Erden, und ein
-Mensch ohne ehrlich Geschlecht und ohne Nachkommen ist wie ein
-Getreidekorn, das man auf die Erde wirft, und das in der Erde umkommt.
-Da gibt's keine Saat, und niemand erfährt je, daß ein Same ausgesät
-ward.«
-
- * * * * *
-
-»So tu denn also, o Gott, daß sein ganzes Geschlecht auf Erden kein
-Glück habe und daß der letzte seines Geschlechts solch ein Bösewicht
-werde, wie es noch nie einen in der Welt gab: seine Ahnen und Urahnen
-mögen durch jede seiner Freveltaten aus der Ruhe ihrer Gräber aufgestört
-werden, und in Qualen, wie die Welt sie nicht kennt, ihren Gräbern
-entsteigen! Der Judas Petro aber soll nicht die Kraft haben, sich zu
-erheben, auf daß noch viel größere Martern ihn peinigen; wütend soll er
-Erde fressen und sich wie ein Rasender unter der Erde winden!«
-
- * * * * *
-
-»Und wenn das Maß der Freveltaten jenes Menschen voll ist, Gott, so
-erhebe mich mitsamt meinem Roß aus jenem Schlunde bis auf den höchsten
-Berg, dann soll jener zu mir kommen, und ich will ihn von dem Berge in
-den tiefen Abgrund stürzen, und alle Toten, seine Ahnen und Urahnen, sie
-sollen herbeieilen von allen Enden der Welt, wo sie auch bei Lebzeiten
-geweilet haben mögen, und an ihm nagen zum Dank für die Qualen, die er
-ihnen zugefügt; ewiglich sollen sie an ihm nagen, ich aber werde mich
-freuen beim Anblick seiner Qualen. Der Judas Petro aber soll sich nicht
-aus der Erde erheben können, er soll _auch_ den Wunsch haben, an dem
-andren zu nagen, aber er mag an sich selbst nagen, und seine Knochen
-sollen immer größer werden und höher empor wachsen, auf daß darob seine
-Qual noch stärker werde. Diese Qual ist die fürchterlichste von allen;
-denn es gibt keine größere Folter für den Menschen, als sich rächen zu
-wollen und nicht rächen zu können.«
-
- * * * * *
-
-»Furchtbar fürwahr ist die Strafe, die du ersonnen, o Mensch!« sprach da
-Gott. »Und alles möge so geschehen, wie du es gesprochen; aber auch du
-sitze nun ewiglich dort zu Pferde, und das Himmelreich sei dir nicht
-beschieden, solange du noch dort auf deinem Rosse sitzen mußt!« Und
-alles geschah, wie es gesagt ward: auch heute noch steht der wunderbare
-Ritter auf dem Karpathenberge und sieht im bodenlosen Schlunde die Toten
-an einem Leichnam nagen, und er fühlt, wie der Leichnam unter der Erde
-wächst, wie er in furchtbarer Pein an den eigenen Knochen nagt und
-schrecklich die Erde erschüttert ........
-
-Der Blinde hatte sein Lied beendet, schon fing er von neuem an, die
-Saiten zu zupfen und schon begann er wieder ergötzliche Märlein von
-Choma und Jerjoma, und von Stkljar Stokosa zu singen ... aber Alt und
-Jung konnten noch immer nicht zu sich kommen, und lange noch standen sie
-mit gesenktem Haupte da, in tiefes Sinnen versunken über die
-schreckliche Tat aus vergangenen Zeiten.
-
-
-
-
- Iwan Fjodorowitsch Schponjka
- und seine Tante
-
-
-Mit dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert: erzählt hat
-sie uns Stepan Iwanowitsch Kurotschka aus Gadjatsch. Nun muß ich euch
-vermelden, daß mein Gedächtnis ganz unmöglich schlecht ist: ob mir einer
-was sagt oder nicht, das kommt ganz auf dasselbe hinaus, es ist genau
-so, als wenn man Wasser in ein Sieb gießt. Weil ich aber meinen Fehler
-kenne, so habe ich ihn gebeten, die Geschichte in ein Heftchen
-einzutragen. Gott schenke ihm ein langes Leben, er hat sich mir
-gegenüber immer als guter Mensch erwiesen, und so hat er die Geschichte
-denn auch wirklich aufgeschrieben. Nun gut. Ich legte also das Heftchen
-in das kleine Tischchen: -- Ich glaube, ihr kennt es alle, es steht
-gleich in der Ecke, wenn man zur Tür hereinkommt ..... Ja, da hab' ich
-richtig vergessen, daß ihr noch niemals bei mir wart! Meine Alte, mit
-der ich schon an die dreißig Jahre zusammen lebe, hat, -- was soll ich
-ein Hehl daraus machen, -- ihr Lebtag nichts vom Lesen verstanden.
-Einmal bemerkte ich nun, wie sie Küchel auf Papier bäckt. Diese
-Küchelchen kann sie nämlich ganz wunderbar backen, lieber Leser; bessere
-Küchel bekommt ihr sicherlich nirgends zu essen. Wie ich mir nun so den
-Boden eines Küchelchens anschaue, da finde ich plötzlich geschriebene
-Worte! Ich laufe zum Tischchen, als ob mein Herz es geahnt hätte: -- vom
-Hefte ist kaum mehr als die Hälfte übrig! Sie hatte sich alle übrigen
-Blätter für ihre Kuchen weggeschleppt! Was sollte man da machen? Man
-kann sich doch nicht auf seine alten Tage noch raufen! Nun reiste ich
-aber im vorigen Jahre so einmal durch Gadjatsch hindurch: noch, bevor
-ich in die Stadt kam, hatte ich mir absichtlich einen Knoten ins
-Taschentuch gemacht, um nicht zu vergessen, daß ich Stepan Iwanowitsch
-meine Bitte vortragen wollte. Mehr noch, ich nahm mir selbst das
-Versprechen ab: mich, sobald ich in der Stadt niesen würde, daran zu
-erinnern. Aber es war alles vergebens. Ich kam durch die Stadt, nieste
-auch, schneuzte mich in mein Taschentuch und vergaß es dennoch; erst als
-ich schon sechs Werst hinterm Tor war, da fiel es mir wieder ein. Na, da
-war nichts mehr zu machen, und so mußte die Geschichte denn notgedrungen
-ohne Schluß abgedruckt werden. Übrigens, wenn jemand unbedingt wissen
-will, wie diese Geschichte weitergeht, braucht er nur nach Gadjatsch zu
-fahren und bei Stepan Iwanowitsch vorzusprechen. Der wird sie ihm mit
-dem größten Vergnügen von Anfang bis zu Ende erzählen. Stepan
-Iwanowitsch wohnt nicht weit von der steinernen Kirche. Da ist gleich so
-ein kleines Gäßchen: sobald ihr in dies Gäßchen einbiegt, ist's der
-zweite oder dritte Torweg. Oder noch besser: wenn ihr im Hofe eine lange
-Stange mit einer Wachtel erblickt und euch ein dickes Weibsbild in einem
-grünen Rocke entgegenkommt (nebenbei bemerkt, er führt ein
-Junggesellenleben), so ist das sein Hof. Ihr könnt ihm übrigens auch auf
-dem Markt begegnen, wo er jeden Morgen bis gegen neun Uhr Fische oder
-Gemüse für seinen Tisch einkauft und sich mit Vater Antip oder mit dem
-jüdischen Händler unterhält. Ihr werdet ihn sofort erkennen, denn
-niemand außer ihm trägt Hosen aus bedruckter Leinewand oder einen gelben
-Nankingrock. Oder, da habt ihr noch ein gutes Merkzeichen: wenn er geht,
-so schlägt er mit den Armen um sich. Der Assessor am Ort, Denis
-Petrowitsch, pflegte immer zu sagen, wenn er ihn von ferne herankommen
-sah: »Seht, seht doch, da kommt die Windmühle!«
-
-
- I.
- Iwan Fjodorowitsch Schponjka
-
-Es ist schon vier Jahre her, daß Iwan Fjodorowitsch Schponjka Abschied
-vom Militär genommen hatte und auf seinem Gutshof Wytrebenjki hauste.
-Als er noch der kleine Iwan hieß, besuchte er die Kreisschule zu
-Gadjatsch, und das muß man sagen, er war ein höchst sittsamer und
-fleißiger Junge. Sein Lehrer in der russischen Grammatik, Nikifor
-Timofejewitsch Dejepritschastje, behauptete immer, wenn alle so fleißig
-gewesen wären wie Schponjka, dann hätte er das Ahornlineal nicht in die
-Klasse mitzunehmen brauchen, denn er war, wie er selbst eingestand, es
-schon müde, den Faulen und Mutwilligen immer auf die Finger zu klopfen.
-Iwans Heftchen war stets sauber; es war rings herum mit einem Rande
-versehen, und nirgends war ein Fleckchen zu entdecken. Er saß stets
-still mit gefalteten Händen und die Augen auf den Lehrer gerichtet, da;
-nie heftete er einem vor ihm sitzenden Kameraden einen Zettel auf den
-Rücken, schnitzte nie Buchstaben oder Zeichen in die Bank und spielte
-auch nie »Drängeln,« bevor der Lehrer in die Klasse trat. Wenn jemand
-ein Messer brauchte, um sich eine Feder zu schneiden, so wandte er sich
-sofort an Iwan Fjodorowitsch, da jeder wußte, daß er stets ein
-Messerchen bei sich hatte; und Iwan Fjodorowitsch, der damals noch
-einfach »Wanjuscha« genannt wurde, holte das Messer aus dem kleinen
-Ledertäschchen, das am Knopfloch seines grauen Rockes hing, und bat nur
-darum, man möchte die Feder nicht mit der scharfen Seite des Messers
-schaben, denn er behauptete, daß die stumpfe Seite dazu da sei.
-
-Diese Sittsamkeit lenkte bald sogar die Aufmerksamkeit des lateinischen
-Lehrers auf ihn, der schon im Korridor durch sein Husten, und noch bevor
-sein Friesmantel und sein blatternarbiges Gesicht in der Tür erschien,
-die ganze Klasse in Angst und Schrecken jagte. Dieser fürchterliche
-Lehrer, auf dessen Katheder stets zwei Rutenbündel prangten, und bei dem
-die Hälfte aller Schüler auf den Knien stehen mußten, machte Iwan
-Fjodorowitsch zum Auditor der anderen, obwohl es in der Klasse viele
-Schüler gab, die bedeutend begabter waren als er. Hier darf ein Fall
-nicht übergangen werden, der einen gewissen Einfluß auf Iwans Leben
-gewann. Einer der ihm anvertrauten Schüler, der den Auditor bewegen
-wollte, ihm ein »_Scit_« ins Klassenbuch zu schreiben, obgleich er keine
-blasse Ahnung von seiner Lektion hatte, brachte einen in Papier
-eingewickelten und mit Butter übergossenen Eierkuchen in die Klasse mit.
-Trotzdem Iwan Fjodorowitsch sonst stets gerecht war, war er doch gerade
-in diesem Augenblick sehr hungrig und daher konnte er der Versuchung
-nicht widerstehen. Er nahm den Eierkuchen, pflanzte ein Buch vor sich
-auf und begann ihn zu verzehren. Er war so damit beschäftigt, daß er
-nicht einmal merkte, wie es plötzlich in der Klasse totenstill wurde. So
-kam er erst wieder zu sich, als sich eine schreckliche Hand aus dem
-Friesmantel hervorstreckte, ihn beim Ohr packte und mitten in die Klasse
-zerrte. »Gib den Eierkuchen heraus, gib ihn heraus! sagt man dir, du
-Taugenichts!« rief der schreckliche Lehrer, ergriff den fettigen
-Eierkuchen mit den Fingern und warf ihn durchs Fenster, wobei er es
-übrigens nicht vergaß, den im Hofe herumlaufenden Schuljungen aufs
-strengste zu verbieten, ihn aufzuheben. Darauf schlug er Iwan
-Fjodorowitsch gleich an Ort und Stelle kräftig auf die Finger, und das
-mit Recht: denn die Finger waren ja gerade die Schuldigen, _sie_ hatten
-sich ja den Eierkuchen genommen und kein anderer Körperteil. Wie dem
-auch sei, genug, seitdem wurde Iwans Schüchternheit, die aufs engste mit
-seiner Person verwachsen war, nur noch größer. Vielleicht war eben
-dieses Geschehnis der Grund davon, daß er später nie Lust hatte, in den
-Zivildienst einzutreten; hatte er doch aus eigener Erfahrung erkannt,
-daß es uns nicht immer gelingt, unsere Sünden zu verbergen.
-
-Er war nicht weniger als fünfzehn Jahre alt, als er in die zweite Klasse
-versetzt wurde, wo er vom kleinen Katechismus und den vier Spezies in
-der Arithmetik, zum großen Katechismus, zum Buch von den Pflichten des
-Menschen und zu den Brüchen überging. Aber da er merkte, daß, je größer
-der Wald, um so dichter die Baumstämme beieinander ständen, und als er
-die Nachricht erhielt, daß sein Vater das Zeitliche gesegnet habe, blieb
-er nur noch zwei Jahre dort und trat dann mit Einwilligung seiner Mutter
-in das P--er Infanterieregiment.
-
-Das P--er Infanterieregiment war nun keineswegs von der Sorte, zu der
-die meisten Infanterieregimenter gehören; und obwohl es gewöhnlich nur
-in Dörfern lag, lebte es doch auf großem Fuße, so daß es manchem
-Kavallerieregiment nichts nachgab. Der größte Teil der Offiziere trank
-den stärksten Schnaps, den man nur durch Gefrierenlassen gewinnt, und
-verstand es nicht schlechter als die Husaren, die Juden bei den
-Schläfenlöckchen zu packen und nach sich zu ziehen; einige von den
-Offizieren konnten sogar Mazurka tanzen, und der Oberst des P--schen
-Regiments ließ sich in Gesellschaft nie die Gelegenheit entgehen, dies
-besonders zu betonen. »Bei mir,« sagte er gewöhnlich und tätschelte sich
-bei jedem Wort seinen Bauch, »bei mir im Regiment tanzen viele Mazurka,
-jawohl viele, sogar sehr viele!« Um dem Leser den Grad der Bildung, der
-im P--er Infanterieregiment herrschte, noch deutlicher vor Augen zu
-führen, wollen wir noch hinzufügen, daß zwei seiner Offiziere ganz
-schreckliche Spielratten waren und Uniform, Mütze, Mantel samt ihrer
-Troddel und ihrer Unterkleidung im Bankspiel verloren, und das kommt ja
-selbst bei den Kavalleristen nicht immer vor.
-
-Der Umgang mit solchen Kameraden hatte jedoch nicht im geringsten dazu
-beigetragen, die Schüchternheit von Iwan Fjodorowitsch zu vermindern,
-und da er nur einfachen Schnaps trank, und zwar _ein_ Gläschen vor dem
-_Mittag_- und _ein_ Gläschen _vor_ dem _Abend_essen -- weder Mazurka
-tanzte noch Karten spielte, so blieb er natürlich immer allein. Auf
-diese Art pflegte er, während die anderen auf Gutspferden zu den
-kleineren Grundbesitzern zu Besuch fuhren, in seiner Wohnung zu sitzen
-und sich Beschäftigungen zu widmen, die nur zu einer sanften und gütigen
-Seele passen: bald putzte er seine Knöpfe, bald las er im Wahrsagebuch,
-bald stellte er in allen Winkeln seines Zimmers Mausefallen auf, und
-bald warf er endlich die Uniform ab und lag dann lang ausgestreckt auf
-dem Bette.
-
-Dafür aber gab es niemand im Regiment, der zuverlässiger gewesen wäre,
-als Iwan Fjodorowitsch, und er befehligte seine Korporaltruppen so gut,
-daß der Kompagniechef ihn den andern immer zum Vorbild aufstellte. Dafür
-wurde er auch, kaum elf Jahre, nachdem er die Fähnrichscharge erhalten
-hatte, zum Sekondeleutnant ernannt.
-
-Während dieser Zeit erhielt er die Nachricht, seine Mutter sei gestorben
-und seine Tante, die leibliche Schwester seiner Mutter, eine Tante, die
-er nur _daher_ kannte, weil sie ihm in seiner Kindheit einmal
-getrocknete Rosinen und äußerst schmackhafte, selbst gebackene Bretzeln
-mitgebracht hatte und die ihm später dergleichen schöne Dinge sogar nach
-Gadjatsch schickte (sie war mit seiner Mutter verfeindet, und daher
-bekam sie Iwan Fjodorowitsch später nicht mehr zu sehen), -- diese Tante
-habe aus reiner Gutherzigkeit die Verwaltung seines kleinen Gutes
-übernommen, wovon sie ihm rechtzeitig in einem Briefe Mitteilung machte.
-
-Iwan Fjodorowitsch, der von dem verständigen Sinn seiner Tante
-vollkommen überzeugt war, verrichtete indes seinen Dienst weiter wie
-früher. Manch einer an seiner Stelle wäre, wenn er solch einen Rang
-erklommen hätte, stolz geworden; aber jeglicher Stolz war ihm völlig
-fremd, und auch als Sekondeleutnant blieb er ganz derselbe Iwan
-Fjodorowitsch, der er auch als Fähnrich gewesen war. Er brachte nach
-diesem für ihn so denkwürdigen Ereignis noch weitere vier Jahre so zu,
-und war gerade im Begriff, mit seinem Regiment aus dem Gouvernement
-Mohilew nach Großrußland zu ziehen, als er einen Brief folgenden Inhalts
-erhielt:
-
- »Mein lieber Neffe Iwan Fjodorowitsch!
-
- Ich schicke Dir Wäsche: fünf Paar Zwirnsocken und vier feine
- Leinenhemden; auch möchte ich geschäftlich mit Dir reden: da Du ja
- schon einen nicht geringen Rang erklommen, und, wie ich glaube, ein
- Alter erreicht hast, wo man weiß, daß es an der Zeit ist, sich mit
- der Landwirtschaft zu beschäftigen, so solltest Du nicht länger noch
- beim Militär bleiben. Ich bin schon alt und kann auf Deinem
- Besitztum nicht alles selbst besorgen; auch muß ich Dir vieles
- persönlich mitteilen. Komm, mein Lieber. Indem ich sehnsüchtig auf
- das Vergnügen warte, Dich wiederzusehen, verbleibe ich Deine Dich
- innig liebende Tante
-
- Wassilissa Zuptschewska.
-
- _P. S._ Bei uns im Garten gibt's jetzt herrliche Rüben: sie gleichen
- schon mehr Kartoffeln als Rüben.«
-
-Acht Tage nach Empfang des Briefes erhielt Iwan Fjodorowitschs Tante
-folgende Antwort:
-
- »Liebe Tante Wassilissa Kaschparowna!«
-
- »Vielen Dank für die Wäschesendung. Besonders meine Socken sind
- schon sehr alt, so daß der Bursche sie bereits viermal stopfen
- mußte; dadurch sind sie mir auch zu eng geworden. Was Ihre Ansicht
- über den Dienst anbelangt, so bin ich ganz mit Ihnen einverstanden,
- und habe daher vorgestern meinen Abschied eingereicht. Sobald ich
- den Dispens erhalte, nehme ich mir sogleich einen Wagen. Ihren
- früheren Auftrag, Ihnen sibirischen Weizensamen zu besorgen, konnte
- ich leider nicht ausführen: im ganzen Gouvernement Mohilew gibt es
- keinen solchen Samen. Schweine werden hier meistenteils mit Mais
- gemästet, wobei man etwas gegorenes Bier hinzutut.
-
- Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich
- Ihr Neffe
- Iwan Schponjka.«
-
-Endlich erhielt Iwan Fjodorowitsch seinen Abschied, und wurde dabei zum
-Oberleutnant befördert; mietete sich für vierzig Rubel einen jüdischen
-Fuhrmann von Mohilew bis Gadjatsch und nahm im Wagen Platz, just zu der
-Zeit, da die Bäume sich mit den ersten jungen Blättern schmückten, die
-Erde in frischem Grün prangte, und alle Felder einen herrlichen
-Frühlingsduft ausströmten.
-
-
- II.
- Die Reise
-
-Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. Man reiste etwas
-über vierzehn Tage lang. Vielleicht wäre Iwan Fjodorowitsch noch früher
-angekommen, wenn der fromme Jude nicht seinen Sabbath eingehalten und
-nicht den ganzen Tag über, in seine Pferdedecke gehüllt, gebetet hätte.
-Wie ich übrigens schon gelegentlich bemerkt habe, war Iwan Fjodorowitsch
-ein Mensch, der keine Langeweile aufkommen ließ. Während dieser Zeit
-schnallte er seinen Koffer auf, nahm seine Wäsche heraus, musterte sie,
-ob sie auch gut gewaschen und richtig zusammengelegt sei, entfernte
-behutsam ein Federchen von seiner Uniform, die schon keine Epauletten
-mehr zierten, und legte alles wieder in schönster Weise zusammen. Er
-liebte im Allgemeinen das Bücherlesen nicht; und wenn er auch hie und da
-in das Wahrsagebuch hineinblickte, so geschah es nur deshalb, weil er es
-gern hatte, bekannten Dingen, die er schon einige Male gelesen, wieder
-einmal zu begegnen. Genau so besucht der Städter seinen Klub, nicht etwa
-um irgend etwas Neues zu hören, sondern um dort Freunde zu treffen, mit
-denen er seit unvordenklichen Zeiten im Klub zu plaudern gewohnt ist.
-Oder so liest ein Beamter ein paarmal täglich mit viel Genuß das
-Adreßbuch, nicht etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Pläne
-willen, sondern weil ihn die gedruckten Namen amüsieren. »Ah! Das ist
-Iwan Gawrilowitsch so und so! ....« murmelt er dumpf vor sich hin. »Ah!
-Da bin ich! hm! ....« Und am folgenden Tage liest er's wieder, wobei er
-seine Lektüre mit denselben Interjektionen begleitet.
-
-Nach einer vierzehntägigen Fahrt erreichte Iwan Fjodorowitsch ein
-Dörfchen, das hundert Werst von Gadjatsch entfernt war. Es war gerade
-ein Freitag und die Sonne war schon längst untergegangen, als er samt
-seinem Wagen und dem Juden in den Hof des Gasthauses einfuhr.
-
-Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von allen andren
-Gasthäusern, die man in kleinen Dörfern vorfindet. Dort bringt man dem
-Fremden zumeist mit viel Eifer Heu und Hafer entgegen, gleich als ob er
-ein Postgaul wäre. Will er dagegen frühstücken, wie anständige Leute es
-gewöhnlich zu tun pflegen, so soll er sich seinen Appetit ruhig und
-unversehrt bis zu einer anderen Gelegenheit aufsparen. Indessen, da Iwan
-Fjodorowitsch all das wußte, hatte er sich rechtzeitig zwei Bündel
-Brezeln und Wurst besorgt, bestellte sich jetzt nur einen Schnaps, an
-dem es in keinem Wirtshaus fehlt, und begann sein Abendmahl, indem er
-auf der Bank vor dem Eichentisch Platz nahm, der fest in den Lehmboden
-eingegraben war.
-
-Währenddessen kam unter mächtigem Gerassel ein Wagen heran. Das Tor
-knarrte, aber der Wagen fuhr noch lange nicht in den Hof hinein und man
-hörte jemand mit lauter Stimme auf die Alte losschimpfen, der das
-Wirtshaus gehörte. »Gut, ich steige hier ab,« hörte Iwan Fjodorowitsch
-den Fremden rufen, »wenn mich aber auch nur eine Wanze beißt, so prügle
-ich dich durch, bei Gott, du alte Hexe, ich prügle dich durch, und
-bezahle dir nichts für dein Heu!«
-
-Einen Augenblick später ging die Tür auf, und herein trat, oder
-richtiger gesagt, _kroch_ ein dicker Mann in einem grünen Rock. Sein
-Kopf saß unbeweglich auf dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns
-noch dicker erschien. Schon nach dem bloßen Äußeren hätte man glauben
-können, einen Mann vor sich zu haben, der sich nie den Kopf über
-Alfanzereien zerbrach, und dessen Leben ruhig dahinglitt wie Öl.
-
-»Ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit, mein Herr!« rief er, als er
-Iwan Fjodorowitsch erblickte.
-
-Iwan Fjodorowitsch verneigte sich stumm.
-
-»Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre, zu sprechen?« fuhr der
-dicke Fremde fort.
-
-Bei diesen Fragen erhob sich Iwan Fjodorowitsch unwillkürlich von seinem
-Platze und richtete sich stramm auf, wie er es zu tun pflegte, wenn sein
-Oberst sich bei ihm nach irgend etwas erkundigte. »Leutnant außer
-Diensten Iwan Fjodorowitsch Schponjka,« antwortete er.
-
-»Darf ich fragen, wohin Sie zu fahren belieben?«
-
-»Auf mein Gut Wytrebenjki«.
-
-»Wytrebenjki!« rief der gestrenge Frager. »Gestatten Sie, mein Herr,
-gestatten Sie!« rief er, indem er auf ihn zutrat und mit den Armen um
-sich schlug, gleich als ob er sich gegen jemanden wehren, oder sich
-durch eine Menschenmenge hindurchdrängen wollte. Dann aber trat er auf
-ihn zu, schloß Iwan Fjodorowitsch in die Arme und küßte ihn zuerst auf
-die rechte, dann auf die linke und dann wieder auf die rechte Wange.
-Iwan Fjodorowitsch fand Gefallen an diesem Zärtlichkeitsausbruch, denn
-die großen Wangen des Fremden erschienen seinen Lippen wie zwei weiche
-Kissen.
-
-»Erlauben Sie, mein Herr, daß wir einander kennen lernen!« fuhr der
-Dicke fort. »Ich bin Gutsbesitzer, und zwar ebenfalls im Kreise
-Gadjatsch; ich bin Ihr Nachbar, wohne höchstens fünf Werst von Ihrem
-Gutshof Wytrebenjki entfernt auf meinem Gute Chortystsche, und heiße
-Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Nein, unbedingt, mein Herr,
-unbedingt .... ich will nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht zu mir
-nach Chortystsche zu Besuch kommen. Jetzt muß ich eilig in Geschäften
-weiter .... Was soll denn das da bedeuten?« sprach er mit sanfter Stimme
-zu seinem Reitknecht, einem Knaben in einem Kosakenkittel mit geflickten
-Ellenbogen und verwunderter Miene, der allerhand Pakete und Schachteln
-auf den Tisch stellte. »Was soll das? Wie?« -- und Grigori
-Grigorjewitschs Stimme wurde zusehends strenger und strenger. »Habe ich
-dir etwa befohlen, das hierher zu stellen, du Schurke? Habe ich dir
-nicht befohlen, zuerst das Huhn warm zu machen, Halunke du? Pack dich!«
-rief er und stampfte mit dem Fuße auf. »Halt, du Fratz du! Wo ist denn
-das Kästchen mit den Flaschen? Iwan Fjodorowitsch!« fuhr er fort, indem
-er ein Gläschen Kräuterschnaps einschenkte, »bitte ergebenst: ärztlich
-empfohlen!«
-
-»Bei Gott, ich kann nicht .... ich hatte schon Gelegenheit ....« sagte
-Iwan Fjodorowitsch stockend.
-
-»Nein, ich will nichts hören, mein Herr!« rief der Gutsbesitzer mit
-erhobener Stimme, »ich will nichts hören! Ich rühr' mich nicht vom
-Fleck, bis Sie getrunken haben ....«
-
-Iwan Fjodorowitsch sah ein, daß hier eine Weigerung unmöglich war, und
-trank den Schnaps nicht ohne Vergnügen.
-
-»Hier ist Huhn, mein Herr,« fuhr der dicke Grigori Grigorjewitsch fort,
-indem er das Huhn in seinem Holzkästchen mit dem Messer zerlegte. »Ich
-muß Ihnen sagen, meine Köchin Jawdocha liebt es manchmal, ein Gläschen
-hinter die Binde zu gießen, und daher macht sie's zuweilen zu trocken.
-He, Junge!« und hierbei wandte er sich an den Knaben im Kosakenkittel,
-der gerade ein Federbett und ein Kissen hereinbrachte, »mach mir das
-Bett auf dem Fußboden, mitten in der Stube! Paß aber auch gut auf, lege
-recht viel Heu unter das Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein
-bißchen Hanf aus der Decke, damit ich mir zur Nacht die Ohren zustopfen
-kann! Sie müssen nämlich wissen, mein Herr, daß ich die Gewohnheit habe,
-mir nachts die Ohren zuzustopfen, seit jener verfluchten Geschichte, wo
-mir einmal in einer großrussischen Kneipe eine Schwabe ins Ohr gekrochen
-ist. Wie ich später erfahren habe, essen diese verdammten Russen sogar
-Kohlsuppe mit Schwaben. Es ist unmöglich zu beschreiben, was damals mit
-mir vorging: es kitzelte und kitzelte mir nur so im Ohr ... na, um auf
-die Wände zu klettern! Schließlich hat mir ein einfaches altes Weib
-geholfen, aber das war schon hier in unserer Gegend, und womit glauben
-Sie? Ganz einfach, indem sie mich besprach. Was denken Sie über die
-Ärzte, mein Herr? Ich meine, die foppen uns nur und halten uns zum
-Besten; manche alte Frau weiß zwanzigmal mehr, als all diese Ärzte.«
-
-»In der Tat, was Sie da zu sagen belieben, ist vollkommen richtig. In
-der Tat, es gibt ....« Und Iwan Fjodorowitsch hielt inne, als ob er kein
-passendes Wort finden konnte. An dieser Stelle muß ich sagen, daß er
-überhaupt ziemlich wortkarg war. Vielleicht rührte das von seiner
-Schüchternheit her, vielleicht aber entsprach es auch nur dem Wunsche,
-sich möglichst hübsch auszudrücken.
-
-»Schüttle das Heu nur recht tüchtig; tüchtig, hörst du!« rief Grigori
-Grigorjewitsch seinem Lakai zu. »Hier ist das Heu so abscheulich, daß
-man nur allzuleicht auf ein Ästchen stoßen kann. Ich erlaube mir, Ihnen
-eine gute Nacht zu wünschen, mein Herr! Morgen werden wir uns wohl nicht
-mehr sehen: ich fahre noch vor Tagesanbruch weiter. Ihr Jude wird hier
-wohl seinen Sabbath halten, morgen ist nämlich Sonnabend; da brauchen
-Sie nicht so früh aufzustehen. Vergessen Sie nur meine Bitte nicht, ich
-will einfach nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht nach Chortystsche
-kommen.«
-
-Der Kammerdiener zog dem Grigori Grigorjewitsch Rock und Stiefel aus,
-half ihm statt dessen in einen Schlafrock hinein, und Grigori
-Grigorjewitsch warf sich auf sein Bett, was genau so aussah, wie wenn
-ein riesiges Federbett sich auf ein anderes gelegt hätte.
-
-»He, Bursche! Wo steckst du nur, du Schuft? Komm her, leg mir die Decke
-zurecht! He, Junge, lege mir noch Heu unter den Kopf! Wie? sind die
-Pferde schon getränkt? _Noch_ mehr Heu! Hierher, _da_ unter die Seite!
-Aber so lege mir doch die Decke zurecht, du Schurke! So! Besser, noch
-besser .... Oh! ....«
-
-Und Grigori Grigorjewitsch seufzte noch ein paarmal tief auf, und
-erfüllte das ganze Zimmer mit einem fürchterlichen Pfeifen, das aus
-seiner Nase hervordrang; er schnarchte zuweilen so laut, daß die alte
-Frau, die auf der Ofenbank schlummerte, aufwachte, verwundert in alle
-Ecken und Winkel guckte, und erst, als sie nichts besonderes bemerkte,
-beruhigt wieder einschlief.
-
-Als Iwan Fjodorowitsch am nächsten Morgen erwachte, war der dicke
-Gutsbesitzer nicht mehr da. Das war das einzige merkwürdige Ereignis,
-das sich während seiner Reise zugetragen hatte. Zwei Tage darauf näherte
-er sich seinem Gutshof.
-
-Er fühlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann, als die Windmühle,
-ihre Flügel schwenkend, hervorschaute, und als in dem Maße, wie der Jude
-seine Stuten den Berg hinaufjagte, unten eine Reihe von Weiden
-auftauchte. Hell und lebhaft schimmerte der Teich zwischen ihnen auf und
-strömte eine kühlende Frische aus. Hier pflegte er früher zu baden; und
-in demselben Teiche war er einstmals mit den Dorfjungen, bis zum Halse
-im Wasser, herumgewatet, um Krebse zu fangen. Das Wägelchen fuhr den
-Damm hinauf, und jetzt erblickte Iwan Fjodorowitsch das alte mit Schilf
-gedeckte Häuschen, und die alten Äpfel- und Kirschbäume, auf denen er
-einstmals heimlich herumgeklettert war. Kaum war er in den Hof
-eingefahren, so kamen von allen Seiten Hunde aller möglichen Rassen
-herbeigelaufen: schwarze, dunkelbraune, graue, scheckige. Die einen
-warfen sich den Pferden bellend vor die Füße, die anderen liefen
-hinterdrein, da sie merkten, daß die Achse mit Fett eingeschmiert war;
-ein Hund stand neben der Küche, hatte die Pfote auf einen Knochen gelegt
-und kläffte aus Leibeskräften; ein andrer bellte von ferne, rannte hin
-und her, und wedelte mit dem Schweif, gleich als ob er sagen wollte:
-»Seht, ihr Christenmenschen, was ich noch für ein Jüngling bin!« Mehrere
-Jungen in schmutzigen Hemden kamen herausgelaufen, um zu gaffen. Eine
-Sau, die mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumpromenierte, hob ihre
-Schnauze mit prüfender Miene in die Höhe und grunzte noch lauter als
-sonst. Im Hofe lag auf einem Stück grober Leinwand eine Unmenge Weizen,
-Gerste und Buchweizen, und all dieses trocknete in der Sonne. Auch auf
-dem Dache lagen allerhand Kräuter zum Trocknen: Nagelkraut, Grindkraut
-und mehr dergleichen.
-
-Iwan Fjodorowitsch war dermaßen in Betrachtung all dieser Herrlichkeiten
-versunken, daß er erst wieder zu sich kam, als ein scheckiger Hund den
-vom Bock herunterkriechenden Juden in die Wade biß. Das Gesinde, das
-auch herbeigeeilt war und aus einer Köchin, einer Frau und zwei Mädeln
-in wollenen Röcken bestand, meldete ihm, nachdem alle laut ausgerufen
-hatten »Da ist ja der junge Herr!«, daß sich die Tante im Gemüsegarten
-befände und zusammen mit der Dienstmagd Paloschka und dem Kutscher
-Omeljka, der manchmal auch das Amt eines Gärtners und Wärters versah,
-Weizen säe. Aber die Tante, die den Wagen von ferne erblickt hatte, war
-schon selbst erschienen. Iwan Fjodorowitsch erstaunte, als sie ihn fast
-in ihren Armen in die Höhe hob, und er fing beinahe an zu zweifeln, ob
-das auch wirklich dieselbe Tante sei, die ihm so viel von ihrer
-Gebrechlichkeit und Kränklichkeit geschrieben hatte.
-
-
- III.
- Die Tante
-
-Tante Wassilissa Kaschparowna war damals gegen fünfzig Jahre alt. Sie
-war nie verheiratet gewesen, und sie behauptete, das jungfräuliche Leben
-sei ihr wertvoller als alles auf der Welt. Übrigens hatte -- so viel ich
-mich besinnen kann, -- auch nie jemand um ihre Hand angehalten. Das kam
-daher, daß alle Männer ihr gegenüber eine gewisse Schüchternheit
-empfanden und nicht den Mut hatten, ihr ihre Gefühle zu erklären.
-»Wassilissa Kaschparowna hat sehr viel Charakter,« sagten die Freier,
-und sie hatten recht, denn Wassilissa Kaschparowna verstand es, einen
-sammetweich zu machen. Aus dem versoffenen Müller, der zu gar nichts
-mehr zu gebrauchen war, hatte sie ohne Anwendung irgendwelcher äußerer
-Mittel und nur indem sie ihn täglich ein paarmal am Schopfe rupfte,
-verstanden, einen ganzen Menschen, ja, mehr noch, geradezu einen
-Goldklumpen zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre
-Beleibtheit und Kraft entsprachen ihm. Es hatte den Anschein, als ob die
-Natur einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, als sie es ihr zum
-Schicksal bestimmte, an den Werktagen ewig einen dunkelbraunen
-Morgenrock mit kleinen Säumchen und am Ostersonntag und an ihrem
-Namenstage einen roten Kaschmir-Schal zu tragen, während ihr ein
-Dragonerschnurrbart und lange Schaftstiefel am besten gestanden hätten.
-Dafür aber entsprach ihre Beschäftigung vollkommen ihrem Charakter, sie
-konnte rudern, und zwar besser als irgend ein Fischer; sie ging auf die
-Jagd; sie beaufsichtigte die Schnitter, sie kannte die Zahl der Kürbisse
-und Melonen auf dem Felde auswendig; sie erhob eine Steuer von fünf
-Kopeken von jedem Wagen, der über ihren Damm fuhr; sie kletterte auf die
-Bäume und schüttelte die Birnen herunter; sie prügelte eigenhändig ihre
-faulen »Vasallen« mit ihrer schrecklichen Hand und belohnte die Würdigen
-mit einem Schnaps aus derselben gestrengen Hand. Und fast zur gleichen
-Zeit konnte sie schimpfen, Leinwand färben, in die Küche rennen, Kwas
-bereiten, und Honig einmachen; sie machte sich den ganzen lieben Tag zu
-schaffen und versäumte nichts. Die Folge davon war, daß Iwan
-Fjodorowitschs kleines Gut, das nach der letzten Revision achtzehn
-Leibeigene gezählt hatte, förmlich aufblühte, und zwar im vollen Sinne
-dieses Wortes. Übrigens liebte sie auch ihren Neffen viel zu sehr und
-hob sorgsam jede Kopeke für ihn auf.
-
-Seit Iwan Fjodorowitsch wieder zu Hause war, ging eine große Veränderung
-in seinem Leben vor und es schlug völlig neue Bahnen ein. Es schien so,
-als ob die Natur ihn geradezu dazu geschaffen hätte, ein Gut mit
-achtzehn Leibeigenen zu beaufsichtigen. Sogar die Tante merkte, daß er
-einen guten Landwirt abgeben würde, obwohl sie ihm übrigens nicht
-gestattete, sich in alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. »Der Junge
-ist noch nicht alt genug!« pflegte sie gewöhnlich zu sagen, trotzdem
-Iwan Fjodorowitsch mindestens vierzig Jahre alt war; »woher soll er auch
-alles wissen!«
-
-Er wich jedoch auf dem Felde keinen Schritt von den Schnittern und
-Mähern, und dies bereitete seiner sanften Seele einen unaussprechlichen
-Genuß. Ein Dutzend glänzender Sensen und mehr fliegen einmütig in einem
-Schwunge in die Höhe; das Gras sinkt rauschend in harmonischen Reihen
-zur Erde; und nun erklingen die Lieder der Schnitterinnen, bald lustig,
-wie beim Empfang von Gästen, und bald wehmütig, wie bei einer Trennung;
-der Abend ist still und die Luft ist rein! -- O wie köstlich ist solch
-ein Abend! Wie leicht und frisch ist die Luft! wie erscheint dann alles
-belebt: die Steppe rötet sich, blaut und glüht in allen Farben auf;
-Wachteln, Trappgänse, Möwen, Heimchen und tausende von Insekten: sie
-alle pfeifen, summen, knarren, schreien, und auf einmal ist's ein
-harmonischer Chor; und nichts verstummt auch nur für einen Augenblick.
-Schon senkt sich die Sonne herab und versteckt sich. Ah! wie frisch und
-wohlig wird einem da! Auf dem Felde werden hie und da Feuer entzündet
-und Kessel aufgestellt, und die schnauzbärtigen Schnitter setzen sich
-rings um die Kessel herum; von den brodelnden Klößen steigt ein Dampf
-auf; der Abend graut .... Es wäre schwer zu sagen, was dann in Iwan
-Fjodorowitsch vorging. Er vergaß es, wenn er sich zu den Schnittern
-gesellte, von ihren Klößen zu kosten, obwohl er sie doch so gerne aß,
-stand regungslos auf einem Fleck da, verfolgte eine hoch im Himmel
-schwirrende Möwe mit den Augen oder zählte die Garben des abgemähten
-Kornes, die das Feld überfluteten.
-
-Bald erzählte man überall von Iwan Fjodorowitsch, er sei ein großer
-Landwirt vor dem Herrn. Die Tante konnte sich nicht genug über ihren
-Neffen freuen und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu
-prahlen und wichtig zu tun. Eines Tages aber -- es war am Ausgang des
-Juli und schon nach Beendigung der Ernte -- faßte Wassilissa
-Kaschparowna ihren Neffen mit geheimnisvoller Miene bei der Hand und
-erklärte ihm, sie wolle mit ihm über etwas sprechen, was sie schon seit
-langem beschäftigte.
-
-»Es ist dir wohl bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch,« begann sie, »daß
-dein Gutshof achtzehn Leibeigene zählt; übrigens nur laut der letzten
-Revision, in Wirklichkeit werden's vielleicht noch mehr sein, vielleicht
-gar bis an die vierundzwanzig. Doch es handelt sich nicht darum, du
-kennst wohl das Wäldchen, das sich hinter unserer Trift befindet, und
-wohl auch die breite Wiese hinter diesem Walde: sie ist mindestens
-zwanzig Deßjatin groß, und es wächst so viel Gras darauf, daß man jedes
-Jahr für mehr als hundert Rubel davon verkaufen kann, besonders wenn,
-wie man erzählt, ein Kavallerie-Regiment in Gadjatsch stehen wird.«
-
-»Gewiß, liebe Tante; das Gras ist sehr gut!«
-
-»Ich weiß selbst, daß es sehr gut ist; aber weißt du auch, daß dieses
-ganze Land eigentlich von Rechts wegen dir gehört? Was siehst du mich so
-groß an? Hör mich an, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch an
-Stepan Kusmitsch? Warum sage ich eigentlich: erinnerst du dich? Du warst
-ja damals noch so klein, daß du nicht einmal seinen Namen aussprechen
-konntest. Wie solltest du dir da noch eine Erinnerung bewahrt haben! Ich
-weiß noch: als ich grad vor Philippi zu euch kam und ich dich auf die
-Arme nahm, da hättest du mir beinahe das ganze Kleid verdorben; zum
-Glück konnte ich dich noch der Amme Matrjona übergeben, so abscheulich
-warst du damals .... Aber es handelt sich ja nicht darum. Das ganze
-Land, das sich hinter unserem Gutshof befindet, und selbst das Dorf
-Chortystsche gehörte damals Stepan Kusmitsch. Und da muß ich dir sagen
--- denn damals warst du noch nicht auf der Welt -- der kam zu jener Zeit
-oft zu deiner Mutter zu Besuch, -- freilich zu einer Zeit, da dein Vater
-nicht zu Hause war. Ich sag' es jedoch nicht, um ihr einen Vorwurf
-daraus zu machen. -- Gott sei ihrer Seele gnädig! Obwohl die Selige mir
-gegenüber im Unrecht war. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Wie
-dem auch sei, genug, Stepan Kusmitsch setzte eine Schenkungsurkunde auf,
-in der er dir das Gut vermachte, von dem ich dir eben sprach. Deine
-selige Mutter hatte jedoch, -- unter uns gesagt, einen ganz wunderlichen
-Charakter. Selbst der Teufel (Gott verzeih mir dies häßliche Wort!)
-hätte sie nicht verstehen können. Wohin sie diese Urkunde gesteckt hat
--- das weiß der liebe Himmel. Ich glaube einfach, sie befindet sich in
-den Händen des alten Junggesellen, Grigori Grigorjewitsch Stortschenko.
-Und nun ist alles diesem dickbäuchigen Schurken zugefallen. Bei Gott,
-ich wäre bereit, um alles in der Welt zu wetten, daß er die Urkunde
-einfach unterschlagen hat.«
-
-»Darf ich fragen, liebe Tante, ob das derselbe Stortschenko ist, den ich
-auf der Station kennen gelernt habe?« Und Iwan Fjodorowitsch erzählte
-ihr von seiner Begegnung.
-
-»Wer weiß!« antwortete die Tante nach kurzem Nachdenken. »Vielleicht ist
-er doch kein Schuft. Es ist wahr, er lebt erst ein halbes Jahr lang
-hier, und in so kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht genau kennen
-lernen. Die Alte, das heißt seine Mutter, soll, wie ich gehört habe,
-eine sehr vernünftige Frau sein und sich meisterlich darauf verstehen,
-Gurken einzulegen, und ihre Mägde sollen großartige Teppiche weben. Da
-er dich, wie du sagst, so freundlich empfangen hat, so fahre nur zu ihm
-hin: vielleicht wird der alte Sünder auf sein Gewissen hören und
-zurückgeben, was ihm nicht gehört. Du kannst meinetwegen die Kalesche
-nehmen, nur haben die verdammten Kinder hinten alle Nägel herausgezogen;
-man muß vorher dem Kutscher Omeljko sagen, daß er das Leder festnageln
-soll.«
-
-»Wozu nur, liebe Tante? Ich nehme lieber das Wägelchen, in dem Sie auf
-die Jagd fahren.«
-
-Damit schloß das Gespräch.
-
-
- IV.
- Das Diner
-
-Iwan Fjodorowitsch kam um die Mittagszeit im Dorfe Chortystsche an, und
-wurde etwas unruhig, als er sich dem Herrenhause näherte. Dieses Haus
-war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt, wie die Häuser so vieler
-Gutsbesitzer in der Umgegend, sondern hatte ein Holzdach. Die zwei
-Schuppen im Hofe waren ebenfalls mit Holzdächern versehen; und das Tor
-war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich einem jener Stutzer, die
-auf einen Ball kommen und plötzlich bemerken, daß, wohin sie auch
-blicken mögen, alle Leute feiner gekleidet sind als sie selbst. Er ließ
-sein Wägelchen respektvoll neben einem Schuppen halten und ging zu Fuß
-auf die Freitreppe zu.
-
-»Ah! Iwan Fjodorowitsch!« rief der dicke Grigori Grigorjewitsch, der
-gerade im Hof herumspazierte; er hatte einen Rock an, aber keine
-Kravatte, keine Weste und keine Hosenträger. Aber auch dies Kostüm
-schien ihn bei seiner Leibesfülle noch zu belästigen, denn der Schweiß
-rieselte ihm nur so vom Gesicht herunter.
-
-»Sie sagten doch, daß Sie sofort kommen würden, sobald Sie Ihre Tante
-gesehen hätten; warum sind Sie denn dann nicht früher gekommen?« Und bei
-diesen Worten berührten die Lippen Iwan Fjodorowitschs die ihm
-wohlbekannten Kissen.
-
-»Ich war meist in der Wirtschaft beschäftigt .... Ich komme auch nur auf
-einen Augenblick zu Ihnen, eigentlich sogar in Geschäften ....«
-
-»Was, nur für einen Augenblick? Nein, das gibt's nicht. He, Junge!« rief
-der dicke Hausherr, und der Bursche im Kosakenkittel, den Iwan schon
-kannte, kam aus der Küche gelaufen. »Sage dem Kaßjan, er solle sofort
-das Tor schließen, -- hörst du! -- fest zuschließen! Und die Pferde
-dieses Herrn sollen auf der Stelle ausgespannt werden. Bitte, kommen Sie
-mit mir ins Haus: hier ist es so heiß, daß mein Hemd schon ganz naß
-ist.«
-
-Im Zimmer angelangt, beschloß Iwan Fjodorowitsch, keine Zeit zu
-verlieren, und trotz seiner Schüchternheit, mit aller Entschiedenheit
-vorzugehen.
-
-»Meine Tante hatte die Ehre .... Meine Tante hat mir gesagt, daß die
-Schenkungsurkunde des verstorbenen Stepan Kusmitsch ....«
-
-Es ist schwer zu beschreiben, welch unangenehmen Ausdruck das breite
-Gesicht Grigori Grigorjewitschs bei diesen Worten annahm. »Bei Gott, ich
-höre rein gar nichts!« antwortete er. »Ich muß Ihnen sagen, daß eine
-Schwabe in mein linkes Ohr hineingekrochen ist, (bei diesen verfluchten
-Russen gibt's überall Schwaben in den Häusern); keine Feder kann Ihnen
-beschreiben, was das für eine Qual war -- es kitzelte so fürchterlich,
-sage ich Ihnen, -- es kitzelte und krabbelte ....! Aber eine kluge Frau
-hat mir mit einem ganz einfachen Mittel geholfen ....«
-
-»Ich wollte nur sagen ....« wagte Iwan Fjodorowitsch ihn zu
-unterbrechen, als er sah, daß Grigori Grigorjewitsch das Gespräch
-absichtlich auf ein andres Thema lenken wollte, »daß im Testament des
-verstorbenen Stepan Kusmitsch die Rede von .... sozusagen die Rede von
-einer Schenkungsurkunde ist .... nach der ich ....«
-
-»Ich weiß schon, was Ihre Tante Ihnen eingeredet hat. Das ist alles
-erlogen, bei Gott, es ist erlogen! Mein Onkel hat nicht die geringste
-Schenkungsurkunde hinterlassen. Im Testament ist allerdings von einer
-Urkunde die Rede, aber wo ist sie? Niemand hat sie vorlegen können. Ich
-sage Ihnen das nur deshalb, weil ich Ihnen von Herzen wohl will. Bei
-Gott, es ist erlogen!«
-
-Iwan Fjodorowitsch verstummte, da ihm der Gedanke kam, es könnte der
-Tante vielleicht in der Tat nur so vorgekommen sein.
-
-»Ah, da kommen ja auch meine Mutter und meine Schwestern!« rief Grigori
-Grigorjewitsch. »Das Mittagessen ist also schon fertig; gehen wir!«
-
-Und er zog Iwan Fjodorowitsch am Ärmel ins Zimmer, wo bereits allerhand
-Schnäpse und eine kalte Platte auf dem Tische standen.
-
-In demselben Augenblick trat eine alte Frau herein; sie war sehr klein
-und glich einer Kaffeekanne, die mit einer Haube bedeckt ist; zwei junge
-Mädchen, ein blondes und ein brünettes, begleiteten sie. Als
-wohlerzogener Kavalier küßte Iwan Fjodorowitsch erst der Alten und dann
-den beiden Fräuleins die Hand.
-
-»Das ist unser Nachbar, Iwan Fjodorowitsch Schponjka, Mütterchen!« sagte
-Grigori Grigorjewitsch.
-
-Die Alte sah Iwan Fjodorowitsch scharf an oder gab sich vielleicht auch
-nur den Anschein, als ob sie ihn anblickte. Übrigens war sie die Güte
-selbst; es schien, als ob sie Iwan Fjodorowitsch gleich hätte fragen
-wollen: »Wie viel Gurken machen Sie zum Winter ein?«
-
-»Haben Sie schon einen Schnaps genommen?« fragte die Alte.
-
-»Sie haben wohl nicht ausgeschlafen, Mütterchen,« meinte Grigori
-Grigorjewitsch. »Wer wird denn einen Gast fragen, ob er schon einen
-Schnaps getrunken hat? Reden Sie dem Gast nur zu; ob wir aber trinken
-oder nicht, das ist schon unsere Sache. Iwan Fjodorowitsch, bitte:
-Wollen Sie Tausendgüldenkräuterlikör oder diesen Schnaps? Welchen ziehen
-Sie vor? Iwan Iwanowitsch! Nun, was stehst du so da?« rief Grigori
-Grigorjewitsch, indem er sich rückwärts wandte, und Iwan Fjodorowitsch
-sah den soeben erwähnten Iwan Iwanowitsch auf den Schnaps zugehen; dies
-war ein Mann in einem Rock mit langen Schößen und mit einem riesigen
-Stehkragen, der seinen ganzen Nacken bedeckte, so daß sein Kopf ganz im
-Kragen steckte, wie in einer Kutsche.
-
-Iwan Iwanowitsch trat an den Schnaps heran, rieb sich die Hände, sah
-sich das Glas genau an, schenkte ein, hielt es gegen das Licht, und goß
-den Schnaps mit einem Male aus dem Glase in den Mund, aber er schluckte
-ihn nicht herunter, sondern spülte sich erst ordentlich den Mund,
-schluckte ihn erst darauf herunter, nahm etwas Brod und gesalzene
-Eierschwämme, und wandte sich dann an Iwan Fjodorowitsch.
-
-»Habe ich die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodorowitsch Schponjka zu sprechen?«
-
-»Jawohl,« antwortete Iwan Fjodorowitsch.
-
-»Sie beliebten sich seit der Zeit, wo ich Sie kenne, sehr zu verändern.
-O ja!« fuhr Iwan Iwanowitsch fort: »ich kannte Sie, als Sie noch so groß
-waren!« Dabei hielt er die Hand eine halbe Elle weit über den Boden.
-»Ihr seliger Vater -- Gott schenke ihm die ewige Seligkeit -- war ein
-seltener Mann. Er hatte solche Kürbisse und Melonen, wie man sie jetzt
-nirgends mehr findet. Hier zum Beispiel«, fuhr er fort, indem er ihn zur
-Seite führte, »werden Ihnen auch Melonen vorgesetzt werden -- aber was
-sind das für Melonen? Nicht ansehen möchte man sie. Glauben Sie mir's,
-seine Melonen waren ....« rief er mit geheimnisvoller Miene und spreizte
-die Arme, als ob er einen dicken Baum umschlingen wollte, »bei Gott,
-seine Melonen waren so dick!«
-
-»Gehn wir zu Tisch!« sagte Grigori Grigorjewitsch und faßte Iwan
-Fjodorowitsch rasch unterm Arm.
-
-Grigori Grigorjewitsch ließ sich auf seinen üblichen Platz am Ende des
-Tisches nieder; er band sich seine riesige Serviette vor und glich so
-einem jener Helden, wie sie sich die Barbiere auf ihre Schilder malen
-lassen. Iwan Fjodorowitsch setzte sich errötend auf den ihm zugewiesenen
-Platz, den beiden Fräuleins gegenüber, und Iwan Iwanowitsch versäumte
-nicht, an seiner Seite Platz zu nehmen, innerlich hocherfreut, daß er
-jemanden hatte, dem er seine Kenntnisse mitteilen konnte.
-
-»Nehmen Sie doch lieber kein _Bürzelbein_, Iwan Fjodorowitsch! Da ist ja
-noch ein Truthahn!« rief die Alte, zu Iwan Fjodorowitsch gewandt, dem
-der Diener vom Lande in einem grauen Frack mit schwarzem Flicken gerade
-eine Schüssel reichte. »Nehmen Sie doch ein Stück vom Rücken!«
-
-»Mütterchen! Es hat Sie doch niemand gebeten, sich in fremde
-Angelegenheiten zu mischen!« rief Grigori Grigorjewitsch. »Seien Sie
-versichert, unser Gast weiß selbst, was er nehmen soll! Iwan
-Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Flügelchen und noch dies zweite und
-den Magen dazu! Warum haben Sie sich nur so wenig genommen? Nehmen Sie
-noch ein Beinchen! Was stehst du mit der Schüssel da und sperrst den
-Mund auf? Du sollst ihn sofort darum bitten, auf die Knie, du Schurke
-und sag sofort: >Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!<«
-
-»Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!« brüllte der Diener,
-mit der Schüssel in der Hand, und kniete nieder.
-
-»Hm! Was sind denn das für Truthähne!« sagte Iwan Iwanowitsch halblaut
-und mit verächtlicher Miene zu seinem Tischnachbar. »Darf denn ein
-Truthahn so sein, wie der da? Sie hätten mal meine Truthähne sehen
-sollen! Ich versichere Ihnen, jeder einzelne hatte mehr Fett an sich,
-als zehn solche, wie die da. Glauben Sie mir, mein Herr, man mag gar
-nicht ansehen, wie sie bei mir auf dem Hof herumspazieren -- so fett
-sind sie! ....«
-
-»Du lügst, Iwan Iwanowitsch!« schrie Grigori Grigorjewitsch, der
-zugehört hatte.
-
-»Ich will Ihnen was sagen,« fuhr Iwan Iwanowitsch zu seinem Nachbar
-gewandt fort, indem er so tat, als ob er Grigori Grigorjewitschs Worte
-gar nicht gehört hätte. »Als ich sie im vorigen Jahre nach Gadjatsch
-brachte, da bot man mir fünfzig Kopeken pro Stück, und doch wollte ich
-sie nicht dafür hergeben.«
-
-»Ich sage dir, du lügst, Iwan Iwanowitsch!« rief Grigori Grigorjewitsch,
-hierbei betonte er, um noch deutlicher zu sein, jede Silbe und sprach
-noch lauter als vorher.
-
-Aber Iwan Iwanowitsch tat so, als ob ihn das gar nicht anginge und fuhr
-in seiner Rede fort, nur sprach er jetzt bedeutend leiser als früher.
-»Ja, mein Herr, ich wollte das Geld nicht nehmen. In Gadjatsch hatte
-kein Gutsbesitzer ....«
-
-»Iwan Iwanowitsch! du bist ganz dumm und weiter nichts,« rief Grigori
-Grigorjewitsch laut. »Iwan Fjodorowitsch weiß doch das alles besser als
-du und glaubt dir sicher nicht!«
-
-Da aber fühlte sich Iwan Iwanowitsch verletzt; er verstummte und begann,
-mit dem Truthahn aufzuräumen, trotzdem dieser lange nicht so fett war,
-wie die Truthähne, die man »gar nicht ansehen« mochte.
-
-Eine Zeitlang ersetzte das Klappern der Messer, der Löffel und Teller
-das Gespräch; am lautesten aber hörte man, wie Grigori Grigorjewitsch
-das Mark aus einem Hammelknochen aussog.
-
-»Haben Sie schon gelesen,« fragte Iwan Iwanowitsch nach einigem
-Stillschweigen, steckte den Kopf aus seinem Wagen und wandte ihn Iwan
-Fjodorowitsch zu, »haben Sie das Buch: >Korobejnikows Reise ins heilige
-Land< gelesen? Ein wahrer Genuß für Seele und Leib! Jetzt werden keine
-solchen Bücher mehr gedruckt. Leider habe ich nicht nachgesehen, aus
-welchem Jahre es stammt.«
-
-Als Iwan Fjodorowitsch hörte, daß es sich um ein Buch handelte, begann
-er, eifrig seine Sauce aufzulöffeln.
-
-»Ein wahres Wunder, mein Herr, wenn man bedenkt, daß ein einfacher
-Kleinbürger all diese Länder durchwandert hat: über dreitausend Werst,
-mein Herr! Über dreitausend Werst! Wahrlich, Gott selbst hat ihn würdig
-befunden, bis nach Palästina und Jerusalem zu kommen.«
-
-»Sie sagen, daß er auch in Jerusalem war,« rief Iwan Fjodorowitsch, der
-noch als Soldat von seinem Burschen viel über Jerusalem gehört hatte.
-
-»Worüber sprechen Sie, Iwan Fjodorowitsch?« rief Grigori Grigorjewitsch
-vom Ende des Tisches herüber.
-
-»Ich habe, das heißt, ich bemerkte gelegentlich, daß es in der Welt
-ferne Länder gibt!« antwortete Iwan Fjodorowitsch, innerlich
-hochbefriedigt, daß es ihm gelungen war, einen so langen und schweren
-Satz zu Ende zu bringen.
-
-»Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch!« sagte Grigori
-Grigorjewitsch, ohne genauer hinzuhören, »alles ist gelogen!«
-
-Das Diner war zu Ende. Grigori Grigorjewitsch zog sich nach seiner
-Gewohnheit zurück, um ein Nickerchen zu machen; und die Gäste folgten
-der alten Hausfrau und den jungen Mädchen ins Gastzimmer, wo derselbe
-Tisch, auf dem sie den Schnaps stehen gelassen hatten, als sie sich zum
-Mittagsmahl begaben, sich wie auf einen Wink verwandelt und mit
-Schälchen voll verschiedener Konfitüren und Schüsseln mit Melonen,
-Kirschen und Zuckerkürbissen bedeckt hatte.
-
-Grigori Grigorjewitschs Abwesenheit machte sich an allem bemerkbar: die
-Hausfrau wurde gesprächig und teilte ganz von selbst, ohne dazu
-aufgefordert worden zu sein, mancherlei Geheimnisse über die Zubereitung
-von Marmelade und das Trocknen von Birnen mit. Selbst die jungen Mädchen
-begannen zu sprechen, doch blieb die Blonde, die sechs Jahre jünger
-aussah als ihre Schwester und von Ansehen etwa fünfundzwanzig Jahre alt
-sein mochte, etwas schweigsam.
-
-Am meisten aber redete und betätigte sich Iwan Iwanowitsch. Da er sicher
-war, daß ihn nun niemand mehr unterbrechen und in Verlegenheit bringen
-würde, redete er von allem möglichen: von Gurken und Kartoffelsaat,
-davon, wie gescheit die Leute früher waren -- was wären die Heutigen
-dagegen? -- und davon, wie jetzt alle immer klüger würden, je weiter man
-komme, wie man noch die allergescheitesten Dinge ersinnen würde; kurz er
-war einer von den Menschen, die sich mit dem größten Vergnügen
-erbaulichen Gesprächen hingeben und über alles reden, worüber man nur
-reden kann. Wenn das Gespräch wichtige und heilige Gegenstände berührte,
-seufzte Iwan Iwanowitsch nach jedem Worte auf und nickte leise mit dem
-Kopfe; wenn es sich um Wirtschaftsangelegenheiten handelte, so steckte
-er den Kopf aus seinem Wagen hervor und schnitt seltsame Gesichter, aus
-denen man ganz deutlich entnehmen konnte, wie man den Birnenmost
-zubereiten müsse, wie groß die Melonen seien, von denen er sprach, und
-wie fett die Gänse wären, die bei ihm im Hofe herumliefen.
-
-Endlich gelang es Iwan Fjodorowitsch mit vieler Mühe und erst gegen
-Abend, sich zu verabschieden; aber obwohl er leicht zu überreden war und
-man ihn geradezu zwingen wollte, über Nacht dazubleiben, bestand er doch
-auf seiner Absicht, nach Hause zu fahren -- und fuhr richtig davon.
-
-
- V.
- Der neue Plan der Tante
-
-»Nun? Hast du die Urkunde von dem alten Schelm herausgelockt?« Dies war
-die erste Frage, mit der Iwan Fjodorowitsch von seiner Tante empfangen
-wurde, die ihn bereits seit einigen Stunden voller Ungeduld an der
-Freitreppe erwartete, und sich schließlich kaum hatte überwinden können,
-nicht bis vors Tor zu laufen.
-
-»Nein, liebe Tante!« sagte Iwan Fjodorowitsch indem er ausstieg.
-»Grigori Grigorjewitsch _hat_ gar keine Urkunde.«
-
-»Und du hast ihm geglaubt? Er lügt, der verdammte Kerl! O, ich bekomme
-ihn noch eines Tages zu sehen, wahrhaftig, und dann prügle ich ihn mit
-meinen eigenen Händen durch. Oh, ich werde ihm schon etwas von seinem
-Fett abzapfen! Übrigens wollen wir zuerst mit unsrem Gerichtsschreiber
-reden, ob man vielleicht auf gerichtlichem Wege .... Aber es handelt
-sich jetzt ja nicht darum. Nun, war das Diner gut?«
-
-»Sehr gut! .... sehr gut, liebe Tante!«
-
-»Nun, und was gab's dort zu essen? Erzähle! ich weiß schon, die Alte
-versteht sich gut auf die Küche.«
-
-»Käsekuchen mit Rahm, liebe Tante; Sauce mit gefüllten Tauben ....«
-
-»Und gab es auch einen Truthahn mit Pflaumen?« fragte die Tante, denn
-sie selbst verstand es meisterhaft, dieses Gericht zuzubereiten.
-
-»Es gab auch Truthahn! .... Die Schwestern von Grigori Grigorjewitsch
-sind sehr hübsche junge Mädchen, besonders die Blonde!«
-
-»Ah!« rief die Tante und sah Iwan Fjodorowitsch scharf an, er errötete
-und ließ die Augen sinken. Ein neuer Gedanke blitzte in ihr auf. »So?«
-fragte sie voll Neugierde, »und was für Augenbrauen hat sie?« Hier ist
-es nicht überflüssig zu bemerken, daß für die Tante das Schönste an der
-Frau die Augenbrauen waren.
-
-»Das Fräulein hat genau solche Augenbrauen, liebe Tante, wie Sie sie
-nach Ihren Erzählungen in Ihrer Jugend gehabt haben müssen, und ihr
-ganzes Gesicht ist voller Sommersprossen.«
-
-»Ah!« rief die Tante, äußerst befriedigt über Iwan Fjodorowitschs
-Bemerkung, der allerdings nie daran gedacht hatte, der Tante ein
-Kompliment machen zu wollen. »Und was für ein Kleid hatte sie an? Man
-findet zwar heutzutage keine solchen haltbaren Stoffe mehr wie zum
-Beispiel den, aus dem dieser Morgenrock gemacht ist. Aber es handelt
-sich jetzt nicht darum. Und hast du dich gut mit ihr unterhalten?«
-
-»Das heißt, wie meinen Sie .... liebe Tante? Sie glauben vielleicht
-schon ....«
-
-»Was denn? Was ist denn Wunderbares dabei? Das ist nun mal Gottes Wille!
-Vielleicht ist's euch beiden noch beschieden, einmal ein Paar zu
-werden.«
-
-»Ich verstehe nicht, liebe Tante, wie Sie nur so reden können. Das
-beweist doch nur, daß Sie mich absolut nicht kennen ....«
-
-»So, nun fühlt er sich richtig beleidigt!« sagte die Tante. »Der Junge
-ist noch nicht alt genug!« dachte sie bei sich. »Er weiß noch von
-nichts! Ich werde die beiden mal zusammenbringen, sie sollen einander
-näher kennen lernen!«
-
-Und die Tante ging nach der Küche und ließ Iwan Fjodorowitsch allein.
-Aber seit der Zeit dachte sie an nichts anderes, als daran, ihren Neffen
-möglichst bald zu verheiraten und seine kleinen Enkelkinder zu wiegen.
-Ihr Kopf war nur noch von Gedanken an die Vorbereitungen zur Hochzeit
-erfüllt, und man sah ganz deutlich, daß sie noch viel emsiger war als
-vorher, obwohl alles eher schlimmer als besser ging. Wenn sie jetzt
-einen Kuchen zubereitete, den sie übrigens niemals der Köchin
-anzuvertrauen pflegte, versank sie häufig in Gedanken, bildete sich ein,
-neben ihr stehe ein kleines Enkelchen, das ein Stückchen Kuchen haben
-wollte, und streckte zerstreut die Hand mit dem besten Stücke aus; der
-Hofhund machte sich das gewöhnlich zunutze, packte den leckeren Bissen
-und weckte sie durch sein lautes Schmatzen aus ihrer Nachdenklichkeit,
-wofür der Hund übrigens immer Schläge mit dem Ofenhaken bekam. Sie gab
-sogar ihre Lieblingsbeschäftigung auf und fuhr nicht mehr zur Jagd,
-besonders seitdem sie einmal statt eines Truthahns eine Krähe geschossen
-hatte, was ihr früher niemals widerfahren war.
-
-Vier Tage später sah man endlich die Kalesche aus dem Schuppen in den
-Hof fahren. Der Kutscher Omeljko, der gleichzeitig auch Gärtner und
-Aufseher war, fing schon seit dem frühen Morgen an zu hämmern und das
-Leder anzunageln, während er immerzu die Hunde davonjagen mußte, die
-herankamen und an den Rädern leckten. Hier halte ich es für meine
-Pflicht, dem Leser zu berichten, daß dies dieselbe Kalesche war, in der
-schon Adam gefahren ist, und sollte daher jemand eine andere für die
-Adams ausgeben, so wäre das sicherlich eine freche Lüge, und die
-Kalesche wäre unecht. Es ist nicht genau bekannt, wie sie der Sintflut
-entronnen ist, man kann nur annehmen, daß in der Arche Noah ein
-besonderer Schuppen für sie vorhanden war. Es ist sehr schade, daß ich
-dem Leser ihre Gestalt nicht lebendig vor Augen führen kann. Es genüge
-daher zu sagen, daß Wassilissa Kaschparowna mit ihrer Bauart äußerst
-zufrieden war und es stets bedauerte, daß die alten Equipagen aus der
-Mode gekommen seien. Selbst das, daß die Kalesche etwas schief, und daß
-die rechte Seite etwas höher war, als die linke, erregte ihren Beifall,
-denn so konnte von der _einen_ Seite, wie sie behauptete, ein Mensch von
-kleinem Wuchse, und von der anderen ein großer aussteigen. Im übrigen
-konnte die Kalesche etwa fünf Personen von kleiner Statur und drei
-solche, wie die Tante, in ihrem Inneren aufnehmen.
-
-Als er mit der Kalesche fertig war, führte Omeljko gegen Mittag drei
-Pferde aus dem Stall, die etwas jünger waren als die Kalesche und band
-sie mit einem Strick fest an die majestätische Equipage. Iwan
-Fjodorowitsch und die Tante stiegen ein, er von der einen, sie von der
-anderen Seite, und die Pferde zogen an. Alle Bauern, die ihnen
-begegneten, blieben beim Anblick dieser vornehmen Equipage (die Tante
-pflegte nämlich nur selten in ihr auszufahren) respektvoll stehen,
-nahmen die Mützen ab und verbeugten sich bis zur Erde.
-
-Nach etwa zwei Stunden machte der Wagen vor der Freitreppe Halt; ich
-glaube, es ist hier nicht erst nötig zu sagen, vor wessen Freitreppe er
-hielt. Grigori Grigorjewitsch war nicht zu Hause; und die Alte und die
-Fräuleins empfingen die Gäste im Speisezimmer; die Tante näherte sich
-ihnen mit majestätischen Schritten, stellte mit viel Geschicklichkeit
-einen Fuß vor und sagte laut:
-
-»Gnädige Frau, ich freue mich, daß ich die Ehre habe, Ihnen persönlich
-meine Hochachtung ausdrücken zu dürfen, zugleich erlaube ich mir mit
-Respekt, Ihnen meinen Dank für die gastfreundliche Aufnahme meines
-Neffen Iwan Fjodorowitsch auszusprechen, der Ihres Lobes voll ist. Sie
-haben einen wundervollen Buchweizen, gnädige Frau, das habe ich bemerkt,
-als ich mich dem Dorfe näherte. Darf ich fragen, wieviel Sie pro
-Deßjatin ernten?«
-
-Hierauf küßten alle einander aufs herzlichste ab und erst als man im
-Gastzimmer Platz genommen hatte, begann die Alte:
-
-»Was den Buchweizen anbetrifft, so kann ich Ihnen nichts Genaues darüber
-sagen. Das ist Grigori Grigorjewitschs Ressort; ich beschäftige mich
-schon längst nicht mehr damit, auch könnte ich's nicht, selbst wenn ich
-wollte: ich bin schon zu alt dazu! In früheren Zeiten wuchs, wie ich
-mich besinne, der Buchweizen bei uns so hoch, daß er einem bis an den
-Gürtel reichte, jetzt ist das nicht mehr so, obwohl man stets behauptet,
-es werde jetzt alles immer besser.« Die Alte stieß einen Seufzer aus,
-und ein aufmerksamer Beobachter hätte in ihm das Aufseufzen des alten
-achtzehnten Jahrhunderts vernehmen können.
-
-»Ich habe gehört, daß bei Ihnen im Hause großartige Teppiche gemacht
-werden, gnädige Frau,« sagte Wassilissa Kaschparowna und berührte damit
-die empfindlichste Seite der Alten: bei diesen Worten lebte jene auf,
-und nun strömten ihre Reden nur so hin: wie man das Gewebe färben,
-welchen Faden man dazu nehmen müsse und was dergleichen mehr ist.
-
-Von den Teppichen ging die Unterhaltung bald aufs Gurkeneinlegen und
-Birnentrocknen über. Kurz, es war noch keine Stunde verflossen, da
-unterhielten sich die beiden Damen schon so lebhaft, als ob sie ihr
-Lebtag miteinander bekannt gewesen wären. Ja, Wassilissa Kaschparowna
-sprach sogar über viele Dinge so leise mit der Alten, daß Iwan
-Fjodorowitsch nichts mehr hören konnte.
-
-»Wollen Sie nicht selbst sehen?« sagte die greise Hausfrau und erhob
-sich.
-
-Die Fräuleins und Wassilissa Kaschparowna erhoben sich mit ihr und
-begaben sich ins Mädchenzimmer. Die Tante machte Iwan Fjodorowitsch ein
-Zeichen, er solle zurückbleiben und flüsterte der alten Dame etwas zu.
-
-»Maschenjka!« sagte die Alte zu dem blonden Fräulein, »bleibe bei
-unserem Gaste und unterhalte ihn, damit ihm die Zeit nicht zu lang
-wird!«
-
-Das blonde Fräulein blieb zurück und setzte sich auf das Sofa. Iwan
-Fjodorowitsch saß auf seinem Stuhle wie auf Nadeln, errötete und schlug
-die Augen nieder; aber das Fräulein schien dies gar nicht zu bemerken,
-saß gleichgültig auf dem Sofa, beobachtete fleißig die Fenster und die
-Wände, oder verfolgte die Katze, die scheu unter den Stühlen umherlief,
-mit den Augen.
-
-Iwan Fjodorowitsch wurde etwas mutiger und wollte schon ein Gespräch
-anknüpfen, es war ihm aber so, als ob er unterwegs alle Worte verloren
-hätte. Es wollte ihm kein einziger Gedanke in den Sinn kommen.
-
-Dieses Schweigen dauerte eine Viertelstunde lang, aber das Fräulein saß
-noch immer ebenso da wie früher.
-
-Endlich faßte Iwan Fjodorowitsch sich ein Herz. »Im Sommer gibt's so
-viel Fliegen, gnädiges Fräulein!« rief er mit einer Stimme, die vor
-Erregung zitterte.
-
-»Ja, außerordentlich viele Fliegen!« versetzte das Fräulein. »Mein
-Bruder hat eigens deswegen aus Mamas altem Schuh eine Fliegenklappe
-hergestellt, aber es bleiben doch noch immer sehr viele übrig.«
-
-Hier stockte die Unterhaltung, und Iwan Fjodorowitsch wollte durchaus
-kein Wort mehr einfallen.
-
-Endlich kamen die Alte, die Tante und das dunkle Fräulein zurück.
-Nachdem man sich noch etwas unterhalten hatte, nahm Wassilissa
-Kaschparowna Abschied von der Dame und den Fräuleins, obwohl sie
-dringend gebeten wurde, über Nacht da zu bleiben. Die Dame und die
-Fräuleins begleiteten die Gäste bis zur Freitreppe und winkten der aus
-der Kalesche hinausblickenden Tante und ihrem Neffen noch lange zu.
-
-»Nun, Iwan Fjodorowitsch, worüber hast du dich mit dem Fräulein
-unterhalten?« fragte die Tante unterwegs.
-
-»Marja Grigorjewna ist ein sehr bescheidenes und sittsames Fräulein!«
-sagte Iwan Fjodorowitsch.
-
-»Höre, Iwan Fjodorowitsch: ich will ernst mit dir reden. Du bist, Gott
-sei Dank, schon fast achtunddreißig Jahre alt; und einen schönen Rang
-hast du _auch_ schon: es wird nun bald Zeit, an die Kinder zu denken! Du
-brauchst unbedingt eine Frau ....«
-
-»Wie, liebe Tante!« rief Iwan Fjodorowitsch ganz erschrocken: »Wie? Eine
-Frau! Nein, liebe Tante, seien Sie doch so lieb .... Sie beschämen mich
-.... Ich bin noch nie verheiratet gewesen .... Ich weiß ja gar nicht,
-was ich mit einer Frau anfangen soll!«
-
-»Du wirst's schon lernen, Iwan Fjodorowitsch, du wirst es schon lernen,«
-rief die Tante lächelnd und dachte bei sich: >Kein Gedanke! Der Junge
-ist noch ein richtiges Kind: er weiß ja von gar nichts!< -- »Ja, ja,
-Iwan Fjodorowitsch!« fuhr sie laut fort, »eine bessere Frau als Marja
-Grigorjewna wirst du wohl nie finden. Außerdem hat sie dir ja doch gut
-gefallen. Die Alte und ich haben schon viel darüber gesprochen: sie wäre
-sehr froh, dich zum Schwiegersohn zu bekommen. Freilich weiß man noch
-nicht, was dieser alte Sünder Grigori Grigorjewitsch dazu sagen wird;
-aber wir werden nicht darauf achten, und sollte er dir etwa die Mitgift
-nicht herausgeben wollen, so würden wir ihn auf gerichtlichem Wege ....«
-
-In diesem Augenblick fuhr der Wagen in den Hof und die uralten Stuten
-lebten auf, als sie die Nähe des Stalles witterten.
-
-»Höre, Omeljko! laß die Pferde zuerst gut ausruhen und führe sie nicht
-gleich zur Tränke. Die Pferde sind ja noch ganz heiß. -- Also, Iwan
-Fjodorowitsch, ich rate dir, dir die Sache gründlich zu überlegen. Ich
-muß noch etwas in der Küche nachschauen: ich habe vergessen, das
-Abendbrot bei der Solocha zu bestellen und das nichtsnutzige Weib hat
-sicher nicht von selbst daran gedacht.«
-
-Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner gerührt. Marja Grigorjewna
-war zwar ein sehr nettes Fräulein: aber heiraten! .... Das erschien ihm
-so sonderbar und wundersam, daß er nicht ohne Schreck daran denken
-konnte. Mit einer Frau zusammen leben! .... das war doch ganz
-unbegreiflich! Er sollte nicht mehr allein in seinem Zimmer sein können,
-sondern sie würden immer zu zwei sein! .... Und der Schweiß trat ihm auf
-die Stirn, je mehr er sich in die Betrachtung vertiefte.
-
-Früher als sonst ging er zu Bett, aber trotz aller Bemühungen konnte er
-nicht einschlafen. Endlich suchte ihn der ersehnte Schlaf, dieser
-Ruhebringer und Tröster aller Menschen auf. Aber was war das für ein
-Schlaf! Unzusammenhängendere Träume hatte er noch niemals gesehen. Bald
-träumte er, rings um ihn rausche und drehe sich alles, und er selbst
-laufe und laufe atemlos dahin .... Schon verließen ihn die Kräfte ....
-Plötzlich aber packte ihn jemand am Ohr. »O je! Wer ist das?« -- »Das
-bin _ich_, deine Frau!« sprach eine lärmende Stimme zu ihm -- und er
-erwachte. Bald schien es ihm, er sei schon verheiratet und alles in dem
-Häuschen sei so absonderlich und so merkwürdig; in seinem Zimmer stehe
-statt eines einfachen Bettes ein Doppelbett und auf dem Stuhle sitze
-seine Frau. Es war ihm ganz eigentümlich zumute: er wußte nicht, wie er
-an sie herantreten, worüber er mit ihr sprechen sollte, und nun erst
-merkte er, daß sie das Gesicht einer Gans hatte. Zufällig drehte er sich
-um und sah eine zweite Frau, die ebenfalls einen Gänseschnabel hatte, er
-drehte sich auf die andere Seite um -- da stand eine dritte Frau, er
-wandte sich nach hinten -- da stand noch eine Frau. Da erfaßte ihn eine
-wilde Angst; er stürzte in den Garten, aber im Garten war es heiß, er
-nahm den Hut ab, und siehe: auch im Hute saß eine Frau. Schweiß bedeckte
-sein Gesicht; er wollte das Taschentuch aus der Tasche holen -- aber
-auch in der Tasche saß eine Frau; er zog sich die Watte aus dem Ohre --
-auch da saß eine Frau .... Dann hüpfte er wieder auf einem Bein, und die
-Tante sah zu und sprach mit würdevoller Miene: »Ja, jetzt kannst du
-hüpfen und springen, denn du bist ja jetzt ein verheirateter Mann.« Er
-eilte auf sie zu; aber die Tante war nicht mehr die Tante, sondern ein
-Glockenturm. Und er fühlte, wie jemand ihn an einem Strick auf den
-Glockenturm hinaufzog. »Wer zieht mich da hinauf?« fragte Iwan
-Fjodorowitsch klagend. »Ich ziehe dich, ich, deine Frau, denn du bist
-eine Glocke!« »Nein, ich bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch!«
-schrie er. »Nein, du bist eine Glocke!« sprach der Oberst des P--er
-Infanterieregiments im Vorübergehen.
-
-Oder er träumte, seine Frau sei gar kein Mensch, sondern ein wollener
-Stoff; er käme nach Mohilew in einen Laden, und der Kaufmann fragte ihn:
-»Was für einen Stoff wünschen Sie? Nehmen Sie doch Frau, das ist der
-modernste Stoff! Er ist sehr haltbar! Man macht jetzt Röcke daraus.« Und
-der Kaufmann maß und schnitt ein Stück von der Frau ab. Iwan
-Fjodorowitsch nahm sie unter den Arm und ging damit zum jüdischen
-Schneider. -- »Nein,« meinte der Jude, »das ist ein schlechter Stoff!
-Daraus läßt sich doch niemand einen Rock machen ....!«
-
-Voller Angst und ganz außer sich erwachte Iwan Fjodorowitsch; der kalte
-Schweiß troff nur so von ihm herunter wie ein Platzregen.
-
-Kaum war er aufgestanden, so wandte er sich sofort an sein Wahrsagebuch,
-dem ein tugendhafter Buchhändler in seiner seltenen Güte und
-Uneigennützigkeit noch einen kurzen Traumdeuter angehängt hatte. Aber
-dort stand nichts, was diesem sinnlosen Traume auch nur einigermaßen
-entsprochen hätte.
-
-Indessen aber reifte im Kopfe der Tante ein ganz neuer Plan, von dem Sie
-im nächsten Kapitel hören sollen.
-
-
-
-
- Der verhexte Ort
-
-
- Sage
- Erzählt vom Küster an der Kirche zu ***
-
-Bei Gott, ich hab' das Erzählen satt! Was glaubt ihr denn? Es ist
-wahrhaftig auch zu langweilig: man erzählt und erzählt, und kommt nie
-wieder davon los! Na, meinetwegen, ich will euch noch was erzählen, aber
-gebt acht, es ist das letztemal. Ja, ihr habt also davon gesprochen, daß
-ein Mensch mit dem unreinen Geiste fertig werden könne. Gewiß, das
-heißt, wenn man genauer zusieht, dann merkt man dennoch, daß es in der
-Welt allerhand sonderbare Vorfälle gibt .... Indessen sagt das nicht:
-will einen die Teufelsmacht blenden, so tut sie es, bei Gott, sie tut
-es! ..... Nun also, mein Vater hatte im ganzen vier Kinder; ich war
-damals noch ein Grünschnabel, und war erst elf Jahre alt ... Doch nein,
-ich war noch nicht elf Jahre alt, ich erinnere mich, wie wenn's heute
-wäre, daß ich einmal auf allen Vieren herumkroch und wie ein Hund zu
-bellen anfing, und wie da mein Vater den Kopf schüttelte und mich
-anschrie: »Ei, Foma, Foma! Es ist Zeit, daß man dich verheiratet, sonst
-wirst du noch so närrisch wie ein junges Maultier!«
-
-Mein Großvater war damals noch gesund und -- mag ihm in jener Welt der
-Schluckauf leicht werden -- noch ziemlich gut auf den Beinen. Wenn der
-nun manchmal so ..... Aber wozu erzähle ich euch das eigentlich? Der
-eine von euch wühlt schon seit einer Stunde im Ofen herum und sucht nach
-einer Kohle für seine Pfeife, und ein anderer ist in die Kammer
-gelaufen, um sich was zu holen ... Ach was! Wenn ich mich euch noch
-aufgedrängt hätte -- aber ihr habt ja selbst darauf bestanden .... Man
-hört entweder ordentlich zu oder gar nicht.
-
-Mein Vater war schon im Anfang des Frühlings in die Krim gefahren, um
-Tabak zu verkaufen. Ich kann mich nun nicht mehr daran erinnern, ob er
-zwei oder drei Wagen ausgerüstet hatte; aber der Tabak stand damals hoch
-im Preise. Er nahm meinen dreijährigen Bruder mit sich, um ihn
-frühzeitig an das Handwerk zu gewöhnen; wir dagegen: der Großvater, die
-Mutter, ich, ein Bruder und noch ein zweiter Bruder blieben zu Hause.
-Der Vater hatte dicht an der Landstraße ein Stück Land, das er bebaut
-hatte; er siedelte daher in seine Hütte auf dem Felde über, und nahm
-auch _uns_ mit, um ihm die Spatzen und die Elstern von den Feldern
-verscheuchen zu helfen. Man kann nicht sagen, daß es uns gerade schlecht
-ging. Den Tag über aß man sich so sehr an Gurken, Melonen, Rüben,
-Zwiebeln und Erbsen voll, daß es einem zumute war, als ob einem die
-Hähne im Bauche krähten. Dazu brachte es auch noch etwas ein: manch ein
-Reisender zog auf der Straße vorbei, und da wollte jeder gerne eine
-Wassermelone oder eine Zuckermelone kosten, oder man brachte von den
-umliegenden Vorwerken Hühner, Eier und Truthähne herbei und tauschte sie
-ein. Das war ein schönes Leben.
-
-Am meisten aber freute sich der Großvater, wenn jeden Tag an die fünfzig
-Frachtfuhrleute vorbeigezogen kamen. Das sind meist Leute, die was
-erlebt und erfahren haben: und dann ging ein Erzählen los, daß man nur
-so die Ohren aufsperren mochte! Für den Großvater aber war das halt, so
-wie Knödel für einen Hungrigen. Manchmal stieß er auf alte Bekannte, --
-denn meinen Großvater kannte jedermann, -- na, ihr könnt euchs ja wohl
-selbst denken, wie das ist, wenn die alten Leute zusammensitzen: dann
-geht's taratata und taratata, über dies und jenes, diese und jene
-Zeiten, da floß ihnen wohl der Mund über, wenn sie so anfingen, sich auf
-Anno dazumal zu besinnen.
-
-Einst ging der Großvater über Feld -- 's ist mir wahrhaftig, als wär's
-jetzt eben geschehen --; die Sonne war im Begriff unterzugehen, und
-Großvater war damit beschäftigt, die Blätter von den Zuckermelonen
-abzunehmen; er pflegte die Melonen nämlich den Tag über mit Blättern zu
-bedecken, damit sie nicht so in der Sonne brieten.
-
-»Schau, Ostap!« sagte ich zu meinem Bruder, »da kommen Frachtfuhrleute
-angefahren!«
-
-»Wo sind die Fuhrleute?« fragte der Großvater und machte ein Zeichen auf
-einer großen Melone, damit sie ihm die Buben nicht gelegentlich wegäßen.
-
-Und in der Tat, auf der Landstraße kamen so an die sechs Wagen
-dahergezogen. Vorn schritt ein Fuhrmann mit einem angegrauten
-Schnurrbart. Er kam uns -- nun, wie soll ich sagen, -- so etwa bis auf
-zehn Schritte nah' und blieb dann stehen.
-
-»Guten Tag, Maxim! Sieh nur, wo Gott uns wieder zusammengeführt hat!«
-
-Der Großvater kniff die Augen zusammen: »Ah! Guten Tag! Guten Tag! Woher
-des Wegs? Ist Boljatschka auch da? Grüß Gott, Bruder! Was Teufel! Da
-sind ja alle miteinander: Krutotrystschenko! Und Petzcherytzja, Kowelek
-und Stetzko! Grüß euch Gott! Haha, hoho! ...« Und alle umarmten und
-küßten sich.
-
-Die Ochsen wurden ausgespannt und auf die Wiese getrieben, die Wagen
-aber blieben auf der Landstraße stehen; alle setzten sich in einen Kreis
-zusammen und steckten sich ihre Pfeifchen an. Aber da kam keiner recht
-zum Rauchen! Vor lauter Erzählen und Klatschen kam kaum ein Zug auf
-jeden. Nach dem Essen begann der Großvater, die Gäste mit Melonen zu
-bewirten. Jeder nahm eine Melone und putzte sie hübsch mit dem
-Messerchen ab (das waren alles gerissene Kerle, die waren weit in der
-Welt herumgekommen, und hatten mancherlei erfahren, daher wußten sie
-auch, wie man in der vornehmen Welt ißt -- man hätte sie geradezu an
-einen herrschaftlichen Tisch setzen können), sie putzten die Melonen
-also hübsch ab, bohrten mit dem Finger ein Löchelchen in sie hinein,
-sogen den Saft raus, zerschnitten sie in Stücke und schoben sie in den
-Mund.
-
-»Und ihr, Jungens!« rief der Großvater uns zu, »was haltet ihr Maulaffen
-feil? Tanzt doch los, ihr Hundesöhne! Ostap, wo ist deine Schalmei? Nun
-also, einen Kosakentanz! Foma, die Hände auf die Hüften! Recht so! hei,
-hopp!«
-
-Ich war damals noch ein beweglicher Bursche. Ach ja, dieses verdammte
-Alter! Jetzt kann ich's nicht mehr so: anstatt zierliche Sprünge zu
-machen, stolpere ich über meine eigenen Beine. Lang schauten der
-Großvater und die Fuhrleute uns zu, und ich merkte, daß seine Beine
-nicht mehr ruhig bleiben wollten, gleich als ob jemand an ihnen zupfte.
-
-»Schau, Foma!« sagte Ostap, »der alte Knaster tritt wohl selbst noch zum
-Tanze an!«
-
-Was glaubt ihr? Kaum hatte er das gesagt, da konnte das Großväterchen
-wirklich nicht mehr an sich halten! Der wollte den Fuhrleuten nämlich
-zeigen, was er konnte. »Was, ihr Teufelskinder? tanzt man denn so? _So_
-tanzt man!« rief er, sprang auf die Beine, streckte die Arme vor und
-stampfte mit dem Hacken auf.
-
-Und in der Tat, man konnte nichts dawider sagen, er tanzte wahrhaftig so
-gut, daß er auch mit der Hetmansfrau hätte tanzen können. Wir traten ein
-wenig zur Seite, und nun begann der alte Knasterbart seine Beine auf dem
-glatten Plätzchen, das sich neben dem Gurkenbeet befand, in die Luft zu
-werfen. Kaum war er jedoch bis in die Mitte des Platzes gelangt -- und
-wollte nun erst richtig losgehen, wie ein Wirbel mit den Füßen
-dahinfahren und uns ein besonderes Kunststückchen zeigen -- da wollten
-die Beine plötzlich nicht vom Fleck und aus war es! War das ein
-sonderbarer Teufelsspuk! Er fing noch einmal an, gab sich einen Schwung,
-kam wieder bis zur Mitte, aber wieder ging es nicht weiter! Tu einer,
-was er will -- es ging und ging nicht! Die Beine waren plötzlich so
-steif wie ein Stück Holz. »So eine verteufelte Stelle, so ein
-Satansspuk! Da ist wohl gar der Herodes, dieser Feind des
-Menschengeschlechts mit im Spiel!« Und nun gar noch diese Schmach vor
-den fremden Lastführern! Er fing aber wiederum an, und begann von neuem
-mit ganz kleinen Schritten im Takt herumzuhüpfen, daß es nur so eine
-Freude war, es mit anzusehen; aber wie er bis zur Mitte kam, ging's
-wieder nicht weiter, und der Tanz wollte ihm durchaus nicht gelingen!
-»Ah, verdammter Satan! Daß du doch an einer faulen Melone erstickest!
-Als Kind schon sollst du krepieren, du Hundesohn! Mir in meinen alten
-Tagen noch eine solche Schmach anzutun ....« Und in der Tat, hinter ihm
-lachte jemand laut auf.
-
-Er sah sich um, das Feld und die Fuhrleute waren verschwunden, hinter
-ihm, vor ihm, und zu beiden Seiten sah man nichts als flaches Land. »He
-... da haben wir die Bescherung!« Er begann mit den Augen zu blinzeln,
-der Ort kam ihm nicht unbekannt vor: auf der einen Seite lag ein Wald,
-und hinter dem Wald ragte eine hohe Stange empor, die bis weit in der
-Ferne zu sehen war. Was Teufel! Das ist ja der Taubenschlag im
-Gemüsegarten des Popen! Auch von der anderen Seite schimmerte etwas grau
-herüber; er sah näher hin. Es war die Scheune des Gemeindeschreibers.
-Teufel auch, wohin einen die unreine Macht forttragen kann! Er lief ein
-paarmal hin und her und im Kreise herum und entdeckte endlich einen
-kleinen Pfad. Der Mond war unsichtbar, und an seiner Stelle blinkte ein
-weißer Fleck durch eine Wolke. »Morgen wird's sehr windig sein!« dachte
-der Großvater, da leuchtete plötzlich, etwas abseits vom Wege auf einem
-kleinen Grabe, ein Flämmchen auf. »Sieh mal an!« und der Großvater blieb
-stehen, stemmte die Hände in die Hüften und sah näher hin: nun war das
-Flämmchen erloschen, aber weiter und noch etwas weiter, da flackerte ein
-anderes auf. »Ein Schatz!« schrie der Großvater, »bei Gott, ich möchte
-alles darum geben, daß das ein Schatz ist!« Und schon wollte er sich in
-die Hände spucken, um nach dem Schatz zu graben, da fiel ihm ein, daß er
-ja weder Schippe noch Spaten bei sich hatte. »Schade, schade! Aber wer
-weiß? Vielleicht braucht man nur den Rasen wegzuräumen, und der
-Herzensschatz liegt gleich darunter! Na, da ist eben nichts zu machen!
-Merken wir uns wenigstens den Platz, daß wir's später nicht vergessen.«
-
-Er nahm einen mächtigen Ast, der offenbar vom Sturm zerbrochen worden
-war, wälzte ihn auf das Grab, auf dem das Licht gebrannt hatte, und ging
-seines Weges. Der junge Eichenwald lichtete sich; und ein geflochtener
-Zaun tauchte vor ihm auf. »Na also, hab' ich's nicht gleich gesagt, daß
-es die Trift des Popen ist!« dachte der Großvater, »da ist ja auch sein
-Zaun. Jetzt ist's keine ganze Werst mehr bis zu meinem Melonenfeld.«
-
-Er kam aber erst spät am Abend heim und wollte nicht einmal von den
-Klößen kosten. Er weckte meinen Bruder Ostap, fragte nur, ob die
-Fuhrleute schon lange fort seien, und wickelte sich dann in seinen
-Schafspelz. Mein Bruder wollte ihn ausfragen. »Wo haben dich denn heute
-die Teufel hingebracht, Großvater?« begann er.
-
-»Frage nicht,« sagte dieser, sich noch fester in seinen Pelz hüllend,
-»frage nicht, Ostap, vom vielen Fragen kriegt man graue Haare!« Und er
-fing so an zu schnarchen, daß die Sperlinge, die sich im Melonenfelde
-niedergelassen hatten, vor Schreck in die Luft aufflogen. Aber in
-Wahrheit schlief er gar nicht! Es ist nicht zu sagen, was das für eine
-schlaue Bestie war -- Gott hab ihn selig -- aber er verstand es
-vorzüglich, sich mit allem abzufinden. Manchmal konnt' er einem ein
-Liedchen singen, daß man sich nur so in die Lippen biß.
-
-Kaum aber brach der nächste Tag an, und kaum begann es im Felde zu
-dämmern, da zog der Großvater seinen Kittel an, legte den Gürtel um,
-nahm einen Spaten und eine Schaufel unter den Arm, setzte die Mütze auf,
-trank einen Krug Brotkwas, wischte sich die Lippen mit dem Rockschoß und
-ging geradewegs in des Popen Gemüsegarten. Er war schon am Zaun und an
-dem niedrigen Eichenwäldchen vorbei. Da schlängelte sich zwischen den
-Bäumen ein Pfad hin, der gerad ins Feld führte; offenbar derselbe, den
-er gestern entdeckt hatte. Er betrat das Feld -- es war dieselbe Stelle,
-wo er gestern gewesen war. Da ragte auch der Taubenschlag in die Höhe,
-aber die Scheune war nicht zu sehen. »Nein, das ist nicht der rechte
-Ort. Der liegt also etwas weiter; ich muß offenbar umkehren und auf die
-Scheune zugehen!« Er kehrte also um, und ging auf einem andern Wege
-weiter: jetzt war die Scheune zu sehen, aber nun war der Taubenschlag
-fort! Er kehrte also wieder um und näherte sich dem Taubenschlag, doch
-nun war wieder die Scheune verschwunden. Und nun begann, wie zu Fleiß,
-noch ein Regen herunterzurieseln. Er lief wieder nach der Scheune --
-aber der Taubenschlag war fort; oder zum Taubenschlag -- dann war die
-Scheune fort.
-
-»Verfluchter Satan, daß du es nie mehr erlebtest, deine Kinder zu
-sehen!« Der Regen aber rauschte in Strömen herab. Der Großvater zog sich
-die neuen Stiefel aus, wickelte sie in ein Tüchlein ein, damit sie sich
-nicht vor Nässe zusammenzögen und gab Fersengeld wie ein
-herrschaftlicher Renner. Er kroch, ganz durchnäßt bis auf die Knochen,
-in die Hütte, bedeckte sich mit dem Schafspelz und begann etwas durch
-die Zähne zu murmeln und den Teufel mit so lieblichen Worten zu
-traktieren, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gehört habe. Ich gestehe,
-ich wäre ganz rot geworden, wenn so etwas am helllichten Tage geschehen
-wäre.
-
-Am anderen Morgen erwache ich und sehe: der Großvater zieht auf dem
-Felde umher, als ob nichts geschehen wäre und bedeckt die Wassermelonen
-mit Blättern von Kletten. Beim Essen wurde der Alte erst wieder
-gesprächig und begann meinen jüngeren Bruder damit zu schrecken, daß er
-ihn gegen ein Paar Hühner umtauschen werde wie eine Wassermelone; nach
-Tisch schnitt er sich selbst eine Flöte aus Holz und fing an, auf ihr zu
-blasen; dann gab er uns eine Melone zum spielen, die ganz
-zusammengeschrumpft war wie eine Schlange, und die er eine türkische
-Melone nannte. Ich habe nie wieder eine solche Melone gesehen; er hatte
-den Samen von weit her gesandt bekommen.
-
-Abends, nach dem man gevespert hatte, ging der Großvater mit dem Spaten
-ins Feld, um ein neues Beet für die späten Kürbisse zu graben. Wie er
-nun an der behexten Stelle vorüberkam, da konnte er nicht an sich halten
-und murmelte durch die Zähne: »Verfluchter Ort!«, er trat in die Mitte
-des Platzes, wo er tags zuvor nicht hatte zu Ende tanzen können, und
-schlug wütend mit dem Spaten auf die Erde. Da lag plötzlich wieder
-dasselbe Feld vor ihm: auf der einen Seite ragte der Taubenschlag empor,
-auf der anderen stand die Scheune. »Noch gut, daß ich so klug war, einen
-Spaten mitzunehmen,« dachte er: »Da ist auch der Pfad, da ist das Grab,
-und da liegt noch der Ast! Sieh, da brennt ja auch das Flämmchen! Daß
-ich mich nur nicht irre!«
-
-Leise lief er herzu, hob den Spaten in die Höhe, als ob er einem Eber,
-der sich bis ins Feld verirrt hatte, einen Schlag versetzen wollte, und
-blieb vor dem Grabe stehen. Das Flämmchen war erloschen und auf dem
-Grabe lag ein mit Gras bewachsener Stein. »Diesen Stein muß ich heben!«
-dachte der Großvater und begann rings um ihn herum die Erde aufzugraben.
-Der verfluchte Stein war verdammt groß! Doch, nun stemmte er die Füße
-fest gegen die Erde und stieß ihn vom Grabe herab. »Bums --!« dröhnte es
-weit durch's Tal. »Nun sind wir dich los! Jetzt wird die Arbeit
-schneller gehen!« dachte der Großvater.
-
-Und der Alte machte ein wenig Halt, holte seinen Tabaksbeutel hervor,
-schüttete sich etwas Tabak auf die Faust und wollte ihn an die Nase
-bringen, als plötzlich über seinem Kopfe ein »Pschü!« ertönte und jemand
-so laut nieste, daß die Bäume zu schwanken begannen und das ganze
-Gesicht des Großvaters bespritzt wurde. »Du könntest dich doch auch
-abwenden, wenn du niesen willst!« rief der Großvater und rieb sich die
-Augen. Er sah sich um, aber es war niemand da. »Der Teufel liebt wohl
-den Tabak nicht!« fuhr er fort, steckte den Beutel wieder in die Brust
-und nahm den Spaten wieder in die Hand. »Er ist wirklich dumm genug
-dazu! Solch einen Tabak hat weder sein Großvater noch sein Vater je
-geschnupft!« Und er begann zu graben. Die Erde war weich, und der Spaten
-versank nur so in ihr. Jetzt klirrte etwas. Er schaufelte die Erde weg
-und erblickte einen Kessel.
-
-»Ah, Täubchen, hier also bist du!« rief der Großvater und schob den
-Spaten unter den Kessel.
-
-»Ah, Täubchen, hier also bist du!« piepte ein Vogel und pickte auf den
-Kessel.
-
-Der Großvater wich zur Seite und ließ den Spaten fallen.
-
-»Ah, Täubchen, hier also bist du!« blökte ein Hammelkopf von einem
-Baumwipfel herab.
-
-»Ah, Täubchen, hier also bist du!« brüllte ein Bär, seine Schnauze
-hinter dem Baum hervorschiebend.
-
-Den Großvater überlief es kalt. »Hier hat man ja rein Angst, noch ein
-Wort zu sagen«, brummte er vor sich bin.
-
-»Hat man ja rein Angst, ein Wort zu sagen!« piepte der Vogelschnabel.
-
-»Angst, ein Wort zu sagen!« blökte der Hammelkopf.
-
-»Wort zu sagen!« brüllte der Bär.
-
-»Hm ....« machte der Großvater, und schrak zusammen.
-
-»Hm!« piepte der Vogel.
-
-»Hm!« blökte der Hammelkopf.
-
-»Hum!« brüllte der Bär.
-
-Voll Angst blickte der Großvater um sich: O Gott, was für eine Nacht!
-Weder Mond, noch Sterne; und ringsumher nichts wie Schluchten; ihm zu
-Füßen lag ein schier bodenloser Abgrund, ihm zu Häupten hing ein Fels
-herab, der gerade auf ihn herunterstürzen wollte! Und es deuchte den
-Großvater, als blinzelte ihn hinter dem Felsen eine Fratze an: Hu! Hu!
-Die hatte eine Nase wie der große Blasebalg in der Schmiede; die Nüstern
-waren so groß, daß man einen Eimer Wasser in jede hinein gießen konnte,
-und zwei Lippen hatte sie, bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten
-Augen glotzten nach oben und dazu steckte sie noch die Zunge heraus und
-bläkte ihn an! »Hol dich der Teufel!« rief da der Großvater und warf den
-Kessel hin. »Da hast du deinen Schatz! Solch eine widerwärtige Fratze!«
-Und schon wollte er Reißaus nehmen, aber da sah er sich um, und siehe
-da, es war alles wie früher. »Der Satan will mich nur schrecken!« dachte
-er sich.
-
-Er ging wieder daran, den Kessel auszugraben -- doch nein, er war zu
-schwer! Was war da zu machen? Er konnte ihn doch nicht etwa da lassen!
-So nahm er denn alle Kraft zusammen und packte ihn mit beiden Händen:
-»Nun also, eins -- zwei, drei!« und er hatte ihn emporgehoben. »So,
-jetzt nehmen wir mal erst eine Prise!« dachte er sich.
-
-Er holte den Tabaksbeutel hervor. Zuerst aber sah er sich um, ob auch
-niemand da war. Nein, es war niemand da, so schien es wenigstens! Aber
-auf einmal kam es ihm so vor, als ob der Baumstamm ihn anfauchte und
-sich aufblies, zwei Ohren traten hervor, ein Paar rote Augen quollen
-heraus, die Nüstern bliesen sich auf und eine Nase zog sich kraus, als
-wollte sie niesen. »Nein, ich will lieber doch nicht schnupfen!« dachte
-der Großvater und steckte den Tabak wieder ein. »Sonst spuckt mir der
-Satan wieder in die Augen!« Er ergriff also schnell den Kessel und
-begann aus allen Leibeskräften zu laufen, da fühlte er, wie ihm von
-hinten jemand wie mit Ruten auf die Beine schlug ..... »O je, o je!«
-schrie der Großvater und rannte weiter, als ob er nicht gescheit wäre;
-erst als er an des Popen Gemüsegarten vorbeikam, schöpfte er wieder ein
-wenig Atem.
-
-»Wo mag nur der Großvater geblieben sein?« dachten wir, nachdem wir drei
-Stunden auf ihn gewartet hatten. Die Mutter war schon längst vom Vorwerk
-zurückgekommen und hatte einen Topf mit heißen Klößen mitgebracht. Der
-Großvater aber kam und kam nicht! Wir setzten uns also allein hin, um zu
-vespern. Nach dem Abendessen wusch die Mutter den Topf und suchte mit
-den Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht ausgießen konnte; denn
-ringsum gab es nichts als Beete, da sieht sie auf einmal, wie ihr eine
-Tonne entgegengerollt kommt. Es war ziemlich dunkel. Sicherlich hatte
-sich jemand von den Burschen mutwillig hinter die Tonne gesteckt und
-schob sie vor sich hin. »Ei, da kann ich ja das Spülicht in die Tonne
-gießen,« sagte sie und goß das heiße Spülicht hinein.
-
-»O weh!« schrie da eine tiefe Baßstimme auf. Sieh da. Es war der
-Großvater! Ja, wer konnte denn das wissen! Bei Gott, wir dachten
-einfach, ein Faß käme herangerollt! Offen gestanden, wenn's auch eine
-Sünde ist, aber es war wirklich furchtbar komisch, als der graue Kopf
-des Großvaters ganz von Spülicht triefend und mit Melonenschalen behängt
-hervorschaute.
-
-»So ein Teufelsweib!« rief der Großvater und wischte sich den Kopf mit
-dem Rockschoß ab. »Wie die mich verbrüht hat, rein wie ein Schwein vor
-Weihnachten! Na, Jungens, jetzt sollt ihr aber Bretzeln bekommen. Ihr
-sollt nur in goldenen Schupans herumlaufen, ihr Hundesöhne. Seht her!
-Seht, was ich euch mitgebracht habe!« rief der Großvater und deckte den
-Kessel auf.
-
-Und was glaubt ihr wohl, was drin war? Überlegt's euch wohl, hört ihr --
-ihr denkt wohl: Gold? Aber das ist's ja eben, daß es kein Gold war:
-Mist, Unrat und sowas ..... Es ist eine Schande zu sagen, was alles da
-drin war. Der Großvater spuckte aus, warf den Kessel hin und wusch sich
-die Hände.
-
-Und seit der Zeit beschwor uns der Großvater, niemals dem Teufel zu
-trauen. »Denkt lieber gar nicht dran!« sagte er oft zu uns. »Alles, was
-der Feind Jesu Christi spricht, hat er erlogen, dieser Hundesohn! Der
-hat auch nicht für einen Deut Wahrheitsliebe!« Und kaum vernahm der
-Alte, daß es irgendwo rumore, so rief er uns schon zu: »Schnell Kinder,
-machen wir ein Kreuz darüber! So, so, so geschieht's ihm recht! Tüchtig
-soll er's kriegen!« und dann legte er los mit dem Kreuzschlagen. Jenen
-verhexten Ort aber, an dem er nicht zu Ende tanzen konnte, ließ er
-umzäunen und ließ von da ab alles, was man nicht brauchen konnte, also
-den ganzen Schutt und Unrat, den er auf dem Felde ausgrub, dort
-hinwerfen.
-
-So also foppte des Satans Macht den Menschen! Ich kenne diesen Ort sehr
-gut: später haben ein paar Kosaken aus der Nachbarschaft ihn von meinem
-Vater gepachtet, um ihn zu bebauen. Der Boden ist prachtvoll, und die
-Ernte war immer ganz herrlich; aber von einem behexten Orte kann ja nie
-Gutes kommen. Man sät etwas, was man braucht, dann aber geht etwas auf,
-wovon nur der Teufel weiß, was es ist: Es ist kein Kürbis, keine Melone
-und auch keine Gurke ..... Weiß der Teufel, was es ist.
-
-
-
-
- Biographische Skizze
- von
- B. Schenrock
-
-
- Übersetzt von _Alexandra Ramm_
-
-Nikolaj Wassiljewitsch Gogol, der mit vollem Recht als einer der großen
-schöpferischen Geister im Gebiete der Wortkunst anerkannt wird, hat
-sich, wie bekannt, seinen Anspruch auf Unsterblichkeit nicht nur durch
-die großen Qualitäten seiner Werke, sondern auch durch die entscheidende
-Wirkung erworben, die er als richtunggebende Kraft auf die gesamte
-Entwicklung des russischen Schrifttums ausübte. Als ein Schriftsteller,
-der der Literatur unschätzbare Dienste erwies: indem er sie von der
-Nachahmung befreite und sie endgültig auf die Darstellung des wirklichen
-Lebens richtete, hat Gogol sich für immer einen der ersten Plätze in der
-Literaturgeschichte gesichert, wie groß auch die Verdienste seiner
-Nachfolger sein mögen.
-
-Die persönlichste Note Gogols, des Menschen wie des Dichters, ist die
-unbezweifelbare Eigenart seiner Erscheinung, dies Wort in seinem
-höchsten Sinne genommen. Ihr hat er es zu verdanken, daß er fast allein
-durch sein natürliches Temperament die hohe Vollkommenheit erreichte,
-die seine Werke auszeichnet. Es ist kaum möglich, einen ähnlich
-bedeutsamen Vertreter der russischen Literatur zu nennen, der in gleich
-geringem Maße fremden Einflüssen verpflichtet ist.
-
-Gogol war ein echter Kleinrusse. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der großen
-russischen Dichter war er sowohl seiner Abstammung wie seiner Erziehung
-nach fast gänzlich frei von jeder Beimischung fremder Einwirkungen. Mit
-den frühesten Eindrücken seiner Kindheit sog er zugleich alle nationalen
-Eigenheiten des Kleinrussentums ein, als er noch die Luft seiner
-heimatlichen, so inniggeliebten Ukraine atmete. Immer blieb ihm
-Kleinrußland, das der Gegenwart wie der Vergangenheit, teuer und er
-forschte lebhaft nach seinen Ahnen, wenn auch nicht in dem Sinne
-genealogischen Nachspürens. Im Gegenteil: Gogol empfand aufs tiefste den
-_dichterischen_ Zauber der Erinnerung an die Ahnen, dem er in folgenden
-tief gefühlten Zeilen Ausdruck gab: »O Vergangenheit, Vergangenheit!
