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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Moderne Probleme - -Author: Eduard von Hartmann - -Release Date: June 30, 2017 [EBook #55014] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MODERNE PROBLEME *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1888 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung - und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend - korrigiert. Ungewöhnliche, altertümliche, sowie inkonsistente - Schreibweisen wurden dagegen beibehalten, insbesondere wenn diese - in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde nach Vorgabe des Textes folgendermaßen - angepasst: - - a. ‚Das Philosophie-Studium auf den Universitäten‘ wurde - korrigiert zu ‚Das Philosophie-Studium an den Universitäten‘. - b. Die Seitenzahl für den Abschnitt ‚Die preussische Schulreform - von 1882‘ wurde von 160 zu 169 geändert. - - Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö und Ü) sowie das ‚Esszett‘ - (ß) werden im Text umschrieben (Ae, Oe, Ue, bzw. ss). Die von - der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der - vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - fett: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - - #################################################################### - - - - - Eduard von Hartmann. - - Moderne Probleme. - - Zweite vermehrte Auflage. - - [Illustration] - - Leipzig - Verlag von Wilhelm Friedrich - K. R. Hofbuchhändler. - 1888. - - - - - Alle Rechte vorbehalten. - - - - -Vorwort zur ersten Auflage. - - -Dass es mir bisher an Feinden gefehlt habe, wird niemand behaupten -können. Die katholische Kirche hat mich in amtlichen Kundgebungen und -in dicken Büchern als einen Erzketzer und Hauptführer der wider Gott -anstürmenden Rotte gebrandmarkt, die evangelischen Orthodoxen haben -sich auch in dieser Frage an ihre Rockschösse gehängt, und der liberale -Protestantismus wird mir die an ihm geübte Kritik[1] niemals verzeihen. -Die Konservativen verabscheuen mich als religiösen Revolutionär, die -Liberalen als einen Gegner der parlamentarischen Regierungsform, als -Militaristen, Monopolisten und Socialisten; die Socialdemokraten -hassen in mir mit Recht den aristokratisch gesinnten Gegner alles -demokratischen Nivellements, der speciell die socialdemokratischen -Verirrungen so scharf mitgenommen hat.[2] Die mechanistisch und -darwinistisch gesinnte Welt der Naturforscher hat sich von der zweiten -Auflage meiner Schrift „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie -und Descendenztheorie“ i. J. 1877 so schwer getroffen gefühlt, dass sie -sich seitdem in grollendes Stillschweigen und Ignoriren gehüllt hat. -Die Positivisten und Neukantianer, welche alle Metaphysik verwerfen und -bekämpfen, sehen in dem Verfasser der Schrift über den „Neukantianismus -u. s. w.“ einen der gefährlichsten Störer ihrer Cirkel; die -vordarwinschen naturwissenschaftlichen Materialisten und die Nachfolger -Feuerbachs hassen in mir, wie die Schriften von Stiebeling, J. C. -Fischer, Carl Grün und die Wuthausbrüche Dührings beweisen, einen -rückständigen Schwärmer und Obscuranten, und die Optimisten aus allen -Lagern reichen sich die Hände, um meinen Pessimismus, den sie nicht -verstehen, als Volksverderber und Jugendverführer zu verdammen. Die -Hegelianer hatte ich schon durch meine erste Veröffentlichung „Ueber -die dialektische Methode“ vor den Kopf gestossen, die Schopenhauerianer -bereits durch die Kritik der Schopenhauerschen Moralprincipien (in der -„Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins“) verletzt und durch den -Aufsatz „Mein Verhältniss zu Schopenhauer“ (in den „Philosophischen -Fragen der Gegenwart“ Nr. II) ganz in’s Lager meiner Gegner -hinübergetrieben, und den Universitätsphilosophen gegenüber hatte ich -meine ohnehin schon schwierige Stellung als unzünftiger Konkurrent noch -durch verschiedene Aeusserungen über die Universitätsphilosophie[3] -verschlimmert. - -Unter diesen Umständen hätte ein ganz auf sich selbst angewiesener, auf -keine Klique, kein literarisches Organ und kein Katheder gestützter -Forscher leicht Bedenken tragen können, die Zahl der ihn umgebenden -Feinde zu vermehren und deren Feindseligkeit zu verschärfen. Wenn ich -dies trotzdem in den letzten Jahren im weitesten Umfang gethan habe, so -bitte ich darin keine übermüthige Laune oder muthwillige Händelsucht -zu sehen; was mich dazu antrieb, gegen so mancherlei moderne Irrthümer -das Wort zu ergreifen, war ein inneres Bedürfniss, die Stimme der -besonnenen Kritik zur Geltung zu bringen, ein unerschütterliches -Vertrauen in die siegreiche Kraft der schlichten ungeschminkten -Wahrheit, und ein Gefühl der Verpflichtung, durch meine völlig -unabhängige Stellung mehr als viele Andere zur Inangriffnahme so -peinlicher und undankbarer Aufgaben berufen zu sein. - -Durch meine Schrift „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft“ habe -ich mir nämlich nicht nur bei den Vertretern des Judenthums selbst, -sondern auch bei den christlichen Philosemiten und nicht minder bei -den Antisemiten viele neue Gegner gemacht, ebenso durch meine Schrift -über den Spiritismus sowohl die spiritistischen Kreise gegen mich -aufgebracht, als auch dem Widerwillen der Aufklärungsrationalisten -und Materialisten gegen mich neue Nahrung zugeführt. Der Aufsatz -„Was sollen wir essen?“ hat bei den Vegetarianern eine förmliche -Erbitterung gegen mich wachgerufen, welche sich bis zu der -öffentlichen Drohung: „es mir nicht vergessen zu wollen“, verstiegen -hat. „Unsre Stellung zu den Thieren“ hat eine ähnliche Wirkung auf -die Antivivisektionisten und sentimentalen Thierschützler ausgeübt. -„Die Gleichstellung der Geschlechter“ und „Die Lebensfrage der -Familie“ hat diejenigen Mitglieder des schönen Geschlechts, welche -für die Emancipation ihrer Schwestern und für eine ausserfamiliäre -Berufsstellung derselben kämpfen gegen mich in Harnisch gebracht. -„Der Rückgang des Deutschthums“ hat den bei der grossdeutschen Idee -stehen gebliebenen Theil der deutschen Liberalen gegen mich aufgeregt, -die preussischen Polen mir zu unversöhnlichen Feinden gemacht, die -Erbitterung des Ultramontanismus neu geschürt und vor allem bei den -Deutschösterreichern einen Sturm der Entrüstung entfesselt, der wohl -nicht ganz ohne Einfluss auf das aktive Aufraffen derselben aus dem -doktrinär-liberalen Schlummer geblieben ist und hoffentlich auch -ferner noch erspriessliche Folgen zeitigen wird. Die Aufsätze „Zur -Reform des Universitätsunterrichts“ und „Das Philosophie-Studium“ -dürften die Antipathien der Philosophieprofessoren gegen mich, wenn das -überhaupt möglich war, noch verschärft haben, und „Die Ueberbürdung -der Schuljugend“ muss auch diejenigen Pädagogenkreise gegen mich -verstimmen, welche nicht schon als Vertheidiger der Realschulen oder -Realgymnasien durch meine frühere Schrift „Zur Reform des höheren -Schulwesens“ gegen mich eingenommen waren. - -Zum mindesten bürgt das durch zahllose Gegenartikel, Vorträge, -Zuschriften u. s. w. bekundete Aufsehen, welches die Mehrzahl der -nachstehenden Aufsätze schon bei ihrer vereinzelten Veröffentlichung -in Zeitschriften gemacht hat, dafür, dass dieselben auch in ihrer -nunmehrigen Zusammenstellung einige Beachtung verdienen dürften; -denn erst in dieser ihrer Vereinigung lassen sie ihre innere -Zusammengehörigkeit, sowohl unter einander, als auch mit den Schriften -über das Judenthum und den Spiritismus erkennen. Die Abhandlung „Der -Somnambulismus“ bildet eine unmittelbare Ergänzung zu der Schrift über -den Spiritismus, indem beide sich gegenseitig erläuternde Arbeiten die -sogenannte „Nachtseite der menschlichen Natur“ erörtern und entschieden -gegen eine neuere, auf den Geheimbuddhismus gestützte mystische -Richtung Front machen, welche dieses Gebiet eines krankhaften Nerven- -und Seelenlebens zu einer dem normalen Zustand überlegenen höheren -Stufe des Geisteslebens aufzubauschen versucht. Die Aufsätze gegen den -Vegetarianismus, den Antivivisektionismus, die Frauenemancipation und -die egoistisch überspannte Missachtung der Familienpflichten gehören -ebenfalls in eine engere Gruppe zusammen, welche der Schrift über das -Judenthum schon dadurch näher gerückt ist, dass in ihnen allen der -abstrakte Idealismus und die falsche Sentimentalität bekämpft wird. - -Bekanntlich hatte Richard Wagner in seinen letzten Lebensjahren neben -andern Eigenthümlichkeiten auch diejenige, sich zum theoretischen -Vertreter des Vegetarianismus, Antivivisektionismus und Antisemitismus -aufzuwerfen, und unter demjenigen Theil seiner Jünger und Anhänger, -welcher darauf schwört, dass in dem Evangelium des Meisters auch seine -Art sich zu räuspern und zu spucken einen untrennbaren Bestandtheil -bilde, spielen auch Vertreterinnen der Frauenemancipation eine -bedeutende Rolle. Hier findet also gleichsam ein Zusammenfluss der -verschiedenen Ströme des abstrakten Idealismus statt, welche ich in der -vorliegenden Schrift bekämpfe, und es scheint deshalb unvermeidlich, -dass dieselbe bei diesem Kreise noch grösseren Anstoss erweckt, -als dies schon früher meine Nichtanerkennung der Schopenhauerschen -Mitleidsmoral und Theorie der Musik und meine Kritik sowohl des -Urbuddhismus (im „Religiösen Bewusstsein der Menschheit“ B. I, 2) -als auch des Geheimbuddhismus (in den „Philosophischen Fragen der -Gegenwart“ Nr. IX) gethan hat. - -Mögen diese Blätter trotz aller weiteren Anfeindungen, die ihnen nicht -erspart bleiben werden, einen Leserkreis finden, der geneigt ist, in -dem wüsten Durcheinander fanatischer Parteistimmen auch der Stimme -der parteilosen nüchternen Besonnenheit sein Ohr zu leihen, und mögen -diejenigen, welche meine Ansichten nur aus gegnerischen Entstellungen -kennen, sich durch eignen Einblick überzeugen, dass sie nichts weiter -enthalten, als was für jeden Unbefangenen selbstverständlich und kaum -des Aussprechens bedürftig scheinen sollte. Wenn aber philosophische -Kritiker sich daran stossen sollten, dass ich mir die Mühe gegeben -habe, auch Selbstverständliches niederzuschreiben, so bitte ich sie zu -erwägen, dass verkehrten Zeitströmungen gegenüber auch das Aussprechen -des Selbstverständlichen sein Recht hat, und dass es des Philosophen -nicht unwürdig ist, auch der populären Behandlung von Zeitfragen näher -zu treten. - - +Berlin-Lichterfelde+, im Herbst 1885. - - =Eduard von Hartmann.= - - - - -Vorwort zur zweiten Auflage. - - -Der baldige Absatz der ersten Auflage dieses Buches liefert die -erfreuliche Bestätigung dafür, dass die am Schlusse ihres Vorworts -ausgesprochene Hoffnung nicht zu Schanden geworden ist. Ich habe in -der zweiten Auflage als Nr. V-VII drei Aufsätze über die heutige -Geselligkeit, über die Wohnungsfrage und über moderne Unsitten -eingeschaltet, welche sich ihrem Inhalt nach an die ersten vier -Aufsätze auf das engste anschliessen und dem Buch noch mehr als -bisher den Charakter eines Vorläufers zur Socialethik geben. Ebenso -habe ich den beiden Aufsätzen über die Schulfrage einen dritten (Nr. -XII) hinzugefügt, welcher eine Uebersicht über den gegenwärtigen -Stand der ganzen Bewegung giebt und die zunächst erforderlichen -Schritte präcisirt. Dagegen habe ich den Aufsatz über den Rückgang -des Deutschthums fortgelassen, weil inzwischen mit dem Erlass und der -fortschreitenden Ausführung der preussischen Polengesetze sein Zweck -erfüllt und seine Aktualität erloschen ist. In einigen der anderen -Aufsätze, besonders in Nr. XV, habe ich kleinere Zusätze beigefügt, -welche durch die an die erste Auflage geknüpfte Kritik und Polemik -veranlasst worden sind. Möge das Buch auch in seiner neuen Gestalt -günstige Aufnahme finden. - - +Berlin-Lichterfelde+, im März 1888. - - =Eduard von Hartmann.= - - - - -Inhalt. - - - I. Was sollen wir essen? 1 - - II. Unsere Stellung zu den Thieren 21 - - III. Die Gleichstellung der Geschlechter 36 - - IV. Die Lebensfrage der Familie 50 - - V. Die heutige Geselligkeit 85 - - VI. Die Wohnungsfrage 96 - - VII. Moderne Unsitten 106 - - VIII. Zur Reform des Universitätsunterrichts 120 - - IX. Das Philosophie-Studium an den Universitäten 140 - - X. Die Ueberbürdung der Schuljugend 157 - - XI. Die preussische Schulreform von 1882 169 - - XII. Der Streit um die Organisation der höheren Schulen 177 - - XIII. Der Bücher Noth 193 - - XIV. Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit 200 - - XV. Der Somnambulismus 207 - - - - -I. - -Was sollen wir essen? - - -In ärztlichen Kreisen hat im letzten Menschenalter ein hauptsächlich -von England ausgegangener Umschwung der Ansichten über die Diät -stattgefunden, der die Fleischkost in weit höherem Masse bevorzugt, als -es früher üblich war. Im Gegensatz hierzu erklären die vegetarianischen -Bestrebungen die reine Pflanzenkost für die allein naturgemässe, -rationelle und humane Ernährungsweise und machen mit der Kraft einer -religiösen Ueberzeugung das künftige Heil der Menschheit von dem -Verzicht auf alle Fleischkost abhängig. Die Frage scheint wichtig -genug, um sie in reifliche Erwägung zu ziehen. - -Das für ein organisches Wesen Naturgemässe ist an zwei Merkmalen -zu erkennen: an der Einrichtung seiner Organisation und an seinen -Instinkten. Beide weisen übereinstimmend dem Menschen seine Stellung -unter den Omnivoren (Allesfressern) an, zu denen beispielsweise -auch die Schweine, Bären und Affen gehören. Magen und Darm des -Menschen sind nicht wie diejenigen der Wiederkäuer für das Verdauen -von Gras und Blättern eingerichtet, aber der Darm hat doch eine -bedeutend grössere relative Länge als bei den auf reine Fleischkost -angewiesenen katzenartigen Raubthieren. Das menschliche Gebiss -ist wie dasjenige aller Omnivoren aus Schneidezähnen, Reisszähnen -und Mahlzähnen zusammengesetzt; die reinen Fleischzähne machen nur -den achten Theil des Gesammtbestandes aus, was allerdings auf ein -Uebergewicht vegetabilischer Kost hindeutet. Die Instinkte des -Menschen weisen ebenso wie die aller übrigen Omnivoren darauf hin, -dass die Fleischnahrung in gewissem Sinne die werthvollere für seinen -Organismus ist; bei offen stehender Auswahl stürzen sich alle Omnivoren -zunächst mit Gier auf das Fleisch. Hieraus könnte man schliessen, dass -die Schneide- und Mahlzähne den Omnivoren von der Natur nur deshalb -verliehen seien, um für den Fall des zeitweiligen Mangels an den -schwerer zu erlangenden animalischen Nahrungsmitteln doch keinen Hunger -zu leiden, sondern auf vegetabilische Nahrungsmittel zurückgreifen -zu können. Aber so einfach liegt die Sache doch nicht. Denn wo der -Instinkt nicht schon durch dauernde Gewöhnung denaturirt ist, pflegt -auf die erste Gier nach Fleisch bald eine Reaktion der Uebersättigung -zu folgen, mit der ein um so stärkeres Verlangen zur Rückkehr nach -pflanzlichen Nahrungsmitteln hervortritt. - -Die Nahrungsinstinkte des Menschen zeigen ausserdem thatsächlich -bedeutende Abweichungen nach Klima, Alter, Geschlecht, Arbeitsleistung -und Individualität. In tropischen Ländern, wo nur ein geringer -Wärmeverlust zu decken und intensive Arbeit kaum möglich ist, -wo also der Körper ohnehin nur eine geringe Menge von täglicher -Nahrung zu verdauen braucht, reicht seine Verdauungskraft auch bei -vegetabilischer Ernährung mehr als aus, so dass Fleischkost selbst -bei grösster quantitativer Mässigkeit leicht zur Uebernährung führt; -in den Polargegenden dagegen ist ein so starker Ersatz durch Nahrung -erforderlich, dass auch die beste Verdauung unfähig wäre, die nöthige -Assimilation aus vegetabilischer Kost zu vollziehen. Der äquatorialen -Genügsamkeit entspricht demnach die instinktive Bevorzugung von -Nahrungsmitteln mit geringstem Nährwerth (Obst, Reis etc.), der polaren -Gefrässigkeit das instinktive Bedürfniss nach Nahrungsmitteln von -höchstem Nährwerth bei leichtester Verdaulichkeit (Fleisch, Fett, Thran -etc.). In den gemässigten Zonen wiederholen sich diese Gegensätze in -gemässigter Form: während der faulenzende Süditaliener und Südspanier -nichts begehrt als eine Hand voll Datteln und Feigen nebst einer -Zwiebel oder allenfalls Maccaroni, kann der englische Arbeiter oder -der norddeutsche Sackträger nicht Fleisch und Speck genug bekommen. -Im Durchschnitt tritt im gemässigten Klima der omnivore Instinkt des -Menschen in ungetrübter Reinheit ans Licht, während er durch excessive -Hitze oder Kälte nach der Seite der Pflanzennahrung oder Fleischnahrung -hin abgelenkt wird. Dies lässt darauf schliessen, dass der Mensch einem -gemässigten Klima seinen Ursprung verdankt, weil nur in diesem sein -Instinkt mit seiner Organisation im Einklang ist. - -Wie die klimatischen Abweichungen vom normalen Instinkt als -zweckmässige Anpassungen erscheinen, so auch die durch Alter, -Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung bedingten Abweichungen. -Die geschwächte Verdauungskraft des Alters verlangt nach einem -stärkeren Grade von Fleischzusatz in der Nahrung, während der kindliche -und jugendliche Appetit auf Obst und Gemüse im Alter mehr und mehr -schwindet. Das männliche Geschlecht hat im Durchschnitt stärkeren -„Fleischhunger“ als das weibliche, auch abgesehen davon, ob es durch -ein grösseres Mass von Arbeit ein stärkeres Ersatzbedürfniss hat; es -scheint vermittelst einseitiger Vererbung im männlichen Geschlecht die -durch stärkere Arbeitsleistung geweckte Neigung zur Fleischkost sich -durch lange Generationen hindurch summirt und befestigt zu haben. -Wer aus Ständen, Familien oder Gegenden gebürtig ist, in denen ein -beträchtlicher Fleischzusatz zur Nahrung Generationen hindurch üblich -war, wird sich immer nur im Kampfe mit seiner instinktiven Neigung auf -reine Pflanzenkost zurückziehen; wer hingegen sowohl für seine Person -als auch durch seine Vorfahren auf Pflanzenkost eingerichtet ist, wird -doch in reiferem Alter eine allmählich zunehmende Verstärkung des -Fleischzusatzes bis zu einer gewissen Grenze hin immer mit Behagen -empfinden. Diese Grenze ist allerdings individuell verschieden -je nach der Verdauungskraft und den qualitativen Bedürfnissen -des Organismus, und es ist nicht zu bestreiten, dass es ganz -ausnahmsweise auch in gemässigten Klimaten Individuen, besonders solche -weiblichen Geschlechts gibt, die eine ausgesprochene Idiosynkrasie -gegen Fleischnahrung haben. Solche individuellen Abweichungen -des Nahrungsinstinkts können pathologisch, sie können aber auch -physiologisch bedingt sein, und selbst auf pathologischer Grundlage -können sie ebensowohl zweckmässige Heilinstinkte, wie krankhaft -perverse Instinkte sein. - -Nimmt man den Durchschnitt des menschlichen Nahrungsinstinktes in -gemässigtem Klima zum Massstabe, so findet man ihn wesentlich mit -der Organisation seines Gebisses übereinstimmend, d. h. so, dass der -grössere Gewichtstheil der täglichen Nahrung vegetabilischen, der -kleinere animalischen Ursprungs sein muss, um ihm zu genügen. - -Ein Unterschied besteht allerdings zwischen beiden Massstäben, insofern -der Instinkt mehr als den achten Theil Fleisch in der Kost verlangt, -wie man es nach dem Gebiss erwarten sollte; diess dürfte sich daraus -erklären, dass das Gebiss, welches der Mensch von den omnivoren -Thieren überkam, auf den achten Theil rohen Fleisches berechnet ist, -der Mensch aber gebratenes und gekochtes Fleisch bequem auch mit den -Mahlzähnen kauen kann. Dem Instinkt nach gemischter Nahrung entspricht -der Instinkt nach Abwechselung zwischen Fleisch- und Pflanzenkost, wenn -die wünschenswerthe Mischung beider nicht zu erlangen ist. - -Die naturgemässe Kost des Menschen ist also weder die reine Fleisch-, -noch die reine Pflanzenkost, sondern die gemischte oder in den -Mahlzeiten zwischen beiden wechselnde, allerdings mit Uebergewicht -der pflanzlichen Bestandtheile. Gegen diese Thatsache lehnt sich -der Vegetarianismus vergebens auf, der ausserdem die berechtigte -Verschiedenheit der Zusammensetzung je nach Klima, Alter und -Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung völlig verkennt. Auf den -Instinkt des Menschen ist er deshalb als auf einen „kannibalischen“, -als auf ein ererbtes Ueberlebsel thierischer Roheit schlecht zu -sprechen, und es ist der grösste Kummer der Vegetarianer, dass so -wenige von denen, welche vegetarianischen Principien huldigen, im -Stande sind, sich gegen die Rückfälligkeit in die vom Instinkt -geforderte gemischte Kost zu wahren. Mag er darin vom humanen -Standpunkt aus recht haben oder nicht, jedenfalls hat er +das+ -Recht damit verwirkt, sich für die „naturgemässe Lebensweise“ zu -proklamiren. Will er doch diese Behauptung aufrecht erhalten, so muss -er zu der Hilfshypothese greifen, dass der Instinkt des Menschen ein -widernatürlicher, degenerirter sei. Aber wodurch soll er degenerirt -sein? Und wie lässt sich diese Behauptung vereinigen mit der Thatsache, -dass alle Thiere mit gemischtem Gebiss Omnivoren sind, und alle -Omnivoren weit gieriger auf Fleischkost als auf Pflanzenkost sind? Man -sehe nur, wie ein Affe in Leidenschaft geräth, wenn er eine Taube im -Zimmer bemerkt, während er die gebotenen Früchte zwar mit Behagen, -aber ohne besondere Erregung hinnimmt. Wenn es Specien mit gemischtem -Gebiss giebt, deren Nahrungsinstinkt die Pflanzenkost bevorzugt, so -ist diess eine Discrepanz zwischen Organisation und Instinkt, welche -nur auf einer nachträglichen Anpassung des animalen Typus an die -Lebensverhältnisse entstanden sein kann. Diese Anpassung kann entweder -auf einer Unzuträglichkeit des Klimas für Fleischkost, oder auf der -Leichtigkeit der Versorgung mit nahrhaften und schmackhaften Früchten -für Kletterthiere, oder auf der Schwerfälligkeit und Waffenlosigkeit -des Arttypus, welche den Raub von Beutethieren erschwert, oder auf -einer Verbindung dieser Umstände beruhen. Aber wenn auch die bis -jetzt völlig unerwiesene Behauptung wahr wäre, dass gerade die -menschenähnlichen Affen im Naturzustande eine Degeneration des -Instinktes nach dieser Richtung hin zeigen, so ist daraus doch nicht -zu schliessen, dass es für den Menschen naturgemäss sei, ebenfalls -diesem degenerirten Affeninstinkt zu folgen, der thatsächlich nicht der -seinige ist, und dessen Anpassungsmotive für ihn nicht mehr zutreffen. -Denn der Mensch lebt zumeist in einem gemässigteren Klima, als die -menschenähnlichen Affen, ist nicht so Kletterthier wie sie, schafft -sich die ihm von der Natur versagten Waffen und macht das Fleisch -durch Zubereitung leichter verdaulich. Da der Mensch nicht von den uns -bekannten menschenähnlichen Affen abstammt, braucht er auch nicht erst -deren degenerirten Nahrungsinstinkt zu restituiren, sondern nur den -naturgemässen seiner thierischen Vorfahren zu konservieren. - -Es entsteht die weitere Frage, ob die vegetabilische Ernährung -+rationeller+ sei, d. h. dem Menschen mehr Vortheile oder weniger -Nachtheile biete als die animalische. Denn wenn es auch am nächsten -liegt, die naturgemässe Lebensweise zugleich für die vernünftige zu -halten, so ist doch durch den Glauben an die Zweckmässigkeit der Natur -im Allgemeinen die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass etwas für den -Naturzustand Passendes im Kulturzustand einschneidender Abänderungen -bedarf, um den höheren Zwecken des Kulturlebens zu genügen. Deshalb -kann die Untersuchung, ob etwas naturgemäss sei oder nicht, niemals -das letzte Wort haben; denn der aus der Natur hervorwachsende bewusste -Geist ist zwar selbst noch einerseits etwas Natürliches, anderseits -etwas über die Natur Erhabenes, also etwas Natürliches von höherer -Ordnungsstufe, welches die Naturzweckmässigkeit fortsetzt und -steigert, indem es das Naturgemässe niederer Ordnungsstufe nach seinen -Bedürfnissen modelt. - -Die Vegetarianer behaupten, dass die Pflanzenkost den Menschen im -Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger gegen Krankheiten mache -als gemischte Kost; die Mehrzahl der Aerzte behauptet dagegen, -dass eine Vermehrung der Fleischbestandtheile in der gemischten -Kost den Menschen im Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger -gegen Krankheiten mache. Ich meine, dass die naturgemässe Kost -unter normalen Verhältnissen dem Menschen auch am besten bekommt, -dass für einen geschwächten oder in schlechtem Ernährungszustand -befindlichen Organismus eine womöglich nur vorübergehende Verstärkung -des Fleischzusatzes vortheilhaft ist, und dass es irrationell ist, -sich in gesunden Tagen mit zu starkem Fleischzusatz zu verwöhnen, -weil damit die Möglichkeit einer vortheilhaften Steigerung in -Krankheitsfällen ausgeschlossen ist. Dabei ist zuzugeben, dass durch -die ärztliche Bevorzugung der Fleischkost nicht selten die Grenze -der vortheilhaften Mischung überschritten wird, die namentlich bei -manchen jüngeren weiblichen Individuen ziemlich tief liegen kann, und -dass in solchen Fällen die Betreffenden den Uebergang zur reinen -Pflanzenkost für zuträglicher verspüren können als die übertriebene -Fleischdiät, weil erstere von ihrer natürlichen Mischungslinie weniger -weit abliegen kann als letztere. Ferner ist zu berücksichtigen, dass -in Folge der steigenden Wohlhabenheit der Kulturvölker in den letzten -Menschenaltern in allen Gesellschaftsschichten die Nahrhaftigkeit der -durchschnittlichen Verköstigung sehr gestiegen ist, so dass bei der -Anpassung des ererbten Appetits an eine schlechtere Kost eine gewisse -Ueberernährung gegenwärtig sehr verbreitet ist; will man solche -Ueberernährung mit ihren gesundheitsschädlichen Folgen beseitigen, so -ist das einfachste Mittel, bei den Mahlzeiten mässiger zu sein, das -demnächst einfachste, zu einer minder nahrhaften Kost zurückzukehren, -so dass die gesundheitsdienlichen Folgen der vegetarianischen Kost bei -überernährten Vielessern leicht erklärlich sind. Ausserdem können die -vielfach behaupteten Vortheile einer vegetarianischen Lebensweise in -naturgemässen Lebensvorschriften (Leben in frischer Luft, Vermeidung -von Spirituosen und Pflanzenalkaloiden u. s. w.) gesucht werden, welche -mit einer naturgemässen gemischten Kost ebenso gut zu vereinigen -sind, wie mit reiner Pflanzenkost; insofern der Uebergang zu beiden -zugleich gemacht wird, wird häufig der letzteren Ursache eine Wirkung -zugeschrieben, die nur von der ersteren abhängt. Wo hingegen unter -völligem Gleichbleiben der sonstigen Lebensgewohnheiten nicht etwa -eine übertriebene Fleischkost, sondern eine individuell naturgemässe, -gemischte Kost mit reiner Pflanzenkost vertauscht wird, da wird der -Regel nach eine Schwächung des Organismus durch Herabsetzung seines -Ernährungszustandes die Folge sein, und nur ausnahmsweise wird dieses -Ergebniss in unmerklich geringem Grade eintreten, sei es, dass der -Betreffende eine hinreichend gute Verdauung hat, um erheblich mehr -essen und trinken zu können als bisher, sei es, dass die Linie der -richtigen Mischung für ihn ohnehin schon sehr nahe an der reinen -Pflanzenkost lag. - -Da diese Behauptungen nicht streng zu erweisen sind, ebensowenig wie -diejenigen der Vegetarianer und der Schwärmer für möglichst reine -Fleischkost, zwischen denen sie in der Mitte liegen, so können wir über -diesen Punkt hinweggehen; wir können es um so eher, als selbst die -Vegetarianer sich meist damit begnügen, auf anderm Wege zu begründen, -dass ihre Pflanzenkost die allein rationelle sei. Sie sagen nämlich, -die Pflanzenkost ist im Stande, dieselbe chemische Zusammensetzung -der Speisen zu liefern wie die Fleischkost, ist also nicht geringer -an Nährwerth als diese; sie schützt aber vor den Gefahren, welche die -Fleischkost mit sich führt, ist also in Summa besser als diese. - -Nun ist es zwar richtig, dass Pflanzenkost dieselbe chemische -Zusammensetzung der Speisen liefern kann wie Fleischkost, aber es -ist unrichtig, den Nährwerth der Speisen bloss nach ihrer chemischen -Zusammensetzung zu schätzen. Vielmehr ist derselbe ebensosehr -durch den Verdaulichkeitsgrad der Speisen wie durch ihre chemische -Zusammensetzung bedingt, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass -der Procentsatz der von den dargebotenen Nährstoffen assimilirten -Nährstoffe entscheidet, sondern ausserdem noch mit Berücksichtigung -der bei der Verdauung gleicher Procentsätze verbrauchten lebendigen -Kraft. Der Vorzug der Fleischkost für den Organismus liegt darin, -dass sie nicht nur einen grösseren Procentsatz der dargebotenen -chemischen Stoffe assimiliren lässt, sondern auch dem Organismus bei -der Assimilirung gleicher procentualischer Mengen eine geringere -Arbeitsleistung zumuthet. Der Nährwerth eines Stoffes ist proportional -der bei normaler Verdauung assimilirbaren Quote desselben +abzüglich+ -desjenigen Theils derselben, welcher das Aequivalent der bei der -Verdauung verbrauchten lebendigen Kraft darstellt, und vom Organismus -vorweggenommen werden muss, um nur den status quo vor der Verdauung -wieder herzustellen. Lässt man zwei Gruppen von Sperlingen gleiche -Zeit hungern und bietet dann der einen Gruppe Körnerfutter, der -anderen gehacktes rohes Fleisch, so erholt sich ein weit grösserer -Procentsatz bei letzterer als bei ersterer Behandlung; d. h. die -Leichtverdaulichkeit einer Speise fällt um so mehr ins Gewicht, je -weniger lebendige Kraft ein Organismus für die Verdauungsarbeit noch -übrig und verfügbar hat. - -Nun haben alle einigermassen leichtverdaulichen pflanzlichen -Nahrungsmittel einen im Vergleich zum Fleisch nur sehr geringen -Nährwerth; dagegen gehören die einzigen Pflanzenstoffe, deren chemische -Zusammensetzung mit derjenigen des Fleisches wetteifern kann, die -Hülsenfrüchte und Pilze, zu den am allerschwersten verdaulichen -Nahrungsmitteln. Deshalb fällt es auch den Vegetarianern gar nicht -ein, ihre Mahlzeiten durch hinreichenden Zusatz von Hülsenfrüchten -der chemischen Zusammensetzung einer Fleischmahlzeit anzunähern, weil -schon der Instinkt sich gegen solche tägliche Belastung des Magens -mit Hülsenfrüchten sträuben würde; vielmehr begnügen sie sich mit -Mahlzeiten von viel geringerem theoretischem Nährwerth als Fleisch und -benutzen das Vorhandensein der Hülsenfrüchte mehr nur als theoretisches -Argument. Aber auch diejenigen Pflanzenstoffe, welche einen erheblich -geringeren theoretischen Nährwerth haben als Fleisch, sind trotzdem für -einen normalen menschlichen Organismus immer noch schwerer verdaulich -als Fleisch. Hiernach ist jede auf die Dauer erträgliche Pflanzenkost -sowohl um vieles ärmer an Nährstoffen als die Fleischkost, als auch -schwerverdaulicher als diese, so dass die vegetarianische Behauptung, -dass beide im Nährwerth gleichstehen, den Thatsachen in jeder Hinsicht -widerspricht. - -Dass das Fleisch von kranken Thieren, besonders wenn es nicht gut -gekocht oder gebraten ist, Krankheiten im Gefolge haben kann, -ist ebensowenig zu bestreiten, wie dass man durch den Genuss von -ungekochten Pflanzenstoffen (Salaten etc.) krank werden kann; den -Finnen und Trichinen stehen die Eier des Hundebandwurms gegenüber, -die im Menschen zum verderblichen Echinococcus auswachsen. Rohe -Pflanzentheile und rohes Fleisch sind beide gefährlich, gekocht beide -ungefährlich, besonders da wo gute Gesundheitspolizei gehandhabt -und für den Verlust an erkranktem oder unbrauchbarem Schlachtvieh -Entschädigung geleistet wird. Völlig haltlos ist die vegetarianische -Behauptung, dass auch sogenanntes gesundes Fleisch, weil es sich -beim Genuss in dem mit der Leichenstarre beginnenden Stadium der -Fäulniss befinde, ein schädliches Reizmittel sei, welches besonders -auf die Nerven und die Herzthätigkeit verderblich einwirke. Will man -jede rückschreitende Metamorphose Fäulniss nennen, so ist auch die -Verdauung ein Fäulnissprocess, und befinden sich dicke Milch, Butter, -Käse, alle gegohrenen Getränke und alles Hefegebäck oder Honiggebäck -ganz ebenso und in noch höherem Grade im Zustande der Fäulniss wie -gesundes Fleisch, das bekanntlich einige Tage nach dem Schlachten viel -gesünder und leichter verdaulich ist als unmittelbar nach demselben, -und zwar deshalb, weil die rückschreitende Metamorphose vor dem -Genuss dem Verdauungsprocess einen Theil seiner Arbeit erspart. Dass -ein mässiger Genuss gesunden Fleisches für Nerven und Herzthätigkeit -„verderblich“ sei, ist geradezu aberwitzig, und nicht minder grundlos -ist die Behauptung, dass erst der Fleischgenuss zum Missbrauch von -Gewürzen und Spirituosen verleite; denn der Missbrauch von Gewürzen -ist am grössten bei Gemüsen, Mehlspeisen und Gebäck, nicht bei reinen -Fleischspeisen, den meisten Branntwein konsumiren die kartoffelessenden -Irländer und die kohlessenden Polen und Russen, und die Naturvölker -stürzen mit gleicher Gier auf das importirte Feuerwasser, mögen sie an -Pflanzenkost oder gemischte Kost gewöhnt sein. Wenn die Vegetarianer -sich darauf beschränken wollten, den Genuss rohen Fleisches als -gesundheitsgefährlich zu bekämpfen und auf Verbesserung der das -Schlachtvieh betreffenden Gesetze und Einrichtungen hinzuwirken, -so wären sie ebenso sehr im Recht, wie sie jetzt über das Ziel -hinausschiessen, wenn sie allen Fleischgenuss als gesundheitsgefährlich -bekämpfen. Selbst bei dem früheren Fehlen aller Vorsichtsmassregeln -war doch der Procentsatz der Geschädigten so unerheblich, dass er -gar nicht in Betracht kommen konnte gegen den Nachtheil, welchen die -gänzliche Enthaltung vom Fleischgenuss der Leistungsfähigkeit des -Volkes zugefügt haben würde. Es muss demnach der Versuch des Beweises, -dass die Pflanzenkost bei gleichem Nährwerth geringere Nachtheile als -die Fleischkost im Gefolge habe und darum vorzuziehen sei, in beiden -Theilen als missglückt gelten. - -Aber wenn die Pflanzenkost nicht rationell heissen kann in Bezug auf -den einzelnen, der sie geniesst, so könnte sie darum doch rationell -sein in Bezug auf die Völker, welche sie annehmen, und dies in solchem -Masse, dass selbst die Nachtheile, die sie für den einzelnen hat, -dagegen zurücktreten müssen. In der That behaupten die Vegetarianer, -dass allgemeiner Uebergang zur Pflanzenkost den Speiseluxus beseitigen -und dadurch einen Hauptgrund zur neidischen Unzufriedenheit der -ärmeren Klassen aus der Welt schaffen würde. Nun ist zuzugeben, dass -nichts so sehr den Neid der Armen erregt, als die Fleischtöpfe der -Wohlhabenderen, die ihnen unerschwinglich sind, d. h. dass die sociale -Frage noch weit mehr Fleischfrage als Brodfrage ist; allein dies -spricht gerade gegen den Vegetarianismus, und beweist, dass derselbe -die letzten Triebfedern des Völkerlebens verkennt. Die Sehnsucht -nach den Fleischtöpfen wird in den Massen niemals erlöschen, auch -wenn alle gebildeten Stände behufs Lösung der socialen Frage zu -Vegetarianern würden, und eben darum ist die sociale Frage, insofern -sie „Fleischfrage“ ist, auf diesem Wege nicht zu lösen. Anderseits -würde schon heute jeder Deutsche täglich Fleisch essen können, also aus -diesem Grunde die Reichen nicht mehr zu beneiden brauchen, wenn er es -nicht vorzöge, das dazu für ihn und seine Familie mehr als ausreichende -Geld für sich allein auf Schnaps, Bier und Cigarren zu verwenden. Wenn -der Vegetarianismus seine Agitation gegen diese gesundheitsschädlichen -und socialgefährlichen Genussmittel richten wollte, so wäre mit einem -Erfolg auf diesem Felde die sociale Frage, soweit sie „Fleischfrage“ -ist, von selbst mitgelöst. Uebrigens ist es ein Irrthum, dass der -Speiseluxus bloss an Fleischspeisen gebunden ist; er kann sich in der -vegetarianischen Küche ebensogut entfalten, und würde sich ohne Zweifel -in derselben zu gleichen Uebertreibungen verirren, sobald es nur erst -eine grössere Anzahl sehr reicher Vegetarianer gäbe. - -Eine andere Frage ist die, wie sich die Ernährung der Menschheit in -einer Zukunft gestalten wird, in welcher alle Erdtheile so dicht -bevölkert sein werden wie jetzt Europa. Diese Fragen haben nicht -wir zu lösen, die wir heute ebensowenig im Stande wären, ohne -Getreideeinfuhr zu leben als ohne Vieheinfuhr. Sollte einmal alles -Schlachtvieh von der Erde verschwinden und jede Wiese zum Acker -werden, von dessen Früchten sich die Menschen unmittelbar ernähren -müssen, dann wird die Menschheit jener fernen Zukunft sicherlich -einen Charakter energieloser Mittelmässigkeit zeigen, ebenso wie es -heute die vorwiegend vegetarianischen Völker thun. Denn es scheint, -dass die Pflanzenkost zahmer, sanfter, geduldiger, indolenter, -unfähiger zu hervorragenden körperlichen und geistigen Leistungen, -unfähiger zur Initiative, zu energischen Entschliessungen, kurz, -passiver, willenloser, quietistischer und geistloser macht, und -dass es nur die passiven Tugenden und das vegetative Traumleben -(Somnambulismus u. dergl.) sind, welche durch dieselben begünstigt -werden. Für die vegetativen und reproduktiven Aufgaben des Lebens, -wie sie bei Landleuten und beim weiblichen Geschlecht überwiegen, mag -Pflanzenkost ausreichen, nicht aber für die gesteigerten Anforderungen -an gesteigerte Produktivität, wie das moderne Kulturleben der Städte, -insbesondere der Grossstädte, sie an die arbeitenden Männer stellt. -Mit dem Fleischgenuss seiner kulturtragenden Minderheit hört ein Volk -auf, eine aktive Rolle in der Geschichte zu spielen und verzichtet -auf die thätige Mitarbeit am Kulturprocess, welche einen durch blosse -Pflanzenkost nicht zu erzielenden Ueberschuss an geistiger Energie über -die Bedürfnisse des vegetativen Lebens hinaus erfordert. Nur solche -religiöse und philosophische Weltanschauungen können ohne Widerspruch -mit sich selbst den Vegetarianismus als wesentlichen Bestandtheil in -sich aufnehmen, welche keine Entwickelung, keinen Fortschritt, keinen -realen Weltprocess, kurz keine aktiven sittlichen Kulturaufgaben -der Menschheit anerkennen, sondern in einem entwickelungslosen -Traumidealismus und dem davon unabtrennbaren passiven Quietismus -befangen sind. - -Die reine Pflanzenkost ist nach alledem ebensowenig rationell wie -naturgemäss; sie ist vielmehr ebenso kulturwidrig wie naturwidrig. -Es bleibt nur noch die letzte Begründung des Vegetarianismus -durch Humanitätsrücksichten zu erörtern. Nun kann es aber keine -angebliche Humanitätsrücksicht geben, welche im Stande wäre, etwas -zu rechtfertigen, das zugleich naturwidrig und kulturfeindlich ist; -wäre wirklich jede Abweichung von reiner Pflanzenkost so inhuman, -wie die Vegetarianer behaupten, so müsste man diese Inhumanität -ruhig mit in den Kauf nehmen, um nicht gegen die sittliche Pflicht -der Menschheit zur Erfüllung ihrer Kulturaufgabe zu verstossen, und -könnte die Verantwortung für solche Inhumanität getrost der Vorsehung -anheimgeben, welche unsere Natur so eingerichtet hätte, dass wir nur -auf inhumanem Wege unsere Mission erfüllen könnten. In der That tritt -aber bei dem Streit um die Humanität eine Verschiebung der Frage ein, -welche von den Vegetarianern in der Regel geflissentlich verdunkelt -wird. Die Behauptung, dass es inhuman sei, Milch, Butter, Käse und -Eier zu geniessen, würde in den heutigen Ansichten unseres Volkes kein -Verständniss finden; deshalb beschränken sich die Vegetarianer auf die -Behauptung, dass das Tödten von Thieren zum Zweck des Fleischgenusses -inhuman sei. Die Humanitätsrücksicht dient also nur zur Begründung -jenes Vegetarianismus der laxeren Observanz, welcher nicht die -Nahrungsmittel animalischer Herkunft, sondern nur den Fleischgenuss als -solchen bekämpft. - -Nun ist es zweifellos, dass man mit einer richtigen Mischung aus -Pflanzenkost und Milch, Butter, Käse und Eiern vortrefflich bestehen -und allen Anforderungen des Lebens genügen kann; eine solche Kost ist -aber eben keine Pflanzenkost, sondern eine gemischte Kost, also eine -zwar naturgemässe und rationelle, aber eben nicht vegetarianische -Diät. Wäre die Behauptung der Vegetarianer, dass reine Pflanzenkost -die allein naturgemässe und rationelle Diät ist, richtig, so müsste -die gemischte Kost, gleichviel ob ihre animalischen Bestandtheile von -lebenden oder todten Thieren stammen, naturwidrig und irrationell -sein; ist sie das aber nicht, so ist eben damit jene Behauptung des -Vegetarianismus preisgegeben. Wenn die Fleischkost nun insoweit -verwerflich ist, als sie das Tödten lebender Geschöpfe zum Verspeisen -herbeiführt, nicht aber sofern die Produkte lebender Thiere umfasst, -dann ist damit zugestanden, dass nicht die animalische oder -vegetabilische Herkunft der Nahrungsmittel als solche, sondern die -näheren Umstände ihrer Erlangung, nicht die Angemessenheit an unsere -Organisation und Lebenszwecke, sondern Rücksichten, die auf einem -ganz anderen Gebiet liegen, für die Entscheidung massgebend sind. Da -die Bedenken gegen das Fleisch als gelegentlichen Krankheitsträger -schon oben erledigt sind, so müssten diese Vegetarianer der laxeren -Observanz zugeben, dass die Erweiterung ihrer Tafelgenüsse durch Braten -und Fisch ihnen sehr erwünscht sein müsste, wenn nur ein Engel ihnen -diese Speisen vom Himmel brächte mit der Versicherung, dass sie nicht -von getödteten Thieren entnommen, sondern durch ein Wunder geschaffen -seien. Dies ist also ein principiell anderer Standpunkt, und es ist -inconsequent, beide miteinander verknüpfen zu wollen; die Vertreter -dieses Standpunkts sollten ihn als Antikannibalismus streng vom -Vegetarianismus unterscheiden. - -Das Humanitätsargument stellt nämlich das Verzehren von getödteten -Thieren dem Verzehren von getödteten Menschen, d. h. dem Kannibalismus, -gleich, insofern auch die Thiere als unsere Brüder im Reiche des Lebens -zu betrachten seien. Dieses Argument beweist schon darum nichts, weil -es zu viel beweist. Es ist eine oberflächliche und unwissenschaftliche -Volksmeinung, dass ein Eidotter eine homogene Flüssigkeit und nicht -ebensogut ein lebendes und empfindendes Individuum wie etwa ein -Spanferkel sei; es ist ein Vorurtheil, dass nur die Thiere unsere -Brüder im Reiche des Lebens und der Empfindung seien, die Pflanze aber -nicht. Es ist reine Willkür, die Grenzlinie, jenseits deren wir das -Lebendige zum Verzehren tödten dürfen, zwischen Thier und Pflanzenreich -zu ziehen; ein anderer könnte mit gleichem Recht oder Unrecht diese -Grenze zwischen Wirbelthieren und Wirbellosen, ein dritter zwischen -Warmblütern und Kaltblütern, ein vierter zwischen den Affen und den -übrigen Säugetieren, ein fünfter zwischen den anthropoiden und den -übrigen Affen ziehen. Dies alles ist grundlose Willkür der subjektiven -Meinung und aus wissenschaftlichem Gesichtspunkt gleich unhaltbar; aus -letzterem giebt es nur zwei in sich consequente Standpunkte, zwischen -denen man zu wählen hat. - -Entweder nämlich muss man die Grenze zwischen der organischen und -anorganischen, der lebendigen und leblosen Natur ziehen, oder aber -zwischen der Species, zu welcher wir gehören, und allen übrigen -Specien. Im ersteren Falle verzichtet man auf alle organisirten, d. -h. lebendigen und lebensfähigen Nährstoffe (wozu alle Blätter, Keime -und Samen gehören) und auf alle organischen Nährstoffe, die nur durch -Tödtung von lebenden Pflanzen oder Pflanzentheilen zu erlangen sind, -und beschränkt sich auf solche organische Nährstoffe, welche nicht -mehr lebensfähige natürliche Sekrete von Pflanzen oder Reste von schon -abgestorbenen Pflanzen sind, oder auf noch zu erfindende künstliche -Nährstoffe, die von der synthetischen Chemie aus unorganischen -Stoffen im Laboratorium zu bereiten sind. Im letzteren Falle dagegen -beschränkt man den Kannibalismus, wie die Natur selbst es im ganzen -Thierreich thut, auf die Individuen der eigenen Species; denn jedes -Thier frisst ungescheut Thiere anderer Art, scheut aber mit seltenen -(teleologisch besonders zu begründenden) Ausnahmen vor dem Verzehren -von seinesgleichen zurück. Im ersteren Falle verabscheut man das -Verzehren von zerstückelten Leichen als Kannibalismus, gleichviel ob -die getödteten Brüder aus dem Reiche des Lebens Thiere, Pilze oder -Pflanzen sind, und respektirt die Heiligkeit und Unantastbarkeit des -Lebens in jeder Gestalt; im letzteren Falle erkennt man die grossen -Gradverschiedenheiten der Verwandtschaft mit anderen Lebewesen an -und zieht die Grenze für den Kannibalismus da, wo die Natur sie uns -durch den eigenen Instinkt und die Analogien des gesammten Thierreichs -vorgezeichnet hat. Die Wahl in dieser Alternative scheint mir nicht -schwer; will man seine Kost nicht auf vermodertes Laub und abgestorbene -Pilze beschränken, so muss man sich nothgedrungen für die andere Seite -der Alternative entscheiden, verliert dann aber auch das Recht, von der -Inhumanität des Fleischgenusses zu reden. - -Dass die Jagd ein inhumanes Handwerk ist, kann gar nicht bestritten -werden; denn ihre Art, zu tödten, ist bei Treibjagden grausam, -immer unsicher und oft qualvoll für verwundetes und entkommenes -Wild. Die Jagd ist aber in den Kulturländern ohnehin auf den -Aussterbeetat gesetzt, und auch bei uns, wo der Grundadel sie noch -künstlich als Ueberbleibsel aus roheren Zeiten kultivirt, ist doch -der Procentsatz des gejagten Wildes ein sehr kleiner unter allem -getödteten Vieh. Dass auch das Schlächterhandwerk noch nicht auf der -Höhe unserer heutigen Humanitätsanforderungen steht und in dieser -Richtung verbesserungsbedürftig ist, kann man ebenso zugeben und -nur wünschen, dass der Vegetarianismus an diesen beiden Punkten die -berechtigten Thierschutzbestrebungen unterstütze. Der Einwurf, dass das -Schlächterhandwerk verroht, fällt weg, wenn nur noch mit zweckmässigen -Schlachtmasken geschlachtet, und eventuell das Eintreiben des Stiftes -von einer durch blossen Fingerdruck auszulösenden mechanischen Kraft -bewirkt wird; zu entbehren ist jedes Schlächterhandwerk auch dann -nicht, wenn man das Fleisch der getödteten Thiere wegwirft, so lange -überhaupt noch Zuchtvieh gehalten wird. Wenn man nun annähme, dass -nur Zuchtvieh zur Verzehrung gelangte, das auf rationelle Weise -geschlachtet wäre, so könnte eine Inhumanität nicht mehr zugegeben -werden. Sterben müsste ja jedes Schlachtthier doch einmal, und wenn -der Mensch ihm einen Tod bereitet, der schneller und schmerzloser -als der natürliche ist, so ist das eher eine positive Humanität zu -nennen. Wenn alle Menschen auf Fleisch verzichteten und statt dessen -Milch und deren Ableitungsprodukte genössen, so würde man mindestens -ebensoviel Vieh wie jetzt züchten müssen, müsste aber, falls man das -Schlachten für inhuman hielte, für die nicht mehr milchenden Kühe -Alterversorgungsanstalten und für alle männlichen Kälber Asyle anlegen, -in denen sie bis zu ihrem natürlichen Tode zwecklos verpflegt würden. -Wenn dagegen alle Menschen zur reinen Pflanzenkost übergingen, so würde -gar kein Vieh mehr gezüchtet werden; nach der üblichen optimistischen -Auffassung muss es aber ein positiver Gewinn für die Lustbilance der -Welt sein, dass der Mensch im allgemeinen Kampf ums Dasein Thieren das -Leben gönnt, die sich bis zu ihrem schnellen schmerzlosen Tode des -Lebens freuen können, und selbst vom pessimistischen Standpunkt aus -würde man einen Menschheitsbeschluss, die Hausthierrassen gänzlich -auszurotten, mindestens nicht seiner Humanität wegen rühmen können. -Wenn man übrigens ohne Milchkühe nicht auskommt und vernünftigerweise -die ausgedienten Milchkühe und die männlichen Kälber nicht zwecklos -weiter füttern kann, sondern schlechterdings tödten muss, so ist -nicht abzusehen, warum man deren Fleisch fortwerfen soll, statt es zu -verzehren. Solange man ferner noch Wollschafe hält, gilt das nämliche -für den zu reichlichen Nachwuchs der Schafherden. Damit ist aber ein -Zustand als human und vernünftig anerkannt, der ganz mit dem heute -bestehenden zusammenfällt, und das Princip des Mitleids hat damit -jedes auch nur scheinbare Recht zum Mitsprechen in der Ernährungsfrage -eingebüsst. - -Der Versuch, die Inhumanität des Fleischgenusses mit objektiven -Gründen nachzuweisen, ist hiernach als gescheitert zu betrachten und -es bleibt dem Vegetarianismus nur die letzte Zuflucht offen, sich auf -das Gefühl zu berufen. Wenn jemand erklärt, es sei gegen sein Gefühl, -das Fleisch von einem Thier zu essen, nicht nur von einem solchen, das -er lebend geliebt oder doch lebend gekannt oder gar selbst getödtet -hat, sondern auch von einem solchen, das er nicht gekannt hat und das -von einem anderen getödtet ist, so ist darüber nicht zu streiten, -und man kann jedem seine Gefühle und die Berücksichtigung derselben -gönnen, so lange er dadurch anderen nicht unbequem, also namentlich -gegen anders Fühlende nicht intolerant und agressiv wird. Niemand -wird einem Tischnachbarn Braten aufdrängen, wenn derselbe erklärt, -der Fleischgenuss widerstrebe seinem Gefühl; wenn mir aber mein -vegetarianischer Nachbar vorwirft, mein Fleischessen sei inhumaner, -barbarischer Kannibalismus, so weise ich ihn mit der Entgegnung zurück, -sein vegetarianisches Gefühl sei eine verschrobene, zimperliche -Sentimentalität ohne objektive Begründung. - - - - -II. - -Unsere Stellung zu den Thieren. - - -Die Thiere sind mit uns gleichen Geschlechts, wenn auch nicht gleicher -Art, unsere Vettern älterer Linie, gleichviel ob man in diesem -Ausdruck nur ein Bild oder die treffende Bezeichnung einer wirklichen -genealogischen Verwandtschaft sehen will. Sie sind nach gleichem -Grundtypus gebaut, und ihr natürliches Leben verläuft in den gleichen -natürlichen Verrichtungen wie das unsrige; aber auch ihr Seelenleben -zeigt dieselben Grundfunktionen (Vorstellung und Wille nebst Gefühl), -denselben Widerstreit zwischen Selbstsucht und socialen Instinkten, -und dieselbe geistige Grundanlage für Geberden- und Wortsprache, -wie die relative Verständnissfähigkeit aller höheren Thiere für die -menschliche Wortsprache und die Fähigkeit einiger zur Nachahmung -keineswegs unverstandener Worte beweist. Der Unterschied zwischen -Thier und Mensch ist nur ein solcher des Grades; er wird nur dadurch -scheinbar zu einem Unterschiede der Art, dass alle Säugethiere ausser -dem Menschen stumm sind und darum in ihrem geistigen Leben auch nur -mit stummen Menschen verglichen werden dürfen. Ein Stummer, der nicht -künstlich und mühsam zum Verständniss und Gebrauch der Schriftsprache -erzogen ist, findet sich ebenso wie das Thier auf unartikulirte -Laute und Geberden beschränkt; sein Denken ist allemal anschaulicher -als dasjenige Redender von sonst gleicher Bildungsstufe, aber es -entbehrt doch nicht der Begriffe, wenn es sie auch nicht mit Worten -bezeichnen kann, und vollzieht ebensogut eine logische Verknüpfung der -(anschaulichen und begrifflichen) Vorstellungen wie dasjenige Redender. -In demselben Sinne können wir auch dem anschaulichen Vorstellungsleben -der Thiere weder Begriffe noch logische Verknüpfung der Vorstellungen, -d. h. eigentliches Denken, absprechen, so dass man hier vergeblich -eine scharfe Grenzlinie zwischen Mensch und Thier sucht. Nur weil -die Menschen allmählich eine Wortsprache ausgebildet und den so -entwickelten Wortsprachsinn auf ihre Nachkommen vererbt haben, sind -stumme Menschen soviel bildungsfähiger als Thiere, denen sie sonst auch -der Art nach gleich stehen würden, wogegen der blödsinnige Mensch tief -unter dem normalen Thiere steht. - -Dass wir zu den Thieren in moralischen Beziehungen stehen, ist -hiernach zweifellos; die sittliche Verpflichtung, Niemanden zu -verletzen, vielmehr jedem nach Kräften zu helfen, bezieht sich -auf alle empfindenden Lebewesen ohne Ausnahme, gleichviel ob man -dieselben als Mitgeschöpfe desselben Herrgotts, als Kinder desselben -Vaters im Himmel, als natürliche Vettern älterer Linie, oder als -objektive Erscheinungen desselben Einen Weltwesens betrachtet. Die -moralischen Beziehungen des Menschen zu den Thieren bestehen auch -unabhängig davon, ob das einzelne Thier seinerseits zu einer mehr -oder minder vollkommenen oder unvollkommenen Auffassung dieser -Beziehungen im Stande ist, und ob es fähig und gewillt ist, die -Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft des Menschen zu erwidern; das -wäre eine traurige Sorte von Moralität, die von der Gegenseitigkeit -der Leistungen abhängig gemacht würde, und nur da gäbe, wo sie auf -Entgelt oder Lohn von der andern Seite hoffen dürfte. Damit ist aber -nicht ausgeschlossen, dass die moralischen Beziehungen befestigt und -mit reicherem Inhalt erfüllt werden, wo beide Theile zu einander -in ein gemüthliches Verhältniss oder in ein stillschweigendes -Vertragsverhältniss gegenseitiger Leistungen eintreten; denn in solchem -Falle würde das einfache Unrecht einer Verletzung durch Verwickelung -mit Untreue, Undank, Unbilligkeit u. s. w. erschwert. Diese Erschwerung -tritt auch dann ein, wenn die Thiere kein Bewusstsein davon haben, dass -sie dem Menschen durch ihren erzwungenen Gehorsam Dienste leisten; es -genügt, dass der Mensch die Dienste der Thiere annimmt, beziehungsweise -erzwingt, um ihn zu den entsprechenden billigen Gegenleistungen -moralisch zu verpflichten. - -Das Thier ist somit moralisches Rechtssubjekt, d. h. das Subjekt -derjenigen moralischen Forderungs-Rechte, welche den moralischen -Pflichten des Menschen ihm gegenüber korrespondiren, und deren -Verletzung für den Menschen ein moralisches Unrecht ist; dagegen kann -der Mensch an das Thier keine höheren moralischen Ansprüche stellen, -als insoweit dessen Fassungsvermögen ihm das Verständniss seiner -moralischen Beziehungen zum Menschen gestattet, hat aber dafür das -moralische Befugniss-Recht, das Thier zwangsweise zu den ihm dienlichen -Leistungen zu verwenden. - -Alle bisherigen Rechtssysteme lassen als juridische Rechtssubjekte nur -menschliche Individuen oder statutenmässig festgestellte menschliche -Zwecke (moralische Personen) zu. Es ist kein begrifflicher Grund -abzusehen, warum ein Rechtssystem nicht auch Thiere als juridische -Rechtssubjekte zulassen sollte, da doch blödsinnige Menschen als solche -gelten. Es ist aber ein Missverständniss des Unterschiedes zwischen -moralischen und juridischen Rechten und Pflichten, zu behaupten, dass -von Rechtswegen (d. h. aus dem Gesichtspunkt eines eingebildeten -und seinem eigenen Begriff widersprechenden Naturrechts oder -Vernunftrechts) eigentlich die Thiere auch juridische Rechtssubjekte -sein müssten. Das juridische Recht ist immer positiv, d. h. historisch, -und kann seiner Natur nach immer nur einen Theil der Sphäre des -moralischen Rechts umfassen; welche Theile der Sphäre des moralischen -Rechts in das juridische Rechtssystem, d. h. in die positive -Rechtsordnung durch die Gesetzgebung aufzunehmen seien, kann niemals -selbst wieder von juridischen Erwägungen abhängen, sondern nur durch -Rücksichten der Zweckmässigkeit und Opportunität bedingt sein. - -Dass aber ein dringendes Bedürfniss aus Zweckmässigkeitsgründen -bestände, durch Gesetzgebung die juridische Rechtsfähigkeit der Thiere -in unser Rechtssystem einzuführen, das ist entschieden zu bestreiten. -Vor allem würde die Lage der Thiere durch eine solche Aenderung ihrer -formalen Stellung zur Rechtsordnung inhaltlich gar nicht berührt -werden, da ihre Rechte doch immer nur durch Vertretung von Menschen -würden wahrgenommen werden können, wie sie es jetzt nöthigen Falls auch -schon werden (wenn z. B. eine alte Dame eine Summe für die Pensionirung -ihres Lieblingshundes ausgesetzt hat). Die einzige wünschenswerthe -Aenderung der Gesetzgebung in Betreff der Thiere ist die, dass Rohheit -oder Bosheit in deren Behandlung nicht bloss straffällig sein muss, -wenn sie öffentliches Aergerniss giebt, sondern auch, wenn sie als -eine insgeheim erfolgte, oder als eine vor zustimmenden Zuschauern -stattgehabte nachgewiesen werden kann. Diese Abänderung hat aber mit -der Erhebung der Thiere zu juridischen Rechtssubjekten gar nichts zu -thun, denn die Gemeingefährlichkeit des in solcher Handlungsweise -sich offenbarenden Charakters genügt für sich allein schon, um -den Staat in diesem Falle ähnlich wie bei anderen Verbrechen, wo -keinem Rechtssubjekt ein Unrecht geschieht, an seine Pflicht des -Schutzes der Gesellschaft durch rechtzeitige Bekämpfung derartiger -gemeingefährlicher Charaktereigenschaften zu erinnern. - -Unser juridisches Verhältniss zu den Thieren ist somit nur indirekter -Art; unser Rechtssystem zieht die moralischen Beziehungen der Menschen -zu den Thieren nur so weit in seine Sphäre, als die Interessen der -+menschlichen Gesellschaft+ durch dieselben berührt werden, zu deren -Sicherstellung und Schutze die Rechtsordnung allein errichtet ist. -Es ist also unrichtig, unser juridisches Verhältniss zu den Thieren -darum als ein direktes aufzufassen, weil unser moralisches Verhältniss -zu denselben ein solches ist; es ist aber auch ebenso unrichtig, die -Unmittelbarkeit des letzteren darum zu bezweifeln oder zu bestreiten, -weil das erstere ein bloss mittelbares ist. Wir haben nicht deshalb -uns der Verletzung der Thiere zu enthalten, weil eine solche unsrer -Menschenwürde nicht gemäss, oder unserem pflichtmässigen Streben nach -Selbstvervollkommnung hinderlich, oder von anderweitigen ungünstigen -Rückwirkungen auf den Handelnden und die menschliche Gesellschaft -sein würde, sondern zuerst und vor allem deshalb, weil wir das -moralische Recht jedes empfindenden Lebewesens ohne Ansehen von Stand -oder Person, also auch ohne Ansehen von Rasse, Species und Genus zu -respektiren haben. Diese Achtung vor allen lebendigen und fühlenden -Mitgeschöpfen (mag man sie nun auf die Achtung vor dem Schöpferwillen -oder auf die Wesenseinheit der verschiedenen Erscheinungsindividuen -gründen) ist einfach eine Forderung der (moralischen) Gerechtigkeit; -denn „Gerechtigkeit“ besagt in letzter Instanz nichts andres als die -Anerkennung der „Gleichgültigkeit des empfindenden Subjekts“.[4] - -Wie die moralischen Beziehungen unter Menschen, so müssen -auch diejenigen zwischen Thier und Mensch vor allem auf dem -unerschütterlichen Grunde der (moralischen) Gerechtigkeit ruhen; nur -aus diesem rationalistischen Moralprincip ist eine deutliche und -scharf bestimmte Grenzlinie des Verhaltens abzuleiten, nicht aus den -schwankenden Principien der Gefühlsmoral. Letztere sind unentbehrlich, -theils um die Motivationskraft des gerechten Verhaltens zu verstärken, -theils um innerhalb des von der Gerechtigkeit gelassenen Spielraums -dem positiven Wohlwollen zur Geltung zu verhelfen; aber sich selbst -überlassen sind sie gerade die stärksten Verführer zu ungerechtem und -unbilligem Verhalten, und es ist ganz unmöglich, die Gerechtigkeit -aus einem einzelnen Gefühlsmoralprincip (z. B. dem Mitleid) oder aus -der Summe derselben abzuleiten. Wer sich in seinem Verhalten zu den -Thieren von der Gerechtigkeit leiten lässt, der wird so wie so, ob er -mitleidig ist oder nicht, dem Thiere nichts Unbilliges zumuthen oder -zufügen, und das Mitleid käme bei ihm nutzlos hintennach gehinkt, -wenn es mitsprechen wollte; wer aber sich von dem Mitleid, der -Gutmüthigkeit und Weichherzigkeit bestimmen lässt, der wird in seinem -Verhalten nur durch Zufall mit den Forderungen der Gerechtigkeit -gelegentlich übereinstimmen, und oft genug dieselben verletzen. Wenn -der weichherzige Thierfreund eine arme Familie keuchend einen schwer -belasteten Handwagen ziehen und schieben sieht, so neigt er stets dazu, -sich zum Anwalt des mitangespannten überbürdeten Hundes aufzuwerfen und -zu Gunsten desselben die überbürdeten Menschen noch mehr zu überbürden; -er vergisst dabei nur, dass der gut behandelte Familienhund es als sein -Recht und seine Ehre betrachtet, sich mit seinen Herren mitzuplagen, -und dass die Menschen bei ihrer scheinbar freiwilligen Quälerei oft -weit mehr unter der Geissel eines zwingenden Schicksals stehen und weit -schwerer unter diesem harten Zwange leiden, als das vom Menschen zur -Arbeit gezwungene Thier. So lange die Menschen noch im Schweisse ihres -Angesichts ihr Brod verdienen und zeitweilig über ihre Kräfte sich -anstrengen müssen, wird es eine Ungerechtigkeit bleiben, ihnen jede -auch nur zeitweilige Ueberanstrengung der Arbeitsthiere zu verwehren. -Eine Ueberanstrengung der Arbeitsthiere aus unzureichenden Gründen -ist dagegen ebenso ungerecht wie unvernünftig und bedarf zu ihrer -Verurtheilung nicht erst des Mitleids. - -Das Mitleid ist bekanntlich ein zweischneidiges Schwert: insoweit es -Unlust ist, drängt es ebensosehr dazu, den Anblick der Gelegenheiten -seiner Entstehung durch Ausweichen zu meiden als diejenigen -abzustellen, deren Anblick man auf keine Weise aus dem Wege gehen -kann; soweit es aber ein Gefühl ist, das dazu anlockt, seine Anlässe -aufzusuchen, ist es ein Lustgefühl und als solches verleitet -es zugleich dazu, die zu bemitleidenden Leiden nicht nur nicht -abzustellen, sondern geradezu erst recht herbeizuführen. Das Mitleid -ist der Grausamkeitswollust eng verwandt, und es ist ganz irrthümlich -zu glauben, dass Giftmischer oder Thierquäler aus Passion kein Mitleid -mit ihren Opfern empfinden, da sie ohne eine starke Emotion des -Mitgefühls gar keine so starke Lust aus dem fremden Leid schöpfen -könnten. Deshalb geht man fehl, wenn man glaubt, den passionirten -Thierquäler durch Erweckung seines Mitleids von seiner verworfenen -Neigung abbringen zu können; erst wenn man ihn nöthigt, sich selbst als -das von einem andern in gleicher Weise gequälte Wesen vorzustellen und -durch diese Vorstellung sein Gerechtigkeitsgefühl zur Reaktion bringt, -wird man hoffen dürfen, einen Erfolg zu erzielen. Denn selbst von einem -andern gequält zu werden, empfindet jeder als ein angethanes Unrecht, -so dass es nur der Abstraktion von der Individualität des Gequälten und -des Quälers bedarf, um das Unrecht auch bei der Umkehrung einzusehen. - -Auf der andern Seite schiesst das Mitleid mit den Thieren über das -Ziel hinweg, indem es keine Rücksicht darauf nimmt, ob wir uns mit -denselben im Kriegs- oder Friedenszustande befinden. Nun befindet -sich aber die Menschheit mit allen Thierarten im Kriegszustande, -denen gegenüber sie sich im Kampfe ums Dasein zu behaupten hat, und -nur mit denjenigen im Friedenszustande, welche im Kampf ums Dasein -mit der übrigen Thierwelt entweder helfende Bundesgenossen oder doch -wenigstens Neutrale sind. Die Religion des Mitleids, der Buddhismus, -verlangt, dass man sich ruhig von Tigern fressen, von Giftschlangen -und Scorpionen stechen, von Läusen peinigen lässt, wenn man kein -Mittel besitzt, sich ihnen auf friedlichem Wege zu entziehen, -stempelt aber die Tödtung eines dieser Thiere zu einem todeswürdigen -Verbrechen, durch das man allen sonst etwa erworbenen Anspruch auf -Heiligkeit wieder einbüsst. Die Absurdität dieser Folgerung zeigt die -Unhaltbarkeit des Princips, von dem sie richtig abgeleitet ist. - -Der Kampf ums Dasein ist nicht minder ein Krieg aufs Messer, wo er ein -indirekter, d. h. Wettbewerb um die Mittel des Lebens ist; deshalb ist -es ebensosehr eine Existenzfrage für die Menschheit, dass sie das Wild -und die Schmarotzer des Feldes und Hauses (Mäuse, Ratten, Ameisen) bis -zur Vernichtung bekämpft. Jedes Stück Nahrungsmittel, dessen sich ein -Thier bemächtigt, obwohl es zur Ernährung eines Menschen hätte dienen -können, verschlimmert die Situation der auf der Hungergrenze lebenden -Glieder der Menschheit; jedes Mitleid auf diesem Gebiet opfert einen -Menschen, um ein Thier zu retten, wenn sich auch der dabei geopferte -Mensch nicht mit dem Finger zeigen lässt. Aus diesem Gesichtspunkt ist -jeder Luxus in der Erhaltung überflüssiger Thiere mit Nahrungsmitteln, -die für Menschen hätten dienen können, ein Unrecht an der Menschheit; -dabei ist es gleichgültig, ob die betreffenden Nahrungsmittel den -Menschen direkt oder indirekt, d. h. durch Ernährung von nützlichen -Thieren hätten dienen können. Nicht als unnütz dürfen solche Thiere -gerechnet werden, welche der Belehrung (in zoologischen Gärten) oder -der Befriedigung von Gemüthsbedürfnissen dienen (Stubenhunde, -Katzen, --Vögel etc.); noch weniger sind es die Thiere, welche dem Menschen -bei der Jagd, beim Kampf gegen Schmarotzer, bei der Bewachung seines -Eigenthums, bei seiner Ortsbewegung oder seinen sonstigen Arbeiten -Beistand leisten, oder welche zur Produktion von Nahrungsmitteln und -Bekleidungsstoffen gezüchtet werden. Aber auch solche Thierarten -müssen in ihrer Vermehrung so weit beschränkt werden, dass ihre -Zahl nicht über die zum Nutzen des Menschen erforderliche Grösse -hinauswächst, weil der Ueberschuss zu den überflüssigen Verzehrern von -Nahrungsmitteln gehören würde. - -Der Kampf gegen die schädlichen und unnützen Thierarten so wie -derjenige gegen eine schädliche Vermehrung der relativ nützlichen -Thierarten ist eine Pflicht des Menschen gegen die Menschheit; da die -Menschheit höhere sittliche und Kulturaufgaben zu lösen hat als das -Thierreich, so steht auch die Pflicht gegen die Menschheit der Pflicht -gegen die Thiere voran, und die mitleidige Gutmüthigkeit, welche sich -im gegebenen Falle nicht zur Tödtung der Thiere entschliessen kann, ist -ebenso unsittlich wie die Weichherzigkeit eines Familienvaters, der -seinen Kindern das Brod wegnimmt, um es dem an seiner Thüre bettelnden -arbeitsscheuen Landstreicher zu reichen, oder wie die Empfindsamkeit -einer alten Jungfer, die ihren fetten Mops mit Braten und Zuckerbrod -füttert, während ihre Dienstboten sich mit Kochfleisch und Schwarzbrod -begnügen müssen. - -Jede Gattung im Naturhaushalt braucht einen Regulator, der ihr -Ueberwuchern verhindert; einer der wichtigsten dieser Regulatoren -ist der Mensch und seine bezüglichen Pflichten im Naturhaushalt -sind um so ausgedehnter und dringlicher geworden, je mehr er die -übrigen Regulatoren (die Raubthiere) von der Erde verdrängt hat. Wenn -er jetzt, wo er in Kulturländern für die meisten Arten grösserer -pflanzenfressender und allesfressender Thiere sich zum einzigen -Regulator gemacht hat, sich durch mitleidige Regungen abhalten lässt, -seines Amtes zu walten, so verletzt er nicht nur seine Pflichten gegen -die Menschheit sondern auch seine Pflichten gegen die gesetzmässige -Ordnung des irdischen Naturhaushaltes und die Erhaltung ihres -Gleichgewichts. Ueberall wo es an regulirenden Raubthieren fehlt, -führt solche Sentimentalität sich sehr bald praktisch ad absurdum, wie -die Frösche der Abderiten beweisen, oder die 49 Katzen, welche der -gemüthvolle junge Dichter ein Jahr nach seinem Verbot der Tödtung des -ersten Wurfes besass. So gelangt die Sentimentalität gegen die Thiere -gar leicht dazu, sich lächerlich zu machen, nämlich überall da, wo zwar -ihre absurden Konsequenzen in die Anschauung fallen, wo aber nicht ihre -indirekte Schädlichkeit und principielle Unsittlichkeit zum Bewusstsein -kommt (deren Ernsthaftigkeit den komischen Eindruck der ersteren -verhindern würde). - -Die empfindsame Weichherzigkeit ist in sittlicher Hinsicht eine höchst -bedenkliche Eigenschaft[5], und man darf sich darum auch nicht wundern, -wenn man diesen ihren bedenklichen Charakter auch in ihrem Einfluss auf -unsre Verhältnisse zu den Thieren bestätigt findet. Ueberall wo man -einem Menschen begegnet, der sich durch übermässige Zärtlichkeit und -ostentative Weichherzigkeit gegen Thiere auszeichnet, ist der Verdacht -gerechtfertigt, dass man es mit einem Individuum zu thun habe, welches -für seinen Mitmenschen nicht viel übrig hat und welches die aus seiner -mangelhaften Pflichterfüllung gegen letztere auf seinen Charakter zu -ziehenden Schlussfolgerungen durch ein Uebermaass von Rücksichtnahme -und Wohlthätigkeit gegen die Thiere vor sich selbst, oder auch nur -vor Andern, zu entkräften sucht. Oft ist es nur das instinktive -Streben nach einer Herstellung des sittlichen Gleichgewichts, was -die zu wenig Gerechtigkeit in sich fühlenden Menschen dahin drängt, -ein übertriebenes Gewicht auf ihr „gutes Herz“ zu legen; oft ist es -geradezu die Lieblosigkeit des angeborenen Charakters, welche zum -Gegengewicht gegen den unklar gefühlten Mangel, zu einer gewaltsamen -Pflege des Mitleids und der Barmherzigkeit führt; nicht selten aber -ist es gradezu der Menschenhass und die Missachtung des eignen -Geschlechts, welche gleichsam eine gewaltsame Zusammendrängung aller -verfügbaren Gefühlswärme in das Verhältniss zu den Thieren zur Folge -hat. Die versauerte alte Jungfer, der verbitterte Misanthrop, der -Menschenverächter auf dem Throne, der kalt-grausame Ketzerrichter, -der blutdürstige Revolutionsheld, das sind die Typen, bei denen die -Ueberzärtlichkeit für die Thiere ihren Gipfel zu erreichen pflegt. - -Wer sein Verhältniss zu den Thieren aus dem Gesichtspunkt der -Gerechtigkeit regelt, der wird auch dann die Inferiorität des Thieres -niemals vergessen, wenn er mit einem bestimmten thierischen Individuum -in ein engeres Freundschaftsverhältniss tritt; nur ein solcher wird -fähig sein, dem Thiere die grösste Wohlthat angedeihen zu lassen, -welche der Mensch ihm erweisen kann: die Erziehung, während das gute -Herz nur zu verziehen, d. h. zu verderben versteht. Wer sich zu den -Thieren nicht hingezogen fühlt und sich damit begnügt, ihnen kein -Unrecht zu thun, der kann darum doch das warmherzigste und wackerste -Mitglied der menschlichen Gesellschaft sein; wer aber für die Thiere -eine empfindsame Ueberzärtlichkeit entwickelt, dessen Charakter möge -man nicht minder mit Misstrauen begegnen wie einem, der sie zu seinem -Vergnügen martert. Freilich können auch traurige Erfahrungen und -unverschuldetes Unglück den Menschen zur Vereinsamung geführt haben, -und einem solchen wird man es gerne gönnen, wenn sein verödetes Herz -die letzte Zuflucht zu der Thierwelt nimmt; aber in der Regel liegt der -gemüthlichen Vereinsamung eine Schuld zu Grunde, eine Missachtung und -Nichterfüllung der Ansprüche, welche die menschliche Gesellschaft an -jedes ihrer Glieder zu stellen berechtigt ist. - -Die vorstehenden Bemerkungen dürften genügen zum Erweise, dass das -Mitleid kein brauchbares Princip zur Feststellung der ethischen -Grenzlinie des Verhaltens gegen die Thiere ist, dass vielmehr diese -Grenzlinie nur durch die Gerechtigkeit gezogen werden kann, welche -dem Thiere giebt, was des Thieres ist, aber auch dem Menschen giebt, -was des Menschen ist, und welche die Pflichten gegen die Menschheit -und den Naturhaushalt der Erde als die höheren im Vergleich mit den -Pflichten gegen die Thiere anerkennt. Wir alle ohne Ausnahme sind nicht -nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, den Kampf ums Dasein der -Menschheit gegen die Thierwelt mitzukämpfen, also die schädlichen und -unnützen Mitbewerber um die irdischen Bedingungen des Lebens zu tödten; -wir sind aber ebenso verpflichtet, bei diesem Kampfe jede unnütze Härte -und Grausamkeit zu vermeiden. Das nämliche gilt für unsre Benutzung -der Thiere zur Förderung der menschlichen Kulturzwecke, sowohl was -die Verwendung thierischer Arbeitskraft, also auch was die Förderung -der Wissenschaft und Heilkunst durch Anstellung von Experimenten -anbetrifft. - -Die moderne Naturwissenschaft hat ihren Rang als exakte Wissenschaft -wesentlich durch die experimentelle Grundlage ihres induktiven -Verfahrens gewonnen, und kann das Experiment nicht aufgeben, ohne -vom Range einer exakten Wissenschaft wieder herunter zu steigen. Nun -können Experimente über physiologische und pathologische Processe nur -an lebenden Körpern gewonnen werden, und jeder Arzt muss fortwährend -an seinen Patienten experimentiren. Jedes neue Heilmittel, jedes -neue Gift, jeder neu entdeckte chemische Stoff muss auf seine -physiologische Wirkung am lebenden Körper experimentell geprüft werden, -jede neue kühne chirurgische Operation muss ein Mal zum ersten Mal -an einem lebenden Organismus versucht werden. Die Erforschung der -Krankheitsursachen, insbesondere der organischen Krankheitsträger kann -nur durch ausgedehnte Impfversuche mit den Züchtigungsergebnissen der -Reinkulturen fortschreiten; die Ergründung der Funktionen verschiedener -Theile des centralen Nervensystems kann nur durch experimentelle -Eingriffe in den normalen Lebensprocess gefördert werden. Oft genug -schon hat die Begeisterung für den Fortschritt der Wissenschaft junge -Aerzte dahin geführt, an sich selbst solche Versuche anzustellen, die -manchmal mit dem Leben bezahlt wurden; den Steinschnitt verdanken -wir einem französischen Arzte, der vom König die Erlaubniss erhielt, -einen zum Tode verurtheilten, steinleidenden Verbrecher zum ersten -Versuchsobjekt zu nehmen. - -Solche physiologischen Versuche können für ihre Objekte mit gar -keinen oder geringfügigen Unbequemlichkeiten verbunden sein (wie -z. B. manche Fütterungsversuche); sie können äusserst lästig sein, -ohne dass irgend ein Eingriff in den Organismus stattfindet (z. B. -die dauernde Einsperrung in eine enge Glasglocke zur Bestimmung der -Ausathmungsgase); sie können endlich schweres Siechthum und mehr -oder minder sichern Tod herbeiführen (wie z. B. die Impfungsversuche -mit Krankheitsträgern, oder die quantitative Feststellung der -Giftwirkungen). Wer irgend mit der modernen Physiologie, Pathologie und -Medicin vertraut ist, der weiss, dass die Zukunft dieser Wissenschaften -ganz und gar von einer rationellen Fortführung solcher Versuche, und -zwar im ausgedehntesten Maassstabe abhängt; wer einer andern Ansicht -huldigt, befindet sich im Widerspruch mit der erdrückenden Mehrheit -der Vertreter jener Fächer. Selbst dann, wenn die entgegengesetzte -Ansicht, dass alle Thierversuche überflüssig und nutzlos für die -Wissenschaft seien, im Rechte wäre, und selbst dann, wenn es gelänge, -die gesetzgeberischen Konsequenzen dieser Ansicht zu ziehen, d. h. -alle Thierversuche zu verbieten, würde doch dieses Verbot wirkungslos -sein; die Forscher, welche oft genug muthig genug sind, an sich selbst -gewagte Versuche anzustellen, würden heimlich die Thierversuche um -so eifriger fortsetzen, als ihnen eventuell von Seiten einer nach -ihrer Meinung unvernünftigen Gesetzgebung das Martyrium zu Ehren der -Wissenschaft in Aussicht stände. - -Anstatt den alten Grundsatz „fiat experimentum in corpore vili“ -der Thierwelt gegenüber ausser Kraft setzen zu wollen, sollte man -vielmehr ernstlich in Erwägung ziehen, ob es nicht rathsam und -geboten sei, Verbrecher als corpora vilia zu benutzen; d. h. den zur -Todesstrafe Verurtheilten freizustellen, ob sie statt der Hinrichtung -ein lebensgefährliches Experiment an sich vornehmen lassen wollen, -und den zu geringeren Strafen Verurtheilten anheimzugeben, ob sie -ihre Strafe durch Preisgebung zu mehr oder weniger schmerzhaften -und quälenden Versuchen abbüssen wollen. Die Wissenschaft und die -Gefängnissverwaltungen würden davon gleichmässig Vortheil, das Recht -und das Publikum keinen Nachtheil haben, und den Verbrechern würde -nichts geschehen, wozu sie nicht eingewilligt haben. Ein solches Gesetz -würde mit einem Schlage alle sentimentalen Klagen über ungerechte -Behandlung der Thiere durch die Naturforscher gegenstandlos machen, -indem sie dem Thierversuch den Menschenversuch anreihte; denn wenn man -den Thieren nichts anthun dürfte, wozu man nicht ihre Zustimmung vorher -eingeholt hätte, so dürfte man sie auch nicht gegen ihren Willen tödten -oder zu Arbeiten anhalten. - -Dass keine Gesetzgebung im Stande ist, Missbräuche zu verhüten, -liegt ebenso auf der Hand, wie dass eine Sache um so mehr dem -Missbrauch ausgesetzt ist, je edler und je wichtiger sie ist. Die -beste und wirksamste Vorkehrung gegen missbräuchliche Behandlung -der Thierversuche liegt in einer sorgfältigen Unterweisung der -Studierenden über die zweckmässige technische Anstellung derselben, -über ihre Leistungsfähigkeit und Tragweite; das gesetzliche Verbot, -die Thierversuche in die Lehrvorträge aufzunehmen, würde nur die -entgegengesetzte Wirkung haben, d. h. der unverständigen und -ungeschickten Pfuscherei auf diesem Gebiete Vorschub leisten. Die -inhaltliche Erwägung, ob der eventuelle Nutzen bestimmter Versuche -wichtig genug ist, um die den Versuchsthieren zugefügten Leiden -zu rechtfertigen, liegt selbstverständlich ganz ausserhalb der -gesetzgeberischen und richterlichen Zuständigkeit und kann nur durch -Sachverständige festgestellt werden, d. h. sie muss letzten Endes doch -dem Takt und Gewissen der in ihren Fachkreisen tonangebenden Forscher -anheimgestellt bleiben. Die öffentliche Meinung hat die Aufgabe, -durch ihre Stimme das Gewissen der Forscher in dieser Richtung zu -schärfen und ihren Takt zu verfeinern; sie kann aber diese Aufgabe -nicht schlechter erfüllen, als wenn sie das Kind mit dem Bade -ausschüttet und durch ihren Unverstand die Forscher an den Gedanken -gewöhnt, dass sie sich um die jedenfalls unmögliche Zufriedenstellung -einer irregeleiteten öffentlichen Meinung überhaupt nicht mehr zu -bekümmern brauchen. Das jetzt so beliebte Schlagwort „Vivisektion“ -benutzt das Grauen der meisten Laien vor dem chirurgischen Messer -und dem fliessenden Blut als Schreckgespenst zur Verwirrung der -Urtheilsfähigkeit; nur der kleinste Theil der Thierversuche bedient -sich chirurgischer Eingriffe, und diese brauchen gar nicht besonders -schmerzhaft zu sein und sind mindestens durchschnittlich nicht -diejenigen unter den Thierversuchen, welche mit den schwersten Leiden -für die Objekte verknüpft sind. - - - - -III. - -Die Gleichstellung der Geschlechter. - - -Niemand wird der excentrischen Ansicht einiger Physiologen beistimmen, -dass der männliche wie der weibliche Organismus nur ein Appendix der -bezüglichen Fortpflanzungswerkzeuge, ein zur Sicherstellung ihrer -Funktionen unentbehrlicher Hülfsapparat sei; aber dennoch liegt in -dieser Uebertreibung eine Wahrheit, die von allen Denjenigen übersehen -wird, welche für Gleichheit der Geschlechter schwärmen. In dem -physiologischen Geschlechtscharakter des Mannes und Weibes ist nicht -nur ein Unterschied, sondern geradezu ein Gegensatz anzuerkennen, -und dieser auf keine Weise aus der Welt zu schaffende Gegensatz ist -bestimmend für das gesammte natürliche und geistige Leben der Menschen. -Dieser Gegensatz ist derjenige von Aktivität und Passivität, von -Begehren und Gewähren, Werben und Umworbensein; er besteht nicht nur -in der Gesellschaft der Unverheiratheten, sondern setzt sich auch -im ehelichen Leben fort. Ein Mann von geschlechtlicher Passivität -erscheint als ein hinter seiner natürlichen Aufgabe zurückbleibender, -unmännlicher Mann; ein Weib von geschlechtlicher Aktivität erscheint -als ein ihre Sphäre überschreitendes, unweibliches Weib. Wären beide -aktiv, so würde das Geschlechtsleben alle übrigen Seiten des Lebens -überwuchern; wären beide passiv, so würde der Naturzweck nicht mehr -hinlänglich gesichert sein. Darum erscheint es als eine teleologische -Einrichtung der Natur, dass das eine Geschlecht seinem normalen -Instinkte nach aktiv, das andere passiv ist, und es heisst die -Zweckmässigkeit dieser Natureinrichtung verkennen, wenn man dem einen -oder dem andern Geschlechte aus seiner Naturanlage einen Vorwurf macht, -oder wenn man dahin strebt, die socialen Folgen und Erscheinungsformen -dieses Gegensatzes künstlich abzustumpfen und auszugleichen. Wenn -dieses Bestreben in weiterem Umfange von Erfolg gekrönt wäre, so müsste -es das männliche Geschlecht unmännlich, oder das weibliche unweiblich -machen, oder beides zugleich in gewissem Grade, und die üblen Folgen -für die Erhaltung der Bevölkerung könnten nicht lange ausbleiben. - -Wäre der Mann nicht begehrend, so hätte das Weib nichts zu gewähren, -was dem Manne werthvoll schiene, so hörte damit auch die Macht des -weiblichen Geschlechts über das männliche auf. Denn diese Macht beruht -lediglich darauf, dass das Weib etwas zu gewähren hat, was der Mann -begehrt, und dass die geschlechtliche Passivität dem Weibe das Versagen -leichter macht, als dem Manne das Entsagen. Diese Macht ist aber -auch so gross, dass überall und in allen Völkern die thatsächliche -Beherrschung des männlichen Geschlechts durch das weibliche trotz -des äusseren Scheines vom Gegentheil die Regel bildet; das durch sie -hergestellte Verhältniss überdauert gewohnheitsmässig die Periode der -geschlechtlichen Bethätigung und drückt dem ganzen socialen Leben sein -Siegel auf. So lange man diese auf dem Geschlechtsgegensatz beruhende -geheime Uebermacht des weiblichen Geschlechts nicht brechen kann, -muss als nothwendiges Gegengewicht gegen dieselbe eine rechtliche -Vorherrschaft des männlichen Geschlechts aufrecht erhalten werden, um -das Gleichgewicht nur einigermassen wieder herzustellen. Gelänge es -dagegen den Vorkämpfern für Geschlechtergleichstellung, alle Vorrechte -der Männer in Staat und Gesellschaft, in Recht und Sitte zu beseitigen, -so würde damit eine Periode der reinen Weiberherrschaft inaugurirt -werden, wie nicht die Geschichte, nur die Sage sie bisher kennt. -Die Schwärmerei für abstrakte Gleichstellung schlägt also praktisch -mit Nothwendigkeit in ihr Gegentheil um, weil sie die wirksamsten -Thatsachen ignorirt, sofern dieselben sich der Regelung durch -gesetzliche Schablonen entziehen. - -Erst in zweiter Reihe kommt die Erwägung in Betracht, dass die -Gefühlsmässigkeit des weiblichen Handelns, welche in der Familie und -der Geselligkeit so wohl am Platze ist, schlechterdings ungeeignet -ist zur Ordnung der öffentlichen Angelegenheiten, in denen es auf -Alleinherrschaft der Vernunft ankommt. Gerechtigkeit und Billigkeit -würde nach dem Eintritt der Frauen ins öffentliche Leben noch weit -weniger anzutreffen sein, als jetzt, dagegen würde der Nepotismus -und die Intriguenwirthschaft noch mehr Boden gewinnen, und das ganze -öffentliche Leben würde sich immer mehr zu dem vermittelungslosen -Gegensatz zwischen einem pfäffisch gegängelten Gefühlskonservatismus -und einem demagogisch verhetzten, fanatischen Radikalismus zuspitzen. -Statt einer Stimme würde jede Frau über zwei verfügen, es sei denn, -dass ihr Mann bereit wäre, den häuslichen Frieden und das Familienglück -seiner politischen Ueberzeugung zum Opfer zu bringen. In allen -katholischen Ländern wäre der Sieg der klerikalen Partei besiegelt und -für die Dauer gesichert, und die Gesammtheit der unter ultramontanen -Ministerien stehenden, d. h. von Rom aus geleiteten Staaten würden -eine Macht darstellen, die ausreichte, den allmählichen Triumph des -jesuitischen Papstthums auf der ganzen Erde zu verbürgen; Niemand hätte -also mehr Anlass auf politische Gleichstellung der Frauen hinzuwirken, -als die Ultramontanen, und für Niemand arbeiten die Vorkämpfer der -Frauen-Emancipation in höherem Maasse als für die katholische Kirche. - -Weil die Fortpflanzungsfunktion, die vom Manne nur gelegentlich und -nebenbei ausgeübt wird, ohne ihn in seinem sonstigen Berufe zu hindern, -dem Weibe die schwersten Lasten auferlegt und als der Höhepunkt -und Angelpunkt des weiblichen Lebens erscheint, darum ist auch der -weibliche Organismus in weit höherem Grade als der männliche auf diese -Funktion hin veranlagt und durchgebildet, und findet in ihr seinen -Schwerpunkt, wie der männliche in den Funktionen des Gehirns und der -willkürlichen Muskeln. Ein Maass an körperlicher oder geistiger Arbeit, -das der männliche Organismus ganz wohl ohne Nachtheil verträgt, richtet -den weiblichen Organismus bald zu Grunde, oder nutzt ihn wenigstens -in viel kürzerer Zeit ab. Schwere körperliche Arbeit konsumirt die -weibliche Leistungskraft viel rascher, als die männliche, führt zu -vorzeitigem Alter und Erschöpfung, setzt die Widerstandsfähigkeit -gegen Krankheitseinflüsse herab und kürzt durch alles dies die -Lebensdauer ab. Noch weit schädlicher wirkt angestrengte geistige -Arbeit auf den weiblichen Organismus, denn das weibliche Gehirn und -Nervensystem verträgt lange nicht soviel, wie das männliche, weshalb -schon die Erziehung und geistige Ausbildung beider Geschlechter stets -eine verschiedene bleiben muss. Am ehesten verträgt der weibliche -Körper eine Berufsthätigkeit, in welcher leichte körperliche und -leichte geistige Arbeit gemischt ist, und dem Körper nur mässige -Bewegung zugemuthet wird. Diese Berufsarten (Schneiderei, Gärtnerei, -Kleinhandel, Küche und Hauswirthschaft, Kinder- und Krankenpflege) -sind aber doch zu beschränkt, um jemals eine Gleichstellung des Lohnes -der weiblichen Arbeit mit der männlichen zu ermöglichen. Selbst bei -dem Klassenunterricht kleinerer Kinder nutzt die weibliche Lehrkraft -sich soviel schneller ab, dass die Ersparnisse am Lehrergehalt durch -Mehrbelastung des Pensionsfonds in Folge früherer Pensionirung -aufgewogen werden. Das weibliche Geschlecht bleibt darum in der -Hauptsache -- und ganz besonders in den die Kultur tragenden und -fördernden Gesellschaftsschichten -- doch immer auf die Ernährung durch -die Arbeit des männlichen angewiesen, wofür seine sociale Gegenleistung -in der Hauswirthschaft, Fortpflanzung und Kinderpflege besteht. - -Auf dem Gebiete der gesellschaftlichen Sitte ist die Schwärmerei für -Gleichstellung und gleiche Beurtheilung der Geschlechter nicht minder -verkehrt, wie auf demjenigen der Politik und der Berufsarbeit. Entweder -gehen die Emancipationsbestrebungen dahin, dass auch dem Weibe alles -erlaubt sein müsse, was dem Manne von der Sitte gestattet ist -- -dann führen sie zu einer alles Familienleben zerrüttenden und das -Volkswohl untergrabenden Libertinage; oder der Gleichheitsformalismus -tritt moralisirend auf und verbietet dem Manne jede Freiheit, die dem -Weibe durch die Sitte versagt ist, dann führt er zu einem lächerlichen -Rigorismus, welcher der Natur Unmögliches zumuthet und den Rückschlag -in sein Gegentheil oder in heuchlerischen Pharisäismus unvermeidlich -macht. - -Nur in einem Punkte ist die Forderung, dass der Mann ebensowenig -Freiheit haben dürfe, wie die Frau unbedingt zuzugeben, nämlich in -der monogamischen Ehe, deren Wesen gleiche Treue von beiden Seiten -und gleiche sittliche Beherrschung etwaiger instinktiver Velleitäten -zur Untreue erheischt. Aber selbst hier bleibt die Wahrheit bestehen, -dass die Verletzung der Treue von Seiten des Mannes und von Seiten -der Frau einen ganz verschiedenen Grad der Missbilligung hervorruft, -weil sie ganz verschiedene sociale Folgen nach sich zieht, weil die -eine sich ausserhalb, die andere innerhalb der Familie vollzieht, weil -die eine das Verhältniss der Kinder zu den Eltern und Geschwistern -unberührt lässt, die andere es völlig zerstört oder doch durch Zweifel -untergräbt. Der Mann einer notorisch untreuen Frau hat nur die Wahl, -entweder Vaterpflichten gegen untergeschobene Bastarde zu üben, oder -seine eigenen Kinder durch Scheidung mutterlos zu machen; kann er -die Untreue nicht juridisch beweisen, so bleibt ihm nicht einmal -diese Wahl, sondern er muss sich der empörenden Nothwendigkeit fügen, -Kindern, die er nicht für die seinigen halten kann, Kindesrechte -gegen sich einzuräumen. Schon der blosse Verdacht vergiftet das -Familienleben, weil es immer das eigene Nest ist, das die etwaige -Untreue der Frau beschmutzt. Dagegen lässt die Untreue des Mannes, weil -sie ausserhalb des Kreises der Familie fällt, den Familienstand und -die Stellung der Frau als Mutter und Hausherrin intakt, wenn sie auch -den Rechten und Gefühlen der letzteren eine moralische, und möglicher -Weise auch dem Familienwohlstand eine materielle Schädigung zufügt. -Darum hat die gekränkte Frau freie Wahl, ob sie unversöhnlich auf ihrem -formellen Recht der Scheidung bestehen, oder ob sie vergeben und ihren -Kindern das gemeinsame Familienleben erhalten will; das Vergeben ist -ohne Beeinträchtigung ihrer Würde möglich, was bei dem gekränkten Manne -nicht der Fall ist, und darum hat allein die Frau das Vorrecht, sich -mit der göttlichen Milde des Verzeihens zu schmücken, welche den Mann -in gleicher Lage verächtlich macht. - -Viel durchgreifender, als in der ehelichen Treue sind die aus dem -Geschlechtsgegensatz abfliessenden Unterschiede in Bezug auf das -Leben vor der Ehe. Ein Mann, welcher gegen das geschlechtliche -Vorleben des zu wählenden Weibes gleichgültig ist (wie gewisse -spekulative Heirathsannoncen es verkünden) macht sich verächtlich; -ein Weib dagegen, welches ohne Zweifel an der Ehrenhaftigkeit eines -Bewerbers daran Anstoss nimmt, dass er schon vor der Bewerbung um -sie geschlechtlich aktiv war, macht sich lächerlich (so z. B. die -Heldin in Björnson’s Schauspiel: „Der Handschuh“). Wäre der Mann -nicht geschlechtlich aktiv, so würde er sich an der Freundschaft mit -Frauen genügen lassen, und höchstens noch aus äusserlichen, nicht -zur Sache selbst gehörigen Motiven zur Ehe sich entschliessen; jedes -feinfühlige Weib sträubt sich aber mit Recht dagegen, bloss aus -solchen äusseren Motiven zur Ehe begehrt zu werden. Kann also das -Weib nur bei einem seiner Natur nach geschlechtlich aktiven Mann -erwarten, um ihrer selbst willen geheirathet zu werden, so ist es -eine naturwidrige und unverständige Forderung, dass diese Aktivität -bis zur Bekanntschaft mit ihr habe latent bleiben und erst bei ihrem -Anblick erwachen sollen. Umgekehrt dagegen hat der Mann das Recht, -ein weibliches, das heisst geschlechtlich passives Weib in seiner -Erkorenen vorauszusetzen, mit anderen Worten eine Jungfrau, die auf -den Mann ihrer Wahl gewartet hat, um sich von ihm aus dem träumenden -Schlummer zum wachen Liebesleben wecken zu lassen. Es liegt der höchste -Reiz für das männliche Liebeswerben darin, ein noch unbeschriebenes -Blatt vorzufinden, in das er seine Schriftzüge eingraben kann, eine -noch reine Passivität, d. h. eine noch potentielle Gegenliebe, die -er erst durch seine Aktivität zur Aktualität erhebt. Darum gilt die -Jungfräulichkeit der Braut als selbstverständliche, stillschweigende -Voraussetzung der Eheschliessung, und jede Täuschung über dieselbe -als gesetzlicher Ehescheidungsgrund, ebensogut wie Ehebruch. Wollte -man aber dem entsprechend auch die Jungfräulichkeit der Bewerber zur -Bedingung gültiger Ehen machen, so würden in der Hauptsache nur noch -solche Männer legitime Familien gründen, deren physiologischer Defekt -die Fortpflanzung ihrer Naturanlage nicht wünschenswerth macht, und es -würde durch die Zuchtwahl mehrerer Generationen bei schnell abnehmender -Bevölkerung eine Sorte von Männern producirt werden, die gar nicht mehr -an Verheirathung denkt. - -Ein Mädchen, das sein Lebensglück ihrem Bewerber anzuvertrauen im -Begriff steht, thut freilich wohl, alle thatsächlichen Anhaltspunkte -in Betracht zu ziehen, welche zur Erschliessung seines Charakters -beitragen können, und zu solchen gehört zweifellos in erster Reihe -die Art seines Verhaltens gegen andere Frauen, zu denen er bereits -in Beziehung gestanden hat; aber es kommt dabei nicht sowohl auf die -Thatsache an, dass er schon vorher andere Verhältnisse angeknüpft -hatte, als vielmehr darauf, wie er sich in denselben benommen hat, -und vor allen Dingen, wodurch dieselben gelöst worden sind. Einen als -schuldigen Theil geschiedenen Ehemann zu heirathen, ist mindestens ein -Wagniss, über dessen üblen Ausfall sich kein Weib nachher beklagen -kann. Auch bei Vermeidung jeder Unehrenhaftigkeit treten oft genug die -bedenklichsten Charakterzüge, wie Leichtsinn, Selbstsucht, Genusssucht, -Rücksichtslosigkeit, Unverträglichkeit, Hartherzigkeit, Undankbarkeit, -Frivolität u. s. w. zu Tage, welche jedes besonnene Mädchen davon -abschrecken müssen, sich einem solchen Charakter anzuvertrauen. Aber -es ist dies offenbar etwas ganz anderes, als die Forderung, dass der -Mann keine andern Verhältnisse angeknüpft haben solle, und darf mit ihr -nicht verwechselt werden. War das Verhalten desselben vorwurfsfrei, so -bietet vielmehr ein so in den Prüfungen des Lebens bewährter Bewerber -eine ungleich grössere Bürgschaft als ein gleichaltriger Unerprobter. -Wenn es auch zweifelhaft sein mag, ob der Mann zwei Frauen zugleich -wahrhaft lieben könne, so ist es doch unzweifelhaft, dass er mehrere -nach einander mit ganzem und vollem Herzen lieben könne, und die -Behauptung, dass nur Eine Liebe die wahre sei, ist eine unstatthafte -Verallgemeinerung eines für die weibliche Empfindungsweise wahren -Satzes auf den Menschen als solchen. - -Der Organismus des Mannes bleibt davon völlig unberührt, wenn derselbe -aus einem Junggesellen zum Gatten und Vater wird; er empfängt nichts -zu dem Seinigen hinzu und wird durch das, was er giebt, nicht ärmer. -Das Weib hingegen verhält sich nicht gebend, sondern empfangend -und tritt dadurch in ein ganz neues physiologisches Lebensstadium, -das ihren Organismus bis in seine kleinsten Theile alterirt. Eine -Mutter hat überdiess Monate lange mit einem zweiten Organismus in -Blutaustausch gelebt, dessen Blutbereitung nur zur Hälfte durch die -ererbten mütterlichen, zur andern Hälfte durch die ererbten väterlichen -Eigenschaften bestimmt war, sie hat also ihre Gewebe theilweise mit -einem Blute ernährt, das zur Hälfte durch ihren Gatten bestimmt war, -und hat dadurch Eigenschaften des letzteren in gewissem Grade in -sich aufgenommen, welche zwar in ihr latent bleiben, desto mehr aber -in Kindern einer späteren Ehe wieder zu Tage treten können (was man -ungenau so ausdrückt, dass diese Einflüsse in ganz besonderem Maasse -auf die Fortpflanzungssphäre wirken). Der Gatte einer Wittwe findet -also kein unbeschriebenes Blatt mehr vor, sondern einen in gewissem -Grade durch seinen Vorgänger mitbestimmten Organismus, mit dessen -Vererbungstendenzen die seinigen erst den Kampf aufzunehmen haben. -Ein Weib giebt sich demnach in der That ihrem Gatten mit Seele +und -Leib+ hin, ein Mann seiner Gattin bloss mit der Seele, und mit dem -Leibe nur insofern, als er die Verpflichtung übernimmt, für sie mit -zu arbeiten. Mit diesem physiologischen Unterschiede der Rückwirkung -der Ehe auf beide Geschlechter hängt der Gegensatz im Instinkt beider -Geschlechter auf das engste zusammen. So lange die Schwärmer für -Gleichstellung der Geschlechter jenen physiologischen Unterschied -nicht wegdekretiren können, werden sie vergeblich an dem Gegensatz der -Instinkte rütteln und werden mit einer beide Unterschiede ignorirenden -socialen Gleichmacherei nur widernatürliche Zerrbilder liefern, die an -ihrer inneren Absurdität scheitern. - -Hiermit soll keineswegs auf die Wiederverheirathung der Wittwen ein -Stein geworfen werden, obwohl die Frivolität, mit welcher dieser -Gegenstand nur zu häufig in Lustspielen und Romanen behandelt wird, -des deutschen Volkes nicht würdig ist. Eine kinderlose Wittwe oder -geschiedene Frau, oder eine solche, die nicht selbst in der Erziehung -ihrer Kinder ihre Lebensaufgabe suchen und finden kann, oder die -allein dieser Aufgabe sich nicht gewachsen fühlt, soll auf keine Weise -gehindert werden, ihren Lebensberuf in einer zweiten Ehe zu suchen, -insbesondere, wenn sie in ihrer ersten Ehe die wahre Liebe noch nicht -durchlebt hat; aber eine Mutter wird immer wohl thun, zunächst in der -Erziehung ihrer Kinder ihre dringendste Lebensaufgabe zu sehen, und -wird, wenn sie diese ernst und pflichttreu erfasst, selten Grund haben, -nach einem weiteren Feld für die Bethätigung ihrer Kräfte auszuspähen. -Ein Mann braucht sich durch die Wittwenschaft seiner Geliebten nicht -von der Verbindung mit derselben abhalten zu lassen, aber er soll sich -darüber klar sein, dass diese Wittwenschaft ein Punkt ist, über den -er sich hinwegsetzen muss, und dass die Frau es durch ungewöhnliche -persönliche Vorzüge verdienen muss, dass er sich über diesen Punkt -hinwegsetzt. Ein Mädchen dagegen, das einen Wittwer heirathet, hat -sich, was seine Person anbetrifft, über gar nichts hinwegzusetzen, -kann sich vielmehr freuen, dass es einen schon von ihrer Vorgängerin -erzogenen und gezähmten Mann bekommt. - -Aehnlich ist der Unterschied zwischen einem Manne, der schon einmal -Bräutigam war, und einem Mädchen, das schon einmal Braut war. Der -erstere bleibt davon in seinem Werthe unberührt, sofern nur die Lösung -der Verlobung ohne seine Schuld erfolgt ist; die letztere, auch wenn -sie ganz schuldlos an dem Auseinandergehen ist, gleicht einer Waare, -die Havarie erlitten hat, und deren Werth dadurch im Preise gesunken -ist. Mag sie die weibliche Passivität in ihrem Brautstand noch so wohl -bewahrt haben, so ist doch die latente Pontentialität ihrer Passivität -aufgehoben, die Jungfräulichkeit ihres Herzens nicht mehr intakt, der -Duft von den Schmetterlingsflügeln abgestreift. Nur einmal kann das -Weib praktisch lernen, was Liebe ist, und es ist schmerzlich für den -Liebenden, nicht derjenige sein zu können, der es sie lehrt. Wohl -treibt ein vom Frühlingsfrost verletzter Baum eine zweite Laubkrone -empor, aber so reich und üppig, wie die erste, wird sie nicht; so -entfaltet auch das Mädchenherz eine zweite Blüthe, wenn die erste vor -der Reife verwelken musste, aber seine volle und ganze Blüthenpracht -breitet es doch nur da aus, wo die zum ersten Mal erwachende Liebe -ungestört mit ganzer Kraft alle Phasen durchläuft. - -Nun ist dies freilich nicht so zu nehmen, als sollten der noch -schlummernden Jungfräulichkeit die Träume verwehrt sein, welche -das künftige Liebesleben ideal anticipiren; denn diese Träume -greifen in ihrer Gegenstandslosigkeit keinem Rechte eines künftigen -Bewerbers vor. Ebenso wenig kann man der Jungfrau die unwillkürlichen -tastenden Versuche verargen, mit denen sie das Ideal ihrer Träume -den ihr begegnenden wirklichen Männern anzupassen unternimmt, und -noch untriftiger wäre die Zumuthung, dass die Jungfrau gegen alle -Bewerber schlechthin spröde sein solle, bis der eine Auserwählte -kommt, weil der Auserwählte niemals kommen würde, wenn es jedem -ersten Annäherungsversuche schlechterdings an jedem Entgegenkommen -fehlte. Nur wenn zufällig die Versuche, das Ideal an die begegnenden -Männer anzupassen, mit den Bewerbungen eines bestimmten Mannes und -einem gewissen Entgegenkommen gegen dieselben zusammen treffen, nur -dann tritt der Punkt ein, wo die Träume der Phantasie im Begriffe -stehen, in reales Liebesleben umzuschlagen; aber dieses Wünschen und -Sehnen, Hoffen und Fürchten ist doch erst die Vorhalle zum realen -Liebesleben und dieses selbst beginnt erst mit dem ausdrücklichen -oder stillschweigenden Einverständniss beider Theile, d. h. mit dem -Eintritte in ein bräutliches Verhältniss, gleichviel ob dasselbe -Geheimniss der Liebenden bleibt, oder der Familie mitgetheilt, oder vor -der Gesellschaft erklärt wird. Der Grad der Stärke und Vollständigkeit, -in welchem die Gefühle in solchem Verhältnisse geweckt und erschlossen -werden, ist nicht abhängig von seiner längeren Dauer, wenn auch eine -gewisse Dauer die Vollständigkeit der Aufschliessung begünstigt; sie -ist ferner unabhängig davon, ob das dem Wunsche vorschwebende Ziel der -Vereinigung als erreichbar oder unerreichbar gedacht oder in welcher -Form es vorgestellt wird. Nimmt man den Begriff des bräutlichen -Verhältnisses in diesem weiteren Sinne, so deckt er sich genau mit -dem Begriffe des realen Liebeslebens, und so kann dessen Grenze von -vorbereitenden Anknüpfungsversuchen und von Phantasieträumen mit -ästhetischen Schein-Empfindungen nicht zweifelhaft sein. - -Praktisch freilich ist die Grenze zwischen Anknüpfsversuchen und -bräutlichem Verhältniss durch die Sitten verschieden gezogen, und -liegt die Gefahr nahe, bei lebhafter Phantasie ideale ästhetische -Scheingefühle mit realen zu verwechseln, also blosse Phantasiespiele -für wirkliches Liebesleben zu halten; indessen belehrt das weit -schnellere Ausklingen, Verblassen und spurlose Verschwinden der -Phantasiegefühle nachträglich ziemlich leicht und sicher über deren -Unterschied von realen Gefühlen und über die etwa stattgehabte -Verwechselung der ersteren mit den letzteren. Alle Behauptungen von -Frauen, dass sie öfter als einmal wahrhaft geliebt haben, dürften -sich darauf zurückführen lassen, dass der Unterschied zwischen -den Scheingefühlen einer lebhaften Phatasiethätigkeit und dem -realen Gefühlsleben des Herzens nicht beachtet worden ist; die -phantasiemässige Anticipation des realen Liebeslebens kann aber bis -zu einem gewissen Grade der Lebhaftigkeit, Fülle und Feinheit der -letzteren förderlich sein. So kann eine schuldlos entlobte Braut, -die zwar phantasiemässig zu lieben versucht, aber es nicht bis zu -wirklicher Liebe für ihren Bräutigam gebracht hat, unter Umständen -ein dankbarerer Gegenstand der Liebe sein, als ein phantasieloses -Mädchen, das allzu plump und schwerfällig auf die entgegengebrachte -Liebe reagirt. Aber sowie man es versucht, diesen Satz auszudehnen auf -Frauen, welche in der Liebe praktisch schon viel durchgemacht haben, -so tritt der Unterschied zwischen Phantasiespiel und Wirklichkeit -hervor: der ernste Mann, der dem Weibe seiner Wahl wirklich seine -Seele hinzugeben verlangt, erwartet auch als Gegengabe ein reines und -womöglich jungfräuliches Herz, wogegen der Lüstling, der nichts geben, -sondern nur seine Sinnlichkeit gereizt sehen will, solchen „erfahrenen“ -Frauen eine Zeit lang den Vorzug giebt, bis endlich auch er, der -stärksten Reize bedürftig geworden, doch wieder zur unentweihten -Jungfräulichkeit, als dem letzten und höchsten Stimulans, zurückgreift. -Umgekehrt ist der erfahrene und im Leben geprüfte Mann für ein reines -Frauengemüth unendlich viel anziehender, als ein Neuling auf dem Felde -der Liebe, und es sind nur die alternden Frauen, welche dazu gelangen, -die Unschuld, die ihnen selber längst abhanden gekommen ist, an jungen -Männern reizend zu finden. - -Es bedarf wohl kaum des Hinweises darauf, dass alle diese Unterschiede -des Verhaltens, in denen der Gegensatz der Geschlechter sich -ausdrückt, niemals aus eudämonologischen Motiven konservirt zu werden -beanspruchen können, sondern nur deshalb, weil mit ihrer Missachtung -und allmählichen Unterdrückung die von der Naturteleologie gesetzten -Reize zur Verehelichung, d. h. zur Ueberwindung des Egoismus zu Gunsten -der nächsten Generation, aufhören würden, und damit der Kulturprocess -den schwersten Schaden leiden würde.[6] - - - - -IV. - -Die Lebensfrage der Familie. - - -Unter aller Verhältnissen ist die Lebensdauer der Familien oder -Geschlechter in den höheren Ständen durchschnittlich kürzer als in den -mittleren und niederen; aber wohl selten hat es eine Zeit gegeben, -in welcher das Missverhältniss einen solchen Grad erreicht hat, wie -gegenwärtig. Es dürfte schwer sein, für diese Behauptung den exakten -Beweis zu erbringen, da die mittlere Lebensdauer der Familien oder -Geschlechter in einem Stande nicht unmittelbar abhängig ist von der -mittleren Lebensdauer der Individuen, welche sie zusammensetzen, und -von den Lebensläufen der Familien oder Geschlechter in den mittleren -oder niederen Ständen meist nur kurze Bruchstücke zu verfolgen sind. -Trotzdem wird man dieser Behauptung beistimmen dürfen, wenn man erwägt, -dass die drei hauptsächlichen Ursachen, von welchen der Unterschied -der mittleren Lebensdauer eines Geschlechts in höheren und niederen -Ständen abhängt, in der letzten Zeit sehr zugenommen haben, nämlich -der grössere Procentsatz an Unverehelichten, das spätere mittlere -Heirathsalter und die kleinere durchschnittliche Kinderzahl, die auf -eine Ehe kommt. - -Neben diesen drei Ursachen spielt noch eine vierte mit, welche in -ihren Wirkungen noch weit schwerer abzuschätzen und der statistischen -Aufnahme bis jetzt entzogen ist, welche aber darum nicht weniger -einschneidend wirkt: es ist diess der Umstand, dass gegenüber der -stärkeren Inanspruchnahme von Muskelkraft und individueller Lebenskraft -in den Berufsarten der niederen Stände die intensivere Geistesarbeit -und das intensivere Genussleben der höheren Stände mehr Nervenkraft -konsumirt und dadurch die Lebenskraft des Geschlechts rascher -verzehrt. Durch Verbrauch von Nervenkraft wird nämlich mehr als durch -irgend etwas anderes das Fortpflanzungsvermögen alterirt und zwar -in doppeltem Sinne, erstens in Bezug auf die Zahl und Tüchtigkeit -der unmittelbaren Nachkommenschaft, zweitens aber auch noch ganz -besonders in Bezug auf die Nervenkraft und Fortpflanzungsfähigkeit -der nächsten Generation, von welcher die Zahl und Tüchtigkeit der -Nachkommenschaft in späteren Generationen mehr als von irgend einem -anderen Umstande abhängt. Insoweit sich die fragliche Wirkung in der -Durchschnittszahl der auf eine Ehe entfallenden Kinder ausspricht, ist -sie bereits in der dritten der vorangestellten Ursachen in Rechnung -gestellt; insoweit sie aber die Tüchtigkeit, Fortpflanzungsfähigkeit -und durchschnittliche Kinderzahl der unmittelbaren Nachkommen betrifft, -muss sie als ein vierter Factor in Ansatz gebracht werden, was freilich -erst dann ziffermässig möglich wäre, wenn wir eine vergleichende -Familienstatistik der verschiedenen Stände und Berufsarten besässen. - -Man könnte nun meinen, dass in der kürzeren durchschnittlichen -Lebensdauer der Familien und Geschlechter in den höheren Ständen -ein billiger Ausgleich liege für die längere Durchschnittsdauer des -Individuallebens, und dass es vom Standpunkt des Ganzen betrachtet -gerade ein tröstlicher Gedanke sei, dass die Familien der höheren -Stände, auch wenn sie sich in ihrem Stande behaupten, doch allmählich -durch Aussterben für ein Nachrücken der niederen Stände Raum machen. -Indessen die Genugthuung über diesen Ausgleich wäre doch nur eine -kurzsichtige im Interesse des Ganzen. Denn es würde dabei übersehen, -dass es vor allem im Interesse des Ganzen liegt, die ererbten und -generationsweise gesteigerten Anpassungen an höhere sociale und -kulturelle Aufgaben, durch welche die Mitglieder der höheren Stände -denen der niederen durchschnittlich überlegen sind, möglichst voll -auszubeuten und auch für die Zukunft des Processes nach Möglichkeit -durch Weitervererbung zu verwerthen. So wünschenswerth es ist, -dass strebsamen und ausnahmsweise günstig veranlagten Individuen -und Familien das Aufrücken in die höheren Stände offen stehe, um -diesen immer frisches Blut zuzuführen und sie zur Selbstbehauptung -durch überlegene Leistungen zu zwingen, so zweckmässig es ferner -ist, die untüchtigen, arbeitsscheuen und ungünstig veranlagten -Individuen der höheren Stände durch keine socialen Einrichtungen vor -dem Wiederhinabsinken in die niederen Stände zu bewahren, ebenso -unzweckmässig wäre es, den kapitalisirten Gewinn der Arbeit vergangener -Generationen, wie er in den ererbten Vorzügen der höheren Stände -vorliegt, leichtsinnig vergeuden zu lassen, wenn man etwas zu seiner -Erhaltung für künftige Generationen thun kann. Aus diesem Grunde lohnt -es sich wohl, der Erwägung der Ursachen näher zu treten, durch welche -die zunehmende Verkürzung der durchschnittlichen Lebensdauer der -Familien höherer Stände bedingt ist, und sich umzusehen, welche Mittel -der Abhülfe für diese wachsende Kalamität unseres socialpolitischen -Lebens zur Verfügung stehen. - -Es kommt noch eine zweite Folge der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung -hinzu, welche als ein socialer Uebelstand von der grössten Tragweite -allgemein anerkannt ist, dessen symptomatische Behandlung aber bis -jetzt nur das Uebel verschlimmert hat, und der so lange fortdauern -wird, bis er durch Abstellung seiner Ursachen an der Wurzel erfasst -wird. Es ist dies die sogenannte Frauenfrage, richtiger Jungfernfrage, -d. h. die Frage, welchen Beruf man den Weibern anweisen soll, die -ihren natürlichen Beruf als Frau verfehlt haben. Bekanntlich ist die -Personenzahl beider Geschlechter in der Jugendblüthe gleich, während -im Kindesalter das männliche Geschlecht ein wenig, im reiferen Alter -das weibliche beträchtlich und in wachsendem Maasse überwiegt. Hieraus -folgt, dass keine Jungfern übrig bleiben würden, wenn Jedermann in -seiner Jugendblüthe eine Lebensgefährtin wählte. Eine Jungfernfrage -entspringt erst daraus, dass die Zahl der Mädchen in der Jugendblüthe -grösser ist als die Zahl der Männer in demjenigen reiferen Lebensalter, -in welchem sie in den höheren Ständen zur Ehe zu schreiten pflegen, -und dass ein Theil dieser Männer es vorzieht, unverheirathet zu -bleiben. Die Ausbildung der Mädchen für selbstständige Berufsarten, -welche zur symptomatischen Lösung der Jungfernfrage vorgeschlagen ist -und vielfach angestrebt wird, macht das Uebel nur ärger, weil sie -die Mädchen weniger anziehend für die Männer macht und dadurch die -Zahl der unverheirathet bleibenden Männer, also auch die Zahl der -sitzenbleibenden Mädchen vermehrt, was wiederum eine Verschärfung -der Dringlichkeit der Jungfernfrage und vergrösserte Anstrengungen -zur selbstständigen Erwerbsthätigkeit zur Folge hat. Aus diesem -fehlerhaften Kreislauf, der sich in sich selbst steigert, ist nur -herauszukommen, wenn man die alleinige Ursache der Jungfernfrage in der -zunehmenden Ehelosigkeit und Heirathsverspätung der Männer erkennt, -und die Bemühungen zur Abhülfe an diesem Punkte einsetzt. - -Was zunächst die vierte Ursache der Verringerung der mittleren -Lebensdauer der Familien, die stärkere Abnutzung der Nervenkraft durch -intensivere geistige Arbeit und geistigen Genuss, betrifft, so ist sie -in der Hauptsache nicht zu beseitigen. Die höheren Berufsarten haben -eben ihr Wesen darin, eine höhere und angespanntere geistige Arbeit -zu verlangen, und selbst dann, wenn man bestreiten wollte, dass die -intensivere Arbeit auch intensiveren Genuss als Gegengewicht fordert, -würde man doch nicht leugnen können, dass die Genüsse und Erholungen -der gebildeten Stände selbst vergeistigter Art sind und darum auch -wieder eine geistige Anspannung, wenn auch in anderer Art als die -Arbeit, nöthig machen. Da alle höhere Geisteskultur der Menschheit -in dieser Steigerung der geistigen Arbeit und des geistigen Genusses -liegt, so wird keine menschliche Schlauheit jemals ein Mittel ersinnen, -um die kulturtragenden Minderheiten der Völker vor einer rascheren -Abnutzung zu bewahren, und es bleibt in dieser Hinsicht nichts übrig, -als sich mit der Mauserung der Aristokratie durch allmählichen -Nachwuchs von unten zu trösten. Um so dringender aber muss den höhern -Ständen ans Herz gelegt werden, dass sie sich vor jeder Uebertreibung -in Arbeit und Genuss hüten und die unvermeidlichen gesundheitlichen -Nachtheile ihrer socialen Stellung nach Möglichkeit dadurch -auszugleichen suchen, dass sie im Uebrigen ein gesundheitsgemässeres -Leben führen, als es den niederen Ständen durch ihre pekuniäre Lage -gestattet ist. - -Vor allem gilt es, den die Nervenkraft ersetzenden Schlaf der Nacht -heilig zu halten, demnächst nicht nur auf nahrhafte, sondern auch -auf reizlose Kost zu achten, so viel als möglich sich Bewegung zu -machen und frische Luft zu athmen, den ersten Theil des Tages der -Arbeit, den zweiten der Erholung zu widmen, regelmässig zu leben und -in allen Dingen Maass zu halten. Eine grosse Gefahr liegt darin, -dass die nervenerregende Wirkung der Gehirnarbeit irritirend auf die -Genitalsphäre wirkt und leicht zu einer vorzeitigen Vergeudung des -Fortpflanzungsvermögens verleitet; diese Gefahr wird um so grösser, je -länger sie Zeit hat zu wirken, d. h. je später das durchschnittliche -Verheirathungsalter der Männer in den höheren Ständen fällt. Hier -müssen alle hygienischen, ästhetischen und moralischen Hebel angesetzt -werden, um den socialen Schäden vorzubeugen, die aus der Verbindung -der verstärkten Irritation mit der verlängerten Entbehrung erwachsen -können; am wirksamsten im Grossen und Ganzen wird sich auch hier -die Abschwächung der nervösen Irritation durch gesundheitsgemässe -Lebensweise und Vermeidung diätetischer Reizmittel erweisen. - -Es ist nicht schwer zu sehen, dass diese Ursache in Wechselwirkung -steht mit den drei andern. Es ist für einen jungen Mann um so leichter, -zeitweilige Selbstbeherrschung zu üben, je näher und gewisser ihm das -Ziel der Ehe vorschwebt, um so schwerer, je ferner und aussichtloser -dasselbe nach Lage der socialen Verhältnisse für ihn ist; umgekehrt -rückt nichts die Neigung zur Verheirathung so sehr in den Hintergrund, -als die Gewöhnung an ein zügelloses Junggesellenleben, und es müssen -dann meist schon nebensächliche Motive sein, welche den Entschluss -zur Verheirathung doch noch reifen lassen. Ebenso stehen die drei -andern Gründe untereinander in Wechselwirkung. Wer wenig Aussicht -hat, zur Verheirathung zu gelangen, macht sich von vornherein mit -dem Junggesellenleben vertraut und entzieht sich der Gelegenheit zur -Anknüpfung bräutlicher Verhältnisse, so dass schon der Zufall sein -Spiel treiben muss, wenn er ihn doch noch in Hymens Fesseln schlagen -soll. Wer erst in reiferen Jahren ans Heirathen denken kann, der -verpasst die Zeit der jugendlichen Eindrucksfähigkeit, innerhalb deren -so manches weibliche Wesen sein Herz hätte gewinnen können, und wenn er -endlich soviel vor sich gebracht hat, dass er eine Familie zu gründen -wünscht, so sieht er sich vergebens nach einem Mädchen um, in das er -sich verlieben könnte, und wartet entweder, bis es ganz und gar zu spät -ist, oder er schliesst aus äusserlichen Gründen eine Ehe ohne Liebe. - -Heirathet ein Mann erst in reiferen Jahren, so wird er durchschnittlich -ein älteres Mädchen zur Frau wählen, als wenn er jünger geheirathet -hätte: es wird demnach die Zahl der Kinder in seiner Ehe schon um des -Alters der Frau willen geringer sein; ausserdem aber tritt er nach -kürzerer Ehedauer in ein Lebensalter ein, in welchem die Ehe ihre -natürliche Bedeutung zu verlieren pflegt, auch wenn die Frau noch -nicht aufgehört hat, fortpflanzungsfähig zu sein, so dass hier ein -zweiter Grund für Verkürzung der natürlichen Kinderzahl zu Tage tritt. -Da es nicht bloss auf die Zahl, sondern auch auf die Beschaffenheit -der Kinder, auf die Schonung der Mutter für ihren weiteren Beruf, -und auf die genügende Ausbildung derselben für die Erziehung der -Kinder ankommt, so würde ich es keineswegs für einen idealen Zustand -halten, wenn die Töchter der höheren Stände unmittelbar nach -erreichter Pubertät in die Ehe träten; aber auch die Hinausschiebung -des durchschnittlichen Heirathsalters der Mädchen auf das 26. bis -28. Lebensjahr ist unnatürlich, weil es ohne weitere Förderung ihrer -Ausbildung ihre jugendliche Anpassungsfähigkeit verringert und mehrere -Kinder, welche vom 21. bis zum 26. Jahr der Mutter hätten das Licht der -Welt erblicken können, für immer ungeboren lässt. - -Dieselben Motive, welche die Männer gar nicht oder erst in reiferen -Jahren zum Entschluss der Verheirathung gelangen lassen, bewirken -auch eine Scheu vor reichem Kindersegen. Wir sind bereits zu einem -solchen Grade der Verwirrung und Verkehrung der Begriffe gelangt, dass -unsern höheren Ständen die naturgemässe Kinderzahl einer normalen Ehe -von jugendlich verbundenen gesunden und kräftigen Gatten als eine -„kaninchenartige Fruchtbarkeit“ anstössig erscheint.[7] Wo solche -Ansichten Platz gegriffen haben, müssen sie selbstverständlich eine -Rückwirkung auf das mittlere Heirathsalter üben, insbesondere auf -dasjenige der Frau; denn je länger ein Mädchen mit der Verheirathung -wartet, oder ein je älteres Mädchen ein Mann zur Frau wählt, desto -weniger Sorge vor allzu reichem Kindersegen brauchen sie zu hegen. Für -den Mann ist die grössere oder geringere Kinderzahl wesentlich nur eine -pekuniäre Frage, da die Frau doch allein die Lasten derselben zu tragen -hat; für die Frau aber ist es eine Kardinalfrage des Leibes und der -Seele. - -Wo nun durch einen widernatürlichen Spiritualismus und abstrakten -Idealismus verschrobene Ansichten in der Frauenwelt gewisser Stände -grossgezogen werden, welche trefflich als Deckmantel der egoistischen -Bequemlichkeit, Leistungsscheu und Genusssucht verwendbar sind, da -bildet sich ein Geschlecht pretiöser und überspannter Egoistinnen, -welche allenfalls wohl noch ein oder zwei Mal die Lasten der -Mutterschaft auf sich nehmen wollen, weil sie anders auch der Freuden -derselben nicht theilhaft werden können, welche dann aber auch nicht -weiter von den Naturpflichten des Frauenberufs belästigt sein, sondern -ungestört ihrer Behaglichkeit und ihren Amüsements leben wollen. - -Nichts kann geeigneter sein, die Männer energisch von der Ehe -abzuschrecken, als die Verbreitung solcher ebenso unsittlichen wie -unnatürlichen Ansichten; denn wenn sie doch nur für wenige Jahre die -Aussicht haben sollen, in einer naturgemässen Ehe zu leben, so ist -dieser Preis wahrlich das Opfer ihrer Freiheit nicht werth, und wenn -sie nachher doch nur ein naturwidriges Verhältniss mit einem aus -Egoismus unsittlichen Weibe fortsetzen sollen, so können sie sich auch -gleich mit unsittlichen Verhältnissen zu egoistischen Weibern begnügen, -die wenigstens nicht mit pretiöser Ehrbarkeit und tugendhafter -Ueberspanntheit prunken. Mädchen, welche zwar alle Vortheile der -Frauenstellung durch die Ehe zu erlangen wünschen, aber nicht mehr -die ehrliche und rückhaltslose Opferwilligkeit für alle ihnen von der -Natur und dem socialen Gesammtinteresse auferlegten Pflichten besitzen, -wollen den Mann, der sie heirathet, einfach im Handel betrügen, und es -geschieht ihnen persönlich nur ihr Recht, wenn sie dabei die Betrogenen -sind, d. h. sitzen bleiben. - -Leider geschieht nur mit dieser nächstliegenden Lösung dem socialen -Ganzen nicht sein Recht, und deshalb können solche überspannte -egoistische Ansichten nicht entschieden genug zur rechten Zeit -bekämpft werden. Die Mädchen können nicht früh genug lernen, dass sie -ebensowenig wie die Männer geboren sind, um zu geniessen, sondern um zu -dienen, nicht den Männern, sondern gleich diesen ihrem Beruf, und dass -ihr einziger unmittelbarer Beruf darin liegt, dem Vaterlande möglichst -viel möglichst tüchtige und wohlerzogene neue Bürger zuzuführen, um -es im Kampf ums Dasein der Nationen konkurrenzfähig und siegreich zu -erhalten. - -Ist es denn nicht ein tief beschämender Gedanke, dass in allen -modernen Kulturvölkern die bisherige Durchschnittszahl der ehelichen -Geburten nicht ausreichen würde, um dieselben vor Rückgang und -allmählichem Aussterben zu bewahren, dass z. B. das deutsche Volk seine -Vermehrung seit dem Jahre 1815, durch welche allein es in den Stand -gesetzt wurde, seine Existenz gegen Frankreich siegreich zu behaupten, -lediglich den Opfern verdankt, welche die Mütter der unehelichen Kinder -auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt haben? Ist es denn nicht -ebenso beschämend für die höheren Stände, dass sie, die am ehesten in -der Lage wären, für die Volksvermehrung ein Uebriges zu thun, in der -Erfüllung dieser staatsbürgerlichen Pflicht hinter dem Durchschnitt -weit zurückbleiben, dem Proletariat zu andern Lasten auch noch die -Last aufbürden, den Ausfall ihrer Leistungen zu decken und dadurch -eine umgekehrte natürliche Zuchtwahl, eine Erhaltung des mindest -Entwickelten, inauguriren? - -In dem unnatürlichen egoistischen Widerwillen vieler Mädchen der -höheren Stände gegen eine opferbereite Erfüllung des Frauenberufs ist -ein zwar verborgenes und sorgsam verhülltes aber doch hinreichend -durchscheinendes Motiv aufgedeckt, welches die Männer von der Ehe mit -Standesgenossinnen abschreckt, sobald sie klar genug blicken, um zu -merken, dass es darauf abgesehen ist, sie im Handel zu betrügen, und -dass sie in einer solchen Ehe vor die Wahl gestellt sind, entweder -unter dem Druck pekuniärer Motive sich mit guter Miene in die Lage des -Betrogenen zu finden, oder die Frau zur Erfüllung ihrer Pflichten zu -zwingen auf Kosten des ehelichen Friedens und häuslichen Behagens. Es -giebt aber auch offener zu Tage liegende Gründe, welche die Zunahme -der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung erklären, nämlich der immer -allgemeiner werdende Hang, über seinen Stand hinaus zu leben. - -Es ist unbestreitbare Thatsache, dass trotz einer rascheren Vermehrung -der Bevölkerung die Lebenshaltung aller Stände in den letzten 150 -Jahren ausserordentlich gestiegen ist. Unsere heutigen Arbeiter, -welche über Unzulänglichkeit der Löhne klagen, können sich kaum einen -Begriff davon machen, in welchem Elend ihre Urgrosseltern lebten; aber -unser Mittelstand bis in die höchsten Berufsarten hinauf kann sich in -seinen älteren Gliedern noch sehr wohl entsinnen, welche puritanische -Einfachheit in den Häusern seiner Grosseltern nach den Mittheilungen -der Eltern in deren Jugend geherrscht hat. Die Möglichkeit einer -besseren Lebenshaltung aller Stände trotz schneller Volksvermehrung -liegt ausschliesslich darin, dass jetzt die aufgespeicherte Sonnenkraft -vergangener Jahrtausende, die wir mit den Steinkohlen aus der Erde -graben, vermittelst unsrer Maschinen unverhältnissmässig viel mehr -Gebrauchswerthe producirt, als dieselbe Volkszahl durch eigne Kraft -und Handarbeit liefern könnte, und dass wir gegen einen überschüssigen -Theil dieser Fabrikate die Bodenprodukte andrer Länder und Welttheile -eintauschen können. Der Grund dafür, dass der Drang nach Steigerung -des Wohllebens gegenwärtig so viel intensiver geworden und theilweise -in eine krankhafte Genusssucht ausgeartet ist, liegt einerseits darin, -dass die bedeutend vermehrte Klasse der sehr Reichen in dem produktiven -Raffinement unsrer Zeit die Mittel zu einem höchst verfeinerten -Wohlleben vorfindet und durch ihr Beispiel die andern Stände zur -Nacheiferung anreizt, andrerseits darin, dass der demokratische -nivellirende Zug unsres Zeitalters sich mehr als je gegen die -Unterschiede des Komforts verschiedener Stände als gegen eine sociale -Ungerechtigkeit auflehnt, und die Genüsse der Bevorzugten als das -gleiche Recht für Alle fordert. - -Wie überall sind auch hier Vortheile und Nachtheile verbunden. Die -Intensität des Emporstrebens in eine günstigere Lebenslage, welche der -Haupthebel des Kulturfortschritts durch Steigerung des Wettbewerbs -und des Arbeitseifers ist, hängt selbst wieder wesentlich von der -Intensität ab, mit welcher von jedem Stande die Theilnahme an den -Genüssen und Vorzügen der über ihm stehenden Stände ersehnt wird und -insofern ist diese Intensität ein Vorzug unsrer Zeit. Andrerseits -liegt in ihr eine Steigerung der Gefahr, dass man die Zukunft, d. -h. die reellen Chancen des socialen Emporsteigens der Familie, um -der Gegenwart willen, d. h. um des vermehrten augenblicklichen -Behagens willen preisgiebt, dass man die erstrebte Sache, d. h. die -Gewinnung einer behaglicheren Lebenslage, dem blossen Schein ihres -Besitzes opfert. In diesem Sinne wird dasjenige, was Hebel eines -beschleunigten Kulturfortschritts sein sollte, zum Hinderniss des -Fortschreitens der Familie, nämlich wenn der Leichtsinn, welcher die -Mittel des Emporklimmens in momentaner Genusssucht verzehrt, und die -Eitelkeit, welche den gleissenden Prunk und die hohle Prahlerei an die -Stelle des wirklichen Besitzes einer günstigeren Lage setzen, sich -hinzugesellen. Darum ist der Drang nach Emporsteigen nur insoweit -wirthschaftlich gesund und social berechtigt und zweckmässig, als er -die Kräfte zum Erwerb grösserer Mittel anspornt, aber verderblich, -wo er mit den vorläufig zur Verfügung stehenden Mitteln das Ziel des -Wunsches vorwegnimmt, d. h. zu unverhältnissmässigen Luxus führt. Wie -ein unverhältnissmässig geringes Luxusbedürfniss zum Hemmniss des -Kulturfortschritts wird und ein Volk zum Stillstand verurtheilt, so -muss ein übermässiges, d. h. über die verfügbaren Mittel hinausgehendes -Luxusbedürfniss zum kulturgeschichtlichen Rückschritt und endlich zum -Ruin führen. - -Was für ganze Völker gilt, das gilt nicht minder für einzelne Stände -und Familien. Nichts muss so unfehlbar den Ruin des Grundadels -beschleunigen, als dessen krankhafte Sucht, sich an Luxus nicht von -dem Geldadel überflügeln zu lassen, und ein grosser Theil der Klagen -über die zunehmende Verschuldung des Grossgrundbesitzes ist allein -darauf zurückzuführen, dass die rasche Steigerung der Gütererträge doch -noch weit überholt ist durch die Steigerung der Lebensgewohnheiten der -unmittelbar und mittelbar von ihnen lebenden Familien. Der Dienstadel -oder Beamtenstand klagt in den meisten Beamtenkategorien mit Unrecht -darüber, dass die Steigerung der Gehälter mit der Entwerthung des -Geldes nicht gleichen Schritt gehalten habe; seine sociale Stellung ist -nur dadurch relativ ungünstiger geworden, weil die Lebensgewohnheiten -des Geldadels und des mit ihm wetteifernden Grundadels seit einigen -Menschenaltern sich ausserordentlich gesteigert haben, so dass er -im Vergleich zu diesen ihm verwandten Ständen sich in derselben -Lage höchst unzufrieden fühlt, mit welcher er früher sehr zufrieden -war. Sogar der Officierstand, der am meisten Anlass hätte, jede -Verweichlichung zu scheuen und in spartanischer Bedürfnisslosigkeit -seine Ehre zu suchen, ist mehr und mehr in einen thörichten Wettstreit -mit dem Geldadel gerathen, und hier wirkt jede Verirrung des -Standesgeistes um so schlimmer, als der Einzelne weit weniger die -Möglichkeit hat, sich gegen erkannte Unsitten aufzulehnen. Weil in -allen Ständen mit Ausnahme des Geldadels die Ansprüche an das Leben -schneller gewachsen sind als die Mittel ihrer Befriedigung, nur darum -ist die Unzufriedenheit und die Klage über unauskömmliche Mittel jetzt -so weit verbreitet. - -Dieselben Stände, welche früher bei bescheidener Lebensweise Mittel -genug übrig hatten, um eine reichliche Kinderzahl anspruchslos aber gut -zu erziehen und noch einen Nothgroschen für die Familie zurückzulegen, -verbrauchen jetzt bei gestiegenen Lebensansprüchen ein Einkommen -von mindestens gleicher Kaufkraft entweder für sich allein oder für -eine viel kleinere Familie, erziehen wenige, aber anspruchsvolle und -verwöhnte Kinder und lassen ihre Hinterbliebenen in einer hilflosen, -mit ihrer Verwöhnung um so bitterer kontrastirenden Lage zurück, weil -die luxuriösere Lebenshaltung für Sparrücklagen zur Selbstversicherung -nichts übrig lässt. Die so über ihren Stand hinaus gewöhnten Kinder -sind dann die Heirathskandidaten der nächsten Generation. Ist es da ein -Wunder, wenn die Söhne Bedenken tragen, sich zu verheirathen und ihren -Arbeitsertrag für sich allein verbrauchen, und wenn die mittellosen -Töchter dem Loose einer traurigen Jungfernschaft und oft genug dem -Kreise der verschämten Armuth verfallen? - -Auch in der Familie, ebenso wie im Stande und im Volke, ist der Tod, -d. h. das Aussterben, der Sold der wirthschaftlichen Sünde. Wo noch -ein natürliches sociales Solidaritätsbewusstsein herrscht, wirkt diese -Erkenntniss als ein Gegenmotiv gegen die wirthschaftliche Verirrung; -aber das ist gerade das Gefährlichste an der individualistischen -Atomisirung und dem abstrakt-idealistischen Nivellement unserer Zeit, -dass jedes Individuum nur an sich und seine Rechte auf das Leben, aber -nicht an seine Gliedschaft in socialen Individuen höherer Ordnung und -an seine Pflichten gegen diese denkt. Après nous le déluge! ist der -Wahlspruch der selbstsüchtigen Genusssucht; mag die Welt hernach ohne -mich weiter gehen, wie sie kann und will, wenn ich nur mein Leben -genossen habe, so gut ich konnte! Hier enthüllt sich die sittliche -Verirrung und Verkehrtheit als Wurzel der wirthschaftlichen. Familien, -die ihre Mitglieder in diesem unsittlichen Egoismus sich verhärten -lassen, verdienen auch aus sittlichem Gesichtspunkt, unterzugehen und -durch neuaufstrebende Elemente ersetzt zu werden. - -Glücklicher Weise sind solche extreme Erscheinungen noch keineswegs -allgemein verbreitet, wenn auch in geringerem Maasse die Tendenz zu -luxuriöseren Lebensgewohnheiten schon den ganzen socialen Körper -inficirt hat. Es steckt auch in unsern höheren Ständen noch ein -überwiegend gesunder Kern, und an ihn wende ich mich, um ihn durch die -Erkenntniss, wohin die Verirrung der Zeit führen muss, zum Widerstande -gegen einen bethörten Zeitgeist und Standesgeist zu ermuthigen und -diesen Geist durch eine energische Reaktion in gesundere Bahnen -zurückführen zu helfen. - -Wenn ich vorher darauf hingewiesen habe, dass es vorzugsweise das -weibliche Geschlecht ist, dessen Egoismus sich gegen die vorbehaltlose -und opferwillige Erfüllung der ihm auferlegten Berufslasten zu sträuben -in Gefahr ist, so erfordert die Gerechtigkeit die Anerkennung, dass es -vorzugsweise das männliche Geschlecht ist, welches aus finanziellen -Bedenken vor der Ehe zurückscheut. Denn wie das Weib den schwereren -Theil der natürlichen Lasten zu tragen hat, so der Mann den schwereren -Theil der socialen Lasten, d. h. die Beschaffung des Unterhalts für -die ganze Familie. Das Mädchen, das sich verheirathet, muss dem Manne -soweit vertrauen, dass er für den Unterhalt der Familie sorgen wird; -sie hat mit darunter zu leiden, wenn sie sich geirrt hat, aber sie -trägt keine Verantwortung dafür. Der Mann dagegen, der sich zur Ehe -entschliesst, übernimmt die ganze Verantwortung für die Erhaltung -der Familie und scheut vor dem Gedanken zurück, dieser Verantwortung -nicht gewachsen zu sein. In finanzieller Hinsicht schreiten deshalb -die meisten Mädchen geradezu leichtsinnig zur Ehe, auch wenn sie in -andrer Hinsicht gar nicht leichtsinnigen Temperaments sind; sie werden -dabei von einem gewissen Fatalismus der Pflichterfüllung getragen und -von der beruhigenden Gewissheit, alle Verantwortlichkeit in dieser -Hinsicht auf den Mann abwälzen zu können. Es liegt ihnen so viel daran, -zur Erfüllung ihres natürlichen Berufs und zu den socialen Vortheilen -der Frauenstellung zu gelangen, dass sie ihre kritische Besonnenheit -bereitwillig zurückdrängen und sich gern einer Täuschung über die -Zukunft hingeben, die sie bei jeder ihrer Freundinnen ohne Zweifel -durchschauen würden. Sie sind demgemäss stets bereit, die Sorgen und -Bedenken eines sonst willkommenen Bewerbers zu beschwichtigen und -denselben ihrer Anspruchslosigkeit, Genügsamkeit, Arbeitslust und -Opferwilligkeit zu versichern, um ihm den Entschluss zu erleichtern. -Diese Versicherungen sind auch keineswegs Lügen, sondern gute Vorsätze, -deren Erfüllung sie sich wirklich zutrauen; zumal wenn ein Mädchen -liebt, so hält sie keine Beschränkung für zu gross, um als Hinderniss -der Vereinigung mit dem Geliebten gelten zu dürfen. - -Leider pflegt die gehobene Stimmung der Braut nicht für die Dauer -vorzuhalten und oft sind alle die guten Vorsätze bloss Pflastersteine -auf dem Wege zu einer ehelichen Hölle. Die alten Gewohnheiten behaupten -ihr Recht, und wenn auch die Vernunft so weit die Oberhand behält, -um die unvermeidlichen Entbehrungen zu ertragen, so fehlt dabei doch -nicht bloss die Freudigkeit, sondern oft genug auch die blosse Geduld, -und die mangelnde Zufriedenheit der Frau lässt auch die häusliche -Behaglichkeit des Mannes nicht aufkommen. Bald ist es die Kleidung und -der Putz oder Schmuck, bald der Charakter des Wohnorts, bald die Grösse -der Wohnung, bald die Bedienung, bald die Kost, bald die Beschaffenheit -des Umgangskreises, bald die Zerstreuungen und Vergnügungen, welche -bei der neuen Lebensweise mit den früheren Gewohnheiten der Frau im -Widerspruch stehen und durch welche ihre Unzufriedenheit erregt wird. -Manchmal werden die alten Gewohnheiten durch neue verdrängt, aber meist -behauptet die Erinnerung an die früher besessenen Annehmlichkeiten ihr -Recht und verhärtet und verbittert sich in Bezug auf den einen oder den -andern Punkt je länger je mehr. Schlimmer noch als offne Klagen und -Vorwürfe wirkt auf den Gemüthsfrieden des Mannes die unausgesprochene -ständige Unzufriedenheit der Frau, sowohl der mürrischen wie der -sanft duldenden, und am schlimmsten ist die hysterisch angehauchte -Bedrücktheit und Melancholie, welche stets mit dem Uebergange in -wirkliches Gemüthsleiden droht, wenn ihr nicht der Wille geschieht -und sie durch Zerstreuungen abgelenkt wird. Ist dem unbefriedigten -Anspruch durch Geld abzuhelfen, so soll der Mann wo möglich seine -schon voll angespannte Arbeitskraft überspannen, um demselben genug zu -thun; will er aber gar das Geld, welches zu diesem Zwecke ausreichen -würde, zur Selbstversicherung der Familie zurücklegen, so betrachtet -die Frau das einfach als einen Raub an dem ihr Gebührenden. Reichen -die Mittel ohnehin schon nicht aus, um irgendwelche Ansprüche der Frau -zu befriedigen, so muss natürlich einer solchen Frau jeder Gedanke -an weitere Vergrösserung der Familie als ein von dem rücksichtslosen -Manne gegen sie geplantes Verbrechen erscheinen; denn nun verbinden -sich in ihr der Egoismus in natürlicher und in wirthschaftlicher -Hinsicht, um den Zweck der Ehe zu vereiteln. Ebenso staunenswürdig -wie die Opferwilligkeit, die Energie und die Ausdauer der Leistungen -sind, zu denen das Weib als uneheliche Mutter oder als Wittwe unter -dem eisernen Zwang der Nothwendigkeit, für ihre Kinder zu sorgen, -sich aufschwingen kann, ebenso grausam und unbarmherzig kann die -egoistische Rücksichtslosigkeit sein, mit welcher dasselbe Weib alle -Lasten dem Manne aufbürdet, so lange sie noch einen hat. - -Das hier gezeichnete Bild ist glücklicher Weise nicht die Regel, -sondern nur die Ausnahme, wenn auch keine ganz seltene; aber irgend -etwas von den hier zusammengestellten Zügen wird man bei einiger -Aufmerksamkeit häufiger entdecken als man denkt. Jeder Mann, der mit -Heirathsgedanken umgeht, muss daran denken, dass eine solche Zukunft -auch ihm blühen kann, und dass wenigstens die guten Vorsätze und -Versicherungen seiner Erkorenen ihm ganz und gar keine Bürgschaft -dagegen gewähren. - -Bewunderungswürdig erscheint mir stets das Durchschnittsweib aus dem -Volke, das ohne Dienstboten ihr ganzes Hauswesen allein besorgen, ihre -Wochenbetten unter dem Beistand gefälliger Nachbarinnen erledigen, -ihre Kinder selbst warten und pflegen, dabei noch oft die Rohheiten -eines rücksichtslosen und zeitweise betrunknen Mannes ertragen und -durch eignen Arbeitsverdienst zur Einnahme der Familie beisteuern -muss, und das alles mit der Aussicht, im Falle der Wittwenschaft für -ihre Erhaltung und für die Erziehung der Kinder mit ihren zwei Händen -aufkommen zu müssen. Dieses Weib aus dem Volke trägt entschieden den -schwereren Antheil an der Last des Lebens, und die Art, wie sie ihn -meistens trägt, nöthigt uns volle Hochachtung vor ihrem sittlichen -Werthe ab, welcher dem des Mannes meist ebenso überlegen ist, wie er -in den höheren Ständen hinter diesem zurücksteht. An den unglücklichen -Ehen und Scheidungen in den niederen Ständen trägt meist der Mann, an -denjenigen in den höheren Ständen überwiegend die Frau die Schuld; in -den ersteren ist entschieden die Frau, in den letzteren gewöhnlich der -Mann der liebenswürdigere und innerlich gebildetere Theil. - -Den Grund davon sehe ich wesentlich darin, dass die Mädchen und -Frauen der höheren Stände durch geschäftigen Müssiggang systematisch -verdorben, von dem Gedanken, dass Arbeiten und Dulden der natürliche -Zustand des Menschen sei, entwöhnt und darauf hingedrängt werden, -in der Bequemlichkeit und Vergnüglichkeit den Zweck ihres Daseins -zu suchen. Ein fünfstündiger Mädchenschulunterricht mit zwei- bis -dreistündiger häuslicher Arbeitszeit, einhalb- bis einstündigem -Schulwege und nebenherlaufenden Privatstunden verbietet es, die Mädchen -während der Schulzeit zu häuslichen Arbeiten heranzuziehen; wenn sie -dann mit 15 bis 17 Jahren die Schule verlassen, so haben sie bereits -gelernt, sich als Damen zu fühlen, welche für häusliche Arbeiten -zu vornehm und zu gebildet sind, und wenn sie auch wirklich anders -dächten, so sind in einem Hauswesen mit der entsprechenden Zahl von -Dienstboten keine nennenswerthen Arbeiten da, welche die Hausfrau ihnen -anweisen könnte. Vom 16. Jahre bis zur Verheirathung in den 20er Jahren -sind sie somit zum Müssiggang förmlich gezwungen, wenn sie sich nicht -zu einem wissenschaftlichen oder künstlerischen Studium entschliessen, -durch welches sie dem Beruf als künftige Hausfrauen immer mehr -entfremdet werden. Das einzige, was sie im Durchschnitt lernen, das -ist, ihre nutzlose Zeitvergeudung mit mehr oder minder Grazie zu -verschleiern, sei es durch das Lesen der allerneuesten englischen und -französischen Schundromane (der einzigen Frucht ihrer Sprachstudien), -sei es durch Klavierklimpern, sei es durch zwecklose augenverderbende -Handarbeiten. - -Jeder Arbeitseifer, jedes Gefühl des Verpflichtetseins zu -volkswirthschaftlichen Leistungen, jede Scham vor einer blossen -Schmarotzerexistenz und unverdientem Wohlleben wird dabei systematisch -ertödtet, und man kann sich nicht wundern, wenn die so erzogenen -Mädchen vor dem Gedanken zurückschaudern, als Frau in ein Hauswesen -eintreten zu sollen, wo ihnen zwar die grobe Arbeit durch eine Magd -abgenommen wird, aber das eigentliche Kochen, das Schneidern ihrer -eigenen Kleidung und derjenigen für die Kinder, und, was am schwersten -wiegt, die tägliche und nächtliche Kinderpflege auf ihre eignen -Schultern fallen würde. Das Höchste, wozu sie sich aufschwingen -wollen, ist die Last der Leitung eines Hauswesens mit mehreren -Dienstboten, deren Ansprüche an Gedankensammlung und wohlüberlegte -Anordnung schon grell genug von der in der Mädchenzeit gewohnten -passiven Bummelei abstechen; aber einen Mann zu nehmen, der nicht -im Stande ist, ihnen Köchin und Kindermädchen zu halten, und alle -Familiengarderobe durch fremde Hände anfertigen zu lassen, darin sehen -sie mindestens ein so grosses Opfer, dass es durch ein lebenslängliches -Aufhändengetragenwerden vom Manne nicht aufgewogen werden kann. - -In der Regel denkt ein Mädchen beim Heirathen nur an den Brautstand, -die Hochzeitkleider und die Honigmonde, und alle +damit+ gegebenen -Lasten ist sie willig, auf sich zu nehmen. Kommen nachher die Kinder -hinzu, welche eine Kinderwärterin, Kinderkleider, vergrösserte Wohnung -und Tafel verlangen, nun so ist das eben bloss Schuld des Mannes, -für die er aufzukommen hat. Kann er das nicht in dem Maasse, wie das -Behagen und die Bequemlichkeit der Frau es verlangen, so macht er -dadurch diese zur Märtyrerin, oder er vergrössert vielmehr nur das -Martyrium, welches die Frau durch die wiederholten Schwangerschaften, -Entbindungen und Wochenbetten „um seinetwillen“ tragen muss. Dass in -den höheren Ständen der Beruf des Mannes, durch welchen er die Mittel -für die Erhaltung der Familie beschafft, ein viel grösseres Martyrium -ist als derjenige einer alle ihre Pflichten erfüllenden Frau, dass er -namentlich die Lebensdauer in viel höherem Grade abkürzt, das kommt -dabei natürlich nicht in Betracht. Wie der Beruf den Mann allmählich -aufreibt und seine Gesundheit untergräbt, entzieht sich in den -früheren Stadien meistens der Beobachtung, wird auch wohl vom Manne -geflissentlich ignorirt; wie dagegen der Beruf der Frau vorübergehende -und später sich meist völlig wieder ausgleichende Störungen des -Wohlbefindens hervorruft, das liegt auf der Hand, und die Frauen -ermangeln selten, es in das rechte Licht zu stellen, wie „leidend“ -sie durch Erfüllung ihres Berufs geworden sind, zumal wenn sie dabei -„nervös“ oder gar „hysterisch“ sind. - -Und wie viele Frauen der höheren Stände giebt es, die nicht nervös -sind? Wie viele, welche körperlich der Erfüllung ihres Berufes noch -vollauf gewachsen und im Stande sind, die Vereinigung von Arbeit und -Kinderwartung am Tage mit jahrelanger nächtlicher Ruhestörung ohne -unerträgliche Steigerung ihrer Nervosität zu ertragen? Durch das -sinnlose Aderlassen der vorhergehenden Jahrhunderte sind wir zu einem -blutarmen, bleichsüchtigen Geschlechte, durch das städtische Leben mit -seinen künstlichen Erregungen und seinem Mangel an frischer Luft und -Bewegung im Freien zu einem nervösen Geschlecht geworden, und in Folge -der unvernünftigen Ueberanstrengung des zarter gebauten weiblichen -Gehirns vom 6. bis zum 16. Jahr durch unsre höheren Töchterschulen -und weiterhin durch die weiblichen Berufsstudien haben wir den durch -das gesundheitswidrige Schnüren der letzten Generationen schon aus -dem Gleichgewicht gerückten weiblichen Organismus der höheren -Stände dahin gebracht, dass er zu seinen natürlichen Zwecken immer -untauglicher geworden ist. Kein Wunder, wenn da der Geist anfängt, -sich gegen die Erfüllung der Naturzwecke aufzulehnen, zu denen er -den Körper unbrauchbar fühlt. Das nach Glück und Liebe sich sehnende -Herz des Mädchens geräth in Widerspruch mit der Natur und wird fast -unwillkürlich zu einem platonischen abstrakten Idealismus hingedrängt, -in welchem es wähnt, ein Männerherz ohne die Naturbasis der Liebe -sich dauernd zu eigen machen zu können; unsre ganze Mädchenerziehung, -welche auf ängstliche gewaltsame Verschleierung und Ignorirung dieser -Naturgrundlage und ihrer Weisheit und Würde ausgeht, unterstützt -diese ihrem Egoismus so angenehme Verirrung und der Mann hat nachher -die Kosten dieser künstlichen Selbsttäuschung zu tragen, indem sein -naturgemässes Verhalten ihm als sinnliche Rohheit und rücksichtslose -Barbarei in Rechnung gestellt wird. Wenn es so der Frau auch nicht -gelingt, den Mann von seinem Unrecht gegen sie zu überzeugen, so -überzeugt sie ihn doch hinlänglich von ihrer Naturentfremdung, -Untüchtigkeit und Selbstsucht, stumpft hierdurch wie durch die quälende -Unzufriedenheit mit ihrer Lage die anfängliche Liebe des Mannes für sie -mehr und mehr ab, und gelangt so an einen Punkt, wo der erkaltete und -ermüdete Mann dem Appell an seinen wirtschaftlichen Egoismus zugänglich -wird. Die Folge ist dann die geringere Kinderzahl der Ehen der höheren -Stände im Vergleich mit denen der niederen. - -Die jungen Männer reflektiren wohl selten auf alle hier aufgeführten -Umstände, aber sie haben doch eine mehr oder minder deutliche -Kenntniss von der Naturentfremdung, körperlichen und geistigen -Berufsuntüchtigkeit, Arbeitsscheu, Verwöhnung und Selbstsucht der -Mädchen höherer Stände, denn sie kennen ja ihre Schwestern. Sie haben -deshalb eine instinktive Furcht vor der Ehe, und ziehen es vor, mit -Mädchenherzen +vor+ der Ehe zu spielen, anstatt mit ihrem Herzen +nach+ -der Hochzeit spielen zu lassen. Sie fürchten mehr als in irgend einer -früheren Kulturperiode die Liebe, welche sie verblenden könnte gegen -das, was sie zu erwarten haben, schätzen ihre Junggesellenfreiheit um -so höher, und hoffen, dass ihnen der „Reinfall“ auf ein vermögensloses -Mädchen erspart bleiben wird. Wenn sich nun in dieser Hoffnung auch ein -grosser Procentsatz täuscht, so ist doch solche generelle Abneigung -der gebildeten Jugend gegen die Ehe mit einem vermögenslosen Mädchen -ein höchst bedenkliches Zeichen der Zeit, ein Symptom von einem auch -in der Männerwelt überwuchernden Egoismus, von Mangel an Familiensinn -und socialem Pflichtgefühl. Kein Mann kann bezweifeln, dass es auch -unter den vermögenslosen Mädchen seines Standes Ausnahmen genug giebt, -dass er, wenn er durchaus in seinem Stande heirathen will, den Muth -haben muss, nach diesen Ausnahmen zu suchen, dass es mit zu seiner -Pflicht gehört, im Falle der Enttäuschung in der Ehe den Kampf mit der -Selbstsucht der Frau aufzunehmen und die versäumte Erziehung derselben -nachzuholen, dass er endlich selbst bei Erfolglosigkeit dieses Strebens -seine Töchter anders erziehen und eine bessere sociale Zukunft -heraufführen helfen soll. - -Das Verschanzen hinter die weiblichen Fehler ist leider nur zu oft ein -blosser Vorwand der männlichen Jugend, um ihrer Selbstsucht, d. h. dem -Verbrauch ihres gesammten Einkommens für ihre Person, ungestört weiter -fröhnen zu können. Wer seine ganze Einnahme für sich allein verbraucht, -der schreckt natürlich davor zurück, plötzlich den Haupttheil derselben -für eine Familie abgeben zu sollen; er verschiebt das Heirathen auf -eine Gehaltserhöhung, hat aber, wenn diese kommt, nicht gerade eine -bestimmte Frau in Aussicht und gewöhnt sich dann daran, auch das höhere -Einkommen ganz für seine persönlichen Bedürfnisse zu verbrauchen. -Uebermannt ihn eine wirkliche Liebe, so entschliesst er sich freilich -zu Opfern und Einschränkungen und findet nachher meistens, dass ihm die -Entbehrungen viel leichter geworden sind, als er sich vorher gedacht -hat, gerade umgekehrt wie bei der Frau. Fehlt es aber zu der Zeit, wo -sein Einkommen für eine Familie ausreicht, an einer rechten Liebe in -seinem Herzen, die ihn über die kleinliche Selbstsucht hinweghebt -- -und diess ist nur zu oft der Fall -- so wird die letztere bei vielen -stark genug sein, sie von der Erfüllung ihrer socialen Bürgerpflicht -durch Eheschliessung abzuhalten. Freilich giebt es noch junge Männer -genug, die auch ohne eigentliche Liebesleidenschaft ganz gern bereit -wären, sich erhebliche persönliche Einschränkungen aufzulegen, um des -Familienglücks und des häuslichen Behagens theilhaftig zu werden, wenn -sie nur noch den Glauben fassen könnten, dass dieses Glück ihnen mit -den verwöhnten und anspruchsvollen Mädchen ihres Standes wirklich noch -blühen könne, wenn sie nicht fürchten müssten, alle Opfer umsonst zu -bringen und sich durch Fesselung an eine unzufriedene und missvergnügte -Frau das Leben zu verbittern. - -Die schonungslose Aufdeckung der Gründe, aus denen die vermehrte -Ehelosigkeit und Heirathsverspätung und die verminderte Kinderzahl -unserer höheren Stände entspringt, mag manchem Leser peinlich gewesen -sein, aber sie hat wenigstens den Vortheil, die Punkte erkennbar zu -machen, an welchen die Hebel zur Wiederherstellung gesunderer socialer -Zustände angesetzt werden müssen. - -Zunächst kann die Gesetzgebung etwas thun, nämlich die Prämie aufheben, -welche auf der Ehelosigkeit steht in Folge des Umstandes, dass der -Familienvater von seinem Einkommen trotz der erhöhten Leistungen für -den Staat durch die Kindererziehung und trotz des höheren Beitrags zu -den indirekten Steuern und Zöllen doch noch dieselben direkten Steuern -zahlen muss, wie der Junggesell, und dass nach Intestaterbrecht ledige -und verheirathete Erben gleichen Erbanspruch haben. Wir betrachten -zunächst den ersten Punkt. - -Ob ein Einkommen eine oder fünf Personen ernährt, müsste sich -doch in der Steuerquote ausdrücken, d. h. der unverheirathete -Steuerzahler müsste von dem gleichen Einkommen das Fünffache an -direkter Steuer entrichten, wie der Familienvater, um einen billigen -Ausgleich herzustellen. Wir können nicht zu dem Athenischen Gesetze -zurückkehren, nach welchem der gesunde Bürger mit zurückgelegtem -vierzigsten Lebensjahr zur „Zwangstrauung“ geführt wurde (wie bis -vor Kurzem bei uns die Kinder zur Zwangstaufe), aber wir können -unsern Bürgern die Eheschliessung dadurch als eine staatsbürgerliche -Ehrenpflicht einschärfen, dass wir die Entziehung von derselben ähnlich -wie diejenige von gewissen Ehrenämtern der Selbstverwaltung durch -Vervielfachung der direkten Steuern ahnden. Das Geschlecht kann hierbei -keinen Unterschied begründen; denn in den steuerpflichtigen Jungfern, -mögen sie im Einzelnen noch so unschuldig an ihrem Sitzenbleiben sein, -muss die Entartung ihres Geschlechts im Ganzen gestraft werden, da die -Gesetzgebung nicht individualisiren kann. Da die unteren Stufen der -Klassensteuer ohnehin schon bei uns aufgehoben sind, und weitere Stufen -der Aufhebung entgegen sehen, so würden die von ihrem Arbeitsertrag -lebenden Jungfern von einer solchen Massregel ebensowenig betroffen -werden, wie die niederen Stände überhaupt, und auf weiblicher Seite -nur die besser situirten Rentnerinnen darunter zu leiden haben, die -es vertragen können.