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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-07 11:05:06 -0800
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-The Project Gutenberg EBook of Moderne Probleme, by Eduard von Hartmann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Moderne Probleme
-
-Author: Eduard von Hartmann
-
-Release Date: June 30, 2017 [EBook #55014]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MODERNE PROBLEME ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1888 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert. Ungewöhnliche, altertümliche, sowie inkonsistente
- Schreibweisen wurden dagegen beibehalten, insbesondere wenn diese
- in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde nach Vorgabe des Textes folgendermaßen
- angepasst:
-
- a. ‚Das Philosophie-Studium auf den Universitäten‘ wurde
- korrigiert zu ‚Das Philosophie-Studium an den Universitäten‘.
- b. Die Seitenzahl für den Abschnitt ‚Die preussische Schulreform
- von 1882‘ wurde von 160 zu 169 geändert.
-
- Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö und Ü) sowie das ‚Esszett‘
- (ß) werden im Text umschrieben (Ae, Oe, Ue, bzw. ss). Die von
- der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der
- vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Eduard von Hartmann.
-
- Moderne Probleme.
-
- Zweite vermehrte Auflage.
-
- [Illustration]
-
- Leipzig
- Verlag von Wilhelm Friedrich
- K. R. Hofbuchhändler.
- 1888.
-
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-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-
-
-Vorwort zur ersten Auflage.
-
-
-Dass es mir bisher an Feinden gefehlt habe, wird niemand behaupten
-können. Die katholische Kirche hat mich in amtlichen Kundgebungen und
-in dicken Büchern als einen Erzketzer und Hauptführer der wider Gott
-anstürmenden Rotte gebrandmarkt, die evangelischen Orthodoxen haben
-sich auch in dieser Frage an ihre Rockschösse gehängt, und der liberale
-Protestantismus wird mir die an ihm geübte Kritik[1] niemals verzeihen.
-Die Konservativen verabscheuen mich als religiösen Revolutionär, die
-Liberalen als einen Gegner der parlamentarischen Regierungsform, als
-Militaristen, Monopolisten und Socialisten; die Socialdemokraten
-hassen in mir mit Recht den aristokratisch gesinnten Gegner alles
-demokratischen Nivellements, der speciell die socialdemokratischen
-Verirrungen so scharf mitgenommen hat.[2] Die mechanistisch und
-darwinistisch gesinnte Welt der Naturforscher hat sich von der zweiten
-Auflage meiner Schrift „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie
-und Descendenztheorie“ i. J. 1877 so schwer getroffen gefühlt, dass sie
-sich seitdem in grollendes Stillschweigen und Ignoriren gehüllt hat.
-Die Positivisten und Neukantianer, welche alle Metaphysik verwerfen und
-bekämpfen, sehen in dem Verfasser der Schrift über den „Neukantianismus
-u. s. w.“ einen der gefährlichsten Störer ihrer Cirkel; die
-vordarwinschen naturwissenschaftlichen Materialisten und die Nachfolger
-Feuerbachs hassen in mir, wie die Schriften von Stiebeling, J. C.
-Fischer, Carl Grün und die Wuthausbrüche Dührings beweisen, einen
-rückständigen Schwärmer und Obscuranten, und die Optimisten aus allen
-Lagern reichen sich die Hände, um meinen Pessimismus, den sie nicht
-verstehen, als Volksverderber und Jugendverführer zu verdammen. Die
-Hegelianer hatte ich schon durch meine erste Veröffentlichung „Ueber
-die dialektische Methode“ vor den Kopf gestossen, die Schopenhauerianer
-bereits durch die Kritik der Schopenhauerschen Moralprincipien (in der
-„Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins“) verletzt und durch den
-Aufsatz „Mein Verhältniss zu Schopenhauer“ (in den „Philosophischen
-Fragen der Gegenwart“ Nr. II) ganz in’s Lager meiner Gegner
-hinübergetrieben, und den Universitätsphilosophen gegenüber hatte ich
-meine ohnehin schon schwierige Stellung als unzünftiger Konkurrent noch
-durch verschiedene Aeusserungen über die Universitätsphilosophie[3]
-verschlimmert.
-
-Unter diesen Umständen hätte ein ganz auf sich selbst angewiesener, auf
-keine Klique, kein literarisches Organ und kein Katheder gestützter
-Forscher leicht Bedenken tragen können, die Zahl der ihn umgebenden
-Feinde zu vermehren und deren Feindseligkeit zu verschärfen. Wenn ich
-dies trotzdem in den letzten Jahren im weitesten Umfang gethan habe, so
-bitte ich darin keine übermüthige Laune oder muthwillige Händelsucht
-zu sehen; was mich dazu antrieb, gegen so mancherlei moderne Irrthümer
-das Wort zu ergreifen, war ein inneres Bedürfniss, die Stimme der
-besonnenen Kritik zur Geltung zu bringen, ein unerschütterliches
-Vertrauen in die siegreiche Kraft der schlichten ungeschminkten
-Wahrheit, und ein Gefühl der Verpflichtung, durch meine völlig
-unabhängige Stellung mehr als viele Andere zur Inangriffnahme so
-peinlicher und undankbarer Aufgaben berufen zu sein.
-
-Durch meine Schrift „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft“ habe
-ich mir nämlich nicht nur bei den Vertretern des Judenthums selbst,
-sondern auch bei den christlichen Philosemiten und nicht minder bei
-den Antisemiten viele neue Gegner gemacht, ebenso durch meine Schrift
-über den Spiritismus sowohl die spiritistischen Kreise gegen mich
-aufgebracht, als auch dem Widerwillen der Aufklärungsrationalisten
-und Materialisten gegen mich neue Nahrung zugeführt. Der Aufsatz
-„Was sollen wir essen?“ hat bei den Vegetarianern eine förmliche
-Erbitterung gegen mich wachgerufen, welche sich bis zu der
-öffentlichen Drohung: „es mir nicht vergessen zu wollen“, verstiegen
-hat. „Unsre Stellung zu den Thieren“ hat eine ähnliche Wirkung auf
-die Antivivisektionisten und sentimentalen Thierschützler ausgeübt.
-„Die Gleichstellung der Geschlechter“ und „Die Lebensfrage der
-Familie“ hat diejenigen Mitglieder des schönen Geschlechts, welche
-für die Emancipation ihrer Schwestern und für eine ausserfamiliäre
-Berufsstellung derselben kämpfen gegen mich in Harnisch gebracht.
-„Der Rückgang des Deutschthums“ hat den bei der grossdeutschen Idee
-stehen gebliebenen Theil der deutschen Liberalen gegen mich aufgeregt,
-die preussischen Polen mir zu unversöhnlichen Feinden gemacht, die
-Erbitterung des Ultramontanismus neu geschürt und vor allem bei den
-Deutschösterreichern einen Sturm der Entrüstung entfesselt, der wohl
-nicht ganz ohne Einfluss auf das aktive Aufraffen derselben aus dem
-doktrinär-liberalen Schlummer geblieben ist und hoffentlich auch
-ferner noch erspriessliche Folgen zeitigen wird. Die Aufsätze „Zur
-Reform des Universitätsunterrichts“ und „Das Philosophie-Studium“
-dürften die Antipathien der Philosophieprofessoren gegen mich, wenn das
-überhaupt möglich war, noch verschärft haben, und „Die Ueberbürdung
-der Schuljugend“ muss auch diejenigen Pädagogenkreise gegen mich
-verstimmen, welche nicht schon als Vertheidiger der Realschulen oder
-Realgymnasien durch meine frühere Schrift „Zur Reform des höheren
-Schulwesens“ gegen mich eingenommen waren.
-
-Zum mindesten bürgt das durch zahllose Gegenartikel, Vorträge,
-Zuschriften u. s. w. bekundete Aufsehen, welches die Mehrzahl der
-nachstehenden Aufsätze schon bei ihrer vereinzelten Veröffentlichung
-in Zeitschriften gemacht hat, dafür, dass dieselben auch in ihrer
-nunmehrigen Zusammenstellung einige Beachtung verdienen dürften;
-denn erst in dieser ihrer Vereinigung lassen sie ihre innere
-Zusammengehörigkeit, sowohl unter einander, als auch mit den Schriften
-über das Judenthum und den Spiritismus erkennen. Die Abhandlung „Der
-Somnambulismus“ bildet eine unmittelbare Ergänzung zu der Schrift über
-den Spiritismus, indem beide sich gegenseitig erläuternde Arbeiten die
-sogenannte „Nachtseite der menschlichen Natur“ erörtern und entschieden
-gegen eine neuere, auf den Geheimbuddhismus gestützte mystische
-Richtung Front machen, welche dieses Gebiet eines krankhaften Nerven-
-und Seelenlebens zu einer dem normalen Zustand überlegenen höheren
-Stufe des Geisteslebens aufzubauschen versucht. Die Aufsätze gegen den
-Vegetarianismus, den Antivivisektionismus, die Frauenemancipation und
-die egoistisch überspannte Missachtung der Familienpflichten gehören
-ebenfalls in eine engere Gruppe zusammen, welche der Schrift über das
-Judenthum schon dadurch näher gerückt ist, dass in ihnen allen der
-abstrakte Idealismus und die falsche Sentimentalität bekämpft wird.
-
-Bekanntlich hatte Richard Wagner in seinen letzten Lebensjahren neben
-andern Eigenthümlichkeiten auch diejenige, sich zum theoretischen
-Vertreter des Vegetarianismus, Antivivisektionismus und Antisemitismus
-aufzuwerfen, und unter demjenigen Theil seiner Jünger und Anhänger,
-welcher darauf schwört, dass in dem Evangelium des Meisters auch seine
-Art sich zu räuspern und zu spucken einen untrennbaren Bestandtheil
-bilde, spielen auch Vertreterinnen der Frauenemancipation eine
-bedeutende Rolle. Hier findet also gleichsam ein Zusammenfluss der
-verschiedenen Ströme des abstrakten Idealismus statt, welche ich in der
-vorliegenden Schrift bekämpfe, und es scheint deshalb unvermeidlich,
-dass dieselbe bei diesem Kreise noch grösseren Anstoss erweckt,
-als dies schon früher meine Nichtanerkennung der Schopenhauerschen
-Mitleidsmoral und Theorie der Musik und meine Kritik sowohl des
-Urbuddhismus (im „Religiösen Bewusstsein der Menschheit“ B. I, 2)
-als auch des Geheimbuddhismus (in den „Philosophischen Fragen der
-Gegenwart“ Nr. IX) gethan hat.
-
-Mögen diese Blätter trotz aller weiteren Anfeindungen, die ihnen nicht
-erspart bleiben werden, einen Leserkreis finden, der geneigt ist, in
-dem wüsten Durcheinander fanatischer Parteistimmen auch der Stimme
-der parteilosen nüchternen Besonnenheit sein Ohr zu leihen, und mögen
-diejenigen, welche meine Ansichten nur aus gegnerischen Entstellungen
-kennen, sich durch eignen Einblick überzeugen, dass sie nichts weiter
-enthalten, als was für jeden Unbefangenen selbstverständlich und kaum
-des Aussprechens bedürftig scheinen sollte. Wenn aber philosophische
-Kritiker sich daran stossen sollten, dass ich mir die Mühe gegeben
-habe, auch Selbstverständliches niederzuschreiben, so bitte ich sie zu
-erwägen, dass verkehrten Zeitströmungen gegenüber auch das Aussprechen
-des Selbstverständlichen sein Recht hat, und dass es des Philosophen
-nicht unwürdig ist, auch der populären Behandlung von Zeitfragen näher
-zu treten.
-
- +Berlin-Lichterfelde+, im Herbst 1885.
-
- =Eduard von Hartmann.=
-
-
-
-
-Vorwort zur zweiten Auflage.
-
-
-Der baldige Absatz der ersten Auflage dieses Buches liefert die
-erfreuliche Bestätigung dafür, dass die am Schlusse ihres Vorworts
-ausgesprochene Hoffnung nicht zu Schanden geworden ist. Ich habe in
-der zweiten Auflage als Nr. V-VII drei Aufsätze über die heutige
-Geselligkeit, über die Wohnungsfrage und über moderne Unsitten
-eingeschaltet, welche sich ihrem Inhalt nach an die ersten vier
-Aufsätze auf das engste anschliessen und dem Buch noch mehr als
-bisher den Charakter eines Vorläufers zur Socialethik geben. Ebenso
-habe ich den beiden Aufsätzen über die Schulfrage einen dritten (Nr.
-XII) hinzugefügt, welcher eine Uebersicht über den gegenwärtigen
-Stand der ganzen Bewegung giebt und die zunächst erforderlichen
-Schritte präcisirt. Dagegen habe ich den Aufsatz über den Rückgang
-des Deutschthums fortgelassen, weil inzwischen mit dem Erlass und der
-fortschreitenden Ausführung der preussischen Polengesetze sein Zweck
-erfüllt und seine Aktualität erloschen ist. In einigen der anderen
-Aufsätze, besonders in Nr. XV, habe ich kleinere Zusätze beigefügt,
-welche durch die an die erste Auflage geknüpfte Kritik und Polemik
-veranlasst worden sind. Möge das Buch auch in seiner neuen Gestalt
-günstige Aufnahme finden.
-
- +Berlin-Lichterfelde+, im März 1888.
-
- =Eduard von Hartmann.=
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- I. Was sollen wir essen? 1
-
- II. Unsere Stellung zu den Thieren 21
-
- III. Die Gleichstellung der Geschlechter 36
-
- IV. Die Lebensfrage der Familie 50
-
- V. Die heutige Geselligkeit 85
-
- VI. Die Wohnungsfrage 96
-
- VII. Moderne Unsitten 106
-
- VIII. Zur Reform des Universitätsunterrichts 120
-
- IX. Das Philosophie-Studium an den Universitäten 140
-
- X. Die Ueberbürdung der Schuljugend 157
-
- XI. Die preussische Schulreform von 1882 169
-
- XII. Der Streit um die Organisation der höheren Schulen 177
-
- XIII. Der Bücher Noth 193
-
- XIV. Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit 200
-
- XV. Der Somnambulismus 207
-
-
-
-
-I.
-
-Was sollen wir essen?
-
-
-In ärztlichen Kreisen hat im letzten Menschenalter ein hauptsächlich
-von England ausgegangener Umschwung der Ansichten über die Diät
-stattgefunden, der die Fleischkost in weit höherem Masse bevorzugt, als
-es früher üblich war. Im Gegensatz hierzu erklären die vegetarianischen
-Bestrebungen die reine Pflanzenkost für die allein naturgemässe,
-rationelle und humane Ernährungsweise und machen mit der Kraft einer
-religiösen Ueberzeugung das künftige Heil der Menschheit von dem
-Verzicht auf alle Fleischkost abhängig. Die Frage scheint wichtig
-genug, um sie in reifliche Erwägung zu ziehen.
-
-Das für ein organisches Wesen Naturgemässe ist an zwei Merkmalen
-zu erkennen: an der Einrichtung seiner Organisation und an seinen
-Instinkten. Beide weisen übereinstimmend dem Menschen seine Stellung
-unter den Omnivoren (Allesfressern) an, zu denen beispielsweise
-auch die Schweine, Bären und Affen gehören. Magen und Darm des
-Menschen sind nicht wie diejenigen der Wiederkäuer für das Verdauen
-von Gras und Blättern eingerichtet, aber der Darm hat doch eine
-bedeutend grössere relative Länge als bei den auf reine Fleischkost
-angewiesenen katzenartigen Raubthieren. Das menschliche Gebiss
-ist wie dasjenige aller Omnivoren aus Schneidezähnen, Reisszähnen
-und Mahlzähnen zusammengesetzt; die reinen Fleischzähne machen nur
-den achten Theil des Gesammtbestandes aus, was allerdings auf ein
-Uebergewicht vegetabilischer Kost hindeutet. Die Instinkte des
-Menschen weisen ebenso wie die aller übrigen Omnivoren darauf hin,
-dass die Fleischnahrung in gewissem Sinne die werthvollere für seinen
-Organismus ist; bei offen stehender Auswahl stürzen sich alle Omnivoren
-zunächst mit Gier auf das Fleisch. Hieraus könnte man schliessen, dass
-die Schneide- und Mahlzähne den Omnivoren von der Natur nur deshalb
-verliehen seien, um für den Fall des zeitweiligen Mangels an den
-schwerer zu erlangenden animalischen Nahrungsmitteln doch keinen Hunger
-zu leiden, sondern auf vegetabilische Nahrungsmittel zurückgreifen
-zu können. Aber so einfach liegt die Sache doch nicht. Denn wo der
-Instinkt nicht schon durch dauernde Gewöhnung denaturirt ist, pflegt
-auf die erste Gier nach Fleisch bald eine Reaktion der Uebersättigung
-zu folgen, mit der ein um so stärkeres Verlangen zur Rückkehr nach
-pflanzlichen Nahrungsmitteln hervortritt.
-
-Die Nahrungsinstinkte des Menschen zeigen ausserdem thatsächlich
-bedeutende Abweichungen nach Klima, Alter, Geschlecht, Arbeitsleistung
-und Individualität. In tropischen Ländern, wo nur ein geringer
-Wärmeverlust zu decken und intensive Arbeit kaum möglich ist,
-wo also der Körper ohnehin nur eine geringe Menge von täglicher
-Nahrung zu verdauen braucht, reicht seine Verdauungskraft auch bei
-vegetabilischer Ernährung mehr als aus, so dass Fleischkost selbst
-bei grösster quantitativer Mässigkeit leicht zur Uebernährung führt;
-in den Polargegenden dagegen ist ein so starker Ersatz durch Nahrung
-erforderlich, dass auch die beste Verdauung unfähig wäre, die nöthige
-Assimilation aus vegetabilischer Kost zu vollziehen. Der äquatorialen
-Genügsamkeit entspricht demnach die instinktive Bevorzugung von
-Nahrungsmitteln mit geringstem Nährwerth (Obst, Reis etc.), der polaren
-Gefrässigkeit das instinktive Bedürfniss nach Nahrungsmitteln von
-höchstem Nährwerth bei leichtester Verdaulichkeit (Fleisch, Fett, Thran
-etc.). In den gemässigten Zonen wiederholen sich diese Gegensätze in
-gemässigter Form: während der faulenzende Süditaliener und Südspanier
-nichts begehrt als eine Hand voll Datteln und Feigen nebst einer
-Zwiebel oder allenfalls Maccaroni, kann der englische Arbeiter oder
-der norddeutsche Sackträger nicht Fleisch und Speck genug bekommen.
-Im Durchschnitt tritt im gemässigten Klima der omnivore Instinkt des
-Menschen in ungetrübter Reinheit ans Licht, während er durch excessive
-Hitze oder Kälte nach der Seite der Pflanzennahrung oder Fleischnahrung
-hin abgelenkt wird. Dies lässt darauf schliessen, dass der Mensch einem
-gemässigten Klima seinen Ursprung verdankt, weil nur in diesem sein
-Instinkt mit seiner Organisation im Einklang ist.
-
-Wie die klimatischen Abweichungen vom normalen Instinkt als
-zweckmässige Anpassungen erscheinen, so auch die durch Alter,
-Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung bedingten Abweichungen.
-Die geschwächte Verdauungskraft des Alters verlangt nach einem
-stärkeren Grade von Fleischzusatz in der Nahrung, während der kindliche
-und jugendliche Appetit auf Obst und Gemüse im Alter mehr und mehr
-schwindet. Das männliche Geschlecht hat im Durchschnitt stärkeren
-„Fleischhunger“ als das weibliche, auch abgesehen davon, ob es durch
-ein grösseres Mass von Arbeit ein stärkeres Ersatzbedürfniss hat; es
-scheint vermittelst einseitiger Vererbung im männlichen Geschlecht die
-durch stärkere Arbeitsleistung geweckte Neigung zur Fleischkost sich
-durch lange Generationen hindurch summirt und befestigt zu haben.
-Wer aus Ständen, Familien oder Gegenden gebürtig ist, in denen ein
-beträchtlicher Fleischzusatz zur Nahrung Generationen hindurch üblich
-war, wird sich immer nur im Kampfe mit seiner instinktiven Neigung auf
-reine Pflanzenkost zurückziehen; wer hingegen sowohl für seine Person
-als auch durch seine Vorfahren auf Pflanzenkost eingerichtet ist, wird
-doch in reiferem Alter eine allmählich zunehmende Verstärkung des
-Fleischzusatzes bis zu einer gewissen Grenze hin immer mit Behagen
-empfinden. Diese Grenze ist allerdings individuell verschieden
-je nach der Verdauungskraft und den qualitativen Bedürfnissen
-des Organismus, und es ist nicht zu bestreiten, dass es ganz
-ausnahmsweise auch in gemässigten Klimaten Individuen, besonders solche
-weiblichen Geschlechts gibt, die eine ausgesprochene Idiosynkrasie
-gegen Fleischnahrung haben. Solche individuellen Abweichungen
-des Nahrungsinstinkts können pathologisch, sie können aber auch
-physiologisch bedingt sein, und selbst auf pathologischer Grundlage
-können sie ebensowohl zweckmässige Heilinstinkte, wie krankhaft
-perverse Instinkte sein.
-
-Nimmt man den Durchschnitt des menschlichen Nahrungsinstinktes in
-gemässigtem Klima zum Massstabe, so findet man ihn wesentlich mit
-der Organisation seines Gebisses übereinstimmend, d. h. so, dass der
-grössere Gewichtstheil der täglichen Nahrung vegetabilischen, der
-kleinere animalischen Ursprungs sein muss, um ihm zu genügen.
-
-Ein Unterschied besteht allerdings zwischen beiden Massstäben, insofern
-der Instinkt mehr als den achten Theil Fleisch in der Kost verlangt,
-wie man es nach dem Gebiss erwarten sollte; diess dürfte sich daraus
-erklären, dass das Gebiss, welches der Mensch von den omnivoren
-Thieren überkam, auf den achten Theil rohen Fleisches berechnet ist,
-der Mensch aber gebratenes und gekochtes Fleisch bequem auch mit den
-Mahlzähnen kauen kann. Dem Instinkt nach gemischter Nahrung entspricht
-der Instinkt nach Abwechselung zwischen Fleisch- und Pflanzenkost, wenn
-die wünschenswerthe Mischung beider nicht zu erlangen ist.
-
-Die naturgemässe Kost des Menschen ist also weder die reine Fleisch-,
-noch die reine Pflanzenkost, sondern die gemischte oder in den
-Mahlzeiten zwischen beiden wechselnde, allerdings mit Uebergewicht
-der pflanzlichen Bestandtheile. Gegen diese Thatsache lehnt sich
-der Vegetarianismus vergebens auf, der ausserdem die berechtigte
-Verschiedenheit der Zusammensetzung je nach Klima, Alter und
-Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung völlig verkennt. Auf den
-Instinkt des Menschen ist er deshalb als auf einen „kannibalischen“,
-als auf ein ererbtes Ueberlebsel thierischer Roheit schlecht zu
-sprechen, und es ist der grösste Kummer der Vegetarianer, dass so
-wenige von denen, welche vegetarianischen Principien huldigen, im
-Stande sind, sich gegen die Rückfälligkeit in die vom Instinkt
-geforderte gemischte Kost zu wahren. Mag er darin vom humanen
-Standpunkt aus recht haben oder nicht, jedenfalls hat er +das+
-Recht damit verwirkt, sich für die „naturgemässe Lebensweise“ zu
-proklamiren. Will er doch diese Behauptung aufrecht erhalten, so muss
-er zu der Hilfshypothese greifen, dass der Instinkt des Menschen ein
-widernatürlicher, degenerirter sei. Aber wodurch soll er degenerirt
-sein? Und wie lässt sich diese Behauptung vereinigen mit der Thatsache,
-dass alle Thiere mit gemischtem Gebiss Omnivoren sind, und alle
-Omnivoren weit gieriger auf Fleischkost als auf Pflanzenkost sind? Man
-sehe nur, wie ein Affe in Leidenschaft geräth, wenn er eine Taube im
-Zimmer bemerkt, während er die gebotenen Früchte zwar mit Behagen,
-aber ohne besondere Erregung hinnimmt. Wenn es Specien mit gemischtem
-Gebiss giebt, deren Nahrungsinstinkt die Pflanzenkost bevorzugt, so
-ist diess eine Discrepanz zwischen Organisation und Instinkt, welche
-nur auf einer nachträglichen Anpassung des animalen Typus an die
-Lebensverhältnisse entstanden sein kann. Diese Anpassung kann entweder
-auf einer Unzuträglichkeit des Klimas für Fleischkost, oder auf der
-Leichtigkeit der Versorgung mit nahrhaften und schmackhaften Früchten
-für Kletterthiere, oder auf der Schwerfälligkeit und Waffenlosigkeit
-des Arttypus, welche den Raub von Beutethieren erschwert, oder auf
-einer Verbindung dieser Umstände beruhen. Aber wenn auch die bis
-jetzt völlig unerwiesene Behauptung wahr wäre, dass gerade die
-menschenähnlichen Affen im Naturzustande eine Degeneration des
-Instinktes nach dieser Richtung hin zeigen, so ist daraus doch nicht
-zu schliessen, dass es für den Menschen naturgemäss sei, ebenfalls
-diesem degenerirten Affeninstinkt zu folgen, der thatsächlich nicht der
-seinige ist, und dessen Anpassungsmotive für ihn nicht mehr zutreffen.
-Denn der Mensch lebt zumeist in einem gemässigteren Klima, als die
-menschenähnlichen Affen, ist nicht so Kletterthier wie sie, schafft
-sich die ihm von der Natur versagten Waffen und macht das Fleisch
-durch Zubereitung leichter verdaulich. Da der Mensch nicht von den uns
-bekannten menschenähnlichen Affen abstammt, braucht er auch nicht erst
-deren degenerirten Nahrungsinstinkt zu restituiren, sondern nur den
-naturgemässen seiner thierischen Vorfahren zu konservieren.
-
-Es entsteht die weitere Frage, ob die vegetabilische Ernährung
-+rationeller+ sei, d. h. dem Menschen mehr Vortheile oder weniger
-Nachtheile biete als die animalische. Denn wenn es auch am nächsten
-liegt, die naturgemässe Lebensweise zugleich für die vernünftige zu
-halten, so ist doch durch den Glauben an die Zweckmässigkeit der Natur
-im Allgemeinen die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass etwas für den
-Naturzustand Passendes im Kulturzustand einschneidender Abänderungen
-bedarf, um den höheren Zwecken des Kulturlebens zu genügen. Deshalb
-kann die Untersuchung, ob etwas naturgemäss sei oder nicht, niemals
-das letzte Wort haben; denn der aus der Natur hervorwachsende bewusste
-Geist ist zwar selbst noch einerseits etwas Natürliches, anderseits
-etwas über die Natur Erhabenes, also etwas Natürliches von höherer
-Ordnungsstufe, welches die Naturzweckmässigkeit fortsetzt und
-steigert, indem es das Naturgemässe niederer Ordnungsstufe nach seinen
-Bedürfnissen modelt.
-
-Die Vegetarianer behaupten, dass die Pflanzenkost den Menschen im
-Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger gegen Krankheiten mache
-als gemischte Kost; die Mehrzahl der Aerzte behauptet dagegen,
-dass eine Vermehrung der Fleischbestandtheile in der gemischten
-Kost den Menschen im Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger
-gegen Krankheiten mache. Ich meine, dass die naturgemässe Kost
-unter normalen Verhältnissen dem Menschen auch am besten bekommt,
-dass für einen geschwächten oder in schlechtem Ernährungszustand
-befindlichen Organismus eine womöglich nur vorübergehende Verstärkung
-des Fleischzusatzes vortheilhaft ist, und dass es irrationell ist,
-sich in gesunden Tagen mit zu starkem Fleischzusatz zu verwöhnen,
-weil damit die Möglichkeit einer vortheilhaften Steigerung in
-Krankheitsfällen ausgeschlossen ist. Dabei ist zuzugeben, dass durch
-die ärztliche Bevorzugung der Fleischkost nicht selten die Grenze
-der vortheilhaften Mischung überschritten wird, die namentlich bei
-manchen jüngeren weiblichen Individuen ziemlich tief liegen kann, und
-dass in solchen Fällen die Betreffenden den Uebergang zur reinen
-Pflanzenkost für zuträglicher verspüren können als die übertriebene
-Fleischdiät, weil erstere von ihrer natürlichen Mischungslinie weniger
-weit abliegen kann als letztere. Ferner ist zu berücksichtigen, dass
-in Folge der steigenden Wohlhabenheit der Kulturvölker in den letzten
-Menschenaltern in allen Gesellschaftsschichten die Nahrhaftigkeit der
-durchschnittlichen Verköstigung sehr gestiegen ist, so dass bei der
-Anpassung des ererbten Appetits an eine schlechtere Kost eine gewisse
-Ueberernährung gegenwärtig sehr verbreitet ist; will man solche
-Ueberernährung mit ihren gesundheitsschädlichen Folgen beseitigen, so
-ist das einfachste Mittel, bei den Mahlzeiten mässiger zu sein, das
-demnächst einfachste, zu einer minder nahrhaften Kost zurückzukehren,
-so dass die gesundheitsdienlichen Folgen der vegetarianischen Kost bei
-überernährten Vielessern leicht erklärlich sind. Ausserdem können die
-vielfach behaupteten Vortheile einer vegetarianischen Lebensweise in
-naturgemässen Lebensvorschriften (Leben in frischer Luft, Vermeidung
-von Spirituosen und Pflanzenalkaloiden u. s. w.) gesucht werden, welche
-mit einer naturgemässen gemischten Kost ebenso gut zu vereinigen
-sind, wie mit reiner Pflanzenkost; insofern der Uebergang zu beiden
-zugleich gemacht wird, wird häufig der letzteren Ursache eine Wirkung
-zugeschrieben, die nur von der ersteren abhängt. Wo hingegen unter
-völligem Gleichbleiben der sonstigen Lebensgewohnheiten nicht etwa
-eine übertriebene Fleischkost, sondern eine individuell naturgemässe,
-gemischte Kost mit reiner Pflanzenkost vertauscht wird, da wird der
-Regel nach eine Schwächung des Organismus durch Herabsetzung seines
-Ernährungszustandes die Folge sein, und nur ausnahmsweise wird dieses
-Ergebniss in unmerklich geringem Grade eintreten, sei es, dass der
-Betreffende eine hinreichend gute Verdauung hat, um erheblich mehr
-essen und trinken zu können als bisher, sei es, dass die Linie der
-richtigen Mischung für ihn ohnehin schon sehr nahe an der reinen
-Pflanzenkost lag.
-
-Da diese Behauptungen nicht streng zu erweisen sind, ebensowenig wie
-diejenigen der Vegetarianer und der Schwärmer für möglichst reine
-Fleischkost, zwischen denen sie in der Mitte liegen, so können wir über
-diesen Punkt hinweggehen; wir können es um so eher, als selbst die
-Vegetarianer sich meist damit begnügen, auf anderm Wege zu begründen,
-dass ihre Pflanzenkost die allein rationelle sei. Sie sagen nämlich,
-die Pflanzenkost ist im Stande, dieselbe chemische Zusammensetzung
-der Speisen zu liefern wie die Fleischkost, ist also nicht geringer
-an Nährwerth als diese; sie schützt aber vor den Gefahren, welche die
-Fleischkost mit sich führt, ist also in Summa besser als diese.
-
-Nun ist es zwar richtig, dass Pflanzenkost dieselbe chemische
-Zusammensetzung der Speisen liefern kann wie Fleischkost, aber es
-ist unrichtig, den Nährwerth der Speisen bloss nach ihrer chemischen
-Zusammensetzung zu schätzen. Vielmehr ist derselbe ebensosehr
-durch den Verdaulichkeitsgrad der Speisen wie durch ihre chemische
-Zusammensetzung bedingt, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass
-der Procentsatz der von den dargebotenen Nährstoffen assimilirten
-Nährstoffe entscheidet, sondern ausserdem noch mit Berücksichtigung
-der bei der Verdauung gleicher Procentsätze verbrauchten lebendigen
-Kraft. Der Vorzug der Fleischkost für den Organismus liegt darin,
-dass sie nicht nur einen grösseren Procentsatz der dargebotenen
-chemischen Stoffe assimiliren lässt, sondern auch dem Organismus bei
-der Assimilirung gleicher procentualischer Mengen eine geringere
-Arbeitsleistung zumuthet. Der Nährwerth eines Stoffes ist proportional
-der bei normaler Verdauung assimilirbaren Quote desselben +abzüglich+
-desjenigen Theils derselben, welcher das Aequivalent der bei der
-Verdauung verbrauchten lebendigen Kraft darstellt, und vom Organismus
-vorweggenommen werden muss, um nur den status quo vor der Verdauung
-wieder herzustellen. Lässt man zwei Gruppen von Sperlingen gleiche
-Zeit hungern und bietet dann der einen Gruppe Körnerfutter, der
-anderen gehacktes rohes Fleisch, so erholt sich ein weit grösserer
-Procentsatz bei letzterer als bei ersterer Behandlung; d. h. die
-Leichtverdaulichkeit einer Speise fällt um so mehr ins Gewicht, je
-weniger lebendige Kraft ein Organismus für die Verdauungsarbeit noch
-übrig und verfügbar hat.
-
-Nun haben alle einigermassen leichtverdaulichen pflanzlichen
-Nahrungsmittel einen im Vergleich zum Fleisch nur sehr geringen
-Nährwerth; dagegen gehören die einzigen Pflanzenstoffe, deren chemische
-Zusammensetzung mit derjenigen des Fleisches wetteifern kann, die
-Hülsenfrüchte und Pilze, zu den am allerschwersten verdaulichen
-Nahrungsmitteln. Deshalb fällt es auch den Vegetarianern gar nicht
-ein, ihre Mahlzeiten durch hinreichenden Zusatz von Hülsenfrüchten
-der chemischen Zusammensetzung einer Fleischmahlzeit anzunähern, weil
-schon der Instinkt sich gegen solche tägliche Belastung des Magens
-mit Hülsenfrüchten sträuben würde; vielmehr begnügen sie sich mit
-Mahlzeiten von viel geringerem theoretischem Nährwerth als Fleisch und
-benutzen das Vorhandensein der Hülsenfrüchte mehr nur als theoretisches
-Argument. Aber auch diejenigen Pflanzenstoffe, welche einen erheblich
-geringeren theoretischen Nährwerth haben als Fleisch, sind trotzdem für
-einen normalen menschlichen Organismus immer noch schwerer verdaulich
-als Fleisch. Hiernach ist jede auf die Dauer erträgliche Pflanzenkost
-sowohl um vieles ärmer an Nährstoffen als die Fleischkost, als auch
-schwerverdaulicher als diese, so dass die vegetarianische Behauptung,
-dass beide im Nährwerth gleichstehen, den Thatsachen in jeder Hinsicht
-widerspricht.
-
-Dass das Fleisch von kranken Thieren, besonders wenn es nicht gut
-gekocht oder gebraten ist, Krankheiten im Gefolge haben kann,
-ist ebensowenig zu bestreiten, wie dass man durch den Genuss von
-ungekochten Pflanzenstoffen (Salaten etc.) krank werden kann; den
-Finnen und Trichinen stehen die Eier des Hundebandwurms gegenüber,
-die im Menschen zum verderblichen Echinococcus auswachsen. Rohe
-Pflanzentheile und rohes Fleisch sind beide gefährlich, gekocht beide
-ungefährlich, besonders da wo gute Gesundheitspolizei gehandhabt
-und für den Verlust an erkranktem oder unbrauchbarem Schlachtvieh
-Entschädigung geleistet wird. Völlig haltlos ist die vegetarianische
-Behauptung, dass auch sogenanntes gesundes Fleisch, weil es sich
-beim Genuss in dem mit der Leichenstarre beginnenden Stadium der
-Fäulniss befinde, ein schädliches Reizmittel sei, welches besonders
-auf die Nerven und die Herzthätigkeit verderblich einwirke. Will man
-jede rückschreitende Metamorphose Fäulniss nennen, so ist auch die
-Verdauung ein Fäulnissprocess, und befinden sich dicke Milch, Butter,
-Käse, alle gegohrenen Getränke und alles Hefegebäck oder Honiggebäck
-ganz ebenso und in noch höherem Grade im Zustande der Fäulniss wie
-gesundes Fleisch, das bekanntlich einige Tage nach dem Schlachten viel
-gesünder und leichter verdaulich ist als unmittelbar nach demselben,
-und zwar deshalb, weil die rückschreitende Metamorphose vor dem
-Genuss dem Verdauungsprocess einen Theil seiner Arbeit erspart. Dass
-ein mässiger Genuss gesunden Fleisches für Nerven und Herzthätigkeit
-„verderblich“ sei, ist geradezu aberwitzig, und nicht minder grundlos
-ist die Behauptung, dass erst der Fleischgenuss zum Missbrauch von
-Gewürzen und Spirituosen verleite; denn der Missbrauch von Gewürzen
-ist am grössten bei Gemüsen, Mehlspeisen und Gebäck, nicht bei reinen
-Fleischspeisen, den meisten Branntwein konsumiren die kartoffelessenden
-Irländer und die kohlessenden Polen und Russen, und die Naturvölker
-stürzen mit gleicher Gier auf das importirte Feuerwasser, mögen sie an
-Pflanzenkost oder gemischte Kost gewöhnt sein. Wenn die Vegetarianer
-sich darauf beschränken wollten, den Genuss rohen Fleisches als
-gesundheitsgefährlich zu bekämpfen und auf Verbesserung der das
-Schlachtvieh betreffenden Gesetze und Einrichtungen hinzuwirken,
-so wären sie ebenso sehr im Recht, wie sie jetzt über das Ziel
-hinausschiessen, wenn sie allen Fleischgenuss als gesundheitsgefährlich
-bekämpfen. Selbst bei dem früheren Fehlen aller Vorsichtsmassregeln
-war doch der Procentsatz der Geschädigten so unerheblich, dass er
-gar nicht in Betracht kommen konnte gegen den Nachtheil, welchen die
-gänzliche Enthaltung vom Fleischgenuss der Leistungsfähigkeit des
-Volkes zugefügt haben würde. Es muss demnach der Versuch des Beweises,
-dass die Pflanzenkost bei gleichem Nährwerth geringere Nachtheile als
-die Fleischkost im Gefolge habe und darum vorzuziehen sei, in beiden
-Theilen als missglückt gelten.
-
-Aber wenn die Pflanzenkost nicht rationell heissen kann in Bezug auf
-den einzelnen, der sie geniesst, so könnte sie darum doch rationell
-sein in Bezug auf die Völker, welche sie annehmen, und dies in solchem
-Masse, dass selbst die Nachtheile, die sie für den einzelnen hat,
-dagegen zurücktreten müssen. In der That behaupten die Vegetarianer,
-dass allgemeiner Uebergang zur Pflanzenkost den Speiseluxus beseitigen
-und dadurch einen Hauptgrund zur neidischen Unzufriedenheit der
-ärmeren Klassen aus der Welt schaffen würde. Nun ist zuzugeben, dass
-nichts so sehr den Neid der Armen erregt, als die Fleischtöpfe der
-Wohlhabenderen, die ihnen unerschwinglich sind, d. h. dass die sociale
-Frage noch weit mehr Fleischfrage als Brodfrage ist; allein dies
-spricht gerade gegen den Vegetarianismus, und beweist, dass derselbe
-die letzten Triebfedern des Völkerlebens verkennt. Die Sehnsucht
-nach den Fleischtöpfen wird in den Massen niemals erlöschen, auch
-wenn alle gebildeten Stände behufs Lösung der socialen Frage zu
-Vegetarianern würden, und eben darum ist die sociale Frage, insofern
-sie „Fleischfrage“ ist, auf diesem Wege nicht zu lösen. Anderseits
-würde schon heute jeder Deutsche täglich Fleisch essen können, also aus
-diesem Grunde die Reichen nicht mehr zu beneiden brauchen, wenn er es
-nicht vorzöge, das dazu für ihn und seine Familie mehr als ausreichende
-Geld für sich allein auf Schnaps, Bier und Cigarren zu verwenden. Wenn
-der Vegetarianismus seine Agitation gegen diese gesundheitsschädlichen
-und socialgefährlichen Genussmittel richten wollte, so wäre mit einem
-Erfolg auf diesem Felde die sociale Frage, soweit sie „Fleischfrage“
-ist, von selbst mitgelöst. Uebrigens ist es ein Irrthum, dass der
-Speiseluxus bloss an Fleischspeisen gebunden ist; er kann sich in der
-vegetarianischen Küche ebensogut entfalten, und würde sich ohne Zweifel
-in derselben zu gleichen Uebertreibungen verirren, sobald es nur erst
-eine grössere Anzahl sehr reicher Vegetarianer gäbe.
-
-Eine andere Frage ist die, wie sich die Ernährung der Menschheit in
-einer Zukunft gestalten wird, in welcher alle Erdtheile so dicht
-bevölkert sein werden wie jetzt Europa. Diese Fragen haben nicht
-wir zu lösen, die wir heute ebensowenig im Stande wären, ohne
-Getreideeinfuhr zu leben als ohne Vieheinfuhr. Sollte einmal alles
-Schlachtvieh von der Erde verschwinden und jede Wiese zum Acker
-werden, von dessen Früchten sich die Menschen unmittelbar ernähren
-müssen, dann wird die Menschheit jener fernen Zukunft sicherlich
-einen Charakter energieloser Mittelmässigkeit zeigen, ebenso wie es
-heute die vorwiegend vegetarianischen Völker thun. Denn es scheint,
-dass die Pflanzenkost zahmer, sanfter, geduldiger, indolenter,
-unfähiger zu hervorragenden körperlichen und geistigen Leistungen,
-unfähiger zur Initiative, zu energischen Entschliessungen, kurz,
-passiver, willenloser, quietistischer und geistloser macht, und
-dass es nur die passiven Tugenden und das vegetative Traumleben
-(Somnambulismus u. dergl.) sind, welche durch dieselben begünstigt
-werden. Für die vegetativen und reproduktiven Aufgaben des Lebens,
-wie sie bei Landleuten und beim weiblichen Geschlecht überwiegen, mag
-Pflanzenkost ausreichen, nicht aber für die gesteigerten Anforderungen
-an gesteigerte Produktivität, wie das moderne Kulturleben der Städte,
-insbesondere der Grossstädte, sie an die arbeitenden Männer stellt.
-Mit dem Fleischgenuss seiner kulturtragenden Minderheit hört ein Volk
-auf, eine aktive Rolle in der Geschichte zu spielen und verzichtet
-auf die thätige Mitarbeit am Kulturprocess, welche einen durch blosse
-Pflanzenkost nicht zu erzielenden Ueberschuss an geistiger Energie über
-die Bedürfnisse des vegetativen Lebens hinaus erfordert. Nur solche
-religiöse und philosophische Weltanschauungen können ohne Widerspruch
-mit sich selbst den Vegetarianismus als wesentlichen Bestandtheil in
-sich aufnehmen, welche keine Entwickelung, keinen Fortschritt, keinen
-realen Weltprocess, kurz keine aktiven sittlichen Kulturaufgaben
-der Menschheit anerkennen, sondern in einem entwickelungslosen
-Traumidealismus und dem davon unabtrennbaren passiven Quietismus
-befangen sind.
-
-Die reine Pflanzenkost ist nach alledem ebensowenig rationell wie
-naturgemäss; sie ist vielmehr ebenso kulturwidrig wie naturwidrig.
-Es bleibt nur noch die letzte Begründung des Vegetarianismus
-durch Humanitätsrücksichten zu erörtern. Nun kann es aber keine
-angebliche Humanitätsrücksicht geben, welche im Stande wäre, etwas
-zu rechtfertigen, das zugleich naturwidrig und kulturfeindlich ist;
-wäre wirklich jede Abweichung von reiner Pflanzenkost so inhuman,
-wie die Vegetarianer behaupten, so müsste man diese Inhumanität
-ruhig mit in den Kauf nehmen, um nicht gegen die sittliche Pflicht
-der Menschheit zur Erfüllung ihrer Kulturaufgabe zu verstossen, und
-könnte die Verantwortung für solche Inhumanität getrost der Vorsehung
-anheimgeben, welche unsere Natur so eingerichtet hätte, dass wir nur
-auf inhumanem Wege unsere Mission erfüllen könnten. In der That tritt
-aber bei dem Streit um die Humanität eine Verschiebung der Frage ein,
-welche von den Vegetarianern in der Regel geflissentlich verdunkelt
-wird. Die Behauptung, dass es inhuman sei, Milch, Butter, Käse und
-Eier zu geniessen, würde in den heutigen Ansichten unseres Volkes kein
-Verständniss finden; deshalb beschränken sich die Vegetarianer auf die
-Behauptung, dass das Tödten von Thieren zum Zweck des Fleischgenusses
-inhuman sei. Die Humanitätsrücksicht dient also nur zur Begründung
-jenes Vegetarianismus der laxeren Observanz, welcher nicht die
-Nahrungsmittel animalischer Herkunft, sondern nur den Fleischgenuss als
-solchen bekämpft.
-
-Nun ist es zweifellos, dass man mit einer richtigen Mischung aus
-Pflanzenkost und Milch, Butter, Käse und Eiern vortrefflich bestehen
-und allen Anforderungen des Lebens genügen kann; eine solche Kost ist
-aber eben keine Pflanzenkost, sondern eine gemischte Kost, also eine
-zwar naturgemässe und rationelle, aber eben nicht vegetarianische
-Diät. Wäre die Behauptung der Vegetarianer, dass reine Pflanzenkost
-die allein naturgemässe und rationelle Diät ist, richtig, so müsste
-die gemischte Kost, gleichviel ob ihre animalischen Bestandtheile von
-lebenden oder todten Thieren stammen, naturwidrig und irrationell
-sein; ist sie das aber nicht, so ist eben damit jene Behauptung des
-Vegetarianismus preisgegeben. Wenn die Fleischkost nun insoweit
-verwerflich ist, als sie das Tödten lebender Geschöpfe zum Verspeisen
-herbeiführt, nicht aber sofern die Produkte lebender Thiere umfasst,
-dann ist damit zugestanden, dass nicht die animalische oder
-vegetabilische Herkunft der Nahrungsmittel als solche, sondern die
-näheren Umstände ihrer Erlangung, nicht die Angemessenheit an unsere
-Organisation und Lebenszwecke, sondern Rücksichten, die auf einem
-ganz anderen Gebiet liegen, für die Entscheidung massgebend sind. Da
-die Bedenken gegen das Fleisch als gelegentlichen Krankheitsträger
-schon oben erledigt sind, so müssten diese Vegetarianer der laxeren
-Observanz zugeben, dass die Erweiterung ihrer Tafelgenüsse durch Braten
-und Fisch ihnen sehr erwünscht sein müsste, wenn nur ein Engel ihnen
-diese Speisen vom Himmel brächte mit der Versicherung, dass sie nicht
-von getödteten Thieren entnommen, sondern durch ein Wunder geschaffen
-seien. Dies ist also ein principiell anderer Standpunkt, und es ist
-inconsequent, beide miteinander verknüpfen zu wollen; die Vertreter
-dieses Standpunkts sollten ihn als Antikannibalismus streng vom
-Vegetarianismus unterscheiden.
-
-Das Humanitätsargument stellt nämlich das Verzehren von getödteten
-Thieren dem Verzehren von getödteten Menschen, d. h. dem Kannibalismus,
-gleich, insofern auch die Thiere als unsere Brüder im Reiche des Lebens
-zu betrachten seien. Dieses Argument beweist schon darum nichts, weil
-es zu viel beweist. Es ist eine oberflächliche und unwissenschaftliche
-Volksmeinung, dass ein Eidotter eine homogene Flüssigkeit und nicht
-ebensogut ein lebendes und empfindendes Individuum wie etwa ein
-Spanferkel sei; es ist ein Vorurtheil, dass nur die Thiere unsere
-Brüder im Reiche des Lebens und der Empfindung seien, die Pflanze aber
-nicht. Es ist reine Willkür, die Grenzlinie, jenseits deren wir das
-Lebendige zum Verzehren tödten dürfen, zwischen Thier und Pflanzenreich
-zu ziehen; ein anderer könnte mit gleichem Recht oder Unrecht diese
-Grenze zwischen Wirbelthieren und Wirbellosen, ein dritter zwischen
-Warmblütern und Kaltblütern, ein vierter zwischen den Affen und den
-übrigen Säugetieren, ein fünfter zwischen den anthropoiden und den
-übrigen Affen ziehen. Dies alles ist grundlose Willkür der subjektiven
-Meinung und aus wissenschaftlichem Gesichtspunkt gleich unhaltbar; aus
-letzterem giebt es nur zwei in sich consequente Standpunkte, zwischen
-denen man zu wählen hat.
-
-Entweder nämlich muss man die Grenze zwischen der organischen und
-anorganischen, der lebendigen und leblosen Natur ziehen, oder aber
-zwischen der Species, zu welcher wir gehören, und allen übrigen
-Specien. Im ersteren Falle verzichtet man auf alle organisirten, d.
-h. lebendigen und lebensfähigen Nährstoffe (wozu alle Blätter, Keime
-und Samen gehören) und auf alle organischen Nährstoffe, die nur durch
-Tödtung von lebenden Pflanzen oder Pflanzentheilen zu erlangen sind,
-und beschränkt sich auf solche organische Nährstoffe, welche nicht
-mehr lebensfähige natürliche Sekrete von Pflanzen oder Reste von schon
-abgestorbenen Pflanzen sind, oder auf noch zu erfindende künstliche
-Nährstoffe, die von der synthetischen Chemie aus unorganischen
-Stoffen im Laboratorium zu bereiten sind. Im letzteren Falle dagegen
-beschränkt man den Kannibalismus, wie die Natur selbst es im ganzen
-Thierreich thut, auf die Individuen der eigenen Species; denn jedes
-Thier frisst ungescheut Thiere anderer Art, scheut aber mit seltenen
-(teleologisch besonders zu begründenden) Ausnahmen vor dem Verzehren
-von seinesgleichen zurück. Im ersteren Falle verabscheut man das
-Verzehren von zerstückelten Leichen als Kannibalismus, gleichviel ob
-die getödteten Brüder aus dem Reiche des Lebens Thiere, Pilze oder
-Pflanzen sind, und respektirt die Heiligkeit und Unantastbarkeit des
-Lebens in jeder Gestalt; im letzteren Falle erkennt man die grossen
-Gradverschiedenheiten der Verwandtschaft mit anderen Lebewesen an
-und zieht die Grenze für den Kannibalismus da, wo die Natur sie uns
-durch den eigenen Instinkt und die Analogien des gesammten Thierreichs
-vorgezeichnet hat. Die Wahl in dieser Alternative scheint mir nicht
-schwer; will man seine Kost nicht auf vermodertes Laub und abgestorbene
-Pilze beschränken, so muss man sich nothgedrungen für die andere Seite
-der Alternative entscheiden, verliert dann aber auch das Recht, von der
-Inhumanität des Fleischgenusses zu reden.
-
-Dass die Jagd ein inhumanes Handwerk ist, kann gar nicht bestritten
-werden; denn ihre Art, zu tödten, ist bei Treibjagden grausam,
-immer unsicher und oft qualvoll für verwundetes und entkommenes
-Wild. Die Jagd ist aber in den Kulturländern ohnehin auf den
-Aussterbeetat gesetzt, und auch bei uns, wo der Grundadel sie noch
-künstlich als Ueberbleibsel aus roheren Zeiten kultivirt, ist doch
-der Procentsatz des gejagten Wildes ein sehr kleiner unter allem
-getödteten Vieh. Dass auch das Schlächterhandwerk noch nicht auf der
-Höhe unserer heutigen Humanitätsanforderungen steht und in dieser
-Richtung verbesserungsbedürftig ist, kann man ebenso zugeben und
-nur wünschen, dass der Vegetarianismus an diesen beiden Punkten die
-berechtigten Thierschutzbestrebungen unterstütze. Der Einwurf, dass das
-Schlächterhandwerk verroht, fällt weg, wenn nur noch mit zweckmässigen
-Schlachtmasken geschlachtet, und eventuell das Eintreiben des Stiftes
-von einer durch blossen Fingerdruck auszulösenden mechanischen Kraft
-bewirkt wird; zu entbehren ist jedes Schlächterhandwerk auch dann
-nicht, wenn man das Fleisch der getödteten Thiere wegwirft, so lange
-überhaupt noch Zuchtvieh gehalten wird. Wenn man nun annähme, dass
-nur Zuchtvieh zur Verzehrung gelangte, das auf rationelle Weise
-geschlachtet wäre, so könnte eine Inhumanität nicht mehr zugegeben
-werden. Sterben müsste ja jedes Schlachtthier doch einmal, und wenn
-der Mensch ihm einen Tod bereitet, der schneller und schmerzloser
-als der natürliche ist, so ist das eher eine positive Humanität zu
-nennen. Wenn alle Menschen auf Fleisch verzichteten und statt dessen
-Milch und deren Ableitungsprodukte genössen, so würde man mindestens
-ebensoviel Vieh wie jetzt züchten müssen, müsste aber, falls man das
-Schlachten für inhuman hielte, für die nicht mehr milchenden Kühe
-Alterversorgungsanstalten und für alle männlichen Kälber Asyle anlegen,
-in denen sie bis zu ihrem natürlichen Tode zwecklos verpflegt würden.
-Wenn dagegen alle Menschen zur reinen Pflanzenkost übergingen, so würde
-gar kein Vieh mehr gezüchtet werden; nach der üblichen optimistischen
-Auffassung muss es aber ein positiver Gewinn für die Lustbilance der
-Welt sein, dass der Mensch im allgemeinen Kampf ums Dasein Thieren das
-Leben gönnt, die sich bis zu ihrem schnellen schmerzlosen Tode des
-Lebens freuen können, und selbst vom pessimistischen Standpunkt aus
-würde man einen Menschheitsbeschluss, die Hausthierrassen gänzlich
-auszurotten, mindestens nicht seiner Humanität wegen rühmen können.
-Wenn man übrigens ohne Milchkühe nicht auskommt und vernünftigerweise
-die ausgedienten Milchkühe und die männlichen Kälber nicht zwecklos
-weiter füttern kann, sondern schlechterdings tödten muss, so ist
-nicht abzusehen, warum man deren Fleisch fortwerfen soll, statt es zu
-verzehren. Solange man ferner noch Wollschafe hält, gilt das nämliche
-für den zu reichlichen Nachwuchs der Schafherden. Damit ist aber ein
-Zustand als human und vernünftig anerkannt, der ganz mit dem heute
-bestehenden zusammenfällt, und das Princip des Mitleids hat damit
-jedes auch nur scheinbare Recht zum Mitsprechen in der Ernährungsfrage
-eingebüsst.
-
-Der Versuch, die Inhumanität des Fleischgenusses mit objektiven
-Gründen nachzuweisen, ist hiernach als gescheitert zu betrachten und
-es bleibt dem Vegetarianismus nur die letzte Zuflucht offen, sich auf
-das Gefühl zu berufen. Wenn jemand erklärt, es sei gegen sein Gefühl,
-das Fleisch von einem Thier zu essen, nicht nur von einem solchen, das
-er lebend geliebt oder doch lebend gekannt oder gar selbst getödtet
-hat, sondern auch von einem solchen, das er nicht gekannt hat und das
-von einem anderen getödtet ist, so ist darüber nicht zu streiten,
-und man kann jedem seine Gefühle und die Berücksichtigung derselben
-gönnen, so lange er dadurch anderen nicht unbequem, also namentlich
-gegen anders Fühlende nicht intolerant und agressiv wird. Niemand
-wird einem Tischnachbarn Braten aufdrängen, wenn derselbe erklärt,
-der Fleischgenuss widerstrebe seinem Gefühl; wenn mir aber mein
-vegetarianischer Nachbar vorwirft, mein Fleischessen sei inhumaner,
-barbarischer Kannibalismus, so weise ich ihn mit der Entgegnung zurück,
-sein vegetarianisches Gefühl sei eine verschrobene, zimperliche
-Sentimentalität ohne objektive Begründung.
-
-
-
-
-II.
-
-Unsere Stellung zu den Thieren.
-
-
-Die Thiere sind mit uns gleichen Geschlechts, wenn auch nicht gleicher
-Art, unsere Vettern älterer Linie, gleichviel ob man in diesem
-Ausdruck nur ein Bild oder die treffende Bezeichnung einer wirklichen
-genealogischen Verwandtschaft sehen will. Sie sind nach gleichem
-Grundtypus gebaut, und ihr natürliches Leben verläuft in den gleichen
-natürlichen Verrichtungen wie das unsrige; aber auch ihr Seelenleben
-zeigt dieselben Grundfunktionen (Vorstellung und Wille nebst Gefühl),
-denselben Widerstreit zwischen Selbstsucht und socialen Instinkten,
-und dieselbe geistige Grundanlage für Geberden- und Wortsprache,
-wie die relative Verständnissfähigkeit aller höheren Thiere für die
-menschliche Wortsprache und die Fähigkeit einiger zur Nachahmung
-keineswegs unverstandener Worte beweist. Der Unterschied zwischen
-Thier und Mensch ist nur ein solcher des Grades; er wird nur dadurch
-scheinbar zu einem Unterschiede der Art, dass alle Säugethiere ausser
-dem Menschen stumm sind und darum in ihrem geistigen Leben auch nur
-mit stummen Menschen verglichen werden dürfen. Ein Stummer, der nicht
-künstlich und mühsam zum Verständniss und Gebrauch der Schriftsprache
-erzogen ist, findet sich ebenso wie das Thier auf unartikulirte
-Laute und Geberden beschränkt; sein Denken ist allemal anschaulicher
-als dasjenige Redender von sonst gleicher Bildungsstufe, aber es
-entbehrt doch nicht der Begriffe, wenn es sie auch nicht mit Worten
-bezeichnen kann, und vollzieht ebensogut eine logische Verknüpfung der
-(anschaulichen und begrifflichen) Vorstellungen wie dasjenige Redender.
-In demselben Sinne können wir auch dem anschaulichen Vorstellungsleben
-der Thiere weder Begriffe noch logische Verknüpfung der Vorstellungen,
-d. h. eigentliches Denken, absprechen, so dass man hier vergeblich
-eine scharfe Grenzlinie zwischen Mensch und Thier sucht. Nur weil
-die Menschen allmählich eine Wortsprache ausgebildet und den so
-entwickelten Wortsprachsinn auf ihre Nachkommen vererbt haben, sind
-stumme Menschen soviel bildungsfähiger als Thiere, denen sie sonst auch
-der Art nach gleich stehen würden, wogegen der blödsinnige Mensch tief
-unter dem normalen Thiere steht.
-
-Dass wir zu den Thieren in moralischen Beziehungen stehen, ist
-hiernach zweifellos; die sittliche Verpflichtung, Niemanden zu
-verletzen, vielmehr jedem nach Kräften zu helfen, bezieht sich
-auf alle empfindenden Lebewesen ohne Ausnahme, gleichviel ob man
-dieselben als Mitgeschöpfe desselben Herrgotts, als Kinder desselben
-Vaters im Himmel, als natürliche Vettern älterer Linie, oder als
-objektive Erscheinungen desselben Einen Weltwesens betrachtet. Die
-moralischen Beziehungen des Menschen zu den Thieren bestehen auch
-unabhängig davon, ob das einzelne Thier seinerseits zu einer mehr
-oder minder vollkommenen oder unvollkommenen Auffassung dieser
-Beziehungen im Stande ist, und ob es fähig und gewillt ist, die
-Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft des Menschen zu erwidern; das
-wäre eine traurige Sorte von Moralität, die von der Gegenseitigkeit
-der Leistungen abhängig gemacht würde, und nur da gäbe, wo sie auf
-Entgelt oder Lohn von der andern Seite hoffen dürfte. Damit ist aber
-nicht ausgeschlossen, dass die moralischen Beziehungen befestigt und
-mit reicherem Inhalt erfüllt werden, wo beide Theile zu einander
-in ein gemüthliches Verhältniss oder in ein stillschweigendes
-Vertragsverhältniss gegenseitiger Leistungen eintreten; denn in solchem
-Falle würde das einfache Unrecht einer Verletzung durch Verwickelung
-mit Untreue, Undank, Unbilligkeit u. s. w. erschwert. Diese Erschwerung
-tritt auch dann ein, wenn die Thiere kein Bewusstsein davon haben, dass
-sie dem Menschen durch ihren erzwungenen Gehorsam Dienste leisten; es
-genügt, dass der Mensch die Dienste der Thiere annimmt, beziehungsweise
-erzwingt, um ihn zu den entsprechenden billigen Gegenleistungen
-moralisch zu verpflichten.
-
-Das Thier ist somit moralisches Rechtssubjekt, d. h. das Subjekt
-derjenigen moralischen Forderungs-Rechte, welche den moralischen
-Pflichten des Menschen ihm gegenüber korrespondiren, und deren
-Verletzung für den Menschen ein moralisches Unrecht ist; dagegen kann
-der Mensch an das Thier keine höheren moralischen Ansprüche stellen,
-als insoweit dessen Fassungsvermögen ihm das Verständniss seiner
-moralischen Beziehungen zum Menschen gestattet, hat aber dafür das
-moralische Befugniss-Recht, das Thier zwangsweise zu den ihm dienlichen
-Leistungen zu verwenden.
-
-Alle bisherigen Rechtssysteme lassen als juridische Rechtssubjekte nur
-menschliche Individuen oder statutenmässig festgestellte menschliche
-Zwecke (moralische Personen) zu. Es ist kein begrifflicher Grund
-abzusehen, warum ein Rechtssystem nicht auch Thiere als juridische
-Rechtssubjekte zulassen sollte, da doch blödsinnige Menschen als solche
-gelten. Es ist aber ein Missverständniss des Unterschiedes zwischen
-moralischen und juridischen Rechten und Pflichten, zu behaupten, dass
-von Rechtswegen (d. h. aus dem Gesichtspunkt eines eingebildeten
-und seinem eigenen Begriff widersprechenden Naturrechts oder
-Vernunftrechts) eigentlich die Thiere auch juridische Rechtssubjekte
-sein müssten. Das juridische Recht ist immer positiv, d. h. historisch,
-und kann seiner Natur nach immer nur einen Theil der Sphäre des
-moralischen Rechts umfassen; welche Theile der Sphäre des moralischen
-Rechts in das juridische Rechtssystem, d. h. in die positive
-Rechtsordnung durch die Gesetzgebung aufzunehmen seien, kann niemals
-selbst wieder von juridischen Erwägungen abhängen, sondern nur durch
-Rücksichten der Zweckmässigkeit und Opportunität bedingt sein.
-
-Dass aber ein dringendes Bedürfniss aus Zweckmässigkeitsgründen
-bestände, durch Gesetzgebung die juridische Rechtsfähigkeit der Thiere
-in unser Rechtssystem einzuführen, das ist entschieden zu bestreiten.
-Vor allem würde die Lage der Thiere durch eine solche Aenderung ihrer
-formalen Stellung zur Rechtsordnung inhaltlich gar nicht berührt
-werden, da ihre Rechte doch immer nur durch Vertretung von Menschen
-würden wahrgenommen werden können, wie sie es jetzt nöthigen Falls auch
-schon werden (wenn z. B. eine alte Dame eine Summe für die Pensionirung
-ihres Lieblingshundes ausgesetzt hat). Die einzige wünschenswerthe
-Aenderung der Gesetzgebung in Betreff der Thiere ist die, dass Rohheit
-oder Bosheit in deren Behandlung nicht bloss straffällig sein muss,
-wenn sie öffentliches Aergerniss giebt, sondern auch, wenn sie als
-eine insgeheim erfolgte, oder als eine vor zustimmenden Zuschauern
-stattgehabte nachgewiesen werden kann. Diese Abänderung hat aber mit
-der Erhebung der Thiere zu juridischen Rechtssubjekten gar nichts zu
-thun, denn die Gemeingefährlichkeit des in solcher Handlungsweise
-sich offenbarenden Charakters genügt für sich allein schon, um
-den Staat in diesem Falle ähnlich wie bei anderen Verbrechen, wo
-keinem Rechtssubjekt ein Unrecht geschieht, an seine Pflicht des
-Schutzes der Gesellschaft durch rechtzeitige Bekämpfung derartiger
-gemeingefährlicher Charaktereigenschaften zu erinnern.
-
-Unser juridisches Verhältniss zu den Thieren ist somit nur indirekter
-Art; unser Rechtssystem zieht die moralischen Beziehungen der Menschen
-zu den Thieren nur so weit in seine Sphäre, als die Interessen der
-+menschlichen Gesellschaft+ durch dieselben berührt werden, zu deren
-Sicherstellung und Schutze die Rechtsordnung allein errichtet ist.
-Es ist also unrichtig, unser juridisches Verhältniss zu den Thieren
-darum als ein direktes aufzufassen, weil unser moralisches Verhältniss
-zu denselben ein solches ist; es ist aber auch ebenso unrichtig, die
-Unmittelbarkeit des letzteren darum zu bezweifeln oder zu bestreiten,
-weil das erstere ein bloss mittelbares ist. Wir haben nicht deshalb
-uns der Verletzung der Thiere zu enthalten, weil eine solche unsrer
-Menschenwürde nicht gemäss, oder unserem pflichtmässigen Streben nach
-Selbstvervollkommnung hinderlich, oder von anderweitigen ungünstigen
-Rückwirkungen auf den Handelnden und die menschliche Gesellschaft
-sein würde, sondern zuerst und vor allem deshalb, weil wir das
-moralische Recht jedes empfindenden Lebewesens ohne Ansehen von Stand
-oder Person, also auch ohne Ansehen von Rasse, Species und Genus zu
-respektiren haben. Diese Achtung vor allen lebendigen und fühlenden
-Mitgeschöpfen (mag man sie nun auf die Achtung vor dem Schöpferwillen
-oder auf die Wesenseinheit der verschiedenen Erscheinungsindividuen
-gründen) ist einfach eine Forderung der (moralischen) Gerechtigkeit;
-denn „Gerechtigkeit“ besagt in letzter Instanz nichts andres als die
-Anerkennung der „Gleichgültigkeit des empfindenden Subjekts“.[4]
-
-Wie die moralischen Beziehungen unter Menschen, so müssen
-auch diejenigen zwischen Thier und Mensch vor allem auf dem
-unerschütterlichen Grunde der (moralischen) Gerechtigkeit ruhen; nur
-aus diesem rationalistischen Moralprincip ist eine deutliche und
-scharf bestimmte Grenzlinie des Verhaltens abzuleiten, nicht aus den
-schwankenden Principien der Gefühlsmoral. Letztere sind unentbehrlich,
-theils um die Motivationskraft des gerechten Verhaltens zu verstärken,
-theils um innerhalb des von der Gerechtigkeit gelassenen Spielraums
-dem positiven Wohlwollen zur Geltung zu verhelfen; aber sich selbst
-überlassen sind sie gerade die stärksten Verführer zu ungerechtem und
-unbilligem Verhalten, und es ist ganz unmöglich, die Gerechtigkeit
-aus einem einzelnen Gefühlsmoralprincip (z. B. dem Mitleid) oder aus
-der Summe derselben abzuleiten. Wer sich in seinem Verhalten zu den
-Thieren von der Gerechtigkeit leiten lässt, der wird so wie so, ob er
-mitleidig ist oder nicht, dem Thiere nichts Unbilliges zumuthen oder
-zufügen, und das Mitleid käme bei ihm nutzlos hintennach gehinkt,
-wenn es mitsprechen wollte; wer aber sich von dem Mitleid, der
-Gutmüthigkeit und Weichherzigkeit bestimmen lässt, der wird in seinem
-Verhalten nur durch Zufall mit den Forderungen der Gerechtigkeit
-gelegentlich übereinstimmen, und oft genug dieselben verletzen. Wenn
-der weichherzige Thierfreund eine arme Familie keuchend einen schwer
-belasteten Handwagen ziehen und schieben sieht, so neigt er stets dazu,
-sich zum Anwalt des mitangespannten überbürdeten Hundes aufzuwerfen und
-zu Gunsten desselben die überbürdeten Menschen noch mehr zu überbürden;
-er vergisst dabei nur, dass der gut behandelte Familienhund es als sein
-Recht und seine Ehre betrachtet, sich mit seinen Herren mitzuplagen,
-und dass die Menschen bei ihrer scheinbar freiwilligen Quälerei oft
-weit mehr unter der Geissel eines zwingenden Schicksals stehen und weit
-schwerer unter diesem harten Zwange leiden, als das vom Menschen zur
-Arbeit gezwungene Thier. So lange die Menschen noch im Schweisse ihres
-Angesichts ihr Brod verdienen und zeitweilig über ihre Kräfte sich
-anstrengen müssen, wird es eine Ungerechtigkeit bleiben, ihnen jede
-auch nur zeitweilige Ueberanstrengung der Arbeitsthiere zu verwehren.
-Eine Ueberanstrengung der Arbeitsthiere aus unzureichenden Gründen
-ist dagegen ebenso ungerecht wie unvernünftig und bedarf zu ihrer
-Verurtheilung nicht erst des Mitleids.
-
-Das Mitleid ist bekanntlich ein zweischneidiges Schwert: insoweit es
-Unlust ist, drängt es ebensosehr dazu, den Anblick der Gelegenheiten
-seiner Entstehung durch Ausweichen zu meiden als diejenigen
-abzustellen, deren Anblick man auf keine Weise aus dem Wege gehen
-kann; soweit es aber ein Gefühl ist, das dazu anlockt, seine Anlässe
-aufzusuchen, ist es ein Lustgefühl und als solches verleitet
-es zugleich dazu, die zu bemitleidenden Leiden nicht nur nicht
-abzustellen, sondern geradezu erst recht herbeizuführen. Das Mitleid
-ist der Grausamkeitswollust eng verwandt, und es ist ganz irrthümlich
-zu glauben, dass Giftmischer oder Thierquäler aus Passion kein Mitleid
-mit ihren Opfern empfinden, da sie ohne eine starke Emotion des
-Mitgefühls gar keine so starke Lust aus dem fremden Leid schöpfen
-könnten. Deshalb geht man fehl, wenn man glaubt, den passionirten
-Thierquäler durch Erweckung seines Mitleids von seiner verworfenen
-Neigung abbringen zu können; erst wenn man ihn nöthigt, sich selbst als
-das von einem andern in gleicher Weise gequälte Wesen vorzustellen und
-durch diese Vorstellung sein Gerechtigkeitsgefühl zur Reaktion bringt,
-wird man hoffen dürfen, einen Erfolg zu erzielen. Denn selbst von einem
-andern gequält zu werden, empfindet jeder als ein angethanes Unrecht,
-so dass es nur der Abstraktion von der Individualität des Gequälten und
-des Quälers bedarf, um das Unrecht auch bei der Umkehrung einzusehen.
-
-Auf der andern Seite schiesst das Mitleid mit den Thieren über das
-Ziel hinweg, indem es keine Rücksicht darauf nimmt, ob wir uns mit
-denselben im Kriegs- oder Friedenszustande befinden. Nun befindet
-sich aber die Menschheit mit allen Thierarten im Kriegszustande,
-denen gegenüber sie sich im Kampfe ums Dasein zu behaupten hat, und
-nur mit denjenigen im Friedenszustande, welche im Kampf ums Dasein
-mit der übrigen Thierwelt entweder helfende Bundesgenossen oder doch
-wenigstens Neutrale sind. Die Religion des Mitleids, der Buddhismus,
-verlangt, dass man sich ruhig von Tigern fressen, von Giftschlangen
-und Scorpionen stechen, von Läusen peinigen lässt, wenn man kein
-Mittel besitzt, sich ihnen auf friedlichem Wege zu entziehen,
-stempelt aber die Tödtung eines dieser Thiere zu einem todeswürdigen
-Verbrechen, durch das man allen sonst etwa erworbenen Anspruch auf
-Heiligkeit wieder einbüsst. Die Absurdität dieser Folgerung zeigt die
-Unhaltbarkeit des Princips, von dem sie richtig abgeleitet ist.
-
-Der Kampf ums Dasein ist nicht minder ein Krieg aufs Messer, wo er ein
-indirekter, d. h. Wettbewerb um die Mittel des Lebens ist; deshalb ist
-es ebensosehr eine Existenzfrage für die Menschheit, dass sie das Wild
-und die Schmarotzer des Feldes und Hauses (Mäuse, Ratten, Ameisen) bis
-zur Vernichtung bekämpft. Jedes Stück Nahrungsmittel, dessen sich ein
-Thier bemächtigt, obwohl es zur Ernährung eines Menschen hätte dienen
-können, verschlimmert die Situation der auf der Hungergrenze lebenden
-Glieder der Menschheit; jedes Mitleid auf diesem Gebiet opfert einen
-Menschen, um ein Thier zu retten, wenn sich auch der dabei geopferte
-Mensch nicht mit dem Finger zeigen lässt. Aus diesem Gesichtspunkt ist
-jeder Luxus in der Erhaltung überflüssiger Thiere mit Nahrungsmitteln,
-die für Menschen hätten dienen können, ein Unrecht an der Menschheit;
-dabei ist es gleichgültig, ob die betreffenden Nahrungsmittel den
-Menschen direkt oder indirekt, d. h. durch Ernährung von nützlichen
-Thieren hätten dienen können. Nicht als unnütz dürfen solche Thiere
-gerechnet werden, welche der Belehrung (in zoologischen Gärten) oder
-der Befriedigung von Gemüthsbedürfnissen dienen (Stubenhunde, -Katzen,
--Vögel etc.); noch weniger sind es die Thiere, welche dem Menschen
-bei der Jagd, beim Kampf gegen Schmarotzer, bei der Bewachung seines
-Eigenthums, bei seiner Ortsbewegung oder seinen sonstigen Arbeiten
-Beistand leisten, oder welche zur Produktion von Nahrungsmitteln und
-Bekleidungsstoffen gezüchtet werden. Aber auch solche Thierarten
-müssen in ihrer Vermehrung so weit beschränkt werden, dass ihre
-Zahl nicht über die zum Nutzen des Menschen erforderliche Grösse
-hinauswächst, weil der Ueberschuss zu den überflüssigen Verzehrern von
-Nahrungsmitteln gehören würde.
-
-Der Kampf gegen die schädlichen und unnützen Thierarten so wie
-derjenige gegen eine schädliche Vermehrung der relativ nützlichen
-Thierarten ist eine Pflicht des Menschen gegen die Menschheit; da die
-Menschheit höhere sittliche und Kulturaufgaben zu lösen hat als das
-Thierreich, so steht auch die Pflicht gegen die Menschheit der Pflicht
-gegen die Thiere voran, und die mitleidige Gutmüthigkeit, welche sich
-im gegebenen Falle nicht zur Tödtung der Thiere entschliessen kann, ist
-ebenso unsittlich wie die Weichherzigkeit eines Familienvaters, der
-seinen Kindern das Brod wegnimmt, um es dem an seiner Thüre bettelnden
-arbeitsscheuen Landstreicher zu reichen, oder wie die Empfindsamkeit
-einer alten Jungfer, die ihren fetten Mops mit Braten und Zuckerbrod
-füttert, während ihre Dienstboten sich mit Kochfleisch und Schwarzbrod
-begnügen müssen.
-
-Jede Gattung im Naturhaushalt braucht einen Regulator, der ihr
-Ueberwuchern verhindert; einer der wichtigsten dieser Regulatoren
-ist der Mensch und seine bezüglichen Pflichten im Naturhaushalt
-sind um so ausgedehnter und dringlicher geworden, je mehr er die
-übrigen Regulatoren (die Raubthiere) von der Erde verdrängt hat. Wenn
-er jetzt, wo er in Kulturländern für die meisten Arten grösserer
-pflanzenfressender und allesfressender Thiere sich zum einzigen
-Regulator gemacht hat, sich durch mitleidige Regungen abhalten lässt,
-seines Amtes zu walten, so verletzt er nicht nur seine Pflichten gegen
-die Menschheit sondern auch seine Pflichten gegen die gesetzmässige
-Ordnung des irdischen Naturhaushaltes und die Erhaltung ihres
-Gleichgewichts. Ueberall wo es an regulirenden Raubthieren fehlt,
-führt solche Sentimentalität sich sehr bald praktisch ad absurdum, wie
-die Frösche der Abderiten beweisen, oder die 49 Katzen, welche der
-gemüthvolle junge Dichter ein Jahr nach seinem Verbot der Tödtung des
-ersten Wurfes besass. So gelangt die Sentimentalität gegen die Thiere
-gar leicht dazu, sich lächerlich zu machen, nämlich überall da, wo zwar
-ihre absurden Konsequenzen in die Anschauung fallen, wo aber nicht ihre
-indirekte Schädlichkeit und principielle Unsittlichkeit zum Bewusstsein
-kommt (deren Ernsthaftigkeit den komischen Eindruck der ersteren
-verhindern würde).
-
-Die empfindsame Weichherzigkeit ist in sittlicher Hinsicht eine höchst
-bedenkliche Eigenschaft[5], und man darf sich darum auch nicht wundern,
-wenn man diesen ihren bedenklichen Charakter auch in ihrem Einfluss auf
-unsre Verhältnisse zu den Thieren bestätigt findet. Ueberall wo man
-einem Menschen begegnet, der sich durch übermässige Zärtlichkeit und
-ostentative Weichherzigkeit gegen Thiere auszeichnet, ist der Verdacht
-gerechtfertigt, dass man es mit einem Individuum zu thun habe, welches
-für seinen Mitmenschen nicht viel übrig hat und welches die aus seiner
-mangelhaften Pflichterfüllung gegen letztere auf seinen Charakter zu
-ziehenden Schlussfolgerungen durch ein Uebermaass von Rücksichtnahme
-und Wohlthätigkeit gegen die Thiere vor sich selbst, oder auch nur
-vor Andern, zu entkräften sucht. Oft ist es nur das instinktive
-Streben nach einer Herstellung des sittlichen Gleichgewichts, was
-die zu wenig Gerechtigkeit in sich fühlenden Menschen dahin drängt,
-ein übertriebenes Gewicht auf ihr „gutes Herz“ zu legen; oft ist es
-geradezu die Lieblosigkeit des angeborenen Charakters, welche zum
-Gegengewicht gegen den unklar gefühlten Mangel, zu einer gewaltsamen
-Pflege des Mitleids und der Barmherzigkeit führt; nicht selten aber
-ist es gradezu der Menschenhass und die Missachtung des eignen
-Geschlechts, welche gleichsam eine gewaltsame Zusammendrängung aller
-verfügbaren Gefühlswärme in das Verhältniss zu den Thieren zur Folge
-hat. Die versauerte alte Jungfer, der verbitterte Misanthrop, der
-Menschenverächter auf dem Throne, der kalt-grausame Ketzerrichter,
-der blutdürstige Revolutionsheld, das sind die Typen, bei denen die
-Ueberzärtlichkeit für die Thiere ihren Gipfel zu erreichen pflegt.
-
-Wer sein Verhältniss zu den Thieren aus dem Gesichtspunkt der
-Gerechtigkeit regelt, der wird auch dann die Inferiorität des Thieres
-niemals vergessen, wenn er mit einem bestimmten thierischen Individuum
-in ein engeres Freundschaftsverhältniss tritt; nur ein solcher wird
-fähig sein, dem Thiere die grösste Wohlthat angedeihen zu lassen,
-welche der Mensch ihm erweisen kann: die Erziehung, während das gute
-Herz nur zu verziehen, d. h. zu verderben versteht. Wer sich zu den
-Thieren nicht hingezogen fühlt und sich damit begnügt, ihnen kein
-Unrecht zu thun, der kann darum doch das warmherzigste und wackerste
-Mitglied der menschlichen Gesellschaft sein; wer aber für die Thiere
-eine empfindsame Ueberzärtlichkeit entwickelt, dessen Charakter möge
-man nicht minder mit Misstrauen begegnen wie einem, der sie zu seinem
-Vergnügen martert. Freilich können auch traurige Erfahrungen und
-unverschuldetes Unglück den Menschen zur Vereinsamung geführt haben,
-und einem solchen wird man es gerne gönnen, wenn sein verödetes Herz
-die letzte Zuflucht zu der Thierwelt nimmt; aber in der Regel liegt der
-gemüthlichen Vereinsamung eine Schuld zu Grunde, eine Missachtung und
-Nichterfüllung der Ansprüche, welche die menschliche Gesellschaft an
-jedes ihrer Glieder zu stellen berechtigt ist.
-
-Die vorstehenden Bemerkungen dürften genügen zum Erweise, dass das
-Mitleid kein brauchbares Princip zur Feststellung der ethischen
-Grenzlinie des Verhaltens gegen die Thiere ist, dass vielmehr diese
-Grenzlinie nur durch die Gerechtigkeit gezogen werden kann, welche
-dem Thiere giebt, was des Thieres ist, aber auch dem Menschen giebt,
-was des Menschen ist, und welche die Pflichten gegen die Menschheit
-und den Naturhaushalt der Erde als die höheren im Vergleich mit den
-Pflichten gegen die Thiere anerkennt. Wir alle ohne Ausnahme sind nicht
-nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, den Kampf ums Dasein der
-Menschheit gegen die Thierwelt mitzukämpfen, also die schädlichen und
-unnützen Mitbewerber um die irdischen Bedingungen des Lebens zu tödten;
-wir sind aber ebenso verpflichtet, bei diesem Kampfe jede unnütze Härte
-und Grausamkeit zu vermeiden. Das nämliche gilt für unsre Benutzung
-der Thiere zur Förderung der menschlichen Kulturzwecke, sowohl was
-die Verwendung thierischer Arbeitskraft, also auch was die Förderung
-der Wissenschaft und Heilkunst durch Anstellung von Experimenten
-anbetrifft.
-
-Die moderne Naturwissenschaft hat ihren Rang als exakte Wissenschaft
-wesentlich durch die experimentelle Grundlage ihres induktiven
-Verfahrens gewonnen, und kann das Experiment nicht aufgeben, ohne
-vom Range einer exakten Wissenschaft wieder herunter zu steigen. Nun
-können Experimente über physiologische und pathologische Processe nur
-an lebenden Körpern gewonnen werden, und jeder Arzt muss fortwährend
-an seinen Patienten experimentiren. Jedes neue Heilmittel, jedes
-neue Gift, jeder neu entdeckte chemische Stoff muss auf seine
-physiologische Wirkung am lebenden Körper experimentell geprüft werden,
-jede neue kühne chirurgische Operation muss ein Mal zum ersten Mal
-an einem lebenden Organismus versucht werden. Die Erforschung der
-Krankheitsursachen, insbesondere der organischen Krankheitsträger kann
-nur durch ausgedehnte Impfversuche mit den Züchtigungsergebnissen der
-Reinkulturen fortschreiten; die Ergründung der Funktionen verschiedener
-Theile des centralen Nervensystems kann nur durch experimentelle
-Eingriffe in den normalen Lebensprocess gefördert werden. Oft genug
-schon hat die Begeisterung für den Fortschritt der Wissenschaft junge
-Aerzte dahin geführt, an sich selbst solche Versuche anzustellen, die
-manchmal mit dem Leben bezahlt wurden; den Steinschnitt verdanken
-wir einem französischen Arzte, der vom König die Erlaubniss erhielt,
-einen zum Tode verurtheilten, steinleidenden Verbrecher zum ersten
-Versuchsobjekt zu nehmen.
-
-Solche physiologischen Versuche können für ihre Objekte mit gar
-keinen oder geringfügigen Unbequemlichkeiten verbunden sein (wie
-z. B. manche Fütterungsversuche); sie können äusserst lästig sein,
-ohne dass irgend ein Eingriff in den Organismus stattfindet (z. B.
-die dauernde Einsperrung in eine enge Glasglocke zur Bestimmung der
-Ausathmungsgase); sie können endlich schweres Siechthum und mehr
-oder minder sichern Tod herbeiführen (wie z. B. die Impfungsversuche
-mit Krankheitsträgern, oder die quantitative Feststellung der
-Giftwirkungen). Wer irgend mit der modernen Physiologie, Pathologie und
-Medicin vertraut ist, der weiss, dass die Zukunft dieser Wissenschaften
-ganz und gar von einer rationellen Fortführung solcher Versuche, und
-zwar im ausgedehntesten Maassstabe abhängt; wer einer andern Ansicht
-huldigt, befindet sich im Widerspruch mit der erdrückenden Mehrheit
-der Vertreter jener Fächer. Selbst dann, wenn die entgegengesetzte
-Ansicht, dass alle Thierversuche überflüssig und nutzlos für die
-Wissenschaft seien, im Rechte wäre, und selbst dann, wenn es gelänge,
-die gesetzgeberischen Konsequenzen dieser Ansicht zu ziehen, d. h.
-alle Thierversuche zu verbieten, würde doch dieses Verbot wirkungslos
-sein; die Forscher, welche oft genug muthig genug sind, an sich selbst
-gewagte Versuche anzustellen, würden heimlich die Thierversuche um
-so eifriger fortsetzen, als ihnen eventuell von Seiten einer nach
-ihrer Meinung unvernünftigen Gesetzgebung das Martyrium zu Ehren der
-Wissenschaft in Aussicht stände.
-
-Anstatt den alten Grundsatz „fiat experimentum in corpore vili“
-der Thierwelt gegenüber ausser Kraft setzen zu wollen, sollte man
-vielmehr ernstlich in Erwägung ziehen, ob es nicht rathsam und
-geboten sei, Verbrecher als corpora vilia zu benutzen; d. h. den zur
-Todesstrafe Verurtheilten freizustellen, ob sie statt der Hinrichtung
-ein lebensgefährliches Experiment an sich vornehmen lassen wollen,
-und den zu geringeren Strafen Verurtheilten anheimzugeben, ob sie
-ihre Strafe durch Preisgebung zu mehr oder weniger schmerzhaften
-und quälenden Versuchen abbüssen wollen. Die Wissenschaft und die
-Gefängnissverwaltungen würden davon gleichmässig Vortheil, das Recht
-und das Publikum keinen Nachtheil haben, und den Verbrechern würde
-nichts geschehen, wozu sie nicht eingewilligt haben. Ein solches Gesetz
-würde mit einem Schlage alle sentimentalen Klagen über ungerechte
-Behandlung der Thiere durch die Naturforscher gegenstandlos machen,
-indem sie dem Thierversuch den Menschenversuch anreihte; denn wenn man
-den Thieren nichts anthun dürfte, wozu man nicht ihre Zustimmung vorher
-eingeholt hätte, so dürfte man sie auch nicht gegen ihren Willen tödten
-oder zu Arbeiten anhalten.
-
-Dass keine Gesetzgebung im Stande ist, Missbräuche zu verhüten,
-liegt ebenso auf der Hand, wie dass eine Sache um so mehr dem
-Missbrauch ausgesetzt ist, je edler und je wichtiger sie ist. Die
-beste und wirksamste Vorkehrung gegen missbräuchliche Behandlung
-der Thierversuche liegt in einer sorgfältigen Unterweisung der
-Studierenden über die zweckmässige technische Anstellung derselben,
-über ihre Leistungsfähigkeit und Tragweite; das gesetzliche Verbot,
-die Thierversuche in die Lehrvorträge aufzunehmen, würde nur die
-entgegengesetzte Wirkung haben, d. h. der unverständigen und
-ungeschickten Pfuscherei auf diesem Gebiete Vorschub leisten. Die
-inhaltliche Erwägung, ob der eventuelle Nutzen bestimmter Versuche
-wichtig genug ist, um die den Versuchsthieren zugefügten Leiden
-zu rechtfertigen, liegt selbstverständlich ganz ausserhalb der
-gesetzgeberischen und richterlichen Zuständigkeit und kann nur durch
-Sachverständige festgestellt werden, d. h. sie muss letzten Endes doch
-dem Takt und Gewissen der in ihren Fachkreisen tonangebenden Forscher
-anheimgestellt bleiben. Die öffentliche Meinung hat die Aufgabe,
-durch ihre Stimme das Gewissen der Forscher in dieser Richtung zu
-schärfen und ihren Takt zu verfeinern; sie kann aber diese Aufgabe
-nicht schlechter erfüllen, als wenn sie das Kind mit dem Bade
-ausschüttet und durch ihren Unverstand die Forscher an den Gedanken
-gewöhnt, dass sie sich um die jedenfalls unmögliche Zufriedenstellung
-einer irregeleiteten öffentlichen Meinung überhaupt nicht mehr zu
-bekümmern brauchen. Das jetzt so beliebte Schlagwort „Vivisektion“
-benutzt das Grauen der meisten Laien vor dem chirurgischen Messer
-und dem fliessenden Blut als Schreckgespenst zur Verwirrung der
-Urtheilsfähigkeit; nur der kleinste Theil der Thierversuche bedient
-sich chirurgischer Eingriffe, und diese brauchen gar nicht besonders
-schmerzhaft zu sein und sind mindestens durchschnittlich nicht
-diejenigen unter den Thierversuchen, welche mit den schwersten Leiden
-für die Objekte verknüpft sind.
-
-
-
-
-III.
-
-Die Gleichstellung der Geschlechter.
-
-
-Niemand wird der excentrischen Ansicht einiger Physiologen beistimmen,
-dass der männliche wie der weibliche Organismus nur ein Appendix der
-bezüglichen Fortpflanzungswerkzeuge, ein zur Sicherstellung ihrer
-Funktionen unentbehrlicher Hülfsapparat sei; aber dennoch liegt in
-dieser Uebertreibung eine Wahrheit, die von allen Denjenigen übersehen
-wird, welche für Gleichheit der Geschlechter schwärmen. In dem
-physiologischen Geschlechtscharakter des Mannes und Weibes ist nicht
-nur ein Unterschied, sondern geradezu ein Gegensatz anzuerkennen,
-und dieser auf keine Weise aus der Welt zu schaffende Gegensatz ist
-bestimmend für das gesammte natürliche und geistige Leben der Menschen.
-Dieser Gegensatz ist derjenige von Aktivität und Passivität, von
-Begehren und Gewähren, Werben und Umworbensein; er besteht nicht nur
-in der Gesellschaft der Unverheiratheten, sondern setzt sich auch
-im ehelichen Leben fort. Ein Mann von geschlechtlicher Passivität
-erscheint als ein hinter seiner natürlichen Aufgabe zurückbleibender,
-unmännlicher Mann; ein Weib von geschlechtlicher Aktivität erscheint
-als ein ihre Sphäre überschreitendes, unweibliches Weib. Wären beide
-aktiv, so würde das Geschlechtsleben alle übrigen Seiten des Lebens
-überwuchern; wären beide passiv, so würde der Naturzweck nicht mehr
-hinlänglich gesichert sein. Darum erscheint es als eine teleologische
-Einrichtung der Natur, dass das eine Geschlecht seinem normalen
-Instinkte nach aktiv, das andere passiv ist, und es heisst die
-Zweckmässigkeit dieser Natureinrichtung verkennen, wenn man dem einen
-oder dem andern Geschlechte aus seiner Naturanlage einen Vorwurf macht,
-oder wenn man dahin strebt, die socialen Folgen und Erscheinungsformen
-dieses Gegensatzes künstlich abzustumpfen und auszugleichen. Wenn
-dieses Bestreben in weiterem Umfange von Erfolg gekrönt wäre, so müsste
-es das männliche Geschlecht unmännlich, oder das weibliche unweiblich
-machen, oder beides zugleich in gewissem Grade, und die üblen Folgen
-für die Erhaltung der Bevölkerung könnten nicht lange ausbleiben.
-
-Wäre der Mann nicht begehrend, so hätte das Weib nichts zu gewähren,
-was dem Manne werthvoll schiene, so hörte damit auch die Macht des
-weiblichen Geschlechts über das männliche auf. Denn diese Macht beruht
-lediglich darauf, dass das Weib etwas zu gewähren hat, was der Mann
-begehrt, und dass die geschlechtliche Passivität dem Weibe das Versagen
-leichter macht, als dem Manne das Entsagen. Diese Macht ist aber
-auch so gross, dass überall und in allen Völkern die thatsächliche
-Beherrschung des männlichen Geschlechts durch das weibliche trotz
-des äusseren Scheines vom Gegentheil die Regel bildet; das durch sie
-hergestellte Verhältniss überdauert gewohnheitsmässig die Periode der
-geschlechtlichen Bethätigung und drückt dem ganzen socialen Leben sein
-Siegel auf. So lange man diese auf dem Geschlechtsgegensatz beruhende
-geheime Uebermacht des weiblichen Geschlechts nicht brechen kann,
-muss als nothwendiges Gegengewicht gegen dieselbe eine rechtliche
-Vorherrschaft des männlichen Geschlechts aufrecht erhalten werden, um
-das Gleichgewicht nur einigermassen wieder herzustellen. Gelänge es
-dagegen den Vorkämpfern für Geschlechtergleichstellung, alle Vorrechte
-der Männer in Staat und Gesellschaft, in Recht und Sitte zu beseitigen,
-so würde damit eine Periode der reinen Weiberherrschaft inaugurirt
-werden, wie nicht die Geschichte, nur die Sage sie bisher kennt.
-Die Schwärmerei für abstrakte Gleichstellung schlägt also praktisch
-mit Nothwendigkeit in ihr Gegentheil um, weil sie die wirksamsten
-Thatsachen ignorirt, sofern dieselben sich der Regelung durch
-gesetzliche Schablonen entziehen.
-
-Erst in zweiter Reihe kommt die Erwägung in Betracht, dass die
-Gefühlsmässigkeit des weiblichen Handelns, welche in der Familie und
-der Geselligkeit so wohl am Platze ist, schlechterdings ungeeignet
-ist zur Ordnung der öffentlichen Angelegenheiten, in denen es auf
-Alleinherrschaft der Vernunft ankommt. Gerechtigkeit und Billigkeit
-würde nach dem Eintritt der Frauen ins öffentliche Leben noch weit
-weniger anzutreffen sein, als jetzt, dagegen würde der Nepotismus
-und die Intriguenwirthschaft noch mehr Boden gewinnen, und das ganze
-öffentliche Leben würde sich immer mehr zu dem vermittelungslosen
-Gegensatz zwischen einem pfäffisch gegängelten Gefühlskonservatismus
-und einem demagogisch verhetzten, fanatischen Radikalismus zuspitzen.
-Statt einer Stimme würde jede Frau über zwei verfügen, es sei denn,
-dass ihr Mann bereit wäre, den häuslichen Frieden und das Familienglück
-seiner politischen Ueberzeugung zum Opfer zu bringen. In allen
-katholischen Ländern wäre der Sieg der klerikalen Partei besiegelt und
-für die Dauer gesichert, und die Gesammtheit der unter ultramontanen
-Ministerien stehenden, d. h. von Rom aus geleiteten Staaten würden
-eine Macht darstellen, die ausreichte, den allmählichen Triumph des
-jesuitischen Papstthums auf der ganzen Erde zu verbürgen; Niemand hätte
-also mehr Anlass auf politische Gleichstellung der Frauen hinzuwirken,
-als die Ultramontanen, und für Niemand arbeiten die Vorkämpfer der
-Frauen-Emancipation in höherem Maasse als für die katholische Kirche.
-
-Weil die Fortpflanzungsfunktion, die vom Manne nur gelegentlich und
-nebenbei ausgeübt wird, ohne ihn in seinem sonstigen Berufe zu hindern,
-dem Weibe die schwersten Lasten auferlegt und als der Höhepunkt
-und Angelpunkt des weiblichen Lebens erscheint, darum ist auch der
-weibliche Organismus in weit höherem Grade als der männliche auf diese
-Funktion hin veranlagt und durchgebildet, und findet in ihr seinen
-Schwerpunkt, wie der männliche in den Funktionen des Gehirns und der
-willkürlichen Muskeln. Ein Maass an körperlicher oder geistiger Arbeit,
-das der männliche Organismus ganz wohl ohne Nachtheil verträgt, richtet
-den weiblichen Organismus bald zu Grunde, oder nutzt ihn wenigstens
-in viel kürzerer Zeit ab. Schwere körperliche Arbeit konsumirt die
-weibliche Leistungskraft viel rascher, als die männliche, führt zu
-vorzeitigem Alter und Erschöpfung, setzt die Widerstandsfähigkeit
-gegen Krankheitseinflüsse herab und kürzt durch alles dies die
-Lebensdauer ab. Noch weit schädlicher wirkt angestrengte geistige
-Arbeit auf den weiblichen Organismus, denn das weibliche Gehirn und
-Nervensystem verträgt lange nicht soviel, wie das männliche, weshalb
-schon die Erziehung und geistige Ausbildung beider Geschlechter stets
-eine verschiedene bleiben muss. Am ehesten verträgt der weibliche
-Körper eine Berufsthätigkeit, in welcher leichte körperliche und
-leichte geistige Arbeit gemischt ist, und dem Körper nur mässige
-Bewegung zugemuthet wird. Diese Berufsarten (Schneiderei, Gärtnerei,
-Kleinhandel, Küche und Hauswirthschaft, Kinder- und Krankenpflege)
-sind aber doch zu beschränkt, um jemals eine Gleichstellung des Lohnes
-der weiblichen Arbeit mit der männlichen zu ermöglichen. Selbst bei
-dem Klassenunterricht kleinerer Kinder nutzt die weibliche Lehrkraft
-sich soviel schneller ab, dass die Ersparnisse am Lehrergehalt durch
-Mehrbelastung des Pensionsfonds in Folge früherer Pensionirung
-aufgewogen werden. Das weibliche Geschlecht bleibt darum in der
-Hauptsache -- und ganz besonders in den die Kultur tragenden und
-fördernden Gesellschaftsschichten -- doch immer auf die Ernährung durch
-die Arbeit des männlichen angewiesen, wofür seine sociale Gegenleistung
-in der Hauswirthschaft, Fortpflanzung und Kinderpflege besteht.
-
-Auf dem Gebiete der gesellschaftlichen Sitte ist die Schwärmerei für
-Gleichstellung und gleiche Beurtheilung der Geschlechter nicht minder
-verkehrt, wie auf demjenigen der Politik und der Berufsarbeit. Entweder
-gehen die Emancipationsbestrebungen dahin, dass auch dem Weibe alles
-erlaubt sein müsse, was dem Manne von der Sitte gestattet ist --
-dann führen sie zu einer alles Familienleben zerrüttenden und das
-Volkswohl untergrabenden Libertinage; oder der Gleichheitsformalismus
-tritt moralisirend auf und verbietet dem Manne jede Freiheit, die dem
-Weibe durch die Sitte versagt ist, dann führt er zu einem lächerlichen
-Rigorismus, welcher der Natur Unmögliches zumuthet und den Rückschlag
-in sein Gegentheil oder in heuchlerischen Pharisäismus unvermeidlich
-macht.
-
-Nur in einem Punkte ist die Forderung, dass der Mann ebensowenig
-Freiheit haben dürfe, wie die Frau unbedingt zuzugeben, nämlich in
-der monogamischen Ehe, deren Wesen gleiche Treue von beiden Seiten
-und gleiche sittliche Beherrschung etwaiger instinktiver Velleitäten
-zur Untreue erheischt. Aber selbst hier bleibt die Wahrheit bestehen,
-dass die Verletzung der Treue von Seiten des Mannes und von Seiten
-der Frau einen ganz verschiedenen Grad der Missbilligung hervorruft,
-weil sie ganz verschiedene sociale Folgen nach sich zieht, weil die
-eine sich ausserhalb, die andere innerhalb der Familie vollzieht, weil
-die eine das Verhältniss der Kinder zu den Eltern und Geschwistern
-unberührt lässt, die andere es völlig zerstört oder doch durch Zweifel
-untergräbt. Der Mann einer notorisch untreuen Frau hat nur die Wahl,
-entweder Vaterpflichten gegen untergeschobene Bastarde zu üben, oder
-seine eigenen Kinder durch Scheidung mutterlos zu machen; kann er
-die Untreue nicht juridisch beweisen, so bleibt ihm nicht einmal
-diese Wahl, sondern er muss sich der empörenden Nothwendigkeit fügen,
-Kindern, die er nicht für die seinigen halten kann, Kindesrechte
-gegen sich einzuräumen. Schon der blosse Verdacht vergiftet das
-Familienleben, weil es immer das eigene Nest ist, das die etwaige
-Untreue der Frau beschmutzt. Dagegen lässt die Untreue des Mannes, weil
-sie ausserhalb des Kreises der Familie fällt, den Familienstand und
-die Stellung der Frau als Mutter und Hausherrin intakt, wenn sie auch
-den Rechten und Gefühlen der letzteren eine moralische, und möglicher
-Weise auch dem Familienwohlstand eine materielle Schädigung zufügt.
-Darum hat die gekränkte Frau freie Wahl, ob sie unversöhnlich auf ihrem
-formellen Recht der Scheidung bestehen, oder ob sie vergeben und ihren
-Kindern das gemeinsame Familienleben erhalten will; das Vergeben ist
-ohne Beeinträchtigung ihrer Würde möglich, was bei dem gekränkten Manne
-nicht der Fall ist, und darum hat allein die Frau das Vorrecht, sich
-mit der göttlichen Milde des Verzeihens zu schmücken, welche den Mann
-in gleicher Lage verächtlich macht.
-
-Viel durchgreifender, als in der ehelichen Treue sind die aus dem
-Geschlechtsgegensatz abfliessenden Unterschiede in Bezug auf das
-Leben vor der Ehe. Ein Mann, welcher gegen das geschlechtliche
-Vorleben des zu wählenden Weibes gleichgültig ist (wie gewisse
-spekulative Heirathsannoncen es verkünden) macht sich verächtlich;
-ein Weib dagegen, welches ohne Zweifel an der Ehrenhaftigkeit eines
-Bewerbers daran Anstoss nimmt, dass er schon vor der Bewerbung um
-sie geschlechtlich aktiv war, macht sich lächerlich (so z. B. die
-Heldin in Björnson’s Schauspiel: „Der Handschuh“). Wäre der Mann
-nicht geschlechtlich aktiv, so würde er sich an der Freundschaft mit
-Frauen genügen lassen, und höchstens noch aus äusserlichen, nicht
-zur Sache selbst gehörigen Motiven zur Ehe sich entschliessen; jedes
-feinfühlige Weib sträubt sich aber mit Recht dagegen, bloss aus
-solchen äusseren Motiven zur Ehe begehrt zu werden. Kann also das
-Weib nur bei einem seiner Natur nach geschlechtlich aktiven Mann
-erwarten, um ihrer selbst willen geheirathet zu werden, so ist es
-eine naturwidrige und unverständige Forderung, dass diese Aktivität
-bis zur Bekanntschaft mit ihr habe latent bleiben und erst bei ihrem
-Anblick erwachen sollen. Umgekehrt dagegen hat der Mann das Recht,
-ein weibliches, das heisst geschlechtlich passives Weib in seiner
-Erkorenen vorauszusetzen, mit anderen Worten eine Jungfrau, die auf
-den Mann ihrer Wahl gewartet hat, um sich von ihm aus dem träumenden
-Schlummer zum wachen Liebesleben wecken zu lassen. Es liegt der höchste
-Reiz für das männliche Liebeswerben darin, ein noch unbeschriebenes
-Blatt vorzufinden, in das er seine Schriftzüge eingraben kann, eine
-noch reine Passivität, d. h. eine noch potentielle Gegenliebe, die
-er erst durch seine Aktivität zur Aktualität erhebt. Darum gilt die
-Jungfräulichkeit der Braut als selbstverständliche, stillschweigende
-Voraussetzung der Eheschliessung, und jede Täuschung über dieselbe
-als gesetzlicher Ehescheidungsgrund, ebensogut wie Ehebruch. Wollte
-man aber dem entsprechend auch die Jungfräulichkeit der Bewerber zur
-Bedingung gültiger Ehen machen, so würden in der Hauptsache nur noch
-solche Männer legitime Familien gründen, deren physiologischer Defekt
-die Fortpflanzung ihrer Naturanlage nicht wünschenswerth macht, und es
-würde durch die Zuchtwahl mehrerer Generationen bei schnell abnehmender
-Bevölkerung eine Sorte von Männern producirt werden, die gar nicht mehr
-an Verheirathung denkt.
-
-Ein Mädchen, das sein Lebensglück ihrem Bewerber anzuvertrauen im
-Begriff steht, thut freilich wohl, alle thatsächlichen Anhaltspunkte
-in Betracht zu ziehen, welche zur Erschliessung seines Charakters
-beitragen können, und zu solchen gehört zweifellos in erster Reihe
-die Art seines Verhaltens gegen andere Frauen, zu denen er bereits
-in Beziehung gestanden hat; aber es kommt dabei nicht sowohl auf die
-Thatsache an, dass er schon vorher andere Verhältnisse angeknüpft
-hatte, als vielmehr darauf, wie er sich in denselben benommen hat,
-und vor allen Dingen, wodurch dieselben gelöst worden sind. Einen als
-schuldigen Theil geschiedenen Ehemann zu heirathen, ist mindestens ein
-Wagniss, über dessen üblen Ausfall sich kein Weib nachher beklagen
-kann. Auch bei Vermeidung jeder Unehrenhaftigkeit treten oft genug die
-bedenklichsten Charakterzüge, wie Leichtsinn, Selbstsucht, Genusssucht,
-Rücksichtslosigkeit, Unverträglichkeit, Hartherzigkeit, Undankbarkeit,
-Frivolität u. s. w. zu Tage, welche jedes besonnene Mädchen davon
-abschrecken müssen, sich einem solchen Charakter anzuvertrauen. Aber
-es ist dies offenbar etwas ganz anderes, als die Forderung, dass der
-Mann keine andern Verhältnisse angeknüpft haben solle, und darf mit ihr
-nicht verwechselt werden. War das Verhalten desselben vorwurfsfrei, so
-bietet vielmehr ein so in den Prüfungen des Lebens bewährter Bewerber
-eine ungleich grössere Bürgschaft als ein gleichaltriger Unerprobter.
-Wenn es auch zweifelhaft sein mag, ob der Mann zwei Frauen zugleich
-wahrhaft lieben könne, so ist es doch unzweifelhaft, dass er mehrere
-nach einander mit ganzem und vollem Herzen lieben könne, und die
-Behauptung, dass nur Eine Liebe die wahre sei, ist eine unstatthafte
-Verallgemeinerung eines für die weibliche Empfindungsweise wahren
-Satzes auf den Menschen als solchen.
-
-Der Organismus des Mannes bleibt davon völlig unberührt, wenn derselbe
-aus einem Junggesellen zum Gatten und Vater wird; er empfängt nichts
-zu dem Seinigen hinzu und wird durch das, was er giebt, nicht ärmer.
-Das Weib hingegen verhält sich nicht gebend, sondern empfangend
-und tritt dadurch in ein ganz neues physiologisches Lebensstadium,
-das ihren Organismus bis in seine kleinsten Theile alterirt. Eine
-Mutter hat überdiess Monate lange mit einem zweiten Organismus in
-Blutaustausch gelebt, dessen Blutbereitung nur zur Hälfte durch die
-ererbten mütterlichen, zur andern Hälfte durch die ererbten väterlichen
-Eigenschaften bestimmt war, sie hat also ihre Gewebe theilweise mit
-einem Blute ernährt, das zur Hälfte durch ihren Gatten bestimmt war,
-und hat dadurch Eigenschaften des letzteren in gewissem Grade in
-sich aufgenommen, welche zwar in ihr latent bleiben, desto mehr aber
-in Kindern einer späteren Ehe wieder zu Tage treten können (was man
-ungenau so ausdrückt, dass diese Einflüsse in ganz besonderem Maasse
-auf die Fortpflanzungssphäre wirken). Der Gatte einer Wittwe findet
-also kein unbeschriebenes Blatt mehr vor, sondern einen in gewissem
-Grade durch seinen Vorgänger mitbestimmten Organismus, mit dessen
-Vererbungstendenzen die seinigen erst den Kampf aufzunehmen haben.
-Ein Weib giebt sich demnach in der That ihrem Gatten mit Seele +und
-Leib+ hin, ein Mann seiner Gattin bloss mit der Seele, und mit dem
-Leibe nur insofern, als er die Verpflichtung übernimmt, für sie mit
-zu arbeiten. Mit diesem physiologischen Unterschiede der Rückwirkung
-der Ehe auf beide Geschlechter hängt der Gegensatz im Instinkt beider
-Geschlechter auf das engste zusammen. So lange die Schwärmer für
-Gleichstellung der Geschlechter jenen physiologischen Unterschied
-nicht wegdekretiren können, werden sie vergeblich an dem Gegensatz der
-Instinkte rütteln und werden mit einer beide Unterschiede ignorirenden
-socialen Gleichmacherei nur widernatürliche Zerrbilder liefern, die an
-ihrer inneren Absurdität scheitern.
-
-Hiermit soll keineswegs auf die Wiederverheirathung der Wittwen ein
-Stein geworfen werden, obwohl die Frivolität, mit welcher dieser
-Gegenstand nur zu häufig in Lustspielen und Romanen behandelt wird,
-des deutschen Volkes nicht würdig ist. Eine kinderlose Wittwe oder
-geschiedene Frau, oder eine solche, die nicht selbst in der Erziehung
-ihrer Kinder ihre Lebensaufgabe suchen und finden kann, oder die
-allein dieser Aufgabe sich nicht gewachsen fühlt, soll auf keine Weise
-gehindert werden, ihren Lebensberuf in einer zweiten Ehe zu suchen,
-insbesondere, wenn sie in ihrer ersten Ehe die wahre Liebe noch nicht
-durchlebt hat; aber eine Mutter wird immer wohl thun, zunächst in der
-Erziehung ihrer Kinder ihre dringendste Lebensaufgabe zu sehen, und
-wird, wenn sie diese ernst und pflichttreu erfasst, selten Grund haben,
-nach einem weiteren Feld für die Bethätigung ihrer Kräfte auszuspähen.
-Ein Mann braucht sich durch die Wittwenschaft seiner Geliebten nicht
-von der Verbindung mit derselben abhalten zu lassen, aber er soll sich
-darüber klar sein, dass diese Wittwenschaft ein Punkt ist, über den
-er sich hinwegsetzen muss, und dass die Frau es durch ungewöhnliche
-persönliche Vorzüge verdienen muss, dass er sich über diesen Punkt
-hinwegsetzt. Ein Mädchen dagegen, das einen Wittwer heirathet, hat
-sich, was seine Person anbetrifft, über gar nichts hinwegzusetzen,
-kann sich vielmehr freuen, dass es einen schon von ihrer Vorgängerin
-erzogenen und gezähmten Mann bekommt.
-
-Aehnlich ist der Unterschied zwischen einem Manne, der schon einmal
-Bräutigam war, und einem Mädchen, das schon einmal Braut war. Der
-erstere bleibt davon in seinem Werthe unberührt, sofern nur die Lösung
-der Verlobung ohne seine Schuld erfolgt ist; die letztere, auch wenn
-sie ganz schuldlos an dem Auseinandergehen ist, gleicht einer Waare,
-die Havarie erlitten hat, und deren Werth dadurch im Preise gesunken
-ist. Mag sie die weibliche Passivität in ihrem Brautstand noch so wohl
-bewahrt haben, so ist doch die latente Pontentialität ihrer Passivität
-aufgehoben, die Jungfräulichkeit ihres Herzens nicht mehr intakt, der
-Duft von den Schmetterlingsflügeln abgestreift. Nur einmal kann das
-Weib praktisch lernen, was Liebe ist, und es ist schmerzlich für den
-Liebenden, nicht derjenige sein zu können, der es sie lehrt. Wohl
-treibt ein vom Frühlingsfrost verletzter Baum eine zweite Laubkrone
-empor, aber so reich und üppig, wie die erste, wird sie nicht; so
-entfaltet auch das Mädchenherz eine zweite Blüthe, wenn die erste vor
-der Reife verwelken musste, aber seine volle und ganze Blüthenpracht
-breitet es doch nur da aus, wo die zum ersten Mal erwachende Liebe
-ungestört mit ganzer Kraft alle Phasen durchläuft.
-
-Nun ist dies freilich nicht so zu nehmen, als sollten der noch
-schlummernden Jungfräulichkeit die Träume verwehrt sein, welche
-das künftige Liebesleben ideal anticipiren; denn diese Träume
-greifen in ihrer Gegenstandslosigkeit keinem Rechte eines künftigen
-Bewerbers vor. Ebenso wenig kann man der Jungfrau die unwillkürlichen
-tastenden Versuche verargen, mit denen sie das Ideal ihrer Träume
-den ihr begegnenden wirklichen Männern anzupassen unternimmt, und
-noch untriftiger wäre die Zumuthung, dass die Jungfrau gegen alle
-Bewerber schlechthin spröde sein solle, bis der eine Auserwählte
-kommt, weil der Auserwählte niemals kommen würde, wenn es jedem
-ersten Annäherungsversuche schlechterdings an jedem Entgegenkommen
-fehlte. Nur wenn zufällig die Versuche, das Ideal an die begegnenden
-Männer anzupassen, mit den Bewerbungen eines bestimmten Mannes und
-einem gewissen Entgegenkommen gegen dieselben zusammen treffen, nur
-dann tritt der Punkt ein, wo die Träume der Phantasie im Begriffe
-stehen, in reales Liebesleben umzuschlagen; aber dieses Wünschen und
-Sehnen, Hoffen und Fürchten ist doch erst die Vorhalle zum realen
-Liebesleben und dieses selbst beginnt erst mit dem ausdrücklichen
-oder stillschweigenden Einverständniss beider Theile, d. h. mit dem
-Eintritte in ein bräutliches Verhältniss, gleichviel ob dasselbe
-Geheimniss der Liebenden bleibt, oder der Familie mitgetheilt, oder vor
-der Gesellschaft erklärt wird. Der Grad der Stärke und Vollständigkeit,
-in welchem die Gefühle in solchem Verhältnisse geweckt und erschlossen
-werden, ist nicht abhängig von seiner längeren Dauer, wenn auch eine
-gewisse Dauer die Vollständigkeit der Aufschliessung begünstigt; sie
-ist ferner unabhängig davon, ob das dem Wunsche vorschwebende Ziel der
-Vereinigung als erreichbar oder unerreichbar gedacht oder in welcher
-Form es vorgestellt wird. Nimmt man den Begriff des bräutlichen
-Verhältnisses in diesem weiteren Sinne, so deckt er sich genau mit
-dem Begriffe des realen Liebeslebens, und so kann dessen Grenze von
-vorbereitenden Anknüpfungsversuchen und von Phantasieträumen mit
-ästhetischen Schein-Empfindungen nicht zweifelhaft sein.
-
-Praktisch freilich ist die Grenze zwischen Anknüpfsversuchen und
-bräutlichem Verhältniss durch die Sitten verschieden gezogen, und
-liegt die Gefahr nahe, bei lebhafter Phantasie ideale ästhetische
-Scheingefühle mit realen zu verwechseln, also blosse Phantasiespiele
-für wirkliches Liebesleben zu halten; indessen belehrt das weit
-schnellere Ausklingen, Verblassen und spurlose Verschwinden der
-Phantasiegefühle nachträglich ziemlich leicht und sicher über deren
-Unterschied von realen Gefühlen und über die etwa stattgehabte
-Verwechselung der ersteren mit den letzteren. Alle Behauptungen von
-Frauen, dass sie öfter als einmal wahrhaft geliebt haben, dürften
-sich darauf zurückführen lassen, dass der Unterschied zwischen
-den Scheingefühlen einer lebhaften Phatasiethätigkeit und dem
-realen Gefühlsleben des Herzens nicht beachtet worden ist; die
-phantasiemässige Anticipation des realen Liebeslebens kann aber bis
-zu einem gewissen Grade der Lebhaftigkeit, Fülle und Feinheit der
-letzteren förderlich sein. So kann eine schuldlos entlobte Braut,
-die zwar phantasiemässig zu lieben versucht, aber es nicht bis zu
-wirklicher Liebe für ihren Bräutigam gebracht hat, unter Umständen
-ein dankbarerer Gegenstand der Liebe sein, als ein phantasieloses
-Mädchen, das allzu plump und schwerfällig auf die entgegengebrachte
-Liebe reagirt. Aber sowie man es versucht, diesen Satz auszudehnen auf
-Frauen, welche in der Liebe praktisch schon viel durchgemacht haben,
-so tritt der Unterschied zwischen Phantasiespiel und Wirklichkeit
-hervor: der ernste Mann, der dem Weibe seiner Wahl wirklich seine
-Seele hinzugeben verlangt, erwartet auch als Gegengabe ein reines und
-womöglich jungfräuliches Herz, wogegen der Lüstling, der nichts geben,
-sondern nur seine Sinnlichkeit gereizt sehen will, solchen „erfahrenen“
-Frauen eine Zeit lang den Vorzug giebt, bis endlich auch er, der
-stärksten Reize bedürftig geworden, doch wieder zur unentweihten
-Jungfräulichkeit, als dem letzten und höchsten Stimulans, zurückgreift.
-Umgekehrt ist der erfahrene und im Leben geprüfte Mann für ein reines
-Frauengemüth unendlich viel anziehender, als ein Neuling auf dem Felde
-der Liebe, und es sind nur die alternden Frauen, welche dazu gelangen,
-die Unschuld, die ihnen selber längst abhanden gekommen ist, an jungen
-Männern reizend zu finden.
-
-Es bedarf wohl kaum des Hinweises darauf, dass alle diese Unterschiede
-des Verhaltens, in denen der Gegensatz der Geschlechter sich
-ausdrückt, niemals aus eudämonologischen Motiven konservirt zu werden
-beanspruchen können, sondern nur deshalb, weil mit ihrer Missachtung
-und allmählichen Unterdrückung die von der Naturteleologie gesetzten
-Reize zur Verehelichung, d. h. zur Ueberwindung des Egoismus zu Gunsten
-der nächsten Generation, aufhören würden, und damit der Kulturprocess
-den schwersten Schaden leiden würde.[6]
-
-
-
-
-IV.
-
-Die Lebensfrage der Familie.
-
-
-Unter aller Verhältnissen ist die Lebensdauer der Familien oder
-Geschlechter in den höheren Ständen durchschnittlich kürzer als in den
-mittleren und niederen; aber wohl selten hat es eine Zeit gegeben,
-in welcher das Missverhältniss einen solchen Grad erreicht hat, wie
-gegenwärtig. Es dürfte schwer sein, für diese Behauptung den exakten
-Beweis zu erbringen, da die mittlere Lebensdauer der Familien oder
-Geschlechter in einem Stande nicht unmittelbar abhängig ist von der
-mittleren Lebensdauer der Individuen, welche sie zusammensetzen, und
-von den Lebensläufen der Familien oder Geschlechter in den mittleren
-oder niederen Ständen meist nur kurze Bruchstücke zu verfolgen sind.
-Trotzdem wird man dieser Behauptung beistimmen dürfen, wenn man erwägt,
-dass die drei hauptsächlichen Ursachen, von welchen der Unterschied
-der mittleren Lebensdauer eines Geschlechts in höheren und niederen
-Ständen abhängt, in der letzten Zeit sehr zugenommen haben, nämlich
-der grössere Procentsatz an Unverehelichten, das spätere mittlere
-Heirathsalter und die kleinere durchschnittliche Kinderzahl, die auf
-eine Ehe kommt.
-
-Neben diesen drei Ursachen spielt noch eine vierte mit, welche in
-ihren Wirkungen noch weit schwerer abzuschätzen und der statistischen
-Aufnahme bis jetzt entzogen ist, welche aber darum nicht weniger
-einschneidend wirkt: es ist diess der Umstand, dass gegenüber der
-stärkeren Inanspruchnahme von Muskelkraft und individueller Lebenskraft
-in den Berufsarten der niederen Stände die intensivere Geistesarbeit
-und das intensivere Genussleben der höheren Stände mehr Nervenkraft
-konsumirt und dadurch die Lebenskraft des Geschlechts rascher
-verzehrt. Durch Verbrauch von Nervenkraft wird nämlich mehr als durch
-irgend etwas anderes das Fortpflanzungsvermögen alterirt und zwar
-in doppeltem Sinne, erstens in Bezug auf die Zahl und Tüchtigkeit
-der unmittelbaren Nachkommenschaft, zweitens aber auch noch ganz
-besonders in Bezug auf die Nervenkraft und Fortpflanzungsfähigkeit
-der nächsten Generation, von welcher die Zahl und Tüchtigkeit der
-Nachkommenschaft in späteren Generationen mehr als von irgend einem
-anderen Umstande abhängt. Insoweit sich die fragliche Wirkung in der
-Durchschnittszahl der auf eine Ehe entfallenden Kinder ausspricht, ist
-sie bereits in der dritten der vorangestellten Ursachen in Rechnung
-gestellt; insoweit sie aber die Tüchtigkeit, Fortpflanzungsfähigkeit
-und durchschnittliche Kinderzahl der unmittelbaren Nachkommen betrifft,
-muss sie als ein vierter Factor in Ansatz gebracht werden, was freilich
-erst dann ziffermässig möglich wäre, wenn wir eine vergleichende
-Familienstatistik der verschiedenen Stände und Berufsarten besässen.
-
-Man könnte nun meinen, dass in der kürzeren durchschnittlichen
-Lebensdauer der Familien und Geschlechter in den höheren Ständen
-ein billiger Ausgleich liege für die längere Durchschnittsdauer des
-Individuallebens, und dass es vom Standpunkt des Ganzen betrachtet
-gerade ein tröstlicher Gedanke sei, dass die Familien der höheren
-Stände, auch wenn sie sich in ihrem Stande behaupten, doch allmählich
-durch Aussterben für ein Nachrücken der niederen Stände Raum machen.
-Indessen die Genugthuung über diesen Ausgleich wäre doch nur eine
-kurzsichtige im Interesse des Ganzen. Denn es würde dabei übersehen,
-dass es vor allem im Interesse des Ganzen liegt, die ererbten und
-generationsweise gesteigerten Anpassungen an höhere sociale und
-kulturelle Aufgaben, durch welche die Mitglieder der höheren Stände
-denen der niederen durchschnittlich überlegen sind, möglichst voll
-auszubeuten und auch für die Zukunft des Processes nach Möglichkeit
-durch Weitervererbung zu verwerthen. So wünschenswerth es ist,
-dass strebsamen und ausnahmsweise günstig veranlagten Individuen
-und Familien das Aufrücken in die höheren Stände offen stehe, um
-diesen immer frisches Blut zuzuführen und sie zur Selbstbehauptung
-durch überlegene Leistungen zu zwingen, so zweckmässig es ferner
-ist, die untüchtigen, arbeitsscheuen und ungünstig veranlagten
-Individuen der höheren Stände durch keine socialen Einrichtungen vor
-dem Wiederhinabsinken in die niederen Stände zu bewahren, ebenso
-unzweckmässig wäre es, den kapitalisirten Gewinn der Arbeit vergangener
-Generationen, wie er in den ererbten Vorzügen der höheren Stände
-vorliegt, leichtsinnig vergeuden zu lassen, wenn man etwas zu seiner
-Erhaltung für künftige Generationen thun kann. Aus diesem Grunde lohnt
-es sich wohl, der Erwägung der Ursachen näher zu treten, durch welche
-die zunehmende Verkürzung der durchschnittlichen Lebensdauer der
-Familien höherer Stände bedingt ist, und sich umzusehen, welche Mittel
-der Abhülfe für diese wachsende Kalamität unseres socialpolitischen
-Lebens zur Verfügung stehen.
-
-Es kommt noch eine zweite Folge der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung
-hinzu, welche als ein socialer Uebelstand von der grössten Tragweite
-allgemein anerkannt ist, dessen symptomatische Behandlung aber bis
-jetzt nur das Uebel verschlimmert hat, und der so lange fortdauern
-wird, bis er durch Abstellung seiner Ursachen an der Wurzel erfasst
-wird. Es ist dies die sogenannte Frauenfrage, richtiger Jungfernfrage,
-d. h. die Frage, welchen Beruf man den Weibern anweisen soll, die
-ihren natürlichen Beruf als Frau verfehlt haben. Bekanntlich ist die
-Personenzahl beider Geschlechter in der Jugendblüthe gleich, während
-im Kindesalter das männliche Geschlecht ein wenig, im reiferen Alter
-das weibliche beträchtlich und in wachsendem Maasse überwiegt. Hieraus
-folgt, dass keine Jungfern übrig bleiben würden, wenn Jedermann in
-seiner Jugendblüthe eine Lebensgefährtin wählte. Eine Jungfernfrage
-entspringt erst daraus, dass die Zahl der Mädchen in der Jugendblüthe
-grösser ist als die Zahl der Männer in demjenigen reiferen Lebensalter,
-in welchem sie in den höheren Ständen zur Ehe zu schreiten pflegen,
-und dass ein Theil dieser Männer es vorzieht, unverheirathet zu
-bleiben. Die Ausbildung der Mädchen für selbstständige Berufsarten,
-welche zur symptomatischen Lösung der Jungfernfrage vorgeschlagen ist
-und vielfach angestrebt wird, macht das Uebel nur ärger, weil sie
-die Mädchen weniger anziehend für die Männer macht und dadurch die
-Zahl der unverheirathet bleibenden Männer, also auch die Zahl der
-sitzenbleibenden Mädchen vermehrt, was wiederum eine Verschärfung
-der Dringlichkeit der Jungfernfrage und vergrösserte Anstrengungen
-zur selbstständigen Erwerbsthätigkeit zur Folge hat. Aus diesem
-fehlerhaften Kreislauf, der sich in sich selbst steigert, ist nur
-herauszukommen, wenn man die alleinige Ursache der Jungfernfrage in der
-zunehmenden Ehelosigkeit und Heirathsverspätung der Männer erkennt,
-und die Bemühungen zur Abhülfe an diesem Punkte einsetzt.
-
-Was zunächst die vierte Ursache der Verringerung der mittleren
-Lebensdauer der Familien, die stärkere Abnutzung der Nervenkraft durch
-intensivere geistige Arbeit und geistigen Genuss, betrifft, so ist sie
-in der Hauptsache nicht zu beseitigen. Die höheren Berufsarten haben
-eben ihr Wesen darin, eine höhere und angespanntere geistige Arbeit
-zu verlangen, und selbst dann, wenn man bestreiten wollte, dass die
-intensivere Arbeit auch intensiveren Genuss als Gegengewicht fordert,
-würde man doch nicht leugnen können, dass die Genüsse und Erholungen
-der gebildeten Stände selbst vergeistigter Art sind und darum auch
-wieder eine geistige Anspannung, wenn auch in anderer Art als die
-Arbeit, nöthig machen. Da alle höhere Geisteskultur der Menschheit
-in dieser Steigerung der geistigen Arbeit und des geistigen Genusses
-liegt, so wird keine menschliche Schlauheit jemals ein Mittel ersinnen,
-um die kulturtragenden Minderheiten der Völker vor einer rascheren
-Abnutzung zu bewahren, und es bleibt in dieser Hinsicht nichts übrig,
-als sich mit der Mauserung der Aristokratie durch allmählichen
-Nachwuchs von unten zu trösten. Um so dringender aber muss den höhern
-Ständen ans Herz gelegt werden, dass sie sich vor jeder Uebertreibung
-in Arbeit und Genuss hüten und die unvermeidlichen gesundheitlichen
-Nachtheile ihrer socialen Stellung nach Möglichkeit dadurch
-auszugleichen suchen, dass sie im Uebrigen ein gesundheitsgemässeres
-Leben führen, als es den niederen Ständen durch ihre pekuniäre Lage
-gestattet ist.
-
-Vor allem gilt es, den die Nervenkraft ersetzenden Schlaf der Nacht
-heilig zu halten, demnächst nicht nur auf nahrhafte, sondern auch
-auf reizlose Kost zu achten, so viel als möglich sich Bewegung zu
-machen und frische Luft zu athmen, den ersten Theil des Tages der
-Arbeit, den zweiten der Erholung zu widmen, regelmässig zu leben und
-in allen Dingen Maass zu halten. Eine grosse Gefahr liegt darin,
-dass die nervenerregende Wirkung der Gehirnarbeit irritirend auf die
-Genitalsphäre wirkt und leicht zu einer vorzeitigen Vergeudung des
-Fortpflanzungsvermögens verleitet; diese Gefahr wird um so grösser, je
-länger sie Zeit hat zu wirken, d. h. je später das durchschnittliche
-Verheirathungsalter der Männer in den höheren Ständen fällt. Hier
-müssen alle hygienischen, ästhetischen und moralischen Hebel angesetzt
-werden, um den socialen Schäden vorzubeugen, die aus der Verbindung
-der verstärkten Irritation mit der verlängerten Entbehrung erwachsen
-können; am wirksamsten im Grossen und Ganzen wird sich auch hier
-die Abschwächung der nervösen Irritation durch gesundheitsgemässe
-Lebensweise und Vermeidung diätetischer Reizmittel erweisen.
-
-Es ist nicht schwer zu sehen, dass diese Ursache in Wechselwirkung
-steht mit den drei andern. Es ist für einen jungen Mann um so leichter,
-zeitweilige Selbstbeherrschung zu üben, je näher und gewisser ihm das
-Ziel der Ehe vorschwebt, um so schwerer, je ferner und aussichtloser
-dasselbe nach Lage der socialen Verhältnisse für ihn ist; umgekehrt
-rückt nichts die Neigung zur Verheirathung so sehr in den Hintergrund,
-als die Gewöhnung an ein zügelloses Junggesellenleben, und es müssen
-dann meist schon nebensächliche Motive sein, welche den Entschluss
-zur Verheirathung doch noch reifen lassen. Ebenso stehen die drei
-andern Gründe untereinander in Wechselwirkung. Wer wenig Aussicht
-hat, zur Verheirathung zu gelangen, macht sich von vornherein mit
-dem Junggesellenleben vertraut und entzieht sich der Gelegenheit zur
-Anknüpfung bräutlicher Verhältnisse, so dass schon der Zufall sein
-Spiel treiben muss, wenn er ihn doch noch in Hymens Fesseln schlagen
-soll. Wer erst in reiferen Jahren ans Heirathen denken kann, der
-verpasst die Zeit der jugendlichen Eindrucksfähigkeit, innerhalb deren
-so manches weibliche Wesen sein Herz hätte gewinnen können, und wenn er
-endlich soviel vor sich gebracht hat, dass er eine Familie zu gründen
-wünscht, so sieht er sich vergebens nach einem Mädchen um, in das er
-sich verlieben könnte, und wartet entweder, bis es ganz und gar zu spät
-ist, oder er schliesst aus äusserlichen Gründen eine Ehe ohne Liebe.
-
-Heirathet ein Mann erst in reiferen Jahren, so wird er durchschnittlich
-ein älteres Mädchen zur Frau wählen, als wenn er jünger geheirathet
-hätte: es wird demnach die Zahl der Kinder in seiner Ehe schon um des
-Alters der Frau willen geringer sein; ausserdem aber tritt er nach
-kürzerer Ehedauer in ein Lebensalter ein, in welchem die Ehe ihre
-natürliche Bedeutung zu verlieren pflegt, auch wenn die Frau noch
-nicht aufgehört hat, fortpflanzungsfähig zu sein, so dass hier ein
-zweiter Grund für Verkürzung der natürlichen Kinderzahl zu Tage tritt.
-Da es nicht bloss auf die Zahl, sondern auch auf die Beschaffenheit
-der Kinder, auf die Schonung der Mutter für ihren weiteren Beruf,
-und auf die genügende Ausbildung derselben für die Erziehung der
-Kinder ankommt, so würde ich es keineswegs für einen idealen Zustand
-halten, wenn die Töchter der höheren Stände unmittelbar nach
-erreichter Pubertät in die Ehe träten; aber auch die Hinausschiebung
-des durchschnittlichen Heirathsalters der Mädchen auf das 26. bis
-28. Lebensjahr ist unnatürlich, weil es ohne weitere Förderung ihrer
-Ausbildung ihre jugendliche Anpassungsfähigkeit verringert und mehrere
-Kinder, welche vom 21. bis zum 26. Jahr der Mutter hätten das Licht der
-Welt erblicken können, für immer ungeboren lässt.
-
-Dieselben Motive, welche die Männer gar nicht oder erst in reiferen
-Jahren zum Entschluss der Verheirathung gelangen lassen, bewirken
-auch eine Scheu vor reichem Kindersegen. Wir sind bereits zu einem
-solchen Grade der Verwirrung und Verkehrung der Begriffe gelangt, dass
-unsern höheren Ständen die naturgemässe Kinderzahl einer normalen Ehe
-von jugendlich verbundenen gesunden und kräftigen Gatten als eine
-„kaninchenartige Fruchtbarkeit“ anstössig erscheint.[7] Wo solche
-Ansichten Platz gegriffen haben, müssen sie selbstverständlich eine
-Rückwirkung auf das mittlere Heirathsalter üben, insbesondere auf
-dasjenige der Frau; denn je länger ein Mädchen mit der Verheirathung
-wartet, oder ein je älteres Mädchen ein Mann zur Frau wählt, desto
-weniger Sorge vor allzu reichem Kindersegen brauchen sie zu hegen. Für
-den Mann ist die grössere oder geringere Kinderzahl wesentlich nur eine
-pekuniäre Frage, da die Frau doch allein die Lasten derselben zu tragen
-hat; für die Frau aber ist es eine Kardinalfrage des Leibes und der
-Seele.
-
-Wo nun durch einen widernatürlichen Spiritualismus und abstrakten
-Idealismus verschrobene Ansichten in der Frauenwelt gewisser Stände
-grossgezogen werden, welche trefflich als Deckmantel der egoistischen
-Bequemlichkeit, Leistungsscheu und Genusssucht verwendbar sind, da
-bildet sich ein Geschlecht pretiöser und überspannter Egoistinnen,
-welche allenfalls wohl noch ein oder zwei Mal die Lasten der
-Mutterschaft auf sich nehmen wollen, weil sie anders auch der Freuden
-derselben nicht theilhaft werden können, welche dann aber auch nicht
-weiter von den Naturpflichten des Frauenberufs belästigt sein, sondern
-ungestört ihrer Behaglichkeit und ihren Amüsements leben wollen.
-
-Nichts kann geeigneter sein, die Männer energisch von der Ehe
-abzuschrecken, als die Verbreitung solcher ebenso unsittlichen wie
-unnatürlichen Ansichten; denn wenn sie doch nur für wenige Jahre die
-Aussicht haben sollen, in einer naturgemässen Ehe zu leben, so ist
-dieser Preis wahrlich das Opfer ihrer Freiheit nicht werth, und wenn
-sie nachher doch nur ein naturwidriges Verhältniss mit einem aus
-Egoismus unsittlichen Weibe fortsetzen sollen, so können sie sich auch
-gleich mit unsittlichen Verhältnissen zu egoistischen Weibern begnügen,
-die wenigstens nicht mit pretiöser Ehrbarkeit und tugendhafter
-Ueberspanntheit prunken. Mädchen, welche zwar alle Vortheile der
-Frauenstellung durch die Ehe zu erlangen wünschen, aber nicht mehr
-die ehrliche und rückhaltslose Opferwilligkeit für alle ihnen von der
-Natur und dem socialen Gesammtinteresse auferlegten Pflichten besitzen,
-wollen den Mann, der sie heirathet, einfach im Handel betrügen, und es
-geschieht ihnen persönlich nur ihr Recht, wenn sie dabei die Betrogenen
-sind, d. h. sitzen bleiben.
-
-Leider geschieht nur mit dieser nächstliegenden Lösung dem socialen
-Ganzen nicht sein Recht, und deshalb können solche überspannte
-egoistische Ansichten nicht entschieden genug zur rechten Zeit
-bekämpft werden. Die Mädchen können nicht früh genug lernen, dass sie
-ebensowenig wie die Männer geboren sind, um zu geniessen, sondern um zu
-dienen, nicht den Männern, sondern gleich diesen ihrem Beruf, und dass
-ihr einziger unmittelbarer Beruf darin liegt, dem Vaterlande möglichst
-viel möglichst tüchtige und wohlerzogene neue Bürger zuzuführen, um
-es im Kampf ums Dasein der Nationen konkurrenzfähig und siegreich zu
-erhalten.
-
-Ist es denn nicht ein tief beschämender Gedanke, dass in allen
-modernen Kulturvölkern die bisherige Durchschnittszahl der ehelichen
-Geburten nicht ausreichen würde, um dieselben vor Rückgang und
-allmählichem Aussterben zu bewahren, dass z. B. das deutsche Volk seine
-Vermehrung seit dem Jahre 1815, durch welche allein es in den Stand
-gesetzt wurde, seine Existenz gegen Frankreich siegreich zu behaupten,
-lediglich den Opfern verdankt, welche die Mütter der unehelichen Kinder
-auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt haben? Ist es denn nicht
-ebenso beschämend für die höheren Stände, dass sie, die am ehesten in
-der Lage wären, für die Volksvermehrung ein Uebriges zu thun, in der
-Erfüllung dieser staatsbürgerlichen Pflicht hinter dem Durchschnitt
-weit zurückbleiben, dem Proletariat zu andern Lasten auch noch die
-Last aufbürden, den Ausfall ihrer Leistungen zu decken und dadurch
-eine umgekehrte natürliche Zuchtwahl, eine Erhaltung des mindest
-Entwickelten, inauguriren?
-
-In dem unnatürlichen egoistischen Widerwillen vieler Mädchen der
-höheren Stände gegen eine opferbereite Erfüllung des Frauenberufs ist
-ein zwar verborgenes und sorgsam verhülltes aber doch hinreichend
-durchscheinendes Motiv aufgedeckt, welches die Männer von der Ehe mit
-Standesgenossinnen abschreckt, sobald sie klar genug blicken, um zu
-merken, dass es darauf abgesehen ist, sie im Handel zu betrügen, und
-dass sie in einer solchen Ehe vor die Wahl gestellt sind, entweder
-unter dem Druck pekuniärer Motive sich mit guter Miene in die Lage des
-Betrogenen zu finden, oder die Frau zur Erfüllung ihrer Pflichten zu
-zwingen auf Kosten des ehelichen Friedens und häuslichen Behagens. Es
-giebt aber auch offener zu Tage liegende Gründe, welche die Zunahme
-der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung erklären, nämlich der immer
-allgemeiner werdende Hang, über seinen Stand hinaus zu leben.
-
-Es ist unbestreitbare Thatsache, dass trotz einer rascheren Vermehrung
-der Bevölkerung die Lebenshaltung aller Stände in den letzten 150
-Jahren ausserordentlich gestiegen ist. Unsere heutigen Arbeiter,
-welche über Unzulänglichkeit der Löhne klagen, können sich kaum einen
-Begriff davon machen, in welchem Elend ihre Urgrosseltern lebten; aber
-unser Mittelstand bis in die höchsten Berufsarten hinauf kann sich in
-seinen älteren Gliedern noch sehr wohl entsinnen, welche puritanische
-Einfachheit in den Häusern seiner Grosseltern nach den Mittheilungen
-der Eltern in deren Jugend geherrscht hat. Die Möglichkeit einer
-besseren Lebenshaltung aller Stände trotz schneller Volksvermehrung
-liegt ausschliesslich darin, dass jetzt die aufgespeicherte Sonnenkraft
-vergangener Jahrtausende, die wir mit den Steinkohlen aus der Erde
-graben, vermittelst unsrer Maschinen unverhältnissmässig viel mehr
-Gebrauchswerthe producirt, als dieselbe Volkszahl durch eigne Kraft
-und Handarbeit liefern könnte, und dass wir gegen einen überschüssigen
-Theil dieser Fabrikate die Bodenprodukte andrer Länder und Welttheile
-eintauschen können. Der Grund dafür, dass der Drang nach Steigerung
-des Wohllebens gegenwärtig so viel intensiver geworden und theilweise
-in eine krankhafte Genusssucht ausgeartet ist, liegt einerseits darin,
-dass die bedeutend vermehrte Klasse der sehr Reichen in dem produktiven
-Raffinement unsrer Zeit die Mittel zu einem höchst verfeinerten
-Wohlleben vorfindet und durch ihr Beispiel die andern Stände zur
-Nacheiferung anreizt, andrerseits darin, dass der demokratische
-nivellirende Zug unsres Zeitalters sich mehr als je gegen die
-Unterschiede des Komforts verschiedener Stände als gegen eine sociale
-Ungerechtigkeit auflehnt, und die Genüsse der Bevorzugten als das
-gleiche Recht für Alle fordert.