-Welch ein Jubel, welch eine Befreiung erfüllt unsere Seele, wenn wir von
-dem hören, was vor langer, langer Zeit, vor Jahr und Tag einmal in der
-Welt geschah! Und wenn nun noch ein Blutsverwandter, ein Großvater oder
-Urgroßvater an jenen Ereignissen teilnahm, ah -- dann verstummt der
-sonst so beredte Mund.« Wir wollen hier nicht die Geschichte Ostaps
-erzählen, der vermutlich ein Ahne Gogols war und bemerken nur, daß diese
-echt kleinrussische Familie, wenn auch nur für kurze Zeit, mit zweien
-ihrer Mitglieder in die Reihen der polnischen Schlachta eingetreten war,
-was eine Erklärung für den zweiten polnischen Namen liefert, dem die
-Gogols dem ihren anfügten: Gogols Urgroßvater hieß Jan, nach ihm nannten
-sie sich auch Janowski, und ihr Erbgut im Kreise Mirgorod,
-Regierungsbezirk Poltawa, erhielt den Namen Janowschtschina (wie ein
-anderes Gut, Wassiljewka, seinen Namen nach Gogols Vater Wassilij
-erhalten hatte). Später war Gogol bemüht, diesen zweiten Namen
-abzulegen, denn er behauptete, daß »die Polen« dieses Anhängsel erfunden
-hätten.
-
-Und doch war Gogol den Professoren und Mitschülern fast ausschließlich
-unter dem Namen Janowski bekannt. Schon der Sohn Jan Gogols war
-griechisch-katholisch geworden; er wurde in der Kiewer Akademie erzogen
-und trat sogar in den geistlichen Stand ein; sein Enkel, der Großvater
-unseres Dichters, war den Zeugnissen nach, die sich erhalten haben, ein
-echter Kleinrusse. Für uns hat die Bekanntschaft mit den Ahnen Gogols
-vor allem die Bedeutung, daß sie uns von der Überlieferung alle als
-hochbegabte Menschen geschildert werden -- jedenfalls waren sie keine
-gewöhnlichen Erscheinungen. Auch der Vater Gogols, Wassilij
-Afanaßjewitsch, war ein außerordentlich begabter und herzensguter
-Mensch, mit einem lebendigen und wißbegierigen Verstand, literarischen
-Neigungen und einem ausgesprochenen Erzählertalent. Sorglos und geliebt
-von Nachbarn und Freunden begnügte er sich mit seinem bescheidenen
-Familienglück und träumte nie von dem lockenden Ruhm des Dichters. Ein
-Zufall, die Übersiedelung nach dem Gute des bekannten kleinrussischen
-Magnaten Troschtschinsky, einem Verwandten seiner Frau, Kibinzu,
-erschloß der dichterischen Begabung Wassilij Afanaßjewitschs ein
-würdigeres Feld. Dank der weitherzigen Gastfreundschaft Troschtschinskys
-war dieser immer von Freunden umringt: stets standen Zimmer und ganze
-Flügel für die Ankömmlinge bereit. In seinem Hause herrschte ewiger
-Feiertag: man musizierte, spielte Theater, arrangierte Feste -- und
-alles war immer von einer erregten Atmosphäre von Freude und Glanz
-umgeben. Nicht minder hing man in diesem Schlosse geistigen Interessen
-nach: selbst bloße Vergnügungen trugen das Merkmal vollendeten Taktes
-und Geschmacks, und keiner widerstand dem bezaubernden Eindruck des
-Ganzen. Gogols Eltern wurden hier gern gesehen, und man schien in diesem
-zeitgenössischen Athen dem alltäglichen Leben ganz entrückt zu sein.
-
-Am 19. März 1800 wurde W. A. Gogol, das ältere von den zwei am Leben
-gebliebenen Kindern, unser Dichter, geboren. Von dem ersten Tag an war
-er der Abgott der Familie, vor allem der Mutter, deren Güte und
-Freundlichkeit allgemein hochgeschätzt wurde. Es ist selbstverständlich,
-daß der Knabe von seinen Eltern mit zartester Sorgfalt behütet wurde,
-und so wuchs er mitten unter Gutsherrn und Bauern alten Schlages auf.
-Schon als Kind hatte ihm die Natur eine außerordentliche
-Beobachtungsgabe verliehen, und so prägte sich ihm von früher Jugend an
-das Bild eines kleinrussischen Dorfes ein: unmerklich schleichen sich
-die kleinrussischen Sagen, Sitten und Tänze in sein Herz. Auf dem Gute
-Troschtschinskys lernt er vieles kennen, was ihm in der Enge seines
-väterlichen Hauses ewig unbekannt geblieben wäre. Und hier erlebte er
-seinen ersten künstlerischen Genuß: als er bezaubert den Dramen
-Kotlarewskis zuschaute, die von Leibeigenen auf dem Haustheater gespielt
-wurden. Mit zehn Jahren brachte man ihn nach Poltawa, um ihn dort für
-sein späteres Studium vorbereiten zu lassen; bald jedoch wurde er nach
-Njäschin geschickt in das »Gymnasium der höheren Wissenschaften,« wo er
-vom Mai 1821 bis Juni 1828 als Schüler verblieb. In der Schule machte
-der kränkliche, nicht allzufleißige Knabe, der seine geringe Zuneigung
-zu den Wissenschaften durch eine innige Hingabe an allerlei kleine
-Streiche und Neckereien ersetzte, weder auf seine Altersgenossen noch
-auf die älteren Schüler einen besonders guten Eindruck: die einen
-lachten ihn als einen Spaßmacher aus, die andern verachteten ihn als
-einen Faulenzer. Der natürlichen Begabung des Knaben, die sich vorläufig
-nur dadurch kundgab, daß er den Lehrern treffende Spitznamen gab und
-ihre Eigenheiten geschickt nachahmte, schenkte keiner irgendwelche
-ernstere Beachtung: aber die von ihm erfundenen Spitznamen werden von
-den andern sogleich aufgegriffen, und alles belacht seine närrischen
-Streiche, wenn auch keiner glaubt, daß sich hierin irgend etwas
-ungewöhnliches ausdrückt. In dieser Zeit faßt er plötzlich eine
-leidenschaftliche Hinneigung zur Malerei, wohl auch zu Büchern: aber
-bald beherrscht das Theater widerspruchslos seine Sehnsucht. Er bemüht
-sich, im Njäjiner Lyzeum kleine Aufführungen zu arrangieren und als
-Schauspieler gelingen ihm vor allem die Rollen der komischen Alten.
-Seine Leidenschaft entflammte auch seine Kameraden. Bald gibt er eine
-Schülerzeitschrift heraus und träumt von seiner Zukunft, die sich in
-lichten Farben vor ihm eröffnet. Als er sechzehn Jahre alt ist, stirbt
-sein Vater plötzlich. Dadurch wird seine Entwicklung entscheidend in
-eine andere Bahn gelenkt. Aus dem spielerischen Knaben wird unversehens
-ein Jüngling. Sein und seiner Angehörigen Schicksal, dem er sich ganz
-widmen will, bemächtigt sich seiner Phantasie: vor allem will er der
-jüngeren Schwester den Vater ersetzen. Noch immer sind seine
-Fortschritte in der Schule gering, nur für Geschichte wird ein größeres
-Interesse bei ihm bemerkbar, ebenso für die Poesie, wenn ihn auch der
-Literaturunterricht im Gymnasium wenig anzieht. Er macht sich über den
-Professor, dessen vorsintflutliche Anschauungen noch in der »guten alten
-Zeit« wurzeln und der Puschkin verachtet, lustig ... Und dann erwacht
-die jugendliche Sehnsucht nach Freundschaft in ihm. Außer seiner
-Knabenfreundschaft mit Danilewski, dem Sohne des Gutsnachbars, gewinnt
-er noch Wyssozki und die Brüder Prokopowitsch zu Freunden. Die letzten
-Jahre der Schulzeit eilen schnell vorüber; Wyssozki, der die Schule
-absolviert hat, reist nach Petersburg, und Gogol, der oft mit dem
-Freunde von der Hauptstadt im Norden geträumt hat, sehnt sich heiß nach
-den Ufern der Newa. Seine Träume zaubern ihm das herrliche Leben in
-Petersburg vor, wo die großen Ziele locken: gereizt empfindet er das
-Provinzielle seiner Umgebung. Seine scharfe Beobachtungsgabe verbindet
-sich mit schneidendem Humor zu bissigen Ironien. Aus den kühnen Träumen
-der Jugend gestaltet sich das Idyll »Hans Küchelgarten«. Endlich naht
-die Zeit der Abschlußprüfung. Gogol fühlt, daß er noch große Lücken
-auszufüllen hat und beginnt angestrengt zu arbeiten. In den Briefen an
-seine Mutter, die in dieser Zeit geschrieben sind, macht er der Schule
-bittere Vorwürfe, daß sie ihn so lange aufgehalten hat, ohne ihm sichere
-Kenntnisse beizubringen. Aber endlich besteht er die Prüfling.
-
-Er kehrte auf kurze Zeit in seine Heimat zurück, um dann mit seinem
-treuen Kameraden Danilewski nach Petersburg zu fahren. Bald enttäuscht
-die grausame Wirklichkeit die großartigen Träume der Jugend: statt in
-einem großen Zimmer mit hohen Fenstern auf die Newa hinaus zu wohnen,
-muß er sich mit einem Raum in einer höheren Etage in einer viel
-prosaischeren Gegend begnügen; die hohen Preise machen ihn
-niedergeschlagen. Die Empfehlungsbriefe, mit denen ihn die sorgliche
-Mutter ausgerüstet hatte, öffnen ihm zwar die Häuser einiger angesehener
-Personen, bleiben aber ohne jegliches praktisches Resultat. Er leidet
-Not und muß im Winter mit einem Sommermantel herumlaufen. Er muß allen
-Vergnügungen entsagen: nicht einmal das heißgeliebte Theater kann er
-besuchen ... Er fühlt sich tief unglücklich und mit fieberhafter Eile
-unternimmt er einen Versuch nach dem andern; aber alles mißglückt ihm.
-Er erinnert sich der Erfolge, die er auf der Bühne des Schultheaters
-errungen hatte und läßt sich als Schauspieler prüfen: aber sein Organ,
-klar und jeder Übertreibung bar, macht auf die zeitgenössischen
-Theateraristarchen einen ungünstigen Eindruck. Er selbst bemerkt es
-während der Probe und entfernt sich heimlich, ohne das Resultat
-abzuwarten. Dann fiel es ihm ein, sein Idyll »Hans Küchelgarten« drucken
-zu lassen, aber die Kritik nahm es kühl auf, und der gekränkte Dichter
-warf eiligst seinen Erstling in die Flammen. Inzwischen war ihm aber das
-Interesse der Petersburger für alles Kleinrussische aufgefallen, und der
-unternehmungslustige Jüngling beschäftigt sich mit dem Plan, die
-Komödien seines Vaters aufzuführen. Ebenso beginnt er, mit Hilfe der
-Mutter und seiner Freunde näheres Material für einige geplante
-kleinrussische Erzählungen zu sammeln, die er auch wirklich
-niederschreibt und die unter dem Namen »Abende auf dem Gutshof bei
-Dikanka« bald eine umfassende Popularität erlangten. Über seine Stimmung
-zu dieser Zeit mögen einige Zeilen Auskunft geben, die einem
-gleichzeitigen Brief an seine Mutter entnommen sind: »Ist das eine ein
-Mißerfolg, kann man zum andern greifen, und mißglückt das auch -- dann
-zum dritten usw. Das Kleinste kann manchmal eine große Hilfe bedeuten.«
-In dieser Stimmung reifte plötzlich der Plan in ihm, ins Ausland zu
-reisen -- in das Ausland, von dem er seit seiner Schülerzeit zu Njäschin
-geträumt hatte! Er sehnte sich nach einem phantastischen Land des Glücks
-und der schöpferischen Arbeit. Aber auch diesmal enttäuschte die
-Wirklichkeit die farbige Glut seiner Jugendträume. In der »Beichte des
-Dichters« bekannte er, daß »er sich kaum auf dem Meere, auf dem Dampfer,
-unter fremden Menschen« befand, als schon die frohen Träume von einem
-glücklichen exotischen Leben in nichts zerflossen. Kaum hatte er sich
-flüchtig umgesehen, kaum hatte er Lübeck, Travemünde, Hamburg kennen
-gelernt, als er schon zurück nach Petersburg eilte. (Nach A. S.
-Danilewskis Angabe war Gogol aus Petersburg fortgefahren, um sich in
-Amerika anzusiedeln.) Bald nach seiner Rückkehr erhielt er eine Stellung
-im Apanagen-Departement. So kläglich hatten seine herrlichen
-Dichterträume geendet. Und gerade diesen Ausgang hatte er wie das Feuer
-gefürchtet, und mit allen Kräften sträubte er sich gegen den Gedanken,
-daß »das Schicksal ihm ein düsteres Heim des Ungekanntseins zugedacht
-hätte«.
-
-Inzwischen aber gediehen die »Abende auf dem Gutshof bei Dikanka«
-fleißig weiter; außerdem begann Gogol seine ersten literarischen
-Versuche in Zeitschriften zu veröffentlichen und Beziehungen zu
-Schriftstellern anzuknüpfen. So war er endlich auf der Bahn, die zu
-einer Verwirklichung seiner Träume führen konnte. Delwig, Schukowski,
-Pletniew -- vor allem der letztere -- erkannten seine glänzende Begabung
-und entwickelten für seine Zukunft eine geradezu väterliche Besorgnis.
-Pletniew verschaffte ihm eine Stellung als Geschichtslehrer am
-»Patriotischen Institut,« wo er selbst Geschichtsunterricht erteilte,
-und ebenso einige Stunden in vornehmen Häusern. Er war es auch, der ihn
-mit Puschkin bekannt machte. Noch ein paar Mißerfolge hatte Gogol zu
-überwinden, und dann erhaschte er das Glück, das phantastische,
-zauberhafte Glück ... Plötzlich fühlte er sich in die Sphäre der höheren
-literarischen Welt gehoben ... aussichtsreiche Beziehungen eröffneten
-sich ihm. Vor allem befreundete er sich mit dem vielumworbenen Fräulein
-A. O. Rosset, der späteren Frau Smirnowa. Ihre gemeinsame heiße Liebe
-zur Ukraine hatte sie zusammengeführt, und das war für ihn um so
-bedeutungsvoller, als sich sein Verhältnis zur Heimat in den seelischen
-Erschütterungen der letzten Jahre wesentlich verändert hatte. War es
-früher seine leidenschaftliche Sehnsucht, nur schnell in die Hauptstadt
-zu kommen, so sehnte er sich jetzt aus den schweren Enttäuschungen der
-großen Stadt in seine geliebte Ukraine zurück, obwohl er die Bedeutung
-Petersburgs für seine Zukunft wohl erkannt hatte. Im Jahre 1831 gab er
-unter dem ihm von Pletniew empfohlenem Pseudonym Rudy Panjko die »Abende
-auf dem Gutshof bei Dikanka« heraus. Den Sommer verbrachte er in
-Zarskoje Selo, in glücklicher Gemeinschaft mit Puschkin und Schukowski.
-(Nunmehr war er überhaupt einer »derer um Puschkin« geworden.) Erst im
-Sommer 1832 benutzte er seine Ferien, um die Heimat aufzusuchen. Eine
-neue Idee hatte sich um diese Zeit seiner bemächtigt: er wollte eine
-Komödie schreiben, deren Stoff dem alltäglichen Leben entnommen sein
-sollte. Seine eminente Beobachtungsgabe mußte einmal einen solchen
-Gedanken gebären, um sich vollkommen entladen zu können: durch sie
-wurden Züge seiner Umgebung hell bestrahlt, die dem gewöhnlichen Blick
-für immer verborgen bleiben, obwohl sie in Wahrheit die am tiefsten
-charakteristischen sind. Das zeitgenössische Repertoire bestand in der
-Mehrzahl aus affektierten Dramen und Tragödien: teils waren es lärmende
-Trauerspiele im pseudoklassischen Geschmack, teils anspruchslose
-Komödien, die, ohne jede Bedeutung, nur der Abwechslung dienten. Es kann
-nicht stark genug betont werden, daß in dieser Lage Gogols Plan geradezu
-eine Offenbarung bedeutete: und wenn um Gogols schöpferischer Stellung
-in der Literatur vielleicht gestritten werden kann, so kann über seine
-Bedeutung für die dramatische Kunst nicht der geringste Zweifel
-herrschen. Denn die Entwicklung des russischen Dramas kann selbst durch
-so starke ästhetische Schöpfungen wie Puschkins »Geizige Ritter«,
-»Mozart und Salieri« oder »Der steinerne Gast« nicht erklärt werden:
-überall wird man der entscheidenden Einwirkung Gogols begegnen. Seine
-Ansicht von der Bedeutung des Dramas, die ihm aus tiefstem Innern
-zugeflossen war, war so selbstständig und neu, daß sie ihm bei einem
-vorübergehenden Aufenthalt in Moskau die gerühmten Produkte der
-zeitgenössischen dramatischen Literatur ganz bedeutungslos erscheinen
-ließ; diesen Aufenthalt in Moskau -- übrigens auf seiner Reise in die
-Heimat -- benutzte er, um literarische Beziehungen anzuknüpfen, die er
-sich vorher sorgfältig ausgewählt hatte und von denen er eine Förderung
-seiner dramatischen Absichten erwarten konnte, oder die ihm bei einer
-praktischen Ausnutzung seiner Geschichtsstudien behilflich sein konnten.
-Gogols Ansichten frappierten allgemein und selbst ein so kultivierter
-Kenner des Theaters wie S. T. Aksakow war von einigen gelegentlichen
-Äußerungen aufs tiefste überrascht, deren tiefe Wahrheit er trotz ihrer
-scheinbaren Seltsamkeit sofort einsah. In Moskau kam Gogol mit M. P.
-Pogodin und seinen Landsleuten Maximowitsch und dem Schauspieler
-Schtschepkin in nähere Berührung. Seine Rückkehr in die Heimat
-bereicherte ihn um viele trostlose Erfahrungen: er kehrte ja nicht mehr
-als der glückliche, von lichten Träumen erfüllte Jüngling zurück, als
-der er vor drei Jahren mit Danilewski fortgezogen war. In diesen drei
-Jahren hatte er etwas köstliches verloren: die frohen Träume der Jugend.
-Die Träume der Jugend, die voll blühender Sehnsucht die Welt als einen
-Triumphpfad träumt, mit bunten Blumen überschüttet. Aber der rosa
-Vorhang ist gesunken, und nackt starrt vor dem bestürzten Auge die kahle
-Mittelmäßigkeit des Alltags. Und Gogol erfüllt die ernste Tragik des
-Lebens, die sich unter dem grauen Einerlei des Weltlaufs verbirgt.
-Alles, was ihm der Traum in verlockenden Bildern gemalt hat, was in der
-Ferne ihm begehrenswert erschienen war -- alles zeigte sich noch
-nichtiger und trostloser, als es ihm vor drei Jahren erschienen war. Und
-in der Nähe wartete das gleiche Petersburg auf ihn: aber ohne die
-magische Aureole, die es ihm vor drei Jahren verklärt hatte. Das alles
-drückt sich in der veränderten Stimmung seiner nächsten Werke aus:
-deutlich scheidet sich schon »Mirgorod« hierin von den »Abenden auf dem
-Gutshof bei Dikanka,« die in allem die zärtliche Verklärung der Jugend
-atmen. Aber kaum ist er wieder in Petersburg angelangt, als er sich
-schon den Traum einer neuen glücklichen Zukunft ausmalt: er will nach
-Kiew gehen, um sich dort um die Geschichtsprofessur an der eben
-eröffneten Universität zu bewerben. Erfüllt von dem Gefühl seiner
-reichen inneren Kräfte, durchdrungen von der Überzeugung, die im Kreise
-Puschkins alle beherrschte, daß das Genie der Masse und ihrer Meinung
-absolut überlegen sei -- hatte er sich nie ernste Gedanken über die
-Verantwortlichkeit einer akademischen Stellung gemacht. Er war fest
-überzeugt, daß allein durch die Kraft der lebendig-bildlich-bewegten
-Vorstellung die Künste der »welken Schulmeister« in Schatten gestellt
-würden. Nachdem er sich mit Puschkins und Schukowskis Hilfe den
-Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Petersburger
-Universität erobert hatte, hielt er es natürlich auch nicht für nötig,
-sich für die bevorstehenden Vorlesungen ernsthaft vorzubereiten: statt
-dessen überläßt er sich der geliebten Arbeit des dichterischen
-Schaffens. In dieser Zeit schreibt er den »Revisor.« Sein
-Selbstvertrauen wächst maßlos: er denkt daran, eine Geschichte
-Kleinrußlands im Mittelalter zu schreiben. Das Resultat ist nicht
-anders, als man erwarten konnte: in seiner Universitätszeit entstehen
-dichterische Schöpfungen von hohem Werte, würdig seines Talents -- aber
-seine wissenschaftlichen Pläne scheitern jammervoll, und seine
-Vorlesungen sind, wenn man von einigen wirklich glänzenden absteht,
-flüchtig und mittelmäßig. Die Hörer verlieren Achtung und Vertrauen vor
-ihrem Professor, und wenn sie ab und zu in sein Auditorium hineinsehen,
-geschieht es nur, um sich »durch seine phantastische Diktion unterhalten
-zu lassen.« Gogols Professur endete mit einem vollständigen Fiasko,
-zumal er seine Vorlesungen bald aus Mangel an gelehrtem Material
-ausfallen lassen mußte. Und da gerade zu dieser Zeit die Anforderungen
-an die Professoren erhöht wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als
-seinen Abschied zu nehmen. Kurz vorher hatte er auch die Stunden im
-»Patriotischen Institut« verloren.
-
-Nach diesen Mißerfolgen richtete er all seine Kraft auf die Aufführung
-des »Revisors«. Am 19. April 1836 wurde dieses große Werk, das bis heute
-noch eine hohe Zierde der russischen Bühne ist, endlich zum erstenmal
-gegeben. Anders als jene Dutzendautoren, deren kühnste Hoffnung nur bis
-zum freundwilligen Applaus des Publikums reicht, blickte Gogol auf die
-Bühne: mit tiefer Angst und Wehmut verfolgte er das Schicksal seines
-Werkes, in das er seine ganze Seele, seine edelsten Kräfte gelegt hatte.
-Die Pfeile der Komödie trafen scharf ins Ziel, und im Publikum wogte
-eine außerordentliche Erregung gegen das Werk. Kaiser Nilolaj
-Pawlowitsch, der bei der ersten Vorstellung des Revisors anwesend war,
-entschlüpften folgende denkwürdige Worte: »Das ist ein Stück! Alle haben
-ihr Teil bekommen -- aber ich am meisten!« Von tiefer Anteilnahme für
-die schonungslose Entblößung sozialer Schäden erfüllt, ebnete der Kaiser
-durch seine Protektion dem Werk den Weg zur Bühne. Aber statt daß der
-Dichter über eine so offensichtliche Wirkung erfreut ist, ist er
-überrascht und niedergeschlagen und wehmütig ruft er aus: »Herrgott,
-wenn nur einer oder zwei geschimpft hätten -- Gott segne sie. Aber alle
-... alle!« Bitter beklagt er sich bei seinen Freunden, daß alle das Werk
-schmähten und doch abends in die Vorstellung liefen. Die Aufführungen
-werden durch die üblichen Schikanen und Intriguen der Theaterbehörden
-immer wieder gestört: und das alles bringt den Kelch schließlich zum
-Überlaufen. Von den schweren Erlebnissen der letzten Jahre gequält und
-zerrüttet, reist er mit seinem unzertrennlichen Freunde Danilewski ins
-Ausland, um dort Ruhe und Zerstreuung zu finden.
-
-Trotz der vielen Mißerfolge blickt er mit unzerstörbarer Heiterkeit in
-sein zukünftiges Leben. Und so reisten beide Freunde in die Welt hinaus,
-jung, frei, und fortgerissen von dem Drange, sich in das lockende,
-fremde, westeuropäische Leben zu stürzen. Fröhlich, als hätten sie die
-Last düsterer, ewig gleicher Eindrücke für immer abgeworfen, eilten sie
-einer hellen, rosigen Zukunft entgegen. Die goldenen Träume der Jugend
-schwebten noch über ihnen, und vor ihnen erhob sich die Morgenröte eines
-besseren poetischeren Lebens, erfüllt von Jubel und lichtem Glück.
-
-Mit dieser Reise in das Ausland begann für Gogol eine neue Epoche seines
-Lebens. Von allen Interessen der offiziellen Petersburger Welt getrennt,
-gab er sich ungehemmt der ihm entgegenbrausenden neuen Welle hin. Er
-schließt neue Bekanntschaften, und die Distanz zwischen ihm und seiner
-Vergangenheit wird mit jedem Tage größer, entscheidender. Ein, zwei
-Monate vergehen -- und er fühlte sich allen ehmaligen Sorgen und
-Ärgernissen entfremdet. Nur die innige Liebe zur Heimat erwacht wieder:
-und jede Erinnerung wird ihm zu einem sorgsam gehegten Schatz. Aber die
-Bitterkeit, mit der sie die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatte,
-ließ sich doch nicht ganz vergessen, und in seinen intimen Bekenntnissen
-stehen neben begeisterten Hymnen auf die Heimat bittere Klagen über ihre
-Schattenseiten. Beides ist gleichbezeichnend für des Dichters
-unübertroffene Aufnahmefähigkeit. Mit der Hingabe eines Jünglings weiß
-er die zahllosen neuen Eindrücke zu genießen, er reist von einem Land in
-das andere, um sich endlich für längere Zeit in Italien niederzulassen,
-das er später seine »zweite Heimat« nennt. Die Wunder der italienischen
-Natur und Kunst, die große Eigenart Roms, die Lebensführung, die allem
-früher Gesehenen nur allzu Gewohntem direkt widersprach -- wie stark
-mußte das alles auf die empfängliche Seele des Künstlers wirken! Und
-gierig schlürft Gogol den Kelch dieses erregten Lebens, oft mit seinem
-Freund Danilewski, oft auch mit einem andern Enthusiasten, dem edlen und
-reinen Maler A. A. Iwanow. In einer glücklichen poetischen Umgebung
-geben sie sich bis zur Selbstvergessenheit dem ästhetischen Genießen der
-Natur hin, und voll tiefer Seligkeit empfinden sie sich als freie
-Menschen, unendlich fern von allem Kalten und Offiziellen, von allen
-materiellen Ablenkungen. Hier in Italien berührten alle Dinge die Seele
-unserer Einsiedler zärtlich: das stille Genießen der Kunst, der Zauber
-der wundervollsten Sprachmelodie, das Ergreifende überraschender
-Farbenwechsel und die mit nichts zu vergleichende Pracht des südlichen
-Himmels. Jede durchkreuzte Straße dieser hingebend geliebten Stadt,
-jeder unbedeutende Winkel in den dunklen und nicht immer ganz sauberen
-Osterien wird ihnen teuer. Eine besondere Freude war es für Gogol, hier
-in der Fremde Seelenverwandte zu treffen, und er fand ihrer viele. Mit
-einem Wort: es war die glücklichste, hellste Zeit seines Lebens.
-
-Aber wie es immer im Leben geht, diese Zeit war nicht von langer Dauer,
-und ihr Glück mußte hart gebüßt werden. Das Schicksal ist nicht
-freigiebig mit solchen Geschenken, und es war Gogol nicht lange
-beschieden, in dieser Hochflut ästhetischer Genüsse zu leben. Allein in
-dieser Zeit hatte er den ersten Band der »Toten Seelen« geschrieben,
-eines Werkes, das nunmehr zu seiner Lebensaufgabe heranwächst. Das
-glückliche Leben verdüsterte sich durch materielle Sorgen, und auch
-Wolken anderer Art bedrohten seinen heiteren Horizont. Bald mußte er
-eine kostspielige Reise nach der Heimat machen, um seine Schwestern aus
-dem Institut zu nehmen und die jungen unerfahrenen Mädchen wenigstens
-nach Moskau zu begleiten, und die Rückreise brachte neue Sorgen, die
-eine erhebliche Anleihe verlangten. Bald vergifteten Krankheiten sein
-Leben; im Jahre 1840 überstand er nacheinander in Wien und Rom zwei
-schwere Krankenlager. Eine Zeitlang glaubte er sich sogar am Rande des
-Grabes. Jede Genesung empfindet der von Kindheit an religiös gestimmte
-Gogol als eine göttliche Erlösung von dem Tode, die ihm das Schicksal
-nur gewährt hat, um durch neue Schöpfungen dem Nutzen der Menschheit in
-einem höheren Sinne dienen zu können oder, wie er sich später äußerte,
-»um einen Hymnus auf die göttliche Schönheit zu singen«.
-
-Das alles geschah an der Grenze der dreißiger und vierziger Jahre. Die
-sensible Natur des Künstlers hatte sich der schweren Anfechtungen zu
-erwehren, die unbarmherzig auf ihn niederprasselten. Einer der
-schwersten Schicksalsschläge, die ihn betroffen hatten, war der frühe
-Tod des jungen Josef Wielgorski, an dem er während der letzten Monate
-seines langsamen Dahinschwindens mit ganzer Seele gehangen hatte. Gogol
-war für die Freundschaft aufs äußerste empfindlich, und gerade darum
-blieb der Kreis seiner Freunde immer sehr klein. Aber nicht minder
-zerrütteten ihn die kleinlichen Sorgen des Alltags. Fern von den
-aktuellen Tagesfragen und den Interessen der zeitgenössischen
-literarischen Welt, beschränkt durch seine persönlichen Beziehungen und
-materiellen Verpflichtungen, konnte er seinen Freunden kaum etwas recht
-tun. Unter dem Kreuzfeuer ihrer Ansprüche und gegenseitiger
-Gereiztheiten geriet er unwillkürlich in eine unangenehme und unbequeme
-Lage, da sie sich alle für berechtigt hielten, eine Unterstützung ihrer
-zahlreichen Zeitschriften durch Arbeiten aus seiner Feder zu verlangen.
-So entzweite er sich mit dem ihm einst in Moskau (1841) sehr
-nahestehenden Pogodin, der ihm Geld geliehen hatte und sich berechtigt
-fühlte, Arbeiten von ihm zu verlangen. Pletniew und seinen andern
-Petersburger Freunden gefiel wiederum seine Annäherung an die Moskauer
-nicht, und die Aksakows mit ihrer aufrichtigen, aber wie Gogol selbst
-sagte, übertriebenen Liebe zu ihm waren durch seine Anhänglichkeit an
-Italien verletzt. Die Mühen, die das Erscheinen der »Toten Seelen« im
-Jahre 1842 verursachte, machten in Gogol die Erinnerung an die
-schrecklichen Seelenqualen lebendig, die er bei der Aufführung des
-Revisors erlitten hatte. Wieder die gleichen offiziellen Scherereien,
-vor allem mit der Zensur, die Meinungen äußerte wie folgende: der Titel
-»Tote Seelen« schon könne nicht zugelassen werden, da die Seele
-unsterblich sei! Besonders hatte die Erzählung vom Kapitän Kopeikin
-darunter zu leiden. Wieder war Gogol gezwungen, durch Bitten und Besuche
-hochgestellte Persönlichkeiten zu interessieren, wieder allerlei
-quälende Intrigen. Und waren es früher nur die Intrigen im Theater, die
-ihn marterten, so bereiteten ihm jetzt seine Freunde allerlei
-Schwierigkeiten: vor den Aksakows mußte er seine Beziehungen zu
-Belinski[1] verbergen, und bei Pogodin war es ihm unangenehm, daß er mit
-dem von ihm erborgten Gelde dem Maler Iwanow geholfen hatte. Zu gleicher
-Zeit beunruhigten ihn die finanziellen Verhältnisse seiner Familie auf
-das äußerste, und er durfte nicht einmal daran denken, zu helfen, da
-seine eigene materielle Lage eher alles andere als glänzend war. Noch
-während seines Petersburger Aufenthaltes hatte er in dieser Beziehung
-allen Boden unter den Füßen verloren. Nachdem er seinen früheren Beruf
-aufgegeben hatte, war es ihm nie wieder in den Sinn gekommen, zu einer
-bestimmten Tätigkeit zurückzukehren -- ausgenommen natürlich die Arbeit
-an seinen Dichtungen. Wiederholt wandte er sich an die Regierung mit der
-Bitte um eine Subvention, wobei er immer wieder darauf hinwies, daß es
-sein heißer Wunsch sei, dem Vaterlande zu nützen, und daß er, da er sich
-in keiner Stellung befände, ohne bestimmte Einnahmen sei. Gleichzeitig
-befestigt sich in ihm die Überzeugung, daß er sich ganz dem heiligen
-Werk der Arbeit an den »Toten Seelen« widmen müsse. Er glaubt sich von
-Gott dazu berufen, in den folgenden Bänden die Ganzheit des russischen
-Menschen darzustellen und die besseren helleren Seiten seiner Natur. Für
-Gogol beginnt sich nunmehr die Frage nach der Fortsetzung seiner Arbeit
-immer stärker mit dem Problem der Rettung seiner Seele zu verknüpfen;
-und um die ihm gestellte Aufgabe würdig lösen zu können, glaubt er sich
-geistig ganz neu gebären zu müssen. Er bittet Gott, ihm Kraft zu
-verleihen, die ihm bevorstehende heroische Tat vollbringen zu können.
-Inzwischen geht er immer mehr in sich und verschließt seine Seele vor
-den andern. Er beginnt, seinen früheren Arbeiten wenig Bedeutung
-beizulegen, er findet sie leer, und mit der ganzen Kraft seiner Seele
-geht er in dem innig gehegten Traum auf, seinem Volke das ihm so nötige,
-noch nie gesagte Wort zu verkünden. Grandiose Perspektiven eröffnen sich
-vor seinem Auge, und unwillkürlich drängt sich ihm die Empfindung auf,
-daß der erste Teil der »Toten Seelen« nur die Vorhalle zu einem
-mächtigen, noch im Bau befindlichen Palast sei. In dieser Stimmung
-schreibt er Zeilen, wie jene über Rußland, die tiefster Inspiration
-entsprungen sind und die ihn den von diesem Anspruch gereizten
-Zeitgenossen als mehr denn anmaßend erscheinen ließen. Tönend verkündet
-er in diesen Zeilen, daß nunmehr aller Augen auf ihn gerichtet seien und
-daß er der Sendbote einer anderen neuen Zeit sei, »wo aus einem anderen
-Quell ein furchtbarer Sturm der Begeisterung sich erheben wird, aus
-einem Haupte, das von heiligem Schrecken und strahlendem Glanz umweht
-ist: und in verwirrtem Zittern wird man den erhabenen Donner anderer
-Reden hören«. Gogol träumt von seiner messianischen Sendung: wenn er
-auch nicht, wie es der Traum seiner Jugend war, der ganzen Menschheit
-Segen bringen könne, so doch zumindest seinem geliebten Vaterlande. Er
-vergißt seine Bitterkeit und die tiefen Wunden, dankbar segnet er die
-Vorsehung für sein hohes, über der Ebene des gewöhnlichen Lebens
-gelegenes Schicksal, und er heißt alle Prüfungen willkommen: selbst die
-Armut, die er nach seinen eigenen Worten liebgewonnen hat, wie der
-Liebhaber seine Geliebte. Mit starrer Entschlossenheit beschränkt er
-seine Habe auf ein »Köfferchen« mit den Handschriften seiner Werke und
-einigen Büchern religiösen Inhalts; und zuletzt sucht er Tröstung selbst
-in den physischen Leiden, die seinen von Natur schwachen Körper mehr und
-mehr untergraben. Diese Idee, an die er sich klammert und die sein
-ganzes sittliches Sein erfüllt, wandelt seine moralische Persönlichkeit
-vollkommen um, obschon es keine wurzelhafte Veränderung ist, vielmehr
-erhalten einige Seiten seiner moralischen Konstitution, die in der
-Jugend durch Sehnsucht, Lebensfrische, Gestaltungslust im Gleichgewicht
-gehalten wurden, jetzt mehr und mehr das Übergewicht. Dieser Prozeß
-beginnt Ende der dreißiger Jahre und erfüllt das ganze nächste
-Jahrzehnt, er spiegelt sich deutlich in den Briefen dieser Periode, und
-wenn er mitunter so abweichende, leidenschaftlich vertretene
-Beurteilungen findet, so ist dies eine Folge der Verschiedenheit des
-Gesichtswinkels, unter dem man ihn betrachtet; ob man auf das stürmische
-Wachsen des inneren Menschen in Gogol achtet, der sich bis zum reinsten
-Idealismus läutert, oder ob man die seelische Krise Gogols vom
-Standpunkt des Ästhetikers bewertet, der ihren zerstörenden Einfluß auf
-seine schöpferische Kraft betrachtet. Unter diesem ästhetischen
-Gesichtspunkt ergibt sich diese Wandlung als notwendige Folge des
-Zwiespaltes, in den die freie schöpferische Kraft durch ihre Bindung mit
--- wenn auch zweifellos idealen -- religiösen Motiven geraten muß. Eines
-aber ist unzweifelhaft: das letzte Jahrzehnt des Dichters stellt einen
-schmerzlichen und langwierigen Auflösungsprozeß seiner physischen Kräfte
-dar und ihm parallel einen stetigen Niedergang seiner ästhetischen
-Schöpfungskraft und eine sich bis zum Krankhaften steigernde religiöse
-Ekstase. Aber trotz der hartnäckigen Gerüchte, die sich bis über seinen
-Tod hinaus erhielten, hat keiner seiner Freunde je bei ihm eine geistige
-Störung festgestellt. Andererseits hat jeder von der äußerst schroffen
-Umwandlung Gogols während seiner letzten Jahre berichtet, und dieser
-Eindruck, der von seiner Familie wie von seinem Vertrauten Danilewski
-bestätigt wird, muß bei der Beurteilung dieser Epoche Gogols durchaus
-mit berücksichtigt werden. Keime der mystischen Stimmung, die
-Maximowitsch schon 1835 bei Gogol beobachtet hat, und nach ihm -- aber
-immer noch früher als die andern Freunde -- S. T. Aksakow, sind unter
-dem Eindruck der überstandenen Qualen und der ewigen Angst vor der Not
-der Todesstunde schnell gereift, außerdem fanden sie auch einen
-günstigen Boden in der Umgebung, in der Gogol sich während seines Lebens
-im Auslande befand. Die Gesellschaft der Schukowski, Frau Smirnowas, A.
-P. Tolstois und des kranken Dichters Jasykow schien geradezu auserwählt
-zu sein, um Gogol, der von der Heimat getrennt und von allen Einflüssen
-des westeuropäischen Lebens ganz abgeschlossen war, immer tiefer und
-hemmungsloser in einen bodenlosen Mystizismus versinken zu lassen.
-Gogols Umwandlung in seinen letzten Lebensjahren war eine endgültige:
-mitgerissen von seelischen Entdeckungen, Prophetien, und zermarternden
-Selbstbespiegelungen und bestürmt von grausamen unablässigen Leiden
-zerrann ihm sein früheres Dasein in nichts. Seine Verschlossenheit und
-innere Einsamkeit wuchs: seine Zuneigung zu seinen Jugendfreunden
-verwandelte sich in eine mißtrauische Gespanntheit, seine dichterische
-Schöpfungskraft nahm an Umfang und Wert ab. Lange noch lebte Gogol im
-Ausland, mitunter auch in dem von ihm so innig geliebten Italien, aber
-er ist nicht mehr der frühere Enthusiast, der sich vor der wundervollen
-italienischen Landschaft begeistert. Immer ausschließlicher beschränkten
-sich seine Gedanken auf das Religiöse: es zieht ihn nach Palästina, und
-eine Zeitlang läßt er sogar die Arbeit an den »Toten Seelen«, um die
-»Ausgewählten Stellen aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden« zu
-schreiben. 1847 erscheint der Briefwechsel: es entspinnen sich
-leidenschaftliche Diskussionen, und vor allem gefällt er in seiner von
-der Zensur entstellten und verkürzten Gestalt dem Autor nicht. Gogol ist
-bis zum Äußersten gequält und niedergedrückt.
-
-[Fußnote 1: berühmter russischer Kritiker.]
-
-Der bekannte Brief Belinskis und eine andere Äußerung seiner Freunde,
-verstärkt durch eine Anzahl Kritiken zerrütteten Gogol endgültig. Er
-fühlt sich zu einer Gegenäußerung gezwungen und schreibt die »Beichte
-des Dichters«. Und Anfang 1848 gibt er seiner heißen Sehnsucht nach und
-reist nach Jerusalem. Nach seiner Rückkehr bleibt er in der Heimat,
-langsam nur schreitet die Arbeit an den »Toten Seelen« vorwärts. Sein
-Lebensmut sinkt und allmählich unterliegt er in dem schweren Kampfe
-zwischen der ungeheuren Aufgabe, die er sich gestellt hat, und seinen
-immer schwächer werdenden geistigen und körperlichen Kräften. In dieser
-Zeit gewinnt der Geistliche von Rschew, Pater Mathäus, einen
-tiefgehenden Einfluß auf ihn, und seine strengen asketischen Worte
-peinigen die kranke Seele des Dichters so, daß er die Predigt des
-Geistlichen einmal mit dem Angstschrei unterbricht: »Genug, genug, es
-ist furchtbar!« Hier soll bemerkt werden, daß ein starker Bestandteil
-von Gogols Religiosität die Furcht vor dem Jenseits war.
-
-Kurz vor seinem Tode verbrannte er den zweiten Teil der »Toten Seelen«.
-Hartnäckig verweigert er die Annahme von Nahrung: er will sterben.
-Beides, Verzweiflung und Todessehnsucht, erklärt sich aus der
-peinigenden Ungewißheit des Dichters, ob seine Werke Gutes stiften
-würden oder nicht: bis zu seinem Tode kämpften in Gogol flammende
-Hoffnung und dumpfes Verzweifeln. Und hinzu kommt die unerträgliche
-Angst vor der Qual der Todesstunde, die nur einen Wunsch gestattet, sich
-so weit wie möglich auf den furchtbaren Augenblick der Abrechnung mit
-dem Irdischen vorzubereiten, um die Seele vor der ewigen Verdammnis zu
-retten.
-
-Gogol starb in Moskau am 21. Februar 1852. Zu seinem Begräbnis
-erschienen die Spitzen der Stadt, die Leichenfeier fand in der
-Universitätskirche statt. Eine große Menge Volk hatte sich eingefunden,
-um dem Dichter die letzte Ehre zu erweisen.
-
-Die feindlichen Stimmen verstummen, und die große Bedeutung Gogols
-stellt sich immer klarer, wahrnehmbarer heraus. Und in unsern Tagen wird
-keiner versuchen, an der Bedeutung seiner gewaltigen Dichtungen zu
-zweifeln, an diesem starken Darsteller der Wirklichkeit -- dem ersten,
-den Rußland aus eigener Kraft hervorgebracht hat.
-
-
-
-
- Anhang
-
-
- Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
- (Erster Teil.)
-
-Der erste Teil der in diesem Bande vereinigten Erzählungen erschien im
-September des Jahres 1831. Die Unterschrift des Zensors trägt das Datum
-»den 26. Mai 1831.«
-
-
-I. _Der Jahrmarkt in Sorotschintzy_ stammt aus dem Jahre 1830. 1851
-wurde diese Novelle mit unwesentlichen stilistischen Änderungen in der
-Gesamtausgabe von Gogols Werken wieder abgedruckt.
-
-II. _Die Johannisnacht._ Diese Erzählung erschien zuerst im Februar- und
-Märzheft der »Vaterländischen Annalen« (Otetschestwennye Sapiski),
-Jahrgang 1830 und zwar anonym unter dem Titel: »_Basawrjuk oder die
-Johannisnacht_«. Eine kleinrussische Novelle (nach einer Volkssage),
-erzählt vom Küster an der Kirche zu Pokrowsk. Gogol arbeitete die
-Novelle später für die »Abende auf dem Gutshof bei Dikanka« um. Hierbei
-beseitigte er einige Änderungen, die _Swinjin_ bei der Drucklegung in
-den Vaterländischen Annalen eingefügt hatte, und schickte der Erzählung
-eine kleine Vorrede voraus, in der er auch auf Swinjins Änderungen
-hinwies.
-
-III. _Mainacht oder die Ertrunkene._ Ist im Jahre 1829 entworfen und
-dann für die »Abende« neu bearbeitet worden. 1851 fügte Gogol noch
-einige kleine Änderungen ein.
-
-IV. _Der verschwundene Brief._ Stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1831,
-und wurde von Gogol für die Gesamtausgabe (II. Aufl.) noch einmal
-durchgesehen.
-
-
- Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
- (Zweiter Teil.)
-
-Der zweite Teil der »Abende« erschien Anfang März 1832; die Unterschrift
-des Zensors trägt das Datum: »den 31. Januar 1832.«
-
-
-I. _Die Nacht vor dem Weihnachtsfest_ wurde 1831 niedergeschrieben und
-1851 noch einmal durchgesehen.
-
-II. _Schreckliche Rache_ stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1831. In
-der ersten Ausgabe der »Abende« lautete der Titel dieser Novelle
-»Schreckliche Rache« (»eine alte Sage«). In der zweiten und den
-folgenden Auflagen der »Abende« vom Jahre 1836 wurde der Untertitel
-(»eine alte Sage«) fortgelassen.
-
-III. _Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante._ Die Zeit der
-Entstehung dieser Novelle ist unbekannt.
-
-IV. _Der verhexte Ort._ Auch über die Entstehungszeit dieser Erzählung
-liegen keine Nachrichten vor.
-
- _Der Herausgeber._
-
- * * * * *
-
-
- Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
-Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
-verändert.
-
-Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des
-russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- ... Frieda Ichak. ...
- ... Frida Ichak. ...
-
- [S. 6]:
- ... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konten ...
- ... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte ...
-
- [S. 92]:
- ... Die Hexe hat deine sündige Seele in Verderben gestürzt! ...
- ... Die Hexe hat deine sündige Seele ins Verderben gestürzt! ...
-
- [S. 127]:
- ... »Verfügung: An den Amtman Jewtuch Makohonenko. ...
- ... »Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. ...
-
- [S. 198]:
- ... erschien der Mondschein vom Leuchten der Schnees! ...
- ... erschien der Mondschein vom Leuchten des Schnees! ...
-
- [S. 205]:
- ... Dem Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde ...
- ... Den Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde ...
-
- [S. 210]:
- ... Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, Ostop!« ...
- ... Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, Ostap!« ...
-
- [S. 219]:
- ... Herrschaften es hier gibt!« dache der Schmied. ...
- ... Herrschaften es hier gibt!« dachte der Schmied. ...
-
- [S. 228]:
- ... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,« anwortete der ...
- ... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,« antwortete der ...
-
- [S. 242]:
- ... hät' er viel Wunderliches erzählen können. Ja, ...
- ... hätt' er viel Wunderliches erzählen können. Ja, ...
-
- [S. 243]:
- ... Und siehe da, der seltsame Greis knirrschte zischend ...
- ... Und siehe da, der seltsame Greis knirschte zischend ...
-
- [S. 244]:
- ... schon und schnarrchte laut über ganz Kijew. ...
- ... schon und schnarchte laut über ganz Kijew. ...
-
- [S. 260]:
- ... Hetmann selten zu essen bekommt. So was verschmäht ...
- ... Hetman selten zu essen bekommt. So was verschmäht ...
-
- [S. 299]:
- ... von seltsamem und schrecklichen Äußeren herein. Zum ...
- ... von seltsamem und schrecklichem Äußeren herein. Zum ...
-
- [S. 309]:
- ... vergangener Zeiten. ...
- ... vergangenen Zeiten. ...
-
- [S. 313]:
- ... und so hat er die Geschiche denn auch wirklich
- aufgeschrieben. ...
- ... und so hat er die Geschichte denn auch wirklich
- aufgeschrieben. ...
-
- [S. 322]:
- ... Unterwegs passierte nicht besonders Bemerkenswertes. ...
- ... Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. ...
-
- [S. 322]:
- ... etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischen Pläne willen, ...
- ... etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Pläne willen, ...
-
- [S. 326]:
- ... Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein bischen ...
- ... Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein bißchen ...
-
- [S. 342]:
- ... Burschen viel über Jerusalem gehört hatte? ...
- ... Burschen viel über Jerusalem gehört hatte. ...
-
- [S. 359]:
- ... »Wo sind die Fuhrleute,« fragte der Großvater und ...
- ... »Wo sind die Fuhrleute?« fragte der Großvater und ...
-
- [S. 365]:
- ... Stömen herab. Der Großvater zog sich die neuen ...
- ... Strömen herab. Der Großvater zog sich die neuen ...
-
- [S. 368]:
- ... bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen glotzen ...
- ... bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen glotzten ...
-
- [S. 369]:
- ... Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht aufgießen ...
- ... Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht ausgießen ...
-
- [S. 383]:
- ... Sommer verbrachte er in Zarskoje Selow, in glücklicher ...
- ... Sommer verbrachte er in Zarskoje Selo, in glücklicher ...
-
- [S. 391]:
- ... Pletniew und seinen andern Petursburger Freunden gefiel ...
- ... Pletniew und seinen andern Petersburger Freunden gefiel ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem
-Gutshof bei Dikanka, by Nikolaj Gogol
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 3: ABENDE ***
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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-For additional contact information:
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-
-</style>
-</head>
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof
-bei Dikanka, by Nikolaj Gogol
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
- Phantastische Novellen
-
-Author: Nikolaj Gogol
-
-Commentator: B. Schenrock
-
-Editor: Otto Buek
-
-Translator: Ludwig Rubiner
- Frieda Ichak
- Alexandra Ramm
-
-Release Date: July 2, 2017 [EBook #55026]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 3: ABENDE ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="halftitle">
-Nikolaus Gogol<br />
-Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
-</p>
-
-<div class="centerpic logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ser">
-<span class="line1">Nikolaus Gogol</span><br />
-<span class="line2">Sämmtliche Werke</span><br />
-<span class="line3">In 8 Bänden</span>
-</p>
-
-<p class="edt">
-<span class="line1">Herausgegeben</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">Otto Buek</span>
-</p>
-
-<p class="vol">
-Band 3
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">München und Leipzig</span><br />
-<span class="line2">bei Georg Müller</span><br />
-<span class="line3">1910</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="aut">
-Nikolaus Gogol
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Abende auf dem
-Gutshof bei Dikanka
-</h1>
-
-<p class="subt">
-Phantastische Novellen
-</p>
-
-<p class="trn">
-<span class="line1">Deutsch</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">Ludwig Rubiner</span><br />
-<span class="line4">und</span><br />
-<span class="line5"><a id="corr-0"></a>Frida Ichak.</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">München und Leipzig</span><br />
-<span class="line2">bei Georg Müller</span><br />
-<span class="line3">1910</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="toc" id="part-1">
-Inhalt
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka I</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Vorrede</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-3">3</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Der Jahrmarkt in Sorotschintzy</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-11">11</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Die Johannisnacht</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-55">55</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Mainacht oder die Ertrunkene</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-83">83</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Der verschwundene Brief</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-133">133</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka II</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-155">155</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Vorrede</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-157">157</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Die Nacht vor dem Weihnachtsfest</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-163">163</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Schreckliche Rache</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-239">239</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-311">311</a></td>
- </tr>
- <tr class="i2">
- <td class="col1">Der verhexte Ort</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-355">355</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Biographische Skizze von B. Schenrock</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-373">373</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Anhang</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-399">399</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-<span class="line1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.</span><br />
-<span class="line2">Erster Teil</span>
-</h2>
-
-<p class="subt">
-Erzählungen<br />
-Herausgegeben von <em>Rotfuchs Panjko</em>, Bienenzüchter.
-</p>
-
-<p class="trnpart">
-<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
-Übersetzt von <em>Ludwig Rubiner</em><br />
-und <em>Frida Ichak</em>
-</p>
-
-<h3 class="intro" id="chapter-2-1">
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-Vorrede
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">as</span> ist denn das wieder für ein Ding: Abende
-auf dem Gutshof bei Dikanka? Was für
-&bdquo;Abende&ldquo; sind denn das? Und die dazu
-gar noch ein Bienenzüchter in die Welt gesetzt hat!
-Gott bewahr&rsquo; uns! Hat man etwa noch zu wenig Gänsefedern
-gerupft und allzu wenig Lumpen zu Papier verarbeitet!
-Hat etwa noch zu wenig Pack, haben etwa
-noch zu wenig Leute von jeglichem Stand ihre Finger
-mit Tinte bekleckst! Da muß der Teufel nach all dem
-anderen Volk auch noch einen Bienenzüchter reiten, es
-den andern nachzumachen! Wahrhaftig! Es gibt doch
-schon so viel bedrucktes Papier, daß man bald nicht mehr
-recht weiß, was alles man hineinwickeln soll!
-</p>
-
-<p>
-All diese Reden hat meine Prophetie schon gehört,
-schon vor einem Monat gehört! Ich will nämlich sagen,
-daß es für unsereins, daß es für uns Vorwerksbesitzer genau
-dasselbe ist, wenn man &mdash; o du grundgütiger Himmel
-&mdash;, die Nase aus seinem Loch in die große Welt steckt,
-als wenn man in die Gemächer eines feinen Herrn tritt:
-alle bilden einen Kreis um einen, und der Schabernack
-geht los; derartiges könnte man sich am Ende noch von
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-besseren Lakaien gefallen lassen, &mdash; aber nein, irgend so
-ein zerlumpter Junge, irgendein Lümmel, der sich im
-Hinterhof herumdrückt, auch so einer traut sich heran.
-Da stampfen sie mit den Füßen und rufen einem von allen
-Seiten zu: &bdquo;Wohin willst du? Zu wem? Pack dich
-du Bauernkerl! Scher dich zum Teufel!&ldquo; .....
-Ich kann euch sagen .... Aber was sollen alle Worte!
-Mir fällt&rsquo;s wahrhaftig leichter, zweimal im Jahr nach
-Mirgorod zu reisen, wo mich schon seit fünf Jahren
-weder der Schreiber vom Landgericht noch seine Hochwürden
-zu Gesicht bekommen haben, als zu den großen
-Leuten zu steigen; tu ich&rsquo;s aber mal, dann heißt&rsquo;s, ob&rsquo;s
-dir nun paßt oder nicht, Rede und Antwort stehen.
-</p>
-
-<p>
-Nichts für ungut, meine lieben Leser (und ihr nehmt&rsquo;s
-vielleicht übel, daß ein einfacher Bienenzüchter zu euch
-redet wie zu seinem Gevatter oder Ehestifter), wir Vorwerksleute
-haben von jeher solche Bräuche: sowie die
-Feldarbeiten zu Ende sind, der Bauer übern Winter zur
-Ruh&rsquo; hintern Ofen kriecht und unsereins seine Bienen
-in den dunklen Keller steckt; sowie es keinen Kranich
-mehr am Himmel und auf dem Baum keine Birne
-mehr gibt, da kann man, wenn es Abend wird, sicherlich
-irgendwo am Ende der Dorfstraße ein Licht blinken
-sehen; von ferne hört man lachen und singen, die Balalaika
-klimpert, oft auch vernimmt man Geigenklänge,
-lauten Schwatz und Lärmen .... Das sind die
-<em>Unterhaltungen</em> unserer <em>Abende</em>! Sie ähneln
-sozusagen euren Bällen, aber doch nicht ganz. Wenn
-ihr auf einen Ball fahrt, so geschieht&rsquo;s doch nur, um
-herumzuspringen und in die hohle Hand zu gähnen.
-Bei uns dagegen, wenn da in einer Stube ein Haufen
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-Mädchen mit Spinnrocken und Spindelkamm zusammenkommt,
-so ist das durchaus kein Ball. O nein! &mdash;
-Zuerst sieht&rsquo;s aus, als ob sie ernstlich an die Arbeit
-gehen wollten. Die Spindeln surren, die Lieder schwirren,
-und keine wagt es, zur Seite zu blicken. Kaum aber
-kommen die Burschen mit dem Fiedelmann in die Stube,
-da beginnt ein Toben und Schreien, es wird getanzt,
-und solche Streiche geschehen da oft, daß man&rsquo;s gar
-nicht erzählen kann.
-</p>
-
-<p>
-Aber am schönsten ist&rsquo;s doch, wenn alle sich zu
-einem Haufen zusammentun, und man beginnt, Rätsel
-zu raten, oder ganz einfach &mdash; zu schwatzen. O mein
-Gott! Was wird da nicht alles erzählt! Was wird
-da nicht für alter Kram ausgegraben! Was für Gruselzeug
-wird da nicht herangeschleppt! Aber nirgends ward
-wohl soviel Wunderliches erzählt wie an den Abenden
-beim Rotfuchs Panjko, dem Bienenzüchter. Warum
-mich die Leute den &bdquo;Rotfuchs Panjko&ldquo; nennen, das vermag
-ich, weiß Gott, nicht zu sagen. Auch ist ja mein
-Haar, sollt&rsquo; ich wohl glauben, eher grau als rot. Aber
-das ist bei uns nun eben, mit Verlaub zu sagen, so
-Sitte: haben die Leute einem mal &rsquo;nen Spitznamen
-gegeben, so behält er ihn in alle Ewigkeit. Oft kamen
-am Vorabend hoher Feiertage allerlei brave Leute in die
-Hütte des Bienenzüchters zu Gaste, und wenn die sich
-erst an den Tisch gesetzt hatten, da gab&rsquo;s dann was
-zu hören. Das waren nicht etwa Leute aus den einfachen
-Ständen, nicht etwa Bauern aus einem Vorwerk;
-manch einem, der mehr als Bienenzüchter ist,
-würde ihr Besuch Ehre machen. Kennt ihr zum Beispiel
-Foma Grigorjewitsch, den Küster an der Kirche zu
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Dikanka? Das ist ein Kopf, sag&rsquo; ich euch! Was <a id="corr-1"></a>konnte
-der nicht für Geschichten erzählen! Zwei davon sollt
-ihr in diesem Büchlein finden. Nie hat der einen Kittel
-aus Bast getragen, wie ihr ihn bei so vielen Küstern
-auf dem Lande findet; ja, kamt ihr selbst an Werkeltagen
-zu ihm, so empfing er euch immer in einer Joppe
-aus feinem Tuch von einer Farbe wie die von kaltem
-Kartoffelbrei, für das er in Poltawa fast sechs Rubel
-die Elle bezahlt hat. Von seinen Stiefeln wird niemand
-auf dem ganzen Weiler behaupten können, sie
-hätten nach Teer gerochen; jeder weiß, daß er sie mit
-dem allerfeinsten Schmalz geschmiert hat, das, glaub&rsquo;
-ich, mancher Bauer sich wohl mit Freuden in den Brei
-getan hätte. Auch wird niemand zu sagen wagen, daß
-er sich je die Nase mit dem Rockschoß gewischt hat, wie
-es manche Leute seines Standes zu tun pflegen; nein,
-er zog ein weißes, säuberlich gefaltetes Tüchlein aus dem
-Busen, dessen Bänder mit rotem Zwirn bestickt waren,
-verrichtete sein Bedürfnis, faltete es nach seiner Gewohnheit
-zwölffach zusammen und barg es wieder im Busen.
-Und ein anderer Gast .... je nun, das war solch ein
-feines Herrchen, daß man ihn stracks zum Präsidenten
-oder Exekutor hätte machen können. Er pflanzte seinen
-Finger vor der Nase auf, und dann blickte er die Spitze
-an und erzählte so spitzfindig durch die Blume, akkurat
-wie es in den gedruckten Büchern steht! Wenn ihn
-unsereiner manchmal so hörte, da mußte man ja ganz
-nachdenklich werden. Kein Sterbenswörtchen war zu
-verstehen. Wo hat der bloß solche Worte hergenommen?
-Diesbezüglich hat Foma Grigorjewitsch einmal eine treffliche
-Schnurre erdacht: er erzählte ihm eine Geschichte
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-von einem Schüler, der einst bei einem Küster zur Schule
-ging; als der wieder zu seinem Vater kam, da war
-er ein solcher Lateiner geworden, daß er sogar unsere
-rechtgläubige Sprache vergessen hatte &mdash; alle Worte ließ
-er auf &bdquo;us&ldquo; endigen: statt Schaufel sagte er &bdquo;Schaufelus&ldquo;,
-statt Weib &bdquo;Weibus&ldquo; usw. Einmal ging er mit
-seinem Vater über Feld. Der Lateiner erblickt eine
-Harke und fragt: &bdquo;Wie nennt man das bei euch, Vater?&ldquo;
-und dabei sperrte er das Maul weit auf und trat der
-Hacke auf die Zähne. Der Vater hatte kaum antworten
-können, da flog der Griff der Harke dem Sohne mit
-einem Schwung gegen die Stirn. &bdquo;Die verdammte
-Harke!&ldquo; schrie der Schuljunge, fuhr sich mit der Hand
-an den Kopf und sprang eine Elle hoch in die Luft.
-&bdquo;Der Satan soll den Mann holen, der das Harkenzeug
-gemacht hat! Sie tut so weh!&ldquo; &bdquo;So, bist du
-endlich auf den Namen gekommen, mein Täubchen?&ldquo;
-&mdash; Dieses Märchen wollte dem verblümten Erzähler
-nicht besonders gefallen. Ohne ein Wort zu sagen,
-stand er von seinem Platze auf, stellte sich breitbeinig
-mitten im Zimmer hin, neigte den Kopf etwas vor,
-schob die Hand in die Seitentasche seines erbsengrauen
-Rockes, holte seine runde lackierte Tabakdose hervor,
-schnippte mit dem Finger über das draufgemalte Gesicht
-eines ausländischen Generals, nahm eine ziemlich große
-Prise seines mit Asche und Liebstöckelblättern vermischten
-Tabaks, führte sie weit ausholend an die Nase und sog
-im Nu das ganze Häufchen ein, ohne auch nur den
-Daumen zu streifen, und dabei sprach er keine Silbe.
-Erst als er in die andere Tasche griff und ein blaukariertes
-Baumwollentuch hervorholte, da murmelte er
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-etwas vor sich hin, wie: &bdquo;<em>Man darf seine Perlen
-nicht vor die Säue werfen!</em>&ldquo; ..... &bdquo;Da
-gibt&rsquo;s einen Krach,&ldquo; dachte ich, als ich sah, wie Foma
-Grigorjewitschs Finger sich zu einer Ohrfeige zusammenballten;
-zum Glück hatte meine Alte die gute Idee gehabt,
-gebackenes Weißbrot mit Butter auf den Tisch zu
-stellen. So machten sich denn alle daran; auch Foma
-Grigorjewitschs Hand griff, statt dem andern eine Nase
-zu drehen, danach, und alle begannen, wie üblich, die tüchtige
-Hausfrau zu loben. Dann gab&rsquo;s bei uns noch einen,
-der zu erzählen verstand; aber der (nie zur Nacht sei
-dran gedacht!) der erzählte so gruselige Geschichten,
-daß einem die Haare zu Berge standen. Ich habe sie absichtlich
-nicht hier hereingebracht: die guten Leute könnten
-gar noch solche Angst vor dem Bienenzüchter bekommen,
-wie &mdash; Gott bewahre mich &mdash; vor dem Teufel. Lieber
-will ich, wenn&rsquo;s Gott gefällt, bis Neujahr warten, und
-gebe dann noch ein Büchlein heraus. Da sollen uns
-meinetwegen Gestalten aus jener anderen Welt entsetzen,
-und Mirakel, die sich in alten Zeiten in unserem rechtgläubigen
-Lande zugetragen haben. Ihr werdet darunter
-vielleicht auch einige Parabeln vom Bienenzüchter selbst
-finden, wie er sie seinen Enkeln erzählt hat. Ihr braucht
-nur die Ohren zu spitzen. Ich hab&rsquo; nur keine Lust herumzukramen,
-sonst könnte ich wohl noch zehn solche Büchlein
-zusammenbringen.
-</p>
-
-<p>
-Doch halt &mdash; ich habe ja die Hauptsache vergessen:
-Wenn Ihr, lieben Herren, zu mir fahrt, dann schlagt
-die gerade Poststraße nach Dikanka ein. Ich hab&rsquo; mit
-Fleiß den Ort an die erste Seite gestellt, damit Ihr den
-Weiler schneller zu erreichen wißt. Doch Ihr habt wohl
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-schon zur Genüge von Dikanka gehört. Wahrlich, dort sind
-die Häuser stattlicher als die Strohbude eines bescheidenen
-Bienenzüchters. Ganz zu schweigen vom Garten: dergleichen
-findet ihr wohl nur noch in eurem Petersburg.
-Wenn ihr nach Dikanka kommt, so fragt bloß
-den ersten besten Jungen, der im schmierigen Hemde
-seine Gänse hütet: &bdquo;Wo wohnt hier der Bienenzüchter
-Panjko?&ldquo; &mdash; &bdquo;Da hier,&ldquo; wird er sagen, und
-zeigt&rsquo;s euch mit dem Finger, und wenn ihr wollt, so
-bringt er euch sogar bis vors Haus. Doch bitte ich
-euch, legt nur nicht zu gemächlich die Hände auf den
-Rücken und springt mir nicht zu unbedacht herum, denn
-unsere Landstraßen sind nicht so glatt wie die vor euren
-feinen Häusern. Als Foma Grigorjewitsch vor zwei
-Jahren aus Dikanka hinausfuhr, geriet er mit seinem
-Wägelchen mitsamt dem vorgespannten Braunen in den
-Graben, obwohl er selbst die Zügel führte und sich zu
-seinen eignen Augen noch manchmal gekaufte aufsetzte.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ihr nun aber doch zu Gaste kommt, so sollt
-ihr solche Melonen kriegen, wie ihr sie euer Lebtage noch
-nicht gegessen habt; und besseren Honig, das schwör&rsquo; ich
-euch, werdet ihr auf keinem Vorwerk finden: stellt euch
-vor, wenn man so eine Wabe hereinbringt, da strömt
-euch ein Geruch durchs ganze Zimmer &mdash; es läßt sich
-gar nicht ausdenken, was für ein Geruch! Klar
-wie eine Träne oder wie teures Kristall, das man in
-den Ohrringen trägt! Und was für Pasteten euch
-meine Alte vorsetzt! Was für Pasteten! Wenn ihr das
-wüßtet: Zucker, der reine Zucker! Und die Butter läuft
-einem beim Essen nur so über die Lippen. Es ist nicht
-zu glauben, was diese Weiber alles können! Habt ihr
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-schon je Birnenmost mit Schlehdornbeeren gekostet, meine
-Herren? Oder Bier mit Rosinen und Pflaumen? Oder
-Gekröse in Milch? O Gott, was es alles für Gerichte
-in der Welt gibt! Man kann kaum genug bekommen. O,
-es ist ein Genuß: zum Fingerablecken! Im vergangenen
-Jahr ..... Aber was schwatz&rsquo; ich da zusammen .....
-kommt nur, kommt recht bald; ihr sollt so bewirtet
-werden, daß ihr&rsquo;s ganz sicher weit und breit erzählen
-werdet.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<em>Rotfuchs Panjko</em>.<br />
-Bienenzüchter.
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-2-2">
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Der Jahrmarkt in Sorotschintzy
-</h3>
-
-<h4 class="no pbb" id="subchap-2-2-1">
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-I.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Trüb wird mir in dieser Hütte,</p>
- <p class="verse">O so führ mich aus dem Haus!</p>
- <p class="verse">Führ mich hin zu Lärm und Braus,</p>
- <p class="verse">Dorthin, wo die Mädel springen</p>
- <p class="verse">Und die Burschen Gläser schwingen!</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="right">
-Aus einer alten Legende.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ie</span> köstlich und erquickend ist doch ein Sommertag
-in Kleinrußland! Wie schmachtend
-heiß sind jene Stunden, da der Mittag in
-Stille und Glut erstrahlt, der unermeßliche blaue Ozean
-wie eine Kuppel der Wollust über der Erde hängt und
-wie ein Schlafender, ganz versunken in Wonne, seine luftigen
-Arme um die Schöne schlingt! Keine Wolke steht
-am Himmel, kein Laut ist im Felde zu hören. Alles
-liegt da wie tot; nur oben in der Tiefe des Himmels
-schwirrt eine Lerche, silberne Lieder fliegen die luftigen
-Stufen herab zur verliebten Erde, und ab und zu
-hallt der Schrei einer Möve oder der gellende Ruf einer
-Wachtel durch die Steppe. Träg und allen Denkens
-bar, wie Lustwandelnde ohne Ziel, stehen bis zu den
-Wolken ragend die Eichen, und die blendende Glut der
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Sonnenstrahlen entzündet ganze Haufen von Laub, die
-malerisch daliegen, während sie andere in nachtschwarze
-Schatten hüllt, die nur bei starkem Winde wie Gold
-aufleuchten. Smaragde, Topase und Saphire ätherischer
-Insekten regnen auf die bunten Farben der Gärten
-herab, die von steilen Sonnenblumen geschirmt werden.
-Graue Heuschober und goldene Garben malen ein Kriegslager
-auf das Feld und wandern weit hinaus über den
-unermeßlichen Raum. Breite Zweige, die unter der
-Schwere der Früchte herabsinken, Kirschbäume, Pflaumen,
-Äpfel, Birnenbäume; der klare Himmel und sein heller
-Spiegel, der Fluß in grünem, stolz erhöhten Rahmen
-..... wie voll Wonne und Lust ist doch der kleinrussische
-Sommer!
-</p>
-
-<p>
-In solcher Pracht erglänzte einer der heißen Augusttage
-des Jahres achtzehnhundert ..... achtzehnhundert
-.... es werden wohl etwa dreißig Jahre her
-sein, &mdash; da die Straße schon zehn Werst vorm Städtchen
-Sorotschintzy ganz schwarz von wimmelndem Volke war,
-das von allen nahen und fernen Vorwerken der Umgebung
-auf den Jahrmarkt eilte. Seit dem frühen
-Morgen zog sich eine endlose Reihe Wagen mit Salz
-und Fisch dahin. Ganze Berge von Töpfen, die
-in Stroh gewickelt waren, schwankten langsam hin
-und her und schienen sich höchlich zu langweilen über
-das Dunkel ihrer Verkerkerung; nur stellenweise guckte
-eine buntbemalte Schüssel oder ein tönerner Mörser
-prahlerisch unter dem hoch überm Wagen aufgespannten
-Schutznetz hervor und lenkte die entzückten Blicke aller
-Verehrer von Prunk und Luxus auf sich. Viele von
-den Vorübergehenden blickten neidisch auf den hochgewachsenen
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Töpfer, den Besitzer dieser Kostbarkeiten, der
-langsamen Schrittes hinter seiner Ware einherging, und
-seine tönernen Gecken und Koketten sorgfältig in das
-ihnen so verhaßte Stroh einwickelte.
-</p>
-
-<p>
-Ein einsamer Wagen schleppte sich abseits hinter
-müden Ochsen einher. Er war mit Säcken, Hanf,
-Flachs und allerhand Häuslichkeit beladen, und hinter
-ihm trollte sich der Besitzer in reinem Leinwandhemd
-und schmutzigen Hosen einher. Mit träger Hand wischte
-er den herabrieselnden Schweiß vom braunen Gesicht
-und dem langen Schnurrbart, der von jenem unerbittlichen
-Barbier gepudert war, der ebenso ungerufen, zum
-schönsten Mädchen wie zum Krüppel kommt und seit
-Tausenden von Jahren das ganze menschliche Geschlecht
-wider seinen Willen mit Puder bestreut. An der Seite des
-Mannes trottete eine an den Wagen gebundene Stute,
-deren demütiges Äußere ihr hohes Alter bezeugte. Viele
-Fußgänger, besonders die jungen Burschen, griffen an ihre
-Mütze, wenn sie den Bauer einholten. Allein es war
-weder sein Schnurrbart, noch sein stolzer Gang, was
-sie zu diesem Gruße veranlaßte; man brauchte nur die
-Augen etwas zu heben, um den Grund dieser Hochachtung
-wahrzunehmen: Oben auf dem Wagen saß sein
-hübsches Töchterlein mit rundem Gesichtchen, schwarzen
-Augenbrauen, die sich wie steil geschwungene Bögen über
-den hellgrauen Augen abzeichneten, und sorglos lächelnden
-rosigen Lippchen; sie hatte den Kopf mit roten und blauen
-Bändern umwunden, die zusammen mit den langen
-Zöpfen und einem Strauß aus Feldblumen wie eine
-prächtige Krone auf ihrem entzückenden Köpfchen ruhten.
-Alles schien sie zu locken; alles war ihr so seltsam
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-neu .... Und die hübschen Äuglein sprangen unablässig
-von einem Ding zum anderen hinüber. Wie sollten sie
-auch nicht! War sie doch zum ersten Male auf dem
-Jahrmarkt! Ein Mädchen von achtzehn Jahren und
-das erstemal auf dem Jahrmarkt! ..... Aber
-keiner der Vorbeiziehenden und Vorüberwandernden konnte
-wissen, wieviel Mühe es sie gekostet hatte, ihren Vater
-zu erweichen, der es ja von Herzen gern getan hätte,
-wäre nicht die böse Stiefmutter dagewesen. Die verstand&rsquo;s
-nämlich, ihn ebenso geschickt zu lenken, wie er
-seine alte Stute, die er jetzt am Zügel hielt und nach
-langem Dienste zum Verkauf mit sich führte. Diese
-ruhelose Ehegattin ..... Aber wir haben ganz vergessen,
-daß sie ja auch da oben auf dem Wagen dasaß
-in einer schmucken, grünen Wolljacke, auf die, wie
-beim Hermelin, kleine Schwänzchen aufgenäht waren;
-allerdings waren es nur solche von roter Farbe. Das reiche
-Tuch sah fast so bunt aus wie ein Schachbrett, und
-das bunte baumwollene Häubchen verlieh ihrem hübschen
-runden Gesicht eine ganz besondere Würde. Aber ihre
-Züge hatten etwas so Unangenehmes und Wüstes an
-sich, daß jeder sich sofort beeilte, seinen erschreckten Blick
-dem heiteren Gesichtchen der Tochter zuzuwenden.
-</p>
-
-<p>
-Doch jetzt leuchtete vor den Augen unserer Reisenden
-bereits der Psjoll-Fluß auf; schon wehte aus der Ferne
-eine frische Kühle herüber, die nach der ermattenden,
-zehrenden Hitze um so deutlicher spürbar war. Durch das
-Dunkel und Hellgrün des Laubs schwarzer und schlanker
-Pappeln und Birken, die hie und da auf der Wiese
-verstreut waren, leuchteten feurige in schattige Kühle gehüllte
-Funken auf, und der Strom entblößte blitzend,
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-wie ein schönes Weib, seine silberne Brust, auf die die
-dichten grünen Locken der Bäume üppig herabsanken.
-</p>
-
-<p>
-In jenen köstlichen Stunden, wo der treue und beneidenswerte
-Spiegel den stolzen und blendenden Glanz von
-des Flusses Stirn, seine lilienweißen Schultern und seinen
-Marmorhals, der von einer dunkel vom blonden Haupte
-fallenden Flut überschattet ist, in sich aufnimmt, wo
-der Strom verächtlich den einen Schmuck von sich
-streift, um ihn durch einen anderen zu ersetzen, und
-seine Launen kein Ende finden wollen, &mdash; in diesen
-Stunden wechselt er mutwillig, wie er ist, fast jedes
-Jahr seine Umgebung, wählt sich einen neuen Weg und
-umgibt sich mit neuen, mannigfaltigen Landschaften.
-Die langen Reihen der Mühlen hoben die breiten Wellen
-auf ihre schweren Räder und warfen sie mächtig zurück,
-zerstäubten sie, ließen sie über die ganze Umgebung
-herabsprühen und erfüllten ringsherum alles mit Lärm.
-Um diese Zeit fuhr der Wagen mit den uns schon bekannten
-Passagieren über die Brücke, und nun streckte
-sich vor ihnen der Strom in seiner ganzen Pracht und Schönheit
-hin, wie eine riesige Fläche von Glas. Der Himmel,
-die grünen und blauen Wälder, die Menschen, die Wagen
-mit den Töpfen, die Mühlen &mdash; alles schien umgestürzt,
-zog vorüber und stand auf dem Kopfe, ohne doch in
-den schönen, blauen Abgrund herabzufallen. Das schöne
-Mädchen wurde bei der Herrlichkeit der Aussicht ganz
-nachdenklich und vergaß sogar, an ihren Sonnenblumenkernen
-zu knabbern, was sie während des ganzen Weges
-getan hatte, als ihr auf einmal die Worte: &bdquo;Ei was
-für ein Mädel!&ldquo; ans Ohr drangen. Sie schaute sich
-um und sah auf der Brücke einen Haufen Burschen
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-stehen, deren einer etwas feiner gekleidet war als die
-anderen; er hatte eine weiße Bluse an und eine graue
-Lammfellmütze auf dem Kopf, stützte die Hände auf
-die Hüften und sah sich keck die Vorüberfahrenden an.
-Die Schöne konnte ihn unmöglich nicht bemerken, ihr
-Blick streifte sein braungebranntes, doch angenehmes Gesicht
-und seine feurigen Augen, die sie gleichsam durchbohren
-wollten, aber sie senkte ihn wieder bei dem Gedanken,
-das Wort, das sie vernommen hatte, sei von
-ihm gekommen. &bdquo;Ein prächtiges Mädel!&ldquo; fuhr der
-Bursch in der weißen Bluse fort, ohne seine Augen
-von ihr abzuwenden. &bdquo;Ich würde mein ganzes Hab
-und Gut darum geben, wenn ich sie einmal küssen
-könnte. Aber da vorne sitzt der Teufel!&ldquo; Von allen
-Seiten erhob sich Gelächter, allein der geputzten Gefährtin
-des langsam voranschreitenden Gemahls war diese Begrüßung
-doch zu stark: ihre roten Backen wandelten
-sich in lauter Feuer, und eine Salve ausgesuchter
-Flüche regnete auf den Kopf des ausgelassenen Jungen
-herab:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daß du erstickst, nichtsnutziger Kerl! Ein Topf
-möge deinem Vater den Schädel einschlagen! Er soll
-sich auf dem Eise die Beine brechen, der verdammte
-Antichrist! Möge ihm doch der Teufel in jener Welt
-den Bart verbrennen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was die nur schimpfen kann,&ldquo; sagte der Bursche
-die Frau anstarrend und gleichsam verblüfft durch dies
-Geknatter unerwarteter Begrüßungen: &bdquo;Daß der hundertjährigen
-Hexe bei solchen Worten nicht die Zunge
-weh tut!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hundertjährig! ....&ldquo; fiel die alte Schöne ein.
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-&bdquo;Du Heidendreck, geh, wasch dich mal zuerst! So ein
-unnützer Tunichtgut! Ich habe deine Mutter nie gesehen,
-aber das weiß ich, daß sie nichts taugt! Auch
-dein Vater ist ein Nichtsnutz, und deine Muhme ist es
-auch! ...... Hundertjährig! ..... Der ist ja
-noch grün hinter den Ohren ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier begann der Wagen von der Brücke herunterzufahren,
-und man konnte die letzten Worte nicht mehr
-hören; aber der Bursche wollte offenbar noch nicht
-Schluß machen: ohne sich lange zu besinnen, packte er
-einen Haufen Schmutz und warf ihn hinter ihr her.
-Der Wurf war geschickter, als man erwarten konnte:
-das ganze neue baumwollene Häubchen wurde mit Dreck
-bespritzt, und so das Gelächter der ausgelassenen Windbeutel
-nur noch doppelt angefacht. Die wohlbeleibte
-Kokette entbrannte vor Zorn; aber der Wagen war schon
-ziemlich weit davongefahren, und ihre Rache sprang auf
-die unschuldige Stieftochter und den langsamen Ehemann
-über, der, schon lange an solche Vorkommnisse
-gewöhnt, hartnäckig Schweigen bewahrte und die tobenden
-Reden der erzürnten Gemahlin kaltblütig aufnahm. Trotzdem
-knarrte und zappelte ihre unermüdliche Zunge so lange
-im Munde herum, bis sie endlich in der Vorstadt, bei
-ihrem alten Bekannten und Gevatter, dem Kosaken
-Zybulja, dem &bdquo;Zwiebelmann&ldquo;, anlangten. Die Begegnung
-mit den Gevattersleuten, die sie lange nicht mehr
-gesehen hatten, verscheuchte für eine Zeitlang die Erinnerung
-an diese unangenehme Begebenheit aus ihrem
-Kopfe. Sie sprachen erst ein wenig über den Jahrmarkt
-und ruhten sich dann von der langen Reise
-aus.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-2">
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-II.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
-<p class="epi">
-Ach du lieber Herrgott! Was gibt es nicht
-alles auf diesem Jahrmarkt! Räder, Glas,
-Teer, Tabak, Riemen, Zwiebel, Ware
-aus aller Welt ..... Und wenn man
-selbst dreißig Rubel in der Tasche hätte, man
-könnte noch lange nicht den ganzen Jahrmarkt
-aufkaufen.
-</p>
-
-<p class="right">
-Aus einem kleinrussischen Schwank.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">hr</span> habt wohl schon einmal einen Wasserfall in der
-Ferne sich herabwälzen hören? Die aufgestörte
-Gegend ist voller dröhnenden Getöses, und ein
-Chaos wundersamer und unbestimmter Geräusche braust
-im Wirbel an euch vorüber. Nicht wahr? Es sind dieselben
-Empfindungen, die euch plötzlich im Trubel eines ländlichen
-Jahrmarktes erfassen, wenn das ganze Volk zu
-einem riesigen Ungeheuer zusammenwächst und sich mit
-seinem riesigen Leibe über den Platz und durch die engen
-Straßen schiebt, schreit, johlt und tobt. Lärmen, Schimpfen,
-Meckern, Blöken, Brüllen &mdash; alles verschmilzt zu einem
-verwirrenden Mißklang. Stiere, Säcke, Strohbündel,
-Zigeuner, Geschirr, Weiber, Lebkuchen, Mützen &mdash; all
-dies Grelle, Bunte, Mißklingende wühlt und wimmelt
-haufenweise herum und schwirrt einem vor den Augen.
-Vielstimmige Reden verschlingen einander, und in dieser
-Sintflut läßt sich kein Wort retten und ist kein Ruf
-mehr deutlich zu vernehmen. Der Handschlag der Händler
-beim Kaufe ist noch das einzige, was man auf allen
-Seiten des Jahrmarktes hört. Wagen krachen, Eisenstangen
-klirren, Bretter fallen lärmend zur Erde nieder,
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-und der schwindelnde Kopf weiß nicht, wohin er sich
-wenden soll. Unser zugereister Bauer mit dem schwarzbrauigen
-Töchterchen drückte sich schon lange unter dem
-Volk herum: bald trat er an einen Wagen heran, bald
-befühlte er den anderen und fragte nach den Preisen,
-unterdessen aber kreisten seine Gedanken unaufhörlich um
-die zehn Säcke Weizen und die alte Stute, die er zum
-Verkauf mitgebracht hatte. Aus dem Gesichte seiner
-Tochter konnte man ersehen, daß es ihr nicht besonders
-angenehm war, neben dem mit Mehl und Weizen beladenen
-Wagen herumlungern zu müssen. Sie hätte
-lieber dahin gewollt, wo unter Leinwandzelten rote
-Bänder, Ohrringe, Kreuze von Zinn und Messing und
-Schmuckdukaten kokett aufgehängt waren. Aber auch
-hier fand sie viel Dinge zu beobachten: es ergötzte sie
-höchlich, wie ein Zigeuner und ein Bauer einander den
-Handschlag gaben und dabei selbst vor Schmerz aufschreien
-mußten; wie ein betrunkener Jude einem Frauenzimmer
-von hinten Püffe versetzte; wie zankende Händlerinnen
-einander mit Schlägen und Schimpfworten
-überschütteten; wie ein Moskowiter sich mit der einen
-Hand sein Ziegenbärtchen strich und mit der anderen
-...... Aber da fühlte sie, wie sie jemand am gestickten
-Ärmel zupfte. Sie wandte sich um &mdash; und der
-Bursche im weißen Kittel und mit den hellen Augen
-stand vor ihr. Sie erbebte, ihr Herz schlug so heftig,
-wie es noch nie, bei keiner Freude und keinem Schmerz
-geschlagen hatte: Wunderlich und lieblich zugleich ward
-ihr zumute, und sie konnte sich selbst nicht erklären,
-was mit ihr geschah.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fürchte dich nicht, Herzchen, fürcht&rsquo; dich nicht!&ldquo;
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-sprach er halblaut zu ihr und ergriff ihre Hand: &bdquo;Ich
-will dir nichts Schlimmes sagen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es mag schon sein, daß du mir nichts Schlimmes
-sagen willst,&ldquo; dachte die Schöne bei sich, &bdquo;aber mir ist
-so wunderlich zumute ... das ist sicher der Satan!
-Ich weiß ja selbst, daß sich&rsquo;s nicht schickt ... aber mir
-fehlt die Kraft, meine Hand fortzuziehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Bauer drehte sich um und wollte seiner Tochter
-etwas sagen, aber da hörte er plötzlich aus nächster
-Nähe das Wort: &bdquo;Weizen!&ldquo; fallen. Dieses magische
-Wort veranlaßte ihn im Nu, sich an zwei laut miteinander
-sprechende Handelsmänner zu wenden, und seine
-Aufmerksamkeit konnte nun durch nichts mehr abgelenkt
-werden. Die Handelsmänner unterhielten sich über den
-Weizen und sprachen folgendermaßen.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-3">
-III.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Schau, was für ein Kerl da steht!</p>
- <p class="verse">So gibt&rsquo;s wenige auf der Welt.</p>
- <p class="verse">Schnaps säuft der wie süßen Meth!</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="right">
-Kotljarewski &bdquo;Äneas&ldquo;.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>D</span><span class="postfirstchar">u</span> glaubst also, daß unser Weizen sich schlecht
-verkaufen wird, Landsmann,&ldquo; sagte der eine
-Mann, nach seinem Äußeren zu urteilen ein
-zugereister Kleinbürger, in geteerten, fettigen und
-fleckigen Hanfleinwandhosen, offenbar der Bewohner
-irgendeines winzigen Städtchens, zu dem anderen, der
-einen blauen, stellenweise etwas geflickten Kittel trug,
-und dessen Stirn eine riesige Beule schmückte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich da groß von denken: ich will mir &rsquo;ne
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Schlinge um den Hals legen und an diesem Baum
-hier hin und her baumeln wie die Wurst vor Weihnachten
-in der Stube, wenn wir auch nur ein Maß
-verkaufen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was schwatzst du da, Landsmann? Wir sind doch
-hier die einzigen Weizenleute,&ldquo; erwiderte der Mann mit
-den Leinwandhosen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihr könnt reden, was ihr wollt!&ldquo; dachte der Vater
-unserer Schönen, der sich kein Wort vom Gespräch der
-beiden Handelsleute entgehen ließ: &bdquo;Ich habe meine
-zehn Säcke im Vorrat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das stimmt ja, aber wenn der Teufel sich ins
-Spiel mischt, richtet man gerad so viel aus, wie bei
-einem hungrigen Moskowiter,&ldquo; sprach der Mann mit
-der Beule auf der Stirn bedeutungsvoll.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein <em>Teufel</em>?&ldquo; fragte der Mann mit den
-Leinwandhosen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hast du nicht gehört, was die Leute da reden?&ldquo;
-fuhr der mit der Beule auf der Stirne fort und sah
-ihn mit seinen mürrischen Augen von der Seite an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun? Was &sbquo;nun&lsquo;? Der Präsident &mdash; möge er
-sich doch nach der Rahmspeise die Lippen nicht mehr
-wischen können! &mdash; Der Präsident hat einen ganz verdammten
-Ort für den Jahrmarkt ausgesucht, auf dem
-wird man kein Körnchen los, und wenn man platzt!
-Siehst du dort am Berge die verfallene Scheune?&ldquo;
-(Hier rückte der neugierige Vater unserer Schönen noch
-näher und wurde ganz Ohr.) &bdquo;In dieser Scheune treibt
-der Teufel sein Spiel, und an diesem Ort verläuft kein
-Jahrmarkt ohne Unglück. Gestern geht da spät abends
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-der Gemeindeschreiber vorbei und plötzlich sieht er &mdash;
-aus der Luke ein Schweinemaul herausgucken: das
-grunzte so, daß es ihn ganz kalt überlief. Bald wird
-uns noch der <em>rote Kittel</em> heimsuchen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein <em>roter Kittel</em>?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier sträubten sich unserem aufmerksamen Zuhörer
-die Haare. Voller Angst drehte er sich um und sah,
-wie sein Töchterchen und der Bursche ruhig dastanden,
-sich umarmt hielten, ein Liebesliedchen sangen und alle
-Kittel der Welt vergessen hatten. Das zerstreute seine
-Angst und gab ihm seine frühere Sorglosigkeit wieder.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hehe! Landsmann! Du verstehst dich aber aufs
-Küssen! Ich habe es erst drei Tage nach der Hochzeit
-gelernt, meine selige Chwesjka zu küssen, und auch das
-nur dank dem Gevatter: der hat&rsquo;s mich als Brautführer
-gelehrt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Bursche merkte sofort, daß der Vater seiner
-Liebsten da stand, und begann in Gedanken Pläne zu
-schmieden, wie er ihn für sich gewinnen könne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist sicher ein guter Mensch, du kennst mich
-zwar nicht, aber ich habe dich gleich erkannt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kann schon sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn du willst, kann ich dir deinen Vor- und
-Zunamen nennen und dir auch alles andere sagen: du
-heißt Solopi Tscherewik!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Stimmt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh mich mal recht an, erkennst du mich nicht
-wieder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein. Nimm&rsquo;s mir nicht übel, ich erkenne dich
-nicht! Ich habe mein Lebtage so viel Fratzen gesehen,
-daß nur der Teufel sich auf alle besinnen könnte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-&bdquo;Schade, daß du dich nicht mehr auf Golupupenkos
-Sohn besinnst!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So bist du der Sohn des Achrim?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer denn sonst? Bin ich etwa der kahlköpfige
-Satan?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da faßten beide an die Mütze, und es begann
-ein gegenseitiges Abschmatzen; Golupupenkos Sohn beschloß
-sofort, ohne viel Zeit zu verlieren, seinen neuen
-Bekannten zu überfallen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh mal, Solopi, deine Tochter und ich, wir lieben
-uns und wollen immer beieinander bleiben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Paraßka,&ldquo; sagte Tscherewik zu seiner Tochter
-und lachte, &bdquo;vielleicht solltet ihr wirklich, wie man so
-sagt, gemeinsam ..... auf einer Weide grasen! Nun,
-schlag ein! Trinken wir eins darauf, mein Herr nagelneuer
-Schwiegersohn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und alle drei zogen miteinander zur wohlbekannten
-Jahrmarktsschenke &mdash; in die Bude des Judenweibes &mdash;
-die mit einer zahlreichen Flotille von Kruken und Flaschen
-jeder Art und jeden Alters angefüllt war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Brav, brav &mdash; alle Achtung!&ldquo; rief Tscherewik lustig,
-als er sah, wie sein künftiger Schwiegersohn sich ein
-Glas, das ein Viertelmaß faßte, vollschenkte, es, ohne
-eine Miene zu verziehen, auf einen Zug hinuntergoß
-und dann das Glas in Stücke schmiß. &bdquo;Nun, was
-sagst du, Paraßka? Was ich dir für einen Bräutigam
-ausgesucht habe! Schau, schau, der säuft wie ein Held! ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und lachend und sich hin und her wiegend, schwankte
-er mit ihr bis zu seinem Wagen. Unser Bursche strich
-die Budenreihen ab, vor denen sogar Kaufleute aus
-Gadjatsch und Mirgorod, jenen beiden so berühmten
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Städten des Gouvernements Poltawa, standen; er wollte
-sich eine Holzpfeife mit Messingbeschlag, ein rotgeblümtes
-Tuch und eine Mütze kaufen; als Hochzeitsgeschenke für
-den Schwiegervater und die anderen, wie es sich nun
-einmal gehörte.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-4">
-IV.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Hältst dich wohl für einen Mann,</p>
- <p class="verse">Aber rückt ein Weibsbild an,</p>
- <p class="verse">Dann setzt&rsquo;s Senge .......</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="right">
-<em>Kotljarewski.</em>
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>H</span><span class="postfirstchar">e,</span> Frauchen, ich habe einen Bräutigam für unsere
-Tochter gefunden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&rsquo;s ist wohl gerad die rechte Zeit, sich einen
-Bräutigam zu suchen! Du Dummkopf du, mußt wohl
-dein Leben lang ein Dummkopf bleiben! Wo hast du
-gesehen oder wo hast du gehört, daß ein anständiger
-Mensch jetzt hinter einem Bräutigam herläuft? Hättest
-du doch lieber daran gedacht, den Weizen loszuwerden.
-Das wird ein schöner Bräutigam sein! Sicher ist&rsquo;s der
-zerlumpteste aller Habenichtse!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach was, davon ist keine Rede! Du solltest nur
-mal sehen, was das für ein Bursche ist! Sein Kittel
-allein kostet mehr als deine grüne Jacke und die
-roten Stiefel zusammengenommen. Und wie der großartig
-Schnaps saufen kann! ..... Der Teufel hole
-mich mit dir zusammen, wenn ich je gesehen habe, daß
-ein Bursche ein halbes Maß hinuntergießt, ohne mit
-der Wimper zu zucken .....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ei freilich, also ein Trunkenbold und ein Landstreicher
-wie du! das würde dir so passen! Ich möcht&rsquo;
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-darauf wetten, daß es derselbe Lümmel ist, der uns
-auf der Brücke angerempelt hat. Schade, daß ich ihn
-bis jetzt noch nicht erwischt habe &mdash; ich hätte ihm schon
-was gezeigt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wenn&rsquo;s nun wirklich derselbe wäre, Chiwrja?
-Warum soll er denn ein Lümmel sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum soll er <em>kein</em> Lümmel sein? Ach du hirnloser
-Schädel! So hör doch &mdash; warum soll er denn
-kein Lümmel sein! Wo hattest du denn deine kreuzdummen
-Augen versteckt, als wir an den Mühlen
-vorbeifuhren? So einem Mann kann man wahrhaftig
-geradeswegs vor seiner, mit Tabak beschmutzten Nase
-die eigene Frau beleidigen, und er kümmert sich nicht
-drum!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann nichts Schlimmes dabei sehen: der Junge
-ist großartig! Höchstens, daß er dir die Fratze mit Mist
-vollgekleistert hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aha! Ich sehe schon, du willst mich nicht mehr
-zu Worte kommen lassen! Das wär&rsquo; mir noch was
-Neues! Du hast wohl einen zu viel getrunken, noch
-bevor du überhaupt etwas verkauft hast!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unser Tscherewik merkte jetzt selbst, daß er in seiner
-Rede zu weit gegangen war, und bedeckte schnell den
-Kopf mit den Händen, da er annehmen mußte, daß
-die erzürnte Gattin es nicht unterlassen würde, ihre ehelichen
-Tatzen in sein Haar zu krallen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Den Teufel auch, da hast du deine Hochzeit!&ldquo;
-dachte er bei sich, während er die heftig vordringende
-Gattin abwehrte. &bdquo;Ich werde dem lieben Kerl ohne
-allen Grund eine Absage erteilen müssen. Himmel,
-Herrgott! Wofür strafst du uns arme Sünder so?
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Es gibt doch schon soviel Unrat, mußtest du auch noch
-die Weiber in die Welt setzen.&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-5">
-V.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Bäumlein, Bäumlein, bück dich nicht,</p>
- <p class="verse">Weil du noch zu fein bist!</p>
- <p class="verse">Sei nicht bös, Kosakenbursch,</p>
- <p class="verse">Weil du noch zu klein bist!</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="right">
-Kleinrussisches Lied.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">erstreut</span> saß der Bursch im weißen Kittel neben
-seinem Wagen und blickte auf das rings um ihn
-dumpf rauschende Volk. Die müde Sonne, die
-Morgen und Mittag ruhig über den Himmel dahingeglüht
-hatte, verließ nun die Welt, und der erlöschende
-Tag bemalte sich in berückender Helligkeit mit rotem
-Gold. Blendend blitzten die Spitzen der weißen Zelte
-und Buden, von einem kaum merkbaren feurig rosigen
-Glanz überstrahlt; die Scheiben des zu Haufen aufgestapelten
-Fensterglases glühten; die grünen Flaschen und
-die Gläser auf den Tischen der Schankweiber verwandelten
-sich in Feuer; die Berge von Kürbissen und
-Melonen schienen aus Gold und dunklem Kupfer gegossen
-zu sein. Die Gespräche wurden merkbar leiser
-und dumpfer, und die müden Zungen der Händler,
-Bauern und Zigeuner regten sich träger und langsamer.
-Irgendwo glomm ein Feuerchen auf, und ein würziger
-Dampf von gekochten Klößen verbreitete sich in den
-immer stiller werdenden Gassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sinnst du, Grytzko?&ldquo; rief ein hochgewachsener
-brauner Zigeuner, und schlug unserem Burschen auf die
-Schulter. &bdquo;Also gibst du die Bullen für zwanzig her?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-&bdquo;Du denkst an nichts als an Bullen und wieder
-Bullen! Ihr Leute wollt nur immer Geschäfte machen
-und einen ehrlichen Menschen übers Ohr hauen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pfui Teufel! Im Ernst, bei dir rappelt&rsquo;s wohl!
-Vielleicht gar aus Ärger, daß du dir selbst eine Braut
-zugelegt hast?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, so bin ich nicht: ich halte mein Wort. Was
-ich einmal getan habe, das bleibt ewig bestehn. Aber
-dieser alte Knaster, der Tscherewik, hat auch nicht für
-einen halben Heller Gewissen: erst versprochen, dann gebrochen
-.... Na, ihm kann man keine Schuld geben:
-der ist ein Klotz und nichts weiter. Das sind alles die
-Streiche der alten Hexe, die wir Jungen heut auf der
-Brücke so recht nach Noten ausgeschimpft haben. Ach,
-wenn ich ein König oder ein großer Herr wäre, ich wär&rsquo;
-der erste, der alle die Dummköpfe an den Galgen brächte,
-die sich von Weibern in die Kandare nehmen lassen ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gibst du uns die Bullen für zwanzig, wenn wir
-Tscherewik zwingen, dir Paraßka zu geben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ganz erstaunt blickte ihn Grytzko an. Die braunen
-Züge des Zigeuners hatten etwas Boshaftes, Grausames,
-Niedriges und zugleich Hochmütiges an sich: jeder, der
-ihn ansah, mußte gestehen, daß in dieser seltsamen Seele
-große Gefühle brodelten, für die es jedoch nur einen
-Lohn auf Erden gibt &mdash; den Galgen. Den Mund, der
-zwischen der Nase und dem spitzen Kinn wie eingefallen
-erschien, umspielte ewig ein giftiges Lächeln, kleine Augen,
-die lebhaft wie Feuer waren, und ein ewig wechselndes
-Aufleuchten von Unternehmungen und Plänen im Gesicht,
-&mdash; zu alledem schien nur ein ganz besonderes Kostüm
-zu passen und zwar gerad ein so sonderbares, wie er es
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-trug. Dieser dunkelbraune Kaftan, der sich bei der geringsten
-Berührung sicherlich in Staub verwandelt hätte;
-das lang in Strähnen über die Schultern fallende Haar,
-die Schuhe an den nackten braunen Füßen, &mdash; all das
-schien mit ihm verwachsen zu sein und seine eigentliche
-Natur auszumachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht nur für zwanzig, ich geb&rsquo; sie dir für fünfzehn,
-wenn du Wort hältst!&ldquo; antwortete der Bursche, ohne
-seine prüfenden Augen von ihm abzuwenden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Für fünfzehn? &mdash; Gut! Paß auf und vergiß nicht:
-für fünfzehn! Hier hast du einen Blauen als Handgeld!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wenn du lügst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ich lüge, ist das Handgeld wieder dein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut! Also schlag ein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun gut, &rsquo;s ist recht!&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-6">
-VI.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
-<p class="epi">
-Welch ein Malheur: da seh ich Roman
-kommen, der bringt mir gewiß Schlimmes,
-aber auch Sie, Herr Choma, kriegen was
-ab!
-</p>
-
-<p class="right">
-Aus einem kleinrussischen Schwank.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>H</span><span class="postfirstchar">ier,</span> Afannassi Iwanowitsch! Da ist der Zaun
-etwas niedriger, steigt nur hinüber und habt
-keine Angst: mein Tölpel ist mit dem Gevatter
-zu den Wagen gegangen, um dort zu übernachten,
-damit die Moskowiter nichts stibitzen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So ermutigte Tscherewiks gestrenge Herrin freundlich
-den Popensohn, der sich ängstlich an den Zaun
-quetschte. Eilig kletterte er hinauf und hing lange und
-unschlüssig dort oben, wie ein hageres schreckliches Gespenst,
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-mit den Augen abmessend, wo er wohl am besten
-abspringen könne; endlich plumpste er mit viel Lärm
-ins Gras.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O jemine! Habt Ihr Euch nicht weh getan?
-Habt Ihr Euch nicht am Ende, was Gott verhüte, noch
-gar das Genick gebrochen?&ldquo; jammerte Chiwrja besorgt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pst! es ist nichts passiert, meine Liebe!&ldquo; sprach
-der Popensohn schmerzbewegt im Flüsterton, und sprang
-wieder auf die Füße: &bdquo;abgesehen von der Blessur durch
-die Nesseln, dieses schlangengleiche Kraut, wie unser hochseliger
-weiser Protopope zu sagen pflegte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kommt nur in die Stube, es ist niemand da.
-Ich habe schon gedacht, was hat bloß mein Afannassi
-Iwanowitsch? am Ende hat er gar das Reißen oder
-das Magendrücken, er kommt und kommt nicht! Wie
-geht es Euch? Ich habe gehört, Euer Herr Vater
-hat jetzt mancherlei schöne Dinge bekommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, &rsquo;ne reine Kleinigkeit, Chawronja Nikiforowna:
-Väterchen hat während der ganzen Fasten nur etwa
-fünfzehn Sack Korn, vier Sack Hirse und etwa hundert
-Laib Brot bekommen; was die Hühner betrifft, so
-waren&rsquo;s alles in allem höchstens fünfzig Stück; und
-die Eier waren zum größten Teil faul. Wahrhaftig,
-gute Gaben sind nur von Euch zu erwarten, meine
-Liebe!&ldquo; fuhr der Popensohn fort, indem er sie süß ansah
-und näher rückte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da sind meine Gaben, Afanassi Iwanowitsch!&ldquo;
-sprach sie, während sie die Schüsseln auf den Tisch
-stellte und geziert ihre Jacke zuknöpfte, die wie zufällig
-aufgegangen war, &bdquo;da sind Zuckerfrüchte, Weizenklöße,
-Krapfen und Strizel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-&bdquo;Ich wette darauf, daß dies hier die flinksten Hände
-aus Evas Geschlecht hergerichtet haben!&ldquo; sprach der
-Popensohn, indem er sich an die Strizel machte und
-mit der anderen Hand die Krapfen zu sich heranzog.
-&bdquo;Aber mein Herz schmachtet nach einer anderen Speise,
-die süßer ist, als alle Klößchen und Kräpfchen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht, was für eine Speise Ihr meint,&ldquo;
-antwortete die wohlbeleibte Schöne, die so tat, als ob
-sie nicht verstände.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Natürlich Eure Liebe, meine unvergleichliche Chiwrja!&ldquo;
-sagte der Popensohn im Flüsterton, indem er mit der
-einen Hand einen Krapfen ergriff und die andere um
-ihre breiten Hüften legte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weiß Gott, was Ihr Euch nur alles ausdenkt,
-Afanassi Iwanowitsch,&ldquo; sagte Chiwrja, schämig die Augen
-senkend. &bdquo;Am Ende wollt Ihr mich gar noch küssen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was das anbetrifft, so will ich Euch sagen,&ldquo; fuhr
-der Popensohn fort, &bdquo;als ich gewissermaßen noch auf
-dem Seminar war &mdash; ich erinnere mich noch als wär&rsquo;
-es heute, da ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier wurde auf dem Hof ein Bellen laut, und
-jemand klopfte ans Tor. Chiwrja lief eilig hinaus und
-kam ganz bleich zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sind verloren, Afanassi Iwanowitsch: ein
-ganzer Haufen Leute klopft ans Tor, und ich glaube,
-ich habe die Stimme des Gevatters gehört ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Krapfen blieb dem Popensohn im Halse stecken ....
-Seine Augen quollen heraus, als ob eine Erscheinung
-aus jener Welt ihm soeben ihre Visite abgestattet hätte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kriecht hier herauf!&ldquo; rief die erschrockene Chiwrja
-und zeigte auf die Bretter, die dicht unter der Stubendecke
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-über zwei Balken angebracht waren, und auf denen
-allerlei Hausgerümpel herumlag.
-</p>
-
-<p>
-Die Gefahr verlieh unserem Helden Mut. Er kam
-wieder zur Besinnung, sprang auf die Ofenbank und
-kletterte von dort vorsichtig auf die Bretter; unterdessen
-lief Chiwrja ganz außer sich ans Tor, denn das Klopfen
-wiederholte sich mit immer größerer Kraft und Ungeduld.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-7">
-VII.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
-<p class="epi">
-Das ist ja ein Wunder, mein Herr!
-</p>
-
-<p class="right">
-Aus einem kleinrussischen Schwank.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> dem Jahrmarkt hatte sich ein sonderbares Ereignis
-zugetragen: alles war von dem Gerüchte
-erfüllt, daß irgendwo unter den Waren der <em>rote
-Kittel</em> aufgetaucht sei. Die Alte, die Brezeln verkaufte,
-behauptete, den Satan in Gestalt eines Schweines
-gesehen zu haben, das unaufhörlich unter den Wagen
-umherschnüffelte, als ob es da irgend etwas suchte. Das
-Gerücht verbreitete sich schnell an allen Ecken und Enden
-des nun schon stillen Lagers, und jeder hätte es für ein
-Verbrechen gehalten, nicht daran zu glauben, obgleich
-die Brezelverkäuferin, die ihren Stand neben der Bude
-des Schankweibes aufgeschlagen hatte, den ganzen lieben
-Tag ohne jeglichen Grund Verbeugungen machte und
-mit den Füßen ähnliche Linien beschrieb wie ihre leckere
-Ware. Dazu kamen noch die übertriebenen Gerüchte
-von dem Mirakel, das der Gemeindeschreiber angeblich
-nachts in der verfallenen Scheune gesehen hatte, so daß sich
-alle, als es Nacht wurde, eng aneinander drängten; die
-Ruh war gestört, und die Angst ließ keinen ein Auge
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-zutun. Die, welche ein Nachtlager in den Häusern haben
-konnten und nicht sehr wagemutig waren, zogen unter
-Dach und Fach. Zu diesen letzteren gehörten auch der
-Gevatter und Tscherewik mit seiner Tochter, die zusammen
-mit den Gästen, welche ebenfalls ins Haus drängten,
-das Gepolter verursacht hatten, das unsere Chiwrja so
-sehr erschreckte. Der Gevatter hatte schon etwas geladen.
-Das konnte man daraus ersehen, daß er bereits
-zweimal mit dem Wagen den Hof abgefahren hatte,
-bevor er sein Haus fand. Die Gäste waren ebenfalls
-alle schon sehr heiter und traten ganz ohne Umstände vor
-dem Wirt ins Haus. Die Frau unseres Tscherewik saß
-wie auf Nadeln, als sie in allen Ecken der Stube umherzuscharren
-begannen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Frau Gevatter,&ldquo; rief der eintretende Hausherr,
-&bdquo;wirst du immer noch vom Fieber geschüttelt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, mir ist nicht wohl!&ldquo; antwortete Chiwrja, unruhig
-auf die Bretter unter der Decke blickend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, Frau, hole uns doch das Fäßchen dort vom
-Wagen!&ldquo; sprach der Gevatter zu seiner Frau, die mit
-ihm gekommen war, &bdquo;wir wollen eins mit den guten
-Leuten trinken, die verfluchten Weiber haben einem
-solche Angst eingejagt, daß es einfach eine Schande ist!
-Bei Gott, Brüder, wir sind ganz umsonst hierhergekommen!&ldquo;
-fuhr er, aus dem Tonkrug schlürfend, fort. &bdquo;Ich
-setz&rsquo; eine neue Mütze zum Pfand, daß die Weiber uns
-zum besten gehalten haben. Und wenn es auch Satan
-wäre, &mdash; was ist denn das, der Satan? Spuckt ihm
-auf den Kopf! Wenn er, beispielsweise jetzt im Augenblick
-hier vor mir erschiene: ich will ein Hundesohn sein,
-wenn ich ihm nicht einen Nasenstüber versetze!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-&bdquo;Warum bist du denn auf einmal so bleich geworden?&ldquo;
-rief einer der Gäste, der alle anderen einen Kopf
-hoch überragte und sich stets als Held aufspielte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich? ..... Was fällt dir ein! Du träumst
-wohl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Gäste lachten. Ein zufriedenes Lächeln glitt über
-das Gesicht des prahlmutigen Helden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum soll denn der bleich werden!&ldquo; fiel da ein
-anderer ein: &bdquo;seine Backen blühen ja wie Mohn; jetzt
-sieht Zibulja nicht mehr wie eine Zwiebel aus, sondern
-wie eine rote Rübe, oder richtiger wie der <em>rote Kittel</em>
-selbst, der die Leute so erschreckt hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Fäßchen wurde auf den Tisch gerollt und machte
-die Gäste noch lustiger. Unser Tscherewik, der schon lange
-von dem Gedanken an den <em>roten Kittel</em> gequält wurde,
-und dessen neugieriger Geist keinen Augenblick Ruhe fand,
-machte sich an den Gevatter heran.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sag mir doch, Gevatter, sei so gut, ich frage und
-frage und kann&rsquo;s nicht herausbekommen, was für eine
-Bewandtnis es mit dem verdammten <em>Kittel</em> hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;He, Gevatter! Das sollte man eigentlich nicht zur
-Nacht erzählen; aber um dir einen Gefallen zu tun und
-den guten Leuten da (dabei wandte er sich zu den
-Gästen), die, wie ich merke, die Geschichte genau so
-wie du kennen lernen wollen &mdash; Meinetwegen, also
-hört!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er kratzte sich die Schulter, wischte sich am Rockschoß
-ab, legte beide Arme auf den Tisch und begann:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einst wurde &mdash; ob er nun etwas verschuldet hatte
-oder nicht, das weiß ich bei Gott nicht &mdash; ein Teufel
-aus der Hölle gejagt .....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-&bdquo;Wieso denn, Gevatter?&ldquo; unterbrach ihn Tscherewik.