[8] Da die Entziehung von der socialen Pflicht -der Familiengründung um so gemeinschädlicher und strafbarer ist, je -wohlhabender die ledigen Individuen sind, so wäre es sogar nicht -mehr als billig, den Coefficienten für die Vervielfachung der Steuer -progressiv zu machen; denn je grösser die Wohlhabenheit, desto -strafbarer ist die Entziehung von der Pflicht der Familiengründung und -desto nachtheiliger wirkt die durch sparsame Proliferation verursachte -Vermögensanhäufung. In den niederen Ständen, wo die Vermehrung schon -eher zu schnell als zu langsam ist, hat man durch Aufhebung aller -Erschwerungen und Unkosten der Eheschliessung und durch die theils -schon durchgeführte, theils in Aussicht stehende Aufhebung des -Schulgeldes alles gethan, um die Vermehrung noch zu befördern; in den -höheren Ständen, wo die Vermehrung erschreckend hinter dem Nothwendigen -zurückbleibt, scheut man bis jetzt vor der natürlichsten Forderung der -ausgleichenden Gerechtigkeit durch die Vervielfachung der direkten -Steuern der Ledigen zurück. - -Wir kommen nun zu dem zweiten Punkt, nämlich zu der Unbilligkeit, -welche darin liegt, dass ledige und verheirathete Kinder gleichviel -erben. Die alten Jungfern, welche eine zwecklose Drohnenexistenz im -Staate führen, und die Junggesellen, welche ausser ihrer direkten -Berufsarbeit keine socialen Leistungen für den Staat aufzuweisen haben, -verdienen nicht, von der Rente des gemeinsamen Familienvermögens den -nämlichen Antheil zu verbrauchen, wie ihre verheiratheten Geschwister, -welche durch ihre Kinder gezwungen sind, für ihre Person bei gleicher -Einnahme viel beschränkter zu leben. Wenn auch die Vermögens-Antheile -der Ledigen später auf ihre Neffen und Nichten mitübergehen, so -gelangen sie doch meistens zu spät in deren Hände, um denselben noch -mit ihrem vollen volkswirthschaftlichen Nutzen zu gut zu kommen, und -was weit schlimmer ist, die Rente derselben ist für die Lebensdauer -der Erbonkel und Erbtanten dem social activen Theil des lebenden -Geschlechtes verloren gegangen und hat durch die unverhältnissmässige -Erhöhung des Wohllebens, des Komforts und des Luxus der Niessnutzer -als augenscheinliche Prämie ihrer Ehelosigkeit gewirkt. Umgekehrt -würde mancher egoistische Junggeselle sich eher zur Verheirathung -entschliessen und manches wohlhabende wählerische Mädchen vorsichtiger -in der Austheilung ihrer Körbe und maassvoller in ihren Ansprüchen -werden, wenn sie wüssten, dass die Hälfte der noch zu erwartenden -Erbschaften ihnen verloren geht, falls sie ledig bleiben. Um diess zu -erreichen, müsste das Intestaterbrecht dahin abgeändert werden, dass -unter verwandtschaftlich gleich nahe stehenden Erbberechtigten die -Ledigen nur den halben Erbanspruch von demjenigen der Verheiratheten -haben sollen. Diejenigen Ledigen, welche beim Erbfall noch nicht das -35. Lebensjahr zurückgelegt haben, müssten beanspruchen können, dass -ihnen die andere Hälfte ihres Erbtheils sichergestellt werde für den -Fall, dass sie sich bis zu dem genannten Alter verheirathen, wogegen -nach Ueberschreitung dieser Altersgrenze der sichergestellte Theil -unter die verheiratheten Miterben zur Vertheilung gelangen würde. Wem -diese Bestimmung missfiele, dem bliebe es unbenommen, testamentarisch -anders zu verfügen; da aber der Erbgang thatsächlich zum grossen Theil -nach Intestaterbrecht erfolgt, so würde eine Aenderung in diesem -immerhin einen beträchtlichen realen Einfluss haben. - -Für wichtiger als den realen Einfluss würde ich übrigens die moralische -Wirkung solcher gesetzlicher Bestimmungen halten, insofern sie im Volke -das Bewusstsein wecken und stärken würden, dass die social passiven -und social aktiven Theile der Gesellschaft einen so verschiedenen -socialen Werth für die Gesammtheit haben, dass sie nicht mit gleichem -Maasse gemessen werden dürfen. Der Satz: „wer nicht arbeitet, soll -auch nicht essen“ muss wenigstens insoweit wieder zu Ehren kommen, -dass die sociale Berufslosigkeit der Missachtung preisgegeben wird, -wo sie verschuldet ist, dass kouponschneidende Müssiggänger und -Müssiggängerinnen nicht mehr der ehrlichen Arbeit zum Hohn ein -luxuriöses Wohlleben führen, sondern auf ein bescheidenes Auskommen -beschränkt werden, und dass diejenigen, welche die staatsbürgerliche -Ehrenpflicht der Familiengründung nicht erfüllt haben, auch nicht -gleiche Rechte wie ihre leistungsfähigeren und leistungswilligeren -Mitbürger zu besitzen verdienen. Der behaglich lebende Junggeselle muss -aufhören, sich vergnügt in die Hände zu reiben, sich seiner Pfiffigkeit -zu rühmen, und hohnlachend auf den dummen Tropf herabzusehen, der -sich im Schweisse seines Angesichts für seine zahlreiche Familie -plagt. Die spöttische Geringschätzung, welche schon jetzt wegen ihrer -Berufslosigkeit oft unverdient genug auf der alten Jungfer lastet, muss -auch auf den körperlich heiratsfähigen alten Junggesellen übertragen -werden, mit doppelter Wucht, weil er nicht auf das Gewähltwerden zu -warten braucht, sondern selber die Wahl frei hat; sie muss sich zum -sittlichen Unwillen steigern, wenn die Entziehung von der socialen -Ehrenpflicht der Familiengründung sich beim Junggesellen mit -berufsloser Unthätigkeit paart, aus welcher man der alten Jungfer -unter den heutigen Verhältnissen kaum einen Vorwurf machen kann. - -Wenn auf diese Weise das Gefühl der Verpflichtung zur Familiengründung -in der männlichen Jugend wieder geweckt und die Entziehung von dieser -Ehrenpflicht wieder zu einem Gegenstande der Scham gemacht worden ist, -dann werden auch die jungen Männer mit ganz anderen Augen auf ihre -Zukunft blicken lernen und ihre Gegenwart mit Rücksicht auf diese -Zukunft zu gestalten suchen. Jetzt, wo sie für sich leben, halten sie -es so sehr für das Normale, ihre ganze Einnahme zu verbrauchen, dass -ihnen das Gegentheil gar nicht in den Sinn kommt; dann, wenn sie ihre -Junggesellenzeit nur als Vorstufe zu derjenigen des Familienvaters -ins Auge fassen, werden sie von vornherein ihre Gewohnheiten nach -Maassgabe der letzteren einzurichten haben. Von seelenmörderischen -Lastern, wie dem Spiel, werden sie sich viel leichter frei halten, -wenn ihnen die Perspektive des Familienlebens als Ziel vorschwebt; -die Kosten für Verhältnisse zweifelhaften Charakters werden sie sich -ebenfalls auf Grund des näher gerückten ehelichen Lebens lieber -ersparen, womit dann wiederum der Hauptantrieb zu kostspieligem -Kleiderluxus in Wegfall kommt. Je mehr sie das Bewusstsein haben, sich -für künftiges Familienleben vorzubereiten, desto mehr werden sie den -Familienverkehr der Kneipe vorziehen, desto mehr wird die Verführung -der Kneipe zur Gewöhnung an übermässige Fleischnahrung, Trinken und -Rauchen zurücktreten, desto weniger werden sie von ihrer Nachtruhe der -Erholung opfern und desto besser werden sie für ihre Gesundheit und -die Erhaltung ihrer Nervenkraft sorgen. Glücklicherweise beginnt das -Rauchen in der gebildeten Jugend jetzt ebenso aus der Mode zu kommen, -wie das Tabakkauen und Schnupfen es schon lange ist, und gegen das -sinnlose Trinken erhebt sich aus studentischen Kreisen selbst ebenso -eine Reaktion wie aus medicinischen Kreisen gegen den eine Zeitlang -begünstigten übermässigen Fleischgenuss. Wer aber an gesundheitsgemässe -gemischte Kost gewöhnt ist und weder raucht, noch trinkt, noch spielt, -der hat für seine Person kaum noch ein Opfer zu bringen nöthig, wenn -er zur Ehe schreitet, der wird auch vor der Ehe nicht in Versuchung -gewesen sein, sein ganzes Berufseinkommen für sich zu verbrauchen, -sondern wird zeitig angefangen haben zurückzulegen, sei es in Form von -Ersparnissen oder von Alters- und Lebensversicherung oder sonst wie. -Ein solcher Mann wird beim Uebergang zum Familienleben nur gewinnen, -vorausgesetzt, dass er ein gesundes, arbeitsfähiges, arbeitswilliges -und anspruchsloses Mädchen wählt. - -Wenn es bei einem gesunden Zeitgeist und Standesgeist das Natürlichste -ist, ein solches Mädchen in seinem Stande zu suchen, so muss dies bei -einem korrumpirten Standesgeist, bei einem zur Unsitte gewordenen -Leben über den Stand hinaus, ebenso bedenklich erscheinen wie unter -normalen Verhältnissen das Heirathen über seinem Stande. Niemand darf -sich für einen Herzenskündiger halten, am wenigsten, wenn Amor ihm -die Binde um die Augen gelegt hat; deshalb wird Niemand sich zutrauen -dürfen, den Charakter seiner Erkorenen so zu durchschauen, dass er sich -auf Grund ihrer guten Vorsätze gegen jeden Rückfall in luxuriösere -Gewohnheiten, als sie bei ihm fortsetzen kann, gesichert halten dürfte. -Es bleibt also bei der Trüglichkeit der subjektiven Diagnose dem -Heirathskandidaten nur das objektive Merkmal übrig, ob die bisherigen -Gewohnheiten, welche seine Erwählte in der Lebenshaltung ihres -Elternhauses sich angeeignet hat, nicht über das Maass von Komfort -hinausgehen, welches er ihr gewähren kann. Ist dies der Fall, so muss -er sich darüber klar sein, dass auch die beste und bescheidenste Frau, -die sich willig in die ihr neuen, einfacheren Verhältnisse findet, -doch nie aufhören wird, ihr Herabsteigen als ein ihm dargebrachtes -Opfer zu empfinden, welches vorweg durch einen Ueberschuss an Liebe -über die sonst zu verlangende hinaus ausgeglichen werden muss. Für den -Mann ist es ein Leichtes, das Weib seiner Wahl zu sich emporzuheben, -da die meisten Frauen sich mit wunderbarem Geschick höheren Ansprüchen -anzupassen und in einem höheren Kreise heimisch zu machen verstehen; -dagegen fällt es dem Weibe unendlich schwer, sich zu dem Manne -ihrer Wahl so herabzulassen, dass er es nicht mehr als Herablassung -fühlt. Die Frau vergleicht niemals die Lage, in welche sie ohne die -geschlossene Ehe nach dem Tode ihrer Eltern gekommen sein würde, mit -der in der Ehe ihr zu Theil gewordenen, sondern immer nur diejenige, -welche sie als Mädchen thatsächlich im Elternhause durchlebt hat; denn -die Frau kümmert sich nicht um abstrakte Möglichkeiten der blossen -Vorstellung, sondern hält sich an die ihrem Gedächtniss anschaulich -eingeprägte Erfahrung als allein reell in Betracht kommendes -Vergleichsobjekt. Fällt dieser Vergleich für die Gegenwart ungünstig -aus, so hilft kein Hinweis auf das, was inzwischen vermuthlich an -deren Stelle getreten sein würde, denn die Möglichkeit bleibt ja -unbestreitbar, dass sie vielleicht auch noch eine bessere Partie hätte -machen können. - -Will also der Mann sicher gehen, so muss er seine Wahl auf solche -Familien seines Standes beschränken, welche der Verirrung des -Zeitgeistes erfolgreich Widerstand geleistet und ihre Töchter so -einfach gehalten, so anspruchslos erzogen und so zur Arbeitsamkeit -gewöhnt haben, dass sie das ihnen dargebotene Loos an seiner Seite -ohne Herablassung und ohne Umlernen in ihren Gewohnheiten annehmen -könne. Ein Mann, dessen voraussichtliche Einnahme mit 30, 40, 50 und -60 Jahren die Höhe von 30, 40, 50 und 60 hundert Mark nicht übersteigt -(wie dies durchschnittlich bei unsern meisten höheren Berufsarten -thatsächlich nicht der Fall ist), kann schlechterdings nur mit einer -Frau zufrieden und behaglich leben, welche fähig und willens ist, ihre -eigene Köchin, Kinderwärterin und Schneiderin zu sein und sich nur -für die grobe Hausarbeit eine Hülfe zu halten. Eine solche wird er -aber nur in einem Hause suchen dürfen, das selber mit höchstens einem -Dienstboten oder womöglich ohne solchen mit einer blossen Aufwärterin -auskommt, und auch sonst in Kost, Kleidung, Wohnung, Reisen u. s. w. -sich der grössten Bescheidenheit befleissigt, keinesfalls aber in einem -solchen, wo die erwachsenen Töchter gewohnt sind, sich bedienen zu -lassen, statt selbst den Eltern und dem Ganzen der Familie zu dienen. -Findet er aber keine solche Familie in seinem Stande, oder doch keine, -deren Töchter sein Herz zu gewinnen vermögen, so soll er darum sich -nicht von seiner Pflicht entbunden erachten, sondern den einfachen -Ausweg einschlagen, so weit von seinem Stande herabzusteigen, als die -Gemüthserziehung und Charakterbildung der Töchter noch ausreichend -scheint, um seinen Kindern die nothwendige mütterliche Erziehung zu -sichern. - -Würde das erstere allgemein unter der männlichen Jugend, so würden -alle über ihren Stand hinaus lebenden Familien damit bestraft, dass -ihre Töchter sitzen blieben, und nur die vernünftigen erhielten in der -ausnahmsweisen Verheirathung ihrer Töchter die Prämie für den Muth -und die Ausdauer ihres Schwimmens gegen den Strom. Würden an Stelle -aller Töchter der über ihren Stand hinaus lebenden Familien von den -jungen Männern Töchter aus geringerem Stande gewählt, so würde der -korrumpirte weibliche Theil der höheren Stände von der Fortpflanzung -ausgeschlossen, ohne dass darum die in dem männlichen Theil derselben -Stände niedergelegten erblichen Eigenschaften dem Kulturprocess mit -verloren gingen; an Stelle der Blutserneuerung des Standes durch -Einrücken von ganz neuen Elementen aus den niederen Ständen träte dann -eine halbseitige Blutsauffrischung durch Konnubium mit den minder -entarteten Töchtern der nächstniederen Stände. Diese halbseitige -Blutsauffrischung hat jedenfalls vor der gänzlichen Blutserneuerung -des Standes den Vortheil, dass die durch Vererbung angehäuften -Eigenschaften wenigstens des männlichen Theils für die weitere -Betheiligung des Standes an der Kulturarbeit konservirt werden; aber -sie macht die Forderung nicht überflüssig, dass man Mittel und Wege -aufsuchen müsse, um wo möglich auch die weibliche Hälfte der höheren -Stände vor einer solchen Ausschaltung zu bewahren. - -Das bei weitem wirksamste Mittel würde jedenfalls das Bewusstsein -von der drohenden Ausschaltung durch Verheirathung aller Männer mit -Mädchen geringeren Standes sein; denn der letzte Grund für das Drängen -gerade des weiblichen Geschlechts nach Luxus ist doch schliesslich -nur die Hoffnung, durch solchen Schein einer Erhabenheit über das -Durchschnittsniveau ihres Standes die Männer zu blenden und für sie -anziehender und begehrenswerther zu werden. Sobald die Ueberzeugung -im weiblichen Geschlecht allgemein würde, dass dieses Streben den -umgekehrten Erfolg hat, würde dessen Nerv gelähmt sein. Der Irrthum -aber, durch welchen die Mädchen bisher zu diesem verkehrten Verfahren -sich haben verleiten lassen, entspringt aus der Verwechselung zwischen -der Anziehungskraft, die ein Mädchen auf einen Mann zur vorübergehenden -Unterhaltung ausübt, und derjenigen, welche sie auf einen solchen als -Heirathskandidaten ausübt. Nur die erstere macht sich den Mädchen in -jeder Gesellschaft und auf jedem Balle sinnlich wahrnehmbar, während -die letztere sich in ihren Ursachen dem Verständniss der Mädchen zu -sehr entzieht. Aber ein wenig Nachdenken könnte sie doch lehren, -dass die am meisten umschwärmten Löwinnen der Bälle und Landpartien -ebenso oft und noch öfter sitzen bleiben als die unbeachteten und -unscheinbaren Wegeblümchen. Eine grosse Schuld der Bestärkung in diesem -Irrthum tragen leider die Mütter, indem sie nach dem Eintritt in die -Ehe nicht aufhören wollen, auf die zum Theil dem Luxus der Erscheinung -zugeschriebenen gesellschaftlichen Erfolge zu verzichten, vielmehr -den Verlust der jugendlichen Reize durch Steigerung der Toilette zu -ersetzen suchen. Solchen Müttern geschieht dann ganz Recht, wenn sie -das ihren Töchtern gegebene Beispiel mit deren Sitzenbleiben büssen -müssen. - -Man kann sagen, dass der letzte handgreifliche Grund unserer -verschrobenen Weiber in dem höheren Töchterschulwesen liegt, das -sich erst in dem letzten halben Jahrhundert entwickelt hat. Könnten -wir diese Entwickelung mit einem Streich rückgängig machen, und -unsere Töchter auf das Niveau der Volksschulbildung, mit dem unsere -Grossmütter sich begnügen mussten, zurückschrauben, so würden -sie ebensowenig, wie diese es thaten, sich für zu vornehm und zu -gebildet zur Erfüllung ihrer natürlichen und socialen Pflichten, zur -Kinderpflege und Hausarbeit halten. Hat doch selbst die Jungfernfrage -nur dadurch ihre Schärfe bekommen, dass die Jungfern der höheren Stande -nicht mehr wie früher in den Hauswesen ihrer Verwandten arbeiten und -dienen wollen. Alle Halbbildung ist ein Fluch und nicht ein Segen; -unsere höhere Töchterschulbildung aber ist Halbbildung der schlimmsten -Art und erzeugt naturgemäss auch die Folgen einer solchen. - -Nun lässt sich aber eine fünfzigjährige geschichtliche Entwickelung -nicht so ohne Weiteres annulliren, und es sind ja auch in der -Töchterschule berechtigte und der Pflege werthe Elemente vorhanden, -welche man nicht mit der Wurzel ausreissen sollte, selbst wenn man -es könnte. Ich begnüge mich hier mit Aufstellung der Forderung, dass -der Unterricht bis zum 14. Jahre nur 4 Stunden täglich, nachher nur 3 -Stunden (mit Ausschluss von Rechnen und Gesang) umfassen darf, dass -nur eine fremde Sprache (die französische) getrieben werden und dass -für die häuslichen Arbeiten nicht mehr als eine Stunde in Anspruch -genommen werden darf. Hierdurch würde die gesundheitsschädliche -Ueberanspannung der Mädchengehirne beseitigt und die Möglichkeit -einer zunehmenden häuslichen Nebenbeschäftigung der Schulmädchen -eröffnet. Eine fakultative Ausdehnung der Schulzeit auf 11-12 Jahre -mit nur 2 täglichen Unterrichtsstunden in den beiden letzten Jahren -würde den jetzt so schroffen Uebergang von der Schule zur häuslichen -Selbstthätigkeit allmählicher machen und der Schule erst Gelegenheit -geben, Disciplinen wie Kunstgeschichte mit wirklichem Nutzen zu -pflegen, die jetzt nur mehr als schöne Aushängeschilder in den -Schulprogrammen prangen und bloss den Mädchen mit dem Glauben an die -erlangte Bildung den Kopf verdrehen. - -Sache der Mütter ist es, die Töchter sowohl in den Schuljahren mit -abnehmender Schulzeit wie nach beendigter Schulzeit mit Ernst und -Strenge zu geordneter und nützlicher häuslicher Thätigkeit anzuhalten, -Sache der Väter, ebensowohl den heranwachsenden Töchtern wie den -heranwachsenden Söhnen gegenüber die Hand auf den Beutel zu halten, -damit sich beide nicht frühzeitig an ein Maass von Ausgaben gewöhnen, -von dem nach der Verheirathung oder nach des Vaters Tode zurückstehen -zu müssen sie später als schmerzliche Entbehrung empfinden würden. -Wenn jeder Familienvater seiner Pflicht eingedenk bleibt, den Etat des -Hauswesens niemals blos nach den augenblicklich verfügbaren Mitteln -einzurichten, sondern immer zugleich die Zukunft der Familie im Auge -zu behalten, dann wird sich ganz von selbst eine Einrichtung des -Hauswesens ergeben, welche sowohl die Söhne wie die Töchter für ihre -künftige Aufgabe eigener Familiengründung vorbereitet. - - - - -V. - -Die heutige Geselligkeit. - - -1. Die Geselligkeit im Hause. - -Das grossstädtische Leben hat die Tendenz, seine Uhr zurückzustellen, -d. h. den Morgen zu verkürzen, die Mittagszeit zu verspäten und den -Abend zu verlängern. Als ich kleines Kind war, speisten noch die -meisten Leute mit ihren Kindern in der mittäglichen Schulpause, -also gegen 1 Uhr, während die jetzige Essenszeit zwischen 2 und 6 -diejenigen Kinder, deren Schulen noch Nachmittagsunterricht haben, von -der Familientafel ausschliesst. In meines Vaters Jugend begannen die -Berliner Theater-Vorstellungen um 6, in meiner Jugend um 6½, jetzt um -7, einzelne erst um 7½ Uhr. Die nächtlichen Sitzungen des englischen -Parlaments zeigen, bis zu welchem Punkte die naturwidrige Verkehrung -der Tageszeiten fortschreiten kann. Schon bei uns machen sich die -unbequemen Folgen der Verspätung des Lebens sehr fühlbar in der -Geselligkeit. - -Naturgemäss liegt die Zeit für geselliges Zusammenkommen in den -Abendstunden, welche die Erholung nach der Arbeit des Tages bilden -sollen, und nur besondere Feste dürfen das Recht der Arbeit auf -die Wochentage verkürzen. Die zu den Lebensgewohnheiten am besten -passende abendliche Erholungszeit ist zu erkennen aus den Stunden, -wo der Theaterbesuch stattfindet, daher ist es naturgemäss, dass die -Geselligkeitszeit mit der Theaterzeit zusammentrifft. Letztere fällt -bei uns jetzt in die Stunden von 7 bis 10; die abendliche Geselligkeit -wird etwa eine Stunde mehr beanspruchen, da sie im Unterschied von -der Theaterzeit die Zeit zum Abendessen in sich schliesst. Eine -Zusammenkunft, die weniger als 3 Stunden dauert, füllt den Abend -nicht aus; solche, die mehr als 4 in Anspruch nimmt, wirkt ermüdend -und wird zur Anstrengung, anstatt Erholung zu sein. Nun war es -früher angänglich, dass die Gesellschaftszeit eine Stunde später lag -als die Theaterzeit, jetzt aber, wo die zum Heimweg erforderliche -Durchschnittszeit mit der Grösse der Stadt wächst, würde schon ein -Beginn 3½- bis 4-stündiger Gesellschaften um 8 die Nachtruhe derer -empfindlich stören, welche am anderen Morgen um 8 wieder in ihrem -Berufe thätig sein müssen. Da aber durch die Eitelkeit, nicht zuerst -kommen zu wollen, der Anfang der Gesellschaften sich von 8 bis 9 -verschoben hat, und viele erst aus dem Theater in Gesellschaft gehen, -so wird sogar die Nachtruhe derer geschädigt, welche erst um 9 Uhr -Morgens nöthig haben, in ihren Bureaus oder Komptoren zu erscheinen. -Die Folge dieser Zustände ist, dass die heutige Gesellschaft immer -allgemeiner als eine drückende Last empfunden wird, die man nur trägt, -weil man sich nicht ganz den geselligen Verpflichtungen entziehen kann. - -In solchen Kreisen, denen es auf eine Vertheuerung der Geselligkeit -nicht ankommt, hat man den Ausweg gefunden, zu der früheren Zeit der -Abendgeselligkeit unserer Grosseltern (6 bis 10) zurückzukehren, -indem man die Hauptmahlzeit wie die Alten auf den Abend verlegt, -d. h. sich zum Mittagessen um 6 Uhr Abends einladet. Dadurch wird -zunächst der Vortheil erreicht, dass die Gäste, wie sie es immer -sollten, es für unhöflich halten, in der Verspätung das akademische -Viertel zu überschreiten und dass die unbehagliche Unruhe des Kommens -abgekürzt wird; was aber wichtiger ist, man kommt zu rechter Zeit -nach Haus und ist am anderen Tage wieder frisch für die Arbeit. Aber -die Nachtheile dieses Auswegs liegen auf der Hand. Entweder wird das -Essen und Trinken bei stundenlanger Ausdehnung zur Hauptsache der -Zusammenkunft, oder wenn, wie es neuerdings glücklicherweise Sitte -geworden ist, auch das reichste Mahl schnell hintereinander aufgetragen -und in einer Stunde erledigt wird, so ist man noch mehrere Stunden mit -vollem Magen und eingenommenem Kopfe beisammen und geht auseinander, -wenn das Stadium der ersten Verdauungsträgheit glücklich überwunden -ist. Aber es ist immer eine falsche Geselligkeit, in der man sich -vereinigt, um den Tafelfreuden zu huldigen, anstatt sich zu Tische zu -setzen, weil bei dem Zusammensein gerade die Essenszeit herangerückt -ist. Wo der Gaumen in erster Reihe berücksichtigt wird, ist es kein -Wunder, wenn Geist und Gemüth in den Hintergrund treten müssen. Die -hauptsächliche Zeit für gesellige Unterhaltung muss vor dem Essen -liegen, nicht hinter demselben, deshalb muss die Gesellschaft nicht -mit der Hauptmahlzeit des Tages beginnen, sondern mit einer leichten -Nebenmahlzeit schliessen. Die Hineinziehung der Hauptmahlzeit in -die Gesellschaftszeit verführt allzuleicht zur Entfaltung eines -überflüssigen und unerfreulichen Luxus, vor welchem die abendliche -Nebenmahlzeit leichter geschützt ist, weil hier der gesunde Instinkt -vor Ueberfüllung des Magens beim Beginn der Nacht warnt. - -Thatsächlich hat seit der Gründerzeit der Luxus in den „Diners“ -bei uns eine Ausdehnung gewonnen, welche vom kulturgeschichtlichen -und socialethischen Gesichtspunkt aus nur zu bedauern ist. Die -Verallgemeinerung der „Diners“ kann nur dazu führen, das gesellige -Leben noch mehr, als es schon jetzt in vielen Kreisen der Fall ist, auf -einzelne unvermeidliche „Abfütterungen“ zu beschränken. - -Das Heilmittel gegen diesen Schaden und die aus ihm weiter zu -fürchtenden Gefahren ist leicht zu sehen: man braucht nur wieder -den Muth zu haben, sich zu kurzen und frühen Abendgesellschaften -einzuladen und sich über Innehaltung des akademischen Viertels derart -zu verständigen, dass dessen Ueberschreitung allgemein wieder als -unhöflich gilt. Bringen diejenigen Gäste, welche vom späten häuslichen -Mittagessen kommen, wenig Appetit mit, so ist das um so besser; denn -es muss die Rückkehr vom übertriebenen Speiseluxus zu vernünftiger -Frugalität erleichtern. Es ist ja ursprünglich schön empfunden, dass -man, um den Gast zu ehren, der gewöhnlichen Familienmahlzeit ein -übriges hinzufügt; wo aber der eingerissene Missbrauch die Geselligkeit -des Mittelstandes zu zerstören droht, da ist als Reaktion gegen solche -Ausschreitung der muthige Entschluss am Platz, dass man auf jede, auch -auf die kleinste Zuthat verzichtet und die Gäste verschmäht, welche -nicht mit der gewöhnlichen Familienmahlzeit vorlieb nehmen wollen. - - -2. Die Geselligkeit ausser dem Hause. - -In keinem Punkte hat wohl das Leben der norddeutschen grösseren -Städte in den letzten vierzig Jahren so auffallend seine Physiognomie -verändert, als in der Verlegung eines grossen Theils der Geselligkeit -an öffentliche Orte. In den vierziger Jahren bot zum Beispiel Berlin -dem Erholung suchenden Publikum zwar im Sommer eine Anzahl primitiv -eingerichteter öffentlicher Gärten, im Winter aber fast nur eigentliche -Speisehäuser, Weinstuben, Conditoreien und Weissbierlokale, und für -die niederen Stände „Tabagien“ und „Tanzböden.“ In den Speisehäusern -entwickelte sich eine Geselligkeit fast nur gelegentlich durch -eine Tischgemeinschaft, die sich ihrer Natur nach auf Junggesellen -beschränkte; die Conditoreien, die als Kaffeehäuser benutzt wurden, -dienten dabei zugleich als Lesekabinets und liessen deshalb geselligen -Verkehr unter den Gästen nicht aufkommen; so blieben für die -besseren Stände fast nur die Weinstuben und die wenigen anständigen -Weissbierlokale übrig, welche von Frauen noch durchaus gemieden -wurden. Der erste Umschwung in diesen Zuständen erfolgte durch die -Einführung der bayerischen Bierlokale und Biergärten, der zweite -durch diejenige der Wiener Kaffeehäuser; beide fanden den Boden -dadurch vorbereitet, dass durch die Verdoppelung und Verdreifachung -der städtischen Miethspreise die Menschen genöthigt worden waren, -enger zusammengedrängt zu wohnen, also weniger Raum in der eigenen -Häuslichkeit für gesellige Zwecke frei hatten und dafür Ersatz ausser -dem Hause suchten. Als zweiter begünstigender Umstand aber kam hinzu, -dass der Luxus in der Bewirtung von Gästen in diesem Zeitraum in einer -Weise gestiegen war, welche es dem Mittelstand fast unmöglich machte, -häufiger Gäste bei sich zu sehen; infolge dessen beschränkte man die -häusliche Geselligkeit in diesen Kreisen, wenn man nicht gleich ganz -auf dieselbe verzichtete, mehr und mehr auf wenige repräsentative -„Abfütterungen“ und verlegte die eigentliche, der Erholung dienende -Geselligkeit an öffentliche Orte, wo jeder für sich selbst zu bezahlen -hat. - -So erklärlich diese Umwandlung ist, und so sehr sie mit dem -demokratisch nivellierenden und durcheinander schüttelnden Zuge -unsrer Zeit harmonirt, so fragt sich doch, ob sie uns dem Ideal der -Geselligkeit näher geführt oder ferner gerückt hat, und ob sie den -angestrebten Zweck „Gewinnung eines möglichst grossen geselligen -Behagens bei möglichst geringem Kostenaufwand“ auch wirklich erreicht -hat. Beides muss leider verneint werden. - -Zunächst liegt die Gefahr in der öffentlichen Geselligkeit, dass sie -die Geschlechter voneinander sondert und die Stellung der Frauen -noch ungünstiger macht, als sie ohnehin schon ist. Der Mann hat eine -scharf gegeneinander abgegrenzte Arbeitszeit und Mussezeit; die Frau, -welche dem Hauswesen vorsteht und die Kinder beaufsichtigt, nicht, -wenigstens ist ihre ganz freie Mussezeit sehr viel knapper bemessen. -Der Mann kann täglich die Abendstunden nach vollbrachter Tagesarbeit -der geselligen Erholung widmen, gleichviel wo, die Frau nur, wenn sie -im Hause ab- und zugehen und nach dem Rechten sehen kann. Der Mann hat -nur die Wahl, entweder seine Erholung an öffentlichen Orten allein zu -suchen und die Frau zu Hause zu lassen, oder ausser der Frau noch die -Kinder mitzunehmen, oder den Ausgang auf eine viel knapper bemessene -Zeit zu beschränken, als ihm seine Musse gestattet. Geht er allein, -so versimpelt die Frau in der Vereinsamung des Hauses und in der -täglichen Arbeits-Tretmühle der Wirthschaft, die Kinder lernen den -Vater als nicht zur Familie gehörig betrachten, und dieser selbst -entfremdet sich der Familie und dem Geschmack an den Familienfreuden. -Geht er mit der Frau ohne die Kinder, so leiden diese darunter doppelt -und zugleich leidet das Hauswesen dabei; geht er mit Frau und Kindern, -so leidet das Hauswesen nicht weniger, so wird die ganze Familie -dem Hause entrückt und entfremdet, und werden die Kinder durch die -frühzeitige Einführung in die zerstreuende Unruhe des öffentlichen -Lebens sittlich geschädigt. - -Bei der Beschränkung der öffentlichen Geselligkeit auf die Männer -pflegen die Frauen sich in einem ausschliesslich weiblichen Verkehr -in Kaffeekränzchen u. s. w. eine gewisse Schadloshaltung zu suchen; -aber die Männer leiden selbst auf die Dauer am meisten unter dieser -Isolirung der Geschlechter, weil die Frauen, die vom geistigen -Verkehr mit Männern wie im Orient und im Alterthum ausgeschlossen -sind, auch unfähig werden müssen, dem Mann im Hause geistige Anregung -und entgegenkommendes Verständniss zu bieten. Das andere Extrem, -die Herabwürdigung des Hauses zur blossen Schlafstelle und das -Herumtreiben in den Bierlokalen mit Kind und Kegel, ist freilich noch -schlimmer, und die scheinbare Mittelstrasse ist thatsächlich nur -der Uebergang von einem Extrem zum andern. Wie hauptsächlich in dem -gegenseitigen Verkehr der Geschlechter die bildende, sittigende und -veredelnde Macht der Geselligkeit liegt, so steckt in dem eigenen -Heim, in dem sich Heimischfühlen im eignen Hause, die Wurzel alles -Heimathgefühls und Familiensinns. Es mag bequemer sein, sich in der -ausschliesslichen Geselligkeit mit dem eignen Geschlecht ungenirt gehen -zu lassen, aber das intimere Behagen und die feinere Befriedigung -des Geselligkeitsbedürfnisses ist doch erst da zu finden, wo mit -Ueberwindung dieses Trägheitsmoments die geschlechtliche Polarität der -geistigen und gemütlichen Eigenschaften zur Spannung und Entladung -gelangt. Erst diese Form der Geselligkeit fördert den ganzen Menschen -und entfaltet alle in ihm schlummernden geselligen Anlagen zur höchsten -und verfeinertsten Genussfähigkeit. - -Wie steht es nun mit dem Behagen an einem öffentlichen Ort im Vergleich -zu demjenigen in einem Privatraum, wenn wir gleiche Zusammensetzung -der Gesellschaft annehmen? Welche Anstrengung kostet es einem zarter -besaiteten Sinn, bei dem Gemisch von Speiseduft, Bierneigengeruch, -Tabaksqualm und Stickluft, wie es in den meisten Lokalen herrscht, ein -Behagen an der augenblicklichen Lage auch nur aufkommen zu lassen! -Und noch mehr als die Nase und die Athmungsorgane ist in der Regel -das Ohr beleidigt, welches die Unterhaltung der Tischgenossen trotz -allen Summens vom Gespräch der Nachbartische, trotz Kellnergetrappel -und Tellergeklapper auffangen soll. Welche Luft herrscht in den -unterirdischen Lokalen einer Grossstadt, welcher Lärm in den -modernen Prachtsälen für zahllose Gäste! Sondert man sich mit seinen -Freunden in ein eigenes Zimmer ab, so sitzt man in der Regel noch -enger eingepfercht, als in der eignen Wohnung und dabei doch auch -ungemüthlicher; benutzt man dagegen mit vielen andern Gesellschaften -einen gemeinsamen Raum, so zerstört das ohrenbeleidigende Geräusch jede -mögliche Illusion traulicher Abgegrenztheit und Geschlossenheit der -eignen Gruppe. - -Aber auch die Verbilligung der Geselligkeit durch Verlegung derselben -an öffentliche Orte ist eine Täuschung. Wenn der Mann allein ausgeht -und die Frau jede Geselligkeit entbehren lässt, so mag er allenfalls -etwas billiger fortkommen, als wenn er mit der Frau gemeinsam häusliche -Geselligkeit pflegte, obwohl auch das noch zweifelhaft ist; die etwaige -Ersparniss ist dann aber ganz allein durch die Entbehrungen der Frau -erzielt. Wo Mann und Frau zusammen ausgehen, werden sie allemal bei der -Jahresabrechnung herausfinden, dass sie erheblich mehr bezahlt haben, -als wenn sie dieselben Speisen und Getränke zu Hause verzehrt oder -mit andern Familien ausgetauscht hätten, und dass sie für die gehabte -Mehrausgabe sich zu Hause eine erhöhte Ausgabe für Wohnungsmiethe und -Bedienung hätten gestatten können. - -Da man im Durchschnitt nicht annehmen kann, dass diese Thatsache sich -der Kenntniss der Menschen entzieht, so wäre es räthselhaft, dass sie -trotzdem aus dem Behagen des eignen Hauses in frostige Prachträume oder -kahle Spelunken flüchten, wenn nicht die eigentliche Lösung des Rätsels -in dem Umstand zu suchen wäre, dass ihre Eitelkeit sie hindert, ihren -Gästen dasselbe vorzusetzen, womit jeder am öffentlichen Orte vorlieb -nimmt. Wo jeder Gast für sich selbst Speisen und Getränke auswählt -und bestellt, übernimmt er auch die Verantwortung dafür, sich mit der -vorgefundenen Beschaffenheit und Güte derselben begnügen zu wollen; wo -der Wirth den Gästen die Speisen auftischt, trägt er die Verantwortung, -dass sie allen genügen werden. Die eitle Prahlerei, sich gegenseitig -überbieten zu wollen, die Narrheit des Speiseluxus ist es also in -letzter Instanz, was die häusliche Geselligkeit des Mittelstandes -zu Gunsten einer öffentlichen aufopfert, und die Feigheit jedes -einzelnen zur Umkehr, die mutlose Scheu, als erster auf den Weg der -Vernunft zurückzukehren, sie sind es, welche diese unbehaglichen und -bedenklichen Missstände aufrecht erhalten und immer wieder befestigen -und steigern. Man wage doch nur, seinen Gästen dasselbe zu bieten, -was sie am öffentlichen Ort vom Kellner fordern, und alle Gefahren der -ungesunden öffentlichen Geselligkeit sind mit einem Schlage beseitigt. -Es brauchen sich zur Anbahnung der Umkehr nur ein paar befreundete -Familien über diesen Grundsatz zu einigen, und der Anfang ist gemacht; -sie mögen aber auch ja nicht vergessen, namhafte Konventionalstrafen -zu vereinbaren für jede Hausfrau, welche dem Kitzel des Ueberbietens -in der Bewirthung nicht sollte widerstehen können, denn sonst ist mit -Sicherheit darauf zu rechnen, dass binnen Jahr und Tag jede solche -Vereinigung sich auflöst und ihre Mitglieder reuig in die verlassene -Kneipe zurückkehren. - -Die öffentliche Geselligkeit ist um so behaglicher, je geschlossener -sie ist und je mehr sie sich der familiären Geselligkeit im eigenen -Hause annähert. Am meisten ist dies im Club der Fall, der dem -Junggesellen, wenigstens so lange er gesund und rüstig ist, in hohem -Maasse Ersatz für die mangelnde Häuslichkeit und Familiengeselligkeit -gewähren kann. Aber auch dem Club haftet doch trotz allem Comfort der -sociale Nachtheil der Geschlechtertrennung an, und desshalb kann die -Clubgeselligkeit, wenn sie sich in die Zeit der Verheirathung der -Männer überträgt, oder wenn sie gar dieselben von der Verheirathung -abhält, durchaus nicht als ein geselliges Ideal betrachtet werden. -Für verheirathete Männer konnten die Clubs nur in einem Lande und -unter einem Volksstamm zu höherer Blüthe gelangen, in welchem die -Familien als solche, und namentlich deren weibliche Mitglieder, keinen -rechten Sinn und kein ausgesprochenes Talent für unbefangene heitere -Geselligkeit haben, und desshalb ganz zufrieden damit sind, sich in den -Burgfrieden des behaglich eingerichteten eigenen Hauses zurückziehen zu -dürfen. - -Insoweit die Zunahme der öffentlichen Geselligkeit aus der wachsenden -Wohnungsnoth der Städte entspringt, ist sie natürlich nur in dem -Maasse rückgängig zu machen, als die Wohnungsfrage gelöst oder doch -in normalere Bahnen zurückgelenkt wird. Dies gilt namentlich für -die niederen Stände, denen man unmöglich zumuthen kann, in ihrer -Wohnung ihre gesellige Erholung zu suchen, so lange dieselbe nur aus -Schlafstuben und Küche besteht; es gilt aber auch für alle Stände im -Sommer, so lange die Stadtwohnungen keinen Garten haben, in welchem -sich die Familie mit ihren Abend-Gästen behaglich der frischen Luft -erfreuen kann. Sobald die Arbeiter-Wohnungsfrage in dem Sinne gelöst -sein wird, dass der Arbeiterfamilie wieder eine Wohnstube zur Verfügung -steht, wird auch die Aushäusigkeit in Arbeiterkreisen wieder abnehmen, -und diese Lösung zu finden ist ein Haupterforderniss für unsere Zeit. -Sobald die gartenlosen Stadtviertel nur dem geschäftlichen Treiben -des Tages dienen, und jede Familie sich wieder der Gartenbenutzung -als Zubehör ihrer Wohnung erfreut, wird auch das Bedürfniss der -Geselligkeit in öffentlichen Biergärten wieder in Wegfall kommen. Für -den Stand der Junggesellen werden natürlich immer öffentliche Lokale -für abendliche Geselligkeit ein gewisses Bedürfniss bleiben, ebenso gut -wie Speisehäuser für den Mittagstisch; aber auch dieses Bedürfniss wird -sich verringern, je mehr die Junggesellen wieder zu einer naturgemässen -früheren Verheirathung schreiten, und je mehr die jüngeren unter -ihnen wieder Anschluss an die ihnen jetzt fast verloren gegangene -Familiengeselligkeit suchen. - - - - -VI. - -Die Wohnungsfrage. - - -Die alte Regel des Lord Chesterfield: „Kleide dich nach deinem Stande, -speise unter deinem Stande, wohne über deinem Stande!“ hat auch heut -noch ihren guten Sinn. Die Einfachheit und Bedürfnisslosigkeit wird in -der Ernährung zu einem hygieinischen und volkswirthschaftlichen Gewinn, -in der Wohnungsweise zu einer hygieinischen und socialethischen Gefahr. -Kaum etwas andres unter den Aeusserlichkeiten der Lebensgewohnheiten -eines Volkes oder Standes ist von so tiefgreifender Rückwirkung auf -seine sittlichen Anschauungen und Gewöhnungen wie die Art seines -Wohnens, die Dichtigkeit der Zusammendrängung, die Vertheilung der -Wohn-, Schlaf- und Kochräume. Ein grosser Theil der Kulturgeschichte -der Menschheit liesse sich am Leitfaden der Wohnungsweise und ihrer -Veränderungen entwickeln. Der Einfluss der Wohnung wird um so -wichtiger, je mehr die Menschen durch Klima, Verhältnisse und sonstige -Lebensgewohnheiten auf das Innere der Wohnungen angewiesen sind; er -ist also z. B. um so grösser, je weniger das Klima ein Leben im Freien -gestattet und je weniger die Berufsarbeit im Freien auszuführen ist. -Die Alten konnten in fensterlosen Alkoven schlafen, weil sie am Tage -meist auf dem Hofe oder auf dem Markte lebten; der Landmann kann sich -ohne Schaden für seine Gesundheit den Sonntagnachmittag in ein ewig -ungelüftetes Zimmer setzen, weil er die ganze Woche ohnehin im Freien -zu arbeiten hat. - -Das ganze Gewicht der Wohnungsfrage tritt erst bei dem Städter -des nördlichen Europas hervor, der durch seine Berufsarbeit, -wenn nicht an die Wohnräume selbst, so doch an ihnen ähnliche -Büreaus, Gerichtsstuben, Klassenzimmer, Komptore, Werkstätten -oder Fabrikräume gefesselt ist, und der selbst seine politische -Thätigkeit in verräucherten Bierlokalen ausübt. Hier hängt die -Erhaltung der Gesundheit und körperlichen Tüchtigkeit wesentlich -von der Gesundheitsgemässheit der Wohnung ab. Am wichtigsten sind -die Schlafräume, weil man in ihnen die längste Zeit hintereinander -verweilt; in zweiter Reihe kommen die Wohn- oder Wirthschaftsräume, -erstere besonders für den Mann, letztere vornehmlich für die Frau, -beide für die Kinder. Schon viel unwichtiger ist das Speisezimmer -der Familie, falls ein besondrer Raum für diesen Zweck vorbehalten -ist, weil man in ihm doch nur verhältnissmässig kurze Zeit verweilt; -am gleichgültigsten sind die etwaigen Gesellschaftszimmer, -Repräsentationsräume und Prunkgemächer, weil sie nur ausnahmsweise -benutzt werden. - -Der Grundsatz, dass man die besten, gesündesten und luftigsten Zimmer -zu Schlafstuben wählen müsse, wird immerfort gepredigt, aber es wird -immerfort dagegen verstossen, und die moderne städtische Bauart, -welche ansehnliche Wohnräume an die Strasse, aber vogelbauerartige -Schlafstuben an die schornsteinengen Höfe verlegt, ist ebenso sehr ein -Hohn auf diesen Grundsatz, wie die jetzige Mode, alle Gebrauchsmöbel -in die ohnehin schon zu engen Schlafzimmer hineinzustopfen und die -Wohnzimmer bloss mit Prunkmöbeln, Kunstwerken und kunstgewerblichen -Schaustücken auszustatten. Man hat lange genug über die „gute -Stube“ der früheren Generationen gespottet, und scheint darüber gar -nicht bemerkt zu haben, dass die neueste Modenarrheit „stilvoller“ -Einrichtungen uns dahin gebracht hat, statt einer „guten Stube“ lauter -„gute Stuben“ ausser dem Schlafzimmer zu haben. Man vergisst dabei, -dass das rechte Grundgesetz aller Schönheit die sinnlich einleuchtende -Angemessenheit an den praktischen Gebrauchszweck ist, und dass keine -ornamentale Zuthat einen Verstoss gegen dieses architektonische -Grundgesetz des Kunstgewerbes wieder gut zu machen vermag. - -Was wir jetzt „Stil“ in unsrer Wohnungsausstattung nennen, ist nur -die künstlerische Verschrobenheit und Eitelkeits-Narrheit unsrer -Sitten, der stilisirte Widerspruch zwischen dem, was wir vorstellen -wollen, und dem, was wir sind. Ein wirklicher Stil kann sich erst -dann entwickeln, wenn wir Hoffarth und Lüge aus unsrer Repräsentation -verbannen und die Vernunft der Sache selbst zu Worte kommen lassen. -Nur auf dem Grunde der Wahrheit und Zweckmässigkeit des Wesens kann -die Schönheit der Erscheinung erblühen, andernfalls bleibt sie eine -aufgetragene Schminke, welche für jedes feinere ästhetische Gefühl -das übertünchte Unwesen nur um so widerlicher macht. So gewiss einem -Gast die fünf Gänge eines Soupers im Halse stecken bleiben müssen, -wenn er daran denkt, dass die Familie sich durch viele fleischlose -Kartoffelmahlzeiten die Mittel zu dieser Gasterei abdarben muss, -so gewiss müssen ihn die „stilvollen“ zwei oder drei Vorderstuben -anekeln, wenn er daran denkt, dass alle wirklichen Gebrauchsmöbel in -der Familie mit den unglücklichen Kindern in zwei oder drei Löcher -von luft- und lichtlosen Schlafkammern zusammengepfercht sind, in -denen nach Verabschiedung der Gäste auch die Eltern noch Unterschlupf -suchen, während die Dienstboten in mehr oder minder unmöglichen -Schlafgelegenheiten sich zur Arbeit des folgenden Tages stärken. - -So lange die Fensteröffnungen der Wohn- und Schlafräume durch -keine Glasscheiben verschlossen waren, oder so lange der einfache -Glasfensterverschluss undicht genug war, um eine ausreichende -unbeabsichtigte Ventilation zu gestatten, konnten auch enge und -mehrfach besetzte Schlafzimmer den hygienischen Ansprüchen genügen. -Gegenwärtig, wo auch die Schlafzimmer meistens mit gutschliessenden -Doppelfenstern versehen werden, sollte durch baupolizeiliche Vorschrift -dafür Sorge getragen werden, dass überall hohe Ventilationsspalten -neben den Fenstern angebracht werden, welche mit Watte verstopft -werden, um das Eindringen schädlicher Keime abzuhalten. Eine solche -Vorkehrung scheint mir vor dem Schlafen bei offnen Fenstern den -Vorzug zu verdienen, insbesondere in Malariagegenden und für Personen -mit rheumatischen und katarrhalischen Dispositionen, ganz abgesehen -davon, dass in Parterrewohnungen das Schlafen bei offnen Fenstern -aus Sicherheitsgründen unthunlich und selbst eine Treppe hoch nicht -unbedenklich ist. Die von ärztlicher Seite mehr und mehr empfohlene und -im Publikum mehr und mehr in Aufnahme kommende Sitte des Schlafens bei -offenem Fenster weist deutlich genug auf die Richtung hin, in welcher -eine Abhilfe zu suchen ist; der Ventilationsspalt mit Watteverschluss -leistet indessen dasselbe ohne die mit dem ersteren verbundenen -Gefahren. - -Sehr wünschenswerth und heilsam wäre es, wenn jede Wohnung Gelegenheit -böte, bei jedem Wetter ohne Erkältungsgefahr täglich mehrere Stunden -frische Luft geniessen zu können, auch ohne die Wohnung verlassen -zu müssen. Dies ist erreichbar, wenn zu jeder Wohnung ein Ostbalkon -und ein Westbalkon gehört, welche ringsherum geschlossene Brüstung, -hölzernen Fussboden, gläserne Seitenwände und ein leinenes Zeltdach -über sich tragen. Auch der für Erkältungen empfindlichste Mensch -kann bei jeder Witterung auf dem jeweilig windgeschützten dieser -Balkone mehrere Stunden hintereinander verweilen und seine gewohnten -Beschäftigungen treiben, wofern er sich nur so kleidet, wie wenn die -Lufttemperatur um 10 Grad niedriger wäre als sie ist, die Beine fest in -Decken einwickelt und die Hände durch waschlederne Handschuhe schützt. -Ein solcher Aufenthalt im Freien kann natürlich die Spaziergänge -in frischer Luft nicht überflüssig machen, wohl aber mit denselben -zusammen die Luftkurorte und Winterkurorte ersetzen, ohne dass er -die Menschen aus ihrem gewohnten Kreise und ihrer Beschäftigung -herausreisst. - -Den prophylaktischen Werth einer theilweisen Verlegung unseres -stubenhockerischen Lebens auf die Balkone halte ich für unberechenbar -und glaube sicher, dass das nächste Jahrhundert in dieser Hinsicht -einen grossen Umschwung in unsren Lebensgewohnheiten herbeiführen -wird, welcher uns dem erfrischenden Leben im Freien, wie die Alten es -führten, wieder um so viel näher bringen wird, wie unsre klimatischen -Verhältnisse es gestatten. - -Gegenwärtig sind wir noch auf dem Punkte, dass die Menschen sich -bequemen, alles zu thun, um ihre zerstörte Gesundheit wieder -herzustellen, aber gar nichts, um die bedrohte sich zu erhalten. In den -Heilanstalten und Kurorten machen sie eine Art von Sport daraus, die -journée médicale, d. h. die tägliche Aufenthaltsdauer in frischer Luft -auf 9 bis 11 Stunden auszudehnen, aber zu Hause denken sie mit einem -täglichen, einstündigen Spaziergange Wunder wieviel für ihre Gesundheit -gethan zu haben. - -Durch die Balkone wird der Garten als Zubehör der Wohnung keineswegs -überflüssig; während der Werth der Balkone besonders im Winter und -bei ungünstiger Witterung hervortritt, wird der Garten im Sommer und -bei schönem Wetter zur doppelten Wohlthat. Der Balkon bietet frische -Luft, aber der Garten soll ausserdem freie Natur bieten, oder -wenigstens einen Ersatz für dieselbe, wie blauer Himmel, grüner Rasen -mit blühenden Blumen und schattige Bäume ihn zu gewähren im Stande -sind. Der Balkon ist wesentlich nur für Erwachsene geeignet, der -Garten ist der Tummelplatz der Kinder und als solcher die nothwendige -scenische Vervollständigung zum Kindheitsparadies. Erst der Besitz -des Gartens macht die Familiengeselligkeit im eigenen Hause auch im -heissen Sommer möglich, wenn die Gäste nach der Hitze und dem Staub -des Tages Erquickung in der Abend- und Nachtluft suchen. Dazu gehört -nun freilich, dass der Garten auch wirklich ein Garten ist, nicht ein -stubengrosser Fleck mit verkümmerten Gewächsen, auf den niemals die -Sonne scheint, und von dem aus man erst bei starkem Hintenüberlegen -des Kopfes eines Stückchens Himmel ansichtig wird. Wie unglaublich -die Genügsamkeit der Grossstädter in dieser Hinsicht ist, sieht man -am besten, wenn man an einem heissen Sommerabend die Biergärten der -inneren Stadttheile durchwandert; von frischer Luft kann in der -Mehrzahl dieser zwischen Häuserkolossen schachtartig eingezwängten -„Gärten“ keine Rede mehr sein, und es ist nur die Auffrischung der -Abendtemperatur, der Kontrast mit der noch schlimmeren Luft der Wohn- -und Arbeitsräume und die nächtliche Verschleierung der Umgebung, was -diese „Erholungsorte“ erträglich erscheinen lässt. Da nun thatsächlich -in allen grösseren Städten die Gärten mehr und mehr verschwinden oder -bis zur Selbstironisirung einschrumpfen, so scheint es nicht leicht, -die gestellte Forderung zu verwirklichen. - -Von besonderer socialethischer und hygieinischer Wichtigkeit ist -ferner der Unterschied, ob jede Familie ihr eignes Haus bewohnt, oder -ob sie mit vielen anderen Familien das Haus theilt. Nur das eigne -Haus lässt ein wahres und volles Heimathsgefühl, die echte Poesie -des „Vaterhauses“ in dem aufwachsenden, jungen Geschlecht entstehen; -die Miethwohnung mag vom Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet -praktischer sein, insofern ihr Wechsel sich den zu- und abnehmenden -Bedürfnissen der Familie leichter anpasst, aber der sittigende und -festigende Einfluss auf Gemüth und Charakter, den der eigne Besitz -gewährt, fehlt ihr. Dies gilt schon dann, wenn die Miethwohnung selbst -ein ganzes Haus umfasst; noch andere Schädlichkeiten treten hinzu, wenn -sie nur eine unter den vielen Wohnungen einer Miethskaserne oder eines -Miethspalastes ist. Ausser den Differenzen zwischen Miethern und Wirth -entwickeln sich dann eine Menge Streitereien zwischen den verschiedenen -Miethern theils infolge der Nöthigung, sich um die gemeinsame Benutzung -der gemeinsamen Hauseinrichtungen zu vertragen, theils durch den -Klatsch der Dienstboten; beide verderben den Charakter durch Gewöhnung -an Streitsucht und Kleinlichkeit und vergiften das nachbarliche -Verhältniss. - -Man begreift, warum man im alten Tyrus neun- bis zehnstöckige Häuser -baute; die enge Insel liess ein andres Wachsthum der Stadt, als in die -Höhe eben nicht zu, und ähnliche Verhältnisse kehren in neuerer Zeit -in Festungen wieder. Man begreift auch wohl, dass vor Entwickelung -der Pferdebahnen und Hochbahnen grosse Städte die Neigung haben -mussten, in die Höhe zu wachsen und das Hinterland der Strassenhäuser -baulich auszunutzen, weil eben die Verkehrsmittel zur Ueberwindung -grösserer Strecken fehlten. Aber gegenwärtig, wo diese Verkehrsmittel -theils schon vorhanden sind, theils ihre Brauchbarkeit zur Genüge -erprobt haben und der weiteren Verwirklichung entgegensehen, ist es -unbegreiflich, dass die Städte nicht ausschliesslich in die Breite -wachsen. Statistisch ist es erwiesen, dass nicht die Kellerwohnungen -am ungesundesten sind, sondern die im vierten Stock gelegenen, -trotzdem dass Licht und Luft zu ihnen besseren Zutritt hat; der Grund -liegt theils in der Schädlichkeit des Treppensteigens für vielerlei -Konstitutionen und Zustände, theils in der Lufterneuerung der Wohnräume -von unten her, welche reichlich ein Drittel der Gesammtventilation -beträgt und den Bewohnern der obersten Stockwerke gleichsam Stichproben -von sämmtlichen Miasmen der vier bis fünf unter ihnen wohnenden -Familien zuführt. Jede Erhöhung um ein neues Stockwerk macht eben auch -rückwärts alle unteren Stockwerke ungesunder, indem sie eben so gut -wie ein Verbauen der Höfe den Luft- und Lichtzutritt zu den Fenstern -derselben beschränkt. Das Verbauen der Höfe in Verbindung mit der -Engigkeit der Strassen macht es schon jetzt in den meisten Stadttheilen -unmöglich, an jeder Wohnung einen, geschweige denn zwei Balkone -anzubringen, und ebenso ist es der Grund für das Einschrumpfen und -Aussterben der Gärten. - -Die ärgsten Sünden in dieser Hinsicht sind in Berlin erst in den -letzten beiden Jahrzehnten begangen worden, und zwar lediglich -desshalb, weil die massgebenden Behörden nicht mit einer zweckmässigen -und doch nicht unbilligen Bauordnung zu Stande kommen konnten; sie -konnten aber bloss darum nicht mit ihr zu Stande kommen, weil sie -sich nicht entschliessen konnten, die Einförmigkeit der Vorschriften -aufzugeben und der völligen Verschiedenheit der Situation bei -Umbauten in der Innenstadt, bei Neubauten an der Peripherie und bei -Neubauten in der weiteren Umgebung Rechnung zu tragen. Auch die neue -Berliner Bauordnung von 1887 trägt der Verschiedenheit der inneren -und äusseren, der fertigen und der erst anzulegenden Stadttheile in -ganz unzulänglicher Weise Rechnung, und fordert auf der einen Seite -zu viel, auf der anderen zu wenig. Was bis jetzt gebaut ist, das ist -nun einmal verpfuscht; man kann es durch Zwangsverfügungen nicht -ungeschehen machen, ohne schreiende Unbilligkeit gegen die Besitzer -auch nicht im Falle von Umbauten; aber man kann die Zukunft davor -retten, in den jetzt noch unbebauten Stadttheilen in denselben Fehler -zu verfallen. Man braucht nur auf dem Bebauungsplan eine Eintheilung in -verschiedene Zonen vorzunehmen, in deren ersten höchstens dreistöckig, -in deren zweiten höchstens zweistöckig, und in deren dritten nur im -Villenstil gebaut werden darf. Um dies einheitlich durchzuführen, -dazu wäre allerdings die Zusammenlegung Berlins mit seinen Vororten -zu einer „Provinz Berlin“ unter einheitlicher Baupolizei-Verwaltung -erforderlich, von der schon wiederholentlich die Rede gewesen ist, und -welche sich auf die Dauer doch als eine unausweichliche Nothwendigkeit -aufdrängen wird. - -Sobald eine solche Abänderung der bestehenden Bauordnung erlassen -wäre, würde das Publikum mehr als jetzt das Wohnen in entfernteren -Villenkolonien bevorzugen, welche allein die Verwirklichung aller oben -gestellten Forderungen zu bieten im Stande sind. - -Nur in den Vororten hat der Boden noch einen so mässigen Preis, -dass Häuser für eine Familie mit Balkonen und Gärten und mit einer -ausreichenden Zahl durchweg luftiger und heller Zimmer möglich sind. -Man kann ohne Furcht vor Uebertreibung sagen, dass in den Zimmern -eines Vororts gesündere Luft geatmet wird, als auf den meisten Höfen -einer Grossstadt, über welcher stets, auch bei ganz klarem Himmel, -eine von weither sichtbar schwere Dunst- und Rauchmasse lagert. Am -auffallendsten ist der Unterschied der Luft im Hochsommer, wo jeder, -der es kann, die Grossstadt verlässt, während der Vorortbewohner diese -Reisekosten spart. - -Die jetzige Kasernenstadt würde dann mehr und mehr zur blossen -Geschäftsstadt, in welcher die Berufsarbeiten des Tages sich -vollziehen, während man Nachmittags oder Abends in die gesunde -Aussenwohnung zurückkehrt. Allerdings gehört, um dem Publikum das -Draussenwohnen mundrecht zu machen, auch das noch dazu, dass das -Pferdebahnen-, Hochbahnen-, und Aussenbahnen-Netz bedeutend vergrössert -und vervollständigt wird, dass die Abonnementspreise noch viel billiger -werden, und dass nicht, wie jetzt, seltene grössere Züge, sondern -fortwährend kleine abgelassen werden. - -Dann aber ist allerdings zu hoffen, dass sich im Verlaufe einer -Generation alle Grossstädter an das Draussenwohnen und seine Vorteile -für Leib und Seele der Familien so sehr gewöhnen werden, dass die -Nachfrage nach eigentlichen Wohnungen in der Stadt und mit ihr der -unnatürlich in die Höhe geschraubte Bodenwerth beträchtlich sinkt, so -dass es bei den Umbauten der Zukunft wieder ganz von selbst praktischer -werden dürfte, den Raum weniger sparsam auszunutzen. - -Sollten indess diese Massregeln sich als nicht ausreichend erweisen, -dann, aber auch dann erst dürfte und müsste man dem Gedanken einer -Expropriation des ganzen städtischen Grundbesitzes durch die Kommune -näher treten, um das Grundübel der Wohnungsfrage, die stetige -Steigerung des freihändig verkauften Bodenwerths, an der Wurzel -zu fassen und wenigstens für spätere Generationen nach erfolgter -Amortisation der Kaufsummen erträglichere Verhältnisse anzubahnen. - - - - -VII. - -Moderne Unsitten. - - -1. Der Blumenluxus. - - Der Strauss, den ich gepflücket, - Grüsse Dich viel tausend Mal! - Ich habe mich oft gebücket - Ach, wohl ein tausend Mal, - Und ihn an’s Herz gedrücket - Viel hundert tausend Mal. - - +Goethe.+ - -Das Ausschmücken einer Person mit Blumen und das Schenken von Blumen, -sei es zum Schmuck der Person oder ihrer Umgebung, ist wesentlich eine -symbolische Handlung. Wer sich selbst mit Blumen schmückt, bekundet -damit seine gehobene, festliche, lebensfrohe Stimmung, seinen Wunsch, -sich im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen und anderen zu gefallen; -wer einem andern Blumen schenkt, drückt damit symbolisch den Wunsch -aus, selber so der beschenkten Person zu huldigen und zur Verschönerung -ihres Lebensweges dienen zu wollen, wie die ihr zugeeigneten Kinder der -Flur es thun. Am deutlichsten ist diese Symbolik in dem „Blumen auf -den Weg streuen“, wo sie besagt, dass, soviel an dem Geber liegt, die -beschenkte Person einen Blumenpfad wandeln und mit ihren Füssen nur auf -Blumen (nicht auf Dornen, Staub und Steine) treten solle; aber auch das -Verzieren der Pforten der Stadt oder des Hauses, oder das Ausschmücken -der Wohnräume mit Blumen hat wesentlich denselben Sinn. Schmückt man -eine theure Person mit Blumen, so bezeugt man damit zugleich, dass -man dieselbe im besten Lichte und in gefälligster Darstellung zu -sehen wünscht; hat man die Blumen selbst in Wald und Feld gesucht und -gepflückt, so zeigt dies zugleich, dass man keine Mühe scheut, die -Theure zu zieren. - -Im Ganzen ist jede Symbolik um so ausdrucksvoller, je einfacher sie -ist; die Vervielfachung des Symbols rückt den Eindruck seiner realen -Beschaffenheit in den Vordergrund und drängt damit eben so sehr seinen -tieferen Sinn zurück. Deshalb sagt gewöhnlich eine Blume mehr als ein -ganzer Strauss, ein kleiner Strauss mehr als ein grosser, ein einzelner -Strauss mehr als ein Dutzend oder ein ganzer Wagen voll Blumen. Nur wo -die Mühe des Suchens und Pflückens und der etwa in die Zusammenstellung -hineingelegte geheime Sinn als Huldigung in den Vordergrund tritt, nur -da kann ein Strauss mehr gelten als eine Blume, aber selbst in diesem -Falle hat die Wirksamkeit der Multiplikation ihre engen Grenzen. Jede -kunstmässige Behandlung des Arrangements lenkt die Aufmerksamkeit von -der Symbolik der Gabe auf ihren ästhetischen Werth ab und verringert -damit deren innere Bedeutung; schon die im Garten gezogenen Blumen, mit -Ausnahme einiger Arten, bei denen man die Entstehung durch künstliche -Zuchtwahl fast schon vergessen hat, sprechen weniger zum Herzen als -die ursprünglichen Kinder der Natur, welche gleichsam die spontane -Huldigung von Hain und Flur darstellen. Sie sind schon darum einzig in -ihrer Art, weil sie ein Geschenk ohne jeden Geldwerth darstellen, was -man an den Blumen des Gartens, gleichviel ob sie aus dem eigenen Garten -gepflückt oder dem eines Kunstgärtners entnommen sind, schon nicht mehr -sagen kann. Eine Huldigung ist aber um so zarter, der symbolische Werth -des Geschenks um so reiner, je weniger demselben irgend ein in Geld -ausdrückbarer materieller Werth zukommt. Es ist nicht bloss die Sitte, -welche die Annahme von materiell werthvollen Geschenken verbietet, -sondern auch das Zartgefühl, weil jede Leistung eine entsprechende -Gegenleistung bedingt. In der materiell werthlosen Blumengabe ist der -Begriff des Geschenkes vollkommen vergeistigt und bloss das pretium -affectionis übrig geblieben, welches der Stärke des Huldigungswunsches -und der aufgewandten Mühe proportional ist. - -Wenn man in einer Stadt lebt, wo es unmöglich ist, Blumen anders -als im Wege des Kaufs zu erlangen, so ist der poetische Duft des -Blumenschenkens und der auf dem Selberpflücken und der materiellen -Werthlosigkeit beruhende Affektionswerth unwiederbringlich verloren. -Aber es wäre Pedanterie, darum das Schenken gekaufter Blumen ganz -verbieten zu wollen, da die Symbolik der Huldigung noch bestehen -bleibt. Immerhin muss man dessen eingedenk bleiben, dass gekaufte -Blumen doch nur ein klägliches Surrogat selbstgepflückter sind, -und dass man mit dem Schenken gekaufter Blumen weit vorsichtiger -und sparsamer sein muss als mit demjenigen selbstgepflückter. -Auch hier nimmt der symbolische Werth der Gabe in dem Maasse ab, -als der selbstständige materielle oder der ästhetische Werth -derselben zunimmt; auch hier ist die Gabe um so ausdrucksvoller, je -anspruchsloser, kunstloser, natürlicher und schlichter sie erscheint, -je mehr sie dem selbstgepflückten Strausse wilder Blumen ähnelt. Die -Multiplikation verringert hier den Werth nicht nur an sich, sondern -auch durch Steigerung des Geldwerthes, während die Entschuldigung -der vermehrten Mühe fehlt. Das gekaufte Blumengeschenk erfüllt -nur dann seinen Zweck, wenn der dafür gezahlte Preis so gering -ist, dass er für die Verhältnisse sowohl des Gebers als auch des -Beschenkten gar nicht in Betracht kommt, also füglich der materiellen -Werthlosigkeit der selbstgepflückten Blumen gleichgeachtet werden -kann. Ein selbstständiger, ästhetischer, kunstgewerblicher Werth -eines Blumenarrangements zerstört den symbolischen Werth nicht nur -durch Steigerung des materiellen Werthes, sondern auch abgesehen -von dieser schon dadurch, dass er das Geschenk aus der Sphäre der -Natur in diejenige der Kunst entrückt, also mit Kunstwerken und -Kunstindustriewerken auf eine Stufe stellt. So wenig man gegen das -Beschenken mit Vasen, Nippsachen u. dgl. etwas einwenden kann, wenn die -Personen in einem Verhältniss zu einander stehen, in welchem die Sitte -das Schenken gestattet, ebensowenig gegen das Beschenken mit kunstvoll -arrangierten Blumenkörben, Füllhörnern u. s. w.; aber es müssen dann -eben auch Personen sein, die sich ebensogut Vasen u. dgl. schenken -dürften, und die Immunität des relativ werthlosen Blumenschenkens muss -für solche Objekte auch dann ausgeschlossen bleiben, wenn der Geldwerth -für den Reichthum der Geber und der Beschenkten nicht in’s Gewicht -fällt. - -Diese Grenze ist leider in neuerer Zeit nicht mehr inne gehalten; -man hat die Freiheit des Blumenschenkens gemissbraucht, um sie auf -Geschenke von selbstständigem kunstindustriellen Werthe auszudehnen, -und das von den wohlhabendsten Gesellschaftsschichten gegebene üble -Beispiel hat auch die mittleren Kreise zu einem Blumenluxus verführt, -der ausser aller Proportion zu ihren Verhältnissen steht. Wenn ein -Fürst oder die Herrin eines gastfreien Hauses zu ihrem Geburtstage -mehrere Zimmer mit kostbaren Blumengeschenken gefüllt bekommt, -wenn eine Primadonna einen Möbelwagen braucht, um die mit Blumen -überschüttete Bühne abzuräumen, oder wenn die Saisonlöwin in einem -Modebade bei der Abreise mit ihren Kindern im ersten Wagen fährt und -die erhaltenen Blumen von ihrem Dienstpersonal in den nachfolgenden -Wagen transportiren lässt, so sind das Ausschreitungen des Blumenluxus, -die sich selber richten. Es kommt aber darauf an, sich darüber klar zu -werden, dass die Sitten, aus denen diese Ausschreitungen hervorgehen, -selbst schon im Princip Unsitten sind, an welche es nachgerade Zeit -wird, die bessernde Hand anzulegen. - -Niemand soll einem andern in einem Augenblicke Blumen schenken, wo er -sicher ist, denselben mit dem Geschenke zu belästigen, und ihn vor die -Wahl stellt, entweder sich des Geschenks baldmöglichst zu entledigen, -oder mit dessen Bewahrung zu plagen. Wer seinen Badebekannten Blumen -schenken will, mag es während ihres Aufenthaltes thun, aber nicht bei -der Abreise; wer einer Primadonna seine Huldigung erweisen will, mag -ihr Blumen in’s Haus senden, aber nicht vor die Füsse oder gar in’s -Gesicht schleudern. Wer ein Gefühl für die Werthsverringerung durch -Multiplikation hat, wird sich instinktiv scheuen, seine Gabe zu einem -Zeitpunkt darzubringen, wo sie durch das Zusammentreffen mit vielen -anderen jeden Werth verliert, und einen passenderen Zeitpunkt wählen. -Wer aber keine Wahl im Zeitpunkte frei hat, wird dann seinen Takt -wenigstens dadurch beweisen, dass er sich auf eine einzelne oder ganz -wenige Blumen beschränkt, da die Multiplikation ohnehin schon durch die -Vielheit der Geber entsteht. Vor allen Dingen aber ist dem Grundsatz -wieder Geltung zu verschaffen, dass werthvolle oder gar kostbare -Blumengeschenke unstatthaft sind unter Personen, denen die Sitte die -Annahme anderer Geschenke von einander verbietet. Die Poesie der -Blumengabe wird durch nichts mehr entwürdigt, als wenn das gegenseitige -Ueberbieten der Geber in der Kostbarkeit der Geschenke zum Tummelplatz -für Motive der Eitelkeit und der spekulativen Gewinnsucht gemacht wird. - -So lange der selbstgepflückte Strauss von Feldblumen nur -Ausdrucksmittel ist für die beredte Sprache des Herzens, müssen jene -feineren Bedenken schweigen, welche sofort in ihr Recht treten, wo -die Kunstindustrie sich der Blumengaben bemächtigt. Nichts predigt -so laut die Vergänglichkeit des Schönen als die von ihrem Stamm -und ihrer Wurzel getrennte Blume. Sie ist ein zum Tode verwundeter -Organismus, dessen Farben nur noch nicht beschädigt sind, -- ein noch -lebendes und lächelndes Haupt, das von seinem Rumpfe getrennt ist. -Der heute so prächtig prangende Strauss ist morgen ein verwelkter, -verwesender Leichenhaufen, und unter dem Schein des Lebens, an dem -das Auge sich freuen soll, fühlt das Herz den Todeskampf der Zellen -und Organe hindurch. Wenn ich am Morgen die über Nacht erblühte Rose -am Stock im Garten betrachte, und mir sagen muss, dass vielleicht -schon am selben Abend ihr Blumenleben seinen Gipfel überschritten hat -und seinem Verfall zuneigt, dann ist es ein natürlicher Process des -Werdens und Vergehens, der in diesem Einzelfall mir anschaulich vor die -Seele tritt; wenn ich aber die Rose im Wasserglas oder auf den Draht -eines „Bouquets“ geflochten sehe, so kann ich mich des widerwärtigen -Gedankens nicht erwehren, dass der Mensch ein Blumenleben gemordet -hat, damit es im Sterben ein Auge erfreue, das herzlos genug ist, den -unnatürlichen Tod unter dem Scheine des Lebens nicht herauszufühlen. -Dass es nicht der Tod an sich ist, dessen Anblick uns stört, beweisen -die getrockneten Blumen, die ebensowenig missfallen wie ausgestopfte -Thiere oder aufgespannte Schmetterlinge. Es ist vielmehr das den Tod im -Herzen tragende Leben, der zur Ergötzung hervorgerufene und vor Augen -gestellte Todeskampf der widerstandslos duldenden Blumenseele, was das -Herz verletzt. - -Für ein feineres Empfinden gehört die Blume so wenig in das Bouquet -wie der Vogel in das Bauer, sondern die Blume in den Garten, in Wiese, -Feld und Wald, wie der Vogel auf den Baum. Wer keinen Garten hat, -oder nicht im Stande ist, denselben zu betreten, der mag zum Ersatz -sich Blumen in sein Zimmer oder vor sein Bett bringen lassen. Wer -aber im Stande ist, die Naturschönheit da zu geniessen, wo sie am -schönsten ist, d. h. in ihrer naturgemässen Umgebung und unter ihren -naturgemässen Lebensbedingungen, der wird selbst die Topfblumen im -Zimmer gern missen, und viel lieber das Freie aufsuchen, um sie zu -bewundern. Sehe ich aber gar ein Meisterwerk der Blumengärtnerei, -einen grossen Korb mit einer Masse der kostbarsten auf Draht -gezogenen Blüthen, so ist mir zu Muth, als würde mir ein Ragout aus -Tausenden von Nachtigallzungen vorgesetzt, oder als sollte ich einen -Damenkopfputz aus lauter aufgespiessten, auf’s Rad geflochtenen, noch -zappelnden Schmetterlingen und Käfern bewundern. Ich bin überzeugt, -dass eine spätere Zeit die heutigen Moden im Blumenluxus noch härter -verurtheilen wird, als wir die in Figuren geschnittenen Bäume des -vorigen Jahrhunderts, und dass die Kunstgärtnerei bei einer Reinigung -und Verfeinerung des Geschmacks ihre Triumphe wieder ausschliesslich da -feiern wird, wo sie berechtigt sind: im Sommer- und Wintergarten. - - -2. Das Rauchen. - -Die meisten jungen Leute kommen durch die Macht des Beispiels zum -Rauchen: sie scheuen sich, als Nichtraucher unter einer Mehrheit von -rauchenden Genossen unmännlich zu erscheinen, oder als absonderliche -Ausnahme dazustehen. Gegen einen solchen sklavischen Nachahmungstrieb -darf man bei den selbstständigeren Naturen an das eigene Urtheil und -den Stolz der Selbstbestimmung appelliren; die unselbstständigeren -Jünglinge wird man am besten dadurch vor den Folgen solcher -Nachahmungssucht bewahren, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass -im letzten Menschenalter das Rauchen in den besten gesellschaftlichen -Kreisen mehr und mehr aus der Mode gekommen sei, dass der Procentsatz -der Nichtraucher in denselben beständig im Steigen sei, und dass es -schon jetzt für distinguirter gelten könne, nicht zu rauchen als zu -rauchen. - -Der Mensch ist ohnehin so sehr der Sklave seiner angeborenen und -anerzogenen Bedürfnisse, dass er wahrlich nicht nöthig hat, diese -Gebundenheit noch durch ein weiteres angewöhntes Bedürfniss zu -vermehren; wenn man sieht, wie schmerzlich der Gewohnheitsraucher -unter einer, wenn auch nur zeitweiligen Entbehrung (sei es aus -gesellschaftlichen oder gesundheitlichen oder ökonomischen Rücksichten, -sei es unter dem Zwange von Ausnahmeverhältnissen, wie im Kriege) -leidet, so sollte sich der Freiheitsstolz jedes Jünglings dagegen -aufbäumen, freiwillig ein solches Joch auf sich zu nehmen. Ein -eingewurzeltes Laster aufzugeben, kostet eine fast übermenschliche -Ueberwindung; aber sich gegen die zwecklose Angewöhnung zu sträuben, -kostet weiter gar keine Ueberwindung, als die eines unmännlichen -Nachahmungstriebes. - -Jeder Jüngling, der den höheren Ständen angehören will, sollte über -ein solches Mass von Selbstbeherrschung verfügen, und der socialen -Ehrenpflicht seines Standes eingedenk bleiben, den niederen Ständen -mit gutem Beispiel voranzugehen und die allmähliche Entwöhnung der -Nation von diesem Laster anzubahnen. Denn ein Laster muss diese -Angewohnheit in der That genannt werden, durch welche jährlich -Milliarden buchstäblich in die Luft geblasen werden, die andernfalls -ausreichen würden, die brennendsten socialen Fragen (Alters-, Wittwen- -und Waisenversorgung) zu lösen, unter deren Last unsere Zeit seufzt. - -Völker ohne sonstige Pflanzenalkaloïde mögen in dem Nikotin ein -werthvolles Reizmittel der Nervennährung schätzen; Völker mit Thee, -Kaffee, Cacao u. s. w. besitzen in diesen Reizmittel genug, als -dass nicht das Nikotin zu viel des Reizes hinzubringen sollte. -Die Einwirkung des Tabakrauches bei Affektionen der Augen, der -Athmungswege, des Magens und Darmkanals und der Galle ist entschieden -nachtheilig; meistens aber entschliessen die erkrankten Raucher sich -viel zu spät, ihre Gewohnheit auszusetzen. - -Wie jedes Reizmittel, so stumpft auch dieses sich durch Gewohnheit -ab und verlangt verstärkte Zufuhr, birgt also die Gefahr einer -Uebertreibung in sich, welche zur chronischen Nikotinvergiftung führen -kann, besonders bei der Verbindung mit reichlichem Alkoholgenuss; -die complicirten Erscheinungen der chronischen Nikotinvergiftung -(Spinalirritation, Amblyopie u. s. w.) sind aber zum Theil noch so -wenig ergründet und bekannt, dass sie vorkommenden Falles häufig genug -von den Patienten und Aerzten nicht erkannt oder falsch gedeutet werden. - -Hoffentlich bleibt die burschikose Sitte des Rauchens im weiblichen -Geschlecht für immer auf Studentinnen und dergleichen Emancipirte -beschränkt; so lange dies aber geschieht, haben die Raucher nur -die Wahl, sich von dem anderen Geschlecht abzusondern oder gegen -dasselbe (natürlich unter scheinbarer Beobachtung der feinsten -Höflichkeitsformen) rücksichtslos zu sein. Gerade in den niederen -Volksschichten, wo das Weib ohnehin der geplagtere und schlechter -gestellte Theil ist, geht ein unverhältnissmässig grosser Theil des -Gesammthaushaltes für das Rauchbedürfniss des Mannes darauf. - -Ist der sociale Schaden des Rauchens nicht mit dem des -Branntweintrinkens zu vergleichen, so auch nicht der physiologische -Nutzen desselben, da der Branntwein doch wenigstens eine Ersparniss an -anderen Nahrungsstoffen im Gefolge hat, der Tabak nicht. - -Die nationalökonomischen Vortheile der Beseitigung des Tabakrauchens -wären ungeheuer. Nicht nur könnte der Arbeiter dadurch eine -Lebensversicherung erwerben, welche ausreichte, um sein Alter, seine -Wittwe und Waisen gegen die dringendste Noth zu schützen, sondern -zugleich würde auch die nationale Handelsbilanz verbessert, wenn -einerseits die Einfuhr ausländischen Tabaks und andererseits die -Einfuhr derjenigen ausländischen Bodenprodukte wegfiele, welche auf dem -jetzt mit Tabak bepflanzten einheimischen Boden erzeugt werden könnten. - -Die jetzt mit dem Bau und der Verarbeitung des einheimischen Tabaks -beschäftigten Personen würden alsdann mit dem Bau und der Verbreitung -der an seine Stelle tretenden Bodenprodukte beschäftigt sein und die -jetzt für ausländischen Tabak bezahlten Summen würden, in Gestalt von -Wittwen- und Waisen-Pensionen in den Verkehr zurückgeströmt, dazu -dienen, das Haushaltsniveau der Arbeiterbevölkerung zu erhöhen, also -ihre Kaufkraft für anderweitige Genussmittel zu steigern. Dadurch würde -die nationale Produktion weit mehr gewinnen, als sie durch das Aufhören -des Tabaksexports und der Verarbeitung des ausländischen Tabaks verlöre. - -Da eine solche Umwandlung aber von innen heraus keinesfalls -allzuschnell erfolgen dürfte, so ist es Aufgabe des Staates, dieselbe -durch eine möglichst hohe Steigerung der Tabakssteuer zu unterstützen, -denn auf nichts ist eine hohe Steuer so wohl angebracht als auf dies -Laster. Wäre nicht die bei weitem grösste Zahl der Abgeordneten und -Wähler rauchende Männer, wäre statt dessen eine Volksabstimmung nach -Köpfen möglich, so würde nächst der Branntweinsteuer keine Steuer -bereitwilliger erhöht werden, als die auf den Tabak. - -Eine wesentliche Verminderung des Rauchens liesse sich freilich auch -von der stärksten Erhöhung der Tabakssteuer nicht augenblicklich -erwarten, da die gewohnheitsmässigen Raucher doch weiter rauchen -würden, nur etwas geringere Sorten; aber in der nächstfolgenden -Generation würde der Einfluss doch sehr bedeutend werden, da die -erhöhte Kostspieligkeit des Rauchens ein verstärktes Gegenmotiv gegen -die Angewöhnung desselben liefern und für viele Jünglinge entscheidend -werden könnte. - -Die Einführung des Monopols würde die nicht zu unterschätzende Gefahr -in sich schliessen, dass der Staat das Rauchen auf alle Weise, -insbesondere bei den höheren Gesellschaftsklassen begünstigte, um -erhöhte Einnahmen zu erzielen, und dadurch dem aus der Mode-Kommen -desselben entgegenwirkte. Dieses nationalökonomische Bedenken -trifft das Tabaksmonopol jedenfalls in höherem Grade als das -Branntweinmonopol, weil jede anständige Regierung sich schämen würde, -ihre Unterthanen zum Trinken zu verleiten, nicht aber zum Rauchen. - - -3. Die Politik und die Jugend. - -Ein Hauptunglück der Zeit nach d. J. 48 in Deutschland ist das -Zusammentreffen gesteigerter Berufsansprüche mit dem Ueberwuchern -politischer Interessen über die künstlerischen, wissenschaftlichen, -gemüthlich-geselligen und religiös-sittlichen. Die in jeder -Berufstätigkeit gegen früher erheblich gesteigerten Ansprüche -an den Träger verringern nicht nur die Musse, sondern lassen -auch den einzelnen nach gethaner Tagesarbeit erschöpfter und -erholungsbedürftiger in die Mussezeit eintreten, so dass er nicht nur -weniger Zeit, sondern auch weniger Lust und Kraft verfügbar behält, um -sich Interessen, die seinem Berufe fern liegen, mit Ernst und Sammlung -zuzuwenden. Was aber noch übrig bleibt, davon nimmt die Politik -den Löwenanteil für sich in Anspruch, welche sowohl als politische -Tagespresse, wie als politisches Vereinswesen an die Sammlungsfähigkeit -des Aufnehmenden nicht allzu hohe Ansprüche stellt. Die Interessen an -socialethischen und religiösen Fragen gelangen fast nur noch insoweit -zu ihrem Recht, als sie sich mit der Politik berühren, in den Streit -der politischen Parteien Eingang gefunden haben und durch die Brille -des Politikers angesehen werden können. Das politische Parteitreiben -aber macht das Gros der Menschen roh und gewöhnt sie an das Austheilen -und Ertragen von Beleidigungen und Beschimpfungen ähnlich wie in der -Reformationszeit der konfessionelle Hader. - -Wie sollen diese Zustände sich bessern? Die gesteigerten -Berufsansprüche entsprechen der Forderung gesteigerter Arbeitsteilung -und intensiverer Arbeitsleistung. Die modernen Staatsverfassungen -erheischen die Betheiligung aller Männer bei den politischen Wahlen, -und ein gleichgültiges Fernbleiben der geistigen Elite des Volks würde -das ohnehin schon bestehende Uebergewicht der demagogischen Schreier -und Hetzer zu einem geradezu unbestrittenen machen. - -Die reifen Männer können und dürfen sich nur ausnahmsweise ihren -politischen Pflichten entziehen, aber diese Pflicht sollte doch nur für -die reifen Männer gelten. Handarbeiter mögen für relativ reif gelten, -wenn sie in das Alter der Wahlberechtigung eingetreten sind (21 bis -24 Jahr); denn geistig reifer als sie dann sind, werden sie doch nur -in Ausnahmefällen noch werden. Die gebildeten Stände dagegen brauchen -gerade die Zeit vom Abgang aus der Schule bis zur Verheirathung (also -etwa vom 18. bis zum 30. Jahre), um sich geistig zu entwickeln und ihre -Mannesreife zu gewinnen; wenn sie diese Zeit, wo der Geist bereits -das volle Verständniss besitzt, ohne doch schon in festen Ansichten -verknöchert zu sein, für ihre humanistische Ausbildung ungenutzt -verstreichen lassen und statt dessen sich auf Politik werfen, so -versäumen sie meist etwas Unwiederbringliches. Soll die Physiognomie -unsrer höheren Gesellschaft vor einer vorzeitigen facies hippocratica -bewahrt bleiben, so müssen Studenten und angehende Praktiker die -Politik wie die Pest scheuen und die Erfüllung ihrer politischen -Staatsbürgerpflichten auf ein Alter verschieben, wo sie durch -vielseitige humanistische Bildung in ihrem Geiste einen Grund gelegt -haben, auf dem eine selbstständige, von Parteischlagworten unabhängige -politische Urtheilsbildung erst möglich wird. - - -4. Puder und Schminke. - -Das grösste koloristische Meisterwerk der Natur ist die Haut der -nordischen weissen Menschenrasse; es übertrifft an Feinheit und -Komplicirtheit der Farbentöne, an Leuchtkraft und Sättigung alle -sonstigen Farbenwunder der Natur. Wer seinen Teint durch Puder und -Schminke zu verbessern glaubt, gleicht einem Bilderrestaurateur, -der ein Tiziansches Inkarnat durch weisse oder rothe Retouchen zu -heben unternimmt. Auch die gelben und grünen Tinten des sogenannten -schlechten Teints sind unendlich viel schöner als Mehl und Zinnober. -Der Puder macht die Glanzlichter der Haut stumpf und matt, die Schatten -kraft- und wirkungslos, die Mitteltöne fade und mehlsuppig; alle -Farben in Licht, Schatten und Mitteltönen entfärbt er zum eintönigen -Grau des Gypses. Auf der Bühne sind Puder und Schminke ein Mittel -zur Herstellung der zur Rolle gehörigen mimischen Maske; wer diesen -Bestandtheil des scenischen Scheins ins wirkliche Leben überträgt, -gleicht einem Menschen, der seinen Garten mit gemalten Bäumen und -Sträuchen zu verschönern versucht, und zeigt zugleich, dass er nicht -sein eignes Selbst darstellen, sondern eine Komödiantenrolle im Leben -spielen will. - -Nichts ist komischer als die sittliche Entrüstung, mit welcher die -„bloss Gepuderte“ auf die Gepuderte und Geschminkte herabsieht, denn -an Geschmacklosigkeit steht sie ihr kaum nach, wohl aber an Muth und -Klugheit: an Muth in der zaghafteren Schaustellung ihres naturwidrigen -Geschmacks und an Klugheit in dem Wahne, den weissen Puderteint eher -als den farbigen Schminkteint für Natur ausgeben zu können. - -Wenn in den tonangebenden Schichten der Gesellschaft das Pudern der -Haut zur herrschenden Unsitte wird, so ist das ein Zeichen, dass -in ihnen Unbildung, Verbildung und Unnatur, Geschmacksrohheit und -Sinnesverkehrtheit sich die Hand reichen, und dass ein Ungewitter des -Völkerschicksals zur Reinigung der ungesunden socialen Atmosphäre noth -thut. Eine Kultur, die sich äusserlich durch den Puder kund giebt, ist -eine miasmatische Afterkultur, die keine echte Kraft mehr zu ihrer -Vertheidigung begeistern vermag, und deshalb über kurz oder lang dem -Ansturme der kulturfeindlichen Mächte ohnmächtig erliegt; wie es im -vorigen Jahrhundert dem ancien régime erging, so würde es in diesem -der modernen Bourgeoisie ergehen, wenn eine allgemeinere Verbreitung -von Puder und Schminke die symptomatische Rechtfertigung für die -socialdemokratische Behauptung von der innern Fäulniss ihrer Kultur -liefern sollte. - - - - -VIII. - -Zur Reform des Universitätsunterrichts. - - -Unsere Universitäten haben im geistigen Leben der Nation nicht mehr -die Bedeutung wie früher, theils weil der Einfluss der Literatur den -ihrigen überholt hat, theils weil sie ihren Einfluss mit zahlreichen -neben ihnen aufgeblühten Hochschulen technischen, militärischen und -sonstigen Charakters theilen müssen. Aber noch immer ist ihre Bedeutung -so gross, dass es unrecht wäre, dieselbe zu unterschätzen, und darum -ist auch die Frage nach den Mängeln unserer Universitäten und nach -ihrer Abhülfe eine Frage von allgemeinem Interesse für jeden, dem dies -Gedeihen und der Fortschritt der deutschen Geisteskultur am Herzen -liegt. - -Die Mängel unsres Universitätswesens liegen sowohl auf Seite der -Studentenschaft wie auf Seiten der Lehrkörper ziemlich offen zu -Tage. Viele Studenten studiren in den ersten Semestern zu wenig oder -gar nicht, weil falsche Ehrbegriffe und zeittödtende Genusssucht -ihre Kräfte vollauf in Anspruch nehmen; wenn sie aber anfangen zu -studiren, so haben sie alle Hände voll zu thun, um den gesteigerten -Prüfungsansprüchen an ihre Berufswissenschaft Genüge zu leisten, -so dass ihnen während der ganzen Studienzeit kein Augenblick für -allgemeinere Geistesbildung, für das Studium der humaniora übrig -bleibt. Für solche Studenten passt unsre deutsche Einrichtung der -Universitäten nicht; wäre es sicher, dass diese Art von Studententhum -das Feld der Zukunft behaupten würde, so müsste unser Universitätswesen -aus Zweckmässigkeitsgründen seine akademische Freiheit aufgeben und -gegen den französischen und englischen Zuschnitt der obligatorischen -Einpaukerei vertauschen. Glücklicher Weise besitzen wir noch -studentische Elemente genug, welche von der akademischen Freiheit -wirklichen Nutzen ziehen, und wenn man den Zeichen der Zeit trauen -darf, so darf man vorläufig die Hoffnung nicht fahren lassen, dass -aus den Kreisen des Studententhums heraus ein Umschwung zum Bessern -erfolgen wird durch eine mächtige Auflehnung gegen die bisherige -sinnlose Kraft- und Zeitvergeudung. - -Einem solchen Umschwung müssen aber einschneidende Reformen von -Seiten des Lehrkörpers entgegenkommen, wenn die Besserung gründlich -und dauernd werden soll. Der tiefliegendste und allereigentlichste -Krebsschaden unsres Universitätsunterrichts liegt meiner Meinung -nach darin, dass der Regel nach die Erfindung der Buchdruckerkunst -mit Hartnäckigkeit ignorirt, und heute noch wie im Mittelalter der -Unterricht allein auf mündlichen Vortrag gegründet wird. Man verkennt -die physiologische Thatsache, dass eine Stunde Vortrag-Hören die Nerven -und das Gehirn weit mehr anstrengt als eine Stunde Lesen. Dieser Satz -erleidet nur da eine Ausnahme, wo das Lesen eine noch ungewohnte -Thätigkeit ist, welche eine besondere Anspannung der Aufmerksamkeit -erfordert; ein Jüngling aber, der noch auf diesem kindlichen Standpunkt -steht, ist eben noch nicht reif für den Besuch der Universität, und -deshalb ist bei den Universitätseinrichtungen auf solche unreife -Individuen keine Rücksicht zu nehmen. - -Es sind verhältnissmässig wenige Fächer des Universitätsunterrichts, -bei denen die Demonstration den Stamm bildet, um welche der Vortrag -sich bloss erläuternd herumrankt; bei den meisten ist das mündliche -Wort des Lehrers auf sich allein angewiesen. Was der Lehrer vorträgt, -ist der Inhalt eines ungedruckten Lehrbuchs; was der Schüler -nachschreibt, ist der Inhalt eines ungedruckten Leitfadens. Kein -Student würde es sich einfallen lassen, nachzuschreiben, wenn er -bei Belegung des Kollegs den gedruckten Leitfaden des Docenten -eingehändigt erhielte, und ausserdem jederzeit in einem gedruckten -Lehrbuch des Docenten das Gehörte nachlesen könnte. Der ganze Unfug -des Nachschreibens würde mit einem Schlage beseitigt, wenn die -Universitätsordnung es verböte, dass irgend ein Professor oder Docent -ein Kolleg ankündigte, zu dem er nicht vorher der Universitätsbehörde -den gedruckten Leitfaden eingereicht, oder einen der bereits bekannten -Leitfaden eines Dritten zu Grunde legen zu wollen erklärt hat. Jedem -Draussenstehenden müsste es zunächst unbegreiflich scheinen, warum dies -nicht auch ohne solche Zwangsbestimmung freiwillig von allen Lehrern -geschieht, da die Sache doch gar so einfach und selbstverständlich -scheint, und jeder Meinungsänderung des Lehrers theils durch neue -Auflagen des Leitfadens, theils durch die Ausführungen des mündlichen -Vortrags Rechnung getragen werden kann. Der Grund, warum es bisher so -selten geschieht, und statt dessen abgeschriebene Diktathefte umlaufen, -ist wohl in der Furcht der Professoren zu suchen, einerseits durch -selbst herausgegebene Leitfaden sich allzusehr der Kontrole und Kritik -ihrer Konkurrenten bloss zu stellen,[9] andrerseits durch solche -Darbietung des zusammengedrängten Lernstoffes für die Prüfungen den -Studenten das Besuchen ihrer sonst reizlosen Vorträge überflüssig zu -machen. - -In der That trägt der „Leitfaden“ die Gefahr in sich, dass er dem -faulen Studenten die Beruhigung gewährt, auch ohne Besuch der Vorträge -durch Auswendiglernen seines Inhalts das Examen in dem Gegenstande -bestehen zu können. Diese Gefahr liegt aber wesentlich nur dann vor, -wenn der Lehrer sich nicht auf einen wirklichen Leitfaden, d. h. ein -gedrucktes Diktatheft, zu beschränken gewusst hat, und statt dessen -ein Mittelding von Leitfaden und Lehrbuch, oder gar ein kurzgefasstes -Lehrbuch unter dem Titel „Leitfaden“ veröffentlicht hat. Je knapper der -Leitfaden ist, desto sicherer wird der Examinator das verständnisslose -Memoiren desselben von dem rationellen Durchdringen seines Inhalts -unterscheiden können und im Stande sein, das erstere als ungenügend -zu verwerfen. Legt der Docent Werth darauf, seinen Zuhörern den -Leitfaden nicht auf einmal, sondern nur nach jeder Stunde das Diktat -des gehaltenen Vortrags in die Hand zu geben, so hindert ihn nichts -daran, seinen Leitfaden in losen Blättern drucken zu lassen, und wenn -seine Zuhörerschaft zu klein ist, um den Druck zu lohnen, so stehen -ihm andere billige Vervielfältigungsarten zur Auswahl (Lithographie, -Hektographie u. s. w.), welche alle den gemeinsamen Vortheil haben, die -Zeit für das Diktat zu ersparen. - -Man rühmt dem mündlichen Vortrag mit Recht nach, dass er bei gleichem -sachlichen Inhalt doch anregender sei als die Lektüre, weil er mit -Hülfe der Deklamation und Mimik von Person zu Person elektrische -Fäden des Verständnisses spinnt. Dieser Vorzug kommt aber nur dem -+freien+ Vortrag und keineswegs der Vorlesung zu; im Gegentheil wirkt -das Ablesen eines Manuscriptes meistens ungünstiger auf den Hörer als -die Lektüre der gedruckten Vorlesung auf den Leser, weil derselbe -sich bei letzterer von vornherein auf sich allein angewiesen weiss, -bei ersterer aber in seiner berechtigten Erwartung auf die belebende -und zündende Geisteswirkung von Person zu Person getäuscht wird. -Würde man nun aber statistisch feststellen, welcher Procentsatz der -Universitätslehrer seine eigentlichen Lehrvorträge (abgesehen von den -Demonstrationen und Seminarien) frei hält und nicht abliest, so möchte -die Ziffer sehr gering ausfallen. - -Nimmt man noch hinzu, dass nur ein kleiner Theil unter den Vorlesenden -gut zu lesen versteht, einige sogar geradezu schwer zu verstehen sind, -so begreift man, dass das Hören der Vorlesungen bei den Studenten in -eben dem Maasse aus der Mode gekommen ist, als geeignete Lehrbücher der -verschiedenen Fächer sich dem Selbststudium durch Lektüre dargeboten -haben. Der fleissige Student arbeitet lieber zu Hause ein gangbares -Lehrbuch durch, das in der Regel besser ist als die Vorlesungen -seines Professors, und erspart sich damit den Besuch der Kollegia. Er -verbessert also auf eigne Hand den Fehler, den die Universität mit dem -Ignoriren der Buchdruckerkunst begangen hat; aber er vollzieht diese -Verbesserung nur dadurch, dass er das Universitätsstudium zum leeren -Schein verflüchtigt und das Privatstudium an dessen Stelle setzt. Er -muss nach wie vor die Kollegia, die er nicht hört, bezahlen und der -Professor muss, um nicht seine Einnahmen zu gefährden, den Besuch der -Wahrheit zuwider bezeugen. Der Student ist ferner genöthigt, sich die -Diktathefte des nicht gehörten Professors zu verschaffen, und sie -durchzuarbeiten, um im Examen bei ihm bestehen zu können, weil der -Examinator ja nicht merken darf, dass der Examinand sein Wissen aus dem -Lehrbuch eines Konkurrenten geschöpft hat. - -So führt der Fehler im Universitätsunterricht und dessen eigenmächtige -Verbesserung von Seiten der Studenten zur Unwahrheit auf beiden -Seiten, zu einem in sich unsittlichen Zustand, der den Misskredit der -Vorlesungen zu einer wirklichen Missachtung steigern muss. Dieser -Zustand erfordert dringend Abhülfe und diese ist auf keinem anderen -Wege möglich, als dadurch, dass der Universitätsunterricht seinen -Grundfehler: das Ignoriren der Buchdruckerkunst, ablegt. Entweder ist -das Heft, welches ein Professor vorliest, werth gedruckt zu werden, -dann soll es auch als gedrucktes Lehrbuch den Studenten zugänglich -sein; oder es ist nicht werth, gedruckt zu werden, dann ist es auch -erst recht nicht werth, vorgelesen zu werden, und die Studenten haben -dann ganz Recht, wenn sie sich gegen den Besuch solcher Vorlesungen -sträuben und den direkten oder indirekten Zwang dazu als ein ihnen -angethanes Unrecht empfinden. Ein direkter Zwang zu einem Kolleg -besteht aber da, wo der Besuch eines Kollegs über den Gegenstand -obligatorisch ist und nur ein Lehrer über den Gegenstand liest; ein -indirekter Zwang besteht überall, wo ein Examinator das Kolleg über -einen Prüfungsgegenstand liest. Daraus folgt, dass kein Professor -ständiger Examinator in einem Fache werden darf, über das er nicht -entweder ein Lehrbuch herausgegeben hat, oder das er nicht nach dem -Lehrbuche eines Dritten behandelt und prüft. - -Hiergegen wird man nun einwenden, dass eine solche Bestimmung erst -recht dazu führen würde, die Hörsäle zu veröden, und dass mit ihr der -Universitätsunterricht in der Hauptsache seine Abdankung legalisiren -würde, wofern er nur zu der Konsequenz fortginge, anstatt der unwahren -Atteste über den Besuch der Zwangskollegien wahrhafte Quittungen -über den Ankauf der betreffenden Lehrbücher zu fordern. Insoweit -als dieser Einwand richtig ist, kann man nur darauf antworten, dass -insoweit allerdings der mündliche Universitätsunterricht das Recht zu -existiren verloren hat, und dass es nicht gerechtfertigt werden kann, -einen innerlich unhaltbar gewordenen Zustand durch ein künstliches -System konventioneller Unwahrheiten als hohles Scheinbild konserviren -zu wollen. Insoweit muss also jede Maassregel willkommen geheissen -werden, welche den äusseren Zusammenbruch eines innerlich hohlen und -unwahren Zustandes beschleunigt. Aber es ist nicht richtig, dass mit -der vorgeschlagenen Maassregel der mündliche Universitätsunterricht -noch weiter herunterkommen würde; im Gegentheil würde dieselbe geeignet -sein, ihm einen neuen Aufschwung zu verschaffen, wofern derselbe -nur die durch die veränderten Umstände gebotene Umwandlung mit sich -vornimmt. - -Allerdings kann der Lehrer nicht erwarten, dass man seine Vorlesungen -mit anhöre, wenn er doch nur sein Lehrbuch vorliest, das man zu Hause -bequemer und schneller lesen kann. Der Hauptvortheil der mündlichen -Belehrung, die Möglichkeit von Frage und Antwort, bleibt ja ohnehin -bei solchem rein einseitigen Vortrag unbenutzt, und doch wird erst in -der lebendigen Wechselrede der Lehrer gezwungen, frei zu produciren -und dadurch die eigentlichen Vorzüge des mündlichen Vortrages über -die Lektüre zu entfalten. Andrerseits hat der Lehrer nicht mehr -nöthig, seinen Schülern dasjenige mündlich zu sagen, was sie in dem -betreffenden Abschnitt seines Lehrbuchs schon zu Hause hatten lesen -können, sondern er hat nun den Vortheil, diesen Abschnitt auf Grund -der vorausgesetzten Lektüre frei mit ihnen durchsprechen zu können, -ähnlich wie es schon jetzt in den Privatissimis und Seminarien -mit philologischen oder philosophischen Klassikern geschieht. Die -Studenten könnten ihren Zweifel und ihre Unklarheit über bestimmte -Punkte fragend zur Sprache bringen, und dadurch ihr Studium unendlich -viel fruchtbarer machen, als es durch einsame Lektüre oder durch -Besprechung unter lauter Lernenden werden kann. Die Kollegien würden -sich gegen jetzt merklich füllen, weil viel mehr aus denselben zu -holen wäre, und die Repetition von gedruckten Leitfaden würde wirklich -zur Wiederholung eines rationell verarbeiteten Gedankenmaterials -werden. Die Arbeit der Lehrer würde sich dabei verringern, da die -Hälfte derjenigen Stundenzahl, welche jetzt der Vortrag erheischt, zur -Besprechung ausreichen würde; die Arbeit der Studenten aber würde sich -trotz des viel grösseren Gewinns nicht wesentlich vergrössern, da man -in zwei ganzen Stunden zu Hause bequem so viel lesen kann, wie man in -vier mal dreiviertel Stunden im Colleg hört. - -Wenn die Examinatoren gezwungen würden, diese veränderte Unterrichtsart -anzunehmen, so würden dadurch indirekt alle nicht examinirenden -Lehrer mit gezwungen werden, dasselbe Verfahren zu beobachten, soweit -dieselben die gleichen Gegenstände lehren. Denn grade der persönliche -Verkehr mit den Examinatoren, welcher durch die Besprechung der -Lehrbücher eröffnet ist, würde den schon jetzt bestehenden Vorsprung -der Examinatoren gegen die nicht examinirenden Konkurrenten so sehr -vergrössern, dass die Konkurrenz der letzteren völlig aussichtslos -werden müsste, wenn sie im alten Schlendrian der „Vorlesungen“ -verharren wollten. Schon jetzt ist der Vortheil der Examinatoren so -gross, dass gegen diesen Vorsprung der Stellung keine Ueberlegenheit -in den Leistungen aufkommen kann; wenn dieser Vorsprung durch die -veränderte Unterrichtsart noch vergrössert wird, so ist das ein -schwerwiegender Uebelstand, der leider mit in den Kauf genommen werden -muss. Der einzig mögliche, aber auch von der Gerechtigkeit geforderte -und darum unerlässliche Ausgleich ist darin zu suchen, dass die -Examinatoren aufhören, für den durch ihre Stellung und nicht durch -ihre Tüchtigkeit bedingten stärkeren Zuspruch zu ihren Kollegien -diejenige Prämie zu erhalten, welche nur als Prämie überlegener -Tüchtigkeit einen Sinn hat, nämlich die Kollegiengelder ihrer Zuhörer. - -Es giebt eine Anzahl Kollegien, deren Gegenstand von hohem -wissenschaftlichen Werth, aber nicht gerade Gegenstand einer -Berufsprüfung ist. Solche Kollegien haben naturgemäss auch bei der -grössten Tüchtigkeit des Lehrers nur wenige Zuhörer, während andre von -unentbehrlichem Nutzen oder allgemeinerem Interesse auch bei geringerer -Tüchtigkeit des Lehrers auf stärkeren Zuspruch rechnen dürfen. -Hieraus erhellt wiederum, wie wenig die Zuhörerzahl geeignet ist, als -Maassstab für die Tüchtigkeit des Lehrers oder gar für eine demselben -zu gewährende Extravergütigung zu dienen. Wenn es doch einzelnen -Professoren von anerkannt hervorragender Bedeutung in einem Fache -von geringer praktischer Verwendbarkeit und specialisirtem Interesse -gelingt, eine grössere Zahl von Hörern um sich zu versammeln, so -erzielen sie die ihnen dadurch zufliessenden höheren Einnahmen wiederum -nur dadurch, dass sie die Erfindung der Buchdruckerkunst ignoriren -und somit jeden, der ihre Arbeiten kennen lernen will, zwingen, zu -ihnen zu kommen und ihre Vorlesungen zu hören. Man wird zugeben, dass -eine solche Monopolisirung der Wissenschaft ein in der Gegenwart -nicht mehr zu duldender Rest mittelalterlicher Zunft- und Bann-Rechte -ist, und dass die Honorarverhältnisse, welche einen Gelehrten zu -solcher Zurückhaltung treiben, selbst ein unwürdiges Ueberlebsel -überwundener Zeiten sind. Sobald der Bezug von Kollegiengeldern ein -Ende hat, hört auch das Interesse an der Nichtveröffentlichung der -Forschungsergebnisse auf, da das blosse Eitelkeitsinteresse an der -Zahl der Zuhörer denn doch wohl zu tief steht, um den Fortschritt der -Wissenschaft in seiner stets wachsenden Beschleunigung zu hemmen. - -Für Forscher solcher Art ist überhaupt das Lehren gar keine Bedingung -ihrer Wirksamkeit, sollte für sie vielmehr nur Mittel der eigenen -Anregung und Erfrischung sein. Ihr Platz ist nicht sowohl im Lehrkörper -einer Universität als in einer Akademie mit der Berechtigung, -aber ohne die Verpflichtung zum Abhalten von Vorträgen an den -Staatsuniversitäten. Man kann ein vorzüglicher Lehrer und ein sehr -untergeordneter Forscher sein; man kann aber auch ein hervorragender -Forscher und dabei sehr schlechter Lehrer sein. Der Staat hat ein -ebenso grosses Interesse, sich Forscher, als sich Lehrer zu sichern; -aber er fasst die Sache am unrechten Ende an, wenn er beides vermengt, -also von jedem Lehrer als unentbehrliche Zuthat seiner Stellung den -Nimbus eines bedeutenden Forschers und Förderers der Wissenschaft -verlangt, und jedem Forscher eine Lehrthätigkeit als Bedingung für -die Gewährung eines Staatsgehaltes zumuthet. Die Bedeutung der -Akademien für die Gegenwart ruht ausschliesslich darin, dass sie den -Forschern eine sorgenfreie Existenz zur Fortsetzung ihrer Forschungen -mit ungetheilten Kräften gewähren; dieses Ziel haben ursprünglich -die meisten Akademien sich vorgezeichnet, und es ist nicht der -Fehler ihrer Gründer, wenn die mit der Mitgliedschaft verknüpften -Gehälter in Folge veränderten Geldwerthes ihrem Zwecke nicht mehr -genügen. Wenn die Regierungen sich entschliessen könnten, die -Mitgliedschaften der Akademien durch zeitgemässe Erhöhung der Gehälter -zu Forscher-Sinekuren zu erheben, so würden sie damit den höchsten -Spitzen des Kulturfortschritts einen ebenso grossen Dienst erweisen als -den Universitäten, welche dadurch von Lehrern entlastet würden, die nur -aus Noth lehren, um nebenbei als Forscher leben zu können. Das Gehalt -eines Mitglieds der Akademie müsste eben höher sein als das höchste -Professorengehalt, womit aber selbstverständlich auch eine Kumulation -beider Gehälter ausgeschlossen wäre. - -Es ist bekannt, dass es gegenwärtig zum grossen Theil andre Kollegien -sind, welche der Student besucht, als die, welche er bezahlt; er -bezahlt diejenigen, welche er direkt oder indirekt gezwungen ist, zu -belegen, und hat in der Regel wenig Neigung, nebenbei auch diejenigen -noch zu bezahlen, welche er bloss aus Interesse an der Sache besucht. -Die Folge davon ist, dass er auch die sein Interesse erweckenden -Collegien nur unvollständig, weil mit bösem Gewissen, hört, ohne dass -er im Stande ist, die Lücken durch Lektüre des Lehrbuchs zu ergänzen. -Den nicht examinirenden Lehrern raubt dieser Missbrauch des Hospitirens -noch einen grossen Theil derjenigen Kollegiengelder, welche ihnen durch -den Vorsprung ihrer examinirenden Kollegen allenfalls noch hätten -übrig bleiben können. Wollte man unter den Verhältnissen, wie sie sich -entwickelt haben, auf strenge Ordnung halten, und jeden Studenten, -der nicht belegt hat, hinausweisen, so würde die Wirkung davon in der -Hauptsache nur die sein, dass die Hörsäle noch mehr veröden und die -Studenten noch mehr sich dem Privatstudium durch Lektüre zuwenden. - -Wenn eine statistische Erhebung darüber vorgenommen werden könnte, wie -viel wirklich besuchte Vorlesungsstunden auf den Kopf der deutschen -Studentenschaft in einem Semester kommen, so würde man darüber staunen, -wie wenig der Nutzen der Vorlesungen in ihrer jetzigen Art im Ganzen -von den Studenten anerkannt wird, und wie sehr das studentische Leben -(mit Ausnahme der medicinischen Fakultät) zwischen Nichtsthun und -Privatstudium schwankt. In der That konnte aber auch ein fleissiger -Besuch der Collegien bei dem System der Kollegiengelder nur so lange -möglich bleiben, als die Gelegenheit zum Erwerb der dort zu erlangenden -Kenntnisse auf privatem Wege fehlte. Gegenwärtig ist die Forderung -der Universitäten, dass der Student jedes einzelne Kolleg bezahle, -nichts weiter als eine Prämie auf die Faulheit und das Privatstudium -und eine gewaltsame Zurückscheuchung der Studenten von allen nicht -obligatorischen Kollegien. Der Besuch der Vorlesungen würde sich -sofort verdoppeln und verdreifachen, wenn von jedem Studenten ein -Fixum pro Semester erhoben würde, durch dessen Bezahlung er das Recht -erwirbt, jedes Kolleg zu belegen, dessen Plätze nicht schon sämmtlich -an früher angemeldete Reflektanten vergeben sind. Der Andrang zu den -interessanteren Vorträgen würde dadurch so wachsen, dass es nöthig -werden könnte, diejenigen nummerirten Plätze, welche von ihren -ursprünglichen Inhabern ohne ausreichende Entschuldigung durch drei -Stunden unbenutzt gelassen werden, an nachbemerkte Bewerber weiter zu -begeben. - -Die Kollegiengelder bilden nach Ablösung der Stolgebühren den letzten -Rest des mittelalterlichen Sportel- und Gebühren-Wesens, und es ist -endlich Zeit, mit dieser Ruine aufzuräumen, welche ein Haupthinderniss -für einen neuen Aufschwung des Universitäts-Unterrichts bildet. Den -ursprünglichen Sinn einer Prämie für anziehende Vorträge hat die -Ueberweisung der Kollegiengelder an die Professoren längst eingebüsst, -und gegenwärtig ist sie lediglich eine unverdiente Gehaltszulage für -die ohnehin schon begünstigten Examinatoren. Werden die Einzelhonorare -für jedes Kolleg in ein festes Studienhonorar für das ganze Semester -umgewandelt, so fällt jede Versuchung fort, diese Honorare dem -Lehrerkollegium zu überweisen, anstatt derjenigen Behörde, welche -die Universität erhält und die Gehälter der Professoren zahlt. -Diese Aufhebung der Gebühren müsste natürlich mit einer Ordnung der -Professorengehälter Hand in Hand gehen, welche ohnehin dringendes -Bedürfniss ist; auch müssten Uebergangszustände zugelassen werden, -deren Erörterung hier zu weit führen würde. - -Worüber am meisten öffentlich geklagt wird, ist die Aussichtslosigkeit -der akademischen Laufbahn und die Uebelstände, welche bei der Berufung -von Professoren hervortreten. Abgesehen von den Uebertreibungen und -ungerechtfertigten Verallgemeinerungen, die bei solchen Klagen fast -unvermeidlich mit unterlaufen, begehen die Warnungsstimmen dieser -Art meistens den Fehler, dass sie allgemein menschliche Uebelstände, -wie Cliquenwesen, Weiberregiment, Nepotismus und dergleichen für -funkelnagelneue Erscheinungen speciell unsres Universitätslebens -halten, während diess doch nur die überall und zu allen Zeiten -gangbaren Abweichungen von vorurtheilsloser Sachlichkeit sind. Man -mag solche Dinge zur Sprache bringen, um den betreffenden Kreisen -das Gewissen zu schärfen und sie an den Ernst ihrer Berufspflicht -und die Forderungen der guten Sitte zu erinnern; aber man wird nicht -hoffen dürfen, dadurch mehr Wirkung auszuüben als mit Moralpredigten -irgend welcher andren Art. Alle Kooptation führt zur Inzucht, alle -Stellenbesetzung durch die Regierung zur Begünstigung politischer -Streber; Intrigue und persönliche Begünstigung spielt hier wie -dort ihre Rolle, wenn auch in verschiedener Weise. Beide Quellen -unsachlicher Entscheidung müssen einander beschränken, und jeder -Versuch, der einen auf Kosten der andren das Uebergewicht zu -verschaffen, ist nach der einen wie nach der andern Seite gleich -fehlerhaft. Deshalb liegt kein Anlass vor, an den bestehenden Zuständen -wesentliche Aenderungen in dieser Hinsicht zu verlangen. - -Das Widerwärtige an den akademischen Zuständen liegt vor allem -darin, dass die Erlangung einer ausserordentlichen Professur noch -keinerlei Einkommen gewährt, und dass selbst der Eintritt in eine -ordentliche Professur nicht dem Ehrgeiz und der Gewinnsucht das -Thor verschliesst. Der Grund dafür ist aber ausschliesslich in den -ungeordneten Gehaltsverhältnissen zu suchen, welche die einer Berufung -voraufgehenden Verhandlungen nicht selten zu einem Markten und -Feilschen herabwürdigen wie bei dem Engagement eines Schauspielers, -und das Spiel der Intriguen zur Erlangung von wirklichen oder -Scheinberufungen nicht enden lassen. Der Professorenstand wird -nicht eher sein moralisches und sociales Gleichgewicht und die ihm -gebührende wissenschaftliche Würde gewinnen, als bis er durch eine -feste Gehaltsskala mit Altersascension und örtlich verschiedenen -Wohnungsgeldern und durch gesicherte Pensionsverhältnisse den -andern Staatsdienern an Solidität und Stabilität der pekuniären -Lebens-Grundlagen gleichgestellt wird. Wer von einer kleinen -Universität an eine grosse berufen wird, der soll nicht um materieller -Vortheile willen dort hin gehen, sondern im freudigen Stolz auf den -erweiterten Wirkungskreis; zieht er aber das Verbleiben im gewohnten -und lieb gewordenen Kreise vor, so mögen die grossen Universitäten aus -dem eignen Nachwuchs ihre Vakanzen besetzen. Es ist unwürdig, dass -müde Greise bis an ihr Ende weiter lehren müssen, weil sie durch ein -ganzes Leben voll Arbeit keinen Pensionsanspruch erworben haben, und -ebenso unwürdig, dass sie sich im Falle vollständiger Unfähigkeit ihr -Gehalt für die schuldig gebliebenen Leistungen müssen schenken lassen. -Es ist unwürdig, dass die längste Dienstzeit keinen Anspruch auf -Gehaltssteigerung verschafft, und dass letztere erst auf dem Umwege -künstlich inscenirter Scheinberufungen erpresst werden muss. Es ist -ungehörig, dass viel umworbenen Berühmtheiten Einnahmen von der Höhe -einer Primadonnengage und luxuriöse Dienstwohnungen bewilligt werden, -und ebenso ungehörig, dass die Berufung an grosse Universitäten -zur Nationalbelohnung für abgediente Invaliden des Katheders -herabgesetzt wird. Mit der Gleichstellung aller Professorengehälter in -demselben Staat, oder wo möglich im ganzen Reich würden alle solche -Ungehörigkeiten ganz von selbst wegfallen. - -Der Unterschied zwischen ordentlichen und ausserordentlichen -Professoren kann bestehen bleiben; denn wer einmal zum ordentlichen -Professor ernannt ist, der rückt damit auch von selbst in alle -höheren Gehaltsstufen nach seinem Dienstalter auf, während -der ausserordentliche Professor bei dem höchsten Gehalt für -ausserordentliche Professoren stehen bleibt, wenn ihm die Beförderung -zum Ordinarius versagt bleibt. Nur das scheint mir unbillig, dass man -Docenten zu ausserordentlichen Professoren ernennt, sie dadurch mit der -trügerischen Hoffnung, in der akademischen Laufbahn ihr Fortkommen zu -finden, ködert, und dann ohne Gehalt bis an ihr Ende sitzen lässt. Die -Gehaltlosigkeit der Extraordinarien wird so nicht ohne Grund zu einer -Hauptquelle der Bitterkeit für alle, welche nicht zu einer ordentlichen -Professur gelangen können, und nun ihr Leben für ein verfehltes, ihre -akademische Laufbahn für eine gescheiterte, und ihre Lebensarbeit für -eine völlig unentlohnte ansehen müssen. Das Gehalt der Extraordinarien -müsste wenigstens für einen Junggesellen auskömmlich und zugleich -pensionsberechtigt sein; die zeitweilige gnadenweise Gewährung von -Unterstützungen kann niemals als Ersatz für ein pensionsfähiges, wenn -auch noch so bescheidenes Gehalt gelten. Selbstverständlich würde -die Behörde für das von ihr gewährte Gehalt auch ein Minimum von -wöchentlichen Lehrstunden von jedem Angestellten verlangen müssen, das -beim Extraordinarius geringer bemessen sein müsste als beim Ordinarius. -Andrerseits haben auch die Extraordinarien, sobald sie ein festes -Gehalt beziehen, keinen Grund mehr, den Wegfall der Collegiengelder zu -bedauern. - -Die Stellung als Privatdocent ist eine Vorbereitungsstufe und -Probezeit für den akademischen Beruf. Es ist wünschenswerth, dass -dieselbe möglichst zahlreichen Bewerbern möglichst leicht zugänglich -sei, damit die Behörden ein reichliches Material zur Ernennung von -ausserordentlichen Professoren zur Auswahl haben; aber es ist nicht -wünschenswerth, das längere Verbleiben in dieser Stellung für solche -Aspiranten angenehm und behaglich zu machen, welche nach mehrjähriger -Probezeit nicht zur ausserordentlichen Professur geeignet befunden -worden sind. Man muss den Privatdocenten den Austritt aus der -akademischen Carriere ebenso leicht machen wie den Eintritt, und -muss eine Frist setzen, etwa von zehn Jahren, nach deren Ablauf ein -nicht beförderter Privatdocent eo ipso die venia docendi verliert. -Nur auf diesem Wege ist die Existenz eines Kreises von verbitterten -lebenslänglichen Privatdocenten zu vermeiden, oder dem noch schlimmeren -Fehler vorzubeugen, dass man alte Privatdozenten endlich einmal zu -Professoren ernennt, blos weil man das unverdiente Scheitern in ihrem -Lebenslauf als gar zu grausames Schicksal mitempfindet. - -Damit den Docenten, welche trotz mehrjähriger Probezeit nicht zur -ausserordentlichen Professur gelangt sind, das Verbleiben in ihrer -Stellung erschwert wird, ist es nothwendig, dass denselben keinerlei -Remuneration oder Honorar zufällt. Die Zulassung zum Dociren an einer -Hochschule ist an und für sich ehrenvoll genug, um auch einige Jahre -als blosse Ehrensache geübt werden zu können, zumal kein Docent -nöthig hat, mehr als einige Stunden wöchentlich dieser freiwilligen -akademischen Lehrthätigkeit zu widmen. Nur solche Docenten, welche zur -Beförderung für einen späteren Termin in sichere Aussicht genommen -sind, dürfen durch Remunerationen aus Dispositionsfonds an die -akademische Laufbahn gefesselt werden; bei jedem andern müsste eine -solche Gewährung als eine grausame Erweckung unbegründeter Hoffnungen -verurtheilt werden. Die gehaltlose Zeit eines jungen Mannes, welcher -sich der akademischen Laufbahn widmet, wird danach im Durchschnitt -nicht wesentlich länger zu rechnen sein als beispielsweise in der -juristischen Carriere. Der Unterschied bleibt freilich bestehn, dass -der Jurist nach Ablauf dieser Frist, innerhalb deren er aus seinen -eigenen Mitteln oder aus denen seiner Familie sich erhalten muss, -ziemlich sicher auf Anstellung rechnen darf, der Docent aber nicht, und -es wird nicht zum Ausgleich genügen, dass die juristische Laufbahn in -erster Reihe dem Broterwerb, die akademische Laufbahn dagegen in erster -Linie der Befriedigung theoretischer Neigungen und idealer Bedürfnisse -dient. Dieser Ausgleich ist deshalb ungenügend, weil die Furcht, -spätestens zehn Jahre nach der Habilitation vor dem niederdrückenden -Misserfolg einer völlig gescheiterten Carriere zu stehen, die Zahl -der Reflektanten auf das Docententhum bei gleichzeitigem Wegfall der -Kollegiengelder unter das erforderliche oder doch wünschenswerthe Maass -herabdrücken könnte, trotzdem dass die Hoffnung auf frühere Beförderung -zum besoldeten Extraordinarius einen gegen die heutigen Verhältnisse -verstärkten Anreiz zur Habilitation gewähren würde. - -Die akademische Laufbahn ist nur dann im Stande, viele Probekandidaten -anzulocken, ohne durch Wiederausscheidung der Mehrzahl der -Bewerber eine tiefe Verbitterung zu säen, wenn von vornherein -darauf gesehen wird, dass die Docenten zugleich auf irgend einen -andern, als den akademischen Ruf vorbereitet sind, und diesen wo -möglich gleichzeitig verfolgen, jedenfalls aber nach dem Scheitern -ihrer akademischen Laufbahn den Rücktritt in denselben sich offen -halten. Mit andern Worten: die Universitätsbehörden sollten mit -Ausnahme von Persönlichkeiten, die sich bereits durch hervorragende -schriftstellerische Leistungen als ausnahmsweise befähigt erwiesen -haben, den höchsten Werth darauf legen, nur solche Kandidaten zur -Habilitation zuzulassen, welche sich durch die erforderlichen -Staatsprüfungen den Eintritt in eine anderweitige Laufbahn bereits -gesichert haben; die Staatsbehörden aber sollten in Anbetracht der -hohen Wichtigkeit des Universitätsunterrichts für die nationale -Geisteskultur den Staatsdienern aller Berufsarten, welche Neigung -spüren, sich eine Zeitlang als akademische Docenten zu versuchen, die -Erfüllung dieses Wunsches durch das bereitwilligste Entgegenkommen -erleichtern, anstatt denselben im Interesse des Specialdienstes -Schwierigkeiten oder unüberwindliche Hindernisse zu bereiten. - -In der Hauptsache besteht der von mir verlangte Zustand schon heute -in der medicinischen und theologischen Fakultät; jeder medicinische -Docent ist nebenbei praktischer Arzt, und jeder theologische -Docent ist nebenbei wenigstens Licentiat und kann, wenn er von der -Universität zurücktritt, eine Predigerstelle annehmen. Immerhin wäre -es wünschenswerth, dass mehr angestellte jüngere Geistliche, als -bisher nebenbei den Beruf als Docenten ausübten, wenn sie in einer -Universitätsstadt oder deren unmittelbarer Nähe leben: dagegen -scheint mir eine dauernde Verknüpfung von Seelsorge und akademischem -Lehramt, wie sie jetzt ausnahmsweise vorkommt, nicht empfehlenswerth, -vielmehr nach ausreichender Probezeit die Entscheidung für die eine -oder die andere Berufsart geboten. In der juristischen Fakultät wäre -es nicht mehr als billig, dass man von einem Docenten die vorherige -Erlangung der Richterqualität forderte; dagegen müssten auch Richter, -Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Gerichts- und Regierungs-Assessoren und --Räthe, die an Universitätsplätzen leben, in liberalster Weise zur -Habilitation zugelassen werden, und ihre vorgesetzten Gerichts- und -Verwaltungsbehörden von den Ministerien darauf hingewiesen werden, dass -diese Zulassung im dringenden Interesse des Staates liege, und dass -solche Neigungen und Bestrebungen für die wissenschaftlichen Interessen -der Bewerber ein ehrenvolles Zeugniss ablegen. - -Dasselbe gilt für die Schulbehörden in Bezug auf die Lehrer an -staatlichen und städtischen Schulen; hier ist sogar der innere -Zusammenhang des höheren und Hochschulwesens ein so enger, dass -es durchaus gerechtfertigt erscheint, die Zahl der wöchentlichen -Kollegstunden (wenigstens bis zur Höhe von fünf) auf die Zahl der -gesammten Wochenstunden, zu deren Ertheilung der Lehrer verpflichtet -ist, in Anrechnung zu bringen, also einem Lehrer, der zugleich -Universitätsdocent ist, statt 24 nur 19 Schulstunden wöchentlich zu -übertragen. Die Universitätsbehörden aber sollten bei Habilitationen -in der philosophischen Fakultät die Bewerber, welche die facultas -docendi für die höheren Gymnasialklassen erworben haben, entschieden -bevorzugen, damit den Docenten, welche zur Beförderung in eine -ausserordentliche Professur nicht in Aussicht genommen sind, seinerzeit -der Rath ertheilt werden könne, ins Schulamt überzutreten. Gegenwärtig -gilt der Eintritt ins Schulfach als fast gleichbedeutend mit dem -Verzicht auf die akademische Laufbahn, und darum bemühen sich die -Aspiranten auf letztere, die Annahme einer Lehrersstellung, selbst in -einer Universitätsstadt, wenn irgend möglich zu vermeiden, und sei es -auch unter den grössten Anstrengungen und Entbehrungen. Diess würde -aufhören. - -Wer nicht hinreichend mit Gütern gesegnet ist, um nach absolvirtem -Staatsexamen sich ganz dem theoretischen Studium zu widmen, der würde -zunächst eine Lehrersstellung an einer Schule in einer Universitätsstadt -zu erlangen suchen und die 120 Sonntage, Feiertage und Ferientage -im Jahre der Vorbereitung für ein Kolleg widmen; wer aber einige -Zubusse hätte, der würde am liebsten eine halbe Lehrersstellung mit -halbem Gehalt annehmen, um noch mehr freie Zeit zu gewinnen. Die -Schulbehörden würden nur dem Interesse des nationalen Unterrichts -im Ganzen dienen, wenn sie die Habilitationsreflektanten bei der -Anstellung in Universitätsorten bevorzugten und wie in der Schweiz -die Verleihung halber Lehrersstellen (wenigstens für die ersten zehn -Dienstjahre) genehmigten. Die Versuchung, zu viel Kollegien neben -einander zu lesen, fällt für die Privatdocenten mit dem Aufhören -der Kollegiengelder ohnehin fort, so dass die Behörden keine -erhebliche Störung der dienstlichen Interessen von einer solchen -Nebenbeschäftigung zu befürchten haben. Es ist nun einmal unerlässlich, -die Docententhätigkeit auch in der philosophischen Fakultät mit -irgend einem anderweitigen Broterwerb zu verknüpfen, wenn nicht die -akademische Laufbahn immer mehr ein Vorrecht der Wohlhabenden werden -soll; es liegt aber im dringenden Interesse des Ganzen, dass die -Verknüpfung der Docenten-Thätigkeit mit dem journalistischen Broterwerb -verhütet werde, und schon darum ist es nöthig, dass der Verbindung des -Lehramtes an einer höheren Schule mit demjenigen an einer Hochschule -die Wege gebahnt werden. Selbstverständlich muss diese Verkoppelung von -Aemtern mit der Ernennung zum besoldeten ausserordentlichen Professor -ein Ende finden. - -Ich bilde mir nicht ein, dass mit den vorgeschlagenen Aenderungen -in der Einrichtung der Vorlesungen, in den Gehaltsverhältnissen der -Professoren und in der Stellung der Docenten alle Klagen über unser -Universitätswesen verstummen würden; aber ich glaube, dass damit -eine gründliche Abhilfe für die offensten Schäden und dringendsten -Uebelstände geschaffen werden würde, denen auf anderem Wege schwer -oder gar nicht beizukommen ist, und dass das Ansehen und die -Zufriedenheit der Professoren, die Würde ihres Berufs und der Nutzen -der Universitäten in unserem öffentlichen Leben sehr gewinnen würden, -ohne dass dabei wesentlich höhere Aufwendungen als jetzt erforderlich -wären. - - - - -IX. - -Das Philosophie-Studium an den Universitäten. - - -Unsere moderne Wissenschaft läuft Gefahr, am empirischen Material -zu ersticken und im Specialismus zu verknöchern. Die Versenkung -in die Erfahrung und die Arbeitstheilung sind die beiden -Principien, durch welche sowohl die Naturwissenschaften wie die -Gesellschaftswissenschaften und geschichtlichen Disciplinen einen -so grossen und raschen Aufschwung genommen haben. Aber die moderne -Wissenschaft steht bereits wie der Zauberlehrling rathlos da, und -fühlt sich unfähig, die heraufbeschworenen Geister zu bannen. Die -Erkenntniss verliert sich mehr und mehr im Einzelnen, anstatt Honig aus -demselben heimzubringen für den gemeinsamen Stock der systematischen -Wissenschaft, von der alle Specialforschung ausgegangen ist, und zu -der sie alle zurückkehren muss, wenn sie für die Menschheit Werth -behalten soll. Wie Bergleute, die in verschiedenen Schachten und -Stollen arbeiten, ohne gemeinsamen Plan des Abbaus sich immer weiter -von einander entfernen müssen, bis schliesslich keiner mehr das Klopfen -der anderen hört, so geht es mit der immer weiter fortschreitenden -Specialisirung der Specialfächer und -Gebiete. Schon innerhalb des -engeren Faches, z. B. der Mathematik, hört die Möglichkeit der -Verständigung der Specialisten unter einander und ihrer gegenseitigen -Kontrole mehr und mehr auf; selbst die praktische Heilkunst droht sich -in lauter Specialheilkünste aufzulösen und die Naturwissenschaften -arten immer mehr zu einem zusammenhanglosen Sammelsurium -kleinkrämerischer Detailnotizen aus. - -Dabei schwillt die Literatur zu immer ungeheuerlicherer Ausdehnung an. -Rund fünfzehntausend neue Werke jährlich in deutscher Sprache und etwa -ebensoviel in französischer und englischer Sprache zusammengenommen, -das macht allein schon in einem Menschenalter von einem drittel -Jahrhundert eine Million Bücher, welche durch die in demselben -Zeitraum erschienenen periodischen Druckschriften an Masse noch weit -übertroffen werden. Wie die Thatsachenforscher in der Empirie, so gehen -die historischen Forscher in der Literatur unter; jede zu behandelnde -Detailfrage erfordert, um gründlich zu sein, schon jetzt das Studium -eines so kolossalen literarischen Materials, dass die Frage in ganz -enger Begrenzung gestellt werden muss, wenn die Bearbeitung nicht -gleich ins Ungemessene anschwellen soll. Wenn dieser in den beiden -letzten Menschenaltern in Fluss gekommene Process noch ein Jahrhundert -so fortgeht, so muss die europäische Geistesbildung in einem Grade -erstarren, welcher alle Verknöcherung des chinesischen Mandarinenthums, -Talmudismus oder Islamismus um ebenso viel hinter sich zurücklassen -wird, wie die Bibliotheken unserer Urenkel den Bücherschatz der -Chinesen, Juden und Muhamedaner. - -Will die moderne Wissenschaft nicht sich selber zum Spott werden und -die Welt zu dem Gefühl bringen, dass die Vernichtung einer solchen -sich greisenhaft überlebenden Civilisation durch den Vandalismus der -Socialdemokratie eine wenn auch nur negative kulturgeschichtliche -Wohlthat sein würde, so muss sie in sich gehen und bedenken, dass -Arbeitstheilung und Empirie in der Wissenschaft niemals Selbstzweck, -sondern nur dienende Mittel zu einem höheren Zweck, an sich aber -bloss nothwendige Uebel sind. Diese Uebel sind nur dann unschädlich -zu machen, wenn ein jeder ihrer Gefahren und ihrer unmittelbaren -Werthlosigkeit eingedenk bleibt, und nie die Verpflichtung aus den -Augen verliert, den Zusammenhang seiner Detailforschungen mit dem -grösseren Ganzen, dem sie dienen, und den Zusammenhang des letzteren -mit der einheitlichen Totalität der Wissenschaft festzuhalten. Nur -weil das Gefühl dieser Verpflichtung entschwunden ist, konnte das -Uebel die schon jetzt erreichte Ausdehnung gewinnen; das Gefühl der -Verpflichtung ist aber darum den Forschern abhanden gekommen, weil -ihnen das Verständniss für die einheitliche Totalität des menschlichen -Erkenntnisssystems vor lauter Ueberschätzung der partikulären und -singulären Erfahrung verloren gegangen ist. - -Anstatt einzusehen, dass die Empirie für alle Wissenschaften nur -in demselben Sinne Mittel zum Zweck sein kann, wie die Technik für -alle Künste, hat die Wissenschaft sich auf die „Suche“ gelegt, -wie die Kunst auf die „Mache“; es ist die höchste Zeit, von -dieser verhängnissvollen Verwechselung zwischen Mittel und Zweck -zurückzukommen und zu begreifen, dass alle zusammengeschleppten -Materialien aus Natur und Geschichte noch ebensowenig wissenschaftliche -Erkenntniss ausmachen, wie die Routine der künstlerischen Technik ein -Kunstwerk, sondern dass die Wissenschaft und Kunst erst da beginnen, wo -die erweiterte Erfahrung oder gesteigerte Fertigkeit zu einem Unterbau -von höherem Niveau werden, auf dem sich Werke des Geistes erheben. - -Die einheitliche Totalität des Erkenntnisssystems hat man von jeher -Philosophie genannt; die Ueberschätzung der Empirie hatte zur Kehrseite -eine Unterschätzung der Philosophie, insbesondere ihres einheitlichen -Centrums: der spekulativen Metaphysik, ohne welchen die Philosophie -in haltlose Trümmer auseinanderfällt. Die Missachtung der Philosophie -führt nothwendig zur Unterschätzung