-
-Wie überall sind auch hier Vortheile und Nachtheile verbunden. Die
-Intensität des Emporstrebens in eine günstigere Lebenslage, welche der
-Haupthebel des Kulturfortschritts durch Steigerung des Wettbewerbs
-und des Arbeitseifers ist, hängt selbst wieder wesentlich von der
-Intensität ab, mit welcher von jedem Stande die Theilnahme an den
-Genüssen und Vorzügen der über ihm stehenden Stände ersehnt wird und
-insofern ist diese Intensität ein Vorzug unsrer Zeit. Andrerseits
-liegt in ihr eine Steigerung der Gefahr, dass man die Zukunft, d.
-h. die reellen Chancen des socialen Emporsteigens der Familie, um
-der Gegenwart willen, d. h. um des vermehrten augenblicklichen
-Behagens willen preisgiebt, dass man die erstrebte Sache, d. h. die
-Gewinnung einer behaglicheren Lebenslage, dem blossen Schein ihres
-Besitzes opfert. In diesem Sinne wird dasjenige, was Hebel eines
-beschleunigten Kulturfortschritts sein sollte, zum Hinderniss des
-Fortschreitens der Familie, nämlich wenn der Leichtsinn, welcher die
-Mittel des Emporklimmens in momentaner Genusssucht verzehrt, und die
-Eitelkeit, welche den gleissenden Prunk und die hohle Prahlerei an die
-Stelle des wirklichen Besitzes einer günstigeren Lage setzen, sich
-hinzugesellen. Darum ist der Drang nach Emporsteigen nur insoweit
-wirthschaftlich gesund und social berechtigt und zweckmässig, als er
-die Kräfte zum Erwerb grösserer Mittel anspornt, aber verderblich,
-wo er mit den vorläufig zur Verfügung stehenden Mitteln das Ziel des
-Wunsches vorwegnimmt, d. h. zu unverhältnissmässigen Luxus führt. Wie
-ein unverhältnissmässig geringes Luxusbedürfniss zum Hemmniss des
-Kulturfortschritts wird und ein Volk zum Stillstand verurtheilt, so
-muss ein übermässiges, d. h. über die verfügbaren Mittel hinausgehendes
-Luxusbedürfniss zum kulturgeschichtlichen Rückschritt und endlich zum
-Ruin führen.
-
-Was für ganze Völker gilt, das gilt nicht minder für einzelne Stände
-und Familien. Nichts muss so unfehlbar den Ruin des Grundadels
-beschleunigen, als dessen krankhafte Sucht, sich an Luxus nicht von
-dem Geldadel überflügeln zu lassen, und ein grosser Theil der Klagen
-über die zunehmende Verschuldung des Grossgrundbesitzes ist allein
-darauf zurückzuführen, dass die rasche Steigerung der Gütererträge doch
-noch weit überholt ist durch die Steigerung der Lebensgewohnheiten der
-unmittelbar und mittelbar von ihnen lebenden Familien. Der Dienstadel
-oder Beamtenstand klagt in den meisten Beamtenkategorien mit Unrecht
-darüber, dass die Steigerung der Gehälter mit der Entwerthung des
-Geldes nicht gleichen Schritt gehalten habe; seine sociale Stellung ist
-nur dadurch relativ ungünstiger geworden, weil die Lebensgewohnheiten
-des Geldadels und des mit ihm wetteifernden Grundadels seit einigen
-Menschenaltern sich ausserordentlich gesteigert haben, so dass er
-im Vergleich zu diesen ihm verwandten Ständen sich in derselben
-Lage höchst unzufrieden fühlt, mit welcher er früher sehr zufrieden
-war. Sogar der Officierstand, der am meisten Anlass hätte, jede
-Verweichlichung zu scheuen und in spartanischer Bedürfnisslosigkeit
-seine Ehre zu suchen, ist mehr und mehr in einen thörichten Wettstreit
-mit dem Geldadel gerathen, und hier wirkt jede Verirrung des
-Standesgeistes um so schlimmer, als der Einzelne weit weniger die
-Möglichkeit hat, sich gegen erkannte Unsitten aufzulehnen. Weil in
-allen Ständen mit Ausnahme des Geldadels die Ansprüche an das Leben
-schneller gewachsen sind als die Mittel ihrer Befriedigung, nur darum
-ist die Unzufriedenheit und die Klage über unauskömmliche Mittel jetzt
-so weit verbreitet.
-
-Dieselben Stände, welche früher bei bescheidener Lebensweise Mittel
-genug übrig hatten, um eine reichliche Kinderzahl anspruchslos aber gut
-zu erziehen und noch einen Nothgroschen für die Familie zurückzulegen,
-verbrauchen jetzt bei gestiegenen Lebensansprüchen ein Einkommen
-von mindestens gleicher Kaufkraft entweder für sich allein oder für
-eine viel kleinere Familie, erziehen wenige, aber anspruchsvolle und
-verwöhnte Kinder und lassen ihre Hinterbliebenen in einer hilflosen,
-mit ihrer Verwöhnung um so bitterer kontrastirenden Lage zurück, weil
-die luxuriösere Lebenshaltung für Sparrücklagen zur Selbstversicherung
-nichts übrig lässt. Die so über ihren Stand hinaus gewöhnten Kinder
-sind dann die Heirathskandidaten der nächsten Generation. Ist es da ein
-Wunder, wenn die Söhne Bedenken tragen, sich zu verheirathen und ihren
-Arbeitsertrag für sich allein verbrauchen, und wenn die mittellosen
-Töchter dem Loose einer traurigen Jungfernschaft und oft genug dem
-Kreise der verschämten Armuth verfallen?
-
-Auch in der Familie, ebenso wie im Stande und im Volke, ist der Tod,
-d. h. das Aussterben, der Sold der wirthschaftlichen Sünde. Wo noch
-ein natürliches sociales Solidaritätsbewusstsein herrscht, wirkt diese
-Erkenntniss als ein Gegenmotiv gegen die wirthschaftliche Verirrung;
-aber das ist gerade das Gefährlichste an der individualistischen
-Atomisirung und dem abstrakt-idealistischen Nivellement unserer Zeit,
-dass jedes Individuum nur an sich und seine Rechte auf das Leben, aber
-nicht an seine Gliedschaft in socialen Individuen höherer Ordnung und
-an seine Pflichten gegen diese denkt. Après nous le déluge! ist der
-Wahlspruch der selbstsüchtigen Genusssucht; mag die Welt hernach ohne
-mich weiter gehen, wie sie kann und will, wenn ich nur mein Leben
-genossen habe, so gut ich konnte! Hier enthüllt sich die sittliche
-Verirrung und Verkehrtheit als Wurzel der wirthschaftlichen. Familien,
-die ihre Mitglieder in diesem unsittlichen Egoismus sich verhärten
-lassen, verdienen auch aus sittlichem Gesichtspunkt, unterzugehen und
-durch neuaufstrebende Elemente ersetzt zu werden.
-
-Glücklicher Weise sind solche extreme Erscheinungen noch keineswegs
-allgemein verbreitet, wenn auch in geringerem Maasse die Tendenz zu
-luxuriöseren Lebensgewohnheiten schon den ganzen socialen Körper
-inficirt hat. Es steckt auch in unsern höheren Ständen noch ein
-überwiegend gesunder Kern, und an ihn wende ich mich, um ihn durch die
-Erkenntniss, wohin die Verirrung der Zeit führen muss, zum Widerstande
-gegen einen bethörten Zeitgeist und Standesgeist zu ermuthigen und
-diesen Geist durch eine energische Reaktion in gesundere Bahnen
-zurückführen zu helfen.
-
-Wenn ich vorher darauf hingewiesen habe, dass es vorzugsweise das
-weibliche Geschlecht ist, dessen Egoismus sich gegen die vorbehaltlose
-und opferwillige Erfüllung der ihm auferlegten Berufslasten zu sträuben
-in Gefahr ist, so erfordert die Gerechtigkeit die Anerkennung, dass es
-vorzugsweise das männliche Geschlecht ist, welches aus finanziellen
-Bedenken vor der Ehe zurückscheut. Denn wie das Weib den schwereren
-Theil der natürlichen Lasten zu tragen hat, so der Mann den schwereren
-Theil der socialen Lasten, d. h. die Beschaffung des Unterhalts für
-die ganze Familie. Das Mädchen, das sich verheirathet, muss dem Manne
-soweit vertrauen, dass er für den Unterhalt der Familie sorgen wird;
-sie hat mit darunter zu leiden, wenn sie sich geirrt hat, aber sie
-trägt keine Verantwortung dafür. Der Mann dagegen, der sich zur Ehe
-entschliesst, übernimmt die ganze Verantwortung für die Erhaltung
-der Familie und scheut vor dem Gedanken zurück, dieser Verantwortung
-nicht gewachsen zu sein. In finanzieller Hinsicht schreiten deshalb
-die meisten Mädchen geradezu leichtsinnig zur Ehe, auch wenn sie in
-andrer Hinsicht gar nicht leichtsinnigen Temperaments sind; sie werden
-dabei von einem gewissen Fatalismus der Pflichterfüllung getragen und
-von der beruhigenden Gewissheit, alle Verantwortlichkeit in dieser
-Hinsicht auf den Mann abwälzen zu können. Es liegt ihnen so viel daran,
-zur Erfüllung ihres natürlichen Berufs und zu den socialen Vortheilen
-der Frauenstellung zu gelangen, dass sie ihre kritische Besonnenheit
-bereitwillig zurückdrängen und sich gern einer Täuschung über die
-Zukunft hingeben, die sie bei jeder ihrer Freundinnen ohne Zweifel
-durchschauen würden. Sie sind demgemäss stets bereit, die Sorgen und
-Bedenken eines sonst willkommenen Bewerbers zu beschwichtigen und
-denselben ihrer Anspruchslosigkeit, Genügsamkeit, Arbeitslust und
-Opferwilligkeit zu versichern, um ihm den Entschluss zu erleichtern.
-Diese Versicherungen sind auch keineswegs Lügen, sondern gute Vorsätze,
-deren Erfüllung sie sich wirklich zutrauen; zumal wenn ein Mädchen
-liebt, so hält sie keine Beschränkung für zu gross, um als Hinderniss
-der Vereinigung mit dem Geliebten gelten zu dürfen.
-
-Leider pflegt die gehobene Stimmung der Braut nicht für die Dauer
-vorzuhalten und oft sind alle die guten Vorsätze bloss Pflastersteine
-auf dem Wege zu einer ehelichen Hölle. Die alten Gewohnheiten behaupten
-ihr Recht, und wenn auch die Vernunft so weit die Oberhand behält,
-um die unvermeidlichen Entbehrungen zu ertragen, so fehlt dabei doch
-nicht bloss die Freudigkeit, sondern oft genug auch die blosse Geduld,
-und die mangelnde Zufriedenheit der Frau lässt auch die häusliche
-Behaglichkeit des Mannes nicht aufkommen. Bald ist es die Kleidung und
-der Putz oder Schmuck, bald der Charakter des Wohnorts, bald die Grösse
-der Wohnung, bald die Bedienung, bald die Kost, bald die Beschaffenheit
-des Umgangskreises, bald die Zerstreuungen und Vergnügungen, welche
-bei der neuen Lebensweise mit den früheren Gewohnheiten der Frau im
-Widerspruch stehen und durch welche ihre Unzufriedenheit erregt wird.
-Manchmal werden die alten Gewohnheiten durch neue verdrängt, aber meist
-behauptet die Erinnerung an die früher besessenen Annehmlichkeiten ihr
-Recht und verhärtet und verbittert sich in Bezug auf den einen oder den
-andern Punkt je länger je mehr. Schlimmer noch als offne Klagen und
-Vorwürfe wirkt auf den Gemüthsfrieden des Mannes die unausgesprochene
-ständige Unzufriedenheit der Frau, sowohl der mürrischen wie der
-sanft duldenden, und am schlimmsten ist die hysterisch angehauchte
-Bedrücktheit und Melancholie, welche stets mit dem Uebergange in
-wirkliches Gemüthsleiden droht, wenn ihr nicht der Wille geschieht
-und sie durch Zerstreuungen abgelenkt wird. Ist dem unbefriedigten
-Anspruch durch Geld abzuhelfen, so soll der Mann wo möglich seine
-schon voll angespannte Arbeitskraft überspannen, um demselben genug zu
-thun; will er aber gar das Geld, welches zu diesem Zwecke ausreichen
-würde, zur Selbstversicherung der Familie zurücklegen, so betrachtet
-die Frau das einfach als einen Raub an dem ihr Gebührenden. Reichen
-die Mittel ohnehin schon nicht aus, um irgendwelche Ansprüche der Frau
-zu befriedigen, so muss natürlich einer solchen Frau jeder Gedanke
-an weitere Vergrösserung der Familie als ein von dem rücksichtslosen
-Manne gegen sie geplantes Verbrechen erscheinen; denn nun verbinden
-sich in ihr der Egoismus in natürlicher und in wirthschaftlicher
-Hinsicht, um den Zweck der Ehe zu vereiteln. Ebenso staunenswürdig
-wie die Opferwilligkeit, die Energie und die Ausdauer der Leistungen
-sind, zu denen das Weib als uneheliche Mutter oder als Wittwe unter
-dem eisernen Zwang der Nothwendigkeit, für ihre Kinder zu sorgen,
-sich aufschwingen kann, ebenso grausam und unbarmherzig kann die
-egoistische Rücksichtslosigkeit sein, mit welcher dasselbe Weib alle
-Lasten dem Manne aufbürdet, so lange sie noch einen hat.
-
-Das hier gezeichnete Bild ist glücklicher Weise nicht die Regel,
-sondern nur die Ausnahme, wenn auch keine ganz seltene; aber irgend
-etwas von den hier zusammengestellten Zügen wird man bei einiger
-Aufmerksamkeit häufiger entdecken als man denkt. Jeder Mann, der mit
-Heirathsgedanken umgeht, muss daran denken, dass eine solche Zukunft
-auch ihm blühen kann, und dass wenigstens die guten Vorsätze und
-Versicherungen seiner Erkorenen ihm ganz und gar keine Bürgschaft
-dagegen gewähren.
-
-Bewunderungswürdig erscheint mir stets das Durchschnittsweib aus dem
-Volke, das ohne Dienstboten ihr ganzes Hauswesen allein besorgen, ihre
-Wochenbetten unter dem Beistand gefälliger Nachbarinnen erledigen,
-ihre Kinder selbst warten und pflegen, dabei noch oft die Rohheiten
-eines rücksichtslosen und zeitweise betrunknen Mannes ertragen und
-durch eignen Arbeitsverdienst zur Einnahme der Familie beisteuern
-muss, und das alles mit der Aussicht, im Falle der Wittwenschaft für
-ihre Erhaltung und für die Erziehung der Kinder mit ihren zwei Händen
-aufkommen zu müssen. Dieses Weib aus dem Volke trägt entschieden den
-schwereren Antheil an der Last des Lebens, und die Art, wie sie ihn
-meistens trägt, nöthigt uns volle Hochachtung vor ihrem sittlichen
-Werthe ab, welcher dem des Mannes meist ebenso überlegen ist, wie er
-in den höheren Ständen hinter diesem zurücksteht. An den unglücklichen
-Ehen und Scheidungen in den niederen Ständen trägt meist der Mann, an
-denjenigen in den höheren Ständen überwiegend die Frau die Schuld; in
-den ersteren ist entschieden die Frau, in den letzteren gewöhnlich der
-Mann der liebenswürdigere und innerlich gebildetere Theil.
-
-Den Grund davon sehe ich wesentlich darin, dass die Mädchen und
-Frauen der höheren Stände durch geschäftigen Müssiggang systematisch
-verdorben, von dem Gedanken, dass Arbeiten und Dulden der natürliche
-Zustand des Menschen sei, entwöhnt und darauf hingedrängt werden,
-in der Bequemlichkeit und Vergnüglichkeit den Zweck ihres Daseins
-zu suchen. Ein fünfstündiger Mädchenschulunterricht mit zwei- bis
-dreistündiger häuslicher Arbeitszeit, einhalb- bis einstündigem
-Schulwege und nebenherlaufenden Privatstunden verbietet es, die Mädchen
-während der Schulzeit zu häuslichen Arbeiten heranzuziehen; wenn sie
-dann mit 15 bis 17 Jahren die Schule verlassen, so haben sie bereits
-gelernt, sich als Damen zu fühlen, welche für häusliche Arbeiten
-zu vornehm und zu gebildet sind, und wenn sie auch wirklich anders
-dächten, so sind in einem Hauswesen mit der entsprechenden Zahl von
-Dienstboten keine nennenswerthen Arbeiten da, welche die Hausfrau ihnen
-anweisen könnte. Vom 16. Jahre bis zur Verheirathung in den 20er Jahren
-sind sie somit zum Müssiggang förmlich gezwungen, wenn sie sich nicht
-zu einem wissenschaftlichen oder künstlerischen Studium entschliessen,
-durch welches sie dem Beruf als künftige Hausfrauen immer mehr
-entfremdet werden. Das einzige, was sie im Durchschnitt lernen, das
-ist, ihre nutzlose Zeitvergeudung mit mehr oder minder Grazie zu
-verschleiern, sei es durch das Lesen der allerneuesten englischen und
-französischen Schundromane (der einzigen Frucht ihrer Sprachstudien),
-sei es durch Klavierklimpern, sei es durch zwecklose augenverderbende
-Handarbeiten.
-
-Jeder Arbeitseifer, jedes Gefühl des Verpflichtetseins zu
-volkswirthschaftlichen Leistungen, jede Scham vor einer blossen
-Schmarotzerexistenz und unverdientem Wohlleben wird dabei systematisch
-ertödtet, und man kann sich nicht wundern, wenn die so erzogenen
-Mädchen vor dem Gedanken zurückschaudern, als Frau in ein Hauswesen
-eintreten zu sollen, wo ihnen zwar die grobe Arbeit durch eine Magd
-abgenommen wird, aber das eigentliche Kochen, das Schneidern ihrer
-eigenen Kleidung und derjenigen für die Kinder, und, was am schwersten
-wiegt, die tägliche und nächtliche Kinderpflege auf ihre eignen
-Schultern fallen würde. Das Höchste, wozu sie sich aufschwingen
-wollen, ist die Last der Leitung eines Hauswesens mit mehreren
-Dienstboten, deren Ansprüche an Gedankensammlung und wohlüberlegte
-Anordnung schon grell genug von der in der Mädchenzeit gewohnten
-passiven Bummelei abstechen; aber einen Mann zu nehmen, der nicht
-im Stande ist, ihnen Köchin und Kindermädchen zu halten, und alle
-Familiengarderobe durch fremde Hände anfertigen zu lassen, darin sehen
-sie mindestens ein so grosses Opfer, dass es durch ein lebenslängliches
-Aufhändengetragenwerden vom Manne nicht aufgewogen werden kann.
-
-In der Regel denkt ein Mädchen beim Heirathen nur an den Brautstand,
-die Hochzeitkleider und die Honigmonde, und alle +damit+ gegebenen
-Lasten ist sie willig, auf sich zu nehmen. Kommen nachher die Kinder
-hinzu, welche eine Kinderwärterin, Kinderkleider, vergrösserte Wohnung
-und Tafel verlangen, nun so ist das eben bloss Schuld des Mannes,
-für die er aufzukommen hat. Kann er das nicht in dem Maasse, wie das
-Behagen und die Bequemlichkeit der Frau es verlangen, so macht er
-dadurch diese zur Märtyrerin, oder er vergrössert vielmehr nur das
-Martyrium, welches die Frau durch die wiederholten Schwangerschaften,
-Entbindungen und Wochenbetten „um seinetwillen“ tragen muss. Dass in
-den höheren Ständen der Beruf des Mannes, durch welchen er die Mittel
-für die Erhaltung der Familie beschafft, ein viel grösseres Martyrium
-ist als derjenige einer alle ihre Pflichten erfüllenden Frau, dass er
-namentlich die Lebensdauer in viel höherem Grade abkürzt, das kommt
-dabei natürlich nicht in Betracht. Wie der Beruf den Mann allmählich
-aufreibt und seine Gesundheit untergräbt, entzieht sich in den
-früheren Stadien meistens der Beobachtung, wird auch wohl vom Manne
-geflissentlich ignorirt; wie dagegen der Beruf der Frau vorübergehende
-und später sich meist völlig wieder ausgleichende Störungen des
-Wohlbefindens hervorruft, das liegt auf der Hand, und die Frauen
-ermangeln selten, es in das rechte Licht zu stellen, wie „leidend“
-sie durch Erfüllung ihres Berufs geworden sind, zumal wenn sie dabei
-„nervös“ oder gar „hysterisch“ sind.
-
-Und wie viele Frauen der höheren Stände giebt es, die nicht nervös
-sind? Wie viele, welche körperlich der Erfüllung ihres Berufes noch
-vollauf gewachsen und im Stande sind, die Vereinigung von Arbeit und
-Kinderwartung am Tage mit jahrelanger nächtlicher Ruhestörung ohne
-unerträgliche Steigerung ihrer Nervosität zu ertragen? Durch das
-sinnlose Aderlassen der vorhergehenden Jahrhunderte sind wir zu einem
-blutarmen, bleichsüchtigen Geschlechte, durch das städtische Leben mit
-seinen künstlichen Erregungen und seinem Mangel an frischer Luft und
-Bewegung im Freien zu einem nervösen Geschlecht geworden, und in Folge
-der unvernünftigen Ueberanstrengung des zarter gebauten weiblichen
-Gehirns vom 6. bis zum 16. Jahr durch unsre höheren Töchterschulen
-und weiterhin durch die weiblichen Berufsstudien haben wir den durch
-das gesundheitswidrige Schnüren der letzten Generationen schon aus
-dem Gleichgewicht gerückten weiblichen Organismus der höheren
-Stände dahin gebracht, dass er zu seinen natürlichen Zwecken immer
-untauglicher geworden ist. Kein Wunder, wenn da der Geist anfängt,
-sich gegen die Erfüllung der Naturzwecke aufzulehnen, zu denen er
-den Körper unbrauchbar fühlt. Das nach Glück und Liebe sich sehnende
-Herz des Mädchens geräth in Widerspruch mit der Natur und wird fast
-unwillkürlich zu einem platonischen abstrakten Idealismus hingedrängt,
-in welchem es wähnt, ein Männerherz ohne die Naturbasis der Liebe
-sich dauernd zu eigen machen zu können; unsre ganze Mädchenerziehung,
-welche auf ängstliche gewaltsame Verschleierung und Ignorirung dieser
-Naturgrundlage und ihrer Weisheit und Würde ausgeht, unterstützt
-diese ihrem Egoismus so angenehme Verirrung und der Mann hat nachher
-die Kosten dieser künstlichen Selbsttäuschung zu tragen, indem sein
-naturgemässes Verhalten ihm als sinnliche Rohheit und rücksichtslose
-Barbarei in Rechnung gestellt wird. Wenn es so der Frau auch nicht
-gelingt, den Mann von seinem Unrecht gegen sie zu überzeugen, so
-überzeugt sie ihn doch hinlänglich von ihrer Naturentfremdung,
-Untüchtigkeit und Selbstsucht, stumpft hierdurch wie durch die quälende
-Unzufriedenheit mit ihrer Lage die anfängliche Liebe des Mannes für sie
-mehr und mehr ab, und gelangt so an einen Punkt, wo der erkaltete und
-ermüdete Mann dem Appell an seinen wirtschaftlichen Egoismus zugänglich
-wird. Die Folge ist dann die geringere Kinderzahl der Ehen der höheren
-Stände im Vergleich mit denen der niederen.
-
-Die jungen Männer reflektiren wohl selten auf alle hier aufgeführten
-Umstände, aber sie haben doch eine mehr oder minder deutliche
-Kenntniss von der Naturentfremdung, körperlichen und geistigen
-Berufsuntüchtigkeit, Arbeitsscheu, Verwöhnung und Selbstsucht der
-Mädchen höherer Stände, denn sie kennen ja ihre Schwestern. Sie haben
-deshalb eine instinktive Furcht vor der Ehe, und ziehen es vor, mit
-Mädchenherzen +vor+ der Ehe zu spielen, anstatt mit ihrem Herzen +nach+
-der Hochzeit spielen zu lassen. Sie fürchten mehr als in irgend einer
-früheren Kulturperiode die Liebe, welche sie verblenden könnte gegen
-das, was sie zu erwarten haben, schätzen ihre Junggesellenfreiheit um
-so höher, und hoffen, dass ihnen der „Reinfall“ auf ein vermögensloses
-Mädchen erspart bleiben wird. Wenn sich nun in dieser Hoffnung auch ein
-grosser Procentsatz täuscht, so ist doch solche generelle Abneigung
-der gebildeten Jugend gegen die Ehe mit einem vermögenslosen Mädchen
-ein höchst bedenkliches Zeichen der Zeit, ein Symptom von einem auch
-in der Männerwelt überwuchernden Egoismus, von Mangel an Familiensinn
-und socialem Pflichtgefühl. Kein Mann kann bezweifeln, dass es auch
-unter den vermögenslosen Mädchen seines Standes Ausnahmen genug giebt,
-dass er, wenn er durchaus in seinem Stande heirathen will, den Muth
-haben muss, nach diesen Ausnahmen zu suchen, dass es mit zu seiner
-Pflicht gehört, im Falle der Enttäuschung in der Ehe den Kampf mit der
-Selbstsucht der Frau aufzunehmen und die versäumte Erziehung derselben
-nachzuholen, dass er endlich selbst bei Erfolglosigkeit dieses Strebens
-seine Töchter anders erziehen und eine bessere sociale Zukunft
-heraufführen helfen soll.
-
-Das Verschanzen hinter die weiblichen Fehler ist leider nur zu oft ein
-blosser Vorwand der männlichen Jugend, um ihrer Selbstsucht, d. h. dem
-Verbrauch ihres gesammten Einkommens für ihre Person, ungestört weiter
-fröhnen zu können. Wer seine ganze Einnahme für sich allein verbraucht,
-der schreckt natürlich davor zurück, plötzlich den Haupttheil derselben
-für eine Familie abgeben zu sollen; er verschiebt das Heirathen auf
-eine Gehaltserhöhung, hat aber, wenn diese kommt, nicht gerade eine
-bestimmte Frau in Aussicht und gewöhnt sich dann daran, auch das höhere
-Einkommen ganz für seine persönlichen Bedürfnisse zu verbrauchen.
-Uebermannt ihn eine wirkliche Liebe, so entschliesst er sich freilich
-zu Opfern und Einschränkungen und findet nachher meistens, dass ihm die
-Entbehrungen viel leichter geworden sind, als er sich vorher gedacht
-hat, gerade umgekehrt wie bei der Frau. Fehlt es aber zu der Zeit, wo
-sein Einkommen für eine Familie ausreicht, an einer rechten Liebe in
-seinem Herzen, die ihn über die kleinliche Selbstsucht hinweghebt --
-und diess ist nur zu oft der Fall -- so wird die letztere bei vielen
-stark genug sein, sie von der Erfüllung ihrer socialen Bürgerpflicht
-durch Eheschliessung abzuhalten. Freilich giebt es noch junge Männer
-genug, die auch ohne eigentliche Liebesleidenschaft ganz gern bereit
-wären, sich erhebliche persönliche Einschränkungen aufzulegen, um des
-Familienglücks und des häuslichen Behagens theilhaftig zu werden, wenn
-sie nur noch den Glauben fassen könnten, dass dieses Glück ihnen mit
-den verwöhnten und anspruchsvollen Mädchen ihres Standes wirklich noch
-blühen könne, wenn sie nicht fürchten müssten, alle Opfer umsonst zu
-bringen und sich durch Fesselung an eine unzufriedene und missvergnügte
-Frau das Leben zu verbittern.
-
-Die schonungslose Aufdeckung der Gründe, aus denen die vermehrte
-Ehelosigkeit und Heirathsverspätung und die verminderte Kinderzahl
-unserer höheren Stände entspringt, mag manchem Leser peinlich gewesen
-sein, aber sie hat wenigstens den Vortheil, die Punkte erkennbar zu
-machen, an welchen die Hebel zur Wiederherstellung gesunderer socialer
-Zustände angesetzt werden müssen.
-
-Zunächst kann die Gesetzgebung etwas thun, nämlich die Prämie aufheben,
-welche auf der Ehelosigkeit steht in Folge des Umstandes, dass der
-Familienvater von seinem Einkommen trotz der erhöhten Leistungen für
-den Staat durch die Kindererziehung und trotz des höheren Beitrags zu
-den indirekten Steuern und Zöllen doch noch dieselben direkten Steuern
-zahlen muss, wie der Junggesell, und dass nach Intestaterbrecht ledige
-und verheirathete Erben gleichen Erbanspruch haben. Wir betrachten
-zunächst den ersten Punkt.
-
-Ob ein Einkommen eine oder fünf Personen ernährt, müsste sich
-doch in der Steuerquote ausdrücken, d. h. der unverheirathete
-Steuerzahler müsste von dem gleichen Einkommen das Fünffache an
-direkter Steuer entrichten, wie der Familienvater, um einen billigen
-Ausgleich herzustellen. Wir können nicht zu dem Athenischen Gesetze
-zurückkehren, nach welchem der gesunde Bürger mit zurückgelegtem
-vierzigsten Lebensjahr zur „Zwangstrauung“ geführt wurde (wie bis
-vor Kurzem bei uns die Kinder zur Zwangstaufe), aber wir können
-unsern Bürgern die Eheschliessung dadurch als eine staatsbürgerliche
-Ehrenpflicht einschärfen, dass wir die Entziehung von derselben ähnlich
-wie diejenige von gewissen Ehrenämtern der Selbstverwaltung durch
-Vervielfachung der direkten Steuern ahnden. Das Geschlecht kann hierbei
-keinen Unterschied begründen; denn in den steuerpflichtigen Jungfern,
-mögen sie im Einzelnen noch so unschuldig an ihrem Sitzenbleiben sein,
-muss die Entartung ihres Geschlechts im Ganzen gestraft werden, da die
-Gesetzgebung nicht individualisiren kann. Da die unteren Stufen der
-Klassensteuer ohnehin schon bei uns aufgehoben sind, und weitere Stufen
-der Aufhebung entgegen sehen, so würden die von ihrem Arbeitsertrag
-lebenden Jungfern von einer solchen Massregel ebensowenig betroffen
-werden, wie die niederen Stände überhaupt, und auf weiblicher Seite
-nur die besser situirten Rentnerinnen darunter zu leiden haben, die
-es vertragen können.[8] Da die Entziehung von der socialen Pflicht
-der Familiengründung um so gemeinschädlicher und strafbarer ist, je
-wohlhabender die ledigen Individuen sind, so wäre es sogar nicht
-mehr als billig, den Coefficienten für die Vervielfachung der Steuer
-progressiv zu machen; denn je grösser die Wohlhabenheit, desto
-strafbarer ist die Entziehung von der Pflicht der Familiengründung und
-desto nachtheiliger wirkt die durch sparsame Proliferation verursachte
-Vermögensanhäufung. In den niederen Ständen, wo die Vermehrung schon
-eher zu schnell als zu langsam ist, hat man durch Aufhebung aller
-Erschwerungen und Unkosten der Eheschliessung und durch die theils
-schon durchgeführte, theils in Aussicht stehende Aufhebung des
-Schulgeldes alles gethan, um die Vermehrung noch zu befördern; in den
-höheren Ständen, wo die Vermehrung erschreckend hinter dem Nothwendigen
-zurückbleibt, scheut man bis jetzt vor der natürlichsten Forderung der
-ausgleichenden Gerechtigkeit durch die Vervielfachung der direkten
-Steuern der Ledigen zurück.
-
-Wir kommen nun zu dem zweiten Punkt, nämlich zu der Unbilligkeit,
-welche darin liegt, dass ledige und verheirathete Kinder gleichviel
-erben. Die alten Jungfern, welche eine zwecklose Drohnenexistenz im
-Staate führen, und die Junggesellen, welche ausser ihrer direkten
-Berufsarbeit keine socialen Leistungen für den Staat aufzuweisen haben,
-verdienen nicht, von der Rente des gemeinsamen Familienvermögens den
-nämlichen Antheil zu verbrauchen, wie ihre verheiratheten Geschwister,
-welche durch ihre Kinder gezwungen sind, für ihre Person bei gleicher
-Einnahme viel beschränkter zu leben. Wenn auch die Vermögens-Antheile
-der Ledigen später auf ihre Neffen und Nichten mitübergehen, so
-gelangen sie doch meistens zu spät in deren Hände, um denselben noch
-mit ihrem vollen volkswirthschaftlichen Nutzen zu gut zu kommen, und
-was weit schlimmer ist, die Rente derselben ist für die Lebensdauer
-der Erbonkel und Erbtanten dem social activen Theil des lebenden
-Geschlechtes verloren gegangen und hat durch die unverhältnissmässige
-Erhöhung des Wohllebens, des Komforts und des Luxus der Niessnutzer
-als augenscheinliche Prämie ihrer Ehelosigkeit gewirkt. Umgekehrt
-würde mancher egoistische Junggeselle sich eher zur Verheirathung
-entschliessen und manches wohlhabende wählerische Mädchen vorsichtiger
-in der Austheilung ihrer Körbe und maassvoller in ihren Ansprüchen
-werden, wenn sie wüssten, dass die Hälfte der noch zu erwartenden
-Erbschaften ihnen verloren geht, falls sie ledig bleiben. Um diess zu
-erreichen, müsste das Intestaterbrecht dahin abgeändert werden, dass
-unter verwandtschaftlich gleich nahe stehenden Erbberechtigten die
-Ledigen nur den halben Erbanspruch von demjenigen der Verheiratheten
-haben sollen. Diejenigen Ledigen, welche beim Erbfall noch nicht das
-35. Lebensjahr zurückgelegt haben, müssten beanspruchen können, dass
-ihnen die andere Hälfte ihres Erbtheils sichergestellt werde für den
-Fall, dass sie sich bis zu dem genannten Alter verheirathen, wogegen
-nach Ueberschreitung dieser Altersgrenze der sichergestellte Theil
-unter die verheiratheten Miterben zur Vertheilung gelangen würde. Wem
-diese Bestimmung missfiele, dem bliebe es unbenommen, testamentarisch
-anders zu verfügen; da aber der Erbgang thatsächlich zum grossen Theil
-nach Intestaterbrecht erfolgt, so würde eine Aenderung in diesem
-immerhin einen beträchtlichen realen Einfluss haben.
-
-Für wichtiger als den realen Einfluss würde ich übrigens die moralische
-Wirkung solcher gesetzlicher Bestimmungen halten, insofern sie im Volke
-das Bewusstsein wecken und stärken würden, dass die social passiven
-und social aktiven Theile der Gesellschaft einen so verschiedenen
-socialen Werth für die Gesammtheit haben, dass sie nicht mit gleichem
-Maasse gemessen werden dürfen. Der Satz: „wer nicht arbeitet, soll
-auch nicht essen“ muss wenigstens insoweit wieder zu Ehren kommen,
-dass die sociale Berufslosigkeit der Missachtung preisgegeben wird,
-wo sie verschuldet ist, dass kouponschneidende Müssiggänger und
-Müssiggängerinnen nicht mehr der ehrlichen Arbeit zum Hohn ein
-luxuriöses Wohlleben führen, sondern auf ein bescheidenes Auskommen
-beschränkt werden, und dass diejenigen, welche die staatsbürgerliche
-Ehrenpflicht der Familiengründung nicht erfüllt haben, auch nicht
-gleiche Rechte wie ihre leistungsfähigeren und leistungswilligeren
-Mitbürger zu besitzen verdienen. Der behaglich lebende Junggeselle muss
-aufhören, sich vergnügt in die Hände zu reiben, sich seiner Pfiffigkeit
-zu rühmen, und hohnlachend auf den dummen Tropf herabzusehen, der
-sich im Schweisse seines Angesichts für seine zahlreiche Familie
-plagt. Die spöttische Geringschätzung, welche schon jetzt wegen ihrer
-Berufslosigkeit oft unverdient genug auf der alten Jungfer lastet, muss
-auch auf den körperlich heiratsfähigen alten Junggesellen übertragen
-werden, mit doppelter Wucht, weil er nicht auf das Gewähltwerden zu
-warten braucht, sondern selber die Wahl frei hat; sie muss sich zum
-sittlichen Unwillen steigern, wenn die Entziehung von der socialen
-Ehrenpflicht der Familiengründung sich beim Junggesellen mit
-berufsloser Unthätigkeit paart, aus welcher man der alten Jungfer
-unter den heutigen Verhältnissen kaum einen Vorwurf machen kann.
-
-Wenn auf diese Weise das Gefühl der Verpflichtung zur Familiengründung
-in der männlichen Jugend wieder geweckt und die Entziehung von dieser
-Ehrenpflicht wieder zu einem Gegenstande der Scham gemacht worden ist,
-dann werden auch die jungen Männer mit ganz anderen Augen auf ihre
-Zukunft blicken lernen und ihre Gegenwart mit Rücksicht auf diese
-Zukunft zu gestalten suchen. Jetzt, wo sie für sich leben, halten sie
-es so sehr für das Normale, ihre ganze Einnahme zu verbrauchen, dass
-ihnen das Gegentheil gar nicht in den Sinn kommt; dann, wenn sie ihre
-Junggesellenzeit nur als Vorstufe zu derjenigen des Familienvaters
-ins Auge fassen, werden sie von vornherein ihre Gewohnheiten nach
-Maassgabe der letzteren einzurichten haben. Von seelenmörderischen
-Lastern, wie dem Spiel, werden sie sich viel leichter frei halten,
-wenn ihnen die Perspektive des Familienlebens als Ziel vorschwebt;
-die Kosten für Verhältnisse zweifelhaften Charakters werden sie sich
-ebenfalls auf Grund des näher gerückten ehelichen Lebens lieber
-ersparen, womit dann wiederum der Hauptantrieb zu kostspieligem
-Kleiderluxus in Wegfall kommt. Je mehr sie das Bewusstsein haben, sich
-für künftiges Familienleben vorzubereiten, desto mehr werden sie den
-Familienverkehr der Kneipe vorziehen, desto mehr wird die Verführung
-der Kneipe zur Gewöhnung an übermässige Fleischnahrung, Trinken und
-Rauchen zurücktreten, desto weniger werden sie von ihrer Nachtruhe der
-Erholung opfern und desto besser werden sie für ihre Gesundheit und
-die Erhaltung ihrer Nervenkraft sorgen. Glücklicherweise beginnt das
-Rauchen in der gebildeten Jugend jetzt ebenso aus der Mode zu kommen,
-wie das Tabakkauen und Schnupfen es schon lange ist, und gegen das
-sinnlose Trinken erhebt sich aus studentischen Kreisen selbst ebenso
-eine Reaktion wie aus medicinischen Kreisen gegen den eine Zeitlang
-begünstigten übermässigen Fleischgenuss. Wer aber an gesundheitsgemässe
-gemischte Kost gewöhnt ist und weder raucht, noch trinkt, noch spielt,
-der hat für seine Person kaum noch ein Opfer zu bringen nöthig, wenn
-er zur Ehe schreitet, der wird auch vor der Ehe nicht in Versuchung
-gewesen sein, sein ganzes Berufseinkommen für sich zu verbrauchen,
-sondern wird zeitig angefangen haben zurückzulegen, sei es in Form von
-Ersparnissen oder von Alters- und Lebensversicherung oder sonst wie.
-Ein solcher Mann wird beim Uebergang zum Familienleben nur gewinnen,
-vorausgesetzt, dass er ein gesundes, arbeitsfähiges, arbeitswilliges
-und anspruchsloses Mädchen wählt.
-
-Wenn es bei einem gesunden Zeitgeist und Standesgeist das Natürlichste
-ist, ein solches Mädchen in seinem Stande zu suchen, so muss dies bei
-einem korrumpirten Standesgeist, bei einem zur Unsitte gewordenen
-Leben über den Stand hinaus, ebenso bedenklich erscheinen wie unter
-normalen Verhältnissen das Heirathen über seinem Stande. Niemand darf
-sich für einen Herzenskündiger halten, am wenigsten, wenn Amor ihm
-die Binde um die Augen gelegt hat; deshalb wird Niemand sich zutrauen
-dürfen, den Charakter seiner Erkorenen so zu durchschauen, dass er sich
-auf Grund ihrer guten Vorsätze gegen jeden Rückfall in luxuriösere
-Gewohnheiten, als sie bei ihm fortsetzen kann, gesichert halten dürfte.
-Es bleibt also bei der Trüglichkeit der subjektiven Diagnose dem
-Heirathskandidaten nur das objektive Merkmal übrig, ob die bisherigen
-Gewohnheiten, welche seine Erwählte in der Lebenshaltung ihres
-Elternhauses sich angeeignet hat, nicht über das Maass von Komfort
-hinausgehen, welches er ihr gewähren kann. Ist dies der Fall, so muss
-er sich darüber klar sein, dass auch die beste und bescheidenste Frau,
-die sich willig in die ihr neuen, einfacheren Verhältnisse findet,
-doch nie aufhören wird, ihr Herabsteigen als ein ihm dargebrachtes
-Opfer zu empfinden, welches vorweg durch einen Ueberschuss an Liebe
-über die sonst zu verlangende hinaus ausgeglichen werden muss. Für den
-Mann ist es ein Leichtes, das Weib seiner Wahl zu sich emporzuheben,
-da die meisten Frauen sich mit wunderbarem Geschick höheren Ansprüchen
-anzupassen und in einem höheren Kreise heimisch zu machen verstehen;
-dagegen fällt es dem Weibe unendlich schwer, sich zu dem Manne
-ihrer Wahl so herabzulassen, dass er es nicht mehr als Herablassung
-fühlt. Die Frau vergleicht niemals die Lage, in welche sie ohne die
-geschlossene Ehe nach dem Tode ihrer Eltern gekommen sein würde, mit
-der in der Ehe ihr zu Theil gewordenen, sondern immer nur diejenige,
-welche sie als Mädchen thatsächlich im Elternhause durchlebt hat; denn
-die Frau kümmert sich nicht um abstrakte Möglichkeiten der blossen
-Vorstellung, sondern hält sich an die ihrem Gedächtniss anschaulich
-eingeprägte Erfahrung als allein reell in Betracht kommendes
-Vergleichsobjekt. Fällt dieser Vergleich für die Gegenwart ungünstig
-aus, so hilft kein Hinweis auf das, was inzwischen vermuthlich an
-deren Stelle getreten sein würde, denn die Möglichkeit bleibt ja
-unbestreitbar, dass sie vielleicht auch noch eine bessere Partie hätte
-machen können.
-
-Will also der Mann sicher gehen, so muss er seine Wahl auf solche
-Familien seines Standes beschränken, welche der Verirrung des
-Zeitgeistes erfolgreich Widerstand geleistet und ihre Töchter so
-einfach gehalten, so anspruchslos erzogen und so zur Arbeitsamkeit
-gewöhnt haben, dass sie das ihnen dargebotene Loos an seiner Seite
-ohne Herablassung und ohne Umlernen in ihren Gewohnheiten annehmen
-könne. Ein Mann, dessen voraussichtliche Einnahme mit 30, 40, 50 und
-60 Jahren die Höhe von 30, 40, 50 und 60 hundert Mark nicht übersteigt
-(wie dies durchschnittlich bei unsern meisten höheren Berufsarten
-thatsächlich nicht der Fall ist), kann schlechterdings nur mit einer
-Frau zufrieden und behaglich leben, welche fähig und willens ist, ihre
-eigene Köchin, Kinderwärterin und Schneiderin zu sein und sich nur
-für die grobe Hausarbeit eine Hülfe zu halten. Eine solche wird er
-aber nur in einem Hause suchen dürfen, das selber mit höchstens einem
-Dienstboten oder womöglich ohne solchen mit einer blossen Aufwärterin
-auskommt, und auch sonst in Kost, Kleidung, Wohnung, Reisen u. s. w.
-sich der grössten Bescheidenheit befleissigt, keinesfalls aber in einem
-solchen, wo die erwachsenen Töchter gewohnt sind, sich bedienen zu
-lassen, statt selbst den Eltern und dem Ganzen der Familie zu dienen.
-Findet er aber keine solche Familie in seinem Stande, oder doch keine,
-deren Töchter sein Herz zu gewinnen vermögen, so soll er darum sich
-nicht von seiner Pflicht entbunden erachten, sondern den einfachen
-Ausweg einschlagen, so weit von seinem Stande herabzusteigen, als die
-Gemüthserziehung und Charakterbildung der Töchter noch ausreichend
-scheint, um seinen Kindern die nothwendige mütterliche Erziehung zu
-sichern.
-
-Würde das erstere allgemein unter der männlichen Jugend, so würden
-alle über ihren Stand hinaus lebenden Familien damit bestraft, dass
-ihre Töchter sitzen blieben, und nur die vernünftigen erhielten in der
-ausnahmsweisen Verheirathung ihrer Töchter die Prämie für den Muth
-und die Ausdauer ihres Schwimmens gegen den Strom. Würden an Stelle
-aller Töchter der über ihren Stand hinaus lebenden Familien von den
-jungen Männern Töchter aus geringerem Stande gewählt, so würde der
-korrumpirte weibliche Theil der höheren Stände von der Fortpflanzung
-ausgeschlossen, ohne dass darum die in dem männlichen Theil derselben
-Stände niedergelegten erblichen Eigenschaften dem Kulturprocess mit
-verloren gingen; an Stelle der Blutserneuerung des Standes durch
-Einrücken von ganz neuen Elementen aus den niederen Ständen träte dann
-eine halbseitige Blutsauffrischung durch Konnubium mit den minder
-entarteten Töchtern der nächstniederen Stände. Diese halbseitige
-Blutsauffrischung hat jedenfalls vor der gänzlichen Blutserneuerung
-des Standes den Vortheil, dass die durch Vererbung angehäuften
-Eigenschaften wenigstens des männlichen Theils für die weitere
-Betheiligung des Standes an der Kulturarbeit konservirt werden; aber
-sie macht die Forderung nicht überflüssig, dass man Mittel und Wege
-aufsuchen müsse, um wo möglich auch die weibliche Hälfte der höheren
-Stände vor einer solchen Ausschaltung zu bewahren.
-
-Das bei weitem wirksamste Mittel würde jedenfalls das Bewusstsein
-von der drohenden Ausschaltung durch Verheirathung aller Männer mit
-Mädchen geringeren Standes sein; denn der letzte Grund für das Drängen
-gerade des weiblichen Geschlechts nach Luxus ist doch schliesslich
-nur die Hoffnung, durch solchen Schein einer Erhabenheit über das
-Durchschnittsniveau ihres Standes die Männer zu blenden und für sie
-anziehender und begehrenswerther zu werden. Sobald die Ueberzeugung
-im weiblichen Geschlecht allgemein würde, dass dieses Streben den
-umgekehrten Erfolg hat, würde dessen Nerv gelähmt sein. Der Irrthum
-aber, durch welchen die Mädchen bisher zu diesem verkehrten Verfahren
-sich haben verleiten lassen, entspringt aus der Verwechselung zwischen
-der Anziehungskraft, die ein Mädchen auf einen Mann zur vorübergehenden
-Unterhaltung ausübt, und derjenigen, welche sie auf einen solchen als
-Heirathskandidaten ausübt. Nur die erstere macht sich den Mädchen in
-jeder Gesellschaft und auf jedem Balle sinnlich wahrnehmbar, während
-die letztere sich in ihren Ursachen dem Verständniss der Mädchen zu
-sehr entzieht. Aber ein wenig Nachdenken könnte sie doch lehren,
-dass die am meisten umschwärmten Löwinnen der Bälle und Landpartien
-ebenso oft und noch öfter sitzen bleiben als die unbeachteten und
-unscheinbaren Wegeblümchen. Eine grosse Schuld der Bestärkung in diesem
-Irrthum tragen leider die Mütter, indem sie nach dem Eintritt in die
-Ehe nicht aufhören wollen, auf die zum Theil dem Luxus der Erscheinung
-zugeschriebenen gesellschaftlichen Erfolge zu verzichten, vielmehr
-den Verlust der jugendlichen Reize durch Steigerung der Toilette zu
-ersetzen suchen. Solchen Müttern geschieht dann ganz Recht, wenn sie
-das ihren Töchtern gegebene Beispiel mit deren Sitzenbleiben büssen
-müssen.
-
-Man kann sagen, dass der letzte handgreifliche Grund unserer
-verschrobenen Weiber in dem höheren Töchterschulwesen liegt, das
-sich erst in dem letzten halben Jahrhundert entwickelt hat. Könnten
-wir diese Entwickelung mit einem Streich rückgängig machen, und
-unsere Töchter auf das Niveau der Volksschulbildung, mit dem unsere
-Grossmütter sich begnügen mussten, zurückschrauben, so würden
-sie ebensowenig, wie diese es thaten, sich für zu vornehm und zu
-gebildet zur Erfüllung ihrer natürlichen und socialen Pflichten, zur
-Kinderpflege und Hausarbeit halten. Hat doch selbst die Jungfernfrage
-nur dadurch ihre Schärfe bekommen, dass die Jungfern der höheren Stande
-nicht mehr wie früher in den Hauswesen ihrer Verwandten arbeiten und
-dienen wollen. Alle Halbbildung ist ein Fluch und nicht ein Segen;
-unsere höhere Töchterschulbildung aber ist Halbbildung der schlimmsten
-Art und erzeugt naturgemäss auch die Folgen einer solchen.
-
-Nun lässt sich aber eine fünfzigjährige geschichtliche Entwickelung
-nicht so ohne Weiteres annulliren, und es sind ja auch in der
-Töchterschule berechtigte und der Pflege werthe Elemente vorhanden,
-welche man nicht mit der Wurzel ausreissen sollte, selbst wenn man
-es könnte. Ich begnüge mich hier mit Aufstellung der Forderung, dass
-der Unterricht bis zum 14. Jahre nur 4 Stunden täglich, nachher nur 3
-Stunden (mit Ausschluss von Rechnen und Gesang) umfassen darf, dass
-nur eine fremde Sprache (die französische) getrieben werden und dass
-für die häuslichen Arbeiten nicht mehr als eine Stunde in Anspruch
-genommen werden darf. Hierdurch würde die gesundheitsschädliche
-Ueberanspannung der Mädchengehirne beseitigt und die Möglichkeit
-einer zunehmenden häuslichen Nebenbeschäftigung der Schulmädchen
-eröffnet. Eine fakultative Ausdehnung der Schulzeit auf 11-12 Jahre
-mit nur 2 täglichen Unterrichtsstunden in den beiden letzten Jahren
-würde den jetzt so schroffen Uebergang von der Schule zur häuslichen
-Selbstthätigkeit allmählicher machen und der Schule erst Gelegenheit
-geben, Disciplinen wie Kunstgeschichte mit wirklichem Nutzen zu
-pflegen, die jetzt nur mehr als schöne Aushängeschilder in den
-Schulprogrammen prangen und bloss den Mädchen mit dem Glauben an die
-erlangte Bildung den Kopf verdrehen.
-
-Sache der Mütter ist es, die Töchter sowohl in den Schuljahren mit
-abnehmender Schulzeit wie nach beendigter Schulzeit mit Ernst und
-Strenge zu geordneter und nützlicher häuslicher Thätigkeit anzuhalten,
-Sache der Väter, ebensowohl den heranwachsenden Töchtern wie den
-heranwachsenden Söhnen gegenüber die Hand auf den Beutel zu halten,
-damit sich beide nicht frühzeitig an ein Maass von Ausgaben gewöhnen,
-von dem nach der Verheirathung oder nach des Vaters Tode zurückstehen
-zu müssen sie später als schmerzliche Entbehrung empfinden würden.
-Wenn jeder Familienvater seiner Pflicht eingedenk bleibt, den Etat des
-Hauswesens niemals blos nach den augenblicklich verfügbaren Mitteln
-einzurichten, sondern immer zugleich die Zukunft der Familie im Auge
-zu behalten, dann wird sich ganz von selbst eine Einrichtung des
-Hauswesens ergeben, welche sowohl die Söhne wie die Töchter für ihre
-künftige Aufgabe eigener Familiengründung vorbereitet.
-
-
-
-
-V.
-
-Die heutige Geselligkeit.
-
-
-1. Die Geselligkeit im Hause.
-
-Das grossstädtische Leben hat die Tendenz, seine Uhr zurückzustellen,
-d. h. den Morgen zu verkürzen, die Mittagszeit zu verspäten und den
-Abend zu verlängern. Als ich kleines Kind war, speisten noch die
-meisten Leute mit ihren Kindern in der mittäglichen Schulpause,
-also gegen 1 Uhr, während die jetzige Essenszeit zwischen 2 und 6
-diejenigen Kinder, deren Schulen noch Nachmittagsunterricht haben, von
-der Familientafel ausschliesst. In meines Vaters Jugend begannen die
-Berliner Theater-Vorstellungen um 6, in meiner Jugend um 6½, jetzt um
-7, einzelne erst um 7½ Uhr. Die nächtlichen Sitzungen des englischen
-Parlaments zeigen, bis zu welchem Punkte die naturwidrige Verkehrung
-der Tageszeiten fortschreiten kann. Schon bei uns machen sich die
-unbequemen Folgen der Verspätung des Lebens sehr fühlbar in der
-Geselligkeit.
-
-Naturgemäss liegt die Zeit für geselliges Zusammenkommen in den
-Abendstunden, welche die Erholung nach der Arbeit des Tages bilden
-sollen, und nur besondere Feste dürfen das Recht der Arbeit auf
-die Wochentage verkürzen. Die zu den Lebensgewohnheiten am besten
-passende abendliche Erholungszeit ist zu erkennen aus den Stunden,
-wo der Theaterbesuch stattfindet, daher ist es naturgemäss, dass die
-Geselligkeitszeit mit der Theaterzeit zusammentrifft. Letztere fällt
-bei uns jetzt in die Stunden von 7 bis 10; die abendliche Geselligkeit
-wird etwa eine Stunde mehr beanspruchen, da sie im Unterschied von
-der Theaterzeit die Zeit zum Abendessen in sich schliesst. Eine
-Zusammenkunft, die weniger als 3 Stunden dauert, füllt den Abend
-nicht aus; solche, die mehr als 4 in Anspruch nimmt, wirkt ermüdend
-und wird zur Anstrengung, anstatt Erholung zu sein. Nun war es
-früher angänglich, dass die Gesellschaftszeit eine Stunde später lag
-als die Theaterzeit, jetzt aber, wo die zum Heimweg erforderliche
-Durchschnittszeit mit der Grösse der Stadt wächst, würde schon ein
-Beginn 3½- bis 4-stündiger Gesellschaften um 8 die Nachtruhe derer
-empfindlich stören, welche am anderen Morgen um 8 wieder in ihrem
-Berufe thätig sein müssen. Da aber durch die Eitelkeit, nicht zuerst
-kommen zu wollen, der Anfang der Gesellschaften sich von 8 bis 9
-verschoben hat, und viele erst aus dem Theater in Gesellschaft gehen,
-so wird sogar die Nachtruhe derer geschädigt, welche erst um 9 Uhr
-Morgens nöthig haben, in ihren Bureaus oder Komptoren zu erscheinen.
-Die Folge dieser Zustände ist, dass die heutige Gesellschaft immer
-allgemeiner als eine drückende Last empfunden wird, die man nur trägt,
-weil man sich nicht ganz den geselligen Verpflichtungen entziehen kann.
-
-In solchen Kreisen, denen es auf eine Vertheuerung der Geselligkeit
-nicht ankommt, hat man den Ausweg gefunden, zu der früheren Zeit der
-Abendgeselligkeit unserer Grosseltern (6 bis 10) zurückzukehren,
-indem man die Hauptmahlzeit wie die Alten auf den Abend verlegt,
-d. h. sich zum Mittagessen um 6 Uhr Abends einladet. Dadurch wird
-zunächst der Vortheil erreicht, dass die Gäste, wie sie es immer
-sollten, es für unhöflich halten, in der Verspätung das akademische
-Viertel zu überschreiten und dass die unbehagliche Unruhe des Kommens
-abgekürzt wird; was aber wichtiger ist, man kommt zu rechter Zeit
-nach Haus und ist am anderen Tage wieder frisch für die Arbeit. Aber
-die Nachtheile dieses Auswegs liegen auf der Hand. Entweder wird das
-Essen und Trinken bei stundenlanger Ausdehnung zur Hauptsache der
-Zusammenkunft, oder wenn, wie es neuerdings glücklicherweise Sitte
-geworden ist, auch das reichste Mahl schnell hintereinander aufgetragen
-und in einer Stunde erledigt wird, so ist man noch mehrere Stunden mit
-vollem Magen und eingenommenem Kopfe beisammen und geht auseinander,
-wenn das Stadium der ersten Verdauungsträgheit glücklich überwunden
-ist. Aber es ist immer eine falsche Geselligkeit, in der man sich
-vereinigt, um den Tafelfreuden zu huldigen, anstatt sich zu Tische zu
-setzen, weil bei dem Zusammensein gerade die Essenszeit herangerückt
-ist. Wo der Gaumen in erster Reihe berücksichtigt wird, ist es kein
-Wunder, wenn Geist und Gemüth in den Hintergrund treten müssen. Die
-hauptsächliche Zeit für gesellige Unterhaltung muss vor dem Essen
-liegen, nicht hinter demselben, deshalb muss die Gesellschaft nicht
-mit der Hauptmahlzeit des Tages beginnen, sondern mit einer leichten
-Nebenmahlzeit schliessen. Die Hineinziehung der Hauptmahlzeit in
-die Gesellschaftszeit verführt allzuleicht zur Entfaltung eines
-überflüssigen und unerfreulichen Luxus, vor welchem die abendliche
-Nebenmahlzeit leichter geschützt ist, weil hier der gesunde Instinkt
-vor Ueberfüllung des Magens beim Beginn der Nacht warnt.
-
-Thatsächlich hat seit der Gründerzeit der Luxus in den „Diners“
-bei uns eine Ausdehnung gewonnen, welche vom kulturgeschichtlichen
-und socialethischen Gesichtspunkt aus nur zu bedauern ist. Die
-Verallgemeinerung der „Diners“ kann nur dazu führen, das gesellige
-Leben noch mehr, als es schon jetzt in vielen Kreisen der Fall ist, auf
-einzelne unvermeidliche „Abfütterungen“ zu beschränken.
-
-Das Heilmittel gegen diesen Schaden und die aus ihm weiter zu
-fürchtenden Gefahren ist leicht zu sehen: man braucht nur wieder
-den Muth zu haben, sich zu kurzen und frühen Abendgesellschaften
-einzuladen und sich über Innehaltung des akademischen Viertels derart
-zu verständigen, dass dessen Ueberschreitung allgemein wieder als
-unhöflich gilt. Bringen diejenigen Gäste, welche vom späten häuslichen
-Mittagessen kommen, wenig Appetit mit, so ist das um so besser; denn
-es muss die Rückkehr vom übertriebenen Speiseluxus zu vernünftiger
-Frugalität erleichtern. Es ist ja ursprünglich schön empfunden, dass
-man, um den Gast zu ehren, der gewöhnlichen Familienmahlzeit ein
-übriges hinzufügt; wo aber der eingerissene Missbrauch die Geselligkeit
-des Mittelstandes zu zerstören droht, da ist als Reaktion gegen solche
-Ausschreitung der muthige Entschluss am Platz, dass man auf jede, auch
-auf die kleinste Zuthat verzichtet und die Gäste verschmäht, welche
-nicht mit der gewöhnlichen Familienmahlzeit vorlieb nehmen wollen.
-
-
-2. Die Geselligkeit ausser dem Hause.
-
-In keinem Punkte hat wohl das Leben der norddeutschen grösseren
-Städte in den letzten vierzig Jahren so auffallend seine Physiognomie
-verändert, als in der Verlegung eines grossen Theils der Geselligkeit
-an öffentliche Orte. In den vierziger Jahren bot zum Beispiel Berlin
-dem Erholung suchenden Publikum zwar im Sommer eine Anzahl primitiv
-eingerichteter öffentlicher Gärten, im Winter aber fast nur eigentliche
-Speisehäuser, Weinstuben, Conditoreien und Weissbierlokale, und für
-die niederen Stände „Tabagien“ und „Tanzböden.“ In den Speisehäusern
-entwickelte sich eine Geselligkeit fast nur gelegentlich durch
-eine Tischgemeinschaft, die sich ihrer Natur nach auf Junggesellen
-beschränkte; die Conditoreien, die als Kaffeehäuser benutzt wurden,
-dienten dabei zugleich als Lesekabinets und liessen deshalb geselligen
-Verkehr unter den Gästen nicht aufkommen; so blieben für die
-besseren Stände fast nur die Weinstuben und die wenigen anständigen
-Weissbierlokale übrig, welche von Frauen noch durchaus gemieden
-wurden. Der erste Umschwung in diesen Zuständen erfolgte durch die
-Einführung der bayerischen Bierlokale und Biergärten, der zweite
-durch diejenige der Wiener Kaffeehäuser; beide fanden den Boden
-dadurch vorbereitet, dass durch die Verdoppelung und Verdreifachung
-der städtischen Miethspreise die Menschen genöthigt worden waren,
-enger zusammengedrängt zu wohnen, also weniger Raum in der eigenen
-Häuslichkeit für gesellige Zwecke frei hatten und dafür Ersatz ausser
-dem Hause suchten. Als zweiter begünstigender Umstand aber kam hinzu,
-dass der Luxus in der Bewirtung von Gästen in diesem Zeitraum in einer
-Weise gestiegen war, welche es dem Mittelstand fast unmöglich machte,
-häufiger Gäste bei sich zu sehen; infolge dessen beschränkte man die
-häusliche Geselligkeit in diesen Kreisen, wenn man nicht gleich ganz
-auf dieselbe verzichtete, mehr und mehr auf wenige repräsentative
-„Abfütterungen“ und verlegte die eigentliche, der Erholung dienende
-Geselligkeit an öffentliche Orte, wo jeder für sich selbst zu bezahlen
-hat.
-
-So erklärlich diese Umwandlung ist, und so sehr sie mit dem
-demokratisch nivellierenden und durcheinander schüttelnden Zuge
-unsrer Zeit harmonirt, so fragt sich doch, ob sie uns dem Ideal der
-Geselligkeit näher geführt oder ferner gerückt hat, und ob sie den
-angestrebten Zweck „Gewinnung eines möglichst grossen geselligen
-Behagens bei möglichst geringem Kostenaufwand“ auch wirklich erreicht
-hat. Beides muss leider verneint werden.
-
-Zunächst liegt die Gefahr in der öffentlichen Geselligkeit, dass sie
-die Geschlechter voneinander sondert und die Stellung der Frauen
-noch ungünstiger macht, als sie ohnehin schon ist. Der Mann hat eine
-scharf gegeneinander abgegrenzte Arbeitszeit und Mussezeit; die Frau,
-welche dem Hauswesen vorsteht und die Kinder beaufsichtigt, nicht,
-wenigstens ist ihre ganz freie Mussezeit sehr viel knapper bemessen.
-Der Mann kann täglich die Abendstunden nach vollbrachter Tagesarbeit
-der geselligen Erholung widmen, gleichviel wo, die Frau nur, wenn sie
-im Hause ab- und zugehen und nach dem Rechten sehen kann. Der Mann hat
-nur die Wahl, entweder seine Erholung an öffentlichen Orten allein zu
-suchen und die Frau zu Hause zu lassen, oder ausser der Frau noch die
-Kinder mitzunehmen, oder den Ausgang auf eine viel knapper bemessene
-Zeit zu beschränken, als ihm seine Musse gestattet. Geht er allein,
-so versimpelt die Frau in der Vereinsamung des Hauses und in der
-täglichen Arbeits-Tretmühle der Wirthschaft, die Kinder lernen den
-Vater als nicht zur Familie gehörig betrachten, und dieser selbst
-entfremdet sich der Familie und dem Geschmack an den Familienfreuden.
-Geht er mit der Frau ohne die Kinder, so leiden diese darunter doppelt
-und zugleich leidet das Hauswesen dabei; geht er mit Frau und Kindern,
-so leidet das Hauswesen nicht weniger, so wird die ganze Familie
-dem Hause entrückt und entfremdet, und werden die Kinder durch die
-frühzeitige Einführung in die zerstreuende Unruhe des öffentlichen
-Lebens sittlich geschädigt.
-
-Bei der Beschränkung der öffentlichen Geselligkeit auf die Männer
-pflegen die Frauen sich in einem ausschliesslich weiblichen Verkehr
-in Kaffeekränzchen u. s. w. eine gewisse Schadloshaltung zu suchen;
-aber die Männer leiden selbst auf die Dauer am meisten unter dieser
-Isolirung der Geschlechter, weil die Frauen, die vom geistigen
-Verkehr mit Männern wie im Orient und im Alterthum ausgeschlossen
-sind, auch unfähig werden müssen, dem Mann im Hause geistige Anregung
-und entgegenkommendes Verständniss zu bieten. Das andere Extrem,
-die Herabwürdigung des Hauses zur blossen Schlafstelle und das
-Herumtreiben in den Bierlokalen mit Kind und Kegel, ist freilich noch
-schlimmer, und die scheinbare Mittelstrasse ist thatsächlich nur
-der Uebergang von einem Extrem zum andern. Wie hauptsächlich in dem
-gegenseitigen Verkehr der Geschlechter die bildende, sittigende und
-veredelnde Macht der Geselligkeit liegt, so steckt in dem eigenen
-Heim, in dem sich Heimischfühlen im eignen Hause, die Wurzel alles
-Heimathgefühls und Familiensinns. Es mag bequemer sein, sich in der
-ausschliesslichen Geselligkeit mit dem eignen Geschlecht ungenirt gehen
-zu lassen, aber das intimere Behagen und die feinere Befriedigung
-des Geselligkeitsbedürfnisses ist doch erst da zu finden, wo mit
-Ueberwindung dieses Trägheitsmoments die geschlechtliche Polarität der
-geistigen und gemütlichen Eigenschaften zur Spannung und Entladung
-gelangt. Erst diese Form der Geselligkeit fördert den ganzen Menschen
-und entfaltet alle in ihm schlummernden geselligen Anlagen zur höchsten
-und verfeinertsten Genussfähigkeit.
-
-Wie steht es nun mit dem Behagen an einem öffentlichen Ort im Vergleich
-zu demjenigen in einem Privatraum, wenn wir gleiche Zusammensetzung
-der Gesellschaft annehmen? Welche Anstrengung kostet es einem zarter
-besaiteten Sinn, bei dem Gemisch von Speiseduft, Bierneigengeruch,
-Tabaksqualm und Stickluft, wie es in den meisten Lokalen herrscht, ein
-Behagen an der augenblicklichen Lage auch nur aufkommen zu lassen!
-Und noch mehr als die Nase und die Athmungsorgane ist in der Regel
-das Ohr beleidigt, welches die Unterhaltung der Tischgenossen trotz
-allen Summens vom Gespräch der Nachbartische, trotz Kellnergetrappel
-und Tellergeklapper auffangen soll. Welche Luft herrscht in den
-unterirdischen Lokalen einer Grossstadt, welcher Lärm in den
-modernen Prachtsälen für zahllose Gäste! Sondert man sich mit seinen
-Freunden in ein eigenes Zimmer ab, so sitzt man in der Regel noch
-enger eingepfercht, als in der eignen Wohnung und dabei doch auch
-ungemüthlicher; benutzt man dagegen mit vielen andern Gesellschaften
-einen gemeinsamen Raum, so zerstört das ohrenbeleidigende Geräusch jede
-mögliche Illusion traulicher Abgegrenztheit und Geschlossenheit der
-eignen Gruppe.
-
-Aber auch die Verbilligung der Geselligkeit durch Verlegung derselben
-an öffentliche Orte ist eine Täuschung. Wenn der Mann allein ausgeht
-und die Frau jede Geselligkeit entbehren lässt, so mag er allenfalls
-etwas billiger fortkommen, als wenn er mit der Frau gemeinsam häusliche
-Geselligkeit pflegte, obwohl auch das noch zweifelhaft ist; die etwaige
-Ersparniss ist dann aber ganz allein durch die Entbehrungen der Frau
-erzielt. Wo Mann und Frau zusammen ausgehen, werden sie allemal bei der
-Jahresabrechnung herausfinden, dass sie erheblich mehr bezahlt haben,
-als wenn sie dieselben Speisen und Getränke zu Hause verzehrt oder
-mit andern Familien ausgetauscht hätten, und dass sie für die gehabte
-Mehrausgabe sich zu Hause eine erhöhte Ausgabe für Wohnungsmiethe und
-Bedienung hätten gestatten können.
-
-Da man im Durchschnitt nicht annehmen kann, dass diese Thatsache sich
-der Kenntniss der Menschen entzieht, so wäre es räthselhaft, dass sie
-trotzdem aus dem Behagen des eignen Hauses in frostige Prachträume oder
-kahle Spelunken flüchten, wenn nicht die eigentliche Lösung des Rätsels
-in dem Umstand zu suchen wäre, dass ihre Eitelkeit sie hindert, ihren
-Gästen dasselbe vorzusetzen, womit jeder am öffentlichen Orte vorlieb
-nimmt. Wo jeder Gast für sich selbst Speisen und Getränke auswählt
-und bestellt, übernimmt er auch die Verantwortung dafür, sich mit der
-vorgefundenen Beschaffenheit und Güte derselben begnügen zu wollen; wo
-der Wirth den Gästen die Speisen auftischt, trägt er die Verantwortung,
-dass sie allen genügen werden. Die eitle Prahlerei, sich gegenseitig
-überbieten zu wollen, die Narrheit des Speiseluxus ist es also in
-letzter Instanz, was die häusliche Geselligkeit des Mittelstandes
-zu Gunsten einer öffentlichen aufopfert, und die Feigheit jedes
-einzelnen zur Umkehr, die mutlose Scheu, als erster auf den Weg der
-Vernunft zurückzukehren, sie sind es, welche diese unbehaglichen und
-bedenklichen Missstände aufrecht erhalten und immer wieder befestigen
-und steigern. Man wage doch nur, seinen Gästen dasselbe zu bieten,
-was sie am öffentlichen Ort vom Kellner fordern, und alle Gefahren der
-ungesunden öffentlichen Geselligkeit sind mit einem Schlage beseitigt.
-Es brauchen sich zur Anbahnung der Umkehr nur ein paar befreundete
-Familien über diesen Grundsatz zu einigen, und der Anfang ist gemacht;
-sie mögen aber auch ja nicht vergessen, namhafte Konventionalstrafen
-zu vereinbaren für jede Hausfrau, welche dem Kitzel des Ueberbietens
-in der Bewirthung nicht sollte widerstehen können, denn sonst ist mit
-Sicherheit darauf zu rechnen, dass binnen Jahr und Tag jede solche
-Vereinigung sich auflöst und ihre Mitglieder reuig in die verlassene
-Kneipe zurückkehren.
-
-Die öffentliche Geselligkeit ist um so behaglicher, je geschlossener
-sie ist und je mehr sie sich der familiären Geselligkeit im eigenen
-Hause annähert. Am meisten ist dies im Club der Fall, der dem
-Junggesellen, wenigstens so lange er gesund und rüstig ist, in hohem
-Maasse Ersatz für die mangelnde Häuslichkeit und Familiengeselligkeit
-gewähren kann. Aber auch dem Club haftet doch trotz allem Comfort der
-sociale Nachtheil der Geschlechtertrennung an, und desshalb kann die
-Clubgeselligkeit, wenn sie sich in die Zeit der Verheirathung der
-Männer überträgt, oder wenn sie gar dieselben von der Verheirathung
-abhält, durchaus nicht als ein geselliges Ideal betrachtet werden.
-Für verheirathete Männer konnten die Clubs nur in einem Lande und
-unter einem Volksstamm zu höherer Blüthe gelangen, in welchem die
-Familien als solche, und namentlich deren weibliche Mitglieder, keinen
-rechten Sinn und kein ausgesprochenes Talent für unbefangene heitere
-Geselligkeit haben, und desshalb ganz zufrieden damit sind, sich in den
-Burgfrieden des behaglich eingerichteten eigenen Hauses zurückziehen zu
-dürfen.
-
-Insoweit die Zunahme der öffentlichen Geselligkeit aus der wachsenden
-Wohnungsnoth der Städte entspringt, ist sie natürlich nur in dem
-Maasse rückgängig zu machen, als die Wohnungsfrage gelöst oder doch
-in normalere Bahnen zurückgelenkt wird. Dies gilt namentlich für
-die niederen Stände, denen man unmöglich zumuthen kann, in ihrer
-Wohnung ihre gesellige Erholung zu suchen, so lange dieselbe nur aus
-Schlafstuben und Küche besteht; es gilt aber auch für alle Stände im
-Sommer, so lange die Stadtwohnungen keinen Garten haben, in welchem
-sich die Familie mit ihren Abend-Gästen behaglich der frischen Luft
-erfreuen kann. Sobald die Arbeiter-Wohnungsfrage in dem Sinne gelöst
-sein wird, dass der Arbeiterfamilie wieder eine Wohnstube zur Verfügung
-steht, wird auch die Aushäusigkeit in Arbeiterkreisen wieder abnehmen,
-und diese Lösung zu finden ist ein Haupterforderniss für unsere Zeit.
-Sobald die gartenlosen Stadtviertel nur dem geschäftlichen Treiben
-des Tages dienen, und jede Familie sich wieder der Gartenbenutzung
-als Zubehör ihrer Wohnung erfreut, wird auch das Bedürfniss der
-Geselligkeit in öffentlichen Biergärten wieder in Wegfall kommen. Für
-den Stand der Junggesellen werden natürlich immer öffentliche Lokale
-für abendliche Geselligkeit ein gewisses Bedürfniss bleiben, ebenso gut
-wie Speisehäuser für den Mittagstisch; aber auch dieses Bedürfniss wird
-sich verringern, je mehr die Junggesellen wieder zu einer naturgemässen
-früheren Verheirathung schreiten, und je mehr die jüngeren unter
-ihnen wieder Anschluss an die ihnen jetzt fast verloren gegangene
-Familiengeselligkeit suchen.
-
-
-
-
-VI.
-
-Die Wohnungsfrage.
-
-
-Die alte Regel des Lord Chesterfield: „Kleide dich nach deinem Stande,
-speise unter deinem Stande, wohne über deinem Stande!“ hat auch heut
-noch ihren guten Sinn. Die Einfachheit und Bedürfnisslosigkeit wird in
-der Ernährung zu einem hygieinischen und volkswirthschaftlichen Gewinn,
-in der Wohnungsweise zu einer hygieinischen und socialethischen Gefahr.
-Kaum etwas andres unter den Aeusserlichkeiten der Lebensgewohnheiten
-eines Volkes oder Standes ist von so tiefgreifender Rückwirkung auf
-seine sittlichen Anschauungen und Gewöhnungen wie die Art seines
-Wohnens, die Dichtigkeit der Zusammendrängung, die Vertheilung der
-Wohn-, Schlaf- und Kochräume. Ein grosser Theil der Kulturgeschichte
-der Menschheit liesse sich am Leitfaden der Wohnungsweise und ihrer
-Veränderungen entwickeln. Der Einfluss der Wohnung wird um so
-wichtiger, je mehr die Menschen durch Klima, Verhältnisse und sonstige
-Lebensgewohnheiten auf das Innere der Wohnungen angewiesen sind; er
-ist also z. B. um so grösser, je weniger das Klima ein Leben im Freien
-gestattet und je weniger die Berufsarbeit im Freien auszuführen ist.
-Die Alten konnten in fensterlosen Alkoven schlafen, weil sie am Tage
-meist auf dem Hofe oder auf dem Markte lebten; der Landmann kann sich
-ohne Schaden für seine Gesundheit den Sonntagnachmittag in ein ewig
-ungelüftetes Zimmer setzen, weil er die ganze Woche ohnehin im Freien
-zu arbeiten hat.
-
-Das ganze Gewicht der Wohnungsfrage tritt erst bei dem Städter
-des nördlichen Europas hervor, der durch seine Berufsarbeit,
-wenn nicht an die Wohnräume selbst, so doch an ihnen ähnliche
-Büreaus, Gerichtsstuben, Klassenzimmer, Komptore, Werkstätten
-oder Fabrikräume gefesselt ist, und der selbst seine politische
-Thätigkeit in verräucherten Bierlokalen ausübt. Hier hängt die
-Erhaltung der Gesundheit und körperlichen Tüchtigkeit wesentlich
-von der Gesundheitsgemässheit der Wohnung ab. Am wichtigsten sind
-die Schlafräume, weil man in ihnen die längste Zeit hintereinander
-verweilt; in zweiter Reihe kommen die Wohn- oder Wirthschaftsräume,
-erstere besonders für den Mann, letztere vornehmlich für die Frau,
-beide für die Kinder. Schon viel unwichtiger ist das Speisezimmer
-der Familie, falls ein besondrer Raum für diesen Zweck vorbehalten
-ist, weil man in ihm doch nur verhältnissmässig kurze Zeit verweilt;
-am gleichgültigsten sind die etwaigen Gesellschaftszimmer,
-Repräsentationsräume und Prunkgemächer, weil sie nur ausnahmsweise
-benutzt werden.
-
-Der Grundsatz, dass man die besten, gesündesten und luftigsten Zimmer
-zu Schlafstuben wählen müsse, wird immerfort gepredigt, aber es wird
-immerfort dagegen verstossen, und die moderne städtische Bauart,
-welche ansehnliche Wohnräume an die Strasse, aber vogelbauerartige
-Schlafstuben an die schornsteinengen Höfe verlegt, ist ebenso sehr ein
-Hohn auf diesen Grundsatz, wie die jetzige Mode, alle Gebrauchsmöbel
-in die ohnehin schon zu engen Schlafzimmer hineinzustopfen und die
-Wohnzimmer bloss mit Prunkmöbeln, Kunstwerken und kunstgewerblichen
-Schaustücken auszustatten. Man hat lange genug über die „gute
-Stube“ der früheren Generationen gespottet, und scheint darüber gar
-nicht bemerkt zu haben, dass die neueste Modenarrheit „stilvoller“
-Einrichtungen uns dahin gebracht hat, statt einer „guten Stube“ lauter
-„gute Stuben“ ausser dem Schlafzimmer zu haben. Man vergisst dabei,
-dass das rechte Grundgesetz aller Schönheit die sinnlich einleuchtende
-Angemessenheit an den praktischen Gebrauchszweck ist, und dass keine
-ornamentale Zuthat einen Verstoss gegen dieses architektonische
-Grundgesetz des Kunstgewerbes wieder gut zu machen vermag.
-
-Was wir jetzt „Stil“ in unsrer Wohnungsausstattung nennen, ist nur
-die künstlerische Verschrobenheit und Eitelkeits-Narrheit unsrer
-Sitten, der stilisirte Widerspruch zwischen dem, was wir vorstellen
-wollen, und dem, was wir sind. Ein wirklicher Stil kann sich erst
-dann entwickeln, wenn wir Hoffarth und Lüge aus unsrer Repräsentation
-verbannen und die Vernunft der Sache selbst zu Worte kommen lassen.
-Nur auf dem Grunde der Wahrheit und Zweckmässigkeit des Wesens kann
-die Schönheit der Erscheinung erblühen, andernfalls bleibt sie eine
-aufgetragene Schminke, welche für jedes feinere ästhetische Gefühl
-das übertünchte Unwesen nur um so widerlicher macht. So gewiss einem
-Gast die fünf Gänge eines Soupers im Halse stecken bleiben müssen,
-wenn er daran denkt, dass die Familie sich durch viele fleischlose
-Kartoffelmahlzeiten die Mittel zu dieser Gasterei abdarben muss,
-so gewiss müssen ihn die „stilvollen“ zwei oder drei Vorderstuben
-anekeln, wenn er daran denkt, dass alle wirklichen Gebrauchsmöbel in
-der Familie mit den unglücklichen Kindern in zwei oder drei Löcher
-von luft- und lichtlosen Schlafkammern zusammengepfercht sind, in
-denen nach Verabschiedung der Gäste auch die Eltern noch Unterschlupf
-suchen, während die Dienstboten in mehr oder minder unmöglichen
-Schlafgelegenheiten sich zur Arbeit des folgenden Tages stärken.
-
-So lange die Fensteröffnungen der Wohn- und Schlafräume durch
-keine Glasscheiben verschlossen waren, oder so lange der einfache
-Glasfensterverschluss undicht genug war, um eine ausreichende
-unbeabsichtigte Ventilation zu gestatten, konnten auch enge und
-mehrfach besetzte Schlafzimmer den hygienischen Ansprüchen genügen.
-Gegenwärtig, wo auch die Schlafzimmer meistens mit gutschliessenden
-Doppelfenstern versehen werden, sollte durch baupolizeiliche Vorschrift
-dafür Sorge getragen werden, dass überall hohe Ventilationsspalten
-neben den Fenstern angebracht werden, welche mit Watte verstopft
-werden, um das Eindringen schädlicher Keime abzuhalten. Eine solche
-Vorkehrung scheint mir vor dem Schlafen bei offnen Fenstern den
-Vorzug zu verdienen, insbesondere in Malariagegenden und für Personen
-mit rheumatischen und katarrhalischen Dispositionen, ganz abgesehen
-davon, dass in Parterrewohnungen das Schlafen bei offnen Fenstern
-aus Sicherheitsgründen unthunlich und selbst eine Treppe hoch nicht
-unbedenklich ist. Die von ärztlicher Seite mehr und mehr empfohlene und
-im Publikum mehr und mehr in Aufnahme kommende Sitte des Schlafens bei
-offenem Fenster weist deutlich genug auf die Richtung hin, in welcher
-eine Abhilfe zu suchen ist; der Ventilationsspalt mit Watteverschluss
-leistet indessen dasselbe ohne die mit dem ersteren verbundenen
-Gefahren.
-
-Sehr wünschenswerth und heilsam wäre es, wenn jede Wohnung Gelegenheit
-böte, bei jedem Wetter ohne Erkältungsgefahr täglich mehrere Stunden
-frische Luft geniessen zu können, auch ohne die Wohnung verlassen
-zu müssen. Dies ist erreichbar, wenn zu jeder Wohnung ein Ostbalkon
-und ein Westbalkon gehört, welche ringsherum geschlossene Brüstung,
-hölzernen Fussboden, gläserne Seitenwände und ein leinenes Zeltdach
-über sich tragen. Auch der für Erkältungen empfindlichste Mensch
-kann bei jeder Witterung auf dem jeweilig windgeschützten dieser
-Balkone mehrere Stunden hintereinander verweilen und seine gewohnten
-Beschäftigungen treiben, wofern er sich nur so kleidet, wie wenn die
-Lufttemperatur um 10 Grad niedriger wäre als sie ist, die Beine fest in
-Decken einwickelt und die Hände durch waschlederne Handschuhe schützt.
-Ein solcher Aufenthalt im Freien kann natürlich die Spaziergänge
-in frischer Luft nicht überflüssig machen, wohl aber mit denselben
-zusammen die Luftkurorte und Winterkurorte ersetzen, ohne dass er
-die Menschen aus ihrem gewohnten Kreise und ihrer Beschäftigung
-herausreisst.
-
-Den prophylaktischen Werth einer theilweisen Verlegung unseres
-stubenhockerischen Lebens auf die Balkone halte ich für unberechenbar
-und glaube sicher, dass das nächste Jahrhundert in dieser Hinsicht
-einen grossen Umschwung in unsren Lebensgewohnheiten herbeiführen
-wird, welcher uns dem erfrischenden Leben im Freien, wie die Alten es
-führten, wieder um so viel näher bringen wird, wie unsre klimatischen
-Verhältnisse es gestatten.
-
-Gegenwärtig sind wir noch auf dem Punkte, dass die Menschen sich
-bequemen, alles zu thun, um ihre zerstörte Gesundheit wieder
-herzustellen, aber gar nichts, um die bedrohte sich zu erhalten. In den
-Heilanstalten und Kurorten machen sie eine Art von Sport daraus, die
-journée médicale, d. h. die tägliche Aufenthaltsdauer in frischer Luft
-auf 9 bis 11 Stunden auszudehnen, aber zu Hause denken sie mit einem
-täglichen, einstündigen Spaziergange Wunder wieviel für ihre Gesundheit
-gethan zu haben.
-
-Durch die Balkone wird der Garten als Zubehör der Wohnung keineswegs
-überflüssig; während der Werth der Balkone besonders im Winter und
-bei ungünstiger Witterung hervortritt, wird der Garten im Sommer und
-bei schönem Wetter zur doppelten Wohlthat. Der Balkon bietet frische
-Luft, aber der Garten soll ausserdem freie Natur bieten, oder
-wenigstens einen Ersatz für dieselbe, wie blauer Himmel, grüner Rasen
-mit blühenden Blumen und schattige Bäume ihn zu gewähren im Stande
-sind. Der Balkon ist wesentlich nur für Erwachsene geeignet, der
-Garten ist der Tummelplatz der Kinder und als solcher die nothwendige
-scenische Vervollständigung zum Kindheitsparadies. Erst der Besitz
-des Gartens macht die Familiengeselligkeit im eigenen Hause auch im
-heissen Sommer möglich, wenn die Gäste nach der Hitze und dem Staub
-des Tages Erquickung in der Abend- und Nachtluft suchen. Dazu gehört
-nun freilich, dass der Garten auch wirklich ein Garten ist, nicht ein
-stubengrosser Fleck mit verkümmerten Gewächsen, auf den niemals die
-Sonne scheint, und von dem aus man erst bei starkem Hintenüberlegen
-des Kopfes eines Stückchens Himmel ansichtig wird. Wie unglaublich
-die Genügsamkeit der Grossstädter in dieser Hinsicht ist, sieht man
-am besten, wenn man an einem heissen Sommerabend die Biergärten der
-inneren Stadttheile durchwandert; von frischer Luft kann in der
-Mehrzahl dieser zwischen Häuserkolossen schachtartig eingezwängten
-„Gärten“ keine Rede mehr sein, und es ist nur die Auffrischung der
-Abendtemperatur, der Kontrast mit der noch schlimmeren Luft der Wohn-
-und Arbeitsräume und die nächtliche Verschleierung der Umgebung, was
-diese „Erholungsorte“ erträglich erscheinen lässt. Da nun thatsächlich
-in allen grösseren Städten die Gärten mehr und mehr verschwinden oder
-bis zur Selbstironisirung einschrumpfen, so scheint es nicht leicht,
-die gestellte Forderung zu verwirklichen.
-
-Von besonderer socialethischer und hygieinischer Wichtigkeit ist
-ferner der Unterschied, ob jede Familie ihr eignes Haus bewohnt, oder
-ob sie mit vielen anderen Familien das Haus theilt. Nur das eigne
-Haus lässt ein wahres und volles Heimathsgefühl, die echte Poesie
-des „Vaterhauses“ in dem aufwachsenden, jungen Geschlecht entstehen;
-die Miethwohnung mag vom Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet
-praktischer sein, insofern ihr Wechsel sich den zu- und abnehmenden
-Bedürfnissen der Familie leichter anpasst, aber der sittigende und
-festigende Einfluss auf Gemüth und Charakter, den der eigne Besitz
-gewährt, fehlt ihr. Dies gilt schon dann, wenn die Miethwohnung selbst
-ein ganzes Haus umfasst; noch andere Schädlichkeiten treten hinzu, wenn
-sie nur eine unter den vielen Wohnungen einer Miethskaserne oder eines
-Miethspalastes ist. Ausser den Differenzen zwischen Miethern und Wirth
-entwickeln sich dann eine Menge Streitereien zwischen den verschiedenen
-Miethern theils infolge der Nöthigung, sich um die gemeinsame Benutzung
-der gemeinsamen Hauseinrichtungen zu vertragen, theils durch den
-Klatsch der Dienstboten; beide verderben den Charakter durch Gewöhnung
-an Streitsucht und Kleinlichkeit und vergiften das nachbarliche
-Verhältniss.
-
-Man begreift, warum man im alten Tyrus neun- bis zehnstöckige Häuser
-baute; die enge Insel liess ein andres Wachsthum der Stadt, als in die
-Höhe eben nicht zu, und ähnliche Verhältnisse kehren in neuerer Zeit
-in Festungen wieder. Man begreift auch wohl, dass vor Entwickelung
-der Pferdebahnen und Hochbahnen grosse Städte die Neigung haben
-mussten, in die Höhe zu wachsen und das Hinterland der Strassenhäuser
-baulich auszunutzen, weil eben die Verkehrsmittel zur Ueberwindung
-grösserer Strecken fehlten. Aber gegenwärtig, wo diese Verkehrsmittel
-theils schon vorhanden sind, theils ihre Brauchbarkeit zur Genüge
-erprobt haben und der weiteren Verwirklichung entgegensehen, ist es
-unbegreiflich, dass die Städte nicht ausschliesslich in die Breite
-wachsen. Statistisch ist es erwiesen, dass nicht die Kellerwohnungen
-am ungesundesten sind, sondern die im vierten Stock gelegenen,
-trotzdem dass Licht und Luft zu ihnen besseren Zutritt hat; der Grund
-liegt theils in der Schädlichkeit des Treppensteigens für vielerlei
-Konstitutionen und Zustände, theils in der Lufterneuerung der Wohnräume
-von unten her, welche reichlich ein Drittel der Gesammtventilation
-beträgt und den Bewohnern der obersten Stockwerke gleichsam Stichproben
-von sämmtlichen Miasmen der vier bis fünf unter ihnen wohnenden
-Familien zuführt. Jede Erhöhung um ein neues Stockwerk macht eben auch
-rückwärts alle unteren Stockwerke ungesunder, indem sie eben so gut
-wie ein Verbauen der Höfe den Luft- und Lichtzutritt zu den Fenstern
-derselben beschränkt. Das Verbauen der Höfe in Verbindung mit der
-Engigkeit der Strassen macht es schon jetzt in den meisten Stadttheilen
-unmöglich, an jeder Wohnung einen, geschweige denn zwei Balkone
-anzubringen, und ebenso ist es der Grund für das Einschrumpfen und
-Aussterben der Gärten.
-
-Die ärgsten Sünden in dieser Hinsicht sind in Berlin erst in den
-letzten beiden Jahrzehnten begangen worden, und zwar lediglich
-desshalb, weil die massgebenden Behörden nicht mit einer zweckmässigen
-und doch nicht unbilligen Bauordnung zu Stande kommen konnten; sie
-konnten aber bloss darum nicht mit ihr zu Stande kommen, weil sie
-sich nicht entschliessen konnten, die Einförmigkeit der Vorschriften
-aufzugeben und der völligen Verschiedenheit der Situation bei
-Umbauten in der Innenstadt, bei Neubauten an der Peripherie und bei
-Neubauten in der weiteren Umgebung Rechnung zu tragen. Auch die neue
-Berliner Bauordnung von 1887 trägt der Verschiedenheit der inneren
-und äusseren, der fertigen und der erst anzulegenden Stadttheile in
-ganz unzulänglicher Weise Rechnung, und fordert auf der einen Seite
-zu viel, auf der anderen zu wenig. Was bis jetzt gebaut ist, das ist
-nun einmal verpfuscht; man kann es durch Zwangsverfügungen nicht
-ungeschehen machen, ohne schreiende Unbilligkeit gegen die Besitzer
-auch nicht im Falle von Umbauten; aber man kann die Zukunft davor
-retten, in den jetzt noch unbebauten Stadttheilen in denselben Fehler
-zu verfallen. Man braucht nur auf dem Bebauungsplan eine Eintheilung in
-verschiedene Zonen vorzunehmen, in deren ersten höchstens dreistöckig,
-in deren zweiten höchstens zweistöckig, und in deren dritten nur im
-Villenstil gebaut werden darf. Um dies einheitlich durchzuführen,
-dazu wäre allerdings die Zusammenlegung Berlins mit seinen Vororten
-zu einer „Provinz Berlin“ unter einheitlicher Baupolizei-Verwaltung
-erforderlich, von der schon wiederholentlich die Rede gewesen ist, und
-welche sich auf die Dauer doch als eine unausweichliche Nothwendigkeit
-aufdrängen wird.
-
-Sobald eine solche Abänderung der bestehenden Bauordnung erlassen
-wäre, würde das Publikum mehr als jetzt das Wohnen in entfernteren
-Villenkolonien bevorzugen, welche allein die Verwirklichung aller oben
-gestellten Forderungen zu bieten im Stande sind.
-
-Nur in den Vororten hat der Boden noch einen so mässigen Preis,
-dass Häuser für eine Familie mit Balkonen und Gärten und mit einer
-ausreichenden Zahl durchweg luftiger und heller Zimmer möglich sind.
-Man kann ohne Furcht vor Uebertreibung sagen, dass in den Zimmern
-eines Vororts gesündere Luft geatmet wird, als auf den meisten Höfen
-einer Grossstadt, über welcher stets, auch bei ganz klarem Himmel,
-eine von weither sichtbar schwere Dunst- und Rauchmasse lagert. Am
-auffallendsten ist der Unterschied der Luft im Hochsommer, wo jeder,
-der es kann, die Grossstadt verlässt, während der Vorortbewohner diese
-Reisekosten spart.
-
-Die jetzige Kasernenstadt würde dann mehr und mehr zur blossen
-Geschäftsstadt, in welcher die Berufsarbeiten des Tages sich
-vollziehen, während man Nachmittags oder Abends in die gesunde
-Aussenwohnung zurückkehrt. Allerdings gehört, um dem Publikum das
-Draussenwohnen mundrecht zu machen, auch das noch dazu, dass das
-Pferdebahnen-, Hochbahnen-, und Aussenbahnen-Netz bedeutend vergrössert
-und vervollständigt wird, dass die Abonnementspreise noch viel billiger
-werden, und dass nicht, wie jetzt, seltene grössere Züge, sondern
-fortwährend kleine abgelassen werden.
-
-Dann aber ist allerdings zu hoffen, dass sich im Verlaufe einer
-Generation alle Grossstädter an das Draussenwohnen und seine Vorteile
-für Leib und Seele der Familien so sehr gewöhnen werden, dass die
-Nachfrage nach eigentlichen Wohnungen in der Stadt und mit ihr der
-unnatürlich in die Höhe geschraubte Bodenwerth beträchtlich sinkt, so
-dass es bei den Umbauten der Zukunft wieder ganz von selbst praktischer
-werden dürfte, den Raum weniger sparsam auszunutzen.
-
-Sollten indess diese Massregeln sich als nicht ausreichend erweisen,
-dann, aber auch dann erst dürfte und müsste man dem Gedanken einer
-Expropriation des ganzen städtischen Grundbesitzes durch die Kommune
-näher treten, um das Grundübel der Wohnungsfrage, die stetige
-Steigerung des freihändig verkauften Bodenwerths, an der Wurzel
-zu fassen und wenigstens für spätere Generationen nach erfolgter
-Amortisation der Kaufsummen erträglichere Verhältnisse anzubahnen.
-
-
-
-
-VII.
-
-Moderne Unsitten.
-
-
-1. Der Blumenluxus.
-
- Der Strauss, den ich gepflücket,
- Grüsse Dich viel tausend Mal!
- Ich habe mich oft gebücket
- Ach, wohl ein tausend Mal,
- Und ihn an’s Herz gedrücket
- Viel hundert tausend Mal.
-
- +Goethe.+
-
-Das Ausschmücken einer Person mit Blumen und das Schenken von Blumen,
-sei es zum Schmuck der Person oder ihrer Umgebung, ist wesentlich eine
-symbolische Handlung. Wer sich selbst mit Blumen schmückt, bekundet
-damit seine gehobene, festliche, lebensfrohe Stimmung, seinen Wunsch,
-sich im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen und anderen zu gefallen;
-wer einem andern Blumen schenkt, drückt damit symbolisch den Wunsch
-aus, selber so der beschenkten Person zu huldigen und zur Verschönerung
-ihres Lebensweges dienen zu wollen, wie die ihr zugeeigneten Kinder der
-Flur es thun. Am deutlichsten ist diese Symbolik in dem „Blumen auf
-den Weg streuen“, wo sie besagt, dass, soviel an dem Geber liegt, die
-beschenkte Person einen Blumenpfad wandeln und mit ihren Füssen nur auf
-Blumen (nicht auf Dornen, Staub und Steine) treten solle; aber auch das
-Verzieren der Pforten der Stadt oder des Hauses, oder das Ausschmücken
-der Wohnräume mit Blumen hat wesentlich denselben Sinn. Schmückt man
-eine theure Person mit Blumen, so bezeugt man damit zugleich, dass
-man dieselbe im besten Lichte und in gefälligster Darstellung zu
-sehen wünscht; hat man die Blumen selbst in Wald und Feld gesucht und
-gepflückt, so zeigt dies zugleich, dass man keine Mühe scheut, die
-Theure zu zieren.
-
-Im Ganzen ist jede Symbolik um so ausdrucksvoller, je einfacher sie
-ist; die Vervielfachung des Symbols rückt den Eindruck seiner realen
-Beschaffenheit in den Vordergrund und drängt damit eben so sehr seinen
-tieferen Sinn zurück. Deshalb sagt gewöhnlich eine Blume mehr als ein
-ganzer Strauss, ein kleiner Strauss mehr als ein grosser, ein einzelner
-Strauss mehr als ein Dutzend oder ein ganzer Wagen voll Blumen. Nur wo
-die Mühe des Suchens und Pflückens und der etwa in die Zusammenstellung
-hineingelegte geheime Sinn als Huldigung in den Vordergrund tritt, nur
-da kann ein Strauss mehr gelten als eine Blume, aber selbst in diesem
-Falle hat die Wirksamkeit der Multiplikation ihre engen Grenzen. Jede
-kunstmässige Behandlung des Arrangements lenkt die Aufmerksamkeit von
-der Symbolik der Gabe auf ihren ästhetischen Werth ab und verringert
-damit deren innere Bedeutung; schon die im Garten gezogenen Blumen, mit
-Ausnahme einiger Arten, bei denen man die Entstehung durch künstliche
-Zuchtwahl fast schon vergessen hat, sprechen weniger zum Herzen als
-die ursprünglichen Kinder der Natur, welche gleichsam die spontane
-Huldigung von Hain und Flur darstellen. Sie sind schon darum einzig in
-ihrer Art, weil sie ein Geschenk ohne jeden Geldwerth darstellen, was
-man an den Blumen des Gartens, gleichviel ob sie aus dem eigenen Garten
-gepflückt oder dem eines Kunstgärtners entnommen sind, schon nicht mehr
-sagen kann. Eine Huldigung ist aber um so zarter, der symbolische Werth
-des Geschenks um so reiner, je weniger demselben irgend ein in Geld
-ausdrückbarer materieller Werth zukommt. Es ist nicht bloss die Sitte,
-welche die Annahme von materiell werthvollen Geschenken verbietet,
-sondern auch das Zartgefühl, weil jede Leistung eine entsprechende
-Gegenleistung bedingt. In der materiell werthlosen Blumengabe ist der
-Begriff des Geschenkes vollkommen vergeistigt und bloss das pretium
-affectionis übrig geblieben, welches der Stärke des Huldigungswunsches
-und der aufgewandten Mühe proportional ist.
-
-Wenn man in einer Stadt lebt, wo es unmöglich ist, Blumen anders
-als im Wege des Kaufs zu erlangen, so ist der poetische Duft des
-Blumenschenkens und der auf dem Selberpflücken und der materiellen
-Werthlosigkeit beruhende Affektionswerth unwiederbringlich verloren.
-Aber es wäre Pedanterie, darum das Schenken gekaufter Blumen ganz
-verbieten zu wollen, da die Symbolik der Huldigung noch bestehen
-bleibt. Immerhin muss man dessen eingedenk bleiben, dass gekaufte
-Blumen doch nur ein klägliches Surrogat selbstgepflückter sind,
-und dass man mit dem Schenken gekaufter Blumen weit vorsichtiger
-und sparsamer sein muss als mit demjenigen selbstgepflückter.
-Auch hier nimmt der symbolische Werth der Gabe in dem Maasse ab,
-als der selbstständige materielle oder der ästhetische Werth
-derselben zunimmt; auch hier ist die Gabe um so ausdrucksvoller, je
-anspruchsloser, kunstloser, natürlicher und schlichter sie erscheint,
-je mehr sie dem selbstgepflückten Strausse wilder Blumen ähnelt. Die
-Multiplikation verringert hier den Werth nicht nur an sich, sondern
-auch durch Steigerung des Geldwerthes, während die Entschuldigung
-der vermehrten Mühe fehlt. Das gekaufte Blumengeschenk erfüllt
-nur dann seinen Zweck, wenn der dafür gezahlte Preis so gering
-ist, dass er für die Verhältnisse sowohl des Gebers als auch des
-Beschenkten gar nicht in Betracht kommt, also füglich der materiellen
-Werthlosigkeit der selbstgepflückten Blumen gleichgeachtet werden
-kann. Ein selbstständiger, ästhetischer, kunstgewerblicher Werth
-eines Blumenarrangements zerstört den symbolischen Werth nicht nur
-durch Steigerung des materiellen Werthes, sondern auch abgesehen
-von dieser schon dadurch, dass er das Geschenk aus der Sphäre der
-Natur in diejenige der Kunst entrückt, also mit Kunstwerken und
-Kunstindustriewerken auf eine Stufe stellt. So wenig man gegen das
-Beschenken mit Vasen, Nippsachen u. dgl. etwas einwenden kann, wenn die
-Personen in einem Verhältniss zu einander stehen, in welchem die Sitte
-das Schenken gestattet, ebensowenig gegen das Beschenken mit kunstvoll
-arrangierten Blumenkörben, Füllhörnern u. s. w.; aber es müssen dann
-eben auch Personen sein, die sich ebensogut Vasen u. dgl. schenken
-dürften, und die Immunität des relativ werthlosen Blumenschenkens muss
-für solche Objekte auch dann ausgeschlossen bleiben, wenn der Geldwerth
-für den Reichthum der Geber und der Beschenkten nicht in’s Gewicht
-fällt.
-
-Diese Grenze ist leider in neuerer Zeit nicht mehr inne gehalten;
-man hat die Freiheit des Blumenschenkens gemissbraucht, um sie auf
-Geschenke von selbstständigem kunstindustriellen Werthe auszudehnen,
-und das von den wohlhabendsten Gesellschaftsschichten gegebene üble
-Beispiel hat auch die mittleren Kreise zu einem Blumenluxus verführt,
-der ausser aller Proportion zu ihren Verhältnissen steht. Wenn ein
-Fürst oder die Herrin eines gastfreien Hauses zu ihrem Geburtstage
-mehrere Zimmer mit kostbaren Blumengeschenken gefüllt bekommt,
-wenn eine Primadonna einen Möbelwagen braucht, um die mit Blumen
-überschüttete Bühne abzuräumen, oder wenn die Saisonlöwin in einem
-Modebade bei der Abreise mit ihren Kindern im ersten Wagen fährt und
-die erhaltenen Blumen von ihrem Dienstpersonal in den nachfolgenden
-Wagen transportiren lässt, so sind das Ausschreitungen des Blumenluxus,
-die sich selber richten. Es kommt aber darauf an, sich darüber klar zu
-werden, dass die Sitten, aus denen diese Ausschreitungen hervorgehen,
-selbst schon im Princip Unsitten sind, an welche es nachgerade Zeit
-wird, die bessernde Hand anzulegen.
-
-Niemand soll einem andern in einem Augenblicke Blumen schenken, wo er
-sicher ist, denselben mit dem Geschenke zu belästigen, und ihn vor die
-Wahl stellt, entweder sich des Geschenks baldmöglichst zu entledigen,
-oder mit dessen Bewahrung zu plagen. Wer seinen Badebekannten Blumen
-schenken will, mag es während ihres Aufenthaltes thun, aber nicht bei
-der Abreise; wer einer Primadonna seine Huldigung erweisen will, mag
-ihr Blumen in’s Haus senden, aber nicht vor die Füsse oder gar in’s
-Gesicht schleudern. Wer ein Gefühl für die Werthsverringerung durch
-Multiplikation hat, wird sich instinktiv scheuen, seine Gabe zu einem
-Zeitpunkt darzubringen, wo sie durch das Zusammentreffen mit vielen
-anderen jeden Werth verliert, und einen passenderen Zeitpunkt wählen.
-Wer aber keine Wahl im Zeitpunkte frei hat, wird dann seinen Takt
-wenigstens dadurch beweisen, dass er sich auf eine einzelne oder ganz
-wenige Blumen beschränkt, da die Multiplikation ohnehin schon durch die
-Vielheit der Geber entsteht. Vor allen Dingen aber ist dem Grundsatz
-wieder Geltung zu verschaffen, dass werthvolle oder gar kostbare
-Blumengeschenke unstatthaft sind unter Personen, denen die Sitte die
-Annahme anderer Geschenke von einander verbietet. Die Poesie der
-Blumengabe wird durch nichts mehr entwürdigt, als wenn das gegenseitige
-Ueberbieten der Geber in der Kostbarkeit der Geschenke zum Tummelplatz
-für Motive der Eitelkeit und der spekulativen Gewinnsucht gemacht wird.
-
-So lange der selbstgepflückte Strauss von Feldblumen nur
-Ausdrucksmittel ist für die beredte Sprache des Herzens, müssen jene
-feineren Bedenken schweigen, welche sofort in ihr Recht treten, wo
-die Kunstindustrie sich der Blumengaben bemächtigt. Nichts predigt
-so laut die Vergänglichkeit des Schönen als die von ihrem Stamm
-und ihrer Wurzel getrennte Blume. Sie ist ein zum Tode verwundeter
-Organismus, dessen Farben nur noch nicht beschädigt sind, -- ein noch
-lebendes und lächelndes Haupt, das von seinem Rumpfe getrennt ist.
-Der heute so prächtig prangende Strauss ist morgen ein verwelkter,
-verwesender Leichenhaufen, und unter dem Schein des Lebens, an dem
-das Auge sich freuen soll, fühlt das Herz den Todeskampf der Zellen
-und Organe hindurch. Wenn ich am Morgen die über Nacht erblühte Rose
-am Stock im Garten betrachte, und mir sagen muss, dass vielleicht
-schon am selben Abend ihr Blumenleben seinen Gipfel überschritten hat
-und seinem Verfall zuneigt, dann ist es ein natürlicher Process des
-Werdens und Vergehens, der in diesem Einzelfall mir anschaulich vor die
-Seele tritt; wenn ich aber die Rose im Wasserglas oder auf den Draht
-eines „Bouquets“ geflochten sehe, so kann ich mich des widerwärtigen
-Gedankens nicht erwehren, dass der Mensch ein Blumenleben gemordet
-hat, damit es im Sterben ein Auge erfreue, das herzlos genug ist, den
-unnatürlichen Tod unter dem Scheine des Lebens nicht herauszufühlen.
-Dass es nicht der Tod an sich ist, dessen Anblick uns stört, beweisen
-die getrockneten Blumen, die ebensowenig missfallen wie ausgestopfte
-Thiere oder aufgespannte Schmetterlinge. Es ist vielmehr das den Tod im
-Herzen tragende Leben, der zur Ergötzung hervorgerufene und vor Augen
-gestellte Todeskampf der widerstandslos duldenden Blumenseele, was das
-Herz verletzt.
-
-Für ein feineres Empfinden gehört die Blume so wenig in das Bouquet
-wie der Vogel in das Bauer, sondern die Blume in den Garten, in Wiese,
-Feld und Wald, wie der Vogel auf den Baum. Wer keinen Garten hat,
-oder nicht im Stande ist, denselben zu betreten, der mag zum Ersatz
-sich Blumen in sein Zimmer oder vor sein Bett bringen lassen. Wer
-aber im Stande ist, die Naturschönheit da zu geniessen, wo sie am
-schönsten ist, d. h. in ihrer naturgemässen Umgebung und unter ihren
-naturgemässen Lebensbedingungen, der wird selbst die Topfblumen im
-Zimmer gern missen, und viel lieber das Freie aufsuchen, um sie zu
-bewundern. Sehe ich aber gar ein Meisterwerk der Blumengärtnerei,
-einen grossen Korb mit einer Masse der kostbarsten auf Draht
-gezogenen Blüthen, so ist mir zu Muth, als würde mir ein Ragout aus
-Tausenden von Nachtigallzungen vorgesetzt, oder als sollte ich einen
-Damenkopfputz aus lauter aufgespiessten, auf’s Rad geflochtenen, noch
-zappelnden Schmetterlingen und Käfern bewundern. Ich bin überzeugt,
-dass eine spätere Zeit die heutigen Moden im Blumenluxus noch härter
-verurtheilen wird, als wir die in Figuren geschnittenen Bäume des
-vorigen Jahrhunderts, und dass die Kunstgärtnerei bei einer Reinigung
-und Verfeinerung des Geschmacks ihre Triumphe wieder ausschliesslich da
-feiern wird, wo sie berechtigt sind: im Sommer- und Wintergarten.
-
-
-2. Das Rauchen.
-
-Die meisten jungen Leute kommen durch die Macht des Beispiels zum
-Rauchen: sie scheuen sich, als Nichtraucher unter einer Mehrheit von
-rauchenden Genossen unmännlich zu erscheinen, oder als absonderliche
-Ausnahme dazustehen. Gegen einen solchen sklavischen Nachahmungstrieb
-darf man bei den selbstständigeren Naturen an das eigene Urtheil und
-den Stolz der Selbstbestimmung appelliren; die unselbstständigeren
-Jünglinge wird man am besten dadurch vor den Folgen solcher
-Nachahmungssucht bewahren, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass
-im letzten Menschenalter das Rauchen in den besten gesellschaftlichen
-Kreisen mehr und mehr aus der Mode gekommen sei, dass der Procentsatz
-der Nichtraucher in denselben beständig im Steigen sei, und dass es
-schon jetzt für distinguirter gelten könne, nicht zu rauchen als zu
-rauchen.
-
-Der Mensch ist ohnehin so sehr der Sklave seiner angeborenen und
-anerzogenen Bedürfnisse, dass er wahrlich nicht nöthig hat, diese
-Gebundenheit noch durch ein weiteres angewöhntes Bedürfniss zu
-vermehren; wenn man sieht, wie schmerzlich der Gewohnheitsraucher
-unter einer, wenn auch nur zeitweiligen Entbehrung (sei es aus
-gesellschaftlichen oder gesundheitlichen oder ökonomischen Rücksichten,
-sei es unter dem Zwange von Ausnahmeverhältnissen, wie im Kriege)
-leidet, so sollte sich der Freiheitsstolz jedes Jünglings dagegen
-aufbäumen, freiwillig ein solches Joch auf sich zu nehmen. Ein
-eingewurzeltes Laster aufzugeben, kostet eine fast übermenschliche
-Ueberwindung; aber sich gegen die zwecklose Angewöhnung zu sträuben,
-kostet weiter gar keine Ueberwindung, als die eines unmännlichen
-Nachahmungstriebes.
-
-Jeder Jüngling, der den höheren Ständen angehören will, sollte über
-ein solches Mass von Selbstbeherrschung verfügen, und der socialen
-Ehrenpflicht seines Standes eingedenk bleiben, den niederen Ständen
-mit gutem Beispiel voranzugehen und die allmähliche Entwöhnung der
-Nation von diesem Laster anzubahnen. Denn ein Laster muss diese
-Angewohnheit in der That genannt werden, durch welche jährlich
-Milliarden buchstäblich in die Luft geblasen werden, die andernfalls
-ausreichen würden, die brennendsten socialen Fragen (Alters-, Wittwen-
-und Waisenversorgung) zu lösen, unter deren Last unsere Zeit seufzt.
-
-Völker ohne sonstige Pflanzenalkaloïde mögen in dem Nikotin ein
-werthvolles Reizmittel der Nervennährung schätzen; Völker mit Thee,
-Kaffee, Cacao u. s. w. besitzen in diesen Reizmittel genug, als
-dass nicht das Nikotin zu viel des Reizes hinzubringen sollte.
-Die Einwirkung des Tabakrauches bei Affektionen der Augen, der
-Athmungswege, des Magens und Darmkanals und der Galle ist entschieden
-nachtheilig; meistens aber entschliessen die erkrankten Raucher sich
-viel zu spät, ihre Gewohnheit auszusetzen.
-
-Wie jedes Reizmittel, so stumpft auch dieses sich durch Gewohnheit
-ab und verlangt verstärkte Zufuhr, birgt also die Gefahr einer
-Uebertreibung in sich, welche zur chronischen Nikotinvergiftung führen
-kann, besonders bei der Verbindung mit reichlichem Alkoholgenuss;
-die complicirten Erscheinungen der chronischen Nikotinvergiftung
-(Spinalirritation, Amblyopie u. s. w.) sind aber zum Theil noch so
-wenig ergründet und bekannt, dass sie vorkommenden Falles häufig genug
-von den Patienten und Aerzten nicht erkannt oder falsch gedeutet werden.
-
-Hoffentlich bleibt die burschikose Sitte des Rauchens im weiblichen
-Geschlecht für immer auf Studentinnen und dergleichen Emancipirte
-beschränkt; so lange dies aber geschieht, haben die Raucher nur
-die Wahl, sich von dem anderen Geschlecht abzusondern oder gegen
-dasselbe (natürlich unter scheinbarer Beobachtung der feinsten
-Höflichkeitsformen) rücksichtslos zu sein. Gerade in den niederen
-Volksschichten, wo das Weib ohnehin der geplagtere und schlechter
-gestellte Theil ist, geht ein unverhältnissmässig grosser Theil des
-Gesammthaushaltes für das Rauchbedürfniss des Mannes darauf.
-
-Ist der sociale Schaden des Rauchens nicht mit dem des
-Branntweintrinkens zu vergleichen, so auch nicht der physiologische
-Nutzen desselben, da der Branntwein doch wenigstens eine Ersparniss an
-anderen Nahrungsstoffen im Gefolge hat, der Tabak nicht.
-
-Die nationalökonomischen Vortheile der Beseitigung des Tabakrauchens
-wären ungeheuer. Nicht nur könnte der Arbeiter dadurch eine
-Lebensversicherung erwerben, welche ausreichte, um sein Alter, seine
-Wittwe und Waisen gegen die dringendste Noth zu schützen, sondern
-zugleich würde auch die nationale Handelsbilanz verbessert, wenn
-einerseits die Einfuhr ausländischen Tabaks und andererseits die
-Einfuhr derjenigen ausländischen Bodenprodukte wegfiele, welche auf dem
-jetzt mit Tabak bepflanzten einheimischen Boden erzeugt werden könnten.
-
-Die jetzt mit dem Bau und der Verarbeitung des einheimischen Tabaks
-beschäftigten Personen würden alsdann mit dem Bau und der Verbreitung
-der an seine Stelle tretenden Bodenprodukte beschäftigt sein und die
-jetzt für ausländischen Tabak bezahlten Summen würden, in Gestalt von
-Wittwen- und Waisen-Pensionen in den Verkehr zurückgeströmt, dazu
-dienen, das Haushaltsniveau der Arbeiterbevölkerung zu erhöhen, also
-ihre Kaufkraft für anderweitige Genussmittel zu steigern. Dadurch würde
-die nationale Produktion weit mehr gewinnen, als sie durch das Aufhören
-des Tabaksexports und der Verarbeitung des ausländischen Tabaks verlöre.
-
-Da eine solche Umwandlung aber von innen heraus keinesfalls
-allzuschnell erfolgen dürfte, so ist es Aufgabe des Staates, dieselbe
-durch eine möglichst hohe Steigerung der Tabakssteuer zu unterstützen,
-denn auf nichts ist eine hohe Steuer so wohl angebracht als auf dies
-Laster. Wäre nicht die bei weitem grösste Zahl der Abgeordneten und
-Wähler rauchende Männer, wäre statt dessen eine Volksabstimmung nach
-Köpfen möglich, so würde nächst der Branntweinsteuer keine Steuer
-bereitwilliger erhöht werden, als die auf den Tabak.
-
-Eine wesentliche Verminderung des Rauchens liesse sich freilich auch
-von der stärksten Erhöhung der Tabakssteuer nicht augenblicklich
-erwarten, da die gewohnheitsmässigen Raucher doch weiter rauchen
-würden, nur etwas geringere Sorten; aber in der nächstfolgenden
-Generation würde der Einfluss doch sehr bedeutend werden, da die
-erhöhte Kostspieligkeit des Rauchens ein verstärktes Gegenmotiv gegen
-die Angewöhnung desselben liefern und für viele Jünglinge entscheidend
-werden könnte.
-
-Die Einführung des Monopols würde die nicht zu unterschätzende Gefahr
-in sich schliessen, dass der Staat das Rauchen auf alle Weise,
-insbesondere bei den höheren Gesellschaftsklassen begünstigte, um
-erhöhte Einnahmen zu erzielen, und dadurch dem aus der Mode-Kommen
-desselben entgegenwirkte. Dieses nationalökonomische Bedenken
-trifft das Tabaksmonopol jedenfalls in höherem Grade als das
-Branntweinmonopol, weil jede anständige Regierung sich schämen würde,
-ihre Unterthanen zum Trinken zu verleiten, nicht aber zum Rauchen.
-
-
-3. Die Politik und die Jugend.
-
-Ein Hauptunglück der Zeit nach d. J. 48 in Deutschland ist das
-Zusammentreffen gesteigerter Berufsansprüche mit dem Ueberwuchern
-politischer Interessen über die künstlerischen, wissenschaftlichen,
-gemüthlich-geselligen und religiös-sittlichen. Die in jeder
-Berufstätigkeit gegen früher erheblich gesteigerten Ansprüche
-an den Träger verringern nicht nur die Musse, sondern lassen
-auch den einzelnen nach gethaner Tagesarbeit erschöpfter und
-erholungsbedürftiger in die Mussezeit eintreten, so dass er nicht nur
-weniger Zeit, sondern auch weniger Lust und Kraft verfügbar behält, um
-sich Interessen, die seinem Berufe fern liegen, mit Ernst und Sammlung
-zuzuwenden. Was aber noch übrig bleibt, davon nimmt die Politik
-den Löwenanteil für sich in Anspruch, welche sowohl als politische
-Tagespresse, wie als politisches Vereinswesen an die Sammlungsfähigkeit
-des Aufnehmenden nicht allzu hohe Ansprüche stellt. Die Interessen an
-socialethischen und religiösen Fragen gelangen fast nur noch insoweit
-zu ihrem Recht, als sie sich mit der Politik berühren, in den Streit
-der politischen Parteien Eingang gefunden haben und durch die Brille
-des Politikers angesehen werden können. Das politische Parteitreiben
-aber macht das Gros der Menschen roh und gewöhnt sie an das Austheilen
-und Ertragen von Beleidigungen und Beschimpfungen ähnlich wie in der
-Reformationszeit der konfessionelle Hader.
-
-Wie sollen diese Zustände sich bessern? Die gesteigerten
-Berufsansprüche entsprechen der Forderung gesteigerter Arbeitsteilung
-und intensiverer Arbeitsleistung. Die modernen Staatsverfassungen
-erheischen die Betheiligung aller Männer bei den politischen Wahlen,
-und ein gleichgültiges Fernbleiben der geistigen Elite des Volks würde
-das ohnehin schon bestehende Uebergewicht der demagogischen Schreier
-und Hetzer zu einem geradezu unbestrittenen machen.
-
-Die reifen Männer können und dürfen sich nur ausnahmsweise ihren
-politischen Pflichten entziehen, aber diese Pflicht sollte doch nur für
-die reifen Männer gelten. Handarbeiter mögen für relativ reif gelten,
-wenn sie in das Alter der Wahlberechtigung eingetreten sind (21 bis
-24 Jahr); denn geistig reifer als sie dann sind, werden sie doch nur
-in Ausnahmefällen noch werden. Die gebildeten Stände dagegen brauchen
-gerade die Zeit vom Abgang aus der Schule bis zur Verheirathung (also
-etwa vom 18. bis zum 30. Jahre), um sich geistig zu entwickeln und ihre
-Mannesreife zu gewinnen; wenn sie diese Zeit, wo der Geist bereits
-das volle Verständniss besitzt, ohne doch schon in festen Ansichten
-verknöchert zu sein, für ihre humanistische Ausbildung ungenutzt
-verstreichen lassen und statt dessen sich auf Politik werfen, so
-versäumen sie meist etwas Unwiederbringliches. Soll die Physiognomie
-unsrer höheren Gesellschaft vor einer vorzeitigen facies hippocratica
-bewahrt bleiben, so müssen Studenten und angehende Praktiker die
-Politik wie die Pest scheuen und die Erfüllung ihrer politischen
-Staatsbürgerpflichten auf ein Alter verschieben, wo sie durch
-vielseitige humanistische Bildung in ihrem Geiste einen Grund gelegt
-haben, auf dem eine selbstständige, von Parteischlagworten unabhängige
-politische Urtheilsbildung erst möglich wird.
-
-
-4. Puder und Schminke.
-
-Das grösste koloristische Meisterwerk der Natur ist die Haut der
-nordischen weissen Menschenrasse; es übertrifft an Feinheit und
-Komplicirtheit der Farbentöne, an Leuchtkraft und Sättigung alle
-sonstigen Farbenwunder der Natur. Wer seinen Teint durch Puder und
-Schminke zu verbessern glaubt, gleicht einem Bilderrestaurateur,
-der ein Tiziansches Inkarnat durch weisse oder rothe Retouchen zu
-heben unternimmt. Auch die gelben und grünen Tinten des sogenannten
-schlechten Teints sind unendlich viel schöner als Mehl und Zinnober.
-Der Puder macht die Glanzlichter der Haut stumpf und matt, die Schatten
-kraft- und wirkungslos, die Mitteltöne fade und mehlsuppig; alle
-Farben in Licht, Schatten und Mitteltönen entfärbt er zum eintönigen
-Grau des Gypses. Auf der Bühne sind Puder und Schminke ein Mittel
-zur Herstellung der zur Rolle gehörigen mimischen Maske; wer diesen
-Bestandtheil des scenischen Scheins ins wirkliche Leben überträgt,
-gleicht einem Menschen, der seinen Garten mit gemalten Bäumen und
-Sträuchen zu verschönern versucht, und zeigt zugleich, dass er nicht
-sein eignes Selbst darstellen, sondern eine Komödiantenrolle im Leben
-spielen will.
-
-Nichts ist komischer als die sittliche Entrüstung, mit welcher die
-„bloss Gepuderte“ auf die Gepuderte und Geschminkte herabsieht, denn
-an Geschmacklosigkeit steht sie ihr kaum nach, wohl aber an Muth und
-Klugheit: an Muth in der zaghafteren Schaustellung ihres naturwidrigen
-Geschmacks und an Klugheit in dem Wahne, den weissen Puderteint eher
-als den farbigen Schminkteint für Natur ausgeben zu können.
-
-Wenn in den tonangebenden Schichten der Gesellschaft das Pudern der
-Haut zur herrschenden Unsitte wird, so ist das ein Zeichen, dass
-in ihnen Unbildung, Verbildung und Unnatur, Geschmacksrohheit und
-Sinnesverkehrtheit sich die Hand reichen, und dass ein Ungewitter des
-Völkerschicksals zur Reinigung der ungesunden socialen Atmosphäre noth
-thut. Eine Kultur, die sich äusserlich durch den Puder kund giebt, ist
-eine miasmatische Afterkultur, die keine echte Kraft mehr zu ihrer
-Vertheidigung begeistern vermag, und deshalb über kurz oder lang dem
-Ansturme der kulturfeindlichen Mächte ohnmächtig erliegt; wie es im
-vorigen Jahrhundert dem ancien régime erging, so würde es in diesem
-der modernen Bourgeoisie ergehen, wenn eine allgemeinere Verbreitung
-von Puder und Schminke die symptomatische Rechtfertigung für die
-socialdemokratische Behauptung von der innern Fäulniss ihrer Kultur
-liefern sollte.
-
-
-
-
-VIII.
-
-Zur Reform des Universitätsunterrichts.
-
-
-Unsere Universitäten haben im geistigen Leben der Nation nicht mehr
-die Bedeutung wie früher, theils weil der Einfluss der Literatur den
-ihrigen überholt hat, theils weil sie ihren Einfluss mit zahlreichen
-neben ihnen aufgeblühten Hochschulen technischen, militärischen und
-sonstigen Charakters theilen müssen. Aber noch immer ist ihre Bedeutung
-so gross, dass es unrecht wäre, dieselbe zu unterschätzen, und darum
-ist auch die Frage nach den Mängeln unserer Universitäten und nach
-ihrer Abhülfe eine Frage von allgemeinem Interesse für jeden, dem dies
-Gedeihen und der Fortschritt der deutschen Geisteskultur am Herzen
-liegt.
-
-Die Mängel unsres Universitätswesens liegen sowohl auf Seite der
-Studentenschaft wie auf Seiten der Lehrkörper ziemlich offen zu
-Tage. Viele Studenten studiren in den ersten Semestern zu wenig oder
-gar nicht, weil falsche Ehrbegriffe und zeittödtende Genusssucht
-ihre Kräfte vollauf in Anspruch nehmen; wenn sie aber anfangen zu
-studiren, so haben sie alle Hände voll zu thun, um den gesteigerten
-Prüfungsansprüchen an ihre Berufswissenschaft Genüge zu leisten,
-so dass ihnen während der ganzen Studienzeit kein Augenblick für
-allgemeinere Geistesbildung, für das Studium der humaniora übrig
-bleibt. Für solche Studenten passt unsre deutsche Einrichtung der
-Universitäten nicht; wäre es sicher, dass diese Art von Studententhum
-das Feld der Zukunft behaupten würde, so müsste unser Universitätswesen
-aus Zweckmässigkeitsgründen seine akademische Freiheit aufgeben und
-gegen den französischen und englischen Zuschnitt der obligatorischen
-Einpaukerei vertauschen. Glücklicher Weise besitzen wir noch
-studentische Elemente genug, welche von der akademischen Freiheit
-wirklichen Nutzen ziehen, und wenn man den Zeichen der Zeit trauen
-darf, so darf man vorläufig die Hoffnung nicht fahren lassen, dass
-aus den Kreisen des Studententhums heraus ein Umschwung zum Bessern
-erfolgen wird durch eine mächtige Auflehnung gegen die bisherige
-sinnlose Kraft- und Zeitvergeudung.
-
-Einem solchen Umschwung müssen aber einschneidende Reformen von
-Seiten des Lehrkörpers entgegenkommen, wenn die Besserung gründlich
-und dauernd werden soll. Der tiefliegendste und allereigentlichste
-Krebsschaden unsres Universitätsunterrichts liegt meiner Meinung
-nach darin, dass der Regel nach die Erfindung der Buchdruckerkunst
-mit Hartnäckigkeit ignorirt, und heute noch wie im Mittelalter der
-Unterricht allein auf mündlichen Vortrag gegründet wird. Man verkennt
-die physiologische Thatsache, dass eine Stunde Vortrag-Hören die Nerven
-und das Gehirn weit mehr anstrengt als eine Stunde Lesen. Dieser Satz
-erleidet nur da eine Ausnahme, wo das Lesen eine noch ungewohnte
-Thätigkeit ist, welche eine besondere Anspannung der Aufmerksamkeit
-erfordert; ein Jüngling aber, der noch auf diesem kindlichen Standpunkt
-steht, ist eben noch nicht reif für den Besuch der Universität, und
-deshalb ist bei den Universitätseinrichtungen auf solche unreife
-Individuen keine Rücksicht zu nehmen.
-
-Es sind verhältnissmässig wenige Fächer des Universitätsunterrichts,
-bei denen die Demonstration den Stamm bildet, um welche der Vortrag
-sich bloss erläuternd herumrankt; bei den meisten ist das mündliche
-Wort des Lehrers auf sich allein angewiesen. Was der Lehrer vorträgt,
-ist der Inhalt eines ungedruckten Lehrbuchs; was der Schüler
-nachschreibt, ist der Inhalt eines ungedruckten Leitfadens. Kein
-Student würde es sich einfallen lassen, nachzuschreiben, wenn er
-bei Belegung des Kollegs den gedruckten Leitfaden des Docenten
-eingehändigt erhielte, und ausserdem jederzeit in einem gedruckten
-Lehrbuch des Docenten das Gehörte nachlesen könnte. Der ganze Unfug
-des Nachschreibens würde mit einem Schlage beseitigt, wenn die
-Universitätsordnung es verböte, dass irgend ein Professor oder Docent
-ein Kolleg ankündigte, zu dem er nicht vorher der Universitätsbehörde
-den gedruckten Leitfaden eingereicht, oder einen der bereits bekannten
-Leitfaden eines Dritten zu Grunde legen zu wollen erklärt hat. Jedem
-Draussenstehenden müsste es zunächst unbegreiflich scheinen, warum dies
-nicht auch ohne solche Zwangsbestimmung freiwillig von allen Lehrern
-geschieht, da die Sache doch gar so einfach und selbstverständlich
-scheint, und jeder Meinungsänderung des Lehrers theils durch neue
-Auflagen des Leitfadens, theils durch die Ausführungen des mündlichen
-Vortrags Rechnung getragen werden kann. Der Grund, warum es bisher so
-selten geschieht, und statt dessen abgeschriebene Diktathefte umlaufen,
-ist wohl in der Furcht der Professoren zu suchen, einerseits durch
-selbst herausgegebene Leitfaden sich allzusehr der Kontrole und Kritik
-ihrer Konkurrenten bloss zu stellen,[9] andrerseits durch solche
-Darbietung des zusammengedrängten Lernstoffes für die Prüfungen den
-Studenten das Besuchen ihrer sonst reizlosen Vorträge überflüssig zu
-machen.
-
-In der That trägt der „Leitfaden“ die Gefahr in sich, dass er dem
-faulen Studenten die Beruhigung gewährt, auch ohne Besuch der Vorträge
-durch Auswendiglernen seines Inhalts das Examen in dem Gegenstande
-bestehen zu können. Diese Gefahr liegt aber wesentlich nur dann vor,
-wenn der Lehrer sich nicht auf einen wirklichen Leitfaden, d. h. ein
-gedrucktes Diktatheft, zu beschränken gewusst hat, und statt dessen
-ein Mittelding von Leitfaden und Lehrbuch, oder gar ein kurzgefasstes
-Lehrbuch unter dem Titel „Leitfaden“ veröffentlicht hat. Je knapper der
-Leitfaden ist, desto sicherer wird der Examinator das verständnisslose
-Memoiren desselben von dem rationellen Durchdringen seines Inhalts
-unterscheiden können und im Stande sein, das erstere als ungenügend
-zu verwerfen. Legt der Docent Werth darauf, seinen Zuhörern den
-Leitfaden nicht auf einmal, sondern nur nach jeder Stunde das Diktat
-des gehaltenen Vortrags in die Hand zu geben, so hindert ihn nichts
-daran, seinen Leitfaden in losen Blättern drucken zu lassen, und wenn
-seine Zuhörerschaft zu klein ist, um den Druck zu lohnen, so stehen
-ihm andere billige Vervielfältigungsarten zur Auswahl (Lithographie,
-Hektographie u. s. w.), welche alle den gemeinsamen Vortheil haben, die
-Zeit für das Diktat zu ersparen.
-
-Man rühmt dem mündlichen Vortrag mit Recht nach, dass er bei gleichem
-sachlichen Inhalt doch anregender sei als die Lektüre, weil er mit
-Hülfe der Deklamation und Mimik von Person zu Person elektrische
-Fäden des Verständnisses spinnt. Dieser Vorzug kommt aber nur dem
-+freien+ Vortrag und keineswegs der Vorlesung zu; im Gegentheil wirkt
-das Ablesen eines Manuscriptes meistens ungünstiger auf den Hörer als
-die Lektüre der gedruckten Vorlesung auf den Leser, weil derselbe
-sich bei letzterer von vornherein auf sich allein angewiesen weiss,
-bei ersterer aber in seiner berechtigten Erwartung auf die belebende
-und zündende Geisteswirkung von Person zu Person getäuscht wird.
-Würde man nun aber statistisch feststellen, welcher Procentsatz der
-Universitätslehrer seine eigentlichen Lehrvorträge (abgesehen von den
-Demonstrationen und Seminarien) frei hält und nicht abliest, so möchte
-die Ziffer sehr gering ausfallen.
-
-Nimmt man noch hinzu, dass nur ein kleiner Theil unter den Vorlesenden
-gut zu lesen versteht, einige sogar geradezu schwer zu verstehen sind,
-so begreift man, dass das Hören der Vorlesungen bei den Studenten in
-eben dem Maasse aus der Mode gekommen ist, als geeignete Lehrbücher der
-verschiedenen Fächer sich dem Selbststudium durch Lektüre dargeboten
-haben. Der fleissige Student arbeitet lieber zu Hause ein gangbares
-Lehrbuch durch, das in der Regel besser ist als die Vorlesungen
-seines Professors, und erspart sich damit den Besuch der Kollegia. Er
-verbessert also auf eigne Hand den Fehler, den die Universität mit dem
-Ignoriren der Buchdruckerkunst begangen hat; aber er vollzieht diese
-Verbesserung nur dadurch, dass er das Universitätsstudium zum leeren
-Schein verflüchtigt und das Privatstudium an dessen Stelle setzt. Er
-muss nach wie vor die Kollegia, die er nicht hört, bezahlen und der
-Professor muss, um nicht seine Einnahmen zu gefährden, den Besuch der
-Wahrheit zuwider bezeugen. Der Student ist ferner genöthigt, sich die
-Diktathefte des nicht gehörten Professors zu verschaffen, und sie
-durchzuarbeiten, um im Examen bei ihm bestehen zu können, weil der
-Examinator ja nicht merken darf, dass der Examinand sein Wissen aus dem
-Lehrbuch eines Konkurrenten geschöpft hat.
-
-So führt der Fehler im Universitätsunterricht und dessen eigenmächtige
-Verbesserung von Seiten der Studenten zur Unwahrheit auf beiden
-Seiten, zu einem in sich unsittlichen Zustand, der den Misskredit der
-Vorlesungen zu einer wirklichen Missachtung steigern muss. Dieser
-Zustand erfordert dringend Abhülfe und diese ist auf keinem anderen
-Wege möglich, als dadurch, dass der Universitätsunterricht seinen
-Grundfehler: das Ignoriren der Buchdruckerkunst, ablegt. Entweder ist
-das Heft, welches ein Professor vorliest, werth gedruckt zu werden,
-dann soll es auch als gedrucktes Lehrbuch den Studenten zugänglich
-sein; oder es ist nicht werth, gedruckt zu werden, dann ist es auch
-erst recht nicht werth, vorgelesen zu werden, und die Studenten haben
-dann ganz Recht, wenn sie sich gegen den Besuch solcher Vorlesungen
-sträuben und den direkten oder indirekten Zwang dazu als ein ihnen
-angethanes Unrecht empfinden. Ein direkter Zwang zu einem Kolleg
-besteht aber da, wo der Besuch eines Kollegs über den Gegenstand
-obligatorisch ist und nur ein Lehrer über den Gegenstand liest; ein
-indirekter Zwang besteht überall, wo ein Examinator das Kolleg über
-einen Prüfungsgegenstand liest. Daraus folgt, dass kein Professor
-ständiger Examinator in einem Fache werden darf, über das er nicht
-entweder ein Lehrbuch herausgegeben hat, oder das er nicht nach dem
-Lehrbuche eines Dritten behandelt und prüft.
-
-Hiergegen wird man nun einwenden, dass eine solche Bestimmung erst
-recht dazu führen würde, die Hörsäle zu veröden, und dass mit ihr der
-Universitätsunterricht in der Hauptsache seine Abdankung legalisiren
-würde, wofern er nur zu der Konsequenz fortginge, anstatt der unwahren
-Atteste über den Besuch der Zwangskollegien wahrhafte Quittungen
-über den Ankauf der betreffenden Lehrbücher zu fordern. Insoweit
-als dieser Einwand richtig ist, kann man nur darauf antworten, dass
-insoweit allerdings der mündliche Universitätsunterricht das Recht zu
-existiren verloren hat, und dass es nicht gerechtfertigt werden kann,
-einen innerlich unhaltbar gewordenen Zustand durch ein künstliches
-System konventioneller Unwahrheiten als hohles Scheinbild konserviren
-zu wollen. Insoweit muss also jede Maassregel willkommen geheissen
-werden, welche den äusseren Zusammenbruch eines innerlich hohlen und
-unwahren Zustandes beschleunigt. Aber es ist nicht richtig, dass mit
-der vorgeschlagenen Maassregel der mündliche Universitätsunterricht
-noch weiter herunterkommen würde; im Gegentheil würde dieselbe geeignet
-sein, ihm einen neuen Aufschwung zu verschaffen, wofern derselbe
-nur die durch die veränderten Umstände gebotene Umwandlung mit sich
-vornimmt.
-
-Allerdings kann der Lehrer nicht erwarten, dass man seine Vorlesungen
-mit anhöre, wenn er doch nur sein Lehrbuch vorliest, das man zu Hause
-bequemer und schneller lesen kann. Der Hauptvortheil der mündlichen
-Belehrung, die Möglichkeit von Frage und Antwort, bleibt ja ohnehin
-bei solchem rein einseitigen Vortrag unbenutzt, und doch wird erst in
-der lebendigen Wechselrede der Lehrer gezwungen, frei zu produciren
-und dadurch die eigentlichen Vorzüge des mündlichen Vortrages über
-die Lektüre zu entfalten. Andrerseits hat der Lehrer nicht mehr
-nöthig, seinen Schülern dasjenige mündlich zu sagen, was sie in dem
-betreffenden Abschnitt seines Lehrbuchs schon zu Hause hatten lesen
-können, sondern er hat nun den Vortheil, diesen Abschnitt auf Grund
-der vorausgesetzten Lektüre frei mit ihnen durchsprechen zu können,
-ähnlich wie es schon jetzt in den Privatissimis und Seminarien
-mit philologischen oder philosophischen Klassikern geschieht. Die
-Studenten könnten ihren Zweifel und ihre Unklarheit über bestimmte
-Punkte fragend zur Sprache bringen, und dadurch ihr Studium unendlich
-viel fruchtbarer machen, als es durch einsame Lektüre oder durch
-Besprechung unter lauter Lernenden werden kann. Die Kollegien würden
-sich gegen jetzt merklich füllen, weil viel mehr aus denselben zu
-holen wäre, und die Repetition von gedruckten Leitfaden würde wirklich
-zur Wiederholung eines rationell verarbeiteten Gedankenmaterials
-werden. Die Arbeit der Lehrer würde sich dabei verringern, da die
-Hälfte derjenigen Stundenzahl, welche jetzt der Vortrag erheischt, zur
-Besprechung ausreichen würde; die Arbeit der Studenten aber würde sich
-trotz des viel grösseren Gewinns nicht wesentlich vergrössern, da man
-in zwei ganzen Stunden zu Hause bequem so viel lesen kann, wie man in
-vier mal dreiviertel Stunden im Colleg hört.