-&bdquo;Wie ist das bloß möglich, daß ein Teufel aus der Hölle
-gejagt wird?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was kann man da machen, Gevatter! Man jagt
-ihn heraus und fertig! &mdash; wie ein Bauer seinen Hund
-aus der Stube jagt. Vielleicht hatte ihn die Lust überkommen,
-eine gute Tat zu tun: nun, da hat man ihn
-eben hinausgeworfen. Da ward dem armen Teufel so
-bang zumute, und er begann sich so nach der Hölle zu
-sehnen, daß er sich am liebsten aufgehängt hätte. Was
-war zu machen? Vor Kummer warf er sich aufs Saufen,
-er nistete sich in der verfallenen Scheune ein, die
-du dort am Berge gesehen hast, und an der jetzt kein
-guter Mensch vorübergeht, ohne vorher das Zeichen des
-heiligen Kreuzes zu machen, und der Teufel wurde zu so
-einem Säufer, wie man ihn selbst unter den Burschen kaum
-finden kann: vom frühen Morgen bis zum späten Abend
-saß er nur immer in der Schenke ......&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier unterbrach der gestrenge Tscherewik wiederum
-unseren Erzähler:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott, was du da redest, Gevatter! Wie ist denn
-das möglich, daß jemand den Teufel in die Schenke
-hineinläßt? Er hat doch, Gott sei gelobt, Krallen an
-den Tatzen und Hörner auf dem Kopf.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist&rsquo;s ja eben! er hatte eine Mütze aufgesetzt und
-Däumlinge angezogen. Wie sollte man ihn da wohl erkennen?
-Er fing an, ein lustiges Leben zu führen und
-endlich kam es so weit, daß er alles versoffen hatte, was
-er bei sich trug. Der Schankwirt gab ihm längere Zeit
-Kredit, aber endlich hörte er damit auf. Da war der
-Teufel gezwungen, seinen roten Kittel fast für ein Drittel
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-des Wertes bei dem Juden zu versetzen, der damals auf
-dem Jahrmarkt zu Sorotschintzy den Schnapsausschank
-in Besitz hatte. Er versetzte ihn also und sprach: &bdquo;Gib
-acht, Jude, genau nach einem Jahre hole ich mir den
-Kittel wieder, heb ihn wohl auf!&ldquo; &mdash; und weg war er,
-wie in die Erde gesunken. Der Jude sah sich den Kittel
-genau an: solches Tuch war in Mirgorod nicht zu bekommen,
-und die rote Farbe brannte wie Feuer, daß man
-sich an ihr gar nicht satt sehen konnte. Nun wurde es
-dem Juden aber zu viel, den Termin abzuwarten. Er
-kratzte sich die Schläfenlöckchen, und nahm einem zugereisten
-Pan ganze fünf Dukaten für den Kittel ab! denn
-den Termin hatte der Jude schon längst vergessen. Einmal,
-so gegen Abend, kam da ein Mensch angerückt:
-&bdquo;Nun Jude, gib mir meinen Kittel!&ldquo; Der Jude erkannte
-ihn zuerst nicht, aber dann tat er so, als ob er
-ihn nie gesehen hätte: &bdquo;Was für einen Kittel? Ich
-weiß von keinem Kittel!&ldquo; Jener ging seiner Wege, aber
-gegen Abend, als der Jude, der seine Bude schon geschlossen
-und das Geld in den Kästen gezählt hatte,
-ein Bettuch umnahm und nach Judenart zu Gott zu
-beten anfing, &mdash; da hörte er ein Geräusch .... Sieh
-da &mdash; aus allen Fenstern gucken Schweineschnauzen
-herein .....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier wurde tatsächlich ein undeutlicher Laut hörbar,
-der dem Grunzen eines Schweines sehr ähnlich war;
-alle erbleichten ... Der Schweiß trat dem Erzähler
-auf die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was gibt&rsquo;s!&ldquo; fragte Tscherewik ganz erschrocken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist nichts!&ldquo; .... antwortete der Gevatter,
-der am ganzen Leibe zitterte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-&bdquo;Ah!&ldquo; rief einer der Gäste.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hast du was gesagt?&ldquo; ......
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer hat da gegrunzt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach Gott, warum sind wir nur so erschrocken?
-Es war ja nichts!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alle begannen sich scheu umzusehen und die Winkel
-abzusuchen. Chiwrja war mehr tot als lebendig. &bdquo;Ach
-was seid ihr doch für Weiber, was seid ihr für Weiber!&ldquo;
-rief sie laut aus: &bdquo;Ihr wollt Kosaken und Männer
-sein! Man sollte euch ein Spinnrad in die Hände
-geben und an den Rocken setzen! Einem von euch
-ist wohl, mit Verlaub zu sagen, eine Sünde entfahren,
-oder die Bank hat unter jemandem geknarrt,
-und ihr springt in die Höhe, als ob ihr halb toll
-seid!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das beschämte unsere Helden und gab ihnen neuen
-Mut. Der Gevatter schlürfte aus dem Krug und erzählte
-weiter: &bdquo;Der Jude war fast tot vor Schreck;
-aber die Schweine krochen auf ihren Beinen, die so lang
-wie Stelzen waren, in die Fenster, machten ihn im
-Nu mit dem dreischwänzigen Kantschu wieder lebendig
-und ließen ihn höher springen, als dieser Balken da
-oben ist. Der Jude fiel auf die Knie und gestand alles
-ein. Aber der Kittel war nicht so schnell wieder zu
-finden. Der Pan war unterwegs von einem Zigeuner
-bestohlen worden, der den Kittel an eine Händlerin verkauft
-hatte. Die brachte ihn wieder auf den Jahrmarkt
-von Sorotschintzy, aber von Stund an wollte niemand
-etwas bei ihr kaufen. Die Händlerin wunderte sich
-lange Zeit, aber endlich kam sie der Sache auf den
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Grund. Sicher hatte der rote Kittel an allem schuld;
-daher fühlte sie auch immer, wenn sie ihn anzog, daß
-sie etwas drückte. Ohne lange zu überlegen, warf sie
-ihn ins Feuer &mdash; aber der Teufelsrock wollte nicht
-brennen! .... &bdquo;Ah so, das ist also ein Teufelsgeschenk!&ldquo;
-Die Händlerin war so klug, ihn einem
-Bauern unter den Wagen zu schieben, der Butter zum
-Verkauf brachte. Der Dummkopf war hocherfreut, aber
-niemand fragte mehr nach seiner Butter. &bdquo;O weh, da
-haben mir böse Hände den Kittel da unter den Wagen
-gesteckt!&ldquo; Er ergriff eine Axt und hackte ihn in Stücke;
-aber sieh da, ein Stück kriecht zum andern, und wieder
-ist&rsquo;s ein ganzer Kittel! Er bekreuzigte sich, schlug noch
-mal darauf, streute die Stücke auseinander und machte
-sich davon. Und seit jener Stunde geht jedes Jahr,
-pünktlich zur Jahrmarktszeit, der Teufel in Gestalt
-eines Schweines auf dem Platze um, grunzt und sucht
-die Stücke seines Kittels zusammen. Jetzt soll ihm nur
-noch der linke Ärmel fehlen. Die Leute hüten sich seitdem
-vor jenem Orte, und bald werden es zehn Jahre
-sein, daß dort kein Jahrmarkt mehr gewesen ist. Da
-muß nun der Böse den Präsidenten reiten, daß er
-gerade <em>hier</em> den Jahr......&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die andere Hälfte des Wortes erstarb dem Erzähler
-auf den Lippen: krachend sprang das Fenster auf; klirrend
-flogen die Scheiben herum, und eine schreckliche Schweinsfratze
-erschien in der Öffnung, die Augen rollend, als
-ob sie fragen wollte: &bdquo;Was treibt ihr hier, ihr lieben
-Leute?&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-8">
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-VIII.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dem Hunde gleich, dem man den Schwanz geklemmt,</p>
- <p class="verse">So steht dies Jammerbild, wie Kain zitternd,</p>
- <p class="verse">Und aus der Nase tropft Tabak aufs Hemd.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="right">
-Kotljarewski: &bdquo;Äneas&ldquo;.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ntsetzen</span> packte alle in der Stube. Der Gevatter
-saß offenen Mundes da und schien zu Stein
-erstarrt; seine Augen krochen hervor, als ob sie
-schießen wollten, und die Finger blieben regungslos in
-der Luft gespreizt. Der lange Kerl, der so mutig getan
-hatte, sprang in unverkennbarer Angst bis zur Decke und
-stieß mit dem Kopf gegen den Balken; die Bretter
-klafften auseinander, und der Popensohn flog Knall und
-Fall zu Boden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Au! au! au!&ldquo; schrie der eine verzweifelt, fiel entsetzt
-auf eine Bank und zappelte mit Armen und Beinen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hilfe!&ldquo; brüllte ein anderer und zog sich schnell seinen
-Pelz über die Augen.
-</p>
-
-<p>
-Der Gevatter, den dieser zweite Schreck aus seiner
-Erstarrung geweckt hatte, kroch, an allen Gliedern zitternd,
-seiner Ehefrau unter den Rock. Der lange Maulheld
-kroch, trotz der kleinen Öffnung, in den Ofen und schlug
-selbst die Klappe zu. Tscherewik stülpte sich, wie von
-brühheißem Wasser begossen, statt der Mütze einen Topf
-über den Kopf, stürzte zur Tür hinaus und rannte besinnungslos,
-ohne auf den Weg zu achten, wie ein Wahnsinniger
-durch die Straßen; erst die Ermüdung zwang
-ihn, seinen schnellen Lauf zu hemmen. Sein Herz ratterte
-wie eine Mühlenstampfe, und die Schweißtropfen rollten
-an ihm herunter wie die Hagelkörner. Ganz erschöpft
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-wäre er fast zu Boden gesunken, als er auf einmal
-hörte, wie jemand hinter ihm herjagte .... Sein
-Atem stockte ....
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Teufel! der Teufel!&ldquo; schrie er ganz außer sich,
-seine Kräfte verdreifachend, und einen Augenblick später
-stürzte er besinnungslos zu Boden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Teufel! der Teufel!&ldquo; schrie es hinter ihm her:
-er hörte nur noch, wie etwas lärmend auf ihn herabstürzte;
-aber da verließ ihn die Besinnung, und er blieb
-wie der grausige Bewohner eines engen Sarges stumm
-und reglos mitten auf dem Wege liegen.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-9">
-IX.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Vorne geht die Sache noch halbwegs,</p>
- <p class="verse">Aber hinten ist&rsquo;s der ganze Teufel!</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="right">
-Aus einem Volksmärchen.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>H</span><span class="postfirstchar">örst</span> du, Wlas!&ldquo; sprach einer von den Leuten,
-die im Freien geschlafen hatten, nachts aus
-dem Schlafe auffahrend. &bdquo;Jemand in der
-Nähe hat hier &sbquo;Teufel&lsquo; geschrien.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was geht mich das an?&ldquo; brummte der neben ihm
-liegende Zigeuner, sich räkelnd. &bdquo;Mag er doch nach der
-ganzen Sippe schreien!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber er hat doch so geschrien, als ob man ihn
-abwürgte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was schreit ein Mensch nicht alles im Schlaf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, wie du meinst. Ich geh&rsquo; nachsehen. Mach
-mal Feuer!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der andere Zigeuner stand brummend auf, ließ ein
-paar Funken wie Blitze vor sich aufstieben, blies den
-Zunder mit dem Munde an und ging mit seinem Lämpchen
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-in der Hand &mdash; einer der üblichen kleinrussischen
-Lampen, die aus einem zerbrochenen Scherben, der mit
-Hammelfett gefüllt ist, bestehen &mdash; die Straße hinunter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt, hier liegt jemand! Komm her und leuchte
-mir!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Noch einige Menschen schlossen sich ihm an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was liegt da, Wlas?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es sieht ganz nach zwei Menschen aus: der eine
-liegt oben, der andere unten; wer von ihnen der Teufel
-ist, weiß ich nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer liegt oben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Frauenzimmer!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann ist <em>das</em> der Teufel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ein allgemeines Gelächter weckte fast die ganze
-Straße.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Frauenzimmer ist auf einen Kerl raufgekrochen,
-na, die versteht das Kutschieren!&ldquo; sprach einer aus der
-herumstehenden Menge.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seht doch bloß, Brüder!&ldquo; sprach ein anderer und
-hob einen Scherben des Topfes auf, von dem nur
-noch die eine Hälfte auf dem Kopfe Tscherewiks ganz
-geblieben war. &bdquo;Was der gute Mann sich für eine Mütze
-aufgesetzt hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Lärm und das Gelächter, die immer mehr anschwollen,
-riefen unsere beiden Toten wieder ins Leben
-zurück, Tscherewik und seine Frau, die voll Entsetzen über
-den überstandenen Schreck, mit starrem Blick in die braunen
-Gesichter der Zigeuner schauten. Beim unsicheren
-Flackern des Lichts erschienen sie wie ein Haufen Gnomen,
-umhüllt von einem unterirdisch schweren Qualm in der
-Finsternis einer tiefen Nacht.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-10">
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-X.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
-<p class="epi">
-Packe dich, Satansbrut!
-</p>
-
-<p class="right">
-Aus einem kleinrussischen Schwank.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Frische des Morgens wehte über der erwachten
-Stadt. Aus allen Schloten stiegen Rauchsäulen
-der Sonne entgegen. Auf dem Jahrmarkt wurde
-es wieder lebendig. Schafe blökten, Pferde wieherten,
-das Schnattern der Gänse und der Händlerinnen erfüllte
-wieder das ganze Lager &mdash; und die schrecklichen Gerüchte
-vom <em>roten Kittel</em>, die in der geheimnisvollen Stimmung
-der Dämmerstunde die Menschen in eine solche
-Angst versetzt hatten, waren mit dem Heraufkommen des
-Morgens verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Gähnend und sich räkelnd schlummerte Tscherewik in
-der strohgedeckten Scheune seines Gevatters unter Ochsen,
-Mehlsäcken und Weizen weiter und schien gar keine
-Lust zu haben, sich von seinen Träumen zu trennen,
-als er auf einmal eine Stimme vernahm, die ihm ebenso
-vertraut vorkam, wie der gesegnete Ofen seiner Stube
-oder die Kneipe einer entfernten Verwandten, die keine
-zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses entfernt
-war, diese Zufluchtsstätten seiner großen Faulheit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Steh auf! Steh auf!&ldquo; knurrte die zärtliche Gattin,
-die ihn aus aller Kraft am Arm zerrte, über seinem
-Ohre.
-</p>
-
-<p>
-Statt jeder Antwort blies Tscherewik die Backen
-auf und begann mit den Armen zu fuchteln wie ein
-Trommelschläger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du verrückter Kerl!&ldquo; schrie sie und prallte vor dem
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-Schwung seiner Hand, die ihr beinahe ins Gesicht gefahren
-wäre, zurück.
-</p>
-
-<p>
-Tscherewik erhob sich, rieb sich die Augen und sah
-sich um.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hol&rsquo; mich der Henker! Aber deine Fratze kam
-mir wie eine Trommel vor, auf der ich den Zapfenstreich
-schlagen mußte, mein Täubchen. Akkurat wie die Moskowiter!
-diese Schweinsfratzen, von denen der Gevatter
-sagt ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß das Tratschen! Geh, führ die Stute auf den
-Markt. Es ist einfach zum Lachen. Wir sind auf den
-Jahrmarkt gekommen, und bisher ist noch keine Handvoll
-Hanf verkauft ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Frauchen,&ldquo; sagte Tscherewik, &bdquo;jetzt wird man
-schön über uns lachen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geh, geh! Man lacht ohnehin über dich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du siehst ja, ich habe mich noch nicht gewaschen!&ldquo;
-fuhr Tscherewik gähnend und sich den Rücken kratzend
-fort, um Zeit für seine Faulheit zu gewinnen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du hast dir ja eine recht passende Zeit für deine
-Reinlichkeit gewählt! Wann war sowas bei dir Sitte?
-Da ist ein Handtuch für dich, wisch dir deine Fresse ab.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie ergriff etwas, das zu einem Knäuel geballt dalag,
-und &mdash; schleuderte es entsetzt von sich: es war der
-Ärmelaufschlag eines <em>roten Kittels</em>.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geh schon, geh an deine Sachen!&ldquo; wiederholte sie,
-bereits wieder ermutigt, als sie sah, daß ihm vor Angst
-die Beine gelähmt waren und die Zähne klapperten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das wird ja jetzt ein schönes Geschäft werden!&ldquo;
-brummte er bei sich, während er die Stute losband und
-sie auf den Platz führte. &bdquo;Nicht ohne Grund also lag
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-mir&rsquo;s, als ich zu diesem verfluchten Jahrmarkt fuhr, so
-schwer auf der Seele, als hatte mir jemand eine krepierte
-Kuh aufgeladen; und die Ochsen sind ja auch zweimal
-von selbst mitten auf dem Wege umgekehrt. Und da
-fällt mir ein, wir sind ja auch am Montag abgereist.
-Da haben wir die Bescherung! .... Ein schöner
-Störenfried ist mir dieser verdammte Teufel: Kann er nicht
-seinen Kittel ohne den einen Ärmel tragen! Aber nein,
-er gönnt den Leuten ihre liebe Ruhe nicht. Wenn ich
-beispielsweise, was Gott bewahre, der Teufel wäre, &mdash;
-hätte ich mich da um solch einen verfluchten Fetzen
-herumgetrollt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier wurde unser Tscherewik durch eine fette und schrille
-Stimme in seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm
-stand ein großer Zigeuner.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was hast du zu verkaufen, guter Mann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Händler blieb eine Weile stumm, sah ihn vom
-Kopf bis zu den Füßen an und sagte dann mit ruhiger
-Miene, ohne stehen zu bleiben oder die Zügel aus der
-Hand zu lassen: &bdquo;Du siehst ja selbst, was ich zu verkaufen
-habe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Riemen?&ldquo; fragte der Zigeuner und blickte auf die
-Zügel in Tscherewiks Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl, Riemen &mdash; wenn eine Stute &rsquo;nem Riemen
-ähnelt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Potztausend, Landsmann! Du hast sie wohl mit
-Stroh gefüttert!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit Stroh?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tscherewik wollte eben die Zügel anziehen, um seine
-Stute vorzuführen, und den schamlosen Beleidiger Lügen
-zu strafen; aber seine Hand fuhr ihm mit ungewöhnlicher
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-Leichtigkeit ans Kinn. Was sah er! &mdash; Die
-Zügel waren durchgeschnitten, und daran gebunden sah
-man &mdash; oh Entsetzen! Seine Haare standen ihm zu
-Berge! &mdash; den Ärmelfetzen eines <em>roten Kittels</em>! ....
-Ausspuckend, sich bekreuzigend, und mit den Armen
-fuchtelnd floh er von dannen vor diesem unerwarteten
-Geschenk, und verschwand flinker als irgendein junger
-Bursch in der Menge.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-11">
-XI.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
-<p class="epi">
-Wes das Korn, des die Prügel.
-</p>
-
-<p class="right">
-Sprichwort.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>H</span><span class="postfirstchar">altet</span> ihn! Haltet ihn!&ldquo; so schrien einige Burschen
-am schmalen Ende der Straße, und Tscherewik
-fühlte, wie er plötzlich von festen Händen
-gepackt wurde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bindet den Kerl! &rsquo;s ist derselbe, der dem guten
-Mann die Stute gestohlen hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott mit euch, warum wollt ihr mich denn binden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er fragt noch! Und warum hast du dem fremden
-Bauern, dem Tscherewik, seine Stute gestohlen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seid ihr bei Sinnen, Leute? Wo hat man denn
-je gesehen, daß einer sich selbst etwas stiehlt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alte Possen, alte Possen! Warum bist du denn
-so atemlos davongelaufen, als wenn der Satan selbst
-dir auf den Fersen wäre?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Soll man denn nicht laufen, wenn einem der
-Teufelsrock .....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;He, Bester, das lüg&rsquo; du anderen vor. Du wirst
-noch was Schönes vom Präsidenten erleben, weil du die
-Leute mit Teufelsgeschichten erschreckst!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-&bdquo;Haltet ihn, haltet ihn!&ldquo; ertönte da ein Ruf am
-anderen Ende der Straße, &bdquo;da ist der Ausreißer!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und vor unserem Tscherewik erschien der Gevatter
-im allerjämmerlichsten Aufzuge, er hielt die Arme auf
-dem Rücken und wurde von einigen Burschen vorwärts
-gestoßen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wunder über Wunder,&ldquo; rief einer von ihnen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihr solltet nur hören, was dieser Halunke erzählt.
-Man braucht ihm doch nur ins Gesicht zu schauen, und
-man sieht ihm den Dieb an! Als man ihn fragte,
-warum er so wahnsinnig davonrannte, da sagte er:
-&sbquo;Ich steckte die Hand in die Tasche, um eine Prise zu
-nehmen, aber statt der Tabaksdose zog ich ein Stück von
-dem teuflischen <em>Kittel</em> heraus, und eine rote Flamme
-sprang auf.&lsquo; &mdash; Darum sei er davongerannt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;He he! Es sind also beides Vögel aus demselben
-Nest! Bindet sie alle beide!&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-12">
-XII.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Was hab&rsquo; ich denn getan, ihr lieben Leute?</p>
- <p class="verse">Was glotzt ihr mich so an?&ldquo; sprach unser Bursche,</p>
- <p class="verse">&bdquo;Was spottet ihr und höhnt ihr denn mich Armen?</p>
- <p class="verse">Warum, warum?&ldquo; so ruft er aus und flennt,</p>
- <p class="verse">Daß ihm die Träne auf der Backe brennt.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="right">
-Artemowski-Gulak: &bdquo;Der Herr und der Hund&ldquo;.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>G</span><span class="postfirstchar">evatter,</span> vielleicht hast du in der Tat etwas
-stibitzt?&ldquo; fragte Tscherewik, der zusammen mit
-seinem Gevatter gebunden in einer Strohhütte
-lag.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also auch du, Gevatter! Hände und Füße sollen
-mir verdorren, wenn ich je etwas gestohlen habe, höchstens
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Krapfen mit Rahm bei meiner Mutter, aber auch
-das nur, als ich erst zehn Jahr alt war.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wofür werden wir denn so gestraft, Gevatter? Bei
-dir ist&rsquo;s ja noch nicht schlimm: du wirst doch wenigstens
-nur beschuldigt, einen anderen bestohlen zu haben; aber
-mich Unglücksmenschen verleumdet der Satan: ich soll
-mir selbst &rsquo;ne Stute gestohlen haben. Es ist uns wohl
-nicht beschieden, auch mal ein bißchen Glück zu haben,
-Gevatter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O weh uns armen Waisen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und die beiden Gevatter fingen heftig an zu schluchzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was hast du, Tscherewik?&ldquo; fragte da Grytzko, der
-in diesem Augenblicke eintrat. &bdquo;Wer hat dich gebunden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, Golupupenko, Golupupenko!&ldquo; schrie Tscherewik
-freudig. &bdquo;Gevatter, das ist der, von dem ich dir erzählt
-habe. O, das ist ein tüchtiger Kerl! Gott soll mich
-hier auf der Stelle töten, wenn er nicht einen Krug
-ausgelutscht hat, so groß wie dein Kopf; und dabei verzog
-er keine Miene!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Gevatter, und warum hast du einen solchen
-Prachtkerl abgewiesen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh,&ldquo; fuhr Tscherewik zu Grytzko gewandt fort:
-&bdquo;Gott straft mich wohl, weil ich mich gegen dich versündigt
-habe. Vergib mir, lieber Junge! Bei Gott,
-ich hätte ja alles für dich getan .... Aber was soll
-man da machen! Der Satan sitzt in meiner Alten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich trage nie jemandem Böses nach! Wenn du willst,
-so befreie ich dich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er winkte den Burschen, und dieselben jungen Leute, die
-Tscherewik bewacht hatten, eilten herbei, ihn zu entfesseln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun aber wird Hochzeit gemacht, wie&rsquo;s sich gehört!
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Und wir wollen tanzen, daß uns vom Hopsen die Beine
-ein ganzes Jahr lang weh tun!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<em>Recht so!</em>&ldquo; rief Tscherewik und klatschte in die
-Hände. &bdquo;Nun bin ich wieder so vergnügt, als ob meine
-Alte von den Moskowitern geholt worden wäre! Was
-ist da viel zu bedenken! Ob&rsquo;s nun recht ist oder nicht &mdash;
-heute ist Hochzeit und damit Schluß!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur sieh zu, Tscherewik, in einer Stunde komm&rsquo;
-ich zu dir, und jetzt geh nach Hause, dort warten Käufer
-auf dich, die deine Stute und den Weizen haben wollen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? Hat sich die Stute gefunden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, sie hat sich gefunden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tscherewik blickte dem Grytzko starr vor Freude nach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, Grytzko, haben wir unsere Sache gut gemacht?&ldquo;
-fragte der lange Zigeuner den vorübereilenden Burschen.
-&bdquo;Jetzt kriege ich doch die Bullen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja, du sollst sie haben!&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-2-13">
-XIII.
-</h4>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Fürcht dich nicht, lieb Mütterchen,</p>
- <p class="verse">Zieh die roten Schühchen an.</p>
- <p class="verse">Tritt mit Füßen</p>
- <p class="verse">Deine Feinde.</p>
- <p class="verse">Wenn die Schuh&rsquo;</p>
- <p class="verse">Von Eisen klirren,</p>
- <p class="verse">werden alle Feinde schweigen.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-<p class="right">
-Hochzeitslied.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> liebliche Kinn auf die Hand gestützt saß Paraßka
-sinnend allein im Zimmer. Mancherlei Träume
-umschwirrten ihr blondes Köpfchen. Manchmal
-berührte plötzlich ein leichtes Lächeln ihre rosigen Lippen,
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-und ein freudiges Gefühl ließ sie die dunklen Brauen
-emporheben, bald aber senkte sich wieder ein Sinnen
-wie eine Wolke auf ihre grauen klaren Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie wenn es nun doch nicht so käme, wie er
-gesagt hat!&ldquo; flüsterte sie mit einem Ausdruck des
-Zweifels. &bdquo;Wenn er mich nun aber doch nicht bekommt?
-Wenn .... Nein, nein! Das kann nicht
-sein! Die Stiefmutter tut alles, was sie will! Kann
-ich nicht auch tun, was <em>ich</em> will? Mein Trotz ist groß
-genug! Wie schön ist er doch! Wie wunderbar glühen
-seine schwarzen Augen! Wie lieb kann er sagen: &sbquo;<em>Paraßja,
-mein Täubchen!</em>&lsquo; &mdash; Wie gut steht ihm
-der weiße Kittel! Wenn er noch dazu einen hellen
-Gürtel .... Ja ich will ihm einen machen, wenn
-wir zusammen in die neue Wohnung ziehen. O wie
-ich mich darauf freue!&ldquo; fuhr sie fort, indem sie ein
-kleines, mit rotem Papier beklebtes Spiegelchen aus dem
-Busen zog, das sie auf dem Jahrmarkt gekauft hatte,
-und in das sie mit geheimem Vergnügen hineinschaute.
-&bdquo;Wenn ich ihr später begegne, so grüße ich sie nicht,
-und wenn sie platzt! Nein, Stiefmütterchen, du hast
-deine Stieftochter genug geprügelt! Eher wächst Sand
-auf Steinen, und neigt sich die Eiche wie eine Weide
-zum Wasser herab, als daß ich mich vor <em>dir</em> neige! Aber
-ich habe ja ganz vergessen .... ich will doch das
-Häubchen umbinden; ob es mir wohl gut steht; wenn&rsquo;s
-auch der Stiefmutter gehört.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie stand auf, den Spiegel in der Hand und den
-Kopf über ihn geneigt, und ging behutsam durch die
-Stube, als fürchtete sie sich hinzufallen; denn statt
-des Fußbodens sah sie die Decke mit den Brettern, von
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-denen neulich der Popensohn heruntergefallen war, und
-die Wandborde mit den Töpfen drauf vor sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin doch wirklich wie ein Kind!&ldquo; rief sie lachend
-aus, &bdquo;ich hab Angst, einen Fuß vor den andern zu setzen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und sie begann laut mit den Füßen aufzustampfen,
-immer mutiger und mutiger. Endlich sank ihre linke
-Hand herab und stemmte sich auf die Hüfte, und sie
-tanzte, mit den Sporen der Stiefelchen klirrend, drauf
-los, hielt sich den Spiegel vor und sang ihr Lieblingsliedchen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Grüne Gräser, grüne Auen,</p>
- <p class="verse">Wachset nicht zu sehr!</p>
- <p class="verse">Liebster mit den schwarzen Brauen,</p>
- <p class="verse">Schmieg dich zu mir her!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Grüne Gräser, grüne Auen,</p>
- <p class="verse">Wachset nimmermehr!</p>
- <p class="verse">Liebster mit den schwarzen Brauen,</p>
- <p class="verse">Schmieg dich näher her!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-In diesem Augenblicke blickte Tscherewik durch die
-Türöffnung, und als er seine Tochter vor dem Spiegel
-tanzen sah, blieb er stehen. Lange sah er ihr zu, über
-die seltsame Laune des Mädchens lachend, das ganz in
-Gedanken versunken, nichts um sich herum zu bemerken
-schien; als er aber die bekannten Laute des Liedes hörte,
-da wurde es ihm heiß ums Herz; stolz die Hände auf
-die Hüften gestemmt, sprang er vor und begann so zu
-hopsen, daß er all seine andern Geschäfte vergaß. Das
-laute Lachen des Gevatters ließ beide auffahren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Großartig! Vater und Tochter feiern hier selber
-Hochzeit! Kommt! kommt! der Bräutigam ist da!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Bei den letzten Worten glühte Paraßka in einem
-Rot auf, das tiefer war als das, welches das leuchtende
-Band auf ihrem Kopfe färbte. Dem sorglosen Vater fiel
-es erst jetzt ein, warum er eigentlich hierher gekommen
-war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Töchterchen, komm schnell! Chiwrja ist vor Freude,
-daß ich die Stute verkauft habe, fortgelaufen, um sich
-feine Tücher und allerhand Schmucksachen zu kaufen!&ldquo;
-sprach er und sah sich dabei ängstlich nach allen Seiten
-um. &bdquo;Bis zu ihrer Rückkehr wollen wir alles erledigt
-haben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kaum hatte Paraßka die Schwelle des Hauses überschritten,
-da fühlte sie sich schon in den Armen des
-Burschen im weißen Kittel, der sie inmitten einer Menge
-von Leuten auf der Straße erwartete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott segne euch!&ldquo; sagte Tscherewik, ihre Hände vereinend.
-&bdquo;In Glück und Glanz haltet fest wie ein
-Kranz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da gab&rsquo;s plötzlich einen Lärm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eher will ich zerspringen, als daß ich das zulasse!&ldquo;
-schrie Tscherewiks Ehehälfte, die von der lachenden Menge
-zurückgedrängt wurde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wüt nicht so, wüte doch nicht!&ldquo; sprach Tscherewik
-kaltblütig, als er sah, wie ein paar handfeste Zigeuner
-sich ihrer Arme bemächtigten. &bdquo;Geschehen ist geschehen!
-Ich bin nicht für Änderungen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein, das darf nicht sein!&ldquo; schrie Chiwrja,
-aber niemand hörte auf sie; ein paar lustige Leute umringten
-das junge Paar und bildeten eine undurchdringliche,
-tanzende Mauer um sie.
-</p>
-
-<p>
-Ein sonderbares unsagbares Gefühl mußte einen Zuschauer
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-ergreifen, der mit ansah, wie beim ersten Bogenstrich
-des Fiedelmanns in dem groben Rock, mit dem
-langgeschweiften Schnurrbart, alles unwillkürlich ein einiges
-Ganzes bildete und zu friedlicher Eintracht überging. Leute,
-deren mürrische Gesichter offenbar ihr Lebtag niemals
-ein Lächeln erhellt hatte, stampften mit den Füßen und
-warfen die Schultern empor. Alles wirbelte im Tanze
-durcheinander. Aber ein noch sonderbareres, noch unsagbareres
-Gefühl mußte in der Tiefe der Seele beim
-Anblick jener Greisinnen erwachen, über deren uralten
-Gesichtern schon die Gleichgültigkeit des Grabes wehte &mdash;
-und die sich unter die neuen Menschen drängten, die
-dem Leben angehörten und dem Lachen. Die Sorglosen!
-Selbst sie, die keine kindliche Freude und keinen
-Funken des Mitgefühls kannten, die erst der Rausch, wie
-ein Mechaniker seine leblosen Automaten, zu einer menschlichen
-Äußerung zwingt, &mdash; selbst <em>sie</em> nickten leise mit
-den berauschten Köpfen und hüpften ein wenig hinter
-der lustigen Menge her, ohne auf das junge Paar zu
-achten.
-</p>
-
-<p>
-Das Lärmen, Lachen, Singen verklang zu einem
-leisen und immer leiseren Summen. Die Fiedel erstarb,
-ertönte schwächer und schwächer und ließ nur noch ein
-paar undeutliche Töne durch die leere Luft zittern. Noch
-hörte man hie und da ein Stampfen, gleich dem Tosen
-des fernen Meeres, aber bald lag alles wieder öde und
-stumm da.
-</p>
-
-<p>
-Fliegt uns nicht so auch die Freude davon, die
-schöne und flatterhafte Freundin? Vergeblich sucht ein
-einsamer Klang, von Lust und Seligkeit zu singen. Im
-eignen Echo schon vernimmt er die Laute der Trauer
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-und Einsamkeit, und er lauscht ihnen voller Schrecken.
-Stieben nicht so auch die ausgelassenen Freunde der
-freien stürmischen Jugend einer nach dem andern in alle
-Winde und lassen ihren alten Herzensbruder allein? Bang
-wird dem Verlassenen! Voller Schwermut und Traurigkeit
-ist sein Herz, doch für ihn gibt es keine Hilfe!
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-2-3">
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-Die Johannisnacht
-</h3>
-
-<p class="subt">
-Eine Sage<br />
-Erzählt vom Küster an der &mdash;Kirche zu ***
-</p>
-
-<p class="pbb first">
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">oma</span> Grigorjewitsch hatte eine merkwürdige Eigentümlichkeit:
-Er konnte es auf den Tod nicht leiden,
-ein und dieselbe Geschichte mehrmals erzählen zu
-müssen. Gab er aber schon einmal den Bitten nach
-und erzählte etwas zum zweiten Male, dann fügte er
-entweder hier eine neue Wendung hinzu, oder änderte
-dort etwas, so daß man die Geschichte kaum wiedererkennen
-konnte. Einmal hatte einer jener Herren &mdash;
-wir einfachen Leute wissen nicht recht, wie wir sie nennen
-sollen: Schreiber oder dergleichen, so was ähnliches wie die
-Makler auf unseren Jahrmärkten; sie kramen, betteln und
-stehlen sich allerhand Zeug zusammen und senden dann jeden
-Monat oder gar jede Woche ein Büchelchen so dick wie
-eine Fibel in die Welt hinaus, &mdash; einmal also hatte
-einer jener Herren unserem Foma Grigorjewitsch die folgende
-Geschichte hier abgeluchst, und der hatte das ganz
-vergessen. Aber eines Tages kommt dasselbe Herrchen
-im erbsengrauen Kaftan aus Poltawa, von dem ich
-schon einmal sprach, und von dem ihr wohl die eine
-Geschichte schon gelesen habt, &mdash; er kommt also, bringt
-ein kleines Büchelchen mit, schlägt&rsquo;s in der Mitte auf
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-und zeigt uns die Sache. Foma Grigorjewitsch war
-schon im Begriff, seine Nase mit der Brille zu besatteln,
-aber da fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, ein Stück
-Faden um sie zu wickeln und Wachs drauf zu kleben,
-und so gab er denn mir das Buch. Ich verstehe mich
-nun mal leidlich aufs Lesen und brauche keine Brille,
-und so begann ich denn. Aber ich hatte noch keine
-zwei Seiten umgewendet, als er mich fest bei der Hand
-nahm und unterbrach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt, sagt mir zuerst, was Ihr da lest?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich muß gestehen, diese Frage verblüffte mich ein
-wenig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie, Foma Grigorjewitsch? Was ich da lese?
-Das ist doch Eure Geschichte, es sind Eure eigenen
-Worte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer hat Euch das erzählt, daß das meine Worte
-sind?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollt Ihr denn noch mehr? Da steht&rsquo;s doch
-gedruckt. Erzählt von dem Küster Soundso.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Spuckt dem Jungen auf den Kopf, der das darauf
-gedruckt hat! Er lügt, der Saukerl! Das soll ich gesagt
-haben? Das ist ja fast so, als hätte der Satan
-einen Sparren! Hört zu, die muß ich Euch selbst erzählen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir rückten am Tische zusammen, und er begann.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Mein Großvater (Gott hab&rsquo; ihn selig! Möge er in
-jener Welt nur Weizenbrot und Mohnkuchen mit Meth
-zu essen bekommen!) mein Großvater verstand es
-wunderbar zu erzählen. Wenn der erst einmal damit anfing,
-so mochte man sich am liebsten den ganzen lieben
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-Tag nicht vom Platze rühren und nur immer zuhören.
-Und er redete nicht etwa wie einer von den
-heutigen Faselhänsen; wenn so einer anfängt, sein Garn
-herunter zu spinnen, und dabei noch mit einem Maul,
-als hätte er drei Tage lang nichts zu essen gekriegt,
-dann möchte man am liebsten nach der Mütze greifen
-und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, wie wenn
-es heute wäre, &mdash; meine Mutter selig war noch am
-Leben, &mdash; an die langen Winterabende, wenn draußen
-heftiges Frostwetter herrschte und das schmale Fensterchen
-unserer Stube dicht mit Schnee verklebte, wie sie da
-am Spinnrocken saß, mit der Hand den langen Faden
-zog, mit dem Fuß die Wiege schaukelte und ein Lied
-dazu sang, das ich jetzt noch im Ohr habe. Das Lämpchen
-beleuchtete zitternd und wie im Schreck aufflackernd
-die Stube. Die Spindel surrte; und wir Kinder hörten
-alle, zu einem Haufen zusammengedrängt, dem Großvater
-zu, der vor Alter schon über fünf Jahre nicht
-mehr hinterm Ofen hervorgekrochen war. Aber keiner
-der wundersamen Berichte aus den alten Tagen von
-den Ritten der Saporoger, von den Polen, von den
-kühnen Taten des Podkowa, des Poltora-Koschucha oder
-des Sagajdatschny ergriffen uns so stark wie die Berichte
-über eine alte, sonderbare Begebenheit, bei der
-einem ein Schauer über den Leib lief und das Haar
-sich sträubte. Manchmal kam eine solche Angst über
-einen, daß man abends Gott weiß was für Ungeheuer
-zu sehen meinte. Hattest du mal nachts die Stube
-verlassen, um etwas zu besorgen, so glaubtest du sicher,
-es habe sich ein Fremdling aus jener Welt in dein
-Bett gelegt, um zu schlafen. Ich will auf der
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Stelle sterben, wenn ich nicht oft meinen eignen Kittel
-am Kopfende des Bettes für einen zusammengekauerten
-Teufel hielt. Aber die Hauptsache an den Erzählungen
-des Großvaters war, daß er sein Lebtag nie gelogen
-hat, und wie er&rsquo;s sagte, genau so war es auch.
-</p>
-
-<p>
-Eine von seinen sonderbaren Geschichten will ich euch
-jetzt erzählen. Ich weiß wohl, es werden sich schon
-etliche Klüglinge finden, die Gerichtsschreiber sind oder
-gar neumodische Schriften lesen, &mdash; welche zwar
-keinen Deut verstehen, wenn man ihnen ein Stundenbuch
-in die Hand drückt, &mdash; aber dafür um so besser
-die Zähne zu fletschen wissen. Was man denen auch
-erzählen mag, sie lachen ja doch. Was hat sich doch jetzt
-für ein Unglaube in der Welt verbreitet! Gott und
-die unbefleckte Jungfrau mögen mir beistehen &mdash; ihr
-werdet&rsquo;s vielleicht nicht glauben: als ich einmal von
-Hexen sprach &mdash; da fand sich doch wahrhaftig so ein
-Springinsfeld, der nicht an Hexen glauben wollte! Gott
-sei Dank, ich lebe schon viele Jahre; ich habe schon Menschen
-gesehen, die solche Heiden waren, daß es ihnen
-leichter wurde, in der Beichte zu lügen, als unsereinem,
-eine Prise zu nehmen; aber auch die schlugen vor einer
-Hexe das Kreuz. Wenn denen einmal im Traum ....
-na, ich will&rsquo;s gar nicht erst über die Zunge bringen ....
-was soll man über sowas noch Redens machen.
-</p>
-
-<p>
-Vor vielen vielen Jahren, &rsquo;s werden wohl sicher
-über hundert sein, &mdash; erzählte mein Großvater selig &mdash;
-war unser Dorf noch etwas ganz anderes als jetzt!
-Da war&rsquo;s noch ein Weiler, der allerärmste Weiler! Zehn ungetünchte
-und ungedeckte Hütten lagen mitten im Felde verstreut,
-und es gab weder einen Zaun, noch einen anständigen
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Schuppen, in dem man Vieh oder einen Wagen hätte
-unterstellen können. Und die, die so lebten, das waren
-noch die Reichen, was aber erst unsereiner von der
-Brüderschaft der Habenichtse für ein Leben hatte, das
-läßt sich kaum beschreiben! Ein Loch in der Erde &mdash; das
-war das ganze Haus! Nur an dem Rauch konnte man
-merken, daß da ein Menschenkind unseres lieben Herrgotts
-hauste. Ihr werdet nun fragen, warum lebten
-die wohl so? Armut allein war&rsquo;s nicht, denn damals
-war fast jeder ein freier Kosak und hatte sich in fremden
-Ländern nicht wenig Reichtümer erbeutet; nein, man
-sehnte sich gar nicht nach einem richtigen Hause. Was
-trieben sich damals nicht allerorts für Menschen herum:
-Leute aus der Krim, Polen, Litauer usw. Oft geschah
-es auch, daß man von den eigenen Landsleuten
-geschunden wurde. Ja ja, da kam mancherlei vor.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Weiler nun tauchte zuweilen ganz plötzlich
-ein Mensch oder richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt
-auf. Woher er kam und zu welchem Zwecke &mdash;
-das wußte niemand. Er soff, vergnügte sich, &mdash; und
-auf einmal war er verschwunden, wie wenn er in die
-Erde gesunken wäre. Dann kam er wieder, wie vom
-Himmel gefallen, trieb sich auf den Straßen des Dorfes
-umher, von dem jetzt keine Spur mehr übrig ist, und
-das vielleicht nicht mehr als hundert Schritte von Dikanka
-entfernt war, sammelte die ersten besten Kosaken
-um sich, und dann ging ein Lachen und Singen an:
-das Geld wurde nur so ausgeschüttet, und der Schnaps
-rann dahin wie Wasser. Dann ging er zu den Mädchen
-und schenkte ihnen Bänder, Ohrringe und Perlen &mdash;
-in vollen Haufen! Freilich, so manches Mädel wurde
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-bedenklich bei diesen Geschenken: Weiß Gott, am Ende
-waren sie in der Tat durch unreine Hände gegangen.
-Die leibliche Tante meines Großvaters, die damals auf
-der heutigen Landstraße von Oposchnjani einen Ausschank
-hatte, in dem Bassawrjuk (so hieß dieser Teufelskerl)
-oft zechte, pflegte zu sagen, sie würde um keinen Preis
-in der Welt ein Geschenk von ihm annehmen. Aber
-wie konnte man wiederum etwas zurückweisen? &mdash; Jedem
-wurde gruselig zumute, wenn <em>er</em> seine borstigen Brauen
-runzelte und einen finstern Blick auf einen warf, daß
-man am liebsten ausgerissen wäre; nahm man aber
-das Geschenk an, so konnte man schon in der nächsten
-Nacht einen Gast aus dem Moor, einen mit Hörnern
-auf dem Kopfe, erwarten. Und der würgte einen,
-wenn man Perlen am Halse trug, biß einen in den
-Finger, wenn ein Ring darauf steckte, oder riß einer
-Frau fast den Zopf aus, wenn sie ein Band darein geflochten
-hatte. Zehn Schritt vom Leibe mit solchen Geschenken!
-Eine neue Not aber war es, sie los zu werden:
-Man wirft sie ins Wasser &mdash; aber der teuflische
-Ring oder die Perlen schwimmen oben auf und springen
-einem wieder in die Hand zurück.
-</p>
-
-<p>
-Im Dorfe stand auch eine Kirche, die, wenn ich mich
-recht besinne, dem heiligen Pantelej angehörte. Damals
-nun waltete in ihr ein Priester namens Vater Afanassi,
-seligen Angedenkens. Als er gewahrte, daß Bassawrjuk
-sogar am Ostersonntag nicht in die Kirche kam, wollte
-er ihn ausschelten und ihm eine Kirchenbuße auferlegen;
-aber sieh da, er kam kaum mit heiler Haut davon.
-&bdquo;Hör mal, <em>Herr</em>!&ldquo; brüllte ihn jener an, &bdquo;kümmere
-dich lieber um deine Geschäfte, anstatt dich in fremde
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-zu mischen, wenn du nicht willst, daß dir dein Ziegenhals
-mit einem heißen Sterbekuchen verkleistert wird!&ldquo;
-Was konnte man mit diesem Gottverdammten anfangen?
-Vater Afanassi erklärte nun jeden, der mit Bassawrjuk
-verkehren würde, für einen Römling, und für einen
-Feind der Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts.
-</p>
-
-<p>
-In demselben Dorfe hatte auch ein Kosak namens
-Korsch einen Arbeiter, den die Leute Peter Heimatlos
-nannten, vielleicht deshalb, weil er weder seinen Vater
-noch seine Mutter kannte. Der Kirchenvorstand hatte
-zwar gesagt, die wären schon in seinem zweiten Lebensjahr
-an der Pest gestorben; aber die Tante meines Großvaters
-wollte es nicht wahrhaben und war aus aller
-Kraft bemüht, ihm Eltern aufzudrängen, obgleich der
-arme Peter sich geradesoviel um diese Frage kümmerte,
-wie wir um den vorjährigen Schnee. Sie behauptete,
-sein Vater befinde sich jetzt noch in der Saporoger
-Gegend, sei in Gefangenschaft bei den Türken gewesen,
-habe Gott weiß welche Qualen erdulden müssen, und
-habe nur durch ein Wunder, als Eunuch verkleidet,
-Reißaus nehmen können. Die schwarzbrauigen Mädels
-und die jungen Weibsleute scherten sich wenig um seine
-Verwandtschaft. Sie äußerten nur, wenn man ihm einen
-feinen Rock &mdash; etwa einen neuen Schupan &mdash; anzöge, einen
-roten Gürtel umlegte, eine neue Mütze aus schwarzem Lammfell
-mit einer schmucken blauen Kappe aufsetzte, ihm einen
-türkischen Säbel an die Seite schnallte, und in die eine
-Hand einen langen Degen und in die andere eine hübsch
-eingefaßte Pfeife gäbe &mdash; dann würde er alle andern
-Burschen in die Tasche stecken. Aber der arme Petrusj
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-besaß alles in allem nur einen einzigen grauen Kittel,
-der mehr Löcher hatte, als mancher Jude Dukaten in
-der Tasche. Doch das wäre noch nicht schlimm gewesen,
-was schlimm war, war vielmehr dies: der alte
-Korsch hatte ein Töchterchen, eine Schönheit, wie ihr sie
-wohl kaum je gesehen habt. Die Tante des seligen
-Großvaters pflegte zu erzählen, &mdash; und ihr wißt ja, ein
-Weib wird, mit Verlaub zu sagen, eher den Teufel küssen,
-als eine andere schön nennen, &mdash; daß die runden
-Bäckchen des Kosakenmädchens so frisch und glänzend
-waren wie die allerzarteste rote Mohnblume, die sich in
-Gottes Tau gebadet hat und nun aufleuchtet, ihre Blättchen
-ausbreitet und sich vor der aufgehenden Sonne putzt.
-Wie schwarze Schnürchen, die die Mädchen heutzutage
-bei den Hausierern in den Dörfern für ihre Kreuze und
-Schmuckdukaten kaufen, so zart schwangen sich die Brauen
-über ihren Augen, als spiegelten sie sich in ihrem klaren
-Kristall. Ihr Mündchen, nach dem der ganzen jungen
-Welt von damals der Mund wässerte, schien wie geschaffen
-für die Gesänge einer Nachtigall. Ihr Haar,
-schwarz wie Rabenfittiche und weich wie junger Flachs
-(denn damals flochten es die jungen Mädchen noch nicht
-zu kleinen Zöpfchen, durch die sie sich jetzt hübsche bunte
-Bänderchen ziehen) fiel in vollen Locken auf den goldbestickten
-Überwurf herab. Ei, da soll mich doch Gott
-von der Kanzel nie wieder das Hallelujah singen lassen,
-wenn ich sie nicht auf der Stelle abküssen möchte, und
-wenn auch der alte Wald auf meinem Schädel schon
-so ziemlich grau ist, und meine Alte sich mir an die
-Seite heftet, wie ein Star ins Auge. Na, wenn ein
-Bursch und ein Mädel nah beieinander wohnen ....
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-ja, da wißt ihr schon, was draus wird. Man konnte
-stets in aller Herrgottsfrühe den Abdruck der Stiefeleisen
-auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj
-gestanden hatte. Korsch hätte immer noch nichts Schlimmes
-geahnt, aber einst, &mdash; und das kam durch nichts
-anderes als durch die List eines Teufels &mdash; da fiel es
-Petrusj ein, ohne sich genauer im Flur umzusehen, sozusagen
-von ganzer Seele einen Kuß auf die rosigen
-Lippen des Kosakenmädchens zu pressen. Und dieser selbe
-Teufel, &mdash; mag doch der Hundesohn vom heiligen Kreuz
-träumen! &mdash; ritt den alten Knasterbart, daß er gerade
-zu dieser Zeit die Tür öffnete. Korsch stand da wie ein
-Holzklotz, sperrte den Mund auf und mußte sich an die
-Tür lehnen. Der verdammte Kuß schien ihn vollkommen
-betäubt zu haben. Er kam ihm lauter vor als
-der Schlag eines Mörserstößels auf ein Brett, mit dem
-zu unserer Zeit die Bauern in Ermangelung von Pulver
-und Flinte den Festschmaus zu Ehren Johannes des
-Täufers begleiten. Als er wieder zu sich gekommen war,
-nahm er seine Nagaika aus Urväter Zeiten von der
-Wand und wollte sie schon auf den Rücken des armen
-Peter niedersausen lassen, da erschien auf einmal Pidorkas
-sechsjähriges Brüderchen Iwasj, kam erschreckt herbeigelaufen,
-umschlang seine Beine mit den Händchen und
-schrie: &bdquo;Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht!&ldquo; Was
-war da zu machen? Ein Vaterherz ist nicht von Stein:
-er hing die Nagaika an die Wand und führte ihn leise
-aus dem Zimmer hinaus. &bdquo;Wenn du dich jemals wieder
-hier im Hause sehen läßt oder auch nur am Fenster, so
-höre, Petrusj: Bei Gott, dein schwarzer Schnurrbart ist
-dahin und auch deine Kosakenlocke, die du dir doppelt
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-ums Ohr wickelst, &mdash; ich will nicht Terenti Korsch sein,
-wenn sie nicht von deinem Schädel Abschied nimmt!&ldquo;
-Bei diesen Worten versetzte er ihm einen leichten Stoß
-in den Nacken, so daß Petrusj Hals über Kopf hinausflog.
-So weit hatten sie es mit dem Küssen gebracht.
-Ein schwerer Kummer überfiel unser Täubchen; dazu
-ging noch im Dorfe das Gerücht um, zu Korsch ins
-Haus käme ein goldbeladener Pole mit Schnurrbart,
-Säbel und Sporen, dessen Taschen so klirrten wie der
-Klingelbeutel, den unser Meßner Taras täglich in der
-Kirche umgehen läßt. Nun man weiß ja, wozu man
-einen Vater besucht, der eine schwarzäugige Tochter hat.
-Einmal schlang Pidorka die Arme um ihren Bruder
-Iwasj: &bdquo;Iwasj, mein Liebling, bester Iwasj! Lauf zu
-Petrusj, mein goldenes Kind, rasch wie ein Pfeil vom
-Bogen schnellt, und erzähl ihm alles: ich möchte seine
-grauen Augen liebkosen und sein weißes Antlitz küssen,
-aber das Schicksal will es nicht. Manches Tuch habe
-ich mit meinen heißen Tränen benetzt, mir ist so bang
-und so schwer ums Herz. Mein eigner Vater ist mir
-feind und zwingt mich, dem ungeliebten Polen in die
-Ehe zu folgen. Sag ihm, man bereite schon die Hochzeit
-vor, doch es soll keine Musik auf unserer Hochzeit
-geben, und nur die Küster werden plärren, statt daß
-Zither und Schalmei erklingen. Und nicht werde ich mit
-meinem Gemahl zum Tanze gehen, sondern hinaustragen
-wird man mich aus dem Hause. Dunkel und düster
-wird mein enges Haus sein &mdash; aus Ahornbrettern wird
-es gezimmert sein, und statt eines Schlotes wird ein
-Kreuz auf dem Dache stehn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wie versteinert und ohne sich von der Stelle rühren
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-zu können, hörte Petrusj das unschuldige Kind Pidorkas
-Worte nachlallen. &bdquo;Dacht&rsquo; ich Unglücklicher nicht schon
-daran, in die Krim oder ins Türkenland zu ziehen,
-mir Gold zu erbeuten und mit vielen Gütern beladen
-zu dir zurückzukehren, du meine Schönste? Doch es
-sollte nicht sein. Ein böser Blick hat uns getroffen.
-Wohl werden wir Hochzeit feiern, mein teures Fischlein
-du, aber kein Küster wird auf unserer Hochzeit singen &mdash;
-statt eines Popen krächzt mir zu Häupten ein schwarzer
-Rabe, das weite Feld wird mein Haus und die graue
-Wolke mein Dach sein; meine grauen Augen hackt der
-Adler aus; der Regen wird mir die Kosakenknochen
-bleich waschen, und der Sturmwind wird sie austrocknen.
-Doch was tu ich? Wem klag&rsquo; ich was vor? Gott hat&rsquo;s
-wohl so angeordnet! Verloren ist verloren!&ldquo; &mdash; Und
-stracks zog er in die Schenke.
-</p>
-
-<p>
-Die Tante meines seligen Großvaters war nicht wenig
-erstaunt, als sie Petrusj in der Schenke sah, und dazu
-noch zu einer Zeit, wo ein braver Mensch zur Frühmesse
-geht. Sie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie
-wenn sie noch im Schlafe läge, als er einen Krug &mdash;
-oder richtiger fast einen halben Eimer voll Branntwein
-bestellte. Allein vergebens suchte der Ärmste seinen
-Kummer zu ertränken. Der Schnaps brannte ihm auf
-der Zunge wie Nesseln und dünkte ihn bitterer als Wermut.
-Weit von sich warf er den Krug zu Boden. Da
-dröhnte es im Baß über seinem Kopfe: &bdquo;Laß doch das
-Trauern, Kosak!&ldquo; Er schaut auf: Es war Bassawrjuk!
-Uh, welche Fratze! Der hatte Haare wie ein Borstenvieh
-und Augen wie ein Bulle! &bdquo;Ich weiß, was dir
-fehlt: das da!&ldquo; rief er und klirrte teuflisch grinsend mit
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-seiner ledernen Geldkatze, die ihm am Gürtel hing.
-Petrusj erbebte. &bdquo;Hehe, wie die glühen!&ldquo; brüllte er
-und schüttete sich die Dukaten auf die Hand. &bdquo;Hehe,
-die klimpern! Und doch heißt&rsquo;s nur eine einzige Tat
-vollbringen, um einen ganzen Berg solcher Schnipsel!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Satan!&ldquo; schrie da Petrusj. &bdquo;Her damit! Ich bin zu allem
-bereit!&ldquo; Beide gaben sich den Handschlag und waren einig.
-&bdquo;Sieh, Petrusj, du kommst gerade zur rechten Zeit: morgen
-ist Johannistag. Nur in dieser einen Nacht des
-Jahres treibt das Farnkraut Blüten. Du darfst es nicht
-verpassen. Ich erwarte dich um Mitternacht in der Bärenschlucht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, die Hühner warten nicht so auf den
-Augenblick, wo ihnen die Hausfrau Krumen streut, wie
-Petrusj auf den Abend wartete. Immerwährend blickte
-er aus, ob die Baumschatten nicht länger würden, ob
-nicht die tief herabgesunkene Sonne in Purpur erglömme,
-und je länger er wartete, um so ungeduldiger wurde er.
-Wie lange dauerte das doch! Gottes Tag konnte wohl
-kein Ende finden. &mdash; Nun ist die Sonne fort. Nur
-noch auf einer Seite rötet sich der Himmel noch.
-Und schon erlischt er. Es wird kälter im Felde; dunkler
-und dunkler wird&rsquo;s, und alles liegt in nächtlicher
-Finsternis da. Endlich! Das Herz wollte ihm schier
-aus der Brust springen, als er sich auf den Weg
-machte und mit Vorsicht durch den dichten Wald zu dem
-tiefen Grunde herabstieg, der Bärenschlucht genannt
-wurde. Bassawrjuk wartete schon auf ihn. Es war so
-finster, daß man die Hand vor den Augen nicht sah.
-Hand in Hand schlichen sie durch die Sümpfe des Moors,
-verfingen sich im dichten Gestrüpp und strauchelten fast
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-bei jedem Schritte. Endlich fanden sie einen ebenen
-Platz. Petrusj sah sich um: Er war noch nie hier gewesen.
-Auch Bassawrjuk blieb stehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Siehst du: da vor dir liegen drei Hügel. Viel
-mannigfache Blumen wachsen dort; doch alle Mächte
-der Welt mögen dich bewahren, auch nur eine zu
-pflücken. Kaum aber erblüht der Farn, so greif nach
-ihm und blick dich nicht um, was du auch hinter dir
-dünken magst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Petrusj wollte noch etwas fragen .... aber jener
-war verschwunden. Er ging auf die Hügel zu: wo
-waren die Blumen? Es war nichts zu sehen. Schwarz
-lag das wilde Steppengras da und überwucherte alles
-mit seinem Gestrüpp. Da blitzte ein Wetterleuchten auf,
-und vor ihm erschien ein ganzes Beet voll wundersamer
-und nie gesehener Blumen; darinnen sah er auch die
-einfachen Blätter des Farnkrautes. Voller Zweifel
-stemmte Petrusj beide Hände in die Hüften und stellte
-sich nachdenklich vor sie hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist denn Wunderbares dabei? Zehnmal des
-Tages sehe ich solches Kraut: was ist denn das für ein
-Mirakel? Am Ende macht sich die Teufelsfratze nur
-über mich lustig!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Auf einmal aber glüht ein kleines Knöspchen rot auf
-und rührt sich wie wenn es lebendig wäre. Seltsam
-fürwahr! Rührt sich, wird immer größer und größer
-und glüht heiß wie eine rote Kohle. Da flammte ein Sternchen
-auf, etwas knisterte leise, und vor seinen Augen entfaltet
-sich die Blume wie eine Flamme, loht leuchtend
-auf und überstrahlt alles rings herum.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt ist&rsquo;s Zeit,&ldquo; dachte Petrusj und streckte die
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Hand aus. Aber siehe, da strecken sich noch hundert
-andere zottige Hände nach der Blume aus, und hinter
-ihm läuft raschelnd etwas von Ort zu Ort. Er drückte
-die Augen zu, riß am Stengel, und die Blume blieb
-in seiner Hand. Alles verstummte. Da tauchte Bassawrjuk,
-auf einem Baumstumpf sitzend, empor: ganz
-bläulich wie eine Leiche. Er rührte keinen Finger,
-seine Augen waren starr auf etwas gerichtet, das nur
-ihm allein sichtbar war; sein Mund stand halb offen,
-aber er sprach nichts. Ringsum rührte sich nichts. Wie
-furchtbar war Petrusj zumute! .... Aber nun vernahm
-Petrusj ein Pfeifen, daß ihm das Herz im Leibe
-erstarrte, und es kam ihm so vor, als ob das Gras
-summe, und die Blumen sich mit dünnen Stimmchen
-unterhielten, die wie silberne Glöcklein klangen. Die
-Bäume donnerten grollend durcheinander .... Bassawrjuks
-Antlitz wurde auf einmal lebendig. Seine Augen
-funkelten. &bdquo;Endlich ist sie da, die Hexe,&ldquo; grunzte er
-durch die Zähne. &bdquo;Petrusj schau, bald wird dir eine
-schöne Frau erscheinen: Tu alles, was sie dir befiehlt, sonst
-bist du auf ewig verloren!&ldquo; Er zerteilte das Dickicht
-mit einem Knotenstock, und vor ihnen erschien ein
-Häuschen, das auf Hühnerfüßchen stand, wie es im
-Märchen heißt. Bassawrjuk schlug mit der Faust dagegen,
-und die Wand wankte. Ein großer, schwarzer
-Hund kam winselnd herausgelaufen, verwandelte sich
-plötzlich in eine Katze und warf sich ihnen entgegen.
-&bdquo;Tobe nicht, wüte nicht, alte Teufelin,&ldquo; rief Bassawrjuk
-und würzte seine Rede mit so einem Wörtlein, daß sich
-ein rechtschaffener Mensch dabei die Ohren zugestopft
-hätte. Da wurde die Katze zu einem alten Weibe mit
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-einem so runzligen Gesicht wie ein gebratener Apfel,
-und krümmte sich wie ein Bogen; Nase und Kinn
-glichen einem Nußknacker. &bdquo;Welch herrliche Schönheit!&ldquo;
-dachte Petrusj, und es überlief ihn kalt. Die Hexe riß
-ihm die Blume aus der Hand, beugte sich über sie,
-flüsterte einen langen Spruch vor sich hin und besprengte
-sie mit einer unbekannten Flüssigkeit. Funken
-stoben aus ihrem Munde, und Schaum trat ihr auf die
-Lippen. &bdquo;Wirf sie hin&ldquo;, rief sie, indem sie ihm die
-Blume reichte. Petrusj warf die Blume hin, aber &mdash;
-o Wunder: die Blume fiel nicht gleich zur Erde, sondern
-leuchtete lange wie eine Feuerkugel mitten im Dunkel
-und segelte wie ein Kahn durch die Luft; endlich begann
-sie sich leise zu senken und fiel so fern von ihnen
-herab, daß das Sternchen kaum mehr zu sehen war und
-nicht größer erschien, denn ein Mohnkorn. &bdquo;Hier!&ldquo;
-krächzte die Alte dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm
-einen Spaten hin und rief: &bdquo;Grabe hier nach, Petrusj!
-Da wirst du so viel Gold finden, als weder du noch
-Korsch je geträumt haben!&ldquo; &mdash; Petrusj spie sich in die
-Hände, ergriff den Spaten, trat mit dem Fuß darauf
-und wühlte die Erde auf, einmal, noch einmal,
-ein drittes Mal, noch einmal .... Da stieß er auf
-etwas Hartes! .... Der Spaten klirrte und wollte
-nicht tiefer in die Erde hinein. Jetzt begannen seine
-Augen plötzlich ganz deutlich eine kleine, eisenbeschlagene
-Kiste wahrzunehmen. Schon wollte er sie mit der Hand
-erfassen, aber die Kiste begann immer tiefer und tiefer
-in die Erde zu sinken, und hinter sich vernahm er ein
-Lachen, das dem Zischen von Schlangen glich. &bdquo;Nie
-sollst du das Gold erschauen, ehe du nicht Menschenblut
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-herbeischaffst!&ldquo; rief die Hexe und führte auf einmal ein
-etwa sechsjähriges Kind vor ihn hin, das mit einem
-weißen Tuch bedeckt war; sie deutete ihm mit Zeichen an,
-er müsse dem Kinde den Kopf abhacken. Petrusj erstarrte.
-Ist&rsquo;s denn eine Kleinigkeit, so mir nichts, dir
-nichts einem Menschen den Kopf abzuhacken, und dazu
-noch einem unschuldigen Kinde! Wütend riß er das
-Tuch vom Kopfe, und was sah er? Vor ihm stand
-Iwasj! Das arme Kind stand mit gekreuzten Händchen
-und gesenktem Köpfchen da .... Wie ein Rasender
-sprang Petrusj mit dem Messer auf die Hexe los und
-erhob die Hand ....
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was versprachst du, für das Mädchen zu tun?&ldquo;
-donnerte ihn Bassawrjuk an, und versetzte ihm einen
-Schlag in den Rücken, der ihn traf wie ein Schuß.
-Die Hexe stampfte mit dem Fuße, und eine blaue Flamme
-sprang aus dem Boden. Das Innere der Erde strahlte
-auf und war wie aus Glas, und alles in der Erde wurde
-so deutlich sichtbar, gleich als läge es auf der flachen Hand!
-In Kisten und Kesseln waren Dukaten und Edelsteine haufenweise
-aufgestapelt, genau unter der Stelle, auf der sie
-standen. Des Petrusj Augen brannten, .... sein
-Verstand verfinsterte sich .... wie ein Toller packte er das
-Messer, und das unschuldige Blut spritzte ihm in die
-Augen. Ein teuflisches Gelächter toste auf allen Seiten.
-&mdash; Widerwärtige Ungeheuer sprangen scharenweise vor
-ihm auf und ab. Wie ein Wolf, die Hände in den
-enthaupteten Leichnam gekrallt, sog die Hexe das Blut.
-In Petrusj Kopf kreiste alles, und mit dem Aufwand
-seiner letzten Kräfte begann er zu laufen. Alles vor
-ihm versank in rotes Licht. Alle Bäume brannten in
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-rotem Blut und stöhnten. In Rotglut getaucht wankte
-der Himmel hin und her. Feuerflecke zuckten glimmend
-vor seinen Augen auf. Entkräftet lief er bis in seine
-Hütte, sank dort zu Boden wie eine Ähre und ein totenähnlicher
-Schlaf umfing ihn.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Tage und zwei Nächte schlief Petrusj, ohne
-zu erwachen. Als er am dritten Tage wieder zu sich
-kam, betrachtete er lange alle Ecken und Winkel seiner
-Stube, doch vergeblich suchte er sich an die Begebenheiten
-der letzten Zeit zu erinnern: sein Gedächtnis glich
-der Tasche eines alten Geizhalses, aus der man keinen
-Heller herauslocken kann. Nachdem er sich ein wenig
-gereckt hatte, vernahm er plötzlich zu seinen Füßen ein
-Klirren. Sieh da: vor ihm lagen zwei Säcke voll Gold.
-Erst jetzt erinnerte er sich wie in einem Träume, daß er
-einen Schatz gesucht hatte, und wie es grausig im Walde
-gewesen war .... Aber um welchen Preis er ihn erhalten
-hatte, darauf konnte er sich durchaus nicht mehr besinnen.
-</p>
-
-<p>
-Sowie Korsch die Säcke erblickte, da wurde er seidenweich.
-&bdquo;Petrusj, so ein Herzensjung&rsquo;, den sollt&rsquo; ich
-nicht lieben? Der war mir doch stets wie mein eigner
-Sohn!&ldquo; Und der alte Knurrhahn begann so zu schwefeln,
-daß dem Petrusj die Tränen in die Augen kamen. Da
-lief Pidorka bestürzt herbei und begann zu erzählen,
-Iwasj sei von vorbeiziehenden Zigeunern gestohlen worden.
-Aber Petrusj konnte sich nicht einmal mehr auf ihn
-besinnen, so sehr stand er im Banne des verdammten
-Teufelsspukes! Nun war keine Zeit mehr zu verlieren.
-Der Pole wurde vor die Tür gesetzt, und man feierte
-Hochzeit: da wurden Kuchen gebacken, Wäsche genäht,
-man rollte ein Fäßchen Schnaps herbei, das junge Paar
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-ward an den Tisch gesetzt, das Hochzeitsgebäck aufgeschnitten,
-da klimperten Harfen und die Saiten des
-Zymbals, es kreischten die Schalmeien und die Zithern
-summten &mdash; und die Lustbarkeit begann ....
-</p>
-
-<p>
-Ein Hochzeitsfest aus alten Tagen ist nicht mit
-einem in unserer Zeit zu vergleichen. Die Tante meines
-Großvaters erzählte &mdash; hei juchhei! Ei wie da die Mädels im
-prächtigen Kopftuch mit den gelben, blauen und rosa Bändern
-und der Goldtresse daran darauf lossprangen. Sie
-hatten feine Hemden an, deren Nähte mit roter Seide
-bestickt waren und die kleine silberne Blümchen zierten,
-und hohe Saffianstiefelchen, die mit Hufeisen beschlagen
-waren; stolz wie Pfauen flogen sie gleich einem Wirbelwind
-rauschend durchs Zimmer. Wie da die jungen Frauen
-eine nach der anderen hervortraten mit ihrem bootsartigen
-Kopfputz, dessen Kappe aus Brokat gewirkt war,
-mit einem Nackenausschnitt, durch den das goldene
-Häubchen mit den zwei herabbaumelnden Zipfelchen aus
-feinstem schwarzen Lammfell hervorguckte, in ihren
-blauen Ueberwürfen aus herrlichstem Seidenstoff mit
-roten Aufschlägen &mdash; ei wie sie da gar würdig, die
-Hände auf die Hüften gestützt, eine nach der anderen
-hervortraten, und im Takt ihren Hopak tanzten. Wie
-da die Burschen in ihren hohen Kosakenmützen, in feinen
-Tuchkitteln mit silbergesticktem Gürtel, und die Pfeife
-zwischen den Zähnen um sie herum scharwenzelten und
-ihr Licht durchaus nicht unter den Scheffel stellten!
-Korsch selbst konnte beim Anblick des jungen Volkes
-nicht mehr an sich halten und legte los wie in alten
-Tagen. Mit der Harfe in der Hand, aus der Pfeife
-paffend und ein Lied vor sich hin singend, so begann
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-der Alte, mit dem Schnapsglas auf dem Kopf, beim
-lauten Geschrei der lustigen Kumpanei seinen Hopser
-herunter zu stampfen. Was die nicht alles in ihrer
-Lustigkeit anstifteten! Schon wenn man anfing, Mummenschanz
-zu treiben, Gott, was gab&rsquo;s da nicht alles.
-Das war eine ganz andere Mummerei als auf unseren
-heutigen Hochzeiten. Was macht man denn heute?
-Man verkleidet sich als Zigeunerinnen und Moskowiter,
-das ist alles! Nein, damals verkleidete sich einer als
-Jude und der andere als Teufel; erst küßte man sich,
-und dann packte man einander beim Schopf .... Ich
-bitt&rsquo; euch, das gab ein Lachen, daß man sich den Bauch
-halten mußte. Oder man legte türkische und tatarische
-Gewänder an, die da glühten wie das reine Feuer ....
-Und wenn man erst wirklich anfing, Unsinn und Schabernack
-zu treiben .... das war geradezu zum Platzen!
-Mit der Tante meines verstorbenen Großvaters, die
-mit auf dieser Hochzeit war, begab sich eine drollige
-Geschichte. Sie trug damals ein weites tatarisches
-Kleid und ging mit dem Schnapsglas in der Hand
-umher, um alle wohl zu versorgen. Da mußte einen
-der Teufel reiten, daß er sie von hinten mit Branntwein
-begoß, ein anderer mußte gerade in diesem
-Augenblick Feuer schlagen, und so setzten sie sie denn
-lichterloh in Brand. Die Flammen flackerten im Nu
-hoch auf: die arme Tante begann sich voller Schrecken
-in aller Gegenwart die Kleider vom Leibe zu reißen ....
-Was sich da für ein Lärm, Gelächter und ein wildes
-Durcheinander erhob, rein wie auf einem Jahrmarkt!
-Kurz, die ältesten Leute konnten sich nicht auf eine so
-lustige Hochzeit besinnen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Pidorka und Petrusj begannen ein Leben miteinander
-wie die feinsten Herrschaften. Alles war in Hülle und
-Fülle vorhanden, alles blinkte und funkelte nur so ....
-Doch die lieben Nachbarn, die ihren Wohlstand mitansahen,
-schüttelten nur den Kopf. &bdquo;Vom Teufel kommt
-nichts Gutes!&ldquo; sagten sie alle einstimmig. &bdquo;Woher
-hat er denn den Reichtum, wenn nicht vom Versucher
-aller rechtgläubigen Christen? Wo hätte er einen solchen
-Haufen Goldes wohl hergenommen? Warum ist Bassawrjuk
-gerade an demselben Tage verschwunden, als Petrusj
-zu seinem Reichtum kam?&ldquo; &mdash; Und was die
-Leute noch alles redeten. Und in der Tat; es war noch
-kein Monat vergangen, da war Petrusj nicht mehr
-wiederzuerkennen. Was mit ihm geschehen war, das
-weiß Gott allein. Sitzt immer auf ein und derselben
-Stelle fest und redet kein Wort; er grübelt nur immer,
-als wollte er sich auf etwas besinnen. Wenn es Pidorka
-gelang, ein Wort aus ihm herauszupressen, sodaß
-er sich vergaß, ins Gespräch kam und sogar ganz heiter
-wurde, dann brauchte er nur wie zufällig auf die Geldsäcke
-zu blicken, und sofort schrie er los: &bdquo;Halt, halt,
-ich hab&rsquo;s vergessen!&ldquo; Und wieder verfiel er in Sinnen
-und quälte sich ab, eine Erinnerung heraufzurufen.
-Manchmal, wenn er lange Zeit still auf einem Flecke
-saß, kam es ihm so vor, als ob etwas Längstvergangenes
-wieder in sein Gedächtnis zurückkehrte .... aber
-gleich darauf verschwand alles wieder. Es dünkt ihn,
-er sitzt in der Schenke, man bringt ihm Schnaps, der
-Schnaps brennt ihm auf der Zunge und widert ihn
-an; jemand tritt zu ihm &mdash; schlägt ihm auf die Schulter,
-und er .... Aber dann schien alles vor ihm in einen
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Nebel zu sinken, der Schweiß rann ihm vom Gesicht,
-und er sank erschöpft wieder auf seinen Platz zurück.
-</p>
-
-<p>
-Was auch Pidorka tun mochte: Kluge Frauen befragen,
-Zinndeuten, Wasser besprechen &mdash; nichts wollte helfen.
-So verging der Sommer. Manch ein Kosak hatte schon
-sein Korn abgemäht und sein Heu geschnitten; manch
-kühnerer Kosak war ins Feld gezogen. Schwärme von
-Enten drängten sich auf unseren Weihern, und der Zaunkönig
-war schon längst verschwunden. Die Steppen färbten
-sich rot, Getreidehaufen lagen hie und da verstreut
-wie Kosakenmützen auf dem Felde. Auf den Wegen
-konnte man schon Wagen begegnen, die mit Reisig und
-Holz beladen waren. Die Erde wurde hart, und zeitweise
-gab es schon Frost. Schon rieselte der Schnee vom Himmel
-herab, und die Zweige der Bäume waren mit Rauhreif
-verziert wie mit Hasenpelzchen. Schon stolzierte in
-klaren Wintertagen der rotbrüstige Gimpel wie ein eitler,
-polnischer Schlachziz auf den Schneehaufen umher und
-suchte sich Körner, und die Kinder trieben mit Riesenstäben
-hölzerne Bälle übers Eis, während ihre Väter
-ruhig hinter den Öfen lagen und nur ab und zu mit
-der brennden Pfeife im Munde vors Haus gingen, um
-tüchtig auf den russischen Frost zu schimpfen, um
-sich mal auszulüften, oder weil sie das Korn in den
-Schobern noch einmal durchdreschen wollten. Endlich begann
-der Schnee zu schmelzen, und der Hecht schlug mit
-dem Schwanze das Eis auf; Petrusj aber war derselbe
-geblieben, und nur um so düsterer geworden, je weiter die
-Zeit vorrückte. Wie angeschmiedet saß er mitten im Zimmer,
-die Säcke mit dem Golde zwischen den Beinen.
-Er verwilderte, war ganz und gar mit Haaren bewachsen,
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-und wurde ein wahres Schreckbild; immer denkt er an
-ein und dasselbe, will sich etwas ins Gedächtnis zurückrufen,
-grollt mit sich und wütet, daß es ihm nicht
-gelingt. Oft springt er wild von seinem Sitze auf,
-fährt mit den Händen umher und heftet seine Augen
-auf etwas, als ob er es festhalten wollte; seine Lippen
-bewegen sich, als wollten sie ein längst vergessenes
-Wort aussprechen und &mdash; erstarren ...... Tobsucht
-packt ihn; wie toll nagt und beißt er an seinen Händen,
-und voll Grimm reißt er sich ganze Büschel von
-Haaren aus, bis er wieder still wird, bewußtlos hinsinkt,
-wieder zu sinnen anfängt; und dann wieder dieselbe
-Wut, und dieselbe Qual ..... Was für eine Strafe
-Gottes war das! Was Pidorka durchmachen mußte,
-das war kein Leben mehr! Zuerst graute sie&rsquo;s, allein im
-Hause zu bleiben, aber dann gewöhnte sich die Ärmste
-an ihr Unglück. Die Pidorka von einst war nicht mehr
-wiederzuerkennen. Ihr Gesicht hatte weder Farbe noch
-ein Lächeln mehr; abgehärmt und abgezehrt war&rsquo;s, ausgeweint
-waren die klaren Augen. Einst gab ihr jemand
-aus Erbarmen den Rat, sie solle zu der Zauberin gehen,
-die in der Bärenschlucht hauste, und von der der Ruf
-ausging, sie könne alle Gebreste der Welt heilen. Sie
-beschloß, dies letzte Mittel zu versuchen. Nach vielem Hin
-und Her überredete sie endlich die Alte, mit ihr mitzugehen.
-Es war gegen Abend und gerade vor Johannisnacht.
-Petrusj lag besinnungslos auf der Bank und
-nahm den neuen Gast gar nicht wahr. Doch bald begann
-er sich nach und nach aufzurichten und um sich zu blicken.
-Plötzlich erbebte er wie auf dem Schafott; sein
-Haar sträubte sich .... und er brach in ein solches
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-Lachen aus, daß die Angst Pidorka ins Herz schnitt.
-&bdquo;Ich hab&rsquo;s, ich hab&rsquo;s!&ldquo; schrie er in fürchterlicher Lustigkeit,
-schwang das Beil hoch empor und ließ es aus aller
-Leibeskraft auf die Alte fallen. Das Beil sauste zwei
-Zoll tief in die Eichentür hinein. Die Alte war verschwunden,
-und mitten in der Stube stand ein Kind von sieben
-Jahren in weißem Hemdchen mit verhülltem Haupte ....
-Das Tuch flog herunter. &bdquo;Iwasj!&ldquo; schrie Pidorka und
-stürzte auf ihn zu; doch das Gespenst war vom Kopf
-bis zu Füßen mit Blut bedeckt und erglühte in rotem Lichte,
-das die ganze Stube in brennendes Rot tauchte. Voller
-Angst lief sie auf den Flur; als sie wieder ein wenig zu
-sich gekommen war, wollte sie ihm helfen; aber vergebens!
-Die Tür war so fest hinter ihr zugeschlagen, daß man
-nicht imstande war, sie wieder zu öffnen. Die Leute
-liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die Tür
-ein: Keine Seele war da! Die ganze Stube war voll
-Rauch, nur in der Mitte, wo Petrusj gestanden hatte,
-lag ein Haufen Asche, von dem hie und da ein Qualm
-aufstieg. Man eilte zu den Säcken, darin lagen statt der
-Dukaten nur zerbrochene Scherben. Mit glotzenden Augen,
-aufgesperrten Mäulern, und ohne den Mut, sich zu
-regen, standen die Kosaken wie angewurzelt da. In solche
-Angst hatte sie dies Wunder versetzt.
-</p>
-
-<p>
-Was weiter geschah, das weiß ich nicht. Pidorka
-legte das Gelübde ab, eine Pilgerfahrt zu machen; sie
-suchte ihr Hab und Gut zusammen, das ihr vom Vater
-übrig geblieben war, und war in der Tat einige Tage
-später aus dem Dorfe verschwunden. Wohin sie sich
-begeben hatte, das wußte niemand zu sagen. Geschwätzige
-alte Weiber wollten wissen, sie sei dort, wo auch Petrusj
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-sei; aber ein Kosak, der aus Kiew kam, erzählte, er habe
-im Kloster eine zum Skelett abgemagerte Nonne gesehen,
-die immerwährend betete und in der ihre Landsleute
-allen Anzeichen nach Pidorka wiedererkannt hätten.
-Bis jetzt, hieß es, habe noch niemand von ihr ein einzig
-Wörtlein gehört, sie solle allein zu Fuß gekommen sein
-und habe eine Fassung für das Heiligenbild der Mutter
-Gottes mitgebracht, eine Fassung, die mit solchen bunten
-Steinen besetzt gewesen sei, daß allen die Augen flimmerten,
-wenn sie sie ansähen.
-</p>
-
-<p>
-Mit Verlaub, aber damit war noch nicht alles zu
-Ende. An demselben Tage, als der Böse Petrusj zu
-sich genommen hatte, tauchte auch Bassawrjuk wieder
-auf; aber alle mieden ihn von nun ab. Man wußte
-jetzt, was das für ein Vogel war: niemand anders als
-der Satan war&rsquo;s, der Menschengestalt angenommen
-hatte, um Schätze zu heben; und da unreine Hände
-nicht Schätze heben können, so lockte er brave Burschen
-an sich. Noch in demselben Jahre ließen alle ihre Lehmhütten
-stehen und liegen und zogen ins Kirchdorf; aber
-auch dort hatte man keine Ruhe vor dem verfluchten
-Bassawrjuk. Die Tante meines verstorbenen Großvaters
-erzählte, er habe eine besondere Wut auf sie gehabt,
-weil sie ihre alte Schenke auf der Landstraße nach
-Oposchnjany aufgegeben hatte, und er habe mit allen
-Mitteln versucht, seinen Zorn an ihr auszulassen. Einst
-waren die Dorfältesten in der Schenke beieinander; sie
-saßen und unterhielten sich, wie man so sagt, nach Amt
-und Würden am Tisch, auf dessen Mitte ein gewiß
-nicht allzu kleiner gebratener Hammel stand. Man schwatzte
-über dies und jenes, auch über mannigfache Wunder
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-und Ungeheuerlichkeiten. Auf einmal schien&rsquo;s, und nicht
-nur einem, &mdash; was ja nichts bedeuten würde, &mdash; sondern
-allen, als ob der Hammel den Kopf erhob, die gebrochenen
-Augen wie lebendig leuchteten, und als ob
-plötzlich ein borstiger schwarzer Schnurrbart sich auf die
-Anwesenden zubewegte. Alle erkannten in dem Hammelkopf
-sofort die Fratze Bassawrjuks, und die Tante meines
-Großvaters dachte schon, er würde gleich Schnaps bestellen!
-.... Die guten Leutchen griffen nach ihren
-Mützen und zogen ihres Weges. Ein anderes Mal sah
-der Kirchenvorstand in eigener Person, der es liebte, ab
-und zu ein Stündchen bei Großvaters Schnapsglas zu
-verbringen, noch ehe er zum zweiten Male das Glas
-geleert hatte, auf einmal, wie das Glas anfing, sich
-ehrerbietigst vor ihm bis zur Erde zu verneigen. &bdquo;Hol&rsquo;
-dich der Teufel!&ldquo; rief er und begann sich zu bekreuzigen
-..... Aber da widerfuhr seiner Ehehälfte
-gleichfalls ein Wunder: sie hatte gerade begonnen, Teig
-in einem mächtigen Trog zu kneten, da sprang der Trog
-auf einmal in die Höhe. &bdquo;Halt! Halt! Wohin willst
-du?&ldquo; rief sie. Aber da begann er, die Henkel in die
-Hüften gestemmt, ehrwürdig in der Stube umherzutänzeln
-..... Ja lacht nur! Aber unserem Großvater
-war&rsquo;s nicht zum Lachen zumute. Vergeblich
-ging Vater Afanassi im ganzen Dorfe mit Weihwasser
-umher und suchte den Teufel durch Besprengen aller
-Straßen zu vertreiben. Es half nichts. Noch lange
-klagte die Tante meines verstorbenen Großvaters darüber,
-daß, sobald es Abend wurde, jemand aufs Dach klopfte
-und an den Wänden kratzte.
-</p>
-
-<p>
-Aber das ist noch nicht alles! Jetzt scheint ja auf
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-der Stelle, wo unser Dorf steht, alles ruhig zu sein;
-aber es ist noch garnicht so lange her, &mdash; mein verstorbener
-Vater und ich haben es noch erlebt &mdash; daß
-kein ehrenwerter Mensch an der verfallenen Schenke, die
-noch lange Zeit danach immer wieder von den unreinen
-Geistern ausgebessert wurde, ohne Furcht vorbeigehen
-konnte. Aus dem rußigen Schlot schlugen Säulen Qualms
-empor, die so hoch in die Luft stiegen, daß einem beim
-Hinaufsehen die Mütze herunterfiel, und aus dem Qualm
-fielen glühende Kohlen über die ganze Steppe. Und
-der Teufel &mdash; gar nicht nennen dürft&rsquo; man den Hundesohn
-&mdash; schluchzte so jämmerlich in seiner Kammer, daß
-die Aasgeier erschreckt in ganzen Scharen aus dem nahen
-Eichenwäldchen emporstießen und mit wildem Geschrei
-am Himmel umherschossen.
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-2-4">
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Mainacht<br />
-oder<br />
-Die Ertrunkene
-</h3>
-
-<div class="epi-container">
- <div class="epi">
-<p class="epi">
-Der Teufel mag wissen wie&rsquo;s kommt!
-Machen sich ehrliche getaufte Leute an irgend
-etwas, so müssen sie sich abrackern, wie der
-Windhund hinterm Hasen, und kriegen&rsquo;s doch
-nie zu fassen. Kommt aber der Böse und
-wackelt bloß mit dem Schwänzchen &mdash; da
-geht&rsquo;s auf einmal wie vom Himmel gefallen.
-</p>
-
- </div>
-</div>
-
-<h4 class="no pbb" id="subchap-2-4-1">
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-I.<br />
-Hanna
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ell</span> wie ein leuchtender Strom ergoß sich ein Lied
-durch die Straßen des Dorfes ***. Es war
-die Stunde, da Burschen und Mädchen, matt
-von des Tages Müh und Sorge, sich lärmend im Kreise
-versammeln, um im Glanz des reinen Abends ihre Lust
-in Klängen hinauszujubeln, in denen stets etwas wie
-eine geheime Trauer mitschwingt. Ganz in Sinnen versunken
-umschlang der Abend träumerisch den blauen
-Himmel und wandelte alles in Ungewißheit und Ferne.
-Schon begann es zu dämmern, aber die Lieder verstummten
-dennoch nicht. Mit der Harfe in der Hand
-zieht Lewko einher. Er hat sich von den Sängern weggeschlichen,
-der junge Kosak, des Dorfamtmanns Sohn.
-Mit seiner hohen Kosakenmütz&rsquo; auf dem Kopfe zieht
-der Kosak durch die Gasse, zupft mit der Hand die
-Saiten und tänzelt dazu. Doch nun blieb er vor der
-Tür eines Häuschens stehen, das niedrige Kirschbäume
-umstanden. Wes Haus ist dieses? Und wes die Tür?
-Nach kurzem Verweilen spielte er und sang:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
- <p class="verse">Sonne sinkt, Abend winkt,</p>
- <p class="verse">Komm zu mir, mein Herzenskind!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Nein, mein helläugiges Liebchen schläft wohl schon
-fest,&ldquo; sprach der Kosak, indem er sein Lied beendete und
-ans Fenster trat. &bdquo;Halja, Halja! Schläfst du, oder willst
-du nicht zu mir kommen? Du fürchtest gewiß, es könnt&rsquo;
-uns jemand erblicken, oder will sich am Ende gar dein
-weißes Gesichtchen nicht in die Kälte hinauswagen?
-Fürcht&rsquo; dich nicht, niemand ist in der Nähe; der Abend
-ist warm. Ja, käm&rsquo; auch jemand, ich deck&rsquo; dich mit
-meinem Kittel zu, ich will dich mit meinem Gürtel umwinden,
-mit meinen Händen bedecken, &mdash; und niemand
-wird uns sehen. Und wehte es selbst eisig kalt, ich
-drück&rsquo; dich noch näher an mein Herz, ich wärm&rsquo; dich mit
-Küssen und zieh meine Mütze über deine weißen Füßchen.
-Mein Herz, mein Fischchen, mein Kleinod! Schau nur
-einen Augenblick heraus. Steck nur dein weißes Händchen
-durchs Fensterchen ... Nein, du schläfst nicht,
-stolzes Mädchen!&ldquo; rief er lauter und in einem Ton, wie
-ihn wohl jemand findet, der sich über einen Augenblick
-der Erniedrigung schämt. &bdquo;Dir gefällt&rsquo;s, mich zu verhöhnen.
-Leb&rsquo; wohl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er wandte sich ab, schob die Mütze schief aufs Ohr
-und zog stolz davon, leis die Saiten der Harfe zupfend.
-Da drehte sich der Holzgriff der Tür, knarrend öffnete
-sich die Pforte, und ein Mädchen, das etwa siebzehn
-Lenze zählte, trat, von Dämmerung umwoben, über
-die Schwelle; scheu sah sie sich um, ohne den hölzernen
-Griff aus der Hand zu lassen. Ihre hellen Augen
-leuchteten im ungewissen Dunkel freundlich wie Sternlein;
-die rote Korallenkette blinkte, und vor den Adleraugen
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-des Burschen blieb nicht einmal die Röte verborgen,
-die ihr schamhaft über die Wangen flammte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie ungeduldig du bist!&ldquo; sprach sie halblaut zu ihm.
-&bdquo;Gleich bist du böse! Warum hast du denn gerade diese
-Zeit gewählt? Eine Unmenge von Leuten lungert auf
-den Straßen umher .... ich zittere am ganzen
-Leibe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O zittere nicht, mein Knöspchen! Drück dich recht
-fest an mich!&ldquo; sprach der Bursch, umarmte sie, streifte
-die Harfe ab, die ihm an einem langen Riemen um
-den Hals hing, und ließ sich neben ihr vor der Türe
-nieder. &bdquo;Du weißt: dich auch nur eine Stunde nicht
-zu sehen, ist so bitter für mich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du, was ich glaube?&ldquo; unterbrach ihn das
-Mädchen und richtete sinnend die Augen auf ihn. &bdquo;Mir
-ist&rsquo;s, als raunte mir jemand ins Ohr, daß wir uns in
-Zukunft nimmer so oft mehr sehen werden. Die Menschen
-sind bei euch so schlimm, die Mädchen sehen mich
-so neidvoll an, und die Burschen .... Fühl&rsquo; ich&rsquo;s doch
-gar, daß mich die Mutter seit einiger Zeit noch strenger
-bewacht. Ich will dir&rsquo;s gestehen, fröhlicher war&rsquo;s in
-der Fremde!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei den letzten Worten huschte ein schmerzlicher Zug
-über ihr Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist kaum zwei Monate in der Heimat, und
-schon wird dir&rsquo;s zu lang; bin ich dir vielleicht auch schon
-zuwider?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O nein, du bist mit nicht zuwider!&ldquo; sagte sie lächelnd,
-&bdquo;ich liebe dich doch, du schöner Kosak! Ich liebe dich
-um deiner klaren Augen willen, und wenn du mit ihnen
-auf mich blickst, so lächelt alles in meiner Seele, und
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-ihr wird so wohl und so heiter; ich liebe dich, weil du
-so freundlich mit dem schwarzen Schnurrbart zuckst, weil
-du auf der Straße singst und spielst, und lieblich ist&rsquo;s,
-dir zuzuhören.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O meine Halja!&ldquo; rief der Bursch, und drückte sie
-unter Küssen noch fester an seine Brust.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt ein, Lewko! Sag mir zuerst, hast du mit deinem
-Vater gesprochen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was?&ldquo; rief er, wie aus dem Schlafe auffahrend,
-&bdquo;daß wir uns heiraten wollen? Ich habe mit ihm gesprochen.&ldquo;
-Doch das Wort &bdquo;gesprochen&ldquo; klang voller
-Bitterkeit in seinem Munde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und nun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll man mit ihm machen? Der alte Tropf
-stellt sich nach seiner Gewohnheit taub, will nichts hören,
-und schilt noch, daß ich mich, weiß Gott wo, umhertreibe
-und mich mit den Burschen in den Straßen vergnüge.
-Doch verzage nicht, meine Halja! Da hast du
-mein Kosakenwort drauf, daß ich ihn doch beuge!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Lewko, du brauchst nur ein Wörtlein zu sagen,
-und alles geschieht nach deinem Willen. Weiß ich es
-doch von mir: Ich möchte mich dir so manches Mal
-widersetzen, doch du sagst nur ein Wort, und wider die
-eigene Absicht tu ich, was du willst. Sieh nur, sieh &mdash;&ldquo;
-fuhr sie fort, indem sie den Kopf an seine Schultern
-lehnte und ihre Augen zur Höhe erhob. Dort blaute der
-warme unermeßliche Himmel der Ukraine, der unten
-von den krausen Zweigen der Kirschbäume verhängt war.
-&bdquo;Sieh dort, &mdash; weit, weit, da blinken Sternchen: eins,
-zwei, drei, vier, fünf .... Nicht wahr, das sind doch
-Gottes Engel, die die Fensterchen ihrer hellen Himmelsstübchen
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-aufmachen und uns ansehen? Sie blicken doch
-auf unsere Erde herab? O, wenn die Menschen doch
-Flügel hätten wie die Vögel, &mdash; und so hinauffliegen
-könnten, hoch, hoch in die Höhe .... O, wie schrecklich!
-Keine Eiche ragt bei uns in den Himmel. Aber
-es soll irgendwo in einem fernen Lande solch einen
-Baum geben, dessen Wipfel in den Himmel hineinrauscht,
-und Gott soll auf ihm in der Osternacht zur Erde herabsteigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Halja, Gott hat eine lange Leiter, die vom
-Himmel bis zur Erde reicht. Am Ostersonntag wird
-sie von den heiligen Erzengeln aufgerichtet, und sowie
-Gott auf die erste Stufe tritt, da schwirren alle unreinen
-Geister empor und stürzen zu Haufen herab in die Hölle.
-Und darum ist zum Fest Christi kein böser Geist auf
-der Erde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie sanft wiegt sich das Wasser hin und her, wie
-ein Kind in der Wiege,&ldquo; fuhr Hanna, auf den Teich
-weisend, fort, der mürrisch von dunklem Ahorngehölz
-umstanden war und von den Weiden beweint wurde,
-die ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hatten. Wie
-ein kraftloser Greis hielt er den ferndunklen Himmel in
-seinen kalten Armen, überschüttete mit frostigen Küssen
-die brennenden Sterne, die trübe mitten im warmen
-Meer der nächtlichen Luft glimmten, in ängstlicher Vorahnung,
-daß bald der König der Nacht in blendendem
-Glanz aufleuchten würde. Auf dem Berge schlummerte
-neben dem Walde ein altes hölzernes Haus mit geschlossenen
-Läden; Moos und Unkraut bedeckten sein
-Dach; krausgelockte Apfelbäume wucherten vor den Fenstern,
-der Wald umarmte es mit seinen Schatten und warf
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-eine wilde Düsternis darauf, und vor ihm breitete sich
-ein Nußbaumhain aus und glitt zum Teiche herab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich erinnere mich wie im Traume,&ldquo; sagte Hanna,
-ohne die Augen von ihm abzuwenden. &bdquo;Vor langer,
-langer Zeit, als ich noch klein war und bei meiner
-Mutter lebte, da wurde gar Schreckliches von diesem
-Hause gesprochen. Lewko, du weißt es sicher, erzähle!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da sei Gott vor! Liebste! Was doch die Weiber
-und Dummköpfe nicht alles erzählen. Du bringst dich
-nur um deine Ruhe, du könntest dich ängstigen und
-nachher nicht gut schlafen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erzähl, erzähl, liebster, schönster Junge!&ldquo; rief sie,
-preßte ihr Gesicht an seine Wange und umschlang ihn
-fest. &bdquo;Nein, du liebst mich nicht! Sicher liebst du noch
-ein anderes Mädchen! Ich ängstige mich doch nicht &mdash;
-ich schlafe die Nacht über ganz ruhig. Aber wenn du
-mir&rsquo;s nicht erzählst, werde ich nicht einschlafen können. Ich
-werde mich quälen und werde grübeln .... erzähle, Lewko!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Leute sprechen wohl die Wahrheit, die da sagen,
-daß ein Teufel in den Mädchen sitzt und beständig ihre
-Neugier reizt. So höre denn. Vor langer Zeit, mein
-Herz, da lebte ein Hauptmann in diesem Hause. Dieser
-Hauptmann hatte ein Töchterlein, ein hübsches Fräulein,
-so weiß wie Schnee, ganz so wie dein Gesichtchen. Des
-Hauptmanns Weib war schon lange tot, und der Hauptmann
-gedachte nun, sich eine andere Frau zu nehmen.
-&sbquo;Wirst du mich auch liebkosen wie früher, Väterchen,
-wenn du dir eine andere Frau nimmst?&lsquo; &mdash; Freilich,
-mein liebes Töchterchen, noch fester als früher werd&rsquo; ich
-dich an mein Herze drücken! Glänzendere Ohrringe noch
-und Perlen werd&rsquo; ich dir schenken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-&bdquo;Der Hauptmann brachte das junge Weib in sein
-Haus. Schön war das junge Weib, rosig und weiß
-war das junge Weib, und doch blickte sie so furchtbar
-auf ihre Stieftochter, daß die aufschrie bei ihrem Anblick,
-die strenge Stiefmutter aber sprach den ganzen
-Tag über kein Wort. So kam die Nacht heran. Der
-Hauptmann begab sich mit seinem jungen Weibe ins Schlafgemach;
-und auch das schneeweiße Fräulein schloß sich
-in ihre Kammer ein. Bitter ward ihr zumute und sie
-begann zu weinen. Plötzlich sieht sie, wie eine schreckliche
-Katze auf sie zuschleicht; ihr Fell glüht, und ihre
-eisernen Krallen schlagen laut auf die Diele. Voll Angst
-springt sie auf die Bank, &mdash; die Katze ihr nach; sie
-springt auf die Ofenbank, die Katze folgt ihr dort hinauf,
-und mit einem Male springt sie dem Mädchen an den
-Hals und beginnt sie zu würgen. Mit einem Schrei
-riß das Mädchen sie von sich los und schleuderte sie zu
-Boden. Und wieder schleicht die schreckliche Katze heran.
-Ein Grausen erfaßt das Mädchen. An der Wand
-hing ihres Vaters Säbel. Sie packte ihn, und sausend
-fiel der Hieb, &mdash; die Tatze mit den Eisenkrallen flog
-ab, und die Katze verschwand winselnd in der dunklen
-Ecke. Den ganzen Tag über verließ die junge Frau ihr
-Gemach nicht, erst am dritten Tage erschien sie wieder
-mit einer verbundenen Hand. Da ging dem armen
-Fräulein eine Ahnung auf, daß ihre Stiefmutter eine
-Hexe war, und daß sie ihr die Hand abgehauen hatte.
-Am vierten Tage befahl der Hauptmann seiner Tochter,
-Wasser herbei zu tragen und das Haus zu fegen wie
-eine gemeine Magd, und verbot ihr, sich in den herrschaftlichen
-Gemächern zu zeigen. Der Ärmsten ward so
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-schwer ums Herz, doch was konnte sie tun, sie mußte
-ja den Willen des Vaters erfüllen. Am fünften Tage
-jagte der Hauptmann seine Tochter barfuß aus dem Hause,
-und gab ihr nicht einmal ein Stückchen Brot mit auf
-den Weg. Da schlug das Fräulein die Hände vor das
-Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen. &sbquo;O mein
-Vater, in Verderben gestürzt hast du deine eigne Tochter.
-Die Hexe hat deine sündige Seele <a id="corr-4"></a>ins Verderben gestürzt!
-Möge Gott dir verzeihen, mir hat Er wohl nicht länger
-zu leben beschieden ....&lsquo; &mdash; Siehst du da ....?&ldquo;
-wandte sich Lewko an Hanna und wies mit dem Finger
-auf das Haus, &bdquo;schau hin: dort hinter dem Hause ist
-das Ufer am steilsten. Von diesem Ufer stürzte sich das
-Fräulein ins Wasser, und ward seit dem Tage nicht
-mehr gesehen ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und die Hexe?&ldquo; unterbrach ihn Hanna ängstlich
-und richtete ihre tränenschweren Augen auf ihn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Hexe? Alte Weiber haben das Märchen ersonnen,
-daß seit jener Zeit in mondhellen Nächten alle
-ertrunkenen Mädchen in den Garten des Hauptmanns
-kamen, um sich im Mondlicht zu wärmen, und des
-Hauptmanns Töchterlein war die erste unter ihnen. Eines
-Nachts erblickte sie ihre Stiefmutter neben dem Teich,
-fiel über sie her und schleppte sie mit Geschrei ins Wasser.
-Aber auch diesmal ließ sich die Hexe nicht aus der
-Fassung bringen, sie verwandelte sich unter dem Wasser in
-eine von den Ertrunkenen und entkam so der Peitsche aus
-grünem Schilf, mit der die Ertrunkenen sie schlagen wollten.
-</p>
-
-<p>
-Glaub&rsquo; einer den Weibern! &mdash; Man erzählt auch noch,
-daß das Fräulein seit jener Nacht die Ertrunkenen um
-sich sammelt, jeder einzelnen ins Gesicht blickt, und sich
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-abmüht, zu erkennen, welche von ihnen die Hexe sei;
-aber bis jetzt hat sie es noch nicht erfahren. Und wenn
-sie einen <em>Menschen</em> in die Hände bekommt, so zwingt
-sie ihn, die Hexe zu suchen, und droht ihm, ihn sonst
-zu ertränken. So erzählen die alten Leute, liebe Halja!
-.... Unser jetziger Pan aber will an dieser Stelle
-eine Schnapsbrennerei errichten und hat schon eigens
-dazu einen Brennmeister hergeschickt .... Doch ich
-höre reden. Die Unsrigen kommen vom Singen zurück.
-Leb&rsquo; wohl, Halja! Schlafe ruhig und denk nicht an
-diese Weibermärchen.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten umschlang er sie noch fester,
-küßte sie und ging.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leb&rsquo; wohl, Lewko!&ldquo; sprach Hanna und richtete sinnend
-ihre Augen auf den dunklen Wald.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblicke begann ein riesenhafter Feuer-Mond
-majestätisch aus der Erde zu wachsen. Noch lag
-die eine Hälfte unter der Erde, aber schon erfüllte sich
-die ganze Welt mit einem feierlichen Lichte. Der Teich
-sprühte Funken. Der Schatten der Bäume löste sich
-scharf vom dunklen Grün.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leb&rsquo; wohl, Hanna!&ldquo; tönt es hinter ihr, und ein
-Kuß begleitete diese Worte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist wieder zurückgekehrt?&ldquo; sagte sie und
-schaute sich um. Aber als sie einen unbekannten Burschen
-sah, wandte sie sich zur Seite.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leb&rsquo; wohl, Hanna!&ldquo; ertönte es da wieder, und wieder
-küßte sie jemand auf die Wange.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hat der Teufel noch einen hierhergeführt!&ldquo; rief
-sie voller Zorn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leb&rsquo; wohl, liebe Hanna!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-&bdquo;Ein Dritter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leb&rsquo; wohl, leb&rsquo; wohl, leb&rsquo; wohl, Hanna!&ldquo; Und von
-allen Seiten regneten Küsse auf sie herab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ja eine ganze Horde!&ldquo; schrie Hanna und
-mußte sich gewaltsam aus einem großen Haufen von
-Burschen losreißen, die sie um die Wette umarmten.
-&bdquo;Wie ist ihnen nur das ewige Küssen nicht zuwider!
-Bei Gott, bald darf man sich nicht mehr auf der
-Straße zeigen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten schlug die Türe zu, und man
-hörte nur noch, wie der eiserne Riegel sich klirrend
-vorschob.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-4-2">
-II.<br />
-Der Dorfamtmann
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">K</span><span class="postfirstchar">ennt</span> Ihr die Nächte der Ukraine? O Ihr
-kennt die Nächte der Ukraine nicht. Blickt
-nur recht tief in sie hinein, versenkt Euch tiefer
-in ihre Wunder. Mitten vom Himmel herab blickt der
-Mond; noch gewaltiger als sonst ist die unermeßliche
-Wölbung des Himmels, dehnt sich noch weiter in unermeßlichen
-Fernen und scheint brennend und lohend
-zu atmen. Die ganze Erde liegt in silbernem Lichte
-da, die wundersame Luft ist von einer schwülen Kühle
-und Wonne erfüllt, und strömt einen Ozean von Wohlgerüchen
-aus. Göttliche Nacht! Berückende Nacht!
-Regungslos und wie begeistert stehen die Wälder in
-tiefer Finsternis und werfen ungeheure Schatten. Still
-liegen die Teiche ruhend da; die Kälte und die
-Finsternis sind düster verkerkert in die dunkelgrünen
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Mauern der Gärten. Die jungfräulichen Hecken aus
-Faulbeer und Kirschbäumen strecken scheu ihre Wurzeln
-in die kühle Flut der Quellen, und ihre Blätter lispeln
-ab und zu, als ob sie zürnten oder sich empörten,
-wenn der schöne, flatterhafte Nachtwind schnell herangeschlichen
-kommt und sie küßt. Die ganze Natur
-schläft. Oben aber lebt und webt alles in herrlicher
-Feier. Und auch die Seele breitet sich herrlich aus ins
-Unermeßliche, und Reigen silberner Visionen steigen
-aus ihrer Tiefe auf. Göttliche Nacht! Berückende
-Nacht! Mit einemmal aber wird alles lebendig: Wälder,
-Teiche und Steppen. Majestätisch rollt das Schmettern
-der ukrainischen Nachtigall dahin, und man meint, selbst
-der Mond lausche ihr aus der Mitte des Himmels ....
-Wie verzaubert schlummert das Dorf auf der Anhöhe.
-Noch weißer und prächtiger strahlen die Haufen der
-Häuschen im Mondlichte, noch blendender heben sich
-ihre niederen Mauern von der Dunkelheit ab. Die
-Lieder sind verstummt. Alles ist still. Die frommen Leute
-schlafen schon. Nur hie und da leuchtet ein schmales
-Fensterchen auf. Auf den Schwellen einzelner Hütten
-sitzt noch eine Familie und verzehrt ihr spätes Nachtmahl.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;I wo, ein Hopser wird ganz anders getanzt! Also
-darum ging&rsquo;s nicht vom Fleck! &mdash; Was erzählt der Gevatter
-da? .... Nun also: Hop, trala! &mdash; hop,
-trala! &mdash; hop, hop, hop!&ldquo; So sprach ein angeheiterter
-Bauer mittleren Alters zu sich selbst und begann mitten
-auf der Straße zu tanzen. &bdquo;Bei Gott, so wird kein
-Hopser getanzt! Was soll ich schwindeln? Bei Gott!
-So nicht! Nun also: Hop trala! &mdash; Hop trala! &mdash;
-hop, hop, hop!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-&bdquo;Der Mensch ist ja ganz närrisch. Wenn&rsquo;s noch
-ein junger Kerl wäre, aber so ein alter Bär .... der
-tanzt bloß den Kindern zum Spott hier nachts auf der
-Straße!&ldquo; rief eine ältere Frau im Vorübergehen, die
-Stroh in der Hand trug. &bdquo;Geh nach Haus! Es ist
-schon längst Schlafenszeit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich gehe ja schon,&ldquo; sagte der Bauer und blieb
-stehen. &bdquo;Ich geh&rsquo; ja schon. Ich pfeife auf den Amtmann.
-Was denkt er sich denn. Der Teufel soll seinen
-Vater holen. Wenn er Amtmann ist und die Leute bei
-stärkstem Frostwetter noch mit kaltem Wasser begießt,
-hat er darum etwa das Recht, so hochnäsig und wichtig
-zu tun? Ei, ist das mir ein Amtmann! Ich bin
-mein eigner Amtmann! Gott soll mich schlagen &mdash; ich
-bin mein eigner Amtmann! Jawohl,&ldquo; fuhr er fort, &bdquo;und
-nicht etwa ....&ldquo; Er trat ans erste beste Häuschen
-heran, blieb vor dem Fenster stehen, und bemühte sich,
-mit den Fingern über die Scheibe gleitend, den hölzernen
-Griff zu finden. &bdquo;Weib, mach auf! Schnell, Weib,
-ich sage dir, mach auf! Der Kosak will schlafen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo willst du hin, Kalenik? du bist an ein
-fremdes Haus geraten!&ldquo; schrien lachend die Mädchen
-hinter ihm her, die vom fröhlichen Sang heimkehrten.
-&bdquo;Sollen wir dir dein Haus zeigen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zeigt mir&rsquo;s, meine lieben jungen Damen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Damen? Hört ihr&rsquo;s?&ldquo; rief die eine, &bdquo;wie artig
-Kalenik ist! Dafür müssen wir ihm sein Haus zeigen ....!
-Aber nein, erst tanz uns mal eins vor!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tanzen? .... Ah, ihr schlauen Mädel!&ldquo; rief
-Kalenik gedehnt lachend, mit dem Finger drohend und
-stolpernd, denn er war etwas unsicher auf den Beinen.
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-&bdquo;Laßt Ihr euch auch küssen? Ich will euch alle küssen
-&mdash; alle .... alle!&ldquo; Und mit wankenden Schritten
-jagte er hinter ihnen her. Die Mädchen schrieen alle
-durcheinander; aber bald faßten sie Mut und liefen auf
-die andere Seite der Straße, als sie merkten, daß Kalenik
-nicht allzu flink auf den Beinen war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da ist dein Haus!&ldquo; schrien sie ihm beim Fortgehen
-zu und zeigten auf ein Haus, das größer war als die
-übrigen und dem Dorfamtmann gehörte. Kalenik wankte
-gehorsam auf jene Seite hinüber und begann dann von
-neuem auf den Amtmann zu schimpfen.
-</p>
-
-<p>
-Wer aber ist denn eigentlich dieser Amtmann, der
-so böses Gerede über sich erregt? O, dieser Amtmann
-ist eine wichtige Person auf dem Lande. Bis Kalenik
-das Ende seines Weges erreicht hat, werden wir wohl
-Zeit finden, einiges über ihn zu sagen. Alle im Dorfe
-greifen bei seinem Anblick an die Mütze, und selbst die
-allerjüngsten Mädchen sagen ihm Guten Tag. Wer im
-Dorfe möchte nicht Amtmann sein? Dem Amtmann
-ist der Weg zu allen Tabaksdosen offen, und der
-kräftige Bauer steht die ganze Zeit über ehrfurchtsvoll
-mit der Mütze in der Hand da, solange jener seine
-dicken und groben Finger in seine Tabatiere von Bast
-steckt. Im Gemeinderat hat der Amtmann immer die
-Oberhand, obgleich seine Macht noch durch andere
-Stimmen beschränkt wird, und er heißt fast ganz nach
-seiner Willkür jeden, der ihm gerade paßt, den Weg
-ebnen oder einen Graben anlegen. Der Amtmann ist
-mürrisch, von plumpem Äußeren und redet nicht gern.