des selbstständigen Werthes der -Einzelwissenschaften; sind aber erst einmal die Einzelwissenschaften -aus ihrem Dienstbarkeitsverhältniss zur Philosophie herausgenommen, -so geräth das ganze System in Auflösung, indem innerhalb jeder -Einzelwissenschaft sich derselbe Vorgang wiederholt, d. h. jede -Specialrichtung sich für berechtigt hält, ihren selbstständigen Werth -gegen die Wissenschaft zu behaupten, deren Theil sie ist. So gelangt -schliesslich jeder Dreck und Quark dazu, den gleichen Werth wie die -höchsten Blüthen des Geisteslebens vor dem Forum der Wissenschaft zu -beanspruchen, weil er ebensogut Gegenstand der Erfahrung wie diese -ist. Soll diesem Unfug unsrer Zeit gesteuert werden, so müssen, damit -die Specialforschungen wieder als dienstbare Glieder und Werkzeuge der -Einzelwissenschaften begriffen werden, vor allen Dingen erst wieder -alle Einzelwissenschaften als dienstbare Glieder und Werkzeuge der -Philosophie begriffen werden, so muss der Philosophie im Bewusstsein -der Vertreter der modernen Wissenschaft wieder die Stelle als Königin -der Wissenschaften, oder als Wissenschaft der Wissenschaften, -nämlich als einheitliche Totalität und inneres Band des menschlichen -Erkenntnisssystems eingeräumt werden. - -So lange man dagegen wähnt, die Philosophie sei ein überwundener -Standpunkt, und die einheitliche Totalität der Wissenschaften müsse -mit der Zeit von unten herauf sich ganz von selbst erbauen, wenn nur -jeder Arbeiter an seinem Stein rüstig weiter klopft, so lange wird -die Zersplitterung, Entgeistigung und Versumpfung der Wissenschaften -in atomistischer Spezialisirung progressiv zunehmen. Die Empirie -als solche bringt immer nur Divergenz ins Unendliche mit sich; -die Konvergenz der Ergebnisse muss immer erst der die Erfahrung -bearbeitende Geist hineinbringen; um diess aber zu können, muss er ein -Centrum als Zielpunkt der Konvergenz im Sinn haben. Die Empirie wird -ewig unfertig bleiben, weil sie ihrer Natur nach endlos ist; wollte der -Geist auf die Beendigung der Empirie warten, bevor er die Ergebnisse -im Sinne einer systematischen Einheit zieht, so würde er niemals -anfangen dürfen. Die Philosophie wird jederzeit unvollkommen sein -müssen, weil jederzeit die Empirie unvollendet sein wird; aber auch die -unvollkommenste Philosophie ist besser als gar keine und ist im Stande, -die konvergirende Bearbeitung der Erfahrung zu ermöglichen und das -einheitliche System der Erkenntniss zu fördern. - -Der Einfluss der Philosophie auf die Einzelwissenschaften und auf die -allgemeine Bildung einer Zeit kann unter sonst gleichen Umständen um so -grösser sein, je vollkommener sie ist, und sie kann um so vollkommener -sein, auf eine je vollständigere Empirie sie sich stützt. Da nun -gegenwärtig eine vollständigere Empirie zur Verfügung steht als je -zuvor, müsste auch eine vollkommenere Philosophie möglich sein, mithin -auch deren Einfluss grösser sein können als je zuvor. Allerdings ist es -gegenwärtig durch den Umfang und die unverarbeitete Zersplitterung der -Empirie dem Einzelnen fast unmöglich gemacht, dieselbe in dem Sinne zu -umspannen und zu beherrschen, wie es einem Aristoteles, Leibniz, oder -auf viel niedrigerer Stufe selbst noch einem Alexander von Humboldt -möglich war. Auch unter den Philosophen wäre jetzt eine Arbeitstheilung -zum Zwecke einträchtigen Zusammenarbeitens nöthiger als je, damit -die nächsten Ergebnisse der Materialien zuvörderst so gesichtet und -geordnet würden, dass ein genialer Kopf sie endlich zusammenfassen -könnte. - -Davon ist aber keine Rede; die offiziellen Vertreter der Philosophie -in Deutschland sind vielmehr in denselben Fehler der divergenten -Arbeitstheilung ohne philosophische Rücksichtnahme auf den -Einheitspunkt des Erkenntnisssystems gerathen wie die Vertreter -der Einzelwissenschaften, und dieser Fehler, der bei ihnen doppelt -tadelnswerth, hat natürlich dazu beigetragen, das Ansehn der -Philosophie noch tiefer herunterzudrücken. Wenn die Mehrzahl der -Universitätsphilosophen, die sonst über gar nichts einverstanden ist, -doch darin einig ist, dass die spekulative Methaphysik veraltete -phantastische Mythologie ohne irgend welchen wissenschaftlichen Werth -ist, und dass es die Hauptaufgabe der Universitätsphilosophie ist, die -Methaphysik mit Fanatismus bis zur endlichen Vernichtung zu bekämpfen, -so darf man sich nicht wundern, dass auch die Universitätsprofessoren -der übrigen Wissenschaften schon aus Höflichkeit gegen ihre Kollegen -nicht widersprechen, und dass die Philosophie den letzten Rest -von Ansehen, den sie vor einigen Jahrzehnten noch genoss, bei dem -gegenwärtigen Geschlecht eingebüsst hat. - -Die heutigen Kathederphilosophen sind im Durchschnitt unfähig nicht nur -zu eigenen philosophischen Leistungen, denn zu solchen sind sie gar -nicht verpflichtet, sondern auch zur geschichtlichen Uebermittelung -unsrer nationalen geistigen Errungenschaften, weil sie in diesen, -ohne sie zu studiren, bloss die spekulative Metaphysik hassen und -verachten. Ihre Arbeiten bewegen sich meist auf dem Gebiete einer -unfruchtbaren Aristotelischen oder Kantischen Philologie, falls -sie sich nicht gar mit dem Nachkäuen der englisch-französischen -Sensualisten und Positivisten begnügen; d. h. sie plagen sich -ausschliesslich mit den veralteten und geschichtlich längst -überwundenen Systemen vergangener Zeiten, welche für uns nothwendig -schon darum zu unvollkommen sein müssen, um brauchbar zu sein, weil -sie sich auf einen Standpunkt der Empirie stützen, gegen welchen der -heutige sehr weit vorgeschritten ist. Günstigsten Falles bestehen die -Leistungen unserer Universitätsphilosophen darin, dass sie, anstatt zu -philosophiren, ebenfalls empirisches Material zusammenschleppen, indem -sie den Physiologen auf dem Felde der Sinneswahrnehmung mit mühsamem, -geduldigem Experimentiren in’s Handwerk pfuschen. Die Ausnahmen unter -ihnen, welche die Geschichte der deutschen Philosophie des neunzehnten -Jahrhunderts verstanden haben und anregend wiederzugeben wissen, sind -mit der Laterne zu suchen; aber diese pflegen sich dann auch wieder zu -keinem energischen Protest gegen das Treiben ihrer Kollegen aufraffen -zu können, und wagen sich nicht einmal mehr an den Versuch heran, die -philosophischen Systeme, welche vor zwei oder drei Menschenaltern -bewunderungswürdig waren, in einer dem heutigen Standpunkt der Empirie -entsprechenden Weise umzubilden. - -Wie ist es nun möglich, dass die Philosophie trotz der Bestrebungen -der Akademiker, sie zu Grunde zu richten, zu neuem Ansehn komme, und -dadurch die moderne Wissenschaft überhaupt vor völliger Verknöcherung -und Versumpfung rette? Das radikalste Heilmittel wäre vielleicht -das, sämmtliche Universitätsphilosophen zu pensioniren und die -Philosophie als Gegenstand der Vorlesungen aus der philosophischen -Fakultät zu streichen. Aber das wäre eine unnöthige Verletzung der -Lehrfreiheit unsrer Universitäten. Ich glaube, dass man die heutigen -Professoren und Docenten der Philosophie ruhig weiter dociren lassen -kann, wenn man nur aufhört, ihre Vorlesungen direkt oder indirekt zu -Zwangskollegien zu stempeln. Wahrscheinlich würden in kurzer Zeit die -meisten ihre Vorlesungen aus Mangel an Zuhörern einstellen müssen. Es -ist entschieden der Philosophie unwürdig, sie zu einem Zwangsstudium -herabzusetzen, und der Erfolg davon muss grade der umgekehrte von -demjenigen sein, der damit beabsichtigt ist. Die erste Stufe der -Entwürdigung hat die Philosophie damit überwunden, dass sie aufgehört -hat, obligatorischer Unterrichtsgegenstand der Knaben in den Gymnasien -zu sein; die zweite wird sie erst dann überwinden, wenn sie aufhört, -obligatorischer Unterrichtsgegenstand für Jünglinge zu sein, die gar -kein philosophisches Bedürfniss haben, sondern bloss Geistliche oder -Lehrer oder Aerzte zu werden wünschen. - -Es ist ja ein sehr schöner Gedanke, dass Philosophie das eigentliche -und einzige Studium sei, durch welches man eine höhere allgemeine -Bildung im akademischen Sinne des Wortes erlangen könne, und es -sieht verlockend aus, allen akademisch Gebildeten dieses Studium, -sei es als Grundlage, sei es als Abschluss ihres Bildungsganges -aufzuerlegen. Aber wie gestaltet sich dieser Gedanke in der nüchternen -Wirklichkeit? Bei den Juristen hat man es längst aufgegeben, das Hören -eines rechtsphilosophischen Kollegs zu fordern; denn in der That ist -Rechtsphilosophie für sich allein und ausser allem Zusammenhang mit -dem Ganzen der Philosophie betrieben nichts weniger als philosophisch -zu nennen, und das Gemenge von unverdauten juristischen Brocken mit -principiell verkehrten Naturrechts- oder Vernunftrechts-Theorien, das -man meist unter dem Namen Rechtsphilosophie zu hören bekommt, kann -nur dazu beitragen, den Misskredit der Philosophie bei den angehenden -Praktikern zu steigern. In dem Studiengang der Mediciner hatte sich das -Studium der Philosophie schon vor längerer Zeit auf ein psychologisches -Kolleg reducirt, in welchem sie sich in der Regel schon um des -Zeitmangels willen mit den dürrsten und dürftigsten Eintheilungen, -Definitionen und Notizen begnügen mussten, ohne auch nur einen Hauch -philosophischen Geistes durch ihre Seele wehen zu spüren. Glücklicher -weise ist es immer mehr ausser Gebrauch gekommen, dieses Kolleg zu -hören, selbst dann, wenn es ausnahmsweise noch beigelegt wird, und nur -die Zöglinge des Friedrichs-Wilhelms-Instituts zu Berlin seufzen noch -unter dem Zwange, den Besuch eines bestimmten psychologischen Kollegs -dienstlich kontrolirt zu sehen. In der Staatsprüfung der Theologen ist -man so verständig gewesen, mit dem „Kulturexamen“ auch die Prüfung -in der Philosophie wieder zu beseitigen; der etwa 40 Seiten lange -Auszug aus dem ohnehin schon allzuknappen Schweglerschen „Grundriss -der Geschichte der Philosophie“, welcher zum Zweck dieser Prüfung mit -Vorliebe gepaukt wurde, war geradezu ein Hohn auf die Sache. Es ist -deshalb als ein grosser Fortschritt anzusehen, dass die Prüfung in der -Philosophie durch den Zwang zum Belegen eines philosophischen Kollegs -ersetzt ist, und es bleibt nur der weitere Schritt zu vollziehen, dass -das Honorar dieses Zwangscollegs als das anerkannt und ausgesprochen -wird, was es thatsächlich ausschliesslich ist, als eine Erhöhung -der Prüfungsgebühren, so dass den Professoren die Unwahrheit des -Besuchsattestes erspart wird. - -Die Kandidaten der Lehrerstaatsprüfung haben heute allein noch das -wenig beneidenswerthe Vorrecht, in Philosophie wirklich geprüft zu -werden. Was in aller Welt haben aber diese Philologen, Linguisten, -Historiker, Literarhistoriker, Mathematiker und Naturforscher von -Berufs wegen mit Philosophie zu schaffen, seitdem der Unfug der -philosophischen Propädeutik auf den Gymnasien in Wegfall gekommen ist? -Wenn man aber wirklich darauf sich stützen will, dass die Philosophie -zur höheren allgemeinen Bildung des Studirten gehört, warum misst -man dann die Juristen, Mediciner und Theologen mit anderm Maasse -als die Lehrer, warum stellt man dann nicht entweder die Prüfung in -der Philosophie für alle Fakultäten wieder her, oder wandelt nicht -auch bei den Lehrern die Prüfung in diesem Gegenstande in die blosse -Verpflichtung um, Testate über gehörte Kollegien beizubringen? Das -Studium des Juristen und Theologen ist wahrlich nicht ausgedehnter -und zeitraubender als dasjenige des Philologen, Linguisten, oder -Mathematikers, so dass entweder keinem von ihnen oder allen die Zeit -bleibt, ihre allgemeine Bildung durch Philosophie zu vervollständigen. -Wenn wirklich erst die Ablegung einer Staatsprüfung in der Philosophie -den Aichstempel der höheren akademischen Bildung gewährt, so hätten ja -die Lehrer gegenwärtig die Ehre, die einzigen wahrhaft gebildeten unter -allen Akademikern zu sein! - -Nun wird man mir aber schwerlich widersprechen, wenn ich behaupte, -dass jemand darum, weil er die Staatsprüfung in Philosophie bestanden -hat, ebensowenig eine Ahnung von Philosophie zu haben braucht, wie -jemand, der sie nicht gemacht hat, und dass auch der grösste Philosoph, -wenn er sich nicht speciell auf diese Prüfung vorbereitet hätte, -ganz ebenso wie jeder Dummkopf in derselben durchfallen würde. Ein -Kandidat mit ernsten philosophischen Interessen, der beispielsweise die -Werke der drei grössten Philosophen unsers Jahrhunderts, Schellings, -Schopenhauers und Hegels mit Fleiss und Verständniss ganz durchstudirt -hätte, würde ganz wenige Examinatoren finden, bei denen ihm dieses -Studium etwas nützte, aber sehr viele, bei denen es ihn zu Falle -bringen würde, wenn er seine „bornirte Liebhaberei für derartige -metaphysische Mythologien“ auch nur ganz leise durchschimmern liesse. -Die wenigen Examinatoren in Deutschland, welche überhaupt fähig wären, -ihn über Schelling und Hegel zu examiniren (denn Schopenhauer kommt -ja nur als Gegenstand der verächtlichen Widerlegung in Betracht), -kann er sich nicht aussuchen, sondern er muss darauf gefasst sein, -von demjenigen geprüft zu werden, der grade an der Reihe ist. Im -günstigsten Falle ist dies ein Professor, der nichts fragt, als was -aus den Diktatheften seiner Vorlesungen zu lernen ist; der Kandidat -hat dann gewöhnlich noch Zeit, diese Diktathefte sich zu verschaffen -und einzupauken, nachdem er den Namen des Examinators erfahren hat. Im -ungünstigen Falle bleibt er auf Paukbücher wie Schwegler’s Grundriss -angewiesen, und hat dann alle Mühe darauf zu verwenden, unter der Hand -die Richtung und die Liebhabereien des Examinators auszukundschaften, -damit er sich ja hütet, eine demselben missfällige Aeusserung zu -thun, was ihm bei den meisten mehr schaden würde als kundgegebene -Wissenslücken. Da die Mehrzahl der heutigen Universitätsprofessoren -in dem Hass und der Verachtung gegen die Metaphysik einig ist, so -hat er sich vor allen Dingen davor zu hüten, irgend ein positives -philosophisches Interesse zu zeigen oder gar eine metaphysische -Ansicht zu äussern, da dies die Verkehrtheit und Unfähigkeit seines -philosophischen Urtheils schon zur Genüge beweisen würde. Weiss er -dagegen ein kräftig Wörtlein gegen die Metaphysik an geeigneter Stelle -bescheidentlich einfliessen zu lassen, so hat er damit schon einen -guten Stein im Brett. Fragt man ihn, mit welchem Philosophen er sich -genauer befasst habe, so nenne er ja keinen Metaphysiker, sondern -womöglich einen der Engländer, welche gegen die Metaphysik und für den -gesunden Menschenverstand geschrieben haben; diess ist schon deshalb -empfehlenswerth, weil deren Gedankenkreis so arm ist, dass er leicht -zu bewältigen ist. Will er aber einen Deutschen nennen, so gehe er -ja nicht über Kant hinaus, und studire von dessen Werken nur die -kritischen und negativ-dogmatischen, nicht etwa die positiven und mehr -spekulativen Partien. - -Diese Regeln sind nicht von mir aufgestellt, sondern sie sind unter -der studirenden Jugend ziemlich allgemein bekannt, und werden von den -Klügeren, welche im Leben ihr Fortkommen zu finden wissen, sorgsam -beobachtet. Was hiernach der Prüfungszwang einzig und allein bewirken -kann und bewirken muss, ist eine Steigerung des ohnehin schon in der -Zeitströmung liegenden Misskredits der Philosophie, insofern die -Studirenden genöthigt werden, solche Kollegien zu hören und solche -Philosophen zu lesen, welche gegen die Möglichkeit und den Werth der -eigentlichen Philosophie vom empiristischen oder skeptischen Standpunkt -aus ankämpfen. Ausserdem aber werden die Studirenden, sei es direkt -durch das unfehlbare Absprechen und die zur Schau getragene Verachtung -von Seiten der gehörten Docenten, sei es indirekt durch das private -Nachsprechen solcher Urtheile von Seiten der Hörer, ausdrücklich -davon abgehalten, sich eine philosophische Bildung da anzueignen, -wo sie allein zu gewinnen ist, nämlich bei wirklichen Philosophen. -Entweder haben die jungen Leute, wie es bei 90-95% der Fall ist, kein -philosophisches Bedürfniss, dann wird ihnen durch den Zwang, sich mit -einer Vorbereitung für die philosophische Prüfung herumzuplagen, die -Philosophie, die ihnen blos gleichgültig war, erst recht verekelt; oder -aber sie haben ein philosophisches Bedürfniss, dann würden sie ohne die -Nöthigung, sich zur philosophischen Prüfung vorzubereiten, vielleicht, -ja sogar wahrscheinlich, auf irgend eine Weise der wirklichen -Philosophie näher getreten sein, während ihnen jetzt die Beschäftigung -mit derselben noch vor der Bekanntschaft verleidet und ihrem -philosophischen Bedürfniss statt des Brotes ein Stein geboten wird. -Dadurch lassen sich dann die meisten noch rechtzeitig überzeugen, dass -die Philosophie, die sie kennen zu lernen künstlich verhindert worden -sind, denn doch nicht werth sei, studirt zu werden, und sie können nun -aus philosophischer Einsicht den Chor der unphilosophischen Kameraden -stärken und führen, der in allen Tonarten die Philosophie verspottet -und verhöhnt. Wenn doch noch ein Einzelner durch alle diese kunstvollen -Vorkehrungen und Einrichtungen zur Verekelung der Philosophie sich -hindurcharbeitet, so hat er es wahrlich einem guten Stern zu danken. - -Wenn man auch von der durchschnittlichen Beschaffenheit der heutigen -Universitätsphilosophen ganz absehen wollte, so bliebe der Zwang zum -Hören vereinzelter philosophischer Kollegien doch immerhin widersinnig. -Entweder muss man mindestens vier Semester hindurch ein Kolleg mit -mindestens vier Wochenstunden über Geschichte der Philosophie (wie -z. B. Kuno Fischer es hält) obligatorisch machen, oder man soll die -Philosophie vollständig der akademischen Freiheit überlassen, welche -sie grade mehr als irgend ein anderer Gegenstand durch ihr innerstes -Wesen verlangt. Ein Semester von drei bis vier Monaten ist viel zu -kurz, um in einem Kolleg von nicht mehr als vier Wochenstunden einem -Anfänger irgend etwas Philosophisches von nachhaltiger Wirkung bieten -zu können; entweder beschränkt man sich auf gemeinverständliche -Trivialitäten, oder man giebt etwas Positives und schreckt dann durch -die an die Aufmerksamkeit und das Verständniss gestellten Anforderungen -schon wieder die meisten ab. Am gründlichsten ist diese Abschreckung, -wenn mit dem Kollegium logicum begonnen wird, dieser traurigen Ruine -aristotelisch-mittelalterlicher Scholastik; dagegen pflegt sich die -Trivialität am behaglichsten in der „Psychologie“ zu ergehen. - -Wären nur erst die Staatsprüfungen in der Philosophie abgeschafft, -so würden sich auch die Promotionen in diesem Fache sehr vermindern, -für deren Vorbereitung ähnliche Rücksichten zu beobachten sind, wie -die oben angeführten. Soweit die Promotionen zwecklose Geldausgaben -aus blosser Titelsucht sind, kann es nur im allgemeinen Interesse -(wenn auch nicht in demjenigen der Fakultäten) liegen, wenn dieselben -ausser Uebung kommen und der Lehrer sich künftig ebenso mit dem -Titel „Oberlehrer“ wie der Mediciner mit dem Titel „Arzt“ begnügt. -Soweit aber die Promotionen eine Vorbereitungsstufe zur akademischen -Docentenlaufbahn bilden, werden sie in der Philosophie um so seltener -werden müssen, je geringer der Bedarf an philosophischen Docenten wird, -und da der jetzige Bedarf wesentlich nur durch die philosophischen -Staatsprüfungen der Lehrer bedingt ist, so würde mit dem Wegfall -dieser letzteren auch die Zahl der Universitätsphilosophen allmählich -sehr zusammenschmelzen. In demselben Maasse würde das Ansehn der -Philosophie in der studirenden Jugend und beim gebildeten Publikum -allmählich wieder steigen. - -Sieht man von solchen Philosophen ab, welche erst in Folge -hervorragender philosophischer Leistungen eine Universitätsprofessur -erhielten (wie Hegel, F. A. Lange), oder welche zwar -Universitätsprofessoren aber nicht eigentlich Philosophieprofessoren -waren (wie Kant), oder welche erst nachträglich während ihrer -akademischen Laufbahn von der Naturwissenschaft oder Medicin zur -Philosophie übergingen (wie Lotze, Wundt), so kann man die Förderung -der Philosophie durch Philosophieprofessoren (wie Fichte und -Schelling) als eine seltene Ausnahme betrachten. Zu allen Zeiten -(vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Wende des achtzehnten und -neunzehnten Jahrhunderts) waren die Gesammtleistungen der unzünftigen -philosophischen Literatur einer Generation denen der zünftigen -bedeutend überlegen, ungefähr in demselben Maasse wie es bei der -Poesie der Fall sein würde, wenn wir bei jeder Universität 2-6 -officielle „akademische Dichter“ hätten. Indem aber zu jeder Zeit -die Universitätsphilosophie sich als die officielle und eigentliche -Vertreterin der Philosophie ihrer Zeit gerirt und die Bedeutung der -zeitgenössischen unzünftigen Philosophie zu ignoriren oder doch zu -verkleinern gesucht hat, hat sie zu jeder Zeit dem Ansehn der gesammten -Philosophie mehr geschadet als genützt. Diess war schon damals der -Fall, als sie noch wirkliche Philosophie zum Inhalt hatte; um wie viel -mehr muss es heute der Fall sein, wo sie es zum grösseren Theile nicht -mehr ist, sondern mehr und mehr zur principiellen „Antiphilosophie“ -heruntergekommen ist. Auch die sorgfältigste Auswahl unter den -Docenten wäre ausser Stande, alle gegenwärtigen deutschen Lehrstühle -der Philosophie mit geeigneten Persönlichkeiten zu besetzen; deshalb -ist aus der Besetzung der Mehrzahl derselben mit ungeeigneten nicht -einmal jemanden ein besonderer Vorwurf zu machen. - -Kein Fach bedarf aber auch weniger als die Philosophie des mündlichen -Unterrichts, weil keines weniger dazu da ist, von unreifen Jünglingen -ohne inneres Bedürfniss getrieben zu werden, und es in keinem Fache -leichter und zugleich unentbehrlicher ist, unmittelbar aus den Quellen -(d. h. aus dem überreichen Schatz der philosophischen Klassiker) -zu schöpfen. Kein Feld bedarf weniger als die Philosophie der -staatlichen Pflege und des behördlichen Schutzes, aber keines bedarf -auch dringender der vollen ungestörten Freiheit der Entwickelung, -zu welcher eben auf den Universitäten so lange die Bedingungen -fehlen, als kollegialische und politische Rücksichten auf die zu -einem Körper verkoppelte theologische Fakultät unumgänglich sind. -Wenn die Philosophie in dem „Volke der Denker“ so lange trotz -aller Verkümmerung durch eine unfreie Universitätsphilosophie und -philosophische Staatsprüfungen und Zwangskollegien gediehen ist, so -wäre es ein völlig unbegründeter Kleinmuth, zu fürchten, dass sie -nicht mehr gedeihen könnte, wenn der Alp dieser Verkümmerung von ihr -genommen und sie der vollen Freiheit zurückgegeben wird. Je weniger -deutschen Jünglingen durch zwangsweise Quälerei mit einer unfreien und -mehr oder minder unphilosophischen Philosophie der Geschmack an der -Philosophie verdorben wird, desto mehr werden die abfälligen Urtheile -gegen die Philosophie, welche jetzt unter den Gebildeten der Nation -das Gewöhnliche sind, schwinden, und desto mehr Jünglinge werden dazu -gelangen, ihren philosophischen Wahrheitstrieb da zu befriedigen, wo -er allein die ihm angemessene und zugleich nahrhafte Kost findet, bei -den grössten unter den deutschen Philosophen. - -Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass auch aus der Lehrerprüfung -über kurz oder lang die Philosophie als Unterrichtsgegenstand -ausscheiden wird, und dass einmal aller staatliche Zwang zum Hören -(oder Belegen) philosophischer Vorlesungen aufhören wird; ob aber -dieser Zopf noch früh genug abgeschnitten werden wird, und ob -namentlich die Nachwirkungen dieses Fortschritts früh genug eintreten -werden, um das bereits angerichtete Unheil vor dem Eintritt einer -völligen Verknöcherung unsrer Specialwissenschaften wieder gut zu -machen, das scheint mir höchst fraglich. Deshalb wende ich mich an -die studirende Jugend und fordre sie auf, bis zum Eintritt dieser -Reform getrennte Buchführung zu halten, d. h. die Befriedigung ihrer -philosophischen Bedürfnisse niemals und auf keine Weise mit der -Vorbereitung zu den philosophischen Staatsprüfungen zu vermengen, -vielmehr die letzteren als die leeren Formalitäten zu erledigen, zu -denen sie längst herabgesunken sind, daneben aber mit ausdauerndem -Eifer und stiller Andacht heimlich vor den Examinatoren dem Studium -der edelsten Geistesblüthen der neueren philosophischen Literatur -obzuliegen und sich an ihnen mit echt philosophischem, echt modernem -und echt deutschem Geiste zu erfüllen. - - - - -X. - -Die Ueberbürdung der Schuljugend. - - -Es darf als unbestreitbar gelten, dass heute von den Schülern mehr -häusliche Arbeiten verlangt werden als vor einem Menschenalter, und -dass trotzdem von dem Durchschnitt der Schüler weniger geleistet -wird, so dass die Procentzahl der Nichtversetzten in jeder Klasse -beträchtlich gegen früher gewachsen ist. Die statistische Ermittelung, -ob die Jugend jetzt in durchschnittlich schlechterem Gesundheitszustand -als vor einem Menschenalter die Schule verlässt, ist unausführbar; -aber auch wenn dieses Resultat festzustellen wäre, könnte man doch -einwenden, dass es durch andre Ursachen als die gestiegene Arbeitslast -bedingt oder doch mitbedingt sei. Wichtiger scheint mir die wachsende -Abneigung der Jugend gegen die Schule als Zeugniss dafür, dass letztere -mehr und mehr zu einer krafterschöpfenden Drillanstalt geworden und -mehr und mehr ihren Beruf, zur geistigen Freudigkeit und Frische -anzuregen, verfehlt. Nur der Begabte, der zugleich sich kein Gewissen -daraus macht, sich durchzuschwindeln, kommt ohne leiblichen Schaden -davon, nimmt aber dafür die Gewöhnung an Umgehung der obliegenden -Pflichten als bedauerliche Mitgift in’s Leben mit. Die Verfügung des -preussischen Unterrichtsministeriums vom März 1882 drängt zwar auf -Beschränkung der Unterrichtsziele und namentlich des Memorirstoffs, -aber bis jetzt, wie es scheint, in der Hauptsache vergeblich. Es dürfte -deshalb nicht überflüssig sein, wenn Laien ihre Stimmen erheben, um -nicht blos über die Thatsache zu klagen, sondern auch auf die Ursachen -und die Wege zur Abhülfe hinzuweisen. - -Die genannte Centralverfügung weist auf die gegenwärtig in Aufnahme -gekommene fachmässige Vorbildung der Lehrer als auf eine Hauptquelle -der gesteigerten Ansprüche hin; aber es ist psychologisch unmöglich, -durch einfache Verfügungen Abhülfe zu schaffen, so lange die -Schulbehörden erklären, sich nicht auf den Standpunkt stellen zu -können, dass nur auf wenige Unterrichtsgegenstände Werth gelegt wird, -wie es der Geh. Oberregierungsrath Bonitz bei der Debatte über den -Cultusetat im preussischen Abgeordnetenhause gethan hat. Ich behaupte, -dass +nur+ Lateinisch und Griechisch Hauptgegenstände in dem Sinne -sind, dass eine entschiedene Unreife in einem derselben ein Hinderniss -der Versetzung sein darf und muss. Dagegen ist es ganz gleichgültig, -ob ein Schüler der Quarta sicher im elementaren Rechnen ist, oder -ob ein Schüler der Tertia Genügendes in der Geometrie leistet; wenn -er mathematische Anlage hat, so holt er das in den oberen Klassen -mit spielender Leichtigkeit ganz unvermerkt durch den mathematischen -Unterricht nach, und wenn er solche nicht hat, wie thatsächlich etwa -zwei Drittel der Menschen sie nicht haben, so ist es eine unbillige -Härte, ihm wegen solchen Mangels seine Carriere zu verderben und seinen -Eltern schwere Opfer aufzuerlegen. Was der mathematische Unterricht -in den letzten drei Jahren bei Unbefähigten überhaupt leisten kann, -den Hinweis auf die Strenge der mathematischen Beweisführung, das -leistet er auch dann, wenn das Auswendiglernen dieser Beweise und die -Fertigkeit im Aufgabenlösen unbefriedigend erscheint. - -Ebenso verkehrt ist es, die deutsche Grammatik in den unteren oder den -deutschen Aufsatz in den oberen Klassen zu einem für die Versetzung -massgebenden Hauptgegenstand aufzubauschen, während letzterer bei der -Abgangsprüfung allerdings als solcher gelten muss. Der Mangel an -deutscher Grammatik wird später durch den Ueberfluss an lateinischer -und griechischer ausreichend ersetzt; die Entwickelung des Stils aber -tritt meist plötzlich und stossweise bei Erlangung einer gewissen -Geistesreife ein, und die Unzulänglichkeit des Stils in Sekunda ist -kein Hinderniss dafür, dass der Betreffende in Prima den besten Aufsatz -der Klasse liefert. Das Französische kann auf dem Gymnasium niemals -eine besondere Wichtigkeit beanspruchen, theils deshalb nicht, weil -die ihm zugetheilte Stundenzahl thatsächlich zu gering ist, um etwas -Ordentliches darin verlangen zu können, theils deshalb nicht, weil es -in keinem Gegenstande leichter und gebotener ist, sich durch Lektüre, -Conversationsstunden u. s. w. nach Abgang von der Schule fortzubilden, -als in diesem, also grade hier die Mängel der Schulbildung am ehesten -nachgeholt und ausgeglichen werden können, wozu nach der Schulzeit -weit eher Musse zu finden ist als während derselben. Die Fächer, -welche hauptsächlich das Gedächtniss in Anspruch nehmen (Geschichte, -Geographie, Naturkunde) verlangen am allerwenigsten den Fortbau auf -einem in den vorhergehenden Klassen gelegten Grunde; man kann bei ihnen -anfangen, wo man will, und hat bis zur Abgangsprüfung doch alles in -den unteren und mittleren Klassen Gelernte wieder spurlos vergessen. -Der Physikunterricht der obersten Klassen endlich besitzt seinen Werth -lediglich in dem Hinweis auf den strengen Kausalzusammenhang der -Naturprocesse und auf das Wesen der experimentellen Induction; dieser -Zweck muss durch die Theilnahme am Unterricht selbst erreicht werden, -und es kommt gar nicht darauf an, wie viel von dem mitgetheilten -Wissensstoff im Gedächtniss behalten wird. Die Entlastung von -Memorirstoff sollte vor allen Dingen beim Religionsunterricht beginnen, -insbesondere bei demjenigen der bereits Confirmirten; nichts wird von -den christlichen Abiturienten als eine drückendere Härte empfunden, -als dass sie zu allen sonstigen Wiederholungen hinzu sich noch mit dem -Auswendiglernen von Katechismus und Kirchenliedern plagen müssen, von -dem ihre jüdischen Mitschüler befreit sind. - -Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er sich für alle -Unterrichtsgegenstände gleichmässig interessiren soll; jeder aber -wird durch Anlage und Neigung auf gewisse Nebenfächer hingewiesen -sein, in denen er schon durch die blosse Theilnahme am Unterricht gut -beschlagen ist. Das gerade verleidet unserer Jugend die Schule, dass -ein gleiches Interesse für Alles von ihr verlangt wird, wobei aber für -das Meiste ein bloss erzwungenes Interesse herauskommt. Wer in Latein -und Griechisch Befriedigendes leistet, der sollte unbedenklich versetzt -werden, wofern nur die Leistungen in allen Nebenfächern sich zu einem -befriedigenden Gesammtergebniss kompensiren, also ein Minus der einen -durch ein Plus der andern gedeckt wird; wer aber in Latein, Griechisch, -deutschem Aufsatz und Mathematik genügt, der müsste versetzt werden, -auch wenn er in allen anderen Fächern nicht genügt, und das Urtheil -über die Fertigkeiten dürfte auch nicht den allergeringsten Einfluss -auf die Versetzung haben. - -Nach ähnlichen Grundsätzen wurde in meiner Jugend in den mir bekannten -Schulen thatsächlich verfahren, und die Endresultate waren bessere -als heute, wo trotz aller Erschwerung des Schulgangs und trotz -der vermehrten häuslichen Aufgaben die Leistungen in den beiden -Hauptgegenständen des Gymnasiums im Sinken sind. Früher, wo der -häusliche Fleiss sich in der Hauptsache auf Latein und Griechisch -beschränkte, und Jeder die seiner Neigung nicht entsprechenden -Unterrichtsstunden ungestraft zur Abspannung seiner Aufmerksamkeit, -d. h. zur Erholung und Kräftigung derselben für die nächsten Stunden -benutzen konnte, da wurde weit mehr gelernt, als jetzt, wo die multa -das multum unmöglich machen, und die gesteigerte Intensität des -Unterrichts in allen Stunden ohne Ausnahme (theilweise in Verbindung -mit dem Wegfall des Nachmittagsunterrichts) die durchschnittliche -Aufnahmefähigkeit der Schüler für den gesammten Unterricht herabsetzt. - -Dass es wirklich die Steigerung der Ansprüche in den Nebenfächern -ist, welche die Leistungsfähigkeit der Schüler herabsetzt und sowohl -direkt wie indirekt zu einer das Uebel nur noch verschlimmernden -Vermehrung der häuslichen Arbeiten zwingt, das sieht man am besten an -einem Vergleich zwischen Gymnasium und Realschule; die letztere hat -mehr Schulstunden und mehr häusliche Arbeiten als das erstere, und -trotzdem leistet sie noch weniger als dieses, weil ihr in noch weit -höherem Grade die Koncentration auf wenige Hauptfächer fehlt. Fragt man -aber, wodurch die Schulbehörden zu einer Steigerung ihrer Ansprüche -in den Nebenfächern der Gymnasien gegen früher gedrängt worden sind, -und wodurch sie in dieser falschen Stellung festgehalten werden, so -ist es offenbar der Zug der Zeit nach Verstärkung der Bildung in den -Realwissenschaften, d. h. eine falsche Anticipation der realistischen -Fachbildung durch die Schule als allgemeine Bildungsanstalt, oder -mit anderen Worten eine fehlerhafte Koncurrenz der Gymnasien mit -dem Lehrziel der Oberrealschulen und Realgymnasien, welche eben als -verschiedene Grade der Verquickung von allgemeinen Bildungsschulen mit -Fachschulen zu charakterisiren sind. Die Schulbehörden haben nur den -Fehler begangen, dem Andrängen nach vermehrter Berücksichtigung der -Realwissenschaften auf den Gymnasien zu sehr nachzugeben, und zwar -nicht sowohl in Vermehrung der Stundenzahl, als vielmehr in Steigerung -der Anforderungen an die Schüler. Die sich jetzt am lautesten über die -Ueberbürdung beklagen, sind gerade diejenigen, welche die Regierung -in die falsche Position gedrängt haben und auf diesem Wege immer -weiter drängen möchten; gelänge es dieser Richtung, die alten Sprachen -im Gymnasium zu Gunsten der Realwissenschaften noch erheblich zu -beschränken, d. h. das Gymnasium der Realschule ähnlicher zu machen, -so würde damit die Ueberbürdung der Gymnasialjugend noch über die der -jetzigen Realjugend hinauswachsen, weil die alten Sprachen doch immer -Hauptgegenstände würden bleiben müssen, während sie schon auf dem -jetzigen Realgymnasium in den oberen Klassen nur noch ein Nebenfach -darstellen. - -So lange die öffentliche Meinung diesen letzten Grund der Ueberbürdung -nicht erkennt und ihren Einfluss auf die Schulbehörden nicht in -umgekehrter Richtung wie bisher geltend macht, so lange werden -alle Palliativmittel sich als wirkungslos erweisen; erst wenn die -Schulbehörden ihr Aufsichtspersonal dahin instruiren, bei den -Versetzungs- und Abgangsprüfungen nur den Hauptgegenständen Wichtigkeit -beizumessen, bei den Nebenfächern aber der Individualität der Schüler -volle Rechnung zu tragen, erst dann werden die Lehrer der Nebenfächer -aufhören können, sich der Versetzung eines in ihrem Fache nicht -genügenden Schülers zu widersetzen. Dann wird wieder mehr Freiheit für -Lehrer und Schüler und mit ihr mehr Freudigkeit und Liebe zur Arbeit -in die Schule ihren Einzug halten, die jetzt durch den Anspruch, das -Klassenziel von allen zu versetzenden Schülern erreicht zu sehen, mehr -und mehr einer mechanischen Drillthätigkeit gewichen ist. Es wird sehr -wohl möglich sein, die Klassenziele in den Nebenfächern sogar auf der -Höhe zu erhalten, auf welche sie durch die fachmässig gebildeten Lehrer -hinaufgeschraubt sind, sobald man nur darauf verzichtet, alle Schüler -dieses Ziel erreichen zu sehen. Dann werden die Schüler allerdings -nicht mehr mit so einförmig gleichmässiger Bildung wie jetzt die Schule -verlassen, sondern der eine mehr in diesen, der andere mehr in jenen -Fächern gebildet, alle aber mit einem gegen jetzt erhöhten geistigen -Niveau und mit unzerstörter Geistesfrische und Lernfreudigkeit. -- - -Unter solchen Voraussetzungen allein wird es auch möglich sein, -die häuslichen Arbeiten auf das zu beschränken, worüber sie aus -idealem Gesichtspunkt nicht hinausgreifen sollten: auf Vorbereitung -und Wiederholung. Man hat sich zwar gegenwärtig allgemein daran -gewöhnt, die häuslichen Arbeiten als eine unentbehrliche Ergänzung -des Schulunterrichts anzusehen, aber ich halte diesen Gesichtspunkt -für entschieden falsch, und meine, dass dessen Falschheit Jedem -ohne Weiteres einleuchten müsste, wenn nicht die Gewöhnung an das -Gegentheil als an den normalen Zustand die Unbefangenheit des Urtheils -aufhöbe. Die Schule ist dazu da, um der Jugend die nöthige allgemeine -Bildung einzupflanzen, und wenn sie sich dazu unfähig erklärt ohne -Zuhülfenahme des Hauses, so beweist sie damit nur, dass entweder in -ihrer Organisation ein Fehler steckt, oder dass die Lehrer die ihnen -obliegende Aufgabe theilweise auf das Haus abzuwälzen bequemer finden. - -Zehn Stunden Handarbeit findet man heute bereits zuviel und steuert -auf den achtstündigen Normalarbeitstag für alle Arbeiter hin; sollte -da nicht achtstündige Arbeitszeit für die Kopfarbeit Erwachsener -erst recht als unüberschreitbares Maximum gelten, und sollten nicht -drei Viertel dieses Quantums die allerhöchste, aus hygienischen -Rücksichten an jugendliche, unreife Gehirne zu stellende Zumuthung -sein? Dieses Maximum wird aber mit 34-38 Wochenstunden (in Gymnasien -und Realgymnasien) thatsächlich erreicht und die hinzutretende -Inanspruchnahme für häusliche Arbeiten ist eine auf keine Weise zu -rechtfertigende Ueberanspannung. Es hat weit schädlichere Folgen, -wenn man bei geistiger, als wenn man bei körperlicher Arbeit die -gesundheitlich zulässige Grenze überschreitet; während aber der Staat -den jugendlichen Fabrikarbeitern durch gesetzliche Beschränkungen der -Arbeitszeit ohne Rücksicht auf die dadurch herbeigeführte Verringerung -des Familieneinkommens seine Fürsorge widmet, stützt er sich darauf, -dass Schulmännerkonferenzen eine 3-3½-stündige häusliche Arbeitszeit -neben 36 wöchentlichen Schulstunden für keine Ueberbürdung der -reiferen Jugend erklären, anstatt darin den Wahrspruch einer bei der -Angelegenheit dringlichst interessirten +Partei+ zu erblicken. Die -Schulmänner haben ohne Zweifel das Interesse, die Arbeitsleistung -der Schule, d. h. ihre eigene Arbeitsleistung durch Mitanspannung -des Hauses zu erleichtern; das Haus aber hat um so mehr Grund, -diesem Uebergriff zu wehren, als derselbe eben so unpädagogisch -wie gesundheitswidrig ist, und wenn die fehlerhafte Organisation -der Schule, die Unfähigkeit zur selbstständigen Erfüllung ihrer -Aufgabe, bis zu einem gewissen Grade als Entschuldigungsgrund für -diesen Uebergriff gelten kann, so liegt darin eine um so stärkere -Aufforderung, an diese fehlerhafte Organisation die bessernde Hand zu -legen. - -Die häuslichen Arbeiten sind unpädagogisch. Mit diesem Satz bin ich -sicher, den allgemeinen Widerspruch hervorzurufen, weil die Schulmänner -das Publikum seit Generationen an die entgegengesetzte Ansicht zu -gewöhnen gewusst haben. Als Grund wird angeführt, dass durch die -häuslichen Arbeiten die Jugend zu +selbstständigem Arbeiten+ angeleitet -werde. Unter „selbstständigem Arbeiten“ kann man zweierlei verstehen: -erstens das Studium selbstgewählter Wissenszweige und die Bearbeitung -selbstgewählter Aufgaben, und zweitens die zwangsweise Lösung -gestellter Aufgaben ohne Gedankentausch und erleichternden Verkehr -mit dritten Personen. Der erste Zweck stellt eine Ausnahme dar, denn -er passt bekanntlich nicht für die Schule im Ganzen, sondern nur für -die reifste Stufe der Schuljugend, und für diese halte auch ich die -Privatlektüre und die freiwilligen Arbeiten für höchst wünschenswerth. -Aber bei der jetzigen Erschöpfung der Schüler hören die sogenannten -freiwilligen Arbeiten ganz auf, oder sie werden selbst wieder zu -unfreiwilligen häuslichen Arbeiten mit einem gewissen Spielraum in -der Wahl der Gegenstände; in beiden Fällen geht ihr pädagogischer -Werth als Gewöhnungsmittel an Spontaneität der Arbeit verloren. Nur -besonders begabte und zugleich intensiv strebsame Köpfe können trotz -der Ueberbürdung die Kraft und Frische behalten, mit Privatstudien -ihren persönlichen Neigungen zu folgen; bei der Mehrzahl aller Schüler -bewirkt das heutige System der häuslichen Arbeit erfahrungsmässig nicht -die Lust zu selbstständigen Arbeiten, sondern bloss den Ekel vor aller -Geistesarbeit, einen so gründlichen und dauerhaften Ekel, dass er nach -der Erholung der ersten Studiensemester beim Biere nur noch durch den -Zwang des Brotstudiums überwunden zu werden pflegt. Der Erfolg spricht -also entschieden gegen die pädagogisch richtige Wahl des Mittels zum -Zweck; die Unzweckmässigkeit desselben ist aber auch deductiv zu -erweisen. - -Der eigentliche, regelmässige und allgemeine Zweck der häuslichen -Arbeiten im gewöhnlichen Sinne des Worts kann nur der zweitgenannte -sein: die zwangsweise Lösung gestellter Aufgaben ohne Gedankentausch -und erleichternden Verkehr mit dritten Personen. Dass dieser Zweck -durch Klausurarbeiten in der Schule wirklich erreicht werden kann und -thatsächlich erreicht wird, ist zweifellos; dass er +nur+ durch -häusliche Arbeiten erreicht werden könne, ist also völlig unhaltbar, -vielmehr sind solche für diesen Zweck ganz überflüssig, wofern nur die -Schule einen genügenden Theil ihrer Zeit auf Klausurarbeiten verwendet. -Dass aber dieser Zweck überhaupt durch häusliche Arbeiten erreicht -werden könne, ist von zwei Voraussetzungen, die beide bei der Mehrzahl -der Schüler offenbare Fictionen sind, abhängig: erstens dass die -Arbeiten wirklich zu Hause gefertigt, und zweitens, dass sie ohne Hülfe -dritter Personen und ohne unerlaubte Hülfsmittel gefertigt werden. - -Bekanntlich wird ein Theil der weniger kontrolirten Arbeiten gar nicht, -ein anderer Theil in der Schule (theils in Zwischenstunden, theils -in weniger scharf kontrolirten Schulstunden), ein dritter Theil mit -fremder Hülfe, ein vierter vermittelst unerlaubter Hülfsmittel (älteren -Klassenheften, gedruckten Uebersetzungen u. s. w.) gemacht; in allen -diesen Fällen wird der Zweck der häuslichen Arbeiten, und zwar nicht -nur der pädagogische, sondern auch der Lehrzweck verfehlt, und an seine -Stelle tritt die unpädagogische Gewöhnung der Schüler an Unredlichkeit, -Täuschung, Schwindeleien und Umgehung der obliegenden Pflichten. Je -mehr der Unterricht den Charakter schablonenhafter Dressur annimmt, -desto leichter sind die älteren Klassenhefte zu missbrauchen; je -besser und billiger die sogenannten Eselsbrücken werden, desto -nutzloser werden die Präparationen, da die allein werthvolle Uebung -im selbstständigen Konstruiren der Sätze dabei wegfällt. Je höher -die Anforderungen der Schule an die häuslichen Arbeitsleistungen in -allen Fächern gespannt werden, desto stärker wird der Anreiz, aus -naturgemässem Selbsterhaltungstriebe oder aus berechtigter Nothwehr -gegen die Ueberbürdung solche sich darbietende Erleichterungsmittel zu -brauchen, desto mehr wirkt die Schule als direkte Verführerin auch der -gewissenhafteren Schüler zum Betrug, desto tiefer sinken naturgemäss -die durchschnittlichen Klassenleistungen, weil das Unterrichtssystem -auf Voraussetzungen fusst, die nicht erfüllt werden. Was aber die -persönliche Selbstständigkeit der Schüler bei der Anfertigung -häuslicher Arbeiten betrifft, so ist dieselbe schon da aufgehoben, wo -mehrere Schüler sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen; sie wird in -ihr striktes Gegentheil verwandelt, wo die Schule, wie es oft genug -vorkommt, bei Schülern von nicht besonderer Fassungskraft geradezu auf -die unterstützende Mitwirkung des Hauses rechnet. Am widersinnigsten -sind die häuslichen Arbeiten in der Mathematik, da sie erfahrungsmässig -doch nur von ganz Wenigen selbstständig gelöst, von den Uebrigen aber -bloss abgeschrieben oder mit fremder Hülfe gefertigt werden. - -Der begabte Schüler, der in den Schulstunden allein genug lernt zur -Erreichung des Klassenziels, ist sachlich im Rechte, wenn er die für -ihn überflüssige Plage der häuslichen Arbeiten geschickt umgeht; der -unbegabte gewissenhafte wird unter ihrer Last erdrückt und verfehlt -entweder das Ziel der Schule oder kommt gebrochen an Geist und Körper -aus ihr hervor; der unbegabte gewissenlose wird zum Schwindel verleitet -und verfehlt das Ziel, weil es von seinesgleichen ohne gewissenhafte -Erfüllung aller Anforderungen nicht zu erreichen ist; die mittleren -Köpfe schlagen sich zur Noth durch, verlassen aber endlich mit -gerechtem Groll, mit Ueberdruss und Bitterkeit die Schule. Die Lehrer -werden durch die Kontrole der Unredlichkeit in einen beständigen Krieg -mit den Schülern hineingedrängt, an dessen Stelle bei dem Mangel -häuslicher Arbeit sofort die wohlthuendste Eintracht träte; auch werden -sie durch Beurtheilung der Schüler nach dem häuslichen Fleiss in eine -falsche Richtung hin, und von der allein massgebenden Beurtheilung nach -den Leistungen abgelenkt. - -Angenommen, es wäre von den jetzigen Schulstunden keine einzige -disponibel zu machen, um die Anfertigung der deutschen und -fremdsprachlichen Aufsätze und mathematischen Arbeiten aus dem Hause in -die Schule zu verlegen, so wäre es immer noch besser, einen Nachmittag -in jeder Woche mit zwei Stunden zur Anfertigung dieser Arbeiten unter -Klausur anzusetzen, als den jetzigen unpädagogischen Standpunkt -zu belassen; ebenso müsste ein grösserer Theil der Lektürestunden -zu kursorischer Lektüre ohne Präparation verwandt werden, um den -Schaden der jetzt allgemein üblichen Präparation mit Uebersetzung -einigermassen wieder gut zu machen. Erst mit der Verlegung der Aufsätze -und mathematischen Aufgaben unter Schulaufsicht würde die Beurtheilung -derselben zu dem, was sie doch sein soll, zu einem Massstabe für -die Leistungen des Schülers, und erst mit ihr würde der bei der -häuslichen Anfertigung verfehlte pädagogische Zweck der Gewöhnung an -selbstständiges Arbeiten wirklich erreicht werden. - -Jedenfalls darf der jetzige Zustand nicht länger fortbestehn: entweder -muss die Zahl der Schulstunden beträchtlich verringert werden, oder die -Schule muss in der Hauptsache ohne Zuhülfenahme der häuslichen Arbeiten -ihre Aufgabe erfüllen, und es ist nicht schwer zu sehen, welches -dieser beiden Ziele mehr Aussichten für praktische Verwirklichung -bietet. Aber die durchaus gebotene Entlastung der Schüler, mag man sie -nun anstreben auf welchem der beiden Wege man wolle, setzt immer als -Bedingung ihrer Möglichkeit voraus, dass die Nebenfächer wieder wie -früher wirklich als +Neben+fächer behandelt werden und aufhören, für -die Versetzungs- oder Abgangs-Reife einen mitbestimmenden Einfluss zu -besitzen. - - - - -XI. - -Die preussische Schulreform von 1882. - - -Durch die Circularverfügung des preussischen Unterrichtsministeriums -vom 31. März 1882 (Berlin bei W. Hertz), welche das Ergebniss -langjähriger behördlicher Erwägungen und Konferenzen darstellt, dürfte -für längere Zeit in unserem höheren Schulwesen ein stabiler Zustand -geschaffen sein, der erst nach Einsammlung langjähriger weiterer -Erfahrungen die Hoffnung auf weitergehende Reformen offen lässt. Es -liegt mir deshalb nahe, das bisher Erreichte mit den Forderungen zu -vergleichen, welche ich im Jahre 1875 in meiner Schrift: „Zur Reform -des höheren Schulwesens“ aufgestellt und begründet hatte. - -Ich hatte dort eine mässige Aenderung des Gymnasiallehrplans zu -Gunsten der Realwissenschaften und des Französischen verlangt, ferner -eine officielle Anerkennung des Werthes der lateinlosen Realschulen -mit neunjährigem Kursus, die ich nicht als höhere allgemeine -Bildungsanstalten sondern als Mittelschulen (höhere Bürgerschulen) mit -angehängter Fachschule von dreijähriger Lehrdauer betrachte, und hatte -endlich gewünscht, dass die vorhandenen Realschulen mit Latein entweder -in reorganisirte Gymnasien oder in lateinlose Realschulen umgewandelt -würden. Diese Wünsche sind durch die fragliche Ministerialverfügung, -wo nicht erfüllt, doch ihrer Erfüllung näher gerückt. Wie die -Unterrichtsordnung von 1859 zum ersten Male die Realschulen mit -Latein officiell recipirte und einen Normallehrplan für dieselben -aufstellte, so sind jetzt die lateinlosen Realschulen mit neunjähriger -Lehrdauer officiell recipirt und mit einem Normallehrplan ausgestattet -worden; im Gymnasiallehrplan ist eine ausreichende Verstärkung -der Realwissenschaften und eine allerdings nicht ausreichende des -Französischen auf Kosten des Lateinischen angeordnet, und in dem -bisherigen Realschullehrplan ist durch Verstärkung des Lateinischen -auf Kosten der Naturwissenschaften wenigstens eine Annäherung an das -Gymnasium erzielt worden. Die Verfügung unterscheidet nunmehr folgende -Arten von Schulen: Gymnasien, Realgymnasien, (früher Realschulen -erster Ordnung), Oberrealschulen (früher neunklassige Gewerbe- -und Handelsschulen), Progymnasien, Realprogymnasien, Realschulen -(eigentlich Oberprorealschulen), alle drei mit siebenjähriger -Lehrdauer, und endlich höhere Bürgerschulen, d. h. sechsklassige -Schulen ohne Latein mit Französisch und Englisch, deren Lehrplan -sich von demjenigen der „Realschulen“ fast nur durch das Fehlen der -obersten Klasse unterscheidet, die aber eine in sich abgeschlossene -Bildung geben sollen. Betrachtet man die „Oberrealschulen“ als mittlere -Schulen mit aufgesetzter dreiklassiger Fachschule, so fällt der -innere Unterschied zwischen Oberrealschulen, Realschulen und höheren -Bürgerschulen fort und es bleibt nur die äussere Differenz in der -Lehrdauer bestehen. - -Wenn schon in Bezug auf die Recipirung der „Oberrealschule“ und -in Bezug auf die gegenseitige Annäherung des Gymnasiums und -„Realgymnasiums“ die neueste Verfügung als ein wichtiger Fortschritt -in der Entwickelung unseres Unterrichtswesens angesehen werden darf, -so kann man auch den Geist, in welchem die beigegebenen Erläuterungen -abgefasst sind, nur mit Freuden begrüssen. Ueberall wird auf -Beschränkung im Lehrstoff, namentlich im Memorirstoff, gedrungen, -und vor mechanischer Beurtheilung der Schüler nach dem Ausfall der -schriftlichen Klassenarbeiten gewarnt; die übermässige Anspannung -der Schüler, besonders durch häusliche Arbeiten, wird nicht mit -Unrecht grossentheils auf eine Ueberspannung der Lehrziele der Schule -zurückgeführt, die zumeist aus der specialistischen Vorbildung der -Lehrer entspringt. - -Was nun zunächst die Veränderungen im Gymnasiallehrplan betrifft, -so hat den äusseren Anstoss zu denselben der Wunsch gegeben, die -Entschliessung der Eltern über die Laufbahn ihrer Söhne um ein Jahr -hinauszuschieben; d. h. das Gymnasium und die bisherige Realschule -erster Ordnung haben durch Verlegung des Beginns des griechischen -Unterrichts nach Tertia eine nahezu übereinstimmende Quarta erhalten, -so dass die Wahl zwischen beiden Schulen erst mit dem Eintritt in die -Tertia erforderlich wird. Das Griechische würde dabei nichts verlieren, -wenn in allen mittleren und oberen Klassen sieben Wochenstunden -statt der bisherigen sechs für dasselbe angesetzt wären; es würde -dann vielmehr durch Koncentration des Unterrichts und Vermehrung der -Lektürestunden in Obersekunda und Prima geradezu gewinnen. Leider ist -aber die Zahl von sieben Stunden nur für Tertia und Secunda angesetzt, -während man es in Prima bei sechs Stunden belassen hat, von denen eine -nach wie vor (trotz des Wegfalls des griechischen Examenscriptums) den -Extemporalien und der grammatischen Repetition gewidmet bleiben soll. -In diesem Punkte ist die Veränderung unbedingt eine Verschlechterung, -ebenso wie in der Vermehrung des geographischen und geschichtlichen -Unterrichts in den drei untersten Klassen um je eine Stunde. - -Ueber Unzulänglichkeit der geographischen und geschichtlichen Bildung -ist noch wenig Klage geführt, und wo eine solche bestände, würde eine -Vermehrung des Memorirstoffes in den untersten Klassen sich doch als -erfolglos erweisen, um auf sechs bis neun Jahr später das Wissen des -Abiturienten zu erhöhen. Dagegen kann die formale Bildung des Geistes -durch grammatische Schulung in den Unterklassen nicht gründlich genug -genommen werden, und so lange die lateinische Sprache diejenige ist, an -deren Grammatik diese Schulung vollzogen wird, kann dem lateinischen -Unterricht in den Unterklassen kaum eine zu hohe Stundenzahl überwiesen -werden. Es wäre deshalb wünschenswerth, diese Aenderung rückgängig -zu machen, d. h. dem Lateinischen die zu Gunsten der Geographie -und Biographien abgenommene Wochenstunde zurückzugeben. Geschähe -dies, so würde auch das Lateinische gegen solchen Zuwachs von drei -Jahres-Wochenstunden in den Unterklassen ohne Nachtheil einen Verlust -von zwei Jahres-Wochenstunden in Prima ertragen können, mit denen das -Griechische auf seinen bisherigen Stand zu ergänzen wäre. - -Für den französischen Unterricht hatte ich von Quarta bis Prima die -Erhöhung der Wochenstunden von zwei auf drei verlangt; statt dessen ist -nur in Quarta die Erhöhung von zwei auf fünf erfolgt. Nimmt man an, -dass letztere einer Vermehrung in Quarta und Tertia von zwei auf drei -gleichkommt, so bliebe noch solche in Secunda und Prima zu wünschen -übrig, und zwar zu Gunsten einer Ersetzung des lateinischen Aufsatzes -durch den französischen. Die „Circularverfügung“ gibt zu, dass es -gegenwärtig ein unerreichbares Ziel wäre, den lateinischen Aufsatz zum -Ausdruck für die Gedanken der Schüler machen zu wollen, und beschränkt -denselben auf den durch die Lektüre zugeführten Gedankenkreis und -Wortschatz (S. 20). Aber auch innerhalb dieser Beschränkung wird die -auf den lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe nur noch bei -einer mehr als mittleren Lehrkraft fruchtbar zu machen sein, während -die gleiche Zeit und Mühe, auf den französischen Aufsatz verwendet, -viel reichere Früchte tragen muss. Das Mindeste, was als Postulat -festgehalten werden muss, ist das, dass den Gymnasien je nach den -ihnen zur Verfügung stehenden Lehrkräften freigestellt wird, entweder -den lateinischen, oder den französischen Aufsatz zu pflegen, und im -letzteren Falle in Secunda und Prima eine lateinische Wochenstunde an -das Französische abzugeben. - -Die Verstärkung des mathematischen Unterrichts ist in genügender -Weise erfolgt. In Secunda und Prima sind ihm vier Stunden wöchentlich -gesichert, und wenn die Stundenzahl in Tertia bei drei belassen ist, -so ist zum Ersatz dafür in Quinta und Quarta je eine Wochenstunde mehr -angesetzt. Da nunmehr der geometrische Unterricht schon in Quarta -beginnt, und in Quinta durch geometrisches Zeichnen vorbereitet wird, -so kann derselbe in Tertia und Untersecunda entsprechend beschränkt, -und dadurch die nöthige Zeit für gründlichere Durcharbeitung der -arithmetischen und algebraischen Klassenpensa gewonnen werden (S. -24-25). Dass die Stunde für geometrisches Zeichnen in Quinta durch -Verminderung der Religionsstunden von drei auf zwei gewonnen worden -ist, kann nur gebilligt werden, da zwei wöchentliche Religionsstunden -in allen Klassen der höheren Schulen ausreichend genannt werden müssen. - -Der naturwissenschaftliche Unterricht litt bisher darunter, dass -ihm in Sekunda nur eine Stunde zugewiesen war, und es war deshalb -gerechtfertigt, ihm die zweite Stunde auf Kosten des Lateinischen -zuzutheilen. Die Naturkunde, deren Unterricht bisher in Quarta eine -Unterbrechung erlitt, in dieser Klasse ebenfalls mit zwei Stunden -auszustatten, dazu lag eigentlich kein Bedürfniss vor; man hat indessen -einer starken Zeitströmung Rechnung getragen, indem man von den sechs -durch Wegfall des Griechischen verfügbar werdenden Stunden zwei der -Naturkunde zuwies (wie drei dem Französischen und eine der Geometrie). - -Im Grossen und Ganzen verfolgt die neueste Reform des -Gymnasiallehrplanes den rechten Weg, wenngleich die Beeinträchtigung -des Griechischen -- mag sie an sich unerheblich scheinen -- sehr zu -bedauern bleibt und früher oder später wieder gut gemacht werden muss. -Das wichtigste Merkmal der Reform ist, dass das Gymnasium wieder um -einen Schritt weiter geführt ist in der Abstreifung des Charakters -als „lateinische Schule“; die Einbusse von neun Jahres-Wochenstunden -wird die Leistungen im Lateinisch-Schreiben nothwendig immer mehr -herabsetzen, so dass in etwa einem Jahrzehnt nach der Verfügung die -Unhaltbarkeit des lateinischen Aufsatzes immer einleuchtender werden -muss. Dann wird auch die Zeit gekommen sein, denselben durch den -französischen Aufsatz zu ersetzen, und das Griechische wieder in seine -ungeschmälerten Rechte einzusetzen. - -Gehen wir nun zu dem Lehrplan des „Realgymnasiums“ über, so fällt -zunächst in die Augen, dass in demselben das Lateinische zehn -Jahres-Wochenstunden gewonnen hat, wie es im Gymnasiallehrplan deren -neun verloren hat. Die Differenz der lateinischen Jahres-Wochenstunden -zwischen Gymnasium und „Realgymnasium“, welche bisher 42 betrug, und -gegenwärtig auf 23 verringert ist, würde auf 18 sinken, wenn für die -drei untersten Klassen völlige Uebereinstimmung durch Uebertragung -des Gymnasiallehrplans auf die „Realgymnasien“ hergestellt würde; -warum diese Konformität nicht schon hergestellt ist, obwohl die -Versetzung der Schüler aus der einen Art von Anstalt in die gleichen -Klassen der anderen stattfinden soll, ist mir unerfindlich. Ebenso -wunderlich erscheint die Differenz im Geschichtsunterricht, wonach das -Gymnasium von den vier obersten Jahreskursen zwei, das Realgymnasium -deren nur einen der alten Geschichte widmet; das sieht so aus, als -sollte die Geschichte des Alterthums nicht zu den „Realwissenschaften“ -gerechnet werden. Die gegenwärtige Zahl lateinischer Stunden, nämlich -sechs in Tertia und fünf in Sekunda und Prima, dürfte in der That -ausreichen, um auf Grund hinlänglicher grammatischer Schulung eine -fruchtbare Lektüre lateinischer Klassiker zu ermöglichen; da aber die -einseitige lateinische Lektüre ohne Ergänzung durch die griechische -nicht ausreicht, dem Geiste eine klassisch humanistische Bildung zu -gewähren (wie die griechische Lektüre allein es allerdings vermöchte), -so kann auch der revidirte Lehrplan der Realschule erster Ordnung -die Verleihung des Namens „Realgymnasium“ keineswegs rechtfertigen. -Jedenfalls ist anzuerkennen, dass auch diese Reform mit ihrer -Verstärkung des altsprachlichen Unterrichts bei gleichzeitiger -Ausscheidung der organischen Chemie und Beschränkung der Mineralogie -und der Mathematik (in Quarta und Tertia) sich auf dem rechten Wege -befindet und als vorläufige Abschlagszahlung, als Verwirklichung -des augenblicklich Erreichbaren mit Dank hinzunehmen ist. Zu -bedauern bleibt neben der Ungleichmässigkeit des Lehrplans in den -drei untersten Klassen der Uebelstand, dass die „Realgymnasiasten“ -noch immer mit zwei Wochenstunden mehr belastet sind, als die -Gymnasiasten, was jedenfalls einer späteren Abstellung bedarf, da -die Gesammtleistungen der Realgymnasien keinesfalls eine stärkere -Inanspruchnahme des Schülers rechtfertigen. - -So lange zwischen reformirtem Gymnasium und Oberrealschule noch -als dritte Gattung das „Realgymnasium“ besteht, so lange wird auch -das Streben der Realgymnasien dauern, die an ihre Abgangsprüfung -geknüpften Berechtigungen zu erweitern. Ohne das Gewicht der einer -solchen Erweiterung entgegenstehenden Bedenken zu unterschätzen, -wird man doch auch die Naturgemässheit eines solchen Strebens -anerkennen, und wird unter Beibehalt der bisherigen Bestimmungen den -Realabiturienten wenigstens für den nachträglichen Erwerb der an die -Gymnasialabgangsprüfung geknüpften Berechtigungen die möglichsten -Erleichterungen gönnen. Bis jetzt muss in solchem Falle eine -Nachprüfung im Lateinischen, Griechischen und in der alten Geschichte -abgelegt werden; es wäre nicht mehr als billig, die gegenwärtig sehr -verringerten Mehrleistungen des Gymnasiums im Lateinischen durch die -des Realgymnasiums im Französischen und Englischen als kompensirt -anzusehen, ebenso die Nachprüfung in der alten Geschichte fallen zu -lassen und ausschliesslich diejenige im Griechischen aufrecht zu -erhalten. - - - - -XII. - -Der Streit um die Organisation der höheren Schulen. - - -Wohl noch zu keiner Zeit war das Bewusstsein einer Reformbedürftigkeit -unseres höheren Schulwesens so allgemein verbreitet wie jetzt, und -das Gefühl, dass die preussische Reform vom 31. März 1882 nur eine -unzulängliche Abschlagszahlung gewesen ist, verschärft sich zusehends. -Leider besteht nur noch immer kein Einverständniss über das, was -geschehen soll, um die Einrichtungen unserer höheren Schulen den -Ansprüchen der modernen Bildung anzupassen. Die Regierungen haben -deshalb einen schweren Stand, weil sie beim besten Willen zur Abhülfe -nicht wissen, auf wen sie hören sollen. - -Ohne Zweifel gibt es eine Anzahl denkender Männer, besonders in -Schulkreisen, welche den gegenwärtigen Zustand für einen allen -Bedürfnissen entsprechenden und durchaus keiner Aenderung bedürftigen -halten; aber solche bilden doch wohl eine sehr kleine Minderheit, -während die Mehrzahl Aenderungen bald in diesem, bald in jenem Sinne -für wünschenswerth oder gar nothwendig erachtet. Insbesondere richten -sich die Bedenken gegen die Verschiedenartigkeit unserer höheren -Schulen, und selbst diejenigen, welche nicht eine vollständige -Einheitsschule als Ziel hinstellen, geben doch zu, dass es sich -empfehle, womöglich eine Einheit in dem unteren Theil der Klassen -herzustellen. Für Gymnasien und Realgymnasien hat die preussische -Reform diesem Wunsche insoweit Rechnung getragen, dass der Beginn -des Griechischen von Quarta nach Tertia verlegt ist und die früheren -Unterschiede im Lehrplan der unteren Klassen wenigstens annähernd -ausgeglichen sind. Es ist in der That nicht abzusehen, warum diese -Verähnlichung nicht zu einer vollständigen Gleichheit von Sexta -bis Quarta werden sollte, damit der Uebergang von der Quarta eines -Realgymnasiums zur Tertia eines Gymnasiums sich fortan ebenso leicht -bewerkstelligen lasse, wie jetzt der umgekehrte; dann erst würden -wir eine wirkliche Bifurcation oder Gabelung für die letzten sechs -Schuljahre haben. - -Ein Theil der Anhänger der Gabelung geht aber weiter und fordert, -dass auch die zweijährige Tertia noch einheitlichen Lehrplan erhalte -und das Griechische erst in Sekunda beginne. Eine solche Beschränkung -der Gabelung auf die letzten vier Schuljahre würde allerdings eine -beträchtliche Beschränkung des Griechischen in der Gymnasialabtheilung -einschliessen. Diese Beschränkung des Griechischen wird von den -Einen als bedauerliche Folge mit in den Kauf genommen, während diese -Aussicht den Anderen so erwünscht scheint, dass sie geradezu als Motiv -zur Aufstellung der Forderung wirkt. Noch Andere wollen sogar das -Griechische ganz auf die Prima beschränken, also die Gabelung erst -dort beginnen lassen, doch sind dies bis jetzt vereinzelte Stimmen. -Wer soweit zu gehen bereit ist, der geht gewöhnlich auch gleich noch -weiter und weist das Griechische ganz aus der Schule hinaus auf -die Universität, sei es, dass er das Realgymnasium mit verstärktem -lateinischen Unterricht als Einheitsschule proklamirt, sei es, dass er -für Abschluss der höheren Schule mit der Obersekunda und Verlängerung -des Universitätsstudiums um zwei Jahre plaidirt. - -Alle diese Bestrebungen haben noch das Gemeinsame, dass sie an -der lateinischen Sprache als einem Hauptunterrichtsgegenstand des -Einheitslehrplanes, wie weit der letztere nun auch hinaufreichen möge, -festhalten, also die lateinlose Oberrealschule entweder als höhere -Schule aufgehoben wissen wollen, oder aber als eine zweite Art von -höherer Schule neben dem gegabelten Realgymnasium bestehen lassen. -Dieser Gruppe stehen aber andere Tendenzen gegenüber, welche die -Oberrealschule mit in den Einheitslehrplan hineinziehen wollen. Wenn -doch das Griechische erst in Sekunda oder Prima beginnt, so scheint -es nicht unthunlich, das Lateinische erst zwei Jahre früher, also in -Tertia, beziehungsweise Sekunda beginnen zu lassen und den Lehrplan -der Unterklassen auf die Muttersprache und neuere Fremdsprachen zu -stützen. Ein solcher Lehrplan gestattet dann eine Trifurcation, -indem sich von Tertia (bezw. Sekunda) an die realistische und die -humanistische Richtung scheidet, von Sekunda (bezw. Prima) an aber -die letztere sich noch einmal in den Lehrplan mit und ohne Griechisch -spaltet. Auf der andern Seite kann der realistische Lehrplan sich -in den letzten Jahren noch einmal in eine neusprachliche und eine -mathematisch-naturwissenschaftliche Abtheilung sondern, so dass wir -eine Quadrifurcation erhielten, falls nicht das Griechische ganz von -der Schule ausgeschlossen wird. - -Die Vertreter der Ansicht, dass der altsprachliche Unterricht erst -in mittleren Klassen beginnen sollte, berufen sich dabei auf das -Vorbild des schwedischen Schulwesens, in welchem die deutsche Sprache -aus praktischen Gründen zum Hauptgegenstand der Unterklassen erhoben -ist.[10] Sie stützen sich aber ausserdem noch auf politische und -sociale Erwägungen, insofern ein solcher Lehrplan es sehr erleichtert, -alle Schüler zuerst durch die Volksschule als Unterstufe, dann -durch eine Bürgerschule als Mittelstufe und endlich durch die -höhere Schule gehen zu lassen. Die sozialdemokratische Forderung -der allgemeinen Aufhebung des Schulgeldes und der Versetzung aller -Kinder bloss nach den Leistungen hat eine derartige Organisation des -Schulwesens zur logischen Voraussetzung. Dass eine solche Stufenfolge -nicht undurchführbar ist, zeigt ihre annähernde Verwirklichung im -schweizerischen Schulwesen. Alle politisch radikalen und social -nivellirungssüchtigen Elemente werden früher oder später diese -Forderung in ihr Programm aufnehmen, und es wäre nicht unmöglich, dass -die Schulreformfrage letzten Endes nicht nach pädagogischen Rücksichten -und kulturellen Masstäben, sondern im Gegensatz zu diesen durch die -politische und sociale Demokratisirungstendenz unserer Zeit entschieden -würde. - -Es ist nämlich klar, dass die Masse bei einer solchen Schulorganisation -ebensoviel gewinnen würde, als die gebildeteren Stände Einbusse -erleiden müssten, und da die Masse an Zahl weit voransteht, so muss -der Verlust, den die geistige Aristokratie erleidet, aus socialen -dämonistischen Gesichtspunkt nothwendig gegen den Gewinn der breiteren -Volksschichten zurückstehen. Ob das geistige Kulturniveau des Volkes -als Ganzes bei einer solchen Schädigung des Bildungsgrades seiner -Aristokratie zurückgeht, das kümmert ja die Demokratie nicht, bereitet -ihr eher Schadenfreude. Die Interessenpolitik der kapitalistischen -Bourgeoisie oder der Liberalismus fürchtet die Verwirklichung des -demokratischen Programms in diesem Punkte nicht, weil die Wohlhabenden -überzeugt sind, dass sie in solchem Falle hinreichende Mittel haben -würden, um ihre Kinder durch Unterricht in theuren Privatschulen -besser, leichter und schneller als in der öffentlichen Volks- und -Mittelschule für die höhere Schule vorbereiten zu lassen. Diese -Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen wäre die liberale Geldaristokratie -und der utilitarisch denkende Gewerbestand gern bereit, wenn dadurch -nur das für ihre Zwecke Nützliche, d. h. der neusprachliche und -mathematisch naturwissenschaftliche Lehrplan, in die Höhe kommt und -die vom Nützlichkeitsstandpunkt zwecklose Quälerei ihrer Kinder -mit alten Sprachen aufhört. Deshalb erhält die demokratische -Nivellirungstendenz aus dem Lager des Liberalismus mächtigen Vorschub, -wobei selbstverständlich alle Gabelung des Lehrplanes nur als -vorläufiges Zugeständniss gilt, in der Hoffnung und mit der Absicht, -dass es gelingen werde, den Beginn der Gabelung allmählich immer -weiter hinauszuschieben, bis endlich als allgemeine Einheitschule die -Oberrealschule oder eine ähnlich organisirte Anstalt ohne alte Sprachen -übrig bleibt. Das Ideal einer solchen Schule wird schon jetzt von -verschiedenen radikalen Schulreformern als Ziel hingestellt, als der -vollständige Bruch mit der Reaktion und den Schatten des Mittelalters -gepriesen und auf die geschichtlich naturwissenschaftliche Bildung -unserer Zeit gestützt. - -Fragen wir uns nun, woher es kommt, dass das Gefühl der -Reformbedürftigkeit unseres Schulwesens gerade in dem letzten -Menschenalter so intensiv geworden ist, so ist die Antwort: weil alle -Eltern fühlen, dass ihre Kinder mit Lernstoff überbürdet werden und -in Folge dessen die wirklich durch die Schule erzielte Bildungsstufe -der Zöglinge zurückgeht. Blickt man auf die Geschichte des höheren -Schulwesens zurück, so sieht man, wie an die ursprüngliche Lateinschule -ein Unterrichtsgegenstand nach dem anderen angehängt wird, deren -jeder mit gutem Rechte einen Theil der nothwendigen allgemeinen -Bildung auszumachen beansprucht. Sollen unsere Kinder sich nicht -vollends dumm lernen, so ist eine Verminderung der vom Lehrplan an -dieselben gestellten Ansprüche unbedingt erforderlich. Jede intensivere -Gestaltung des Unterrichts hat die entgegengesetzte Wirkung, ist also -nur statthaft, wenn die Unterrichtszeit entsprechend verringert wird, -steigert aber bloss die vorhandenen Uebelstände, wenn sie dazu benutzt -wird, um entgegengesetzte Ansprüche vereint zu befriedigen. Sobald -die obligatorische Einfügung des griechischen Unterrichts in den -Gymnasiallehrplan in Preussen durchgeführt war, begann auch das Gefühl -sich geltend zu machen, dass dem altsprachlichen Unterricht ein zu -grosser Antheil der verfügbaren Zeit eingeräumt sei, und dieses Gefühl -fand theils in der Entstehung der Realgymnasien und Oberrealschulen, -theils in kleinen Korrekturen des Gymnasiallehrplans seinen Ausdruck. -Aber die Unbefriedigung blieb bestehen. - -Das Bewusstsein ist allgemeiner geworden, dass die Oberrealschule keine -den Konkurrenzanstalten ebenbürtige höhere allgemeine Bildung zu bieten -habe; nach der neuesten Einschränkung ihrer Berechtigungen scheint es -fast unvermeidlich, dass dieselbe sich wieder in die Bestandtheile -auflöst, welche in ihr verquickt sind und in dieser Vereinigung den -falschen Schein einer höheren Schule sich angemasst haben, nämlich -in die höhere Bürgerschule einerseits und in die mittlere Fachschule -andererseits. Dass das Gymnasium mit dem Lehrplan von 1882 im Grossen -und Ganzen eine höhere allgemeine Bildung vermittelt, wird nicht -bestritten, doch werden immer noch in einzelnen Punkten Lücken in -derselben gefunden und wird vor Allem beklagt, dass diese noch -lückenhafte Bildung nur auf Kosten einer wirklichen Ueberbürdung der -Jugend erlangt werde. Das Realgymnasium endlich ist ein unglückliches -Zwitterding zwischen der alten Lateinschule und der modernen -Oberrealschule; ohne Latein würde es kein Gymnasium sein, aber was -sie an Latein gibt, daran hat doch wieder kein Schüler rechte Freude -und es ist zu wenig, um eine humanistische Bildung zu vermitteln. -Das Schlimmste aber ist die durch die Entwickelung der Realschulen -neben den Gymnasien entstandene Spaltung unseres Schulwesens, -welche die einheitliche Bildung der Nation zerreisst und auf dem -Widerspruch beruht, als ob es +zwei+ beste Methoden zur Gewinnung -einer zeitgemässen allgemeinen höheren Bildung geben könnte. Dieser -Widerspruch kann auch durch keine Gabelung gehoben werden, sondern nur -durch die volle Einheitsschule. Alle gefühlsmässige Antipathie gegen -den altsprachlichen Unterricht als gegen einen unzeitgemässen Rest des -Mittelalters hat eine historische Grundlage nur gegen das Lateinische -als Unterrichtsgegenstand der alten Lateinschule, schliesst aber nur -aus Unkenntniss das Griechische mit ein, welches im Mittelalter gar -keine Rolle spielte. Man sieht sich in dem Widerspruch befangen, dass -man gern los möchte von dem unzeitgemäss gewordenen Lateinischen und -doch fühlt, aus der des altsprachlichen Unterrichts beraubten Schule -keine rechte höhere Bildung schöpfen zu können. - -Der entscheidende Punkt liegt im Griechischen, und hierauf spitzt sich -neuerdings in der Diskussion der Fachkreise die Schulreformfrage mehr -und mehr zu. War es ein Fehler, die Lateinschule, welche sich ohnehin -den Realdisciplinen öffnen musste, auch noch mit dem Griechischen -zu belasten? Müssen wir diesen falschen Schritt zurückthun, d. -h. zur Lateinschule zurückkehren und deren Lehrplan bloss um die -Realdisciplinen erweitern? Müssen wir den verminderten Bildungswerth -der lateinischen Literatur für die heutige Zeit geduldig in den Kauf -nehmen, und immerhin noch das Beste daraus machen, was daraus zu -machen ist, um nur nicht ganz der humanistischen Bildung verlustig -zu gehen? In der That, wir müssten uns dabei bescheiden, wenn es -keinen anderen Ausweg gäbe. Wir müssten dann die Einheitsschule -dadurch herstellen, dass wir auf dem Realgymnasium das Lateinische -auf Kosten der Realdisciplinen bedeutend verstärken, und auf dem -Gymnasium die Zahl der griechischen Stunden an das Lateinische und -die Realdisciplinen vertheilten. Das Beste, was unser heutiges -Gymnasium an humanistischer Bildung bietet, würde einer so gewonnenen -Einheitsschule freilich fehlen, die Kenntniss der griechischen Dichter, -Geschichtsschreiber und Redner, und die Unzulänglichkeit der durch -die lateinischen Schriftsteller vermittelten Weltanschauung würde mit -jedem Menschenalter schärfer zum Bewusstsein gelangen, bis endlich -das Missverhältniss zwischen Ertrag und aufgewendeter Arbeit einem -künftigen Geschlecht allzu schreiend däuchte, um es noch länger zu -ertragen. Die Antipathie gegen das Lateinische und die schon jetzt -unsere reifere Schuljugend durchziehende spöttische Missachtung gegen -dessen Literatur würde mit jedem Jahrzehnt wachsen, bis über kurz oder -lang das nackte Realprincip, unterstützt durch die oben angeführten -politischen und socialen Interessen über den fadenscheinig gewordenen -Humanismus den Sieg davon trüge. - -Die Frage ist nur, ob wirklich die Wiederausscheidung des Griechischen -das einzige Mittel zur Vereinfachung des gymnasialen Lehrstoffes -ist, ob nicht die Männer, welche das Griechische als obligatorischen -Unterrichtsgegenstand in das deutsche Gymnasium einführten, doch -auf dem rechten Wege waren, und ob nicht die dadurch entstandene -Ueberbürdung mit zwei alten Sprachen bloss eine Uebergangskrisis -ist, wie sie bei jedem Umschwung tiefgreifender Organisationen fast -unvermeidlich ist. Das Lateinische hat der abendländischen Kultur -über die Nacht des Mittelalters hinweggeholfen und ist die Brücke -geworden, auf welcher sie in der Zeit der Renaissance und Reformation -zu den echten Quellen ursprünglicher Klassicität, zu den Griechen, -zurückzusteigen begann. Sollte dieser geschichtliche Process nicht -auch in der Schule sein entsprechendes Nachspiel finden? Sollte nicht -auch hier die Latinität wesentlich +der Erzieher zum Hellenismus+ -sein, und +abgedankt+ werden können, wenn er als solcher seine -Schuldigkeit gethan und ausgedient hat? - -Die Völker romanischer Rasse sind leider nicht in der glücklichen -Lage wie die Germanen und Slaven, das Lateinische ohne Weiteres -abschütteln zu können, weil sie durch ihre eigene Vergangenheit und -Sprachentwickelung zu eng mit demselben verknüpft sind. Ausserhalb -Deutschlands ist entweder (wie z. B. bei den slavischen Völkern) der -Sinn für die bildende Kraft der Klassicität überhaupt noch nicht -genügend in’s Volksbewusstsein eingedrungen, oder man klebt noch, wie -die Engländer, an der Bewunderung der lateinischen Afterklassicität -fest. Gerade in Deutschland aber bemühen sich seit hundert Jahren die -Besten der Nation, derselben klar zu machen, dass Hellenismus und -Latinität sich verhalten wie Sonne und Mond, und das Verständniss -dieser Wahrheit ist tief in die öffentliche Meinung eingedrungen. -Sollte es nicht endlich an der Zeit sein, die Konsequenzen daraus -für unsere Schule zu ziehen? Erscheint es nicht wie eine Verhöhnung -dieser Wahrheit, dass man die Realgymnasiasten mit dem Lateinischen -quält, anstatt die gleiche Unterrichtszeit auf Griechisch zu -verwenden und dadurch mit einem Schlage das Realgymnasium zu einem -wahrhaft humanistischen zu erheben? Wäre es nicht rationeller, in dem -Gymnasium, wo eine gewisse Pflege des Lateinischen aus praktischen -Gründen vorläufig unentbehrlich scheint, doch den Löwenantheil des -altsprachlichen Unterrichts dem Griechischen zuzuwenden, d. h. -einen +Rollentausch+ zwischen beiden alten Sprachen vorzunehmen -und in Sexta gleich mit dem Griechischen zu beginnen, während der -Anfang des Lateinischen auf Tertia verschoben wird? Das Griechische -ist auch in rein sprachlicher Hinsicht eine viel vollkommenere -und schönere Sprache, und muthet uns dabei viel verwandter und -heimischer an, als das artikellose Latein mit seinem ablativus -absolutus, seinem accusativus cum infinitivio und seiner verzwickten -Wortstellung im Satze. Die lateinische Literatur aber hat gerade -nur insoweit einen Werth, als sie griechische Muster durchschimmern -lässt, und die eklektische Aufklärungsphilosophie eines Cicero, die -im Aufklärungszeitalter des vorigen Jahrhunderts gerade noch als -Bildungsmittel der Jugend genügen konnte, kann es heute schlechterdings -nicht mehr, weder aus dem Gesichtspunkt philosophischer Spekulation, -noch aus demjenigen eines philosophieverachtenden Positivismus. - -Zwei Grundsätze, mögen sie nun als solche hingestellt werden, oder -mögen sie als unbestimmt gefühlte den Reformtendenzen zu Grunde -liegen, sind gegenwärtig kaum noch zu bestreiten: 1. +zwei+ alte -Sprachen sind +des Guten zu viel+, und man muss +eine opfern+, um die -+andere zu retten+, und 2. das Lateinische ist als Bildungsmittel -+veraltet+ und nicht mehr die darauf verwendete Zeit und Mühe werth. -Eine wahrhaft humanistische Bildung im Sinne der Einführung in die -ideale Klassicität kann nach dem Massstab der heutigen Ansprüche nicht -mehr das Lateinische, sondern nur noch das Griechische gewähren. -Wer auf eine solche humanistische Bildung keinen Werth legt, wird -die alten Sprachen überhaupt verwerfen müssen; wer sie der höheren -Schule gegen die anstürmende Amerikanisirung aller Werthmassstäbe -zu erhalten sucht, der kämpft auf einem verlorenen Posten, wenn er -seine Kräfte für die Erhaltung des Lateinischen in seinem heutigen -Besitzstande einsetzt. Wollen die Vertreter des humanistischen Princips -nicht durch Uneinigkeit ihre Sache zu Grunde richten, so müssen sie -sich alle ohne Ausnahme um die Fahne des Griechischen schaaren und an -Stelle der Lateinschule der Vergangenheit die +griechische Schule+ als -Zukunfts-Ziel in’s Auge fassen. - -Die nähere Ausführung und Begründung dieser Ansichten würde hier zu -weit führen, und muss ich in dieser Hinsicht auf meine Schrift: „Zur -Reform des höheren Schulwesens“ verweisen. Uebrigens ist der von -mir daselbst als zweite Stufe der Reform befürwortete Beginn des -altsprachlichen Unterrichts mit dem Griechischen kein neuer Gedanke, z. -B. von Vittorino da Feltre (1378-1447), Heinrich Stephanus, Tiberius -Hemsterhuis, David Ruhnken, Franz Passow, Fichte, Herbart, Gervinus, -Thaulow u. A. m. vertreten worden. Neuerdings hat mein Standpunkt warme -Vertheidiger gefunden in Hans Müller („Griechische Reisen und Studien“, -Leipzig bei W. Friedrich, 1887) und Johannes Flach („Der Hellenismus -der Zukunft“, ebenda 1888), zwei Schriften, die trotz mancher über das -Ziel hinausschiessenden Uebertreibungen bestens zu empfehlen sind und -hoffentlich dazu beitragen werden, der Schulreformfrage neue Impulse zu -geben und manchen zwischen Latinität und Hellenismus noch Schwankenden -auf die Seite des letzteren hinüberzuziehen. Ebenfalls bekennt sich -zu meinen Zukunftszielen F. Hornemann, der Schriftführer und geistige -Mittelpunkt des „Deutschen Einheitsschulvereins“, allerdings nur in -demselben Sinne wie ich selbst, als zu +Zukunftszielen+, denen man -sich nur +schrittweise+ durch eine vorsichtige geschichtliche -Entwickelung nähern kann[11], während Flach meine drei Stufen der -Reform konfundirt und nicht beachtet, dass ich selbst in der dritten -und letzten dem Lateinischen noch zwei Stunden in den letzten sechs -Schuljahren bewillige. - -Wenn es dem Philosophen freistehen muss, seinen Blick auch in eine -spätere Zukunft zu richten, um nach fernen Idealen die gegenwärtig -wünschenswerthen Schritte zu bestimmen, so haben doch alle unmittelbar -zur Ausführung bestimmten Reformvorschläge sich möglichst eng an die -gegebenen Zustände anzuschliessen, damit die +ruhige Stetigkeit+ der -Entwickelung gewahrt bleibt. In diesem Sinne habe ich selbst meine -+erste Stufe+ der Reform gestaltet, und in dieser Auffassung wurzeln -auch die Bestrebungen des deutschen Einheitsschulvereins und seiner -bisherigen Veröffentlichungen (3 Hefte), welche zu den besonnensten -und durchdachtesten Erzeugnissen der neueren Schulreformliteratur -gehören. „Der Zweck des Vereins ist, für die innere Berechtigung einer -Gymnasium und Realgymnasium verschmelzenden höheren Einheitsschule -mit Beibehaltung des +Griechischen+ für +alle+ Schüler einzutreten -und auf die Herbeiführung einer solchen hinzuwirken.“ Der Verein als -solcher hat sich noch nicht über einen Lehrplan geeinigt, wohl aber -hat F. Hornemann einen solchen aufgestellt (a. a. O. S. 108), der sich -ziemlich eng an den preussischen Gymnasiallehrplan von 1882 anschliesst -und dem badischen von 1869 am nächsten steht. - -Nicht billigen kann ich in demselben die Verminderung der griechischen -Stunden in Tertia und Sekunda von sieben auf sechs, weil dieselbe dem -+idealen Ziel+ der ganzen Reform, der +Stärkung+ des Griechischen, -schnurstracks zuwiderläuft und statt dessen die vom preussischen -Ministerium im Jahre 1882 begonnene +Zurücksetzung+ des Griechischen -fortführt und verschlimmert. Ebensowenig kann ich es billigen, dass -die Zahl der obligatorischen Wochenstunden in Prima um zwei erhöht -ist, um das Englische unterzubringen; eine solche Erweiterung des -Lehrplanes ohne Verminderung anderen Unterrichtsstoffes darf höchstens -fakultativen Charakter haben. Soll das Englische obligatorisch werden, -so muss es auf Kosten des Lateinischen geschehen. Ich sehe aber -keinen Grund, warum man die hässlichste und formell armseligste aller -europäischen Sprachen allen Gymnasiasten +aufzwingen+ soll, bloss -weil sie die kaufmännische Geschäftssprache von fünf Erdtheilen, die -geschichtlich gewordene Volapük oder Weltsprache ist. Ein solcher -Schritt wäre höchstens dann zu rechtfertigen, wenn er der Kaufpreis -wäre, um den die Verschiedenheit von Realgymnasium und Gymnasium -wirklich endgültig beseitigt würde; so lange aber beide Schulen mit -und ohne Griechisch doch noch nebeneinander fortbestehen, hat das -Gymnasium auch gar keinen Grund, sich mit solchem gegen sein Princip -verstossenden Ballast zu belasten, und die fehlerhafte Zweiheit -der alten Sprachen durch eine ebenso fehlerhafte Zweiheit neuerer -Fremdsprachen zu verschlimmern. Die Hornemann’sche Erhöhung der -französischen Unterrichtsstunden auf vier in Tertia verliert ihre -Bedeutung, wenn der Beginn des Französischen in Quinta nach dem -preussischen Lehrplan beibehalten wird. Um der vierten französischen -Stunde willen in Tertia braucht das Griechische daselbst ebensowenig -beraubt zu werden, als um des Englischen willen in Sekunda. Im Uebrigen -trifft die Erhöhung der französischen Stunden in den oberen Klassen von -zwei auf drei, und die entsprechende Verminderung der lateinischen -Stunden mit meinen Vorschlägen zusammen, während die Vermehrung -der Mathematikstunden in Tertia von 2 auf 3 durch den Beginn des -geometrischen Unterrichts in Quarta entbehrlich geworden ist. - -Als die Hauptfrage für den nächsten praktischen Reformschritt darf -die Berechtigung oder Nichtberechtigung des lateinischen Aufsatzes -gelten. In ihr können die Gegner aller alten Sprache mit den -Vorkämpfern des Hellenismus Hand in Hand gehen. Die Frage ist so -zu stellen: lohnt heute noch unter Voraussetzung einer +mittleren+ -Lehrkraft bei durchschnittlichem Schülermaterial die auf den -lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe in ausreichendem Masse -oder nicht? Die Antwort kann nur verneinend lauten. Der lateinische -Aufsatz liegt seit zwei Menschenaltern im Sterben; es handelt sich -nur darum, seine Euthanasie zu beschleunigen, d. h. ihm durch -Ministerialverfügung den letzten Todesstoss zu geben. Die Zahl der in -einem Jahre geschriebenen lateinischen Aufsätze ist bereits auf ein -Drittel, der durchschnittliche Umfang jedes einzelnen auf ein Viertel -des früher üblichen heruntergegangen; dem Rest wird Niemand eine -Thräne nachweinen. Einen vor hundert Jahren erschienenen beliebigen -Zeitungsartikel in’s Lateinische zu übersetzen ist im Durchschnitt -noch sehr viel leichter, als einen heute erschienenen; so sehr hat -sich unser Begriffsschatz und unsere Denkweise im Laufe des letzten -Jahrhunderts von denen des Lateinischen entfernt. Aufsätze kann man -nur in lebenden Sprachen schreiben; die lateinische Sprache ist -aber bereits +zweimal gestorben+, einmal als römische Volks- und -Staatssprache, das zweite Mal als internationale Gelehrtensprache; -sie lebt nur noch als römische Kirchensprache fort und fristet selbst -da bloss noch ein kümmerliches Dasein. Die hohe bildende Kraft des -Aufsatzschreibens in einer lebenden Fremdsprache lässt sich das -Gymnasium bis jetzt +gänzlich entgehen+. Deshalb ist die +Einführung+ -des +französischen+ Aufsatzes ebenso wünschenswerth wie die Beseitigung -des lateinischen. - -Fassen wir alles zusammen, was für den nächsten Schritt einer -preussischen Schulreform wünschenswerth und anzustreben ist, so sind es -folgende Punkte: - -1. Die drei Unterklassen des Gymnasiums und Realgymnasiums müssen -identischen Lehrplan, und zwar den des Gymnasiums, erhalten, damit -wenigstens in ihnen die Einheitsschule zur vollen Wahrheit wird. - -2. Der Geschichtsunterricht im Realgymnasium hat die alte Geschichte -in mindestens demselben Umfange zu berücksichtigen, wie derjenige -des Gymnasiums, wobei für eine stärkere Berücksichtigung der neueren -Geschichte in dem Ueberschuss der Geschichtsstunden genügende Zeit -verfügbar bleibt. - -3. Die Nachprüfung der Realgymnasialabiturienten, welche die -Berechtigung eines Gymnasialabiturienten zu erlangen wünschen, -ist ausschliesslich auf das Griechische zu beschränken, indem die -Minderleistungen im Lateinischen als durch Mehrleistungen in den -neueren Sprachen aufgewogen zu erachten sind. - -4. Die französischen Unterichtsstunden in Sekunda und Prima werden -im Gymnasium von zwei auf drei erhöht, die lateinischen entsprechend -vermindert; der lateinische Aufsatz wird durch den französischen -ersetzt. - -5. Es sind Erwägungen darüber anzustellen, ob nach Verlegung des -griechischen Scriptums vom Abiturientenexamen in die Versetzungsprüfung -zur Prima die Pflege des griechischen Extemporales in Prima noch -erforderlich ist oder nicht; nach dem Ausfall dieser Erwägung ist -entweder das griechische Extemporale in Prima +streng zu verbieten+ -oder dem Griechischen die siebente Stunde auf Kosten des Lateinischen -+zurückzugeben+, um welche es bei der Verlegung des Unterichtsbeginns -von Quarta nach Tertia gegen früher +verkürzt+ worden ist. - -6. Die Prüfung in der Religion ist aus dem Abiturientenexamen -auszuscheiden. - -7. Bei allen Versetzungs- und Abgangsprüfungen sind nur die -Hauptgegenstände als entscheidend zu behandeln, den Nebenfächern aber -kein besonderes Gewicht beizumessen. - -8. Die häuslichen Arbeiten sind theils durch kursorische Lektüre, -theils durch Anfertigung von Aufsätzen u. s. w. in der Klasse erheblich -einzuschränken. Ausarbeitungen des Lehrvortrages sind entschieden zu -verbieten und durch gedruckte Leitfäden zu ersetzen. - -9. Der philologische Grundzug unseres altsprachlichen Unterrichtes ist -durch eine mehr literarische Behandlung der Klassiker zu ersetzen. Zu -dem Zweck ist mit der Reform der philosophischen Kollegien auf den -Universitäten zu beginnen, da man den jungen Lehrern nicht zumuthen -kann, aus eigner Kraft in ihren Unterrichtsstunden die literarische -Behandlung des Inhalts der Klassiker voranzustellen, welche sie auf der -Universität als unwissenschaftlich und dilettantisch verachten gelernt -haben. - -Diese vorläufigen Wünsche für den nächsten Reformschritt sind gewiss -massvoll, und ich glaube, dass sich alle Reformfreunde, mit Ausnahme -der Latinitätsverehrer, auf dieselben hin einigen könnten, wenn sie -auch verschiedene Ideale als fernere Zukunftsziele dabei im Sinne -haben. Eine solche Einigung thut aber dringend Noth, wenn überhaupt -demnächst etwas zu Stande kommen soll. Die thatsächliche Verwirklichung -der vollen Einheitsschule wird auf der +nächsten+ Stufe der Reform -überhaupt noch nicht in’s Auge gefasst werden können, sondern erst -für eine spätere Stufe, wenn im Gymnasium der Rollentausch des -Griechischen und Lateinischen vollzogen sein wird und die Stundenzahl -des Lateinischen allmählich auf ein Minimum herabsinkt. Das Ziel einer -Beibehaltung des Griechischen für +alle+ Schüler scheint mir nur dann -erreichbar, wenn das Griechische in der Hauptsache zu der +einzigen+ in -der Schule getriebenen alten Sprache wird. - - - - -XIII. - -Der Bücher Noth. - - -Der wichtigste Faktor für die Steigerung der wissenschaftlichen Bildung -ist die wissenschaftliche Literatur, wie der wichtigste Faktor für -ihre Erhaltung der wissenschaftliche Unterricht (auf höheren und -Hochschulen) ist. Seine hervorragende Stellung im wissenschaftlichen -Wettkampf der Völker verdankt Deutschland neben der Tüchtigkeit seiner -Schulen und Hochschulen wesentlich dem Umfang und der Bedeutung seiner -wissenschaftlichen Literatur. Weil die jährliche Bücherproduction -Deutschlands grösser ist als diejenige von Frankreich und England -zusammengenommen, darum kann auch jährlich eine grössere Zahl -hervorragender Erscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt gefunden -werden als auf dem französischen oder englischen, während die übrigen -Nationen als Konkurrenten auf dem Gebiete der Wissenschaft noch wenig -in Betracht kommen. - -In neuerer Zeit treten Erscheinungen hervor, welche die gedeihliche -Fortentwickelung der wissenschaftlichen Literatur in Deutschland in -Frage stellen; und diese Gefahr ist wichtig genug, um ihren Ursachen -und ihrer Bekämpfung einige Aufmerksamkeit zu widmen. Der Absatz auch -der wirklich werthvollen wissenschaftlichen Bücher, die nicht gerade -Unterrichtsbücher oder billige Popularisirungen sind, wird immer -geringer, so dass er oft kaum ein Drittel der Kosten deckt, und in -Folge dessen wird für die Autoren die Schwierigkeit, einen Verleger -zu finden, immer grösser. In England und Frankreich ist das Publikum -mit literarischen Interessen durchschnittlich auch wohlhabend genug, -dieselben durch Bücherkauf zu befriedigen; in Deutschland welches -überhaupt an Wohlhabenheit sehr zurücksteht, sind Wohlhabenheit -und wissenschaftliche literarische Interessen an ganz verschiedene -Stände vertheilt. Aber dieser Unterschied der nationalen Kaufkraft -und der Kaufkraft der wissenschaftlich interessirten Stände zwischen -Deutschland und andren Ländern hat immer bestanden und doch früher -nicht eine gewisse Blüthe der wissenschaftlichen Literatur verhindert, -während jetzt bei steigender Wohlhabenheit des Volkes die Neigung zum -Ankauf wissenschaftlicher Werke und belletristischer Novitäten im -Publikum immer mehr zurückgeht. Die Verleger können nicht anders, als -diesen Verhältnissen bei ihren Unternehmungen Rechnung tragen, und -die Schriftsteller haben durchaus Unrecht, wenn sie über die Verleger -klagen, die doch eben nur Geschäftsleute sind. - -Ich sehe die Gründe für die Abnahme des Ankaufs wissenschaftlicher und -schöner Literatur in Folgendem: - -1. Die Abnahme der Mussezeit der Gebildeten und ihrer Fähigkeit, -dieselbe mit Ernst und Sammlung zu benutzen, begünstigt eine Literatur, -welche der Erholung und Zerstreuung dient, und benachtheiligt solche, -die zur Lektüre eine gewisse Stetigkeit und Concentration verlangt. - -2. Das Ueberwuchern der politischen Interessen drängt diejenigen an -Wissenschaft, Kunst u. s. w. in den Hintergrund und die zerstreuende -und aufreibende Unruhe des modernen grossstädtischen Lebens (in -Berufsarbeit und Geselligkeit) macht die Sammlung immer schwerer. - -3. Die Vertheuerung der städtischen Miethswohnungen und die zunehmende -Häufigkeit der Umzüge machen einen grösseren Bücherbesitz zu einer -immer wachsenden Last, vor deren Aufbürdung der Deutsche sich scheut, -während erst das eigene Haus (wie in England) ein Behagen an eignen -Büchern aufkommen lässt. - -4. Die aus der Steigerung der Setzerlöhne folgende Vertheuerung der -Bücherpreise ist dem Sinken des Geldwerths beträchtlich vorausgeeilt -und trägt dazu bei, vom Ankauf neuer Werke abzuschrecken; die Verleger -erhalten einen zu geringen Theil des vom Publikum gezahlten Preises, -weil der Zwischenhandel zu hohe Provisionen verschluckt. - -5. Das Anstandsbedürfniss an Bücherbesitz wird durch -billige Klassiker-Ausgaben, Sammel- und Nachschlagewerke, -populärwissenschaftliche Mark-Bibliotheken, Moderomane, gelegentliche -Geschenkliteratur und unentbehrliche Hülfsmittel des Berufs befriedigt; -meist wird auch der in der Wohnung verfügbare Raum durch dieselben -erschöpft. - -6. Die für Lektüre verfügbare Zeit wird durch das Bestreben, in der -eigenen Berufswissenschaft nothdürftig auf dem Laufenden zu bleiben, -durch eine Zeitung, einen Journalcirkel und die neuesten Moderomane, -meist vollständig ausgefüllt, ohne dass Lust und Zeit zur Lektüre -wissenschaftlicher Originalwerke übrig bleibt. - -7. Die Gewöhnung an Journal- und Zeitungslektüre verdirbt den Geschmack -und die Fähigkeit zum Lesen zusammenhängender Werke, und schon rückt -auch uns Deutschen die Zeit näher, wo der „Leitartikel“ bereits als -eine zu grosse Zumuthung an das Koncentrationsvermögen gilt und in ein -Mosaik von „Entrefilets“ aufgedröselt wird. - -Gegen die Verringerung der Mussezeit durch Steigerung der -Berufsansprüche giebt es ebenso wie gegen das Hinzutreten der -politischen Pflichten kein Auskunftsmittel, als dass die Jugend ihre -Zeit bis zur vollen Inanspruchnahme ihrer Kräfte durch den Beruf -fleissig zu ihrer allgemeinwissenschaftlichen Geistesbildung benutzt -und ihre Betheiligung an politischen Angelegenheiten bis zu erlangter -Bildungsreife (also etwa in die dreissiger Lebensjahre) vertagt. Bis -der städtischen Wohnungsmisère durch gesetzliche Verhinderung der -Baustellenspekulation abgeholfen wird, wird noch viel Wasser in’s -Meer laufen; bis dahin muss eine reichliche Dotation der vorhandenen -staatlichen und städtischen Bibliotheken sowohl dem Publikum wie dem -Verlagsbuchhandel zu Hülfe kommen und an den betheiligten Stellen das -Bewusstsein geweckt werden, wie richtig eine derartige Dotation für -die Erhaltung und Förderung der wissenschaftlichen Nationalliteratur -ist. Wie der Romanverlag grösstentheils nur von den Leihbibliotheken -lebt, so könnte der wissenschaftliche Verlag in der Hauptsache von -den wissenschaftlichen Bibliotheken leben, wenn diesen nur die -Mittel zur Verfügung gestellt würden, um ihre Kulturaufgabe für die -Nation in doppelter Hinsicht (kaufend und ausleihend) zu erfüllen. -Die Verleger müssten an alle öffentlichen Bibliotheken direct zum -Buchhändlernettopreis liefern, da der Gewinn des Zwischenhändlers hier -gar keinen Sinn hat und blos kulturschädlich wirkt; dagegen müsste -der unbillige Zwang zur Lieferung von Pflichtexemplaren den Verlegern -abgenommen werden. - -Auch dem Publikum müsste die Möglichkeit eröffnet werden, direkt mit -den Verlegern in Verbindung zu treten und die Distributionsspesen -zu ersparen, wenn es keine Bemühungen des Distributeurs -(Sortimentsbuchhändlers) in Anspruch nimmt. Dies ist ausführbar durch -Bildung eines Literaturbezugsvereins, der als Sortimentsbuchhandlung -in’s Handelsregister eingetragen wird und den Mitgliedern nur die -wirklichen Auslagen als Aufschlagsprovision berechnet. Gründlicher -freilich wäre die Abhilfe, wenn die Post ebenso die Bücherspedition -wie die Zeitungsspedition übernähme, neben dem periodischen -Postzeitungskatalog einen periodischen Postbücherkatalog zu billigem -Abonnement herausgäbe und ein Centralbücheramt zur Beantwortung -von Anfragen und zur Ergänzung ungenauer Bestellungen einrichtete. -Bücherbezug zur Ansicht auf bestimmte Frist würde auch beim -Postbuchhandel unter Hinterlegung des Preises als Pfand ganz wohl -möglich sein, und nur die +unverlangten+ Büchersendungen zur Ansicht -würden in Wegfall kommen, welche ich wegen ihres zerstreuenden -Einflusses für überwiegend schädlich halte; der grösste Gewinn des -Buchhandels aber würde meines Erachtens bei der Vermittelung durch -die Post in der Beseitigung des verderblichen Kreditwesens liegen. -So wenig die Kreis- und Gemeinde-Sparkassen durch Postsparkassen -vernichtet werden können, ebenso wenig der Sortimentsbuchhandel -durch den Postbuchhandel; aber eine Einschränkung der Zahl der -Sortimentsbuchhandlungen, die seit der Gewerbefreiheit das vorhandene -Bedürfniss weit überschritten hat, könnte dem Buchhandel nur von Nutzen -sein. Schon das Antiquariat würde den Fortbestand selbstständiger -Buchläden sichern, noch weit mehr aber das Bedürfniss vieler Käufer -nach persönlicher Rücksprache und mündlicher Auskunft, so wie der -Wunsch, die Auswahl der Ansichtsendungen von einem Dritten getroffen zu -sehen; solche Käufer werden auch ferner bereit sein, dem Sortimenter -für seine Mühwaltung die bisherige höhere Provision zu zahlen. Soll -der Postbuchhandel durch seine Vorzüge die relative Benachtheiligung -des bestehenden Sortimentsbuchhandels wett machen, so müssen seine -Vortheile lediglich dem Publikum, nicht der Post zu Gute kommen, -d. h. die Post darf von Kunden nur den Buchhändlernettopreis für -Baarbezug ohne jeden Gewinnaufschlag erheben und muss sich ihrerseits -mit dem Porto für den Bestellzettel (3 Pfennig), dem Streifband- oder -Paket-Porto für die gelieferten Bücher und einer eventuellen Gebühr -für Auskunftsertheilung (etwa 5-10 Pfennig) begnügen. Ein solcher -Postbuchhandel würde auch den bemittelteren Schriftstellern den -lohnenden Selbstverlag ihrer Werke ermöglichen, während jetzt etwa -die Hälfte der vom Publikum für seine Werke wirklich gezahlten Summen -in den Händen der Sortimentsbuchhändler und des Kommissionsverlegers -hängen bleibt. Für unbemittelte Autoren müsste dann noch ein Verein -hinzutreten, welcher die eingesandten Manuscripte gegen beizufügende -Prüfungshonorare beurtheilen lässt und die werthvoll befundenen auf -eigene Kosten veröffentlicht; die Deckung der Kosten würde theils aus -den Beiträgen der Mitglieder erfolgen, welche die Publikationen des -Vereins dafür erhalten, theils aus dem Absatz an Bibliotheken und an -das Privatpublikum vermittelst des Postbuchhandels. Sehr wünschenswerth -wäre allerdings die Lösung der technischen Aufgabe, für Herstellung -kleiner Auflagen (von 100 bis 500 Exemplaren) ein Verfahren zu finden, -das erheblich billiger als der Letternsatz wäre und doch dem Auge die -gewohnte Form der grossen und kleinen Druckbuchstaben darböte. - -Die Gefahr, welche in dem erdrückenden Einfluss der Zeitungen und -Journale liegt, muss auf doppeltem Wege bekämpft werden. Die Jugend -muss begreifen, dass sie mit der Hingabe an den flüchtigen Reiz -dieser Lektüre ihre Seele verkauft, d. h. auf die gründliche und -allseitige Ausbildung ihres Geistes verzichtet; die Aelteren aber -müssen selbst aufhören, der periodischen Literatur aus Bequemlichkeit -einen Werth beizulegen, den sie nicht verdient, müssen sie als ein -nothwendiges Uebel betrachten und namentlich die Tagespresse mit der -gebührenden Missachtung behandeln, damit die Jugend nicht durch den -Nachahmungstrieb verführt werde, mit derselben ihre kostbare Mussezeit -zu verderben. Die gebildete Jugend bis zu 30 Jahren soll ebensowenig -Zeitung lesen, wie Politik treiben, sondern alle ihre zur Lektüre -verfügbare Zeit auf Bücher verwenden; der Schnee vom vergangenen -Jahr ist nicht wesenloser als der Inhalt der Zeitung von gestern. -Die Jugend soll aber auch keine Journale lesen, weil solche nur die -Aufgabe haben, den auf ein gewisses fertiges Bildungsniveau Gelangten -auf dem Laufenden zu erhalten, aber nicht geeignet sind, eine noch -fehlende Bildung zu vermitteln. Sie sind um so weniger schädlich, je -zusammenhängendere und umfangreichere Abhandlungen sie darbieten, -je ähnlicher sie also dem Buche werden, und um so schädlicher, je -mehr sie sich dem Charakter der Zeitung annähern. Die reifen Männer -sollen zu der Einsicht gelangen, dass man die „grossen“ Tageszeitungen -bekämpfen und die „kleinen“ kurzen Blätter begünstigen muss, und zwar -um so mehr, je weniger sie einer bestimmten Partei dienen und je mehr -sie sich bemühen, die wichtigeren Thatsachen der Tagesgeschichte und -die wichtigeren Urtheile über dieselben in unparteiischer Kürze zu -registriren. Von Journalen aber sollen sie nur soviel in ihr Haus -kommen lassen, als nothdürftig ausreicht, sie auf dem Laufenden zu -erhalten und namentlich sie auf wichtige Erscheinungen der Literatur -hinzuweisen. Dann aber soll auch der beschäftigste und angespannteste -Mann nicht unterlassen, an freien Sonntagen oder in Ferienzeiten -persönlich zu den Quellen hinabzusteigen, aus denen der Geist der -nationalen Kultur sich verjüngt, d. h. zu den Originalwerken der -Forscher, Denker und Dichter. - - - - -XIV. - -Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit. - - - Die That ist alles, nichts der Ruhm. - - +Goethe.+ - -Lieber Leser! Hoffentlich bist Du nicht berühmt; aber vielleicht -wünschest Du es zu werden, und wenn Du zu alt bist, um es für Dich -selbst zu wünschen, so erhoffst Du es vielleicht für Deine Söhne, -Schwiegersöhne oder Enkel. Lieber Leser, lass dich warnen, ehe es zu -spät ist. Es gibt ja so Manches auf der Welt, wonach die Menschen sich -sehnen, und dessen Schattenseiten sie erst kennen lernen, wenn sie -es erreicht haben; aber der Ruhm ist unter allen diesen Prellereien -die schlimmste, weil seine Schattenseiten am wenigsten bekannt und -beachtet sind. Darum gestatte mir, Dir eine kleine Auswahl derselben -vorzuführen, und wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so wird Deine -Zufriedenheit nicht ohne Zuwachs geblieben sein, wenn Du aus ihnen -gelernt hast, Gott zu danken, dass Du nicht berühmt bist. - -Die wenigsten Köpfe vertragen den Weihrauchduft des Ruhmes, ohne -davon umnebelt zu werden und das Gleichgewicht vernünftiger -Selbstbeurtheilung zu verlieren. Die liebenswürdige Bescheidenheit -schwindet und macht einer dünkelvollen Eitelkeit Platz; wo aber vorher -schon Eitelkeit bestand, liegt die Gefahr des Ueberschnappens nahe. Der -Mensch wird empfindlich, wo ihm die Anerkennung vorenthalten bleibt, -auf welche er durch seinen Ruhm ein Recht erworben zu haben wähnt; er -wird anspruchsvoll und pocht auf den schuldigen Tribut von Huldigungen. -Seiner gewöhnlichen Umgebung von Familie und Freunden glaubt er sich -nun enthoben und entrückt in eine höhere Sphäre des Daseins; indem er -sich ihnen gegenüber ein höheres und besseres Menschenwesen dünkt, wird -der vorher Fügsame besserwisserisch und herrschsüchtig und dadurch -unliebenswürdig. So werden nicht nur Sitten und Manieren, sondern -selbst Gemüth und Charakter verdorben und die intimsten Beziehungen -vergiftet. Die näher Stehenden sehen mit Bedauern diese Veränderung, -die Nächsten leiden darunter; die alten Freunde ziehen sich halbwegs -zurück, auch wenn sie den Erfolg gönnen, oder fallen ganz ab, wenn sie -ihn missgönnen und beneiden. - -Nur seltenen Ausnahmenaturen, die schon vorher ein klares und sicheres -Urtheil über sich selbst, ihr Vermögen und den Werth ihrer Leistungen -besassen und gewohnt waren, das Urtheil der Menge ihrem eigenen -gegenüber stolz zu missachten, nur solche werden ungeschädigt an ihrem -Innersten die Probe des Berühmtwerdens bestehen. Aber wie können sie -erwarten, dass die Welt an eine solche ausnahmsweise Veranlagung -glauben soll? Mögen die nächsten Freunde und Angehörigen diesen Glauben -besitzen und durch die tägliche Erfahrung bestätigt sehen, so werden -doch die neidischen Freunde ein solches menschliches Verdienst zu dem -missgönnten Ruhm hinzu einzuräumen wenig geneigt sein, und ferner -Stehende oder neue Bekanntschaften werden stets mit dem Vorurtheil -behaftet sein und bleiben müssen, dass die gewöhnlichen und so schwer -vermeidlichen Fehler der Berühmtheit auch in diesem Falle vorliegen und -vielleicht nur aus Klugheit etwas geschickter als gewöhnlich verhüllt -werden. So legt der Ruhm auf alle rein menschlichen Beziehungen seinen -erkältenden Reiffrost, bei Allen, die es verdienen und die es nicht -verdienen. - -Von den bescheidenen, zurückhaltenden, feinfühligen, harmlosen, in sich -befriedigten Naturen wird der Berühmte gescheut und gemieden, von den -unbescheidenen, zudringlichen, eitlen Menschen, die gern mit berühmten -Bekanntschaften prahlen, wird er aufgesucht. Wenn ohnehin schon ein -„Mensch“ mit der Laterne gesucht werden muss, so muss der Berühmte sich -zehnfache Mühe geben, einen zu finden; noch mehr Noth hat er aber, sich -derer zu erwehren, an denen ihm nichts gelegen sein kann. Die Menschen -können sich so schwer denken, dass ein Mann, der seinen Ruhm verdient, -doch zunächst auch ein Mensch sein muss und in höherem Grade als andre -ein solcher, dem nichts Menschliches fremd ist, bei dem also auch alle -menschlichen Interessen sicher sind, einen Widerhall zu wecken. Statt -dessen sind die Bescheidenen und Feinfühligeren, wenn der Zufall sie -mit einem Berühmten zusammenführt, meist doppelt zurückhaltend und -still aus Furcht, nicht geistreich und bedeutend genug, oder auf dem -Specialgebiet des Betreffenden nicht bewandert genug zu erscheinen; die -Andern aber plagen ihn mit verständnisslosen Fragen und Bemerkungen, -durch welche sie ihr ungewöhnliches Interesse und Verständniss für -die fragliche Specialität zu bekunden glauben. In Gesellschaft wie -in der Sommerfrische wird der Berühmte, wenn er nicht selbst ein -Eitelkeitsnarr ist, bald nur noch den einen Wunsch haben, sich vor -dem erkältenden und isolirenden Nimbus des Ruhmes durch Incognito zu -retten; aber dieses Mittel ist selten anwendbar und jedenfalls hilft es -nicht gegen die Belästigungen zu Hause. - -Da kommen die Besucher aus Neugier, die befriedigt wieder abgehen, wenn -sie konstatirt haben, dass der Herr X. seinem Porträt ähnlich sieht; -aber diejenigen Personen, deren Bekanntschaft aus sachlichen Interessen -gerade am erwünschtesten und für beide Theile am erspriesslichsten -wäre, wagen leider aus Bescheidenheit oft nicht, die Schwelle der -Berühmten zu überschreiten. Dass er von wirklichen oder angeblichen -Fachgenossen aufgesucht wird, um Almosen und Unterstützung, Rath und -Hülfe zu finden, mag noch hingehen, da es neben der meist zwecklosen -Belästigung doch auch in Ausnahmefällen Gelegenheit gibt, sich nützlich -zu machen; die allerunsinnigste Belästigung aber ist die durch -Autographensammler, welche sich nicht mit den in Autographenalbums -facsimilirten Schriftzügen begnügen wollen, sondern die Eitelkeit -haben, möglichst viel Originalhandschriften zu sammeln. Wer aus -Furcht, sich unbeliebt zu machen, einige Mal auf solche Zumuthungen -eingegangen ist, der wird überhäuft mit brieflichen Aufforderungen; -wer alle Gesuche um Autographen (mit Ausnahme der für wohlthätige -Zwecke bestimmten), wie es das einzig Richtige ist, in den Papierkorb -wirft, der wird durch allerlei Finten überlistet, z. B. durch -fingirte Unterstützungsgesuche, oder die noch beliebtere Methode der -Bitte um Rath kurz vor dem angeblich beabsichtigten Selbstmord. Der -Autographensammler scheut sich niemals, sich für einen glühenden -Verehrer des Angebettelten auszugeben, auch wenn er dessen Leistungen -nicht anders als von Hörensagen kennt; ebenso findet man auch unter -denjenigen, welche sich nach der persönlichen Bekanntschaft drängen, -selten einen, der es der Mühe werth gefunden hätte, zunächst die so -viel leichter zu erlangende genauere Bekanntschaft mit dem Besten, -was die Person zu geben hat, mit der Reihe ihrer Thaten oder Werke zu -machen. - -Die Störung der Unbefangenheit im persönlichen Verkehr erstreckt -sich noch über den mündlichen hinaus auf den brieflichen. Der -widerwärtige Personenkultus dieses Jahrhunderts, welcher allemal im -umgekehrt proportionalen Verhältniss zu dem Ernst und der Tiefe des -sachlichen Interesses steht, hat es fertig gebracht, dass keine private -Mittheilung eines berühmten Mannes vor der Veröffentlichung nach dem -Tode, ja wohl gar bei Lebzeiten, mehr sicher ist. Der Eitle mag daraus -den Antrieb entnehmen, auch seine Privatbriefe so abzufassen, wie er -sie für ein künftiges Publikum wünscht; wem aber solche Exposition in -Schlafrock und Nachtmütze zum Ekel ist, der wird seine Korrespondenz -auf die nothdürftigsten trocknen Thatsachen beschränken, und die -Verkümmerung eines berechtigten Gebietes des gemüthlichen Privatlebens -bitter empfinden. - -Sofern die Thaten und Werke des Menschen bestimmte Tendenzen -verfolgen (was eigentlich nur bei Künstlern nicht der Fall -- sein -sollte) werden diese Absichten und Ziele stets der Verkennung und -der Missdeutung von ihren Gegnern wie vom blossen Missverstand -ausgesetzt sein; es bilden sich bald zu Anfang falsche Meinungen und -Stichworte (wie z. B. Grillparzer während eines ganzen langen Lebens -ein „Schicksalstragödiendichter“ hiess), welche durch keine Bemühungen -von Seiten des Verkannten auszurotten sind. Wenn seine Werke nicht -zugleich der vergnüglichen Unterhaltung dienen, so verleiht der Ruhm -nicht einmal, wie er doch billiger Weise sollte, den Rechtsanspruch, -die späteren Leistungen, welche erst das Gesammtbild vervollständigen -und den ersten Eindruck berichtigen können, auch nur beachtet zu sehen. -Das Publikum ist nur zu geneigt zu glauben, dass ein erstes, Ruhm -begründendes Fahnenwerk auch die Leistungsfähigkeit seines Urhebers in -der Hauptsache erschöpfe und dass es nicht der Mühe werth sei, darauf -hinzuhören, was ein solcher Autor sonst noch zu sagen haben könne -(man denke z. B. an Strauss). Den einzigen reellen Vortheil, den der -Ruhm seinem Besitzer gewähren könnte und sollte, enthält er ihm somit -auch noch vor, wenigstens in Deutschland, da das Ausland in dieser -Hinsicht der Ehrenpflichten gegen seine hervorragenden Männer besser -eingedenk ist. Dagegen muss der Kelch des Verdrusses über unbelehrbare -Vorurtheile und ohrenverschliessenden Missverstand bis zur Hefe -geleert werden. Dass die Ungerechtigkeit des Urtheils bei sachlicher -Verkennung selten stehen bleibt und nur zu häufig auch die Person und -deren Privatleben in den Kreis ihrer Angriffe mit hineinzieht, ist -ebenso bekannt, wie dass es nur wenigen öffentlichen Persönlichkeiten -erspart bleibt, Gegner und Feinde zu haben, welche die gutgläubige -Verurtheilung durch eingemischte Einflüsterungen des Neides und -Uebelwollens trüben und verbittern. Der Empfindliche wird an alledem -eine nie versiegende Quelle der Kränkung und des Aergers haben, aber -auch der Unempfindliche, der sich von dem Urtheil Anderer in ruhigem -Stolze unabhängig weiss, wird doch Schmerz und Betrübniss über das -mächtige Beharrungsvermögen des Vorurtheils und der Gleichgültigkeit -und über die unausrottbare Existenz der Gesinnungsgemeinheit in der -Welt fühlen. - -Ist der Berühmte ein ausübender Künstler, dessen Leistungen zugleich -dem Zeitvertreib und dem Vergnügen dienen, so bemühen sich seine -Bekannten, zu seinem Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) recht -viel Billets unterzubringen und versäumen nicht, selbst hinzugehen und -kräftigst zu applaudiren. Ist er dagegen ein Schriftsteller, gleichviel -ob seine Schriften der Unterhaltung dienen oder nicht, so kaufen sie -dieselben nur in dem besonderen Ausnahmefall, dass es gerade zeitweilig -Mode ist, dieselben zu kaufen und zu verschenken; andernfalls muss -der Autor riskiren, dass sie ihm übel nehmen, die Werke nicht von -ihm geschenkt erhalten zu haben, unbekümmert darum, ob deren Verkauf -nicht auch sein Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) darstellt. -Dass man bei dem grössten Ruhm verhungern kann, wenn man nicht sonst -eine reelle Einnahmequelle besitzt, und zwar um so leichter, je echter -der Ruhm ist, das ist weltbekannt, ebenso dass der wahre und echte -Ruhm meist langsam gewonnen und nur von denen erlebt wird, welche ein -hohes Alter erreichen. Was aber hat der Mensch von einem Ruhm nach -seinem Tode? Ist es da nicht ganz gleichgültig, ob der Nachruhm sich -an den Namen heftet, den er im Leben trug, oder an einen falschen (z. -B. Homer), oder ob er, wie z. B. bei dem Nibelungenliede, namenlos an -den Werken haftet? Ist es nicht die Eitelkeit der Eitelkeiten, für -seinen +Namen+ nach Nachruhm zu streben, von dem man selber gar nichts -hat? Und selbst wenn der Berühmte steinalt wird und alle Jubiläen -rite absolvirt, so muss er doch noch seinen echten Ruhm mit ebenso -strahlendem falschen Ruhm unwürdiger Mitbewerber theilen, also des -Ruhmes heilige Kränze als auf gemeinen Stirnen entweihte in Empfang -nehmen. Manchmal verbindet sich aber auch falscher und echter Ruhm, -so dass eine Person eine Zeit lang wegen gewisser den Zeitströmungen -entgegenkommenden Nebeneigenschaften seiner Leistungen falschen Ruhm -geniesst, welcher allmählich erblasst und das Aufkommen des wahren -Ruhmes, den seine Leistungen nach ihrem tieferen Kerngehalt verdienten, -mehr behindert als befördert; der Verdacht auf eine solche Verwickelung -des Sachverhalts ist überall da begründet, wo ein Künstler oder -Schriftsteller, dem man Anspruch auf wahren Ruhm nicht aberkennen -möchte, schon in jüngeren oder mittleren Jahren berühmt war (man denke -an Goethes Werther, Schillers Räuber, Schellings Naturphilosophie und -ähnliche Beispiele). - -Wenn Du also, lieber Leser, Dich nicht abschrecken lassen willst, -für Dich oder die Deinigen nach Ruhm zu streben, so nimm wenigstens -den guten Rath an, nicht nach echtem, sondern nach falschem Ruhm zu -streben, da nur der letztere Dir einige Aussicht gewährt, dass Du -seine Vortheile an Ehre und materiellem Gewinn noch geniessen kannst. -Willst Du aber den falschen Ruhm trotz seiner ideellen und materiellen -Vorzüge verschmähen, bloss weil er auf unwahrem Grunde ruht, dann höre -überhaupt auf, nach +Ruhm+ zu trachten, und trachte statt dessen +nach -werthvollen Leistungen+, ganz unbekümmert darum, ob und wann denselben -die Anerkennung des Ruhmes zu Theil werden möge. - - - - -XV. - -Der Somnambulismus. - - -Die Erscheinungen des Somnambulismus sind von altersher bekannt, nicht -nur diejenigen eines in Nervenkrankheiten spontan eintretenden, sondern -auch diejenigen eines durch verschiedene Mittel z. B. betäubende -Dämpfe, Schwindeldrehungen, Fasten, Fixiren eines nahen Blick-Punktes -u. s. w. hervorgerufenen Somnambulismus. Die Seltenheit des spontanen -Somnambulismus, die schädlichen Folgen des künstlich hervorgerufenen -für den Organismus, die Verquickung des Somnambulismus mit allerlei -Aberglauben und Mysticismus und die Schwierigkeiten einer Erklärung -der Erscheinungen auf Grund der herrschenden materialistischen -Naturanschauung haben jedoch bis vor ganz kurzer Zeit davon -abgeschreckt, dieses Erscheinungs-Gebiet auf exakte Weise zu studiren. -Die von der Pariser Akademie von 1825-1831 niedergesetzte Kommission -gelangte nicht über die Konstatirung der Thatsachen hinaus, und selbst -diese gerieth bald wieder in Vergessenheit oder wurde gar (durch -Verwechselung mit dem Kommissionsbericht von 1784) in ihr Gegentheil -entstellt. Erst das Aufsehen, welches die öffentlichen Schaustellungen -des Magnetiseurs Hansen erregten, veranlassten einige deutsche -Physiologen (insbesondere Heidenhayn), der Sache näher zu treten, und -wenigstens die körperlichen Phänomene des Hypnotismus ausser Zweifel -zu stellen. Bald darauf wurden von Preyer die Braid’schen Versuche -und Schriften neu an’s Licht gezogen, welche einen durch Fixiren -heller Punkte und ähnliche Mittel (also nicht durch einen Magnetiseur) -hervorgerufenen Hypnotismus behandeln. - -Während die deutschen Gelehrten in den letzten Jahren sich kaum noch -mit dem Gegenstande zu beschäftigen scheinen, hat er neuerdings in -Frankreich zu sehr eingehenden und interessanten Untersuchungen -geführt. So war z. B. Charcot der erste, welcher eine scharfe -Unterscheidung zwischen den drei Hauptstufen des Hypnotismus oder -Somnambulismus (der lethargischen, kataleptischen und im engeren Sinne -somnambulen) einführte und die Symptomenkomplexe dieser drei Stufen -genau definirte.[12] Diese Unterscheidung dürfte auch dann ihren -Werth behalten, wenn man anerkennt, dass die Grenzen zwischen den -drei Stufen keineswegs feste sind und öfters ein Ineinanderschieben -und Durcheinanderfliessen der Symptome stattfinde. Zugleich -veröffentlichte der Pariser Neurologe Richet seine langjährigen -Erfahrungen, nach welchen die deutschen Physiologen im Unrecht -sind, wenn sie die Action eines Magnetiseurs in allen Fällen für -illusorisch erklären, weil sie für Erzeugung von Hypnotismus bei -vielen Personen entbehrlich ist. Richet behauptet, dass seine -magnetisirende Thätigkeit auf jeden Organismus, auch den stärksten, -eine Einwirkung hinterlasse, die sich mindestens in einer Steigerung -der Empfänglichkeit für künftige Versuche kundgibt, und dass er sich -getraue, in einer aufeinanderfolgenden Reihe von Sitzungen schliesslich -jedes Individuum ohne Ausnahme in einen somnambulen Zustand zu -versetzen; er behauptet ferner, dass der durch magnetische Striche -hervorgerufene Somnambulismus sich von dem durch Fixiren naher Punkte -hervorgerufenen dadurch unterscheide, dass im ersteren die psychischen -Erscheinungen, in letzterem die körperlichen (Lethargie, Katalepsie -u. s. w.) vorwiegen. Ausserdem sind von Bernheim, Binet und Féré -Liébault, Beaunis u. a. m. ausgedehnte Versuchsreihen mit Somnambulen -vorgenommen worden, welche zu manchen neuen Aufschlüssen geführt haben, -insbesondere in Bezug auf die Uebertragung der Aktivität aus einer -Hirnhälfte in die andere und in Bezug auf die Umkehr der Zustände in -ihre polaren Gegensätze, z. B. Aktivität in Lähmung, und Lähmung in -Aktivität und die Erscheinungen des ausschliesslichen Rapports einer -Somnambulen zu einem bestimmten Experimentator[13]. Die deutschen -Physiologen haben sich bisher weit mehr auf das Studium der in den -niederen Graden des Hypnotismus vorwiegenden körperlichen Erscheinungen -beschränkt, während die Franzosen bereits dem psychischen Phänomen des -eigentlichen Somnambulismus näher getreten sind, ohne jedoch das Gebiet -des Wunderbaren mehr als zu streifen. Die interessantesten Probleme -harren deshalb bis jetzt ihrer wissenschaftlichen Behandlung, und sind -nur erörtert von Mystikern und Popularphilosophen, welche kein Bedenken -getragen haben, die phantastischen Personifikationen somnambuler -Traumbilder als Realitäten aus einer anderen Welt gelten zu lassen. - -Carl du Prel hat sich der dankenswerthen Aufgabe unterzogen, die -psychischen Probleme des Somnambulismus im Zusammenhang zu bearbeiten, -wobei er sich von allem spiritistischen Aberglauben als von unlogischen -Hypothesen vollständig freihält (S. 210, 434, vgl. 115, 186, 300), -und sogar das Gebiet des eigentlichen Hellsehens vorläufig bei Seite -lässt, um es einem besonderen Werk vorzubehalten. Durch den Titel[14] -braucht sich also Niemand abschrecken zu lassen, denn der Verfasser -erklärt ausdrücklich, dass es mystische Erscheinungen im eigentlichen -Sinne gar nicht gibt, und Manches uns nur heute noch mystisch vorkommt -(S. 386, 204). Gleichwohl kann ich den Titel nicht zweckmässig finden, -weil ich nicht wie du Prel im Somnambulismus die „Grundform aller -Mystik“ (399, 497) und in der Mystik nicht „das magische Verhalten des -Menschen zu sich selbst“ (444) erkennen kann; ich verstehe vielmehr -unter Mystik das gefühlsmässige Sicheinswissen des Menschen mit dem -Absoluten, und sehe in der praktischen Pflege des Somnambulismus durch -einen grossen Theil der religiösen Mystiker nur eine Verirrung, die auf -einem Verkennen der eigentlichen Natur und Bedeutung des Somnambulismus -beruht. Ich meine deshalb, der richtigere Titel des du Prel’schen -Buches hätte lauten müssen: „Der Somnambulismus in seiner Bedeutung -für Psychologie und Metaphysik.“ In der That wäre dieser Titel -erschöpfend, denn was aus den Erscheinungsgebieten des gewöhnlichen -Traumes und des wachen Gedächtnisses herangezogen ist, dient doch nur -zum Vergleich und zur Erläuterung der somnambulen Erlebnisse. - -Auch du Prel nimmt als erwiesen an, dass Hypnotismus und Mesmerismus -(oder thierischer Magnetismus) keineswegs sich deckende Begriffe -von gleichem Umfang sind (155), und dass es irrthümlich ist, den -hypnotischen oder somnambulen Zustand lediglich auf Vorgänge im -Wahrnehmungs- oder Vorstellungsprocess des Versuchsobjekts zurückführen -zu wollen. Zum Beweise führt er an, dass auch Schlafende, welche -von den mit ihnen vorgenommenen Manipulationen nichts wissen, in -Somnambulismus versetzt werden können und dass sogar der Schlaf die -magnetische Einwirkung erleichtert (39-40); ferner, dass auch die -Mimosa pudica ebenso durch Mesmerisiren wie durch Chloroformiren -unempfindlich gemacht werden kann (156). Ich möchte hinzufügen, -dass wir die dynamische Aktivität der Magnetiseure auch aus anderen -Wirkungen kennen, z. B. aus den lokalen Einwirkungen auf menschliche -Körpertheile, welche für die Hautempfindungen denjenigen einer -schwachen Elektrisirmaschine gleichen, ferner auf das Elektroskop -und die Magnetnadel, und dass in einem sensitiven Nervensystem schon -Electricitäten von minimaler Spannung starke Abänderungen in der -Vertheilung der Innervationsintensität hervorrufen, wie die Versuche -an Hysterischen mit halbseitiger Anästhesie des Körpers beweisen.[15] -Dass auch der Stahlmagnet gewaltige Einwirkungen auf die Vertheilung -der Innervationsenergie in den Centralorganen ausübt, ist durch die -oben angeführten Versuche von Binet und Féré erwiesen, veränderte -Anwendungsarten werden ohne Zweifel noch andre Verschiebungen der -Innervationsenergie kennen lehren und damit dem Verständniss der Art -und Weise, wie der Einfluss des Magnetiseurs die gleiche Wirkung -hervorbringt, näher führen. Es ist anzunehmen, dass jeder Mensch in -irgend welchem Grade die Fähigkeit, andere zu magnetisiren, besitzt, -dass aber die Herrschaft über dieselbe nur durch Uebung zu gewinnen -ist, weil diese Fähigkeit nicht in dem Organ der bewussten Willkür -ihren Sitz hat, sondern nur indirekt durch Impulse des bewussten -Willens in anderen niederen Centralorganen aufgelöst wird. Damit stimmt -überein, dass Somnambule, deren Willkürorgan ausser Funktion gesetzt -ist, eine besonders starke Fähigkeit zum Magnetisiren Dritter, ja sogar -ihres Magnetiseurs gewinnen, auch wenn sie dieselben im wachen Zustand -nicht besitzen oder beherrschen (274). Es ist ferner zu beachten, dass -fortdauernde Bethätigung der magnetischen Kraft den Menschen angreift -und entkräftet (250), woraus folgt, dass der Magnetiseur wirklich -organische Kraft bei seiner Thätigkeit konsumirt. Es ist endlich zu -berücksichtigen, dass die elektrischen Apparate der Zitter-Rochen und --Aale nur Gruppen von Ganglienzellen sind, und dass jede Ganglienzelle -in irgend welchem Maasse die Eigenschaft besitzen muss, welche hier -durch Differenzirung ausgebildet ist. - -Ob das im thierischen Magnetismus wirksame dynamische Agens mit -einer der uns bekannten Naturkräfte identisch ist, oder ob es -eine noch unerforschte neue Proteus-Gestalt der einheitlichen -Naturkraft ist, welche bloss elektrische, magnetische, thermische und -nervenphysiologische +Begleit+erscheinungen hervorruft, das dürfte -vorläufig schwer zu entscheiden sein, doch neige ich der letzteren -Auffassung zu, so dass der Bezeichnung „thierischer Magnetismus“ -oder „organische Electricität“ nur ein uneigentlicher Sinn beiwohnt. -Ebenso vorsichtig wie in der Gleichsetzung der mesmerischen Funktion -mit physikalischen Kräften muss man aber auch sein, sie mit besser -bekannten organischen psychischen oder gar metaphysischen Potenzen -zu identificiren, wie wenn z. B. du Prel sie mit der Naturheilkraft -gleichsetzt (239), wozu die etwaigen heilsamen Nebenwirkungen der durch -sie hervorgerufenen somnambulen Zustände noch lange keine Berechtigung -geben. - -Du Prel hat sich in diesem Punkte, wie leider in manchen andern, durch -Schopenhauers Ansichten bestimmen lassen, von welchem Denker seine -gesammte Weltanschauung mehr als von irgend einem andern abhängig ist. -Schopenhauer nimmt an[16], dass der Somnambulismus nur ein tiefer und -vollkommener Schlaf sei, dass er deshalb heilsamer als der gewöhnliche -Schlaf sei und von der Naturheilkraft absichtlich herbeigeführt -werde. Er glaubt ferner, dass Wahrträume auch im gewöhnlichen tiefen -Schlafe häufig sind, und der Somnambulismus nur diese Wahrträume -offenbare. Alle scheinbaren Sinneswahrnehmungen der Somnambulen hält -er für Wahrträume, welche die Vermittelung der Sinneswerkzeuge nur -vorspiegeln. In Bezug auf die physiologische Erklärung des somnambulen -Zustandes verwirft er mit triftigen Gründen die Annahme, dass das -Gangliensystem an Stelle des Gehirns funktionire, und hält an der -Unentbehrlichkeit der Gehirnfunktion fest, worin ihm du Prel leider -nicht gefolgt ist; seine Theorie einer Umkehrung der Richtung der -Gehirnfunktion durch Rollentausch der grauen und weissen Substanz ist -dagegen physiologisch ganz unhaltbar und ist auch von keiner Seite -vertheidigt worden. - -So wenig der Somnambulismus mit dem gewöhnlichen Schlaf zu verwechseln -ist, ebenso wenig ist er, wie du Prel meint (173), ein tieferer Schlaf -als der gewöhnliche, d. h. bloss graduell von demselben verschieden. -Obschon Uebergangsformen zwischen beiden stattfinden und einige -Merkmale ihnen gemeinsam sind, sind sie doch specifisch verschieden; in -manchen Beziehungen erscheint der Schlaf als Zwischenzustand zwischen -Somnambulismus und Wachen, in andern erscheint der Somnambulismus als -Mittelzustand zwischen Schlaf und Wachen. Du Prel, welcher nur die -erstere, und Wirth (40), welcher nur die letztere Ansicht gelten lässt, -haben daher Beide Recht und Unrecht. Der somnambule +Traum+ erscheint -in der That gegenüber dem gewöhnlichen als ein +gesteigerter+ Traum, -aber der somnambule +Schlaf+ gleicht mehr dem Verhalten im +wachen+ -Zustande als im gewöhnlichen Schlaf. - -Das gewöhnliche Traumbewusstsein ist durch eine bessere -Erinnerungsbrücke mit dem wachen Bewusstsein verbunden als das -somnambule und kann zwischen diesen beiden als verknüpfendes Mitglied -eintreten. Je näher das somnambule Traumbewusstsein dem gewöhnlichen -Traume steht, desto leichter reichen Erinnerungen aus demselben -in’s wache Bewusstsein hinüber; je mehr es sich in sich vertieft, -desto schwerer wird die Erinnerung an seinen Inhalt, am schwersten -beim „Hochschlaf“, der nur durch das verknüpfende Mittelglied des -gewöhnlichen Somnambulismus mit dem wachen Bewusstsein verbunden -werden kann. Je mehr sich der Somnambulismus steigert, desto mehr -steigern sich die Eigenthümlichkeiten, welche das Traumbewusstsein -von dem wachen Bewusstsein unterscheiden: die Passivität des Willens, -die Sinnlichkeit und Bildlichkeit der Vorstellungen, die Stärke der -unwillkürlichen Phantasiethätigkeit, die Neigung zu dramatischer -Spaltung des Ich, der Mangel an Besonnenheit und zielbewusster -Stetigkeit, die Hyperästhesie des Gedächtnisses, die damit -zusammenhängende Geschwindigkeit des Vorstellungswechsels, und endlich -die Sensitivität des Gefühlslebens für natürliche Vorgänge innerhalb -und ausserhalb des eigenen Organismus. - -Andererseits aber steigern sich auch einige solche Merkmale, durch -welche das wache Leben sich vom Schlaf unterscheidet, erstens die -Fähigkeit, vermittelst der Sinneswerkzeuge von der Aussenwelt Eindrücke -zu empfangen und auf diese Eindrücke mit Reden und Handlungen -sinngemäss zu reagiren, zweitens die Eigenthümlichkeit, dass die -Erlebnisse der Zeitabschnitte des somnambulen Lebens wie diejenigen des -wachen Lebens durch ihren Erinnerungszusammenhang ein geschlossenes -Ganzes bilden, während die Träume der verschiedenen Nächte der Regel -nach zusammenhangslose Bruchstücke bleiben und nur ausnahmsweise mit -vereinzelten Erinnerungen ineinander übergreifen, und drittens der -Umstand, dass die das somnambule Bewusstsein vermittelnden Theile des -Centralnervensystems ebenso wie die das wache Bewusstsein vermittelnden -der zeitweiligen Ruhe durch Schlaf bedürfen, wie der Wechsel von Schlaf -und Wachen bei einem Wochen und Monate lang anhaltenden Somnambulismus -beweist (332). - -Wenn eine Somnambule ihren häuslichen Verrichtungen obliegt, oder -gar eine Rolle auf der Bühne tadellos durchführt, so wird Niemand -bezweifeln, dass ihr Zustand dem Wachen ähnlicher ist, als dem Schlaf, -trotzdem sich bei genauerer Untersuchung herausstellt, dass der -Zustand ihres Bewusstseins in vielen Punkten als ein gesteigerter oder -vertiefter Traumzustand zu betrachten ist. Beim Somnambulismus wird die -Aehnlichkeit mit dem Wachen, beim Schlaf die Unähnlichkeit mit dem -Wachen um so grösser, je tiefer er wird; je weniger tief Somnambulismus -und Schlaf sind, desto ähnlicher sehen sie sich beide; je tiefer -sie werden, d. h. je mehr sie ihre eigenartige specifische Natur -hervorkehren, desto verschiedener und entgegengesetzter erscheinen sie. -Der niedrigste Grad des Hypnotismus zeigt vollkommene Lethargie, also -gar keinen Verkehr mit der Aussenwelt wie der Schlaf; erst im zweiten -Grade, im kataleptischen Stadium öffnet sich das Ohr und die niedern -Sinne, und erst im dritten Stadium, dem im engeren Sinne somnambulen, -öffnen sich auch die Augen und beginnt jener vollständige Verkehr mit -der Aussenwelt, der auf den ersten Anblick vom Verhalten einer wachen -Person nicht zu unterscheiden ist. - -Der Schlaf hingegen wird dem Somnambulismus nur dann ähnlicher, -wenn er im Begriff ist, in denselben überzugehen, z. B. in dem -Sprechen und Handeln der Schlafenden; aber der sich selbst treu -bleibende ruhige und tiefe Schlaf kennt solche Extravaganzen -nicht, die schon einem gestörten Gleichgewicht des Nervensystems -entspringen, wie der Somnambulismus auch. Es ist gleichgiltig ob, wie -du Prel meint, der tiefe, oder, wie ich meine, der leichte Schlaf -mehr dazu neigt, unruhig zu werden, d. h. in Uebergangsformen zum -Somnambulismus hineinzugerathen, da man in beiden Fällen es schon mit -zusammengesetzten Erscheinungen aus verschiedenen Gebieten zu thun -hat; und ebenso gleichgiltig ist es für die hier behandelte Frage, ob -der tiefe ruhige Schlaf traumlos ist oder nicht, ob mit anderen Worten -nicht bloss das wache und das somnambule Bewusstsein im Schlafe Ruhe -und Erholung geniesst, sondern die Bewusstseinsfunktion schlechthin. -Letzteres kann wegen der beim Erwachen abreissenden Erinnerung -niemals direkt konstatirt werden (43); du Prel’s indirekter Beweis -für die Behauptung beruht aber auf einem Cirkelschluss, insofern er -aus der vorausgesetzten Richtigkeit des Satzes folgert, dass auch -der Somnambulismus im Wesentlichen nur ein vertiefter Schlaf sei, -und hieraus dann wieder nach Analogie zurückschliesst, dass auch im -natürlichen Schlaf ebenso wie im Somnambulismus das Erwachen des -Traumbewusstseins proportional der Tiefe des Schlafes sein müsse -(427, 32, 37). Nach meiner Ansicht hingegen wird schon durch das -Ruhebedürfniss des somnambulen Bewusstseins und dessen Befriedigung im -Schlafe zur Genüge erwiesen, dass auch die das somnambule Bewusstsein -vermittelnden Theile des Centralnervensystems im tiefen Schlafe ruhen, -so dass die dessen etwaige Träume vermittelnden Partien jedenfalls noch -unterhalb der ersteren gesucht werden müssten. - -Worauf es hier ankommt, ist nur, zu konstatiren, dass der natürliche -Schlaf ein gesunder normaler, für Wache und Somnambule gleich -unentbehrlicher Erholungszustand, der Somnambulismus aber ein abnormer, -pathologischer, schlechthin entbehrlicher Zustand ist, dass ferner der -reine Schlaf mit wachsender Vertiefung den Schläfer immer mehr von -der Aussenwelt abschliesst, der Somnambulismus dagegen mit wachsender -Vertiefung den Somnambulen in eine dem wachen Zustand immer ähnlicher -werdende sinnlich vermittelte Wechselbeziehung zur Aussenwelt setzt. -Dies genügt, um einen +specifischen Unterschied+ beider Zustände -festzustellen, und den Streit über die Stellung zwischen Wachen, Schlaf -und Somnambulismus zu einem nebensächlichen zu machen. - -Ausser der Verwandtschaft des Somnambulismus mit dem wachen Zustand -und dem gewöhnlichen Traum ist noch diejenige mit der Narkose und mit -Nerven- und Geisteskrankheiten zu beachten. Die Narkotisirung durch -Chloroform und Aether stimmt darin mit dem Somnambulismus überein, -dass eine von der Peripherie nach dem Centrum fortschreitende Analgesie -(Unempfindlichkeit für Schmerz) und scheinbar auch Anästhesie eintritt, -dass das wache Bewusstsein schwindet und unwillkürliche Träume sich -entfalten; ein ähnlicher Zustand der Analgesie trat auch bei den -höchsten Graden der Folter manchmal ein, der dann der Hülfe des -Teufels zugeschrieben wurde. Bei der Morphium- und Haschisch-Narkose -ist die Analgesie weniger ausgesprochen, dafür aber das Traumleben -gesteigert; insbesondere das Haschisch erzeugt eine Hyperästhesie -des Gedächtnisses und eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufes, -welche mit den gleichen Erscheinungen des somnambulen Traumlebens -viel Aehnlichkeit hat. Alle Narkosen unterscheiden sich aber dadurch -vom Somnambulismus, dass in ihnen für gewöhnlich und unter Ausschluss -eines gleichzeitig eintretenden Somnambulismus der Verkehr mit der -Aussenwelt abgeschnitten ist; nur eine unvollständige Narkose, welche -noch einen Rest des wachen Bewusstseins übrig lässt, macht solchen -Verkehr möglich. Auf der Verwandtschaft dieser narkotischen Zustände -mit dem Somnambulismus beruht es, dass in nervösen Organisationen, -die zum Somnambulismus neigen, derselbe durch narkotische Mittel -hervorgerufen werden kann (Pythia, Hexenfahrten u. s. w.). Die Menge -von Chloroform, die Jemand zur Narkose braucht, ist zugleich ein -Gradmesser seiner Empfänglichkeit für magnetische Hypnotisirung, und -die Blutbeschaffenheit eines hungernden Organismus erleichtert in -gleichem Masse die Narkose wie das Magnetisiren und den spontanen -Eintritt von Uebergangsformen zwischen Traum und Somnambulismus. - -Von den pathologischen Zuständen des Nervensystems bietet sich -zunächst die konstitutionelle Sensitivität zum Vergleich dar. Während -„Sensibilität“ die Reizempfänglichkeit der Empfindungsnerven -bezeichnet, insoweit sie auf einem feinen Bau der Endorgane -(Sinneswerkzeuge) beruht, bedeutet das Wort „Sensitivität“ eine -abnorme Reizempfänglichkeit, welche nicht auf der Verfeinerung der -Sinneswerkzeuge, sondern auf der Hyperästhesie der Empfindungsnerven -und der ihre Eindrücke verarbeitenden Centralorgane beruht. Es giebt -abnorme Naturen, welche bei vollem Tagesbewusstsein die unglaublichsten -Dinge wahrnehmen, sowohl Vorgänge in ihrem eigenen Organismus, als -dynamische Einflüsse der Umgebung, z. B. das Vorhandensein einer -Katze im Zimmer, oder gewisse Krankheiten anwesender Personen, oder -die relativen elektrochemischen Werthe einer Reihe von eingewickelten -Stoffen. Es mag sein, dass eine gewisse Beschaffenheit des -Nervensystems für alle Arten von Empfindungen die Reizempfänglichkeit -erhöht; aber es ist doch durchaus nicht nöthig, dass die Sensitivität -für Gefühls-, Geruchs-, Gehörs- und Gesichtsempfindungen immer Hand -in Hand gehen, oder gar den gleichen Grad von Steigerung aufweisen -muss. Die Thatsache, dass Sensitivität auch in dem gewöhnlichen wachen -Bewusstseinszustand vorkommt, lässt erkennen, dass, wenn auch die -abnormen Bewusstseinszustände (wie Traum, Somnambulismus, Irrsinn etc.) -häufig mit Schwellenverschiebung verbunden auftreten, doch dieses -Symptom weder ausreichend zu ihrer Charakterisirung heissen, noch als -ausreichende Ursache ihres Eintritts angesehen werden kann. - -Der Somnambulismus zeigt eine Sensitivität insbesondere für -Empfindungen des Gemeingefühls (122, 141), zum Theil auch für -solche des Geruchs und Geschmacks (246, 389), wogegen das Gehör -unverändert zu bleiben scheint und die Reizempfänglichkeit für -Gesichtswahrnehmungen noch im zweiten, kataleptischen Stadium ganz -aufgehoben ist und erst im dritten, somnambulen Stadium zugleich -mit der nun auffällig erhöhten Hautempfindlichkeit wieder erwacht. -Es ist also im Somnambulismus die Empfindungsschwelle der niedern -Sinne emporgeschraubt, die der höheren theils unverändert, theils -heruntergerückt, theils gesteigert, und es ist demnach ebenso ungenau -von einer Herabsetzung der Empfindungsschwelle im Allgemeinen, wie von -einem Geschlossensein der äusseren Sinne oder einem vom Sinnesapparat -unabhängigen Bewusstsein in diesem Zustand zu reden (146, 441). Eine -Verschiebung der Empfindungsschwelle findet zwar statt, aber für -verschiedene Sinneswahrnehmungen in ungleichem Maasse und zum Theil -sogar in entgegengesetztem Sinne, und keine Art von Sinneswahrnehmungen -fehlt im eigentlich somnambulen Stadium des Hypnotismus ganz, weder die -Tastempfindungen, welche zur Wahrung des Gleichgewichtes unentbehrlich -sind, noch die Gesichtseindrücke, ohne welche ein Somnambuler sich -in einer ihm unbekannten Umgebung unmöglich mit Sicherheit bewegen -könnte. Eine Somnambule mit geöffneten Augen liest auf Befehl ein -ihr vorgehaltenes Buch fliessend vor, während sie bei geschlossenen -Augen auf den gleichen Befehl nur unverständliche Worte murmelt. Die -Behauptung, dass sie nicht mit den geöffneten Augen, sondern etwa mit -dem Sonnengeflecht läse, stünde logisch auf gleicher Stufe mit der, -dass sie die Worte nicht mit dem Kehlkopf und der Zunge bilde, sondern -mit dem Magen. Manche Somnambulen sind im Stande, mikroskopische -Photographien mit blossem Auge zu erkennen, oder ein ihnen abgekehrtes -Buch aus der Spiegelung im Auge des Magnetiseurs zu lesen; dies alles -setzt eine hochgradige Steigerung der Gesichtsschärfe voraus. Auf -den Einfall, dass eine Somnambule mit fest zugedrückten Ohren nicht -mehr mit dem Gehörorgan die Worte des vor ihr stehenden Magnetiseurs -vernehme, konnte Schopenhauer nur darum kommen,[17] weil er nicht -daran dachte, sich durch den Versuch zu überzeugen, dass man mit fest -zugedrückten und verstopften Ohren noch ziemlich ebenso gut hört, -wie mit offenen; für die leisesten Worte des, wenn auch entfernt -stehenden Magnetiseurs kann ausserdem in dem Gehör der Somnambulen -eine hochgradig verschärfte Wahrnehmungsfähigkeit vorhanden sein, -während gleichzeitig für laute Gespräche der nicht mit ihr in Rapport -stehenden Anwesenden Taubheit zu bestehen scheint. Das Vorkommen -des Hellsehens wird selbst bei hoch gesteigertem Somnambulismus -immer nur als sporadischer Ausnahmefall anzusehen sein, aber nicht -als ein fortdauernder Zustand, aus dem +alle+ anscheinenden -Sinneswahrnehmungen zu erklären wären. - -Der psychologische Unterschied zwischen Sensitivität und Somnambulismus -ist nicht in der Ungleichmässigkeit der Schwellenverschiebung für -verschiedene Sinne, sondern darin zu sehen, dass die gewöhnliche -Sensitivität auf ein waches, die somnambule auf ein träumendes -Bewusstsein trifft, und dass in Folge dessen der Sensitive seine -Sinneseindrücke von Phantasiebildern unterscheiden kann, der Somnambule -nicht. Daher kommt es, dass der Somnambule Phantasiebilder von -Sinneseindrücken, welche durch Ideenassociation aus Empfindungen ganz -anderer Sinnesgebiete entstanden sind, für reale Sinneswahrnehmungen -hält (z. B. das Phantasiegebild eines Wohlgeschmacks oder einer -Amputation, die der Magnetiseur ihm bloss einredet, oder die Bilder von -Gestalten und Stimmen, die nur Personifikationen oder Symbolisirungen -organischer Gefühlsreize sind), während energische Sinneseindrücke, -die zu dem momentanen Inhalt seines Traumbewusstseins keine Beziehung -haben, von diesem gar nicht appercipirt werden (z. B. eine wirklich -stattfindende Operation, oder ein intensiv schmeckender Stoff auf -der Zunge, oder die den geöffneten Augen sich darbietende Umgebung). -Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit der Sensitivität macht es -erklärlich, dass wiederholter Somnambulismus das Nervensystem sensitiv -macht, d. h. einen geringeren Grad der somnambulen Sensitivität -als dauernden Zustand zurücklässt. Die Sensitivität ist aber ein -pathologischer, bei Unwohlsein sich steigernder (223) Zustand, der für -unser praktisches Leben mit den grössten Unannehmlichkeiten verknüpft -ist (197), und häufig mit einer Schwächung des Gedächtnisses Hand in -Hand geht (310), also ein Zustand dessen Herbeiführung und Steigerung -sorgfältig zu vermeiden ist. - -Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit Hysterie, Epilepsie, -Katalepsie, Ohnmacht, Starrsucht, Scheintod, Todeskampf, -Fieberdelirien, Veitstanz und den verschiedenen Arten des Irrsinns -zeigt eine Anzahl sich kreuzender Symptome; alle schwereren -Erkrankungen des Nervensystems disponiren zum spontanen Eintritt und -zur Empfänglichkeit für die künstliche Erzeugung des Somnambulismus, -wie umgekehrt ein häufiges Hervorrufen des somnambulen Zustandes -künstliche Hysterie erzeugt (nach Richet), den Geist und Körper -zerrüttet und zu allen Arten von Nervenleiden prädisponirt. - -So lange ein Nervenleiden besteht, gelingt es dem Magnetiseur mit -Leichtigkeit, den Somnambulismus hervorzurufen; schreitet aber -die Genesung fort, so wird das Magnetisiren des Rekonvalescenten -immer schwieriger (239), bleibt aber in Folge der Gewöhnung des -Organismus immer noch leichter, als es vor Eintritt der Krankheit -war. Das weibliche Geschlecht, das bei seinem geringeren Uebergewicht -des Grosshirns über das sonstige Centralnervensystem leichter -zu decentralisirender Desorganisation des letzteren, d. h. zu -Nervenleiden, hinneigt, ist auch mehr prädisponirt für das Auftreten -von natürlichem und die Herbeiführung von künstlichem Somnambulismus, -insbesondere der höheren Grade derselben. - -Die Gleichheit der körperlichen Symptome bei Katalepsie und -Somnambulismus ist in die Augen springend; der Tonus der Muskeln -genügt, um jede einem Gliede gegebene Stellung zu behaupten, -ohne dass Krampfzustände vorhanden sind (Wachstarre). Aber der -Unterschied zwischen Katalepsie, Starrsucht, Scheintod einerseits -und Somnambulismus andererseits ist ebenso in die Augen fallend: -die Bewegungslosigkeit dort und die automatenartige Beweglichkeit -nach Anleitung des unwillkürlichen Inhalts des Traumbewusstseins -hier. Die automatische, traumgeleitete Beweglichkeit ist dagegen -im Veitstanz vorhanden, sobald die gewöhnlichen Krämpfe sich zu -ekstatischen Konvulsionen ausbilden, und die Geschichte der religiösen -Verirrungen zeigt in allen Ländern und Glaubenskreisen ähnliche Bilder -solcher ansteckenden Zustände, wie sie auch in Fällen des spontanen -Somnambulismus häufig beobachtet werden. Manche Theoretiker des -Somnambulismus sind soweit gegangen, eine Menge Formen der schweren -Nerven- und Geisteskrankheiten für regellose Formen des Somnambulismus -zu erklären (243, 266, 366); wenn dies richtig wäre, so würde der -pathologische Charakter des Somnambulismus in ein noch helleres Licht -dadurch gestellt, als wenn, wie ich annehme, in vielen Fällen bloss -eine Verquickung somnambuler Zustände mit anderen verwandten Störungen -des nervösen Gleichgewichts stattfindet. - -Gehen wir zu den psychischen Symptomen über, so zeigt sich die -Hyperästhesie der Erinnerung nicht nur im Somnambulismus und dem -gewöhnlichen Traum, sondern auch in Fieberdelirien, in manchen -Fällen der Hysterie, des Irrsinns, der Incubationsperiode mancher -Gehirnkrankheiten und im Todeskampf. Wenn eine Somnambule die -Aufschriften der Strassenschilder aus dem Heimatsort ihrer Jugend -angeben kann, wenn sie einmal Gelesenes wörtlich hersagt, wenn -sie die lateinischen oder griechischen Recitationen oder die -Violinübungen früherer Stubennachbarn nachahmend wiederholt, so -finden diese Leistungen eines hyperästhetischen Gedächtnisses -ihre Analogien in den gleichen Erscheinungen bei Fiebernden oder -Irrsinnigen, und hier wie dort stellt sich leicht die Täuschung ein, -dass Reproduktionen aus dem Gedächtniss, die man nicht als solche -erkennt, unmittelbare Neuproductionen seien, so dass dann leicht die -Reproductionen vergangener Ereignisse, an welche die Erinnerung (d. -h. Wiedererkennung) fehlt, als Weissagungen auf die Zukunft gedeutet -werden können. - -Hand in Hand mit der Hyperästhesie der Erinnerung geht nicht selten -eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufs; wahrscheinlich sind beide, -die Erleichterung und die Beschleunigung des Vorstellungswechsels -durch Ideenassociation, koordinirte Wirkungen derselben Ursache, einer -Hyperästhesie des funktionirenden Organs (Gehirntheils). Wie die Zeit -des Gehirnreflexes zwischen Empfindung und motorischer Reaktion, so ist -auch die durchschnittliche Zeit, die vom Auftauchen einer Vorstellung -bis zum Hervorrufen der folgenden durch Ideenassociation verstreicht, -bei jedem Individuum eine andere, und bei demselben Individuum je nach -seinem Befinden und seiner Stimmung (Frische oder Ermüdung, Sättigung -oder Nüchternheit, intellektuelle Freiheit oder Gemüthsbeklommenheit) -erheblichen Schwankungen (etwa von 2 bis 1/12 Sekunde) schon im -wachen normalen Bewusstseinszustand unterworfen. Die Schwankungen -bewegen sich in noch weiteren Grenzen im Schlaf und den abnormen -Zuständen des Nervensystems. In Fieberdelirien, in maniakalischen -Delirien, im Haschischrausch und im Todeskampf (insbesondere der -Ertrinkenden) erreicht die Hyperästhesie des Gedächtnisses und der -Phantasie einen Grad, der mit Ideenflucht bezeichnet wird, den man aber -bei der sinnlich-anschaulichen Beschaffenheit solcher unwillkürlich -vorüberziehenden Vorstellungsgebilde vielmehr „Bilderflucht“ nennen -sollte. Indessen sind die Berichte über das Vorüberziehen des gesammten -Lebens von dem Bewusstsein Ertrinkender denn doch nur auf typische -Hauptmomente des Lebens zu beziehen, und deren können in 60 bis 180 -Sekunden allerdings eine beträchtliche Zahl (720 bis 2160) auf einander -folgen, ohne die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs -auch nur zu überschreiten.