-
-Wenn die Examinatoren gezwungen würden, diese veränderte Unterrichtsart
-anzunehmen, so würden dadurch indirekt alle nicht examinirenden
-Lehrer mit gezwungen werden, dasselbe Verfahren zu beobachten, soweit
-dieselben die gleichen Gegenstände lehren. Denn grade der persönliche
-Verkehr mit den Examinatoren, welcher durch die Besprechung der
-Lehrbücher eröffnet ist, würde den schon jetzt bestehenden Vorsprung
-der Examinatoren gegen die nicht examinirenden Konkurrenten so sehr
-vergrössern, dass die Konkurrenz der letzteren völlig aussichtslos
-werden müsste, wenn sie im alten Schlendrian der „Vorlesungen“
-verharren wollten. Schon jetzt ist der Vortheil der Examinatoren so
-gross, dass gegen diesen Vorsprung der Stellung keine Ueberlegenheit
-in den Leistungen aufkommen kann; wenn dieser Vorsprung durch die
-veränderte Unterrichtsart noch vergrössert wird, so ist das ein
-schwerwiegender Uebelstand, der leider mit in den Kauf genommen werden
-muss. Der einzig mögliche, aber auch von der Gerechtigkeit geforderte
-und darum unerlässliche Ausgleich ist darin zu suchen, dass die
-Examinatoren aufhören, für den durch ihre Stellung und nicht durch
-ihre Tüchtigkeit bedingten stärkeren Zuspruch zu ihren Kollegien
-diejenige Prämie zu erhalten, welche nur als Prämie überlegener
-Tüchtigkeit einen Sinn hat, nämlich die Kollegiengelder ihrer Zuhörer.
-
-Es giebt eine Anzahl Kollegien, deren Gegenstand von hohem
-wissenschaftlichen Werth, aber nicht gerade Gegenstand einer
-Berufsprüfung ist. Solche Kollegien haben naturgemäss auch bei der
-grössten Tüchtigkeit des Lehrers nur wenige Zuhörer, während andre von
-unentbehrlichem Nutzen oder allgemeinerem Interesse auch bei geringerer
-Tüchtigkeit des Lehrers auf stärkeren Zuspruch rechnen dürfen.
-Hieraus erhellt wiederum, wie wenig die Zuhörerzahl geeignet ist, als
-Maassstab für die Tüchtigkeit des Lehrers oder gar für eine demselben
-zu gewährende Extravergütigung zu dienen. Wenn es doch einzelnen
-Professoren von anerkannt hervorragender Bedeutung in einem Fache
-von geringer praktischer Verwendbarkeit und specialisirtem Interesse
-gelingt, eine grössere Zahl von Hörern um sich zu versammeln, so
-erzielen sie die ihnen dadurch zufliessenden höheren Einnahmen wiederum
-nur dadurch, dass sie die Erfindung der Buchdruckerkunst ignoriren
-und somit jeden, der ihre Arbeiten kennen lernen will, zwingen, zu
-ihnen zu kommen und ihre Vorlesungen zu hören. Man wird zugeben, dass
-eine solche Monopolisirung der Wissenschaft ein in der Gegenwart
-nicht mehr zu duldender Rest mittelalterlicher Zunft- und Bann-Rechte
-ist, und dass die Honorarverhältnisse, welche einen Gelehrten zu
-solcher Zurückhaltung treiben, selbst ein unwürdiges Ueberlebsel
-überwundener Zeiten sind. Sobald der Bezug von Kollegiengeldern ein
-Ende hat, hört auch das Interesse an der Nichtveröffentlichung der
-Forschungsergebnisse auf, da das blosse Eitelkeitsinteresse an der
-Zahl der Zuhörer denn doch wohl zu tief steht, um den Fortschritt der
-Wissenschaft in seiner stets wachsenden Beschleunigung zu hemmen.
-
-Für Forscher solcher Art ist überhaupt das Lehren gar keine Bedingung
-ihrer Wirksamkeit, sollte für sie vielmehr nur Mittel der eigenen
-Anregung und Erfrischung sein. Ihr Platz ist nicht sowohl im Lehrkörper
-einer Universität als in einer Akademie mit der Berechtigung,
-aber ohne die Verpflichtung zum Abhalten von Vorträgen an den
-Staatsuniversitäten. Man kann ein vorzüglicher Lehrer und ein sehr
-untergeordneter Forscher sein; man kann aber auch ein hervorragender
-Forscher und dabei sehr schlechter Lehrer sein. Der Staat hat ein
-ebenso grosses Interesse, sich Forscher, als sich Lehrer zu sichern;
-aber er fasst die Sache am unrechten Ende an, wenn er beides vermengt,
-also von jedem Lehrer als unentbehrliche Zuthat seiner Stellung den
-Nimbus eines bedeutenden Forschers und Förderers der Wissenschaft
-verlangt, und jedem Forscher eine Lehrthätigkeit als Bedingung für
-die Gewährung eines Staatsgehaltes zumuthet. Die Bedeutung der
-Akademien für die Gegenwart ruht ausschliesslich darin, dass sie den
-Forschern eine sorgenfreie Existenz zur Fortsetzung ihrer Forschungen
-mit ungetheilten Kräften gewähren; dieses Ziel haben ursprünglich
-die meisten Akademien sich vorgezeichnet, und es ist nicht der
-Fehler ihrer Gründer, wenn die mit der Mitgliedschaft verknüpften
-Gehälter in Folge veränderten Geldwerthes ihrem Zwecke nicht mehr
-genügen. Wenn die Regierungen sich entschliessen könnten, die
-Mitgliedschaften der Akademien durch zeitgemässe Erhöhung der Gehälter
-zu Forscher-Sinekuren zu erheben, so würden sie damit den höchsten
-Spitzen des Kulturfortschritts einen ebenso grossen Dienst erweisen als
-den Universitäten, welche dadurch von Lehrern entlastet würden, die nur
-aus Noth lehren, um nebenbei als Forscher leben zu können. Das Gehalt
-eines Mitglieds der Akademie müsste eben höher sein als das höchste
-Professorengehalt, womit aber selbstverständlich auch eine Kumulation
-beider Gehälter ausgeschlossen wäre.
-
-Es ist bekannt, dass es gegenwärtig zum grossen Theil andre Kollegien
-sind, welche der Student besucht, als die, welche er bezahlt; er
-bezahlt diejenigen, welche er direkt oder indirekt gezwungen ist, zu
-belegen, und hat in der Regel wenig Neigung, nebenbei auch diejenigen
-noch zu bezahlen, welche er bloss aus Interesse an der Sache besucht.
-Die Folge davon ist, dass er auch die sein Interesse erweckenden
-Collegien nur unvollständig, weil mit bösem Gewissen, hört, ohne dass
-er im Stande ist, die Lücken durch Lektüre des Lehrbuchs zu ergänzen.
-Den nicht examinirenden Lehrern raubt dieser Missbrauch des Hospitirens
-noch einen grossen Theil derjenigen Kollegiengelder, welche ihnen durch
-den Vorsprung ihrer examinirenden Kollegen allenfalls noch hätten
-übrig bleiben können. Wollte man unter den Verhältnissen, wie sie sich
-entwickelt haben, auf strenge Ordnung halten, und jeden Studenten,
-der nicht belegt hat, hinausweisen, so würde die Wirkung davon in der
-Hauptsache nur die sein, dass die Hörsäle noch mehr veröden und die
-Studenten noch mehr sich dem Privatstudium durch Lektüre zuwenden.
-
-Wenn eine statistische Erhebung darüber vorgenommen werden könnte, wie
-viel wirklich besuchte Vorlesungsstunden auf den Kopf der deutschen
-Studentenschaft in einem Semester kommen, so würde man darüber staunen,
-wie wenig der Nutzen der Vorlesungen in ihrer jetzigen Art im Ganzen
-von den Studenten anerkannt wird, und wie sehr das studentische Leben
-(mit Ausnahme der medicinischen Fakultät) zwischen Nichtsthun und
-Privatstudium schwankt. In der That konnte aber auch ein fleissiger
-Besuch der Collegien bei dem System der Kollegiengelder nur so lange
-möglich bleiben, als die Gelegenheit zum Erwerb der dort zu erlangenden
-Kenntnisse auf privatem Wege fehlte. Gegenwärtig ist die Forderung
-der Universitäten, dass der Student jedes einzelne Kolleg bezahle,
-nichts weiter als eine Prämie auf die Faulheit und das Privatstudium
-und eine gewaltsame Zurückscheuchung der Studenten von allen nicht
-obligatorischen Kollegien. Der Besuch der Vorlesungen würde sich
-sofort verdoppeln und verdreifachen, wenn von jedem Studenten ein
-Fixum pro Semester erhoben würde, durch dessen Bezahlung er das Recht
-erwirbt, jedes Kolleg zu belegen, dessen Plätze nicht schon sämmtlich
-an früher angemeldete Reflektanten vergeben sind. Der Andrang zu den
-interessanteren Vorträgen würde dadurch so wachsen, dass es nöthig
-werden könnte, diejenigen nummerirten Plätze, welche von ihren
-ursprünglichen Inhabern ohne ausreichende Entschuldigung durch drei
-Stunden unbenutzt gelassen werden, an nachbemerkte Bewerber weiter zu
-begeben.
-
-Die Kollegiengelder bilden nach Ablösung der Stolgebühren den letzten
-Rest des mittelalterlichen Sportel- und Gebühren-Wesens, und es ist
-endlich Zeit, mit dieser Ruine aufzuräumen, welche ein Haupthinderniss
-für einen neuen Aufschwung des Universitäts-Unterrichts bildet. Den
-ursprünglichen Sinn einer Prämie für anziehende Vorträge hat die
-Ueberweisung der Kollegiengelder an die Professoren längst eingebüsst,
-und gegenwärtig ist sie lediglich eine unverdiente Gehaltszulage für
-die ohnehin schon begünstigten Examinatoren. Werden die Einzelhonorare
-für jedes Kolleg in ein festes Studienhonorar für das ganze Semester
-umgewandelt, so fällt jede Versuchung fort, diese Honorare dem
-Lehrerkollegium zu überweisen, anstatt derjenigen Behörde, welche
-die Universität erhält und die Gehälter der Professoren zahlt.
-Diese Aufhebung der Gebühren müsste natürlich mit einer Ordnung der
-Professorengehälter Hand in Hand gehen, welche ohnehin dringendes
-Bedürfniss ist; auch müssten Uebergangszustände zugelassen werden,
-deren Erörterung hier zu weit führen würde.
-
-Worüber am meisten öffentlich geklagt wird, ist die Aussichtslosigkeit
-der akademischen Laufbahn und die Uebelstände, welche bei der Berufung
-von Professoren hervortreten. Abgesehen von den Uebertreibungen und
-ungerechtfertigten Verallgemeinerungen, die bei solchen Klagen fast
-unvermeidlich mit unterlaufen, begehen die Warnungsstimmen dieser
-Art meistens den Fehler, dass sie allgemein menschliche Uebelstände,
-wie Cliquenwesen, Weiberregiment, Nepotismus und dergleichen für
-funkelnagelneue Erscheinungen speciell unsres Universitätslebens
-halten, während diess doch nur die überall und zu allen Zeiten
-gangbaren Abweichungen von vorurtheilsloser Sachlichkeit sind. Man
-mag solche Dinge zur Sprache bringen, um den betreffenden Kreisen
-das Gewissen zu schärfen und sie an den Ernst ihrer Berufspflicht
-und die Forderungen der guten Sitte zu erinnern; aber man wird nicht
-hoffen dürfen, dadurch mehr Wirkung auszuüben als mit Moralpredigten
-irgend welcher andren Art. Alle Kooptation führt zur Inzucht, alle
-Stellenbesetzung durch die Regierung zur Begünstigung politischer
-Streber; Intrigue und persönliche Begünstigung spielt hier wie
-dort ihre Rolle, wenn auch in verschiedener Weise. Beide Quellen
-unsachlicher Entscheidung müssen einander beschränken, und jeder
-Versuch, der einen auf Kosten der andren das Uebergewicht zu
-verschaffen, ist nach der einen wie nach der andern Seite gleich
-fehlerhaft. Deshalb liegt kein Anlass vor, an den bestehenden Zuständen
-wesentliche Aenderungen in dieser Hinsicht zu verlangen.
-
-Das Widerwärtige an den akademischen Zuständen liegt vor allem
-darin, dass die Erlangung einer ausserordentlichen Professur noch
-keinerlei Einkommen gewährt, und dass selbst der Eintritt in eine
-ordentliche Professur nicht dem Ehrgeiz und der Gewinnsucht das
-Thor verschliesst. Der Grund dafür ist aber ausschliesslich in den
-ungeordneten Gehaltsverhältnissen zu suchen, welche die einer Berufung
-voraufgehenden Verhandlungen nicht selten zu einem Markten und
-Feilschen herabwürdigen wie bei dem Engagement eines Schauspielers,
-und das Spiel der Intriguen zur Erlangung von wirklichen oder
-Scheinberufungen nicht enden lassen. Der Professorenstand wird
-nicht eher sein moralisches und sociales Gleichgewicht und die ihm
-gebührende wissenschaftliche Würde gewinnen, als bis er durch eine
-feste Gehaltsskala mit Altersascension und örtlich verschiedenen
-Wohnungsgeldern und durch gesicherte Pensionsverhältnisse den
-andern Staatsdienern an Solidität und Stabilität der pekuniären
-Lebens-Grundlagen gleichgestellt wird. Wer von einer kleinen
-Universität an eine grosse berufen wird, der soll nicht um materieller
-Vortheile willen dort hin gehen, sondern im freudigen Stolz auf den
-erweiterten Wirkungskreis; zieht er aber das Verbleiben im gewohnten
-und lieb gewordenen Kreise vor, so mögen die grossen Universitäten aus
-dem eignen Nachwuchs ihre Vakanzen besetzen. Es ist unwürdig, dass
-müde Greise bis an ihr Ende weiter lehren müssen, weil sie durch ein
-ganzes Leben voll Arbeit keinen Pensionsanspruch erworben haben, und
-ebenso unwürdig, dass sie sich im Falle vollständiger Unfähigkeit ihr
-Gehalt für die schuldig gebliebenen Leistungen müssen schenken lassen.
-Es ist unwürdig, dass die längste Dienstzeit keinen Anspruch auf
-Gehaltssteigerung verschafft, und dass letztere erst auf dem Umwege
-künstlich inscenirter Scheinberufungen erpresst werden muss. Es ist
-ungehörig, dass viel umworbenen Berühmtheiten Einnahmen von der Höhe
-einer Primadonnengage und luxuriöse Dienstwohnungen bewilligt werden,
-und ebenso ungehörig, dass die Berufung an grosse Universitäten
-zur Nationalbelohnung für abgediente Invaliden des Katheders
-herabgesetzt wird. Mit der Gleichstellung aller Professorengehälter in
-demselben Staat, oder wo möglich im ganzen Reich würden alle solche
-Ungehörigkeiten ganz von selbst wegfallen.
-
-Der Unterschied zwischen ordentlichen und ausserordentlichen
-Professoren kann bestehen bleiben; denn wer einmal zum ordentlichen
-Professor ernannt ist, der rückt damit auch von selbst in alle
-höheren Gehaltsstufen nach seinem Dienstalter auf, während
-der ausserordentliche Professor bei dem höchsten Gehalt für
-ausserordentliche Professoren stehen bleibt, wenn ihm die Beförderung
-zum Ordinarius versagt bleibt. Nur das scheint mir unbillig, dass man
-Docenten zu ausserordentlichen Professoren ernennt, sie dadurch mit der
-trügerischen Hoffnung, in der akademischen Laufbahn ihr Fortkommen zu
-finden, ködert, und dann ohne Gehalt bis an ihr Ende sitzen lässt. Die
-Gehaltlosigkeit der Extraordinarien wird so nicht ohne Grund zu einer
-Hauptquelle der Bitterkeit für alle, welche nicht zu einer ordentlichen
-Professur gelangen können, und nun ihr Leben für ein verfehltes, ihre
-akademische Laufbahn für eine gescheiterte, und ihre Lebensarbeit für
-eine völlig unentlohnte ansehen müssen. Das Gehalt der Extraordinarien
-müsste wenigstens für einen Junggesellen auskömmlich und zugleich
-pensionsberechtigt sein; die zeitweilige gnadenweise Gewährung von
-Unterstützungen kann niemals als Ersatz für ein pensionsfähiges, wenn
-auch noch so bescheidenes Gehalt gelten. Selbstverständlich würde
-die Behörde für das von ihr gewährte Gehalt auch ein Minimum von
-wöchentlichen Lehrstunden von jedem Angestellten verlangen müssen, das
-beim Extraordinarius geringer bemessen sein müsste als beim Ordinarius.
-Andrerseits haben auch die Extraordinarien, sobald sie ein festes
-Gehalt beziehen, keinen Grund mehr, den Wegfall der Collegiengelder zu
-bedauern.
-
-Die Stellung als Privatdocent ist eine Vorbereitungsstufe und
-Probezeit für den akademischen Beruf. Es ist wünschenswerth, dass
-dieselbe möglichst zahlreichen Bewerbern möglichst leicht zugänglich
-sei, damit die Behörden ein reichliches Material zur Ernennung von
-ausserordentlichen Professoren zur Auswahl haben; aber es ist nicht
-wünschenswerth, das längere Verbleiben in dieser Stellung für solche
-Aspiranten angenehm und behaglich zu machen, welche nach mehrjähriger
-Probezeit nicht zur ausserordentlichen Professur geeignet befunden
-worden sind. Man muss den Privatdocenten den Austritt aus der
-akademischen Carriere ebenso leicht machen wie den Eintritt, und
-muss eine Frist setzen, etwa von zehn Jahren, nach deren Ablauf ein
-nicht beförderter Privatdocent eo ipso die venia docendi verliert.
-Nur auf diesem Wege ist die Existenz eines Kreises von verbitterten
-lebenslänglichen Privatdocenten zu vermeiden, oder dem noch schlimmeren
-Fehler vorzubeugen, dass man alte Privatdozenten endlich einmal zu
-Professoren ernennt, blos weil man das unverdiente Scheitern in ihrem
-Lebenslauf als gar zu grausames Schicksal mitempfindet.
-
-Damit den Docenten, welche trotz mehrjähriger Probezeit nicht zur
-ausserordentlichen Professur gelangt sind, das Verbleiben in ihrer
-Stellung erschwert wird, ist es nothwendig, dass denselben keinerlei
-Remuneration oder Honorar zufällt. Die Zulassung zum Dociren an einer
-Hochschule ist an und für sich ehrenvoll genug, um auch einige Jahre
-als blosse Ehrensache geübt werden zu können, zumal kein Docent
-nöthig hat, mehr als einige Stunden wöchentlich dieser freiwilligen
-akademischen Lehrthätigkeit zu widmen. Nur solche Docenten, welche zur
-Beförderung für einen späteren Termin in sichere Aussicht genommen
-sind, dürfen durch Remunerationen aus Dispositionsfonds an die
-akademische Laufbahn gefesselt werden; bei jedem andern müsste eine
-solche Gewährung als eine grausame Erweckung unbegründeter Hoffnungen
-verurtheilt werden. Die gehaltlose Zeit eines jungen Mannes, welcher
-sich der akademischen Laufbahn widmet, wird danach im Durchschnitt
-nicht wesentlich länger zu rechnen sein als beispielsweise in der
-juristischen Carriere. Der Unterschied bleibt freilich bestehn, dass
-der Jurist nach Ablauf dieser Frist, innerhalb deren er aus seinen
-eigenen Mitteln oder aus denen seiner Familie sich erhalten muss,
-ziemlich sicher auf Anstellung rechnen darf, der Docent aber nicht, und
-es wird nicht zum Ausgleich genügen, dass die juristische Laufbahn in
-erster Reihe dem Broterwerb, die akademische Laufbahn dagegen in erster
-Linie der Befriedigung theoretischer Neigungen und idealer Bedürfnisse
-dient. Dieser Ausgleich ist deshalb ungenügend, weil die Furcht,
-spätestens zehn Jahre nach der Habilitation vor dem niederdrückenden
-Misserfolg einer völlig gescheiterten Carriere zu stehen, die Zahl
-der Reflektanten auf das Docententhum bei gleichzeitigem Wegfall der
-Kollegiengelder unter das erforderliche oder doch wünschenswerthe Maass
-herabdrücken könnte, trotzdem dass die Hoffnung auf frühere Beförderung
-zum besoldeten Extraordinarius einen gegen die heutigen Verhältnisse
-verstärkten Anreiz zur Habilitation gewähren würde.
-
-Die akademische Laufbahn ist nur dann im Stande, viele Probekandidaten
-anzulocken, ohne durch Wiederausscheidung der Mehrzahl der
-Bewerber eine tiefe Verbitterung zu säen, wenn von vornherein
-darauf gesehen wird, dass die Docenten zugleich auf irgend einen
-andern, als den akademischen Ruf vorbereitet sind, und diesen wo
-möglich gleichzeitig verfolgen, jedenfalls aber nach dem Scheitern
-ihrer akademischen Laufbahn den Rücktritt in denselben sich offen
-halten. Mit andern Worten: die Universitätsbehörden sollten mit
-Ausnahme von Persönlichkeiten, die sich bereits durch hervorragende
-schriftstellerische Leistungen als ausnahmsweise befähigt erwiesen
-haben, den höchsten Werth darauf legen, nur solche Kandidaten zur
-Habilitation zuzulassen, welche sich durch die erforderlichen
-Staatsprüfungen den Eintritt in eine anderweitige Laufbahn bereits
-gesichert haben; die Staatsbehörden aber sollten in Anbetracht der
-hohen Wichtigkeit des Universitätsunterrichts für die nationale
-Geisteskultur den Staatsdienern aller Berufsarten, welche Neigung
-spüren, sich eine Zeitlang als akademische Docenten zu versuchen, die
-Erfüllung dieses Wunsches durch das bereitwilligste Entgegenkommen
-erleichtern, anstatt denselben im Interesse des Specialdienstes
-Schwierigkeiten oder unüberwindliche Hindernisse zu bereiten.
-
-In der Hauptsache besteht der von mir verlangte Zustand schon heute
-in der medicinischen und theologischen Fakultät; jeder medicinische
-Docent ist nebenbei praktischer Arzt, und jeder theologische
-Docent ist nebenbei wenigstens Licentiat und kann, wenn er von der
-Universität zurücktritt, eine Predigerstelle annehmen. Immerhin wäre
-es wünschenswerth, dass mehr angestellte jüngere Geistliche, als
-bisher nebenbei den Beruf als Docenten ausübten, wenn sie in einer
-Universitätsstadt oder deren unmittelbarer Nähe leben: dagegen
-scheint mir eine dauernde Verknüpfung von Seelsorge und akademischem
-Lehramt, wie sie jetzt ausnahmsweise vorkommt, nicht empfehlenswerth,
-vielmehr nach ausreichender Probezeit die Entscheidung für die eine
-oder die andere Berufsart geboten. In der juristischen Fakultät wäre
-es nicht mehr als billig, dass man von einem Docenten die vorherige
-Erlangung der Richterqualität forderte; dagegen müssten auch Richter,
-Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Gerichts- und Regierungs-Assessoren und
--Räthe, die an Universitätsplätzen leben, in liberalster Weise zur
-Habilitation zugelassen werden, und ihre vorgesetzten Gerichts- und
-Verwaltungsbehörden von den Ministerien darauf hingewiesen werden, dass
-diese Zulassung im dringenden Interesse des Staates liege, und dass
-solche Neigungen und Bestrebungen für die wissenschaftlichen Interessen
-der Bewerber ein ehrenvolles Zeugniss ablegen.
-
-Dasselbe gilt für die Schulbehörden in Bezug auf die Lehrer an
-staatlichen und städtischen Schulen; hier ist sogar der innere
-Zusammenhang des höheren und Hochschulwesens ein so enger, dass
-es durchaus gerechtfertigt erscheint, die Zahl der wöchentlichen
-Kollegstunden (wenigstens bis zur Höhe von fünf) auf die Zahl der
-gesammten Wochenstunden, zu deren Ertheilung der Lehrer verpflichtet
-ist, in Anrechnung zu bringen, also einem Lehrer, der zugleich
-Universitätsdocent ist, statt 24 nur 19 Schulstunden wöchentlich zu
-übertragen. Die Universitätsbehörden aber sollten bei Habilitationen
-in der philosophischen Fakultät die Bewerber, welche die facultas
-docendi für die höheren Gymnasialklassen erworben haben, entschieden
-bevorzugen, damit den Docenten, welche zur Beförderung in eine
-ausserordentliche Professur nicht in Aussicht genommen sind, seinerzeit
-der Rath ertheilt werden könne, ins Schulamt überzutreten. Gegenwärtig
-gilt der Eintritt ins Schulfach als fast gleichbedeutend mit dem
-Verzicht auf die akademische Laufbahn, und darum bemühen sich die
-Aspiranten auf letztere, die Annahme einer Lehrersstellung, selbst in
-einer Universitätsstadt, wenn irgend möglich zu vermeiden, und sei es
-auch unter den grössten Anstrengungen und Entbehrungen. Diess würde
-aufhören.
-
-Wer nicht hinreichend mit Gütern gesegnet ist, um nach absolvirtem
-Staatsexamen sich ganz dem theoretischen Studium zu widmen, der würde
-zunächst eine Lehrersstellung an einer Schule in einer Universitätsstadt
-zu erlangen suchen und die 120 Sonntage, Feiertage und Ferientage
-im Jahre der Vorbereitung für ein Kolleg widmen; wer aber einige
-Zubusse hätte, der würde am liebsten eine halbe Lehrersstellung mit
-halbem Gehalt annehmen, um noch mehr freie Zeit zu gewinnen. Die
-Schulbehörden würden nur dem Interesse des nationalen Unterrichts
-im Ganzen dienen, wenn sie die Habilitationsreflektanten bei der
-Anstellung in Universitätsorten bevorzugten und wie in der Schweiz
-die Verleihung halber Lehrersstellen (wenigstens für die ersten zehn
-Dienstjahre) genehmigten. Die Versuchung, zu viel Kollegien neben
-einander zu lesen, fällt für die Privatdocenten mit dem Aufhören
-der Kollegiengelder ohnehin fort, so dass die Behörden keine
-erhebliche Störung der dienstlichen Interessen von einer solchen
-Nebenbeschäftigung zu befürchten haben. Es ist nun einmal unerlässlich,
-die Docententhätigkeit auch in der philosophischen Fakultät mit
-irgend einem anderweitigen Broterwerb zu verknüpfen, wenn nicht die
-akademische Laufbahn immer mehr ein Vorrecht der Wohlhabenden werden
-soll; es liegt aber im dringenden Interesse des Ganzen, dass die
-Verknüpfung der Docenten-Thätigkeit mit dem journalistischen Broterwerb
-verhütet werde, und schon darum ist es nöthig, dass der Verbindung des
-Lehramtes an einer höheren Schule mit demjenigen an einer Hochschule
-die Wege gebahnt werden. Selbstverständlich muss diese Verkoppelung von
-Aemtern mit der Ernennung zum besoldeten ausserordentlichen Professor
-ein Ende finden.
-
-Ich bilde mir nicht ein, dass mit den vorgeschlagenen Aenderungen
-in der Einrichtung der Vorlesungen, in den Gehaltsverhältnissen der
-Professoren und in der Stellung der Docenten alle Klagen über unser
-Universitätswesen verstummen würden; aber ich glaube, dass damit
-eine gründliche Abhilfe für die offensten Schäden und dringendsten
-Uebelstände geschaffen werden würde, denen auf anderem Wege schwer
-oder gar nicht beizukommen ist, und dass das Ansehen und die
-Zufriedenheit der Professoren, die Würde ihres Berufs und der Nutzen
-der Universitäten in unserem öffentlichen Leben sehr gewinnen würden,
-ohne dass dabei wesentlich höhere Aufwendungen als jetzt erforderlich
-wären.
-
-
-
-
-IX.
-
-Das Philosophie-Studium an den Universitäten.
-
-
-Unsere moderne Wissenschaft läuft Gefahr, am empirischen Material
-zu ersticken und im Specialismus zu verknöchern. Die Versenkung
-in die Erfahrung und die Arbeitstheilung sind die beiden
-Principien, durch welche sowohl die Naturwissenschaften wie die
-Gesellschaftswissenschaften und geschichtlichen Disciplinen einen
-so grossen und raschen Aufschwung genommen haben. Aber die moderne
-Wissenschaft steht bereits wie der Zauberlehrling rathlos da, und
-fühlt sich unfähig, die heraufbeschworenen Geister zu bannen. Die
-Erkenntniss verliert sich mehr und mehr im Einzelnen, anstatt Honig aus
-demselben heimzubringen für den gemeinsamen Stock der systematischen
-Wissenschaft, von der alle Specialforschung ausgegangen ist, und zu
-der sie alle zurückkehren muss, wenn sie für die Menschheit Werth
-behalten soll. Wie Bergleute, die in verschiedenen Schachten und
-Stollen arbeiten, ohne gemeinsamen Plan des Abbaus sich immer weiter
-von einander entfernen müssen, bis schliesslich keiner mehr das Klopfen
-der anderen hört, so geht es mit der immer weiter fortschreitenden
-Specialisirung der Specialfächer und -Gebiete. Schon innerhalb des
-engeren Faches, z. B. der Mathematik, hört die Möglichkeit der
-Verständigung der Specialisten unter einander und ihrer gegenseitigen
-Kontrole mehr und mehr auf; selbst die praktische Heilkunst droht sich
-in lauter Specialheilkünste aufzulösen und die Naturwissenschaften
-arten immer mehr zu einem zusammenhanglosen Sammelsurium
-kleinkrämerischer Detailnotizen aus.
-
-Dabei schwillt die Literatur zu immer ungeheuerlicherer Ausdehnung an.
-Rund fünfzehntausend neue Werke jährlich in deutscher Sprache und etwa
-ebensoviel in französischer und englischer Sprache zusammengenommen,
-das macht allein schon in einem Menschenalter von einem drittel
-Jahrhundert eine Million Bücher, welche durch die in demselben
-Zeitraum erschienenen periodischen Druckschriften an Masse noch weit
-übertroffen werden. Wie die Thatsachenforscher in der Empirie, so gehen
-die historischen Forscher in der Literatur unter; jede zu behandelnde
-Detailfrage erfordert, um gründlich zu sein, schon jetzt das Studium
-eines so kolossalen literarischen Materials, dass die Frage in ganz
-enger Begrenzung gestellt werden muss, wenn die Bearbeitung nicht
-gleich ins Ungemessene anschwellen soll. Wenn dieser in den beiden
-letzten Menschenaltern in Fluss gekommene Process noch ein Jahrhundert
-so fortgeht, so muss die europäische Geistesbildung in einem Grade
-erstarren, welcher alle Verknöcherung des chinesischen Mandarinenthums,
-Talmudismus oder Islamismus um ebenso viel hinter sich zurücklassen
-wird, wie die Bibliotheken unserer Urenkel den Bücherschatz der
-Chinesen, Juden und Muhamedaner.
-
-Will die moderne Wissenschaft nicht sich selber zum Spott werden und
-die Welt zu dem Gefühl bringen, dass die Vernichtung einer solchen
-sich greisenhaft überlebenden Civilisation durch den Vandalismus der
-Socialdemokratie eine wenn auch nur negative kulturgeschichtliche
-Wohlthat sein würde, so muss sie in sich gehen und bedenken, dass
-Arbeitstheilung und Empirie in der Wissenschaft niemals Selbstzweck,
-sondern nur dienende Mittel zu einem höheren Zweck, an sich aber
-bloss nothwendige Uebel sind. Diese Uebel sind nur dann unschädlich
-zu machen, wenn ein jeder ihrer Gefahren und ihrer unmittelbaren
-Werthlosigkeit eingedenk bleibt, und nie die Verpflichtung aus den
-Augen verliert, den Zusammenhang seiner Detailforschungen mit dem
-grösseren Ganzen, dem sie dienen, und den Zusammenhang des letzteren
-mit der einheitlichen Totalität der Wissenschaft festzuhalten. Nur
-weil das Gefühl dieser Verpflichtung entschwunden ist, konnte das
-Uebel die schon jetzt erreichte Ausdehnung gewinnen; das Gefühl der
-Verpflichtung ist aber darum den Forschern abhanden gekommen, weil
-ihnen das Verständniss für die einheitliche Totalität des menschlichen
-Erkenntnisssystems vor lauter Ueberschätzung der partikulären und
-singulären Erfahrung verloren gegangen ist.
-
-Anstatt einzusehen, dass die Empirie für alle Wissenschaften nur
-in demselben Sinne Mittel zum Zweck sein kann, wie die Technik für
-alle Künste, hat die Wissenschaft sich auf die „Suche“ gelegt,
-wie die Kunst auf die „Mache“; es ist die höchste Zeit, von
-dieser verhängnissvollen Verwechselung zwischen Mittel und Zweck
-zurückzukommen und zu begreifen, dass alle zusammengeschleppten
-Materialien aus Natur und Geschichte noch ebensowenig wissenschaftliche
-Erkenntniss ausmachen, wie die Routine der künstlerischen Technik ein
-Kunstwerk, sondern dass die Wissenschaft und Kunst erst da beginnen, wo
-die erweiterte Erfahrung oder gesteigerte Fertigkeit zu einem Unterbau
-von höherem Niveau werden, auf dem sich Werke des Geistes erheben.
-
-Die einheitliche Totalität des Erkenntnisssystems hat man von jeher
-Philosophie genannt; die Ueberschätzung der Empirie hatte zur Kehrseite
-eine Unterschätzung der Philosophie, insbesondere ihres einheitlichen
-Centrums: der spekulativen Metaphysik, ohne welchen die Philosophie
-in haltlose Trümmer auseinanderfällt. Die Missachtung der Philosophie
-führt nothwendig zur Unterschätzung des selbstständigen Werthes der
-Einzelwissenschaften; sind aber erst einmal die Einzelwissenschaften
-aus ihrem Dienstbarkeitsverhältniss zur Philosophie herausgenommen,
-so geräth das ganze System in Auflösung, indem innerhalb jeder
-Einzelwissenschaft sich derselbe Vorgang wiederholt, d. h. jede
-Specialrichtung sich für berechtigt hält, ihren selbstständigen Werth
-gegen die Wissenschaft zu behaupten, deren Theil sie ist. So gelangt
-schliesslich jeder Dreck und Quark dazu, den gleichen Werth wie die
-höchsten Blüthen des Geisteslebens vor dem Forum der Wissenschaft zu
-beanspruchen, weil er ebensogut Gegenstand der Erfahrung wie diese
-ist. Soll diesem Unfug unsrer Zeit gesteuert werden, so müssen, damit
-die Specialforschungen wieder als dienstbare Glieder und Werkzeuge der
-Einzelwissenschaften begriffen werden, vor allen Dingen erst wieder
-alle Einzelwissenschaften als dienstbare Glieder und Werkzeuge der
-Philosophie begriffen werden, so muss der Philosophie im Bewusstsein
-der Vertreter der modernen Wissenschaft wieder die Stelle als Königin
-der Wissenschaften, oder als Wissenschaft der Wissenschaften,
-nämlich als einheitliche Totalität und inneres Band des menschlichen
-Erkenntnisssystems eingeräumt werden.
-
-So lange man dagegen wähnt, die Philosophie sei ein überwundener
-Standpunkt, und die einheitliche Totalität der Wissenschaften müsse
-mit der Zeit von unten herauf sich ganz von selbst erbauen, wenn nur
-jeder Arbeiter an seinem Stein rüstig weiter klopft, so lange wird
-die Zersplitterung, Entgeistigung und Versumpfung der Wissenschaften
-in atomistischer Spezialisirung progressiv zunehmen. Die Empirie
-als solche bringt immer nur Divergenz ins Unendliche mit sich;
-die Konvergenz der Ergebnisse muss immer erst der die Erfahrung
-bearbeitende Geist hineinbringen; um diess aber zu können, muss er ein
-Centrum als Zielpunkt der Konvergenz im Sinn haben. Die Empirie wird
-ewig unfertig bleiben, weil sie ihrer Natur nach endlos ist; wollte der
-Geist auf die Beendigung der Empirie warten, bevor er die Ergebnisse
-im Sinne einer systematischen Einheit zieht, so würde er niemals
-anfangen dürfen. Die Philosophie wird jederzeit unvollkommen sein
-müssen, weil jederzeit die Empirie unvollendet sein wird; aber auch die
-unvollkommenste Philosophie ist besser als gar keine und ist im Stande,
-die konvergirende Bearbeitung der Erfahrung zu ermöglichen und das
-einheitliche System der Erkenntniss zu fördern.
-
-Der Einfluss der Philosophie auf die Einzelwissenschaften und auf die
-allgemeine Bildung einer Zeit kann unter sonst gleichen Umständen um so
-grösser sein, je vollkommener sie ist, und sie kann um so vollkommener
-sein, auf eine je vollständigere Empirie sie sich stützt. Da nun
-gegenwärtig eine vollständigere Empirie zur Verfügung steht als je
-zuvor, müsste auch eine vollkommenere Philosophie möglich sein, mithin
-auch deren Einfluss grösser sein können als je zuvor. Allerdings ist es
-gegenwärtig durch den Umfang und die unverarbeitete Zersplitterung der
-Empirie dem Einzelnen fast unmöglich gemacht, dieselbe in dem Sinne zu
-umspannen und zu beherrschen, wie es einem Aristoteles, Leibniz, oder
-auf viel niedrigerer Stufe selbst noch einem Alexander von Humboldt
-möglich war. Auch unter den Philosophen wäre jetzt eine Arbeitstheilung
-zum Zwecke einträchtigen Zusammenarbeitens nöthiger als je, damit
-die nächsten Ergebnisse der Materialien zuvörderst so gesichtet und
-geordnet würden, dass ein genialer Kopf sie endlich zusammenfassen
-könnte.
-
-Davon ist aber keine Rede; die offiziellen Vertreter der Philosophie
-in Deutschland sind vielmehr in denselben Fehler der divergenten
-Arbeitstheilung ohne philosophische Rücksichtnahme auf den
-Einheitspunkt des Erkenntnisssystems gerathen wie die Vertreter
-der Einzelwissenschaften, und dieser Fehler, der bei ihnen doppelt
-tadelnswerth, hat natürlich dazu beigetragen, das Ansehn der
-Philosophie noch tiefer herunterzudrücken. Wenn die Mehrzahl der
-Universitätsphilosophen, die sonst über gar nichts einverstanden ist,
-doch darin einig ist, dass die spekulative Methaphysik veraltete
-phantastische Mythologie ohne irgend welchen wissenschaftlichen Werth
-ist, und dass es die Hauptaufgabe der Universitätsphilosophie ist, die
-Methaphysik mit Fanatismus bis zur endlichen Vernichtung zu bekämpfen,
-so darf man sich nicht wundern, dass auch die Universitätsprofessoren
-der übrigen Wissenschaften schon aus Höflichkeit gegen ihre Kollegen
-nicht widersprechen, und dass die Philosophie den letzten Rest
-von Ansehen, den sie vor einigen Jahrzehnten noch genoss, bei dem
-gegenwärtigen Geschlecht eingebüsst hat.
-
-Die heutigen Kathederphilosophen sind im Durchschnitt unfähig nicht nur
-zu eigenen philosophischen Leistungen, denn zu solchen sind sie gar
-nicht verpflichtet, sondern auch zur geschichtlichen Uebermittelung
-unsrer nationalen geistigen Errungenschaften, weil sie in diesen,
-ohne sie zu studiren, bloss die spekulative Metaphysik hassen und
-verachten. Ihre Arbeiten bewegen sich meist auf dem Gebiete einer
-unfruchtbaren Aristotelischen oder Kantischen Philologie, falls
-sie sich nicht gar mit dem Nachkäuen der englisch-französischen
-Sensualisten und Positivisten begnügen; d. h. sie plagen sich
-ausschliesslich mit den veralteten und geschichtlich längst
-überwundenen Systemen vergangener Zeiten, welche für uns nothwendig
-schon darum zu unvollkommen sein müssen, um brauchbar zu sein, weil
-sie sich auf einen Standpunkt der Empirie stützen, gegen welchen der
-heutige sehr weit vorgeschritten ist. Günstigsten Falles bestehen die
-Leistungen unserer Universitätsphilosophen darin, dass sie, anstatt zu
-philosophiren, ebenfalls empirisches Material zusammenschleppen, indem
-sie den Physiologen auf dem Felde der Sinneswahrnehmung mit mühsamem,
-geduldigem Experimentiren in’s Handwerk pfuschen. Die Ausnahmen unter
-ihnen, welche die Geschichte der deutschen Philosophie des neunzehnten
-Jahrhunderts verstanden haben und anregend wiederzugeben wissen, sind
-mit der Laterne zu suchen; aber diese pflegen sich dann auch wieder zu
-keinem energischen Protest gegen das Treiben ihrer Kollegen aufraffen
-zu können, und wagen sich nicht einmal mehr an den Versuch heran, die
-philosophischen Systeme, welche vor zwei oder drei Menschenaltern
-bewunderungswürdig waren, in einer dem heutigen Standpunkt der Empirie
-entsprechenden Weise umzubilden.
-
-Wie ist es nun möglich, dass die Philosophie trotz der Bestrebungen
-der Akademiker, sie zu Grunde zu richten, zu neuem Ansehn komme, und
-dadurch die moderne Wissenschaft überhaupt vor völliger Verknöcherung
-und Versumpfung rette? Das radikalste Heilmittel wäre vielleicht
-das, sämmtliche Universitätsphilosophen zu pensioniren und die
-Philosophie als Gegenstand der Vorlesungen aus der philosophischen
-Fakultät zu streichen. Aber das wäre eine unnöthige Verletzung der
-Lehrfreiheit unsrer Universitäten. Ich glaube, dass man die heutigen
-Professoren und Docenten der Philosophie ruhig weiter dociren lassen
-kann, wenn man nur aufhört, ihre Vorlesungen direkt oder indirekt zu
-Zwangskollegien zu stempeln. Wahrscheinlich würden in kurzer Zeit die
-meisten ihre Vorlesungen aus Mangel an Zuhörern einstellen müssen. Es
-ist entschieden der Philosophie unwürdig, sie zu einem Zwangsstudium
-herabzusetzen, und der Erfolg davon muss grade der umgekehrte von
-demjenigen sein, der damit beabsichtigt ist. Die erste Stufe der
-Entwürdigung hat die Philosophie damit überwunden, dass sie aufgehört
-hat, obligatorischer Unterrichtsgegenstand der Knaben in den Gymnasien
-zu sein; die zweite wird sie erst dann überwinden, wenn sie aufhört,
-obligatorischer Unterrichtsgegenstand für Jünglinge zu sein, die gar
-kein philosophisches Bedürfniss haben, sondern bloss Geistliche oder
-Lehrer oder Aerzte zu werden wünschen.
-
-Es ist ja ein sehr schöner Gedanke, dass Philosophie das eigentliche
-und einzige Studium sei, durch welches man eine höhere allgemeine
-Bildung im akademischen Sinne des Wortes erlangen könne, und es
-sieht verlockend aus, allen akademisch Gebildeten dieses Studium,
-sei es als Grundlage, sei es als Abschluss ihres Bildungsganges
-aufzuerlegen. Aber wie gestaltet sich dieser Gedanke in der nüchternen
-Wirklichkeit? Bei den Juristen hat man es längst aufgegeben, das Hören
-eines rechtsphilosophischen Kollegs zu fordern; denn in der That ist
-Rechtsphilosophie für sich allein und ausser allem Zusammenhang mit
-dem Ganzen der Philosophie betrieben nichts weniger als philosophisch
-zu nennen, und das Gemenge von unverdauten juristischen Brocken mit
-principiell verkehrten Naturrechts- oder Vernunftrechts-Theorien, das
-man meist unter dem Namen Rechtsphilosophie zu hören bekommt, kann
-nur dazu beitragen, den Misskredit der Philosophie bei den angehenden
-Praktikern zu steigern. In dem Studiengang der Mediciner hatte sich das
-Studium der Philosophie schon vor längerer Zeit auf ein psychologisches
-Kolleg reducirt, in welchem sie sich in der Regel schon um des
-Zeitmangels willen mit den dürrsten und dürftigsten Eintheilungen,
-Definitionen und Notizen begnügen mussten, ohne auch nur einen Hauch
-philosophischen Geistes durch ihre Seele wehen zu spüren. Glücklicher
-weise ist es immer mehr ausser Gebrauch gekommen, dieses Kolleg zu
-hören, selbst dann, wenn es ausnahmsweise noch beigelegt wird, und nur
-die Zöglinge des Friedrichs-Wilhelms-Instituts zu Berlin seufzen noch
-unter dem Zwange, den Besuch eines bestimmten psychologischen Kollegs
-dienstlich kontrolirt zu sehen. In der Staatsprüfung der Theologen ist
-man so verständig gewesen, mit dem „Kulturexamen“ auch die Prüfung
-in der Philosophie wieder zu beseitigen; der etwa 40 Seiten lange
-Auszug aus dem ohnehin schon allzuknappen Schweglerschen „Grundriss
-der Geschichte der Philosophie“, welcher zum Zweck dieser Prüfung mit
-Vorliebe gepaukt wurde, war geradezu ein Hohn auf die Sache. Es ist
-deshalb als ein grosser Fortschritt anzusehen, dass die Prüfung in der
-Philosophie durch den Zwang zum Belegen eines philosophischen Kollegs
-ersetzt ist, und es bleibt nur der weitere Schritt zu vollziehen, dass
-das Honorar dieses Zwangscollegs als das anerkannt und ausgesprochen
-wird, was es thatsächlich ausschliesslich ist, als eine Erhöhung
-der Prüfungsgebühren, so dass den Professoren die Unwahrheit des
-Besuchsattestes erspart wird.
-
-Die Kandidaten der Lehrerstaatsprüfung haben heute allein noch das
-wenig beneidenswerthe Vorrecht, in Philosophie wirklich geprüft zu
-werden. Was in aller Welt haben aber diese Philologen, Linguisten,
-Historiker, Literarhistoriker, Mathematiker und Naturforscher von
-Berufs wegen mit Philosophie zu schaffen, seitdem der Unfug der
-philosophischen Propädeutik auf den Gymnasien in Wegfall gekommen ist?
-Wenn man aber wirklich darauf sich stützen will, dass die Philosophie
-zur höheren allgemeinen Bildung des Studirten gehört, warum misst
-man dann die Juristen, Mediciner und Theologen mit anderm Maasse
-als die Lehrer, warum stellt man dann nicht entweder die Prüfung in
-der Philosophie für alle Fakultäten wieder her, oder wandelt nicht
-auch bei den Lehrern die Prüfung in diesem Gegenstande in die blosse
-Verpflichtung um, Testate über gehörte Kollegien beizubringen? Das
-Studium des Juristen und Theologen ist wahrlich nicht ausgedehnter
-und zeitraubender als dasjenige des Philologen, Linguisten, oder
-Mathematikers, so dass entweder keinem von ihnen oder allen die Zeit
-bleibt, ihre allgemeine Bildung durch Philosophie zu vervollständigen.
-Wenn wirklich erst die Ablegung einer Staatsprüfung in der Philosophie
-den Aichstempel der höheren akademischen Bildung gewährt, so hätten ja
-die Lehrer gegenwärtig die Ehre, die einzigen wahrhaft gebildeten unter
-allen Akademikern zu sein!
-
-Nun wird man mir aber schwerlich widersprechen, wenn ich behaupte,
-dass jemand darum, weil er die Staatsprüfung in Philosophie bestanden
-hat, ebensowenig eine Ahnung von Philosophie zu haben braucht, wie
-jemand, der sie nicht gemacht hat, und dass auch der grösste Philosoph,
-wenn er sich nicht speciell auf diese Prüfung vorbereitet hätte,
-ganz ebenso wie jeder Dummkopf in derselben durchfallen würde. Ein
-Kandidat mit ernsten philosophischen Interessen, der beispielsweise die
-Werke der drei grössten Philosophen unsers Jahrhunderts, Schellings,
-Schopenhauers und Hegels mit Fleiss und Verständniss ganz durchstudirt
-hätte, würde ganz wenige Examinatoren finden, bei denen ihm dieses
-Studium etwas nützte, aber sehr viele, bei denen es ihn zu Falle
-bringen würde, wenn er seine „bornirte Liebhaberei für derartige
-metaphysische Mythologien“ auch nur ganz leise durchschimmern liesse.
-Die wenigen Examinatoren in Deutschland, welche überhaupt fähig wären,
-ihn über Schelling und Hegel zu examiniren (denn Schopenhauer kommt
-ja nur als Gegenstand der verächtlichen Widerlegung in Betracht),
-kann er sich nicht aussuchen, sondern er muss darauf gefasst sein,
-von demjenigen geprüft zu werden, der grade an der Reihe ist. Im
-günstigsten Falle ist dies ein Professor, der nichts fragt, als was
-aus den Diktatheften seiner Vorlesungen zu lernen ist; der Kandidat
-hat dann gewöhnlich noch Zeit, diese Diktathefte sich zu verschaffen
-und einzupauken, nachdem er den Namen des Examinators erfahren hat. Im
-ungünstigen Falle bleibt er auf Paukbücher wie Schwegler’s Grundriss
-angewiesen, und hat dann alle Mühe darauf zu verwenden, unter der Hand
-die Richtung und die Liebhabereien des Examinators auszukundschaften,
-damit er sich ja hütet, eine demselben missfällige Aeusserung zu
-thun, was ihm bei den meisten mehr schaden würde als kundgegebene
-Wissenslücken. Da die Mehrzahl der heutigen Universitätsprofessoren
-in dem Hass und der Verachtung gegen die Metaphysik einig ist, so
-hat er sich vor allen Dingen davor zu hüten, irgend ein positives
-philosophisches Interesse zu zeigen oder gar eine metaphysische
-Ansicht zu äussern, da dies die Verkehrtheit und Unfähigkeit seines
-philosophischen Urtheils schon zur Genüge beweisen würde. Weiss er
-dagegen ein kräftig Wörtlein gegen die Metaphysik an geeigneter Stelle
-bescheidentlich einfliessen zu lassen, so hat er damit schon einen
-guten Stein im Brett. Fragt man ihn, mit welchem Philosophen er sich
-genauer befasst habe, so nenne er ja keinen Metaphysiker, sondern
-womöglich einen der Engländer, welche gegen die Metaphysik und für den
-gesunden Menschenverstand geschrieben haben; diess ist schon deshalb
-empfehlenswerth, weil deren Gedankenkreis so arm ist, dass er leicht
-zu bewältigen ist. Will er aber einen Deutschen nennen, so gehe er
-ja nicht über Kant hinaus, und studire von dessen Werken nur die
-kritischen und negativ-dogmatischen, nicht etwa die positiven und mehr
-spekulativen Partien.
-
-Diese Regeln sind nicht von mir aufgestellt, sondern sie sind unter
-der studirenden Jugend ziemlich allgemein bekannt, und werden von den
-Klügeren, welche im Leben ihr Fortkommen zu finden wissen, sorgsam
-beobachtet. Was hiernach der Prüfungszwang einzig und allein bewirken
-kann und bewirken muss, ist eine Steigerung des ohnehin schon in der
-Zeitströmung liegenden Misskredits der Philosophie, insofern die
-Studirenden genöthigt werden, solche Kollegien zu hören und solche
-Philosophen zu lesen, welche gegen die Möglichkeit und den Werth der
-eigentlichen Philosophie vom empiristischen oder skeptischen Standpunkt
-aus ankämpfen. Ausserdem aber werden die Studirenden, sei es direkt
-durch das unfehlbare Absprechen und die zur Schau getragene Verachtung
-von Seiten der gehörten Docenten, sei es indirekt durch das private
-Nachsprechen solcher Urtheile von Seiten der Hörer, ausdrücklich
-davon abgehalten, sich eine philosophische Bildung da anzueignen,
-wo sie allein zu gewinnen ist, nämlich bei wirklichen Philosophen.
-Entweder haben die jungen Leute, wie es bei 90-95% der Fall ist, kein
-philosophisches Bedürfniss, dann wird ihnen durch den Zwang, sich mit
-einer Vorbereitung für die philosophische Prüfung herumzuplagen, die
-Philosophie, die ihnen blos gleichgültig war, erst recht verekelt; oder
-aber sie haben ein philosophisches Bedürfniss, dann würden sie ohne die
-Nöthigung, sich zur philosophischen Prüfung vorzubereiten, vielleicht,
-ja sogar wahrscheinlich, auf irgend eine Weise der wirklichen
-Philosophie näher getreten sein, während ihnen jetzt die Beschäftigung
-mit derselben noch vor der Bekanntschaft verleidet und ihrem
-philosophischen Bedürfniss statt des Brotes ein Stein geboten wird.
-Dadurch lassen sich dann die meisten noch rechtzeitig überzeugen, dass
-die Philosophie, die sie kennen zu lernen künstlich verhindert worden
-sind, denn doch nicht werth sei, studirt zu werden, und sie können nun
-aus philosophischer Einsicht den Chor der unphilosophischen Kameraden
-stärken und führen, der in allen Tonarten die Philosophie verspottet
-und verhöhnt. Wenn doch noch ein Einzelner durch alle diese kunstvollen
-Vorkehrungen und Einrichtungen zur Verekelung der Philosophie sich
-hindurcharbeitet, so hat er es wahrlich einem guten Stern zu danken.
-
-Wenn man auch von der durchschnittlichen Beschaffenheit der heutigen
-Universitätsphilosophen ganz absehen wollte, so bliebe der Zwang zum
-Hören vereinzelter philosophischer Kollegien doch immerhin widersinnig.
-Entweder muss man mindestens vier Semester hindurch ein Kolleg mit
-mindestens vier Wochenstunden über Geschichte der Philosophie (wie
-z. B. Kuno Fischer es hält) obligatorisch machen, oder man soll die
-Philosophie vollständig der akademischen Freiheit überlassen, welche
-sie grade mehr als irgend ein anderer Gegenstand durch ihr innerstes
-Wesen verlangt. Ein Semester von drei bis vier Monaten ist viel zu
-kurz, um in einem Kolleg von nicht mehr als vier Wochenstunden einem
-Anfänger irgend etwas Philosophisches von nachhaltiger Wirkung bieten
-zu können; entweder beschränkt man sich auf gemeinverständliche
-Trivialitäten, oder man giebt etwas Positives und schreckt dann durch
-die an die Aufmerksamkeit und das Verständniss gestellten Anforderungen
-schon wieder die meisten ab. Am gründlichsten ist diese Abschreckung,
-wenn mit dem Kollegium logicum begonnen wird, dieser traurigen Ruine
-aristotelisch-mittelalterlicher Scholastik; dagegen pflegt sich die
-Trivialität am behaglichsten in der „Psychologie“ zu ergehen.
-
-Wären nur erst die Staatsprüfungen in der Philosophie abgeschafft,
-so würden sich auch die Promotionen in diesem Fache sehr vermindern,
-für deren Vorbereitung ähnliche Rücksichten zu beobachten sind, wie
-die oben angeführten. Soweit die Promotionen zwecklose Geldausgaben
-aus blosser Titelsucht sind, kann es nur im allgemeinen Interesse
-(wenn auch nicht in demjenigen der Fakultäten) liegen, wenn dieselben
-ausser Uebung kommen und der Lehrer sich künftig ebenso mit dem
-Titel „Oberlehrer“ wie der Mediciner mit dem Titel „Arzt“ begnügt.
-Soweit aber die Promotionen eine Vorbereitungsstufe zur akademischen
-Docentenlaufbahn bilden, werden sie in der Philosophie um so seltener
-werden müssen, je geringer der Bedarf an philosophischen Docenten wird,
-und da der jetzige Bedarf wesentlich nur durch die philosophischen
-Staatsprüfungen der Lehrer bedingt ist, so würde mit dem Wegfall
-dieser letzteren auch die Zahl der Universitätsphilosophen allmählich
-sehr zusammenschmelzen. In demselben Maasse würde das Ansehn der
-Philosophie in der studirenden Jugend und beim gebildeten Publikum
-allmählich wieder steigen.
-
-Sieht man von solchen Philosophen ab, welche erst in Folge
-hervorragender philosophischer Leistungen eine Universitätsprofessur
-erhielten (wie Hegel, F. A. Lange), oder welche zwar
-Universitätsprofessoren aber nicht eigentlich Philosophieprofessoren
-waren (wie Kant), oder welche erst nachträglich während ihrer
-akademischen Laufbahn von der Naturwissenschaft oder Medicin zur
-Philosophie übergingen (wie Lotze, Wundt), so kann man die Förderung
-der Philosophie durch Philosophieprofessoren (wie Fichte und
-Schelling) als eine seltene Ausnahme betrachten. Zu allen Zeiten
-(vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Wende des achtzehnten und
-neunzehnten Jahrhunderts) waren die Gesammtleistungen der unzünftigen
-philosophischen Literatur einer Generation denen der zünftigen
-bedeutend überlegen, ungefähr in demselben Maasse wie es bei der
-Poesie der Fall sein würde, wenn wir bei jeder Universität 2-6
-officielle „akademische Dichter“ hätten. Indem aber zu jeder Zeit
-die Universitätsphilosophie sich als die officielle und eigentliche
-Vertreterin der Philosophie ihrer Zeit gerirt und die Bedeutung der
-zeitgenössischen unzünftigen Philosophie zu ignoriren oder doch zu
-verkleinern gesucht hat, hat sie zu jeder Zeit dem Ansehn der gesammten
-Philosophie mehr geschadet als genützt. Diess war schon damals der
-Fall, als sie noch wirkliche Philosophie zum Inhalt hatte; um wie viel
-mehr muss es heute der Fall sein, wo sie es zum grösseren Theile nicht
-mehr ist, sondern mehr und mehr zur principiellen „Antiphilosophie“
-heruntergekommen ist. Auch die sorgfältigste Auswahl unter den
-Docenten wäre ausser Stande, alle gegenwärtigen deutschen Lehrstühle
-der Philosophie mit geeigneten Persönlichkeiten zu besetzen; deshalb
-ist aus der Besetzung der Mehrzahl derselben mit ungeeigneten nicht
-einmal jemanden ein besonderer Vorwurf zu machen.
-
-Kein Fach bedarf aber auch weniger als die Philosophie des mündlichen
-Unterrichts, weil keines weniger dazu da ist, von unreifen Jünglingen
-ohne inneres Bedürfniss getrieben zu werden, und es in keinem Fache
-leichter und zugleich unentbehrlicher ist, unmittelbar aus den Quellen
-(d. h. aus dem überreichen Schatz der philosophischen Klassiker)
-zu schöpfen. Kein Feld bedarf weniger als die Philosophie der
-staatlichen Pflege und des behördlichen Schutzes, aber keines bedarf
-auch dringender der vollen ungestörten Freiheit der Entwickelung,
-zu welcher eben auf den Universitäten so lange die Bedingungen
-fehlen, als kollegialische und politische Rücksichten auf die zu
-einem Körper verkoppelte theologische Fakultät unumgänglich sind.
-Wenn die Philosophie in dem „Volke der Denker“ so lange trotz
-aller Verkümmerung durch eine unfreie Universitätsphilosophie und
-philosophische Staatsprüfungen und Zwangskollegien gediehen ist, so
-wäre es ein völlig unbegründeter Kleinmuth, zu fürchten, dass sie
-nicht mehr gedeihen könnte, wenn der Alp dieser Verkümmerung von ihr
-genommen und sie der vollen Freiheit zurückgegeben wird. Je weniger
-deutschen Jünglingen durch zwangsweise Quälerei mit einer unfreien und
-mehr oder minder unphilosophischen Philosophie der Geschmack an der
-Philosophie verdorben wird, desto mehr werden die abfälligen Urtheile
-gegen die Philosophie, welche jetzt unter den Gebildeten der Nation
-das Gewöhnliche sind, schwinden, und desto mehr Jünglinge werden dazu
-gelangen, ihren philosophischen Wahrheitstrieb da zu befriedigen, wo
-er allein die ihm angemessene und zugleich nahrhafte Kost findet, bei
-den grössten unter den deutschen Philosophen.
-
-Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass auch aus der Lehrerprüfung
-über kurz oder lang die Philosophie als Unterrichtsgegenstand
-ausscheiden wird, und dass einmal aller staatliche Zwang zum Hören
-(oder Belegen) philosophischer Vorlesungen aufhören wird; ob aber
-dieser Zopf noch früh genug abgeschnitten werden wird, und ob
-namentlich die Nachwirkungen dieses Fortschritts früh genug eintreten
-werden, um das bereits angerichtete Unheil vor dem Eintritt einer
-völligen Verknöcherung unsrer Specialwissenschaften wieder gut zu
-machen, das scheint mir höchst fraglich. Deshalb wende ich mich an
-die studirende Jugend und fordre sie auf, bis zum Eintritt dieser
-Reform getrennte Buchführung zu halten, d. h. die Befriedigung ihrer
-philosophischen Bedürfnisse niemals und auf keine Weise mit der
-Vorbereitung zu den philosophischen Staatsprüfungen zu vermengen,
-vielmehr die letzteren als die leeren Formalitäten zu erledigen, zu
-denen sie längst herabgesunken sind, daneben aber mit ausdauerndem
-Eifer und stiller Andacht heimlich vor den Examinatoren dem Studium
-der edelsten Geistesblüthen der neueren philosophischen Literatur
-obzuliegen und sich an ihnen mit echt philosophischem, echt modernem
-und echt deutschem Geiste zu erfüllen.
-
-
-
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-X.
-
-Die Ueberbürdung der Schuljugend.
-
-
-Es darf als unbestreitbar gelten, dass heute von den Schülern mehr
-häusliche Arbeiten verlangt werden als vor einem Menschenalter, und
-dass trotzdem von dem Durchschnitt der Schüler weniger geleistet
-wird, so dass die Procentzahl der Nichtversetzten in jeder Klasse
-beträchtlich gegen früher gewachsen ist. Die statistische Ermittelung,
-ob die Jugend jetzt in durchschnittlich schlechterem Gesundheitszustand
-als vor einem Menschenalter die Schule verlässt, ist unausführbar;
-aber auch wenn dieses Resultat festzustellen wäre, könnte man doch
-einwenden, dass es durch andre Ursachen als die gestiegene Arbeitslast
-bedingt oder doch mitbedingt sei. Wichtiger scheint mir die wachsende
-Abneigung der Jugend gegen die Schule als Zeugniss dafür, dass letztere
-mehr und mehr zu einer krafterschöpfenden Drillanstalt geworden und
-mehr und mehr ihren Beruf, zur geistigen Freudigkeit und Frische
-anzuregen, verfehlt. Nur der Begabte, der zugleich sich kein Gewissen
-daraus macht, sich durchzuschwindeln, kommt ohne leiblichen Schaden
-davon, nimmt aber dafür die Gewöhnung an Umgehung der obliegenden
-Pflichten als bedauerliche Mitgift in’s Leben mit. Die Verfügung des
-preussischen Unterrichtsministeriums vom März 1882 drängt zwar auf
-Beschränkung der Unterrichtsziele und namentlich des Memorirstoffs,
-aber bis jetzt, wie es scheint, in der Hauptsache vergeblich. Es dürfte
-deshalb nicht überflüssig sein, wenn Laien ihre Stimmen erheben, um
-nicht blos über die Thatsache zu klagen, sondern auch auf die Ursachen
-und die Wege zur Abhülfe hinzuweisen.
-
-Die genannte Centralverfügung weist auf die gegenwärtig in Aufnahme
-gekommene fachmässige Vorbildung der Lehrer als auf eine Hauptquelle
-der gesteigerten Ansprüche hin; aber es ist psychologisch unmöglich,
-durch einfache Verfügungen Abhülfe zu schaffen, so lange die
-Schulbehörden erklären, sich nicht auf den Standpunkt stellen zu
-können, dass nur auf wenige Unterrichtsgegenstände Werth gelegt wird,
-wie es der Geh. Oberregierungsrath Bonitz bei der Debatte über den
-Cultusetat im preussischen Abgeordnetenhause gethan hat. Ich behaupte,
-dass +nur+ Lateinisch und Griechisch Hauptgegenstände in dem Sinne
-sind, dass eine entschiedene Unreife in einem derselben ein Hinderniss
-der Versetzung sein darf und muss. Dagegen ist es ganz gleichgültig,
-ob ein Schüler der Quarta sicher im elementaren Rechnen ist, oder
-ob ein Schüler der Tertia Genügendes in der Geometrie leistet; wenn
-er mathematische Anlage hat, so holt er das in den oberen Klassen
-mit spielender Leichtigkeit ganz unvermerkt durch den mathematischen
-Unterricht nach, und wenn er solche nicht hat, wie thatsächlich etwa
-zwei Drittel der Menschen sie nicht haben, so ist es eine unbillige
-Härte, ihm wegen solchen Mangels seine Carriere zu verderben und seinen
-Eltern schwere Opfer aufzuerlegen. Was der mathematische Unterricht
-in den letzten drei Jahren bei Unbefähigten überhaupt leisten kann,
-den Hinweis auf die Strenge der mathematischen Beweisführung, das
-leistet er auch dann, wenn das Auswendiglernen dieser Beweise und die
-Fertigkeit im Aufgabenlösen unbefriedigend erscheint.
-
-Ebenso verkehrt ist es, die deutsche Grammatik in den unteren oder den
-deutschen Aufsatz in den oberen Klassen zu einem für die Versetzung
-massgebenden Hauptgegenstand aufzubauschen, während letzterer bei der
-Abgangsprüfung allerdings als solcher gelten muss. Der Mangel an
-deutscher Grammatik wird später durch den Ueberfluss an lateinischer
-und griechischer ausreichend ersetzt; die Entwickelung des Stils aber
-tritt meist plötzlich und stossweise bei Erlangung einer gewissen
-Geistesreife ein, und die Unzulänglichkeit des Stils in Sekunda ist
-kein Hinderniss dafür, dass der Betreffende in Prima den besten Aufsatz
-der Klasse liefert. Das Französische kann auf dem Gymnasium niemals
-eine besondere Wichtigkeit beanspruchen, theils deshalb nicht, weil
-die ihm zugetheilte Stundenzahl thatsächlich zu gering ist, um etwas
-Ordentliches darin verlangen zu können, theils deshalb nicht, weil es
-in keinem Gegenstande leichter und gebotener ist, sich durch Lektüre,
-Conversationsstunden u. s. w. nach Abgang von der Schule fortzubilden,
-als in diesem, also grade hier die Mängel der Schulbildung am ehesten
-nachgeholt und ausgeglichen werden können, wozu nach der Schulzeit
-weit eher Musse zu finden ist als während derselben. Die Fächer,
-welche hauptsächlich das Gedächtniss in Anspruch nehmen (Geschichte,
-Geographie, Naturkunde) verlangen am allerwenigsten den Fortbau auf
-einem in den vorhergehenden Klassen gelegten Grunde; man kann bei ihnen
-anfangen, wo man will, und hat bis zur Abgangsprüfung doch alles in
-den unteren und mittleren Klassen Gelernte wieder spurlos vergessen.
-Der Physikunterricht der obersten Klassen endlich besitzt seinen Werth
-lediglich in dem Hinweis auf den strengen Kausalzusammenhang der
-Naturprocesse und auf das Wesen der experimentellen Induction; dieser
-Zweck muss durch die Theilnahme am Unterricht selbst erreicht werden,
-und es kommt gar nicht darauf an, wie viel von dem mitgetheilten
-Wissensstoff im Gedächtniss behalten wird. Die Entlastung von
-Memorirstoff sollte vor allen Dingen beim Religionsunterricht beginnen,
-insbesondere bei demjenigen der bereits Confirmirten; nichts wird von
-den christlichen Abiturienten als eine drückendere Härte empfunden,
-als dass sie zu allen sonstigen Wiederholungen hinzu sich noch mit dem
-Auswendiglernen von Katechismus und Kirchenliedern plagen müssen, von
-dem ihre jüdischen Mitschüler befreit sind.
-
-Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er sich für alle
-Unterrichtsgegenstände gleichmässig interessiren soll; jeder aber
-wird durch Anlage und Neigung auf gewisse Nebenfächer hingewiesen
-sein, in denen er schon durch die blosse Theilnahme am Unterricht gut
-beschlagen ist. Das gerade verleidet unserer Jugend die Schule, dass
-ein gleiches Interesse für Alles von ihr verlangt wird, wobei aber für
-das Meiste ein bloss erzwungenes Interesse herauskommt. Wer in Latein
-und Griechisch Befriedigendes leistet, der sollte unbedenklich versetzt
-werden, wofern nur die Leistungen in allen Nebenfächern sich zu einem
-befriedigenden Gesammtergebniss kompensiren, also ein Minus der einen
-durch ein Plus der andern gedeckt wird; wer aber in Latein, Griechisch,
-deutschem Aufsatz und Mathematik genügt, der müsste versetzt werden,
-auch wenn er in allen anderen Fächern nicht genügt, und das Urtheil
-über die Fertigkeiten dürfte auch nicht den allergeringsten Einfluss
-auf die Versetzung haben.
-
-Nach ähnlichen Grundsätzen wurde in meiner Jugend in den mir bekannten
-Schulen thatsächlich verfahren, und die Endresultate waren bessere
-als heute, wo trotz aller Erschwerung des Schulgangs und trotz
-der vermehrten häuslichen Aufgaben die Leistungen in den beiden
-Hauptgegenständen des Gymnasiums im Sinken sind. Früher, wo der
-häusliche Fleiss sich in der Hauptsache auf Latein und Griechisch
-beschränkte, und Jeder die seiner Neigung nicht entsprechenden
-Unterrichtsstunden ungestraft zur Abspannung seiner Aufmerksamkeit,
-d. h. zur Erholung und Kräftigung derselben für die nächsten Stunden
-benutzen konnte, da wurde weit mehr gelernt, als jetzt, wo die multa
-das multum unmöglich machen, und die gesteigerte Intensität des
-Unterrichts in allen Stunden ohne Ausnahme (theilweise in Verbindung
-mit dem Wegfall des Nachmittagsunterrichts) die durchschnittliche
-Aufnahmefähigkeit der Schüler für den gesammten Unterricht herabsetzt.
-
-Dass es wirklich die Steigerung der Ansprüche in den Nebenfächern
-ist, welche die Leistungsfähigkeit der Schüler herabsetzt und sowohl
-direkt wie indirekt zu einer das Uebel nur noch verschlimmernden
-Vermehrung der häuslichen Arbeiten zwingt, das sieht man am besten an
-einem Vergleich zwischen Gymnasium und Realschule; die letztere hat
-mehr Schulstunden und mehr häusliche Arbeiten als das erstere, und
-trotzdem leistet sie noch weniger als dieses, weil ihr in noch weit
-höherem Grade die Koncentration auf wenige Hauptfächer fehlt. Fragt man
-aber, wodurch die Schulbehörden zu einer Steigerung ihrer Ansprüche
-in den Nebenfächern der Gymnasien gegen früher gedrängt worden sind,
-und wodurch sie in dieser falschen Stellung festgehalten werden, so
-ist es offenbar der Zug der Zeit nach Verstärkung der Bildung in den
-Realwissenschaften, d. h. eine falsche Anticipation der realistischen
-Fachbildung durch die Schule als allgemeine Bildungsanstalt, oder
-mit anderen Worten eine fehlerhafte Koncurrenz der Gymnasien mit
-dem Lehrziel der Oberrealschulen und Realgymnasien, welche eben als
-verschiedene Grade der Verquickung von allgemeinen Bildungsschulen mit
-Fachschulen zu charakterisiren sind. Die Schulbehörden haben nur den
-Fehler begangen, dem Andrängen nach vermehrter Berücksichtigung der
-Realwissenschaften auf den Gymnasien zu sehr nachzugeben, und zwar
-nicht sowohl in Vermehrung der Stundenzahl, als vielmehr in Steigerung
-der Anforderungen an die Schüler. Die sich jetzt am lautesten über die
-Ueberbürdung beklagen, sind gerade diejenigen, welche die Regierung
-in die falsche Position gedrängt haben und auf diesem Wege immer
-weiter drängen möchten; gelänge es dieser Richtung, die alten Sprachen
-im Gymnasium zu Gunsten der Realwissenschaften noch erheblich zu
-beschränken, d. h. das Gymnasium der Realschule ähnlicher zu machen,
-so würde damit die Ueberbürdung der Gymnasialjugend noch über die der
-jetzigen Realjugend hinauswachsen, weil die alten Sprachen doch immer
-Hauptgegenstände würden bleiben müssen, während sie schon auf dem
-jetzigen Realgymnasium in den oberen Klassen nur noch ein Nebenfach
-darstellen.
-
-So lange die öffentliche Meinung diesen letzten Grund der Ueberbürdung
-nicht erkennt und ihren Einfluss auf die Schulbehörden nicht in
-umgekehrter Richtung wie bisher geltend macht, so lange werden
-alle Palliativmittel sich als wirkungslos erweisen; erst wenn die
-Schulbehörden ihr Aufsichtspersonal dahin instruiren, bei den
-Versetzungs- und Abgangsprüfungen nur den Hauptgegenständen Wichtigkeit
-beizumessen, bei den Nebenfächern aber der Individualität der Schüler
-volle Rechnung zu tragen, erst dann werden die Lehrer der Nebenfächer
-aufhören können, sich der Versetzung eines in ihrem Fache nicht
-genügenden Schülers zu widersetzen. Dann wird wieder mehr Freiheit für
-Lehrer und Schüler und mit ihr mehr Freudigkeit und Liebe zur Arbeit
-in die Schule ihren Einzug halten, die jetzt durch den Anspruch, das
-Klassenziel von allen zu versetzenden Schülern erreicht zu sehen, mehr
-und mehr einer mechanischen Drillthätigkeit gewichen ist. Es wird sehr
-wohl möglich sein, die Klassenziele in den Nebenfächern sogar auf der
-Höhe zu erhalten, auf welche sie durch die fachmässig gebildeten Lehrer
-hinaufgeschraubt sind, sobald man nur darauf verzichtet, alle Schüler
-dieses Ziel erreichen zu sehen. Dann werden die Schüler allerdings
-nicht mehr mit so einförmig gleichmässiger Bildung wie jetzt die Schule
-verlassen, sondern der eine mehr in diesen, der andere mehr in jenen
-Fächern gebildet, alle aber mit einem gegen jetzt erhöhten geistigen
-Niveau und mit unzerstörter Geistesfrische und Lernfreudigkeit. --
-
-Unter solchen Voraussetzungen allein wird es auch möglich sein,
-die häuslichen Arbeiten auf das zu beschränken, worüber sie aus
-idealem Gesichtspunkt nicht hinausgreifen sollten: auf Vorbereitung
-und Wiederholung. Man hat sich zwar gegenwärtig allgemein daran
-gewöhnt, die häuslichen Arbeiten als eine unentbehrliche Ergänzung
-des Schulunterrichts anzusehen, aber ich halte diesen Gesichtspunkt
-für entschieden falsch, und meine, dass dessen Falschheit Jedem
-ohne Weiteres einleuchten müsste, wenn nicht die Gewöhnung an das
-Gegentheil als an den normalen Zustand die Unbefangenheit des Urtheils
-aufhöbe. Die Schule ist dazu da, um der Jugend die nöthige allgemeine
-Bildung einzupflanzen, und wenn sie sich dazu unfähig erklärt ohne
-Zuhülfenahme des Hauses, so beweist sie damit nur, dass entweder in
-ihrer Organisation ein Fehler steckt, oder dass die Lehrer die ihnen
-obliegende Aufgabe theilweise auf das Haus abzuwälzen bequemer finden.
-
-Zehn Stunden Handarbeit findet man heute bereits zuviel und steuert
-auf den achtstündigen Normalarbeitstag für alle Arbeiter hin; sollte
-da nicht achtstündige Arbeitszeit für die Kopfarbeit Erwachsener
-erst recht als unüberschreitbares Maximum gelten, und sollten nicht
-drei Viertel dieses Quantums die allerhöchste, aus hygienischen
-Rücksichten an jugendliche, unreife Gehirne zu stellende Zumuthung
-sein? Dieses Maximum wird aber mit 34-38 Wochenstunden (in Gymnasien
-und Realgymnasien) thatsächlich erreicht und die hinzutretende
-Inanspruchnahme für häusliche Arbeiten ist eine auf keine Weise zu
-rechtfertigende Ueberanspannung. Es hat weit schädlichere Folgen,
-wenn man bei geistiger, als wenn man bei körperlicher Arbeit die
-gesundheitlich zulässige Grenze überschreitet; während aber der Staat
-den jugendlichen Fabrikarbeitern durch gesetzliche Beschränkungen der
-Arbeitszeit ohne Rücksicht auf die dadurch herbeigeführte Verringerung
-des Familieneinkommens seine Fürsorge widmet, stützt er sich darauf,
-dass Schulmännerkonferenzen eine 3-3½-stündige häusliche Arbeitszeit
-neben 36 wöchentlichen Schulstunden für keine Ueberbürdung der
-reiferen Jugend erklären, anstatt darin den Wahrspruch einer bei der
-Angelegenheit dringlichst interessirten +Partei+ zu erblicken. Die
-Schulmänner haben ohne Zweifel das Interesse, die Arbeitsleistung
-der Schule, d. h. ihre eigene Arbeitsleistung durch Mitanspannung
-des Hauses zu erleichtern; das Haus aber hat um so mehr Grund,
-diesem Uebergriff zu wehren, als derselbe eben so unpädagogisch
-wie gesundheitswidrig ist, und wenn die fehlerhafte Organisation
-der Schule, die Unfähigkeit zur selbstständigen Erfüllung ihrer
-Aufgabe, bis zu einem gewissen Grade als Entschuldigungsgrund für
-diesen Uebergriff gelten kann, so liegt darin eine um so stärkere
-Aufforderung, an diese fehlerhafte Organisation die bessernde Hand zu
-legen.
-
-Die häuslichen Arbeiten sind unpädagogisch. Mit diesem Satz bin ich
-sicher, den allgemeinen Widerspruch hervorzurufen, weil die Schulmänner
-das Publikum seit Generationen an die entgegengesetzte Ansicht zu
-gewöhnen gewusst haben. Als Grund wird angeführt, dass durch die
-häuslichen Arbeiten die Jugend zu +selbstständigem Arbeiten+ angeleitet
-werde. Unter „selbstständigem Arbeiten“ kann man zweierlei verstehen:
-erstens das Studium selbstgewählter Wissenszweige und die Bearbeitung
-selbstgewählter Aufgaben, und zweitens die zwangsweise Lösung
-gestellter Aufgaben ohne Gedankentausch und erleichternden Verkehr
-mit dritten Personen. Der erste Zweck stellt eine Ausnahme dar, denn
-er passt bekanntlich nicht für die Schule im Ganzen, sondern nur für
-die reifste Stufe der Schuljugend, und für diese halte auch ich die
-Privatlektüre und die freiwilligen Arbeiten für höchst wünschenswerth.
-Aber bei der jetzigen Erschöpfung der Schüler hören die sogenannten
-freiwilligen Arbeiten ganz auf, oder sie werden selbst wieder zu
-unfreiwilligen häuslichen Arbeiten mit einem gewissen Spielraum in
-der Wahl der Gegenstände; in beiden Fällen geht ihr pädagogischer
-Werth als Gewöhnungsmittel an Spontaneität der Arbeit verloren. Nur
-besonders begabte und zugleich intensiv strebsame Köpfe können trotz
-der Ueberbürdung die Kraft und Frische behalten, mit Privatstudien
-ihren persönlichen Neigungen zu folgen; bei der Mehrzahl aller Schüler
-bewirkt das heutige System der häuslichen Arbeit erfahrungsmässig nicht
-die Lust zu selbstständigen Arbeiten, sondern bloss den Ekel vor aller
-Geistesarbeit, einen so gründlichen und dauerhaften Ekel, dass er nach
-der Erholung der ersten Studiensemester beim Biere nur noch durch den
-Zwang des Brotstudiums überwunden zu werden pflegt. Der Erfolg spricht
-also entschieden gegen die pädagogisch richtige Wahl des Mittels zum
-Zweck; die Unzweckmässigkeit desselben ist aber auch deductiv zu
-erweisen.
-
-Der eigentliche, regelmässige und allgemeine Zweck der häuslichen
-Arbeiten im gewöhnlichen Sinne des Worts kann nur der zweitgenannte
-sein: die zwangsweise Lösung gestellter Aufgaben ohne Gedankentausch
-und erleichternden Verkehr mit dritten Personen. Dass dieser Zweck
-durch Klausurarbeiten in der Schule wirklich erreicht werden kann und
-thatsächlich erreicht wird, ist zweifellos; dass er +nur+ durch
-häusliche Arbeiten erreicht werden könne, ist also völlig unhaltbar,
-vielmehr sind solche für diesen Zweck ganz überflüssig, wofern nur die
-Schule einen genügenden Theil ihrer Zeit auf Klausurarbeiten verwendet.
-Dass aber dieser Zweck überhaupt durch häusliche Arbeiten erreicht
-werden könne, ist von zwei Voraussetzungen, die beide bei der Mehrzahl
-der Schüler offenbare Fictionen sind, abhängig: erstens dass die
-Arbeiten wirklich zu Hause gefertigt, und zweitens, dass sie ohne Hülfe
-dritter Personen und ohne unerlaubte Hülfsmittel gefertigt werden.
-
-Bekanntlich wird ein Theil der weniger kontrolirten Arbeiten gar nicht,
-ein anderer Theil in der Schule (theils in Zwischenstunden, theils
-in weniger scharf kontrolirten Schulstunden), ein dritter Theil mit
-fremder Hülfe, ein vierter vermittelst unerlaubter Hülfsmittel (älteren
-Klassenheften, gedruckten Uebersetzungen u. s. w.) gemacht; in allen
-diesen Fällen wird der Zweck der häuslichen Arbeiten, und zwar nicht
-nur der pädagogische, sondern auch der Lehrzweck verfehlt, und an seine
-Stelle tritt die unpädagogische Gewöhnung der Schüler an Unredlichkeit,
-Täuschung, Schwindeleien und Umgehung der obliegenden Pflichten. Je
-mehr der Unterricht den Charakter schablonenhafter Dressur annimmt,
-desto leichter sind die älteren Klassenhefte zu missbrauchen; je
-besser und billiger die sogenannten Eselsbrücken werden, desto
-nutzloser werden die Präparationen, da die allein werthvolle Uebung
-im selbstständigen Konstruiren der Sätze dabei wegfällt. Je höher
-die Anforderungen der Schule an die häuslichen Arbeitsleistungen in
-allen Fächern gespannt werden, desto stärker wird der Anreiz, aus
-naturgemässem Selbsterhaltungstriebe oder aus berechtigter Nothwehr
-gegen die Ueberbürdung solche sich darbietende Erleichterungsmittel zu
-brauchen, desto mehr wirkt die Schule als direkte Verführerin auch der
-gewissenhafteren Schüler zum Betrug, desto tiefer sinken naturgemäss
-die durchschnittlichen Klassenleistungen, weil das Unterrichtssystem
-auf Voraussetzungen fusst, die nicht erfüllt werden. Was aber die
-persönliche Selbstständigkeit der Schüler bei der Anfertigung
-häuslicher Arbeiten betrifft, so ist dieselbe schon da aufgehoben, wo
-mehrere Schüler sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen; sie wird in
-ihr striktes Gegentheil verwandelt, wo die Schule, wie es oft genug
-vorkommt, bei Schülern von nicht besonderer Fassungskraft geradezu auf
-die unterstützende Mitwirkung des Hauses rechnet. Am widersinnigsten
-sind die häuslichen Arbeiten in der Mathematik, da sie erfahrungsmässig
-doch nur von ganz Wenigen selbstständig gelöst, von den Uebrigen aber
-bloss abgeschrieben oder mit fremder Hülfe gefertigt werden.
-
-Der begabte Schüler, der in den Schulstunden allein genug lernt zur
-Erreichung des Klassenziels, ist sachlich im Rechte, wenn er die für
-ihn überflüssige Plage der häuslichen Arbeiten geschickt umgeht; der
-unbegabte gewissenhafte wird unter ihrer Last erdrückt und verfehlt
-entweder das Ziel der Schule oder kommt gebrochen an Geist und Körper
-aus ihr hervor; der unbegabte gewissenlose wird zum Schwindel verleitet
-und verfehlt das Ziel, weil es von seinesgleichen ohne gewissenhafte
-Erfüllung aller Anforderungen nicht zu erreichen ist; die mittleren
-Köpfe schlagen sich zur Noth durch, verlassen aber endlich mit
-gerechtem Groll, mit Ueberdruss und Bitterkeit die Schule. Die Lehrer
-werden durch die Kontrole der Unredlichkeit in einen beständigen Krieg
-mit den Schülern hineingedrängt, an dessen Stelle bei dem Mangel
-häuslicher Arbeit sofort die wohlthuendste Eintracht träte; auch werden
-sie durch Beurtheilung der Schüler nach dem häuslichen Fleiss in eine
-falsche Richtung hin, und von der allein massgebenden Beurtheilung nach
-den Leistungen abgelenkt.
-
-Angenommen, es wäre von den jetzigen Schulstunden keine einzige
-disponibel zu machen, um die Anfertigung der deutschen und
-fremdsprachlichen Aufsätze und mathematischen Arbeiten aus dem Hause in
-die Schule zu verlegen, so wäre es immer noch besser, einen Nachmittag
-in jeder Woche mit zwei Stunden zur Anfertigung dieser Arbeiten unter
-Klausur anzusetzen, als den jetzigen unpädagogischen Standpunkt
-zu belassen; ebenso müsste ein grösserer Theil der Lektürestunden
-zu kursorischer Lektüre ohne Präparation verwandt werden, um den
-Schaden der jetzt allgemein üblichen Präparation mit Uebersetzung
-einigermassen wieder gut zu machen. Erst mit der Verlegung der Aufsätze
-und mathematischen Aufgaben unter Schulaufsicht würde die Beurtheilung
-derselben zu dem, was sie doch sein soll, zu einem Massstabe für
-die Leistungen des Schülers, und erst mit ihr würde der bei der
-häuslichen Anfertigung verfehlte pädagogische Zweck der Gewöhnung an
-selbstständiges Arbeiten wirklich erreicht werden.
-
-Jedenfalls darf der jetzige Zustand nicht länger fortbestehn: entweder
-muss die Zahl der Schulstunden beträchtlich verringert werden, oder die
-Schule muss in der Hauptsache ohne Zuhülfenahme der häuslichen Arbeiten
-ihre Aufgabe erfüllen, und es ist nicht schwer zu sehen, welches
-dieser beiden Ziele mehr Aussichten für praktische Verwirklichung
-bietet. Aber die durchaus gebotene Entlastung der Schüler, mag man sie
-nun anstreben auf welchem der beiden Wege man wolle, setzt immer als
-Bedingung ihrer Möglichkeit voraus, dass die Nebenfächer wieder wie
-früher wirklich als +Neben+fächer behandelt werden und aufhören, für
-die Versetzungs- oder Abgangs-Reife einen mitbestimmenden Einfluss zu
-besitzen.
-
-
-
-
-XI.
-
-Die preussische Schulreform von 1882.
-
-
-Durch die Circularverfügung des preussischen Unterrichtsministeriums
-vom 31. März 1882 (Berlin bei W. Hertz), welche das Ergebniss
-langjähriger behördlicher Erwägungen und Konferenzen darstellt, dürfte
-für längere Zeit in unserem höheren Schulwesen ein stabiler Zustand
-geschaffen sein, der erst nach Einsammlung langjähriger weiterer
-Erfahrungen die Hoffnung auf weitergehende Reformen offen lässt. Es
-liegt mir deshalb nahe, das bisher Erreichte mit den Forderungen zu
-vergleichen, welche ich im Jahre 1875 in meiner Schrift: „Zur Reform
-des höheren Schulwesens“ aufgestellt und begründet hatte.
-
-Ich hatte dort eine mässige Aenderung des Gymnasiallehrplans zu
-Gunsten der Realwissenschaften und des Französischen verlangt, ferner
-eine officielle Anerkennung des Werthes der lateinlosen Realschulen
-mit neunjährigem Kursus, die ich nicht als höhere allgemeine
-Bildungsanstalten sondern als Mittelschulen (höhere Bürgerschulen) mit
-angehängter Fachschule von dreijähriger Lehrdauer betrachte, und hatte
-endlich gewünscht, dass die vorhandenen Realschulen mit Latein entweder
-in reorganisirte Gymnasien oder in lateinlose Realschulen umgewandelt
-würden. Diese Wünsche sind durch die fragliche Ministerialverfügung,
-wo nicht erfüllt, doch ihrer Erfüllung näher gerückt. Wie die
-Unterrichtsordnung von 1859 zum ersten Male die Realschulen mit
-Latein officiell recipirte und einen Normallehrplan für dieselben
-aufstellte, so sind jetzt die lateinlosen Realschulen mit neunjähriger
-Lehrdauer officiell recipirt und mit einem Normallehrplan ausgestattet
-worden; im Gymnasiallehrplan ist eine ausreichende Verstärkung
-der Realwissenschaften und eine allerdings nicht ausreichende des
-Französischen auf Kosten des Lateinischen angeordnet, und in dem
-bisherigen Realschullehrplan ist durch Verstärkung des Lateinischen
-auf Kosten der Naturwissenschaften wenigstens eine Annäherung an das
-Gymnasium erzielt worden. Die Verfügung unterscheidet nunmehr folgende
-Arten von Schulen: Gymnasien, Realgymnasien, (früher Realschulen
-erster Ordnung), Oberrealschulen (früher neunklassige Gewerbe-
-und Handelsschulen), Progymnasien, Realprogymnasien, Realschulen
-(eigentlich Oberprorealschulen), alle drei mit siebenjähriger
-Lehrdauer, und endlich höhere Bürgerschulen, d. h. sechsklassige
-Schulen ohne Latein mit Französisch und Englisch, deren Lehrplan
-sich von demjenigen der „Realschulen“ fast nur durch das Fehlen der
-obersten Klasse unterscheidet, die aber eine in sich abgeschlossene
-Bildung geben sollen. Betrachtet man die „Oberrealschulen“ als mittlere
-Schulen mit aufgesetzter dreiklassiger Fachschule, so fällt der
-innere Unterschied zwischen Oberrealschulen, Realschulen und höheren
-Bürgerschulen fort und es bleibt nur die äussere Differenz in der
-Lehrdauer bestehen.
-
-Wenn schon in Bezug auf die Recipirung der „Oberrealschule“ und
-in Bezug auf die gegenseitige Annäherung des Gymnasiums und
-„Realgymnasiums“ die neueste Verfügung als ein wichtiger Fortschritt
-in der Entwickelung unseres Unterrichtswesens angesehen werden darf,
-so kann man auch den Geist, in welchem die beigegebenen Erläuterungen
-abgefasst sind, nur mit Freuden begrüssen. Ueberall wird auf
-Beschränkung im Lehrstoff, namentlich im Memorirstoff, gedrungen,
-und vor mechanischer Beurtheilung der Schüler nach dem Ausfall der
-schriftlichen Klassenarbeiten gewarnt; die übermässige Anspannung
-der Schüler, besonders durch häusliche Arbeiten, wird nicht mit
-Unrecht grossentheils auf eine Ueberspannung der Lehrziele der Schule
-zurückgeführt, die zumeist aus der specialistischen Vorbildung der
-Lehrer entspringt.
-
-Was nun zunächst die Veränderungen im Gymnasiallehrplan betrifft,
-so hat den äusseren Anstoss zu denselben der Wunsch gegeben, die
-Entschliessung der Eltern über die Laufbahn ihrer Söhne um ein Jahr
-hinauszuschieben; d. h. das Gymnasium und die bisherige Realschule
-erster Ordnung haben durch Verlegung des Beginns des griechischen
-Unterrichts nach Tertia eine nahezu übereinstimmende Quarta erhalten,
-so dass die Wahl zwischen beiden Schulen erst mit dem Eintritt in die
-Tertia erforderlich wird. Das Griechische würde dabei nichts verlieren,
-wenn in allen mittleren und oberen Klassen sieben Wochenstunden
-statt der bisherigen sechs für dasselbe angesetzt wären; es würde
-dann vielmehr durch Koncentration des Unterrichts und Vermehrung der
-Lektürestunden in Obersekunda und Prima geradezu gewinnen. Leider ist
-aber die Zahl von sieben Stunden nur für Tertia und Secunda angesetzt,
-während man es in Prima bei sechs Stunden belassen hat, von denen eine
-nach wie vor (trotz des Wegfalls des griechischen Examenscriptums) den
-Extemporalien und der grammatischen Repetition gewidmet bleiben soll.
-In diesem Punkte ist die Veränderung unbedingt eine Verschlechterung,
-ebenso wie in der Vermehrung des geographischen und geschichtlichen
-Unterrichts in den drei untersten Klassen um je eine Stunde.
-
-Ueber Unzulänglichkeit der geographischen und geschichtlichen Bildung
-ist noch wenig Klage geführt, und wo eine solche bestände, würde eine
-Vermehrung des Memorirstoffes in den untersten Klassen sich doch als
-erfolglos erweisen, um auf sechs bis neun Jahr später das Wissen des
-Abiturienten zu erhöhen. Dagegen kann die formale Bildung des Geistes
-durch grammatische Schulung in den Unterklassen nicht gründlich genug
-genommen werden, und so lange die lateinische Sprache diejenige ist, an
-deren Grammatik diese Schulung vollzogen wird, kann dem lateinischen
-Unterricht in den Unterklassen kaum eine zu hohe Stundenzahl überwiesen
-werden. Es wäre deshalb wünschenswerth, diese Aenderung rückgängig
-zu machen, d. h. dem Lateinischen die zu Gunsten der Geographie
-und Biographien abgenommene Wochenstunde zurückzugeben. Geschähe
-dies, so würde auch das Lateinische gegen solchen Zuwachs von drei
-Jahres-Wochenstunden in den Unterklassen ohne Nachtheil einen Verlust
-von zwei Jahres-Wochenstunden in Prima ertragen können, mit denen das
-Griechische auf seinen bisherigen Stand zu ergänzen wäre.
-
-Für den französischen Unterricht hatte ich von Quarta bis Prima die
-Erhöhung der Wochenstunden von zwei auf drei verlangt; statt dessen ist
-nur in Quarta die Erhöhung von zwei auf fünf erfolgt. Nimmt man an,
-dass letztere einer Vermehrung in Quarta und Tertia von zwei auf drei
-gleichkommt, so bliebe noch solche in Secunda und Prima zu wünschen
-übrig, und zwar zu Gunsten einer Ersetzung des lateinischen Aufsatzes
-durch den französischen. Die „Circularverfügung“ gibt zu, dass es
-gegenwärtig ein unerreichbares Ziel wäre, den lateinischen Aufsatz zum
-Ausdruck für die Gedanken der Schüler machen zu wollen, und beschränkt
-denselben auf den durch die Lektüre zugeführten Gedankenkreis und
-Wortschatz (S. 20). Aber auch innerhalb dieser Beschränkung wird die
-auf den lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe nur noch bei
-einer mehr als mittleren Lehrkraft fruchtbar zu machen sein, während
-die gleiche Zeit und Mühe, auf den französischen Aufsatz verwendet,
-viel reichere Früchte tragen muss. Das Mindeste, was als Postulat
-festgehalten werden muss, ist das, dass den Gymnasien je nach den
-ihnen zur Verfügung stehenden Lehrkräften freigestellt wird, entweder
-den lateinischen, oder den französischen Aufsatz zu pflegen, und im
-letzteren Falle in Secunda und Prima eine lateinische Wochenstunde an
-das Französische abzugeben.
-
-Die Verstärkung des mathematischen Unterrichts ist in genügender
-Weise erfolgt. In Secunda und Prima sind ihm vier Stunden wöchentlich
-gesichert, und wenn die Stundenzahl in Tertia bei drei belassen ist,
-so ist zum Ersatz dafür in Quinta und Quarta je eine Wochenstunde mehr
-angesetzt. Da nunmehr der geometrische Unterricht schon in Quarta
-beginnt, und in Quinta durch geometrisches Zeichnen vorbereitet wird,
-so kann derselbe in Tertia und Untersecunda entsprechend beschränkt,
-und dadurch die nöthige Zeit für gründlichere Durcharbeitung der
-arithmetischen und algebraischen Klassenpensa gewonnen werden (S.
-24-25). Dass die Stunde für geometrisches Zeichnen in Quinta durch
-Verminderung der Religionsstunden von drei auf zwei gewonnen worden
-ist, kann nur gebilligt werden, da zwei wöchentliche Religionsstunden
-in allen Klassen der höheren Schulen ausreichend genannt werden müssen.
-
-Der naturwissenschaftliche Unterricht litt bisher darunter, dass
-ihm in Sekunda nur eine Stunde zugewiesen war, und es war deshalb
-gerechtfertigt, ihm die zweite Stunde auf Kosten des Lateinischen
-zuzutheilen. Die Naturkunde, deren Unterricht bisher in Quarta eine
-Unterbrechung erlitt, in dieser Klasse ebenfalls mit zwei Stunden
-auszustatten, dazu lag eigentlich kein Bedürfniss vor; man hat indessen
-einer starken Zeitströmung Rechnung getragen, indem man von den sechs
-durch Wegfall des Griechischen verfügbar werdenden Stunden zwei der
-Naturkunde zuwies (wie drei dem Französischen und eine der Geometrie).
-
-Im Grossen und Ganzen verfolgt die neueste Reform des
-Gymnasiallehrplanes den rechten Weg, wenngleich die Beeinträchtigung
-des Griechischen -- mag sie an sich unerheblich scheinen -- sehr zu
-bedauern bleibt und früher oder später wieder gut gemacht werden muss.
-Das wichtigste Merkmal der Reform ist, dass das Gymnasium wieder um
-einen Schritt weiter geführt ist in der Abstreifung des Charakters
-als „lateinische Schule“; die Einbusse von neun Jahres-Wochenstunden
-wird die Leistungen im Lateinisch-Schreiben nothwendig immer mehr
-herabsetzen, so dass in etwa einem Jahrzehnt nach der Verfügung die
-Unhaltbarkeit des lateinischen Aufsatzes immer einleuchtender werden
-muss. Dann wird auch die Zeit gekommen sein, denselben durch den
-französischen Aufsatz zu ersetzen, und das Griechische wieder in seine
-ungeschmälerten Rechte einzusetzen.
-
-Gehen wir nun zu dem Lehrplan des „Realgymnasiums“ über, so fällt
-zunächst in die Augen, dass in demselben das Lateinische zehn
-Jahres-Wochenstunden gewonnen hat, wie es im Gymnasiallehrplan deren
-neun verloren hat. Die Differenz der lateinischen Jahres-Wochenstunden
-zwischen Gymnasium und „Realgymnasium“, welche bisher 42 betrug, und
-gegenwärtig auf 23 verringert ist, würde auf 18 sinken, wenn für die
-drei untersten Klassen völlige Uebereinstimmung durch Uebertragung
-des Gymnasiallehrplans auf die „Realgymnasien“ hergestellt würde;
-warum diese Konformität nicht schon hergestellt ist, obwohl die
-Versetzung der Schüler aus der einen Art von Anstalt in die gleichen
-Klassen der anderen stattfinden soll, ist mir unerfindlich. Ebenso
-wunderlich erscheint die Differenz im Geschichtsunterricht, wonach das
-Gymnasium von den vier obersten Jahreskursen zwei, das Realgymnasium
-deren nur einen der alten Geschichte widmet; das sieht so aus, als
-sollte die Geschichte des Alterthums nicht zu den „Realwissenschaften“
-gerechnet werden. Die gegenwärtige Zahl lateinischer Stunden, nämlich
-sechs in Tertia und fünf in Sekunda und Prima, dürfte in der That
-ausreichen, um auf Grund hinlänglicher grammatischer Schulung eine
-fruchtbare Lektüre lateinischer Klassiker zu ermöglichen; da aber die
-einseitige lateinische Lektüre ohne Ergänzung durch die griechische
-nicht ausreicht, dem Geiste eine klassisch humanistische Bildung zu
-gewähren (wie die griechische Lektüre allein es allerdings vermöchte),
-so kann auch der revidirte Lehrplan der Realschule erster Ordnung
-die Verleihung des Namens „Realgymnasium“ keineswegs rechtfertigen.
-Jedenfalls ist anzuerkennen, dass auch diese Reform mit ihrer
-Verstärkung des altsprachlichen Unterrichts bei gleichzeitiger
-Ausscheidung der organischen Chemie und Beschränkung der Mineralogie
-und der Mathematik (in Quarta und Tertia) sich auf dem rechten Wege
-befindet und als vorläufige Abschlagszahlung, als Verwirklichung
-des augenblicklich Erreichbaren mit Dank hinzunehmen ist. Zu
-bedauern bleibt neben der Ungleichmässigkeit des Lehrplans in den
-drei untersten Klassen der Uebelstand, dass die „Realgymnasiasten“
-noch immer mit zwei Wochenstunden mehr belastet sind, als die
-Gymnasiasten, was jedenfalls einer späteren Abstellung bedarf, da
-die Gesammtleistungen der Realgymnasien keinesfalls eine stärkere
-Inanspruchnahme des Schülers rechtfertigen.
-
-So lange zwischen reformirtem Gymnasium und Oberrealschule noch
-als dritte Gattung das „Realgymnasium“ besteht, so lange wird auch
-das Streben der Realgymnasien dauern, die an ihre Abgangsprüfung
-geknüpften Berechtigungen zu erweitern. Ohne das Gewicht der einer
-solchen Erweiterung entgegenstehenden Bedenken zu unterschätzen,
-wird man doch auch die Naturgemässheit eines solchen Strebens
-anerkennen, und wird unter Beibehalt der bisherigen Bestimmungen den
-Realabiturienten wenigstens für den nachträglichen Erwerb der an die
-Gymnasialabgangsprüfung geknüpften Berechtigungen die möglichsten
-Erleichterungen gönnen. Bis jetzt muss in solchem Falle eine
-Nachprüfung im Lateinischen, Griechischen und in der alten Geschichte
-abgelegt werden; es wäre nicht mehr als billig, die gegenwärtig sehr
-verringerten Mehrleistungen des Gymnasiums im Lateinischen durch die
-des Realgymnasiums im Französischen und Englischen als kompensirt
-anzusehen, ebenso die Nachprüfung in der alten Geschichte fallen zu
-lassen und ausschliesslich diejenige im Griechischen aufrecht zu
-erhalten.
-
-
-
-
-XII.
-
-Der Streit um die Organisation der höheren Schulen.
-
-
-Wohl noch zu keiner Zeit war das Bewusstsein einer Reformbedürftigkeit
-unseres höheren Schulwesens so allgemein verbreitet wie jetzt, und
-das Gefühl, dass die preussische Reform vom 31. März 1882 nur eine
-unzulängliche Abschlagszahlung gewesen ist, verschärft sich zusehends.
-Leider besteht nur noch immer kein Einverständniss über das, was
-geschehen soll, um die Einrichtungen unserer höheren Schulen den
-Ansprüchen der modernen Bildung anzupassen. Die Regierungen haben
-deshalb einen schweren Stand, weil sie beim besten Willen zur Abhülfe
-nicht wissen, auf wen sie hören sollen.
-
-Ohne Zweifel gibt es eine Anzahl denkender Männer, besonders in
-Schulkreisen, welche den gegenwärtigen Zustand für einen allen
-Bedürfnissen entsprechenden und durchaus keiner Aenderung bedürftigen
-halten; aber solche bilden doch wohl eine sehr kleine Minderheit,
-während die Mehrzahl Aenderungen bald in diesem, bald in jenem Sinne
-für wünschenswerth oder gar nothwendig erachtet. Insbesondere richten
-sich die Bedenken gegen die Verschiedenartigkeit unserer höheren
-Schulen, und selbst diejenigen, welche nicht eine vollständige
-Einheitsschule als Ziel hinstellen, geben doch zu, dass es sich
-empfehle, womöglich eine Einheit in dem unteren Theil der Klassen
-herzustellen. Für Gymnasien und Realgymnasien hat die preussische
-Reform diesem Wunsche insoweit Rechnung getragen, dass der Beginn
-des Griechischen von Quarta nach Tertia verlegt ist und die früheren
-Unterschiede im Lehrplan der unteren Klassen wenigstens annähernd
-ausgeglichen sind. Es ist in der That nicht abzusehen, warum diese
-Verähnlichung nicht zu einer vollständigen Gleichheit von Sexta
-bis Quarta werden sollte, damit der Uebergang von der Quarta eines
-Realgymnasiums zur Tertia eines Gymnasiums sich fortan ebenso leicht
-bewerkstelligen lasse, wie jetzt der umgekehrte; dann erst würden
-wir eine wirkliche Bifurcation oder Gabelung für die letzten sechs
-Schuljahre haben.
-
-Ein Theil der Anhänger der Gabelung geht aber weiter und fordert,
-dass auch die zweijährige Tertia noch einheitlichen Lehrplan erhalte
-und das Griechische erst in Sekunda beginne. Eine solche Beschränkung
-der Gabelung auf die letzten vier Schuljahre würde allerdings eine
-beträchtliche Beschränkung des Griechischen in der Gymnasialabtheilung
-einschliessen. Diese Beschränkung des Griechischen wird von den
-Einen als bedauerliche Folge mit in den Kauf genommen, während diese
-Aussicht den Anderen so erwünscht scheint, dass sie geradezu als Motiv
-zur Aufstellung der Forderung wirkt. Noch Andere wollen sogar das
-Griechische ganz auf die Prima beschränken, also die Gabelung erst
-dort beginnen lassen, doch sind dies bis jetzt vereinzelte Stimmen.
-Wer soweit zu gehen bereit ist, der geht gewöhnlich auch gleich noch
-weiter und weist das Griechische ganz aus der Schule hinaus auf
-die Universität, sei es, dass er das Realgymnasium mit verstärktem
-lateinischen Unterricht als Einheitsschule proklamirt, sei es, dass er
-für Abschluss der höheren Schule mit der Obersekunda und Verlängerung
-des Universitätsstudiums um zwei Jahre plaidirt.
-
-Alle diese Bestrebungen haben noch das Gemeinsame, dass sie an
-der lateinischen Sprache als einem Hauptunterrichtsgegenstand des
-Einheitslehrplanes, wie weit der letztere nun auch hinaufreichen möge,
-festhalten, also die lateinlose Oberrealschule entweder als höhere
-Schule aufgehoben wissen wollen, oder aber als eine zweite Art von
-höherer Schule neben dem gegabelten Realgymnasium bestehen lassen.
-Dieser Gruppe stehen aber andere Tendenzen gegenüber, welche die
-Oberrealschule mit in den Einheitslehrplan hineinziehen wollen. Wenn
-doch das Griechische erst in Sekunda oder Prima beginnt, so scheint
-es nicht unthunlich, das Lateinische erst zwei Jahre früher, also in
-Tertia, beziehungsweise Sekunda beginnen zu lassen und den Lehrplan
-der Unterklassen auf die Muttersprache und neuere Fremdsprachen zu
-stützen. Ein solcher Lehrplan gestattet dann eine Trifurcation,
-indem sich von Tertia (bezw. Sekunda) an die realistische und die
-humanistische Richtung scheidet, von Sekunda (bezw. Prima) an aber
-die letztere sich noch einmal in den Lehrplan mit und ohne Griechisch
-spaltet. Auf der andern Seite kann der realistische Lehrplan sich
-in den letzten Jahren noch einmal in eine neusprachliche und eine
-mathematisch-naturwissenschaftliche Abtheilung sondern, so dass wir
-eine Quadrifurcation erhielten, falls nicht das Griechische ganz von
-der Schule ausgeschlossen wird.
-
-Die Vertreter der Ansicht, dass der altsprachliche Unterricht erst
-in mittleren Klassen beginnen sollte, berufen sich dabei auf das
-Vorbild des schwedischen Schulwesens, in welchem die deutsche Sprache
-aus praktischen Gründen zum Hauptgegenstand der Unterklassen erhoben
-ist.[10] Sie stützen sich aber ausserdem noch auf politische und
-sociale Erwägungen, insofern ein solcher Lehrplan es sehr erleichtert,
-alle Schüler zuerst durch die Volksschule als Unterstufe, dann
-durch eine Bürgerschule als Mittelstufe und endlich durch die
-höhere Schule gehen zu lassen. Die sozialdemokratische Forderung
-der allgemeinen Aufhebung des Schulgeldes und der Versetzung aller
-Kinder bloss nach den Leistungen hat eine derartige Organisation des
-Schulwesens zur logischen Voraussetzung. Dass eine solche Stufenfolge
-nicht undurchführbar ist, zeigt ihre annähernde Verwirklichung im
-schweizerischen Schulwesen. Alle politisch radikalen und social
-nivellirungssüchtigen Elemente werden früher oder später diese
-Forderung in ihr Programm aufnehmen, und es wäre nicht unmöglich, dass
-die Schulreformfrage letzten Endes nicht nach pädagogischen Rücksichten
-und kulturellen Masstäben, sondern im Gegensatz zu diesen durch die
-politische und sociale Demokratisirungstendenz unserer Zeit entschieden
-würde.
-
-Es ist nämlich klar, dass die Masse bei einer solchen Schulorganisation
-ebensoviel gewinnen würde, als die gebildeteren Stände Einbusse
-erleiden müssten, und da die Masse an Zahl weit voransteht, so muss
-der Verlust, den die geistige Aristokratie erleidet, aus socialen
-dämonistischen Gesichtspunkt nothwendig gegen den Gewinn der breiteren
-Volksschichten zurückstehen. Ob das geistige Kulturniveau des Volkes
-als Ganzes bei einer solchen Schädigung des Bildungsgrades seiner
-Aristokratie zurückgeht, das kümmert ja die Demokratie nicht, bereitet
-ihr eher Schadenfreude. Die Interessenpolitik der kapitalistischen
-Bourgeoisie oder der Liberalismus fürchtet die Verwirklichung des
-demokratischen Programms in diesem Punkte nicht, weil die Wohlhabenden
-überzeugt sind, dass sie in solchem Falle hinreichende Mittel haben
-würden, um ihre Kinder durch Unterricht in theuren Privatschulen
-besser, leichter und schneller als in der öffentlichen Volks- und
-Mittelschule für die höhere Schule vorbereiten zu lassen. Diese
-Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen wäre die liberale Geldaristokratie
-und der utilitarisch denkende Gewerbestand gern bereit, wenn dadurch
-nur das für ihre Zwecke Nützliche, d. h. der neusprachliche und
-mathematisch naturwissenschaftliche Lehrplan, in die Höhe kommt und
-die vom Nützlichkeitsstandpunkt zwecklose Quälerei ihrer Kinder
-mit alten Sprachen aufhört. Deshalb erhält die demokratische
-Nivellirungstendenz aus dem Lager des Liberalismus mächtigen Vorschub,
-wobei selbstverständlich alle Gabelung des Lehrplanes nur als
-vorläufiges Zugeständniss gilt, in der Hoffnung und mit der Absicht,
-dass es gelingen werde, den Beginn der Gabelung allmählich immer
-weiter hinauszuschieben, bis endlich als allgemeine Einheitschule die
-Oberrealschule oder eine ähnlich organisirte Anstalt ohne alte Sprachen
-übrig bleibt. Das Ideal einer solchen Schule wird schon jetzt von
-verschiedenen radikalen Schulreformern als Ziel hingestellt, als der
-vollständige Bruch mit der Reaktion und den Schatten des Mittelalters
-gepriesen und auf die geschichtlich naturwissenschaftliche Bildung
-unserer Zeit gestützt.
-
-Fragen wir uns nun, woher es kommt, dass das Gefühl der
-Reformbedürftigkeit unseres Schulwesens gerade in dem letzten
-Menschenalter so intensiv geworden ist, so ist die Antwort: weil alle
-Eltern fühlen, dass ihre Kinder mit Lernstoff überbürdet werden und
-in Folge dessen die wirklich durch die Schule erzielte Bildungsstufe
-der Zöglinge zurückgeht. Blickt man auf die Geschichte des höheren
-Schulwesens zurück, so sieht man, wie an die ursprüngliche Lateinschule
-ein Unterrichtsgegenstand nach dem anderen angehängt wird, deren
-jeder mit gutem Rechte einen Theil der nothwendigen allgemeinen
-Bildung auszumachen beansprucht. Sollen unsere Kinder sich nicht
-vollends dumm lernen, so ist eine Verminderung der vom Lehrplan an
-dieselben gestellten Ansprüche unbedingt erforderlich. Jede intensivere
-Gestaltung des Unterrichts hat die entgegengesetzte Wirkung, ist also
-nur statthaft, wenn die Unterrichtszeit entsprechend verringert wird,
-steigert aber bloss die vorhandenen Uebelstände, wenn sie dazu benutzt
-wird, um entgegengesetzte Ansprüche vereint zu befriedigen. Sobald
-die obligatorische Einfügung des griechischen Unterrichts in den
-Gymnasiallehrplan in Preussen durchgeführt war, begann auch das Gefühl
-sich geltend zu machen, dass dem altsprachlichen Unterricht ein zu
-grosser Antheil der verfügbaren Zeit eingeräumt sei, und dieses Gefühl
-fand theils in der Entstehung der Realgymnasien und Oberrealschulen,
-theils in kleinen Korrekturen des Gymnasiallehrplans seinen Ausdruck.
-Aber die Unbefriedigung blieb bestehen.
-
-Das Bewusstsein ist allgemeiner geworden, dass die Oberrealschule keine
-den Konkurrenzanstalten ebenbürtige höhere allgemeine Bildung zu bieten
-habe; nach der neuesten Einschränkung ihrer Berechtigungen scheint es
-fast unvermeidlich, dass dieselbe sich wieder in die Bestandtheile
-auflöst, welche in ihr verquickt sind und in dieser Vereinigung den
-falschen Schein einer höheren Schule sich angemasst haben, nämlich
-in die höhere Bürgerschule einerseits und in die mittlere Fachschule
-andererseits. Dass das Gymnasium mit dem Lehrplan von 1882 im Grossen
-und Ganzen eine höhere allgemeine Bildung vermittelt, wird nicht
-bestritten, doch werden immer noch in einzelnen Punkten Lücken in
-derselben gefunden und wird vor Allem beklagt, dass diese noch
-lückenhafte Bildung nur auf Kosten einer wirklichen Ueberbürdung der
-Jugend erlangt werde. Das Realgymnasium endlich ist ein unglückliches
-Zwitterding zwischen der alten Lateinschule und der modernen
-Oberrealschule; ohne Latein würde es kein Gymnasium sein, aber was
-sie an Latein gibt, daran hat doch wieder kein Schüler rechte Freude
-und es ist zu wenig, um eine humanistische Bildung zu vermitteln.
-Das Schlimmste aber ist die durch die Entwickelung der Realschulen
-neben den Gymnasien entstandene Spaltung unseres Schulwesens,
-welche die einheitliche Bildung der Nation zerreisst und auf dem
-Widerspruch beruht, als ob es +zwei+ beste Methoden zur Gewinnung
-einer zeitgemässen allgemeinen höheren Bildung geben könnte. Dieser
-Widerspruch kann auch durch keine Gabelung gehoben werden, sondern nur
-durch die volle Einheitsschule. Alle gefühlsmässige Antipathie gegen
-den altsprachlichen Unterricht als gegen einen unzeitgemässen Rest des
-Mittelalters hat eine historische Grundlage nur gegen das Lateinische
-als Unterrichtsgegenstand der alten Lateinschule, schliesst aber nur
-aus Unkenntniss das Griechische mit ein, welches im Mittelalter gar
-keine Rolle spielte. Man sieht sich in dem Widerspruch befangen, dass
-man gern los möchte von dem unzeitgemäss gewordenen Lateinischen und
-doch fühlt, aus der des altsprachlichen Unterrichts beraubten Schule
-keine rechte höhere Bildung schöpfen zu können.
-
-Der entscheidende Punkt liegt im Griechischen, und hierauf spitzt sich
-neuerdings in der Diskussion der Fachkreise die Schulreformfrage mehr
-und mehr zu. War es ein Fehler, die Lateinschule, welche sich ohnehin
-den Realdisciplinen öffnen musste, auch noch mit dem Griechischen
-zu belasten? Müssen wir diesen falschen Schritt zurückthun, d.
-h. zur Lateinschule zurückkehren und deren Lehrplan bloss um die
-Realdisciplinen erweitern? Müssen wir den verminderten Bildungswerth
-der lateinischen Literatur für die heutige Zeit geduldig in den Kauf
-nehmen, und immerhin noch das Beste daraus machen, was daraus zu
-machen ist, um nur nicht ganz der humanistischen Bildung verlustig
-zu gehen? In der That, wir müssten uns dabei bescheiden, wenn es
-keinen anderen Ausweg gäbe. Wir müssten dann die Einheitsschule
-dadurch herstellen, dass wir auf dem Realgymnasium das Lateinische
-auf Kosten der Realdisciplinen bedeutend verstärken, und auf dem
-Gymnasium die Zahl der griechischen Stunden an das Lateinische und
-die Realdisciplinen vertheilten. Das Beste, was unser heutiges
-Gymnasium an humanistischer Bildung bietet, würde einer so gewonnenen
-Einheitsschule freilich fehlen, die Kenntniss der griechischen Dichter,
-Geschichtsschreiber und Redner, und die Unzulänglichkeit der durch
-die lateinischen Schriftsteller vermittelten Weltanschauung würde mit
-jedem Menschenalter schärfer zum Bewusstsein gelangen, bis endlich
-das Missverhältniss zwischen Ertrag und aufgewendeter Arbeit einem
-künftigen Geschlecht allzu schreiend däuchte, um es noch länger zu
-ertragen. Die Antipathie gegen das Lateinische und die schon jetzt
-unsere reifere Schuljugend durchziehende spöttische Missachtung gegen
-dessen Literatur würde mit jedem Jahrzehnt wachsen, bis über kurz oder
-lang das nackte Realprincip, unterstützt durch die oben angeführten
-politischen und socialen Interessen über den fadenscheinig gewordenen
-Humanismus den Sieg davon trüge.
-
-Die Frage ist nur, ob wirklich die Wiederausscheidung des Griechischen
-das einzige Mittel zur Vereinfachung des gymnasialen Lehrstoffes
-ist, ob nicht die Männer, welche das Griechische als obligatorischen
-Unterrichtsgegenstand in das deutsche Gymnasium einführten, doch
-auf dem rechten Wege waren, und ob nicht die dadurch entstandene
-Ueberbürdung mit zwei alten Sprachen bloss eine Uebergangskrisis
-ist, wie sie bei jedem Umschwung tiefgreifender Organisationen fast
-unvermeidlich ist. Das Lateinische hat der abendländischen Kultur
-über die Nacht des Mittelalters hinweggeholfen und ist die Brücke
-geworden, auf welcher sie in der Zeit der Renaissance und Reformation
-zu den echten Quellen ursprünglicher Klassicität, zu den Griechen,
-zurückzusteigen begann. Sollte dieser geschichtliche Process nicht
-auch in der Schule sein entsprechendes Nachspiel finden? Sollte nicht
-auch hier die Latinität wesentlich +der Erzieher zum Hellenismus+
-sein, und +abgedankt+ werden können, wenn er als solcher seine
-Schuldigkeit gethan und ausgedient hat?
-
-Die Völker romanischer Rasse sind leider nicht in der glücklichen
-Lage wie die Germanen und Slaven, das Lateinische ohne Weiteres
-abschütteln zu können, weil sie durch ihre eigene Vergangenheit und
-Sprachentwickelung zu eng mit demselben verknüpft sind. Ausserhalb
-Deutschlands ist entweder (wie z. B. bei den slavischen Völkern) der
-Sinn für die bildende Kraft der Klassicität überhaupt noch nicht
-genügend in’s Volksbewusstsein eingedrungen, oder man klebt noch, wie
-die Engländer, an der Bewunderung der lateinischen Afterklassicität
-fest. Gerade in Deutschland aber bemühen sich seit hundert Jahren die
-Besten der Nation, derselben klar zu machen, dass Hellenismus und
-Latinität sich verhalten wie Sonne und Mond, und das Verständniss
-dieser Wahrheit ist tief in die öffentliche Meinung eingedrungen.
-Sollte es nicht endlich an der Zeit sein, die Konsequenzen daraus
-für unsere Schule zu ziehen? Erscheint es nicht wie eine Verhöhnung
-dieser Wahrheit, dass man die Realgymnasiasten mit dem Lateinischen
-quält, anstatt die gleiche Unterrichtszeit auf Griechisch zu
-verwenden und dadurch mit einem Schlage das Realgymnasium zu einem
-wahrhaft humanistischen zu erheben? Wäre es nicht rationeller, in dem
-Gymnasium, wo eine gewisse Pflege des Lateinischen aus praktischen
-Gründen vorläufig unentbehrlich scheint, doch den Löwenantheil des
-altsprachlichen Unterrichts dem Griechischen zuzuwenden, d. h.
-einen +Rollentausch+ zwischen beiden alten Sprachen vorzunehmen
-und in Sexta gleich mit dem Griechischen zu beginnen, während der
-Anfang des Lateinischen auf Tertia verschoben wird? Das Griechische
-ist auch in rein sprachlicher Hinsicht eine viel vollkommenere
-und schönere Sprache, und muthet uns dabei viel verwandter und
-heimischer an, als das artikellose Latein mit seinem ablativus
-absolutus, seinem accusativus cum infinitivio und seiner verzwickten
-Wortstellung im Satze. Die lateinische Literatur aber hat gerade
-nur insoweit einen Werth, als sie griechische Muster durchschimmern
-lässt, und die eklektische Aufklärungsphilosophie eines Cicero, die
-im Aufklärungszeitalter des vorigen Jahrhunderts gerade noch als
-Bildungsmittel der Jugend genügen konnte, kann es heute schlechterdings
-nicht mehr, weder aus dem Gesichtspunkt philosophischer Spekulation,
-noch aus demjenigen eines philosophieverachtenden Positivismus.
-
-Zwei Grundsätze, mögen sie nun als solche hingestellt werden, oder
-mögen sie als unbestimmt gefühlte den Reformtendenzen zu Grunde
-liegen, sind gegenwärtig kaum noch zu bestreiten: 1. +zwei+ alte
-Sprachen sind +des Guten zu viel+, und man muss +eine opfern+, um die
-+andere zu retten+, und 2. das Lateinische ist als Bildungsmittel
-+veraltet+ und nicht mehr die darauf verwendete Zeit und Mühe werth.
-Eine wahrhaft humanistische Bildung im Sinne der Einführung in die
-ideale Klassicität kann nach dem Massstab der heutigen Ansprüche nicht
-mehr das Lateinische, sondern nur noch das Griechische gewähren.
-Wer auf eine solche humanistische Bildung keinen Werth legt, wird
-die alten Sprachen überhaupt verwerfen müssen; wer sie der höheren
-Schule gegen die anstürmende Amerikanisirung aller Werthmassstäbe
-zu erhalten sucht, der kämpft auf einem verlorenen Posten, wenn er
-seine Kräfte für die Erhaltung des Lateinischen in seinem heutigen
-Besitzstande einsetzt. Wollen die Vertreter des humanistischen Princips
-nicht durch Uneinigkeit ihre Sache zu Grunde richten, so müssen sie
-sich alle ohne Ausnahme um die Fahne des Griechischen schaaren und an
-Stelle der Lateinschule der Vergangenheit die +griechische Schule+ als
-Zukunfts-Ziel in’s Auge fassen.
-
-Die nähere Ausführung und Begründung dieser Ansichten würde hier zu
-weit führen, und muss ich in dieser Hinsicht auf meine Schrift: „Zur
-Reform des höheren Schulwesens“ verweisen. Uebrigens ist der von
-mir daselbst als zweite Stufe der Reform befürwortete Beginn des
-altsprachlichen Unterrichts mit dem Griechischen kein neuer Gedanke, z.
-B. von Vittorino da Feltre (1378-1447), Heinrich Stephanus, Tiberius
-Hemsterhuis, David Ruhnken, Franz Passow, Fichte, Herbart, Gervinus,
-Thaulow u. A. m. vertreten worden. Neuerdings hat mein Standpunkt warme
-Vertheidiger gefunden in Hans Müller („Griechische Reisen und Studien“,
-Leipzig bei W. Friedrich, 1887) und Johannes Flach („Der Hellenismus
-der Zukunft“, ebenda 1888), zwei Schriften, die trotz mancher über das
-Ziel hinausschiessenden Uebertreibungen bestens zu empfehlen sind und
-hoffentlich dazu beitragen werden, der Schulreformfrage neue Impulse zu
-geben und manchen zwischen Latinität und Hellenismus noch Schwankenden
-auf die Seite des letzteren hinüberzuziehen. Ebenfalls bekennt sich
-zu meinen Zukunftszielen F. Hornemann, der Schriftführer und geistige
-Mittelpunkt des „Deutschen Einheitsschulvereins“, allerdings nur in
-demselben Sinne wie ich selbst, als zu +Zukunftszielen+, denen man
-sich nur +schrittweise+ durch eine vorsichtige geschichtliche
-Entwickelung nähern kann[11], während Flach meine drei Stufen der
-Reform konfundirt und nicht beachtet, dass ich selbst in der dritten
-und letzten dem Lateinischen noch zwei Stunden in den letzten sechs
-Schuljahren bewillige.
-
-Wenn es dem Philosophen freistehen muss, seinen Blick auch in eine
-spätere Zukunft zu richten, um nach fernen Idealen die gegenwärtig
-wünschenswerthen Schritte zu bestimmen, so haben doch alle unmittelbar
-zur Ausführung bestimmten Reformvorschläge sich möglichst eng an die
-gegebenen Zustände anzuschliessen, damit die +ruhige Stetigkeit+ der
-Entwickelung gewahrt bleibt. In diesem Sinne habe ich selbst meine
-+erste Stufe+ der Reform gestaltet, und in dieser Auffassung wurzeln
-auch die Bestrebungen des deutschen Einheitsschulvereins und seiner
-bisherigen Veröffentlichungen (3 Hefte), welche zu den besonnensten
-und durchdachtesten Erzeugnissen der neueren Schulreformliteratur
-gehören. „Der Zweck des Vereins ist, für die innere Berechtigung einer
-Gymnasium und Realgymnasium verschmelzenden höheren Einheitsschule
-mit Beibehaltung des +Griechischen+ für +alle+ Schüler einzutreten
-und auf die Herbeiführung einer solchen hinzuwirken.“ Der Verein als
-solcher hat sich noch nicht über einen Lehrplan geeinigt, wohl aber
-hat F. Hornemann einen solchen aufgestellt (a. a. O. S. 108), der sich
-ziemlich eng an den preussischen Gymnasiallehrplan von 1882 anschliesst
-und dem badischen von 1869 am nächsten steht.
-
-Nicht billigen kann ich in demselben die Verminderung der griechischen
-Stunden in Tertia und Sekunda von sieben auf sechs, weil dieselbe dem
-+idealen Ziel+ der ganzen Reform, der +Stärkung+ des Griechischen,
-schnurstracks zuwiderläuft und statt dessen die vom preussischen
-Ministerium im Jahre 1882 begonnene +Zurücksetzung+ des Griechischen
-fortführt und verschlimmert. Ebensowenig kann ich es billigen, dass
-die Zahl der obligatorischen Wochenstunden in Prima um zwei erhöht
-ist, um das Englische unterzubringen; eine solche Erweiterung des
-Lehrplanes ohne Verminderung anderen Unterrichtsstoffes darf höchstens
-fakultativen Charakter haben. Soll das Englische obligatorisch werden,
-so muss es auf Kosten des Lateinischen geschehen. Ich sehe aber
-keinen Grund, warum man die hässlichste und formell armseligste aller
-europäischen Sprachen allen Gymnasiasten +aufzwingen+ soll, bloss
-weil sie die kaufmännische Geschäftssprache von fünf Erdtheilen, die
-geschichtlich gewordene Volapük oder Weltsprache ist. Ein solcher
-Schritt wäre höchstens dann zu rechtfertigen, wenn er der Kaufpreis
-wäre, um den die Verschiedenheit von Realgymnasium und Gymnasium
-wirklich endgültig beseitigt würde; so lange aber beide Schulen mit
-und ohne Griechisch doch noch nebeneinander fortbestehen, hat das
-Gymnasium auch gar keinen Grund, sich mit solchem gegen sein Princip
-verstossenden Ballast zu belasten, und die fehlerhafte Zweiheit
-der alten Sprachen durch eine ebenso fehlerhafte Zweiheit neuerer
-Fremdsprachen zu verschlimmern. Die Hornemann’sche Erhöhung der
-französischen Unterrichtsstunden auf vier in Tertia verliert ihre
-Bedeutung, wenn der Beginn des Französischen in Quinta nach dem
-preussischen Lehrplan beibehalten wird. Um der vierten französischen
-Stunde willen in Tertia braucht das Griechische daselbst ebensowenig
-beraubt zu werden, als um des Englischen willen in Sekunda. Im Uebrigen
-trifft die Erhöhung der französischen Stunden in den oberen Klassen von
-zwei auf drei, und die entsprechende Verminderung der lateinischen
-Stunden mit meinen Vorschlägen zusammen, während die Vermehrung
-der Mathematikstunden in Tertia von 2 auf 3 durch den Beginn des
-geometrischen Unterrichts in Quarta entbehrlich geworden ist.
-
-Als die Hauptfrage für den nächsten praktischen Reformschritt darf
-die Berechtigung oder Nichtberechtigung des lateinischen Aufsatzes
-gelten. In ihr können die Gegner aller alten Sprache mit den
-Vorkämpfern des Hellenismus Hand in Hand gehen. Die Frage ist so
-zu stellen: lohnt heute noch unter Voraussetzung einer +mittleren+
-Lehrkraft bei durchschnittlichem Schülermaterial die auf den
-lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe in ausreichendem Masse
-oder nicht? Die Antwort kann nur verneinend lauten. Der lateinische
-Aufsatz liegt seit zwei Menschenaltern im Sterben; es handelt sich
-nur darum, seine Euthanasie zu beschleunigen, d. h. ihm durch
-Ministerialverfügung den letzten Todesstoss zu geben. Die Zahl der in
-einem Jahre geschriebenen lateinischen Aufsätze ist bereits auf ein
-Drittel, der durchschnittliche Umfang jedes einzelnen auf ein Viertel
-des früher üblichen heruntergegangen; dem Rest wird Niemand eine
-Thräne nachweinen. Einen vor hundert Jahren erschienenen beliebigen
-Zeitungsartikel in’s Lateinische zu übersetzen ist im Durchschnitt
-noch sehr viel leichter, als einen heute erschienenen; so sehr hat
-sich unser Begriffsschatz und unsere Denkweise im Laufe des letzten
-Jahrhunderts von denen des Lateinischen entfernt. Aufsätze kann man
-nur in lebenden Sprachen schreiben; die lateinische Sprache ist
-aber bereits +zweimal gestorben+, einmal als römische Volks- und
-Staatssprache, das zweite Mal als internationale Gelehrtensprache;
-sie lebt nur noch als römische Kirchensprache fort und fristet selbst
-da bloss noch ein kümmerliches Dasein. Die hohe bildende Kraft des
-Aufsatzschreibens in einer lebenden Fremdsprache lässt sich das
-Gymnasium bis jetzt +gänzlich entgehen+. Deshalb ist die +Einführung+
-des +französischen+ Aufsatzes ebenso wünschenswerth wie die Beseitigung
-des lateinischen.
-
-Fassen wir alles zusammen, was für den nächsten Schritt einer
-preussischen Schulreform wünschenswerth und anzustreben ist, so sind es
-folgende Punkte:
-
-1. Die drei Unterklassen des Gymnasiums und Realgymnasiums müssen
-identischen Lehrplan, und zwar den des Gymnasiums, erhalten, damit
-wenigstens in ihnen die Einheitsschule zur vollen Wahrheit wird.
-
-2. Der Geschichtsunterricht im Realgymnasium hat die alte Geschichte
-in mindestens demselben Umfange zu berücksichtigen, wie derjenige
-des Gymnasiums, wobei für eine stärkere Berücksichtigung der neueren
-Geschichte in dem Ueberschuss der Geschichtsstunden genügende Zeit
-verfügbar bleibt.
-
-3. Die Nachprüfung der Realgymnasialabiturienten, welche die
-Berechtigung eines Gymnasialabiturienten zu erlangen wünschen,
-ist ausschliesslich auf das Griechische zu beschränken, indem die
-Minderleistungen im Lateinischen als durch Mehrleistungen in den
-neueren Sprachen aufgewogen zu erachten sind.
-
-4. Die französischen Unterichtsstunden in Sekunda und Prima werden
-im Gymnasium von zwei auf drei erhöht, die lateinischen entsprechend
-vermindert; der lateinische Aufsatz wird durch den französischen
-ersetzt.
-
-5. Es sind Erwägungen darüber anzustellen, ob nach Verlegung des
-griechischen Scriptums vom Abiturientenexamen in die Versetzungsprüfung
-zur Prima die Pflege des griechischen Extemporales in Prima noch
-erforderlich ist oder nicht; nach dem Ausfall dieser Erwägung ist
-entweder das griechische Extemporale in Prima +streng zu verbieten+
-oder dem Griechischen die siebente Stunde auf Kosten des Lateinischen
-+zurückzugeben+, um welche es bei der Verlegung des Unterichtsbeginns
-von Quarta nach Tertia gegen früher +verkürzt+ worden ist.
-
-6. Die Prüfung in der Religion ist aus dem Abiturientenexamen
-auszuscheiden.
-
-7. Bei allen Versetzungs- und Abgangsprüfungen sind nur die
-Hauptgegenstände als entscheidend zu behandeln, den Nebenfächern aber
-kein besonderes Gewicht beizumessen.
-
-8. Die häuslichen Arbeiten sind theils durch kursorische Lektüre,
-theils durch Anfertigung von Aufsätzen u. s. w. in der Klasse erheblich
-einzuschränken. Ausarbeitungen des Lehrvortrages sind entschieden zu
-verbieten und durch gedruckte Leitfäden zu ersetzen.
-
-9. Der philologische Grundzug unseres altsprachlichen Unterrichtes ist
-durch eine mehr literarische Behandlung der Klassiker zu ersetzen. Zu
-dem Zweck ist mit der Reform der philosophischen Kollegien auf den
-Universitäten zu beginnen, da man den jungen Lehrern nicht zumuthen
-kann, aus eigner Kraft in ihren Unterrichtsstunden die literarische
-Behandlung des Inhalts der Klassiker voranzustellen, welche sie auf der
-Universität als unwissenschaftlich und dilettantisch verachten gelernt
-haben.
-
-Diese vorläufigen Wünsche für den nächsten Reformschritt sind gewiss
-massvoll, und ich glaube, dass sich alle Reformfreunde, mit Ausnahme
-der Latinitätsverehrer, auf dieselben hin einigen könnten, wenn sie
-auch verschiedene Ideale als fernere Zukunftsziele dabei im Sinne
-haben. Eine solche Einigung thut aber dringend Noth, wenn überhaupt
-demnächst etwas zu Stande kommen soll. Die thatsächliche Verwirklichung
-der vollen Einheitsschule wird auf der +nächsten+ Stufe der Reform
-überhaupt noch nicht in’s Auge gefasst werden können, sondern erst
-für eine spätere Stufe, wenn im Gymnasium der Rollentausch des
-Griechischen und Lateinischen vollzogen sein wird und die Stundenzahl
-des Lateinischen allmählich auf ein Minimum herabsinkt. Das Ziel einer
-Beibehaltung des Griechischen für +alle+ Schüler scheint mir nur dann
-erreichbar, wenn das Griechische in der Hauptsache zu der +einzigen+ in
-der Schule getriebenen alten Sprache wird.
-
-
-
-
-XIII.
-
-Der Bücher Noth.
-
-
-Der wichtigste Faktor für die Steigerung der wissenschaftlichen Bildung
-ist die wissenschaftliche Literatur, wie der wichtigste Faktor für
-ihre Erhaltung der wissenschaftliche Unterricht (auf höheren und
-Hochschulen) ist. Seine hervorragende Stellung im wissenschaftlichen
-Wettkampf der Völker verdankt Deutschland neben der Tüchtigkeit seiner
-Schulen und Hochschulen wesentlich dem Umfang und der Bedeutung seiner
-wissenschaftlichen Literatur. Weil die jährliche Bücherproduction
-Deutschlands grösser ist als diejenige von Frankreich und England
-zusammengenommen, darum kann auch jährlich eine grössere Zahl
-hervorragender Erscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt gefunden
-werden als auf dem französischen oder englischen, während die übrigen
-Nationen als Konkurrenten auf dem Gebiete der Wissenschaft noch wenig
-in Betracht kommen.
-
-In neuerer Zeit treten Erscheinungen hervor, welche die gedeihliche
-Fortentwickelung der wissenschaftlichen Literatur in Deutschland in
-Frage stellen; und diese Gefahr ist wichtig genug, um ihren Ursachen
-und ihrer Bekämpfung einige Aufmerksamkeit zu widmen. Der Absatz auch
-der wirklich werthvollen wissenschaftlichen Bücher, die nicht gerade
-Unterrichtsbücher oder billige Popularisirungen sind, wird immer
-geringer, so dass er oft kaum ein Drittel der Kosten deckt, und in
-Folge dessen wird für die Autoren die Schwierigkeit, einen Verleger
-zu finden, immer grösser. In England und Frankreich ist das Publikum
-mit literarischen Interessen durchschnittlich auch wohlhabend genug,
-dieselben durch Bücherkauf zu befriedigen; in Deutschland welches
-überhaupt an Wohlhabenheit sehr zurücksteht, sind Wohlhabenheit
-und wissenschaftliche literarische Interessen an ganz verschiedene
-Stände vertheilt. Aber dieser Unterschied der nationalen Kaufkraft
-und der Kaufkraft der wissenschaftlich interessirten Stände zwischen
-Deutschland und andren Ländern hat immer bestanden und doch früher
-nicht eine gewisse Blüthe der wissenschaftlichen Literatur verhindert,
-während jetzt bei steigender Wohlhabenheit des Volkes die Neigung zum
-Ankauf wissenschaftlicher Werke und belletristischer Novitäten im
-Publikum immer mehr zurückgeht. Die Verleger können nicht anders, als
-diesen Verhältnissen bei ihren Unternehmungen Rechnung tragen, und
-die Schriftsteller haben durchaus Unrecht, wenn sie über die Verleger
-klagen, die doch eben nur Geschäftsleute sind.
-
-Ich sehe die Gründe für die Abnahme des Ankaufs wissenschaftlicher und
-schöner Literatur in Folgendem:
-
-1. Die Abnahme der Mussezeit der Gebildeten und ihrer Fähigkeit,
-dieselbe mit Ernst und Sammlung zu benutzen, begünstigt eine Literatur,
-welche der Erholung und Zerstreuung dient, und benachtheiligt solche,
-die zur Lektüre eine gewisse Stetigkeit und Concentration verlangt.
-
-2. Das Ueberwuchern der politischen Interessen drängt diejenigen an
-Wissenschaft, Kunst u. s. w. in den Hintergrund und die zerstreuende
-und aufreibende Unruhe des modernen grossstädtischen Lebens (in
-Berufsarbeit und Geselligkeit) macht die Sammlung immer schwerer.
-
-3. Die Vertheuerung der städtischen Miethswohnungen und die zunehmende
-Häufigkeit der Umzüge machen einen grösseren Bücherbesitz zu einer
-immer wachsenden Last, vor deren Aufbürdung der Deutsche sich scheut,
-während erst das eigene Haus (wie in England) ein Behagen an eignen
-Büchern aufkommen lässt.