-Vor langer, langer Zeit, als noch die große Zarin Katharina
-seligen Angedenkens einmal in die Krim reiste, war
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-er auserwählt worden, an ihrem Gefolge teilzunehmen;
-er bekleidete dieses Amt ganze zwei Tage
-und hatte sogar die Ehre, auf dem Bock neben dem
-Kutscher der Zarin sitzen zu dürfen. Seit dieser
-Zeit weiß der Amtmann würdevoll und sinnend den
-Kopf zu senken, seinen langen und an der Spitze etwas
-krausen Schnurrbart zu glätten und drohende Falkenblicke
-um sich zu werfen. Seit dieser Zeit weiß er
-auch, worüber man immer mit ihm sprechen mag, stets
-die Rede darauf zu bringen, daß er die Zarin begleitet
-und auf dem Kutschbock des kaiserlichen Wagens gesessen
-habe. Der Amtmann beliebt nur manchmal, sich
-taub zu stellen, besonders wenn er etwas hören muß,
-was er nicht gerne hört. Er liebt es nicht, Staat zu
-machen, trägt stets einen Kittel aus schwarzem Haustuch,
-umgürtet sich mit einem bunten Wollgürtel, und
-noch <em>nie</em> hat ihn jemand in einem anderen Kostüm
-gesehen, ausgenommen vielleicht in der Zeit, wo die
-Zarin in die Krim reiste, und wo er einen blauen
-Kosakenrock, den Schupan, trug. Aber auf diese Zeit kann
-sich wohl kaum jemand aus dem ganzen Dorfe besinnen;
-den Schupan aber bewahrt er in einem Kasten unter
-Schloß und Riegel. Der Amtmann ist Witwer; aber
-in seinem hause lebt eine Schwägerin, die ihm Mittag-
-und Abendbrot kocht, die Bänke scheuert, die Stube
-weißt, ihm Hemdentuch webt und sein ganzes Hauswesen
-leitet. Im Dorfe heißt es, sie sei nicht richtig
-mit ihm verwandt; aber wir haben ja schon gesehen,
-daß der Amtmann viele Feinde hat, die ihn gern
-ein wenig verleumden. Übrigens hat vielleicht der
-Umstand Anlaß dazu gegeben, daß es der Schwägerin
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-immer mißfiel, wenn der Amtmann aufs Feld ging,
-wo die Schnitterinnen an der Arbeit waren, oder zu
-einem Kosaken, der ein junges Töchterchen hatte. Der
-Amtmann ist einäugig, dafür aber ist sein einsames
-Auge ein Schelm und kann schon von fern ein hübsches
-Bauernmädchen erkennen. Doch bevor er sein Auge
-auf ein niedliches Gesichtchen richtet, sieht er sich erst
-sorgfältig um, ob ihm die Schwägerin auch nicht zuschaut.
-</p>
-
-<p>
-Nun haben wir schon fast alles Notwendige vom
-Amtmann erzählt, und der betrunkene Kalenik hat noch
-nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt. Noch lange
-traktierte er den Amtmann mit den ausgesuchtesten
-Worten, die ihm auf seine faule und zusammenhangloses
-Zeug lallende Zunge kamen.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-4-3">
-III.<br />
-Ein unerwarteter Nebenbuhler<br />
-Die Verschwörung
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>N</span><span class="postfirstchar">ein,</span> Burschen, nein! Ich will nicht! Was soll
-diese Ausgelassenheit? Wie, wird euch das
-Tollen nicht zuwider? Wir gelten ohnehin
-schon für Gott weiß was für Raufbolde. Geht lieber
-schlafen!&ldquo; So sprach Lewko zu seinen fröhlichen Kumpanen,
-die ihn zu neuen Streichen überreden wollten.
-&bdquo;Lebt wohl, Brüder! Gute Nacht!&ldquo; Und schnellen Schrittes
-eilte er davon.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schläft meine helläugige Hanna?&ldquo; dachte er, als
-er an das uns schon bekannte, von Kirschbäumen umstandene
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Häuschen trat. Mitten in der Stille vernahm
-er ein leises Gespräch. Lewko blieb stehen. Durch die
-Bäume schimmerte ein weißes Frauengewand ....
-&bdquo;Was soll das?&ldquo; dachte er, schlich näher heran und versteckte
-sich hinter einem Baum. Der Mondschein erhellte
-das Gesicht des vor ihm stehenden Mädchens.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hanna?&ldquo; Aber wer war der hochgewachsene Mann,
-der mit dem Rücken zu ihm stand? Vergeblich blickte
-er nach ihm hin: Der war vom Kopfe bis zu den
-Füßen in Schatten gehüllt. Nur von vorn fiel etwas
-Licht auf ihn, aber schon der kleinste und leiseste Schritt
-setzte Lewko der Unannehmlichkeit aus, entdeckt zu werden.
-Still an einen Baum gelehnt, blieb er stehen.
-Das Mädchen hatte ganz deutlich seinen Namen ausgesprochen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lewko? Lewko ist noch ein Milchbart!&ldquo; rief der
-große Mann. &bdquo;Wenn ich ihn bei dir treffe, reiße ich
-ihm den Schopf aus ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich möchte wohl wissen, welcher Lump damit prahlt,
-er werde mir meinen Schopf ausreißen!&ldquo; sagte sich Lewko
-still und reckte den Hals empor, um ja kein Wort zu
-verlieren. Aber der Unbekannte fuhr so leise fort, daß
-man nichts mehr hören konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schämst du dich denn gar nicht!&ldquo; sprach Hanna,
-als er zu Ende geredet hatte. &bdquo;Du lügst, du willst mich
-betrügen. Du liebst mich nicht, ich werde dir nie glauben,
-daß du mich liebst!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß,&ldquo; erwiderte der große Mann, &bdquo;Lewko hat
-dir viel unsinniges Zeug vorgeschwatzt und dir den Kopf
-verdreht!&ldquo; (Hier kam es dem Burschen so vor, als sei
-die Stimme des Unbekannten ihm nicht ganz fremd,
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-und als habe er sie schon einmal gehört.) &bdquo;Aber ich
-werd&rsquo; es dem Lewko schon zeigen!&ldquo; fuhr der Unbekannte
-fort. &bdquo;Er glaubt, ich sehe alle seine Streiche nicht, er
-soll meine Fäuste schon zu kosten bekommen, der
-Hundesohn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten konnte Lewko seinen Zorn nicht
-länger unterdrücken. Er schlich bis auf drei Schritte an
-ihn heran und holte aus aller Kraft aus, um ihm einen
-Hieb zu versetzen, dem der Unbekannte trotz seiner offenbaren
-Stämmigkeit vielleicht nicht standgehalten hätte;
-aber in diesem Augenblicke fiel das Licht auf des Unbekannten
-Antlitz, und Lewko erstarrte &mdash; er sah seinen
-eigenen Vater vor sich. Nur ein unwillkürliches Kopfschütteln
-und ein leises Pfeifen durch die Zähne verrieten
-seine Verblüffung. Dann vernahm man ein feines
-Rascheln, Hanna floh eiligst ins Haus und schlug die
-Tür hinter sich zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leb wohl, Hanna!&ldquo; rief in diesem Augenblick einer
-der Burschen, der leise herangeschlichen war, und umarmte
-den Amtmann, aber er prallte entsetzt zurück, als
-er den struppigen Schnurrbart berührte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leb wohl, mein schönes Kind!&ldquo; rief ein anderer,
-aber dieser flog Hals über Kopf, von einem schweren
-Stoß des Amtmanns getroffen, zur Erde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leb wohl, leb wohl, Hanna!&ldquo; riefen einige Burschen
-und hingen sich ihm an den Hals.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fahrt doch zur Hölle, ihr verdammten Lümmel!&ldquo;
-schrie der Amtmann, indem er sie von sich abwehrte,
-und stampfte voller Wut mit den Füßen. &bdquo;Bin ich
-etwa Hanna? Schert euch hinter euren Vätern her;
-an den Galgen mit euch, ihr Teufelsbrut! Kleben die
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-fest an einem, rein wie die Bienen am Honig! Ich will
-euch schon zeigen wer Hanna ist ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Amtmann, der Amtmann! &rsquo;s ist der Amtmann!&ldquo;
-schrien die Burschen und liefen nach allen Seiten
-auseinander.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ei, ei, Väterchen!&ldquo; sprach Lewko, als er sich wieder
-von seinem Staunen erholt hatte, und blickte dem
-schimpfend davonziehenden Amtmann nach. &bdquo;Solche
-Streiche machst du also? Großartig! Und ich habe mich
-noch gewundert und immer gedacht, was mag das nur
-bedeuten, daß er sich immer taub stellt, sobald ich mit
-ihm von dieser Sache zu sprechen anfange. Halt, alter
-Graubart, ich will dir schon beibringen, was das heißt,
-sich vor den Fenstern junger Mädchen herumzudrücken;
-fremde Bräute abspenstig machen? &mdash; na, ich will
-dir&rsquo;s schon zeigen! Hollah, Jungens, hierher!&ldquo; schrie
-er, mit der Hand die Burschen zu sich heranwinkend,
-die sich wieder versammelt hatten und in einem Haufen
-zusammenstanden. &bdquo;Kommt doch her! Ich hab&rsquo; euch
-zwar ermahnt, schlafen zu gehen, aber ich hab&rsquo;s mir
-wieder überlegt und will gern die ganze Nacht mit euch
-verbummeln.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das laß ich mir gefallen!&ldquo; rief ein breitschultriger
-und stattlicher Bursche, der als der erste Herumstreicher
-und Wildfang im Dorf galt. &bdquo;Mir ist nicht wohl zumute,
-wenn ich keine Gelegenheit habe, ein paar Streiche
-zu machen und mich ordentlich auszutoben. Mir ist,
-als fehlte mir etwas, es kommt mir dann so vor, als
-hätte ich die Mütze oder die Pfeife verloren, kurz, ich
-fühle mich nicht mehr als rechter Kosak!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wollt ihr heute den Amtmann mal tüchtig ärgern?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-&bdquo;Den Amtmann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, den Amtmann. Wahrhaftig! Was denkt sich
-denn der? Der kommandiert bei uns herum wie ein
-Hetman! Nicht genug, daß er uns hin und her hetzt
-wie seine Knechte, nein, er macht sich auch noch an
-unsere Mädchen heran! Ich glaube, im ganzen Dorfe
-gibt&rsquo;s auch nicht <em>ein</em> hübsches Mädchen, mit dem der
-Amtmann nicht anbändelte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&rsquo;s ist wahr, &rsquo;s ist wahr!&ldquo; riefen alle Burschen wie
-aus einer Kehle.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber, Kinder, was sind wir denn für Kerle? Sind
-wir nicht Männer von altem Stamm wie er? Wir
-sind doch gottlob freie Kosaken! Jungens, zeigen wir
-ihm, daß wir freie Kosaken sind!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja, wir wollen&rsquo;s ihm zeigen!&ldquo; riefen die Burschen.
-&bdquo;Und kommt erst der Amtmann an die Reihe,
-so wollen wir auch den Schreiber nicht vergessen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich, wir wollen auch den Schreiber nicht vergessen.
-Gerade eben ist mir so ein hübsches Liedchen
-auf den Amtmann eingefallen. Kommt, ich will es euch
-lehren,&ldquo; fuhr Lewko fort und schlug mit der Hand die
-Saiten der Harfe an. &bdquo;Aber hört: jeder muß sich verkleiden
-wie sich&rsquo;s gerad trifft!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Los, Kosaken!&ldquo; rief der wilde, stämmige Mensch,
-schlug die Beine zusammen und klatschte in die Hände.
-&bdquo;Ist das eine Freude! Das nenn&rsquo; ich Freiheit! Wenn
-das Toben beginnt, so möcht&rsquo; ich fast glauben, die alten
-Tage erständen aufs neue. So herrlich und frei wird
-einem ums Herz und die Seele fühlt sich wie im Paradies.
-He, Jungens! Auf, drauf los!&ldquo; ....
-</p>
-
-<p>
-Und die Menge zog lärmend durch die Straßen.
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-Die frommen alten Frauen, die vom Geschrei geweckt
-wurden, schoben die Fenster in die Höhe, bekreuzigten
-sich mit ihren schläfrigen Händen und sprachen: &bdquo;Ja, ja,
-jetzt gehen die Burschen bummeln!&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-4-4">
-IV.<br />
-Die Burschen bummeln
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ur</span> in einem Hause, am Ende der Straße brannte
-noch Licht. Das war das Haus des Amtmanns.
-Der Amtmann hatte schon längst sein Nachtmahl
-beendet und wäre zweifellos schon lange schlafen
-gegangen, aber er hatte noch einen Gast, den Branntweinbrenner,
-der von einem Gutsbesitzer, welcher mitten
-im Kosakenlande ein kleines Gut besaß, hierher geschickt
-worden war, um eine Schnapsbrennerei zu errichten.
-Obenan auf dem Ehrenplatze unterm Heiligenbilde, saß
-der Gast &mdash; ein kurzes, dickes Männchen mit ewig lachenden
-Äuglein, die das ganze Behagen wiederzuspiegeln
-schienen, mit dem er seine Pfeife rauchte; er spuckte jeden
-Augenblick zur Seite und preßte den aus der Pfeife kriechenden
-Tabak, der sich schon zu Asche verwandelt hatte,
-mit dem Daumen wieder hinein. Dichte Rauchwolken
-türmten sich schnell über ihm auf und hüllten ihn in
-ein Kleid von blauem Nebel. Es schien, als ob der
-breite Schlot einer Schnapsfabrik herunterspaziert wäre,
-weil er es überdrüssig geworden war, ewig auf seinem
-Dache zu hocken, und nun artig in der Stube des
-Amtmanns bei Tisch säße. Dicht unter seiner Nase
-befand sich ein kurzer dichter Schnurrbart; aber dieser
-Schnurrbart guckte so undeutlich aus der Tabaksluft
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-hervor, als wäre er eine Maus, die der Branntweinbrenner
-gefangen hätte und nun im Munde hielte; wie
-wenn jener die Absicht hätte, das Monopol des Katers
-auf dem Speicher zu untergraben. Der Amtmann saß
-als Hausherr in bloßem Hemd und in einer Leinwandhose
-da; sein Adlerauge begann allmählich zu blinzeln
-und zu erlöschen wie die Abendsonne. Am Ende des
-Tisches rauchte einer der Dorfbüttel, die das Kommando
-des Amtmanns bildeten ein Pfeifchen; er saß aus Respekt
-vor dem Hausherrn im Kittel da.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gedenkt ihr,&ldquo; sprach der Amtmann zum Brennmeister
-gewandt, indem er ein Kreuz über seinen gähnenden
-Mund machte, &bdquo;gedenkt ihr die Brennerei bald zu
-eröffnen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht schon in diesem
-Herbst zu brennen anfangen. Ich wette, zu Mariä Geburt
-werden der Herr Amtmann schon auf der Straße mit
-den Beinen die Linien von deutschen Bretzeln beschreiben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten verschwanden die Augen des Branntweinbrenners,
-und an ihrer Stelle zogen sich lange Strahlen
-bis zu den Ohren hin. Der ganze Körper schüttelte
-sich vor Lachen, und seine lustigen Lippen trennten
-sich für einen Augenblick von der paffenden Pfeife.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das gebe Gott!&ldquo; sprach der Amtmann und drückte
-auf seinem Gesicht so etwas wie ein Lächeln aus. &bdquo;Jetzt
-gibt&rsquo;s Gottlob, wenig Schnapsbrennereien. Aber in alten
-Zeiten, als ich die Zarin auf der Landstraße von Perejaslawl
-geleitete, und der verstorbene Besborodko ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;An was für Zeiten du auch denkst, Gevatter! Damals
-konnte man auf dem ganzen Wege von Krementschug
-nach Romny noch nicht eine Schnapsbrennerei finden.
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Jetzt dagegen .. hast du gehört, was sich diese
-verdammten Deutschen ausgedacht haben? Bald wird
-man, wie es heißt, den Schnaps nicht mehr mit Holz
-brennen, wie das alle ehrlichen Christen tun, sondern mit
-irgend einem verteufelten Dampfe!&ldquo; ... Bei diesen Worten
-blickte der Brandmeister nachdenklich auf seine Ellbogen,
-die er auf den Tisch stützte. &bdquo;Wie das mit Dampf
-gemacht werden soll, das weiß ich bei Gott nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für Narren doch diese Deutschen sind! Lieber
-Gott erbarme dich!&ldquo; sagte der Amtmann. &bdquo;Die sollten
-den Knüppel zu kosten kriegen, diese Hundesöhne! Wo
-hat man je gehört, daß man mit Dampf kocht? Auf
-diese Art könnte man ja keinen Löffel Borschtschsuppe in den
-Mund nehmen, ohne sich die Lippen zu verbrühen und
-auch kein junges Ferkel ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gevatter,&ldquo; rief da die Schwägerin, die mit übereinandergeschlagenen
-Beinen auf der Ofenbank saß: &bdquo;Wirst
-du denn die ganze Zeit über ohne deine Frau bei uns
-leben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wozu brauche ich <em>die</em>? Wenn&rsquo;s noch was Rechtes
-wär&rsquo;!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist sie nicht nett?&ldquo; fragte der Amtmann, sein Auge
-auf ihn richtend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott bewahre, nett! Die ist so alt wie der Teufel!
-Und hat die Fratze voller Runzeln wie ein leerer Beutel!&ldquo;
-Und die gedrungene Gestalt des Branntweinbrenners
-fing wieder an zu wackeln, so laut lachte er.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick scharrte jemand an der Tür;
-die Tür ging auf &mdash; ein Bauer trat über die Schwelle,
-ohne die Mütze abzunehmen, und pflanzte sich mitten in
-der Stube auf, wie nachdenklich, mit aufgesperrtem
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-Munde die Decke musternd. Es war der uns schon
-bekannte Kalenik.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, nun bin ich zu Hause!&ldquo; rief er aus und setzte
-sich auf eine Bank neben der Tür, ohne im geringsten
-auf die Anwesenden zu achten. &bdquo;Wie lang mir der Sohn
-des Bösen den Weg gemacht hat! Man geht und geht,
-und es nimmt kein Ende! Die Beine sind einem wie
-zerschlagen. Weib, gib mir doch den Schafspelz als
-Unterlage. Weiß Gott, ich kriech&rsquo; nicht zu dir auf den
-Ofen, dazu tun mir die Beine zu weh! Gib ihn mir
-her. Dort liegt er neben dem Heiligenbilde, aber sieh
-zu, wirf den Topf mit dem geriebenen Tabak nicht um.
-Oder nein, laß ihn lieber! Du bist heute vielleicht betrunken
-.... ich hol ihn mir schon lieber selbst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kalenik wollte sich aufrichten, aber eine unüberwindliche
-Macht fesselte ihn an die Bank.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das gefällt mir,&ldquo; sagte der Amtmann, &bdquo;der kommt
-in fremde Stuben und benimmt sich ganz wie zu Hause!
-Schafft ihn nur in Frieden wieder hinaus! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laßt ihn ausruhen, Gevatter,&ldquo; sprach der Branntweinbrenner,
-den Amtmann an der Hand zurückhaltend.
-&bdquo;Das ist ein nützlicher Mensch: noch mehr solche Leute &mdash;
-und unsere Brennerei geht großartig!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es war jedoch nicht Gutmütigkeit, die ihn zu diesen
-Worten veranlaßte. Der Branntweinbrenner glaubte an
-allerhand üble Vorzeichen, und einen Menschen, der sich
-schon gesetzt hatte, davonjagen, das hieß für ihn so viel
-wie ein Unglück heraufbeschwören.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach ja, das Alter rückt heran ....&ldquo; brummte
-Kalenik und streckte sich auf die Bank hin. &bdquo;Wäre ich
-noch wenigstens betrunken! Aber bei Gott, nein, ich
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-bin nicht betrunken! Wozu sollte ich denn flunkern?
-Und das will ich auch dem Amtmann selbst sagen, wenn&rsquo;s
-sein muß! Was ist mir denn der Amtmann? Mag er
-verrecken, der Hundesohn. Ich spucke auf ihn. Ein Wagen
-soll ihn überfahren, den einäugigen Teufel! Was hat
-er den Leuten Wasser auf den Kopf zu gießen, wenn&rsquo;s
-friert! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oho! Kommt einem so ein Schwein ins Haus gekrochen
-und legt auch noch die Pfoten auf den Tisch!&ldquo;
-sagte der Amtmann und stand zornig von seinem Platze
-auf; aber in diesem Augenblicke flog ein gewichtiger
-Stein, der die Fensterscheibe zerschmetterte, ihm vor die
-Füße. Der Amtmann blieb stehen. &bdquo;Wenn ich wüßte,&ldquo;
-sagte er, und hob den Stein auf, &bdquo;welcher Galgenstrick
-den Stein da hereingeworfen hat, dem würde ich schon
-zeigen, was das heißt, Steine werfen! Was für Streiche!&ldquo;
-fuhr er fort, indem er den Stein in die Hand nahm
-und mit brennendem Blicke musterte. &bdquo;Er soll ersticken
-an diesem Stein! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt, halt! Behüt dich Gott, Gevatter!&ldquo; fiel der
-Branntweinbrenner mit bleichem Gesichte ein. &bdquo;Behüt
-dich Gott in dieser und jener Welt, jemand mit einem
-solchen Fluch zu bedenken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oho, der hat ja einen schönen Beschützer gefunden!
-Krepieren soll er ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hör auf, Gevatter! Du weißt wohl nicht, was
-meiner seligen Schwiegermutter widerfahren ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Deiner Schwiegermutter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, meiner Schwiegermutter! Eines Abends, es
-war ein bißchen früher als heute, setzten sie sich zum
-Abendessen hin: meine verstorbenen Schwiegereltern, der
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Knecht, die Magd und fünf Kinder. Die Schwiegermutter
-schüttete ein paar Knödel aus dem großen Kessel
-in die Schüssel, damit sie ein wenig abkühlten, denn
-nach der Arbeit waren alle hungrig und wollten nicht
-warten, bis die Knödel kalt waren. Sie steckten ihre
-langen Holzstäbe hinein und begannen zu essen. Auf einmal
-taucht da ein Mann auf und bittet, ihn auch mitessen
-zu lassen; wer das war, mag Gott wissen. Nun,
-soll man etwa einem hungrigen Menschen nicht zu essen
-geben? Man reicht ihm also auch ein Stäbchen. Aber
-der Gast räumt mit den Knödeln auf wie die Kuh mit
-dem Heu. Bis jene einen Knödel gegessen und den
-Stab nach einem zweiten ausgestreckt hatten, war
-der Boden der Schüssel schon so glatt wie die Diele eines
-Herrenhauses. Die Schwiegermutter tat noch Klöße
-hinein; denn sie dachte, nun hat der Gast sich satt gegessen
-und wird nicht mehr so stark zugreifen. Aber ganz
-im Gegenteil: er schlang und schlang noch immer gewaltiger,
-und leerte auch die zweite Schüssel. &bdquo;Daß du an den
-Knödeln ersticktest!&ldquo; dachte die hungrige Schwiegermutter;
-aber da drehte sich jener auf einmal um und sank zu Boden.
-Man stürzte zu ihm hin &mdash; aber sein Geist war schon
-entflohen. Er war erstickt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geschah ihm ganz recht, dem verdammten Freßsack!&ldquo;
-sagte der Amtmann.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schon recht, aber es kam ganz anders: Seit jener
-Zeit hatte die Schwiegermutter keine Ruhe mehr. Kaum
-wird&rsquo;s Nacht, sofort kommt der Tote angerückt. Sitzt
-rücklings auf dem Schornstein, der Verdammte, und hält
-einen Knödel zwischen den Zähnen. Am Tage ist alles
-ruhig, er läßt weder etwas von sich sehen noch hören;
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-kaum aber dämmert es, so braucht man nur auf&rsquo;s Dach
-zu blicken und schon reitet der Hundesohn da oben auf
-dem Schornstein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit einem Knödel zwischen den Zähnen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja mit einem Knödel zwischen den Zähnen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie wunderlich, Gevatter! Ich habe ja auch so was
-Ähnliches von meiner Seligen gehört ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da aber hielt der Amtmann inne. Vor dem Fenster
-wurde Geräusch, ein Stampfen und Tanzen laut vernehmbar.
-Zuerst hörte man die Harfensaiten leise klimpern
-und dann fiel eine Stimme ein. Die Saiten erklangen
-stärker, mehrere Stimmen fielen ein &mdash; und wie ein
-Wirbel ertönte rauschend das Lied:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Burschen, habt ihr schon vernommen?</p>
- <p class="verse">Sind wir wirklich solche Narren?</p>
- <p class="verse">Unser Amtmann hat bekommen</p>
- <p class="verse">In dem Schädel einen Sparren!</p>
- <p class="verse">Böttcher, schlag um unsern Amtmann</p>
- <p class="verse">Deine festen Eisenreifen!</p>
- <p class="verse">Böttcher, laß um unsern Amtmann</p>
- <p class="verse">Ruten, Ruten, Ruten pfeifen!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Unserm Amtmann alt und grau,</p>
- <p class="verse">Fehlt ein Auge in dem Kopf!</p>
- <p class="verse">Unser Amtmann ist &rsquo;ne Sau,</p>
- <p class="verse">Schleicht zu Mädels, dieser Tropf!</p>
- <p class="verse">Läufst du zu den jungen Leuten,</p>
- <p class="verse">Bleib nur lieber fein zu Haus!</p>
- <p class="verse">Denk&rsquo; mal: wenn sie dich verbläuten</p>
- <p class="verse">Und den Schopf dir rissen aus! ....</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Ein ausgezeichnetes Lied, Gevatter!&ldquo; sagte der
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-Branntweinbrenner, indem er den Kopf etwas auf die
-Seite neigte und sich an den Amtmann wandte, der
-bei dieser Frechheit ganz starr vor Staunen geworden
-war. &bdquo;Ausgezeichnet! &rsquo;s ist nur schade, daß man in nicht
-ganz anständigen Worten vom Amtmann spricht ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und wieder stützte er mit einer süßlichen Rührung
-in den Augen die Arme auf den Tisch und bereitete sich
-vor, weiter zuzuhören, denn vor dem Fenster erdröhnte
-ein Gelächter, und man vernahm den Ruf: &bdquo;Noch einmal,
-noch einmal!&ldquo; Ein scharfes Auge hätte jedoch sofort
-bemerkt, daß nicht das Staunen allein den Amtmann
-so lange auf einem Fleck festhielt. So läßt oft
-ein alter erfahrener Kater die junge unerfahrene kleine
-Maus rings um seinen Schwanz herumlaufen, während
-er Pläne schmiedet, wie er ihr am besten den Rückzug
-in ihr Mauseloch abschneiden kann. Noch war das einsame
-Auge des Amtmanns auf das Fenster gerichtet,
-aber schon lag seine Hand, die dem Büttel ein Zeichen
-gegeben hatte, am Holzgriff der Tür; auf einmal erhob
-sich auf der Straße ein lautes Geschrei ..... Der
-Branntweinbrenner, zu dessen zahlreichen Vorzügen auch
-eine gewisse Neugierde gehörte, stopfte rasch den Tabak
-wieder in seine Pfeife und lief auf die Straße hinaus.
-Aber die Taugenichtse waren schon auseinandergestoben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, du wirst mir nicht entwischen!&ldquo; schrie der
-Amtmann und zerrte einen Menschen in einem schwarzen
-Schafspelz hinter sich her, dessen Fell nach außen gekehrt
-war. Der Branntweinbrenner benutzte die Zeit
-und eilte herzu, um dem Friedensstörer ins Gesicht zu
-schauen; aber er wich angstvoll zurück, als er einen
-langen Bart und eine schreckhaft ausgemalte Fratze erblickte.
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-&bdquo;Nein, du wirst mir nicht entwischen!&ldquo; schrie
-der Amtmann und schleppte seinen Gefangenen in den
-Flur; ruhig und ohne den geringsten Widerstand zu
-leisten, folgte ihm der Gefangene, als ob&rsquo;s sein eignes
-Haus wäre. &bdquo;Karpo, mach&rsquo; die Kammer auf!&ldquo; rief
-der Amtmann dem Büttel zu. &bdquo;Wir sperren ihn in
-die dunkle Kammer! Dann wecken wir den Schreiber,
-holen die Büttel herbei, fangen all diese Raufbolde ein
-und urteilen sie heute noch ab!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Büttel klapperte im Flur am Hängeschloß und
-öffnete die Kammer. In diesem Augenblick machte sich
-der Gefangene die Dunkelheit im Flur zunutze und riß
-sich plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft aus den Händen,
-die ihn hielten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin?&ldquo; rief der Amtmann und packte ihn noch
-fester am Kragen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß los, ich bin&rsquo;s ja!&ldquo; hörte man ein dünnes
-Stimmchen rufen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das nützt dir nichts, das nützt dir gar nichts, Brüderchen!
-Quiek du nur wie ein Weib oder wie ein Teufel!
-Mich wirst du nicht übertölpeln!&ldquo; Und der Amtmann
-stieß ihn in die dunkle Kammer, so daß der arme Gefangene
-aufstöhnend zu Boden fiel. Er selbst begab
-sich in Begleitung des Büttels ins Haus des Schreibers,
-und hinter ihnen kam der Branntweinbrenner wie ein
-Dampfschiff dahergeraucht.
-</p>
-
-<p>
-Nachdenklich schritten alle drei mit gesenktem Kopfe
-dahin, doch auf einmal stießen sie beim Einbiegen in
-ein dunkles Gäßchen einen Schrei aus &mdash; jeder hatte
-einen mächtigen Schlag vor die Stirn bekommen, und
-eben solch ein Schrei hallte ihnen zur Antwort entgegen.
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-Der Amtmann kniff sein Auge zu und sah erstaunt den
-Schreiber mit zwei Bütteln vor sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will gerade zu dir, Herr Schreiber!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und ich wollte gerade zu dir, Herr Amtmann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es geschehen Wunder, Herr Schreiber!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, es gehen Wunderdinge vor, Herr Amtmann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Burschen toben! In ganzen Scharen treiben sie
-Unfug auf den Straßen. Sie benennen Euer Gnaden
-mit solchen Worten .... Man schämt sich, eins davon
-zu nennen; selbst ein betrunkener Moskowiter würde
-sich hüten, mit seiner unreinen Zunge sowas auszusprechen!
-(All diese Worte begleitete der dürre Schreiber,
-der eine Hanfpluderhose und eine hefenfarbene Weste anhatte,
-mit einem Vorstrecken und schleunigem Zurückziehen
-des Halses.) Ich wollte gerade einnicken, da schleppten mich
-die verdammten Lümmel mit ihren unflätigen Liedern
-und ihrem Gepolter aus dem Bett! Ich wollte ihnen
-eine ordentliche Lehre geben, aber bis ich die Hose und
-Weste angezogen hatte, waren sie wieder nach allen
-Seiten auseinandergelaufen. Der Rädelsführer ist uns
-aber nicht entwischt. Jetzt brummt er in der Stube,
-wo man die Häftlinge festhält. Ich brannte darauf,
-zu erfahren, was das für ein Vogel sei, aber seine Fratze
-ist mit Ruß beschmiert, wie bei einem Teufel, der die
-Nägel für die Sünder schmiedet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wie ist er angezogen, Herr Schreiber?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er trägt einen schwarzen, nach außen gekehrten
-Pelz, der Hundesohn, Herr Amtmann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lügst du auch nicht, Herr Schreiber? Wie, wenn
-nun dieser Taugenichts <em>bei mir</em> in der Kammer säße?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-&bdquo;Nein, Herr Amtmann, sei nicht böse, aber da irrst du
-dich selbst ein wenig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Macht einmal Licht, wir wollen doch nachsehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Man holte Licht herbei, machte die Tür auf &mdash; und
-der Amtmann stieß vor Verwunderung ein lautes &bdquo;Ah!&ldquo;
-aus, als er seine Schwägerin vor sich sah.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun sag mir doch, bitte, bist du denn ganz von
-Sinnen!&ldquo; rief sie und ging mit diesen Worten auf ihn
-zu. &bdquo;Wäre auch nur ein Quentchen Gehirn in deinem
-einäugigen Schädel, &mdash; hättest du mich wohl dann in
-die dunkle Kammer hineingepufft? Noch ein wahres
-Glück, daß ich mir nicht den Kopf an der eisernen
-Türangel zerschlagen habe! Hab&rsquo; ich dir nicht zugerufen,
-daß ich es bin? &mdash; Muß mich dieser verfluchte
-Bär mit seinen eisernen Tatzen packen und mich herumstoßen.
-Daß dich in jener Welt der Teufel so stoßen
-möge! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die letzten Worte sagte sie schon auf der Gasse,
-denn sie mußte aus gewissen Gründen hinausgehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich sehe ich, daß du es bist!&ldquo; sagte der Amtmann,
-der unterdes wieder zu sich gekommen war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagst du dazu, Herr Schreiber! Ist dieser
-verdammte Windbeutel nicht ein Schelm?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wahrhaftig, ein Schelm; Herr Amtmann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wäre es nicht Zeit, alle diese Taugenichtse einmal
-tüchtig ins Gebet zu nehmen, damit sie an ihre Arbeit
-gehen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es wäre schon Zeit, höchste Zeit, Herr Amtmann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Diese Narren haben .... Was Teufel? Ich
-glaube, ich höre meine Schwägerin auf der Straße
-schreien .... diese Narren haben sich in den Kopf
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-gesetzt, ich sei ihresgleichen. Sie glauben offenbar, ich
-sei nur ein einfacher Kosak!&ldquo; .... Aus dem nun
-folgenden Hüsteln und Blitzen des Auges, das er im
-Kreise umherschweifen ließ, konnte man erraten, daß
-der Amtmann vorhatte, etwas Wichtiges zu sagen. &bdquo;Im
-Jahre Eintausend, .... Gott töte mich, ich kann diese
-verdammten Jahreszahlen nicht behalten .... Also im
-Jahre .... erhielt der damalige Kommissär Ledatschi
-den Befehl, einen Kosaken auszuwählen, der gescheiter
-sei, als die anderen. O, (der Amtmann sprach dieses
-&bdquo;O&ldquo; mit erhobenem Finger) gescheiter als die anderen,
-um der Zarin das Geleit zu geben. Ich bin damals ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist da viel zu reden? Jeder kennt die Geschichte
-schon, Herr Amtmann! Alle wissen doch, daß
-du dir die Gnade der Zarin verdient hast. Gesteh jetzt,
-hatte ich nicht recht? Hast du dich nicht doch etwas
-geirrt, als du sagtest, du habest diesen Kerl im Pelz
-erwischt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was diesen Teufel im Pelz betrifft, so soll er zur
-Lehre für die anderen in Ketten geschmiedet und tüchtig
-abgestraft werden. Sie sollen schon merken, was das
-heißt, Obrigkeit! Wer hat denn den Amtmann eingesetzt,
-wenn nicht der Zar? Und dann wollen wir uns
-um die anderen Lausbuben kümmern. Ich habe noch
-nicht vergessen, wie diese verfluchten Lümmel eine
-Schweineherde in meinen Gemüsegarten getrieben haben,
-die mir den ganzen Kohl und alle Gurken wegfraß.
-Ich habe auch nicht vergessen, wie diese Teufelskinder
-sich weigerten, mir mein Korn zu dreschen; o nein, ich
-hab&rsquo;s nicht vergessen! .... Aber sie sollen verrecken, ich
-muß auf jeden Fall erfahren, wer der Schelm im Pelz ist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-&bdquo;Man merkt&rsquo;s, das ist ein flinker Vogel!&ldquo; sagte
-der Branntweinbrenner, der sich während dieses ganzen
-Gespräches fortwährend die Backen mit Rauch vollpumpte,
-wie ein Belagerungsgeschütz, und dessen Lippen
-eine ganze Rauchfontäne ausstießen, wenn sie sich von
-der kurzen Pfeife trennten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es wäre auf jeden Fall nicht übel, diesen Menschen
-in der Brennerei zu haben, noch besser wär&rsquo;s freilich,
-ihn an einem Eichenwipfel aufzuhängen, wie einen
-Kirchenkronleuchter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dieser Witz kam dem Branntweinbrenner nicht ganz
-dumm vor, und er beschloß sofort, ohne erst die Billigung
-der anderen abzuwarten, sich selbst mit einem
-heiseren Lachen zu belohnen.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick näherten sie sich einer kleinen,
-halb in die Erde gesunkenen Hütte. Die Neugierde
-unserer Wanderer hatte sich noch vergrößert; alle drängten
-sich vor der Türe zusammen. Der Schreiber nahm
-einen Schlüssel heraus und das Schloß klirrte; aber
-dieser Schlüssel gehörte zu seinem Spind. Die Ungeduld
-stieg. Er begann in der Tasche herumzuwühlen, fand
-jedoch den Schlüssel nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da!&ldquo; sagte er endlich, und holte ihn aus der Tiefe
-seiner gewaltigen Tasche hervor, die sich in seiner Hanfpluderhose
-befand.
-</p>
-
-<p>
-Bei diesem Laut schienen die Herzen unserer Helden
-zu einem einzigen Herz zu verschmelzen, und dieses
-Riesenherz schlug so heftig, daß sein unregelmäßiges
-Hämmern nicht einmal von dem Klirren des Schlosses
-übertönt wurde. Die Tür ging auf, und .... der
-Amtmann wurde bleich wie ein Stück Leinwand; den
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-Branntweinbrauer überlief&rsquo;s kalt, und sein Haar wollte
-gen Himmel fliegen. Entsetzen malte sich auf dem
-Gesicht des Schreibers; die Büttel wuchsen fest an
-die Erde und waren nicht einmal imstande, ihre aufgesperrten
-Mäuler zu schließen: vor ihnen stand die
-Schwägerin.
-</p>
-
-<p>
-Sie war nicht weniger betroffen als die anderen,
-aber bald erholte sie sich etwas und wollte gerade auf
-sie zugehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt!&ldquo; schrie da der Amtmann mit wilder Stimme
-und schlug die Türe zu. &bdquo;Leute, das ist der Satan!&ldquo;
-rief er dann. &bdquo;Feuer! Schnell Feuer her! Es ist
-nicht Schade um das Kronshaus! Steckt es an, damit
-die Satansknochen nicht länger auf dieser Erde
-bleiben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Schwägerin schrie entsetzt auf, als sie hinter der
-Tür von der fürchterlichen Absicht vernahm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was macht ihr da, Brüder?&ldquo; rief der Branntweinbrenner.
-&bdquo;Euer Haar ist gottlob fast so weiß wie
-Schnee, trotzdem aber scheint&rsquo;s euch noch am Verstand
-zu fehlen: ein einfaches Feuer kann doch der Hexe nichts
-anhaben! Nur das Feuer aus einer Pfeife kann einen
-Werwolf in Brand stecken! Halt, ich mach gleich
-welches an!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten schüttete er die Glut aus der
-Pfeife auf ein Heubündel und begann zu blasen. Aber
-die Verzweiflung der armen Schwägerin verlieh ihr
-einen ungeahnten Mut; sie begann laut um Hilfe zu
-flehen und die Männer zu beschwichtigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haltet ein, Brüder! Warum wollt ihr euch grundlos
-einer Sünde schuldig machen. Vielleicht ist&rsquo;s wirklich
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-nicht der Satan,&ldquo; rief der Schreiber. &bdquo;Vielleicht
-kann das Wesen, das da drinnen in der Stube sitzt,
-doch das Zeichen des heiligen Kreuzes machen, und das
-bedeutet dann, daß es nicht der Teufel ist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Vorschlag wurde angenommen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Packe dich, Satanas!&ldquo; fuhr der Schreiber fort und
-legte die Lippen an die Türspalte. &bdquo;Wenn du dich
-nicht vom Platze rührst, machen wir dir die Tür auf.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Tür wurde aufgemacht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bekreuzige dich!&ldquo; rief der Amtmann, und sah sich
-um, wie wenn er für den Fall des Rückzuges einen
-Zufluchtsort suchte.
-</p>
-
-<p>
-Die Schwägerin schlug ein Kreuz.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was Teufel! Das ist wirklich die Schwägerin!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Welche unsaubere Macht hat dich bloß in diese
-Kammer gebracht, Gevatterin?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Schwägerin erzählte schluchzend, wie die Burschen
-auf der Straße sie gepackt und sie trotz ihres Widerstandes
-durch das breite Fenster in die Hütte hineingeschoben
-und die Fensterläden geschlossen hatten. Der
-Schreiber sah sich die Sache an. Die Angeln waren
-heruntergerissen, und der breite Laden war oben nur mit
-einem Holzbalken festgerammelt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist mir ein feiner Kerl, du einäugiger Satan
-du,&ldquo; schrie sie und ging auf den Amtmann zu, der
-zurückwich und sie immer noch mit seinem Auge maß.
-&bdquo;Ich kenne deine Absichten schon, du hättest mich
-wohl am liebsten aufgefressen, damit du dann ungestört
-jeder Schürze nachlaufen kannst, und keiner
-mehr weiß, wie der Jammergreis sich selbst zum Narren
-macht. Du meinst, ich weiß nicht, was du heute abend
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-mit Hanna gesprochen hast? O, ich weiß alles! Mich
-kann keiner so leicht betrügen, nicht einmal einer, der
-weniger blöd ist als du! Ich habe lange Geduld, aber
-dann: nimm dich in acht ....!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten ballte sie die Faust, machte sich
-rasch davon; und ließ den Amtmann in völliger Erstarrung
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, da ist der Satan ernsthaft mit im Spiel!&ldquo;
-dachte er, sich den Kopf kratzend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben ihn!&ldquo; riefen die eintretenden Büttel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wen habt ihr?&ldquo; fragte der Amtmann.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Den Teufel im umgewendeten Pelz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bringt ihn her!&ldquo; rief der Amtmann und packte
-den hereingeführten Gefangenen an der Hand. &bdquo;Seid
-ihr verrückt geworden? &mdash; Das ist doch der besoffene
-Kalenik!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pfui Teufel, wir hielten ihn doch schon fest, Herr
-Amtmann!&ldquo; antworteten die Büttel. &bdquo;In dem einen
-Gäßchen umringten uns die verdammten Kerls, fingen
-an zu tanzen und uns hin und her zu zerren, steckten
-die Zunge raus und rissen ihn uns aus den Händen.
-.... Der Henker soll sie holen! .... Aber wie wir
-statt seiner zu dieser Krähe hier gekommen sind, das
-mag Gott wissen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kraft meiner Vollmacht und im Namen der ganzen
-Gemeinde ergeht die Verfügung, diesen Räuber unverzüglich
-gefangen zu nehmen,&ldquo; sprach der Amtmann;
-&bdquo;desgleichen alle anderen, die ihr auf den Straßen antrefft,
-und sie mir zur Aburteilung vorzuführen! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erbarm dich doch, Herr Amtmann!&ldquo; riefen da
-einige Büttel und verneigten sich tief bis zur Erde vor
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-ihm. &bdquo;Hättest du nur gesehen, was das für Fratzen
-sind! Gott straf uns, aber seit unserer Geburt und
-Taufe haben wir keine so abscheulichen Larven gesehen.
-Wie leicht verfällt man der Sünde, Herr Amtmann!
-Die können einen rechtschaffenen Menschen so erschrecken,
-daß einem nachher kein Weib mehr ein Gebreste besprechen
-kann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will euch schon zeigen, was ein Gebreste ist!
-Was? Ungehorsam? Ihr zieht wohl mit ihnen am
-selben Strang, ihr Rebellen! Was soll denn das? ....
-Ihr werdet sie noch zum Mord anstiften! .... ihr
-.... ihr .... Ich werde das dem Kommissär melden!
-Auf der Stelle, hört ihr, auf der Stelle! Lauft, fliegt
-schnell wie die Vögel! Ich werde euch schon .... Ihr
-sollt mir ....!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alle stoben auseinander.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-4-5">
-V.<br />
-Die Ertrunkene
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nbekümmert,</span> und ohne auf die abgesandten Verfolger
-zu achten, näherte sich der Urheber dieses
-ganzen Wirrwarrs dem alten Hause am Teich.
-Ich glaube, man braucht wohl nicht weiter hervorzuheben,
-daß es Lewko war. Sein schwarzer Pelz war
-aufgeknöpft, er hielt seine Mütze in der Hand, und der
-Schweiß rann ihm von der Stirn. &mdash; Düster und
-hehr stand der schwarze Ahornhain da, und nur
-auf der Seite, die dem Monde zugewandt war, lag
-ein feiner Silberstaub über ihm ausgestreut. Vom regungslosen
-Teich wehte eine kühlende Frische dem müden Fußgänger
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-entgegen und lud ihn ein, an seinen Ufern auszuruhen.
-Alles war still; nur im tiefen Dickicht des
-Waldes hörte man das Schmettern der Nachtigall. Ein
-unüberwindlicher Schlaf senkte sich rasch auf Lewkos
-Lider. Die ermatteten Glieder lösten sich und erschlafften;
-der Kopf suchte eine Stütze .... &bdquo;Nein, auf die Art
-schlafe ich hier noch ein!&ldquo; sprach er, stand auf und rieb
-sich die Augen. Er blickte um sich: die Nacht lag noch
-leuchtender vor ihm. Eine seltsam berauschende Helle
-mischte sich in den Glanz des Mondes. Noch nie hatte
-er etwas Ähnliches gesehen. Silberne Nebel senkten
-sich aufs Land. Ein Duft von blühenden Apfelbäumen
-und Nachtblüten war über die ganze Erde ausgegossen.
-Mit Verwunderung blickte er in die regungslosen
-Wasser des Teiches; das alte Herrenhaus spiegelte
-sich in ihm umgestürzt, klar und in lichter Erhabenheit.
-Statt der düsteren Fensterläden blinkten einem
-lustige Glasfenster und Türen entgegen und das Gold
-schimmerte durch die klaren Scheiben. Auch schien es
-ihm, als habe sich ein Fenster geöffnet. Er hielt den
-Atem an, regte sich nicht und glaubte sich in die Tiefe
-des Teiches versetzt. Und siehe: zuerst schob sich ein
-weißer Ellenbogen aus dem Fenster, dann schaute ein
-liebliches Köpfchen heraus mit glänzenden Augen, die sanft
-durch dunkelblonde Haarwogen hindurch leuchteten, und
-stützte sich auf den Ellenbogen. Lewko sah, wie sie leise
-den Kopf schüttelte, wie sie winkte und lächelte ....
-Sein Herz fing plötzlich an heftig zu pochen .... das
-Wasser erzitterte, und das Fenster schloß sich wieder.
-Leise ging er vom Teiche fort und sah das Haus unverwandt
-an: Die düsteren Fensterläden standen weit
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-offen, und die Scheiben funkelten im Monde. &bdquo;Wie
-wenig darf man doch auf das Gerede der Menschen
-geben!&ldquo; dachte er bei sich. &bdquo;Das Haus ist nagelneu,
-und die Farben sind frisch, als ob sie erst heute
-aufgetragen wären. Hier muß doch jemand wohnen!&ldquo;
-Und er trat schweigend näher, aber im Hause war alles
-still. Mächtig und klingend tönten die leuchtenden Lieder
-der Nachtigall durcheinander, und wenn sie schmachtend
-wie in Wonne zu ersterben schienen, vernahm man das
-Rascheln und Zirpen der Heimchen oder das Schnarren
-eines Sumpfvogels, der mit seinem glatten Schnabel
-auf den weiten Wasserspiegel aufschlug. Lewko empfand
-eine süße Stille in seinem Herzen, es schien sich zu
-weiten und schlug so leicht und frei. Er stimmte seine
-Harfe und fing an zu spielen und zu singen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Du mein helles Licht der Nacht,</p>
- <p class="verse">Du mein Mond, ach bester Mond!</p>
- <p class="verse">Leucht mir über Haus und Hof,</p>
- <p class="verse">Wo mein liebstes Mädchen wohnt!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ein Fenster tat sich leise auf, und dasselbe Köpfchen,
-dessen Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, guckte
-heraus und lauschte aufmerksam dem Sang. Ihre schweren
-Lider waren halb über die Augen gesenkt. Sie war bleich
-wie Linnen, bleich wie der Mondenschein, aber wie köstlich
-und wundersam! Sie lachte! .... Lewko erschauerte.
-&bdquo;Sing mir ein Lied, junger Kosak!&ldquo; sprach sie leise, neigte
-den Kopf etwas zur Seite und senkte die dunklen Lider
-ganz über die Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein Lied soll ich dir singen, du mein
-strahlendes Fräulein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-Stille Tränen flossen über ihr bleiches Antlitz. &bdquo;Jüngling,&ldquo;
-sprach sie, und etwas unsäglich Rührendes klang
-aus ihren Worten, &bdquo;Jüngling, finde mir meine Stiefmutter!
-Nichts soll mir zu schön für dich sein. Ich
-will dich belohnen. Ich will dich reich und herrlich
-belohnen! Ich habe mit Seide bestickte Gewänder,
-Korallen und Kleinode, ich will dir einen Gürtel schenken,
-der mit Perlen besät ist. Ich habe Gold .... Jüngling,
-finde mir meine Stiefmutter. Sie ist eine furchtbare
-Hexe: ich hatte keine Ruh&rsquo; vor ihr auf Gottes
-Erde. Sie hat mich gemartert, und ließ mich schaffen wie
-eine niedrige Magd. Blick in mein Angesicht: sie ließ die
-Röte von meinen Wangen schwinden mit ihrer unreinen
-Zauberkunst. Blick auf meinen weißen Hals: kein
-Wasser wäscht die blauen Flecke fort, keines wird sie je
-fortwaschen, die von ihren eisernen Krallen stammen!
-Sieh meine weißen Füße an, weit sind sie gewandert,
-und nicht nur auf Teppichen, auch über heißen Sand,
-durch sumpfiges Feld, durch stechende Nesseln sind sie
-gewandert! Und meine Augen! Blick in meine Augen:
-sie sehen nichts mehr vor Tränen! .... Finde sie mir,
-Jüngling, find mir die Stiefmutter! ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ihre Stimme, die immer mehr und mehr angeschwollen
-war, stockte auf einmal. Tränenströme flossen
-über ihr bleiches Antlitz. Ein drückendes Gefühl des
-Mitleids und der Trauer schnürte dem Burschen das
-Herz zusammen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu allem bin ich für dich bereit, mein herrliches
-Fräulein,&ldquo; rief er in tiefster Erregung. &bdquo;Doch sag mir
-nur, wo soll ich sie finden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh, sieh!&ldquo; rief sie schnell, &bdquo;sie ist hier! Sie tanzt
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-am Wasser mit meinen Mädchen den Reigen und wärmt
-sich im Mondenlichte. Sie ist schlau und voller List:
-sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; aber
-ich weiß, ich hör&rsquo; es, sie ist hier! Sie macht, daß mir
-so drückend schwer, so dumpf zumute wird. Durch
-sie ward mir&rsquo;s verwehrt, so leicht und frei dahin zu
-schwimmen wie ein Fisch. Ich sinke, versinke und
-falle zu Boden wie ein Schlüssel. Find sie mir, Jüngling!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lewko blickte aufs Ufer: Im zarten Silbernebel sah
-man etwas schimmern. Eine Schar Mädchen tummelte
-sich, leicht wie ein Schatten, in lichten Gewändern, die so
-hell waren, wie die Maiglöckchen auf der Wiese; goldene
-Spangen, Perlenketten und Dukaten glänzten an ihren
-Nacken; allein sie waren bleich: ihr Leib war wie aus durchscheinenden
-Wolken gewoben und schimmerte durchsichtig
-im silbernen Mondenlicht. Spielend und tanzend näherte
-sich der Mädchenreigen und man hörte schon ihre
-Stimmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laßt uns das Rabenspiel spielen, das Rabenspiel,&ldquo;
-säuselten alle durcheinander, wie das Schilf am Flusse,
-das der Wind in stiller dämmernder Stunde mit seinen
-lustigen Lippen berührt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer soll Rabe sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Los ward geworfen &mdash; und ein Mädchen trat
-aus der Menge hervor. Lewko betrachtete sie aufmerksam.
-Ihr Gesicht und ihr Kleid war ganz so wie bei allen
-anderen. Man merkte ihr nur an, daß sie ihre Rolle
-nicht gern spielte. Die Menge bildete eine lange Reihe
-und wich behend den Angriffen des räuberischen Feindes
-aus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-&bdquo;Nein, ich will nicht Rabe sein!&ldquo; rief das Mädchen,
-ganz schlaff vor Müdigkeit. &bdquo;Es tut mir so leid, der
-armen Henne die Küken zu rauben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist nicht die Hexe!&ldquo; dachte Lewko.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer soll Rabe sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Mädchen wollten wiederum losen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will Rabe sein!&ldquo; rief da eine aus ihrer Mitte.
-</p>
-
-<p>
-Lewko begann ihr Gesicht scharf zu mustern. Schnell
-und kühn machte sie Jagd auf die Schar und stürzte
-nach allen Seiten, um ihr Opfer zu fangen. Da sah
-Lewko, daß ihr Leib nicht so leuchtete, wie der der anderen:
-mitten im Innern gewahrte er etwas Dunkles. Plötzlich
-ertönte ein Schrei: der Rabe stieß auf ein Mädchen
-herab, fing es ein, und es deuchte Lewko, als habe sie ihre
-Krallen gezeigt, und als blitze in ihrem Gesicht eine boshafte
-Freude auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hexe!&ldquo; rief er, und zeigte, nach dem Hause gewandt,
-mit dem Finger auf sie.
-</p>
-
-<p>
-Das holde Fräulein lachte auf, und die Mädchen führten
-die, welche den Raben gespielt hatte, schreiend mit sich
-fort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Womit soll ich&rsquo;s dir lohnen, Jüngling? Ich weiß,
-du brauchst kein Gold, du liebst Hanna. Doch der gestrenge
-Vater will dir&rsquo;s nicht erlauben, sie zu heiraten.
-Nun wird er dich nimmer hindern; nimm dies Briefchen
-und gib es ihm ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie streckte ihm ihr weißes Händchen hin, ihr Antlitz
-leuchtete wundersam und erstrahlte .... Mit einem
-nie geahnten Schauer und sehnsüchtigen Pochen des
-Herzens griff er nach dem Briefchen und .... erwachte.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-2-4-6">
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-VI.<br />
-Erwachen
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>H</span><span class="postfirstchar">ab&rsquo;</span> ich wirklich geschlafen?&ldquo; sprach Lewko zu
-sich selbst, als er sich von der kleinen Böschung
-erhob. &bdquo;Alles war doch so lebendig wie in
-Wirklichkeit&ldquo; .... &bdquo;Seltsam, seltsam!&ldquo; wiederholte er,
-indem er sich umsah. Der Mond stand gerade über
-seinem Kopfe und wies auf Mitternacht. Alles war
-still; vom Teich wehte es kühl her; über ihm stand
-traurig das verfallene Haus mit den geschlossenen
-Läden; Moos und wildes Steppengras ließen erkennen,
-daß sich die Menschen schon lange von ihm getrennt
-hatten. Lewko öffnete seine Hand, die er während des
-Schlafes krampfhaft geballt hatte, und stieß einen Schrei
-der Verwunderung aus; er hatte einen Zettel in ihr entdeckt.
-&bdquo;Ach, wenn ich doch lesen könnte!&ldquo; dachte er,
-indem er ihn vor seinen Augen hin und her wandte.
-In diesem Augenblick vernahm er hinter sich ein Geräusch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fürchtet nichts! Packt ihn nur! Vor wem habt
-ihr Angst? Wir sind ja zu zehn! Ich will darauf
-wetten, das ist ein Mensch und kein Teufel! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es war der Amtmann, der diese Worte seinen Begleitern
-zuschrie, und Lewko fühlte sich von mehreren
-Händen gepackt, von denen einige vor Furcht zitterten.
-&bdquo;Nun Freundchen, wirf mal endlich deine schreckliche
-Maske ab, du hast die Leute schon genug in die Irre geführt!&ldquo;
-rief der Amtmann und packte ihn am Kragen.
-Aber da glotzte er ihn voller Schreck mit seinem einzigen
-Auge an: &bdquo;Lewko, mein Sohn!&ldquo; schrie er zurückweichend,
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-und ließ vor Staunen die Hände herabsinken. &bdquo;Du
-bist&rsquo;s? Du Hundesohn! So eine Ausgeburt der Hölle!
-Ich denke: was für ein Schelm, was für ein verkleideter
-Teufel treibt da sein Unwesen? Und nun stellt sich
-heraus, daß du es bist. &mdash; Der ungekochte Mehlbrei
-soll deinem Vater im Halse stecken bleiben! &mdash; Du
-treibst böse Streiche auf den Straßen, du dichtest Lieder
-....! Oho, Lewko! Was soll das? Dich juckt
-wohl der Rücken? Bindet ihn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt Vater! Ich hab&rsquo; dir einen Zettel zu geben!&ldquo;
-sagte da Lewko.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt ist keine Zeit für Zettel, mein Täubchen!
-Bindet ihn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt ein, Herr Amtmann!&ldquo; sagte der Schreiber und
-entfaltete den Zettel. &bdquo;Das ist ja die Handschrift des
-Kommissärs!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Des Kommissärs?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Des Kommissärs?&ldquo; wiederholten die Büttel mechanisch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Des Kommissärs? Wunderlich! Das ist noch unbegreiflicher!&ldquo;
-dachte Lewko bei sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lies, lies!&ldquo; sagte der Amtmann, &bdquo;was schreibt denn
-der Kommissär da?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören wir, was der Kommissär schreibt,&ldquo; sprach
-der Branntweinbrenner, mit der Pfeife in den Zähnen,
-und schlug Feuer.
-</p>
-
-<p>
-Der Schreiber hüstelte und begann zu lesen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verfügung: An den <a id="corr-11"></a>Amtmann Jewtuch Makohonenko.
-Wir haben vernommen, daß du alter Tropf statt die
-alten Steuerschulden einzutreiben und die Ordnung in
-dem Dorfe aufrecht zu erhalten, närrisch geworden bist
-und Unzucht treibst ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-&bdquo;Bei Gott!&ldquo; unterbrach der Amtmann die Verlesung,
-&bdquo;ich kann nichts hören!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schreiber begann von neuem.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko.
-Wir vernehmen, daß du alter Tro....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt, halt, es ist nicht nötig,&ldquo; schrie der Amtmann,
-&bdquo;ich habe zwar nichts gehört, aber ich weiß, daß die
-Hauptsache noch kommt. Lies schnell weiter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Infolgedessen tu ich dir den Befehl kund und zu
-wissen, deinen Sohn Lewko Makohonenko alsogleich mit
-der Kosakentochter aus Eurem Dorf, Hanna Petrytschenkowa,
-zu verehelichen, insgleichen auf der Landstraße die
-Brücke instand zu setzen und ferner die Gutspferde nicht den
-Herren vom Gericht zu geben, selbst dann nicht einmal,
-wenn sie von einer Kronsitzung kommen. So ich bei
-meiner Ankunft obige Verfügung nicht erfüllt finden
-sollte, wirst du allein zur Verantwortung gezogen. Kommissär
-und Leutnant außer Diensten Kosjma Dergatsch-Drischpanowski.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So?&ldquo; meinte der Amtmann mit offenem Munde.
-&bdquo;Hört ihr, hört ihr, für alles macht man den Amtmann
-verantwortlich. Da heißt&rsquo;s gehorchen, gehorchen
-ohne Widerrede! Sonst, mit Verlaub zu sagen ....
-Und du,&ldquo; fuhr er, zu Lewko gewandt, fort, &bdquo;sollst auf
-Befehl des Kommissärs verheiratet werden &mdash; wenn&rsquo;s
-mich auch sonderbar dünkt, wie er das wohl erfahren
-haben mag! Aber vorher sollst du noch die Nagaika zu
-kosten bekommen! Kennst du <em>die</em>, die bei mir neben
-dem Heiligenbilde an der Wand hängt? Ich werde sie
-mal morgen frisch in Gang bringen .... Wo hast
-du diesen Zettel her?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-Trotz seines Staunens über diese unerwartete Wendung
-der Sache, war Lewko so vernünftig gewesen, sich
-im Kopfe eine Antwort zurecht zu legen und die Wahrheit,
-wie er zu dem Zettel gekommen war, zu verschweigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich war gestern abend noch in der Stadt,&ldquo; sagte
-er, &bdquo;und da begegnete ich dem Kommissär, der gerade
-aus seinem Wagen stieg. Als er erfuhr, daß ich aus
-unserem Dorfe stamme, gab er mir diesen Zettel da und
-hieß mich, dir mündlich ausrichten, er würde auf dem
-Rückwege bei uns zu Mittag essen, Vater.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hat er das gesagt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das hat er gesagt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hört ihr&rsquo;s,&ldquo; sprach der Amtmann, sich mit wichtiger
-Gebärde an seine Begleiter wendend, &bdquo;der Kommissär
-kommt in eigner Person zu unsereinem, das heißt zu
-mir, zur Tafel. Oh ....&ldquo; Dabei hob der Amtmann
-den einen Finger in die Höhe und gab seinem Kopf
-eine Haltung, als ob er auf etwas lausche. &bdquo;Der Kommissär,
-hört ihr&rsquo;s, der <em>Kommissär</em> kommt zu mir zu
-Tisch! Wie denkst du, Herr Schreiber, und du, Gevatter,
-ist das etwa eine kleine Ehre, wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Noch nie hat, so viel ich mich besinne,&ldquo; fiel hier
-der Schreiber ein, &bdquo;je ein Amtmann einem Kommissär
-mit einer Mahlzeit aufgewartet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es gibt eben Amtmänner und Amtmänner!&ldquo; sprach
-der Amtmann mit selbstzufriedener Miene. Sein Mund
-verzog sich, und etwas wie ein dumpfes, heiseres Lachen,
-das mehr dem Grollen eines fernen Donners glich, kam
-über seine Lippen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie denkst du, Herr Schreiber? Müßte man nicht
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-eigentlich zu Ehren des hochgestellten Gastes den Befehl
-erlassen, daß jedes Haus wenigstens ein Hühnchen, ein
-bißchen Leinwand oder dergleichen spendet .... was? ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das müßte man eigentlich, das müßte man,
-Herr Amtmann!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wann ist die Hochzeit, Vater?&ldquo; fragte Lewko.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Hochzeit? Ich möchte dir schon eine Hochzeit
-zeigen! .... aber, dem hochgestellten Gaste
-zu Ehren .... Morgen soll euch der Pope trauen.
-Der Teufel mag euch holen! Der Kommissär soll sehen,
-was Pünktlichkeit ist! Nun aber, Kinder, geht zu Bett! Geht
-jetzt heim! .... Der heutige Vorfall hat mich an die
-Zeit erinnert, wo ich ....!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten blickte der Amtmann nach alter
-Gewohnheit würdig und bedeutungsvoll drein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt wird der Amtmann zu erzählen anfangen,
-wie er die Zarin begleitet hat!&ldquo; sagte Lewko, und eilte
-schnellen Schrittes zu dem wohlbekannten Häuschen,
-das von niedrigen Kirschbäumen umstanden war. &bdquo;Gott
-schenke dir die ewige Seligkeit, schönes gutes Fräuleinchen!&ldquo;
-dachte er sich. &bdquo;Mögen dir in jener Welt alle heiligen
-Engel zulächeln! Niemand soll je aus meinem Munde
-von dem Wunder hören, das in dieser Nacht geschah.
-Nur dir allein, Hanna, will ich&rsquo;s erzählen, du allein
-wirst mir glauben und wirst mit mir für die Seele
-der unglücklichen Ertrunkenen beten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er näherte sich dem Häuschen; das Fenster
-stand offen, die Mondstrahlen fielen durchs Fenster auf
-die schlafende Hanna, ihr Kopf lag auf den Arm gestützt,
-ihre Wangen glühten sanft, und ihre Lippen bewegten
-sich und sprachen halblaut seinen Namen.
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-&bdquo;Schlaf, mein schönstes Mädchen! Mögest du träumen
-von dem Herrlichsten, was es auf der Welt gibt; doch
-unser Erwachen soll noch herrlicher sein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schlug ein Kreuz über sie, schloß das Fenster,
-entfernte sich leise, und wenige Augenblicke später schlief
-alles im Dorfe. Der Mond allein segelte voller
-Glanz und Wunder durch die unermeßlichen Fernen des
-prunkenden Himmels der Ukraine. In hehrer Feier webten
-die Höhen dort oben, und die Nacht, die göttliche Nacht
-glomm majestätisch ihrem Ende entgegen. Und auch
-die Erde lag so voll Schönheit da, in ihrem wundervollen
-Glanz von Silber; aber es war niemand mehr, der
-es genießen konnte; alles war in Schlaf versunken.
-Nur ab und zu wurde das Schweigen für einen Augenblick
-von Hundegebell unterbrochen, und noch lange
-tappte der betrunkene Kalenik durch die schlafenden
-Gassen herum und suchte sein Haus.
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-2-5">
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-Der verschwundene Brief
-</h3>
-
-<p class="subt">
-Eine Sage<br />
-Erzählt vom Küster der &mdash; Kirche zu ***
-</p>
-
-<p class="pbb first">
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">hr</span> möchtet also, daß ich euch noch mehr vom
-Großvater erzähle? &mdash; Meinetwegen. Warum
-soll ich euch nicht mit einer Schnurre einen Spaß
-machen? O ihr Tage der Vergangenheit! Welche
-Freude und Lust überkommt doch das Herz, wenn man
-vernimmt, was vor langer, langer Zeit einmal in der
-Welt geschah, und niemand weiß mehr Jahr noch Tag.
-Und wenn erst so ein Alter aus unserer Verwandtschaft
-mit im Spiel ist, irgendein Großvater oder ein Urgroßvater,
-&mdash; dann ist&rsquo;s ganz um mich geschehen:
-Ich will beim Lobsingen auf die heilige Märtyrerin
-Barbara den Schlucken kriegen, wenn es mir nicht
-immer so vorkommt, als ob ich das alles selbst durchgemacht
-hätte: gerad als wenn ich in des Großvaters
-Seele hineingekrochen wäre, oder als wenn die Seele
-des Großvaters in mir selbst rumorte .... Nein, aber
-am ärgsten sind die Mädels und die jungen Weiber dahinter
-her; kaum erblicken sie einen, gleich heißt es:
-&bdquo;Foma Grigorjewitsch, Foma Grigorjewitsch! Schnell
-ein Märchen recht zum Gruseln, bitte, bitte, ein Märchen
-zum Gruseln ....!&ldquo; Taratata &mdash; taratata! Und
-los geht es .... Warum sollt man ihnen auch nicht
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-ein Märchen erzählen, aber paßt mal auf, was nachher
-mit ihnen im Bett geschieht. Ich weiß doch, daß jede
-unter der Decke zittert, als wenn sie das Fieber hätte,
-und am liebsten den Kopf unter den Pelz stecken möchte.
-Da braucht nur eine Ratte an einem Topf zu scharren,
-oder sie gerät selbst mit dem Fuß an den Feuerhaken,
-Gott bewahre, &mdash; gleich fliegt die Seele bis in die Strümpfe.
-Am anderen Tage aber ist alles vergessen; und sie drängen
-einen von neuem: man soll ihnen doch nur ein
-recht grusliges Märchen erzählen! Was soll ich euch
-nun erzählen? Es fällt mir gerade nichts ein ....
-Ach ja, ich will euch das erzählen, wie die Hexen mit
-meinem seligen Großvater Schafskopf gespielt haben.
-Aber darum muß ich im Voraus bitten, meine Herren,
-bringt mich nicht aus dem Geleis, sonst giebt&rsquo;s so einen
-Brei, daß man sich schämen muß, ihn ins Maul zu
-nehmen. Also mein seliger Großvater war, wie ich euch
-bemerken muß, durchaus nicht einer von den gewöhnlichen
-Kosaken. Der verstand&rsquo;s, auf jeden Topf seinen
-Deckel zu setzen. An Feiertagen konnte er seine Apostel
-so herunterschnurren, daß sich auch jetzt noch mancher
-Popensohn vor ihm verstecken könnte. Na, und das
-wißt ihr ja selbst, wenn man in der damaligen Zeit die
-Schriftkundigen aus ganz Baturin zusammentrommeln
-wollte, da brauchte man nicht erst die Mützen bereitzuhalten,
-&mdash; die offene Hand hätte schon vollständig genügt.
-Was Wunder, daß jeder, der am Großvater
-vorüberging, sich tief vor ihm verneigte.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages fiel es dem hochwohlgeborenen Herrn
-Hetman ein, aus irgendeinem Grunde ein Schreiben
-an die Zarin zu senden. Der damalige Regimentsschreiber
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-(daß dich der Geier hole, ich kann mich nicht
-auf seinen Namen besinnen .... hieß er Wisrjak oder
-Motusotschka oder Goloputzek .... ich weiß nur, daß
-er einen sehr komischen Namen hatte, der ganz absonderlich
-anfing) er ließ also den Großvater zu sich kommen und
-sagte ihm: so und so, der Hetman wolle ihn als Kurier
-mit einem Briefe zu der Zarin senden. Mein Großvater
-liebte die langen Vorbereitungen nicht, nähte den
-Brief in die Mütze ein, führte sein Pferd aus dem
-Stall, schmatzte seine Frau und seine zwei Ferkelchen
-(wie er sie selbst nannte) &mdash; einer von ihnen war mein
-leiblicher Vater &mdash; ordentlich ab, und hinter ihm erhob
-sich eine solche Staubwolke, als ob fünfzehn Jungen
-auf der Straße Schlagball spielten. Am andern Tage
-hatte der Hahn noch nicht zum vierten Male gekräht,
-als der Großvater schon in Konotop war. Dort war
-gerade Jahrmarkt; und es wimmelten so viel Leute auf
-den Straßen herum, daß es einem vor den Augen flimmerte.
-Weil es aber noch früh am Morgen war, so
-schlief alles lang hingestreckt auf der Erde. Neben einer
-Kuh lag ein versoffener Kerl mit einer roten Nase, der
-wie ein Gimpel aussah; etwas weiter schnarchte eine
-Händlerin im Sitzen mit Feuersteinen, Waschblau,
-Schrot und Brezeln; unter einem Wagen lag ein
-Zigeuner; auf einem andern Wagen mit Fischen ein
-Frachtfuhrmann, mitten auf dem Wege lag mit gespreizten
-Beinen ein bärtiger Moskowiter mit Gürteln und
-Däumlingen .... mit einem Wort: allerhand Pack,
-wie man&rsquo;s auf den Jahrmärkten trifft. Der Großvater
-machte Halt, um sich&rsquo;s anzusehen. Unterdessen aber
-wurde es nach und nach in den Buden lebendig: die
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Judenweiber begannen mit ihren Flaschen zu klappern;
-der Rauch stieg hie und da in Ringen empor, und ein
-Duft von heißen Buchteln zog übers ganze Lager. Da
-fiel es dem Großvater ein, daß er weder Zunder noch
-Tabak vorrätig hatte, und so fing er denn an, auf dem
-Jahrmarkt herumzustreichen. Er hatte noch keine zwanzig
-Schritt gemacht, da kommt ihm ein Saporoger entgegen.
-Ein Draufgänger, man sieht&rsquo;s ihm schon am Gesicht
-an! Glutrote Pluderhosen, ein blauer Schupan, ein
-grellbunter Gürtel, ein Säbel an der Seite und &rsquo;ne
-Pfeife mit einer Messingkette, die bis zu den Fersen
-reicht &mdash; mit einem Wort, ein Saporoger vom Kopf
-bis zu den Füßen! Ist das ein Völkchen! Wie der
-so dasteht, sich reckt, sich den prächtigen Schnurrbart
-streicht, mit den Hufeisen klirrt &mdash; und dann loslegt!
-Ja, sag&rsquo; ich euch, wie der loslegt: Die Beine schwirren
-nur so hin und her wie eine Spindel in Weiberhänden;
-wie ein Wirbelwind saust seine Hand über alle Saiten
-der Harfe, er stemmt sie in die Hüften, schnellt in
-Kniebeugestellung die Beine von sich und stimmt ein
-jauchzendes Lied an &mdash; daß einem die Seele erzittert! ....
-Ja diese Zeiten sind vorbei; jetzt gibt&rsquo;s keine Saporoger
-mehr! Ja, ja. Sie trafen sich also, machten Bekanntschaft,
-begannen miteinander zu schwatzen, und der Großvater
-hatte bald seine Reise vergessen. Es ging ein
-Saufen an wie auf &rsquo;ner Hochzeit vor den großen Fasten.
-Endlich aber kriegten sie&rsquo;s satt, Töpfe zu zerschmeißen
-und Geld unters Volk zu werfen, und dann kann man
-ja auch nicht ewig auf dem Jahrmarkt bleiben! So
-verabredeten sich denn die neuen Freunde, sie wollten
-sich nicht mehr trennen und den Weg zusammen zurücklegen.
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-Es war schon gegen Abend, als sie sich aufmachten
-und ins freie Feld hinausritten, die Sonne
-war schon zur Ruhe gegangen und nur hie und da
-flammten dort, wo sie noch vor kurzem gestanden hatte,
-ein paar rötliche Streifen auf. Bunte Saatwiesen lagen
-ausgestreut da wie die Sonntagstücher schwarzbrauiger,
-junger Frauen. Unsern Saporoger packte ein schrecklicher
-Drang zum Schwatzen. Mein Großvater und
-noch ein anderer Kumpan, der sich zu ihnen gesellt
-hatte, fragten sich schon, ob er nicht vom Teufel besessen
-sei: Wo hatte er bloß all das Zeug her, all diese Geschichten
-und Mären so verwunderlicher Art, daß der Großvater
-sich die Seiten halten mußte, um nicht vor Lachen
-zu platzen. In der Steppe aber ward es immer düsterer,
-je weiter man kam, und die Reden des Braven wurden
-immer unzusammenhängender. Endlich aber verstummte
-unser Erzähler und fing beim leisesten Geräusch an zu zittern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hoho, Landsmann! Du scheinst mir die Eulen zu
-zählen! Du möchtest wohl heim, hinter den Ofen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will nichts vor euch verbergen,&ldquo; sprach er, sich
-auf einmal umwendend, und seine Augen blickten starr.
-&bdquo;Wißt ihr, daß ich meine Seele schon lange an den
-Bösen verkauft habe?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ei potztausend! Wer hat nicht schon mit dem Bösen
-zu tun gehabt? In solchen Fällen ist&rsquo;s das Beste, man
-ist lustig und geht lumpen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O je, Jungens, lumpen möcht ich schon gern, aber
-heut ist mein Termin! O je, Brüder!&ldquo; sprach er und
-schüttelte ihnen kräftig die Hände. &bdquo;O je, gebt mich
-nicht preis, schlaft nur diese eine Nacht nicht! Mein
-Lebtage will ich eure Freundschaft nicht vergessen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-Warum sollte man einem Menschen in so einem Unglück
-nicht beistehen? Der Großvater erklärte glattweg,
-er würde sich eher sein Kosakenhaar vom eignen Kopf
-scheren, als den Teufel mit seiner Hundeschnauze eine
-christliche Seele beschnüffeln lassen. Unsere Kosaken wären
-vielleicht noch weiter geritten, wenn nicht die Nacht den
-ganzen Himmel umwoben hätte, wie ein schwarzes dichtes
-Netz; im Feld war es so dunkel geworden wie unter
-einem Schafspelz. Nur von ferne blinkte ihnen ein
-Lichtschein entgegen, und die Pferde, die die nahe Krippe
-ahnten, sputeten sich, und starrten mit gespitzten Ohren
-in die Finsternis. Der Lichtschein schien ihnen entgegen
-zu eilen, und vor den Kosaken tauchte eine Schänke auf,
-die ganz morsch und auf die Seite geneigt war, wie
-ein Frauenzimmer, das von einer fröhlichen Taufe heimgeht.
-Zu jener Zeit war eine Schänke etwas ganz
-anderes wie heutzutage. Nicht nur, daß man nicht
-ordentlich losgehen und drinnen kein Tänzchen oder &rsquo;nen
-Hopser machen konnte, es gab nicht einmal Platz genug
-zum Hinlegen, wenn einen ein Rausch überkommen
-hatte, und die Füße von selbst anfingen, Zeichen in die
-Luft zu schreiben. Der Hof war mit Frachtfuhren vollgepfropft;
-in den Scheuern und den Krippen und auf
-dem Flur lagen Leute: der eine zusammengekrümmt, ein
-anderer lang ausgestreckt, und schnarchten wie die Kater.
-Nur der Wirt saß vorm Lämpchen und schnitt Kerben
-in einen Stock, um sich&rsquo;s zu merken, wieviel Viertel
-und Achtel die Fuhrleute ausgepfiffen hätten. Der Großvater
-bestellte ein drittel Eimer für drei Mann, ging in
-die Scheune, und alle drei legten sich nebeneinander
-nieder. Kaum aber hatte er sich auf die Seite gelegt,
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-als er merkte, daß seine Landsleute schon in einen wahren
-Totenschlaf versunken waren. Der Großvater weckte den
-dritten Kosaken, der zu ihnen gestoßen war, und erinnerte
-ihn an das Versprechen, das sie ihrem Kameraden gegeben
-hatten. Jener richtete sich ein wenig auf, rieb
-sich die Augen und schlief wieder ein. Es war nichts
-zu machen, er mußte also allein Wache halten. Um den
-Schlaf zu verscheuchen, besah er sich alle Wagen, beguckte
-die Pferde, steckte sich eine Pfeife an, kam wieder zurück
-und setzte sich neben die Seinen. Alles war so still,
-daß man eine Fliege hätte hören können. Auf einmal
-war es ihm, als wenn ihm ganz in der Nähe, hinter
-einem Wagen, etwas Graues die Hörner zeigte ....
-Seine Augen begannen zuzufallen, und er mußte sie
-jeden Augenblick mit den Fäusten wach reiben und mit
-dem Rest vom Schnapse waschen. Kaum aber konnten
-sie wieder scharf blicken, da war alles wieder verschwunden.
-Nach einer kleinen Weile zeigte sich das Ungetüm
-von neuem hinterm Wagen .... Der Großvater riß
-die Augen auf, so weit er konnte; aber die verdammte
-Schlaftrunkenheit umnebelte alles vor ihm, seine Hände
-wurden steif, der Kopf sank hintenüber, und ein fester
-Schlaf übermannte ihn, so daß er hinfiel wie ein Toter.
-Der Großvater mußte wohl recht lange geschlafen haben,
-denn erst als die Sonne ihm tüchtig auf den Schädel
-brannte, sprang er auf die Beine. Er räkelte sich, kratzte
-sich den Rücken und merkte, daß schon nicht mehr so
-viele Wagen dastanden wie gestern. Die Fuhrleute waren
-also bereits vor Tagesanbruch davon gefahren. Was
-jedoch seine Leute anging, so schlief der Kosak noch, der
-Saporoger aber war weg. Er fragte herum, aber niemand
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-wußte was. Nur sein Kittel lag noch auf
-demselben Platze. Mein Großvater wurde von Angst
-ergriffen und fing an zu grübeln. Er sah nach den
-Pferden &mdash; sie waren fort, sowohl seins, wie das
-des Saporogers! Was hatte das zu bedeuten? Gesetzt,
-der Gottseibeiuns hatte den Saporoger geholt, wer aber
-hatte die Pferde mitgenommen?
-</p>
-
-<p>
-Nach reiflicher Überlegung kam der Großvater zum
-Schluß, daß der Teufel sicherlich zu Fuß herbeigelaufen
-sei; und da es gar weit bis zur Hölle wäre, hatte er
-das Pferd gestohlen. Es schmerzte ihn sehr, daß er sein
-Kosakenwort nicht gehalten hatte. &bdquo;Nun,&ldquo; dachte er,
-&bdquo;da ist nichts zu machen. Ich gehe zu Fuß; am Ende
-treff&rsquo; ich unterwegs einen Pferdehändler, der vom Jahrmarkt
-zurückkehrt, und dann kaufe ich mir bei dem ein
-Pferd.&ldquo; Wie er aber nach der Mütze griff, war auch
-die Mütze fort. Da schlug mein seliger Großvater die
-Hände überm Kopf zusammen, denn er erinnerte sich,
-daß er ja gestern mit dem Saporoger die Mützen getauscht
-hatte! Wer konnte also wohl sonst der Dieb sein,
-wenn nicht der Unreine! Na, das war eine schöne Hetmans-Post!
-Da hatte er den Brief an die Zarin!
-Und der Großvater begann den Teufel mit solchen Namen
-zu traktieren, daß es dem in seiner Hölle wohl mehr
-als einmal in den Ohren klingen mochte. Aber alles
-Schimpfen hilft wenig, und so viel sich der Großvater
-auch den Kopf kratzte, es wollte ihm nichts einfallen.
-Was war da zu tun? Er suchte sich also eilig einen
-fremden Verstand zu borgen: sammelte all die guten
-Leute, die in der Schänke waren, die Fuhrleute und die
-anderen Reisenden, um sich und erzählte ihnen alles:
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-so und so, und dies Malheur sei ihm geschehen. Die Fuhrleute
-saßen lange, das Kinn auf den Peitschenstiel gestützt,
-da, sannen nach, schüttelten die Köpfe und meinten,
-von so einem Wunder hätten sie wahrhaftig in Gottes getaufter
-Welt noch nie vernommen, daß ein Hetmans-Brief
-vom Teufel geholt worden sei. Andere fügten noch hinzu,
-wenn der Teufel oder ein Moskowiter etwas stibitzten,
-dann könne man hinterher nur noch drei Kreuze machen.
-Der Schankwirt allein saß schweigend in seinem Winkel.
-Der Großvater machte sich an ihn heran. Wenn ein
-Mensch schweigt, so bedeutet das, er hat&rsquo;s dick hinter
-den Ohren. Aber der Wirt war sehr wortkarg, und hätte
-der Großvater nicht fünf Gulden aus der Tasche geholt,
-so hätte er bis an sein Lebensende vor ihm stehen
-können.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will&rsquo;s dir sagen, wie du wieder zu deinem
-Briefe kommen kannst,&ldquo; sprach er endlich und führte
-ihn auf die Seite. Dem Großvater wurde bedeutend
-leichter ums Herz. &bdquo;Ich sehe dir&rsquo;s an deinen Augen an,
-daß du kein Weib bist, Kosak! Gib acht: unweit von
-der Schänke führt ein Pfad rechts nach dem Walde.
-Sobald die Dämmerung sich über&rsquo;s Feld senkt, sei
-bereit. Im Walde da leben Zigeuner. Die kommen
-dann in solchen Nächten, wo sich keine Menschenseele
-zeigt, und nur die Hexen auf ihren Ofengabeln reiten,
-aus ihren Höhlen gekrochen, um Eisen zu schmieden.
-Was sie aber in Wahrheit treiben und womit sie handeln,
-das braucht dich nicht zu kümmern. Da wird&rsquo;s im
-Wald ein gewaltiges Getöse geben. Aber geh du nicht dahin,
-woher der Lärm kommt; ein enger Pfad wird vor dir
-liegen, der an einem verkohlten Baumstamm vorbeiführt:
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-auf diesem Wege geh&rsquo; weiter und immer weiter ....
-die Dornen werden dich stechen, und dichtes Gestrüpp
-versperrt dir den Weg, &mdash; aber geh du nur immer weiter!
-Erst wenn du an einen kleinen Bach kommst, dann
-darfst du Halt machen. Dort wirst du finden, was du
-brauchst. Doch vergiß ja nicht, deine Taschen damit zu
-füllen, wofür die Taschen gemacht sind .... Du verstehst
-mich, diese Ware lieben die Teufel nicht weniger
-als die Menschen!&ldquo; Nach diesen Worten zog sich der
-Wirt in seinen Verschlag zurück und wollte nichts weiter
-sagen.
-</p>
-
-<p>
-Mein Großvater seligen Angedenkens war ein Mann,
-der sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen ließ; wenn
-er einem Wolf begegnete, so packte er ihn stracks am
-Schwanze; und machte er mal mit seinen Fäusten einen
-Gang durch die Kosaken, so sanken sie zu Boden,
-wie Birnen, die man vom Baum schüttelt. Als er
-aber in der stockfinsteren Nacht in den Wald kam,
-da überlief&rsquo;s ihn denn doch kalt. Kein Sternchen
-stand am Himmel und es herrschte eine düstere Finsternis,
-wie in einem Weinkeller; nur ganz hoch oben
-über dem Kopfe, da hörte man den kalten Wind durch
-die Baumwipfel streichen, und die Bäume wackelten wie
-berauschte Kosakenköpfe und die Blätter flüsterten sich
-trunkene Reden zu. Auf einmal wehte eine solche Kälte
-daher, daß der Großvater an seinen Schafpelz denken
-mußte; und plötzlich fing&rsquo;s an zu hämmern, wie wenn
-hundert Hämmer herunterfielen, und es ging so ein Riesenlärm
-durch den Wald, daß es ihm fürchterlich im Kopfe
-dröhnte. Der ganze Wald wurde auf einen Augenblick
-ganz hell wie bei einem Wetterleuchten. Der
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-Großvater erspähte sogleich den Pfad, der zwischen
-niedrigem Gebüsch dahinführte: da war auch der verkohlte
-Baumstamm und das Dornendickicht! Alles genau
-so, wie&rsquo;s ihm gesagt worden war. Nein, der Schankwirt
-hatte ihn nicht betrogen. Aber besonders heiter war
-es doch nicht, sich durch das dastehende Gestrüpp hindurcharbeiten
-zu müssen. Sein Lebtag hatte er noch nie
-gespürt, daß die verfluchten Äste und Dornen so schmerzhaft
-stechen können: fast bei jedem Schritte wollte er
-aufschreien.
-</p>
-
-<p>
-Nach und nach hatte er sich auf einen freien Platz
-hinausgewunden. Er gewahrte, daß die Bäume seltener
-wurden, und als er weiter zusah, da waren sie so dick,
-wie er&rsquo;s nicht einmal jenseits vom Königreich Polen
-gesehen hatte. Bald schimmerte auch das Bächlein zwischen
-den Bäumen auf: schwarz wie eine Damaszener
-Klinge. Lange stand der Großvater am Ufer und spähte
-nach allen Seiten aus. Am anderen Ufer brennt ein
-Feuer. Schon will es erlöschen, da fällt sein Wiederschein
-aufs neue ins Bächlein, das aufzuckt wie ein polnischer
-Schlachziz unter einer groben Kosakenfaust. Da ist
-auch eine winzige Brücke! &bdquo;Da drüber kann doch höchstens
-ein Teufelswägelchen fahren!&ldquo; dachte der Großvater, aber
-er betrat sie schnell, und schneller noch als mancher die
-Dose aus der Tasche holt, um eine Prise zu nehmen,
-war er am anderen Ufer. Jetzt erst nahm er wahr, daß
-Leute am Feuer saßen; aber die hatten solche garstige
-Fratzen, daß er zu andern Zeiten Gott weiß was drum
-gegeben hätte, ihrer Bekanntschaft entgehen zu dürfen.
-Jetzt aber war ihm nicht zu helfen: Er mußte schon mit
-ihnen anbändeln. Der Großvater verneigte sich tief bis
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-zur Erde vor ihnen. &bdquo;Grüß Gott, gute Leute!&ldquo; Aber
-auch nicht einer nickte mit dem Kopfe: sie saßen stumm
-da, schwiegen und streuten etwas ins Feuer. Da der
-Großvater fand, daß noch ein Platz frei war, so setzte
-er sich denn ohne weitere Umschweife. Die widerlichen
-Fratzen sprachen nichts, und auch der Großvater sagte
-nichts. Lange saßen sie schweigend so da, und der Großvater
-bekam die Sache schon satt; er griff in die Tasche,
-zog die Pfeife raus, blickte um sich &mdash; aber keiner sah
-nach ihm hin. &bdquo;Wollten Euer Gnaden mit Verlaub die
-hohe Güte haben, sozusagen&ldquo; .... (Mein Großvater
-war ein vielerfahrener Mann, er verstand es, am rechten
-Fleck ein höfliches Wörtlein anzubringen; selbst vor dem
-Zaren hätte er, wenn&rsquo;s drauf ankam, in Ehren bestehen
-können.) .... &bdquo;sozusagen, um weder von mir, noch
-von euch zu schweigen: ein Pfeifchen hab&rsquo; ich wohl, aber
-wo soll ich Feuer herkriegen?&ldquo; Auch auf diese Rede erfolgte
-keine Antwort. Nur eine von den Mißgestalten
-ergriff ein brennendes Holzscheit und stieß es dem Großvater
-geradewegs gegen die Stirn, und wenn er nicht
-etwas zurückgefahren wäre, hätte er auf ewig von seinem
-einen Auge Abschied nehmen müssen. Als er endlich
-sah, daß die Zeit unnütz verrann, beschloß er &mdash; ob&rsquo;s
-die unreine Brut nun anhören wollte oder nicht &mdash; ihnen
-seine Sache zu erzählen. Jene spitzten die Ohren und
-streckten die Pfoten vor. Der Großvater begriff, was
-sie wollten; nahm sein ganzes Geld und warf es mitten
-vor sie hin, wie man Hunden etwas vorwirft. Kaum
-hatte er das Geld hingeschmissen, da schien alles vor ihm
-durcheinanderzugehen, die Erde erzitterte, und er geriet &mdash;
-<em>wie</em>, das konnte er selbst nicht erzählen &mdash; schier in die
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-Hölle. &bdquo;Mein Gott!&ldquo; schrie der Großvater auf, als er
-sich wieder umsah. Was für Ungeheuer! Fratze neben
-Fratze! Da gab&rsquo;s Hexen in so ungeheuerer Menge, wie
-die Schneeflocken, die zuweilen auf Weihnachten fallen, und
-alle so aufgeputzt und angemalt, wie die Fräulein auf
-dem Jahrmarkt. Sie alle begannen, soviel ihrer da
-waren, einen teuflischen Hopser zu tanzen. Der Staub
-wirbelte in die Höhe, &mdash; Gott bewahr, welch ein Staub!
-Einen ehrlich getauften Menschen hätte ein Zittern erfassen
-müssen, wenn er gesehen hätte, wie hoch diese
-Teufelsbrut sprang. Aber den Großvater überkam, trotz
-seiner Angst, ein Lachen, als er sah, wie die Teufel mit
-ihren Hundeschnauzen zierliche Schritte machten und mit
-wedelnden Schweifchen um die Hexen herumscharwenzelten,
-wie junge Burschen um die hübschen Mädchen; und die
-Musikanten paukten auf ihren eignen Backen herum wie
-auf Trommeln, und pfiffen durch die Nasen wie auf
-Flöten. Kaum aber hatten sie den Großvater erblickt,
-da stürzten sie sich wie ein ganzes Heer auf ihn: Schweinemäuler,
-Hundemäuler, Bocksmäuler, Gänsemäuler, Pferdemäuler
-&mdash; sie alle reckten sich vor und wollten, kam&rsquo;s
-wie&rsquo;s kam, von ihm geküßt werden. Der Großvater
-mußte ausspucken, so ein Ekel überkam ihn! Endlich
-aber wurde er gepackt und an einen Tisch gesetzt, der
-vielleicht so lang war, wie der Weg von Konotop nach
-Baturin. &bdquo;Na, das ist wenigstens nicht übel,&ldquo; dachte
-der Großvater, als er Schweinefleisch, Würste, Kohl mit
-Zwiebeln und noch viele andere Leckerbissen auf dem Tische
-stehen sah. &bdquo;Das Satanspack hält wohl die Fasten
-nicht!&ldquo; Der Großvater ließ die Gelegenheit, einen guten
-Bissen zu nehmen, nie außer acht. Er hatte stets Appetit,
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-und darum rückte er ohne viel Federlesens die Schüssel
-mit dem angeschnittenen Speck und einen Schinken zu
-sich heran, ergriff eine Gabel, die nicht viel kleiner war
-als die Gabeln, mit denen die Bauern Heu aufladen,
-spießte ein riesiges Stück Fleisch auf, nahm noch ein
-mächtiges Stück Brot dazu und schob es geradewegs in &mdash;
-einen fremden Mund, der eben neben seinen Ohren aufgetaucht
-war, er hörte sogar noch, wie das Maul kaute und
-über den ganzen Tisch hin mit den Zähnen klapperte.
-Der Großvater muckste nicht, gabelte ein anderes Stück
-auf, und schon glaubte er es auf seinen Lippen zu spüren,
-aber da geriet es wieder in einen fremden Rachen.
-Er versuchte es ein drittes Mal &mdash; und wieder traf er
-vorbei. Der Großvater raste vor Wut. Er vergaß all
-seine Angst und in wessen Händen er sich befand, und
-sprang auf die Hexen los: &bdquo;Was, ihr Herodesbrut, ihr!
-wollt ihr euch vielleicht über mich lustig machen? Wenn
-ihr mir nicht auf der Stelle meine Kosakenmütze herausgebt,
-so will ich ein Römling sein, wenn ich euch nicht
-die Schweineschnauzen auf den Nacken drehe!&ldquo; Noch hatte er
-die letzten Worte nicht ausgesprochen, als alle Ungeheuer die
-Zähne zu fletschen begannen und ein solches Gelächter
-aufschlugen, daß dem Großvater die Seele zu Eis erstarrte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut!&ldquo; winselte eine der Hexen, die der Großvater
-für das Oberhaupt der anderen hielt, denn ihr Lärvchen
-war vielleicht noch wundervoller als die Fratzen der anderen.
-&bdquo;Die Mütze wollen wir dir geben, aber nicht eher, als
-bis du dreimal mit uns <em>Schafskopf</em> gespielt hast.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was war da zu machen? Soll etwa ein Kosak mit
-Weibern zusammen sitzen und Schafskopf spielen? Der
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-Großvater weigerte und weigerte sich immer wieder.
-Endlich aber ließ er sich doch dazu herbei. Man brachte
-Karten, und zwar so schmierige wie die, aus denen sich
-bei uns die Popentöchter wahrsagen, wenn sie wissen
-wollen, was für Bräutigams sie bekommen werden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hör&rsquo;!&ldquo; bellte die Hexe wieder los, &bdquo;wenn du auch
-nur ein einziges Mal gewinnst, so ist die Mütze dein.
-Wenn du aber alle dreimal Schafskopf bleibst, so nimm&rsquo;s
-mir nicht übel, dann wirst du nicht bloß deine Mütze,
-sondern vielleicht auch die Welt nie mehr wiedersehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gib her, alte Vettel! Komme, was kommen mag!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Karten wurden verteilt und der Großvater nahm
-die seinen in die Hände. Nicht hinblicken mochte er auf
-den Schund! wenn auch bloß zum Scherz nur ein einziger
-Trumpf darunter gewesen wäre! Bei <em>einer</em> Farbe war
-die <em>Zehn</em> schon der höchste Stich, und nicht einmal ein
-Paar hatte er; die Hexe aber spielte immer Fünfer aus.
-So blieb er denn Schafskopf!
-</p>
-
-<p>
-Kaum war der Großvater Schafskopf geworden, so
-begannen die Mäuler von allen Seiten zu wiehern, zu
-bellen und zu grunzen: &bdquo;Schafskopf, Schafskopf, Schafskopf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mögt ihr doch platzen, ihr Satansbrut!&ldquo; schrie der
-Großvater und stopfte sich mit dem Finger die Ohren
-zu. &bdquo;Na,&ldquo; denkt er, &bdquo;die Hexe hat wohl falsch gemischt!
-Jetzt werde <em>ich</em> mal mischen!&ldquo; Er gab also die Karten,
-sagte Trumpf an und blickte in die Karten: waren das
-großartige Karten, auch Trümpfe waren dabei! Zuerst
-ging die Sache, wie&rsquo;s nicht besser gehen konnte; aber
-die Hexe hatte eine Fünf und alle Könige! Der
-Großvater jedoch hatte lauter Trümpfe in Händen! Ohne
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-da groß zu überlegen, deckte er, bumms, alle Könige mit
-Trümpfen!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oho, das ist nicht Kosakenart! Womit deckst du
-denn da, Nachbar?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was da &mdash; womit? Mit Trümpfen natürlich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das sind vielleicht bei euch Trümpfe, bei uns aber
-nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sieh mal an &mdash; es war in der Tat nur eine einfache
-Farbe. So eine hundsföttische Zauberei! Er mußte
-zum zweitenmal Schafskopf werden, und das Teufelspack
-brüllte von neuem: &bdquo;Schafskopf, Schafskopf!&ldquo;
-so daß der Tisch wackelte und die Karten auf dem Tische
-herumhüpften. Der Großvater geriet in Hitze; er gab
-zum letzten Male Karten. Wieder ging es schlecht und
-recht. Die Hexe spielte wieder eine Fünf aus; der Großvater
-deckte sie und kaufte eine ganze Hand voll Trümpfe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Trumpf!&ldquo; schrie er und schlug mit der Karte so
-mächtig auf den Tisch, daß sie sich krumm bog. Jene
-deckte, ohne ein Wort zu sagen, mit einer Acht. &bdquo;Und
-womit stichst du, alter Teufel?&ldquo; Die Hexe hob die Karte
-auf, unter der eine einfache Sechs lag. &bdquo;Ach verdammtes
-Satansgeflunker!&ldquo; rief der Großvater und schlug vor
-Ärger aus aller Leibeskraft mit der Faust auf den Tisch.
-Ein wahres Glück, daß die Hexe schlechte Karten hatte;
-der Großvater hatte wie zu Fleiß lauter Paare in seiner
-Hand. Er begann zu kaufen, aber er war schon mit
-seiner Kraft zu Ende: er bekam so schlechte Karten, daß
-er die Hände sinken ließ. Es gab keine Karten mehr
-zu kaufen und nun ging er schon, ohne viel hineinzublicken,
-mit einer einfachen Sechs los. Die Hexe nahm
-sie auf. &bdquo;Da hast du die Bescherung! Was sollte das
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-bedeuten? Oho, da stimmt sicher etwas nicht!&ldquo; Der
-Großvater nahm also heimlich die Karten unter den
-Tisch und schlug ein Kreuz über sie; und auf einmal
-hatte er Trumpf-Aß, Trumpf-König und Trumpf-Bube
-in Händen, und statt seiner Sechs hatte er Dame gespielt.
-&bdquo;Ein schöner Narr bin ich gewesen,&ldquo; dachte er
-sich. &mdash; &bdquo;Trumpf-König! Was? Hast du das? Du Katzenbrut!
-Willst du vielleicht ein Aß? Ein Aß! einen
-Buben! ....&ldquo; Ein donnerndes Dröhnen rollte durch
-die ganze Hölle; die Hexe verfiel in Krämpfe, und
-auf einmal flog dem Großvater &mdash; patsch! &mdash; die Mütze
-ins Gesicht. &bdquo;Nein, das ist zu wenig!&ldquo; schrie der Großvater
-schon viel dreister, als er erst seine Mütze aufgesetzt
-hatte. &bdquo;Wenn nicht mein braves Pferd auf der
-Stelle vor mir erscheint, so soll mich an diesem unreinen
-Ort gleich der Donner treffen, oder ich schlage wahrhaftig
-das heilige Kreuz über euch alle!&ldquo; Und schon erhob
-er die Hand, als er auf einmal Pferdeknochen vor
-sich klappern hörte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da hast du dein Pferd!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Ärmste brach bei diesem Anblick in Tränen aus,
-wie ein törichtes Kind. Schade um den alten Freund!
-&bdquo;Gebt mir nur irgend ein Pferd, damit ich aus eurem
-Nest herauskomme!&ldquo; Der Teufel knallte mit seiner Hetzpeitsche,
-&mdash; ein Pferd sauste wie ein Feuer unter
-dem Großvater herauf, und er flog wie ein Vogel in
-die Höhe. Aber mitten im wilden Ritt ergriff ihn eine
-mächtige Angst, als das Pferd ohne auf seine Rufe oder
-auf die Zügel zu achten, über Gräben und Sümpfe dahinjagte.
-An was für Orten war er damals nicht überall
-gewesen! schon beim bloßen Erzählen überkam ihn ein Zittern.
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-Er blickte vor sich hinab und erschrak: vor ihm lag ein
-Abgrund, eine furchtbare Schlucht! Doch das Satansvieh
-machte sich nichts daraus und setzt einfach drüber
-weg! Der Großvater wollte sich festhalten, aber es gelang
-ihm nicht. Hals über Kopf, durch Gestrüpp und
-über Felsen flog er hinab in den Schlund und prallte
-tief unten am Grunde so gewaltig auf, daß ihm
-der Atem verging. Wenigstens konnte er sich später auf
-nichts mehr besinnen, was damals mit ihm vorgegangen
-war; und als er wieder zu sich kam und sich umsah,
-da war es schon ganz hell geworden. Vor ihm schimmerte
-eine wohlbekannte Gegend, und er lag auf
-dem Dache seines eigenen Hauses.
-</p>
-
-<p>
-Als der Großvater heruntergeklettert war, schlug er
-ein Kreuz. &bdquo;Teufelszeug! Was zum Henker einem
-Menschen nicht für Wunderdinge widerfahren können!&ldquo;
-Er sah seine Hände an. Sie waren voll Blut; er sah
-in das vor ihm stehende Wasserfaß &mdash; auch sein Gesicht
-war voller Blut. Er wusch sich gründlich, um die Kinder
-nicht zu erschrecken, trat leisen Schrittes in die Stube,
-und was sieht er da? Die Kinder gehen rücklings auf
-ihn zu, strecken die Finger aus und sagen: &bdquo;Sieh doch,
-sieh &mdash; die Mutter springt herum wie verrückt!&ldquo; Und
-wahrhaftig: sein Weib sitzt eingeschlafen vorm Spinnrocken,
-hält die Spindel in der Hand und hüpft im
-Schlaf auf der Bank hoch und nieder. Der Großvater
-nahm sie sanft bei der Hand und weckte sie. &bdquo;Grüß
-Gott, Frau, bist du auch ganz wohl?&ldquo; Jene starrte ihn
-lange an. Endlich erkannte sie den Großvater und erzählte,
-sie habe geträumt, der Ofen sei in der Stube
-herumgefahren, habe mit der Schaufel alle Töpfe und
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-Schüsseln hinausgejagt ... und der Teufel weiß, was noch
-alles! &bdquo;Na ja,&ldquo; sagte der Großvater, &bdquo;dein Traum war
-meine Wirklichkeit, ich sehe schon, man muß unser Haus
-mit Weihwasser besprengen &mdash; aber jetzt darf ich keine
-Zeit mehr verlieren.&ldquo; So sprach der Großvater, und
-als er sich etwas ausgeruht hatte, holte er das Pferd
-und machte nicht eher Halt, weder bei Tag noch bei Nacht,
-als bis er sein Ziel erreicht und der Zarin selbst den Brief übergeben
-hatte. Da bekam der Großvater solche Wunderdinge
-zu sehen, daß er noch lange nachher davon erzählen konnte:
-wie er in ein Schloß geführt wurde, welches so hoch war,
-daß man zehn Häuser hätte übereinander bauen können,
-und es hätte noch nicht gereicht; wie er in ein Gemach
-hineinblickte &mdash; die Zarin war nicht drin, &mdash; dann in
-ein zweites &mdash; auch da war sie nicht, in ein drittes &mdash;
-auch da nicht, &mdash; in ein viertes &mdash; sie war immer noch
-nicht da. Erst im fünften Zimmer saß sie selbst, mit
-einer goldenen Krone auf dem Haupte, in einem grauen,
-funkelnagelneuen Kittel und mit roten Stiefelchen, und
-aß goldene Knödel. Sie ließ ihm die ganze Mütze mit
-blauen Scheinen vollstopfen, und ihm .... aber man kann
-sich doch nicht an alles erinnern! Der Großvater hatte
-sogar die Plackerei mit den Teufeln ganz vergessen, und
-wenn es geschah, daß ihn jemand daran erinnerte, so
-schwieg er, als ginge ihn das nichts an, und es kostete
-gar viele Mühe, ihn so weit zu bringen, daß er&rsquo;s erzählte.
-Aber wohl zur Strafe dafür, daß er damals
-das Haus nicht sofort mit Weihwasser besprengt hatte,
-widerfuhr der Frau jedes Jahr, und zwar immer um
-dieselbe Zeit, das Wunder, daß sie immerzu tanzen
-wollte. Was sie auch beginnen mochte, die Beine taten
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-das ihrige und zwangen sie förmlich, ein Tänzchen aufzuführen.
-</p>
-
-<p class="end">
-Ende des ersten Teils.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-3">
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-<span class="line1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.</span><br />
-<span class="line2">Zweiter Teil</span>
-</h2>
-
-<h3 class="intro" id="chapter-3-1">
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-Vorrede
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ier</span> habt ihr das zweite Büchlein, oder richtiger
-gesagt, das letzte. Erst wollt&rsquo; ich&rsquo;s ja nicht,
-nein, ich wollt&rsquo; es ganz und gar nicht herausgeben.
-Wahrhaftig, man muß auch mal &rsquo;nen
-Schlußpunkt setzen können. Und ich kann euch nur
-mitteilen: auf dem Vorwerk fängt man schon an, über
-mich zu lachen. &bdquo;Sieh mal einer an!&ldquo; sagt man, &bdquo;der
-alte Toback ist ja schon ganz närrisch: der amüsiert sich
-auf seine alten Tage noch mit Spielereien!&ldquo; Ja wirklich,
-&rsquo;s wäre doch längst Zeit, zur Ruhe zu gehen. Ihr,
-lieben Leser, glaubt natürlich, ich tue nur so, als ob ich
-schon so alt sei. Ach du lieber Gott, was heißt da
-Verstellung, wenn einem kein Zahn mehr im Munde
-sitzt! Was Weiches kann ich ja noch irgendwie kauen,
-aber Hartes kann ich nun schon gar nicht mehr beißen.
-Hier habt ihr also noch ein Büchlein! Bloß eins, aber
-schimpft nicht! &rsquo;s ist nicht recht, beim Abschied zu
-schimpfen, besonders auf einen Menschen, den man Gott
-weiß wann wiedersieht. In diesem Büchlein werdet ihr
-Erzähler zu hören bekommen, die euch fast alle unbekannt
-sind, ausgenommen etwa Foma Grigorjewitsch.
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-Was aber jenes erbsengraue Herrchen angeht, das immer
-so verblümt zu erzählen pflegte, so daß ihn selbst irgend
-so ein pfiffiger Moskowiter nicht recht verstehen konnte,
-&mdash; der ist schon lange nicht mehr da. Erst hat er
-sich gründlich mit uns allen verkracht, und dann ließ
-er sich überhaupt nicht mehr blicken. Ja, hab&rsquo; ich euch
-denn diesen Fall nicht erzählt? Hört doch nur, es war
-wirklich eine höchst possierliche Geschichte. Im vorigen
-Jahr, es war gegen Anfang des Sommers, &mdash; ich glaube
-beinahe am Namenstage meines Schutzheiligen, &mdash; kamen
-einige Gäste zu mir .... (Das muß ich euch sagen,
-lieben Leser; meine Landsleute &mdash; Gott schenke ihnen
-ein langes Leben und eine gute Gesundheit &mdash; haben mich
-alten Mann nicht vergessen. Es geht schon ins fünfzigste
-Jahr, daß ich mich auf meinen Namenstag besinne;
-aber wie alt ich nun genau bin, das kann weder
-<em>ich</em> euch sagen, noch meine Alte. Wahrscheinlich so gegen
-siebzig. Der Pope von Dikanka, Vater Charlampi, hat&rsquo;s
-gewußt, wann ich geboren bin; aber leider sind&rsquo;s schon
-fünfzig Jahr, daß er tot ist.) Also es kamen Gäste zu
-mir: Sachar Kirilowitsch Tschuchopupenko, Stepan
-Iwanowitsch Kurotschka, Taras Iwanowitsch Smatschnenjki,
-und der Assessor Charlampi Kirilowitsch Chlosta;
-dann war noch .... sieh mal einer an, da hab&rsquo; ich
-doch wahrhaftig seinen Vor- und Zunamen vergessen ....
-Ossip .... Ossip .... mein Gott, ganz Mirgorod
-kennt ihn ja! Wenn er redet, schnippt er zuerst mit
-den Fingern, und dann stemmt er die Hände in die
-Hüften .... Na, Gott helf&rsquo; ihm! &rsquo;s wird mir ein
-andermal einfallen. Ferner war auch der euch schon
-bekannte junge Herr aus Poltawa gekommen; Foma
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-Grigorjewitsch rechne ich übrigens nicht mit; der gehört
-schon zur Familie. Man kam ins Gespräch (ich muß
-schon wieder was einschalten! Bei uns wird nämlich
-nie Firlefanz geredet: ich kann nur höchst anständige
-Gespräche leiden, damit, wie man so zu sagen pflegt,
-zugleich dem Vergnügen, und der Erbauung Genüge geschieht).
-&mdash; Man kam also ins Gespräch darüber, wie
-man wohl am besten Äpfel einlegt. Meine Alte sagte,
-man müsse die Äpfel zuerst gut waschen, dann in
-Sauerbier einweichen, und dann erst .... &bdquo;Aber kein
-Gedanke!&ldquo; fiel das Herrchen aus Poltawa ein, schob
-die Hand in seinen erbsengrauen Kaftan und stolzierte
-würdevoll im Zimmer auf und ab. &bdquo;Aber kein Gedanke!
-Erst muß man Minze auf sie streuen, und dann erst ....&ldquo;
-Ich muß <em>euch</em> zu Zeugen aufrufen, liebe Leser, sagt
-mal ganz ehrlich: habt ihr je gehört, daß man Minze
-auf die Äpfel streut? Freilich legt man Johannisbeerblätter,
-Nagelkraut und Kleeblatt hinein, aber daß man
-Minze einlegte .... nein, das habe ich noch nie gehört.
-Besser als meine Alte weiß wohl niemand Bescheid
-mit solchen Sachen. Seht, nun sagt ihr&rsquo;s selbst!
-Ich führte ihn also, als honetten Menschen, ein wenig
-zur Seite und sagte: &bdquo;Höre, Makar Nasarowitsch, treib
-doch keine Narrenspossen! Du bist doch ein feiner
-Herr: hast doch, wie du selber sagst, einmal am Gouverneurstische
-mit gegessen. Wenn du da so etwas sagst,
-da werden dich ja alle auslachen!&ldquo; Und was glaubt
-ihr nun, hat er drauf gesagt? &mdash; Nichts! Er hat auf
-den Boden gespuckt, hat seine Mütze genommen und
-ist gegangen. Nicht einmal Abschied hat er von irgendeinem
-genommen, ja nicht einmal jemandem zugenickt;
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-wir hörten bloß, wie sein Wägelchen mit den Schellen
-am Tore vorfuhr; und schon saß er drin und fuhr
-davon. Na, um so besser! Solche Gäste können wir nicht
-brauchen! Ich will euch nur sagen, meine lieben Leser,
-es gibt gar nichts Schlimmeres auf der Welt, als diese
-Ritter vom hohen Roß. Weil sein Ohm mal Kommissär
-war, muß er drum die Nase rümpfen? Als
-ob Kommissär schon so ein Rang wäre, daß es gar nichts
-Höheres auf der Welt gibt! Gott sei Dank, es gibt
-noch höhere Tiere, als so ein Kommissär. Nein, diese
-Vornehmtuerei kann ich nicht ausstehen! Nehmt doch
-zum Beispiel Foma Grigorjewitsch; das ist doch kein
-feiner Herr, aber seht ihn mal an: in seinem Gesicht
-glänzt stets eine gewisse Würde; sogar wenn er seinen
-gewöhnlichen Tabak schnupft, da hat man unwillkürlich
-Respekt. Und erst in der Kirche; wenn er da oben auf
-dem Chore steht und singt, &mdash; da kommt es ordentlich
-wie Rührung über einen! Man möchte am liebsten
-vergehen! .... Aber jener .... na, Gott mit ihm!