[18] - -Ein weiteres psychisches Symptom, welches dem Somnambulismus -(und dem Traum) mit Fieberdelirien, Haschischträumen und -Geistesstörungen gemeinsam ist, ist die dramatische Spaltung. -Wenn eine Gedächtnissvorstellung zwar reproducirt wird, aber ohne -Wiedererkennung, d. h. ohne Erinnerung, so nimmt das wache, besonnene -Bewusstsein dieselbe hin als eine aus dem Unbewussten auftauchende, -deren Herkunft zunächst problematisch bleibt, vermuthet aber von -vornherein, dass sie aus dem Gedächtniss stammen werde; oft hat man -auch das Gefühl, sie schon gehabt zu haben, also das Bewusstsein, dass -sie Gedächtnissvorstellung ist, ohne ihr doch in der Vergangenheit -durch Verknüpfung mit Ort, Zeit und näheren Umständen ihres früheren -Auftretens einen bestimmten Platz anweisen zu können (284). Das -träumende Bewusstsein, das dieser Besonnenheit ermangelt und statt -dessen allen Gedankengehalt in sinnlich-anschauliche Formen giesst -(33), verbildlicht (50), symbolisirt (70) und personificirt (99), -projicirt eine Gedächtnissreproduktion, die es nicht als solche zu -rekognosciren vermag, gern nach aussen, und legt sie Traumgestalten -in den Mund; das irre Bewusstsein verfährt bei höheren Graden -der Phantasieerregung ebenso, bei geringeren Graden, die zur -Gestaltenprojektion (Gesichtshallucination) nicht ausreichen, verlegt -es wenigstens den Gedankengehalt in von aussen kommende Stimmen -(Gehörshallucination). - -Die Bruchfläche dieser dramatischen Spaltung ist also die Scheidelinie -zwischen Gedächtnissreproduktion und Erinnerung (291); was das -Traumbewusstsein als sein Eigenthum rekognoscirt, nimmt es auch -als solches, als geistigen Besitz und Zubehör seines Ich für sich -in Anspruch, was es nicht zu rekognosciren vermag, aber trotzdem -als seinen Bewusstseinsinhalt vorfindet, lässt es auch nicht als -das Seinige gelten und projicirt es auf andre Traumgestalten. -Aus dem Unbewussten stammt also gleichmässig aller Inhalt des -Traumbewusstseins, sowohl der dem Ich als der dem Nichtich zugetheilte, -und Alles gehört gleichmässig dem Inhalt des Traumbewusstseins -an; auch das Ich des Träumers umfasst nur einen kleinen Theil des -Gesammtinhalts des Traumbewusstseins, und auch dieser dem Ich -zugewiesene Theil ist ein ebenso unwillkürlicher Ausfluss aus dem Quell -des Unbewussten, wie der in’s Nichtich (Aussenwelt und Traumgestalten) -hinausprojicirte Theil. Deshalb ist es unzulässig, wenn du Prel die -Bruchfläche der dramatischen Spaltung für zusammenfallend erklärt -mit der psychophysischen Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem -(96, 101), oder wenn er behauptet, dass alle Verstandesprocesse, -die den Charakter eines Einfalls haben, im Traume zur dramatischen -Spaltung führen (106). Gerade die produktiven Einfälle vertheilen sich -auf das Ich des Träumers und die bereits gegebenen Traumgestalten, -je nachdem die Situation des Traumes es verlangt, d. h. je nachdem -sie einem Vorstellungskomplex associativ zugehören, welcher dem -Traum-Ich oder anderen Traumfiguren bereits zugetheilt ist. Aber wohl -niemals werden solche produktive Einfälle zur Abspaltung +neuer+ -Traumfiguren veranlassen; denn bei ihnen fehlt ja eben die Scheidelinie -zwischen Reproduktion und Erinnerung, welche allein massgebend als -Bruchfläche der Spaltung ist, und welche etwas ganz Anderes ist als -die „psychophysische Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem“ im -Allgemeinen. - -Es ist die niedrigste Form der dramatischen Spaltung, wenn ein -reproducirter Gedächtnissvorrath, der nicht als solcher wiedererkannt -ist, in fremde Traumgestalten hinausprojicirt wird; man sollte in -diesem Falle, streng genommen, noch nicht von dramatischer +Spaltung+, -sondern von dramatischer +Vertheilung+ des Bewusstseinsinhalts auf das -Ich und das Nichtich des Traumbewusstseins sprechen. Dies Verhältniss -bleibt auch dann noch dasselbe, wenn die einer Traumfigur in den Mund -gelegte Gedächtnissvorstellung nach der Aeusserung derselben dann als -eigenes, nur zeitweilig vergessenes Wissen in’s Ich zurückgenommen -wird. Interessanter sind jene Spaltungen, bei welchen nicht mehr das -reproducirte Vorstellungsmaterial, sondern die eigene Traumfigur, das -Traum-Ich gespalten und in mehrere Ichs zertheilt wird, etwa als Acteur -auf der Bühne und als Zuschauer im Parterre; derartige Verdoppelungen -kommen auch bei Todtkranken und bei Irrsinnigen vor, welche letztere -manchmal lange Disputationen mit ihrem visionär vor ihnen stehenden -Doppelgänger halten. Aber nicht immer weiss man sich im Traum identisch -mit seinem zweiten Ich, und das Selbstbewusstsein kann zwischen beiden -schwanken, wobei dann immer das jeweilige eigentliche Ich das zweite -Ich als sein „anderes“ Ich oder als „den Andern“ betrachtet; beide Ich -können auch wieder in eins zusammenfliessen, wie wenn das Zuschauer-Ich -auf die Bühne springt, um nun selbst weiter zu agiren. Dem analog ist -es eine gewöhnliche Erscheinung, dass das somnambule Bewusstsein sich -als das eigentliche Ich des somnambulen Zustandes von dem „anderen“ Ich -des wachen Zustandes, dessen Bewusstseinsphäre es doch umspannt, wie -von einer fremden Person unterscheidet, und diese Neigung, die eigene -Persönlichkeit des wachen Lebens als eine andere, fremde, obwohl doch -mit dem Ich wie ein Doppelgänger zusammengekoppelte anzusehen, wächst -mit der Tiefe des Somnambulismus. - -Die Scheidelinie zwischen Reproduktion und Erinnerung reicht zwar -aus zur Feststellung der Bruchfläche für die einfache dramatische -Spaltung zwischen Ich und Nichtich, aber nicht für die Feststellung -der Bruchfläche für die Spaltung des Ich in ein doppeltes Ich, das -„eigentliche“ Ich und „das andere“; die psychophysische Schwelle -zwischen Bewusstem und Unbewusstem, die schon für den ersteren Fall -nur irrthümlicher Weise mit der Bruchfläche der Spaltung verwechselt -werden konnte, passt auf den letzteren Fall noch viel weniger, da der -Bewusstseinsinhalt des „anderen“ (normalen) Ich für das Bewusstsein des -„eigentlichen“ (somnambulen) Ich nichts weniger als unbewusst, sondern -völlig bewusst, ja sogar in seiner Einordnung in die Erlebnisse der -Vergangenheit klar durchschaut und doch nicht als eigener Besitz, als -Zubehör des „eigentlichen“ Ich anerkannt wird. Man könnte sich denken, -dass das einer fremden Traumfigur geliehene Gedächtnissmaterial in dem -Falle, wenn es eine grössere zusammenhängende Gruppe von Vorstellungen -ausmacht, dahin neigt, das Traumbewusstsein zu der Ahnung zu führen, -dass das scheinbar Fremde doch nur sein verliehenes Eigenthum, -somit die fremde Traumfigur nur ein Spaltungsprodukt des eigenen -Geisteslebens sei, was sich dann bildlich in dem widerspruchsvollen -Gleichsetzen und Ungleichsetzen der anderen Figur mit dem Traum-Ich -ausdrückt; aber dabei bleibt doch die Hauptbedingung unerwähnt, dass -die abgetrennte Vorstellungsmasse ausreichend und geeignet sein muss, -einem Ich als Unterlage zu dienen, was psychologisch nicht zu erklären -ist. - -Begrifflich streng zu sondern von dem subjektiven Phänomen der -dramatischen Spaltung des Ich ist das objektive Phänomen des -alternirenden Bewusstseins. Ein solches kommt dann zu Stande, wenn -verschiedene Bewusstseinszustände, welche die Eigenthümlichkeit haben, -nach stattgehabter Unterbrechung die Kontinuität des Bewusstseins -aufrecht zu erhalten und ein in sich geschlossenes bewusstes -Lebensganze zu bilden, mit einander abwechseln. Ein solcher Zustand ist -das normale wache Bewusstsein, ein zweiter das somnambule Bewusstsein, -ein dritter der Hochschlaf des somnambulen Bewusstseins, ein vierter -und fünfter kann endlich in verschiedenen Formen periodischer -Geistesstörung auftreten, in welchen die Erinnerung an das bisherige -wache Leben erlischt und ein von demselben völlig abgetrenntes neues -Leben begonnen und fortgeführt wird. Auch die Reiche der natürlichen -Träume würde ein alternirendes Bewusstsein konstituiren, wenn sie sich -ebenso wie die Abschnitte des wachen Lebens, oder wie die Reihe der -somnambulen Krisen oder die Reihe der bezüglichen Irrsinnsanfälle zu -einem stetig zusammenhängenden Erinnerungsganzen konsolidirten. Die -periodische Geistesstörung producirt für sich allein manchmal mehr -als ein abgetrenntes Bewusstseinsleben, das mit dem wachen alternirt; -wechseln zwei getrennte Bewusstseinszustände des Irrsinns mit dem -normalen wachen Bewusstsein ab und tritt zu diesen dreien noch der -somnambule Zustand, so haben wir es mit einem vierfachen alternirenden -Bewusstsein, d. h. mit einem vierfachen Geistesleben desselben -Individuums zu thun (337-343). - -Streng genommen kann von einem alternirenden Bewusstsein nur da -gesprochen werden, wo weder der Zustand a vom Zustand b, noch der -Zustand b vom Zustand a etwas weiss; diese Bedingung ist aber im -Somnambulismus nur einseitig erfüllt, da das somnambule Bewusstsein -den Gedächtnissinhalt des wachen nicht nur umspannt, sondern sogar in -erleichterter Weise reproducirt (308, 312). Im Traum findet dieses -Umspannen des wachen Bewusstseinsinhalts durch das Traumbewusstsein -der Regel nach ohne Spaltung des Ichs statt, und die Verdoppelung des -Ich im Traume gehört zu den seltensten Ausnahmen, bei denen vielleicht -schon eine Uebergangsform zwischen Traum und Somnambulismus oder Traum -und Wahnsinn[19] anzunehmen ist. Im alternirenden Bewusstsein des -Irrsinns fehlt in der Regel jede Umspannung der Vorstellungen des -einen Zustandes durch das Bewusstsein des anderen und jeder der beiden -Bewusstseinszustände weigert sich, die ihm von aussen dargebotenen -Vorstellungen, sofern sie dem anderen angehören, als die seinigen -anzuerkennen, oder überhaupt kennen zu wollen. Nur wenn der Irrsinn -dem Traum sich annähert, d. h. Hallucinationen erzeugt, kommt es vor, -dass das wahnsinnige Bewusstsein als ein anderes Ich aus der Person -des Kranken (meist mit veränderter Stimme) redet und sich von dieser -unterscheidet, womit dann die Illusion der Besessenheit gesetzt -ist. Im Somnambulismus weigert sich nur das wache Bewusstsein, die -Vorstellungen des somnambulen kennen zu wollen; das letztere aber -kennt die Vorstellungen des ersteren wohl, erkennt sie aber nicht -als die seines „eigentlichen“ Ichs, sondern als die des „anderen“ -an. So nimmt ersichtlich der Somnambulismus in dieser Hinsicht eine -Mittelstellung zwischen Traum und Irrsinn ein, halb dem einen, halb -dem andern gleichend, und bemüht, die Unterschiede beider durch die -dramatische Spaltung des Ich zu vermitteln, insofern durch dieselbe -das alternirende Bewusstsein des Irrsinns in fingirter Weise trotz der -Umspannung des alternirenden Bewusstseinszustandes aufrecht erhalten -wird. - -Es wird die Vermuthung nahe liegen, dass nicht nur hier, sondern -überall, wo wir der dramatischen Spaltung und Verdoppelung des Ich -begegnen, dieser phantastische optische Dualismus eine symbolische -Personifikation der physiologischen Thatsache ist, dass die -physiologischen Hauptbedingungen zu einem alternirenden Bewusstsein -vorhanden sind, wenn auch dasselbe wegen des Fehlens gewisser -Nebenbedingungen meistens im latenten oder potentiellen Zustande -verharrt. Andrerseits werden wir annehmen dürfen, dass überall, wo ein -alternirendes Bewusstsein besteht, auch die physiologischen Bedingungen -für die dramatische Spaltung und Verdoppelung des Ich gegeben sind, -und nur das umspannende Uebergreifen des einen Bewusstseins über das -andere hinzuzutreten braucht, um die Verdoppelung des Ich wirklich -herbeizuführen; die Richtigkeit dieses Satzes wird bestätigt in -denjenigen Fällen des alternirenden Bewusstseins bei Geisteskranken, in -denen die beiden Zustände nicht plötzlich wechseln oder durch trennende -Bewusstlosigkeit geschieden sind, sondern allmählich in einander -übergehen, wo sich dann stets im Uebergangsstadium das Gefühl der -doppelten Persönlichkeit einstellt. -- - -Nach allem vorher Angeführten sollte man es für unzweifelhaft halten, -dass man es beim Somnambulismus mit einem nicht bloss abnormen, -sondern schlechthin krankhaften Zustand des Organismus zu thun -hat, mit einem Zustand, der nicht nur seiner Entstehungsursache -nach, sondern an und für sich pathologisch ist und deshalb auch -nur pathologisch modificirte Funktionen ermöglicht. Der psychische -Symptomenkomplex des Somnambulismus lässt sich zusammenfassen als -eine Auslöschung oder Suspension der psychischen Funktionen im -Allgemeinen und als koncentrirte Steigerung derselben in derjenigen -beschränkten Richtung, auf welche das Interesse und die Aufmerksamkeit -durch den Magnetiseur oder Experimentator hingelenkt ist. Es besteht -allgemeine Fühllosigkeit, Seelenblindheit, Seelentaubheit, Geruch- und -Geschmacklosigkeit (Analgesie und Anästhesie), Gedächtnisslosigkeit -(Amnesie), Willenlosigkeit (Abulie), und völlige Stockung des -spontanen Vorstellungsverlaufes, alles dies aber gleichzeitig mit -hochgradiger Sensitivität und Hyperästhesie, Verschärfung der -sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit, Gedächtnisssteigerung (Hypermnesie), -erhöhter Willensenergie (Hyperbulie) und vermehrter Intensität und -Geschwindigkeit des Vorstellungsablaufes, freilich nur in den ganz eng -begrenzten Richtungen, auf welche durch Suggestion des Magnetiseurs -oder auch durch Autosuggestion das Interesse und die unwillkürliche, -reflektorische Aufmerksamkeit koncentrirt ist. Es ist als ob alle -psychischen Funktionen durch künstliche Verengerung des Bettes, in -dem sie sich bewegen, krankhaft gesteigert wären, ähnlich wie die -Muskelkräfte des Maniakus. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen, -dass die Ergebnisse der psychischen Funktionen dieses Zustandes logisch -wahr oder moralisch untadelig seien; z. B. wenn die pathologische -Verfeinerung der Wahrnehmung das Material zu Erkenntnissen und -unbewussten Schlussfolgerungen liefert, welche dem wachen Bewusstsein -verschlossen bleiben, oder wenn das moralische Gefühl des Menschen -durch die physische und psychische Analgesie des somnambulen Zustandes -von pathologischen Störungen befreit wird, welche es im wachen Zustande -entstellen. Aber dieser relative Werth der Ergebnisse jener psychischen -Funktionen beweist doch nichts dagegen, dass dieselben an und für -sich pathologischer Natur sind, wie du Prel meint (131, 137, 278). -Der Beweis dafür ist damit gegeben, dass auch andere pathologische -Zustände, Sensitivität, Irrsinn u. s. w. gelegentlich richtige und -ungewöhnliche Ergebnisse durch ihre pathologischen psychischen -Functionen zu Tage fördern. Anderseits würde die pathologische Natur -des somnambulen Zustandes nicht hindern können, dass die Natur ihn -unter Umständen als das kleinere von zwei Uebeln wählt, und dass die -menschliche Absicht dieses Beispiel der Natur nachahmt, falls das -Uebergewicht des zu beseitigenden Uebels und seine Beseitigung durch -das gewählte Mittel zweifellos sind. - -Du Prel geht es wie so vielen Autoren, die sich anhaltend mit einem -Gegenstande beschäftigt haben, er überschätzt dessen Bedeutung in -jeder Hinsicht. So wenig es rathsam ist, nach der Weise der Alten die -Träume auf ihren prophetischen Werth hin zu kultiviren, ebensowenig -kann man es empfehlen, den Somnambulismus in ausgedehnterem Maasse -zu psychologischen Experimenten oder gar zu Heilzwecken zu benutzen. -Wenn es wahrsagende Träume giebt, so müssen dieselben nach du Prel in -tiefem Schlaf (36) stattfinden, von welchem wir gar keine oder nur -eine durch den Halbschlaf vermittelte Erinnerung besitzen (49); der -Halbschlaf aber, der nur werthlose Phantasiebilder liefert (36, 51), -droht die ohnehin schon symbolisirten Ahnungen des tiefen Schlafs -noch zu verunstalten, wenn er sie einmal ausnahmsweise der wachen -Erinnerung überliefert. Die Jagd nach prophetischen Träumen würde -deshalb sicherlich in der grössern Mehrzahl der Fälle, wo man einen -solchen vermuthet und nach einer solchen Vermuthung handelt, den -Menschen zum Narren haben; gesetzt aber auch, man lernte einmal aus der -Symbolik des Traums, dass man sich im Inkubationsstadium einer noch -nicht ausgebrochenen Krankheit befände, so würde dadurch die glückliche -Unwissenheit des Kranken nur um so viel früher zerstört ohne die -Therapie zu erleichtern, welche doch meist erst in den späteren Stadien -einer Erkrankung eingreifen kann. - -Zur Erweiterung unserer psychologischen Kenntnisse über abnorme -psychische Zustände wird man wohl thun, sich auf genaue Beobachtung des -spontanen Somnambulismus zu beschränken; ich würde es eher für zulässig -halten, an Menschen mit ihrer Zustimmung Vivisectionsexperimente -zu machen, welche doch nur ihren Körper vorübergehend schädigen, -als künstliche Geistesstörungen in ihnen zu erzeugen, welche erst -bei öfterer Wiederholung interessantere Ergebnisse liefern, dann -aber auch Körper und Geist dauernd zerrütten.[20] Da der durch -künstlichen Somnambulismus dem Nervensystem zugefügte Schaden eine -zweifellose Thatsache, der durch ihn zu erzielende medicinische -Gewinn aber theils illusorisch, theils zweifelhaft und unsicher ist, -so wird jeder besonnene Arzt vor der Anwendung des Somnambulismus -zu Heilzwecken zurückschrecken, ganz unabhängig davon, ob er sich -denselben +erklären+ kann oder nicht (237); denn die vorläufige -Unerklärlichkeit der Wirkungsweise der meisten Heilmittel hat -noch keinen Arzt von deren Anwendung abgehalten. Ausserdem sind -es noch Nebengründe, welche die medicinische Verwendbarkeit des -Somnambulismus, selbst wenn man sie im Princip zuliesse, doch -praktisch (ebenso wie die örtliche Anwendung des Heilmagnetismus -ohne Hypnotisirung) auf Ausnahmefälle beschränken würden, nämlich -die relative Unempfänglichkeit vieler Patienten für magnetische -Einflüsse, die relative Seltenheit ausreichender magnetischer Kraft -bei Aerzten und die rasche Krafterschöpfung der Magnetiseure bei -erwerbsmässiger Thätigkeit. Wollte man aber nach den Vorschlägen -Fahnestock’s[21] alle Menschen darauf einüben, sich selbst willkürlich -durch psychische Einflüsse in Somnambulismus versenken zu können, so -wäre der dadurch im Nervensystem der Menschheit angerichtete Schaden -unermesslich, der Gewinn aber höchst zweifelhaft; denn ob bei schweren -Verwundungen, Brandwunden, Schlangenbissen, Neuralgien u. s. w. der auf -Selbstsomnambulisirung Eingeübte im Stande bliebe, seinen psychischen -Vorstellungsablauf so zu beherrschen, dass der Somnambulismus auch -wirklich einträte, darüber hat Fahnestock, wie es scheint, noch keine -Versuche angestellt. - -Den Nutzen, den der Somnambulismus bringen kann, schlägt du Prel -viel zu hoch an. Dass dauernde vollständige Schlafentziehung ebenso -wie Nahrungsentziehung den Menschen tödtet, ist zweifellos; aber es -ist falsch, aus der Unentbehrlichkeit des Schlafs und der Nahrung zu -schliessen, dass der Mensch sich desto besser befinden müsse, je mehr -Schlaf und Nahrung man ihm zuführt (212). Dass Schlafsucht, die zu -wochenlangem oder monatelangem Schlaf führt, nicht nur nicht heilsam -ist, sondern meist mit Blödsinn oder Tod endet, ist bekannt. Aber -gesetzt auch, der Schlaf wäre um so heilsamer, je tiefer er ist, so -wäre doch die daraus gezogene Schlussfolgerung du Prel’s falsch, dass -der somnambule Schlaf als der tiefere und intensivere auch heilsamer -sein müsse als der natürliche (41). Denn erstens beruht dieser Schluss -auf der falschen Voraussetzung, dass der Somnambulismus eine Vertiefung -des normalen Schlafes sei, und zweitens lässt sie ausser Acht, dass -selbst, wenn er dies wäre, er doch nur eine +krankhafte+ Vertiefung -desselben wäre, die sich niemals an Heilsamkeit mit dem gesunden -Schlaf, selbst solchem von +geringerer+ Tiefe, messen kann. So ist -z. B. der durch Chloral, Morphium u. s. w. erzeugte Schlaf tiefer -als der gewöhnliche, und doch sind fünf Stunden natürlichen Schlafes -erquickender als sieben Stunden eines solchen künstlich erzeugten; -wer aber keinen natürlichen Schlaf finden kann, greift schliesslich -doch zu solchen Mitteln und darf dann wohl von ihnen rühmen, dass sie -nach langer Schlaflosigkeit ihn wahrhaft erquickt haben. So mögen -auch Somnambulen, die an Schlaflosigkeit leiden, das Erquickende des -somnambulen Schlafes rühmen, der ihnen einen gewissen Ersatz gewährt; -ja sogar sie können, wenn sie an schmerzhaften oder quälenden Zuständen -und Verstimmungen des Nervensystems leiden, mit Recht dem Hypnotismus -wegen seiner Analgesie in ihrem subjektiven Empfinden einen Vorzug -vor dem natürlichen Schlaf einräumen, ebenso wie sie ihm oft den -Vorzug vor dem ihnen unbehaglichen wachen Zustande geben (493). Aus -dieser subjektiven Bevorzugung des somnambulen Zustandes durch die -Somnambulen auf seine objektive Heilsamkeit zu schliessen, wäre ebenso -voreilig, als wenn man aus dem Verlangen eines Morphiumsüchtigen nach -neuer Narkose auf die Heilsamkeit der Morphiumnarkose schliessen -wollte. Dass der somnambule Zustand nicht erquickender sein kann, -als der gewöhnliche Schlaf, wird dadurch objektiv erwiesen, dass -er den letzteren nicht überflüssig macht, vielmehr bei andauerndem -Somnambulismus das Bedürfniss nach natürlichem Schlaf ganz ebenso -eintritt, wie im wachen Zustande (332). - -Uebrigens stehen den Aeusserungen der Somnambulen über die -Erquicklichkeit des somnambulen Zustandes ebensoviel Aeusserungen -gegenüber, dass derselbe nicht gut für sie sei, und dass Alles -vermieden werden solle, was ihren Rückfall in diesen Zustand -herbeiführen oder begünstigen könnte (369); nur die Aeusserungen der -letzteren Art sind unverdächtige Kundgebungen des Heilinstinkts, -während bei denen der ersteren Art der Verdacht nahe liegt, dass -der Heilinstinkt durch den Drang nach relativer Behaglichkeit des -subjektiven Befindens verdunkelt werde. Letzteres wird dadurch -erhärtet, dass die Somnambulen mit dem Schwinden ihrer subjektiven -Beschwerden auch aufhören, nach dem somnambulen Zustand Verlangen zu -tragen; wenn er aber erquicklich und unschädlich zugleich wäre, so -müssten Alle, die ihn kennen gelernt haben, nach seiner Wiederholung -Verlangen tragen, gleichviel ob sie gesund oder krank wären. Wenn der -Somnambulismus darum heilsamer wäre, als der Schlaf, weil er tiefer, -intensiver als dieser ist, so müsste er um so heilsamer sein, je -tiefer er ist, am heilsamsten also als Hochschlaf; das Gegentheil -davon ist wahr: der somnambule Zustand ist um so schädlicher in seinen -Nachwirkungen auf den Organismus, je tiefer er ist, und der geradezu -lebensgefährliche Hochschlaf wird von den Somnambulen selbst gefürchtet -(365). Gegen die prahlerischen Berichte der Magnetiseure über -wunderbare Heilungen und Regenerationen in anhaltendem Somnambulismus -ist mehr kritische Vorsicht nöthig, als du Prel anwendet (212, 254), -und das Gleiche gilt für die wunderbaren Wirkungen der von den -Somnambulen für sich oder Andere verwendeten Heilmittel. - -Da der Somnambulismus ein krankhafter, von dem gesunden Schlaf -specifisch verschiedener Zustand ist, der den letzteren keineswegs -entbehrlich macht, wohl aber um so schädlichere Nachwirkungen -hinterlässt, je tiefer er war und je öfter er sich wiederholte, so -ist gegen jede Behauptung heilsamer Wirkungen dieses Zustandes die -äusserste Vorsicht geboten. Der spontane Somnambulismus ist zunächst -ebenso zweifellos ein Symptom einer Erkrankung des Nervensystems wie -Epilepsie, Veitstanz oder Irrsinn; nur die unkritische vorgefasste -Meinung von der Heilsamkeit des Somnambulismus kann zu dem Irrthum -verleiten, in jedem Fall von spontanem Somnambulismus eine Aeusserung -der Naturheilkraft zu sehen. Dabei bleibt natürlich die Möglichkeit -nicht ausgeschlossen, dass in einzelnen besonderen Fällen der -spontane Eintritt des Somnambulismus in der That als eine Selbsthülfe -der Natur aufzufassen ist, z. B. um durch Analgesie dem Organismus -eine Erholungspause von unerträglichen Schmerzen zu gönnen, oder um -einen Anfall von nervöser Gleichgewichtsstörung in milderer Form -verlaufen zu lassen (larvirte Epilepsie, larvirter maniakalischer -Anfall). Ebenso ist es nicht unmöglich, dass die im Somnambulismus -stattfindende Funktionsausschaltung gewisser Theile des Organismus -und die Veränderung in den Bahnen des Blutstroms Gelegenheit geben -zur Förderung regenerativer Vorgänge. Im ersteren Sinne könnte -dem Somnambulismus ein symptomatischer Werth (zur Vorbeugung oder -Unterdrückung bedrohlicher nervöser Anfälle), im letzteren Sinne ein -Werth für die Linderung der Krankheitsursachen zugesprochen werden. - -Aber was so für den spontanen Somnambulismus gelten könnte, ist -darum noch nicht ohne Weiteres auf den künstlichen Somnambulismus zu -übertragen, wie du Prel annimmt (140); denn wer steht dafür, dass -der künstliche Somnambulismus genau derselbe Zustand ist, wie der -natürliche, dass er der Natur, die es unterlassen hat, ihn spontan -herbeizuführen, überhaupt willkommen ist, und dass er genau im rechten -Grade und genau zur rechten Zeit angewendet wird? Insbesondere der -mehr am Tage liegende prophylaktische Werth als symptomatisches -Palliativmittel hängt ganz davon ab, dass der Kranke den Magnetiseur -in jedem Augenblick bei sich hat, was doch viel schwerer ist, als ein -Chloral- oder Morphiumpulver immer bei sich zu tragen. Zwar kann der -Arzt dem Patienten in der Hypnose suggeriren, dass der somnambule -Schlaf jedesmal wiederkehren soll, sobald er eines von einer Anzahl -wirkungsloser Pülverchen zu sich nimmt, oder auch sobald er einen -bestimmten Spruch hersagt; aber solche posthypnotische Suggestionen -werden nur bei Personen von hochgradiger Nervosität längere Zeit ihre -Wirkung behalten, und grade bei solchen ist die Herbeiführung des -Somnambulismus ohne sachkundige Beaufsichtigung am wenigsten zulässig. -Selbst wenn die körperlichen Nachtheile der narkotischen Mittel ebenso -gross wären wie die des Somnambulismus (was entschieden zu bestreiten -ist), würden sie doch, da sie für die Gesundheit dasselbe mit grösserer -Sicherheit leisten, den Vorzug verdienen, weil die Gefahren für Geist -und Charakter bei ihnen ungleich geringer sind. Auch der Heilwerth -der posthypnotischen Suggestionen bei hysterischen Störungen ohne -anatomische Grundlage (hysterischen Lähmungen, Krämpfen u. s. w.) darf -nicht überschätzt werden; denn wenn es gelingt, der Krankheit die eine -Pforte zum Hervortreten auf diese Weise zu verschliessen, so wird sie -nie in Verlegenheit sein, sich dafür eine andere zu öffnen, so dass -nicht eine Beseitigung, sondern nur eine fortwährende Aenderung der -Symptome auf diesem Wege erzielt wird. Immerhin kann die Aufhebung -besonders lästiger oder schädlicher Symptome durch posthypnotische -Suggestion unter Umständen ein grosser Gewinn für die ärztliche -Behandlung sein, und dürfte hierin noch am ehesten die mesmerische -Praxis eine Zukunft haben. - -Nicht minder als den Heilwerth des Hypnotismus überschätzt du -Prel den Werth der somnambulen Sensitivität und der durch sie -vermittelten Diagnose eigener und fremder Körperzustände. Die Art, -wie die Somnambule ihre Körpertheile fühlt, ist unmittelbar nicht in -Worten auszudrücken, ja nicht einmal unmittelbar vom Bewusstsein zu -vergegenständlichen; erst der in Anschauungsbilder umgewandelte, -d. h. in Gesichtseindrücke übertragene Gefühlseindruck ist in -Worten wiederzugeben. Gesetzt den Fall, der Gefühlseindruck von der -relativen Lage und dem Zustand der eigenen Körpertheile wäre genau und -bestimmt, so würde er doch bei der unwillkürlichen Uebertragung in ein -Anschauungsbild zum ersten Mal, und bei der Uebersetzung des letzteren -in Worte zum zweiten Mal entstellt. Entweder fehlt es der Somnambule -an Worten und technischen Ausdrücken zur Beschreibung ihres Bildes, so -dass der Deutlichkeitsgrad ihrer Anschauung gar nicht zu kontroliren -ist; oder sie beherrscht solche Ausdrücke, dann besitzt sie sicherlich -auch einige unvollkommene Kenntnisse, welche ihrer vermeintlichen -Selbstschau Grundlage und Richtung geben und deren Ergebnisse entweder -verfälschen oder ergänzen. Aber schon der Gefühlseindruck selbst ist -dunkel und unsicher, und es bedarf schon einer Uebung durch häufige -Wiederholung oder eines ausnahmsweisen hohen Grades von Somnambulismus -oder einer örtlichen Steigerung der Hyperästhesie durch örtliche -Magnetisirung (179)[22], um die totale, beziehungsweise lokale -Selbstschau zu einer einigermassen bestimmten zu machen. - -Abgesehen von der natürlichen Unbestimmtheit der Diagnose (198) -und von ihrer Gefährdung durch Einmischung von abstrakten -Gedächtniss-Vorstellungen (178) und Phantasiespielen (172) wird deren -Werth noch durch weitere Fehlerquellen verringert. Einerseits kann -nämlich der Magnetiseur durch vorzeitiges, oder zudringliches oder -ungeschicktes Fragen die Somnambule zwingen, seinen Ansprüchen durch -erquälte Antworten zu genügen, die sie theils nach ihrem eigenen -anatomischen Kenntnissstand, theils nach dem Wortlaut der Fragen -eingerichtet (178), und andererseits können, wenn die Annahme der -Gedankenübertragung vom Magnetiseur auf die Somnambule richtig ist, -sowohl die bewussten Gedanken des Magnetiseurs über die von ihm -erwarteten Antworten als auch die unbewussten Vorstellungen oder -dunklen Ahnungen desselben über den Zustand der Kranken in diese durch -den magnetischen Rapport übergehen und ihm aus demselben zurücktönen, -wie ein Echo, das er nicht als Echo erkennt (267). Hält der Magnetiseur -vorsichtshalber seine Fragen zurück, bis die Somnambule spontane -Aeusserungen über den Gesundheitszustand vorbringt (178), so wird er -nur selten eine Diagnose zu hören bekommen, und dann noch eine sehr -unvollständige und unbestimmte; geht er dann mit Fragen vor, so weiss -er doch nicht, was aus dem gesteigerten Körpergefühl der Somnambule -und was aus anderen Quellen stammt. Somnambule zur Diagnose fremder -Personen zu benutzen, bleibt, ob für Geld oder umsonst geübt, immer -ein Missbrauch ihrer Person, der sie schwächt und angreift und gegen -den sie sich mit Recht sträuben (204-205). Wäre die Ausnutzung der -somnambulen Sensitivität für Diagnosen etwas Unschädliches und wirklich -Werthvolles, so wäre nicht abzusehen, warum ein Magnetiseur, der seine -Somnambule (als Frau, Tochter, Pflegling u. s. w.) unterhält, nicht -ebenso gut wie ein konsultirender Arzt für die gelieferten Diagnosen -Honorar annehmen sollte, zumal sie ja von dem Inhalt der Sitzungen und -ihrer Entlohnung nichts zu erfahren brauchte (370). - -Die Behauptung du Prels, dass die somnambule Selbstschau viel -werthvollere Aufschlüsse über die Anatomie des Menschen als -der Leichenbefund und +allein+ werthvolle Aufschlüsse über die -physiologische und pathologische Oekonomie des Menschen zu geben im -Stande sei, weshalb in der Vivisektion nichts als nutzlose Grausamkeit -zu sehen sei (193), resumirt seine Ueberschätzung der somnambulen -Selbstschau in drastischer Form und verkennt die Nothwendigkeit, -sich der schwer zu erreichenden Wahrheit von möglichst vielen Seiten -her zugleich anzunähern. Nach meiner Ansicht ist der Missbrauch von -Somnambulen zu Diagnosen und Heilverordnungen für dritte Personen -ebenso unbedingt auszuschliessen, wie öffentliche Vorstellungen; auf -dem Gebiet der Selbstdiagnose aber wird nur ganz ausnahmsweise einmal -eine in den selteneren Graden des Somnambulismus spontan eintretende -Aeusserung einen diagnostischen Werth für den Arzt haben können. Eine -Erweiterung unserer anatomischen, physiologischen und pathologischen -Kenntnisse im Allgemeinen von den Aussprüchen der Somnambulen zu -erhoffen, erscheint mir phantastisch und mit den bisherigen Erfahrungen -im Widerspruch. Dagegen erkenne ich bereitwillig den Nutzen an, den das -objektive Studium dieser pathologischen Zustände der Physiologie des -Nervensystems bringen kann und zum Theil schon gebracht hat. Derselbe -würde noch ungleich grösser sein, wenn die Vivisektion sich mit dem -Somnambulismus redebegabter Individuen verbinden liesse, was leider -nach den bisherigen Ansichten über die Zulässigkeit der Vivisektion bei -Menschen nicht angeht. - -Aber selbst zugegeben, dass gelegentlich die somnambule Selbstschau -der ärztlichen Diagnose eine werthvolle Ergänzung oder Berichtigung -zuführt, so ist damit doch sehr wenig gewonnen; wäre jeder gute -Diagnostiker darum auch schon ein guter Arzt (176), so würde es uns -nicht an guten Aerzten fehlen, da in der Diagnose unsere heutige -Medicin ebenso weit vorgeschritten ist, als sie in der Heilung innerer -Krankheiten ohnmächtig geblieben, ja sogar zur Kenntniss ihrer Ohnmacht -gelangt ist. Steht schon den akuten constitutionellen Erkrankungen der -Arzt machtlos gegenüber, so noch weit mehr den chronischen; allgemeine -Kräftigung durch Diät und Hautpflege ist neben vorübergehender -Linderung einzelner lästiger Symptome das einzige, was ihm der heutige -Stand unserer Kenntniss zu leisten gestattet, insbesondere bei den -chronischen Krankheiten des Nervensystems. Wie wenig nützt ihm da -die Genauigkeit seiner eigenen Diagnose, und wie viel weniger die -gelegentliche Unterstützung durch die Somnambule! -- - -Nun darf freilich der Heilinstinkt der Somnambulen nicht ausser Acht -gelassen werden; aber dieser wird sich meist unabhängig von somnambuler -Selbstdiagnose und nur ausnahmsweise im Zusammentreffen mit derselben -äusseren, besonders, wenn man spontane Aeusserungen abwarten will, -denen allein einiger Werth zugeschrieben werden kann (255). Abgefragte -Heilverordnungen spiegeln fast immer nur die medicinischen Ansichten -des Arztes wieder (267), welche mit denjenigen seiner Zeit theils -übereinstimmen (257), theils mehr oder weniger von ihnen abweichen, -und zwar nicht bloss seine bewussten Gedanken und Entschliessungen, -sondern auch das von ihm Geahnte und noch nicht Erfasste, oder das -von ihm Gewünschte aber noch nicht Gewagte (231, 270). Aber auch -die spontanen Selbstverordnungen der Somnambulen sind mit so viel -Fehlerquellen behaftet, dass man niemals wissen kann, ob und wie viel -der Heilinstinkt dabei mitspricht. - -Erstens haben die meisten Laien mehr Kenntniss von Heilmitteln als -von Anatomie, insbesondere Nervenleidende, an denen schon viel herum -kurirt worden ist, und die oft eine Masse unverdauter medicinischer -Kenntnisse aufgelesen haben (309); es ist daher kein Wunder, dass -auch die Somnambulen die therapeutischen Systeme ihrer Zeit wenigstens -den Grundzügen nach widerspiegeln (264), wenn ihre Aeusserungen -auch mit dem Glauben und Aberglauben der Volksmedicin mehr oder -weniger gemischt sind. Ebenso wie die vermeintlichen Intuitionen der -Somnambulen über metaphysische und religiöse Dinge nur phantastisch -gemodelte unbewusste Reminiscenzen aus dem ihnen geläufigen religiösen -Vorstellungskreise sind (185), ebenso sind auch die vermeintlichen -Intuitionen des somnambulen (oder träumenden) Heilinstinkts in -der allergrössten Mehrzahl der Fälle nichts als erinnerungslose -Reproduktionen von früher einmal Gehörtem, Gelesenem oder Probirtem, -welche durch die Hyperästhesie des Gedächtnisses dem Bewusstsein -zur Verfügung gestellt werden ohne jedes Merkmal, dass sie aus dem -reflexiven discursiven Wissen stammen (229). Zweitens kreuzen sich bei -der Somnambulen, als einer Kranken, die perversen krankhaften Instinkte -mit dem Heilinstinkt, und man kann nie wissen, welcher im gegebenen -Falle die Oberhand hat; das Verlangen nach den unverdaulichsten -Dingen (217), nach kolossalen Dosen stark wirkender Medikamente (270 -bis 272), nach Fortdauer und Wiederholung des somnambulen Zustandes -gehören ohne Zweifel den ersteren an. Drittens schützt der Verzicht -des Magnetiseurs auf Fragestellung bei engem magnetischem Rapport -keineswegs davor, dass nicht schon dessen unausgesprochene bewusste -und unbewusste Vorstellungen und Wünsche in die Somnambule übergehen -und aus ihr zurücktönen. Viertens kann die somnambule Traumphantasie -sich in einem Spiel mit ebenso sinnlosen wie unschädlichen Verordnungen -ergehen (171), denen vom Magnetiseur und demgemäss auch von der Kranken -irrthümlich eine hohe Wichtigkeit beigemessen wird. Berücksichtigt man -endlich, dass Zurückhaltung in der Fragestellung bei den registrirten -Krankheitsgeschichten von Somnambulen zu den Ausnahmen gehört, so wird -man ermessen können, einen wie geringen Antheil an den berichteten -Selbstverordnungen man dem Heilinstinkt zuschreiben darf. - -Betrachtet man die berichteten Fälle von günstiger Wirkung der -somnambulen Verordnungen, so bleibt nach Ausscheidung der schlechthin -unzuverlässigen Angaben und nach Abzug der Fälle, in denen bekannte -Heilmittel von anerkannter Wirksamkeit verordnet sind, in der That noch -genug Material übrig, um das Erstaunen des Laien zu erwecken. Aber -ganz dasselbe ist der Fall bei den zahllosen irrationellen Systemen -der Heilkunst, welche auf der Erde im Schwange gehen, ja sogar bei -Schäfern und wunderthätigen Heiligenbildern; sie alle haben eine Menge -zweifellos glücklicher Kuren aufzuweisen, insbesondere in Fällen von -Nervenkrankheiten, die jeder rationellen Behandlung spotten, und bei -denen noch immer das Wort gilt: Dein Glaube hat Dir geholfen. Wenn -nun eine Somnambule den festen Glauben gewinnt, dass sie in Folge der -getroffenen Verordnungen sich bessern oder genesen werde, so kann -dieser Glaube sehr wohl eine vorübergehende oder dauernde Veränderung -der Krankheit herbeiführen, ganz abgesehen davon, ob den verordneten -Mitteln objektiv genommen irgend welche Wirksamkeit zukommt. Aus der -objektiven Gleichgültigkeit des Inhalts der Verordnung erklärt sich -die Vorliebe der Somnambulen für anscheinend indifferente Mittel -oder für homöopathisch kleine Gaben (272), zugleich aber auch die -Thatsache, dass die Mittel immer nur ihnen selbst helfen, aber in -anscheinend gleichen Fällen jede Wirkung versagen und zur Abstraktion -von allgemein giltigen Regeln nicht brauchbar sind (269-270); ebenso -erklärt sich aus der grösseren Kraft des Glaubens an eigene als an -fremde Verordnungen die Thatsache, dass die Wirkung der somnambulen -Verordnungen für dritte mit ihnen in Rapport gesetzte Personen soviel -unsicherer ist, als die Wirkung der Selbstverordnungen. - -Hätten die Verordnungen der Somnambulen irgend welche objektive -Wirksamkeit, so müsste doch unbeschadet der grössten Individualisirung -der einzelnen Fälle irgend welcher greifbare Gewinn für die Therapie, -wenn auch nur der allerbescheidensten Art, nachweisbar sein; da dies -trotz aller Bemühungen der Magnetiseure nicht der Fall ist, muss man -schliessen, dass die Wirkung der Verordnungen, soweit letztere nicht -von bereits bekannter objektiver Wirkung sind, nur subjektiver Art -ist, und zwar nicht nur bei den Somnambulen selbst, sondern auch bei -denen, welche ihre Hülfe in Anspruch nehmen und an deren Wirksamkeit -glauben. Darum ist aber auch die Hoffnung abgeschnitten, auf diesem -Wege jemals einen Fortschritt der medicinischen Wissenschaft zu -erzielen; die Befolgung der somnambulen Verordnungen, soweit keine -objektive Wirksamkeit derselben bekannt ist, wird ein verständiger -Arzt nur zu dem Zwecke zugeben, um von dem aufrichtenden Einfluss des -Glaubens und Vertrauens Nutzen zu ziehen, welcher durch das Vergessen -der somnambulen Verordnung im wachen Zustande nicht beeinträchtigt -wird. Aber kein verständiger Arzt wird den künstlichen Somnambulismus -herbeiführen in der ungewissen Aussicht, eine Selbstverordnung der -Kranken zu erzielen, die vielleicht einen günstigen subjektiven -Einfluss auf das Nervenleiden haben könnte. Ganz unstatthaft aber ist -das Provociren von Verordnungen für dritte Personen; will man einmal -Hokus-Pokus treiben, so giebt es andere Mittel genug, um medicinisch -nützliche Einbildungen in den letzteren hervorzurufen, als dass -man zu dem Zwecke durchaus mit der Gesundheit eines ohnehin schon -Nervenkranken ein frevelhaftes Spiel treiben müsste. - -Bei alledem bin ich weit entfernt, die Existenz eines Heilinstinkts -und seine erleichterte Aeusserung im somnambulen Zustande zu leugnen; -ich behaupte nur, dass diese Aeusserungen unter einem solchen Wust von -werthlosen und schädlichen Einfällen und Einbildungen vergraben liegen, -dass es ein praktisch aussichtsloses und bei seinen unvermeidlichen -Irrwegen gefährliches Unternehmen wäre, auf dieselben eine indirekte -hypnotische Behandlung der Kranken gründen zu wollen. Es ist auch die -Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die Hyperästhesie der Gefühls- -und Vorstellungsfunktion im somnambulen Zustande das Auftauchen -hellsehender Intuitionen über allerlei andere als medicinische Dinge, -ja sogar über transcendent metaphysische Thatsachen erleichtert, und -trotzdem müssen, wie du Prel zugiebt (184-185), alle Versuche, „aus -den Somnambulen Wahrsager zu machen oder gar über metaphysische Fragen -von ihnen Aufklärungen zu erhalten, als +ganz werthlos+ angesehen -werden“. Dieselben Gründe, welche diese Versuche auf dem einen Gebiet -praktisch werthlos machen, thun es im gleichen Masse auch auf dem -andern. - -Noch unzulässiger als die medicinische Verwerthung ist die pädagogische -Ausnutzung des Somnambulismus im moralischen Interesse, welche du -Prel der wohlbegründeten Besorgniss vor unmoralischen Missbrauch der -Macht des Magnetiseurs über die somnambule Person entgegengestellt -(357-358). Das somnambule Bewusstsein ist ein widerstandsloser und -willenloser Geisteszustand, in welchem blindlings jeder Befehl des -Magnetiseurs befolgt wird und die Consequenzen des einmal erhaltenen -Thätigkeitsimpulses wie bei einem mechanischen Automaten abschnurren; -die somnambule Widerstandslosigkeit gegen den Willen des Magnetiseurs -greift aber -- und darin liegt eine furchtbare Gefahr -- auch in -das wache Leben über, so dass die wache Person die unglaublichsten -Vorwände aufsucht, um einen im somnambulen Zustande erhaltenen -Befehl des Magnetiseurs zu rechter Zeit zu erfüllen, obwohl sie -keine Erinnerung an diesen Befehl hat, sondern nur den dunklen, -unmotivirten Trieb zum Vollziehen der fraglichen Handlung empfindet. -Der pathologische Charakter des Somnambulismus und seine Verwandtschaft -mit der Geistesstörung offenbart sich hier mit voller Deutlichkeit, -indem die unbewusst fortwirkenden Rückstände des somnambulen Lebens -bei ihrem Hineinragen in’s normale Leben sich genau so verhalten, -wie die unmotivirten und doch unwiderstehlich wirkenden Triebe bei -Wahnsinnigen. Beide Arten von decentralisirten Impulsen kommen aus -derselben Region des Centralnervensystems, nur dass sie im ersteren -Fall durch den Magnetiseur, im letzteren Fall durch innere krankhafte -Reize des Organismus bestimmt sind. - -Es ist klar, dass dieses Verhältniss der Somnambule zum Magnetiseur -den Begriff der Besessenheit objektiv verwirklicht, von dessen -Verwirklichung in wachen Irrsinnsfällen die blosse Illusion besteht; es -ist ebenso klar, dass die mit solcher Besessenheit gegebene Aufhebung -der Selbstbestimmung des Willens das psychologische Fundament der -Sittlichkeit ganz ebenso wie der spontane Irrsinn zerstört. Ob der -Inhalt des infiltrirten Willens gut oder böse ist, erscheint relativ -gleichgiltig, da seine Ausführung dem Handelnden doch nicht mehr -moralisch zugerechnet werden kann; aber das rein Formelle an diesem -Verhältniss ist einem Meuchelmord der sittlichen Persönlichkeit -gleich zu achten, und muss als solcher immer sittlichen Abscheu -erwecken. Das Hinüberspielen des blinden Automatengehorsams aus -dem somnambulen in den wachen Zustand kann niemals Früchte von -sittlichem Werth, sondern höchstens eine maschinenmässige Legalität -der impulsiven Handlungen erzielen; aber die Legalität ist hier -nicht, wie in der echten Pädagogik, eine Vorstufe zur Bethätigung -sittlicher Autonomie, sondern mit dem Preise ihrer Zerstörung bezahlt. -Nur da, wo durch Geistesstörung ohnehin die psychische Grundlage der -sittlichen Persönlichkeit aufgehoben ist, kann die Herbeiführung des -somnambulen Zustandes und die Aenderung der krankhaften Willensimpulse -und Einbildungen unbedenklich erscheinen; so z. B. wenn man einem -Irrsinnigen im somnambulen Zustand befiehlt, hinfort nicht mehr von -einem bösen Dämon sondern von einem guten Genius besessen zu sein, -oder ihn selbst die Person wählen lässt, mit der er die Vertauschung -seines wahnsinnigen Ich vornehmen will. Auch die Möglichkeit Somnambule -auf Befehl bestimmte Vorstellungen für die Dauer vergessen zu lassen, -könnte zur Bekämpfung von fixen Ideen und Zwangsvorstellungen -verwerthet werden, obschon die aus einer Wahnvorstellung verscheuchte -Krankheit sich dann sehr bald in einer andern Wahnvorstellung ein neues -Ventil zu öffnen pflegt. - -Es giebt keine launischeren, selbstsüchtigeren, anspruchsvolleren, -herrschsüchtigeren, empfindlicheren, kurz, für ihre Umgebung -unerträglicheren Individuen, als jene Art von Nervenkranken, die -zum Somnambulismus prädisponirt sind, und die öftere Wiederholung -des Somnambulismus steigert die nervöse Gleichgewichtsstörung, aus -der diese Unliebenswürdigkeit des Benehmens entspringt, hat also -eine entschieden ungünstige Rückwirkung auf die sittliche Haltung -der Person, ebenso wie auf ihr Gedächtniss und ihre intellectuellen -Fähigkeiten. Nur in der somnambulen Krise selbst, wo der störende -Druck des Nervenleidens auf die Stimmung der Kranken durch die -Analgesie aufgehoben ist und alle Gedächtnissvorstellungen nur mit -den ihnen in der Vergangenheit (also in gesunden Tagen) anhaftenden -moralischen Gefühlswerthen reproducirt werden (317, 319), erscheint -auch das aus diesen begleitenden Gefühlswerthen abfliessende moralische -Urtheil wieder so, wie es in gesunden Tagen war. Dieser Zustand -kann also relativ, d. h. im Vergleich mit der krankhaften Entartung -des sittlichen Gefühls im wachen Zustande, als eine Steigerung -und Reinigung des moralischen Gefühls erscheinen (434); aber der -Somnambulismus erzeugt diese nicht, sondern lässt nur die reineren -Gefühlswerthe der gesunden Vergangenheit durch das Gedächtniss wieder -aufwachen, während er die Störungen des gegenwärtigen wachen Lebens -zeitweilig verdunkelt. - -Nach alledem ist der Nutzen des Somnambulismus ebenso problematisch wie -die Schädlichkeit desselben für Leib und Seele zweifellos ist; alle -Versuche, aus demselben Nutzen zu ziehen, sind (mit Ausnahme einzelner -Fälle von Behandlung der Hysterie und des Irrsinns) nicht nur praktisch -werthlos, sondern befinden sich auf einem gefährlichen Irrwege. Es ist -praktisch höchst wichtig, daran festzuhalten, dass der Somnambulismus -ein rein pathologischer Zustand mit ausschliesslich pathologischen -Funktionen ist, der vor anderen pathologischen Nervenzuständen nichts -voraus hat und keine einzige neue Funktion des menschlichen Geistes -enthüllt, sondern nur bekannte Funktionen in anderer Zusammenstellung -zeigt. Selbst das eigentliche Hellsehen ist eine Funktion, die bei -wachem Bewusstsein unter Umständen auch vorkommt, und die nur beim -Somnambulismus wegen der Hyperästhesie des Gedächtnisses und der -Phantasie leichter eintritt; aber noch nie hat die Menschheit in -ihrem Kulturprocess vom somnambulen Hellsehen irgend welche Förderung -erfahren, weil solche abhängig ist von der Verbindung des Hellsehens -mit der zielbewussten Besonnenheit der Geistesthätigkeit, die eben im -Somnambulismus unterdrückt ist. - -Die willenlose, decentralisirte, automatenartige Passivität des -somnambulen Bewusstseins (124) stellt dasselbe tief unter das -wache Bewusstsein, ebenso wie das gewöhnliche Traumbewusstsein, -dem gleichfalls das zielbewusste Wollen und die Richtung gebende -Aufmerksamkeit fehlen (33). Die Geistigkeit und bewusste Vernünftigkeit -des wachen Lebens bekundet sich eben formell in der Erhebung über die -anschauliche Bildlichkeit der Vorstellungen zu abstrakten Begriffen -und zur Gedankenreflexion, inhaltlich in der zielbewussten Leitung -des Vorstellungs- und Motivationsprocesses, durch welche auch die -autonome Selbstbestimmung des Willens ermöglicht ist. Ein bloss -bildliches Bewusstsein, dessen Vorstellungsbilder mechanisch von aussen -aufgezwungen werden oder ebenso mechanisch nach zufällig entstandenen -Associationen abschnurren, und dessen Handlungen ebenso mechanisch aus -den aufgezwungenen oder zufällig aufgetauchten Bildern entspringen, -entbehrt der Finalität im Vorstellungsablauf und damit der specifisch -geistigen Vernünftigkeit. Je tiefer der natürliche oder somnambule -Schlaf ist, desto mehr nimmt diese Lähmung der Spontaneität, diese -teleologische Vernunftlosigkeit der Bilderfolge und Handlungen zu, und -nur die wachsende Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie -bewirkt, dass längere Bilderreihen im Zusammenhang verlaufen. Beim -normalen Traum, der schon im Halbschlaf oft längere zusammenhängende -Episoden zeigt, mag bei der Schlafvertiefung der zunehmende Abschluss -von den Sinnesreizen die Häufigkeit solcher störenden Unterbrechungen -vermindern und dadurch zur Verlängerung der zusammenhängenden Episoden -beitragen (32); im Somnambulismus giebt umgekehrt bei gesteigerter -Tiefe und damit zunehmendem Aufschluss der Sinne an die Aussenwelt -der Magnetiseur den spiritus rector ab, welcher den mechanischen -Bilderfluss im Zügel hält und von unwillkürlichen Abschweifungen aus -dem Zusammenhang zurückholen kann. - -Alles Vernünftige im gewöhnlichen und somnambulen Traum hängt aber doch -lediglich von der Vernünftigkeit des wachen Bewusstseins ab, nämlich -bei beiden von der Vernünftigkeit der im Gedächtniss niedergelegten -Associationen, durch welche die Reihenfolge der Reproduction bestimmt -wird, und beim Somnambulismus ausserdem von der Vernünftigkeit des den -Traum der Somnambule leitenden Magnetiseurs. Je tiefer der Schlaf wird, -desto tiefer versinkt das Traumbewusstsein in mechanische Passivität, -in gedankenlose Bildlichkeit und in die Neigung zu symbolischer -Personifikation (99), desto weiter entfernt es sich von der -vernünftigen Geistigkeit des wachen Bewusstseins; je tiefer und fester -der Schlaf, desto tiefer wird die Seele in das organische Treiben der -Natur versenkt (215). Je weiter sich aber der Seelenzustand von der -vernünftigen Geistigkeit entfernt und je tiefer er in das organische -Treiben des blossen Naturdaseins versenkt wird, desto mehr steigt er -auf der Stufenleiter der organischen Entwickelung +abwärts+, desto -unähnlicher wird er dem specifisch Menschlichen und desto ähnlicher dem -thierischen und pflanzlichen Leben. Das wache Bewusstsein der Thiere -von den Amphibien abwärts gleicht zweifellos mehr dem somnambulen -Bewusstsein als dem wachen Bewusstsein des Menschen, und die -Sensitivität des somnambulen Zustandes für unorganische und organische -Einflüsse, für chemische, elektrische und meteorologische Eindrücke -gleicht mehr dem thierischen und pflanzlichen Verwachsensein mit dem -Naturganzen als der menschlichen Aussonderung aus demselben. - -Wenn man demnach vor die Alternative gestellt wäre, ob der -Somnambulismus sammt seiner sensitiven Einfühlung in den -Naturzusammenhang als eine atavistische Gestaltung, d. h. als ein -Ueberlebsel überwundener biologischer Entwickelungsstufen, oder ob -er als keimartige Anticipation einer auf Erden noch unerreichten -höheren biologischen Entwickelungsstufe zu deuten sei, so müsste -die Antwort zweifellos zu Gunsten des atavistischen Rückfalles in -niedere Lebensstufen lauten, und die Erörterung, ob die eventuell dem -Somnambulismus entsprechende höhere Entwickelungsstufe noch hier auf -Erden, oder in einem besseren Jenseits oder auf anderen Weltkörpern -erreicht werden wird (387, 125), ist völlig bodenlos. Aber selbst -die Frage, die jener Alternative zu Grunde liegt, ist schon falsch -gestellt: denn sie ist nur zulässig bei normalen physiologischen -Zuständen, die in der gradlinigen Entwickelung liegen, aber unzulässig -bei pathologischen Zuständen, die aus derselben seitlich heraustreten. - -Niemand zweifelt daran, dass ein Irrsinniger mit alternirendem -Bewusstsein, trotz seines zwiespältigen Bewusstseinslebens, -und trotzdem er in dem einen Zustand als eine andere geistige -Persönlichkeit wie in dem andern erscheint, doch nur eine einzige -geistige Persönlichkeit mit einem einzigen Bewusstsein, aber mit -wechselnden Zuständen und demgemäss wechselndem Inhalt dieses -Bewusstseins ist. Nicht das Bewusstsein ist bei solchen Kranken -doppelt, auch nicht das Vorstellungsmaterial, über das sein -Bewusstsein insgesammt verfügt, sondern nur in zwei Gruppen ist das -Vorstellungsmaterial getheilt, so zwar, dass jede Vorstellung einer -Gruppe mit jeder derselben Gruppe sich leicht associirt, mit irgend -welcher Vorstellung aus der anderen Gruppe aber gar nicht oder doch -sehr schwer associirt. Der Vorrath der einen Gedächtnisskammer scheint -in zwei Kammern vertheilt (298), weil er in zwei Haufen getheilt ist, -die untereinander sich nicht berühren. Dass nur ein leerer Raum, aber -keine Scheidewand zwischen ihnen steht, erhellt daraus, dass manchmal -beim Uebergang des einen Zustandes in den anderen beide Gruppen doch in -einander übergreifen, aber sich wegen ihrer Fremdartigkeit abstossen. - -Man kann das Bewusstsein mit einer Blendlaterne vergleichen, welche -durch ihren Lichtkegel immer nur einen engbegrenzten Ausschnitt der -Umgebung auf einmal beleuchtet; dreht sich die Laterne langsam, so -rückt der Lichtkegel stetig weiter und die Continuität des wechselnden -Bewusstseinsinhalts bleibt gewahrt, -- dreht sie sich aber plötzlich -mit einem Ruck um mehr als den Scheitelwinkel ihres Erleuchtungskegels, -so sind ganz von einander getrennte Ausschnitte der Umgebung -beleuchtet, welche bei der Dunkelheit der sie thatsächlich verbindenden -Brücke als zwei getrennte Bewusstseine erscheinen. Dass dieser Schein -trügt, ist daraus empirisch zu erweisen, dass die Uebergangsbrücke -unter Umständen, bei langsamer Drehung der Laterne, wirklich -beobachtet, also das Vorhandensein des objektiven Zusammenhanges beider -Gruppen erfahrungsmässig konstatirt wird. Denn wo die Vergleichung -von Vorstellungen aus den verschiedenen Bewusstseinszuständen -überhaupt möglich ist, da ist sie es nur unter der Voraussetzung der -Einheitlichkeit des Bewusstseins in beiden Zuständen; wo sie aber gar -nicht beobachtet wird, liegt in dieser Nichtwirklichkeit doch noch -kein Beweis für ihre Unmöglichkeit oder gar (wie du Prel meint -- -438) für die Doppelheit des Bewusstseins, da auch dann immer noch ein -identisches Bewusstsein bestehen kann, dem nur die Handhabe dazu fehlt, -seine Identität mit in seinen Inhalt aufzunehmen. - -Nun kennen wir innerhalb desselben menschlichen Organismus keine -Bewusstseinszustände, zwischen denen nicht wenigstens ausnahmsweise -ein Uebergang, eine wenn auch nur schwache Grenzberührung stattfände. -Das wache Bewusstsein erinnert sich vieler Träume und mancher Vorgänge -aus dem somnambulen Traumleben, besonders wenn für associative -Erinnerungsbehelfe Sorge getragen wird; ebenso erinnert sich das -Traumbewusstsein mancher Vorgänge aus dem somnambulen Leben, und das -somnambule Bewusstsein ausnahmsweise der Vorgänge aus dem Hochschlaf -(347-356). Nach den neueren französischen Berichten, ist der -entschiedene Befehl des Magnetiseurs an die Somnambule, sich nach dem -Erwachen an bestimmte Vorgänge des somnambulen Zustandes oder die ganze -Reihe derselben zu erinnern, ausreichend, um die Erinnerungsbrücke -mit Sicherheit herzustellen.[23] Diese Thatsachen genügen zum -strengen Beweise des Satzes, dass wir es in allen diesen Fällen nicht -mit verschiedenen Bewusstseinen innerhalb desselben organischen -Individuums, sondern mit verschiedenen, physiologisch bedingten -Zuständen desselben einen und einzigen Bewusstseins zu thun haben, und -es bedarf dazu kaum noch des Hinweises darauf, dass das Umspannen -des einen Bewusstseinszustandes durch den andern nicht die Ausnahme, -sondern die Regel ist, wenn wir vom Hochschlaf durch das somnambule und -Traumbewusstsein zu den verschiedenen normalen und abnormen Zuständen -des wachen Bewusstseins fortschreiten. - -Diese Sätze sind so selbstverständlich, dass wohl Niemand darauf -verfallen wäre, sie in Frage zu stellen, wenn nicht der optische -Dualismus (148) der phantastischen Spaltung (38) des Ich in manchen -abnormen Bewusstseinszuständen mit einer Mehrheit relativ gesonderter -Bewusstseinszustände zusammenträfe. Nun ist aber klar, dass die -hallucinatorische Deutlichkeit eines Trauminhalts gar nichts für -dessen Realität beweist, dass es dem Aberglauben verfallen heisst, -wenn man die Traumfiguren des gewöhnlichen oder somnambulen Traumes -für wirkliche Personen nimmt (210, 186), und dass die Neigung zur -Verbildlichung und symbolisch-phantastischen Personifikation mit der -Tiefe des Traumbewusstseins wächst (99), also z. B. die Zahl der -Schutzengel und Interlocutoren mit der Steigerung des Somnambulismus -zunimmt. Wie ist es unter solchen Umständen möglich, die symbolischen -Personifikationen des Traumbewusstseins ausnahmsweise als Realitäten -zu behandeln, sobald sie sich auf einen anderen, relativ gesonderten -Bewusstseinszustand desselben Individuums beziehen, falls nicht schon -+auch ohnedies+ ein genügender Grund vorliegt, eine Mehrheit von -Bewusstseinen oder Personen innerhalb desselben organisch-psychischen -Individuums anzunehmen? Da wir gesehen haben, dass dazu nicht nur kein -Grund vorliegt, sondern eine solche Annahme entschieden unstatthaft -ist, so ist es auch schlechthin unstatthaft, in der Anerkennung des -phantastisch-illusorischen Charakters aller dramatischen Spaltungen -des Ich eine Ausnahme zu Gunsten der Personifikation des normalen -wachen Bewusstseinszustandes durch den irrsinnigen (343) oder durch den -somnambulen zu machen (438, 189, 127). - -Wäre das statthaft in Bezug auf die somnambule Traumpersonifikation -des normalen wachen Zustandes durch das somnambule Bewusstsein, so -wäre es nicht minder geboten in Bezug auf die Personifikation der -abnormen wachen Bewusstseinszustände durch das somnambule Bewusstsein -und in Bezug auf die Personifikation des somnambulen Zustandes -durch das Bewusstsein des Hochschlafs; wir würden also durch diese -Art, zu schliessen, doch niemals auf zwei, sondern sofort auf fünf -bis sechs getrennte Bewusstseine und Personen innerhalb desselben -organisch-psychischen Individuums geführt werden. Die verschiedenen -abnormen Bewusstseinszustände sind von einander in nicht geringerem -Grade relativ abgesondert als der normale Bewusstseinszustand von -den abnormen; es ist also ganz unzulässig, wie du Prel thut, die -Absonderung des normalen Zustandes von den abnormen zur Scheidegrenze -zwischen zwei Bewusstseinen oder Personen im Individuum zu stempeln, -die Absonderung der abnormen Zustände unter einander aber zu -ignoriren und alle diese Bewusstseinszustände kurzweg als „die zweite -Person“ im Individuum zusammenzufassen. Der optische Pluralismus der -Personen ist überall, auch als Dualismus der Personen im somnambulen -oder Traumbewusstsein, eine phantastische psychologische Illusion -oder Fiktion, und wenn auch die Thatsache dieser Illusion keine -illusorische, sondern eine reelle Thatsache ist (114), so darf man -aus diesem Satze doch unter keinen Umständen zu Schlüssen, welche -die Realität des Inhalts dieser Illusion unvermerkt voraussetzen, -fortschreiten (112). - -Das wache Bewusstsein und das somnambule Bewusstsein sind also nicht -zwei Bewusstseine, sondern zwei Zustände eines Bewusstseins, die durch -Schwellenverschiebung in einander überfliessen können, und von denen -der erste vom zweiten zwar durch regelmässige Erinnerungslosigkeit, -der zweite vom ersten aber nur durch die phantastische illusorische -Personifikation desselben abgesondert ist. Wenn die Blendlaterne des -Bewusstseins sich vom wachen zum Traumzustand oder zum hypnotischen -Zustand hin dreht, so erweitert sich der Lichtkegel nach der Seite -der sensitiven Gefühlseindrücke, verengt sich aber nach der Seite -der Sinneswahrnehmungen und der bewussten Zwecke und Interessen des -Tageslebens; wenn dann der hypnotische Zustand in den somnambulen -übergeht, so wird die vorherige Verengerung in Bezug auf die -Sinneswahrnehmungen wieder rückgängig gemacht. - -Das Organ der Willkür, der Spontaneität, der Aufmerksamkeit, der -Besonnenheit, der zielbewussten Leitung des Vorstellungsablaufs, der -absichtlichen Hervorrufung von Vorstellungen und Motiven und damit der -Selbstbestimmung des Willens wird beim Uebergang aus dem wachen in den -träumenden oder somnambulen Zustand gelähmt oder ausser Thätigkeit -gesetzt; damit hört auch die zügelnde und hemmende Thätigkeit auf, -welche dieses Organ auf die äussere und innere Reflexthätigkeit der -übrigen Centraltheile des Nervensystems ausübt und durch welche es -deren decentralisirende Impulse centralistisch beherrscht. Weil diese -reflexhemmende, regulirende und leitende Thätigkeit des höchsten -Geistesorgans am meisten anstrengt und am schnellsten ermüdet, so ist -auch dieses Organ, das wir der Kürze halber hinfort mit „Willkürorgan“ -bezeichnen wollen, am meisten der Erholung bedürftig, und es ist -deshalb offenbar als eine teleologische Einrichtung aufzufassen, dass -es beim Einschlafen zuerst depotenzirt wird. - -Nun ist es aber ein allgemeines physiologisches Gesetz, dass -die gehemmte Innervationsenergie des Nervensystems eine gewisse -Beständigkeit besitzt, und wenigstens keinen plötzlichen Schwankungen -ausgesetzt ist. So z. B. ist die hysterische Anästhesie der einen -Körperhälfte allemal mit einer entsprechenden Hyperästhesie der andern -Körperhälfte verbunden, welche beiden Zustände durch einen die gesammte -Innervationsenergie wieder gleichmässig vertheilenden galvanischen -Strom in gleichem Masse (wenn auch nur vorübergehend) beseitigt -werden können. Dem entsprechend muss die plötzliche Anästhesirung des -Willkürorgans beim Einschlafen eine Hyperästhesirung anderer Theile des -Nervensystems als unvermeidliche Ausgleichungserscheinung im Gefolge -haben, und diese theilweise Kompensations-Hyperästhesie wird um so -intensiver auftreten, auf je beschränktere Theile sie koncentrirt -ist. Daraus entspringen die lebhaften Träume unmittelbar nach dem -Einschlafen, wenn die gesammte Innervationsenergie des Organismus -noch nicht Zeit gehabt hat zu sinken, und vor dem Erwachen, wenn sie -durch die Kräftigung des genossenen Schlafes sich wieder bis zur -Höhe des Tageslebens erhoben hat. Dagegen ist anzunehmen, dass die -erholende Wirkung des tiefes Schlafes um so grösser ist, je tiefer -die gesammte Innervationsenergie des Organismus allmählich nach dem -Einschlafen unter das Niveau des Tageslebens gesunken ist, so dass im -gesunden tiefen Schlaf eine Hyperästhesie irgend welcher Theile des -Nervensystems nicht stattzuhaben braucht. - -Dem Somnambulismus als einem krankhaften Zustand ist es im -Unterschiede vom gesunden tiefen und ruhigen Schlaf eigenthümlich, die -Innervationsenergie des wachen Lebens und mit ihr die Hyperästhesie -gewisser Theile des Nervensystems festzuhalten, und dies ist der Grund -dafür, dass einerseits das Traumbewusstsein in ihm niemals erlischt, -und dass andererseits er nicht wie der Schlaf das Schlafbedürfnis -befriedigt, sondern bei längerer Dauer geradezu hervorruft. Je höher -die Hyperästhesie der im Somnambulismus funktionirenden Theile steigt, -auf einen desto engeren Bezirk muss die gesammte Innervationsenergie -koncentrirt sein, desto mehr Theile müssen also der Anästhesie -verfallen sein; es muss also z. B. das Bewusstsein des Hochschlafs auf -einem beschränkteren funktionirenden Gebiet des Centralnervensystems -beruhen, als das gewöhnliche somnambule Bewusstsein. Da die -Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie im Somnambulismus -diejenigen des gewöhnlichen Traumes nach dem Einschlafen übersteigen, -trotzdem dass im ersteren die Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen -in Funktion, in letzterem anästhetisch sind, so lässt sich daraus -entnehmen, dass (wenn man von der unwahrscheinlichen Annahme einer -Steigerung der gesammten Innervationsenergie im Somnambulismus gegen -den wachen Zustand absieht) entweder im Traum schon eine gesunkene -Gesammtenergie sich bethätigt, oder aber im Somnambulismus ein -beschränkteres Gebiet des Centralnervensystems funktionirt als im -Traum. Vielleicht findet beides zugleich statt. - -Jetzt erst erhält der obige Vergleich des Bewusstseins mit einer -Blendlaterne eine bestimmte physiologische Bedeutung. Die Umgebung, -auf welche der verschiebbare Beleuchtungskegel fällt, ist nicht als -die äussere Umgebung des Organismus zu verstehen, sondern als die -Gesammtheit des den Bewusstseinsfunktionen zur organischen Unterlage -dienenden Centralnervensystems; es zieht immer derjenige Theil den -Beleuchtungskegel des Bewusstseins auf sich, auf welchen jeweilig -das Maximum von Innervationsenergie koncentrirt ist, während die -zeitweilig anästhetischen Theile im Dunkel bleiben. Je nachdem die -funktionirenden Theile der einen oder der anderen Art von sensiblen -und sensorischen Nerven näher oder ferner liegen, sinkt oder steigt -die Empfindungsschwelle für die betreffende Art von Empfindungen -und Wahrnehmungen; allen abnormen Bewusstseinszuständen gemeinsam -aber ist die Hyperästhesie des Gedächtniss- und Phantasieorgans, -welche deshalb (neben jenen variablen Compensationserscheinungen) -als die +konstante+ Compensationserscheinung zur Anästhesie des -Willkürorgans anzusehen ist. Wenn im wachen Bewusstseinszustände -Vorstellungen aus dem Vorstellungskreise der somnambulen Krisen berührt -werden, und dabei ausnahmsweise eine Wiedererkennung stattfindet, so -heisst das mit anderen Worten: der Beleuchtungskegel des Bewusstseins -hat diejenigen Theile des Centralnervensystems gestreift, in welchen -die somnambule Vorstellung sich vollzogen hatte, und in welchen -demgemäss auch ihr Gedächtnisseindruck niedergelegt ist; der Beweis -dafür liegt in der Thatsache, dass jede solche Wiedererkennung den -Wiedereintritt des damals bestehenden Vertheilungszustandes der -gesammten Innervationsenergie, d. h. den Rückfall in den somnambulen -Zustand begünstigt und nicht selten wirklich hervorruft (363-364). - -Es ist für die Psychologie ohne Bedeutung, wenn auch von hohem -psychologischen Interesse, welche Theile des Centralnervensystems im -Traum und Somnambulismus ausgeschaltet, und welche in gesteigerter -Thätigkeit sind. Im Allgemeinen ist anzunehmen, dass die Anästhesirung -im Schlaf und Somnambulismus ebenso wie in der Chloroformnarkose -von der Peripherie des Centralnervensystems nach dessen Centrum -fortschreitet (55); doch hilft uns dieser Satz nicht viel, da wir -nicht überall genau wissen, welchen von zwei Hirntheilen wir als -den centraleren ansehen sollen, und da er ausserdem ohne Zweifel -beträchtliche Ausnahmen erleidet. Nur soviel ist gewiss, dass das -Willkürorgan in der Rindenschicht der Grosshirnhemisphären zu suchen -ist, und deshalb im physiologischen Sinne eine peripherische Stellung -zum Mittelhirn einnimmt, trotz seiner Hegemonie im Gebrauch der -Leistungsfähigkeit des gesammten Organismus. Als die am meisten -centralen sind jene Theile zu betrachten, die auch im völlig traumlosen -tiefen Schlaf noch funktioniren müssen, um den Fortbestand des -Lebens zu sichern; während diese Theile im gesunden tiefen Schlaf -besonders günstig funktioniren (wie der stärkende und regenerirende -Einfluss dieses Zustandes auf den Organismus beweist), scheinen sie -im somnambulen Hochschlaf (wahrscheinlich wegen fortbestehender -Hyperästhesie der Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen trotz -gesunkener Gesammtenergie) bereits in ihrer Funktion bedroht, als ob -sie im Begriff wären, von Lähmung und Anästhesie befallen zu werden; -so dass der eigentliche Hochschlaf schon als ein nicht ungefährlicher -Zustand zu betrachten ist, dessen künstliche Herbeiführung als ein -durch nichts zu rechtfertigendes Wagniss verurtheilt werden muss. - -Der Schwerpunkt des physiologischen Problems liegt in der Frage: -wo sind im somnambulen Zustande die Perceptionscentra für -Sinneswahrnehmungen, das Ausführungscentrum für Handlungs- und -Sprachbewegungen und die Centra für Sach- und Wortgedächtniss, sowie -für gestaltende Phantasiethätigkeit zu suchen? - -Dass sie im Sonnengeflecht nicht zu finden sind, unterliegt keinem -Zweifel. Das Sonnengeflecht kann höchstens als reflektorisches und -instinktives motorisches Centrum für einen Theil der vegetativen -organischen Processe, als Perceptionscentrum für Gefühlseindrücke -der eigenen Eingeweide und allenfalls noch für Gefühlseindrücke, die -aus den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Natur stammen, -angesehen werden, aber nur soweit die letzteren von gefühlsmässiger -Unbestimmtheit, d. h. nicht zu Sinneswahrnehmungen differenzirt sind; -denn eben weil das Sonnengeflecht nicht mit Sinnesnerven in directer -Verbindung steht, und nicht darauf eingerichtet ist, +deren+ -specifisch differenzirte Reize in sich aufzunehmen und zu verarbeiten, -kann es sich die allgemeine Perceptionsfähigkeit der Ganglien für -undifferenzirte Gefühlsreize in um so höherem Grade bewahrt haben, -also wohl geeignet sein, die innere Selbstschau der Somnambulen, ihre -Diagnosen fremder Krankheiten und ihre Sensitivität für chemische, -meteorologische und andere Einflüsse zu vermitteln. Um aber die -so percipirten Reize in Bilder umzusetzen oder zu symbolisiren, -und um die Bilder wieder in Worte zu übertragen und gar die Worte -auszusprechen, dazu müssen nothwendig die etwaigen Gefühlsperceptionen -des Sonnengeflechts zu Hirntheilen hingeleitet werden, welche mit den -Sinnes- und Sprachbewegungsnerven in unmittelbarer Verbindung stehen. -Die Aussagen der Somnambulen über ihre Perception durch den Magen -oder die Herzgrube deuten allerdings auf eine gesteigerte sensitive -Thätigkeit des Sonnengeflechts und auf einen krankhaft gesteigerten -Rapport zwischen ihm und dem Gehirn (190, 142); aber mehr lässt sich -aus denselben sicherlich nicht entnehmen (188, 397-398), und du Prel’s -Ueberschätzung des Gangliensystems im Allgemeinen (141, 187, 211) -entbehrt der thatsächlichen Begründung. - -Es bleibt sonach bloss die Wahl zwischen den verschiedenen -Bestandtheilen des Gehirns. Dass das Willkürorgan nur einen Theil der -Grosshirnhemisphärenrinde beansprucht, ist als sicher anzunehmen; -es ist demnach wohl möglich, dass der ganze übrige Theil der -Grosshirnhemisphären im Traum und Somnambulismus weiter funktionirt, -insbesondere das Sprachcentrum, das Gedächtniss und die Phantasie. -Wenigstens liegt kein zwingender Grund zu der Annahme vor, dass -die Phantasie des Traumes eine schlechthin und specifisch andere -als die des wachen Bewusstseins sei, wie du Prel meint (55, 180); -denn wenn z. B. Walter Scott seinen Ivanhoe im Fieber komponirte, -ohne nachher von dieser Ausführung seiner allgemeinen Idee etwas -zu wissen (328), so spricht das dafür, dass die Traumphantasie des -Fieberdeliriums mit der künstlerischen Phantasie identisch ist. Dass es -streckenweise Funktionslähmungen des Grosshirngedächtnisses giebt ohne -Funktionslähmung desselben im Allgemeinen, zeigen eine Menge Beispiele -(335); es wäre daher auch dann, wenn wir das somnambule Gedächtniss -als identisch mit dem wachen Gedächtniss des Gehirns betrachten, die -Erklärung von Erscheinungen nicht ausgeschlossen wie derjenigen, dass -das wache Gedächtniss die willkürlich eingeprägten und die zu den -wachen Lebensinteressen in Beziehung stehenden Vorstellungen leichter -reproducirt, das somnambule Gedächtniss dagegen die unwillkürlich -percipirten Vorstellungen und Vorstellungsreihen (308). Auch die -verschiedene Färbung, welche das somnambule und Traumbewusstsein im -Vergleich zum wachen Bewusstsein seinem Inhalt verleiht, und welche -besonders beim Wechsel beider Zustände durch den Kontrast spürbar wird, -würde nach dieser Hypothese erklärbar bleiben; denn wenn in einem -Orchester auf der einen Seite eine Anzahl Instrumente wegfallen, auf -der anderen Seite eine Anzahl neuer Instrumente hinzutreten, so muss -die Klangfarbe des Gesammteindrucks nothwendig eine andere werden. -Endlich würde die Annahme, dass das somnambule und Traumbewusstsein auf -einem Zusammenwirken von Theilen des Grosshirns mit dem Mittelhirn und -Kleinhirn beruht, den Vortheil haben, noch ein weiteres Gebiet übrig zu -lassen, innerhalb dessen eine neue Verschiebung des Beleuchtungskegels, -wie sie im somnambulen Hochschlaf eintritt, geringeren Schwierigkeiten -der Erklärung begegnet. - -Andererseits liegt aber auch keine Nöthigung vor, dass Theile des -Grosshirns beim Zustandekommen des somnambulen Bewusstseins betheiligt -sein müssen. Wir wissen, dass die einzelnen Hirntheile relativ -selbstständige Centralorgane mit selbstständigen Perceptions- und -Motionscentra, selbstständigem Gedächtniss und selbstständigen Reflexen -zwischen Empfindung und Bewegung, zwischen Bewusstsein und Handlung -sind, und wir wissen nicht, ob nicht schon die Phantasie des wachen -Bewusstseins ihr materielles Substrat ausserhalb des Grosshirns -liegen hat, da sie weniger als andere Geistesfähigkeiten von der -Willkür beherrscht wird. Sicher ist, dass das Kleinhirn im Traum und -Somnambulismus eine erhöhte Thätigkeit entfaltet, womit die Behauptung -Reichenbachs übereinstimmt, dass die odische Insensität (d. h. die -Innervationsenergie) im Wachen im Grosshirn, im Schlaf im Kleinhirn -überwiegt (57). - -Das Kleinhirn ist in erster Instanz Gehörs- und Gleichgewichts-Centrum, -und demgemäss ist die Fähigkeit der Gleichgewichtsbehauptung im -somnambulen Zustand entschieden gesteigert, so wie das Gehör der erste -der oberen Sinne ist, durch welchen die Somnambule mit der Aussenwelt -in Beziehung tritt, und immer derjenige Sinn bleibt, durch welchen der -Magnetiseur die Somnambule am leichtesten und sichersten beherrscht -und leitet. Das Kleinhirn besitzt zweifellos ein Gedächtniss für -Gehörseindrücke, also auch ein Wortgedächtniss, und wahrscheinlich auch -ein Centrum der musikalischen Phantasie und ein motorisches Centrum -für reflektorische Sprachbewegungen. Vermuthlich ist es das Kleinhirn, -welches die mit dem Ohr, aber nicht mit dem wachen Grosshirnbewusstsein -aufgefassten Worte eines Dritten percipirt und aufbewahrt und uns -ermöglicht, sie nachträglich, nachdem sie im Ohr längst verklungen -sind, mit dem Grosshirnbewusstsein percipiren zu können, wenn wir -veranlasst sind, unsere Aufmerksamkeit auf dieselben zu richten (363). - -Aber was dem Kleinhirn fehlt, ist die nähere Verbindung mit dem -Sehnerv, und demgemäss die Aufnahmefähigkeit für Gesichtseindrücke -und Phantasiebilder; diese besitzen dagegen die Vierhügel, und mit -ihr das Bildergedächtniss und die Fähigkeit, auf Gesichtseindrücke -reflektorisch zu reagiren. Kleinhirn und Vierhügel zusammen dürften -demnach für sich allein schon genügen, um die Art des somnambulen -Verkehrs mit der Aussenwelt und das mechanische Fortspinnen -somnambuler Träume zu erklären, womit indess keineswegs behauptet -werden soll, dass keine anderen Hirntheile bei den betreffenden -Funktionen betheiligt seien. Eine exakte Lösung würde die Frage nach -der physiologischen Grundlage des somnambulen Bewusstseins und nach -dem Mass der funktionellen Betheiligung des Sonnengeflechtes und der -einzelnen Hirntheile nur durch Vivisektionsversuche an somnambulen -Menschen finden können; indess lässt sich nicht in Abrede stellen, -dass die Schmerzlokalisationen bei den mehrfach erwähnten Versuchen -von Binet und Féré auf Theile des Grosshirns als materielle Grundlage -der somnambulen psychischen Funktionen mit grosser Wahrscheinlichkeit -hinweisen. - -Wie dem auch sei, so viel ist gewiss, dass wir keinen Grund haben, -die abnormen Bewusstseinszustände von der physiologischen Grundlage -des Centralnervensystems abzulösen (187), so lange wir an der -Unentbehrlichkeit einer solchen für das wache Tagesbewusstsein -festhalten; denn die psychischen Funktionen dieser abnormen Zustände -sind, wie wir gesehen haben, weit geistloser, sinnlicher, mechanischer -und inniger mit dem organischen Naturleben verwachsen als diejenigen -des normalen Bewusstseinszustandes, und sind es um so mehr, je weiter -sie sich von dem letzteren entfernen, d. h. je tiefer der Schlaf, je -gesteigerter der Somnambulismus wird. Will man mit du Prel das normale -wache Bewusstsein „das sinnliche“ in der engeren Bedeutung des Wortes -nennen, so sind die abnormen Bewusstseinszustände als „untersinnliche“ -zu bezeichnen, und sie sind um so „untersinnlicher“, je weiter sie -sich vom normalen sinnlichen Bewusstsein entfernen. Wenn es ein vom -leiblichen Organismus und seinem Zerfall unabhängiges „leibfreies“ -Bewusstsein hinter dem „sinnlichen“ gäbe, so wäre solches jedenfalls -in der entgegengesetzten Richtung zu suchen, als in derjenigen, -welche wir mit der Untersuchung der abnormen „untersinnlichen“ -Bewusstseinszustände beschritten haben, denn es wäre nur als ein dem -organischen Treiben der Natur entrücktes, „übersinnliches“, dem wachen -Bewusstsein an teleologisch-vernünftiger Geistigkeit überlegenes zu -denken. Will man mit du Prel dieses hypothesische leibfreie Bewusstsein -mit dem metaphysischen „Unbewussten“ des betreffenden Individuums -gleichsetzen (395, S. VI), so ist jedenfalls der Somnambulismus eine -schlechtere Eingangspforte zu dieser Region als das ihr näher stehende -wache Bewusstsein, und am allerwenigsten die einzige Eingangspforte zu -derselben, wie du Prel meint (158); denn es ist eine Eingangspforte nur -zu einem Theil des physiologischen oder untersinnlichen Unbewussten, -welches von dem metaphysischen oder übersinnlichen Unbewussten streng -unterschieden werden muss. - -Sowohl die normalen wie die abnormen Bewusstseinszustände sind -Zustände des Hirnbewusstseins, wenn auch der Brennpunkt seiner -Lage wechselt; sie alle zusammen bilden also das eine sinnliche -Bewusstsein im weiteren Sinne des Wortes und konstituiren mit dem -leiblichen Organismus zusammen die Persönlichkeit des Menschen. -Will man hinter diesem sinnlichen Bewusstsein ein übersinnliches -annehmen, das in ähnlicher Weise, wie das sinnliche sich auf den -leiblichen Organismus stützt, sich auf eine materielle Basis von -unvergleichlich feinerer, ätherischer Beschaffenheit (403, 393), auf -einen vom Tode des Leibes nicht alternirten Metaorganismus stützen soll -(522, 523), so würde man damit allerdings eine zweite übersinnliche -Persönlichkeit hinter der sinnlichen Persönlichkeit des Menschen -annehmen. Aber dieser hypothesische Dualismus von übersinnlicher und -sinnlicher Persönlichkeit im Menschen wäre geradezu entgegengesetzter -Art wie der oben als unhaltbar nachgewiesene hypothetische -Dualismus zwischen normalem sinnlichen Bewusstsein einerseits und -der vermeintlichen Mehrheit abnormer untersinnlicher Bewusstseine -andererseits, und dürfte keinenfalls mit demselben verwechselt oder -durcheinander gemengt werden, wie du Prel beständig thut[24]. Wäre -der Dualismus von normal-sinnlichem und abnormem Bewusstsein, wie -du Prel meint, erwiesen, und die Hypothese einer übersinnlichen -Persönlichkeit anderweitig genügend begründet, so hätten wir doch -immer keinen Dualismus, sondern einen Trialismus von übersinnlicher, -normal-sinnlicher und abnorm untersinnlicher Persönlichkeit, oder -genauer einen Septualismus zwischen einer übersinnlichen, einer -normal-sinnlichen, einer träumenden, zwei somnambulen und zwei bis drei -irrsinnigen Personen in demselben Menschen. Der verfehlte Dualismus -zwischen der normal-sinnlichen und der abnorm-untersinnlichen -Persönlichkeit, die beide gleichmässig mit dem organischen Leibe zu -Grunde gehen, könnte keinesfalls etwas dazu beitragen, den ebenso -verfehlten Dualismus zwischen der sterblichen sinnlichen und der -unsterblichen übersinnlichen Person im Menschen zu begründen oder -auch nur annehmbarer zu machen. Der Versuch du Prels, die uralte, -aber in keiner Weise zu begründende metaphysische Weltanschauung des -„transcendentalen Individualismus“ auf die Erscheinungen des abnormen -Seelenlebens und insbesondere des Somnambulismus zu stützen, erscheint -hiernach ebenso misslungen, wie der ihm voraufgegangene Versuch -Hellenbachs, dieselbe auf die Erscheinungen des Spiritismus zu stützen. - -Man würde mich missverstehen, wenn man glaubte, ich wolle du Prel -einen Vorwurf aus seiner Behauptung machen, dass die psychischen -Funktionen des Individual-Subjekts nicht mit der sinnlichen -Bewusstseinsthätigkeit erschöpft sind, sondern dass dasselbe ausserdem -noch vor und jenseits alles organisch vermittelten Bewusstseins -liegende Funktionen hervorbringt und trägt, durch welche es einerseits -den Organismus producirt und erhält (145, 412) und andererseits die -Bewusstseinsfunktionen sowohl des normalen wie der abnormen Zustände -durch Inspirationen unterstützt (194, 278). Ich tadle ihn nur deshalb, -weil er erstens in der offen stehenden Frage nach der Bewusstheit -oder Unbewusstheit der fraglichen Functionen den Beweis zu Gunsten -der Bewusstheit einfach durch die Konfusion zwischen untersinnlichem -und übersinnlichem, somnambulem und leibfreiem Bewusstsein geliefert -zu haben glaubt, und zweitens, dass er das so eingeschmuggelte -übersinnliche Bewusstsein wiederum mit dem dasselbe tragenden -Individualsubjekt verwechselt; denn dieses letztere muss doch als das -zwei Bewusstseine oder Personen gemeinsam tragende Subjekt (376) beiden -gleich fern und gleich nahe stehen, d. h. der unbewusste Producent und -Träger beider sein, und es ist unmöglich, demselben dadurch näher zu -kommen, dass man von der Erscheinungswelt des einen dieser Bewusstseine -in diejenige des anderen hinüberschreitet. Gäbe es also auch hinter der -sinnlichen Person im Menschen noch eine zweite übersinnliche, so müsste -man doch, um von der Flächenausdehnung dieses zweiten Bewusstseins -zum unbewussten gemeinsamen Subjekt beider Personen zu gelangen, ganz -ebenso in die metaphysische Tiefendimension hinabsteigen, als wenn man -von dem Bewusstsein der ersten Person ausgeht; denn das Subjekt selbst -ist niemals empirisch im Inhalt seiner Funktion zu finden, sondern -nur aus der Funktion durch einen nach rückwärts gehenden Schluss -intellectuell zu erreichen, weshalb eben Kant es das intelligible -Subjekt nennt (415). - -Wenn es also schon unrichtig ist zu sagen, dass die -Bewusstseinssteigerung nach der Seite des abnormen Bewusstseins durch -Anleihen beim übersinnlichen Bewusstsein zu Stande komme (401), so -ist es doppelt unrichtig zu sagen, dass das im normalen Bewusstsein -zurückgetretene gemeinsame Subjekt der übersinnlichen und sinnlichen -Person in abnormen Bewusstseinszuständen „aus dem Unbewussten -hervortrete“ (139). Alle etwaigen übersinnlichen Einwirkungen des -Individualsubjekts auf das organisch vermittelte Bewusstsein können -von diesem letzteren nur aufgefasst werden, insofern sie zugleich -in dessen eigene sinnlich-bildliche Form eingekleidet werden (70), -und wenn auch eine abnorme Hyperästhesie des Gedächtniss- und -Phantasieorgans in untersinnlichen Bewusstseinszuständen diese -Auffassung und Einkleidung bis zu einem gewissen Grade erleichtert, -so beweist doch der Fortbestand des visionär-bildlichen Charakters -der Eingebungen, dass auch bei den äussersten Graden der somnambulen -Hellsichtigkeit die organisch-sinnliche Basis des Bewusstseins nicht -verlassen wird (117-118) und keineswegs ein direkter Uebergriff oder -Uebertritt in’s übersinnliche Bewusstsein stattfindet. Ein solcher -bleibt auch dann ausgeschlossen, wenn durch abnorme Hyperästhesie -des Gedächtniss- und Phantasieorgans die gewöhnliche Geschwindigkeit -des Vorstellungsablaufes zur Bilderflucht gesteigert wird, und es -ist unzulässig, in solchem Falle von „transcendentalen Zeitmass“ zu -reden (86), oder gar die krankhafte Bilderflucht eines überreizten -Gehirns mit Kants Lehre von der Idealität der Zeit und des Raumes -zusammenzurühren (93, 147), da zur Erklärung solcher seltener Beispiele -nicht einmal die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs -überschritten zu werden braucht (vgl. oben). - -Die allen unsern heutigen Ansichten widersprechende Annahme du Prel’s, -dass das „transcendentale“ Bewusstsein ein leibfreies, d. h. ohne das -Substrat von Nervencentralorganen zu Stande kommendes Bewusstsein -sei, ist als der +physiologische+ Grundfehler seines Standpunktes zu -bezeichnen; die Verwechselung dieses „transcendentalen Bewusstseins“ -mit dem (unbewussten) „transcendentalen Subjekt“ dagegen ist der -+logische+ Grundfehler seines Standpunktes. Du Prel hat in seinen -späteren Arbeiten leider keinen Versuch gemacht, meine Kritik -dieser beiden Grundfehler zu widerlegen, sondern hat unbeirrt auf -diesen beiden unhaltbaren Voraussetzungen weitergebaut, die bei ihm -ebenso unbegründet dastehen als sie ihrer Natur nach unbegründbar -sind. Man kann hiernach ermessen, welcher Werth einer so fundirten -„transcendentalen Psychologie“ beizulegen ist. -- - -Die Genauigkeit verlangt zu erwähnen, dass du Prel noch auf -einem vom Somnambulismus unabhängigen Wege die Bewusstheit der -übersinnlichen Funktionen des Subjekts zu erweisen sucht. Er verwirft -nämlich die physiologische Erklärung des Gedächtnisses, wonach -dasselbe in hinterlassenen Spuren der Vorstellungsfunktion in den -funktionirenden Gehirntheilen bestehen soll, und setzt an deren -Stelle eine metaphysische Erklärung, nach welcher alle vom sinnlichen -Bewusstsein zeitweilig vergessenen Vorstellungen im übersinnlichen -leibfreien Bewusstsein als aktuelle Vorstellungen fortbestehen, und -bei der Reproduktion oder Wiedererinnerung aus diesem von Neuem -in’s sinnliche Bewusstsein hinübertreten (371-375). Da die abnormen -Bewusstseinszustände thatsächlich keine gleichzeitige Aktualität aller -jemals gehabten Vorstellungen aufweisen, da vielmehr das zeitweilige -Vergessen und Wiedererinnern der Vorstellungen, d. h. das Problem des -Gedächtnisses, für die abnormen Bewusstseinszustände +ganz ebenso+ -besteht wie für den normalen, so kann dasjenige Bewusstsein welches -den aktuellen Gedächtnissvorrath enthalten und erhalten soll, nur als -das übersinnliche, in +keiner+ Erfahrung anzutreffende, leibfreie -Bewusstsein verstanden werden, welchem dann gleichmässig die Aufgabe -zufiele, als Gedächtnissvorrathskammer sowohl für das normale -sinnliche, als auch für das abnorme untersinnliche Bewusstsein zu -dienen (346). - -Ich halte diesen Erklärungsversuch aus zwei Gründen für verfehlt. -Erstens würde das übersinnliche Bewusstsein, wenn es alle jemals am -Menschen vorübergezogenen Vorstellungen und Gefühle in gleichzeitiger -Aktualität als seinen Inhalt umfasste, ein sinnverwirrendes -chaotisches Durcheinander sein, in welchem eben so wenig noch -bestimmte Vorstellungen enthalten wären, wie in der gleichzeitigen -Aufführung aller bisher geschriebenen Musikstücke noch Musik wäre; ein -solches Bewusstsein könnte niemals für irgend welche Erscheinung als -Erklärungsprincip dienen, auch ganz abgesehen davon, dass die Auswahl -einer bestimmten Vorstellung aus diesem chaotischen Bewusstsein und -die Art ihres Ueberganges aus demselben in das sinnliche Bewusstsein -doch immer noch unerklärlich bliebe. Zweitens aber soll der indirekte -Beweis für die Richtigkeit dieser Erklärung doch lediglich in der -Unannehmbarkeit der gewöhnlichen physiologischen Erklärung des -Gedächtnisses durch Gehirnspuren liegen; der Nachweis der Unhaltbarkeit -dieser letzteren scheint mir aber entschieden misslungen. Indem -nämlich du Prel einerseits die Wiederholung gleicher Vorstellungen, -die Verdichtung ähnlicher zu einem gemeinsamen Gedächtnisseindruck -ausser Acht lässt und das allmähliche Vergessen der nicht wieder -aufgefrischten Spuren bis zum absoluten Verschwinden nach einer -kürzeren oder längeren Zeit leugnet (314, 320), rechnet er grosse -Zahlen von Gehirnspuren heraus, denen jede Berechtigung fehlt; -andererseits unterschätzt er die ausserordentliche Feinheit der -organischen Materie und deren Fähigkeit, eine ungeheure Menge von -Spuren nicht nur nebeneinander, sondern geradezu ineinander geschoben -und verschränkt in sich aufzunehmen, wie ja auch eine unglaubliche -Zahl aktueller Bewegungen in jedem Massentheilchen gleichzeitig vor -sich gehen. Hätte er aber in seinen Bedenken gegen die Feinheit -der organischen Hirnmasse Recht, so würde doch dieses Bedenken -in noch weit höherem Grade für die ungleich geringere materielle -Dichtigkeit des Aetherleibes oder Metaorganismus zutreffen, auf dessen -Molekularbewegung die Summe aller im übersinnlichen Bewusstsein -gleichzeitig aktuellen Gedächtniss-Vorstellungen und Gefühle sich -ebenso stützen muss, wie die Summe der im sinnlichen Bewusstsein -aktuellen Vorstellungen und Gefühle auf die Molekularbewegungen der -Hirnmasse. Diese verfehlte Theorie des Erinnerungsvermögens würde du -Prel schwerlich in den Sinn gekommen sein, wenn er nicht vorher schon -die Existenz eines übersinnlichen Bewusstseins durch die Verwechselung -mit dem untersinnlichen erwiesen zu haben geglaubt hätte. -- - -Die Behauptung, dass die für uns unbewussten übersinnlichen psychischen -Funktionen unseres an und für sich unbewussten Individualsubjekts -doch ihrerseits von einem übersinnlichen Bewusstsein begleitet seien, -ist bis jetzt durch nichts erwiesen, und doch liegt die Beweislast -dem Behauptenden ob; man wird demnach auch ferner logisch im Rechte -sein, wenn man sie bis auf Weiteres (d. h. bis zur Erbringung des -Beweises vom Gegentheil) als an und für sich unbewusst betrachtet. -Es scheint denn doch eine sehr viel einfachere und natürlichere -Annahme, dass hinter den bewussten Funktionen des Individualsubjects -ohne Störung der Einheit der bewussten Persönlichkeit noch unbewusste -Funktionen desselben verlaufen, als dass in jedem Individuum zwei -Personen verkoppelt sind, deren eine (die sinnliche) durch die andere -(die übersinnliche) dämonisch besessen ist, ohne etwas davon zu -ahnen! Insbesondere ist zu beachten, dass die höchst bedenkliche, -aber schlechthin unentbehrliche Hülfshypothese eines unsterblichen -Aetherleibes oder Metaorganismus mit dem Wegfall des übersinnlichen -Bewusstseins fortfällt; denn bewusste psychische Funktionen brauchen -zwar ein materielles Substrat, an dem sie erst sich selbst empfindlich -werden, aber unbewusste psychische Funktionen sind allemal rein -immaterieller Natur. Alle unbewussten psychischen Funktionen, -welche sich auf einen individuellen Organismus beziehen, sind durch -dieses Ziel zu einer individuellen psychischen Gruppe von relativer -Beständigkeit geeint, ebenso wie sie rückwärts ihren Einheitspunkt an -dem sie gemeinsam tragenden Subjekt haben. - -Auch ich will keineswegs den Individualgeist oder die individuelle -Psyche überspringen,[25] aber wenn du Prel die Frage, ob dieselbe -eine substantiell von ihres Gleichen und vom Absoluten getrennte -Monade, oder eine blosse Einschränkung oder funktionelle Konkretion -(dramatische Spaltung) des absoluten Subjekts sei, offen lässt -(72), so habe ich geglaubt, dieselbe zu Gunsten der letzteren Seite -der Alternative entscheiden zu müssen.[26] Gerade das Problem der -Inspiration des sinnlichen Bewusstseins durch unbewusste Funktionen -der Individualseele zwingt in allen Fällen, wo es sich um hellsehendes -Ahnen von räumlich oder zeitlich weit entfernten Vorgängen handelt, zu -der Lösung durch den konkreten Monismus überzugehen, weil hier eine -rückwärtige Verbindung aller Individualsubjekte im absoluten Subjekt -(gleichsam ein centraler Telephon-Anschluss für die Inspirationen -der unbewussten Individualseele in’s Bewusstsein) existirt, -während der monadologische Individualismus nur die Wahl hat, die -bezüglichen Thatsachen zu leugnen, oder auf eine ganz gewaltsame -oder unwahrscheinliche Art als Gefühlswahrnehmungen durch materielle -Vermittelung zu erklären (198, 421). - -Hätte du Prel nicht den pathologischen Charakter des Somnambulismus -verkannt, und in Folge dessen nicht das untersinnliche Bewusstsein mit -einem übersinnlichen (transcendentalen) verwechselt, so würde sich -schwerlich eine Differenz zwischen unseren metaphysischen Deutungen -der fraglichen Erscheinungsgebiete herausgestellt haben. Von den -metaphysischen Konsequenzen seiner irrigen Theorien aber werden nur -zwei Richtungen Nutzen ziehen: der Spiritismus und die christliche -Apologetik. Die neueren Veröffentlichungen du Prel’s zeigen leider nur -zu sehr, dass er sich dem Spiritismus nicht zu entreissen vermocht -hat, nachdem er einmal durch die aufgezeigten Grundfehler demselben -eine Handhabe geboten hat. Der Mangel an kritischer Vorsicht in der -Benutzung der Berichte, welcher schon in seiner „Philosophie der -Mystik“ gerügt werden musste, macht sich in diesen späteren Schriften -theilweise in einem solchen Maasse geltend, dass dieselben dadurch -einer wissenschaftlichen Kritik entrückt erscheinen. - -[Illustration] - - - - -Frühere Schriften desselben Verfassers. - - -Im Verlag der Königl. Hofbuchhandlung von =Wilhelm Friedrich= in -+Leipzig+ erschien: - - -Der Spiritismus. - -8 Bogen gr. 8. M. 3.--. - - -Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft. - -Zweite durchgesehene Auflage. 13 Bogen gr. 8. M. 5.--. - - -Philosophische Fragen der Gegenwart. - -19 Bogen gr. 8. Preis M. 6.--. - - - - -In =Carl Duncker’s= Verlag in +Berlin+ erschien: - - -A. Hauptwerke: - - =Philosophie des Unbewussten.= Neunte erweiterte Auflage in 2 - Bänden. Erster Theil: Phänomenologie des Unbewussten. Zweiter - Theil: Metaphysik des Unbewussten. 62 Bogen gr. 8. - - M. 12.-- - - =Das sittliche Bewusstsein.= Zweite Auflage. 44 Bogen gr. 8. - - M. 6.-- - - =Das religiöse Bewusstsein der Menschheit= im Stufengang seiner - Entwickelung. 40 Bogen gr. 8. - - M. 10.-- - - =Die Religion des Geistes.= 22 Bogen gr. 8. - - M. 7.-- - - =Aesthetik.= Erster Theil. Die deutsche Aesthetik seit Kant. 37 - Bogen. - - M. 5.-- Zweiter Theil: Philosophie des Schönen. 53 Bogen. M. 8. - Beide Bände. 90 Bogen gr. 8. - - M. 13.-- - - -B. Nebenwerke: - - =Kritische Grundlegung des transcendentalen Realismus.= Zweite - erweiterte Aufl. von „Das Ding und seine Beschaffenheit“. 12 Bogen - gr. 8. - - M. 4.-- - - =Gesammelte Studien und Aufsätze= gemeinverständlichen Inhalts. - Zugleich zweite Auflage von „Gesammelte philosophische - Abhandlungen“, „Schellings positive Philosophie“, „Aphorismen über - das Drama“, „Shakespeare’s Romeo und Julia“ u. s. w. 46 Bogen gr. 8. - - M. 12.-- - - =Neukantianismus, Schopenhauerianismus und Hegelianismus= in - ihrer Stellung zu den philosophischen Aufgaben der Gegenwart. - Zweite erweiterte Auflage der „Erläuterungen zur Metaphysik des - Unbewussten“. 23 Bogen gr. 8. - - M. 7.-- - - =Das Unbewusste= vom Standpunkt der Physiologie und - Descendenztheorie. Zweite vermehrte Auflage. Nebst einem Anhang, - enthaltend eine Entgegnung auf Professor Oscar Schmidt’s Kritik der - naturwissenschaftlichen Grundlagen der Philosophie des Unbewussten. - 26 Bogen gr. 8. - - M. 8.-- - - -C. Kleinere Schriften: - - =Wahrheit und Irrthum im Darwinismus.= Eine kritische Darstellung - der organischen Entwickelungstheorie. 11½ Bogen gr. 8. - - M. 4.-- - - =Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus.= 10 Bogen gr. 8. - - M. 3.-- - - =Die Selbstzersetzung des Christenthums= und die Religion der - Zukunft. Zweite Auflage. 9 Bogen gr. 8. - - M. 3.-- - - =Die Krisis des Christenthums= in der modernen Theologie. 9 Bogen - gr. 8. - - M. 2.70 - - =J. H. von Kirchmann’s erkenntnisstheoretischer Realismus.= Ein - kritischer Beitrag zur Begründung des transcendentalen Realismus. - 4½ Bogen gr. 8. - - M. 2.-- - - =Ueber die dialektische Methode.= Historisch-kritische - Untersuchungen. 8 Bogen gr. 8. - - M. 2.-- - - =Zur Reform des höheren Schulwesens.= 6 Bogen gr. 8. - - M. 2.25 - - =Die politischen Aufgaben und Zustände des deutschen Reiches.= 4 - Bogen gr. 8. - - M. 1.-- - - -D. Erläuterungs- und Vertheidigungsschriften: - - =Lichtstrahlen= aus Eduard von Hartmann’s sämmtlichen Werken, - herausgegeben von Dr. M. Schneidewin. 22 Bogen kl. 8. Eleg. gebunden - - M. 5.-- - - =Das philosophische System= Eduard von Hartmann’s. Von Dr. R. - Koeber. 26 Bogen gr. 8. (Breslau bei W. Koebner.) - - M. 9.-- - - =Der Kampf um’s Unbewusste.= Von O. Plümacher. Nebst einem Anhang, - enthaltend ein chronologisches Verzeichniss der Hartmann-Literatur - von 1868 bis 1880 (circa 770 Nummern). 10 Bogen gr. 8. - - M. 3.-- - - =Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart.= Geschichtliches - und Kritisches. Von O. Plümacher. 23 Bogen gr. 8. (Heidelberg bei - G. Weiss.) - - M. 7.20 - - - - -Fußnoten: - -[1] In den Kapiteln: „Die Unchristlichkeit des liberalen -Protestantismus“ und „die Irreligiosität des lib. Prot.“ -(Selbstzersetzung des Christenthums Cap. VI und VII) und in der Schrift -„Die Krisis des Christenthums“ Abschn. I. 2, II und IV. - -[2] In der Satire: „Das Gefängniss der Zukunft“ (Gesammelte Studien und -Aufsätze A. X.) und in der Kritik des socialendämonistischen Princips -(Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins Abth. II, B. I.) - -[3] Gesammelte Studien und Aufsätze No. I; Philosophische Fragen der -Gegenwart No. I. - -[4] Vergl. „Das sittliche Bewusstsein“, 2. Aufl., S. 415-418. (1. Aufl. -S. 516-518). - -[5] Vergl. den Abschnitt über „Das Moralprincip des Mitgefühls“ in „Das -sittliche Bewusstsein“, 2. Aufl. S. 184-202 (1. Aufl. S. 217-240). - -[6] Man vergleiche zu diesem Abschnitt meine „Phänomenologie des -sittlichen Bewusstseins“, S. 672-673, 692-696; 2. Aufl. S. 536-537, -552-555. - -[7] Dieselbe beläuft sich nach medicinischen Annahmen auf 2 vor dem -20. Jahre, 5 in den 20ger, 3 in den 30ger und 1 in den 40ger Jahren, -zusammen auf 11. Bei der Verheirathung der Frau mit 26½ Jahren sinkt -die zu erwartende Kinderzahl auf die Hälfte, d. h. auf 5½, was mit dem -statistischen Durchschnitt in Deutschland übereinstimmt. - -[8] Wollte man dem skrupulösesten Gerechtigkeitsgefühl Rechnung -tragen, so brauchte man nur die Bestimmung in das Gesetz aufzunehmen, -dass Jungfern durch die eidesstattliche Versicherung, niemals einen -Heirathsantrag gehabt zu haben, von der Steuererhöhung befreit werden. -Wer die Frauen kennt, wird keinen Augenblick daran zweifeln, dass eine -solche Klausel unbenutzt bleiben würde, und dass deshalb ihre Aufnahme -in’s Gesetz überflüssig und wirkungslos wäre. - -[9] Die Besorgniss, dass durch Einreichung des Leitfadens eine zu -scharfe Kontrole von Seiten der Universitätsbehörden ermöglicht und -damit die Lehrfreiheit beeinträchtigt werden könnte, scheint mir ganz -grundlos. Wenn ein Docent Dinge sagt, die den Universitätsbehörden -Anstoss geben könnten, so sagt er sie in den mündlichen Erläuterungen, -aber nicht in demjenigen, was er den Studenten diktirt, -- und mehr -soll ja der Leitfaden nicht enthalten. - -[10] +H. Klinkhardt+, Das höhere Schulwesen Schwedens. Leipzig, J. -Klinkhardt, 1887. Einen übersichtlichen Bericht über dieses Werk aus -der Feder des Grafen Pfeil findet man in der „Zeitung für das höhere -Unterrichtswesen“ 1887, Nr. 30-32. - -[11] „Die Zukunft unserer höheren Schulen“ von F. Hornemann. Hannover, -Carl Meyer, 1887. S. 105 Anmerkung. - -[12] Leçons sur les maladies du système nerveux tome III. -- Essai -d’une distinction nosographique des divers états nerveux, compris sous -le nom d’hypnotisme. (Comptes rendus de l’Académie des sciences 1882.) - -[13] Die Philosophie der Mystik von Dr. Carl du Prel. Leipzig, Ernst -Günthers Verlag 1885. - -[14] Die Philosophie der Mystik von Dr. Carl du Prel. Leipzig, Ernst -Günthers Verlag 1885. - -[15] Vigouroux, Métalloscopie, Métallothérapie, Oesthésiogènes. - -[16] „Versuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt“, in -den „Parerga und Paralipomena“, 2. Aufl. I. Band. S. 241-328. - -[17] Parerga 2. Aufl. I. S. 262 (vgl. S. 264). - -[18] Das Gleiche gilt für Träume, in denen ein äusserer Sinnenreiz -in den Traum ausnahmsweise einmal in der Art dramatisch verwoben -wird, dass die letzten Glieder des Traumes durch die Pointe bedingt -erscheinen; auch hier genügen die 2-3 Sekunden, die von der -Perception des Gehörseindrucks (z. B. eines Schlusses) im untersten -Perceptionscentrum für Gehörseindrücke bis zur Perception desselben -durch das Organ des Traumbewusstseins sehr wohl verstreichen können (S. -90 unten bis 91 oben), um 24-36 Vorstellungsbilder auf einander folgen -zu lassen. - -[19] Bekanntlich zeigt der Traum eine Menge Erscheinungen des -Wahnsinns und macht dadurch viele der gewöhnlichsten Irrsinnsformen -für jeden, der auf seine Träume achtet, von innen heraus verständlich, -so z. B. den Verfolgungswahn, verschiedene sexuelle Abnormitäten, -Verbrecherwahn, Grössenwahn u. s. w. - -[20] Die oben angeführten Versuche von Binet und Féré streifen bereits -an die Grenze des unheimlich Grausamen auch ohne Anwendung des Messers; -sie liefern dafür aber auch durch Bestimmung der schmerzenden Stelle -bei jeder Art von seitlich transferirter Hirnfunktion einen höchst -schätzbaren Beitrag zur Lokalisation der Hirnfunktionen. - -[21] Statuvolence oder der gewollte Zustand. Von W. B. Fahnestock. -Deutsch von Wittig. Leipzig 1883. - -[22] Diese lokale magnetische Hyperästhesirung bildet das Gegenstück -zu der lokalen Anästhesirung durch narkotische Mittel, und der lokalen -magnetischen Anästhesirung (z. B. bei Brandwunden). - -[23] Die Wirksamkeit des Befehls zur Erinnerung ist analog der -Wirksamkeit des Befehls zum Vergessen und zur Elimination bestimmter -Wahrnehmungskomplexe aus der Wahrnehmungsphäre. Die Sage von der -Tarnkappe wird zur Wahrheit, indem die Somnambule nach dem Erwachen -unfähig ist, eine bestimmte anwesende Person wahrzunehmen, wenn ihr -diess im somnambulen Zustand befohlen war. - -[24] Den äusseren Anlass zu dieser Konfusion giebt der Missbrauch -des Wortes „transcendental“ in der Bedeutung „latent“ (443) oder -„unterhalb der Schwelle des Bewusstseins gelegen“; denn nun bezeichnet -der Ausdruck „transcendentales Bewusstsein“ in doppelsinniger Weise -bald das untersinnliche, bald das übersinnliche Bewusstsein. Ich habe -deshalb das Wort „transcendental“ in der bisherigen Erörterung ganz -vermieden, um dieser Verwirrung zu entgehen. - -[25] „Religion des Geistes“ S. 226-228. - -[26] Vgl. „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie und -Descendenztheorie“ 2. Aufl. S. 297-306. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Moderne Probleme, by Eduard von Hartmann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MODERNE PROBLEME *** - -***** This file should be named 55014-0.txt or 55014-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/0/1/55014/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Moderne Probleme - -Author: Eduard von Hartmann - -Release Date: June 30, 2017 [EBook #55014] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MODERNE PROBLEME *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1888 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden -stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche, altertümliche, sowie -inkonsistente Schreibweisen wurden dagegen beibehalten, insbesondere -wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach -auftreten.</p> - -<p class="p0">Das <a href="#Inhalt">Inhaltsverzeichnis</a> wurde nach -Vorgabe des Textes folgendermaßen angepasst:</p> - -<ol> - <li>‚Das Philosophie-Studium auf den Universitäten‘ wurde korrigiert - zu ‚Das Philosophie-Studium an den Universitäten‘.</li> - - <li>Die Seitenzahl für den Abschnitt ‚Die preussische Schulreform - von 1882‘ wurde von 160 zu 169 geändert.</li> -</ol> - -<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö und Ü) sowie das -‚Esszett‘ (ß) werden im Text umschrieben (Ae, Oe, Ue, bzw. ss). -<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät -installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten -Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos -als auch gesperrt erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s2 center padtop3">Eduard von Hartmann.</p> - -<h1><b>Moderne Probleme.</b></h1> - -<p class="s3 center">Zweite vermehrte Auflage.</p> - -<div class="figcenter padtop3 padbot3"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="w3_5em" src="images/signet.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<p class="s4 center">Leipzig</p> - -<p class="center">Verlag von Wilhelm Friedrich</p> - -<p class="s5 center">K. R. Hofbuchhändler.</p> - -<p class="center">1888.</p> - -<p class="s4 center break-before padtop5 padbot3">Alle Rechte vorbehalten.</p> - -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_iii" id="Seite_iii">[– III –]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort_zur_ersten_Auflage">Vorwort zur ersten -Auflage.</h2> - -</div> - -<p>Dass es mir bisher an Feinden gefehlt habe, wird niemand behaupten -können. Die katholische Kirche hat mich in amtlichen Kundgebungen und -in dicken Büchern als einen Erzketzer und Hauptführer der wider Gott -anstürmenden Rotte gebrandmarkt, die evangelischen Orthodoxen haben -sich auch in dieser Frage an ihre Rockschösse gehängt, und der liberale -Protestantismus wird mir die an ihm geübte Kritik<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> niemals verzeihen. -Die Konservativen verabscheuen mich als religiösen Revolutionär, die -Liberalen als einen Gegner der parlamentarischen Regierungsform, als -Militaristen, Monopolisten und Socialisten; die Socialdemokraten -hassen in mir mit Recht den aristokratisch gesinnten Gegner alles -demokratischen Nivellements, der speciell die socialdemokratischen -Verirrungen so scharf mitgenommen hat.<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> Die mechanistisch und -darwinistisch gesinnte Welt der Naturforscher hat sich<span class="pagenum"><a name="Seite_iv" id="Seite_iv">[– IV –]</a></span> von der zweiten -Auflage meiner Schrift „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie -und Descendenztheorie“ <span class="nowrap">i. J.</span> 1877 so schwer getroffen gefühlt, dass sie -sich seitdem in grollendes Stillschweigen und Ignoriren gehüllt hat. -Die Positivisten und Neukantianer, welche alle Metaphysik verwerfen und -bekämpfen, sehen in dem Verfasser der Schrift über den „Neukantianismus -<span class="nowrap">u. s. w.</span>“ einen der gefährlichsten Störer ihrer Cirkel; die -vordarwinschen naturwissenschaftlichen Materialisten und die Nachfolger -Feuerbachs hassen in mir, wie die Schriften von Stiebeling, J. C. -Fischer, Carl Grün und die Wuthausbrüche Dührings beweisen, einen -rückständigen Schwärmer und Obscuranten, und die Optimisten aus allen -Lagern reichen sich die Hände, um meinen Pessimismus, den sie nicht -verstehen, als Volksverderber und Jugendverführer zu verdammen. Die -Hegelianer hatte ich schon durch meine erste Veröffentlichung „Ueber -die dialektische Methode“ vor den Kopf gestossen, die Schopenhauerianer -bereits durch die Kritik der Schopenhauerschen Moralprincipien (in der -„Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins“) verletzt und durch den -Aufsatz „Mein Verhältniss zu Schopenhauer“ (in den „Philosophischen -Fragen der Gegenwart“ Nr. II) ganz in’s Lager meiner Gegner -hinübergetrieben, und den Universitätsphilosophen gegenüber hatte ich -meine ohnehin schon schwierige Stellung als unzünftiger Konkurrent noch -durch verschiedene Aeusserungen über die Universitätsphilosophie<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> -verschlimmert.</p> - -<p>Unter diesen Umständen hätte ein ganz auf sich selbst angewiesener, auf -keine Klique, kein literarisches Organ und kein Katheder gestützter -Forscher leicht<span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[– V –]</a></span> Bedenken tragen können, die Zahl der ihn umgebenden -Feinde zu vermehren und deren Feindseligkeit zu verschärfen. Wenn ich -dies trotzdem in den letzten Jahren im weitesten Umfang gethan habe, so -bitte ich darin keine übermüthige Laune oder muthwillige Händelsucht -zu sehen; was mich dazu antrieb, gegen so mancherlei moderne Irrthümer -das Wort zu ergreifen, war ein inneres Bedürfniss, die Stimme der -besonnenen Kritik zur Geltung zu bringen, ein unerschütterliches -Vertrauen in die siegreiche Kraft der schlichten ungeschminkten -Wahrheit, und ein Gefühl der Verpflichtung, durch meine völlig -unabhängige Stellung mehr als viele Andere zur Inangriffnahme so -peinlicher und undankbarer Aufgaben berufen zu sein.</p> - -<p>Durch meine Schrift „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft“ habe -ich mir nämlich nicht nur bei den Vertretern des Judenthums selbst, -sondern auch bei den christlichen Philosemiten und nicht minder bei -den Antisemiten viele neue Gegner gemacht, ebenso durch meine Schrift -über den Spiritismus sowohl die spiritistischen Kreise gegen mich -aufgebracht, als auch dem Widerwillen der Aufklärungsrationalisten -und Materialisten gegen mich neue Nahrung zugeführt. Der Aufsatz -„Was sollen wir essen?“ hat bei den Vegetarianern eine förmliche -Erbitterung gegen mich wachgerufen, welche sich bis zu der -öffentlichen Drohung: „es mir nicht vergessen zu wollen“, verstiegen -hat. „Unsre Stellung zu den Thieren“ hat eine ähnliche Wirkung auf -die Antivivisektionisten und sentimentalen Thierschützler ausgeübt. -„Die Gleichstellung der Geschlechter“ und „Die Lebensfrage der -Familie“ hat diejenigen Mitglieder des schönen Geschlechts, welche -für die Emancipation ihrer Schwestern und für eine ausserfamiliäre -Berufsstellung derselben kämpfen gegen mich in Harnisch gebracht. -„Der Rückgang<span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[– VI –]</a></span> des Deutschthums“ hat den bei der grossdeutschen Idee -stehen gebliebenen Theil der deutschen Liberalen gegen mich aufgeregt, -die preussischen Polen mir zu unversöhnlichen Feinden gemacht, die -Erbitterung des Ultramontanismus neu geschürt und vor allem bei den -Deutschösterreichern einen Sturm der Entrüstung entfesselt, der wohl -nicht ganz ohne Einfluss auf das aktive Aufraffen derselben aus dem -doktrinär-liberalen Schlummer geblieben ist und hoffentlich auch -ferner noch erspriessliche Folgen zeitigen wird. Die Aufsätze „Zur -Reform des Universitätsunterrichts“ und „Das Philosophie-Studium“ -dürften die Antipathien der Philosophieprofessoren gegen mich, wenn das -überhaupt möglich war, noch verschärft haben, und „Die Ueberbürdung -der Schuljugend“ muss auch diejenigen Pädagogenkreise gegen mich -verstimmen, welche nicht schon als Vertheidiger der Realschulen oder -Realgymnasien durch meine frühere Schrift „Zur Reform des höheren -Schulwesens“ gegen mich eingenommen waren.</p> - -<p>Zum mindesten bürgt das durch zahllose Gegenartikel, Vorträge, -Zuschriften <span class="nowrap">u. s. w.</span> bekundete Aufsehen, welches die Mehrzahl der -nachstehenden Aufsätze schon bei ihrer vereinzelten Veröffentlichung -in Zeitschriften gemacht hat, dafür, dass dieselben auch in ihrer -nunmehrigen Zusammenstellung einige Beachtung verdienen dürften; -denn erst in dieser ihrer Vereinigung lassen sie ihre innere -Zusammengehörigkeit, sowohl unter einander, als auch mit den Schriften -über das Judenthum und den Spiritismus erkennen. Die Abhandlung „Der -Somnambulismus“ bildet eine unmittelbare Ergänzung zu der Schrift über -den Spiritismus, indem beide sich gegenseitig erläuternde Arbeiten die -sogenannte „Nachtseite der menschlichen Natur“ erörtern und entschieden -gegen eine neuere, auf den Geheimbuddhismus gestützte mystische -Richtung Front<span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[– VII –]</a></span> machen, welche dieses Gebiet eines krankhaften Nerven- -und Seelenlebens zu einer dem normalen Zustand überlegenen höheren -Stufe des Geisteslebens aufzubauschen versucht. Die Aufsätze gegen den -Vegetarianismus, den Antivivisektionismus, die Frauenemancipation und -die egoistisch überspannte Missachtung der Familienpflichten gehören -ebenfalls in eine engere Gruppe zusammen, welche der Schrift über das -Judenthum schon dadurch näher gerückt ist, dass in ihnen allen der -abstrakte Idealismus und die falsche Sentimentalität bekämpft wird.</p> - -<p>Bekanntlich hatte Richard Wagner in seinen letzten Lebensjahren neben -andern Eigenthümlichkeiten auch diejenige, sich zum theoretischen -Vertreter des Vegetarianismus, Antivivisektionismus und Antisemitismus -aufzuwerfen, und unter demjenigen Theil seiner Jünger und Anhänger, -welcher darauf schwört, dass in dem Evangelium des Meisters auch seine -Art sich zu räuspern und zu spucken einen untrennbaren Bestandtheil -bilde, spielen auch Vertreterinnen der Frauenemancipation eine -bedeutende Rolle. Hier findet also gleichsam ein Zusammenfluss der -verschiedenen Ströme des abstrakten Idealismus statt, welche ich in der -vorliegenden Schrift bekämpfe, und es scheint deshalb unvermeidlich, -dass dieselbe bei diesem Kreise noch grösseren Anstoss erweckt, -als dies schon früher meine Nichtanerkennung der Schopenhauerschen -Mitleidsmoral und Theorie der Musik und meine Kritik sowohl des -Urbuddhismus (im „Religiösen Bewusstsein der Menschheit“ B. I, 2) -als auch des Geheimbuddhismus (in den „Philosophischen Fragen der -Gegenwart“ Nr. IX) gethan hat.</p> - -<p>Mögen diese Blätter trotz aller weiteren Anfeindungen, die ihnen nicht -erspart bleiben werden, einen Leserkreis finden, der geneigt ist, in -dem wüsten Durcheinander fanatischer Parteistimmen auch der<span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[– VIII –]</a></span> Stimme -der parteilosen nüchternen Besonnenheit sein Ohr zu leihen, und mögen -diejenigen, welche meine Ansichten nur aus gegnerischen Entstellungen -kennen, sich durch eignen Einblick überzeugen, dass sie nichts weiter -enthalten, als was für jeden Unbefangenen selbstverständlich und kaum -des Aussprechens bedürftig scheinen sollte. Wenn aber philosophische -Kritiker sich daran stossen sollten, dass ich mir die Mühe gegeben -habe, auch Selbstverständliches niederzuschreiben, so bitte ich sie zu -erwägen, dass verkehrten Zeitströmungen gegenüber auch das Aussprechen -des Selbstverständlichen sein Recht hat, und dass es des Philosophen -nicht unwürdig ist, auch der populären Behandlung von Zeitfragen näher -zu treten.</p> - -<p><em class="gesperrt">Berlin-Lichterfelde</em>, im Herbst 1885.</p> - -<p class="s3 right mright2"><b>Eduard von Hartmann.</b></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_ix" id="Seite_ix">[– IX –]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort_zur_zweiten_Auflage">Vorwort zur zweiten -Auflage.</h2> - -</div> - -<p>Der baldige Absatz der ersten Auflage dieses Buches liefert die -erfreuliche Bestätigung dafür, dass die am Schlusse ihres Vorworts -ausgesprochene Hoffnung nicht zu Schanden geworden ist. Ich habe in -der zweiten Auflage als Nr. V-VII drei Aufsätze über die heutige -Geselligkeit, über die Wohnungsfrage und über moderne Unsitten -eingeschaltet, welche sich ihrem Inhalt nach an die ersten vier -Aufsätze auf das engste anschliessen und dem Buch noch mehr als -bisher den Charakter eines Vorläufers zur Socialethik geben. Ebenso -habe ich den beiden Aufsätzen über die Schulfrage einen dritten (Nr. -XII) hinzugefügt, welcher eine Uebersicht über den gegenwärtigen -Stand der ganzen Bewegung giebt und die zunächst erforderlichen -Schritte präcisirt. Dagegen habe ich den Aufsatz über den Rückgang -des Deutschthums fortgelassen, weil inzwischen mit dem Erlass und der -fortschreitenden Ausführung der preussischen Polengesetze sein Zweck -erfüllt und seine Aktualität erloschen ist. In einigen der anderen -Aufsätze, besonders in Nr. XV, habe ich kleinere Zusätze beigefügt, -welche durch die an die erste Auflage geknüpfte Kritik und Polemik -veranlasst worden sind. Möge das Buch auch in seiner neuen Gestalt -günstige Aufnahme finden.</p> - -<p><em class="gesperrt">Berlin-Lichterfelde</em>, im März 1888.</p> - -<p class="s3 right mright2"><b>Eduard von Hartmann.</b></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_x" id="Seite_x">[– X –]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> - -</div> - -<table class="collapse inhalt" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="tdr vat"> - I. - </td> - <td class="vat"> - Was sollen wir essen? - </td> - <td class="vab"> -   <a href="#I_Was_sollen_wir_essen">1</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - II. - </td> - <td class="vat"> - Unsere Stellung zu den Thieren - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#II_Unsere_Stellung_zu_den_Thieren">21</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - III. - </td> - <td class="vat"> - Die Gleichstellung der Geschlechter - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#III_Die_Gleichstellung_der_Geschlechter">36</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - IV. - </td> - <td class="vat"> - Die Lebensfrage der Familie - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#IV_Die_Lebensfrage_der_Familie">50</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - V. - </td> - <td class="vat"> - Die heutige Geselligkeit - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#V_Die_heutige_Geselligkeit">85</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - VI. - </td> - <td class="vat"> - Die Wohnungsfrage - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#VI_Die_Wohnungsfrage">96</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - VII. - </td> - <td class="vat"> - Moderne Unsitten - </td> - <td class="vab"> - <a href="#VII_Moderne_Unsitten">106</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - VIII. - </td> - <td class="vat"> - Zur Reform des Universitätsunterrichts - </td> - <td class="vab"> - <a href="#VIII_Zur_Reform_des_Universitaetsunterrichts">120</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - IX. - </td> - <td class="vat"> - Das Philosophie-Studium an den Universitäten - </td> - <td class="vab"> - <a href="#IX_Das_Philosophie-Studium_an_den_Universitaeten">140</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - X. - </td> - <td class="vat"> - Die Ueberbürdung der Schuljugend - </td> - <td class="vab"> - <a href="#X_Die_Ueberbuerdung_der_Schuljugend">157</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - XI. - </td> - <td class="vat"> - Die preussische Schulreform von 1882 - </td> - <td class="vab"> - <a href="#XI_Die_preussische_Schulreform_von_1882">169</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - XII. - </td> - <td class="vat"> - Der Streit um die Organisation der höheren Schulen - </td> - <td class="vab"> - <a href="#XII_Der_Streit_um_die_Organisation_der_hoeheren_Schulen">177</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - XIII. - </td> - <td class="vat"> - Der Bücher Noth - </td> - <td class="vab"> - <a href="#XIII_Der_Buecher_Noth">193</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - XIV. - </td> - <td class="vat"> - Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit - </td> - <td class="vab"> - <a href="#XIV_Die_epidemische_Ruhmsucht_unserer_Zeit">200</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdr vat"> - XV. - </td> - <td class="vat"> - Der Somnambulismus - </td> - <td class="vab"> - <a href="#XV_Der_Somnambulismus">207</a> - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[– 1 –]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="I_Was_sollen_wir_essen">I.<br /> -Was sollen wir essen?</h2> - -</div> - -<p>In ärztlichen Kreisen hat im letzten Menschenalter ein hauptsächlich -von England ausgegangener Umschwung der Ansichten über die Diät -stattgefunden, der die Fleischkost in weit höherem Masse bevorzugt, als -es früher üblich war. Im Gegensatz hierzu erklären die vegetarianischen -Bestrebungen die reine Pflanzenkost für die allein naturgemässe, -rationelle und humane Ernährungsweise und machen mit der Kraft einer -religiösen Ueberzeugung das künftige Heil der Menschheit von dem -Verzicht auf alle Fleischkost abhängig. Die Frage scheint wichtig -genug, um sie in reifliche Erwägung zu ziehen.</p> - -<p>Das für ein organisches Wesen Naturgemässe ist an zwei Merkmalen -zu erkennen: an der Einrichtung seiner Organisation und an seinen -Instinkten. Beide weisen übereinstimmend dem Menschen seine Stellung -unter den Omnivoren (Allesfressern) an, zu denen beispielsweise -auch die Schweine, Bären und Affen gehören. Magen und Darm des -Menschen sind nicht wie diejenigen der Wiederkäuer für das Verdauen -von Gras und Blättern eingerichtet, aber der Darm hat doch eine -bedeutend grössere relative Länge als bei den auf reine Fleischkost -angewiesenen katzenartigen Raubthieren.<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[– 2 –]</a></span> Das menschliche Gebiss -ist wie dasjenige aller Omnivoren aus Schneidezähnen, Reisszähnen -und Mahlzähnen zusammengesetzt; die reinen Fleischzähne machen nur -den achten Theil des Gesammtbestandes aus, was allerdings auf ein -Uebergewicht vegetabilischer Kost hindeutet. Die Instinkte des -Menschen weisen ebenso wie die aller übrigen Omnivoren darauf hin, -dass die Fleischnahrung in gewissem Sinne die werthvollere für seinen -Organismus ist; bei offen stehender Auswahl stürzen sich alle Omnivoren -zunächst mit Gier auf das Fleisch. Hieraus könnte man schliessen, dass -die Schneide- und Mahlzähne den Omnivoren von der Natur nur deshalb -verliehen seien, um für den Fall des zeitweiligen Mangels an den -schwerer zu erlangenden animalischen Nahrungsmitteln doch keinen Hunger -zu leiden, sondern auf vegetabilische Nahrungsmittel zurückgreifen -zu können. Aber so einfach liegt die Sache doch nicht. Denn wo der -Instinkt nicht schon durch dauernde Gewöhnung denaturirt ist, pflegt -auf die erste Gier nach Fleisch bald eine Reaktion der Uebersättigung -zu folgen, mit der ein um so stärkeres Verlangen zur Rückkehr nach -pflanzlichen Nahrungsmitteln hervortritt.