-
-4. Die aus der Steigerung der Setzerlöhne folgende Vertheuerung der
-Bücherpreise ist dem Sinken des Geldwerths beträchtlich vorausgeeilt
-und trägt dazu bei, vom Ankauf neuer Werke abzuschrecken; die Verleger
-erhalten einen zu geringen Theil des vom Publikum gezahlten Preises,
-weil der Zwischenhandel zu hohe Provisionen verschluckt.
-
-5. Das Anstandsbedürfniss an Bücherbesitz wird durch
-billige Klassiker-Ausgaben, Sammel- und Nachschlagewerke,
-populärwissenschaftliche Mark-Bibliotheken, Moderomane, gelegentliche
-Geschenkliteratur und unentbehrliche Hülfsmittel des Berufs befriedigt;
-meist wird auch der in der Wohnung verfügbare Raum durch dieselben
-erschöpft.
-
-6. Die für Lektüre verfügbare Zeit wird durch das Bestreben, in der
-eigenen Berufswissenschaft nothdürftig auf dem Laufenden zu bleiben,
-durch eine Zeitung, einen Journalcirkel und die neuesten Moderomane,
-meist vollständig ausgefüllt, ohne dass Lust und Zeit zur Lektüre
-wissenschaftlicher Originalwerke übrig bleibt.
-
-7. Die Gewöhnung an Journal- und Zeitungslektüre verdirbt den Geschmack
-und die Fähigkeit zum Lesen zusammenhängender Werke, und schon rückt
-auch uns Deutschen die Zeit näher, wo der „Leitartikel“ bereits als
-eine zu grosse Zumuthung an das Koncentrationsvermögen gilt und in ein
-Mosaik von „Entrefilets“ aufgedröselt wird.
-
-Gegen die Verringerung der Mussezeit durch Steigerung der
-Berufsansprüche giebt es ebenso wie gegen das Hinzutreten der
-politischen Pflichten kein Auskunftsmittel, als dass die Jugend ihre
-Zeit bis zur vollen Inanspruchnahme ihrer Kräfte durch den Beruf
-fleissig zu ihrer allgemeinwissenschaftlichen Geistesbildung benutzt
-und ihre Betheiligung an politischen Angelegenheiten bis zu erlangter
-Bildungsreife (also etwa in die dreissiger Lebensjahre) vertagt. Bis
-der städtischen Wohnungsmisère durch gesetzliche Verhinderung der
-Baustellenspekulation abgeholfen wird, wird noch viel Wasser in’s
-Meer laufen; bis dahin muss eine reichliche Dotation der vorhandenen
-staatlichen und städtischen Bibliotheken sowohl dem Publikum wie dem
-Verlagsbuchhandel zu Hülfe kommen und an den betheiligten Stellen das
-Bewusstsein geweckt werden, wie richtig eine derartige Dotation für
-die Erhaltung und Förderung der wissenschaftlichen Nationalliteratur
-ist. Wie der Romanverlag grösstentheils nur von den Leihbibliotheken
-lebt, so könnte der wissenschaftliche Verlag in der Hauptsache von
-den wissenschaftlichen Bibliotheken leben, wenn diesen nur die
-Mittel zur Verfügung gestellt würden, um ihre Kulturaufgabe für die
-Nation in doppelter Hinsicht (kaufend und ausleihend) zu erfüllen.
-Die Verleger müssten an alle öffentlichen Bibliotheken direct zum
-Buchhändlernettopreis liefern, da der Gewinn des Zwischenhändlers hier
-gar keinen Sinn hat und blos kulturschädlich wirkt; dagegen müsste
-der unbillige Zwang zur Lieferung von Pflichtexemplaren den Verlegern
-abgenommen werden.
-
-Auch dem Publikum müsste die Möglichkeit eröffnet werden, direkt mit
-den Verlegern in Verbindung zu treten und die Distributionsspesen
-zu ersparen, wenn es keine Bemühungen des Distributeurs
-(Sortimentsbuchhändlers) in Anspruch nimmt. Dies ist ausführbar durch
-Bildung eines Literaturbezugsvereins, der als Sortimentsbuchhandlung
-in’s Handelsregister eingetragen wird und den Mitgliedern nur die
-wirklichen Auslagen als Aufschlagsprovision berechnet. Gründlicher
-freilich wäre die Abhilfe, wenn die Post ebenso die Bücherspedition
-wie die Zeitungsspedition übernähme, neben dem periodischen
-Postzeitungskatalog einen periodischen Postbücherkatalog zu billigem
-Abonnement herausgäbe und ein Centralbücheramt zur Beantwortung
-von Anfragen und zur Ergänzung ungenauer Bestellungen einrichtete.
-Bücherbezug zur Ansicht auf bestimmte Frist würde auch beim
-Postbuchhandel unter Hinterlegung des Preises als Pfand ganz wohl
-möglich sein, und nur die +unverlangten+ Büchersendungen zur Ansicht
-würden in Wegfall kommen, welche ich wegen ihres zerstreuenden
-Einflusses für überwiegend schädlich halte; der grösste Gewinn des
-Buchhandels aber würde meines Erachtens bei der Vermittelung durch
-die Post in der Beseitigung des verderblichen Kreditwesens liegen.
-So wenig die Kreis- und Gemeinde-Sparkassen durch Postsparkassen
-vernichtet werden können, ebenso wenig der Sortimentsbuchhandel
-durch den Postbuchhandel; aber eine Einschränkung der Zahl der
-Sortimentsbuchhandlungen, die seit der Gewerbefreiheit das vorhandene
-Bedürfniss weit überschritten hat, könnte dem Buchhandel nur von Nutzen
-sein. Schon das Antiquariat würde den Fortbestand selbstständiger
-Buchläden sichern, noch weit mehr aber das Bedürfniss vieler Käufer
-nach persönlicher Rücksprache und mündlicher Auskunft, so wie der
-Wunsch, die Auswahl der Ansichtsendungen von einem Dritten getroffen zu
-sehen; solche Käufer werden auch ferner bereit sein, dem Sortimenter
-für seine Mühwaltung die bisherige höhere Provision zu zahlen. Soll
-der Postbuchhandel durch seine Vorzüge die relative Benachtheiligung
-des bestehenden Sortimentsbuchhandels wett machen, so müssen seine
-Vortheile lediglich dem Publikum, nicht der Post zu Gute kommen,
-d. h. die Post darf von Kunden nur den Buchhändlernettopreis für
-Baarbezug ohne jeden Gewinnaufschlag erheben und muss sich ihrerseits
-mit dem Porto für den Bestellzettel (3 Pfennig), dem Streifband- oder
-Paket-Porto für die gelieferten Bücher und einer eventuellen Gebühr
-für Auskunftsertheilung (etwa 5-10 Pfennig) begnügen. Ein solcher
-Postbuchhandel würde auch den bemittelteren Schriftstellern den
-lohnenden Selbstverlag ihrer Werke ermöglichen, während jetzt etwa
-die Hälfte der vom Publikum für seine Werke wirklich gezahlten Summen
-in den Händen der Sortimentsbuchhändler und des Kommissionsverlegers
-hängen bleibt. Für unbemittelte Autoren müsste dann noch ein Verein
-hinzutreten, welcher die eingesandten Manuscripte gegen beizufügende
-Prüfungshonorare beurtheilen lässt und die werthvoll befundenen auf
-eigene Kosten veröffentlicht; die Deckung der Kosten würde theils aus
-den Beiträgen der Mitglieder erfolgen, welche die Publikationen des
-Vereins dafür erhalten, theils aus dem Absatz an Bibliotheken und an
-das Privatpublikum vermittelst des Postbuchhandels. Sehr wünschenswerth
-wäre allerdings die Lösung der technischen Aufgabe, für Herstellung
-kleiner Auflagen (von 100 bis 500 Exemplaren) ein Verfahren zu finden,
-das erheblich billiger als der Letternsatz wäre und doch dem Auge die
-gewohnte Form der grossen und kleinen Druckbuchstaben darböte.
-
-Die Gefahr, welche in dem erdrückenden Einfluss der Zeitungen und
-Journale liegt, muss auf doppeltem Wege bekämpft werden. Die Jugend
-muss begreifen, dass sie mit der Hingabe an den flüchtigen Reiz
-dieser Lektüre ihre Seele verkauft, d. h. auf die gründliche und
-allseitige Ausbildung ihres Geistes verzichtet; die Aelteren aber
-müssen selbst aufhören, der periodischen Literatur aus Bequemlichkeit
-einen Werth beizulegen, den sie nicht verdient, müssen sie als ein
-nothwendiges Uebel betrachten und namentlich die Tagespresse mit der
-gebührenden Missachtung behandeln, damit die Jugend nicht durch den
-Nachahmungstrieb verführt werde, mit derselben ihre kostbare Mussezeit
-zu verderben. Die gebildete Jugend bis zu 30 Jahren soll ebensowenig
-Zeitung lesen, wie Politik treiben, sondern alle ihre zur Lektüre
-verfügbare Zeit auf Bücher verwenden; der Schnee vom vergangenen
-Jahr ist nicht wesenloser als der Inhalt der Zeitung von gestern.
-Die Jugend soll aber auch keine Journale lesen, weil solche nur die
-Aufgabe haben, den auf ein gewisses fertiges Bildungsniveau Gelangten
-auf dem Laufenden zu erhalten, aber nicht geeignet sind, eine noch
-fehlende Bildung zu vermitteln. Sie sind um so weniger schädlich, je
-zusammenhängendere und umfangreichere Abhandlungen sie darbieten,
-je ähnlicher sie also dem Buche werden, und um so schädlicher, je
-mehr sie sich dem Charakter der Zeitung annähern. Die reifen Männer
-sollen zu der Einsicht gelangen, dass man die „grossen“ Tageszeitungen
-bekämpfen und die „kleinen“ kurzen Blätter begünstigen muss, und zwar
-um so mehr, je weniger sie einer bestimmten Partei dienen und je mehr
-sie sich bemühen, die wichtigeren Thatsachen der Tagesgeschichte und
-die wichtigeren Urtheile über dieselben in unparteiischer Kürze zu
-registriren. Von Journalen aber sollen sie nur soviel in ihr Haus
-kommen lassen, als nothdürftig ausreicht, sie auf dem Laufenden zu
-erhalten und namentlich sie auf wichtige Erscheinungen der Literatur
-hinzuweisen. Dann aber soll auch der beschäftigste und angespannteste
-Mann nicht unterlassen, an freien Sonntagen oder in Ferienzeiten
-persönlich zu den Quellen hinabzusteigen, aus denen der Geist der
-nationalen Kultur sich verjüngt, d. h. zu den Originalwerken der
-Forscher, Denker und Dichter.
-
-
-
-
-XIV.
-
-Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit.
-
-
- Die That ist alles, nichts der Ruhm.
-
- +Goethe.+
-
-Lieber Leser! Hoffentlich bist Du nicht berühmt; aber vielleicht
-wünschest Du es zu werden, und wenn Du zu alt bist, um es für Dich
-selbst zu wünschen, so erhoffst Du es vielleicht für Deine Söhne,
-Schwiegersöhne oder Enkel. Lieber Leser, lass dich warnen, ehe es zu
-spät ist. Es gibt ja so Manches auf der Welt, wonach die Menschen sich
-sehnen, und dessen Schattenseiten sie erst kennen lernen, wenn sie
-es erreicht haben; aber der Ruhm ist unter allen diesen Prellereien
-die schlimmste, weil seine Schattenseiten am wenigsten bekannt und
-beachtet sind. Darum gestatte mir, Dir eine kleine Auswahl derselben
-vorzuführen, und wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so wird Deine
-Zufriedenheit nicht ohne Zuwachs geblieben sein, wenn Du aus ihnen
-gelernt hast, Gott zu danken, dass Du nicht berühmt bist.
-
-Die wenigsten Köpfe vertragen den Weihrauchduft des Ruhmes, ohne
-davon umnebelt zu werden und das Gleichgewicht vernünftiger
-Selbstbeurtheilung zu verlieren. Die liebenswürdige Bescheidenheit
-schwindet und macht einer dünkelvollen Eitelkeit Platz; wo aber vorher
-schon Eitelkeit bestand, liegt die Gefahr des Ueberschnappens nahe. Der
-Mensch wird empfindlich, wo ihm die Anerkennung vorenthalten bleibt,
-auf welche er durch seinen Ruhm ein Recht erworben zu haben wähnt; er
-wird anspruchsvoll und pocht auf den schuldigen Tribut von Huldigungen.
-Seiner gewöhnlichen Umgebung von Familie und Freunden glaubt er sich
-nun enthoben und entrückt in eine höhere Sphäre des Daseins; indem er
-sich ihnen gegenüber ein höheres und besseres Menschenwesen dünkt, wird
-der vorher Fügsame besserwisserisch und herrschsüchtig und dadurch
-unliebenswürdig. So werden nicht nur Sitten und Manieren, sondern
-selbst Gemüth und Charakter verdorben und die intimsten Beziehungen
-vergiftet. Die näher Stehenden sehen mit Bedauern diese Veränderung,
-die Nächsten leiden darunter; die alten Freunde ziehen sich halbwegs
-zurück, auch wenn sie den Erfolg gönnen, oder fallen ganz ab, wenn sie
-ihn missgönnen und beneiden.
-
-Nur seltenen Ausnahmenaturen, die schon vorher ein klares und sicheres
-Urtheil über sich selbst, ihr Vermögen und den Werth ihrer Leistungen
-besassen und gewohnt waren, das Urtheil der Menge ihrem eigenen
-gegenüber stolz zu missachten, nur solche werden ungeschädigt an ihrem
-Innersten die Probe des Berühmtwerdens bestehen. Aber wie können sie
-erwarten, dass die Welt an eine solche ausnahmsweise Veranlagung
-glauben soll? Mögen die nächsten Freunde und Angehörigen diesen Glauben
-besitzen und durch die tägliche Erfahrung bestätigt sehen, so werden
-doch die neidischen Freunde ein solches menschliches Verdienst zu dem
-missgönnten Ruhm hinzu einzuräumen wenig geneigt sein, und ferner
-Stehende oder neue Bekanntschaften werden stets mit dem Vorurtheil
-behaftet sein und bleiben müssen, dass die gewöhnlichen und so schwer
-vermeidlichen Fehler der Berühmtheit auch in diesem Falle vorliegen und
-vielleicht nur aus Klugheit etwas geschickter als gewöhnlich verhüllt
-werden. So legt der Ruhm auf alle rein menschlichen Beziehungen seinen
-erkältenden Reiffrost, bei Allen, die es verdienen und die es nicht
-verdienen.
-
-Von den bescheidenen, zurückhaltenden, feinfühligen, harmlosen, in sich
-befriedigten Naturen wird der Berühmte gescheut und gemieden, von den
-unbescheidenen, zudringlichen, eitlen Menschen, die gern mit berühmten
-Bekanntschaften prahlen, wird er aufgesucht. Wenn ohnehin schon ein
-„Mensch“ mit der Laterne gesucht werden muss, so muss der Berühmte sich
-zehnfache Mühe geben, einen zu finden; noch mehr Noth hat er aber, sich
-derer zu erwehren, an denen ihm nichts gelegen sein kann. Die Menschen
-können sich so schwer denken, dass ein Mann, der seinen Ruhm verdient,
-doch zunächst auch ein Mensch sein muss und in höherem Grade als andre
-ein solcher, dem nichts Menschliches fremd ist, bei dem also auch alle
-menschlichen Interessen sicher sind, einen Widerhall zu wecken. Statt
-dessen sind die Bescheidenen und Feinfühligeren, wenn der Zufall sie
-mit einem Berühmten zusammenführt, meist doppelt zurückhaltend und
-still aus Furcht, nicht geistreich und bedeutend genug, oder auf dem
-Specialgebiet des Betreffenden nicht bewandert genug zu erscheinen; die
-Andern aber plagen ihn mit verständnisslosen Fragen und Bemerkungen,
-durch welche sie ihr ungewöhnliches Interesse und Verständniss für
-die fragliche Specialität zu bekunden glauben. In Gesellschaft wie
-in der Sommerfrische wird der Berühmte, wenn er nicht selbst ein
-Eitelkeitsnarr ist, bald nur noch den einen Wunsch haben, sich vor
-dem erkältenden und isolirenden Nimbus des Ruhmes durch Incognito zu
-retten; aber dieses Mittel ist selten anwendbar und jedenfalls hilft es
-nicht gegen die Belästigungen zu Hause.
-
-Da kommen die Besucher aus Neugier, die befriedigt wieder abgehen, wenn
-sie konstatirt haben, dass der Herr X. seinem Porträt ähnlich sieht;
-aber diejenigen Personen, deren Bekanntschaft aus sachlichen Interessen
-gerade am erwünschtesten und für beide Theile am erspriesslichsten
-wäre, wagen leider aus Bescheidenheit oft nicht, die Schwelle der
-Berühmten zu überschreiten. Dass er von wirklichen oder angeblichen
-Fachgenossen aufgesucht wird, um Almosen und Unterstützung, Rath und
-Hülfe zu finden, mag noch hingehen, da es neben der meist zwecklosen
-Belästigung doch auch in Ausnahmefällen Gelegenheit gibt, sich nützlich
-zu machen; die allerunsinnigste Belästigung aber ist die durch
-Autographensammler, welche sich nicht mit den in Autographenalbums
-facsimilirten Schriftzügen begnügen wollen, sondern die Eitelkeit
-haben, möglichst viel Originalhandschriften zu sammeln. Wer aus
-Furcht, sich unbeliebt zu machen, einige Mal auf solche Zumuthungen
-eingegangen ist, der wird überhäuft mit brieflichen Aufforderungen;
-wer alle Gesuche um Autographen (mit Ausnahme der für wohlthätige
-Zwecke bestimmten), wie es das einzig Richtige ist, in den Papierkorb
-wirft, der wird durch allerlei Finten überlistet, z. B. durch
-fingirte Unterstützungsgesuche, oder die noch beliebtere Methode der
-Bitte um Rath kurz vor dem angeblich beabsichtigten Selbstmord. Der
-Autographensammler scheut sich niemals, sich für einen glühenden
-Verehrer des Angebettelten auszugeben, auch wenn er dessen Leistungen
-nicht anders als von Hörensagen kennt; ebenso findet man auch unter
-denjenigen, welche sich nach der persönlichen Bekanntschaft drängen,
-selten einen, der es der Mühe werth gefunden hätte, zunächst die so
-viel leichter zu erlangende genauere Bekanntschaft mit dem Besten,
-was die Person zu geben hat, mit der Reihe ihrer Thaten oder Werke zu
-machen.
-
-Die Störung der Unbefangenheit im persönlichen Verkehr erstreckt
-sich noch über den mündlichen hinaus auf den brieflichen. Der
-widerwärtige Personenkultus dieses Jahrhunderts, welcher allemal im
-umgekehrt proportionalen Verhältniss zu dem Ernst und der Tiefe des
-sachlichen Interesses steht, hat es fertig gebracht, dass keine private
-Mittheilung eines berühmten Mannes vor der Veröffentlichung nach dem
-Tode, ja wohl gar bei Lebzeiten, mehr sicher ist. Der Eitle mag daraus
-den Antrieb entnehmen, auch seine Privatbriefe so abzufassen, wie er
-sie für ein künftiges Publikum wünscht; wem aber solche Exposition in
-Schlafrock und Nachtmütze zum Ekel ist, der wird seine Korrespondenz
-auf die nothdürftigsten trocknen Thatsachen beschränken, und die
-Verkümmerung eines berechtigten Gebietes des gemüthlichen Privatlebens
-bitter empfinden.
-
-Sofern die Thaten und Werke des Menschen bestimmte Tendenzen
-verfolgen (was eigentlich nur bei Künstlern nicht der Fall -- sein
-sollte) werden diese Absichten und Ziele stets der Verkennung und
-der Missdeutung von ihren Gegnern wie vom blossen Missverstand
-ausgesetzt sein; es bilden sich bald zu Anfang falsche Meinungen und
-Stichworte (wie z. B. Grillparzer während eines ganzen langen Lebens
-ein „Schicksalstragödiendichter“ hiess), welche durch keine Bemühungen
-von Seiten des Verkannten auszurotten sind. Wenn seine Werke nicht
-zugleich der vergnüglichen Unterhaltung dienen, so verleiht der Ruhm
-nicht einmal, wie er doch billiger Weise sollte, den Rechtsanspruch,
-die späteren Leistungen, welche erst das Gesammtbild vervollständigen
-und den ersten Eindruck berichtigen können, auch nur beachtet zu sehen.
-Das Publikum ist nur zu geneigt zu glauben, dass ein erstes, Ruhm
-begründendes Fahnenwerk auch die Leistungsfähigkeit seines Urhebers in
-der Hauptsache erschöpfe und dass es nicht der Mühe werth sei, darauf
-hinzuhören, was ein solcher Autor sonst noch zu sagen haben könne
-(man denke z. B. an Strauss). Den einzigen reellen Vortheil, den der
-Ruhm seinem Besitzer gewähren könnte und sollte, enthält er ihm somit
-auch noch vor, wenigstens in Deutschland, da das Ausland in dieser
-Hinsicht der Ehrenpflichten gegen seine hervorragenden Männer besser
-eingedenk ist. Dagegen muss der Kelch des Verdrusses über unbelehrbare
-Vorurtheile und ohrenverschliessenden Missverstand bis zur Hefe
-geleert werden. Dass die Ungerechtigkeit des Urtheils bei sachlicher
-Verkennung selten stehen bleibt und nur zu häufig auch die Person und
-deren Privatleben in den Kreis ihrer Angriffe mit hineinzieht, ist
-ebenso bekannt, wie dass es nur wenigen öffentlichen Persönlichkeiten
-erspart bleibt, Gegner und Feinde zu haben, welche die gutgläubige
-Verurtheilung durch eingemischte Einflüsterungen des Neides und
-Uebelwollens trüben und verbittern. Der Empfindliche wird an alledem
-eine nie versiegende Quelle der Kränkung und des Aergers haben, aber
-auch der Unempfindliche, der sich von dem Urtheil Anderer in ruhigem
-Stolze unabhängig weiss, wird doch Schmerz und Betrübniss über das
-mächtige Beharrungsvermögen des Vorurtheils und der Gleichgültigkeit
-und über die unausrottbare Existenz der Gesinnungsgemeinheit in der
-Welt fühlen.
-
-Ist der Berühmte ein ausübender Künstler, dessen Leistungen zugleich
-dem Zeitvertreib und dem Vergnügen dienen, so bemühen sich seine
-Bekannten, zu seinem Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) recht
-viel Billets unterzubringen und versäumen nicht, selbst hinzugehen und
-kräftigst zu applaudiren. Ist er dagegen ein Schriftsteller, gleichviel
-ob seine Schriften der Unterhaltung dienen oder nicht, so kaufen sie
-dieselben nur in dem besonderen Ausnahmefall, dass es gerade zeitweilig
-Mode ist, dieselben zu kaufen und zu verschenken; andernfalls muss
-der Autor riskiren, dass sie ihm übel nehmen, die Werke nicht von
-ihm geschenkt erhalten zu haben, unbekümmert darum, ob deren Verkauf
-nicht auch sein Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) darstellt.
-Dass man bei dem grössten Ruhm verhungern kann, wenn man nicht sonst
-eine reelle Einnahmequelle besitzt, und zwar um so leichter, je echter
-der Ruhm ist, das ist weltbekannt, ebenso dass der wahre und echte
-Ruhm meist langsam gewonnen und nur von denen erlebt wird, welche ein
-hohes Alter erreichen. Was aber hat der Mensch von einem Ruhm nach
-seinem Tode? Ist es da nicht ganz gleichgültig, ob der Nachruhm sich
-an den Namen heftet, den er im Leben trug, oder an einen falschen (z.
-B. Homer), oder ob er, wie z. B. bei dem Nibelungenliede, namenlos an
-den Werken haftet? Ist es nicht die Eitelkeit der Eitelkeiten, für
-seinen +Namen+ nach Nachruhm zu streben, von dem man selber gar nichts
-hat? Und selbst wenn der Berühmte steinalt wird und alle Jubiläen
-rite absolvirt, so muss er doch noch seinen echten Ruhm mit ebenso
-strahlendem falschen Ruhm unwürdiger Mitbewerber theilen, also des
-Ruhmes heilige Kränze als auf gemeinen Stirnen entweihte in Empfang
-nehmen. Manchmal verbindet sich aber auch falscher und echter Ruhm,
-so dass eine Person eine Zeit lang wegen gewisser den Zeitströmungen
-entgegenkommenden Nebeneigenschaften seiner Leistungen falschen Ruhm
-geniesst, welcher allmählich erblasst und das Aufkommen des wahren
-Ruhmes, den seine Leistungen nach ihrem tieferen Kerngehalt verdienten,
-mehr behindert als befördert; der Verdacht auf eine solche Verwickelung
-des Sachverhalts ist überall da begründet, wo ein Künstler oder
-Schriftsteller, dem man Anspruch auf wahren Ruhm nicht aberkennen
-möchte, schon in jüngeren oder mittleren Jahren berühmt war (man denke
-an Goethes Werther, Schillers Räuber, Schellings Naturphilosophie und
-ähnliche Beispiele).
-
-Wenn Du also, lieber Leser, Dich nicht abschrecken lassen willst,
-für Dich oder die Deinigen nach Ruhm zu streben, so nimm wenigstens
-den guten Rath an, nicht nach echtem, sondern nach falschem Ruhm zu
-streben, da nur der letztere Dir einige Aussicht gewährt, dass Du
-seine Vortheile an Ehre und materiellem Gewinn noch geniessen kannst.
-Willst Du aber den falschen Ruhm trotz seiner ideellen und materiellen
-Vorzüge verschmähen, bloss weil er auf unwahrem Grunde ruht, dann höre
-überhaupt auf, nach +Ruhm+ zu trachten, und trachte statt dessen +nach
-werthvollen Leistungen+, ganz unbekümmert darum, ob und wann denselben
-die Anerkennung des Ruhmes zu Theil werden möge.
-
-
-
-
-XV.
-
-Der Somnambulismus.
-
-
-Die Erscheinungen des Somnambulismus sind von altersher bekannt, nicht
-nur diejenigen eines in Nervenkrankheiten spontan eintretenden, sondern
-auch diejenigen eines durch verschiedene Mittel z. B. betäubende
-Dämpfe, Schwindeldrehungen, Fasten, Fixiren eines nahen Blick-Punktes
-u. s. w. hervorgerufenen Somnambulismus. Die Seltenheit des spontanen
-Somnambulismus, die schädlichen Folgen des künstlich hervorgerufenen
-für den Organismus, die Verquickung des Somnambulismus mit allerlei
-Aberglauben und Mysticismus und die Schwierigkeiten einer Erklärung
-der Erscheinungen auf Grund der herrschenden materialistischen
-Naturanschauung haben jedoch bis vor ganz kurzer Zeit davon
-abgeschreckt, dieses Erscheinungs-Gebiet auf exakte Weise zu studiren.
-Die von der Pariser Akademie von 1825-1831 niedergesetzte Kommission
-gelangte nicht über die Konstatirung der Thatsachen hinaus, und selbst
-diese gerieth bald wieder in Vergessenheit oder wurde gar (durch
-Verwechselung mit dem Kommissionsbericht von 1784) in ihr Gegentheil
-entstellt. Erst das Aufsehen, welches die öffentlichen Schaustellungen
-des Magnetiseurs Hansen erregten, veranlassten einige deutsche
-Physiologen (insbesondere Heidenhayn), der Sache näher zu treten, und
-wenigstens die körperlichen Phänomene des Hypnotismus ausser Zweifel
-zu stellen. Bald darauf wurden von Preyer die Braid’schen Versuche
-und Schriften neu an’s Licht gezogen, welche einen durch Fixiren
-heller Punkte und ähnliche Mittel (also nicht durch einen Magnetiseur)
-hervorgerufenen Hypnotismus behandeln.
-
-Während die deutschen Gelehrten in den letzten Jahren sich kaum noch
-mit dem Gegenstande zu beschäftigen scheinen, hat er neuerdings in
-Frankreich zu sehr eingehenden und interessanten Untersuchungen
-geführt. So war z. B. Charcot der erste, welcher eine scharfe
-Unterscheidung zwischen den drei Hauptstufen des Hypnotismus oder
-Somnambulismus (der lethargischen, kataleptischen und im engeren Sinne
-somnambulen) einführte und die Symptomenkomplexe dieser drei Stufen
-genau definirte.[12] Diese Unterscheidung dürfte auch dann ihren
-Werth behalten, wenn man anerkennt, dass die Grenzen zwischen den
-drei Stufen keineswegs feste sind und öfters ein Ineinanderschieben
-und Durcheinanderfliessen der Symptome stattfinde. Zugleich
-veröffentlichte der Pariser Neurologe Richet seine langjährigen
-Erfahrungen, nach welchen die deutschen Physiologen im Unrecht
-sind, wenn sie die Action eines Magnetiseurs in allen Fällen für
-illusorisch erklären, weil sie für Erzeugung von Hypnotismus bei
-vielen Personen entbehrlich ist. Richet behauptet, dass seine
-magnetisirende Thätigkeit auf jeden Organismus, auch den stärksten,
-eine Einwirkung hinterlasse, die sich mindestens in einer Steigerung
-der Empfänglichkeit für künftige Versuche kundgibt, und dass er sich
-getraue, in einer aufeinanderfolgenden Reihe von Sitzungen schliesslich
-jedes Individuum ohne Ausnahme in einen somnambulen Zustand zu
-versetzen; er behauptet ferner, dass der durch magnetische Striche
-hervorgerufene Somnambulismus sich von dem durch Fixiren naher Punkte
-hervorgerufenen dadurch unterscheide, dass im ersteren die psychischen
-Erscheinungen, in letzterem die körperlichen (Lethargie, Katalepsie
-u. s. w.) vorwiegen. Ausserdem sind von Bernheim, Binet und Féré
-Liébault, Beaunis u. a. m. ausgedehnte Versuchsreihen mit Somnambulen
-vorgenommen worden, welche zu manchen neuen Aufschlüssen geführt haben,
-insbesondere in Bezug auf die Uebertragung der Aktivität aus einer
-Hirnhälfte in die andere und in Bezug auf die Umkehr der Zustände in
-ihre polaren Gegensätze, z. B. Aktivität in Lähmung, und Lähmung in
-Aktivität und die Erscheinungen des ausschliesslichen Rapports einer
-Somnambulen zu einem bestimmten Experimentator[13]. Die deutschen
-Physiologen haben sich bisher weit mehr auf das Studium der in den
-niederen Graden des Hypnotismus vorwiegenden körperlichen Erscheinungen
-beschränkt, während die Franzosen bereits dem psychischen Phänomen des
-eigentlichen Somnambulismus näher getreten sind, ohne jedoch das Gebiet
-des Wunderbaren mehr als zu streifen. Die interessantesten Probleme
-harren deshalb bis jetzt ihrer wissenschaftlichen Behandlung, und sind
-nur erörtert von Mystikern und Popularphilosophen, welche kein Bedenken
-getragen haben, die phantastischen Personifikationen somnambuler
-Traumbilder als Realitäten aus einer anderen Welt gelten zu lassen.
-
-Carl du Prel hat sich der dankenswerthen Aufgabe unterzogen, die
-psychischen Probleme des Somnambulismus im Zusammenhang zu bearbeiten,
-wobei er sich von allem spiritistischen Aberglauben als von unlogischen
-Hypothesen vollständig freihält (S. 210, 434, vgl. 115, 186, 300),
-und sogar das Gebiet des eigentlichen Hellsehens vorläufig bei Seite
-lässt, um es einem besonderen Werk vorzubehalten. Durch den Titel[14]
-braucht sich also Niemand abschrecken zu lassen, denn der Verfasser
-erklärt ausdrücklich, dass es mystische Erscheinungen im eigentlichen
-Sinne gar nicht gibt, und Manches uns nur heute noch mystisch vorkommt
-(S. 386, 204). Gleichwohl kann ich den Titel nicht zweckmässig finden,
-weil ich nicht wie du Prel im Somnambulismus die „Grundform aller
-Mystik“ (399, 497) und in der Mystik nicht „das magische Verhalten des
-Menschen zu sich selbst“ (444) erkennen kann; ich verstehe vielmehr
-unter Mystik das gefühlsmässige Sicheinswissen des Menschen mit dem
-Absoluten, und sehe in der praktischen Pflege des Somnambulismus durch
-einen grossen Theil der religiösen Mystiker nur eine Verirrung, die auf
-einem Verkennen der eigentlichen Natur und Bedeutung des Somnambulismus
-beruht. Ich meine deshalb, der richtigere Titel des du Prel’schen
-Buches hätte lauten müssen: „Der Somnambulismus in seiner Bedeutung
-für Psychologie und Metaphysik.“ In der That wäre dieser Titel
-erschöpfend, denn was aus den Erscheinungsgebieten des gewöhnlichen
-Traumes und des wachen Gedächtnisses herangezogen ist, dient doch nur
-zum Vergleich und zur Erläuterung der somnambulen Erlebnisse.
-
-Auch du Prel nimmt als erwiesen an, dass Hypnotismus und Mesmerismus
-(oder thierischer Magnetismus) keineswegs sich deckende Begriffe
-von gleichem Umfang sind (155), und dass es irrthümlich ist, den
-hypnotischen oder somnambulen Zustand lediglich auf Vorgänge im
-Wahrnehmungs- oder Vorstellungsprocess des Versuchsobjekts zurückführen
-zu wollen. Zum Beweise führt er an, dass auch Schlafende, welche
-von den mit ihnen vorgenommenen Manipulationen nichts wissen, in
-Somnambulismus versetzt werden können und dass sogar der Schlaf die
-magnetische Einwirkung erleichtert (39-40); ferner, dass auch die
-Mimosa pudica ebenso durch Mesmerisiren wie durch Chloroformiren
-unempfindlich gemacht werden kann (156). Ich möchte hinzufügen,
-dass wir die dynamische Aktivität der Magnetiseure auch aus anderen
-Wirkungen kennen, z. B. aus den lokalen Einwirkungen auf menschliche
-Körpertheile, welche für die Hautempfindungen denjenigen einer
-schwachen Elektrisirmaschine gleichen, ferner auf das Elektroskop
-und die Magnetnadel, und dass in einem sensitiven Nervensystem schon
-Electricitäten von minimaler Spannung starke Abänderungen in der
-Vertheilung der Innervationsintensität hervorrufen, wie die Versuche
-an Hysterischen mit halbseitiger Anästhesie des Körpers beweisen.[15]
-Dass auch der Stahlmagnet gewaltige Einwirkungen auf die Vertheilung
-der Innervationsenergie in den Centralorganen ausübt, ist durch die
-oben angeführten Versuche von Binet und Féré erwiesen, veränderte
-Anwendungsarten werden ohne Zweifel noch andre Verschiebungen der
-Innervationsenergie kennen lehren und damit dem Verständniss der Art
-und Weise, wie der Einfluss des Magnetiseurs die gleiche Wirkung
-hervorbringt, näher führen. Es ist anzunehmen, dass jeder Mensch in
-irgend welchem Grade die Fähigkeit, andere zu magnetisiren, besitzt,
-dass aber die Herrschaft über dieselbe nur durch Uebung zu gewinnen
-ist, weil diese Fähigkeit nicht in dem Organ der bewussten Willkür
-ihren Sitz hat, sondern nur indirekt durch Impulse des bewussten
-Willens in anderen niederen Centralorganen aufgelöst wird. Damit stimmt
-überein, dass Somnambule, deren Willkürorgan ausser Funktion gesetzt
-ist, eine besonders starke Fähigkeit zum Magnetisiren Dritter, ja sogar
-ihres Magnetiseurs gewinnen, auch wenn sie dieselben im wachen Zustand
-nicht besitzen oder beherrschen (274). Es ist ferner zu beachten, dass
-fortdauernde Bethätigung der magnetischen Kraft den Menschen angreift
-und entkräftet (250), woraus folgt, dass der Magnetiseur wirklich
-organische Kraft bei seiner Thätigkeit konsumirt. Es ist endlich zu
-berücksichtigen, dass die elektrischen Apparate der Zitter-Rochen und
--Aale nur Gruppen von Ganglienzellen sind, und dass jede Ganglienzelle
-in irgend welchem Maasse die Eigenschaft besitzen muss, welche hier
-durch Differenzirung ausgebildet ist.
-
-Ob das im thierischen Magnetismus wirksame dynamische Agens mit
-einer der uns bekannten Naturkräfte identisch ist, oder ob es
-eine noch unerforschte neue Proteus-Gestalt der einheitlichen
-Naturkraft ist, welche bloss elektrische, magnetische, thermische und
-nervenphysiologische +Begleit+erscheinungen hervorruft, das dürfte
-vorläufig schwer zu entscheiden sein, doch neige ich der letzteren
-Auffassung zu, so dass der Bezeichnung „thierischer Magnetismus“
-oder „organische Electricität“ nur ein uneigentlicher Sinn beiwohnt.
-Ebenso vorsichtig wie in der Gleichsetzung der mesmerischen Funktion
-mit physikalischen Kräften muss man aber auch sein, sie mit besser
-bekannten organischen psychischen oder gar metaphysischen Potenzen
-zu identificiren, wie wenn z. B. du Prel sie mit der Naturheilkraft
-gleichsetzt (239), wozu die etwaigen heilsamen Nebenwirkungen der durch
-sie hervorgerufenen somnambulen Zustände noch lange keine Berechtigung
-geben.
-
-Du Prel hat sich in diesem Punkte, wie leider in manchen andern, durch
-Schopenhauers Ansichten bestimmen lassen, von welchem Denker seine
-gesammte Weltanschauung mehr als von irgend einem andern abhängig ist.
-Schopenhauer nimmt an[16], dass der Somnambulismus nur ein tiefer und
-vollkommener Schlaf sei, dass er deshalb heilsamer als der gewöhnliche
-Schlaf sei und von der Naturheilkraft absichtlich herbeigeführt
-werde. Er glaubt ferner, dass Wahrträume auch im gewöhnlichen tiefen
-Schlafe häufig sind, und der Somnambulismus nur diese Wahrträume
-offenbare. Alle scheinbaren Sinneswahrnehmungen der Somnambulen hält
-er für Wahrträume, welche die Vermittelung der Sinneswerkzeuge nur
-vorspiegeln. In Bezug auf die physiologische Erklärung des somnambulen
-Zustandes verwirft er mit triftigen Gründen die Annahme, dass das
-Gangliensystem an Stelle des Gehirns funktionire, und hält an der
-Unentbehrlichkeit der Gehirnfunktion fest, worin ihm du Prel leider
-nicht gefolgt ist; seine Theorie einer Umkehrung der Richtung der
-Gehirnfunktion durch Rollentausch der grauen und weissen Substanz ist
-dagegen physiologisch ganz unhaltbar und ist auch von keiner Seite
-vertheidigt worden.
-
-So wenig der Somnambulismus mit dem gewöhnlichen Schlaf zu verwechseln
-ist, ebenso wenig ist er, wie du Prel meint (173), ein tieferer Schlaf
-als der gewöhnliche, d. h. bloss graduell von demselben verschieden.
-Obschon Uebergangsformen zwischen beiden stattfinden und einige
-Merkmale ihnen gemeinsam sind, sind sie doch specifisch verschieden; in
-manchen Beziehungen erscheint der Schlaf als Zwischenzustand zwischen
-Somnambulismus und Wachen, in andern erscheint der Somnambulismus als
-Mittelzustand zwischen Schlaf und Wachen. Du Prel, welcher nur die
-erstere, und Wirth (40), welcher nur die letztere Ansicht gelten lässt,
-haben daher Beide Recht und Unrecht. Der somnambule +Traum+ erscheint
-in der That gegenüber dem gewöhnlichen als ein +gesteigerter+ Traum,
-aber der somnambule +Schlaf+ gleicht mehr dem Verhalten im +wachen+
-Zustande als im gewöhnlichen Schlaf.
-
-Das gewöhnliche Traumbewusstsein ist durch eine bessere
-Erinnerungsbrücke mit dem wachen Bewusstsein verbunden als das
-somnambule und kann zwischen diesen beiden als verknüpfendes Mitglied
-eintreten. Je näher das somnambule Traumbewusstsein dem gewöhnlichen
-Traume steht, desto leichter reichen Erinnerungen aus demselben
-in’s wache Bewusstsein hinüber; je mehr es sich in sich vertieft,
-desto schwerer wird die Erinnerung an seinen Inhalt, am schwersten
-beim „Hochschlaf“, der nur durch das verknüpfende Mittelglied des
-gewöhnlichen Somnambulismus mit dem wachen Bewusstsein verbunden
-werden kann. Je mehr sich der Somnambulismus steigert, desto mehr
-steigern sich die Eigenthümlichkeiten, welche das Traumbewusstsein
-von dem wachen Bewusstsein unterscheiden: die Passivität des Willens,
-die Sinnlichkeit und Bildlichkeit der Vorstellungen, die Stärke der
-unwillkürlichen Phantasiethätigkeit, die Neigung zu dramatischer
-Spaltung des Ich, der Mangel an Besonnenheit und zielbewusster
-Stetigkeit, die Hyperästhesie des Gedächtnisses, die damit
-zusammenhängende Geschwindigkeit des Vorstellungswechsels, und endlich
-die Sensitivität des Gefühlslebens für natürliche Vorgänge innerhalb
-und ausserhalb des eigenen Organismus.
-
-Andererseits aber steigern sich auch einige solche Merkmale, durch
-welche das wache Leben sich vom Schlaf unterscheidet, erstens die
-Fähigkeit, vermittelst der Sinneswerkzeuge von der Aussenwelt Eindrücke
-zu empfangen und auf diese Eindrücke mit Reden und Handlungen
-sinngemäss zu reagiren, zweitens die Eigenthümlichkeit, dass die
-Erlebnisse der Zeitabschnitte des somnambulen Lebens wie diejenigen des
-wachen Lebens durch ihren Erinnerungszusammenhang ein geschlossenes
-Ganzes bilden, während die Träume der verschiedenen Nächte der Regel
-nach zusammenhangslose Bruchstücke bleiben und nur ausnahmsweise mit
-vereinzelten Erinnerungen ineinander übergreifen, und drittens der
-Umstand, dass die das somnambule Bewusstsein vermittelnden Theile des
-Centralnervensystems ebenso wie die das wache Bewusstsein vermittelnden
-der zeitweiligen Ruhe durch Schlaf bedürfen, wie der Wechsel von Schlaf
-und Wachen bei einem Wochen und Monate lang anhaltenden Somnambulismus
-beweist (332).
-
-Wenn eine Somnambule ihren häuslichen Verrichtungen obliegt, oder
-gar eine Rolle auf der Bühne tadellos durchführt, so wird Niemand
-bezweifeln, dass ihr Zustand dem Wachen ähnlicher ist, als dem Schlaf,
-trotzdem sich bei genauerer Untersuchung herausstellt, dass der
-Zustand ihres Bewusstseins in vielen Punkten als ein gesteigerter oder
-vertiefter Traumzustand zu betrachten ist. Beim Somnambulismus wird die
-Aehnlichkeit mit dem Wachen, beim Schlaf die Unähnlichkeit mit dem
-Wachen um so grösser, je tiefer er wird; je weniger tief Somnambulismus
-und Schlaf sind, desto ähnlicher sehen sie sich beide; je tiefer
-sie werden, d. h. je mehr sie ihre eigenartige specifische Natur
-hervorkehren, desto verschiedener und entgegengesetzter erscheinen sie.
-Der niedrigste Grad des Hypnotismus zeigt vollkommene Lethargie, also
-gar keinen Verkehr mit der Aussenwelt wie der Schlaf; erst im zweiten
-Grade, im kataleptischen Stadium öffnet sich das Ohr und die niedern
-Sinne, und erst im dritten Stadium, dem im engeren Sinne somnambulen,
-öffnen sich auch die Augen und beginnt jener vollständige Verkehr mit
-der Aussenwelt, der auf den ersten Anblick vom Verhalten einer wachen
-Person nicht zu unterscheiden ist.
-
-Der Schlaf hingegen wird dem Somnambulismus nur dann ähnlicher,
-wenn er im Begriff ist, in denselben überzugehen, z. B. in dem
-Sprechen und Handeln der Schlafenden; aber der sich selbst treu
-bleibende ruhige und tiefe Schlaf kennt solche Extravaganzen
-nicht, die schon einem gestörten Gleichgewicht des Nervensystems
-entspringen, wie der Somnambulismus auch. Es ist gleichgiltig ob, wie
-du Prel meint, der tiefe, oder, wie ich meine, der leichte Schlaf
-mehr dazu neigt, unruhig zu werden, d. h. in Uebergangsformen zum
-Somnambulismus hineinzugerathen, da man in beiden Fällen es schon mit
-zusammengesetzten Erscheinungen aus verschiedenen Gebieten zu thun
-hat; und ebenso gleichgiltig ist es für die hier behandelte Frage, ob
-der tiefe ruhige Schlaf traumlos ist oder nicht, ob mit anderen Worten
-nicht bloss das wache und das somnambule Bewusstsein im Schlafe Ruhe
-und Erholung geniesst, sondern die Bewusstseinsfunktion schlechthin.
-Letzteres kann wegen der beim Erwachen abreissenden Erinnerung
-niemals direkt konstatirt werden (43); du Prel’s indirekter Beweis
-für die Behauptung beruht aber auf einem Cirkelschluss, insofern er
-aus der vorausgesetzten Richtigkeit des Satzes folgert, dass auch
-der Somnambulismus im Wesentlichen nur ein vertiefter Schlaf sei,
-und hieraus dann wieder nach Analogie zurückschliesst, dass auch im
-natürlichen Schlaf ebenso wie im Somnambulismus das Erwachen des
-Traumbewusstseins proportional der Tiefe des Schlafes sein müsse
-(427, 32, 37). Nach meiner Ansicht hingegen wird schon durch das
-Ruhebedürfniss des somnambulen Bewusstseins und dessen Befriedigung im
-Schlafe zur Genüge erwiesen, dass auch die das somnambule Bewusstsein
-vermittelnden Theile des Centralnervensystems im tiefen Schlafe ruhen,
-so dass die dessen etwaige Träume vermittelnden Partien jedenfalls noch
-unterhalb der ersteren gesucht werden müssten.
-
-Worauf es hier ankommt, ist nur, zu konstatiren, dass der natürliche
-Schlaf ein gesunder normaler, für Wache und Somnambule gleich
-unentbehrlicher Erholungszustand, der Somnambulismus aber ein abnormer,
-pathologischer, schlechthin entbehrlicher Zustand ist, dass ferner der
-reine Schlaf mit wachsender Vertiefung den Schläfer immer mehr von
-der Aussenwelt abschliesst, der Somnambulismus dagegen mit wachsender
-Vertiefung den Somnambulen in eine dem wachen Zustand immer ähnlicher
-werdende sinnlich vermittelte Wechselbeziehung zur Aussenwelt setzt.
-Dies genügt, um einen +specifischen Unterschied+ beider Zustände
-festzustellen, und den Streit über die Stellung zwischen Wachen, Schlaf
-und Somnambulismus zu einem nebensächlichen zu machen.
-
-Ausser der Verwandtschaft des Somnambulismus mit dem wachen Zustand
-und dem gewöhnlichen Traum ist noch diejenige mit der Narkose und mit
-Nerven- und Geisteskrankheiten zu beachten. Die Narkotisirung durch
-Chloroform und Aether stimmt darin mit dem Somnambulismus überein,
-dass eine von der Peripherie nach dem Centrum fortschreitende Analgesie
-(Unempfindlichkeit für Schmerz) und scheinbar auch Anästhesie eintritt,
-dass das wache Bewusstsein schwindet und unwillkürliche Träume sich
-entfalten; ein ähnlicher Zustand der Analgesie trat auch bei den
-höchsten Graden der Folter manchmal ein, der dann der Hülfe des
-Teufels zugeschrieben wurde. Bei der Morphium- und Haschisch-Narkose
-ist die Analgesie weniger ausgesprochen, dafür aber das Traumleben
-gesteigert; insbesondere das Haschisch erzeugt eine Hyperästhesie
-des Gedächtnisses und eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufes,
-welche mit den gleichen Erscheinungen des somnambulen Traumlebens
-viel Aehnlichkeit hat. Alle Narkosen unterscheiden sich aber dadurch
-vom Somnambulismus, dass in ihnen für gewöhnlich und unter Ausschluss
-eines gleichzeitig eintretenden Somnambulismus der Verkehr mit der
-Aussenwelt abgeschnitten ist; nur eine unvollständige Narkose, welche
-noch einen Rest des wachen Bewusstseins übrig lässt, macht solchen
-Verkehr möglich. Auf der Verwandtschaft dieser narkotischen Zustände
-mit dem Somnambulismus beruht es, dass in nervösen Organisationen,
-die zum Somnambulismus neigen, derselbe durch narkotische Mittel
-hervorgerufen werden kann (Pythia, Hexenfahrten u. s. w.). Die Menge
-von Chloroform, die Jemand zur Narkose braucht, ist zugleich ein
-Gradmesser seiner Empfänglichkeit für magnetische Hypnotisirung, und
-die Blutbeschaffenheit eines hungernden Organismus erleichtert in
-gleichem Masse die Narkose wie das Magnetisiren und den spontanen
-Eintritt von Uebergangsformen zwischen Traum und Somnambulismus.
-
-Von den pathologischen Zuständen des Nervensystems bietet sich
-zunächst die konstitutionelle Sensitivität zum Vergleich dar. Während
-„Sensibilität“ die Reizempfänglichkeit der Empfindungsnerven
-bezeichnet, insoweit sie auf einem feinen Bau der Endorgane
-(Sinneswerkzeuge) beruht, bedeutet das Wort „Sensitivität“ eine
-abnorme Reizempfänglichkeit, welche nicht auf der Verfeinerung der
-Sinneswerkzeuge, sondern auf der Hyperästhesie der Empfindungsnerven
-und der ihre Eindrücke verarbeitenden Centralorgane beruht. Es giebt
-abnorme Naturen, welche bei vollem Tagesbewusstsein die unglaublichsten
-Dinge wahrnehmen, sowohl Vorgänge in ihrem eigenen Organismus, als
-dynamische Einflüsse der Umgebung, z. B. das Vorhandensein einer
-Katze im Zimmer, oder gewisse Krankheiten anwesender Personen, oder
-die relativen elektrochemischen Werthe einer Reihe von eingewickelten
-Stoffen. Es mag sein, dass eine gewisse Beschaffenheit des
-Nervensystems für alle Arten von Empfindungen die Reizempfänglichkeit
-erhöht; aber es ist doch durchaus nicht nöthig, dass die Sensitivität
-für Gefühls-, Geruchs-, Gehörs- und Gesichtsempfindungen immer Hand
-in Hand gehen, oder gar den gleichen Grad von Steigerung aufweisen
-muss. Die Thatsache, dass Sensitivität auch in dem gewöhnlichen wachen
-Bewusstseinszustand vorkommt, lässt erkennen, dass, wenn auch die
-abnormen Bewusstseinszustände (wie Traum, Somnambulismus, Irrsinn etc.)
-häufig mit Schwellenverschiebung verbunden auftreten, doch dieses
-Symptom weder ausreichend zu ihrer Charakterisirung heissen, noch als
-ausreichende Ursache ihres Eintritts angesehen werden kann.
-
-Der Somnambulismus zeigt eine Sensitivität insbesondere für
-Empfindungen des Gemeingefühls (122, 141), zum Theil auch für
-solche des Geruchs und Geschmacks (246, 389), wogegen das Gehör
-unverändert zu bleiben scheint und die Reizempfänglichkeit für
-Gesichtswahrnehmungen noch im zweiten, kataleptischen Stadium ganz
-aufgehoben ist und erst im dritten, somnambulen Stadium zugleich
-mit der nun auffällig erhöhten Hautempfindlichkeit wieder erwacht.
-Es ist also im Somnambulismus die Empfindungsschwelle der niedern
-Sinne emporgeschraubt, die der höheren theils unverändert, theils
-heruntergerückt, theils gesteigert, und es ist demnach ebenso ungenau
-von einer Herabsetzung der Empfindungsschwelle im Allgemeinen, wie von
-einem Geschlossensein der äusseren Sinne oder einem vom Sinnesapparat
-unabhängigen Bewusstsein in diesem Zustand zu reden (146, 441). Eine
-Verschiebung der Empfindungsschwelle findet zwar statt, aber für
-verschiedene Sinneswahrnehmungen in ungleichem Maasse und zum Theil
-sogar in entgegengesetztem Sinne, und keine Art von Sinneswahrnehmungen
-fehlt im eigentlich somnambulen Stadium des Hypnotismus ganz, weder die
-Tastempfindungen, welche zur Wahrung des Gleichgewichtes unentbehrlich
-sind, noch die Gesichtseindrücke, ohne welche ein Somnambuler sich
-in einer ihm unbekannten Umgebung unmöglich mit Sicherheit bewegen
-könnte. Eine Somnambule mit geöffneten Augen liest auf Befehl ein
-ihr vorgehaltenes Buch fliessend vor, während sie bei geschlossenen
-Augen auf den gleichen Befehl nur unverständliche Worte murmelt. Die
-Behauptung, dass sie nicht mit den geöffneten Augen, sondern etwa mit
-dem Sonnengeflecht läse, stünde logisch auf gleicher Stufe mit der,
-dass sie die Worte nicht mit dem Kehlkopf und der Zunge bilde, sondern
-mit dem Magen. Manche Somnambulen sind im Stande, mikroskopische
-Photographien mit blossem Auge zu erkennen, oder ein ihnen abgekehrtes
-Buch aus der Spiegelung im Auge des Magnetiseurs zu lesen; dies alles
-setzt eine hochgradige Steigerung der Gesichtsschärfe voraus. Auf
-den Einfall, dass eine Somnambule mit fest zugedrückten Ohren nicht
-mehr mit dem Gehörorgan die Worte des vor ihr stehenden Magnetiseurs
-vernehme, konnte Schopenhauer nur darum kommen,[17] weil er nicht
-daran dachte, sich durch den Versuch zu überzeugen, dass man mit fest
-zugedrückten und verstopften Ohren noch ziemlich ebenso gut hört,
-wie mit offenen; für die leisesten Worte des, wenn auch entfernt
-stehenden Magnetiseurs kann ausserdem in dem Gehör der Somnambulen
-eine hochgradig verschärfte Wahrnehmungsfähigkeit vorhanden sein,
-während gleichzeitig für laute Gespräche der nicht mit ihr in Rapport
-stehenden Anwesenden Taubheit zu bestehen scheint. Das Vorkommen
-des Hellsehens wird selbst bei hoch gesteigertem Somnambulismus
-immer nur als sporadischer Ausnahmefall anzusehen sein, aber nicht
-als ein fortdauernder Zustand, aus dem +alle+ anscheinenden
-Sinneswahrnehmungen zu erklären wären.
-
-Der psychologische Unterschied zwischen Sensitivität und Somnambulismus
-ist nicht in der Ungleichmässigkeit der Schwellenverschiebung für
-verschiedene Sinne, sondern darin zu sehen, dass die gewöhnliche
-Sensitivität auf ein waches, die somnambule auf ein träumendes
-Bewusstsein trifft, und dass in Folge dessen der Sensitive seine
-Sinneseindrücke von Phantasiebildern unterscheiden kann, der Somnambule
-nicht. Daher kommt es, dass der Somnambule Phantasiebilder von
-Sinneseindrücken, welche durch Ideenassociation aus Empfindungen ganz
-anderer Sinnesgebiete entstanden sind, für reale Sinneswahrnehmungen
-hält (z. B. das Phantasiegebild eines Wohlgeschmacks oder einer
-Amputation, die der Magnetiseur ihm bloss einredet, oder die Bilder von
-Gestalten und Stimmen, die nur Personifikationen oder Symbolisirungen
-organischer Gefühlsreize sind), während energische Sinneseindrücke,
-die zu dem momentanen Inhalt seines Traumbewusstseins keine Beziehung
-haben, von diesem gar nicht appercipirt werden (z. B. eine wirklich
-stattfindende Operation, oder ein intensiv schmeckender Stoff auf
-der Zunge, oder die den geöffneten Augen sich darbietende Umgebung).
-Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit der Sensitivität macht es
-erklärlich, dass wiederholter Somnambulismus das Nervensystem sensitiv
-macht, d. h. einen geringeren Grad der somnambulen Sensitivität
-als dauernden Zustand zurücklässt. Die Sensitivität ist aber ein
-pathologischer, bei Unwohlsein sich steigernder (223) Zustand, der für
-unser praktisches Leben mit den grössten Unannehmlichkeiten verknüpft
-ist (197), und häufig mit einer Schwächung des Gedächtnisses Hand in
-Hand geht (310), also ein Zustand dessen Herbeiführung und Steigerung
-sorgfältig zu vermeiden ist.
-
-Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit Hysterie, Epilepsie,
-Katalepsie, Ohnmacht, Starrsucht, Scheintod, Todeskampf,
-Fieberdelirien, Veitstanz und den verschiedenen Arten des Irrsinns
-zeigt eine Anzahl sich kreuzender Symptome; alle schwereren
-Erkrankungen des Nervensystems disponiren zum spontanen Eintritt und
-zur Empfänglichkeit für die künstliche Erzeugung des Somnambulismus,
-wie umgekehrt ein häufiges Hervorrufen des somnambulen Zustandes
-künstliche Hysterie erzeugt (nach Richet), den Geist und Körper
-zerrüttet und zu allen Arten von Nervenleiden prädisponirt.
-
-So lange ein Nervenleiden besteht, gelingt es dem Magnetiseur mit
-Leichtigkeit, den Somnambulismus hervorzurufen; schreitet aber
-die Genesung fort, so wird das Magnetisiren des Rekonvalescenten
-immer schwieriger (239), bleibt aber in Folge der Gewöhnung des
-Organismus immer noch leichter, als es vor Eintritt der Krankheit
-war. Das weibliche Geschlecht, das bei seinem geringeren Uebergewicht
-des Grosshirns über das sonstige Centralnervensystem leichter
-zu decentralisirender Desorganisation des letzteren, d. h. zu
-Nervenleiden, hinneigt, ist auch mehr prädisponirt für das Auftreten
-von natürlichem und die Herbeiführung von künstlichem Somnambulismus,
-insbesondere der höheren Grade derselben.
-
-Die Gleichheit der körperlichen Symptome bei Katalepsie und
-Somnambulismus ist in die Augen springend; der Tonus der Muskeln
-genügt, um jede einem Gliede gegebene Stellung zu behaupten,
-ohne dass Krampfzustände vorhanden sind (Wachstarre). Aber der
-Unterschied zwischen Katalepsie, Starrsucht, Scheintod einerseits
-und Somnambulismus andererseits ist ebenso in die Augen fallend:
-die Bewegungslosigkeit dort und die automatenartige Beweglichkeit
-nach Anleitung des unwillkürlichen Inhalts des Traumbewusstseins
-hier. Die automatische, traumgeleitete Beweglichkeit ist dagegen
-im Veitstanz vorhanden, sobald die gewöhnlichen Krämpfe sich zu
-ekstatischen Konvulsionen ausbilden, und die Geschichte der religiösen
-Verirrungen zeigt in allen Ländern und Glaubenskreisen ähnliche Bilder
-solcher ansteckenden Zustände, wie sie auch in Fällen des spontanen
-Somnambulismus häufig beobachtet werden. Manche Theoretiker des
-Somnambulismus sind soweit gegangen, eine Menge Formen der schweren
-Nerven- und Geisteskrankheiten für regellose Formen des Somnambulismus
-zu erklären (243, 266, 366); wenn dies richtig wäre, so würde der
-pathologische Charakter des Somnambulismus in ein noch helleres Licht
-dadurch gestellt, als wenn, wie ich annehme, in vielen Fällen bloss
-eine Verquickung somnambuler Zustände mit anderen verwandten Störungen
-des nervösen Gleichgewichts stattfindet.
-
-Gehen wir zu den psychischen Symptomen über, so zeigt sich die
-Hyperästhesie der Erinnerung nicht nur im Somnambulismus und dem
-gewöhnlichen Traum, sondern auch in Fieberdelirien, in manchen
-Fällen der Hysterie, des Irrsinns, der Incubationsperiode mancher
-Gehirnkrankheiten und im Todeskampf. Wenn eine Somnambule die
-Aufschriften der Strassenschilder aus dem Heimatsort ihrer Jugend
-angeben kann, wenn sie einmal Gelesenes wörtlich hersagt, wenn
-sie die lateinischen oder griechischen Recitationen oder die
-Violinübungen früherer Stubennachbarn nachahmend wiederholt, so
-finden diese Leistungen eines hyperästhetischen Gedächtnisses
-ihre Analogien in den gleichen Erscheinungen bei Fiebernden oder
-Irrsinnigen, und hier wie dort stellt sich leicht die Täuschung ein,
-dass Reproduktionen aus dem Gedächtniss, die man nicht als solche
-erkennt, unmittelbare Neuproductionen seien, so dass dann leicht die
-Reproductionen vergangener Ereignisse, an welche die Erinnerung (d.
-h. Wiedererkennung) fehlt, als Weissagungen auf die Zukunft gedeutet
-werden können.
-
-Hand in Hand mit der Hyperästhesie der Erinnerung geht nicht selten
-eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufs; wahrscheinlich sind beide,
-die Erleichterung und die Beschleunigung des Vorstellungswechsels
-durch Ideenassociation, koordinirte Wirkungen derselben Ursache, einer
-Hyperästhesie des funktionirenden Organs (Gehirntheils). Wie die Zeit
-des Gehirnreflexes zwischen Empfindung und motorischer Reaktion, so ist
-auch die durchschnittliche Zeit, die vom Auftauchen einer Vorstellung
-bis zum Hervorrufen der folgenden durch Ideenassociation verstreicht,
-bei jedem Individuum eine andere, und bei demselben Individuum je nach
-seinem Befinden und seiner Stimmung (Frische oder Ermüdung, Sättigung
-oder Nüchternheit, intellektuelle Freiheit oder Gemüthsbeklommenheit)
-erheblichen Schwankungen (etwa von 2 bis 1/12 Sekunde) schon im
-wachen normalen Bewusstseinszustand unterworfen. Die Schwankungen
-bewegen sich in noch weiteren Grenzen im Schlaf und den abnormen
-Zuständen des Nervensystems. In Fieberdelirien, in maniakalischen
-Delirien, im Haschischrausch und im Todeskampf (insbesondere der
-Ertrinkenden) erreicht die Hyperästhesie des Gedächtnisses und der
-Phantasie einen Grad, der mit Ideenflucht bezeichnet wird, den man aber
-bei der sinnlich-anschaulichen Beschaffenheit solcher unwillkürlich
-vorüberziehenden Vorstellungsgebilde vielmehr „Bilderflucht“ nennen
-sollte. Indessen sind die Berichte über das Vorüberziehen des gesammten
-Lebens von dem Bewusstsein Ertrinkender denn doch nur auf typische
-Hauptmomente des Lebens zu beziehen, und deren können in 60 bis 180
-Sekunden allerdings eine beträchtliche Zahl (720 bis 2160) auf einander
-folgen, ohne die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs
-auch nur zu überschreiten.[18]
-
-Ein weiteres psychisches Symptom, welches dem Somnambulismus
-(und dem Traum) mit Fieberdelirien, Haschischträumen und
-Geistesstörungen gemeinsam ist, ist die dramatische Spaltung.
-Wenn eine Gedächtnissvorstellung zwar reproducirt wird, aber ohne
-Wiedererkennung, d. h. ohne Erinnerung, so nimmt das wache, besonnene
-Bewusstsein dieselbe hin als eine aus dem Unbewussten auftauchende,
-deren Herkunft zunächst problematisch bleibt, vermuthet aber von
-vornherein, dass sie aus dem Gedächtniss stammen werde; oft hat man
-auch das Gefühl, sie schon gehabt zu haben, also das Bewusstsein, dass
-sie Gedächtnissvorstellung ist, ohne ihr doch in der Vergangenheit
-durch Verknüpfung mit Ort, Zeit und näheren Umständen ihres früheren
-Auftretens einen bestimmten Platz anweisen zu können (284). Das
-träumende Bewusstsein, das dieser Besonnenheit ermangelt und statt
-dessen allen Gedankengehalt in sinnlich-anschauliche Formen giesst
-(33), verbildlicht (50), symbolisirt (70) und personificirt (99),
-projicirt eine Gedächtnissreproduktion, die es nicht als solche zu
-rekognosciren vermag, gern nach aussen, und legt sie Traumgestalten
-in den Mund; das irre Bewusstsein verfährt bei höheren Graden
-der Phantasieerregung ebenso, bei geringeren Graden, die zur
-Gestaltenprojektion (Gesichtshallucination) nicht ausreichen, verlegt
-es wenigstens den Gedankengehalt in von aussen kommende Stimmen
-(Gehörshallucination).
-
-Die Bruchfläche dieser dramatischen Spaltung ist also die Scheidelinie
-zwischen Gedächtnissreproduktion und Erinnerung (291); was das
-Traumbewusstsein als sein Eigenthum rekognoscirt, nimmt es auch
-als solches, als geistigen Besitz und Zubehör seines Ich für sich
-in Anspruch, was es nicht zu rekognosciren vermag, aber trotzdem
-als seinen Bewusstseinsinhalt vorfindet, lässt es auch nicht als
-das Seinige gelten und projicirt es auf andre Traumgestalten.
-Aus dem Unbewussten stammt also gleichmässig aller Inhalt des
-Traumbewusstseins, sowohl der dem Ich als der dem Nichtich zugetheilte,
-und Alles gehört gleichmässig dem Inhalt des Traumbewusstseins
-an; auch das Ich des Träumers umfasst nur einen kleinen Theil des
-Gesammtinhalts des Traumbewusstseins, und auch dieser dem Ich
-zugewiesene Theil ist ein ebenso unwillkürlicher Ausfluss aus dem Quell
-des Unbewussten, wie der in’s Nichtich (Aussenwelt und Traumgestalten)
-hinausprojicirte Theil. Deshalb ist es unzulässig, wenn du Prel die
-Bruchfläche der dramatischen Spaltung für zusammenfallend erklärt
-mit der psychophysischen Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem
-(96, 101), oder wenn er behauptet, dass alle Verstandesprocesse,
-die den Charakter eines Einfalls haben, im Traume zur dramatischen
-Spaltung führen (106). Gerade die produktiven Einfälle vertheilen sich
-auf das Ich des Träumers und die bereits gegebenen Traumgestalten,
-je nachdem die Situation des Traumes es verlangt, d. h. je nachdem
-sie einem Vorstellungskomplex associativ zugehören, welcher dem
-Traum-Ich oder anderen Traumfiguren bereits zugetheilt ist. Aber wohl
-niemals werden solche produktive Einfälle zur Abspaltung +neuer+
-Traumfiguren veranlassen; denn bei ihnen fehlt ja eben die Scheidelinie
-zwischen Reproduktion und Erinnerung, welche allein massgebend als
-Bruchfläche der Spaltung ist, und welche etwas ganz Anderes ist als
-die „psychophysische Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem“ im
-Allgemeinen.
-
-Es ist die niedrigste Form der dramatischen Spaltung, wenn ein
-reproducirter Gedächtnissvorrath, der nicht als solcher wiedererkannt
-ist, in fremde Traumgestalten hinausprojicirt wird; man sollte in
-diesem Falle, streng genommen, noch nicht von dramatischer +Spaltung+,
-sondern von dramatischer +Vertheilung+ des Bewusstseinsinhalts auf das
-Ich und das Nichtich des Traumbewusstseins sprechen. Dies Verhältniss
-bleibt auch dann noch dasselbe, wenn die einer Traumfigur in den Mund
-gelegte Gedächtnissvorstellung nach der Aeusserung derselben dann als
-eigenes, nur zeitweilig vergessenes Wissen in’s Ich zurückgenommen
-wird. Interessanter sind jene Spaltungen, bei welchen nicht mehr das
-reproducirte Vorstellungsmaterial, sondern die eigene Traumfigur, das
-Traum-Ich gespalten und in mehrere Ichs zertheilt wird, etwa als Acteur
-auf der Bühne und als Zuschauer im Parterre; derartige Verdoppelungen
-kommen auch bei Todtkranken und bei Irrsinnigen vor, welche letztere
-manchmal lange Disputationen mit ihrem visionär vor ihnen stehenden
-Doppelgänger halten. Aber nicht immer weiss man sich im Traum identisch
-mit seinem zweiten Ich, und das Selbstbewusstsein kann zwischen beiden
-schwanken, wobei dann immer das jeweilige eigentliche Ich das zweite
-Ich als sein „anderes“ Ich oder als „den Andern“ betrachtet; beide Ich
-können auch wieder in eins zusammenfliessen, wie wenn das Zuschauer-Ich
-auf die Bühne springt, um nun selbst weiter zu agiren. Dem analog ist
-es eine gewöhnliche Erscheinung, dass das somnambule Bewusstsein sich
-als das eigentliche Ich des somnambulen Zustandes von dem „anderen“ Ich
-des wachen Zustandes, dessen Bewusstseinsphäre es doch umspannt, wie
-von einer fremden Person unterscheidet, und diese Neigung, die eigene
-Persönlichkeit des wachen Lebens als eine andere, fremde, obwohl doch
-mit dem Ich wie ein Doppelgänger zusammengekoppelte anzusehen, wächst
-mit der Tiefe des Somnambulismus.
-
-Die Scheidelinie zwischen Reproduktion und Erinnerung reicht zwar
-aus zur Feststellung der Bruchfläche für die einfache dramatische
-Spaltung zwischen Ich und Nichtich, aber nicht für die Feststellung
-der Bruchfläche für die Spaltung des Ich in ein doppeltes Ich, das
-„eigentliche“ Ich und „das andere“; die psychophysische Schwelle
-zwischen Bewusstem und Unbewusstem, die schon für den ersteren Fall
-nur irrthümlicher Weise mit der Bruchfläche der Spaltung verwechselt
-werden konnte, passt auf den letzteren Fall noch viel weniger, da der
-Bewusstseinsinhalt des „anderen“ (normalen) Ich für das Bewusstsein des
-„eigentlichen“ (somnambulen) Ich nichts weniger als unbewusst, sondern
-völlig bewusst, ja sogar in seiner Einordnung in die Erlebnisse der
-Vergangenheit klar durchschaut und doch nicht als eigener Besitz, als
-Zubehör des „eigentlichen“ Ich anerkannt wird. Man könnte sich denken,
-dass das einer fremden Traumfigur geliehene Gedächtnissmaterial in dem
-Falle, wenn es eine grössere zusammenhängende Gruppe von Vorstellungen
-ausmacht, dahin neigt, das Traumbewusstsein zu der Ahnung zu führen,
-dass das scheinbar Fremde doch nur sein verliehenes Eigenthum,
-somit die fremde Traumfigur nur ein Spaltungsprodukt des eigenen
-Geisteslebens sei, was sich dann bildlich in dem widerspruchsvollen
-Gleichsetzen und Ungleichsetzen der anderen Figur mit dem Traum-Ich
-ausdrückt; aber dabei bleibt doch die Hauptbedingung unerwähnt, dass
-die abgetrennte Vorstellungsmasse ausreichend und geeignet sein muss,
-einem Ich als Unterlage zu dienen, was psychologisch nicht zu erklären
-ist.
-
-Begrifflich streng zu sondern von dem subjektiven Phänomen der
-dramatischen Spaltung des Ich ist das objektive Phänomen des
-alternirenden Bewusstseins. Ein solches kommt dann zu Stande, wenn
-verschiedene Bewusstseinszustände, welche die Eigenthümlichkeit haben,
-nach stattgehabter Unterbrechung die Kontinuität des Bewusstseins
-aufrecht zu erhalten und ein in sich geschlossenes bewusstes
-Lebensganze zu bilden, mit einander abwechseln. Ein solcher Zustand ist
-das normale wache Bewusstsein, ein zweiter das somnambule Bewusstsein,
-ein dritter der Hochschlaf des somnambulen Bewusstseins, ein vierter
-und fünfter kann endlich in verschiedenen Formen periodischer
-Geistesstörung auftreten, in welchen die Erinnerung an das bisherige
-wache Leben erlischt und ein von demselben völlig abgetrenntes neues
-Leben begonnen und fortgeführt wird. Auch die Reiche der natürlichen
-Träume würde ein alternirendes Bewusstsein konstituiren, wenn sie sich
-ebenso wie die Abschnitte des wachen Lebens, oder wie die Reihe der
-somnambulen Krisen oder die Reihe der bezüglichen Irrsinnsanfälle zu
-einem stetig zusammenhängenden Erinnerungsganzen konsolidirten. Die
-periodische Geistesstörung producirt für sich allein manchmal mehr
-als ein abgetrenntes Bewusstseinsleben, das mit dem wachen alternirt;
-wechseln zwei getrennte Bewusstseinszustände des Irrsinns mit dem
-normalen wachen Bewusstsein ab und tritt zu diesen dreien noch der
-somnambule Zustand, so haben wir es mit einem vierfachen alternirenden
-Bewusstsein, d. h. mit einem vierfachen Geistesleben desselben
-Individuums zu thun (337-343).
-
-Streng genommen kann von einem alternirenden Bewusstsein nur da
-gesprochen werden, wo weder der Zustand a vom Zustand b, noch der
-Zustand b vom Zustand a etwas weiss; diese Bedingung ist aber im
-Somnambulismus nur einseitig erfüllt, da das somnambule Bewusstsein
-den Gedächtnissinhalt des wachen nicht nur umspannt, sondern sogar in
-erleichterter Weise reproducirt (308, 312). Im Traum findet dieses
-Umspannen des wachen Bewusstseinsinhalts durch das Traumbewusstsein
-der Regel nach ohne Spaltung des Ichs statt, und die Verdoppelung des
-Ich im Traume gehört zu den seltensten Ausnahmen, bei denen vielleicht
-schon eine Uebergangsform zwischen Traum und Somnambulismus oder Traum
-und Wahnsinn[19] anzunehmen ist. Im alternirenden Bewusstsein des
-Irrsinns fehlt in der Regel jede Umspannung der Vorstellungen des
-einen Zustandes durch das Bewusstsein des anderen und jeder der beiden
-Bewusstseinszustände weigert sich, die ihm von aussen dargebotenen
-Vorstellungen, sofern sie dem anderen angehören, als die seinigen
-anzuerkennen, oder überhaupt kennen zu wollen. Nur wenn der Irrsinn
-dem Traum sich annähert, d. h. Hallucinationen erzeugt, kommt es vor,
-dass das wahnsinnige Bewusstsein als ein anderes Ich aus der Person
-des Kranken (meist mit veränderter Stimme) redet und sich von dieser
-unterscheidet, womit dann die Illusion der Besessenheit gesetzt
-ist. Im Somnambulismus weigert sich nur das wache Bewusstsein, die
-Vorstellungen des somnambulen kennen zu wollen; das letztere aber
-kennt die Vorstellungen des ersteren wohl, erkennt sie aber nicht
-als die seines „eigentlichen“ Ichs, sondern als die des „anderen“
-an. So nimmt ersichtlich der Somnambulismus in dieser Hinsicht eine
-Mittelstellung zwischen Traum und Irrsinn ein, halb dem einen, halb
-dem andern gleichend, und bemüht, die Unterschiede beider durch die
-dramatische Spaltung des Ich zu vermitteln, insofern durch dieselbe
-das alternirende Bewusstsein des Irrsinns in fingirter Weise trotz der
-Umspannung des alternirenden Bewusstseinszustandes aufrecht erhalten
-wird.
-
-Es wird die Vermuthung nahe liegen, dass nicht nur hier, sondern
-überall, wo wir der dramatischen Spaltung und Verdoppelung des Ich
-begegnen, dieser phantastische optische Dualismus eine symbolische
-Personifikation der physiologischen Thatsache ist, dass die
-physiologischen Hauptbedingungen zu einem alternirenden Bewusstsein
-vorhanden sind, wenn auch dasselbe wegen des Fehlens gewisser
-Nebenbedingungen meistens im latenten oder potentiellen Zustande
-verharrt. Andrerseits werden wir annehmen dürfen, dass überall, wo ein
-alternirendes Bewusstsein besteht, auch die physiologischen Bedingungen
-für die dramatische Spaltung und Verdoppelung des Ich gegeben sind,
-und nur das umspannende Uebergreifen des einen Bewusstseins über das
-andere hinzuzutreten braucht, um die Verdoppelung des Ich wirklich
-herbeizuführen; die Richtigkeit dieses Satzes wird bestätigt in
-denjenigen Fällen des alternirenden Bewusstseins bei Geisteskranken, in
-denen die beiden Zustände nicht plötzlich wechseln oder durch trennende
-Bewusstlosigkeit geschieden sind, sondern allmählich in einander
-übergehen, wo sich dann stets im Uebergangsstadium das Gefühl der
-doppelten Persönlichkeit einstellt. --
-
-Nach allem vorher Angeführten sollte man es für unzweifelhaft halten,
-dass man es beim Somnambulismus mit einem nicht bloss abnormen,
-sondern schlechthin krankhaften Zustand des Organismus zu thun
-hat, mit einem Zustand, der nicht nur seiner Entstehungsursache
-nach, sondern an und für sich pathologisch ist und deshalb auch
-nur pathologisch modificirte Funktionen ermöglicht. Der psychische
-Symptomenkomplex des Somnambulismus lässt sich zusammenfassen als
-eine Auslöschung oder Suspension der psychischen Funktionen im
-Allgemeinen und als koncentrirte Steigerung derselben in derjenigen
-beschränkten Richtung, auf welche das Interesse und die Aufmerksamkeit
-durch den Magnetiseur oder Experimentator hingelenkt ist. Es besteht
-allgemeine Fühllosigkeit, Seelenblindheit, Seelentaubheit, Geruch- und
-Geschmacklosigkeit (Analgesie und Anästhesie), Gedächtnisslosigkeit
-(Amnesie), Willenlosigkeit (Abulie), und völlige Stockung des
-spontanen Vorstellungsverlaufes, alles dies aber gleichzeitig mit
-hochgradiger Sensitivität und Hyperästhesie, Verschärfung der
-sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit, Gedächtnisssteigerung (Hypermnesie),
-erhöhter Willensenergie (Hyperbulie) und vermehrter Intensität und
-Geschwindigkeit des Vorstellungsablaufes, freilich nur in den ganz eng
-begrenzten Richtungen, auf welche durch Suggestion des Magnetiseurs
-oder auch durch Autosuggestion das Interesse und die unwillkürliche,
-reflektorische Aufmerksamkeit koncentrirt ist. Es ist als ob alle
-psychischen Funktionen durch künstliche Verengerung des Bettes, in
-dem sie sich bewegen, krankhaft gesteigert wären, ähnlich wie die
-Muskelkräfte des Maniakus. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen,
-dass die Ergebnisse der psychischen Funktionen dieses Zustandes logisch
-wahr oder moralisch untadelig seien; z. B. wenn die pathologische
-Verfeinerung der Wahrnehmung das Material zu Erkenntnissen und
-unbewussten Schlussfolgerungen liefert, welche dem wachen Bewusstsein
-verschlossen bleiben, oder wenn das moralische Gefühl des Menschen
-durch die physische und psychische Analgesie des somnambulen Zustandes
-von pathologischen Störungen befreit wird, welche es im wachen Zustande
-entstellen. Aber dieser relative Werth der Ergebnisse jener psychischen
-Funktionen beweist doch nichts dagegen, dass dieselben an und für
-sich pathologischer Natur sind, wie du Prel meint (131, 137, 278).
-Der Beweis dafür ist damit gegeben, dass auch andere pathologische
-Zustände, Sensitivität, Irrsinn u. s. w. gelegentlich richtige und
-ungewöhnliche Ergebnisse durch ihre pathologischen psychischen
-Functionen zu Tage fördern. Anderseits würde die pathologische Natur
-des somnambulen Zustandes nicht hindern können, dass die Natur ihn
-unter Umständen als das kleinere von zwei Uebeln wählt, und dass die
-menschliche Absicht dieses Beispiel der Natur nachahmt, falls das
-Uebergewicht des zu beseitigenden Uebels und seine Beseitigung durch
-das gewählte Mittel zweifellos sind.
-
-Du Prel geht es wie so vielen Autoren, die sich anhaltend mit einem
-Gegenstande beschäftigt haben, er überschätzt dessen Bedeutung in
-jeder Hinsicht. So wenig es rathsam ist, nach der Weise der Alten die
-Träume auf ihren prophetischen Werth hin zu kultiviren, ebensowenig
-kann man es empfehlen, den Somnambulismus in ausgedehnterem Maasse
-zu psychologischen Experimenten oder gar zu Heilzwecken zu benutzen.
-Wenn es wahrsagende Träume giebt, so müssen dieselben nach du Prel in
-tiefem Schlaf (36) stattfinden, von welchem wir gar keine oder nur
-eine durch den Halbschlaf vermittelte Erinnerung besitzen (49); der
-Halbschlaf aber, der nur werthlose Phantasiebilder liefert (36, 51),
-droht die ohnehin schon symbolisirten Ahnungen des tiefen Schlafs
-noch zu verunstalten, wenn er sie einmal ausnahmsweise der wachen
-Erinnerung überliefert. Die Jagd nach prophetischen Träumen würde
-deshalb sicherlich in der grössern Mehrzahl der Fälle, wo man einen
-solchen vermuthet und nach einer solchen Vermuthung handelt, den
-Menschen zum Narren haben; gesetzt aber auch, man lernte einmal aus der
-Symbolik des Traums, dass man sich im Inkubationsstadium einer noch
-nicht ausgebrochenen Krankheit befände, so würde dadurch die glückliche
-Unwissenheit des Kranken nur um so viel früher zerstört ohne die
-Therapie zu erleichtern, welche doch meist erst in den späteren Stadien
-einer Erkrankung eingreifen kann.
-
-Zur Erweiterung unserer psychologischen Kenntnisse über abnorme
-psychische Zustände wird man wohl thun, sich auf genaue Beobachtung des
-spontanen Somnambulismus zu beschränken; ich würde es eher für zulässig
-halten, an Menschen mit ihrer Zustimmung Vivisectionsexperimente
-zu machen, welche doch nur ihren Körper vorübergehend schädigen,
-als künstliche Geistesstörungen in ihnen zu erzeugen, welche erst
-bei öfterer Wiederholung interessantere Ergebnisse liefern, dann
-aber auch Körper und Geist dauernd zerrütten.[20] Da der durch
-künstlichen Somnambulismus dem Nervensystem zugefügte Schaden eine
-zweifellose Thatsache, der durch ihn zu erzielende medicinische
-Gewinn aber theils illusorisch, theils zweifelhaft und unsicher ist,
-so wird jeder besonnene Arzt vor der Anwendung des Somnambulismus
-zu Heilzwecken zurückschrecken, ganz unabhängig davon, ob er sich
-denselben +erklären+ kann oder nicht (237); denn die vorläufige
-Unerklärlichkeit der Wirkungsweise der meisten Heilmittel hat
-noch keinen Arzt von deren Anwendung abgehalten. Ausserdem sind
-es noch Nebengründe, welche die medicinische Verwendbarkeit des
-Somnambulismus, selbst wenn man sie im Princip zuliesse, doch
-praktisch (ebenso wie die örtliche Anwendung des Heilmagnetismus
-ohne Hypnotisirung) auf Ausnahmefälle beschränken würden, nämlich
-die relative Unempfänglichkeit vieler Patienten für magnetische
-Einflüsse, die relative Seltenheit ausreichender magnetischer Kraft
-bei Aerzten und die rasche Krafterschöpfung der Magnetiseure bei
-erwerbsmässiger Thätigkeit. Wollte man aber nach den Vorschlägen
-Fahnestock’s[21] alle Menschen darauf einüben, sich selbst willkürlich
-durch psychische Einflüsse in Somnambulismus versenken zu können, so
-wäre der dadurch im Nervensystem der Menschheit angerichtete Schaden
-unermesslich, der Gewinn aber höchst zweifelhaft; denn ob bei schweren
-Verwundungen, Brandwunden, Schlangenbissen, Neuralgien u. s. w. der auf
-Selbstsomnambulisirung Eingeübte im Stande bliebe, seinen psychischen
-Vorstellungsablauf so zu beherrschen, dass der Somnambulismus auch
-wirklich einträte, darüber hat Fahnestock, wie es scheint, noch keine
-Versuche angestellt.
-
-Den Nutzen, den der Somnambulismus bringen kann, schlägt du Prel
-viel zu hoch an. Dass dauernde vollständige Schlafentziehung ebenso
-wie Nahrungsentziehung den Menschen tödtet, ist zweifellos; aber es
-ist falsch, aus der Unentbehrlichkeit des Schlafs und der Nahrung zu
-schliessen, dass der Mensch sich desto besser befinden müsse, je mehr
-Schlaf und Nahrung man ihm zuführt (212). Dass Schlafsucht, die zu
-wochenlangem oder monatelangem Schlaf führt, nicht nur nicht heilsam
-ist, sondern meist mit Blödsinn oder Tod endet, ist bekannt. Aber
-gesetzt auch, der Schlaf wäre um so heilsamer, je tiefer er ist, so
-wäre doch die daraus gezogene Schlussfolgerung du Prel’s falsch, dass
-der somnambule Schlaf als der tiefere und intensivere auch heilsamer
-sein müsse als der natürliche (41). Denn erstens beruht dieser Schluss
-auf der falschen Voraussetzung, dass der Somnambulismus eine Vertiefung
-des normalen Schlafes sei, und zweitens lässt sie ausser Acht, dass
-selbst, wenn er dies wäre, er doch nur eine +krankhafte+ Vertiefung
-desselben wäre, die sich niemals an Heilsamkeit mit dem gesunden
-Schlaf, selbst solchem von +geringerer+ Tiefe, messen kann. So ist
-z. B. der durch Chloral, Morphium u. s. w. erzeugte Schlaf tiefer
-als der gewöhnliche, und doch sind fünf Stunden natürlichen Schlafes
-erquickender als sieben Stunden eines solchen künstlich erzeugten;
-wer aber keinen natürlichen Schlaf finden kann, greift schliesslich
-doch zu solchen Mitteln und darf dann wohl von ihnen rühmen, dass sie
-nach langer Schlaflosigkeit ihn wahrhaft erquickt haben. So mögen
-auch Somnambulen, die an Schlaflosigkeit leiden, das Erquickende des
-somnambulen Schlafes rühmen, der ihnen einen gewissen Ersatz gewährt;
-ja sogar sie können, wenn sie an schmerzhaften oder quälenden Zuständen
-und Verstimmungen des Nervensystems leiden, mit Recht dem Hypnotismus
-wegen seiner Analgesie in ihrem subjektiven Empfinden einen Vorzug
-vor dem natürlichen Schlaf einräumen, ebenso wie sie ihm oft den
-Vorzug vor dem ihnen unbehaglichen wachen Zustande geben (493). Aus
-dieser subjektiven Bevorzugung des somnambulen Zustandes durch die
-Somnambulen auf seine objektive Heilsamkeit zu schliessen, wäre ebenso
-voreilig, als wenn man aus dem Verlangen eines Morphiumsüchtigen nach
-neuer Narkose auf die Heilsamkeit der Morphiumnarkose schliessen
-wollte. Dass der somnambule Zustand nicht erquickender sein kann,
-als der gewöhnliche Schlaf, wird dadurch objektiv erwiesen, dass
-er den letzteren nicht überflüssig macht, vielmehr bei andauerndem
-Somnambulismus das Bedürfniss nach natürlichem Schlaf ganz ebenso
-eintritt, wie im wachen Zustande (332).
-
-Uebrigens stehen den Aeusserungen der Somnambulen über die
-Erquicklichkeit des somnambulen Zustandes ebensoviel Aeusserungen
-gegenüber, dass derselbe nicht gut für sie sei, und dass Alles
-vermieden werden solle, was ihren Rückfall in diesen Zustand
-herbeiführen oder begünstigen könnte (369); nur die Aeusserungen der
-letzteren Art sind unverdächtige Kundgebungen des Heilinstinkts,
-während bei denen der ersteren Art der Verdacht nahe liegt, dass
-der Heilinstinkt durch den Drang nach relativer Behaglichkeit des
-subjektiven Befindens verdunkelt werde. Letzteres wird dadurch
-erhärtet, dass die Somnambulen mit dem Schwinden ihrer subjektiven
-Beschwerden auch aufhören, nach dem somnambulen Zustand Verlangen zu
-tragen; wenn er aber erquicklich und unschädlich zugleich wäre, so
-müssten Alle, die ihn kennen gelernt haben, nach seiner Wiederholung
-Verlangen tragen, gleichviel ob sie gesund oder krank wären. Wenn der
-Somnambulismus darum heilsamer wäre, als der Schlaf, weil er tiefer,
-intensiver als dieser ist, so müsste er um so heilsamer sein, je
-tiefer er ist, am heilsamsten also als Hochschlaf; das Gegentheil
-davon ist wahr: der somnambule Zustand ist um so schädlicher in seinen
-Nachwirkungen auf den Organismus, je tiefer er ist, und der geradezu
-lebensgefährliche Hochschlaf wird von den Somnambulen selbst gefürchtet
-(365). Gegen die prahlerischen Berichte der Magnetiseure über
-wunderbare Heilungen und Regenerationen in anhaltendem Somnambulismus
-ist mehr kritische Vorsicht nöthig, als du Prel anwendet (212, 254),
-und das Gleiche gilt für die wunderbaren Wirkungen der von den
-Somnambulen für sich oder Andere verwendeten Heilmittel.
-
-Da der Somnambulismus ein krankhafter, von dem gesunden Schlaf
-specifisch verschiedener Zustand ist, der den letzteren keineswegs
-entbehrlich macht, wohl aber um so schädlichere Nachwirkungen
-hinterlässt, je tiefer er war und je öfter er sich wiederholte, so
-ist gegen jede Behauptung heilsamer Wirkungen dieses Zustandes die
-äusserste Vorsicht geboten. Der spontane Somnambulismus ist zunächst
-ebenso zweifellos ein Symptom einer Erkrankung des Nervensystems wie
-Epilepsie, Veitstanz oder Irrsinn; nur die unkritische vorgefasste
-Meinung von der Heilsamkeit des Somnambulismus kann zu dem Irrthum
-verleiten, in jedem Fall von spontanem Somnambulismus eine Aeusserung
-der Naturheilkraft zu sehen. Dabei bleibt natürlich die Möglichkeit
-nicht ausgeschlossen, dass in einzelnen besonderen Fällen der
-spontane Eintritt des Somnambulismus in der That als eine Selbsthülfe
-der Natur aufzufassen ist, z. B. um durch Analgesie dem Organismus
-eine Erholungspause von unerträglichen Schmerzen zu gönnen, oder um
-einen Anfall von nervöser Gleichgewichtsstörung in milderer Form
-verlaufen zu lassen (larvirte Epilepsie, larvirter maniakalischer
-Anfall). Ebenso ist es nicht unmöglich, dass die im Somnambulismus
-stattfindende Funktionsausschaltung gewisser Theile des Organismus
-und die Veränderung in den Bahnen des Blutstroms Gelegenheit geben
-zur Förderung regenerativer Vorgänge. Im ersteren Sinne könnte
-dem Somnambulismus ein symptomatischer Werth (zur Vorbeugung oder
-Unterdrückung bedrohlicher nervöser Anfälle), im letzteren Sinne ein
-Werth für die Linderung der Krankheitsursachen zugesprochen werden.
-
-Aber was so für den spontanen Somnambulismus gelten könnte, ist
-darum noch nicht ohne Weiteres auf den künstlichen Somnambulismus zu
-übertragen, wie du Prel annimmt (140); denn wer steht dafür, dass
-der künstliche Somnambulismus genau derselbe Zustand ist, wie der
-natürliche, dass er der Natur, die es unterlassen hat, ihn spontan
-herbeizuführen, überhaupt willkommen ist, und dass er genau im rechten
-Grade und genau zur rechten Zeit angewendet wird? Insbesondere der
-mehr am Tage liegende prophylaktische Werth als symptomatisches
-Palliativmittel hängt ganz davon ab, dass der Kranke den Magnetiseur
-in jedem Augenblick bei sich hat, was doch viel schwerer ist, als ein
-Chloral- oder Morphiumpulver immer bei sich zu tragen. Zwar kann der
-Arzt dem Patienten in der Hypnose suggeriren, dass der somnambule
-Schlaf jedesmal wiederkehren soll, sobald er eines von einer Anzahl
-wirkungsloser Pülverchen zu sich nimmt, oder auch sobald er einen
-bestimmten Spruch hersagt; aber solche posthypnotische Suggestionen
-werden nur bei Personen von hochgradiger Nervosität längere Zeit ihre
-Wirkung behalten, und grade bei solchen ist die Herbeiführung des
-Somnambulismus ohne sachkundige Beaufsichtigung am wenigsten zulässig.
-Selbst wenn die körperlichen Nachtheile der narkotischen Mittel ebenso
-gross wären wie die des Somnambulismus (was entschieden zu bestreiten
-ist), würden sie doch, da sie für die Gesundheit dasselbe mit grösserer
-Sicherheit leisten, den Vorzug verdienen, weil die Gefahren für Geist
-und Charakter bei ihnen ungleich geringer sind. Auch der Heilwerth
-der posthypnotischen Suggestionen bei hysterischen Störungen ohne
-anatomische Grundlage (hysterischen Lähmungen, Krämpfen u. s. w.) darf
-nicht überschätzt werden; denn wenn es gelingt, der Krankheit die eine
-Pforte zum Hervortreten auf diese Weise zu verschliessen, so wird sie
-nie in Verlegenheit sein, sich dafür eine andere zu öffnen, so dass
-nicht eine Beseitigung, sondern nur eine fortwährende Aenderung der
-Symptome auf diesem Wege erzielt wird. Immerhin kann die Aufhebung
-besonders lästiger oder schädlicher Symptome durch posthypnotische
-Suggestion unter Umständen ein grosser Gewinn für die ärztliche
-Behandlung sein, und dürfte hierin noch am ehesten die mesmerische
-Praxis eine Zukunft haben.
-
-Nicht minder als den Heilwerth des Hypnotismus überschätzt du
-Prel den Werth der somnambulen Sensitivität und der durch sie
-vermittelten Diagnose eigener und fremder Körperzustände. Die Art,
-wie die Somnambule ihre Körpertheile fühlt, ist unmittelbar nicht in
-Worten auszudrücken, ja nicht einmal unmittelbar vom Bewusstsein zu
-vergegenständlichen; erst der in Anschauungsbilder umgewandelte,
-d. h. in Gesichtseindrücke übertragene Gefühlseindruck ist in
-Worten wiederzugeben. Gesetzt den Fall, der Gefühlseindruck von der
-relativen Lage und dem Zustand der eigenen Körpertheile wäre genau und
-bestimmt, so würde er doch bei der unwillkürlichen Uebertragung in ein
-Anschauungsbild zum ersten Mal, und bei der Uebersetzung des letzteren
-in Worte zum zweiten Mal entstellt. Entweder fehlt es der Somnambule
-an Worten und technischen Ausdrücken zur Beschreibung ihres Bildes, so
-dass der Deutlichkeitsgrad ihrer Anschauung gar nicht zu kontroliren
-ist; oder sie beherrscht solche Ausdrücke, dann besitzt sie sicherlich
-auch einige unvollkommene Kenntnisse, welche ihrer vermeintlichen
-Selbstschau Grundlage und Richtung geben und deren Ergebnisse entweder
-verfälschen oder ergänzen. Aber schon der Gefühlseindruck selbst ist
-dunkel und unsicher, und es bedarf schon einer Uebung durch häufige
-Wiederholung oder eines ausnahmsweisen hohen Grades von Somnambulismus
-oder einer örtlichen Steigerung der Hyperästhesie durch örtliche
-Magnetisirung (179)[22], um die totale, beziehungsweise lokale
-Selbstschau zu einer einigermassen bestimmten zu machen.
-
-Abgesehen von der natürlichen Unbestimmtheit der Diagnose (198)
-und von ihrer Gefährdung durch Einmischung von abstrakten
-Gedächtniss-Vorstellungen (178) und Phantasiespielen (172) wird deren
-Werth noch durch weitere Fehlerquellen verringert. Einerseits kann
-nämlich der Magnetiseur durch vorzeitiges, oder zudringliches oder
-ungeschicktes Fragen die Somnambule zwingen, seinen Ansprüchen durch
-erquälte Antworten zu genügen, die sie theils nach ihrem eigenen
-anatomischen Kenntnissstand, theils nach dem Wortlaut der Fragen
-eingerichtet (178), und andererseits können, wenn die Annahme der
-Gedankenübertragung vom Magnetiseur auf die Somnambule richtig ist,
-sowohl die bewussten Gedanken des Magnetiseurs über die von ihm
-erwarteten Antworten als auch die unbewussten Vorstellungen oder
-dunklen Ahnungen desselben über den Zustand der Kranken in diese durch
-den magnetischen Rapport übergehen und ihm aus demselben zurücktönen,
-wie ein Echo, das er nicht als Echo erkennt (267). Hält der Magnetiseur
-vorsichtshalber seine Fragen zurück, bis die Somnambule spontane
-Aeusserungen über den Gesundheitszustand vorbringt (178), so wird er
-nur selten eine Diagnose zu hören bekommen, und dann noch eine sehr
-unvollständige und unbestimmte; geht er dann mit Fragen vor, so weiss
-er doch nicht, was aus dem gesteigerten Körpergefühl der Somnambule
-und was aus anderen Quellen stammt. Somnambule zur Diagnose fremder
-Personen zu benutzen, bleibt, ob für Geld oder umsonst geübt, immer
-ein Missbrauch ihrer Person, der sie schwächt und angreift und gegen
-den sie sich mit Recht sträuben (204-205). Wäre die Ausnutzung der
-somnambulen Sensitivität für Diagnosen etwas Unschädliches und wirklich
-Werthvolles, so wäre nicht abzusehen, warum ein Magnetiseur, der seine
-Somnambule (als Frau, Tochter, Pflegling u. s. w.) unterhält, nicht
-ebenso gut wie ein konsultirender Arzt für die gelieferten Diagnosen
-Honorar annehmen sollte, zumal sie ja von dem Inhalt der Sitzungen und
-ihrer Entlohnung nichts zu erfahren brauchte (370).
-
-Die Behauptung du Prels, dass die somnambule Selbstschau viel
-werthvollere Aufschlüsse über die Anatomie des Menschen als
-der Leichenbefund und +allein+ werthvolle Aufschlüsse über die
-physiologische und pathologische Oekonomie des Menschen zu geben im
-Stande sei, weshalb in der Vivisektion nichts als nutzlose Grausamkeit
-zu sehen sei (193), resumirt seine Ueberschätzung der somnambulen
-Selbstschau in drastischer Form und verkennt die Nothwendigkeit,
-sich der schwer zu erreichenden Wahrheit von möglichst vielen Seiten
-her zugleich anzunähern. Nach meiner Ansicht ist der Missbrauch von
-Somnambulen zu Diagnosen und Heilverordnungen für dritte Personen
-ebenso unbedingt auszuschliessen, wie öffentliche Vorstellungen; auf
-dem Gebiet der Selbstdiagnose aber wird nur ganz ausnahmsweise einmal
-eine in den selteneren Graden des Somnambulismus spontan eintretende
-Aeusserung einen diagnostischen Werth für den Arzt haben können. Eine
-Erweiterung unserer anatomischen, physiologischen und pathologischen
-Kenntnisse im Allgemeinen von den Aussprüchen der Somnambulen zu
-erhoffen, erscheint mir phantastisch und mit den bisherigen Erfahrungen
-im Widerspruch. Dagegen erkenne ich bereitwillig den Nutzen an, den das
-objektive Studium dieser pathologischen Zustände der Physiologie des
-Nervensystems bringen kann und zum Theil schon gebracht hat. Derselbe
-würde noch ungleich grösser sein, wenn die Vivisektion sich mit dem
-Somnambulismus redebegabter Individuen verbinden liesse, was leider
-nach den bisherigen Ansichten über die Zulässigkeit der Vivisektion bei
-Menschen nicht angeht.
-
-Aber selbst zugegeben, dass gelegentlich die somnambule Selbstschau
-der ärztlichen Diagnose eine werthvolle Ergänzung oder Berichtigung
-zuführt, so ist damit doch sehr wenig gewonnen; wäre jeder gute
-Diagnostiker darum auch schon ein guter Arzt (176), so würde es uns
-nicht an guten Aerzten fehlen, da in der Diagnose unsere heutige
-Medicin ebenso weit vorgeschritten ist, als sie in der Heilung innerer
-Krankheiten ohnmächtig geblieben, ja sogar zur Kenntniss ihrer Ohnmacht
-gelangt ist. Steht schon den akuten constitutionellen Erkrankungen der
-Arzt machtlos gegenüber, so noch weit mehr den chronischen; allgemeine
-Kräftigung durch Diät und Hautpflege ist neben vorübergehender
-Linderung einzelner lästiger Symptome das einzige, was ihm der heutige
-Stand unserer Kenntniss zu leisten gestattet, insbesondere bei den
-chronischen Krankheiten des Nervensystems. Wie wenig nützt ihm da
-die Genauigkeit seiner eigenen Diagnose, und wie viel weniger die
-gelegentliche Unterstützung durch die Somnambule! --
-
-Nun darf freilich der Heilinstinkt der Somnambulen nicht ausser Acht
-gelassen werden; aber dieser wird sich meist unabhängig von somnambuler
-Selbstdiagnose und nur ausnahmsweise im Zusammentreffen mit derselben
-äusseren, besonders, wenn man spontane Aeusserungen abwarten will,
-denen allein einiger Werth zugeschrieben werden kann (255). Abgefragte
-Heilverordnungen spiegeln fast immer nur die medicinischen Ansichten
-des Arztes wieder (267), welche mit denjenigen seiner Zeit theils
-übereinstimmen (257), theils mehr oder weniger von ihnen abweichen,
-und zwar nicht bloss seine bewussten Gedanken und Entschliessungen,
-sondern auch das von ihm Geahnte und noch nicht Erfasste, oder das
-von ihm Gewünschte aber noch nicht Gewagte (231, 270). Aber auch
-die spontanen Selbstverordnungen der Somnambulen sind mit so viel
-Fehlerquellen behaftet, dass man niemals wissen kann, ob und wie viel
-der Heilinstinkt dabei mitspricht.
-
-Erstens haben die meisten Laien mehr Kenntniss von Heilmitteln als
-von Anatomie, insbesondere Nervenleidende, an denen schon viel herum
-kurirt worden ist, und die oft eine Masse unverdauter medicinischer
-Kenntnisse aufgelesen haben (309); es ist daher kein Wunder, dass
-auch die Somnambulen die therapeutischen Systeme ihrer Zeit wenigstens
-den Grundzügen nach widerspiegeln (264), wenn ihre Aeusserungen
-auch mit dem Glauben und Aberglauben der Volksmedicin mehr oder
-weniger gemischt sind. Ebenso wie die vermeintlichen Intuitionen der
-Somnambulen über metaphysische und religiöse Dinge nur phantastisch
-gemodelte unbewusste Reminiscenzen aus dem ihnen geläufigen religiösen
-Vorstellungskreise sind (185), ebenso sind auch die vermeintlichen
-Intuitionen des somnambulen (oder träumenden) Heilinstinkts in
-der allergrössten Mehrzahl der Fälle nichts als erinnerungslose
-Reproduktionen von früher einmal Gehörtem, Gelesenem oder Probirtem,
-welche durch die Hyperästhesie des Gedächtnisses dem Bewusstsein
-zur Verfügung gestellt werden ohne jedes Merkmal, dass sie aus dem
-reflexiven discursiven Wissen stammen (229). Zweitens kreuzen sich bei
-der Somnambulen, als einer Kranken, die perversen krankhaften Instinkte
-mit dem Heilinstinkt, und man kann nie wissen, welcher im gegebenen
-Falle die Oberhand hat; das Verlangen nach den unverdaulichsten
-Dingen (217), nach kolossalen Dosen stark wirkender Medikamente (270
-bis 272), nach Fortdauer und Wiederholung des somnambulen Zustandes
-gehören ohne Zweifel den ersteren an. Drittens schützt der Verzicht
-des Magnetiseurs auf Fragestellung bei engem magnetischem Rapport
-keineswegs davor, dass nicht schon dessen unausgesprochene bewusste
-und unbewusste Vorstellungen und Wünsche in die Somnambule übergehen
-und aus ihr zurücktönen. Viertens kann die somnambule Traumphantasie
-sich in einem Spiel mit ebenso sinnlosen wie unschädlichen Verordnungen
-ergehen (171), denen vom Magnetiseur und demgemäss auch von der Kranken
-irrthümlich eine hohe Wichtigkeit beigemessen wird. Berücksichtigt man
-endlich, dass Zurückhaltung in der Fragestellung bei den registrirten
-Krankheitsgeschichten von Somnambulen zu den Ausnahmen gehört, so wird
-man ermessen können, einen wie geringen Antheil an den berichteten
-Selbstverordnungen man dem Heilinstinkt zuschreiben darf.
-
-Betrachtet man die berichteten Fälle von günstiger Wirkung der
-somnambulen Verordnungen, so bleibt nach Ausscheidung der schlechthin
-unzuverlässigen Angaben und nach Abzug der Fälle, in denen bekannte
-Heilmittel von anerkannter Wirksamkeit verordnet sind, in der That noch
-genug Material übrig, um das Erstaunen des Laien zu erwecken. Aber
-ganz dasselbe ist der Fall bei den zahllosen irrationellen Systemen
-der Heilkunst, welche auf der Erde im Schwange gehen, ja sogar bei
-Schäfern und wunderthätigen Heiligenbildern; sie alle haben eine Menge
-zweifellos glücklicher Kuren aufzuweisen, insbesondere in Fällen von
-Nervenkrankheiten, die jeder rationellen Behandlung spotten, und bei
-denen noch immer das Wort gilt: Dein Glaube hat Dir geholfen. Wenn
-nun eine Somnambule den festen Glauben gewinnt, dass sie in Folge der
-getroffenen Verordnungen sich bessern oder genesen werde, so kann
-dieser Glaube sehr wohl eine vorübergehende oder dauernde Veränderung
-der Krankheit herbeiführen, ganz abgesehen davon, ob den verordneten
-Mitteln objektiv genommen irgend welche Wirksamkeit zukommt. Aus der
-objektiven Gleichgültigkeit des Inhalts der Verordnung erklärt sich
-die Vorliebe der Somnambulen für anscheinend indifferente Mittel
-oder für homöopathisch kleine Gaben (272), zugleich aber auch die
-Thatsache, dass die Mittel immer nur ihnen selbst helfen, aber in
-anscheinend gleichen Fällen jede Wirkung versagen und zur Abstraktion
-von allgemein giltigen Regeln nicht brauchbar sind (269-270); ebenso
-erklärt sich aus der grösseren Kraft des Glaubens an eigene als an
-fremde Verordnungen die Thatsache, dass die Wirkung der somnambulen
-Verordnungen für dritte mit ihnen in Rapport gesetzte Personen soviel
-unsicherer ist, als die Wirkung der Selbstverordnungen.
-
-Hätten die Verordnungen der Somnambulen irgend welche objektive
-Wirksamkeit, so müsste doch unbeschadet der grössten Individualisirung
-der einzelnen Fälle irgend welcher greifbare Gewinn für die Therapie,
-wenn auch nur der allerbescheidensten Art, nachweisbar sein; da dies
-trotz aller Bemühungen der Magnetiseure nicht der Fall ist, muss man
-schliessen, dass die Wirkung der Verordnungen, soweit letztere nicht
-von bereits bekannter objektiver Wirkung sind, nur subjektiver Art
-ist, und zwar nicht nur bei den Somnambulen selbst, sondern auch bei
-denen, welche ihre Hülfe in Anspruch nehmen und an deren Wirksamkeit
-glauben. Darum ist aber auch die Hoffnung abgeschnitten, auf diesem
-Wege jemals einen Fortschritt der medicinischen Wissenschaft zu
-erzielen; die Befolgung der somnambulen Verordnungen, soweit keine
-objektive Wirksamkeit derselben bekannt ist, wird ein verständiger
-Arzt nur zu dem Zwecke zugeben, um von dem aufrichtenden Einfluss des
-Glaubens und Vertrauens Nutzen zu ziehen, welcher durch das Vergessen
-der somnambulen Verordnung im wachen Zustande nicht beeinträchtigt
-wird. Aber kein verständiger Arzt wird den künstlichen Somnambulismus
-herbeiführen in der ungewissen Aussicht, eine Selbstverordnung der
-Kranken zu erzielen, die vielleicht einen günstigen subjektiven
-Einfluss auf das Nervenleiden haben könnte. Ganz unstatthaft aber ist
-das Provociren von Verordnungen für dritte Personen; will man einmal
-Hokus-Pokus treiben, so giebt es andere Mittel genug, um medicinisch
-nützliche Einbildungen in den letzteren hervorzurufen, als dass
-man zu dem Zwecke durchaus mit der Gesundheit eines ohnehin schon
-Nervenkranken ein frevelhaftes Spiel treiben müsste.
-
-Bei alledem bin ich weit entfernt, die Existenz eines Heilinstinkts
-und seine erleichterte Aeusserung im somnambulen Zustande zu leugnen;
-ich behaupte nur, dass diese Aeusserungen unter einem solchen Wust von
-werthlosen und schädlichen Einfällen und Einbildungen vergraben liegen,
-dass es ein praktisch aussichtsloses und bei seinen unvermeidlichen
-Irrwegen gefährliches Unternehmen wäre, auf dieselben eine indirekte
-hypnotische Behandlung der Kranken gründen zu wollen. Es ist auch die
-Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die Hyperästhesie der Gefühls-
-und Vorstellungsfunktion im somnambulen Zustande das Auftauchen
-hellsehender Intuitionen über allerlei andere als medicinische Dinge,
-ja sogar über transcendent metaphysische Thatsachen erleichtert, und
-trotzdem müssen, wie du Prel zugiebt (184-185), alle Versuche, „aus
-den Somnambulen Wahrsager zu machen oder gar über metaphysische Fragen
-von ihnen Aufklärungen zu erhalten, als +ganz werthlos+ angesehen
-werden“. Dieselben Gründe, welche diese Versuche auf dem einen Gebiet
-praktisch werthlos machen, thun es im gleichen Masse auch auf dem
-andern.
-
-Noch unzulässiger als die medicinische Verwerthung ist die pädagogische
-Ausnutzung des Somnambulismus im moralischen Interesse, welche du
-Prel der wohlbegründeten Besorgniss vor unmoralischen Missbrauch der
-Macht des Magnetiseurs über die somnambule Person entgegengestellt
-(357-358). Das somnambule Bewusstsein ist ein widerstandsloser und
-willenloser Geisteszustand, in welchem blindlings jeder Befehl des
-Magnetiseurs befolgt wird und die Consequenzen des einmal erhaltenen
-Thätigkeitsimpulses wie bei einem mechanischen Automaten abschnurren;
-die somnambule Widerstandslosigkeit gegen den Willen des Magnetiseurs
-greift aber -- und darin liegt eine furchtbare Gefahr -- auch in
-das wache Leben über, so dass die wache Person die unglaublichsten
-Vorwände aufsucht, um einen im somnambulen Zustande erhaltenen
-Befehl des Magnetiseurs zu rechter Zeit zu erfüllen, obwohl sie
-keine Erinnerung an diesen Befehl hat, sondern nur den dunklen,
-unmotivirten Trieb zum Vollziehen der fraglichen Handlung empfindet.
-Der pathologische Charakter des Somnambulismus und seine Verwandtschaft
-mit der Geistesstörung offenbart sich hier mit voller Deutlichkeit,
-indem die unbewusst fortwirkenden Rückstände des somnambulen Lebens
-bei ihrem Hineinragen in’s normale Leben sich genau so verhalten,
-wie die unmotivirten und doch unwiderstehlich wirkenden Triebe bei
-Wahnsinnigen. Beide Arten von decentralisirten Impulsen kommen aus
-derselben Region des Centralnervensystems, nur dass sie im ersteren
-Fall durch den Magnetiseur, im letzteren Fall durch innere krankhafte
-Reize des Organismus bestimmt sind.
-
-Es ist klar, dass dieses Verhältniss der Somnambule zum Magnetiseur
-den Begriff der Besessenheit objektiv verwirklicht, von dessen
-Verwirklichung in wachen Irrsinnsfällen die blosse Illusion besteht; es
-ist ebenso klar, dass die mit solcher Besessenheit gegebene Aufhebung
-der Selbstbestimmung des Willens das psychologische Fundament der
-Sittlichkeit ganz ebenso wie der spontane Irrsinn zerstört. Ob der
-Inhalt des infiltrirten Willens gut oder böse ist, erscheint relativ
-gleichgiltig, da seine Ausführung dem Handelnden doch nicht mehr
-moralisch zugerechnet werden kann; aber das rein Formelle an diesem
-Verhältniss ist einem Meuchelmord der sittlichen Persönlichkeit
-gleich zu achten, und muss als solcher immer sittlichen Abscheu
-erwecken. Das Hinüberspielen des blinden Automatengehorsams aus
-dem somnambulen in den wachen Zustand kann niemals Früchte von
-sittlichem Werth, sondern höchstens eine maschinenmässige Legalität
-der impulsiven Handlungen erzielen; aber die Legalität ist hier
-nicht, wie in der echten Pädagogik, eine Vorstufe zur Bethätigung
-sittlicher Autonomie, sondern mit dem Preise ihrer Zerstörung bezahlt.
-Nur da, wo durch Geistesstörung ohnehin die psychische Grundlage der
-sittlichen Persönlichkeit aufgehoben ist, kann die Herbeiführung des
-somnambulen Zustandes und die Aenderung der krankhaften Willensimpulse
-und Einbildungen unbedenklich erscheinen; so z. B. wenn man einem
-Irrsinnigen im somnambulen Zustand befiehlt, hinfort nicht mehr von
-einem bösen Dämon sondern von einem guten Genius besessen zu sein,
-oder ihn selbst die Person wählen lässt, mit der er die Vertauschung
-seines wahnsinnigen Ich vornehmen will. Auch die Möglichkeit Somnambule
-auf Befehl bestimmte Vorstellungen für die Dauer vergessen zu lassen,
-könnte zur Bekämpfung von fixen Ideen und Zwangsvorstellungen
-verwerthet werden, obschon die aus einer Wahnvorstellung verscheuchte
-Krankheit sich dann sehr bald in einer andern Wahnvorstellung ein neues
-Ventil zu öffnen pflegt.
-
-Es giebt keine launischeren, selbstsüchtigeren, anspruchsvolleren,
-herrschsüchtigeren, empfindlicheren, kurz, für ihre Umgebung
-unerträglicheren Individuen, als jene Art von Nervenkranken, die
-zum Somnambulismus prädisponirt sind, und die öftere Wiederholung
-des Somnambulismus steigert die nervöse Gleichgewichtsstörung, aus
-der diese Unliebenswürdigkeit des Benehmens entspringt, hat also
-eine entschieden ungünstige Rückwirkung auf die sittliche Haltung
-der Person, ebenso wie auf ihr Gedächtniss und ihre intellectuellen
-Fähigkeiten. Nur in der somnambulen Krise selbst, wo der störende
-Druck des Nervenleidens auf die Stimmung der Kranken durch die
-Analgesie aufgehoben ist und alle Gedächtnissvorstellungen nur mit
-den ihnen in der Vergangenheit (also in gesunden Tagen) anhaftenden
-moralischen Gefühlswerthen reproducirt werden (317, 319), erscheint
-auch das aus diesen begleitenden Gefühlswerthen abfliessende moralische
-Urtheil wieder so, wie es in gesunden Tagen war. Dieser Zustand
-kann also relativ, d. h. im Vergleich mit der krankhaften Entartung
-des sittlichen Gefühls im wachen Zustande, als eine Steigerung
-und Reinigung des moralischen Gefühls erscheinen (434); aber der
-Somnambulismus erzeugt diese nicht, sondern lässt nur die reineren
-Gefühlswerthe der gesunden Vergangenheit durch das Gedächtniss wieder
-aufwachen, während er die Störungen des gegenwärtigen wachen Lebens
-zeitweilig verdunkelt.
-
-Nach alledem ist der Nutzen des Somnambulismus ebenso problematisch wie
-die Schädlichkeit desselben für Leib und Seele zweifellos ist; alle
-Versuche, aus demselben Nutzen zu ziehen, sind (mit Ausnahme einzelner
-Fälle von Behandlung der Hysterie und des Irrsinns) nicht nur praktisch
-werthlos, sondern befinden sich auf einem gefährlichen Irrwege. Es ist
-praktisch höchst wichtig, daran festzuhalten, dass der Somnambulismus
-ein rein pathologischer Zustand mit ausschliesslich pathologischen
-Funktionen ist, der vor anderen pathologischen Nervenzuständen nichts
-voraus hat und keine einzige neue Funktion des menschlichen Geistes
-enthüllt, sondern nur bekannte Funktionen in anderer Zusammenstellung
-zeigt. Selbst das eigentliche Hellsehen ist eine Funktion, die bei
-wachem Bewusstsein unter Umständen auch vorkommt, und die nur beim
-Somnambulismus wegen der Hyperästhesie des Gedächtnisses und der
-Phantasie leichter eintritt; aber noch nie hat die Menschheit in
-ihrem Kulturprocess vom somnambulen Hellsehen irgend welche Förderung
-erfahren, weil solche abhängig ist von der Verbindung des Hellsehens
-mit der zielbewussten Besonnenheit der Geistesthätigkeit, die eben im
-Somnambulismus unterdrückt ist.
-
-Die willenlose, decentralisirte, automatenartige Passivität des
-somnambulen Bewusstseins (124) stellt dasselbe tief unter das
-wache Bewusstsein, ebenso wie das gewöhnliche Traumbewusstsein,
-dem gleichfalls das zielbewusste Wollen und die Richtung gebende
-Aufmerksamkeit fehlen (33). Die Geistigkeit und bewusste Vernünftigkeit
-des wachen Lebens bekundet sich eben formell in der Erhebung über die
-anschauliche Bildlichkeit der Vorstellungen zu abstrakten Begriffen
-und zur Gedankenreflexion, inhaltlich in der zielbewussten Leitung
-des Vorstellungs- und Motivationsprocesses, durch welche auch die
-autonome Selbstbestimmung des Willens ermöglicht ist. Ein bloss
-bildliches Bewusstsein, dessen Vorstellungsbilder mechanisch von aussen
-aufgezwungen werden oder ebenso mechanisch nach zufällig entstandenen
-Associationen abschnurren, und dessen Handlungen ebenso mechanisch aus
-den aufgezwungenen oder zufällig aufgetauchten Bildern entspringen,
-entbehrt der Finalität im Vorstellungsablauf und damit der specifisch
-geistigen Vernünftigkeit. Je tiefer der natürliche oder somnambule
-Schlaf ist, desto mehr nimmt diese Lähmung der Spontaneität, diese
-teleologische Vernunftlosigkeit der Bilderfolge und Handlungen zu, und
-nur die wachsende Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie
-bewirkt, dass längere Bilderreihen im Zusammenhang verlaufen. Beim
-normalen Traum, der schon im Halbschlaf oft längere zusammenhängende
-Episoden zeigt, mag bei der Schlafvertiefung der zunehmende Abschluss
-von den Sinnesreizen die Häufigkeit solcher störenden Unterbrechungen
-vermindern und dadurch zur Verlängerung der zusammenhängenden Episoden
-beitragen (32); im Somnambulismus giebt umgekehrt bei gesteigerter
-Tiefe und damit zunehmendem Aufschluss der Sinne an die Aussenwelt
-der Magnetiseur den spiritus rector ab, welcher den mechanischen
-Bilderfluss im Zügel hält und von unwillkürlichen Abschweifungen aus
-dem Zusammenhang zurückholen kann.
-
-Alles Vernünftige im gewöhnlichen und somnambulen Traum hängt aber doch
-lediglich von der Vernünftigkeit des wachen Bewusstseins ab, nämlich
-bei beiden von der Vernünftigkeit der im Gedächtniss niedergelegten
-Associationen, durch welche die Reihenfolge der Reproduction bestimmt
-wird, und beim Somnambulismus ausserdem von der Vernünftigkeit des den
-Traum der Somnambule leitenden Magnetiseurs. Je tiefer der Schlaf wird,
-desto tiefer versinkt das Traumbewusstsein in mechanische Passivität,
-in gedankenlose Bildlichkeit und in die Neigung zu symbolischer
-Personifikation (99), desto weiter entfernt es sich von der
-vernünftigen Geistigkeit des wachen Bewusstseins; je tiefer und fester
-der Schlaf, desto tiefer wird die Seele in das organische Treiben der
-Natur versenkt (215). Je weiter sich aber der Seelenzustand von der
-vernünftigen Geistigkeit entfernt und je tiefer er in das organische
-Treiben des blossen Naturdaseins versenkt wird, desto mehr steigt er
-auf der Stufenleiter der organischen Entwickelung +abwärts+, desto
-unähnlicher wird er dem specifisch Menschlichen und desto ähnlicher dem
-thierischen und pflanzlichen Leben. Das wache Bewusstsein der Thiere
-von den Amphibien abwärts gleicht zweifellos mehr dem somnambulen
-Bewusstsein als dem wachen Bewusstsein des Menschen, und die
-Sensitivität des somnambulen Zustandes für unorganische und organische
-Einflüsse, für chemische, elektrische und meteorologische Eindrücke
-gleicht mehr dem thierischen und pflanzlichen Verwachsensein mit dem
-Naturganzen als der menschlichen Aussonderung aus demselben.
-
-Wenn man demnach vor die Alternative gestellt wäre, ob der
-Somnambulismus sammt seiner sensitiven Einfühlung in den
-Naturzusammenhang als eine atavistische Gestaltung, d. h. als ein
-Ueberlebsel überwundener biologischer Entwickelungsstufen, oder ob
-er als keimartige Anticipation einer auf Erden noch unerreichten
-höheren biologischen Entwickelungsstufe zu deuten sei, so müsste
-die Antwort zweifellos zu Gunsten des atavistischen Rückfalles in
-niedere Lebensstufen lauten, und die Erörterung, ob die eventuell dem
-Somnambulismus entsprechende höhere Entwickelungsstufe noch hier auf
-Erden, oder in einem besseren Jenseits oder auf anderen Weltkörpern
-erreicht werden wird (387, 125), ist völlig bodenlos. Aber selbst
-die Frage, die jener Alternative zu Grunde liegt, ist schon falsch
-gestellt: denn sie ist nur zulässig bei normalen physiologischen
-Zuständen, die in der gradlinigen Entwickelung liegen, aber unzulässig
-bei pathologischen Zuständen, die aus derselben seitlich heraustreten.
-
-Niemand zweifelt daran, dass ein Irrsinniger mit alternirendem
-Bewusstsein, trotz seines zwiespältigen Bewusstseinslebens,
-und trotzdem er in dem einen Zustand als eine andere geistige
-Persönlichkeit wie in dem andern erscheint, doch nur eine einzige
-geistige Persönlichkeit mit einem einzigen Bewusstsein, aber mit
-wechselnden Zuständen und demgemäss wechselndem Inhalt dieses
-Bewusstseins ist. Nicht das Bewusstsein ist bei solchen Kranken
-doppelt, auch nicht das Vorstellungsmaterial, über das sein
-Bewusstsein insgesammt verfügt, sondern nur in zwei Gruppen ist das
-Vorstellungsmaterial getheilt, so zwar, dass jede Vorstellung einer
-Gruppe mit jeder derselben Gruppe sich leicht associirt, mit irgend
-welcher Vorstellung aus der anderen Gruppe aber gar nicht oder doch
-sehr schwer associirt. Der Vorrath der einen Gedächtnisskammer scheint
-in zwei Kammern vertheilt (298), weil er in zwei Haufen getheilt ist,
-die untereinander sich nicht berühren. Dass nur ein leerer Raum, aber
-keine Scheidewand zwischen ihnen steht, erhellt daraus, dass manchmal
-beim Uebergang des einen Zustandes in den anderen beide Gruppen doch in
-einander übergreifen, aber sich wegen ihrer Fremdartigkeit abstossen.
-
-Man kann das Bewusstsein mit einer Blendlaterne vergleichen, welche
-durch ihren Lichtkegel immer nur einen engbegrenzten Ausschnitt der
-Umgebung auf einmal beleuchtet; dreht sich die Laterne langsam, so
-rückt der Lichtkegel stetig weiter und die Continuität des wechselnden
-Bewusstseinsinhalts bleibt gewahrt, -- dreht sie sich aber plötzlich
-mit einem Ruck um mehr als den Scheitelwinkel ihres Erleuchtungskegels,
-so sind ganz von einander getrennte Ausschnitte der Umgebung
-beleuchtet, welche bei der Dunkelheit der sie thatsächlich verbindenden
-Brücke als zwei getrennte Bewusstseine erscheinen. Dass dieser Schein
-trügt, ist daraus empirisch zu erweisen, dass die Uebergangsbrücke
-unter Umständen, bei langsamer Drehung der Laterne, wirklich
-beobachtet, also das Vorhandensein des objektiven Zusammenhanges beider
-Gruppen erfahrungsmässig konstatirt wird. Denn wo die Vergleichung
-von Vorstellungen aus den verschiedenen Bewusstseinszuständen
-überhaupt möglich ist, da ist sie es nur unter der Voraussetzung der
-Einheitlichkeit des Bewusstseins in beiden Zuständen; wo sie aber gar
-nicht beobachtet wird, liegt in dieser Nichtwirklichkeit doch noch
-kein Beweis für ihre Unmöglichkeit oder gar (wie du Prel meint --
-438) für die Doppelheit des Bewusstseins, da auch dann immer noch ein
-identisches Bewusstsein bestehen kann, dem nur die Handhabe dazu fehlt,
-seine Identität mit in seinen Inhalt aufzunehmen.
-
-Nun kennen wir innerhalb desselben menschlichen Organismus keine
-Bewusstseinszustände, zwischen denen nicht wenigstens ausnahmsweise
-ein Uebergang, eine wenn auch nur schwache Grenzberührung stattfände.
-Das wache Bewusstsein erinnert sich vieler Träume und mancher Vorgänge
-aus dem somnambulen Traumleben, besonders wenn für associative
-Erinnerungsbehelfe Sorge getragen wird; ebenso erinnert sich das
-Traumbewusstsein mancher Vorgänge aus dem somnambulen Leben, und das
-somnambule Bewusstsein ausnahmsweise der Vorgänge aus dem Hochschlaf
-(347-356). Nach den neueren französischen Berichten, ist der
-entschiedene Befehl des Magnetiseurs an die Somnambule, sich nach dem
-Erwachen an bestimmte Vorgänge des somnambulen Zustandes oder die ganze
-Reihe derselben zu erinnern, ausreichend, um die Erinnerungsbrücke
-mit Sicherheit herzustellen.[23] Diese Thatsachen genügen zum
-strengen Beweise des Satzes, dass wir es in allen diesen Fällen nicht
-mit verschiedenen Bewusstseinen innerhalb desselben organischen
-Individuums, sondern mit verschiedenen, physiologisch bedingten
-Zuständen desselben einen und einzigen Bewusstseins zu thun haben, und
-es bedarf dazu kaum noch des Hinweises darauf, dass das Umspannen
-des einen Bewusstseinszustandes durch den andern nicht die Ausnahme,
-sondern die Regel ist, wenn wir vom Hochschlaf durch das somnambule und
-Traumbewusstsein zu den verschiedenen normalen und abnormen Zuständen
-des wachen Bewusstseins fortschreiten.
-
-Diese Sätze sind so selbstverständlich, dass wohl Niemand darauf
-verfallen wäre, sie in Frage zu stellen, wenn nicht der optische
-Dualismus (148) der phantastischen Spaltung (38) des Ich in manchen
-abnormen Bewusstseinszuständen mit einer Mehrheit relativ gesonderter
-Bewusstseinszustände zusammenträfe. Nun ist aber klar, dass die
-hallucinatorische Deutlichkeit eines Trauminhalts gar nichts für
-dessen Realität beweist, dass es dem Aberglauben verfallen heisst,
-wenn man die Traumfiguren des gewöhnlichen oder somnambulen Traumes
-für wirkliche Personen nimmt (210, 186), und dass die Neigung zur
-Verbildlichung und symbolisch-phantastischen Personifikation mit der
-Tiefe des Traumbewusstseins wächst (99), also z. B. die Zahl der
-Schutzengel und Interlocutoren mit der Steigerung des Somnambulismus
-zunimmt. Wie ist es unter solchen Umständen möglich, die symbolischen
-Personifikationen des Traumbewusstseins ausnahmsweise als Realitäten
-zu behandeln, sobald sie sich auf einen anderen, relativ gesonderten
-Bewusstseinszustand desselben Individuums beziehen, falls nicht schon
-+auch ohnedies+ ein genügender Grund vorliegt, eine Mehrheit von
-Bewusstseinen oder Personen innerhalb desselben organisch-psychischen
-Individuums anzunehmen? Da wir gesehen haben, dass dazu nicht nur kein
-Grund vorliegt, sondern eine solche Annahme entschieden unstatthaft
-ist, so ist es auch schlechthin unstatthaft, in der Anerkennung des
-phantastisch-illusorischen Charakters aller dramatischen Spaltungen
-des Ich eine Ausnahme zu Gunsten der Personifikation des normalen
-wachen Bewusstseinszustandes durch den irrsinnigen (343) oder durch den
-somnambulen zu machen (438, 189, 127).
-
-Wäre das statthaft in Bezug auf die somnambule Traumpersonifikation
-des normalen wachen Zustandes durch das somnambule Bewusstsein, so
-wäre es nicht minder geboten in Bezug auf die Personifikation der
-abnormen wachen Bewusstseinszustände durch das somnambule Bewusstsein
-und in Bezug auf die Personifikation des somnambulen Zustandes
-durch das Bewusstsein des Hochschlafs; wir würden also durch diese
-Art, zu schliessen, doch niemals auf zwei, sondern sofort auf fünf
-bis sechs getrennte Bewusstseine und Personen innerhalb desselben
-organisch-psychischen Individuums geführt werden. Die verschiedenen
-abnormen Bewusstseinszustände sind von einander in nicht geringerem
-Grade relativ abgesondert als der normale Bewusstseinszustand von
-den abnormen; es ist also ganz unzulässig, wie du Prel thut, die
-Absonderung des normalen Zustandes von den abnormen zur Scheidegrenze
-zwischen zwei Bewusstseinen oder Personen im Individuum zu stempeln,
-die Absonderung der abnormen Zustände unter einander aber zu
-ignoriren und alle diese Bewusstseinszustände kurzweg als „die zweite
-Person“ im Individuum zusammenzufassen. Der optische Pluralismus der
-Personen ist überall, auch als Dualismus der Personen im somnambulen
-oder Traumbewusstsein, eine phantastische psychologische Illusion
-oder Fiktion, und wenn auch die Thatsache dieser Illusion keine
-illusorische, sondern eine reelle Thatsache ist (114), so darf man
-aus diesem Satze doch unter keinen Umständen zu Schlüssen, welche
-die Realität des Inhalts dieser Illusion unvermerkt voraussetzen,
-fortschreiten (112).
-
-Das wache Bewusstsein und das somnambule Bewusstsein sind also nicht
-zwei Bewusstseine, sondern zwei Zustände eines Bewusstseins, die durch
-Schwellenverschiebung in einander überfliessen können, und von denen
-der erste vom zweiten zwar durch regelmässige Erinnerungslosigkeit,
-der zweite vom ersten aber nur durch die phantastische illusorische
-Personifikation desselben abgesondert ist. Wenn die Blendlaterne des
-Bewusstseins sich vom wachen zum Traumzustand oder zum hypnotischen
-Zustand hin dreht, so erweitert sich der Lichtkegel nach der Seite
-der sensitiven Gefühlseindrücke, verengt sich aber nach der Seite
-der Sinneswahrnehmungen und der bewussten Zwecke und Interessen des
-Tageslebens; wenn dann der hypnotische Zustand in den somnambulen
-übergeht, so wird die vorherige Verengerung in Bezug auf die
-Sinneswahrnehmungen wieder rückgängig gemacht.
-
-Das Organ der Willkür, der Spontaneität, der Aufmerksamkeit, der
-Besonnenheit, der zielbewussten Leitung des Vorstellungsablaufs, der
-absichtlichen Hervorrufung von Vorstellungen und Motiven und damit der
-Selbstbestimmung des Willens wird beim Uebergang aus dem wachen in den
-träumenden oder somnambulen Zustand gelähmt oder ausser Thätigkeit
-gesetzt; damit hört auch die zügelnde und hemmende Thätigkeit auf,
-welche dieses Organ auf die äussere und innere Reflexthätigkeit der
-übrigen Centraltheile des Nervensystems ausübt und durch welche es
-deren decentralisirende Impulse centralistisch beherrscht. Weil diese
-reflexhemmende, regulirende und leitende Thätigkeit des höchsten
-Geistesorgans am meisten anstrengt und am schnellsten ermüdet, so ist
-auch dieses Organ, das wir der Kürze halber hinfort mit „Willkürorgan“
-bezeichnen wollen, am meisten der Erholung bedürftig, und es ist
-deshalb offenbar als eine teleologische Einrichtung aufzufassen, dass
-es beim Einschlafen zuerst depotenzirt wird.
-
-Nun ist es aber ein allgemeines physiologisches Gesetz, dass
-die gehemmte Innervationsenergie des Nervensystems eine gewisse
-Beständigkeit besitzt, und wenigstens keinen plötzlichen Schwankungen
-ausgesetzt ist. So z. B. ist die hysterische Anästhesie der einen
-Körperhälfte allemal mit einer entsprechenden Hyperästhesie der andern
-Körperhälfte verbunden, welche beiden Zustände durch einen die gesammte
-Innervationsenergie wieder gleichmässig vertheilenden galvanischen
-Strom in gleichem Masse (wenn auch nur vorübergehend) beseitigt
-werden können. Dem entsprechend muss die plötzliche Anästhesirung des
-Willkürorgans beim Einschlafen eine Hyperästhesirung anderer Theile des
-Nervensystems als unvermeidliche Ausgleichungserscheinung im Gefolge
-haben, und diese theilweise Kompensations-Hyperästhesie wird um so
-intensiver auftreten, auf je beschränktere Theile sie koncentrirt
-ist. Daraus entspringen die lebhaften Träume unmittelbar nach dem
-Einschlafen, wenn die gesammte Innervationsenergie des Organismus
-noch nicht Zeit gehabt hat zu sinken, und vor dem Erwachen, wenn sie
-durch die Kräftigung des genossenen Schlafes sich wieder bis zur
-Höhe des Tageslebens erhoben hat. Dagegen ist anzunehmen, dass die
-erholende Wirkung des tiefes Schlafes um so grösser ist, je tiefer
-die gesammte Innervationsenergie des Organismus allmählich nach dem
-Einschlafen unter das Niveau des Tageslebens gesunken ist, so dass im
-gesunden tiefen Schlaf eine Hyperästhesie irgend welcher Theile des
-Nervensystems nicht stattzuhaben braucht.
-
-Dem Somnambulismus als einem krankhaften Zustand ist es im
-Unterschiede vom gesunden tiefen und ruhigen Schlaf eigenthümlich, die
-Innervationsenergie des wachen Lebens und mit ihr die Hyperästhesie
-gewisser Theile des Nervensystems festzuhalten, und dies ist der Grund
-dafür, dass einerseits das Traumbewusstsein in ihm niemals erlischt,
-und dass andererseits er nicht wie der Schlaf das Schlafbedürfnis
-befriedigt, sondern bei längerer Dauer geradezu hervorruft. Je höher
-die Hyperästhesie der im Somnambulismus funktionirenden Theile steigt,
-auf einen desto engeren Bezirk muss die gesammte Innervationsenergie
-koncentrirt sein, desto mehr Theile müssen also der Anästhesie
-verfallen sein; es muss also z. B. das Bewusstsein des Hochschlafs auf
-einem beschränkteren funktionirenden Gebiet des Centralnervensystems
-beruhen, als das gewöhnliche somnambule Bewusstsein. Da die
-Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie im Somnambulismus
-diejenigen des gewöhnlichen Traumes nach dem Einschlafen übersteigen,
-trotzdem dass im ersteren die Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen
-in Funktion, in letzterem anästhetisch sind, so lässt sich daraus
-entnehmen, dass (wenn man von der unwahrscheinlichen Annahme einer
-Steigerung der gesammten Innervationsenergie im Somnambulismus gegen
-den wachen Zustand absieht) entweder im Traum schon eine gesunkene
-Gesammtenergie sich bethätigt, oder aber im Somnambulismus ein
-beschränkteres Gebiet des Centralnervensystems funktionirt als im
-Traum. Vielleicht findet beides zugleich statt.
-
-Jetzt erst erhält der obige Vergleich des Bewusstseins mit einer
-Blendlaterne eine bestimmte physiologische Bedeutung. Die Umgebung,
-auf welche der verschiebbare Beleuchtungskegel fällt, ist nicht als
-die äussere Umgebung des Organismus zu verstehen, sondern als die
-Gesammtheit des den Bewusstseinsfunktionen zur organischen Unterlage
-dienenden Centralnervensystems; es zieht immer derjenige Theil den
-Beleuchtungskegel des Bewusstseins auf sich, auf welchen jeweilig
-das Maximum von Innervationsenergie koncentrirt ist, während die
-zeitweilig anästhetischen Theile im Dunkel bleiben. Je nachdem die
-funktionirenden Theile der einen oder der anderen Art von sensiblen
-und sensorischen Nerven näher oder ferner liegen, sinkt oder steigt
-die Empfindungsschwelle für die betreffende Art von Empfindungen
-und Wahrnehmungen; allen abnormen Bewusstseinszuständen gemeinsam
-aber ist die Hyperästhesie des Gedächtniss- und Phantasieorgans,
-welche deshalb (neben jenen variablen Compensationserscheinungen)
-als die +konstante+ Compensationserscheinung zur Anästhesie des
-Willkürorgans anzusehen ist. Wenn im wachen Bewusstseinszustände
-Vorstellungen aus dem Vorstellungskreise der somnambulen Krisen berührt
-werden, und dabei ausnahmsweise eine Wiedererkennung stattfindet, so
-heisst das mit anderen Worten: der Beleuchtungskegel des Bewusstseins
-hat diejenigen Theile des Centralnervensystems gestreift, in welchen
-die somnambule Vorstellung sich vollzogen hatte, und in welchen
-demgemäss auch ihr Gedächtnisseindruck niedergelegt ist; der Beweis
-dafür liegt in der Thatsache, dass jede solche Wiedererkennung den
-Wiedereintritt des damals bestehenden Vertheilungszustandes der
-gesammten Innervationsenergie, d. h. den Rückfall in den somnambulen
-Zustand begünstigt und nicht selten wirklich hervorruft (363-364).