-Der glaubt ganz gewiß, ohne seine Geschichten könne
-man gar nicht auskommen. Je nun, auch ohne ihn hat
-sich ein Büchelchen zusammengefunden.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe euch, glaub&rsquo; ich, versprochen, daß in diesem
-Büchlein auch ein Märchen von mir sein wird. Ich
-wollt&rsquo; es auch wirklich so machen, aber da hab&rsquo; ich
-gemerkt, daß man für meine Geschichte wenigstens drei
-solcher Büchelchen brauchte. Ich gedachte zuerst, es besonders
-drucken zu lassen, aber dann hab&rsquo; ich mir&rsquo;s überlegt.
-Ich kenne euch ja: ihr werdet noch über mich
-alten Mann lachen. Nein, ich mag&rsquo;s nicht! Gehabt
-euch wohl! Wir sehen uns lange Zeit nicht wieder,
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-oder vielleicht auch nie. Aber was ist daran gelegen?
-Euch kann&rsquo;s ja gleich sein, auch wenn ich gar nicht auf
-der Welt wäre. Ein Jahr wird dahingehn und noch
-eins &mdash; und ich bin sicher, niemand von euch besinnt
-sich mehr auf mich, oder denkt mit Bedauern an den
-alten Bienenzüchter
-</p>
-
-<p class="sign">
-<em>Rotfuchs Panjko</em>.
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-3-2">
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Die Nacht vor dem Weihnachtsfest
-</h3>
-
-<p class="pbb first">
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> letzte Tag vor dem Weihnachtsfeste war verstrichen.
-Klar brach die Winternacht an, die
-Sterne schauten hervor, der Mond stieg majestätisch
-am Himmel empor, um allen guten Leuten und
-der ganzen Welt zu leuchten, damit allen fröhlich ums
-Herz sei, wenn nach dem Weihnachtsbrauch unter den
-Fenstern zu Christi Lob und Preis gesungen würde. Der
-Frost war noch schneidender als am Morgen; aber dafür
-war es so still, daß man das Knirschen des Schnees
-unter den Stiefeln eine halbe Werst weit hören konnte.
-Noch war unter keinem Fenster eine einzige Schar von Burschen
-zu sehen; allein der Mond blickte verstohlen durch die
-Scheiben, als wollte er den sich putzenden Mädchen zuwinken,
-sie sollten schneller hinauslaufen in den knisternden
-Schnee. Da wälzten sich dichte Ballen von Qualm
-aus dem Schornstein einer Hütte und stiegen wie eine
-Wolke zum Himmel auf, und zugleich mit dem Rauch
-ritt eine Hexe auf einem Besenstiel in die Höhe.
-</p>
-
-<p>
-Wenn in diesem Augenblick der Herr Assessor aus
-Sorotschintzy in einem mit Gutspferden bespannten Dreispänner
-vorbeigefahren wäre, die Mütze mit der Hammelfellborde,
-wie sie die Ulanen tragen, auf dem Kopf, in
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-seinem blauen, mit schwarzem Lammfell gefütterten Pelz,
-und mit seinem Teufelsding, der geflochtenen Peitsche, mit
-der er gewöhnlich seinen Kutscher anfeuerte, so hätte er sie bestimmt
-gesehen; denn dem Assessor von Sorotschintzy kann keine
-Hexe entgehen. Er kann sich&rsquo;s nämlich von jedem Frauenzimmer
-an den Fingern abzählen, wieviel Ferkelchen ihre
-Sau wirft, wieviel Leinwand in ihrem Kasten liegt, und
-er weiß aufs Tüpfelchen, was ein wackerer Mann an
-einem Sonntag in der Schenke an Kleidern und Wirtschaftssachen
-versetzt. Aber der Assessor von Sorotschintzy
-kam nicht vorbeigefahren, und dann kümmerte er sich
-auch nicht um fremde Leute &mdash; er hatte ja seinen eigenen
-Bezirk. Unterdessen aber stieg die Hexe so hoch empor,
-daß sie da oben nur noch wie ein schwarzes Pünktchen
-aussah. Aber wo dies Pünktchen sich zeigte, dort verschwand
-ein Stern nach dem andern vom Himmel.
-Bald hatte die Hexe einen ganzen Ärmel voll von ihnen
-heruntergeholt. Nur noch drei oder vier blinkten so
-herum. Auf einmal jedoch tauchte an der entgegengesetzten
-Seite ein andres Pünktchen auf, wurde
-immer größer, dehnte sich in die Breite, und bald war
-es kein Pünktchen mehr. Ein Kurzsichtiger hätte sogar
-statt einer Brille die Räder vom Wagen des Kommissärs
-auf die Nase setzen können, aber auch dann hätte er nicht
-genau erkennen können, was das für ein Ding war.
-Von vorne sah es sich ganz an wie ein Welscher: das
-spitzige Mäulchen, das sich fortwährend bewegte und alles
-und alle beschnüffelte, lief in ein rundes Fünfkopekenstück
-aus, wie bei unsren Schweinen; die Beine waren
-so dünn, daß sie auch dem Jereskower Amtmann, wenn
-er solche gehabt hätte, schon beim ersten Sprung
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-im Kosakentanz gebrochen wären. Dafür aber war&rsquo;s von
-hinten ein waschechter Gouvernementsprokurator in Uniform,
-denn ihm baumelte ein Schwanz herunter, der so
-lang war und so spitz zulief wie die Schöße an den neumodischen
-Uniformen; höchstens aus dem Bocksbart
-unterm Maul, aus den kleinen Hörnerchen auf dem
-Kopfe und daraus, daß er nicht viel weißer war als
-ein Schornsteinfeger, konnte man erraten, daß das weder
-ein Kerl aus dem Auslande, noch ein Gouvernementsprokurator
-war, sondern ganz einfach der Teufel in
-eigener Person, für den die letzte Nacht gekommen war,
-wo er sich in Gottes weiter Welt umhertreiben und die
-guten Menschen zu allerlei Sünden verführen durfte.
-Denn morgen schon sollte er beim ersten Glockenschlage
-der Frühmesse mit eingezogenem Schwanz zur Hölle
-fahren.
-</p>
-
-<p>
-Indessen aber schlich sich der Teufel leise an den
-Mond heran und streckte die Hand aus, um nach ihm
-zu greifen; plötzlich jedoch riß er seine Hand zurück, als
-wenn er sich verbrannt hätte, sog an den Fingerspitzen,
-schlenkerte mächtig mit dem einen Bein und schlüpfte
-dann auf die andere Seite; aber da prallte er wiederum
-zurück und zog schleunigst die Hand weg. Trotz dieser
-Mißerfolge ließ jedoch der listige Teufel nicht von seinen
-bösen Streichen. Mit einem Anlauf rannte er heran
-und packte den Mond mit beiden Händen; er krümmte
-sich hin und her, blies aus vollen Backen auf ihn und
-warf ihn aus einer Hand in die andere, wie ein Bauer,
-der sich mit bloßen Händen Feuer für seine Pfeife holt;
-endlich steckte er ihn rasch in seine Tasche und sauste
-weiter, als ob ganz und gar nichts geschehen wäre.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-In Dikanka hatte niemand gemerkt, daß der Teufel
-den Mond gestohlen hatte. Freilich, als der Gemeindeschreiber,
-übrigens auf allen Vieren, die Schänke verließ,
-sah er, daß der Mond plötzlich am Himmel umhertanzte,
-und er beschwor das bei allen Heiligen vor dem
-ganzen Dorfe; aber die Leute im Dorfe schüttelten nur
-die Köpfe und lachten ihn einfach aus. Doch was hatte
-den Teufel eigentlich zu einer so schändlichen Tat veranlaßt?
-Der Grund war folgender: er wußte, daß
-der reiche Kosak Tschub vom Küster zum Weihnachtsschmaus
-eingeladen war, und daß außerdem noch
-der Amtmann, ein Anverwandter des Vorsängers von
-der Bischöflichen Sängerkapelle, ein Mann im blauen
-Rock, der die tiefsten Baßtöne mühelos hervorbrachte,
-ferner der Kosak Swerbygus und noch dieser und jener
-da sein würden. Da würde es außer dem Weihnachtskuchen
-noch süßen Branntwein, Safranschnaps und noch
-allerhand Gutes zum Essen und Trinken geben. Unterdessen
-würde aber sein Töchterchen, die erste Schöne im
-ganzen Dorf, allein zu Hause bleiben; und dann würde
-sicher der Schmied zu dem Mädel kommen, ein handfester,
-kräftiger Bursch, ein Mordskerl, der dem Teufel
-noch widerwärtiger war als die Predigten des Vaters
-Kondrat. In seinen Mußestunden pflegte der Dorfschmied
-sich nämlich mit der Malerei zu beschäftigen,
-und er galt als der beste Maler in der ganzen Umgegend.
-Der Kosaken-Hauptmann L...ko, der damals noch
-lebte, hatte ihn sogar eigens dazu nach Poltawa kommen
-lassen, um den Bretterzaun vor seinem Hause zu tünchen.
-Alle Schüsseln, aus denen die Kosaken in Dikanka ihren
-Borschtsch schlürften, waren von ihm bemalt. Der
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-Schmied war ein gottesfürchtiger Mann, malte oft
-Heiligenbilder, und man kann jetzt noch in der Kirche
-zu T..... einen Evangelisten Lukas von seiner Hand
-sehen. Aber der Triumph seiner Kunst war ein Bild,
-das er an die Wand der rechten Kirchenvorhalle gemalt
-hatte; da hatte er den heiligen Petrus dargestellt mit
-Schlüsseln in der Hand, wie er am jüngsten Tage den
-bösen Geist aus der Hölle vertreibt: der erschrockene
-Teufel rennt, seinen Untergang vorausahnend, hin und
-her, und die Sünder, die einst in die Hölle gesperrt
-waren, prügeln mit Knuten, Holzscheiten und allem,
-was ihnen unter die Hände kommt, auf ihn los. Zur
-Zeit, als der Maler an diesem Bilde arbeitete &mdash; er
-malte es auf ein großes Brett &mdash; hatte sich der Teufel
-aus aller Kraft bemüht, ihn dabei zu stören: er puffte
-ihn unsichtbar am Arm, holte Asche aus der Schmiede-Esse
-und streute sie auf das Bild; aber trotz alledem
-wurde das Werk zu Ende geführt, das Brett wurde in
-die Kirche gebracht, an der Wand der Vorhalle angenagelt,
-und seitdem hatte der Teufel dem Schmied
-Rache geschworen.
-</p>
-
-<p>
-Nur noch eine Nacht war ihm nun geblieben, durch die
-Welt zu ziehen; in dieser Nacht aber wollte er seine
-ganze Wut an dem Schmied auslassen, und darum beschloß
-er, den Mond zu stehlen; er hatte es sich nämlich
-folgendermaßen ausgedacht: der alte Tschub ist träge,
-und schwer auf die Beine zu kriegen, und dann ist es
-auch von seinem Hause bis zum Küster nicht sehr nahe.
-Der Weg zu ihm führte hinterm Dorfe an Windmühlen
-und am Friedhof, an einem Abgrund vorüber, und dann
-konnten bei hellen Mondnächten auch noch der süße
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-Branntwein und der Safranschnaps den Tschub locken;
-aber bei dieser Finsternis konnte es wohl kaum jemandem
-gelingen, ihn von seinem Plätzchen hinterm Ofen hervor
-und auf die Straße hinaus zu lotsen. Und da
-würde der Schmied, der schon lange nicht im besten Einvernehmen
-mit ihm lebte, es sicher nicht wagen, seine
-Tochter aufzusuchen, und wenn er auch noch so kräftig war.
-</p>
-
-<p>
-Und so kam es, daß der Teufel kaum den Mond in
-die Tasche gesteckt hatte, als es plötzlich in der ganzen
-Welt so stockfinster wurde, daß manch einer den Weg
-ins Wirtshaus nicht gefunden hätte, geschweige denn
-<em>den</em> in des Küsters Haus. Die Hexe fand sich auf
-einmal im Dunkeln und stieß einen Schrei aus. Da
-scharwenzelte der Teufel auf sie zu, faßte sie flink unterm
-Arm und begann ihr allerhand schöne Dinge ins Ohr
-zu flüstern, wie man sie den Weibern gewöhnlich zuzuraunen
-pflegt. Es geht doch recht wunderlich zu in unserer
-Welt! Alles was in ihr leibt und lebt, alles ist bemüht,
-einander was abzugucken und andere Leute nachzuäffen.
-Früher gab&rsquo;s einmal eine Zeit, da trugen in
-ganz Mirgorod nur der Richter und der Bürgermeister
-im Winter Pelze, die mit Tuch überzogen waren, während
-die übrigen Unterbeamten gewöhnlich die Pelze mit
-dem Fell nach außen trugen; jetzt dagegen haben sich
-der Assessor und der Unterrendant neue Pelze aus feinem
-Lammfell mit Tuchbezügen zugelegt. Vor zwei Jahren
-kauften der Kanzlist und der Gemeindeschreiber Nanking
-zu sechzig Kopeken die Elle, und der Kirchendiener hat
-sich zum Sommer gar eine Pluderhose aus Nanking und
-sogar eine Weste aus Kammgarn machen lassen. Kurz,
-alles will zur feinen Welt gehören! Wann werden die
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-Menschen endlich einmal von ihrer Eitelkeit ablassen!
-Nun könnte man wetten, manchem kommt der Gedanke
-sonderbar vor, daß der Teufel sich ebenso benimmt. Am
-ärgerlichsten ist&rsquo;s aber, daß er sich am Ende gar noch
-auf seine Schönheit was zugute tut, und dabei hat er
-doch eine Fratze, daß es eine wahre Schande ist. Geradezu
-eine Fresse, wie Foma Grigorjewitsch zu sagen pflegt,
-das Garstigste vom Garstigen, und so einer geht auch
-noch auf Liebschaften aus! Aber am Himmel war es
-so stockfinster geworden, daß man durchaus nichts mehr
-von dem sehen konnte, was sich zwischen dem Pärchen
-weiter abspielte.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Also, Gevatter, du bist noch nicht beim Küster in
-der neuen Hütte gewesen?&ldquo; sprach der Kosak Tschub,
-trat aus der Tür seines Hauses und ging auf einen
-hageren, baumlangen Bauer in kurzem Schafspelz zu,
-mit einem dichten Bart, der davon Zeugnis ablegen
-konnte, daß dies Kinn schon über vierzehn Tage lang
-nicht mehr von dem Sensenstück berührt worden, mit
-dem sich die Bauern in Ermanglung eines Rasiermessers
-ihren Bart schaben. &bdquo;Dort wird es jetzt ein schönes
-Gelage geben!&ldquo; fuhr Tschub, übers ganze Gesicht
-schmunzelnd, fort. &bdquo;Daß wir nur nicht zu spät
-kommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dabei rückte Tschub seinen Gurt zurecht, der seinen
-Pelz fest zusammenzog, schob die Mütze tief in die
-Augen und nahm die Knute &mdash; den Schrecken und die
-Angst aller lästigen Hunde &mdash; fester in die Hand. Als
-er jedoch nach oben blickte, hielt er inne ....
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Teufel noch einmal! Schau! schau nur, Panas! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-&bdquo;Was denn?&ldquo; sprach der Gevatter und hob ebenfalls
-seinen Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was? Der Mond ist fort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verflucht! Wahrhaftig, der Mond ist fort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist es ja eben,&ldquo; rief Tschub, einigermaßen
-ärgerlich über die unerschütterliche Teilnahmslosigkeit des
-Gevatters. &bdquo;Du scherst dich wohl wenig drum!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was soll <em>ich</em> denn dabei machen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mußte sich da gerad so ein Teufel,&ldquo; fuhr Tschub
-fort und wischte sich mit dem Ärmel den Schnurrbart,
-&bdquo;grad so ein Teufel hineinmischen! So ein Hundsfott!
-Daß er morgens doch nie wieder sein Glas Schnaps zu
-trinken kriegte! .... Wahrhaftig! Es ist zum Lachen ....
-Als ich in der Stube saß, da sah ich zu meinem Vergnügen
-zum Fenster hinaus: die Nacht war ein reines
-Wunder! Es war ganz hell, der Schnee leuchtete im
-Mondlichte und alles war so klar zu sehen wie am lichten
-Tag; kaum aber trete ich aus der Tür &mdash; da
-herrscht eine Dunkelheit, daß man die Hand vor den
-Augen nicht sieht! Mag er sich doch alle Zähne an
-hartem Buchweizenbrot ausbrechen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lange noch brummte und schimpfte Tschub, zugleich
-aber überlegte er, wozu er sich entschließen solle. Für
-sein Leben gern hätte er beim Küster über dies und jenes
-schwatzen mögen; denn sicher saßen dort schon der Amtmann,
-der zugereiste Baß und der Teersieder Mikita, der
-alle vierzehn Tage zum Markt nach Poltawa zu fahren
-pflegte und solche Possen trieb, daß die Leute auf dem
-Dorf sich den Bauch vor Lachen hielten. Schon sah
-Tschub in Gedanken den süßen Branntwein auf dem
-Tische stehn. Freilich, all das war verlockend, aber die
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-Dunkelheit der Nacht lockte wieder zu jenem Faulenzerleben,
-das jedem Kosaken so lieb ist. Wie gut wäre es
-jetzt, mit untergeschlagenen Beinen auf der Ofenbank zu
-sitzen, seine Pfeife zu rauchen und in süß umnebelndem
-Schlummer den lustigen Burschen und Mädeln zuzuhören,
-die in Scharen vor den Fenstern ihre Lieder singen und
-die Weihnacht preisen! Ohne Zweifel hätte er sich auch
-für das letztere entschieden, wenn er allein gewesen wäre;
-aber zu zweit war es jetzt nicht mehr so langweilig und
-so gruselig, mitten durch die Nacht zu gehen, auch wollte
-er vor dem andern nicht faul und feige erscheinen. Als
-er mit dem Schimpfen fertig war, wandte er sich an
-den Gevatter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Mond ist also weg, Gevatter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, er ist weg!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wirklich sonderbar! Gib mir mal eine Prise! Du
-hast einen vortrefflichen Tabak, Gevatter! Wo hast du
-ihn her?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vortrefflich? Ei, da soll mich doch der und jener &mdash;&ldquo;
-antwortete der Gevatter, indem er seine Dose aus Baumrinde
-mit den eingeritzten Mustern zuklappte. &bdquo;Nicht
-einmal ein altes Huhn würde bei diesem Tabak niesen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich erinnere mich,&ldquo; fuhr Tschub in demselben Tone
-fort, &bdquo;der verstorbene Schankwirt Susulja hatte mir einmal
-etwas Tabak aus Njeschin mitgebracht. O, war
-das ein Tabak! Also, Gevatter, was machen wir nun?
-Es ist ja mächtig dunkel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So bleiben wir meinetwegen zu Hause!&ldquo; rief der
-Gevatter und griff schon nach der Türklinke.
-</p>
-
-<p>
-Hätte der Gevatter das nicht gesagt, so hätte Tschub
-sich wohl entschlossen, zu Hause zu bleiben; jetzt aber
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-schien ihn geradezu etwas zum Widerspruch zu reizen.
-&bdquo;Nein, Gevatter, wir wollen gehen! Unmöglich! Wir
-müssen gehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kaum hatte er das gesagt, so ärgerte er sich schon
-über seine eigenen Worte. Es war ihm höchst unangenehm,
-sich in solcher Nacht herumtreiben zu müssen,
-aber der Gedanke tröstete ihn, daß er es selbst so gewollt,
-und daß er wider den Ratschlag eines anderen
-gehandelt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Gevatter ließ auch nicht die leiseste Regung von
-Verdrießlichkeit auf seinem Gesichte erkennen. Er war
-ein Mann, dem es durchaus gleich war, ob er zu Hause
-saß, oder ob er sich draußen umhertrieb. Er sah sich
-nur noch einmal um, kratzte sich mit dem Stiel der Knute
-die Achseln &mdash; und die beiden Gevattern machten sich
-auf den Weg.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Doch sehen wir nun zu, was seine schöne Tochter
-trieb, die allein zu Hause geblieben war. Oxana war
-noch nicht ganz siebzehn Jahre alt, als man schon beinah
-in der ganzen Welt, sowohl diesseits wie jenseits von
-Dikanka, von nichts anderem sprach als von ihr. Die
-Burschen erklärten einstimmig, ein herrlicheres Mädchen
-gäbe es im ganzen Dorfe nicht, habe es noch nie gegeben
-und werde es auch niemals geben. Oxana hörte
-und wußte alles, was über sie geredet wurde, und sie
-war so eingebildet, wie ein schönes Mädchen es eben
-ist. Hätte sie nicht ein Kopftuch und die Jacke einer
-Bäuerin getragen, sondern ein Stadtkleid, so hätte sie
-sicher alle Mädchen in den Schatten gestellt. Die
-Burschen liefen ihr scharenweise nach; aber sie verloren
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-allmählich die Geduld, verließen nach und nach die eigensinnige
-Schöne und wendeten sich anderen, weniger verwöhnten
-Werbern zu. Nur der Schmied blieb hartnäckig
-und hörte nicht auf, sie zu umwerben, obwohl
-er keineswegs besser behandelt wurde als die anderen.
-Sobald nun der Vater fortgegangen war, putzte und
-schmückte sich Oxana noch lange vor dem kleinen Spiegel
-im Bleirahmen. Sie konnte sich nicht satt sehen an ihrer
-Schönheit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was fällt den Leuten nur ein, mich zu rühmen,
-ich sei schön?&ldquo; sprach sie mit zerstreuter Miene, nur um
-einen Vorwand zu haben, mit sich selbst zu plaudern.
-&bdquo;Die Leute lügen, ich bin gar nicht schön!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber das frische, lebhafte, kindlich jugendliche Gesicht
-im Spiegel, mit den strahlenden schwarzen Augen und
-dem unsagbar anmutigen Lächeln, das die Seele erglühen
-machte, bewies das Gegenteil.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sind denn meine schwarzen Brauen und meine
-Augen in der Tat so schön?&ldquo; fuhr sie fort, ohne den
-Spiegel aus der Hand zu legen, &bdquo;daß sie nicht ihresgleichen
-in der Welt haben? Was ist nur Schönes an
-dieser Stumpfnase? an meinen Wangen? an meinen
-Lippen? Meine schwarzen Zöpfe sollen schön sein?
-O jeh, am Abend können sie einem Menschen einen ordentlichen
-Schreck einjagen: wie lange Schlangen winden
-und schlingen sie sich um meinen Kopf. Ich sehe jetzt,
-daß ich gar nicht schön bin!&ldquo; Und sie rückte den Spiegel
-etwas von sich fort und rief: &bdquo;Nein, ich bin doch schön!
-Ach, wie ich schön bin! Wundervoll! Welch eine Freude
-werde ich einst dem bereiten, dessen Frau ich werde.
-Wie wird mein Gemahl entzückt von mir sein! Er wird
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-außer sich sein vor Freude. Er wird mich zu Tode
-küssen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wunderbares Mädchen!&ldquo; flüsterte der Schmied, der
-leise eingetreten war. &bdquo;Aber sie ist nicht wenig eitel!
-Schon eine Stunde lang steht sie da, besieht sich im
-Spiegel und kann sich nicht satt sehen an sich selbst, und
-dazu lobt sie sich noch ganz laut!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ihr Burschen, ich bin nicht euersgleichen, seht
-mich an,&ldquo; fuhr die reizende Kokette fort. &bdquo;Wie ist mein
-Gang so geschmeidig. Mein Hemd ist mit roter Seide
-genäht. Und was für Bänder ich auf dem Kopf habe!
-Euer Lebtag werdet ihr nicht mehr solche Goldborden
-sehen! All das hat mit mein Vater gekauft, damit mich
-der schönste Bursch der Welt zur Frau nimmt.&ldquo; Sie
-lächelte, wandte sich um und erblickte den Schmied ....
-</p>
-
-<p>
-Sie schrie auf und blieb mit strenger Miene vor ihm
-stehen.
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied ließ die Hände herabsinken.
-</p>
-
-<p>
-Es wäre schwer zu sagen, was das braune Gesicht
-des wundervollen Mädchens ausdrückte: ein strenger Ausdruck
-spiegelte sich in ihm und durch die Strenge hindurch
-blickte ein gewisser Hohn über den verblüfften
-Schmied, und eine kaum merkliche Röte, die ihr der
-Ärger ins Gesicht getrieben hatte; all das zusammen war
-so unbeschreiblich schön, daß das Beste, was man hier
-hätte tun können, dies gewesen wäre: &mdash; sie eine Million
-Mal abzuküssen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie bist du hierhergekommen?&ldquo; begann Oxana.
-&bdquo;Willst du denn, daß ich dich mit der Schippe davonjage?
-Ihr versteht euch meisterhaft darauf, euch an
-uns heranzumachen. Im Nu schnüffelt ihr aus, wann
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-die Väter aus dem Hause sind. O, ich kenne euch schon!
-Nun, ist meine Truhe fertig?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie ist bald fertig, mein Herzchen; nach den Feiertagen
-wird sie fertig. Wenn du wüßtest, wieviel Mühe
-ich mir gegeben habe: zwei Nächte lang habe ich die
-Schmiede nicht verlassen. Dafür soll aber auch keine
-Popentochter so eine Truhe haben. Ich habe Eisenbeschläge
-darauf getan, wie ich sie nicht einmal für den
-Wagen des Hauptmanns nahm, als ich noch in Poltawa
-auf Arbeit war. Aber wie wird sie erst bemalt sein!
-Und wenn du die ganze Umgegend mit deinen weißen Füßchen
-abläufst, du findest solch eine Truhe nicht mehr!
-Über den ganzen Grund werden rote und blaue Blumen
-verstreut sein, und es wird so leuchten wie Feuer. Zürne
-mir nicht! Erlaube mir wenigstens, zu dir zu reden und
-dich nur anzuschauen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer verbietet dir das? Rede und schau!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und sie nahm Platz auf der Bank, blickte wieder
-in den Spiegel und begann ihre Flechten auf dem Kopfe
-zu ordnen. Sie blickte auf ihren Hals, auf das neue
-seidenbestickte Hemd, und ein leises Gefühl der Selbstzufriedenheit
-spiegelte sich auf ihren Lippen und auf ihren
-frischen Wangen und leuchtete aus ihren Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erlaube mir, daß ich neben dir Platz nehme!&ldquo; sagte
-der Schmied.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Setze dich,&ldquo; sprach Oxana immer noch mit demselben
-selbstzufriedenen Ausdruck auf den Lippen und in
-den Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wundervolle, herzallerliebste Oxana, erlaube mir nur,
-daß ich dir einen Kuß gebe!&ldquo; sagte der Schmied ermutigt
-und preßte sie an sich, in der Hoffnung, ein
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-Küßchen von ihr zu erwischen. Doch Oxana wandte
-ihre Wangen ab, die sich schon in erreichbarer Nähe von
-den Lippen des Schmiedes befanden, und stieß ihn von
-sich. &bdquo;Was du nicht alles möchtest! Kaum hat er
-den Honig, so braucht er gleich auch noch einen Löffel
-dazu! Geh doch, deine Hände sind noch härter als
-Eisen. Auch riechst du nach Rauch. Ich glaube gar,
-du hast mich ganz mit deinem Ruß beschmiert.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie nahm den Spiegel und begann sich von neuem
-zu putzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie liebt mich nicht!&ldquo; dachte der Schmied bei sich
-und ließ den Kopf hängen. &bdquo;Für sie ist alles nur
-Spielerei; und ich stehe vor ihr da wie ein Narr, und
-kann meine Augen nicht von ihr wenden. Ja, ich
-möchte immer so vor ihr stehen und meine Augen nicht
-von ihr wenden. Welch herrliches Mädchen! Was
-würde ich alles darum geben, zu erfahren, was in
-ihrem Herzen vorgeht und wen sie eigentlich liebt. Aber
-nein, sie kümmert sich um niemand. Sie freut sich
-nur ihrer Schönheit, quält mich Armen, und ich bin
-so traurig, daß mir alles trüb und dunkel erscheint.
-Und dabei liebe ich sie doch so, wie kein Mensch in der
-Welt sie je geliebt hat oder lieben wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist es wahr, daß deine Mutter eine Hexe ist?&ldquo;
-fragte Oxana und brach in lautes Lachen aus; auch der
-Schmied fühlte, wie alles in seinem Innern auflachte.
-Dieses Lachen schien plötzlich in seinem Herzen wiederzuhallen
-und in den leise erschauernden Adern, aber gleich
-darauf erwachte ein Ärger in seiner Seele, weil er nicht
-die Macht hatte, dieses so anmutig lachende Antlitz zu
-küssen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-&bdquo;Was geht mich meine Mutter an? Du bist mir
-Mutter und Vater und alles, was es auf der Welt an
-Teurem für mich gibt! Wenn mich der Zar zu sich
-rufen ließe und zu mir sagte: &bdquo;Wakula, du darfst mich
-um alles bitten, was es Schönes in meinem Reiche
-gibt, ich will dir alles geben. Ich will dir eine
-Schmiede aus purem Golde bauen lassen, und du sollst
-silberne Hämmer zum Schmieden bekommen,&ldquo; &mdash; dann
-würde ich zu dem Zaren sagen: &bdquo;Ich will weder kostbare
-Edelsteine, noch eine goldene Schmiede, noch dein
-ganzes Reich. Gib mir lieber meine Oxana!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schau, schau, so einer bist du also! Aber mein
-Vater ist auch nicht auf den Kopf gefallen. Paß auf,
-er heiratet noch deine Mutter!&ldquo; sagte sie und lächelte
-listig. &bdquo;Aber, wo bleiben nur die Mädchen? ....
-Was soll das bedeuten? es ist schon höchste Zeit, daß
-man vor den Fenstern zu singen beginnt. Ich fange
-an, mich zu langweilen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mögen sie nur bleiben, wo sie sind, du meine
-Holde!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum nicht gar! Mit den Mädchen werden auch
-wohl die Burschen mitkommen. Da wird&rsquo;s was geben.
-Ich stell&rsquo; mir vor, was für putzige Sachen sie da erzählen
-werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du sehnst dich also wohl nach ihrer Gesellschaft?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sicherlich mehr als nach dir. Ah! Jemand hat
-geklopft. Das sind wohl die Mädchen und Burschen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Worauf soll ich noch länger warten?&ldquo; sprach der
-Schmied zu sich selbst. &bdquo;Sie macht sich über mich
-lustig. Ich bin ihr ebensoviel wert, wie ein verrostetes
-Hufeisen. Wenn das aber wirklich so ist, dann
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-soll wenigstens kein anderer über mich lachen. Sobald
-ich merke, daß ein anderer ihr besser gefällt als ich, dem
-will ich doch gleich ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier wurden seine Gedanken durch ein Pochen an
-die Tür unterbrochen, und eine Stimme, die bei dem
-kalten Frost ziemlich scharf klang, rief: &bdquo;Mach auf!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warte, ich mache schon selbst auf,&ldquo; sagte der
-Schmied und trat in den Flur hinaus mit dem Vorsatz,
-dem ersten, der hereinkäme, aus Ärger die Rippen einzuschlagen.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Der Frost nahm zu, und oben in der Höhe wurde
-es so kalt, daß der Teufel von einem Huf auf den
-anderen hüpfte und sich in die Fäuste blies, um nur
-einigermaßen seine frierenden Hände zu erwärmen. Es
-war auch kein Wunder, wenn&rsquo;s einen fror, der sich
-Tag für Tag in der Hölle herumdrückte. Dort ist&rsquo;s
-bekanntlich längst nicht so kalt wie bei uns im Winter,
-er aber steht da unten vor dem Feuer, mit einer Zipfelmütze
-auf dem Kopf, akkurat wie ein wirklicher Küchenmeister,
-und brät die Sünder mit solchem Vergnügen,
-wie wohl die Weiber zu Weihnachten Wurst braten.
-</p>
-
-<p>
-Selbst die Hexe litt unter der Kälte, trotzdem sie
-recht warm angezogen war; daher hob sie die Arme in
-die Höhe, schob ein Bein vor, gab ihrem Körper die
-Haltung eines Schlittschuhläufers und sauste, ohne ein
-Glied zu rühren, durch die Luft, wie wenn&rsquo;s einen
-steilen Eisberg hinabginge, geradeswegs in den Schornstein
-hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Der Teufel folgte ihr auf dieselbe Art. Da dieses
-Vieh aber viel gewandter ist als so mancher Geck in
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-Seidenstrümpfen, so ist&rsquo;s kein Wunder, daß er gerad am
-Eingang zum Schornstein seiner Geliebten auf den Hals
-flog, und schnell sahen sich die beiden in dem geräumigen
-Ofen mitten unter den Töpfen.
-</p>
-
-<p>
-Die Besenreiterin schob leise das Ofentürchen auf, um zu
-sehen, ob ihr Sohn Wakula nicht die Stube voller Gäste
-geladen hatte; als sie aber sah, daß niemand da war
-außer etwa ein paar Säcke, die in der Stube umher
-lagen, so kroch sie aus dem Ofen, warf den warmen
-Pelz ab, ordnete ihre Kleidung, und niemand hätte ihr
-mehr ansehen können, daß sie noch vor einer Minute
-auf einem Besenstiel geritten war.
-</p>
-
-<p>
-Die Mutter des Schmieds Wakula war nicht mehr
-als vierzig Jahre alt und war weder schön noch häßlich.
-Es ist ja auch ziemlich schwer, in diesen Jahren schön
-zu sein. Sie verstand es aber, selbst die gesetztesten und
-würdigsten Kosaken an sich zu fesseln (denen es, nebenbei
-bemerkt, auch wenig um die Schönheit zu tun war),
-so daß sie ebensowohl der Amtmann, wie der Küster
-Ossip Nikiforowitsch (natürlich, wenn die Frau Küsterin
-nicht zu Hause war), der Kosak Korni Tschub und der
-Kosak Kassjan Swerbygus aufzusuchen pflegten. Zu ihrer
-Ehre muß übrigens gesagt werden, daß sie es vorzüglich
-verstand, mit ihnen umzugehen: keinem einzigen
-von ihnen kam es auch nur von ferne in den Sinn, er
-könne einen Nebenbuhler haben. Ging ein frommer
-Bauer oder ein &bdquo;Edelmann&ldquo;, wie die Kosaken sich selbst
-zu nennen pflegen, am Sonntag in seinem Mantel mit
-der Kapuze zur Kirche, oder &mdash; wenn das Wetter schlecht
-war &mdash; ins Wirtshaus, so ließ er sich&rsquo;s nicht nehmen,
-bei der Solocha vorzusprechen, um ein paar fette Käsekrapfen
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-mit Rahm zu essen und ein Weilchen mit der
-gesprächigen und gefälligen Hausfrau in der warmen
-Stube zu schwatzen. Der Edelmann machte eigens zu
-diesem Zweck einen großen Umweg, bevor er im Wirtshaus
-anlangte &mdash; und nannte das &bdquo;unterwegs mal vorsprechen&ldquo;.
-Oder ging die Solocha einmal an einem
-Festtag, in ihrem grellen Kopftuch und ihrem Nankingkittel
-und dem blauen Rock darüber, der hinten mit
-goldenen Bändern benäht war, zur Kirche, und stellte sie
-sich gerade neben dem rechten Chor auf, so fing der
-Küster sicherlich an zu hüsteln und blinzelte unwillkürlich
-nach jener Seite hinüber; der Amtmann aber strich
-sich den Schnurrbart, wickelte sich seine Kosakenlocke ums
-Ohr und sprach zu dem neben ihm stehenden Nachbar,
-&bdquo;Ei, ei, das ist mir ein Weibsbild! Ein ganz verteufeltes
-Weib!&ldquo; Die Solocha pflegte denn auch jeden Menschen
-zu grüßen, und jeder glaubte, sie grüße ihn allein.
-</p>
-
-<p>
-Aber wer es liebte, sich in fremde Angelegenheiten
-zu mischen, der konnte sofort merken, daß die Solocha
-am freundlichsten gegen den Kosaken Tschub war. Tschub
-war Witwer. Vor seinem Hause standen stets acht
-Schober Getreide, zwei Paar mächtige Ochsen streckten
-beständig ihre Köpfe durch das Geflecht des Schuppens
-auf die Straße hinaus und brüllten jedesmal, wenn sie
-eine Muhme oder einen Ohm, das heißt eine Kuh oder
-einen dicken Bullen kommen sahen. Ein bärtiger Bock
-kletterte hoch auf das Dach hinauf und meckerte mit
-einer gerad so schrillen Stimme von dort herab wie der
-Bürgermeister, um die auf dem Hofe umher stolzierenden
-Truthähne zu reizen, oder er kehrte seinen Hintern hervor,
-wenn er seine Feinde, die Dorfjungen, erblickte, die
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-sich über seinen Bart lustig zu machen pflegten. In
-Tschubs Truhen lagen viele Ellen Leinwand, teure Schupans
-und altertümliche Röcke mit Goldborden: seine verstorbene
-Frau war nämlich sehr putzsüchtig gewesen. In
-seinem Gemüsegarten gab es außer Mohn, Kohl und
-Sonnenblumen auch noch zwei Beete mit Tabak. Von
-all dem, meinte die Solocha, wäre es ganz nett, wenn
-es ihrer eigenen Wirtschaft einverleibt würde; sie rechnete
-schon im voraus damit, welche Ordnung sie einführen
-wollte, wenn all das in ihre Hände gelangen würde,
-und daher verdoppelte sie ihr Wohlwollen gegen den
-alten Tschub. Damit aber ihr Sohn Wakula sich nicht
-an seine Tochter heran machte, alles Hab und
-Gut selbst einheimste, und ihr dann am Ende nicht mehr
-erlaubte, sich in irgend etwas einzumischen, so griff sie
-nach dem üblichen Mittel aller vierzigjährigen Weiber,
-das heißt, sie säte möglichst viel Fehde zwischen Tschub
-und dem Schmied. Vielleicht waren gerade diese Ränke
-und Listen der Grund davon, daß die alten Weiber, besonders
-wenn sie in fröhlicher Gesellschaft zusammen
-saßen und etwas über den Durst getrunken hatten, davon
-munkelten, die Solocha sei wirklich eine Hexe: der
-Bursche Kisjakolupenko habe hinten bei ihr einen Schwanz
-gesehen, der ungefähr so lang gewesen sei wie eine Weiberspindel;
-am verflossenen Donnerstag erst sei sie in Gestalt
-einer schwarzen Katze über die Straße gelaufen; auch sei
-einmal eine Sau zur Popenfrau gerannt gekommen, habe
-wie ein Hahn gekräht, dann sich die Mütze des Vaters
-Kondrat aufgesetzt und darauf sich wieder davongemacht ....
-</p>
-
-<p>
-Der Zufall wollte es, daß gerade zu der Zeit, als die
-alten Weiber über diese Dinge redeten, ein gewisser Kuhhirt
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-namens Tymisch Korostjawi bei ihnen erschienen war.
-Er versäumte nicht, zu erzählen, wie er einmal im Sommer,
-kurz vor Peter und Paul, gerade als er sich im Stall
-schlafen gelegt und sich ein Bündel Stroh unter den Kopf
-gebettet hatte, mit eigenen Augen gesehen habe, wie eine
-Hexe mit aufgelöstem Haar und in bloßem Hemde angefangen
-habe, die Kuh zu melken; er habe sich nicht
-vom Fleck rühren können, so behext habe sie ihn, auch
-habe sie ihm die Lippen mit einem so widerlichen Zeug
-beschmiert, daß er noch einen ganzen Tag danach immer
-ausspucken mußte. Doch all das war immerhin zweifelhaft,
-denn nur der Assessor von Sorotschintzy kann eine
-Hexe sehen. Und daher wehrten sich alle Kosaken von
-Ansehen und Würden mit Händen und Füßen dagegen,
-wenn sie solche Reden mit anhören mußten. &bdquo;Sie lügen,
-die hundsföttischen Weiber!&ldquo; war gewöhnlich ihre Antwort.
-</p>
-
-<p>
-Kaum war die Solocha aus dem Ofen gekrochen und
-hatte sich ihre Kleider wieder ein wenig in Ordnung gebracht,
-so begann sie sofort als gute Wirtin die Stube
-aufzuräumen und alles auf seinen Platz zu stellen. Die
-Säcke aber rührte sie nicht an. &bdquo;Die hat Wakula gebracht,
-mag er sie doch auch selbst wieder hinaustragen!&ldquo;
-Der Teufel aber hatte sich, als er in den Schornstein
-hineinflog, zufällig umgeschaut, und da hatte er ganz
-nahe am Hause den Tschub Arm in Arm mit seinem
-Gevatter erblickt. Im Nu flog er wieder aus dem Ofen,
-rannte ihnen auf ihrem Wege voran und begann von
-allen Seiten Haufen hartgefrorenen Schnees aufzuwirbeln.
-Es erhob sich ein richtiges Schneegestöber, in der Luft
-flimmerte es nur so weiß durcheinander. Der Schnee wogte
-hin und her wie ein Netz und drohte, den Fußgängern
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-Augen, Mund und Ohren zu verstopfen. Der Teufel aber
-flog wieder in den Schornstein hinein, fest davon überzeugt,
-daß Tschub und der Gevatter umkehren würden;
-dann würde Tschub den Schmied bei sich im Hause
-treffen und ihn sicherlich so traktieren, daß der auf lange
-Zeit nicht mehr imstande sein sollte, einen Pinsel in die
-Hand zu nehmen und Spottbilder zu malen.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Und in der Tat, kaum hatte sich das Schneegestöber
-erhoben und kaum fing der Wind an, ihnen gerade ins
-Gesicht zu fegen, so äußerte Tschub schon Reue. Er schob
-sich die Mütze tiefer über die Ohren und regalierte alle,
-sich selbst, den Teufel und den Gevatter mit Schimpfworten.
-Übrigens war diese Wut nur geheuchelt. Tschub
-war sehr froh über das Unwetter. Bis zum Hause des
-Küsters war es ungefähr achtmal so weit, wie die
-Strecke, die sie schon zurückgelegt hatten. Die Wanderer
-kehrten also um. Der Wind blies ihnen zwar in den
-Nacken, aber es war gänzlich unmöglich, in diesem
-Schneegestöber auch nur das geringste zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt, Gevatter! Ich glaube, wir gehen falsch,&ldquo; sagte
-Tschub nach einer kurzen Weile. &bdquo;Ich sehe keine einzige
-Hütte. He, ist das ein Schneegestöber! Bieg doch mal
-etwas zur Seite, Gevatter, vielleicht findest du da einen
-Weg, unterdessen will ich hier nach ihm suchen. Mußte
-uns auch der Gottseibeiuns bei solchem Unwetter aus
-dem Hause locken! Vergiß nur nicht zu rufen, wenn du
-den Weg gefunden hast. Herrgott, was für einen Haufen
-Schnee hat mir der Satan in die Augen gejagt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Weg war jedoch noch immer nicht zu sehen.
-Der Gevatter schlug einen Seitenweg ein und irrte in
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-seinen langen Stiefeln hin und her, bis er endlich auf
-das Wirtshaus stieß. Diese Entdeckung freute ihn dermaßen,
-daß er alles vergaß, den Schnee von sich abschüttelte
-und ins Wirtshaus trat, ohne sich im Geringsten
-um seinen Gevatter auf der Straße zu scheren. Unterdessen
-war es Tschub so vorgekommen, als ob er den
-richtigen Weg gefunden hätte. Er machte Halt und
-schrie aus voller Kehle, als er aber sah, daß der Gevatter
-nicht zum Vorschein kam, beschloß er, den Weg
-allein fortzusetzen. Etwas weiter erblickte er sein Haus.
-Vor dem Hause und auf dem Dache lagen ganze Berge
-von Schnee. Er klatschte in die vor Kälte erstarrten
-Hände und begann, an die Tür zu klopfen und seiner
-Tochter gebieterisch zuzurufen, sie solle aufmachen.
-</p>
-
-<p>
-Da trat der Schmied aus dem Hause und schrie ihn
-grob an: &bdquo;Was willst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschub erkannte die Stimme des Schmieds und wich
-etwas zurück. &bdquo;Hm, nein, das ist nicht mein Haus,&ldquo;
-sagte er sich, &bdquo;in mein Haus würde sich der Schmied
-doch nicht hineinwagen, aber wenn ich&rsquo;s mir wiederum
-genauer ansehe, so ist&rsquo;s auch nicht das Haus des Schmieds.
-Wessen Haus könnte das bloß sein? Holla! Daß ich&rsquo;s
-nicht gleich erkannt habe! Das ist ja das Haus des
-lahmen Lewtschenko, der sich erst vor kurzem eine junge
-Frau genommen hat. Nur sein Haus sieht dem meinen
-so ähnlich. Daher kam es mir doch auch gleich etwas
-sonderbar vor, daß ich schon so schnell zu Hause war!
-Aber Lewtschenko sitzt jetzt ja beim Küster, das weiß ich
-genau. Was hat nur der Schmied hier zu suchen? ....
-Hahaha! Er besucht seine junge Frau. Das ist&rsquo;s also!
-Schön! .... Jetzt verstehe ich alles.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-&bdquo;Wer bist du und was treibst du dich vor fremden
-Türen herum?&ldquo; rief der Schmied noch gröber als früher
-und rückte näher.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich sag&rsquo; ihm nicht, wer ich bin,&ldquo; dachte sich
-Tschub, &bdquo;am Ende krieg ich noch Hiebe von ihm, diesem
-verfluchten Bastard!&ldquo; Und er antwortete mit verstellter
-Stimme: &bdquo;Ich bin doch ein anständiger Mensch! Ich
-will euch nur ein paar Weihnachtslieder vorsingen, um
-euch einen kleinen Spaß zu machen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Scher&rsquo; dich zum Teufel mit deinen Weihnachtsliedern,&ldquo;
-schrie Wakula wütend. &bdquo;Was stehst du noch
-da? Hörst du! Packe dich auf der Stelle!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschub hatte diesen vernünftigen Vorsatz schon selbst
-gefaßt; es war ihm nur unangenehm, dem Befehle des
-Schmieds folgen zu müssen. Es schien ganz so, als ob
-ihn ein böser Geist vorwärts stieß und ihn zum Widerstand
-nötigte. &bdquo;Was schreist du da so?&ldquo; rief er mit
-derselben Stimme. &bdquo;Ich will euch Weihnachtslieder vorsingen
-und sonst nichts!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aha! du hast also wohl an Worten noch nicht genug?&ldquo;
-rief der Schmied, und Tschub fühlte einen höchst
-schmerzhaften Schlag auf der Schulter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist gleich mit Prügeln bei der Hand, wie ich
-sehe!&ldquo; sagte er und wich etwas zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pack&rsquo; dich, marsch!&ldquo; schrie der Schmied und regalierte
-ihn mit einem zweiten Schlag.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So!&ldquo; rief Tschub mit einer Stimme, in die sich
-Schmerz, Ärger und Furcht mischten. &bdquo;Wie ich sehe, machst
-du keinen Spaß, deine Prügel tun ja ordentlich weh!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Marsch, vorwärts!&ldquo; rief der Schmied und schlug
-die Türe zu.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-&bdquo;Schau einer an, wie tapfer der tut!&ldquo; sprach Tschub,
-als er nun allein auf der Straße stand. &bdquo;Versuch&rsquo;s nur
-und komm bloß heran! He, wer bist du denn? Etwa
-ein großes Tier, was? Du glaubst wohl, ich kann dir
-nichts anhaben? Nein, mein Täubchen, ich gehe geraden
-Wegs zum Kommissär, da sollst du was von mir erleben!
-Ich werde keine Rücksicht darauf nehmen, daß
-du ein Schmied bist und noch ein Maler dazu. Hm, wenn
-ich mir meinen Rücken und meine Schultern ansehe, so
-werde ich wohl sicher blaue Flecken finden. Er hat mir
-tüchtig zugesetzt, der hundsgemeine Lümmel. Schade
-nur, daß es so kalt ist, ich möchte nämlich nicht gern
-den Pelz ausziehen. Warte nur, du Teufelsschmied!
-Der Satan soll dich und deine Schmiede in Stücke
-schlagen. Du sollst noch ein Tänzchen bei mir erleben!
-Verfluchter Hallunke! &mdash; Also ist er jetzt nicht zu Hause?
-Solocha ist wohl allein! Hm .... Es ist ja nicht
-weit. &mdash; Ob ich am Ende hingehe! Um diese Zeit wird
-uns niemand überraschen. Vielleicht hab&rsquo; ich auch Glück
-und .... Seine Hiebe tun aber weh .... O, dieser
-gottsverdammte Schmied!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Tschub kratzte sich den Rücken und schlug die
-entgegengesetzte Richtung ein. Die Genüsse, die seiner
-bei der Solocha harrten, verringerten einigermaßen den
-Schmerz, und machten Tschub sogar weniger empfindlich
-gegen den Frost, der auf den Straßen knirschte, und
-der nicht einmal vom Sausen des Windes übertönt wurde.
-Eine sauersüße Miene erschien manchmal auf seinem Gesicht,
-dessen Kinn und Schnurrbart das Unwetter schneller
-mit Schnee eingeseift hatte, als irgendein Barbier, der
-sein Opfer tyrannisch an der Nase packt. Wäre jedoch
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-der Schnee einem nicht kreuz und quer vor den Augen
-herumgewirbelt, so hätte man noch lange sehen können,
-wie Tschub immer wieder stehen blieb, sich den Rücken
-kratzte, ausrief: &bdquo;Die Hiebe von diesem verfluchten Schmied
-tun aber mächtig weh!&ldquo; und dann weiter zog.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Während der flinke Stutzer mit Schwanz und Bocksbart
-aus dem Schornstein und wieder in den Schornstein
-zurückflog, blieb ihm zufällig seine Tasche, die ihm
-an der Seite hing und in die er den gestohlenen Mond
-hineingesteckt hatte, im Ofen hängen und ging auf. Der
-Mond benutzte diese Gelegenheit, flog aus dem Schornstein
-des Hauses der Solocha in die Freiheit hinaus und
-stieg flugs zum Himmel empor. Alles wurde hell! das
-Schneegestöber war wie weggeblasen, der Schnee dehnte
-sich weit in die Ferne wie ein großes silbernes Gefild,
-über das kristallene Sterne ausgestreut waren. Selbst
-der Frost schien etwas nachgelassen zu haben. Burschen
-und Mädchen kamen in Scharen mit ihren Säcken herbei.
-Die Lieder schwirrten durcheinander, und beinahe
-vor keinem Fenster fehlten Sänger, die den heiligen
-Christ besangen.
-</p>
-
-<p>
-Der Mond leuchtet wundersam vom Himmel herab!
-Es ist schwer zu beschreiben, wie schön es ist, sich in
-solcher Nacht unter die Scharen laut lachender Mädchen
-und Burschen zu mischen, die zu allen Späßen und
-losen Streichen aufgelegt sind, wie sie nur eine lustig
-verbrachte Nacht eingeben kann. Unter dem dicken Pelze
-ist&rsquo;s warm; die Backen glühen nur noch lebhafter vor
-Kälte, und der Teufel scheint einen hinterrücks nur so
-zu mutwilligen Stückchen zu treiben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-Scharen von Mädchen brachen mit Säcken in Tschubs
-Haus ein und umringten Oxana. Das Geschrei, das
-Gelächter und die Erzählungen betäubten den Schmied.
-Alle beeilten sich, der Schönen etwas Neues zu erzählen,
-sie luden ihre Säcke aus und prahlten mit dem
-Kuchen, den vielen Würsten und Krapfen, die ihnen ihr
-Straßengesang bereits eingebracht hatte. Oxana schien
-sehr vergnügt und fröhlich zu sein, schwatzte bald mit
-der einen, bald mit der anderen und lachte ohne Ende.
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied sah dieses fröhliche Treiben voller Neid
-und Ärger an, und verfluchte diesmal das ganze Christsingen,
-obwohl er sonst wie besessen darauf war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du, Odarka!&ldquo; rief die Schöne lustig, zu einem der
-Mädchen gewandt, &bdquo;du hast ja neue Schuhe an. Ach,
-wie reizend! Mit Goldstickerei! Du hast es gut, Odarka,
-du hast jemand, der dir alles kauft, mir kauft niemand
-so entzückende Schuhe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gräm dich nicht, meine herzallerliebste Oxana!&ldquo;
-unterbrach sie der Schmied. &bdquo;Ich will dir solche Schuhe
-schenken, wie sie selbst ein Edelfräulein selten trägt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du?&ldquo; rief Oxana sofort und blickte ihn stolz an.
-&bdquo;Ich möchte doch sehen, wo du solche Schuhe herkriegen
-willst, die an meine Füße passen. Ja, wenn du mir
-die Schuhe brächtest, die die Zarin trägt ....!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh einer an, was die will!&ldquo; riefen die Mädchen
-lachend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja!&ldquo; fuhr die Schöne stolz fort. &bdquo;Seid ihr meine
-Zeugen: wenn mir der Schmied Wakula die Schuhe
-bringt, die die Zarin trägt, so habt ihr mein Wort darauf,
-daß ich sofort seine Frau werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Mädchen führten die launische Schöne mit sich fort.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-&bdquo;Lache nur, lache!&ldquo; sprach der Schmied, der gleich
-nach ihnen das Haus verließ. &bdquo;Ich lache selbst über
-mich! Ich grüble und grüble und kann&rsquo;s nicht fassen,
-wo mein Verstand geblieben ist. Sie liebt mich nicht &mdash;
-nun, da ist nichts zu ändern! Als ob&rsquo;s in der Welt
-nur die eine Oxana gäbe. Gott sei Dank, es gibt auch
-außer ihr noch viele nette Mädchen im Dorfe. Was
-soll ich denn überhaupt mit der Oxana? Sie wird ja
-doch nie eine gute Hausfrau; sie versteht es nur, sich
-zu putzen. Nein, nun ist&rsquo;s genug! Nun soll die Narretei
-aufhören!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber gerade zur selben Zeit, als der Schmied diesen
-Entschluß fassen wollte, führte ihm ein böser Geist Oxanas
-lachendes Antlitz vor Augen, und das sprach höhnisch:
-&bdquo;Schmied, hol mir die Schuhe der Zarin, und ich bin
-deine Frau!&ldquo; Und alles in ihm geriet in Wallung, und
-er dachte nur noch an Oxana.
-</p>
-
-<p>
-Scharen von Sängern: Burschen und Mädchen
-in getrennten Trupps eilten aus einer Straße in die
-andere. Aber der Schmied schritt dahin, ohne etwas zu
-sehen, und teilnahmslos gegen die Lustbarkeit, die er einst
-mehr geliebt hatte, als alle andern Burschen.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Unterdessen wurde der Teufel allen Ernstes zärtlich
-gegen Solocha: er küßte ihr die Hand mit denselben
-Fratzen, mit denen der Assessor der Popentochter die
-Hand zu küssen pflegt, legte seine Hand aufs Herz,
-stöhnte und erklärte geradeheraus, wenn sie nicht seine
-Leidenschaften stillen und ihn nach Brauch und Sitte
-erhören würde, wäre er zu allem fähig: er würde sich
-ins Wasser stürzen und seine Seele geradeswegs in die
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-Hölle schicken. Solocha war nicht so hartherzig; und
-dann unterhielt der Teufel ja bekanntlich auch mit ihr
-eine alte Freundschaft. Sie liebte es, sich von Anbetern
-umringt zu sehen, und selten war sie ohne Gesellschaft.
-Diesen Abend gedachte sie jedoch allein zu verbringen,
-denn alle angesehenen Bewohner des Dorfes waren zum
-Weihnachtsschmaus beim Küster geladen. Aber es kam
-alles anders: Kaum hatte der Teufel seine Werbung vorgebracht,
-da vernahmen sie plötzlich ein Klopfen und die
-Stimme des beleibten Amtmanns vor der Türe. Solocha
-lief hin, um ihm aufzumachen, der flinke Teufel aber
-sprang hurtig in einen der Säcke.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem der Amtmann den Schnee von sich abgeschüttelt
-und ein Gläschen Schnaps aus Solochas Hand
-entgegengenommen und ausgetrunken hatte, erzählte er,
-er sei nicht zum Küster gegangen, denn es habe sich ein
-Schneegestöber erhoben; da habe er in ihrer Stube Licht
-gesehen und sei bei ihr eingekehrt, um den Abend mit
-ihr zu verbringen.
-</p>
-
-<p>
-Kaum aber hatte der Amtmann das gesagt, als an
-die Türe geklopft wurde und sich die Stimme des Küsters
-vernehmen ließ. &bdquo;Versteck mich irgendwo,&ldquo; flüsterte der
-Amtmann, &bdquo;ich möchte jetzt nicht mit dem Küster zusammentreffen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Solocha überlegte lange, wo sie einen so dicken Gast
-verstecken könnte; endlich wählte sie einen der größten
-Kohlensäcke, schüttete die Kohlen in einen Zuber, und der
-feiste Amtmann kroch mitsamt seinem Schnurrbart,
-Kopf und Mütze in den Sack.
-</p>
-
-<p>
-Der Küster kam ächzend und sich die Hände reibend,
-herein, und erzählte, es sei niemand zu ihm zum
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-Essen gekommen, er sei aber herzlich froh über die Gelegenheit,
-sich mit ihr unterhalten zu können, und habe
-sich nicht einmal durch das Schneegestöber davon abhalten
-lassen. Dann trat er näher auf sie zu, räusperte
-sich, grinste, tippte mit seinen langen Fingern auf ihren
-nackten vollen Arm und sagte mit einer Miene, in der
-Schlauheit und Selbstzufriedenheit lagen: &bdquo;Was habt Ihr
-denn da, reizende Solocha?&ldquo; Und indem er das sagte,
-sprang er etwas zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was kann das wohl sein! Ein Arm, Ossip Nikiforowitsch!&ldquo;
-antwortete Solocha.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm! Ein Arm! Hähähä!&ldquo; rief der Küster herzlich
-zufrieden über diesen Anfang und ging im Zimmer auf
-und ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und was habt Ihr hier, teuerste Solocha?&ldquo; sprach
-er mit derselben Miene, ging wieder auf sie zu, betappte
-ihren Hals mit seiner Hand und sprang ganz so wie vorher
-wieder zurück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Als ob Ihr das nicht seht, Ossip Nikiforowitsch,&ldquo;
-erwiderte die Solocha, &bdquo;mein Hals ist es, und dies hier
-ist ein Halsband!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm! Ein Hals mit einem Halsband! Hähähä!&ldquo;
-und der Küster ging wieder ein paarmal im Zimmer
-auf und ab und rieb sich die Hände.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und was habt Ihr hier, unvergleichliche Solocha?
-....&ldquo; Es ist nicht ganz sicher, was der
-Küster jetzt mit seinen langen Fingern berührt hätte,
-denn auf einmal ertönte ein Klopfen an der Tür,
-und die Stimme des Kosaken Tschub ließ sich vernehmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh Gott, ein Fremder!&ldquo; rief der Küster erschrocken.
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-&bdquo;Das soll nur werden, wenn man eine Person meines
-Standes hier antrifft .... Vater Kondrat wird es
-noch erfahren! .....................&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber die Befürchtungen des Küsters lagen auf anderem
-Gebiet; am meisten fürchtete er, seine Ehehälfte
-könnte es erfahren, deren schreckliche Hand ohnehin aus
-seinem dicken Priesterzopfe ein dünnes Mauseschwänzchen
-gemacht hatte. &bdquo;Um Gottes willen, tugendhafte Solocha!&ldquo;
-sprach er, am ganzen Leibe zitternd. &bdquo;Eure
-Güte, wie es im Evangelium Lucae heißt, Kapitel
-dreiz.... dreiz.... Man klopft, bei Gott, man
-klopft! Versteckt mich doch nur irgendwo!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Solocha schüttete die Kohlen aus noch einem Sack
-in den Zuber, und der nicht besonders umfangreiche
-Küster kroch hinein und kauerte sich ganz am Boden
-des Sacks zusammen, so daß man noch einen halben
-Sack voll Kohlen über ihn hatte ausschütten können.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Grüß Gott, Solocha!&ldquo; sagte Tschub, der jetzt in
-die Stube trat. &bdquo;Du hast mich vielleicht nicht erwartet,
-was? Nicht wahr, du hast mich nicht erwartet?
-Vielleicht störe ich?&ldquo; .... fuhr Tschub fort und ließ
-auf seinem Gesichte eine verschmitzte und vielsagende
-Miene sehen, aus der man von vornherein erkennen konnte,
-wie sehr sein schwerfälliger Kopf sich abmühte, etwas recht
-Spitzes und Schelmisches zu sagen. &bdquo;Vielleicht hast du dir
-gerade mit jemandem die Zeit vertrieben. Vielleicht
-hast du doch jemanden versteckt, was?&ldquo; Und entzückt
-über diese Bemerkung brach Tschub in ein Gelächter
-aus, innerlich darüber triumphierend, daß nur er allein
-Solochas Gunst genieße. &bdquo;Nun, Solocha, trinken wir
-jetzt ein Schnäpschen. Ich glaube, mir ist die Kehle
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-ganz eingefroren von der verfluchten Kälte. Mußte uns
-Gott gerad zu Weihnachten solch eine Nacht schicken!
-Was das für ein Schneetreiben war! hörst du, Solocha,
-was das für ein Schneetreiben war .... Mir
-sind die Hände ganz steif geworden: ich kann nicht einmal
-den Pelz aufknöpfen! Wie das Schneegestöber
-losging ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mach auf!&ldquo; ertönte in diesem Augenblick eine
-Stimme von der Straße her, die von einem Stoß
-gegen die Tür begleitet wurde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es klopft jemand,&ldquo; sagte Tschub und hielt inne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mach auf!&ldquo; schrie es noch lauter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist der Schmied!&ldquo; rief Tschub und griff rasch
-nach der Mütze. &bdquo;Hörst du Solocha, versteck mich, wo
-es auch sei, um keinen Preis der Welt will ich mich
-hier vor dieser gottverdammten Mißgeburt sehen lassen.
-Diesem Satanskind sollen doch gleich unter beiden Augen
-Blasen anlaufen: so groß wie zwei Heuschober!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Solocha erschrak gleichfalls und rannte umher, als
-ob sie nicht ganz gescheit wäre. Ohne sich viel zu besinnen,
-machte sie Tschub ein Zeichen, er solle in denselben
-Sack hineinkriechen, in dem bereits der Küster
-steckte. Der arme Küster konnte nicht einmal durch
-Husten oder Ächzen seinen Schmerz kundgeben, als sich
-der schwere Mann ihm beinah auf den Kopf setzte und
-ihm seine hartgefrorenen Stiefel gegen die Schläfen
-drückte.
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied trat ein und ließ sich, ohne ein Wort
-zu reden, und ohne die Mütze abzunehmen, auf eine
-Bank sinken. Er war ersichtlich schlechter Laune.
-</p>
-
-<p>
-Zur selben Zeit, als Solocha die Tür hinter ihm
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-zumachte, ertönte ein neues Klopfen. Es war der Kosak
-Swerbygus. Aber den hätte man schon nicht mehr
-in einem Sack verstecken können, denn ein solcher Sack
-war nirgends mehr zu finden. Er war noch beleibter
-als selbst der Amtmann und höher von Wuchs als
-Tschubs Gevatter. Daher führte ihn Solocha in den
-Gemüsegarten, um alles von ihm zu hören, was er
-ihr zu sagen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied blickte zerstreut in alle Winkel seiner
-Stube und lauschte ab und zu den weit vom Dorfe herüber
-hallenden Liedern der Sänger; endlich blieben
-seine Augen an den Säcken haften. &bdquo;Wozu liegen diese
-Säcke hier? Man hätte sie schon längst wegräumen
-sollen. Die dumme Liebe hat mich ganz wirr gemacht.
-Morgen ist Feiertag, und in der Stube liegt noch immer
-aller mögliche Plunder herum. Ich trage sie gleich
-in die Schmiede!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied kauerte sich neben den riesigen Säcken
-hin, band sie fest zusammen und machte sich daran, sie
-auf seine Schultern zu heben. Aber es war ersichtlich,
-daß seine Gedanken Gott weiß wo herumspazierten;
-sonst hätte er hören müssen, wie Tschub keuchte, als
-ihm das Haar auf dem Kopfe vom Strick festgeklemmt
-wurde, und wie der feiste Amtmann ziemlich deutlich
-den Schlucken bekam.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Will mir diese abscheuliche Oxana denn gar nicht
-aus dem Sinne?&ldquo; sprach der Schmied. &bdquo;Ich will
-nicht an sie denken; und doch kreisen meine Gedanken,
-immerfort und wie zu Fleiß allein um sie. Wie
-kommt es, daß man wider Willen an etwas denken
-muß? Verflucht! Die Säcke scheinen ja schwerer
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-geworden zu sein! Sicher hat man zu den Kohlen
-noch etwas hinein gestopft. Ich Dummkopf. Ich vergesse
-ja ganz, daß mir jetzt doch alles schwerer erscheint.
-Früher konnte ich mit einer Hand eine Fünfkopekenmünze
-und ein Hufeisen zusammen- und wieder auseinanderbiegen,
-und jetzt kann ich nicht einmal mehr ein
-paar Kohlensäcke aufheben. Bald wird mich noch ein
-Windhauch umblasen .... Nein!&ldquo; rief er nach einem
-kurzen Schweigen und faßte Mut. &bdquo;Was bin ich doch
-für ein Frauenzimmer! Ich erlaube niemandem, über
-mich zu lachen! Und wenn es auch zehn solche Säcke
-wären, &mdash; ich trag sie alle weg!&ldquo; Und rüstig warf er
-sich die Säcke über die Schultern, diese Säcke, die nicht
-einmal zwei kräftige Männer hätten aufheben können.
-&bdquo;Ich nehme auch den da noch mit,&ldquo; fuhr er fort und
-hob den kleinen Sack in die Höhe, auf dessen Boden
-der Teufel zusammengekauert lag. &bdquo;Da hab ich meine
-Werkzeuge hineingetan.&ldquo; Mit diesen Worten verließ er
-das Haus, und vor sich her summte er das Liedchen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Ach vom Weibe sollt ich lassen!&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Immer lauter und lauter erklangen die Lieder und
-das Gelächter auf den Straßen. Den Scharen der
-umherziehenden Leute schlossen sich auch noch solche an, die
-aus den kleineren Nachbardörfern herbeigekommen waren.
-Die Burschen tobten umher und verübten nach Herzenslust
-allerhand Streiche. Oft auch klang in die Weihnachtsgesänge
-ein lustiges Liedchen hinein, das einer der
-jungen Kosaken eben erst verfaßt hatte. Oder plötzlich
-sang einer aus der Menge statt eines Weihnachtsliedes
-ein Silvesterliedchen und brüllte aus vollem Halse:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
- <p class="verse">Silvester, Bester!</p>
- <p class="verse">Will lecken &rsquo;nen Wecken!</p>
- <p class="verse">Will papfen &rsquo;nen Krapfen!</p>
- <p class="verse">Will Wurst nach&rsquo;m Durst!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Lautes Lachen belohnte den Spaßvogel. Die kleinen
-Fenster wurden zurückgeschoben, und die dürren
-Arme einer alten Frau, die allein mit den würdigen
-Vätern des Hauses daheimgeblieben war, streckten sich,
-mit einer Wurst oder einem Stück Kuchen in der Hand,
-hervor. Die Burschen und Mädchen hielten um die
-Wette ihre Säcke unter und fingen die Beute auf. An
-einer andern Stelle umringte ein Haufen von jungen
-Burschen mehrere Mädchen. Da gab es Lärm und Geschrei;
-der eine warf einen Schneeball, und ein anderer raubte
-einen Sack, der mit allerhand Kram angefüllt war.
-Wieder an einer anderen Stelle haschten Mädchen nach
-einem Burschen, sie stellten ihm ein Bein, und er flog
-mitsamt seinem Packen Hals über Kopf zu Boden.
-Es schien, als ob sie die ganze Nacht hindurch in toller
-Lust verbringen wollten. Die Nacht war, wie mit Absicht,
-so herrlich und milde! Und noch heller und weißer
-erschien der Mondschein vom Leuchten <a id="corr-18"></a>des Schnees!
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied machte mit seinen Säcken halt. Er
-glaubte die Stimme und das feine Lachen Oxanas in
-der Mädchenschar vernommen zu haben. Er fühlte,
-wie ihm ein Schauder durch alle Adern rann,
-warf die Säcke zu Boden, so daß der Küster im Sack
-aufstöhnte und der Amtmann aus vollem Halse aufschluckte,
-und schloß sich mit dem kleinen Sack über der
-Schulter dem Haufen der Burschen an, die hinter der
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-Schar der Mädchen herzogen, in der er die Stimme
-Oxanas vernommen zu haben glaubte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie ist es! Steht da wie eine Zarin, und ihre
-schwarzen Augen leuchten. Ein stattlicher Bursch erzählt
-ihr etwas; sicher etwas Ergötzliches, denn sie lacht.
-Aber sie lacht ja immer.&ldquo; Und unwillkürlich und
-ohne zu begreifen, wie es geschah, drängte sich der
-Schmied durch die Menge hindurch und stellte sich an
-ihre Seite.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, Wakula, du bist hier! Grüß Gott!&ldquo; rief die
-Schöne mit jenem Lächeln, das Wakula beinah wahnsinnig
-machte. &bdquo;Nun, hast du dir viel ersungen? He,
-was hast du denn da für einen kleinen Sack bei dir!
-Und die Stiefelchen der Zarin? hast du mir die schon
-gekriegt? Schaff mir die Stiefelchen, so heirate ich
-dich&ldquo; .... Und lachend lief sie mit einem Trupp
-Mädchen davon.
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied stand wie angewurzelt auf einem Fleck.
-&bdquo;Nein, ich kann nicht; ich hab keine Kraft mehr&ldquo; ....
-rief er endlich. &bdquo;Himmel Herrgott, warum ist sie nur
-so verteufelt schön? Ihr Blick, ihre Rede, alles brennt
-in mir, glüht und brennt! Nein, ich kann mich nicht
-mehr überwinden. Es muß ein Ende gemacht werden.
-So geh denn zugrunde, meine Seele! Ich will mich in
-einem Eisloch ertränken, dann ist alles aus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er eilte entschiedenen Schritts voraus, holte die Mädchen
-ein, erreichte Oxana und rief mit fester Stimme:
-&bdquo;Leb wohl, Oxana! Suche dir einen Bräutigam, wie
-du ihn haben magst, halte zum Narren, wen du willst;
-mich wirst du nie mehr auf der Welt erblicken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Schöne schien erstaunt und wollte etwas sagen,
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-aber der Schmied wehrte mit der Hand ab und
-rannte davon.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin, Wakula?&ldquo; schrien die Burschen, als sie den
-Schmied davonlaufen sahen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lebt wohl, Brüder!&ldquo; rief ihnen der Schmied zu.
-&bdquo;Wenn Gott will, sehn wir uns in jener Welt wieder,
-in dieser werden wir uns nie mehr zusammenfinden.
-Lebt wohl! Gedenkt meiner nicht in Bösem! Sagt dem
-Vater Kondrat, er möge eine Totenmesse für meine sündige
-Seele lesen. Ich weiß es, ich bin schuldig und
-habe die Kerzen an den Bildern des heiligen Wundertäters
-und der Mutter Gottes nicht bemalt, ich war zu
-sehr in irdischen Dingen befangen. Mein ganzes Hab
-und Gut und alles, was sich in meinem Kasten findet,
-vermach&rsquo; ich der Kirche. Lebt wohl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Worten lief der Schmied mit dem Sacke
-auf dem Rücken weiter!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist von Sinnen!&ldquo; sprachen die Burschen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine verlorene Seele!&ldquo; murmelte fromm eine vorübergehende
-Alte. &bdquo;Ich muß doch gleich herumgehen und
-allen erzählen, wie sich der Schmied erhängt hat!&ldquo;
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Unterdessen lief Wakula durch die Straßen; endlich
-blieb er stehen, um Luft zu schöpfen. &bdquo;Wohin renne ich
-eigentlich so?&ldquo; dachte er. &bdquo;Als ob wirklich alles verloren
-wäre. Ich will noch das letzte Mittel versuchen.
-Ich gehe zum Saporoger, zu Patzjuk Schmerbauch. Der
-soll doch alle Teufel in der Welt kennen und alles machen
-können, was er will. Ich geh zu ihm, meine Seele ist
-ja ohnehin verloren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Teufel, der lange regungslos dagelegen war,
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-hüpfte im Sack vor Freude; der Schmied aber glaubte,
-er selbst hätte den Sack irgendwie mit der Hand berührt
-und diese Bewegung hervorgerufen, schlug mit seiner
-mächtigen Faust auf den Sack, rüttelte ihn und begab
-sich zu Patzjuk Schmerbauch.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Schmerbauch Patzjuk war in der Tat vormals
-ein Saporoger Kosak gewesen; aber niemand wußte, ob
-er aus der Gemeinschaft vertrieben oder von selbst davongelaufen
-war. Er lebte schon seit langem in Dikanka,
-vielleicht an die zehn oder gar fünfzehn Jahre.
-Zuerst führte er den Lebenswandel eines echten Saporogers:
-arbeitete nicht, schlief dreiviertel des Tages, aß
-wie sechs Drescher und trank einen ganzen Eimer voll
-auf einen Zug; übrigens hatte der auch bequem Platz,
-denn obwohl Patzjuk klein von Statur war, war er doch
-recht stark in die Breite gegangen. Dazu trug er so
-weite Pluderhosen, daß seine Beine, so lang er auch ausschreiten
-mochte, kaum zu sehen waren, und daß es den
-Eindruck machte, als ob sich eine Branntweinkufe die
-Straße entlang bewege. Daher mochte wohl auch sein
-Spitzname Schmerbauch stammen. Noch waren keine
-vierzehn Tage seit seiner Ankunft im Dorfe verstrichen,
-da wußte schon jedermann, daß er ein Hexenmeister sei.
-Hatte jemand irgend eine Krankheit, sogleich wurde
-Patzjuk gerufen, Patzjuk brauchte nur ein paar Worte
-zu murmeln und das Gebrechen war wie mit der Hand
-weggewischt. Oder geschah es, daß einem unmäßigen
-Edelmann eine Fischgräte in der Kehle stecken geblieben
-war, so verstand es Patzjuk, den Rücken des Herrn so
-geschickt mit der Faust zu beklopfen, daß die Gräte den
-rechten Weg einschlug, ohne der adligen Kehle auch nur
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-den leisesten Schaden zuzufügen. In der letzten Zeit
-hatte man ihn wenig gesehen. Der Grund davon lag
-vielleicht in seiner Faulheit, vielleicht aber auch in dem
-Umstande, daß es ihm mit jedem Jahre schwerer wurde,
-durch die Tür zu kommen. Und so mußten denn die
-Leute zu ihm in sein Haus kommen, wenn sie seiner bedurften.
-</p>
-
-<p>
-Nicht ohne Furcht öffnete der Schmied die Tür und
-erblickte Patzjuk, der wie ein Türke auf dem Boden und vor
-einem kleinen Fasse saß, auf dem eine Schüssel mit Klößen
-stand. Diese Schüssel stand wie mit Absicht gerade vor
-seiner Nase. Ohne auch nur einen Finger zu rühren,
-neigte er bloß den Kopf leise über die Schüssel und
-schlürfte die Brühe ein, ab und zu schnappte er auch
-mit den Zähnen nach einem Kloß.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; dachte Wakula bei sich, &bdquo;der da ist noch
-fauler als Tschub: jener ißt doch wenigstens noch mit
-einem Löffel, dieser aber mag nicht einmal die Hand
-aufheben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Patzjuk war sicherlich mächtig mit seinen Klößen beschäftigt,
-denn er schien das Kommen des Schmiedes
-gar nicht bemerkt zu haben; kaum aber war dieser über
-die Schwelle getreten, so machte er eine tiefe Verbeugung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich komme zu Euer Gnaden, Patzjuk!&ldquo; sagte Wakula
-und verbeugte sich von neuem.
-</p>
-
-<p>
-Der dicke Patzjuk erhob den Kopf und begann wieder
-die Kloßbrühe zu schlürfen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Leute sagen, &mdash; nimm es mir nicht übel ....&ldquo;
-sagte der Schmied, indem er sich selbst Mut zusprach,
-&bdquo;ich sag&rsquo;s nicht, um dich zu beleidigen &mdash; die Leute sagen,
-du bist mit dem Teufel verschwägert!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-Kaum hatte Wakula diese Worte gesprochen, so erschrak
-er schon, denn er dachte, er hätte sich zu eindeutig
-ausgedrückt und die herben Worte nicht genügend gemildert.
-Er erwartete, daß Patzjuk das Faß mitsamt
-der Schüssel packen und ihm an den Kopf werfen würde;
-darum wich er etwas zur Seite und hielt sich den Arm
-vor, damit die heiße Kloßbrühe ihm nicht das Gesicht
-bespritze.
-</p>
-
-<p>
-Aber Patzjuk blickte ruhig vor sich hin und aß
-weiter.
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied entschloß sich ermutigt, fortzufahren:
-&bdquo;Ich komme zu dir, Patzjuk; Gott schenke Dir viel
-Reichtum, gebe dir alles in Hülle und Fülle, und auch
-Brot in Proportion!&ldquo; Der Schmied verstand es sehr
-wohl, ab und zu ein neumodisch Wörtchen in seine
-Rede einzuflechten. Das hatte er sich während seines
-Aufenthaltes in Poltawa angewöhnt, als er den Bretterzaun
-des Hauptmanns tünchte. &bdquo;Ich armer Sünder
-muß zugrunde gehen!! Nichts in der Welt kann mir
-mehr helfen! Komme, was kommen mag. Es bleibt
-mir nichts mehr übrig, als den Teufel selbst um Beistand
-zu bitten. Also, Patzjuk,&ldquo; rief der Schmied, als
-er bemerkte, daß jener unerschütterlich schwieg, &bdquo;was
-soll ich anfangen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn du den Teufel brauchst, so scher dich doch
-auch zum Teufel!&ldquo; antwortete Patzjuk, richtete nicht einmal
-die Augen auf ihn, und fuhr fort, seine Klöße zu
-vertilgen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Deshalb komme ich ja eben zu dir,&ldquo; erwiderte
-der Schmied mit einer Verbeugung, &bdquo;außer dir, glaube
-ich, weiß niemand den Weg zu ihm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-Patzjuk sprach kein Wort &mdash; und aß seine Klöße
-zu Ende. &bdquo;Erbarm dich, guter Mensch, schlag mir die
-Bitte nicht ab!&ldquo; drängte der Schmied. &bdquo;Ob Schweinefleisch
-oder Wurst, ob Leinewand oder Hirse, &mdash; oder
-Buchweizenmehl, und alles, was du brauchst ....
-wie es so unter guten Leuten Sitte ist .... es soll
-dir an nichts fehlen. Sage mir doch nur so beispielsweise,
-welcher Weg zu ihm führt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der braucht nicht weit zu gehen, der den Teufel
-auf dem Buckel hat,&ldquo; sprach Patzjuk gleichgültig, ohne
-seine Stellung zu verändern.
-</p>
-
-<p>
-Wakula starrte ihn an, als stände die Erklärung
-dieser Worte auf seiner Stirne zu lesen. &bdquo;Was spricht
-er?&ldquo; schien seine Miene stumm zu fragen; und sein
-halbgeöffneter Mund bereitete sich vor, das erste Wort,
-das er sagen würde, zu verschlingen wie ein Klößchen.
-Aber Patzjuk schwieg.
-</p>
-
-<p>
-Da merkte Wakula, daß weder Klöße noch ein Faß
-vor Patzjuk standen; statt dessen aber standen zwei Holzschüsseln
-auf dem Boden: die eine war mit Krapfen,
-die andere mit Rahm gefüllt. Seine Gedanken und
-seine Augen wandten sich unwillkürlich diesen Gerichten
-zu. &bdquo;Sehn wir mal zu, wie Patzjuk die Krapfen
-essen wird,&ldquo; sagte er zu sich selbst. &bdquo;Er wird sich sicher
-nicht bücken wollen, um sie mit dem Mund einzuschlürfen,
-wie die Klöße; es geht ja auch gar nicht: man
-muß den Krapfen ja zuerst in den Rahm tunken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Doch kaum hatte er dies gedacht, da sperrte Patzjuk
-seinen Mund weit auf, blickte auf die Krapfen und riß
-dann den Mund noch weiter auf. Da plantschte ein
-Krapfen aus der Schüssel, fiel klatschend in den Rahm,
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-drehte sich auf die andere Seite, hüpfte hoch empor und
-fiel ihm stracks in den Mund. Patzjuk verzehrte den
-Krapfen, machte den Mund wieder auf, und mit einem
-anderen Krapfen geschah dasselbe. Er selbst mußte sich
-nur die Mühe nehmen, zu kauen und ihn zu verschlucken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Potztausend!&ldquo; dachte der Schmied und machte vor
-Verwunderung den Mund weit auf; aber da merkte er,
-daß auch ihm ein Krapfen in den Mund hineinspazierte,
-und schon waren seine Lippen mit Rahm beschmiert.
-Der Schmied stieß den Krapfen verwirrt von sich,
-wischte sich die Lippen und begann darüber nachzudenken,
-was für Wunder es doch in der Welt gäbe,
-und bis zu welchen Spitzfindigkeiten des Satans Macht
-einen Menschen gelangen ließe; und er sagte sich beiläufig,
-daß nur Patzjuk imstande sei, ihm zu helfen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will mich noch einmal verbeugen, vielleicht
-sagt er&rsquo;s mir .... Aber, Teufel! Morgen ist ja
-Weihnachten, und er ißt Krapfen &mdash; das ist doch kein
-Fastenessen! Was bin ich doch für ein Dummkopf:
-steh da und belade mich mit Sünde! Zurück! ....&ldquo;
-Und der gottesfürchtende Schmied stürzte aus dem Hause.
-</p>
-
-<p>
-Da aber konnte der Teufel, der im Sack saß und
-sich schon im Voraus gefreut hatte, vor Angst, es könne
-ihm eine so großartige Beute entgehen, nicht mehr an
-sich halten. Kaum ließ der Schmied den Sack zu Boden
-gleiten, so sprang er flugs hinaus und setzte sich rittlings
-auf seinen Hals.
-</p>
-
-<p>
-<a id="corr-19"></a>Den Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde
-totenbleich, und wußte einfach nicht, was er tun sollte;
-schon wollte er sich bekreuzigen .... Aber der Teufel
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-neigte sein Hundeschnäuzchen an Wakulas rechtes Ohr
-und sagte: &bdquo;Ich bin&rsquo;s, dein Freund; ich werde alles für
-meinen Kameraden und Genossen tun! Ich gebe dir
-Geld, soviel du willst,&ldquo; murmelte er ihm ins linke
-Ohr. &bdquo;Oxana wird heute noch die Unsere sein,&ldquo; flüsterte
-er, sein Maul wieder zum rechten Ohr neigend. Der
-Schmied stand da und sann. &bdquo;Schön,&ldquo; sagte er endlich,
-&bdquo;um diesen Preis bin ich bereit, dir anzugehören!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Teufel schlug die Hände zusammen und begann
-vor Freude auf dem Halse des Schmiedes auf und ab
-zu hüpfen. &bdquo;Jetzt habe ich den Schmied!&ldquo; dachte er
-bei sich. &bdquo;Gut, mein Täubchen, du sollst mir all deine
-Malereien und Schmierereien, mit denen du den Teufel
-verspottet hast, bezahlen! was werden meine Genossen
-dazu sagen, wenn sie erfahren, daß der frömmste Mann
-des Dorfes in meinen Händen ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und der Teufel lachte und stellte sich vor, wie er in
-der Hölle die geschwänzte Rotte necken werde; und wie
-der hinkende Teufel, der als Meister aller satanischen
-Streiche galt, Wut schnauben würde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na Wakula!&ldquo; piepste der Teufel, der den Hals
-des Schmiedes immer noch nicht verlassen hatte, gerade
-als ob er befürchtete, jener könne ihm entwischen. &bdquo;Du
-weißt ja, daß ohne Vertrag nichts unternommen wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin bereit!&ldquo; sagte der Schmied. &bdquo;Wie ich gehört
-habe, unterzeichnet man bei euch die Verträge mit
-Blut; halt, ich hol mir nur einen Nagel aus der Tasche!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dabei griff er mit der Hand nach hinten &mdash; und
-siehe &mdash; er hatte den Teufel am Schwanze gepackt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ei ei, du Schäker!&ldquo; rief der Teufel lachend, &bdquo;jetzt
-aber laß los, genug der Schelmenstreiche!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-&bdquo;Nein, warte mein Täubchen!&ldquo; schrie der Schmied.
-&bdquo;Und was sagst du dazu?&ldquo; Dabei machte er das
-Zeichen des Kreuzes, und der Teufel wurde lammstill.
-&bdquo;Warte mal!&ldquo; rief er und zerrte ihn am Schwanze zu
-Boden. &bdquo;Ich will dich lehren, ehrliche Leute und anständige
-Christenmenschen in Sünden zu stürzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und der Schmied sprang rittlings auf ihn und hob
-die Hand empor, um das Zeichen des Kreuzes zu machen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hab Erbarmen, Wakula!&ldquo; stöhnte der Teufel kläglich.
-&bdquo;Ich tue ja alles, was du willst; nur verschone
-mich; lege mir nur nicht dies furchtbare Kreuz auf.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt singst du schon ein andres Lied, du gottverdammter
-Welschling du! Nun weiß ich, was ich zu tun
-habe. Führe mich sofort im Ritt auf und davon. Hörst
-du? eile dahin wie ein Vogel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin?&ldquo; rief der Teufel traurig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nach Petersburg, geradewegs zu der Zarin!&ldquo; Aber
-da erstarrte der Schmied vor Schreck, denn er fühlte,
-wie er in die Lüfte emporgehoben wurde.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Noch lange stand Oxana da und dachte an die sonderbaren
-Reden des Schmieds. Schon regte sich etwas
-in ihrem Innern und raunte ihr zu, sie habe ihn zu
-hart behandelt. &bdquo;Und wenn er sich wirklich etwas
-Schreckliches antut? Nichts ist unmöglich! Vielleicht
-verliebt er sich noch am Ende aus Kummer in eine
-andere und wird sie aus lauter Aerger für die Schönste
-im Dorfe erklären. Aber nein, er liebt mich. Ich bin
-ja auch so schön! Er wird mir keine andere vorziehen;
-er treibt nur Unsinn und tut nur so. Es werden noch
-keine zehn Minuten verstreichen, und er wird wiederkommen,
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-um mich zu sehen. Ich bin wirklich zu hartherzig.
-Ich muß mich einmal scheinbar widerwillig von
-ihm küssen lassen. Das wird eine Freude für ihn sein!&ldquo;
-Und die leichtsinnige Schöne fing schon wieder an, mit
-ihren Freundinnen zu scherzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt!&ldquo; rief die eine von ihnen, &bdquo;der Schmied hat
-seine Säcke vergessen; o schaut nur, was für gräßliche
-Säcke das sind! Er hat ganz andre Geschenke für seinen
-Gesang bekommen als wir; ich glaube, man hat ihm
-ein ganzes Viertel von einem Hammel geschenkt, und
-sicherlich Würste und Brote ohne Zahl. Prächtig! Da kann
-man die ganzen Feiertage davon essen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sind das die Säcke des Schmiedes?&ldquo; rief Oxana.
-&bdquo;Schleppen wir sie doch zu mir in die Stube und sehn
-wir zu, was er alles drin hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alle billigten lachend diesen Vorschlag.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber wir können sie nicht in die Höhe heben!&ldquo;
-rief auf einmal die ganze Schar, die bemüht war, die
-Säcke vom Platze zu rücken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt,&ldquo; meinte Oxana, &bdquo;holen wir einen Schlitten
-und schleppen wir sie auf dem Schlitten zu mir!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und die ganze Schar lief fort, um einen Schlitten
-zu holen.
-</p>
-
-<p>
-Den Gefangenen wurde indessen in den Säcken die
-Zeit gewaltig lang, wenn auch der Küster sich ein tüchtiges
-Loch in den Sack gebohrt hatte. Wären keine Leute
-dagewesen, so hätte er vielleicht auch noch ein Mittel gefunden,
-herauszukriechen; aber in Gegenwart aller aus
-dem Sack zu kriechen, sich lächerlich zu machen ....
-dieser Gedanke hielt ihn zurück, und er beschloß daher,
-zu warten; und nur hie und da stöhnte er unter Tschubs
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-unhöflichen Stiefeln schmerzlich auf. Tschub selbst aber
-sehnte sich nicht minder nach Freiheit, denn er fühlte,
-daß ein gewisses Etwas unter ihm lag, auf dem ganz
-grauenhaft unbequem zu sitzen war. Sobald er aber
-vom Entschluß seiner Tochter vernahm, beruhigte er sich
-und wollte jetzt schon selbst nicht mehr zum Vorschein
-kommen, denn er dachte daran, daß es bis zu seinem
-Hause noch mindestens hundert Schritt oder gar noch
-mehr waren; hätte er aber hinauskriechen wollen, so
-hätte er seine Kleidung ordnen, den Pelz zuknöpfen, und
-sich den Gurt umbinden müssen &mdash; welche Arbeit! Und
-dann war auch seine Mütze bei der Solocha geblieben.
-Da sollten ihn doch lieber die Mädel nach Hause fahren!
-Es kam jedoch ganz anders, als Tschub erwartet hatte.
-Während die Mädchen davonliefen, um einen Schlitten
-zu holen, trat der hagere Gevatter verstört und mißgestimmt
-aus dem Wirtshaus. Die Schankfrau hatte
-sich durchaus nicht entschließen können, ihm zu
-borgen. Er wollte im Wirtshause abwarten, ob nicht
-irgendein frommer Edelmann kommen und ihm was
-vorsetzen würde; aber wie zum Trotz waren alle Edelleute
-zu Hause geblieben und verzehrten als ehrliche
-Christen ihren Weihnachtskuchen inmitten ihrer Familie.
-Wie nun der Gevatter so über die allgemeine Sittenverderbnis
-und das steinerne Herz des Judenweibs, das
-den Schnaps feilhielt, nachdachte, stieß er plötzlich auf
-die Säcke und blieb erstaunt stehen. &bdquo;Schau, schau, hier
-hat jemand Säcke auf die Straße geworfen!&ldquo; sagte er
-und sah sich um. &bdquo;Wahrscheinlich ist Schweinefleisch
-drin. Es gehört doch ein großes Glück dazu, sich so
-viel zu ersingen! Was für riesige Säcke! Angenommen
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-selbst, sie wären nur mit Buchweizenbroden und
-Brezeln gefüllt, das wär&rsquo; auch gar nicht übel, aber selbst
-wenn nur einfaches Brot darin wäre, so ließe ich mir
-auch das gefallen: die verfluchte Jüdin gibt ein Achtel
-Schnaps für jeden Laib. Ich will sie rasch fortschleppen,
-so daß niemand es sieht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da wälzte er sich den einen Sack, gerade den mit
-Tschub und dem Küster, auf die Schulter, fühlte jedoch, daß
-er zu schwer sei. &bdquo;Nein, für mich allein ist der zu schwer,&ldquo;
-rief er. &bdquo;Aber da kommt ja gerad wie gerufen der
-Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, <a id="corr-21"></a>Ostap!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Guten Abend!&ldquo; erwiderte der Weber und blieb
-stehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin gehst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ganz ohne Ziel, wohin mich gerad die Füße tragen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hilf mir doch die Säcke forttragen, lieber Mensch,
-da hat jemand seine Weihnachtsgeschenke hergeschleppt
-und sie mitten auf der Straße hingeschmissen. Wir
-wollen das Gut redlich unter uns teilen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Säcke? Und was ist drin? Kuchen oder Brot?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube, es ist von allem etwas drin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie rissen schnell eine Latte vom Zaun, legten die
-Säcke darauf und trugen sie auf den Schultern fort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin wollen wir sie tragen? Ins Wirtshaus?&ldquo;
-fragte der Weber unterwegs.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hab&rsquo;s mir auch gedacht; aber die verdammte
-Jüdin wird uns am Ende nicht recht trauen, sie wird
-glauben, wir hätten sie gestohlen, und außerdem <em>komme</em>
-ich gerade aus dem Wirtshaus. Tragen wir den Sack
-zu mir. Niemand wird uns stören: meine Frau ist
-nicht zu Hause.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-&bdquo;Ist sie auch sicher nicht zu Hause?&ldquo; fragte der vorsichtige
-Weber.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sind ja, Gott sei Dank, noch bei vollem Verstande,&ldquo;
-sagte der Gevatter, &bdquo;nur der Teufel könnte mich
-dorthin bringen, wo sie jetzt ist. Ich glaube, sie wird
-sich bis morgen früh mit den Weibern herumtreiben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer ist da?&ldquo; rief die Frau des Gevatters, als sie
-den Lärm hörte, den die beiden Freunde im Flur mit
-dem Sack machten, und öffnete die Tür.
-</p>
-
-<p>
-Der Gevatter war starr vor Schrecken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, da haben wir die Bescherung!&ldquo; rief der Weber
-und ließ die Arme sinken.
-</p>
-
-<p>
-Des Gevatters Frau war so ein Juwel, wie es deren
-durchaus nicht wenige in der Welt gibt. Genau wie ihr Gemahl
-saß sie fast niemals zu Hause und schmarotzte
-fast den ganzen Tag lang bei allerhand Basen und
-wohlhabenden Muhmen umher, schmeichelte sich bei ihnen
-ein, aß mit vielem Appetit und prügelte sich nur am Morgen
-mit ihrem Manne herum, denn bloß um diese Tageszeit
-pflegte sie ihn zuweilen zu sehen. Ihre Hütte war
-doppelt so alt wie die Pluderhosen des Gemeindeschreibers.
-Das Dach hatte an manchen Stellen gar
-kein Stroh mehr, und vom Zaun waren nur noch ein
-paar klägliche Überreste übrig, denn kein Mensch pflegte
-beim Ausgehen noch einen Stock zur Abwehr der Hunde
-mitzunehmen, weil jeder hoffte, am Gemüsegarten des
-Webers vorüberzugehen und sich da einen Knüppel aus
-seinem Zaun reißen zu können. Der Ofen wurde oft
-drei Tage lang nicht geheizt. Alles, was die zärtliche
-Gattin bei gutherzigen Leuten zu erbetteln pflegte, verbarg
-sie möglichst vor ihrem Manne, und manchmal
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-nahm sie sogar Sachen als Beute an sich, die ihm
-gehörten, falls er sie noch nicht in der Schenke versoffen
-hatte. Der Gevatter wollte ihr trotz seiner ewigen
-Gleichgültigkeit doch nicht nachgeben, daher verließ er auch
-das Haus fast immer mit ein paar Beulen unter beiden
-Augen, und die geschätzte Ehehälfte trollte sich ächzend
-zu ihren alten Weibern, um ihnen von der Lüderlichkeit
-ihres Mannes und von den Schlägen vorzuklatschen, die
-sie zu ertragen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Man kann sich ausmalen, wie verblüfft der Weber
-und der Gevatter durch ihr unerwartetes Erscheinen waren.
-Sie ließen den Sack zu Boden sinken, stellten sich vor
-ihn hin und bedeckten ihn mit ihren Rockschößen; aber
-schon war es zu spät; des Gevatters Frau hatte den
-Sack schon erblickt, obwohl ihre alten Augen nur noch
-schlecht sahen. &bdquo;Das ist aber fein!&ldquo; sagte sie mit einer
-Miene, in der die Freude eines Habichts aufzuckte.
-&bdquo;Das ist fein, daß ihr euch so viel zusammengesungen
-habt! Anständige Leute machen es immer so. Aber
-nein, ich glaube doch, ihr habt es irgendwo stibitzt.
-Zeigt mir&rsquo;s sofort, hört ihr, zeigt mir sofort, was ihr
-in eurem Sacke habt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht zeigt dir&rsquo;s ein kahlköpfiger Teufel, aber
-nicht wir,&ldquo; sagte der Gevatter und stellte sich in Positur.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was geht dich das an?&ldquo; sagte der Weber, &bdquo;<em>wir</em>
-haben das für unseren Gesang bekommen und nicht du!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, du sollst es mir zeigen, du nichtsnutziger
-Trunkenbold!&ldquo; rief die Frau, versetzte dem langaufgeschossenen
-Gevatter einen Schlag unters Kinn und
-drängte sich an den Sack heran. Jedoch der Weber
-und der Gevatter verteidigten den Sack tapfer und
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-nötigten sie zum Rückzuge. Kaum aber hatten sie Zeit,
-sich recht zu besinnen, als die Gattin schon mit einem
-Feuerhaken in der Hand wieder auf den Flur herausgerannt
-kam. Sie schlug ihrem Mann flink mit dem
-Haken auf die Hände und dem Gevatter übern Rücken,
-und schon stand sie neben den Säcken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum haben wir sie herangelassen?&ldquo; rief der
-Weber, als er wieder zu sich gekommen war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, warum haben wir sie herangelassen! Warum
-hast du sie herangelassen?&ldquo; sagte der Gevatter kaltblütig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihr habt wohl einen eisernen Ofenhaken!&ldquo; sagte
-der Weber nach kurzem Schweigen, indem er sich den
-Rücken kratzte. &bdquo;Meine Frau hat im vorigen Jahr auf
-dem Jahrmarkt einen Ofenhaken gekauft und ein halb
-Schock Eier für ihn gegeben: der ist besser ..... er
-tut nicht so weh ......!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen stellte die triumphierende Gattin ihr Lämpchen
-auf den Boden, band den Sack auf und blickte
-hinein.
-</p>
-
-<p>
-Aber ihre alten Augen, die den Sack doch so gut
-wahrgenommen hatten, täuschten sie wohl diesmal. &bdquo;He,
-da liegt ja ein ganzer Eber!&ldquo; rief sie, vor Freude in die
-Hände klatschend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Eber! Hörst du, ein ganzer Eber!&ldquo; rief der
-Weber und puffte den Gevatter in die Seite, &bdquo;du allein
-hast an allem schuld!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist da zu machen!&ldquo; rief der Gevatter achselzuckend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was? Warum stehen wir auch so ruhig da?
-Nehmen wir ihr doch den Sack ab! Pack dich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-&bdquo;Vorwärts marsch, du Teufelsweib! Der Eber gehört
-uns!&ldquo; rief der Gevatter und rückte vor. Seine
-Gattin griff wieder zum Ofenhaken, aber in diesem
-Augenblick kroch Tschub aus dem Sack und stellte sich
-breitbeinig mitten im Flur hin, indem er sich dehnte
-und reckte, wie ein Mensch, der soeben aus einem langen
-Schlafe erwacht ist.
-</p>
-
-<p>
-Des Gevatters Frau stieß einen Schrei aus, schlug
-die Hände zusammen, und alle miteinander sperrten
-unwillkürlich die Mäuler auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was faselt sie da von einem Eber, diese Närrin!
-Das ist doch kein Eber,&ldquo; sagte der Gevatter, die Augen
-weit aufreißend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh einer an, was für einen Kerl sie da in den
-Sack gesteckt haben!&ldquo; rief der Weber, vor Schreck zurückweichend.
-&bdquo;Sag, was du willst, ich will auf der
-Stelle platzen, wenn da nicht der Böse seine Hand im
-Spiel hat. Der da kann doch durch kein Fenster,
-geschweige denn in einen Sack geraten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ja Gevatter Tschub!&ldquo; rief der Gevatter, als
-er näher zusah.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und was dachtest du?&ldquo; rief Tschub schmunzelnd.
-&bdquo;Was? habe ich euch einen Schabernack gespielt? Ihr
-wolltet mich wohl schon gar verspeisen, wie ein Stück
-Schweinefleisch? Wartet nur, ich will euch noch eine
-Freude bereiten: im Sacke liegt noch etwas, wenn das
-kein Eber ist, so ist&rsquo;s sicher ein Ferkel oder irgendein
-anderes Vieh. Es hat fortwährend unter mir gezappelt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Weber und der Gevatter stürzten sich auf den
-Sack, die Hausfrau klammerte sich auf der anderen Seite
-an ihn und das Gefecht wäre wieder losgegangen, wenn
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-nicht der Küster, der einsah, daß er sich nirgends mehr
-verbergen konnte, von selbst aus dem Sacke herausgekrochen
-wäre.
-</p>
-
-<p>
-Die Frau des Gevatters wurde starr wie Stein
-und ließ den Fuß los, an dem sie den Küster bereits
-aus dem Sacke ziehen wollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also noch einer!&ldquo; rief der Weber in heller Angst.
-&bdquo;Der Teufel mag wissen, was in der Welt los ist ....
-Der Kopf dreht sich mir im Kreise herum .... Weder
-Würste noch Brot, sondern lauter Menschen wirft
-man jetzt in die Säcke!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist der Küster!&ldquo; rief Tschub, der noch mehr
-erstaunt war, als die anderen. &bdquo;Da haben wir&rsquo;s! Ei,
-ei, die Solocha! Die Menschen in einen Sack zu
-stecken .... Ich dachte mir gleich: warum ist nur die
-Stube voller Säcke .... Jetzt weiß ich alles: bei ihr
-saßen zwei Kerle in jedem Sacke. Und ich glaubte, daß
-sie mir allein .... Ei, ei! diese Solocha!&ldquo;
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Die Mädchen waren einigermaßen erstaunt, als sie
-den einen Sack nicht mehr fanden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, da ist nichts zu machen, wir werden auch
-an dem anderen genug haben!&ldquo; meinte Oxana.
-</p>
-
-<p>
-Alle ergriffen den Sack und wälzten ihn auf den
-Schlitten. Der Amtmann beschloß zu schweigen, denn
-er bedachte die Folgen, wenn er schrie, man solle den
-Sack aufbinden; die dummen Mädel würden auseinanderlaufen,
-würden glauben, im Sacke sitze der Teufel,
-und er müßte dann vielleicht bis morgen auf der Straße
-bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Indes flogen die Mädchen, Hand in Hand, wie der
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-Sturmwind mit dem Schlitten über den knisternden
-Schnee. Einige von ihnen setzten sich mutwillig auf
-den Schlitten; und manche setzten sich sogar auf den
-Amtmann selbst. Der Amtmann aber war entschlossen,
-alles zu ertragen.
-</p>
-
-<p>
-Endlich waren sie angekommen, sie rissen die Türen
-zum Flur und zur Stube weit auf und schleppten den
-Sack unter lautem Gelächter hinein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehn wir zu, was drin ist,&ldquo; riefen alle auf einmal
-und beeilten sich, ihn aufzubinden.
-</p>
-
-<p>
-Da aber wurde der Schlucken, der nicht aufgehört
-hatte, den Amtmann während der ganzen Zeit seines
-Aufenthalts im Sack zu quälen, so arg, daß der laut
-aufzuschlucksen und zu husten begann.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, da sitzt ja jemand drin!&ldquo; schrien alle, und
-stürzten erschrocken zur Tür.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was Teufel! Wohin rennt ihr denn alle, als ob
-ihr nicht gescheit seid?&ldquo; fragte Tschub, der in die Türe
-trat.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, Vater!&ldquo; rief Oxana, &bdquo;im Sacke sitzt jemand!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Im Sacke? Wo habt ihr diesen Sack her?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Schmied hat ihn mitten auf die Straße hingeschmissen,&ldquo;
-riefen alle zugleich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na also; hab ich&rsquo;s nicht gleich gesagt? ....&ldquo;
-dachte Tschub bei sich. &bdquo;Worüber seid ihr so erschrocken?
-Wir wollen doch mal nachsehn. Holla, Menschenskind &mdash;
-nimm&rsquo;s mir nicht übel, daß ich dich nicht bei deinem
-Vor- und Zunamen rufe &mdash; kriech mal aus dem Sack
-heraus!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Amtmann kroch heraus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah!&ldquo; riefen die Mädchen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-&bdquo;Auch der Amtmann war also dabei,&ldquo; sprach Tschub
-verblüfft zu sich, und maß ihn vom Kopfe bis zu den
-Füßen. &bdquo;So so? .... Hehe! ....&ldquo; Mehr konnte
-er nicht hervorbringen.
-</p>
-
-<p>
-Der Amtmann selbst war nicht minder verlegen und
-wußte nicht, was er anfangen sollte. &bdquo;Es ist wohl recht
-kalt draußen?&ldquo; fragte er, zu Tschub gewandt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein mächtiges Frostwetter,&ldquo; antwortete Tschub.
-&bdquo;Darf ich dich fragen: womit schmierst du eigentlich
-deine Stiefel: mit Schmalz oder mit Teer?&ldquo; Er
-hatte natürlich etwas ganz andres sagen wollen, und
-fragen wollen: &bdquo;Wieso kommst du, der Amtmann, in
-den Sack?&ldquo; und er wußte selbst nicht, wie es kam, daß
-er etwas ganz anderes gesagt hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit Teer ist&rsquo;s besser,&ldquo; erwiderte der Amtmann.
-&bdquo;Leb wohl, Tschub!&ldquo; Und er drückte die Mütze in die
-Stirn und verließ die Stube.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum habe ich so dumm gefragt, womit er seine
-Stiefel schmiert!&ldquo; rief Tschub, auf die Tür blickend,
-durch die der Amtmann hinausgegangen war. &bdquo;Ei, ei,
-diese Solocha! Solch einen Herrn in den Sack zu stecken!
-Dieses Teufelsweib! Und ich Dummkopf .... Aber
-wo ist nur der verfluchte Sack geblieben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe ihn in die Ecke geschmissen, es ist nichts
-mehr drin,&ldquo; sagte Oxana.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kenne diese Scherze schon. Nichts drin! Gib
-ihn mal her: dort sitzt doch noch jemand! Schüttelt
-ihn nur mal ordentlich. Wie? ist wirklich nichts drin?
-Ei, <em>so</em> ein verfluchtes Weibsbild! Und dabei ist sie
-von Aussehen die reinste Heilige, als ob sie noch nie was
-anderes als Fastenspeisen gekostet hätte .....!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-Aber lassen wir Tschub in aller Gemütlichkeit seinen
-Ärger verpuffen und kehren wir zu dem Schmied zurück;
-denn es geht gewiß schon in die neunte Stunde.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Zuerst war&rsquo;s Wakula sehr unheimlich zumute, besonders
-als er so hoch oben schwebte, daß er unten auf
-der Erde nichts mehr unterscheiden konnte, und als er wie
-eine Fliege hart am Monde vorbeigeflogen kam, so daß er,
-hätte er sich nicht etwas gebückt, den Mond mit der
-Mütze gestreift hätte. Bald darauf faßte er jedoch Mut,
-und begann wieder über den Teufel zu scherzen. Es ergötzte
-ihn außerordentlich, wie der Teufel jedesmal, wenn
-Wakula sein Kreuz aus Zedernholz vom Halse nahm und
-es ihm vor die Nase hielt, niesen und prusten mußte.
-Absichtlich erhob er die Hand, um sich den Kopf zu
-kratzen, aber der Teufel dachte, er greife nach dem Kreuze
-und flog noch rascher dahin. Alles in der Höhe leuchtete
-hell. Die Luft schimmerte durchsichtig in dem sanften
-silbernen Nebel. Alles war klar zu sehen und man
-konnte sogar wahrnehmen, wie ein Zauberer rittlings
-auf einem Topfe sitzend an ihnen vorüberjagte, wie die
-Sterne, zu einem Haufen geballt, Blindekuh spielten,
-wie ein ganzes Rudel Geister sich gleich Wolken dahin
-wälzte, wie ein im Mondschein tanzender Teufel beim
-Anblick des daherreitenden Schmiedes die Mütze zog,
-und wie ein Besen, auf dem offensichtlich soeben eine Hexe
-zu ihrem Ziel geritten war, heimwärts flog ......!
-Und noch vieles andere und mancherlei böses Gesindel
-trafen sie auf ihrem Wege. Beim Anblick des
-Schmiedes machten alle halt, um ihn anzusehen, und
-dann rasten sie zu ihren Verrichtungen weiter; der
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-Schmied flog immer weiter und weiter, und auf einmal
-leuchtete Petersburg ganz in Feuer gehüllt vor ihm auf.
-(Damals fand dort aus irgend einem Anlaß gerade eine
-Illumination statt.) Der Teufel flog über den Schlagbaum
-hinweg, verwandelte sich in ein Roß, und der
-Schmied fand sich plötzlich mitten auf der Straße auf
-einem hitzigen Renner wieder.
-</p>
-
-<p>
-Himmel Herrgott! War das ein Lärmen, Rasseln
-und Funkeln; auf beiden Seiten ragten vier Stockwerk
-hohe Mauern in die Höhe; das Stampfen der Pferdehufe
-und das Rollen der Wagenräder hallte donnernd
-aus allen vier Himmelsrichtungen wider; da schossen
-Häuser empor und schienen auf Schritt und Tritt der
-Erde zu entsteigen; Brücken bebten; Equipagen flogen
-dahin, Kutscher und Vorreiter brüllten; der Schnee pfiff
-unter den tausenden, von allen Seiten vorbeifliegenden
-Schlitten; die Fußgänger drückten sich ängstlich an
-die Häuser, die mit Lämpchen übersät waren; und
-ihre riesigen Schatten huschten über die Wände und
-reichten mit den Köpfen bis an die Dächer und
-Schornsteine.
-</p>
-
-<p>
-Voller Staunen sah sich der Schmied nach allen
-Seiten um. Es schien ihm, als ob alle diese Häuser
-ihre zahllosen Feueraugen auf ihn richteten und ihn anschauten.
-Soviel feine Herren in ihren mit Tuch überzogenen
-Pelzen erblickte er, daß er nicht wußte, vor
-wem er zuerst die Mütze ziehen sollte. &bdquo;O Gott, wieviel
-Herrschaften es hier gibt!&ldquo; <a id="corr-22"></a>dachte der Schmied.
-&bdquo;Ich glaube, hier ist jeder, der einem auf der Straße
-in einem Pelz begegnet, Assessor und wieder Assessor!
-Und die, die in diesem wunderbaren Wagen mit Glasscheiben
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-dahinfahren, sind, wenn nicht Bürgermeister, so
-doch sicherlich Kommissäre oder vielleicht sogar noch mehr.&ldquo;
-Hier wurden seine Betrachtungen durch eine Frage des
-Teufels unterbrochen: &bdquo;Soll ich gradeswegs zur Zarin?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Nein, ich habe Angst!&ldquo; dachte der Schmied. &bdquo;Ich
-weiß nicht, hier sind doch irgendwo die Saporoger Kosaken
-abgestiegen, die im Herbst durch Dikanka gekommen
-sind. Sie fuhren mit einem Schreiben zur Zarin;
-nicht übel wäre es, sie um Rat zu fragen. He, Satan!