</p> - -<p>Die Nahrungsinstinkte des Menschen zeigen ausserdem thatsächlich -bedeutende Abweichungen nach Klima, Alter, Geschlecht, Arbeitsleistung -und Individualität. In tropischen Ländern, wo nur ein geringer -Wärmeverlust zu decken und intensive Arbeit kaum möglich ist, -wo also der Körper ohnehin nur eine geringe Menge von täglicher -Nahrung zu verdauen braucht, reicht seine Verdauungskraft auch bei -vegetabilischer Ernährung mehr als aus, so dass Fleischkost selbst -bei grösster quantitativer Mässigkeit leicht zur Uebernährung führt; -in den Polargegenden dagegen ist ein so starker Ersatz durch Nahrung -erforderlich, dass auch die beste Verdauung unfähig wäre, die nöthige -Assimilation aus vegetabilischer<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[– 3 –]</a></span> Kost zu vollziehen. Der äquatorialen -Genügsamkeit entspricht demnach die instinktive Bevorzugung von -Nahrungsmitteln mit geringstem Nährwerth (Obst, Reis etc.), der polaren -Gefrässigkeit das instinktive Bedürfniss nach Nahrungsmitteln von -höchstem Nährwerth bei leichtester Verdaulichkeit (Fleisch, Fett, Thran -etc.). In den gemässigten Zonen wiederholen sich diese Gegensätze in -gemässigter Form: während der faulenzende Süditaliener und Südspanier -nichts begehrt als eine Hand voll Datteln und Feigen nebst einer -Zwiebel oder allenfalls Maccaroni, kann der englische Arbeiter oder -der norddeutsche Sackträger nicht Fleisch und Speck genug bekommen. -Im Durchschnitt tritt im gemässigten Klima der omnivore Instinkt des -Menschen in ungetrübter Reinheit ans Licht, während er durch excessive -Hitze oder Kälte nach der Seite der Pflanzennahrung oder Fleischnahrung -hin abgelenkt wird. Dies lässt darauf schliessen, dass der Mensch einem -gemässigten Klima seinen Ursprung verdankt, weil nur in diesem sein -Instinkt mit seiner Organisation im Einklang ist.</p> - -<p>Wie die klimatischen Abweichungen vom normalen Instinkt als -zweckmässige Anpassungen erscheinen, so auch die durch Alter, -Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung bedingten Abweichungen. -Die geschwächte Verdauungskraft des Alters verlangt nach einem -stärkeren Grade von Fleischzusatz in der Nahrung, während der kindliche -und jugendliche Appetit auf Obst und Gemüse im Alter mehr und mehr -schwindet. Das männliche Geschlecht hat im Durchschnitt stärkeren -„Fleischhunger“ als das weibliche, auch abgesehen davon, ob es durch -ein grösseres Mass von Arbeit ein stärkeres Ersatzbedürfniss hat; es -scheint vermittelst einseitiger Vererbung im männlichen Geschlecht die -durch stärkere Arbeitsleistung geweckte Neigung zur Fleischkost sich<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[– 4 –]</a></span> -durch lange Generationen hindurch summirt und befestigt zu haben. -Wer aus Ständen, Familien oder Gegenden gebürtig ist, in denen ein -beträchtlicher Fleischzusatz zur Nahrung Generationen hindurch üblich -war, wird sich immer nur im Kampfe mit seiner instinktiven Neigung auf -reine Pflanzenkost zurückziehen; wer hingegen sowohl für seine Person -als auch durch seine Vorfahren auf Pflanzenkost eingerichtet ist, wird -doch in reiferem Alter eine allmählich zunehmende Verstärkung des -Fleischzusatzes bis zu einer gewissen Grenze hin immer mit Behagen -empfinden. Diese Grenze ist allerdings individuell verschieden -je nach der Verdauungskraft und den qualitativen Bedürfnissen -des Organismus, und es ist nicht zu bestreiten, dass es ganz -ausnahmsweise auch in gemässigten Klimaten Individuen, besonders solche -weiblichen Geschlechts gibt, die eine ausgesprochene Idiosynkrasie -gegen Fleischnahrung haben. Solche individuellen Abweichungen -des Nahrungsinstinkts können pathologisch, sie können aber auch -physiologisch bedingt sein, und selbst auf pathologischer Grundlage -können sie ebensowohl zweckmässige Heilinstinkte, wie krankhaft -perverse Instinkte sein.</p> - -<p>Nimmt man den Durchschnitt des menschlichen Nahrungsinstinktes in -gemässigtem Klima zum Massstabe, so findet man ihn wesentlich mit -der Organisation seines Gebisses übereinstimmend, <span class="nowrap">d. h.</span> so, dass der -grössere Gewichtstheil der täglichen Nahrung vegetabilischen, der -kleinere animalischen Ursprungs sein muss, um ihm zu genügen.</p> - -<p>Ein Unterschied besteht allerdings zwischen beiden Massstäben, insofern -der Instinkt mehr als den achten Theil Fleisch in der Kost verlangt, -wie man es nach dem Gebiss erwarten sollte; diess dürfte sich daraus -erklären, dass das Gebiss, welches der Mensch von den omnivoren -Thieren überkam, auf den achten Theil rohen<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[– 5 –]</a></span> Fleisches berechnet ist, -der Mensch aber gebratenes und gekochtes Fleisch bequem auch mit den -Mahlzähnen kauen kann. Dem Instinkt nach gemischter Nahrung entspricht -der Instinkt nach Abwechselung zwischen Fleisch- und Pflanzenkost, wenn -die wünschenswerthe Mischung beider nicht zu erlangen ist.</p> - -<p>Die naturgemässe Kost des Menschen ist also weder die reine Fleisch-, -noch die reine Pflanzenkost, sondern die gemischte oder in den -Mahlzeiten zwischen beiden wechselnde, allerdings mit Uebergewicht -der pflanzlichen Bestandtheile. Gegen diese Thatsache lehnt sich -der Vegetarianismus vergebens auf, der ausserdem die berechtigte -Verschiedenheit der Zusammensetzung je nach Klima, Alter und -Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung völlig verkennt. Auf den -Instinkt des Menschen ist er deshalb als auf einen „kannibalischen“, -als auf ein ererbtes Ueberlebsel thierischer Roheit schlecht zu -sprechen, und es ist der grösste Kummer der Vegetarianer, dass so -wenige von denen, welche vegetarianischen Principien huldigen, im -Stande sind, sich gegen die Rückfälligkeit in die vom Instinkt -geforderte gemischte Kost zu wahren. Mag er darin vom humanen -Standpunkt aus recht haben oder nicht, jedenfalls hat er <em class="gesperrt">das</em> -Recht damit verwirkt, sich für die „naturgemässe Lebensweise“ zu -proklamiren. Will er doch diese Behauptung aufrecht erhalten, so muss -er zu der Hilfshypothese greifen, dass der Instinkt des Menschen ein -widernatürlicher, degenerirter sei. Aber wodurch soll er degenerirt -sein? Und wie lässt sich diese Behauptung vereinigen mit der Thatsache, -dass alle Thiere mit gemischtem Gebiss Omnivoren sind, und alle -Omnivoren weit gieriger auf Fleischkost als auf Pflanzenkost sind? Man -sehe nur, wie ein Affe in Leidenschaft geräth, wenn er eine Taube im -Zimmer bemerkt, während er die gebotenen Früchte zwar mit Behagen,<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[– 6 –]</a></span> -aber ohne besondere Erregung hinnimmt. Wenn es Specien mit gemischtem -Gebiss giebt, deren Nahrungsinstinkt die Pflanzenkost bevorzugt, so -ist diess eine Discrepanz zwischen Organisation und Instinkt, welche -nur auf einer nachträglichen Anpassung des animalen Typus an die -Lebensverhältnisse entstanden sein kann. Diese Anpassung kann entweder -auf einer Unzuträglichkeit des Klimas für Fleischkost, oder auf der -Leichtigkeit der Versorgung mit nahrhaften und schmackhaften Früchten -für Kletterthiere, oder auf der Schwerfälligkeit und Waffenlosigkeit -des Arttypus, welche den Raub von Beutethieren erschwert, oder auf -einer Verbindung dieser Umstände beruhen. Aber wenn auch die bis -jetzt völlig unerwiesene Behauptung wahr wäre, dass gerade die -menschenähnlichen Affen im Naturzustande eine Degeneration des -Instinktes nach dieser Richtung hin zeigen, so ist daraus doch nicht -zu schliessen, dass es für den Menschen naturgemäss sei, ebenfalls -diesem degenerirten Affeninstinkt zu folgen, der thatsächlich nicht der -seinige ist, und dessen Anpassungsmotive für ihn nicht mehr zutreffen. -Denn der Mensch lebt zumeist in einem gemässigteren Klima, als die -menschenähnlichen Affen, ist nicht so Kletterthier wie sie, schafft -sich die ihm von der Natur versagten Waffen und macht das Fleisch -durch Zubereitung leichter verdaulich. Da der Mensch nicht von den uns -bekannten menschenähnlichen Affen abstammt, braucht er auch nicht erst -deren degenerirten Nahrungsinstinkt zu restituiren, sondern nur den -naturgemässen seiner thierischen Vorfahren zu konservieren.</p> - -<p>Es entsteht die weitere Frage, ob die vegetabilische Ernährung -<em class="gesperrt">rationeller</em> sei, <span class="nowrap">d. h.</span> dem Menschen mehr Vortheile oder weniger -Nachtheile biete als die animalische. Denn wenn es auch am nächsten -liegt, die naturgemässe Lebensweise zugleich für die vernünftige<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[– 7 –]</a></span> zu -halten, so ist doch durch den Glauben an die Zweckmässigkeit der Natur -im Allgemeinen die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass etwas für den -Naturzustand Passendes im Kulturzustand einschneidender Abänderungen -bedarf, um den höheren Zwecken des Kulturlebens zu genügen. Deshalb -kann die Untersuchung, ob etwas naturgemäss sei oder nicht, niemals -das letzte Wort haben; denn der aus der Natur hervorwachsende bewusste -Geist ist zwar selbst noch einerseits etwas Natürliches, anderseits -etwas über die Natur Erhabenes, also etwas Natürliches von höherer -Ordnungsstufe, welches die Naturzweckmässigkeit fortsetzt und -steigert, indem es das Naturgemässe niederer Ordnungsstufe nach seinen -Bedürfnissen modelt.</p> - -<p>Die Vegetarianer behaupten, dass die Pflanzenkost den Menschen im -Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger gegen Krankheiten mache -als gemischte Kost; die Mehrzahl der Aerzte behauptet dagegen, -dass eine Vermehrung der Fleischbestandtheile in der gemischten -Kost den Menschen im Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger -gegen Krankheiten mache. Ich meine, dass die naturgemässe Kost -unter normalen Verhältnissen dem Menschen auch am besten bekommt, -dass für einen geschwächten oder in schlechtem Ernährungszustand -befindlichen Organismus eine womöglich nur vorübergehende Verstärkung -des Fleischzusatzes vortheilhaft ist, und dass es irrationell ist, -sich in gesunden Tagen mit zu starkem Fleischzusatz zu verwöhnen, -weil damit die Möglichkeit einer vortheilhaften Steigerung in -Krankheitsfällen ausgeschlossen ist. Dabei ist zuzugeben, dass durch -die ärztliche Bevorzugung der Fleischkost nicht selten die Grenze -der vortheilhaften Mischung überschritten wird, die namentlich bei -manchen jüngeren weiblichen Individuen ziemlich tief liegen kann, und -dass in solchen Fällen die Betreffenden<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[– 8 –]</a></span> den Uebergang zur reinen -Pflanzenkost für zuträglicher verspüren können als die übertriebene -Fleischdiät, weil erstere von ihrer natürlichen Mischungslinie weniger -weit abliegen kann als letztere. Ferner ist zu berücksichtigen, dass -in Folge der steigenden Wohlhabenheit der Kulturvölker in den letzten -Menschenaltern in allen Gesellschaftsschichten die Nahrhaftigkeit der -durchschnittlichen Verköstigung sehr gestiegen ist, so dass bei der -Anpassung des ererbten Appetits an eine schlechtere Kost eine gewisse -Ueberernährung gegenwärtig sehr verbreitet ist; will man solche -Ueberernährung mit ihren gesundheitsschädlichen Folgen beseitigen, so -ist das einfachste Mittel, bei den Mahlzeiten mässiger zu sein, das -demnächst einfachste, zu einer minder nahrhaften Kost zurückzukehren, -so dass die gesundheitsdienlichen Folgen der vegetarianischen Kost bei -überernährten Vielessern leicht erklärlich sind. Ausserdem können die -vielfach behaupteten Vortheile einer vegetarianischen Lebensweise in -naturgemässen Lebensvorschriften (Leben in frischer Luft, Vermeidung -von Spirituosen und Pflanzenalkaloiden <span class="nowrap">u. s. w.</span>) gesucht werden, welche -mit einer naturgemässen gemischten Kost ebenso gut zu vereinigen -sind, wie mit reiner Pflanzenkost; insofern der Uebergang zu beiden -zugleich gemacht wird, wird häufig der letzteren Ursache eine Wirkung -zugeschrieben, die nur von der ersteren abhängt. Wo hingegen unter -völligem Gleichbleiben der sonstigen Lebensgewohnheiten nicht etwa -eine übertriebene Fleischkost, sondern eine individuell naturgemässe, -gemischte Kost mit reiner Pflanzenkost vertauscht wird, da wird der -Regel nach eine Schwächung des Organismus durch Herabsetzung seines -Ernährungszustandes die Folge sein, und nur ausnahmsweise wird dieses -Ergebniss in unmerklich geringem Grade eintreten, sei es, dass der -Betreffende eine hinreichend gute<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[– 9 –]</a></span> Verdauung hat, um erheblich mehr -essen und trinken zu können als bisher, sei es, dass die Linie der -richtigen Mischung für ihn ohnehin schon sehr nahe an der reinen -Pflanzenkost lag.</p> - -<p>Da diese Behauptungen nicht streng zu erweisen sind, ebensowenig wie -diejenigen der Vegetarianer und der Schwärmer für möglichst reine -Fleischkost, zwischen denen sie in der Mitte liegen, so können wir über -diesen Punkt hinweggehen; wir können es um so eher, als selbst die -Vegetarianer sich meist damit begnügen, auf anderm Wege zu begründen, -dass ihre Pflanzenkost die allein rationelle sei. Sie sagen nämlich, -die Pflanzenkost ist im Stande, dieselbe chemische Zusammensetzung -der Speisen zu liefern wie die Fleischkost, ist also nicht geringer -an Nährwerth als diese; sie schützt aber vor den Gefahren, welche die -Fleischkost mit sich führt, ist also in Summa besser als diese.</p> - -<p>Nun ist es zwar richtig, dass Pflanzenkost dieselbe chemische -Zusammensetzung der Speisen liefern kann wie Fleischkost, aber es -ist unrichtig, den Nährwerth der Speisen bloss nach ihrer chemischen -Zusammensetzung zu schätzen. Vielmehr ist derselbe ebensosehr -durch den Verdaulichkeitsgrad der Speisen wie durch ihre chemische -Zusammensetzung bedingt, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass -der Procentsatz der von den dargebotenen Nährstoffen assimilirten -Nährstoffe entscheidet, sondern ausserdem noch mit Berücksichtigung -der bei der Verdauung gleicher Procentsätze verbrauchten lebendigen -Kraft. Der Vorzug der Fleischkost für den Organismus liegt darin, -dass sie nicht nur einen grösseren Procentsatz der dargebotenen -chemischen Stoffe assimiliren lässt, sondern auch dem Organismus bei -der Assimilirung gleicher procentualischer Mengen eine geringere -Arbeitsleistung zumuthet. Der Nährwerth eines Stoffes ist proportional -der bei normaler<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[– 10 –]</a></span> Verdauung assimilirbaren Quote desselben -<em class="gesperrt">abzüglich</em> desjenigen Theils derselben, welcher das Aequivalent -der bei der Verdauung verbrauchten lebendigen Kraft darstellt, und vom -Organismus vorweggenommen werden muss, um nur den status quo vor der -Verdauung wieder herzustellen. Lässt man zwei Gruppen von Sperlingen -gleiche Zeit hungern und bietet dann der einen Gruppe Körnerfutter, -der anderen gehacktes rohes Fleisch, so erholt sich ein weit grösserer -Procentsatz bei letzterer als bei ersterer Behandlung; <span class="nowrap">d. h.</span> die -Leichtverdaulichkeit einer Speise fällt um so mehr ins Gewicht, je -weniger lebendige Kraft ein Organismus für die Verdauungsarbeit noch -übrig und verfügbar hat.</p> - -<p>Nun haben alle einigermassen leichtverdaulichen pflanzlichen -Nahrungsmittel einen im Vergleich zum Fleisch nur sehr geringen -Nährwerth; dagegen gehören die einzigen Pflanzenstoffe, deren chemische -Zusammensetzung mit derjenigen des Fleisches wetteifern kann, die -Hülsenfrüchte und Pilze, zu den am allerschwersten verdaulichen -Nahrungsmitteln. Deshalb fällt es auch den Vegetarianern gar nicht -ein, ihre Mahlzeiten durch hinreichenden Zusatz von Hülsenfrüchten -der chemischen Zusammensetzung einer Fleischmahlzeit anzunähern, weil -schon der Instinkt sich gegen solche tägliche Belastung des Magens -mit Hülsenfrüchten sträuben würde; vielmehr begnügen sie sich mit -Mahlzeiten von viel geringerem theoretischem Nährwerth als Fleisch und -benutzen das Vorhandensein der Hülsenfrüchte mehr nur als theoretisches -Argument. Aber auch diejenigen Pflanzenstoffe, welche einen erheblich -geringeren theoretischen Nährwerth haben als Fleisch, sind trotzdem für -einen normalen menschlichen Organismus immer noch schwerer verdaulich -als Fleisch. Hiernach ist jede auf die Dauer erträgliche Pflanzenkost -sowohl um vieles ärmer an Nährstoffen als die Fleischkost, als auch -schwerverdaulicher<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[– 11 –]</a></span> als diese, so dass die vegetarianische Behauptung, -dass beide im Nährwerth gleichstehen, den Thatsachen in jeder Hinsicht -widerspricht.</p> - -<p>Dass das Fleisch von kranken Thieren, besonders wenn es nicht gut -gekocht oder gebraten ist, Krankheiten im Gefolge haben kann, -ist ebensowenig zu bestreiten, wie dass man durch den Genuss von -ungekochten Pflanzenstoffen (Salaten etc.) krank werden kann; den -Finnen und Trichinen stehen die Eier des Hundebandwurms gegenüber, -die im Menschen zum verderblichen Echinococcus auswachsen. Rohe -Pflanzentheile und rohes Fleisch sind beide gefährlich, gekocht beide -ungefährlich, besonders da wo gute Gesundheitspolizei gehandhabt -und für den Verlust an erkranktem oder unbrauchbarem Schlachtvieh -Entschädigung geleistet wird. Völlig haltlos ist die vegetarianische -Behauptung, dass auch sogenanntes gesundes Fleisch, weil es sich -beim Genuss in dem mit der Leichenstarre beginnenden Stadium der -Fäulniss befinde, ein schädliches Reizmittel sei, welches besonders -auf die Nerven und die Herzthätigkeit verderblich einwirke. Will man -jede rückschreitende Metamorphose Fäulniss nennen, so ist auch die -Verdauung ein Fäulnissprocess, und befinden sich dicke Milch, Butter, -Käse, alle gegohrenen Getränke und alles Hefegebäck oder Honiggebäck -ganz ebenso und in noch höherem Grade im Zustande der Fäulniss wie -gesundes Fleisch, das bekanntlich einige Tage nach dem Schlachten viel -gesünder und leichter verdaulich ist als unmittelbar nach demselben, -und zwar deshalb, weil die rückschreitende Metamorphose vor dem -Genuss dem Verdauungsprocess einen Theil seiner Arbeit erspart. Dass -ein mässiger Genuss gesunden Fleisches für Nerven und Herzthätigkeit -„verderblich“ sei, ist geradezu aberwitzig, und nicht minder grundlos -ist die Behauptung, dass erst der Fleischgenuss zum Missbrauch<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[– 12 –]</a></span> von -Gewürzen und Spirituosen verleite; denn der Missbrauch von Gewürzen -ist am grössten bei Gemüsen, Mehlspeisen und Gebäck, nicht bei reinen -Fleischspeisen, den meisten Branntwein konsumiren die kartoffelessenden -Irländer und die kohlessenden Polen und Russen, und die Naturvölker -stürzen mit gleicher Gier auf das importirte Feuerwasser, mögen sie an -Pflanzenkost oder gemischte Kost gewöhnt sein. Wenn die Vegetarianer -sich darauf beschränken wollten, den Genuss rohen Fleisches als -gesundheitsgefährlich zu bekämpfen und auf Verbesserung der das -Schlachtvieh betreffenden Gesetze und Einrichtungen hinzuwirken, -so wären sie ebenso sehr im Recht, wie sie jetzt über das Ziel -hinausschiessen, wenn sie allen Fleischgenuss als gesundheitsgefährlich -bekämpfen. Selbst bei dem früheren Fehlen aller Vorsichtsmassregeln -war doch der Procentsatz der Geschädigten so unerheblich, dass er -gar nicht in Betracht kommen konnte gegen den Nachtheil, welchen die -gänzliche Enthaltung vom Fleischgenuss der Leistungsfähigkeit des -Volkes zugefügt haben würde. Es muss demnach der Versuch des Beweises, -dass die Pflanzenkost bei gleichem Nährwerth geringere Nachtheile als -die Fleischkost im Gefolge habe und darum vorzuziehen sei, in beiden -Theilen als missglückt gelten.</p> - -<p>Aber wenn die Pflanzenkost nicht rationell heissen kann in Bezug auf -den einzelnen, der sie geniesst, so könnte sie darum doch rationell -sein in Bezug auf die Völker, welche sie annehmen, und dies in solchem -Masse, dass selbst die Nachtheile, die sie für den einzelnen hat, -dagegen zurücktreten müssen. In der That behaupten die Vegetarianer, -dass allgemeiner Uebergang zur Pflanzenkost den Speiseluxus beseitigen -und dadurch einen Hauptgrund zur neidischen Unzufriedenheit der -ärmeren Klassen aus der Welt schaffen würde. Nun ist zuzugeben, dass -nichts so sehr den Neid der<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[– 13 –]</a></span> Armen erregt, als die Fleischtöpfe der -Wohlhabenderen, die ihnen unerschwinglich sind, <span class="nowrap">d. h.</span> dass die sociale -Frage noch weit mehr Fleischfrage als Brodfrage ist; allein dies -spricht gerade gegen den Vegetarianismus, und beweist, dass derselbe -die letzten Triebfedern des Völkerlebens verkennt. Die Sehnsucht -nach den Fleischtöpfen wird in den Massen niemals erlöschen, auch -wenn alle gebildeten Stände behufs Lösung der socialen Frage zu -Vegetarianern würden, und eben darum ist die sociale Frage, insofern -sie „Fleischfrage“ ist, auf diesem Wege nicht zu lösen. Anderseits -würde schon heute jeder Deutsche täglich Fleisch essen können, also aus -diesem Grunde die Reichen nicht mehr zu beneiden brauchen, wenn er es -nicht vorzöge, das dazu für ihn und seine Familie mehr als ausreichende -Geld für sich allein auf Schnaps, Bier und Cigarren zu verwenden. Wenn -der Vegetarianismus seine Agitation gegen diese gesundheitsschädlichen -und socialgefährlichen Genussmittel richten wollte, so wäre mit einem -Erfolg auf diesem Felde die sociale Frage, soweit sie „Fleischfrage“ -ist, von selbst mitgelöst. Uebrigens ist es ein Irrthum, dass der -Speiseluxus bloss an Fleischspeisen gebunden ist; er kann sich in der -vegetarianischen Küche ebensogut entfalten, und würde sich ohne Zweifel -in derselben zu gleichen Uebertreibungen verirren, sobald es nur erst -eine grössere Anzahl sehr reicher Vegetarianer gäbe.</p> - -<p>Eine andere Frage ist die, wie sich die Ernährung der Menschheit in -einer Zukunft gestalten wird, in welcher alle Erdtheile so dicht -bevölkert sein werden wie jetzt Europa. Diese Fragen haben nicht -wir zu lösen, die wir heute ebensowenig im Stande wären, ohne -Getreideeinfuhr zu leben als ohne Vieheinfuhr. Sollte einmal alles -Schlachtvieh von der Erde verschwinden und jede Wiese zum Acker -werden, von<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[– 14 –]</a></span> dessen Früchten sich die Menschen unmittelbar ernähren -müssen, dann wird die Menschheit jener fernen Zukunft sicherlich -einen Charakter energieloser Mittelmässigkeit zeigen, ebenso wie es -heute die vorwiegend vegetarianischen Völker thun. Denn es scheint, -dass die Pflanzenkost zahmer, sanfter, geduldiger, indolenter, -unfähiger zu hervorragenden körperlichen und geistigen Leistungen, -unfähiger zur Initiative, zu energischen Entschliessungen, kurz, -passiver, willenloser, quietistischer und geistloser macht, und -dass es nur die passiven Tugenden und das vegetative Traumleben -(Somnambulismus <span class="nowrap">u. dergl.</span>) sind, welche durch dieselben begünstigt -werden. Für die vegetativen und reproduktiven Aufgaben des Lebens, -wie sie bei Landleuten und beim weiblichen Geschlecht überwiegen, mag -Pflanzenkost ausreichen, nicht aber für die gesteigerten Anforderungen -an gesteigerte Produktivität, wie das moderne Kulturleben der Städte, -insbesondere der Grossstädte, sie an die arbeitenden Männer stellt. -Mit dem Fleischgenuss seiner kulturtragenden Minderheit hört ein Volk -auf, eine aktive Rolle in der Geschichte zu spielen und verzichtet -auf die thätige Mitarbeit am Kulturprocess, welche einen durch blosse -Pflanzenkost nicht zu erzielenden Ueberschuss an geistiger Energie über -die Bedürfnisse des vegetativen Lebens hinaus erfordert. Nur solche -religiöse und philosophische Weltanschauungen können ohne Widerspruch -mit sich selbst den Vegetarianismus als wesentlichen Bestandtheil in -sich aufnehmen, welche keine Entwickelung, keinen Fortschritt, keinen -realen Weltprocess, kurz keine aktiven sittlichen Kulturaufgaben -der Menschheit anerkennen, sondern in einem entwickelungslosen -Traumidealismus und dem davon unabtrennbaren passiven Quietismus -befangen sind.</p> - -<p>Die reine Pflanzenkost ist nach alledem ebensowenig rationell wie -naturgemäss; sie ist vielmehr eben<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[– 15 –]</a></span>so kulturwidrig wie naturwidrig. -Es bleibt nur noch die letzte Begründung des Vegetarianismus -durch Humanitätsrücksichten zu erörtern. Nun kann es aber keine -angebliche Humanitätsrücksicht geben, welche im Stande wäre, etwas -zu rechtfertigen, das zugleich naturwidrig und kulturfeindlich ist; -wäre wirklich jede Abweichung von reiner Pflanzenkost so inhuman, -wie die Vegetarianer behaupten, so müsste man diese Inhumanität -ruhig mit in den Kauf nehmen, um nicht gegen die sittliche Pflicht -der Menschheit zur Erfüllung ihrer Kulturaufgabe zu verstossen, und -könnte die Verantwortung für solche Inhumanität getrost der Vorsehung -anheimgeben, welche unsere Natur so eingerichtet hätte, dass wir nur -auf inhumanem Wege unsere Mission erfüllen könnten. In der That tritt -aber bei dem Streit um die Humanität eine Verschiebung der Frage ein, -welche von den Vegetarianern in der Regel geflissentlich verdunkelt -wird. Die Behauptung, dass es inhuman sei, Milch, Butter, Käse und -Eier zu geniessen, würde in den heutigen Ansichten unseres Volkes kein -Verständniss finden; deshalb beschränken sich die Vegetarianer auf die -Behauptung, dass das Tödten von Thieren zum Zweck des Fleischgenusses -inhuman sei. Die Humanitätsrücksicht dient also nur zur Begründung -jenes Vegetarianismus der laxeren Observanz, welcher nicht die -Nahrungsmittel animalischer Herkunft, sondern nur den Fleischgenuss als -solchen bekämpft.</p> - -<p>Nun ist es zweifellos, dass man mit einer richtigen Mischung aus -Pflanzenkost und Milch, Butter, Käse und Eiern vortrefflich bestehen -und allen Anforderungen des Lebens genügen kann; eine solche Kost ist -aber eben keine Pflanzenkost, sondern eine gemischte Kost, also eine -zwar naturgemässe und rationelle, aber eben nicht vegetarianische -Diät. Wäre die Behauptung der Vegetarianer, dass reine Pflanzenkost -die allein naturgemässe<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[– 16 –]</a></span> und rationelle Diät ist, richtig, so müsste -die gemischte Kost, gleichviel ob ihre animalischen Bestandtheile von -lebenden oder todten Thieren stammen, naturwidrig und irrationell -sein; ist sie das aber nicht, so ist eben damit jene Behauptung des -Vegetarianismus preisgegeben. Wenn die Fleischkost nun insoweit -verwerflich ist, als sie das Tödten lebender Geschöpfe zum Verspeisen -herbeiführt, nicht aber sofern die Produkte lebender Thiere umfasst, -dann ist damit zugestanden, dass nicht die animalische oder -vegetabilische Herkunft der Nahrungsmittel als solche, sondern die -näheren Umstände ihrer Erlangung, nicht die Angemessenheit an unsere -Organisation und Lebenszwecke, sondern Rücksichten, die auf einem -ganz anderen Gebiet liegen, für die Entscheidung massgebend sind. Da -die Bedenken gegen das Fleisch als gelegentlichen Krankheitsträger -schon oben erledigt sind, so müssten diese Vegetarianer der laxeren -Observanz zugeben, dass die Erweiterung ihrer Tafelgenüsse durch Braten -und Fisch ihnen sehr erwünscht sein müsste, wenn nur ein Engel ihnen -diese Speisen vom Himmel brächte mit der Versicherung, dass sie nicht -von getödteten Thieren entnommen, sondern durch ein Wunder geschaffen -seien. Dies ist also ein principiell anderer Standpunkt, und es ist -inconsequent, beide miteinander verknüpfen zu wollen; die Vertreter -dieses Standpunkts sollten ihn als Antikannibalismus streng vom -Vegetarianismus unterscheiden.</p> - -<p>Das Humanitätsargument stellt nämlich das Verzehren von getödteten -Thieren dem Verzehren von getödteten Menschen, <span class="nowrap">d. h.</span> dem Kannibalismus, -gleich, insofern auch die Thiere als unsere Brüder im Reiche des Lebens -zu betrachten seien. Dieses Argument beweist schon darum nichts, weil -es zu viel beweist. Es ist eine oberflächliche und unwissenschaftliche -Volksmeinung,<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[– 17 –]</a></span> dass ein Eidotter eine homogene Flüssigkeit und nicht -ebensogut ein lebendes und empfindendes Individuum wie etwa ein -Spanferkel sei; es ist ein Vorurtheil, dass nur die Thiere unsere -Brüder im Reiche des Lebens und der Empfindung seien, die Pflanze aber -nicht. Es ist reine Willkür, die Grenzlinie, jenseits deren wir das -Lebendige zum Verzehren tödten dürfen, zwischen Thier und Pflanzenreich -zu ziehen; ein anderer könnte mit gleichem Recht oder Unrecht diese -Grenze zwischen Wirbelthieren und Wirbellosen, ein dritter zwischen -Warmblütern und Kaltblütern, ein vierter zwischen den Affen und den -übrigen Säugetieren, ein fünfter zwischen den anthropoiden und den -übrigen Affen ziehen. Dies alles ist grundlose Willkür der subjektiven -Meinung und aus wissenschaftlichem Gesichtspunkt gleich unhaltbar; aus -letzterem giebt es nur zwei in sich consequente Standpunkte, zwischen -denen man zu wählen hat.</p> - -<p>Entweder nämlich muss man die Grenze zwischen der organischen und -anorganischen, der lebendigen und leblosen Natur ziehen, oder aber -zwischen der Species, zu welcher wir gehören, und allen übrigen -Specien. Im ersteren Falle verzichtet man auf alle organisirten, <span class="nowrap">d. -h.</span> lebendigen und lebensfähigen Nährstoffe (wozu alle Blätter, Keime -und Samen gehören) und auf alle organischen Nährstoffe, die nur durch -Tödtung von lebenden Pflanzen oder Pflanzentheilen zu erlangen sind, -und beschränkt sich auf solche organische Nährstoffe, welche nicht -mehr lebensfähige natürliche Sekrete von Pflanzen oder Reste von schon -abgestorbenen Pflanzen sind, oder auf noch zu erfindende künstliche -Nährstoffe, die von der synthetischen Chemie aus unorganischen -Stoffen im Laboratorium zu bereiten sind. Im letzteren Falle dagegen -beschränkt man den Kannibalismus, wie die Natur selbst es im ganzen -Thierreich thut, auf die Individuen der eigenen Species; denn jedes -Thier frisst<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[– 18 –]</a></span> ungescheut Thiere anderer Art, scheut aber mit seltenen -(teleologisch besonders zu begründenden) Ausnahmen vor dem Verzehren -von seinesgleichen zurück. Im ersteren Falle verabscheut man das -Verzehren von zerstückelten Leichen als Kannibalismus, gleichviel ob -die getödteten Brüder aus dem Reiche des Lebens Thiere, Pilze oder -Pflanzen sind, und respektirt die Heiligkeit und Unantastbarkeit des -Lebens in jeder Gestalt; im letzteren Falle erkennt man die grossen -Gradverschiedenheiten der Verwandtschaft mit anderen Lebewesen an -und zieht die Grenze für den Kannibalismus da, wo die Natur sie uns -durch den eigenen Instinkt und die Analogien des gesammten Thierreichs -vorgezeichnet hat. Die Wahl in dieser Alternative scheint mir nicht -schwer; will man seine Kost nicht auf vermodertes Laub und abgestorbene -Pilze beschränken, so muss man sich nothgedrungen für die andere Seite -der Alternative entscheiden, verliert dann aber auch das Recht, von der -Inhumanität des Fleischgenusses zu reden.</p> - -<p>Dass die Jagd ein inhumanes Handwerk ist, kann gar nicht bestritten -werden; denn ihre Art, zu tödten, ist bei Treibjagden grausam, -immer unsicher und oft qualvoll für verwundetes und entkommenes -Wild. Die Jagd ist aber in den Kulturländern ohnehin auf den -Aussterbeetat gesetzt, und auch bei uns, wo der Grundadel sie noch -künstlich als Ueberbleibsel aus roheren Zeiten kultivirt, ist doch -der Procentsatz des gejagten Wildes ein sehr kleiner unter allem -getödteten Vieh. Dass auch das Schlächterhandwerk noch nicht auf der -Höhe unserer heutigen Humanitätsanforderungen steht und in dieser -Richtung verbesserungsbedürftig ist, kann man ebenso zugeben und -nur wünschen, dass der Vegetarianismus an diesen beiden Punkten die -berechtigten Thierschutzbestrebungen unterstütze. Der Einwurf, dass das -Schlächterhandwerk verroht, fällt weg, wenn nur<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[– 19 –]</a></span> noch mit zweckmässigen -Schlachtmasken geschlachtet, und eventuell das Eintreiben des Stiftes -von einer durch blossen Fingerdruck auszulösenden mechanischen Kraft -bewirkt wird; zu entbehren ist jedes Schlächterhandwerk auch dann -nicht, wenn man das Fleisch der getödteten Thiere wegwirft, so lange -überhaupt noch Zuchtvieh gehalten wird. Wenn man nun annähme, dass -nur Zuchtvieh zur Verzehrung gelangte, das auf rationelle Weise -geschlachtet wäre, so könnte eine Inhumanität nicht mehr zugegeben -werden. Sterben müsste ja jedes Schlachtthier doch einmal, und wenn -der Mensch ihm einen Tod bereitet, der schneller und schmerzloser -als der natürliche ist, so ist das eher eine positive Humanität zu -nennen. Wenn alle Menschen auf Fleisch verzichteten und statt dessen -Milch und deren Ableitungsprodukte genössen, so würde man mindestens -ebensoviel Vieh wie jetzt züchten müssen, müsste aber, falls man das -Schlachten für inhuman hielte, für die nicht mehr milchenden Kühe -Alterversorgungsanstalten und für alle männlichen Kälber Asyle anlegen, -in denen sie bis zu ihrem natürlichen Tode zwecklos verpflegt würden. -Wenn dagegen alle Menschen zur reinen Pflanzenkost übergingen, so würde -gar kein Vieh mehr gezüchtet werden; nach der üblichen optimistischen -Auffassung muss es aber ein positiver Gewinn für die Lustbilance der -Welt sein, dass der Mensch im allgemeinen Kampf ums Dasein Thieren das -Leben gönnt, die sich bis zu ihrem schnellen schmerzlosen Tode des -Lebens freuen können, und selbst vom pessimistischen Standpunkt aus -würde man einen Menschheitsbeschluss, die Hausthierrassen gänzlich -auszurotten, mindestens nicht seiner Humanität wegen rühmen können. -Wenn man übrigens ohne Milchkühe nicht auskommt und vernünftigerweise -die ausgedienten Milchkühe und die männlichen Kälber nicht zwecklos -weiter füttern kann, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[– 20 –]</a></span> schlechterdings tödten muss, so ist -nicht abzusehen, warum man deren Fleisch fortwerfen soll, statt es zu -verzehren. Solange man ferner noch Wollschafe hält, gilt das nämliche -für den zu reichlichen Nachwuchs der Schafherden. Damit ist aber ein -Zustand als human und vernünftig anerkannt, der ganz mit dem heute -bestehenden zusammenfällt, und das Princip des Mitleids hat damit -jedes auch nur scheinbare Recht zum Mitsprechen in der Ernährungsfrage -eingebüsst.</p> - -<p>Der Versuch, die Inhumanität des Fleischgenusses mit objektiven -Gründen nachzuweisen, ist hiernach als gescheitert zu betrachten und -es bleibt dem Vegetarianismus nur die letzte Zuflucht offen, sich auf -das Gefühl zu berufen. Wenn jemand erklärt, es sei gegen sein Gefühl, -das Fleisch von einem Thier zu essen, nicht nur von einem solchen, das -er lebend geliebt oder doch lebend gekannt oder gar selbst getödtet -hat, sondern auch von einem solchen, das er nicht gekannt hat und das -von einem anderen getödtet ist, so ist darüber nicht zu streiten, -und man kann jedem seine Gefühle und die Berücksichtigung derselben -gönnen, so lange er dadurch anderen nicht unbequem, also namentlich -gegen anders Fühlende nicht intolerant und agressiv wird. Niemand -wird einem Tischnachbarn Braten aufdrängen, wenn derselbe erklärt, -der Fleischgenuss widerstrebe seinem Gefühl; wenn mir aber mein -vegetarianischer Nachbar vorwirft, mein Fleischessen sei inhumaner, -barbarischer Kannibalismus, so weise ich ihn mit der Entgegnung zurück, -sein vegetarianisches Gefühl sei eine verschrobene, zimperliche -Sentimentalität ohne objektive Begründung.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[– 21 –]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="II_Unsere_Stellung_zu_den_Thieren">II.<br /> -Unsere Stellung zu den Thieren.</h2> - -</div> - -<p>Die Thiere sind mit uns gleichen Geschlechts, wenn auch nicht gleicher -Art, unsere Vettern älterer Linie, gleichviel ob man in diesem -Ausdruck nur ein Bild oder die treffende Bezeichnung einer wirklichen -genealogischen Verwandtschaft sehen will. Sie sind nach gleichem -Grundtypus gebaut, und ihr natürliches Leben verläuft in den gleichen -natürlichen Verrichtungen wie das unsrige; aber auch ihr Seelenleben -zeigt dieselben Grundfunktionen (Vorstellung und Wille nebst Gefühl), -denselben Widerstreit zwischen Selbstsucht und socialen Instinkten, -und dieselbe geistige Grundanlage für Geberden- und Wortsprache, -wie die relative Verständnissfähigkeit aller höheren Thiere für die -menschliche Wortsprache und die Fähigkeit einiger zur Nachahmung -keineswegs unverstandener Worte beweist. Der Unterschied zwischen -Thier und Mensch ist nur ein solcher des Grades; er wird nur dadurch -scheinbar zu einem Unterschiede der Art, dass alle Säugethiere ausser -dem Menschen stumm sind und darum in ihrem geistigen Leben auch nur -mit stummen Menschen verglichen werden dürfen. Ein Stummer, der nicht -künstlich und mühsam zum Verständniss und Gebrauch der Schriftsprache -erzogen ist, findet sich ebenso wie das Thier auf unartikulirte -Laute und Geberden beschränkt; sein Denken ist allemal anschaulicher -als dasjenige Redender von sonst gleicher Bildungsstufe, aber es -entbehrt doch nicht der Begriffe, wenn es sie auch nicht mit Worten -bezeichnen kann, und vollzieht ebensogut eine logische Verknüpfung der -(anschaulichen und begrifflichen) Vorstellungen wie dasjenige Redender. -In demselben Sinne können wir auch dem anschaulichen Vorstellungsleben<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[– 22 –]</a></span> -der Thiere weder Begriffe noch logische Verknüpfung der Vorstellungen, -<span class="nowrap">d. h.</span> eigentliches Denken, absprechen, so dass man hier vergeblich -eine scharfe Grenzlinie zwischen Mensch und Thier sucht. Nur weil -die Menschen allmählich eine Wortsprache ausgebildet und den so -entwickelten Wortsprachsinn auf ihre Nachkommen vererbt haben, sind -stumme Menschen soviel bildungsfähiger als Thiere, denen sie sonst auch -der Art nach gleich stehen würden, wogegen der blödsinnige Mensch tief -unter dem normalen Thiere steht.</p> - -<p>Dass wir zu den Thieren in moralischen Beziehungen stehen, ist -hiernach zweifellos; die sittliche Verpflichtung, Niemanden zu -verletzen, vielmehr jedem nach Kräften zu helfen, bezieht sich -auf alle empfindenden Lebewesen ohne Ausnahme, gleichviel ob man -dieselben als Mitgeschöpfe desselben Herrgotts, als Kinder desselben -Vaters im Himmel, als natürliche Vettern älterer Linie, oder als -objektive Erscheinungen desselben Einen Weltwesens betrachtet. Die -moralischen Beziehungen des Menschen zu den Thieren bestehen auch -unabhängig davon, ob das einzelne Thier seinerseits zu einer mehr -oder minder vollkommenen oder unvollkommenen Auffassung dieser -Beziehungen im Stande ist, und ob es fähig und gewillt ist, die -Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft des Menschen zu erwidern; das -wäre eine traurige Sorte von Moralität, die von der Gegenseitigkeit -der Leistungen abhängig gemacht würde, und nur da gäbe, wo sie auf -Entgelt oder Lohn von der andern Seite hoffen dürfte. Damit ist aber -nicht ausgeschlossen, dass die moralischen Beziehungen befestigt und -mit reicherem Inhalt erfüllt werden, wo beide Theile zu einander -in ein gemüthliches Verhältniss oder in ein stillschweigendes -Vertragsverhältniss gegenseitiger Leistungen eintreten; denn in solchem -Falle würde das einfache Unrecht einer Verletzung durch Verwickelung<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[– 23 –]</a></span> -mit Untreue, Undank, Unbilligkeit <span class="nowrap">u. s. w.</span> erschwert. Diese Erschwerung -tritt auch dann ein, wenn die Thiere kein Bewusstsein davon haben, dass -sie dem Menschen durch ihren erzwungenen Gehorsam Dienste leisten; es -genügt, dass der Mensch die Dienste der Thiere annimmt, beziehungsweise -erzwingt, um ihn zu den entsprechenden billigen Gegenleistungen -moralisch zu verpflichten.</p> - -<p>Das Thier ist somit moralisches Rechtssubjekt, <span class="nowrap">d. h.</span> das Subjekt -derjenigen moralischen Forderungs-Rechte, welche den moralischen -Pflichten des Menschen ihm gegenüber korrespondiren, und deren -Verletzung für den Menschen ein moralisches Unrecht ist; dagegen kann -der Mensch an das Thier keine höheren moralischen Ansprüche stellen, -als insoweit dessen Fassungsvermögen ihm das Verständniss seiner -moralischen Beziehungen zum Menschen gestattet, hat aber dafür das -moralische Befugniss-Recht, das Thier zwangsweise zu den ihm dienlichen -Leistungen zu verwenden.</p> - -<p>Alle bisherigen Rechtssysteme lassen als juridische Rechtssubjekte nur -menschliche Individuen oder statutenmässig festgestellte menschliche -Zwecke (moralische Personen) zu. Es ist kein begrifflicher Grund -abzusehen, warum ein Rechtssystem nicht auch Thiere als juridische -Rechtssubjekte zulassen sollte, da doch blödsinnige Menschen als solche -gelten. Es ist aber ein Missverständniss des Unterschiedes zwischen -moralischen und juridischen Rechten und Pflichten, zu behaupten, dass -von Rechtswegen (<span class="nowrap">d. h.</span> aus dem Gesichtspunkt eines eingebildeten -und seinem eigenen Begriff widersprechenden Naturrechts oder -Vernunftrechts) eigentlich die Thiere auch juridische Rechtssubjekte -sein müssten. Das juridische Recht ist immer positiv, <span class="nowrap">d. h.</span> historisch, -und kann seiner Natur nach immer nur einen Theil der Sphäre des -moralischen Rechts umfassen; welche Theile<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[– 24 –]</a></span> der Sphäre des moralischen -Rechts in das juridische Rechtssystem, <span class="nowrap">d. h.</span> in die positive -Rechtsordnung durch die Gesetzgebung aufzunehmen seien, kann niemals -selbst wieder von juridischen Erwägungen abhängen, sondern nur durch -Rücksichten der Zweckmässigkeit und Opportunität bedingt sein.</p> - -<p>Dass aber ein dringendes Bedürfniss aus Zweckmässigkeitsgründen -bestände, durch Gesetzgebung die juridische Rechtsfähigkeit der Thiere -in unser Rechtssystem einzuführen, das ist entschieden zu bestreiten. -Vor allem würde die Lage der Thiere durch eine solche Aenderung ihrer -formalen Stellung zur Rechtsordnung inhaltlich gar nicht berührt -werden, da ihre Rechte doch immer nur durch Vertretung von Menschen -würden wahrgenommen werden können, wie sie es jetzt nöthigen Falls auch -schon werden (wenn <span class="nowrap">z. B.</span> eine alte Dame eine Summe für die Pensionirung -ihres Lieblingshundes ausgesetzt hat). Die einzige wünschenswerthe -Aenderung der Gesetzgebung in Betreff der Thiere ist die, dass Rohheit -oder Bosheit in deren Behandlung nicht bloss straffällig sein muss, -wenn sie öffentliches Aergerniss giebt, sondern auch, wenn sie als -eine insgeheim erfolgte, oder als eine vor zustimmenden Zuschauern -stattgehabte nachgewiesen werden kann. Diese Abänderung hat aber mit -der Erhebung der Thiere zu juridischen Rechtssubjekten gar nichts zu -thun, denn die Gemeingefährlichkeit des in solcher Handlungsweise -sich offenbarenden Charakters genügt für sich allein schon, um -den Staat in diesem Falle ähnlich wie bei anderen Verbrechen, wo -keinem Rechtssubjekt ein Unrecht geschieht, an seine Pflicht des -Schutzes der Gesellschaft durch rechtzeitige Bekämpfung derartiger -gemeingefährlicher Charaktereigenschaften zu erinnern.</p> - -<p>Unser juridisches Verhältniss zu den Thieren ist somit nur indirekter -Art; unser Rechtssystem zieht die<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[– 25 –]</a></span> moralischen Beziehungen der Menschen -zu den Thieren nur so weit in seine Sphäre, als die Interessen der -<em class="gesperrt">menschlichen Gesellschaft</em> durch dieselben berührt werden, zu -deren Sicherstellung und Schutze die Rechtsordnung allein errichtet -ist. Es ist also unrichtig, unser juridisches Verhältniss zu den -Thieren darum als ein direktes aufzufassen, weil unser moralisches -Verhältniss zu denselben ein solches ist; es ist aber auch ebenso -unrichtig, die Unmittelbarkeit des letzteren darum zu bezweifeln oder -zu bestreiten, weil das erstere ein bloss mittelbares ist. Wir haben -nicht deshalb uns der Verletzung der Thiere zu enthalten, weil eine -solche unsrer Menschenwürde nicht gemäss, oder unserem pflichtmässigen -Streben nach Selbstvervollkommnung hinderlich, oder von anderweitigen -ungünstigen Rückwirkungen auf den Handelnden und die menschliche -Gesellschaft sein würde, sondern zuerst und vor allem deshalb, weil wir -das moralische Recht jedes empfindenden Lebewesens ohne Ansehen von -Stand oder Person, also auch ohne Ansehen von Rasse, Species und Genus -zu respektiren haben. Diese Achtung vor allen lebendigen und fühlenden -Mitgeschöpfen (mag man sie nun auf die Achtung vor dem Schöpferwillen -oder auf die Wesenseinheit der verschiedenen Erscheinungsindividuen -gründen) ist einfach eine Forderung der (moralischen) Gerechtigkeit; -denn „Gerechtigkeit“ besagt in letzter Instanz nichts andres als die -Anerkennung der „Gleichgültigkeit des empfindenden Subjekts“.<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a></p> - -<p>Wie die moralischen Beziehungen unter Menschen, so müssen -auch diejenigen zwischen Thier und Mensch vor allem auf dem -unerschütterlichen Grunde der (moralischen) Gerechtigkeit ruhen; nur -aus diesem rationalistischen<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[– 26 –]</a></span> Moralprincip ist eine deutliche und -scharf bestimmte Grenzlinie des Verhaltens abzuleiten, nicht aus den -schwankenden Principien der Gefühlsmoral. Letztere sind unentbehrlich, -theils um die Motivationskraft des gerechten Verhaltens zu verstärken, -theils um innerhalb des von der Gerechtigkeit gelassenen Spielraums -dem positiven Wohlwollen zur Geltung zu verhelfen; aber sich selbst -überlassen sind sie gerade die stärksten Verführer zu ungerechtem und -unbilligem Verhalten, und es ist ganz unmöglich, die Gerechtigkeit -aus einem einzelnen Gefühlsmoralprincip (<span class="nowrap">z. B.</span> dem Mitleid) oder aus -der Summe derselben abzuleiten. Wer sich in seinem Verhalten zu den -Thieren von der Gerechtigkeit leiten lässt, der wird so wie so, ob er -mitleidig ist oder nicht, dem Thiere nichts Unbilliges zumuthen oder -zufügen, und das Mitleid käme bei ihm nutzlos hintennach gehinkt, -wenn es mitsprechen wollte; wer aber sich von dem Mitleid, der -Gutmüthigkeit und Weichherzigkeit bestimmen lässt, der wird in seinem -Verhalten nur durch Zufall mit den Forderungen der Gerechtigkeit -gelegentlich übereinstimmen, und oft genug dieselben verletzen. Wenn -der weichherzige Thierfreund eine arme Familie keuchend einen schwer -belasteten Handwagen ziehen und schieben sieht, so neigt er stets dazu, -sich zum Anwalt des mitangespannten überbürdeten Hundes aufzuwerfen und -zu Gunsten desselben die überbürdeten Menschen noch mehr zu überbürden; -er vergisst dabei nur, dass der gut behandelte Familienhund es als sein -Recht und seine Ehre betrachtet, sich mit seinen Herren mitzuplagen, -und dass die Menschen bei ihrer scheinbar freiwilligen Quälerei oft -weit mehr unter der Geissel eines zwingenden Schicksals stehen und weit -schwerer unter diesem harten Zwange leiden, als das vom Menschen zur -Arbeit gezwungene Thier. So lange die Menschen noch im Schweisse ihres -Angesichts ihr Brod<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[– 27 –]</a></span> verdienen und zeitweilig über ihre Kräfte sich -anstrengen müssen, wird es eine Ungerechtigkeit bleiben, ihnen jede -auch nur zeitweilige Ueberanstrengung der Arbeitsthiere zu verwehren. -Eine Ueberanstrengung der Arbeitsthiere aus unzureichenden Gründen -ist dagegen ebenso ungerecht wie unvernünftig und bedarf zu ihrer -Verurtheilung nicht erst des Mitleids.</p> - -<p>Das Mitleid ist bekanntlich ein zweischneidiges Schwert: insoweit es -Unlust ist, drängt es ebensosehr dazu, den Anblick der Gelegenheiten -seiner Entstehung durch Ausweichen zu meiden als diejenigen -abzustellen, deren Anblick man auf keine Weise aus dem Wege gehen -kann; soweit es aber ein Gefühl ist, das dazu anlockt, seine Anlässe -aufzusuchen, ist es ein Lustgefühl und als solches verleitet -es zugleich dazu, die zu bemitleidenden Leiden nicht nur nicht -abzustellen, sondern geradezu erst recht herbeizuführen. Das Mitleid -ist der Grausamkeitswollust eng verwandt, und es ist ganz irrthümlich -zu glauben, dass Giftmischer oder Thierquäler aus Passion kein Mitleid -mit ihren Opfern empfinden, da sie ohne eine starke Emotion des -Mitgefühls gar keine so starke Lust aus dem fremden Leid schöpfen -könnten. Deshalb geht man fehl, wenn man glaubt, den passionirten -Thierquäler durch Erweckung seines Mitleids von seiner verworfenen -Neigung abbringen zu können; erst wenn man ihn nöthigt, sich selbst als -das von einem andern in gleicher Weise gequälte Wesen vorzustellen und -durch diese Vorstellung sein Gerechtigkeitsgefühl zur Reaktion bringt, -wird man hoffen dürfen, einen Erfolg zu erzielen. Denn selbst von einem -andern gequält zu werden, empfindet jeder als ein angethanes Unrecht, -so dass es nur der Abstraktion von der Individualität des Gequälten und -des Quälers bedarf, um das Unrecht auch bei der Umkehrung einzusehen.</p> - -<p>Auf der andern Seite schiesst das Mitleid mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[– 28 –]</a></span> Thieren über das -Ziel hinweg, indem es keine Rücksicht darauf nimmt, ob wir uns mit -denselben im Kriegs- oder Friedenszustande befinden. Nun befindet -sich aber die Menschheit mit allen Thierarten im Kriegszustande, -denen gegenüber sie sich im Kampfe ums Dasein zu behaupten hat, und -nur mit denjenigen im Friedenszustande, welche im Kampf ums Dasein -mit der übrigen Thierwelt entweder helfende Bundesgenossen oder doch -wenigstens Neutrale sind. Die Religion des Mitleids, der Buddhismus, -verlangt, dass man sich ruhig von Tigern fressen, von Giftschlangen -und Scorpionen stechen, von Läusen peinigen lässt, wenn man kein -Mittel besitzt, sich ihnen auf friedlichem Wege zu entziehen, -stempelt aber die Tödtung eines dieser Thiere zu einem todeswürdigen -Verbrechen, durch das man allen sonst etwa erworbenen Anspruch auf -Heiligkeit wieder einbüsst. Die Absurdität dieser Folgerung zeigt die -Unhaltbarkeit des Princips, von dem sie richtig abgeleitet ist.</p> - -<p>Der Kampf ums Dasein ist nicht minder ein Krieg aufs Messer, wo er ein -indirekter, <span class="nowrap">d. h.</span> Wettbewerb um die Mittel des Lebens ist; deshalb ist -es ebensosehr eine Existenzfrage für die Menschheit, dass sie das Wild -und die Schmarotzer des Feldes und Hauses (Mäuse, Ratten, Ameisen) bis -zur Vernichtung bekämpft. Jedes Stück Nahrungsmittel, dessen sich ein -Thier bemächtigt, obwohl es zur Ernährung eines Menschen hätte dienen -können, verschlimmert die Situation der auf der Hungergrenze lebenden -Glieder der Menschheit; jedes Mitleid auf diesem Gebiet opfert einen -Menschen, um ein Thier zu retten, wenn sich auch der dabei geopferte -Mensch nicht mit dem Finger zeigen lässt. Aus diesem Gesichtspunkt ist -jeder Luxus in der Erhaltung überflüssiger Thiere mit Nahrungsmitteln, -die für Menschen hätten dienen können, ein Unrecht an der Menschheit; -dabei ist es gleichgültig, ob die betreffenden Nahrungsmittel<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[– 29 –]</a></span> den -Menschen direkt oder indirekt, <span class="nowrap">d. h.</span> durch Ernährung von nützlichen -Thieren hätten dienen können. Nicht als unnütz dürfen solche Thiere -gerechnet werden, welche der Belehrung (in zoologischen Gärten) oder -der Befriedigung von Gemüthsbedürfnissen dienen (Stubenhunde, -Katzen, --Vögel etc.); noch weniger sind es die Thiere, welche dem Menschen -bei der Jagd, beim Kampf gegen Schmarotzer, bei der Bewachung seines -Eigenthums, bei seiner Ortsbewegung oder seinen sonstigen Arbeiten -Beistand leisten, oder welche zur Produktion von Nahrungsmitteln und -Bekleidungsstoffen gezüchtet werden. Aber auch solche Thierarten -müssen in ihrer Vermehrung so weit beschränkt werden, dass ihre -Zahl nicht über die zum Nutzen des Menschen erforderliche Grösse -hinauswächst, weil der Ueberschuss zu den überflüssigen Verzehrern von -Nahrungsmitteln gehören würde.</p> - -<p>Der Kampf gegen die schädlichen und unnützen Thierarten so wie -derjenige gegen eine schädliche Vermehrung der relativ nützlichen -Thierarten ist eine Pflicht des Menschen gegen die Menschheit; da die -Menschheit höhere sittliche und Kulturaufgaben zu lösen hat als das -Thierreich, so steht auch die Pflicht gegen die Menschheit der Pflicht -gegen die Thiere voran, und die mitleidige Gutmüthigkeit, welche sich -im gegebenen Falle nicht zur Tödtung der Thiere entschliessen kann, ist -ebenso unsittlich wie die Weichherzigkeit eines Familienvaters, der -seinen Kindern das Brod wegnimmt, um es dem an seiner Thüre bettelnden -arbeitsscheuen Landstreicher zu reichen, oder wie die Empfindsamkeit -einer alten Jungfer, die ihren fetten Mops mit Braten und Zuckerbrod -füttert, während ihre Dienstboten sich mit Kochfleisch und Schwarzbrod -begnügen müssen.</p> - -<p>Jede Gattung im Naturhaushalt braucht einen Regulator, der ihr -Ueberwuchern verhindert; einer der<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[– 30 –]</a></span> wichtigsten dieser Regulatoren -ist der Mensch und seine bezüglichen Pflichten im Naturhaushalt -sind um so ausgedehnter und dringlicher geworden, je mehr er die -übrigen Regulatoren (die Raubthiere) von der Erde verdrängt hat. Wenn -er jetzt, wo er in Kulturländern für die meisten Arten grösserer -pflanzenfressender und allesfressender Thiere sich zum einzigen -Regulator gemacht hat, sich durch mitleidige Regungen abhalten lässt, -seines Amtes zu walten, so verletzt er nicht nur seine Pflichten gegen -die Menschheit sondern auch seine Pflichten gegen die gesetzmässige -Ordnung des irdischen Naturhaushaltes und die Erhaltung ihres -Gleichgewichts. Ueberall wo es an regulirenden Raubthieren fehlt, -führt solche Sentimentalität sich sehr bald praktisch ad absurdum, wie -die Frösche der Abderiten beweisen, oder die 49 Katzen, welche der -gemüthvolle junge Dichter ein Jahr nach seinem Verbot der Tödtung des -ersten Wurfes besass. So gelangt die Sentimentalität gegen die Thiere -gar leicht dazu, sich lächerlich zu machen, nämlich überall da, wo zwar -ihre absurden Konsequenzen in die Anschauung fallen, wo aber nicht ihre -indirekte Schädlichkeit und principielle Unsittlichkeit zum Bewusstsein -kommt (deren Ernsthaftigkeit den komischen Eindruck der ersteren -verhindern würde).</p> - -<p>Die empfindsame Weichherzigkeit ist in sittlicher Hinsicht eine höchst -bedenkliche Eigenschaft<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>, und man darf sich darum auch nicht wundern, -wenn man diesen ihren bedenklichen Charakter auch in ihrem Einfluss auf -unsre Verhältnisse zu den Thieren bestätigt findet. Ueberall wo man -einem Menschen begegnet, der sich durch übermässige Zärtlichkeit und -ostentative Weichherzigkeit gegen Thiere auszeichnet, ist der Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[– 31 –]</a></span>dacht -gerechtfertigt, dass man es mit einem Individuum zu thun habe, welches -für seinen Mitmenschen nicht viel übrig hat und welches die aus seiner -mangelhaften Pflichterfüllung gegen letztere auf seinen Charakter zu -ziehenden Schlussfolgerungen durch ein Uebermaass von Rücksichtnahme -und Wohlthätigkeit gegen die Thiere vor sich selbst, oder auch nur -vor Andern, zu entkräften sucht. Oft ist es nur das instinktive -Streben nach einer Herstellung des sittlichen Gleichgewichts, was -die zu wenig Gerechtigkeit in sich fühlenden Menschen dahin drängt, -ein übertriebenes Gewicht auf ihr „gutes Herz“ zu legen; oft ist es -geradezu die Lieblosigkeit des angeborenen Charakters, welche zum -Gegengewicht gegen den unklar gefühlten Mangel, zu einer gewaltsamen -Pflege des Mitleids und der Barmherzigkeit führt; nicht selten aber -ist es gradezu der Menschenhass und die Missachtung des eignen -Geschlechts, welche gleichsam eine gewaltsame Zusammendrängung aller -verfügbaren Gefühlswärme in das Verhältniss zu den Thieren zur Folge -hat. Die versauerte alte Jungfer, der verbitterte Misanthrop, der -Menschenverächter auf dem Throne, der kalt-grausame Ketzerrichter, -der blutdürstige Revolutionsheld, das sind die Typen, bei denen die -Ueberzärtlichkeit für die Thiere ihren Gipfel zu erreichen pflegt.</p> - -<p>Wer sein Verhältniss zu den Thieren aus dem Gesichtspunkt der -Gerechtigkeit regelt, der wird auch dann die Inferiorität des Thieres -niemals vergessen, wenn er mit einem bestimmten thierischen Individuum -in ein engeres Freundschaftsverhältniss tritt; nur ein solcher wird -fähig sein, dem Thiere die grösste Wohlthat angedeihen zu lassen, -welche der Mensch ihm erweisen kann: die Erziehung, während das gute -Herz nur zu verziehen, <span class="nowrap">d. h.</span> zu verderben versteht. Wer sich zu den -Thieren nicht hingezogen fühlt und sich damit be<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[– 32 –]</a></span>gnügt, ihnen kein -Unrecht zu thun, der kann darum doch das warmherzigste und wackerste -Mitglied der menschlichen Gesellschaft sein; wer aber für die Thiere -eine empfindsame Ueberzärtlichkeit entwickelt, dessen Charakter möge -man nicht minder mit Misstrauen begegnen wie einem, der sie zu seinem -Vergnügen martert. Freilich können auch traurige Erfahrungen und -unverschuldetes Unglück den Menschen zur Vereinsamung geführt haben, -und einem solchen wird man es gerne gönnen, wenn sein verödetes Herz -die letzte Zuflucht zu der Thierwelt nimmt; aber in der Regel liegt der -gemüthlichen Vereinsamung eine Schuld zu Grunde, eine Missachtung und -Nichterfüllung der Ansprüche, welche die menschliche Gesellschaft an -jedes ihrer Glieder zu stellen berechtigt ist.</p> - -<p>Die vorstehenden Bemerkungen dürften genügen zum Erweise, dass das -Mitleid kein brauchbares Princip zur Feststellung der ethischen -Grenzlinie des Verhaltens gegen die Thiere ist, dass vielmehr diese -Grenzlinie nur durch die Gerechtigkeit gezogen werden kann, welche -dem Thiere giebt, was des Thieres ist, aber auch dem Menschen giebt, -was des Menschen ist, und welche die Pflichten gegen die Menschheit -und den Naturhaushalt der Erde als die höheren im Vergleich mit den -Pflichten gegen die Thiere anerkennt. Wir alle ohne Ausnahme sind nicht -nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, den Kampf ums Dasein der -Menschheit gegen die Thierwelt mitzukämpfen, also die schädlichen und -unnützen Mitbewerber um die irdischen Bedingungen des Lebens zu tödten; -wir sind aber ebenso verpflichtet, bei diesem Kampfe jede unnütze Härte -und Grausamkeit zu vermeiden. Das nämliche gilt für unsre Benutzung -der Thiere zur Förderung der menschlichen Kulturzwecke, sowohl was -die Verwendung thierischer Arbeitskraft, also auch was die Förderung -der Wissenschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[– 33 –]</a></span> und Heilkunst durch Anstellung von Experimenten -anbetrifft.</p> - -<p>Die moderne Naturwissenschaft hat ihren Rang als exakte Wissenschaft -wesentlich durch die experimentelle Grundlage ihres induktiven -Verfahrens gewonnen, und kann das Experiment nicht aufgeben, ohne -vom Range einer exakten Wissenschaft wieder herunter zu steigen. Nun -können Experimente über physiologische und pathologische Processe nur -an lebenden Körpern gewonnen werden, und jeder Arzt muss fortwährend -an seinen Patienten experimentiren. Jedes neue Heilmittel, jedes -neue Gift, jeder neu entdeckte chemische Stoff muss auf seine -physiologische Wirkung am lebenden Körper experimentell geprüft werden, -jede neue kühne chirurgische Operation muss ein Mal zum ersten Mal -an einem lebenden Organismus versucht werden. Die Erforschung der -Krankheitsursachen, insbesondere der organischen Krankheitsträger kann -nur durch ausgedehnte Impfversuche mit den Züchtigungsergebnissen der -Reinkulturen fortschreiten; die Ergründung der Funktionen verschiedener -Theile des centralen Nervensystems kann nur durch experimentelle -Eingriffe in den normalen Lebensprocess gefördert werden. Oft genug -schon hat die Begeisterung für den Fortschritt der Wissenschaft junge -Aerzte dahin geführt, an sich selbst solche Versuche anzustellen, die -manchmal mit dem Leben bezahlt wurden; den Steinschnitt verdanken -wir einem französischen Arzte, der vom König die Erlaubniss erhielt, -einen zum Tode verurtheilten, steinleidenden Verbrecher zum ersten -Versuchsobjekt zu nehmen.</p> - -<p>Solche physiologischen Versuche können für ihre Objekte mit gar -keinen oder geringfügigen Unbequemlichkeiten verbunden sein (wie -<span class="nowrap">z. B.</span> manche Fütterungsversuche); sie können äusserst lästig sein, -ohne dass irgend ein Eingriff in den Organismus stattfindet (<span class="nowrap">z. B.</span><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[– 34 –]</a></span> -die dauernde Einsperrung in eine enge Glasglocke zur Bestimmung der -Ausathmungsgase); sie können endlich schweres Siechthum und mehr -oder minder sichern Tod herbeiführen (wie <span class="nowrap">z. B.</span> die Impfungsversuche -mit Krankheitsträgern, oder die quantitative Feststellung der -Giftwirkungen). Wer irgend mit der modernen Physiologie, Pathologie und -Medicin vertraut ist, der weiss, dass die Zukunft dieser Wissenschaften -ganz und gar von einer rationellen Fortführung solcher Versuche, und -zwar im ausgedehntesten Maassstabe abhängt; wer einer andern Ansicht -huldigt, befindet sich im Widerspruch mit der erdrückenden Mehrheit -der Vertreter jener Fächer. Selbst dann, wenn die entgegengesetzte -Ansicht, dass alle Thierversuche überflüssig und nutzlos für die -Wissenschaft seien, im Rechte wäre, und selbst dann, wenn es gelänge, -die gesetzgeberischen Konsequenzen dieser Ansicht zu ziehen, <span class="nowrap">d. h.</span> -alle Thierversuche zu verbieten, würde doch dieses Verbot wirkungslos -sein; die Forscher, welche oft genug muthig genug sind, an sich selbst -gewagte Versuche anzustellen, würden heimlich die Thierversuche um -so eifriger fortsetzen, als ihnen eventuell von Seiten einer nach -ihrer Meinung unvernünftigen Gesetzgebung das Martyrium zu Ehren der -Wissenschaft in Aussicht stände.</p> - -<p>Anstatt den alten Grundsatz „fiat experimentum in corpore vili“ -der Thierwelt gegenüber ausser Kraft setzen zu wollen, sollte man -vielmehr ernstlich in Erwägung ziehen, ob es nicht rathsam und -geboten sei, Verbrecher als corpora vilia zu benutzen; <span class="nowrap">d. h.</span> den zur -Todesstrafe Verurtheilten freizustellen, ob sie statt der Hinrichtung -ein lebensgefährliches Experiment an sich vornehmen lassen wollen, -und den zu geringeren Strafen Verurtheilten anheimzugeben, ob sie -ihre Strafe durch Preisgebung zu mehr oder weniger schmerzhaften -und quälenden Versuchen abbüssen wollen. Die Wissenschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[– 35 –]</a></span> und die -Gefängnissverwaltungen würden davon gleichmässig Vortheil, das Recht -und das Publikum keinen Nachtheil haben, und den Verbrechern würde -nichts geschehen, wozu sie nicht eingewilligt haben. Ein solches Gesetz -würde mit einem Schlage alle sentimentalen Klagen über ungerechte -Behandlung der Thiere durch die Naturforscher gegenstandlos machen, -indem sie dem Thierversuch den Menschenversuch anreihte; denn wenn man -den Thieren nichts anthun dürfte, wozu man nicht ihre Zustimmung vorher -eingeholt hätte, so dürfte man sie auch nicht gegen ihren Willen tödten -oder zu Arbeiten anhalten.</p> - -<p>Dass keine Gesetzgebung im Stande ist, Missbräuche zu verhüten, -liegt ebenso auf der Hand, wie dass eine Sache um so mehr dem -Missbrauch ausgesetzt ist, je edler und je wichtiger sie ist. Die -beste und wirksamste Vorkehrung gegen missbräuchliche Behandlung -der Thierversuche liegt in einer sorgfältigen Unterweisung der -Studierenden über die zweckmässige technische Anstellung derselben, -über ihre Leistungsfähigkeit und Tragweite; das gesetzliche Verbot, -die Thierversuche in die Lehrvorträge aufzunehmen, würde nur die -entgegengesetzte Wirkung haben, <span class="nowrap">d. h.</span> der unverständigen und -ungeschickten Pfuscherei auf diesem Gebiete Vorschub leisten. Die -inhaltliche Erwägung, ob der eventuelle Nutzen bestimmter Versuche -wichtig genug ist, um die den Versuchsthieren zugefügten Leiden -zu rechtfertigen, liegt selbstverständlich ganz ausserhalb der -gesetzgeberischen und richterlichen Zuständigkeit und kann nur durch -Sachverständige festgestellt werden, <span class="nowrap">d. h.</span> sie muss letzten Endes doch -dem Takt und Gewissen der in ihren Fachkreisen tonangebenden Forscher -anheimgestellt bleiben. Die öffentliche Meinung hat die Aufgabe, -durch ihre Stimme das Gewissen der Forscher in dieser Richtung zu -schärfen und ihren Takt<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[– 36 –]</a></span> zu verfeinern; sie kann aber diese Aufgabe -nicht schlechter erfüllen, als wenn sie das Kind mit dem Bade -ausschüttet und durch ihren Unverstand die Forscher an den Gedanken -gewöhnt, dass sie sich um die jedenfalls unmögliche Zufriedenstellung -einer irregeleiteten öffentlichen Meinung überhaupt nicht mehr zu -bekümmern brauchen. Das jetzt so beliebte Schlagwort „Vivisektion“ -benutzt das Grauen der meisten Laien vor dem chirurgischen Messer -und dem fliessenden Blut als Schreckgespenst zur Verwirrung der -Urtheilsfähigkeit; nur der kleinste Theil der Thierversuche bedient -sich chirurgischer Eingriffe, und diese brauchen gar nicht besonders -schmerzhaft zu sein und sind mindestens durchschnittlich nicht -diejenigen unter den Thierversuchen, welche mit den schwersten Leiden -für die Objekte verknüpft sind.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="III_Die_Gleichstellung_der_Geschlechter">III.<br /> -Die Gleichstellung der Geschlechter.</h2> - -</div> - -<p>Niemand wird der excentrischen Ansicht einiger Physiologen beistimmen, -dass der männliche wie der weibliche Organismus nur ein Appendix der -bezüglichen Fortpflanzungswerkzeuge, ein zur Sicherstellung ihrer -Funktionen unentbehrlicher Hülfsapparat sei; aber dennoch liegt in -dieser Uebertreibung eine Wahrheit, die von allen Denjenigen übersehen -wird, welche für Gleichheit der Geschlechter schwärmen. In dem -physiologischen Geschlechtscharakter des Mannes und Weibes ist nicht -nur ein Unterschied, sondern geradezu ein Gegensatz<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[– 37 –]</a></span> anzuerkennen, -und dieser auf keine Weise aus der Welt zu schaffende Gegensatz ist -bestimmend für das gesammte natürliche und geistige Leben der Menschen. -Dieser Gegensatz ist derjenige von Aktivität und Passivität, von -Begehren und Gewähren, Werben und Umworbensein; er besteht nicht nur -in der Gesellschaft der Unverheiratheten, sondern setzt sich auch -im ehelichen Leben fort. Ein Mann von geschlechtlicher Passivität -erscheint als ein hinter seiner natürlichen Aufgabe zurückbleibender, -unmännlicher Mann; ein Weib von geschlechtlicher Aktivität erscheint -als ein ihre Sphäre überschreitendes, unweibliches Weib. Wären beide -aktiv, so würde das Geschlechtsleben alle übrigen Seiten des Lebens -überwuchern; wären beide passiv, so würde der Naturzweck nicht mehr -hinlänglich gesichert sein. Darum erscheint es als eine teleologische -Einrichtung der Natur, dass das eine Geschlecht seinem normalen -Instinkte nach aktiv, das andere passiv ist, und es heisst die -Zweckmässigkeit dieser Natureinrichtung verkennen, wenn man dem einen -oder dem andern Geschlechte aus seiner Naturanlage einen Vorwurf macht, -oder wenn man dahin strebt, die socialen Folgen und Erscheinungsformen -dieses Gegensatzes künstlich abzustumpfen und auszugleichen. Wenn -dieses Bestreben in weiterem Umfange von Erfolg gekrönt wäre, so müsste -es das männliche Geschlecht unmännlich, oder das weibliche unweiblich -machen, oder beides zugleich in gewissem Grade, und die üblen Folgen -für die Erhaltung der Bevölkerung könnten nicht lange ausbleiben.</p> - -<p>Wäre der Mann nicht begehrend, so hätte das Weib nichts zu gewähren, -was dem Manne werthvoll schiene, so hörte damit auch die Macht des -weiblichen Geschlechts über das männliche auf. Denn diese Macht beruht -lediglich darauf, dass das Weib etwas zu gewähren<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[– 38 –]</a></span> hat, was der Mann -begehrt, und dass die geschlechtliche Passivität dem Weibe das Versagen -leichter macht, als dem Manne das Entsagen. Diese Macht ist aber -auch so gross, dass überall und in allen Völkern die thatsächliche -Beherrschung des männlichen Geschlechts durch das weibliche trotz -des äusseren Scheines vom Gegentheil die Regel bildet; das durch sie -hergestellte Verhältniss überdauert gewohnheitsmässig die Periode der -geschlechtlichen Bethätigung und drückt dem ganzen socialen Leben sein -Siegel auf. So lange man diese auf dem Geschlechtsgegensatz beruhende -geheime Uebermacht des weiblichen Geschlechts nicht brechen kann, -muss als nothwendiges Gegengewicht gegen dieselbe eine rechtliche -Vorherrschaft des männlichen Geschlechts aufrecht erhalten werden, um -das Gleichgewicht nur einigermassen wieder herzustellen. Gelänge es -dagegen den Vorkämpfern für Geschlechtergleichstellung, alle Vorrechte -der Männer in Staat und Gesellschaft, in Recht und Sitte zu beseitigen, -so würde damit eine Periode der reinen Weiberherrschaft inaugurirt -werden, wie nicht die Geschichte, nur die Sage sie bisher kennt. -Die Schwärmerei für abstrakte Gleichstellung schlägt also praktisch -mit Nothwendigkeit in ihr Gegentheil um, weil sie die wirksamsten -Thatsachen ignorirt, sofern dieselben sich der Regelung durch -gesetzliche Schablonen entziehen.</p> - -<p>Erst in zweiter Reihe kommt die Erwägung in Betracht, dass die -Gefühlsmässigkeit des weiblichen Handelns, welche in der Familie und -der Geselligkeit so wohl am Platze ist, schlechterdings ungeeignet -ist zur Ordnung der öffentlichen Angelegenheiten, in denen es auf -Alleinherrschaft der Vernunft ankommt. Gerechtigkeit und Billigkeit -würde nach dem Eintritt der Frauen ins öffentliche Leben noch weit -weniger anzutreffen sein, als jetzt, dagegen würde der Nepotismus -und<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[– 39 –]</a></span> die Intriguenwirthschaft noch mehr Boden gewinnen, und das ganze -öffentliche Leben würde sich immer mehr zu dem vermittelungslosen -Gegensatz zwischen einem pfäffisch gegängelten Gefühlskonservatismus -und einem demagogisch verhetzten, fanatischen Radikalismus zuspitzen. -Statt einer Stimme würde jede Frau über zwei verfügen, es sei denn, -dass ihr Mann bereit wäre, den häuslichen Frieden und das Familienglück -seiner politischen Ueberzeugung zum Opfer zu bringen. In allen -katholischen Ländern wäre der Sieg der klerikalen Partei besiegelt und -für die Dauer gesichert, und die Gesammtheit der unter ultramontanen -Ministerien stehenden, <span class="nowrap">d. h.</span> von Rom aus geleiteten Staaten würden -eine Macht darstellen, die ausreichte, den allmählichen Triumph des -jesuitischen Papstthums auf der ganzen Erde zu verbürgen; Niemand hätte -also mehr Anlass auf politische Gleichstellung der Frauen hinzuwirken, -als die Ultramontanen, und für Niemand arbeiten die Vorkämpfer der -Frauen-Emancipation in höherem Maasse als für die katholische Kirche.</p> - -<p>Weil die Fortpflanzungsfunktion, die vom Manne nur gelegentlich und -nebenbei ausgeübt wird, ohne ihn in seinem sonstigen Berufe zu hindern, -dem Weibe die schwersten Lasten auferlegt und als der Höhepunkt -und Angelpunkt des weiblichen Lebens erscheint, darum ist auch der -weibliche Organismus in weit höherem Grade als der männliche auf diese -Funktion hin veranlagt und durchgebildet, und findet in ihr seinen -Schwerpunkt, wie der männliche in den Funktionen des Gehirns und der -willkürlichen Muskeln. Ein Maass an körperlicher oder geistiger Arbeit, -das der männliche Organismus ganz wohl ohne Nachtheil verträgt, richtet -den weiblichen Organismus bald zu Grunde, oder nutzt ihn wenigstens -in viel kürzerer Zeit ab. Schwere körperliche Arbeit konsumirt die -weibliche Leistungskraft viel<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[– 40 –]</a></span> rascher, als die männliche, führt zu -vorzeitigem Alter und Erschöpfung, setzt die Widerstandsfähigkeit -gegen Krankheitseinflüsse herab und kürzt durch alles dies die -Lebensdauer ab. Noch weit schädlicher wirkt angestrengte geistige -Arbeit auf den weiblichen Organismus, denn das weibliche Gehirn und -Nervensystem verträgt lange nicht soviel, wie das männliche, weshalb -schon die Erziehung und geistige Ausbildung beider Geschlechter stets -eine verschiedene bleiben muss. Am ehesten verträgt der weibliche -Körper eine Berufsthätigkeit, in welcher leichte körperliche und -leichte geistige Arbeit gemischt ist, und dem Körper nur mässige -Bewegung zugemuthet wird. Diese Berufsarten (Schneiderei, Gärtnerei, -Kleinhandel, Küche und Hauswirthschaft, Kinder- und Krankenpflege) -sind aber doch zu beschränkt, um jemals eine Gleichstellung des Lohnes -der weiblichen Arbeit mit der männlichen zu ermöglichen. Selbst bei -dem Klassenunterricht kleinerer Kinder nutzt die weibliche Lehrkraft -sich soviel schneller ab, dass die Ersparnisse am Lehrergehalt durch -Mehrbelastung des Pensionsfonds in Folge früherer Pensionirung -aufgewogen werden. Das weibliche Geschlecht bleibt darum in der -Hauptsache — und ganz besonders in den die Kultur tragenden und -fördernden Gesellschaftsschichten — doch immer auf die Ernährung durch -die Arbeit des männlichen angewiesen, wofür seine sociale Gegenleistung -in der Hauswirthschaft, Fortpflanzung und Kinderpflege besteht.</p> - -<p>Auf dem Gebiete der gesellschaftlichen Sitte ist die Schwärmerei für -Gleichstellung und gleiche Beurtheilung der Geschlechter nicht minder -verkehrt, wie auf demjenigen der Politik und der Berufsarbeit. Entweder -gehen die Emancipationsbestrebungen dahin, dass auch dem Weibe alles -erlaubt sein müsse, was dem Manne von der Sitte gestattet ist — -dann führen sie zu einer<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[– 41 –]</a></span> alles Familienleben zerrüttenden und das -Volkswohl untergrabenden Libertinage; oder der Gleichheitsformalismus -tritt moralisirend auf und verbietet dem Manne jede Freiheit, die dem -Weibe durch die Sitte versagt ist, dann führt er zu einem lächerlichen -Rigorismus, welcher der Natur Unmögliches zumuthet und den Rückschlag -in sein Gegentheil oder in heuchlerischen Pharisäismus unvermeidlich -macht.</p> - -<p>Nur in einem Punkte ist die Forderung, dass der Mann ebensowenig -Freiheit haben dürfe, wie die Frau unbedingt zuzugeben, nämlich in -der monogamischen Ehe, deren Wesen gleiche Treue von beiden Seiten -und gleiche sittliche Beherrschung etwaiger instinktiver Velleitäten -zur Untreue erheischt. Aber selbst hier bleibt die Wahrheit bestehen, -dass die Verletzung der Treue von Seiten des Mannes und von Seiten -der Frau einen ganz verschiedenen Grad der Missbilligung hervorruft, -weil sie ganz verschiedene sociale Folgen nach sich zieht, weil die -eine sich ausserhalb, die andere innerhalb der Familie vollzieht, weil -die eine das Verhältniss der Kinder zu den Eltern und Geschwistern -unberührt lässt, die andere es völlig zerstört oder doch durch Zweifel -untergräbt. Der Mann einer notorisch untreuen Frau hat nur die Wahl, -entweder Vaterpflichten gegen untergeschobene Bastarde zu üben, oder -seine eigenen Kinder durch Scheidung mutterlos zu machen; kann er -die Untreue nicht juridisch beweisen, so bleibt ihm nicht einmal -diese Wahl, sondern er muss sich der empörenden Nothwendigkeit fügen, -Kindern, die er nicht für die seinigen halten kann, Kindesrechte -gegen sich einzuräumen. Schon der blosse Verdacht vergiftet das -Familienleben, weil es immer das eigene Nest ist, das die etwaige -Untreue der Frau beschmutzt. Dagegen lässt die Untreue des Mannes, weil -sie ausserhalb des Kreises der Familie fällt, den Familienstand und -die<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[– 42 –]</a></span> Stellung der Frau als Mutter und Hausherrin intakt, wenn sie auch -den Rechten und Gefühlen der letzteren eine moralische, und möglicher -Weise auch dem Familienwohlstand eine materielle Schädigung zufügt. -Darum hat die gekränkte Frau freie Wahl, ob sie unversöhnlich auf ihrem -formellen Recht der Scheidung bestehen, oder ob sie vergeben und ihren -Kindern das gemeinsame Familienleben erhalten will; das Vergeben ist -ohne Beeinträchtigung ihrer Würde möglich, was bei dem gekränkten Manne -nicht der Fall ist, und darum hat allein die Frau das Vorrecht, sich -mit der göttlichen Milde des Verzeihens zu schmücken, welche den Mann -in gleicher Lage verächtlich macht.</p> - -<p>Viel durchgreifender, als in der ehelichen Treue sind die aus dem -Geschlechtsgegensatz abfliessenden Unterschiede in Bezug auf das -Leben vor der Ehe. Ein Mann, welcher gegen das geschlechtliche -Vorleben des zu wählenden Weibes gleichgültig ist (wie gewisse -spekulative Heirathsannoncen es verkünden) macht sich verächtlich; -ein Weib dagegen, welches ohne Zweifel an der Ehrenhaftigkeit eines -Bewerbers daran Anstoss nimmt, dass er schon vor der Bewerbung um -sie geschlechtlich aktiv war, macht sich lächerlich (so <span class="nowrap">z. B.</span> die -Heldin in Björnson’s Schauspiel: „Der Handschuh“). Wäre der Mann -nicht geschlechtlich aktiv, so würde er sich an der Freundschaft mit -Frauen genügen lassen, und höchstens noch aus äusserlichen, nicht -zur Sache selbst gehörigen Motiven zur Ehe sich entschliessen; jedes -feinfühlige Weib sträubt sich aber mit Recht dagegen, bloss aus -solchen äusseren Motiven zur Ehe begehrt zu werden. Kann also das -Weib nur bei einem seiner Natur nach geschlechtlich aktiven Mann -erwarten, um ihrer selbst willen geheirathet zu werden, so ist es -eine naturwidrige und unverständige Forderung, dass diese Aktivität -bis zur Bekanntschaft mit ihr habe latent<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[– 43 –]</a></span> bleiben und erst bei ihrem -Anblick erwachen sollen. Umgekehrt dagegen hat der Mann das Recht, -ein weibliches, das heisst geschlechtlich passives Weib in seiner -Erkorenen vorauszusetzen, mit anderen Worten eine Jungfrau, die auf -den Mann ihrer Wahl gewartet hat, um sich von ihm aus dem träumenden -Schlummer zum wachen Liebesleben wecken zu lassen. Es liegt der höchste -Reiz für das männliche Liebeswerben darin, ein noch unbeschriebenes -Blatt vorzufinden, in das er seine Schriftzüge eingraben kann, eine -noch reine Passivität, <span class="nowrap">d. h.</span> eine noch potentielle Gegenliebe, die -er erst durch seine Aktivität zur Aktualität erhebt. Darum gilt die -Jungfräulichkeit der Braut als selbstverständliche, stillschweigende -Voraussetzung der Eheschliessung, und jede Täuschung über dieselbe -als gesetzlicher Ehescheidungsgrund, ebensogut wie Ehebruch. Wollte -man aber dem entsprechend auch die Jungfräulichkeit der Bewerber zur -Bedingung gültiger Ehen machen, so würden in der Hauptsache nur noch -solche Männer legitime Familien gründen, deren physiologischer Defekt -die Fortpflanzung ihrer Naturanlage nicht wünschenswerth macht, und es -würde durch die Zuchtwahl mehrerer Generationen bei schnell abnehmender -Bevölkerung eine Sorte von Männern producirt werden, die gar nicht mehr -an Verheirathung denkt.</p> - -<p>Ein Mädchen, das sein Lebensglück ihrem Bewerber anzuvertrauen im -Begriff steht, thut freilich wohl, alle thatsächlichen Anhaltspunkte -in Betracht zu ziehen, welche zur Erschliessung seines Charakters -beitragen können, und zu solchen gehört zweifellos in erster Reihe -die Art seines Verhaltens gegen andere Frauen, zu denen er bereits -in Beziehung gestanden hat; aber es kommt dabei nicht sowohl auf die -Thatsache an, dass er schon vorher andere Verhältnisse angeknüpft -hatte, als vielmehr darauf, wie er sich in denselben benommen<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[– 44 –]</a></span> hat, -und vor allen Dingen, wodurch dieselben gelöst worden sind. Einen als -schuldigen Theil geschiedenen Ehemann zu heirathen, ist mindestens ein -Wagniss, über dessen üblen Ausfall sich kein Weib nachher beklagen -kann. Auch bei Vermeidung jeder Unehrenhaftigkeit treten oft genug die -bedenklichsten Charakterzüge, wie Leichtsinn, Selbstsucht, Genusssucht, -Rücksichtslosigkeit, Unverträglichkeit, Hartherzigkeit, Undankbarkeit, -Frivolität <span class="nowrap">u. s. w.</span> zu Tage, welche jedes besonnene Mädchen davon -abschrecken müssen, sich einem solchen Charakter anzuvertrauen. Aber -es ist dies offenbar etwas ganz anderes, als die Forderung, dass der -Mann keine andern Verhältnisse angeknüpft haben solle, und darf mit ihr -nicht verwechselt werden. War das Verhalten desselben vorwurfsfrei, so -bietet vielmehr ein so in den Prüfungen des Lebens bewährter Bewerber -eine ungleich grössere Bürgschaft als ein gleichaltriger Unerprobter. -Wenn es auch zweifelhaft sein mag, ob der Mann zwei Frauen zugleich -wahrhaft lieben könne, so ist es doch unzweifelhaft, dass er mehrere -nach einander mit ganzem und vollem Herzen lieben könne, und die -Behauptung, dass nur Eine Liebe die wahre sei, ist eine unstatthafte -Verallgemeinerung eines für die weibliche Empfindungsweise wahren -Satzes auf den Menschen als solchen.</p> - -<p>Der Organismus des Mannes bleibt davon völlig unberührt, wenn derselbe -aus einem Junggesellen zum Gatten und Vater wird; er empfängt nichts -zu dem Seinigen hinzu und wird durch das, was er giebt, nicht ärmer. -Das Weib hingegen verhält sich nicht gebend, sondern empfangend -und tritt dadurch in ein ganz neues physiologisches Lebensstadium, -das ihren Organismus bis in seine kleinsten Theile alterirt. Eine -Mutter hat überdiess Monate lange mit einem zweiten Organismus in -Blutaustausch gelebt, dessen Blutbereitung nur zur<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[– 45 –]</a></span> Hälfte durch die -ererbten mütterlichen, zur andern Hälfte durch die ererbten väterlichen -Eigenschaften bestimmt war, sie hat also ihre Gewebe theilweise mit -einem Blute ernährt, das zur Hälfte durch ihren Gatten bestimmt war, -und hat dadurch Eigenschaften des letzteren in gewissem Grade in -sich aufgenommen, welche zwar in ihr latent bleiben, desto mehr aber -in Kindern einer späteren Ehe wieder zu Tage treten können (was man -ungenau so ausdrückt, dass diese Einflüsse in ganz besonderem Maasse -auf die Fortpflanzungssphäre wirken). Der Gatte einer Wittwe findet -also kein unbeschriebenes Blatt mehr vor, sondern einen in gewissem -Grade durch seinen Vorgänger mitbestimmten Organismus, mit dessen -Vererbungstendenzen die seinigen erst den Kampf aufzunehmen haben. -Ein Weib giebt sich demnach in der That ihrem Gatten mit Seele <em class="gesperrt">und -Leib</em> hin, ein Mann seiner Gattin bloss mit der Seele, und mit dem -Leibe nur insofern, als er die Verpflichtung übernimmt, für sie mit -zu arbeiten. Mit diesem physiologischen Unterschiede der Rückwirkung -der Ehe auf beide Geschlechter hängt der Gegensatz im Instinkt beider -Geschlechter auf das engste zusammen. So lange die Schwärmer für -Gleichstellung der Geschlechter jenen physiologischen Unterschied -nicht wegdekretiren können, werden sie vergeblich an dem Gegensatz der -Instinkte rütteln und werden mit einer beide Unterschiede ignorirenden -socialen Gleichmacherei nur widernatürliche Zerrbilder liefern, die an -ihrer inneren Absurdität scheitern.</p> - -<p>Hiermit soll keineswegs auf die Wiederverheirathung der Wittwen ein -Stein geworfen werden, obwohl die Frivolität, mit welcher dieser -Gegenstand nur zu häufig in Lustspielen und Romanen behandelt wird, -des deutschen Volkes nicht würdig ist. Eine kinderlose Wittwe oder -geschiedene Frau, oder eine solche, die<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[– 46 –]</a></span> nicht selbst in der Erziehung -ihrer Kinder ihre Lebensaufgabe suchen und finden kann, oder die -allein dieser Aufgabe sich nicht gewachsen fühlt, soll auf keine Weise -gehindert werden, ihren Lebensberuf in einer zweiten Ehe zu suchen, -insbesondere, wenn sie in ihrer ersten Ehe die wahre Liebe noch nicht -durchlebt hat; aber eine Mutter wird immer wohl thun, zunächst in der -Erziehung ihrer Kinder ihre dringendste Lebensaufgabe zu sehen, und -wird, wenn sie diese ernst und pflichttreu erfasst, selten Grund haben, -nach einem weiteren Feld für die Bethätigung ihrer Kräfte auszuspähen. -Ein Mann braucht sich durch die Wittwenschaft seiner Geliebten nicht -von der Verbindung mit derselben abhalten zu lassen, aber er soll sich -darüber klar sein, dass diese Wittwenschaft ein Punkt ist, über den -er sich hinwegsetzen muss, und dass die Frau es durch ungewöhnliche -persönliche Vorzüge verdienen muss, dass er sich über diesen Punkt -hinwegsetzt. Ein Mädchen dagegen, das einen Wittwer heirathet, hat -sich, was seine Person anbetrifft, über gar nichts hinwegzusetzen, -kann sich vielmehr freuen, dass es einen schon von ihrer Vorgängerin -erzogenen und gezähmten Mann bekommt.</p> - -<p>Aehnlich ist der Unterschied zwischen einem Manne, der schon einmal -Bräutigam war, und einem Mädchen, das schon einmal Braut war. Der -erstere bleibt davon in seinem Werthe unberührt, sofern nur die Lösung -der Verlobung ohne seine Schuld erfolgt ist; die letztere, auch wenn -sie ganz schuldlos an dem Auseinandergehen ist, gleicht einer Waare, -die Havarie erlitten hat, und deren Werth dadurch im Preise gesunken -ist. Mag sie die weibliche Passivität in ihrem Brautstand noch so wohl -bewahrt haben, so ist doch die latente Pontentialität ihrer Passivität -aufgehoben, die Jungfräulichkeit ihres Herzens nicht mehr intakt, der -Duft von den<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[– 47 –]</a></span> Schmetterlingsflügeln abgestreift. Nur einmal kann das -Weib praktisch lernen, was Liebe ist, und es ist schmerzlich für den -Liebenden, nicht derjenige sein zu können, der es sie lehrt. Wohl -treibt ein vom Frühlingsfrost verletzter Baum eine zweite Laubkrone -empor, aber so reich und üppig, wie die erste, wird sie nicht; so -entfaltet auch das Mädchenherz eine zweite Blüthe, wenn die erste vor -der Reife verwelken musste, aber seine volle und ganze Blüthenpracht -breitet es doch nur da aus, wo die zum ersten Mal erwachende Liebe -ungestört mit ganzer Kraft alle Phasen durchläuft.</p> - -<p>Nun ist dies freilich nicht so zu nehmen, als sollten der noch -schlummernden Jungfräulichkeit die Träume verwehrt sein, welche -das künftige Liebesleben ideal anticipiren; denn diese Träume -greifen in ihrer Gegenstandslosigkeit keinem Rechte eines künftigen -Bewerbers vor. Ebenso wenig kann man der Jungfrau die unwillkürlichen -tastenden Versuche verargen, mit denen sie das Ideal ihrer Träume -den ihr begegnenden wirklichen Männern anzupassen unternimmt, und -noch untriftiger wäre die Zumuthung, dass die Jungfrau gegen alle -Bewerber schlechthin spröde sein solle, bis der eine Auserwählte -kommt, weil der Auserwählte niemals kommen würde, wenn es jedem -ersten Annäherungsversuche schlechterdings an jedem Entgegenkommen -fehlte. Nur wenn zufällig die Versuche, das Ideal an die begegnenden -Männer anzupassen, mit den Bewerbungen eines bestimmten Mannes und -einem gewissen Entgegenkommen gegen dieselben zusammen treffen, nur -dann tritt der Punkt ein, wo die Träume der Phantasie im Begriffe -stehen, in reales Liebesleben umzuschlagen; aber dieses Wünschen und -Sehnen, Hoffen und Fürchten ist doch erst die Vorhalle zum realen -Liebesleben und dieses selbst beginnt erst mit dem ausdrücklichen -oder stillschweigenden Einverständniss beider Theile, <span class="nowrap">d. h.</span> mit<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[– 48 –]</a></span> dem -Eintritte in ein bräutliches Verhältniss, gleichviel ob dasselbe -Geheimniss der Liebenden bleibt, oder der Familie mitgetheilt, oder vor -der Gesellschaft erklärt wird. Der Grad der Stärke und Vollständigkeit, -in welchem die Gefühle in solchem Verhältnisse geweckt und erschlossen -werden, ist nicht abhängig von seiner längeren Dauer, wenn auch eine -gewisse Dauer die Vollständigkeit der Aufschliessung begünstigt; sie -ist ferner unabhängig davon, ob das dem Wunsche vorschwebende Ziel der -Vereinigung als erreichbar oder unerreichbar gedacht oder in welcher -Form es vorgestellt wird. Nimmt man den Begriff des bräutlichen -Verhältnisses in diesem weiteren Sinne, so deckt er sich genau mit -dem Begriffe des realen Liebeslebens, und so kann dessen Grenze von -vorbereitenden Anknüpfungsversuchen und von Phantasieträumen mit -ästhetischen Schein-Empfindungen nicht zweifelhaft sein.</p> - -<p>Praktisch freilich ist die Grenze zwischen Anknüpfsversuchen und -bräutlichem Verhältniss durch die Sitten verschieden gezogen, und -liegt die Gefahr nahe, bei lebhafter Phantasie ideale ästhetische -Scheingefühle mit realen zu verwechseln, also blosse Phantasiespiele -für wirkliches Liebesleben zu halten; indessen belehrt das weit -schnellere Ausklingen, Verblassen und spurlose Verschwinden der -Phantasiegefühle nachträglich ziemlich leicht und sicher über deren -Unterschied von realen Gefühlen und über die etwa stattgehabte -Verwechselung der ersteren mit den letzteren. Alle Behauptungen von -Frauen, dass sie öfter als einmal wahrhaft geliebt haben, dürften -sich darauf zurückführen lassen, dass der Unterschied zwischen -den Scheingefühlen einer lebhaften Phatasiethätigkeit und dem -realen Gefühlsleben des Herzens nicht beachtet worden ist; die -phantasiemässige Anticipation des realen Liebeslebens kann aber bis -zu einem gewissen Grade der Lebhaftigkeit, Fülle und Feinheit<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[– 49 –]</a></span> der -letzteren förderlich sein. So kann eine schuldlos entlobte Braut, -die zwar phantasiemässig zu lieben versucht, aber es nicht bis zu -wirklicher Liebe für ihren Bräutigam gebracht hat, unter Umständen -ein dankbarerer Gegenstand der Liebe sein, als ein phantasieloses -Mädchen, das allzu plump und schwerfällig auf die entgegengebrachte -Liebe reagirt. Aber sowie man es versucht, diesen Satz auszudehnen auf -Frauen, welche in der Liebe praktisch schon viel durchgemacht haben, -so tritt der Unterschied zwischen Phantasiespiel und Wirklichkeit -hervor: der ernste Mann, der dem Weibe seiner Wahl wirklich seine -Seele hinzugeben verlangt, erwartet auch als Gegengabe ein reines und -womöglich jungfräuliches Herz, wogegen der Lüstling, der nichts geben, -sondern nur seine Sinnlichkeit gereizt sehen will, solchen „erfahrenen“ -Frauen eine Zeit lang den Vorzug giebt, bis endlich auch er, der -stärksten Reize bedürftig geworden, doch wieder zur unentweihten -Jungfräulichkeit, als dem letzten und höchsten Stimulans, zurückgreift. -Umgekehrt ist der erfahrene und im Leben geprüfte Mann für ein reines -Frauengemüth unendlich viel anziehender, als ein Neuling auf dem Felde -der Liebe, und es sind nur die alternden Frauen, welche dazu gelangen, -die Unschuld, die ihnen selber längst abhanden gekommen ist, an jungen -Männern reizend zu finden.</p> - -<p>Es bedarf wohl kaum des Hinweises darauf, dass alle diese Unterschiede -des Verhaltens, in denen der Gegensatz der Geschlechter sich -ausdrückt, niemals aus eudämonologischen Motiven konservirt zu werden -beanspruchen können, sondern nur deshalb, weil mit ihrer Missachtung -und allmählichen Unterdrückung die von der Naturteleologie gesetzten -Reize zur Verehelichung, <span class="nowrap">d. h.</span> zur Ueberwindung des Egoismus zu Gunsten -der nächsten Generation, aufhören würden, und damit<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[– 50 –]</a></span> der Kulturprocess -den schwersten Schaden leiden würde.<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a></p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="IV_Die_Lebensfrage_der_Familie">IV.<br /> -Die Lebensfrage der Familie.</h2> - -</div> - -<p>Unter aller Verhältnissen ist die Lebensdauer der Familien oder -Geschlechter in den höheren Ständen durchschnittlich kürzer als in den -mittleren und niederen; aber wohl selten hat es eine Zeit gegeben, -in welcher das Missverhältniss einen solchen Grad erreicht hat, wie -gegenwärtig. Es dürfte schwer sein, für diese Behauptung den exakten -Beweis zu erbringen, da die mittlere Lebensdauer der Familien oder -Geschlechter in einem Stande nicht unmittelbar abhängig ist von der -mittleren Lebensdauer der Individuen, welche sie zusammensetzen, und -von den Lebensläufen der Familien oder Geschlechter in den mittleren -oder niederen Ständen meist nur kurze Bruchstücke zu verfolgen sind. -Trotzdem wird man dieser Behauptung beistimmen dürfen, wenn man erwägt, -dass die drei hauptsächlichen Ursachen, von welchen der Unterschied -der mittleren Lebensdauer eines Geschlechts in höheren und niederen -Ständen abhängt, in der letzten Zeit sehr zugenommen haben, nämlich -der grössere Procentsatz an Unverehelichten, das spätere mittlere -Heirathsalter und die kleinere durchschnittliche Kinderzahl, die auf -eine Ehe kommt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[– 51 –]</a></span></p> - -<p>Neben diesen drei Ursachen spielt noch eine vierte mit, welche in -ihren Wirkungen noch weit schwerer abzuschätzen und der statistischen -Aufnahme bis jetzt entzogen ist, welche aber darum nicht weniger -einschneidend wirkt: es ist diess der Umstand, dass gegenüber der -stärkeren Inanspruchnahme von Muskelkraft und individueller Lebenskraft -in den Berufsarten der niederen Stände die intensivere Geistesarbeit -und das intensivere Genussleben der höheren Stände mehr Nervenkraft -konsumirt und dadurch die Lebenskraft des Geschlechts rascher -verzehrt. Durch Verbrauch von Nervenkraft wird nämlich mehr als durch -irgend etwas anderes das Fortpflanzungsvermögen alterirt und zwar -in doppeltem Sinne, erstens in Bezug auf die Zahl und Tüchtigkeit -der unmittelbaren Nachkommenschaft, zweitens aber auch noch ganz -besonders in Bezug auf die Nervenkraft und Fortpflanzungsfähigkeit -der nächsten Generation, von welcher die Zahl und Tüchtigkeit der -Nachkommenschaft in späteren Generationen mehr als von irgend einem -anderen Umstande abhängt. Insoweit sich die fragliche Wirkung in der -Durchschnittszahl der auf eine Ehe entfallenden Kinder ausspricht, ist -sie bereits in der dritten der vorangestellten Ursachen in Rechnung -gestellt; insoweit sie aber die Tüchtigkeit, Fortpflanzungsfähigkeit -und durchschnittliche Kinderzahl der unmittelbaren Nachkommen betrifft, -muss sie als ein vierter Factor in Ansatz gebracht werden, was freilich -erst dann ziffermässig möglich wäre, wenn wir eine vergleichende -Familienstatistik der verschiedenen Stände und Berufsarten besässen.</p> - -<p>Man könnte nun meinen, dass in der kürzeren durchschnittlichen -Lebensdauer der Familien und Geschlechter in den höheren Ständen -ein billiger Ausgleich liege für die längere Durchschnittsdauer des -Individuallebens, und dass es vom Standpunkt des Ganzen be<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[– 52 –]</a></span>trachtet -gerade ein tröstlicher Gedanke sei, dass die Familien der höheren -Stände, auch wenn sie sich in ihrem Stande behaupten, doch allmählich -durch Aussterben für ein Nachrücken der niederen Stände Raum machen. -Indessen die Genugthuung über diesen Ausgleich wäre doch nur eine -kurzsichtige im Interesse des Ganzen. Denn es würde dabei übersehen, -dass es vor allem im Interesse des Ganzen liegt, die ererbten und -generationsweise gesteigerten Anpassungen an höhere sociale und -kulturelle Aufgaben, durch welche die Mitglieder der höheren Stände -denen der niederen durchschnittlich überlegen sind, möglichst voll -auszubeuten und auch für die Zukunft des Processes nach Möglichkeit -durch Weitervererbung zu verwerthen. So wünschenswerth es ist, -dass strebsamen und ausnahmsweise günstig veranlagten Individuen -und Familien das Aufrücken in die höheren Stände offen stehe, um -diesen immer frisches Blut zuzuführen und sie zur Selbstbehauptung -durch überlegene Leistungen zu zwingen, so zweckmässig es ferner -ist, die untüchtigen, arbeitsscheuen und ungünstig veranlagten -Individuen der höheren Stände durch keine socialen Einrichtungen vor -dem Wiederhinabsinken in die niederen Stände zu bewahren, ebenso -unzweckmässig wäre es, den kapitalisirten Gewinn der Arbeit vergangener -Generationen, wie er in den ererbten Vorzügen der höheren Stände -vorliegt, leichtsinnig vergeuden zu lassen, wenn man etwas zu seiner -Erhaltung für künftige Generationen thun kann. Aus diesem Grunde lohnt -es sich wohl, der Erwägung der Ursachen näher zu treten, durch welche -die zunehmende Verkürzung der durchschnittlichen Lebensdauer der -Familien höherer Stände bedingt ist, und sich umzusehen, welche Mittel -der Abhülfe für diese wachsende Kalamität unseres socialpolitischen -Lebens zur Verfügung stehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[– 53 –]</a></span></p> - -<p>Es kommt noch eine zweite Folge der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung -hinzu, welche als ein socialer Uebelstand von der grössten Tragweite -allgemein anerkannt ist, dessen symptomatische Behandlung aber bis -jetzt nur das Uebel verschlimmert hat, und der so lange fortdauern -wird, bis er durch Abstellung seiner Ursachen an der Wurzel erfasst -wird. Es ist dies die sogenannte Frauenfrage, richtiger Jungfernfrage, -d. h. die Frage, welchen Beruf man den Weibern anweisen soll, die -ihren natürlichen Beruf als Frau verfehlt haben. Bekanntlich ist die -Personenzahl beider Geschlechter in der Jugendblüthe gleich, während -im Kindesalter das männliche Geschlecht ein wenig, im reiferen Alter -das weibliche beträchtlich und in wachsendem Maasse überwiegt. Hieraus -folgt, dass keine Jungfern übrig bleiben würden, wenn Jedermann in -seiner Jugendblüthe eine Lebensgefährtin wählte. Eine Jungfernfrage -entspringt erst daraus, dass die Zahl der Mädchen in der Jugendblüthe -grösser ist als die Zahl der Männer in demjenigen reiferen Lebensalter, -in welchem sie in den höheren Ständen zur Ehe zu schreiten pflegen, -und dass ein Theil dieser Männer es vorzieht, unverheirathet zu -bleiben. Die Ausbildung der Mädchen für selbstständige Berufsarten, -welche zur symptomatischen Lösung der Jungfernfrage vorgeschlagen ist -und vielfach angestrebt wird, macht das Uebel nur ärger, weil sie -die Mädchen weniger anziehend für die Männer macht und dadurch die -Zahl der unverheirathet bleibenden Männer, also auch die Zahl der -sitzenbleibenden Mädchen vermehrt, was wiederum eine Verschärfung -der Dringlichkeit der Jungfernfrage und vergrösserte Anstrengungen -zur selbstständigen Erwerbsthätigkeit zur Folge hat. Aus diesem -fehlerhaften Kreislauf, der sich in sich selbst steigert, ist nur -herauszukommen, wenn man die alleinige Ursache der Jungfernfrage in der -zunehmenden Ehelosigkeit und Heirathsverspätung<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[– 54 –]</a></span> der Männer erkennt, -und die Bemühungen zur Abhülfe an diesem Punkte einsetzt.</p> - -<p>Was zunächst die vierte Ursache der Verringerung der mittleren -Lebensdauer der Familien, die stärkere Abnutzung der Nervenkraft durch -intensivere geistige Arbeit und geistigen Genuss, betrifft, so ist sie -in der Hauptsache nicht zu beseitigen. Die höheren Berufsarten haben -eben ihr Wesen darin, eine höhere und angespanntere geistige Arbeit -zu verlangen, und selbst dann, wenn man bestreiten wollte, dass die -intensivere Arbeit auch intensiveren Genuss als Gegengewicht fordert, -würde man doch nicht leugnen können, dass die Genüsse und Erholungen -der gebildeten Stände selbst vergeistigter Art sind und darum auch -wieder eine geistige Anspannung, wenn auch in anderer Art als die -Arbeit, nöthig machen. Da alle höhere Geisteskultur der Menschheit -in dieser Steigerung der geistigen Arbeit und des geistigen Genusses -liegt, so wird keine menschliche Schlauheit jemals ein Mittel ersinnen, -um die kulturtragenden Minderheiten der Völker vor einer rascheren -Abnutzung zu bewahren, und es bleibt in dieser Hinsicht nichts übrig, -als sich mit der Mauserung der Aristokratie durch allmählichen -Nachwuchs von unten zu trösten. Um so dringender aber muss den höhern -Ständen ans Herz gelegt werden, dass sie sich vor jeder Uebertreibung -in Arbeit und Genuss hüten und die unvermeidlichen gesundheitlichen -Nachtheile ihrer socialen Stellung nach Möglichkeit dadurch -auszugleichen suchen, dass sie im Uebrigen ein gesundheitsgemässeres -Leben führen, als es den niederen Ständen durch ihre pekuniäre Lage -gestattet ist.</p> - -<p>Vor allem gilt es, den die Nervenkraft ersetzenden Schlaf der Nacht -heilig zu halten, demnächst nicht nur auf nahrhafte, sondern auch -auf reizlose Kost zu achten, so viel als möglich sich Bewegung zu -machen und<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[– 55 –]</a></span> frische Luft zu athmen, den ersten Theil des Tages der -Arbeit, den zweiten der Erholung zu widmen, regelmässig zu leben und -in allen Dingen Maass zu halten. Eine grosse Gefahr liegt darin, -dass die nervenerregende Wirkung der Gehirnarbeit irritirend auf die -Genitalsphäre wirkt und leicht zu einer vorzeitigen Vergeudung des -Fortpflanzungsvermögens verleitet; diese Gefahr wird um so grösser, je -länger sie Zeit hat zu wirken, <span class="nowrap">d. h.</span> je später das durchschnittliche -Verheirathungsalter der Männer in den höheren Ständen fällt. Hier -müssen alle hygienischen, ästhetischen und moralischen Hebel angesetzt -werden, um den socialen Schäden vorzubeugen, die aus der Verbindung -der verstärkten Irritation mit der verlängerten Entbehrung erwachsen -können; am wirksamsten im Grossen und Ganzen wird sich auch hier -die Abschwächung der nervösen Irritation durch gesundheitsgemässe -Lebensweise und Vermeidung diätetischer Reizmittel erweisen.</p> - -<p>Es ist nicht schwer zu sehen, dass diese Ursache in Wechselwirkung -steht mit den drei andern. Es ist für einen jungen Mann um so leichter, -zeitweilige Selbstbeherrschung zu üben, je näher und gewisser ihm das -Ziel der Ehe vorschwebt, um so schwerer, je ferner und aussichtloser -dasselbe nach Lage der socialen Verhältnisse für ihn ist; umgekehrt -rückt nichts die Neigung zur Verheirathung so sehr in den Hintergrund, -als die Gewöhnung an ein zügelloses Junggesellenleben, und es müssen -dann meist schon nebensächliche Motive sein, welche den Entschluss -zur Verheirathung doch noch reifen lassen. Ebenso stehen die drei -andern Gründe untereinander in Wechselwirkung. Wer wenig Aussicht -hat, zur Verheirathung zu gelangen, macht sich von vornherein mit -dem Junggesellenleben vertraut und entzieht sich der Gelegenheit zur -Anknüpfung bräutlicher Verhältnisse, so dass schon der Zufall sein -Spiel treiben<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[– 56 –]</a></span> muss, wenn er ihn doch noch in Hymens Fesseln schlagen -soll. Wer erst in reiferen Jahren ans Heirathen denken kann, der -verpasst die Zeit der jugendlichen Eindrucksfähigkeit, innerhalb deren -so manches weibliche Wesen sein Herz hätte gewinnen können, und wenn er -endlich soviel vor sich gebracht hat, dass er eine Familie zu gründen -wünscht, so sieht er sich vergebens nach einem Mädchen um, in das er -sich verlieben könnte, und wartet entweder, bis es ganz und gar zu spät -ist, oder er schliesst aus äusserlichen Gründen eine Ehe ohne Liebe.</p> - -<p>Heirathet ein Mann erst in reiferen Jahren, so wird er durchschnittlich -ein älteres Mädchen zur Frau wählen, als wenn er jünger geheirathet -hätte: es wird demnach die Zahl der Kinder in seiner Ehe schon um des -Alters der Frau willen geringer sein; ausserdem aber tritt er nach -kürzerer Ehedauer in ein Lebensalter ein, in welchem die Ehe ihre -natürliche Bedeutung zu verlieren pflegt, auch wenn die Frau noch -nicht aufgehört hat, fortpflanzungsfähig zu sein, so dass hier ein -zweiter Grund für Verkürzung der natürlichen Kinderzahl zu Tage tritt. -Da es nicht bloss auf die Zahl, sondern auch auf die Beschaffenheit -der Kinder, auf die Schonung der Mutter für ihren weiteren Beruf, -und auf die genügende Ausbildung derselben für die Erziehung der -Kinder ankommt, so würde ich es keineswegs für einen idealen Zustand -halten, wenn die Töchter der höheren Stände unmittelbar nach -erreichter Pubertät in die Ehe träten; aber auch die Hinausschiebung -des durchschnittlichen Heirathsalters der Mädchen auf das 26. bis -28. Lebensjahr ist unnatürlich, weil es ohne weitere Förderung ihrer -Ausbildung ihre jugendliche Anpassungsfähigkeit verringert und mehrere -Kinder, welche vom 21. bis zum 26. Jahr der Mutter hätten das Licht der -Welt erblicken können, für immer ungeboren lässt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[– 57 –]</a></span></p> - -<p>Dieselben Motive, welche die Männer gar nicht oder erst in reiferen -Jahren zum Entschluss der Verheirathung gelangen lassen, bewirken -auch eine Scheu vor reichem Kindersegen. Wir sind bereits zu einem -solchen Grade der Verwirrung und Verkehrung der Begriffe gelangt, dass -unsern höheren Ständen die naturgemässe Kinderzahl einer normalen Ehe -von jugendlich verbundenen gesunden und kräftigen Gatten als eine -„kaninchenartige Fruchtbarkeit“ anstössig erscheint.<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> Wo solche -Ansichten Platz gegriffen haben, müssen sie selbstverständlich eine -Rückwirkung auf das mittlere Heirathsalter üben, insbesondere auf -dasjenige der Frau; denn je länger ein Mädchen mit der Verheirathung -wartet, oder ein je älteres Mädchen ein Mann zur Frau wählt, desto -weniger Sorge vor allzu reichem Kindersegen brauchen sie zu hegen. Für -den Mann ist die grössere oder geringere Kinderzahl wesentlich nur eine -pekuniäre Frage, da die Frau doch allein die Lasten derselben zu tragen -hat; für die Frau aber ist es eine Kardinalfrage des Leibes und der -Seele.</p> - -<p>Wo nun durch einen widernatürlichen Spiritualismus und abstrakten -Idealismus verschrobene Ansichten in der Frauenwelt gewisser Stände -grossgezogen werden, welche trefflich als Deckmantel der egoistischen -Bequemlichkeit, Leistungsscheu und Genusssucht verwendbar sind, da -bildet sich ein Geschlecht pretiöser und überspannter Egoistinnen, -welche allenfalls wohl noch ein oder zwei Mal die Lasten der -Mutterschaft auf sich nehmen wollen, weil sie anders auch der Freuden -derselben nicht theilhaft werden können, welche dann aber auch nicht -weiter von den Naturpflichten des Frauenberufs<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[– 58 –]</a></span> belästigt sein, sondern -ungestört ihrer Behaglichkeit und ihren Amüsements leben wollen.</p> - -<p>Nichts kann geeigneter sein, die Männer energisch von der Ehe -abzuschrecken, als die Verbreitung solcher ebenso unsittlichen wie -unnatürlichen Ansichten; denn wenn sie doch nur für wenige Jahre die -Aussicht haben sollen, in einer naturgemässen Ehe zu leben, so ist -dieser Preis wahrlich das Opfer ihrer Freiheit nicht werth, und wenn -sie nachher doch nur ein naturwidriges Verhältniss mit einem aus -Egoismus unsittlichen Weibe fortsetzen sollen, so können sie sich auch -gleich mit unsittlichen Verhältnissen zu egoistischen Weibern begnügen, -die wenigstens nicht mit pretiöser Ehrbarkeit und tugendhafter -Ueberspanntheit prunken. Mädchen, welche zwar alle Vortheile der -Frauenstellung durch die Ehe zu erlangen wünschen, aber nicht mehr -die ehrliche und rückhaltslose Opferwilligkeit für alle ihnen von der -Natur und dem socialen Gesammtinteresse auferlegten Pflichten besitzen, -wollen den Mann, der sie heirathet, einfach im Handel betrügen, und es -geschieht ihnen persönlich nur ihr Recht, wenn sie dabei die Betrogenen -sind, <span class="nowrap">d. h.</span> sitzen bleiben.</p> - -<p>Leider geschieht nur mit dieser nächstliegenden Lösung dem socialen -Ganzen nicht sein Recht, und deshalb können solche überspannte -egoistische Ansichten nicht entschieden genug zur rechten Zeit -bekämpft werden. Die Mädchen können nicht früh genug lernen, dass sie -ebensowenig wie die Männer geboren sind, um zu geniessen, sondern um zu -dienen, nicht den Männern, sondern gleich diesen ihrem Beruf, und dass -ihr einziger unmittelbarer Beruf darin liegt, dem Vaterlande möglichst -viel möglichst tüchtige und wohlerzogene neue Bürger zuzuführen, um -es im Kampf ums Dasein der Nationen konkurrenzfähig und siegreich zu -erhalten.</p> - -<p>Ist es denn nicht ein tief beschämender Gedanke,<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[– 59 –]</a></span> dass in allen -modernen Kulturvölkern die bisherige Durchschnittszahl der ehelichen -Geburten nicht ausreichen würde, um dieselben vor Rückgang und -allmählichem Aussterben zu bewahren, dass <span class="nowrap">z. B.</span> das deutsche Volk seine -Vermehrung seit dem Jahre 1815, durch welche allein es in den Stand -gesetzt wurde, seine Existenz gegen Frankreich siegreich zu behaupten, -lediglich den Opfern verdankt, welche die Mütter der unehelichen Kinder -auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt haben? Ist es denn nicht -ebenso beschämend für die höheren Stände, dass sie, die am ehesten in -der Lage wären, für die Volksvermehrung ein Uebriges zu thun, in der -Erfüllung dieser staatsbürgerlichen Pflicht hinter dem Durchschnitt -weit zurückbleiben, dem Proletariat zu andern Lasten auch noch die -Last aufbürden, den Ausfall ihrer Leistungen zu decken und dadurch -eine umgekehrte natürliche Zuchtwahl, eine Erhaltung des mindest -Entwickelten, inauguriren?</p> - -<p>In dem unnatürlichen egoistischen Widerwillen vieler Mädchen der -höheren Stände gegen eine opferbereite Erfüllung des Frauenberufs ist -ein zwar verborgenes und sorgsam verhülltes aber doch hinreichend -durchscheinendes Motiv aufgedeckt, welches die Männer von der Ehe mit -Standesgenossinnen abschreckt, sobald sie klar genug blicken, um zu -merken, dass es darauf abgesehen ist, sie im Handel zu betrügen, und -dass sie in einer solchen Ehe vor die Wahl gestellt sind, entweder -unter dem Druck pekuniärer Motive sich mit guter Miene in die Lage des -Betrogenen zu finden, oder die Frau zur Erfüllung ihrer Pflichten zu -zwingen auf Kosten des ehelichen Friedens und häuslichen Behagens. Es -giebt aber auch offener zu Tage liegende Gründe, welche die Zunahme -der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung erklären, nämlich der immer -allgemeiner werdende Hang, über seinen Stand hinaus zu leben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[– 60 –]</a></span></p> - -<p>Es ist unbestreitbare Thatsache, dass trotz einer rascheren Vermehrung -der Bevölkerung die Lebenshaltung aller Stände in den letzten 150 -Jahren ausserordentlich gestiegen ist. Unsere heutigen Arbeiter, -welche über Unzulänglichkeit der Löhne klagen, können sich kaum einen -Begriff davon machen, in welchem Elend ihre Urgrosseltern lebten; aber -unser Mittelstand bis in die höchsten Berufsarten hinauf kann sich in -seinen älteren Gliedern noch sehr wohl entsinnen, welche puritanische -Einfachheit in den Häusern seiner Grosseltern nach den Mittheilungen -der Eltern in deren Jugend geherrscht hat. Die Möglichkeit einer -besseren Lebenshaltung aller Stände trotz schneller Volksvermehrung -liegt ausschliesslich darin, dass jetzt die aufgespeicherte Sonnenkraft -vergangener Jahrtausende, die wir mit den Steinkohlen aus der Erde -graben, vermittelst unsrer Maschinen unverhältnissmässig viel mehr -Gebrauchswerthe producirt, als dieselbe Volkszahl durch eigne Kraft -und Handarbeit liefern könnte, und dass wir gegen einen überschüssigen -Theil dieser Fabrikate die Bodenprodukte andrer Länder und Welttheile -eintauschen können. Der Grund dafür, dass der Drang nach Steigerung -des Wohllebens gegenwärtig so viel intensiver geworden und theilweise -in eine krankhafte Genusssucht ausgeartet ist, liegt einerseits darin, -dass die bedeutend vermehrte Klasse der sehr Reichen in dem produktiven -Raffinement unsrer Zeit die Mittel zu einem höchst verfeinerten -Wohlleben vorfindet und durch ihr Beispiel die andern Stände zur -Nacheiferung anreizt, andrerseits darin, dass der demokratische -nivellirende Zug unsres Zeitalters sich mehr als je gegen die -Unterschiede des Komforts verschiedener Stände als gegen eine sociale -Ungerechtigkeit auflehnt, und die Genüsse der Bevorzugten als das -gleiche Recht für Alle fordert.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[– 61 –]</a></span></p> - -<p>Wie überall sind auch hier Vortheile und Nachtheile verbunden. Die -Intensität des Emporstrebens in eine günstigere Lebenslage, welche der -Haupthebel des Kulturfortschritts durch Steigerung des Wettbewerbs -und des Arbeitseifers ist, hängt selbst wieder wesentlich von der -Intensität ab, mit welcher von jedem Stande die Theilnahme an den -Genüssen und Vorzügen der über ihm stehenden Stände ersehnt wird und -insofern ist diese Intensität ein Vorzug unsrer Zeit. Andrerseits -liegt in ihr eine Steigerung der Gefahr, dass man die Zukunft, <span class="nowrap">d. -h.</span> die reellen Chancen des socialen Emporsteigens der Familie, um -der Gegenwart willen, <span class="nowrap">d. h.</span> um des vermehrten augenblicklichen -Behagens willen preisgiebt, dass man die erstrebte Sache, <span class="nowrap">d. h.</span> die -Gewinnung einer behaglicheren Lebenslage, dem blossen Schein ihres -Besitzes opfert. In diesem Sinne wird dasjenige, was Hebel eines -beschleunigten Kulturfortschritts sein sollte, zum Hinderniss des -Fortschreitens der Familie, nämlich wenn der Leichtsinn, welcher die -Mittel des Emporklimmens in momentaner Genusssucht verzehrt, und die -Eitelkeit, welche den gleissenden Prunk und die hohle Prahlerei an die -Stelle des wirklichen Besitzes einer günstigeren Lage setzen, sich -hinzugesellen. Darum ist der Drang nach Emporsteigen nur insoweit -wirthschaftlich gesund und social berechtigt und zweckmässig, als er -die Kräfte zum Erwerb grösserer Mittel anspornt, aber verderblich, -wo er mit den vorläufig zur Verfügung stehenden Mitteln das Ziel des -Wunsches vorwegnimmt, <span class="nowrap">d. h.</span> zu unverhältnissmässigen Luxus führt. Wie -ein unverhältnissmässig geringes Luxusbedürfniss zum Hemmniss des -Kulturfortschritts wird und ein Volk zum Stillstand verurtheilt, so -muss ein übermässiges, <span class="nowrap">d. h.</span> über die verfügbaren Mittel hinausgehendes -Luxusbedürfniss zum kulturgeschichtlichen Rückschritt und endlich zum -Ruin führen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[– 62 –]</a></span></p> - -<p>Was für ganze Völker gilt, das gilt nicht minder für einzelne Stände -und Familien. Nichts muss so unfehlbar den Ruin des Grundadels -beschleunigen, als dessen krankhafte Sucht, sich an Luxus nicht von -dem Geldadel überflügeln zu lassen, und ein grosser Theil der Klagen -über die zunehmende Verschuldung des Grossgrundbesitzes ist allein -darauf zurückzuführen, dass die rasche Steigerung der Gütererträge doch -noch weit überholt ist durch die Steigerung der Lebensgewohnheiten der -unmittelbar und mittelbar von ihnen lebenden Familien. Der Dienstadel -oder Beamtenstand klagt in den meisten Beamtenkategorien mit Unrecht -darüber, dass die Steigerung der Gehälter mit der Entwerthung des -Geldes nicht gleichen Schritt gehalten habe; seine sociale Stellung ist -nur dadurch relativ ungünstiger geworden, weil die Lebensgewohnheiten -des Geldadels und des mit ihm wetteifernden Grundadels seit einigen -Menschenaltern sich ausserordentlich gesteigert haben, so dass er -im Vergleich zu diesen ihm verwandten Ständen sich in derselben -Lage höchst unzufrieden fühlt, mit welcher er früher sehr zufrieden -war. Sogar der Officierstand, der am meisten Anlass hätte, jede -Verweichlichung zu scheuen und in spartanischer Bedürfnisslosigkeit -seine Ehre zu suchen, ist mehr und mehr in einen thörichten Wettstreit -mit dem Geldadel gerathen, und hier wirkt jede Verirrung des -Standesgeistes um so schlimmer, als der Einzelne weit weniger die -Möglichkeit hat, sich gegen erkannte Unsitten aufzulehnen. Weil in -allen Ständen mit Ausnahme des Geldadels die Ansprüche an das Leben -schneller gewachsen sind als die Mittel ihrer Befriedigung, nur darum -ist die Unzufriedenheit und die Klage über unauskömmliche Mittel jetzt -so weit verbreitet.</p> - -<p>Dieselben Stände, welche früher bei bescheidener Lebensweise Mittel -genug übrig hatten, um eine reichliche Kinderzahl anspruchslos aber gut -zu erziehen und<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[– 63 –]</a></span> noch einen Nothgroschen für die Familie zurückzulegen, -verbrauchen jetzt bei gestiegenen Lebensansprüchen ein Einkommen -von mindestens gleicher Kaufkraft entweder für sich allein oder für -eine viel kleinere Familie, erziehen wenige, aber anspruchsvolle und -verwöhnte Kinder und lassen ihre Hinterbliebenen in einer hilflosen, -mit ihrer Verwöhnung um so bitterer kontrastirenden Lage zurück, weil -die luxuriösere Lebenshaltung für Sparrücklagen zur Selbstversicherung -nichts übrig lässt. Die so über ihren Stand hinaus gewöhnten Kinder -sind dann die Heirathskandidaten der nächsten Generation. Ist es da ein -Wunder, wenn die Söhne Bedenken tragen, sich zu verheirathen und ihren -Arbeitsertrag für sich allein verbrauchen, und wenn die mittellosen -Töchter dem Loose einer traurigen Jungfernschaft und oft genug dem -Kreise der verschämten Armuth verfallen?</p> - -<p>Auch in der Familie, ebenso wie im Stande und im Volke, ist der Tod, -d. h. das Aussterben, der Sold der wirthschaftlichen Sünde. Wo noch -ein natürliches sociales Solidaritätsbewusstsein herrscht, wirkt diese -Erkenntniss als ein Gegenmotiv gegen die wirthschaftliche Verirrung; -aber das ist gerade das Gefährlichste an der individualistischen -Atomisirung und dem abstrakt-idealistischen Nivellement unserer Zeit, -dass jedes Individuum nur an sich und seine Rechte auf das Leben, aber -nicht an seine Gliedschaft in socialen Individuen höherer Ordnung und -an seine Pflichten gegen diese denkt. Après nous le déluge! ist der -Wahlspruch der selbstsüchtigen Genusssucht; mag die Welt hernach ohne -mich weiter gehen, wie sie kann und will, wenn ich nur mein Leben -genossen habe, so gut ich konnte! Hier enthüllt sich die sittliche -Verirrung und Verkehrtheit als Wurzel der wirthschaftlichen. Familien, -die ihre Mitglieder in diesem unsittlichen Egoismus sich verhärten -lassen, verdienen<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[– 64 –]</a></span> auch aus sittlichem Gesichtspunkt, unterzugehen und -durch neuaufstrebende Elemente ersetzt zu werden.</p> - -<p>Glücklicher Weise sind solche extreme Erscheinungen noch keineswegs -allgemein verbreitet, wenn auch in geringerem Maasse die Tendenz zu -luxuriöseren Lebensgewohnheiten schon den ganzen socialen Körper -inficirt hat. Es steckt auch in unsern höheren Ständen noch ein -überwiegend gesunder Kern, und an ihn wende ich mich, um ihn durch die -Erkenntniss, wohin die Verirrung der Zeit führen muss, zum Widerstande -gegen einen bethörten Zeitgeist und Standesgeist zu ermuthigen und -diesen Geist durch eine energische Reaktion in gesundere Bahnen -zurückführen zu helfen.</p> - -<p>Wenn ich vorher darauf hingewiesen habe, dass es vorzugsweise das -weibliche Geschlecht ist, dessen Egoismus sich gegen die vorbehaltlose -und opferwillige Erfüllung der ihm auferlegten Berufslasten zu sträuben -in Gefahr ist, so erfordert die Gerechtigkeit die Anerkennung, dass es -vorzugsweise das männliche Geschlecht ist, welches aus finanziellen -Bedenken vor der Ehe zurückscheut. Denn wie das Weib den schwereren -Theil der natürlichen Lasten zu tragen hat, so der Mann den schwereren -Theil der socialen Lasten, <span class="nowrap">d. h.</span> die Beschaffung des Unterhalts für -die ganze Familie. Das Mädchen, das sich verheirathet, muss dem Manne -soweit vertrauen, dass er für den Unterhalt der Familie sorgen wird; -sie hat mit darunter zu leiden, wenn sie sich geirrt hat, aber sie -trägt keine Verantwortung dafür. Der Mann dagegen, der sich zur Ehe -entschliesst, übernimmt die ganze Verantwortung für die Erhaltung -der Familie und scheut vor dem Gedanken zurück, dieser Verantwortung -nicht gewachsen zu sein. In finanzieller Hinsicht schreiten deshalb -die meisten Mädchen geradezu leichtsinnig zur Ehe, auch wenn sie in -andrer Hinsicht gar nicht leichtsinnigen Temperaments sind;<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[– 65 –]</a></span> sie werden -dabei von einem gewissen Fatalismus der Pflichterfüllung getragen und -von der beruhigenden Gewissheit, alle Verantwortlichkeit in dieser -Hinsicht auf den Mann abwälzen zu können. Es liegt ihnen so viel daran, -zur Erfüllung ihres natürlichen Berufs und zu den socialen Vortheilen -der Frauenstellung zu gelangen, dass sie ihre kritische Besonnenheit -bereitwillig zurückdrängen und sich gern einer Täuschung über die -Zukunft hingeben, die sie bei jeder ihrer Freundinnen ohne Zweifel -durchschauen würden. Sie sind demgemäss stets bereit, die Sorgen und -Bedenken eines sonst willkommenen Bewerbers zu beschwichtigen und -denselben ihrer Anspruchslosigkeit, Genügsamkeit, Arbeitslust und -Opferwilligkeit zu versichern, um ihm den Entschluss zu erleichtern. -Diese Versicherungen sind auch keineswegs Lügen, sondern gute Vorsätze, -deren Erfüllung sie sich wirklich zutrauen; zumal wenn ein Mädchen -liebt, so hält sie keine Beschränkung für zu gross, um als Hinderniss -der Vereinigung mit dem Geliebten gelten zu dürfen.</p> - -<p>Leider pflegt die gehobene Stimmung der Braut nicht für die Dauer -vorzuhalten und oft sind alle die guten Vorsätze bloss Pflastersteine -auf dem Wege zu einer ehelichen Hölle. Die alten Gewohnheiten behaupten -ihr Recht, und wenn auch die Vernunft so weit die Oberhand behält, -um die unvermeidlichen Entbehrungen zu ertragen, so fehlt dabei doch -nicht bloss die Freudigkeit, sondern oft genug auch die blosse Geduld, -und die mangelnde Zufriedenheit der Frau lässt auch die häusliche -Behaglichkeit des Mannes nicht aufkommen. Bald ist es die Kleidung und -der Putz oder Schmuck, bald der Charakter des Wohnorts, bald die Grösse -der Wohnung, bald die Bedienung, bald die Kost, bald die Beschaffenheit -des Umgangskreises, bald die Zerstreuungen und Vergnügungen, welche -bei der neuen Lebensweise<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[– 66 –]</a></span> mit den früheren Gewohnheiten der Frau im -Widerspruch stehen und durch welche ihre Unzufriedenheit erregt wird. -Manchmal werden die alten Gewohnheiten durch neue verdrängt, aber meist -behauptet die Erinnerung an die früher besessenen Annehmlichkeiten ihr -Recht und verhärtet und verbittert sich in Bezug auf den einen oder den -andern Punkt je länger je mehr. Schlimmer noch als offne Klagen und -Vorwürfe wirkt auf den Gemüthsfrieden des Mannes die unausgesprochene -ständige Unzufriedenheit der Frau, sowohl der mürrischen wie der -sanft duldenden, und am schlimmsten ist die hysterisch angehauchte -Bedrücktheit und Melancholie, welche stets mit dem Uebergange in -wirkliches Gemüthsleiden droht, wenn ihr nicht der Wille geschieht -und sie durch Zerstreuungen abgelenkt wird. Ist dem unbefriedigten -Anspruch durch Geld abzuhelfen, so soll der Mann wo möglich seine -schon voll angespannte Arbeitskraft überspannen, um demselben genug zu -thun; will er aber gar das Geld, welches zu diesem Zwecke ausreichen -würde, zur Selbstversicherung der Familie zurücklegen, so betrachtet -die Frau das einfach als einen Raub an dem ihr Gebührenden. Reichen -die Mittel ohnehin schon nicht aus, um irgendwelche Ansprüche der Frau -zu befriedigen, so muss natürlich einer solchen Frau jeder Gedanke -an weitere Vergrösserung der Familie als ein von dem rücksichtslosen -Manne gegen sie geplantes Verbrechen erscheinen; denn nun verbinden -sich in ihr der Egoismus in natürlicher und in wirthschaftlicher -Hinsicht, um den Zweck der Ehe zu vereiteln. Ebenso staunenswürdig -wie die Opferwilligkeit, die Energie und die Ausdauer der Leistungen -sind, zu denen das Weib als uneheliche Mutter oder als Wittwe unter -dem eisernen Zwang der Nothwendigkeit, für ihre Kinder zu sorgen, -sich aufschwingen kann, ebenso grausam und unbarmherzig kann<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[– 67 –]</a></span> die -egoistische Rücksichtslosigkeit sein, mit welcher dasselbe Weib alle -Lasten dem Manne aufbürdet, so lange sie noch einen hat.</p> - -<p>Das hier gezeichnete Bild ist glücklicher Weise nicht die Regel, -sondern nur die Ausnahme, wenn auch keine ganz seltene; aber irgend -etwas von den hier zusammengestellten Zügen wird man bei einiger -Aufmerksamkeit häufiger entdecken als man denkt. Jeder Mann, der mit -Heirathsgedanken umgeht, muss daran denken, dass eine solche Zukunft -auch ihm blühen kann, und dass wenigstens die guten Vorsätze und -Versicherungen seiner Erkorenen ihm ganz und gar keine Bürgschaft -dagegen gewähren.</p> - -<p>Bewunderungswürdig erscheint mir stets das Durchschnittsweib aus dem -Volke, das ohne Dienstboten ihr ganzes Hauswesen allein besorgen, ihre -Wochenbetten unter dem Beistand gefälliger Nachbarinnen erledigen, -ihre Kinder selbst warten und pflegen, dabei noch oft die Rohheiten -eines rücksichtslosen und zeitweise betrunknen Mannes ertragen und -durch eignen Arbeitsverdienst zur Einnahme der Familie beisteuern -muss, und das alles mit der Aussicht, im Falle der Wittwenschaft für -ihre Erhaltung und für die Erziehung der Kinder mit ihren zwei Händen -aufkommen zu müssen. Dieses Weib aus dem Volke trägt entschieden den -schwereren Antheil an der Last des Lebens, und die Art, wie sie ihn -meistens trägt, nöthigt uns volle Hochachtung vor ihrem sittlichen -Werthe ab, welcher dem des Mannes meist ebenso überlegen ist, wie er -in den höheren Ständen hinter diesem zurücksteht. An den unglücklichen -Ehen und Scheidungen in den niederen Ständen trägt meist der Mann, an -denjenigen in den höheren Ständen überwiegend die Frau die Schuld; in -den ersteren ist entschieden die Frau, in den letzteren<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[– 68 –]</a></span> gewöhnlich der -Mann der liebenswürdigere und innerlich gebildetere Theil.</p> - -<p>Den Grund davon sehe ich wesentlich darin, dass die Mädchen und -Frauen der höheren Stände durch geschäftigen Müssiggang systematisch -verdorben, von dem Gedanken, dass Arbeiten und Dulden der natürliche -Zustand des Menschen sei, entwöhnt und darauf hingedrängt werden, -in der Bequemlichkeit und Vergnüglichkeit den Zweck ihres Daseins -zu suchen. Ein fünfstündiger Mädchenschulunterricht mit zwei- bis -dreistündiger häuslicher Arbeitszeit, einhalb- bis einstündigem -Schulwege und nebenherlaufenden Privatstunden verbietet es, die Mädchen -während der Schulzeit zu häuslichen Arbeiten heranzuziehen; wenn sie -dann mit 15 bis 17 Jahren die Schule verlassen, so haben sie bereits -gelernt, sich als Damen zu fühlen, welche für häusliche Arbeiten -zu vornehm und zu gebildet sind, und wenn sie auch wirklich anders -dächten, so sind in einem Hauswesen mit der entsprechenden Zahl von -Dienstboten keine nennenswerthen Arbeiten da, welche die Hausfrau ihnen -anweisen könnte. Vom 16. Jahre bis zur Verheirathung in den 20er Jahren -sind sie somit zum Müssiggang förmlich gezwungen, wenn sie sich nicht -zu einem wissenschaftlichen oder künstlerischen Studium entschliessen, -durch welches sie dem Beruf als künftige Hausfrauen immer mehr -entfremdet werden. Das einzige, was sie im Durchschnitt lernen, das -ist, ihre nutzlose Zeitvergeudung mit mehr oder minder Grazie zu -verschleiern, sei es durch das Lesen der allerneuesten englischen und -französischen Schundromane (der einzigen Frucht ihrer Sprachstudien), -sei es durch Klavierklimpern, sei es durch zwecklose augenverderbende -Handarbeiten.</p> - -<p>Jeder Arbeitseifer, jedes Gefühl des Verpflichtetseins zu -volkswirthschaftlichen Leistungen, jede Scham<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[– 69 –]</a></span> vor einer blossen -Schmarotzerexistenz und unverdientem Wohlleben wird dabei systematisch -ertödtet, und man kann sich nicht wundern, wenn die so erzogenen -Mädchen vor dem Gedanken zurückschaudern, als Frau in ein Hauswesen -eintreten zu sollen, wo ihnen zwar die grobe Arbeit durch eine Magd -abgenommen wird, aber das eigentliche Kochen, das Schneidern ihrer -eigenen Kleidung und derjenigen für die Kinder, und, was am schwersten -wiegt, die tägliche und nächtliche Kinderpflege auf ihre eignen -Schultern fallen würde. Das Höchste, wozu sie sich aufschwingen -wollen, ist die Last der Leitung eines Hauswesens mit mehreren -Dienstboten, deren Ansprüche an Gedankensammlung und wohlüberlegte -Anordnung schon grell genug von der in der Mädchenzeit gewohnten -passiven Bummelei abstechen; aber einen Mann zu nehmen, der nicht -im Stande ist, ihnen Köchin und Kindermädchen zu halten, und alle -Familiengarderobe durch fremde Hände anfertigen zu lassen, darin sehen -sie mindestens ein so grosses Opfer, dass es durch ein lebenslängliches -Aufhändengetragenwerden vom Manne nicht aufgewogen werden kann.</p> - -<p>In der Regel denkt ein Mädchen beim Heirathen nur an den Brautstand, -die Hochzeitkleider und die Honigmonde, und alle <em class="gesperrt">damit</em> gegebenen -Lasten ist sie willig, auf sich zu nehmen. Kommen nachher die Kinder -hinzu, welche eine Kinderwärterin, Kinderkleider, vergrösserte Wohnung -und Tafel verlangen, nun so ist das eben bloss Schuld des Mannes, -für die er aufzukommen hat. Kann er das nicht in dem Maasse, wie das -Behagen und die Bequemlichkeit der Frau es verlangen, so macht er -dadurch diese zur Märtyrerin, oder er vergrössert vielmehr nur das -Martyrium, welches die Frau durch die wiederholten Schwangerschaften, -Entbindungen und Wochenbetten „um seinetwillen“ tragen<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[– 70 –]</a></span> muss. Dass in -den höheren Ständen der Beruf des Mannes, durch welchen er die Mittel -für die Erhaltung der Familie beschafft, ein viel grösseres Martyrium -ist als derjenige einer alle ihre Pflichten erfüllenden Frau, dass er -namentlich die Lebensdauer in viel höherem Grade abkürzt, das kommt -dabei natürlich nicht in Betracht. Wie der Beruf den Mann allmählich -aufreibt und seine Gesundheit untergräbt, entzieht sich in den -früheren Stadien meistens der Beobachtung, wird auch wohl vom Manne -geflissentlich ignorirt; wie dagegen der Beruf der Frau vorübergehende -und später sich meist völlig wieder ausgleichende Störungen des -Wohlbefindens hervorruft, das liegt auf der Hand, und die Frauen -ermangeln selten, es in das rechte Licht zu stellen, wie „leidend“ -sie durch Erfüllung ihres Berufs geworden sind, zumal wenn sie dabei -„nervös“ oder gar „hysterisch“ sind.</p> - -<p>Und wie viele Frauen der höheren Stände giebt es, die nicht nervös -sind? Wie viele, welche körperlich der Erfüllung ihres Berufes noch -vollauf gewachsen und im Stande sind, die Vereinigung von Arbeit und -Kinderwartung am Tage mit jahrelanger nächtlicher Ruhestörung ohne -unerträgliche Steigerung ihrer Nervosität zu ertragen? Durch das -sinnlose Aderlassen der vorhergehenden Jahrhunderte sind wir zu einem -blutarmen, bleichsüchtigen Geschlechte, durch das städtische Leben mit -seinen künstlichen Erregungen und seinem Mangel an frischer Luft und -Bewegung im Freien zu einem nervösen Geschlecht geworden, und in Folge -der unvernünftigen Ueberanstrengung des zarter gebauten weiblichen -Gehirns vom 6. bis zum 16. Jahr durch unsre höheren Töchterschulen -und weiterhin durch die weiblichen Berufsstudien haben wir den durch -das gesundheitswidrige Schnüren der letzten Generationen schon aus -dem Gleichgewicht gerückten weiblichen Organismus<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[– 71 –]</a></span> der höheren -Stände dahin gebracht, dass er zu seinen natürlichen Zwecken immer -untauglicher geworden ist. Kein Wunder, wenn da der Geist anfängt, -sich gegen die Erfüllung der Naturzwecke aufzulehnen, zu denen er -den Körper unbrauchbar fühlt. Das nach Glück und Liebe sich sehnende -Herz des Mädchens geräth in Widerspruch mit der Natur und wird fast -unwillkürlich zu einem platonischen abstrakten Idealismus hingedrängt, -in welchem es wähnt, ein Männerherz ohne die Naturbasis der Liebe -sich dauernd zu eigen machen zu können; unsre ganze Mädchenerziehung, -welche auf ängstliche gewaltsame Verschleierung und Ignorirung dieser -Naturgrundlage und ihrer Weisheit und Würde ausgeht, unterstützt -diese ihrem Egoismus so angenehme Verirrung und der Mann hat nachher -die Kosten dieser künstlichen Selbsttäuschung zu tragen, indem sein -naturgemässes Verhalten ihm als sinnliche Rohheit und rücksichtslose -Barbarei in Rechnung gestellt wird. Wenn es so der Frau auch nicht -gelingt, den Mann von seinem Unrecht gegen sie zu überzeugen, so -überzeugt sie ihn doch hinlänglich von ihrer Naturentfremdung, -Untüchtigkeit und Selbstsucht, stumpft hierdurch wie durch die quälende -Unzufriedenheit mit ihrer Lage die anfängliche Liebe des Mannes für sie -mehr und mehr ab, und gelangt so an einen Punkt, wo der erkaltete und -ermüdete Mann dem Appell an seinen wirtschaftlichen Egoismus zugänglich -wird. Die Folge ist dann die geringere Kinderzahl der Ehen der höheren -Stände im Vergleich mit denen der niederen.</p> - -<p>Die jungen Männer reflektiren wohl selten auf alle hier aufgeführten -Umstände, aber sie haben doch eine mehr oder minder deutliche -Kenntniss von der Naturentfremdung, körperlichen und geistigen -Berufsuntüchtigkeit, Arbeitsscheu, Verwöhnung und Selbstsucht der -Mädchen höherer Stände, denn sie kennen ja ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[– 72 –]</a></span> Schwestern. Sie -haben deshalb eine instinktive Furcht vor der Ehe, und ziehen es vor, -mit Mädchenherzen <em class="gesperrt">vor</em> der Ehe zu spielen, anstatt mit ihrem -Herzen <em class="gesperrt">nach</em> der Hochzeit spielen zu lassen. Sie fürchten mehr -als in irgend einer früheren Kulturperiode die Liebe, welche sie -verblenden könnte gegen das, was sie zu erwarten haben, schätzen ihre -Junggesellenfreiheit um so höher, und hoffen, dass ihnen der „Reinfall“ -auf ein vermögensloses Mädchen erspart bleiben wird. Wenn sich nun -in dieser Hoffnung auch ein grosser Procentsatz täuscht, so ist doch -solche generelle Abneigung der gebildeten Jugend gegen die Ehe mit -einem vermögenslosen Mädchen ein höchst bedenkliches Zeichen der Zeit, -ein Symptom von einem auch in der Männerwelt überwuchernden Egoismus, -von Mangel an Familiensinn und socialem Pflichtgefühl. Kein Mann kann -bezweifeln, dass es auch unter den vermögenslosen Mädchen seines -Standes Ausnahmen genug giebt, dass er, wenn er durchaus in seinem -Stande heirathen will, den Muth haben muss, nach diesen Ausnahmen zu -suchen, dass es mit zu seiner Pflicht gehört, im Falle der Enttäuschung -in der Ehe den Kampf mit der Selbstsucht der Frau aufzunehmen und die -versäumte Erziehung derselben nachzuholen, dass er endlich selbst bei -Erfolglosigkeit dieses Strebens seine Töchter anders erziehen und eine -bessere sociale Zukunft heraufführen helfen soll.