-
-Es ist für die Psychologie ohne Bedeutung, wenn auch von hohem
-psychologischen Interesse, welche Theile des Centralnervensystems im
-Traum und Somnambulismus ausgeschaltet, und welche in gesteigerter
-Thätigkeit sind. Im Allgemeinen ist anzunehmen, dass die Anästhesirung
-im Schlaf und Somnambulismus ebenso wie in der Chloroformnarkose
-von der Peripherie des Centralnervensystems nach dessen Centrum
-fortschreitet (55); doch hilft uns dieser Satz nicht viel, da wir
-nicht überall genau wissen, welchen von zwei Hirntheilen wir als
-den centraleren ansehen sollen, und da er ausserdem ohne Zweifel
-beträchtliche Ausnahmen erleidet. Nur soviel ist gewiss, dass das
-Willkürorgan in der Rindenschicht der Grosshirnhemisphären zu suchen
-ist, und deshalb im physiologischen Sinne eine peripherische Stellung
-zum Mittelhirn einnimmt, trotz seiner Hegemonie im Gebrauch der
-Leistungsfähigkeit des gesammten Organismus. Als die am meisten
-centralen sind jene Theile zu betrachten, die auch im völlig traumlosen
-tiefen Schlaf noch funktioniren müssen, um den Fortbestand des
-Lebens zu sichern; während diese Theile im gesunden tiefen Schlaf
-besonders günstig funktioniren (wie der stärkende und regenerirende
-Einfluss dieses Zustandes auf den Organismus beweist), scheinen sie
-im somnambulen Hochschlaf (wahrscheinlich wegen fortbestehender
-Hyperästhesie der Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen trotz
-gesunkener Gesammtenergie) bereits in ihrer Funktion bedroht, als ob
-sie im Begriff wären, von Lähmung und Anästhesie befallen zu werden;
-so dass der eigentliche Hochschlaf schon als ein nicht ungefährlicher
-Zustand zu betrachten ist, dessen künstliche Herbeiführung als ein
-durch nichts zu rechtfertigendes Wagniss verurtheilt werden muss.
-
-Der Schwerpunkt des physiologischen Problems liegt in der Frage:
-wo sind im somnambulen Zustande die Perceptionscentra für
-Sinneswahrnehmungen, das Ausführungscentrum für Handlungs- und
-Sprachbewegungen und die Centra für Sach- und Wortgedächtniss, sowie
-für gestaltende Phantasiethätigkeit zu suchen?
-
-Dass sie im Sonnengeflecht nicht zu finden sind, unterliegt keinem
-Zweifel. Das Sonnengeflecht kann höchstens als reflektorisches und
-instinktives motorisches Centrum für einen Theil der vegetativen
-organischen Processe, als Perceptionscentrum für Gefühlseindrücke
-der eigenen Eingeweide und allenfalls noch für Gefühlseindrücke, die
-aus den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Natur stammen,
-angesehen werden, aber nur soweit die letzteren von gefühlsmässiger
-Unbestimmtheit, d. h. nicht zu Sinneswahrnehmungen differenzirt sind;
-denn eben weil das Sonnengeflecht nicht mit Sinnesnerven in directer
-Verbindung steht, und nicht darauf eingerichtet ist, +deren+
-specifisch differenzirte Reize in sich aufzunehmen und zu verarbeiten,
-kann es sich die allgemeine Perceptionsfähigkeit der Ganglien für
-undifferenzirte Gefühlsreize in um so höherem Grade bewahrt haben,
-also wohl geeignet sein, die innere Selbstschau der Somnambulen, ihre
-Diagnosen fremder Krankheiten und ihre Sensitivität für chemische,
-meteorologische und andere Einflüsse zu vermitteln. Um aber die
-so percipirten Reize in Bilder umzusetzen oder zu symbolisiren,
-und um die Bilder wieder in Worte zu übertragen und gar die Worte
-auszusprechen, dazu müssen nothwendig die etwaigen Gefühlsperceptionen
-des Sonnengeflechts zu Hirntheilen hingeleitet werden, welche mit den
-Sinnes- und Sprachbewegungsnerven in unmittelbarer Verbindung stehen.
-Die Aussagen der Somnambulen über ihre Perception durch den Magen
-oder die Herzgrube deuten allerdings auf eine gesteigerte sensitive
-Thätigkeit des Sonnengeflechts und auf einen krankhaft gesteigerten
-Rapport zwischen ihm und dem Gehirn (190, 142); aber mehr lässt sich
-aus denselben sicherlich nicht entnehmen (188, 397-398), und du Prel’s
-Ueberschätzung des Gangliensystems im Allgemeinen (141, 187, 211)
-entbehrt der thatsächlichen Begründung.
-
-Es bleibt sonach bloss die Wahl zwischen den verschiedenen
-Bestandtheilen des Gehirns. Dass das Willkürorgan nur einen Theil der
-Grosshirnhemisphärenrinde beansprucht, ist als sicher anzunehmen;
-es ist demnach wohl möglich, dass der ganze übrige Theil der
-Grosshirnhemisphären im Traum und Somnambulismus weiter funktionirt,
-insbesondere das Sprachcentrum, das Gedächtniss und die Phantasie.
-Wenigstens liegt kein zwingender Grund zu der Annahme vor, dass
-die Phantasie des Traumes eine schlechthin und specifisch andere
-als die des wachen Bewusstseins sei, wie du Prel meint (55, 180);
-denn wenn z. B. Walter Scott seinen Ivanhoe im Fieber komponirte,
-ohne nachher von dieser Ausführung seiner allgemeinen Idee etwas
-zu wissen (328), so spricht das dafür, dass die Traumphantasie des
-Fieberdeliriums mit der künstlerischen Phantasie identisch ist. Dass es
-streckenweise Funktionslähmungen des Grosshirngedächtnisses giebt ohne
-Funktionslähmung desselben im Allgemeinen, zeigen eine Menge Beispiele
-(335); es wäre daher auch dann, wenn wir das somnambule Gedächtniss
-als identisch mit dem wachen Gedächtniss des Gehirns betrachten, die
-Erklärung von Erscheinungen nicht ausgeschlossen wie derjenigen, dass
-das wache Gedächtniss die willkürlich eingeprägten und die zu den
-wachen Lebensinteressen in Beziehung stehenden Vorstellungen leichter
-reproducirt, das somnambule Gedächtniss dagegen die unwillkürlich
-percipirten Vorstellungen und Vorstellungsreihen (308). Auch die
-verschiedene Färbung, welche das somnambule und Traumbewusstsein im
-Vergleich zum wachen Bewusstsein seinem Inhalt verleiht, und welche
-besonders beim Wechsel beider Zustände durch den Kontrast spürbar wird,
-würde nach dieser Hypothese erklärbar bleiben; denn wenn in einem
-Orchester auf der einen Seite eine Anzahl Instrumente wegfallen, auf
-der anderen Seite eine Anzahl neuer Instrumente hinzutreten, so muss
-die Klangfarbe des Gesammteindrucks nothwendig eine andere werden.
-Endlich würde die Annahme, dass das somnambule und Traumbewusstsein auf
-einem Zusammenwirken von Theilen des Grosshirns mit dem Mittelhirn und
-Kleinhirn beruht, den Vortheil haben, noch ein weiteres Gebiet übrig zu
-lassen, innerhalb dessen eine neue Verschiebung des Beleuchtungskegels,
-wie sie im somnambulen Hochschlaf eintritt, geringeren Schwierigkeiten
-der Erklärung begegnet.
-
-Andererseits liegt aber auch keine Nöthigung vor, dass Theile des
-Grosshirns beim Zustandekommen des somnambulen Bewusstseins betheiligt
-sein müssen. Wir wissen, dass die einzelnen Hirntheile relativ
-selbstständige Centralorgane mit selbstständigen Perceptions- und
-Motionscentra, selbstständigem Gedächtniss und selbstständigen Reflexen
-zwischen Empfindung und Bewegung, zwischen Bewusstsein und Handlung
-sind, und wir wissen nicht, ob nicht schon die Phantasie des wachen
-Bewusstseins ihr materielles Substrat ausserhalb des Grosshirns
-liegen hat, da sie weniger als andere Geistesfähigkeiten von der
-Willkür beherrscht wird. Sicher ist, dass das Kleinhirn im Traum und
-Somnambulismus eine erhöhte Thätigkeit entfaltet, womit die Behauptung
-Reichenbachs übereinstimmt, dass die odische Insensität (d. h. die
-Innervationsenergie) im Wachen im Grosshirn, im Schlaf im Kleinhirn
-überwiegt (57).
-
-Das Kleinhirn ist in erster Instanz Gehörs- und Gleichgewichts-Centrum,
-und demgemäss ist die Fähigkeit der Gleichgewichtsbehauptung im
-somnambulen Zustand entschieden gesteigert, so wie das Gehör der erste
-der oberen Sinne ist, durch welchen die Somnambule mit der Aussenwelt
-in Beziehung tritt, und immer derjenige Sinn bleibt, durch welchen der
-Magnetiseur die Somnambule am leichtesten und sichersten beherrscht
-und leitet. Das Kleinhirn besitzt zweifellos ein Gedächtniss für
-Gehörseindrücke, also auch ein Wortgedächtniss, und wahrscheinlich auch
-ein Centrum der musikalischen Phantasie und ein motorisches Centrum
-für reflektorische Sprachbewegungen. Vermuthlich ist es das Kleinhirn,
-welches die mit dem Ohr, aber nicht mit dem wachen Grosshirnbewusstsein
-aufgefassten Worte eines Dritten percipirt und aufbewahrt und uns
-ermöglicht, sie nachträglich, nachdem sie im Ohr längst verklungen
-sind, mit dem Grosshirnbewusstsein percipiren zu können, wenn wir
-veranlasst sind, unsere Aufmerksamkeit auf dieselben zu richten (363).
-
-Aber was dem Kleinhirn fehlt, ist die nähere Verbindung mit dem
-Sehnerv, und demgemäss die Aufnahmefähigkeit für Gesichtseindrücke
-und Phantasiebilder; diese besitzen dagegen die Vierhügel, und mit
-ihr das Bildergedächtniss und die Fähigkeit, auf Gesichtseindrücke
-reflektorisch zu reagiren. Kleinhirn und Vierhügel zusammen dürften
-demnach für sich allein schon genügen, um die Art des somnambulen
-Verkehrs mit der Aussenwelt und das mechanische Fortspinnen
-somnambuler Träume zu erklären, womit indess keineswegs behauptet
-werden soll, dass keine anderen Hirntheile bei den betreffenden
-Funktionen betheiligt seien. Eine exakte Lösung würde die Frage nach
-der physiologischen Grundlage des somnambulen Bewusstseins und nach
-dem Mass der funktionellen Betheiligung des Sonnengeflechtes und der
-einzelnen Hirntheile nur durch Vivisektionsversuche an somnambulen
-Menschen finden können; indess lässt sich nicht in Abrede stellen,
-dass die Schmerzlokalisationen bei den mehrfach erwähnten Versuchen
-von Binet und Féré auf Theile des Grosshirns als materielle Grundlage
-der somnambulen psychischen Funktionen mit grosser Wahrscheinlichkeit
-hinweisen.
-
-Wie dem auch sei, so viel ist gewiss, dass wir keinen Grund haben,
-die abnormen Bewusstseinszustände von der physiologischen Grundlage
-des Centralnervensystems abzulösen (187), so lange wir an der
-Unentbehrlichkeit einer solchen für das wache Tagesbewusstsein
-festhalten; denn die psychischen Funktionen dieser abnormen Zustände
-sind, wie wir gesehen haben, weit geistloser, sinnlicher, mechanischer
-und inniger mit dem organischen Naturleben verwachsen als diejenigen
-des normalen Bewusstseinszustandes, und sind es um so mehr, je weiter
-sie sich von dem letzteren entfernen, d. h. je tiefer der Schlaf, je
-gesteigerter der Somnambulismus wird. Will man mit du Prel das normale
-wache Bewusstsein „das sinnliche“ in der engeren Bedeutung des Wortes
-nennen, so sind die abnormen Bewusstseinszustände als „untersinnliche“
-zu bezeichnen, und sie sind um so „untersinnlicher“, je weiter sie
-sich vom normalen sinnlichen Bewusstsein entfernen. Wenn es ein vom
-leiblichen Organismus und seinem Zerfall unabhängiges „leibfreies“
-Bewusstsein hinter dem „sinnlichen“ gäbe, so wäre solches jedenfalls
-in der entgegengesetzten Richtung zu suchen, als in derjenigen,
-welche wir mit der Untersuchung der abnormen „untersinnlichen“
-Bewusstseinszustände beschritten haben, denn es wäre nur als ein dem
-organischen Treiben der Natur entrücktes, „übersinnliches“, dem wachen
-Bewusstsein an teleologisch-vernünftiger Geistigkeit überlegenes zu
-denken. Will man mit du Prel dieses hypothesische leibfreie Bewusstsein
-mit dem metaphysischen „Unbewussten“ des betreffenden Individuums
-gleichsetzen (395, S. VI), so ist jedenfalls der Somnambulismus eine
-schlechtere Eingangspforte zu dieser Region als das ihr näher stehende
-wache Bewusstsein, und am allerwenigsten die einzige Eingangspforte zu
-derselben, wie du Prel meint (158); denn es ist eine Eingangspforte nur
-zu einem Theil des physiologischen oder untersinnlichen Unbewussten,
-welches von dem metaphysischen oder übersinnlichen Unbewussten streng
-unterschieden werden muss.
-
-Sowohl die normalen wie die abnormen Bewusstseinszustände sind
-Zustände des Hirnbewusstseins, wenn auch der Brennpunkt seiner
-Lage wechselt; sie alle zusammen bilden also das eine sinnliche
-Bewusstsein im weiteren Sinne des Wortes und konstituiren mit dem
-leiblichen Organismus zusammen die Persönlichkeit des Menschen.
-Will man hinter diesem sinnlichen Bewusstsein ein übersinnliches
-annehmen, das in ähnlicher Weise, wie das sinnliche sich auf den
-leiblichen Organismus stützt, sich auf eine materielle Basis von
-unvergleichlich feinerer, ätherischer Beschaffenheit (403, 393), auf
-einen vom Tode des Leibes nicht alternirten Metaorganismus stützen soll
-(522, 523), so würde man damit allerdings eine zweite übersinnliche
-Persönlichkeit hinter der sinnlichen Persönlichkeit des Menschen
-annehmen. Aber dieser hypothesische Dualismus von übersinnlicher und
-sinnlicher Persönlichkeit im Menschen wäre geradezu entgegengesetzter
-Art wie der oben als unhaltbar nachgewiesene hypothetische
-Dualismus zwischen normalem sinnlichen Bewusstsein einerseits und
-der vermeintlichen Mehrheit abnormer untersinnlicher Bewusstseine
-andererseits, und dürfte keinenfalls mit demselben verwechselt oder
-durcheinander gemengt werden, wie du Prel beständig thut[24]. Wäre
-der Dualismus von normal-sinnlichem und abnormem Bewusstsein, wie
-du Prel meint, erwiesen, und die Hypothese einer übersinnlichen
-Persönlichkeit anderweitig genügend begründet, so hätten wir doch
-immer keinen Dualismus, sondern einen Trialismus von übersinnlicher,
-normal-sinnlicher und abnorm untersinnlicher Persönlichkeit, oder
-genauer einen Septualismus zwischen einer übersinnlichen, einer
-normal-sinnlichen, einer träumenden, zwei somnambulen und zwei bis drei
-irrsinnigen Personen in demselben Menschen. Der verfehlte Dualismus
-zwischen der normal-sinnlichen und der abnorm-untersinnlichen
-Persönlichkeit, die beide gleichmässig mit dem organischen Leibe zu
-Grunde gehen, könnte keinesfalls etwas dazu beitragen, den ebenso
-verfehlten Dualismus zwischen der sterblichen sinnlichen und der
-unsterblichen übersinnlichen Person im Menschen zu begründen oder
-auch nur annehmbarer zu machen. Der Versuch du Prels, die uralte,
-aber in keiner Weise zu begründende metaphysische Weltanschauung des
-„transcendentalen Individualismus“ auf die Erscheinungen des abnormen
-Seelenlebens und insbesondere des Somnambulismus zu stützen, erscheint
-hiernach ebenso misslungen, wie der ihm voraufgegangene Versuch
-Hellenbachs, dieselbe auf die Erscheinungen des Spiritismus zu stützen.
-
-Man würde mich missverstehen, wenn man glaubte, ich wolle du Prel
-einen Vorwurf aus seiner Behauptung machen, dass die psychischen
-Funktionen des Individual-Subjekts nicht mit der sinnlichen
-Bewusstseinsthätigkeit erschöpft sind, sondern dass dasselbe ausserdem
-noch vor und jenseits alles organisch vermittelten Bewusstseins
-liegende Funktionen hervorbringt und trägt, durch welche es einerseits
-den Organismus producirt und erhält (145, 412) und andererseits die
-Bewusstseinsfunktionen sowohl des normalen wie der abnormen Zustände
-durch Inspirationen unterstützt (194, 278). Ich tadle ihn nur deshalb,
-weil er erstens in der offen stehenden Frage nach der Bewusstheit
-oder Unbewusstheit der fraglichen Functionen den Beweis zu Gunsten
-der Bewusstheit einfach durch die Konfusion zwischen untersinnlichem
-und übersinnlichem, somnambulem und leibfreiem Bewusstsein geliefert
-zu haben glaubt, und zweitens, dass er das so eingeschmuggelte
-übersinnliche Bewusstsein wiederum mit dem dasselbe tragenden
-Individualsubjekt verwechselt; denn dieses letztere muss doch als das
-zwei Bewusstseine oder Personen gemeinsam tragende Subjekt (376) beiden
-gleich fern und gleich nahe stehen, d. h. der unbewusste Producent und
-Träger beider sein, und es ist unmöglich, demselben dadurch näher zu
-kommen, dass man von der Erscheinungswelt des einen dieser Bewusstseine
-in diejenige des anderen hinüberschreitet. Gäbe es also auch hinter der
-sinnlichen Person im Menschen noch eine zweite übersinnliche, so müsste
-man doch, um von der Flächenausdehnung dieses zweiten Bewusstseins
-zum unbewussten gemeinsamen Subjekt beider Personen zu gelangen, ganz
-ebenso in die metaphysische Tiefendimension hinabsteigen, als wenn man
-von dem Bewusstsein der ersten Person ausgeht; denn das Subjekt selbst
-ist niemals empirisch im Inhalt seiner Funktion zu finden, sondern
-nur aus der Funktion durch einen nach rückwärts gehenden Schluss
-intellectuell zu erreichen, weshalb eben Kant es das intelligible
-Subjekt nennt (415).
-
-Wenn es also schon unrichtig ist zu sagen, dass die
-Bewusstseinssteigerung nach der Seite des abnormen Bewusstseins durch
-Anleihen beim übersinnlichen Bewusstsein zu Stande komme (401), so
-ist es doppelt unrichtig zu sagen, dass das im normalen Bewusstsein
-zurückgetretene gemeinsame Subjekt der übersinnlichen und sinnlichen
-Person in abnormen Bewusstseinszuständen „aus dem Unbewussten
-hervortrete“ (139). Alle etwaigen übersinnlichen Einwirkungen des
-Individualsubjekts auf das organisch vermittelte Bewusstsein können
-von diesem letzteren nur aufgefasst werden, insofern sie zugleich
-in dessen eigene sinnlich-bildliche Form eingekleidet werden (70),
-und wenn auch eine abnorme Hyperästhesie des Gedächtniss- und
-Phantasieorgans in untersinnlichen Bewusstseinszuständen diese
-Auffassung und Einkleidung bis zu einem gewissen Grade erleichtert,
-so beweist doch der Fortbestand des visionär-bildlichen Charakters
-der Eingebungen, dass auch bei den äussersten Graden der somnambulen
-Hellsichtigkeit die organisch-sinnliche Basis des Bewusstseins nicht
-verlassen wird (117-118) und keineswegs ein direkter Uebergriff oder
-Uebertritt in’s übersinnliche Bewusstsein stattfindet. Ein solcher
-bleibt auch dann ausgeschlossen, wenn durch abnorme Hyperästhesie
-des Gedächtniss- und Phantasieorgans die gewöhnliche Geschwindigkeit
-des Vorstellungsablaufes zur Bilderflucht gesteigert wird, und es
-ist unzulässig, in solchem Falle von „transcendentalen Zeitmass“ zu
-reden (86), oder gar die krankhafte Bilderflucht eines überreizten
-Gehirns mit Kants Lehre von der Idealität der Zeit und des Raumes
-zusammenzurühren (93, 147), da zur Erklärung solcher seltener Beispiele
-nicht einmal die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs
-überschritten zu werden braucht (vgl. oben).
-
-Die allen unsern heutigen Ansichten widersprechende Annahme du Prel’s,
-dass das „transcendentale“ Bewusstsein ein leibfreies, d. h. ohne das
-Substrat von Nervencentralorganen zu Stande kommendes Bewusstsein
-sei, ist als der +physiologische+ Grundfehler seines Standpunktes zu
-bezeichnen; die Verwechselung dieses „transcendentalen Bewusstseins“
-mit dem (unbewussten) „transcendentalen Subjekt“ dagegen ist der
-+logische+ Grundfehler seines Standpunktes. Du Prel hat in seinen
-späteren Arbeiten leider keinen Versuch gemacht, meine Kritik
-dieser beiden Grundfehler zu widerlegen, sondern hat unbeirrt auf
-diesen beiden unhaltbaren Voraussetzungen weitergebaut, die bei ihm
-ebenso unbegründet dastehen als sie ihrer Natur nach unbegründbar
-sind. Man kann hiernach ermessen, welcher Werth einer so fundirten
-„transcendentalen Psychologie“ beizulegen ist. --
-
-Die Genauigkeit verlangt zu erwähnen, dass du Prel noch auf
-einem vom Somnambulismus unabhängigen Wege die Bewusstheit der
-übersinnlichen Funktionen des Subjekts zu erweisen sucht. Er verwirft
-nämlich die physiologische Erklärung des Gedächtnisses, wonach
-dasselbe in hinterlassenen Spuren der Vorstellungsfunktion in den
-funktionirenden Gehirntheilen bestehen soll, und setzt an deren
-Stelle eine metaphysische Erklärung, nach welcher alle vom sinnlichen
-Bewusstsein zeitweilig vergessenen Vorstellungen im übersinnlichen
-leibfreien Bewusstsein als aktuelle Vorstellungen fortbestehen, und
-bei der Reproduktion oder Wiedererinnerung aus diesem von Neuem
-in’s sinnliche Bewusstsein hinübertreten (371-375). Da die abnormen
-Bewusstseinszustände thatsächlich keine gleichzeitige Aktualität aller
-jemals gehabten Vorstellungen aufweisen, da vielmehr das zeitweilige
-Vergessen und Wiedererinnern der Vorstellungen, d. h. das Problem des
-Gedächtnisses, für die abnormen Bewusstseinszustände +ganz ebenso+
-besteht wie für den normalen, so kann dasjenige Bewusstsein welches
-den aktuellen Gedächtnissvorrath enthalten und erhalten soll, nur als
-das übersinnliche, in +keiner+ Erfahrung anzutreffende, leibfreie
-Bewusstsein verstanden werden, welchem dann gleichmässig die Aufgabe
-zufiele, als Gedächtnissvorrathskammer sowohl für das normale
-sinnliche, als auch für das abnorme untersinnliche Bewusstsein zu
-dienen (346).
-
-Ich halte diesen Erklärungsversuch aus zwei Gründen für verfehlt.
-Erstens würde das übersinnliche Bewusstsein, wenn es alle jemals am
-Menschen vorübergezogenen Vorstellungen und Gefühle in gleichzeitiger
-Aktualität als seinen Inhalt umfasste, ein sinnverwirrendes
-chaotisches Durcheinander sein, in welchem eben so wenig noch
-bestimmte Vorstellungen enthalten wären, wie in der gleichzeitigen
-Aufführung aller bisher geschriebenen Musikstücke noch Musik wäre; ein
-solches Bewusstsein könnte niemals für irgend welche Erscheinung als
-Erklärungsprincip dienen, auch ganz abgesehen davon, dass die Auswahl
-einer bestimmten Vorstellung aus diesem chaotischen Bewusstsein und
-die Art ihres Ueberganges aus demselben in das sinnliche Bewusstsein
-doch immer noch unerklärlich bliebe. Zweitens aber soll der indirekte
-Beweis für die Richtigkeit dieser Erklärung doch lediglich in der
-Unannehmbarkeit der gewöhnlichen physiologischen Erklärung des
-Gedächtnisses durch Gehirnspuren liegen; der Nachweis der Unhaltbarkeit
-dieser letzteren scheint mir aber entschieden misslungen. Indem
-nämlich du Prel einerseits die Wiederholung gleicher Vorstellungen,
-die Verdichtung ähnlicher zu einem gemeinsamen Gedächtnisseindruck
-ausser Acht lässt und das allmähliche Vergessen der nicht wieder
-aufgefrischten Spuren bis zum absoluten Verschwinden nach einer
-kürzeren oder längeren Zeit leugnet (314, 320), rechnet er grosse
-Zahlen von Gehirnspuren heraus, denen jede Berechtigung fehlt;
-andererseits unterschätzt er die ausserordentliche Feinheit der
-organischen Materie und deren Fähigkeit, eine ungeheure Menge von
-Spuren nicht nur nebeneinander, sondern geradezu ineinander geschoben
-und verschränkt in sich aufzunehmen, wie ja auch eine unglaubliche
-Zahl aktueller Bewegungen in jedem Massentheilchen gleichzeitig vor
-sich gehen. Hätte er aber in seinen Bedenken gegen die Feinheit
-der organischen Hirnmasse Recht, so würde doch dieses Bedenken
-in noch weit höherem Grade für die ungleich geringere materielle
-Dichtigkeit des Aetherleibes oder Metaorganismus zutreffen, auf dessen
-Molekularbewegung die Summe aller im übersinnlichen Bewusstsein
-gleichzeitig aktuellen Gedächtniss-Vorstellungen und Gefühle sich
-ebenso stützen muss, wie die Summe der im sinnlichen Bewusstsein
-aktuellen Vorstellungen und Gefühle auf die Molekularbewegungen der
-Hirnmasse. Diese verfehlte Theorie des Erinnerungsvermögens würde du
-Prel schwerlich in den Sinn gekommen sein, wenn er nicht vorher schon
-die Existenz eines übersinnlichen Bewusstseins durch die Verwechselung
-mit dem untersinnlichen erwiesen zu haben geglaubt hätte. --
-
-Die Behauptung, dass die für uns unbewussten übersinnlichen psychischen
-Funktionen unseres an und für sich unbewussten Individualsubjekts
-doch ihrerseits von einem übersinnlichen Bewusstsein begleitet seien,
-ist bis jetzt durch nichts erwiesen, und doch liegt die Beweislast
-dem Behauptenden ob; man wird demnach auch ferner logisch im Rechte
-sein, wenn man sie bis auf Weiteres (d. h. bis zur Erbringung des
-Beweises vom Gegentheil) als an und für sich unbewusst betrachtet.
-Es scheint denn doch eine sehr viel einfachere und natürlichere
-Annahme, dass hinter den bewussten Funktionen des Individualsubjects
-ohne Störung der Einheit der bewussten Persönlichkeit noch unbewusste
-Funktionen desselben verlaufen, als dass in jedem Individuum zwei
-Personen verkoppelt sind, deren eine (die sinnliche) durch die andere
-(die übersinnliche) dämonisch besessen ist, ohne etwas davon zu
-ahnen! Insbesondere ist zu beachten, dass die höchst bedenkliche,
-aber schlechthin unentbehrliche Hülfshypothese eines unsterblichen
-Aetherleibes oder Metaorganismus mit dem Wegfall des übersinnlichen
-Bewusstseins fortfällt; denn bewusste psychische Funktionen brauchen
-zwar ein materielles Substrat, an dem sie erst sich selbst empfindlich
-werden, aber unbewusste psychische Funktionen sind allemal rein
-immaterieller Natur. Alle unbewussten psychischen Funktionen,
-welche sich auf einen individuellen Organismus beziehen, sind durch
-dieses Ziel zu einer individuellen psychischen Gruppe von relativer
-Beständigkeit geeint, ebenso wie sie rückwärts ihren Einheitspunkt an
-dem sie gemeinsam tragenden Subjekt haben.
-
-Auch ich will keineswegs den Individualgeist oder die individuelle
-Psyche überspringen,[25] aber wenn du Prel die Frage, ob dieselbe
-eine substantiell von ihres Gleichen und vom Absoluten getrennte
-Monade, oder eine blosse Einschränkung oder funktionelle Konkretion
-(dramatische Spaltung) des absoluten Subjekts sei, offen lässt
-(72), so habe ich geglaubt, dieselbe zu Gunsten der letzteren Seite
-der Alternative entscheiden zu müssen.[26] Gerade das Problem der
-Inspiration des sinnlichen Bewusstseins durch unbewusste Funktionen
-der Individualseele zwingt in allen Fällen, wo es sich um hellsehendes
-Ahnen von räumlich oder zeitlich weit entfernten Vorgängen handelt, zu
-der Lösung durch den konkreten Monismus überzugehen, weil hier eine
-rückwärtige Verbindung aller Individualsubjekte im absoluten Subjekt
-(gleichsam ein centraler Telephon-Anschluss für die Inspirationen
-der unbewussten Individualseele in’s Bewusstsein) existirt,
-während der monadologische Individualismus nur die Wahl hat, die
-bezüglichen Thatsachen zu leugnen, oder auf eine ganz gewaltsame
-oder unwahrscheinliche Art als Gefühlswahrnehmungen durch materielle
-Vermittelung zu erklären (198, 421).
-
-Hätte du Prel nicht den pathologischen Charakter des Somnambulismus
-verkannt, und in Folge dessen nicht das untersinnliche Bewusstsein mit
-einem übersinnlichen (transcendentalen) verwechselt, so würde sich
-schwerlich eine Differenz zwischen unseren metaphysischen Deutungen
-der fraglichen Erscheinungsgebiete herausgestellt haben. Von den
-metaphysischen Konsequenzen seiner irrigen Theorien aber werden nur
-zwei Richtungen Nutzen ziehen: der Spiritismus und die christliche
-Apologetik. Die neueren Veröffentlichungen du Prel’s zeigen leider nur
-zu sehr, dass er sich dem Spiritismus nicht zu entreissen vermocht
-hat, nachdem er einmal durch die aufgezeigten Grundfehler demselben
-eine Handhabe geboten hat. Der Mangel an kritischer Vorsicht in der
-Benutzung der Berichte, welcher schon in seiner „Philosophie der
-Mystik“ gerügt werden musste, macht sich in diesen späteren Schriften
-theilweise in einem solchen Maasse geltend, dass dieselben dadurch
-einer wissenschaftlichen Kritik entrückt erscheinen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Frühere Schriften desselben Verfassers.
-
-
-Im Verlag der Königl. Hofbuchhandlung von =Wilhelm Friedrich= in
-+Leipzig+ erschien:
-
-
-Der Spiritismus.
-
-8 Bogen gr. 8. M. 3.--.
-
-
-Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft.
-
-Zweite durchgesehene Auflage. 13 Bogen gr. 8. M. 5.--.
-
-
-Philosophische Fragen der Gegenwart.
-
-19 Bogen gr. 8. Preis M. 6.--.
-
-
-
-
-In =Carl Duncker’s= Verlag in +Berlin+ erschien:
-
-
-A. Hauptwerke:
-
- =Philosophie des Unbewussten.= Neunte erweiterte Auflage in 2
- Bänden. Erster Theil: Phänomenologie des Unbewussten. Zweiter
- Theil: Metaphysik des Unbewussten. 62 Bogen gr. 8.
-
- M. 12.--
-
- =Das sittliche Bewusstsein.= Zweite Auflage. 44 Bogen gr. 8.
-
- M. 6.--
-
- =Das religiöse Bewusstsein der Menschheit= im Stufengang seiner
- Entwickelung. 40 Bogen gr. 8.
-
- M. 10.--
-
- =Die Religion des Geistes.= 22 Bogen gr. 8.
-
- M. 7.--
-
- =Aesthetik.= Erster Theil. Die deutsche Aesthetik seit Kant. 37
- Bogen.
-
- M. 5.-- Zweiter Theil: Philosophie des Schönen. 53 Bogen. M. 8.
- Beide Bände. 90 Bogen gr. 8.
-
- M. 13.--
-
-
-B. Nebenwerke:
-
- =Kritische Grundlegung des transcendentalen Realismus.= Zweite
- erweiterte Aufl. von „Das Ding und seine Beschaffenheit“. 12 Bogen
- gr. 8.
-
- M. 4.--
-
- =Gesammelte Studien und Aufsätze= gemeinverständlichen Inhalts.
- Zugleich zweite Auflage von „Gesammelte philosophische
- Abhandlungen“, „Schellings positive Philosophie“, „Aphorismen über
- das Drama“, „Shakespeare’s Romeo und Julia“ u. s. w. 46 Bogen gr. 8.
-
- M. 12.--
-
- =Neukantianismus, Schopenhauerianismus und Hegelianismus= in
- ihrer Stellung zu den philosophischen Aufgaben der Gegenwart.
- Zweite erweiterte Auflage der „Erläuterungen zur Metaphysik des
- Unbewussten“. 23 Bogen gr. 8.
-
- M. 7.--
-
- =Das Unbewusste= vom Standpunkt der Physiologie und
- Descendenztheorie. Zweite vermehrte Auflage. Nebst einem Anhang,
- enthaltend eine Entgegnung auf Professor Oscar Schmidt’s Kritik der
- naturwissenschaftlichen Grundlagen der Philosophie des Unbewussten.
- 26 Bogen gr. 8.
-
- M. 8.--
-
-
-C. Kleinere Schriften:
-
- =Wahrheit und Irrthum im Darwinismus.= Eine kritische Darstellung
- der organischen Entwickelungstheorie. 11½ Bogen gr. 8.
-
- M. 4.--
-
- =Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus.= 10 Bogen gr. 8.
-
- M. 3.--
-
- =Die Selbstzersetzung des Christenthums= und die Religion der
- Zukunft. Zweite Auflage. 9 Bogen gr. 8.
-
- M. 3.--
-
- =Die Krisis des Christenthums= in der modernen Theologie. 9 Bogen
- gr. 8.
-
- M. 2.70
-
- =J. H. von Kirchmann’s erkenntnisstheoretischer Realismus.= Ein
- kritischer Beitrag zur Begründung des transcendentalen Realismus.
- 4½ Bogen gr. 8.
-
- M. 2.--
-
- =Ueber die dialektische Methode.= Historisch-kritische
- Untersuchungen. 8 Bogen gr. 8.
-
- M. 2.--
-
- =Zur Reform des höheren Schulwesens.= 6 Bogen gr. 8.
-
- M. 2.25
-
- =Die politischen Aufgaben und Zustände des deutschen Reiches.= 4
- Bogen gr. 8.
-
- M. 1.--
-
-
-D. Erläuterungs- und Vertheidigungsschriften:
-
- =Lichtstrahlen= aus Eduard von Hartmann’s sämmtlichen Werken,
- herausgegeben von Dr. M. Schneidewin. 22 Bogen kl. 8. Eleg. gebunden
-
- M. 5.--
-
- =Das philosophische System= Eduard von Hartmann’s. Von Dr. R.
- Koeber. 26 Bogen gr. 8. (Breslau bei W. Koebner.)
-
- M. 9.--
-
- =Der Kampf um’s Unbewusste.= Von O. Plümacher. Nebst einem Anhang,
- enthaltend ein chronologisches Verzeichniss der Hartmann-Literatur
- von 1868 bis 1880 (circa 770 Nummern). 10 Bogen gr. 8.
-
- M. 3.--
-
- =Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart.= Geschichtliches
- und Kritisches. Von O. Plümacher. 23 Bogen gr. 8. (Heidelberg bei
- G. Weiss.)
-
- M. 7.20
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-[1] In den Kapiteln: „Die Unchristlichkeit des liberalen
-Protestantismus“ und „die Irreligiosität des lib. Prot.“
-(Selbstzersetzung des Christenthums Cap. VI und VII) und in der Schrift
-„Die Krisis des Christenthums“ Abschn. I. 2, II und IV.
-
-[2] In der Satire: „Das Gefängniss der Zukunft“ (Gesammelte Studien und
-Aufsätze A. X.) und in der Kritik des socialendämonistischen Princips
-(Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins Abth. II, B. I.)
-
-[3] Gesammelte Studien und Aufsätze No. I; Philosophische Fragen der
-Gegenwart No. I.
-
-[4] Vergl. „Das sittliche Bewusstsein“, 2. Aufl., S. 415-418. (1. Aufl.
-S. 516-518).
-
-[5] Vergl. den Abschnitt über „Das Moralprincip des Mitgefühls“ in „Das
-sittliche Bewusstsein“, 2. Aufl. S. 184-202 (1. Aufl. S. 217-240).
-
-[6] Man vergleiche zu diesem Abschnitt meine „Phänomenologie des
-sittlichen Bewusstseins“, S. 672-673, 692-696; 2. Aufl. S. 536-537,
-552-555.
-
-[7] Dieselbe beläuft sich nach medicinischen Annahmen auf 2 vor dem
-20. Jahre, 5 in den 20ger, 3 in den 30ger und 1 in den 40ger Jahren,
-zusammen auf 11. Bei der Verheirathung der Frau mit 26½ Jahren sinkt
-die zu erwartende Kinderzahl auf die Hälfte, d. h. auf 5½, was mit dem
-statistischen Durchschnitt in Deutschland übereinstimmt.
-
-[8] Wollte man dem skrupulösesten Gerechtigkeitsgefühl Rechnung
-tragen, so brauchte man nur die Bestimmung in das Gesetz aufzunehmen,
-dass Jungfern durch die eidesstattliche Versicherung, niemals einen
-Heirathsantrag gehabt zu haben, von der Steuererhöhung befreit werden.
-Wer die Frauen kennt, wird keinen Augenblick daran zweifeln, dass eine
-solche Klausel unbenutzt bleiben würde, und dass deshalb ihre Aufnahme
-in’s Gesetz überflüssig und wirkungslos wäre.
-
-[9] Die Besorgniss, dass durch Einreichung des Leitfadens eine zu
-scharfe Kontrole von Seiten der Universitätsbehörden ermöglicht und
-damit die Lehrfreiheit beeinträchtigt werden könnte, scheint mir ganz
-grundlos. Wenn ein Docent Dinge sagt, die den Universitätsbehörden
-Anstoss geben könnten, so sagt er sie in den mündlichen Erläuterungen,
-aber nicht in demjenigen, was er den Studenten diktirt, -- und mehr
-soll ja der Leitfaden nicht enthalten.
-
-[10] +H. Klinkhardt+, Das höhere Schulwesen Schwedens. Leipzig, J.
-Klinkhardt, 1887. Einen übersichtlichen Bericht über dieses Werk aus
-der Feder des Grafen Pfeil findet man in der „Zeitung für das höhere
-Unterrichtswesen“ 1887, Nr. 30-32.
-
-[11] „Die Zukunft unserer höheren Schulen“ von F. Hornemann. Hannover,
-Carl Meyer, 1887. S. 105 Anmerkung.
-
-[12] Leçons sur les maladies du système nerveux tome III. -- Essai
-d’une distinction nosographique des divers états nerveux, compris sous
-le nom d’hypnotisme. (Comptes rendus de l’Académie des sciences 1882.)
-
-[13] Die Philosophie der Mystik von Dr. Carl du Prel. Leipzig, Ernst
-Günthers Verlag 1885.
-
-[14] Die Philosophie der Mystik von Dr. Carl du Prel. Leipzig, Ernst
-Günthers Verlag 1885.
-
-[15] Vigouroux, Métalloscopie, Métallothérapie, Oesthésiogènes.
-
-[16] „Versuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt“, in
-den „Parerga und Paralipomena“, 2. Aufl. I. Band. S. 241-328.
-
-[17] Parerga 2. Aufl. I. S. 262 (vgl. S. 264).
-
-[18] Das Gleiche gilt für Träume, in denen ein äusserer Sinnenreiz
-in den Traum ausnahmsweise einmal in der Art dramatisch verwoben
-wird, dass die letzten Glieder des Traumes durch die Pointe bedingt
-erscheinen; auch hier genügen die 2-3 Sekunden, die von der
-Perception des Gehörseindrucks (z. B. eines Schlusses) im untersten
-Perceptionscentrum für Gehörseindrücke bis zur Perception desselben
-durch das Organ des Traumbewusstseins sehr wohl verstreichen können (S.
-90 unten bis 91 oben), um 24-36 Vorstellungsbilder auf einander folgen
-zu lassen.
-
-[19] Bekanntlich zeigt der Traum eine Menge Erscheinungen des
-Wahnsinns und macht dadurch viele der gewöhnlichsten Irrsinnsformen
-für jeden, der auf seine Träume achtet, von innen heraus verständlich,
-so z. B. den Verfolgungswahn, verschiedene sexuelle Abnormitäten,
-Verbrecherwahn, Grössenwahn u. s. w.
-
-[20] Die oben angeführten Versuche von Binet und Féré streifen bereits
-an die Grenze des unheimlich Grausamen auch ohne Anwendung des Messers;
-sie liefern dafür aber auch durch Bestimmung der schmerzenden Stelle
-bei jeder Art von seitlich transferirter Hirnfunktion einen höchst
-schätzbaren Beitrag zur Lokalisation der Hirnfunktionen.
-
-[21] Statuvolence oder der gewollte Zustand. Von W. B. Fahnestock.
-Deutsch von Wittig. Leipzig 1883.
-
-[22] Diese lokale magnetische Hyperästhesirung bildet das Gegenstück
-zu der lokalen Anästhesirung durch narkotische Mittel, und der lokalen
-magnetischen Anästhesirung (z. B. bei Brandwunden).
-
-[23] Die Wirksamkeit des Befehls zur Erinnerung ist analog der
-Wirksamkeit des Befehls zum Vergessen und zur Elimination bestimmter
-Wahrnehmungskomplexe aus der Wahrnehmungsphäre. Die Sage von der
-Tarnkappe wird zur Wahrheit, indem die Somnambule nach dem Erwachen
-unfähig ist, eine bestimmte anwesende Person wahrzunehmen, wenn ihr
-diess im somnambulen Zustand befohlen war.
-
-[24] Den äusseren Anlass zu dieser Konfusion giebt der Missbrauch
-des Wortes „transcendental“ in der Bedeutung „latent“ (443) oder
-„unterhalb der Schwelle des Bewusstseins gelegen“; denn nun bezeichnet
-der Ausdruck „transcendentales Bewusstsein“ in doppelsinniger Weise
-bald das untersinnliche, bald das übersinnliche Bewusstsein. Ich habe
-deshalb das Wort „transcendental“ in der bisherigen Erörterung ganz
-vermieden, um dieser Verwirrung zu entgehen.
-
-[25] „Religion des Geistes“ S. 226-228.
-
-[26] Vgl. „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie und
-Descendenztheorie“ 2. Aufl. S. 297-306.
-
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-
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-}
-
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Moderne Probleme, by Eduard von Hartmann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Moderne Probleme
-
-Author: Eduard von Hartmann
-
-Release Date: June 30, 2017 [EBook #55014]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MODERNE PROBLEME ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1888 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden
-stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche, altertümliche, sowie
-inkonsistente Schreibweisen wurden dagegen beibehalten, insbesondere
-wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach
-auftreten.</p>
-
-<p class="p0">Das <a href="#Inhalt">Inhaltsverzeichnis</a> wurde nach
-Vorgabe des Textes folgendermaßen angepasst:</p>
-
-<ol>
- <li>‚Das Philosophie-Studium auf den Universitäten‘ wurde korrigiert
- zu ‚Das Philosophie-Studium an den Universitäten‘.</li>
-
- <li>Die Seitenzahl für den Abschnitt ‚Die preussische Schulreform
- von 1882‘ wurde von 160 zu 169 geändert.</li>
-</ol>
-
-<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö und Ü) sowie das
-‚Esszett‘ (ß) werden im Text umschrieben (Ae, Oe, Ue, bzw. ss).
-<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten
-Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos
-als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s2 center padtop3">Eduard von Hartmann.</p>
-
-<h1><b>Moderne Probleme.</b></h1>
-
-<p class="s3 center">Zweite vermehrte Auflage.</p>
-
-<div class="figcenter padtop3 padbot3">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="w3_5em" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<p class="s4 center">Leipzig</p>
-
-<p class="center">Verlag von Wilhelm Friedrich</p>
-
-<p class="s5 center">K. R. Hofbuchhändler.</p>
-
-<p class="center">1888.</p>
-
-<p class="s4 center break-before padtop5 padbot3">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_iii" id="Seite_iii">[&ndash; III &ndash;]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort_zur_ersten_Auflage">Vorwort zur ersten
-Auflage.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Dass es mir bisher an Feinden gefehlt habe, wird niemand behaupten
-können. Die katholische Kirche hat mich in amtlichen Kundgebungen und
-in dicken Büchern als einen Erzketzer und Hauptführer der wider Gott
-anstürmenden Rotte gebrandmarkt, die evangelischen Orthodoxen haben
-sich auch in dieser Frage an ihre Rockschösse gehängt, und der liberale
-Protestantismus wird mir die an ihm geübte Kritik<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> niemals verzeihen.
-Die Konservativen verabscheuen mich als religiösen Revolutionär, die
-Liberalen als einen Gegner der parlamentarischen Regierungsform, als
-Militaristen, Monopolisten und Socialisten; die Socialdemokraten
-hassen in mir mit Recht den aristokratisch gesinnten Gegner alles
-demokratischen Nivellements, der speciell die socialdemokratischen
-Verirrungen so scharf mitgenommen hat.<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> Die mechanistisch und
-darwinistisch gesinnte Welt der Naturforscher hat sich<span class="pagenum"><a name="Seite_iv" id="Seite_iv">[&ndash; IV &ndash;]</a></span> von der zweiten
-Auflage meiner Schrift „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie
-und Descendenztheorie“ <span class="nowrap">i. J.</span> 1877 so schwer getroffen gefühlt, dass sie
-sich seitdem in grollendes Stillschweigen und Ignoriren gehüllt hat.
-Die Positivisten und Neukantianer, welche alle Metaphysik verwerfen und
-bekämpfen, sehen in dem Verfasser der Schrift über den „Neukantianismus
-<span class="nowrap">u. s. w.</span>“ einen der gefährlichsten Störer ihrer Cirkel; die
-vordarwinschen naturwissenschaftlichen Materialisten und die Nachfolger
-Feuerbachs hassen in mir, wie die Schriften von Stiebeling, J. C.
-Fischer, Carl Grün und die Wuthausbrüche Dührings beweisen, einen
-rückständigen Schwärmer und Obscuranten, und die Optimisten aus allen
-Lagern reichen sich die Hände, um meinen Pessimismus, den sie nicht
-verstehen, als Volksverderber und Jugendverführer zu verdammen. Die
-Hegelianer hatte ich schon durch meine erste Veröffentlichung „Ueber
-die dialektische Methode“ vor den Kopf gestossen, die Schopenhauerianer
-bereits durch die Kritik der Schopenhauerschen Moralprincipien (in der
-„Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins“) verletzt und durch den
-Aufsatz „Mein Verhältniss zu Schopenhauer“ (in den „Philosophischen
-Fragen der Gegenwart“ Nr. II) ganz in’s Lager meiner Gegner
-hinübergetrieben, und den Universitätsphilosophen gegenüber hatte ich
-meine ohnehin schon schwierige Stellung als unzünftiger Konkurrent noch
-durch verschiedene Aeusserungen über die Universitätsphilosophie<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>
-verschlimmert.</p>
-
-<p>Unter diesen Umständen hätte ein ganz auf sich selbst angewiesener, auf
-keine Klique, kein literarisches Organ und kein Katheder gestützter
-Forscher leicht<span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[&ndash; V &ndash;]</a></span> Bedenken tragen können, die Zahl der ihn umgebenden
-Feinde zu vermehren und deren Feindseligkeit zu verschärfen. Wenn ich
-dies trotzdem in den letzten Jahren im weitesten Umfang gethan habe, so
-bitte ich darin keine übermüthige Laune oder muthwillige Händelsucht
-zu sehen; was mich dazu antrieb, gegen so mancherlei moderne Irrthümer
-das Wort zu ergreifen, war ein inneres Bedürfniss, die Stimme der
-besonnenen Kritik zur Geltung zu bringen, ein unerschütterliches
-Vertrauen in die siegreiche Kraft der schlichten ungeschminkten
-Wahrheit, und ein Gefühl der Verpflichtung, durch meine völlig
-unabhängige Stellung mehr als viele Andere zur Inangriffnahme so
-peinlicher und undankbarer Aufgaben berufen zu sein.</p>
-
-<p>Durch meine Schrift „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft“ habe
-ich mir nämlich nicht nur bei den Vertretern des Judenthums selbst,
-sondern auch bei den christlichen Philosemiten und nicht minder bei
-den Antisemiten viele neue Gegner gemacht, ebenso durch meine Schrift
-über den Spiritismus sowohl die spiritistischen Kreise gegen mich
-aufgebracht, als auch dem Widerwillen der Aufklärungsrationalisten
-und Materialisten gegen mich neue Nahrung zugeführt. Der Aufsatz
-„Was sollen wir essen?“ hat bei den Vegetarianern eine förmliche
-Erbitterung gegen mich wachgerufen, welche sich bis zu der
-öffentlichen Drohung: „es mir nicht vergessen zu wollen“, verstiegen
-hat. „Unsre Stellung zu den Thieren“ hat eine ähnliche Wirkung auf
-die Antivivisektionisten und sentimentalen Thierschützler ausgeübt.
-„Die Gleichstellung der Geschlechter“ und „Die Lebensfrage der
-Familie“ hat diejenigen Mitglieder des schönen Geschlechts, welche
-für die Emancipation ihrer Schwestern und für eine ausserfamiliäre
-Berufsstellung derselben kämpfen gegen mich in Harnisch gebracht.
-„Der Rückgang<span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[&ndash; VI &ndash;]</a></span> des Deutschthums“ hat den bei der grossdeutschen Idee
-stehen gebliebenen Theil der deutschen Liberalen gegen mich aufgeregt,
-die preussischen Polen mir zu unversöhnlichen Feinden gemacht, die
-Erbitterung des Ultramontanismus neu geschürt und vor allem bei den
-Deutschösterreichern einen Sturm der Entrüstung entfesselt, der wohl
-nicht ganz ohne Einfluss auf das aktive Aufraffen derselben aus dem
-doktrinär-liberalen Schlummer geblieben ist und hoffentlich auch
-ferner noch erspriessliche Folgen zeitigen wird. Die Aufsätze „Zur
-Reform des Universitätsunterrichts“ und „Das Philosophie-Studium“
-dürften die Antipathien der Philosophieprofessoren gegen mich, wenn das
-überhaupt möglich war, noch verschärft haben, und „Die Ueberbürdung
-der Schuljugend“ muss auch diejenigen Pädagogenkreise gegen mich
-verstimmen, welche nicht schon als Vertheidiger der Realschulen oder
-Realgymnasien durch meine frühere Schrift „Zur Reform des höheren
-Schulwesens“ gegen mich eingenommen waren.</p>
-
-<p>Zum mindesten bürgt das durch zahllose Gegenartikel, Vorträge,
-Zuschriften <span class="nowrap">u. s. w.</span> bekundete Aufsehen, welches die Mehrzahl der
-nachstehenden Aufsätze schon bei ihrer vereinzelten Veröffentlichung
-in Zeitschriften gemacht hat, dafür, dass dieselben auch in ihrer
-nunmehrigen Zusammenstellung einige Beachtung verdienen dürften;
-denn erst in dieser ihrer Vereinigung lassen sie ihre innere
-Zusammengehörigkeit, sowohl unter einander, als auch mit den Schriften
-über das Judenthum und den Spiritismus erkennen. Die Abhandlung „Der
-Somnambulismus“ bildet eine unmittelbare Ergänzung zu der Schrift über
-den Spiritismus, indem beide sich gegenseitig erläuternde Arbeiten die
-sogenannte „Nachtseite der menschlichen Natur“ erörtern und entschieden
-gegen eine neuere, auf den Geheimbuddhismus gestützte mystische
-Richtung Front<span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[&ndash; VII &ndash;]</a></span> machen, welche dieses Gebiet eines krankhaften Nerven-
-und Seelenlebens zu einer dem normalen Zustand überlegenen höheren
-Stufe des Geisteslebens aufzubauschen versucht. Die Aufsätze gegen den
-Vegetarianismus, den Antivivisektionismus, die Frauenemancipation und
-die egoistisch überspannte Missachtung der Familienpflichten gehören
-ebenfalls in eine engere Gruppe zusammen, welche der Schrift über das
-Judenthum schon dadurch näher gerückt ist, dass in ihnen allen der
-abstrakte Idealismus und die falsche Sentimentalität bekämpft wird.</p>
-
-<p>Bekanntlich hatte Richard Wagner in seinen letzten Lebensjahren neben
-andern Eigenthümlichkeiten auch diejenige, sich zum theoretischen
-Vertreter des Vegetarianismus, Antivivisektionismus und Antisemitismus
-aufzuwerfen, und unter demjenigen Theil seiner Jünger und Anhänger,
-welcher darauf schwört, dass in dem Evangelium des Meisters auch seine
-Art sich zu räuspern und zu spucken einen untrennbaren Bestandtheil
-bilde, spielen auch Vertreterinnen der Frauenemancipation eine
-bedeutende Rolle. Hier findet also gleichsam ein Zusammenfluss der
-verschiedenen Ströme des abstrakten Idealismus statt, welche ich in der
-vorliegenden Schrift bekämpfe, und es scheint deshalb unvermeidlich,
-dass dieselbe bei diesem Kreise noch grösseren Anstoss erweckt,
-als dies schon früher meine Nichtanerkennung der Schopenhauerschen
-Mitleidsmoral und Theorie der Musik und meine Kritik sowohl des
-Urbuddhismus (im „Religiösen Bewusstsein der Menschheit“ B. I, 2)
-als auch des Geheimbuddhismus (in den „Philosophischen Fragen der
-Gegenwart“ Nr. IX) gethan hat.</p>
-
-<p>Mögen diese Blätter trotz aller weiteren Anfeindungen, die ihnen nicht
-erspart bleiben werden, einen Leserkreis finden, der geneigt ist, in
-dem wüsten Durcheinander fanatischer Parteistimmen auch der<span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[&ndash; VIII &ndash;]</a></span> Stimme
-der parteilosen nüchternen Besonnenheit sein Ohr zu leihen, und mögen
-diejenigen, welche meine Ansichten nur aus gegnerischen Entstellungen
-kennen, sich durch eignen Einblick überzeugen, dass sie nichts weiter
-enthalten, als was für jeden Unbefangenen selbstverständlich und kaum
-des Aussprechens bedürftig scheinen sollte. Wenn aber philosophische
-Kritiker sich daran stossen sollten, dass ich mir die Mühe gegeben
-habe, auch Selbstverständliches niederzuschreiben, so bitte ich sie zu
-erwägen, dass verkehrten Zeitströmungen gegenüber auch das Aussprechen
-des Selbstverständlichen sein Recht hat, und dass es des Philosophen
-nicht unwürdig ist, auch der populären Behandlung von Zeitfragen näher
-zu treten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Berlin-Lichterfelde</em>, im Herbst 1885.</p>
-
-<p class="s3 right mright2"><b>Eduard von Hartmann.</b></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_ix" id="Seite_ix">[&ndash; IX &ndash;]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort_zur_zweiten_Auflage">Vorwort zur zweiten
-Auflage.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der baldige Absatz der ersten Auflage dieses Buches liefert die
-erfreuliche Bestätigung dafür, dass die am Schlusse ihres Vorworts
-ausgesprochene Hoffnung nicht zu Schanden geworden ist. Ich habe in
-der zweiten Auflage als Nr. V-VII drei Aufsätze über die heutige
-Geselligkeit, über die Wohnungsfrage und über moderne Unsitten
-eingeschaltet, welche sich ihrem Inhalt nach an die ersten vier
-Aufsätze auf das engste anschliessen und dem Buch noch mehr als
-bisher den Charakter eines Vorläufers zur Socialethik geben. Ebenso
-habe ich den beiden Aufsätzen über die Schulfrage einen dritten (Nr.
-XII) hinzugefügt, welcher eine Uebersicht über den gegenwärtigen
-Stand der ganzen Bewegung giebt und die zunächst erforderlichen
-Schritte präcisirt. Dagegen habe ich den Aufsatz über den Rückgang
-des Deutschthums fortgelassen, weil inzwischen mit dem Erlass und der
-fortschreitenden Ausführung der preussischen Polengesetze sein Zweck
-erfüllt und seine Aktualität erloschen ist. In einigen der anderen
-Aufsätze, besonders in Nr. XV, habe ich kleinere Zusätze beigefügt,
-welche durch die an die erste Auflage geknüpfte Kritik und Polemik
-veranlasst worden sind. Möge das Buch auch in seiner neuen Gestalt
-günstige Aufnahme finden.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Berlin-Lichterfelde</em>, im März 1888.</p>
-
-<p class="s3 right mright2"><b>Eduard von Hartmann.</b></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_x" id="Seite_x">[&ndash; X &ndash;]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-</div>
-
-<table class="collapse inhalt" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- I.
- </td>
- <td class="vat">
- Was sollen wir essen?
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;&#8199;<a href="#I_Was_sollen_wir_essen">1</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- II.
- </td>
- <td class="vat">
- Unsere Stellung zu den Thieren
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#II_Unsere_Stellung_zu_den_Thieren">21</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- III.
- </td>
- <td class="vat">
- Die Gleichstellung der Geschlechter
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#III_Die_Gleichstellung_der_Geschlechter">36</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- IV.
- </td>
- <td class="vat">
- Die Lebensfrage der Familie
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#IV_Die_Lebensfrage_der_Familie">50</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- V.
- </td>
- <td class="vat">
- Die heutige Geselligkeit
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#V_Die_heutige_Geselligkeit">85</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- VI.
- </td>
- <td class="vat">
- Die Wohnungsfrage
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#VI_Die_Wohnungsfrage">96</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- VII.
- </td>
- <td class="vat">
- Moderne Unsitten
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#VII_Moderne_Unsitten">106</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- VIII.
- </td>
- <td class="vat">
- Zur Reform des Universitätsunterrichts
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#VIII_Zur_Reform_des_Universitaetsunterrichts">120</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- IX.
- </td>
- <td class="vat">
- Das Philosophie-Studium an den Universitäten
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#IX_Das_Philosophie-Studium_an_den_Universitaeten">140</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- X.
- </td>
- <td class="vat">
- Die Ueberbürdung der Schuljugend
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#X_Die_Ueberbuerdung_der_Schuljugend">157</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- XI.
- </td>
- <td class="vat">
- Die preussische Schulreform von 1882
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#XI_Die_preussische_Schulreform_von_1882">169</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- XII.
- </td>
- <td class="vat">
- Der Streit um die Organisation der höheren Schulen
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#XII_Der_Streit_um_die_Organisation_der_hoeheren_Schulen">177</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- XIII.
- </td>
- <td class="vat">
- Der Bücher Noth
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#XIII_Der_Buecher_Noth">193</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- XIV.
- </td>
- <td class="vat">
- Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#XIV_Die_epidemische_Ruhmsucht_unserer_Zeit">200</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdr vat">
- XV.
- </td>
- <td class="vat">
- Der Somnambulismus
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#XV_Der_Somnambulismus">207</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[&ndash; 1 &ndash;]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="I_Was_sollen_wir_essen">I.<br />
-Was sollen wir essen?</h2>
-
-</div>
-
-<p>In ärztlichen Kreisen hat im letzten Menschenalter ein hauptsächlich
-von England ausgegangener Umschwung der Ansichten über die Diät
-stattgefunden, der die Fleischkost in weit höherem Masse bevorzugt, als
-es früher üblich war. Im Gegensatz hierzu erklären die vegetarianischen
-Bestrebungen die reine Pflanzenkost für die allein naturgemässe,
-rationelle und humane Ernährungsweise und machen mit der Kraft einer
-religiösen Ueberzeugung das künftige Heil der Menschheit von dem
-Verzicht auf alle Fleischkost abhängig. Die Frage scheint wichtig
-genug, um sie in reifliche Erwägung zu ziehen.</p>
-
-<p>Das für ein organisches Wesen Naturgemässe ist an zwei Merkmalen
-zu erkennen: an der Einrichtung seiner Organisation und an seinen
-Instinkten. Beide weisen übereinstimmend dem Menschen seine Stellung
-unter den Omnivoren (Allesfressern) an, zu denen beispielsweise
-auch die Schweine, Bären und Affen gehören. Magen und Darm des
-Menschen sind nicht wie diejenigen der Wiederkäuer für das Verdauen
-von Gras und Blättern eingerichtet, aber der Darm hat doch eine
-bedeutend grössere relative Länge als bei den auf reine Fleischkost
-angewiesenen katzenartigen Raubthieren.<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[&ndash; 2 &ndash;]</a></span> Das menschliche Gebiss
-ist wie dasjenige aller Omnivoren aus Schneidezähnen, Reisszähnen
-und Mahlzähnen zusammengesetzt; die reinen Fleischzähne machen nur
-den achten Theil des Gesammtbestandes aus, was allerdings auf ein
-Uebergewicht vegetabilischer Kost hindeutet. Die Instinkte des
-Menschen weisen ebenso wie die aller übrigen Omnivoren darauf hin,
-dass die Fleischnahrung in gewissem Sinne die werthvollere für seinen
-Organismus ist; bei offen stehender Auswahl stürzen sich alle Omnivoren
-zunächst mit Gier auf das Fleisch. Hieraus könnte man schliessen, dass
-die Schneide- und Mahlzähne den Omnivoren von der Natur nur deshalb
-verliehen seien, um für den Fall des zeitweiligen Mangels an den
-schwerer zu erlangenden animalischen Nahrungsmitteln doch keinen Hunger
-zu leiden, sondern auf vegetabilische Nahrungsmittel zurückgreifen
-zu können. Aber so einfach liegt die Sache doch nicht. Denn wo der
-Instinkt nicht schon durch dauernde Gewöhnung denaturirt ist, pflegt
-auf die erste Gier nach Fleisch bald eine Reaktion der Uebersättigung
-zu folgen, mit der ein um so stärkeres Verlangen zur Rückkehr nach
-pflanzlichen Nahrungsmitteln hervortritt.</p>
-
-<p>Die Nahrungsinstinkte des Menschen zeigen ausserdem thatsächlich
-bedeutende Abweichungen nach Klima, Alter, Geschlecht, Arbeitsleistung
-und Individualität. In tropischen Ländern, wo nur ein geringer
-Wärmeverlust zu decken und intensive Arbeit kaum möglich ist,
-wo also der Körper ohnehin nur eine geringe Menge von täglicher
-Nahrung zu verdauen braucht, reicht seine Verdauungskraft auch bei
-vegetabilischer Ernährung mehr als aus, so dass Fleischkost selbst
-bei grösster quantitativer Mässigkeit leicht zur Uebernährung führt;
-in den Polargegenden dagegen ist ein so starker Ersatz durch Nahrung
-erforderlich, dass auch die beste Verdauung unfähig wäre, die nöthige
-Assimilation aus vegetabilischer<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[&ndash; 3 &ndash;]</a></span> Kost zu vollziehen. Der äquatorialen
-Genügsamkeit entspricht demnach die instinktive Bevorzugung von
-Nahrungsmitteln mit geringstem Nährwerth (Obst, Reis etc.), der polaren
-Gefrässigkeit das instinktive Bedürfniss nach Nahrungsmitteln von
-höchstem Nährwerth bei leichtester Verdaulichkeit (Fleisch, Fett, Thran
-etc.). In den gemässigten Zonen wiederholen sich diese Gegensätze in
-gemässigter Form: während der faulenzende Süditaliener und Südspanier
-nichts begehrt als eine Hand voll Datteln und Feigen nebst einer
-Zwiebel oder allenfalls Maccaroni, kann der englische Arbeiter oder
-der norddeutsche Sackträger nicht Fleisch und Speck genug bekommen.
-Im Durchschnitt tritt im gemässigten Klima der omnivore Instinkt des
-Menschen in ungetrübter Reinheit ans Licht, während er durch excessive
-Hitze oder Kälte nach der Seite der Pflanzennahrung oder Fleischnahrung
-hin abgelenkt wird. Dies lässt darauf schliessen, dass der Mensch einem
-gemässigten Klima seinen Ursprung verdankt, weil nur in diesem sein
-Instinkt mit seiner Organisation im Einklang ist.</p>
-
-<p>Wie die klimatischen Abweichungen vom normalen Instinkt als
-zweckmässige Anpassungen erscheinen, so auch die durch Alter,
-Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung bedingten Abweichungen.
-Die geschwächte Verdauungskraft des Alters verlangt nach einem
-stärkeren Grade von Fleischzusatz in der Nahrung, während der kindliche
-und jugendliche Appetit auf Obst und Gemüse im Alter mehr und mehr
-schwindet. Das männliche Geschlecht hat im Durchschnitt stärkeren
-„Fleischhunger“ als das weibliche, auch abgesehen davon, ob es durch
-ein grösseres Mass von Arbeit ein stärkeres Ersatzbedürfniss hat; es
-scheint vermittelst einseitiger Vererbung im männlichen Geschlecht die
-durch stärkere Arbeitsleistung geweckte Neigung zur Fleischkost sich<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[&ndash; 4 &ndash;]</a></span>
-durch lange Generationen hindurch summirt und befestigt zu haben.
-Wer aus Ständen, Familien oder Gegenden gebürtig ist, in denen ein
-beträchtlicher Fleischzusatz zur Nahrung Generationen hindurch üblich
-war, wird sich immer nur im Kampfe mit seiner instinktiven Neigung auf
-reine Pflanzenkost zurückziehen; wer hingegen sowohl für seine Person
-als auch durch seine Vorfahren auf Pflanzenkost eingerichtet ist, wird
-doch in reiferem Alter eine allmählich zunehmende Verstärkung des
-Fleischzusatzes bis zu einer gewissen Grenze hin immer mit Behagen
-empfinden. Diese Grenze ist allerdings individuell verschieden
-je nach der Verdauungskraft und den qualitativen Bedürfnissen
-des Organismus, und es ist nicht zu bestreiten, dass es ganz
-ausnahmsweise auch in gemässigten Klimaten Individuen, besonders solche
-weiblichen Geschlechts gibt, die eine ausgesprochene Idiosynkrasie
-gegen Fleischnahrung haben. Solche individuellen Abweichungen
-des Nahrungsinstinkts können pathologisch, sie können aber auch
-physiologisch bedingt sein, und selbst auf pathologischer Grundlage
-können sie ebensowohl zweckmässige Heilinstinkte, wie krankhaft
-perverse Instinkte sein.</p>
-
-<p>Nimmt man den Durchschnitt des menschlichen Nahrungsinstinktes in
-gemässigtem Klima zum Massstabe, so findet man ihn wesentlich mit
-der Organisation seines Gebisses übereinstimmend, <span class="nowrap">d. h.</span> so, dass der
-grössere Gewichtstheil der täglichen Nahrung vegetabilischen, der
-kleinere animalischen Ursprungs sein muss, um ihm zu genügen.</p>
-
-<p>Ein Unterschied besteht allerdings zwischen beiden Massstäben, insofern
-der Instinkt mehr als den achten Theil Fleisch in der Kost verlangt,
-wie man es nach dem Gebiss erwarten sollte; diess dürfte sich daraus
-erklären, dass das Gebiss, welches der Mensch von den omnivoren
-Thieren überkam, auf den achten Theil rohen<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[&ndash; 5 &ndash;]</a></span> Fleisches berechnet ist,
-der Mensch aber gebratenes und gekochtes Fleisch bequem auch mit den
-Mahlzähnen kauen kann. Dem Instinkt nach gemischter Nahrung entspricht
-der Instinkt nach Abwechselung zwischen Fleisch- und Pflanzenkost, wenn
-die wünschenswerthe Mischung beider nicht zu erlangen ist.</p>
-
-<p>Die naturgemässe Kost des Menschen ist also weder die reine Fleisch-,
-noch die reine Pflanzenkost, sondern die gemischte oder in den
-Mahlzeiten zwischen beiden wechselnde, allerdings mit Uebergewicht
-der pflanzlichen Bestandtheile. Gegen diese Thatsache lehnt sich
-der Vegetarianismus vergebens auf, der ausserdem die berechtigte
-Verschiedenheit der Zusammensetzung je nach Klima, Alter und
-Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung völlig verkennt. Auf den
-Instinkt des Menschen ist er deshalb als auf einen „kannibalischen“,
-als auf ein ererbtes Ueberlebsel thierischer Roheit schlecht zu
-sprechen, und es ist der grösste Kummer der Vegetarianer, dass so
-wenige von denen, welche vegetarianischen Principien huldigen, im
-Stande sind, sich gegen die Rückfälligkeit in die vom Instinkt
-geforderte gemischte Kost zu wahren. Mag er darin vom humanen
-Standpunkt aus recht haben oder nicht, jedenfalls hat er <em class="gesperrt">das</em>
-Recht damit verwirkt, sich für die „naturgemässe Lebensweise“ zu
-proklamiren. Will er doch diese Behauptung aufrecht erhalten, so muss
-er zu der Hilfshypothese greifen, dass der Instinkt des Menschen ein
-widernatürlicher, degenerirter sei. Aber wodurch soll er degenerirt
-sein? Und wie lässt sich diese Behauptung vereinigen mit der Thatsache,
-dass alle Thiere mit gemischtem Gebiss Omnivoren sind, und alle
-Omnivoren weit gieriger auf Fleischkost als auf Pflanzenkost sind? Man
-sehe nur, wie ein Affe in Leidenschaft geräth, wenn er eine Taube im
-Zimmer bemerkt, während er die gebotenen Früchte zwar mit Behagen,<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[&ndash; 6 &ndash;]</a></span>
-aber ohne besondere Erregung hinnimmt. Wenn es Specien mit gemischtem
-Gebiss giebt, deren Nahrungsinstinkt die Pflanzenkost bevorzugt, so
-ist diess eine Discrepanz zwischen Organisation und Instinkt, welche
-nur auf einer nachträglichen Anpassung des animalen Typus an die
-Lebensverhältnisse entstanden sein kann. Diese Anpassung kann entweder
-auf einer Unzuträglichkeit des Klimas für Fleischkost, oder auf der
-Leichtigkeit der Versorgung mit nahrhaften und schmackhaften Früchten
-für Kletterthiere, oder auf der Schwerfälligkeit und Waffenlosigkeit
-des Arttypus, welche den Raub von Beutethieren erschwert, oder auf
-einer Verbindung dieser Umstände beruhen. Aber wenn auch die bis
-jetzt völlig unerwiesene Behauptung wahr wäre, dass gerade die
-menschenähnlichen Affen im Naturzustande eine Degeneration des
-Instinktes nach dieser Richtung hin zeigen, so ist daraus doch nicht
-zu schliessen, dass es für den Menschen naturgemäss sei, ebenfalls
-diesem degenerirten Affeninstinkt zu folgen, der thatsächlich nicht der
-seinige ist, und dessen Anpassungsmotive für ihn nicht mehr zutreffen.
-Denn der Mensch lebt zumeist in einem gemässigteren Klima, als die
-menschenähnlichen Affen, ist nicht so Kletterthier wie sie, schafft
-sich die ihm von der Natur versagten Waffen und macht das Fleisch
-durch Zubereitung leichter verdaulich. Da der Mensch nicht von den uns
-bekannten menschenähnlichen Affen abstammt, braucht er auch nicht erst
-deren degenerirten Nahrungsinstinkt zu restituiren, sondern nur den
-naturgemässen seiner thierischen Vorfahren zu konservieren.</p>
-
-<p>Es entsteht die weitere Frage, ob die vegetabilische Ernährung
-<em class="gesperrt">rationeller</em> sei, <span class="nowrap">d. h.</span> dem Menschen mehr Vortheile oder weniger
-Nachtheile biete als die animalische. Denn wenn es auch am nächsten
-liegt, die naturgemässe Lebensweise zugleich für die vernünftige<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[&ndash; 7 &ndash;]</a></span> zu
-halten, so ist doch durch den Glauben an die Zweckmässigkeit der Natur
-im Allgemeinen die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass etwas für den
-Naturzustand Passendes im Kulturzustand einschneidender Abänderungen
-bedarf, um den höheren Zwecken des Kulturlebens zu genügen. Deshalb
-kann die Untersuchung, ob etwas naturgemäss sei oder nicht, niemals
-das letzte Wort haben; denn der aus der Natur hervorwachsende bewusste
-Geist ist zwar selbst noch einerseits etwas Natürliches, anderseits
-etwas über die Natur Erhabenes, also etwas Natürliches von höherer
-Ordnungsstufe, welches die Naturzweckmässigkeit fortsetzt und
-steigert, indem es das Naturgemässe niederer Ordnungsstufe nach seinen
-Bedürfnissen modelt.</p>
-
-<p>Die Vegetarianer behaupten, dass die Pflanzenkost den Menschen im
-Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger gegen Krankheiten mache
-als gemischte Kost; die Mehrzahl der Aerzte behauptet dagegen,
-dass eine Vermehrung der Fleischbestandtheile in der gemischten
-Kost den Menschen im Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger
-gegen Krankheiten mache. Ich meine, dass die naturgemässe Kost
-unter normalen Verhältnissen dem Menschen auch am besten bekommt,
-dass für einen geschwächten oder in schlechtem Ernährungszustand
-befindlichen Organismus eine womöglich nur vorübergehende Verstärkung
-des Fleischzusatzes vortheilhaft ist, und dass es irrationell ist,
-sich in gesunden Tagen mit zu starkem Fleischzusatz zu verwöhnen,
-weil damit die Möglichkeit einer vortheilhaften Steigerung in
-Krankheitsfällen ausgeschlossen ist. Dabei ist zuzugeben, dass durch
-die ärztliche Bevorzugung der Fleischkost nicht selten die Grenze
-der vortheilhaften Mischung überschritten wird, die namentlich bei
-manchen jüngeren weiblichen Individuen ziemlich tief liegen kann, und
-dass in solchen Fällen die Betreffenden<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[&ndash; 8 &ndash;]</a></span> den Uebergang zur reinen
-Pflanzenkost für zuträglicher verspüren können als die übertriebene
-Fleischdiät, weil erstere von ihrer natürlichen Mischungslinie weniger
-weit abliegen kann als letztere. Ferner ist zu berücksichtigen, dass
-in Folge der steigenden Wohlhabenheit der Kulturvölker in den letzten
-Menschenaltern in allen Gesellschaftsschichten die Nahrhaftigkeit der
-durchschnittlichen Verköstigung sehr gestiegen ist, so dass bei der
-Anpassung des ererbten Appetits an eine schlechtere Kost eine gewisse
-Ueberernährung gegenwärtig sehr verbreitet ist; will man solche
-Ueberernährung mit ihren gesundheitsschädlichen Folgen beseitigen, so
-ist das einfachste Mittel, bei den Mahlzeiten mässiger zu sein, das
-demnächst einfachste, zu einer minder nahrhaften Kost zurückzukehren,
-so dass die gesundheitsdienlichen Folgen der vegetarianischen Kost bei
-überernährten Vielessern leicht erklärlich sind. Ausserdem können die
-vielfach behaupteten Vortheile einer vegetarianischen Lebensweise in
-naturgemässen Lebensvorschriften (Leben in frischer Luft, Vermeidung
-von Spirituosen und Pflanzenalkaloiden <span class="nowrap">u. s. w.</span>) gesucht werden, welche
-mit einer naturgemässen gemischten Kost ebenso gut zu vereinigen
-sind, wie mit reiner Pflanzenkost; insofern der Uebergang zu beiden
-zugleich gemacht wird, wird häufig der letzteren Ursache eine Wirkung
-zugeschrieben, die nur von der ersteren abhängt. Wo hingegen unter
-völligem Gleichbleiben der sonstigen Lebensgewohnheiten nicht etwa
-eine übertriebene Fleischkost, sondern eine individuell naturgemässe,
-gemischte Kost mit reiner Pflanzenkost vertauscht wird, da wird der
-Regel nach eine Schwächung des Organismus durch Herabsetzung seines
-Ernährungszustandes die Folge sein, und nur ausnahmsweise wird dieses
-Ergebniss in unmerklich geringem Grade eintreten, sei es, dass der
-Betreffende eine hinreichend gute<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[&ndash; 9 &ndash;]</a></span> Verdauung hat, um erheblich mehr
-essen und trinken zu können als bisher, sei es, dass die Linie der
-richtigen Mischung für ihn ohnehin schon sehr nahe an der reinen
-Pflanzenkost lag.</p>
-
-<p>Da diese Behauptungen nicht streng zu erweisen sind, ebensowenig wie
-diejenigen der Vegetarianer und der Schwärmer für möglichst reine
-Fleischkost, zwischen denen sie in der Mitte liegen, so können wir über
-diesen Punkt hinweggehen; wir können es um so eher, als selbst die
-Vegetarianer sich meist damit begnügen, auf anderm Wege zu begründen,
-dass ihre Pflanzenkost die allein rationelle sei. Sie sagen nämlich,
-die Pflanzenkost ist im Stande, dieselbe chemische Zusammensetzung
-der Speisen zu liefern wie die Fleischkost, ist also nicht geringer
-an Nährwerth als diese; sie schützt aber vor den Gefahren, welche die
-Fleischkost mit sich führt, ist also in Summa besser als diese.</p>
-
-<p>Nun ist es zwar richtig, dass Pflanzenkost dieselbe chemische
-Zusammensetzung der Speisen liefern kann wie Fleischkost, aber es
-ist unrichtig, den Nährwerth der Speisen bloss nach ihrer chemischen
-Zusammensetzung zu schätzen. Vielmehr ist derselbe ebensosehr
-durch den Verdaulichkeitsgrad der Speisen wie durch ihre chemische
-Zusammensetzung bedingt, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass
-der Procentsatz der von den dargebotenen Nährstoffen assimilirten
-Nährstoffe entscheidet, sondern ausserdem noch mit Berücksichtigung
-der bei der Verdauung gleicher Procentsätze verbrauchten lebendigen
-Kraft. Der Vorzug der Fleischkost für den Organismus liegt darin,
-dass sie nicht nur einen grösseren Procentsatz der dargebotenen
-chemischen Stoffe assimiliren lässt, sondern auch dem Organismus bei
-der Assimilirung gleicher procentualischer Mengen eine geringere
-Arbeitsleistung zumuthet. Der Nährwerth eines Stoffes ist proportional
-der bei normaler<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[&ndash; 10 &ndash;]</a></span> Verdauung assimilirbaren Quote desselben
-<em class="gesperrt">abzüglich</em> desjenigen Theils derselben, welcher das Aequivalent
-der bei der Verdauung verbrauchten lebendigen Kraft darstellt, und vom
-Organismus vorweggenommen werden muss, um nur den status quo vor der
-Verdauung wieder herzustellen. Lässt man zwei Gruppen von Sperlingen
-gleiche Zeit hungern und bietet dann der einen Gruppe Körnerfutter,
-der anderen gehacktes rohes Fleisch, so erholt sich ein weit grösserer
-Procentsatz bei letzterer als bei ersterer Behandlung; <span class="nowrap">d. h.</span> die
-Leichtverdaulichkeit einer Speise fällt um so mehr ins Gewicht, je
-weniger lebendige Kraft ein Organismus für die Verdauungsarbeit noch
-übrig und verfügbar hat.</p>
-
-<p>Nun haben alle einigermassen leichtverdaulichen pflanzlichen
-Nahrungsmittel einen im Vergleich zum Fleisch nur sehr geringen
-Nährwerth; dagegen gehören die einzigen Pflanzenstoffe, deren chemische
-Zusammensetzung mit derjenigen des Fleisches wetteifern kann, die
-Hülsenfrüchte und Pilze, zu den am allerschwersten verdaulichen
-Nahrungsmitteln. Deshalb fällt es auch den Vegetarianern gar nicht
-ein, ihre Mahlzeiten durch hinreichenden Zusatz von Hülsenfrüchten
-der chemischen Zusammensetzung einer Fleischmahlzeit anzunähern, weil
-schon der Instinkt sich gegen solche tägliche Belastung des Magens
-mit Hülsenfrüchten sträuben würde; vielmehr begnügen sie sich mit
-Mahlzeiten von viel geringerem theoretischem Nährwerth als Fleisch und
-benutzen das Vorhandensein der Hülsenfrüchte mehr nur als theoretisches
-Argument. Aber auch diejenigen Pflanzenstoffe, welche einen erheblich
-geringeren theoretischen Nährwerth haben als Fleisch, sind trotzdem für
-einen normalen menschlichen Organismus immer noch schwerer verdaulich
-als Fleisch. Hiernach ist jede auf die Dauer erträgliche Pflanzenkost
-sowohl um vieles ärmer an Nährstoffen als die Fleischkost, als auch
-schwerverdaulicher<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[&ndash; 11 &ndash;]</a></span> als diese, so dass die vegetarianische Behauptung,
-dass beide im Nährwerth gleichstehen, den Thatsachen in jeder Hinsicht
-widerspricht.</p>
-
-<p>Dass das Fleisch von kranken Thieren, besonders wenn es nicht gut
-gekocht oder gebraten ist, Krankheiten im Gefolge haben kann,
-ist ebensowenig zu bestreiten, wie dass man durch den Genuss von
-ungekochten Pflanzenstoffen (Salaten etc.) krank werden kann; den
-Finnen und Trichinen stehen die Eier des Hundebandwurms gegenüber,
-die im Menschen zum verderblichen Echinococcus auswachsen. Rohe
-Pflanzentheile und rohes Fleisch sind beide gefährlich, gekocht beide
-ungefährlich, besonders da wo gute Gesundheitspolizei gehandhabt
-und für den Verlust an erkranktem oder unbrauchbarem Schlachtvieh
-Entschädigung geleistet wird. Völlig haltlos ist die vegetarianische
-Behauptung, dass auch sogenanntes gesundes Fleisch, weil es sich
-beim Genuss in dem mit der Leichenstarre beginnenden Stadium der
-Fäulniss befinde, ein schädliches Reizmittel sei, welches besonders
-auf die Nerven und die Herzthätigkeit verderblich einwirke. Will man
-jede rückschreitende Metamorphose Fäulniss nennen, so ist auch die
-Verdauung ein Fäulnissprocess, und befinden sich dicke Milch, Butter,
-Käse, alle gegohrenen Getränke und alles Hefegebäck oder Honiggebäck
-ganz ebenso und in noch höherem Grade im Zustande der Fäulniss wie
-gesundes Fleisch, das bekanntlich einige Tage nach dem Schlachten viel
-gesünder und leichter verdaulich ist als unmittelbar nach demselben,
-und zwar deshalb, weil die rückschreitende Metamorphose vor dem
-Genuss dem Verdauungsprocess einen Theil seiner Arbeit erspart. Dass
-ein mässiger Genuss gesunden Fleisches für Nerven und Herzthätigkeit
-„verderblich“ sei, ist geradezu aberwitzig, und nicht minder grundlos
-ist die Behauptung, dass erst der Fleischgenuss zum Missbrauch<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[&ndash; 12 &ndash;]</a></span> von
-Gewürzen und Spirituosen verleite; denn der Missbrauch von Gewürzen
-ist am grössten bei Gemüsen, Mehlspeisen und Gebäck, nicht bei reinen
-Fleischspeisen, den meisten Branntwein konsumiren die kartoffelessenden
-Irländer und die kohlessenden Polen und Russen, und die Naturvölker
-stürzen mit gleicher Gier auf das importirte Feuerwasser, mögen sie an
-Pflanzenkost oder gemischte Kost gewöhnt sein. Wenn die Vegetarianer
-sich darauf beschränken wollten, den Genuss rohen Fleisches als
-gesundheitsgefährlich zu bekämpfen und auf Verbesserung der das
-Schlachtvieh betreffenden Gesetze und Einrichtungen hinzuwirken,
-so wären sie ebenso sehr im Recht, wie sie jetzt über das Ziel
-hinausschiessen, wenn sie allen Fleischgenuss als gesundheitsgefährlich
-bekämpfen. Selbst bei dem früheren Fehlen aller Vorsichtsmassregeln
-war doch der Procentsatz der Geschädigten so unerheblich, dass er
-gar nicht in Betracht kommen konnte gegen den Nachtheil, welchen die
-gänzliche Enthaltung vom Fleischgenuss der Leistungsfähigkeit des
-Volkes zugefügt haben würde. Es muss demnach der Versuch des Beweises,
-dass die Pflanzenkost bei gleichem Nährwerth geringere Nachtheile als
-die Fleischkost im Gefolge habe und darum vorzuziehen sei, in beiden
-Theilen als missglückt gelten.</p>
-
-<p>Aber wenn die Pflanzenkost nicht rationell heissen kann in Bezug auf
-den einzelnen, der sie geniesst, so könnte sie darum doch rationell
-sein in Bezug auf die Völker, welche sie annehmen, und dies in solchem
-Masse, dass selbst die Nachtheile, die sie für den einzelnen hat,
-dagegen zurücktreten müssen. In der That behaupten die Vegetarianer,
-dass allgemeiner Uebergang zur Pflanzenkost den Speiseluxus beseitigen
-und dadurch einen Hauptgrund zur neidischen Unzufriedenheit der
-ärmeren Klassen aus der Welt schaffen würde. Nun ist zuzugeben, dass
-nichts so sehr den Neid der<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[&ndash; 13 &ndash;]</a></span> Armen erregt, als die Fleischtöpfe der
-Wohlhabenderen, die ihnen unerschwinglich sind, <span class="nowrap">d. h.</span> dass die sociale
-Frage noch weit mehr Fleischfrage als Brodfrage ist; allein dies
-spricht gerade gegen den Vegetarianismus, und beweist, dass derselbe
-die letzten Triebfedern des Völkerlebens verkennt. Die Sehnsucht
-nach den Fleischtöpfen wird in den Massen niemals erlöschen, auch
-wenn alle gebildeten Stände behufs Lösung der socialen Frage zu
-Vegetarianern würden, und eben darum ist die sociale Frage, insofern
-sie „Fleischfrage“ ist, auf diesem Wege nicht zu lösen. Anderseits
-würde schon heute jeder Deutsche täglich Fleisch essen können, also aus
-diesem Grunde die Reichen nicht mehr zu beneiden brauchen, wenn er es
-nicht vorzöge, das dazu für ihn und seine Familie mehr als ausreichende
-Geld für sich allein auf Schnaps, Bier und Cigarren zu verwenden. Wenn
-der Vegetarianismus seine Agitation gegen diese gesundheitsschädlichen
-und socialgefährlichen Genussmittel richten wollte, so wäre mit einem
-Erfolg auf diesem Felde die sociale Frage, soweit sie „Fleischfrage“
-ist, von selbst mitgelöst. Uebrigens ist es ein Irrthum, dass der
-Speiseluxus bloss an Fleischspeisen gebunden ist; er kann sich in der
-vegetarianischen Küche ebensogut entfalten, und würde sich ohne Zweifel
-in derselben zu gleichen Uebertreibungen verirren, sobald es nur erst
-eine grössere Anzahl sehr reicher Vegetarianer gäbe.</p>
-
-<p>Eine andere Frage ist die, wie sich die Ernährung der Menschheit in
-einer Zukunft gestalten wird, in welcher alle Erdtheile so dicht
-bevölkert sein werden wie jetzt Europa. Diese Fragen haben nicht
-wir zu lösen, die wir heute ebensowenig im Stande wären, ohne
-Getreideeinfuhr zu leben als ohne Vieheinfuhr. Sollte einmal alles
-Schlachtvieh von der Erde verschwinden und jede Wiese zum Acker
-werden, von<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[&ndash; 14 &ndash;]</a></span> dessen Früchten sich die Menschen unmittelbar ernähren
-müssen, dann wird die Menschheit jener fernen Zukunft sicherlich
-einen Charakter energieloser Mittelmässigkeit zeigen, ebenso wie es
-heute die vorwiegend vegetarianischen Völker thun. Denn es scheint,
-dass die Pflanzenkost zahmer, sanfter, geduldiger, indolenter,
-unfähiger zu hervorragenden körperlichen und geistigen Leistungen,
-unfähiger zur Initiative, zu energischen Entschliessungen, kurz,
-passiver, willenloser, quietistischer und geistloser macht, und
-dass es nur die passiven Tugenden und das vegetative Traumleben
-(Somnambulismus <span class="nowrap">u. dergl.</span>) sind, welche durch dieselben begünstigt
-werden. Für die vegetativen und reproduktiven Aufgaben des Lebens,
-wie sie bei Landleuten und beim weiblichen Geschlecht überwiegen, mag
-Pflanzenkost ausreichen, nicht aber für die gesteigerten Anforderungen
-an gesteigerte Produktivität, wie das moderne Kulturleben der Städte,
-insbesondere der Grossstädte, sie an die arbeitenden Männer stellt.
-Mit dem Fleischgenuss seiner kulturtragenden Minderheit hört ein Volk
-auf, eine aktive Rolle in der Geschichte zu spielen und verzichtet
-auf die thätige Mitarbeit am Kulturprocess, welche einen durch blosse
-Pflanzenkost nicht zu erzielenden Ueberschuss an geistiger Energie über
-die Bedürfnisse des vegetativen Lebens hinaus erfordert. Nur solche
-religiöse und philosophische Weltanschauungen können ohne Widerspruch
-mit sich selbst den Vegetarianismus als wesentlichen Bestandtheil in
-sich aufnehmen, welche keine Entwickelung, keinen Fortschritt, keinen
-realen Weltprocess, kurz keine aktiven sittlichen Kulturaufgaben
-der Menschheit anerkennen, sondern in einem entwickelungslosen
-Traumidealismus und dem davon unabtrennbaren passiven Quietismus
-befangen sind.</p>
-
-<p>Die reine Pflanzenkost ist nach alledem ebensowenig rationell wie
-naturgemäss; sie ist vielmehr eben<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[&ndash; 15 &ndash;]</a></span>so kulturwidrig wie naturwidrig.
-Es bleibt nur noch die letzte Begründung des Vegetarianismus
-durch Humanitätsrücksichten zu erörtern. Nun kann es aber keine
-angebliche Humanitätsrücksicht geben, welche im Stande wäre, etwas
-zu rechtfertigen, das zugleich naturwidrig und kulturfeindlich ist;
-wäre wirklich jede Abweichung von reiner Pflanzenkost so inhuman,
-wie die Vegetarianer behaupten, so müsste man diese Inhumanität
-ruhig mit in den Kauf nehmen, um nicht gegen die sittliche Pflicht
-der Menschheit zur Erfüllung ihrer Kulturaufgabe zu verstossen, und
-könnte die Verantwortung für solche Inhumanität getrost der Vorsehung
-anheimgeben, welche unsere Natur so eingerichtet hätte, dass wir nur
-auf inhumanem Wege unsere Mission erfüllen könnten. In der That tritt
-aber bei dem Streit um die Humanität eine Verschiebung der Frage ein,
-welche von den Vegetarianern in der Regel geflissentlich verdunkelt
-wird. Die Behauptung, dass es inhuman sei, Milch, Butter, Käse und
-Eier zu geniessen, würde in den heutigen Ansichten unseres Volkes kein
-Verständniss finden; deshalb beschränken sich die Vegetarianer auf die
-Behauptung, dass das Tödten von Thieren zum Zweck des Fleischgenusses
-inhuman sei. Die Humanitätsrücksicht dient also nur zur Begründung
-jenes Vegetarianismus der laxeren Observanz, welcher nicht die
-Nahrungsmittel animalischer Herkunft, sondern nur den Fleischgenuss als
-solchen bekämpft.</p>
-
-<p>Nun ist es zweifellos, dass man mit einer richtigen Mischung aus
-Pflanzenkost und Milch, Butter, Käse und Eiern vortrefflich bestehen
-und allen Anforderungen des Lebens genügen kann; eine solche Kost ist
-aber eben keine Pflanzenkost, sondern eine gemischte Kost, also eine
-zwar naturgemässe und rationelle, aber eben nicht vegetarianische
-Diät. Wäre die Behauptung der Vegetarianer, dass reine Pflanzenkost
-die allein naturgemässe<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[&ndash; 16 &ndash;]</a></span> und rationelle Diät ist, richtig, so müsste
-die gemischte Kost, gleichviel ob ihre animalischen Bestandtheile von
-lebenden oder todten Thieren stammen, naturwidrig und irrationell
-sein; ist sie das aber nicht, so ist eben damit jene Behauptung des
-Vegetarianismus preisgegeben. Wenn die Fleischkost nun insoweit
-verwerflich ist, als sie das Tödten lebender Geschöpfe zum Verspeisen
-herbeiführt, nicht aber sofern die Produkte lebender Thiere umfasst,
-dann ist damit zugestanden, dass nicht die animalische oder
-vegetabilische Herkunft der Nahrungsmittel als solche, sondern die
-näheren Umstände ihrer Erlangung, nicht die Angemessenheit an unsere
-Organisation und Lebenszwecke, sondern Rücksichten, die auf einem
-ganz anderen Gebiet liegen, für die Entscheidung massgebend sind. Da
-die Bedenken gegen das Fleisch als gelegentlichen Krankheitsträger
-schon oben erledigt sind, so müssten diese Vegetarianer der laxeren
-Observanz zugeben, dass die Erweiterung ihrer Tafelgenüsse durch Braten
-und Fisch ihnen sehr erwünscht sein müsste, wenn nur ein Engel ihnen
-diese Speisen vom Himmel brächte mit der Versicherung, dass sie nicht
-von getödteten Thieren entnommen, sondern durch ein Wunder geschaffen
-seien. Dies ist also ein principiell anderer Standpunkt, und es ist
-inconsequent, beide miteinander verknüpfen zu wollen; die Vertreter
-dieses Standpunkts sollten ihn als Antikannibalismus streng vom
-Vegetarianismus unterscheiden.</p>
-
-<p>Das Humanitätsargument stellt nämlich das Verzehren von getödteten
-Thieren dem Verzehren von getödteten Menschen, <span class="nowrap">d. h.</span> dem Kannibalismus,
-gleich, insofern auch die Thiere als unsere Brüder im Reiche des Lebens
-zu betrachten seien. Dieses Argument beweist schon darum nichts, weil
-es zu viel beweist. Es ist eine oberflächliche und unwissenschaftliche
-Volksmeinung,<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[&ndash; 17 &ndash;]</a></span> dass ein Eidotter eine homogene Flüssigkeit und nicht
-ebensogut ein lebendes und empfindendes Individuum wie etwa ein
-Spanferkel sei; es ist ein Vorurtheil, dass nur die Thiere unsere
-Brüder im Reiche des Lebens und der Empfindung seien, die Pflanze aber
-nicht. Es ist reine Willkür, die Grenzlinie, jenseits deren wir das
-Lebendige zum Verzehren tödten dürfen, zwischen Thier und Pflanzenreich
-zu ziehen; ein anderer könnte mit gleichem Recht oder Unrecht diese
-Grenze zwischen Wirbelthieren und Wirbellosen, ein dritter zwischen
-Warmblütern und Kaltblütern, ein vierter zwischen den Affen und den
-übrigen Säugetieren, ein fünfter zwischen den anthropoiden und den
-übrigen Affen ziehen. Dies alles ist grundlose Willkür der subjektiven
-Meinung und aus wissenschaftlichem Gesichtspunkt gleich unhaltbar; aus
-letzterem giebt es nur zwei in sich consequente Standpunkte, zwischen
-denen man zu wählen hat.</p>
-
-<p>Entweder nämlich muss man die Grenze zwischen der organischen und
-anorganischen, der lebendigen und leblosen Natur ziehen, oder aber
-zwischen der Species, zu welcher wir gehören, und allen übrigen
-Specien. Im ersteren Falle verzichtet man auf alle organisirten, <span class="nowrap">d.
-h.</span> lebendigen und lebensfähigen Nährstoffe (wozu alle Blätter, Keime
-und Samen gehören) und auf alle organischen Nährstoffe, die nur durch
-Tödtung von lebenden Pflanzen oder Pflanzentheilen zu erlangen sind,
-und beschränkt sich auf solche organische Nährstoffe, welche nicht
-mehr lebensfähige natürliche Sekrete von Pflanzen oder Reste von schon
-abgestorbenen Pflanzen sind, oder auf noch zu erfindende künstliche
-Nährstoffe, die von der synthetischen Chemie aus unorganischen
-Stoffen im Laboratorium zu bereiten sind. Im letzteren Falle dagegen
-beschränkt man den Kannibalismus, wie die Natur selbst es im ganzen
-Thierreich thut, auf die Individuen der eigenen Species; denn jedes
-Thier frisst<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[&ndash; 18 &ndash;]</a></span> ungescheut Thiere anderer Art, scheut aber mit seltenen
-(teleologisch besonders zu begründenden) Ausnahmen vor dem Verzehren
-von seinesgleichen zurück. Im ersteren Falle verabscheut man das
-Verzehren von zerstückelten Leichen als Kannibalismus, gleichviel ob
-die getödteten Brüder aus dem Reiche des Lebens Thiere, Pilze oder
-Pflanzen sind, und respektirt die Heiligkeit und Unantastbarkeit des
-Lebens in jeder Gestalt; im letzteren Falle erkennt man die grossen
-Gradverschiedenheiten der Verwandtschaft mit anderen Lebewesen an
-und zieht die Grenze für den Kannibalismus da, wo die Natur sie uns
-durch den eigenen Instinkt und die Analogien des gesammten Thierreichs
-vorgezeichnet hat. Die Wahl in dieser Alternative scheint mir nicht
-schwer; will man seine Kost nicht auf vermodertes Laub und abgestorbene
-Pilze beschränken, so muss man sich nothgedrungen für die andere Seite
-der Alternative entscheiden, verliert dann aber auch das Recht, von der
-Inhumanität des Fleischgenusses zu reden.</p>
-
-<p>Dass die Jagd ein inhumanes Handwerk ist, kann gar nicht bestritten
-werden; denn ihre Art, zu tödten, ist bei Treibjagden grausam,
-immer unsicher und oft qualvoll für verwundetes und entkommenes
-Wild. Die Jagd ist aber in den Kulturländern ohnehin auf den
-Aussterbeetat gesetzt, und auch bei uns, wo der Grundadel sie noch
-künstlich als Ueberbleibsel aus roheren Zeiten kultivirt, ist doch
-der Procentsatz des gejagten Wildes ein sehr kleiner unter allem
-getödteten Vieh. Dass auch das Schlächterhandwerk noch nicht auf der
-Höhe unserer heutigen Humanitätsanforderungen steht und in dieser
-Richtung verbesserungsbedürftig ist, kann man ebenso zugeben und
-nur wünschen, dass der Vegetarianismus an diesen beiden Punkten die
-berechtigten Thierschutzbestrebungen unterstütze. Der Einwurf, dass das
-Schlächterhandwerk verroht, fällt weg, wenn nur<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[&ndash; 19 &ndash;]</a></span> noch mit zweckmässigen
-Schlachtmasken geschlachtet, und eventuell das Eintreiben des Stiftes
-von einer durch blossen Fingerdruck auszulösenden mechanischen Kraft
-bewirkt wird; zu entbehren ist jedes Schlächterhandwerk auch dann
-nicht, wenn man das Fleisch der getödteten Thiere wegwirft, so lange
-überhaupt noch Zuchtvieh gehalten wird. Wenn man nun annähme, dass
-nur Zuchtvieh zur Verzehrung gelangte, das auf rationelle Weise
-geschlachtet wäre, so könnte eine Inhumanität nicht mehr zugegeben
-werden. Sterben müsste ja jedes Schlachtthier doch einmal, und wenn
-der Mensch ihm einen Tod bereitet, der schneller und schmerzloser
-als der natürliche ist, so ist das eher eine positive Humanität zu
-nennen. Wenn alle Menschen auf Fleisch verzichteten und statt dessen
-Milch und deren Ableitungsprodukte genössen, so würde man mindestens
-ebensoviel Vieh wie jetzt züchten müssen, müsste aber, falls man das
-Schlachten für inhuman hielte, für die nicht mehr milchenden Kühe
-Alterversorgungsanstalten und für alle männlichen Kälber Asyle anlegen,
-in denen sie bis zu ihrem natürlichen Tode zwecklos verpflegt würden.
-Wenn dagegen alle Menschen zur reinen Pflanzenkost übergingen, so würde
-gar kein Vieh mehr gezüchtet werden; nach der üblichen optimistischen
-Auffassung muss es aber ein positiver Gewinn für die Lustbilance der
-Welt sein, dass der Mensch im allgemeinen Kampf ums Dasein Thieren das
-Leben gönnt, die sich bis zu ihrem schnellen schmerzlosen Tode des
-Lebens freuen können, und selbst vom pessimistischen Standpunkt aus
-würde man einen Menschheitsbeschluss, die Hausthierrassen gänzlich
-auszurotten, mindestens nicht seiner Humanität wegen rühmen können.
-Wenn man übrigens ohne Milchkühe nicht auskommt und vernünftigerweise
-die ausgedienten Milchkühe und die männlichen Kälber nicht zwecklos
-weiter füttern kann, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[&ndash; 20 &ndash;]</a></span> schlechterdings tödten muss, so ist
-nicht abzusehen, warum man deren Fleisch fortwerfen soll, statt es zu
-verzehren. Solange man ferner noch Wollschafe hält, gilt das nämliche
-für den zu reichlichen Nachwuchs der Schafherden. Damit ist aber ein
-Zustand als human und vernünftig anerkannt, der ganz mit dem heute
-bestehenden zusammenfällt, und das Princip des Mitleids hat damit
-jedes auch nur scheinbare Recht zum Mitsprechen in der Ernährungsfrage
-eingebüsst.</p>
-
-<p>Der Versuch, die Inhumanität des Fleischgenusses mit objektiven
-Gründen nachzuweisen, ist hiernach als gescheitert zu betrachten und
-es bleibt dem Vegetarianismus nur die letzte Zuflucht offen, sich auf
-das Gefühl zu berufen. Wenn jemand erklärt, es sei gegen sein Gefühl,
-das Fleisch von einem Thier zu essen, nicht nur von einem solchen, das
-er lebend geliebt oder doch lebend gekannt oder gar selbst getödtet
-hat, sondern auch von einem solchen, das er nicht gekannt hat und das
-von einem anderen getödtet ist, so ist darüber nicht zu streiten,
-und man kann jedem seine Gefühle und die Berücksichtigung derselben
-gönnen, so lange er dadurch anderen nicht unbequem, also namentlich
-gegen anders Fühlende nicht intolerant und agressiv wird. Niemand
-wird einem Tischnachbarn Braten aufdrängen, wenn derselbe erklärt,
-der Fleischgenuss widerstrebe seinem Gefühl; wenn mir aber mein
-vegetarianischer Nachbar vorwirft, mein Fleischessen sei inhumaner,
-barbarischer Kannibalismus, so weise ich ihn mit der Entgegnung zurück,
-sein vegetarianisches Gefühl sei eine verschrobene, zimperliche
-Sentimentalität ohne objektive Begründung.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[&ndash; 21 &ndash;]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="II_Unsere_Stellung_zu_den_Thieren">II.<br />
-Unsere Stellung zu den Thieren.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Thiere sind mit uns gleichen Geschlechts, wenn auch nicht gleicher
-Art, unsere Vettern älterer Linie, gleichviel ob man in diesem
-Ausdruck nur ein Bild oder die treffende Bezeichnung einer wirklichen
-genealogischen Verwandtschaft sehen will. Sie sind nach gleichem
-Grundtypus gebaut, und ihr natürliches Leben verläuft in den gleichen
-natürlichen Verrichtungen wie das unsrige; aber auch ihr Seelenleben
-zeigt dieselben Grundfunktionen (Vorstellung und Wille nebst Gefühl),
-denselben Widerstreit zwischen Selbstsucht und socialen Instinkten,
-und dieselbe geistige Grundanlage für Geberden- und Wortsprache,
-wie die relative Verständnissfähigkeit aller höheren Thiere für die
-menschliche Wortsprache und die Fähigkeit einiger zur Nachahmung
-keineswegs unverstandener Worte beweist. Der Unterschied zwischen
-Thier und Mensch ist nur ein solcher des Grades; er wird nur dadurch
-scheinbar zu einem Unterschiede der Art, dass alle Säugethiere ausser
-dem Menschen stumm sind und darum in ihrem geistigen Leben auch nur
-mit stummen Menschen verglichen werden dürfen. Ein Stummer, der nicht
-künstlich und mühsam zum Verständniss und Gebrauch der Schriftsprache
-erzogen ist, findet sich ebenso wie das Thier auf unartikulirte
-Laute und Geberden beschränkt; sein Denken ist allemal anschaulicher
-als dasjenige Redender von sonst gleicher Bildungsstufe, aber es
-entbehrt doch nicht der Begriffe, wenn es sie auch nicht mit Worten
-bezeichnen kann, und vollzieht ebensogut eine logische Verknüpfung der
-(anschaulichen und begrifflichen) Vorstellungen wie dasjenige Redender.
-In demselben Sinne können wir auch dem anschaulichen Vorstellungsleben<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[&ndash; 22 &ndash;]</a></span>
-der Thiere weder Begriffe noch logische Verknüpfung der Vorstellungen,
-<span class="nowrap">d. h.</span> eigentliches Denken, absprechen, so dass man hier vergeblich
-eine scharfe Grenzlinie zwischen Mensch und Thier sucht. Nur weil
-die Menschen allmählich eine Wortsprache ausgebildet und den so
-entwickelten Wortsprachsinn auf ihre Nachkommen vererbt haben, sind
-stumme Menschen soviel bildungsfähiger als Thiere, denen sie sonst auch
-der Art nach gleich stehen würden, wogegen der blödsinnige Mensch tief
-unter dem normalen Thiere steht.</p>
-
-<p>Dass wir zu den Thieren in moralischen Beziehungen stehen, ist
-hiernach zweifellos; die sittliche Verpflichtung, Niemanden zu
-verletzen, vielmehr jedem nach Kräften zu helfen, bezieht sich
-auf alle empfindenden Lebewesen ohne Ausnahme, gleichviel ob man
-dieselben als Mitgeschöpfe desselben Herrgotts, als Kinder desselben
-Vaters im Himmel, als natürliche Vettern älterer Linie, oder als
-objektive Erscheinungen desselben Einen Weltwesens betrachtet. Die
-moralischen Beziehungen des Menschen zu den Thieren bestehen auch
-unabhängig davon, ob das einzelne Thier seinerseits zu einer mehr
-oder minder vollkommenen oder unvollkommenen Auffassung dieser
-Beziehungen im Stande ist, und ob es fähig und gewillt ist, die
-Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft des Menschen zu erwidern; das
-wäre eine traurige Sorte von Moralität, die von der Gegenseitigkeit
-der Leistungen abhängig gemacht würde, und nur da gäbe, wo sie auf
-Entgelt oder Lohn von der andern Seite hoffen dürfte. Damit ist aber
-nicht ausgeschlossen, dass die moralischen Beziehungen befestigt und
-mit reicherem Inhalt erfüllt werden, wo beide Theile zu einander
-in ein gemüthliches Verhältniss oder in ein stillschweigendes
-Vertragsverhältniss gegenseitiger Leistungen eintreten; denn in solchem
-Falle würde das einfache Unrecht einer Verletzung durch Verwickelung<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[&ndash; 23 &ndash;]</a></span>
-mit Untreue, Undank, Unbilligkeit <span class="nowrap">u. s. w.</span> erschwert. Diese Erschwerung
-tritt auch dann ein, wenn die Thiere kein Bewusstsein davon haben, dass
-sie dem Menschen durch ihren erzwungenen Gehorsam Dienste leisten; es
-genügt, dass der Mensch die Dienste der Thiere annimmt, beziehungsweise
-erzwingt, um ihn zu den entsprechenden billigen Gegenleistungen
-moralisch zu verpflichten.</p>
-
-<p>Das Thier ist somit moralisches Rechtssubjekt, <span class="nowrap">d. h.</span> das Subjekt
-derjenigen moralischen Forderungs-Rechte, welche den moralischen
-Pflichten des Menschen ihm gegenüber korrespondiren, und deren
-Verletzung für den Menschen ein moralisches Unrecht ist; dagegen kann
-der Mensch an das Thier keine höheren moralischen Ansprüche stellen,
-als insoweit dessen Fassungsvermögen ihm das Verständniss seiner
-moralischen Beziehungen zum Menschen gestattet, hat aber dafür das
-moralische Befugniss-Recht, das Thier zwangsweise zu den ihm dienlichen
-Leistungen zu verwenden.</p>
-
-<p>Alle bisherigen Rechtssysteme lassen als juridische Rechtssubjekte nur
-menschliche Individuen oder statutenmässig festgestellte menschliche
-Zwecke (moralische Personen) zu. Es ist kein begrifflicher Grund
-abzusehen, warum ein Rechtssystem nicht auch Thiere als juridische
-Rechtssubjekte zulassen sollte, da doch blödsinnige Menschen als solche
-gelten. Es ist aber ein Missverständniss des Unterschiedes zwischen
-moralischen und juridischen Rechten und Pflichten, zu behaupten, dass
-von Rechtswegen (<span class="nowrap">d. h.</span> aus dem Gesichtspunkt eines eingebildeten
-und seinem eigenen Begriff widersprechenden Naturrechts oder
-Vernunftrechts) eigentlich die Thiere auch juridische Rechtssubjekte
-sein müssten. Das juridische Recht ist immer positiv, <span class="nowrap">d. h.</span> historisch,
-und kann seiner Natur nach immer nur einen Theil der Sphäre des
-moralischen Rechts umfassen; welche Theile<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[&ndash; 24 &ndash;]</a></span> der Sphäre des moralischen
-Rechts in das juridische Rechtssystem, <span class="nowrap">d. h.</span> in die positive
-Rechtsordnung durch die Gesetzgebung aufzunehmen seien, kann niemals
-selbst wieder von juridischen Erwägungen abhängen, sondern nur durch
-Rücksichten der Zweckmässigkeit und Opportunität bedingt sein.</p>
-
-<p>Dass aber ein dringendes Bedürfniss aus Zweckmässigkeitsgründen
-bestände, durch Gesetzgebung die juridische Rechtsfähigkeit der Thiere
-in unser Rechtssystem einzuführen, das ist entschieden zu bestreiten.
-Vor allem würde die Lage der Thiere durch eine solche Aenderung ihrer
-formalen Stellung zur Rechtsordnung inhaltlich gar nicht berührt
-werden, da ihre Rechte doch immer nur durch Vertretung von Menschen
-würden wahrgenommen werden können, wie sie es jetzt nöthigen Falls auch
-schon werden (wenn <span class="nowrap">z. B.</span> eine alte Dame eine Summe für die Pensionirung
-ihres Lieblingshundes ausgesetzt hat). Die einzige wünschenswerthe
-Aenderung der Gesetzgebung in Betreff der Thiere ist die, dass Rohheit
-oder Bosheit in deren Behandlung nicht bloss straffällig sein muss,
-wenn sie öffentliches Aergerniss giebt, sondern auch, wenn sie als
-eine insgeheim erfolgte, oder als eine vor zustimmenden Zuschauern
-stattgehabte nachgewiesen werden kann. Diese Abänderung hat aber mit
-der Erhebung der Thiere zu juridischen Rechtssubjekten gar nichts zu
-thun, denn die Gemeingefährlichkeit des in solcher Handlungsweise
-sich offenbarenden Charakters genügt für sich allein schon, um
-den Staat in diesem Falle ähnlich wie bei anderen Verbrechen, wo
-keinem Rechtssubjekt ein Unrecht geschieht, an seine Pflicht des
-Schutzes der Gesellschaft durch rechtzeitige Bekämpfung derartiger
-gemeingefährlicher Charaktereigenschaften zu erinnern.</p>
-
-<p>Unser juridisches Verhältniss zu den Thieren ist somit nur indirekter
-Art; unser Rechtssystem zieht die<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[&ndash; 25 &ndash;]</a></span> moralischen Beziehungen der Menschen
-zu den Thieren nur so weit in seine Sphäre, als die Interessen der
-<em class="gesperrt">menschlichen Gesellschaft</em> durch dieselben berührt werden, zu
-deren Sicherstellung und Schutze die Rechtsordnung allein errichtet
-ist. Es ist also unrichtig, unser juridisches Verhältniss zu den
-Thieren darum als ein direktes aufzufassen, weil unser moralisches
-Verhältniss zu denselben ein solches ist; es ist aber auch ebenso
-unrichtig, die Unmittelbarkeit des letzteren darum zu bezweifeln oder
-zu bestreiten, weil das erstere ein bloss mittelbares ist. Wir haben
-nicht deshalb uns der Verletzung der Thiere zu enthalten, weil eine
-solche unsrer Menschenwürde nicht gemäss, oder unserem pflichtmässigen
-Streben nach Selbstvervollkommnung hinderlich, oder von anderweitigen
-ungünstigen Rückwirkungen auf den Handelnden und die menschliche
-Gesellschaft sein würde, sondern zuerst und vor allem deshalb, weil wir
-das moralische Recht jedes empfindenden Lebewesens ohne Ansehen von
-Stand oder Person, also auch ohne Ansehen von Rasse, Species und Genus
-zu respektiren haben. Diese Achtung vor allen lebendigen und fühlenden
-Mitgeschöpfen (mag man sie nun auf die Achtung vor dem Schöpferwillen
-oder auf die Wesenseinheit der verschiedenen Erscheinungsindividuen
-gründen) ist einfach eine Forderung der (moralischen) Gerechtigkeit;
-denn „Gerechtigkeit“ besagt in letzter Instanz nichts andres als die
-Anerkennung der „Gleichgültigkeit des empfindenden Subjekts“.<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a></p>
-
-<p>Wie die moralischen Beziehungen unter Menschen, so müssen
-auch diejenigen zwischen Thier und Mensch vor allem auf dem
-unerschütterlichen Grunde der (moralischen) Gerechtigkeit ruhen; nur
-aus diesem rationalistischen<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[&ndash; 26 &ndash;]</a></span> Moralprincip ist eine deutliche und
-scharf bestimmte Grenzlinie des Verhaltens abzuleiten, nicht aus den
-schwankenden Principien der Gefühlsmoral. Letztere sind unentbehrlich,
-theils um die Motivationskraft des gerechten Verhaltens zu verstärken,
-theils um innerhalb des von der Gerechtigkeit gelassenen Spielraums
-dem positiven Wohlwollen zur Geltung zu verhelfen; aber sich selbst
-überlassen sind sie gerade die stärksten Verführer zu ungerechtem und
-unbilligem Verhalten, und es ist ganz unmöglich, die Gerechtigkeit
-aus einem einzelnen Gefühlsmoralprincip (<span class="nowrap">z. B.</span> dem Mitleid) oder aus
-der Summe derselben abzuleiten. Wer sich in seinem Verhalten zu den
-Thieren von der Gerechtigkeit leiten lässt, der wird so wie so, ob er
-mitleidig ist oder nicht, dem Thiere nichts Unbilliges zumuthen oder
-zufügen, und das Mitleid käme bei ihm nutzlos hintennach gehinkt,
-wenn es mitsprechen wollte; wer aber sich von dem Mitleid, der
-Gutmüthigkeit und Weichherzigkeit bestimmen lässt, der wird in seinem
-Verhalten nur durch Zufall mit den Forderungen der Gerechtigkeit
-gelegentlich übereinstimmen, und oft genug dieselben verletzen. Wenn
-der weichherzige Thierfreund eine arme Familie keuchend einen schwer
-belasteten Handwagen ziehen und schieben sieht, so neigt er stets dazu,
-sich zum Anwalt des mitangespannten überbürdeten Hundes aufzuwerfen und
-zu Gunsten desselben die überbürdeten Menschen noch mehr zu überbürden;
-er vergisst dabei nur, dass der gut behandelte Familienhund es als sein
-Recht und seine Ehre betrachtet, sich mit seinen Herren mitzuplagen,
-und dass die Menschen bei ihrer scheinbar freiwilligen Quälerei oft
-weit mehr unter der Geissel eines zwingenden Schicksals stehen und weit
-schwerer unter diesem harten Zwange leiden, als das vom Menschen zur
-Arbeit gezwungene Thier. So lange die Menschen noch im Schweisse ihres
-Angesichts ihr Brod<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[&ndash; 27 &ndash;]</a></span> verdienen und zeitweilig über ihre Kräfte sich
-anstrengen müssen, wird es eine Ungerechtigkeit bleiben, ihnen jede
-auch nur zeitweilige Ueberanstrengung der Arbeitsthiere zu verwehren.
-Eine Ueberanstrengung der Arbeitsthiere aus unzureichenden Gründen
-ist dagegen ebenso ungerecht wie unvernünftig und bedarf zu ihrer
-Verurtheilung nicht erst des Mitleids.</p>
-
-<p>Das Mitleid ist bekanntlich ein zweischneidiges Schwert: insoweit es
-Unlust ist, drängt es ebensosehr dazu, den Anblick der Gelegenheiten
-seiner Entstehung durch Ausweichen zu meiden als diejenigen
-abzustellen, deren Anblick man auf keine Weise aus dem Wege gehen
-kann; soweit es aber ein Gefühl ist, das dazu anlockt, seine Anlässe
-aufzusuchen, ist es ein Lustgefühl und als solches verleitet
-es zugleich dazu, die zu bemitleidenden Leiden nicht nur nicht
-abzustellen, sondern geradezu erst recht herbeizuführen. Das Mitleid
-ist der Grausamkeitswollust eng verwandt, und es ist ganz irrthümlich
-zu glauben, dass Giftmischer oder Thierquäler aus Passion kein Mitleid
-mit ihren Opfern empfinden, da sie ohne eine starke Emotion des
-Mitgefühls gar keine so starke Lust aus dem fremden Leid schöpfen
-könnten. Deshalb geht man fehl, wenn man glaubt, den passionirten
-Thierquäler durch Erweckung seines Mitleids von seiner verworfenen
-Neigung abbringen zu können; erst wenn man ihn nöthigt, sich selbst als
-das von einem andern in gleicher Weise gequälte Wesen vorzustellen und
-durch diese Vorstellung sein Gerechtigkeitsgefühl zur Reaktion bringt,
-wird man hoffen dürfen, einen Erfolg zu erzielen. Denn selbst von einem
-andern gequält zu werden, empfindet jeder als ein angethanes Unrecht,
-so dass es nur der Abstraktion von der Individualität des Gequälten und
-des Quälers bedarf, um das Unrecht auch bei der Umkehrung einzusehen.</p>
-
-<p>Auf der andern Seite schiesst das Mitleid mit den<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[&ndash; 28 &ndash;]</a></span> Thieren über das
-Ziel hinweg, indem es keine Rücksicht darauf nimmt, ob wir uns mit
-denselben im Kriegs- oder Friedenszustande befinden. Nun befindet
-sich aber die Menschheit mit allen Thierarten im Kriegszustande,
-denen gegenüber sie sich im Kampfe ums Dasein zu behaupten hat, und
-nur mit denjenigen im Friedenszustande, welche im Kampf ums Dasein
-mit der übrigen Thierwelt entweder helfende Bundesgenossen oder doch
-wenigstens Neutrale sind. Die Religion des Mitleids, der Buddhismus,
-verlangt, dass man sich ruhig von Tigern fressen, von Giftschlangen
-und Scorpionen stechen, von Läusen peinigen lässt, wenn man kein
-Mittel besitzt, sich ihnen auf friedlichem Wege zu entziehen,
-stempelt aber die Tödtung eines dieser Thiere zu einem todeswürdigen
-Verbrechen, durch das man allen sonst etwa erworbenen Anspruch auf
-Heiligkeit wieder einbüsst. Die Absurdität dieser Folgerung zeigt die
-Unhaltbarkeit des Princips, von dem sie richtig abgeleitet ist.</p>
-
-<p>Der Kampf ums Dasein ist nicht minder ein Krieg aufs Messer, wo er ein
-indirekter, <span class="nowrap">d. h.</span> Wettbewerb um die Mittel des Lebens ist; deshalb ist
-es ebensosehr eine Existenzfrage für die Menschheit, dass sie das Wild
-und die Schmarotzer des Feldes und Hauses (Mäuse, Ratten, Ameisen) bis
-zur Vernichtung bekämpft. Jedes Stück Nahrungsmittel, dessen sich ein
-Thier bemächtigt, obwohl es zur Ernährung eines Menschen hätte dienen
-können, verschlimmert die Situation der auf der Hungergrenze lebenden
-Glieder der Menschheit; jedes Mitleid auf diesem Gebiet opfert einen
-Menschen, um ein Thier zu retten, wenn sich auch der dabei geopferte
-Mensch nicht mit dem Finger zeigen lässt. Aus diesem Gesichtspunkt ist
-jeder Luxus in der Erhaltung überflüssiger Thiere mit Nahrungsmitteln,
-die für Menschen hätten dienen können, ein Unrecht an der Menschheit;
-dabei ist es gleichgültig, ob die betreffenden Nahrungsmittel<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[&ndash; 29 &ndash;]</a></span> den
-Menschen direkt oder indirekt, <span class="nowrap">d. h.</span> durch Ernährung von nützlichen
-Thieren hätten dienen können. Nicht als unnütz dürfen solche Thiere
-gerechnet werden, welche der Belehrung (in zoologischen Gärten) oder
-der Befriedigung von Gemüthsbedürfnissen dienen (Stubenhunde, -Katzen,
--Vögel etc.); noch weniger sind es die Thiere, welche dem Menschen
-bei der Jagd, beim Kampf gegen Schmarotzer, bei der Bewachung seines
-Eigenthums, bei seiner Ortsbewegung oder seinen sonstigen Arbeiten
-Beistand leisten, oder welche zur Produktion von Nahrungsmitteln und
-Bekleidungsstoffen gezüchtet werden. Aber auch solche Thierarten
-müssen in ihrer Vermehrung so weit beschränkt werden, dass ihre
-Zahl nicht über die zum Nutzen des Menschen erforderliche Grösse
-hinauswächst, weil der Ueberschuss zu den überflüssigen Verzehrern von
-Nahrungsmitteln gehören würde.</p>
-
-<p>Der Kampf gegen die schädlichen und unnützen Thierarten so wie
-derjenige gegen eine schädliche Vermehrung der relativ nützlichen
-Thierarten ist eine Pflicht des Menschen gegen die Menschheit; da die
-Menschheit höhere sittliche und Kulturaufgaben zu lösen hat als das
-Thierreich, so steht auch die Pflicht gegen die Menschheit der Pflicht
-gegen die Thiere voran, und die mitleidige Gutmüthigkeit, welche sich
-im gegebenen Falle nicht zur Tödtung der Thiere entschliessen kann, ist
-ebenso unsittlich wie die Weichherzigkeit eines Familienvaters, der
-seinen Kindern das Brod wegnimmt, um es dem an seiner Thüre bettelnden
-arbeitsscheuen Landstreicher zu reichen, oder wie die Empfindsamkeit
-einer alten Jungfer, die ihren fetten Mops mit Braten und Zuckerbrod
-füttert, während ihre Dienstboten sich mit Kochfleisch und Schwarzbrod
-begnügen müssen.</p>
-
-<p>Jede Gattung im Naturhaushalt braucht einen Regulator, der ihr
-Ueberwuchern verhindert; einer der<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[&ndash; 30 &ndash;]</a></span> wichtigsten dieser Regulatoren
-ist der Mensch und seine bezüglichen Pflichten im Naturhaushalt
-sind um so ausgedehnter und dringlicher geworden, je mehr er die
-übrigen Regulatoren (die Raubthiere) von der Erde verdrängt hat. Wenn
-er jetzt, wo er in Kulturländern für die meisten Arten grösserer
-pflanzenfressender und allesfressender Thiere sich zum einzigen
-Regulator gemacht hat, sich durch mitleidige Regungen abhalten lässt,
-seines Amtes zu walten, so verletzt er nicht nur seine Pflichten gegen
-die Menschheit sondern auch seine Pflichten gegen die gesetzmässige
-Ordnung des irdischen Naturhaushaltes und die Erhaltung ihres
-Gleichgewichts. Ueberall wo es an regulirenden Raubthieren fehlt,
-führt solche Sentimentalität sich sehr bald praktisch ad absurdum, wie
-die Frösche der Abderiten beweisen, oder die 49 Katzen, welche der
-gemüthvolle junge Dichter ein Jahr nach seinem Verbot der Tödtung des
-ersten Wurfes besass. So gelangt die Sentimentalität gegen die Thiere
-gar leicht dazu, sich lächerlich zu machen, nämlich überall da, wo zwar
-ihre absurden Konsequenzen in die Anschauung fallen, wo aber nicht ihre
-indirekte Schädlichkeit und principielle Unsittlichkeit zum Bewusstsein
-kommt (deren Ernsthaftigkeit den komischen Eindruck der ersteren
-verhindern würde).</p>
-
-<p>Die empfindsame Weichherzigkeit ist in sittlicher Hinsicht eine höchst
-bedenkliche Eigenschaft<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>, und man darf sich darum auch nicht wundern,
-wenn man diesen ihren bedenklichen Charakter auch in ihrem Einfluss auf
-unsre Verhältnisse zu den Thieren bestätigt findet. Ueberall wo man
-einem Menschen begegnet, der sich durch übermässige Zärtlichkeit und
-ostentative Weichherzigkeit gegen Thiere auszeichnet, ist der Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[&ndash; 31 &ndash;]</a></span>dacht
-gerechtfertigt, dass man es mit einem Individuum zu thun habe, welches
-für seinen Mitmenschen nicht viel übrig hat und welches die aus seiner
-mangelhaften Pflichterfüllung gegen letztere auf seinen Charakter zu
-ziehenden Schlussfolgerungen durch ein Uebermaass von Rücksichtnahme
-und Wohlthätigkeit gegen die Thiere vor sich selbst, oder auch nur
-vor Andern, zu entkräften sucht. Oft ist es nur das instinktive
-Streben nach einer Herstellung des sittlichen Gleichgewichts, was
-die zu wenig Gerechtigkeit in sich fühlenden Menschen dahin drängt,
-ein übertriebenes Gewicht auf ihr „gutes Herz“ zu legen; oft ist es
-geradezu die Lieblosigkeit des angeborenen Charakters, welche zum
-Gegengewicht gegen den unklar gefühlten Mangel, zu einer gewaltsamen
-Pflege des Mitleids und der Barmherzigkeit führt; nicht selten aber
-ist es gradezu der Menschenhass und die Missachtung des eignen
-Geschlechts, welche gleichsam eine gewaltsame Zusammendrängung aller
-verfügbaren Gefühlswärme in das Verhältniss zu den Thieren zur Folge
-hat. Die versauerte alte Jungfer, der verbitterte Misanthrop, der
-Menschenverächter auf dem Throne, der kalt-grausame Ketzerrichter,
-der blutdürstige Revolutionsheld, das sind die Typen, bei denen die
-Ueberzärtlichkeit für die Thiere ihren Gipfel zu erreichen pflegt.</p>
-
-<p>Wer sein Verhältniss zu den Thieren aus dem Gesichtspunkt der
-Gerechtigkeit regelt, der wird auch dann die Inferiorität des Thieres
-niemals vergessen, wenn er mit einem bestimmten thierischen Individuum
-in ein engeres Freundschaftsverhältniss tritt; nur ein solcher wird
-fähig sein, dem Thiere die grösste Wohlthat angedeihen zu lassen,
-welche der Mensch ihm erweisen kann: die Erziehung, während das gute
-Herz nur zu verziehen, <span class="nowrap">d. h.</span> zu verderben versteht. Wer sich zu den
-Thieren nicht hingezogen fühlt und sich damit be<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[&ndash; 32 &ndash;]</a></span>gnügt, ihnen kein
-Unrecht zu thun, der kann darum doch das warmherzigste und wackerste
-Mitglied der menschlichen Gesellschaft sein; wer aber für die Thiere
-eine empfindsame Ueberzärtlichkeit entwickelt, dessen Charakter möge
-man nicht minder mit Misstrauen begegnen wie einem, der sie zu seinem
-Vergnügen martert. Freilich können auch traurige Erfahrungen und
-unverschuldetes Unglück den Menschen zur Vereinsamung geführt haben,
-und einem solchen wird man es gerne gönnen, wenn sein verödetes Herz
-die letzte Zuflucht zu der Thierwelt nimmt; aber in der Regel liegt der
-gemüthlichen Vereinsamung eine Schuld zu Grunde, eine Missachtung und
-Nichterfüllung der Ansprüche, welche die menschliche Gesellschaft an
-jedes ihrer Glieder zu stellen berechtigt ist.</p>
-
-<p>Die vorstehenden Bemerkungen dürften genügen zum Erweise, dass das
-Mitleid kein brauchbares Princip zur Feststellung der ethischen
-Grenzlinie des Verhaltens gegen die Thiere ist, dass vielmehr diese
-Grenzlinie nur durch die Gerechtigkeit gezogen werden kann, welche
-dem Thiere giebt, was des Thieres ist, aber auch dem Menschen giebt,
-was des Menschen ist, und welche die Pflichten gegen die Menschheit
-und den Naturhaushalt der Erde als die höheren im Vergleich mit den
-Pflichten gegen die Thiere anerkennt. Wir alle ohne Ausnahme sind nicht
-nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, den Kampf ums Dasein der
-Menschheit gegen die Thierwelt mitzukämpfen, also die schädlichen und
-unnützen Mitbewerber um die irdischen Bedingungen des Lebens zu tödten;
-wir sind aber ebenso verpflichtet, bei diesem Kampfe jede unnütze Härte
-und Grausamkeit zu vermeiden. Das nämliche gilt für unsre Benutzung
-der Thiere zur Förderung der menschlichen Kulturzwecke, sowohl was
-die Verwendung thierischer Arbeitskraft, also auch was die Förderung
-der Wissenschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[&ndash; 33 &ndash;]</a></span> und Heilkunst durch Anstellung von Experimenten
-anbetrifft.</p>
-
-<p>Die moderne Naturwissenschaft hat ihren Rang als exakte Wissenschaft
-wesentlich durch die experimentelle Grundlage ihres induktiven
-Verfahrens gewonnen, und kann das Experiment nicht aufgeben, ohne
-vom Range einer exakten Wissenschaft wieder herunter zu steigen. Nun
-können Experimente über physiologische und pathologische Processe nur
-an lebenden Körpern gewonnen werden, und jeder Arzt muss fortwährend
-an seinen Patienten experimentiren. Jedes neue Heilmittel, jedes
-neue Gift, jeder neu entdeckte chemische Stoff muss auf seine
-physiologische Wirkung am lebenden Körper experimentell geprüft werden,
-jede neue kühne chirurgische Operation muss ein Mal zum ersten Mal
-an einem lebenden Organismus versucht werden. Die Erforschung der
-Krankheitsursachen, insbesondere der organischen Krankheitsträger kann
-nur durch ausgedehnte Impfversuche mit den Züchtigungsergebnissen der
-Reinkulturen fortschreiten; die Ergründung der Funktionen verschiedener
-Theile des centralen Nervensystems kann nur durch experimentelle
-Eingriffe in den normalen Lebensprocess gefördert werden. Oft genug
-schon hat die Begeisterung für den Fortschritt der Wissenschaft junge
-Aerzte dahin geführt, an sich selbst solche Versuche anzustellen, die
-manchmal mit dem Leben bezahlt wurden; den Steinschnitt verdanken
-wir einem französischen Arzte, der vom König die Erlaubniss erhielt,
-einen zum Tode verurtheilten, steinleidenden Verbrecher zum ersten
-Versuchsobjekt zu nehmen.</p>
-
-<p>Solche physiologischen Versuche können für ihre Objekte mit gar
-keinen oder geringfügigen Unbequemlichkeiten verbunden sein (wie
-<span class="nowrap">z. B.</span> manche Fütterungsversuche); sie können äusserst lästig sein,
-ohne dass irgend ein Eingriff in den Organismus stattfindet (<span class="nowrap">z. B.</span><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[&ndash; 34 &ndash;]</a></span>
-die dauernde Einsperrung in eine enge Glasglocke zur Bestimmung der
-Ausathmungsgase); sie können endlich schweres Siechthum und mehr
-oder minder sichern Tod herbeiführen (wie <span class="nowrap">z. B.</span> die Impfungsversuche
-mit Krankheitsträgern, oder die quantitative Feststellung der
-Giftwirkungen). Wer irgend mit der modernen Physiologie, Pathologie und
-Medicin vertraut ist, der weiss, dass die Zukunft dieser Wissenschaften
-ganz und gar von einer rationellen Fortführung solcher Versuche, und
-zwar im ausgedehntesten Maassstabe abhängt; wer einer andern Ansicht
-huldigt, befindet sich im Widerspruch mit der erdrückenden Mehrheit
-der Vertreter jener Fächer. Selbst dann, wenn die entgegengesetzte
-Ansicht, dass alle Thierversuche überflüssig und nutzlos für die
-Wissenschaft seien, im Rechte wäre, und selbst dann, wenn es gelänge,
-die gesetzgeberischen Konsequenzen dieser Ansicht zu ziehen, <span class="nowrap">d. h.</span>
-alle Thierversuche zu verbieten, würde doch dieses Verbot wirkungslos
-sein; die Forscher, welche oft genug muthig genug sind, an sich selbst
-gewagte Versuche anzustellen, würden heimlich die Thierversuche um
-so eifriger fortsetzen, als ihnen eventuell von Seiten einer nach
-ihrer Meinung unvernünftigen Gesetzgebung das Martyrium zu Ehren der
-Wissenschaft in Aussicht stände.</p>
-
-<p>Anstatt den alten Grundsatz „fiat experimentum in corpore vili“
-der Thierwelt gegenüber ausser Kraft setzen zu wollen, sollte man
-vielmehr ernstlich in Erwägung ziehen, ob es nicht rathsam und
-geboten sei, Verbrecher als corpora vilia zu benutzen; <span class="nowrap">d. h.</span> den zur
-Todesstrafe Verurtheilten freizustellen, ob sie statt der Hinrichtung
-ein lebensgefährliches Experiment an sich vornehmen lassen wollen,
-und den zu geringeren Strafen Verurtheilten anheimzugeben, ob sie
-ihre Strafe durch Preisgebung zu mehr oder weniger schmerzhaften
-und quälenden Versuchen abbüssen wollen. Die Wissenschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[&ndash; 35 &ndash;]</a></span> und die
-Gefängnissverwaltungen würden davon gleichmässig Vortheil, das Recht
-und das Publikum keinen Nachtheil haben, und den Verbrechern würde
-nichts geschehen, wozu sie nicht eingewilligt haben. Ein solches Gesetz
-würde mit einem Schlage alle sentimentalen Klagen über ungerechte
-Behandlung der Thiere durch die Naturforscher gegenstandlos machen,
-indem sie dem Thierversuch den Menschenversuch anreihte; denn wenn man
-den Thieren nichts anthun dürfte, wozu man nicht ihre Zustimmung vorher
-eingeholt hätte, so dürfte man sie auch nicht gegen ihren Willen tödten
-oder zu Arbeiten anhalten.</p>
-
-<p>Dass keine Gesetzgebung im Stande ist, Missbräuche zu verhüten,
-liegt ebenso auf der Hand, wie dass eine Sache um so mehr dem
-Missbrauch ausgesetzt ist, je edler und je wichtiger sie ist. Die
-beste und wirksamste Vorkehrung gegen missbräuchliche Behandlung
-der Thierversuche liegt in einer sorgfältigen Unterweisung der
-Studierenden über die zweckmässige technische Anstellung derselben,
-über ihre Leistungsfähigkeit und Tragweite; das gesetzliche Verbot,
-die Thierversuche in die Lehrvorträge aufzunehmen, würde nur die
-entgegengesetzte Wirkung haben, <span class="nowrap">d. h.</span> der unverständigen und
-ungeschickten Pfuscherei auf diesem Gebiete Vorschub leisten. Die
-inhaltliche Erwägung, ob der eventuelle Nutzen bestimmter Versuche
-wichtig genug ist, um die den Versuchsthieren zugefügten Leiden
-zu rechtfertigen, liegt selbstverständlich ganz ausserhalb der
-gesetzgeberischen und richterlichen Zuständigkeit und kann nur durch
-Sachverständige festgestellt werden, <span class="nowrap">d. h.</span> sie muss letzten Endes doch
-dem Takt und Gewissen der in ihren Fachkreisen tonangebenden Forscher
-anheimgestellt bleiben. Die öffentliche Meinung hat die Aufgabe,
-durch ihre Stimme das Gewissen der Forscher in dieser Richtung zu
-schärfen und ihren Takt<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[&ndash; 36 &ndash;]</a></span> zu verfeinern; sie kann aber diese Aufgabe
-nicht schlechter erfüllen, als wenn sie das Kind mit dem Bade
-ausschüttet und durch ihren Unverstand die Forscher an den Gedanken
-gewöhnt, dass sie sich um die jedenfalls unmögliche Zufriedenstellung
-einer irregeleiteten öffentlichen Meinung überhaupt nicht mehr zu
-bekümmern brauchen. Das jetzt so beliebte Schlagwort „Vivisektion“
-benutzt das Grauen der meisten Laien vor dem chirurgischen Messer
-und dem fliessenden Blut als Schreckgespenst zur Verwirrung der
-Urtheilsfähigkeit; nur der kleinste Theil der Thierversuche bedient
-sich chirurgischer Eingriffe, und diese brauchen gar nicht besonders
-schmerzhaft zu sein und sind mindestens durchschnittlich nicht
-diejenigen unter den Thierversuchen, welche mit den schwersten Leiden
-für die Objekte verknüpft sind.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="III_Die_Gleichstellung_der_Geschlechter">III.<br />
-Die Gleichstellung der Geschlechter.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Niemand wird der excentrischen Ansicht einiger Physiologen beistimmen,
-dass der männliche wie der weibliche Organismus nur ein Appendix der
-bezüglichen Fortpflanzungswerkzeuge, ein zur Sicherstellung ihrer
-Funktionen unentbehrlicher Hülfsapparat sei; aber dennoch liegt in
-dieser Uebertreibung eine Wahrheit, die von allen Denjenigen übersehen
-wird, welche für Gleichheit der Geschlechter schwärmen. In dem
-physiologischen Geschlechtscharakter des Mannes und Weibes ist nicht
-nur ein Unterschied, sondern geradezu ein Gegensatz<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[&ndash; 37 &ndash;]</a></span> anzuerkennen,
-und dieser auf keine Weise aus der Welt zu schaffende Gegensatz ist
-bestimmend für das gesammte natürliche und geistige Leben der Menschen.