-kriech mir in die Tasche und führe mich zu den Saporogern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Nu magerte der Teufel ab und wurde so klein,
-daß er ohne Müh zu ihm in die Tasche hineinhüpfen
-konnte. Noch bevor Wakula sich umzusehen vermochte, stand
-er schon vor einem riesigen Hause und, ohne selbst zu
-wissen wie, stieg er die Treppe empor, machte die Türe
-auf und prallte ein wenig zurück vor dem blendenden
-Glanze, als er das geschmückte Gemach erblickte; doch
-er faßte wieder etwas Mut, als er die Saporoger erkannte,
-die durch Dikanka gekommen waren, und die
-nun auf seidenen Sofas saßen: mit geteerten Stiefeln an
-den übereinandergeschlagenen Beinen, und den allerstärksten
-Tabak rauchten, jenen Tabak, den man gewöhnlich
-Wurzeltabak nennt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Grüß Gott, Herrschaften! Helf euch Gott! Wo
-wir uns wiedersehn!&ldquo; sprach der Schmied, trat näher und
-verbeugte sich tief bis zur Erde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist das für ein Mensch?&ldquo; fragte der dem
-Schmied zunächst Sitzende einen andern, der etwas abseits
-saß.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Habt ihr mich nicht wiedererkannt?&ldquo; rief der
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-Schmied. &bdquo;Ich bins ja, der Schmied Wakula! Als
-ihr im Herbst durch Dikanka kamt, da wart ihr ja zwei
-Tage lang bei mir zu Gaste, Gott schenke euch Gesundheit
-und langes Leben. Ich hab euch doch noch damals
-einen neuen Reifen ans Vorderrad eures Wagens geschlagen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah!&ldquo; rief da der Saporoger, &bdquo;das ist ja derselbe
-Schmied, der so großartig malt. Gott zum Gruß,
-Landsmann! Was führt dich hierher?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wollte mich nur ein wenig umsehen ....
-Man sagt ja ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Landsmann,&ldquo; rief der Saporoger wichtig und
-da er zeigen wollte, daß er nicht bloß seine Kosaken-Mundart,
-sondern auch reinstes Russisch sprechen konnte,
-sagte er: &bdquo;Eine gewoltige Stadt, wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied wollte sich auch nicht bloßstellen und
-als Neuling zeigen, außerdem verstand er sich auch selbst
-auf die Schriftsprache, wie wir bereits oben zu bemerken
-Gelegenheit hatten, und so antwortete er ruhig: &bdquo;Eine
-mächtige Goubernie! Hier gibt&rsquo;s unstreitig große
-Häuser, und meisterhafte Bilder hängen darin. Gar
-viele Häuser sind mit köstlichen Lettern aus Blattgold
-bemalt. Man muß zugeben, eine herrliche Proportion!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als die Saporoger den Schmied so frei sich ausdrücken
-hörten, bekamen sie die günstigste Meinung
-von ihm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir wollen uns später weiter unterhalten, Landsmann:
-Jetzt müssen wir gleich zur Zarin fahren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zur Zarin? O seid so lieb, meine Herren, nehmt
-mich auch mit!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dich?&ldquo; rief der Saporoger in einem Ton, wie
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-etwa ein Kinderwärter zu seinem vierjährigen Zögling redet,
-der bittet, ihn auf ein großes Pferd zu setzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was willst du denn dort? Nein, das geht nicht.&ldquo;
-Dabei nahm sein Gesicht eine wichtige Miene an.
-&bdquo;Wir müssen mit der Zarin über unsere eigenen Angelegenheiten
-reden, Bruder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nehmt mich doch mit!&ldquo; drängte der Schmied.
-&bdquo;Bitte du sie!&ldquo; flüsterte er dem Teufel leise zu, indem
-er mit der Faust auf seine Tasche schlug.
-</p>
-
-<p>
-Kaum aber hatte er das gesagt, als ein anderer
-Saporoger ausrief: &bdquo;Nehmen wir ihn doch wirklich
-mit, Brüder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Uns ist&rsquo;s recht, nehmen wir ihn mit!&ldquo; sprachen
-die Anderen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So leg ein Kleid an, wie wir es tragen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied beeilte sich, einen grünen Schupan
-anzuziehen, als auf einmal die Tür aufging und ein
-Mann mit Tressen am Rock eintrat und sagte, es sei
-die höchste Zeit, abzufahren.
-</p>
-
-<p>
-Dem Schmied war es wieder wunderlich zumute,
-als er in der riesigen Kalesche dahinfuhr, die auf Sprungfedern
-hin und her schaukelte; und als die vierstöckigen
-Häuser auf beiden Seiten an ihm vorbeirannten, und das
-Pflaster mit Gepolter wie von selbst unter den Füßen
-der Pferde dahinzurollen schien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O Gott, wie hell es ist!&ldquo; dachte der Schmied bei
-sich, &bdquo;bei uns ist es nicht einmal am Tage so hell!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Wagen hielten vor einem Palaste. Die Saporoger
-stiegen aus, traten auf den prächtigen Vorplatz
-und begannen die blendend beleuchtete Treppe hinaufzusteigen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-&bdquo;Was für eine Treppe!&ldquo; flüsterte der Schmied vor
-sich hin, &bdquo;es wäre doch schade, mit den Füßen drauf zu
-treten. Welch ein Schmuck! Und da sage noch einer:
-die Märchen lügen! Wahrlich, die lügen nicht! O Gott,
-mein Gott, was für ein Geländer! Was für eine Arbeit!
-Da hat man allein fürs Eisen mindestens fünfzig
-Rubel ausgegeben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Oben angelangt, durchschritten die Saporoger den
-ersten Saal. Scheu folgte ihnen der Schmied,
-voller Angst, er könnte bei jedem Schritt auf dem
-Parkett ausgleiten. Drei Säle durchschritten sie und
-der Schmied war noch immer nicht aus seiner Verwunderung
-herausgekommen. Wie sie in den vierten
-Saal traten, ging er unwillkürlich an ein Gemälde
-heran, das an der Wand hing. Es war ein Bild der
-heiligen Jungfrau mit dem Sohne auf dem Arm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein Bild! Was für eine wunderbare
-Malerei!&ldquo; dachte er und stellte seine Betrachtungen an.
-&bdquo;Es sieht aus, als wollte es reden! Wie lebendig es
-ist! Und das Christkind! Wie es die Händchen faltet
-und lächelt, das Ärmste! Und diese Farben! O Gott!
-Welche Farben! Da hat man wohl auch nicht für eine
-Kopeke Ocker gebraucht, glaub ich, sondern nichts als
-Karmin und Grünspan. Und wie das Blau leuchtet!
-Eine meisterhafte Arbeit. Der Grund ist wahrscheinlich
-mit dem kostbarsten Bleiweiß angelegt. Aber wenn
-diese Malerei wunderbar ist, so ist doch dieser Messinggriff
-noch mehr der Bewunderung würdig,&ldquo; fuhr er
-fort, indem er an die Tür trat und das Schloß betastete.
-&bdquo;Was für eine saubere Arbeit! Ich bin sicher,
-das alles ist von ausländischen Schmieden gemacht und
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-die haben sich sicherlich die höchsten Preise dafür zahlen
-lassen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied wäre vielleicht noch lange in seinen
-Betrachtungen fortgefahren, wenn ihn nicht ein betreßter
-Lakai am Arm gepufft und ermahnt hätte, nicht
-hinter den anderen zurückzubleiben. Die Saporoger
-durchschritten noch zwei Säle und machten dann halt.
-Da hieß man sie warten. Im Saale standen einige
-Generäle in goldbestickten Uniformen. Die Saporoger
-verbeugten sich nach allen Seiten und traten zu einer
-Gruppe zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Einen Augenblick später kam, begleitet von einem
-ganzen Gefolge, ein korpulenter Mann von majestätischer
-Statur, in Hetmansuniform und mit feinen gelben
-Stiefeln herein. Sein Haar war wirr, das eine Auge
-schielte etwas, das Gesicht drückte Stolz und Erhabenheit
-aus, allen seinen Bewegungen merkte man die
-Gewohnheit, zu befehlen, an. Alle Generäle, die in
-ihren goldenen Uniformen umherstolzierten, gerieten in
-Bewegung und schienen jedes seiner Worte, ja die
-leiseste Bewegung von ihm unter tiefen Verbeugungen
-auffangen zu wollen, um alles schleunigst auszuführen.
-Aber der Hetman achtete nicht einmal
-darauf, nickte kaum mit dem Kopfe und ging auf die
-Saporoger zu.
-</p>
-
-<p>
-Sämtliche Saporoger verbeugten sich tief.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seid ihr alle hier?&ldquo; fragte er gedehnt und mit
-etwas näselnder Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alle, alle miteinander, Väterchen!&ldquo; antworteten die
-Saporoger und verbeugten sich von Neuem.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vergeßt nicht, zu reden, wie ich&rsquo;s euch gelehrt habe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-&bdquo;Nein, Väterchen, wir werden&rsquo;s nicht vergessen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist das der Zar?&ldquo; fragte der Schmied den einen
-Saporoger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Zar? Warum nicht gar! Das ist doch Potemkin
-in eigener Person!&ldquo; antwortete jener.
-</p>
-
-<p>
-Im Nebenzimmer wurden Stimmen laut, und der
-Schmied wußte nicht, wo er seine Augen lassen sollte,
-soviel Damen in Atlaskleidern mit langen Schleppen
-und Höflinge in goldgewirkten Kaftans und mit steifen
-Zöpfchen traten jetzt herein. Er sah nur ein Aufleuchten
-&mdash; sonst nichts.
-</p>
-
-<p>
-Auf einmal fielen alle Saporoger zu Boden und
-schrien wie ein Mann: &bdquo;Gnade, Mütterchen! Erbarmen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied, der schon gar keine Ahnung mehr
-hatte, was da eigentlich vorging, streckte sich in seinem
-Eifer auch lang auf den Boden hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Steht auf!&ldquo; erklang über ihnen eine gebieterische,
-aber zugleich angenehme Stimme. Einige Höflinge gaben
-den Saporogern geschäftig ein paar Rippenstöße.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir stehen nicht auf, Mütterchen! Wir wollen
-nicht aufstehen! Wir sterben lieber, als daß wir aufstehen!&ldquo;
-schrien die Saporoger.
-</p>
-
-<p>
-Potemkin biß sich auf die Lippen; endlich trat er
-selbst zu ihnen und flüsterte dem einen Saporoger gebieterisch
-etwas zu. Die Saporoger erhoben sich sofort.
-</p>
-
-<p>
-Da wagte es auch der Schmied, den Kopf zu erheben
-und erblickte eine &mdash; etwas beleibte &mdash; Frau von
-mittlerer Größe vor sich; sie war gepudert, hatte blaue
-Augen und jene erhaben lächelnde Miene, die es so
-gut verstand, sich alles untertan zu machen, und nur
-einem königlichen Weibe angehören konnte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-&bdquo;Durchlaucht haben mir versprochen, mich heute mit
-meinem Volke bekannt zu machen, das ich bisher noch
-nicht gesehen habe,&ldquo; sprach die Dame mit den blauen
-Augen, während sie die Saporoger neugierig musterte.
-&bdquo;Seid ihr hier gut aufgehoben?&ldquo; fuhr sie fort und trat
-näher.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danke, Mütterchen! Die Kost ist gut, obwohl die
-Hammel hier lange nicht so gut sind &mdash; wie bei uns
-daheim &mdash; aber es läßt sich leben! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Potemkin runzelte die Stirn, als er sah, daß die
-Saporoger keineswegs sagten, was er sie gelehrt hatte ....
-</p>
-
-<p>
-Ein Saporoger gab sich nun ein Ansehen und trat
-vor: &bdquo;Erbarmen, Mütterchen! Womit hat dein treues
-Volk dich erzürnt? Haben wir etwa dem heidnischen
-Tatarenvolke beigestanden, haben wir gemeinsame Sache
-mit den Türken gemacht, haben wir dir in Wort oder
-Tat die Treue gebrochen? Womit haben wir deine Ungnade
-verdient? Erst hörten wir, du ließest überall
-Festungen gegen uns bauen; nachher vernahmen wir, du
-wollest Scharfschützen aus uns machen; jetzt hören wir
-von neuem Unheil. Welche Schuld trifft das Heer der
-Saporoger? Ist&rsquo;s etwa die, daß sie deine Armee über
-den Perekop geführt und deinen Generälen geholfen haben,
-die Männer der Krim niederzuwerfen? ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Potemkin schwieg und putzte mit einem kleinen Bürstchen
-lässig die Brillanten, mit denen seine Hände besät waren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wünscht ihr also?&ldquo; fragte Katherina freundlich.
-</p>
-
-<p>
-Die Saporoger sahen einander vielsagend an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt ist&rsquo;s Zeit! Die Zarin fragt, was wir wünschen,&ldquo;
-sagte der Schmied zu sich selbst, und auf einmal stürzte
-er zu ihren Füßen nieder.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-&bdquo;Eure kaiserliche Hoheit, straft mich nicht, sondern
-schenkt mir Eure Gnade! Mögen meine Worte Eure
-kaiserliche Hoheit nicht erzürnen: woraus sind die Schuhe
-gemacht, in denen Eure Füßchen stecken? Ich glaube,
-kein Schuster in der Welt vermag je wieder solche Schuhe
-zu machen. O Gott! Wenn mein Frauchen nur solche
-tragen könnte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Kaiserin brach in Lachen aus. Die Höflinge
-lachten ebenfalls. Potemkin ärgerte sich, aber er lächelte
-gleichfalls. Die Saporoger glaubten, der Schmied sei
-verrückt geworden und begannen ihm Rippenstöße zu
-geben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Steh auf!&ldquo; sagte die Kaiserin freundlich. &bdquo;Du willst
-durchaus solche Schuhe haben? Nun wohl, das hat
-keine Schwierigkeiten. Bringt ihm sofort die kostbarsten,
-mit Gold bestickten Schuhe. Wahrlich, diese Einfalt gefällt
-mir sehr! Da habt Ihr,&ldquo; fuhr die Kaiserin fort,
-indem sie ihre Augen auf einen abseits stehenden Herrn
-mit einem vollen aber ein wenig bleichen Gesicht richtete,
-dessen bescheidener Kaftan mit den großen Perlmuttknöpfen
-erkennen ließ, daß er nicht zu den Höflingen gehörte,
-&bdquo;da habt Ihr ein Sujet, das Eurer geistvollen Feder
-würdig ist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Majestät sind allzu gnädig. Dazu bedürfte es
-mindestens eines Lafontaine!&ldquo; erwiderte der Mann mit
-den Perlmutterknöpfen, der Dichter Von Wisin, indem
-er sich verneigte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auf Ehre und Gewissen: ich muß sagen: ich bin
-jetzt noch von Eurem &bdquo;Brigadier&ldquo; in hellem Entzücken.
-Ihr lest aber auch ganz wunderbar vor.&ldquo;
-Dann wandte sich die Kaiserin wieder dem Saporoger
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-zu. &bdquo;Ihr habe übrigens gehört, bei Euch in der Ssjetsch
-soll kein Kosak heiraten dürfen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagst du, Mütterchen! Du weißt doch selbst:
-kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,&ldquo; <a id="corr-23"></a>antwortete der
-Saporoger, mit dem der Schmied gesprochen hatte, und
-der Schmied mußte staunen, als er hörte, daß dieser
-Saporoger, der die Schriftsprache so gut beherrschte,
-gerade, wie absichtlich, mit der Zarin in der gröbsten
-Mundart redete, jener Mundart, die man gewöhnlich
-die Bauernsprache nennt. &bdquo;Schlaue Leutchen!&ldquo; dachte
-er bei sich, &bdquo;sicher tut er es nicht ohne Absicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sind doch keine Mönche,&ldquo; fuhr der Saporoger
-fort, &bdquo;wir sind ja nur sündige Menschen. Wir sind,
-wie die ganze ehrliche Christenheit, der Fleischeslust verfallen.
-Es gibt nicht wenige unter uns, die Frauen
-haben, nur wohnen die Frauen nicht in der Ssjetsch.
-Es gibt auch solche, die ihre Frauen im Polenlande
-und in der Ukraine haben; es gibt aber auch solche,
-deren Frauen in der Türkei leben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen hatte man dem Schmied die Schuhe
-gebracht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O Gott, was für eine Zier!&ldquo; rief er freudig
-und ergriff die Schuhe. &bdquo;Kaiserliche Hoheit! Wenn
-Ihr solche Schühchen anhabt und darin einhergeht, Euer
-Gnaden, oder gar noch übers Eis mit ihnen gleiten
-könnt &mdash; wie müssen da die Füßchen selbst sein? Ich
-glaub&rsquo;, wahr und wahrhaftig, sie sind von reinstem
-Zucker.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Kaiserin, die in der Tat die zierlichsten und
-reizendsten Füßchen besaß, mußte lächeln, als sie ein
-solches Kompliment aus dem Munde eines einfältigen
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-Schmiedes vernahm, der trotz seines braunen Gesichtes
-in seinem Saporogergewand für einen wirklich schönen
-Mann gelten konnte.
-</p>
-
-<p>
-Hocherfreut über diese wohlwollende Aufmerksamkeit
-wollte der Schmied die Zarin schon über alles ordentlich
-ausfragen: ob&rsquo;s wahr sei, daß die Zaren nichts wie
-Honig und Speck äßen und ähnliches mehr. Da aber
-fühlte er, wie die Saporoger ihn in die Rippen pufften,
-und er beschloß, zu verstummen. Und als die Zarin
-sich den alten Leuten zuwandte und sie über ihr Leben
-und Treiben in der Ssjetsch auszufragen begann, trat
-er zur Seite, neigte sich zu seiner Tasche hinab, sagte
-leise: &bdquo;Bring mich schnell von hier weg!&ldquo; Und auf
-einmal befand er sich wieder hinter dem Schlagbaum.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Ertrunken! Bei Gott, er ist ertrunken! Ich will
-mich nicht mehr vom Fleck rühren, wenn er nicht ertrunken
-ist!&ldquo; murmelte die dicke Webersfrau, die mitten
-auf der Straße in einem Haufen von Weibern stand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was, ich bin also eine Lügnerin? Hab&rsquo; ich etwa
-jemandem eine Kuh gestohlen? Oder hab&rsquo; ich jemand
-böse angesehen, daß ihr mir nicht trauen wollt?&ldquo; schrie
-eine Frau mit violetter Nase und in einem Kosakenkittel,
-indem sie mit ihren Armen hin und her fuchtelte. &bdquo;Ich
-will nie wieder Wasser trinken, wenn die alte Perepertschicha
-nicht mit eigenen Augen gesehen hat, wie der
-Schmied sich erhängt hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Schmied hat sich erhängt? Eine schöne Bescherung!&ldquo;
-rief der Amtmann, der eben aus dem Hause
-Tschubs kam; er blieb stehen und drängte sich unter die
-Keifenden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-&bdquo;Sage lieber, du willst keinen Schnaps mehr trinken,
-du alte Sauftrine du!&ldquo; antwortete die Webersfrau. &bdquo;Da
-müßte man ja gerad&rsquo; so blöde sein, wie du, um sich
-aufzuhängen! Er ist ertrunken, er ist im Eisloch ertrunken!
-Das weiß ich so gewiß, wie daß du soeben
-im Wirtshaus gewesen bist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was, du freches Frauenzimmer? Sieh mal einer
-an, was die mir vorwirft!&ldquo; entgegnete wütend die Frau
-mit der violetten Nase. &bdquo;Du hättest doch lieber das
-Maul halten sollen, du Weibsstück du! Als ob ich nicht
-wüßte, daß jeden Abend der Küster zu dir kommt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Webersfrau geriet außer sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was tut der Küster? Zu wem kommt er? Was
-faselst du da?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Küster?&ldquo; krähte die Frau des Küsters, sich in
-ihrem Hasenpelz, der mit blauem Nanking bezogen
-war, an die Streitenden herandrängend. &bdquo;Ich will
-dir schon zeigen, was es heißt, so vom Küster zu reden!
-Wer sagt da was vom Küster?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man weiß ja doch, wen der Küster besucht!&ldquo; schrie
-die Frau mit der violetten Nase und zeigte auf die
-Weberin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du also bist&rsquo;s, du Hündin&ldquo;, rief die Frau des
-Küsters und ging auf die Webersfrau los, &bdquo;du bist&rsquo;s,
-du Hexe, die ihn umnebelt und ihn mit Satanskräutern
-behext, daß er zu dir kommt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pack dich fort, du Satan!&ldquo; sprach die Webersfrau
-zurückweichend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh mal einer die verdammte Hexe an, du sollst&rsquo;s
-nicht mehr erleben, daß du deine Kinder jemals wiedersiehst!
-Du niederträchtiges Weib! Pfui!&ldquo; Und dabei
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-spuckte die Küsterin der Webersfrau gerade in die
-Augen.
-</p>
-
-<p>
-Die Webersfrau wollte dasselbe tun, aber statt dessen
-spuckte sie dem Amtmann, der näher an die Streitenden
-herangekommen war, um alles besser zu hören, in seinen
-unrasierten Bart.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, du garstiges Weibsbild, du!&ldquo; rief der Amtmann,
-wischte sich mit dem Rockschoß das Gesicht ab
-und schwenkte seine Knute.
-</p>
-
-<p>
-Diese Bewegung veranlaßte alle, schimpfend nach allen
-Seiten auseinanderzustieben. &bdquo;So was Ekelhaftes!&ldquo;
-wiederholte der Amtmann und wischte sich wieder ab.
-&bdquo;Der Schmied ist also ertrunken! O du meine Güte!
-Was war das für ein großartiger Maler! Was für
-starke Messer, Sensen und Pflüge konnte der schmieden!
-Und wie kräftig der war! Ja, ja,&ldquo; fuhr er nachdenklich
-fort, &bdquo;bei uns im Dorfe haben wir wenig solche Leute.
-Ich hab&rsquo;s ja gleich gemerkt, als ich noch in diesem verfluchten
-Sacke saß, daß der Aermste ganz bedrückt und
-traurig war. Ja, da haben wir nun den Schmied!
-Einst war er, und nun ist er nicht mehr! Ich
-wollte doch gerade noch meine scheckige Stute beschlagen
-lassen! ....&ldquo; Und solcher christlicher Gedanken voll,
-trottete der Amtmann langsam seinem Hause zu.
-</p>
-
-<p>
-Oxana war ganz bestürzt, als diese Gerüchte zu
-ihr drangen. Sie traute zwar den Augen der Perepertschicha
-und dem Weibergetratsch nur wenig, denn
-sie wußte, daß der Schmied fromm genug war,
-seine Seele nicht ins Verderben zu stürzen. Wie aber,
-wenn er in der Tat mit der Absicht davongegangen war,
-nie wieder ins Dorf zurückzukehren? Schwerlich konnte
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-man wo anders einen so schmucken Burschen finden,
-wie der Schmied einer war. Und dann liebte er sie
-doch so sehr! Er ertrug auch ihre Launen länger als
-alle anderen ... Die Schöne drehte sich die ganze
-Nacht hindurch unter ihrer Decke von der rechten Seite
-auf die linke, und von der linken auf die rechte, und
-konnte doch nicht einschlafen. Bald warf sie sich in
-ihrer berückenden Nacktheit, die das nächtliche Dunkel
-sogar vor ihr selbst verbarg, hin und her, und schalt
-laut auf sich, bald verstummte sie, faßte den Entschluß,
-an nichts mehr zu denken &mdash; und grübelte doch weiter
-und weiter. Sie lag da wie in lohendem Feuer,
-und gegen Morgen war sie bis über die Ohren in
-den Schmied verliebt.
-</p>
-
-<p>
-Als Tschub den Tod Wakulas vernahm, ließ er weder
-Freude noch Trauer erkennen. Seine Gedanken waren
-nur mit einer Sache beschäftigt: er konnte Solochas
-Treubruch nicht vergessen, und ließ sogar im Schlafe
-nicht davon ab, auf sie zu schimpfen.
-</p>
-
-<p>
-Der Tag brach an. Die Kirche war schon vor
-Morgengrauen voll von Menschen. Die alten Frauen
-in ihren weißen Kopftüchern und Tuchkitteln standen
-ganz nahe am Eingang und bekreuzigten sich
-fromm. Vor ihnen standen die adligen Damen in
-grünen und gelben Jacken, ja manche sogar in blauen
-Überwürfen, die hinten mit Brokatschleifen versehen
-waren. Die Mädchen, die einen ganzen Laden von
-aufgewickelten Bändern auf dem Kopfe und ebensoviel
-Perlenbänder, Kreuze und Dukaten um den Hals trugen,
-suchten so nahe als möglich an den Altar heran zu kommen.
-Ganz vorne aber standen die Edelleute und die einfachen
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-Bauern mit Schnurrbärten, Haarschöpfen, mit dickem Hals
-und frisch rasiertem Kinn, die meisten in Mänteln,
-unter denen ein weißer, oder bei manchen auch ein blauer
-Kittel hervorguckte. Wohin man auch blicken mochte,
-auf allen Gesichtern spiegelte sich die Feiertagsstimmung
-wieder. Der Amtmann leckte sich schon die Lippen,
-wenn er an die Wurst dachte, mit der er die Festtage
-beschließen würde; die Mädel dachten daran, wie sie mit
-den Burschen auf dem Eise schlittern würden, und die
-alten Frauen murmelten eifriger denn je ihre Gebete.
-Durch die ganze Kirche konnte man hören, wie der
-Kosak Swerbygus niederkniete. Nur Oxana stand
-wie abwesend da: sie betete und betete doch auch
-nicht. Ihr Herz bestürmten so viele und mannigfaltige
-Empfindungen, von denen eine immer peinlicher war,
-als die andere, daß ihr Gesicht nichts wie eine starke
-Verwirrung ausdrückte, und in ihren Augen zitterten
-Tränen. Die Mädchen konnten natürlich den Grund
-davon nicht erkennen, und ahnten nicht, daß der Schmied
-daran schuld war. Jedoch der Schmied beschäftigte
-nicht nur Oxana allein. Alle Bewohner des Dorfes
-fühlten, daß der Feiertag kein rechter Feiertag war, und
-daß gewissermaßen etwas fehlte. Unglücklicherweise war
-auch der Küster nach seiner Reise im Sack vom Abend
-vorher noch heiser geworden, und sang seine Lieder mit
-kaum hörbarer krächzender Stimme; wohl brachte der
-zugereiste Sänger ein paar prächtige Baßtöne hervor,
-aber wieviel besser wäre es gewesen, wenn man auch
-noch den Schmied dagehabt hätte, der jedes Mal, wenn
-man das &bdquo;Vaterunser&ldquo; oder die &bdquo;Himmlischen Heerscharen&ldquo;
-sang, auf den Chor stieg und so schön sang,
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-wie man es sonst nur in Poltawa hören konnte. Dazu kam
-noch, daß er ganz allein sich um das Amt des Kirchenvorstands
-kümmerte. Schon war die Frühmesse zu Ende
-und nach der Frühmesse war bald auch das Hochamt
-vorbei ..... In der Tat, wo war nun der Schmied
-geblieben?
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Noch rascher fast flog der Teufel in den letzten
-Stunden der Nacht mit dem Schmied auf dem Rücken
-heimwärts, und im Nu befand sich Wakula vor seiner
-Hütte. In diesem Augenblick krähte der Hahn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin?&ldquo; rief der Schmied und ergriff den Teufel,
-der ausreißen wollte, am Schwanz. &bdquo;Halt, Freundchen,
-das ist noch nicht alles: ich hab mich noch nicht bei
-dir bedankt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er ergriff eine Gerte und versetzte ihm drei
-mächtige Hiebe, daß der arme Teufel davonrannte wie
-ein Bauer, dem der Assessor eben tüchtig eingeheizt hat.
-Und so geschah&rsquo;s, daß der Erzfeind des Menschengeschlechts,
-statt andere Leute zu foppen, zu versuchen
-und zu narren, selbst genarrt wurde.
-</p>
-
-<p>
-Hierauf trat Wakula in den Flur seines Hauses,
-warf sich auf ein Heubündel und schlief bis spät in den
-Mittag hinein. Als er erwachte, erschrak er heftig, denn
-er sah, daß die Sonne schon hoch am Himmel stand.
-&bdquo;Ei, Herrjeh, ich habe ja die Frühmesse und das Hochamt
-verschlafen!&ldquo; rief er aus.
-</p>
-
-<p>
-Und der gottesfürchtige Schmied verfiel in eine tiefe
-Zerknirschung, denn er vermeinte, Gott habe zur Strafe
-für sein schlimmes Vorhaben, und um seine Seele zu
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-verderben, einen Schlaf auf ihn herabgeschickt, der ihn
-verhindert habe, an einem so großen Feiertag die Kirche
-zu besuchen. Er beruhigte sich jedoch bald, nachdem er
-den Beschluß gefaßt hatte, in der künftigen Woche alles
-dem Popen zu beichten und von da ab ein ganzes Jahr
-lang täglich fünfzig Kniefälle zu machen. Er blickte in
-die Stube hinein: es war niemand da. Die Solocha
-war offenbar noch nicht zurückgekehrt.
-</p>
-
-<p>
-Behutsam zog er die Schuhe aus dem Busen,
-staunte von neuem die kostbare Arbeit an, und wunderte
-sich über die sonderbaren Ereignisse der vergangenen
-Nacht; er wusch sich, kleidete sich an, so gut er nur
-konnte, zog das Gewand an, das er von den Saporogern
-bekommen hatte, holte seine neue Lammfellmütze mit
-dem blauen Dach, die er, seit er sie seinerzeit in Poltawa
-gekauft, noch niemals aufgesetzt hatte, aus der Truhe;
-holte auch einen neuen, vielfarbigen Gurt hervor, packte
-alles, zusammen mit einer Nagaika, in ein Tüchlein ein
-und begab sich gradewegs zu Tschub.
-</p>
-
-<p>
-Tschub machte große Augen, als der Schmied eintrat
-und wußte nicht, worüber er mehr staunen sollte:
-darüber, daß der Schmied von den Toten auferstanden
-war, daß er es wagte, zu ihm zu kommen, oder darüber,
-daß er so stutzerhaft herausgeputzt und wie ein echter
-und rechter Saporoger angezogen war. Noch mehr aber
-staunte er, als Wakula das Tuch aufband, die funkelnagelneue
-Mütze nebst einem Gurt, wie man ihn noch
-niemals im Dorfe gesehen hatte, vor ihm auf den Tisch
-legte, ihm zu Füßen fiel und flehentlich ausrief: &bdquo;Hab&rsquo;
-Erbarmen, Väterchen! Zürne mir nicht! Da hast du
-eine Peitsche: schlag zu, soviel deine Seele verlangt.
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-Ich gebe mich selbst in deine Hand, ich bereue ja alles;
-schlage mich, aber zürne mir nicht. Du warst ja vormals
-meinem seligen Vater wie ein Bruder, ihr habt
-doch zusammen gegessen und getrunken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nicht ohne heimliche Freude sah Tschub, wie der
-Schmied, der sich den Teufel um jemand im Dorfe
-scherte und der Fünfkopekenstücke und Hufeisen mit der
-Hand zusammendrückte wie Buchweizenflinsen, wie dieser
-selbe Schmied jetzt zu seinen Füßen lag. Um sich
-nichts zu vergeben, ergriff Tschub die Peitsche und
-schlug ihn dreimal auf den Rücken. &bdquo;Nun ist&rsquo;s aber
-genug, steh auf! Hör stets auf die Alten! Wir wollen
-alles vergessen, was zwischen uns vorgefallen ist. Und
-nun sag, was du möchtest?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Väterchen, gib mir Oxana zur Frau!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tschub überlegte einen Augenblick und sah sich die
-Mütze und den Gurt an: die Mütze war wunderbar
-und der Gurt nicht minder; dabei fiel ihm auch noch
-die treulose Solocha ein, und er rief entschlossen: &bdquo;&rsquo;s
-ist recht! Schicke deine Brautwerber her!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah!&ldquo; schrie Oxana auf, die über die Schwelle getreten
-war und den Schmied erblickt hatte, und sie
-richtete freudig und ganz erstaunt ihre Blicke auf ihn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schau mal, was ich dir für kleine Schuhe mitgebracht
-habe!&ldquo; sagte Wakula, &bdquo;dieselben sind&rsquo;s, die
-die Zarin trägt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein! Ich brauche keine Schuhe!&ldquo; rief sie,
-ihn mit den Händen abwehrend und ohne ihre Augen
-von ihm abzuwenden; &bdquo;ich bin auch ohne Schuhe ....&ldquo;
-Und sie sagte nichts weiter, sondern errötete nur.
-</p>
-
-<p>
-Der Schmied kam näher heran, ergriff sie bei der
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-Hand, und die Schöne schlug die Augen nieder. Noch
-nie hatte sie so wunderbar schön ausgesehen. Der
-Schmied küßte sie voller Entzücken auf die Lippen, ihr
-Antlitz verfärbte sich noch tiefer, und sie wurde nur
-noch schöner.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Der Bischof seligen Angedenkens kam einmal durch
-Dikanka, lobte die schöne Lage des Dorfes und hielt, als
-er die Straße herunterfuhr, vor einer der Hütten an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wem gehört diese schön bemalte Hütte?&ldquo; fragten
-Seine Hochwürden die hübsche Frau, die mit einem
-Kinde auf dem Arm vor der Türe stand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dem Schmied Wakula!&ldquo; antwortete ihm mit
-einer Verbeugung Oxana, denn sie war es.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Großartig! Eine wundervolle Arbeit!&ldquo; sprachen
-Seine Hochwürden, als sie sich Türen und Fenster ansahen.
-Die Fenster waren ringsherum mit roter Farbe
-bestrichen und auf den Türen waren überall Bildnisse
-von reitenden Kosaken mit Pfeifen in den Zähnen
-aufgemalt.
-</p>
-
-<p>
-Noch mehr aber lobten Seine Hochwürden den Schmied
-Wakula, als sie erfuhren, daß er eine Kirchenbuße eingehalten,
-die er sich selbst auferlegt, und in der Kirche den
-ganzen linken Chor mit grüner Farbe gestrichen und mit
-roten Blumen bemalt habe.
-</p>
-
-<p>
-Das ist jedoch noch nicht alles. An die Wand, die,
-wenn man die Kirche betritt, sich gleich zur Linken befindet,
-hatte Wakula einen in der Hölle sitzenden Teufel
-gemalt und zwar einen so abscheulichen Teufel, daß
-jedermann, der vorbeiging, ausspeien mußte, und wenn
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-einer Frau das Kind auf dem Arme zu weinen anfing,
-so trug sie es ans Bild und sprach: &bdquo;Schau, schau,
-hu, hu, was da hingemalt ist!&ldquo; Und das Kind verschluckte
-seine Tränen, schielte scheu nach dem Bilde
-und schmiegte sich enger an die Brust der Mutter.
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-3-3">
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-Schreckliche Rache
-</h3>
-
-<h4 class="no pbb" id="subchap-3-3-1">
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-I.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">röhnend</span> braust&rsquo;s dahin durch Kijews Vorstadt:
-Da feiert Gorobetz, der Kosakenhauptmann, den
-sie Jessaul nennen, die Hochzeit seines Sohnes.
-Viel Leute sind beim Jessaul zu Gast. In alten Zeiten
-liebte man&rsquo;s wohl, gut zu essen, gut zu trinken und
-noch lieber mocht&rsquo; man lustig sein. Auf braunem Roß
-kam Mikitka, der Saporoger Kosak, stracks vom gewaltigen
-Zechgelag auf dem Pereschlaj-Gefilde, allwo er sieben
-Nächte und sieben Tage des Königs Schlachta mit
-rotem Weine bewirtet hatte. Auch der Kriegskamerad
-des Jessaul, Danilo Burulbasch kam angefahren vom
-anderen Ufer des Dnjepr, wo zwischen zwei Bergen sein
-Landgut lag; er kam mit seinem jungen Weibe Katerina
-und seinem einjährigen Sohne. Die Gäste staunten
-über das weiße Gesicht der Pani Katerina, über die
-Brauen, die schwarz wie deutscher Sammet waren, über
-den prächtigen Rock und die Jacke aus altertümlich
-blauer Seide, und über die Stiefel mit den silbernen
-Hufen; aber mehr noch nahm sie&rsquo;s wunder, daß der
-alte Vater nicht mit ihnen zusammen gekommen war.
-Der lebte seit einem Jahr in dem Landstrich hinterm
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-Dnjepr, einundzwanzig Jahre war er verschollen gewesen
-und erst zu seinem Töchterchen zurückgekehrt, als es
-vermählt war und einen Sohn geboren hatte. Gewiß
-<a id="corr-27"></a>hätt&rsquo; er viel Wunderliches erzählen können. Ja,
-wie hätte er auch nicht erzählen können, da er doch so
-lange im fremden Lande geweilt! Dort ist doch alles
-so anders wie hier: die Menschen sind anders, und
-dort gibts auch keine christlichen Kirchen ..... Allein
-er war nicht gekommen.
-</p>
-
-<p>
-Den Gästen ward Schnaps mit Rosinen und
-Pflaumen und auf einer großen Schüssel Hochzeitsbrot
-gereicht. Die Musikanten griffen tief in den Brotlaib
-hinein, wo Geld eingebacken war; verstummten eine
-kurze Zeit lang und legten die Zymbeln, Geigen und
-Pauken beiseite. Indes wischten sich die jungen
-Frauen und die Mädchen mit gestickten Tüchern den
-Mund und traten wieder aus ihren Reihen hervor,
-während die Burschen, die Hände in die Hüften gestützt,
-stolz zur Seite blickend, gerad ihnen entgegen wollten,
-als der alte Jessaul zwei Heiligenbilder herbeitrug, um
-das junge Paar zu segnen. Er hatte diese Bilder von
-einem würdigen Eremiten, dem greisen Bartholomäus
-erhalten. Ihr Zierat war nicht reich, weder Silber noch
-Gold funkelte auf ihnen, und doch hätte keine unreine
-Macht es gewagt, den zu berühren, in dessen Haus sie
-sich befanden. Der Jessaul hob die Bilder in die Höhe
-und schickte sich an, ein kurzes Gebet zu sprechen ......
-da schrien die Kinder, die am Boden spielten, auf einmal
-in hellem Schreck auf, das Volk wich zurück hinter
-ihnen, und alle wiesen voll Angst auf einen Kosaken,
-der in ihrer Mitte stand. Wer er war, das wußte niemand
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-zu sagen, aber schon fing er wacker an, seinen
-Kosakentanz zu tanzen und ergötzte die Menge, die ihn umringte
-und brachte sie zum Lachen. Als jedoch der Jessaul
-die Heiligenbilder emporhob, da verwandelte sich auf
-einmal das Antlitz des Kosaken: die Nase fing an zu
-wachsen, wurde größer und größer und krümmte sich
-zur Seite; grüne Äuglein blitzten anstelle der grauen
-hervor, die Lippen wurden blau, das Kinn fing an zu
-zittern und wurde spitz wie ein Speer, aus dem Mund
-entsprangen zwei Hauer, hinter dem Kopfe wölbte sich
-ein Buckel empor, und der Kosak wurde zum Greise.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist <em>er</em>! Das ist <em>er</em>!&ldquo; schrien die Menschen,
-sich eng aneinander drängend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Zauberer ist wieder da!&ldquo; schrien die Mütter
-und faßten ihre Kinder schnell bei der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Würdig und stolz trat der Jessaul vor, und während
-er die Heiligenbilder vor sich hinhielt, sprach er mit lauter
-Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verschwinde, Satansbild! Für dich ist kein Platz
-hier!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und siehe da, der seltsame Greis <a id="corr-28"></a>knirschte zischend
-mit den Zähnen wie ein Wolf, und verschwand.
-</p>
-
-<p>
-Da erhob sich ein Raunen und Reden unter dem
-Volke, schwoll immer mehr an und rollte dahin wie
-das Brausen des Meeres im Ungewitter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist das für ein Hexenmeister!&ldquo; fragten die
-Jungen und Unerfahrenen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Unheil zieht herauf!&ldquo; sprachen die Alten kopfschüttelnd,
-und überall im weiten Gehöfte des Jessaul
-lauschten die Haufen des Volkes den Geschichten von
-dem unheimlichen Zauberer. Doch beinahe alle wußten
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-Verschiedenes zu erzählen, und niemand konnte etwas
-Sicheres von ihm berichten.
-</p>
-
-<p>
-Ein Faß Meth ward auf den Hof gerollt und nicht
-allzuwenige Eimer voll griechischen Weines stellte man
-hin. Und wiederum tobte es lustig weiter. Die Musikanten
-spielten drauf los &mdash; und die Mädchen, die jungen
-Frauen und die noblen Kosaken in blanken Schupans
-wirbelten wild durcheinander. Das Greisenvolk der
-Neunzig- und Hundertjährigen wagte, auch schon bezecht,
-ein Tänzchen und gedachte so mancher Jahre, die
-nicht ganz tatenlos verflossen waren. Bis zur späten
-Nacht wurde gezecht und so wurde gezecht, wie man&rsquo;s
-jetzt nimmermehr tut. Dann strömten die Gäste auseinander,
-aber nur wenige gingen ihres Weges: viele
-blieben in dem weiten Hofraume des Jessaul über
-Nacht, und noch viel mehr Kosaken schliefen von selbst
-ein, ungebeten, unter den Bänken, auf dem Fußboden,
-neben den Rossen oder vor den Ställen: und wo ein
-rechter Kosak im Rausche hintaumelte, da lag er auch
-schon und <a id="corr-29"></a>schnarchte laut über ganz Kijew.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-2">
-II.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">till</span> leuchtete es über dem Weltall auf: der
-Mond schien hinterm Berg empor. Mit
-einem kostbaren Schleier aus schneeweißem
-Damast verhüllte er des Dnjepr gebirgiges Ufer und
-sein Schatten schlich weit zurück bis ins Dickicht der
-Fichten.
-</p>
-
-<p>
-Inmitten des Dnjepr schwimmt ein eichener Kahn,
-vorn sitzen zwei Burschen, die schwarzen Kosakenmützen
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-schief in die Stirn gedrückt, und von ihren Rudern
-sprühen Wasserstrahlen nach allen Seiten auf, wie
-aus dem Feuerstein Funken.
-</p>
-
-<p>
-Warum singen die Kosaken nicht? Warum sprechen
-sie nicht davon, daß die römischen Pfaffen die Ukraine
-durchwandern, die Kosaken umzutaufen und zu Katholiken
-zu machen, und auch nicht davon, wie ihre
-Horde zwei ganze Tage lang am Salzsee gekämpft.
-Wie sollten sie auch singen und sagen von kühnen
-Taten? Pan Danilo, ihr Herr, war in Gedanken versunken,
-ein Ärmel seines rostroten Schupans glitt aus
-dem Boot und sank ins Wasser, aber ihre Herrin, Pani
-Katerina, wiegte leise das Kind und wendete kein Auge
-von dem Manne, und auf ihren festlichen Rock, der
-nicht von schützender Leinwand bedeckt war, sprühte das
-Wasser herab wie grauer Staub.
-</p>
-
-<p>
-Köstlich ist von der Mitte des Dnjepr die Schau auf
-die hohen Berge, die weiten Wiesen und die Wälder im
-Grün! Das sind nicht Berge wie andere auch: ihr
-Fuß ist nicht zu sehen, nach oben wie nach unten
-ragen die spitzen Gipfel empor, sich im Wasser spiegelnd,
-und über und unter ihnen dehnt sich hoch und weit der
-Himmel. Auch auf den Hügeln die Wälder sind keine
-Wälder: das sind Haare auf des Waldgreises zottigem
-Haupte. Unten umspült ihm das Wasser den Bart,
-und ganz hoch über dem Barte und über den Haaren
-erhebt sich der hohe Himmel. Auch die Wiesen sind
-keine Wiesen: ein grüner Gürtel ist&rsquo;s, der den runden
-Himmel in der Mitte umgürtet, und auf seiner oberen
-wie auf der unteren Hälfte lustwandelt der Mond.
-</p>
-
-<p>
-Pan Danilo blickt nicht zur Seite, er blickt auf sein
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-junges Weib. &bdquo;Warum versankst du in Gram, mein
-junges Weib, meine goldene Katerina?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht bin ich in Gram versunken, mein Herr
-Danilo! Mich erschreckten nur die seltsamen Sagen vom
-zaubernden Mann. Man sagt doch, gar furchtbar an
-Gestalt sei er zur Welt gekommen ..... und von
-klein auf wollte kein Kind mit ihm spielen. Hör&rsquo;, Pan
-Danilo, wie schrecklich das ist, was man erzählt: man
-sagt, es dünkte ihn stets, daß ihn alle verhöhnten.
-Geschieht&rsquo;s, daß abends, wenn&rsquo;s dunkelt, ein Mensch ihm
-begegnet, so meint der gleich zu sehen, wie jener den
-Mund auftut und die Zähne fletscht. Und dann ist der
-Mensch am folgenden Tage tot. Es ward mir so
-sonderbar, so grauenvoll ward mir zumute, als ich
-die Mären vernahm,&ldquo; sprach Katerina, und sie nahm
-ein Tuch und wischte damit ihrem Kinde, das ihr in
-den Armen schlief, das Gesicht. Dies Tuch war mit
-Blättern und Beeren geziert, die mit roter Seide darauf
-gestickt waren.
-</p>
-
-<p>
-Pan Danilo sprach kein Wort. Er blickte ins Dunkel
-der Schatten hinüber, wo in der Ferne sich hinter dem
-Wald ein Erdwall gleich einem schwarzen Streifen dahinzog,
-und wo hinter dem Walle ein altes Schloß in die
-Höhe starrte. Da zeichneten sich in Danilos Antlitz
-drei Falten über den Brauen ab, und die linke Hand spielte
-mit dem kecken Schnurrbart. &bdquo;Nicht das ist schrecklich,
-daß er ein Zauberer ist,&ldquo; sprach er, &bdquo;schrecklich ist&rsquo;s,
-daß er ein schlimmer Gast ist. Was fiel ihm ein, hierher
-zu kommen? Ich hörte, die Polen wollen eine
-Festung bauen, um uns den Weg zu den Saporogern
-abzuschneiden. Mag&rsquo;s wahr sein ..... Dies Teufelsnest
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-will ich vernichten, sobald nur das Gerücht umzugehen
-beginnt, daß das ein Schlupfwinkel sei! Ich
-will den alten Zauberer verbrennen, daß selbst den
-Raben nichts zu picken mehr bleibt. Doch ich denke
-mir, er besitzt wohl nicht wenig Gold und allerhand
-Gut. Hier ist&rsquo;s, wo dieser Satan wohnt! Wär&rsquo; Gold
-bei ihm zu finden, so ...... Wir rudern sogleich
-bei den Kreuzen vorbei &mdash; da ist der Friedhof, wo das
-unreine Gebein seiner Ahnen modert. Sie alle, sagt
-man, waren bereit, sich für einen Groschen dem Satan
-zu verkaufen, mitsamt ihrer Seele und ihrem zerlumpten
-Schupan. Doch besitzt er in Wahrheit soviel Gold, dürfte
-man jetzt nicht lange mehr zögern, nicht immer kann
-man&rsquo;s im Kriege da erbeuten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kenne dein Vorhaben wohl: nichts Gutes verkündet
-mir die Begegnung mit ihm. Du atmest so
-schwer, du blickst so rauh, deine Brauen sind so finster
-über den Augen geballt! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schweig, Weib!&ldquo; rief Danilo wütend, &bdquo;wer sich
-mit euch verbindet, wird selbst zum Weibe. Gib mir
-Feuer für meine Pfeife, Junge!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er wandte sich an einen der Ruderer, der klopfte
-glühende Asche aus seiner Pfeife und tat sie in die
-Pfeife des Herrn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie schreckt mich mit dem Zauberer!&ldquo; fuhr Pan
-Danilo fort. &bdquo;Der Kosak fürchtet, Gott Lob und Dank,
-weder Teufel, noch römische Priester. Das wär&rsquo; was
-Rechtes, wenn wir auf die Weiber zu hören anfingen.
-Nicht wahr, Burschen? Unsere Frau ist die Pfeife und
-die Schärfe des Schwerts!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Katerina verstummte und ließ die Augen über das träge
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-Wasser gleiten; der Wind kräuselte die stille Flut, und
-der ganze Dnjepr schimmerte silbern wie ein Wolfsfell
-zur Nacht.
-</p>
-
-<p>
-Der Kahn machte eine Wendung und glitt am
-waldigen Ufer entlang. Jetzt wurde der Friedhof am
-Ufer sichtbar. Haufen morscher Kreuze drängten sich da
-aneinander. Da blühte kein Wachholder zwischen ihnen,
-da grünte kein Moos, und nur der Mond schien von
-seiner himmlischen Höhe wärmend auf sie herab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hört ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft
-uns zu Hilfe!&ldquo; sprach da Pan Danilo, indem er sich
-an seine Ruderer wandte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wir hören jemand rufen, und dort von
-jener Seite her, scheint&rsquo;s!&ldquo; riefen alle Burschen zugleich
-und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war
-schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun
-und fuhr um eine Landzunge herum. Plötzlich ließen
-die Leute ihre Ruder sinken und blickten starr zum
-Ufer hinüber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und
-kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern.
-</p>
-
-<p>
-Das Kreuz auf einem der Gräber wankte, und plötzlich
-erhob sich daraus ganz leise ein vertrockneter Leichnam.
-Er hatte einen Bart, der bis auf den Gürtel
-reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch
-länger waren als die Finger. Leis erhob er die Arme,
-sein Gesicht erschauerte und verzerrte sich. Man sah
-ihm an, daß er entsetzliche Qualen litt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mir ist so schwül, so schwül!&ldquo; stöhnte er mit
-wilder unmenschlicher Stimme. Seine Stimme bohrte
-sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber plötzlich
-war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden.
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-Dann wankte ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg
-ein Leichnam dem Grabe, noch schrecklicher und noch
-größer als jener: er war ganz von Haar überwachsen,
-sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an
-den Knochen waren noch länger. Er rief noch wilder:
-&bdquo;Mir ist so schwül!&ldquo; und sank in die Erde zurück.
-Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter Leichnam
-stand auf. Da schien&rsquo;s, als wenn ein riesenhaftes
-Knochengerüst sich hoch über die Erde erhob. Der Bart
-floß bis zu den Fersen herab, die Finger mit den riesigen
-Krallen gruben sich tief in die Erde, furchtbar warf er
-die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen
-wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer
-seine gelben Knochen zersägte ....
-</p>
-
-<p>
-Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag,
-stieß einen Schrei aus und erwachte; die Pani selbst
-schrie auf, die Ruderer ließen die Mützen in den Dnjepr
-fallen, und auch der Pan erschauerte.
-</p>
-
-<p>
-Auf einmal aber war alles verschwunden, als wär&rsquo;
-es überhaupt nie gewesen, doch die Burschen griffen
-noch lange nicht zu den Rudern. Besorgt blickte Burulbasch
-auf seine junge Frau, die das schreiende Kind voller
-Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drückte sie an
-sein Herz und küßte sie auf die Stirn. &bdquo;Fürchte dich
-nicht, Katerina! Schau: es ist ja nichts!&ldquo; sprach er
-und wies nach allen Seiten. &bdquo;Der Zauberer will den
-Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand
-bis an sein unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann
-er damit schrecken! Gib mir den Sohn doch herüber!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn
-in die Höhe und drückte ihn an seine Lippen. &bdquo;Nun,
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-mein Iwan, fürchtest du dich vor Zauberern? &mdash; Sag:
-&sbquo;nein, Vater, ich bin ein Kosak!&lsquo; Doch genug, hör
-auf zu weinen! Wir fahren nach Hause! Gleich sind
-wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter dir Brei, legt
-den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Lulli, lulli, lulli, lulli!</p>
- <p class="verse">Schlaf, mein Söhnchen, schlafe ein!</p>
- <p class="verse">Bleib gesund und wachs mir fein!</p>
- <p class="verse">Bring Kosaken Ruhm und Freud,</p>
- <p class="verse">Und den Feinden Schmerz und Leid!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Hör&rsquo;, Katerina, ich glaube, dein Vater will nicht
-in Frieden mit uns leben. So mürrisch kam er hier an
-und so verdrießlich, als zürnte er uns ... Wenn er
-nicht zufrieden ist &mdash; wozu kam er denn her? Er
-wollte nicht mit uns trinken auf die Kosakenfreiheit und
-hat nicht einmal das Kind in den Armen gewiegt!
-Zuerst wollte ich ihm alles anvertrauen, was mir das
-Herze beschwert, doch etwas hielt mich zurück, und meine
-Rede stockte. Nein, er hat kein Kosakenherz! Ein
-Kosakenherz fängt gleich laut in der Brust an zu schlagen,
-wenn&rsquo;s einem andern begegnet! Nun, liebe Burschen,
-ist das Ufer schon nah? Ihr sollt auch neue Mützen
-bekommen. Du, Stetzko, kriegst eine, die mit Sammet
-und Gold verziert ist. Ich hab&rsquo; sie dereinst einem
-Tataren mitsamt seinem Kopfe genommen; auch sein
-ganzes Rüstzeug fiel mir damals zu, nur seine Seele
-allein ließ ich frei. Legt an! Siehst du, Iwan, da
-sind wir schon, und du weinst noch immer! Nimm ihn,
-Katerina!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alle gingen ans Land. Hinter dem Berge stieg
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-ein Strohdach auf, das war Pan Danilos Erbsitz. Dahinter
-lag noch ein anderer Berg, dann kam gleich
-freies Feld, und hundert Werst weit konnte man laufen,
-ohne auf eine Kosakenseele zu stoßen.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-3">
-III.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Landgut Pan Danilos liegt zwischen zwei
-Bergen in einem engen Tal, das auf den Dnjepr
-hinausgeht. Das Haus ist nicht hoch, gleicht
-von außen der Hütte eines einfachen Kosaken, und
-bloß eine Stube ist drin; doch ist Raum darinnen genug
-für ihn, wie für sein Weib und für die alte Magd
-und zehn auserlesene Burschen. An den Wänden entlang
-laufen oben eichene Bohlen. Dort stehen zahlreiche
-Schüsseln und Töpfe für die Mahlzeiten, darunter auch
-Pokale von Silber, in Gold gefaßte Becher, die der
-Pan zum Geschenke erhielt oder im Kriege erbeutete.
-Kostbare Musketen hängen von den Wänden herab,
-Säbel, Feuergewehr und Lanzen; freiwillig oder mit
-Gewalt nahm man sie aus Tatarenhänden oder von
-Türken und Polen, und darum haben sie auch so viele
-Scharten. Ihr Anblick gemahnte Pan Danilo gar
-oft wie Merkzeichen an seine vielen Gefechte. An
-den Wänden ziehen sich glatte, gehobelte Eichenbänke
-hin und daneben, vor der Ofenbank, hängt die Wiege
-an ein paar Stricken, die man durch einen Ring an der
-Zimmerdecke oben gezogen hat. In der ganzen Stube ist
-der Fußboden glatt gestampft und mit Lehm überstrichen.
-Auf den Bänken schläft Pan Danilo mit seiner Frau,
-auf der Ofenbank die alte Dienerin; in der Wiege spielt
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-und schaukelt das kleine Kind, und auf dem Fußboden
-schlafen die Burschen. Doch ist&rsquo;s dem Kosaken lieber,
-auf nackter Erde unter dem freien Himmel zu schlafen,
-da braucht er weder Kissen noch Federbett: er
-bettet sich frisches Heu unter den Kopf und streckt sich
-wohlig hin aufs Gras. Dann freut&rsquo;s ihn wohl, wenn
-er mitten in der Nacht erwacht, nach dem hohen, von
-Sternen besäten Himmel zu sehen, und in der nächtlichen
-Kälte, die doch den Kosakenknochen soviel Frische verleiht,
-zu erschauern; er dehnt sich, murmelt schlaftrunken etwas,
-steckt seine Pfeife an und hüllt sich fester in seinen
-warmen Pelz.
-</p>
-
-<p>
-Es war nicht mehr ganz früh, als Burulbasch nach
-dem gestrigen Fest erwachte; er setzte sich auf eine Bank
-in der Ecke und begann seinen neu eingetauschten türkischen
-Säbel zu schleifen, Pani Katerina aber machte sich dran,
-ein seidenes Tuch mit Gold zu besticken.
-</p>
-
-<p>
-Auf einmal trat Katerinas Vater ein, griesgrämig und
-mürrisch, mit einer fremdländischen Pfeife zwischen den
-Zähnen. Er ging auf seine Tochter zu und begann
-streng sie auszuforschen, was wohl der Grund sei, daß
-sie so spät nach Hause gekommen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nach solcherlei Dingen hast du, Schwäher, nicht
-sie zu befragen, sondern mich! Nicht der Frau steht
-die Antwort zu, sondern dem Manne. So ist es nun
-einmal Sitte bei uns, nehmt es nicht übel!&ldquo; sprach
-Danilo, ohne von seiner Arbeit zu lassen, &bdquo;vielleicht ist
-es in manchen Ländern, wo Ungläubige wohnen, anders
-&mdash; das freilich weiß ich nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das rauhe Gesicht des Schwiegervaters verfärbte
-sich, und seine Augen blitzten wild auf. &bdquo;Wer hat denn
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-sonst nach seiner Tochter zu sehen wenn nicht der Vater!&ldquo;
-murmelte er vor sich hin. &bdquo;Nun denn, so frage ich dich:
-wo bist du herumgestrichen bis spät in die Nacht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das hört sich schon anders an, lieber Schwäher.
-Darauf will ich dir antworten, daß ich schon lange nicht
-mehr zu denen gehöre, die von einem Weib in Windeln
-gewickelt werden. Ich weiß wohl, hoch zu Pferde
-zu sitzen und in der Hand den scharfen Säbel zu
-schwingen; auch manches andere noch versteh&rsquo; ich ...
-Ich versteh es auch, niemandem Rechenschaft zu geben
-über das, was ich treibe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich seh&rsquo; es, Danilo, ich weiß, du suchst Hader!
-Wer Heimliches tut, der führt sicher nichts Gutes im
-Schilde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denk doch, was dir beliebt,&ldquo; sagte Danilo, &bdquo;auch
-ich denke das Meine. Noch war ich nie in einen
-schändlichen Handel verwickelt, stets stand ich für rechten
-Glauben und das Vaterland ein, nicht so wie mancher
-Landstreicher, der sich, Gott weiß wo, umhertreibt,
-wenn rechtgläubige Leute sich bis aufs Blut schlagen
-müssen; der will dann das Korn ernten, das nie
-er gesät. Die gleichen nicht einmal den Unierten:
-nicht einmal in Gottes Kirchen schauen sie hinein. Diese
-Leute sollte man befragen, wo sie sich umhertreiben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Holla, weißt du wohl, Kosak!&ldquo; rief jener ....
-&bdquo;Ich schieße ja nicht gut, höchstens bis auf hundert
-Klafter trifft meine Kugel ins Herz, auch bin ich kein
-allzu starker Fechter: die Stücke, in die ich die Menschen
-schlage, sind kleiner als die Körner, draus man Brei
-kocht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin bereit,&ldquo; rief Pan Danilo und schlug flink
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-mit dem Schwert ein Kreuz in der Luft, als hätt&rsquo; er gewußt,
-wozu er&rsquo;s geschliffen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danilo!&ldquo; schrie Katerina laut, ergriff ihn beim
-Arm und hing sich an ihn, &bdquo;du Wahnwitziger, bedenke
-doch, gegen wen du den Arm erhebst! Vater, dein
-Haar ist so weiß wie Schnee, und doch erhitzest du dich
-wie ein törichter Knabe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weib!&ldquo; rief Danilo streng, &bdquo;du weißt, das leide
-ich nicht, bleibe bei deinen Weibergeschäften!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Furchtbar erklirrten die Säbel; Eisen schlug Eisen,
-und die Kosaken wurden von Funken besprüht wie
-von Staub. Weinend lief Katerina in eine gesonderte
-Kammer, warf sich aufs Bett und hielt sich die Ohren
-zu, um nichts von den Säbelhieben zu hören.
-</p>
-
-<p>
-Doch so schlecht kämpften die Kosaken nicht, daß
-man ihren Hieb überhören konnte. Das Herz wollte
-ihr springen, sie hört&rsquo; es in ihrem ganzen Leibe erzittern
-bei den klirrenden Lauten: Klick &mdash; klack!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich halt es nicht aus, ich halt&rsquo;s nicht aus ...
-vielleicht sprudelt schon purpurnes Blut aus dem weißen
-Leibe, vielleicht hat meinen Liebsten schon seine Kraft
-verlassen, und ich liege noch hier!&ldquo; Und bleich, und
-kaum atmend schlich sie in die Stube.
-</p>
-
-<p>
-Gleichmäßig und furchtbar schlugen sich die Kosaken,
-nicht der, noch jener hatte einen Vorteil errungen.
-Bald drang Katerinas Vater vor und Pan
-Danilo wich zurück oder Pan Danilo griff an, und der
-Vater wehrte sich finster, und dann standen beide wieder
-gleich. Die Wut kocht in ihnen. Sie holten aus
-.... hui! wie die Säbel schmettern .... und tosend
-fliegen die Klingen zur Seite.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-&bdquo;Ich danke dir, Gott!&ldquo; rief Katerina, doch tat sie
-gleich einen neuen Schrei, als sie sah, wie die
-Kosaken nach den Musketen griffen; sie richteten die
-Feuersteine und spannten die Hähne.
-</p>
-
-<p>
-Pan Danilo feuerte ab und traf nicht. Jetzt zielte
-der Vater. Er war alt, er sah nicht so scharf wie ein
-Junger und doch zittert ihm die Hand nicht. Da krachte
-der Schuß ..... Pan Danilo wankte, und rot lief
-sein helles Blut in den linken Ärmel des Kosakenschupans.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein!&ldquo; rief er, &bdquo;so billig verkauf ich mich nicht!
-Nicht der linke Arm ist der Herr, &rsquo;s ist der rechte! Bei
-mir an der Wand hängt eine türkische Pistole: noch nie in
-meinem Leben ist sie mir untreu geworden. Komm
-von der Wand herab, alter Genosse! Erweis dem
-Freund deinen Dienst!&ldquo; Und Danilo streckte die Hand aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danilo!&ldquo; schrie Katerina verzweifelt, packte ihn am
-Arm und warf sich vor ihm auf die Knie, &bdquo;nicht meinetwegen
-fleh ich dich an. Dein Ende ist auch das meine:
-unwürdig ist die Frau, die ihren Mann überlebt; der
-Dnjepr, der kalte Dnjepr wird mein Grab sein ..
-Aber siehe deinen Sohn an, Danilo, sieh deinen Sohn!
-Wer wird das arme Kind beschirmen? Wer wird es
-hätscheln? Wer wird es lehren, auf rabenschwarzem
-Rosse dahinzufliegen, für Freiheit und Glauben zu kämpfen,
-nach Kosakenart zu trinken und zechen? Mein Sohn,
-geh dahin und verdirb! Dein eigner Vater will
-dich nicht mehr kennen! Schau, wie er sein Gesicht
-von dir abwendet. Oh, jetzt kenn ich dich erst! Du
-bist ein Tier und kein Mensch! Du hast das Herz
-eines Wolfs und den Sinn einer listigen Schlange!
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-Glaubt&rsquo; ich denn nicht, du hegest ein Tröpflein Erbarmen
-in deinem Herzen, und in deinem steinernen
-Leibe brenne ein menschlich Gefühl? Wie töricht
-täuschte ich mich. Ja, das bereitet dir Freude. Deine
-Knochen werden im Grabe vor Freude springen, wenn sie
-vernehmen, wie diese ungläubigen Tiere, die Polen, deinen
-Sohn in die Flamme werfen, wenn dein Sohn dann
-unter dem Messer und im siedenden Wasser liegt und
-schreit! Oh, ich kenne dich! Froh wärest du wahrlich,
-aufzustehn aus dem Grabe und das Feuer mit der
-Mütze zu schüren, das unter ihm lodert!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt, Katerina! Komm her zu mir, lieber Iwan,
-ich will dich küssen! Nein, mein Kind, niemand soll
-dir ein Härchen krümmen. Du wirst aufwachsen zum
-Ruhm deines Vaterlands, wie im Sturm rasest du
-dereinst vor den Kosaken dahin, mit einer Sammetmütze
-auf dem Kopfe und mit dem scharfen Schwert in der
-Hand! Vater, reich mir die Hand! Wir wollen vergessen,
-was zwischen uns vorfiel. Hab&rsquo; ich dir Unrecht
-getan, nun so gesteh&rsquo; ich meine Schuld ein. Warum
-gibst du mir nicht deine Hand?&ldquo; sprach Danilo zu
-Katerinas Vater, der immer noch auf seinem alten
-Platze dastand und dessen Gesicht weder von Zorn noch
-von Versöhnung sprach.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vater!&ldquo; rief Katerina, umarmte und küßte ihn,
-&bdquo;laß dich erbitten. Vergib Danilo, er wird dich nimmermehr
-kränken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur deinetwegen vergebe ich ihm, meine Tochter,&ldquo;
-erwiderte jener, küßte sie und seine Augen glänzten absonderlich
-auf.
-</p>
-
-<p>
-Katerina schrak leise zusammen: so seltsam erschien
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-ihr der Kuß, so seltsam der Glanz seiner Augen. Sie
-stützte sich mit der Hand auf den Tisch, auf dem Pan
-Danilo seinen verwundeten Arm verband. Indessen
-sann Danilo darüber nach, daß er falsch gehandelt, und
-nicht nach rechter Kosakenart, als er um Vergebung
-gebeten, obwohl er sich keiner Schuld bewußt war.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-4">
-IV.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> Tag kam herauf, doch ein Tag ohne Sonne:
-der Himmel war finster, und ein feiner Regen
-rieselte über die Felder und Wälder und über
-den breiten Dnjepr hernieder. Pani Katerina war aufgewacht,
-aber ihr war nicht recht froh zumute: ihre
-Augen waren verweint, und sie war wirr und ruhelos.
-&bdquo;Geliebter Mann, teurer Mann,&ldquo; sprach sie, &bdquo;ich hab&rsquo;
-einen wunderlichen Traum geträumt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für einen Traum, meine liebe Pani Katerina?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mir träumte etwas so Wunderliches, und wahrlich
-so lebensvoll, als ob ich wachte, mir träumte, mein
-eigner Vater sei jenes selbe Ungeheuer, das wir beim
-Jessaul geschaut. Doch ich bitt&rsquo; dich, trau&rsquo; dem
-Traume nicht: was träumt man nicht alles für Torheit!
-Mir war&rsquo;s, als stände ich vor ihm und zitterte,
-und bei jedem Wort von ihm stöhnte es auf in
-meinen Adern. O hättest du gehört, was er gesprochen
-....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sprach er denn, meine goldene Katerina?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er sprach: &bdquo;Schau mich an, Katerina, ich bin
-schön! Zu Unrecht sagen die Leute, daß häßlich ich sei.
-Doch werde ich dir ein trefflicher Mann sein. Sieh,
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-wie mein Auge glüht!&ldquo; &mdash; Da warf er einen flammenden
-Blick auf mich, und ich schrie auf und erwachte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, vieles Wahre sagen die Träume. Ist es dir
-auch bekannt, daß hinter den Bergen nicht alles mehr
-ruhig ist? Die Polen sollen sich wieder gezeigt haben.
-Gorobetz ließ mir verkünden, ich solle nicht schlafen;
-doch seine Sorge ist grundlos: auch ohne dies bin ich
-kein Schläfer. Meine Burschen schlugen heut Nacht
-zwölf Schanzen auf. Wir wollen den Herren vom
-Polenreich mit Bleipflaumen aufwarten, und die Schlachzizen
-sollen unter der Zuchtrute tanzen lernen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und weiß mein Vater das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dein Vater sitzt mir auf dem Halse! Er blieb
-mir ein Rätsel bis zur Stunde. Er hat wohl viel
-gesündigt im fremden Lande. Wahrlich, was mag das
-für einen Sinn haben &mdash; schon einen Monat fast lebt
-er hier, und noch nie war er lustig und froh, wie ein
-rechter Kosak! Er weigert sich, Meth zu trinken! Hörst,
-Katerina, weigert sich Meth zu trinken, den ich herausgesackt
-habe von den Brester Juden! Heda, Bursche!&ldquo;
-rief Pan Danilo, &bdquo;lauf schnell in den Keller, Junge,
-und hol mir Judenmeth! Auch trinkt er keinen Schnaps!
-Hölle und Teufel! mir scheint fast, Pani Katerina, er
-glaubt wohl auch nicht an Christus, unseren Herrgott!
-Was dünkt dir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weiß Gott, was alles du sprichst, Pan Danilo!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&rsquo;S ist wunderlich, Pani,&ldquo; fuhr Danilo fort und
-nahm den Tonkrug aus der Hand des Kosaken entgegen.
-&bdquo;Selbst die Katholiken im heidnischen Rom
-sind Freunde des Schnapses. Nur die Türken trinken
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-ihn nicht. Nun, Stetzko, hast du im Keller tüchtig vom
-Meth geschluckt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe nur gekostet, Pan!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du lügst, Hundesohn! Sieh nur, wie sich die
-Fliegen auf deinen Schnurrbart stürzen! Ich seh&rsquo;s an
-deinen Augen, daß du einen halben Kübel ausgesoffen
-hast. Hei, ihr Kosaken! Was für ein tolles Volk
-seid ihr doch! Ihr seid bereit, alles dem Freunde hinzugeben,
-doch wenn&rsquo;s gilt zu saufen, dann schluckt ihr&rsquo;s
-selbst herunter. Ich war schon lange nicht mehr betrunken,
-wie, Katerina?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ei, warum lange! Erst am letzten .....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht! Ich trink
-nicht mehr, als einen Krug! Da kommt der türkische
-Abt durch die Tür geschlichen!&ldquo; murmelte er durch die
-Zähne, als er den Schwiegervater erblickte, der sich bückte,
-um durch die Tür zu kommen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, meine Tochter,&ldquo; sagte der Vater, nahm die
-Mütze vom Kopf und ordnete seinen Gürtel, an dem
-ein Säbel mit wundersamem Gestein hing, &bdquo;die Sonne
-steht schon hoch, und noch ist das Mittagsmahl nicht
-bereitet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Mahl ist bereit, Herr Vater, bald wird es
-gerichtet sein! Nimm den Topf mit den Klößen vom
-Feuer!&ldquo; fuhr Pani Katerina zu der alten Dienerin gewandt
-fort, die das Holzgerät abwischte. &bdquo;Nein, warte,
-ich tu&rsquo; es lieber selbst, ruf mir die Burschen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alle ließen sich im Kreis auf die Erde nieder, der
-Vater gegenüber dem Heiligenbild, ihm zur Linken Pan
-Danilo, ihm zur Rechten Pani Katerina und zehn der
-allertreuesten Burschen in blauen und gelben Schupans.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-&bdquo;Ich mag diese Klöße nicht!&ldquo; sprach der Herr
-Vater; er aß nur wenig und legte den Löffel hin, &bdquo;sie
-schmecken nach nichts!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß, besser schmecken dir Judennudeln!&ldquo; dachte
-Danilo bei sich. &bdquo;Warum, meinst du, die Klöße
-schmeckten nach nichts, Herr Schwäher?&ldquo; fuhr er laut
-fort. &bdquo;Oder sind sie vielleicht schlecht bereitet?
-Meine Katerina macht so gute Klöße, wie sie selbst der
-<a id="corr-34"></a>Hetman selten zu essen bekommt. So was verschmäht
-man nicht: &rsquo;s ist ein christlich Gericht! Alle heiligen
-und gottesfürchtigen Männer haben stets Klöße gegessen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Vater sagte kein Wort, und auch Pan Danilo
-verstummte. Hierauf wurde ein gebratener Eber mit
-Kohl und Pflaumen gebracht. &bdquo;Ich mag das
-Schweinefleisch nicht!&ldquo; sprach Katerinas Vater und
-steckte den Löffel in den Kohl.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie kann man Schweinefleisch verschmähen?&ldquo;
-sagte Danilo: &bdquo;nur Türken und Juden essen kein
-Schweinefleisch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Des Vaters Stimmung wurde noch finsterer und
-düsterer; nichts als Mehlbrei mit Milch aß der Alte,
-und statt des Schnapses trank er nur dann und wann
-eine dunkle Flüssigkeit aus einer Flasche, die er im
-Busen verwahrt hielt.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Mahl legte sich Danilo zu einem kräftigen
-Schläfchen nieder und wachte erst gegen Abend auf.
-Er setzte sich hin, Sendbriefe zu schreiben an das Heer
-der Kosaken. Pani Katerina aber saß währenddessen
-auf der Ofenbank und schaukelte die Wiege mit
-ihrem Fuße. Pan Danilo sitzt da, blickt mit dem
-linken Aug&rsquo; auf die Schrift und mit dem rechten nach
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-dem Fenster. Und ins Fenster leuchten die Berge
-und glänzt der Dnjepr von ferne herein; hinter
-dem Dnjepr blauen die Wälder, und von oben
-glimmt der geklärte Himmel der Nacht. Doch nicht
-auf dem fernen Himmel noch auf dem blauen Walde
-ruht Danilos Blick; er schaut nach der vorspringenden
-Landzunge. Schwarz erhebt sich darauf das alte Schloß.
-Ihn deuchte, es blitzte im Schlosse ein schmales
-Fensterchen auf. Doch alles blieb still; gewiß hatte
-es ihm nur so geschienen. Unten hörte man nur den
-Dnjepr dumpf rauschen und von drei Seiten das Tosen
-der jäh erwachten Wogen herüber hallen. Nicht Aufruhr
-war&rsquo;s oder Empörung: der Dnjepr murrte und
-grollte wie ein Greis; nichts wollte ihm gefallen, denn
-alles um ihn herum war verändert; er führte einen
-heimlichen Krieg mit den Bergen, den Wäldern und den
-Wiesen am Ufer und Klage trägt er ob ihrer zum
-Schwarzen Meere hin.
-</p>
-
-<p>
-Da erschien plötzlich ein Kahn wie ein schwarzer
-Fleck auf dem breiten Spiegel des Dnjepr, und im
-Schlosse flammte es von neuem auf. Leise pfiff
-Danilo, und auf den Pfiff lief der treue Bursche herzu:
-&bdquo;Nimm schnell den scharfen Säbel und das Gewehr,
-Stetzko, und folge mir!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du gehst?&ldquo; fragte Pani Katerina.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Frau, ich gehe. Ich muß überall hingehen,
-zu sehen, ob alles in Ordnung ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich fürchte mich so, allein zu bleiben. Der Schlaf
-kommt über mich. Wie, wenn ich heute wieder dasselbe
-träumte? Ich bin nicht gewiß, ob es auch wirklich
-nur ein Traum war, &mdash; so lebendig stand alles vor mir!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-&bdquo;Die Alte bleibt bei dir, und auf der Diele und im
-Hof schlafen die Kosaken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Alte schläft auch schon, und auf die Kosaken
-vertrau ich nicht sehr. Hör, Pan Danilo: Schließ mich
-im Zimmer ein und nimm den Schlüssel mit dir. Dann
-ist mir nicht so schrecklich zumute, und die Kosaken
-laß vor der Tür schlafen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sei&rsquo;s denn so,&ldquo; sagte Danilo, wischte den Staub
-von der Flinte und schüttete Pulver auf.
-</p>
-
-<p>
-Der treue Stetzko stand schon angekleidet da in
-seiner ganzen Kosakenausrüstung. Danilo setzte die
-Lammfellmütze auf, machte das Fenster zu, schob den
-Riegel vor die Tür, schloß sie ab und ging zwischen
-den schlafenden Kosaken hindurch auf den Hof und in
-die Berge hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Der Himmel war jetzt schon fast völlig klar. Ein
-frischer Wind wehte leise vom Dnjepr herüber. Und
-hätte man nicht von ferne den Schrei einer Möwe
-gehört, so wäre alles tot und starr erschienen.
-Doch jetzt vernahm man ein Rascheln ..... Burulbasch
-versteckte sich leise mit seinem treuen Diener hinter
-dem Gestrüpp, das einen Verhau verdeckte. Vom Berge
-kam jemand herabgeschritten, mit zwei Pistolen im roten
-Schupan, und an der Seite den Säbel. &mdash; &bdquo;Das ist
-der Schwäher!&ldquo; sagte Pan Danilo, während er ihn
-hinterm Busch beschaute. &bdquo;Wohin nur geht er zu
-dieser Stunde und wozu? &mdash; Gähne nicht, Stetzko, und
-gib acht, welchen Weg der Herr Vater einschlägt!&ldquo;
-Der Mann im roten Schupan schritt zum Ufer hinab,
-machte eine Wendung und ging auf die Landzunge zu:
-&bdquo;Ah, dahin geht&rsquo;s also!&ldquo; sprach Pan Danilo. &bdquo;Wie,
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-Stetzko, ist er nicht geradeswegs in die Höhle des
-Zaubrers geschlichen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, sicher an keinen anderen Ort, Pan Danilo,
-sonst würden wir ihn auf jener Seite sehen,
-aber er ist vor dem Schlosse verschwunden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Halt, kriechen wir aus dem Verhau und gehen
-wir seinen Spuren nach. Dahinter steckt etwas. Nein,
-Katerina, hab&rsquo;s dir wohl gleich gesagt, daß dein Vater
-kein guter Mensch sei; sein Tun ist nicht das eines
-Rechtgläubigen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schon standen Pan Danilo und sein getreuer Bursch
-auf der Landzunge. Schon waren sie nicht mehr zu
-sehen, denn der dichte Wald, der das Schloß rings
-umgab, ließ nichts von ihnen gewahr werden. In der
-Höhe leuchtete schwach ein Fensterchen auf. Unten
-standen die Kosaken und trachteten hineinzukommen:
-doch waren weder Tor noch Tür zu sehen; vom Hof
-aus gab&rsquo;s sicher einen Zugang, aber wie sollte man
-dort hingelangen? Von ferne hörte man Ketten rasseln
-und Hunde herumlaufen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was grüble ich noch lange!&ldquo; sprach Pan Danilo,
-als er eine hohe Eiche vor dem Fenster erblickte. &bdquo;Bleib
-hier, mein Junge! Ich steig&rsquo; auf die Eiche: von hier
-aus kann ich gerad ins Fenster schauen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da nahm er seinen Gürtel ab, legte den Säbel nieder,
-damit er nicht klirrte, griff in die Zweige und schwang
-sich hinauf. Das Fenster war immer noch hell. Dicht
-davor klammerte er sich mit einer Hand, auf einem
-Aste zusammengekauert, am Baum fest, und was sah
-er? Im Zimmer brannte kein Licht, doch es
-leuchtete ganz. Die Wände waren mit wunderlichen
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-Zeichen bedeckt und mit Waffen behängt; doch war
-es höchst seltsames Gewaffen: solches tragen weder die
-Türken noch die Bewohner der Krim, weder Polen
-noch Christen, noch das wackere Schwedenvolk. Unter
-der Decke flogen Fledermäuse hin und her, und ihr
-Schatten huschte über die Wände, die Türen und die
-Diele. Doch da öffnete sich ganz leise und ohne zu
-knarren die Tür. Ein Mann im roten Schupan trat
-herein und ging geradewegs auf den Tisch zu, der mit
-einem weißen Tuche bedeckt war. &bdquo;Er ist&rsquo;s! Es ist
-der Schwiegervater!&ldquo; Pan Danilo kauerte sich noch mehr
-zusammen und drückte sich noch fester an den Baumstamm.
-</p>
-
-<p>
-Doch der Schwiegervater hatte nicht Zeit darnach zu
-sehen, ob ihm jemand ins Fenster guckte oder nicht.
-Finster trat er herein und zornig riß er die Decke vom
-Tisch herab &mdash; und plötzlich ergoß sich fast unmerklich ein
-blau durchsichtiges Licht übers Zimmer, und nur die
-Wellen des alten bleichgoldigen Lichtes, die sich noch
-nicht mit dem neuen vermischt hatten, fluteten auf und
-ab wie ein azurenes Meer und zogen sich, wie ein buntscheinendes
-Aderngeflecht im Marmor, durch die Luft.
-Da stellte er einen Topf auf den Tisch und begann
-Kräuter hineinzuwerfen.
-</p>
-
-<p>
-Pan Danilo sah genauer hin, doch jetzt gewahrte er
-schon den roten Schupan nicht mehr; statt dessen hatte
-jener weite Pluderhosen an, wie sie die Türken tragen,
-in seinem Gürtel steckten Pistolen, und auf dem Kopfe
-hatte er eine wunderliche Mütze, ganz mit Zeichen
-bemalt, die aber weder dem russischen, noch dem
-polnischen Alphabet angehörten. Er sah ihm ins Antlitz
-&mdash; und auch das Gesicht begann sich zu verwandeln:
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-die Nase fing an sich zu dehnen und hing ihm bald
-über die Lippe herüber; der Mund breitete sich bis an
-die Ohren, ein Hauer kroch aus ihm hervor und bog
-sich zur Seite &mdash; vor ihm stand derselbe Zauberer,
-der einst beim Jessaul auf der Hochzeit erschienen
-war. &bdquo;Dein Traum ist wahr, Katerina!&ldquo; dachte
-Burulbasch.
-</p>
-
-<p>
-Der Zauberer fing an, den Tisch schneller zu umkreisen,
-die Zeichen an der Wand begannen sich rascher zu ändern und
-Fledermäuse flatterten wilder herauf und herab, hin und
-her. Das blaue Licht ward milder und milder und
-schien ganz zu verlöschen. Und schon hellte die Kammer
-sich auf von sanft rosigem Licht. Wie ein
-zarter Klang, so floß das wundersame Licht in alle
-Winkel, doch plötzlich schwand es dahin, und es wurde
-ganz dunkel. Nur ein Geräusch war noch zu hören,
-wie wenn zur stillen Abendstunde der Wind kreisend
-auf dem Wasserspiegel spielt und die Silberweiden noch
-tiefer zum Wasser biegt. Und Pan Danilo ist&rsquo;s, als
-ob im Gemach ein Mond aufglänzte, Sterne auf und
-ab wandelten und ein dunkelblauer Himmel darüber
-aufleuchtete, ja sogar die Kühle der Nachtluft hauchte
-ihm ins Gesicht. Dann aber ist&rsquo;s Pan Danilo plötzlich
-so (er zupfte sich gar am Schnurrbart, ob er nicht
-schliefe), als breite sich im Gemach schon kein Himmel
-mehr aus, sondern als sei dies seine eigene Schlafkammer:
-an den Wänden hängen seine Säbel von
-Tataren und Türken; längs der Wände Bretter mit allerhand
-Geschirr und Hausgeräten; auf dem Tische Brot und
-Salz, und dort hängt die Wiege. Doch statt der Heiligen
-blickten schreckliche Larven aus den Bilderrahmen hervor,
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-und auf der Ofenbank ..... aber nun sank ein Nebel
-hernieder und legte sich auf alles, und es wurde wieder
-dunkel. Und wieder erfüllt sich der Raum in wunderbarem
-Klingen mit rosigem Lichte und wieder steht der Zauberer
-regungslos da in seinem sonderbaren Turban. Die
-Klänge werden immer stärker und tiefer, das sanfte
-Rosenlicht wird immer heller, und etwas wie eine weiße
-Wolke strich durch das Zimmer. Und es kam Pan
-Danilo so vor, als sei die Wolke keine Wolke, sondern
-eine Frau; doch was war das, war sie gar aus Luft
-gewebt? Wie stand sie denn da, ohne die Erde zu
-berühren? Sie stützte sich auf nichts, und das rosige
-Licht und die Zeichen an der Wand schimmerten durch
-sie hindurch. Doch jetzt bewegte sie den durchsichtigen
-Kopf: die blaßblauen Augen leuchteten still auf, das
-Haar fiel ihr kraus wie ein fahlgrauer Nebel über die
-Schultern, ein blasses Rot färbte ihre Lippen, wie wenn
-in der Frühe das junge Morgenrot kümmerlich durch
-den bleichen durchsichtigen Himmel hindurchschimmert,
-ganz wie ein schwacher Schatten leuchteten ihre Brauen.
-&bdquo;Ah! es ist Katerina.&ldquo; Und Danilo fühlte, wie ihm
-die Glieder erstarrten; er wollte sprechen, doch seine
-Lippen bewegten sich lautlos.
-</p>
-
-<p>
-Der Zauberer stand regungslos auf seinem Platze.
-&bdquo;Wo bist du gewesen?&ldquo; fragte er, und sie, die vor ihm
-stand, erschauerte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, warum hast du mich gerufen?&ldquo; stöhnte sie
-leise. &bdquo;Ich war so froh. Ich befand mich an jenem
-Ort, wo ich geboren ward, und ich lebte fünfzehn Jahre
-lang dort. O, wie herrlich ist&rsquo;s da! Wie grün und
-duftig ist diese Wiese, auf der ich in meiner Kindheit
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-spielte! Auch die Feldblümelein sind noch dieselben, und
-das Haus und der Garten auch! Wie zärtlich umarmte
-mich die gute Mutter! Wieviel Liebe ist in
-ihren Augen! Sie hat mich geherzt und auf Wange
-und Mund geküßt und meine blonden Flechten mit
-dem dichten Kamme gekämmt. Vater!&ldquo; Sie heftete
-ihre bleichen Augen auf den Zauberer. &bdquo;Warum hast
-du meine Mutter ermordet?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Zauberer drohte zornig mit dem Finger. &bdquo;Hab&rsquo;
-ich verlangt, du sollest davon sprechen?&ldquo; Und die aus
-Luft gewobene Schöne erbebte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo ist deine Herrin jetzt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Herrin, Pani Katerina, ist jetzt eingeschlafen.
-Ich freute mich des, flatterte empor und flog von
-hinnen. Ich wollte meine Mutter schon lang wieder
-sehen. Auf einmal war ich wieder fünfzehn Jahre alt
-und so leicht wie ein Vogel. Warum hast du mich
-gerufen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denkst du noch an all das, was ich dir gestern
-gesagt?&ldquo; fragte der Zauberer so leise, daß man&rsquo;s kaum
-hören konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß denk&rsquo; ich dran, gewiß. Aber was würd&rsquo;
-ich darum geben, es zu vergessen. Arme Katerina!
-Sie weiß gar manches von dem nicht, was ihre Seele
-weiß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist die Seele Katerinas!&ldquo; dachte Pan Danilo,
-aber er wagte es noch immer nicht, sich zu bewegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tu Buße, Vater! Ist&rsquo;s dir denn nicht fürchterlich,
-wenn nach jedem deiner Morde die Toten aus den
-Gräbern steigen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schon wieder die alten Reden!&ldquo; unterbrach sie
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-der Zauberer streng &bdquo;Ich setz&rsquo; meinen Willen durch,
-ich werde dich zwingen, mir zu gehorchen. Katerina wird
-mich lieben lernen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, ein Ungeheuer bist du, du bist nicht mein
-Vater!&ldquo; stöhnte sie auf. &bdquo;Nein, nicht sei es so, wie
-du willst! Hast dir freilich mit unreinen Zauberkünsten
-die Macht erworben, meine Seele heraufzubeschwören
-und sie zu martern. Doch Gott allein
-kann sie zwingen, ihm den Willen zu tun. Nein, nie
-wird Katerina, solange ich in ihr lebe, die gottverfluchte
-Tat vollbringen. O, Vater! Das jüngste Gericht ist
-nahe! Und wärst du auch nicht mein Vater, nie würdest
-du mich zwingen können, meinen treuen, geliebten Gatten
-zu betrügen. Ja, wär&rsquo; mir mein Gemahl auch nicht
-so lieb und so treu, ich würd&rsquo; ihn dennoch nie betrügen;
-denn Gott liebt die meineidigen und treulosen Seelen
-nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da heftete sie ihre bleichen Augen auf das Fenster,
-vor dem Pan Danilo saß, und hielt starr inne ....
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohin blickst du? Was siehst du dort?&ldquo; schrie
-der Zauberer auf.
-</p>
-
-<p>
-Die luftgewobene Katerina erzitterte. Aber Pan
-Danilo war schon längst wieder unten auf der Erde
-und zog mit seinem getreuen Stetzko in die Berge.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Furchtbar, furchtbar!&ldquo; sprach er bei sich selber und
-Angst umfing sein Kosakenherz.
-</p>
-
-<p>
-Bald war er wieder auf seinem Hofe, wo die Kosaken
-noch immer fest schliefen; nur der eine saß da, hielt
-Wache und rauchte sein Pfeifchen.
-</p>
-
-<p>
-Der Himmel war ganz mit Sternen besät.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-5">
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-V.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>W</span><span class="postfirstchar">ie</span> gut tatest du, daß du mich wecktest!&ldquo; sprach
-Katerina, und während sie sich mit dem gestickten
-Ärmel ihres Hemdes die Augen rieb, betrachtete
-sie ihren Mann, der vor ihr stand, vom Kopf bis
-zu Füßen. &bdquo;Welch schrecklichen Traum ich gehabt!
-Wie schwer atmete meine Brust! Oh! .... mir war&rsquo;s
-als stürbe ich ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was war das für ein Traum? Vielleicht dieser?&ldquo;
-und Burulbasch erzählte seinem Weibe alles, was er geschaut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie konntest du das nur erfahren, mein Gemahl?&ldquo;
-fragte Katerina erstaunt. &bdquo;Doch, nein. Gar vieles,
-was du erzählt hast, ward mit nicht bekannt. Nein,
-mir hat nicht geträumt, der Vater habe meine Mutter
-getötet; auch hab&rsquo; ich keine Toten gesehen, ich habe
-nichts gesehen. Nein, Danilo, es war ganz anders,
-wie du&rsquo;s erzählst. O, wie furchtbar ist doch mein
-Vater!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist fürwahr auch kein Wunder, daß du gar
-vieles davon nicht sahest! Du weißt doch nicht
-den zehnten Teil von dem, was deine Seele weiß.
-Weißt du &mdash; dein Vater &mdash; das ist der Antichrist!
-Erst im vorigen Jahr, als ich mich mit den Polen
-zum Feldzug in die Krim aufmachte (damals hielt ich&rsquo;s
-noch mit diesem Heidenvolk), da hat der Abt des
-Bruderklosters zu mir gesagt (und das ist ein heiliger
-Mann, Weib!), der Antichrist habe die Macht, jedes
-Menschen Seele zu beschwören; die lustwandle dann
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-nach eigenem Willen, wenn er einschläft, und fliege
-zusammen mit den Erzengeln um Gottes Gemach herum.
-Schon auf den ersten Blick wollt&rsquo; mir deines
-Vaters Gesicht nicht recht gefallen. Hätt&rsquo; ich geahnt,
-daß du solch einen Vater hast, nie hätt&rsquo; ich mich mit
-dir vermählt; ich hätt&rsquo; dich verlassen und der Seele
-nimmer die Sünde aufgebürdet, mich der Sippe des
-Antichrist zu verschwägern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danilo!&ldquo; rief Katerina, verbarg ihr Gesicht in den
-Händen und schluchzte auf. &bdquo;Hab&rsquo; ich je eine Schuld
-gegen dich auf mich geladen? Ward ich dir je untreu,
-geliebter Gemahl? Womit hab&rsquo; ich deinen Zorn auf
-mich gelenkt? Hab&rsquo; ich dir nicht treu gedient? Hab&rsquo;
-ich denn je ein widriges Wort gesprochen, wenn du angezecht
-vom lustigen Schmaus heimkamst? Gebar ich
-dir nicht einen schwarzbrauigen Sohn? ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weine nicht, Katerina, jetzt kenne ich dich, und ich
-werde dich nie verlassen. Alle Sünden liegen bei deinem
-Vater!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nenne ihn nicht meinen Vater! Er ist nicht
-mein Vater! Gott ist mein Zeuge, ich sage mich von
-ihm los! Er ist der Antichrist und ein Gottesverächter!
-Mag er verderben, mag er ersaufen, nie biet&rsquo; ich die
-Hand ihm zur Rettung. Und wenn er dahinsiecht an
-einem todbringenden Kraut, so will ich ihm kein Wasser
-zum Trinken reichen. <em>Du</em> bist mir mein Vater!&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-6">
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-VI.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Pan Danilos tiefem Verließe sitzt der Zauberer
-in eiserne Ketten geschmiedet; fern über dem
-Dnjepr brennt sein satanisches Schloß, und blutrote
-Wellen gurgeln und lecken an den uralten Mauern empor.
-Nicht wegen Hexerei, noch um gottwidrige Taten
-sitzt der Zauberer im tiefen Verließ: die richtet nur
-Gott; um eines geheimen Verrates willen sitzt er dort,
-und wegen seines Bundes mit den Feinden des rechtgläubigen
-Russenlands &mdash; den er mit den Römlingen
-eingegangen, um ihnen das ukrainische Volk zu verschachern
-und die christlichen Kirchen niederzubrennen.
-Gar finster und grimmig ist der Zauberer; nachtschwarzes
-Sinnen zieht durch seinen Kopf; nur ein
-Tag noch bleibt ihm zu leben, und morgen gilt&rsquo;s, Abschied
-zu nehmen von der Welt: morgen erwartet
-ihn Tod. Kein leichter Tod wartet auf ihn: es ginge
-noch gnädig ab, wenn er lebendig im Kessel gekocht
-oder wenn ihm die sündhafte Haut abgezogen würde.
-Düster und grimmig ist der Zauberer, und er läßt den
-Kopf hängen. Vielleicht geht er vor seiner Sterbestunde
-noch in sich; doch sind seine Sünden nicht so,
-daß Gott ihm verzeihen könnte. Hoch oben vor ihm
-ist ein schmales Fenster, das Eisenstäbe vergittern.
-Mit seinen klirrenden Ketten hat er sich bis zum
-Fenster emporgehoben, um zu schauen, ob seine Tochter
-nicht vorbeiginge. Sie ist mild wie ein Täubchen
-und nicht rachesüchtig. Würde sie sich nicht des Vaters
-erbarmen? ... Aber es war niemand da. Tief unten
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-zieht der Weg sich hin, aber niemand wandert auf ihm.
-Und tiefer noch zieht der Dnjepr vorbei; aber der
-achtet auf niemand: er tost dahin, und schmerzlich ist&rsquo;s
-dem Gefesselten, seinem dumpfen Rauschen zu lauschen.
-</p>
-
-<p>
-Da erschien jemand auf dem Wege &mdash; es war ein
-Kosak! Schwer seufzte der Gefangene auf, und wieder
-ward alles tot und leer. Doch dort in der Ferne kam
-jemand herab ...... Ein grüner Überwurf flatterte
-empor, ein goldener Kopfschmuck glänzte auf dem
-Haupte. Das war <em>sie</em>! Noch enger preßte er sich
-ans Fenster. Sie kam näher und immer näher ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Katerina! Meine Tochter, erbarme dich! Hab&rsquo;
-Mitleid mit mir! .......&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber sie blieb stumm, sie wollte ihn nicht hören.
-Sie wendete nicht einmal die Augen nach dem Gefängnis,
-und schon war sie vorbei und wieder verschwunden.
-Leer wird die Welt, wehmütig rauscht der
-Dnjepr; hoffnungslose Trauer und Wehmut umfängt
-das Herz; aber wußte wohl der Zauberer, was Wehmut
-ist?
-</p>
-
-<p>
-Der Tag ging zur Neige. Schon sank die Sonne
-hinab, schon ist sie nicht mehr. Schon war es
-Abend. Kühl ward es, irgendwo brüllte ein Stier,
-von irgendwo tönten verwehte Klänge herüber; sicherlich
-kamen jetzt die Menschen von ihrer Arbeit, um auszuruhen
-und fröhlich zu sein: über den Dnjepr glitt ein
-Kahn ...... aber wer kümmerte sich um den Gefangenen?
-Die silberne Sichel leuchtet am Himmel auf;
-da schreitet jemand von der anderen Seite den Weg empor;
-schwer war&rsquo;s, im Dunkeln zu erkennen, wer das war: Es
-war Katerina, die jetzt zurückkehrte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-&bdquo;In Christi Namen, Tochter! Selbst das grausame
-Junge des Wolfes zerfleischt seine Mutter nicht! Tochter,
-so wirf doch nur einen Blick auf deinen sündigen Vater!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber sie hörte ihn nicht und ging weiter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tochter, im Namen deiner unglücklichen Mutter ...&ldquo;
-Sie blieb stehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Komm und vernimm mein letztes Wort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wozu rufst du mich, Gottesverächter? Nenn&rsquo; mich
-nicht Tochter! Zwischen uns ist keine Verwandtschaft!
-Was willst du von mir im Namen meiner
-unglücklichen Mutter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Katerina, mein Ende ist nahe! Ich weiß, dein
-Mann gedenkt, mich an den Schweif eines Rosses
-zu binden und übers Feld zu schleifen, oder vielleicht
-erfindet er einen noch grauenvolleren Tod für mich ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gibt es denn auf der Welt einen Tod, der deinen
-Sünden gleichkommt? Mach dich darauf gefaßt, für
-dich wird niemand bitten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Katerina, mich schreckt nicht der Tod, mich schrecken
-die Qualen in <em>jener</em> Welt! ...... <em>Du</em> bist frei
-von Schuld, Katerina: deine Seele wird im Paradies
-in Gottes Nähe weilen, aber die Seele deines gottlosen
-Vaters wird im ewigen Feuer brennen, und nimmer
-wird dieses Feuer erlöschen, nur noch höher und höher
-wird es emporlodern. Kein Tautropfen wird auf ihn
-herabfallen, und kein Wind wird ins Feuer hauchen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe nicht die Macht, deine Strafe durch Gebet
-zu mindern!&ldquo; sprach Katerina und wandte sich ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Katerina, warte, noch ein Wort: Du kannst meine
-Seele erretten. Du weißt noch nicht, wie gut und
-gnädig Gott ist. Hast du je vom Apostel Paulus gehört,
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-der voller Sünden war und dann in sich ging &mdash;
-und ein Heiliger wurde?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was kann ich tun, deine Seele zu retten?&ldquo; sprach
-Katerina. &bdquo;Sollte ich, ein schwaches Weib, daran denken
-können?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn es mir gelänge, von hier zu entfliehen, so
-würde ich mein ganzes altes Leben aufgeben! Ich
-würde Buße tun, in die Wüste gehen, ein härenes Hemd
-anlegen und Tag und Nacht beten! Ja, nicht einmal
-Fastenkost und keinen Fisch soll mein Mund mehr berühren!
-Kein Gewand breit&rsquo; ich mir hin, wenn ich mich
-zum Schlaf niederlege! Und immer nur werde ich
-beten und beten! Und wenn Gottes Gnade auch nicht
-den hundertsten Teil meiner Sünden von mir nimmt,
-dann will ich mich bis an den Hals in die Erde vergraben
-oder eine Wand von Stein um mich aufmauern,
-nicht Speise noch Trank will ich mehr zu mir nehmen
-und sterben, und all mein Hab und Gut will ich den
-Mönchen vermachen, auf daß sie vierzig Tage und vierzig
-Nächte lang Seelenmessen für mich lesen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Katerina sann nach. &bdquo;Selbst wenn ich dir das
-Tor aufschlösse, ich kann dir doch die Ketten nicht aufschmieden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Ketten fürchte ich nicht. Du meinst wohl, sie
-hätten mir Hände und Füße zusammengeschmiedet?
-O nein, ich senkte Nebel auf die Augen der Menschen
-und hielt ihnen statt der Hände ein trockenes Holz
-hin. Schau, hier bin ich: jetzt trag&rsquo; ich keine Kette
-mehr!&ldquo; sagte er und trat frei in die Mitte des Raumes.
-&bdquo;Ich hätte ja auch die Wände nimmer gefürchtet und
-wäre hindurchgeschritten; aber dein Mann weiß nicht,
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-was das hier für Mauern sind: Ein heiliger Anachoret
-hat sie einst errichtet und keine unreine Macht ist imstande,
-den Gefangenen zu befreien, ohne die Zelle
-mit jenem Schlüssel aufzuschließen, mit dem der
-Heilige sie verschloß. Solch eine Zelle will ich, schrecklichster
-aller Sünder, auch mir erbauen, wenn ich nur
-frei bin!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun wohl, so höre: ich lass&rsquo; dich hinaus, doch,
-wie wenn du mich trügst,&ldquo; sprach Katerina und blieb
-vor der Tür starr stehen. &bdquo;Wenn du, statt in dich zu
-gehen, wieder des Teufels Bruder wirst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Katerina, ich hab&rsquo; nicht mehr lange zu leben;
-auch ohne diese Marter ist mein Ende nahe. Glaubst
-du denn, daß ich mich selbst zu ewigen Qualen verurteilen
-will?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Schlösser klirrten. &bdquo;Leb&rsquo; wohl, der barmherzige
-Gott behüte dich, mein Kind!&ldquo; sprach der
-Zauberer und küßte sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rühr mich nicht an, schrecklichster aller Sünder!
-Geh schnell von hinnen!&ldquo; rief Katerina.
-</p>
-
-<p>
-Doch er war schon verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hab&rsquo; ihn befreit!&ldquo; flüsterte sie und blickte voller
-Schrecken wie irr auf die Mauern. &bdquo;Was soll ich
-jetzt meinem Manne sagen? Ich bin verloren! Ich
-kann mich nur noch lebendig ins Grab legen.&ldquo; Und
-sie sank schluchzend auf den Klotz, auf dem der Gefangene
-gesessen hatte. &bdquo;Aber ich habe eine Seele gerettet!&ldquo;
-sagte sie leise. &bdquo;Ich tat ein Gott wohlgefälliges
-Werk. Jedoch mein Mann ...... Ich hab&rsquo; ihn
-zum ersten Male betrogen. O, wie furchtbar, wie schwer
-wird mir&rsquo;s werden, ihm die Unwahrheit zu sagen! Da
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-kommt jemand! O, <em>er</em> ist es! es ist mein Mann!&ldquo;
-rief sie verzweifelt, und besinnungslos fiel sie zu Boden.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-7">
-VII.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>I</span><span class="postfirstchar">ch</span> bin&rsquo;s, meine liebe Tochter, ich bin&rsquo;s, mein
-Herzchen!&ldquo; hörte Katerina jemand sagen, als
-sie wieder zu sich kam; sie sah ihre alte Dienerin
-vor sich. Die Alte beugte sich über sie, schien ihr etwas
-zuzuflüstern, und ihre vertrocknete Hand bespritzte sie mit
-kaltem Wasser.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo bin ich?&ldquo; sagte Katerina, indem sie aufstand
-und um sich blickte. &bdquo;Vor mir rauscht der Dnjepr
-und hinter mir liegen die Berge ... Wohin hast du
-mich geführt, Weib?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hab&rsquo; dich nicht weggeführt, sondern hinausgetragen;
-auf meinen Armen trug ich dich aus dem
-dumpfen Gewölbe. Ich habe die Tür mit dem Schlüsselchen
-zugeschlossen, damit dich Pan Danilo nicht findet
-und bestraft!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo ist der Schlüssel?&ldquo; sprach Katerina und blickte
-auf ihren Gürtel, &bdquo;ich seh&rsquo; ihn nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dein Mann hat ihn abgebunden, um nach dem
-Zauberer zu sehen, mein Kind!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um nach ihm zu sehen? .... Weib, ich bin
-verloren!&ldquo; rief Katerina.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Davor mag Gott uns bewahren, mein Kind!
-Schweig du nur, liebe Herrin. Niemand wird etwas
-erfahren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist entflohen, der verfluchte Antichrist! Hast
-du gehört, Katerina? Er ist entflohen!&ldquo; rief Pan Danilo,
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-der auf seine Frau zutrat. Seine Augen sprühten Feuer,
-und sein Säbel schüttelte sich klirrend an seiner Seite.
-Sein Weib erstarrte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es hat ihn wohl jemand befreit, lieber Mann?&ldquo;
-sprach sie zitternd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Befreit! Du hast recht. Aber der Teufel hat
-ihn befreit. Schau hin! Statt seiner liegt ein in
-Eisen geschmiedeter Klotz da. Gott hat&rsquo;s nun einmal
-so eingerichtet, daß der Teufel sich nicht vor Kosakenfäusten
-fürchtet! Wenn einer von meinen Kosaken auch
-nur von fern daran gedacht haben sollte, und ich erfahre
-es ..... O, ich würde keine Strafe ausdenken
-können, die schwer genug für ihn wäre!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wenn ich es wäre?&ldquo; sprach Katerina unwillkürlich
-und hielt erschrocken inne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn du&rsquo;s getan hättest, so wärest du mein Weib
-nicht mehr! Ich würde dich in einen Sack einnähen
-lassen und mitten im Dnjepr ertränken! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Katerina stockte der Atem und ihr war, als lösten
-sich ihr die Haare vom Haupte.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-8">
-VIII.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> einer Schänke am Grenzwege sind die Polen
-versammelt und zechen schon zwei Tage lang.
-Nicht wenig Gesindel sitzt da beisammen. Sie
-sind wohl zusammengekommen, um einen Überfall auszuhecken!
-Manche von ihnen haben Musketen, die
-Sporen klirren und die Säbel rasseln. Die polnischen
-Herren sind lustig, schneiden auf und reden prahlerisch
-von unerhörten Taten, sie spotten über den rechten
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-Glauben, nennen das Volk der Ukraine ihre &bdquo;Knechte&ldquo;,
-zwirbeln stolz den Schnurrbart in die Höhe, und mit
-hochmütig zurückgeworfenen Köpfen recken sie sich auf
-den Bänken. Auch ihr Priester ist bei ihnen; doch auch
-der ist vom selben Schlage wie sie. Er gleicht nicht
-einmal dem Äußern nach einem christlichen Priester, denn
-er schmaust und zecht mit ihnen, und seine unreine Zunge
-führt unzüchtige Reden. Auch das Gesinde gibt ihnen
-in nichts nach: sie haben die Ärmel der schäbigen Schupans
-aufgestreift und stolzieren so aufrecht einher, als wären sie
-was Rechtes! Sie spielen und hauen einander mit den
-Karten auf die Nasen. Dann haben sie fremde Weiber
-bei sich und das gibt ein Geschrei und ein Raufen! ...
-Die polnischen Herren toben nur so und treiben Schabernack
-mit den Leuten; sie packen einen Juden am Bart,
-malen ihm ein Kreuz auf seine gottlose Stirn, schießen
-mit blind geladenen Pistolen nach dem Weibsvolk und
-tanzen einen Krakowiak mit ihrem schändlichen Priester.
-Gab&rsquo;s doch nicht einmal von den Tataren solch Ärgernis
-im russischen Lande: Gott hat es ihm wohl beschieden,
-solche Schmach für seine Sünden zu erdulden.
-Und mitten in diesem Sodom hört man sie vom Gutshof
-des Pan Danilo am Dnjepr und von seinem schönen
-Weibe sprechen ..... Wahrlich, nichts Gutes sinnt
-die Rotte, die hier versammelt ist!
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-9">
-IX.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">P</span><span class="postfirstchar">an</span> Danilo sitzt in seiner Stube am Tisch, das
-Haupt auf den Ellenbogen gestützt, und sinnt
-nach. Auf der Ofenbank aber sitzt Pani Katerina
-und singt ein Lied.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-&bdquo;Mir ist so traurig zumute, Weib!&ldquo; spricht Pan
-Danilo, &bdquo;der Kopf tut mir weh und das Herze auch.
-Es lastet etwas auf mir! Mein Tod ist wohl nicht
-mehr fern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, mein herzliebster Gemahl, neig deinen Kopf zu
-mir her! Warum hegst du so schwarze Gedanken in
-deiner Brust?&ldquo; dachte Katerina, wagte es aber nicht
-auszusprechen. Ihr, der Schuldbewußten, wurde es
-schwer, des Mannes Liebkosungen entgegenzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hör, liebes Weib!&ldquo; sagte Danilo, &bdquo;verlaß meinen
-Sohn nicht, wenn ich einst tot bin! Gott wird kein
-Glück auf dich herabsenden, weder in dieser, noch in
-jener Welt, wenn du ihn von dir stößt. Schwer würde
-es meinen Knochen werden, in der feuchten Erde zu
-verfaulen, und noch trauriger wär&rsquo; meine Seele!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sprichst du, mein Gemahl? Warst du es
-nicht, der uns schwache Frauen einst auslachte? Und
-jetzt redest du selbst wie ein schwaches Weib. Du wirst
-noch lange leben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Katerina, meine Seele ahnt schon den
-nahen Tod. Es wird so traurig in der Welt und
-schlimme Zeiten brechen an. Oh! ich besinne mich wohl
-auf die vergangenen Jahre; die kehren wohl nimmer
-wieder! Damals war noch der alte Konaschewitsch am
-Leben, der Ruhm und die Ehr&rsquo; unseres Heeres! Und
-all die Kosakenregimenter ziehen wieder an meinen
-Augen vorüber. Ja, es war eine goldene Zeit, Katerina!
-Der alte Hetman saß auf seinem Rappen und in
-seiner Hand glänzte der Hetmansstab; rings um ihn
-standen die Führer, und auf den Seiten wogte das rote
-Meer der Saporoger. Und wenn der Hetman zu sprechen
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-begann, dann stand alles da wie erstarrt. Der Alte
-weinte, als er der früheren Taten und Gefechte gedachte.
-Ach, wenn du wüßtest, Katerina, wie wir damals uns
-mit den Türken schlugen: Noch heute sieht man die
-Narbe auf meinem Haupte. Vier Kugeln durchbohrten
-mich an vier Stellen, und keine der Wunden ist je vollständig
-geheilt. O, wieviel Gold wir damals erbeuteten,
-und die Edelsteine schöpften die Kosaken wie Wasser mit
-ihren Mützen. Und was für Pferde, wenn du wüßtest,
-was für Pferde wir damals raubten, Katerina! Nein,
-solche Kriege erleb&rsquo; ich nie wieder! Noch bin ich ja
-nicht alt, ich bin noch rüstig, doch das Kosakenschwert
-entsinkt meiner Hand, ich lebe tatenlos dahin
-und weiß selbst nicht, wozu ich lebe. In der Ukraine
-herrscht keine Ordnung mehr: die Feldherrn und
-Jessauls beißen sich herum wie die Hunde; &rsquo;s ist keiner
-da, dem alle gehorchten und der ihr Haupt wäre.
-Unsere Schlachzizen haben alles geändert und polnische
-Sitten eingeführt, sie sind so schlau und so tückisch geworden
-und haben ihre Seelen verkauft, indem sie die
-Union annahmen und einen Bund mit dem Papst schlossen.
-Die Juden knechten das arme Volk. O Zeiten, Zeiten,
-vergangene Zeiten! Wo seid ihr geblieben, ihr, meine
-vergangenen Jahre? Geh ins Gewölbe hinab, Bursch,
-und hol mir einen Krug mit Meth! Ich will trinken
-auf unser altes Leben und die vergangenen Zeiten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Womit sollen wir die Gäste empfangen, Pan?