</p> - -<p>Das Verschanzen hinter die weiblichen Fehler ist leider nur zu oft ein -blosser Vorwand der männlichen Jugend, um ihrer Selbstsucht, <span class="nowrap">d. h.</span> dem -Verbrauch ihres gesammten Einkommens für ihre Person, ungestört weiter -fröhnen zu können. Wer seine ganze Einnahme für sich allein verbraucht, -der schreckt natürlich davor zurück, plötzlich den Haupttheil derselben -für eine Familie abgeben zu sollen; er verschiebt das Heirathen auf -eine Gehaltserhöhung, hat aber, wenn diese kommt,<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[– 73 –]</a></span> nicht gerade eine -bestimmte Frau in Aussicht und gewöhnt sich dann daran, auch das höhere -Einkommen ganz für seine persönlichen Bedürfnisse zu verbrauchen. -Uebermannt ihn eine wirkliche Liebe, so entschliesst er sich freilich -zu Opfern und Einschränkungen und findet nachher meistens, dass ihm die -Entbehrungen viel leichter geworden sind, als er sich vorher gedacht -hat, gerade umgekehrt wie bei der Frau. Fehlt es aber zu der Zeit, wo -sein Einkommen für eine Familie ausreicht, an einer rechten Liebe in -seinem Herzen, die ihn über die kleinliche Selbstsucht hinweghebt — -und diess ist nur zu oft der Fall — so wird die letztere bei vielen -stark genug sein, sie von der Erfüllung ihrer socialen Bürgerpflicht -durch Eheschliessung abzuhalten. Freilich giebt es noch junge Männer -genug, die auch ohne eigentliche Liebesleidenschaft ganz gern bereit -wären, sich erhebliche persönliche Einschränkungen aufzulegen, um des -Familienglücks und des häuslichen Behagens theilhaftig zu werden, wenn -sie nur noch den Glauben fassen könnten, dass dieses Glück ihnen mit -den verwöhnten und anspruchsvollen Mädchen ihres Standes wirklich noch -blühen könne, wenn sie nicht fürchten müssten, alle Opfer umsonst zu -bringen und sich durch Fesselung an eine unzufriedene und missvergnügte -Frau das Leben zu verbittern.</p> - -<p>Die schonungslose Aufdeckung der Gründe, aus denen die vermehrte -Ehelosigkeit und Heirathsverspätung und die verminderte Kinderzahl -unserer höheren Stände entspringt, mag manchem Leser peinlich gewesen -sein, aber sie hat wenigstens den Vortheil, die Punkte erkennbar zu -machen, an welchen die Hebel zur Wiederherstellung gesunderer socialer -Zustände angesetzt werden müssen.</p> - -<p>Zunächst kann die Gesetzgebung etwas thun, nämlich die Prämie aufheben, -welche auf der Ehelosigkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[– 74 –]</a></span> steht in Folge des Umstandes, dass der -Familienvater von seinem Einkommen trotz der erhöhten Leistungen für -den Staat durch die Kindererziehung und trotz des höheren Beitrags zu -den indirekten Steuern und Zöllen doch noch dieselben direkten Steuern -zahlen muss, wie der Junggesell, und dass nach Intestaterbrecht ledige -und verheirathete Erben gleichen Erbanspruch haben. Wir betrachten -zunächst den ersten Punkt.</p> - -<p>Ob ein Einkommen eine oder fünf Personen ernährt, müsste sich -doch in der Steuerquote ausdrücken, <span class="nowrap">d. h.</span> der unverheirathete -Steuerzahler müsste von dem gleichen Einkommen das Fünffache an -direkter Steuer entrichten, wie der Familienvater, um einen billigen -Ausgleich herzustellen. Wir können nicht zu dem Athenischen Gesetze -zurückkehren, nach welchem der gesunde Bürger mit zurückgelegtem -vierzigsten Lebensjahr zur „Zwangstrauung“ geführt wurde (wie bis -vor Kurzem bei uns die Kinder zur Zwangstaufe), aber wir können -unsern Bürgern die Eheschliessung dadurch als eine staatsbürgerliche -Ehrenpflicht einschärfen, dass wir die Entziehung von derselben ähnlich -wie diejenige von gewissen Ehrenämtern der Selbstverwaltung durch -Vervielfachung der direkten Steuern ahnden. Das Geschlecht kann hierbei -keinen Unterschied begründen; denn in den steuerpflichtigen Jungfern, -mögen sie im Einzelnen noch so unschuldig an ihrem Sitzenbleiben sein, -muss die Entartung ihres Geschlechts im Ganzen gestraft werden, da die -Gesetzgebung nicht individualisiren kann. Da die unteren Stufen der -Klassensteuer ohnehin schon bei uns aufgehoben sind, und weitere Stufen -der Aufhebung entgegen sehen, so würden die von ihrem Arbeitsertrag -lebenden Jungfern von einer solchen Massregel ebensowenig betroffen -werden, wie die niederen Stände überhaupt, und auf weiblicher Seite -nur die besser situirten Rentnerinnen darunter zu leiden<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[– 75 –]</a></span> haben, die -es vertragen können.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> Da die Entziehung von der socialen Pflicht -der Familiengründung um so gemeinschädlicher und strafbarer ist, je -wohlhabender die ledigen Individuen sind, so wäre es sogar nicht -mehr als billig, den Coefficienten für die Vervielfachung der Steuer -progressiv zu machen; denn je grösser die Wohlhabenheit, desto -strafbarer ist die Entziehung von der Pflicht der Familiengründung und -desto nachtheiliger wirkt die durch sparsame Proliferation verursachte -Vermögensanhäufung. In den niederen Ständen, wo die Vermehrung schon -eher zu schnell als zu langsam ist, hat man durch Aufhebung aller -Erschwerungen und Unkosten der Eheschliessung und durch die theils -schon durchgeführte, theils in Aussicht stehende Aufhebung des -Schulgeldes alles gethan, um die Vermehrung noch zu befördern; in den -höheren Ständen, wo die Vermehrung erschreckend hinter dem Nothwendigen -zurückbleibt, scheut man bis jetzt vor der natürlichsten Forderung der -ausgleichenden Gerechtigkeit durch die Vervielfachung der direkten -Steuern der Ledigen zurück.</p> - -<p>Wir kommen nun zu dem zweiten Punkt, nämlich zu der Unbilligkeit, -welche darin liegt, dass ledige und verheirathete Kinder gleichviel -erben. Die alten Jungfern, welche eine zwecklose Drohnenexistenz im -Staate führen, und die Junggesellen, welche ausser ihrer direkten -Berufsarbeit keine socialen Leistungen für den Staat aufzuweisen haben, -verdienen nicht, von der Rente des gemeinsamen Familienvermögens den -nämlichen Antheil<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[– 76 –]</a></span> zu verbrauchen, wie ihre verheiratheten Geschwister, -welche durch ihre Kinder gezwungen sind, für ihre Person bei gleicher -Einnahme viel beschränkter zu leben. Wenn auch die Vermögens-Antheile -der Ledigen später auf ihre Neffen und Nichten mitübergehen, so -gelangen sie doch meistens zu spät in deren Hände, um denselben noch -mit ihrem vollen volkswirthschaftlichen Nutzen zu gut zu kommen, und -was weit schlimmer ist, die Rente derselben ist für die Lebensdauer -der Erbonkel und Erbtanten dem social activen Theil des lebenden -Geschlechtes verloren gegangen und hat durch die unverhältnissmässige -Erhöhung des Wohllebens, des Komforts und des Luxus der Niessnutzer -als augenscheinliche Prämie ihrer Ehelosigkeit gewirkt. Umgekehrt -würde mancher egoistische Junggeselle sich eher zur Verheirathung -entschliessen und manches wohlhabende wählerische Mädchen vorsichtiger -in der Austheilung ihrer Körbe und maassvoller in ihren Ansprüchen -werden, wenn sie wüssten, dass die Hälfte der noch zu erwartenden -Erbschaften ihnen verloren geht, falls sie ledig bleiben. Um diess zu -erreichen, müsste das Intestaterbrecht dahin abgeändert werden, dass -unter verwandtschaftlich gleich nahe stehenden Erbberechtigten die -Ledigen nur den halben Erbanspruch von demjenigen der Verheiratheten -haben sollen. Diejenigen Ledigen, welche beim Erbfall noch nicht das -35. Lebensjahr zurückgelegt haben, müssten beanspruchen können, dass -ihnen die andere Hälfte ihres Erbtheils sichergestellt werde für den -Fall, dass sie sich bis zu dem genannten Alter verheirathen, wogegen -nach Ueberschreitung dieser Altersgrenze der sichergestellte Theil -unter die verheiratheten Miterben zur Vertheilung gelangen würde. Wem -diese Bestimmung missfiele, dem bliebe es unbenommen, testamentarisch -anders zu verfügen; da aber der Erbgang thatsächlich zum grossen Theil -nach Intestaterbrecht<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[– 77 –]</a></span> erfolgt, so würde eine Aenderung in diesem -immerhin einen beträchtlichen realen Einfluss haben.</p> - -<p>Für wichtiger als den realen Einfluss würde ich übrigens die moralische -Wirkung solcher gesetzlicher Bestimmungen halten, insofern sie im Volke -das Bewusstsein wecken und stärken würden, dass die social passiven -und social aktiven Theile der Gesellschaft einen so verschiedenen -socialen Werth für die Gesammtheit haben, dass sie nicht mit gleichem -Maasse gemessen werden dürfen. Der Satz: „wer nicht arbeitet, soll -auch nicht essen“ muss wenigstens insoweit wieder zu Ehren kommen, -dass die sociale Berufslosigkeit der Missachtung preisgegeben wird, -wo sie verschuldet ist, dass kouponschneidende Müssiggänger und -Müssiggängerinnen nicht mehr der ehrlichen Arbeit zum Hohn ein -luxuriöses Wohlleben führen, sondern auf ein bescheidenes Auskommen -beschränkt werden, und dass diejenigen, welche die staatsbürgerliche -Ehrenpflicht der Familiengründung nicht erfüllt haben, auch nicht -gleiche Rechte wie ihre leistungsfähigeren und leistungswilligeren -Mitbürger zu besitzen verdienen. Der behaglich lebende Junggeselle muss -aufhören, sich vergnügt in die Hände zu reiben, sich seiner Pfiffigkeit -zu rühmen, und hohnlachend auf den dummen Tropf herabzusehen, der -sich im Schweisse seines Angesichts für seine zahlreiche Familie -plagt. Die spöttische Geringschätzung, welche schon jetzt wegen ihrer -Berufslosigkeit oft unverdient genug auf der alten Jungfer lastet, muss -auch auf den körperlich heiratsfähigen alten Junggesellen übertragen -werden, mit doppelter Wucht, weil er nicht auf das Gewähltwerden zu -warten braucht, sondern selber die Wahl frei hat; sie muss sich zum -sittlichen Unwillen steigern, wenn die Entziehung von der socialen -Ehrenpflicht der Familiengründung sich beim Junggesellen mit -berufsloser Unthätigkeit paart, aus welcher<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[– 78 –]</a></span> man der alten Jungfer -unter den heutigen Verhältnissen kaum einen Vorwurf machen kann.</p> - -<p>Wenn auf diese Weise das Gefühl der Verpflichtung zur Familiengründung -in der männlichen Jugend wieder geweckt und die Entziehung von dieser -Ehrenpflicht wieder zu einem Gegenstande der Scham gemacht worden ist, -dann werden auch die jungen Männer mit ganz anderen Augen auf ihre -Zukunft blicken lernen und ihre Gegenwart mit Rücksicht auf diese -Zukunft zu gestalten suchen. Jetzt, wo sie für sich leben, halten sie -es so sehr für das Normale, ihre ganze Einnahme zu verbrauchen, dass -ihnen das Gegentheil gar nicht in den Sinn kommt; dann, wenn sie ihre -Junggesellenzeit nur als Vorstufe zu derjenigen des Familienvaters -ins Auge fassen, werden sie von vornherein ihre Gewohnheiten nach -Maassgabe der letzteren einzurichten haben. Von seelenmörderischen -Lastern, wie dem Spiel, werden sie sich viel leichter frei halten, -wenn ihnen die Perspektive des Familienlebens als Ziel vorschwebt; -die Kosten für Verhältnisse zweifelhaften Charakters werden sie sich -ebenfalls auf Grund des näher gerückten ehelichen Lebens lieber -ersparen, womit dann wiederum der Hauptantrieb zu kostspieligem -Kleiderluxus in Wegfall kommt. Je mehr sie das Bewusstsein haben, sich -für künftiges Familienleben vorzubereiten, desto mehr werden sie den -Familienverkehr der Kneipe vorziehen, desto mehr wird die Verführung -der Kneipe zur Gewöhnung an übermässige Fleischnahrung, Trinken und -Rauchen zurücktreten, desto weniger werden sie von ihrer Nachtruhe der -Erholung opfern und desto besser werden sie für ihre Gesundheit und -die Erhaltung ihrer Nervenkraft sorgen. Glücklicherweise beginnt das -Rauchen in der gebildeten Jugend jetzt ebenso aus der Mode zu kommen, -wie das Tabakkauen und Schnupfen es schon lange ist, und gegen das -sinnlose<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[– 79 –]</a></span> Trinken erhebt sich aus studentischen Kreisen selbst ebenso -eine Reaktion wie aus medicinischen Kreisen gegen den eine Zeitlang -begünstigten übermässigen Fleischgenuss. Wer aber an gesundheitsgemässe -gemischte Kost gewöhnt ist und weder raucht, noch trinkt, noch spielt, -der hat für seine Person kaum noch ein Opfer zu bringen nöthig, wenn -er zur Ehe schreitet, der wird auch vor der Ehe nicht in Versuchung -gewesen sein, sein ganzes Berufseinkommen für sich zu verbrauchen, -sondern wird zeitig angefangen haben zurückzulegen, sei es in Form von -Ersparnissen oder von Alters- und Lebensversicherung oder sonst wie. -Ein solcher Mann wird beim Uebergang zum Familienleben nur gewinnen, -vorausgesetzt, dass er ein gesundes, arbeitsfähiges, arbeitswilliges -und anspruchsloses Mädchen wählt.</p> - -<p>Wenn es bei einem gesunden Zeitgeist und Standesgeist das Natürlichste -ist, ein solches Mädchen in seinem Stande zu suchen, so muss dies bei -einem korrumpirten Standesgeist, bei einem zur Unsitte gewordenen -Leben über den Stand hinaus, ebenso bedenklich erscheinen wie unter -normalen Verhältnissen das Heirathen über seinem Stande. Niemand darf -sich für einen Herzenskündiger halten, am wenigsten, wenn Amor ihm -die Binde um die Augen gelegt hat; deshalb wird Niemand sich zutrauen -dürfen, den Charakter seiner Erkorenen so zu durchschauen, dass er sich -auf Grund ihrer guten Vorsätze gegen jeden Rückfall in luxuriösere -Gewohnheiten, als sie bei ihm fortsetzen kann, gesichert halten dürfte. -Es bleibt also bei der Trüglichkeit der subjektiven Diagnose dem -Heirathskandidaten nur das objektive Merkmal übrig, ob die bisherigen -Gewohnheiten, welche seine Erwählte in der Lebenshaltung ihres -Elternhauses sich angeeignet hat, nicht über das Maass von Komfort -hinausgehen, welches<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[– 80 –]</a></span> er ihr gewähren kann. Ist dies der Fall, so muss -er sich darüber klar sein, dass auch die beste und bescheidenste Frau, -die sich willig in die ihr neuen, einfacheren Verhältnisse findet, -doch nie aufhören wird, ihr Herabsteigen als ein ihm dargebrachtes -Opfer zu empfinden, welches vorweg durch einen Ueberschuss an Liebe -über die sonst zu verlangende hinaus ausgeglichen werden muss. Für den -Mann ist es ein Leichtes, das Weib seiner Wahl zu sich emporzuheben, -da die meisten Frauen sich mit wunderbarem Geschick höheren Ansprüchen -anzupassen und in einem höheren Kreise heimisch zu machen verstehen; -dagegen fällt es dem Weibe unendlich schwer, sich zu dem Manne -ihrer Wahl so herabzulassen, dass er es nicht mehr als Herablassung -fühlt. Die Frau vergleicht niemals die Lage, in welche sie ohne die -geschlossene Ehe nach dem Tode ihrer Eltern gekommen sein würde, mit -der in der Ehe ihr zu Theil gewordenen, sondern immer nur diejenige, -welche sie als Mädchen thatsächlich im Elternhause durchlebt hat; denn -die Frau kümmert sich nicht um abstrakte Möglichkeiten der blossen -Vorstellung, sondern hält sich an die ihrem Gedächtniss anschaulich -eingeprägte Erfahrung als allein reell in Betracht kommendes -Vergleichsobjekt. Fällt dieser Vergleich für die Gegenwart ungünstig -aus, so hilft kein Hinweis auf das, was inzwischen vermuthlich an -deren Stelle getreten sein würde, denn die Möglichkeit bleibt ja -unbestreitbar, dass sie vielleicht auch noch eine bessere Partie hätte -machen können.</p> - -<p>Will also der Mann sicher gehen, so muss er seine Wahl auf solche -Familien seines Standes beschränken, welche der Verirrung des -Zeitgeistes erfolgreich Widerstand geleistet und ihre Töchter so -einfach gehalten, so anspruchslos erzogen und so zur Arbeitsamkeit -gewöhnt haben, dass sie das ihnen dargebotene Loos an<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[– 81 –]</a></span> seiner Seite -ohne Herablassung und ohne Umlernen in ihren Gewohnheiten annehmen -könne. Ein Mann, dessen voraussichtliche Einnahme mit 30, 40, 50 und -60 Jahren die Höhe von 30, 40, 50 und 60 hundert Mark nicht übersteigt -(wie dies durchschnittlich bei unsern meisten höheren Berufsarten -thatsächlich nicht der Fall ist), kann schlechterdings nur mit einer -Frau zufrieden und behaglich leben, welche fähig und willens ist, ihre -eigene Köchin, Kinderwärterin und Schneiderin zu sein und sich nur -für die grobe Hausarbeit eine Hülfe zu halten. Eine solche wird er -aber nur in einem Hause suchen dürfen, das selber mit höchstens einem -Dienstboten oder womöglich ohne solchen mit einer blossen Aufwärterin -auskommt, und auch sonst in Kost, Kleidung, Wohnung, Reisen <span class="nowrap">u. s. w.</span> -sich der grössten Bescheidenheit befleissigt, keinesfalls aber in einem -solchen, wo die erwachsenen Töchter gewohnt sind, sich bedienen zu -lassen, statt selbst den Eltern und dem Ganzen der Familie zu dienen. -Findet er aber keine solche Familie in seinem Stande, oder doch keine, -deren Töchter sein Herz zu gewinnen vermögen, so soll er darum sich -nicht von seiner Pflicht entbunden erachten, sondern den einfachen -Ausweg einschlagen, so weit von seinem Stande herabzusteigen, als die -Gemüthserziehung und Charakterbildung der Töchter noch ausreichend -scheint, um seinen Kindern die nothwendige mütterliche Erziehung zu -sichern.</p> - -<p>Würde das erstere allgemein unter der männlichen Jugend, so würden -alle über ihren Stand hinaus lebenden Familien damit bestraft, dass -ihre Töchter sitzen blieben, und nur die vernünftigen erhielten in der -ausnahmsweisen Verheirathung ihrer Töchter die Prämie für den Muth -und die Ausdauer ihres Schwimmens gegen den Strom. Würden an Stelle -aller Töchter der über ihren Stand hinaus lebenden Familien von den<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[– 82 –]</a></span> -jungen Männern Töchter aus geringerem Stande gewählt, so würde der -korrumpirte weibliche Theil der höheren Stände von der Fortpflanzung -ausgeschlossen, ohne dass darum die in dem männlichen Theil derselben -Stände niedergelegten erblichen Eigenschaften dem Kulturprocess mit -verloren gingen; an Stelle der Blutserneuerung des Standes durch -Einrücken von ganz neuen Elementen aus den niederen Ständen träte dann -eine halbseitige Blutsauffrischung durch Konnubium mit den minder -entarteten Töchtern der nächstniederen Stände. Diese halbseitige -Blutsauffrischung hat jedenfalls vor der gänzlichen Blutserneuerung -des Standes den Vortheil, dass die durch Vererbung angehäuften -Eigenschaften wenigstens des männlichen Theils für die weitere -Betheiligung des Standes an der Kulturarbeit konservirt werden; aber -sie macht die Forderung nicht überflüssig, dass man Mittel und Wege -aufsuchen müsse, um wo möglich auch die weibliche Hälfte der höheren -Stände vor einer solchen Ausschaltung zu bewahren.</p> - -<p>Das bei weitem wirksamste Mittel würde jedenfalls das Bewusstsein -von der drohenden Ausschaltung durch Verheirathung aller Männer mit -Mädchen geringeren Standes sein; denn der letzte Grund für das Drängen -gerade des weiblichen Geschlechts nach Luxus ist doch schliesslich -nur die Hoffnung, durch solchen Schein einer Erhabenheit über das -Durchschnittsniveau ihres Standes die Männer zu blenden und für sie -anziehender und begehrenswerther zu werden. Sobald die Ueberzeugung -im weiblichen Geschlecht allgemein würde, dass dieses Streben den -umgekehrten Erfolg hat, würde dessen Nerv gelähmt sein. Der Irrthum -aber, durch welchen die Mädchen bisher zu diesem verkehrten Verfahren -sich haben verleiten lassen, entspringt aus der Verwechselung zwischen -der Anziehungskraft, die ein Mädchen auf einen Mann zur vorübergehenden -Unterhaltung ausübt, und<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[– 83 –]</a></span> derjenigen, welche sie auf einen solchen als -Heirathskandidaten ausübt. Nur die erstere macht sich den Mädchen in -jeder Gesellschaft und auf jedem Balle sinnlich wahrnehmbar, während -die letztere sich in ihren Ursachen dem Verständniss der Mädchen zu -sehr entzieht. Aber ein wenig Nachdenken könnte sie doch lehren, -dass die am meisten umschwärmten Löwinnen der Bälle und Landpartien -ebenso oft und noch öfter sitzen bleiben als die unbeachteten und -unscheinbaren Wegeblümchen. Eine grosse Schuld der Bestärkung in diesem -Irrthum tragen leider die Mütter, indem sie nach dem Eintritt in die -Ehe nicht aufhören wollen, auf die zum Theil dem Luxus der Erscheinung -zugeschriebenen gesellschaftlichen Erfolge zu verzichten, vielmehr -den Verlust der jugendlichen Reize durch Steigerung der Toilette zu -ersetzen suchen. Solchen Müttern geschieht dann ganz Recht, wenn sie -das ihren Töchtern gegebene Beispiel mit deren Sitzenbleiben büssen -müssen.</p> - -<p>Man kann sagen, dass der letzte handgreifliche Grund unserer -verschrobenen Weiber in dem höheren Töchterschulwesen liegt, das -sich erst in dem letzten halben Jahrhundert entwickelt hat. Könnten -wir diese Entwickelung mit einem Streich rückgängig machen, und -unsere Töchter auf das Niveau der Volksschulbildung, mit dem unsere -Grossmütter sich begnügen mussten, zurückschrauben, so würden -sie ebensowenig, wie diese es thaten, sich für zu vornehm und zu -gebildet zur Erfüllung ihrer natürlichen und socialen Pflichten, zur -Kinderpflege und Hausarbeit halten. Hat doch selbst die Jungfernfrage -nur dadurch ihre Schärfe bekommen, dass die Jungfern der höheren Stande -nicht mehr wie früher in den Hauswesen ihrer Verwandten arbeiten und -dienen wollen. Alle Halbbildung ist ein Fluch und nicht ein Segen; -unsere höhere Töchterschulbildung<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[– 84 –]</a></span> aber ist Halbbildung der schlimmsten -Art und erzeugt naturgemäss auch die Folgen einer solchen.</p> - -<p>Nun lässt sich aber eine fünfzigjährige geschichtliche Entwickelung -nicht so ohne Weiteres annulliren, und es sind ja auch in der -Töchterschule berechtigte und der Pflege werthe Elemente vorhanden, -welche man nicht mit der Wurzel ausreissen sollte, selbst wenn man -es könnte. Ich begnüge mich hier mit Aufstellung der Forderung, dass -der Unterricht bis zum 14. Jahre nur 4 Stunden täglich, nachher nur 3 -Stunden (mit Ausschluss von Rechnen und Gesang) umfassen darf, dass -nur eine fremde Sprache (die französische) getrieben werden und dass -für die häuslichen Arbeiten nicht mehr als eine Stunde in Anspruch -genommen werden darf. Hierdurch würde die gesundheitsschädliche -Ueberanspannung der Mädchengehirne beseitigt und die Möglichkeit -einer zunehmenden häuslichen Nebenbeschäftigung der Schulmädchen -eröffnet. Eine fakultative Ausdehnung der Schulzeit auf 11–12 Jahre -mit nur 2 täglichen Unterrichtsstunden in den beiden letzten Jahren -würde den jetzt so schroffen Uebergang von der Schule zur häuslichen -Selbstthätigkeit allmählicher machen und der Schule erst Gelegenheit -geben, Disciplinen wie Kunstgeschichte mit wirklichem Nutzen zu -pflegen, die jetzt nur mehr als schöne Aushängeschilder in den -Schulprogrammen prangen und bloss den Mädchen mit dem Glauben an die -erlangte Bildung den Kopf verdrehen.</p> - -<p>Sache der Mütter ist es, die Töchter sowohl in den Schuljahren mit -abnehmender Schulzeit wie nach beendigter Schulzeit mit Ernst und -Strenge zu geordneter und nützlicher häuslicher Thätigkeit anzuhalten, -Sache der Väter, ebensowohl den heranwachsenden Töchtern wie den -heranwachsenden Söhnen gegenüber die Hand auf den Beutel zu halten, -damit sich beide<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[– 85 –]</a></span> nicht frühzeitig an ein Maass von Ausgaben gewöhnen, -von dem nach der Verheirathung oder nach des Vaters Tode zurückstehen -zu müssen sie später als schmerzliche Entbehrung empfinden würden. -Wenn jeder Familienvater seiner Pflicht eingedenk bleibt, den Etat des -Hauswesens niemals blos nach den augenblicklich verfügbaren Mitteln -einzurichten, sondern immer zugleich die Zukunft der Familie im Auge -zu behalten, dann wird sich ganz von selbst eine Einrichtung des -Hauswesens ergeben, welche sowohl die Söhne wie die Töchter für ihre -künftige Aufgabe eigener Familiengründung vorbereitet.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="V_Die_heutige_Geselligkeit">V.<br /> -Die heutige Geselligkeit.</h2> - -</div> - -<h3>1. Die Geselligkeit im Hause.</h3> - -<p>Das grossstädtische Leben hat die Tendenz, seine Uhr zurückzustellen, -d. h. den Morgen zu verkürzen, die Mittagszeit zu verspäten und den -Abend zu verlängern. Als ich kleines Kind war, speisten noch die -meisten Leute mit ihren Kindern in der mittäglichen Schulpause, -also gegen 1 Uhr, während die jetzige Essenszeit zwischen 2 und 6 -diejenigen Kinder, deren Schulen noch Nachmittagsunterricht haben, von -der Familientafel ausschliesst. In meines Vaters Jugend begannen die -Berliner Theater-Vorstellungen um 6, in meiner Jugend um 6½, jetzt um -7, einzelne erst um 7½ Uhr. Die nächtlichen Sitzungen des englischen -Parlaments zeigen, bis zu welchem Punkte die naturwidrige Verkehrung -der Tageszeiten fortschreiten kann.<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[– 86 –]</a></span> Schon bei uns machen sich die -unbequemen Folgen der Verspätung des Lebens sehr fühlbar in der -Geselligkeit.</p> - -<p>Naturgemäss liegt die Zeit für geselliges Zusammenkommen in den -Abendstunden, welche die Erholung nach der Arbeit des Tages bilden -sollen, und nur besondere Feste dürfen das Recht der Arbeit auf -die Wochentage verkürzen. Die zu den Lebensgewohnheiten am besten -passende abendliche Erholungszeit ist zu erkennen aus den Stunden, -wo der Theaterbesuch stattfindet, daher ist es naturgemäss, dass die -Geselligkeitszeit mit der Theaterzeit zusammentrifft. Letztere fällt -bei uns jetzt in die Stunden von 7 bis 10; die abendliche Geselligkeit -wird etwa eine Stunde mehr beanspruchen, da sie im Unterschied von -der Theaterzeit die Zeit zum Abendessen in sich schliesst. Eine -Zusammenkunft, die weniger als 3 Stunden dauert, füllt den Abend -nicht aus; solche, die mehr als 4 in Anspruch nimmt, wirkt ermüdend -und wird zur Anstrengung, anstatt Erholung zu sein. Nun war es -früher angänglich, dass die Gesellschaftszeit eine Stunde später lag -als die Theaterzeit, jetzt aber, wo die zum Heimweg erforderliche -Durchschnittszeit mit der Grösse der Stadt wächst, würde schon ein -Beginn 3½- bis 4-stündiger Gesellschaften um 8 die Nachtruhe derer -empfindlich stören, welche am anderen Morgen um 8 wieder in ihrem -Berufe thätig sein müssen. Da aber durch die Eitelkeit, nicht zuerst -kommen zu wollen, der Anfang der Gesellschaften sich von 8 bis 9 -verschoben hat, und viele erst aus dem Theater in Gesellschaft gehen, -so wird sogar die Nachtruhe derer geschädigt, welche erst um 9 Uhr -Morgens nöthig haben, in ihren Bureaus oder Komptoren zu erscheinen. -Die Folge dieser Zustände ist, dass die heutige Gesellschaft immer -allgemeiner als eine drückende Last empfunden wird, die<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[– 87 –]</a></span> man nur trägt, -weil man sich nicht ganz den geselligen Verpflichtungen entziehen kann.</p> - -<p>In solchen Kreisen, denen es auf eine Vertheuerung der Geselligkeit -nicht ankommt, hat man den Ausweg gefunden, zu der früheren Zeit der -Abendgeselligkeit unserer Grosseltern (6 bis 10) zurückzukehren, -indem man die Hauptmahlzeit wie die Alten auf den Abend verlegt, -d. h. sich zum Mittagessen um 6 Uhr Abends einladet. Dadurch wird -zunächst der Vortheil erreicht, dass die Gäste, wie sie es immer -sollten, es für unhöflich halten, in der Verspätung das akademische -Viertel zu überschreiten und dass die unbehagliche Unruhe des Kommens -abgekürzt wird; was aber wichtiger ist, man kommt zu rechter Zeit -nach Haus und ist am anderen Tage wieder frisch für die Arbeit. Aber -die Nachtheile dieses Auswegs liegen auf der Hand. Entweder wird das -Essen und Trinken bei stundenlanger Ausdehnung zur Hauptsache der -Zusammenkunft, oder wenn, wie es neuerdings glücklicherweise Sitte -geworden ist, auch das reichste Mahl schnell hintereinander aufgetragen -und in einer Stunde erledigt wird, so ist man noch mehrere Stunden mit -vollem Magen und eingenommenem Kopfe beisammen und geht auseinander, -wenn das Stadium der ersten Verdauungsträgheit glücklich überwunden -ist. Aber es ist immer eine falsche Geselligkeit, in der man sich -vereinigt, um den Tafelfreuden zu huldigen, anstatt sich zu Tische zu -setzen, weil bei dem Zusammensein gerade die Essenszeit herangerückt -ist. Wo der Gaumen in erster Reihe berücksichtigt wird, ist es kein -Wunder, wenn Geist und Gemüth in den Hintergrund treten müssen. Die -hauptsächliche Zeit für gesellige Unterhaltung muss vor dem Essen -liegen, nicht hinter demselben, deshalb muss die Gesellschaft nicht -mit der Hauptmahlzeit des Tages beginnen, sondern mit einer leichten -Nebenmahlzeit<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[– 88 –]</a></span> schliessen. Die Hineinziehung der Hauptmahlzeit in -die Gesellschaftszeit verführt allzuleicht zur Entfaltung eines -überflüssigen und unerfreulichen Luxus, vor welchem die abendliche -Nebenmahlzeit leichter geschützt ist, weil hier der gesunde Instinkt -vor Ueberfüllung des Magens beim Beginn der Nacht warnt.</p> - -<p>Thatsächlich hat seit der Gründerzeit der Luxus in den „Diners“ -bei uns eine Ausdehnung gewonnen, welche vom kulturgeschichtlichen -und socialethischen Gesichtspunkt aus nur zu bedauern ist. Die -Verallgemeinerung der „Diners“ kann nur dazu führen, das gesellige -Leben noch mehr, als es schon jetzt in vielen Kreisen der Fall ist, auf -einzelne unvermeidliche „Abfütterungen“ zu beschränken.</p> - -<p>Das Heilmittel gegen diesen Schaden und die aus ihm weiter zu -fürchtenden Gefahren ist leicht zu sehen: man braucht nur wieder -den Muth zu haben, sich zu kurzen und frühen Abendgesellschaften -einzuladen und sich über Innehaltung des akademischen Viertels derart -zu verständigen, dass dessen Ueberschreitung allgemein wieder als -unhöflich gilt. Bringen diejenigen Gäste, welche vom späten häuslichen -Mittagessen kommen, wenig Appetit mit, so ist das um so besser; denn -es muss die Rückkehr vom übertriebenen Speiseluxus zu vernünftiger -Frugalität erleichtern. Es ist ja ursprünglich schön empfunden, dass -man, um den Gast zu ehren, der gewöhnlichen Familienmahlzeit ein -übriges hinzufügt; wo aber der eingerissene Missbrauch die Geselligkeit -des Mittelstandes zu zerstören droht, da ist als Reaktion gegen solche -Ausschreitung der muthige Entschluss am Platz, dass man auf jede, auch -auf die kleinste Zuthat verzichtet und die Gäste verschmäht, welche -nicht mit der gewöhnlichen Familienmahlzeit vorlieb nehmen wollen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[– 89 –]</a></span></p> - -<div class="section"> - -<h3>2. Die Geselligkeit ausser dem Hause.</h3> - -</div> - -<p>In keinem Punkte hat wohl das Leben der norddeutschen grösseren -Städte in den letzten vierzig Jahren so auffallend seine Physiognomie -verändert, als in der Verlegung eines grossen Theils der Geselligkeit -an öffentliche Orte. In den vierziger Jahren bot zum Beispiel Berlin -dem Erholung suchenden Publikum zwar im Sommer eine Anzahl primitiv -eingerichteter öffentlicher Gärten, im Winter aber fast nur eigentliche -Speisehäuser, Weinstuben, Conditoreien und Weissbierlokale, und für -die niederen Stände „Tabagien“ und „Tanzböden.“ In den Speisehäusern -entwickelte sich eine Geselligkeit fast nur gelegentlich durch -eine Tischgemeinschaft, die sich ihrer Natur nach auf Junggesellen -beschränkte; die Conditoreien, die als Kaffeehäuser benutzt wurden, -dienten dabei zugleich als Lesekabinets und liessen deshalb geselligen -Verkehr unter den Gästen nicht aufkommen; so blieben für die -besseren Stände fast nur die Weinstuben und die wenigen anständigen -Weissbierlokale übrig, welche von Frauen noch durchaus gemieden -wurden. Der erste Umschwung in diesen Zuständen erfolgte durch die -Einführung der bayerischen Bierlokale und Biergärten, der zweite -durch diejenige der Wiener Kaffeehäuser; beide fanden den Boden -dadurch vorbereitet, dass durch die Verdoppelung und Verdreifachung -der städtischen Miethspreise die Menschen genöthigt worden waren, -enger zusammengedrängt zu wohnen, also weniger Raum in der eigenen -Häuslichkeit für gesellige Zwecke frei hatten und dafür Ersatz ausser -dem Hause suchten. Als zweiter begünstigender Umstand aber kam hinzu, -dass der Luxus in der Bewirtung von Gästen in diesem Zeitraum in einer -Weise gestiegen war, welche es dem<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[– 90 –]</a></span> Mittelstand fast unmöglich machte, -häufiger Gäste bei sich zu sehen; infolge dessen beschränkte man die -häusliche Geselligkeit in diesen Kreisen, wenn man nicht gleich ganz -auf dieselbe verzichtete, mehr und mehr auf wenige repräsentative -„Abfütterungen“ und verlegte die eigentliche, der Erholung dienende -Geselligkeit an öffentliche Orte, wo jeder für sich selbst zu bezahlen -hat.</p> - -<p>So erklärlich diese Umwandlung ist, und so sehr sie mit dem -demokratisch nivellierenden und durcheinander schüttelnden Zuge -unsrer Zeit harmonirt, so fragt sich doch, ob sie uns dem Ideal der -Geselligkeit näher geführt oder ferner gerückt hat, und ob sie den -angestrebten Zweck „Gewinnung eines möglichst grossen geselligen -Behagens bei möglichst geringem Kostenaufwand“ auch wirklich erreicht -hat. Beides muss leider verneint werden.</p> - -<p>Zunächst liegt die Gefahr in der öffentlichen Geselligkeit, dass sie -die Geschlechter voneinander sondert und die Stellung der Frauen -noch ungünstiger macht, als sie ohnehin schon ist. Der Mann hat eine -scharf gegeneinander abgegrenzte Arbeitszeit und Mussezeit; die Frau, -welche dem Hauswesen vorsteht und die Kinder beaufsichtigt, nicht, -wenigstens ist ihre ganz freie Mussezeit sehr viel knapper bemessen. -Der Mann kann täglich die Abendstunden nach vollbrachter Tagesarbeit -der geselligen Erholung widmen, gleichviel wo, die Frau nur, wenn sie -im Hause ab- und zugehen und nach dem Rechten sehen kann. Der Mann hat -nur die Wahl, entweder seine Erholung an öffentlichen Orten allein zu -suchen und die Frau zu Hause zu lassen, oder ausser der Frau noch die -Kinder mitzunehmen, oder den Ausgang auf eine viel knapper bemessene -Zeit zu beschränken, als ihm seine Musse gestattet. Geht er allein, -so versimpelt die Frau in der Vereinsamung des<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[– 91 –]</a></span> Hauses und in der -täglichen Arbeits-Tretmühle der Wirthschaft, die Kinder lernen den -Vater als nicht zur Familie gehörig betrachten, und dieser selbst -entfremdet sich der Familie und dem Geschmack an den Familienfreuden. -Geht er mit der Frau ohne die Kinder, so leiden diese darunter doppelt -und zugleich leidet das Hauswesen dabei; geht er mit Frau und Kindern, -so leidet das Hauswesen nicht weniger, so wird die ganze Familie -dem Hause entrückt und entfremdet, und werden die Kinder durch die -frühzeitige Einführung in die zerstreuende Unruhe des öffentlichen -Lebens sittlich geschädigt.</p> - -<p>Bei der Beschränkung der öffentlichen Geselligkeit auf die Männer -pflegen die Frauen sich in einem ausschliesslich weiblichen Verkehr -in Kaffeekränzchen <span class="nowrap">u. s. w.</span> eine gewisse Schadloshaltung zu suchen; -aber die Männer leiden selbst auf die Dauer am meisten unter dieser -Isolirung der Geschlechter, weil die Frauen, die vom geistigen -Verkehr mit Männern wie im Orient und im Alterthum ausgeschlossen -sind, auch unfähig werden müssen, dem Mann im Hause geistige Anregung -und entgegenkommendes Verständniss zu bieten. Das andere Extrem, -die Herabwürdigung des Hauses zur blossen Schlafstelle und das -Herumtreiben in den Bierlokalen mit Kind und Kegel, ist freilich noch -schlimmer, und die scheinbare Mittelstrasse ist thatsächlich nur -der Uebergang von einem Extrem zum andern. Wie hauptsächlich in dem -gegenseitigen Verkehr der Geschlechter die bildende, sittigende und -veredelnde Macht der Geselligkeit liegt, so steckt in dem eigenen -Heim, in dem sich Heimischfühlen im eignen Hause, die Wurzel alles -Heimathgefühls und Familiensinns. Es mag bequemer sein, sich in der -ausschliesslichen Geselligkeit mit dem eignen Geschlecht ungenirt gehen -zu lassen, aber das intimere Behagen und die feinere Be<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[– 92 –]</a></span>friedigung -des Geselligkeitsbedürfnisses ist doch erst da zu finden, wo mit -Ueberwindung dieses Trägheitsmoments die geschlechtliche Polarität der -geistigen und gemütlichen Eigenschaften zur Spannung und Entladung -gelangt. Erst diese Form der Geselligkeit fördert den ganzen Menschen -und entfaltet alle in ihm schlummernden geselligen Anlagen zur höchsten -und verfeinertsten Genussfähigkeit.</p> - -<p>Wie steht es nun mit dem Behagen an einem öffentlichen Ort im Vergleich -zu demjenigen in einem Privatraum, wenn wir gleiche Zusammensetzung -der Gesellschaft annehmen? Welche Anstrengung kostet es einem zarter -besaiteten Sinn, bei dem Gemisch von Speiseduft, Bierneigengeruch, -Tabaksqualm und Stickluft, wie es in den meisten Lokalen herrscht, ein -Behagen an der augenblicklichen Lage auch nur aufkommen zu lassen! -Und noch mehr als die Nase und die Athmungsorgane ist in der Regel -das Ohr beleidigt, welches die Unterhaltung der Tischgenossen trotz -allen Summens vom Gespräch der Nachbartische, trotz Kellnergetrappel -und Tellergeklapper auffangen soll. Welche Luft herrscht in den -unterirdischen Lokalen einer Grossstadt, welcher Lärm in den -modernen Prachtsälen für zahllose Gäste! Sondert man sich mit seinen -Freunden in ein eigenes Zimmer ab, so sitzt man in der Regel noch -enger eingepfercht, als in der eignen Wohnung und dabei doch auch -ungemüthlicher; benutzt man dagegen mit vielen andern Gesellschaften -einen gemeinsamen Raum, so zerstört das ohrenbeleidigende Geräusch jede -mögliche Illusion traulicher Abgegrenztheit und Geschlossenheit der -eignen Gruppe.</p> - -<p>Aber auch die Verbilligung der Geselligkeit durch Verlegung derselben -an öffentliche Orte ist eine Täuschung. Wenn der Mann allein ausgeht -und die Frau jede Geselligkeit entbehren lässt, so mag er allenfalls<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[– 93 –]</a></span> -etwas billiger fortkommen, als wenn er mit der Frau gemeinsam häusliche -Geselligkeit pflegte, obwohl auch das noch zweifelhaft ist; die etwaige -Ersparniss ist dann aber ganz allein durch die Entbehrungen der Frau -erzielt. Wo Mann und Frau zusammen ausgehen, werden sie allemal bei der -Jahresabrechnung herausfinden, dass sie erheblich mehr bezahlt haben, -als wenn sie dieselben Speisen und Getränke zu Hause verzehrt oder -mit andern Familien ausgetauscht hätten, und dass sie für die gehabte -Mehrausgabe sich zu Hause eine erhöhte Ausgabe für Wohnungsmiethe und -Bedienung hätten gestatten können.</p> - -<p>Da man im Durchschnitt nicht annehmen kann, dass diese Thatsache sich -der Kenntniss der Menschen entzieht, so wäre es räthselhaft, dass sie -trotzdem aus dem Behagen des eignen Hauses in frostige Prachträume oder -kahle Spelunken flüchten, wenn nicht die eigentliche Lösung des Rätsels -in dem Umstand zu suchen wäre, dass ihre Eitelkeit sie hindert, ihren -Gästen dasselbe vorzusetzen, womit jeder am öffentlichen Orte vorlieb -nimmt. Wo jeder Gast für sich selbst Speisen und Getränke auswählt -und bestellt, übernimmt er auch die Verantwortung dafür, sich mit der -vorgefundenen Beschaffenheit und Güte derselben begnügen zu wollen; wo -der Wirth den Gästen die Speisen auftischt, trägt er die Verantwortung, -dass sie allen genügen werden. Die eitle Prahlerei, sich gegenseitig -überbieten zu wollen, die Narrheit des Speiseluxus ist es also in -letzter Instanz, was die häusliche Geselligkeit des Mittelstandes -zu Gunsten einer öffentlichen aufopfert, und die Feigheit jedes -einzelnen zur Umkehr, die mutlose Scheu, als erster auf den Weg der -Vernunft zurückzukehren, sie sind es, welche diese unbehaglichen und -bedenklichen Missstände aufrecht erhalten und immer wieder befestigen -und steigern. Man wage doch nur, seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[– 94 –]</a></span> Gästen dasselbe zu bieten, -was sie am öffentlichen Ort vom Kellner fordern, und alle Gefahren der -ungesunden öffentlichen Geselligkeit sind mit einem Schlage beseitigt. -Es brauchen sich zur Anbahnung der Umkehr nur ein paar befreundete -Familien über diesen Grundsatz zu einigen, und der Anfang ist gemacht; -sie mögen aber auch ja nicht vergessen, namhafte Konventionalstrafen -zu vereinbaren für jede Hausfrau, welche dem Kitzel des Ueberbietens -in der Bewirthung nicht sollte widerstehen können, denn sonst ist mit -Sicherheit darauf zu rechnen, dass binnen Jahr und Tag jede solche -Vereinigung sich auflöst und ihre Mitglieder reuig in die verlassene -Kneipe zurückkehren.</p> - -<p>Die öffentliche Geselligkeit ist um so behaglicher, je geschlossener -sie ist und je mehr sie sich der familiären Geselligkeit im eigenen -Hause annähert. Am meisten ist dies im Club der Fall, der dem -Junggesellen, wenigstens so lange er gesund und rüstig ist, in hohem -Maasse Ersatz für die mangelnde Häuslichkeit und Familiengeselligkeit -gewähren kann. Aber auch dem Club haftet doch trotz allem Comfort der -sociale Nachtheil der Geschlechtertrennung an, und desshalb kann die -Clubgeselligkeit, wenn sie sich in die Zeit der Verheirathung der -Männer überträgt, oder wenn sie gar dieselben von der Verheirathung -abhält, durchaus nicht als ein geselliges Ideal betrachtet werden. -Für verheirathete Männer konnten die Clubs nur in einem Lande und -unter einem Volksstamm zu höherer Blüthe gelangen, in welchem die -Familien als solche, und namentlich deren weibliche Mitglieder, keinen -rechten Sinn und kein ausgesprochenes Talent für unbefangene heitere -Geselligkeit haben, und desshalb ganz zufrieden damit sind, sich in den -Burgfrieden des behaglich eingerichteten eigenen Hauses zurückziehen zu -dürfen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[– 95 –]</a></span></p> - -<p>Insoweit die Zunahme der öffentlichen Geselligkeit aus der wachsenden -Wohnungsnoth der Städte entspringt, ist sie natürlich nur in dem -Maasse rückgängig zu machen, als die Wohnungsfrage gelöst oder doch -in normalere Bahnen zurückgelenkt wird. Dies gilt namentlich für -die niederen Stände, denen man unmöglich zumuthen kann, in ihrer -Wohnung ihre gesellige Erholung zu suchen, so lange dieselbe nur aus -Schlafstuben und Küche besteht; es gilt aber auch für alle Stände im -Sommer, so lange die Stadtwohnungen keinen Garten haben, in welchem -sich die Familie mit ihren Abend-Gästen behaglich der frischen Luft -erfreuen kann. Sobald die Arbeiter-Wohnungsfrage in dem Sinne gelöst -sein wird, dass der Arbeiterfamilie wieder eine Wohnstube zur Verfügung -steht, wird auch die Aushäusigkeit in Arbeiterkreisen wieder abnehmen, -und diese Lösung zu finden ist ein Haupterforderniss für unsere Zeit. -Sobald die gartenlosen Stadtviertel nur dem geschäftlichen Treiben -des Tages dienen, und jede Familie sich wieder der Gartenbenutzung -als Zubehör ihrer Wohnung erfreut, wird auch das Bedürfniss der -Geselligkeit in öffentlichen Biergärten wieder in Wegfall kommen. Für -den Stand der Junggesellen werden natürlich immer öffentliche Lokale -für abendliche Geselligkeit ein gewisses Bedürfniss bleiben, ebenso gut -wie Speisehäuser für den Mittagstisch; aber auch dieses Bedürfniss wird -sich verringern, je mehr die Junggesellen wieder zu einer naturgemässen -früheren Verheirathung schreiten, und je mehr die jüngeren unter -ihnen wieder Anschluss an die ihnen jetzt fast verloren gegangene -Familiengeselligkeit suchen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[– 96 –]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="VI_Die_Wohnungsfrage">VI.<br /> -Die Wohnungsfrage.</h2> - -</div> - -<p>Die alte Regel des Lord Chesterfield: „Kleide dich nach deinem Stande, -speise unter deinem Stande, wohne über deinem Stande!“ hat auch heut -noch ihren guten Sinn. Die Einfachheit und Bedürfnisslosigkeit wird in -der Ernährung zu einem hygieinischen und volkswirthschaftlichen Gewinn, -in der Wohnungsweise zu einer hygieinischen und socialethischen Gefahr. -Kaum etwas andres unter den Aeusserlichkeiten der Lebensgewohnheiten -eines Volkes oder Standes ist von so tiefgreifender Rückwirkung auf -seine sittlichen Anschauungen und Gewöhnungen wie die Art seines -Wohnens, die Dichtigkeit der Zusammendrängung, die Vertheilung der -Wohn-, Schlaf- und Kochräume. Ein grosser Theil der Kulturgeschichte -der Menschheit liesse sich am Leitfaden der Wohnungsweise und ihrer -Veränderungen entwickeln. Der Einfluss der Wohnung wird um so -wichtiger, je mehr die Menschen durch Klima, Verhältnisse und sonstige -Lebensgewohnheiten auf das Innere der Wohnungen angewiesen sind; er -ist also <span class="nowrap">z. B.</span> um so grösser, je weniger das Klima ein Leben im Freien -gestattet und je weniger die Berufsarbeit im Freien auszuführen ist. -Die Alten konnten in fensterlosen Alkoven schlafen, weil sie am Tage -meist auf dem Hofe oder auf dem Markte lebten; der Landmann kann sich -ohne Schaden für seine Gesundheit den Sonntagnachmittag in ein ewig -ungelüftetes Zimmer setzen, weil er die ganze Woche ohnehin im Freien -zu arbeiten hat.</p> - -<p>Das ganze Gewicht der Wohnungsfrage tritt erst bei dem Städter -des nördlichen Europas hervor, der<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[– 97 –]</a></span> durch seine Berufsarbeit, -wenn nicht an die Wohnräume selbst, so doch an ihnen ähnliche -Büreaus, Gerichtsstuben, Klassenzimmer, Komptore, Werkstätten -oder Fabrikräume gefesselt ist, und der selbst seine politische -Thätigkeit in verräucherten Bierlokalen ausübt. Hier hängt die -Erhaltung der Gesundheit und körperlichen Tüchtigkeit wesentlich -von der Gesundheitsgemässheit der Wohnung ab. Am wichtigsten sind -die Schlafräume, weil man in ihnen die längste Zeit hintereinander -verweilt; in zweiter Reihe kommen die Wohn- oder Wirthschaftsräume, -erstere besonders für den Mann, letztere vornehmlich für die Frau, -beide für die Kinder. Schon viel unwichtiger ist das Speisezimmer -der Familie, falls ein besondrer Raum für diesen Zweck vorbehalten -ist, weil man in ihm doch nur verhältnissmässig kurze Zeit verweilt; -am gleichgültigsten sind die etwaigen Gesellschaftszimmer, -Repräsentationsräume und Prunkgemächer, weil sie nur ausnahmsweise -benutzt werden.</p> - -<p>Der Grundsatz, dass man die besten, gesündesten und luftigsten Zimmer -zu Schlafstuben wählen müsse, wird immerfort gepredigt, aber es wird -immerfort dagegen verstossen, und die moderne städtische Bauart, -welche ansehnliche Wohnräume an die Strasse, aber vogelbauerartige -Schlafstuben an die schornsteinengen Höfe verlegt, ist ebenso sehr ein -Hohn auf diesen Grundsatz, wie die jetzige Mode, alle Gebrauchsmöbel -in die ohnehin schon zu engen Schlafzimmer hineinzustopfen und die -Wohnzimmer bloss mit Prunkmöbeln, Kunstwerken und kunstgewerblichen -Schaustücken auszustatten. Man hat lange genug über die „gute -Stube“ der früheren Generationen gespottet, und scheint darüber gar -nicht bemerkt zu haben, dass die neueste Modenarrheit „stilvoller“ -Einrichtungen uns dahin gebracht hat, statt einer „guten Stube“ lauter -„gute<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[– 98 –]</a></span> Stuben“ ausser dem Schlafzimmer zu haben. Man vergisst dabei, -dass das rechte Grundgesetz aller Schönheit die sinnlich einleuchtende -Angemessenheit an den praktischen Gebrauchszweck ist, und dass keine -ornamentale Zuthat einen Verstoss gegen dieses architektonische -Grundgesetz des Kunstgewerbes wieder gut zu machen vermag.</p> - -<p>Was wir jetzt „Stil“ in unsrer Wohnungsausstattung nennen, ist nur -die künstlerische Verschrobenheit und Eitelkeits-Narrheit unsrer -Sitten, der stilisirte Widerspruch zwischen dem, was wir vorstellen -wollen, und dem, was wir sind. Ein wirklicher Stil kann sich erst -dann entwickeln, wenn wir Hoffarth und Lüge aus unsrer Repräsentation -verbannen und die Vernunft der Sache selbst zu Worte kommen lassen. -Nur auf dem Grunde der Wahrheit und Zweckmässigkeit des Wesens kann -die Schönheit der Erscheinung erblühen, andernfalls bleibt sie eine -aufgetragene Schminke, welche für jedes feinere ästhetische Gefühl -das übertünchte Unwesen nur um so widerlicher macht. So gewiss einem -Gast die fünf Gänge eines Soupers im Halse stecken bleiben müssen, -wenn er daran denkt, dass die Familie sich durch viele fleischlose -Kartoffelmahlzeiten die Mittel zu dieser Gasterei abdarben muss, -so gewiss müssen ihn die „stilvollen“ zwei oder drei Vorderstuben -anekeln, wenn er daran denkt, dass alle wirklichen Gebrauchsmöbel in -der Familie mit den unglücklichen Kindern in zwei oder drei Löcher -von luft- und lichtlosen Schlafkammern zusammengepfercht sind, in -denen nach Verabschiedung der Gäste auch die Eltern noch Unterschlupf -suchen, während die Dienstboten in mehr oder minder unmöglichen -Schlafgelegenheiten sich zur Arbeit des folgenden Tages stärken.</p> - -<p>So lange die Fensteröffnungen der Wohn- und Schlafräume durch -keine Glasscheiben verschlossen<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[– 99 –]</a></span> waren, oder so lange der einfache -Glasfensterverschluss undicht genug war, um eine ausreichende -unbeabsichtigte Ventilation zu gestatten, konnten auch enge und -mehrfach besetzte Schlafzimmer den hygienischen Ansprüchen genügen. -Gegenwärtig, wo auch die Schlafzimmer meistens mit gutschliessenden -Doppelfenstern versehen werden, sollte durch baupolizeiliche Vorschrift -dafür Sorge getragen werden, dass überall hohe Ventilationsspalten -neben den Fenstern angebracht werden, welche mit Watte verstopft -werden, um das Eindringen schädlicher Keime abzuhalten. Eine solche -Vorkehrung scheint mir vor dem Schlafen bei offnen Fenstern den -Vorzug zu verdienen, insbesondere in Malariagegenden und für Personen -mit rheumatischen und katarrhalischen Dispositionen, ganz abgesehen -davon, dass in Parterrewohnungen das Schlafen bei offnen Fenstern -aus Sicherheitsgründen unthunlich und selbst eine Treppe hoch nicht -unbedenklich ist. Die von ärztlicher Seite mehr und mehr empfohlene und -im Publikum mehr und mehr in Aufnahme kommende Sitte des Schlafens bei -offenem Fenster weist deutlich genug auf die Richtung hin, in welcher -eine Abhilfe zu suchen ist; der Ventilationsspalt mit Watteverschluss -leistet indessen dasselbe ohne die mit dem ersteren verbundenen -Gefahren.</p> - -<p>Sehr wünschenswerth und heilsam wäre es, wenn jede Wohnung Gelegenheit -böte, bei jedem Wetter ohne Erkältungsgefahr täglich mehrere Stunden -frische Luft geniessen zu können, auch ohne die Wohnung verlassen -zu müssen. Dies ist erreichbar, wenn zu jeder Wohnung ein Ostbalkon -und ein Westbalkon gehört, welche ringsherum geschlossene Brüstung, -hölzernen Fussboden, gläserne Seitenwände und ein leinenes Zeltdach -über sich tragen. Auch der für Erkältungen empfindlichste Mensch -kann bei jeder Witterung auf dem jeweilig windgeschützten dieser -Balkone<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[– 100 –]</a></span> mehrere Stunden hintereinander verweilen und seine gewohnten -Beschäftigungen treiben, wofern er sich nur so kleidet, wie wenn die -Lufttemperatur um 10 Grad niedriger wäre als sie ist, die Beine fest in -Decken einwickelt und die Hände durch waschlederne Handschuhe schützt. -Ein solcher Aufenthalt im Freien kann natürlich die Spaziergänge -in frischer Luft nicht überflüssig machen, wohl aber mit denselben -zusammen die Luftkurorte und Winterkurorte ersetzen, ohne dass er -die Menschen aus ihrem gewohnten Kreise und ihrer Beschäftigung -herausreisst.</p> - -<p>Den prophylaktischen Werth einer theilweisen Verlegung unseres -stubenhockerischen Lebens auf die Balkone halte ich für unberechenbar -und glaube sicher, dass das nächste Jahrhundert in dieser Hinsicht -einen grossen Umschwung in unsren Lebensgewohnheiten herbeiführen -wird, welcher uns dem erfrischenden Leben im Freien, wie die Alten es -führten, wieder um so viel näher bringen wird, wie unsre klimatischen -Verhältnisse es gestatten.</p> - -<p>Gegenwärtig sind wir noch auf dem Punkte, dass die Menschen sich -bequemen, alles zu thun, um ihre zerstörte Gesundheit wieder -herzustellen, aber gar nichts, um die bedrohte sich zu erhalten. In den -Heilanstalten und Kurorten machen sie eine Art von Sport daraus, die -journée médicale, <span class="nowrap">d. h.</span> die tägliche Aufenthaltsdauer in frischer Luft -auf 9 bis 11 Stunden auszudehnen, aber zu Hause denken sie mit einem -täglichen, einstündigen Spaziergange Wunder wieviel für ihre Gesundheit -gethan zu haben.</p> - -<p>Durch die Balkone wird der Garten als Zubehör der Wohnung keineswegs -überflüssig; während der Werth der Balkone besonders im Winter und -bei ungünstiger Witterung hervortritt, wird der Garten im Sommer und -bei schönem Wetter zur doppelten Wohlthat. Der Balkon bietet frische -Luft, aber der Garten soll ausserdem<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[– 101 –]</a></span> freie Natur bieten, oder -wenigstens einen Ersatz für dieselbe, wie blauer Himmel, grüner Rasen -mit blühenden Blumen und schattige Bäume ihn zu gewähren im Stande -sind. Der Balkon ist wesentlich nur für Erwachsene geeignet, der -Garten ist der Tummelplatz der Kinder und als solcher die nothwendige -scenische Vervollständigung zum Kindheitsparadies. Erst der Besitz -des Gartens macht die Familiengeselligkeit im eigenen Hause auch im -heissen Sommer möglich, wenn die Gäste nach der Hitze und dem Staub -des Tages Erquickung in der Abend- und Nachtluft suchen. Dazu gehört -nun freilich, dass der Garten auch wirklich ein Garten ist, nicht ein -stubengrosser Fleck mit verkümmerten Gewächsen, auf den niemals die -Sonne scheint, und von dem aus man erst bei starkem Hintenüberlegen -des Kopfes eines Stückchens Himmel ansichtig wird. Wie unglaublich -die Genügsamkeit der Grossstädter in dieser Hinsicht ist, sieht man -am besten, wenn man an einem heissen Sommerabend die Biergärten der -inneren Stadttheile durchwandert; von frischer Luft kann in der -Mehrzahl dieser zwischen Häuserkolossen schachtartig eingezwängten -„Gärten“ keine Rede mehr sein, und es ist nur die Auffrischung der -Abendtemperatur, der Kontrast mit der noch schlimmeren Luft der Wohn- -und Arbeitsräume und die nächtliche Verschleierung der Umgebung, was -diese „Erholungsorte“ erträglich erscheinen lässt. Da nun thatsächlich -in allen grösseren Städten die Gärten mehr und mehr verschwinden oder -bis zur Selbstironisirung einschrumpfen, so scheint es nicht leicht, -die gestellte Forderung zu verwirklichen.</p> - -<p>Von besonderer socialethischer und hygieinischer Wichtigkeit ist -ferner der Unterschied, ob jede Familie ihr eignes Haus bewohnt, oder -ob sie mit vielen anderen Familien das Haus theilt. Nur das eigne -Haus<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[– 102 –]</a></span> lässt ein wahres und volles Heimathsgefühl, die echte Poesie -des „Vaterhauses“ in dem aufwachsenden, jungen Geschlecht entstehen; -die Miethwohnung mag vom Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet -praktischer sein, insofern ihr Wechsel sich den zu- und abnehmenden -Bedürfnissen der Familie leichter anpasst, aber der sittigende und -festigende Einfluss auf Gemüth und Charakter, den der eigne Besitz -gewährt, fehlt ihr. Dies gilt schon dann, wenn die Miethwohnung selbst -ein ganzes Haus umfasst; noch andere Schädlichkeiten treten hinzu, wenn -sie nur eine unter den vielen Wohnungen einer Miethskaserne oder eines -Miethspalastes ist. Ausser den Differenzen zwischen Miethern und Wirth -entwickeln sich dann eine Menge Streitereien zwischen den verschiedenen -Miethern theils infolge der Nöthigung, sich um die gemeinsame Benutzung -der gemeinsamen Hauseinrichtungen zu vertragen, theils durch den -Klatsch der Dienstboten; beide verderben den Charakter durch Gewöhnung -an Streitsucht und Kleinlichkeit und vergiften das nachbarliche -Verhältniss.</p> - -<p>Man begreift, warum man im alten Tyrus neun- bis zehnstöckige Häuser -baute; die enge Insel liess ein andres Wachsthum der Stadt, als in die -Höhe eben nicht zu, und ähnliche Verhältnisse kehren in neuerer Zeit -in Festungen wieder. Man begreift auch wohl, dass vor Entwickelung -der Pferdebahnen und Hochbahnen grosse Städte die Neigung haben -mussten, in die Höhe zu wachsen und das Hinterland der Strassenhäuser -baulich auszunutzen, weil eben die Verkehrsmittel zur Ueberwindung -grösserer Strecken fehlten. Aber gegenwärtig, wo diese Verkehrsmittel -theils schon vorhanden sind, theils ihre Brauchbarkeit zur Genüge -erprobt haben und der weiteren Verwirklichung entgegensehen, ist es -unbegreiflich, dass die Städte nicht ausschliesslich in die Breite -wachsen. Statistisch ist es<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[– 103 –]</a></span> erwiesen, dass nicht die Kellerwohnungen -am ungesundesten sind, sondern die im vierten Stock gelegenen, -trotzdem dass Licht und Luft zu ihnen besseren Zutritt hat; der Grund -liegt theils in der Schädlichkeit des Treppensteigens für vielerlei -Konstitutionen und Zustände, theils in der Lufterneuerung der Wohnräume -von unten her, welche reichlich ein Drittel der Gesammtventilation -beträgt und den Bewohnern der obersten Stockwerke gleichsam Stichproben -von sämmtlichen Miasmen der vier bis fünf unter ihnen wohnenden -Familien zuführt. Jede Erhöhung um ein neues Stockwerk macht eben auch -rückwärts alle unteren Stockwerke ungesunder, indem sie eben so gut -wie ein Verbauen der Höfe den Luft- und Lichtzutritt zu den Fenstern -derselben beschränkt. Das Verbauen der Höfe in Verbindung mit der -Engigkeit der Strassen macht es schon jetzt in den meisten Stadttheilen -unmöglich, an jeder Wohnung einen, geschweige denn zwei Balkone -anzubringen, und ebenso ist es der Grund für das Einschrumpfen und -Aussterben der Gärten.</p> - -<p>Die ärgsten Sünden in dieser Hinsicht sind in Berlin erst in den -letzten beiden Jahrzehnten begangen worden, und zwar lediglich -desshalb, weil die massgebenden Behörden nicht mit einer zweckmässigen -und doch nicht unbilligen Bauordnung zu Stande kommen konnten; sie -konnten aber bloss darum nicht mit ihr zu Stande kommen, weil sie -sich nicht entschliessen konnten, die Einförmigkeit der Vorschriften -aufzugeben und der völligen Verschiedenheit der Situation bei -Umbauten in der Innenstadt, bei Neubauten an der Peripherie und bei -Neubauten in der weiteren Umgebung Rechnung zu tragen. Auch die neue -Berliner Bauordnung von 1887 trägt der Verschiedenheit der inneren -und äusseren, der fertigen und der erst anzulegenden Stadttheile in -ganz unzulänglicher Weise Rechnung,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[– 104 –]</a></span> und fordert auf der einen Seite -zu viel, auf der anderen zu wenig. Was bis jetzt gebaut ist, das ist -nun einmal verpfuscht; man kann es durch Zwangsverfügungen nicht -ungeschehen machen, ohne schreiende Unbilligkeit gegen die Besitzer -auch nicht im Falle von Umbauten; aber man kann die Zukunft davor -retten, in den jetzt noch unbebauten Stadttheilen in denselben Fehler -zu verfallen. Man braucht nur auf dem Bebauungsplan eine Eintheilung in -verschiedene Zonen vorzunehmen, in deren ersten höchstens dreistöckig, -in deren zweiten höchstens zweistöckig, und in deren dritten nur im -Villenstil gebaut werden darf. Um dies einheitlich durchzuführen, -dazu wäre allerdings die Zusammenlegung Berlins mit seinen Vororten -zu einer „Provinz Berlin“ unter einheitlicher Baupolizei-Verwaltung -erforderlich, von der schon wiederholentlich die Rede gewesen ist, und -welche sich auf die Dauer doch als eine unausweichliche Nothwendigkeit -aufdrängen wird.</p> - -<p>Sobald eine solche Abänderung der bestehenden Bauordnung erlassen -wäre, würde das Publikum mehr als jetzt das Wohnen in entfernteren -Villenkolonien bevorzugen, welche allein die Verwirklichung aller oben -gestellten Forderungen zu bieten im Stande sind.</p> - -<p>Nur in den Vororten hat der Boden noch einen so mässigen Preis, -dass Häuser für eine Familie mit Balkonen und Gärten und mit einer -ausreichenden Zahl durchweg luftiger und heller Zimmer möglich sind. -Man kann ohne Furcht vor Uebertreibung sagen, dass in den Zimmern -eines Vororts gesündere Luft geatmet wird, als auf den meisten Höfen -einer Grossstadt, über welcher stets, auch bei ganz klarem Himmel, -eine von weither sichtbar schwere Dunst- und Rauchmasse lagert. Am -auffallendsten ist der Unterschied der Luft im Hochsommer, wo jeder, -der es kann, die Grossstadt verlässt, während der Vorortbewohner diese -Reisekosten spart.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[– 105 –]</a></span></p> - -<p>Die jetzige Kasernenstadt würde dann mehr und mehr zur blossen -Geschäftsstadt, in welcher die Berufsarbeiten des Tages sich -vollziehen, während man Nachmittags oder Abends in die gesunde -Aussenwohnung zurückkehrt. Allerdings gehört, um dem Publikum das -Draussenwohnen mundrecht zu machen, auch das noch dazu, dass das -Pferdebahnen-, Hochbahnen-, und Aussenbahnen-Netz bedeutend vergrössert -und vervollständigt wird, dass die Abonnementspreise noch viel billiger -werden, und dass nicht, wie jetzt, seltene grössere Züge, sondern -fortwährend kleine abgelassen werden.</p> - -<p>Dann aber ist allerdings zu hoffen, dass sich im Verlaufe einer -Generation alle Grossstädter an das Draussenwohnen und seine Vorteile -für Leib und Seele der Familien so sehr gewöhnen werden, dass die -Nachfrage nach eigentlichen Wohnungen in der Stadt und mit ihr der -unnatürlich in die Höhe geschraubte Bodenwerth beträchtlich sinkt, so -dass es bei den Umbauten der Zukunft wieder ganz von selbst praktischer -werden dürfte, den Raum weniger sparsam auszunutzen.</p> - -<p>Sollten indess diese Massregeln sich als nicht ausreichend erweisen, -dann, aber auch dann erst dürfte und müsste man dem Gedanken einer -Expropriation des ganzen städtischen Grundbesitzes durch die Kommune -näher treten, um das Grundübel der Wohnungsfrage, die stetige -Steigerung des freihändig verkauften Bodenwerths, an der Wurzel -zu fassen und wenigstens für spätere Generationen nach erfolgter -Amortisation der Kaufsummen erträglichere Verhältnisse anzubahnen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[– 106 –]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="VII_Moderne_Unsitten">VII.<br /> -Moderne Unsitten.</h2> - -</div> - -<h3>1. Der Blumenluxus.</h3> - -<div class="poetry-container-right s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Der Strauss, den ich gepflücket,</div> - <div class="verse">Grüsse Dich viel tausend Mal!</div> - <div class="verse">Ich habe mich oft gebücket</div> - <div class="verse">Ach, wohl ein tausend Mal,</div> - <div class="verse">Und ihn an’s Herz gedrücket</div> - <div class="verse">Viel hundert tausend Mal.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft10"><em class="gesperrt">Goethe.</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das Ausschmücken einer Person mit Blumen und das Schenken von Blumen, -sei es zum Schmuck der Person oder ihrer Umgebung, ist wesentlich eine -symbolische Handlung. Wer sich selbst mit Blumen schmückt, bekundet -damit seine gehobene, festliche, lebensfrohe Stimmung, seinen Wunsch, -sich im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen und anderen zu gefallen; -wer einem andern Blumen schenkt, drückt damit symbolisch den Wunsch -aus, selber so der beschenkten Person zu huldigen und zur Verschönerung -ihres Lebensweges dienen zu wollen, wie die ihr zugeeigneten Kinder der -Flur es thun. Am deutlichsten ist diese Symbolik in dem „Blumen auf -den Weg streuen“, wo sie besagt, dass, soviel an dem Geber liegt, die -beschenkte Person einen Blumenpfad wandeln und mit ihren Füssen nur auf -Blumen (nicht auf Dornen, Staub und Steine) treten solle; aber auch das -Verzieren der Pforten der Stadt oder des Hauses, oder das Ausschmücken -der Wohnräume mit Blumen hat wesentlich denselben Sinn. Schmückt man -eine theure Person mit Blumen, so bezeugt man damit zugleich, dass -man dieselbe im besten Lichte und in gefälligster Darstellung zu -sehen wünscht; hat man die Blumen selbst in Wald und Feld gesucht und -gepflückt, so zeigt dies zugleich, dass man keine Mühe scheut, die -Theure zu zieren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[– 107 –]</a></span></p> - -<p>Im Ganzen ist jede Symbolik um so ausdrucksvoller, je einfacher sie -ist; die Vervielfachung des Symbols rückt den Eindruck seiner realen -Beschaffenheit in den Vordergrund und drängt damit eben so sehr seinen -tieferen Sinn zurück. Deshalb sagt gewöhnlich eine Blume mehr als ein -ganzer Strauss, ein kleiner Strauss mehr als ein grosser, ein einzelner -Strauss mehr als ein Dutzend oder ein ganzer Wagen voll Blumen. Nur wo -die Mühe des Suchens und Pflückens und der etwa in die Zusammenstellung -hineingelegte geheime Sinn als Huldigung in den Vordergrund tritt, nur -da kann ein Strauss mehr gelten als eine Blume, aber selbst in diesem -Falle hat die Wirksamkeit der Multiplikation ihre engen Grenzen. Jede -kunstmässige Behandlung des Arrangements lenkt die Aufmerksamkeit von -der Symbolik der Gabe auf ihren ästhetischen Werth ab und verringert -damit deren innere Bedeutung; schon die im Garten gezogenen Blumen, mit -Ausnahme einiger Arten, bei denen man die Entstehung durch künstliche -Zuchtwahl fast schon vergessen hat, sprechen weniger zum Herzen als -die ursprünglichen Kinder der Natur, welche gleichsam die spontane -Huldigung von Hain und Flur darstellen. Sie sind schon darum einzig in -ihrer Art, weil sie ein Geschenk ohne jeden Geldwerth darstellen, was -man an den Blumen des Gartens, gleichviel ob sie aus dem eigenen Garten -gepflückt oder dem eines Kunstgärtners entnommen sind, schon nicht mehr -sagen kann. Eine Huldigung ist aber um so zarter, der symbolische Werth -des Geschenks um so reiner, je weniger demselben irgend ein in Geld -ausdrückbarer materieller Werth zukommt. Es ist nicht bloss die Sitte, -welche die Annahme von materiell werthvollen Geschenken verbietet, -sondern auch das Zartgefühl, weil jede Leistung eine entsprechende -Gegenleistung bedingt. In der materiell werthlosen Blumengabe<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[– 108 –]</a></span> ist der -Begriff des Geschenkes vollkommen vergeistigt und bloss das pretium -affectionis übrig geblieben, welches der Stärke des Huldigungswunsches -und der aufgewandten Mühe proportional ist.</p> - -<p>Wenn man in einer Stadt lebt, wo es unmöglich ist, Blumen anders -als im Wege des Kaufs zu erlangen, so ist der poetische Duft des -Blumenschenkens und der auf dem Selberpflücken und der materiellen -Werthlosigkeit beruhende Affektionswerth unwiederbringlich verloren. -Aber es wäre Pedanterie, darum das Schenken gekaufter Blumen ganz -verbieten zu wollen, da die Symbolik der Huldigung noch bestehen -bleibt. Immerhin muss man dessen eingedenk bleiben, dass gekaufte -Blumen doch nur ein klägliches Surrogat selbstgepflückter sind, -und dass man mit dem Schenken gekaufter Blumen weit vorsichtiger -und sparsamer sein muss als mit demjenigen selbstgepflückter. -Auch hier nimmt der symbolische Werth der Gabe in dem Maasse ab, -als der selbstständige materielle oder der ästhetische Werth -derselben zunimmt; auch hier ist die Gabe um so ausdrucksvoller, je -anspruchsloser, kunstloser, natürlicher und schlichter sie erscheint, -je mehr sie dem selbstgepflückten Strausse wilder Blumen ähnelt. Die -Multiplikation verringert hier den Werth nicht nur an sich, sondern -auch durch Steigerung des Geldwerthes, während die Entschuldigung -der vermehrten Mühe fehlt. Das gekaufte Blumengeschenk erfüllt -nur dann seinen Zweck, wenn der dafür gezahlte Preis so gering -ist, dass er für die Verhältnisse sowohl des Gebers als auch des -Beschenkten gar nicht in Betracht kommt, also füglich der materiellen -Werthlosigkeit der selbstgepflückten Blumen gleichgeachtet werden -kann. Ein selbstständiger, ästhetischer, kunstgewerblicher Werth -eines Blumenarrangements zerstört den symbolischen Werth nicht nur -durch Steigerung des materiellen Wer<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[– 109 –]</a></span>thes, sondern auch abgesehen -von dieser schon dadurch, dass er das Geschenk aus der Sphäre der -Natur in diejenige der Kunst entrückt, also mit Kunstwerken und -Kunstindustriewerken auf eine Stufe stellt. So wenig man gegen das -Beschenken mit Vasen, Nippsachen <span class="nowrap">u. dgl.</span> etwas einwenden kann, wenn die -Personen in einem Verhältniss zu einander stehen, in welchem die Sitte -das Schenken gestattet, ebensowenig gegen das Beschenken mit kunstvoll -arrangierten Blumenkörben, Füllhörnern <span class="nowrap">u. s. w.</span>; aber es müssen dann -eben auch Personen sein, die sich ebensogut Vasen <span class="nowrap">u. dgl.</span> schenken -dürften, und die Immunität des relativ werthlosen Blumenschenkens muss -für solche Objekte auch dann ausgeschlossen bleiben, wenn der Geldwerth -für den Reichthum der Geber und der Beschenkten nicht in’s Gewicht -fällt.</p> - -<p>Diese Grenze ist leider in neuerer Zeit nicht mehr inne gehalten; -man hat die Freiheit des Blumenschenkens gemissbraucht, um sie auf -Geschenke von selbstständigem kunstindustriellen Werthe auszudehnen, -und das von den wohlhabendsten Gesellschaftsschichten gegebene üble -Beispiel hat auch die mittleren Kreise zu einem Blumenluxus verführt, -der ausser aller Proportion zu ihren Verhältnissen steht. Wenn ein -Fürst oder die Herrin eines gastfreien Hauses zu ihrem Geburtstage -mehrere Zimmer mit kostbaren Blumengeschenken gefüllt bekommt, -wenn eine Primadonna einen Möbelwagen braucht, um die mit Blumen -überschüttete Bühne abzuräumen, oder wenn die Saisonlöwin in einem -Modebade bei der Abreise mit ihren Kindern im ersten Wagen fährt und -die erhaltenen Blumen von ihrem Dienstpersonal in den nachfolgenden -Wagen transportiren lässt, so sind das Ausschreitungen des Blumenluxus, -die sich selber richten. Es kommt aber darauf an, sich darüber klar zu -werden, dass die Sitten, aus<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[– 110 –]</a></span> denen diese Ausschreitungen hervorgehen, -selbst schon im Princip Unsitten sind, an welche es nachgerade Zeit -wird, die bessernde Hand anzulegen.</p> - -<p>Niemand soll einem andern in einem Augenblicke Blumen schenken, wo er -sicher ist, denselben mit dem Geschenke zu belästigen, und ihn vor die -Wahl stellt, entweder sich des Geschenks baldmöglichst zu entledigen, -oder mit dessen Bewahrung zu plagen. Wer seinen Badebekannten Blumen -schenken will, mag es während ihres Aufenthaltes thun, aber nicht bei -der Abreise; wer einer Primadonna seine Huldigung erweisen will, mag -ihr Blumen in’s Haus senden, aber nicht vor die Füsse oder gar in’s -Gesicht schleudern. Wer ein Gefühl für die Werthsverringerung durch -Multiplikation hat, wird sich instinktiv scheuen, seine Gabe zu einem -Zeitpunkt darzubringen, wo sie durch das Zusammentreffen mit vielen -anderen jeden Werth verliert, und einen passenderen Zeitpunkt wählen. -Wer aber keine Wahl im Zeitpunkte frei hat, wird dann seinen Takt -wenigstens dadurch beweisen, dass er sich auf eine einzelne oder ganz -wenige Blumen beschränkt, da die Multiplikation ohnehin schon durch die -Vielheit der Geber entsteht. Vor allen Dingen aber ist dem Grundsatz -wieder Geltung zu verschaffen, dass werthvolle oder gar kostbare -Blumengeschenke unstatthaft sind unter Personen, denen die Sitte die -Annahme anderer Geschenke von einander verbietet. Die Poesie der -Blumengabe wird durch nichts mehr entwürdigt, als wenn das gegenseitige -Ueberbieten der Geber in der Kostbarkeit der Geschenke zum Tummelplatz -für Motive der Eitelkeit und der spekulativen Gewinnsucht gemacht wird.</p> - -<p>So lange der selbstgepflückte Strauss von Feldblumen nur -Ausdrucksmittel ist für die beredte Sprache des Herzens, müssen jene -feineren Bedenken schweigen,<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[– 111 –]</a></span> welche sofort in ihr Recht treten, wo -die Kunstindustrie sich der Blumengaben bemächtigt. Nichts predigt -so laut die Vergänglichkeit des Schönen als die von ihrem Stamm -und ihrer Wurzel getrennte Blume. Sie ist ein zum Tode verwundeter -Organismus, dessen Farben nur noch nicht beschädigt sind, — ein noch -lebendes und lächelndes Haupt, das von seinem Rumpfe getrennt ist. -Der heute so prächtig prangende Strauss ist morgen ein verwelkter, -verwesender Leichenhaufen, und unter dem Schein des Lebens, an dem -das Auge sich freuen soll, fühlt das Herz den Todeskampf der Zellen -und Organe hindurch. Wenn ich am Morgen die über Nacht erblühte Rose -am Stock im Garten betrachte, und mir sagen muss, dass vielleicht -schon am selben Abend ihr Blumenleben seinen Gipfel überschritten hat -und seinem Verfall zuneigt, dann ist es ein natürlicher Process des -Werdens und Vergehens, der in diesem Einzelfall mir anschaulich vor die -Seele tritt; wenn ich aber die Rose im Wasserglas oder auf den Draht -eines „Bouquets“ geflochten sehe, so kann ich mich des widerwärtigen -Gedankens nicht erwehren, dass der Mensch ein Blumenleben gemordet -hat, damit es im Sterben ein Auge erfreue, das herzlos genug ist, den -unnatürlichen Tod unter dem Scheine des Lebens nicht herauszufühlen. -Dass es nicht der Tod an sich ist, dessen Anblick uns stört, beweisen -die getrockneten Blumen, die ebensowenig missfallen wie ausgestopfte -Thiere oder aufgespannte Schmetterlinge. Es ist vielmehr das den Tod im -Herzen tragende Leben, der zur Ergötzung hervorgerufene und vor Augen -gestellte Todeskampf der widerstandslos duldenden Blumenseele, was das -Herz verletzt.</p> - -<p>Für ein feineres Empfinden gehört die Blume so wenig in das Bouquet -wie der Vogel in das Bauer, sondern die Blume in den Garten, in Wiese, -Feld und<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[– 112 –]</a></span> Wald, wie der Vogel auf den Baum. Wer keinen Garten hat, -oder nicht im Stande ist, denselben zu betreten, der mag zum Ersatz -sich Blumen in sein Zimmer oder vor sein Bett bringen lassen. Wer -aber im Stande ist, die Naturschönheit da zu geniessen, wo sie am -schönsten ist, <span class="nowrap">d. h.</span> in ihrer naturgemässen Umgebung und unter ihren -naturgemässen Lebensbedingungen, der wird selbst die Topfblumen im -Zimmer gern missen, und viel lieber das Freie aufsuchen, um sie zu -bewundern. Sehe ich aber gar ein Meisterwerk der Blumengärtnerei, -einen grossen Korb mit einer Masse der kostbarsten auf Draht -gezogenen Blüthen, so ist mir zu Muth, als würde mir ein Ragout aus -Tausenden von Nachtigallzungen vorgesetzt, oder als sollte ich einen -Damenkopfputz aus lauter aufgespiessten, auf’s Rad geflochtenen, noch -zappelnden Schmetterlingen und Käfern bewundern. Ich bin überzeugt, -dass eine spätere Zeit die heutigen Moden im Blumenluxus noch härter -verurtheilen wird, als wir die in Figuren geschnittenen Bäume des -vorigen Jahrhunderts, und dass die Kunstgärtnerei bei einer Reinigung -und Verfeinerung des Geschmacks ihre Triumphe wieder ausschliesslich da -feiern wird, wo sie berechtigt sind: im Sommer- und Wintergarten.</p> - -<div class="section"> - -<h3>2. Das Rauchen.</h3> - -</div> - -<p>Die meisten jungen Leute kommen durch die Macht des Beispiels zum -Rauchen: sie scheuen sich, als Nichtraucher unter einer Mehrheit von -rauchenden Genossen unmännlich zu erscheinen, oder als absonderliche -Ausnahme dazustehen. Gegen einen solchen sklavischen Nachahmungstrieb -darf man bei den selbstständigeren Naturen an das eigene Urtheil und -den Stolz der Selbstbestimmung appelliren; die unselbstständigeren -Jünglinge<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[– 113 –]</a></span> wird man am besten dadurch vor den Folgen solcher -Nachahmungssucht bewahren, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass -im letzten Menschenalter das Rauchen in den besten gesellschaftlichen -Kreisen mehr und mehr aus der Mode gekommen sei, dass der Procentsatz -der Nichtraucher in denselben beständig im Steigen sei, und dass es -schon jetzt für distinguirter gelten könne, nicht zu rauchen als zu -rauchen.</p> - -<p>Der Mensch ist ohnehin so sehr der Sklave seiner angeborenen und -anerzogenen Bedürfnisse, dass er wahrlich nicht nöthig hat, diese -Gebundenheit noch durch ein weiteres angewöhntes Bedürfniss zu -vermehren; wenn man sieht, wie schmerzlich der Gewohnheitsraucher -unter einer, wenn auch nur zeitweiligen Entbehrung (sei es aus -gesellschaftlichen oder gesundheitlichen oder ökonomischen Rücksichten, -sei es unter dem Zwange von Ausnahmeverhältnissen, wie im Kriege) -leidet, so sollte sich der Freiheitsstolz jedes Jünglings dagegen -aufbäumen, freiwillig ein solches Joch auf sich zu nehmen. Ein -eingewurzeltes Laster aufzugeben, kostet eine fast übermenschliche -Ueberwindung; aber sich gegen die zwecklose Angewöhnung zu sträuben, -kostet weiter gar keine Ueberwindung, als die eines unmännlichen -Nachahmungstriebes.</p> - -<p>Jeder Jüngling, der den höheren Ständen angehören will, sollte über -ein solches Mass von Selbstbeherrschung verfügen, und der socialen -Ehrenpflicht seines Standes eingedenk bleiben, den niederen Ständen -mit gutem Beispiel voranzugehen und die allmähliche Entwöhnung der -Nation von diesem Laster anzubahnen. Denn ein Laster muss diese -Angewohnheit in der That genannt werden, durch welche jährlich -Milliarden buchstäblich in die Luft geblasen werden, die andernfalls -ausreichen würden, die brennendsten socialen Fragen (Alters-, Wittwen- -und Waisenversorgung) zu lösen, unter deren Last unsere Zeit seufzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[– 114 –]</a></span></p> - -<p>Völker ohne sonstige Pflanzenalkaloïde mögen in dem Nikotin ein -werthvolles Reizmittel der Nervennährung schätzen; Völker mit Thee, -Kaffee, Cacao <span class="nowrap">u. s. w.</span> besitzen in diesen Reizmittel genug, als -dass nicht das Nikotin zu viel des Reizes hinzubringen sollte. -Die Einwirkung des Tabakrauches bei Affektionen der Augen, der -Athmungswege, des Magens und Darmkanals und der Galle ist entschieden -nachtheilig; meistens aber entschliessen die erkrankten Raucher sich -viel zu spät, ihre Gewohnheit auszusetzen.</p> - -<p>Wie jedes Reizmittel, so stumpft auch dieses sich durch Gewohnheit -ab und verlangt verstärkte Zufuhr, birgt also die Gefahr einer -Uebertreibung in sich, welche zur chronischen Nikotinvergiftung führen -kann, besonders bei der Verbindung mit reichlichem Alkoholgenuss; -die complicirten Erscheinungen der chronischen Nikotinvergiftung -(Spinalirritation, Amblyopie <span class="nowrap">u. s. w.</span>) sind aber zum Theil noch so -wenig ergründet und bekannt, dass sie vorkommenden Falles häufig genug -von den Patienten und Aerzten nicht erkannt oder falsch gedeutet werden.</p> - -<p>Hoffentlich bleibt die burschikose Sitte des Rauchens im weiblichen -Geschlecht für immer auf Studentinnen und dergleichen Emancipirte -beschränkt; so lange dies aber geschieht, haben die Raucher nur -die Wahl, sich von dem anderen Geschlecht abzusondern oder gegen -dasselbe (natürlich unter scheinbarer Beobachtung der feinsten -Höflichkeitsformen) rücksichtslos zu sein. Gerade in den niederen -Volksschichten, wo das Weib ohnehin der geplagtere und schlechter -gestellte Theil ist, geht ein unverhältnissmässig grosser Theil des -Gesammthaushaltes für das Rauchbedürfniss des Mannes darauf.</p> - -<p>Ist der sociale Schaden des Rauchens nicht mit dem des -Branntweintrinkens zu vergleichen, so auch<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[– 115 –]</a></span> nicht der physiologische -Nutzen desselben, da der Branntwein doch wenigstens eine Ersparniss an -anderen Nahrungsstoffen im Gefolge hat, der Tabak nicht.</p> - -<p>Die nationalökonomischen Vortheile der Beseitigung des Tabakrauchens -wären ungeheuer. Nicht nur könnte der Arbeiter dadurch eine -Lebensversicherung erwerben, welche ausreichte, um sein Alter, seine -Wittwe und Waisen gegen die dringendste Noth zu schützen, sondern -zugleich würde auch die nationale Handelsbilanz verbessert, wenn -einerseits die Einfuhr ausländischen Tabaks und andererseits die -Einfuhr derjenigen ausländischen Bodenprodukte wegfiele, welche auf dem -jetzt mit Tabak bepflanzten einheimischen Boden erzeugt werden könnten.</p> - -<p>Die jetzt mit dem Bau und der Verarbeitung des einheimischen Tabaks -beschäftigten Personen würden alsdann mit dem Bau und der Verbreitung -der an seine Stelle tretenden Bodenprodukte beschäftigt sein und die -jetzt für ausländischen Tabak bezahlten Summen würden, in Gestalt von -Wittwen- und Waisen-Pensionen in den Verkehr zurückgeströmt, dazu -dienen, das Haushaltsniveau der Arbeiterbevölkerung zu erhöhen, also -ihre Kaufkraft für anderweitige Genussmittel zu steigern. Dadurch würde -die nationale Produktion weit mehr gewinnen, als sie durch das Aufhören -des Tabaksexports und der Verarbeitung des ausländischen Tabaks verlöre.</p> - -<p>Da eine solche Umwandlung aber von innen heraus keinesfalls -allzuschnell erfolgen dürfte, so ist es Aufgabe des Staates, dieselbe -durch eine möglichst hohe Steigerung der Tabakssteuer zu unterstützen, -denn auf nichts ist eine hohe Steuer so wohl angebracht als auf dies -Laster. Wäre nicht die bei weitem grösste Zahl der Abgeordneten und -Wähler rauchende Männer, wäre statt dessen eine Volksabstimmung nach -Köpfen möglich, so würde nächst der Branntweinsteuer keine<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[– 116 –]</a></span> Steuer -bereitwilliger erhöht werden, als die auf den Tabak.</p> - -<p>Eine wesentliche Verminderung des Rauchens liesse sich freilich auch -von der stärksten Erhöhung der Tabakssteuer nicht augenblicklich -erwarten, da die gewohnheitsmässigen Raucher doch weiter rauchen -würden, nur etwas geringere Sorten; aber in der nächstfolgenden -Generation würde der Einfluss doch sehr bedeutend werden, da die -erhöhte Kostspieligkeit des Rauchens ein verstärktes Gegenmotiv gegen -die Angewöhnung desselben liefern und für viele Jünglinge entscheidend -werden könnte.</p> - -<p>Die Einführung des Monopols würde die nicht zu unterschätzende Gefahr -in sich schliessen, dass der Staat das Rauchen auf alle Weise, -insbesondere bei den höheren Gesellschaftsklassen begünstigte, um -erhöhte Einnahmen zu erzielen, und dadurch dem aus der Mode-Kommen -desselben entgegenwirkte. Dieses nationalökonomische Bedenken -trifft das Tabaksmonopol jedenfalls in höherem Grade als das -Branntweinmonopol, weil jede anständige Regierung sich schämen würde, -ihre Unterthanen zum Trinken zu verleiten, nicht aber zum Rauchen.</p> - -<div class="section"> - -<h3>3. Die Politik und die Jugend.</h3> - -</div> - -<p>Ein Hauptunglück der Zeit nach <span class="nowrap">d. J.</span> 48 in Deutschland ist das -Zusammentreffen gesteigerter Berufsansprüche mit dem Ueberwuchern -politischer Interessen über die künstlerischen, wissenschaftlichen, -gemüthlich-geselligen und religiös-sittlichen. Die in jeder -Berufstätigkeit gegen früher erheblich gesteigerten Ansprüche -an den Träger verringern nicht nur die Musse, sondern lassen -auch den einzelnen nach gethaner Tagesarbeit<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[– 117 –]</a></span> erschöpfter und -erholungsbedürftiger in die Mussezeit eintreten, so dass er nicht nur -weniger Zeit, sondern auch weniger Lust und Kraft verfügbar behält, um -sich Interessen, die seinem Berufe fern liegen, mit Ernst und Sammlung -zuzuwenden. Was aber noch übrig bleibt, davon nimmt die Politik -den Löwenanteil für sich in Anspruch, welche sowohl als politische -Tagespresse, wie als politisches Vereinswesen an die Sammlungsfähigkeit -des Aufnehmenden nicht allzu hohe Ansprüche stellt. Die Interessen an -socialethischen und religiösen Fragen gelangen fast nur noch insoweit -zu ihrem Recht, als sie sich mit der Politik berühren, in den Streit -der politischen Parteien Eingang gefunden haben und durch die Brille -des Politikers angesehen werden können. Das politische Parteitreiben -aber macht das Gros der Menschen roh und gewöhnt sie an das Austheilen -und Ertragen von Beleidigungen und Beschimpfungen ähnlich wie in der -Reformationszeit der konfessionelle Hader.</p> - -<p>Wie sollen diese Zustände sich bessern? Die gesteigerten -Berufsansprüche entsprechen der Forderung gesteigerter Arbeitsteilung -und intensiverer Arbeitsleistung. Die modernen Staatsverfassungen -erheischen die Betheiligung aller Männer bei den politischen Wahlen, -und ein gleichgültiges Fernbleiben der geistigen Elite des Volks würde -das ohnehin schon bestehende Uebergewicht der demagogischen Schreier -und Hetzer zu einem geradezu unbestrittenen machen.</p> - -<p>Die reifen Männer können und dürfen sich nur ausnahmsweise ihren -politischen Pflichten entziehen, aber diese Pflicht sollte doch nur für -die reifen Männer gelten. Handarbeiter mögen für relativ reif gelten, -wenn sie in das Alter der Wahlberechtigung eingetreten sind (21 bis -24 Jahr); denn geistig reifer als sie dann sind, werden sie doch nur -in Ausnahmefällen noch werden. Die gebildeten Stände dagegen brauchen -gerade<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[– 118 –]</a></span> die Zeit vom Abgang aus der Schule bis zur Verheirathung (also -etwa vom 18. bis zum 30. Jahre), um sich geistig zu entwickeln und ihre -Mannesreife zu gewinnen; wenn sie diese Zeit, wo der Geist bereits -das volle Verständniss besitzt, ohne doch schon in festen Ansichten -verknöchert zu sein, für ihre humanistische Ausbildung ungenutzt -verstreichen lassen und statt dessen sich auf Politik werfen, so -versäumen sie meist etwas Unwiederbringliches. Soll die Physiognomie -unsrer höheren Gesellschaft vor einer vorzeitigen facies hippocratica -bewahrt bleiben, so müssen Studenten und angehende Praktiker die -Politik wie die Pest scheuen und die Erfüllung ihrer politischen -Staatsbürgerpflichten auf ein Alter verschieben, wo sie durch -vielseitige humanistische Bildung in ihrem Geiste einen Grund gelegt -haben, auf dem eine selbstständige, von Parteischlagworten unabhängige -politische Urtheilsbildung erst möglich wird.</p> - -<div class="section"> - -<h3>4. Puder und Schminke.</h3> - -</div> - -<p>Das grösste koloristische Meisterwerk der Natur ist die Haut der -nordischen weissen Menschenrasse; es übertrifft an Feinheit und -Komplicirtheit der Farbentöne, an Leuchtkraft und Sättigung alle -sonstigen Farbenwunder der Natur. Wer seinen Teint durch Puder und -Schminke zu verbessern glaubt, gleicht einem Bilderrestaurateur, -der ein Tiziansches Inkarnat durch weisse oder rothe Retouchen zu -heben unternimmt. Auch die gelben und grünen Tinten des sogenannten -schlechten Teints sind unendlich viel schöner als Mehl und Zinnober. -Der Puder macht die Glanzlichter der Haut stumpf und matt, die Schatten -kraft- und wirkungslos, die Mitteltöne fade und mehlsuppig; alle -Farben in Licht, Schatten und Mitteltönen entfärbt er zum ein<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[– 119 –]</a></span>tönigen -Grau des Gypses. Auf der Bühne sind Puder und Schminke ein Mittel -zur Herstellung der zur Rolle gehörigen mimischen Maske; wer diesen -Bestandtheil des scenischen Scheins ins wirkliche Leben überträgt, -gleicht einem Menschen, der seinen Garten mit gemalten Bäumen und -Sträuchen zu verschönern versucht, und zeigt zugleich, dass er nicht -sein eignes Selbst darstellen, sondern eine Komödiantenrolle im Leben -spielen will.</p> - -<p>Nichts ist komischer als die sittliche Entrüstung, mit welcher die -„bloss Gepuderte“ auf die Gepuderte und Geschminkte herabsieht, denn -an Geschmacklosigkeit steht sie ihr kaum nach, wohl aber an Muth und -Klugheit: an Muth in der zaghafteren Schaustellung ihres naturwidrigen -Geschmacks und an Klugheit in dem Wahne, den weissen Puderteint eher -als den farbigen Schminkteint für Natur ausgeben zu können.</p> - -<p>Wenn in den tonangebenden Schichten der Gesellschaft das Pudern der -Haut zur herrschenden Unsitte wird, so ist das ein Zeichen, dass -in ihnen Unbildung, Verbildung und Unnatur, Geschmacksrohheit und -Sinnesverkehrtheit sich die Hand reichen, und dass ein Ungewitter des -Völkerschicksals zur Reinigung der ungesunden socialen Atmosphäre noth -thut. Eine Kultur, die sich äusserlich durch den Puder kund giebt, ist -eine miasmatische Afterkultur, die keine echte Kraft mehr zu ihrer -Vertheidigung begeistern vermag, und deshalb über kurz oder lang dem -Ansturme der kulturfeindlichen Mächte ohnmächtig erliegt; wie es im -vorigen Jahrhundert dem ancien régime erging, so würde es in diesem -der modernen Bourgeoisie ergehen, wenn eine allgemeinere Verbreitung -von Puder und Schminke die symptomatische Rechtfertigung für die -socialdemokratische Behauptung von der innern Fäulniss ihrer Kultur -liefern sollte.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[– 120 –]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="VIII_Zur_Reform_des_Universitaetsunterrichts">VIII.<br /> -Zur Reform des Universitätsunterrichts.</h2> - -</div> - -<p>Unsere Universitäten haben im geistigen Leben der Nation nicht mehr -die Bedeutung wie früher, theils weil der Einfluss der Literatur den -ihrigen überholt hat, theils weil sie ihren Einfluss mit zahlreichen -neben ihnen aufgeblühten Hochschulen technischen, militärischen und -sonstigen Charakters theilen müssen. Aber noch immer ist ihre Bedeutung -so gross, dass es unrecht wäre, dieselbe zu unterschätzen, und darum -ist auch die Frage nach den Mängeln unserer Universitäten und nach -ihrer Abhülfe eine Frage von allgemeinem Interesse für jeden, dem dies -Gedeihen und der Fortschritt der deutschen Geisteskultur am Herzen -liegt.</p> - -<p>Die Mängel unsres Universitätswesens liegen sowohl auf Seite der -Studentenschaft wie auf Seiten der Lehrkörper ziemlich offen zu -Tage. Viele Studenten studiren in den ersten Semestern zu wenig oder -gar nicht, weil falsche Ehrbegriffe und zeittödtende Genusssucht -ihre Kräfte vollauf in Anspruch nehmen; wenn sie aber anfangen zu -studiren, so haben sie alle Hände voll zu thun, um den gesteigerten -Prüfungsansprüchen an ihre Berufswissenschaft Genüge zu leisten, -so dass ihnen während der ganzen Studienzeit kein Augenblick für -allgemeinere Geistesbildung, für das Studium der humaniora übrig -bleibt. Für solche Studenten passt unsre deutsche Einrichtung der -Universitäten nicht; wäre es sicher, dass diese Art von Studententhum -das Feld der Zukunft behaupten würde, so müsste unser Universitätswesen -aus Zweckmässigkeitsgründen seine akademische Freiheit aufgeben und -gegen den französischen und englischen Zuschnitt der obligatorischen -Einpaukerei vertauschen. Glücklicher Weise besitzen<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[– 121 –]</a></span> wir noch -studentische Elemente genug, welche von der akademischen Freiheit -wirklichen Nutzen ziehen, und wenn man den Zeichen der Zeit trauen -darf, so darf man vorläufig die Hoffnung nicht fahren lassen, dass -aus den Kreisen des Studententhums heraus ein Umschwung zum Bessern -erfolgen wird durch eine mächtige Auflehnung gegen die bisherige -sinnlose Kraft- und Zeitvergeudung.</p> - -<p>Einem solchen Umschwung müssen aber einschneidende Reformen von -Seiten des Lehrkörpers entgegenkommen, wenn die Besserung gründlich -und dauernd werden soll. Der tiefliegendste und allereigentlichste -Krebsschaden unsres Universitätsunterrichts liegt meiner Meinung -nach darin, dass der Regel nach die Erfindung der Buchdruckerkunst -mit Hartnäckigkeit ignorirt, und heute noch wie im Mittelalter der -Unterricht allein auf mündlichen Vortrag gegründet wird. Man verkennt -die physiologische Thatsache, dass eine Stunde Vortrag-Hören die Nerven -und das Gehirn weit mehr anstrengt als eine Stunde Lesen. Dieser Satz -erleidet nur da eine Ausnahme, wo das Lesen eine noch ungewohnte -Thätigkeit ist, welche eine besondere Anspannung der Aufmerksamkeit -erfordert; ein Jüngling aber, der noch auf diesem kindlichen Standpunkt -steht, ist eben noch nicht reif für den Besuch der Universität, und -deshalb ist bei den Universitätseinrichtungen auf solche unreife -Individuen keine Rücksicht zu nehmen.</p> - -<p>Es sind verhältnissmässig wenige Fächer des Universitätsunterrichts, -bei denen die Demonstration den Stamm bildet, um welche der Vortrag -sich bloss erläuternd herumrankt; bei den meisten ist das mündliche -Wort des Lehrers auf sich allein angewiesen. Was der Lehrer vorträgt, -ist der Inhalt eines ungedruckten Lehrbuchs; was der Schüler -nachschreibt, ist der Inhalt eines ungedruckten Leitfadens. Kein -Student würde es sich<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[– 122 –]</a></span> einfallen lassen, nachzuschreiben, wenn er -bei Belegung des Kollegs den gedruckten Leitfaden des Docenten -eingehändigt erhielte, und ausserdem jederzeit in einem gedruckten -Lehrbuch des Docenten das Gehörte nachlesen könnte. Der ganze Unfug -des Nachschreibens würde mit einem Schlage beseitigt, wenn die -Universitätsordnung es verböte, dass irgend ein Professor oder Docent -ein Kolleg ankündigte, zu dem er nicht vorher der Universitätsbehörde -den gedruckten Leitfaden eingereicht, oder einen der bereits bekannten -Leitfaden eines Dritten zu Grunde legen zu wollen erklärt hat. Jedem -Draussenstehenden müsste es zunächst unbegreiflich scheinen, warum dies -nicht auch ohne solche Zwangsbestimmung freiwillig von allen Lehrern -geschieht, da die Sache doch gar so einfach und selbstverständlich -scheint, und jeder Meinungsänderung des Lehrers theils durch neue -Auflagen des Leitfadens, theils durch die Ausführungen des mündlichen -Vortrags Rechnung getragen werden kann. Der Grund, warum es bisher so -selten geschieht, und statt dessen abgeschriebene Diktathefte umlaufen, -ist wohl in der Furcht der Professoren zu suchen, einerseits durch -selbst herausgegebene Leitfaden sich allzusehr der Kontrole und Kritik -ihrer Konkurrenten bloss zu stellen,<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> andrerseits durch solche -Darbietung des zusammengedrängten Lernstoffes für die Prüfungen den -Studenten das Besuchen ihrer sonst reizlosen Vorträge überflüssig zu -machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[– 123 –]</a></span></p> - -<p>In der That trägt der „Leitfaden“ die Gefahr in sich, dass er dem -faulen Studenten die Beruhigung gewährt, auch ohne Besuch der Vorträge -durch Auswendiglernen seines Inhalts das Examen in dem Gegenstande -bestehen zu können. Diese Gefahr liegt aber wesentlich nur dann vor, -wenn der Lehrer sich nicht auf einen wirklichen Leitfaden, <span class="nowrap">d. h.</span> ein -gedrucktes Diktatheft, zu beschränken gewusst hat, und statt dessen -ein Mittelding von Leitfaden und Lehrbuch, oder gar ein kurzgefasstes -Lehrbuch unter dem Titel „Leitfaden“ veröffentlicht hat. Je knapper der -Leitfaden ist, desto sicherer wird der Examinator das verständnisslose -Memoiren desselben von dem rationellen Durchdringen seines Inhalts -unterscheiden können und im Stande sein, das erstere als ungenügend -zu verwerfen. Legt der Docent Werth darauf, seinen Zuhörern den -Leitfaden nicht auf einmal, sondern nur nach jeder Stunde das Diktat -des gehaltenen Vortrags in die Hand zu geben, so hindert ihn nichts -daran, seinen Leitfaden in losen Blättern drucken zu lassen, und wenn -seine Zuhörerschaft zu klein ist, um den Druck zu lohnen, so stehen -ihm andere billige Vervielfältigungsarten zur Auswahl (Lithographie, -Hektographie <span class="nowrap">u. s. w.</span>), welche alle den gemeinsamen Vortheil haben, die -Zeit für das Diktat zu ersparen.</p> - -<p>Man rühmt dem mündlichen Vortrag mit Recht nach, dass er bei gleichem -sachlichen Inhalt doch anregender sei als die Lektüre, weil er mit -Hülfe der Deklamation und Mimik von Person zu Person elektrische -Fäden des Verständnisses spinnt. Dieser Vorzug kommt aber nur dem -<em class="gesperrt">freien</em> Vortrag und keineswegs der Vorlesung zu; im Gegentheil -wirkt das Ablesen eines Manuscriptes meistens ungünstiger auf den Hörer -als die Lektüre der gedruckten Vorlesung auf den Leser, weil derselbe -sich bei letzterer von vornherein<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[– 124 –]</a></span> auf sich allein angewiesen weiss, -bei ersterer aber in seiner berechtigten Erwartung auf die belebende -und zündende Geisteswirkung von Person zu Person getäuscht wird. -Würde man nun aber statistisch feststellen, welcher Procentsatz der -Universitätslehrer seine eigentlichen Lehrvorträge (abgesehen von den -Demonstrationen und Seminarien) frei hält und nicht abliest, so möchte -die Ziffer sehr gering ausfallen.</p> - -<p>Nimmt man noch hinzu, dass nur ein kleiner Theil unter den Vorlesenden -gut zu lesen versteht, einige sogar geradezu schwer zu verstehen sind, -so begreift man, dass das Hören der Vorlesungen bei den Studenten in -eben dem Maasse aus der Mode gekommen ist, als geeignete Lehrbücher der -verschiedenen Fächer sich dem Selbststudium durch Lektüre dargeboten -haben. Der fleissige Student arbeitet lieber zu Hause ein gangbares -Lehrbuch durch, das in der Regel besser ist als die Vorlesungen -seines Professors, und erspart sich damit den Besuch der Kollegia. Er -verbessert also auf eigne Hand den Fehler, den die Universität mit dem -Ignoriren der Buchdruckerkunst begangen hat; aber er vollzieht diese -Verbesserung nur dadurch, dass er das Universitätsstudium zum leeren -Schein verflüchtigt und das Privatstudium an dessen Stelle setzt. Er -muss nach wie vor die Kollegia, die er nicht hört, bezahlen und der -Professor muss, um nicht seine Einnahmen zu gefährden, den Besuch der -Wahrheit zuwider bezeugen. Der Student ist ferner genöthigt, sich die -Diktathefte des nicht gehörten Professors zu verschaffen, und sie -durchzuarbeiten, um im Examen bei ihm bestehen zu können, weil der -Examinator ja nicht merken darf, dass der Examinand sein Wissen aus dem -Lehrbuch eines Konkurrenten geschöpft hat.</p> - -<p>So führt der Fehler im Universitätsunterricht und dessen eigenmächtige -Verbesserung von Seiten der<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[– 125 –]</a></span> Studenten zur Unwahrheit auf beiden -Seiten, zu einem in sich unsittlichen Zustand, der den Misskredit der -Vorlesungen zu einer wirklichen Missachtung steigern muss. Dieser -Zustand erfordert dringend Abhülfe und diese ist auf keinem anderen -Wege möglich, als dadurch, dass der Universitätsunterricht seinen -Grundfehler: das Ignoriren der Buchdruckerkunst, ablegt. Entweder ist -das Heft, welches ein Professor vorliest, werth gedruckt zu werden, -dann soll es auch als gedrucktes Lehrbuch den Studenten zugänglich -sein; oder es ist nicht werth, gedruckt zu werden, dann ist es auch -erst recht nicht werth, vorgelesen zu werden, und die Studenten haben -dann ganz Recht, wenn sie sich gegen den Besuch solcher Vorlesungen -sträuben und den direkten oder indirekten Zwang dazu als ein ihnen -angethanes Unrecht empfinden. Ein direkter Zwang zu einem Kolleg -besteht aber da, wo der Besuch eines Kollegs über den Gegenstand -obligatorisch ist und nur ein Lehrer über den Gegenstand liest; ein -indirekter Zwang besteht überall, wo ein Examinator das Kolleg über -einen Prüfungsgegenstand liest. Daraus folgt, dass kein Professor -ständiger Examinator in einem Fache werden darf, über das er nicht -entweder ein Lehrbuch herausgegeben hat, oder das er nicht nach dem -Lehrbuche eines Dritten behandelt und prüft.</p> - -<p>Hiergegen wird man nun einwenden, dass eine solche Bestimmung erst -recht dazu führen würde, die Hörsäle zu veröden, und dass mit ihr der -Universitätsunterricht in der Hauptsache seine Abdankung legalisiren -würde, wofern er nur zu der Konsequenz fortginge, anstatt der unwahren -Atteste über den Besuch der Zwangskollegien wahrhafte Quittungen -über den Ankauf der betreffenden Lehrbücher zu fordern. Insoweit -als dieser Einwand richtig ist, kann man nur darauf antworten, dass -insoweit allerdings der mündliche<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[– 126 –]</a></span> Universitätsunterricht das Recht zu -existiren verloren hat, und dass es nicht gerechtfertigt werden kann, -einen innerlich unhaltbar gewordenen Zustand durch ein künstliches -System konventioneller Unwahrheiten als hohles Scheinbild konserviren -zu wollen. Insoweit muss also jede Maassregel willkommen geheissen -werden, welche den äusseren Zusammenbruch eines innerlich hohlen und -unwahren Zustandes beschleunigt. Aber es ist nicht richtig, dass mit -der vorgeschlagenen Maassregel der mündliche Universitätsunterricht -noch weiter herunterkommen würde; im Gegentheil würde dieselbe geeignet -sein, ihm einen neuen Aufschwung zu verschaffen, wofern derselbe -nur die durch die veränderten Umstände gebotene Umwandlung mit sich -vornimmt.</p> - -<p>Allerdings kann der Lehrer nicht erwarten, dass man seine Vorlesungen -mit anhöre, wenn er doch nur sein Lehrbuch vorliest, das man zu Hause -bequemer und schneller lesen kann. Der Hauptvortheil der mündlichen -Belehrung, die Möglichkeit von Frage und Antwort, bleibt ja ohnehin -bei solchem rein einseitigen Vortrag unbenutzt, und doch wird erst in -der lebendigen Wechselrede der Lehrer gezwungen, frei zu produciren -und dadurch die eigentlichen Vorzüge des mündlichen Vortrages über -die Lektüre zu entfalten. Andrerseits hat der Lehrer nicht mehr -nöthig, seinen Schülern dasjenige mündlich zu sagen, was sie in dem -betreffenden Abschnitt seines Lehrbuchs schon zu Hause hatten lesen -können, sondern er hat nun den Vortheil, diesen Abschnitt auf Grund -der vorausgesetzten Lektüre frei mit ihnen durchsprechen zu können, -ähnlich wie es schon jetzt in den Privatissimis und Seminarien -mit philologischen oder philosophischen Klassikern geschieht. Die -Studenten könnten ihren Zweifel und ihre Unklarheit über bestimmte -Punkte fragend zur Sprache bringen, und dadurch ihr Studium unendlich -viel fruchtbarer<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[– 127 –]</a></span> machen, als es durch einsame Lektüre oder durch -Besprechung unter lauter Lernenden werden kann. Die Kollegien würden -sich gegen jetzt merklich füllen, weil viel mehr aus denselben zu -holen wäre, und die Repetition von gedruckten Leitfaden würde wirklich -zur Wiederholung eines rationell verarbeiteten Gedankenmaterials -werden. Die Arbeit der Lehrer würde sich dabei verringern, da die -Hälfte derjenigen Stundenzahl, welche jetzt der Vortrag erheischt, zur -Besprechung ausreichen würde; die Arbeit der Studenten aber würde sich -trotz des viel grösseren Gewinns nicht wesentlich vergrössern, da man -in zwei ganzen Stunden zu Hause bequem so viel lesen kann, wie man in -vier mal dreiviertel Stunden im Colleg hört.</p> - -<p>Wenn die Examinatoren gezwungen würden, diese veränderte Unterrichtsart -anzunehmen, so würden dadurch indirekt alle nicht examinirenden -Lehrer mit gezwungen werden, dasselbe Verfahren zu beobachten, soweit -dieselben die gleichen Gegenstände lehren. Denn grade der persönliche -Verkehr mit den Examinatoren, welcher durch die Besprechung der -Lehrbücher eröffnet ist, würde den schon jetzt bestehenden Vorsprung -der Examinatoren gegen die nicht examinirenden Konkurrenten so sehr -vergrössern, dass die Konkurrenz der letzteren völlig aussichtslos -werden müsste, wenn sie im alten Schlendrian der „Vorlesungen“ -verharren wollten. Schon jetzt ist der Vortheil der Examinatoren so -gross, dass gegen diesen Vorsprung der Stellung keine Ueberlegenheit -in den Leistungen aufkommen kann; wenn dieser Vorsprung durch die -veränderte Unterrichtsart noch vergrössert wird, so ist das ein -schwerwiegender Uebelstand, der leider mit in den Kauf genommen werden -muss. Der einzig mögliche, aber auch von der Gerechtigkeit geforderte -und darum unerlässliche Ausgleich ist darin zu suchen, dass die -Examinatoren<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[– 128 –]</a></span> aufhören, für den durch ihre Stellung und nicht durch -ihre Tüchtigkeit bedingten stärkeren Zuspruch zu ihren Kollegien -diejenige Prämie zu erhalten, welche nur als Prämie überlegener -Tüchtigkeit einen Sinn hat, nämlich die Kollegiengelder ihrer Zuhörer.</p> - -<p>Es giebt eine Anzahl Kollegien, deren Gegenstand von hohem -wissenschaftlichen Werth, aber nicht gerade Gegenstand einer -Berufsprüfung ist. Solche Kollegien haben naturgemäss auch bei der -grössten Tüchtigkeit des Lehrers nur wenige Zuhörer, während andre von -unentbehrlichem Nutzen oder allgemeinerem Interesse auch bei geringerer -Tüchtigkeit des Lehrers auf stärkeren Zuspruch rechnen dürfen. -Hieraus erhellt wiederum, wie wenig die Zuhörerzahl geeignet ist, als -Maassstab für die Tüchtigkeit des Lehrers oder gar für eine demselben -zu gewährende Extravergütigung zu dienen. Wenn es doch einzelnen -Professoren von anerkannt hervorragender Bedeutung in einem Fache -von geringer praktischer Verwendbarkeit und specialisirtem Interesse -gelingt, eine grössere Zahl von Hörern um sich zu versammeln, so -erzielen sie die ihnen dadurch zufliessenden höheren Einnahmen wiederum -nur dadurch, dass sie die Erfindung der Buchdruckerkunst ignoriren -und somit jeden, der ihre Arbeiten kennen lernen will, zwingen, zu -ihnen zu kommen und ihre Vorlesungen zu hören. Man wird zugeben, dass -eine solche Monopolisirung der Wissenschaft ein in der Gegenwart -nicht mehr zu duldender Rest mittelalterlicher Zunft- und Bann-Rechte -ist, und dass die Honorarverhältnisse, welche einen Gelehrten zu -solcher Zurückhaltung treiben, selbst ein unwürdiges Ueberlebsel -überwundener Zeiten sind. Sobald der Bezug von Kollegiengeldern ein -Ende hat, hört auch das Interesse an der Nichtveröffentlichung der -Forschungsergebnisse auf, da das blosse Eitelkeitsinteresse an der -Zahl der Zuhörer denn doch wohl zu<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[– 129 –]</a></span> tief steht, um den Fortschritt der -Wissenschaft in seiner stets wachsenden Beschleunigung zu hemmen.</p> - -<p>Für Forscher solcher Art ist überhaupt das Lehren gar keine Bedingung -ihrer Wirksamkeit, sollte für sie vielmehr nur Mittel der eigenen -Anregung und Erfrischung sein. Ihr Platz ist nicht sowohl im Lehrkörper -einer Universität als in einer Akademie mit der Berechtigung, -aber ohne die Verpflichtung zum Abhalten von Vorträgen an den -Staatsuniversitäten. Man kann ein vorzüglicher Lehrer und ein sehr -untergeordneter Forscher sein; man kann aber auch ein hervorragender -Forscher und dabei sehr schlechter Lehrer sein. Der Staat hat ein -ebenso grosses Interesse, sich Forscher, als sich Lehrer zu sichern; -aber er fasst die Sache am unrechten Ende an, wenn er beides vermengt, -also von jedem Lehrer als unentbehrliche Zuthat seiner Stellung den -Nimbus eines bedeutenden Forschers und Förderers der Wissenschaft -verlangt, und jedem Forscher eine Lehrthätigkeit als Bedingung für -die Gewährung eines Staatsgehaltes zumuthet. Die Bedeutung der -Akademien für die Gegenwart ruht ausschliesslich darin, dass sie den -Forschern eine sorgenfreie Existenz zur Fortsetzung ihrer Forschungen -mit ungetheilten Kräften gewähren; dieses Ziel haben ursprünglich -die meisten Akademien sich vorgezeichnet, und es ist nicht der -Fehler ihrer Gründer, wenn die mit der Mitgliedschaft verknüpften -Gehälter in Folge veränderten Geldwerthes ihrem Zwecke nicht mehr -genügen. Wenn die Regierungen sich entschliessen könnten, die -Mitgliedschaften der Akademien durch zeitgemässe Erhöhung der Gehälter -zu Forscher-Sinekuren zu erheben, so würden sie damit den höchsten -Spitzen des Kulturfortschritts einen ebenso grossen Dienst erweisen als -den Universitäten, welche dadurch von Lehrern entlastet würden, die nur -aus Noth lehren, um nebenbei als<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[– 130 –]</a></span> Forscher leben zu können. Das Gehalt -eines Mitglieds der Akademie müsste eben höher sein als das höchste -Professorengehalt, womit aber selbstverständlich auch eine Kumulation -beider Gehälter ausgeschlossen wäre.</p> - -<p>Es ist bekannt, dass es gegenwärtig zum grossen Theil andre Kollegien -sind, welche der Student besucht, als die, welche er bezahlt; er -bezahlt diejenigen, welche er direkt oder indirekt gezwungen ist, zu -belegen, und hat in der Regel wenig Neigung, nebenbei auch diejenigen -noch zu bezahlen, welche er bloss aus Interesse an der Sache besucht. -Die Folge davon ist, dass er auch die sein Interesse erweckenden -Collegien nur unvollständig, weil mit bösem Gewissen, hört, ohne dass -er im Stande ist, die Lücken durch Lektüre des Lehrbuchs zu ergänzen. -Den nicht examinirenden Lehrern raubt dieser Missbrauch des Hospitirens -noch einen grossen Theil derjenigen Kollegiengelder, welche ihnen durch -den Vorsprung ihrer examinirenden Kollegen allenfalls noch hätten -übrig bleiben können. Wollte man unter den Verhältnissen, wie sie sich -entwickelt haben, auf strenge Ordnung halten, und jeden Studenten, -der nicht belegt hat, hinausweisen, so würde die Wirkung davon in der -Hauptsache nur die sein, dass die Hörsäle noch mehr veröden und die -Studenten noch mehr sich dem Privatstudium durch Lektüre zuwenden.</p> - -<p>Wenn eine statistische Erhebung darüber vorgenommen werden könnte, wie -viel wirklich besuchte Vorlesungsstunden auf den Kopf der deutschen -Studentenschaft in einem Semester kommen, so würde man darüber staunen, -wie wenig der Nutzen der Vorlesungen in ihrer jetzigen Art im Ganzen -von den Studenten anerkannt wird, und wie sehr das studentische Leben -(mit Ausnahme der medicinischen Fakultät) zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[– 131 –]</a></span> Nichtsthun und -Privatstudium schwankt. In der That konnte aber auch ein fleissiger -Besuch der Collegien bei dem System der Kollegiengelder nur so lange -möglich bleiben, als die Gelegenheit zum Erwerb der dort zu erlangenden -Kenntnisse auf privatem Wege fehlte. Gegenwärtig ist die Forderung -der Universitäten, dass der Student jedes einzelne Kolleg bezahle, -nichts weiter als eine Prämie auf die Faulheit und das Privatstudium -und eine gewaltsame Zurückscheuchung der Studenten von allen nicht -obligatorischen Kollegien. Der Besuch der Vorlesungen würde sich -sofort verdoppeln und verdreifachen, wenn von jedem Studenten ein -Fixum pro Semester erhoben würde, durch dessen Bezahlung er das Recht -erwirbt, jedes Kolleg zu belegen, dessen Plätze nicht schon sämmtlich -an früher angemeldete Reflektanten vergeben sind. Der Andrang zu den -interessanteren Vorträgen würde dadurch so wachsen, dass es nöthig -werden könnte, diejenigen nummerirten Plätze, welche von ihren -ursprünglichen Inhabern ohne ausreichende Entschuldigung durch drei -Stunden unbenutzt gelassen werden, an nachbemerkte Bewerber weiter zu -begeben.</p> - -<p>Die Kollegiengelder bilden nach Ablösung der Stolgebühren den letzten -Rest des mittelalterlichen Sportel- und Gebühren-Wesens, und es ist -endlich Zeit, mit dieser Ruine aufzuräumen, welche ein Haupthinderniss -für einen neuen Aufschwung des Universitäts-Unterrichts bildet. Den -ursprünglichen Sinn einer Prämie für anziehende Vorträge hat die -Ueberweisung der Kollegiengelder an die Professoren längst eingebüsst, -und gegenwärtig ist sie lediglich eine unverdiente Gehaltszulage für -die ohnehin schon begünstigten Examinatoren. Werden die Einzelhonorare -für jedes Kolleg in ein festes Studienhonorar für das ganze Semester -umgewandelt, so fällt jede Versuchung fort, diese Honorare dem<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[– 132 –]</a></span> -Lehrerkollegium zu überweisen, anstatt derjenigen Behörde, welche -die Universität erhält und die Gehälter der Professoren zahlt. -Diese Aufhebung der Gebühren müsste natürlich mit einer Ordnung der -Professorengehälter Hand in Hand gehen, welche ohnehin dringendes -Bedürfniss ist; auch müssten Uebergangszustände zugelassen werden, -deren Erörterung hier zu weit führen würde.</p> - -<p>Worüber am meisten öffentlich geklagt wird, ist die Aussichtslosigkeit -der akademischen Laufbahn und die Uebelstände, welche bei der Berufung -von Professoren hervortreten. Abgesehen von den Uebertreibungen und -ungerechtfertigten Verallgemeinerungen, die bei solchen Klagen fast -unvermeidlich mit unterlaufen, begehen die Warnungsstimmen dieser -Art meistens den Fehler, dass sie allgemein menschliche Uebelstände, -wie Cliquenwesen, Weiberregiment, Nepotismus und dergleichen für -funkelnagelneue Erscheinungen speciell unsres Universitätslebens -halten, während diess doch nur die überall und zu allen Zeiten -gangbaren Abweichungen von vorurtheilsloser Sachlichkeit sind. Man -mag solche Dinge zur Sprache bringen, um den betreffenden Kreisen -das Gewissen zu schärfen und sie an den Ernst ihrer Berufspflicht -und die Forderungen der guten Sitte zu erinnern; aber man wird nicht -hoffen dürfen, dadurch mehr Wirkung auszuüben als mit Moralpredigten -irgend welcher andren Art. Alle Kooptation führt zur Inzucht, alle -Stellenbesetzung durch die Regierung zur Begünstigung politischer -Streber; Intrigue und persönliche Begünstigung spielt hier wie -dort ihre Rolle, wenn auch in verschiedener Weise. Beide Quellen -unsachlicher Entscheidung müssen einander beschränken, und jeder -Versuch, der einen auf Kosten der andren das Uebergewicht zu -verschaffen, ist nach der einen wie nach der andern Seite gleich<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[– 133 –]</a></span> -fehlerhaft. Deshalb liegt kein Anlass vor, an den bestehenden Zuständen -wesentliche Aenderungen in dieser Hinsicht zu verlangen.</p> - -<p>Das Widerwärtige an den akademischen Zuständen liegt vor allem -darin, dass die Erlangung einer ausserordentlichen Professur noch -keinerlei Einkommen gewährt, und dass selbst der Eintritt in eine -ordentliche Professur nicht dem Ehrgeiz und der Gewinnsucht das -Thor verschliesst. Der Grund dafür ist aber ausschliesslich in den -ungeordneten Gehaltsverhältnissen zu suchen, welche die einer Berufung -voraufgehenden Verhandlungen nicht selten zu einem Markten und -Feilschen herabwürdigen wie bei dem Engagement eines Schauspielers, -und das Spiel der Intriguen zur Erlangung von wirklichen oder -Scheinberufungen nicht enden lassen. Der Professorenstand wird -nicht eher sein moralisches und sociales Gleichgewicht und die ihm -gebührende wissenschaftliche Würde gewinnen, als bis er durch eine -feste Gehaltsskala mit Altersascension und örtlich verschiedenen -Wohnungsgeldern und durch gesicherte Pensionsverhältnisse den -andern Staatsdienern an Solidität und Stabilität der pekuniären -Lebens-Grundlagen gleichgestellt wird. Wer von einer kleinen -Universität an eine grosse berufen wird, der soll nicht um materieller -Vortheile willen dort hin gehen, sondern im freudigen Stolz auf den -erweiterten Wirkungskreis; zieht er aber das Verbleiben im gewohnten -und lieb gewordenen Kreise vor, so mögen die grossen Universitäten aus -dem eignen Nachwuchs ihre Vakanzen besetzen. Es ist unwürdig, dass -müde Greise bis an ihr Ende weiter lehren müssen, weil sie durch ein -ganzes Leben voll Arbeit keinen Pensionsanspruch erworben haben, und -ebenso unwürdig, dass sie sich im Falle vollständiger Unfähigkeit ihr -Gehalt für die schuldig gebliebenen Leistungen müssen schenken lassen. -Es<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[– 134 –]</a></span> ist unwürdig, dass die längste Dienstzeit keinen Anspruch auf -Gehaltssteigerung verschafft, und dass letztere erst auf dem Umwege -künstlich inscenirter Scheinberufungen erpresst werden muss. Es ist -ungehörig, dass viel umworbenen Berühmtheiten Einnahmen von der Höhe -einer Primadonnengage und luxuriöse Dienstwohnungen bewilligt werden, -und ebenso ungehörig, dass die Berufung an grosse Universitäten -zur Nationalbelohnung für abgediente Invaliden des Katheders -herabgesetzt wird. Mit der Gleichstellung aller Professorengehälter in -demselben Staat, oder wo möglich im ganzen Reich würden alle solche -Ungehörigkeiten ganz von selbst wegfallen.</p> - -<p>Der Unterschied zwischen ordentlichen und ausserordentlichen -Professoren kann bestehen bleiben; denn wer einmal zum ordentlichen -Professor ernannt ist, der rückt damit auch von selbst in alle -höheren Gehaltsstufen nach seinem Dienstalter auf, während -der ausserordentliche Professor bei dem höchsten Gehalt für -ausserordentliche Professoren stehen bleibt, wenn ihm die Beförderung -zum Ordinarius versagt bleibt. Nur das scheint mir unbillig, dass man -Docenten zu ausserordentlichen Professoren ernennt, sie dadurch mit der -trügerischen Hoffnung, in der akademischen Laufbahn ihr Fortkommen zu -finden, ködert, und dann ohne Gehalt bis an ihr Ende sitzen lässt. Die -Gehaltlosigkeit der Extraordinarien wird so nicht ohne Grund zu einer -Hauptquelle der Bitterkeit für alle, welche nicht zu einer ordentlichen -Professur gelangen können, und nun ihr Leben für ein verfehltes, ihre -akademische Laufbahn für eine gescheiterte, und ihre Lebensarbeit für -eine völlig unentlohnte ansehen müssen. Das Gehalt der Extraordinarien -müsste wenigstens für einen Junggesellen auskömmlich und zugleich -pensionsberechtigt sein; die zeitweilige gnadenweise Gewährung von -Unterstützungen<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[– 135 –]</a></span> kann niemals als Ersatz für ein pensionsfähiges, wenn -auch noch so bescheidenes Gehalt gelten. Selbstverständlich würde -die Behörde für das von ihr gewährte Gehalt auch ein Minimum von -wöchentlichen Lehrstunden von jedem Angestellten verlangen müssen, das -beim Extraordinarius geringer bemessen sein müsste als beim Ordinarius. -Andrerseits haben auch die Extraordinarien, sobald sie ein festes -Gehalt beziehen, keinen Grund mehr, den Wegfall der Collegiengelder zu -bedauern.</p> - -<p>Die Stellung als Privatdocent ist eine Vorbereitungsstufe und -Probezeit für den akademischen Beruf. Es ist wünschenswerth, dass -dieselbe möglichst zahlreichen Bewerbern möglichst leicht zugänglich -sei, damit die Behörden ein reichliches Material zur Ernennung von -ausserordentlichen Professoren zur Auswahl haben; aber es ist nicht -wünschenswerth, das längere Verbleiben in dieser Stellung für solche -Aspiranten angenehm und behaglich zu machen, welche nach mehrjähriger -Probezeit nicht zur ausserordentlichen Professur geeignet befunden -worden sind. Man muss den Privatdocenten den Austritt aus der -akademischen Carriere ebenso leicht machen wie den Eintritt, und -muss eine Frist setzen, etwa von zehn Jahren, nach deren Ablauf ein -nicht beförderter Privatdocent eo ipso die venia docendi verliert. -Nur auf diesem Wege ist die Existenz eines Kreises von verbitterten -lebenslänglichen Privatdocenten zu vermeiden, oder dem noch schlimmeren -Fehler vorzubeugen, dass man alte Privatdozenten endlich einmal zu -Professoren ernennt, blos weil man das unverdiente Scheitern in ihrem -Lebenslauf als gar zu grausames Schicksal mitempfindet.</p> - -<p>Damit den Docenten, welche trotz mehrjähriger Probezeit nicht zur -ausserordentlichen Professur gelangt sind, das Verbleiben in ihrer -Stellung erschwert wird,<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[– 136 –]</a></span> ist es nothwendig, dass denselben keinerlei -Remuneration oder Honorar zufällt. Die Zulassung zum Dociren an einer -Hochschule ist an und für sich ehrenvoll genug, um auch einige Jahre -als blosse Ehrensache geübt werden zu können, zumal kein Docent -nöthig hat, mehr als einige Stunden wöchentlich dieser freiwilligen -akademischen Lehrthätigkeit zu widmen. Nur solche Docenten, welche zur -Beförderung für einen späteren Termin in sichere Aussicht genommen -sind, dürfen durch Remunerationen aus Dispositionsfonds an die -akademische Laufbahn gefesselt werden; bei jedem andern müsste eine -solche Gewährung als eine grausame Erweckung unbegründeter Hoffnungen -verurtheilt werden. Die gehaltlose Zeit eines jungen Mannes, welcher -sich der akademischen Laufbahn widmet, wird danach im Durchschnitt -nicht wesentlich länger zu rechnen sein als beispielsweise in der -juristischen Carriere. Der Unterschied bleibt freilich bestehn, dass -der Jurist nach Ablauf dieser Frist, innerhalb deren er aus seinen -eigenen Mitteln oder aus denen seiner Familie sich erhalten muss, -ziemlich sicher auf Anstellung rechnen darf, der Docent aber nicht, und -es wird nicht zum Ausgleich genügen, dass die juristische Laufbahn in -erster Reihe dem Broterwerb, die akademische Laufbahn dagegen in erster -Linie der Befriedigung theoretischer Neigungen und idealer Bedürfnisse -dient. Dieser Ausgleich ist deshalb ungenügend, weil die Furcht, -spätestens zehn Jahre nach der Habilitation vor dem niederdrückenden -Misserfolg einer völlig gescheiterten Carriere zu stehen, die Zahl -der Reflektanten auf das Docententhum bei gleichzeitigem Wegfall der -Kollegiengelder unter das erforderliche oder doch wünschenswerthe Maass -herabdrücken könnte, trotzdem dass die Hoffnung auf frühere Beförderung -zum besoldeten Extraordinarius einen gegen die heutigen Verhältnisse -verstärkten Anreiz zur Habilitation gewähren würde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[– 137 –]</a></span></p> - -<p>Die akademische Laufbahn ist nur dann im Stande, viele Probekandidaten -anzulocken, ohne durch Wiederausscheidung der Mehrzahl der -Bewerber eine tiefe Verbitterung zu säen, wenn von vornherein -darauf gesehen wird, dass die Docenten zugleich auf irgend einen -andern, als den akademischen Ruf vorbereitet sind, und diesen wo -möglich gleichzeitig verfolgen, jedenfalls aber nach dem Scheitern -ihrer akademischen Laufbahn den Rücktritt in denselben sich offen -halten. Mit andern Worten: die Universitätsbehörden sollten mit -Ausnahme von Persönlichkeiten, die sich bereits durch hervorragende -schriftstellerische Leistungen als ausnahmsweise befähigt erwiesen -haben, den höchsten Werth darauf legen, nur solche Kandidaten zur -Habilitation zuzulassen, welche sich durch die erforderlichen -Staatsprüfungen den Eintritt in eine anderweitige Laufbahn bereits -gesichert haben; die Staatsbehörden aber sollten in Anbetracht der -hohen Wichtigkeit des Universitätsunterrichts für die nationale -Geisteskultur den Staatsdienern aller Berufsarten, welche Neigung -spüren, sich eine Zeitlang als akademische Docenten zu versuchen, die -Erfüllung dieses Wunsches durch das bereitwilligste Entgegenkommen -erleichtern, anstatt denselben im Interesse des Specialdienstes -Schwierigkeiten oder unüberwindliche Hindernisse zu bereiten.</p> - -<p>In der Hauptsache besteht der von mir verlangte Zustand schon heute -in der medicinischen und theologischen Fakultät; jeder medicinische -Docent ist nebenbei praktischer Arzt, und jeder theologische -Docent ist nebenbei wenigstens Licentiat und kann, wenn er von der -Universität zurücktritt, eine Predigerstelle annehmen. Immerhin wäre -es wünschenswerth, dass mehr angestellte jüngere Geistliche, als -bisher nebenbei den Beruf als Docenten ausübten, wenn sie in einer -Universitätsstadt oder deren unmittelbarer Nähe leben: dagegen<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[– 138 –]</a></span> -scheint mir eine dauernde Verknüpfung von Seelsorge und akademischem -Lehramt, wie sie jetzt ausnahmsweise vorkommt, nicht empfehlenswerth, -vielmehr nach ausreichender Probezeit die Entscheidung für die eine -oder die andere Berufsart geboten. In der juristischen Fakultät wäre -es nicht mehr als billig, dass man von einem Docenten die vorherige -Erlangung der Richterqualität forderte; dagegen müssten auch Richter, -Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Gerichts- und Regierungs-Assessoren und --Räthe, die an Universitätsplätzen leben, in liberalster Weise zur -Habilitation zugelassen werden, und ihre vorgesetzten Gerichts- und -Verwaltungsbehörden von den Ministerien darauf hingewiesen werden, dass -diese Zulassung im dringenden Interesse des Staates liege, und dass -solche Neigungen und Bestrebungen für die wissenschaftlichen Interessen -der Bewerber ein ehrenvolles Zeugniss ablegen.</p> - -<p>Dasselbe gilt für die Schulbehörden in Bezug auf die Lehrer an -staatlichen und städtischen Schulen; hier ist sogar der innere -Zusammenhang des höheren und Hochschulwesens ein so enger, dass -es durchaus gerechtfertigt erscheint, die Zahl der wöchentlichen -Kollegstunden (wenigstens bis zur Höhe von fünf) auf die Zahl der -gesammten Wochenstunden, zu deren Ertheilung der Lehrer verpflichtet -ist, in Anrechnung zu bringen, also einem Lehrer, der zugleich -Universitätsdocent ist, statt 24 nur 19 Schulstunden wöchentlich zu -übertragen. Die Universitätsbehörden aber sollten bei Habilitationen -in der philosophischen Fakultät die Bewerber, welche die facultas -docendi für die höheren Gymnasialklassen erworben haben, entschieden -bevorzugen, damit den Docenten, welche zur Beförderung in eine -ausserordentliche Professur nicht in Aussicht genommen sind, seinerzeit -der Rath ertheilt werden könne, ins Schulamt überzutreten. Gegenwärtig -gilt<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[– 139 –]</a></span> der Eintritt ins Schulfach als fast gleichbedeutend mit dem -Verzicht auf die akademische Laufbahn, und darum bemühen sich die -Aspiranten auf letztere, die Annahme einer Lehrersstellung, selbst in -einer Universitätsstadt, wenn irgend möglich zu vermeiden, und sei es -auch unter den grössten Anstrengungen und Entbehrungen. Diess würde -aufhören.</p> - -<p>Wer nicht hinreichend mit Gütern gesegnet ist, um nach absolvirtem -Staatsexamen sich ganz dem theoretischen Studium zu widmen, der würde -zunächst eine Lehrersstellung an einer Schule in einer Universitätsstadt -zu erlangen suchen und die 120 Sonntage, Feiertage und Ferientage -im Jahre der Vorbereitung für ein Kolleg widmen; wer aber einige -Zubusse hätte, der würde am liebsten eine halbe Lehrersstellung mit -halbem Gehalt annehmen, um noch mehr freie Zeit zu gewinnen. Die -Schulbehörden würden nur dem Interesse des nationalen Unterrichts -im Ganzen dienen, wenn sie die Habilitationsreflektanten bei der -Anstellung in Universitätsorten bevorzugten und wie in der Schweiz -die Verleihung halber Lehrersstellen (wenigstens für die ersten zehn -Dienstjahre) genehmigten. Die Versuchung, zu viel Kollegien neben -einander zu lesen, fällt für die Privatdocenten mit dem Aufhören -der Kollegiengelder ohnehin fort, so dass die Behörden keine -erhebliche Störung der dienstlichen Interessen von einer solchen -Nebenbeschäftigung zu befürchten haben. Es ist nun einmal unerlässlich, -die Docententhätigkeit auch in der philosophischen Fakultät mit -irgend einem anderweitigen Broterwerb zu verknüpfen, wenn nicht die -akademische Laufbahn immer mehr ein Vorrecht der Wohlhabenden werden -soll; es liegt aber im dringenden Interesse des Ganzen, dass die -Verknüpfung der Docenten-Thätigkeit mit dem journalistischen Broterwerb -verhütet werde, und schon darum ist es nöthig, dass der Verbindung<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[– 140 –]</a></span> des -Lehramtes an einer höheren Schule mit demjenigen an einer Hochschule -die Wege gebahnt werden. Selbstverständlich muss diese Verkoppelung von -Aemtern mit der Ernennung zum besoldeten ausserordentlichen Professor -ein Ende finden.</p> - -<p>Ich bilde mir nicht ein, dass mit den vorgeschlagenen Aenderungen -in der Einrichtung der Vorlesungen, in den Gehaltsverhältnissen der -Professoren und in der Stellung der Docenten alle Klagen über unser -Universitätswesen verstummen würden; aber ich glaube, dass damit -eine gründliche Abhilfe für die offensten Schäden und dringendsten -Uebelstände geschaffen werden würde, denen auf anderem Wege schwer -oder gar nicht beizukommen ist, und dass das Ansehen und die -Zufriedenheit der Professoren, die Würde ihres Berufs und der Nutzen -der Universitäten in unserem öffentlichen Leben sehr gewinnen würden, -ohne dass dabei wesentlich höhere Aufwendungen als jetzt erforderlich -wären.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="IX_Das_Philosophie-Studium_an_den_Universitaeten">IX.<br /> -Das Philosophie-Studium an den Universitäten.</h2> - -</div> - -<p>Unsere moderne Wissenschaft läuft Gefahr, am empirischen Material -zu ersticken und im Specialismus zu verknöchern. Die Versenkung -in die Erfahrung und die Arbeitstheilung sind die beiden -Principien, durch welche sowohl die Naturwissenschaften wie die -Gesellschaftswissenschaften und geschichtlichen Disciplinen einen -so grossen und raschen Aufschwung genommen haben. Aber die moderne -Wissenschaft steht bereits wie der Zauberlehrling rathlos da, und -fühlt sich unfähig, die heraufbeschworenen Geister zu bannen. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[– 141 –]</a></span> -Erkenntniss verliert sich mehr und mehr im Einzelnen, anstatt Honig aus -demselben heimzubringen für den gemeinsamen Stock der systematischen -Wissenschaft, von der alle Specialforschung ausgegangen ist, und zu -der sie alle zurückkehren muss, wenn sie für die Menschheit Werth -behalten soll. Wie Bergleute, die in verschiedenen Schachten und -Stollen arbeiten, ohne gemeinsamen Plan des Abbaus sich immer weiter -von einander entfernen müssen, bis schliesslich keiner mehr das Klopfen -der anderen hört, so geht es mit der immer weiter fortschreitenden -Specialisirung der Specialfächer und -Gebiete. Schon innerhalb des -engeren Faches, <span class="nowrap">z. B.</span> der Mathematik, hört die Möglichkeit der -Verständigung der Specialisten unter einander und ihrer gegenseitigen -Kontrole mehr und mehr auf; selbst die praktische Heilkunst droht sich -in lauter Specialheilkünste aufzulösen und die Naturwissenschaften -arten immer mehr zu einem zusammenhanglosen Sammelsurium -kleinkrämerischer Detailnotizen aus.</p> - -<p>Dabei schwillt die Literatur zu immer ungeheuerlicherer Ausdehnung an. -Rund fünfzehntausend neue Werke jährlich in deutscher Sprache und etwa -ebensoviel in französischer und englischer Sprache zusammengenommen, -das macht allein schon in einem Menschenalter von einem drittel -Jahrhundert eine Million Bücher, welche durch die in demselben -Zeitraum erschienenen periodischen Druckschriften an Masse noch weit -übertroffen werden. Wie die Thatsachenforscher in der Empirie, so gehen -die historischen Forscher in der Literatur unter; jede zu behandelnde -Detailfrage erfordert, um gründlich zu sein, schon jetzt das Studium -eines so kolossalen literarischen Materials, dass die Frage in ganz -enger Begrenzung gestellt werden muss, wenn die Bearbeitung nicht -gleich ins Ungemessene anschwellen soll. Wenn dieser in den beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[– 142 –]</a></span> -letzten Menschenaltern in Fluss gekommene Process noch ein Jahrhundert -so fortgeht, so muss die europäische Geistesbildung in einem Grade -erstarren, welcher alle Verknöcherung des chinesischen Mandarinenthums, -Talmudismus oder Islamismus um ebenso viel hinter sich zurücklassen -wird, wie die Bibliotheken unserer Urenkel den Bücherschatz der -Chinesen, Juden und Muhamedaner.</p> - -<p>Will die moderne Wissenschaft nicht sich selber zum Spott werden und -die Welt zu dem Gefühl bringen, dass die Vernichtung einer solchen -sich greisenhaft überlebenden Civilisation durch den Vandalismus der -Socialdemokratie eine wenn auch nur negative kulturgeschichtliche -Wohlthat sein würde, so muss sie in sich gehen und bedenken, dass -Arbeitstheilung und Empirie in der Wissenschaft niemals Selbstzweck, -sondern nur dienende Mittel zu einem höheren Zweck, an sich aber -bloss nothwendige Uebel sind. Diese Uebel sind nur dann unschädlich -zu machen, wenn ein jeder ihrer Gefahren und ihrer unmittelbaren -Werthlosigkeit eingedenk bleibt, und nie die Verpflichtung aus den -Augen verliert, den Zusammenhang seiner Detailforschungen mit dem -grösseren Ganzen, dem sie dienen, und den Zusammenhang des letzteren -mit der einheitlichen Totalität der Wissenschaft festzuhalten. Nur -weil das Gefühl dieser Verpflichtung entschwunden ist, konnte das -Uebel die schon jetzt erreichte Ausdehnung gewinnen; das Gefühl der -Verpflichtung ist aber darum den Forschern abhanden gekommen, weil -ihnen das Verständniss für die einheitliche Totalität des menschlichen -Erkenntnisssystems vor lauter Ueberschätzung der partikulären und -singulären Erfahrung verloren gegangen ist.</p> - -<p>Anstatt einzusehen, dass die Empirie für alle Wissenschaften nur -in demselben Sinne Mittel zum Zweck sein kann, wie die Technik für -alle Künste, hat die<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[– 143 –]</a></span> Wissenschaft sich auf die „Suche“ gelegt, -wie die Kunst auf die „Mache“; es ist die höchste Zeit, von -dieser verhängnissvollen Verwechselung zwischen Mittel und Zweck -zurückzukommen und zu begreifen, dass alle zusammengeschleppten -Materialien aus Natur und Geschichte noch ebensowenig wissenschaftliche -Erkenntniss ausmachen, wie die Routine der künstlerischen Technik ein -Kunstwerk, sondern dass die Wissenschaft und Kunst erst da beginnen, wo -die erweiterte Erfahrung oder gesteigerte Fertigkeit zu einem Unterbau -von höherem Niveau werden, auf dem sich Werke des Geistes erheben.</p> - -<p>Die einheitliche Totalität des Erkenntnisssystems hat man von jeher -Philosophie genannt; die Ueberschätzung der Empirie hatte zur Kehrseite -eine Unterschätzung der Philosophie, insbesondere ihres einheitlichen -Centrums: der spekulativen Metaphysik, ohne welchen die Philosophie -in haltlose Trümmer auseinanderfällt. Die Missachtung der Philosophie -führt nothwendig zur Unterschätzung des selbstständigen Werthes der -Einzelwissenschaften; sind aber erst einmal die Einzelwissenschaften -aus ihrem Dienstbarkeitsverhältniss zur Philosophie herausgenommen, -so geräth das ganze System in Auflösung, indem innerhalb jeder -Einzelwissenschaft sich derselbe Vorgang wiederholt, <span class="nowrap">d. h.