-Dieser Gegensatz ist derjenige von Aktivität und Passivität, von
-Begehren und Gewähren, Werben und Umworbensein; er besteht nicht nur
-in der Gesellschaft der Unverheiratheten, sondern setzt sich auch
-im ehelichen Leben fort. Ein Mann von geschlechtlicher Passivität
-erscheint als ein hinter seiner natürlichen Aufgabe zurückbleibender,
-unmännlicher Mann; ein Weib von geschlechtlicher Aktivität erscheint
-als ein ihre Sphäre überschreitendes, unweibliches Weib. Wären beide
-aktiv, so würde das Geschlechtsleben alle übrigen Seiten des Lebens
-überwuchern; wären beide passiv, so würde der Naturzweck nicht mehr
-hinlänglich gesichert sein. Darum erscheint es als eine teleologische
-Einrichtung der Natur, dass das eine Geschlecht seinem normalen
-Instinkte nach aktiv, das andere passiv ist, und es heisst die
-Zweckmässigkeit dieser Natureinrichtung verkennen, wenn man dem einen
-oder dem andern Geschlechte aus seiner Naturanlage einen Vorwurf macht,
-oder wenn man dahin strebt, die socialen Folgen und Erscheinungsformen
-dieses Gegensatzes künstlich abzustumpfen und auszugleichen. Wenn
-dieses Bestreben in weiterem Umfange von Erfolg gekrönt wäre, so müsste
-es das männliche Geschlecht unmännlich, oder das weibliche unweiblich
-machen, oder beides zugleich in gewissem Grade, und die üblen Folgen
-für die Erhaltung der Bevölkerung könnten nicht lange ausbleiben.</p>
-
-<p>Wäre der Mann nicht begehrend, so hätte das Weib nichts zu gewähren,
-was dem Manne werthvoll schiene, so hörte damit auch die Macht des
-weiblichen Geschlechts über das männliche auf. Denn diese Macht beruht
-lediglich darauf, dass das Weib etwas zu gewähren<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[&ndash; 38 &ndash;]</a></span> hat, was der Mann
-begehrt, und dass die geschlechtliche Passivität dem Weibe das Versagen
-leichter macht, als dem Manne das Entsagen. Diese Macht ist aber
-auch so gross, dass überall und in allen Völkern die thatsächliche
-Beherrschung des männlichen Geschlechts durch das weibliche trotz
-des äusseren Scheines vom Gegentheil die Regel bildet; das durch sie
-hergestellte Verhältniss überdauert gewohnheitsmässig die Periode der
-geschlechtlichen Bethätigung und drückt dem ganzen socialen Leben sein
-Siegel auf. So lange man diese auf dem Geschlechtsgegensatz beruhende
-geheime Uebermacht des weiblichen Geschlechts nicht brechen kann,
-muss als nothwendiges Gegengewicht gegen dieselbe eine rechtliche
-Vorherrschaft des männlichen Geschlechts aufrecht erhalten werden, um
-das Gleichgewicht nur einigermassen wieder herzustellen. Gelänge es
-dagegen den Vorkämpfern für Geschlechtergleichstellung, alle Vorrechte
-der Männer in Staat und Gesellschaft, in Recht und Sitte zu beseitigen,
-so würde damit eine Periode der reinen Weiberherrschaft inaugurirt
-werden, wie nicht die Geschichte, nur die Sage sie bisher kennt.
-Die Schwärmerei für abstrakte Gleichstellung schlägt also praktisch
-mit Nothwendigkeit in ihr Gegentheil um, weil sie die wirksamsten
-Thatsachen ignorirt, sofern dieselben sich der Regelung durch
-gesetzliche Schablonen entziehen.</p>
-
-<p>Erst in zweiter Reihe kommt die Erwägung in Betracht, dass die
-Gefühlsmässigkeit des weiblichen Handelns, welche in der Familie und
-der Geselligkeit so wohl am Platze ist, schlechterdings ungeeignet
-ist zur Ordnung der öffentlichen Angelegenheiten, in denen es auf
-Alleinherrschaft der Vernunft ankommt. Gerechtigkeit und Billigkeit
-würde nach dem Eintritt der Frauen ins öffentliche Leben noch weit
-weniger anzutreffen sein, als jetzt, dagegen würde der Nepotismus
-und<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[&ndash; 39 &ndash;]</a></span> die Intriguenwirthschaft noch mehr Boden gewinnen, und das ganze
-öffentliche Leben würde sich immer mehr zu dem vermittelungslosen
-Gegensatz zwischen einem pfäffisch gegängelten Gefühlskonservatismus
-und einem demagogisch verhetzten, fanatischen Radikalismus zuspitzen.
-Statt einer Stimme würde jede Frau über zwei verfügen, es sei denn,
-dass ihr Mann bereit wäre, den häuslichen Frieden und das Familienglück
-seiner politischen Ueberzeugung zum Opfer zu bringen. In allen
-katholischen Ländern wäre der Sieg der klerikalen Partei besiegelt und
-für die Dauer gesichert, und die Gesammtheit der unter ultramontanen
-Ministerien stehenden, <span class="nowrap">d. h.</span> von Rom aus geleiteten Staaten würden
-eine Macht darstellen, die ausreichte, den allmählichen Triumph des
-jesuitischen Papstthums auf der ganzen Erde zu verbürgen; Niemand hätte
-also mehr Anlass auf politische Gleichstellung der Frauen hinzuwirken,
-als die Ultramontanen, und für Niemand arbeiten die Vorkämpfer der
-Frauen-Emancipation in höherem Maasse als für die katholische Kirche.</p>
-
-<p>Weil die Fortpflanzungsfunktion, die vom Manne nur gelegentlich und
-nebenbei ausgeübt wird, ohne ihn in seinem sonstigen Berufe zu hindern,
-dem Weibe die schwersten Lasten auferlegt und als der Höhepunkt
-und Angelpunkt des weiblichen Lebens erscheint, darum ist auch der
-weibliche Organismus in weit höherem Grade als der männliche auf diese
-Funktion hin veranlagt und durchgebildet, und findet in ihr seinen
-Schwerpunkt, wie der männliche in den Funktionen des Gehirns und der
-willkürlichen Muskeln. Ein Maass an körperlicher oder geistiger Arbeit,
-das der männliche Organismus ganz wohl ohne Nachtheil verträgt, richtet
-den weiblichen Organismus bald zu Grunde, oder nutzt ihn wenigstens
-in viel kürzerer Zeit ab. Schwere körperliche Arbeit konsumirt die
-weibliche Leistungskraft viel<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[&ndash; 40 &ndash;]</a></span> rascher, als die männliche, führt zu
-vorzeitigem Alter und Erschöpfung, setzt die Widerstandsfähigkeit
-gegen Krankheitseinflüsse herab und kürzt durch alles dies die
-Lebensdauer ab. Noch weit schädlicher wirkt angestrengte geistige
-Arbeit auf den weiblichen Organismus, denn das weibliche Gehirn und
-Nervensystem verträgt lange nicht soviel, wie das männliche, weshalb
-schon die Erziehung und geistige Ausbildung beider Geschlechter stets
-eine verschiedene bleiben muss. Am ehesten verträgt der weibliche
-Körper eine Berufsthätigkeit, in welcher leichte körperliche und
-leichte geistige Arbeit gemischt ist, und dem Körper nur mässige
-Bewegung zugemuthet wird. Diese Berufsarten (Schneiderei, Gärtnerei,
-Kleinhandel, Küche und Hauswirthschaft, Kinder- und Krankenpflege)
-sind aber doch zu beschränkt, um jemals eine Gleichstellung des Lohnes
-der weiblichen Arbeit mit der männlichen zu ermöglichen. Selbst bei
-dem Klassenunterricht kleinerer Kinder nutzt die weibliche Lehrkraft
-sich soviel schneller ab, dass die Ersparnisse am Lehrergehalt durch
-Mehrbelastung des Pensionsfonds in Folge früherer Pensionirung
-aufgewogen werden. Das weibliche Geschlecht bleibt darum in der
-Hauptsache &mdash; und ganz besonders in den die Kultur tragenden und
-fördernden Gesellschaftsschichten &mdash; doch immer auf die Ernährung durch
-die Arbeit des männlichen angewiesen, wofür seine sociale Gegenleistung
-in der Hauswirthschaft, Fortpflanzung und Kinderpflege besteht.</p>
-
-<p>Auf dem Gebiete der gesellschaftlichen Sitte ist die Schwärmerei für
-Gleichstellung und gleiche Beurtheilung der Geschlechter nicht minder
-verkehrt, wie auf demjenigen der Politik und der Berufsarbeit. Entweder
-gehen die Emancipationsbestrebungen dahin, dass auch dem Weibe alles
-erlaubt sein müsse, was dem Manne von der Sitte gestattet ist &mdash;
-dann führen sie zu einer<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[&ndash; 41 &ndash;]</a></span> alles Familienleben zerrüttenden und das
-Volkswohl untergrabenden Libertinage; oder der Gleichheitsformalismus
-tritt moralisirend auf und verbietet dem Manne jede Freiheit, die dem
-Weibe durch die Sitte versagt ist, dann führt er zu einem lächerlichen
-Rigorismus, welcher der Natur Unmögliches zumuthet und den Rückschlag
-in sein Gegentheil oder in heuchlerischen Pharisäismus unvermeidlich
-macht.</p>
-
-<p>Nur in einem Punkte ist die Forderung, dass der Mann ebensowenig
-Freiheit haben dürfe, wie die Frau unbedingt zuzugeben, nämlich in
-der monogamischen Ehe, deren Wesen gleiche Treue von beiden Seiten
-und gleiche sittliche Beherrschung etwaiger instinktiver Velleitäten
-zur Untreue erheischt. Aber selbst hier bleibt die Wahrheit bestehen,
-dass die Verletzung der Treue von Seiten des Mannes und von Seiten
-der Frau einen ganz verschiedenen Grad der Missbilligung hervorruft,
-weil sie ganz verschiedene sociale Folgen nach sich zieht, weil die
-eine sich ausserhalb, die andere innerhalb der Familie vollzieht, weil
-die eine das Verhältniss der Kinder zu den Eltern und Geschwistern
-unberührt lässt, die andere es völlig zerstört oder doch durch Zweifel
-untergräbt. Der Mann einer notorisch untreuen Frau hat nur die Wahl,
-entweder Vaterpflichten gegen untergeschobene Bastarde zu üben, oder
-seine eigenen Kinder durch Scheidung mutterlos zu machen; kann er
-die Untreue nicht juridisch beweisen, so bleibt ihm nicht einmal
-diese Wahl, sondern er muss sich der empörenden Nothwendigkeit fügen,
-Kindern, die er nicht für die seinigen halten kann, Kindesrechte
-gegen sich einzuräumen. Schon der blosse Verdacht vergiftet das
-Familienleben, weil es immer das eigene Nest ist, das die etwaige
-Untreue der Frau beschmutzt. Dagegen lässt die Untreue des Mannes, weil
-sie ausserhalb des Kreises der Familie fällt, den Familienstand und
-die<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[&ndash; 42 &ndash;]</a></span> Stellung der Frau als Mutter und Hausherrin intakt, wenn sie auch
-den Rechten und Gefühlen der letzteren eine moralische, und möglicher
-Weise auch dem Familienwohlstand eine materielle Schädigung zufügt.
-Darum hat die gekränkte Frau freie Wahl, ob sie unversöhnlich auf ihrem
-formellen Recht der Scheidung bestehen, oder ob sie vergeben und ihren
-Kindern das gemeinsame Familienleben erhalten will; das Vergeben ist
-ohne Beeinträchtigung ihrer Würde möglich, was bei dem gekränkten Manne
-nicht der Fall ist, und darum hat allein die Frau das Vorrecht, sich
-mit der göttlichen Milde des Verzeihens zu schmücken, welche den Mann
-in gleicher Lage verächtlich macht.</p>
-
-<p>Viel durchgreifender, als in der ehelichen Treue sind die aus dem
-Geschlechtsgegensatz abfliessenden Unterschiede in Bezug auf das
-Leben vor der Ehe. Ein Mann, welcher gegen das geschlechtliche
-Vorleben des zu wählenden Weibes gleichgültig ist (wie gewisse
-spekulative Heirathsannoncen es verkünden) macht sich verächtlich;
-ein Weib dagegen, welches ohne Zweifel an der Ehrenhaftigkeit eines
-Bewerbers daran Anstoss nimmt, dass er schon vor der Bewerbung um
-sie geschlechtlich aktiv war, macht sich lächerlich (so <span class="nowrap">z. B.</span> die
-Heldin in Björnson’s Schauspiel: „Der Handschuh“). Wäre der Mann
-nicht geschlechtlich aktiv, so würde er sich an der Freundschaft mit
-Frauen genügen lassen, und höchstens noch aus äusserlichen, nicht
-zur Sache selbst gehörigen Motiven zur Ehe sich entschliessen; jedes
-feinfühlige Weib sträubt sich aber mit Recht dagegen, bloss aus
-solchen äusseren Motiven zur Ehe begehrt zu werden. Kann also das
-Weib nur bei einem seiner Natur nach geschlechtlich aktiven Mann
-erwarten, um ihrer selbst willen geheirathet zu werden, so ist es
-eine naturwidrige und unverständige Forderung, dass diese Aktivität
-bis zur Bekanntschaft mit ihr habe latent<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[&ndash; 43 &ndash;]</a></span> bleiben und erst bei ihrem
-Anblick erwachen sollen. Umgekehrt dagegen hat der Mann das Recht,
-ein weibliches, das heisst geschlechtlich passives Weib in seiner
-Erkorenen vorauszusetzen, mit anderen Worten eine Jungfrau, die auf
-den Mann ihrer Wahl gewartet hat, um sich von ihm aus dem träumenden
-Schlummer zum wachen Liebesleben wecken zu lassen. Es liegt der höchste
-Reiz für das männliche Liebeswerben darin, ein noch unbeschriebenes
-Blatt vorzufinden, in das er seine Schriftzüge eingraben kann, eine
-noch reine Passivität, <span class="nowrap">d. h.</span> eine noch potentielle Gegenliebe, die
-er erst durch seine Aktivität zur Aktualität erhebt. Darum gilt die
-Jungfräulichkeit der Braut als selbstverständliche, stillschweigende
-Voraussetzung der Eheschliessung, und jede Täuschung über dieselbe
-als gesetzlicher Ehescheidungsgrund, ebensogut wie Ehebruch. Wollte
-man aber dem entsprechend auch die Jungfräulichkeit der Bewerber zur
-Bedingung gültiger Ehen machen, so würden in der Hauptsache nur noch
-solche Männer legitime Familien gründen, deren physiologischer Defekt
-die Fortpflanzung ihrer Naturanlage nicht wünschenswerth macht, und es
-würde durch die Zuchtwahl mehrerer Generationen bei schnell abnehmender
-Bevölkerung eine Sorte von Männern producirt werden, die gar nicht mehr
-an Verheirathung denkt.</p>
-
-<p>Ein Mädchen, das sein Lebensglück ihrem Bewerber anzuvertrauen im
-Begriff steht, thut freilich wohl, alle thatsächlichen Anhaltspunkte
-in Betracht zu ziehen, welche zur Erschliessung seines Charakters
-beitragen können, und zu solchen gehört zweifellos in erster Reihe
-die Art seines Verhaltens gegen andere Frauen, zu denen er bereits
-in Beziehung gestanden hat; aber es kommt dabei nicht sowohl auf die
-Thatsache an, dass er schon vorher andere Verhältnisse angeknüpft
-hatte, als vielmehr darauf, wie er sich in denselben benommen<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[&ndash; 44 &ndash;]</a></span> hat,
-und vor allen Dingen, wodurch dieselben gelöst worden sind. Einen als
-schuldigen Theil geschiedenen Ehemann zu heirathen, ist mindestens ein
-Wagniss, über dessen üblen Ausfall sich kein Weib nachher beklagen
-kann. Auch bei Vermeidung jeder Unehrenhaftigkeit treten oft genug die
-bedenklichsten Charakterzüge, wie Leichtsinn, Selbstsucht, Genusssucht,
-Rücksichtslosigkeit, Unverträglichkeit, Hartherzigkeit, Undankbarkeit,
-Frivolität <span class="nowrap">u. s. w.</span> zu Tage, welche jedes besonnene Mädchen davon
-abschrecken müssen, sich einem solchen Charakter anzuvertrauen. Aber
-es ist dies offenbar etwas ganz anderes, als die Forderung, dass der
-Mann keine andern Verhältnisse angeknüpft haben solle, und darf mit ihr
-nicht verwechselt werden. War das Verhalten desselben vorwurfsfrei, so
-bietet vielmehr ein so in den Prüfungen des Lebens bewährter Bewerber
-eine ungleich grössere Bürgschaft als ein gleichaltriger Unerprobter.
-Wenn es auch zweifelhaft sein mag, ob der Mann zwei Frauen zugleich
-wahrhaft lieben könne, so ist es doch unzweifelhaft, dass er mehrere
-nach einander mit ganzem und vollem Herzen lieben könne, und die
-Behauptung, dass nur Eine Liebe die wahre sei, ist eine unstatthafte
-Verallgemeinerung eines für die weibliche Empfindungsweise wahren
-Satzes auf den Menschen als solchen.</p>
-
-<p>Der Organismus des Mannes bleibt davon völlig unberührt, wenn derselbe
-aus einem Junggesellen zum Gatten und Vater wird; er empfängt nichts
-zu dem Seinigen hinzu und wird durch das, was er giebt, nicht ärmer.
-Das Weib hingegen verhält sich nicht gebend, sondern empfangend
-und tritt dadurch in ein ganz neues physiologisches Lebensstadium,
-das ihren Organismus bis in seine kleinsten Theile alterirt. Eine
-Mutter hat überdiess Monate lange mit einem zweiten Organismus in
-Blutaustausch gelebt, dessen Blutbereitung nur zur<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[&ndash; 45 &ndash;]</a></span> Hälfte durch die
-ererbten mütterlichen, zur andern Hälfte durch die ererbten väterlichen
-Eigenschaften bestimmt war, sie hat also ihre Gewebe theilweise mit
-einem Blute ernährt, das zur Hälfte durch ihren Gatten bestimmt war,
-und hat dadurch Eigenschaften des letzteren in gewissem Grade in
-sich aufgenommen, welche zwar in ihr latent bleiben, desto mehr aber
-in Kindern einer späteren Ehe wieder zu Tage treten können (was man
-ungenau so ausdrückt, dass diese Einflüsse in ganz besonderem Maasse
-auf die Fortpflanzungssphäre wirken). Der Gatte einer Wittwe findet
-also kein unbeschriebenes Blatt mehr vor, sondern einen in gewissem
-Grade durch seinen Vorgänger mitbestimmten Organismus, mit dessen
-Vererbungstendenzen die seinigen erst den Kampf aufzunehmen haben.
-Ein Weib giebt sich demnach in der That ihrem Gatten mit Seele <em class="gesperrt">und
-Leib</em> hin, ein Mann seiner Gattin bloss mit der Seele, und mit dem
-Leibe nur insofern, als er die Verpflichtung übernimmt, für sie mit
-zu arbeiten. Mit diesem physiologischen Unterschiede der Rückwirkung
-der Ehe auf beide Geschlechter hängt der Gegensatz im Instinkt beider
-Geschlechter auf das engste zusammen. So lange die Schwärmer für
-Gleichstellung der Geschlechter jenen physiologischen Unterschied
-nicht wegdekretiren können, werden sie vergeblich an dem Gegensatz der
-Instinkte rütteln und werden mit einer beide Unterschiede ignorirenden
-socialen Gleichmacherei nur widernatürliche Zerrbilder liefern, die an
-ihrer inneren Absurdität scheitern.</p>
-
-<p>Hiermit soll keineswegs auf die Wiederverheirathung der Wittwen ein
-Stein geworfen werden, obwohl die Frivolität, mit welcher dieser
-Gegenstand nur zu häufig in Lustspielen und Romanen behandelt wird,
-des deutschen Volkes nicht würdig ist. Eine kinderlose Wittwe oder
-geschiedene Frau, oder eine solche, die<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[&ndash; 46 &ndash;]</a></span> nicht selbst in der Erziehung
-ihrer Kinder ihre Lebensaufgabe suchen und finden kann, oder die
-allein dieser Aufgabe sich nicht gewachsen fühlt, soll auf keine Weise
-gehindert werden, ihren Lebensberuf in einer zweiten Ehe zu suchen,
-insbesondere, wenn sie in ihrer ersten Ehe die wahre Liebe noch nicht
-durchlebt hat; aber eine Mutter wird immer wohl thun, zunächst in der
-Erziehung ihrer Kinder ihre dringendste Lebensaufgabe zu sehen, und
-wird, wenn sie diese ernst und pflichttreu erfasst, selten Grund haben,
-nach einem weiteren Feld für die Bethätigung ihrer Kräfte auszuspähen.
-Ein Mann braucht sich durch die Wittwenschaft seiner Geliebten nicht
-von der Verbindung mit derselben abhalten zu lassen, aber er soll sich
-darüber klar sein, dass diese Wittwenschaft ein Punkt ist, über den
-er sich hinwegsetzen muss, und dass die Frau es durch ungewöhnliche
-persönliche Vorzüge verdienen muss, dass er sich über diesen Punkt
-hinwegsetzt. Ein Mädchen dagegen, das einen Wittwer heirathet, hat
-sich, was seine Person anbetrifft, über gar nichts hinwegzusetzen,
-kann sich vielmehr freuen, dass es einen schon von ihrer Vorgängerin
-erzogenen und gezähmten Mann bekommt.</p>
-
-<p>Aehnlich ist der Unterschied zwischen einem Manne, der schon einmal
-Bräutigam war, und einem Mädchen, das schon einmal Braut war. Der
-erstere bleibt davon in seinem Werthe unberührt, sofern nur die Lösung
-der Verlobung ohne seine Schuld erfolgt ist; die letztere, auch wenn
-sie ganz schuldlos an dem Auseinandergehen ist, gleicht einer Waare,
-die Havarie erlitten hat, und deren Werth dadurch im Preise gesunken
-ist. Mag sie die weibliche Passivität in ihrem Brautstand noch so wohl
-bewahrt haben, so ist doch die latente Pontentialität ihrer Passivität
-aufgehoben, die Jungfräulichkeit ihres Herzens nicht mehr intakt, der
-Duft von den<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[&ndash; 47 &ndash;]</a></span> Schmetterlingsflügeln abgestreift. Nur einmal kann das
-Weib praktisch lernen, was Liebe ist, und es ist schmerzlich für den
-Liebenden, nicht derjenige sein zu können, der es sie lehrt. Wohl
-treibt ein vom Frühlingsfrost verletzter Baum eine zweite Laubkrone
-empor, aber so reich und üppig, wie die erste, wird sie nicht; so
-entfaltet auch das Mädchenherz eine zweite Blüthe, wenn die erste vor
-der Reife verwelken musste, aber seine volle und ganze Blüthenpracht
-breitet es doch nur da aus, wo die zum ersten Mal erwachende Liebe
-ungestört mit ganzer Kraft alle Phasen durchläuft.</p>
-
-<p>Nun ist dies freilich nicht so zu nehmen, als sollten der noch
-schlummernden Jungfräulichkeit die Träume verwehrt sein, welche
-das künftige Liebesleben ideal anticipiren; denn diese Träume
-greifen in ihrer Gegenstandslosigkeit keinem Rechte eines künftigen
-Bewerbers vor. Ebenso wenig kann man der Jungfrau die unwillkürlichen
-tastenden Versuche verargen, mit denen sie das Ideal ihrer Träume
-den ihr begegnenden wirklichen Männern anzupassen unternimmt, und
-noch untriftiger wäre die Zumuthung, dass die Jungfrau gegen alle
-Bewerber schlechthin spröde sein solle, bis der eine Auserwählte
-kommt, weil der Auserwählte niemals kommen würde, wenn es jedem
-ersten Annäherungsversuche schlechterdings an jedem Entgegenkommen
-fehlte. Nur wenn zufällig die Versuche, das Ideal an die begegnenden
-Männer anzupassen, mit den Bewerbungen eines bestimmten Mannes und
-einem gewissen Entgegenkommen gegen dieselben zusammen treffen, nur
-dann tritt der Punkt ein, wo die Träume der Phantasie im Begriffe
-stehen, in reales Liebesleben umzuschlagen; aber dieses Wünschen und
-Sehnen, Hoffen und Fürchten ist doch erst die Vorhalle zum realen
-Liebesleben und dieses selbst beginnt erst mit dem ausdrücklichen
-oder stillschweigenden Einverständniss beider Theile, <span class="nowrap">d. h.</span> mit<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[&ndash; 48 &ndash;]</a></span> dem
-Eintritte in ein bräutliches Verhältniss, gleichviel ob dasselbe
-Geheimniss der Liebenden bleibt, oder der Familie mitgetheilt, oder vor
-der Gesellschaft erklärt wird. Der Grad der Stärke und Vollständigkeit,
-in welchem die Gefühle in solchem Verhältnisse geweckt und erschlossen
-werden, ist nicht abhängig von seiner längeren Dauer, wenn auch eine
-gewisse Dauer die Vollständigkeit der Aufschliessung begünstigt; sie
-ist ferner unabhängig davon, ob das dem Wunsche vorschwebende Ziel der
-Vereinigung als erreichbar oder unerreichbar gedacht oder in welcher
-Form es vorgestellt wird. Nimmt man den Begriff des bräutlichen
-Verhältnisses in diesem weiteren Sinne, so deckt er sich genau mit
-dem Begriffe des realen Liebeslebens, und so kann dessen Grenze von
-vorbereitenden Anknüpfungsversuchen und von Phantasieträumen mit
-ästhetischen Schein-Empfindungen nicht zweifelhaft sein.</p>
-
-<p>Praktisch freilich ist die Grenze zwischen Anknüpfsversuchen und
-bräutlichem Verhältniss durch die Sitten verschieden gezogen, und
-liegt die Gefahr nahe, bei lebhafter Phantasie ideale ästhetische
-Scheingefühle mit realen zu verwechseln, also blosse Phantasiespiele
-für wirkliches Liebesleben zu halten; indessen belehrt das weit
-schnellere Ausklingen, Verblassen und spurlose Verschwinden der
-Phantasiegefühle nachträglich ziemlich leicht und sicher über deren
-Unterschied von realen Gefühlen und über die etwa stattgehabte
-Verwechselung der ersteren mit den letzteren. Alle Behauptungen von
-Frauen, dass sie öfter als einmal wahrhaft geliebt haben, dürften
-sich darauf zurückführen lassen, dass der Unterschied zwischen
-den Scheingefühlen einer lebhaften Phatasiethätigkeit und dem
-realen Gefühlsleben des Herzens nicht beachtet worden ist; die
-phantasiemässige Anticipation des realen Liebeslebens kann aber bis
-zu einem gewissen Grade der Lebhaftigkeit, Fülle und Feinheit<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[&ndash; 49 &ndash;]</a></span> der
-letzteren förderlich sein. So kann eine schuldlos entlobte Braut,
-die zwar phantasiemässig zu lieben versucht, aber es nicht bis zu
-wirklicher Liebe für ihren Bräutigam gebracht hat, unter Umständen
-ein dankbarerer Gegenstand der Liebe sein, als ein phantasieloses
-Mädchen, das allzu plump und schwerfällig auf die entgegengebrachte
-Liebe reagirt. Aber sowie man es versucht, diesen Satz auszudehnen auf
-Frauen, welche in der Liebe praktisch schon viel durchgemacht haben,
-so tritt der Unterschied zwischen Phantasiespiel und Wirklichkeit
-hervor: der ernste Mann, der dem Weibe seiner Wahl wirklich seine
-Seele hinzugeben verlangt, erwartet auch als Gegengabe ein reines und
-womöglich jungfräuliches Herz, wogegen der Lüstling, der nichts geben,
-sondern nur seine Sinnlichkeit gereizt sehen will, solchen „erfahrenen“
-Frauen eine Zeit lang den Vorzug giebt, bis endlich auch er, der
-stärksten Reize bedürftig geworden, doch wieder zur unentweihten
-Jungfräulichkeit, als dem letzten und höchsten Stimulans, zurückgreift.
-Umgekehrt ist der erfahrene und im Leben geprüfte Mann für ein reines
-Frauengemüth unendlich viel anziehender, als ein Neuling auf dem Felde
-der Liebe, und es sind nur die alternden Frauen, welche dazu gelangen,
-die Unschuld, die ihnen selber längst abhanden gekommen ist, an jungen
-Männern reizend zu finden.</p>
-
-<p>Es bedarf wohl kaum des Hinweises darauf, dass alle diese Unterschiede
-des Verhaltens, in denen der Gegensatz der Geschlechter sich
-ausdrückt, niemals aus eudämonologischen Motiven konservirt zu werden
-beanspruchen können, sondern nur deshalb, weil mit ihrer Missachtung
-und allmählichen Unterdrückung die von der Naturteleologie gesetzten
-Reize zur Verehelichung, <span class="nowrap">d. h.</span> zur Ueberwindung des Egoismus zu Gunsten
-der nächsten Generation, aufhören würden, und damit<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[&ndash; 50 &ndash;]</a></span> der Kulturprocess
-den schwersten Schaden leiden würde.<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="IV_Die_Lebensfrage_der_Familie">IV.<br />
-Die Lebensfrage der Familie.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Unter aller Verhältnissen ist die Lebensdauer der Familien oder
-Geschlechter in den höheren Ständen durchschnittlich kürzer als in den
-mittleren und niederen; aber wohl selten hat es eine Zeit gegeben,
-in welcher das Missverhältniss einen solchen Grad erreicht hat, wie
-gegenwärtig. Es dürfte schwer sein, für diese Behauptung den exakten
-Beweis zu erbringen, da die mittlere Lebensdauer der Familien oder
-Geschlechter in einem Stande nicht unmittelbar abhängig ist von der
-mittleren Lebensdauer der Individuen, welche sie zusammensetzen, und
-von den Lebensläufen der Familien oder Geschlechter in den mittleren
-oder niederen Ständen meist nur kurze Bruchstücke zu verfolgen sind.
-Trotzdem wird man dieser Behauptung beistimmen dürfen, wenn man erwägt,
-dass die drei hauptsächlichen Ursachen, von welchen der Unterschied
-der mittleren Lebensdauer eines Geschlechts in höheren und niederen
-Ständen abhängt, in der letzten Zeit sehr zugenommen haben, nämlich
-der grössere Procentsatz an Unverehelichten, das spätere mittlere
-Heirathsalter und die kleinere durchschnittliche Kinderzahl, die auf
-eine Ehe kommt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[&ndash; 51 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Neben diesen drei Ursachen spielt noch eine vierte mit, welche in
-ihren Wirkungen noch weit schwerer abzuschätzen und der statistischen
-Aufnahme bis jetzt entzogen ist, welche aber darum nicht weniger
-einschneidend wirkt: es ist diess der Umstand, dass gegenüber der
-stärkeren Inanspruchnahme von Muskelkraft und individueller Lebenskraft
-in den Berufsarten der niederen Stände die intensivere Geistesarbeit
-und das intensivere Genussleben der höheren Stände mehr Nervenkraft
-konsumirt und dadurch die Lebenskraft des Geschlechts rascher
-verzehrt. Durch Verbrauch von Nervenkraft wird nämlich mehr als durch
-irgend etwas anderes das Fortpflanzungsvermögen alterirt und zwar
-in doppeltem Sinne, erstens in Bezug auf die Zahl und Tüchtigkeit
-der unmittelbaren Nachkommenschaft, zweitens aber auch noch ganz
-besonders in Bezug auf die Nervenkraft und Fortpflanzungsfähigkeit
-der nächsten Generation, von welcher die Zahl und Tüchtigkeit der
-Nachkommenschaft in späteren Generationen mehr als von irgend einem
-anderen Umstande abhängt. Insoweit sich die fragliche Wirkung in der
-Durchschnittszahl der auf eine Ehe entfallenden Kinder ausspricht, ist
-sie bereits in der dritten der vorangestellten Ursachen in Rechnung
-gestellt; insoweit sie aber die Tüchtigkeit, Fortpflanzungsfähigkeit
-und durchschnittliche Kinderzahl der unmittelbaren Nachkommen betrifft,
-muss sie als ein vierter Factor in Ansatz gebracht werden, was freilich
-erst dann ziffermässig möglich wäre, wenn wir eine vergleichende
-Familienstatistik der verschiedenen Stände und Berufsarten besässen.</p>
-
-<p>Man könnte nun meinen, dass in der kürzeren durchschnittlichen
-Lebensdauer der Familien und Geschlechter in den höheren Ständen
-ein billiger Ausgleich liege für die längere Durchschnittsdauer des
-Individuallebens, und dass es vom Standpunkt des Ganzen be<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[&ndash; 52 &ndash;]</a></span>trachtet
-gerade ein tröstlicher Gedanke sei, dass die Familien der höheren
-Stände, auch wenn sie sich in ihrem Stande behaupten, doch allmählich
-durch Aussterben für ein Nachrücken der niederen Stände Raum machen.
-Indessen die Genugthuung über diesen Ausgleich wäre doch nur eine
-kurzsichtige im Interesse des Ganzen. Denn es würde dabei übersehen,
-dass es vor allem im Interesse des Ganzen liegt, die ererbten und
-generationsweise gesteigerten Anpassungen an höhere sociale und
-kulturelle Aufgaben, durch welche die Mitglieder der höheren Stände
-denen der niederen durchschnittlich überlegen sind, möglichst voll
-auszubeuten und auch für die Zukunft des Processes nach Möglichkeit
-durch Weitervererbung zu verwerthen. So wünschenswerth es ist,
-dass strebsamen und ausnahmsweise günstig veranlagten Individuen
-und Familien das Aufrücken in die höheren Stände offen stehe, um
-diesen immer frisches Blut zuzuführen und sie zur Selbstbehauptung
-durch überlegene Leistungen zu zwingen, so zweckmässig es ferner
-ist, die untüchtigen, arbeitsscheuen und ungünstig veranlagten
-Individuen der höheren Stände durch keine socialen Einrichtungen vor
-dem Wiederhinabsinken in die niederen Stände zu bewahren, ebenso
-unzweckmässig wäre es, den kapitalisirten Gewinn der Arbeit vergangener
-Generationen, wie er in den ererbten Vorzügen der höheren Stände
-vorliegt, leichtsinnig vergeuden zu lassen, wenn man etwas zu seiner
-Erhaltung für künftige Generationen thun kann. Aus diesem Grunde lohnt
-es sich wohl, der Erwägung der Ursachen näher zu treten, durch welche
-die zunehmende Verkürzung der durchschnittlichen Lebensdauer der
-Familien höherer Stände bedingt ist, und sich umzusehen, welche Mittel
-der Abhülfe für diese wachsende Kalamität unseres socialpolitischen
-Lebens zur Verfügung stehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[&ndash; 53 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Es kommt noch eine zweite Folge der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung
-hinzu, welche als ein socialer Uebelstand von der grössten Tragweite
-allgemein anerkannt ist, dessen symptomatische Behandlung aber bis
-jetzt nur das Uebel verschlimmert hat, und der so lange fortdauern
-wird, bis er durch Abstellung seiner Ursachen an der Wurzel erfasst
-wird. Es ist dies die sogenannte Frauenfrage, richtiger Jungfernfrage,
-d. h. die Frage, welchen Beruf man den Weibern anweisen soll, die
-ihren natürlichen Beruf als Frau verfehlt haben. Bekanntlich ist die
-Personenzahl beider Geschlechter in der Jugendblüthe gleich, während
-im Kindesalter das männliche Geschlecht ein wenig, im reiferen Alter
-das weibliche beträchtlich und in wachsendem Maasse überwiegt. Hieraus
-folgt, dass keine Jungfern übrig bleiben würden, wenn Jedermann in
-seiner Jugendblüthe eine Lebensgefährtin wählte. Eine Jungfernfrage
-entspringt erst daraus, dass die Zahl der Mädchen in der Jugendblüthe
-grösser ist als die Zahl der Männer in demjenigen reiferen Lebensalter,
-in welchem sie in den höheren Ständen zur Ehe zu schreiten pflegen,
-und dass ein Theil dieser Männer es vorzieht, unverheirathet zu
-bleiben. Die Ausbildung der Mädchen für selbstständige Berufsarten,
-welche zur symptomatischen Lösung der Jungfernfrage vorgeschlagen ist
-und vielfach angestrebt wird, macht das Uebel nur ärger, weil sie
-die Mädchen weniger anziehend für die Männer macht und dadurch die
-Zahl der unverheirathet bleibenden Männer, also auch die Zahl der
-sitzenbleibenden Mädchen vermehrt, was wiederum eine Verschärfung
-der Dringlichkeit der Jungfernfrage und vergrösserte Anstrengungen
-zur selbstständigen Erwerbsthätigkeit zur Folge hat. Aus diesem
-fehlerhaften Kreislauf, der sich in sich selbst steigert, ist nur
-herauszukommen, wenn man die alleinige Ursache der Jungfernfrage in der
-zunehmenden Ehelosigkeit und Heirathsverspätung<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[&ndash; 54 &ndash;]</a></span> der Männer erkennt,
-und die Bemühungen zur Abhülfe an diesem Punkte einsetzt.</p>
-
-<p>Was zunächst die vierte Ursache der Verringerung der mittleren
-Lebensdauer der Familien, die stärkere Abnutzung der Nervenkraft durch
-intensivere geistige Arbeit und geistigen Genuss, betrifft, so ist sie
-in der Hauptsache nicht zu beseitigen. Die höheren Berufsarten haben
-eben ihr Wesen darin, eine höhere und angespanntere geistige Arbeit
-zu verlangen, und selbst dann, wenn man bestreiten wollte, dass die
-intensivere Arbeit auch intensiveren Genuss als Gegengewicht fordert,
-würde man doch nicht leugnen können, dass die Genüsse und Erholungen
-der gebildeten Stände selbst vergeistigter Art sind und darum auch
-wieder eine geistige Anspannung, wenn auch in anderer Art als die
-Arbeit, nöthig machen. Da alle höhere Geisteskultur der Menschheit
-in dieser Steigerung der geistigen Arbeit und des geistigen Genusses
-liegt, so wird keine menschliche Schlauheit jemals ein Mittel ersinnen,
-um die kulturtragenden Minderheiten der Völker vor einer rascheren
-Abnutzung zu bewahren, und es bleibt in dieser Hinsicht nichts übrig,
-als sich mit der Mauserung der Aristokratie durch allmählichen
-Nachwuchs von unten zu trösten. Um so dringender aber muss den höhern
-Ständen ans Herz gelegt werden, dass sie sich vor jeder Uebertreibung
-in Arbeit und Genuss hüten und die unvermeidlichen gesundheitlichen
-Nachtheile ihrer socialen Stellung nach Möglichkeit dadurch
-auszugleichen suchen, dass sie im Uebrigen ein gesundheitsgemässeres
-Leben führen, als es den niederen Ständen durch ihre pekuniäre Lage
-gestattet ist.</p>
-
-<p>Vor allem gilt es, den die Nervenkraft ersetzenden Schlaf der Nacht
-heilig zu halten, demnächst nicht nur auf nahrhafte, sondern auch
-auf reizlose Kost zu achten, so viel als möglich sich Bewegung zu
-machen und<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[&ndash; 55 &ndash;]</a></span> frische Luft zu athmen, den ersten Theil des Tages der
-Arbeit, den zweiten der Erholung zu widmen, regelmässig zu leben und
-in allen Dingen Maass zu halten. Eine grosse Gefahr liegt darin,
-dass die nervenerregende Wirkung der Gehirnarbeit irritirend auf die
-Genitalsphäre wirkt und leicht zu einer vorzeitigen Vergeudung des
-Fortpflanzungsvermögens verleitet; diese Gefahr wird um so grösser, je
-länger sie Zeit hat zu wirken, <span class="nowrap">d. h.</span> je später das durchschnittliche
-Verheirathungsalter der Männer in den höheren Ständen fällt. Hier
-müssen alle hygienischen, ästhetischen und moralischen Hebel angesetzt
-werden, um den socialen Schäden vorzubeugen, die aus der Verbindung
-der verstärkten Irritation mit der verlängerten Entbehrung erwachsen
-können; am wirksamsten im Grossen und Ganzen wird sich auch hier
-die Abschwächung der nervösen Irritation durch gesundheitsgemässe
-Lebensweise und Vermeidung diätetischer Reizmittel erweisen.</p>
-
-<p>Es ist nicht schwer zu sehen, dass diese Ursache in Wechselwirkung
-steht mit den drei andern. Es ist für einen jungen Mann um so leichter,
-zeitweilige Selbstbeherrschung zu üben, je näher und gewisser ihm das
-Ziel der Ehe vorschwebt, um so schwerer, je ferner und aussichtloser
-dasselbe nach Lage der socialen Verhältnisse für ihn ist; umgekehrt
-rückt nichts die Neigung zur Verheirathung so sehr in den Hintergrund,
-als die Gewöhnung an ein zügelloses Junggesellenleben, und es müssen
-dann meist schon nebensächliche Motive sein, welche den Entschluss
-zur Verheirathung doch noch reifen lassen. Ebenso stehen die drei
-andern Gründe untereinander in Wechselwirkung. Wer wenig Aussicht
-hat, zur Verheirathung zu gelangen, macht sich von vornherein mit
-dem Junggesellenleben vertraut und entzieht sich der Gelegenheit zur
-Anknüpfung bräutlicher Verhältnisse, so dass schon der Zufall sein
-Spiel treiben<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[&ndash; 56 &ndash;]</a></span> muss, wenn er ihn doch noch in Hymens Fesseln schlagen
-soll. Wer erst in reiferen Jahren ans Heirathen denken kann, der
-verpasst die Zeit der jugendlichen Eindrucksfähigkeit, innerhalb deren
-so manches weibliche Wesen sein Herz hätte gewinnen können, und wenn er
-endlich soviel vor sich gebracht hat, dass er eine Familie zu gründen
-wünscht, so sieht er sich vergebens nach einem Mädchen um, in das er
-sich verlieben könnte, und wartet entweder, bis es ganz und gar zu spät
-ist, oder er schliesst aus äusserlichen Gründen eine Ehe ohne Liebe.</p>
-
-<p>Heirathet ein Mann erst in reiferen Jahren, so wird er durchschnittlich
-ein älteres Mädchen zur Frau wählen, als wenn er jünger geheirathet
-hätte: es wird demnach die Zahl der Kinder in seiner Ehe schon um des
-Alters der Frau willen geringer sein; ausserdem aber tritt er nach
-kürzerer Ehedauer in ein Lebensalter ein, in welchem die Ehe ihre
-natürliche Bedeutung zu verlieren pflegt, auch wenn die Frau noch
-nicht aufgehört hat, fortpflanzungsfähig zu sein, so dass hier ein
-zweiter Grund für Verkürzung der natürlichen Kinderzahl zu Tage tritt.
-Da es nicht bloss auf die Zahl, sondern auch auf die Beschaffenheit
-der Kinder, auf die Schonung der Mutter für ihren weiteren Beruf,
-und auf die genügende Ausbildung derselben für die Erziehung der
-Kinder ankommt, so würde ich es keineswegs für einen idealen Zustand
-halten, wenn die Töchter der höheren Stände unmittelbar nach
-erreichter Pubertät in die Ehe träten; aber auch die Hinausschiebung
-des durchschnittlichen Heirathsalters der Mädchen auf das 26. bis
-28. Lebensjahr ist unnatürlich, weil es ohne weitere Förderung ihrer
-Ausbildung ihre jugendliche Anpassungsfähigkeit verringert und mehrere
-Kinder, welche vom 21. bis zum 26. Jahr der Mutter hätten das Licht der
-Welt erblicken können, für immer ungeboren lässt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[&ndash; 57 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Dieselben Motive, welche die Männer gar nicht oder erst in reiferen
-Jahren zum Entschluss der Verheirathung gelangen lassen, bewirken
-auch eine Scheu vor reichem Kindersegen. Wir sind bereits zu einem
-solchen Grade der Verwirrung und Verkehrung der Begriffe gelangt, dass
-unsern höheren Ständen die naturgemässe Kinderzahl einer normalen Ehe
-von jugendlich verbundenen gesunden und kräftigen Gatten als eine
-„kaninchenartige Fruchtbarkeit“ anstössig erscheint.<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> Wo solche
-Ansichten Platz gegriffen haben, müssen sie selbstverständlich eine
-Rückwirkung auf das mittlere Heirathsalter üben, insbesondere auf
-dasjenige der Frau; denn je länger ein Mädchen mit der Verheirathung
-wartet, oder ein je älteres Mädchen ein Mann zur Frau wählt, desto
-weniger Sorge vor allzu reichem Kindersegen brauchen sie zu hegen. Für
-den Mann ist die grössere oder geringere Kinderzahl wesentlich nur eine
-pekuniäre Frage, da die Frau doch allein die Lasten derselben zu tragen
-hat; für die Frau aber ist es eine Kardinalfrage des Leibes und der
-Seele.</p>
-
-<p>Wo nun durch einen widernatürlichen Spiritualismus und abstrakten
-Idealismus verschrobene Ansichten in der Frauenwelt gewisser Stände
-grossgezogen werden, welche trefflich als Deckmantel der egoistischen
-Bequemlichkeit, Leistungsscheu und Genusssucht verwendbar sind, da
-bildet sich ein Geschlecht pretiöser und überspannter Egoistinnen,
-welche allenfalls wohl noch ein oder zwei Mal die Lasten der
-Mutterschaft auf sich nehmen wollen, weil sie anders auch der Freuden
-derselben nicht theilhaft werden können, welche dann aber auch nicht
-weiter von den Naturpflichten des Frauenberufs<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[&ndash; 58 &ndash;]</a></span> belästigt sein, sondern
-ungestört ihrer Behaglichkeit und ihren Amüsements leben wollen.</p>
-
-<p>Nichts kann geeigneter sein, die Männer energisch von der Ehe
-abzuschrecken, als die Verbreitung solcher ebenso unsittlichen wie
-unnatürlichen Ansichten; denn wenn sie doch nur für wenige Jahre die
-Aussicht haben sollen, in einer naturgemässen Ehe zu leben, so ist
-dieser Preis wahrlich das Opfer ihrer Freiheit nicht werth, und wenn
-sie nachher doch nur ein naturwidriges Verhältniss mit einem aus
-Egoismus unsittlichen Weibe fortsetzen sollen, so können sie sich auch
-gleich mit unsittlichen Verhältnissen zu egoistischen Weibern begnügen,
-die wenigstens nicht mit pretiöser Ehrbarkeit und tugendhafter
-Ueberspanntheit prunken. Mädchen, welche zwar alle Vortheile der
-Frauenstellung durch die Ehe zu erlangen wünschen, aber nicht mehr
-die ehrliche und rückhaltslose Opferwilligkeit für alle ihnen von der
-Natur und dem socialen Gesammtinteresse auferlegten Pflichten besitzen,
-wollen den Mann, der sie heirathet, einfach im Handel betrügen, und es
-geschieht ihnen persönlich nur ihr Recht, wenn sie dabei die Betrogenen
-sind, <span class="nowrap">d. h.</span> sitzen bleiben.</p>
-
-<p>Leider geschieht nur mit dieser nächstliegenden Lösung dem socialen
-Ganzen nicht sein Recht, und deshalb können solche überspannte
-egoistische Ansichten nicht entschieden genug zur rechten Zeit
-bekämpft werden. Die Mädchen können nicht früh genug lernen, dass sie
-ebensowenig wie die Männer geboren sind, um zu geniessen, sondern um zu
-dienen, nicht den Männern, sondern gleich diesen ihrem Beruf, und dass
-ihr einziger unmittelbarer Beruf darin liegt, dem Vaterlande möglichst
-viel möglichst tüchtige und wohlerzogene neue Bürger zuzuführen, um
-es im Kampf ums Dasein der Nationen konkurrenzfähig und siegreich zu
-erhalten.</p>
-
-<p>Ist es denn nicht ein tief beschämender Gedanke,<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[&ndash; 59 &ndash;]</a></span> dass in allen
-modernen Kulturvölkern die bisherige Durchschnittszahl der ehelichen
-Geburten nicht ausreichen würde, um dieselben vor Rückgang und
-allmählichem Aussterben zu bewahren, dass <span class="nowrap">z. B.</span> das deutsche Volk seine
-Vermehrung seit dem Jahre 1815, durch welche allein es in den Stand
-gesetzt wurde, seine Existenz gegen Frankreich siegreich zu behaupten,
-lediglich den Opfern verdankt, welche die Mütter der unehelichen Kinder
-auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt haben? Ist es denn nicht
-ebenso beschämend für die höheren Stände, dass sie, die am ehesten in
-der Lage wären, für die Volksvermehrung ein Uebriges zu thun, in der
-Erfüllung dieser staatsbürgerlichen Pflicht hinter dem Durchschnitt
-weit zurückbleiben, dem Proletariat zu andern Lasten auch noch die
-Last aufbürden, den Ausfall ihrer Leistungen zu decken und dadurch
-eine umgekehrte natürliche Zuchtwahl, eine Erhaltung des mindest
-Entwickelten, inauguriren?</p>
-
-<p>In dem unnatürlichen egoistischen Widerwillen vieler Mädchen der
-höheren Stände gegen eine opferbereite Erfüllung des Frauenberufs ist
-ein zwar verborgenes und sorgsam verhülltes aber doch hinreichend
-durchscheinendes Motiv aufgedeckt, welches die Männer von der Ehe mit
-Standesgenossinnen abschreckt, sobald sie klar genug blicken, um zu
-merken, dass es darauf abgesehen ist, sie im Handel zu betrügen, und
-dass sie in einer solchen Ehe vor die Wahl gestellt sind, entweder
-unter dem Druck pekuniärer Motive sich mit guter Miene in die Lage des
-Betrogenen zu finden, oder die Frau zur Erfüllung ihrer Pflichten zu
-zwingen auf Kosten des ehelichen Friedens und häuslichen Behagens. Es
-giebt aber auch offener zu Tage liegende Gründe, welche die Zunahme
-der Ehelosigkeit und Heirathsverspätung erklären, nämlich der immer
-allgemeiner werdende Hang, über seinen Stand hinaus zu leben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[&ndash; 60 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Es ist unbestreitbare Thatsache, dass trotz einer rascheren Vermehrung
-der Bevölkerung die Lebenshaltung aller Stände in den letzten 150
-Jahren ausserordentlich gestiegen ist. Unsere heutigen Arbeiter,
-welche über Unzulänglichkeit der Löhne klagen, können sich kaum einen
-Begriff davon machen, in welchem Elend ihre Urgrosseltern lebten; aber
-unser Mittelstand bis in die höchsten Berufsarten hinauf kann sich in
-seinen älteren Gliedern noch sehr wohl entsinnen, welche puritanische
-Einfachheit in den Häusern seiner Grosseltern nach den Mittheilungen
-der Eltern in deren Jugend geherrscht hat. Die Möglichkeit einer
-besseren Lebenshaltung aller Stände trotz schneller Volksvermehrung
-liegt ausschliesslich darin, dass jetzt die aufgespeicherte Sonnenkraft
-vergangener Jahrtausende, die wir mit den Steinkohlen aus der Erde
-graben, vermittelst unsrer Maschinen unverhältnissmässig viel mehr
-Gebrauchswerthe producirt, als dieselbe Volkszahl durch eigne Kraft
-und Handarbeit liefern könnte, und dass wir gegen einen überschüssigen
-Theil dieser Fabrikate die Bodenprodukte andrer Länder und Welttheile
-eintauschen können. Der Grund dafür, dass der Drang nach Steigerung
-des Wohllebens gegenwärtig so viel intensiver geworden und theilweise
-in eine krankhafte Genusssucht ausgeartet ist, liegt einerseits darin,
-dass die bedeutend vermehrte Klasse der sehr Reichen in dem produktiven
-Raffinement unsrer Zeit die Mittel zu einem höchst verfeinerten
-Wohlleben vorfindet und durch ihr Beispiel die andern Stände zur
-Nacheiferung anreizt, andrerseits darin, dass der demokratische
-nivellirende Zug unsres Zeitalters sich mehr als je gegen die
-Unterschiede des Komforts verschiedener Stände als gegen eine sociale
-Ungerechtigkeit auflehnt, und die Genüsse der Bevorzugten als das
-gleiche Recht für Alle fordert.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[&ndash; 61 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Wie überall sind auch hier Vortheile und Nachtheile verbunden. Die
-Intensität des Emporstrebens in eine günstigere Lebenslage, welche der
-Haupthebel des Kulturfortschritts durch Steigerung des Wettbewerbs
-und des Arbeitseifers ist, hängt selbst wieder wesentlich von der
-Intensität ab, mit welcher von jedem Stande die Theilnahme an den
-Genüssen und Vorzügen der über ihm stehenden Stände ersehnt wird und
-insofern ist diese Intensität ein Vorzug unsrer Zeit. Andrerseits
-liegt in ihr eine Steigerung der Gefahr, dass man die Zukunft, <span class="nowrap">d.
-h.</span> die reellen Chancen des socialen Emporsteigens der Familie, um
-der Gegenwart willen, <span class="nowrap">d. h.</span> um des vermehrten augenblicklichen
-Behagens willen preisgiebt, dass man die erstrebte Sache, <span class="nowrap">d. h.</span> die
-Gewinnung einer behaglicheren Lebenslage, dem blossen Schein ihres
-Besitzes opfert. In diesem Sinne wird dasjenige, was Hebel eines
-beschleunigten Kulturfortschritts sein sollte, zum Hinderniss des
-Fortschreitens der Familie, nämlich wenn der Leichtsinn, welcher die
-Mittel des Emporklimmens in momentaner Genusssucht verzehrt, und die
-Eitelkeit, welche den gleissenden Prunk und die hohle Prahlerei an die
-Stelle des wirklichen Besitzes einer günstigeren Lage setzen, sich
-hinzugesellen. Darum ist der Drang nach Emporsteigen nur insoweit
-wirthschaftlich gesund und social berechtigt und zweckmässig, als er
-die Kräfte zum Erwerb grösserer Mittel anspornt, aber verderblich,
-wo er mit den vorläufig zur Verfügung stehenden Mitteln das Ziel des
-Wunsches vorwegnimmt, <span class="nowrap">d. h.</span> zu unverhältnissmässigen Luxus führt. Wie
-ein unverhältnissmässig geringes Luxusbedürfniss zum Hemmniss des
-Kulturfortschritts wird und ein Volk zum Stillstand verurtheilt, so
-muss ein übermässiges, <span class="nowrap">d. h.</span> über die verfügbaren Mittel hinausgehendes
-Luxusbedürfniss zum kulturgeschichtlichen Rückschritt und endlich zum
-Ruin führen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[&ndash; 62 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Was für ganze Völker gilt, das gilt nicht minder für einzelne Stände
-und Familien. Nichts muss so unfehlbar den Ruin des Grundadels
-beschleunigen, als dessen krankhafte Sucht, sich an Luxus nicht von
-dem Geldadel überflügeln zu lassen, und ein grosser Theil der Klagen
-über die zunehmende Verschuldung des Grossgrundbesitzes ist allein
-darauf zurückzuführen, dass die rasche Steigerung der Gütererträge doch
-noch weit überholt ist durch die Steigerung der Lebensgewohnheiten der
-unmittelbar und mittelbar von ihnen lebenden Familien. Der Dienstadel
-oder Beamtenstand klagt in den meisten Beamtenkategorien mit Unrecht
-darüber, dass die Steigerung der Gehälter mit der Entwerthung des
-Geldes nicht gleichen Schritt gehalten habe; seine sociale Stellung ist
-nur dadurch relativ ungünstiger geworden, weil die Lebensgewohnheiten
-des Geldadels und des mit ihm wetteifernden Grundadels seit einigen
-Menschenaltern sich ausserordentlich gesteigert haben, so dass er
-im Vergleich zu diesen ihm verwandten Ständen sich in derselben
-Lage höchst unzufrieden fühlt, mit welcher er früher sehr zufrieden
-war. Sogar der Officierstand, der am meisten Anlass hätte, jede
-Verweichlichung zu scheuen und in spartanischer Bedürfnisslosigkeit
-seine Ehre zu suchen, ist mehr und mehr in einen thörichten Wettstreit
-mit dem Geldadel gerathen, und hier wirkt jede Verirrung des
-Standesgeistes um so schlimmer, als der Einzelne weit weniger die
-Möglichkeit hat, sich gegen erkannte Unsitten aufzulehnen. Weil in
-allen Ständen mit Ausnahme des Geldadels die Ansprüche an das Leben
-schneller gewachsen sind als die Mittel ihrer Befriedigung, nur darum
-ist die Unzufriedenheit und die Klage über unauskömmliche Mittel jetzt
-so weit verbreitet.</p>
-
-<p>Dieselben Stände, welche früher bei bescheidener Lebensweise Mittel
-genug übrig hatten, um eine reichliche Kinderzahl anspruchslos aber gut
-zu erziehen und<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[&ndash; 63 &ndash;]</a></span> noch einen Nothgroschen für die Familie zurückzulegen,
-verbrauchen jetzt bei gestiegenen Lebensansprüchen ein Einkommen
-von mindestens gleicher Kaufkraft entweder für sich allein oder für
-eine viel kleinere Familie, erziehen wenige, aber anspruchsvolle und
-verwöhnte Kinder und lassen ihre Hinterbliebenen in einer hilflosen,
-mit ihrer Verwöhnung um so bitterer kontrastirenden Lage zurück, weil
-die luxuriösere Lebenshaltung für Sparrücklagen zur Selbstversicherung
-nichts übrig lässt. Die so über ihren Stand hinaus gewöhnten Kinder
-sind dann die Heirathskandidaten der nächsten Generation. Ist es da ein
-Wunder, wenn die Söhne Bedenken tragen, sich zu verheirathen und ihren
-Arbeitsertrag für sich allein verbrauchen, und wenn die mittellosen
-Töchter dem Loose einer traurigen Jungfernschaft und oft genug dem
-Kreise der verschämten Armuth verfallen?</p>
-
-<p>Auch in der Familie, ebenso wie im Stande und im Volke, ist der Tod,
-d. h. das Aussterben, der Sold der wirthschaftlichen Sünde. Wo noch
-ein natürliches sociales Solidaritätsbewusstsein herrscht, wirkt diese
-Erkenntniss als ein Gegenmotiv gegen die wirthschaftliche Verirrung;
-aber das ist gerade das Gefährlichste an der individualistischen
-Atomisirung und dem abstrakt-idealistischen Nivellement unserer Zeit,
-dass jedes Individuum nur an sich und seine Rechte auf das Leben, aber
-nicht an seine Gliedschaft in socialen Individuen höherer Ordnung und
-an seine Pflichten gegen diese denkt. Après nous le déluge! ist der
-Wahlspruch der selbstsüchtigen Genusssucht; mag die Welt hernach ohne
-mich weiter gehen, wie sie kann und will, wenn ich nur mein Leben
-genossen habe, so gut ich konnte! Hier enthüllt sich die sittliche
-Verirrung und Verkehrtheit als Wurzel der wirthschaftlichen. Familien,
-die ihre Mitglieder in diesem unsittlichen Egoismus sich verhärten
-lassen, verdienen<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[&ndash; 64 &ndash;]</a></span> auch aus sittlichem Gesichtspunkt, unterzugehen und
-durch neuaufstrebende Elemente ersetzt zu werden.</p>
-
-<p>Glücklicher Weise sind solche extreme Erscheinungen noch keineswegs
-allgemein verbreitet, wenn auch in geringerem Maasse die Tendenz zu
-luxuriöseren Lebensgewohnheiten schon den ganzen socialen Körper
-inficirt hat. Es steckt auch in unsern höheren Ständen noch ein
-überwiegend gesunder Kern, und an ihn wende ich mich, um ihn durch die
-Erkenntniss, wohin die Verirrung der Zeit führen muss, zum Widerstande
-gegen einen bethörten Zeitgeist und Standesgeist zu ermuthigen und
-diesen Geist durch eine energische Reaktion in gesundere Bahnen
-zurückführen zu helfen.</p>
-
-<p>Wenn ich vorher darauf hingewiesen habe, dass es vorzugsweise das
-weibliche Geschlecht ist, dessen Egoismus sich gegen die vorbehaltlose
-und opferwillige Erfüllung der ihm auferlegten Berufslasten zu sträuben
-in Gefahr ist, so erfordert die Gerechtigkeit die Anerkennung, dass es
-vorzugsweise das männliche Geschlecht ist, welches aus finanziellen
-Bedenken vor der Ehe zurückscheut. Denn wie das Weib den schwereren
-Theil der natürlichen Lasten zu tragen hat, so der Mann den schwereren
-Theil der socialen Lasten, <span class="nowrap">d. h.</span> die Beschaffung des Unterhalts für
-die ganze Familie. Das Mädchen, das sich verheirathet, muss dem Manne
-soweit vertrauen, dass er für den Unterhalt der Familie sorgen wird;
-sie hat mit darunter zu leiden, wenn sie sich geirrt hat, aber sie
-trägt keine Verantwortung dafür. Der Mann dagegen, der sich zur Ehe
-entschliesst, übernimmt die ganze Verantwortung für die Erhaltung
-der Familie und scheut vor dem Gedanken zurück, dieser Verantwortung
-nicht gewachsen zu sein. In finanzieller Hinsicht schreiten deshalb
-die meisten Mädchen geradezu leichtsinnig zur Ehe, auch wenn sie in
-andrer Hinsicht gar nicht leichtsinnigen Temperaments sind;<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[&ndash; 65 &ndash;]</a></span> sie werden
-dabei von einem gewissen Fatalismus der Pflichterfüllung getragen und
-von der beruhigenden Gewissheit, alle Verantwortlichkeit in dieser
-Hinsicht auf den Mann abwälzen zu können. Es liegt ihnen so viel daran,
-zur Erfüllung ihres natürlichen Berufs und zu den socialen Vortheilen
-der Frauenstellung zu gelangen, dass sie ihre kritische Besonnenheit
-bereitwillig zurückdrängen und sich gern einer Täuschung über die
-Zukunft hingeben, die sie bei jeder ihrer Freundinnen ohne Zweifel
-durchschauen würden. Sie sind demgemäss stets bereit, die Sorgen und
-Bedenken eines sonst willkommenen Bewerbers zu beschwichtigen und
-denselben ihrer Anspruchslosigkeit, Genügsamkeit, Arbeitslust und
-Opferwilligkeit zu versichern, um ihm den Entschluss zu erleichtern.
-Diese Versicherungen sind auch keineswegs Lügen, sondern gute Vorsätze,
-deren Erfüllung sie sich wirklich zutrauen; zumal wenn ein Mädchen
-liebt, so hält sie keine Beschränkung für zu gross, um als Hinderniss
-der Vereinigung mit dem Geliebten gelten zu dürfen.</p>
-
-<p>Leider pflegt die gehobene Stimmung der Braut nicht für die Dauer
-vorzuhalten und oft sind alle die guten Vorsätze bloss Pflastersteine
-auf dem Wege zu einer ehelichen Hölle. Die alten Gewohnheiten behaupten
-ihr Recht, und wenn auch die Vernunft so weit die Oberhand behält,
-um die unvermeidlichen Entbehrungen zu ertragen, so fehlt dabei doch
-nicht bloss die Freudigkeit, sondern oft genug auch die blosse Geduld,
-und die mangelnde Zufriedenheit der Frau lässt auch die häusliche
-Behaglichkeit des Mannes nicht aufkommen. Bald ist es die Kleidung und
-der Putz oder Schmuck, bald der Charakter des Wohnorts, bald die Grösse
-der Wohnung, bald die Bedienung, bald die Kost, bald die Beschaffenheit
-des Umgangskreises, bald die Zerstreuungen und Vergnügungen, welche
-bei der neuen Lebensweise<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[&ndash; 66 &ndash;]</a></span> mit den früheren Gewohnheiten der Frau im
-Widerspruch stehen und durch welche ihre Unzufriedenheit erregt wird.
-Manchmal werden die alten Gewohnheiten durch neue verdrängt, aber meist
-behauptet die Erinnerung an die früher besessenen Annehmlichkeiten ihr
-Recht und verhärtet und verbittert sich in Bezug auf den einen oder den
-andern Punkt je länger je mehr. Schlimmer noch als offne Klagen und
-Vorwürfe wirkt auf den Gemüthsfrieden des Mannes die unausgesprochene
-ständige Unzufriedenheit der Frau, sowohl der mürrischen wie der
-sanft duldenden, und am schlimmsten ist die hysterisch angehauchte
-Bedrücktheit und Melancholie, welche stets mit dem Uebergange in
-wirkliches Gemüthsleiden droht, wenn ihr nicht der Wille geschieht
-und sie durch Zerstreuungen abgelenkt wird. Ist dem unbefriedigten
-Anspruch durch Geld abzuhelfen, so soll der Mann wo möglich seine
-schon voll angespannte Arbeitskraft überspannen, um demselben genug zu
-thun; will er aber gar das Geld, welches zu diesem Zwecke ausreichen
-würde, zur Selbstversicherung der Familie zurücklegen, so betrachtet
-die Frau das einfach als einen Raub an dem ihr Gebührenden. Reichen
-die Mittel ohnehin schon nicht aus, um irgendwelche Ansprüche der Frau
-zu befriedigen, so muss natürlich einer solchen Frau jeder Gedanke
-an weitere Vergrösserung der Familie als ein von dem rücksichtslosen
-Manne gegen sie geplantes Verbrechen erscheinen; denn nun verbinden
-sich in ihr der Egoismus in natürlicher und in wirthschaftlicher
-Hinsicht, um den Zweck der Ehe zu vereiteln. Ebenso staunenswürdig
-wie die Opferwilligkeit, die Energie und die Ausdauer der Leistungen
-sind, zu denen das Weib als uneheliche Mutter oder als Wittwe unter
-dem eisernen Zwang der Nothwendigkeit, für ihre Kinder zu sorgen,
-sich aufschwingen kann, ebenso grausam und unbarmherzig kann<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[&ndash; 67 &ndash;]</a></span> die
-egoistische Rücksichtslosigkeit sein, mit welcher dasselbe Weib alle
-Lasten dem Manne aufbürdet, so lange sie noch einen hat.</p>
-
-<p>Das hier gezeichnete Bild ist glücklicher Weise nicht die Regel,
-sondern nur die Ausnahme, wenn auch keine ganz seltene; aber irgend
-etwas von den hier zusammengestellten Zügen wird man bei einiger
-Aufmerksamkeit häufiger entdecken als man denkt. Jeder Mann, der mit
-Heirathsgedanken umgeht, muss daran denken, dass eine solche Zukunft
-auch ihm blühen kann, und dass wenigstens die guten Vorsätze und
-Versicherungen seiner Erkorenen ihm ganz und gar keine Bürgschaft
-dagegen gewähren.</p>
-
-<p>Bewunderungswürdig erscheint mir stets das Durchschnittsweib aus dem
-Volke, das ohne Dienstboten ihr ganzes Hauswesen allein besorgen, ihre
-Wochenbetten unter dem Beistand gefälliger Nachbarinnen erledigen,
-ihre Kinder selbst warten und pflegen, dabei noch oft die Rohheiten
-eines rücksichtslosen und zeitweise betrunknen Mannes ertragen und
-durch eignen Arbeitsverdienst zur Einnahme der Familie beisteuern
-muss, und das alles mit der Aussicht, im Falle der Wittwenschaft für
-ihre Erhaltung und für die Erziehung der Kinder mit ihren zwei Händen
-aufkommen zu müssen. Dieses Weib aus dem Volke trägt entschieden den
-schwereren Antheil an der Last des Lebens, und die Art, wie sie ihn
-meistens trägt, nöthigt uns volle Hochachtung vor ihrem sittlichen
-Werthe ab, welcher dem des Mannes meist ebenso überlegen ist, wie er
-in den höheren Ständen hinter diesem zurücksteht. An den unglücklichen
-Ehen und Scheidungen in den niederen Ständen trägt meist der Mann, an
-denjenigen in den höheren Ständen überwiegend die Frau die Schuld; in
-den ersteren ist entschieden die Frau, in den letzteren<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[&ndash; 68 &ndash;]</a></span> gewöhnlich der
-Mann der liebenswürdigere und innerlich gebildetere Theil.</p>
-
-<p>Den Grund davon sehe ich wesentlich darin, dass die Mädchen und
-Frauen der höheren Stände durch geschäftigen Müssiggang systematisch
-verdorben, von dem Gedanken, dass Arbeiten und Dulden der natürliche
-Zustand des Menschen sei, entwöhnt und darauf hingedrängt werden,
-in der Bequemlichkeit und Vergnüglichkeit den Zweck ihres Daseins
-zu suchen. Ein fünfstündiger Mädchenschulunterricht mit zwei- bis
-dreistündiger häuslicher Arbeitszeit, einhalb- bis einstündigem
-Schulwege und nebenherlaufenden Privatstunden verbietet es, die Mädchen
-während der Schulzeit zu häuslichen Arbeiten heranzuziehen; wenn sie
-dann mit 15 bis 17 Jahren die Schule verlassen, so haben sie bereits
-gelernt, sich als Damen zu fühlen, welche für häusliche Arbeiten
-zu vornehm und zu gebildet sind, und wenn sie auch wirklich anders
-dächten, so sind in einem Hauswesen mit der entsprechenden Zahl von
-Dienstboten keine nennenswerthen Arbeiten da, welche die Hausfrau ihnen
-anweisen könnte. Vom 16. Jahre bis zur Verheirathung in den 20er Jahren
-sind sie somit zum Müssiggang förmlich gezwungen, wenn sie sich nicht
-zu einem wissenschaftlichen oder künstlerischen Studium entschliessen,
-durch welches sie dem Beruf als künftige Hausfrauen immer mehr
-entfremdet werden. Das einzige, was sie im Durchschnitt lernen, das
-ist, ihre nutzlose Zeitvergeudung mit mehr oder minder Grazie zu
-verschleiern, sei es durch das Lesen der allerneuesten englischen und
-französischen Schundromane (der einzigen Frucht ihrer Sprachstudien),
-sei es durch Klavierklimpern, sei es durch zwecklose augenverderbende
-Handarbeiten.</p>
-
-<p>Jeder Arbeitseifer, jedes Gefühl des Verpflichtetseins zu
-volkswirthschaftlichen Leistungen, jede Scham<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[&ndash; 69 &ndash;]</a></span> vor einer blossen
-Schmarotzerexistenz und unverdientem Wohlleben wird dabei systematisch
-ertödtet, und man kann sich nicht wundern, wenn die so erzogenen
-Mädchen vor dem Gedanken zurückschaudern, als Frau in ein Hauswesen
-eintreten zu sollen, wo ihnen zwar die grobe Arbeit durch eine Magd
-abgenommen wird, aber das eigentliche Kochen, das Schneidern ihrer
-eigenen Kleidung und derjenigen für die Kinder, und, was am schwersten
-wiegt, die tägliche und nächtliche Kinderpflege auf ihre eignen
-Schultern fallen würde. Das Höchste, wozu sie sich aufschwingen
-wollen, ist die Last der Leitung eines Hauswesens mit mehreren
-Dienstboten, deren Ansprüche an Gedankensammlung und wohlüberlegte
-Anordnung schon grell genug von der in der Mädchenzeit gewohnten
-passiven Bummelei abstechen; aber einen Mann zu nehmen, der nicht
-im Stande ist, ihnen Köchin und Kindermädchen zu halten, und alle
-Familiengarderobe durch fremde Hände anfertigen zu lassen, darin sehen
-sie mindestens ein so grosses Opfer, dass es durch ein lebenslängliches
-Aufhändengetragenwerden vom Manne nicht aufgewogen werden kann.</p>
-
-<p>In der Regel denkt ein Mädchen beim Heirathen nur an den Brautstand,
-die Hochzeitkleider und die Honigmonde, und alle <em class="gesperrt">damit</em> gegebenen
-Lasten ist sie willig, auf sich zu nehmen. Kommen nachher die Kinder
-hinzu, welche eine Kinderwärterin, Kinderkleider, vergrösserte Wohnung
-und Tafel verlangen, nun so ist das eben bloss Schuld des Mannes,
-für die er aufzukommen hat. Kann er das nicht in dem Maasse, wie das
-Behagen und die Bequemlichkeit der Frau es verlangen, so macht er
-dadurch diese zur Märtyrerin, oder er vergrössert vielmehr nur das
-Martyrium, welches die Frau durch die wiederholten Schwangerschaften,
-Entbindungen und Wochenbetten „um seinetwillen“ tragen<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[&ndash; 70 &ndash;]</a></span> muss. Dass in
-den höheren Ständen der Beruf des Mannes, durch welchen er die Mittel
-für die Erhaltung der Familie beschafft, ein viel grösseres Martyrium
-ist als derjenige einer alle ihre Pflichten erfüllenden Frau, dass er
-namentlich die Lebensdauer in viel höherem Grade abkürzt, das kommt
-dabei natürlich nicht in Betracht. Wie der Beruf den Mann allmählich
-aufreibt und seine Gesundheit untergräbt, entzieht sich in den
-früheren Stadien meistens der Beobachtung, wird auch wohl vom Manne
-geflissentlich ignorirt; wie dagegen der Beruf der Frau vorübergehende
-und später sich meist völlig wieder ausgleichende Störungen des
-Wohlbefindens hervorruft, das liegt auf der Hand, und die Frauen
-ermangeln selten, es in das rechte Licht zu stellen, wie „leidend“
-sie durch Erfüllung ihres Berufs geworden sind, zumal wenn sie dabei
-„nervös“ oder gar „hysterisch“ sind.</p>
-
-<p>Und wie viele Frauen der höheren Stände giebt es, die nicht nervös
-sind? Wie viele, welche körperlich der Erfüllung ihres Berufes noch
-vollauf gewachsen und im Stande sind, die Vereinigung von Arbeit und
-Kinderwartung am Tage mit jahrelanger nächtlicher Ruhestörung ohne
-unerträgliche Steigerung ihrer Nervosität zu ertragen? Durch das
-sinnlose Aderlassen der vorhergehenden Jahrhunderte sind wir zu einem
-blutarmen, bleichsüchtigen Geschlechte, durch das städtische Leben mit
-seinen künstlichen Erregungen und seinem Mangel an frischer Luft und
-Bewegung im Freien zu einem nervösen Geschlecht geworden, und in Folge
-der unvernünftigen Ueberanstrengung des zarter gebauten weiblichen
-Gehirns vom 6. bis zum 16. Jahr durch unsre höheren Töchterschulen
-und weiterhin durch die weiblichen Berufsstudien haben wir den durch
-das gesundheitswidrige Schnüren der letzten Generationen schon aus
-dem Gleichgewicht gerückten weiblichen Organismus<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[&ndash; 71 &ndash;]</a></span> der höheren
-Stände dahin gebracht, dass er zu seinen natürlichen Zwecken immer
-untauglicher geworden ist. Kein Wunder, wenn da der Geist anfängt,
-sich gegen die Erfüllung der Naturzwecke aufzulehnen, zu denen er
-den Körper unbrauchbar fühlt. Das nach Glück und Liebe sich sehnende
-Herz des Mädchens geräth in Widerspruch mit der Natur und wird fast
-unwillkürlich zu einem platonischen abstrakten Idealismus hingedrängt,
-in welchem es wähnt, ein Männerherz ohne die Naturbasis der Liebe
-sich dauernd zu eigen machen zu können; unsre ganze Mädchenerziehung,
-welche auf ängstliche gewaltsame Verschleierung und Ignorirung dieser
-Naturgrundlage und ihrer Weisheit und Würde ausgeht, unterstützt
-diese ihrem Egoismus so angenehme Verirrung und der Mann hat nachher
-die Kosten dieser künstlichen Selbsttäuschung zu tragen, indem sein
-naturgemässes Verhalten ihm als sinnliche Rohheit und rücksichtslose
-Barbarei in Rechnung gestellt wird. Wenn es so der Frau auch nicht
-gelingt, den Mann von seinem Unrecht gegen sie zu überzeugen, so
-überzeugt sie ihn doch hinlänglich von ihrer Naturentfremdung,
-Untüchtigkeit und Selbstsucht, stumpft hierdurch wie durch die quälende
-Unzufriedenheit mit ihrer Lage die anfängliche Liebe des Mannes für sie
-mehr und mehr ab, und gelangt so an einen Punkt, wo der erkaltete und
-ermüdete Mann dem Appell an seinen wirtschaftlichen Egoismus zugänglich
-wird. Die Folge ist dann die geringere Kinderzahl der Ehen der höheren
-Stände im Vergleich mit denen der niederen.</p>
-
-<p>Die jungen Männer reflektiren wohl selten auf alle hier aufgeführten
-Umstände, aber sie haben doch eine mehr oder minder deutliche
-Kenntniss von der Naturentfremdung, körperlichen und geistigen
-Berufsuntüchtigkeit, Arbeitsscheu, Verwöhnung und Selbstsucht der
-Mädchen höherer Stände, denn sie kennen ja ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[&ndash; 72 &ndash;]</a></span> Schwestern. Sie
-haben deshalb eine instinktive Furcht vor der Ehe, und ziehen es vor,
-mit Mädchenherzen <em class="gesperrt">vor</em> der Ehe zu spielen, anstatt mit ihrem
-Herzen <em class="gesperrt">nach</em> der Hochzeit spielen zu lassen. Sie fürchten mehr
-als in irgend einer früheren Kulturperiode die Liebe, welche sie
-verblenden könnte gegen das, was sie zu erwarten haben, schätzen ihre
-Junggesellenfreiheit um so höher, und hoffen, dass ihnen der „Reinfall“
-auf ein vermögensloses Mädchen erspart bleiben wird. Wenn sich nun
-in dieser Hoffnung auch ein grosser Procentsatz täuscht, so ist doch
-solche generelle Abneigung der gebildeten Jugend gegen die Ehe mit
-einem vermögenslosen Mädchen ein höchst bedenkliches Zeichen der Zeit,
-ein Symptom von einem auch in der Männerwelt überwuchernden Egoismus,
-von Mangel an Familiensinn und socialem Pflichtgefühl. Kein Mann kann
-bezweifeln, dass es auch unter den vermögenslosen Mädchen seines
-Standes Ausnahmen genug giebt, dass er, wenn er durchaus in seinem
-Stande heirathen will, den Muth haben muss, nach diesen Ausnahmen zu
-suchen, dass es mit zu seiner Pflicht gehört, im Falle der Enttäuschung
-in der Ehe den Kampf mit der Selbstsucht der Frau aufzunehmen und die
-versäumte Erziehung derselben nachzuholen, dass er endlich selbst bei
-Erfolglosigkeit dieses Strebens seine Töchter anders erziehen und eine
-bessere sociale Zukunft heraufführen helfen soll.</p>
-
-<p>Das Verschanzen hinter die weiblichen Fehler ist leider nur zu oft ein
-blosser Vorwand der männlichen Jugend, um ihrer Selbstsucht, <span class="nowrap">d. h.</span> dem
-Verbrauch ihres gesammten Einkommens für ihre Person, ungestört weiter
-fröhnen zu können. Wer seine ganze Einnahme für sich allein verbraucht,
-der schreckt natürlich davor zurück, plötzlich den Haupttheil derselben
-für eine Familie abgeben zu sollen; er verschiebt das Heirathen auf
-eine Gehaltserhöhung, hat aber, wenn diese kommt,<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[&ndash; 73 &ndash;]</a></span> nicht gerade eine
-bestimmte Frau in Aussicht und gewöhnt sich dann daran, auch das höhere
-Einkommen ganz für seine persönlichen Bedürfnisse zu verbrauchen.
-Uebermannt ihn eine wirkliche Liebe, so entschliesst er sich freilich
-zu Opfern und Einschränkungen und findet nachher meistens, dass ihm die
-Entbehrungen viel leichter geworden sind, als er sich vorher gedacht
-hat, gerade umgekehrt wie bei der Frau. Fehlt es aber zu der Zeit, wo
-sein Einkommen für eine Familie ausreicht, an einer rechten Liebe in
-seinem Herzen, die ihn über die kleinliche Selbstsucht hinweghebt &mdash;
-und diess ist nur zu oft der Fall &mdash; so wird die letztere bei vielen
-stark genug sein, sie von der Erfüllung ihrer socialen Bürgerpflicht
-durch Eheschliessung abzuhalten. Freilich giebt es noch junge Männer
-genug, die auch ohne eigentliche Liebesleidenschaft ganz gern bereit
-wären, sich erhebliche persönliche Einschränkungen aufzulegen, um des
-Familienglücks und des häuslichen Behagens theilhaftig zu werden, wenn
-sie nur noch den Glauben fassen könnten, dass dieses Glück ihnen mit
-den verwöhnten und anspruchsvollen Mädchen ihres Standes wirklich noch
-blühen könne, wenn sie nicht fürchten müssten, alle Opfer umsonst zu
-bringen und sich durch Fesselung an eine unzufriedene und missvergnügte
-Frau das Leben zu verbittern.</p>
-
-<p>Die schonungslose Aufdeckung der Gründe, aus denen die vermehrte
-Ehelosigkeit und Heirathsverspätung und die verminderte Kinderzahl
-unserer höheren Stände entspringt, mag manchem Leser peinlich gewesen
-sein, aber sie hat wenigstens den Vortheil, die Punkte erkennbar zu
-machen, an welchen die Hebel zur Wiederherstellung gesunderer socialer
-Zustände angesetzt werden müssen.</p>
-
-<p>Zunächst kann die Gesetzgebung etwas thun, nämlich die Prämie aufheben,
-welche auf der Ehelosigkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[&ndash; 74 &ndash;]</a></span> steht in Folge des Umstandes, dass der
-Familienvater von seinem Einkommen trotz der erhöhten Leistungen für
-den Staat durch die Kindererziehung und trotz des höheren Beitrags zu
-den indirekten Steuern und Zöllen doch noch dieselben direkten Steuern
-zahlen muss, wie der Junggesell, und dass nach Intestaterbrecht ledige
-und verheirathete Erben gleichen Erbanspruch haben. Wir betrachten
-zunächst den ersten Punkt.</p>
-
-<p>Ob ein Einkommen eine oder fünf Personen ernährt, müsste sich
-doch in der Steuerquote ausdrücken, <span class="nowrap">d. h.</span> der unverheirathete
-Steuerzahler müsste von dem gleichen Einkommen das Fünffache an
-direkter Steuer entrichten, wie der Familienvater, um einen billigen
-Ausgleich herzustellen. Wir können nicht zu dem Athenischen Gesetze
-zurückkehren, nach welchem der gesunde Bürger mit zurückgelegtem
-vierzigsten Lebensjahr zur „Zwangstrauung“ geführt wurde (wie bis
-vor Kurzem bei uns die Kinder zur Zwangstaufe), aber wir können
-unsern Bürgern die Eheschliessung dadurch als eine staatsbürgerliche
-Ehrenpflicht einschärfen, dass wir die Entziehung von derselben ähnlich
-wie diejenige von gewissen Ehrenämtern der Selbstverwaltung durch
-Vervielfachung der direkten Steuern ahnden. Das Geschlecht kann hierbei
-keinen Unterschied begründen; denn in den steuerpflichtigen Jungfern,
-mögen sie im Einzelnen noch so unschuldig an ihrem Sitzenbleiben sein,
-muss die Entartung ihres Geschlechts im Ganzen gestraft werden, da die
-Gesetzgebung nicht individualisiren kann. Da die unteren Stufen der
-Klassensteuer ohnehin schon bei uns aufgehoben sind, und weitere Stufen
-der Aufhebung entgegen sehen, so würden die von ihrem Arbeitsertrag
-lebenden Jungfern von einer solchen Massregel ebensowenig betroffen
-werden, wie die niederen Stände überhaupt, und auf weiblicher Seite
-nur die besser situirten Rentnerinnen darunter zu leiden<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[&ndash; 75 &ndash;]</a></span> haben, die
-es vertragen können.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> Da die Entziehung von der socialen Pflicht
-der Familiengründung um so gemeinschädlicher und strafbarer ist, je
-wohlhabender die ledigen Individuen sind, so wäre es sogar nicht
-mehr als billig, den Coefficienten für die Vervielfachung der Steuer
-progressiv zu machen; denn je grösser die Wohlhabenheit, desto
-strafbarer ist die Entziehung von der Pflicht der Familiengründung und
-desto nachtheiliger wirkt die durch sparsame Proliferation verursachte
-Vermögensanhäufung. In den niederen Ständen, wo die Vermehrung schon
-eher zu schnell als zu langsam ist, hat man durch Aufhebung aller
-Erschwerungen und Unkosten der Eheschliessung und durch die theils
-schon durchgeführte, theils in Aussicht stehende Aufhebung des
-Schulgeldes alles gethan, um die Vermehrung noch zu befördern; in den
-höheren Ständen, wo die Vermehrung erschreckend hinter dem Nothwendigen
-zurückbleibt, scheut man bis jetzt vor der natürlichsten Forderung der
-ausgleichenden Gerechtigkeit durch die Vervielfachung der direkten
-Steuern der Ledigen zurück.</p>
-
-<p>Wir kommen nun zu dem zweiten Punkt, nämlich zu der Unbilligkeit,
-welche darin liegt, dass ledige und verheirathete Kinder gleichviel
-erben. Die alten Jungfern, welche eine zwecklose Drohnenexistenz im
-Staate führen, und die Junggesellen, welche ausser ihrer direkten
-Berufsarbeit keine socialen Leistungen für den Staat aufzuweisen haben,
-verdienen nicht, von der Rente des gemeinsamen Familienvermögens den
-nämlichen Antheil<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[&ndash; 76 &ndash;]</a></span> zu verbrauchen, wie ihre verheiratheten Geschwister,
-welche durch ihre Kinder gezwungen sind, für ihre Person bei gleicher
-Einnahme viel beschränkter zu leben. Wenn auch die Vermögens-Antheile
-der Ledigen später auf ihre Neffen und Nichten mitübergehen, so
-gelangen sie doch meistens zu spät in deren Hände, um denselben noch
-mit ihrem vollen volkswirthschaftlichen Nutzen zu gut zu kommen, und
-was weit schlimmer ist, die Rente derselben ist für die Lebensdauer
-der Erbonkel und Erbtanten dem social activen Theil des lebenden
-Geschlechtes verloren gegangen und hat durch die unverhältnissmässige
-Erhöhung des Wohllebens, des Komforts und des Luxus der Niessnutzer
-als augenscheinliche Prämie ihrer Ehelosigkeit gewirkt. Umgekehrt
-würde mancher egoistische Junggeselle sich eher zur Verheirathung
-entschliessen und manches wohlhabende wählerische Mädchen vorsichtiger
-in der Austheilung ihrer Körbe und maassvoller in ihren Ansprüchen
-werden, wenn sie wüssten, dass die Hälfte der noch zu erwartenden
-Erbschaften ihnen verloren geht, falls sie ledig bleiben. Um diess zu
-erreichen, müsste das Intestaterbrecht dahin abgeändert werden, dass
-unter verwandtschaftlich gleich nahe stehenden Erbberechtigten die
-Ledigen nur den halben Erbanspruch von demjenigen der Verheiratheten
-haben sollen. Diejenigen Ledigen, welche beim Erbfall noch nicht das
-35. Lebensjahr zurückgelegt haben, müssten beanspruchen können, dass
-ihnen die andere Hälfte ihres Erbtheils sichergestellt werde für den
-Fall, dass sie sich bis zu dem genannten Alter verheirathen, wogegen
-nach Ueberschreitung dieser Altersgrenze der sichergestellte Theil
-unter die verheiratheten Miterben zur Vertheilung gelangen würde. Wem
-diese Bestimmung missfiele, dem bliebe es unbenommen, testamentarisch
-anders zu verfügen; da aber der Erbgang thatsächlich zum grossen Theil
-nach Intestaterbrecht<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[&ndash; 77 &ndash;]</a></span> erfolgt, so würde eine Aenderung in diesem
-immerhin einen beträchtlichen realen Einfluss haben.</p>
-
-<p>Für wichtiger als den realen Einfluss würde ich übrigens die moralische
-Wirkung solcher gesetzlicher Bestimmungen halten, insofern sie im Volke
-das Bewusstsein wecken und stärken würden, dass die social passiven
-und social aktiven Theile der Gesellschaft einen so verschiedenen
-socialen Werth für die Gesammtheit haben, dass sie nicht mit gleichem
-Maasse gemessen werden dürfen. Der Satz: „wer nicht arbeitet, soll
-auch nicht essen“ muss wenigstens insoweit wieder zu Ehren kommen,
-dass die sociale Berufslosigkeit der Missachtung preisgegeben wird,
-wo sie verschuldet ist, dass kouponschneidende Müssiggänger und
-Müssiggängerinnen nicht mehr der ehrlichen Arbeit zum Hohn ein
-luxuriöses Wohlleben führen, sondern auf ein bescheidenes Auskommen
-beschränkt werden, und dass diejenigen, welche die staatsbürgerliche
-Ehrenpflicht der Familiengründung nicht erfüllt haben, auch nicht
-gleiche Rechte wie ihre leistungsfähigeren und leistungswilligeren
-Mitbürger zu besitzen verdienen. Der behaglich lebende Junggeselle muss
-aufhören, sich vergnügt in die Hände zu reiben, sich seiner Pfiffigkeit
-zu rühmen, und hohnlachend auf den dummen Tropf herabzusehen, der
-sich im Schweisse seines Angesichts für seine zahlreiche Familie
-plagt. Die spöttische Geringschätzung, welche schon jetzt wegen ihrer
-Berufslosigkeit oft unverdient genug auf der alten Jungfer lastet, muss
-auch auf den körperlich heiratsfähigen alten Junggesellen übertragen
-werden, mit doppelter Wucht, weil er nicht auf das Gewähltwerden zu
-warten braucht, sondern selber die Wahl frei hat; sie muss sich zum
-sittlichen Unwillen steigern, wenn die Entziehung von der socialen
-Ehrenpflicht der Familiengründung sich beim Junggesellen mit
-berufsloser Unthätigkeit paart, aus welcher<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[&ndash; 78 &ndash;]</a></span> man der alten Jungfer
-unter den heutigen Verhältnissen kaum einen Vorwurf machen kann.</p>
-
-<p>Wenn auf diese Weise das Gefühl der Verpflichtung zur Familiengründung
-in der männlichen Jugend wieder geweckt und die Entziehung von dieser
-Ehrenpflicht wieder zu einem Gegenstande der Scham gemacht worden ist,
-dann werden auch die jungen Männer mit ganz anderen Augen auf ihre
-Zukunft blicken lernen und ihre Gegenwart mit Rücksicht auf diese
-Zukunft zu gestalten suchen. Jetzt, wo sie für sich leben, halten sie
-es so sehr für das Normale, ihre ganze Einnahme zu verbrauchen, dass
-ihnen das Gegentheil gar nicht in den Sinn kommt; dann, wenn sie ihre
-Junggesellenzeit nur als Vorstufe zu derjenigen des Familienvaters
-ins Auge fassen, werden sie von vornherein ihre Gewohnheiten nach
-Maassgabe der letzteren einzurichten haben. Von seelenmörderischen
-Lastern, wie dem Spiel, werden sie sich viel leichter frei halten,
-wenn ihnen die Perspektive des Familienlebens als Ziel vorschwebt;
-die Kosten für Verhältnisse zweifelhaften Charakters werden sie sich
-ebenfalls auf Grund des näher gerückten ehelichen Lebens lieber
-ersparen, womit dann wiederum der Hauptantrieb zu kostspieligem
-Kleiderluxus in Wegfall kommt. Je mehr sie das Bewusstsein haben, sich
-für künftiges Familienleben vorzubereiten, desto mehr werden sie den
-Familienverkehr der Kneipe vorziehen, desto mehr wird die Verführung
-der Kneipe zur Gewöhnung an übermässige Fleischnahrung, Trinken und
-Rauchen zurücktreten, desto weniger werden sie von ihrer Nachtruhe der
-Erholung opfern und desto besser werden sie für ihre Gesundheit und
-die Erhaltung ihrer Nervenkraft sorgen. Glücklicherweise beginnt das
-Rauchen in der gebildeten Jugend jetzt ebenso aus der Mode zu kommen,
-wie das Tabakkauen und Schnupfen es schon lange ist, und gegen das
-sinnlose<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[&ndash; 79 &ndash;]</a></span> Trinken erhebt sich aus studentischen Kreisen selbst ebenso
-eine Reaktion wie aus medicinischen Kreisen gegen den eine Zeitlang
-begünstigten übermässigen Fleischgenuss. Wer aber an gesundheitsgemässe
-gemischte Kost gewöhnt ist und weder raucht, noch trinkt, noch spielt,
-der hat für seine Person kaum noch ein Opfer zu bringen nöthig, wenn
-er zur Ehe schreitet, der wird auch vor der Ehe nicht in Versuchung
-gewesen sein, sein ganzes Berufseinkommen für sich zu verbrauchen,
-sondern wird zeitig angefangen haben zurückzulegen, sei es in Form von
-Ersparnissen oder von Alters- und Lebensversicherung oder sonst wie.
-Ein solcher Mann wird beim Uebergang zum Familienleben nur gewinnen,
-vorausgesetzt, dass er ein gesundes, arbeitsfähiges, arbeitswilliges
-und anspruchsloses Mädchen wählt.</p>
-
-<p>Wenn es bei einem gesunden Zeitgeist und Standesgeist das Natürlichste
-ist, ein solches Mädchen in seinem Stande zu suchen, so muss dies bei
-einem korrumpirten Standesgeist, bei einem zur Unsitte gewordenen
-Leben über den Stand hinaus, ebenso bedenklich erscheinen wie unter
-normalen Verhältnissen das Heirathen über seinem Stande. Niemand darf
-sich für einen Herzenskündiger halten, am wenigsten, wenn Amor ihm
-die Binde um die Augen gelegt hat; deshalb wird Niemand sich zutrauen
-dürfen, den Charakter seiner Erkorenen so zu durchschauen, dass er sich
-auf Grund ihrer guten Vorsätze gegen jeden Rückfall in luxuriösere
-Gewohnheiten, als sie bei ihm fortsetzen kann, gesichert halten dürfte.
-Es bleibt also bei der Trüglichkeit der subjektiven Diagnose dem
-Heirathskandidaten nur das objektive Merkmal übrig, ob die bisherigen
-Gewohnheiten, welche seine Erwählte in der Lebenshaltung ihres
-Elternhauses sich angeeignet hat, nicht über das Maass von Komfort
-hinausgehen, welches<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[&ndash; 80 &ndash;]</a></span> er ihr gewähren kann. Ist dies der Fall, so muss
-er sich darüber klar sein, dass auch die beste und bescheidenste Frau,
-die sich willig in die ihr neuen, einfacheren Verhältnisse findet,
-doch nie aufhören wird, ihr Herabsteigen als ein ihm dargebrachtes
-Opfer zu empfinden, welches vorweg durch einen Ueberschuss an Liebe
-über die sonst zu verlangende hinaus ausgeglichen werden muss. Für den
-Mann ist es ein Leichtes, das Weib seiner Wahl zu sich emporzuheben,
-da die meisten Frauen sich mit wunderbarem Geschick höheren Ansprüchen
-anzupassen und in einem höheren Kreise heimisch zu machen verstehen;
-dagegen fällt es dem Weibe unendlich schwer, sich zu dem Manne
-ihrer Wahl so herabzulassen, dass er es nicht mehr als Herablassung
-fühlt. Die Frau vergleicht niemals die Lage, in welche sie ohne die
-geschlossene Ehe nach dem Tode ihrer Eltern gekommen sein würde, mit
-der in der Ehe ihr zu Theil gewordenen, sondern immer nur diejenige,
-welche sie als Mädchen thatsächlich im Elternhause durchlebt hat; denn
-die Frau kümmert sich nicht um abstrakte Möglichkeiten der blossen
-Vorstellung, sondern hält sich an die ihrem Gedächtniss anschaulich
-eingeprägte Erfahrung als allein reell in Betracht kommendes
-Vergleichsobjekt. Fällt dieser Vergleich für die Gegenwart ungünstig
-aus, so hilft kein Hinweis auf das, was inzwischen vermuthlich an
-deren Stelle getreten sein würde, denn die Möglichkeit bleibt ja
-unbestreitbar, dass sie vielleicht auch noch eine bessere Partie hätte
-machen können.</p>
-
-<p>Will also der Mann sicher gehen, so muss er seine Wahl auf solche
-Familien seines Standes beschränken, welche der Verirrung des
-Zeitgeistes erfolgreich Widerstand geleistet und ihre Töchter so
-einfach gehalten, so anspruchslos erzogen und so zur Arbeitsamkeit
-gewöhnt haben, dass sie das ihnen dargebotene Loos an<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[&ndash; 81 &ndash;]</a></span> seiner Seite
-ohne Herablassung und ohne Umlernen in ihren Gewohnheiten annehmen
-könne. Ein Mann, dessen voraussichtliche Einnahme mit 30, 40, 50 und
-60 Jahren die Höhe von 30, 40, 50 und 60 hundert Mark nicht übersteigt
-(wie dies durchschnittlich bei unsern meisten höheren Berufsarten
-thatsächlich nicht der Fall ist), kann schlechterdings nur mit einer
-Frau zufrieden und behaglich leben, welche fähig und willens ist, ihre
-eigene Köchin, Kinderwärterin und Schneiderin zu sein und sich nur
-für die grobe Hausarbeit eine Hülfe zu halten. Eine solche wird er
-aber nur in einem Hause suchen dürfen, das selber mit höchstens einem
-Dienstboten oder womöglich ohne solchen mit einer blossen Aufwärterin
-auskommt, und auch sonst in Kost, Kleidung, Wohnung, Reisen <span class="nowrap">u. s. w.</span>
-sich der grössten Bescheidenheit befleissigt, keinesfalls aber in einem
-solchen, wo die erwachsenen Töchter gewohnt sind, sich bedienen zu
-lassen, statt selbst den Eltern und dem Ganzen der Familie zu dienen.
-Findet er aber keine solche Familie in seinem Stande, oder doch keine,
-deren Töchter sein Herz zu gewinnen vermögen, so soll er darum sich
-nicht von seiner Pflicht entbunden erachten, sondern den einfachen
-Ausweg einschlagen, so weit von seinem Stande herabzusteigen, als die
-Gemüthserziehung und Charakterbildung der Töchter noch ausreichend
-scheint, um seinen Kindern die nothwendige mütterliche Erziehung zu
-sichern.</p>
-
-<p>Würde das erstere allgemein unter der männlichen Jugend, so würden
-alle über ihren Stand hinaus lebenden Familien damit bestraft, dass
-ihre Töchter sitzen blieben, und nur die vernünftigen erhielten in der
-ausnahmsweisen Verheirathung ihrer Töchter die Prämie für den Muth
-und die Ausdauer ihres Schwimmens gegen den Strom. Würden an Stelle
-aller Töchter der über ihren Stand hinaus lebenden Familien von den<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[&ndash; 82 &ndash;]</a></span>
-jungen Männern Töchter aus geringerem Stande gewählt, so würde der
-korrumpirte weibliche Theil der höheren Stände von der Fortpflanzung
-ausgeschlossen, ohne dass darum die in dem männlichen Theil derselben
-Stände niedergelegten erblichen Eigenschaften dem Kulturprocess mit
-verloren gingen; an Stelle der Blutserneuerung des Standes durch
-Einrücken von ganz neuen Elementen aus den niederen Ständen träte dann
-eine halbseitige Blutsauffrischung durch Konnubium mit den minder
-entarteten Töchtern der nächstniederen Stände. Diese halbseitige
-Blutsauffrischung hat jedenfalls vor der gänzlichen Blutserneuerung
-des Standes den Vortheil, dass die durch Vererbung angehäuften
-Eigenschaften wenigstens des männlichen Theils für die weitere
-Betheiligung des Standes an der Kulturarbeit konservirt werden; aber
-sie macht die Forderung nicht überflüssig, dass man Mittel und Wege
-aufsuchen müsse, um wo möglich auch die weibliche Hälfte der höheren
-Stände vor einer solchen Ausschaltung zu bewahren.</p>
-
-<p>Das bei weitem wirksamste Mittel würde jedenfalls das Bewusstsein
-von der drohenden Ausschaltung durch Verheirathung aller Männer mit
-Mädchen geringeren Standes sein; denn der letzte Grund für das Drängen
-gerade des weiblichen Geschlechts nach Luxus ist doch schliesslich
-nur die Hoffnung, durch solchen Schein einer Erhabenheit über das
-Durchschnittsniveau ihres Standes die Männer zu blenden und für sie
-anziehender und begehrenswerther zu werden. Sobald die Ueberzeugung
-im weiblichen Geschlecht allgemein würde, dass dieses Streben den
-umgekehrten Erfolg hat, würde dessen Nerv gelähmt sein. Der Irrthum
-aber, durch welchen die Mädchen bisher zu diesem verkehrten Verfahren
-sich haben verleiten lassen, entspringt aus der Verwechselung zwischen
-der Anziehungskraft, die ein Mädchen auf einen Mann zur vorübergehenden
-Unterhaltung ausübt, und<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[&ndash; 83 &ndash;]</a></span> derjenigen, welche sie auf einen solchen als
-Heirathskandidaten ausübt. Nur die erstere macht sich den Mädchen in
-jeder Gesellschaft und auf jedem Balle sinnlich wahrnehmbar, während
-die letztere sich in ihren Ursachen dem Verständniss der Mädchen zu
-sehr entzieht. Aber ein wenig Nachdenken könnte sie doch lehren,
-dass die am meisten umschwärmten Löwinnen der Bälle und Landpartien
-ebenso oft und noch öfter sitzen bleiben als die unbeachteten und
-unscheinbaren Wegeblümchen. Eine grosse Schuld der Bestärkung in diesem
-Irrthum tragen leider die Mütter, indem sie nach dem Eintritt in die
-Ehe nicht aufhören wollen, auf die zum Theil dem Luxus der Erscheinung
-zugeschriebenen gesellschaftlichen Erfolge zu verzichten, vielmehr
-den Verlust der jugendlichen Reize durch Steigerung der Toilette zu
-ersetzen suchen. Solchen Müttern geschieht dann ganz Recht, wenn sie
-das ihren Töchtern gegebene Beispiel mit deren Sitzenbleiben büssen
-müssen.</p>
-
-<p>Man kann sagen, dass der letzte handgreifliche Grund unserer
-verschrobenen Weiber in dem höheren Töchterschulwesen liegt, das
-sich erst in dem letzten halben Jahrhundert entwickelt hat. Könnten
-wir diese Entwickelung mit einem Streich rückgängig machen, und
-unsere Töchter auf das Niveau der Volksschulbildung, mit dem unsere
-Grossmütter sich begnügen mussten, zurückschrauben, so würden
-sie ebensowenig, wie diese es thaten, sich für zu vornehm und zu
-gebildet zur Erfüllung ihrer natürlichen und socialen Pflichten, zur
-Kinderpflege und Hausarbeit halten. Hat doch selbst die Jungfernfrage
-nur dadurch ihre Schärfe bekommen, dass die Jungfern der höheren Stande
-nicht mehr wie früher in den Hauswesen ihrer Verwandten arbeiten und
-dienen wollen. Alle Halbbildung ist ein Fluch und nicht ein Segen;
-unsere höhere Töchterschulbildung<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[&ndash; 84 &ndash;]</a></span> aber ist Halbbildung der schlimmsten
-Art und erzeugt naturgemäss auch die Folgen einer solchen.</p>
-
-<p>Nun lässt sich aber eine fünfzigjährige geschichtliche Entwickelung
-nicht so ohne Weiteres annulliren, und es sind ja auch in der
-Töchterschule berechtigte und der Pflege werthe Elemente vorhanden,
-welche man nicht mit der Wurzel ausreissen sollte, selbst wenn man
-es könnte. Ich begnüge mich hier mit Aufstellung der Forderung, dass
-der Unterricht bis zum 14. Jahre nur 4 Stunden täglich, nachher nur 3
-Stunden (mit Ausschluss von Rechnen und Gesang) umfassen darf, dass
-nur eine fremde Sprache (die französische) getrieben werden und dass
-für die häuslichen Arbeiten nicht mehr als eine Stunde in Anspruch
-genommen werden darf. Hierdurch würde die gesundheitsschädliche
-Ueberanspannung der Mädchengehirne beseitigt und die Möglichkeit
-einer zunehmenden häuslichen Nebenbeschäftigung der Schulmädchen
-eröffnet. Eine fakultative Ausdehnung der Schulzeit auf 11&ndash;12 Jahre
-mit nur 2 täglichen Unterrichtsstunden in den beiden letzten Jahren
-würde den jetzt so schroffen Uebergang von der Schule zur häuslichen
-Selbstthätigkeit allmählicher machen und der Schule erst Gelegenheit
-geben, Disciplinen wie Kunstgeschichte mit wirklichem Nutzen zu
-pflegen, die jetzt nur mehr als schöne Aushängeschilder in den
-Schulprogrammen prangen und bloss den Mädchen mit dem Glauben an die
-erlangte Bildung den Kopf verdrehen.</p>
-
-<p>Sache der Mütter ist es, die Töchter sowohl in den Schuljahren mit
-abnehmender Schulzeit wie nach beendigter Schulzeit mit Ernst und
-Strenge zu geordneter und nützlicher häuslicher Thätigkeit anzuhalten,
-Sache der Väter, ebensowohl den heranwachsenden Töchtern wie den
-heranwachsenden Söhnen gegenüber die Hand auf den Beutel zu halten,
-damit sich beide<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[&ndash; 85 &ndash;]</a></span> nicht frühzeitig an ein Maass von Ausgaben gewöhnen,
-von dem nach der Verheirathung oder nach des Vaters Tode zurückstehen
-zu müssen sie später als schmerzliche Entbehrung empfinden würden.
-Wenn jeder Familienvater seiner Pflicht eingedenk bleibt, den Etat des
-Hauswesens niemals blos nach den augenblicklich verfügbaren Mitteln
-einzurichten, sondern immer zugleich die Zukunft der Familie im Auge
-zu behalten, dann wird sich ganz von selbst eine Einrichtung des
-Hauswesens ergeben, welche sowohl die Söhne wie die Töchter für ihre
-künftige Aufgabe eigener Familiengründung vorbereitet.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="V_Die_heutige_Geselligkeit">V.<br />
-Die heutige Geselligkeit.</h2>
-
-</div>
-
-<h3>1. Die Geselligkeit im Hause.</h3>
-
-<p>Das grossstädtische Leben hat die Tendenz, seine Uhr zurückzustellen,
-d. h. den Morgen zu verkürzen, die Mittagszeit zu verspäten und den
-Abend zu verlängern. Als ich kleines Kind war, speisten noch die
-meisten Leute mit ihren Kindern in der mittäglichen Schulpause,
-also gegen 1 Uhr, während die jetzige Essenszeit zwischen 2 und 6
-diejenigen Kinder, deren Schulen noch Nachmittagsunterricht haben, von
-der Familientafel ausschliesst. In meines Vaters Jugend begannen die
-Berliner Theater-Vorstellungen um 6, in meiner Jugend um 6½, jetzt um
-7, einzelne erst um 7½ Uhr. Die nächtlichen Sitzungen des englischen
-Parlaments zeigen, bis zu welchem Punkte die naturwidrige Verkehrung
-der Tageszeiten fortschreiten kann.<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[&ndash; 86 &ndash;]</a></span> Schon bei uns machen sich die
-unbequemen Folgen der Verspätung des Lebens sehr fühlbar in der
-Geselligkeit.</p>
-
-<p>Naturgemäss liegt die Zeit für geselliges Zusammenkommen in den
-Abendstunden, welche die Erholung nach der Arbeit des Tages bilden
-sollen, und nur besondere Feste dürfen das Recht der Arbeit auf
-die Wochentage verkürzen. Die zu den Lebensgewohnheiten am besten
-passende abendliche Erholungszeit ist zu erkennen aus den Stunden,
-wo der Theaterbesuch stattfindet, daher ist es naturgemäss, dass die
-Geselligkeitszeit mit der Theaterzeit zusammentrifft. Letztere fällt
-bei uns jetzt in die Stunden von 7 bis 10; die abendliche Geselligkeit
-wird etwa eine Stunde mehr beanspruchen, da sie im Unterschied von
-der Theaterzeit die Zeit zum Abendessen in sich schliesst. Eine
-Zusammenkunft, die weniger als 3 Stunden dauert, füllt den Abend
-nicht aus; solche, die mehr als 4 in Anspruch nimmt, wirkt ermüdend
-und wird zur Anstrengung, anstatt Erholung zu sein. Nun war es
-früher angänglich, dass die Gesellschaftszeit eine Stunde später lag
-als die Theaterzeit, jetzt aber, wo die zum Heimweg erforderliche
-Durchschnittszeit mit der Grösse der Stadt wächst, würde schon ein
-Beginn 3½- bis 4-stündiger Gesellschaften um 8 die Nachtruhe derer
-empfindlich stören, welche am anderen Morgen um 8 wieder in ihrem
-Berufe thätig sein müssen. Da aber durch die Eitelkeit, nicht zuerst
-kommen zu wollen, der Anfang der Gesellschaften sich von 8 bis 9
-verschoben hat, und viele erst aus dem Theater in Gesellschaft gehen,
-so wird sogar die Nachtruhe derer geschädigt, welche erst um 9 Uhr
-Morgens nöthig haben, in ihren Bureaus oder Komptoren zu erscheinen.
-Die Folge dieser Zustände ist, dass die heutige Gesellschaft immer
-allgemeiner als eine drückende Last empfunden wird, die<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[&ndash; 87 &ndash;]</a></span> man nur trägt,
-weil man sich nicht ganz den geselligen Verpflichtungen entziehen kann.</p>
-
-<p>In solchen Kreisen, denen es auf eine Vertheuerung der Geselligkeit
-nicht ankommt, hat man den Ausweg gefunden, zu der früheren Zeit der
-Abendgeselligkeit unserer Grosseltern (6 bis 10) zurückzukehren,
-indem man die Hauptmahlzeit wie die Alten auf den Abend verlegt,
-d. h. sich zum Mittagessen um 6 Uhr Abends einladet. Dadurch wird
-zunächst der Vortheil erreicht, dass die Gäste, wie sie es immer
-sollten, es für unhöflich halten, in der Verspätung das akademische
-Viertel zu überschreiten und dass die unbehagliche Unruhe des Kommens
-abgekürzt wird; was aber wichtiger ist, man kommt zu rechter Zeit
-nach Haus und ist am anderen Tage wieder frisch für die Arbeit. Aber
-die Nachtheile dieses Auswegs liegen auf der Hand. Entweder wird das
-Essen und Trinken bei stundenlanger Ausdehnung zur Hauptsache der
-Zusammenkunft, oder wenn, wie es neuerdings glücklicherweise Sitte
-geworden ist, auch das reichste Mahl schnell hintereinander aufgetragen
-und in einer Stunde erledigt wird, so ist man noch mehrere Stunden mit
-vollem Magen und eingenommenem Kopfe beisammen und geht auseinander,
-wenn das Stadium der ersten Verdauungsträgheit glücklich überwunden
-ist. Aber es ist immer eine falsche Geselligkeit, in der man sich
-vereinigt, um den Tafelfreuden zu huldigen, anstatt sich zu Tische zu
-setzen, weil bei dem Zusammensein gerade die Essenszeit herangerückt
-ist. Wo der Gaumen in erster Reihe berücksichtigt wird, ist es kein
-Wunder, wenn Geist und Gemüth in den Hintergrund treten müssen. Die
-hauptsächliche Zeit für gesellige Unterhaltung muss vor dem Essen
-liegen, nicht hinter demselben, deshalb muss die Gesellschaft nicht
-mit der Hauptmahlzeit des Tages beginnen, sondern mit einer leichten
-Nebenmahlzeit<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[&ndash; 88 &ndash;]</a></span> schliessen. Die Hineinziehung der Hauptmahlzeit in
-die Gesellschaftszeit verführt allzuleicht zur Entfaltung eines
-überflüssigen und unerfreulichen Luxus, vor welchem die abendliche
-Nebenmahlzeit leichter geschützt ist, weil hier der gesunde Instinkt
-vor Ueberfüllung des Magens beim Beginn der Nacht warnt.</p>
-
-<p>Thatsächlich hat seit der Gründerzeit der Luxus in den „Diners“
-bei uns eine Ausdehnung gewonnen, welche vom kulturgeschichtlichen
-und socialethischen Gesichtspunkt aus nur zu bedauern ist. Die
-Verallgemeinerung der „Diners“ kann nur dazu führen, das gesellige
-Leben noch mehr, als es schon jetzt in vielen Kreisen der Fall ist, auf
-einzelne unvermeidliche „Abfütterungen“ zu beschränken.</p>
-
-<p>Das Heilmittel gegen diesen Schaden und die aus ihm weiter zu
-fürchtenden Gefahren ist leicht zu sehen: man braucht nur wieder
-den Muth zu haben, sich zu kurzen und frühen Abendgesellschaften
-einzuladen und sich über Innehaltung des akademischen Viertels derart
-zu verständigen, dass dessen Ueberschreitung allgemein wieder als
-unhöflich gilt. Bringen diejenigen Gäste, welche vom späten häuslichen
-Mittagessen kommen, wenig Appetit mit, so ist das um so besser; denn
-es muss die Rückkehr vom übertriebenen Speiseluxus zu vernünftiger
-Frugalität erleichtern. Es ist ja ursprünglich schön empfunden, dass
-man, um den Gast zu ehren, der gewöhnlichen Familienmahlzeit ein
-übriges hinzufügt; wo aber der eingerissene Missbrauch die Geselligkeit
-des Mittelstandes zu zerstören droht, da ist als Reaktion gegen solche
-Ausschreitung der muthige Entschluss am Platz, dass man auf jede, auch
-auf die kleinste Zuthat verzichtet und die Gäste verschmäht, welche
-nicht mit der gewöhnlichen Familienmahlzeit vorlieb nehmen wollen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[&ndash; 89 &ndash;]</a></span></p>
-
-<div class="section">
-
-<h3>2. Die Geselligkeit ausser dem Hause.</h3>
-
-</div>
-
-<p>In keinem Punkte hat wohl das Leben der norddeutschen grösseren
-Städte in den letzten vierzig Jahren so auffallend seine Physiognomie
-verändert, als in der Verlegung eines grossen Theils der Geselligkeit
-an öffentliche Orte. In den vierziger Jahren bot zum Beispiel Berlin
-dem Erholung suchenden Publikum zwar im Sommer eine Anzahl primitiv
-eingerichteter öffentlicher Gärten, im Winter aber fast nur eigentliche
-Speisehäuser, Weinstuben, Conditoreien und Weissbierlokale, und für
-die niederen Stände „Tabagien“ und „Tanzböden.“ In den Speisehäusern
-entwickelte sich eine Geselligkeit fast nur gelegentlich durch
-eine Tischgemeinschaft, die sich ihrer Natur nach auf Junggesellen
-beschränkte; die Conditoreien, die als Kaffeehäuser benutzt wurden,
-dienten dabei zugleich als Lesekabinets und liessen deshalb geselligen
-Verkehr unter den Gästen nicht aufkommen; so blieben für die
-besseren Stände fast nur die Weinstuben und die wenigen anständigen
-Weissbierlokale übrig, welche von Frauen noch durchaus gemieden
-wurden. Der erste Umschwung in diesen Zuständen erfolgte durch die
-Einführung der bayerischen Bierlokale und Biergärten, der zweite
-durch diejenige der Wiener Kaffeehäuser; beide fanden den Boden
-dadurch vorbereitet, dass durch die Verdoppelung und Verdreifachung
-der städtischen Miethspreise die Menschen genöthigt worden waren,
-enger zusammengedrängt zu wohnen, also weniger Raum in der eigenen
-Häuslichkeit für gesellige Zwecke frei hatten und dafür Ersatz ausser
-dem Hause suchten. Als zweiter begünstigender Umstand aber kam hinzu,
-dass der Luxus in der Bewirtung von Gästen in diesem Zeitraum in einer
-Weise gestiegen war, welche es dem<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[&ndash; 90 &ndash;]</a></span> Mittelstand fast unmöglich machte,
-häufiger Gäste bei sich zu sehen; infolge dessen beschränkte man die
-häusliche Geselligkeit in diesen Kreisen, wenn man nicht gleich ganz
-auf dieselbe verzichtete, mehr und mehr auf wenige repräsentative
-„Abfütterungen“ und verlegte die eigentliche, der Erholung dienende
-Geselligkeit an öffentliche Orte, wo jeder für sich selbst zu bezahlen
-hat.</p>
-
-<p>So erklärlich diese Umwandlung ist, und so sehr sie mit dem
-demokratisch nivellierenden und durcheinander schüttelnden Zuge
-unsrer Zeit harmonirt, so fragt sich doch, ob sie uns dem Ideal der
-Geselligkeit näher geführt oder ferner gerückt hat, und ob sie den
-angestrebten Zweck „Gewinnung eines möglichst grossen geselligen
-Behagens bei möglichst geringem Kostenaufwand“ auch wirklich erreicht
-hat. Beides muss leider verneint werden.</p>
-
-<p>Zunächst liegt die Gefahr in der öffentlichen Geselligkeit, dass sie
-die Geschlechter voneinander sondert und die Stellung der Frauen
-noch ungünstiger macht, als sie ohnehin schon ist. Der Mann hat eine
-scharf gegeneinander abgegrenzte Arbeitszeit und Mussezeit; die Frau,
-welche dem Hauswesen vorsteht und die Kinder beaufsichtigt, nicht,
-wenigstens ist ihre ganz freie Mussezeit sehr viel knapper bemessen.
-Der Mann kann täglich die Abendstunden nach vollbrachter Tagesarbeit
-der geselligen Erholung widmen, gleichviel wo, die Frau nur, wenn sie
-im Hause ab- und zugehen und nach dem Rechten sehen kann. Der Mann hat
-nur die Wahl, entweder seine Erholung an öffentlichen Orten allein zu
-suchen und die Frau zu Hause zu lassen, oder ausser der Frau noch die
-Kinder mitzunehmen, oder den Ausgang auf eine viel knapper bemessene
-Zeit zu beschränken, als ihm seine Musse gestattet. Geht er allein,
-so versimpelt die Frau in der Vereinsamung des<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[&ndash; 91 &ndash;]</a></span> Hauses und in der
-täglichen Arbeits-Tretmühle der Wirthschaft, die Kinder lernen den
-Vater als nicht zur Familie gehörig betrachten, und dieser selbst
-entfremdet sich der Familie und dem Geschmack an den Familienfreuden.
-Geht er mit der Frau ohne die Kinder, so leiden diese darunter doppelt
-und zugleich leidet das Hauswesen dabei; geht er mit Frau und Kindern,
-so leidet das Hauswesen nicht weniger, so wird die ganze Familie
-dem Hause entrückt und entfremdet, und werden die Kinder durch die
-frühzeitige Einführung in die zerstreuende Unruhe des öffentlichen
-Lebens sittlich geschädigt.</p>
-
-<p>Bei der Beschränkung der öffentlichen Geselligkeit auf die Männer
-pflegen die Frauen sich in einem ausschliesslich weiblichen Verkehr
-in Kaffeekränzchen <span class="nowrap">u. s. w.</span> eine gewisse Schadloshaltung zu suchen;
-aber die Männer leiden selbst auf die Dauer am meisten unter dieser
-Isolirung der Geschlechter, weil die Frauen, die vom geistigen
-Verkehr mit Männern wie im Orient und im Alterthum ausgeschlossen
-sind, auch unfähig werden müssen, dem Mann im Hause geistige Anregung
-und entgegenkommendes Verständniss zu bieten. Das andere Extrem,
-die Herabwürdigung des Hauses zur blossen Schlafstelle und das
-Herumtreiben in den Bierlokalen mit Kind und Kegel, ist freilich noch
-schlimmer, und die scheinbare Mittelstrasse ist thatsächlich nur
-der Uebergang von einem Extrem zum andern. Wie hauptsächlich in dem
-gegenseitigen Verkehr der Geschlechter die bildende, sittigende und
-veredelnde Macht der Geselligkeit liegt, so steckt in dem eigenen
-Heim, in dem sich Heimischfühlen im eignen Hause, die Wurzel alles
-Heimathgefühls und Familiensinns. Es mag bequemer sein, sich in der
-ausschliesslichen Geselligkeit mit dem eignen Geschlecht ungenirt gehen
-zu lassen, aber das intimere Behagen und die feinere Be<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[&ndash; 92 &ndash;]</a></span>friedigung
-des Geselligkeitsbedürfnisses ist doch erst da zu finden, wo mit
-Ueberwindung dieses Trägheitsmoments die geschlechtliche Polarität der
-geistigen und gemütlichen Eigenschaften zur Spannung und Entladung
-gelangt. Erst diese Form der Geselligkeit fördert den ganzen Menschen
-und entfaltet alle in ihm schlummernden geselligen Anlagen zur höchsten
-und verfeinertsten Genussfähigkeit.</p>
-
-<p>Wie steht es nun mit dem Behagen an einem öffentlichen Ort im Vergleich
-zu demjenigen in einem Privatraum, wenn wir gleiche Zusammensetzung
-der Gesellschaft annehmen? Welche Anstrengung kostet es einem zarter
-besaiteten Sinn, bei dem Gemisch von Speiseduft, Bierneigengeruch,
-Tabaksqualm und Stickluft, wie es in den meisten Lokalen herrscht, ein
-Behagen an der augenblicklichen Lage auch nur aufkommen zu lassen!
-Und noch mehr als die Nase und die Athmungsorgane ist in der Regel
-das Ohr beleidigt, welches die Unterhaltung der Tischgenossen trotz
-allen Summens vom Gespräch der Nachbartische, trotz Kellnergetrappel
-und Tellergeklapper auffangen soll. Welche Luft herrscht in den
-unterirdischen Lokalen einer Grossstadt, welcher Lärm in den
-modernen Prachtsälen für zahllose Gäste! Sondert man sich mit seinen
-Freunden in ein eigenes Zimmer ab, so sitzt man in der Regel noch
-enger eingepfercht, als in der eignen Wohnung und dabei doch auch
-ungemüthlicher; benutzt man dagegen mit vielen andern Gesellschaften
-einen gemeinsamen Raum, so zerstört das ohrenbeleidigende Geräusch jede
-mögliche Illusion traulicher Abgegrenztheit und Geschlossenheit der
-eignen Gruppe.</p>
-
-<p>Aber auch die Verbilligung der Geselligkeit durch Verlegung derselben
-an öffentliche Orte ist eine Täuschung. Wenn der Mann allein ausgeht
-und die Frau jede Geselligkeit entbehren lässt, so mag er allenfalls<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[&ndash; 93 &ndash;]</a></span>
-etwas billiger fortkommen, als wenn er mit der Frau gemeinsam häusliche
-Geselligkeit pflegte, obwohl auch das noch zweifelhaft ist; die etwaige
-Ersparniss ist dann aber ganz allein durch die Entbehrungen der Frau
-erzielt. Wo Mann und Frau zusammen ausgehen, werden sie allemal bei der
-Jahresabrechnung herausfinden, dass sie erheblich mehr bezahlt haben,
-als wenn sie dieselben Speisen und Getränke zu Hause verzehrt oder
-mit andern Familien ausgetauscht hätten, und dass sie für die gehabte
-Mehrausgabe sich zu Hause eine erhöhte Ausgabe für Wohnungsmiethe und
-Bedienung hätten gestatten können.</p>
-
-<p>Da man im Durchschnitt nicht annehmen kann, dass diese Thatsache sich
-der Kenntniss der Menschen entzieht, so wäre es räthselhaft, dass sie
-trotzdem aus dem Behagen des eignen Hauses in frostige Prachträume oder
-kahle Spelunken flüchten, wenn nicht die eigentliche Lösung des Rätsels
-in dem Umstand zu suchen wäre, dass ihre Eitelkeit sie hindert, ihren
-Gästen dasselbe vorzusetzen, womit jeder am öffentlichen Orte vorlieb
-nimmt. Wo jeder Gast für sich selbst Speisen und Getränke auswählt
-und bestellt, übernimmt er auch die Verantwortung dafür, sich mit der
-vorgefundenen Beschaffenheit und Güte derselben begnügen zu wollen; wo
-der Wirth den Gästen die Speisen auftischt, trägt er die Verantwortung,
-dass sie allen genügen werden. Die eitle Prahlerei, sich gegenseitig
-überbieten zu wollen, die Narrheit des Speiseluxus ist es also in
-letzter Instanz, was die häusliche Geselligkeit des Mittelstandes
-zu Gunsten einer öffentlichen aufopfert, und die Feigheit jedes
-einzelnen zur Umkehr, die mutlose Scheu, als erster auf den Weg der
-Vernunft zurückzukehren, sie sind es, welche diese unbehaglichen und
-bedenklichen Missstände aufrecht erhalten und immer wieder befestigen
-und steigern. Man wage doch nur, seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[&ndash; 94 &ndash;]</a></span> Gästen dasselbe zu bieten,
-was sie am öffentlichen Ort vom Kellner fordern, und alle Gefahren der
-ungesunden öffentlichen Geselligkeit sind mit einem Schlage beseitigt.
-Es brauchen sich zur Anbahnung der Umkehr nur ein paar befreundete
-Familien über diesen Grundsatz zu einigen, und der Anfang ist gemacht;
-sie mögen aber auch ja nicht vergessen, namhafte Konventionalstrafen
-zu vereinbaren für jede Hausfrau, welche dem Kitzel des Ueberbietens
-in der Bewirthung nicht sollte widerstehen können, denn sonst ist mit
-Sicherheit darauf zu rechnen, dass binnen Jahr und Tag jede solche
-Vereinigung sich auflöst und ihre Mitglieder reuig in die verlassene
-Kneipe zurückkehren.</p>
-
-<p>Die öffentliche Geselligkeit ist um so behaglicher, je geschlossener
-sie ist und je mehr sie sich der familiären Geselligkeit im eigenen
-Hause annähert. Am meisten ist dies im Club der Fall, der dem
-Junggesellen, wenigstens so lange er gesund und rüstig ist, in hohem
-Maasse Ersatz für die mangelnde Häuslichkeit und Familiengeselligkeit
-gewähren kann. Aber auch dem Club haftet doch trotz allem Comfort der
-sociale Nachtheil der Geschlechtertrennung an, und desshalb kann die
-Clubgeselligkeit, wenn sie sich in die Zeit der Verheirathung der
-Männer überträgt, oder wenn sie gar dieselben von der Verheirathung
-abhält, durchaus nicht als ein geselliges Ideal betrachtet werden.
-Für verheirathete Männer konnten die Clubs nur in einem Lande und
-unter einem Volksstamm zu höherer Blüthe gelangen, in welchem die
-Familien als solche, und namentlich deren weibliche Mitglieder, keinen
-rechten Sinn und kein ausgesprochenes Talent für unbefangene heitere
-Geselligkeit haben, und desshalb ganz zufrieden damit sind, sich in den
-Burgfrieden des behaglich eingerichteten eigenen Hauses zurückziehen zu
-dürfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[&ndash; 95 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Insoweit die Zunahme der öffentlichen Geselligkeit aus der wachsenden
-Wohnungsnoth der Städte entspringt, ist sie natürlich nur in dem
-Maasse rückgängig zu machen, als die Wohnungsfrage gelöst oder doch
-in normalere Bahnen zurückgelenkt wird. Dies gilt namentlich für
-die niederen Stände, denen man unmöglich zumuthen kann, in ihrer
-Wohnung ihre gesellige Erholung zu suchen, so lange dieselbe nur aus
-Schlafstuben und Küche besteht; es gilt aber auch für alle Stände im
-Sommer, so lange die Stadtwohnungen keinen Garten haben, in welchem
-sich die Familie mit ihren Abend-Gästen behaglich der frischen Luft
-erfreuen kann. Sobald die Arbeiter-Wohnungsfrage in dem Sinne gelöst
-sein wird, dass der Arbeiterfamilie wieder eine Wohnstube zur Verfügung
-steht, wird auch die Aushäusigkeit in Arbeiterkreisen wieder abnehmen,
-und diese Lösung zu finden ist ein Haupterforderniss für unsere Zeit.
-Sobald die gartenlosen Stadtviertel nur dem geschäftlichen Treiben
-des Tages dienen, und jede Familie sich wieder der Gartenbenutzung
-als Zubehör ihrer Wohnung erfreut, wird auch das Bedürfniss der
-Geselligkeit in öffentlichen Biergärten wieder in Wegfall kommen. Für
-den Stand der Junggesellen werden natürlich immer öffentliche Lokale
-für abendliche Geselligkeit ein gewisses Bedürfniss bleiben, ebenso gut
-wie Speisehäuser für den Mittagstisch; aber auch dieses Bedürfniss wird
-sich verringern, je mehr die Junggesellen wieder zu einer naturgemässen
-früheren Verheirathung schreiten, und je mehr die jüngeren unter
-ihnen wieder Anschluss an die ihnen jetzt fast verloren gegangene
-Familiengeselligkeit suchen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[&ndash; 96 &ndash;]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VI_Die_Wohnungsfrage">VI.<br />
-Die Wohnungsfrage.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die alte Regel des Lord Chesterfield: „Kleide dich nach deinem Stande,
-speise unter deinem Stande, wohne über deinem Stande!“ hat auch heut
-noch ihren guten Sinn. Die Einfachheit und Bedürfnisslosigkeit wird in
-der Ernährung zu einem hygieinischen und volkswirthschaftlichen Gewinn,
-in der Wohnungsweise zu einer hygieinischen und socialethischen Gefahr.
-Kaum etwas andres unter den Aeusserlichkeiten der Lebensgewohnheiten
-eines Volkes oder Standes ist von so tiefgreifender Rückwirkung auf
-seine sittlichen Anschauungen und Gewöhnungen wie die Art seines
-Wohnens, die Dichtigkeit der Zusammendrängung, die Vertheilung der
-Wohn-, Schlaf- und Kochräume. Ein grosser Theil der Kulturgeschichte
-der Menschheit liesse sich am Leitfaden der Wohnungsweise und ihrer
-Veränderungen entwickeln. Der Einfluss der Wohnung wird um so
-wichtiger, je mehr die Menschen durch Klima, Verhältnisse und sonstige
-Lebensgewohnheiten auf das Innere der Wohnungen angewiesen sind; er
-ist also <span class="nowrap">z. B.</span> um so grösser, je weniger das Klima ein Leben im Freien
-gestattet und je weniger die Berufsarbeit im Freien auszuführen ist.
-Die Alten konnten in fensterlosen Alkoven schlafen, weil sie am Tage
-meist auf dem Hofe oder auf dem Markte lebten; der Landmann kann sich
-ohne Schaden für seine Gesundheit den Sonntagnachmittag in ein ewig
-ungelüftetes Zimmer setzen, weil er die ganze Woche ohnehin im Freien
-zu arbeiten hat.</p>
-
-<p>Das ganze Gewicht der Wohnungsfrage tritt erst bei dem Städter
-des nördlichen Europas hervor, der<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[&ndash; 97 &ndash;]</a></span> durch seine Berufsarbeit,
-wenn nicht an die Wohnräume selbst, so doch an ihnen ähnliche
-Büreaus, Gerichtsstuben, Klassenzimmer, Komptore, Werkstätten
-oder Fabrikräume gefesselt ist, und der selbst seine politische
-Thätigkeit in verräucherten Bierlokalen ausübt. Hier hängt die
-Erhaltung der Gesundheit und körperlichen Tüchtigkeit wesentlich
-von der Gesundheitsgemässheit der Wohnung ab. Am wichtigsten sind
-die Schlafräume, weil man in ihnen die längste Zeit hintereinander
-verweilt; in zweiter Reihe kommen die Wohn- oder Wirthschaftsräume,
-erstere besonders für den Mann, letztere vornehmlich für die Frau,
-beide für die Kinder. Schon viel unwichtiger ist das Speisezimmer
-der Familie, falls ein besondrer Raum für diesen Zweck vorbehalten
-ist, weil man in ihm doch nur verhältnissmässig kurze Zeit verweilt;
-am gleichgültigsten sind die etwaigen Gesellschaftszimmer,
-Repräsentationsräume und Prunkgemächer, weil sie nur ausnahmsweise
-benutzt werden.</p>
-
-<p>Der Grundsatz, dass man die besten, gesündesten und luftigsten Zimmer
-zu Schlafstuben wählen müsse, wird immerfort gepredigt, aber es wird
-immerfort dagegen verstossen, und die moderne städtische Bauart,
-welche ansehnliche Wohnräume an die Strasse, aber vogelbauerartige
-Schlafstuben an die schornsteinengen Höfe verlegt, ist ebenso sehr ein
-Hohn auf diesen Grundsatz, wie die jetzige Mode, alle Gebrauchsmöbel
-in die ohnehin schon zu engen Schlafzimmer hineinzustopfen und die
-Wohnzimmer bloss mit Prunkmöbeln, Kunstwerken und kunstgewerblichen
-Schaustücken auszustatten. Man hat lange genug über die „gute
-Stube“ der früheren Generationen gespottet, und scheint darüber gar
-nicht bemerkt zu haben, dass die neueste Modenarrheit „stilvoller“
-Einrichtungen uns dahin gebracht hat, statt einer „guten Stube“ lauter
-„gute<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[&ndash; 98 &ndash;]</a></span> Stuben“ ausser dem Schlafzimmer zu haben. Man vergisst dabei,
-dass das rechte Grundgesetz aller Schönheit die sinnlich einleuchtende
-Angemessenheit an den praktischen Gebrauchszweck ist, und dass keine
-ornamentale Zuthat einen Verstoss gegen dieses architektonische
-Grundgesetz des Kunstgewerbes wieder gut zu machen vermag.</p>
-
-<p>Was wir jetzt „Stil“ in unsrer Wohnungsausstattung nennen, ist nur
-die künstlerische Verschrobenheit und Eitelkeits-Narrheit unsrer
-Sitten, der stilisirte Widerspruch zwischen dem, was wir vorstellen
-wollen, und dem, was wir sind. Ein wirklicher Stil kann sich erst
-dann entwickeln, wenn wir Hoffarth und Lüge aus unsrer Repräsentation
-verbannen und die Vernunft der Sache selbst zu Worte kommen lassen.
-Nur auf dem Grunde der Wahrheit und Zweckmässigkeit des Wesens kann
-die Schönheit der Erscheinung erblühen, andernfalls bleibt sie eine
-aufgetragene Schminke, welche für jedes feinere ästhetische Gefühl
-das übertünchte Unwesen nur um so widerlicher macht. So gewiss einem
-Gast die fünf Gänge eines Soupers im Halse stecken bleiben müssen,
-wenn er daran denkt, dass die Familie sich durch viele fleischlose
-Kartoffelmahlzeiten die Mittel zu dieser Gasterei abdarben muss,
-so gewiss müssen ihn die „stilvollen“ zwei oder drei Vorderstuben
-anekeln, wenn er daran denkt, dass alle wirklichen Gebrauchsmöbel in
-der Familie mit den unglücklichen Kindern in zwei oder drei Löcher
-von luft- und lichtlosen Schlafkammern zusammengepfercht sind, in
-denen nach Verabschiedung der Gäste auch die Eltern noch Unterschlupf
-suchen, während die Dienstboten in mehr oder minder unmöglichen
-Schlafgelegenheiten sich zur Arbeit des folgenden Tages stärken.</p>
-
-<p>So lange die Fensteröffnungen der Wohn- und Schlafräume durch
-keine Glasscheiben verschlossen<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[&ndash; 99 &ndash;]</a></span> waren, oder so lange der einfache
-Glasfensterverschluss undicht genug war, um eine ausreichende
-unbeabsichtigte Ventilation zu gestatten, konnten auch enge und
-mehrfach besetzte Schlafzimmer den hygienischen Ansprüchen genügen.
-Gegenwärtig, wo auch die Schlafzimmer meistens mit gutschliessenden
-Doppelfenstern versehen werden, sollte durch baupolizeiliche Vorschrift
-dafür Sorge getragen werden, dass überall hohe Ventilationsspalten
-neben den Fenstern angebracht werden, welche mit Watte verstopft
-werden, um das Eindringen schädlicher Keime abzuhalten. Eine solche
-Vorkehrung scheint mir vor dem Schlafen bei offnen Fenstern den
-Vorzug zu verdienen, insbesondere in Malariagegenden und für Personen
-mit rheumatischen und katarrhalischen Dispositionen, ganz abgesehen
-davon, dass in Parterrewohnungen das Schlafen bei offnen Fenstern
-aus Sicherheitsgründen unthunlich und selbst eine Treppe hoch nicht
-unbedenklich ist. Die von ärztlicher Seite mehr und mehr empfohlene und
-im Publikum mehr und mehr in Aufnahme kommende Sitte des Schlafens bei
-offenem Fenster weist deutlich genug auf die Richtung hin, in welcher
-eine Abhilfe zu suchen ist; der Ventilationsspalt mit Watteverschluss
-leistet indessen dasselbe ohne die mit dem ersteren verbundenen
-Gefahren.</p>
-
-<p>Sehr wünschenswerth und heilsam wäre es, wenn jede Wohnung Gelegenheit
-böte, bei jedem Wetter ohne Erkältungsgefahr täglich mehrere Stunden
-frische Luft geniessen zu können, auch ohne die Wohnung verlassen
-zu müssen. Dies ist erreichbar, wenn zu jeder Wohnung ein Ostbalkon
-und ein Westbalkon gehört, welche ringsherum geschlossene Brüstung,
-hölzernen Fussboden, gläserne Seitenwände und ein leinenes Zeltdach
-über sich tragen. Auch der für Erkältungen empfindlichste Mensch
-kann bei jeder Witterung auf dem jeweilig windgeschützten dieser
-Balkone<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[&ndash; 100 &ndash;]</a></span> mehrere Stunden hintereinander verweilen und seine gewohnten
-Beschäftigungen treiben, wofern er sich nur so kleidet, wie wenn die
-Lufttemperatur um 10 Grad niedriger wäre als sie ist, die Beine fest in
-Decken einwickelt und die Hände durch waschlederne Handschuhe schützt.