-Die Polen kommen von der Wiese her!&ldquo; rief Stetzko,
-der in diesem Augenblick ins Zimmer hereinstürzte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß wohl, wozu sie kommen!&ldquo; sprach Danilo,
-sich von seinem Platze erhebend. &bdquo;Sattelt die Pferde,
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-meine treuen Knechte! Schirrt sie rasch an und heraus
-mit den Säbeln! Vergeßt auch die blauen Bohnen
-nicht! Die Gäste sollen mit Ehren empfangen werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Kaum hatten die Kosaken ihre Pferde bestiegen und
-die Musketen geladen, da überschwemmten die Polen
-schon den Berg wie Laub, das im Herbst von den
-Bäumen fällt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hehe, da gibt&rsquo;s eine feine Gesellschaft!&ldquo; rief Danilo
-und blickte auf die dicken Pans, die sich würdevoll auf
-ihren goldgeschirrten Rossen schaukelten. &bdquo;Wohl denn,
-so werden wir uns einmal noch herrlich tummeln!
-Freu dich zum letzten Male, Kosakenseele. Wohlauf,
-ihr Burschen, das Fest hat begonnen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und auf den Bergen ward es fröhlich, und das Fest
-hub an: da schwirren die Säbel, da fliegen die Kugeln,
-da wiehern und trampeln die Pferde. Die Schädel
-dröhnen vom Rufen und Schreien, und der Rauch blendet
-die Augen. Alles geht wild durcheinander, aber der
-Kosak ahnt wohl, wo Freund und Feind ist. Eine Kugel
-kommt gepfiffen, und ein tapferer Reitersmann stürzt
-vom Roß; ein Säbel klirrt &mdash; und ein Kopf wälzt sich,
-zusammenhanglose Reden lallend, am Boden.
-</p>
-
-<p>
-Aber mitten im Haufen, da sieht man die rote
-Kosakenmütze des Pan Danilo, und wie ein Blitz trifft
-das Auge das Gefunkel des goldenen Gürtels auf dem
-blanken Schupan; wie ein Wirbelwind flattert die Mähne
-des Rapphengstes daher; gleich einem Vogel eilt er bald
-hier hin, bald dort hin, schreit laut auf, schwenkt den
-Damaszener-Säbel und schlägt rechts und links um sich.
-Hau zu, Kosak! Frisch drauf und los, Kosak! Erfreu
-dein mutiges Herz, aber verguck dich nicht in das Gold
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-der Gespanne und Schupans; tritt Gold und Edelsteine
-mit den Füßen! Stich zu, Kosak! Frisch drauf los,
-Kosak! Aber sieh dich nicht um: schon stecken die
-frevelnden Polen die Hütten in Brand und treiben das
-ängstliche Vieh fort. Wie ein Sturm wirbelt Pan Danilo
-zurück, die Mütze mit dem roten Dach blitzt schon dicht
-neben den Häusern auf, und rings um ihn wird der
-Haufen geringer.
-</p>
-
-<p>
-Nicht nur eine Stunde oder zwei kämpften die
-Kosaken und Polen. Immer weniger wurden ihrer auf
-beiden Seiten; doch Pan Danilo ermattete nicht: mit
-seiner langen Lanze hob er die Feinde aus dem Sattel,
-und trat mit seinem tapferen Roß das Fußvolk nieder.
-Schon leert sich der Hof, schon fliehen die Polen, schon
-reißen die Kosaken die goldenen Schupans und die reiche
-Rüstung von den Gefallenen herab. Schon will Pan
-Danilo zur Verfolgung aufbrechen, schon blickt er sich
-um, die Seinen zu sammeln ..... doch da
-kocht in ihm die Wut, vor ihm taucht Katerinas
-Vater auf. Nun steht er auf dem Berge und zielt
-mit seiner Muskete nach ihm. Danilo treibt sein Pferd
-grad auf ihn los .... Kosak, du eilst ins Verderben!
-Da kracht die Muskete, und der Zauberer ist hinter dem
-Berge verschwunden. Nur der getreue Stetzko hat noch
-gesehen, wie das rote Gewand und die seltsame Mütze
-im Husch vorbeiflogen. Danilo schwankt und stürzt zu
-Boden. Der treue Stetzko eilte zu seinem Pan: sein
-Herr liegt ausgestreckt auf der Erde, und hat die hellen
-Augen geschlossen, und das hellrote Blut quillt aus seiner
-Brust. Aber er erkannte den treuen Diener noch, leis
-hob er die Lider und blitzte ihn mit den Augen an:
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-&bdquo;Leb wohl, mein Stetzko! Sag Katerina, sie soll meinen
-Sohn nicht verlassen! Verlaßt auch ihr ihn nicht, ihr
-meine treuen Diener!&ldquo; und er verstummte. Die
-tapfere Kosakenseele war aus dem adligen Leibe entflohen;
-blau sind seine Lippen, der Kosak schläft einen
-Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt.
-</p>
-
-<p>
-Da schluchzte der getreue Diener auf und winkte
-Katerina mit der Hand: &bdquo;Komm, komm schnell
-herbei, Pani! Dein Pan hat ausgetobt; sieh, da liegt
-er, trunken auf feuchtem Erdreich; nimmer wird der aus
-seinem Rausche erwachen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da schlug Katerina die Hände zusammen und sank
-über den Leichnam hin wie eine Garbe. &bdquo;O mein Gemahl,
-du mein Gemahl! Bist du&rsquo;s, der geschlossenen
-Auges daliegt? Steh auf, mein herzallerliebster Falke,
-rühr deine süße Hand! Erhebe dich doch! O,
-schau sie nur einmal noch an, deine Katerina, reg
-deine Lippen und sprich nur ein einziges Wörtlein! ...
-Doch ach, du schweigst, du schweigst, mein lieber herrlicher
-Pan! Bläulich wardst du wie das Schwarze Meer,
-und dein Herz schlägt nicht! Warum bist du so kalt,
-mein Pan? O, ich seh&rsquo;s, meine Tränen sind nicht heiß
-genug, sie können dich nicht erwärmen! Ich seh&rsquo;s, nicht
-laut genug ist meine Klage, denn sie kann dich nicht
-erwecken! Wer wird jetzt deine Heere anführen? Wer
-wird nun auf deinem Rappen dahinjagen und laut
-jauchzend vor den Kosaken den Säbel schwingen?
-Kosaken, Kosaken! Wo ist eure Ehre und euer Ruhm?
-Da liegt eure Ehre und euer Ruhm geschlossenen Augs
-auf der feuchten Erde. O, begrabt nun auch mich, begrabt
-mich zusammen mit ihm! Streut mir Erde auf
-<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
-die Augen, preßt die Bretter von Ahorn mir auf die
-weißen Brüste! Ich brauche meine Schönheit nicht
-mehr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Katerina weinte und klagte bitterlich, da aber
-steigt eine Staubwolke in der Ferne auf: Gorobetz,
-der alte Jessaul, sprengt zu Hilfe heran.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-10">
-X.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">oller</span> Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter,
-wenn er frei und ungehemmt durch Gebirg
-und Wälder seine reichen Wasser trägt.
-Da ertönt kein leises Rauschen und kein mächtiger
-Donnerlaut. Du blickst hin und weißt es kaum, ob
-sich sein hehrer breiter Rücken regt, ob nicht; ganz
-aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer
-Spiegelweg windet sich, breit ohne Maßen, lang
-ohn&rsquo; Ende, in verschlungenen Bahnen durch die
-grüne Welt. Dann blickt auch die heiße Sonne selig
-von der Höhe herab und taucht ihre Strahlen in die
-kühlen gläsernen Wässer, und selig spiegeln sich die
-Wälder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr Grüngelockten!
-Ihr drängt euch mit den Feldblumen zum
-Wasser hin, beugt euch hinab, schaut hinein und könnt
-euch nicht satt sehen an eurem klaren Angesicht und
-ihr lächelt ihm zu und grüßt es, indem ihr die Zweige
-schüttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch
-nicht zu blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und
-der blaue Himmel, und selten nur kommt ein Vogel
-bis mitten über den Dnjepr geflogen. O, du herrlicher
-Fluß! Kein Strom in der Welt kommt dir
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-gleich. Voller Wunder ist auch der Dnjepr in einer
-stillen Sommernacht, wenn alles in Schlummer sinkt:
-Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt
-majestätisch auf Himmel und Erde und schüttelt gewaltig
-sein wunderbares Ornat. Und von dem Kleide
-regnen Sterne herab; die Sterne aber glühen und
-leuchten über die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr
-wieder. Der Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen
-Schoße, und kein einziger kann ihm entrinnen &mdash; es
-sei denn, daß er am Himmel erlischt. Der schwarze
-Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben
-und die in grauer Urzeit geborstenen Berge beugen sich
-vor und suchen ihn wenigstens mit ihren langen Schatten
-zu bedecken &mdash; vergebens! Es gibt nichts auf der Welt,
-das den Dnjepr überdecken könnte. Azurblau fließt
-er gemessen dahin, und bei Nacht wie bei Tage sieht
-man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen kann.
-Wenn er sich wiegt und wie ein verzärteltes Kind
-bei der nächtlichen Kühle ans Ufer schmiegt, dann
-wird er zur silbernen Flut und die flammt auf, wie
-die stählerne Schneide einer Damaszenerklinge und dann
-liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch
-dann ist der Dnjepr voller Wunder und kein Fluß in
-der Welt kommt ihm gleich! Doch wenn sich am
-Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der
-schwarze Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen
-krachen und der Blitz, aus den Wolken splitternd,
-plötzlich die ganze Welt erhellt &mdash; o, dann ist der Dnjepr
-schrecklich! Die Wasserhügel tosen, wenn sie gegen die
-steinigen Felsen anprallen, sinken blitzend und stöhnend
-zurück und ächzen und heulen in der Ferne. So jammert
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie ihren Sohn ins
-Kriegslager geleitet: frei und kühn reitet er auf seinem
-rabenschwarzen Roß dahin, die Hand in die Hüfte
-gestemmt und die Mütze keck aufs Ohr geschoben, sie
-aber läuft schluchzend hinter ihm her, hängt sich an den
-Steigbügel, greift ihm in die Zügel, ringt die Hände
-und zerfließt in heißen Tränen.
-</p>
-
-<p>
-Wild und schwarz ragen zwischen den kämpfenden
-Wellen auf der Landzunge verkohlte Baumstümpfe und
-Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will, wird
-ans Ufer geworfen, schießt hoch empor und sinkt dann
-wieder tief abwärts. Wer ist der Kosak, der sich in
-den Kahn gewagt, zu einer Zeit, da der alte Dnjepr
-grollt? Der weiß nicht, daß der Dnjepr die Menschen
-hinabschlingt wie Fliegen!
-</p>
-
-<p>
-Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg
-ihm. Ihm ist nicht heiter zumute. Er grollt über
-den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem erschlagenen
-Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen mußten ihn teuer
-bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schönen
-Schupans, ihr ganzes Pferdegeschirr und dreiunddreißig
-Knechte dazu wurden in Stücke gehauen, und die übrigen
-saßen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die
-Tataren verkauft werden.
-</p>
-
-<p>
-Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten
-Baumstümpfen hinab, wo sich tief unten im
-Erdreich seine Hütte befand. Leise und ohne mit der
-Türe zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den
-gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen
-unbekannte Kräuter in ihn hineinzuwerfen, dann holte
-er einen Krug herbei, der aus einem merkwürdigen Holz
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-geschnitzt war, schöpfte Wasser und begann es wieder auszugießen,
-während seine Lippen Beschwörungen murmelten.
-</p>
-
-<p>
-Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich
-war es, sein Gesicht zu schauen: es sah ganz blutig
-aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich drein, und
-die Augen glühten wie ein Feuer. Schrecklicher Sünder!
-Der Bart war ihm längst ergraut, und das Gesicht von
-Runzeln durchfurcht, schon ist er fast gänzlich verdorrt,
-und noch immer trachtet er nach gottlästerlichen Taten.
-Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weiße wehende
-Wolke, und etwas wie Freude huschte über des Zaubrers
-Gesicht. Doch warum stand er plötzlich regungslos mit
-weitgeöffnetem Munde da, warum wagte er es nicht,
-sich zu bewegen? Und warum sträubten sich die Haare
-wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien
-ihm ein sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen
-kam es zu Gaste; immer deutlicher trat es hervor
-und bohrte die starren Augen in ihn hinein. Die
-Züge, die Brauen, die Augen, die Lippen &mdash; alles war
-ihm unbekannt und noch nie in seinem Leben hatte er
-es gesehen. Auch war nichts eigentlich Grauenhaftes
-an ihm, und doch packte ihn ein unüberwindliches Entsetzen.
-Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch
-immer starr durch die Wolke an. Doch nun war die
-Wolke verschwunden, aber das unbekannte Gesicht hing
-noch klarer vor ihm, und die scharfen schneidenden Blicke
-wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer
-wurde so weiß wie Leinen; mit einer furchtbaren
-Stimme, die ihn selber fremd dünkte, schrie er auf,
-warf den Topf um. Alles war verschwunden.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-11">
-<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-XI.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>S</span><span class="postfirstchar">ei</span> ruhig, liebe Schwester!&ldquo; sprach der alte
-Jessaul Gorobetz. &bdquo;Träume reden selten die
-Wahrheit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leg dich doch hin, Schwesterchen!&ldquo; sagte seine junge
-Schwiegertochter. &bdquo;Ich werde die alte Wahrsagerin
-rufen: ihr kann keine Macht der Welt widerstehen: sie
-wird deine Unruhe bannen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fürchte nichts!&ldquo; rief der Sohn und griff nach dem
-Säbel, &bdquo;niemand soll dir etwas zuleide tun.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit trüben und düsteren Augen blickte Katerina sie
-alle an und fand kein Wort zur Antwort. &bdquo;Ich habe
-mir selbst mein Verderben bereitet: ich hab ihn befreit!&ldquo;
-Endlich aber sprach sie: &bdquo;Ich habe keine Ruhe vor ihm.
-Schon sind&rsquo;s zehn Tage, daß ich bei euch in Kijew
-bin, und mein Schmerz ist um keinen Tropfen geringer.
-Ich hab mir gedacht, ich will nun in aller Stille mein
-Söhnchen als Rächer aufziehen ...... O, furchtbar,
-furchtbar war er, wie er mir im Traume erschien.
-Behüt euch Gott davor, ihn je zu erblicken! Mein Herz
-pocht noch immer!&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich hack dir dein Kind in
-Stücke, Katerina!&ldquo; schrie er, &bdquo;wenn du nicht mein Weib
-sein willst! ....&ldquo; Schluchzend stürzte sie sich auf
-die Wiege, daß das erschrockene Kindlein die Hände ausstreckte
-und zu schreien begann.
-</p>
-
-<p>
-Des Jessauls Sohn brauste zornig auf, als er diese
-Rede hörte.
-</p>
-
-<p>
-Auch Gorobetz, der Jessaul, raste vor Wut: &bdquo;Mag
-er&rsquo;s nur wagen, hierher zu kommen, der gottlose Antichrist
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-&mdash; er soll die Kraft meiner alten Kosakenarme
-kosten. Gott ist mein Zeuge!&ldquo; rief er und hob die
-scharf blickenden Augen gen Himmel empor. &bdquo;Bin ich
-denn Bruder Danilo nicht zu Hilfe geeilt? Doch es
-war Gottes heiliger Wille! Ich traf ihn schon auf dem
-kalten Lager, darauf schon so viel Kosakenvolk sich gebettet.
-Hat man ihm zu Ehren nicht dafür einen prächtigen
-Leichenschmaus gefeiert? Ist etwa auch nur ein
-Pole lebend entkommen? Sei ruhig, mein Kind! Niemand
-wird es wagen, dich zu berühren, solange wir
-leben, ich und mein Sohn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten trat der alte Jessaul an die
-Wiege. Das Kindchen erblickte die rote Pfeife mit der
-silbernen Fassung am Riemen und den Beutel mit dem
-glänzenden Feuerstein, streckte die Händchen zu ihm hin
-und lachte. &bdquo;Der wird ganz wie der Vater!&ldquo; sprach der
-alte Jessaul, nahm die Pfeife aus dem Munde und
-reichte sie dem Kinde hin. &bdquo;Noch hat er die Wiege
-nicht verlassen und schon will er ein Pfeifchen rauchen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Katerina seufzte leise auf und begann die Wiege zu
-schaukeln. Man verabredete sich, die Nacht gemeinsam
-zu verbringen; nach einer kurzen Weile schliefen alle, und
-auch Katerina schlummerte bald ein.
-</p>
-
-<p>
-Im Hofe und in der Stube war alles still, nur die
-Kosaken, die Wache hielten, schlummerten nicht. Plötzlich
-wachte Katerina mit einem Schrei auf, und mit ihr
-erwachten alle aus ihrem Schlummer. &bdquo;Er ist tot, man
-hat ihn ermordet!&ldquo; schrie sie und stürzte zur Wiege
-hin ..... Alle umringten die Wiege und
-waren starr vor Entsetzen, als sie das leblose Kind
-daliegen sahen. Keiner sprach ein Wort und niemand
-<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
-wußte, was er von dem unerhörten Frevel denken
-sollte.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-12">
-XII.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">ern</span> vom Lande der Ukraine, wenn man das
-Polenreich durchreist und schon die volkreiche
-Stadt Lemberg hinter sich hat, stößt man auf
-eine Gebirgskette mit hohen Gipfeln. Berg an Berg
-umklammern hier von rechts und links wie mit steinernen
-Ketten die Erde und schmieden sie in einen Felsenring,
-damit das brausende tosende Meer nicht hereinbreche.
-Die Felsenketten ziehen sich bis in die Wallachei und
-das Siebengebirge hinein, und ragen wie ein gigantisches
-Hufeisen zwischen Galiziens und Ungarns Völkern
-empor. Solche Berge gibt&rsquo;s in unserer Gegend nicht,
-und das Auge wagt es nicht, sie zu umspannen. Einige
-von diesen Gipfeln hat noch kein menschlicher Fuß betreten.
-Wie ein Mirakel sind sie zu schauen: gleich als
-wäre ein trotziges Meer während eines Sturmes seinen
-weiten Ufern entflohen und als hätte es mißgestalte
-Wogen aufgetürmt, die dann zu Stein geworden, steil
-in der Luft emporstarrten. Oder sind es schwarze Wolken,
-die vom Himmel herabgestürzt sind und den Weg zur
-Erde versperrt haben? Denn ihre Farbe ist ebenso grau
-wie die der Wolken, und der weiße Gipfel blitzt und
-funkelt in der Sonne. Bis zu den Karpathen hin hört
-man die russische Zunge, und auch hinter den Bergen
-hallt&rsquo;s hie und da wieder wie ein Klang aus der Heimat;
-doch dann kommen Menschen mit einem andern Glauben
-und einer fremden Sprache. Hier lebt das zahlreiche
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-Volk der Ungarn; die reiten, fechten und trinken nicht
-schlechter als die Kosaken und kargen nicht, wenn&rsquo;s gilt,
-goldene Dukaten für Pferdegeschirr und kostbare Kaftans
-aus dem Beutel zu holen. Groß und frei liegen ihre
-Seen zwischen den Bergen. Unbeweglich wie Glas sind
-sie, und wie ein Spiegel werfen sie die nackten Gipfel
-der Berge und die grünende Sohle zurück.
-</p>
-
-<p>
-Doch wer kommt dort inmitten der Nacht &mdash; bei
-Finsternis oder Sternenglanz &mdash; auf dem riesigen Rappen
-daher geritten? Welch ein Recke von übermenschlichem
-Körpermaß fegt die Berge entlang und über die Seen
-dahin und spiegelt sich samt seinem Riesenroß in den
-leblosen Gewässern, daß sein unermeßlicher Schatten
-furchtbar über die Berge hinhuscht? Es glänzt der
-Harnisch von herrlichem Schmiedeeisen; er trägt eine Pike
-auf der Schulter, am Sattel rasselt der Säbel, das
-Visier ist niedergelassen, schwarz hängt ihm der Schnurrbart
-herab, die Augen sind geschlossen, und die Lider gesenkt.
-&mdash; Er schläft und hält im Schlafe die Zügel fest,
-hinter ihm auf demselben Roß sitzt der junge Page und
-auch er schläft und klammert sich schlafend an den Ritter.
-Wer ist er, wo reitet er hin und zu welchem Ziele? Wer
-weiß etwas von ihm? Nicht einen Tag nur oder zwei
-reitet er schon über die Berge dahin. Der Tag bricht
-an, die Sonne geht auf, aber <em>er</em> ist nicht zu erblicken.
-Nur selten sehen die Bergbewohner einen langen Schatten
-durch die Berge huschen &mdash; und doch ist der Himmel
-ganz klar, und keine Wolke zieht über ihn hin. Aber
-kaum bricht die Nacht an und mit ihr die Finsternis, so
-läßt er sich wieder sehen; dann spiegelt er sich in den
-Seen, und hinter ihm kommt zitternd sein Schatten
-<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
-einher gesprungen. Schon ist er an vielen Bergen vorbeigekommen
-und selbst auf den Kriwan ist er hinaufgeritten.
-Und doch ist in den Karpathen kein Berg höher
-als dieser, denn einem Könige gleich erhebt er sich über
-die andern. Da machte Roß und Reiter Halt;
-tiefer noch sank er in Schlaf, und herabsinkende Wolken
-bedeckten ihn.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-13">
-XIII.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>P</span><span class="postfirstchar">st</span> ... still doch, Weib! Lärme nicht so! Mein
-Kind ist eingeschlafen. Lang hat mein Kindchen
-geschrien, jetzt aber schläft es. Ich geh&rsquo;
-in den Wald, Weib! Was siehst du mich denn so an?
-Du bist fürchterlich: eiserne Zangen strecken sich aus
-deinen Augen hervor &mdash; &mdash; oh, und wie lang sie sind,
-und brennen wie Feuer! Du bist gewiß eine Hexe!
-Hör, wenn du eine Hexe bist, so verschwinde! Du willst
-mir meinen Sohn stehlen! Wie töricht ist doch dieser
-Jessaul: er glaubt, es machte mir Vergnügen, in Kijew
-zu leben; doch nein, mein Mann und mein Sohn sind
-hier, wer soll denn das Haus überwachen? Ich bin so
-leise davongeschlichen, daß weder Katze noch Hund es
-hören konnten. Weib, du willst wieder jung werden?
-O, das ist garnicht so schwer: man muß nur recht viel
-tanzen. Schau, wie ich tanze .....&ldquo; Und nachdem
-sie diese zusammenhanglosen Worte gesprochen hatte,
-fing Katerina an zu tanzen, sie drehte sich wie ein
-Wirbel herum &mdash; blickte stier nach allen Seiten, stemmte
-die Arme in die Hüften, und ihre silbernen Hufeisen
-klirrten regellos und ohne Takt. Ihre schwarzen
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-aufgelösten Flechten hingen ihr über den weißen Hals
-hinüber, sie schwirrte wie ein Vogel dahin, weiter und
-immer weiter ohne Halt, schwang die Arme im Kreise,
-schüttelte den Kopf, und es schien so, als müßte sie gleich
-matt zu Boden sinken oder weit hinausfliegen aus
-dieser Welt.
-</p>
-
-<p>
-Traurig stand die alte Amme vor ihr, und die Tränen
-strömten ihr über die tiefen Runzeln hinab, schwer wie
-ein Stein lastete es auf dem Herzen der treuen Burschen,
-die zusehen mußten, wie ihre Herrin tanzte. Doch schon
-fing sie an, müde zu werden, träg stampfte sie mit den
-Beinen auf ein und derselben Stelle herum und glaubte
-doch, sie tanze den Lachtaubentanz. &bdquo;Ah, ich hab&rsquo; auch
-ein Perlenhalsband, ihr Burschen!&ldquo; rief sie endlich aus
-und hielt inne. &bdquo;Ihr aber habt keins! .... Wo ist
-mein Mann?&ldquo; schrie sie plötzlich auf und zog rasch einen
-Türkendolch aus dem Gürtel. &bdquo;Oh, das ist kein Messer,
-wie ich es brauche!&ldquo; und dabei flossen ihr die Tränen
-über ihr schmerzbewegtes Gesicht. &bdquo;Das Herz meines
-Vaters ist weit, weit von hier, und dieses Messer wird&rsquo;s
-nicht erreichen. Sein Herz ist von Eisen, eine Hexe hat
-es ihm auf dem höllischen Feuer geschmiedet. Warum
-erscheint mein Vater nur nicht? Weiß er denn nicht,
-daß die Zeit gekommen ist, wo ich ihn töten muß?
-Er will wohl gar, daß ich selbst zu ihm komme ....&ldquo;
-Und ohne ihre Rede vollendet zu haben, lachte sie seltsam
-auf. &bdquo;Eine komische Mär kam mir in den Sinn:
-Ich erinnerte mich, wie sie mir den Gemahl begruben.
-Sie haben ihn lebendig begraben ... O, wie mußte
-ich lachen! ...... Hört, hört!&ldquo; und statt weiterzureden,
-begann sie ein Lied zu singen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
- <p class="verse">Da fährt &rsquo;ne Karre im Blut .....</p>
- <p class="verse">&rsquo;S liegt ein Kosak im Wagen</p>
- <p class="verse">Zerschossen und zerschlagen,</p>
- <p class="verse">Hält in der Rechten einen Spieß,</p>
- <p class="verse">Und von dem Spieß läuft soviel Blut</p>
- <p class="verse3">Soviel Blut,</p>
- <p class="verse">Daß es &rsquo;nen Blutstrom wies.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Überm Bach da steht ein Ahornschragen</p>
- <p class="verse">Und ein Rabe krächzt darüber her.</p>
- <p class="verse">Vom Kosaken will die Mutter klagen,</p>
- <p class="verse">Wein nicht, Mutter, gräm dich nicht zu sehr!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dein Sohn hat wohl genommen</p>
- <p class="verse">Ein Fräuleinchen gar fein,</p>
- <p class="verse">Drum soll er auch bekommen</p>
- <p class="verse">Ein Stübchen eng und klein,</p>
- <p class="verse">Ohne Fenster, ohne Tür,</p>
- <p class="verse">So geht&rsquo;s immer für und für.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ging ein Fisch mit &rsquo;nem Krebs zu Tanz ...</p>
- <p class="verse">Wer mich nicht leiden mag, den soll der Kuckuck ..</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-So wirrten sich bei ihr alle Lieder durcheinander.
-Schon einen oder zwei Tage lang lebte sie in ihrem
-Hause und wollte nichts von Kijew hören; sie betete
-nicht, sie floh vor den Menschen und vom frühen Morgen
-bis in die späte Nacht hinein streifte sie im dunklen
-Eichwald umher. Spitzige Äste ritzten ihr weißes Gesicht
-und ihre Schultern, der Wind zerzauste ihr die
-aufgelösten Flechten, das Herbstlaub raschelte unter ihren
-Füßen &mdash; sie aber achtete es nicht. Zu der Stunde,
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-da das Abendrot erlischt, die Sterne noch nicht vom
-Himmel herab blinken und der Mond noch nicht leuchtet,
-ist es voll Grauen, durch den Wald zu wandern. Die
-ungetauften Kinder kratzen an den Baumstämmen, hangen
-an den Zweigen, heulen, lachen gellend auf und wälzen
-sich wie ein Knäuel über die Wege und durch das dichte
-Dornengestrüpp; den Fluten des Dnjepr entsteigt ein
-Reigen von Jungfrauen, die selbst ihre Seele verderbten,
-die Haare rieseln ihnen vom grünlichen Haupte auf die
-Schultern herab; das Wasser rinnt laut glucksend vom
-langen Haare hinunter, und der Leib der Jungfrau
-schimmert durchs Wasser hindurch wie durch ein gläsernes
-Hemd, seltsam lächeln die Lippen, die Wangen glühen,
-die Blicke locken einem die Seele aus dem Leibe ....
-sie möchte in Liebe entbrennen, sie sehnt sich nach heißen
-Küssen .... Fliehe, der du ein Mensch bist und ein
-Christ, ihre Lippen sind Eis, ihr Bett ist das kühle
-Wasser, sie wird dich zu Tode kitzeln und dich mit in
-den Fluß schleifen. Katerina aber blickt niemanden an.
-Sie, die Wahnsinnige, fürchtet die Waldgeister und Wasserjungfrauen
-nicht; zu später Stunde läuft sie umher mit
-dem Dolche im Busen und sucht nach dem Vater.
-</p>
-
-<p>
-Ganz früh am Morgen kam ein stattlicher Gast in
-rotem Schupan angeritten und fragte nach Pan Danilo;
-als er die traurige Kunde vernahm, wischte er sich die
-weinenden Augen mit dem Ärmel und zuckte die Achseln.
-Er habe manch einen Feldzug mit dem verstorbenen
-Burulbasch gemacht, und sie hätten gemeinsam gegen die
-Krimschen Tataren und Türken gefochten; wie hätt&rsquo; er
-erwarten können, daß Pan Danilo so enden würde!
-Und noch von manchem anderen wußte der Gast zu
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-berichten, und dann wünschte er Pani Katerina zu
-sehen.
-</p>
-
-<p>
-Katerina achtete zuerst nicht darauf, was der Gast
-erzählte; schließlich aber begann sie dennoch, seinen Reden
-zu lauschen, ganz als ob sie bei Vernunft wäre. Er
-sprach davon, daß er und Danilo miteinander wie Brüder
-gelebt, wie sie sich einst hinter einem Damm vor den
-Krimschen Tataren versteckt hielten und mehr dergleichen
-....... Katerina hörte dies alles und
-wandte keinen Blick von ihm ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie kommt wieder zu sich,&ldquo; dachten die Burschen,
-die sie aufmerksam beobachteten. &bdquo;Der Gast wird sie
-heilen! Schon hört sie ihm zu wie ein vernünftiges
-Wesen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen aber begann der Gast zu berichten, wie
-Pan Danilo ihm in vertraulicher Stunde gesagt hatte:
-&bdquo;Sieh, Bruder Koprian: ist es einmal Gottes Wille,
-und ich bin nicht mehr unter den Lebenden, dann nimm
-mein Weib zu dir, und sie soll deine Gattin sein ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da heftete Katerina die Augen mit einem fürchterlichen
-Ausdruck auf ihn. &bdquo;Ah!&ldquo; rief sie, &bdquo;er ist es, er
-ist es. Es ist mein Vater!&ldquo; und sie stürzte sich mit
-einem Messer auf ihn.
-</p>
-
-<p>
-Lange rang jener mit ihr und wollte ihr das Messer
-entwinden; endlich riß er ihr&rsquo;s aus den Händen, holte
-aus &mdash; und die schaurige Tat geschah: der Vater erstach
-seine wahnsinnige Tochter.
-</p>
-
-<p>
-Entsetzt stürzten sich die Kosaken auf ihn, aber der
-Zauberer schwang sich aufs Pferd und war aller Blicken
-entschwunden.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-14">
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
-XIV.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> Kijew begab sich ein unerhörtes Wunder.
-Alle hohen Herren und Hetmans kamen zusammen,
-dies Wunder anzustaunen, und plötzlich
-war es weithin zu sehen bis an alle Enden der Welt.
-Weit in der Ferne blaute die breite Mündung des Stroms,
-und hinter ihr rollte das Schwarze Meer. Weltkundige
-Leute wollten auch die Krim erkennen, die wie
-ein Berg aus dem Meere emporstieg, und auch den
-sumpfigen Siwasch erkannten sie. Zur Linken aber sah
-man das galizische Land.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und was ist <em>das</em>?&ldquo; fragte das versammelte Volk
-die großen Männer, und alle wiesen auf die fern am
-Himmel leuchtenden mächtigen weißen Spitzen, die grauen
-Wolken glichen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das sind die Karpathen!&ldquo; sprachen die alten Männer.
-&bdquo;Da gibt&rsquo;s auch solche darunter, von denen der Schnee
-nie verschwindet; dort landen und übernachten die Wolken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und nun geschah ein neues Wunder: die Wolken
-senkten sich vom höchsten Berggipfel herab, und auf
-seiner Spitze erschien ein Recke zu Roß und in voller
-Ritterrüstung; seine Augen waren geschlossen, und er
-war zu schauen, als ob er ganz in der Nähe vor allen
-dastände.
-</p>
-
-<p>
-Da sprang einer von der schreckvoll staunenden
-Menge aufs Pferd und jagte eilig und so schnell er
-konnte, fort.
-</p>
-
-<p>
-Er blickte wild um sich, als wollte er mit seinen
-Augen prüfen, ob nicht jemand ihm nachsetzte. Es war
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-der Zauberer! Doch was hatte ihn so in Schrecken gesetzt? Als
-er den wunderbaren Ritter betrachtete, hatte er plötzlich
-dasselbe Gesicht erkannt, das ihm damals bei
-seinen schwarzen Künsten so ungerufen erschienen war.
-Er konnte es selbst nicht begreifen, warum bei diesem
-Anblick alles in ihm zusammenschrak, und er raste, scheu
-um sich blickend, auf seinem Rosse dahin, bis ihn der
-Abend überraschte und die Sterne am Himmel erschienen.
-Da erst machte er kehrt und floh heimwärts, vielleicht
-um die unreinen Mächte zu befragen, was dies Wunder
-wohl zu bedeuten hatte. Schon wollte er mit dem
-Roß über den schmalen Bach setzen, der wie ein Ärmel
-sich mitten über den Weg dahinzog, als sein Roß mit
-einem Male gerad vor dem Sprunge anhielt, das Maul
-zu ihm wandte, und &mdash; o Wunder! &mdash; zu lachen
-begann. Zwei Reihen weißer Zähne grinsten ihm aus
-der Dunkelheit entgegen. Das Haar sträubte sich auf
-dem Haupte des Zauberers, er schrie wild auf, kreischte
-laut wie ein Besessener und spornte sein Pferd stracks
-auf Kijew zu. Es war ihm, als ob jemand von überall
-her nach ihm haschte: die Bäume schienen zu einem
-dichten Wald zusammenzulaufen und ihn einzuschließen,
-sie schüttelten ihre schwarzen Bärte und reckten ihre
-langen Zweige heraus, als ob sie lebendig wären und
-ihn erdrosseln wollten. Die Sterne schienen ihm vorauszueilen
-und vor der ganzen Welt auf den Sünder zu
-weisen; selbst die Landstraße, schien ihm, jagte auf
-seinen Spuren hinter ihm her.
-</p>
-
-<p>
-Und der Zauberer floh voller Verzweiflung nach den
-heiligen Wallfahrtsorten der Stadt Kijew.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-15">
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-XV.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> Anachoret saß einsam in seiner Höhle vor einer
-Leuchte und wandte seine Blicke nicht von dem
-heiligen Buche ab, das vor ihm lag. Seit
-vielen Jahren schon hatte er sich in der Höhle eingeschlossen
-und schon hatte er sich den hölzernen Sarg
-gezimmert, in dem er zu ruhen pflegte, wie in einem
-Bett. Der heilige Greis schloß eben das Buch und begann
-zu beten .... Da stürzte plötzlich ein Mann
-von seltsamem und <a id="corr-38"></a>schrecklichem Äußeren herein. Zum
-ersten Male erstaunte der heilige Einsiedler und trat
-einen Schritt zurück vor diesem Menschen. Der aber
-bebte am ganzen Leibe wie Espenlaub, seine Augen
-irrten wild umher; ein schreckliches Feuer glomm furchtsam
-in ihnen, und sein verzerrtes Gesicht machte die
-Seele erschauern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bete, Vater! So bete doch!&ldquo; schrie er verzweifelt.
-&bdquo;Bete für eine verlorene Seele!&ldquo; Und er stürzte zu
-Boden.
-</p>
-
-<p>
-Der heilige Anachoret machte das Zeichen des Kreuzes,
-holte das Buch hervor, schlug es auf, aber er wich entsetzt
-zurück und ließ das Buch wieder herabsinken. &bdquo;Nein,
-du unerhörter Sünder! Es gibt keine Gnade für dich!
-Flieh von hinnen! Nie vermag ich für dich zu beten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nie!&ldquo; schrie der Sünder wie toll.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Blick hin: die heiligen Lettern dieses Buches sind
-blutüberströmt .... noch niemals hat die Welt einen
-solchen Sünder gesehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vater! Du spottest über mich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-&bdquo;Geh, du gottverdammter Sünder! Ich spotte
-nicht. Angst ergreift mich. Nichts Gutes bedeutet es
-für einen Menschen, in deiner Nähe zu weilen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, nein! Du spottest, rede nicht .... Ich
-sehe, wie dein Mund sich öffnet und mich die weißen
-Reihen deiner alten Zähne spöttisch anblicken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er sprang rasend vor &mdash; und erschlug den heiligen
-Einsiedler.
-</p>
-
-<p>
-Da stöhnte etwas schwer auf, und das Stöhnen
-hallte durch Feld und Wald weiter. Hinter dem Walde
-streckten sich ein Paar dürre hagere Hände mit langen
-Krallen hervor, fingen an zu beben und verschwanden
-wieder.
-</p>
-
-<p>
-Und schon war keine Angst mehr da, und er fühlte
-nichts mehr. Alles erschien ihm verschwommen:
-in seinen Ohren sauste es, es rauschte ihm im Kopfe
-wie wenn er trunken wäre. Er sprang aufs Roß
-und ritt gen Kanew, von dort gedachte er seinen
-Weg über Tscherkany geradeaus zu den Tataren und
-nach der Krim zu lenken, doch wußte er selbst nicht, zu
-welchem Zweck er es tat. Er ritt einen Tag lang und
-ritt einen zweiten, aber Kanew wollte sich immer noch
-nicht sehen lassen. Es war der richtige Weg, und er
-hätte schon längst in Kanew sein müssen, aber die
-Stadt wurde und wurde nicht sichtbar. Da leuchteten
-plötzlich in der Ferne die Kuppeln von Kirchen auf, aber
-es war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der Zauberer
-war aufs höchste betroffen, als er sah, daß er eine
-falsche Richtung eingeschlagen hatte; er jagte sein Roß
-zurück auf Kijew zu, und einen Tag später tauchte eine
-Stadt vor ihm auf, aber es war wieder nicht Kijew,
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
-sondern Halitsch, eine Stadt, die noch weiter von Kijew
-entfernt ist als selbst Schumsk und schon nahe bei Ungarn
-liegt. Ohne zu wissen, was er tun sollte, riß er
-sein Pferd wieder herum. Aber wiederum fühlte er, daß
-er in der entgegengesetzten Richtung dahinritt, und immer
-weiter und weiter. Kein Mensch in der Welt
-hätte sagen können, was in der Seele des Zauberers
-vorging; und hätte jemand hinein geblickt und gesehen,
-was dort geschah, so hätte er keine Nacht mehr ruhig
-geschlafen, und nie hätt&rsquo; er mehr gelacht. Das war
-nicht Wut, nicht Furcht noch wilder Groll. Es gibt
-kein Wort dafür in der Welt. Es glühte und siedete
-in ihm, die ganze Welt hätte er mit seinem Rosse
-zerstampfen, die ganze Erde von Kijew bis Halitsch
-mitsamt all den Menschen und allem, was drauf
-lebte, packen, und sie im Schwarzen Meere ertränken
-mögen. Doch war es nicht Grimm, warum er
-dies tun wollte, er wußte selbst nicht warum. Und
-er erbebte, als ganz nahe vor ihm die Karpathen und
-der hohe Kriwan erschienen, der sich eine schwarze
-Wolke wie eine Mütze auf seinen Schädel gestülpt
-hatte; aber das Roß jagte immer weiter dahin und
-trabte schließlich bis ins Gebirge. Plötzlich verschwanden
-die Wolken und vor ihm erschien in furchtbarer Erhabenheit
-der Reiter ..... Der Zauberer mühte
-sich, Halt zu machen und zog die Zügel straff, aber das
-Roß wieherte wild, warf den Kopf empor und raste
-dem Ritter entgegen. Da ward dem Zauberer zumute,
-als ob alles in ihm erstarrte und ihm schien, der regungslose
-Ritter rührte sich vom Fleck; er machte auf einmal
-die Augen weit auf, sah den ihm entgegeneilenden
-<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
-Zauberer an und lacht laut auf. Wie ein
-Donner rollte das wilde Gelächter durchs Gebirge, hallte
-dröhnend im Herzen des Zauberers wieder und erschütterte
-sein ganzes Innere. Es schien ihm, als ob ein furchtbares,
-gewaltiges Wesen in ihn hineingekrochen wäre
-und in seinem Inneren umherwandere, auf sein Herz
-und alle seine Sehnen loshämmerte, so gewaltig hallte
-das Gelächter in ihm wieder!
-</p>
-
-<p>
-Der Reiter packte den Zauberer mit seiner schrecklichen
-Hand und hob ihn hoch in die Lüfte, und im
-Nu war der Zauberer tot, doch er öffnete nach dem
-Tode noch die Augen; aber schon war er ein Leichnam
-und sah wie ein Toter vor sich hin. So fürchterlich
-blickt kein Lebender und auch kein Auferstandener. Er
-rollte die blinden Augen nach allen Seiten, und er sah,
-wie sich die Toten in Kijew, Galizien und in den Karpaten
-erhoben, und sie alle glichen ihm von Angesicht,
-wie zwei Tropfen Wasser einander gleichen.
-</p>
-
-<p>
-Bleich, totenbleich, der eine den anderen an Größe
-überragend, und der eine knochiger als der andere, so
-drängten sie sich um den Ritter, der seine furchtbare
-Beute in der Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter
-auf und dann schleuderte er sie in den Abgrund. Und
-alle Toten sprangen in den Abgrund herab, fingen den
-toten Zauberer auf und bohrten ihre Zähne in ihn hinein.
-Aber da war noch einer, der größer und furchtbarer
-war als alle; der wollte sich auch aus der Erde erheben,
-doch er vermochte es nicht, er hatte nicht mehr die Kraft,
-es zu tun. &mdash; So riesengroß war er geworden in seiner
-Erdengrube; hätte er sich erhoben, so hätte er die Karpathen
-umgestürzt und das Siebengebirge und das Türkenreich
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-dazu. Ein wenig nur rührte er sich im Grabe &mdash;
-und es ging ein Beben über die ganze Erde, viele Häuser
-wurden allerorten umgeworfen, und viele Menschen erstickten.
-</p>
-
-<p>
-Oft hört man in den Karpathen ein Schnauben, wie
-wenn das Wasser über tausend Mühlräder dahinrauscht:
-das sind die Toten, die in einem Abgrund, dem man
-nicht entrinnen kann und den noch nie ein Mensch
-gesehen hat, an einem Leichnam nagen, und jeden graut
-es, vorbeizugehen. Gar oft geschieht es, daß die Erde
-von einem Ende bis zum andern erbebt: das kommt, wie
-die Schriftgelehrten sagen, daher, daß irgendwo, in der
-Nähe des Meeres ein Berg steht; aus dem schlagen
-Flammen und fließen brennende Ströme hervor. Aber
-die greisen Männer im Ungarlande und auch in Galizien
-wissen es besser und erzählen von dem ungeheueren Toten,
-der in die Erde hineinwuchs, sich erheben will und so
-das Weltall erschüttert.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-3-16">
-XVI.
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um
-einen greisen Harfenspieler geschart und lauschte
-wohl schon eine Stunde lang dem Spiele des
-Blinden. Kein Harfenspieler hatte je so wundersame
-Lieder, so herrlich hatte noch nie ein Harfenspieler gesungen.
-Er sang von den Hetmans der alten Zeiten:
-von dem Sagajdatschny und von Chmelnitzki. Ja, das
-war eine andere Zeit: weit berühmt und geehrt waren
-damals die Kosaken; sie zertraten ihre Feinde mit den
-Hufen ihrer Rosse, und niemand wagte es, ihrer zu
-<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
-spotten. Aber der Greis sang auch lustige Lieder und
-er ließ seine Augen im Kreise umherwandern wie ein
-Sehender, und die Finger mit den Knochenstäbchen flogen
-wie Fliegen über die Saiten, sodaß die Saiten von
-selbst zu spielen schienen; und ringsherum stand das
-Volk, &mdash; die Greise gesenkten Hauptes, und die Jungen,
-die Augen zum Sänger erhoben, und wagten es nicht
-einmal, untereinander zu flüstern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wartet einmal!&ldquo; sprach der Alte. &bdquo;Ich will euch
-singen von einer längstvergangnen Begebenheit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Leute drängten sich noch enger zusammen, und
-der Blinde begann:
-</p>
-
-<p>
-Zur Zeit Pan Stephans, des Fürsten von Siebenbürgen
-(der Fürst von Siebenbürgen war auch König
-der Polen), da lebten einmal zwei Kosaken: Iwan und
-Petro. Sie lebten wie zwei Brüder. &bdquo;Hör, Iwan,&ldquo;
-sagte Petro einst, &bdquo;alles, was wir erbeuten, &mdash; sei zu
-gleichen Teilen unter uns geteilt; des einen Freude sei
-des andern Freude und des einen Kummer sei des andern
-Schmerz; des einen Beute soll auch dem anderen zukommen,
-und wenn der eine in Gefangenschaft gerät,
-soll der andere alles verkaufen und Lösegeld zahlen, oder
-selbst in Gefangenschaft gehen.&ldquo; Und so geschah&rsquo;s auch,
-alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie untereinander:
-ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder
-Pferde &mdash; sie teilten alles zu gleichen Teilen unter sich.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Einst führte König Stephan Krieg mit dem Türkenvolk.
-Drei Wochen schon focht er gegen den Türken
-und konnte ihn immer noch nicht vertreiben. Die Türken
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-aber hatten einen Pascha, der ganz allein mit zehn Janitscharen
-ein ganzes Heer in die Flucht schlagen
-konnte. Da tat König Stephan kund, wenn sich ein
-Wagehals fände, der ihm den Pascha lebend oder tot
-brächte, so wolle er ihm allein einen so hohen Lohn
-bezahlen, wie den, den er seinem ganzen Heere zukommen
-ließ. Da sprach Iwan zu Petro: &bdquo;Komm, Herzensbruder,
-wir wollen den Pascha fangen!&ldquo; Und die Kosaken
-ritten davon: der eine hierhin, der andere dorthin.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Ob ihn Petro nun gefangen hätte oder nicht, das
-läßt sich nicht sagen, doch schon führt Iwan den Pascha
-an einem Strick um den Hals vor den König. &bdquo;Tapfrer
-Kosak,&ldquo; sprach König Stephan und ließ ihm allein soviel
-Lohn ausbezahlen, als sonst sein ganzes Heer erhielt;
-und er hieß ihm Land zuzuteilen, wo er welches haben
-wollte, und Vieh schenken, soviel er nur wünschte. Wie
-Iwan nun den Lohn vom König erhalten hatte, teilte
-er ihn noch am selbigen Tage zu gleichen Teilen unter
-sich und Petro. Petro bekam die Hälfte vom Lohne
-des Königs, aber der konnte es nicht verwinden, daß
-Iwan vom Könige solche Ehren zuteil geworden waren,
-und in den Tiefen seiner Seele regten sich Rachegedanken.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Einst ritten die beiden Ritter jenseits der Karpathen
-durch das Land, das der König ihnen geschenkt hatte,
-und der Kosak Iwan hatte auch seinen Sohn neben sich
-auf dem Roß sitzen und ihn fest an sich gebunden.
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
-Schon senkte sich die Dämmerung aufs Land herab &mdash;
-sie aber ritten immer weiter und weiter. Der Knabe
-schlief, und auch Iwan fing an einzuschlummern. &bdquo;Schlaf
-nicht, Kosak, denn gefahrvoll sind die Pfade in den
-Bergen!&ldquo; .... Doch der Kosak hatte ein Pferd, das
-alle Wege kannte, und nie stolperte oder strauchelte es.
-Ein Abgrund lag tief zwischen den Bergen versenkt,
-und noch niemand hatte den Grund des Schlundes
-gesehen, denn so hoch es von der Erde bis zum Himmel
-ist, so tief ist es bis zum Grunde jener Schlucht. Über
-den Abgrund führte ein Steg &mdash; über dem noch gerade
-zwei Menschen hinweg reiten konnten, nicht aber drei.
-Behutsam schritt das Roß mit dem schlummernden
-Kosaken über den Steg. An seiner Seite aber ritt
-Petro, er bebte am ganzen Leibe und hielt vor Freude
-den Atem an, und nun blickte er um sich, stieß seinen
-selbst erkorenen Bruder in den Abgrund hinab, und das
-Roß stürzte mitsamt dem Kosaken und dem Kinde in
-die Tiefe.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Doch der Kosak vermochte noch einen Ast zu erfassen,
-und das Pferd stürzte allein hinab. So begann
-er denn, mit seinem Sohne auf dem Rücken, in die
-Höhe zu klimmen; und er war schon beinahe ganz oben,
-da erhob er die Augen und sah, wie Petro mit seiner
-Pike nach ihm zielte, um ihn wieder hinabzustoßen.
-&bdquo;O, du gerechter Gott! Hätte ich doch lieber nicht die Augen
-erhoben; warum muß ich jetzt sehn, wie mein erkorener Bruder
-mit der Pike nach mir zielt, um mich wieder hinabzustoßen.
-O, lieber Bruder! Stich zu mit der Pike, wenn&rsquo;s mir
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-denn schon so beschieden ist, nur nimm meinen Sohn
-zu dir: was hat das unschuldige Kind denn getan, daß
-es solch grimmen Tod erleiden soll?&ldquo; Da lachte Petro,
-stieß mit der Pike nach ihm, und der Kosak flog samt
-dem Knaben in den Abgrund hinab. Und Petro nahm
-all sein Hab und Gut an sich, und lebte dahin wie ein
-Pascha. Niemand hatte solche Viehherden wie Petro,
-und nirgends gab&rsquo;s so viel Schafe und Hammel, wie er
-besaß. Doch eines Tages starb Petro.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Als Petro tot war, rief Gott die Seele der beiden
-Brüder, Petro und Iwan, vor Gericht. &bdquo;Dieser Mensch
-ist ein großer Sünder!&ldquo; sprach Gott. &bdquo;Iwan! Ich
-weiß keine Strafe, die groß genug für ihn wäre;
-wähle du sie!&ldquo; Lang grübelte Iwan nach, um eine
-Strafe zu ersinnen, und endlich sprach er: &bdquo;Dieser Mensch
-hat mir einen großen Schmerz zugefügt: er hat seinen
-Bruder verraten wie ein Judas, und er hat mich meines
-edlen Geschlechts beraubt und meiner Nachkommenschaft
-auf Erden, und ein Mensch ohne ehrlich Geschlecht und
-ohne Nachkommen ist wie ein Getreidekorn, das man
-auf die Erde wirft, und das in der Erde umkommt.
-Da gibt&rsquo;s keine Saat, und niemand erfährt je, daß ein
-Same ausgesät ward.&ldquo;
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;So tu denn also, o Gott, daß sein ganzes Geschlecht
-auf Erden kein Glück habe und daß der letzte seines
-Geschlechts solch ein Bösewicht werde, wie es noch nie
-einen in der Welt gab: seine Ahnen und Urahnen mögen
-<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
-durch jede seiner Freveltaten aus der Ruhe ihrer Gräber
-aufgestört werden, und in Qualen, wie die Welt sie
-nicht kennt, ihren Gräbern entsteigen! Der Judas Petro
-aber soll nicht die Kraft haben, sich zu erheben, auf daß
-noch viel größere Martern ihn peinigen; wütend soll er
-Erde fressen und sich wie ein Rasender unter der Erde
-winden!&ldquo;
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Und wenn das Maß der Freveltaten jenes Menschen
-voll ist, Gott, so erhebe mich mitsamt meinem Roß aus
-jenem Schlunde bis auf den höchsten Berg, dann soll jener
-zu mir kommen, und ich will ihn von dem Berge in
-den tiefen Abgrund stürzen, und alle Toten, seine Ahnen
-und Urahnen, sie sollen herbeieilen von allen Enden der
-Welt, wo sie auch bei Lebzeiten geweilet haben mögen,
-und an ihm nagen zum Dank für die Qualen, die er
-ihnen zugefügt; ewiglich sollen sie an ihm nagen, ich
-aber werde mich freuen beim Anblick seiner Qualen.
-Der Judas Petro aber soll sich nicht aus der Erde erheben
-können, er soll <em>auch</em> den Wunsch haben, an dem
-andren zu nagen, aber er mag an sich selbst nagen,
-und seine Knochen sollen immer größer werden und
-höher empor wachsen, auf daß darob seine Qual noch
-stärker werde. Diese Qual ist die fürchterlichste von
-allen; denn es gibt keine größere Folter für den Menschen,
-als sich rächen zu wollen und nicht rächen zu
-können.&ldquo;
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Furchtbar fürwahr ist die Strafe, die du ersonnen,
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-o Mensch!&ldquo; sprach da Gott. &bdquo;Und alles möge so geschehen,
-wie du es gesprochen; aber auch du sitze nun
-ewiglich dort zu Pferde, und das Himmelreich sei dir
-nicht beschieden, solange du noch dort auf deinem Rosse
-sitzen mußt!&ldquo; Und alles geschah, wie es gesagt ward:
-auch heute noch steht der wunderbare Ritter auf dem
-Karpathenberge und sieht im bodenlosen Schlunde die
-Toten an einem Leichnam nagen, und er fühlt, wie der
-Leichnam unter der Erde wächst, wie er in furchtbarer
-Pein an den eigenen Knochen nagt und schrecklich die
-Erde erschüttert ........
-</p>
-
-<p>
-Der Blinde hatte sein Lied beendet, schon fing er
-von neuem an, die Saiten zu zupfen und schon begann
-er wieder ergötzliche Märlein von Choma und Jerjoma,
-und von Stkljar Stokosa zu singen ... aber Alt und
-Jung konnten noch immer nicht zu sich kommen, und
-lange noch standen sie mit gesenktem Haupte da, in
-tiefes Sinnen versunken über die schreckliche Tat aus
-<a id="corr-42"></a>vergangenen Zeiten.
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-3-4">
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
-Iwan Fjodorowitsch Schponjka<br />
-und seine Tante
-</h3>
-
-<p class="pbb first">
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert:
-erzählt hat sie uns Stepan Iwanowitsch
-Kurotschka aus Gadjatsch. Nun muß ich euch
-vermelden, daß mein Gedächtnis ganz unmöglich schlecht ist:
-ob mir einer was sagt oder nicht, das kommt ganz auf dasselbe
-hinaus, es ist genau so, als wenn man Wasser in ein
-Sieb gießt. Weil ich aber meinen Fehler kenne, so
-habe ich ihn gebeten, die Geschichte in ein Heftchen
-einzutragen. Gott schenke ihm ein langes Leben, er hat
-sich mir gegenüber immer als guter Mensch erwiesen,
-und so hat er die <a id="corr-43"></a>Geschichte denn auch wirklich aufgeschrieben.
-Nun gut. Ich legte also das Heftchen in
-das kleine Tischchen: &mdash; Ich glaube, ihr kennt es alle,
-es steht gleich in der Ecke, wenn man zur Tür hereinkommt
-..... Ja, da hab&rsquo; ich richtig vergessen, daß
-ihr noch niemals bei mir wart! Meine Alte, mit der
-ich schon an die dreißig Jahre zusammen lebe, hat, &mdash;
-was soll ich ein Hehl daraus machen, &mdash; ihr Lebtag nichts
-vom Lesen verstanden. Einmal bemerkte ich nun, wie
-sie Küchel auf Papier bäckt. Diese Küchelchen kann sie
-nämlich ganz wunderbar backen, lieber Leser; bessere
-Küchel bekommt ihr sicherlich nirgends zu essen.
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-Wie ich mir nun so den Boden eines Küchelchens
-anschaue, da finde ich plötzlich geschriebene Worte! Ich
-laufe zum Tischchen, als ob mein Herz es geahnt hätte:
-&mdash; vom Hefte ist kaum mehr als die Hälfte übrig!
-Sie hatte sich alle übrigen Blätter für ihre Kuchen
-weggeschleppt! Was sollte man da machen? Man
-kann sich doch nicht auf seine alten Tage noch raufen!
-Nun reiste ich aber im vorigen Jahre so einmal durch
-Gadjatsch hindurch: noch, bevor ich in die Stadt kam,
-hatte ich mir absichtlich einen Knoten ins Taschentuch
-gemacht, um nicht zu vergessen, daß ich Stepan Iwanowitsch
-meine Bitte vortragen wollte. Mehr noch, ich
-nahm mir selbst das Versprechen ab: mich, sobald ich
-in der Stadt niesen würde, daran zu erinnern. Aber
-es war alles vergebens. Ich kam durch die Stadt,
-nieste auch, schneuzte mich in mein Taschentuch und
-vergaß es dennoch; erst als ich schon sechs Werst hinterm
-Tor war, da fiel es mir wieder ein. Na, da war nichts
-mehr zu machen, und so mußte die Geschichte denn
-notgedrungen ohne Schluß abgedruckt werden. Übrigens,
-wenn jemand unbedingt wissen will, wie diese Geschichte
-weitergeht, braucht er nur nach Gadjatsch zu fahren
-und bei Stepan Iwanowitsch vorzusprechen. Der wird
-sie ihm mit dem größten Vergnügen von Anfang bis
-zu Ende erzählen. Stepan Iwanowitsch wohnt nicht
-weit von der steinernen Kirche. Da ist gleich so ein
-kleines Gäßchen: sobald ihr in dies Gäßchen einbiegt,
-ist&rsquo;s der zweite oder dritte Torweg. Oder noch besser:
-wenn ihr im Hofe eine lange Stange mit einer Wachtel
-erblickt und euch ein dickes Weibsbild in einem grünen
-Rocke entgegenkommt (nebenbei bemerkt, er führt ein
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
-Junggesellenleben), so ist das sein Hof. Ihr könnt ihm
-übrigens auch auf dem Markt begegnen, wo er jeden
-Morgen bis gegen neun Uhr Fische oder Gemüse für
-seinen Tisch einkauft und sich mit Vater Antip oder
-mit dem jüdischen Händler unterhält. Ihr werdet ihn
-sofort erkennen, denn niemand außer ihm trägt Hosen
-aus bedruckter Leinewand oder einen gelben Nankingrock.
-Oder, da habt ihr noch ein gutes Merkzeichen: wenn er
-geht, so schlägt er mit den Armen um sich. Der
-Assessor am Ort, Denis Petrowitsch, pflegte immer zu
-sagen, wenn er ihn von ferne herankommen sah: &bdquo;Seht,
-seht doch, da kommt die Windmühle!&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-4-1">
-I.<br />
-Iwan Fjodorowitsch Schponjka
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> ist schon vier Jahre her, daß Iwan Fjodorowitsch
-Schponjka Abschied vom Militär genommen hatte
-und auf seinem Gutshof Wytrebenjki hauste. Als er
-noch der kleine Iwan hieß, besuchte er die Kreisschule zu
-Gadjatsch, und das muß man sagen, er war ein höchst
-sittsamer und fleißiger Junge. Sein Lehrer in der russischen
-Grammatik, Nikifor Timofejewitsch Dejepritschastje,
-behauptete immer, wenn alle so fleißig gewesen wären
-wie Schponjka, dann hätte er das Ahornlineal nicht
-in die Klasse mitzunehmen brauchen, denn er war, wie
-er selbst eingestand, es schon müde, den Faulen und
-Mutwilligen immer auf die Finger zu klopfen. Iwans
-Heftchen war stets sauber; es war rings herum mit
-einem Rande versehen, und nirgends war ein Fleckchen
-zu entdecken. Er saß stets still mit gefalteten Händen
-<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
-und die Augen auf den Lehrer gerichtet, da; nie heftete
-er einem vor ihm sitzenden Kameraden einen Zettel auf
-den Rücken, schnitzte nie Buchstaben oder Zeichen in die
-Bank und spielte auch nie &bdquo;Drängeln,&ldquo; bevor der Lehrer
-in die Klasse trat. Wenn jemand ein Messer brauchte,
-um sich eine Feder zu schneiden, so wandte er sich sofort
-an Iwan Fjodorowitsch, da jeder wußte, daß er stets
-ein Messerchen bei sich hatte; und Iwan Fjodorowitsch,
-der damals noch einfach &bdquo;Wanjuscha&ldquo; genannt wurde,
-holte das Messer aus dem kleinen Ledertäschchen, das
-am Knopfloch seines grauen Rockes hing, und bat nur
-darum, man möchte die Feder nicht mit der scharfen
-Seite des Messers schaben, denn er behauptete, daß die
-stumpfe Seite dazu da sei.
-</p>
-
-<p>
-Diese Sittsamkeit lenkte bald sogar die Aufmerksamkeit
-des lateinischen Lehrers auf ihn, der schon im Korridor
-durch sein Husten, und noch bevor sein Friesmantel
-und sein blatternarbiges Gesicht in der Tür erschien,
-die ganze Klasse in Angst und Schrecken jagte. Dieser
-fürchterliche Lehrer, auf dessen Katheder stets zwei
-Rutenbündel prangten, und bei dem die Hälfte aller
-Schüler auf den Knien stehen mußten, machte Iwan
-Fjodorowitsch zum Auditor der anderen, obwohl es in
-der Klasse viele Schüler gab, die bedeutend begabter
-waren als er. Hier darf ein Fall nicht übergangen
-werden, der einen gewissen Einfluß auf Iwans Leben
-gewann. Einer der ihm anvertrauten Schüler, der den
-Auditor bewegen wollte, ihm ein &bdquo;<span class="antiqua">Scit</span>&ldquo; ins Klassenbuch
-zu schreiben, obgleich er keine blasse Ahnung von seiner
-Lektion hatte, brachte einen in Papier eingewickelten
-und mit Butter übergossenen Eierkuchen in die Klasse
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-mit. Trotzdem Iwan Fjodorowitsch sonst stets gerecht
-war, war er doch gerade in diesem Augenblick sehr
-hungrig und daher konnte er der Versuchung nicht
-widerstehen. Er nahm den Eierkuchen, pflanzte ein
-Buch vor sich auf und begann ihn zu verzehren. Er
-war so damit beschäftigt, daß er nicht einmal merkte,
-wie es plötzlich in der Klasse totenstill wurde. So kam
-er erst wieder zu sich, als sich eine schreckliche Hand aus
-dem Friesmantel hervorstreckte, ihn beim Ohr packte und
-mitten in die Klasse zerrte. &bdquo;Gib den Eierkuchen heraus,
-gib ihn heraus! sagt man dir, du Taugenichts!&ldquo; rief
-der schreckliche Lehrer, ergriff den fettigen Eierkuchen mit
-den Fingern und warf ihn durchs Fenster, wobei er es
-übrigens nicht vergaß, den im Hofe herumlaufenden
-Schuljungen aufs strengste zu verbieten, ihn aufzuheben.
-Darauf schlug er Iwan Fjodorowitsch gleich an Ort und
-Stelle kräftig auf die Finger, und das mit Recht: denn
-die Finger waren ja gerade die Schuldigen, <em>sie</em> hatten
-sich ja den Eierkuchen genommen und kein anderer
-Körperteil. Wie dem auch sei, genug, seitdem wurde
-Iwans Schüchternheit, die aufs engste mit seiner Person
-verwachsen war, nur noch größer. Vielleicht war
-eben dieses Geschehnis der Grund davon, daß er später
-nie Lust hatte, in den Zivildienst einzutreten; hatte er
-doch aus eigener Erfahrung erkannt, daß es uns nicht
-immer gelingt, unsere Sünden zu verbergen.
-</p>
-
-<p>
-Er war nicht weniger als fünfzehn Jahre alt, als
-er in die zweite Klasse versetzt wurde, wo er vom kleinen
-Katechismus und den vier Spezies in der Arithmetik,
-zum großen Katechismus, zum Buch von den Pflichten
-des Menschen und zu den Brüchen überging. Aber da
-<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
-er merkte, daß, je größer der Wald, um so dichter die
-Baumstämme beieinander ständen, und als er die
-Nachricht erhielt, daß sein Vater das Zeitliche gesegnet
-habe, blieb er nur noch zwei Jahre dort und trat dann
-mit Einwilligung seiner Mutter in das P&mdash;er Infanterieregiment.
-</p>
-
-<p>
-Das P&mdash;er Infanterieregiment war nun keineswegs
-von der Sorte, zu der die meisten Infanterieregimenter
-gehören; und obwohl es gewöhnlich nur in Dörfern
-lag, lebte es doch auf großem Fuße, so daß es manchem
-Kavallerieregiment nichts nachgab. Der größte Teil der
-Offiziere trank den stärksten Schnaps, den man nur
-durch Gefrierenlassen gewinnt, und verstand es nicht
-schlechter als die Husaren, die Juden bei den Schläfenlöckchen
-zu packen und nach sich zu ziehen; einige von den
-Offizieren konnten sogar Mazurka tanzen, und der Oberst
-des P&mdash;schen Regiments ließ sich in Gesellschaft nie die
-Gelegenheit entgehen, dies besonders zu betonen. &bdquo;Bei
-mir,&ldquo; sagte er gewöhnlich und tätschelte sich bei jedem
-Wort seinen Bauch, &bdquo;bei mir im Regiment tanzen viele
-Mazurka, jawohl viele, sogar sehr viele!&ldquo; Um dem
-Leser den Grad der Bildung, der im P&mdash;er Infanterieregiment
-herrschte, noch deutlicher vor Augen zu führen,
-wollen wir noch hinzufügen, daß zwei seiner Offiziere
-ganz schreckliche Spielratten waren und Uniform, Mütze,
-Mantel samt ihrer Troddel und ihrer Unterkleidung im
-Bankspiel verloren, und das kommt ja selbst bei den
-Kavalleristen nicht immer vor.
-</p>
-
-<p>
-Der Umgang mit solchen Kameraden hatte jedoch
-nicht im geringsten dazu beigetragen, die Schüchternheit
-von Iwan Fjodorowitsch zu vermindern, und da er nur
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-einfachen Schnaps trank, und zwar <em>ein</em> Gläschen vor
-dem <em>Mittag</em>- und <em>ein</em> Gläschen <em>vor</em> dem <em>Abend</em>essen
-&mdash; weder Mazurka tanzte noch Karten spielte, so
-blieb er natürlich immer allein. Auf diese Art pflegte
-er, während die anderen auf Gutspferden zu den kleineren
-Grundbesitzern zu Besuch fuhren, in seiner Wohnung
-zu sitzen und sich Beschäftigungen zu widmen, die nur
-zu einer sanften und gütigen Seele passen: bald putzte
-er seine Knöpfe, bald las er im Wahrsagebuch, bald
-stellte er in allen Winkeln seines Zimmers Mausefallen
-auf, und bald warf er endlich die Uniform ab und lag
-dann lang ausgestreckt auf dem Bette.
-</p>
-
-<p>
-Dafür aber gab es niemand im Regiment, der zuverlässiger
-gewesen wäre, als Iwan Fjodorowitsch, und
-er befehligte seine Korporaltruppen so gut, daß der
-Kompagniechef ihn den andern immer zum Vorbild
-aufstellte. Dafür wurde er auch, kaum elf Jahre, nachdem
-er die Fähnrichscharge erhalten hatte, zum Sekondeleutnant
-ernannt.
-</p>
-
-<p>
-Während dieser Zeit erhielt er die Nachricht, seine
-Mutter sei gestorben und seine Tante, die leibliche
-Schwester seiner Mutter, eine Tante, die er nur <em>daher</em>
-kannte, weil sie ihm in seiner Kindheit einmal getrocknete
-Rosinen und äußerst schmackhafte, selbst gebackene Bretzeln
-mitgebracht hatte und die ihm später dergleichen schöne
-Dinge sogar nach Gadjatsch schickte (sie war mit seiner
-Mutter verfeindet, und daher bekam sie Iwan Fjodorowitsch
-später nicht mehr zu sehen), &mdash; diese Tante habe
-aus reiner Gutherzigkeit die Verwaltung seines kleinen
-Gutes übernommen, wovon sie ihm rechtzeitig in einem
-Briefe Mitteilung machte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
-Iwan Fjodorowitsch, der von dem verständigen Sinn
-seiner Tante vollkommen überzeugt war, verrichtete indes
-seinen Dienst weiter wie früher. Manch einer an seiner
-Stelle wäre, wenn er solch einen Rang erklommen hätte,
-stolz geworden; aber jeglicher Stolz war ihm völlig
-fremd, und auch als Sekondeleutnant blieb er ganz
-derselbe Iwan Fjodorowitsch, der er auch als Fähnrich
-gewesen war. Er brachte nach diesem für ihn so denkwürdigen
-Ereignis noch weitere vier Jahre so zu, und
-war gerade im Begriff, mit seinem Regiment aus dem
-Gouvernement Mohilew nach Großrußland zu ziehen,
-als er einen Brief folgenden Inhalts erhielt:
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="adr">
-&bdquo;Mein lieber Neffe Iwan Fjodorowitsch!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich schicke Dir Wäsche: fünf Paar Zwirnsocken
-und vier feine Leinenhemden; auch möchte ich geschäftlich
-mit Dir reden: da Du ja schon einen nicht
-geringen Rang erklommen, und, wie ich glaube, ein
-Alter erreicht hast, wo man weiß, daß es an der
-Zeit ist, sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen,
-so solltest Du nicht länger noch beim Militär bleiben.
-Ich bin schon alt und kann auf Deinem Besitztum
-nicht alles selbst besorgen; auch muß ich Dir vieles
-persönlich mitteilen. Komm, mein Lieber. Indem
-ich sehnsüchtig auf das Vergnügen warte, Dich wiederzusehen,
-verbleibe ich Deine Dich innig liebende
-Tante
-</p>
-
-<p class="sign">
-Wassilissa Zuptschewska.
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">P. S.</span> Bei uns im Garten gibt&rsquo;s jetzt herrliche Rüben:
-sie gleichen schon mehr Kartoffeln als Rüben.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-Acht Tage nach Empfang des Briefes erhielt Iwan
-Fjodorowitschs Tante folgende Antwort:
-</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="adr">
-&bdquo;Liebe Tante Wassilissa Kaschparowna!&ldquo;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Vielen Dank für die Wäschesendung. Besonders
-meine Socken sind schon sehr alt, so daß der
-Bursche sie bereits viermal stopfen mußte; dadurch
-sind sie mir auch zu eng geworden. Was Ihre Ansicht
-über den Dienst anbelangt, so bin ich ganz mit
-Ihnen einverstanden, und habe daher vorgestern meinen
-Abschied eingereicht. Sobald ich den Dispens
-erhalte, nehme ich mir sogleich einen Wagen. Ihren
-früheren Auftrag, Ihnen sibirischen Weizensamen zu
-besorgen, konnte ich leider nicht ausführen: im ganzen
-Gouvernement Mohilew gibt es keinen solchen Samen.
-Schweine werden hier meistenteils mit Mais
-gemästet, wobei man etwas gegorenes Bier hinzutut.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich<br />
-Ihr Neffe<br />
-Iwan Schponjka.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Endlich erhielt Iwan Fjodorowitsch seinen Abschied,
-und wurde dabei zum Oberleutnant befördert; mietete sich
-für vierzig Rubel einen jüdischen Fuhrmann von Mohilew
-bis Gadjatsch und nahm im Wagen Platz, just
-zu der Zeit, da die Bäume sich mit den ersten jungen
-Blättern schmückten, die Erde in frischem Grün prangte,
-und alle Felder einen herrlichen Frühlingsduft ausströmten.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-4-2">
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-II.<br />
-Die Reise
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nterwegs</span> passierte <a id="corr-44"></a>nichts besonders Bemerkenswertes.
-Man reiste etwas über vierzehn Tage lang. Vielleicht
-wäre Iwan Fjodorowitsch noch früher angekommen,
-wenn der fromme Jude nicht seinen Sabbath eingehalten
-und nicht den ganzen Tag über, in seine Pferdedecke
-gehüllt, gebetet hätte. Wie ich übrigens schon gelegentlich
-bemerkt habe, war Iwan Fjodorowitsch ein Mensch,
-der keine Langeweile aufkommen ließ. Während dieser
-Zeit schnallte er seinen Koffer auf, nahm seine Wäsche
-heraus, musterte sie, ob sie auch gut gewaschen und
-richtig zusammengelegt sei, entfernte behutsam ein
-Federchen von seiner Uniform, die schon keine Epauletten
-mehr zierten, und legte alles wieder in schönster Weise
-zusammen. Er liebte im Allgemeinen das Bücherlesen
-nicht; und wenn er auch hie und da in das Wahrsagebuch
-hineinblickte, so geschah es nur deshalb, weil er
-es gern hatte, bekannten Dingen, die er schon einige
-Male gelesen, wieder einmal zu begegnen. Genau so
-besucht der Städter seinen Klub, nicht etwa um irgend
-etwas Neues zu hören, sondern um dort Freunde zu
-treffen, mit denen er seit unvordenklichen Zeiten im Klub
-zu plaudern gewohnt ist. Oder so liest ein Beamter
-ein paarmal täglich mit viel Genuß das Adreßbuch, nicht
-etwa um irgendwelcher tiefer <a id="corr-45"></a>diplomatischer Pläne willen,
-sondern weil ihn die gedruckten Namen amüsieren. &bdquo;Ah!
-Das ist Iwan Gawrilowitsch so und so! ....&ldquo; murmelt
-er dumpf vor sich hin. &bdquo;Ah! Da bin ich! hm! ....&ldquo;
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-Und am folgenden Tage liest er&rsquo;s wieder, wobei er seine
-Lektüre mit denselben Interjektionen begleitet.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer vierzehntägigen Fahrt erreichte Iwan
-Fjodorowitsch ein Dörfchen, das hundert Werst von Gadjatsch
-entfernt war. Es war gerade ein Freitag und
-die Sonne war schon längst untergegangen, als er samt
-seinem Wagen und dem Juden in den Hof des Gasthauses
-einfuhr.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von
-allen andren Gasthäusern, die man in kleinen Dörfern
-vorfindet. Dort bringt man dem Fremden zumeist mit
-viel Eifer Heu und Hafer entgegen, gleich als ob er ein
-Postgaul wäre. Will er dagegen frühstücken, wie anständige
-Leute es gewöhnlich zu tun pflegen, so soll er
-sich seinen Appetit ruhig und unversehrt bis zu einer anderen
-Gelegenheit aufsparen. Indessen, da Iwan Fjodorowitsch
-all das wußte, hatte er sich rechtzeitig zwei
-Bündel Brezeln und Wurst besorgt, bestellte sich jetzt
-nur einen Schnaps, an dem es in keinem Wirtshaus
-fehlt, und begann sein Abendmahl, indem er auf der
-Bank vor dem Eichentisch Platz nahm, der fest in den
-Lehmboden eingegraben war.
-</p>
-
-<p>
-Währenddessen kam unter mächtigem Gerassel ein
-Wagen heran. Das Tor knarrte, aber der Wagen fuhr
-noch lange nicht in den Hof hinein und man hörte jemand
-mit lauter Stimme auf die Alte losschimpfen,
-der das Wirtshaus gehörte. &bdquo;Gut, ich steige hier ab,&ldquo;
-hörte Iwan Fjodorowitsch den Fremden rufen, &bdquo;wenn
-mich aber auch nur eine Wanze beißt, so prügle ich
-dich durch, bei Gott, du alte Hexe, ich prügle dich
-durch, und bezahle dir nichts für dein Heu!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
-Einen Augenblick später ging die Tür auf, und herein
-trat, oder richtiger gesagt, <em>kroch</em> ein dicker Mann
-in einem grünen Rock. Sein Kopf saß unbeweglich auf
-dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns noch
-dicker erschien. Schon nach dem bloßen Äußeren hätte
-man glauben können, einen Mann vor sich zu haben,
-der sich nie den Kopf über Alfanzereien zerbrach, und
-dessen Leben ruhig dahinglitt wie Öl.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit, mein
-Herr!&ldquo; rief er, als er Iwan Fjodorowitsch erblickte.
-</p>
-
-<p>
-Iwan Fjodorowitsch verneigte sich stumm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre, zu
-sprechen?&ldquo; fuhr der dicke Fremde fort.
-</p>
-
-<p>
-Bei diesen Fragen erhob sich Iwan Fjodorowitsch
-unwillkürlich von seinem Platze und richtete sich stramm
-auf, wie er es zu tun pflegte, wenn sein Oberst sich bei
-ihm nach irgend etwas erkundigte. &bdquo;Leutnant außer
-Diensten Iwan Fjodorowitsch Schponjka,&ldquo; antwortete er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darf ich fragen, wohin Sie zu fahren belieben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auf mein Gut Wytrebenjki&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wytrebenjki!&ldquo; rief der gestrenge Frager. &bdquo;Gestatten
-Sie, mein Herr, gestatten Sie!&ldquo; rief er, indem er auf
-ihn zutrat und mit den Armen um sich schlug, gleich
-als ob er sich gegen jemanden wehren, oder sich durch
-eine Menschenmenge hindurchdrängen wollte. Dann aber
-trat er auf ihn zu, schloß Iwan Fjodorowitsch in die
-Arme und küßte ihn zuerst auf die rechte, dann auf
-die linke und dann wieder auf die rechte Wange. Iwan
-Fjodorowitsch fand Gefallen an diesem Zärtlichkeitsausbruch,
-denn die großen Wangen des Fremden erschienen
-seinen Lippen wie zwei weiche Kissen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-&bdquo;Erlauben Sie, mein Herr, daß wir einander kennen
-lernen!&ldquo; fuhr der Dicke fort. &bdquo;Ich bin Gutsbesitzer,
-und zwar ebenfalls im Kreise Gadjatsch; ich bin Ihr
-Nachbar, wohne höchstens fünf Werst von Ihrem Gutshof
-Wytrebenjki entfernt auf meinem Gute Chortystsche,
-und heiße Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Nein,
-unbedingt, mein Herr, unbedingt .... ich will nichts
-von Ihnen wissen, wenn Sie nicht zu mir nach Chortystsche
-zu Besuch kommen. Jetzt muß ich eilig in Geschäften
-weiter .... Was soll denn das da bedeuten?&ldquo;
-sprach er mit sanfter Stimme zu seinem Reitknecht, einem
-Knaben in einem Kosakenkittel mit geflickten Ellenbogen
-und verwunderter Miene, der allerhand Pakete und
-Schachteln auf den Tisch stellte. &bdquo;Was soll das? Wie?&ldquo;
-&mdash; und Grigori Grigorjewitschs Stimme wurde zusehends
-strenger und strenger. &bdquo;Habe ich dir etwa befohlen,
-das hierher zu stellen, du Schurke? Habe ich dir nicht
-befohlen, zuerst das Huhn warm zu machen, Halunke
-du? Pack dich!&ldquo; rief er und stampfte mit
-dem Fuße auf. &bdquo;Halt, du Fratz du! Wo ist denn
-das Kästchen mit den Flaschen? Iwan Fjodorowitsch!&ldquo;
-fuhr er fort, indem er ein Gläschen Kräuterschnaps
-einschenkte, &bdquo;bitte ergebenst: ärztlich empfohlen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bei Gott, ich kann nicht .... ich hatte schon
-Gelegenheit ....&ldquo; sagte Iwan Fjodorowitsch stockend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, ich will nichts hören, mein Herr!&ldquo; rief der
-Gutsbesitzer mit erhobener Stimme, &bdquo;ich will nichts
-hören! Ich rühr&rsquo; mich nicht vom Fleck, bis Sie getrunken
-haben ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Iwan Fjodorowitsch sah ein, daß hier eine Weigerung
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
-unmöglich war, und trank den Schnaps nicht ohne Vergnügen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier ist Huhn, mein Herr,&ldquo; fuhr der dicke Grigori
-Grigorjewitsch fort, indem er das Huhn in seinem
-Holzkästchen mit dem Messer zerlegte. &bdquo;Ich muß Ihnen
-sagen, meine Köchin Jawdocha liebt es manchmal, ein
-Gläschen hinter die Binde zu gießen, und daher macht
-sie&rsquo;s zuweilen zu trocken. He, Junge!&ldquo; und hierbei
-wandte er sich an den Knaben im Kosakenkittel, der
-gerade ein Federbett und ein Kissen hereinbrachte, &bdquo;mach
-mir das Bett auf dem Fußboden, mitten in der Stube!
-Paß aber auch gut auf, lege recht viel Heu unter das
-Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein <a id="corr-46"></a>bißchen
-Hanf aus der Decke, damit ich mir zur Nacht die Ohren
-zustopfen kann! Sie müssen nämlich wissen, mein Herr,
-daß ich die Gewohnheit habe, mir nachts die Ohren zuzustopfen,
-seit jener verfluchten Geschichte, wo mir einmal
-in einer großrussischen Kneipe eine Schwabe ins Ohr
-gekrochen ist. Wie ich später erfahren habe, essen diese
-verdammten Russen sogar Kohlsuppe mit Schwaben.
-Es ist unmöglich zu beschreiben, was damals mit mir
-vorging: es kitzelte und kitzelte mir nur so im Ohr ... na,
-um auf die Wände zu klettern! Schließlich hat mir ein
-einfaches altes Weib geholfen, aber das war schon hier
-in unserer Gegend, und womit glauben Sie? Ganz
-einfach, indem sie mich besprach. Was denken Sie über
-die Ärzte, mein Herr? Ich meine, die foppen uns nur
-und halten uns zum Besten; manche alte Frau weiß
-zwanzigmal mehr, als all diese Ärzte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In der Tat, was Sie da zu sagen belieben, ist vollkommen
-richtig. In der Tat, es gibt ....&ldquo; Und
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-Iwan Fjodorowitsch hielt inne, als ob er kein passendes
-Wort finden konnte. An dieser Stelle muß ich sagen,
-daß er überhaupt ziemlich wortkarg war. Vielleicht rührte
-das von seiner Schüchternheit her, vielleicht aber entsprach
-es auch nur dem Wunsche, sich möglichst hübsch auszudrücken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schüttle das Heu nur recht tüchtig; tüchtig, hörst
-du!&ldquo; rief Grigori Grigorjewitsch seinem Lakai zu. &bdquo;Hier
-ist das Heu so abscheulich, daß man nur allzuleicht auf
-ein Ästchen stoßen kann. Ich erlaube mir, Ihnen eine
-gute Nacht zu wünschen, mein Herr! Morgen werden
-wir uns wohl nicht mehr sehen: ich fahre noch vor
-Tagesanbruch weiter. Ihr Jude wird hier wohl seinen
-Sabbath halten, morgen ist nämlich Sonnabend; da
-brauchen Sie nicht so früh aufzustehen. Vergessen Sie
-nur meine Bitte nicht, ich will einfach nichts von Ihnen
-wissen, wenn Sie nicht nach Chortystsche kommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Kammerdiener zog dem Grigori Grigorjewitsch
-Rock und Stiefel aus, half ihm statt dessen in einen
-Schlafrock hinein, und Grigori Grigorjewitsch warf sich
-auf sein Bett, was genau so aussah, wie wenn ein
-riesiges Federbett sich auf ein anderes gelegt hätte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;He, Bursche! Wo steckst du nur, du Schuft?
-Komm her, leg mir die Decke zurecht! He, Junge,
-lege mir noch Heu unter den Kopf! Wie? sind die
-Pferde schon getränkt? <em>Noch</em> mehr Heu! Hierher, <em>da</em>
-unter die Seite! Aber so lege mir doch die Decke zurecht,
-du Schurke! So! Besser, noch besser ....
-Oh! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Grigori Grigorjewitsch seufzte noch ein paarmal
-tief auf, und erfüllte das ganze Zimmer mit einem
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-fürchterlichen Pfeifen, das aus seiner Nase hervordrang;
-er schnarchte zuweilen so laut, daß die alte Frau, die
-auf der Ofenbank schlummerte, aufwachte, verwundert
-in alle Ecken und Winkel guckte, und erst, als sie nichts
-besonderes bemerkte, beruhigt wieder einschlief.
-</p>
-
-<p>
-Als Iwan Fjodorowitsch am nächsten Morgen erwachte,
-war der dicke Gutsbesitzer nicht mehr da. Das
-war das einzige merkwürdige Ereignis, das sich während
-seiner Reise zugetragen hatte. Zwei Tage darauf
-näherte er sich seinem Gutshof.
-</p>
-
-<p>
-Er fühlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann,
-als die Windmühle, ihre Flügel schwenkend, hervorschaute,
-und als in dem Maße, wie der Jude seine Stuten den
-Berg hinaufjagte, unten eine Reihe von Weiden auftauchte.
-Hell und lebhaft schimmerte der Teich zwischen
-ihnen auf und strömte eine kühlende Frische aus. Hier
-pflegte er früher zu baden; und in demselben Teiche
-war er einstmals mit den Dorfjungen, bis zum Halse
-im Wasser, herumgewatet, um Krebse zu fangen. Das
-Wägelchen fuhr den Damm hinauf, und jetzt erblickte
-Iwan Fjodorowitsch das alte mit Schilf gedeckte Häuschen,
-und die alten Äpfel- und Kirschbäume, auf denen
-er einstmals heimlich herumgeklettert war. Kaum war
-er in den Hof eingefahren, so kamen von allen Seiten
-Hunde aller möglichen Rassen herbeigelaufen: schwarze,
-dunkelbraune, graue, scheckige. Die einen warfen sich
-den Pferden bellend vor die Füße, die anderen liefen
-hinterdrein, da sie merkten, daß die Achse mit Fett eingeschmiert
-war; ein Hund stand neben der Küche, hatte
-die Pfote auf einen Knochen gelegt und kläffte aus
-Leibeskräften; ein andrer bellte von ferne, rannte hin
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-und her, und wedelte mit dem Schweif, gleich als ob
-er sagen wollte: &bdquo;Seht, ihr Christenmenschen, was ich
-noch für ein Jüngling bin!&ldquo; Mehrere Jungen in
-schmutzigen Hemden kamen herausgelaufen, um zu gaffen.
-Eine Sau, die mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumpromenierte,
-hob ihre Schnauze mit prüfender Miene
-in die Höhe und grunzte noch lauter als sonst. Im
-Hofe lag auf einem Stück grober Leinwand eine Unmenge
-Weizen, Gerste und Buchweizen, und all dieses
-trocknete in der Sonne. Auch auf dem Dache lagen
-allerhand Kräuter zum Trocknen: Nagelkraut, Grindkraut
-und mehr dergleichen.
-</p>
-
-<p>
-Iwan Fjodorowitsch war dermaßen in Betrachtung
-all dieser Herrlichkeiten versunken, daß er erst wieder zu
-sich kam, als ein scheckiger Hund den vom Bock herunterkriechenden
-Juden in die Wade biß. Das Gesinde,
-das auch herbeigeeilt war und aus einer Köchin, einer Frau
-und zwei Mädeln in wollenen Röcken bestand, meldete ihm,
-nachdem alle laut ausgerufen hatten &bdquo;Da ist ja der
-junge Herr!&ldquo;, daß sich die Tante im Gemüsegarten befände
-und zusammen mit der Dienstmagd Paloschka
-und dem Kutscher Omeljka, der manchmal auch das
-Amt eines Gärtners und Wärters versah, Weizen säe.
-Aber die Tante, die den Wagen von ferne erblickt
-hatte, war schon selbst erschienen. Iwan Fjodorowitsch
-erstaunte, als sie ihn fast in ihren Armen in die Höhe
-hob, und er fing beinahe an zu zweifeln, ob das auch
-wirklich dieselbe Tante sei, die ihm so viel von ihrer
-Gebrechlichkeit und Kränklichkeit geschrieben hatte.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-4-3">
-<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-III.<br />
-Die Tante
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">ante</span> Wassilissa Kaschparowna war damals gegen
-fünfzig Jahre alt. Sie war nie verheiratet gewesen,
-und sie behauptete, das jungfräuliche Leben
-sei ihr wertvoller als alles auf der Welt. Übrigens hatte
-&mdash; so viel ich mich besinnen kann, &mdash; auch nie jemand um
-ihre Hand angehalten. Das kam daher, daß alle Männer
-ihr gegenüber eine gewisse Schüchternheit empfanden
-und nicht den Mut hatten, ihr ihre Gefühle zu erklären.
-&bdquo;Wassilissa Kaschparowna hat sehr viel Charakter,&ldquo; sagten
-die Freier, und sie hatten recht, denn Wassilissa Kaschparowna
-verstand es, einen sammetweich zu machen.
-Aus dem versoffenen Müller, der zu gar nichts mehr
-zu gebrauchen war, hatte sie ohne Anwendung irgendwelcher
-äußerer Mittel und nur indem sie ihn täglich
-ein paarmal am Schopfe rupfte, verstanden, einen ganzen
-Menschen, ja, mehr noch, geradezu einen Goldklumpen
-zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre
-Beleibtheit und Kraft entsprachen ihm. Es hatte den
-Anschein, als ob die Natur einen unverzeihlichen Fehler
-begangen habe, als sie es ihr zum Schicksal bestimmte,
-an den Werktagen ewig einen dunkelbraunen Morgenrock
-mit kleinen Säumchen und am Ostersonntag und
-an ihrem Namenstage einen roten Kaschmir-Schal zu
-tragen, während ihr ein Dragonerschnurrbart und lange
-Schaftstiefel am besten gestanden hätten. Dafür aber
-entsprach ihre Beschäftigung vollkommen ihrem Charakter,
-sie konnte rudern, und zwar besser als irgend ein Fischer;
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-sie ging auf die Jagd; sie beaufsichtigte die Schnitter,
-sie kannte die Zahl der Kürbisse und Melonen auf dem
-Felde auswendig; sie erhob eine Steuer von fünf Kopeken
-von jedem Wagen, der über ihren Damm fuhr;
-sie kletterte auf die Bäume und schüttelte die Birnen
-herunter; sie prügelte eigenhändig ihre faulen &bdquo;Vasallen&ldquo;
-mit ihrer schrecklichen Hand und belohnte die Würdigen
-mit einem Schnaps aus derselben gestrengen Hand.
-Und fast zur gleichen Zeit konnte sie schimpfen, Leinwand
-färben, in die Küche rennen, Kwas bereiten, und Honig
-einmachen; sie machte sich den ganzen lieben Tag zu
-schaffen und versäumte nichts. Die Folge davon war,
-daß Iwan Fjodorowitschs kleines Gut, das nach der
-letzten Revision achtzehn Leibeigene gezählt hatte, förmlich
-aufblühte, und zwar im vollen Sinne dieses Wortes.
-Übrigens liebte sie auch ihren Neffen viel zu sehr und
-hob sorgsam jede Kopeke für ihn auf.
-</p>
-
-<p>
-Seit Iwan Fjodorowitsch wieder zu Hause war, ging
-eine große Veränderung in seinem Leben vor und es
-schlug völlig neue Bahnen ein. Es schien so, als ob
-die Natur ihn geradezu dazu geschaffen hätte, ein Gut
-mit achtzehn Leibeigenen zu beaufsichtigen. Sogar die
-Tante merkte, daß er einen guten Landwirt abgeben
-würde, obwohl sie ihm übrigens nicht gestattete, sich in
-alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. &bdquo;Der Junge ist
-noch nicht alt genug!&ldquo; pflegte sie gewöhnlich zu sagen,
-trotzdem Iwan Fjodorowitsch mindestens vierzig Jahre
-alt war; &bdquo;woher soll er auch alles wissen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er wich jedoch auf dem Felde keinen Schritt von
-den Schnittern und Mähern, und dies bereitete seiner
-sanften Seele einen unaussprechlichen Genuß. Ein
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-Dutzend glänzender Sensen und mehr fliegen einmütig
-in einem Schwunge in die Höhe; das Gras sinkt rauschend
-in harmonischen Reihen zur Erde; und nun
-erklingen die Lieder der Schnitterinnen, bald lustig, wie
-beim Empfang von Gästen, und bald wehmütig, wie
-bei einer Trennung; der Abend ist still und die Luft ist
-rein! &mdash; O wie köstlich ist solch ein Abend! Wie leicht
-und frisch ist die Luft! wie erscheint dann alles belebt:
-die Steppe rötet sich, blaut und glüht in allen Farben
-auf; Wachteln, Trappgänse, Möwen, Heimchen und
-tausende von Insekten: sie alle pfeifen, summen, knarren,
-schreien, und auf einmal ist&rsquo;s ein harmonischer
-Chor; und nichts verstummt auch nur für einen Augenblick.
-Schon senkt sich die Sonne herab und versteckt
-sich. Ah! wie frisch und wohlig wird einem
-da! Auf dem Felde werden hie und da Feuer
-entzündet und Kessel aufgestellt, und die schnauzbärtigen
-Schnitter setzen sich rings um die Kessel herum;
-von den brodelnden Klößen steigt ein Dampf auf;
-der Abend graut .... Es wäre schwer zu sagen, was
-dann in Iwan Fjodorowitsch vorging. Er vergaß es,
-wenn er sich zu den Schnittern gesellte, von ihren
-Klößen zu kosten, obwohl er sie doch so gerne aß, stand
-regungslos auf einem Fleck da, verfolgte eine hoch im
-Himmel schwirrende Möwe mit den Augen oder zählte
-die Garben des abgemähten Kornes, die das Feld überfluteten.
-</p>
-
-<p>
-Bald erzählte man überall von Iwan Fjodorowitsch,
-er sei ein großer Landwirt vor dem Herrn. Die Tante
-konnte sich nicht genug über ihren Neffen freuen und
-ließ sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu prahlen
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-und wichtig zu tun. Eines Tages aber &mdash; es war am
-Ausgang des Juli und schon nach Beendigung der
-Ernte &mdash; faßte Wassilissa Kaschparowna ihren Neffen
-mit geheimnisvoller Miene bei der Hand und erklärte
-ihm, sie wolle mit ihm über etwas sprechen, was sie
-schon seit langem beschäftigte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist dir wohl bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch,&ldquo;
-begann sie, &bdquo;daß dein Gutshof achtzehn Leibeigene zählt;
-übrigens nur laut der letzten Revision, in Wirklichkeit
-werden&rsquo;s vielleicht noch mehr sein, vielleicht gar bis an
-die vierundzwanzig. Doch es handelt sich nicht darum,
-du kennst wohl das Wäldchen, das sich hinter unserer
-Trift befindet, und wohl auch die breite Wiese hinter
-diesem Walde: sie ist mindestens zwanzig Deßjatin groß,
-und es wächst so viel Gras darauf, daß man jedes
-Jahr für mehr als hundert Rubel davon verkaufen
-kann, besonders wenn, wie man erzählt, ein Kavallerie-Regiment
-in Gadjatsch stehen wird.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß, liebe Tante; das Gras ist sehr gut!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß selbst, daß es sehr gut ist; aber weißt du
-auch, daß dieses ganze Land eigentlich von Rechts wegen
-dir gehört? Was siehst du mich so groß an? Hör
-mich an, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch
-an Stepan Kusmitsch? Warum sage ich eigentlich:
-erinnerst du dich? Du warst ja damals noch so klein,
-daß du nicht einmal seinen Namen aussprechen konntest.
-Wie solltest du dir da noch eine Erinnerung bewahrt
-haben! Ich weiß noch: als ich grad vor Philippi zu
-euch kam und ich dich auf die Arme nahm, da hättest
-du mir beinahe das ganze Kleid verdorben; zum Glück
-konnte ich dich noch der Amme Matrjona übergeben,
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-so abscheulich warst du damals .... Aber es handelt
-sich ja nicht darum. Das ganze Land, das sich
-hinter unserem Gutshof befindet, und selbst das Dorf
-Chortystsche gehörte damals Stepan Kusmitsch. Und
-da muß ich dir sagen &mdash; denn damals warst du noch
-nicht auf der Welt &mdash; der kam zu jener Zeit oft zu
-deiner Mutter zu Besuch, &mdash; freilich zu einer Zeit, da
-dein Vater nicht zu Hause war. Ich sag&rsquo; es jedoch
-nicht, um ihr einen Vorwurf daraus zu machen. &mdash;
-Gott sei ihrer Seele gnädig! Obwohl die Selige mir
-gegenüber im Unrecht war. Aber es handelt sich jetzt
-nicht darum. Wie dem auch sei, genug, Stepan Kusmitsch
-setzte eine Schenkungsurkunde auf, in der er dir
-das Gut vermachte, von dem ich dir eben sprach. Deine
-selige Mutter hatte jedoch, &mdash; unter uns gesagt, einen
-ganz wunderlichen Charakter. Selbst der Teufel (Gott
-verzeih mir dies häßliche Wort!) hätte sie nicht verstehen
-können. Wohin sie diese Urkunde gesteckt hat &mdash; das
-weiß der liebe Himmel. Ich glaube einfach, sie befindet
-sich in den Händen des alten Junggesellen, Grigori
-Grigorjewitsch Stortschenko. Und nun ist alles diesem
-dickbäuchigen Schurken zugefallen. Bei Gott, ich wäre
-bereit, um alles in der Welt zu wetten, daß er die
-Urkunde einfach unterschlagen hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darf ich fragen, liebe Tante, ob das derselbe Stortschenko
-ist, den ich auf der Station kennen gelernt habe?&ldquo;
-Und Iwan Fjodorowitsch erzählte ihr von seiner Begegnung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer weiß!&ldquo; antwortete die Tante nach kurzem
-Nachdenken. &bdquo;Vielleicht ist er doch kein Schuft. Es ist
-wahr, er lebt erst ein halbes Jahr lang hier, und in so
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht genau kennen
-lernen. Die Alte, das heißt seine Mutter, soll, wie ich
-gehört habe, eine sehr vernünftige Frau sein und sich
-meisterlich darauf verstehen, Gurken einzulegen, und ihre
-Mägde sollen großartige Teppiche weben. Da er dich,
-wie du sagst, so freundlich empfangen hat, so fahre nur
-zu ihm hin: vielleicht wird der alte Sünder auf sein
-Gewissen hören und zurückgeben, was ihm nicht gehört.
-Du kannst meinetwegen die Kalesche nehmen, nur haben
-die verdammten Kinder hinten alle Nägel herausgezogen;
-man muß vorher dem Kutscher Omeljko sagen, daß er
-das Leder festnageln soll.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wozu nur, liebe Tante? Ich nehme lieber das
-Wägelchen, in dem Sie auf die Jagd fahren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Damit schloß das Gespräch.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-4-4">
-IV.<br />
-Das Diner
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">wan</span> Fjodorowitsch kam um die Mittagszeit im
-Dorfe Chortystsche an, und wurde etwas unruhig,
-als er sich dem Herrenhause näherte.
-Dieses Haus war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt,
-wie die Häuser so vieler Gutsbesitzer in der Umgegend,
-sondern hatte ein Holzdach. Die zwei Schuppen
-im Hofe waren ebenfalls mit Holzdächern versehen; und
-das Tor war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich
-einem jener Stutzer, die auf einen Ball kommen und
-plötzlich bemerken, daß, wohin sie auch blicken mögen,
-alle Leute feiner gekleidet sind als sie selbst. Er ließ
-<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-sein Wägelchen respektvoll neben einem Schuppen halten
-und ging zu Fuß auf die Freitreppe zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah! Iwan Fjodorowitsch!&ldquo; rief der dicke Grigori
-Grigorjewitsch, der gerade im Hof herumspazierte; er
-hatte einen Rock an, aber keine Kravatte, keine Weste
-und keine Hosenträger. Aber auch dies Kostüm schien
-ihn bei seiner Leibesfülle noch zu belästigen, denn der
-Schweiß rieselte ihm nur so vom Gesicht herunter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sagten doch, daß Sie sofort kommen würden,
-sobald Sie Ihre Tante gesehen hätten; warum sind Sie
-denn dann nicht früher gekommen?&ldquo; Und bei diesen
-Worten berührten die Lippen Iwan Fjodorowitschs die
-ihm wohlbekannten Kissen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich war meist in der Wirtschaft beschäftigt ....
-Ich komme auch nur auf einen Augenblick zu Ihnen,
-eigentlich sogar in Geschäften ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was, nur für einen Augenblick? Nein, das gibt&rsquo;s
-nicht. He, Junge!&ldquo; rief der dicke Hausherr, und der
-Bursche im Kosakenkittel, den Iwan schon kannte, kam
-aus der Küche gelaufen. &bdquo;Sage dem Kaßjan, er solle
-sofort das Tor schließen, &mdash; hörst du! &mdash; fest zuschließen!
-Und die Pferde dieses Herrn sollen auf der
-Stelle ausgespannt werden. Bitte, kommen Sie mit
-mir ins Haus: hier ist es so heiß, daß mein Hemd
-schon ganz naß ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Zimmer angelangt, beschloß Iwan Fjodorowitsch,
-keine Zeit zu verlieren, und trotz seiner Schüchternheit,
-mit aller Entschiedenheit vorzugehen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Tante hatte die Ehre .... Meine Tante
-hat mir gesagt, daß die Schenkungsurkunde des verstorbenen
-Stepan Kusmitsch ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-Es ist schwer zu beschreiben, welch unangenehmen
-Ausdruck das breite Gesicht Grigori Grigorjewitschs bei
-diesen Worten annahm. &bdquo;Bei Gott, ich höre rein gar
-nichts!&ldquo; antwortete er. &bdquo;Ich muß Ihnen sagen, daß
-eine Schwabe in mein linkes Ohr hineingekrochen ist,
-(bei diesen verfluchten Russen gibt&rsquo;s überall Schwaben
-in den Häusern); keine Feder kann Ihnen beschreiben,
-was das für eine Qual war &mdash; es kitzelte so fürchterlich,
-sage ich Ihnen, &mdash; es kitzelte und krabbelte ....!
-Aber eine kluge Frau hat mir mit einem ganz einfachen
-Mittel geholfen ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wollte nur sagen ....&ldquo; wagte Iwan Fjodorowitsch
-ihn zu unterbrechen, als er sah, daß Grigori
-Grigorjewitsch das Gespräch absichtlich auf ein andres
-Thema lenken wollte, &bdquo;daß im Testament des verstorbenen
-Stepan Kusmitsch die Rede von .... sozusagen
-die Rede von einer Schenkungsurkunde ist ....
-nach der ich ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß schon, was Ihre Tante Ihnen eingeredet
-hat. Das ist alles erlogen, bei Gott, es ist erlogen!
-Mein Onkel hat nicht die geringste Schenkungsurkunde
-hinterlassen. Im Testament ist allerdings von einer
-Urkunde die Rede, aber wo ist sie? Niemand hat sie
-vorlegen können. Ich sage Ihnen das nur deshalb, weil ich
-Ihnen von Herzen wohl will. Bei Gott, es ist erlogen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Iwan Fjodorowitsch verstummte, da ihm der Gedanke
-kam, es könnte der Tante vielleicht in der Tat
-nur so vorgekommen sein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, da kommen ja auch meine Mutter und meine
-Schwestern!&ldquo; rief Grigori Grigorjewitsch. &bdquo;Das Mittagessen
-ist also schon fertig; gehen wir!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
-Und er zog Iwan Fjodorowitsch am Ärmel ins
-Zimmer, wo bereits allerhand Schnäpse und eine kalte
-Platte auf dem Tische standen.
-</p>
-
-<p>
-In demselben Augenblick trat eine alte Frau herein;
-sie war sehr klein und glich einer Kaffeekanne, die mit
-einer Haube bedeckt ist; zwei junge Mädchen, ein blondes
-und ein brünettes, begleiteten sie. Als wohlerzogener
-Kavalier küßte Iwan Fjodorowitsch erst der Alten und
-dann den beiden Fräuleins die Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist unser Nachbar, Iwan Fjodorowitsch
-Schponjka, Mütterchen!&ldquo; sagte Grigori Grigorjewitsch.
-</p>
-
-<p>
-Die Alte sah Iwan Fjodorowitsch scharf an oder gab
-sich vielleicht auch nur den Anschein, als ob sie ihn anblickte.
-Übrigens war sie die Güte selbst; es schien,
-als ob sie Iwan Fjodorowitsch gleich hätte fragen
-wollen: &bdquo;Wie viel Gurken machen Sie zum Winter
-ein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie schon einen Schnaps genommen?&ldquo;
-fragte die Alte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben wohl nicht ausgeschlafen, Mütterchen,&ldquo;
-meinte Grigori Grigorjewitsch. &bdquo;Wer wird denn einen
-Gast fragen, ob er schon einen Schnaps getrunken hat?
-Reden Sie dem Gast nur zu; ob wir aber trinken oder
-nicht, das ist schon unsere Sache. Iwan Fjodorowitsch,
-bitte: Wollen Sie Tausendgüldenkräuterlikör oder diesen
-Schnaps? Welchen ziehen Sie vor? Iwan Iwanowitsch!
-Nun, was stehst du so da?&ldquo; rief Grigori
-Grigorjewitsch, indem er sich rückwärts wandte, und
-Iwan Fjodorowitsch sah den soeben erwähnten Iwan
-Iwanowitsch auf den Schnaps zugehen; dies war ein
-Mann in einem Rock mit langen Schößen und mit
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-einem riesigen Stehkragen, der seinen ganzen Nacken
-bedeckte, so daß sein Kopf ganz im Kragen steckte, wie
-in einer Kutsche.
-</p>
-
-<p>
-Iwan Iwanowitsch trat an den Schnaps heran,
-rieb sich die Hände, sah sich das Glas genau an,
-schenkte ein, hielt es gegen das Licht, und goß den Schnaps
-mit einem Male aus dem Glase in den Mund, aber
-er schluckte ihn nicht herunter, sondern spülte sich erst
-ordentlich den Mund, schluckte ihn erst darauf herunter,
-nahm etwas Brod und gesalzene Eierschwämme, und
-wandte sich dann an Iwan Fjodorowitsch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Habe ich die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodorowitsch
-Schponjka zu sprechen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl,&ldquo; antwortete Iwan Fjodorowitsch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie beliebten sich seit der Zeit, wo ich Sie kenne,
-sehr zu verändern. O ja!&ldquo; fuhr Iwan Iwanowitsch
-fort: &bdquo;ich kannte Sie, als Sie noch so groß waren!&ldquo;
-Dabei hielt er die Hand eine halbe Elle weit über den
-Boden. &bdquo;Ihr seliger Vater &mdash; Gott schenke ihm die
-ewige Seligkeit &mdash; war ein seltener Mann. Er hatte
-solche Kürbisse und Melonen, wie man sie jetzt nirgends
-mehr findet. Hier zum Beispiel&ldquo;, fuhr er fort, indem
-er ihn zur Seite führte, &bdquo;werden Ihnen auch Melonen
-vorgesetzt werden &mdash; aber was sind das für Melonen?
-Nicht ansehen möchte man sie. Glauben Sie mir&rsquo;s,
-seine Melonen waren ....&ldquo; rief er mit geheimnisvoller
-Miene und spreizte die Arme, als ob er einen
-dicken Baum umschlingen wollte, &bdquo;bei Gott, seine Melonen
-waren so dick!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gehn wir zu Tisch!&ldquo; sagte Grigori Grigorjewitsch
-und faßte Iwan Fjodorowitsch rasch unterm Arm.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
-Grigori Grigorjewitsch ließ sich auf seinen üblichen
-Platz am Ende des Tisches nieder; er band sich seine
-riesige Serviette vor und glich so einem jener Helden,
-wie sie sich die Barbiere auf ihre Schilder malen lassen.
-Iwan Fjodorowitsch setzte sich errötend auf den ihm
-zugewiesenen Platz, den beiden Fräuleins gegenüber, und
-Iwan Iwanowitsch versäumte nicht, an seiner Seite
-Platz zu nehmen, innerlich hocherfreut, daß er jemanden
-hatte, dem er seine Kenntnisse mitteilen konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nehmen Sie doch lieber kein <em>Bürzelbein</em>, Iwan
-Fjodorowitsch! Da ist ja noch ein Truthahn!&ldquo; rief die
-Alte, zu Iwan Fjodorowitsch gewandt, dem der Diener
-vom Lande in einem grauen Frack mit schwarzem Flicken
-gerade eine Schüssel reichte. &bdquo;Nehmen Sie doch ein
-Stück vom Rücken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mütterchen! Es hat Sie doch niemand gebeten,
-sich in fremde Angelegenheiten zu mischen!&ldquo; rief Grigori
-Grigorjewitsch. &bdquo;Seien Sie versichert, unser Gast weiß
-selbst, was er nehmen soll! Iwan Fjodorowitsch, nehmen
-Sie doch ein Flügelchen und noch dies zweite und den
-Magen dazu! Warum haben Sie sich nur so wenig
-genommen? Nehmen Sie noch ein Beinchen! Was
-stehst du mit der Schüssel da und sperrst den Mund
-auf? Du sollst ihn sofort darum bitten, auf die Knie,
-du Schurke und sag sofort: &sbquo;Iwan Fjodorowitsch, nehmen
-Sie doch ein Beinchen!&lsquo;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!&ldquo;
-brüllte der Diener, mit der Schüssel in der Hand,
-und kniete nieder.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm! Was sind denn das für Truthähne!&ldquo; sagte
-Iwan Iwanowitsch halblaut und mit verächtlicher Miene
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-zu seinem Tischnachbar. &bdquo;Darf denn ein Truthahn so
-sein, wie der da? Sie hätten mal meine Truthähne
-sehen sollen! Ich versichere Ihnen, jeder einzelne hatte
-mehr Fett an sich, als zehn solche, wie die da. Glauben
-Sie mir, mein Herr, man mag gar nicht ansehen, wie
-sie bei mir auf dem Hof herumspazieren &mdash; so fett
-sind sie! ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du lügst, Iwan Iwanowitsch!&ldquo; schrie Grigori
-Grigorjewitsch, der zugehört hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will Ihnen was sagen,&ldquo; fuhr Iwan Iwanowitsch
-zu seinem Nachbar gewandt fort, indem er so
-tat, als ob er Grigori Grigorjewitschs Worte gar nicht
-gehört hätte. &bdquo;Als ich sie im vorigen Jahre nach Gadjatsch
-brachte, da bot man mir fünfzig Kopeken pro
-Stück, und doch wollte ich sie nicht dafür hergeben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sage dir, du lügst, Iwan Iwanowitsch!&ldquo; rief
-Grigori Grigorjewitsch, hierbei betonte er, um noch deutlicher
-zu sein, jede Silbe und sprach noch lauter als vorher.
-</p>
-
-<p>
-Aber Iwan Iwanowitsch tat so, als ob ihn das
-gar nicht anginge und fuhr in seiner Rede fort, nur
-sprach er jetzt bedeutend leiser als früher. &bdquo;Ja, mein
-Herr, ich wollte das Geld nicht nehmen. In Gadjatsch
-hatte kein Gutsbesitzer ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Iwan Iwanowitsch! du bist ganz dumm und
-weiter nichts,&ldquo; rief Grigori Grigorjewitsch laut. &bdquo;Iwan
-Fjodorowitsch weiß doch das alles besser als du und
-glaubt dir sicher nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da aber fühlte sich Iwan Iwanowitsch verletzt; er
-verstummte und begann, mit dem Truthahn aufzuräumen,
-trotzdem dieser lange nicht so fett war, wie die Truthähne,
-die man &bdquo;gar nicht ansehen&ldquo; mochte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-Eine Zeitlang ersetzte das Klappern der Messer, der
-Löffel und Teller das Gespräch; am lautesten aber hörte
-man, wie Grigori Grigorjewitsch das Mark aus einem
-Hammelknochen aussog.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie schon gelesen,&ldquo; fragte Iwan Iwanowitsch
-nach einigem Stillschweigen, steckte den Kopf aus
-seinem Wagen und wandte ihn Iwan Fjodorowitsch
-zu, &bdquo;haben Sie das Buch: &sbquo;Korobejnikows Reise ins
-heilige Land&lsquo; gelesen? Ein wahrer Genuß für Seele
-und Leib! Jetzt werden keine solchen Bücher mehr gedruckt.