</span> jede -Specialrichtung sich für berechtigt hält, ihren selbstständigen Werth -gegen die Wissenschaft zu behaupten, deren Theil sie ist. So gelangt -schliesslich jeder Dreck und Quark dazu, den gleichen Werth wie die -höchsten Blüthen des Geisteslebens vor dem Forum der Wissenschaft zu -beanspruchen, weil er ebensogut Gegenstand der Erfahrung wie diese -ist. Soll diesem Unfug unsrer Zeit gesteuert werden, so müssen, damit -die Specialforschungen wieder als dienstbare Glieder und Werkzeuge der -Einzelwissenschaften begriffen wer<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[– 144 –]</a></span>den, vor allen Dingen erst wieder -alle Einzelwissenschaften als dienstbare Glieder und Werkzeuge der -Philosophie begriffen werden, so muss der Philosophie im Bewusstsein -der Vertreter der modernen Wissenschaft wieder die Stelle als Königin -der Wissenschaften, oder als Wissenschaft der Wissenschaften, -nämlich als einheitliche Totalität und inneres Band des menschlichen -Erkenntnisssystems eingeräumt werden.</p> - -<p>So lange man dagegen wähnt, die Philosophie sei ein überwundener -Standpunkt, und die einheitliche Totalität der Wissenschaften müsse -mit der Zeit von unten herauf sich ganz von selbst erbauen, wenn nur -jeder Arbeiter an seinem Stein rüstig weiter klopft, so lange wird -die Zersplitterung, Entgeistigung und Versumpfung der Wissenschaften -in atomistischer Spezialisirung progressiv zunehmen. Die Empirie -als solche bringt immer nur Divergenz ins Unendliche mit sich; -die Konvergenz der Ergebnisse muss immer erst der die Erfahrung -bearbeitende Geist hineinbringen; um diess aber zu können, muss er ein -Centrum als Zielpunkt der Konvergenz im Sinn haben. Die Empirie wird -ewig unfertig bleiben, weil sie ihrer Natur nach endlos ist; wollte der -Geist auf die Beendigung der Empirie warten, bevor er die Ergebnisse -im Sinne einer systematischen Einheit zieht, so würde er niemals -anfangen dürfen. Die Philosophie wird jederzeit unvollkommen sein -müssen, weil jederzeit die Empirie unvollendet sein wird; aber auch die -unvollkommenste Philosophie ist besser als gar keine und ist im Stande, -die konvergirende Bearbeitung der Erfahrung zu ermöglichen und das -einheitliche System der Erkenntniss zu fördern.</p> - -<p>Der Einfluss der Philosophie auf die Einzelwissenschaften und auf die -allgemeine Bildung einer Zeit kann unter sonst gleichen Umständen um so -grösser sein, je vollkommener sie ist, und sie kann um so vollkommener<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[– 145 –]</a></span> -sein, auf eine je vollständigere Empirie sie sich stützt. Da nun -gegenwärtig eine vollständigere Empirie zur Verfügung steht als je -zuvor, müsste auch eine vollkommenere Philosophie möglich sein, mithin -auch deren Einfluss grösser sein können als je zuvor. Allerdings ist es -gegenwärtig durch den Umfang und die unverarbeitete Zersplitterung der -Empirie dem Einzelnen fast unmöglich gemacht, dieselbe in dem Sinne zu -umspannen und zu beherrschen, wie es einem Aristoteles, Leibniz, oder -auf viel niedrigerer Stufe selbst noch einem Alexander von Humboldt -möglich war. Auch unter den Philosophen wäre jetzt eine Arbeitstheilung -zum Zwecke einträchtigen Zusammenarbeitens nöthiger als je, damit -die nächsten Ergebnisse der Materialien zuvörderst so gesichtet und -geordnet würden, dass ein genialer Kopf sie endlich zusammenfassen -könnte.</p> - -<p>Davon ist aber keine Rede; die offiziellen Vertreter der Philosophie -in Deutschland sind vielmehr in denselben Fehler der divergenten -Arbeitstheilung ohne philosophische Rücksichtnahme auf den -Einheitspunkt des Erkenntnisssystems gerathen wie die Vertreter -der Einzelwissenschaften, und dieser Fehler, der bei ihnen doppelt -tadelnswerth, hat natürlich dazu beigetragen, das Ansehn der -Philosophie noch tiefer herunterzudrücken. Wenn die Mehrzahl der -Universitätsphilosophen, die sonst über gar nichts einverstanden ist, -doch darin einig ist, dass die spekulative Methaphysik veraltete -phantastische Mythologie ohne irgend welchen wissenschaftlichen Werth -ist, und dass es die Hauptaufgabe der Universitätsphilosophie ist, die -Methaphysik mit Fanatismus bis zur endlichen Vernichtung zu bekämpfen, -so darf man sich nicht wundern, dass auch die Universitätsprofessoren -der übrigen Wissenschaften schon aus Höflichkeit gegen ihre Kollegen -nicht widersprechen, und dass die Philosophie den letzten Rest<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[– 146 –]</a></span> -von Ansehen, den sie vor einigen Jahrzehnten noch genoss, bei dem -gegenwärtigen Geschlecht eingebüsst hat.</p> - -<p>Die heutigen Kathederphilosophen sind im Durchschnitt unfähig nicht nur -zu eigenen philosophischen Leistungen, denn zu solchen sind sie gar -nicht verpflichtet, sondern auch zur geschichtlichen Uebermittelung -unsrer nationalen geistigen Errungenschaften, weil sie in diesen, -ohne sie zu studiren, bloss die spekulative Metaphysik hassen und -verachten. Ihre Arbeiten bewegen sich meist auf dem Gebiete einer -unfruchtbaren Aristotelischen oder Kantischen Philologie, falls -sie sich nicht gar mit dem Nachkäuen der englisch-französischen -Sensualisten und Positivisten begnügen; <span class="nowrap">d. h.</span> sie plagen sich -ausschliesslich mit den veralteten und geschichtlich längst -überwundenen Systemen vergangener Zeiten, welche für uns nothwendig -schon darum zu unvollkommen sein müssen, um brauchbar zu sein, weil -sie sich auf einen Standpunkt der Empirie stützen, gegen welchen der -heutige sehr weit vorgeschritten ist. Günstigsten Falles bestehen die -Leistungen unserer Universitätsphilosophen darin, dass sie, anstatt zu -philosophiren, ebenfalls empirisches Material zusammenschleppen, indem -sie den Physiologen auf dem Felde der Sinneswahrnehmung mit mühsamem -geduldigem Experimentiren in’s Handwerk pfuschen. Die Ausnahmen unter -ihnen, welche die Geschichte der deutschen Philosophie des neunzehnten -Jahrhunderts verstanden haben und anregend wiederzugeben wissen, sind -mit der Laterne zu suchen; aber diese pflegen sich dann auch wieder zu -keinem energischen Protest gegen das Treiben ihrer Kollegen aufraffen -zu können, und wagen sich nicht einmal mehr an den Versuch heran, die -philosophischen Systeme, welche vor zwei oder drei Menschenaltern -bewunderungswürdig waren,<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[– 147 –]</a></span> in einer dem heutigen Standpunkt der Empirie -entsprechenden Weise umzubilden.</p> - -<p>Wie ist es nun möglich, dass die Philosophie trotz der Bestrebungen -der Akademiker, sie zu Grunde zu richten, zu neuem Ansehn komme, und -dadurch die moderne Wissenschaft überhaupt vor völliger Verknöcherung -und Versumpfung rette? Das radikalste Heilmittel wäre vielleicht -das, sämmtliche Universitätsphilosophen zu pensioniren und die -Philosophie als Gegenstand der Vorlesungen aus der philosophischen -Fakultät zu streichen. Aber das wäre eine unnöthige Verletzung der -Lehrfreiheit unsrer Universitäten. Ich glaube, dass man die heutigen -Professoren und Docenten der Philosophie ruhig weiter dociren lassen -kann, wenn man nur aufhört, ihre Vorlesungen direkt oder indirekt zu -Zwangskollegien zu stempeln. Wahrscheinlich würden in kurzer Zeit die -meisten ihre Vorlesungen aus Mangel an Zuhörern einstellen müssen. Es -ist entschieden der Philosophie unwürdig, sie zu einem Zwangsstudium -herabzusetzen, und der Erfolg davon muss grade der umgekehrte von -demjenigen sein, der damit beabsichtigt ist. Die erste Stufe der -Entwürdigung hat die Philosophie damit überwunden, dass sie aufgehört -hat, obligatorischer Unterrichtsgegenstand der Knaben in den Gymnasien -zu sein; die zweite wird sie erst dann überwinden, wenn sie aufhört, -obligatorischer Unterrichtsgegenstand für Jünglinge zu sein, die gar -kein philosophisches Bedürfniss haben, sondern bloss Geistliche oder -Lehrer oder Aerzte zu werden wünschen.</p> - -<p>Es ist ja ein sehr schöner Gedanke, dass Philosophie das eigentliche -und einzige Studium sei, durch welches man eine höhere allgemeine -Bildung im akademischen Sinne des Wortes erlangen könne, und es -sieht verlockend aus, allen akademisch Gebildeten dieses Studium, -sei es als Grundlage, sei es als Abschluss ihres<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[– 148 –]</a></span> Bildungsganges -aufzuerlegen. Aber wie gestaltet sich dieser Gedanke in der nüchternen -Wirklichkeit? Bei den Juristen hat man es längst aufgegeben, das Hören -eines rechtsphilosophischen Kollegs zu fordern; denn in der That ist -Rechtsphilosophie für sich allein und ausser allem Zusammenhang mit -dem Ganzen der Philosophie betrieben nichts weniger als philosophisch -zu nennen, und das Gemenge von unverdauten juristischen Brocken mit -principiell verkehrten Naturrechts- oder Vernunftrechts-Theorien, das -man meist unter dem Namen Rechtsphilosophie zu hören bekommt, kann -nur dazu beitragen, den Misskredit der Philosophie bei den angehenden -Praktikern zu steigern. In dem Studiengang der Mediciner hatte sich das -Studium der Philosophie schon vor längerer Zeit auf ein psychologisches -Kolleg reducirt, in welchem sie sich in der Regel schon um des -Zeitmangels willen mit den dürrsten und dürftigsten Eintheilungen, -Definitionen und Notizen begnügen mussten, ohne auch nur einen Hauch -philosophischen Geistes durch ihre Seele wehen zu spüren. Glücklicher -weise ist es immer mehr ausser Gebrauch gekommen, dieses Kolleg zu -hören, selbst dann, wenn es ausnahmsweise noch beigelegt wird, und nur -die Zöglinge des Friedrichs-Wilhelms-Instituts zu Berlin seufzen noch -unter dem Zwange, den Besuch eines bestimmten psychologischen Kollegs -dienstlich kontrolirt zu sehen. In der Staatsprüfung der Theologen ist -man so verständig gewesen, mit dem „Kulturexamen“ auch die Prüfung -in der Philosophie wieder zu beseitigen; der etwa 40 Seiten lange -Auszug aus dem ohnehin schon allzuknappen Schweglerschen „Grundriss -der Geschichte der Philosophie“, welcher zum Zweck dieser Prüfung mit -Vorliebe gepaukt wurde, war geradezu ein Hohn auf die Sache. Es ist -deshalb als ein grosser Fortschritt anzusehen, dass die Prüfung in der -Philosophie durch<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[– 149 –]</a></span> den Zwang zum Belegen eines philosophischen Kollegs -ersetzt ist, und es bleibt nur der weitere Schritt zu vollziehen, dass -das Honorar dieses Zwangscollegs als das anerkannt und ausgesprochen -wird, was es thatsächlich ausschliesslich ist, als eine Erhöhung -der Prüfungsgebühren, so dass den Professoren die Unwahrheit des -Besuchsattestes erspart wird.</p> - -<p>Die Kandidaten der Lehrerstaatsprüfung haben heute allein noch das -wenig beneidenswerthe Vorrecht, in Philosophie wirklich geprüft zu -werden. Was in aller Welt haben aber diese Philologen, Linguisten, -Historiker, Literarhistoriker, Mathematiker und Naturforscher von -Berufs wegen mit Philosophie zu schaffen, seitdem der Unfug der -philosophischen Propädeutik auf den Gymnasien in Wegfall gekommen ist? -Wenn man aber wirklich darauf sich stützen will, dass die Philosophie -zur höheren allgemeinen Bildung des Studirten gehört, warum misst -man dann die Juristen, Mediciner und Theologen mit anderm Maasse -als die Lehrer, warum stellt man dann nicht entweder die Prüfung in -der Philosophie für alle Fakultäten wieder her, oder wandelt nicht -auch bei den Lehrern die Prüfung in diesem Gegenstande in die blosse -Verpflichtung um, Testate über gehörte Kollegien beizubringen? Das -Studium des Juristen und Theologen ist wahrlich nicht ausgedehnter -und zeitraubender als dasjenige des Philologen, Linguisten, oder -Mathematikers, so dass entweder keinem von ihnen oder allen die Zeit -bleibt, ihre allgemeine Bildung durch Philosophie zu vervollständigen. -Wenn wirklich erst die Ablegung einer Staatsprüfung in der Philosophie -den Aichstempel der höheren akademischen Bildung gewährt, so hätten ja -die Lehrer gegenwärtig die Ehre, die einzigen wahrhaft gebildeten unter -allen Akademikern zu sein!</p> - -<p>Nun wird man mir aber schwerlich widersprechen,<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[– 150 –]</a></span> wenn ich behaupte, -dass jemand darum, weil er die Staatsprüfung in Philosophie bestanden -hat, ebensowenig eine Ahnung von Philosophie zu haben braucht, wie -jemand, der sie nicht gemacht hat, und dass auch der grösste Philosoph, -wenn er sich nicht speciell auf diese Prüfung vorbereitet hätte, -ganz ebenso wie jeder Dummkopf in derselben durchfallen würde. Ein -Kandidat mit ernsten philosophischen Interessen, der beispielsweise die -Werke der drei grössten Philosophen unsers Jahrhunderts, Schellings, -Schopenhauers und Hegels mit Fleiss und Verständniss ganz durchstudirt -hätte, würde ganz wenige Examinatoren finden, bei denen ihm dieses -Studium etwas nützte, aber sehr viele, bei denen es ihn zu Falle -bringen würde, wenn er seine „bornirte Liebhaberei für derartige -metaphysische Mythologien“ auch nur ganz leise durchschimmern liesse. -Die wenigen Examinatoren in Deutschland, welche überhaupt fähig wären, -ihn über Schelling und Hegel zu examiniren (denn Schopenhauer kommt -ja nur als Gegenstand der verächtlichen Widerlegung in Betracht), -kann er sich nicht aussuchen, sondern er muss darauf gefasst sein, -von demjenigen geprüft zu werden, der grade an der Reihe ist. Im -günstigsten Falle ist dies ein Professor, der nichts fragt, als was -aus den Diktatheften seiner Vorlesungen zu lernen ist; der Kandidat -hat dann gewöhnlich noch Zeit, diese Diktathefte sich zu verschaffen -und einzupauken, nachdem er den Namen des Examinators erfahren hat. Im -ungünstigen Falle bleibt er auf Paukbücher wie Schwegler’s Grundriss -angewiesen, und hat dann alle Mühe darauf zu verwenden, unter der Hand -die Richtung und die Liebhabereien des Examinators auszukundschaften, -damit er sich ja hütet, eine demselben missfällige Aeusserung zu -thun, was ihm bei den meisten mehr schaden würde als kundgegebene -Wissenslücken. Da die Mehrzahl der heutigen<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[– 151 –]</a></span> Universitätsprofessoren -in dem Hass und der Verachtung gegen die Metaphysik einig ist, so -hat er sich vor allen Dingen davor zu hüten, irgend ein positives -philosophisches Interesse zu zeigen oder gar eine metaphysische -Ansicht zu äussern, da dies die Verkehrtheit und Unfähigkeit seines -philosophischen Urtheils schon zur Genüge beweisen würde. Weiss er -dagegen ein kräftig Wörtlein gegen die Metaphysik an geeigneter Stelle -bescheidentlich einfliessen zu lassen, so hat er damit schon einen -guten Stein im Brett. Fragt man ihn, mit welchem Philosophen er sich -genauer befasst habe, so nenne er ja keinen Metaphysiker, sondern -womöglich einen der Engländer, welche gegen die Metaphysik und für den -gesunden Menschenverstand geschrieben haben; diess ist schon deshalb -empfehlenswerth, weil deren Gedankenkreis so arm ist, dass er leicht -zu bewältigen ist. Will er aber einen Deutschen nennen, so gehe er -ja nicht über Kant hinaus, und studire von dessen Werken nur die -kritischen und negativ-dogmatischen, nicht etwa die positiven und mehr -spekulativen Partien.</p> - -<p>Diese Regeln sind nicht von mir aufgestellt, sondern sie sind unter -der studirenden Jugend ziemlich allgemein bekannt, und werden von den -Klügeren, welche im Leben ihr Fortkommen zu finden wissen, sorgsam -beobachtet. Was hiernach der Prüfungszwang einzig und allein bewirken -kann und bewirken muss, ist eine Steigerung des ohnehin schon in der -Zeitströmung liegenden Misskredits der Philosophie, insofern die -Studirenden genöthigt werden, solche Kollegien zu hören und solche -Philosophen zu lesen, welche gegen die Möglichkeit und den Werth der -eigentlichen Philosophie vom empiristischen oder skeptischen Standpunkt -aus ankämpfen. Ausserdem aber werden die Studirenden, sei es direkt -durch das unfehlbare Absprechen<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[– 152 –]</a></span> und die zur Schau getragene Verachtung -von Seiten der gehörten Docenten, sei es indirekt durch das private -Nachsprechen solcher Urtheile von Seiten der Hörer, ausdrücklich -davon abgehalten, sich eine philosophische Bildung da anzueignen, -wo sie allein zu gewinnen ist, nämlich bei wirklichen Philosophen. -Entweder haben die jungen Leute, wie es bei 90–95% der Fall ist, kein -philosophisches Bedürfniss, dann wird ihnen durch den Zwang, sich mit -einer Vorbereitung für die philosophische Prüfung herumzuplagen, die -Philosophie, die ihnen blos gleichgültig war, erst recht verekelt; oder -aber sie haben ein philosophisches Bedürfniss, dann würden sie ohne die -Nöthigung, sich zur philosophischen Prüfung vorzubereiten, vielleicht, -ja sogar wahrscheinlich, auf irgend eine Weise der wirklichen -Philosophie näher getreten sein, während ihnen jetzt die Beschäftigung -mit derselben noch vor der Bekanntschaft verleidet und ihrem -philosophischen Bedürfniss statt des Brotes ein Stein geboten wird. -Dadurch lassen sich dann die meisten noch rechtzeitig überzeugen, dass -die Philosophie, die sie kennen zu lernen künstlich verhindert worden -sind, denn doch nicht werth sei, studirt zu werden, und sie können nun -aus philosophischer Einsicht den Chor der unphilosophischen Kameraden -stärken und führen, der in allen Tonarten die Philosophie verspottet -und verhöhnt. Wenn doch noch ein Einzelner durch alle diese kunstvollen -Vorkehrungen und Einrichtungen zur Verekelung der Philosophie sich -hindurcharbeitet, so hat er es wahrlich einem guten Stern zu danken.</p> - -<p>Wenn man auch von der durchschnittlichen Beschaffenheit der heutigen -Universitätsphilosophen ganz absehen wollte, so bliebe der Zwang zum -Hören vereinzelter philosophischer Kollegien doch immerhin widersinnig. -Entweder muss man mindestens vier Semester<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[– 153 –]</a></span> hindurch ein Kolleg mit -mindestens vier Wochenstunden über Geschichte der Philosophie (wie -<span class="nowrap">z. B.</span> Kuno Fischer es hält) obligatorisch machen, oder man soll die -Philosophie vollständig der akademischen Freiheit überlassen, welche -sie grade mehr als irgend ein anderer Gegenstand durch ihr innerstes -Wesen verlangt. Ein Semester von drei bis vier Monaten ist viel zu -kurz, um in einem Kolleg von nicht mehr als vier Wochenstunden einem -Anfänger irgend etwas Philosophisches von nachhaltiger Wirkung bieten -zu können; entweder beschränkt man sich auf gemeinverständliche -Trivialitäten, oder man giebt etwas Positives und schreckt dann durch -die an die Aufmerksamkeit und das Verständniss gestellten Anforderungen -schon wieder die meisten ab. Am gründlichsten ist diese Abschreckung, -wenn mit dem Kollegium logicum begonnen wird, dieser traurigen Ruine -aristotelisch-mittelalterlicher Scholastik; dagegen pflegt sich die -Trivialität am behaglichsten in der „Psychologie“ zu ergehen.</p> - -<p>Wären nur erst die Staatsprüfungen in der Philosophie abgeschafft, -so würden sich auch die Promotionen in diesem Fache sehr vermindern, -für deren Vorbereitung ähnliche Rücksichten zu beobachten sind, wie -die oben angeführten. Soweit die Promotionen zwecklose Geldausgaben -aus blosser Titelsucht sind, kann es nur im allgemeinen Interesse -(wenn auch nicht in demjenigen der Fakultäten) liegen, wenn dieselben -ausser Uebung kommen und der Lehrer sich künftig ebenso mit dem -Titel „Oberlehrer“ wie der Mediciner mit dem Titel „Arzt“ begnügt. -Soweit aber die Promotionen eine Vorbereitungsstufe zur akademischen -Docentenlaufbahn bilden, werden sie in der Philosophie um so seltener -werden müssen, je geringer der Bedarf an philosophischen Docenten wird, -und da der jetzige Bedarf wesentlich nur durch die philosophischen -Staatsprüfungen<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[– 154 –]</a></span> der Lehrer bedingt ist, so würde mit dem Wegfall -dieser letzteren auch die Zahl der Universitätsphilosophen allmählich -sehr zusammenschmelzen. In demselben Maasse würde das Ansehn der -Philosophie in der studirenden Jugend und beim gebildeten Publikum -allmählich wieder steigen.</p> - -<p>Sieht man von solchen Philosophen ab, welche erst in Folge -hervorragender philosophischer Leistungen eine Universitätsprofessur -erhielten (wie Hegel, F. A. Lange), oder welche zwar -Universitätsprofessoren aber nicht eigentlich Philosophieprofessoren -waren (wie Kant), oder welche erst nachträglich während ihrer -akademischen Laufbahn von der Naturwissenschaft oder Medicin zur -Philosophie übergingen (wie Lotze, Wundt), so kann man die Förderung -der Philosophie durch Philosophieprofessoren (wie Fichte und -Schelling) als eine seltene Ausnahme betrachten. Zu allen Zeiten -(vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Wende des achtzehnten und -neunzehnten Jahrhunderts) waren die Gesammtleistungen der unzünftigen -philosophischen Literatur einer Generation denen der zünftigen -bedeutend überlegen, ungefähr in demselben Maasse wie es bei der -Poesie der Fall sein würde, wenn wir bei jeder Universität 2–6 -officielle „akademische Dichter“ hätten. Indem aber zu jeder Zeit -die Universitätsphilosophie sich als die officielle und eigentliche -Vertreterin der Philosophie ihrer Zeit gerirt und die Bedeutung der -zeitgenössischen unzünftigen Philosophie zu ignoriren oder doch zu -verkleinern gesucht hat, hat sie zu jeder Zeit dem Ansehn der gesammten -Philosophie mehr geschadet als genützt. Diess war schon damals der -Fall, als sie noch wirkliche Philosophie zum Inhalt hatte; um wie viel -mehr muss es heute der Fall sein, wo sie es zum grösseren Theile nicht -mehr ist, sondern mehr und mehr zur principiellen „Antiphilosophie“ -heruntergekommen<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[– 155 –]</a></span> ist. Auch die sorgfältigste Auswahl unter den -Docenten wäre ausser Stande, alle gegenwärtigen deutschen Lehrstühle -der Philosophie mit geeigneten Persönlichkeiten zu besetzen; deshalb -ist aus der Besetzung der Mehrzahl derselben mit ungeeigneten nicht -einmal jemanden ein besonderer Vorwurf zu machen.</p> - -<p>Kein Fach bedarf aber auch weniger als die Philosophie des mündlichen -Unterrichts, weil keines weniger dazu da ist, von unreifen Jünglingen -ohne inneres Bedürfniss getrieben zu werden, und es in keinem Fache -leichter und zugleich unentbehrlicher ist, unmittelbar aus den Quellen -(<span class="nowrap">d. h.</span> aus dem überreichen Schatz der philosophischen Klassiker) -zu schöpfen. Kein Feld bedarf weniger als die Philosophie der -staatlichen Pflege und des behördlichen Schutzes, aber keines bedarf -auch dringender der vollen ungestörten Freiheit der Entwickelung, -zu welcher eben auf den Universitäten so lange die Bedingungen -fehlen, als kollegialische und politische Rücksichten auf die zu -einem Körper verkoppelte theologische Fakultät unumgänglich sind. -Wenn die Philosophie in dem „Volke der Denker“ so lange trotz -aller Verkümmerung durch eine unfreie Universitätsphilosophie und -philosophische Staatsprüfungen und Zwangskollegien gediehen ist, so -wäre es ein völlig unbegründeter Kleinmuth, zu fürchten, dass sie -nicht mehr gedeihen könnte, wenn der Alp dieser Verkümmerung von ihr -genommen und sie der vollen Freiheit zurückgegeben wird. Je weniger -deutschen Jünglingen durch zwangsweise Quälerei mit einer unfreien und -mehr oder minder unphilosophischen Philosophie der Geschmack an der -Philosophie verdorben wird, desto mehr werden die abfälligen Urtheile -gegen die Philosophie, welche jetzt unter den Gebildeten der Nation -das Gewöhnliche sind, schwinden, und desto mehr Jünglinge werden dazu -gelangen, ihren philosophischen<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[– 156 –]</a></span> Wahrheitstrieb da zu befriedigen, wo -er allein die ihm angemessene und zugleich nahrhafte Kost findet, bei -den grössten unter den deutschen Philosophen.</p> - -<p>Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass auch aus der Lehrerprüfung -über kurz oder lang die Philosophie als Unterrichtsgegenstand -ausscheiden wird, und dass einmal aller staatliche Zwang zum Hören -(oder Belegen) philosophischer Vorlesungen aufhören wird; ob aber -dieser Zopf noch früh genug abgeschnitten werden wird, und ob -namentlich die Nachwirkungen dieses Fortschritts früh genug eintreten -werden, um das bereits angerichtete Unheil vor dem Eintritt einer -völligen Verknöcherung unsrer Specialwissenschaften wieder gut zu -machen, das scheint mir höchst fraglich. Deshalb wende ich mich an -die studirende Jugend und fordre sie auf, bis zum Eintritt dieser -Reform getrennte Buchführung zu halten, <span class="nowrap">d. h.</span> die Befriedigung ihrer -philosophischen Bedürfnisse niemals und auf keine Weise mit der -Vorbereitung zu den philosophischen Staatsprüfungen zu vermengen, -vielmehr die letzteren als die leeren Formalitäten zu erledigen, zu -denen sie längst herabgesunken sind, daneben aber mit ausdauerndem -Eifer und stiller Andacht heimlich vor den Examinatoren dem Studium -der edelsten Geistesblüthen der neueren philosophischen Literatur -obzuliegen und sich an ihnen mit echt philosophischem, echt modernem -und echt deutschem Geiste zu erfüllen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[– 157 –]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="X_Die_Ueberbuerdung_der_Schuljugend">X.<br /> -Die Ueberbürdung der Schuljugend.</h2> - -</div> - -<p>Es darf als unbestreitbar gelten, dass heute von den Schülern mehr -häusliche Arbeiten verlangt werden als vor einem Menschenalter, und -dass trotzdem von dem Durchschnitt der Schüler weniger geleistet -wird, so dass die Procentzahl der Nichtversetzten in jeder Klasse -beträchtlich gegen früher gewachsen ist. Die statistische Ermittelung, -ob die Jugend jetzt in durchschnittlich schlechterem Gesundheitszustand -als vor einem Menschenalter die Schule verlässt, ist unausführbar; -aber auch wenn dieses Resultat festzustellen wäre, könnte man doch -einwenden, dass es durch andre Ursachen als die gestiegene Arbeitslast -bedingt oder doch mitbedingt sei. Wichtiger scheint mir die wachsende -Abneigung der Jugend gegen die Schule als Zeugniss dafür, dass letztere -mehr und mehr zu einer krafterschöpfenden Drillanstalt geworden und -mehr und mehr ihren Beruf, zur geistigen Freudigkeit und Frische -anzuregen, verfehlt. Nur der Begabte, der zugleich sich kein Gewissen -daraus macht, sich durchzuschwindeln, kommt ohne leiblichen Schaden -davon, nimmt aber dafür die Gewöhnung an Umgehung der obliegenden -Pflichten als bedauerliche Mitgift in’s Leben mit. Die Verfügung des -preussischen Unterrichtsministeriums vom März 1882 drängt zwar auf -Beschränkung der Unterrichtsziele und namentlich des Memorirstoffs, -aber bis jetzt, wie es scheint, in der Hauptsache vergeblich. Es dürfte -deshalb nicht überflüssig sein, wenn Laien ihre Stimmen erheben, um -nicht blos über die Thatsache zu klagen, sondern auch auf die Ursachen -und die Wege zur Abhülfe hinzuweisen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[– 158 –]</a></span></p> - -<p>Die genannte Centralverfügung weist auf die gegenwärtig in Aufnahme -gekommene fachmässige Vorbildung der Lehrer als auf eine Hauptquelle -der gesteigerten Ansprüche hin; aber es ist psychologisch unmöglich, -durch einfache Verfügungen Abhülfe zu schaffen, so lange die -Schulbehörden erklären, sich nicht auf den Standpunkt stellen zu -können, dass nur auf wenige Unterrichtsgegenstände Werth gelegt wird, -wie es der Geh. Oberregierungsrath Bonitz bei der Debatte über den -Cultusetat im preussischen Abgeordnetenhause gethan hat. Ich behaupte, -dass <em class="gesperrt">nur</em> Lateinisch und Griechisch Hauptgegenstände in dem Sinne -sind, dass eine entschiedene Unreife in einem derselben ein Hinderniss -der Versetzung sein darf und muss. Dagegen ist es ganz gleichgültig, -ob ein Schüler der Quarta sicher im elementaren Rechnen ist, oder -ob ein Schüler der Tertia Genügendes in der Geometrie leistet; wenn -er mathematische Anlage hat, so holt er das in den oberen Klassen -mit spielender Leichtigkeit ganz unvermerkt durch den mathematischen -Unterricht nach, und wenn er solche nicht hat, wie thatsächlich etwa -zwei Drittel der Menschen sie nicht haben, so ist es eine unbillige -Härte, ihm wegen solchen Mangels seine Carriere zu verderben und seinen -Eltern schwere Opfer aufzuerlegen. Was der mathematische Unterricht -in den letzten drei Jahren bei Unbefähigten überhaupt leisten kann, -den Hinweis auf die Strenge der mathematischen Beweisführung, das -leistet er auch dann, wenn das Auswendiglernen dieser Beweise und die -Fertigkeit im Aufgabenlösen unbefriedigend erscheint.</p> - -<p>Ebenso verkehrt ist es, die deutsche Grammatik in den unteren oder den -deutschen Aufsatz in den oberen Klassen zu einem für die Versetzung -massgebenden Hauptgegenstand aufzubauschen, während letzterer bei der -Abgangsprüfung allerdings als solcher<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[– 159 –]</a></span> gelten muss. Der Mangel an -deutscher Grammatik wird später durch den Ueberfluss an lateinischer -und griechischer ausreichend ersetzt; die Entwickelung des Stils aber -tritt meist plötzlich und stossweise bei Erlangung einer gewissen -Geistesreife ein, und die Unzulänglichkeit des Stils in Sekunda ist -kein Hinderniss dafür, dass der Betreffende in Prima den besten Aufsatz -der Klasse liefert. Das Französische kann auf dem Gymnasium niemals -eine besondere Wichtigkeit beanspruchen, theils deshalb nicht, weil -die ihm zugetheilte Stundenzahl thatsächlich zu gering ist, um etwas -Ordentliches darin verlangen zu können, theils deshalb nicht, weil es -in keinem Gegenstande leichter und gebotener ist, sich durch Lektüre, -Conversationsstunden <span class="nowrap">u. s. w.</span> nach Abgang von der Schule fortzubilden, -als in diesem, also grade hier die Mängel der Schulbildung am ehesten -nachgeholt und ausgeglichen werden können, wozu nach der Schulzeit -weit eher Musse zu finden ist als während derselben. Die Fächer, -welche hauptsächlich das Gedächtniss in Anspruch nehmen (Geschichte, -Geographie, Naturkunde) verlangen am allerwenigsten den Fortbau auf -einem in den vorhergehenden Klassen gelegten Grunde; man kann bei ihnen -anfangen, wo man will, und hat bis zur Abgangsprüfung doch alles in -den unteren und mittleren Klassen Gelernte wieder spurlos vergessen. -Der Physikunterricht der obersten Klassen endlich besitzt seinen Werth -lediglich in dem Hinweis auf den strengen Kausalzusammenhang der -Naturprocesse und auf das Wesen der experimentellen Induction; dieser -Zweck muss durch die Theilnahme am Unterricht selbst erreicht werden, -und es kommt gar nicht darauf an, wie viel von dem mitgetheilten -Wissensstoff im Gedächtniss behalten wird. Die Entlastung von -Memorirstoff sollte vor allen Dingen beim Religionsunterricht beginnen, -insbesondere bei demjenigen der bereits Confirmirten;<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[– 160 –]</a></span> nichts wird von -den christlichen Abiturienten als eine drückendere Härte empfunden, -als dass sie zu allen sonstigen Wiederholungen hinzu sich noch mit dem -Auswendiglernen von Katechismus und Kirchenliedern plagen müssen, von -dem ihre jüdischen Mitschüler befreit sind.</p> - -<p>Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er sich für alle -Unterrichtsgegenstände gleichmässig interessiren soll; jeder aber -wird durch Anlage und Neigung auf gewisse Nebenfächer hingewiesen -sein, in denen er schon durch die blosse Theilnahme am Unterricht gut -beschlagen ist. Das gerade verleidet unserer Jugend die Schule, dass -ein gleiches Interesse für Alles von ihr verlangt wird, wobei aber für -das Meiste ein bloss erzwungenes Interesse herauskommt. Wer in Latein -und Griechisch Befriedigendes leistet, der sollte unbedenklich versetzt -werden, wofern nur die Leistungen in allen Nebenfächern sich zu einem -befriedigenden Gesammtergebniss kompensiren, also ein Minus der einen -durch ein Plus der andern gedeckt wird; wer aber in Latein, Griechisch, -deutschem Aufsatz und Mathematik genügt, der müsste versetzt werden, -auch wenn er in allen anderen Fächern nicht genügt, und das Urtheil -über die Fertigkeiten dürfte auch nicht den allergeringsten Einfluss -auf die Versetzung haben.</p> - -<p>Nach ähnlichen Grundsätzen wurde in meiner Jugend in den mir bekannten -Schulen thatsächlich verfahren, und die Endresultate waren bessere -als heute, wo trotz aller Erschwerung des Schulgangs und trotz -der vermehrten häuslichen Aufgaben die Leistungen in den beiden -Hauptgegenständen des Gymnasiums im Sinken sind. Früher, wo der -häusliche Fleiss sich in der Hauptsache auf Latein und Griechisch -beschränkte, und Jeder die seiner Neigung nicht entsprechenden -Unterrichtsstunden ungestraft zur Abspannung seiner Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[– 161 –]</a></span>merksamkeit, -d. h. zur Erholung und Kräftigung derselben für die nächsten Stunden -benutzen konnte, da wurde weit mehr gelernt, als jetzt, wo die multa -das multum unmöglich machen, und die gesteigerte Intensität des -Unterrichts in allen Stunden ohne Ausnahme (theilweise in Verbindung -mit dem Wegfall des Nachmittagsunterrichts) die durchschnittliche -Aufnahmefähigkeit der Schüler für den gesammten Unterricht herabsetzt.</p> - -<p>Dass es wirklich die Steigerung der Ansprüche in den Nebenfächern -ist, welche die Leistungsfähigkeit der Schüler herabsetzt und sowohl -direkt wie indirekt zu einer das Uebel nur noch verschlimmernden -Vermehrung der häuslichen Arbeiten zwingt, das sieht man am besten an -einem Vergleich zwischen Gymnasium und Realschule; die letztere hat -mehr Schulstunden und mehr häusliche Arbeiten als das erstere, und -trotzdem leistet sie noch weniger als dieses, weil ihr in noch weit -höherem Grade die Koncentration auf wenige Hauptfächer fehlt. Fragt man -aber, wodurch die Schulbehörden zu einer Steigerung ihrer Ansprüche -in den Nebenfächern der Gymnasien gegen früher gedrängt worden sind, -und wodurch sie in dieser falschen Stellung festgehalten werden, so -ist es offenbar der Zug der Zeit nach Verstärkung der Bildung in den -Realwissenschaften, <span class="nowrap">d. h.</span> eine falsche Anticipation der realistischen -Fachbildung durch die Schule als allgemeine Bildungsanstalt, oder -mit anderen Worten eine fehlerhafte Koncurrenz der Gymnasien mit -dem Lehrziel der Oberrealschulen und Realgymnasien, welche eben als -verschiedene Grade der Verquickung von allgemeinen Bildungsschulen mit -Fachschulen zu charakterisiren sind. Die Schulbehörden haben nur den -Fehler begangen, dem Andrängen nach vermehrter Berücksichtigung der -Realwissenschaften auf den Gymnasien zu sehr nach<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[– 162 –]</a></span>zugeben, und zwar -nicht sowohl in Vermehrung der Stundenzahl, als vielmehr in Steigerung -der Anforderungen an die Schüler. Die sich jetzt am lautesten über die -Ueberbürdung beklagen, sind gerade diejenigen, welche die Regierung -in die falsche Position gedrängt haben und auf diesem Wege immer -weiter drängen möchten; gelänge es dieser Richtung, die alten Sprachen -im Gymnasium zu Gunsten der Realwissenschaften noch erheblich zu -beschränken, <span class="nowrap">d. h.</span> das Gymnasium der Realschule ähnlicher zu machen, -so würde damit die Ueberbürdung der Gymnasialjugend noch über die der -jetzigen Realjugend hinauswachsen, weil die alten Sprachen doch immer -Hauptgegenstände würden bleiben müssen, während sie schon auf dem -jetzigen Realgymnasium in den oberen Klassen nur noch ein Nebenfach -darstellen.</p> - -<p>So lange die öffentliche Meinung diesen letzten Grund der Ueberbürdung -nicht erkennt und ihren Einfluss auf die Schulbehörden nicht in -umgekehrter Richtung wie bisher geltend macht, so lange werden -alle Palliativmittel sich als wirkungslos erweisen; erst wenn die -Schulbehörden ihr Aufsichtspersonal dahin instruiren, bei den -Versetzungs- und Abgangsprüfungen nur den Hauptgegenständen Wichtigkeit -beizumessen, bei den Nebenfächern aber der Individualität der Schüler -volle Rechnung zu tragen, erst dann werden die Lehrer der Nebenfächer -aufhören können, sich der Versetzung eines in ihrem Fache nicht -genügenden Schülers zu widersetzen. Dann wird wieder mehr Freiheit für -Lehrer und Schüler und mit ihr mehr Freudigkeit und Liebe zur Arbeit -in die Schule ihren Einzug halten, die jetzt durch den Anspruch, das -Klassenziel von allen zu versetzenden Schülern erreicht zu sehen, mehr -und mehr einer mechanischen Drillthätigkeit gewichen ist. Es wird sehr -wohl möglich sein, die Klassenziele in den<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[– 163 –]</a></span> Nebenfächern sogar auf der -Höhe zu erhalten, auf welche sie durch die fachmässig gebildeten Lehrer -hinaufgeschraubt sind, sobald man nur darauf verzichtet, alle Schüler -dieses Ziel erreichen zu sehen. Dann werden die Schüler allerdings -nicht mehr mit so einförmig gleichmässiger Bildung wie jetzt die Schule -verlassen, sondern der eine mehr in diesen, der andere mehr in jenen -Fächern gebildet, alle aber mit einem gegen jetzt erhöhten geistigen -Niveau und mit unzerstörter Geistesfrische und <span class="nowrap">Lernfreudigkeit. —</span></p> - -<p>Unter solchen Voraussetzungen allein wird es auch möglich sein, -die häuslichen Arbeiten auf das zu beschränken, worüber sie aus -idealem Gesichtspunkt nicht hinausgreifen sollten: auf Vorbereitung -und Wiederholung. Man hat sich zwar gegenwärtig allgemein daran -gewöhnt, die häuslichen Arbeiten als eine unentbehrliche Ergänzung -des Schulunterrichts anzusehen, aber ich halte diesen Gesichtspunkt -für entschieden falsch, und meine, dass dessen Falschheit Jedem -ohne Weiteres einleuchten müsste, wenn nicht die Gewöhnung an das -Gegentheil als an den normalen Zustand die Unbefangenheit des Urtheils -aufhöbe. Die Schule ist dazu da, um der Jugend die nöthige allgemeine -Bildung einzupflanzen, und wenn sie sich dazu unfähig erklärt ohne -Zuhülfenahme des Hauses, so beweist sie damit nur, dass entweder in -ihrer Organisation ein Fehler steckt, oder dass die Lehrer die ihnen -obliegende Aufgabe theilweise auf das Haus abzuwälzen bequemer finden.</p> - -<p>Zehn Stunden Handarbeit findet man heute bereits zuviel und steuert -auf den achtstündigen Normalarbeitstag für alle Arbeiter hin; sollte -da nicht achtstündige Arbeitszeit für die Kopfarbeit Erwachsener -erst recht als unüberschreitbares Maximum gelten, und sollten nicht -drei Viertel dieses Quantums die allerhöchste,<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[– 164 –]</a></span> aus hygienischen -Rücksichten an jugendliche, unreife Gehirne zu stellende Zumuthung -sein? Dieses Maximum wird aber mit 34–38 Wochenstunden (in Gymnasien -und Realgymnasien) thatsächlich erreicht und die hinzutretende -Inanspruchnahme für häusliche Arbeiten ist eine auf keine Weise zu -rechtfertigende Ueberanspannung. Es hat weit schädlichere Folgen, -wenn man bei geistiger, als wenn man bei körperlicher Arbeit die -gesundheitlich zulässige Grenze überschreitet; während aber der Staat -den jugendlichen Fabrikarbeitern durch gesetzliche Beschränkungen -der Arbeitszeit ohne Rücksicht auf die dadurch herbeigeführte -Verringerung des Familieneinkommens seine Fürsorge widmet, stützt -er sich darauf, dass Schulmännerkonferenzen eine 3–3½-stündige -häusliche Arbeitszeit neben 36 wöchentlichen Schulstunden für keine -Ueberbürdung der reiferen Jugend erklären, anstatt darin den Wahrspruch -einer bei der Angelegenheit dringlichst interessirten <em class="gesperrt">Partei</em> -zu erblicken. Die Schulmänner haben ohne Zweifel das Interesse, die -Arbeitsleistung der Schule, <span class="nowrap">d. h.</span> ihre eigene Arbeitsleistung durch -Mitanspannung des Hauses zu erleichtern; das Haus aber hat um so mehr -Grund, diesem Uebergriff zu wehren, als derselbe eben so unpädagogisch -wie gesundheitswidrig ist, und wenn die fehlerhafte Organisation -der Schule, die Unfähigkeit zur selbstständigen Erfüllung ihrer -Aufgabe, bis zu einem gewissen Grade als Entschuldigungsgrund für -diesen Uebergriff gelten kann, so liegt darin eine um so stärkere -Aufforderung, an diese fehlerhafte Organisation die bessernde Hand zu -legen.</p> - -<p>Die häuslichen Arbeiten sind unpädagogisch. Mit diesem Satz bin ich -sicher, den allgemeinen Widerspruch hervorzurufen, weil die Schulmänner -das Publikum seit Generationen an die entgegengesetzte Ansicht zu -gewöhnen gewusst haben. Als Grund wird angeführt,<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[– 165 –]</a></span> dass durch die -häuslichen Arbeiten die Jugend zu <em class="gesperrt">selbstständigem Arbeiten</em> -angeleitet werde. Unter „selbstständigem Arbeiten“ kann man zweierlei -verstehen: erstens das Studium selbstgewählter Wissenszweige und die -Bearbeitung selbstgewählter Aufgaben, und zweitens die zwangsweise -Lösung gestellter Aufgaben ohne Gedankentausch und erleichternden -Verkehr mit dritten Personen. Der erste Zweck stellt eine Ausnahme dar, -denn er passt bekanntlich nicht für die Schule im Ganzen, sondern nur -für die reifste Stufe der Schuljugend, und für diese halte auch ich die -Privatlektüre und die freiwilligen Arbeiten für höchst wünschenswerth. -Aber bei der jetzigen Erschöpfung der Schüler hören die sogenannten -freiwilligen Arbeiten ganz auf, oder sie werden selbst wieder zu -unfreiwilligen häuslichen Arbeiten mit einem gewissen Spielraum in -der Wahl der Gegenstände; in beiden Fällen geht ihr pädagogischer -Werth als Gewöhnungsmittel an Spontaneität der Arbeit verloren. Nur -besonders begabte und zugleich intensiv strebsame Köpfe können trotz -der Ueberbürdung die Kraft und Frische behalten, mit Privatstudien -ihren persönlichen Neigungen zu folgen; bei der Mehrzahl aller Schüler -bewirkt das heutige System der häuslichen Arbeit erfahrungsmässig nicht -die Lust zu selbstständigen Arbeiten, sondern bloss den Ekel vor aller -Geistesarbeit, einen so gründlichen und dauerhaften Ekel, dass er nach -der Erholung der ersten Studiensemester beim Biere nur noch durch den -Zwang des Brotstudiums überwunden zu werden pflegt. Der Erfolg spricht -also entschieden gegen die pädagogisch richtige Wahl des Mittels zum -Zweck; die Unzweckmässigkeit desselben ist aber auch deductiv zu -erweisen.</p> - -<p>Der eigentliche, regelmässige und allgemeine Zweck der häuslichen -Arbeiten im gewöhnlichen Sinne des<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[– 166 –]</a></span> Worts kann nur der zweitgenannte -sein: die zwangsweise Lösung gestellter Aufgaben ohne Gedankentausch -und erleichternden Verkehr mit dritten Personen. Dass dieser Zweck -durch Klausurarbeiten in der Schule wirklich erreicht werden kann und -thatsächlich erreicht wird, ist zweifellos; dass er <em class="gesperrt">nur</em> durch -häusliche Arbeiten erreicht werden könne, ist also völlig unhaltbar, -vielmehr sind solche für diesen Zweck ganz überflüssig, wofern nur die -Schule einen genügenden Theil ihrer Zeit auf Klausurarbeiten verwendet. -Dass aber dieser Zweck überhaupt durch häusliche Arbeiten erreicht -werden könne, ist von zwei Voraussetzungen, die beide bei der Mehrzahl -der Schüler offenbare Fictionen sind, abhängig: erstens dass die -Arbeiten wirklich zu Hause gefertigt, und zweitens, dass sie ohne Hülfe -dritter Personen und ohne unerlaubte Hülfsmittel gefertigt werden.</p> - -<p>Bekanntlich wird ein Theil der weniger kontrolirten Arbeiten gar nicht, -ein anderer Theil in der Schule (theils in Zwischenstunden, theils -in weniger scharf kontrolirten Schulstunden), ein dritter Theil mit -fremder Hülfe, ein vierter vermittelst unerlaubter Hülfsmittel (älteren -Klassenheften, gedruckten Uebersetzungen <span class="nowrap">u. s. w.</span>) gemacht; in allen -diesen Fällen wird der Zweck der häuslichen Arbeiten, und zwar nicht -nur der pädagogische, sondern auch der Lehrzweck verfehlt, und an seine -Stelle tritt die unpädagogische Gewöhnung der Schüler an Unredlichkeit, -Täuschung, Schwindeleien und Umgehung der obliegenden Pflichten. Je -mehr der Unterricht den Charakter schablonenhafter Dressur annimmt, -desto leichter sind die älteren Klassenhefte zu missbrauchen; je -besser und billiger die sogenannten Eselsbrücken werden, desto -nutzloser werden die Präparationen, da die allein werthvolle Uebung -im selbstständigen Konstruiren der Sätze dabei wegfällt.<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[– 167 –]</a></span> Je höher -die Anforderungen der Schule an die häuslichen Arbeitsleistungen in -allen Fächern gespannt werden, desto stärker wird der Anreiz, aus -naturgemässem Selbsterhaltungstriebe oder aus berechtigter Nothwehr -gegen die Ueberbürdung solche sich darbietende Erleichterungsmittel zu -brauchen, desto mehr wirkt die Schule als direkte Verführerin auch der -gewissenhafteren Schüler zum Betrug, desto tiefer sinken naturgemäss -die durchschnittlichen Klassenleistungen, weil das Unterrichtssystem -auf Voraussetzungen fusst, die nicht erfüllt werden. Was aber die -persönliche Selbstständigkeit der Schüler bei der Anfertigung -häuslicher Arbeiten betrifft, so ist dieselbe schon da aufgehoben, wo -mehrere Schüler sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen; sie wird in -ihr striktes Gegentheil verwandelt, wo die Schule, wie es oft genug -vorkommt, bei Schülern von nicht besonderer Fassungskraft geradezu auf -die unterstützende Mitwirkung des Hauses rechnet. Am widersinnigsten -sind die häuslichen Arbeiten in der Mathematik, da sie erfahrungsmässig -doch nur von ganz Wenigen selbstständig gelöst, von den Uebrigen aber -bloss abgeschrieben oder mit fremder Hülfe gefertigt werden.</p> - -<p>Der begabte Schüler, der in den Schulstunden allein genug lernt zur -Erreichung des Klassenziels, ist sachlich im Rechte, wenn er die für -ihn überflüssige Plage der häuslichen Arbeiten geschickt umgeht; der -unbegabte gewissenhafte wird unter ihrer Last erdrückt und verfehlt -entweder das Ziel der Schule oder kommt gebrochen an Geist und Körper -aus ihr hervor; der unbegabte gewissenlose wird zum Schwindel verleitet -und verfehlt das Ziel, weil es von seinesgleichen ohne gewissenhafte -Erfüllung aller Anforderungen nicht zu erreichen ist; die mittleren -Köpfe schlagen sich zur Noth durch, verlassen aber endlich mit -gerechtem Groll,<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[– 168 –]</a></span> mit Ueberdruss und Bitterkeit die Schule. Die Lehrer -werden durch die Kontrole der Unredlichkeit in einen beständigen Krieg -mit den Schülern hineingedrängt, an dessen Stelle bei dem Mangel -häuslicher Arbeit sofort die wohlthuendste Eintracht träte; auch werden -sie durch Beurtheilung der Schüler nach dem häuslichen Fleiss in eine -falsche Richtung hin, und von der allein massgebenden Beurtheilung nach -den Leistungen abgelenkt.</p> - -<p>Angenommen, es wäre von den jetzigen Schulstunden keine einzige -disponibel zu machen, um die Anfertigung der deutschen und -fremdsprachlichen Aufsätze und mathematischen Arbeiten aus dem Hause in -die Schule zu verlegen, so wäre es immer noch besser, einen Nachmittag -in jeder Woche mit zwei Stunden zur Anfertigung dieser Arbeiten unter -Klausur anzusetzen, als den jetzigen unpädagogischen Standpunkt -zu belassen; ebenso müsste ein grösserer Theil der Lektürestunden -zu kursorischer Lektüre ohne Präparation verwandt werden, um den -Schaden der jetzt allgemein üblichen Präparation mit Uebersetzung -einigermassen wieder gut zu machen. Erst mit der Verlegung der Aufsätze -und mathematischen Aufgaben unter Schulaufsicht würde die Beurtheilung -derselben zu dem, was sie doch sein soll, zu einem Massstabe für -die Leistungen des Schülers, und erst mit ihr würde der bei der -häuslichen Anfertigung verfehlte pädagogische Zweck der Gewöhnung an -selbstständiges Arbeiten wirklich erreicht werden.</p> - -<p>Jedenfalls darf der jetzige Zustand nicht länger fortbestehn: entweder -muss die Zahl der Schulstunden beträchtlich verringert werden, oder die -Schule muss in der Hauptsache ohne Zuhülfenahme der häuslichen Arbeiten -ihre Aufgabe erfüllen, und es ist nicht schwer zu sehen, welches -dieser beiden Ziele mehr Aussichten<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[– 169 –]</a></span> für praktische Verwirklichung -bietet. Aber die durchaus gebotene Entlastung der Schüler, mag man sie -nun anstreben auf welchem der beiden Wege man wolle, setzt immer als -Bedingung ihrer Möglichkeit voraus, dass die Nebenfächer wieder wie -früher wirklich als <em class="gesperrt">Neben</em>fächer behandelt werden und aufhören, -für die Versetzungs- oder Abgangs-Reife einen mitbestimmenden Einfluss -zu besitzen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="XI_Die_preussische_Schulreform_von_1882">XI.<br /> -Die preussische Schulreform von 1882.</h2> - -</div> - -<p>Durch die Circularverfügung des preussischen Unterrichtsministeriums -vom 31. März 1882 (Berlin bei W. Hertz), welche das Ergebniss -langjähriger behördlicher Erwägungen und Konferenzen darstellt, dürfte -für längere Zeit in unserem höheren Schulwesen ein stabiler Zustand -geschaffen sein, der erst nach Einsammlung langjähriger weiterer -Erfahrungen die Hoffnung auf weitergehende Reformen offen lässt. Es -liegt mir deshalb nahe, das bisher Erreichte mit den Forderungen zu -vergleichen, welche ich im Jahre 1875 in meiner Schrift: „Zur Reform -des höheren Schulwesens“ aufgestellt und begründet hatte.</p> - -<p>Ich hatte dort eine mässige Aenderung des Gymnasiallehrplans zu -Gunsten der Realwissenschaften und des Französischen verlangt, ferner -eine officielle Anerkennung des Werthes der lateinlosen Realschulen -mit neunjährigem Kursus, die ich nicht als höhere allgemeine -Bildungsanstalten sondern als Mittelschulen (höhere Bürgerschulen) mit -angehängter Fachschule von<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[– 170 –]</a></span> dreijähriger Lehrdauer betrachte, und hatte -endlich gewünscht, dass die vorhandenen Realschulen mit Latein entweder -in reorganisirte Gymnasien oder in lateinlose Realschulen umgewandelt -würden. Diese Wünsche sind durch die fragliche Ministerialverfügung, -wo nicht erfüllt, doch ihrer Erfüllung näher gerückt. Wie die -Unterrichtsordnung von 1859 zum ersten Male die Realschulen mit -Latein officiell recipirte und einen Normallehrplan für dieselben -aufstellte, so sind jetzt die lateinlosen Realschulen mit neunjähriger -Lehrdauer officiell recipirt und mit einem Normallehrplan ausgestattet -worden; im Gymnasiallehrplan ist eine ausreichende Verstärkung -der Realwissenschaften und eine allerdings nicht ausreichende des -Französischen auf Kosten des Lateinischen angeordnet, und in dem -bisherigen Realschullehrplan ist durch Verstärkung des Lateinischen -auf Kosten der Naturwissenschaften wenigstens eine Annäherung an das -Gymnasium erzielt worden. Die Verfügung unterscheidet nunmehr folgende -Arten von Schulen: Gymnasien, Realgymnasien, (früher Realschulen -erster Ordnung), Oberrealschulen (früher neunklassige Gewerbe- -und Handelsschulen), Progymnasien, Realprogymnasien, Realschulen -(eigentlich Oberprorealschulen), alle drei mit siebenjähriger -Lehrdauer, und endlich höhere Bürgerschulen, <span class="nowrap">d. h.</span> sechsklassige -Schulen ohne Latein mit Französisch und Englisch, deren Lehrplan -sich von demjenigen der „Realschulen“ fast nur durch das Fehlen der -obersten Klasse unterscheidet, die aber eine in sich abgeschlossene -Bildung geben sollen. Betrachtet man die „Oberrealschulen“ als mittlere -Schulen mit aufgesetzter dreiklassiger Fachschule, so fällt der -innere Unterschied zwischen Oberrealschulen, Realschulen und höheren -Bürgerschulen fort und es bleibt nur die äussere Differenz in der -Lehrdauer bestehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[– 171 –]</a></span></p> - -<p>Wenn schon in Bezug auf die Recipirung der „Oberrealschule“ und -in Bezug auf die gegenseitige Annäherung des Gymnasiums und -„Realgymnasiums“ die neueste Verfügung als ein wichtiger Fortschritt -in der Entwickelung unseres Unterrichtswesens angesehen werden darf, -so kann man auch den Geist, in welchem die beigegebenen Erläuterungen -abgefasst sind, nur mit Freuden begrüssen. Ueberall wird auf -Beschränkung im Lehrstoff, namentlich im Memorirstoff, gedrungen, -und vor mechanischer Beurtheilung der Schüler nach dem Ausfall der -schriftlichen Klassenarbeiten gewarnt; die übermässige Anspannung -der Schüler, besonders durch häusliche Arbeiten, wird nicht mit -Unrecht grossentheils auf eine Ueberspannung der Lehrziele der Schule -zurückgeführt, die zumeist aus der specialistischen Vorbildung der -Lehrer entspringt.</p> - -<p>Was nun zunächst die Veränderungen im Gymnasiallehrplan betrifft, -so hat den äusseren Anstoss zu denselben der Wunsch gegeben, die -Entschliessung der Eltern über die Laufbahn ihrer Söhne um ein Jahr -hinauszuschieben; <span class="nowrap">d. h.</span> das Gymnasium und die bisherige Realschule -erster Ordnung haben durch Verlegung des Beginns des griechischen -Unterrichts nach Tertia eine nahezu übereinstimmende Quarta erhalten, -so dass die Wahl zwischen beiden Schulen erst mit dem Eintritt in die -Tertia erforderlich wird. Das Griechische würde dabei nichts verlieren, -wenn in allen mittleren und oberen Klassen sieben Wochenstunden -statt der bisherigen sechs für dasselbe angesetzt wären; es würde -dann vielmehr durch Koncentration des Unterrichts und Vermehrung der -Lektürestunden in Obersekunda und Prima geradezu gewinnen. Leider ist -aber die Zahl von sieben Stunden nur für Tertia und Secunda angesetzt, -während man es in Prima bei sechs Stunden belassen hat, von denen eine -nach wie vor<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[– 172 –]</a></span> (trotz des Wegfalls des griechischen Examenscriptums) den -Extemporalien und der grammatischen Repetition gewidmet bleiben soll. -In diesem Punkte ist die Veränderung unbedingt eine Verschlechterung, -ebenso wie in der Vermehrung des geographischen und geschichtlichen -Unterrichts in den drei untersten Klassen um je eine Stunde.</p> - -<p>Ueber Unzulänglichkeit der geographischen und geschichtlichen Bildung -ist noch wenig Klage geführt, und wo eine solche bestände, würde eine -Vermehrung des Memorirstoffes in den untersten Klassen sich doch als -erfolglos erweisen, um auf sechs bis neun Jahr später das Wissen des -Abiturienten zu erhöhen. Dagegen kann die formale Bildung des Geistes -durch grammatische Schulung in den Unterklassen nicht gründlich genug -genommen werden, und so lange die lateinische Sprache diejenige ist, an -deren Grammatik diese Schulung vollzogen wird, kann dem lateinischen -Unterricht in den Unterklassen kaum eine zu hohe Stundenzahl überwiesen -werden. Es wäre deshalb wünschenswerth, diese Aenderung rückgängig -zu machen, <span class="nowrap">d. h.</span> dem Lateinischen die zu Gunsten der Geographie -und Biographien abgenommene Wochenstunde zurückzugeben. Geschähe -dies, so würde auch das Lateinische gegen solchen Zuwachs von drei -Jahres-Wochenstunden in den Unterklassen ohne Nachtheil einen Verlust -von zwei Jahres-Wochenstunden in Prima ertragen können, mit denen das -Griechische auf seinen bisherigen Stand zu ergänzen wäre.</p> - -<p>Für den französischen Unterricht hatte ich von Quarta bis Prima die -Erhöhung der Wochenstunden von zwei auf drei verlangt; statt dessen ist -nur in Quarta die Erhöhung von zwei auf fünf erfolgt. Nimmt man an, -dass letztere einer Vermehrung in Quarta und Tertia von zwei auf drei -gleichkommt, so bliebe noch<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[– 173 –]</a></span> solche in Secunda und Prima zu wünschen -übrig, und zwar zu Gunsten einer Ersetzung des lateinischen Aufsatzes -durch den französischen. Die „Circularverfügung“ gibt zu, dass es -gegenwärtig ein unerreichbares Ziel wäre, den lateinischen Aufsatz zum -Ausdruck für die Gedanken der Schüler machen zu wollen, und beschränkt -denselben auf den durch die Lektüre zugeführten Gedankenkreis und -Wortschatz (S. 20). Aber auch innerhalb dieser Beschränkung wird die -auf den lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe nur noch bei -einer mehr als mittleren Lehrkraft fruchtbar zu machen sein, während -die gleiche Zeit und Mühe, auf den französischen Aufsatz verwendet, -viel reichere Früchte tragen muss. Das Mindeste, was als Postulat -festgehalten werden muss, ist das, dass den Gymnasien je nach den -ihnen zur Verfügung stehenden Lehrkräften freigestellt wird, entweder -den lateinischen, oder den französischen Aufsatz zu pflegen, und im -letzteren Falle in Secunda und Prima eine lateinische Wochenstunde an -das Französische abzugeben.</p> - -<p>Die Verstärkung des mathematischen Unterrichts ist in genügender -Weise erfolgt. In Secunda und Prima sind ihm vier Stunden wöchentlich -gesichert, und wenn die Stundenzahl in Tertia bei drei belassen ist, -so ist zum Ersatz dafür in Quinta und Quarta je eine Wochenstunde mehr -angesetzt. Da nunmehr der geometrische Unterricht schon in Quarta -beginnt, und in Quinta durch geometrisches Zeichnen vorbereitet wird, -so kann derselbe in Tertia und Untersecunda entsprechend beschränkt, -und dadurch die nöthige Zeit für gründlichere Durcharbeitung der -arithmetischen und algebraischen Klassenpensa gewonnen werden (S. -24–25). Dass die Stunde für geometrisches Zeichnen in Quinta durch -Verminderung der Religionsstunden von drei auf zwei gewonnen worden -ist, kann nur gebilligt werden,<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[– 174 –]</a></span> da zwei wöchentliche Religionsstunden -in allen Klassen der höheren Schulen ausreichend genannt werden müssen.</p> - -<p>Der naturwissenschaftliche Unterricht litt bisher darunter, dass -ihm in Sekunda nur eine Stunde zugewiesen war, und es war deshalb -gerechtfertigt, ihm die zweite Stunde auf Kosten des Lateinischen -zuzutheilen. Die Naturkunde, deren Unterricht bisher in Quarta eine -Unterbrechung erlitt, in dieser Klasse ebenfalls mit zwei Stunden -auszustatten, dazu lag eigentlich kein Bedürfniss vor; man hat indessen -einer starken Zeitströmung Rechnung getragen, indem man von den sechs -durch Wegfall des Griechischen verfügbar werdenden Stunden zwei der -Naturkunde zuwies (wie drei dem Französischen und eine der Geometrie).</p> - -<p>Im Grossen und Ganzen verfolgt die neueste Reform des -Gymnasiallehrplanes den rechten Weg, wenngleich die Beeinträchtigung -des Griechischen — mag sie an sich unerheblich scheinen — sehr zu -bedauern bleibt und früher oder später wieder gut gemacht werden muss. -Das wichtigste Merkmal der Reform ist, dass das Gymnasium wieder um -einen Schritt weiter geführt ist in der Abstreifung des Charakters -als „lateinische Schule“; die Einbusse von neun Jahres-Wochenstunden -wird die Leistungen im Lateinisch-Schreiben nothwendig immer mehr -herabsetzen, so dass in etwa einem Jahrzehnt nach der Verfügung die -Unhaltbarkeit des lateinischen Aufsatzes immer einleuchtender werden -muss. Dann wird auch die Zeit gekommen sein, denselben durch den -französischen Aufsatz zu ersetzen, und das Griechische wieder in seine -ungeschmälerten Rechte einzusetzen.</p> - -<p>Gehen wir nun zu dem Lehrplan des „Realgymnasiums“ über, so fällt -zunächst in die Augen, dass in demselben das Lateinische zehn -Jahres-Wochenstunden gewonnen hat, wie es im Gymnasiallehrplan deren -neun verloren hat. Die Differenz der lateinischen Jahres-<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[– 175 –]</a></span>Wochenstunden -zwischen Gymnasium und „Realgymnasium“, welche bisher 42 betrug, und -gegenwärtig auf 23 verringert ist, würde auf 18 sinken, wenn für die -drei untersten Klassen völlige Uebereinstimmung durch Uebertragung -des Gymnasiallehrplans auf die „Realgymnasien“ hergestellt würde; -warum diese Konformität nicht schon hergestellt ist, obwohl die -Versetzung der Schüler aus der einen Art von Anstalt in die gleichen -Klassen der anderen stattfinden soll, ist mir unerfindlich. Ebenso -wunderlich erscheint die Differenz im Geschichtsunterricht, wonach das -Gymnasium von den vier obersten Jahreskursen zwei, das Realgymnasium -deren nur einen der alten Geschichte widmet; das sieht so aus, als -sollte die Geschichte des Alterthums nicht zu den „Realwissenschaften“ -gerechnet werden. Die gegenwärtige Zahl lateinischer Stunden, nämlich -sechs in Tertia und fünf in Sekunda und Prima, dürfte in der That -ausreichen, um auf Grund hinlänglicher grammatischer Schulung eine -fruchtbare Lektüre lateinischer Klassiker zu ermöglichen; da aber die -einseitige lateinische Lektüre ohne Ergänzung durch die griechische -nicht ausreicht, dem Geiste eine klassisch humanistische Bildung zu -gewähren (wie die griechische Lektüre allein es allerdings vermöchte), -so kann auch der revidirte Lehrplan der Realschule erster Ordnung -die Verleihung des Namens „Realgymnasium“ keineswegs rechtfertigen. -Jedenfalls ist anzuerkennen, dass auch diese Reform mit ihrer -Verstärkung des altsprachlichen Unterrichts bei gleichzeitiger -Ausscheidung der organischen Chemie und Beschränkung der Mineralogie -und der Mathematik (in Quarta und Tertia) sich auf dem rechten Wege -befindet und als vorläufige Abschlagszahlung, als Verwirklichung -des augenblicklich Erreichbaren mit Dank hinzunehmen ist. Zu -bedauern bleibt neben der Ungleichmässigkeit des Lehrplans<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[– 176 –]</a></span> in den -drei untersten Klassen der Uebelstand, dass die „Realgymnasiasten“ -noch immer mit zwei Wochenstunden mehr belastet sind, als die -Gymnasiasten, was jedenfalls einer späteren Abstellung bedarf, da -die Gesammtleistungen der Realgymnasien keinesfalls eine stärkere -Inanspruchnahme des Schülers rechtfertigen.</p> - -<p>So lange zwischen reformirtem Gymnasium und Oberrealschule noch -als dritte Gattung das „Realgymnasium“ besteht, so lange wird auch -das Streben der Realgymnasien dauern, die an ihre Abgangsprüfung -geknüpften Berechtigungen zu erweitern. Ohne das Gewicht der einer -solchen Erweiterung entgegenstehenden Bedenken zu unterschätzen, -wird man doch auch die Naturgemässheit eines solchen Strebens -anerkennen, und wird unter Beibehalt der bisherigen Bestimmungen den -Realabiturienten wenigstens für den nachträglichen Erwerb der an die -Gymnasialabgangsprüfung geknüpften Berechtigungen die möglichsten -Erleichterungen gönnen. Bis jetzt muss in solchem Falle eine -Nachprüfung im Lateinischen, Griechischen und in der alten Geschichte -abgelegt werden; es wäre nicht mehr als billig, die gegenwärtig sehr -verringerten Mehrleistungen des Gymnasiums im Lateinischen durch die -des Realgymnasiums im Französischen und Englischen als kompensirt -anzusehen, ebenso die Nachprüfung in der alten Geschichte fallen zu -lassen und ausschliesslich diejenige im Griechischen aufrecht zu -erhalten.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[– 177 –]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XII_Der_Streit_um_die_Organisation_der_hoeheren_Schulen">XII.<br /> -Der Streit um die Organisation der höheren Schulen.</h2> - -</div> - -<p>Wohl noch zu keiner Zeit war das Bewusstsein einer Reformbedürftigkeit -unseres höheren Schulwesens so allgemein verbreitet wie jetzt, und -das Gefühl, dass die preussische Reform vom 31. März 1882 nur eine -unzulängliche Abschlagszahlung gewesen ist, verschärft sich zusehends. -Leider besteht nur noch immer kein Einverständniss über das, was -geschehen soll, um die Einrichtungen unserer höheren Schulen den -Ansprüchen der modernen Bildung anzupassen. Die Regierungen haben -deshalb einen schweren Stand, weil sie beim besten Willen zur Abhülfe -nicht wissen, auf wen sie hören sollen.</p> - -<p>Ohne Zweifel gibt es eine Anzahl denkender Männer, besonders in -Schulkreisen, welche den gegenwärtigen Zustand für einen allen -Bedürfnissen entsprechenden und durchaus keiner Aenderung bedürftigen -halten; aber solche bilden doch wohl eine sehr kleine Minderheit, -während die Mehrzahl Aenderungen bald in diesem, bald in jenem Sinne -für wünschenswerth oder gar nothwendig erachtet. Insbesondere richten -sich die Bedenken gegen die Verschiedenartigkeit unserer höheren -Schulen, und selbst diejenigen, welche nicht eine vollständige -Einheitsschule als Ziel hinstellen, geben doch zu, dass es sich -empfehle, womöglich eine Einheit in dem unteren Theil der Klassen -herzustellen. Für Gymnasien und Realgymnasien hat die preussische -Reform diesem Wunsche insoweit Rechnung getragen, dass der Beginn -des Griechischen von Quarta nach Tertia verlegt ist und die früheren -Unterschiede im<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[– 178 –]</a></span> Lehrplan der unteren Klassen wenigstens annähernd -ausgeglichen sind. Es ist in der That nicht abzusehen, warum diese -Verähnlichung nicht zu einer vollständigen Gleichheit von Sexta -bis Quarta werden sollte, damit der Uebergang von der Quarta eines -Realgymnasiums zur Tertia eines Gymnasiums sich fortan ebenso leicht -bewerkstelligen lasse, wie jetzt der umgekehrte; dann erst würden -wir eine wirkliche Bifurcation oder Gabelung für die letzten sechs -Schuljahre haben.</p> - -<p>Ein Theil der Anhänger der Gabelung geht aber weiter und fordert, -dass auch die zweijährige Tertia noch einheitlichen Lehrplan erhalte -und das Griechische erst in Sekunda beginne. Eine solche Beschränkung -der Gabelung auf die letzten vier Schuljahre würde allerdings eine -beträchtliche Beschränkung des Griechischen in der Gymnasialabtheilung -einschliessen. Diese Beschränkung des Griechischen wird von den -Einen als bedauerliche Folge mit in den Kauf genommen, während diese -Aussicht den Anderen so erwünscht scheint, dass sie geradezu als Motiv -zur Aufstellung der Forderung wirkt. Noch Andere wollen sogar das -Griechische ganz auf die Prima beschränken, also die Gabelung erst -dort beginnen lassen, doch sind dies bis jetzt vereinzelte Stimmen. -Wer soweit zu gehen bereit ist, der geht gewöhnlich auch gleich noch -weiter und weist das Griechische ganz aus der Schule hinaus auf -die Universität, sei es, dass er das Realgymnasium mit verstärktem -lateinischen Unterricht als Einheitsschule proklamirt, sei es, dass er -für Abschluss der höheren Schule mit der Obersekunda und Verlängerung -des Universitätsstudiums um zwei Jahre plaidirt.</p> - -<p>Alle diese Bestrebungen haben noch das Gemeinsame, dass sie an -der lateinischen Sprache als einem Hauptunterrichtsgegenstand des -Einheitslehrplanes, wie weit der letztere nun auch hinaufreichen möge, -fest<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[– 179 –]</a></span>halten, also die lateinlose Oberrealschule entweder als höhere -Schule aufgehoben wissen wollen, oder aber als eine zweite Art von -höherer Schule neben dem gegabelten Realgymnasium bestehen lassen. -Dieser Gruppe stehen aber andere Tendenzen gegenüber, welche die -Oberrealschule mit in den Einheitslehrplan hineinziehen wollen. Wenn -doch das Griechische erst in Sekunda oder Prima beginnt, so scheint -es nicht unthunlich, das Lateinische erst zwei Jahre früher, also in -Tertia, beziehungsweise Sekunda beginnen zu lassen und den Lehrplan -der Unterklassen auf die Muttersprache und neuere Fremdsprachen zu -stützen. Ein solcher Lehrplan gestattet dann eine Trifurcation, -indem sich von Tertia (bezw. Sekunda) an die realistische und die -humanistische Richtung scheidet, von Sekunda (bezw. Prima) an aber -die letztere sich noch einmal in den Lehrplan mit und ohne Griechisch -spaltet. Auf der andern Seite kann der realistische Lehrplan sich -in den letzten Jahren noch einmal in eine neusprachliche und eine -mathematisch-naturwissenschaftliche Abtheilung sondern, so dass wir -eine Quadrifurcation erhielten, falls nicht das Griechische ganz von -der Schule ausgeschlossen wird.</p> - -<p>Die Vertreter der Ansicht, dass der altsprachliche Unterricht erst -in mittleren Klassen beginnen sollte, berufen sich dabei auf das -Vorbild des schwedischen Schulwesens, in welchem die deutsche Sprache -aus praktischen Gründen zum Hauptgegenstand der Unterklassen erhoben -ist.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> Sie stützen sich aber ausserdem noch auf politische und -sociale Erwägungen, insofern ein solcher Lehrplan es sehr erleichtert, -alle Schüler<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[– 180 –]</a></span> zuerst durch die Volksschule als Unterstufe, dann -durch eine Bürgerschule als Mittelstufe und endlich durch die -höhere Schule gehen zu lassen. Die sozialdemokratische Forderung -der allgemeinen Aufhebung des Schulgeldes und der Versetzung aller -Kinder bloss nach den Leistungen hat eine derartige Organisation des -Schulwesens zur logischen Voraussetzung. Dass eine solche Stufenfolge -nicht undurchführbar ist, zeigt ihre annähernde Verwirklichung im -schweizerischen Schulwesen. Alle politisch radikalen und social -nivellirungssüchtigen Elemente werden früher oder später diese -Forderung in ihr Programm aufnehmen, und es wäre nicht unmöglich, dass -die Schulreformfrage letzten Endes nicht nach pädagogischen Rücksichten -und kulturellen Masstäben, sondern im Gegensatz zu diesen durch die -politische und sociale Demokratisirungstendenz unserer Zeit entschieden -würde.</p> - -<p>Es ist nämlich klar, dass die Masse bei einer solchen Schulorganisation -ebensoviel gewinnen würde, als die gebildeteren Stände Einbusse -erleiden müssten, und da die Masse an Zahl weit voransteht, so muss -der Verlust, den die geistige Aristokratie erleidet, aus socialen -dämonistischen Gesichtspunkt nothwendig gegen den Gewinn der breiteren -Volksschichten zurückstehen. Ob das geistige Kulturniveau des Volkes -als Ganzes bei einer solchen Schädigung des Bildungsgrades seiner -Aristokratie zurückgeht, das kümmert ja die Demokratie nicht, bereitet -ihr eher Schadenfreude. Die Interessenpolitik der kapitalistischen -Bourgeoisie oder der Liberalismus fürchtet die Verwirklichung des -demokratischen Programms in diesem Punkte nicht, weil die Wohlhabenden -überzeugt sind, dass sie in solchem Falle hinreichende Mittel haben -würden, um ihre Kinder durch Unterricht in theuren Privatschulen -besser, leichter und schneller als in der öffentlichen Volks- und -Mittelschule<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[– 181 –]</a></span> für die höhere Schule vorbereiten zu lassen. Diese -Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen wäre die liberale Geldaristokratie -und der utilitarisch denkende Gewerbestand gern bereit, wenn dadurch -nur das für ihre Zwecke Nützliche, <span class="nowrap">d. h.</span> der neusprachliche und -mathematisch naturwissenschaftliche Lehrplan, in die Höhe kommt und -die vom Nützlichkeitsstandpunkt zwecklose Quälerei ihrer Kinder -mit alten Sprachen aufhört. Deshalb erhält die demokratische -Nivellirungstendenz aus dem Lager des Liberalismus mächtigen Vorschub, -wobei selbstverständlich alle Gabelung des Lehrplanes nur als -vorläufiges Zugeständniss gilt, in der Hoffnung und mit der Absicht, -dass es gelingen werde, den Beginn der Gabelung allmählich immer -weiter hinauszuschieben, bis endlich als allgemeine Einheitschule die -Oberrealschule oder eine ähnlich organisirte Anstalt ohne alte Sprachen -übrig bleibt. Das Ideal einer solchen Schule wird schon jetzt von -verschiedenen radikalen Schulreformern als Ziel hingestellt, als der -vollständige Bruch mit der Reaktion und den Schatten des Mittelalters -gepriesen und auf die geschichtlich naturwissenschaftliche Bildung -unserer Zeit gestützt.</p> - -<p>Fragen wir uns nun, woher es kommt, dass das Gefühl der -Reformbedürftigkeit unseres Schulwesens gerade in dem letzten -Menschenalter so intensiv geworden ist, so ist die Antwort: weil alle -Eltern fühlen, dass ihre Kinder mit Lernstoff überbürdet werden und -in Folge dessen die wirklich durch die Schule erzielte Bildungsstufe -der Zöglinge zurückgeht. Blickt man auf die Geschichte des höheren -Schulwesens zurück, so sieht man, wie an die ursprüngliche Lateinschule -ein Unterrichtsgegenstand nach dem anderen angehängt wird, deren -jeder mit gutem Rechte einen Theil der nothwendigen allgemeinen -Bildung auszumachen bean<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[– 182 –]</a></span>sprucht. Sollen unsere Kinder sich nicht -vollends dumm lernen, so ist eine Verminderung der vom Lehrplan an -dieselben gestellten Ansprüche unbedingt erforderlich. Jede intensivere -Gestaltung des Unterrichts hat die entgegengesetzte Wirkung, ist also -nur statthaft, wenn die Unterrichtszeit entsprechend verringert wird, -steigert aber bloss die vorhandenen Uebelstände, wenn sie dazu benutzt -wird, um entgegengesetzte Ansprüche vereint zu befriedigen. Sobald -die obligatorische Einfügung des griechischen Unterrichts in den -Gymnasiallehrplan in Preussen durchgeführt war, begann auch das Gefühl -sich geltend zu machen, dass dem altsprachlichen Unterricht ein zu -grosser Antheil der verfügbaren Zeit eingeräumt sei, und dieses Gefühl -fand theils in der Entstehung der Realgymnasien und Oberrealschulen, -theils in kleinen Korrekturen des Gymnasiallehrplans seinen Ausdruck. -Aber die Unbefriedigung blieb bestehen.</p> - -<p>Das Bewusstsein ist allgemeiner geworden, dass die Oberrealschule keine -den Konkurrenzanstalten ebenbürtige höhere allgemeine Bildung zu bieten -habe; nach der neuesten Einschränkung ihrer Berechtigungen scheint es -fast unvermeidlich, dass dieselbe sich wieder in die Bestandtheile -auflöst, welche in ihr verquickt sind und in dieser Vereinigung den -falschen Schein einer höheren Schule sich angemasst haben, nämlich -in die höhere Bürgerschule einerseits und in die mittlere Fachschule -andererseits. Dass das Gymnasium mit dem Lehrplan von 1882 im Grossen -und Ganzen eine höhere allgemeine Bildung vermittelt, wird nicht -bestritten, doch werden immer noch in einzelnen Punkten Lücken in -derselben gefunden und wird vor Allem beklagt, dass diese noch -lückenhafte Bildung nur auf Kosten einer wirklichen Ueberbürdung der -Jugend erlangt werde. Das Realgymnasium endlich ist ein unglückliches -Zwitterding zwischen der alten Lateinschule<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[– 183 –]</a></span> und der modernen -Oberrealschule; ohne Latein würde es kein Gymnasium sein, aber was -sie an Latein gibt, daran hat doch wieder kein Schüler rechte Freude -und es ist zu wenig, um eine humanistische Bildung zu vermitteln. Das -Schlimmste aber ist die durch die Entwickelung der Realschulen neben -den Gymnasien entstandene Spaltung unseres Schulwesens, welche die -einheitliche Bildung der Nation zerreisst und auf dem Widerspruch -beruht, als ob es <em class="gesperrt">zwei</em> beste Methoden zur Gewinnung einer -zeitgemässen allgemeinen höheren Bildung geben könnte. Dieser -Widerspruch kann auch durch keine Gabelung gehoben werden, sondern nur -durch die volle Einheitsschule. Alle gefühlsmässige Antipathie gegen -den altsprachlichen Unterricht als gegen einen unzeitgemässen Rest des -Mittelalters hat eine historische Grundlage nur gegen das Lateinische -als Unterrichtsgegenstand der alten Lateinschule, schliesst aber nur -aus Unkenntniss das Griechische mit ein, welches im Mittelalter gar -keine Rolle spielte. Man sieht sich in dem Widerspruch befangen, dass -man gern los möchte von dem unzeitgemäss gewordenen Lateinischen und -doch fühlt, aus der des altsprachlichen Unterrichts beraubten Schule -keine rechte höhere Bildung schöpfen zu können.</p> - -<p>Der entscheidende Punkt liegt im Griechischen, und hierauf spitzt sich -neuerdings in der Diskussion der Fachkreise die Schulreformfrage mehr -und mehr zu. War es ein Fehler, die Lateinschule, welche sich ohnehin -den Realdisciplinen öffnen musste, auch noch mit dem Griechischen -zu belasten? Müssen wir diesen falschen Schritt zurückthun, <span class="nowrap">d. -h.</span> zur Lateinschule zurückkehren und deren Lehrplan bloss um die -Realdisciplinen erweitern? Müssen wir den verminderten Bildungswerth -der lateinischen Literatur für die heutige Zeit geduldig in den Kauf -nehmen, und immerhin noch<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[– 184 –]</a></span> das Beste daraus machen, was daraus zu -machen ist, um nur nicht ganz der humanistischen Bildung verlustig -zu gehen? In der That, wir müssten uns dabei bescheiden, wenn es -keinen anderen Ausweg gäbe. Wir müssten dann die Einheitsschule -dadurch herstellen, dass wir auf dem Realgymnasium das Lateinische -auf Kosten der Realdisciplinen bedeutend verstärken, und auf dem -Gymnasium die Zahl der griechischen Stunden an das Lateinische und -die Realdisciplinen vertheilten. Das Beste, was unser heutiges -Gymnasium an humanistischer Bildung bietet, würde einer so gewonnenen -Einheitsschule freilich fehlen, die Kenntniss der griechischen Dichter, -Geschichtsschreiber und Redner, und die Unzulänglichkeit der durch -die lateinischen Schriftsteller vermittelten Weltanschauung würde mit -jedem Menschenalter schärfer zum Bewusstsein gelangen, bis endlich -das Missverhältniss zwischen Ertrag und aufgewendeter Arbeit einem -künftigen Geschlecht allzu schreiend däuchte, um es noch länger zu -ertragen. Die Antipathie gegen das Lateinische und die schon jetzt -unsere reifere Schuljugend durchziehende spöttische Missachtung gegen -dessen Literatur würde mit jedem Jahrzehnt wachsen, bis über kurz oder -lang das nackte Realprincip, unterstützt durch die oben angeführten -politischen und socialen Interessen über den fadenscheinig gewordenen -Humanismus den Sieg davon trüge.</p> - -<p>Die Frage ist nur, ob wirklich die Wiederausscheidung des Griechischen -das einzige Mittel zur Vereinfachung des gymnasialen Lehrstoffes -ist, ob nicht die Männer, welche das Griechische als obligatorischen -Unterrichtsgegenstand in das deutsche Gymnasium einführten, doch -auf dem rechten Wege waren, und ob nicht die dadurch entstandene -Ueberbürdung mit zwei alten Sprachen bloss eine Uebergangskrisis -ist, wie sie bei jedem Umschwung tiefgreifender Organisationen<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[– 185 –]</a></span> fast -unvermeidlich ist. Das Lateinische hat der abendländischen Kultur -über die Nacht des Mittelalters hinweggeholfen und ist die Brücke -geworden, auf welcher sie in der Zeit der Renaissance und Reformation -zu den echten Quellen ursprünglicher Klassicität, zu den Griechen, -zurückzusteigen begann. Sollte dieser geschichtliche Process nicht -auch in der Schule sein entsprechendes Nachspiel finden? Sollte nicht -auch hier die Latinität wesentlich <em class="gesperrt">der Erzieher zum Hellenismus</em> -sein, und <em class="gesperrt">abgedankt</em> werden können, wenn er als solcher seine -Schuldigkeit gethan und ausgedient hat?</p> - -<p>Die Völker romanischer Rasse sind leider nicht in der glücklichen -Lage wie die Germanen und Slaven, das Lateinische ohne Weiteres -abschütteln zu können, weil sie durch ihre eigene Vergangenheit und -Sprachentwickelung zu eng mit demselben verknüpft sind. Ausserhalb -Deutschlands ist entweder (wie <span class="nowrap">z. B.</span> bei den slavischen Völkern) der -Sinn für die bildende Kraft der Klassicität überhaupt noch nicht -genügend in’s Volksbewusstsein eingedrungen, oder man klebt noch, wie -die Engländer, an der Bewunderung der lateinischen Afterklassicität -fest. Gerade in Deutschland aber bemühen sich seit hundert Jahren die -Besten der Nation, derselben klar zu machen, dass Hellenismus und -Latinität sich verhalten wie Sonne und Mond, und das Verständniss -dieser Wahrheit ist tief in die öffentliche Meinung eingedrungen. -Sollte es nicht endlich an der Zeit sein, die Konsequenzen daraus -für unsere Schule zu ziehen? Erscheint es nicht wie eine Verhöhnung -dieser Wahrheit, dass man die Realgymnasiasten mit dem Lateinischen -quält, anstatt die gleiche Unterrichtszeit auf Griechisch zu -verwenden und dadurch mit einem Schlage das Realgymnasium zu einem -wahrhaft humanistischen zu erheben? Wäre es nicht rationeller, in dem -Gymnasium, wo eine gewisse Pflege des Lateinischen<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[– 186 –]</a></span> aus praktischen -Gründen vorläufig unentbehrlich scheint, doch den Löwenantheil des -altsprachlichen Unterrichts dem Griechischen zuzuwenden, <span class="nowrap">d. h.</span> einen -<em class="gesperrt">Rollentausch</em> zwischen beiden alten Sprachen vorzunehmen -und in Sexta gleich mit dem Griechischen zu beginnen, während der -Anfang des Lateinischen auf Tertia verschoben wird? Das Griechische -ist auch in rein sprachlicher Hinsicht eine viel vollkommenere -und schönere Sprache, und muthet uns dabei viel verwandter und -heimischer an, als das artikellose Latein mit seinem ablativus -absolutus, seinem accusativus cum infinitivio und seiner verzwickten -Wortstellung im Satze. Die lateinische Literatur aber hat gerade -nur insoweit einen Werth, als sie griechische Muster durchschimmern -lässt, und die eklektische Aufklärungsphilosophie eines Cicero, die -im Aufklärungszeitalter des vorigen Jahrhunderts gerade noch als -Bildungsmittel der Jugend genügen konnte, kann es heute schlechterdings -nicht mehr, weder aus dem Gesichtspunkt philosophischer Spekulation, -noch aus demjenigen eines philosophieverachtenden Positivismus.</p> - -<p>Zwei Grundsätze, mögen sie nun als solche hingestellt werden, oder -mögen sie als unbestimmt gefühlte den Reformtendenzen zu Grunde liegen, -sind gegenwärtig kaum noch zu bestreiten: 1. <em class="gesperrt">zwei</em> alte Sprachen -sind <em class="gesperrt">des Guten zu viel</em>, und man muss <em class="gesperrt">eine opfern</em>, um die -<em class="gesperrt">andere zu retten</em>, und 2. das Lateinische ist als Bildungsmittel -<em class="gesperrt">veraltet</em> und nicht mehr die darauf verwendete Zeit und Mühe -werth. Eine wahrhaft humanistische Bildung im Sinne der Einführung in -die ideale Klassicität kann nach dem Massstab der heutigen Ansprüche -nicht mehr das Lateinische, sondern nur noch das Griechische gewähren. -Wer auf eine solche humanistische Bildung keinen Werth legt, wird die -alten Sprachen überhaupt verwerfen müssen; wer sie der<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[– 187 –]</a></span> höheren Schule -gegen die anstürmende Amerikanisirung aller Werthmassstäbe zu erhalten -sucht, der kämpft auf einem verlorenen Posten, wenn er seine Kräfte -für die Erhaltung des Lateinischen in seinem heutigen Besitzstande -einsetzt. Wollen die Vertreter des humanistischen Princips nicht durch -Uneinigkeit ihre Sache zu Grunde richten, so müssen sie sich alle -ohne Ausnahme um die Fahne des Griechischen schaaren und an Stelle -der Lateinschule der Vergangenheit die <em class="gesperrt">griechische Schule</em> als -Zukunfts-Ziel in’s Auge fassen.</p> - -<p>Die nähere Ausführung und Begründung dieser Ansichten würde hier zu -weit führen, und muss ich in dieser Hinsicht auf meine Schrift: „Zur -Reform des höheren Schulwesens“ verweisen. Uebrigens ist der von -mir daselbst als zweite Stufe der Reform befürwortete Beginn des -altsprachlichen Unterrichts mit dem Griechischen kein neuer Gedanke, <span class="nowrap">z. -B.</span> von Vittorino da Feltre (1378–1447), Heinrich Stephanus, Tiberius -Hemsterhuis, David Ruhnken, Franz Passow, Fichte, Herbart, Gervinus, -Thaulow <span class="nowrap">u. A. m.</span> vertreten worden. Neuerdings hat mein Standpunkt warme -Vertheidiger gefunden in Hans Müller („Griechische Reisen und Studien“, -Leipzig bei W. Friedrich, 1887) und Johannes Flach („Der Hellenismus -der Zukunft“, ebenda 1888), zwei Schriften, die trotz mancher über das -Ziel hinausschiessenden Uebertreibungen bestens zu empfehlen sind und -hoffentlich dazu beitragen werden, der Schulreformfrage neue Impulse zu -geben und manchen zwischen Latinität und Hellenismus noch Schwankenden -auf die Seite des letzteren hinüberzuziehen. Ebenfalls bekennt sich -zu meinen Zukunftszielen F. Hornemann, der Schriftführer und geistige -Mittelpunkt des „Deutschen Einheitsschulvereins“, allerdings nur in -demselben Sinne wie ich selbst, als zu <em class="gesperrt">Zukunftszielen</em>, denen man -sich nur <em class="gesperrt">schrittweise</em> durch eine<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[– 188 –]</a></span> vorsichtige geschichtliche -Entwickelung nähern kann<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>, während Flach meine drei Stufen der -Reform konfundirt und nicht beachtet, dass ich selbst in der dritten -und letzten dem Lateinischen noch zwei Stunden in den letzten sechs -Schuljahren bewillige.</p> - -<p>Wenn es dem Philosophen freistehen muss, seinen Blick auch in eine -spätere Zukunft zu richten, um nach fernen Idealen die gegenwärtig -wünschenswerthen Schritte zu bestimmen, so haben doch alle unmittelbar -zur Ausführung bestimmten Reformvorschläge sich möglichst eng an die -gegebenen Zustände anzuschliessen, damit die <em class="gesperrt">ruhige Stetigkeit</em> -der Entwickelung gewahrt bleibt. In diesem Sinne habe ich selbst meine -<em class="gesperrt">erste Stufe</em> der Reform gestaltet, und in dieser Auffassung -wurzeln auch die Bestrebungen des deutschen Einheitsschulvereins -und seiner bisherigen Veröffentlichungen (3 Hefte), welche zu -den besonnensten und durchdachtesten Erzeugnissen der neueren -Schulreformliteratur gehören. „Der Zweck des Vereins ist, für die -innere Berechtigung einer Gymnasium und Realgymnasium verschmelzenden -höheren Einheitsschule mit Beibehaltung des <em class="gesperrt">Griechischen</em> für -<em class="gesperrt">alle</em> Schüler einzutreten und auf die Herbeiführung einer solchen -hinzuwirken.“ Der Verein als solcher hat sich noch nicht über einen -Lehrplan geeinigt, wohl aber hat F. Hornemann einen solchen aufgestellt -(<span class="nowrap">a. a. O.</span> S. 108), der sich ziemlich eng an den preussischen -Gymnasiallehrplan von 1882 anschliesst und dem badischen von 1869 am -nächsten steht.</p> - -<p>Nicht billigen kann ich in demselben die Verminderung der griechischen -Stunden in Tertia und Sekunda von sieben auf sechs, weil dieselbe -dem <em class="gesperrt">idealen Ziel</em> der ganzen Reform, der <em class="gesperrt">Stärkung</em> des<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[– 189 –]</a></span> -Griechischen, schnurstracks zuwiderläuft und statt dessen die vom -preussischen Ministerium im Jahre 1882 begonnene <em class="gesperrt">Zurücksetzung</em> -des Griechischen fortführt und verschlimmert. Ebensowenig kann -ich es billigen, dass die Zahl der obligatorischen Wochenstunden -in Prima um zwei erhöht ist, um das Englische unterzubringen; -eine solche Erweiterung des Lehrplanes ohne Verminderung anderen -Unterrichtsstoffes darf höchstens fakultativen Charakter haben. -Soll das Englische obligatorisch werden, so muss es auf Kosten des -Lateinischen geschehen. Ich sehe aber keinen Grund, warum man die -hässlichste und formell armseligste aller europäischen Sprachen allen -Gymnasiasten <em class="gesperrt">aufzwingen</em> soll, bloss weil sie die kaufmännische -Geschäftssprache von fünf Erdtheilen, die geschichtlich gewordene -Volapük oder Weltsprache ist. Ein solcher Schritt wäre höchstens -dann zu rechtfertigen, wenn er der Kaufpreis wäre, um den die -Verschiedenheit von Realgymnasium und Gymnasium wirklich endgültig -beseitigt würde; so lange aber beide Schulen mit und ohne Griechisch -doch noch nebeneinander fortbestehen, hat das Gymnasium auch gar keinen -Grund, sich mit solchem gegen sein Princip verstossenden Ballast zu -belasten, und die fehlerhafte Zweiheit der alten Sprachen durch eine -ebenso fehlerhafte Zweiheit neuerer Fremdsprachen zu verschlimmern. Die -Hornemann’sche Erhöhung der französischen Unterrichtsstunden auf vier -in Tertia verliert ihre Bedeutung, wenn der Beginn des Französischen in -Quinta nach dem preussischen Lehrplan beibehalten wird. Um der vierten -französischen Stunde willen in Tertia braucht das Griechische daselbst -ebensowenig beraubt zu werden, als um des Englischen willen in Sekunda. -Im Uebrigen trifft die Erhöhung der französischen Stunden in den -oberen Klassen von zwei auf drei, und die entsprechende Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[– 190 –]</a></span>minderung -der lateinischen Stunden mit meinen Vorschlägen zusammen, während die -Vermehrung der Mathematikstunden in Tertia von 2 auf 3 durch den -Beginn des geometrischen Unterrichts in Quarta entbehrlich geworden ist.</p> - -<p>Als die Hauptfrage für den nächsten praktischen Reformschritt darf -die Berechtigung oder Nichtberechtigung des lateinischen Aufsatzes -gelten. In ihr können die Gegner aller alten Sprache mit den -Vorkämpfern des Hellenismus Hand in Hand gehen. Die Frage ist so zu -stellen: lohnt heute noch unter Voraussetzung einer <em class="gesperrt">mittleren</em> -Lehrkraft bei durchschnittlichem Schülermaterial die auf den -lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe in ausreichendem Masse -oder nicht? Die Antwort kann nur verneinend lauten. Der lateinische -Aufsatz liegt seit zwei Menschenaltern im Sterben; es handelt sich -nur darum, seine Euthanasie zu beschleunigen, <span class="nowrap">d. h.</span> ihm durch -Ministerialverfügung den letzten Todesstoss zu geben. Die Zahl der in -einem Jahre geschriebenen lateinischen Aufsätze ist bereits auf ein -Drittel, der durchschnittliche Umfang jedes einzelnen auf ein Viertel -des früher üblichen heruntergegangen; dem Rest wird Niemand eine -Thräne nachweinen. Einen vor hundert Jahren erschienenen beliebigen -Zeitungsartikel in’s Lateinische zu übersetzen ist im Durchschnitt -noch sehr viel leichter, als einen heute erschienenen; so sehr hat -sich unser Begriffsschatz und unsere Denkweise im Laufe des letzten -Jahrhunderts von denen des Lateinischen entfernt. Aufsätze kann man -nur in lebenden Sprachen schreiben; die lateinische Sprache ist aber -bereits <em class="gesperrt">zweimal gestorben</em>, einmal als römische Volks- und -Staatssprache, das zweite Mal als internationale Gelehrtensprache; -sie lebt nur noch als römische Kirchensprache fort und fristet -selbst da bloss noch ein kümmerliches Dasein.<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[– 191 –]</a></span> Die hohe bildende -Kraft des Aufsatzschreibens in einer lebenden Fremdsprache lässt -sich das Gymnasium bis jetzt <em class="gesperrt">gänzlich entgehen</em>. Deshalb ist -die <em class="gesperrt">Einführung</em> des <em class="gesperrt">französischen</em> Aufsatzes ebenso -wünschenswerth wie die Beseitigung des lateinischen.</p> - -<p>Fassen wir alles zusammen, was für den nächsten Schritt einer -preussischen Schulreform wünschenswerth und anzustreben ist, so sind es -folgende Punkte:</p> - -<p>1. Die drei Unterklassen des Gymnasiums und Realgymnasiums müssen -identischen Lehrplan, und zwar den des Gymnasiums, erhalten, damit -wenigstens in ihnen die Einheitsschule zur vollen Wahrheit wird.</p> - -<p>2. Der Geschichtsunterricht im Realgymnasium hat die alte Geschichte -in mindestens demselben Umfange zu berücksichtigen, wie derjenige -des Gymnasiums, wobei für eine stärkere Berücksichtigung der neueren -Geschichte in dem Ueberschuss der Geschichtsstunden genügende Zeit -verfügbar bleibt.</p> - -<p>3. Die Nachprüfung der Realgymnasialabiturienten, welche die -Berechtigung eines Gymnasialabiturienten zu erlangen wünschen, -ist ausschliesslich auf das Griechische zu beschränken, indem die -Minderleistungen im Lateinischen als durch Mehrleistungen in den -neueren Sprachen aufgewogen zu erachten sind.</p> - -<p>4. Die französischen Unterichtsstunden in Sekunda und Prima werden -im Gymnasium von zwei auf drei erhöht, die lateinischen entsprechend -vermindert; der lateinische Aufsatz wird durch den französischen -ersetzt.</p> - -<p>5. Es sind Erwägungen darüber anzustellen, ob nach Verlegung des -griechischen Scriptums vom Abiturientenexamen in die Versetzungsprüfung -zur Prima die Pflege des griechischen Extemporales in Prima noch -erforderlich ist oder nicht; nach dem Ausfall dieser Erwägung -ist entweder das griechische Extemporale in Prima <em class="gesperrt">streng zu -verbieten</em> oder dem<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[– 192 –]</a></span> Griechischen die siebente Stunde auf Kosten des -Lateinischen <em class="gesperrt">zurückzugeben</em>, um welche es bei der Verlegung des -Unterichtsbeginns von Quarta nach Tertia gegen früher <em class="gesperrt">verkürzt</em> -worden ist.</p> - -<p>6. Die Prüfung in der Religion ist aus dem Abiturientenexamen -auszuscheiden.</p> - -<p>7. Bei allen Versetzungs- und Abgangsprüfungen sind nur die -Hauptgegenstände als entscheidend zu behandeln, den Nebenfächern aber -kein besonderes Gewicht beizumessen.</p> - -<p>8. Die häuslichen Arbeiten sind theils durch kursorische Lektüre, -theils durch Anfertigung von Aufsätzen <span class="nowrap">u. s. w.</span> in der Klasse erheblich -einzuschränken. Ausarbeitungen des Lehrvortrages sind entschieden zu -verbieten und durch gedruckte Leitfäden zu ersetzen.</p> - -<p>9. Der philologische Grundzug unseres altsprachlichen Unterrichtes ist -durch eine mehr literarische Behandlung der Klassiker zu ersetzen. Zu -dem Zweck ist mit der Reform der philosophischen Kollegien auf den -Universitäten zu beginnen, da man den jungen Lehrern nicht zumuthen -kann, aus eigner Kraft in ihren Unterrichtsstunden die literarische -Behandlung des Inhalts der Klassiker voranzustellen, welche sie auf der -Universität als unwissenschaftlich und dilettantisch verachten gelernt -haben.</p> - -<p>Diese vorläufigen Wünsche für den nächsten Reformschritt sind gewiss -massvoll, und ich glaube, dass sich alle Reformfreunde, mit Ausnahme -der Latinitätsverehrer, auf dieselben hin einigen könnten, wenn sie -auch verschiedene Ideale als fernere Zukunftsziele dabei im Sinne -haben. Eine solche Einigung thut aber dringend Noth, wenn überhaupt -demnächst etwas zu Stande kommen soll. Die thatsächliche Verwirklichung -der vollen Einheitsschule wird auf der <em class="gesperrt">nächsten</em> Stufe der -Reform überhaupt noch nicht in’s Auge gefasst<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[– 193 –]</a></span> werden können, sondern -erst für eine spätere Stufe, wenn im Gymnasium der Rollentausch des -Griechischen und Lateinischen vollzogen sein wird und die Stundenzahl -des Lateinischen allmählich auf ein Minimum herabsinkt. Das Ziel einer -Beibehaltung des Griechischen für <em class="gesperrt">alle</em> Schüler scheint mir -nur dann erreichbar, wenn das Griechische in der Hauptsache zu der -<em class="gesperrt">einzigen</em> in der Schule getriebenen alten Sprache wird.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="XIII_Der_Buecher_Noth">XIII.<br /> -Der Bücher Noth.</h2> - -</div> - -<p>Der wichtigste Faktor für die Steigerung der wissenschaftlichen Bildung -ist die wissenschaftliche Literatur, wie der wichtigste Faktor für -ihre Erhaltung der wissenschaftliche Unterricht (auf höheren und -Hochschulen) ist. Seine hervorragende Stellung im wissenschaftlichen -Wettkampf der Völker verdankt Deutschland neben der Tüchtigkeit seiner -Schulen und Hochschulen wesentlich dem Umfang und der Bedeutung seiner -wissenschaftlichen Literatur. Weil die jährliche Bücherproduction -Deutschlands grösser ist als diejenige von Frankreich und England -zusammengenommen, darum kann auch jährlich eine grössere Zahl -hervorragender Erscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt gefunden -werden als auf dem französischen oder englischen, während die übrigen -Nationen als Konkurrenten auf dem Gebiete der Wissenschaft noch wenig -in Betracht kommen.</p> - -<p>In neuerer Zeit treten Erscheinungen hervor, welche die gedeihliche -Fortentwickelung der wissenschaftlichen Literatur in Deutschland in -Frage stellen; und diese Gefahr ist wichtig genug, um ihren Ursachen -und ihrer Bekämpfung einige Aufmerksamkeit zu widmen. Der Absatz auch -der wirklich werthvollen wissenschaftlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[– 194 –]</a></span> Bücher, die nicht gerade -Unterrichtsbücher oder billige Popularisirungen sind, wird immer -geringer, so dass er oft kaum ein Drittel der Kosten deckt, und in -Folge dessen wird für die Autoren die Schwierigkeit, einen Verleger -zu finden, immer grösser. In England und Frankreich ist das Publikum -mit literarischen Interessen durchschnittlich auch wohlhabend genug, -dieselben durch Bücherkauf zu befriedigen; in Deutschland welches -überhaupt an Wohlhabenheit sehr zurücksteht, sind Wohlhabenheit -und wissenschaftliche literarische Interessen an ganz verschiedene -Stände vertheilt. Aber dieser Unterschied der nationalen Kaufkraft -und der Kaufkraft der wissenschaftlich interessirten Stände zwischen -Deutschland und andren Ländern hat immer bestanden und doch früher -nicht eine gewisse Blüthe der wissenschaftlichen Literatur verhindert, -während jetzt bei steigender Wohlhabenheit des Volkes die Neigung zum -Ankauf wissenschaftlicher Werke und belletristischer Novitäten im -Publikum immer mehr zurückgeht. Die Verleger können nicht anders, als -diesen Verhältnissen bei ihren Unternehmungen Rechnung tragen, und -die Schriftsteller haben durchaus Unrecht, wenn sie über die Verleger -klagen, die doch eben nur Geschäftsleute sind.</p> - -<p>Ich sehe die Gründe für die Abnahme des Ankaufs wissenschaftlicher und -schöner Literatur in Folgendem:</p> - -<p>1. Die Abnahme der Mussezeit der Gebildeten und ihrer Fähigkeit, -dieselbe mit Ernst und Sammlung zu benutzen, begünstigt eine Literatur, -welche der Erholung und Zerstreuung dient, und benachtheiligt solche, -die zur Lektüre eine gewisse Stetigkeit und Concentration verlangt.</p> - -<p>2. Das Ueberwuchern der politischen Interessen drängt diejenigen an -Wissenschaft, Kunst <span class="nowrap">u. s. w.</span> in den Hintergrund und die zerstreuende -und aufreibende<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[– 195 –]</a></span> Unruhe des modernen grossstädtischen Lebens (in -Berufsarbeit und Geselligkeit) macht die Sammlung immer schwerer.</p> - -<p>3. Die Vertheuerung der städtischen Miethswohnungen und die zunehmende -Häufigkeit der Umzüge machen einen grösseren Bücherbesitz zu einer -immer wachsenden Last, vor deren Aufbürdung der Deutsche sich scheut, -während erst das eigene Haus (wie in England) ein Behagen an eignen -Büchern aufkommen lässt.</p> - -<p>4. Die aus der Steigerung der Setzerlöhne folgende Vertheuerung der -Bücherpreise ist dem Sinken des Geldwerths beträchtlich vorausgeeilt -und trägt dazu bei, vom Ankauf neuer Werke abzuschrecken; die Verleger -erhalten einen zu geringen Theil des vom Publikum gezahlten Preises, -weil der Zwischenhandel zu hohe Provisionen verschluckt.</p> - -<p>5. Das Anstandsbedürfniss an Bücherbesitz wird durch -billige Klassiker-Ausgaben, Sammel- und Nachschlagewerke, -populärwissenschaftliche Mark-Bibliotheken, Moderomane, gelegentliche -Geschenkliteratur und unentbehrliche Hülfsmittel des Berufs befriedigt; -meist wird auch der in der Wohnung verfügbare Raum durch dieselben -erschöpft.</p> - -<p>6. Die für Lektüre verfügbare Zeit wird durch das Bestreben, in der -eigenen Berufswissenschaft nothdürftig auf dem Laufenden zu bleiben, -durch eine Zeitung, einen Journalcirkel und die neuesten Moderomane, -meist vollständig ausgefüllt, ohne dass Lust und Zeit zur Lektüre -wissenschaftlicher Originalwerke übrig bleibt.</p> - -<p>7. Die Gewöhnung an Journal- und Zeitungslektüre verdirbt den Geschmack -und die Fähigkeit zum Lesen zusammenhängender Werke, und schon rückt -auch uns Deutschen die Zeit näher, wo der „Leitartikel“ bereits als -eine zu grosse Zumuthung an das Koncentrationsvermögen<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[– 196 –]</a></span> gilt und in ein -Mosaik von „Entrefilets“ aufgedröselt wird.</p> - -<p>Gegen die Verringerung der Mussezeit durch Steigerung der -Berufsansprüche giebt es ebenso wie gegen das Hinzutreten der -politischen Pflichten kein Auskunftsmittel, als dass die Jugend ihre -Zeit bis zur vollen Inanspruchnahme ihrer Kräfte durch den Beruf -fleissig zu ihrer allgemeinwissenschaftlichen Geistesbildung benutzt -und ihre Betheiligung an politischen Angelegenheiten bis zu erlangter -Bildungsreife (also etwa in die dreissiger Lebensjahre) vertagt. Bis -der städtischen Wohnungsmisère durch gesetzliche Verhinderung der -Baustellenspekulation abgeholfen wird, wird noch viel Wasser in’s -Meer laufen; bis dahin muss eine reichliche Dotation der vorhandenen -staatlichen und städtischen Bibliotheken sowohl dem Publikum wie dem -Verlagsbuchhandel zu Hülfe kommen und an den betheiligten Stellen das -Bewusstsein geweckt werden, wie richtig eine derartige Dotation für -die Erhaltung und Förderung der wissenschaftlichen Nationalliteratur -ist. Wie der Romanverlag grösstentheils nur von den Leihbibliotheken -lebt, so könnte der wissenschaftliche Verlag in der Hauptsache von -den wissenschaftlichen Bibliotheken leben, wenn diesen nur die -Mittel zur Verfügung gestellt würden, um ihre Kulturaufgabe für die -Nation in doppelter Hinsicht (kaufend und ausleihend) zu erfüllen. -Die Verleger müssten an alle öffentlichen Bibliotheken direct zum -Buchhändlernettopreis liefern, da der Gewinn des Zwischenhändlers hier -gar keinen Sinn hat und blos kulturschädlich wirkt; dagegen müsste -der unbillige Zwang zur Lieferung von Pflichtexemplaren den Verlegern -abgenommen werden.</p> - -<p>Auch dem Publikum müsste die Möglichkeit eröffnet werden, direkt mit -den Verlegern in Verbindung zu treten und die Distributionsspesen -zu ersparen, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[– 197 –]</a></span> es keine Bemühungen des Distributeurs -(Sortimentsbuchhändlers) in Anspruch nimmt. Dies ist ausführbar durch -Bildung eines Literaturbezugsvereins, der als Sortimentsbuchhandlung -in’s Handelsregister eingetragen wird und den Mitgliedern nur die -wirklichen Auslagen als Aufschlagsprovision berechnet. Gründlicher -freilich wäre die Abhilfe, wenn die Post ebenso die Bücherspedition -wie die Zeitungsspedition übernähme, neben dem periodischen -Postzeitungskatalog einen periodischen Postbücherkatalog zu billigem -Abonnement herausgäbe und ein Centralbücheramt zur Beantwortung -von Anfragen und zur Ergänzung ungenauer Bestellungen einrichtete. -Bücherbezug zur Ansicht auf bestimmte Frist würde auch beim -Postbuchhandel unter Hinterlegung des Preises als Pfand ganz wohl -möglich sein, und nur die <em class="gesperrt">unverlangten</em> Büchersendungen zur -Ansicht würden in Wegfall kommen, welche ich wegen ihres zerstreuenden -Einflusses für überwiegend schädlich halte; der grösste Gewinn des -Buchhandels aber würde meines Erachtens bei der Vermittelung durch -die Post in der Beseitigung des verderblichen Kreditwesens liegen. -So wenig die Kreis- und Gemeinde-Sparkassen durch Postsparkassen -vernichtet werden können, ebenso wenig der Sortimentsbuchhandel -durch den Postbuchhandel; aber eine Einschränkung der Zahl der -Sortimentsbuchhandlungen, die seit der Gewerbefreiheit das vorhandene -Bedürfniss weit überschritten hat, könnte dem Buchhandel nur von Nutzen -sein. Schon das Antiquariat würde den Fortbestand selbstständiger -Buchläden sichern, noch weit mehr aber das Bedürfniss vieler Käufer -nach persönlicher Rücksprache und mündlicher Auskunft, so wie der -Wunsch, die Auswahl der Ansichtsendungen von einem Dritten getroffen zu -sehen; solche Käufer werden auch ferner bereit sein, dem Sortimenter -für seine Mühwaltung die bisherige höhere Provision zu<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[– 198 –]</a></span> zahlen. Soll -der Postbuchhandel durch seine Vorzüge die relative Benachtheiligung -des bestehenden Sortimentsbuchhandels wett machen, so müssen seine -Vortheile lediglich dem Publikum, nicht der Post zu Gute kommen, -d. h. die Post darf von Kunden nur den Buchhändlernettopreis für -Baarbezug ohne jeden Gewinnaufschlag erheben und muss sich ihrerseits -mit dem Porto für den Bestellzettel (3 Pfennig), dem Streifband- oder -Paket-Porto für die gelieferten Bücher und einer eventuellen Gebühr -für Auskunftsertheilung (etwa 5–10 Pfennig) begnügen. Ein solcher -Postbuchhandel würde auch den bemittelteren Schriftstellern den -lohnenden Selbstverlag ihrer Werke ermöglichen, während jetzt etwa -die Hälfte der vom Publikum für seine Werke wirklich gezahlten Summen -in den Händen der Sortimentsbuchhändler und des Kommissionsverlegers -hängen bleibt. Für unbemittelte Autoren müsste dann noch ein Verein -hinzutreten, welcher die eingesandten Manuscripte gegen beizufügende -Prüfungshonorare beurtheilen lässt und die werthvoll befundenen auf -eigene Kosten veröffentlicht; die Deckung der Kosten würde theils aus -den Beiträgen der Mitglieder erfolgen, welche die Publikationen des -Vereins dafür erhalten, theils aus dem Absatz an Bibliotheken und an -das Privatpublikum vermittelst des Postbuchhandels. Sehr wünschenswerth -wäre allerdings die Lösung der technischen Aufgabe, für Herstellung -kleiner Auflagen (von 100 bis 500 Exemplaren) ein Verfahren zu finden, -das erheblich billiger als der Letternsatz wäre und doch dem Auge die -gewohnte Form der grossen und kleinen Druckbuchstaben darböte.</p> - -<p>Die Gefahr, welche in dem erdrückenden Einfluss der Zeitungen und -Journale liegt, muss auf doppeltem Wege bekämpft werden. Die Jugend -muss begreifen, dass sie mit der Hingabe an den flüchtigen Reiz -dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[– 199 –]</a></span> Lektüre ihre Seele verkauft, <span class="nowrap">d. h.</span> auf die gründliche und -allseitige Ausbildung ihres Geistes verzichtet; die Aelteren aber -müssen selbst aufhören, der periodischen Literatur aus Bequemlichkeit -einen Werth beizulegen, den sie nicht verdient, müssen sie als ein -nothwendiges Uebel betrachten und namentlich die Tagespresse mit der -gebührenden Missachtung behandeln, damit die Jugend nicht durch den -Nachahmungstrieb verführt werde, mit derselben ihre kostbare Mussezeit -zu verderben. Die gebildete Jugend bis zu 30 Jahren soll ebensowenig -Zeitung lesen, wie Politik treiben, sondern alle ihre zur Lektüre -verfügbare Zeit auf Bücher verwenden; der Schnee vom vergangenen -Jahr ist nicht wesenloser als der Inhalt der Zeitung von gestern. -Die Jugend soll aber auch keine Journale lesen, weil solche nur die -Aufgabe haben, den auf ein gewisses fertiges Bildungsniveau Gelangten -auf dem Laufenden zu erhalten, aber nicht geeignet sind, eine noch -fehlende Bildung zu vermitteln. Sie sind um so weniger schädlich, je -zusammenhängendere und umfangreichere Abhandlungen sie darbieten, -je ähnlicher sie also dem Buche werden, und um so schädlicher, je -mehr sie sich dem Charakter der Zeitung annähern. Die reifen Männer -sollen zu der Einsicht gelangen, dass man die „grossen“ Tageszeitungen -bekämpfen und die „kleinen“ kurzen Blätter begünstigen muss, und zwar -um so mehr, je weniger sie einer bestimmten Partei dienen und je mehr -sie sich bemühen, die wichtigeren Thatsachen der Tagesgeschichte und -die wichtigeren Urtheile über dieselben in unparteiischer Kürze zu -registriren. Von Journalen aber sollen sie nur soviel in ihr Haus -kommen lassen, als nothdürftig ausreicht, sie auf dem Laufenden zu -erhalten und namentlich sie auf wichtige Erscheinungen der Literatur -hinzuweisen. Dann aber soll auch der beschäftigste und angespannteste -Mann nicht unter<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[– 200 –]</a></span>lassen, an freien Sonntagen oder in Ferienzeiten -persönlich zu den Quellen hinabzusteigen, aus denen der Geist der -nationalen Kultur sich verjüngt, <span class="nowrap">d. h.</span> zu den Originalwerken der -Forscher, Denker und Dichter.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="XIV_Die_epidemische_Ruhmsucht_unserer_Zeit">XIV.<br /> -Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit.</h2> - -</div> - -<div class="poetry-container-right s5"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Die That ist alles, nichts der Ruhm.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft10"><em class="gesperrt">Goethe.</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Lieber Leser! Hoffentlich bist Du nicht berühmt; aber vielleicht -wünschest Du es zu werden, und wenn Du zu alt bist, um es für Dich -selbst zu wünschen, so erhoffst Du es vielleicht für Deine Söhne, -Schwiegersöhne oder Enkel. Lieber Leser, lass dich warnen, ehe es zu -spät ist. Es gibt ja so Manches auf der Welt, wonach die Menschen sich -sehnen, und dessen Schattenseiten sie erst kennen lernen, wenn sie -es erreicht haben; aber der Ruhm ist unter allen diesen Prellereien -die schlimmste, weil seine Schattenseiten am wenigsten bekannt und -beachtet sind. Darum gestatte mir, Dir eine kleine Auswahl derselben -vorzuführen, und wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so wird Deine -Zufriedenheit nicht ohne Zuwachs geblieben sein, wenn Du aus ihnen -gelernt hast, Gott zu danken, dass Du nicht berühmt bist.</p> - -<p>Die wenigsten Köpfe vertragen den Weihrauchduft des Ruhmes, ohne -davon umnebelt zu werden und das Gleichgewicht vernünftiger -Selbstbeurtheilung zu verlieren. Die liebenswürdige Bescheidenheit -schwindet und macht einer dünkelvollen Eitelkeit Platz; wo aber vorher -schon Eitelkeit bestand, liegt die Gefahr des Ueberschnappens nahe. Der -Mensch wird empfindlich, wo ihm die Anerkennung vorenthalten bleibt, -auf welche er<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[– 201 –]</a></span> durch seinen Ruhm ein Recht erworben zu haben wähnt; er -wird anspruchsvoll und pocht auf den schuldigen Tribut von Huldigungen. -Seiner gewöhnlichen Umgebung von Familie und Freunden glaubt er sich -nun enthoben und entrückt in eine höhere Sphäre des Daseins; indem er -sich ihnen gegenüber ein höheres und besseres Menschenwesen dünkt, wird -der vorher Fügsame besserwisserisch und herrschsüchtig und dadurch -unliebenswürdig. So werden nicht nur Sitten und Manieren, sondern -selbst Gemüth und Charakter verdorben und die intimsten Beziehungen -vergiftet. Die näher Stehenden sehen mit Bedauern diese Veränderung, -die Nächsten leiden darunter; die alten Freunde ziehen sich halbwegs -zurück, auch wenn sie den Erfolg gönnen, oder fallen ganz ab, wenn sie -ihn missgönnen und beneiden.</p> - -<p>Nur seltenen Ausnahmenaturen, die schon vorher ein klares und sicheres -Urtheil über sich selbst, ihr Vermögen und den Werth ihrer Leistungen -besassen und gewohnt waren, das Urtheil der Menge ihrem eigenen -gegenüber stolz zu missachten, nur solche werden ungeschädigt an ihrem -Innersten die Probe des Berühmtwerdens bestehen. Aber wie können sie -erwarten, dass die Welt an eine solche ausnahmsweise Veranlagung -glauben soll? Mögen die nächsten Freunde und Angehörigen diesen Glauben -besitzen und durch die tägliche Erfahrung bestätigt sehen, so werden -doch die neidischen Freunde ein solches menschliches Verdienst zu dem -missgönnten Ruhm hinzu einzuräumen wenig geneigt sein, und ferner -Stehende oder neue Bekanntschaften werden stets mit dem Vorurtheil -behaftet sein und bleiben müssen, dass die gewöhnlichen und so schwer -vermeidlichen Fehler der Berühmtheit auch in diesem Falle vorliegen und -vielleicht nur aus Klugheit etwas geschickter als gewöhnlich verhüllt -werden. So<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[– 202 –]</a></span> legt der Ruhm auf alle rein menschlichen Beziehungen seinen -erkältenden Reiffrost, bei Allen, die es verdienen und die es nicht -verdienen.</p> - -<p>Von den bescheidenen, zurückhaltenden, feinfühligen, harmlosen, in sich -befriedigten Naturen wird der Berühmte gescheut und gemieden, von den -unbescheidenen, zudringlichen, eitlen Menschen, die gern mit berühmten -Bekanntschaften prahlen, wird er aufgesucht. Wenn ohnehin schon ein -„Mensch“ mit der Laterne gesucht werden muss, so muss der Berühmte sich -zehnfache Mühe geben, einen zu finden; noch mehr Noth hat er aber, sich -derer zu erwehren, an denen ihm nichts gelegen sein kann. Die Menschen -können sich so schwer denken, dass ein Mann, der seinen Ruhm verdient, -doch zunächst auch ein Mensch sein muss und in höherem Grade als andre -ein solcher, dem nichts Menschliches fremd ist, bei dem also auch alle -menschlichen Interessen sicher sind, einen Widerhall zu wecken. Statt -dessen sind die Bescheidenen und Feinfühligeren, wenn der Zufall sie -mit einem Berühmten zusammenführt, meist doppelt zurückhaltend und -still aus Furcht, nicht geistreich und bedeutend genug, oder auf dem -Specialgebiet des Betreffenden nicht bewandert genug zu erscheinen; die -Andern aber plagen ihn mit verständnisslosen Fragen und Bemerkungen, -durch welche sie ihr ungewöhnliches Interesse und Verständniss für -die fragliche Specialität zu bekunden glauben. In Gesellschaft wie -in der Sommerfrische wird der Berühmte, wenn er nicht selbst ein -Eitelkeitsnarr ist, bald nur noch den einen Wunsch haben, sich vor -dem erkältenden und isolirenden Nimbus des Ruhmes durch Incognito zu -retten; aber dieses Mittel ist selten anwendbar und jedenfalls hilft es -nicht gegen die Belästigungen zu Hause.</p> - -<p>Da kommen die Besucher aus Neugier, die befriedigt wieder abgehen, wenn -sie konstatirt haben, dass<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[– 203 –]</a></span> der Herr X. seinem Porträt ähnlich sieht; -aber diejenigen Personen, deren Bekanntschaft aus sachlichen Interessen -gerade am erwünschtesten und für beide Theile am erspriesslichsten -wäre, wagen leider aus Bescheidenheit oft nicht, die Schwelle der -Berühmten zu überschreiten. Dass er von wirklichen oder angeblichen -Fachgenossen aufgesucht wird, um Almosen und Unterstützung, Rath und -Hülfe zu finden, mag noch hingehen, da es neben der meist zwecklosen -Belästigung doch auch in Ausnahmefällen Gelegenheit gibt, sich nützlich -zu machen; die allerunsinnigste Belästigung aber ist die durch -Autographensammler, welche sich nicht mit den in Autographenalbums -facsimilirten Schriftzügen begnügen wollen, sondern die Eitelkeit -haben, möglichst viel Originalhandschriften zu sammeln. Wer aus -Furcht, sich unbeliebt zu machen, einige Mal auf solche Zumuthungen -eingegangen ist, der wird überhäuft mit brieflichen Aufforderungen; -wer alle Gesuche um Autographen (mit Ausnahme der für wohlthätige -Zwecke bestimmten), wie es das einzig Richtige ist, in den Papierkorb -wirft, der wird durch allerlei Finten überlistet, <span class="nowrap">z. B.</span> durch -fingirte Unterstützungsgesuche, oder die noch beliebtere Methode der -Bitte um Rath kurz vor dem angeblich beabsichtigten Selbstmord. Der -Autographensammler scheut sich niemals, sich für einen glühenden -Verehrer des Angebettelten auszugeben, auch wenn er dessen Leistungen -nicht anders als von Hörensagen kennt; ebenso findet man auch unter -denjenigen, welche sich nach der persönlichen Bekanntschaft drängen, -selten einen, der es der Mühe werth gefunden hätte, zunächst die so -viel leichter zu erlangende genauere Bekanntschaft mit dem Besten, -was die Person zu geben hat, mit der Reihe ihrer Thaten oder Werke zu -machen.</p> - -<p>Die Störung der Unbefangenheit im persönlichen Verkehr erstreckt -sich noch über den mündlichen hinaus<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[– 204 –]</a></span> auf den brieflichen. Der -widerwärtige Personenkultus dieses Jahrhunderts, welcher allemal im -umgekehrt proportionalen Verhältniss zu dem Ernst und der Tiefe des -sachlichen Interesses steht, hat es fertig gebracht, dass keine private -Mittheilung eines berühmten Mannes vor der Veröffentlichung nach dem -Tode, ja wohl gar bei Lebzeiten, mehr sicher ist. Der Eitle mag daraus -den Antrieb entnehmen, auch seine Privatbriefe so abzufassen, wie er -sie für ein künftiges Publikum wünscht; wem aber solche Exposition in -Schlafrock und Nachtmütze zum Ekel ist, der wird seine Korrespondenz -auf die nothdürftigsten trocknen Thatsachen beschränken, und die -Verkümmerung eines berechtigten Gebietes des gemüthlichen Privatlebens -bitter empfinden.</p> - -<p>Sofern die Thaten und Werke des Menschen bestimmte Tendenzen -verfolgen (was eigentlich nur bei Künstlern nicht der Fall — sein -sollte) werden diese Absichten und Ziele stets der Verkennung und -der Missdeutung von ihren Gegnern wie vom blossen Missverstand -ausgesetzt sein; es bilden sich bald zu Anfang falsche Meinungen und -Stichworte (wie <span class="nowrap">z. B.</span> Grillparzer während eines ganzen langen Lebens -ein „Schicksalstragödiendichter“ hiess), welche durch keine Bemühungen -von Seiten des Verkannten auszurotten sind. Wenn seine Werke nicht -zugleich der vergnüglichen Unterhaltung dienen, so verleiht der Ruhm -nicht einmal, wie er doch billiger Weise sollte, den Rechtsanspruch, -die späteren Leistungen, welche erst das Gesammtbild vervollständigen -und den ersten Eindruck berichtigen können, auch nur beachtet zu sehen. -Das Publikum ist nur zu geneigt zu glauben, dass ein erstes, Ruhm -begründendes Fahnenwerk auch die Leistungsfähigkeit seines Urhebers in -der Hauptsache erschöpfe und dass es nicht der Mühe werth sei, darauf -hinzuhören, was ein solcher Autor sonst noch zu sagen haben könne -(man denke <span class="nowrap">z. B.</span> an<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[– 205 –]</a></span> Strauss). Den einzigen reellen Vortheil, den der -Ruhm seinem Besitzer gewähren könnte und sollte, enthält er ihm somit -auch noch vor, wenigstens in Deutschland, da das Ausland in dieser -Hinsicht der Ehrenpflichten gegen seine hervorragenden Männer besser -eingedenk ist. Dagegen muss der Kelch des Verdrusses über unbelehrbare -Vorurtheile und ohrenverschliessenden Missverstand bis zur Hefe -geleert werden. Dass die Ungerechtigkeit des Urtheils bei sachlicher -Verkennung selten stehen bleibt und nur zu häufig auch die Person und -deren Privatleben in den Kreis ihrer Angriffe mit hineinzieht, ist -ebenso bekannt, wie dass es nur wenigen öffentlichen Persönlichkeiten -erspart bleibt, Gegner und Feinde zu haben, welche die gutgläubige -Verurtheilung durch eingemischte Einflüsterungen des Neides und -Uebelwollens trüben und verbittern. Der Empfindliche wird an alledem -eine nie versiegende Quelle der Kränkung und des Aergers haben, aber -auch der Unempfindliche, der sich von dem Urtheil Anderer in ruhigem -Stolze unabhängig weiss, wird doch Schmerz und Betrübniss über das -mächtige Beharrungsvermögen des Vorurtheils und der Gleichgültigkeit -und über die unausrottbare Existenz der Gesinnungsgemeinheit in der -Welt fühlen.</p> - -<p>Ist der Berühmte ein ausübender Künstler, dessen Leistungen zugleich -dem Zeitvertreib und dem Vergnügen dienen, so bemühen sich seine -Bekannten, zu seinem Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) recht -viel Billets unterzubringen und versäumen nicht, selbst hinzugehen und -kräftigst zu applaudiren. Ist er dagegen ein Schriftsteller, gleichviel -ob seine Schriften der Unterhaltung dienen oder nicht, so kaufen sie -dieselben nur in dem besonderen Ausnahmefall, dass es gerade zeitweilig -Mode ist, dieselben zu kaufen und zu verschenken; andernfalls muss -der Autor riskiren, dass<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[– 206 –]</a></span> sie ihm übel nehmen, die Werke nicht von -ihm geschenkt erhalten zu haben, unbekümmert darum, ob deren Verkauf -nicht auch sein Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) darstellt. -Dass man bei dem grössten Ruhm verhungern kann, wenn man nicht sonst -eine reelle Einnahmequelle besitzt, und zwar um so leichter, je echter -der Ruhm ist, das ist weltbekannt, ebenso dass der wahre und echte -Ruhm meist langsam gewonnen und nur von denen erlebt wird, welche ein -hohes Alter erreichen. Was aber hat der Mensch von einem Ruhm nach -seinem Tode? Ist es da nicht ganz gleichgültig, ob der Nachruhm sich -an den Namen heftet, den er im Leben trug, oder an einen falschen (<span class="nowrap">z. -B.</span> Homer), oder ob er, wie <span class="nowrap">z. B.</span> bei dem Nibelungenliede, namenlos -an den Werken haftet? Ist es nicht die Eitelkeit der Eitelkeiten, -für seinen <em class="gesperrt">Namen</em> nach Nachruhm zu streben, von dem man selber -gar nichts hat? Und selbst wenn der Berühmte steinalt wird und alle -Jubiläen rite absolvirt, so muss er doch noch seinen echten Ruhm mit -ebenso strahlendem falschen Ruhm unwürdiger Mitbewerber theilen, -also des Ruhmes heilige Kränze als auf gemeinen Stirnen entweihte -in Empfang nehmen. Manchmal verbindet sich aber auch falscher und -echter Ruhm, so dass eine Person eine Zeit lang wegen gewisser den -Zeitströmungen entgegenkommenden Nebeneigenschaften seiner Leistungen -falschen Ruhm geniesst, welcher allmählich erblasst und das Aufkommen -des wahren Ruhmes, den seine Leistungen nach ihrem tieferen Kerngehalt -verdienten, mehr behindert als befördert; der Verdacht auf eine solche -Verwickelung des Sachverhalts ist überall da begründet, wo ein Künstler -oder Schriftsteller, dem man Anspruch auf wahren Ruhm nicht aberkennen -möchte, schon in jüngeren oder mittleren Jahren berühmt war (man denke -an Goethes Werther,<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[– 207 –]</a></span> Schillers Räuber, Schellings Naturphilosophie und -ähnliche Beispiele).</p> - -<p>Wenn Du also, lieber Leser, Dich nicht abschrecken lassen willst, -für Dich oder die Deinigen nach Ruhm zu streben, so nimm wenigstens -den guten Rath an, nicht nach echtem, sondern nach falschem Ruhm zu -streben, da nur der letztere Dir einige Aussicht gewährt, dass Du -seine Vortheile an Ehre und materiellem Gewinn noch geniessen kannst. -Willst Du aber den falschen Ruhm trotz seiner ideellen und materiellen -Vorzüge verschmähen, bloss weil er auf unwahrem Grunde ruht, dann höre -überhaupt auf, nach <em class="gesperrt">Ruhm</em> zu trachten, und trachte statt dessen -<em class="gesperrt">nach werthvollen Leistungen</em>, ganz unbekümmert darum, ob und wann -denselben die Anerkennung des Ruhmes zu Theil werden möge.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="XV_Der_Somnambulismus">XV.<br /> -Der Somnambulismus.</h2> - -</div> - -<p>Die Erscheinungen des Somnambulismus sind von altersher bekannt, nicht -nur diejenigen eines in Nervenkrankheiten spontan eintretenden, sondern -auch diejenigen eines durch verschiedene Mittel <span class="nowrap">z. B.</span> betäubende -Dämpfe, Schwindeldrehungen, Fasten, Fixiren eines nahen Blick-Punktes -<span class="nowrap">u. s. w.</span> hervorgerufenen Somnambulismus. Die Seltenheit des spontanen -Somnambulismus, die schädlichen Folgen des künstlich hervorgerufenen -für den Organismus, die Verquickung des Somnambulismus mit allerlei -Aberglauben und Mysticismus und die Schwierigkeiten einer Erklärung -der Erscheinungen auf Grund der herrschenden materialistischen -Naturanschauung haben jedoch bis vor ganz kurzer Zeit davon -abgeschreckt, dieses Erscheinungs-Gebiet auf exakte Weise zu studiren. -Die von der Pariser Akademie von<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[– 208 –]</a></span> 1825–1831 niedergesetzte Kommission -gelangte nicht über die Konstatirung der Thatsachen hinaus, und selbst -diese gerieth bald wieder in Vergessenheit oder wurde gar (durch -Verwechselung mit dem Kommissionsbericht von 1784) in ihr Gegentheil -entstellt. Erst das Aufsehen, welches die öffentlichen Schaustellungen -des Magnetiseurs Hansen erregten, veranlassten einige deutsche -Physiologen (insbesondere Heidenhayn), der Sache näher zu treten, und -wenigstens die körperlichen Phänomene des Hypnotismus ausser Zweifel -zu stellen. Bald darauf wurden von Preyer die Braid’schen Versuche -und Schriften neu an’s Licht gezogen, welche einen durch Fixiren -heller Punkte und ähnliche Mittel (also nicht durch einen Magnetiseur) -hervorgerufenen Hypnotismus behandeln.</p> - -<p>Während die deutschen Gelehrten in den letzten Jahren sich kaum noch -mit dem Gegenstande zu beschäftigen scheinen, hat er neuerdings in -Frankreich zu sehr eingehenden und interessanten Untersuchungen -geführt. So war <span class="nowrap">z. B.</span> Charcot der erste, welcher eine scharfe -Unterscheidung zwischen den drei Hauptstufen des Hypnotismus oder -Somnambulismus (der lethargischen, kataleptischen und im engeren Sinne -somnambulen) einführte und die Symptomenkomplexe dieser drei Stufen -genau definirte.<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> Diese Unterscheidung dürfte auch dann ihren -Werth behalten, wenn man anerkennt, dass die Grenzen zwischen den -drei Stufen keineswegs feste sind und öfters ein Ineinanderschieben -und Durcheinanderfliessen der Symptome stattfinde. Zugleich -veröffentlichte der Pariser Neurologe Richet seine langjährigen -Erfahrungen, nach welchen die deutschen Physiologen im Unrecht -sind, wenn sie die Action<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[– 209 –]</a></span> eines Magnetiseurs in allen Fällen für -illusorisch erklären, weil sie für Erzeugung von Hypnotismus bei -vielen Personen entbehrlich ist. Richet behauptet, dass seine -magnetisirende Thätigkeit auf jeden Organismus, auch den stärksten, -eine Einwirkung hinterlasse, die sich mindestens in einer Steigerung -der Empfänglichkeit für künftige Versuche kundgibt, und dass er sich -getraue, in einer aufeinanderfolgenden Reihe von Sitzungen schliesslich -jedes Individuum ohne Ausnahme in einen somnambulen Zustand zu -versetzen; er behauptet ferner, dass der durch magnetische Striche -hervorgerufene Somnambulismus sich von dem durch Fixiren naher Punkte -hervorgerufenen dadurch unterscheide, dass im ersteren die psychischen -Erscheinungen, in letzterem die körperlichen (Lethargie, Katalepsie -<span class="nowrap">u. s. w.</span>) vorwiegen. Ausserdem sind von Bernheim, Binet und Féré -Liébault, Beaunis <span class="nowrap">u. a. m.</span> ausgedehnte Versuchsreihen mit Somnambulen -vorgenommen worden, welche zu manchen neuen Aufschlüssen geführt haben, -insbesondere in Bezug auf die Uebertragung der Aktivität aus einer -Hirnhälfte in die andere und in Bezug auf die Umkehr der Zustände in -ihre polaren Gegensätze, <span class="nowrap">z. B.</span> Aktivität in Lähmung, und Lähmung in -Aktivität und die Erscheinungen des ausschliesslichen Rapports einer -Somnambulen zu einem bestimmten Experimentator<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a>. Die deutschen -Physiologen haben sich bisher weit mehr auf das Studium der in den -niederen Graden des Hypnotismus vorwiegenden körperlichen Erscheinungen -beschränkt, während die Franzosen bereits dem psychischen Phänomen des -eigentlichen Somnambulismus näher getreten sind, ohne jedoch das Gebiet -des Wunderbaren mehr als zu streifen. Die interessantesten<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[– 210 –]</a></span> Probleme -harren deshalb bis jetzt ihrer wissenschaftlichen Behandlung, und sind -nur erörtert von Mystikern und Popularphilosophen, welche kein Bedenken -getragen haben, die phantastischen Personifikationen somnambuler -Traumbilder als Realitäten aus einer anderen Welt gelten zu lassen.</p> - -<p>Carl du Prel hat sich der dankenswerthen Aufgabe unterzogen, die -psychischen Probleme des Somnambulismus im Zusammenhang zu bearbeiten, -wobei er sich von allem spiritistischen Aberglauben als von unlogischen -Hypothesen vollständig freihält (S. 210, 434, vgl. 115, 186, 300), -und sogar das Gebiet des eigentlichen Hellsehens vorläufig bei Seite -lässt, um es einem besonderen Werk vorzubehalten. Durch den Titel<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> -braucht sich also Niemand abschrecken zu lassen, denn der Verfasser -erklärt ausdrücklich, dass es mystische Erscheinungen im eigentlichen -Sinne gar nicht gibt, und Manches uns nur heute noch mystisch vorkommt -(S. 386, 204). Gleichwohl kann ich den Titel nicht zweckmässig finden, -weil ich nicht wie du Prel im Somnambulismus die „Grundform aller -Mystik“ (399, 497) und in der Mystik nicht „das magische Verhalten des -Menschen zu sich selbst“ (444) erkennen kann; ich verstehe vielmehr -unter Mystik das gefühlsmässige Sicheinswissen des Menschen mit dem -Absoluten, und sehe in der praktischen Pflege des Somnambulismus durch -einen grossen Theil der religiösen Mystiker nur eine Verirrung, die auf -einem Verkennen der eigentlichen Natur und Bedeutung des Somnambulismus -beruht. Ich meine deshalb, der richtigere Titel des du Prel’schen -Buches hätte lauten müssen: „Der Somnambulismus in seiner Bedeutung -für Psychologie und Metaphysik.<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[– 211 –]</a></span>“ In der That wäre dieser Titel -erschöpfend, denn was aus den Erscheinungsgebieten des gewöhnlichen -Traumes und des wachen Gedächtnisses herangezogen ist, dient doch nur -zum Vergleich und zur Erläuterung der somnambulen Erlebnisse.</p> - -<p>Auch du Prel nimmt als erwiesen an, dass Hypnotismus und Mesmerismus -(oder thierischer Magnetismus) keineswegs sich deckende Begriffe -von gleichem Umfang sind (155), und dass es irrthümlich ist, den -hypnotischen oder somnambulen Zustand lediglich auf Vorgänge im -Wahrnehmungs- oder Vorstellungsprocess des Versuchsobjekts zurückführen -zu wollen. Zum Beweise führt er an, dass auch Schlafende, welche -von den mit ihnen vorgenommenen Manipulationen nichts wissen, in -Somnambulismus versetzt werden können und dass sogar der Schlaf die -magnetische Einwirkung erleichtert (39–40); ferner, dass auch die -Mimosa pudica ebenso durch Mesmerisiren wie durch Chloroformiren -unempfindlich gemacht werden kann (156). Ich möchte hinzufügen, -dass wir die dynamische Aktivität der Magnetiseure auch aus anderen -Wirkungen kennen, <span class="nowrap">z. B.</span> aus den lokalen Einwirkungen auf menschliche -Körpertheile, welche für die Hautempfindungen denjenigen einer -schwachen Elektrisirmaschine gleichen, ferner auf das Elektroskop -und die Magnetnadel, und dass in einem sensitiven Nervensystem schon -Electricitäten von minimaler Spannung starke Abänderungen in der -Vertheilung der Innervationsintensität hervorrufen, wie die Versuche -an Hysterischen mit halbseitiger Anästhesie des Körpers beweisen.<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> -Dass auch der Stahlmagnet gewaltige Einwirkungen auf die Vertheilung -der Innervationsenergie in den Centralorganen ausübt, ist durch die -oben angeführten Versuche von Binet<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[– 212 –]</a></span> und Féré erwiesen, veränderte -Anwendungsarten werden ohne Zweifel noch andre Verschiebungen der -Innervationsenergie kennen lehren und damit dem Verständniss der Art -und Weise, wie der Einfluss des Magnetiseurs die gleiche Wirkung -hervorbringt, näher führen. Es ist anzunehmen, dass jeder Mensch in -irgend welchem Grade die Fähigkeit, andere zu magnetisiren, besitzt, -dass aber die Herrschaft über dieselbe nur durch Uebung zu gewinnen -ist, weil diese Fähigkeit nicht in dem Organ der bewussten Willkür -ihren Sitz hat, sondern nur indirekt durch Impulse des bewussten -Willens in anderen niederen Centralorganen aufgelöst wird. Damit stimmt -überein, dass Somnambule, deren Willkürorgan ausser Funktion gesetzt -ist, eine besonders starke Fähigkeit zum Magnetisiren Dritter, ja sogar -ihres Magnetiseurs gewinnen, auch wenn sie dieselben im wachen Zustand -nicht besitzen oder beherrschen (274). Es ist ferner zu beachten, dass -fortdauernde Bethätigung der magnetischen Kraft den Menschen angreift -und entkräftet (250), woraus folgt, dass der Magnetiseur wirklich -organische Kraft bei seiner Thätigkeit konsumirt. Es ist endlich zu -berücksichtigen, dass die elektrischen Apparate der Zitter-Rochen und --Aale nur Gruppen von Ganglienzellen sind, und dass jede Ganglienzelle -in irgend welchem Maasse die Eigenschaft besitzen muss, welche hier -durch Differenzirung ausgebildet ist.</p> - -<p>Ob das im thierischen Magnetismus wirksame dynamische Agens mit -einer der uns bekannten Naturkräfte identisch ist, oder ob es -eine noch unerforschte neue Proteus-Gestalt der einheitlichen -Naturkraft ist, welche bloss elektrische, magnetische, thermische und -nervenphysiologische <em class="gesperrt">Begleit</em>erscheinungen hervorruft, das dürfte -vorläufig schwer zu entscheiden sein, doch neige ich der letzteren -Auffassung zu, so dass der Bezeichnung<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[– 213 –]</a></span> „thierischer Magnetismus“ -oder „organische Electricität“ nur ein uneigentlicher Sinn beiwohnt. -Ebenso vorsichtig wie in der Gleichsetzung der mesmerischen Funktion -mit physikalischen Kräften muss man aber auch sein, sie mit besser -bekannten organischen psychischen oder gar metaphysischen Potenzen -zu identificiren, wie wenn <span class="nowrap">z. B.</span> du Prel sie mit der Naturheilkraft -gleichsetzt (239), wozu die etwaigen heilsamen Nebenwirkungen der durch -sie hervorgerufenen somnambulen Zustände noch lange keine Berechtigung -geben.</p> - -<p>Du Prel hat sich in diesem Punkte, wie leider in manchen andern, durch -Schopenhauers Ansichten bestimmen lassen, von welchem Denker seine -gesammte Weltanschauung mehr als von irgend einem andern abhängig ist. -Schopenhauer nimmt an<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>, dass der Somnambulismus nur ein tiefer und -vollkommener Schlaf sei, dass er deshalb heilsamer als der gewöhnliche -Schlaf sei und von der Naturheilkraft absichtlich herbeigeführt -werde. Er glaubt ferner, dass Wahrträume auch im gewöhnlichen tiefen -Schlafe häufig sind, und der Somnambulismus nur diese Wahrträume -offenbare. Alle scheinbaren Sinneswahrnehmungen der Somnambulen hält -er für Wahrträume, welche die Vermittelung der Sinneswerkzeuge nur -vorspiegeln. In Bezug auf die physiologische Erklärung des somnambulen -Zustandes verwirft er mit triftigen Gründen die Annahme, dass das -Gangliensystem an Stelle des Gehirns funktionire, und hält an der -Unentbehrlichkeit der Gehirnfunktion fest, worin ihm du Prel leider -nicht gefolgt ist; seine Theorie einer Umkehrung der Richtung der -Gehirnfunktion durch Rollentausch der grauen und weissen Substanz ist -dagegen physiologisch ganz unhaltbar<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[– 214 –]</a></span> und ist auch von keiner Seite -vertheidigt worden.</p> - -<p>So wenig der Somnambulismus mit dem gewöhnlichen Schlaf zu verwechseln -ist, ebenso wenig ist er, wie du Prel meint (173), ein tieferer Schlaf -als der gewöhnliche, <span class="nowrap">d. h.