-Ein solcher Aufenthalt im Freien kann natürlich die Spaziergänge
-in frischer Luft nicht überflüssig machen, wohl aber mit denselben
-zusammen die Luftkurorte und Winterkurorte ersetzen, ohne dass er
-die Menschen aus ihrem gewohnten Kreise und ihrer Beschäftigung
-herausreisst.</p>
-
-<p>Den prophylaktischen Werth einer theilweisen Verlegung unseres
-stubenhockerischen Lebens auf die Balkone halte ich für unberechenbar
-und glaube sicher, dass das nächste Jahrhundert in dieser Hinsicht
-einen grossen Umschwung in unsren Lebensgewohnheiten herbeiführen
-wird, welcher uns dem erfrischenden Leben im Freien, wie die Alten es
-führten, wieder um so viel näher bringen wird, wie unsre klimatischen
-Verhältnisse es gestatten.</p>
-
-<p>Gegenwärtig sind wir noch auf dem Punkte, dass die Menschen sich
-bequemen, alles zu thun, um ihre zerstörte Gesundheit wieder
-herzustellen, aber gar nichts, um die bedrohte sich zu erhalten. In den
-Heilanstalten und Kurorten machen sie eine Art von Sport daraus, die
-journée médicale, <span class="nowrap">d. h.</span> die tägliche Aufenthaltsdauer in frischer Luft
-auf 9 bis 11 Stunden auszudehnen, aber zu Hause denken sie mit einem
-täglichen, einstündigen Spaziergange Wunder wieviel für ihre Gesundheit
-gethan zu haben.</p>
-
-<p>Durch die Balkone wird der Garten als Zubehör der Wohnung keineswegs
-überflüssig; während der Werth der Balkone besonders im Winter und
-bei ungünstiger Witterung hervortritt, wird der Garten im Sommer und
-bei schönem Wetter zur doppelten Wohlthat. Der Balkon bietet frische
-Luft, aber der Garten soll ausserdem<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[&ndash; 101 &ndash;]</a></span> freie Natur bieten, oder
-wenigstens einen Ersatz für dieselbe, wie blauer Himmel, grüner Rasen
-mit blühenden Blumen und schattige Bäume ihn zu gewähren im Stande
-sind. Der Balkon ist wesentlich nur für Erwachsene geeignet, der
-Garten ist der Tummelplatz der Kinder und als solcher die nothwendige
-scenische Vervollständigung zum Kindheitsparadies. Erst der Besitz
-des Gartens macht die Familiengeselligkeit im eigenen Hause auch im
-heissen Sommer möglich, wenn die Gäste nach der Hitze und dem Staub
-des Tages Erquickung in der Abend- und Nachtluft suchen. Dazu gehört
-nun freilich, dass der Garten auch wirklich ein Garten ist, nicht ein
-stubengrosser Fleck mit verkümmerten Gewächsen, auf den niemals die
-Sonne scheint, und von dem aus man erst bei starkem Hintenüberlegen
-des Kopfes eines Stückchens Himmel ansichtig wird. Wie unglaublich
-die Genügsamkeit der Grossstädter in dieser Hinsicht ist, sieht man
-am besten, wenn man an einem heissen Sommerabend die Biergärten der
-inneren Stadttheile durchwandert; von frischer Luft kann in der
-Mehrzahl dieser zwischen Häuserkolossen schachtartig eingezwängten
-„Gärten“ keine Rede mehr sein, und es ist nur die Auffrischung der
-Abendtemperatur, der Kontrast mit der noch schlimmeren Luft der Wohn-
-und Arbeitsräume und die nächtliche Verschleierung der Umgebung, was
-diese „Erholungsorte“ erträglich erscheinen lässt. Da nun thatsächlich
-in allen grösseren Städten die Gärten mehr und mehr verschwinden oder
-bis zur Selbstironisirung einschrumpfen, so scheint es nicht leicht,
-die gestellte Forderung zu verwirklichen.</p>
-
-<p>Von besonderer socialethischer und hygieinischer Wichtigkeit ist
-ferner der Unterschied, ob jede Familie ihr eignes Haus bewohnt, oder
-ob sie mit vielen anderen Familien das Haus theilt. Nur das eigne
-Haus<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[&ndash; 102 &ndash;]</a></span> lässt ein wahres und volles Heimathsgefühl, die echte Poesie
-des „Vaterhauses“ in dem aufwachsenden, jungen Geschlecht entstehen;
-die Miethwohnung mag vom Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet
-praktischer sein, insofern ihr Wechsel sich den zu- und abnehmenden
-Bedürfnissen der Familie leichter anpasst, aber der sittigende und
-festigende Einfluss auf Gemüth und Charakter, den der eigne Besitz
-gewährt, fehlt ihr. Dies gilt schon dann, wenn die Miethwohnung selbst
-ein ganzes Haus umfasst; noch andere Schädlichkeiten treten hinzu, wenn
-sie nur eine unter den vielen Wohnungen einer Miethskaserne oder eines
-Miethspalastes ist. Ausser den Differenzen zwischen Miethern und Wirth
-entwickeln sich dann eine Menge Streitereien zwischen den verschiedenen
-Miethern theils infolge der Nöthigung, sich um die gemeinsame Benutzung
-der gemeinsamen Hauseinrichtungen zu vertragen, theils durch den
-Klatsch der Dienstboten; beide verderben den Charakter durch Gewöhnung
-an Streitsucht und Kleinlichkeit und vergiften das nachbarliche
-Verhältniss.</p>
-
-<p>Man begreift, warum man im alten Tyrus neun- bis zehnstöckige Häuser
-baute; die enge Insel liess ein andres Wachsthum der Stadt, als in die
-Höhe eben nicht zu, und ähnliche Verhältnisse kehren in neuerer Zeit
-in Festungen wieder. Man begreift auch wohl, dass vor Entwickelung
-der Pferdebahnen und Hochbahnen grosse Städte die Neigung haben
-mussten, in die Höhe zu wachsen und das Hinterland der Strassenhäuser
-baulich auszunutzen, weil eben die Verkehrsmittel zur Ueberwindung
-grösserer Strecken fehlten. Aber gegenwärtig, wo diese Verkehrsmittel
-theils schon vorhanden sind, theils ihre Brauchbarkeit zur Genüge
-erprobt haben und der weiteren Verwirklichung entgegensehen, ist es
-unbegreiflich, dass die Städte nicht ausschliesslich in die Breite
-wachsen. Statistisch ist es<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[&ndash; 103 &ndash;]</a></span> erwiesen, dass nicht die Kellerwohnungen
-am ungesundesten sind, sondern die im vierten Stock gelegenen,
-trotzdem dass Licht und Luft zu ihnen besseren Zutritt hat; der Grund
-liegt theils in der Schädlichkeit des Treppensteigens für vielerlei
-Konstitutionen und Zustände, theils in der Lufterneuerung der Wohnräume
-von unten her, welche reichlich ein Drittel der Gesammtventilation
-beträgt und den Bewohnern der obersten Stockwerke gleichsam Stichproben
-von sämmtlichen Miasmen der vier bis fünf unter ihnen wohnenden
-Familien zuführt. Jede Erhöhung um ein neues Stockwerk macht eben auch
-rückwärts alle unteren Stockwerke ungesunder, indem sie eben so gut
-wie ein Verbauen der Höfe den Luft- und Lichtzutritt zu den Fenstern
-derselben beschränkt. Das Verbauen der Höfe in Verbindung mit der
-Engigkeit der Strassen macht es schon jetzt in den meisten Stadttheilen
-unmöglich, an jeder Wohnung einen, geschweige denn zwei Balkone
-anzubringen, und ebenso ist es der Grund für das Einschrumpfen und
-Aussterben der Gärten.</p>
-
-<p>Die ärgsten Sünden in dieser Hinsicht sind in Berlin erst in den
-letzten beiden Jahrzehnten begangen worden, und zwar lediglich
-desshalb, weil die massgebenden Behörden nicht mit einer zweckmässigen
-und doch nicht unbilligen Bauordnung zu Stande kommen konnten; sie
-konnten aber bloss darum nicht mit ihr zu Stande kommen, weil sie
-sich nicht entschliessen konnten, die Einförmigkeit der Vorschriften
-aufzugeben und der völligen Verschiedenheit der Situation bei
-Umbauten in der Innenstadt, bei Neubauten an der Peripherie und bei
-Neubauten in der weiteren Umgebung Rechnung zu tragen. Auch die neue
-Berliner Bauordnung von 1887 trägt der Verschiedenheit der inneren
-und äusseren, der fertigen und der erst anzulegenden Stadttheile in
-ganz unzulänglicher Weise Rechnung,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[&ndash; 104 &ndash;]</a></span> und fordert auf der einen Seite
-zu viel, auf der anderen zu wenig. Was bis jetzt gebaut ist, das ist
-nun einmal verpfuscht; man kann es durch Zwangsverfügungen nicht
-ungeschehen machen, ohne schreiende Unbilligkeit gegen die Besitzer
-auch nicht im Falle von Umbauten; aber man kann die Zukunft davor
-retten, in den jetzt noch unbebauten Stadttheilen in denselben Fehler
-zu verfallen. Man braucht nur auf dem Bebauungsplan eine Eintheilung in
-verschiedene Zonen vorzunehmen, in deren ersten höchstens dreistöckig,
-in deren zweiten höchstens zweistöckig, und in deren dritten nur im
-Villenstil gebaut werden darf. Um dies einheitlich durchzuführen,
-dazu wäre allerdings die Zusammenlegung Berlins mit seinen Vororten
-zu einer „Provinz Berlin“ unter einheitlicher Baupolizei-Verwaltung
-erforderlich, von der schon wiederholentlich die Rede gewesen ist, und
-welche sich auf die Dauer doch als eine unausweichliche Nothwendigkeit
-aufdrängen wird.</p>
-
-<p>Sobald eine solche Abänderung der bestehenden Bauordnung erlassen
-wäre, würde das Publikum mehr als jetzt das Wohnen in entfernteren
-Villenkolonien bevorzugen, welche allein die Verwirklichung aller oben
-gestellten Forderungen zu bieten im Stande sind.</p>
-
-<p>Nur in den Vororten hat der Boden noch einen so mässigen Preis,
-dass Häuser für eine Familie mit Balkonen und Gärten und mit einer
-ausreichenden Zahl durchweg luftiger und heller Zimmer möglich sind.
-Man kann ohne Furcht vor Uebertreibung sagen, dass in den Zimmern
-eines Vororts gesündere Luft geatmet wird, als auf den meisten Höfen
-einer Grossstadt, über welcher stets, auch bei ganz klarem Himmel,
-eine von weither sichtbar schwere Dunst- und Rauchmasse lagert. Am
-auffallendsten ist der Unterschied der Luft im Hochsommer, wo jeder,
-der es kann, die Grossstadt verlässt, während der Vorortbewohner diese
-Reisekosten spart.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[&ndash; 105 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Die jetzige Kasernenstadt würde dann mehr und mehr zur blossen
-Geschäftsstadt, in welcher die Berufsarbeiten des Tages sich
-vollziehen, während man Nachmittags oder Abends in die gesunde
-Aussenwohnung zurückkehrt. Allerdings gehört, um dem Publikum das
-Draussenwohnen mundrecht zu machen, auch das noch dazu, dass das
-Pferdebahnen-, Hochbahnen-, und Aussenbahnen-Netz bedeutend vergrössert
-und vervollständigt wird, dass die Abonnementspreise noch viel billiger
-werden, und dass nicht, wie jetzt, seltene grössere Züge, sondern
-fortwährend kleine abgelassen werden.</p>
-
-<p>Dann aber ist allerdings zu hoffen, dass sich im Verlaufe einer
-Generation alle Grossstädter an das Draussenwohnen und seine Vorteile
-für Leib und Seele der Familien so sehr gewöhnen werden, dass die
-Nachfrage nach eigentlichen Wohnungen in der Stadt und mit ihr der
-unnatürlich in die Höhe geschraubte Bodenwerth beträchtlich sinkt, so
-dass es bei den Umbauten der Zukunft wieder ganz von selbst praktischer
-werden dürfte, den Raum weniger sparsam auszunutzen.</p>
-
-<p>Sollten indess diese Massregeln sich als nicht ausreichend erweisen,
-dann, aber auch dann erst dürfte und müsste man dem Gedanken einer
-Expropriation des ganzen städtischen Grundbesitzes durch die Kommune
-näher treten, um das Grundübel der Wohnungsfrage, die stetige
-Steigerung des freihändig verkauften Bodenwerths, an der Wurzel
-zu fassen und wenigstens für spätere Generationen nach erfolgter
-Amortisation der Kaufsummen erträglichere Verhältnisse anzubahnen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[&ndash; 106 &ndash;]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VII_Moderne_Unsitten">VII.<br />
-Moderne Unsitten.</h2>
-
-</div>
-
-<h3>1. Der Blumenluxus.</h3>
-
-<div class="poetry-container-right s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Der Strauss, den ich gepflücket,</div>
- <div class="verse">Grüsse Dich viel tausend Mal!</div>
- <div class="verse">Ich habe mich oft gebücket</div>
- <div class="verse">Ach, wohl ein tausend Mal,</div>
- <div class="verse">Und ihn an’s Herz gedrücket</div>
- <div class="verse">Viel hundert tausend Mal.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft10"><em class="gesperrt">Goethe.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das Ausschmücken einer Person mit Blumen und das Schenken von Blumen,
-sei es zum Schmuck der Person oder ihrer Umgebung, ist wesentlich eine
-symbolische Handlung. Wer sich selbst mit Blumen schmückt, bekundet
-damit seine gehobene, festliche, lebensfrohe Stimmung, seinen Wunsch,
-sich im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen und anderen zu gefallen;
-wer einem andern Blumen schenkt, drückt damit symbolisch den Wunsch
-aus, selber so der beschenkten Person zu huldigen und zur Verschönerung
-ihres Lebensweges dienen zu wollen, wie die ihr zugeeigneten Kinder der
-Flur es thun. Am deutlichsten ist diese Symbolik in dem „Blumen auf
-den Weg streuen“, wo sie besagt, dass, soviel an dem Geber liegt, die
-beschenkte Person einen Blumenpfad wandeln und mit ihren Füssen nur auf
-Blumen (nicht auf Dornen, Staub und Steine) treten solle; aber auch das
-Verzieren der Pforten der Stadt oder des Hauses, oder das Ausschmücken
-der Wohnräume mit Blumen hat wesentlich denselben Sinn. Schmückt man
-eine theure Person mit Blumen, so bezeugt man damit zugleich, dass
-man dieselbe im besten Lichte und in gefälligster Darstellung zu
-sehen wünscht; hat man die Blumen selbst in Wald und Feld gesucht und
-gepflückt, so zeigt dies zugleich, dass man keine Mühe scheut, die
-Theure zu zieren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[&ndash; 107 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Im Ganzen ist jede Symbolik um so ausdrucksvoller, je einfacher sie
-ist; die Vervielfachung des Symbols rückt den Eindruck seiner realen
-Beschaffenheit in den Vordergrund und drängt damit eben so sehr seinen
-tieferen Sinn zurück. Deshalb sagt gewöhnlich eine Blume mehr als ein
-ganzer Strauss, ein kleiner Strauss mehr als ein grosser, ein einzelner
-Strauss mehr als ein Dutzend oder ein ganzer Wagen voll Blumen. Nur wo
-die Mühe des Suchens und Pflückens und der etwa in die Zusammenstellung
-hineingelegte geheime Sinn als Huldigung in den Vordergrund tritt, nur
-da kann ein Strauss mehr gelten als eine Blume, aber selbst in diesem
-Falle hat die Wirksamkeit der Multiplikation ihre engen Grenzen. Jede
-kunstmässige Behandlung des Arrangements lenkt die Aufmerksamkeit von
-der Symbolik der Gabe auf ihren ästhetischen Werth ab und verringert
-damit deren innere Bedeutung; schon die im Garten gezogenen Blumen, mit
-Ausnahme einiger Arten, bei denen man die Entstehung durch künstliche
-Zuchtwahl fast schon vergessen hat, sprechen weniger zum Herzen als
-die ursprünglichen Kinder der Natur, welche gleichsam die spontane
-Huldigung von Hain und Flur darstellen. Sie sind schon darum einzig in
-ihrer Art, weil sie ein Geschenk ohne jeden Geldwerth darstellen, was
-man an den Blumen des Gartens, gleichviel ob sie aus dem eigenen Garten
-gepflückt oder dem eines Kunstgärtners entnommen sind, schon nicht mehr
-sagen kann. Eine Huldigung ist aber um so zarter, der symbolische Werth
-des Geschenks um so reiner, je weniger demselben irgend ein in Geld
-ausdrückbarer materieller Werth zukommt. Es ist nicht bloss die Sitte,
-welche die Annahme von materiell werthvollen Geschenken verbietet,
-sondern auch das Zartgefühl, weil jede Leistung eine entsprechende
-Gegenleistung bedingt. In der materiell werthlosen Blumengabe<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[&ndash; 108 &ndash;]</a></span> ist der
-Begriff des Geschenkes vollkommen vergeistigt und bloss das pretium
-affectionis übrig geblieben, welches der Stärke des Huldigungswunsches
-und der aufgewandten Mühe proportional ist.</p>
-
-<p>Wenn man in einer Stadt lebt, wo es unmöglich ist, Blumen anders
-als im Wege des Kaufs zu erlangen, so ist der poetische Duft des
-Blumenschenkens und der auf dem Selberpflücken und der materiellen
-Werthlosigkeit beruhende Affektionswerth unwiederbringlich verloren.
-Aber es wäre Pedanterie, darum das Schenken gekaufter Blumen ganz
-verbieten zu wollen, da die Symbolik der Huldigung noch bestehen
-bleibt. Immerhin muss man dessen eingedenk bleiben, dass gekaufte
-Blumen doch nur ein klägliches Surrogat selbstgepflückter sind,
-und dass man mit dem Schenken gekaufter Blumen weit vorsichtiger
-und sparsamer sein muss als mit demjenigen selbstgepflückter.
-Auch hier nimmt der symbolische Werth der Gabe in dem Maasse ab,
-als der selbstständige materielle oder der ästhetische Werth
-derselben zunimmt; auch hier ist die Gabe um so ausdrucksvoller, je
-anspruchsloser, kunstloser, natürlicher und schlichter sie erscheint,
-je mehr sie dem selbstgepflückten Strausse wilder Blumen ähnelt. Die
-Multiplikation verringert hier den Werth nicht nur an sich, sondern
-auch durch Steigerung des Geldwerthes, während die Entschuldigung
-der vermehrten Mühe fehlt. Das gekaufte Blumengeschenk erfüllt
-nur dann seinen Zweck, wenn der dafür gezahlte Preis so gering
-ist, dass er für die Verhältnisse sowohl des Gebers als auch des
-Beschenkten gar nicht in Betracht kommt, also füglich der materiellen
-Werthlosigkeit der selbstgepflückten Blumen gleichgeachtet werden
-kann. Ein selbstständiger, ästhetischer, kunstgewerblicher Werth
-eines Blumenarrangements zerstört den symbolischen Werth nicht nur
-durch Steigerung des materiellen Wer<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[&ndash; 109 &ndash;]</a></span>thes, sondern auch abgesehen
-von dieser schon dadurch, dass er das Geschenk aus der Sphäre der
-Natur in diejenige der Kunst entrückt, also mit Kunstwerken und
-Kunstindustriewerken auf eine Stufe stellt. So wenig man gegen das
-Beschenken mit Vasen, Nippsachen <span class="nowrap">u. dgl.</span> etwas einwenden kann, wenn die
-Personen in einem Verhältniss zu einander stehen, in welchem die Sitte
-das Schenken gestattet, ebensowenig gegen das Beschenken mit kunstvoll
-arrangierten Blumenkörben, Füllhörnern <span class="nowrap">u. s. w.</span>; aber es müssen dann
-eben auch Personen sein, die sich ebensogut Vasen <span class="nowrap">u. dgl.</span> schenken
-dürften, und die Immunität des relativ werthlosen Blumenschenkens muss
-für solche Objekte auch dann ausgeschlossen bleiben, wenn der Geldwerth
-für den Reichthum der Geber und der Beschenkten nicht in’s Gewicht
-fällt.</p>
-
-<p>Diese Grenze ist leider in neuerer Zeit nicht mehr inne gehalten;
-man hat die Freiheit des Blumenschenkens gemissbraucht, um sie auf
-Geschenke von selbstständigem kunstindustriellen Werthe auszudehnen,
-und das von den wohlhabendsten Gesellschaftsschichten gegebene üble
-Beispiel hat auch die mittleren Kreise zu einem Blumenluxus verführt,
-der ausser aller Proportion zu ihren Verhältnissen steht. Wenn ein
-Fürst oder die Herrin eines gastfreien Hauses zu ihrem Geburtstage
-mehrere Zimmer mit kostbaren Blumengeschenken gefüllt bekommt,
-wenn eine Primadonna einen Möbelwagen braucht, um die mit Blumen
-überschüttete Bühne abzuräumen, oder wenn die Saisonlöwin in einem
-Modebade bei der Abreise mit ihren Kindern im ersten Wagen fährt und
-die erhaltenen Blumen von ihrem Dienstpersonal in den nachfolgenden
-Wagen transportiren lässt, so sind das Ausschreitungen des Blumenluxus,
-die sich selber richten. Es kommt aber darauf an, sich darüber klar zu
-werden, dass die Sitten, aus<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[&ndash; 110 &ndash;]</a></span> denen diese Ausschreitungen hervorgehen,
-selbst schon im Princip Unsitten sind, an welche es nachgerade Zeit
-wird, die bessernde Hand anzulegen.</p>
-
-<p>Niemand soll einem andern in einem Augenblicke Blumen schenken, wo er
-sicher ist, denselben mit dem Geschenke zu belästigen, und ihn vor die
-Wahl stellt, entweder sich des Geschenks baldmöglichst zu entledigen,
-oder mit dessen Bewahrung zu plagen. Wer seinen Badebekannten Blumen
-schenken will, mag es während ihres Aufenthaltes thun, aber nicht bei
-der Abreise; wer einer Primadonna seine Huldigung erweisen will, mag
-ihr Blumen in’s Haus senden, aber nicht vor die Füsse oder gar in’s
-Gesicht schleudern. Wer ein Gefühl für die Werthsverringerung durch
-Multiplikation hat, wird sich instinktiv scheuen, seine Gabe zu einem
-Zeitpunkt darzubringen, wo sie durch das Zusammentreffen mit vielen
-anderen jeden Werth verliert, und einen passenderen Zeitpunkt wählen.
-Wer aber keine Wahl im Zeitpunkte frei hat, wird dann seinen Takt
-wenigstens dadurch beweisen, dass er sich auf eine einzelne oder ganz
-wenige Blumen beschränkt, da die Multiplikation ohnehin schon durch die
-Vielheit der Geber entsteht. Vor allen Dingen aber ist dem Grundsatz
-wieder Geltung zu verschaffen, dass werthvolle oder gar kostbare
-Blumengeschenke unstatthaft sind unter Personen, denen die Sitte die
-Annahme anderer Geschenke von einander verbietet. Die Poesie der
-Blumengabe wird durch nichts mehr entwürdigt, als wenn das gegenseitige
-Ueberbieten der Geber in der Kostbarkeit der Geschenke zum Tummelplatz
-für Motive der Eitelkeit und der spekulativen Gewinnsucht gemacht wird.</p>
-
-<p>So lange der selbstgepflückte Strauss von Feldblumen nur
-Ausdrucksmittel ist für die beredte Sprache des Herzens, müssen jene
-feineren Bedenken schweigen,<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[&ndash; 111 &ndash;]</a></span> welche sofort in ihr Recht treten, wo
-die Kunstindustrie sich der Blumengaben bemächtigt. Nichts predigt
-so laut die Vergänglichkeit des Schönen als die von ihrem Stamm
-und ihrer Wurzel getrennte Blume. Sie ist ein zum Tode verwundeter
-Organismus, dessen Farben nur noch nicht beschädigt sind, &mdash; ein noch
-lebendes und lächelndes Haupt, das von seinem Rumpfe getrennt ist.
-Der heute so prächtig prangende Strauss ist morgen ein verwelkter,
-verwesender Leichenhaufen, und unter dem Schein des Lebens, an dem
-das Auge sich freuen soll, fühlt das Herz den Todeskampf der Zellen
-und Organe hindurch. Wenn ich am Morgen die über Nacht erblühte Rose
-am Stock im Garten betrachte, und mir sagen muss, dass vielleicht
-schon am selben Abend ihr Blumenleben seinen Gipfel überschritten hat
-und seinem Verfall zuneigt, dann ist es ein natürlicher Process des
-Werdens und Vergehens, der in diesem Einzelfall mir anschaulich vor die
-Seele tritt; wenn ich aber die Rose im Wasserglas oder auf den Draht
-eines „Bouquets“ geflochten sehe, so kann ich mich des widerwärtigen
-Gedankens nicht erwehren, dass der Mensch ein Blumenleben gemordet
-hat, damit es im Sterben ein Auge erfreue, das herzlos genug ist, den
-unnatürlichen Tod unter dem Scheine des Lebens nicht herauszufühlen.
-Dass es nicht der Tod an sich ist, dessen Anblick uns stört, beweisen
-die getrockneten Blumen, die ebensowenig missfallen wie ausgestopfte
-Thiere oder aufgespannte Schmetterlinge. Es ist vielmehr das den Tod im
-Herzen tragende Leben, der zur Ergötzung hervorgerufene und vor Augen
-gestellte Todeskampf der widerstandslos duldenden Blumenseele, was das
-Herz verletzt.</p>
-
-<p>Für ein feineres Empfinden gehört die Blume so wenig in das Bouquet
-wie der Vogel in das Bauer, sondern die Blume in den Garten, in Wiese,
-Feld und<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[&ndash; 112 &ndash;]</a></span> Wald, wie der Vogel auf den Baum. Wer keinen Garten hat,
-oder nicht im Stande ist, denselben zu betreten, der mag zum Ersatz
-sich Blumen in sein Zimmer oder vor sein Bett bringen lassen. Wer
-aber im Stande ist, die Naturschönheit da zu geniessen, wo sie am
-schönsten ist, <span class="nowrap">d. h.</span> in ihrer naturgemässen Umgebung und unter ihren
-naturgemässen Lebensbedingungen, der wird selbst die Topfblumen im
-Zimmer gern missen, und viel lieber das Freie aufsuchen, um sie zu
-bewundern. Sehe ich aber gar ein Meisterwerk der Blumengärtnerei,
-einen grossen Korb mit einer Masse der kostbarsten auf Draht
-gezogenen Blüthen, so ist mir zu Muth, als würde mir ein Ragout aus
-Tausenden von Nachtigallzungen vorgesetzt, oder als sollte ich einen
-Damenkopfputz aus lauter aufgespiessten, auf’s Rad geflochtenen, noch
-zappelnden Schmetterlingen und Käfern bewundern. Ich bin überzeugt,
-dass eine spätere Zeit die heutigen Moden im Blumenluxus noch härter
-verurtheilen wird, als wir die in Figuren geschnittenen Bäume des
-vorigen Jahrhunderts, und dass die Kunstgärtnerei bei einer Reinigung
-und Verfeinerung des Geschmacks ihre Triumphe wieder ausschliesslich da
-feiern wird, wo sie berechtigt sind: im Sommer- und Wintergarten.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3>2. Das Rauchen.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Die meisten jungen Leute kommen durch die Macht des Beispiels zum
-Rauchen: sie scheuen sich, als Nichtraucher unter einer Mehrheit von
-rauchenden Genossen unmännlich zu erscheinen, oder als absonderliche
-Ausnahme dazustehen. Gegen einen solchen sklavischen Nachahmungstrieb
-darf man bei den selbstständigeren Naturen an das eigene Urtheil und
-den Stolz der Selbstbestimmung appelliren; die unselbstständigeren
-Jünglinge<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[&ndash; 113 &ndash;]</a></span> wird man am besten dadurch vor den Folgen solcher
-Nachahmungssucht bewahren, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass
-im letzten Menschenalter das Rauchen in den besten gesellschaftlichen
-Kreisen mehr und mehr aus der Mode gekommen sei, dass der Procentsatz
-der Nichtraucher in denselben beständig im Steigen sei, und dass es
-schon jetzt für distinguirter gelten könne, nicht zu rauchen als zu
-rauchen.</p>
-
-<p>Der Mensch ist ohnehin so sehr der Sklave seiner angeborenen und
-anerzogenen Bedürfnisse, dass er wahrlich nicht nöthig hat, diese
-Gebundenheit noch durch ein weiteres angewöhntes Bedürfniss zu
-vermehren; wenn man sieht, wie schmerzlich der Gewohnheitsraucher
-unter einer, wenn auch nur zeitweiligen Entbehrung (sei es aus
-gesellschaftlichen oder gesundheitlichen oder ökonomischen Rücksichten,
-sei es unter dem Zwange von Ausnahmeverhältnissen, wie im Kriege)
-leidet, so sollte sich der Freiheitsstolz jedes Jünglings dagegen
-aufbäumen, freiwillig ein solches Joch auf sich zu nehmen. Ein
-eingewurzeltes Laster aufzugeben, kostet eine fast übermenschliche
-Ueberwindung; aber sich gegen die zwecklose Angewöhnung zu sträuben,
-kostet weiter gar keine Ueberwindung, als die eines unmännlichen
-Nachahmungstriebes.</p>
-
-<p>Jeder Jüngling, der den höheren Ständen angehören will, sollte über
-ein solches Mass von Selbstbeherrschung verfügen, und der socialen
-Ehrenpflicht seines Standes eingedenk bleiben, den niederen Ständen
-mit gutem Beispiel voranzugehen und die allmähliche Entwöhnung der
-Nation von diesem Laster anzubahnen. Denn ein Laster muss diese
-Angewohnheit in der That genannt werden, durch welche jährlich
-Milliarden buchstäblich in die Luft geblasen werden, die andernfalls
-ausreichen würden, die brennendsten socialen Fragen (Alters-, Wittwen-
-und Waisenversorgung) zu lösen, unter deren Last unsere Zeit seufzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[&ndash; 114 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Völker ohne sonstige Pflanzenalkaloïde mögen in dem Nikotin ein
-werthvolles Reizmittel der Nervennährung schätzen; Völker mit Thee,
-Kaffee, Cacao <span class="nowrap">u. s. w.</span> besitzen in diesen Reizmittel genug, als
-dass nicht das Nikotin zu viel des Reizes hinzubringen sollte.
-Die Einwirkung des Tabakrauches bei Affektionen der Augen, der
-Athmungswege, des Magens und Darmkanals und der Galle ist entschieden
-nachtheilig; meistens aber entschliessen die erkrankten Raucher sich
-viel zu spät, ihre Gewohnheit auszusetzen.</p>
-
-<p>Wie jedes Reizmittel, so stumpft auch dieses sich durch Gewohnheit
-ab und verlangt verstärkte Zufuhr, birgt also die Gefahr einer
-Uebertreibung in sich, welche zur chronischen Nikotinvergiftung führen
-kann, besonders bei der Verbindung mit reichlichem Alkoholgenuss;
-die complicirten Erscheinungen der chronischen Nikotinvergiftung
-(Spinalirritation, Amblyopie <span class="nowrap">u. s. w.</span>) sind aber zum Theil noch so
-wenig ergründet und bekannt, dass sie vorkommenden Falles häufig genug
-von den Patienten und Aerzten nicht erkannt oder falsch gedeutet werden.</p>
-
-<p>Hoffentlich bleibt die burschikose Sitte des Rauchens im weiblichen
-Geschlecht für immer auf Studentinnen und dergleichen Emancipirte
-beschränkt; so lange dies aber geschieht, haben die Raucher nur
-die Wahl, sich von dem anderen Geschlecht abzusondern oder gegen
-dasselbe (natürlich unter scheinbarer Beobachtung der feinsten
-Höflichkeitsformen) rücksichtslos zu sein. Gerade in den niederen
-Volksschichten, wo das Weib ohnehin der geplagtere und schlechter
-gestellte Theil ist, geht ein unverhältnissmässig grosser Theil des
-Gesammthaushaltes für das Rauchbedürfniss des Mannes darauf.</p>
-
-<p>Ist der sociale Schaden des Rauchens nicht mit dem des
-Branntweintrinkens zu vergleichen, so auch<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[&ndash; 115 &ndash;]</a></span> nicht der physiologische
-Nutzen desselben, da der Branntwein doch wenigstens eine Ersparniss an
-anderen Nahrungsstoffen im Gefolge hat, der Tabak nicht.</p>
-
-<p>Die nationalökonomischen Vortheile der Beseitigung des Tabakrauchens
-wären ungeheuer. Nicht nur könnte der Arbeiter dadurch eine
-Lebensversicherung erwerben, welche ausreichte, um sein Alter, seine
-Wittwe und Waisen gegen die dringendste Noth zu schützen, sondern
-zugleich würde auch die nationale Handelsbilanz verbessert, wenn
-einerseits die Einfuhr ausländischen Tabaks und andererseits die
-Einfuhr derjenigen ausländischen Bodenprodukte wegfiele, welche auf dem
-jetzt mit Tabak bepflanzten einheimischen Boden erzeugt werden könnten.</p>
-
-<p>Die jetzt mit dem Bau und der Verarbeitung des einheimischen Tabaks
-beschäftigten Personen würden alsdann mit dem Bau und der Verbreitung
-der an seine Stelle tretenden Bodenprodukte beschäftigt sein und die
-jetzt für ausländischen Tabak bezahlten Summen würden, in Gestalt von
-Wittwen- und Waisen-Pensionen in den Verkehr zurückgeströmt, dazu
-dienen, das Haushaltsniveau der Arbeiterbevölkerung zu erhöhen, also
-ihre Kaufkraft für anderweitige Genussmittel zu steigern. Dadurch würde
-die nationale Produktion weit mehr gewinnen, als sie durch das Aufhören
-des Tabaksexports und der Verarbeitung des ausländischen Tabaks verlöre.</p>
-
-<p>Da eine solche Umwandlung aber von innen heraus keinesfalls
-allzuschnell erfolgen dürfte, so ist es Aufgabe des Staates, dieselbe
-durch eine möglichst hohe Steigerung der Tabakssteuer zu unterstützen,
-denn auf nichts ist eine hohe Steuer so wohl angebracht als auf dies
-Laster. Wäre nicht die bei weitem grösste Zahl der Abgeordneten und
-Wähler rauchende Männer, wäre statt dessen eine Volksabstimmung nach
-Köpfen möglich, so würde nächst der Branntweinsteuer keine<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[&ndash; 116 &ndash;]</a></span> Steuer
-bereitwilliger erhöht werden, als die auf den Tabak.</p>
-
-<p>Eine wesentliche Verminderung des Rauchens liesse sich freilich auch
-von der stärksten Erhöhung der Tabakssteuer nicht augenblicklich
-erwarten, da die gewohnheitsmässigen Raucher doch weiter rauchen
-würden, nur etwas geringere Sorten; aber in der nächstfolgenden
-Generation würde der Einfluss doch sehr bedeutend werden, da die
-erhöhte Kostspieligkeit des Rauchens ein verstärktes Gegenmotiv gegen
-die Angewöhnung desselben liefern und für viele Jünglinge entscheidend
-werden könnte.</p>
-
-<p>Die Einführung des Monopols würde die nicht zu unterschätzende Gefahr
-in sich schliessen, dass der Staat das Rauchen auf alle Weise,
-insbesondere bei den höheren Gesellschaftsklassen begünstigte, um
-erhöhte Einnahmen zu erzielen, und dadurch dem aus der Mode-Kommen
-desselben entgegenwirkte. Dieses nationalökonomische Bedenken
-trifft das Tabaksmonopol jedenfalls in höherem Grade als das
-Branntweinmonopol, weil jede anständige Regierung sich schämen würde,
-ihre Unterthanen zum Trinken zu verleiten, nicht aber zum Rauchen.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3>3. Die Politik und die Jugend.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Ein Hauptunglück der Zeit nach <span class="nowrap">d. J.</span> 48 in Deutschland ist das
-Zusammentreffen gesteigerter Berufsansprüche mit dem Ueberwuchern
-politischer Interessen über die künstlerischen, wissenschaftlichen,
-gemüthlich-geselligen und religiös-sittlichen. Die in jeder
-Berufstätigkeit gegen früher erheblich gesteigerten Ansprüche
-an den Träger verringern nicht nur die Musse, sondern lassen
-auch den einzelnen nach gethaner Tagesarbeit<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[&ndash; 117 &ndash;]</a></span> erschöpfter und
-erholungsbedürftiger in die Mussezeit eintreten, so dass er nicht nur
-weniger Zeit, sondern auch weniger Lust und Kraft verfügbar behält, um
-sich Interessen, die seinem Berufe fern liegen, mit Ernst und Sammlung
-zuzuwenden. Was aber noch übrig bleibt, davon nimmt die Politik
-den Löwenanteil für sich in Anspruch, welche sowohl als politische
-Tagespresse, wie als politisches Vereinswesen an die Sammlungsfähigkeit
-des Aufnehmenden nicht allzu hohe Ansprüche stellt. Die Interessen an
-socialethischen und religiösen Fragen gelangen fast nur noch insoweit
-zu ihrem Recht, als sie sich mit der Politik berühren, in den Streit
-der politischen Parteien Eingang gefunden haben und durch die Brille
-des Politikers angesehen werden können. Das politische Parteitreiben
-aber macht das Gros der Menschen roh und gewöhnt sie an das Austheilen
-und Ertragen von Beleidigungen und Beschimpfungen ähnlich wie in der
-Reformationszeit der konfessionelle Hader.</p>
-
-<p>Wie sollen diese Zustände sich bessern? Die gesteigerten
-Berufsansprüche entsprechen der Forderung gesteigerter Arbeitsteilung
-und intensiverer Arbeitsleistung. Die modernen Staatsverfassungen
-erheischen die Betheiligung aller Männer bei den politischen Wahlen,
-und ein gleichgültiges Fernbleiben der geistigen Elite des Volks würde
-das ohnehin schon bestehende Uebergewicht der demagogischen Schreier
-und Hetzer zu einem geradezu unbestrittenen machen.</p>
-
-<p>Die reifen Männer können und dürfen sich nur ausnahmsweise ihren
-politischen Pflichten entziehen, aber diese Pflicht sollte doch nur für
-die reifen Männer gelten. Handarbeiter mögen für relativ reif gelten,
-wenn sie in das Alter der Wahlberechtigung eingetreten sind (21 bis
-24 Jahr); denn geistig reifer als sie dann sind, werden sie doch nur
-in Ausnahmefällen noch werden. Die gebildeten Stände dagegen brauchen
-gerade<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[&ndash; 118 &ndash;]</a></span> die Zeit vom Abgang aus der Schule bis zur Verheirathung (also
-etwa vom 18. bis zum 30. Jahre), um sich geistig zu entwickeln und ihre
-Mannesreife zu gewinnen; wenn sie diese Zeit, wo der Geist bereits
-das volle Verständniss besitzt, ohne doch schon in festen Ansichten
-verknöchert zu sein, für ihre humanistische Ausbildung ungenutzt
-verstreichen lassen und statt dessen sich auf Politik werfen, so
-versäumen sie meist etwas Unwiederbringliches. Soll die Physiognomie
-unsrer höheren Gesellschaft vor einer vorzeitigen facies hippocratica
-bewahrt bleiben, so müssen Studenten und angehende Praktiker die
-Politik wie die Pest scheuen und die Erfüllung ihrer politischen
-Staatsbürgerpflichten auf ein Alter verschieben, wo sie durch
-vielseitige humanistische Bildung in ihrem Geiste einen Grund gelegt
-haben, auf dem eine selbstständige, von Parteischlagworten unabhängige
-politische Urtheilsbildung erst möglich wird.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3>4. Puder und Schminke.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Das grösste koloristische Meisterwerk der Natur ist die Haut der
-nordischen weissen Menschenrasse; es übertrifft an Feinheit und
-Komplicirtheit der Farbentöne, an Leuchtkraft und Sättigung alle
-sonstigen Farbenwunder der Natur. Wer seinen Teint durch Puder und
-Schminke zu verbessern glaubt, gleicht einem Bilderrestaurateur,
-der ein Tiziansches Inkarnat durch weisse oder rothe Retouchen zu
-heben unternimmt. Auch die gelben und grünen Tinten des sogenannten
-schlechten Teints sind unendlich viel schöner als Mehl und Zinnober.
-Der Puder macht die Glanzlichter der Haut stumpf und matt, die Schatten
-kraft- und wirkungslos, die Mitteltöne fade und mehlsuppig; alle
-Farben in Licht, Schatten und Mitteltönen entfärbt er zum ein<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[&ndash; 119 &ndash;]</a></span>tönigen
-Grau des Gypses. Auf der Bühne sind Puder und Schminke ein Mittel
-zur Herstellung der zur Rolle gehörigen mimischen Maske; wer diesen
-Bestandtheil des scenischen Scheins ins wirkliche Leben überträgt,
-gleicht einem Menschen, der seinen Garten mit gemalten Bäumen und
-Sträuchen zu verschönern versucht, und zeigt zugleich, dass er nicht
-sein eignes Selbst darstellen, sondern eine Komödiantenrolle im Leben
-spielen will.</p>
-
-<p>Nichts ist komischer als die sittliche Entrüstung, mit welcher die
-„bloss Gepuderte“ auf die Gepuderte und Geschminkte herabsieht, denn
-an Geschmacklosigkeit steht sie ihr kaum nach, wohl aber an Muth und
-Klugheit: an Muth in der zaghafteren Schaustellung ihres naturwidrigen
-Geschmacks und an Klugheit in dem Wahne, den weissen Puderteint eher
-als den farbigen Schminkteint für Natur ausgeben zu können.</p>
-
-<p>Wenn in den tonangebenden Schichten der Gesellschaft das Pudern der
-Haut zur herrschenden Unsitte wird, so ist das ein Zeichen, dass
-in ihnen Unbildung, Verbildung und Unnatur, Geschmacksrohheit und
-Sinnesverkehrtheit sich die Hand reichen, und dass ein Ungewitter des
-Völkerschicksals zur Reinigung der ungesunden socialen Atmosphäre noth
-thut. Eine Kultur, die sich äusserlich durch den Puder kund giebt, ist
-eine miasmatische Afterkultur, die keine echte Kraft mehr zu ihrer
-Vertheidigung begeistern vermag, und deshalb über kurz oder lang dem
-Ansturme der kulturfeindlichen Mächte ohnmächtig erliegt; wie es im
-vorigen Jahrhundert dem ancien régime erging, so würde es in diesem
-der modernen Bourgeoisie ergehen, wenn eine allgemeinere Verbreitung
-von Puder und Schminke die symptomatische Rechtfertigung für die
-socialdemokratische Behauptung von der innern Fäulniss ihrer Kultur
-liefern sollte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[&ndash; 120 &ndash;]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VIII_Zur_Reform_des_Universitaetsunterrichts">VIII.<br />
-Zur Reform des Universitätsunterrichts.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Unsere Universitäten haben im geistigen Leben der Nation nicht mehr
-die Bedeutung wie früher, theils weil der Einfluss der Literatur den
-ihrigen überholt hat, theils weil sie ihren Einfluss mit zahlreichen
-neben ihnen aufgeblühten Hochschulen technischen, militärischen und
-sonstigen Charakters theilen müssen. Aber noch immer ist ihre Bedeutung
-so gross, dass es unrecht wäre, dieselbe zu unterschätzen, und darum
-ist auch die Frage nach den Mängeln unserer Universitäten und nach
-ihrer Abhülfe eine Frage von allgemeinem Interesse für jeden, dem dies
-Gedeihen und der Fortschritt der deutschen Geisteskultur am Herzen
-liegt.</p>
-
-<p>Die Mängel unsres Universitätswesens liegen sowohl auf Seite der
-Studentenschaft wie auf Seiten der Lehrkörper ziemlich offen zu
-Tage. Viele Studenten studiren in den ersten Semestern zu wenig oder
-gar nicht, weil falsche Ehrbegriffe und zeittödtende Genusssucht
-ihre Kräfte vollauf in Anspruch nehmen; wenn sie aber anfangen zu
-studiren, so haben sie alle Hände voll zu thun, um den gesteigerten
-Prüfungsansprüchen an ihre Berufswissenschaft Genüge zu leisten,
-so dass ihnen während der ganzen Studienzeit kein Augenblick für
-allgemeinere Geistesbildung, für das Studium der humaniora übrig
-bleibt. Für solche Studenten passt unsre deutsche Einrichtung der
-Universitäten nicht; wäre es sicher, dass diese Art von Studententhum
-das Feld der Zukunft behaupten würde, so müsste unser Universitätswesen
-aus Zweckmässigkeitsgründen seine akademische Freiheit aufgeben und
-gegen den französischen und englischen Zuschnitt der obligatorischen
-Einpaukerei vertauschen. Glücklicher Weise besitzen<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[&ndash; 121 &ndash;]</a></span> wir noch
-studentische Elemente genug, welche von der akademischen Freiheit
-wirklichen Nutzen ziehen, und wenn man den Zeichen der Zeit trauen
-darf, so darf man vorläufig die Hoffnung nicht fahren lassen, dass
-aus den Kreisen des Studententhums heraus ein Umschwung zum Bessern
-erfolgen wird durch eine mächtige Auflehnung gegen die bisherige
-sinnlose Kraft- und Zeitvergeudung.</p>
-
-<p>Einem solchen Umschwung müssen aber einschneidende Reformen von
-Seiten des Lehrkörpers entgegenkommen, wenn die Besserung gründlich
-und dauernd werden soll. Der tiefliegendste und allereigentlichste
-Krebsschaden unsres Universitätsunterrichts liegt meiner Meinung
-nach darin, dass der Regel nach die Erfindung der Buchdruckerkunst
-mit Hartnäckigkeit ignorirt, und heute noch wie im Mittelalter der
-Unterricht allein auf mündlichen Vortrag gegründet wird. Man verkennt
-die physiologische Thatsache, dass eine Stunde Vortrag-Hören die Nerven
-und das Gehirn weit mehr anstrengt als eine Stunde Lesen. Dieser Satz
-erleidet nur da eine Ausnahme, wo das Lesen eine noch ungewohnte
-Thätigkeit ist, welche eine besondere Anspannung der Aufmerksamkeit
-erfordert; ein Jüngling aber, der noch auf diesem kindlichen Standpunkt
-steht, ist eben noch nicht reif für den Besuch der Universität, und
-deshalb ist bei den Universitätseinrichtungen auf solche unreife
-Individuen keine Rücksicht zu nehmen.</p>
-
-<p>Es sind verhältnissmässig wenige Fächer des Universitätsunterrichts,
-bei denen die Demonstration den Stamm bildet, um welche der Vortrag
-sich bloss erläuternd herumrankt; bei den meisten ist das mündliche
-Wort des Lehrers auf sich allein angewiesen. Was der Lehrer vorträgt,
-ist der Inhalt eines ungedruckten Lehrbuchs; was der Schüler
-nachschreibt, ist der Inhalt eines ungedruckten Leitfadens. Kein
-Student würde es sich<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[&ndash; 122 &ndash;]</a></span> einfallen lassen, nachzuschreiben, wenn er
-bei Belegung des Kollegs den gedruckten Leitfaden des Docenten
-eingehändigt erhielte, und ausserdem jederzeit in einem gedruckten
-Lehrbuch des Docenten das Gehörte nachlesen könnte. Der ganze Unfug
-des Nachschreibens würde mit einem Schlage beseitigt, wenn die
-Universitätsordnung es verböte, dass irgend ein Professor oder Docent
-ein Kolleg ankündigte, zu dem er nicht vorher der Universitätsbehörde
-den gedruckten Leitfaden eingereicht, oder einen der bereits bekannten
-Leitfaden eines Dritten zu Grunde legen zu wollen erklärt hat. Jedem
-Draussenstehenden müsste es zunächst unbegreiflich scheinen, warum dies
-nicht auch ohne solche Zwangsbestimmung freiwillig von allen Lehrern
-geschieht, da die Sache doch gar so einfach und selbstverständlich
-scheint, und jeder Meinungsänderung des Lehrers theils durch neue
-Auflagen des Leitfadens, theils durch die Ausführungen des mündlichen
-Vortrags Rechnung getragen werden kann. Der Grund, warum es bisher so
-selten geschieht, und statt dessen abgeschriebene Diktathefte umlaufen,
-ist wohl in der Furcht der Professoren zu suchen, einerseits durch
-selbst herausgegebene Leitfaden sich allzusehr der Kontrole und Kritik
-ihrer Konkurrenten bloss zu stellen,<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> andrerseits durch solche
-Darbietung des zusammengedrängten Lernstoffes für die Prüfungen den
-Studenten das Besuchen ihrer sonst reizlosen Vorträge überflüssig zu
-machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[&ndash; 123 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>In der That trägt der „Leitfaden“ die Gefahr in sich, dass er dem
-faulen Studenten die Beruhigung gewährt, auch ohne Besuch der Vorträge
-durch Auswendiglernen seines Inhalts das Examen in dem Gegenstande
-bestehen zu können. Diese Gefahr liegt aber wesentlich nur dann vor,
-wenn der Lehrer sich nicht auf einen wirklichen Leitfaden, <span class="nowrap">d. h.</span> ein
-gedrucktes Diktatheft, zu beschränken gewusst hat, und statt dessen
-ein Mittelding von Leitfaden und Lehrbuch, oder gar ein kurzgefasstes
-Lehrbuch unter dem Titel „Leitfaden“ veröffentlicht hat. Je knapper der
-Leitfaden ist, desto sicherer wird der Examinator das verständnisslose
-Memoiren desselben von dem rationellen Durchdringen seines Inhalts
-unterscheiden können und im Stande sein, das erstere als ungenügend
-zu verwerfen. Legt der Docent Werth darauf, seinen Zuhörern den
-Leitfaden nicht auf einmal, sondern nur nach jeder Stunde das Diktat
-des gehaltenen Vortrags in die Hand zu geben, so hindert ihn nichts
-daran, seinen Leitfaden in losen Blättern drucken zu lassen, und wenn
-seine Zuhörerschaft zu klein ist, um den Druck zu lohnen, so stehen
-ihm andere billige Vervielfältigungsarten zur Auswahl (Lithographie,
-Hektographie <span class="nowrap">u. s. w.</span>), welche alle den gemeinsamen Vortheil haben, die
-Zeit für das Diktat zu ersparen.</p>
-
-<p>Man rühmt dem mündlichen Vortrag mit Recht nach, dass er bei gleichem
-sachlichen Inhalt doch anregender sei als die Lektüre, weil er mit
-Hülfe der Deklamation und Mimik von Person zu Person elektrische
-Fäden des Verständnisses spinnt. Dieser Vorzug kommt aber nur dem
-<em class="gesperrt">freien</em> Vortrag und keineswegs der Vorlesung zu; im Gegentheil
-wirkt das Ablesen eines Manuscriptes meistens ungünstiger auf den Hörer
-als die Lektüre der gedruckten Vorlesung auf den Leser, weil derselbe
-sich bei letzterer von vornherein<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[&ndash; 124 &ndash;]</a></span> auf sich allein angewiesen weiss,
-bei ersterer aber in seiner berechtigten Erwartung auf die belebende
-und zündende Geisteswirkung von Person zu Person getäuscht wird.
-Würde man nun aber statistisch feststellen, welcher Procentsatz der
-Universitätslehrer seine eigentlichen Lehrvorträge (abgesehen von den
-Demonstrationen und Seminarien) frei hält und nicht abliest, so möchte
-die Ziffer sehr gering ausfallen.</p>
-
-<p>Nimmt man noch hinzu, dass nur ein kleiner Theil unter den Vorlesenden
-gut zu lesen versteht, einige sogar geradezu schwer zu verstehen sind,
-so begreift man, dass das Hören der Vorlesungen bei den Studenten in
-eben dem Maasse aus der Mode gekommen ist, als geeignete Lehrbücher der
-verschiedenen Fächer sich dem Selbststudium durch Lektüre dargeboten
-haben. Der fleissige Student arbeitet lieber zu Hause ein gangbares
-Lehrbuch durch, das in der Regel besser ist als die Vorlesungen
-seines Professors, und erspart sich damit den Besuch der Kollegia. Er
-verbessert also auf eigne Hand den Fehler, den die Universität mit dem
-Ignoriren der Buchdruckerkunst begangen hat; aber er vollzieht diese
-Verbesserung nur dadurch, dass er das Universitätsstudium zum leeren
-Schein verflüchtigt und das Privatstudium an dessen Stelle setzt. Er
-muss nach wie vor die Kollegia, die er nicht hört, bezahlen und der
-Professor muss, um nicht seine Einnahmen zu gefährden, den Besuch der
-Wahrheit zuwider bezeugen. Der Student ist ferner genöthigt, sich die
-Diktathefte des nicht gehörten Professors zu verschaffen, und sie
-durchzuarbeiten, um im Examen bei ihm bestehen zu können, weil der
-Examinator ja nicht merken darf, dass der Examinand sein Wissen aus dem
-Lehrbuch eines Konkurrenten geschöpft hat.</p>
-
-<p>So führt der Fehler im Universitätsunterricht und dessen eigenmächtige
-Verbesserung von Seiten der<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[&ndash; 125 &ndash;]</a></span> Studenten zur Unwahrheit auf beiden
-Seiten, zu einem in sich unsittlichen Zustand, der den Misskredit der
-Vorlesungen zu einer wirklichen Missachtung steigern muss. Dieser
-Zustand erfordert dringend Abhülfe und diese ist auf keinem anderen
-Wege möglich, als dadurch, dass der Universitätsunterricht seinen
-Grundfehler: das Ignoriren der Buchdruckerkunst, ablegt. Entweder ist
-das Heft, welches ein Professor vorliest, werth gedruckt zu werden,
-dann soll es auch als gedrucktes Lehrbuch den Studenten zugänglich
-sein; oder es ist nicht werth, gedruckt zu werden, dann ist es auch
-erst recht nicht werth, vorgelesen zu werden, und die Studenten haben
-dann ganz Recht, wenn sie sich gegen den Besuch solcher Vorlesungen
-sträuben und den direkten oder indirekten Zwang dazu als ein ihnen
-angethanes Unrecht empfinden. Ein direkter Zwang zu einem Kolleg
-besteht aber da, wo der Besuch eines Kollegs über den Gegenstand
-obligatorisch ist und nur ein Lehrer über den Gegenstand liest; ein
-indirekter Zwang besteht überall, wo ein Examinator das Kolleg über
-einen Prüfungsgegenstand liest. Daraus folgt, dass kein Professor
-ständiger Examinator in einem Fache werden darf, über das er nicht
-entweder ein Lehrbuch herausgegeben hat, oder das er nicht nach dem
-Lehrbuche eines Dritten behandelt und prüft.</p>
-
-<p>Hiergegen wird man nun einwenden, dass eine solche Bestimmung erst
-recht dazu führen würde, die Hörsäle zu veröden, und dass mit ihr der
-Universitätsunterricht in der Hauptsache seine Abdankung legalisiren
-würde, wofern er nur zu der Konsequenz fortginge, anstatt der unwahren
-Atteste über den Besuch der Zwangskollegien wahrhafte Quittungen
-über den Ankauf der betreffenden Lehrbücher zu fordern. Insoweit
-als dieser Einwand richtig ist, kann man nur darauf antworten, dass
-insoweit allerdings der mündliche<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[&ndash; 126 &ndash;]</a></span> Universitätsunterricht das Recht zu
-existiren verloren hat, und dass es nicht gerechtfertigt werden kann,
-einen innerlich unhaltbar gewordenen Zustand durch ein künstliches
-System konventioneller Unwahrheiten als hohles Scheinbild konserviren
-zu wollen. Insoweit muss also jede Maassregel willkommen geheissen
-werden, welche den äusseren Zusammenbruch eines innerlich hohlen und
-unwahren Zustandes beschleunigt. Aber es ist nicht richtig, dass mit
-der vorgeschlagenen Maassregel der mündliche Universitätsunterricht
-noch weiter herunterkommen würde; im Gegentheil würde dieselbe geeignet
-sein, ihm einen neuen Aufschwung zu verschaffen, wofern derselbe
-nur die durch die veränderten Umstände gebotene Umwandlung mit sich
-vornimmt.</p>
-
-<p>Allerdings kann der Lehrer nicht erwarten, dass man seine Vorlesungen
-mit anhöre, wenn er doch nur sein Lehrbuch vorliest, das man zu Hause
-bequemer und schneller lesen kann. Der Hauptvortheil der mündlichen
-Belehrung, die Möglichkeit von Frage und Antwort, bleibt ja ohnehin
-bei solchem rein einseitigen Vortrag unbenutzt, und doch wird erst in
-der lebendigen Wechselrede der Lehrer gezwungen, frei zu produciren
-und dadurch die eigentlichen Vorzüge des mündlichen Vortrages über
-die Lektüre zu entfalten. Andrerseits hat der Lehrer nicht mehr
-nöthig, seinen Schülern dasjenige mündlich zu sagen, was sie in dem
-betreffenden Abschnitt seines Lehrbuchs schon zu Hause hatten lesen
-können, sondern er hat nun den Vortheil, diesen Abschnitt auf Grund
-der vorausgesetzten Lektüre frei mit ihnen durchsprechen zu können,
-ähnlich wie es schon jetzt in den Privatissimis und Seminarien
-mit philologischen oder philosophischen Klassikern geschieht. Die
-Studenten könnten ihren Zweifel und ihre Unklarheit über bestimmte
-Punkte fragend zur Sprache bringen, und dadurch ihr Studium unendlich
-viel fruchtbarer<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[&ndash; 127 &ndash;]</a></span> machen, als es durch einsame Lektüre oder durch
-Besprechung unter lauter Lernenden werden kann. Die Kollegien würden
-sich gegen jetzt merklich füllen, weil viel mehr aus denselben zu
-holen wäre, und die Repetition von gedruckten Leitfaden würde wirklich
-zur Wiederholung eines rationell verarbeiteten Gedankenmaterials
-werden. Die Arbeit der Lehrer würde sich dabei verringern, da die
-Hälfte derjenigen Stundenzahl, welche jetzt der Vortrag erheischt, zur
-Besprechung ausreichen würde; die Arbeit der Studenten aber würde sich
-trotz des viel grösseren Gewinns nicht wesentlich vergrössern, da man
-in zwei ganzen Stunden zu Hause bequem so viel lesen kann, wie man in
-vier mal dreiviertel Stunden im Colleg hört.</p>
-
-<p>Wenn die Examinatoren gezwungen würden, diese veränderte Unterrichtsart
-anzunehmen, so würden dadurch indirekt alle nicht examinirenden
-Lehrer mit gezwungen werden, dasselbe Verfahren zu beobachten, soweit
-dieselben die gleichen Gegenstände lehren. Denn grade der persönliche
-Verkehr mit den Examinatoren, welcher durch die Besprechung der
-Lehrbücher eröffnet ist, würde den schon jetzt bestehenden Vorsprung
-der Examinatoren gegen die nicht examinirenden Konkurrenten so sehr
-vergrössern, dass die Konkurrenz der letzteren völlig aussichtslos
-werden müsste, wenn sie im alten Schlendrian der „Vorlesungen“
-verharren wollten. Schon jetzt ist der Vortheil der Examinatoren so
-gross, dass gegen diesen Vorsprung der Stellung keine Ueberlegenheit
-in den Leistungen aufkommen kann; wenn dieser Vorsprung durch die
-veränderte Unterrichtsart noch vergrössert wird, so ist das ein
-schwerwiegender Uebelstand, der leider mit in den Kauf genommen werden
-muss. Der einzig mögliche, aber auch von der Gerechtigkeit geforderte
-und darum unerlässliche Ausgleich ist darin zu suchen, dass die
-Examinatoren<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[&ndash; 128 &ndash;]</a></span> aufhören, für den durch ihre Stellung und nicht durch
-ihre Tüchtigkeit bedingten stärkeren Zuspruch zu ihren Kollegien
-diejenige Prämie zu erhalten, welche nur als Prämie überlegener
-Tüchtigkeit einen Sinn hat, nämlich die Kollegiengelder ihrer Zuhörer.</p>
-
-<p>Es giebt eine Anzahl Kollegien, deren Gegenstand von hohem
-wissenschaftlichen Werth, aber nicht gerade Gegenstand einer
-Berufsprüfung ist. Solche Kollegien haben naturgemäss auch bei der
-grössten Tüchtigkeit des Lehrers nur wenige Zuhörer, während andre von
-unentbehrlichem Nutzen oder allgemeinerem Interesse auch bei geringerer
-Tüchtigkeit des Lehrers auf stärkeren Zuspruch rechnen dürfen.
-Hieraus erhellt wiederum, wie wenig die Zuhörerzahl geeignet ist, als
-Maassstab für die Tüchtigkeit des Lehrers oder gar für eine demselben
-zu gewährende Extravergütigung zu dienen. Wenn es doch einzelnen
-Professoren von anerkannt hervorragender Bedeutung in einem Fache
-von geringer praktischer Verwendbarkeit und specialisirtem Interesse
-gelingt, eine grössere Zahl von Hörern um sich zu versammeln, so
-erzielen sie die ihnen dadurch zufliessenden höheren Einnahmen wiederum
-nur dadurch, dass sie die Erfindung der Buchdruckerkunst ignoriren
-und somit jeden, der ihre Arbeiten kennen lernen will, zwingen, zu
-ihnen zu kommen und ihre Vorlesungen zu hören. Man wird zugeben, dass
-eine solche Monopolisirung der Wissenschaft ein in der Gegenwart
-nicht mehr zu duldender Rest mittelalterlicher Zunft- und Bann-Rechte
-ist, und dass die Honorarverhältnisse, welche einen Gelehrten zu
-solcher Zurückhaltung treiben, selbst ein unwürdiges Ueberlebsel
-überwundener Zeiten sind. Sobald der Bezug von Kollegiengeldern ein
-Ende hat, hört auch das Interesse an der Nichtveröffentlichung der
-Forschungsergebnisse auf, da das blosse Eitelkeitsinteresse an der
-Zahl der Zuhörer denn doch wohl zu<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[&ndash; 129 &ndash;]</a></span> tief steht, um den Fortschritt der
-Wissenschaft in seiner stets wachsenden Beschleunigung zu hemmen.</p>
-
-<p>Für Forscher solcher Art ist überhaupt das Lehren gar keine Bedingung
-ihrer Wirksamkeit, sollte für sie vielmehr nur Mittel der eigenen
-Anregung und Erfrischung sein. Ihr Platz ist nicht sowohl im Lehrkörper
-einer Universität als in einer Akademie mit der Berechtigung,
-aber ohne die Verpflichtung zum Abhalten von Vorträgen an den
-Staatsuniversitäten. Man kann ein vorzüglicher Lehrer und ein sehr
-untergeordneter Forscher sein; man kann aber auch ein hervorragender
-Forscher und dabei sehr schlechter Lehrer sein. Der Staat hat ein
-ebenso grosses Interesse, sich Forscher, als sich Lehrer zu sichern;
-aber er fasst die Sache am unrechten Ende an, wenn er beides vermengt,
-also von jedem Lehrer als unentbehrliche Zuthat seiner Stellung den
-Nimbus eines bedeutenden Forschers und Förderers der Wissenschaft
-verlangt, und jedem Forscher eine Lehrthätigkeit als Bedingung für
-die Gewährung eines Staatsgehaltes zumuthet. Die Bedeutung der
-Akademien für die Gegenwart ruht ausschliesslich darin, dass sie den
-Forschern eine sorgenfreie Existenz zur Fortsetzung ihrer Forschungen
-mit ungetheilten Kräften gewähren; dieses Ziel haben ursprünglich
-die meisten Akademien sich vorgezeichnet, und es ist nicht der
-Fehler ihrer Gründer, wenn die mit der Mitgliedschaft verknüpften
-Gehälter in Folge veränderten Geldwerthes ihrem Zwecke nicht mehr
-genügen. Wenn die Regierungen sich entschliessen könnten, die
-Mitgliedschaften der Akademien durch zeitgemässe Erhöhung der Gehälter
-zu Forscher-Sinekuren zu erheben, so würden sie damit den höchsten
-Spitzen des Kulturfortschritts einen ebenso grossen Dienst erweisen als
-den Universitäten, welche dadurch von Lehrern entlastet würden, die nur
-aus Noth lehren, um nebenbei als<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[&ndash; 130 &ndash;]</a></span> Forscher leben zu können. Das Gehalt
-eines Mitglieds der Akademie müsste eben höher sein als das höchste
-Professorengehalt, womit aber selbstverständlich auch eine Kumulation
-beider Gehälter ausgeschlossen wäre.</p>
-
-<p>Es ist bekannt, dass es gegenwärtig zum grossen Theil andre Kollegien
-sind, welche der Student besucht, als die, welche er bezahlt; er
-bezahlt diejenigen, welche er direkt oder indirekt gezwungen ist, zu
-belegen, und hat in der Regel wenig Neigung, nebenbei auch diejenigen
-noch zu bezahlen, welche er bloss aus Interesse an der Sache besucht.
-Die Folge davon ist, dass er auch die sein Interesse erweckenden
-Collegien nur unvollständig, weil mit bösem Gewissen, hört, ohne dass
-er im Stande ist, die Lücken durch Lektüre des Lehrbuchs zu ergänzen.
-Den nicht examinirenden Lehrern raubt dieser Missbrauch des Hospitirens
-noch einen grossen Theil derjenigen Kollegiengelder, welche ihnen durch
-den Vorsprung ihrer examinirenden Kollegen allenfalls noch hätten
-übrig bleiben können. Wollte man unter den Verhältnissen, wie sie sich
-entwickelt haben, auf strenge Ordnung halten, und jeden Studenten,
-der nicht belegt hat, hinausweisen, so würde die Wirkung davon in der
-Hauptsache nur die sein, dass die Hörsäle noch mehr veröden und die
-Studenten noch mehr sich dem Privatstudium durch Lektüre zuwenden.</p>
-
-<p>Wenn eine statistische Erhebung darüber vorgenommen werden könnte, wie
-viel wirklich besuchte Vorlesungsstunden auf den Kopf der deutschen
-Studentenschaft in einem Semester kommen, so würde man darüber staunen,
-wie wenig der Nutzen der Vorlesungen in ihrer jetzigen Art im Ganzen
-von den Studenten anerkannt wird, und wie sehr das studentische Leben
-(mit Ausnahme der medicinischen Fakultät) zwischen<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[&ndash; 131 &ndash;]</a></span> Nichtsthun und
-Privatstudium schwankt. In der That konnte aber auch ein fleissiger
-Besuch der Collegien bei dem System der Kollegiengelder nur so lange
-möglich bleiben, als die Gelegenheit zum Erwerb der dort zu erlangenden
-Kenntnisse auf privatem Wege fehlte. Gegenwärtig ist die Forderung
-der Universitäten, dass der Student jedes einzelne Kolleg bezahle,
-nichts weiter als eine Prämie auf die Faulheit und das Privatstudium
-und eine gewaltsame Zurückscheuchung der Studenten von allen nicht
-obligatorischen Kollegien. Der Besuch der Vorlesungen würde sich
-sofort verdoppeln und verdreifachen, wenn von jedem Studenten ein
-Fixum pro Semester erhoben würde, durch dessen Bezahlung er das Recht
-erwirbt, jedes Kolleg zu belegen, dessen Plätze nicht schon sämmtlich
-an früher angemeldete Reflektanten vergeben sind. Der Andrang zu den
-interessanteren Vorträgen würde dadurch so wachsen, dass es nöthig
-werden könnte, diejenigen nummerirten Plätze, welche von ihren
-ursprünglichen Inhabern ohne ausreichende Entschuldigung durch drei
-Stunden unbenutzt gelassen werden, an nachbemerkte Bewerber weiter zu
-begeben.</p>
-
-<p>Die Kollegiengelder bilden nach Ablösung der Stolgebühren den letzten
-Rest des mittelalterlichen Sportel- und Gebühren-Wesens, und es ist
-endlich Zeit, mit dieser Ruine aufzuräumen, welche ein Haupthinderniss
-für einen neuen Aufschwung des Universitäts-Unterrichts bildet. Den
-ursprünglichen Sinn einer Prämie für anziehende Vorträge hat die
-Ueberweisung der Kollegiengelder an die Professoren längst eingebüsst,
-und gegenwärtig ist sie lediglich eine unverdiente Gehaltszulage für
-die ohnehin schon begünstigten Examinatoren. Werden die Einzelhonorare
-für jedes Kolleg in ein festes Studienhonorar für das ganze Semester
-umgewandelt, so fällt jede Versuchung fort, diese Honorare dem<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[&ndash; 132 &ndash;]</a></span>
-Lehrerkollegium zu überweisen, anstatt derjenigen Behörde, welche
-die Universität erhält und die Gehälter der Professoren zahlt.
-Diese Aufhebung der Gebühren müsste natürlich mit einer Ordnung der
-Professorengehälter Hand in Hand gehen, welche ohnehin dringendes
-Bedürfniss ist; auch müssten Uebergangszustände zugelassen werden,
-deren Erörterung hier zu weit führen würde.</p>
-
-<p>Worüber am meisten öffentlich geklagt wird, ist die Aussichtslosigkeit
-der akademischen Laufbahn und die Uebelstände, welche bei der Berufung
-von Professoren hervortreten. Abgesehen von den Uebertreibungen und
-ungerechtfertigten Verallgemeinerungen, die bei solchen Klagen fast
-unvermeidlich mit unterlaufen, begehen die Warnungsstimmen dieser
-Art meistens den Fehler, dass sie allgemein menschliche Uebelstände,
-wie Cliquenwesen, Weiberregiment, Nepotismus und dergleichen für
-funkelnagelneue Erscheinungen speciell unsres Universitätslebens
-halten, während diess doch nur die überall und zu allen Zeiten
-gangbaren Abweichungen von vorurtheilsloser Sachlichkeit sind. Man
-mag solche Dinge zur Sprache bringen, um den betreffenden Kreisen
-das Gewissen zu schärfen und sie an den Ernst ihrer Berufspflicht
-und die Forderungen der guten Sitte zu erinnern; aber man wird nicht
-hoffen dürfen, dadurch mehr Wirkung auszuüben als mit Moralpredigten
-irgend welcher andren Art. Alle Kooptation führt zur Inzucht, alle
-Stellenbesetzung durch die Regierung zur Begünstigung politischer
-Streber; Intrigue und persönliche Begünstigung spielt hier wie
-dort ihre Rolle, wenn auch in verschiedener Weise. Beide Quellen
-unsachlicher Entscheidung müssen einander beschränken, und jeder
-Versuch, der einen auf Kosten der andren das Uebergewicht zu
-verschaffen, ist nach der einen wie nach der andern Seite gleich<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[&ndash; 133 &ndash;]</a></span>
-fehlerhaft. Deshalb liegt kein Anlass vor, an den bestehenden Zuständen
-wesentliche Aenderungen in dieser Hinsicht zu verlangen.</p>
-
-<p>Das Widerwärtige an den akademischen Zuständen liegt vor allem
-darin, dass die Erlangung einer ausserordentlichen Professur noch
-keinerlei Einkommen gewährt, und dass selbst der Eintritt in eine
-ordentliche Professur nicht dem Ehrgeiz und der Gewinnsucht das
-Thor verschliesst. Der Grund dafür ist aber ausschliesslich in den
-ungeordneten Gehaltsverhältnissen zu suchen, welche die einer Berufung
-voraufgehenden Verhandlungen nicht selten zu einem Markten und
-Feilschen herabwürdigen wie bei dem Engagement eines Schauspielers,
-und das Spiel der Intriguen zur Erlangung von wirklichen oder
-Scheinberufungen nicht enden lassen. Der Professorenstand wird
-nicht eher sein moralisches und sociales Gleichgewicht und die ihm
-gebührende wissenschaftliche Würde gewinnen, als bis er durch eine
-feste Gehaltsskala mit Altersascension und örtlich verschiedenen
-Wohnungsgeldern und durch gesicherte Pensionsverhältnisse den
-andern Staatsdienern an Solidität und Stabilität der pekuniären
-Lebens-Grundlagen gleichgestellt wird. Wer von einer kleinen
-Universität an eine grosse berufen wird, der soll nicht um materieller
-Vortheile willen dort hin gehen, sondern im freudigen Stolz auf den
-erweiterten Wirkungskreis; zieht er aber das Verbleiben im gewohnten
-und lieb gewordenen Kreise vor, so mögen die grossen Universitäten aus
-dem eignen Nachwuchs ihre Vakanzen besetzen. Es ist unwürdig, dass
-müde Greise bis an ihr Ende weiter lehren müssen, weil sie durch ein
-ganzes Leben voll Arbeit keinen Pensionsanspruch erworben haben, und
-ebenso unwürdig, dass sie sich im Falle vollständiger Unfähigkeit ihr
-Gehalt für die schuldig gebliebenen Leistungen müssen schenken lassen.
-Es<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[&ndash; 134 &ndash;]</a></span> ist unwürdig, dass die längste Dienstzeit keinen Anspruch auf
-Gehaltssteigerung verschafft, und dass letztere erst auf dem Umwege
-künstlich inscenirter Scheinberufungen erpresst werden muss. Es ist
-ungehörig, dass viel umworbenen Berühmtheiten Einnahmen von der Höhe
-einer Primadonnengage und luxuriöse Dienstwohnungen bewilligt werden,
-und ebenso ungehörig, dass die Berufung an grosse Universitäten
-zur Nationalbelohnung für abgediente Invaliden des Katheders
-herabgesetzt wird. Mit der Gleichstellung aller Professorengehälter in
-demselben Staat, oder wo möglich im ganzen Reich würden alle solche
-Ungehörigkeiten ganz von selbst wegfallen.</p>
-
-<p>Der Unterschied zwischen ordentlichen und ausserordentlichen
-Professoren kann bestehen bleiben; denn wer einmal zum ordentlichen
-Professor ernannt ist, der rückt damit auch von selbst in alle
-höheren Gehaltsstufen nach seinem Dienstalter auf, während
-der ausserordentliche Professor bei dem höchsten Gehalt für
-ausserordentliche Professoren stehen bleibt, wenn ihm die Beförderung
-zum Ordinarius versagt bleibt. Nur das scheint mir unbillig, dass man
-Docenten zu ausserordentlichen Professoren ernennt, sie dadurch mit der
-trügerischen Hoffnung, in der akademischen Laufbahn ihr Fortkommen zu
-finden, ködert, und dann ohne Gehalt bis an ihr Ende sitzen lässt. Die
-Gehaltlosigkeit der Extraordinarien wird so nicht ohne Grund zu einer
-Hauptquelle der Bitterkeit für alle, welche nicht zu einer ordentlichen
-Professur gelangen können, und nun ihr Leben für ein verfehltes, ihre
-akademische Laufbahn für eine gescheiterte, und ihre Lebensarbeit für
-eine völlig unentlohnte ansehen müssen. Das Gehalt der Extraordinarien
-müsste wenigstens für einen Junggesellen auskömmlich und zugleich
-pensionsberechtigt sein; die zeitweilige gnadenweise Gewährung von
-Unterstützungen<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[&ndash; 135 &ndash;]</a></span> kann niemals als Ersatz für ein pensionsfähiges, wenn
-auch noch so bescheidenes Gehalt gelten. Selbstverständlich würde
-die Behörde für das von ihr gewährte Gehalt auch ein Minimum von
-wöchentlichen Lehrstunden von jedem Angestellten verlangen müssen, das
-beim Extraordinarius geringer bemessen sein müsste als beim Ordinarius.
-Andrerseits haben auch die Extraordinarien, sobald sie ein festes
-Gehalt beziehen, keinen Grund mehr, den Wegfall der Collegiengelder zu
-bedauern.</p>
-
-<p>Die Stellung als Privatdocent ist eine Vorbereitungsstufe und
-Probezeit für den akademischen Beruf. Es ist wünschenswerth, dass
-dieselbe möglichst zahlreichen Bewerbern möglichst leicht zugänglich
-sei, damit die Behörden ein reichliches Material zur Ernennung von
-ausserordentlichen Professoren zur Auswahl haben; aber es ist nicht
-wünschenswerth, das längere Verbleiben in dieser Stellung für solche
-Aspiranten angenehm und behaglich zu machen, welche nach mehrjähriger
-Probezeit nicht zur ausserordentlichen Professur geeignet befunden
-worden sind. Man muss den Privatdocenten den Austritt aus der
-akademischen Carriere ebenso leicht machen wie den Eintritt, und
-muss eine Frist setzen, etwa von zehn Jahren, nach deren Ablauf ein
-nicht beförderter Privatdocent eo ipso die venia docendi verliert.
-Nur auf diesem Wege ist die Existenz eines Kreises von verbitterten
-lebenslänglichen Privatdocenten zu vermeiden, oder dem noch schlimmeren
-Fehler vorzubeugen, dass man alte Privatdozenten endlich einmal zu
-Professoren ernennt, blos weil man das unverdiente Scheitern in ihrem
-Lebenslauf als gar zu grausames Schicksal mitempfindet.</p>
-
-<p>Damit den Docenten, welche trotz mehrjähriger Probezeit nicht zur
-ausserordentlichen Professur gelangt sind, das Verbleiben in ihrer
-Stellung erschwert wird,<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[&ndash; 136 &ndash;]</a></span> ist es nothwendig, dass denselben keinerlei
-Remuneration oder Honorar zufällt. Die Zulassung zum Dociren an einer
-Hochschule ist an und für sich ehrenvoll genug, um auch einige Jahre
-als blosse Ehrensache geübt werden zu können, zumal kein Docent
-nöthig hat, mehr als einige Stunden wöchentlich dieser freiwilligen
-akademischen Lehrthätigkeit zu widmen. Nur solche Docenten, welche zur
-Beförderung für einen späteren Termin in sichere Aussicht genommen
-sind, dürfen durch Remunerationen aus Dispositionsfonds an die
-akademische Laufbahn gefesselt werden; bei jedem andern müsste eine
-solche Gewährung als eine grausame Erweckung unbegründeter Hoffnungen
-verurtheilt werden. Die gehaltlose Zeit eines jungen Mannes, welcher
-sich der akademischen Laufbahn widmet, wird danach im Durchschnitt
-nicht wesentlich länger zu rechnen sein als beispielsweise in der
-juristischen Carriere. Der Unterschied bleibt freilich bestehn, dass
-der Jurist nach Ablauf dieser Frist, innerhalb deren er aus seinen
-eigenen Mitteln oder aus denen seiner Familie sich erhalten muss,
-ziemlich sicher auf Anstellung rechnen darf, der Docent aber nicht, und
-es wird nicht zum Ausgleich genügen, dass die juristische Laufbahn in
-erster Reihe dem Broterwerb, die akademische Laufbahn dagegen in erster
-Linie der Befriedigung theoretischer Neigungen und idealer Bedürfnisse
-dient. Dieser Ausgleich ist deshalb ungenügend, weil die Furcht,
-spätestens zehn Jahre nach der Habilitation vor dem niederdrückenden
-Misserfolg einer völlig gescheiterten Carriere zu stehen, die Zahl
-der Reflektanten auf das Docententhum bei gleichzeitigem Wegfall der
-Kollegiengelder unter das erforderliche oder doch wünschenswerthe Maass
-herabdrücken könnte, trotzdem dass die Hoffnung auf frühere Beförderung
-zum besoldeten Extraordinarius einen gegen die heutigen Verhältnisse
-verstärkten Anreiz zur Habilitation gewähren würde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[&ndash; 137 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Die akademische Laufbahn ist nur dann im Stande, viele Probekandidaten
-anzulocken, ohne durch Wiederausscheidung der Mehrzahl der
-Bewerber eine tiefe Verbitterung zu säen, wenn von vornherein
-darauf gesehen wird, dass die Docenten zugleich auf irgend einen
-andern, als den akademischen Ruf vorbereitet sind, und diesen wo
-möglich gleichzeitig verfolgen, jedenfalls aber nach dem Scheitern
-ihrer akademischen Laufbahn den Rücktritt in denselben sich offen
-halten. Mit andern Worten: die Universitätsbehörden sollten mit
-Ausnahme von Persönlichkeiten, die sich bereits durch hervorragende
-schriftstellerische Leistungen als ausnahmsweise befähigt erwiesen
-haben, den höchsten Werth darauf legen, nur solche Kandidaten zur
-Habilitation zuzulassen, welche sich durch die erforderlichen
-Staatsprüfungen den Eintritt in eine anderweitige Laufbahn bereits
-gesichert haben; die Staatsbehörden aber sollten in Anbetracht der
-hohen Wichtigkeit des Universitätsunterrichts für die nationale
-Geisteskultur den Staatsdienern aller Berufsarten, welche Neigung
-spüren, sich eine Zeitlang als akademische Docenten zu versuchen, die
-Erfüllung dieses Wunsches durch das bereitwilligste Entgegenkommen
-erleichtern, anstatt denselben im Interesse des Specialdienstes
-Schwierigkeiten oder unüberwindliche Hindernisse zu bereiten.</p>
-
-<p>In der Hauptsache besteht der von mir verlangte Zustand schon heute
-in der medicinischen und theologischen Fakultät; jeder medicinische
-Docent ist nebenbei praktischer Arzt, und jeder theologische
-Docent ist nebenbei wenigstens Licentiat und kann, wenn er von der
-Universität zurücktritt, eine Predigerstelle annehmen. Immerhin wäre
-es wünschenswerth, dass mehr angestellte jüngere Geistliche, als
-bisher nebenbei den Beruf als Docenten ausübten, wenn sie in einer
-Universitätsstadt oder deren unmittelbarer Nähe leben: dagegen<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[&ndash; 138 &ndash;]</a></span>
-scheint mir eine dauernde Verknüpfung von Seelsorge und akademischem
-Lehramt, wie sie jetzt ausnahmsweise vorkommt, nicht empfehlenswerth,
-vielmehr nach ausreichender Probezeit die Entscheidung für die eine
-oder die andere Berufsart geboten. In der juristischen Fakultät wäre
-es nicht mehr als billig, dass man von einem Docenten die vorherige
-Erlangung der Richterqualität forderte; dagegen müssten auch Richter,
-Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Gerichts- und Regierungs-Assessoren und
--Räthe, die an Universitätsplätzen leben, in liberalster Weise zur
-Habilitation zugelassen werden, und ihre vorgesetzten Gerichts- und
-Verwaltungsbehörden von den Ministerien darauf hingewiesen werden, dass
-diese Zulassung im dringenden Interesse des Staates liege, und dass
-solche Neigungen und Bestrebungen für die wissenschaftlichen Interessen
-der Bewerber ein ehrenvolles Zeugniss ablegen.</p>
-
-<p>Dasselbe gilt für die Schulbehörden in Bezug auf die Lehrer an
-staatlichen und städtischen Schulen; hier ist sogar der innere
-Zusammenhang des höheren und Hochschulwesens ein so enger, dass
-es durchaus gerechtfertigt erscheint, die Zahl der wöchentlichen
-Kollegstunden (wenigstens bis zur Höhe von fünf) auf die Zahl der
-gesammten Wochenstunden, zu deren Ertheilung der Lehrer verpflichtet
-ist, in Anrechnung zu bringen, also einem Lehrer, der zugleich
-Universitätsdocent ist, statt 24 nur 19 Schulstunden wöchentlich zu
-übertragen. Die Universitätsbehörden aber sollten bei Habilitationen
-in der philosophischen Fakultät die Bewerber, welche die facultas
-docendi für die höheren Gymnasialklassen erworben haben, entschieden
-bevorzugen, damit den Docenten, welche zur Beförderung in eine
-ausserordentliche Professur nicht in Aussicht genommen sind, seinerzeit
-der Rath ertheilt werden könne, ins Schulamt überzutreten. Gegenwärtig
-gilt<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[&ndash; 139 &ndash;]</a></span> der Eintritt ins Schulfach als fast gleichbedeutend mit dem
-Verzicht auf die akademische Laufbahn, und darum bemühen sich die
-Aspiranten auf letztere, die Annahme einer Lehrersstellung, selbst in
-einer Universitätsstadt, wenn irgend möglich zu vermeiden, und sei es
-auch unter den grössten Anstrengungen und Entbehrungen. Diess würde
-aufhören.</p>
-
-<p>Wer nicht hinreichend mit Gütern gesegnet ist, um nach absolvirtem
-Staatsexamen sich ganz dem theoretischen Studium zu widmen, der würde
-zunächst eine Lehrersstellung an einer Schule in einer Universitätsstadt
-zu erlangen suchen und die 120 Sonntage, Feiertage und Ferientage
-im Jahre der Vorbereitung für ein Kolleg widmen; wer aber einige
-Zubusse hätte, der würde am liebsten eine halbe Lehrersstellung mit
-halbem Gehalt annehmen, um noch mehr freie Zeit zu gewinnen. Die
-Schulbehörden würden nur dem Interesse des nationalen Unterrichts
-im Ganzen dienen, wenn sie die Habilitationsreflektanten bei der
-Anstellung in Universitätsorten bevorzugten und wie in der Schweiz
-die Verleihung halber Lehrersstellen (wenigstens für die ersten zehn
-Dienstjahre) genehmigten. Die Versuchung, zu viel Kollegien neben
-einander zu lesen, fällt für die Privatdocenten mit dem Aufhören
-der Kollegiengelder ohnehin fort, so dass die Behörden keine
-erhebliche Störung der dienstlichen Interessen von einer solchen
-Nebenbeschäftigung zu befürchten haben. Es ist nun einmal unerlässlich,
-die Docententhätigkeit auch in der philosophischen Fakultät mit
-irgend einem anderweitigen Broterwerb zu verknüpfen, wenn nicht die
-akademische Laufbahn immer mehr ein Vorrecht der Wohlhabenden werden
-soll; es liegt aber im dringenden Interesse des Ganzen, dass die
-Verknüpfung der Docenten-Thätigkeit mit dem journalistischen Broterwerb
-verhütet werde, und schon darum ist es nöthig, dass der Verbindung<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[&ndash; 140 &ndash;]</a></span> des
-Lehramtes an einer höheren Schule mit demjenigen an einer Hochschule
-die Wege gebahnt werden. Selbstverständlich muss diese Verkoppelung von
-Aemtern mit der Ernennung zum besoldeten ausserordentlichen Professor
-ein Ende finden.</p>
-
-<p>Ich bilde mir nicht ein, dass mit den vorgeschlagenen Aenderungen
-in der Einrichtung der Vorlesungen, in den Gehaltsverhältnissen der
-Professoren und in der Stellung der Docenten alle Klagen über unser
-Universitätswesen verstummen würden; aber ich glaube, dass damit
-eine gründliche Abhilfe für die offensten Schäden und dringendsten
-Uebelstände geschaffen werden würde, denen auf anderem Wege schwer
-oder gar nicht beizukommen ist, und dass das Ansehen und die
-Zufriedenheit der Professoren, die Würde ihres Berufs und der Nutzen
-der Universitäten in unserem öffentlichen Leben sehr gewinnen würden,
-ohne dass dabei wesentlich höhere Aufwendungen als jetzt erforderlich
-wären.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="IX_Das_Philosophie-Studium_an_den_Universitaeten">IX.<br />
-Das Philosophie-Studium an den Universitäten.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Unsere moderne Wissenschaft läuft Gefahr, am empirischen Material
-zu ersticken und im Specialismus zu verknöchern. Die Versenkung
-in die Erfahrung und die Arbeitstheilung sind die beiden
-Principien, durch welche sowohl die Naturwissenschaften wie die
-Gesellschaftswissenschaften und geschichtlichen Disciplinen einen
-so grossen und raschen Aufschwung genommen haben. Aber die moderne
-Wissenschaft steht bereits wie der Zauberlehrling rathlos da, und
-fühlt sich unfähig, die heraufbeschworenen Geister zu bannen. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[&ndash; 141 &ndash;]</a></span>
-Erkenntniss verliert sich mehr und mehr im Einzelnen, anstatt Honig aus
-demselben heimzubringen für den gemeinsamen Stock der systematischen
-Wissenschaft, von der alle Specialforschung ausgegangen ist, und zu
-der sie alle zurückkehren muss, wenn sie für die Menschheit Werth
-behalten soll. Wie Bergleute, die in verschiedenen Schachten und
-Stollen arbeiten, ohne gemeinsamen Plan des Abbaus sich immer weiter
-von einander entfernen müssen, bis schliesslich keiner mehr das Klopfen
-der anderen hört, so geht es mit der immer weiter fortschreitenden
-Specialisirung der Specialfächer und -Gebiete. Schon innerhalb des
-engeren Faches, <span class="nowrap">z. B.</span> der Mathematik, hört die Möglichkeit der
-Verständigung der Specialisten unter einander und ihrer gegenseitigen
-Kontrole mehr und mehr auf; selbst die praktische Heilkunst droht sich
-in lauter Specialheilkünste aufzulösen und die Naturwissenschaften
-arten immer mehr zu einem zusammenhanglosen Sammelsurium
-kleinkrämerischer Detailnotizen aus.</p>
-
-<p>Dabei schwillt die Literatur zu immer ungeheuerlicherer Ausdehnung an.
-Rund fünfzehntausend neue Werke jährlich in deutscher Sprache und etwa
-ebensoviel in französischer und englischer Sprache zusammengenommen,
-das macht allein schon in einem Menschenalter von einem drittel
-Jahrhundert eine Million Bücher, welche durch die in demselben
-Zeitraum erschienenen periodischen Druckschriften an Masse noch weit
-übertroffen werden. Wie die Thatsachenforscher in der Empirie, so gehen
-die historischen Forscher in der Literatur unter; jede zu behandelnde
-Detailfrage erfordert, um gründlich zu sein, schon jetzt das Studium
-eines so kolossalen literarischen Materials, dass die Frage in ganz
-enger Begrenzung gestellt werden muss, wenn die Bearbeitung nicht
-gleich ins Ungemessene anschwellen soll. Wenn dieser in den beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[&ndash; 142 &ndash;]</a></span>
-letzten Menschenaltern in Fluss gekommene Process noch ein Jahrhundert
-so fortgeht, so muss die europäische Geistesbildung in einem Grade
-erstarren, welcher alle Verknöcherung des chinesischen Mandarinenthums,
-Talmudismus oder Islamismus um ebenso viel hinter sich zurücklassen
-wird, wie die Bibliotheken unserer Urenkel den Bücherschatz der
-Chinesen, Juden und Muhamedaner.</p>
-
-<p>Will die moderne Wissenschaft nicht sich selber zum Spott werden und
-die Welt zu dem Gefühl bringen, dass die Vernichtung einer solchen
-sich greisenhaft überlebenden Civilisation durch den Vandalismus der
-Socialdemokratie eine wenn auch nur negative kulturgeschichtliche
-Wohlthat sein würde, so muss sie in sich gehen und bedenken, dass
-Arbeitstheilung und Empirie in der Wissenschaft niemals Selbstzweck,
-sondern nur dienende Mittel zu einem höheren Zweck, an sich aber
-bloss nothwendige Uebel sind. Diese Uebel sind nur dann unschädlich
-zu machen, wenn ein jeder ihrer Gefahren und ihrer unmittelbaren
-Werthlosigkeit eingedenk bleibt, und nie die Verpflichtung aus den
-Augen verliert, den Zusammenhang seiner Detailforschungen mit dem
-grösseren Ganzen, dem sie dienen, und den Zusammenhang des letzteren
-mit der einheitlichen Totalität der Wissenschaft festzuhalten. Nur
-weil das Gefühl dieser Verpflichtung entschwunden ist, konnte das
-Uebel die schon jetzt erreichte Ausdehnung gewinnen; das Gefühl der
-Verpflichtung ist aber darum den Forschern abhanden gekommen, weil
-ihnen das Verständniss für die einheitliche Totalität des menschlichen
-Erkenntnisssystems vor lauter Ueberschätzung der partikulären und
-singulären Erfahrung verloren gegangen ist.</p>
-
-<p>Anstatt einzusehen, dass die Empirie für alle Wissenschaften nur
-in demselben Sinne Mittel zum Zweck sein kann, wie die Technik für
-alle Künste, hat die<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[&ndash; 143 &ndash;]</a></span> Wissenschaft sich auf die „Suche“ gelegt,
-wie die Kunst auf die „Mache“; es ist die höchste Zeit, von
-dieser verhängnissvollen Verwechselung zwischen Mittel und Zweck
-zurückzukommen und zu begreifen, dass alle zusammengeschleppten
-Materialien aus Natur und Geschichte noch ebensowenig wissenschaftliche
-Erkenntniss ausmachen, wie die Routine der künstlerischen Technik ein
-Kunstwerk, sondern dass die Wissenschaft und Kunst erst da beginnen, wo
-die erweiterte Erfahrung oder gesteigerte Fertigkeit zu einem Unterbau
-von höherem Niveau werden, auf dem sich Werke des Geistes erheben.</p>
-
-<p>Die einheitliche Totalität des Erkenntnisssystems hat man von jeher
-Philosophie genannt; die Ueberschätzung der Empirie hatte zur Kehrseite
-eine Unterschätzung der Philosophie, insbesondere ihres einheitlichen
-Centrums: der spekulativen Metaphysik, ohne welchen die Philosophie
-in haltlose Trümmer auseinanderfällt. Die Missachtung der Philosophie
-führt nothwendig zur Unterschätzung des selbstständigen Werthes der
-Einzelwissenschaften; sind aber erst einmal die Einzelwissenschaften
-aus ihrem Dienstbarkeitsverhältniss zur Philosophie herausgenommen,
-so geräth das ganze System in Auflösung, indem innerhalb jeder
-Einzelwissenschaft sich derselbe Vorgang wiederholt, <span class="nowrap">d. h.</span> jede
-Specialrichtung sich für berechtigt hält, ihren selbstständigen Werth
-gegen die Wissenschaft zu behaupten, deren Theil sie ist. So gelangt
-schliesslich jeder Dreck und Quark dazu, den gleichen Werth wie die
-höchsten Blüthen des Geisteslebens vor dem Forum der Wissenschaft zu
-beanspruchen, weil er ebensogut Gegenstand der Erfahrung wie diese
-ist. Soll diesem Unfug unsrer Zeit gesteuert werden, so müssen, damit
-die Specialforschungen wieder als dienstbare Glieder und Werkzeuge der
-Einzelwissenschaften begriffen wer<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[&ndash; 144 &ndash;]</a></span>den, vor allen Dingen erst wieder
-alle Einzelwissenschaften als dienstbare Glieder und Werkzeuge der
-Philosophie begriffen werden, so muss der Philosophie im Bewusstsein
-der Vertreter der modernen Wissenschaft wieder die Stelle als Königin
-der Wissenschaften, oder als Wissenschaft der Wissenschaften,
-nämlich als einheitliche Totalität und inneres Band des menschlichen
-Erkenntnisssystems eingeräumt werden.</p>
-
-<p>So lange man dagegen wähnt, die Philosophie sei ein überwundener
-Standpunkt, und die einheitliche Totalität der Wissenschaften müsse
-mit der Zeit von unten herauf sich ganz von selbst erbauen, wenn nur
-jeder Arbeiter an seinem Stein rüstig weiter klopft, so lange wird
-die Zersplitterung, Entgeistigung und Versumpfung der Wissenschaften
-in atomistischer Spezialisirung progressiv zunehmen. Die Empirie
-als solche bringt immer nur Divergenz ins Unendliche mit sich;
-die Konvergenz der Ergebnisse muss immer erst der die Erfahrung
-bearbeitende Geist hineinbringen; um diess aber zu können, muss er ein
-Centrum als Zielpunkt der Konvergenz im Sinn haben. Die Empirie wird
-ewig unfertig bleiben, weil sie ihrer Natur nach endlos ist; wollte der
-Geist auf die Beendigung der Empirie warten, bevor er die Ergebnisse
-im Sinne einer systematischen Einheit zieht, so würde er niemals
-anfangen dürfen. Die Philosophie wird jederzeit unvollkommen sein
-müssen, weil jederzeit die Empirie unvollendet sein wird; aber auch die
-unvollkommenste Philosophie ist besser als gar keine und ist im Stande,
-die konvergirende Bearbeitung der Erfahrung zu ermöglichen und das
-einheitliche System der Erkenntniss zu fördern.</p>
-
-<p>Der Einfluss der Philosophie auf die Einzelwissenschaften und auf die
-allgemeine Bildung einer Zeit kann unter sonst gleichen Umständen um so
-grösser sein, je vollkommener sie ist, und sie kann um so vollkommener<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[&ndash; 145 &ndash;]</a></span>
-sein, auf eine je vollständigere Empirie sie sich stützt. Da nun
-gegenwärtig eine vollständigere Empirie zur Verfügung steht als je
-zuvor, müsste auch eine vollkommenere Philosophie möglich sein, mithin
-auch deren Einfluss grösser sein können als je zuvor. Allerdings ist es
-gegenwärtig durch den Umfang und die unverarbeitete Zersplitterung der
-Empirie dem Einzelnen fast unmöglich gemacht, dieselbe in dem Sinne zu
-umspannen und zu beherrschen, wie es einem Aristoteles, Leibniz, oder
-auf viel niedrigerer Stufe selbst noch einem Alexander von Humboldt
-möglich war. Auch unter den Philosophen wäre jetzt eine Arbeitstheilung
-zum Zwecke einträchtigen Zusammenarbeitens nöthiger als je, damit
-die nächsten Ergebnisse der Materialien zuvörderst so gesichtet und
-geordnet würden, dass ein genialer Kopf sie endlich zusammenfassen
-könnte.</p>
-
-<p>Davon ist aber keine Rede; die offiziellen Vertreter der Philosophie
-in Deutschland sind vielmehr in denselben Fehler der divergenten
-Arbeitstheilung ohne philosophische Rücksichtnahme auf den
-Einheitspunkt des Erkenntnisssystems gerathen wie die Vertreter
-der Einzelwissenschaften, und dieser Fehler, der bei ihnen doppelt
-tadelnswerth, hat natürlich dazu beigetragen, das Ansehn der
-Philosophie noch tiefer herunterzudrücken. Wenn die Mehrzahl der
-Universitätsphilosophen, die sonst über gar nichts einverstanden ist,
-doch darin einig ist, dass die spekulative Methaphysik veraltete
-phantastische Mythologie ohne irgend welchen wissenschaftlichen Werth
-ist, und dass es die Hauptaufgabe der Universitätsphilosophie ist, die
-Methaphysik mit Fanatismus bis zur endlichen Vernichtung zu bekämpfen,
-so darf man sich nicht wundern, dass auch die Universitätsprofessoren
-der übrigen Wissenschaften schon aus Höflichkeit gegen ihre Kollegen
-nicht widersprechen, und dass die Philosophie den letzten Rest<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[&ndash; 146 &ndash;]</a></span>
-von Ansehen, den sie vor einigen Jahrzehnten noch genoss, bei dem
-gegenwärtigen Geschlecht eingebüsst hat.</p>
-
-<p>Die heutigen Kathederphilosophen sind im Durchschnitt unfähig nicht nur
-zu eigenen philosophischen Leistungen, denn zu solchen sind sie gar
-nicht verpflichtet, sondern auch zur geschichtlichen Uebermittelung
-unsrer nationalen geistigen Errungenschaften, weil sie in diesen,
-ohne sie zu studiren, bloss die spekulative Metaphysik hassen und
-verachten. Ihre Arbeiten bewegen sich meist auf dem Gebiete einer
-unfruchtbaren Aristotelischen oder Kantischen Philologie, falls
-sie sich nicht gar mit dem Nachkäuen der englisch-französischen
-Sensualisten und Positivisten begnügen; <span class="nowrap">d. h.</span> sie plagen sich
-ausschliesslich mit den veralteten und geschichtlich längst
-überwundenen Systemen vergangener Zeiten, welche für uns nothwendig
-schon darum zu unvollkommen sein müssen, um brauchbar zu sein, weil
-sie sich auf einen Standpunkt der Empirie stützen, gegen welchen der
-heutige sehr weit vorgeschritten ist. Günstigsten Falles bestehen die
-Leistungen unserer Universitätsphilosophen darin, dass sie, anstatt zu
-philosophiren, ebenfalls empirisches Material zusammenschleppen, indem
-sie den Physiologen auf dem Felde der Sinneswahrnehmung mit mühsamem
-geduldigem Experimentiren in’s Handwerk pfuschen. Die Ausnahmen unter
-ihnen, welche die Geschichte der deutschen Philosophie des neunzehnten
-Jahrhunderts verstanden haben und anregend wiederzugeben wissen, sind
-mit der Laterne zu suchen; aber diese pflegen sich dann auch wieder zu
-keinem energischen Protest gegen das Treiben ihrer Kollegen aufraffen
-zu können, und wagen sich nicht einmal mehr an den Versuch heran, die
-philosophischen Systeme, welche vor zwei oder drei Menschenaltern
-bewunderungswürdig waren,<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[&ndash; 147 &ndash;]</a></span> in einer dem heutigen Standpunkt der Empirie
-entsprechenden Weise umzubilden.</p>
-
-<p>Wie ist es nun möglich, dass die Philosophie trotz der Bestrebungen
-der Akademiker, sie zu Grunde zu richten, zu neuem Ansehn komme, und
-dadurch die moderne Wissenschaft überhaupt vor völliger Verknöcherung
-und Versumpfung rette? Das radikalste Heilmittel wäre vielleicht
-das, sämmtliche Universitätsphilosophen zu pensioniren und die
-Philosophie als Gegenstand der Vorlesungen aus der philosophischen
-Fakultät zu streichen. Aber das wäre eine unnöthige Verletzung der
-Lehrfreiheit unsrer Universitäten. Ich glaube, dass man die heutigen
-Professoren und Docenten der Philosophie ruhig weiter dociren lassen
-kann, wenn man nur aufhört, ihre Vorlesungen direkt oder indirekt zu
-Zwangskollegien zu stempeln. Wahrscheinlich würden in kurzer Zeit die
-meisten ihre Vorlesungen aus Mangel an Zuhörern einstellen müssen. Es
-ist entschieden der Philosophie unwürdig, sie zu einem Zwangsstudium
-herabzusetzen, und der Erfolg davon muss grade der umgekehrte von
-demjenigen sein, der damit beabsichtigt ist. Die erste Stufe der
-Entwürdigung hat die Philosophie damit überwunden, dass sie aufgehört
-hat, obligatorischer Unterrichtsgegenstand der Knaben in den Gymnasien
-zu sein; die zweite wird sie erst dann überwinden, wenn sie aufhört,
-obligatorischer Unterrichtsgegenstand für Jünglinge zu sein, die gar
-kein philosophisches Bedürfniss haben, sondern bloss Geistliche oder
-Lehrer oder Aerzte zu werden wünschen.</p>
-
-<p>Es ist ja ein sehr schöner Gedanke, dass Philosophie das eigentliche
-und einzige Studium sei, durch welches man eine höhere allgemeine
-Bildung im akademischen Sinne des Wortes erlangen könne, und es
-sieht verlockend aus, allen akademisch Gebildeten dieses Studium,
-sei es als Grundlage, sei es als Abschluss ihres<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[&ndash; 148 &ndash;]</a></span> Bildungsganges
-aufzuerlegen. Aber wie gestaltet sich dieser Gedanke in der nüchternen
-Wirklichkeit? Bei den Juristen hat man es längst aufgegeben, das Hören
-eines rechtsphilosophischen Kollegs zu fordern; denn in der That ist
-Rechtsphilosophie für sich allein und ausser allem Zusammenhang mit
-dem Ganzen der Philosophie betrieben nichts weniger als philosophisch
-zu nennen, und das Gemenge von unverdauten juristischen Brocken mit
-principiell verkehrten Naturrechts- oder Vernunftrechts-Theorien, das
-man meist unter dem Namen Rechtsphilosophie zu hören bekommt, kann
-nur dazu beitragen, den Misskredit der Philosophie bei den angehenden
-Praktikern zu steigern. In dem Studiengang der Mediciner hatte sich das
-Studium der Philosophie schon vor längerer Zeit auf ein psychologisches
-Kolleg reducirt, in welchem sie sich in der Regel schon um des
-Zeitmangels willen mit den dürrsten und dürftigsten Eintheilungen,
-Definitionen und Notizen begnügen mussten, ohne auch nur einen Hauch
-philosophischen Geistes durch ihre Seele wehen zu spüren. Glücklicher
-weise ist es immer mehr ausser Gebrauch gekommen, dieses Kolleg zu
-hören, selbst dann, wenn es ausnahmsweise noch beigelegt wird, und nur
-die Zöglinge des Friedrichs-Wilhelms-Instituts zu Berlin seufzen noch
-unter dem Zwange, den Besuch eines bestimmten psychologischen Kollegs
-dienstlich kontrolirt zu sehen. In der Staatsprüfung der Theologen ist
-man so verständig gewesen, mit dem „Kulturexamen“ auch die Prüfung
-in der Philosophie wieder zu beseitigen; der etwa 40 Seiten lange
-Auszug aus dem ohnehin schon allzuknappen Schweglerschen „Grundriss
-der Geschichte der Philosophie“, welcher zum Zweck dieser Prüfung mit
-Vorliebe gepaukt wurde, war geradezu ein Hohn auf die Sache. Es ist
-deshalb als ein grosser Fortschritt anzusehen, dass die Prüfung in der
-Philosophie durch<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[&ndash; 149 &ndash;]</a></span> den Zwang zum Belegen eines philosophischen Kollegs
-ersetzt ist, und es bleibt nur der weitere Schritt zu vollziehen, dass
-das Honorar dieses Zwangscollegs als das anerkannt und ausgesprochen
-wird, was es thatsächlich ausschliesslich ist, als eine Erhöhung
-der Prüfungsgebühren, so dass den Professoren die Unwahrheit des
-Besuchsattestes erspart wird.</p>
-
-<p>Die Kandidaten der Lehrerstaatsprüfung haben heute allein noch das
-wenig beneidenswerthe Vorrecht, in Philosophie wirklich geprüft zu
-werden. Was in aller Welt haben aber diese Philologen, Linguisten,
-Historiker, Literarhistoriker, Mathematiker und Naturforscher von
-Berufs wegen mit Philosophie zu schaffen, seitdem der Unfug der
-philosophischen Propädeutik auf den Gymnasien in Wegfall gekommen ist?
-Wenn man aber wirklich darauf sich stützen will, dass die Philosophie
-zur höheren allgemeinen Bildung des Studirten gehört, warum misst
-man dann die Juristen, Mediciner und Theologen mit anderm Maasse
-als die Lehrer, warum stellt man dann nicht entweder die Prüfung in
-der Philosophie für alle Fakultäten wieder her, oder wandelt nicht
-auch bei den Lehrern die Prüfung in diesem Gegenstande in die blosse
-Verpflichtung um, Testate über gehörte Kollegien beizubringen? Das
-Studium des Juristen und Theologen ist wahrlich nicht ausgedehnter
-und zeitraubender als dasjenige des Philologen, Linguisten, oder
-Mathematikers, so dass entweder keinem von ihnen oder allen die Zeit
-bleibt, ihre allgemeine Bildung durch Philosophie zu vervollständigen.
-Wenn wirklich erst die Ablegung einer Staatsprüfung in der Philosophie
-den Aichstempel der höheren akademischen Bildung gewährt, so hätten ja
-die Lehrer gegenwärtig die Ehre, die einzigen wahrhaft gebildeten unter
-allen Akademikern zu sein!</p>
-
-<p>Nun wird man mir aber schwerlich widersprechen,<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[&ndash; 150 &ndash;]</a></span> wenn ich behaupte,
-dass jemand darum, weil er die Staatsprüfung in Philosophie bestanden
-hat, ebensowenig eine Ahnung von Philosophie zu haben braucht, wie
-jemand, der sie nicht gemacht hat, und dass auch der grösste Philosoph,
-wenn er sich nicht speciell auf diese Prüfung vorbereitet hätte,
-ganz ebenso wie jeder Dummkopf in derselben durchfallen würde. Ein
-Kandidat mit ernsten philosophischen Interessen, der beispielsweise die
-Werke der drei grössten Philosophen unsers Jahrhunderts, Schellings,
-Schopenhauers und Hegels mit Fleiss und Verständniss ganz durchstudirt
-hätte, würde ganz wenige Examinatoren finden, bei denen ihm dieses
-Studium etwas nützte, aber sehr viele, bei denen es ihn zu Falle
-bringen würde, wenn er seine „bornirte Liebhaberei für derartige
-metaphysische Mythologien“ auch nur ganz leise durchschimmern liesse.
-Die wenigen Examinatoren in Deutschland, welche überhaupt fähig wären,
-ihn über Schelling und Hegel zu examiniren (denn Schopenhauer kommt
-ja nur als Gegenstand der verächtlichen Widerlegung in Betracht),
-kann er sich nicht aussuchen, sondern er muss darauf gefasst sein,
-von demjenigen geprüft zu werden, der grade an der Reihe ist. Im
-günstigsten Falle ist dies ein Professor, der nichts fragt, als was
-aus den Diktatheften seiner Vorlesungen zu lernen ist; der Kandidat
-hat dann gewöhnlich noch Zeit, diese Diktathefte sich zu verschaffen
-und einzupauken, nachdem er den Namen des Examinators erfahren hat. Im
-ungünstigen Falle bleibt er auf Paukbücher wie Schwegler’s Grundriss
-angewiesen, und hat dann alle Mühe darauf zu verwenden, unter der Hand
-die Richtung und die Liebhabereien des Examinators auszukundschaften,
-damit er sich ja hütet, eine demselben missfällige Aeusserung zu
-thun, was ihm bei den meisten mehr schaden würde als kundgegebene
-Wissenslücken. Da die Mehrzahl der heutigen<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[&ndash; 151 &ndash;]</a></span> Universitätsprofessoren
-in dem Hass und der Verachtung gegen die Metaphysik einig ist, so
-hat er sich vor allen Dingen davor zu hüten, irgend ein positives
-philosophisches Interesse zu zeigen oder gar eine metaphysische
-Ansicht zu äussern, da dies die Verkehrtheit und Unfähigkeit seines
-philosophischen Urtheils schon zur Genüge beweisen würde. Weiss er
-dagegen ein kräftig Wörtlein gegen die Metaphysik an geeigneter Stelle
-bescheidentlich einfliessen zu lassen, so hat er damit schon einen
-guten Stein im Brett. Fragt man ihn, mit welchem Philosophen er sich
-genauer befasst habe, so nenne er ja keinen Metaphysiker, sondern
-womöglich einen der Engländer, welche gegen die Metaphysik und für den
-gesunden Menschenverstand geschrieben haben; diess ist schon deshalb
-empfehlenswerth, weil deren Gedankenkreis so arm ist, dass er leicht
-zu bewältigen ist. Will er aber einen Deutschen nennen, so gehe er
-ja nicht über Kant hinaus, und studire von dessen Werken nur die
-kritischen und negativ-dogmatischen, nicht etwa die positiven und mehr
-spekulativen Partien.</p>
-
-<p>Diese Regeln sind nicht von mir aufgestellt, sondern sie sind unter
-der studirenden Jugend ziemlich allgemein bekannt, und werden von den
-Klügeren, welche im Leben ihr Fortkommen zu finden wissen, sorgsam
-beobachtet. Was hiernach der Prüfungszwang einzig und allein bewirken
-kann und bewirken muss, ist eine Steigerung des ohnehin schon in der
-Zeitströmung liegenden Misskredits der Philosophie, insofern die
-Studirenden genöthigt werden, solche Kollegien zu hören und solche
-Philosophen zu lesen, welche gegen die Möglichkeit und den Werth der
-eigentlichen Philosophie vom empiristischen oder skeptischen Standpunkt
-aus ankämpfen. Ausserdem aber werden die Studirenden, sei es direkt
-durch das unfehlbare Absprechen<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[&ndash; 152 &ndash;]</a></span> und die zur Schau getragene Verachtung
-von Seiten der gehörten Docenten, sei es indirekt durch das private
-Nachsprechen solcher Urtheile von Seiten der Hörer, ausdrücklich
-davon abgehalten, sich eine philosophische Bildung da anzueignen,
-wo sie allein zu gewinnen ist, nämlich bei wirklichen Philosophen.
-Entweder haben die jungen Leute, wie es bei 90&ndash;95% der Fall ist, kein
-philosophisches Bedürfniss, dann wird ihnen durch den Zwang, sich mit
-einer Vorbereitung für die philosophische Prüfung herumzuplagen, die
-Philosophie, die ihnen blos gleichgültig war, erst recht verekelt; oder
-aber sie haben ein philosophisches Bedürfniss, dann würden sie ohne die
-Nöthigung, sich zur philosophischen Prüfung vorzubereiten, vielleicht,
-ja sogar wahrscheinlich, auf irgend eine Weise der wirklichen
-Philosophie näher getreten sein, während ihnen jetzt die Beschäftigung
-mit derselben noch vor der Bekanntschaft verleidet und ihrem
-philosophischen Bedürfniss statt des Brotes ein Stein geboten wird.
-Dadurch lassen sich dann die meisten noch rechtzeitig überzeugen, dass
-die Philosophie, die sie kennen zu lernen künstlich verhindert worden
-sind, denn doch nicht werth sei, studirt zu werden, und sie können nun
-aus philosophischer Einsicht den Chor der unphilosophischen Kameraden
-stärken und führen, der in allen Tonarten die Philosophie verspottet
-und verhöhnt. Wenn doch noch ein Einzelner durch alle diese kunstvollen
-Vorkehrungen und Einrichtungen zur Verekelung der Philosophie sich
-hindurcharbeitet, so hat er es wahrlich einem guten Stern zu danken.</p>
-
-<p>Wenn man auch von der durchschnittlichen Beschaffenheit der heutigen
-Universitätsphilosophen ganz absehen wollte, so bliebe der Zwang zum
-Hören vereinzelter philosophischer Kollegien doch immerhin widersinnig.
-Entweder muss man mindestens vier Semester<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[&ndash; 153 &ndash;]</a></span> hindurch ein Kolleg mit
-mindestens vier Wochenstunden über Geschichte der Philosophie (wie
-<span class="nowrap">z. B.</span> Kuno Fischer es hält) obligatorisch machen, oder man soll die
-Philosophie vollständig der akademischen Freiheit überlassen, welche
-sie grade mehr als irgend ein anderer Gegenstand durch ihr innerstes
-Wesen verlangt. Ein Semester von drei bis vier Monaten ist viel zu
-kurz, um in einem Kolleg von nicht mehr als vier Wochenstunden einem
-Anfänger irgend etwas Philosophisches von nachhaltiger Wirkung bieten
-zu können; entweder beschränkt man sich auf gemeinverständliche
-Trivialitäten, oder man giebt etwas Positives und schreckt dann durch
-die an die Aufmerksamkeit und das Verständniss gestellten Anforderungen
-schon wieder die meisten ab. Am gründlichsten ist diese Abschreckung,
-wenn mit dem Kollegium logicum begonnen wird, dieser traurigen Ruine
-aristotelisch-mittelalterlicher Scholastik; dagegen pflegt sich die
-Trivialität am behaglichsten in der „Psychologie“ zu ergehen.</p>
-
-<p>Wären nur erst die Staatsprüfungen in der Philosophie abgeschafft,
-so würden sich auch die Promotionen in diesem Fache sehr vermindern,
-für deren Vorbereitung ähnliche Rücksichten zu beobachten sind, wie
-die oben angeführten. Soweit die Promotionen zwecklose Geldausgaben
-aus blosser Titelsucht sind, kann es nur im allgemeinen Interesse
-(wenn auch nicht in demjenigen der Fakultäten) liegen, wenn dieselben
-ausser Uebung kommen und der Lehrer sich künftig ebenso mit dem
-Titel „Oberlehrer“ wie der Mediciner mit dem Titel „Arzt“ begnügt.
-Soweit aber die Promotionen eine Vorbereitungsstufe zur akademischen
-Docentenlaufbahn bilden, werden sie in der Philosophie um so seltener
-werden müssen, je geringer der Bedarf an philosophischen Docenten wird,
-und da der jetzige Bedarf wesentlich nur durch die philosophischen
-Staatsprüfungen<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[&ndash; 154 &ndash;]</a></span> der Lehrer bedingt ist, so würde mit dem Wegfall
-dieser letzteren auch die Zahl der Universitätsphilosophen allmählich
-sehr zusammenschmelzen. In demselben Maasse würde das Ansehn der
-Philosophie in der studirenden Jugend und beim gebildeten Publikum
-allmählich wieder steigen.</p>
-
-<p>Sieht man von solchen Philosophen ab, welche erst in Folge
-hervorragender philosophischer Leistungen eine Universitätsprofessur
-erhielten (wie Hegel, F. A. Lange), oder welche zwar
-Universitätsprofessoren aber nicht eigentlich Philosophieprofessoren
-waren (wie Kant), oder welche erst nachträglich während ihrer
-akademischen Laufbahn von der Naturwissenschaft oder Medicin zur
-Philosophie übergingen (wie Lotze, Wundt), so kann man die Förderung
-der Philosophie durch Philosophieprofessoren (wie Fichte und
-Schelling) als eine seltene Ausnahme betrachten. Zu allen Zeiten
-(vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Wende des achtzehnten und
-neunzehnten Jahrhunderts) waren die Gesammtleistungen der unzünftigen
-philosophischen Literatur einer Generation denen der zünftigen
-bedeutend überlegen, ungefähr in demselben Maasse wie es bei der
-Poesie der Fall sein würde, wenn wir bei jeder Universität 2&ndash;6
-officielle „akademische Dichter“ hätten. Indem aber zu jeder Zeit
-die Universitätsphilosophie sich als die officielle und eigentliche
-Vertreterin der Philosophie ihrer Zeit gerirt und die Bedeutung der
-zeitgenössischen unzünftigen Philosophie zu ignoriren oder doch zu
-verkleinern gesucht hat, hat sie zu jeder Zeit dem Ansehn der gesammten
-Philosophie mehr geschadet als genützt. Diess war schon damals der
-Fall, als sie noch wirkliche Philosophie zum Inhalt hatte; um wie viel
-mehr muss es heute der Fall sein, wo sie es zum grösseren Theile nicht
-mehr ist, sondern mehr und mehr zur principiellen „Antiphilosophie“
-heruntergekommen<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[&ndash; 155 &ndash;]</a></span> ist. Auch die sorgfältigste Auswahl unter den
-Docenten wäre ausser Stande, alle gegenwärtigen deutschen Lehrstühle
-der Philosophie mit geeigneten Persönlichkeiten zu besetzen; deshalb
-ist aus der Besetzung der Mehrzahl derselben mit ungeeigneten nicht
-einmal jemanden ein besonderer Vorwurf zu machen.</p>
-
-<p>Kein Fach bedarf aber auch weniger als die Philosophie des mündlichen
-Unterrichts, weil keines weniger dazu da ist, von unreifen Jünglingen
-ohne inneres Bedürfniss getrieben zu werden, und es in keinem Fache
-leichter und zugleich unentbehrlicher ist, unmittelbar aus den Quellen
-(<span class="nowrap">d. h.</span> aus dem überreichen Schatz der philosophischen Klassiker)
-zu schöpfen. Kein Feld bedarf weniger als die Philosophie der
-staatlichen Pflege und des behördlichen Schutzes, aber keines bedarf
-auch dringender der vollen ungestörten Freiheit der Entwickelung,
-zu welcher eben auf den Universitäten so lange die Bedingungen
-fehlen, als kollegialische und politische Rücksichten auf die zu
-einem Körper verkoppelte theologische Fakultät unumgänglich sind.
-Wenn die Philosophie in dem „Volke der Denker“ so lange trotz
-aller Verkümmerung durch eine unfreie Universitätsphilosophie und
-philosophische Staatsprüfungen und Zwangskollegien gediehen ist, so
-wäre es ein völlig unbegründeter Kleinmuth, zu fürchten, dass sie
-nicht mehr gedeihen könnte, wenn der Alp dieser Verkümmerung von ihr
-genommen und sie der vollen Freiheit zurückgegeben wird. Je weniger
-deutschen Jünglingen durch zwangsweise Quälerei mit einer unfreien und
-mehr oder minder unphilosophischen Philosophie der Geschmack an der
-Philosophie verdorben wird, desto mehr werden die abfälligen Urtheile
-gegen die Philosophie, welche jetzt unter den Gebildeten der Nation
-das Gewöhnliche sind, schwinden, und desto mehr Jünglinge werden dazu
-gelangen, ihren philosophischen<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[&ndash; 156 &ndash;]</a></span> Wahrheitstrieb da zu befriedigen, wo
-er allein die ihm angemessene und zugleich nahrhafte Kost findet, bei
-den grössten unter den deutschen Philosophen.</p>
-
-<p>Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass auch aus der Lehrerprüfung
-über kurz oder lang die Philosophie als Unterrichtsgegenstand
-ausscheiden wird, und dass einmal aller staatliche Zwang zum Hören
-(oder Belegen) philosophischer Vorlesungen aufhören wird; ob aber
-dieser Zopf noch früh genug abgeschnitten werden wird, und ob
-namentlich die Nachwirkungen dieses Fortschritts früh genug eintreten
-werden, um das bereits angerichtete Unheil vor dem Eintritt einer
-völligen Verknöcherung unsrer Specialwissenschaften wieder gut zu
-machen, das scheint mir höchst fraglich. Deshalb wende ich mich an
-die studirende Jugend und fordre sie auf, bis zum Eintritt dieser
-Reform getrennte Buchführung zu halten, <span class="nowrap">d. h.</span> die Befriedigung ihrer
-philosophischen Bedürfnisse niemals und auf keine Weise mit der
-Vorbereitung zu den philosophischen Staatsprüfungen zu vermengen,
-vielmehr die letzteren als die leeren Formalitäten zu erledigen, zu
-denen sie längst herabgesunken sind, daneben aber mit ausdauerndem
-Eifer und stiller Andacht heimlich vor den Examinatoren dem Studium
-der edelsten Geistesblüthen der neueren philosophischen Literatur
-obzuliegen und sich an ihnen mit echt philosophischem, echt modernem
-und echt deutschem Geiste zu erfüllen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[&ndash; 157 &ndash;]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="X_Die_Ueberbuerdung_der_Schuljugend">X.<br />
-Die Ueberbürdung der Schuljugend.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es darf als unbestreitbar gelten, dass heute von den Schülern mehr
-häusliche Arbeiten verlangt werden als vor einem Menschenalter, und
-dass trotzdem von dem Durchschnitt der Schüler weniger geleistet
-wird, so dass die Procentzahl der Nichtversetzten in jeder Klasse
-beträchtlich gegen früher gewachsen ist. Die statistische Ermittelung,
-ob die Jugend jetzt in durchschnittlich schlechterem Gesundheitszustand
-als vor einem Menschenalter die Schule verlässt, ist unausführbar;
-aber auch wenn dieses Resultat festzustellen wäre, könnte man doch
-einwenden, dass es durch andre Ursachen als die gestiegene Arbeitslast
-bedingt oder doch mitbedingt sei. Wichtiger scheint mir die wachsende
-Abneigung der Jugend gegen die Schule als Zeugniss dafür, dass letztere
-mehr und mehr zu einer krafterschöpfenden Drillanstalt geworden und
-mehr und mehr ihren Beruf, zur geistigen Freudigkeit und Frische
-anzuregen, verfehlt. Nur der Begabte, der zugleich sich kein Gewissen
-daraus macht, sich durchzuschwindeln, kommt ohne leiblichen Schaden
-davon, nimmt aber dafür die Gewöhnung an Umgehung der obliegenden
-Pflichten als bedauerliche Mitgift in’s Leben mit. Die Verfügung des
-preussischen Unterrichtsministeriums vom März 1882 drängt zwar auf
-Beschränkung der Unterrichtsziele und namentlich des Memorirstoffs,
-aber bis jetzt, wie es scheint, in der Hauptsache vergeblich. Es dürfte
-deshalb nicht überflüssig sein, wenn Laien ihre Stimmen erheben, um
-nicht blos über die Thatsache zu klagen, sondern auch auf die Ursachen
-und die Wege zur Abhülfe hinzuweisen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[&ndash; 158 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Die genannte Centralverfügung weist auf die gegenwärtig in Aufnahme
-gekommene fachmässige Vorbildung der Lehrer als auf eine Hauptquelle
-der gesteigerten Ansprüche hin; aber es ist psychologisch unmöglich,
-durch einfache Verfügungen Abhülfe zu schaffen, so lange die
-Schulbehörden erklären, sich nicht auf den Standpunkt stellen zu
-können, dass nur auf wenige Unterrichtsgegenstände Werth gelegt wird,
-wie es der Geh. Oberregierungsrath Bonitz bei der Debatte über den
-Cultusetat im preussischen Abgeordnetenhause gethan hat. Ich behaupte,
-dass <em class="gesperrt">nur</em> Lateinisch und Griechisch Hauptgegenstände in dem Sinne
-sind, dass eine entschiedene Unreife in einem derselben ein Hinderniss
-der Versetzung sein darf und muss. Dagegen ist es ganz gleichgültig,
-ob ein Schüler der Quarta sicher im elementaren Rechnen ist, oder
-ob ein Schüler der Tertia Genügendes in der Geometrie leistet; wenn
-er mathematische Anlage hat, so holt er das in den oberen Klassen
-mit spielender Leichtigkeit ganz unvermerkt durch den mathematischen
-Unterricht nach, und wenn er solche nicht hat, wie thatsächlich etwa
-zwei Drittel der Menschen sie nicht haben, so ist es eine unbillige
-Härte, ihm wegen solchen Mangels seine Carriere zu verderben und seinen
-Eltern schwere Opfer aufzuerlegen. Was der mathematische Unterricht
-in den letzten drei Jahren bei Unbefähigten überhaupt leisten kann,
-den Hinweis auf die Strenge der mathematischen Beweisführung, das
-leistet er auch dann, wenn das Auswendiglernen dieser Beweise und die
-Fertigkeit im Aufgabenlösen unbefriedigend erscheint.</p>
-
-<p>Ebenso verkehrt ist es, die deutsche Grammatik in den unteren oder den
-deutschen Aufsatz in den oberen Klassen zu einem für die Versetzung
-massgebenden Hauptgegenstand aufzubauschen, während letzterer bei der
-Abgangsprüfung allerdings als solcher<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[&ndash; 159 &ndash;]</a></span> gelten muss. Der Mangel an
-deutscher Grammatik wird später durch den Ueberfluss an lateinischer
-und griechischer ausreichend ersetzt; die Entwickelung des Stils aber
-tritt meist plötzlich und stossweise bei Erlangung einer gewissen
-Geistesreife ein, und die Unzulänglichkeit des Stils in Sekunda ist
-kein Hinderniss dafür, dass der Betreffende in Prima den besten Aufsatz
-der Klasse liefert. Das Französische kann auf dem Gymnasium niemals
-eine besondere Wichtigkeit beanspruchen, theils deshalb nicht, weil
-die ihm zugetheilte Stundenzahl thatsächlich zu gering ist, um etwas
-Ordentliches darin verlangen zu können, theils deshalb nicht, weil es
-in keinem Gegenstande leichter und gebotener ist, sich durch Lektüre,
-Conversationsstunden <span class="nowrap">u. s. w.</span> nach Abgang von der Schule fortzubilden,
-als in diesem, also grade hier die Mängel der Schulbildung am ehesten
-nachgeholt und ausgeglichen werden können, wozu nach der Schulzeit
-weit eher Musse zu finden ist als während derselben. Die Fächer,
-welche hauptsächlich das Gedächtniss in Anspruch nehmen (Geschichte,
-Geographie, Naturkunde) verlangen am allerwenigsten den Fortbau auf
-einem in den vorhergehenden Klassen gelegten Grunde; man kann bei ihnen
-anfangen, wo man will, und hat bis zur Abgangsprüfung doch alles in
-den unteren und mittleren Klassen Gelernte wieder spurlos vergessen.
-Der Physikunterricht der obersten Klassen endlich besitzt seinen Werth
-lediglich in dem Hinweis auf den strengen Kausalzusammenhang der
-Naturprocesse und auf das Wesen der experimentellen Induction; dieser
-Zweck muss durch die Theilnahme am Unterricht selbst erreicht werden,
-und es kommt gar nicht darauf an, wie viel von dem mitgetheilten
-Wissensstoff im Gedächtniss behalten wird. Die Entlastung von
-Memorirstoff sollte vor allen Dingen beim Religionsunterricht beginnen,
-insbesondere bei demjenigen der bereits Confirmirten;<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[&ndash; 160 &ndash;]</a></span> nichts wird von
-den christlichen Abiturienten als eine drückendere Härte empfunden,
-als dass sie zu allen sonstigen Wiederholungen hinzu sich noch mit dem
-Auswendiglernen von Katechismus und Kirchenliedern plagen müssen, von
-dem ihre jüdischen Mitschüler befreit sind.</p>
-
-<p>Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er sich für alle
-Unterrichtsgegenstände gleichmässig interessiren soll; jeder aber
-wird durch Anlage und Neigung auf gewisse Nebenfächer hingewiesen
-sein, in denen er schon durch die blosse Theilnahme am Unterricht gut
-beschlagen ist. Das gerade verleidet unserer Jugend die Schule, dass
-ein gleiches Interesse für Alles von ihr verlangt wird, wobei aber für
-das Meiste ein bloss erzwungenes Interesse herauskommt. Wer in Latein
-und Griechisch Befriedigendes leistet, der sollte unbedenklich versetzt
-werden, wofern nur die Leistungen in allen Nebenfächern sich zu einem
-befriedigenden Gesammtergebniss kompensiren, also ein Minus der einen
-durch ein Plus der andern gedeckt wird; wer aber in Latein, Griechisch,
-deutschem Aufsatz und Mathematik genügt, der müsste versetzt werden,
-auch wenn er in allen anderen Fächern nicht genügt, und das Urtheil
-über die Fertigkeiten dürfte auch nicht den allergeringsten Einfluss
-auf die Versetzung haben.</p>
-
-<p>Nach ähnlichen Grundsätzen wurde in meiner Jugend in den mir bekannten
-Schulen thatsächlich verfahren, und die Endresultate waren bessere
-als heute, wo trotz aller Erschwerung des Schulgangs und trotz
-der vermehrten häuslichen Aufgaben die Leistungen in den beiden
-Hauptgegenständen des Gymnasiums im Sinken sind. Früher, wo der
-häusliche Fleiss sich in der Hauptsache auf Latein und Griechisch
-beschränkte, und Jeder die seiner Neigung nicht entsprechenden
-Unterrichtsstunden ungestraft zur Abspannung seiner Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[&ndash; 161 &ndash;]</a></span>merksamkeit,
-d. h. zur Erholung und Kräftigung derselben für die nächsten Stunden
-benutzen konnte, da wurde weit mehr gelernt, als jetzt, wo die multa
-das multum unmöglich machen, und die gesteigerte Intensität des
-Unterrichts in allen Stunden ohne Ausnahme (theilweise in Verbindung
-mit dem Wegfall des Nachmittagsunterrichts) die durchschnittliche
-Aufnahmefähigkeit der Schüler für den gesammten Unterricht herabsetzt.</p>
-
-<p>Dass es wirklich die Steigerung der Ansprüche in den Nebenfächern
-ist, welche die Leistungsfähigkeit der Schüler herabsetzt und sowohl
-direkt wie indirekt zu einer das Uebel nur noch verschlimmernden
-Vermehrung der häuslichen Arbeiten zwingt, das sieht man am besten an
-einem Vergleich zwischen Gymnasium und Realschule; die letztere hat
-mehr Schulstunden und mehr häusliche Arbeiten als das erstere, und
-trotzdem leistet sie noch weniger als dieses, weil ihr in noch weit
-höherem Grade die Koncentration auf wenige Hauptfächer fehlt. Fragt man
-aber, wodurch die Schulbehörden zu einer Steigerung ihrer Ansprüche
-in den Nebenfächern der Gymnasien gegen früher gedrängt worden sind,
-und wodurch sie in dieser falschen Stellung festgehalten werden, so
-ist es offenbar der Zug der Zeit nach Verstärkung der Bildung in den
-Realwissenschaften, <span class="nowrap">d. h.</span> eine falsche Anticipation der realistischen
-Fachbildung durch die Schule als allgemeine Bildungsanstalt, oder
-mit anderen Worten eine fehlerhafte Koncurrenz der Gymnasien mit
-dem Lehrziel der Oberrealschulen und Realgymnasien, welche eben als
-verschiedene Grade der Verquickung von allgemeinen Bildungsschulen mit
-Fachschulen zu charakterisiren sind. Die Schulbehörden haben nur den
-Fehler begangen, dem Andrängen nach vermehrter Berücksichtigung der
-Realwissenschaften auf den Gymnasien zu sehr nach<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[&ndash; 162 &ndash;]</a></span>zugeben, und zwar
-nicht sowohl in Vermehrung der Stundenzahl, als vielmehr in Steigerung
-der Anforderungen an die Schüler. Die sich jetzt am lautesten über die
-Ueberbürdung beklagen, sind gerade diejenigen, welche die Regierung
-in die falsche Position gedrängt haben und auf diesem Wege immer
-weiter drängen möchten; gelänge es dieser Richtung, die alten Sprachen
-im Gymnasium zu Gunsten der Realwissenschaften noch erheblich zu
-beschränken, <span class="nowrap">d. h.</span> das Gymnasium der Realschule ähnlicher zu machen,
-so würde damit die Ueberbürdung der Gymnasialjugend noch über die der
-jetzigen Realjugend hinauswachsen, weil die alten Sprachen doch immer
-Hauptgegenstände würden bleiben müssen, während sie schon auf dem
-jetzigen Realgymnasium in den oberen Klassen nur noch ein Nebenfach
-darstellen.</p>
-
-<p>So lange die öffentliche Meinung diesen letzten Grund der Ueberbürdung
-nicht erkennt und ihren Einfluss auf die Schulbehörden nicht in
-umgekehrter Richtung wie bisher geltend macht, so lange werden
-alle Palliativmittel sich als wirkungslos erweisen; erst wenn die
-Schulbehörden ihr Aufsichtspersonal dahin instruiren, bei den
-Versetzungs- und Abgangsprüfungen nur den Hauptgegenständen Wichtigkeit
-beizumessen, bei den Nebenfächern aber der Individualität der Schüler
-volle Rechnung zu tragen, erst dann werden die Lehrer der Nebenfächer
-aufhören können, sich der Versetzung eines in ihrem Fache nicht
-genügenden Schülers zu widersetzen. Dann wird wieder mehr Freiheit für
-Lehrer und Schüler und mit ihr mehr Freudigkeit und Liebe zur Arbeit
-in die Schule ihren Einzug halten, die jetzt durch den Anspruch, das
-Klassenziel von allen zu versetzenden Schülern erreicht zu sehen, mehr
-und mehr einer mechanischen Drillthätigkeit gewichen ist. Es wird sehr
-wohl möglich sein, die Klassenziele in den<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[&ndash; 163 &ndash;]</a></span> Nebenfächern sogar auf der
-Höhe zu erhalten, auf welche sie durch die fachmässig gebildeten Lehrer
-hinaufgeschraubt sind, sobald man nur darauf verzichtet, alle Schüler
-dieses Ziel erreichen zu sehen. Dann werden die Schüler allerdings
-nicht mehr mit so einförmig gleichmässiger Bildung wie jetzt die Schule
-verlassen, sondern der eine mehr in diesen, der andere mehr in jenen
-Fächern gebildet, alle aber mit einem gegen jetzt erhöhten geistigen
-Niveau und mit unzerstörter Geistesfrische und <span class="nowrap">Lernfreudigkeit. &mdash;</span></p>
-
-<p>Unter solchen Voraussetzungen allein wird es auch möglich sein,
-die häuslichen Arbeiten auf das zu beschränken, worüber sie aus
-idealem Gesichtspunkt nicht hinausgreifen sollten: auf Vorbereitung
-und Wiederholung. Man hat sich zwar gegenwärtig allgemein daran
-gewöhnt, die häuslichen Arbeiten als eine unentbehrliche Ergänzung
-des Schulunterrichts anzusehen, aber ich halte diesen Gesichtspunkt
-für entschieden falsch, und meine, dass dessen Falschheit Jedem
-ohne Weiteres einleuchten müsste, wenn nicht die Gewöhnung an das
-Gegentheil als an den normalen Zustand die Unbefangenheit des Urtheils
-aufhöbe. Die Schule ist dazu da, um der Jugend die nöthige allgemeine
-Bildung einzupflanzen, und wenn sie sich dazu unfähig erklärt ohne
-Zuhülfenahme des Hauses, so beweist sie damit nur, dass entweder in
-ihrer Organisation ein Fehler steckt, oder dass die Lehrer die ihnen
-obliegende Aufgabe theilweise auf das Haus abzuwälzen bequemer finden.</p>
-
-<p>Zehn Stunden Handarbeit findet man heute bereits zuviel und steuert
-auf den achtstündigen Normalarbeitstag für alle Arbeiter hin; sollte
-da nicht achtstündige Arbeitszeit für die Kopfarbeit Erwachsener
-erst recht als unüberschreitbares Maximum gelten, und sollten nicht
-drei Viertel dieses Quantums die allerhöchste,<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[&ndash; 164 &ndash;]</a></span> aus hygienischen
-Rücksichten an jugendliche, unreife Gehirne zu stellende Zumuthung
-sein? Dieses Maximum wird aber mit 34&ndash;38 Wochenstunden (in Gymnasien
-und Realgymnasien) thatsächlich erreicht und die hinzutretende
-Inanspruchnahme für häusliche Arbeiten ist eine auf keine Weise zu
-rechtfertigende Ueberanspannung. Es hat weit schädlichere Folgen,
-wenn man bei geistiger, als wenn man bei körperlicher Arbeit die
-gesundheitlich zulässige Grenze überschreitet; während aber der Staat
-den jugendlichen Fabrikarbeitern durch gesetzliche Beschränkungen
-der Arbeitszeit ohne Rücksicht auf die dadurch herbeigeführte
-Verringerung des Familieneinkommens seine Fürsorge widmet, stützt
-er sich darauf, dass Schulmännerkonferenzen eine 3&ndash;3½-stündige
-häusliche Arbeitszeit neben 36 wöchentlichen Schulstunden für keine
-Ueberbürdung der reiferen Jugend erklären, anstatt darin den Wahrspruch
-einer bei der Angelegenheit dringlichst interessirten <em class="gesperrt">Partei</em>
-zu erblicken. Die Schulmänner haben ohne Zweifel das Interesse, die
-Arbeitsleistung der Schule, <span class="nowrap">d. h.</span> ihre eigene Arbeitsleistung durch
-Mitanspannung des Hauses zu erleichtern; das Haus aber hat um so mehr
-Grund, diesem Uebergriff zu wehren, als derselbe eben so unpädagogisch
-wie gesundheitswidrig ist, und wenn die fehlerhafte Organisation
-der Schule, die Unfähigkeit zur selbstständigen Erfüllung ihrer
-Aufgabe, bis zu einem gewissen Grade als Entschuldigungsgrund für
-diesen Uebergriff gelten kann, so liegt darin eine um so stärkere
-Aufforderung, an diese fehlerhafte Organisation die bessernde Hand zu
-legen.</p>
-
-<p>Die häuslichen Arbeiten sind unpädagogisch. Mit diesem Satz bin ich
-sicher, den allgemeinen Widerspruch hervorzurufen, weil die Schulmänner
-das Publikum seit Generationen an die entgegengesetzte Ansicht zu
-gewöhnen gewusst haben. Als Grund wird angeführt,<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[&ndash; 165 &ndash;]</a></span> dass durch die
-häuslichen Arbeiten die Jugend zu <em class="gesperrt">selbstständigem Arbeiten</em>
-angeleitet werde. Unter „selbstständigem Arbeiten“ kann man zweierlei
-verstehen: erstens das Studium selbstgewählter Wissenszweige und die
-Bearbeitung selbstgewählter Aufgaben, und zweitens die zwangsweise
-Lösung gestellter Aufgaben ohne Gedankentausch und erleichternden
-Verkehr mit dritten Personen. Der erste Zweck stellt eine Ausnahme dar,
-denn er passt bekanntlich nicht für die Schule im Ganzen, sondern nur
-für die reifste Stufe der Schuljugend, und für diese halte auch ich die
-Privatlektüre und die freiwilligen Arbeiten für höchst wünschenswerth.
-Aber bei der jetzigen Erschöpfung der Schüler hören die sogenannten
-freiwilligen Arbeiten ganz auf, oder sie werden selbst wieder zu
-unfreiwilligen häuslichen Arbeiten mit einem gewissen Spielraum in
-der Wahl der Gegenstände; in beiden Fällen geht ihr pädagogischer
-Werth als Gewöhnungsmittel an Spontaneität der Arbeit verloren. Nur
-besonders begabte und zugleich intensiv strebsame Köpfe können trotz
-der Ueberbürdung die Kraft und Frische behalten, mit Privatstudien
-ihren persönlichen Neigungen zu folgen; bei der Mehrzahl aller Schüler
-bewirkt das heutige System der häuslichen Arbeit erfahrungsmässig nicht
-die Lust zu selbstständigen Arbeiten, sondern bloss den Ekel vor aller
-Geistesarbeit, einen so gründlichen und dauerhaften Ekel, dass er nach
-der Erholung der ersten Studiensemester beim Biere nur noch durch den
-Zwang des Brotstudiums überwunden zu werden pflegt. Der Erfolg spricht
-also entschieden gegen die pädagogisch richtige Wahl des Mittels zum
-Zweck; die Unzweckmässigkeit desselben ist aber auch deductiv zu
-erweisen.</p>
-
-<p>Der eigentliche, regelmässige und allgemeine Zweck der häuslichen
-Arbeiten im gewöhnlichen Sinne des<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[&ndash; 166 &ndash;]</a></span> Worts kann nur der zweitgenannte
-sein: die zwangsweise Lösung gestellter Aufgaben ohne Gedankentausch
-und erleichternden Verkehr mit dritten Personen. Dass dieser Zweck
-durch Klausurarbeiten in der Schule wirklich erreicht werden kann und
-thatsächlich erreicht wird, ist zweifellos; dass er <em class="gesperrt">nur</em> durch
-häusliche Arbeiten erreicht werden könne, ist also völlig unhaltbar,
-vielmehr sind solche für diesen Zweck ganz überflüssig, wofern nur die
-Schule einen genügenden Theil ihrer Zeit auf Klausurarbeiten verwendet.