-Leider habe ich nicht nachgesehen, aus welchem
-Jahre es stammt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als Iwan Fjodorowitsch hörte, daß es sich um ein
-Buch handelte, begann er, eifrig seine Sauce aufzulöffeln.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein wahres Wunder, mein Herr, wenn man bedenkt,
-daß ein einfacher Kleinbürger all diese Länder
-durchwandert hat: über dreitausend Werst, mein Herr!
-Über dreitausend Werst! Wahrlich, Gott selbst hat ihn
-würdig befunden, bis nach Palästina und Jerusalem zu
-kommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sagen, daß er auch in Jerusalem war,&ldquo; rief
-Iwan Fjodorowitsch, der noch als Soldat von seinem
-Burschen viel über Jerusalem gehört hatte<a id="corr-48"></a>.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Worüber sprechen Sie, Iwan Fjodorowitsch?&ldquo; rief
-Grigori Grigorjewitsch vom Ende des Tisches herüber.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe, das heißt, ich bemerkte gelegentlich, daß
-es in der Welt ferne Länder gibt!&ldquo; antwortete Iwan
-Fjodorowitsch, innerlich hochbefriedigt, daß es ihm gelungen
-war, einen so langen und schweren Satz zu
-Ende zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-&bdquo;Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch!&ldquo;
-sagte Grigori Grigorjewitsch, ohne genauer hinzuhören,
-&bdquo;alles ist gelogen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Diner war zu Ende. Grigori Grigorjewitsch zog
-sich nach seiner Gewohnheit zurück, um ein Nickerchen
-zu machen; und die Gäste folgten der alten Hausfrau
-und den jungen Mädchen ins Gastzimmer, wo derselbe
-Tisch, auf dem sie den Schnaps stehen gelassen hatten,
-als sie sich zum Mittagsmahl begaben, sich wie auf einen
-Wink verwandelt und mit Schälchen voll verschiedener
-Konfitüren und Schüsseln mit Melonen, Kirschen und
-Zuckerkürbissen bedeckt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Grigori Grigorjewitschs Abwesenheit machte sich an
-allem bemerkbar: die Hausfrau wurde gesprächig und
-teilte ganz von selbst, ohne dazu aufgefordert worden
-zu sein, mancherlei Geheimnisse über die Zubereitung von
-Marmelade und das Trocknen von Birnen mit. Selbst
-die jungen Mädchen begannen zu sprechen, doch blieb
-die Blonde, die sechs Jahre jünger aussah als ihre
-Schwester und von Ansehen etwa fünfundzwanzig Jahre
-alt sein mochte, etwas schweigsam.
-</p>
-
-<p>
-Am meisten aber redete und betätigte sich Iwan
-Iwanowitsch. Da er sicher war, daß ihn nun niemand
-mehr unterbrechen und in Verlegenheit bringen würde,
-redete er von allem möglichen: von Gurken und Kartoffelsaat,
-davon, wie gescheit die Leute früher waren &mdash;
-was wären die Heutigen dagegen? &mdash; und davon, wie
-jetzt alle immer klüger würden, je weiter man komme,
-wie man noch die allergescheitesten Dinge ersinnen
-würde; kurz er war einer von den Menschen, die sich
-mit dem größten Vergnügen erbaulichen Gesprächen hingeben
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-und über alles reden, worüber man nur reden
-kann. Wenn das Gespräch wichtige und heilige Gegenstände
-berührte, seufzte Iwan Iwanowitsch nach
-jedem Worte auf und nickte leise mit dem Kopfe; wenn
-es sich um Wirtschaftsangelegenheiten handelte, so steckte
-er den Kopf aus seinem Wagen hervor und schnitt
-seltsame Gesichter, aus denen man ganz deutlich entnehmen
-konnte, wie man den Birnenmost zubereiten
-müsse, wie groß die Melonen seien, von denen er sprach,
-und wie fett die Gänse wären, die bei ihm im Hofe
-herumliefen.
-</p>
-
-<p>
-Endlich gelang es Iwan Fjodorowitsch mit vieler Mühe
-und erst gegen Abend, sich zu verabschieden; aber obwohl
-er leicht zu überreden war und man ihn geradezu
-zwingen wollte, über Nacht dazubleiben, bestand er
-doch auf seiner Absicht, nach Hause zu fahren &mdash; und
-fuhr richtig davon.
-</p>
-
-<h4 class="no" id="subchap-3-4-5">
-V.<br />
-Der neue Plan der Tante
-</h4>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>N</span><span class="postfirstchar">un?</span> Hast du die Urkunde von dem alten Schelm
-herausgelockt?&ldquo; Dies war die erste Frage,
-mit der Iwan Fjodorowitsch von seiner Tante
-empfangen wurde, die ihn bereits seit einigen Stunden
-voller Ungeduld an der Freitreppe erwartete, und sich
-schließlich kaum hatte überwinden können, nicht bis vors
-Tor zu laufen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, liebe Tante!&ldquo; sagte Iwan Fjodorowitsch indem
-er ausstieg. &bdquo;Grigori Grigorjewitsch <em>hat</em> gar keine
-Urkunde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
-&bdquo;Und du hast ihm geglaubt? Er lügt, der verdammte
-Kerl! O, ich bekomme ihn noch eines Tages
-zu sehen, wahrhaftig, und dann prügle ich ihn mit
-meinen eigenen Händen durch. Oh, ich werde ihm schon
-etwas von seinem Fett abzapfen! Übrigens wollen wir
-zuerst mit unsrem Gerichtsschreiber reden, ob man vielleicht
-auf gerichtlichem Wege .... Aber es handelt
-sich jetzt ja nicht darum. Nun, war das Diner gut?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr gut! .... sehr gut, liebe Tante!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, und was gab&rsquo;s dort zu essen? Erzähle! ich
-weiß schon, die Alte versteht sich gut auf die Küche.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Käsekuchen mit Rahm, liebe Tante; Sauce mit gefüllten
-Tauben ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und gab es auch einen Truthahn mit Pflaumen?&ldquo;
-fragte die Tante, denn sie selbst verstand es meisterhaft,
-dieses Gericht zuzubereiten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es gab auch Truthahn! .... Die Schwestern
-von Grigori Grigorjewitsch sind sehr hübsche junge Mädchen,
-besonders die Blonde!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah!&ldquo; rief die Tante und sah Iwan Fjodorowitsch
-scharf an, er errötete und ließ die Augen sinken. Ein
-neuer Gedanke blitzte in ihr auf. &bdquo;So?&ldquo; fragte sie
-voll Neugierde, &bdquo;und was für Augenbrauen hat sie?&ldquo;
-Hier ist es nicht überflüssig zu bemerken, daß für die
-Tante das Schönste an der Frau die Augenbrauen waren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Fräulein hat genau solche Augenbrauen, liebe
-Tante, wie Sie sie nach Ihren Erzählungen in Ihrer
-Jugend gehabt haben müssen, und ihr ganzes Gesicht
-ist voller Sommersprossen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah!&ldquo; rief die Tante, äußerst befriedigt über Iwan
-Fjodorowitschs Bemerkung, der allerdings nie daran gedacht
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
-hatte, der Tante ein Kompliment machen zu
-wollen. &bdquo;Und was für ein Kleid hatte sie an? Man
-findet zwar heutzutage keine solchen haltbaren Stoffe
-mehr wie zum Beispiel den, aus dem dieser Morgenrock
-gemacht ist. Aber es handelt sich jetzt nicht darum.
-Und hast du dich gut mit ihr unterhalten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das heißt, wie meinen Sie .... liebe Tante?
-Sie glauben vielleicht schon ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was denn? Was ist denn Wunderbares dabei?
-Das ist nun mal Gottes Wille! Vielleicht ist&rsquo;s euch
-beiden noch beschieden, einmal ein Paar zu werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe nicht, liebe Tante, wie Sie nur so
-reden können. Das beweist doch nur, daß Sie mich
-absolut nicht kennen ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, nun fühlt er sich richtig beleidigt!&ldquo; sagte die
-Tante. &bdquo;Der Junge ist noch nicht alt genug!&ldquo; dachte
-sie bei sich. &bdquo;Er weiß noch von nichts! Ich werde die
-beiden mal zusammenbringen, sie sollen einander näher
-kennen lernen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und die Tante ging nach der Küche und ließ Iwan
-Fjodorowitsch allein. Aber seit der Zeit dachte sie an
-nichts anderes, als daran, ihren Neffen möglichst bald zu
-verheiraten und seine kleinen Enkelkinder zu wiegen.
-Ihr Kopf war nur noch von Gedanken an die Vorbereitungen
-zur Hochzeit erfüllt, und man sah ganz deutlich,
-daß sie noch viel emsiger war als vorher, obwohl
-alles eher schlimmer als besser ging. Wenn sie jetzt
-einen Kuchen zubereitete, den sie übrigens niemals der
-Köchin anzuvertrauen pflegte, versank sie häufig in Gedanken,
-bildete sich ein, neben ihr stehe ein kleines Enkelchen,
-das ein Stückchen Kuchen haben wollte, und
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-streckte zerstreut die Hand mit dem besten Stücke aus;
-der Hofhund machte sich das gewöhnlich zunutze, packte
-den leckeren Bissen und weckte sie durch sein lautes
-Schmatzen aus ihrer Nachdenklichkeit, wofür der Hund
-übrigens immer Schläge mit dem Ofenhaken bekam.
-Sie gab sogar ihre Lieblingsbeschäftigung auf und fuhr
-nicht mehr zur Jagd, besonders seitdem sie einmal statt
-eines Truthahns eine Krähe geschossen hatte, was ihr
-früher niemals widerfahren war.
-</p>
-
-<p>
-Vier Tage später sah man endlich die Kalesche aus
-dem Schuppen in den Hof fahren. Der Kutscher
-Omeljko, der gleichzeitig auch Gärtner und Aufseher
-war, fing schon seit dem frühen Morgen an zu hämmern
-und das Leder anzunageln, während er immerzu die
-Hunde davonjagen mußte, die herankamen und an den
-Rädern leckten. Hier halte ich es für meine Pflicht,
-dem Leser zu berichten, daß dies dieselbe Kalesche war,
-in der schon Adam gefahren ist, und sollte daher
-jemand eine andere für die Adams ausgeben, so wäre
-das sicherlich eine freche Lüge, und die Kalesche wäre
-unecht. Es ist nicht genau bekannt, wie sie der Sintflut
-entronnen ist, man kann nur annehmen, daß in
-der Arche Noah ein besonderer Schuppen für sie vorhanden
-war. Es ist sehr schade, daß ich dem Leser
-ihre Gestalt nicht lebendig vor Augen führen kann. Es
-genüge daher zu sagen, daß Wassilissa Kaschparowna
-mit ihrer Bauart äußerst zufrieden war und es stets
-bedauerte, daß die alten Equipagen aus der Mode gekommen
-seien. Selbst das, daß die Kalesche etwas
-schief, und daß die rechte Seite etwas höher war, als
-die linke, erregte ihren Beifall, denn so konnte von der
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-<em>einen</em> Seite, wie sie behauptete, ein Mensch von kleinem
-Wuchse, und von der anderen ein großer aussteigen.
-Im übrigen konnte die Kalesche etwa fünf Personen
-von kleiner Statur und drei solche, wie die Tante, in
-ihrem Inneren aufnehmen.
-</p>
-
-<p>
-Als er mit der Kalesche fertig war, führte Omeljko
-gegen Mittag drei Pferde aus dem Stall, die etwas
-jünger waren als die Kalesche und band sie mit einem
-Strick fest an die majestätische Equipage. Iwan Fjodorowitsch
-und die Tante stiegen ein, er von der einen, sie
-von der anderen Seite, und die Pferde zogen an. Alle
-Bauern, die ihnen begegneten, blieben beim Anblick
-dieser vornehmen Equipage (die Tante pflegte nämlich
-nur selten in ihr auszufahren) respektvoll stehen, nahmen
-die Mützen ab und verbeugten sich bis zur Erde.
-</p>
-
-<p>
-Nach etwa zwei Stunden machte der Wagen vor
-der Freitreppe Halt; ich glaube, es ist hier nicht erst
-nötig zu sagen, vor wessen Freitreppe er hielt. Grigori
-Grigorjewitsch war nicht zu Hause; und die Alte und
-die Fräuleins empfingen die Gäste im Speisezimmer;
-die Tante näherte sich ihnen mit majestätischen Schritten,
-stellte mit viel Geschicklichkeit einen Fuß vor und sagte laut:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gnädige Frau, ich freue mich, daß ich die Ehre
-habe, Ihnen persönlich meine Hochachtung ausdrücken
-zu dürfen, zugleich erlaube ich mir mit Respekt, Ihnen
-meinen Dank für die gastfreundliche Aufnahme meines
-Neffen Iwan Fjodorowitsch auszusprechen, der Ihres Lobes
-voll ist. Sie haben einen wundervollen Buchweizen,
-gnädige Frau, das habe ich bemerkt, als ich mich dem
-Dorfe näherte. Darf ich fragen, wieviel Sie pro Deßjatin
-ernten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-Hierauf küßten alle einander aufs herzlichste ab und
-erst als man im Gastzimmer Platz genommen hatte,
-begann die Alte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was den Buchweizen anbetrifft, so kann ich Ihnen
-nichts Genaues darüber sagen. Das ist Grigori Grigorjewitschs
-Ressort; ich beschäftige mich schon längst
-nicht mehr damit, auch könnte ich&rsquo;s nicht, selbst wenn
-ich wollte: ich bin schon zu alt dazu! In früheren
-Zeiten wuchs, wie ich mich besinne, der Buchweizen bei
-uns so hoch, daß er einem bis an den Gürtel reichte,
-jetzt ist das nicht mehr so, obwohl man stets behauptet,
-es werde jetzt alles immer besser.&ldquo; Die Alte
-stieß einen Seufzer aus, und ein aufmerksamer Beobachter
-hätte in ihm das Aufseufzen des alten achtzehnten
-Jahrhunderts vernehmen können.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe gehört, daß bei Ihnen im Hause großartige
-Teppiche gemacht werden, gnädige Frau,&ldquo; sagte
-Wassilissa Kaschparowna und berührte damit die empfindlichste
-Seite der Alten: bei diesen Worten lebte jene
-auf, und nun strömten ihre Reden nur so hin: wie
-man das Gewebe färben, welchen Faden man dazu
-nehmen müsse und was dergleichen mehr ist.
-</p>
-
-<p>
-Von den Teppichen ging die Unterhaltung bald aufs
-Gurkeneinlegen und Birnentrocknen über. Kurz, es war
-noch keine Stunde verflossen, da unterhielten sich die
-beiden Damen schon so lebhaft, als ob sie ihr Lebtag
-miteinander bekannt gewesen wären. Ja, Wassilissa
-Kaschparowna sprach sogar über viele Dinge so leise mit
-der Alten, daß Iwan Fjodorowitsch nichts mehr hören konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wollen Sie nicht selbst sehen?&ldquo; sagte die greise
-Hausfrau und erhob sich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
-Die Fräuleins und Wassilissa Kaschparowna erhoben
-sich mit ihr und begaben sich ins Mädchenzimmer. Die
-Tante machte Iwan Fjodorowitsch ein Zeichen, er solle
-zurückbleiben und flüsterte der alten Dame etwas zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Maschenjka!&ldquo; sagte die Alte zu dem blonden Fräulein,
-&bdquo;bleibe bei unserem Gaste und unterhalte ihn, damit
-ihm die Zeit nicht zu lang wird!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das blonde Fräulein blieb zurück und setzte sich auf
-das Sofa. Iwan Fjodorowitsch saß auf seinem Stuhle
-wie auf Nadeln, errötete und schlug die Augen nieder;
-aber das Fräulein schien dies gar nicht zu bemerken,
-saß gleichgültig auf dem Sofa, beobachtete fleißig die
-Fenster und die Wände, oder verfolgte die Katze, die scheu
-unter den Stühlen umherlief, mit den Augen.
-</p>
-
-<p>
-Iwan Fjodorowitsch wurde etwas mutiger und
-wollte schon ein Gespräch anknüpfen, es war ihm aber
-so, als ob er unterwegs alle Worte verloren hätte.
-Es wollte ihm kein einziger Gedanke in den Sinn
-kommen.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Schweigen dauerte eine Viertelstunde lang,
-aber das Fräulein saß noch immer ebenso da wie früher.
-</p>
-
-<p>
-Endlich faßte Iwan Fjodorowitsch sich ein Herz.
-&bdquo;Im Sommer gibt&rsquo;s so viel Fliegen, gnädiges Fräulein!&ldquo;
-rief er mit einer Stimme, die vor Erregung zitterte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, außerordentlich viele Fliegen!&ldquo; versetzte das
-Fräulein. &bdquo;Mein Bruder hat eigens deswegen aus
-Mamas altem Schuh eine Fliegenklappe hergestellt, aber
-es bleiben doch noch immer sehr viele übrig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hier stockte die Unterhaltung, und Iwan Fjodorowitsch
-wollte durchaus kein Wort mehr einfallen.
-</p>
-
-<p>
-Endlich kamen die Alte, die Tante und das dunkle
-<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
-Fräulein zurück. Nachdem man sich noch etwas unterhalten
-hatte, nahm Wassilissa Kaschparowna Abschied
-von der Dame und den Fräuleins, obwohl sie dringend
-gebeten wurde, über Nacht da zu bleiben. Die Dame
-und die Fräuleins begleiteten die Gäste bis zur Freitreppe
-und winkten der aus der Kalesche hinausblickenden
-Tante und ihrem Neffen noch lange zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Iwan Fjodorowitsch, worüber hast du dich mit
-dem Fräulein unterhalten?&ldquo; fragte die Tante unterwegs.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Marja Grigorjewna ist ein sehr bescheidenes und
-sittsames Fräulein!&ldquo; sagte Iwan Fjodorowitsch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höre, Iwan Fjodorowitsch: ich will ernst mit dir
-reden. Du bist, Gott sei Dank, schon fast achtunddreißig
-Jahre alt; und einen schönen Rang hast du
-<em>auch</em> schon: es wird nun bald Zeit, an die Kinder
-zu denken! Du brauchst unbedingt eine Frau ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie, liebe Tante!&ldquo; rief Iwan Fjodorowitsch ganz
-erschrocken: &bdquo;Wie? Eine Frau! Nein, liebe Tante,
-seien Sie doch so lieb .... Sie beschämen mich ....
-Ich bin noch nie verheiratet gewesen .... Ich weiß
-ja gar nicht, was ich mit einer Frau anfangen soll!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du wirst&rsquo;s schon lernen, Iwan Fjodorowitsch, du
-wirst es schon lernen,&ldquo; rief die Tante lächelnd und
-dachte bei sich: &sbquo;Kein Gedanke! Der Junge ist noch ein
-richtiges Kind: er weiß ja von gar nichts!&lsquo; &mdash; &bdquo;Ja, ja,
-Iwan Fjodorowitsch!&ldquo; fuhr sie laut fort, &bdquo;eine bessere
-Frau als Marja Grigorjewna wirst du wohl nie finden.
-Außerdem hat sie dir ja doch gut gefallen. Die Alte
-und ich haben schon viel darüber gesprochen: sie wäre
-sehr froh, dich zum Schwiegersohn zu bekommen. Freilich
-weiß man noch nicht, was dieser alte Sünder Grigori
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-Grigorjewitsch dazu sagen wird; aber wir werden
-nicht darauf achten, und sollte er dir etwa die Mitgift
-nicht herausgeben wollen, so würden wir ihn auf gerichtlichem
-Wege ....&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick fuhr der Wagen in den Hof
-und die uralten Stuten lebten auf, als sie die Nähe
-des Stalles witterten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höre, Omeljko! laß die Pferde zuerst gut ausruhen
-und führe sie nicht gleich zur Tränke. Die Pferde sind
-ja noch ganz heiß. &mdash; Also, Iwan Fjodorowitsch, ich
-rate dir, dir die Sache gründlich zu überlegen. Ich muß
-noch etwas in der Küche nachschauen: ich habe vergessen,
-das Abendbrot bei der Solocha zu bestellen und
-das nichtsnutzige Weib hat sicher nicht von selbst daran
-gedacht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner gerührt.
-Marja Grigorjewna war zwar ein sehr nettes
-Fräulein: aber heiraten! .... Das erschien ihm so
-sonderbar und wundersam, daß er nicht ohne Schreck
-daran denken konnte. Mit einer Frau zusammen leben!
-.... das war doch ganz unbegreiflich! Er sollte
-nicht mehr allein in seinem Zimmer sein können, sondern
-sie würden immer zu zwei sein! .... Und der
-Schweiß trat ihm auf die Stirn, je mehr er sich in die
-Betrachtung vertiefte.
-</p>
-
-<p>
-Früher als sonst ging er zu Bett, aber trotz aller
-Bemühungen konnte er nicht einschlafen. Endlich suchte
-ihn der ersehnte Schlaf, dieser Ruhebringer und Tröster
-aller Menschen auf. Aber was war das für ein Schlaf!
-Unzusammenhängendere Träume hatte er noch niemals
-gesehen. Bald träumte er, rings um ihn rausche und
-<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
-drehe sich alles, und er selbst laufe und laufe atemlos
-dahin .... Schon verließen ihn die Kräfte ....
-Plötzlich aber packte ihn jemand am Ohr. &bdquo;O je! Wer
-ist das?&ldquo; &mdash; &bdquo;Das bin <em>ich</em>, deine Frau!&ldquo; sprach eine
-lärmende Stimme zu ihm &mdash; und er erwachte. Bald
-schien es ihm, er sei schon verheiratet und alles in dem
-Häuschen sei so absonderlich und so merkwürdig; in
-seinem Zimmer stehe statt eines einfachen Bettes ein
-Doppelbett und auf dem Stuhle sitze seine Frau. Es
-war ihm ganz eigentümlich zumute: er wußte nicht,
-wie er an sie herantreten, worüber er mit ihr sprechen
-sollte, und nun erst merkte er, daß sie das Gesicht einer
-Gans hatte. Zufällig drehte er sich um und sah eine
-zweite Frau, die ebenfalls einen Gänseschnabel hatte, er
-drehte sich auf die andere Seite um &mdash; da stand eine
-dritte Frau, er wandte sich nach hinten &mdash; da stand
-noch eine Frau. Da erfaßte ihn eine wilde Angst; er
-stürzte in den Garten, aber im Garten war es heiß, er
-nahm den Hut ab, und siehe: auch im Hute saß eine
-Frau. Schweiß bedeckte sein Gesicht; er wollte das
-Taschentuch aus der Tasche holen &mdash; aber auch in der
-Tasche saß eine Frau; er zog sich die Watte aus dem
-Ohre &mdash; auch da saß eine Frau .... Dann hüpfte
-er wieder auf einem Bein, und die Tante sah zu und
-sprach mit würdevoller Miene: &bdquo;Ja, jetzt kannst du hüpfen
-und springen, denn du bist ja jetzt ein verheirateter
-Mann.&ldquo; Er eilte auf sie zu; aber die Tante war
-nicht mehr die Tante, sondern ein Glockenturm. Und
-er fühlte, wie jemand ihn an einem Strick auf den
-Glockenturm hinaufzog. &bdquo;Wer zieht mich da hinauf?&ldquo;
-fragte Iwan Fjodorowitsch klagend. &bdquo;Ich ziehe dich,
-<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
-ich, deine Frau, denn du bist eine Glocke!&ldquo; &bdquo;Nein, ich
-bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch!&ldquo; schrie
-er. &bdquo;Nein, du bist eine Glocke!&ldquo; sprach der Oberst des
-P&mdash;er Infanterieregiments im Vorübergehen.
-</p>
-
-<p>
-Oder er träumte, seine Frau sei gar kein Mensch,
-sondern ein wollener Stoff; er käme nach Mohilew in
-einen Laden, und der Kaufmann fragte ihn: &bdquo;Was für
-einen Stoff wünschen Sie? Nehmen Sie doch
-Frau, das ist der modernste Stoff! Er ist sehr haltbar!
-Man macht jetzt Röcke daraus.&ldquo; Und der Kaufmann
-maß und schnitt ein Stück von der Frau ab.
-Iwan Fjodorowitsch nahm sie unter den Arm und ging
-damit zum jüdischen Schneider. &mdash; &bdquo;Nein,&ldquo; meinte der
-Jude, &bdquo;das ist ein schlechter Stoff! Daraus läßt sich
-doch niemand einen Rock machen ....!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Voller Angst und ganz außer sich erwachte Iwan
-Fjodorowitsch; der kalte Schweiß troff nur so von ihm
-herunter wie ein Platzregen.
-</p>
-
-<p>
-Kaum war er aufgestanden, so wandte er sich sofort
-an sein Wahrsagebuch, dem ein tugendhafter Buchhändler
-in seiner seltenen Güte und Uneigennützigkeit
-noch einen kurzen Traumdeuter angehängt hatte. Aber
-dort stand nichts, was diesem sinnlosen Traume auch
-nur einigermaßen entsprochen hätte.
-</p>
-
-<p>
-Indessen aber reifte im Kopfe der Tante ein ganz
-neuer Plan, von dem Sie im nächsten Kapitel hören
-sollen.
-</p>
-
-<h3 class="novella" id="chapter-3-5">
-<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
-Der verhexte Ort
-</h3>
-
-<p class="subt">
-Sage<br />
-Erzählt vom Küster an der Kirche zu ***
-</p>
-
-<p class="pbb first">
-<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">ei</span> Gott, ich hab&rsquo; das Erzählen satt! Was glaubt
-ihr denn? Es ist wahrhaftig auch zu langweilig:
-man erzählt und erzählt, und kommt
-nie wieder davon los! Na, meinetwegen, ich will
-euch noch was erzählen, aber gebt acht, es ist das letztemal.
-Ja, ihr habt also davon gesprochen, daß ein
-Mensch mit dem unreinen Geiste fertig werden könne.
-Gewiß, das heißt, wenn man genauer zusieht, dann
-merkt man dennoch, daß es in der Welt allerhand sonderbare
-Vorfälle gibt .... Indessen sagt das nicht:
-will einen die Teufelsmacht blenden, so tut sie es, bei
-Gott, sie tut es! ..... Nun also, mein Vater hatte
-im ganzen vier Kinder; ich war damals noch ein Grünschnabel,
-und war erst elf Jahre alt ... Doch nein,
-ich war noch nicht elf Jahre alt, ich erinnere mich, wie
-wenn&rsquo;s heute wäre, daß ich einmal auf allen Vieren
-herumkroch und wie ein Hund zu bellen anfing, und
-wie da mein Vater den Kopf schüttelte und mich anschrie:
-&bdquo;Ei, Foma, Foma! Es ist Zeit, daß man dich verheiratet,
-sonst wirst du noch so närrisch wie ein junges Maultier!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mein Großvater war damals noch gesund und &mdash;
-mag ihm in jener Welt der Schluckauf leicht werden &mdash; noch
-<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
-ziemlich gut auf den Beinen. Wenn der nun manchmal
-so ..... Aber wozu erzähle ich euch das
-eigentlich? Der eine von euch wühlt schon seit einer
-Stunde im Ofen herum und sucht nach einer Kohle
-für seine Pfeife, und ein anderer ist in die Kammer gelaufen,
-um sich was zu holen ... Ach was! Wenn
-ich mich euch noch aufgedrängt hätte &mdash; aber ihr habt
-ja selbst darauf bestanden .... Man hört entweder
-ordentlich zu oder gar nicht.
-</p>
-
-<p>
-Mein Vater war schon im Anfang des Frühlings
-in die Krim gefahren, um Tabak zu verkaufen. Ich kann
-mich nun nicht mehr daran erinnern, ob er zwei oder
-drei Wagen ausgerüstet hatte; aber der Tabak stand
-damals hoch im Preise. Er nahm meinen dreijährigen
-Bruder mit sich, um ihn frühzeitig an das Handwerk
-zu gewöhnen; wir dagegen: der Großvater, die Mutter,
-ich, ein Bruder und noch ein zweiter Bruder blieben zu
-Hause. Der Vater hatte dicht an der Landstraße ein
-Stück Land, das er bebaut hatte; er siedelte daher in
-seine Hütte auf dem Felde über, und nahm auch <em>uns</em>
-mit, um ihm die Spatzen und die Elstern von den Feldern
-verscheuchen zu helfen. Man kann nicht sagen, daß es
-uns gerade schlecht ging. Den Tag über aß man sich
-so sehr an Gurken, Melonen, Rüben, Zwiebeln und Erbsen
-voll, daß es einem zumute war, als ob einem die Hähne
-im Bauche krähten. Dazu brachte es auch noch etwas
-ein: manch ein Reisender zog auf der Straße vorbei,
-und da wollte jeder gerne eine Wassermelone oder eine
-Zuckermelone kosten, oder man brachte von den umliegenden
-Vorwerken Hühner, Eier und Truthähne herbei
-und tauschte sie ein. Das war ein schönes Leben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-Am meisten aber freute sich der Großvater, wenn
-jeden Tag an die fünfzig Frachtfuhrleute vorbeigezogen
-kamen. Das sind meist Leute, die was erlebt und erfahren
-haben: und dann ging ein Erzählen los, daß man
-nur so die Ohren aufsperren mochte! Für den Großvater
-aber war das halt, so wie Knödel für einen
-Hungrigen. Manchmal stieß er auf alte Bekannte, &mdash;
-denn meinen Großvater kannte jedermann, &mdash; na, ihr
-könnt euchs ja wohl selbst denken, wie das ist, wenn
-die alten Leute zusammensitzen: dann geht&rsquo;s taratata und
-taratata, über dies und jenes, diese und jene Zeiten, da
-floß ihnen wohl der Mund über, wenn sie so anfingen,
-sich auf Anno dazumal zu besinnen.
-</p>
-
-<p>
-Einst ging der Großvater über Feld &mdash; &rsquo;s ist mir
-wahrhaftig, als wär&rsquo;s jetzt eben geschehen &mdash;; die Sonne
-war im Begriff unterzugehen, und Großvater war damit
-beschäftigt, die Blätter von den Zuckermelonen abzunehmen;
-er pflegte die Melonen nämlich den Tag
-über mit Blättern zu bedecken, damit sie nicht so in
-der Sonne brieten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schau, Ostap!&ldquo; sagte ich zu meinem Bruder, &bdquo;da
-kommen Frachtfuhrleute angefahren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo sind die Fuhrleute<a id="corr-49"></a>?&ldquo; fragte der Großvater und
-machte ein Zeichen auf einer großen Melone, damit sie
-ihm die Buben nicht gelegentlich wegäßen.
-</p>
-
-<p>
-Und in der Tat, auf der Landstraße kamen so an
-die sechs Wagen dahergezogen. Vorn schritt ein Fuhrmann
-mit einem angegrauten Schnurrbart. Er kam uns
-&mdash; nun, wie soll ich sagen, &mdash; so etwa bis auf zehn
-Schritte nah&rsquo; und blieb dann stehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
-&bdquo;Guten Tag, Maxim! Sieh nur, wo Gott uns
-wieder zusammengeführt hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Großvater kniff die Augen zusammen: &bdquo;Ah!
-Guten Tag! Guten Tag! Woher des Wegs? Ist Boljatschka
-auch da? Grüß Gott, Bruder! Was Teufel!
-Da sind ja alle miteinander: Krutotrystschenko! Und
-Petzcherytzja, Kowelek und Stetzko! Grüß euch Gott!
-Haha, hoho! ...&ldquo; Und alle umarmten und küßten sich.
-</p>
-
-<p>
-Die Ochsen wurden ausgespannt und auf die Wiese
-getrieben, die Wagen aber blieben auf der Landstraße
-stehen; alle setzten sich in einen Kreis zusammen und
-steckten sich ihre Pfeifchen an. Aber da kam keiner
-recht zum Rauchen! Vor lauter Erzählen und Klatschen
-kam kaum ein Zug auf jeden. Nach dem Essen begann
-der Großvater, die Gäste mit Melonen zu bewirten.
-Jeder nahm eine Melone und putzte sie hübsch mit dem
-Messerchen ab (das waren alles gerissene Kerle, die
-waren weit in der Welt herumgekommen, und hatten
-mancherlei erfahren, daher wußten sie auch, wie man
-in der vornehmen Welt ißt &mdash; man hätte sie geradezu
-an einen herrschaftlichen Tisch setzen können), sie putzten
-die Melonen also hübsch ab, bohrten mit dem Finger
-ein Löchelchen in sie hinein, sogen den Saft raus, zerschnitten
-sie in Stücke und schoben sie in den Mund.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und ihr, Jungens!&ldquo; rief der Großvater uns zu,
-&bdquo;was haltet ihr Maulaffen feil? Tanzt doch los, ihr
-Hundesöhne! Ostap, wo ist deine Schalmei? Nun
-also, einen Kosakentanz! Foma, die Hände auf die
-Hüften! Recht so! hei, hopp!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich war damals noch ein beweglicher Bursche. Ach
-ja, dieses verdammte Alter! Jetzt kann ich&rsquo;s nicht mehr
-<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-so: anstatt zierliche Sprünge zu machen, stolpere ich über
-meine eigenen Beine. Lang schauten der Großvater
-und die Fuhrleute uns zu, und ich merkte, daß seine
-Beine nicht mehr ruhig bleiben wollten, gleich als ob
-jemand an ihnen zupfte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schau, Foma!&ldquo; sagte Ostap, &bdquo;der alte Knaster tritt
-wohl selbst noch zum Tanze an!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was glaubt ihr? Kaum hatte er das gesagt, da
-konnte das Großväterchen wirklich nicht mehr an sich
-halten! Der wollte den Fuhrleuten nämlich zeigen,
-was er konnte. &bdquo;Was, ihr Teufelskinder? tanzt man
-denn so? <em>So</em> tanzt man!&ldquo; rief er, sprang auf die
-Beine, streckte die Arme vor und stampfte mit dem
-Hacken auf.
-</p>
-
-<p>
-Und in der Tat, man konnte nichts dawider sagen,
-er tanzte wahrhaftig so gut, daß er auch mit der Hetmansfrau
-hätte tanzen können. Wir traten ein wenig
-zur Seite, und nun begann der alte Knasterbart seine
-Beine auf dem glatten Plätzchen, das sich neben dem
-Gurkenbeet befand, in die Luft zu werfen. Kaum war
-er jedoch bis in die Mitte des Platzes gelangt &mdash; und
-wollte nun erst richtig losgehen, wie ein Wirbel mit
-den Füßen dahinfahren und uns ein besonderes Kunststückchen
-zeigen &mdash; da wollten die Beine plötzlich nicht vom
-Fleck und aus war es! War das ein sonderbarer Teufelsspuk!
-Er fing noch einmal an, gab sich einen Schwung,
-kam wieder bis zur Mitte, aber wieder ging es nicht
-weiter! Tu einer, was er will &mdash; es ging und ging
-nicht! Die Beine waren plötzlich so steif wie ein Stück
-Holz. &bdquo;So eine verteufelte Stelle, so ein Satansspuk!
-Da ist wohl gar der Herodes, dieser Feind des Menschengeschlechts
-<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-mit im Spiel!&ldquo; Und nun gar noch diese
-Schmach vor den fremden Lastführern! Er fing aber
-wiederum an, und begann von neuem mit ganz kleinen
-Schritten im Takt herumzuhüpfen, daß es nur so eine
-Freude war, es mit anzusehen; aber wie er bis zur
-Mitte kam, ging&rsquo;s wieder nicht weiter, und der Tanz
-wollte ihm durchaus nicht gelingen! &bdquo;Ah, verdammter
-Satan! Daß du doch an einer faulen Melone erstickest!
-Als Kind schon sollst du krepieren, du Hundesohn!
-Mir in meinen alten Tagen noch eine solche Schmach
-anzutun ....&ldquo; Und in der Tat, hinter ihm lachte
-jemand laut auf.
-</p>
-
-<p>
-Er sah sich um, das Feld und die Fuhrleute waren
-verschwunden, hinter ihm, vor ihm, und zu beiden Seiten
-sah man nichts als flaches Land. &bdquo;He ... da haben
-wir die Bescherung!&ldquo; Er begann mit den Augen zu
-blinzeln, der Ort kam ihm nicht unbekannt vor: auf
-der einen Seite lag ein Wald, und hinter dem Wald
-ragte eine hohe Stange empor, die bis weit in der Ferne
-zu sehen war. Was Teufel! Das ist ja der Taubenschlag
-im Gemüsegarten des Popen! Auch von der
-anderen Seite schimmerte etwas grau herüber; er sah
-näher hin. Es war die Scheune des Gemeindeschreibers.
-Teufel auch, wohin einen die unreine Macht forttragen
-kann! Er lief ein paarmal hin und her und im Kreise
-herum und entdeckte endlich einen kleinen Pfad. Der
-Mond war unsichtbar, und an seiner Stelle blinkte
-ein weißer Fleck durch eine Wolke. &bdquo;Morgen wird&rsquo;s
-sehr windig sein!&ldquo; dachte der Großvater, da leuchtete
-plötzlich, etwas abseits vom Wege auf einem kleinen
-Grabe, ein Flämmchen auf. &bdquo;Sieh mal an!&ldquo; und der
-<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-Großvater blieb stehen, stemmte die Hände in die Hüften und
-sah näher hin: nun war das Flämmchen erloschen, aber
-weiter und noch etwas weiter, da flackerte ein anderes
-auf. &bdquo;Ein Schatz!&ldquo; schrie der Großvater, &bdquo;bei Gott,
-ich möchte alles darum geben, daß das ein Schatz ist!&ldquo;
-Und schon wollte er sich in die Hände spucken, um nach
-dem Schatz zu graben, da fiel ihm ein, daß er ja weder
-Schippe noch Spaten bei sich hatte. &bdquo;Schade, schade!
-Aber wer weiß? Vielleicht braucht man nur den Rasen
-wegzuräumen, und der Herzensschatz liegt gleich darunter!
-Na, da ist eben nichts zu machen! Merken wir uns
-wenigstens den Platz, daß wir&rsquo;s später nicht vergessen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er nahm einen mächtigen Ast, der offenbar vom
-Sturm zerbrochen worden war, wälzte ihn auf das
-Grab, auf dem das Licht gebrannt hatte, und ging seines
-Weges. Der junge Eichenwald lichtete sich; und ein
-geflochtener Zaun tauchte vor ihm auf. &bdquo;Na also, hab&rsquo;
-ich&rsquo;s nicht gleich gesagt, daß es die Trift des Popen ist!&ldquo;
-dachte der Großvater, &bdquo;da ist ja auch sein Zaun. Jetzt
-ist&rsquo;s keine ganze Werst mehr bis zu meinem Melonenfeld.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er kam aber erst spät am Abend heim und wollte
-nicht einmal von den Klößen kosten. Er weckte meinen
-Bruder Ostap, fragte nur, ob die Fuhrleute schon lange
-fort seien, und wickelte sich dann in seinen Schafspelz.
-Mein Bruder wollte ihn ausfragen. &bdquo;Wo haben dich denn
-heute die Teufel hingebracht, Großvater?&ldquo; begann er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Frage nicht,&ldquo; sagte dieser, sich noch fester in seinen
-Pelz hüllend, &bdquo;frage nicht, Ostap, vom vielen Fragen
-kriegt man graue Haare!&ldquo; Und er fing so an zu
-schnarchen, daß die Sperlinge, die sich im Melonenfelde
-<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
-niedergelassen hatten, vor Schreck in die Luft aufflogen.
-Aber in Wahrheit schlief er gar nicht! Es ist
-nicht zu sagen, was das für eine schlaue Bestie war
-&mdash; Gott hab ihn selig &mdash; aber er verstand es vorzüglich,
-sich mit allem abzufinden. Manchmal konnt&rsquo;
-er einem ein Liedchen singen, daß man sich nur so in
-die Lippen biß.
-</p>
-
-<p>
-Kaum aber brach der nächste Tag an, und kaum
-begann es im Felde zu dämmern, da zog der Großvater
-seinen Kittel an, legte den Gürtel um, nahm
-einen Spaten und eine Schaufel unter den Arm, setzte
-die Mütze auf, trank einen Krug Brotkwas, wischte sich
-die Lippen mit dem Rockschoß und ging geradewegs in
-des Popen Gemüsegarten. Er war schon am Zaun und
-an dem niedrigen Eichenwäldchen vorbei. Da schlängelte
-sich zwischen den Bäumen ein Pfad hin, der gerad ins
-Feld führte; offenbar derselbe, den er gestern entdeckt
-hatte. Er betrat das Feld &mdash; es war dieselbe Stelle,
-wo er gestern gewesen war. Da ragte auch der Taubenschlag
-in die Höhe, aber die Scheune war nicht zu
-sehen. &bdquo;Nein, das ist nicht der rechte Ort. Der liegt
-also etwas weiter; ich muß offenbar umkehren und auf
-die Scheune zugehen!&ldquo; Er kehrte also um, und ging
-auf einem andern Wege weiter: jetzt war die Scheune
-zu sehen, aber nun war der Taubenschlag fort! Er
-kehrte also wieder um und näherte sich dem Taubenschlag,
-doch nun war wieder die Scheune verschwunden.
-Und nun begann, wie zu Fleiß, noch ein Regen
-herunterzurieseln. Er lief wieder nach der Scheune &mdash;
-aber der Taubenschlag war fort; oder zum Taubenschlag
-&mdash; dann war die Scheune fort.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-&bdquo;Verfluchter Satan, daß du es nie mehr erlebtest,
-deine Kinder zu sehen!&ldquo; Der Regen aber rauschte in
-<a id="corr-52"></a>Strömen herab. Der Großvater zog sich die neuen
-Stiefel aus, wickelte sie in ein Tüchlein ein, damit sie
-sich nicht vor Nässe zusammenzögen und gab Fersengeld
-wie ein herrschaftlicher Renner. Er kroch, ganz durchnäßt
-bis auf die Knochen, in die Hütte, bedeckte sich
-mit dem Schafspelz und begann etwas durch die Zähne
-zu murmeln und den Teufel mit so lieblichen Worten
-zu traktieren, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gehört
-habe. Ich gestehe, ich wäre ganz rot geworden, wenn
-so etwas am helllichten Tage geschehen wäre.
-</p>
-
-<p>
-Am anderen Morgen erwache ich und sehe: der Großvater
-zieht auf dem Felde umher, als ob nichts geschehen
-wäre und bedeckt die Wassermelonen mit Blättern
-von Kletten. Beim Essen wurde der Alte erst
-wieder gesprächig und begann meinen jüngeren Bruder
-damit zu schrecken, daß er ihn gegen ein Paar Hühner
-umtauschen werde wie eine Wassermelone; nach Tisch
-schnitt er sich selbst eine Flöte aus Holz und fing an,
-auf ihr zu blasen; dann gab er uns eine Melone zum
-spielen, die ganz zusammengeschrumpft war wie eine
-Schlange, und die er eine türkische Melone nannte.
-Ich habe nie wieder eine solche Melone gesehen; er hatte
-den Samen von weit her gesandt bekommen.
-</p>
-
-<p>
-Abends, nach dem man gevespert hatte, ging der
-Großvater mit dem Spaten ins Feld, um ein neues
-Beet für die späten Kürbisse zu graben. Wie er nun
-an der behexten Stelle vorüberkam, da konnte er nicht
-an sich halten und murmelte durch die Zähne: &bdquo;Verfluchter
-Ort!&ldquo;, er trat in die Mitte des Platzes, wo er
-<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
-tags zuvor nicht hatte zu Ende tanzen können, und
-schlug wütend mit dem Spaten auf die Erde. Da lag
-plötzlich wieder dasselbe Feld vor ihm: auf der einen
-Seite ragte der Taubenschlag empor, auf der anderen
-stand die Scheune. &bdquo;Noch gut, daß ich so klug war,
-einen Spaten mitzunehmen,&ldquo; dachte er: &bdquo;Da ist auch der
-Pfad, da ist das Grab, und da liegt noch der Ast!
-Sieh, da brennt ja auch das Flämmchen! Daß ich
-mich nur nicht irre!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Leise lief er herzu, hob den Spaten in die Höhe, als
-ob er einem Eber, der sich bis ins Feld verirrt hatte,
-einen Schlag versetzen wollte, und blieb vor dem Grabe
-stehen. Das Flämmchen war erloschen und auf dem
-Grabe lag ein mit Gras bewachsener Stein. &bdquo;Diesen
-Stein muß ich heben!&ldquo; dachte der Großvater und begann
-rings um ihn herum die Erde aufzugraben. Der
-verfluchte Stein war verdammt groß! Doch, nun
-stemmte er die Füße fest gegen die Erde und stieß ihn
-vom Grabe herab. &bdquo;Bums &mdash;!&ldquo; dröhnte es weit durch&rsquo;s
-Tal. &bdquo;Nun sind wir dich los! Jetzt wird die Arbeit
-schneller gehen!&ldquo; dachte der Großvater.
-</p>
-
-<p>
-Und der Alte machte ein wenig Halt, holte seinen
-Tabaksbeutel hervor, schüttete sich etwas Tabak auf die
-Faust und wollte ihn an die Nase bringen, als plötzlich
-über seinem Kopfe ein &bdquo;Pschü!&ldquo; ertönte und jemand so
-laut nieste, daß die Bäume zu schwanken begannen und
-das ganze Gesicht des Großvaters bespritzt wurde. &bdquo;Du
-könntest dich doch auch abwenden, wenn du niesen willst!&ldquo;
-rief der Großvater und rieb sich die Augen. Er sah
-sich um, aber es war niemand da. &bdquo;Der Teufel liebt
-wohl den Tabak nicht!&ldquo; fuhr er fort, steckte den Beutel
-<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
-wieder in die Brust und nahm den Spaten wieder in
-die Hand. &bdquo;Er ist wirklich dumm genug dazu! Solch
-einen Tabak hat weder sein Großvater noch sein Vater
-je geschnupft!&ldquo; Und er begann zu graben. Die Erde
-war weich, und der Spaten versank nur so in ihr.
-Jetzt klirrte etwas. Er schaufelte die Erde weg und erblickte
-einen Kessel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, Täubchen, hier also bist du!&ldquo; rief der Großvater
-und schob den Spaten unter den Kessel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, Täubchen, hier also bist du!&ldquo; piepte ein Vogel
-und pickte auf den Kessel.
-</p>
-
-<p>
-Der Großvater wich zur Seite und ließ den Spaten
-fallen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, Täubchen, hier also bist du!&ldquo; blökte ein
-Hammelkopf von einem Baumwipfel herab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah, Täubchen, hier also bist du!&ldquo; brüllte ein Bär,
-seine Schnauze hinter dem Baum hervorschiebend.
-</p>
-
-<p>
-Den Großvater überlief es kalt. &bdquo;Hier hat man ja
-rein Angst, noch ein Wort zu sagen&ldquo;, brummte er vor
-sich bin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hat man ja rein Angst, ein Wort zu sagen!&ldquo;
-piepte der Vogelschnabel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Angst, ein Wort zu sagen!&ldquo; blökte der Hammelkopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wort zu sagen!&ldquo; brüllte der Bär.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm ....&ldquo; machte der Großvater, und schrak
-zusammen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm!&ldquo; piepte der Vogel.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hm!&ldquo; blökte der Hammelkopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hum!&ldquo; brüllte der Bär.
-</p>
-
-<p>
-Voll Angst blickte der Großvater um sich: O Gott,
-<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
-was für eine Nacht! Weder Mond, noch Sterne; und
-ringsumher nichts wie Schluchten; ihm zu Füßen lag
-ein schier bodenloser Abgrund, ihm zu Häupten hing ein
-Fels herab, der gerade auf ihn herunterstürzen wollte!
-Und es deuchte den Großvater, als blinzelte ihn hinter
-dem Felsen eine Fratze an: Hu! Hu! Die hatte eine
-Nase wie der große Blasebalg in der Schmiede; die
-Nüstern waren so groß, daß man einen Eimer Wasser
-in jede hinein gießen konnte, und zwei Lippen hatte sie,
-bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen <a id="corr-55"></a>glotzten
-nach oben und dazu steckte sie noch die Zunge heraus
-und bläkte ihn an! &bdquo;Hol dich der Teufel!&ldquo; rief da der
-Großvater und warf den Kessel hin. &bdquo;Da hast du deinen
-Schatz! Solch eine widerwärtige Fratze!&ldquo; Und schon
-wollte er Reißaus nehmen, aber da sah er sich um, und
-siehe da, es war alles wie früher. &bdquo;Der Satan will
-mich nur schrecken!&ldquo; dachte er sich.
-</p>
-
-<p>
-Er ging wieder daran, den Kessel auszugraben &mdash;
-doch nein, er war zu schwer! Was war da zu machen?
-Er konnte ihn doch nicht etwa da lassen! So nahm er
-denn alle Kraft zusammen und packte ihn mit beiden
-Händen: &bdquo;Nun also, eins &mdash; zwei, drei!&ldquo; und er hatte
-ihn emporgehoben. &bdquo;So, jetzt nehmen wir mal erst eine
-Prise!&ldquo; dachte er sich.
-</p>
-
-<p>
-Er holte den Tabaksbeutel hervor. Zuerst aber sah
-er sich um, ob auch niemand da war. Nein, es war
-niemand da, so schien es wenigstens! Aber auf einmal
-kam es ihm so vor, als ob der Baumstamm ihn anfauchte
-und sich aufblies, zwei Ohren traten hervor, ein
-Paar rote Augen quollen heraus, die Nüstern bliesen sich
-auf und eine Nase zog sich kraus, als wollte sie niesen.
-<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
-&bdquo;Nein, ich will lieber doch nicht schnupfen!&ldquo; dachte der
-Großvater und steckte den Tabak wieder ein. &bdquo;Sonst
-spuckt mir der Satan wieder in die Augen!&ldquo; Er ergriff
-also schnell den Kessel und begann aus allen Leibeskräften
-zu laufen, da fühlte er, wie ihm von hinten
-jemand wie mit Ruten auf die Beine schlug .....
-&bdquo;O je, o je!&ldquo; schrie der Großvater und rannte weiter,
-als ob er nicht gescheit wäre; erst als er an des Popen
-Gemüsegarten vorbeikam, schöpfte er wieder ein wenig Atem.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo mag nur der Großvater geblieben sein?&ldquo; dachten
-wir, nachdem wir drei Stunden auf ihn gewartet hatten.
-Die Mutter war schon längst vom Vorwerk zurückgekommen
-und hatte einen Topf mit heißen Klößen mitgebracht.
-Der Großvater aber kam und kam nicht! Wir setzten
-uns also allein hin, um zu vespern. Nach dem Abendessen
-wusch die Mutter den Topf und suchte mit den
-Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht <a id="corr-56"></a>ausgießen
-konnte; denn ringsum gab es nichts als Beete, da
-sieht sie auf einmal, wie ihr eine Tonne entgegengerollt
-kommt. Es war ziemlich dunkel. Sicherlich hatte sich
-jemand von den Burschen mutwillig hinter die Tonne
-gesteckt und schob sie vor sich hin. &bdquo;Ei, da kann ich
-ja das Spülicht in die Tonne gießen,&ldquo; sagte sie und goß
-das heiße Spülicht hinein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O weh!&ldquo; schrie da eine tiefe Baßstimme auf. Sieh
-da. Es war der Großvater! Ja, wer konnte denn das
-wissen! Bei Gott, wir dachten einfach, ein Faß käme
-herangerollt! Offen gestanden, wenn&rsquo;s auch eine Sünde
-ist, aber es war wirklich furchtbar komisch, als der graue
-Kopf des Großvaters ganz von Spülicht triefend und
-mit Melonenschalen behängt hervorschaute.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
-&bdquo;So ein Teufelsweib!&ldquo; rief der Großvater und wischte
-sich den Kopf mit dem Rockschoß ab. &bdquo;Wie die mich
-verbrüht hat, rein wie ein Schwein vor Weihnachten!
-Na, Jungens, jetzt sollt ihr aber Bretzeln bekommen.
-Ihr sollt nur in goldenen Schupans herumlaufen, ihr
-Hundesöhne. Seht her! Seht, was ich euch mitgebracht
-habe!&ldquo; rief der Großvater und deckte den Kessel auf.
-</p>
-
-<p>
-Und was glaubt ihr wohl, was drin war? Überlegt&rsquo;s
-euch wohl, hört ihr &mdash; ihr denkt wohl: Gold?
-Aber das ist&rsquo;s ja eben, daß es kein Gold war: Mist,
-Unrat und sowas ..... Es ist eine Schande zu
-sagen, was alles da drin war. Der Großvater spuckte
-aus, warf den Kessel hin und wusch sich die Hände.
-</p>
-
-<p>
-Und seit der Zeit beschwor uns der Großvater, niemals
-dem Teufel zu trauen. &bdquo;Denkt lieber gar nicht
-dran!&ldquo; sagte er oft zu uns. &bdquo;Alles, was der Feind
-Jesu Christi spricht, hat er erlogen, dieser Hundesohn!
-Der hat auch nicht für einen Deut Wahrheitsliebe!&ldquo;
-Und kaum vernahm der Alte, daß es irgendwo rumore,
-so rief er uns schon zu: &bdquo;Schnell Kinder, machen wir
-ein Kreuz darüber! So, so, so geschieht&rsquo;s ihm recht!
-Tüchtig soll er&rsquo;s kriegen!&ldquo; und dann legte er los mit
-dem Kreuzschlagen. Jenen verhexten Ort aber, an dem
-er nicht zu Ende tanzen konnte, ließ er umzäunen und
-ließ von da ab alles, was man nicht brauchen konnte,
-also den ganzen Schutt und Unrat, den er auf dem
-Felde ausgrub, dort hinwerfen.
-</p>
-
-<p>
-So also foppte des Satans Macht den Menschen!
-Ich kenne diesen Ort sehr gut: später haben ein paar
-Kosaken aus der Nachbarschaft ihn von meinem Vater
-gepachtet, um ihn zu bebauen. Der Boden ist prachtvoll,
-<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
-und die Ernte war immer ganz herrlich; aber von
-einem behexten Orte kann ja nie Gutes kommen. Man
-sät etwas, was man braucht, dann aber geht etwas auf,
-wovon nur der Teufel weiß, was es ist: Es ist kein
-Kürbis, keine Melone und auch keine Gurke .....
-Weiß der Teufel, was es ist.
-</p>
-
-<h2 class="bio" id="part-4">
-<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
-Biographische Skizze
-von
-B. Schenrock
-</h2>
-
-<p class="pbb trnpart">
-<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
-Übersetzt von <em>Alexandra Ramm</em>
-</p>
-
-<p class="pbb first">
-<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
-<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ikolaj</span> Wassiljewitsch Gogol, der mit vollem Recht
-als einer der großen schöpferischen Geister im
-Gebiete der Wortkunst anerkannt wird, hat sich,
-wie bekannt, seinen Anspruch auf Unsterblichkeit nicht
-nur durch die großen Qualitäten seiner Werke, sondern
-auch durch die entscheidende Wirkung erworben, die er
-als richtunggebende Kraft auf die gesamte Entwicklung
-des russischen Schrifttums ausübte. Als ein Schriftsteller,
-der der Literatur unschätzbare Dienste erwies: indem
-er sie von der Nachahmung befreite und sie endgültig
-auf die Darstellung des wirklichen Lebens richtete,
-hat Gogol sich für immer einen der ersten Plätze in der
-Literaturgeschichte gesichert, wie groß auch die Verdienste
-seiner Nachfolger sein mögen.
-</p>
-
-<p>
-Die persönlichste Note Gogols, des Menschen wie des
-Dichters, ist die unbezweifelbare Eigenart seiner Erscheinung,
-dies Wort in seinem höchsten Sinne genommen.
-Ihr hat er es zu verdanken, daß er fast allein durch sein
-natürliches Temperament die hohe Vollkommenheit erreichte,
-die seine Werke auszeichnet. Es ist kaum möglich,
-einen ähnlich bedeutsamen Vertreter der russischen
-Literatur zu nennen, der in gleich geringem Maße fremden
-Einflüssen verpflichtet ist.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
-Gogol war ein echter Kleinrusse. Im Gegensatz zu
-der Mehrzahl der großen russischen Dichter war er sowohl
-seiner Abstammung wie seiner Erziehung nach fast gänzlich
-frei von jeder Beimischung fremder Einwirkungen. Mit
-den frühesten Eindrücken seiner Kindheit sog er zugleich
-alle nationalen Eigenheiten des Kleinrussentums ein, als
-er noch die Luft seiner heimatlichen, so inniggeliebten
-Ukraine atmete. Immer blieb ihm Kleinrußland, das
-der Gegenwart wie der Vergangenheit, teuer und er
-forschte lebhaft nach seinen Ahnen, wenn auch nicht in
-dem Sinne genealogischen Nachspürens. Im Gegenteil:
-Gogol empfand aufs tiefste den <em>dichterischen</em> Zauber
-der Erinnerung an die Ahnen, dem er in folgenden tief
-gefühlten Zeilen Ausdruck gab: &bdquo;O Vergangenheit, Vergangenheit!
-Welch ein Jubel, welch eine Befreiung erfüllt
-unsere Seele, wenn wir von dem hören, was vor langer,
-langer Zeit, vor Jahr und Tag einmal in der Welt geschah!
-Und wenn nun noch ein Blutsverwandter, ein
-Großvater oder Urgroßvater an jenen Ereignissen teilnahm,
-ah &mdash; dann verstummt der sonst so beredte Mund.&ldquo;
-Wir wollen hier nicht die Geschichte Ostaps erzählen,
-der vermutlich ein Ahne Gogols war und bemerken
-nur, daß diese echt kleinrussische Familie, wenn auch nur
-für kurze Zeit, mit zweien ihrer Mitglieder in die Reihen
-der polnischen Schlachta eingetreten war, was eine Erklärung
-für den zweiten polnischen Namen liefert, dem
-die Gogols dem ihren anfügten: Gogols Urgroßvater
-hieß Jan, nach ihm nannten sie sich auch Janowski,
-und ihr Erbgut im Kreise Mirgorod, Regierungsbezirk
-Poltawa, erhielt den Namen Janowschtschina (wie ein
-anderes Gut, Wassiljewka, seinen Namen nach Gogols
-<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
-Vater Wassilij erhalten hatte). Später war Gogol bemüht,
-diesen zweiten Namen abzulegen, denn er behauptete,
-daß &bdquo;die Polen&ldquo; dieses Anhängsel erfunden hätten.
-</p>
-
-<p>
-Und doch war Gogol den Professoren und Mitschülern
-fast ausschließlich unter dem Namen Janowski bekannt.
-Schon der Sohn Jan Gogols war griechisch-katholisch
-geworden; er wurde in der Kiewer Akademie erzogen
-und trat sogar in den geistlichen Stand ein; sein Enkel,
-der Großvater unseres Dichters, war den Zeugnissen
-nach, die sich erhalten haben, ein echter Kleinrusse. Für
-uns hat die Bekanntschaft mit den Ahnen Gogols vor
-allem die Bedeutung, daß sie uns von der Überlieferung
-alle als hochbegabte Menschen geschildert werden &mdash;
-jedenfalls waren sie keine gewöhnlichen Erscheinungen.
-Auch der Vater Gogols, Wassilij Afanaßjewitsch, war
-ein außerordentlich begabter und herzensguter Mensch,
-mit einem lebendigen und wißbegierigen Verstand,
-literarischen Neigungen und einem ausgesprochenen Erzählertalent.
-Sorglos und geliebt von Nachbarn und
-Freunden begnügte er sich mit seinem bescheidenen
-Familienglück und träumte nie von dem lockenden Ruhm
-des Dichters. Ein Zufall, die Übersiedelung nach dem
-Gute des bekannten kleinrussischen Magnaten Troschtschinsky,
-einem Verwandten seiner Frau, Kibinzu, erschloß
-der dichterischen Begabung Wassilij Afanaßjewitschs
-ein würdigeres Feld. Dank der weitherzigen Gastfreundschaft
-Troschtschinskys war dieser immer von Freunden
-umringt: stets standen Zimmer und ganze Flügel für
-die Ankömmlinge bereit. In seinem Hause herrschte
-ewiger Feiertag: man musizierte, spielte Theater, arrangierte
-Feste &mdash; und alles war immer von einer erregten
-<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
-Atmosphäre von Freude und Glanz umgeben. Nicht
-minder hing man in diesem Schlosse geistigen Interessen
-nach: selbst bloße Vergnügungen trugen das Merkmal
-vollendeten Taktes und Geschmacks, und keiner widerstand
-dem bezaubernden Eindruck des Ganzen. Gogols
-Eltern wurden hier gern gesehen, und man schien in
-diesem zeitgenössischen Athen dem alltäglichen Leben ganz
-entrückt zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Am 19. März 1800 wurde W. A. Gogol, das ältere
-von den zwei am Leben gebliebenen Kindern, unser
-Dichter, geboren. Von dem ersten Tag an war er der
-Abgott der Familie, vor allem der Mutter, deren Güte
-und Freundlichkeit allgemein hochgeschätzt wurde. Es
-ist selbstverständlich, daß der Knabe von seinen Eltern
-mit zartester Sorgfalt behütet wurde, und so wuchs er
-mitten unter Gutsherrn und Bauern alten Schlages auf.
-Schon als Kind hatte ihm die Natur eine außerordentliche
-Beobachtungsgabe verliehen, und so prägte sich ihm
-von früher Jugend an das Bild eines kleinrussischen
-Dorfes ein: unmerklich schleichen sich die kleinrussischen
-Sagen, Sitten und Tänze in sein Herz. Auf dem Gute
-Troschtschinskys lernt er vieles kennen, was ihm in der
-Enge seines väterlichen Hauses ewig unbekannt geblieben
-wäre. Und hier erlebte er seinen ersten künstlerischen
-Genuß: als er bezaubert den Dramen Kotlarewskis zuschaute,
-die von Leibeigenen auf dem Haustheater gespielt
-wurden. Mit zehn Jahren brachte man ihn nach
-Poltawa, um ihn dort für sein späteres Studium vorbereiten
-zu lassen; bald jedoch wurde er nach Njäschin
-geschickt in das &bdquo;Gymnasium der höheren Wissenschaften,&ldquo;
-wo er vom Mai 1821 bis Juni 1828 als Schüler verblieb.
-<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
-In der Schule machte der kränkliche, nicht allzufleißige
-Knabe, der seine geringe Zuneigung zu den Wissenschaften
-durch eine innige Hingabe an allerlei kleine Streiche und
-Neckereien ersetzte, weder auf seine Altersgenossen noch
-auf die älteren Schüler einen besonders guten Eindruck:
-die einen lachten ihn als einen Spaßmacher aus, die
-andern verachteten ihn als einen Faulenzer. Der natürlichen
-Begabung des Knaben, die sich vorläufig nur dadurch
-kundgab, daß er den Lehrern treffende Spitznamen gab
-und ihre Eigenheiten geschickt nachahmte, schenkte keiner
-irgendwelche ernstere Beachtung: aber die von ihm erfundenen
-Spitznamen werden von den andern sogleich
-aufgegriffen, und alles belacht seine närrischen Streiche,
-wenn auch keiner glaubt, daß sich hierin irgend etwas
-ungewöhnliches ausdrückt. In dieser Zeit faßt er plötzlich
-eine leidenschaftliche Hinneigung zur Malerei, wohl auch
-zu Büchern: aber bald beherrscht das Theater widerspruchslos
-seine Sehnsucht. Er bemüht sich, im Njäjiner
-Lyzeum kleine Aufführungen zu arrangieren und als
-Schauspieler gelingen ihm vor allem die Rollen der
-komischen Alten. Seine Leidenschaft entflammte auch
-seine Kameraden. Bald gibt er eine Schülerzeitschrift
-heraus und träumt von seiner Zukunft, die sich in lichten
-Farben vor ihm eröffnet. Als er sechzehn Jahre alt ist,
-stirbt sein Vater plötzlich. Dadurch wird seine Entwicklung
-entscheidend in eine andere Bahn gelenkt. Aus
-dem spielerischen Knaben wird unversehens ein Jüngling.
-Sein und seiner Angehörigen Schicksal, dem er sich ganz
-widmen will, bemächtigt sich seiner Phantasie: vor allem
-will er der jüngeren Schwester den Vater ersetzen. Noch
-immer sind seine Fortschritte in der Schule gering, nur
-<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
-für Geschichte wird ein größeres Interesse bei ihm bemerkbar,
-ebenso für die Poesie, wenn ihn auch der
-Literaturunterricht im Gymnasium wenig anzieht. Er
-macht sich über den Professor, dessen vorsintflutliche
-Anschauungen noch in der &bdquo;guten alten Zeit&ldquo; wurzeln
-und der Puschkin verachtet, lustig ... Und dann erwacht
-die jugendliche Sehnsucht nach Freundschaft in ihm.
-Außer seiner Knabenfreundschaft mit Danilewski, dem
-Sohne des Gutsnachbars, gewinnt er noch Wyssozki und
-die Brüder Prokopowitsch zu Freunden. Die letzten Jahre
-der Schulzeit eilen schnell vorüber; Wyssozki, der die
-Schule absolviert hat, reist nach Petersburg, und Gogol,
-der oft mit dem Freunde von der Hauptstadt im Norden
-geträumt hat, sehnt sich heiß nach den Ufern der Newa.
-Seine Träume zaubern ihm das herrliche Leben in
-Petersburg vor, wo die großen Ziele locken: gereizt
-empfindet er das Provinzielle seiner Umgebung. Seine
-scharfe Beobachtungsgabe verbindet sich mit schneidendem
-Humor zu bissigen Ironien. Aus den kühnen Träumen
-der Jugend gestaltet sich das Idyll &bdquo;Hans Küchelgarten&ldquo;.
-Endlich naht die Zeit der Abschlußprüfung. Gogol fühlt,
-daß er noch große Lücken auszufüllen hat und beginnt
-angestrengt zu arbeiten. In den Briefen an seine
-Mutter, die in dieser Zeit geschrieben sind, macht er der
-Schule bittere Vorwürfe, daß sie ihn so lange aufgehalten
-hat, ohne ihm sichere Kenntnisse beizubringen. Aber
-endlich besteht er die Prüfling.
-</p>
-
-<p>
-Er kehrte auf kurze Zeit in seine Heimat zurück, um dann
-mit seinem treuen Kameraden Danilewski nach Petersburg
-zu fahren. Bald enttäuscht die grausame Wirklichkeit die
-großartigen Träume der Jugend: statt in einem großen
-<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
-Zimmer mit hohen Fenstern auf die Newa hinaus zu wohnen,
-muß er sich mit einem Raum in einer höheren Etage in
-einer viel prosaischeren Gegend begnügen; die hohen Preise
-machen ihn niedergeschlagen. Die Empfehlungsbriefe,
-mit denen ihn die sorgliche Mutter ausgerüstet hatte,
-öffnen ihm zwar die Häuser einiger angesehener Personen,
-bleiben aber ohne jegliches praktisches Resultat.
-Er leidet Not und muß im Winter mit einem Sommermantel
-herumlaufen. Er muß allen Vergnügungen entsagen:
-nicht einmal das heißgeliebte Theater kann er
-besuchen ... Er fühlt sich tief unglücklich und mit fieberhafter
-Eile unternimmt er einen Versuch nach dem
-andern; aber alles mißglückt ihm. Er erinnert sich der
-Erfolge, die er auf der Bühne des Schultheaters errungen
-hatte und läßt sich als Schauspieler prüfen: aber sein
-Organ, klar und jeder Übertreibung bar, macht auf die
-zeitgenössischen Theateraristarchen einen ungünstigen Eindruck.
-Er selbst bemerkt es während der Probe und
-entfernt sich heimlich, ohne das Resultat abzuwarten.
-Dann fiel es ihm ein, sein Idyll &bdquo;Hans Küchelgarten&ldquo;
-drucken zu lassen, aber die Kritik nahm es kühl auf, und
-der gekränkte Dichter warf eiligst seinen Erstling in die
-Flammen. Inzwischen war ihm aber das Interesse der
-Petersburger für alles Kleinrussische aufgefallen, und der
-unternehmungslustige Jüngling beschäftigt sich mit dem
-Plan, die Komödien seines Vaters aufzuführen. Ebenso
-beginnt er, mit Hilfe der Mutter und seiner Freunde
-näheres Material für einige geplante kleinrussische Erzählungen
-zu sammeln, die er auch wirklich niederschreibt
-und die unter dem Namen &bdquo;Abende auf dem Gutshof
-bei Dikanka&ldquo; bald eine umfassende Popularität erlangten.
-<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
-Über seine Stimmung zu dieser Zeit mögen einige Zeilen
-Auskunft geben, die einem gleichzeitigen Brief an seine
-Mutter entnommen sind: &bdquo;Ist das eine ein Mißerfolg,
-kann man zum andern greifen, und mißglückt das auch
-&mdash; dann zum dritten usw. Das Kleinste kann manchmal
-eine große Hilfe bedeuten.&ldquo; In dieser Stimmung
-reifte plötzlich der Plan in ihm, ins Ausland zu reisen
-&mdash; in das Ausland, von dem er seit seiner Schülerzeit
-zu Njäschin geträumt hatte! Er sehnte sich nach einem
-phantastischen Land des Glücks und der schöpferischen
-Arbeit. Aber auch diesmal enttäuschte die Wirklichkeit
-die farbige Glut seiner Jugendträume. In der &bdquo;Beichte
-des Dichters&ldquo; bekannte er, daß &bdquo;er sich kaum auf dem
-Meere, auf dem Dampfer, unter fremden Menschen&ldquo;
-befand, als schon die frohen Träume von einem glücklichen
-exotischen Leben in nichts zerflossen. Kaum hatte
-er sich flüchtig umgesehen, kaum hatte er Lübeck, Travemünde,
-Hamburg kennen gelernt, als er schon zurück nach
-Petersburg eilte. (Nach A. S. Danilewskis Angabe war
-Gogol aus Petersburg fortgefahren, um sich in Amerika
-anzusiedeln.) Bald nach seiner Rückkehr erhielt er eine
-Stellung im Apanagen-Departement. So kläglich hatten
-seine herrlichen Dichterträume geendet. Und gerade diesen
-Ausgang hatte er wie das Feuer gefürchtet, und mit allen
-Kräften sträubte er sich gegen den Gedanken, daß &bdquo;das
-Schicksal ihm ein düsteres Heim des Ungekanntseins
-zugedacht hätte&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen aber gediehen die &bdquo;Abende auf dem
-Gutshof bei Dikanka&ldquo; fleißig weiter; außerdem begann
-Gogol seine ersten literarischen Versuche in Zeitschriften
-zu veröffentlichen und Beziehungen zu Schriftstellern
-<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
-anzuknüpfen. So war er endlich auf der Bahn, die zu
-einer Verwirklichung seiner Träume führen konnte.
-Delwig, Schukowski, Pletniew &mdash; vor allem der letztere &mdash;
-erkannten seine glänzende Begabung und entwickelten
-für seine Zukunft eine geradezu väterliche Besorgnis.
-Pletniew verschaffte ihm eine Stellung als Geschichtslehrer
-am &bdquo;Patriotischen Institut,&ldquo; wo er selbst Geschichtsunterricht
-erteilte, und ebenso einige Stunden in
-vornehmen Häusern. Er war es auch, der ihn mit
-Puschkin bekannt machte. Noch ein paar Mißerfolge
-hatte Gogol zu überwinden, und dann erhaschte er das
-Glück, das phantastische, zauberhafte Glück ... Plötzlich
-fühlte er sich in die Sphäre der höheren literarischen
-Welt gehoben ... aussichtsreiche Beziehungen eröffneten
-sich ihm. Vor allem befreundete er sich mit dem vielumworbenen
-Fräulein A. O. Rosset, der späteren Frau
-Smirnowa. Ihre gemeinsame heiße Liebe zur Ukraine
-hatte sie zusammengeführt, und das war für ihn um so
-bedeutungsvoller, als sich sein Verhältnis zur Heimat in
-den seelischen Erschütterungen der letzten Jahre wesentlich
-verändert hatte. War es früher seine leidenschaftliche
-Sehnsucht, nur schnell in die Hauptstadt zu kommen, so
-sehnte er sich jetzt aus den schweren Enttäuschungen der
-großen Stadt in seine geliebte Ukraine zurück, obwohl
-er die Bedeutung Petersburgs für seine Zukunft wohl
-erkannt hatte. Im Jahre 1831 gab er unter dem ihm
-von Pletniew empfohlenem Pseudonym Rudy Panjko
-die &bdquo;Abende auf dem Gutshof bei Dikanka&ldquo; heraus. Den
-Sommer verbrachte er in Zarskoje <a id="corr-57"></a>Selo, in glücklicher
-Gemeinschaft mit Puschkin und Schukowski. (Nunmehr
-war er überhaupt einer &bdquo;derer um Puschkin&ldquo; geworden.)
-<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
-Erst im Sommer 1832 benutzte er seine Ferien, um die
-Heimat aufzusuchen. Eine neue Idee hatte sich um diese
-Zeit seiner bemächtigt: er wollte eine Komödie schreiben,
-deren Stoff dem alltäglichen Leben entnommen sein
-sollte. Seine eminente Beobachtungsgabe mußte einmal
-einen solchen Gedanken gebären, um sich vollkommen
-entladen zu können: durch sie wurden Züge seiner Umgebung
-hell bestrahlt, die dem gewöhnlichen Blick für
-immer verborgen bleiben, obwohl sie in Wahrheit die am
-tiefsten charakteristischen sind. Das zeitgenössische Repertoire
-bestand in der Mehrzahl aus affektierten Dramen und
-Tragödien: teils waren es lärmende Trauerspiele im
-pseudoklassischen Geschmack, teils anspruchslose Komödien,
-die, ohne jede Bedeutung, nur der Abwechslung
-dienten. Es kann nicht stark genug betont werden, daß
-in dieser Lage Gogols Plan geradezu eine Offenbarung
-bedeutete: und wenn um Gogols schöpferischer Stellung
-in der Literatur vielleicht gestritten werden kann, so kann
-über seine Bedeutung für die dramatische Kunst nicht der
-geringste Zweifel herrschen. Denn die Entwicklung des
-russischen Dramas kann selbst durch so starke ästhetische
-Schöpfungen wie Puschkins &bdquo;Geizige Ritter&ldquo;, &bdquo;Mozart
-und Salieri&ldquo; oder &bdquo;Der steinerne Gast&ldquo; nicht erklärt
-werden: überall wird man der entscheidenden Einwirkung
-Gogols begegnen. Seine Ansicht von der Bedeutung
-des Dramas, die ihm aus tiefstem Innern zugeflossen
-war, war so selbstständig und neu, daß sie ihm bei
-einem vorübergehenden Aufenthalt in Moskau die gerühmten
-Produkte der zeitgenössischen dramatischen
-Literatur ganz bedeutungslos erscheinen ließ; diesen
-Aufenthalt in Moskau &mdash; übrigens auf seiner Reise
-<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
-in die Heimat &mdash; benutzte er, um literarische Beziehungen
-anzuknüpfen, die er sich vorher sorgfältig ausgewählt
-hatte und von denen er eine Förderung seiner
-dramatischen Absichten erwarten konnte, oder die ihm
-bei einer praktischen Ausnutzung seiner Geschichtsstudien
-behilflich sein konnten. Gogols Ansichten frappierten
-allgemein und selbst ein so kultivierter Kenner des
-Theaters wie S. T. Aksakow war von einigen gelegentlichen
-Äußerungen aufs tiefste überrascht, deren tiefe
-Wahrheit er trotz ihrer scheinbaren Seltsamkeit sofort
-einsah. In Moskau kam Gogol mit M. P. Pogodin
-und seinen Landsleuten Maximowitsch und dem Schauspieler
-Schtschepkin in nähere Berührung. Seine Rückkehr
-in die Heimat bereicherte ihn um viele trostlose
-Erfahrungen: er kehrte ja nicht mehr als der glückliche,
-von lichten Träumen erfüllte Jüngling zurück, als der
-er vor drei Jahren mit Danilewski fortgezogen war.
-In diesen drei Jahren hatte er etwas köstliches verloren:
-die frohen Träume der Jugend. Die Träume der Jugend,
-die voll blühender Sehnsucht die Welt als einen Triumphpfad
-träumt, mit bunten Blumen überschüttet. Aber
-der rosa Vorhang ist gesunken, und nackt starrt vor dem
-bestürzten Auge die kahle Mittelmäßigkeit des Alltags.
-Und Gogol erfüllt die ernste Tragik des Lebens, die sich
-unter dem grauen Einerlei des Weltlaufs verbirgt. Alles,
-was ihm der Traum in verlockenden Bildern gemalt
-hat, was in der Ferne ihm begehrenswert erschienen
-war &mdash; alles zeigte sich noch nichtiger und trostloser,
-als es ihm vor drei Jahren erschienen war. Und in
-der Nähe wartete das gleiche Petersburg auf ihn: aber
-ohne die magische Aureole, die es ihm vor drei Jahren
-<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
-verklärt hatte. Das alles drückt sich in der veränderten
-Stimmung seiner nächsten Werke aus: deutlich scheidet
-sich schon &bdquo;Mirgorod&ldquo; hierin von den &bdquo;Abenden auf
-dem Gutshof bei Dikanka,&ldquo; die in allem die zärtliche
-Verklärung der Jugend atmen. Aber kaum ist er wieder
-in Petersburg angelangt, als er sich schon den Traum
-einer neuen glücklichen Zukunft ausmalt: er will nach
-Kiew gehen, um sich dort um die Geschichtsprofessur
-an der eben eröffneten Universität zu bewerben. Erfüllt
-von dem Gefühl seiner reichen inneren Kräfte, durchdrungen
-von der Überzeugung, die im Kreise Puschkins
-alle beherrschte, daß das Genie der Masse und ihrer
-Meinung absolut überlegen sei &mdash; hatte er sich nie ernste
-Gedanken über die Verantwortlichkeit einer akademischen
-Stellung gemacht. Er war fest überzeugt, daß allein
-durch die Kraft der lebendig-bildlich-bewegten Vorstellung
-die Künste der &bdquo;welken Schulmeister&ldquo; in Schatten gestellt
-würden. Nachdem er sich mit Puschkins und Schukowskis
-Hilfe den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte
-an der Petersburger Universität erobert hatte, hielt er
-es natürlich auch nicht für nötig, sich für die bevorstehenden
-Vorlesungen ernsthaft vorzubereiten: statt dessen
-überläßt er sich der geliebten Arbeit des dichterischen
-Schaffens. In dieser Zeit schreibt er den &bdquo;Revisor.&ldquo;
-Sein Selbstvertrauen wächst maßlos: er denkt daran,
-eine Geschichte Kleinrußlands im Mittelalter zu schreiben.
-Das Resultat ist nicht anders, als man erwarten konnte:
-in seiner Universitätszeit entstehen dichterische Schöpfungen
-von hohem Werte, würdig seines Talents &mdash; aber seine
-wissenschaftlichen Pläne scheitern jammervoll, und seine
-Vorlesungen sind, wenn man von einigen wirklich
-<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
-glänzenden absteht, flüchtig und mittelmäßig. Die Hörer
-verlieren Achtung und Vertrauen vor ihrem Professor,
-und wenn sie ab und zu in sein Auditorium hineinsehen,
-geschieht es nur, um sich &bdquo;durch seine phantastische
-Diktion unterhalten zu lassen.&ldquo; Gogols Professur endete
-mit einem vollständigen Fiasko, zumal er seine Vorlesungen
-bald aus Mangel an gelehrtem Material ausfallen
-lassen mußte. Und da gerade zu dieser Zeit die
-Anforderungen an die Professoren erhöht wurden, blieb
-ihm nichts anderes übrig, als seinen Abschied zu nehmen.
-Kurz vorher hatte er auch die Stunden im &bdquo;Patriotischen
-Institut&ldquo; verloren.
-</p>
-
-<p>
-Nach diesen Mißerfolgen richtete er all seine Kraft
-auf die Aufführung des &bdquo;Revisors&ldquo;. Am 19. April 1836
-wurde dieses große Werk, das bis heute noch eine hohe
-Zierde der russischen Bühne ist, endlich zum erstenmal
-gegeben. Anders als jene Dutzendautoren, deren
-kühnste Hoffnung nur bis zum freundwilligen Applaus
-des Publikums reicht, blickte Gogol auf die Bühne: mit
-tiefer Angst und Wehmut verfolgte er das Schicksal
-seines Werkes, in das er seine ganze Seele, seine edelsten
-Kräfte gelegt hatte. Die Pfeile der Komödie trafen
-scharf ins Ziel, und im Publikum wogte eine außerordentliche
-Erregung gegen das Werk. Kaiser Nilolaj Pawlowitsch,
-der bei der ersten Vorstellung des Revisors anwesend
-war, entschlüpften folgende denkwürdige Worte:
-&bdquo;Das ist ein Stück! Alle haben ihr Teil bekommen &mdash;
-aber ich am meisten!&ldquo; Von tiefer Anteilnahme für die
-schonungslose Entblößung sozialer Schäden erfüllt, ebnete
-der Kaiser durch seine Protektion dem Werk den Weg
-zur Bühne. Aber statt daß der Dichter über eine so
-<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
-offensichtliche Wirkung erfreut ist, ist er überrascht und
-niedergeschlagen und wehmütig ruft er aus: &bdquo;Herrgott,
-wenn nur einer oder zwei geschimpft hätten &mdash; Gott
-segne sie. Aber alle ... alle!&ldquo; Bitter beklagt er sich
-bei seinen Freunden, daß alle das Werk schmähten und
-doch abends in die Vorstellung liefen. Die Aufführungen
-werden durch die üblichen Schikanen und Intriguen der
-Theaterbehörden immer wieder gestört: und das alles
-bringt den Kelch schließlich zum Überlaufen. Von den
-schweren Erlebnissen der letzten Jahre gequält und zerrüttet,
-reist er mit seinem unzertrennlichen Freunde Danilewski
-ins Ausland, um dort Ruhe und Zerstreuung
-zu finden.
-</p>
-
-<p>
-Trotz der vielen Mißerfolge blickt er mit unzerstörbarer
-Heiterkeit in sein zukünftiges Leben. Und so reisten
-beide Freunde in die Welt hinaus, jung, frei, und fortgerissen
-von dem Drange, sich in das lockende, fremde,
-westeuropäische Leben zu stürzen. Fröhlich, als hätten
-sie die Last düsterer, ewig gleicher Eindrücke für immer
-abgeworfen, eilten sie einer hellen, rosigen Zukunft entgegen.
-Die goldenen Träume der Jugend schwebten
-noch über ihnen, und vor ihnen erhob sich die Morgenröte
-eines besseren poetischeren Lebens, erfüllt von Jubel
-und lichtem Glück.
-</p>
-
-<p>
-Mit dieser Reise in das Ausland begann für Gogol
-eine neue Epoche seines Lebens. Von allen Interessen
-der offiziellen Petersburger Welt getrennt, gab er sich
-ungehemmt der ihm entgegenbrausenden neuen Welle
-hin. Er schließt neue Bekanntschaften, und die Distanz
-zwischen ihm und seiner Vergangenheit wird mit jedem
-Tage größer, entscheidender. Ein, zwei Monate vergehen
-<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
-&mdash; und er fühlte sich allen ehmaligen Sorgen und
-Ärgernissen entfremdet. Nur die innige Liebe zur Heimat
-erwacht wieder: und jede Erinnerung wird ihm zu einem
-sorgsam gehegten Schatz. Aber die Bitterkeit, mit der
-sie die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatte, ließ sich
-doch nicht ganz vergessen, und in seinen intimen Bekenntnissen
-stehen neben begeisterten Hymnen auf die
-Heimat bittere Klagen über ihre Schattenseiten. Beides
-ist gleichbezeichnend für des Dichters unübertroffene
-Aufnahmefähigkeit. Mit der Hingabe eines Jünglings
-weiß er die zahllosen neuen Eindrücke zu genießen, er
-reist von einem Land in das andere, um sich endlich für
-längere Zeit in Italien niederzulassen, das er später seine
-&bdquo;zweite Heimat&ldquo; nennt. Die Wunder der italienischen
-Natur und Kunst, die große Eigenart Roms, die Lebensführung,
-die allem früher Gesehenen nur allzu Gewohntem
-direkt widersprach &mdash; wie stark mußte das
-alles auf die empfängliche Seele des Künstlers wirken!
-Und gierig schlürft Gogol den Kelch dieses erregten Lebens,
-oft mit seinem Freund Danilewski, oft auch mit einem
-andern Enthusiasten, dem edlen und reinen Maler A.
-A. Iwanow. In einer glücklichen poetischen Umgebung
-geben sie sich bis zur Selbstvergessenheit dem ästhetischen
-Genießen der Natur hin, und voll tiefer Seligkeit empfinden
-sie sich als freie Menschen, unendlich fern von
-allem Kalten und Offiziellen, von allen materiellen Ablenkungen.
-Hier in Italien berührten alle Dinge die
-Seele unserer Einsiedler zärtlich: das stille Genießen der
-Kunst, der Zauber der wundervollsten Sprachmelodie,
-das Ergreifende überraschender Farbenwechsel und die
-mit nichts zu vergleichende Pracht des südlichen Himmels.
-<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
-Jede durchkreuzte Straße dieser hingebend geliebten Stadt,
-jeder unbedeutende Winkel in den dunklen und nicht
-immer ganz sauberen Osterien wird ihnen teuer. Eine besondere
-Freude war es für Gogol, hier in der Fremde Seelenverwandte
-zu treffen, und er fand ihrer viele. Mit einem
-Wort: es war die glücklichste, hellste Zeit seines Lebens.
-</p>
-
-<p>
-Aber wie es immer im Leben geht, diese Zeit war
-nicht von langer Dauer, und ihr Glück mußte hart gebüßt
-werden. Das Schicksal ist nicht freigiebig mit
-solchen Geschenken, und es war Gogol nicht lange beschieden,
-in dieser Hochflut ästhetischer Genüsse zu leben.
-Allein in dieser Zeit hatte er den ersten Band der &bdquo;Toten
-Seelen&ldquo; geschrieben, eines Werkes, das nunmehr zu
-seiner Lebensaufgabe heranwächst. Das glückliche Leben
-verdüsterte sich durch materielle Sorgen, und auch Wolken
-anderer Art bedrohten seinen heiteren Horizont. Bald
-mußte er eine kostspielige Reise nach der Heimat machen,
-um seine Schwestern aus dem Institut zu nehmen und
-die jungen unerfahrenen Mädchen wenigstens nach Moskau
-zu begleiten, und die Rückreise brachte neue Sorgen, die
-eine erhebliche Anleihe verlangten. Bald vergifteten
-Krankheiten sein Leben; im Jahre 1840 überstand
-er nacheinander in Wien und Rom zwei schwere Krankenlager.
-Eine Zeitlang glaubte er sich sogar am Rande
-des Grabes. Jede Genesung empfindet der von Kindheit
-an religiös gestimmte Gogol als eine göttliche Erlösung
-von dem Tode, die ihm das Schicksal nur gewährt
-hat, um durch neue Schöpfungen dem Nutzen
-der Menschheit in einem höheren Sinne dienen zu
-können oder, wie er sich später äußerte, &bdquo;um einen
-Hymnus auf die göttliche Schönheit zu singen&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
-Das alles geschah an der Grenze der dreißiger und
-vierziger Jahre. Die sensible Natur des Künstlers hatte
-sich der schweren Anfechtungen zu erwehren, die unbarmherzig
-auf ihn niederprasselten. Einer der schwersten
-Schicksalsschläge, die ihn betroffen hatten, war der frühe
-Tod des jungen Josef Wielgorski, an dem er während
-der letzten Monate seines langsamen Dahinschwindens
-mit ganzer Seele gehangen hatte. Gogol war für die
-Freundschaft aufs äußerste empfindlich, und gerade darum
-blieb der Kreis seiner Freunde immer sehr klein. Aber
-nicht minder zerrütteten ihn die kleinlichen Sorgen des
-Alltags. Fern von den aktuellen Tagesfragen und den
-Interessen der zeitgenössischen literarischen Welt, beschränkt
-durch seine persönlichen Beziehungen und materiellen
-Verpflichtungen, konnte er seinen Freunden kaum etwas
-recht tun. Unter dem Kreuzfeuer ihrer Ansprüche und
-gegenseitiger Gereiztheiten geriet er unwillkürlich in eine
-unangenehme und unbequeme Lage, da sie sich alle für
-berechtigt hielten, eine Unterstützung ihrer zahlreichen Zeitschriften
-durch Arbeiten aus seiner Feder zu verlangen.
-So entzweite er sich mit dem ihm einst in Moskau (1841)
-sehr nahestehenden Pogodin, der ihm Geld geliehen hatte
-und sich berechtigt fühlte, Arbeiten von ihm zu verlangen.
-Pletniew und seinen andern <a id="corr-58"></a>Petersburger Freunden gefiel
-wiederum seine Annäherung an die Moskauer nicht,
-und die Aksakows mit ihrer aufrichtigen, aber wie Gogol
-selbst sagte, übertriebenen Liebe zu ihm waren durch seine
-Anhänglichkeit an Italien verletzt. Die Mühen, die das
-Erscheinen der &bdquo;Toten Seelen&ldquo; im Jahre 1842 verursachte,
-machten in Gogol die Erinnerung an die
-schrecklichen Seelenqualen lebendig, die er bei der Aufführung
-<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
-des Revisors erlitten hatte. Wieder die gleichen
-offiziellen Scherereien, vor allem mit der Zensur, die
-Meinungen äußerte wie folgende: der Titel &bdquo;Tote Seelen&ldquo;
-schon könne nicht zugelassen werden, da die Seele unsterblich
-sei! Besonders hatte die Erzählung vom Kapitän
-Kopeikin darunter zu leiden. Wieder war Gogol gezwungen,
-durch Bitten und Besuche hochgestellte Persönlichkeiten
-zu interessieren, wieder allerlei quälende Intrigen. Und
-waren es früher nur die Intrigen im Theater, die ihn
-marterten, so bereiteten ihm jetzt seine Freunde allerlei
-Schwierigkeiten: vor den Aksakows mußte er seine Beziehungen
-zu Belinski<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> verbergen, und bei Pogodin war
-es ihm unangenehm, daß er mit dem von ihm erborgten
-Gelde dem Maler Iwanow geholfen hatte. Zu
-gleicher Zeit beunruhigten ihn die finanziellen Verhältnisse
-seiner Familie auf das äußerste, und er durfte nicht
-einmal daran denken, zu helfen, da seine eigene
-materielle Lage eher alles andere als glänzend war.
-Noch während seines Petersburger Aufenthaltes hatte
-er in dieser Beziehung allen Boden unter den Füßen
-verloren. Nachdem er seinen früheren Beruf aufgegeben
-hatte, war es ihm nie wieder in den Sinn gekommen,
-zu einer bestimmten Tätigkeit zurückzukehren &mdash; ausgenommen
-natürlich die Arbeit an seinen Dichtungen.
-Wiederholt wandte er sich an die Regierung mit der
-Bitte um eine Subvention, wobei er immer wieder
-darauf hinwies, daß es sein heißer Wunsch sei, dem
-Vaterlande zu nützen, und daß er, da er sich in keiner
-Stellung befände, ohne bestimmte Einnahmen sei. Gleichzeitig
-befestigt sich in ihm die Überzeugung, daß er sich
-<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
-ganz dem heiligen Werk der Arbeit an den &bdquo;Toten
-Seelen&ldquo; widmen müsse. Er glaubt sich von Gott dazu
-berufen, in den folgenden Bänden die Ganzheit des
-russischen Menschen darzustellen und die besseren
-helleren Seiten seiner Natur. Für Gogol beginnt sich
-nunmehr die Frage nach der Fortsetzung seiner Arbeit
-immer stärker mit dem Problem der Rettung seiner
-Seele zu verknüpfen; und um die ihm gestellte Aufgabe
-würdig lösen zu können, glaubt er sich geistig ganz neu
-gebären zu müssen. Er bittet Gott, ihm Kraft zu verleihen,
-die ihm bevorstehende heroische Tat vollbringen
-zu können. Inzwischen geht er immer mehr in sich
-und verschließt seine Seele vor den andern. Er beginnt,
-seinen früheren Arbeiten wenig Bedeutung beizulegen,
-er findet sie leer, und mit der ganzen Kraft seiner
-Seele geht er in dem innig gehegten Traum auf, seinem
-Volke das ihm so nötige, noch nie gesagte Wort zu
-verkünden. Grandiose Perspektiven eröffnen sich vor
-seinem Auge, und unwillkürlich drängt sich ihm die
-Empfindung auf, daß der erste Teil der &bdquo;Toten Seelen&ldquo;
-nur die Vorhalle zu einem mächtigen, noch im Bau
-befindlichen Palast sei. In dieser Stimmung schreibt er
-Zeilen, wie jene über Rußland, die tiefster Inspiration
-entsprungen sind und die ihn den von diesem Anspruch
-gereizten Zeitgenossen als mehr denn anmaßend erscheinen
-ließen. Tönend verkündet er in diesen Zeilen, daß nunmehr
-aller Augen auf ihn gerichtet seien und daß er
-der Sendbote einer anderen neuen Zeit sei, &bdquo;wo aus
-einem anderen Quell ein furchtbarer Sturm der Begeisterung
-sich erheben wird, aus einem Haupte, das
-von heiligem Schrecken und strahlendem Glanz umweht
-<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
-ist: und in verwirrtem Zittern wird man den erhabenen
-Donner anderer Reden hören&ldquo;. Gogol träumt von seiner
-messianischen Sendung: wenn er auch nicht, wie es der
-Traum seiner Jugend war, der ganzen Menschheit Segen
-bringen könne, so doch zumindest seinem geliebten Vaterlande.
-Er vergißt seine Bitterkeit und die tiefen Wunden,
-dankbar segnet er die Vorsehung für sein hohes, über
-der Ebene des gewöhnlichen Lebens gelegenes Schicksal,
-und er heißt alle Prüfungen willkommen: selbst die
-Armut, die er nach seinen eigenen Worten liebgewonnen
-hat, wie der Liebhaber seine Geliebte. Mit starrer Entschlossenheit
-beschränkt er seine Habe auf ein &bdquo;Köfferchen&ldquo;
-mit den Handschriften seiner Werke und einigen Büchern
-religiösen Inhalts; und zuletzt sucht er Tröstung selbst
-in den physischen Leiden, die seinen von Natur schwachen
-Körper mehr und mehr untergraben. Diese Idee, an
-die er sich klammert und die sein ganzes sittliches Sein
-erfüllt, wandelt seine moralische Persönlichkeit vollkommen
-um, obschon es keine wurzelhafte Veränderung ist, vielmehr
-erhalten einige Seiten seiner moralischen Konstitution,
-die in der Jugend durch Sehnsucht, Lebensfrische,
-Gestaltungslust im Gleichgewicht gehalten wurden,
-jetzt mehr und mehr das Übergewicht. Dieser Prozeß
-beginnt Ende der dreißiger Jahre und erfüllt das ganze
-nächste Jahrzehnt, er spiegelt sich deutlich in den Briefen
-dieser Periode, und wenn er mitunter so abweichende,
-leidenschaftlich vertretene Beurteilungen findet, so ist dies
-eine Folge der Verschiedenheit des Gesichtswinkels, unter
-dem man ihn betrachtet; ob man auf das stürmische
-Wachsen des inneren Menschen in Gogol achtet, der sich
-bis zum reinsten Idealismus läutert, oder ob man die
-<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
-seelische Krise Gogols vom Standpunkt des Ästhetikers
-bewertet, der ihren zerstörenden Einfluß auf seine
-schöpferische Kraft betrachtet. Unter diesem ästhetischen
-Gesichtspunkt ergibt sich diese Wandlung als notwendige
-Folge des Zwiespaltes, in den die freie schöpferische Kraft
-durch ihre Bindung mit &mdash; wenn auch zweifellos idealen &mdash;
-religiösen Motiven geraten muß. Eines aber ist unzweifelhaft:
-das letzte Jahrzehnt des Dichters stellt einen
-schmerzlichen und langwierigen Auflösungsprozeß seiner
-physischen Kräfte dar und ihm parallel einen stetigen
-Niedergang seiner ästhetischen Schöpfungskraft und eine
-sich bis zum Krankhaften steigernde religiöse Ekstase.
-Aber trotz der hartnäckigen Gerüchte, die sich bis über
-seinen Tod hinaus erhielten, hat keiner seiner Freunde
-je bei ihm eine geistige Störung festgestellt. Andererseits
-hat jeder von der äußerst schroffen Umwandlung Gogols
-während seiner letzten Jahre berichtet, und dieser Eindruck,
-der von seiner Familie wie von seinem Vertrauten
-Danilewski bestätigt wird, muß bei der Beurteilung
-dieser Epoche Gogols durchaus mit berücksichtigt werden.
-Keime der mystischen Stimmung, die Maximowitsch
-schon 1835 bei Gogol beobachtet hat, und nach ihm &mdash;
-aber immer noch früher als die andern Freunde &mdash; S.
-T. Aksakow, sind unter dem Eindruck der überstandenen
-Qualen und der ewigen Angst vor der Not der Todesstunde
-schnell gereift, außerdem fanden sie auch einen
-günstigen Boden in der Umgebung, in der Gogol sich
-während seines Lebens im Auslande befand. Die Gesellschaft
-der Schukowski, Frau Smirnowas, A. P. Tolstois
-und des kranken Dichters Jasykow schien geradezu auserwählt
-zu sein, um Gogol, der von der Heimat getrennt
-<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
-und von allen Einflüssen des westeuropäischen Lebens
-ganz abgeschlossen war, immer tiefer und hemmungsloser
-in einen bodenlosen Mystizismus versinken zu
-lassen. Gogols Umwandlung in seinen letzten Lebensjahren
-war eine endgültige: mitgerissen von seelischen
-Entdeckungen, Prophetien, und zermarternden Selbstbespiegelungen
-und bestürmt von grausamen unablässigen
-Leiden zerrann ihm sein früheres Dasein in nichts. Seine
-Verschlossenheit und innere Einsamkeit wuchs: seine Zuneigung
-zu seinen Jugendfreunden verwandelte sich in eine
-mißtrauische Gespanntheit, seine dichterische Schöpfungskraft
-nahm an Umfang und Wert ab. Lange noch lebte
-Gogol im Ausland, mitunter auch in dem von ihm so
-innig geliebten Italien, aber er ist nicht mehr der frühere
-Enthusiast, der sich vor der wundervollen italienischen
-Landschaft begeistert. Immer ausschließlicher beschränkten
-sich seine Gedanken auf das Religiöse: es zieht ihn nach
-Palästina, und eine Zeitlang läßt er sogar die Arbeit
-an den &bdquo;Toten Seelen&ldquo;, um die &bdquo;Ausgewählten Stellen
-aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden&ldquo; zu schreiben.
-1847 erscheint der Briefwechsel: es entspinnen sich leidenschaftliche
-Diskussionen, und vor allem gefällt er in seiner
-von der Zensur entstellten und verkürzten Gestalt dem
-Autor nicht. Gogol ist bis zum Äußersten gequält und
-niedergedrückt.
-</p>
-
-<p>
-Der bekannte Brief Belinskis und eine andere
-Äußerung seiner Freunde, verstärkt durch eine Anzahl
-Kritiken zerrütteten Gogol endgültig. Er fühlt sich zu
-einer Gegenäußerung gezwungen und schreibt die &bdquo;Beichte
-des Dichters&ldquo;. Und Anfang 1848 gibt er seiner heißen
-Sehnsucht nach und reist nach Jerusalem. Nach seiner
-<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
-Rückkehr bleibt er in der Heimat, langsam nur schreitet
-die Arbeit an den &bdquo;Toten Seelen&ldquo; vorwärts. Sein
-Lebensmut sinkt und allmählich unterliegt er in dem
-schweren Kampfe zwischen der ungeheuren Aufgabe, die
-er sich gestellt hat, und seinen immer schwächer werdenden
-geistigen und körperlichen Kräften. In dieser Zeit gewinnt
-der Geistliche von Rschew, Pater Mathäus, einen tiefgehenden
-Einfluß auf ihn, und seine strengen asketischen
-Worte peinigen die kranke Seele des Dichters so, daß
-er die Predigt des Geistlichen einmal mit dem Angstschrei
-unterbricht: &bdquo;Genug, genug, es ist furchtbar!&ldquo;
-Hier soll bemerkt werden, daß ein starker Bestandteil
-von Gogols Religiosität die Furcht vor dem Jenseits war.
-</p>
-
-<p>
-Kurz vor seinem Tode verbrannte er den zweiten Teil
-der &bdquo;Toten Seelen&ldquo;. Hartnäckig verweigert er die Annahme
-von Nahrung: er will sterben. Beides, Verzweiflung
-und Todessehnsucht, erklärt sich aus der
-peinigenden Ungewißheit des Dichters, ob seine Werke
-Gutes stiften würden oder nicht: bis zu seinem Tode
-kämpften in Gogol flammende Hoffnung und dumpfes
-Verzweifeln. Und hinzu kommt die unerträgliche Angst
-vor der Qual der Todesstunde, die nur einen Wunsch gestattet,
-sich so weit wie möglich auf den furchtbaren Augenblick
-der Abrechnung mit dem Irdischen vorzubereiten, um
-die Seele vor der ewigen Verdammnis zu retten.
-</p>
-
-<p>
-Gogol starb in Moskau am 21. Februar 1852. Zu
-seinem Begräbnis erschienen die Spitzen der Stadt, die
-Leichenfeier fand in der Universitätskirche statt. Eine
-große Menge Volk hatte sich eingefunden, um dem
-Dichter die letzte Ehre zu erweisen.
-</p>
-
-<p>
-Die feindlichen Stimmen verstummen, und die große
-<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
-Bedeutung Gogols stellt sich immer klarer, wahrnehmbarer
-heraus. Und in unsern Tagen wird keiner versuchen,
-an der Bedeutung seiner gewaltigen Dichtungen
-zu zweifeln, an diesem starken Darsteller der Wirklichkeit
-&mdash; dem ersten, den Rußland aus eigener Kraft
-hervorgebracht hat.
-</p>
-
-<h2 class="appendix" id="part-5">
-<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
-<span class="line1">Anhang</span>
-</h2>
-
-<h3 class="appendix pbb" id="chapter-5-1">
-<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
-<span class="line1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka</span><br />
-<span class="line2">(Erster Teil.)</span>
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der erste Teil der in diesem Bande vereinigten Erzählungen
-erschien im September des Jahres 1831. Die
-Unterschrift des Zensors trägt das Datum &bdquo;den 26.
-Mai 1831.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="vs">
-I. <em>Der Jahrmarkt in Sorotschintzy</em> stammt
-aus dem Jahre 1830. 1851 wurde diese Novelle mit
-unwesentlichen stilistischen Änderungen in der Gesamtausgabe
-von Gogols Werken wieder abgedruckt.
-</p>
-
-<p>
-II. <em>Die Johannisnacht.</em> Diese Erzählung erschien
-zuerst im Februar- und Märzheft der &bdquo;Vaterländischen
-Annalen&ldquo; (Otetschestwennye Sapiski), Jahrgang 1830
-und zwar anonym unter dem Titel: &bdquo;<em>Basawrjuk oder
-die Johannisnacht</em>&ldquo;. Eine kleinrussische Novelle (nach
-einer Volkssage), erzählt vom Küster an der Kirche zu
-Pokrowsk. Gogol arbeitete die Novelle später für die
-&bdquo;Abende auf dem Gutshof bei Dikanka&ldquo; um. Hierbei
-beseitigte er einige Änderungen, die <em>Swinjin</em> bei der
-Drucklegung in den Vaterländischen Annalen eingefügt
-hatte, und schickte der Erzählung eine kleine Vorrede
-voraus, in der er auch auf Swinjins Änderungen hinwies.
-</p>
-
-<p>
-III. <em>Mainacht oder die Ertrunkene.</em> Ist im
-Jahre 1829 entworfen und dann für die &bdquo;Abende&ldquo; neu
-<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
-bearbeitet worden. 1851 fügte Gogol noch einige kleine
-Änderungen ein.
-</p>
-
-<p>
-IV. <em>Der verschwundene Brief.</em> Stammt wahrscheinlich
-aus dem Jahre 1831, und wurde von Gogol
-für die Gesamtausgabe (II. Aufl.) noch einmal durchgesehen.
-</p>
-
-<h3 class="appendix" id="chapter-5-2">
-<span class="line1">Abende auf dem Gutshof bei Dikanka</span><br />
-<span class="line2">(Zweiter Teil.)</span>
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der zweite Teil der &bdquo;Abende&ldquo; erschien Anfang März
-1832; die Unterschrift des Zensors trägt das Datum: &bdquo;den
-31. Januar 1832.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="vs">
-I. <em>Die Nacht vor dem Weihnachtsfest</em> wurde
-1831 niedergeschrieben und 1851 noch einmal durchgesehen.
-</p>
-
-<p>
-II. <em>Schreckliche Rache</em> stammt wahrscheinlich aus
-dem Jahre 1831. In der ersten Ausgabe der &bdquo;Abende&ldquo;
-lautete der Titel dieser Novelle &bdquo;Schreckliche Rache&ldquo;
-(&bdquo;eine alte Sage&ldquo;). In der zweiten und den folgenden
-Auflagen der &bdquo;Abende&ldquo; vom Jahre 1836 wurde der
-Untertitel (&bdquo;eine alte Sage&ldquo;) fortgelassen.
-</p>
-
-<p>
-III. <em>Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine
-Tante.</em> Die Zeit der Entstehung dieser Novelle ist
-unbekannt.
-</p>
-
-<p>
-IV. <em>Der verhexte Ort.</em> Auch über die Entstehungszeit
-dieser Erzählung liegen keine Nachrichten vor.
-</p>
-
-<p class="sign">
-<em>Der Herausgeber.</em>
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="printer">
-Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.
-</p>
-
-
-<h2 class="footnotes">Fußnoten</h2>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> berühmter russischer Kritiker.
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="transnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
-Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
-verändert.
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter
-Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, korrigiert wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... <span class="underline">Frieda</span> Ichak. ...<br />
-... <a href="#corr-0"><span class="underline">Frida</span></a> Ichak. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag&rsquo; ich euch! Was <span class="underline">konten</span> ...<br />
-... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag&rsquo; ich euch! Was <a href="#corr-1"><span class="underline">konnte</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Die Hexe hat deine sündige Seele <span class="underline">in</span> Verderben gestürzt! ...<br />
-... Die Hexe hat deine sündige Seele <a href="#corr-4"><span class="underline">ins</span></a> Verderben gestürzt! ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Verfügung: An den <span class="underline">Amtman</span> Jewtuch Makohonenko. ...<br />
-... &bdquo;Verfügung: An den <a href="#corr-11"><span class="underline">Amtmann</span></a> Jewtuch Makohonenko. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... erschien der Mondschein vom Leuchten <span class="underline">der</span> Schnees! ...<br />
-... erschien der Mondschein vom Leuchten <a href="#corr-18"><span class="underline">des</span></a> Schnees! ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Dem</span> Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde ...<br />
-... <a href="#corr-19"><span class="underline">Den</span></a> Schmied überlief es kalt; er erschrak, wurde ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, <span class="underline">Ostop</span>!&ldquo; ...<br />
-... Weber Schapuwalenko. Grüß Gott, <a href="#corr-21"><span class="underline">Ostap</span></a>!&ldquo; ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Herrschaften es hier gibt!&ldquo; <span class="underline">dache</span> der Schmied. ...<br />
-... Herrschaften es hier gibt!&ldquo; <a href="#corr-22"><span class="underline">dachte</span></a> der Schmied. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,&ldquo; <span class="underline">anwortete</span> der ...<br />
-... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben,&ldquo; <a href="#corr-23"><span class="underline">antwortete</span></a> der ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">hät&rsquo;</span> er viel Wunderliches erzählen können. Ja, ...<br />
-... <a href="#corr-27"><span class="underline">hätt&rsquo;</span></a> er viel Wunderliches erzählen können. Ja, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Und siehe da, der seltsame Greis <span class="underline">knirrschte</span> zischend ...<br />
-... Und siehe da, der seltsame Greis <a href="#corr-28"><span class="underline">knirschte</span></a> zischend ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... schon und <span class="underline">schnarrchte</span> laut über ganz Kijew. ...<br />
-... schon und <a href="#corr-29"><span class="underline">schnarchte</span></a> laut über ganz Kijew. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Hetmann</span> selten zu essen bekommt. So was verschmäht ...<br />
-... <a href="#corr-34"><span class="underline">Hetman</span></a> selten zu essen bekommt. So was verschmäht ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... von seltsamem und <span class="underline">schrecklichen</span> Äußeren herein. Zum ...<br />
-... von seltsamem und <a href="#corr-38"><span class="underline">schrecklichem</span></a> Äußeren herein. Zum ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">vergangener</span> Zeiten. ...<br />
-... <a href="#corr-42"><span class="underline">vergangenen</span></a> Zeiten. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und so hat er die <span class="underline">Geschiche</span> denn auch wirklich aufgeschrieben. ...<br />
-... und so hat er die <a href="#corr-43"><span class="underline">Geschichte</span></a> denn auch wirklich aufgeschrieben. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Unterwegs passierte <span class="underline">nicht</span> besonders Bemerkenswertes. ...<br />
-... Unterwegs passierte <a href="#corr-44"><span class="underline">nichts</span></a> besonders Bemerkenswertes. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... etwa um irgendwelcher tiefer <span class="underline">diplomatischen</span> Pläne willen, ...<br />
-... etwa um irgendwelcher tiefer <a href="#corr-45"><span class="underline">diplomatischer</span></a> Pläne willen, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein <span class="underline">bischen</span> ...<br />
-... Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein <a href="#corr-46"><span class="underline">bißchen</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Burschen viel über Jerusalem gehört hatte<span class="underline">?</span> ...<br />
-... Burschen viel über Jerusalem gehört hatte<a href="#corr-48"><span class="underline">.</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... &bdquo;Wo sind die Fuhrleute<span class="underline">,</span>&ldquo; fragte der Großvater und ...<br />
-... &bdquo;Wo sind die Fuhrleute<a href="#corr-49"><span class="underline">?</span></a>&ldquo; fragte der Großvater und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">Stömen</span> herab. Der Großvater zog sich die neuen ...<br />
-... <a href="#corr-52"><span class="underline">Strömen</span></a> herab. Der Großvater zog sich die neuen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen <span class="underline">glotzen</span> ...<br />
-... bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen <a href="#corr-55"><span class="underline">glotzten</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht <span class="underline">auf</span>gießen ...<br />
-... Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht <a href="#corr-56"><span class="underline">aus</span></a>gießen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Sommer verbrachte er in Zarskoje <span class="underline">Selow</span>, in glücklicher ...<br />
-... Sommer verbrachte er in Zarskoje <a href="#corr-57"><span class="underline">Selo</span></a>, in glücklicher ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Pletniew und seinen andern <span class="underline">Petursburger</span> Freunden gefiel ...<br />
-... Pletniew und seinen andern <a href="#corr-58"><span class="underline">Petersburger</span></a> Freunden gefiel ...<br />
-</li>
-</ul>
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-End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem
-Gutshof bei Dikanka, by Nikolaj Gogol
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 3: ABENDE ***
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