</span> bloss graduell von demselben verschieden. -Obschon Uebergangsformen zwischen beiden stattfinden und einige -Merkmale ihnen gemeinsam sind, sind sie doch specifisch verschieden; in -manchen Beziehungen erscheint der Schlaf als Zwischenzustand zwischen -Somnambulismus und Wachen, in andern erscheint der Somnambulismus -als Mittelzustand zwischen Schlaf und Wachen. Du Prel, welcher -nur die erstere, und Wirth (40), welcher nur die letztere Ansicht -gelten lässt, haben daher Beide Recht und Unrecht. Der somnambule -<em class="gesperrt">Traum</em> erscheint in der That gegenüber dem gewöhnlichen als ein -<em class="gesperrt">gesteigerter</em> Traum, aber der somnambule <em class="gesperrt">Schlaf</em> gleicht -mehr dem Verhalten im <em class="gesperrt">wachen</em> Zustande als im gewöhnlichen Schlaf.</p> - -<p>Das gewöhnliche Traumbewusstsein ist durch eine bessere -Erinnerungsbrücke mit dem wachen Bewusstsein verbunden als das -somnambule und kann zwischen diesen beiden als verknüpfendes Mitglied -eintreten. Je näher das somnambule Traumbewusstsein dem gewöhnlichen -Traume steht, desto leichter reichen Erinnerungen aus demselben -in’s wache Bewusstsein hinüber; je mehr es sich in sich vertieft, -desto schwerer wird die Erinnerung an seinen Inhalt, am schwersten -beim „Hochschlaf“, der nur durch das verknüpfende Mittelglied des -gewöhnlichen Somnambulismus mit dem wachen Bewusstsein verbunden -werden kann. Je mehr sich der Somnambulismus steigert, desto mehr -steigern sich die Eigenthümlichkeiten, welche das Traumbewusstsein -von dem wachen Bewusstsein unterscheiden: die Passivität des Willens, -die Sinnlichkeit und Bildlichkeit der<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[– 215 –]</a></span> Vorstellungen, die Stärke der -unwillkürlichen Phantasiethätigkeit, die Neigung zu dramatischer -Spaltung des Ich, der Mangel an Besonnenheit und zielbewusster -Stetigkeit, die Hyperästhesie des Gedächtnisses, die damit -zusammenhängende Geschwindigkeit des Vorstellungswechsels, und endlich -die Sensitivität des Gefühlslebens für natürliche Vorgänge innerhalb -und ausserhalb des eigenen Organismus.</p> - -<p>Andererseits aber steigern sich auch einige solche Merkmale, durch -welche das wache Leben sich vom Schlaf unterscheidet, erstens die -Fähigkeit, vermittelst der Sinneswerkzeuge von der Aussenwelt Eindrücke -zu empfangen und auf diese Eindrücke mit Reden und Handlungen -sinngemäss zu reagiren, zweitens die Eigenthümlichkeit, dass die -Erlebnisse der Zeitabschnitte des somnambulen Lebens wie diejenigen des -wachen Lebens durch ihren Erinnerungszusammenhang ein geschlossenes -Ganzes bilden, während die Träume der verschiedenen Nächte der Regel -nach zusammenhangslose Bruchstücke bleiben und nur ausnahmsweise mit -vereinzelten Erinnerungen ineinander übergreifen, und drittens der -Umstand, dass die das somnambule Bewusstsein vermittelnden Theile des -Centralnervensystems ebenso wie die das wache Bewusstsein vermittelnden -der zeitweiligen Ruhe durch Schlaf bedürfen, wie der Wechsel von Schlaf -und Wachen bei einem Wochen und Monate lang anhaltenden Somnambulismus -beweist (332).</p> - -<p>Wenn eine Somnambule ihren häuslichen Verrichtungen obliegt, oder -gar eine Rolle auf der Bühne tadellos durchführt, so wird Niemand -bezweifeln, dass ihr Zustand dem Wachen ähnlicher ist, als dem Schlaf, -trotzdem sich bei genauerer Untersuchung herausstellt, dass der -Zustand ihres Bewusstseins in vielen Punkten als ein gesteigerter oder -vertiefter Traumzustand zu betrachten ist. Beim Somnambulismus wird die -Aehnlichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[– 216 –]</a></span> mit dem Wachen, beim Schlaf die Unähnlichkeit mit dem -Wachen um so grösser, je tiefer er wird; je weniger tief Somnambulismus -und Schlaf sind, desto ähnlicher sehen sie sich beide; je tiefer -sie werden, <span class="nowrap">d. h.</span> je mehr sie ihre eigenartige specifische Natur -hervorkehren, desto verschiedener und entgegengesetzter erscheinen sie. -Der niedrigste Grad des Hypnotismus zeigt vollkommene Lethargie, also -gar keinen Verkehr mit der Aussenwelt wie der Schlaf; erst im zweiten -Grade, im kataleptischen Stadium öffnet sich das Ohr und die niedern -Sinne, und erst im dritten Stadium, dem im engeren Sinne somnambulen, -öffnen sich auch die Augen und beginnt jener vollständige Verkehr mit -der Aussenwelt, der auf den ersten Anblick vom Verhalten einer wachen -Person nicht zu unterscheiden ist.</p> - -<p>Der Schlaf hingegen wird dem Somnambulismus nur dann ähnlicher, -wenn er im Begriff ist, in denselben überzugehen, <span class="nowrap">z. B.</span> in dem -Sprechen und Handeln der Schlafenden; aber der sich selbst treu -bleibende ruhige und tiefe Schlaf kennt solche Extravaganzen -nicht, die schon einem gestörten Gleichgewicht des Nervensystems -entspringen, wie der Somnambulismus auch. Es ist gleichgiltig ob, wie -du Prel meint, der tiefe, oder, wie ich meine, der leichte Schlaf -mehr dazu neigt, unruhig zu werden, <span class="nowrap">d. h.</span> in Uebergangsformen zum -Somnambulismus hineinzugerathen, da man in beiden Fällen es schon mit -zusammengesetzten Erscheinungen aus verschiedenen Gebieten zu thun -hat; und ebenso gleichgiltig ist es für die hier behandelte Frage, ob -der tiefe ruhige Schlaf traumlos ist oder nicht, ob mit anderen Worten -nicht bloss das wache und das somnambule Bewusstsein im Schlafe Ruhe -und Erholung geniesst, sondern die Bewusstseinsfunktion schlechthin. -Letzteres kann wegen der beim Erwachen abreissenden Erinnerung -niemals direkt konstatirt werden (43); du Prel’s indirekter<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[– 217 –]</a></span> Beweis -für die Behauptung beruht aber auf einem Cirkelschluss, insofern er -aus der vorausgesetzten Richtigkeit des Satzes folgert, dass auch -der Somnambulismus im Wesentlichen nur ein vertiefter Schlaf sei, -und hieraus dann wieder nach Analogie zurückschliesst, dass auch im -natürlichen Schlaf ebenso wie im Somnambulismus das Erwachen des -Traumbewusstseins proportional der Tiefe des Schlafes sein müsse -(427, 32, 37). Nach meiner Ansicht hingegen wird schon durch das -Ruhebedürfniss des somnambulen Bewusstseins und dessen Befriedigung im -Schlafe zur Genüge erwiesen, dass auch die das somnambule Bewusstsein -vermittelnden Theile des Centralnervensystems im tiefen Schlafe ruhen, -so dass die dessen etwaige Träume vermittelnden Partien jedenfalls noch -unterhalb der ersteren gesucht werden müssten.</p> - -<p>Worauf es hier ankommt, ist nur, zu konstatiren, dass der natürliche -Schlaf ein gesunder normaler, für Wache und Somnambule gleich -unentbehrlicher Erholungszustand, der Somnambulismus aber ein abnormer, -pathologischer, schlechthin entbehrlicher Zustand ist, dass ferner der -reine Schlaf mit wachsender Vertiefung den Schläfer immer mehr von -der Aussenwelt abschliesst, der Somnambulismus dagegen mit wachsender -Vertiefung den Somnambulen in eine dem wachen Zustand immer ähnlicher -werdende sinnlich vermittelte Wechselbeziehung zur Aussenwelt setzt. -Dies genügt, um einen <em class="gesperrt">specifischen Unterschied</em> beider Zustände -festzustellen, und den Streit über die Stellung zwischen Wachen, Schlaf -und Somnambulismus zu einem nebensächlichen zu machen.</p> - -<p>Ausser der Verwandtschaft des Somnambulismus mit dem wachen Zustand -und dem gewöhnlichen Traum ist noch diejenige mit der Narkose und mit -Nerven- und Geisteskrankheiten zu beachten. Die Narkotisirung durch -Chloroform und Aether stimmt darin mit dem Somnambulismus<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[– 218 –]</a></span> überein, -dass eine von der Peripherie nach dem Centrum fortschreitende Analgesie -(Unempfindlichkeit für Schmerz) und scheinbar auch Anästhesie eintritt, -dass das wache Bewusstsein schwindet und unwillkürliche Träume sich -entfalten; ein ähnlicher Zustand der Analgesie trat auch bei den -höchsten Graden der Folter manchmal ein, der dann der Hülfe des -Teufels zugeschrieben wurde. Bei der Morphium- und Haschisch-Narkose -ist die Analgesie weniger ausgesprochen, dafür aber das Traumleben -gesteigert; insbesondere das Haschisch erzeugt eine Hyperästhesie -des Gedächtnisses und eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufes, -welche mit den gleichen Erscheinungen des somnambulen Traumlebens -viel Aehnlichkeit hat. Alle Narkosen unterscheiden sich aber dadurch -vom Somnambulismus, dass in ihnen für gewöhnlich und unter Ausschluss -eines gleichzeitig eintretenden Somnambulismus der Verkehr mit der -Aussenwelt abgeschnitten ist; nur eine unvollständige Narkose, welche -noch einen Rest des wachen Bewusstseins übrig lässt, macht solchen -Verkehr möglich. Auf der Verwandtschaft dieser narkotischen Zustände -mit dem Somnambulismus beruht es, dass in nervösen Organisationen, -die zum Somnambulismus neigen, derselbe durch narkotische Mittel -hervorgerufen werden kann (Pythia, Hexenfahrten <span class="nowrap">u. s. w.</span>). Die Menge -von Chloroform, die Jemand zur Narkose braucht, ist zugleich ein -Gradmesser seiner Empfänglichkeit für magnetische Hypnotisirung, und -die Blutbeschaffenheit eines hungernden Organismus erleichtert in -gleichem Masse die Narkose wie das Magnetisiren und den spontanen -Eintritt von Uebergangsformen zwischen Traum und Somnambulismus.</p> - -<p>Von den pathologischen Zuständen des Nervensystems bietet sich -zunächst die konstitutionelle Sensitivität zum Vergleich dar. Während -„Sensibilität“ die<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[– 219 –]</a></span> Reizempfänglichkeit der Empfindungsnerven -bezeichnet, insoweit sie auf einem feinen Bau der Endorgane -(Sinneswerkzeuge) beruht, bedeutet das Wort „Sensitivität“ eine -abnorme Reizempfänglichkeit, welche nicht auf der Verfeinerung der -Sinneswerkzeuge, sondern auf der Hyperästhesie der Empfindungsnerven -und der ihre Eindrücke verarbeitenden Centralorgane beruht. Es giebt -abnorme Naturen, welche bei vollem Tagesbewusstsein die unglaublichsten -Dinge wahrnehmen, sowohl Vorgänge in ihrem eigenen Organismus, als -dynamische Einflüsse der Umgebung, <span class="nowrap">z. B.</span> das Vorhandensein einer -Katze im Zimmer, oder gewisse Krankheiten anwesender Personen, oder -die relativen elektrochemischen Werthe einer Reihe von eingewickelten -Stoffen. Es mag sein, dass eine gewisse Beschaffenheit des -Nervensystems für alle Arten von Empfindungen die Reizempfänglichkeit -erhöht; aber es ist doch durchaus nicht nöthig, dass die Sensitivität -für Gefühls-, Geruchs-, Gehörs- und Gesichtsempfindungen immer Hand -in Hand gehen, oder gar den gleichen Grad von Steigerung aufweisen -muss. Die Thatsache, dass Sensitivität auch in dem gewöhnlichen wachen -Bewusstseinszustand vorkommt, lässt erkennen, dass, wenn auch die -abnormen Bewusstseinszustände (wie Traum, Somnambulismus, Irrsinn etc.) -häufig mit Schwellenverschiebung verbunden auftreten, doch dieses -Symptom weder ausreichend zu ihrer Charakterisirung heissen, noch als -ausreichende Ursache ihres Eintritts angesehen werden kann.</p> - -<p>Der Somnambulismus zeigt eine Sensitivität insbesondere für -Empfindungen des Gemeingefühls (122, 141), zum Theil auch für -solche des Geruchs und Geschmacks (246, 389), wogegen das Gehör -unverändert zu bleiben scheint und die Reizempfänglichkeit für -Gesichtswahrnehmungen noch im zweiten, kataleptischen<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[– 220 –]</a></span> Stadium ganz -aufgehoben ist und erst im dritten, somnambulen Stadium zugleich -mit der nun auffällig erhöhten Hautempfindlichkeit wieder erwacht. -Es ist also im Somnambulismus die Empfindungsschwelle der niedern -Sinne emporgeschraubt, die der höheren theils unverändert, theils -heruntergerückt, theils gesteigert, und es ist demnach ebenso ungenau -von einer Herabsetzung der Empfindungsschwelle im Allgemeinen, wie von -einem Geschlossensein der äusseren Sinne oder einem vom Sinnesapparat -unabhängigen Bewusstsein in diesem Zustand zu reden (146, 441). Eine -Verschiebung der Empfindungsschwelle findet zwar statt, aber für -verschiedene Sinneswahrnehmungen in ungleichem Maasse und zum Theil -sogar in entgegengesetztem Sinne, und keine Art von Sinneswahrnehmungen -fehlt im eigentlich somnambulen Stadium des Hypnotismus ganz, weder die -Tastempfindungen, welche zur Wahrung des Gleichgewichtes unentbehrlich -sind, noch die Gesichtseindrücke, ohne welche ein Somnambuler sich -in einer ihm unbekannten Umgebung unmöglich mit Sicherheit bewegen -könnte. Eine Somnambule mit geöffneten Augen liest auf Befehl ein -ihr vorgehaltenes Buch fliessend vor, während sie bei geschlossenen -Augen auf den gleichen Befehl nur unverständliche Worte murmelt. Die -Behauptung, dass sie nicht mit den geöffneten Augen, sondern etwa mit -dem Sonnengeflecht läse, stünde logisch auf gleicher Stufe mit der, -dass sie die Worte nicht mit dem Kehlkopf und der Zunge bilde, sondern -mit dem Magen. Manche Somnambulen sind im Stande, mikroskopische -Photographien mit blossem Auge zu erkennen, oder ein ihnen abgekehrtes -Buch aus der Spiegelung im Auge des Magnetiseurs zu lesen; dies alles -setzt eine hochgradige Steigerung der Gesichtsschärfe voraus. Auf -den Einfall, dass eine Somnambule mit fest zugedrückten Ohren nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[– 221 –]</a></span> -mehr mit dem Gehörorgan die Worte des vor ihr stehenden Magnetiseurs -vernehme, konnte Schopenhauer nur darum kommen,<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> weil er nicht -daran dachte, sich durch den Versuch zu überzeugen, dass man mit fest -zugedrückten und verstopften Ohren noch ziemlich ebenso gut hört, -wie mit offenen; für die leisesten Worte des, wenn auch entfernt -stehenden Magnetiseurs kann ausserdem in dem Gehör der Somnambulen -eine hochgradig verschärfte Wahrnehmungsfähigkeit vorhanden sein, -während gleichzeitig für laute Gespräche der nicht mit ihr in Rapport -stehenden Anwesenden Taubheit zu bestehen scheint. Das Vorkommen -des Hellsehens wird selbst bei hoch gesteigertem Somnambulismus -immer nur als sporadischer Ausnahmefall anzusehen sein, aber nicht -als ein fortdauernder Zustand, aus dem <em class="gesperrt">alle</em> anscheinenden -Sinneswahrnehmungen zu erklären wären.</p> - -<p>Der psychologische Unterschied zwischen Sensitivität und Somnambulismus -ist nicht in der Ungleichmässigkeit der Schwellenverschiebung für -verschiedene Sinne, sondern darin zu sehen, dass die gewöhnliche -Sensitivität auf ein waches, die somnambule auf ein träumendes -Bewusstsein trifft, und dass in Folge dessen der Sensitive seine -Sinneseindrücke von Phantasiebildern unterscheiden kann, der Somnambule -nicht. Daher kommt es, dass der Somnambule Phantasiebilder von -Sinneseindrücken, welche durch Ideenassociation aus Empfindungen ganz -anderer Sinnesgebiete entstanden sind, für reale Sinneswahrnehmungen -hält (<span class="nowrap">z. B.</span> das Phantasiegebild eines Wohlgeschmacks oder einer -Amputation, die der Magnetiseur ihm bloss einredet, oder die Bilder von -Gestalten und Stimmen, die nur Personifikationen oder Symbolisirungen -organischer Gefühlsreize<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[– 222 –]</a></span> sind), während energische Sinneseindrücke, -die zu dem momentanen Inhalt seines Traumbewusstseins keine Beziehung -haben, von diesem gar nicht appercipirt werden (<span class="nowrap">z. B.</span> eine wirklich -stattfindende Operation, oder ein intensiv schmeckender Stoff auf -der Zunge, oder die den geöffneten Augen sich darbietende Umgebung). -Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit der Sensitivität macht es -erklärlich, dass wiederholter Somnambulismus das Nervensystem sensitiv -macht, <span class="nowrap">d. h.</span> einen geringeren Grad der somnambulen Sensitivität -als dauernden Zustand zurücklässt. Die Sensitivität ist aber ein -pathologischer, bei Unwohlsein sich steigernder (223) Zustand, der für -unser praktisches Leben mit den grössten Unannehmlichkeiten verknüpft -ist (197), und häufig mit einer Schwächung des Gedächtnisses Hand in -Hand geht (310), also ein Zustand dessen Herbeiführung und Steigerung -sorgfältig zu vermeiden ist.</p> - -<p>Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit Hysterie, Epilepsie, -Katalepsie, Ohnmacht, Starrsucht, Scheintod, Todeskampf, -Fieberdelirien, Veitstanz und den verschiedenen Arten des Irrsinns -zeigt eine Anzahl sich kreuzender Symptome; alle schwereren -Erkrankungen des Nervensystems disponiren zum spontanen Eintritt und -zur Empfänglichkeit für die künstliche Erzeugung des Somnambulismus, -wie umgekehrt ein häufiges Hervorrufen des somnambulen Zustandes -künstliche Hysterie erzeugt (nach Richet), den Geist und Körper -zerrüttet und zu allen Arten von Nervenleiden prädisponirt.</p> - -<p>So lange ein Nervenleiden besteht, gelingt es dem Magnetiseur mit -Leichtigkeit, den Somnambulismus hervorzurufen; schreitet aber -die Genesung fort, so wird das Magnetisiren des Rekonvalescenten -immer schwieriger (239), bleibt aber in Folge der Gewöhnung des<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[– 223 –]</a></span> -Organismus immer noch leichter, als es vor Eintritt der Krankheit -war. Das weibliche Geschlecht, das bei seinem geringeren Uebergewicht -des Grosshirns über das sonstige Centralnervensystem leichter -zu decentralisirender Desorganisation des letzteren, <span class="nowrap">d. h.</span> zu -Nervenleiden, hinneigt, ist auch mehr prädisponirt für das Auftreten -von natürlichem und die Herbeiführung von künstlichem Somnambulismus, -insbesondere der höheren Grade derselben.</p> - -<p>Die Gleichheit der körperlichen Symptome bei Katalepsie und -Somnambulismus ist in die Augen springend; der Tonus der Muskeln -genügt, um jede einem Gliede gegebene Stellung zu behaupten, -ohne dass Krampfzustände vorhanden sind (Wachstarre). Aber der -Unterschied zwischen Katalepsie, Starrsucht, Scheintod einerseits -und Somnambulismus andererseits ist ebenso in die Augen fallend: -die Bewegungslosigkeit dort und die automatenartige Beweglichkeit -nach Anleitung des unwillkürlichen Inhalts des Traumbewusstseins -hier. Die automatische, traumgeleitete Beweglichkeit ist dagegen -im Veitstanz vorhanden, sobald die gewöhnlichen Krämpfe sich zu -ekstatischen Konvulsionen ausbilden, und die Geschichte der religiösen -Verirrungen zeigt in allen Ländern und Glaubenskreisen ähnliche Bilder -solcher ansteckenden Zustände, wie sie auch in Fällen des spontanen -Somnambulismus häufig beobachtet werden. Manche Theoretiker des -Somnambulismus sind soweit gegangen, eine Menge Formen der schweren -Nerven- und Geisteskrankheiten für regellose Formen des Somnambulismus -zu erklären (243, 266, 366); wenn dies richtig wäre, so würde der -pathologische Charakter des Somnambulismus in ein noch helleres Licht -dadurch gestellt, als wenn, wie ich annehme, in vielen Fällen bloss -eine Verquickung somnambuler Zustände mit anderen verwandten<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[– 224 –]</a></span> Störungen -des nervösen Gleichgewichts stattfindet.</p> - -<p>Gehen wir zu den psychischen Symptomen über, so zeigt sich die -Hyperästhesie der Erinnerung nicht nur im Somnambulismus und dem -gewöhnlichen Traum, sondern auch in Fieberdelirien, in manchen -Fällen der Hysterie, des Irrsinns, der Incubationsperiode mancher -Gehirnkrankheiten und im Todeskampf. Wenn eine Somnambule die -Aufschriften der Strassenschilder aus dem Heimatsort ihrer Jugend -angeben kann, wenn sie einmal Gelesenes wörtlich hersagt, wenn -sie die lateinischen oder griechischen Recitationen oder die -Violinübungen früherer Stubennachbarn nachahmend wiederholt, so -finden diese Leistungen eines hyperästhetischen Gedächtnisses -ihre Analogien in den gleichen Erscheinungen bei Fiebernden oder -Irrsinnigen, und hier wie dort stellt sich leicht die Täuschung ein, -dass Reproduktionen aus dem Gedächtniss, die man nicht als solche -erkennt, unmittelbare Neuproductionen seien, so dass dann leicht die -Reproductionen vergangener Ereignisse, an welche die Erinnerung (<span class="nowrap">d. -h.</span> Wiedererkennung) fehlt, als Weissagungen auf die Zukunft gedeutet -werden können.</p> - -<p>Hand in Hand mit der Hyperästhesie der Erinnerung geht nicht selten -eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufs; wahrscheinlich sind beide, -die Erleichterung und die Beschleunigung des Vorstellungswechsels -durch Ideenassociation, koordinirte Wirkungen derselben Ursache, einer -Hyperästhesie des funktionirenden Organs (Gehirntheils). Wie die Zeit -des Gehirnreflexes zwischen Empfindung und motorischer Reaktion, so ist -auch die durchschnittliche Zeit, die vom Auftauchen einer Vorstellung -bis zum Hervorrufen der folgenden durch Ideenassociation verstreicht, -bei jedem Individuum eine andere, und bei demselben Individuum je nach -seinem Befinden und seiner Stimmung (Frische<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[– 225 –]</a></span> oder Ermüdung, Sättigung -oder Nüchternheit, intellektuelle Freiheit oder Gemüthsbeklommenheit) -erheblichen Schwankungen (etwa von 2 bis -<span class="nowrap"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">12</span></span> Sekunde) schon im -wachen normalen Bewusstseinszustand unterworfen. Die Schwankungen -bewegen sich in noch weiteren Grenzen im Schlaf und den abnormen -Zuständen des Nervensystems. In Fieberdelirien, in maniakalischen -Delirien, im Haschischrausch und im Todeskampf (insbesondere der -Ertrinkenden) erreicht die Hyperästhesie des Gedächtnisses und der -Phantasie einen Grad, der mit Ideenflucht bezeichnet wird, den man aber -bei der sinnlich-anschaulichen Beschaffenheit solcher unwillkürlich -vorüberziehenden Vorstellungsgebilde vielmehr „Bilderflucht“ nennen -sollte. Indessen sind die Berichte über das Vorüberziehen des gesammten -Lebens von dem Bewusstsein Ertrinkender denn doch nur auf typische -Hauptmomente des Lebens zu beziehen, und deren können in 60 bis 180 -Sekunden allerdings eine beträchtliche Zahl (720 bis 2160) auf einander -folgen, ohne die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs -auch nur zu überschreiten.<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a></p> - -<p>Ein weiteres psychisches Symptom, welches dem Somnambulismus -(und dem Traum) mit Fieberdelirien, Haschischträumen und -Geistesstörungen gemeinsam ist, ist die dramatische Spaltung. -Wenn eine Gedächtnissvorstellung zwar reproducirt wird, aber ohne -Wiedererkennung, <span class="nowrap">d. h.</span> ohne Erinnerung, so nimmt das wache,<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[– 226 –]</a></span> besonnene -Bewusstsein dieselbe hin als eine aus dem Unbewussten auftauchende, -deren Herkunft zunächst problematisch bleibt, vermuthet aber von -vornherein, dass sie aus dem Gedächtniss stammen werde; oft hat man -auch das Gefühl, sie schon gehabt zu haben, also das Bewusstsein, dass -sie Gedächtnissvorstellung ist, ohne ihr doch in der Vergangenheit -durch Verknüpfung mit Ort, Zeit und näheren Umständen ihres früheren -Auftretens einen bestimmten Platz anweisen zu können (284). Das -träumende Bewusstsein, das dieser Besonnenheit ermangelt und statt -dessen allen Gedankengehalt in sinnlich-anschauliche Formen giesst -(33), verbildlicht (50), symbolisirt (70) und personificirt (99), -projicirt eine Gedächtnissreproduktion, die es nicht als solche zu -rekognosciren vermag, gern nach aussen, und legt sie Traumgestalten -in den Mund; das irre Bewusstsein verfährt bei höheren Graden -der Phantasieerregung ebenso, bei geringeren Graden, die zur -Gestaltenprojektion (Gesichtshallucination) nicht ausreichen, verlegt -es wenigstens den Gedankengehalt in von aussen kommende Stimmen -(Gehörshallucination).</p> - -<p>Die Bruchfläche dieser dramatischen Spaltung ist also die Scheidelinie -zwischen Gedächtnissreproduktion und Erinnerung (291); was das -Traumbewusstsein als sein Eigenthum rekognoscirt, nimmt es auch -als solches, als geistigen Besitz und Zubehör seines Ich für sich -in Anspruch, was es nicht zu rekognosciren vermag, aber trotzdem -als seinen Bewusstseinsinhalt vorfindet, lässt es auch nicht als -das Seinige gelten und projicirt es auf andre Traumgestalten. -Aus dem Unbewussten stammt also gleichmässig aller Inhalt des -Traumbewusstseins, sowohl der dem Ich als der dem Nichtich zugetheilte, -und Alles gehört gleichmässig dem Inhalt des Traumbewusstseins -an; auch das Ich des Träumers umfasst nur einen kleinen Theil des -Gesammtinhalts des<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[– 227 –]</a></span> Traumbewusstseins, und auch dieser dem Ich -zugewiesene Theil ist ein ebenso unwillkürlicher Ausfluss aus dem Quell -des Unbewussten, wie der in’s Nichtich (Aussenwelt und Traumgestalten) -hinausprojicirte Theil. Deshalb ist es unzulässig, wenn du Prel die -Bruchfläche der dramatischen Spaltung für zusammenfallend erklärt -mit der psychophysischen Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem -(96, 101), oder wenn er behauptet, dass alle Verstandesprocesse, -die den Charakter eines Einfalls haben, im Traume zur dramatischen -Spaltung führen (106). Gerade die produktiven Einfälle vertheilen sich -auf das Ich des Träumers und die bereits gegebenen Traumgestalten, -je nachdem die Situation des Traumes es verlangt, <span class="nowrap">d. h.</span> je nachdem -sie einem Vorstellungskomplex associativ zugehören, welcher dem -Traum-Ich oder anderen Traumfiguren bereits zugetheilt ist. Aber wohl -niemals werden solche produktive Einfälle zur Abspaltung <em class="gesperrt">neuer</em> -Traumfiguren veranlassen; denn bei ihnen fehlt ja eben die Scheidelinie -zwischen Reproduktion und Erinnerung, welche allein massgebend als -Bruchfläche der Spaltung ist, und welche etwas ganz Anderes ist als -die „psychophysische Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem“ im -Allgemeinen.</p> - -<p>Es ist die niedrigste Form der dramatischen Spaltung, wenn ein -reproducirter Gedächtnissvorrath, der nicht als solcher wiedererkannt -ist, in fremde Traumgestalten hinausprojicirt wird; man sollte -in diesem Falle, streng genommen, noch nicht von dramatischer -<em class="gesperrt">Spaltung</em>, sondern von dramatischer <em class="gesperrt">Vertheilung</em> des -Bewusstseinsinhalts auf das Ich und das Nichtich des Traumbewusstseins -sprechen. Dies Verhältniss bleibt auch dann noch dasselbe, wenn -die einer Traumfigur in den Mund gelegte Gedächtnissvorstellung -nach der Aeusserung derselben dann als eigenes, nur zeitweilig -vergessenes Wissen in’s Ich zurückgenommen wird. Interessanter<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[– 228 –]</a></span> -sind jene Spaltungen, bei welchen nicht mehr das reproducirte -Vorstellungsmaterial, sondern die eigene Traumfigur, das Traum-Ich -gespalten und in mehrere Ichs zertheilt wird, etwa als Acteur auf der -Bühne und als Zuschauer im Parterre; derartige Verdoppelungen kommen -auch bei Todtkranken und bei Irrsinnigen vor, welche letztere manchmal -lange Disputationen mit ihrem visionär vor ihnen stehenden Doppelgänger -halten. Aber nicht immer weiss man sich im Traum identisch mit seinem -zweiten Ich, und das Selbstbewusstsein kann zwischen beiden schwanken, -wobei dann immer das jeweilige eigentliche Ich das zweite Ich als -sein „anderes“ Ich oder als „den Andern“ betrachtet; beide Ich können -auch wieder in eins zusammenfliessen, wie wenn das Zuschauer-Ich auf -die Bühne springt, um nun selbst weiter zu agiren. Dem analog ist es -eine gewöhnliche Erscheinung, dass das somnambule Bewusstsein sich als -das eigentliche Ich des somnambulen Zustandes von dem „anderen“ Ich -des wachen Zustandes, dessen Bewusstseinsphäre es doch umspannt, wie -von einer fremden Person unterscheidet, und diese Neigung, die eigene -Persönlichkeit des wachen Lebens als eine andere, fremde, obwohl doch -mit dem Ich wie ein Doppelgänger zusammengekoppelte anzusehen, wächst -mit der Tiefe des Somnambulismus.</p> - -<p>Die Scheidelinie zwischen Reproduktion und Erinnerung reicht zwar -aus zur Feststellung der Bruchfläche für die einfache dramatische -Spaltung zwischen Ich und Nichtich, aber nicht für die Feststellung -der Bruchfläche für die Spaltung des Ich in ein doppeltes Ich, das -„eigentliche“ Ich und „das andere“; die psychophysische Schwelle -zwischen Bewusstem und Unbewusstem, die schon für den ersteren Fall -nur irrthümlicher Weise mit der Bruchfläche der Spaltung verwechselt -werden konnte, passt auf den letzteren Fall<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[– 229 –]</a></span> noch viel weniger, da der -Bewusstseinsinhalt des „anderen“ (normalen) Ich für das Bewusstsein des -„eigentlichen“ (somnambulen) Ich nichts weniger als unbewusst, sondern -völlig bewusst, ja sogar in seiner Einordnung in die Erlebnisse der -Vergangenheit klar durchschaut und doch nicht als eigener Besitz, als -Zubehör des „eigentlichen“ Ich anerkannt wird. Man könnte sich denken, -dass das einer fremden Traumfigur geliehene Gedächtnissmaterial in dem -Falle, wenn es eine grössere zusammenhängende Gruppe von Vorstellungen -ausmacht, dahin neigt, das Traumbewusstsein zu der Ahnung zu führen, -dass das scheinbar Fremde doch nur sein verliehenes Eigenthum, -somit die fremde Traumfigur nur ein Spaltungsprodukt des eigenen -Geisteslebens sei, was sich dann bildlich in dem widerspruchsvollen -Gleichsetzen und Ungleichsetzen der anderen Figur mit dem Traum-Ich -ausdrückt; aber dabei bleibt doch die Hauptbedingung unerwähnt, dass -die abgetrennte Vorstellungsmasse ausreichend und geeignet sein muss, -einem Ich als Unterlage zu dienen, was psychologisch nicht zu erklären -ist.</p> - -<p>Begrifflich streng zu sondern von dem subjektiven Phänomen der -dramatischen Spaltung des Ich ist das objektive Phänomen des -alternirenden Bewusstseins. Ein solches kommt dann zu Stande, wenn -verschiedene Bewusstseinszustände, welche die Eigenthümlichkeit haben, -nach stattgehabter Unterbrechung die Kontinuität des Bewusstseins -aufrecht zu erhalten und ein in sich geschlossenes bewusstes -Lebensganze zu bilden, mit einander abwechseln. Ein solcher Zustand ist -das normale wache Bewusstsein, ein zweiter das somnambule Bewusstsein, -ein dritter der Hochschlaf des somnambulen Bewusstseins, ein vierter -und fünfter kann endlich in verschiedenen Formen periodischer -Geistesstörung auftreten, in welchen die Erinnerung an das<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[– 230 –]</a></span> bisherige -wache Leben erlischt und ein von demselben völlig abgetrenntes neues -Leben begonnen und fortgeführt wird. Auch die Reiche der natürlichen -Träume würde ein alternirendes Bewusstsein konstituiren, wenn sie sich -ebenso wie die Abschnitte des wachen Lebens, oder wie die Reihe der -somnambulen Krisen oder die Reihe der bezüglichen Irrsinnsanfälle zu -einem stetig zusammenhängenden Erinnerungsganzen konsolidirten. Die -periodische Geistesstörung producirt für sich allein manchmal mehr -als ein abgetrenntes Bewusstseinsleben, das mit dem wachen alternirt; -wechseln zwei getrennte Bewusstseinszustände des Irrsinns mit dem -normalen wachen Bewusstsein ab und tritt zu diesen dreien noch der -somnambule Zustand, so haben wir es mit einem vierfachen alternirenden -Bewusstsein, <span class="nowrap">d. h.</span> mit einem vierfachen Geistesleben desselben -Individuums zu thun (337–343).</p> - -<p>Streng genommen kann von einem alternirenden Bewusstsein nur da -gesprochen werden, wo weder der Zustand a vom Zustand b, noch der -Zustand b vom Zustand a etwas weiss; diese Bedingung ist aber im -Somnambulismus nur einseitig erfüllt, da das somnambule Bewusstsein -den Gedächtnissinhalt des wachen nicht nur umspannt, sondern sogar in -erleichterter Weise reproducirt (308, 312). Im Traum findet dieses -Umspannen des wachen Bewusstseinsinhalts durch das Traumbewusstsein -der Regel nach ohne Spaltung des Ichs statt, und die Verdoppelung des -Ich im Traume gehört zu den seltensten Ausnahmen, bei denen vielleicht -schon eine Uebergangsform zwischen Traum und Somnambulismus oder Traum -und Wahnsinn<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[– 231 –]</a></span> anzunehmen ist. Im alternirenden Bewusstsein des -Irrsinns fehlt in der Regel jede Umspannung der Vorstellungen des -einen Zustandes durch das Bewusstsein des anderen und jeder der beiden -Bewusstseinszustände weigert sich, die ihm von aussen dargebotenen -Vorstellungen, sofern sie dem anderen angehören, als die seinigen -anzuerkennen, oder überhaupt kennen zu wollen. Nur wenn der Irrsinn -dem Traum sich annähert, <span class="nowrap">d. h.</span> Hallucinationen erzeugt, kommt es vor, -dass das wahnsinnige Bewusstsein als ein anderes Ich aus der Person -des Kranken (meist mit veränderter Stimme) redet und sich von dieser -unterscheidet, womit dann die Illusion der Besessenheit gesetzt -ist. Im Somnambulismus weigert sich nur das wache Bewusstsein, die -Vorstellungen des somnambulen kennen zu wollen; das letztere aber -kennt die Vorstellungen des ersteren wohl, erkennt sie aber nicht -als die seines „eigentlichen“ Ichs, sondern als die des „anderen“ -an. So nimmt ersichtlich der Somnambulismus in dieser Hinsicht eine -Mittelstellung zwischen Traum und Irrsinn ein, halb dem einen, halb -dem andern gleichend, und bemüht, die Unterschiede beider durch die -dramatische Spaltung des Ich zu vermitteln, insofern durch dieselbe -das alternirende Bewusstsein des Irrsinns in fingirter Weise trotz der -Umspannung des alternirenden Bewusstseinszustandes aufrecht erhalten -wird.</p> - -<p>Es wird die Vermuthung nahe liegen, dass nicht nur hier, sondern -überall, wo wir der dramatischen Spaltung und Verdoppelung des Ich -begegnen, dieser phantastische optische Dualismus eine symbolische -Personifikation der physiologischen Thatsache ist, dass die -physiologischen Hauptbedingungen zu einem alternirenden Bewusstsein -vorhanden sind, wenn auch dasselbe wegen des Fehlens gewisser -Nebenbedingungen meistens im latenten oder potentiellen Zustande -verharrt. Andrerseits<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[– 232 –]</a></span> werden wir annehmen dürfen, dass überall, wo ein -alternirendes Bewusstsein besteht, auch die physiologischen Bedingungen -für die dramatische Spaltung und Verdoppelung des Ich gegeben sind, -und nur das umspannende Uebergreifen des einen Bewusstseins über das -andere hinzuzutreten braucht, um die Verdoppelung des Ich wirklich -herbeizuführen; die Richtigkeit dieses Satzes wird bestätigt in -denjenigen Fällen des alternirenden Bewusstseins bei Geisteskranken, in -denen die beiden Zustände nicht plötzlich wechseln oder durch trennende -Bewusstlosigkeit geschieden sind, sondern allmählich in einander -übergehen, wo sich dann stets im Uebergangsstadium das Gefühl der -doppelten Persönlichkeit <span class="nowrap">einstellt. —</span></p> - -<p>Nach allem vorher Angeführten sollte man es für unzweifelhaft halten, -dass man es beim Somnambulismus mit einem nicht bloss abnormen, -sondern schlechthin krankhaften Zustand des Organismus zu thun -hat, mit einem Zustand, der nicht nur seiner Entstehungsursache -nach, sondern an und für sich pathologisch ist und deshalb auch -nur pathologisch modificirte Funktionen ermöglicht. Der psychische -Symptomenkomplex des Somnambulismus lässt sich zusammenfassen als -eine Auslöschung oder Suspension der psychischen Funktionen im -Allgemeinen und als koncentrirte Steigerung derselben in derjenigen -beschränkten Richtung, auf welche das Interesse und die Aufmerksamkeit -durch den Magnetiseur oder Experimentator hingelenkt ist. Es besteht -allgemeine Fühllosigkeit, Seelenblindheit, Seelentaubheit, Geruch- und -Geschmacklosigkeit (Analgesie und Anästhesie), Gedächtnisslosigkeit -(Amnesie), Willenlosigkeit (Abulie), und völlige Stockung des -spontanen Vorstellungsverlaufes, alles dies aber gleichzeitig mit -hochgradiger Sensitivität und Hyperästhesie, Verschärfung der -sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit, Gedächtnisssteigerung<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[– 233 –]</a></span> (Hypermnesie), -erhöhter Willensenergie (Hyperbulie) und vermehrter Intensität und -Geschwindigkeit des Vorstellungsablaufes, freilich nur in den ganz eng -begrenzten Richtungen, auf welche durch Suggestion des Magnetiseurs -oder auch durch Autosuggestion das Interesse und die unwillkürliche, -reflektorische Aufmerksamkeit koncentrirt ist. Es ist als ob alle -psychischen Funktionen durch künstliche Verengerung des Bettes, in -dem sie sich bewegen, krankhaft gesteigert wären, ähnlich wie die -Muskelkräfte des Maniakus. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen, -dass die Ergebnisse der psychischen Funktionen dieses Zustandes logisch -wahr oder moralisch untadelig seien; <span class="nowrap">z. B.</span> wenn die pathologische -Verfeinerung der Wahrnehmung das Material zu Erkenntnissen und -unbewussten Schlussfolgerungen liefert, welche dem wachen Bewusstsein -verschlossen bleiben, oder wenn das moralische Gefühl des Menschen -durch die physische und psychische Analgesie des somnambulen Zustandes -von pathologischen Störungen befreit wird, welche es im wachen Zustande -entstellen. Aber dieser relative Werth der Ergebnisse jener psychischen -Funktionen beweist doch nichts dagegen, dass dieselben an und für -sich pathologischer Natur sind, wie du Prel meint (131, 137, 278). -Der Beweis dafür ist damit gegeben, dass auch andere pathologische -Zustände, Sensitivität, Irrsinn <span class="nowrap">u. s. w.</span> gelegentlich richtige und -ungewöhnliche Ergebnisse durch ihre pathologischen psychischen -Functionen zu Tage fördern. Anderseits würde die pathologische Natur -des somnambulen Zustandes nicht hindern können, dass die Natur ihn -unter Umständen als das kleinere von zwei Uebeln wählt, und dass die -menschliche Absicht dieses Beispiel der Natur nachahmt, falls das -Uebergewicht des zu beseitigenden<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[– 234 –]</a></span> Uebels und seine Beseitigung durch -das gewählte Mittel zweifellos sind.</p> - -<p>Du Prel geht es wie so vielen Autoren, die sich anhaltend mit einem -Gegenstande beschäftigt haben, er überschätzt dessen Bedeutung in -jeder Hinsicht. So wenig es rathsam ist, nach der Weise der Alten die -Träume auf ihren prophetischen Werth hin zu kultiviren, ebensowenig -kann man es empfehlen, den Somnambulismus in ausgedehnterem Maasse -zu psychologischen Experimenten oder gar zu Heilzwecken zu benutzen. -Wenn es wahrsagende Träume giebt, so müssen dieselben nach du Prel in -tiefem Schlaf (36) stattfinden, von welchem wir gar keine oder nur -eine durch den Halbschlaf vermittelte Erinnerung besitzen (49); der -Halbschlaf aber, der nur werthlose Phantasiebilder liefert (36, 51), -droht die ohnehin schon symbolisirten Ahnungen des tiefen Schlafs -noch zu verunstalten, wenn er sie einmal ausnahmsweise der wachen -Erinnerung überliefert. Die Jagd nach prophetischen Träumen würde -deshalb sicherlich in der grössern Mehrzahl der Fälle, wo man einen -solchen vermuthet und nach einer solchen Vermuthung handelt, den -Menschen zum Narren haben; gesetzt aber auch, man lernte einmal aus der -Symbolik des Traums, dass man sich im Inkubationsstadium einer noch -nicht ausgebrochenen Krankheit befände, so würde dadurch die glückliche -Unwissenheit des Kranken nur um so viel früher zerstört ohne die -Therapie zu erleichtern, welche doch meist erst in den späteren Stadien -einer Erkrankung eingreifen kann.</p> - -<p>Zur Erweiterung unserer psychologischen Kenntnisse über abnorme -psychische Zustände wird man wohl thun, sich auf genaue Beobachtung des -spontanen Somnambulismus zu beschränken; ich würde es eher für zulässig -halten, an Menschen mit ihrer Zustimmung Vivisectionsexperimente -zu machen, welche doch nur<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[– 235 –]</a></span> ihren Körper vorübergehend schädigen, -als künstliche Geistesstörungen in ihnen zu erzeugen, welche erst -bei öfterer Wiederholung interessantere Ergebnisse liefern, dann -aber auch Körper und Geist dauernd zerrütten.<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> Da der durch -künstlichen Somnambulismus dem Nervensystem zugefügte Schaden eine -zweifellose Thatsache, der durch ihn zu erzielende medicinische -Gewinn aber theils illusorisch, theils zweifelhaft und unsicher ist, -so wird jeder besonnene Arzt vor der Anwendung des Somnambulismus -zu Heilzwecken zurückschrecken, ganz unabhängig davon, ob er sich -denselben <em class="gesperrt">erklären</em> kann oder nicht (237); denn die vorläufige -Unerklärlichkeit der Wirkungsweise der meisten Heilmittel hat -noch keinen Arzt von deren Anwendung abgehalten. Ausserdem sind -es noch Nebengründe, welche die medicinische Verwendbarkeit des -Somnambulismus, selbst wenn man sie im Princip zuliesse, doch -praktisch (ebenso wie die örtliche Anwendung des Heilmagnetismus -ohne Hypnotisirung) auf Ausnahmefälle beschränken würden, nämlich -die relative Unempfänglichkeit vieler Patienten für magnetische -Einflüsse, die relative Seltenheit ausreichender magnetischer Kraft -bei Aerzten und die rasche Krafterschöpfung der Magnetiseure bei -erwerbsmässiger Thätigkeit. Wollte man aber nach den Vorschlägen -Fahnestock’s<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> alle Menschen darauf einüben, sich selbst willkürlich -durch psychische Einflüsse in Somnambulismus versenken zu können, so -wäre der dadurch im Nervensystem der Menschheit angerichtete<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[– 236 –]</a></span> Schaden -unermesslich, der Gewinn aber höchst zweifelhaft; denn ob bei schweren -Verwundungen, Brandwunden, Schlangenbissen, Neuralgien <span class="nowrap">u. s. w.</span> der auf -Selbstsomnambulisirung Eingeübte im Stande bliebe, seinen psychischen -Vorstellungsablauf so zu beherrschen, dass der Somnambulismus auch -wirklich einträte, darüber hat Fahnestock, wie es scheint, noch keine -Versuche angestellt.</p> - -<p>Den Nutzen, den der Somnambulismus bringen kann, schlägt du Prel -viel zu hoch an. Dass dauernde vollständige Schlafentziehung ebenso -wie Nahrungsentziehung den Menschen tödtet, ist zweifellos; aber es -ist falsch, aus der Unentbehrlichkeit des Schlafs und der Nahrung zu -schliessen, dass der Mensch sich desto besser befinden müsse, je mehr -Schlaf und Nahrung man ihm zuführt (212). Dass Schlafsucht, die zu -wochenlangem oder monatelangem Schlaf führt, nicht nur nicht heilsam -ist, sondern meist mit Blödsinn oder Tod endet, ist bekannt. Aber -gesetzt auch, der Schlaf wäre um so heilsamer, je tiefer er ist, so -wäre doch die daraus gezogene Schlussfolgerung du Prel’s falsch, dass -der somnambule Schlaf als der tiefere und intensivere auch heilsamer -sein müsse als der natürliche (41). Denn erstens beruht dieser Schluss -auf der falschen Voraussetzung, dass der Somnambulismus eine Vertiefung -des normalen Schlafes sei, und zweitens lässt sie ausser Acht, -dass selbst, wenn er dies wäre, er doch nur eine <em class="gesperrt">krankhafte</em> -Vertiefung desselben wäre, die sich niemals an Heilsamkeit mit dem -gesunden Schlaf, selbst solchem von <em class="gesperrt">geringerer</em> Tiefe, messen -kann. So ist <span class="nowrap">z. B.</span> der durch Chloral, Morphium <span class="nowrap">u. s. w.</span> erzeugte Schlaf -tiefer als der gewöhnliche, und doch sind fünf Stunden natürlichen -Schlafes erquickender als sieben Stunden eines solchen künstlich -erzeugten; wer aber keinen natürlichen Schlaf finden kann, greift -schliesslich<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[– 237 –]</a></span> doch zu solchen Mitteln und darf dann wohl von ihnen -rühmen, dass sie nach langer Schlaflosigkeit ihn wahrhaft erquickt -haben. So mögen auch Somnambulen, die an Schlaflosigkeit leiden, das -Erquickende des somnambulen Schlafes rühmen, der ihnen einen gewissen -Ersatz gewährt; ja sogar sie können, wenn sie an schmerzhaften oder -quälenden Zuständen und Verstimmungen des Nervensystems leiden, mit -Recht dem Hypnotismus wegen seiner Analgesie in ihrem subjektiven -Empfinden einen Vorzug vor dem natürlichen Schlaf einräumen, ebenso -wie sie ihm oft den Vorzug vor dem ihnen unbehaglichen wachen Zustande -geben (493). Aus dieser subjektiven Bevorzugung des somnambulen -Zustandes durch die Somnambulen auf seine objektive Heilsamkeit zu -schliessen, wäre ebenso voreilig, als wenn man aus dem Verlangen -eines Morphiumsüchtigen nach neuer Narkose auf die Heilsamkeit der -Morphiumnarkose schliessen wollte. Dass der somnambule Zustand nicht -erquickender sein kann, als der gewöhnliche Schlaf, wird dadurch -objektiv erwiesen, dass er den letzteren nicht überflüssig macht, -vielmehr bei andauerndem Somnambulismus das Bedürfniss nach natürlichem -Schlaf ganz ebenso eintritt, wie im wachen Zustande (332).</p> - -<p>Uebrigens stehen den Aeusserungen der Somnambulen über die -Erquicklichkeit des somnambulen Zustandes ebensoviel Aeusserungen -gegenüber, dass derselbe nicht gut für sie sei, und dass Alles -vermieden werden solle, was ihren Rückfall in diesen Zustand -herbeiführen oder begünstigen könnte (369); nur die Aeusserungen der -letzteren Art sind unverdächtige Kundgebungen des Heilinstinkts, -während bei denen der ersteren Art der Verdacht nahe liegt, dass -der Heilinstinkt durch den Drang nach relativer Behaglichkeit des -subjektiven Befindens verdunkelt werde. Letzteres<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[– 238 –]</a></span> wird dadurch -erhärtet, dass die Somnambulen mit dem Schwinden ihrer subjektiven -Beschwerden auch aufhören, nach dem somnambulen Zustand Verlangen zu -tragen; wenn er aber erquicklich und unschädlich zugleich wäre, so -müssten Alle, die ihn kennen gelernt haben, nach seiner Wiederholung -Verlangen tragen, gleichviel ob sie gesund oder krank wären. Wenn der -Somnambulismus darum heilsamer wäre, als der Schlaf, weil er tiefer, -intensiver als dieser ist, so müsste er um so heilsamer sein, je -tiefer er ist, am heilsamsten also als Hochschlaf; das Gegentheil -davon ist wahr: der somnambule Zustand ist um so schädlicher in seinen -Nachwirkungen auf den Organismus, je tiefer er ist, und der geradezu -lebensgefährliche Hochschlaf wird von den Somnambulen selbst gefürchtet -(365). Gegen die prahlerischen Berichte der Magnetiseure über -wunderbare Heilungen und Regenerationen in anhaltendem Somnambulismus -ist mehr kritische Vorsicht nöthig, als du Prel anwendet (212, 254), -und das Gleiche gilt für die wunderbaren Wirkungen der von den -Somnambulen für sich oder Andere verwendeten Heilmittel.</p> - -<p>Da der Somnambulismus ein krankhafter, von dem gesunden Schlaf -specifisch verschiedener Zustand ist, der den letzteren keineswegs -entbehrlich macht, wohl aber um so schädlichere Nachwirkungen -hinterlässt, je tiefer er war und je öfter er sich wiederholte, so -ist gegen jede Behauptung heilsamer Wirkungen dieses Zustandes die -äusserste Vorsicht geboten. Der spontane Somnambulismus ist zunächst -ebenso zweifellos ein Symptom einer Erkrankung des Nervensystems wie -Epilepsie, Veitstanz oder Irrsinn; nur die unkritische vorgefasste -Meinung von der Heilsamkeit des Somnambulismus kann zu dem Irrthum -verleiten, in jedem Fall von spontanem Somnambulismus eine Aeus<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[– 239 –]</a></span>serung -der Naturheilkraft zu sehen. Dabei bleibt natürlich die Möglichkeit -nicht ausgeschlossen, dass in einzelnen besonderen Fällen der -spontane Eintritt des Somnambulismus in der That als eine Selbsthülfe -der Natur aufzufassen ist, <span class="nowrap">z. B.</span> um durch Analgesie dem Organismus -eine Erholungspause von unerträglichen Schmerzen zu gönnen, oder um -einen Anfall von nervöser Gleichgewichtsstörung in milderer Form -verlaufen zu lassen (larvirte Epilepsie, larvirter maniakalischer -Anfall). Ebenso ist es nicht unmöglich, dass die im Somnambulismus -stattfindende Funktionsausschaltung gewisser Theile des Organismus -und die Veränderung in den Bahnen des Blutstroms Gelegenheit geben -zur Förderung regenerativer Vorgänge. Im ersteren Sinne könnte -dem Somnambulismus ein symptomatischer Werth (zur Vorbeugung oder -Unterdrückung bedrohlicher nervöser Anfälle), im letzteren Sinne ein -Werth für die Linderung der Krankheitsursachen zugesprochen werden.</p> - -<p>Aber was so für den spontanen Somnambulismus gelten könnte, ist -darum noch nicht ohne Weiteres auf den künstlichen Somnambulismus zu -übertragen, wie du Prel annimmt (140); denn wer steht dafür, dass -der künstliche Somnambulismus genau derselbe Zustand ist, wie der -natürliche, dass er der Natur, die es unterlassen hat, ihn spontan -herbeizuführen, überhaupt willkommen ist, und dass er genau im rechten -Grade und genau zur rechten Zeit angewendet wird? Insbesondere der -mehr am Tage liegende prophylaktische Werth als symptomatisches -Palliativmittel hängt ganz davon ab, dass der Kranke den Magnetiseur -in jedem Augenblick bei sich hat, was doch viel schwerer ist, als ein -Chloral- oder Morphiumpulver immer bei sich zu tragen. Zwar kann der -Arzt dem Patienten in der Hypnose suggeriren, dass der somnambule -Schlaf jedesmal wiederkehren<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[– 240 –]</a></span> soll, sobald er eines von einer Anzahl -wirkungsloser Pülverchen zu sich nimmt, oder auch sobald er einen -bestimmten Spruch hersagt; aber solche posthypnotische Suggestionen -werden nur bei Personen von hochgradiger Nervosität längere Zeit ihre -Wirkung behalten, und grade bei solchen ist die Herbeiführung des -Somnambulismus ohne sachkundige Beaufsichtigung am wenigsten zulässig. -Selbst wenn die körperlichen Nachtheile der narkotischen Mittel ebenso -gross wären wie die des Somnambulismus (was entschieden zu bestreiten -ist), würden sie doch, da sie für die Gesundheit dasselbe mit grösserer -Sicherheit leisten, den Vorzug verdienen, weil die Gefahren für Geist -und Charakter bei ihnen ungleich geringer sind. Auch der Heilwerth -der posthypnotischen Suggestionen bei hysterischen Störungen ohne -anatomische Grundlage (hysterischen Lähmungen, Krämpfen <span class="nowrap">u. s. w.</span>) darf -nicht überschätzt werden; denn wenn es gelingt, der Krankheit die eine -Pforte zum Hervortreten auf diese Weise zu verschliessen, so wird sie -nie in Verlegenheit sein, sich dafür eine andere zu öffnen, so dass -nicht eine Beseitigung, sondern nur eine fortwährende Aenderung der -Symptome auf diesem Wege erzielt wird. Immerhin kann die Aufhebung -besonders lästiger oder schädlicher Symptome durch posthypnotische -Suggestion unter Umständen ein grosser Gewinn für die ärztliche -Behandlung sein, und dürfte hierin noch am ehesten die mesmerische -Praxis eine Zukunft haben.</p> - -<p>Nicht minder als den Heilwerth des Hypnotismus überschätzt du -Prel den Werth der somnambulen Sensitivität und der durch sie -vermittelten Diagnose eigener und fremder Körperzustände. Die Art, -wie die Somnambule ihre Körpertheile fühlt, ist unmittelbar nicht in -Worten auszudrücken, ja nicht einmal unmittelbar vom Bewusstsein zu -vergegenständlichen; erst der in<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[– 241 –]</a></span> Anschauungsbilder umgewandelte, -d. h. in Gesichtseindrücke übertragene Gefühlseindruck ist in -Worten wiederzugeben. Gesetzt den Fall, der Gefühlseindruck von der -relativen Lage und dem Zustand der eigenen Körpertheile wäre genau und -bestimmt, so würde er doch bei der unwillkürlichen Uebertragung in ein -Anschauungsbild zum ersten Mal, und bei der Uebersetzung des letzteren -in Worte zum zweiten Mal entstellt. Entweder fehlt es der Somnambule -an Worten und technischen Ausdrücken zur Beschreibung ihres Bildes, so -dass der Deutlichkeitsgrad ihrer Anschauung gar nicht zu kontroliren -ist; oder sie beherrscht solche Ausdrücke, dann besitzt sie sicherlich -auch einige unvollkommene Kenntnisse, welche ihrer vermeintlichen -Selbstschau Grundlage und Richtung geben und deren Ergebnisse entweder -verfälschen oder ergänzen. Aber schon der Gefühlseindruck selbst ist -dunkel und unsicher, und es bedarf schon einer Uebung durch häufige -Wiederholung oder eines ausnahmsweisen hohen Grades von Somnambulismus -oder einer örtlichen Steigerung der Hyperästhesie durch örtliche -Magnetisirung (179)<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>, um die totale, beziehungsweise lokale -Selbstschau zu einer einigermassen bestimmten zu machen.</p> - -<p>Abgesehen von der natürlichen Unbestimmtheit der Diagnose (198) -und von ihrer Gefährdung durch Einmischung von abstrakten -Gedächtniss-Vorstellungen (178) und Phantasiespielen (172) wird deren -Werth noch durch weitere Fehlerquellen verringert. Einerseits kann -nämlich der Magnetiseur durch vorzeitiges, oder zudringliches oder -ungeschicktes Fragen die Somnambule zwingen, seinen Ansprüchen durch -erquälte Antworten zu genügen, die sie theils nach ihrem eigenen -anatomischen<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[– 242 –]</a></span> Kenntnissstand, theils nach dem Wortlaut der Fragen -eingerichtet (178), und andererseits können, wenn die Annahme der -Gedankenübertragung vom Magnetiseur auf die Somnambule richtig ist, -sowohl die bewussten Gedanken des Magnetiseurs über die von ihm -erwarteten Antworten als auch die unbewussten Vorstellungen oder -dunklen Ahnungen desselben über den Zustand der Kranken in diese durch -den magnetischen Rapport übergehen und ihm aus demselben zurücktönen, -wie ein Echo, das er nicht als Echo erkennt (267). Hält der Magnetiseur -vorsichtshalber seine Fragen zurück, bis die Somnambule spontane -Aeusserungen über den Gesundheitszustand vorbringt (178), so wird er -nur selten eine Diagnose zu hören bekommen, und dann noch eine sehr -unvollständige und unbestimmte; geht er dann mit Fragen vor, so weiss -er doch nicht, was aus dem gesteigerten Körpergefühl der Somnambule -und was aus anderen Quellen stammt. Somnambule zur Diagnose fremder -Personen zu benutzen, bleibt, ob für Geld oder umsonst geübt, immer -ein Missbrauch ihrer Person, der sie schwächt und angreift und gegen -den sie sich mit Recht sträuben (204–205). Wäre die Ausnutzung der -somnambulen Sensitivität für Diagnosen etwas Unschädliches und wirklich -Werthvolles, so wäre nicht abzusehen, warum ein Magnetiseur, der seine -Somnambule (als Frau, Tochter, Pflegling <span class="nowrap">u. s. w.</span>) unterhält, nicht -ebenso gut wie ein konsultirender Arzt für die gelieferten Diagnosen -Honorar annehmen sollte, zumal sie ja von dem Inhalt der Sitzungen und -ihrer Entlohnung nichts zu erfahren brauchte (370).</p> - -<p>Die Behauptung du Prels, dass die somnambule Selbstschau viel -werthvollere Aufschlüsse über die Anatomie des Menschen als der -Leichenbefund und <em class="gesperrt">allein</em> werthvolle Aufschlüsse über die -physiologische<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[– 243 –]</a></span> und pathologische Oekonomie des Menschen zu geben im -Stande sei, weshalb in der Vivisektion nichts als nutzlose Grausamkeit -zu sehen sei (193), resumirt seine Ueberschätzung der somnambulen -Selbstschau in drastischer Form und verkennt die Nothwendigkeit, -sich der schwer zu erreichenden Wahrheit von möglichst vielen Seiten -her zugleich anzunähern. Nach meiner Ansicht ist der Missbrauch von -Somnambulen zu Diagnosen und Heilverordnungen für dritte Personen -ebenso unbedingt auszuschliessen, wie öffentliche Vorstellungen; auf -dem Gebiet der Selbstdiagnose aber wird nur ganz ausnahmsweise einmal -eine in den selteneren Graden des Somnambulismus spontan eintretende -Aeusserung einen diagnostischen Werth für den Arzt haben können. Eine -Erweiterung unserer anatomischen, physiologischen und pathologischen -Kenntnisse im Allgemeinen von den Aussprüchen der Somnambulen zu -erhoffen, erscheint mir phantastisch und mit den bisherigen Erfahrungen -im Widerspruch. Dagegen erkenne ich bereitwillig den Nutzen an, den das -objektive Studium dieser pathologischen Zustände der Physiologie des -Nervensystems bringen kann und zum Theil schon gebracht hat. Derselbe -würde noch ungleich grösser sein, wenn die Vivisektion sich mit dem -Somnambulismus redebegabter Individuen verbinden liesse, was leider -nach den bisherigen Ansichten über die Zulässigkeit der Vivisektion bei -Menschen nicht angeht.</p> - -<p>Aber selbst zugegeben, dass gelegentlich die somnambule Selbstschau -der ärztlichen Diagnose eine werthvolle Ergänzung oder Berichtigung -zuführt, so ist damit doch sehr wenig gewonnen; wäre jeder gute -Diagnostiker darum auch schon ein guter Arzt (176), so würde es uns -nicht an guten Aerzten fehlen, da in der Diagnose unsere heutige -Medicin ebenso weit vorgeschritten<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[– 244 –]</a></span> ist, als sie in der Heilung innerer -Krankheiten ohnmächtig geblieben, ja sogar zur Kenntniss ihrer Ohnmacht -gelangt ist. Steht schon den akuten constitutionellen Erkrankungen der -Arzt machtlos gegenüber, so noch weit mehr den chronischen; allgemeine -Kräftigung durch Diät und Hautpflege ist neben vorübergehender -Linderung einzelner lästiger Symptome das einzige, was ihm der heutige -Stand unserer Kenntniss zu leisten gestattet, insbesondere bei den -chronischen Krankheiten des Nervensystems. Wie wenig nützt ihm da -die Genauigkeit seiner eigenen Diagnose, und wie viel weniger die -gelegentliche Unterstützung durch die <span class="nowrap">Somnambule! —</span></p> - -<p>Nun darf freilich der Heilinstinkt der Somnambulen nicht ausser Acht -gelassen werden; aber dieser wird sich meist unabhängig von somnambuler -Selbstdiagnose und nur ausnahmsweise im Zusammentreffen mit derselben -äusseren, besonders, wenn man spontane Aeusserungen abwarten will, -denen allein einiger Werth zugeschrieben werden kann (255). Abgefragte -Heilverordnungen spiegeln fast immer nur die medicinischen Ansichten -des Arztes wieder (267), welche mit denjenigen seiner Zeit theils -übereinstimmen (257), theils mehr oder weniger von ihnen abweichen, -und zwar nicht bloss seine bewussten Gedanken und Entschliessungen, -sondern auch das von ihm Geahnte und noch nicht Erfasste, oder das -von ihm Gewünschte aber noch nicht Gewagte (231, 270). Aber auch -die spontanen Selbstverordnungen der Somnambulen sind mit so viel -Fehlerquellen behaftet, dass man niemals wissen kann, ob und wie viel -der Heilinstinkt dabei mitspricht.</p> - -<p>Erstens haben die meisten Laien mehr Kenntniss von Heilmitteln als -von Anatomie, insbesondere Nervenleidende, an denen schon viel herum -kurirt worden ist, und die oft eine Masse unverdauter medicinischer -Kenntnisse<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[– 245 –]</a></span> aufgelesen haben (309); es ist daher kein Wunder, dass -auch die Somnambulen die therapeutischen Systeme ihrer Zeit wenigstens -den Grundzügen nach widerspiegeln (264), wenn ihre Aeusserungen -auch mit dem Glauben und Aberglauben der Volksmedicin mehr oder -weniger gemischt sind. Ebenso wie die vermeintlichen Intuitionen der -Somnambulen über metaphysische und religiöse Dinge nur phantastisch -gemodelte unbewusste Reminiscenzen aus dem ihnen geläufigen religiösen -Vorstellungskreise sind (185), ebenso sind auch die vermeintlichen -Intuitionen des somnambulen (oder träumenden) Heilinstinkts in -der allergrössten Mehrzahl der Fälle nichts als erinnerungslose -Reproduktionen von früher einmal Gehörtem, Gelesenem oder Probirtem, -welche durch die Hyperästhesie des Gedächtnisses dem Bewusstsein -zur Verfügung gestellt werden ohne jedes Merkmal, dass sie aus dem -reflexiven discursiven Wissen stammen (229). Zweitens kreuzen sich bei -der Somnambulen, als einer Kranken, die perversen krankhaften Instinkte -mit dem Heilinstinkt, und man kann nie wissen, welcher im gegebenen -Falle die Oberhand hat; das Verlangen nach den unverdaulichsten -Dingen (217), nach kolossalen Dosen stark wirkender Medikamente (270 -bis 272), nach Fortdauer und Wiederholung des somnambulen Zustandes -gehören ohne Zweifel den ersteren an. Drittens schützt der Verzicht -des Magnetiseurs auf Fragestellung bei engem magnetischem Rapport -keineswegs davor, dass nicht schon dessen unausgesprochene bewusste -und unbewusste Vorstellungen und Wünsche in die Somnambule übergehen -und aus ihr zurücktönen. Viertens kann die somnambule Traumphantasie -sich in einem Spiel mit ebenso sinnlosen wie unschädlichen Verordnungen -ergehen (171), denen vom Magnetiseur und demgemäss auch von der Kranken -irrthümlich eine hohe Wichtigkeit beigemessen wird.<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[– 246 –]</a></span> Berücksichtigt man -endlich, dass Zurückhaltung in der Fragestellung bei den registrirten -Krankheitsgeschichten von Somnambulen zu den Ausnahmen gehört, so wird -man ermessen können, einen wie geringen Antheil an den berichteten -Selbstverordnungen man dem Heilinstinkt zuschreiben darf.</p> - -<p>Betrachtet man die berichteten Fälle von günstiger Wirkung der -somnambulen Verordnungen, so bleibt nach Ausscheidung der schlechthin -unzuverlässigen Angaben und nach Abzug der Fälle, in denen bekannte -Heilmittel von anerkannter Wirksamkeit verordnet sind, in der That noch -genug Material übrig, um das Erstaunen des Laien zu erwecken. Aber -ganz dasselbe ist der Fall bei den zahllosen irrationellen Systemen -der Heilkunst, welche auf der Erde im Schwange gehen, ja sogar bei -Schäfern und wunderthätigen Heiligenbildern; sie alle haben eine Menge -zweifellos glücklicher Kuren aufzuweisen, insbesondere in Fällen von -Nervenkrankheiten, die jeder rationellen Behandlung spotten, und bei -denen noch immer das Wort gilt: Dein Glaube hat Dir geholfen. Wenn -nun eine Somnambule den festen Glauben gewinnt, dass sie in Folge der -getroffenen Verordnungen sich bessern oder genesen werde, so kann -dieser Glaube sehr wohl eine vorübergehende oder dauernde Veränderung -der Krankheit herbeiführen, ganz abgesehen davon, ob den verordneten -Mitteln objektiv genommen irgend welche Wirksamkeit zukommt. Aus der -objektiven Gleichgültigkeit des Inhalts der Verordnung erklärt sich -die Vorliebe der Somnambulen für anscheinend indifferente Mittel -oder für homöopathisch kleine Gaben (272), zugleich aber auch die -Thatsache, dass die Mittel immer nur ihnen selbst helfen, aber in -anscheinend gleichen Fällen jede Wirkung versagen und zur Abstraktion -von allgemein giltigen Regeln nicht brauchbar sind (269–270);<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[– 247 –]</a></span> ebenso -erklärt sich aus der grösseren Kraft des Glaubens an eigene als an -fremde Verordnungen die Thatsache, dass die Wirkung der somnambulen -Verordnungen für dritte mit ihnen in Rapport gesetzte Personen soviel -unsicherer ist, als die Wirkung der Selbstverordnungen.</p> - -<p>Hätten die Verordnungen der Somnambulen irgend welche objektive -Wirksamkeit, so müsste doch unbeschadet der grössten Individualisirung -der einzelnen Fälle irgend welcher greifbare Gewinn für die Therapie, -wenn auch nur der allerbescheidensten Art, nachweisbar sein; da dies -trotz aller Bemühungen der Magnetiseure nicht der Fall ist, muss man -schliessen, dass die Wirkung der Verordnungen, soweit letztere nicht -von bereits bekannter objektiver Wirkung sind, nur subjektiver Art -ist, und zwar nicht nur bei den Somnambulen selbst, sondern auch bei -denen, welche ihre Hülfe in Anspruch nehmen und an deren Wirksamkeit -glauben. Darum ist aber auch die Hoffnung abgeschnitten, auf diesem -Wege jemals einen Fortschritt der medicinischen Wissenschaft zu -erzielen; die Befolgung der somnambulen Verordnungen, soweit keine -objektive Wirksamkeit derselben bekannt ist, wird ein verständiger -Arzt nur zu dem Zwecke zugeben, um von dem aufrichtenden Einfluss des -Glaubens und Vertrauens Nutzen zu ziehen, welcher durch das Vergessen -der somnambulen Verordnung im wachen Zustande nicht beeinträchtigt -wird. Aber kein verständiger Arzt wird den künstlichen Somnambulismus -herbeiführen in der ungewissen Aussicht, eine Selbstverordnung der -Kranken zu erzielen, die vielleicht einen günstigen subjektiven -Einfluss auf das Nervenleiden haben könnte. Ganz unstatthaft aber ist -das Provociren von Verordnungen für dritte Personen; will man einmal -Hokus-Pokus treiben, so giebt es andere Mittel genug, um medicinisch -nützliche Einbildungen in den letzteren hervorzurufen, als<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[– 248 –]</a></span> dass -man zu dem Zwecke durchaus mit der Gesundheit eines ohnehin schon -Nervenkranken ein frevelhaftes Spiel treiben müsste.</p> - -<p>Bei alledem bin ich weit entfernt, die Existenz eines Heilinstinkts -und seine erleichterte Aeusserung im somnambulen Zustande zu leugnen; -ich behaupte nur, dass diese Aeusserungen unter einem solchen Wust von -werthlosen und schädlichen Einfällen und Einbildungen vergraben liegen, -dass es ein praktisch aussichtsloses und bei seinen unvermeidlichen -Irrwegen gefährliches Unternehmen wäre, auf dieselben eine indirekte -hypnotische Behandlung der Kranken gründen zu wollen. Es ist auch die -Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die Hyperästhesie der Gefühls- -und Vorstellungsfunktion im somnambulen Zustande das Auftauchen -hellsehender Intuitionen über allerlei andere als medicinische Dinge, -ja sogar über transcendent metaphysische Thatsachen erleichtert, und -trotzdem müssen, wie du Prel zugiebt (184–185), alle Versuche, „aus -den Somnambulen Wahrsager zu machen oder gar über metaphysische Fragen -von ihnen Aufklärungen zu erhalten, als <em class="gesperrt">ganz werthlos</em> angesehen -werden“. Dieselben Gründe, welche diese Versuche auf dem einen Gebiet -praktisch werthlos machen, thun es im gleichen Masse auch auf dem -andern.</p> - -<p>Noch unzulässiger als die medicinische Verwerthung ist die pädagogische -Ausnutzung des Somnambulismus im moralischen Interesse, welche du -Prel der wohlbegründeten Besorgniss vor unmoralischen Missbrauch der -Macht des Magnetiseurs über die somnambule Person entgegengestellt -(357–358). Das somnambule Bewusstsein ist ein widerstandsloser und -willenloser Geisteszustand, in welchem blindlings jeder Befehl des -Magnetiseurs befolgt wird und die Consequenzen des<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[– 249 –]</a></span> einmal erhaltenen -Thätigkeitsimpulses wie bei einem mechanischen Automaten abschnurren; -die somnambule Widerstandslosigkeit gegen den Willen des Magnetiseurs -greift aber — und darin liegt eine furchtbare Gefahr — auch in -das wache Leben über, so dass die wache Person die unglaublichsten -Vorwände aufsucht, um einen im somnambulen Zustande erhaltenen -Befehl des Magnetiseurs zu rechter Zeit zu erfüllen, obwohl sie -keine Erinnerung an diesen Befehl hat, sondern nur den dunklen, -unmotivirten Trieb zum Vollziehen der fraglichen Handlung empfindet. -Der pathologische Charakter des Somnambulismus und seine Verwandtschaft -mit der Geistesstörung offenbart sich hier mit voller Deutlichkeit, -indem die unbewusst fortwirkenden Rückstände des somnambulen Lebens -bei ihrem Hineinragen in’s normale Leben sich genau so verhalten, -wie die unmotivirten und doch unwiderstehlich wirkenden Triebe bei -Wahnsinnigen. Beide Arten von decentralisirten Impulsen kommen aus -derselben Region des Centralnervensystems, nur dass sie im ersteren -Fall durch den Magnetiseur, im letzteren Fall durch innere krankhafte -Reize des Organismus bestimmt sind.</p> - -<p>Es ist klar, dass dieses Verhältniss der Somnambule zum Magnetiseur -den Begriff der Besessenheit objektiv verwirklicht, von dessen -Verwirklichung in wachen Irrsinnsfällen die blosse Illusion besteht; es -ist ebenso klar, dass die mit solcher Besessenheit gegebene Aufhebung -der Selbstbestimmung des Willens das psychologische Fundament der -Sittlichkeit ganz ebenso wie der spontane Irrsinn zerstört. Ob der -Inhalt des infiltrirten Willens gut oder böse ist, erscheint relativ -gleichgiltig, da seine Ausführung dem Handelnden doch nicht mehr -moralisch zugerechnet werden kann; aber das rein Formelle an diesem -Verhältniss ist einem Meuchelmord der sittlichen Persönlichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[– 250 –]</a></span> -gleich zu achten, und muss als solcher immer sittlichen Abscheu -erwecken. Das Hinüberspielen des blinden Automatengehorsams aus -dem somnambulen in den wachen Zustand kann niemals Früchte von -sittlichem Werth, sondern höchstens eine maschinenmässige Legalität -der impulsiven Handlungen erzielen; aber die Legalität ist hier -nicht, wie in der echten Pädagogik, eine Vorstufe zur Bethätigung -sittlicher Autonomie, sondern mit dem Preise ihrer Zerstörung bezahlt. -Nur da, wo durch Geistesstörung ohnehin die psychische Grundlage der -sittlichen Persönlichkeit aufgehoben ist, kann die Herbeiführung des -somnambulen Zustandes und die Aenderung der krankhaften Willensimpulse -und Einbildungen unbedenklich erscheinen; so <span class="nowrap">z. B.</span> wenn man einem -Irrsinnigen im somnambulen Zustand befiehlt, hinfort nicht mehr von -einem bösen Dämon sondern von einem guten Genius besessen zu sein, -oder ihn selbst die Person wählen lässt, mit der er die Vertauschung -seines wahnsinnigen Ich vornehmen will. Auch die Möglichkeit Somnambule -auf Befehl bestimmte Vorstellungen für die Dauer vergessen zu lassen, -könnte zur Bekämpfung von fixen Ideen und Zwangsvorstellungen -verwerthet werden, obschon die aus einer Wahnvorstellung verscheuchte -Krankheit sich dann sehr bald in einer andern Wahnvorstellung ein neues -Ventil zu öffnen pflegt.</p> - -<p>Es giebt keine launischeren, selbstsüchtigeren, anspruchsvolleren, -herrschsüchtigeren, empfindlicheren, kurz, für ihre Umgebung -unerträglicheren Individuen, als jene Art von Nervenkranken, die -zum Somnambulismus prädisponirt sind, und die öftere Wiederholung -des Somnambulismus steigert die nervöse Gleichgewichtsstörung, aus -der diese Unliebenswürdigkeit des Benehmens entspringt, hat also -eine entschieden ungünstige Rückwirkung auf die sittliche Haltung -der<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[– 251 –]</a></span> Person, ebenso wie auf ihr Gedächtniss und ihre intellectuellen -Fähigkeiten. Nur in der somnambulen Krise selbst, wo der störende -Druck des Nervenleidens auf die Stimmung der Kranken durch die -Analgesie aufgehoben ist und alle Gedächtnissvorstellungen nur mit -den ihnen in der Vergangenheit (also in gesunden Tagen) anhaftenden -moralischen Gefühlswerthen reproducirt werden (317, 319), erscheint -auch das aus diesen begleitenden Gefühlswerthen abfliessende moralische -Urtheil wieder so, wie es in gesunden Tagen war. Dieser Zustand -kann also relativ, <span class="nowrap">d. h.</span> im Vergleich mit der krankhaften Entartung -des sittlichen Gefühls im wachen Zustande, als eine Steigerung -und Reinigung des moralischen Gefühls erscheinen (434); aber der -Somnambulismus erzeugt diese nicht, sondern lässt nur die reineren -Gefühlswerthe der gesunden Vergangenheit durch das Gedächtniss wieder -aufwachen, während er die Störungen des gegenwärtigen wachen Lebens -zeitweilig verdunkelt.</p> - -<p>Nach alledem ist der Nutzen des Somnambulismus ebenso problematisch wie -die Schädlichkeit desselben für Leib und Seele zweifellos ist; alle -Versuche, aus demselben Nutzen zu ziehen, sind (mit Ausnahme einzelner -Fälle von Behandlung der Hysterie und des Irrsinns) nicht nur praktisch -werthlos, sondern befinden sich auf einem gefährlichen Irrwege. Es ist -praktisch höchst wichtig, daran festzuhalten, dass der Somnambulismus -ein rein pathologischer Zustand mit ausschliesslich pathologischen -Funktionen ist, der vor anderen pathologischen Nervenzuständen nichts -voraus hat und keine einzige neue Funktion des menschlichen Geistes -enthüllt, sondern nur bekannte Funktionen in anderer Zusammenstellung -zeigt. Selbst das eigentliche Hellsehen ist eine Funktion, die bei -wachem Bewusstsein unter Umständen auch vorkommt, und die nur beim -Somnambulismus wegen<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[– 252 –]</a></span> der Hyperästhesie des Gedächtnisses und der -Phantasie leichter eintritt; aber noch nie hat die Menschheit in -ihrem Kulturprocess vom somnambulen Hellsehen irgend welche Förderung -erfahren, weil solche abhängig ist von der Verbindung des Hellsehens -mit der zielbewussten Besonnenheit der Geistesthätigkeit, die eben im -Somnambulismus unterdrückt ist.</p> - -<p>Die willenlose, decentralisirte, automatenartige Passivität des -somnambulen Bewusstseins (124) stellt dasselbe tief unter das -wache Bewusstsein, ebenso wie das gewöhnliche Traumbewusstsein, -dem gleichfalls das zielbewusste Wollen und die Richtung gebende -Aufmerksamkeit fehlen (33). Die Geistigkeit und bewusste Vernünftigkeit -des wachen Lebens bekundet sich eben formell in der Erhebung über die -anschauliche Bildlichkeit der Vorstellungen zu abstrakten Begriffen -und zur Gedankenreflexion, inhaltlich in der zielbewussten Leitung -des Vorstellungs- und Motivationsprocesses, durch welche auch die -autonome Selbstbestimmung des Willens ermöglicht ist. Ein bloss -bildliches Bewusstsein, dessen Vorstellungsbilder mechanisch von aussen -aufgezwungen werden oder ebenso mechanisch nach zufällig entstandenen -Associationen abschnurren, und dessen Handlungen ebenso mechanisch aus -den aufgezwungenen oder zufällig aufgetauchten Bildern entspringen, -entbehrt der Finalität im Vorstellungsablauf und damit der specifisch -geistigen Vernünftigkeit. Je tiefer der natürliche oder somnambule -Schlaf ist, desto mehr nimmt diese Lähmung der Spontaneität, diese -teleologische Vernunftlosigkeit der Bilderfolge und Handlungen zu, und -nur die wachsende Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie -bewirkt, dass längere Bilderreihen im Zusammenhang verlaufen. Beim -normalen Traum, der schon im Halbschlaf oft längere zusammenhängende -Episoden zeigt, mag bei der Schlafvertiefung<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[– 253 –]</a></span> der zunehmende Abschluss -von den Sinnesreizen die Häufigkeit solcher störenden Unterbrechungen -vermindern und dadurch zur Verlängerung der zusammenhängenden Episoden -beitragen (32); im Somnambulismus giebt umgekehrt bei gesteigerter -Tiefe und damit zunehmendem Aufschluss der Sinne an die Aussenwelt -der Magnetiseur den spiritus rector ab, welcher den mechanischen -Bilderfluss im Zügel hält und von unwillkürlichen Abschweifungen aus -dem Zusammenhang zurückholen kann.</p> - -<p>Alles Vernünftige im gewöhnlichen und somnambulen Traum hängt aber doch -lediglich von der Vernünftigkeit des wachen Bewusstseins ab, nämlich -bei beiden von der Vernünftigkeit der im Gedächtniss niedergelegten -Associationen, durch welche die Reihenfolge der Reproduction bestimmt -wird, und beim Somnambulismus ausserdem von der Vernünftigkeit des den -Traum der Somnambule leitenden Magnetiseurs. Je tiefer der Schlaf wird, -desto tiefer versinkt das Traumbewusstsein in mechanische Passivität, -in gedankenlose Bildlichkeit und in die Neigung zu symbolischer -Personifikation (99), desto weiter entfernt es sich von der -vernünftigen Geistigkeit des wachen Bewusstseins; je tiefer und fester -der Schlaf, desto tiefer wird die Seele in das organische Treiben der -Natur versenkt (215). Je weiter sich aber der Seelenzustand von der -vernünftigen Geistigkeit entfernt und je tiefer er in das organische -Treiben des blossen Naturdaseins versenkt wird, desto mehr steigt er -auf der Stufenleiter der organischen Entwickelung <em class="gesperrt">abwärts</em>, desto -unähnlicher wird er dem specifisch Menschlichen und desto ähnlicher dem -thierischen und pflanzlichen Leben. Das wache Bewusstsein der Thiere -von den Amphibien abwärts gleicht zweifellos mehr dem somnambulen -Bewusstsein als dem wachen Bewusstsein des Menschen,<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[– 254 –]</a></span> und die -Sensitivität des somnambulen Zustandes für unorganische und organische -Einflüsse, für chemische, elektrische und meteorologische Eindrücke -gleicht mehr dem thierischen und pflanzlichen Verwachsensein mit dem -Naturganzen als der menschlichen Aussonderung aus demselben.</p> - -<p>Wenn man demnach vor die Alternative gestellt wäre, ob der -Somnambulismus sammt seiner sensitiven Einfühlung in den -Naturzusammenhang als eine atavistische Gestaltung, <span class="nowrap">d. h.</span> als ein -Ueberlebsel überwundener biologischer Entwickelungsstufen, oder ob -er als keimartige Anticipation einer auf Erden noch unerreichten -höheren biologischen Entwickelungsstufe zu deuten sei, so müsste -die Antwort zweifellos zu Gunsten des atavistischen Rückfalles in -niedere Lebensstufen lauten, und die Erörterung, ob die eventuell dem -Somnambulismus entsprechende höhere Entwickelungsstufe noch hier auf -Erden, oder in einem besseren Jenseits oder auf anderen Weltkörpern -erreicht werden wird (387, 125), ist völlig bodenlos. Aber selbst -die Frage, die jener Alternative zu Grunde liegt, ist schon falsch -gestellt: denn sie ist nur zulässig bei normalen physiologischen -Zuständen, die in der gradlinigen Entwickelung liegen, aber unzulässig -bei pathologischen Zuständen, die aus derselben seitlich heraustreten.</p> - -<p>Niemand zweifelt daran, dass ein Irrsinniger mit alternirendem -Bewusstsein, trotz seines zwiespältigen Bewusstseinslebens, -und trotzdem er in dem einen Zustand als eine andere geistige -Persönlichkeit wie in dem andern erscheint, doch nur eine einzige -geistige Persönlichkeit mit einem einzigen Bewusstsein, aber mit -wechselnden Zuständen und demgemäss wechselndem Inhalt dieses -Bewusstseins ist. Nicht das Bewusstsein ist bei solchen Kranken -doppelt, auch nicht das Vorstellungsmaterial, über das sein -Bewusstsein insgesammt<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[– 255 –]</a></span> verfügt, sondern nur in zwei Gruppen ist das -Vorstellungsmaterial getheilt, so zwar, dass jede Vorstellung einer -Gruppe mit jeder derselben Gruppe sich leicht associirt, mit irgend -welcher Vorstellung aus der anderen Gruppe aber gar nicht oder doch -sehr schwer associirt. Der Vorrath der einen Gedächtnisskammer scheint -in zwei Kammern vertheilt (298), weil er in zwei Haufen getheilt ist, -die untereinander sich nicht berühren. Dass nur ein leerer Raum, aber -keine Scheidewand zwischen ihnen steht, erhellt daraus, dass manchmal -beim Uebergang des einen Zustandes in den anderen beide Gruppen doch in -einander übergreifen, aber sich wegen ihrer Fremdartigkeit abstossen.</p> - -<p>Man kann das Bewusstsein mit einer Blendlaterne vergleichen, welche -durch ihren Lichtkegel immer nur einen engbegrenzten Ausschnitt der -Umgebung auf einmal beleuchtet; dreht sich die Laterne langsam, so -rückt der Lichtkegel stetig weiter und die Continuität des wechselnden -Bewusstseinsinhalts bleibt gewahrt, — dreht sie sich aber plötzlich -mit einem Ruck um mehr als den Scheitelwinkel ihres Erleuchtungskegels, -so sind ganz von einander getrennte Ausschnitte der Umgebung -beleuchtet, welche bei der Dunkelheit der sie thatsächlich verbindenden -Brücke als zwei getrennte Bewusstseine erscheinen. Dass dieser Schein -trügt, ist daraus empirisch zu erweisen, dass die Uebergangsbrücke -unter Umständen, bei langsamer Drehung der Laterne, wirklich -beobachtet, also das Vorhandensein des objektiven Zusammenhanges beider -Gruppen erfahrungsmässig konstatirt wird. Denn wo die Vergleichung -von Vorstellungen aus den verschiedenen Bewusstseinszuständen -überhaupt möglich ist, da ist sie es nur unter der Voraussetzung der -Einheitlichkeit des Bewusstseins in beiden Zuständen; wo sie aber gar -nicht beobachtet wird, liegt in dieser Nichtwirklichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[– 256 –]</a></span> doch noch -kein Beweis für ihre Unmöglichkeit oder gar (wie du Prel meint — -438) für die Doppelheit des Bewusstseins, da auch dann immer noch ein -identisches Bewusstsein bestehen kann, dem nur die Handhabe dazu fehlt, -seine Identität mit in seinen Inhalt aufzunehmen.</p> - -<p>Nun kennen wir innerhalb desselben menschlichen Organismus keine -Bewusstseinszustände, zwischen denen nicht wenigstens ausnahmsweise -ein Uebergang, eine wenn auch nur schwache Grenzberührung stattfände. -Das wache Bewusstsein erinnert sich vieler Träume und mancher Vorgänge -aus dem somnambulen Traumleben, besonders wenn für associative -Erinnerungsbehelfe Sorge getragen wird; ebenso erinnert sich das -Traumbewusstsein mancher Vorgänge aus dem somnambulen Leben, und das -somnambule Bewusstsein ausnahmsweise der Vorgänge aus dem Hochschlaf -(347–356). Nach den neueren französischen Berichten, ist der -entschiedene Befehl des Magnetiseurs an die Somnambule, sich nach dem -Erwachen an bestimmte Vorgänge des somnambulen Zustandes oder die ganze -Reihe derselben zu erinnern, ausreichend, um die Erinnerungsbrücke -mit Sicherheit herzustellen.<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> Diese Thatsachen genügen zum -strengen Beweise des Satzes, dass wir es in allen diesen Fällen nicht -mit verschiedenen Bewusstseinen innerhalb desselben organischen -Individuums, sondern mit verschiedenen, physiologisch bedingten -Zuständen desselben einen und einzigen Bewusstseins zu thun haben, und -es bedarf dazu kaum<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[– 257 –]</a></span> noch des Hinweises darauf, dass das Umspannen -des einen Bewusstseinszustandes durch den andern nicht die Ausnahme, -sondern die Regel ist, wenn wir vom Hochschlaf durch das somnambule und -Traumbewusstsein zu den verschiedenen normalen und abnormen Zuständen -des wachen Bewusstseins fortschreiten.</p> - -<p>Diese Sätze sind so selbstverständlich, dass wohl Niemand darauf -verfallen wäre, sie in Frage zu stellen, wenn nicht der optische -Dualismus (148) der phantastischen Spaltung (38) des Ich in manchen -abnormen Bewusstseinszuständen mit einer Mehrheit relativ gesonderter -Bewusstseinszustände zusammenträfe. Nun ist aber klar, dass die -hallucinatorische Deutlichkeit eines Trauminhalts gar nichts für -dessen Realität beweist, dass es dem Aberglauben verfallen heisst, -wenn man die Traumfiguren des gewöhnlichen oder somnambulen Traumes -für wirkliche Personen nimmt (210, 186), und dass die Neigung zur -Verbildlichung und symbolisch-phantastischen Personifikation mit der -Tiefe des Traumbewusstseins wächst (99), also <span class="nowrap">z. B.</span> die Zahl der -Schutzengel und Interlocutoren mit der Steigerung des Somnambulismus -zunimmt. Wie ist es unter solchen Umständen möglich, die symbolischen -Personifikationen des Traumbewusstseins ausnahmsweise als Realitäten -zu behandeln, sobald sie sich auf einen anderen, relativ gesonderten -Bewusstseinszustand desselben Individuums beziehen, falls nicht schon -<em class="gesperrt">auch ohnedies</em> ein genügender Grund vorliegt, eine Mehrheit von -Bewusstseinen oder Personen innerhalb desselben organisch-psychischen -Individuums anzunehmen? Da wir gesehen haben, dass dazu nicht nur kein -Grund vorliegt, sondern eine solche Annahme entschieden unstatthaft -ist, so ist es auch schlechthin unstatthaft, in der Anerkennung des -phantastisch-illusorischen Charakters aller dramatischen Spaltungen -des Ich eine Ausnahme zu Gunsten<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[– 258 –]</a></span> der Personifikation des normalen -wachen Bewusstseinszustandes durch den irrsinnigen (343) oder durch den -somnambulen zu machen (438, 189, 127).</p> - -<p>Wäre das statthaft in Bezug auf die somnambule Traumpersonifikation -des normalen wachen Zustandes durch das somnambule Bewusstsein, so -wäre es nicht minder geboten in Bezug auf die Personifikation der -abnormen wachen Bewusstseinszustände durch das somnambule Bewusstsein -und in Bezug auf die Personifikation des somnambulen Zustandes -durch das Bewusstsein des Hochschlafs; wir würden also durch diese -Art, zu schliessen, doch niemals auf zwei, sondern sofort auf fünf -bis sechs getrennte Bewusstseine und Personen innerhalb desselben -organisch-psychischen Individuums geführt werden. Die verschiedenen -abnormen Bewusstseinszustände sind von einander in nicht geringerem -Grade relativ abgesondert als der normale Bewusstseinszustand von -den abnormen; es ist also ganz unzulässig, wie du Prel thut, die -Absonderung des normalen Zustandes von den abnormen zur Scheidegrenze -zwischen zwei Bewusstseinen oder Personen im Individuum zu stempeln, -die Absonderung der abnormen Zustände unter einander aber zu -ignoriren und alle diese Bewusstseinszustände kurzweg als „die zweite -Person“ im Individuum zusammenzufassen. Der optische Pluralismus der -Personen ist überall, auch als Dualismus der Personen im somnambulen -oder Traumbewusstsein, eine phantastische psychologische Illusion -oder Fiktion, und wenn auch die Thatsache dieser Illusion keine -illusorische, sondern eine reelle Thatsache ist (114), so darf man -aus diesem Satze doch unter keinen Umständen zu Schlüssen, welche -die Realität des Inhalts dieser Illusion unvermerkt voraussetzen, -fortschreiten (112).</p> - -<p>Das wache Bewusstsein und das somnambule Bewusstsein sind also nicht -zwei Bewusstseine, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[– 259 –]</a></span> zwei Zustände eines Bewusstseins, die durch -Schwellenverschiebung in einander überfliessen können, und von denen -der erste vom zweiten zwar durch regelmässige Erinnerungslosigkeit, -der zweite vom ersten aber nur durch die phantastische illusorische -Personifikation desselben abgesondert ist. Wenn die Blendlaterne des -Bewusstseins sich vom wachen zum Traumzustand oder zum hypnotischen -Zustand hin dreht, so erweitert sich der Lichtkegel nach der Seite -der sensitiven Gefühlseindrücke, verengt sich aber nach der Seite -der Sinneswahrnehmungen und der bewussten Zwecke und Interessen des -Tageslebens; wenn dann der hypnotische Zustand in den somnambulen -übergeht, so wird die vorherige Verengerung in Bezug auf die -Sinneswahrnehmungen wieder rückgängig gemacht.</p> - -<p>Das Organ der Willkür, der Spontaneität, der Aufmerksamkeit, der -Besonnenheit, der zielbewussten Leitung des Vorstellungsablaufs, der -absichtlichen Hervorrufung von Vorstellungen und Motiven und damit der -Selbstbestimmung des Willens wird beim Uebergang aus dem wachen in den -träumenden oder somnambulen Zustand gelähmt oder ausser Thätigkeit -gesetzt; damit hört auch die zügelnde und hemmende Thätigkeit auf, -welche dieses Organ auf die äussere und innere Reflexthätigkeit der -übrigen Centraltheile des Nervensystems ausübt und durch welche es -deren decentralisirende Impulse centralistisch beherrscht. Weil diese -reflexhemmende, regulirende und leitende Thätigkeit des höchsten -Geistesorgans am meisten anstrengt und am schnellsten ermüdet, so ist -auch dieses Organ, das wir der Kürze halber hinfort mit „Willkürorgan“ -bezeichnen wollen, am meisten der Erholung bedürftig, und es ist -deshalb offenbar als eine teleologische Einrichtung aufzufassen, dass -es beim Einschlafen zuerst depotenzirt wird.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[– 260 –]</a></span></p> - -<p>Nun ist es aber ein allgemeines physiologisches Gesetz, dass -die gehemmte Innervationsenergie des Nervensystems eine gewisse -Beständigkeit besitzt, und wenigstens keinen plötzlichen Schwankungen -ausgesetzt ist. So <span class="nowrap">z. B.</span> ist die hysterische Anästhesie der einen -Körperhälfte allemal mit einer entsprechenden Hyperästhesie der andern -Körperhälfte verbunden, welche beiden Zustände durch einen die gesammte -Innervationsenergie wieder gleichmässig vertheilenden galvanischen -Strom in gleichem Masse (wenn auch nur vorübergehend) beseitigt -werden können. Dem entsprechend muss die plötzliche Anästhesirung des -Willkürorgans beim Einschlafen eine Hyperästhesirung anderer Theile des -Nervensystems als unvermeidliche Ausgleichungserscheinung im Gefolge -haben, und diese theilweise Kompensations-Hyperästhesie wird um so -intensiver auftreten, auf je beschränktere Theile sie koncentrirt -ist. Daraus entspringen die lebhaften Träume unmittelbar nach dem -Einschlafen, wenn die gesammte Innervationsenergie des Organismus -noch nicht Zeit gehabt hat zu sinken, und vor dem Erwachen, wenn sie -durch die Kräftigung des genossenen Schlafes sich wieder bis zur -Höhe des Tageslebens erhoben hat. Dagegen ist anzunehmen, dass die -erholende Wirkung des tiefes Schlafes um so grösser ist, je tiefer -die gesammte Innervationsenergie des Organismus allmählich nach dem -Einschlafen unter das Niveau des Tageslebens gesunken ist, so dass im -gesunden tiefen Schlaf eine Hyperästhesie irgend welcher Theile des -Nervensystems nicht stattzuhaben braucht.</p> - -<p>Dem Somnambulismus als einem krankhaften Zustand ist es im -Unterschiede vom gesunden tiefen und ruhigen Schlaf eigenthümlich, die -Innervationsenergie des wachen Lebens und mit ihr die Hyperästhesie -gewisser Theile des Nervensystems festzuhalten, und<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[– 261 –]</a></span> dies ist der Grund -dafür, dass einerseits das Traumbewusstsein in ihm niemals erlischt, -und dass andererseits er nicht wie der Schlaf das Schlafbedürfnis -befriedigt, sondern bei längerer Dauer geradezu hervorruft. Je höher -die Hyperästhesie der im Somnambulismus funktionirenden Theile steigt, -auf einen desto engeren Bezirk muss die gesammte Innervationsenergie -koncentrirt sein, desto mehr Theile müssen also der Anästhesie -verfallen sein; es muss also <span class="nowrap">z. B.</span> das Bewusstsein des Hochschlafs auf -einem beschränkteren funktionirenden Gebiet des Centralnervensystems -beruhen, als das gewöhnliche somnambule Bewusstsein. Da die -Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie im Somnambulismus -diejenigen des gewöhnlichen Traumes nach dem Einschlafen übersteigen, -trotzdem dass im ersteren die Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen -in Funktion, in letzterem anästhetisch sind, so lässt sich daraus -entnehmen, dass (wenn man von der unwahrscheinlichen Annahme einer -Steigerung der gesammten Innervationsenergie im Somnambulismus gegen -den wachen Zustand absieht) entweder im Traum schon eine gesunkene -Gesammtenergie sich bethätigt, oder aber im Somnambulismus ein -beschränkteres Gebiet des Centralnervensystems funktionirt als im -Traum. Vielleicht findet beides zugleich statt.</p> - -<p>Jetzt erst erhält der obige Vergleich des Bewusstseins mit einer -Blendlaterne eine bestimmte physiologische Bedeutung. Die Umgebung, -auf welche der verschiebbare Beleuchtungskegel fällt, ist nicht als -die äussere Umgebung des Organismus zu verstehen, sondern als die -Gesammtheit des den Bewusstseinsfunktionen zur organischen Unterlage -dienenden Centralnervensystems; es zieht immer derjenige Theil den -Beleuchtungskegel des Bewusstseins auf sich, auf welchen jeweilig -das Maximum von Innervationsenergie koncentrirt ist,<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[– 262 –]</a></span> während die -zeitweilig anästhetischen Theile im Dunkel bleiben. Je nachdem die -funktionirenden Theile der einen oder der anderen Art von sensiblen -und sensorischen Nerven näher oder ferner liegen, sinkt oder steigt -die Empfindungsschwelle für die betreffende Art von Empfindungen -und Wahrnehmungen; allen abnormen Bewusstseinszuständen gemeinsam -aber ist die Hyperästhesie des Gedächtniss- und Phantasieorgans, -welche deshalb (neben jenen variablen Compensationserscheinungen) -als die <em class="gesperrt">konstante</em> Compensationserscheinung zur Anästhesie des -Willkürorgans anzusehen ist. Wenn im wachen Bewusstseinszustände -Vorstellungen aus dem Vorstellungskreise der somnambulen Krisen berührt -werden, und dabei ausnahmsweise eine Wiedererkennung stattfindet, so -heisst das mit anderen Worten: der Beleuchtungskegel des Bewusstseins -hat diejenigen Theile des Centralnervensystems gestreift, in welchen -die somnambule Vorstellung sich vollzogen hatte, und in welchen -demgemäss auch ihr Gedächtnisseindruck niedergelegt ist; der Beweis -dafür liegt in der Thatsache, dass jede solche Wiedererkennung den -Wiedereintritt des damals bestehenden Vertheilungszustandes der -gesammten Innervationsenergie, <span class="nowrap">d. h.</span> den Rückfall in den somnambulen -Zustand begünstigt und nicht selten wirklich hervorruft (363–364).</p> - -<p>Es ist für die Psychologie ohne Bedeutung, wenn auch von hohem -psychologischen Interesse, welche Theile des Centralnervensystems im -Traum und Somnambulismus ausgeschaltet, und welche in gesteigerter -Thätigkeit sind. Im Allgemeinen ist anzunehmen, dass die Anästhesirung -im Schlaf und Somnambulismus ebenso wie in der Chloroformnarkose -von der Peripherie des Centralnervensystems nach dessen Centrum -fortschreitet (55); doch hilft uns dieser Satz nicht viel, da wir -nicht überall genau wissen, welchen von zwei Hirntheilen<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[– 263 –]</a></span> wir als -den centraleren ansehen sollen, und da er ausserdem ohne Zweifel -beträchtliche Ausnahmen erleidet. Nur soviel ist gewiss, dass das -Willkürorgan in der Rindenschicht der Grosshirnhemisphären zu suchen -ist, und deshalb im physiologischen Sinne eine peripherische Stellung -zum Mittelhirn einnimmt, trotz seiner Hegemonie im Gebrauch der -Leistungsfähigkeit des gesammten Organismus. Als die am meisten -centralen sind jene Theile zu betrachten, die auch im völlig traumlosen -tiefen Schlaf noch funktioniren müssen, um den Fortbestand des -Lebens zu sichern; während diese Theile im gesunden tiefen Schlaf -besonders günstig funktioniren (wie der stärkende und regenerirende -Einfluss dieses Zustandes auf den Organismus beweist), scheinen sie -im somnambulen Hochschlaf (wahrscheinlich wegen fortbestehender -Hyperästhesie der Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen trotz -gesunkener Gesammtenergie) bereits in ihrer Funktion bedroht, als ob -sie im Begriff wären, von Lähmung und Anästhesie befallen zu werden; -so dass der eigentliche Hochschlaf schon als ein nicht ungefährlicher -Zustand zu betrachten ist, dessen künstliche Herbeiführung als ein -durch nichts zu rechtfertigendes Wagniss verurtheilt werden muss.</p> - -<p>Der Schwerpunkt des physiologischen Problems liegt in der Frage: -wo sind im somnambulen Zustande die Perceptionscentra für -Sinneswahrnehmungen, das Ausführungscentrum für Handlungs- und -Sprachbewegungen und die Centra für Sach- und Wortgedächtniss, sowie -für gestaltende Phantasiethätigkeit zu suchen?</p> - -<p>Dass sie im Sonnengeflecht nicht zu finden sind, unterliegt keinem -Zweifel. Das Sonnengeflecht kann höchstens als reflektorisches und -instinktives motorisches Centrum für einen Theil der vegetativen -organischen Processe, als Perceptionscentrum für Gefühlseindrücke<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[– 264 –]</a></span> -der eigenen Eingeweide und allenfalls noch für Gefühlseindrücke, die -aus den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Natur stammen, -angesehen werden, aber nur soweit die letzteren von gefühlsmässiger -Unbestimmtheit, <span class="nowrap">d. h.</span> nicht zu Sinneswahrnehmungen differenzirt sind; -denn eben weil das Sonnengeflecht nicht mit Sinnesnerven in directer -Verbindung steht, und nicht darauf eingerichtet ist, <em class="gesperrt">deren</em> -specifisch differenzirte Reize in sich aufzunehmen und zu verarbeiten, -kann es sich die allgemeine Perceptionsfähigkeit der Ganglien für -undifferenzirte Gefühlsreize in um so höherem Grade bewahrt haben, -also wohl geeignet sein, die innere Selbstschau der Somnambulen, ihre -Diagnosen fremder Krankheiten und ihre Sensitivität für chemische, -meteorologische und andere Einflüsse zu vermitteln. Um aber die -so percipirten Reize in Bilder umzusetzen oder zu symbolisiren, -und um die Bilder wieder in Worte zu übertragen und gar die Worte -auszusprechen, dazu müssen nothwendig die etwaigen Gefühlsperceptionen -des Sonnengeflechts zu Hirntheilen hingeleitet werden, welche mit den -Sinnes- und Sprachbewegungsnerven in unmittelbarer Verbindung stehen. -Die Aussagen der Somnambulen über ihre Perception durch den Magen -oder die Herzgrube deuten allerdings auf eine gesteigerte sensitive -Thätigkeit des Sonnengeflechts und auf einen krankhaft gesteigerten -Rapport zwischen ihm und dem Gehirn (190, 142); aber mehr lässt sich -aus denselben sicherlich nicht entnehmen (188, 397–398), und du Prel’s -Ueberschätzung des Gangliensystems im Allgemeinen (141, 187, 211) -entbehrt der thatsächlichen Begründung.</p> - -<p>Es bleibt sonach bloss die Wahl zwischen den verschiedenen -Bestandtheilen des Gehirns. Dass das Willkürorgan nur einen Theil der -Grosshirnhemisphärenrinde beansprucht, ist als sicher anzunehmen; -es ist<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[– 265 –]</a></span> demnach wohl möglich, dass der ganze übrige Theil der -Grosshirnhemisphären im Traum und Somnambulismus weiter funktionirt, -insbesondere das Sprachcentrum, das Gedächtniss und die Phantasie. -Wenigstens liegt kein zwingender Grund zu der Annahme vor, dass -die Phantasie des Traumes eine schlechthin und specifisch andere -als die des wachen Bewusstseins sei, wie du Prel meint (55, 180); -denn wenn <span class="nowrap">z. B.</span> Walter Scott seinen Ivanhoe im Fieber komponirte, -ohne nachher von dieser Ausführung seiner allgemeinen Idee etwas -zu wissen (328), so spricht das dafür, dass die Traumphantasie des -Fieberdeliriums mit der künstlerischen Phantasie identisch ist. Dass es -streckenweise Funktionslähmungen des Grosshirngedächtnisses giebt ohne -Funktionslähmung desselben im Allgemeinen, zeigen eine Menge Beispiele -(335); es wäre daher auch dann, wenn wir das somnambule Gedächtniss -als identisch mit dem wachen Gedächtniss des Gehirns betrachten, die -Erklärung von Erscheinungen nicht ausgeschlossen wie derjenigen, dass -das wache Gedächtniss die willkürlich eingeprägten und die zu den -wachen Lebensinteressen in Beziehung stehenden Vorstellungen leichter -reproducirt, das somnambule Gedächtniss dagegen die unwillkürlich -percipirten Vorstellungen und Vorstellungsreihen (308). Auch die -verschiedene Färbung, welche das somnambule und Traumbewusstsein im -Vergleich zum wachen Bewusstsein seinem Inhalt verleiht, und welche -besonders beim Wechsel beider Zustände durch den Kontrast spürbar wird, -würde nach dieser Hypothese erklärbar bleiben; denn wenn in einem -Orchester auf der einen Seite eine Anzahl Instrumente wegfallen, auf -der anderen Seite eine Anzahl neuer Instrumente hinzutreten, so muss -die Klangfarbe des Gesammteindrucks nothwendig eine andere werden. -Endlich würde die Annahme, dass das somnambule und Traumbewusstsein auf -einem Zusammenwirken<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[– 266 –]</a></span> von Theilen des Grosshirns mit dem Mittelhirn und -Kleinhirn beruht, den Vortheil haben, noch ein weiteres Gebiet übrig zu -lassen, innerhalb dessen eine neue Verschiebung des Beleuchtungskegels, -wie sie im somnambulen Hochschlaf eintritt, geringeren Schwierigkeiten -der Erklärung begegnet.</p> - -<p>Andererseits liegt aber auch keine Nöthigung vor, dass Theile des -Grosshirns beim Zustandekommen des somnambulen Bewusstseins betheiligt -sein müssen. Wir wissen, dass die einzelnen Hirntheile relativ -selbstständige Centralorgane mit selbstständigen Perceptions- und -Motionscentra, selbstständigem Gedächtniss und selbstständigen -Reflexen zwischen Empfindung und Bewegung, zwischen Bewusstsein und -Handlung sind, und wir wissen nicht, ob nicht schon die Phantasie des -wachen Bewusstseins ihr materielles Substrat ausserhalb des Grosshirns -liegen hat, da sie weniger als andere Geistesfähigkeiten von der -Willkür beherrscht wird. Sicher ist, dass das Kleinhirn im Traum und -Somnambulismus eine erhöhte Thätigkeit entfaltet, womit die Behauptung -Reichenbachs übereinstimmt, dass die odische Insensität (<span class="nowrap">d. h.</span> die -Innervationsenergie) im Wachen im Grosshirn, im Schlaf im Kleinhirn -überwiegt (57).</p> - -<p>Das Kleinhirn ist in erster Instanz Gehörs- und Gleichgewichts-Centrum, -und demgemäss ist die Fähigkeit der Gleichgewichtsbehauptung im -somnambulen Zustand entschieden gesteigert, so wie das Gehör der erste -der oberen Sinne ist, durch welchen die Somnambule mit der Aussenwelt -in Beziehung tritt, und immer derjenige Sinn bleibt, durch welchen der -Magnetiseur die Somnambule am leichtesten und sichersten beherrscht -und leitet. Das Kleinhirn besitzt zweifellos ein Gedächtniss für -Gehörseindrücke, also auch ein Wortgedächtniss, und wahrscheinlich auch -ein Centrum<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[– 267 –]</a></span> der musikalischen Phantasie und ein motorisches Centrum -für reflektorische Sprachbewegungen. Vermuthlich ist es das Kleinhirn, -welches die mit dem Ohr, aber nicht mit dem wachen Grosshirnbewusstsein -aufgefassten Worte eines Dritten percipirt und aufbewahrt und uns -ermöglicht, sie nachträglich, nachdem sie im Ohr längst verklungen -sind, mit dem Grosshirnbewusstsein percipiren zu können, wenn wir -veranlasst sind, unsere Aufmerksamkeit auf dieselben zu richten (363).</p> - -<p>Aber was dem Kleinhirn fehlt, ist die nähere Verbindung mit dem -Sehnerv, und demgemäss die Aufnahmefähigkeit für Gesichtseindrücke -und Phantasiebilder; diese besitzen dagegen die Vierhügel, und mit -ihr das Bildergedächtniss und die Fähigkeit, auf Gesichtseindrücke -reflektorisch zu reagiren. Kleinhirn und Vierhügel zusammen dürften -demnach für sich allein schon genügen, um die Art des somnambulen -Verkehrs mit der Aussenwelt und das mechanische Fortspinnen -somnambuler Träume zu erklären, womit indess keineswegs behauptet -werden soll, dass keine anderen Hirntheile bei den betreffenden -Funktionen betheiligt seien. Eine exakte Lösung würde die Frage nach -der physiologischen Grundlage des somnambulen Bewusstseins und nach -dem Mass der funktionellen Betheiligung des Sonnengeflechtes und der -einzelnen Hirntheile nur durch Vivisektionsversuche an somnambulen -Menschen finden können; indess lässt sich nicht in Abrede stellen, -dass die Schmerzlokalisationen bei den mehrfach erwähnten Versuchen -von Binet und Féré auf Theile des Grosshirns als materielle Grundlage -der somnambulen psychischen Funktionen mit grosser Wahrscheinlichkeit -hinweisen.</p> - -<p>Wie dem auch sei, so viel ist gewiss, dass wir keinen Grund haben, -die abnormen Bewusstseinszustände von der physiologischen Grundlage -des Centralnervensystems<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[– 268 –]</a></span> abzulösen (187), so lange wir an der -Unentbehrlichkeit einer solchen für das wache Tagesbewusstsein -festhalten; denn die psychischen Funktionen dieser abnormen Zustände -sind, wie wir gesehen haben, weit geistloser, sinnlicher, mechanischer -und inniger mit dem organischen Naturleben verwachsen als diejenigen -des normalen Bewusstseinszustandes, und sind es um so mehr, je weiter -sie sich von dem letzteren entfernen, <span class="nowrap">d. h.</span> je tiefer der Schlaf, je -gesteigerter der Somnambulismus wird. Will man mit du Prel das normale -wache Bewusstsein „das sinnliche“ in der engeren Bedeutung des Wortes -nennen, so sind die abnormen Bewusstseinszustände als „untersinnliche“ -zu bezeichnen, und sie sind um so „untersinnlicher“, je weiter sie -sich vom normalen sinnlichen Bewusstsein entfernen. Wenn es ein vom -leiblichen Organismus und seinem Zerfall unabhängiges „leibfreies“ -Bewusstsein hinter dem „sinnlichen“ gäbe, so wäre solches jedenfalls -in der entgegengesetzten Richtung zu suchen, als in derjenigen, -welche wir mit der Untersuchung der abnormen „untersinnlichen“ -Bewusstseinszustände beschritten haben, denn es wäre nur als ein dem -organischen Treiben der Natur entrücktes, „übersinnliches“, dem wachen -Bewusstsein an teleologisch-vernünftiger Geistigkeit überlegenes zu -denken. Will man mit du Prel dieses hypothesische leibfreie Bewusstsein -mit dem metaphysischen „Unbewussten“ des betreffenden Individuums -gleichsetzen (395, S. VI), so ist jedenfalls der Somnambulismus eine -schlechtere Eingangspforte zu dieser Region als das ihr näher stehende -wache Bewusstsein, und am allerwenigsten die einzige Eingangspforte zu -derselben, wie du Prel meint (158); denn es ist eine Eingangspforte nur -zu einem Theil des physiologischen oder untersinnlichen Unbewussten, -welches von dem metaphysischen oder übersinnlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[– 269 –]</a></span> Unbewussten streng -unterschieden werden muss.</p> - -<p>Sowohl die normalen wie die abnormen Bewusstseinszustände sind -Zustände des Hirnbewusstseins, wenn auch der Brennpunkt seiner -Lage wechselt; sie alle zusammen bilden also das eine sinnliche -Bewusstsein im weiteren Sinne des Wortes und konstituiren mit dem -leiblichen Organismus zusammen die Persönlichkeit des Menschen. -Will man hinter diesem sinnlichen Bewusstsein ein übersinnliches -annehmen, das in ähnlicher Weise, wie das sinnliche sich auf den -leiblichen Organismus stützt, sich auf eine materielle Basis von -unvergleichlich feinerer, ätherischer Beschaffenheit (403, 393), auf -einen vom Tode des Leibes nicht alternirten Metaorganismus stützen soll -(522, 523), so würde man damit allerdings eine zweite übersinnliche -Persönlichkeit hinter der sinnlichen Persönlichkeit des Menschen -annehmen. Aber dieser hypothesische Dualismus von übersinnlicher und -sinnlicher Persönlichkeit im Menschen wäre geradezu entgegengesetzter -Art wie der oben als unhaltbar nachgewiesene hypothetische -Dualismus zwischen normalem sinnlichen Bewusstsein einerseits und -der vermeintlichen Mehrheit abnormer untersinnlicher Bewusstseine -andererseits, und dürfte keinenfalls mit demselben verwechselt oder -durcheinander gemengt werden, wie du Prel beständig thut<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>. Wäre -der Dualismus von normal-sinnlichem und abnormem Bewusstsein, wie -du Prel meint, erwiesen, und die Hypothese einer<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[– 270 –]</a></span> übersinnlichen -Persönlichkeit anderweitig genügend begründet, so hätten wir doch -immer keinen Dualismus, sondern einen Trialismus von übersinnlicher, -normal-sinnlicher und abnorm untersinnlicher Persönlichkeit, oder -genauer einen Septualismus zwischen einer übersinnlichen, einer -normal-sinnlichen, einer träumenden, zwei somnambulen und zwei bis drei -irrsinnigen Personen in demselben Menschen. Der verfehlte Dualismus -zwischen der normal-sinnlichen und der abnorm-untersinnlichen -Persönlichkeit, die beide gleichmässig mit dem organischen Leibe zu -Grunde gehen, könnte keinesfalls etwas dazu beitragen, den ebenso -verfehlten Dualismus zwischen der sterblichen sinnlichen und der -unsterblichen übersinnlichen Person im Menschen zu begründen oder -auch nur annehmbarer zu machen. Der Versuch du Prels, die uralte, -aber in keiner Weise zu begründende metaphysische Weltanschauung des -„transcendentalen Individualismus“ auf die Erscheinungen des abnormen -Seelenlebens und insbesondere des Somnambulismus zu stützen, erscheint -hiernach ebenso misslungen, wie der ihm voraufgegangene Versuch -Hellenbachs, dieselbe auf die Erscheinungen des Spiritismus zu stützen.</p> - -<p>Man würde mich missverstehen, wenn man glaubte, ich wolle du Prel -einen Vorwurf aus seiner Behauptung machen, dass die psychischen -Funktionen des Individual-Subjekts nicht mit der sinnlichen -Bewusstseinsthätigkeit erschöpft sind, sondern dass dasselbe ausserdem -noch vor und jenseits alles organisch vermittelten Bewusstseins -liegende Funktionen hervorbringt und trägt, durch welche es einerseits -den Organismus producirt und erhält (145, 412) und andererseits die -Bewusstseinsfunktionen sowohl des normalen wie der abnormen Zustände -durch Inspirationen unterstützt (194, 278). Ich tadle ihn nur deshalb, -weil er erstens in der offen<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[– 271 –]</a></span> stehenden Frage nach der Bewusstheit -oder Unbewusstheit der fraglichen Functionen den Beweis zu Gunsten -der Bewusstheit einfach durch die Konfusion zwischen untersinnlichem -und übersinnlichem, somnambulem und leibfreiem Bewusstsein geliefert -zu haben glaubt, und zweitens, dass er das so eingeschmuggelte -übersinnliche Bewusstsein wiederum mit dem dasselbe tragenden -Individualsubjekt verwechselt; denn dieses letztere muss doch als das -zwei Bewusstseine oder Personen gemeinsam tragende Subjekt (376) beiden -gleich fern und gleich nahe stehen, <span class="nowrap">d. h.</span> der unbewusste Producent und -Träger beider sein, und es ist unmöglich, demselben dadurch näher zu -kommen, dass man von der Erscheinungswelt des einen dieser Bewusstseine -in diejenige des anderen hinüberschreitet. Gäbe es also auch hinter der -sinnlichen Person im Menschen noch eine zweite übersinnliche, so müsste -man doch, um von der Flächenausdehnung dieses zweiten Bewusstseins -zum unbewussten gemeinsamen Subjekt beider Personen zu gelangen, ganz -ebenso in die metaphysische Tiefendimension hinabsteigen, als wenn man -von dem Bewusstsein der ersten Person ausgeht; denn das Subjekt selbst -ist niemals empirisch im Inhalt seiner Funktion zu finden, sondern -nur aus der Funktion durch einen nach rückwärts gehenden Schluss -intellectuell zu erreichen, weshalb eben Kant es das intelligible -Subjekt nennt (415).</p> - -<p>Wenn es also schon unrichtig ist zu sagen, dass die -Bewusstseinssteigerung nach der Seite des abnormen Bewusstseins durch -Anleihen beim übersinnlichen Bewusstsein zu Stande komme (401), so -ist es doppelt unrichtig zu sagen, dass das im normalen Bewusstsein -zurückgetretene gemeinsame Subjekt der übersinnlichen und sinnlichen -Person in abnormen Bewusstseinszuständen „aus dem Unbewussten -hervortrete“ (139).<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[– 272 –]</a></span> Alle etwaigen übersinnlichen Einwirkungen des -Individualsubjekts auf das organisch vermittelte Bewusstsein können -von diesem letzteren nur aufgefasst werden, insofern sie zugleich -in dessen eigene sinnlich-bildliche Form eingekleidet werden (70), -und wenn auch eine abnorme Hyperästhesie des Gedächtniss- und -Phantasieorgans in untersinnlichen Bewusstseinszuständen diese -Auffassung und Einkleidung bis zu einem gewissen Grade erleichtert, -so beweist doch der Fortbestand des visionär-bildlichen Charakters -der Eingebungen, dass auch bei den äussersten Graden der somnambulen -Hellsichtigkeit die organisch-sinnliche Basis des Bewusstseins nicht -verlassen wird (117–118) und keineswegs ein direkter Uebergriff oder -Uebertritt in’s übersinnliche Bewusstsein stattfindet. Ein solcher -bleibt auch dann ausgeschlossen, wenn durch abnorme Hyperästhesie -des Gedächtniss- und Phantasieorgans die gewöhnliche Geschwindigkeit -des Vorstellungsablaufes zur Bilderflucht gesteigert wird, und es -ist unzulässig, in solchem Falle von „transcendentalen Zeitmass“ zu -reden (86), oder gar die krankhafte Bilderflucht eines überreizten -Gehirns mit Kants Lehre von der Idealität der Zeit und des Raumes -zusammenzurühren (93, 147), da zur Erklärung solcher seltener Beispiele -nicht einmal die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs -überschritten zu werden braucht (vgl. oben).</p> - -<p>Die allen unsern heutigen Ansichten widersprechende Annahme du Prel’s, -dass das „transcendentale“ Bewusstsein ein leibfreies, <span class="nowrap">d. h.</span> ohne das -Substrat von Nervencentralorganen zu Stande kommendes Bewusstsein sei, -ist als der <em class="gesperrt">physiologische</em> Grundfehler seines Standpunktes zu -bezeichnen; die Verwechselung dieses „transcendentalen Bewusstseins“ -mit dem (unbewussten) „transcendentalen Subjekt“ dagegen ist der -<em class="gesperrt">logische</em> Grundfehler seines Standpunktes. Du Prel hat in -seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[– 273 –]</a></span> späteren Arbeiten leider keinen Versuch gemacht, meine Kritik -dieser beiden Grundfehler zu widerlegen, sondern hat unbeirrt auf -diesen beiden unhaltbaren Voraussetzungen weitergebaut, die bei ihm -ebenso unbegründet dastehen als sie ihrer Natur nach unbegründbar -sind. Man kann hiernach ermessen, welcher Werth einer so fundirten -„transcendentalen Psychologie“ beizulegen <span class="nowrap">ist. —</span></p> - -<p>Die Genauigkeit verlangt zu erwähnen, dass du Prel noch auf -einem vom Somnambulismus unabhängigen Wege die Bewusstheit der -übersinnlichen Funktionen des Subjekts zu erweisen sucht. Er verwirft -nämlich die physiologische Erklärung des Gedächtnisses, wonach -dasselbe in hinterlassenen Spuren der Vorstellungsfunktion in den -funktionirenden Gehirntheilen bestehen soll, und setzt an deren -Stelle eine metaphysische Erklärung, nach welcher alle vom sinnlichen -Bewusstsein zeitweilig vergessenen Vorstellungen im übersinnlichen -leibfreien Bewusstsein als aktuelle Vorstellungen fortbestehen, und -bei der Reproduktion oder Wiedererinnerung aus diesem von Neuem -in’s sinnliche Bewusstsein hinübertreten (371–375). Da die abnormen -Bewusstseinszustände thatsächlich keine gleichzeitige Aktualität aller -jemals gehabten Vorstellungen aufweisen, da vielmehr das zeitweilige -Vergessen und Wiedererinnern der Vorstellungen, <span class="nowrap">d. h.</span> das Problem -des Gedächtnisses, für die abnormen Bewusstseinszustände <em class="gesperrt">ganz -ebenso</em> besteht wie für den normalen, so kann dasjenige Bewusstsein -welches den aktuellen Gedächtnissvorrath enthalten und erhalten soll, -nur als das übersinnliche, in <em class="gesperrt">keiner</em> Erfahrung anzutreffende, -leibfreie Bewusstsein verstanden werden, welchem dann gleichmässig die -Aufgabe zufiele, als Gedächtnissvorrathskammer sowohl für das normale -sinnliche, als auch für das abnorme untersinnliche Bewusstsein zu -dienen (346).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[– 274 –]</a></span></p> - -<p>Ich halte diesen Erklärungsversuch aus zwei Gründen für verfehlt. -Erstens würde das übersinnliche Bewusstsein, wenn es alle jemals am -Menschen vorübergezogenen Vorstellungen und Gefühle in gleichzeitiger -Aktualität als seinen Inhalt umfasste, ein sinnverwirrendes -chaotisches Durcheinander sein, in welchem eben so wenig noch -bestimmte Vorstellungen enthalten wären, wie in der gleichzeitigen -Aufführung aller bisher geschriebenen Musikstücke noch Musik wäre; ein -solches Bewusstsein könnte niemals für irgend welche Erscheinung als -Erklärungsprincip dienen, auch ganz abgesehen davon, dass die Auswahl -einer bestimmten Vorstellung aus diesem chaotischen Bewusstsein und -die Art ihres Ueberganges aus demselben in das sinnliche Bewusstsein -doch immer noch unerklärlich bliebe. Zweitens aber soll der indirekte -Beweis für die Richtigkeit dieser Erklärung doch lediglich in der -Unannehmbarkeit der gewöhnlichen physiologischen Erklärung des -Gedächtnisses durch Gehirnspuren liegen; der Nachweis der Unhaltbarkeit -dieser letzteren scheint mir aber entschieden misslungen. Indem -nämlich du Prel einerseits die Wiederholung gleicher Vorstellungen, -die Verdichtung ähnlicher zu einem gemeinsamen Gedächtnisseindruck -ausser Acht lässt und das allmähliche Vergessen der nicht wieder -aufgefrischten Spuren bis zum absoluten Verschwinden nach einer -kürzeren oder längeren Zeit leugnet (314, 320), rechnet er grosse -Zahlen von Gehirnspuren heraus, denen jede Berechtigung fehlt; -andererseits unterschätzt er die ausserordentliche Feinheit der -organischen Materie und deren Fähigkeit, eine ungeheure Menge von -Spuren nicht nur nebeneinander, sondern geradezu ineinander geschoben -und verschränkt in sich aufzunehmen, wie ja auch eine unglaubliche -Zahl aktueller Bewegungen in jedem Massentheilchen gleichzeitig vor -sich gehen. Hätte er aber<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[– 275 –]</a></span> in seinen Bedenken gegen die Feinheit -der organischen Hirnmasse Recht, so würde doch dieses Bedenken -in noch weit höherem Grade für die ungleich geringere materielle -Dichtigkeit des Aetherleibes oder Metaorganismus zutreffen, auf dessen -Molekularbewegung die Summe aller im übersinnlichen Bewusstsein -gleichzeitig aktuellen Gedächtniss-Vorstellungen und Gefühle sich -ebenso stützen muss, wie die Summe der im sinnlichen Bewusstsein -aktuellen Vorstellungen und Gefühle auf die Molekularbewegungen der -Hirnmasse. Diese verfehlte Theorie des Erinnerungsvermögens würde du -Prel schwerlich in den Sinn gekommen sein, wenn er nicht vorher schon -die Existenz eines übersinnlichen Bewusstseins durch die Verwechselung -mit dem untersinnlichen erwiesen zu haben geglaubt <span class="nowrap">hätte. —</span></p> - -<p>Die Behauptung, dass die für uns unbewussten übersinnlichen psychischen -Funktionen unseres an und für sich unbewussten Individualsubjekts -doch ihrerseits von einem übersinnlichen Bewusstsein begleitet seien, -ist bis jetzt durch nichts erwiesen, und doch liegt die Beweislast -dem Behauptenden ob; man wird demnach auch ferner logisch im Rechte -sein, wenn man sie bis auf Weiteres (<span class="nowrap">d. h.</span> bis zur Erbringung des -Beweises vom Gegentheil) als an und für sich unbewusst betrachtet. -Es scheint denn doch eine sehr viel einfachere und natürlichere -Annahme, dass hinter den bewussten Funktionen des Individualsubjects -ohne Störung der Einheit der bewussten Persönlichkeit noch unbewusste -Funktionen desselben verlaufen, als dass in jedem Individuum zwei -Personen verkoppelt sind, deren eine (die sinnliche) durch die andere -(die übersinnliche) dämonisch besessen ist, ohne etwas davon zu -ahnen! Insbesondere ist zu beachten, dass die höchst bedenkliche, -aber schlechthin unentbehrliche Hülfshypothese eines unsterblichen -Aetherleibes oder Metaorganismus<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[– 276 –]</a></span> mit dem Wegfall des übersinnlichen -Bewusstseins fortfällt; denn bewusste psychische Funktionen brauchen -zwar ein materielles Substrat, an dem sie erst sich selbst empfindlich -werden, aber unbewusste psychische Funktionen sind allemal rein -immaterieller Natur. Alle unbewussten psychischen Funktionen, -welche sich auf einen individuellen Organismus beziehen, sind durch -dieses Ziel zu einer individuellen psychischen Gruppe von relativer -Beständigkeit geeint, ebenso wie sie rückwärts ihren Einheitspunkt an -dem sie gemeinsam tragenden Subjekt haben.</p> - -<p>Auch ich will keineswegs den Individualgeist oder die individuelle -Psyche überspringen,<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> aber wenn du Prel die Frage, ob dieselbe -eine substantiell von ihres Gleichen und vom Absoluten getrennte -Monade, oder eine blosse Einschränkung oder funktionelle Konkretion -(dramatische Spaltung) des absoluten Subjekts sei, offen lässt -(72), so habe ich geglaubt, dieselbe zu Gunsten der letzteren Seite -der Alternative entscheiden zu müssen.<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> Gerade das Problem der -Inspiration des sinnlichen Bewusstseins durch unbewusste Funktionen -der Individualseele zwingt in allen Fällen, wo es sich um hellsehendes -Ahnen von räumlich oder zeitlich weit entfernten Vorgängen handelt, zu -der Lösung durch den konkreten Monismus überzugehen, weil hier eine -rückwärtige Verbindung aller Individualsubjekte im absoluten Subjekt -(gleichsam ein centraler Telephon-Anschluss für die Inspirationen -der unbewussten Individualseele in’s Bewusstsein) existirt, -während der monadologische Individualismus nur die Wahl hat, die -bezüglichen Thatsachen zu leugnen, oder auf eine ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[– 277 –]</a></span> gewaltsame -oder unwahrscheinliche Art als Gefühlswahrnehmungen durch materielle -Vermittelung zu erklären (198, 421).</p> - -<p>Hätte du Prel nicht den pathologischen Charakter des Somnambulismus -verkannt, und in Folge dessen nicht das untersinnliche Bewusstsein mit -einem übersinnlichen (transcendentalen) verwechselt, so würde sich -schwerlich eine Differenz zwischen unseren metaphysischen Deutungen -der fraglichen Erscheinungsgebiete herausgestellt haben. Von den -metaphysischen Konsequenzen seiner irrigen Theorien aber werden nur -zwei Richtungen Nutzen ziehen: der Spiritismus und die christliche -Apologetik. Die neueren Veröffentlichungen du Prel’s zeigen leider nur -zu sehr, dass er sich dem Spiritismus nicht zu entreissen vermocht -hat, nachdem er einmal durch die aufgezeigten Grundfehler demselben -eine Handhabe geboten hat. Der Mangel an kritischer Vorsicht in der -Benutzung der Berichte, welcher schon in seiner „Philosophie der -Mystik“ gerügt werden musste, macht sich in diesen späteren Schriften -theilweise in einem solchen Maasse geltend, dass dieselben dadurch -einer wissenschaftlichen Kritik entrückt erscheinen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="ende" name="ende"> - <img class="w10em mtop3 padbot3" src="images/ende.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="reklame"> - -<div class="chapter"> - -<p class="s4 center mbot1"><b>Frühere Schriften desselben Verfassers.</b></p> - -</div> - -<p>Im Verlag der Königl. Hofbuchhandlung von <b>Wilhelm Friedrich</b> in -<em class="gesperrt">Leipzig</em> erschien:</p> - -<p class="s2 center"><b>Der Spiritismus.</b></p> - -<p class="center">8 Bogen gr. 8. M. 3.—.</p> - -<p class="s3 center"><b>Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft.</b></p> - -<p class="center">Zweite durchgesehene Auflage. 13 Bogen gr. 8. M. 5.—.</p> - -<p class="s3 center"><b>Philosophische Fragen der Gegenwart.</b></p> - -<p class="center">19 Bogen gr. 8. Preis M. 6.—.</p> - -<hr class="r65" /> - -<p class="center mbot1">In <b>Carl Duncker’s</b> Verlag in -<em class="gesperrt">Berlin</em> erschien:</p> - -<p class="s4 center"><b>A. Hauptwerke:</b></p> - -<div class="s5"> - -<p class="hang1_5"><b>Philosophie des Unbewussten.</b> Neunte erweiterte Auflage in -2 Bänden. Erster Theil: Phänomenologie des Unbewussten. Zweiter -Theil: Metaphysik des Unbewussten. 62 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 12.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Das sittliche Bewusstsein.</b> Zweite Auflage. 44 -Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 6.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Das religiöse Bewusstsein der Menschheit</b> im Stufengang -seiner Entwickelung. 40 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 10.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Die Religion des Geistes.</b> 22 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 7.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Aesthetik.</b> Erster Theil. Die deutsche -Aesthetik seit Kant. 37 Bogen.</p> - -<p class="right mbot1">M. 5.—</p> - -<p class="mleft1 hang1_5">Zweiter Theil: Philosophie des Schönen. 53 Bogen. M. 8. Beide -Bände. 90 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 13.—</p></div> - -<p class="s4 center"><b>B. Nebenwerke:</b></p> - -<div class="s5"> - -<p class="hang1_5"><b>Kritische Grundlegung des transcendentalen Realismus.</b> Zweite -erweiterte Aufl. von „Das Ding und seine Beschaffenheit“. 12 Bogen -gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 4.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Gesammelte Studien und Aufsätze</b> gemeinverständlichen -Inhalts. Zugleich zweite Auflage von „Gesammelte philosophische -Abhandlungen“, „Schellings positive Philosophie“, „Aphorismen über -das Drama“, „Shakespeare’s Romeo und Julia“ <span class="nowrap">u. s. w.</span> 46 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 12.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Neukantianismus, Schopenhauerianismus und Hegelianismus</b> -in ihrer Stellung zu den philosophischen Aufgaben der Gegenwart. -Zweite erweiterte Auflage der „Erläuterungen zur Metaphysik des -Unbewussten“. 23 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 7.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Das Unbewusste</b> vom Standpunkt der Physiologie und -Descendenztheorie. Zweite vermehrte Auflage. Nebst einem Anhang, -enthaltend eine Entgegnung auf Professor Oscar Schmidt’s Kritik der -naturwissenschaftlichen Grundlagen der Philosophie des Unbewussten. -26 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 8.—</p></div> - -<p class="s4 center"><b>C. Kleinere Schriften:</b></p> - -<div class="s5"> - -<p class="hang1_5"><b>Wahrheit und Irrthum im Darwinismus.</b> Eine kritische -Darstellung der organischen Entwickelungstheorie. 11½ Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 4.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus.</b> 10 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 3.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Die Selbstzersetzung des Christenthums</b> und die Religion der -Zukunft. Zweite Auflage. 9 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 3.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Die Krisis des Christenthums</b> in der modernen Theologie. 9 -Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 2.70</p> - -<p class="hang1_5"><b>J. H. von Kirchmann’s erkenntnisstheoretischer Realismus.</b> -Ein kritischer Beitrag zur Begründung des transcendentalen -Realismus. 4½ Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 2.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Ueber die dialektische Methode.</b> Historisch-kritische -Untersuchungen. 8 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 2.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Zur Reform des höheren Schulwesens.</b> 6 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 2.25</p> - -<p class="hang1_5"><b>Die politischen Aufgaben und Zustände des deutschen Reiches.</b> -4 Bogen gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 1.—</p></div> - -<p class="s4 center"><b>D. Erläuterungs- und Vertheidigungsschriften:</b></p> - -<div class="s5"> - -<p class="hang1_5"><b>Lichtstrahlen</b> aus Eduard von Hartmann’s sämmtlichen Werken, -herausgegeben von Dr. <span class="s4">M. Schneidewin</span>. 22 Bogen kl. 8. Eleg. -gebunden</p> - -<p class="right mbot1">M. 5.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Das philosophische System</b> Eduard von Hartmann’s. Von Dr. -<span class="s4">R. Koeber</span>. 26 Bogen gr. 8. (Breslau bei W. Koebner.)</p> - -<p class="right mbot1">M. 9.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Der Kampf um’s Unbewusste.</b> Von <span class="s4">O. Plümacher</span>. Nebst -einem Anhang, enthaltend ein chronologisches Verzeichniss der -Hartmann-Literatur von 1868 bis 1880 (circa 770 Nummern). 10 Bogen -gr. 8.</p> - -<p class="right mbot1">M. 3.—</p> - -<p class="hang1_5"><b>Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart.</b> -Geschichtliches und Kritisches. Von <span class="s4">O. Plümacher</span>. 23 Bogen -gr. 8. (Heidelberg bei G. Weiss.)</p> - -<p class="right mbot1">M. 7.20</p></div> - -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter padtop3"> - -<div class="footnotes"> - -<p class="s3 center mbot1"><b>Fußnoten:</b></p> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> In den Kapiteln: „Die Unchristlichkeit des liberalen -Protestantismus“ und „die Irreligiosität des lib. Prot.“ -(Selbstzersetzung des Christenthums Cap. VI und VII) und in der Schrift -„Die Krisis des Christenthums“ Abschn. I. 2, II und IV.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> In der Satire: „Das Gefängniss der Zukunft“ -(Gesammelte Studien und Aufsätze A. X.) und in der Kritik des -socialendämonistischen Princips (Phänomenologie des sittlichen -Bewusstseins Abth. II, B. I.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Gesammelte Studien und Aufsätze No. I; Philosophische -Fragen der Gegenwart No. I.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Vergl. „Das sittliche Bewusstsein“, 2. Aufl., S. 415–418. -(1. Aufl. S. 516–518).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Vergl. den Abschnitt über „Das Moralprincip des -Mitgefühls“ in „Das sittliche Bewusstsein“, 2. Aufl. S. 184–202 (1. -Aufl. S. 217–240).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Man vergleiche zu diesem Abschnitt meine „Phänomenologie -des sittlichen Bewusstseins“, S. 672–673, 692–696; 2. Aufl. S. 536–537, -552–555.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Dieselbe beläuft sich nach medicinischen Annahmen auf 2 -vor dem 20. Jahre, 5 in den 20ger, 3 in den 30ger und 1 in den 40ger -Jahren, zusammen auf 11. Bei der Verheirathung der Frau mit 26½ Jahren -sinkt die zu erwartende Kinderzahl auf die Hälfte, <span class="nowrap">d. h.</span> auf 5½, was -mit dem statistischen Durchschnitt in Deutschland übereinstimmt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Wollte man dem skrupulösesten Gerechtigkeitsgefühl -Rechnung tragen, so brauchte man nur die Bestimmung in das Gesetz -aufzunehmen, dass Jungfern durch die eidesstattliche Versicherung, -niemals einen Heirathsantrag gehabt zu haben, von der Steuererhöhung -befreit werden. Wer die Frauen kennt, wird keinen Augenblick daran -zweifeln, dass eine solche Klausel unbenutzt bleiben würde, und dass -deshalb ihre Aufnahme in’s Gesetz überflüssig und wirkungslos wäre.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Die Besorgniss, dass durch Einreichung des Leitfadens eine -zu scharfe Kontrole von Seiten der Universitätsbehörden ermöglicht und -damit die Lehrfreiheit beeinträchtigt werden könnte, scheint mir ganz -grundlos. Wenn ein Docent Dinge sagt, die den Universitätsbehörden -Anstoss geben könnten, so sagt er sie in den mündlichen Erläuterungen, -aber nicht in demjenigen, was er den Studenten diktirt, — und mehr -soll ja der Leitfaden nicht enthalten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> <em class="gesperrt">H. Klinkhardt</em>, Das höhere Schulwesen Schwedens. -Leipzig, J. Klinkhardt, 1887. Einen übersichtlichen Bericht über dieses -Werk aus der Feder des Grafen Pfeil findet man in der „Zeitung für das -höhere Unterrichtswesen“ 1887, Nr. 30–32.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> „Die Zukunft unserer höheren Schulen“ von F. Hornemann. -Hannover, Carl Meyer, 1887. S. 105 Anmerkung.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Leçons sur les maladies du système nerveux tome III. — -Essai d’une distinction nosographique des divers états nerveux, compris -sous le nom d’hypnotisme. (Comptes rendus de l’Académie des sciences -1882.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Die Philosophie der Mystik von Dr. Carl du Prel. Leipzig, -Ernst Günthers Verlag 1885.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Die Philosophie der Mystik von Dr. Carl du Prel. Leipzig, -Ernst Günthers Verlag 1885.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Vigouroux, Métalloscopie, Métallothérapie, -Oesthésiogènes.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> „Versuch über das Geistersehen und was damit -zusammenhängt“, in den „Parerga und Paralipomena“, 2. Aufl. I. Band. S. -241–328.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Parerga 2. Aufl. I. S. 262 (vgl. S. 264).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Das Gleiche gilt für Träume, in denen ein äusserer -Sinnenreiz in den Traum ausnahmsweise einmal in der Art dramatisch -verwoben wird, dass die letzten Glieder des Traumes durch die Pointe -bedingt erscheinen; auch hier genügen die 2–3 Sekunden, die von der -Perception des Gehörseindrucks (<span class="nowrap">z. B.</span> eines Schlusses) im untersten -Perceptionscentrum für Gehörseindrücke bis zur Perception desselben -durch das Organ des Traumbewusstseins sehr wohl verstreichen können (S. -90 unten bis 91 oben), um 24–36 Vorstellungsbilder auf einander folgen -zu lassen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Bekanntlich zeigt der Traum eine Menge Erscheinungen des -Wahnsinns und macht dadurch viele der gewöhnlichsten Irrsinnsformen -für jeden, der auf seine Träume achtet, von innen heraus verständlich, -so <span class="nowrap">z. B.</span> den Verfolgungswahn, verschiedene sexuelle Abnormitäten, -Verbrecherwahn, Grössenwahn <span class="nowrap">u. s. w.</span></p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Die oben angeführten Versuche von Binet und Féré streifen -bereits an die Grenze des unheimlich Grausamen auch ohne Anwendung des -Messers; sie liefern dafür aber auch durch Bestimmung der schmerzenden -Stelle bei jeder Art von seitlich transferirter Hirnfunktion einen -höchst schätzbaren Beitrag zur Lokalisation der Hirnfunktionen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Statuvolence oder der gewollte Zustand. Von W. B. -Fahnestock. Deutsch von Wittig. Leipzig 1883.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Diese lokale magnetische Hyperästhesirung bildet das -Gegenstück zu der lokalen Anästhesirung durch narkotische Mittel, und -der lokalen magnetischen Anästhesirung (<span class="nowrap">z. B.</span> bei Brandwunden).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Die Wirksamkeit des Befehls zur Erinnerung ist analog der -Wirksamkeit des Befehls zum Vergessen und zur Elimination bestimmter -Wahrnehmungskomplexe aus der Wahrnehmungsphäre. Die Sage von der -Tarnkappe wird zur Wahrheit, indem die Somnambule nach dem Erwachen -unfähig ist, eine bestimmte anwesende Person wahrzunehmen, wenn ihr -diess im somnambulen Zustand befohlen war.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Den äusseren Anlass zu dieser Konfusion giebt der -Missbrauch des Wortes „transcendental“ in der Bedeutung „latent“ -(443) oder „unterhalb der Schwelle des Bewusstseins gelegen“; denn -nun bezeichnet der Ausdruck „transcendentales Bewusstsein“ in -doppelsinniger Weise bald das untersinnliche, bald das übersinnliche -Bewusstsein. Ich habe deshalb das Wort „transcendental“ in der -bisherigen Erörterung ganz vermieden, um dieser Verwirrung zu entgehen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> „Religion des Geistes“ S. 226–228.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Vgl. „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie und -Descendenztheorie“ 2. Aufl. S. 297–306.</p></div> - -</div> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Moderne Probleme, by Eduard von Hartmann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MODERNE PROBLEME *** - -***** This file should be named 55014-h.htm or 55014-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/0/1/55014/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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