-Dass aber dieser Zweck überhaupt durch häusliche Arbeiten erreicht
-werden könne, ist von zwei Voraussetzungen, die beide bei der Mehrzahl
-der Schüler offenbare Fictionen sind, abhängig: erstens dass die
-Arbeiten wirklich zu Hause gefertigt, und zweitens, dass sie ohne Hülfe
-dritter Personen und ohne unerlaubte Hülfsmittel gefertigt werden.</p>
-
-<p>Bekanntlich wird ein Theil der weniger kontrolirten Arbeiten gar nicht,
-ein anderer Theil in der Schule (theils in Zwischenstunden, theils
-in weniger scharf kontrolirten Schulstunden), ein dritter Theil mit
-fremder Hülfe, ein vierter vermittelst unerlaubter Hülfsmittel (älteren
-Klassenheften, gedruckten Uebersetzungen <span class="nowrap">u. s. w.</span>) gemacht; in allen
-diesen Fällen wird der Zweck der häuslichen Arbeiten, und zwar nicht
-nur der pädagogische, sondern auch der Lehrzweck verfehlt, und an seine
-Stelle tritt die unpädagogische Gewöhnung der Schüler an Unredlichkeit,
-Täuschung, Schwindeleien und Umgehung der obliegenden Pflichten. Je
-mehr der Unterricht den Charakter schablonenhafter Dressur annimmt,
-desto leichter sind die älteren Klassenhefte zu missbrauchen; je
-besser und billiger die sogenannten Eselsbrücken werden, desto
-nutzloser werden die Präparationen, da die allein werthvolle Uebung
-im selbstständigen Konstruiren der Sätze dabei wegfällt.<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[&ndash; 167 &ndash;]</a></span> Je höher
-die Anforderungen der Schule an die häuslichen Arbeitsleistungen in
-allen Fächern gespannt werden, desto stärker wird der Anreiz, aus
-naturgemässem Selbsterhaltungstriebe oder aus berechtigter Nothwehr
-gegen die Ueberbürdung solche sich darbietende Erleichterungsmittel zu
-brauchen, desto mehr wirkt die Schule als direkte Verführerin auch der
-gewissenhafteren Schüler zum Betrug, desto tiefer sinken naturgemäss
-die durchschnittlichen Klassenleistungen, weil das Unterrichtssystem
-auf Voraussetzungen fusst, die nicht erfüllt werden. Was aber die
-persönliche Selbstständigkeit der Schüler bei der Anfertigung
-häuslicher Arbeiten betrifft, so ist dieselbe schon da aufgehoben, wo
-mehrere Schüler sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen; sie wird in
-ihr striktes Gegentheil verwandelt, wo die Schule, wie es oft genug
-vorkommt, bei Schülern von nicht besonderer Fassungskraft geradezu auf
-die unterstützende Mitwirkung des Hauses rechnet. Am widersinnigsten
-sind die häuslichen Arbeiten in der Mathematik, da sie erfahrungsmässig
-doch nur von ganz Wenigen selbstständig gelöst, von den Uebrigen aber
-bloss abgeschrieben oder mit fremder Hülfe gefertigt werden.</p>
-
-<p>Der begabte Schüler, der in den Schulstunden allein genug lernt zur
-Erreichung des Klassenziels, ist sachlich im Rechte, wenn er die für
-ihn überflüssige Plage der häuslichen Arbeiten geschickt umgeht; der
-unbegabte gewissenhafte wird unter ihrer Last erdrückt und verfehlt
-entweder das Ziel der Schule oder kommt gebrochen an Geist und Körper
-aus ihr hervor; der unbegabte gewissenlose wird zum Schwindel verleitet
-und verfehlt das Ziel, weil es von seinesgleichen ohne gewissenhafte
-Erfüllung aller Anforderungen nicht zu erreichen ist; die mittleren
-Köpfe schlagen sich zur Noth durch, verlassen aber endlich mit
-gerechtem Groll,<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[&ndash; 168 &ndash;]</a></span> mit Ueberdruss und Bitterkeit die Schule. Die Lehrer
-werden durch die Kontrole der Unredlichkeit in einen beständigen Krieg
-mit den Schülern hineingedrängt, an dessen Stelle bei dem Mangel
-häuslicher Arbeit sofort die wohlthuendste Eintracht träte; auch werden
-sie durch Beurtheilung der Schüler nach dem häuslichen Fleiss in eine
-falsche Richtung hin, und von der allein massgebenden Beurtheilung nach
-den Leistungen abgelenkt.</p>
-
-<p>Angenommen, es wäre von den jetzigen Schulstunden keine einzige
-disponibel zu machen, um die Anfertigung der deutschen und
-fremdsprachlichen Aufsätze und mathematischen Arbeiten aus dem Hause in
-die Schule zu verlegen, so wäre es immer noch besser, einen Nachmittag
-in jeder Woche mit zwei Stunden zur Anfertigung dieser Arbeiten unter
-Klausur anzusetzen, als den jetzigen unpädagogischen Standpunkt
-zu belassen; ebenso müsste ein grösserer Theil der Lektürestunden
-zu kursorischer Lektüre ohne Präparation verwandt werden, um den
-Schaden der jetzt allgemein üblichen Präparation mit Uebersetzung
-einigermassen wieder gut zu machen. Erst mit der Verlegung der Aufsätze
-und mathematischen Aufgaben unter Schulaufsicht würde die Beurtheilung
-derselben zu dem, was sie doch sein soll, zu einem Massstabe für
-die Leistungen des Schülers, und erst mit ihr würde der bei der
-häuslichen Anfertigung verfehlte pädagogische Zweck der Gewöhnung an
-selbstständiges Arbeiten wirklich erreicht werden.</p>
-
-<p>Jedenfalls darf der jetzige Zustand nicht länger fortbestehn: entweder
-muss die Zahl der Schulstunden beträchtlich verringert werden, oder die
-Schule muss in der Hauptsache ohne Zuhülfenahme der häuslichen Arbeiten
-ihre Aufgabe erfüllen, und es ist nicht schwer zu sehen, welches
-dieser beiden Ziele mehr Aussichten<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[&ndash; 169 &ndash;]</a></span> für praktische Verwirklichung
-bietet. Aber die durchaus gebotene Entlastung der Schüler, mag man sie
-nun anstreben auf welchem der beiden Wege man wolle, setzt immer als
-Bedingung ihrer Möglichkeit voraus, dass die Nebenfächer wieder wie
-früher wirklich als <em class="gesperrt">Neben</em>fächer behandelt werden und aufhören,
-für die Versetzungs- oder Abgangs-Reife einen mitbestimmenden Einfluss
-zu besitzen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="XI_Die_preussische_Schulreform_von_1882">XI.<br />
-Die preussische Schulreform von 1882.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Durch die Circularverfügung des preussischen Unterrichtsministeriums
-vom 31. März 1882 (Berlin bei W. Hertz), welche das Ergebniss
-langjähriger behördlicher Erwägungen und Konferenzen darstellt, dürfte
-für längere Zeit in unserem höheren Schulwesen ein stabiler Zustand
-geschaffen sein, der erst nach Einsammlung langjähriger weiterer
-Erfahrungen die Hoffnung auf weitergehende Reformen offen lässt. Es
-liegt mir deshalb nahe, das bisher Erreichte mit den Forderungen zu
-vergleichen, welche ich im Jahre 1875 in meiner Schrift: „Zur Reform
-des höheren Schulwesens“ aufgestellt und begründet hatte.</p>
-
-<p>Ich hatte dort eine mässige Aenderung des Gymnasiallehrplans zu
-Gunsten der Realwissenschaften und des Französischen verlangt, ferner
-eine officielle Anerkennung des Werthes der lateinlosen Realschulen
-mit neunjährigem Kursus, die ich nicht als höhere allgemeine
-Bildungsanstalten sondern als Mittelschulen (höhere Bürgerschulen) mit
-angehängter Fachschule von<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[&ndash; 170 &ndash;]</a></span> dreijähriger Lehrdauer betrachte, und hatte
-endlich gewünscht, dass die vorhandenen Realschulen mit Latein entweder
-in reorganisirte Gymnasien oder in lateinlose Realschulen umgewandelt
-würden. Diese Wünsche sind durch die fragliche Ministerialverfügung,
-wo nicht erfüllt, doch ihrer Erfüllung näher gerückt. Wie die
-Unterrichtsordnung von 1859 zum ersten Male die Realschulen mit
-Latein officiell recipirte und einen Normallehrplan für dieselben
-aufstellte, so sind jetzt die lateinlosen Realschulen mit neunjähriger
-Lehrdauer officiell recipirt und mit einem Normallehrplan ausgestattet
-worden; im Gymnasiallehrplan ist eine ausreichende Verstärkung
-der Realwissenschaften und eine allerdings nicht ausreichende des
-Französischen auf Kosten des Lateinischen angeordnet, und in dem
-bisherigen Realschullehrplan ist durch Verstärkung des Lateinischen
-auf Kosten der Naturwissenschaften wenigstens eine Annäherung an das
-Gymnasium erzielt worden. Die Verfügung unterscheidet nunmehr folgende
-Arten von Schulen: Gymnasien, Realgymnasien, (früher Realschulen
-erster Ordnung), Oberrealschulen (früher neunklassige Gewerbe-
-und Handelsschulen), Progymnasien, Realprogymnasien, Realschulen
-(eigentlich Oberprorealschulen), alle drei mit siebenjähriger
-Lehrdauer, und endlich höhere Bürgerschulen, <span class="nowrap">d. h.</span> sechsklassige
-Schulen ohne Latein mit Französisch und Englisch, deren Lehrplan
-sich von demjenigen der „Realschulen“ fast nur durch das Fehlen der
-obersten Klasse unterscheidet, die aber eine in sich abgeschlossene
-Bildung geben sollen. Betrachtet man die „Oberrealschulen“ als mittlere
-Schulen mit aufgesetzter dreiklassiger Fachschule, so fällt der
-innere Unterschied zwischen Oberrealschulen, Realschulen und höheren
-Bürgerschulen fort und es bleibt nur die äussere Differenz in der
-Lehrdauer bestehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[&ndash; 171 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Wenn schon in Bezug auf die Recipirung der „Oberrealschule“ und
-in Bezug auf die gegenseitige Annäherung des Gymnasiums und
-„Realgymnasiums“ die neueste Verfügung als ein wichtiger Fortschritt
-in der Entwickelung unseres Unterrichtswesens angesehen werden darf,
-so kann man auch den Geist, in welchem die beigegebenen Erläuterungen
-abgefasst sind, nur mit Freuden begrüssen. Ueberall wird auf
-Beschränkung im Lehrstoff, namentlich im Memorirstoff, gedrungen,
-und vor mechanischer Beurtheilung der Schüler nach dem Ausfall der
-schriftlichen Klassenarbeiten gewarnt; die übermässige Anspannung
-der Schüler, besonders durch häusliche Arbeiten, wird nicht mit
-Unrecht grossentheils auf eine Ueberspannung der Lehrziele der Schule
-zurückgeführt, die zumeist aus der specialistischen Vorbildung der
-Lehrer entspringt.</p>
-
-<p>Was nun zunächst die Veränderungen im Gymnasiallehrplan betrifft,
-so hat den äusseren Anstoss zu denselben der Wunsch gegeben, die
-Entschliessung der Eltern über die Laufbahn ihrer Söhne um ein Jahr
-hinauszuschieben; <span class="nowrap">d. h.</span> das Gymnasium und die bisherige Realschule
-erster Ordnung haben durch Verlegung des Beginns des griechischen
-Unterrichts nach Tertia eine nahezu übereinstimmende Quarta erhalten,
-so dass die Wahl zwischen beiden Schulen erst mit dem Eintritt in die
-Tertia erforderlich wird. Das Griechische würde dabei nichts verlieren,
-wenn in allen mittleren und oberen Klassen sieben Wochenstunden
-statt der bisherigen sechs für dasselbe angesetzt wären; es würde
-dann vielmehr durch Koncentration des Unterrichts und Vermehrung der
-Lektürestunden in Obersekunda und Prima geradezu gewinnen. Leider ist
-aber die Zahl von sieben Stunden nur für Tertia und Secunda angesetzt,
-während man es in Prima bei sechs Stunden belassen hat, von denen eine
-nach wie vor<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[&ndash; 172 &ndash;]</a></span> (trotz des Wegfalls des griechischen Examenscriptums) den
-Extemporalien und der grammatischen Repetition gewidmet bleiben soll.
-In diesem Punkte ist die Veränderung unbedingt eine Verschlechterung,
-ebenso wie in der Vermehrung des geographischen und geschichtlichen
-Unterrichts in den drei untersten Klassen um je eine Stunde.</p>
-
-<p>Ueber Unzulänglichkeit der geographischen und geschichtlichen Bildung
-ist noch wenig Klage geführt, und wo eine solche bestände, würde eine
-Vermehrung des Memorirstoffes in den untersten Klassen sich doch als
-erfolglos erweisen, um auf sechs bis neun Jahr später das Wissen des
-Abiturienten zu erhöhen. Dagegen kann die formale Bildung des Geistes
-durch grammatische Schulung in den Unterklassen nicht gründlich genug
-genommen werden, und so lange die lateinische Sprache diejenige ist, an
-deren Grammatik diese Schulung vollzogen wird, kann dem lateinischen
-Unterricht in den Unterklassen kaum eine zu hohe Stundenzahl überwiesen
-werden. Es wäre deshalb wünschenswerth, diese Aenderung rückgängig
-zu machen, <span class="nowrap">d. h.</span> dem Lateinischen die zu Gunsten der Geographie
-und Biographien abgenommene Wochenstunde zurückzugeben. Geschähe
-dies, so würde auch das Lateinische gegen solchen Zuwachs von drei
-Jahres-Wochenstunden in den Unterklassen ohne Nachtheil einen Verlust
-von zwei Jahres-Wochenstunden in Prima ertragen können, mit denen das
-Griechische auf seinen bisherigen Stand zu ergänzen wäre.</p>
-
-<p>Für den französischen Unterricht hatte ich von Quarta bis Prima die
-Erhöhung der Wochenstunden von zwei auf drei verlangt; statt dessen ist
-nur in Quarta die Erhöhung von zwei auf fünf erfolgt. Nimmt man an,
-dass letztere einer Vermehrung in Quarta und Tertia von zwei auf drei
-gleichkommt, so bliebe noch<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[&ndash; 173 &ndash;]</a></span> solche in Secunda und Prima zu wünschen
-übrig, und zwar zu Gunsten einer Ersetzung des lateinischen Aufsatzes
-durch den französischen. Die „Circularverfügung“ gibt zu, dass es
-gegenwärtig ein unerreichbares Ziel wäre, den lateinischen Aufsatz zum
-Ausdruck für die Gedanken der Schüler machen zu wollen, und beschränkt
-denselben auf den durch die Lektüre zugeführten Gedankenkreis und
-Wortschatz (S. 20). Aber auch innerhalb dieser Beschränkung wird die
-auf den lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe nur noch bei
-einer mehr als mittleren Lehrkraft fruchtbar zu machen sein, während
-die gleiche Zeit und Mühe, auf den französischen Aufsatz verwendet,
-viel reichere Früchte tragen muss. Das Mindeste, was als Postulat
-festgehalten werden muss, ist das, dass den Gymnasien je nach den
-ihnen zur Verfügung stehenden Lehrkräften freigestellt wird, entweder
-den lateinischen, oder den französischen Aufsatz zu pflegen, und im
-letzteren Falle in Secunda und Prima eine lateinische Wochenstunde an
-das Französische abzugeben.</p>
-
-<p>Die Verstärkung des mathematischen Unterrichts ist in genügender
-Weise erfolgt. In Secunda und Prima sind ihm vier Stunden wöchentlich
-gesichert, und wenn die Stundenzahl in Tertia bei drei belassen ist,
-so ist zum Ersatz dafür in Quinta und Quarta je eine Wochenstunde mehr
-angesetzt. Da nunmehr der geometrische Unterricht schon in Quarta
-beginnt, und in Quinta durch geometrisches Zeichnen vorbereitet wird,
-so kann derselbe in Tertia und Untersecunda entsprechend beschränkt,
-und dadurch die nöthige Zeit für gründlichere Durcharbeitung der
-arithmetischen und algebraischen Klassenpensa gewonnen werden (S.
-24&ndash;25). Dass die Stunde für geometrisches Zeichnen in Quinta durch
-Verminderung der Religionsstunden von drei auf zwei gewonnen worden
-ist, kann nur gebilligt werden,<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[&ndash; 174 &ndash;]</a></span> da zwei wöchentliche Religionsstunden
-in allen Klassen der höheren Schulen ausreichend genannt werden müssen.</p>
-
-<p>Der naturwissenschaftliche Unterricht litt bisher darunter, dass
-ihm in Sekunda nur eine Stunde zugewiesen war, und es war deshalb
-gerechtfertigt, ihm die zweite Stunde auf Kosten des Lateinischen
-zuzutheilen. Die Naturkunde, deren Unterricht bisher in Quarta eine
-Unterbrechung erlitt, in dieser Klasse ebenfalls mit zwei Stunden
-auszustatten, dazu lag eigentlich kein Bedürfniss vor; man hat indessen
-einer starken Zeitströmung Rechnung getragen, indem man von den sechs
-durch Wegfall des Griechischen verfügbar werdenden Stunden zwei der
-Naturkunde zuwies (wie drei dem Französischen und eine der Geometrie).</p>
-
-<p>Im Grossen und Ganzen verfolgt die neueste Reform des
-Gymnasiallehrplanes den rechten Weg, wenngleich die Beeinträchtigung
-des Griechischen &mdash; mag sie an sich unerheblich scheinen &mdash; sehr zu
-bedauern bleibt und früher oder später wieder gut gemacht werden muss.
-Das wichtigste Merkmal der Reform ist, dass das Gymnasium wieder um
-einen Schritt weiter geführt ist in der Abstreifung des Charakters
-als „lateinische Schule“; die Einbusse von neun Jahres-Wochenstunden
-wird die Leistungen im Lateinisch-Schreiben nothwendig immer mehr
-herabsetzen, so dass in etwa einem Jahrzehnt nach der Verfügung die
-Unhaltbarkeit des lateinischen Aufsatzes immer einleuchtender werden
-muss. Dann wird auch die Zeit gekommen sein, denselben durch den
-französischen Aufsatz zu ersetzen, und das Griechische wieder in seine
-ungeschmälerten Rechte einzusetzen.</p>
-
-<p>Gehen wir nun zu dem Lehrplan des „Realgymnasiums“ über, so fällt
-zunächst in die Augen, dass in demselben das Lateinische zehn
-Jahres-Wochenstunden gewonnen hat, wie es im Gymnasiallehrplan deren
-neun verloren hat. Die Differenz der lateinischen Jahres-<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[&ndash; 175 &ndash;]</a></span>Wochenstunden
-zwischen Gymnasium und „Realgymnasium“, welche bisher 42 betrug, und
-gegenwärtig auf 23 verringert ist, würde auf 18 sinken, wenn für die
-drei untersten Klassen völlige Uebereinstimmung durch Uebertragung
-des Gymnasiallehrplans auf die „Realgymnasien“ hergestellt würde;
-warum diese Konformität nicht schon hergestellt ist, obwohl die
-Versetzung der Schüler aus der einen Art von Anstalt in die gleichen
-Klassen der anderen stattfinden soll, ist mir unerfindlich. Ebenso
-wunderlich erscheint die Differenz im Geschichtsunterricht, wonach das
-Gymnasium von den vier obersten Jahreskursen zwei, das Realgymnasium
-deren nur einen der alten Geschichte widmet; das sieht so aus, als
-sollte die Geschichte des Alterthums nicht zu den „Realwissenschaften“
-gerechnet werden. Die gegenwärtige Zahl lateinischer Stunden, nämlich
-sechs in Tertia und fünf in Sekunda und Prima, dürfte in der That
-ausreichen, um auf Grund hinlänglicher grammatischer Schulung eine
-fruchtbare Lektüre lateinischer Klassiker zu ermöglichen; da aber die
-einseitige lateinische Lektüre ohne Ergänzung durch die griechische
-nicht ausreicht, dem Geiste eine klassisch humanistische Bildung zu
-gewähren (wie die griechische Lektüre allein es allerdings vermöchte),
-so kann auch der revidirte Lehrplan der Realschule erster Ordnung
-die Verleihung des Namens „Realgymnasium“ keineswegs rechtfertigen.
-Jedenfalls ist anzuerkennen, dass auch diese Reform mit ihrer
-Verstärkung des altsprachlichen Unterrichts bei gleichzeitiger
-Ausscheidung der organischen Chemie und Beschränkung der Mineralogie
-und der Mathematik (in Quarta und Tertia) sich auf dem rechten Wege
-befindet und als vorläufige Abschlagszahlung, als Verwirklichung
-des augenblicklich Erreichbaren mit Dank hinzunehmen ist. Zu
-bedauern bleibt neben der Ungleichmässigkeit des Lehrplans<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[&ndash; 176 &ndash;]</a></span> in den
-drei untersten Klassen der Uebelstand, dass die „Realgymnasiasten“
-noch immer mit zwei Wochenstunden mehr belastet sind, als die
-Gymnasiasten, was jedenfalls einer späteren Abstellung bedarf, da
-die Gesammtleistungen der Realgymnasien keinesfalls eine stärkere
-Inanspruchnahme des Schülers rechtfertigen.</p>
-
-<p>So lange zwischen reformirtem Gymnasium und Oberrealschule noch
-als dritte Gattung das „Realgymnasium“ besteht, so lange wird auch
-das Streben der Realgymnasien dauern, die an ihre Abgangsprüfung
-geknüpften Berechtigungen zu erweitern. Ohne das Gewicht der einer
-solchen Erweiterung entgegenstehenden Bedenken zu unterschätzen,
-wird man doch auch die Naturgemässheit eines solchen Strebens
-anerkennen, und wird unter Beibehalt der bisherigen Bestimmungen den
-Realabiturienten wenigstens für den nachträglichen Erwerb der an die
-Gymnasialabgangsprüfung geknüpften Berechtigungen die möglichsten
-Erleichterungen gönnen. Bis jetzt muss in solchem Falle eine
-Nachprüfung im Lateinischen, Griechischen und in der alten Geschichte
-abgelegt werden; es wäre nicht mehr als billig, die gegenwärtig sehr
-verringerten Mehrleistungen des Gymnasiums im Lateinischen durch die
-des Realgymnasiums im Französischen und Englischen als kompensirt
-anzusehen, ebenso die Nachprüfung in der alten Geschichte fallen zu
-lassen und ausschliesslich diejenige im Griechischen aufrecht zu
-erhalten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[&ndash; 177 &ndash;]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XII_Der_Streit_um_die_Organisation_der_hoeheren_Schulen">XII.<br />
-Der Streit um die Organisation der höheren Schulen.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wohl noch zu keiner Zeit war das Bewusstsein einer Reformbedürftigkeit
-unseres höheren Schulwesens so allgemein verbreitet wie jetzt, und
-das Gefühl, dass die preussische Reform vom 31. März 1882 nur eine
-unzulängliche Abschlagszahlung gewesen ist, verschärft sich zusehends.
-Leider besteht nur noch immer kein Einverständniss über das, was
-geschehen soll, um die Einrichtungen unserer höheren Schulen den
-Ansprüchen der modernen Bildung anzupassen. Die Regierungen haben
-deshalb einen schweren Stand, weil sie beim besten Willen zur Abhülfe
-nicht wissen, auf wen sie hören sollen.</p>
-
-<p>Ohne Zweifel gibt es eine Anzahl denkender Männer, besonders in
-Schulkreisen, welche den gegenwärtigen Zustand für einen allen
-Bedürfnissen entsprechenden und durchaus keiner Aenderung bedürftigen
-halten; aber solche bilden doch wohl eine sehr kleine Minderheit,
-während die Mehrzahl Aenderungen bald in diesem, bald in jenem Sinne
-für wünschenswerth oder gar nothwendig erachtet. Insbesondere richten
-sich die Bedenken gegen die Verschiedenartigkeit unserer höheren
-Schulen, und selbst diejenigen, welche nicht eine vollständige
-Einheitsschule als Ziel hinstellen, geben doch zu, dass es sich
-empfehle, womöglich eine Einheit in dem unteren Theil der Klassen
-herzustellen. Für Gymnasien und Realgymnasien hat die preussische
-Reform diesem Wunsche insoweit Rechnung getragen, dass der Beginn
-des Griechischen von Quarta nach Tertia verlegt ist und die früheren
-Unterschiede im<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[&ndash; 178 &ndash;]</a></span> Lehrplan der unteren Klassen wenigstens annähernd
-ausgeglichen sind. Es ist in der That nicht abzusehen, warum diese
-Verähnlichung nicht zu einer vollständigen Gleichheit von Sexta
-bis Quarta werden sollte, damit der Uebergang von der Quarta eines
-Realgymnasiums zur Tertia eines Gymnasiums sich fortan ebenso leicht
-bewerkstelligen lasse, wie jetzt der umgekehrte; dann erst würden
-wir eine wirkliche Bifurcation oder Gabelung für die letzten sechs
-Schuljahre haben.</p>
-
-<p>Ein Theil der Anhänger der Gabelung geht aber weiter und fordert,
-dass auch die zweijährige Tertia noch einheitlichen Lehrplan erhalte
-und das Griechische erst in Sekunda beginne. Eine solche Beschränkung
-der Gabelung auf die letzten vier Schuljahre würde allerdings eine
-beträchtliche Beschränkung des Griechischen in der Gymnasialabtheilung
-einschliessen. Diese Beschränkung des Griechischen wird von den
-Einen als bedauerliche Folge mit in den Kauf genommen, während diese
-Aussicht den Anderen so erwünscht scheint, dass sie geradezu als Motiv
-zur Aufstellung der Forderung wirkt. Noch Andere wollen sogar das
-Griechische ganz auf die Prima beschränken, also die Gabelung erst
-dort beginnen lassen, doch sind dies bis jetzt vereinzelte Stimmen.
-Wer soweit zu gehen bereit ist, der geht gewöhnlich auch gleich noch
-weiter und weist das Griechische ganz aus der Schule hinaus auf
-die Universität, sei es, dass er das Realgymnasium mit verstärktem
-lateinischen Unterricht als Einheitsschule proklamirt, sei es, dass er
-für Abschluss der höheren Schule mit der Obersekunda und Verlängerung
-des Universitätsstudiums um zwei Jahre plaidirt.</p>
-
-<p>Alle diese Bestrebungen haben noch das Gemeinsame, dass sie an
-der lateinischen Sprache als einem Hauptunterrichtsgegenstand des
-Einheitslehrplanes, wie weit der letztere nun auch hinaufreichen möge,
-fest<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[&ndash; 179 &ndash;]</a></span>halten, also die lateinlose Oberrealschule entweder als höhere
-Schule aufgehoben wissen wollen, oder aber als eine zweite Art von
-höherer Schule neben dem gegabelten Realgymnasium bestehen lassen.
-Dieser Gruppe stehen aber andere Tendenzen gegenüber, welche die
-Oberrealschule mit in den Einheitslehrplan hineinziehen wollen. Wenn
-doch das Griechische erst in Sekunda oder Prima beginnt, so scheint
-es nicht unthunlich, das Lateinische erst zwei Jahre früher, also in
-Tertia, beziehungsweise Sekunda beginnen zu lassen und den Lehrplan
-der Unterklassen auf die Muttersprache und neuere Fremdsprachen zu
-stützen. Ein solcher Lehrplan gestattet dann eine Trifurcation,
-indem sich von Tertia (bezw. Sekunda) an die realistische und die
-humanistische Richtung scheidet, von Sekunda (bezw. Prima) an aber
-die letztere sich noch einmal in den Lehrplan mit und ohne Griechisch
-spaltet. Auf der andern Seite kann der realistische Lehrplan sich
-in den letzten Jahren noch einmal in eine neusprachliche und eine
-mathematisch-naturwissenschaftliche Abtheilung sondern, so dass wir
-eine Quadrifurcation erhielten, falls nicht das Griechische ganz von
-der Schule ausgeschlossen wird.</p>
-
-<p>Die Vertreter der Ansicht, dass der altsprachliche Unterricht erst
-in mittleren Klassen beginnen sollte, berufen sich dabei auf das
-Vorbild des schwedischen Schulwesens, in welchem die deutsche Sprache
-aus praktischen Gründen zum Hauptgegenstand der Unterklassen erhoben
-ist.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> Sie stützen sich aber ausserdem noch auf politische und
-sociale Erwägungen, insofern ein solcher Lehrplan es sehr erleichtert,
-alle Schüler<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[&ndash; 180 &ndash;]</a></span> zuerst durch die Volksschule als Unterstufe, dann
-durch eine Bürgerschule als Mittelstufe und endlich durch die
-höhere Schule gehen zu lassen. Die sozialdemokratische Forderung
-der allgemeinen Aufhebung des Schulgeldes und der Versetzung aller
-Kinder bloss nach den Leistungen hat eine derartige Organisation des
-Schulwesens zur logischen Voraussetzung. Dass eine solche Stufenfolge
-nicht undurchführbar ist, zeigt ihre annähernde Verwirklichung im
-schweizerischen Schulwesen. Alle politisch radikalen und social
-nivellirungssüchtigen Elemente werden früher oder später diese
-Forderung in ihr Programm aufnehmen, und es wäre nicht unmöglich, dass
-die Schulreformfrage letzten Endes nicht nach pädagogischen Rücksichten
-und kulturellen Masstäben, sondern im Gegensatz zu diesen durch die
-politische und sociale Demokratisirungstendenz unserer Zeit entschieden
-würde.</p>
-
-<p>Es ist nämlich klar, dass die Masse bei einer solchen Schulorganisation
-ebensoviel gewinnen würde, als die gebildeteren Stände Einbusse
-erleiden müssten, und da die Masse an Zahl weit voransteht, so muss
-der Verlust, den die geistige Aristokratie erleidet, aus socialen
-dämonistischen Gesichtspunkt nothwendig gegen den Gewinn der breiteren
-Volksschichten zurückstehen. Ob das geistige Kulturniveau des Volkes
-als Ganzes bei einer solchen Schädigung des Bildungsgrades seiner
-Aristokratie zurückgeht, das kümmert ja die Demokratie nicht, bereitet
-ihr eher Schadenfreude. Die Interessenpolitik der kapitalistischen
-Bourgeoisie oder der Liberalismus fürchtet die Verwirklichung des
-demokratischen Programms in diesem Punkte nicht, weil die Wohlhabenden
-überzeugt sind, dass sie in solchem Falle hinreichende Mittel haben
-würden, um ihre Kinder durch Unterricht in theuren Privatschulen
-besser, leichter und schneller als in der öffentlichen Volks- und
-Mittelschule<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[&ndash; 181 &ndash;]</a></span> für die höhere Schule vorbereiten zu lassen. Diese
-Unbequemlichkeit auf sich zu nehmen wäre die liberale Geldaristokratie
-und der utilitarisch denkende Gewerbestand gern bereit, wenn dadurch
-nur das für ihre Zwecke Nützliche, <span class="nowrap">d. h.</span> der neusprachliche und
-mathematisch naturwissenschaftliche Lehrplan, in die Höhe kommt und
-die vom Nützlichkeitsstandpunkt zwecklose Quälerei ihrer Kinder
-mit alten Sprachen aufhört. Deshalb erhält die demokratische
-Nivellirungstendenz aus dem Lager des Liberalismus mächtigen Vorschub,
-wobei selbstverständlich alle Gabelung des Lehrplanes nur als
-vorläufiges Zugeständniss gilt, in der Hoffnung und mit der Absicht,
-dass es gelingen werde, den Beginn der Gabelung allmählich immer
-weiter hinauszuschieben, bis endlich als allgemeine Einheitschule die
-Oberrealschule oder eine ähnlich organisirte Anstalt ohne alte Sprachen
-übrig bleibt. Das Ideal einer solchen Schule wird schon jetzt von
-verschiedenen radikalen Schulreformern als Ziel hingestellt, als der
-vollständige Bruch mit der Reaktion und den Schatten des Mittelalters
-gepriesen und auf die geschichtlich naturwissenschaftliche Bildung
-unserer Zeit gestützt.</p>
-
-<p>Fragen wir uns nun, woher es kommt, dass das Gefühl der
-Reformbedürftigkeit unseres Schulwesens gerade in dem letzten
-Menschenalter so intensiv geworden ist, so ist die Antwort: weil alle
-Eltern fühlen, dass ihre Kinder mit Lernstoff überbürdet werden und
-in Folge dessen die wirklich durch die Schule erzielte Bildungsstufe
-der Zöglinge zurückgeht. Blickt man auf die Geschichte des höheren
-Schulwesens zurück, so sieht man, wie an die ursprüngliche Lateinschule
-ein Unterrichtsgegenstand nach dem anderen angehängt wird, deren
-jeder mit gutem Rechte einen Theil der nothwendigen allgemeinen
-Bildung auszumachen bean<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[&ndash; 182 &ndash;]</a></span>sprucht. Sollen unsere Kinder sich nicht
-vollends dumm lernen, so ist eine Verminderung der vom Lehrplan an
-dieselben gestellten Ansprüche unbedingt erforderlich. Jede intensivere
-Gestaltung des Unterrichts hat die entgegengesetzte Wirkung, ist also
-nur statthaft, wenn die Unterrichtszeit entsprechend verringert wird,
-steigert aber bloss die vorhandenen Uebelstände, wenn sie dazu benutzt
-wird, um entgegengesetzte Ansprüche vereint zu befriedigen. Sobald
-die obligatorische Einfügung des griechischen Unterrichts in den
-Gymnasiallehrplan in Preussen durchgeführt war, begann auch das Gefühl
-sich geltend zu machen, dass dem altsprachlichen Unterricht ein zu
-grosser Antheil der verfügbaren Zeit eingeräumt sei, und dieses Gefühl
-fand theils in der Entstehung der Realgymnasien und Oberrealschulen,
-theils in kleinen Korrekturen des Gymnasiallehrplans seinen Ausdruck.
-Aber die Unbefriedigung blieb bestehen.</p>
-
-<p>Das Bewusstsein ist allgemeiner geworden, dass die Oberrealschule keine
-den Konkurrenzanstalten ebenbürtige höhere allgemeine Bildung zu bieten
-habe; nach der neuesten Einschränkung ihrer Berechtigungen scheint es
-fast unvermeidlich, dass dieselbe sich wieder in die Bestandtheile
-auflöst, welche in ihr verquickt sind und in dieser Vereinigung den
-falschen Schein einer höheren Schule sich angemasst haben, nämlich
-in die höhere Bürgerschule einerseits und in die mittlere Fachschule
-andererseits. Dass das Gymnasium mit dem Lehrplan von 1882 im Grossen
-und Ganzen eine höhere allgemeine Bildung vermittelt, wird nicht
-bestritten, doch werden immer noch in einzelnen Punkten Lücken in
-derselben gefunden und wird vor Allem beklagt, dass diese noch
-lückenhafte Bildung nur auf Kosten einer wirklichen Ueberbürdung der
-Jugend erlangt werde. Das Realgymnasium endlich ist ein unglückliches
-Zwitterding zwischen der alten Lateinschule<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[&ndash; 183 &ndash;]</a></span> und der modernen
-Oberrealschule; ohne Latein würde es kein Gymnasium sein, aber was
-sie an Latein gibt, daran hat doch wieder kein Schüler rechte Freude
-und es ist zu wenig, um eine humanistische Bildung zu vermitteln. Das
-Schlimmste aber ist die durch die Entwickelung der Realschulen neben
-den Gymnasien entstandene Spaltung unseres Schulwesens, welche die
-einheitliche Bildung der Nation zerreisst und auf dem Widerspruch
-beruht, als ob es <em class="gesperrt">zwei</em> beste Methoden zur Gewinnung einer
-zeitgemässen allgemeinen höheren Bildung geben könnte. Dieser
-Widerspruch kann auch durch keine Gabelung gehoben werden, sondern nur
-durch die volle Einheitsschule. Alle gefühlsmässige Antipathie gegen
-den altsprachlichen Unterricht als gegen einen unzeitgemässen Rest des
-Mittelalters hat eine historische Grundlage nur gegen das Lateinische
-als Unterrichtsgegenstand der alten Lateinschule, schliesst aber nur
-aus Unkenntniss das Griechische mit ein, welches im Mittelalter gar
-keine Rolle spielte. Man sieht sich in dem Widerspruch befangen, dass
-man gern los möchte von dem unzeitgemäss gewordenen Lateinischen und
-doch fühlt, aus der des altsprachlichen Unterrichts beraubten Schule
-keine rechte höhere Bildung schöpfen zu können.</p>
-
-<p>Der entscheidende Punkt liegt im Griechischen, und hierauf spitzt sich
-neuerdings in der Diskussion der Fachkreise die Schulreformfrage mehr
-und mehr zu. War es ein Fehler, die Lateinschule, welche sich ohnehin
-den Realdisciplinen öffnen musste, auch noch mit dem Griechischen
-zu belasten? Müssen wir diesen falschen Schritt zurückthun, <span class="nowrap">d.
-h.</span> zur Lateinschule zurückkehren und deren Lehrplan bloss um die
-Realdisciplinen erweitern? Müssen wir den verminderten Bildungswerth
-der lateinischen Literatur für die heutige Zeit geduldig in den Kauf
-nehmen, und immerhin noch<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[&ndash; 184 &ndash;]</a></span> das Beste daraus machen, was daraus zu
-machen ist, um nur nicht ganz der humanistischen Bildung verlustig
-zu gehen? In der That, wir müssten uns dabei bescheiden, wenn es
-keinen anderen Ausweg gäbe. Wir müssten dann die Einheitsschule
-dadurch herstellen, dass wir auf dem Realgymnasium das Lateinische
-auf Kosten der Realdisciplinen bedeutend verstärken, und auf dem
-Gymnasium die Zahl der griechischen Stunden an das Lateinische und
-die Realdisciplinen vertheilten. Das Beste, was unser heutiges
-Gymnasium an humanistischer Bildung bietet, würde einer so gewonnenen
-Einheitsschule freilich fehlen, die Kenntniss der griechischen Dichter,
-Geschichtsschreiber und Redner, und die Unzulänglichkeit der durch
-die lateinischen Schriftsteller vermittelten Weltanschauung würde mit
-jedem Menschenalter schärfer zum Bewusstsein gelangen, bis endlich
-das Missverhältniss zwischen Ertrag und aufgewendeter Arbeit einem
-künftigen Geschlecht allzu schreiend däuchte, um es noch länger zu
-ertragen. Die Antipathie gegen das Lateinische und die schon jetzt
-unsere reifere Schuljugend durchziehende spöttische Missachtung gegen
-dessen Literatur würde mit jedem Jahrzehnt wachsen, bis über kurz oder
-lang das nackte Realprincip, unterstützt durch die oben angeführten
-politischen und socialen Interessen über den fadenscheinig gewordenen
-Humanismus den Sieg davon trüge.</p>
-
-<p>Die Frage ist nur, ob wirklich die Wiederausscheidung des Griechischen
-das einzige Mittel zur Vereinfachung des gymnasialen Lehrstoffes
-ist, ob nicht die Männer, welche das Griechische als obligatorischen
-Unterrichtsgegenstand in das deutsche Gymnasium einführten, doch
-auf dem rechten Wege waren, und ob nicht die dadurch entstandene
-Ueberbürdung mit zwei alten Sprachen bloss eine Uebergangskrisis
-ist, wie sie bei jedem Umschwung tiefgreifender Organisationen<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[&ndash; 185 &ndash;]</a></span> fast
-unvermeidlich ist. Das Lateinische hat der abendländischen Kultur
-über die Nacht des Mittelalters hinweggeholfen und ist die Brücke
-geworden, auf welcher sie in der Zeit der Renaissance und Reformation
-zu den echten Quellen ursprünglicher Klassicität, zu den Griechen,
-zurückzusteigen begann. Sollte dieser geschichtliche Process nicht
-auch in der Schule sein entsprechendes Nachspiel finden? Sollte nicht
-auch hier die Latinität wesentlich <em class="gesperrt">der Erzieher zum Hellenismus</em>
-sein, und <em class="gesperrt">abgedankt</em> werden können, wenn er als solcher seine
-Schuldigkeit gethan und ausgedient hat?</p>
-
-<p>Die Völker romanischer Rasse sind leider nicht in der glücklichen
-Lage wie die Germanen und Slaven, das Lateinische ohne Weiteres
-abschütteln zu können, weil sie durch ihre eigene Vergangenheit und
-Sprachentwickelung zu eng mit demselben verknüpft sind. Ausserhalb
-Deutschlands ist entweder (wie <span class="nowrap">z. B.</span> bei den slavischen Völkern) der
-Sinn für die bildende Kraft der Klassicität überhaupt noch nicht
-genügend in’s Volksbewusstsein eingedrungen, oder man klebt noch, wie
-die Engländer, an der Bewunderung der lateinischen Afterklassicität
-fest. Gerade in Deutschland aber bemühen sich seit hundert Jahren die
-Besten der Nation, derselben klar zu machen, dass Hellenismus und
-Latinität sich verhalten wie Sonne und Mond, und das Verständniss
-dieser Wahrheit ist tief in die öffentliche Meinung eingedrungen.
-Sollte es nicht endlich an der Zeit sein, die Konsequenzen daraus
-für unsere Schule zu ziehen? Erscheint es nicht wie eine Verhöhnung
-dieser Wahrheit, dass man die Realgymnasiasten mit dem Lateinischen
-quält, anstatt die gleiche Unterrichtszeit auf Griechisch zu
-verwenden und dadurch mit einem Schlage das Realgymnasium zu einem
-wahrhaft humanistischen zu erheben? Wäre es nicht rationeller, in dem
-Gymnasium, wo eine gewisse Pflege des Lateinischen<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[&ndash; 186 &ndash;]</a></span> aus praktischen
-Gründen vorläufig unentbehrlich scheint, doch den Löwenantheil des
-altsprachlichen Unterrichts dem Griechischen zuzuwenden, <span class="nowrap">d. h.</span> einen
-<em class="gesperrt">Rollentausch</em> zwischen beiden alten Sprachen vorzunehmen
-und in Sexta gleich mit dem Griechischen zu beginnen, während der
-Anfang des Lateinischen auf Tertia verschoben wird? Das Griechische
-ist auch in rein sprachlicher Hinsicht eine viel vollkommenere
-und schönere Sprache, und muthet uns dabei viel verwandter und
-heimischer an, als das artikellose Latein mit seinem ablativus
-absolutus, seinem accusativus cum infinitivio und seiner verzwickten
-Wortstellung im Satze. Die lateinische Literatur aber hat gerade
-nur insoweit einen Werth, als sie griechische Muster durchschimmern
-lässt, und die eklektische Aufklärungsphilosophie eines Cicero, die
-im Aufklärungszeitalter des vorigen Jahrhunderts gerade noch als
-Bildungsmittel der Jugend genügen konnte, kann es heute schlechterdings
-nicht mehr, weder aus dem Gesichtspunkt philosophischer Spekulation,
-noch aus demjenigen eines philosophieverachtenden Positivismus.</p>
-
-<p>Zwei Grundsätze, mögen sie nun als solche hingestellt werden, oder
-mögen sie als unbestimmt gefühlte den Reformtendenzen zu Grunde liegen,
-sind gegenwärtig kaum noch zu bestreiten: 1. <em class="gesperrt">zwei</em> alte Sprachen
-sind <em class="gesperrt">des Guten zu viel</em>, und man muss <em class="gesperrt">eine opfern</em>, um die
-<em class="gesperrt">andere zu retten</em>, und 2. das Lateinische ist als Bildungsmittel
-<em class="gesperrt">veraltet</em> und nicht mehr die darauf verwendete Zeit und Mühe
-werth. Eine wahrhaft humanistische Bildung im Sinne der Einführung in
-die ideale Klassicität kann nach dem Massstab der heutigen Ansprüche
-nicht mehr das Lateinische, sondern nur noch das Griechische gewähren.
-Wer auf eine solche humanistische Bildung keinen Werth legt, wird die
-alten Sprachen überhaupt verwerfen müssen; wer sie der<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[&ndash; 187 &ndash;]</a></span> höheren Schule
-gegen die anstürmende Amerikanisirung aller Werthmassstäbe zu erhalten
-sucht, der kämpft auf einem verlorenen Posten, wenn er seine Kräfte
-für die Erhaltung des Lateinischen in seinem heutigen Besitzstande
-einsetzt. Wollen die Vertreter des humanistischen Princips nicht durch
-Uneinigkeit ihre Sache zu Grunde richten, so müssen sie sich alle
-ohne Ausnahme um die Fahne des Griechischen schaaren und an Stelle
-der Lateinschule der Vergangenheit die <em class="gesperrt">griechische Schule</em> als
-Zukunfts-Ziel in’s Auge fassen.</p>
-
-<p>Die nähere Ausführung und Begründung dieser Ansichten würde hier zu
-weit führen, und muss ich in dieser Hinsicht auf meine Schrift: „Zur
-Reform des höheren Schulwesens“ verweisen. Uebrigens ist der von
-mir daselbst als zweite Stufe der Reform befürwortete Beginn des
-altsprachlichen Unterrichts mit dem Griechischen kein neuer Gedanke, <span class="nowrap">z.
-B.</span> von Vittorino da Feltre (1378&ndash;1447), Heinrich Stephanus, Tiberius
-Hemsterhuis, David Ruhnken, Franz Passow, Fichte, Herbart, Gervinus,
-Thaulow <span class="nowrap">u. A. m.</span> vertreten worden. Neuerdings hat mein Standpunkt warme
-Vertheidiger gefunden in Hans Müller („Griechische Reisen und Studien“,
-Leipzig bei W. Friedrich, 1887) und Johannes Flach („Der Hellenismus
-der Zukunft“, ebenda 1888), zwei Schriften, die trotz mancher über das
-Ziel hinausschiessenden Uebertreibungen bestens zu empfehlen sind und
-hoffentlich dazu beitragen werden, der Schulreformfrage neue Impulse zu
-geben und manchen zwischen Latinität und Hellenismus noch Schwankenden
-auf die Seite des letzteren hinüberzuziehen. Ebenfalls bekennt sich
-zu meinen Zukunftszielen F. Hornemann, der Schriftführer und geistige
-Mittelpunkt des „Deutschen Einheitsschulvereins“, allerdings nur in
-demselben Sinne wie ich selbst, als zu <em class="gesperrt">Zukunftszielen</em>, denen man
-sich nur <em class="gesperrt">schrittweise</em> durch eine<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[&ndash; 188 &ndash;]</a></span> vorsichtige geschichtliche
-Entwickelung nähern kann<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>, während Flach meine drei Stufen der
-Reform konfundirt und nicht beachtet, dass ich selbst in der dritten
-und letzten dem Lateinischen noch zwei Stunden in den letzten sechs
-Schuljahren bewillige.</p>
-
-<p>Wenn es dem Philosophen freistehen muss, seinen Blick auch in eine
-spätere Zukunft zu richten, um nach fernen Idealen die gegenwärtig
-wünschenswerthen Schritte zu bestimmen, so haben doch alle unmittelbar
-zur Ausführung bestimmten Reformvorschläge sich möglichst eng an die
-gegebenen Zustände anzuschliessen, damit die <em class="gesperrt">ruhige Stetigkeit</em>
-der Entwickelung gewahrt bleibt. In diesem Sinne habe ich selbst meine
-<em class="gesperrt">erste Stufe</em> der Reform gestaltet, und in dieser Auffassung
-wurzeln auch die Bestrebungen des deutschen Einheitsschulvereins
-und seiner bisherigen Veröffentlichungen (3 Hefte), welche zu
-den besonnensten und durchdachtesten Erzeugnissen der neueren
-Schulreformliteratur gehören. „Der Zweck des Vereins ist, für die
-innere Berechtigung einer Gymnasium und Realgymnasium verschmelzenden
-höheren Einheitsschule mit Beibehaltung des <em class="gesperrt">Griechischen</em> für
-<em class="gesperrt">alle</em> Schüler einzutreten und auf die Herbeiführung einer solchen
-hinzuwirken.“ Der Verein als solcher hat sich noch nicht über einen
-Lehrplan geeinigt, wohl aber hat F. Hornemann einen solchen aufgestellt
-(<span class="nowrap">a. a. O.</span> S. 108), der sich ziemlich eng an den preussischen
-Gymnasiallehrplan von 1882 anschliesst und dem badischen von 1869 am
-nächsten steht.</p>
-
-<p>Nicht billigen kann ich in demselben die Verminderung der griechischen
-Stunden in Tertia und Sekunda von sieben auf sechs, weil dieselbe
-dem <em class="gesperrt">idealen Ziel</em> der ganzen Reform, der <em class="gesperrt">Stärkung</em> des<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[&ndash; 189 &ndash;]</a></span>
-Griechischen, schnurstracks zuwiderläuft und statt dessen die vom
-preussischen Ministerium im Jahre 1882 begonnene <em class="gesperrt">Zurücksetzung</em>
-des Griechischen fortführt und verschlimmert. Ebensowenig kann
-ich es billigen, dass die Zahl der obligatorischen Wochenstunden
-in Prima um zwei erhöht ist, um das Englische unterzubringen;
-eine solche Erweiterung des Lehrplanes ohne Verminderung anderen
-Unterrichtsstoffes darf höchstens fakultativen Charakter haben.
-Soll das Englische obligatorisch werden, so muss es auf Kosten des
-Lateinischen geschehen. Ich sehe aber keinen Grund, warum man die
-hässlichste und formell armseligste aller europäischen Sprachen allen
-Gymnasiasten <em class="gesperrt">aufzwingen</em> soll, bloss weil sie die kaufmännische
-Geschäftssprache von fünf Erdtheilen, die geschichtlich gewordene
-Volapük oder Weltsprache ist. Ein solcher Schritt wäre höchstens
-dann zu rechtfertigen, wenn er der Kaufpreis wäre, um den die
-Verschiedenheit von Realgymnasium und Gymnasium wirklich endgültig
-beseitigt würde; so lange aber beide Schulen mit und ohne Griechisch
-doch noch nebeneinander fortbestehen, hat das Gymnasium auch gar keinen
-Grund, sich mit solchem gegen sein Princip verstossenden Ballast zu
-belasten, und die fehlerhafte Zweiheit der alten Sprachen durch eine
-ebenso fehlerhafte Zweiheit neuerer Fremdsprachen zu verschlimmern. Die
-Hornemann’sche Erhöhung der französischen Unterrichtsstunden auf vier
-in Tertia verliert ihre Bedeutung, wenn der Beginn des Französischen in
-Quinta nach dem preussischen Lehrplan beibehalten wird. Um der vierten
-französischen Stunde willen in Tertia braucht das Griechische daselbst
-ebensowenig beraubt zu werden, als um des Englischen willen in Sekunda.
-Im Uebrigen trifft die Erhöhung der französischen Stunden in den
-oberen Klassen von zwei auf drei, und die entsprechende Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[&ndash; 190 &ndash;]</a></span>minderung
-der lateinischen Stunden mit meinen Vorschlägen zusammen, während die
-Vermehrung der Mathematikstunden in Tertia von 2 auf 3 durch den
-Beginn des geometrischen Unterrichts in Quarta entbehrlich geworden ist.</p>
-
-<p>Als die Hauptfrage für den nächsten praktischen Reformschritt darf
-die Berechtigung oder Nichtberechtigung des lateinischen Aufsatzes
-gelten. In ihr können die Gegner aller alten Sprache mit den
-Vorkämpfern des Hellenismus Hand in Hand gehen. Die Frage ist so zu
-stellen: lohnt heute noch unter Voraussetzung einer <em class="gesperrt">mittleren</em>
-Lehrkraft bei durchschnittlichem Schülermaterial die auf den
-lateinischen Aufsatz verwendete Zeit und Mühe in ausreichendem Masse
-oder nicht? Die Antwort kann nur verneinend lauten. Der lateinische
-Aufsatz liegt seit zwei Menschenaltern im Sterben; es handelt sich
-nur darum, seine Euthanasie zu beschleunigen, <span class="nowrap">d. h.</span> ihm durch
-Ministerialverfügung den letzten Todesstoss zu geben. Die Zahl der in
-einem Jahre geschriebenen lateinischen Aufsätze ist bereits auf ein
-Drittel, der durchschnittliche Umfang jedes einzelnen auf ein Viertel
-des früher üblichen heruntergegangen; dem Rest wird Niemand eine
-Thräne nachweinen. Einen vor hundert Jahren erschienenen beliebigen
-Zeitungsartikel in’s Lateinische zu übersetzen ist im Durchschnitt
-noch sehr viel leichter, als einen heute erschienenen; so sehr hat
-sich unser Begriffsschatz und unsere Denkweise im Laufe des letzten
-Jahrhunderts von denen des Lateinischen entfernt. Aufsätze kann man
-nur in lebenden Sprachen schreiben; die lateinische Sprache ist aber
-bereits <em class="gesperrt">zweimal gestorben</em>, einmal als römische Volks- und
-Staatssprache, das zweite Mal als internationale Gelehrtensprache;
-sie lebt nur noch als römische Kirchensprache fort und fristet
-selbst da bloss noch ein kümmerliches Dasein.<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[&ndash; 191 &ndash;]</a></span> Die hohe bildende
-Kraft des Aufsatzschreibens in einer lebenden Fremdsprache lässt
-sich das Gymnasium bis jetzt <em class="gesperrt">gänzlich entgehen</em>. Deshalb ist
-die <em class="gesperrt">Einführung</em> des <em class="gesperrt">französischen</em> Aufsatzes ebenso
-wünschenswerth wie die Beseitigung des lateinischen.</p>
-
-<p>Fassen wir alles zusammen, was für den nächsten Schritt einer
-preussischen Schulreform wünschenswerth und anzustreben ist, so sind es
-folgende Punkte:</p>
-
-<p>1. Die drei Unterklassen des Gymnasiums und Realgymnasiums müssen
-identischen Lehrplan, und zwar den des Gymnasiums, erhalten, damit
-wenigstens in ihnen die Einheitsschule zur vollen Wahrheit wird.</p>
-
-<p>2. Der Geschichtsunterricht im Realgymnasium hat die alte Geschichte
-in mindestens demselben Umfange zu berücksichtigen, wie derjenige
-des Gymnasiums, wobei für eine stärkere Berücksichtigung der neueren
-Geschichte in dem Ueberschuss der Geschichtsstunden genügende Zeit
-verfügbar bleibt.</p>
-
-<p>3. Die Nachprüfung der Realgymnasialabiturienten, welche die
-Berechtigung eines Gymnasialabiturienten zu erlangen wünschen,
-ist ausschliesslich auf das Griechische zu beschränken, indem die
-Minderleistungen im Lateinischen als durch Mehrleistungen in den
-neueren Sprachen aufgewogen zu erachten sind.</p>
-
-<p>4. Die französischen Unterichtsstunden in Sekunda und Prima werden
-im Gymnasium von zwei auf drei erhöht, die lateinischen entsprechend
-vermindert; der lateinische Aufsatz wird durch den französischen
-ersetzt.</p>
-
-<p>5. Es sind Erwägungen darüber anzustellen, ob nach Verlegung des
-griechischen Scriptums vom Abiturientenexamen in die Versetzungsprüfung
-zur Prima die Pflege des griechischen Extemporales in Prima noch
-erforderlich ist oder nicht; nach dem Ausfall dieser Erwägung
-ist entweder das griechische Extemporale in Prima <em class="gesperrt">streng zu
-verbieten</em> oder dem<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[&ndash; 192 &ndash;]</a></span> Griechischen die siebente Stunde auf Kosten des
-Lateinischen <em class="gesperrt">zurückzugeben</em>, um welche es bei der Verlegung des
-Unterichtsbeginns von Quarta nach Tertia gegen früher <em class="gesperrt">verkürzt</em>
-worden ist.</p>
-
-<p>6. Die Prüfung in der Religion ist aus dem Abiturientenexamen
-auszuscheiden.</p>
-
-<p>7. Bei allen Versetzungs- und Abgangsprüfungen sind nur die
-Hauptgegenstände als entscheidend zu behandeln, den Nebenfächern aber
-kein besonderes Gewicht beizumessen.</p>
-
-<p>8. Die häuslichen Arbeiten sind theils durch kursorische Lektüre,
-theils durch Anfertigung von Aufsätzen <span class="nowrap">u. s. w.</span> in der Klasse erheblich
-einzuschränken. Ausarbeitungen des Lehrvortrages sind entschieden zu
-verbieten und durch gedruckte Leitfäden zu ersetzen.</p>
-
-<p>9. Der philologische Grundzug unseres altsprachlichen Unterrichtes ist
-durch eine mehr literarische Behandlung der Klassiker zu ersetzen. Zu
-dem Zweck ist mit der Reform der philosophischen Kollegien auf den
-Universitäten zu beginnen, da man den jungen Lehrern nicht zumuthen
-kann, aus eigner Kraft in ihren Unterrichtsstunden die literarische
-Behandlung des Inhalts der Klassiker voranzustellen, welche sie auf der
-Universität als unwissenschaftlich und dilettantisch verachten gelernt
-haben.</p>
-
-<p>Diese vorläufigen Wünsche für den nächsten Reformschritt sind gewiss
-massvoll, und ich glaube, dass sich alle Reformfreunde, mit Ausnahme
-der Latinitätsverehrer, auf dieselben hin einigen könnten, wenn sie
-auch verschiedene Ideale als fernere Zukunftsziele dabei im Sinne
-haben. Eine solche Einigung thut aber dringend Noth, wenn überhaupt
-demnächst etwas zu Stande kommen soll. Die thatsächliche Verwirklichung
-der vollen Einheitsschule wird auf der <em class="gesperrt">nächsten</em> Stufe der
-Reform überhaupt noch nicht in’s Auge gefasst<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[&ndash; 193 &ndash;]</a></span> werden können, sondern
-erst für eine spätere Stufe, wenn im Gymnasium der Rollentausch des
-Griechischen und Lateinischen vollzogen sein wird und die Stundenzahl
-des Lateinischen allmählich auf ein Minimum herabsinkt. Das Ziel einer
-Beibehaltung des Griechischen für <em class="gesperrt">alle</em> Schüler scheint mir
-nur dann erreichbar, wenn das Griechische in der Hauptsache zu der
-<em class="gesperrt">einzigen</em> in der Schule getriebenen alten Sprache wird.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="XIII_Der_Buecher_Noth">XIII.<br />
-Der Bücher Noth.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der wichtigste Faktor für die Steigerung der wissenschaftlichen Bildung
-ist die wissenschaftliche Literatur, wie der wichtigste Faktor für
-ihre Erhaltung der wissenschaftliche Unterricht (auf höheren und
-Hochschulen) ist. Seine hervorragende Stellung im wissenschaftlichen
-Wettkampf der Völker verdankt Deutschland neben der Tüchtigkeit seiner
-Schulen und Hochschulen wesentlich dem Umfang und der Bedeutung seiner
-wissenschaftlichen Literatur. Weil die jährliche Bücherproduction
-Deutschlands grösser ist als diejenige von Frankreich und England
-zusammengenommen, darum kann auch jährlich eine grössere Zahl
-hervorragender Erscheinungen auf dem deutschen Büchermarkt gefunden
-werden als auf dem französischen oder englischen, während die übrigen
-Nationen als Konkurrenten auf dem Gebiete der Wissenschaft noch wenig
-in Betracht kommen.</p>
-
-<p>In neuerer Zeit treten Erscheinungen hervor, welche die gedeihliche
-Fortentwickelung der wissenschaftlichen Literatur in Deutschland in
-Frage stellen; und diese Gefahr ist wichtig genug, um ihren Ursachen
-und ihrer Bekämpfung einige Aufmerksamkeit zu widmen. Der Absatz auch
-der wirklich werthvollen wissenschaftlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[&ndash; 194 &ndash;]</a></span> Bücher, die nicht gerade
-Unterrichtsbücher oder billige Popularisirungen sind, wird immer
-geringer, so dass er oft kaum ein Drittel der Kosten deckt, und in
-Folge dessen wird für die Autoren die Schwierigkeit, einen Verleger
-zu finden, immer grösser. In England und Frankreich ist das Publikum
-mit literarischen Interessen durchschnittlich auch wohlhabend genug,
-dieselben durch Bücherkauf zu befriedigen; in Deutschland welches
-überhaupt an Wohlhabenheit sehr zurücksteht, sind Wohlhabenheit
-und wissenschaftliche literarische Interessen an ganz verschiedene
-Stände vertheilt. Aber dieser Unterschied der nationalen Kaufkraft
-und der Kaufkraft der wissenschaftlich interessirten Stände zwischen
-Deutschland und andren Ländern hat immer bestanden und doch früher
-nicht eine gewisse Blüthe der wissenschaftlichen Literatur verhindert,
-während jetzt bei steigender Wohlhabenheit des Volkes die Neigung zum
-Ankauf wissenschaftlicher Werke und belletristischer Novitäten im
-Publikum immer mehr zurückgeht. Die Verleger können nicht anders, als
-diesen Verhältnissen bei ihren Unternehmungen Rechnung tragen, und
-die Schriftsteller haben durchaus Unrecht, wenn sie über die Verleger
-klagen, die doch eben nur Geschäftsleute sind.</p>
-
-<p>Ich sehe die Gründe für die Abnahme des Ankaufs wissenschaftlicher und
-schöner Literatur in Folgendem:</p>
-
-<p>1. Die Abnahme der Mussezeit der Gebildeten und ihrer Fähigkeit,
-dieselbe mit Ernst und Sammlung zu benutzen, begünstigt eine Literatur,
-welche der Erholung und Zerstreuung dient, und benachtheiligt solche,
-die zur Lektüre eine gewisse Stetigkeit und Concentration verlangt.</p>
-
-<p>2. Das Ueberwuchern der politischen Interessen drängt diejenigen an
-Wissenschaft, Kunst <span class="nowrap">u. s. w.</span> in den Hintergrund und die zerstreuende
-und aufreibende<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[&ndash; 195 &ndash;]</a></span> Unruhe des modernen grossstädtischen Lebens (in
-Berufsarbeit und Geselligkeit) macht die Sammlung immer schwerer.</p>
-
-<p>3. Die Vertheuerung der städtischen Miethswohnungen und die zunehmende
-Häufigkeit der Umzüge machen einen grösseren Bücherbesitz zu einer
-immer wachsenden Last, vor deren Aufbürdung der Deutsche sich scheut,
-während erst das eigene Haus (wie in England) ein Behagen an eignen
-Büchern aufkommen lässt.</p>
-
-<p>4. Die aus der Steigerung der Setzerlöhne folgende Vertheuerung der
-Bücherpreise ist dem Sinken des Geldwerths beträchtlich vorausgeeilt
-und trägt dazu bei, vom Ankauf neuer Werke abzuschrecken; die Verleger
-erhalten einen zu geringen Theil des vom Publikum gezahlten Preises,
-weil der Zwischenhandel zu hohe Provisionen verschluckt.</p>
-
-<p>5. Das Anstandsbedürfniss an Bücherbesitz wird durch
-billige Klassiker-Ausgaben, Sammel- und Nachschlagewerke,
-populärwissenschaftliche Mark-Bibliotheken, Moderomane, gelegentliche
-Geschenkliteratur und unentbehrliche Hülfsmittel des Berufs befriedigt;
-meist wird auch der in der Wohnung verfügbare Raum durch dieselben
-erschöpft.</p>
-
-<p>6. Die für Lektüre verfügbare Zeit wird durch das Bestreben, in der
-eigenen Berufswissenschaft nothdürftig auf dem Laufenden zu bleiben,
-durch eine Zeitung, einen Journalcirkel und die neuesten Moderomane,
-meist vollständig ausgefüllt, ohne dass Lust und Zeit zur Lektüre
-wissenschaftlicher Originalwerke übrig bleibt.</p>
-
-<p>7. Die Gewöhnung an Journal- und Zeitungslektüre verdirbt den Geschmack
-und die Fähigkeit zum Lesen zusammenhängender Werke, und schon rückt
-auch uns Deutschen die Zeit näher, wo der „Leitartikel“ bereits als
-eine zu grosse Zumuthung an das Koncentrationsvermögen<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[&ndash; 196 &ndash;]</a></span> gilt und in ein
-Mosaik von „Entrefilets“ aufgedröselt wird.</p>
-
-<p>Gegen die Verringerung der Mussezeit durch Steigerung der
-Berufsansprüche giebt es ebenso wie gegen das Hinzutreten der
-politischen Pflichten kein Auskunftsmittel, als dass die Jugend ihre
-Zeit bis zur vollen Inanspruchnahme ihrer Kräfte durch den Beruf
-fleissig zu ihrer allgemeinwissenschaftlichen Geistesbildung benutzt
-und ihre Betheiligung an politischen Angelegenheiten bis zu erlangter
-Bildungsreife (also etwa in die dreissiger Lebensjahre) vertagt. Bis
-der städtischen Wohnungsmisère durch gesetzliche Verhinderung der
-Baustellenspekulation abgeholfen wird, wird noch viel Wasser in’s
-Meer laufen; bis dahin muss eine reichliche Dotation der vorhandenen
-staatlichen und städtischen Bibliotheken sowohl dem Publikum wie dem
-Verlagsbuchhandel zu Hülfe kommen und an den betheiligten Stellen das
-Bewusstsein geweckt werden, wie richtig eine derartige Dotation für
-die Erhaltung und Förderung der wissenschaftlichen Nationalliteratur
-ist. Wie der Romanverlag grösstentheils nur von den Leihbibliotheken
-lebt, so könnte der wissenschaftliche Verlag in der Hauptsache von
-den wissenschaftlichen Bibliotheken leben, wenn diesen nur die
-Mittel zur Verfügung gestellt würden, um ihre Kulturaufgabe für die
-Nation in doppelter Hinsicht (kaufend und ausleihend) zu erfüllen.
-Die Verleger müssten an alle öffentlichen Bibliotheken direct zum
-Buchhändlernettopreis liefern, da der Gewinn des Zwischenhändlers hier
-gar keinen Sinn hat und blos kulturschädlich wirkt; dagegen müsste
-der unbillige Zwang zur Lieferung von Pflichtexemplaren den Verlegern
-abgenommen werden.</p>
-
-<p>Auch dem Publikum müsste die Möglichkeit eröffnet werden, direkt mit
-den Verlegern in Verbindung zu treten und die Distributionsspesen
-zu ersparen, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[&ndash; 197 &ndash;]</a></span> es keine Bemühungen des Distributeurs
-(Sortimentsbuchhändlers) in Anspruch nimmt. Dies ist ausführbar durch
-Bildung eines Literaturbezugsvereins, der als Sortimentsbuchhandlung
-in’s Handelsregister eingetragen wird und den Mitgliedern nur die
-wirklichen Auslagen als Aufschlagsprovision berechnet. Gründlicher
-freilich wäre die Abhilfe, wenn die Post ebenso die Bücherspedition
-wie die Zeitungsspedition übernähme, neben dem periodischen
-Postzeitungskatalog einen periodischen Postbücherkatalog zu billigem
-Abonnement herausgäbe und ein Centralbücheramt zur Beantwortung
-von Anfragen und zur Ergänzung ungenauer Bestellungen einrichtete.
-Bücherbezug zur Ansicht auf bestimmte Frist würde auch beim
-Postbuchhandel unter Hinterlegung des Preises als Pfand ganz wohl
-möglich sein, und nur die <em class="gesperrt">unverlangten</em> Büchersendungen zur
-Ansicht würden in Wegfall kommen, welche ich wegen ihres zerstreuenden
-Einflusses für überwiegend schädlich halte; der grösste Gewinn des
-Buchhandels aber würde meines Erachtens bei der Vermittelung durch
-die Post in der Beseitigung des verderblichen Kreditwesens liegen.
-So wenig die Kreis- und Gemeinde-Sparkassen durch Postsparkassen
-vernichtet werden können, ebenso wenig der Sortimentsbuchhandel
-durch den Postbuchhandel; aber eine Einschränkung der Zahl der
-Sortimentsbuchhandlungen, die seit der Gewerbefreiheit das vorhandene
-Bedürfniss weit überschritten hat, könnte dem Buchhandel nur von Nutzen
-sein. Schon das Antiquariat würde den Fortbestand selbstständiger
-Buchläden sichern, noch weit mehr aber das Bedürfniss vieler Käufer
-nach persönlicher Rücksprache und mündlicher Auskunft, so wie der
-Wunsch, die Auswahl der Ansichtsendungen von einem Dritten getroffen zu
-sehen; solche Käufer werden auch ferner bereit sein, dem Sortimenter
-für seine Mühwaltung die bisherige höhere Provision zu<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[&ndash; 198 &ndash;]</a></span> zahlen. Soll
-der Postbuchhandel durch seine Vorzüge die relative Benachtheiligung
-des bestehenden Sortimentsbuchhandels wett machen, so müssen seine
-Vortheile lediglich dem Publikum, nicht der Post zu Gute kommen,
-d. h. die Post darf von Kunden nur den Buchhändlernettopreis für
-Baarbezug ohne jeden Gewinnaufschlag erheben und muss sich ihrerseits
-mit dem Porto für den Bestellzettel (3 Pfennig), dem Streifband- oder
-Paket-Porto für die gelieferten Bücher und einer eventuellen Gebühr
-für Auskunftsertheilung (etwa 5&ndash;10 Pfennig) begnügen. Ein solcher
-Postbuchhandel würde auch den bemittelteren Schriftstellern den
-lohnenden Selbstverlag ihrer Werke ermöglichen, während jetzt etwa
-die Hälfte der vom Publikum für seine Werke wirklich gezahlten Summen
-in den Händen der Sortimentsbuchhändler und des Kommissionsverlegers
-hängen bleibt. Für unbemittelte Autoren müsste dann noch ein Verein
-hinzutreten, welcher die eingesandten Manuscripte gegen beizufügende
-Prüfungshonorare beurtheilen lässt und die werthvoll befundenen auf
-eigene Kosten veröffentlicht; die Deckung der Kosten würde theils aus
-den Beiträgen der Mitglieder erfolgen, welche die Publikationen des
-Vereins dafür erhalten, theils aus dem Absatz an Bibliotheken und an
-das Privatpublikum vermittelst des Postbuchhandels. Sehr wünschenswerth
-wäre allerdings die Lösung der technischen Aufgabe, für Herstellung
-kleiner Auflagen (von 100 bis 500 Exemplaren) ein Verfahren zu finden,
-das erheblich billiger als der Letternsatz wäre und doch dem Auge die
-gewohnte Form der grossen und kleinen Druckbuchstaben darböte.</p>
-
-<p>Die Gefahr, welche in dem erdrückenden Einfluss der Zeitungen und
-Journale liegt, muss auf doppeltem Wege bekämpft werden. Die Jugend
-muss begreifen, dass sie mit der Hingabe an den flüchtigen Reiz
-dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[&ndash; 199 &ndash;]</a></span> Lektüre ihre Seele verkauft, <span class="nowrap">d. h.</span> auf die gründliche und
-allseitige Ausbildung ihres Geistes verzichtet; die Aelteren aber
-müssen selbst aufhören, der periodischen Literatur aus Bequemlichkeit
-einen Werth beizulegen, den sie nicht verdient, müssen sie als ein
-nothwendiges Uebel betrachten und namentlich die Tagespresse mit der
-gebührenden Missachtung behandeln, damit die Jugend nicht durch den
-Nachahmungstrieb verführt werde, mit derselben ihre kostbare Mussezeit
-zu verderben. Die gebildete Jugend bis zu 30 Jahren soll ebensowenig
-Zeitung lesen, wie Politik treiben, sondern alle ihre zur Lektüre
-verfügbare Zeit auf Bücher verwenden; der Schnee vom vergangenen
-Jahr ist nicht wesenloser als der Inhalt der Zeitung von gestern.
-Die Jugend soll aber auch keine Journale lesen, weil solche nur die
-Aufgabe haben, den auf ein gewisses fertiges Bildungsniveau Gelangten
-auf dem Laufenden zu erhalten, aber nicht geeignet sind, eine noch
-fehlende Bildung zu vermitteln. Sie sind um so weniger schädlich, je
-zusammenhängendere und umfangreichere Abhandlungen sie darbieten,
-je ähnlicher sie also dem Buche werden, und um so schädlicher, je
-mehr sie sich dem Charakter der Zeitung annähern. Die reifen Männer
-sollen zu der Einsicht gelangen, dass man die „grossen“ Tageszeitungen
-bekämpfen und die „kleinen“ kurzen Blätter begünstigen muss, und zwar
-um so mehr, je weniger sie einer bestimmten Partei dienen und je mehr
-sie sich bemühen, die wichtigeren Thatsachen der Tagesgeschichte und
-die wichtigeren Urtheile über dieselben in unparteiischer Kürze zu
-registriren. Von Journalen aber sollen sie nur soviel in ihr Haus
-kommen lassen, als nothdürftig ausreicht, sie auf dem Laufenden zu
-erhalten und namentlich sie auf wichtige Erscheinungen der Literatur
-hinzuweisen. Dann aber soll auch der beschäftigste und angespannteste
-Mann nicht unter<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[&ndash; 200 &ndash;]</a></span>lassen, an freien Sonntagen oder in Ferienzeiten
-persönlich zu den Quellen hinabzusteigen, aus denen der Geist der
-nationalen Kultur sich verjüngt, <span class="nowrap">d. h.</span> zu den Originalwerken der
-Forscher, Denker und Dichter.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="XIV_Die_epidemische_Ruhmsucht_unserer_Zeit">XIV.<br />
-Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry-container-right s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Die That ist alles, nichts der Ruhm.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft10"><em class="gesperrt">Goethe.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Lieber Leser! Hoffentlich bist Du nicht berühmt; aber vielleicht
-wünschest Du es zu werden, und wenn Du zu alt bist, um es für Dich
-selbst zu wünschen, so erhoffst Du es vielleicht für Deine Söhne,
-Schwiegersöhne oder Enkel. Lieber Leser, lass dich warnen, ehe es zu
-spät ist. Es gibt ja so Manches auf der Welt, wonach die Menschen sich
-sehnen, und dessen Schattenseiten sie erst kennen lernen, wenn sie
-es erreicht haben; aber der Ruhm ist unter allen diesen Prellereien
-die schlimmste, weil seine Schattenseiten am wenigsten bekannt und
-beachtet sind. Darum gestatte mir, Dir eine kleine Auswahl derselben
-vorzuführen, und wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so wird Deine
-Zufriedenheit nicht ohne Zuwachs geblieben sein, wenn Du aus ihnen
-gelernt hast, Gott zu danken, dass Du nicht berühmt bist.</p>
-
-<p>Die wenigsten Köpfe vertragen den Weihrauchduft des Ruhmes, ohne
-davon umnebelt zu werden und das Gleichgewicht vernünftiger
-Selbstbeurtheilung zu verlieren. Die liebenswürdige Bescheidenheit
-schwindet und macht einer dünkelvollen Eitelkeit Platz; wo aber vorher
-schon Eitelkeit bestand, liegt die Gefahr des Ueberschnappens nahe. Der
-Mensch wird empfindlich, wo ihm die Anerkennung vorenthalten bleibt,
-auf welche er<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[&ndash; 201 &ndash;]</a></span> durch seinen Ruhm ein Recht erworben zu haben wähnt; er
-wird anspruchsvoll und pocht auf den schuldigen Tribut von Huldigungen.
-Seiner gewöhnlichen Umgebung von Familie und Freunden glaubt er sich
-nun enthoben und entrückt in eine höhere Sphäre des Daseins; indem er
-sich ihnen gegenüber ein höheres und besseres Menschenwesen dünkt, wird
-der vorher Fügsame besserwisserisch und herrschsüchtig und dadurch
-unliebenswürdig. So werden nicht nur Sitten und Manieren, sondern
-selbst Gemüth und Charakter verdorben und die intimsten Beziehungen
-vergiftet. Die näher Stehenden sehen mit Bedauern diese Veränderung,
-die Nächsten leiden darunter; die alten Freunde ziehen sich halbwegs
-zurück, auch wenn sie den Erfolg gönnen, oder fallen ganz ab, wenn sie
-ihn missgönnen und beneiden.</p>
-
-<p>Nur seltenen Ausnahmenaturen, die schon vorher ein klares und sicheres
-Urtheil über sich selbst, ihr Vermögen und den Werth ihrer Leistungen
-besassen und gewohnt waren, das Urtheil der Menge ihrem eigenen
-gegenüber stolz zu missachten, nur solche werden ungeschädigt an ihrem
-Innersten die Probe des Berühmtwerdens bestehen. Aber wie können sie
-erwarten, dass die Welt an eine solche ausnahmsweise Veranlagung
-glauben soll? Mögen die nächsten Freunde und Angehörigen diesen Glauben
-besitzen und durch die tägliche Erfahrung bestätigt sehen, so werden
-doch die neidischen Freunde ein solches menschliches Verdienst zu dem
-missgönnten Ruhm hinzu einzuräumen wenig geneigt sein, und ferner
-Stehende oder neue Bekanntschaften werden stets mit dem Vorurtheil
-behaftet sein und bleiben müssen, dass die gewöhnlichen und so schwer
-vermeidlichen Fehler der Berühmtheit auch in diesem Falle vorliegen und
-vielleicht nur aus Klugheit etwas geschickter als gewöhnlich verhüllt
-werden. So<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[&ndash; 202 &ndash;]</a></span> legt der Ruhm auf alle rein menschlichen Beziehungen seinen
-erkältenden Reiffrost, bei Allen, die es verdienen und die es nicht
-verdienen.</p>
-
-<p>Von den bescheidenen, zurückhaltenden, feinfühligen, harmlosen, in sich
-befriedigten Naturen wird der Berühmte gescheut und gemieden, von den
-unbescheidenen, zudringlichen, eitlen Menschen, die gern mit berühmten
-Bekanntschaften prahlen, wird er aufgesucht. Wenn ohnehin schon ein
-„Mensch“ mit der Laterne gesucht werden muss, so muss der Berühmte sich
-zehnfache Mühe geben, einen zu finden; noch mehr Noth hat er aber, sich
-derer zu erwehren, an denen ihm nichts gelegen sein kann. Die Menschen
-können sich so schwer denken, dass ein Mann, der seinen Ruhm verdient,
-doch zunächst auch ein Mensch sein muss und in höherem Grade als andre
-ein solcher, dem nichts Menschliches fremd ist, bei dem also auch alle
-menschlichen Interessen sicher sind, einen Widerhall zu wecken. Statt
-dessen sind die Bescheidenen und Feinfühligeren, wenn der Zufall sie
-mit einem Berühmten zusammenführt, meist doppelt zurückhaltend und
-still aus Furcht, nicht geistreich und bedeutend genug, oder auf dem
-Specialgebiet des Betreffenden nicht bewandert genug zu erscheinen; die
-Andern aber plagen ihn mit verständnisslosen Fragen und Bemerkungen,
-durch welche sie ihr ungewöhnliches Interesse und Verständniss für
-die fragliche Specialität zu bekunden glauben. In Gesellschaft wie
-in der Sommerfrische wird der Berühmte, wenn er nicht selbst ein
-Eitelkeitsnarr ist, bald nur noch den einen Wunsch haben, sich vor
-dem erkältenden und isolirenden Nimbus des Ruhmes durch Incognito zu
-retten; aber dieses Mittel ist selten anwendbar und jedenfalls hilft es
-nicht gegen die Belästigungen zu Hause.</p>
-
-<p>Da kommen die Besucher aus Neugier, die befriedigt wieder abgehen, wenn
-sie konstatirt haben, dass<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[&ndash; 203 &ndash;]</a></span> der Herr X. seinem Porträt ähnlich sieht;
-aber diejenigen Personen, deren Bekanntschaft aus sachlichen Interessen
-gerade am erwünschtesten und für beide Theile am erspriesslichsten
-wäre, wagen leider aus Bescheidenheit oft nicht, die Schwelle der
-Berühmten zu überschreiten. Dass er von wirklichen oder angeblichen
-Fachgenossen aufgesucht wird, um Almosen und Unterstützung, Rath und
-Hülfe zu finden, mag noch hingehen, da es neben der meist zwecklosen
-Belästigung doch auch in Ausnahmefällen Gelegenheit gibt, sich nützlich
-zu machen; die allerunsinnigste Belästigung aber ist die durch
-Autographensammler, welche sich nicht mit den in Autographenalbums
-facsimilirten Schriftzügen begnügen wollen, sondern die Eitelkeit
-haben, möglichst viel Originalhandschriften zu sammeln. Wer aus
-Furcht, sich unbeliebt zu machen, einige Mal auf solche Zumuthungen
-eingegangen ist, der wird überhäuft mit brieflichen Aufforderungen;
-wer alle Gesuche um Autographen (mit Ausnahme der für wohlthätige
-Zwecke bestimmten), wie es das einzig Richtige ist, in den Papierkorb
-wirft, der wird durch allerlei Finten überlistet, <span class="nowrap">z. B.</span> durch
-fingirte Unterstützungsgesuche, oder die noch beliebtere Methode der
-Bitte um Rath kurz vor dem angeblich beabsichtigten Selbstmord. Der
-Autographensammler scheut sich niemals, sich für einen glühenden
-Verehrer des Angebettelten auszugeben, auch wenn er dessen Leistungen
-nicht anders als von Hörensagen kennt; ebenso findet man auch unter
-denjenigen, welche sich nach der persönlichen Bekanntschaft drängen,
-selten einen, der es der Mühe werth gefunden hätte, zunächst die so
-viel leichter zu erlangende genauere Bekanntschaft mit dem Besten,
-was die Person zu geben hat, mit der Reihe ihrer Thaten oder Werke zu
-machen.</p>
-
-<p>Die Störung der Unbefangenheit im persönlichen Verkehr erstreckt
-sich noch über den mündlichen hinaus<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[&ndash; 204 &ndash;]</a></span> auf den brieflichen. Der
-widerwärtige Personenkultus dieses Jahrhunderts, welcher allemal im
-umgekehrt proportionalen Verhältniss zu dem Ernst und der Tiefe des
-sachlichen Interesses steht, hat es fertig gebracht, dass keine private
-Mittheilung eines berühmten Mannes vor der Veröffentlichung nach dem
-Tode, ja wohl gar bei Lebzeiten, mehr sicher ist. Der Eitle mag daraus
-den Antrieb entnehmen, auch seine Privatbriefe so abzufassen, wie er
-sie für ein künftiges Publikum wünscht; wem aber solche Exposition in
-Schlafrock und Nachtmütze zum Ekel ist, der wird seine Korrespondenz
-auf die nothdürftigsten trocknen Thatsachen beschränken, und die
-Verkümmerung eines berechtigten Gebietes des gemüthlichen Privatlebens
-bitter empfinden.</p>
-
-<p>Sofern die Thaten und Werke des Menschen bestimmte Tendenzen
-verfolgen (was eigentlich nur bei Künstlern nicht der Fall &mdash; sein
-sollte) werden diese Absichten und Ziele stets der Verkennung und
-der Missdeutung von ihren Gegnern wie vom blossen Missverstand
-ausgesetzt sein; es bilden sich bald zu Anfang falsche Meinungen und
-Stichworte (wie <span class="nowrap">z. B.</span> Grillparzer während eines ganzen langen Lebens
-ein „Schicksalstragödiendichter“ hiess), welche durch keine Bemühungen
-von Seiten des Verkannten auszurotten sind. Wenn seine Werke nicht
-zugleich der vergnüglichen Unterhaltung dienen, so verleiht der Ruhm
-nicht einmal, wie er doch billiger Weise sollte, den Rechtsanspruch,
-die späteren Leistungen, welche erst das Gesammtbild vervollständigen
-und den ersten Eindruck berichtigen können, auch nur beachtet zu sehen.
-Das Publikum ist nur zu geneigt zu glauben, dass ein erstes, Ruhm
-begründendes Fahnenwerk auch die Leistungsfähigkeit seines Urhebers in
-der Hauptsache erschöpfe und dass es nicht der Mühe werth sei, darauf
-hinzuhören, was ein solcher Autor sonst noch zu sagen haben könne
-(man denke <span class="nowrap">z. B.</span> an<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[&ndash; 205 &ndash;]</a></span> Strauss). Den einzigen reellen Vortheil, den der
-Ruhm seinem Besitzer gewähren könnte und sollte, enthält er ihm somit
-auch noch vor, wenigstens in Deutschland, da das Ausland in dieser
-Hinsicht der Ehrenpflichten gegen seine hervorragenden Männer besser
-eingedenk ist. Dagegen muss der Kelch des Verdrusses über unbelehrbare
-Vorurtheile und ohrenverschliessenden Missverstand bis zur Hefe
-geleert werden. Dass die Ungerechtigkeit des Urtheils bei sachlicher
-Verkennung selten stehen bleibt und nur zu häufig auch die Person und
-deren Privatleben in den Kreis ihrer Angriffe mit hineinzieht, ist
-ebenso bekannt, wie dass es nur wenigen öffentlichen Persönlichkeiten
-erspart bleibt, Gegner und Feinde zu haben, welche die gutgläubige
-Verurtheilung durch eingemischte Einflüsterungen des Neides und
-Uebelwollens trüben und verbittern. Der Empfindliche wird an alledem
-eine nie versiegende Quelle der Kränkung und des Aergers haben, aber
-auch der Unempfindliche, der sich von dem Urtheil Anderer in ruhigem
-Stolze unabhängig weiss, wird doch Schmerz und Betrübniss über das
-mächtige Beharrungsvermögen des Vorurtheils und der Gleichgültigkeit
-und über die unausrottbare Existenz der Gesinnungsgemeinheit in der
-Welt fühlen.</p>
-
-<p>Ist der Berühmte ein ausübender Künstler, dessen Leistungen zugleich
-dem Zeitvertreib und dem Vergnügen dienen, so bemühen sich seine
-Bekannten, zu seinem Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) recht
-viel Billets unterzubringen und versäumen nicht, selbst hinzugehen und
-kräftigst zu applaudiren. Ist er dagegen ein Schriftsteller, gleichviel
-ob seine Schriften der Unterhaltung dienen oder nicht, so kaufen sie
-dieselben nur in dem besonderen Ausnahmefall, dass es gerade zeitweilig
-Mode ist, dieselben zu kaufen und zu verschenken; andernfalls muss
-der Autor riskiren, dass<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[&ndash; 206 &ndash;]</a></span> sie ihm übel nehmen, die Werke nicht von
-ihm geschenkt erhalten zu haben, unbekümmert darum, ob deren Verkauf
-nicht auch sein Benefiz (mit 50% Antheil am Reinertrag) darstellt.
-Dass man bei dem grössten Ruhm verhungern kann, wenn man nicht sonst
-eine reelle Einnahmequelle besitzt, und zwar um so leichter, je echter
-der Ruhm ist, das ist weltbekannt, ebenso dass der wahre und echte
-Ruhm meist langsam gewonnen und nur von denen erlebt wird, welche ein
-hohes Alter erreichen. Was aber hat der Mensch von einem Ruhm nach
-seinem Tode? Ist es da nicht ganz gleichgültig, ob der Nachruhm sich
-an den Namen heftet, den er im Leben trug, oder an einen falschen (<span class="nowrap">z.
-B.</span> Homer), oder ob er, wie <span class="nowrap">z. B.</span> bei dem Nibelungenliede, namenlos
-an den Werken haftet? Ist es nicht die Eitelkeit der Eitelkeiten,
-für seinen <em class="gesperrt">Namen</em> nach Nachruhm zu streben, von dem man selber
-gar nichts hat? Und selbst wenn der Berühmte steinalt wird und alle
-Jubiläen rite absolvirt, so muss er doch noch seinen echten Ruhm mit
-ebenso strahlendem falschen Ruhm unwürdiger Mitbewerber theilen,
-also des Ruhmes heilige Kränze als auf gemeinen Stirnen entweihte
-in Empfang nehmen. Manchmal verbindet sich aber auch falscher und
-echter Ruhm, so dass eine Person eine Zeit lang wegen gewisser den
-Zeitströmungen entgegenkommenden Nebeneigenschaften seiner Leistungen
-falschen Ruhm geniesst, welcher allmählich erblasst und das Aufkommen
-des wahren Ruhmes, den seine Leistungen nach ihrem tieferen Kerngehalt
-verdienten, mehr behindert als befördert; der Verdacht auf eine solche
-Verwickelung des Sachverhalts ist überall da begründet, wo ein Künstler
-oder Schriftsteller, dem man Anspruch auf wahren Ruhm nicht aberkennen
-möchte, schon in jüngeren oder mittleren Jahren berühmt war (man denke
-an Goethes Werther,<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[&ndash; 207 &ndash;]</a></span> Schillers Räuber, Schellings Naturphilosophie und
-ähnliche Beispiele).</p>
-
-<p>Wenn Du also, lieber Leser, Dich nicht abschrecken lassen willst,
-für Dich oder die Deinigen nach Ruhm zu streben, so nimm wenigstens
-den guten Rath an, nicht nach echtem, sondern nach falschem Ruhm zu
-streben, da nur der letztere Dir einige Aussicht gewährt, dass Du
-seine Vortheile an Ehre und materiellem Gewinn noch geniessen kannst.
-Willst Du aber den falschen Ruhm trotz seiner ideellen und materiellen
-Vorzüge verschmähen, bloss weil er auf unwahrem Grunde ruht, dann höre
-überhaupt auf, nach <em class="gesperrt">Ruhm</em> zu trachten, und trachte statt dessen
-<em class="gesperrt">nach werthvollen Leistungen</em>, ganz unbekümmert darum, ob und wann
-denselben die Anerkennung des Ruhmes zu Theil werden möge.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="XV_Der_Somnambulismus">XV.<br />
-Der Somnambulismus.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Erscheinungen des Somnambulismus sind von altersher bekannt, nicht
-nur diejenigen eines in Nervenkrankheiten spontan eintretenden, sondern
-auch diejenigen eines durch verschiedene Mittel <span class="nowrap">z. B.</span> betäubende
-Dämpfe, Schwindeldrehungen, Fasten, Fixiren eines nahen Blick-Punktes
-<span class="nowrap">u. s. w.</span> hervorgerufenen Somnambulismus. Die Seltenheit des spontanen
-Somnambulismus, die schädlichen Folgen des künstlich hervorgerufenen
-für den Organismus, die Verquickung des Somnambulismus mit allerlei
-Aberglauben und Mysticismus und die Schwierigkeiten einer Erklärung
-der Erscheinungen auf Grund der herrschenden materialistischen
-Naturanschauung haben jedoch bis vor ganz kurzer Zeit davon
-abgeschreckt, dieses Erscheinungs-Gebiet auf exakte Weise zu studiren.
-Die von der Pariser Akademie von<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[&ndash; 208 &ndash;]</a></span> 1825&ndash;1831 niedergesetzte Kommission
-gelangte nicht über die Konstatirung der Thatsachen hinaus, und selbst
-diese gerieth bald wieder in Vergessenheit oder wurde gar (durch
-Verwechselung mit dem Kommissionsbericht von 1784) in ihr Gegentheil
-entstellt. Erst das Aufsehen, welches die öffentlichen Schaustellungen
-des Magnetiseurs Hansen erregten, veranlassten einige deutsche
-Physiologen (insbesondere Heidenhayn), der Sache näher zu treten, und
-wenigstens die körperlichen Phänomene des Hypnotismus ausser Zweifel
-zu stellen. Bald darauf wurden von Preyer die Braid’schen Versuche
-und Schriften neu an’s Licht gezogen, welche einen durch Fixiren
-heller Punkte und ähnliche Mittel (also nicht durch einen Magnetiseur)
-hervorgerufenen Hypnotismus behandeln.</p>
-
-<p>Während die deutschen Gelehrten in den letzten Jahren sich kaum noch
-mit dem Gegenstande zu beschäftigen scheinen, hat er neuerdings in
-Frankreich zu sehr eingehenden und interessanten Untersuchungen
-geführt. So war <span class="nowrap">z. B.</span> Charcot der erste, welcher eine scharfe
-Unterscheidung zwischen den drei Hauptstufen des Hypnotismus oder
-Somnambulismus (der lethargischen, kataleptischen und im engeren Sinne
-somnambulen) einführte und die Symptomenkomplexe dieser drei Stufen
-genau definirte.<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> Diese Unterscheidung dürfte auch dann ihren
-Werth behalten, wenn man anerkennt, dass die Grenzen zwischen den
-drei Stufen keineswegs feste sind und öfters ein Ineinanderschieben
-und Durcheinanderfliessen der Symptome stattfinde. Zugleich
-veröffentlichte der Pariser Neurologe Richet seine langjährigen
-Erfahrungen, nach welchen die deutschen Physiologen im Unrecht
-sind, wenn sie die Action<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[&ndash; 209 &ndash;]</a></span> eines Magnetiseurs in allen Fällen für
-illusorisch erklären, weil sie für Erzeugung von Hypnotismus bei
-vielen Personen entbehrlich ist. Richet behauptet, dass seine
-magnetisirende Thätigkeit auf jeden Organismus, auch den stärksten,
-eine Einwirkung hinterlasse, die sich mindestens in einer Steigerung
-der Empfänglichkeit für künftige Versuche kundgibt, und dass er sich
-getraue, in einer aufeinanderfolgenden Reihe von Sitzungen schliesslich
-jedes Individuum ohne Ausnahme in einen somnambulen Zustand zu
-versetzen; er behauptet ferner, dass der durch magnetische Striche
-hervorgerufene Somnambulismus sich von dem durch Fixiren naher Punkte
-hervorgerufenen dadurch unterscheide, dass im ersteren die psychischen
-Erscheinungen, in letzterem die körperlichen (Lethargie, Katalepsie
-<span class="nowrap">u. s. w.</span>) vorwiegen. Ausserdem sind von Bernheim, Binet und Féré
-Liébault, Beaunis <span class="nowrap">u. a. m.</span> ausgedehnte Versuchsreihen mit Somnambulen
-vorgenommen worden, welche zu manchen neuen Aufschlüssen geführt haben,
-insbesondere in Bezug auf die Uebertragung der Aktivität aus einer
-Hirnhälfte in die andere und in Bezug auf die Umkehr der Zustände in
-ihre polaren Gegensätze, <span class="nowrap">z. B.</span> Aktivität in Lähmung, und Lähmung in
-Aktivität und die Erscheinungen des ausschliesslichen Rapports einer
-Somnambulen zu einem bestimmten Experimentator<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a>. Die deutschen
-Physiologen haben sich bisher weit mehr auf das Studium der in den
-niederen Graden des Hypnotismus vorwiegenden körperlichen Erscheinungen
-beschränkt, während die Franzosen bereits dem psychischen Phänomen des
-eigentlichen Somnambulismus näher getreten sind, ohne jedoch das Gebiet
-des Wunderbaren mehr als zu streifen. Die interessantesten<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[&ndash; 210 &ndash;]</a></span> Probleme
-harren deshalb bis jetzt ihrer wissenschaftlichen Behandlung, und sind
-nur erörtert von Mystikern und Popularphilosophen, welche kein Bedenken
-getragen haben, die phantastischen Personifikationen somnambuler
-Traumbilder als Realitäten aus einer anderen Welt gelten zu lassen.</p>
-
-<p>Carl du Prel hat sich der dankenswerthen Aufgabe unterzogen, die
-psychischen Probleme des Somnambulismus im Zusammenhang zu bearbeiten,
-wobei er sich von allem spiritistischen Aberglauben als von unlogischen
-Hypothesen vollständig freihält (S. 210, 434, vgl. 115, 186, 300),
-und sogar das Gebiet des eigentlichen Hellsehens vorläufig bei Seite
-lässt, um es einem besonderen Werk vorzubehalten. Durch den Titel<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>
-braucht sich also Niemand abschrecken zu lassen, denn der Verfasser
-erklärt ausdrücklich, dass es mystische Erscheinungen im eigentlichen
-Sinne gar nicht gibt, und Manches uns nur heute noch mystisch vorkommt
-(S. 386, 204). Gleichwohl kann ich den Titel nicht zweckmässig finden,
-weil ich nicht wie du Prel im Somnambulismus die „Grundform aller
-Mystik“ (399, 497) und in der Mystik nicht „das magische Verhalten des
-Menschen zu sich selbst“ (444) erkennen kann; ich verstehe vielmehr
-unter Mystik das gefühlsmässige Sicheinswissen des Menschen mit dem
-Absoluten, und sehe in der praktischen Pflege des Somnambulismus durch
-einen grossen Theil der religiösen Mystiker nur eine Verirrung, die auf
-einem Verkennen der eigentlichen Natur und Bedeutung des Somnambulismus
-beruht. Ich meine deshalb, der richtigere Titel des du Prel’schen
-Buches hätte lauten müssen: „Der Somnambulismus in seiner Bedeutung
-für Psychologie und Metaphysik.<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[&ndash; 211 &ndash;]</a></span>“ In der That wäre dieser Titel
-erschöpfend, denn was aus den Erscheinungsgebieten des gewöhnlichen
-Traumes und des wachen Gedächtnisses herangezogen ist, dient doch nur
-zum Vergleich und zur Erläuterung der somnambulen Erlebnisse.</p>
-
-<p>Auch du Prel nimmt als erwiesen an, dass Hypnotismus und Mesmerismus
-(oder thierischer Magnetismus) keineswegs sich deckende Begriffe
-von gleichem Umfang sind (155), und dass es irrthümlich ist, den
-hypnotischen oder somnambulen Zustand lediglich auf Vorgänge im
-Wahrnehmungs- oder Vorstellungsprocess des Versuchsobjekts zurückführen
-zu wollen. Zum Beweise führt er an, dass auch Schlafende, welche
-von den mit ihnen vorgenommenen Manipulationen nichts wissen, in
-Somnambulismus versetzt werden können und dass sogar der Schlaf die
-magnetische Einwirkung erleichtert (39&ndash;40); ferner, dass auch die
-Mimosa pudica ebenso durch Mesmerisiren wie durch Chloroformiren
-unempfindlich gemacht werden kann (156). Ich möchte hinzufügen,
-dass wir die dynamische Aktivität der Magnetiseure auch aus anderen
-Wirkungen kennen, <span class="nowrap">z. B.</span> aus den lokalen Einwirkungen auf menschliche
-Körpertheile, welche für die Hautempfindungen denjenigen einer
-schwachen Elektrisirmaschine gleichen, ferner auf das Elektroskop
-und die Magnetnadel, und dass in einem sensitiven Nervensystem schon
-Electricitäten von minimaler Spannung starke Abänderungen in der
-Vertheilung der Innervationsintensität hervorrufen, wie die Versuche
-an Hysterischen mit halbseitiger Anästhesie des Körpers beweisen.<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>
-Dass auch der Stahlmagnet gewaltige Einwirkungen auf die Vertheilung
-der Innervationsenergie in den Centralorganen ausübt, ist durch die
-oben angeführten Versuche von Binet<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[&ndash; 212 &ndash;]</a></span> und Féré erwiesen, veränderte
-Anwendungsarten werden ohne Zweifel noch andre Verschiebungen der
-Innervationsenergie kennen lehren und damit dem Verständniss der Art
-und Weise, wie der Einfluss des Magnetiseurs die gleiche Wirkung
-hervorbringt, näher führen. Es ist anzunehmen, dass jeder Mensch in
-irgend welchem Grade die Fähigkeit, andere zu magnetisiren, besitzt,
-dass aber die Herrschaft über dieselbe nur durch Uebung zu gewinnen
-ist, weil diese Fähigkeit nicht in dem Organ der bewussten Willkür
-ihren Sitz hat, sondern nur indirekt durch Impulse des bewussten
-Willens in anderen niederen Centralorganen aufgelöst wird. Damit stimmt
-überein, dass Somnambule, deren Willkürorgan ausser Funktion gesetzt
-ist, eine besonders starke Fähigkeit zum Magnetisiren Dritter, ja sogar
-ihres Magnetiseurs gewinnen, auch wenn sie dieselben im wachen Zustand
-nicht besitzen oder beherrschen (274). Es ist ferner zu beachten, dass
-fortdauernde Bethätigung der magnetischen Kraft den Menschen angreift
-und entkräftet (250), woraus folgt, dass der Magnetiseur wirklich
-organische Kraft bei seiner Thätigkeit konsumirt. Es ist endlich zu
-berücksichtigen, dass die elektrischen Apparate der Zitter-Rochen und
--Aale nur Gruppen von Ganglienzellen sind, und dass jede Ganglienzelle
-in irgend welchem Maasse die Eigenschaft besitzen muss, welche hier
-durch Differenzirung ausgebildet ist.</p>
-
-<p>Ob das im thierischen Magnetismus wirksame dynamische Agens mit
-einer der uns bekannten Naturkräfte identisch ist, oder ob es
-eine noch unerforschte neue Proteus-Gestalt der einheitlichen
-Naturkraft ist, welche bloss elektrische, magnetische, thermische und
-nervenphysiologische <em class="gesperrt">Begleit</em>erscheinungen hervorruft, das dürfte
-vorläufig schwer zu entscheiden sein, doch neige ich der letzteren
-Auffassung zu, so dass der Bezeichnung<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[&ndash; 213 &ndash;]</a></span> „thierischer Magnetismus“
-oder „organische Electricität“ nur ein uneigentlicher Sinn beiwohnt.
-Ebenso vorsichtig wie in der Gleichsetzung der mesmerischen Funktion
-mit physikalischen Kräften muss man aber auch sein, sie mit besser
-bekannten organischen psychischen oder gar metaphysischen Potenzen
-zu identificiren, wie wenn <span class="nowrap">z. B.</span> du Prel sie mit der Naturheilkraft
-gleichsetzt (239), wozu die etwaigen heilsamen Nebenwirkungen der durch
-sie hervorgerufenen somnambulen Zustände noch lange keine Berechtigung
-geben.</p>
-
-<p>Du Prel hat sich in diesem Punkte, wie leider in manchen andern, durch
-Schopenhauers Ansichten bestimmen lassen, von welchem Denker seine
-gesammte Weltanschauung mehr als von irgend einem andern abhängig ist.
-Schopenhauer nimmt an<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>, dass der Somnambulismus nur ein tiefer und
-vollkommener Schlaf sei, dass er deshalb heilsamer als der gewöhnliche
-Schlaf sei und von der Naturheilkraft absichtlich herbeigeführt
-werde. Er glaubt ferner, dass Wahrträume auch im gewöhnlichen tiefen
-Schlafe häufig sind, und der Somnambulismus nur diese Wahrträume
-offenbare. Alle scheinbaren Sinneswahrnehmungen der Somnambulen hält
-er für Wahrträume, welche die Vermittelung der Sinneswerkzeuge nur
-vorspiegeln. In Bezug auf die physiologische Erklärung des somnambulen
-Zustandes verwirft er mit triftigen Gründen die Annahme, dass das
-Gangliensystem an Stelle des Gehirns funktionire, und hält an der
-Unentbehrlichkeit der Gehirnfunktion fest, worin ihm du Prel leider
-nicht gefolgt ist; seine Theorie einer Umkehrung der Richtung der
-Gehirnfunktion durch Rollentausch der grauen und weissen Substanz ist
-dagegen physiologisch ganz unhaltbar<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[&ndash; 214 &ndash;]</a></span> und ist auch von keiner Seite
-vertheidigt worden.</p>
-
-<p>So wenig der Somnambulismus mit dem gewöhnlichen Schlaf zu verwechseln
-ist, ebenso wenig ist er, wie du Prel meint (173), ein tieferer Schlaf
-als der gewöhnliche, <span class="nowrap">d. h.</span> bloss graduell von demselben verschieden.
-Obschon Uebergangsformen zwischen beiden stattfinden und einige
-Merkmale ihnen gemeinsam sind, sind sie doch specifisch verschieden; in
-manchen Beziehungen erscheint der Schlaf als Zwischenzustand zwischen
-Somnambulismus und Wachen, in andern erscheint der Somnambulismus
-als Mittelzustand zwischen Schlaf und Wachen. Du Prel, welcher
-nur die erstere, und Wirth (40), welcher nur die letztere Ansicht
-gelten lässt, haben daher Beide Recht und Unrecht. Der somnambule
-<em class="gesperrt">Traum</em> erscheint in der That gegenüber dem gewöhnlichen als ein
-<em class="gesperrt">gesteigerter</em> Traum, aber der somnambule <em class="gesperrt">Schlaf</em> gleicht
-mehr dem Verhalten im <em class="gesperrt">wachen</em> Zustande als im gewöhnlichen Schlaf.</p>
-
-<p>Das gewöhnliche Traumbewusstsein ist durch eine bessere
-Erinnerungsbrücke mit dem wachen Bewusstsein verbunden als das
-somnambule und kann zwischen diesen beiden als verknüpfendes Mitglied
-eintreten. Je näher das somnambule Traumbewusstsein dem gewöhnlichen
-Traume steht, desto leichter reichen Erinnerungen aus demselben
-in’s wache Bewusstsein hinüber; je mehr es sich in sich vertieft,
-desto schwerer wird die Erinnerung an seinen Inhalt, am schwersten
-beim „Hochschlaf“, der nur durch das verknüpfende Mittelglied des
-gewöhnlichen Somnambulismus mit dem wachen Bewusstsein verbunden
-werden kann. Je mehr sich der Somnambulismus steigert, desto mehr
-steigern sich die Eigenthümlichkeiten, welche das Traumbewusstsein
-von dem wachen Bewusstsein unterscheiden: die Passivität des Willens,
-die Sinnlichkeit und Bildlichkeit der<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[&ndash; 215 &ndash;]</a></span> Vorstellungen, die Stärke der
-unwillkürlichen Phantasiethätigkeit, die Neigung zu dramatischer
-Spaltung des Ich, der Mangel an Besonnenheit und zielbewusster
-Stetigkeit, die Hyperästhesie des Gedächtnisses, die damit
-zusammenhängende Geschwindigkeit des Vorstellungswechsels, und endlich
-die Sensitivität des Gefühlslebens für natürliche Vorgänge innerhalb
-und ausserhalb des eigenen Organismus.</p>
-
-<p>Andererseits aber steigern sich auch einige solche Merkmale, durch
-welche das wache Leben sich vom Schlaf unterscheidet, erstens die
-Fähigkeit, vermittelst der Sinneswerkzeuge von der Aussenwelt Eindrücke
-zu empfangen und auf diese Eindrücke mit Reden und Handlungen
-sinngemäss zu reagiren, zweitens die Eigenthümlichkeit, dass die
-Erlebnisse der Zeitabschnitte des somnambulen Lebens wie diejenigen des
-wachen Lebens durch ihren Erinnerungszusammenhang ein geschlossenes
-Ganzes bilden, während die Träume der verschiedenen Nächte der Regel
-nach zusammenhangslose Bruchstücke bleiben und nur ausnahmsweise mit
-vereinzelten Erinnerungen ineinander übergreifen, und drittens der
-Umstand, dass die das somnambule Bewusstsein vermittelnden Theile des
-Centralnervensystems ebenso wie die das wache Bewusstsein vermittelnden
-der zeitweiligen Ruhe durch Schlaf bedürfen, wie der Wechsel von Schlaf
-und Wachen bei einem Wochen und Monate lang anhaltenden Somnambulismus
-beweist (332).</p>
-
-<p>Wenn eine Somnambule ihren häuslichen Verrichtungen obliegt, oder
-gar eine Rolle auf der Bühne tadellos durchführt, so wird Niemand
-bezweifeln, dass ihr Zustand dem Wachen ähnlicher ist, als dem Schlaf,
-trotzdem sich bei genauerer Untersuchung herausstellt, dass der
-Zustand ihres Bewusstseins in vielen Punkten als ein gesteigerter oder
-vertiefter Traumzustand zu betrachten ist. Beim Somnambulismus wird die
-Aehnlichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[&ndash; 216 &ndash;]</a></span> mit dem Wachen, beim Schlaf die Unähnlichkeit mit dem
-Wachen um so grösser, je tiefer er wird; je weniger tief Somnambulismus
-und Schlaf sind, desto ähnlicher sehen sie sich beide; je tiefer
-sie werden, <span class="nowrap">d. h.</span> je mehr sie ihre eigenartige specifische Natur
-hervorkehren, desto verschiedener und entgegengesetzter erscheinen sie.
-Der niedrigste Grad des Hypnotismus zeigt vollkommene Lethargie, also
-gar keinen Verkehr mit der Aussenwelt wie der Schlaf; erst im zweiten
-Grade, im kataleptischen Stadium öffnet sich das Ohr und die niedern
-Sinne, und erst im dritten Stadium, dem im engeren Sinne somnambulen,
-öffnen sich auch die Augen und beginnt jener vollständige Verkehr mit
-der Aussenwelt, der auf den ersten Anblick vom Verhalten einer wachen
-Person nicht zu unterscheiden ist.</p>
-
-<p>Der Schlaf hingegen wird dem Somnambulismus nur dann ähnlicher,
-wenn er im Begriff ist, in denselben überzugehen, <span class="nowrap">z. B.</span> in dem
-Sprechen und Handeln der Schlafenden; aber der sich selbst treu
-bleibende ruhige und tiefe Schlaf kennt solche Extravaganzen
-nicht, die schon einem gestörten Gleichgewicht des Nervensystems
-entspringen, wie der Somnambulismus auch. Es ist gleichgiltig ob, wie
-du Prel meint, der tiefe, oder, wie ich meine, der leichte Schlaf
-mehr dazu neigt, unruhig zu werden, <span class="nowrap">d. h.</span> in Uebergangsformen zum
-Somnambulismus hineinzugerathen, da man in beiden Fällen es schon mit
-zusammengesetzten Erscheinungen aus verschiedenen Gebieten zu thun
-hat; und ebenso gleichgiltig ist es für die hier behandelte Frage, ob
-der tiefe ruhige Schlaf traumlos ist oder nicht, ob mit anderen Worten
-nicht bloss das wache und das somnambule Bewusstsein im Schlafe Ruhe
-und Erholung geniesst, sondern die Bewusstseinsfunktion schlechthin.
-Letzteres kann wegen der beim Erwachen abreissenden Erinnerung
-niemals direkt konstatirt werden (43); du Prel’s indirekter<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[&ndash; 217 &ndash;]</a></span> Beweis
-für die Behauptung beruht aber auf einem Cirkelschluss, insofern er
-aus der vorausgesetzten Richtigkeit des Satzes folgert, dass auch
-der Somnambulismus im Wesentlichen nur ein vertiefter Schlaf sei,
-und hieraus dann wieder nach Analogie zurückschliesst, dass auch im
-natürlichen Schlaf ebenso wie im Somnambulismus das Erwachen des
-Traumbewusstseins proportional der Tiefe des Schlafes sein müsse
-(427, 32, 37). Nach meiner Ansicht hingegen wird schon durch das
-Ruhebedürfniss des somnambulen Bewusstseins und dessen Befriedigung im
-Schlafe zur Genüge erwiesen, dass auch die das somnambule Bewusstsein
-vermittelnden Theile des Centralnervensystems im tiefen Schlafe ruhen,
-so dass die dessen etwaige Träume vermittelnden Partien jedenfalls noch
-unterhalb der ersteren gesucht werden müssten.</p>
-
-<p>Worauf es hier ankommt, ist nur, zu konstatiren, dass der natürliche
-Schlaf ein gesunder normaler, für Wache und Somnambule gleich
-unentbehrlicher Erholungszustand, der Somnambulismus aber ein abnormer,
-pathologischer, schlechthin entbehrlicher Zustand ist, dass ferner der
-reine Schlaf mit wachsender Vertiefung den Schläfer immer mehr von
-der Aussenwelt abschliesst, der Somnambulismus dagegen mit wachsender
-Vertiefung den Somnambulen in eine dem wachen Zustand immer ähnlicher
-werdende sinnlich vermittelte Wechselbeziehung zur Aussenwelt setzt.
-Dies genügt, um einen <em class="gesperrt">specifischen Unterschied</em> beider Zustände
-festzustellen, und den Streit über die Stellung zwischen Wachen, Schlaf
-und Somnambulismus zu einem nebensächlichen zu machen.</p>
-
-<p>Ausser der Verwandtschaft des Somnambulismus mit dem wachen Zustand
-und dem gewöhnlichen Traum ist noch diejenige mit der Narkose und mit
-Nerven- und Geisteskrankheiten zu beachten. Die Narkotisirung durch
-Chloroform und Aether stimmt darin mit dem Somnambulismus<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[&ndash; 218 &ndash;]</a></span> überein,
-dass eine von der Peripherie nach dem Centrum fortschreitende Analgesie
-(Unempfindlichkeit für Schmerz) und scheinbar auch Anästhesie eintritt,
-dass das wache Bewusstsein schwindet und unwillkürliche Träume sich
-entfalten; ein ähnlicher Zustand der Analgesie trat auch bei den
-höchsten Graden der Folter manchmal ein, der dann der Hülfe des
-Teufels zugeschrieben wurde. Bei der Morphium- und Haschisch-Narkose
-ist die Analgesie weniger ausgesprochen, dafür aber das Traumleben
-gesteigert; insbesondere das Haschisch erzeugt eine Hyperästhesie
-des Gedächtnisses und eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufes,
-welche mit den gleichen Erscheinungen des somnambulen Traumlebens
-viel Aehnlichkeit hat. Alle Narkosen unterscheiden sich aber dadurch
-vom Somnambulismus, dass in ihnen für gewöhnlich und unter Ausschluss
-eines gleichzeitig eintretenden Somnambulismus der Verkehr mit der
-Aussenwelt abgeschnitten ist; nur eine unvollständige Narkose, welche
-noch einen Rest des wachen Bewusstseins übrig lässt, macht solchen
-Verkehr möglich. Auf der Verwandtschaft dieser narkotischen Zustände
-mit dem Somnambulismus beruht es, dass in nervösen Organisationen,
-die zum Somnambulismus neigen, derselbe durch narkotische Mittel
-hervorgerufen werden kann (Pythia, Hexenfahrten <span class="nowrap">u. s. w.</span>). Die Menge
-von Chloroform, die Jemand zur Narkose braucht, ist zugleich ein
-Gradmesser seiner Empfänglichkeit für magnetische Hypnotisirung, und
-die Blutbeschaffenheit eines hungernden Organismus erleichtert in
-gleichem Masse die Narkose wie das Magnetisiren und den spontanen
-Eintritt von Uebergangsformen zwischen Traum und Somnambulismus.</p>
-
-<p>Von den pathologischen Zuständen des Nervensystems bietet sich
-zunächst die konstitutionelle Sensitivität zum Vergleich dar. Während
-„Sensibilität“ die<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[&ndash; 219 &ndash;]</a></span> Reizempfänglichkeit der Empfindungsnerven
-bezeichnet, insoweit sie auf einem feinen Bau der Endorgane
-(Sinneswerkzeuge) beruht, bedeutet das Wort „Sensitivität“ eine
-abnorme Reizempfänglichkeit, welche nicht auf der Verfeinerung der
-Sinneswerkzeuge, sondern auf der Hyperästhesie der Empfindungsnerven
-und der ihre Eindrücke verarbeitenden Centralorgane beruht. Es giebt
-abnorme Naturen, welche bei vollem Tagesbewusstsein die unglaublichsten
-Dinge wahrnehmen, sowohl Vorgänge in ihrem eigenen Organismus, als
-dynamische Einflüsse der Umgebung, <span class="nowrap">z. B.</span> das Vorhandensein einer
-Katze im Zimmer, oder gewisse Krankheiten anwesender Personen, oder
-die relativen elektrochemischen Werthe einer Reihe von eingewickelten
-Stoffen. Es mag sein, dass eine gewisse Beschaffenheit des
-Nervensystems für alle Arten von Empfindungen die Reizempfänglichkeit
-erhöht; aber es ist doch durchaus nicht nöthig, dass die Sensitivität
-für Gefühls-, Geruchs-, Gehörs- und Gesichtsempfindungen immer Hand
-in Hand gehen, oder gar den gleichen Grad von Steigerung aufweisen
-muss. Die Thatsache, dass Sensitivität auch in dem gewöhnlichen wachen
-Bewusstseinszustand vorkommt, lässt erkennen, dass, wenn auch die
-abnormen Bewusstseinszustände (wie Traum, Somnambulismus, Irrsinn etc.)
-häufig mit Schwellenverschiebung verbunden auftreten, doch dieses
-Symptom weder ausreichend zu ihrer Charakterisirung heissen, noch als
-ausreichende Ursache ihres Eintritts angesehen werden kann.</p>
-
-<p>Der Somnambulismus zeigt eine Sensitivität insbesondere für
-Empfindungen des Gemeingefühls (122, 141), zum Theil auch für
-solche des Geruchs und Geschmacks (246, 389), wogegen das Gehör
-unverändert zu bleiben scheint und die Reizempfänglichkeit für
-Gesichtswahrnehmungen noch im zweiten, kataleptischen<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[&ndash; 220 &ndash;]</a></span> Stadium ganz
-aufgehoben ist und erst im dritten, somnambulen Stadium zugleich
-mit der nun auffällig erhöhten Hautempfindlichkeit wieder erwacht.
-Es ist also im Somnambulismus die Empfindungsschwelle der niedern
-Sinne emporgeschraubt, die der höheren theils unverändert, theils
-heruntergerückt, theils gesteigert, und es ist demnach ebenso ungenau
-von einer Herabsetzung der Empfindungsschwelle im Allgemeinen, wie von
-einem Geschlossensein der äusseren Sinne oder einem vom Sinnesapparat
-unabhängigen Bewusstsein in diesem Zustand zu reden (146, 441). Eine
-Verschiebung der Empfindungsschwelle findet zwar statt, aber für
-verschiedene Sinneswahrnehmungen in ungleichem Maasse und zum Theil
-sogar in entgegengesetztem Sinne, und keine Art von Sinneswahrnehmungen
-fehlt im eigentlich somnambulen Stadium des Hypnotismus ganz, weder die
-Tastempfindungen, welche zur Wahrung des Gleichgewichtes unentbehrlich
-sind, noch die Gesichtseindrücke, ohne welche ein Somnambuler sich
-in einer ihm unbekannten Umgebung unmöglich mit Sicherheit bewegen
-könnte. Eine Somnambule mit geöffneten Augen liest auf Befehl ein
-ihr vorgehaltenes Buch fliessend vor, während sie bei geschlossenen
-Augen auf den gleichen Befehl nur unverständliche Worte murmelt. Die
-Behauptung, dass sie nicht mit den geöffneten Augen, sondern etwa mit
-dem Sonnengeflecht läse, stünde logisch auf gleicher Stufe mit der,
-dass sie die Worte nicht mit dem Kehlkopf und der Zunge bilde, sondern
-mit dem Magen. Manche Somnambulen sind im Stande, mikroskopische
-Photographien mit blossem Auge zu erkennen, oder ein ihnen abgekehrtes
-Buch aus der Spiegelung im Auge des Magnetiseurs zu lesen; dies alles
-setzt eine hochgradige Steigerung der Gesichtsschärfe voraus. Auf
-den Einfall, dass eine Somnambule mit fest zugedrückten Ohren nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[&ndash; 221 &ndash;]</a></span>
-mehr mit dem Gehörorgan die Worte des vor ihr stehenden Magnetiseurs
-vernehme, konnte Schopenhauer nur darum kommen,<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> weil er nicht
-daran dachte, sich durch den Versuch zu überzeugen, dass man mit fest
-zugedrückten und verstopften Ohren noch ziemlich ebenso gut hört,
-wie mit offenen; für die leisesten Worte des, wenn auch entfernt
-stehenden Magnetiseurs kann ausserdem in dem Gehör der Somnambulen
-eine hochgradig verschärfte Wahrnehmungsfähigkeit vorhanden sein,
-während gleichzeitig für laute Gespräche der nicht mit ihr in Rapport
-stehenden Anwesenden Taubheit zu bestehen scheint. Das Vorkommen
-des Hellsehens wird selbst bei hoch gesteigertem Somnambulismus
-immer nur als sporadischer Ausnahmefall anzusehen sein, aber nicht
-als ein fortdauernder Zustand, aus dem <em class="gesperrt">alle</em> anscheinenden
-Sinneswahrnehmungen zu erklären wären.</p>
-
-<p>Der psychologische Unterschied zwischen Sensitivität und Somnambulismus
-ist nicht in der Ungleichmässigkeit der Schwellenverschiebung für
-verschiedene Sinne, sondern darin zu sehen, dass die gewöhnliche
-Sensitivität auf ein waches, die somnambule auf ein träumendes
-Bewusstsein trifft, und dass in Folge dessen der Sensitive seine
-Sinneseindrücke von Phantasiebildern unterscheiden kann, der Somnambule
-nicht. Daher kommt es, dass der Somnambule Phantasiebilder von
-Sinneseindrücken, welche durch Ideenassociation aus Empfindungen ganz
-anderer Sinnesgebiete entstanden sind, für reale Sinneswahrnehmungen
-hält (<span class="nowrap">z. B.</span> das Phantasiegebild eines Wohlgeschmacks oder einer
-Amputation, die der Magnetiseur ihm bloss einredet, oder die Bilder von
-Gestalten und Stimmen, die nur Personifikationen oder Symbolisirungen
-organischer Gefühlsreize<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[&ndash; 222 &ndash;]</a></span> sind), während energische Sinneseindrücke,
-die zu dem momentanen Inhalt seines Traumbewusstseins keine Beziehung
-haben, von diesem gar nicht appercipirt werden (<span class="nowrap">z. B.</span> eine wirklich
-stattfindende Operation, oder ein intensiv schmeckender Stoff auf
-der Zunge, oder die den geöffneten Augen sich darbietende Umgebung).
-Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit der Sensitivität macht es
-erklärlich, dass wiederholter Somnambulismus das Nervensystem sensitiv
-macht, <span class="nowrap">d. h.</span> einen geringeren Grad der somnambulen Sensitivität
-als dauernden Zustand zurücklässt. Die Sensitivität ist aber ein
-pathologischer, bei Unwohlsein sich steigernder (223) Zustand, der für
-unser praktisches Leben mit den grössten Unannehmlichkeiten verknüpft
-ist (197), und häufig mit einer Schwächung des Gedächtnisses Hand in
-Hand geht (310), also ein Zustand dessen Herbeiführung und Steigerung
-sorgfältig zu vermeiden ist.</p>
-
-<p>Die Verwandtschaft des Somnambulismus mit Hysterie, Epilepsie,
-Katalepsie, Ohnmacht, Starrsucht, Scheintod, Todeskampf,
-Fieberdelirien, Veitstanz und den verschiedenen Arten des Irrsinns
-zeigt eine Anzahl sich kreuzender Symptome; alle schwereren
-Erkrankungen des Nervensystems disponiren zum spontanen Eintritt und
-zur Empfänglichkeit für die künstliche Erzeugung des Somnambulismus,
-wie umgekehrt ein häufiges Hervorrufen des somnambulen Zustandes
-künstliche Hysterie erzeugt (nach Richet), den Geist und Körper
-zerrüttet und zu allen Arten von Nervenleiden prädisponirt.</p>
-
-<p>So lange ein Nervenleiden besteht, gelingt es dem Magnetiseur mit
-Leichtigkeit, den Somnambulismus hervorzurufen; schreitet aber
-die Genesung fort, so wird das Magnetisiren des Rekonvalescenten
-immer schwieriger (239), bleibt aber in Folge der Gewöhnung des<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[&ndash; 223 &ndash;]</a></span>
-Organismus immer noch leichter, als es vor Eintritt der Krankheit
-war. Das weibliche Geschlecht, das bei seinem geringeren Uebergewicht
-des Grosshirns über das sonstige Centralnervensystem leichter
-zu decentralisirender Desorganisation des letzteren, <span class="nowrap">d. h.</span> zu
-Nervenleiden, hinneigt, ist auch mehr prädisponirt für das Auftreten
-von natürlichem und die Herbeiführung von künstlichem Somnambulismus,
-insbesondere der höheren Grade derselben.</p>
-
-<p>Die Gleichheit der körperlichen Symptome bei Katalepsie und
-Somnambulismus ist in die Augen springend; der Tonus der Muskeln
-genügt, um jede einem Gliede gegebene Stellung zu behaupten,
-ohne dass Krampfzustände vorhanden sind (Wachstarre). Aber der
-Unterschied zwischen Katalepsie, Starrsucht, Scheintod einerseits
-und Somnambulismus andererseits ist ebenso in die Augen fallend:
-die Bewegungslosigkeit dort und die automatenartige Beweglichkeit
-nach Anleitung des unwillkürlichen Inhalts des Traumbewusstseins
-hier. Die automatische, traumgeleitete Beweglichkeit ist dagegen
-im Veitstanz vorhanden, sobald die gewöhnlichen Krämpfe sich zu
-ekstatischen Konvulsionen ausbilden, und die Geschichte der religiösen
-Verirrungen zeigt in allen Ländern und Glaubenskreisen ähnliche Bilder
-solcher ansteckenden Zustände, wie sie auch in Fällen des spontanen
-Somnambulismus häufig beobachtet werden. Manche Theoretiker des
-Somnambulismus sind soweit gegangen, eine Menge Formen der schweren
-Nerven- und Geisteskrankheiten für regellose Formen des Somnambulismus
-zu erklären (243, 266, 366); wenn dies richtig wäre, so würde der
-pathologische Charakter des Somnambulismus in ein noch helleres Licht
-dadurch gestellt, als wenn, wie ich annehme, in vielen Fällen bloss
-eine Verquickung somnambuler Zustände mit anderen verwandten<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[&ndash; 224 &ndash;]</a></span> Störungen
-des nervösen Gleichgewichts stattfindet.</p>
-
-<p>Gehen wir zu den psychischen Symptomen über, so zeigt sich die
-Hyperästhesie der Erinnerung nicht nur im Somnambulismus und dem
-gewöhnlichen Traum, sondern auch in Fieberdelirien, in manchen
-Fällen der Hysterie, des Irrsinns, der Incubationsperiode mancher
-Gehirnkrankheiten und im Todeskampf. Wenn eine Somnambule die
-Aufschriften der Strassenschilder aus dem Heimatsort ihrer Jugend
-angeben kann, wenn sie einmal Gelesenes wörtlich hersagt, wenn
-sie die lateinischen oder griechischen Recitationen oder die
-Violinübungen früherer Stubennachbarn nachahmend wiederholt, so
-finden diese Leistungen eines hyperästhetischen Gedächtnisses
-ihre Analogien in den gleichen Erscheinungen bei Fiebernden oder
-Irrsinnigen, und hier wie dort stellt sich leicht die Täuschung ein,
-dass Reproduktionen aus dem Gedächtniss, die man nicht als solche
-erkennt, unmittelbare Neuproductionen seien, so dass dann leicht die
-Reproductionen vergangener Ereignisse, an welche die Erinnerung (<span class="nowrap">d.
-h.</span> Wiedererkennung) fehlt, als Weissagungen auf die Zukunft gedeutet
-werden können.</p>
-
-<p>Hand in Hand mit der Hyperästhesie der Erinnerung geht nicht selten
-eine Beschleunigung des Vorstellungsablaufs; wahrscheinlich sind beide,
-die Erleichterung und die Beschleunigung des Vorstellungswechsels
-durch Ideenassociation, koordinirte Wirkungen derselben Ursache, einer
-Hyperästhesie des funktionirenden Organs (Gehirntheils). Wie die Zeit
-des Gehirnreflexes zwischen Empfindung und motorischer Reaktion, so ist
-auch die durchschnittliche Zeit, die vom Auftauchen einer Vorstellung
-bis zum Hervorrufen der folgenden durch Ideenassociation verstreicht,
-bei jedem Individuum eine andere, und bei demselben Individuum je nach
-seinem Befinden und seiner Stimmung (Frische<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[&ndash; 225 &ndash;]</a></span> oder Ermüdung, Sättigung
-oder Nüchternheit, intellektuelle Freiheit oder Gemüthsbeklommenheit)
-erheblichen Schwankungen (etwa von 2 bis
-<span class="nowrap"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">12</span></span> Sekunde) schon im
-wachen normalen Bewusstseinszustand unterworfen. Die Schwankungen
-bewegen sich in noch weiteren Grenzen im Schlaf und den abnormen
-Zuständen des Nervensystems. In Fieberdelirien, in maniakalischen
-Delirien, im Haschischrausch und im Todeskampf (insbesondere der
-Ertrinkenden) erreicht die Hyperästhesie des Gedächtnisses und der
-Phantasie einen Grad, der mit Ideenflucht bezeichnet wird, den man aber
-bei der sinnlich-anschaulichen Beschaffenheit solcher unwillkürlich
-vorüberziehenden Vorstellungsgebilde vielmehr „Bilderflucht“ nennen
-sollte. Indessen sind die Berichte über das Vorüberziehen des gesammten
-Lebens von dem Bewusstsein Ertrinkender denn doch nur auf typische
-Hauptmomente des Lebens zu beziehen, und deren können in 60 bis 180
-Sekunden allerdings eine beträchtliche Zahl (720 bis 2160) auf einander
-folgen, ohne die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs
-auch nur zu überschreiten.<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a></p>
-
-<p>Ein weiteres psychisches Symptom, welches dem Somnambulismus
-(und dem Traum) mit Fieberdelirien, Haschischträumen und
-Geistesstörungen gemeinsam ist, ist die dramatische Spaltung.
-Wenn eine Gedächtnissvorstellung zwar reproducirt wird, aber ohne
-Wiedererkennung, <span class="nowrap">d. h.</span> ohne Erinnerung, so nimmt das wache,<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[&ndash; 226 &ndash;]</a></span> besonnene
-Bewusstsein dieselbe hin als eine aus dem Unbewussten auftauchende,
-deren Herkunft zunächst problematisch bleibt, vermuthet aber von
-vornherein, dass sie aus dem Gedächtniss stammen werde; oft hat man
-auch das Gefühl, sie schon gehabt zu haben, also das Bewusstsein, dass
-sie Gedächtnissvorstellung ist, ohne ihr doch in der Vergangenheit
-durch Verknüpfung mit Ort, Zeit und näheren Umständen ihres früheren
-Auftretens einen bestimmten Platz anweisen zu können (284). Das
-träumende Bewusstsein, das dieser Besonnenheit ermangelt und statt
-dessen allen Gedankengehalt in sinnlich-anschauliche Formen giesst
-(33), verbildlicht (50), symbolisirt (70) und personificirt (99),
-projicirt eine Gedächtnissreproduktion, die es nicht als solche zu
-rekognosciren vermag, gern nach aussen, und legt sie Traumgestalten
-in den Mund; das irre Bewusstsein verfährt bei höheren Graden
-der Phantasieerregung ebenso, bei geringeren Graden, die zur
-Gestaltenprojektion (Gesichtshallucination) nicht ausreichen, verlegt
-es wenigstens den Gedankengehalt in von aussen kommende Stimmen
-(Gehörshallucination).</p>
-
-<p>Die Bruchfläche dieser dramatischen Spaltung ist also die Scheidelinie
-zwischen Gedächtnissreproduktion und Erinnerung (291); was das
-Traumbewusstsein als sein Eigenthum rekognoscirt, nimmt es auch
-als solches, als geistigen Besitz und Zubehör seines Ich für sich
-in Anspruch, was es nicht zu rekognosciren vermag, aber trotzdem
-als seinen Bewusstseinsinhalt vorfindet, lässt es auch nicht als
-das Seinige gelten und projicirt es auf andre Traumgestalten.
-Aus dem Unbewussten stammt also gleichmässig aller Inhalt des
-Traumbewusstseins, sowohl der dem Ich als der dem Nichtich zugetheilte,
-und Alles gehört gleichmässig dem Inhalt des Traumbewusstseins
-an; auch das Ich des Träumers umfasst nur einen kleinen Theil des
-Gesammtinhalts des<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[&ndash; 227 &ndash;]</a></span> Traumbewusstseins, und auch dieser dem Ich
-zugewiesene Theil ist ein ebenso unwillkürlicher Ausfluss aus dem Quell
-des Unbewussten, wie der in’s Nichtich (Aussenwelt und Traumgestalten)
-hinausprojicirte Theil. Deshalb ist es unzulässig, wenn du Prel die
-Bruchfläche der dramatischen Spaltung für zusammenfallend erklärt
-mit der psychophysischen Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem
-(96, 101), oder wenn er behauptet, dass alle Verstandesprocesse,
-die den Charakter eines Einfalls haben, im Traume zur dramatischen
-Spaltung führen (106). Gerade die produktiven Einfälle vertheilen sich
-auf das Ich des Träumers und die bereits gegebenen Traumgestalten,
-je nachdem die Situation des Traumes es verlangt, <span class="nowrap">d. h.</span> je nachdem
-sie einem Vorstellungskomplex associativ zugehören, welcher dem
-Traum-Ich oder anderen Traumfiguren bereits zugetheilt ist. Aber wohl
-niemals werden solche produktive Einfälle zur Abspaltung <em class="gesperrt">neuer</em>
-Traumfiguren veranlassen; denn bei ihnen fehlt ja eben die Scheidelinie
-zwischen Reproduktion und Erinnerung, welche allein massgebend als
-Bruchfläche der Spaltung ist, und welche etwas ganz Anderes ist als
-die „psychophysische Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem“ im
-Allgemeinen.</p>
-
-<p>Es ist die niedrigste Form der dramatischen Spaltung, wenn ein
-reproducirter Gedächtnissvorrath, der nicht als solcher wiedererkannt
-ist, in fremde Traumgestalten hinausprojicirt wird; man sollte
-in diesem Falle, streng genommen, noch nicht von dramatischer
-<em class="gesperrt">Spaltung</em>, sondern von dramatischer <em class="gesperrt">Vertheilung</em> des
-Bewusstseinsinhalts auf das Ich und das Nichtich des Traumbewusstseins
-sprechen. Dies Verhältniss bleibt auch dann noch dasselbe, wenn
-die einer Traumfigur in den Mund gelegte Gedächtnissvorstellung
-nach der Aeusserung derselben dann als eigenes, nur zeitweilig
-vergessenes Wissen in’s Ich zurückgenommen wird. Interessanter<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[&ndash; 228 &ndash;]</a></span>
-sind jene Spaltungen, bei welchen nicht mehr das reproducirte
-Vorstellungsmaterial, sondern die eigene Traumfigur, das Traum-Ich
-gespalten und in mehrere Ichs zertheilt wird, etwa als Acteur auf der
-Bühne und als Zuschauer im Parterre; derartige Verdoppelungen kommen
-auch bei Todtkranken und bei Irrsinnigen vor, welche letztere manchmal
-lange Disputationen mit ihrem visionär vor ihnen stehenden Doppelgänger
-halten. Aber nicht immer weiss man sich im Traum identisch mit seinem
-zweiten Ich, und das Selbstbewusstsein kann zwischen beiden schwanken,
-wobei dann immer das jeweilige eigentliche Ich das zweite Ich als
-sein „anderes“ Ich oder als „den Andern“ betrachtet; beide Ich können
-auch wieder in eins zusammenfliessen, wie wenn das Zuschauer-Ich auf
-die Bühne springt, um nun selbst weiter zu agiren. Dem analog ist es
-eine gewöhnliche Erscheinung, dass das somnambule Bewusstsein sich als
-das eigentliche Ich des somnambulen Zustandes von dem „anderen“ Ich
-des wachen Zustandes, dessen Bewusstseinsphäre es doch umspannt, wie
-von einer fremden Person unterscheidet, und diese Neigung, die eigene
-Persönlichkeit des wachen Lebens als eine andere, fremde, obwohl doch
-mit dem Ich wie ein Doppelgänger zusammengekoppelte anzusehen, wächst
-mit der Tiefe des Somnambulismus.</p>
-
-<p>Die Scheidelinie zwischen Reproduktion und Erinnerung reicht zwar
-aus zur Feststellung der Bruchfläche für die einfache dramatische
-Spaltung zwischen Ich und Nichtich, aber nicht für die Feststellung
-der Bruchfläche für die Spaltung des Ich in ein doppeltes Ich, das
-„eigentliche“ Ich und „das andere“; die psychophysische Schwelle
-zwischen Bewusstem und Unbewusstem, die schon für den ersteren Fall
-nur irrthümlicher Weise mit der Bruchfläche der Spaltung verwechselt
-werden konnte, passt auf den letzteren Fall<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[&ndash; 229 &ndash;]</a></span> noch viel weniger, da der
-Bewusstseinsinhalt des „anderen“ (normalen) Ich für das Bewusstsein des
-„eigentlichen“ (somnambulen) Ich nichts weniger als unbewusst, sondern
-völlig bewusst, ja sogar in seiner Einordnung in die Erlebnisse der
-Vergangenheit klar durchschaut und doch nicht als eigener Besitz, als
-Zubehör des „eigentlichen“ Ich anerkannt wird. Man könnte sich denken,
-dass das einer fremden Traumfigur geliehene Gedächtnissmaterial in dem
-Falle, wenn es eine grössere zusammenhängende Gruppe von Vorstellungen
-ausmacht, dahin neigt, das Traumbewusstsein zu der Ahnung zu führen,
-dass das scheinbar Fremde doch nur sein verliehenes Eigenthum,
-somit die fremde Traumfigur nur ein Spaltungsprodukt des eigenen
-Geisteslebens sei, was sich dann bildlich in dem widerspruchsvollen
-Gleichsetzen und Ungleichsetzen der anderen Figur mit dem Traum-Ich
-ausdrückt; aber dabei bleibt doch die Hauptbedingung unerwähnt, dass
-die abgetrennte Vorstellungsmasse ausreichend und geeignet sein muss,
-einem Ich als Unterlage zu dienen, was psychologisch nicht zu erklären
-ist.</p>
-
-<p>Begrifflich streng zu sondern von dem subjektiven Phänomen der
-dramatischen Spaltung des Ich ist das objektive Phänomen des
-alternirenden Bewusstseins. Ein solches kommt dann zu Stande, wenn
-verschiedene Bewusstseinszustände, welche die Eigenthümlichkeit haben,
-nach stattgehabter Unterbrechung die Kontinuität des Bewusstseins
-aufrecht zu erhalten und ein in sich geschlossenes bewusstes
-Lebensganze zu bilden, mit einander abwechseln. Ein solcher Zustand ist
-das normale wache Bewusstsein, ein zweiter das somnambule Bewusstsein,
-ein dritter der Hochschlaf des somnambulen Bewusstseins, ein vierter
-und fünfter kann endlich in verschiedenen Formen periodischer
-Geistesstörung auftreten, in welchen die Erinnerung an das<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[&ndash; 230 &ndash;]</a></span> bisherige
-wache Leben erlischt und ein von demselben völlig abgetrenntes neues
-Leben begonnen und fortgeführt wird. Auch die Reiche der natürlichen
-Träume würde ein alternirendes Bewusstsein konstituiren, wenn sie sich
-ebenso wie die Abschnitte des wachen Lebens, oder wie die Reihe der
-somnambulen Krisen oder die Reihe der bezüglichen Irrsinnsanfälle zu
-einem stetig zusammenhängenden Erinnerungsganzen konsolidirten. Die
-periodische Geistesstörung producirt für sich allein manchmal mehr
-als ein abgetrenntes Bewusstseinsleben, das mit dem wachen alternirt;
-wechseln zwei getrennte Bewusstseinszustände des Irrsinns mit dem
-normalen wachen Bewusstsein ab und tritt zu diesen dreien noch der
-somnambule Zustand, so haben wir es mit einem vierfachen alternirenden
-Bewusstsein, <span class="nowrap">d. h.</span> mit einem vierfachen Geistesleben desselben
-Individuums zu thun (337&ndash;343).</p>
-
-<p>Streng genommen kann von einem alternirenden Bewusstsein nur da
-gesprochen werden, wo weder der Zustand a vom Zustand b, noch der
-Zustand b vom Zustand a etwas weiss; diese Bedingung ist aber im
-Somnambulismus nur einseitig erfüllt, da das somnambule Bewusstsein
-den Gedächtnissinhalt des wachen nicht nur umspannt, sondern sogar in
-erleichterter Weise reproducirt (308, 312). Im Traum findet dieses
-Umspannen des wachen Bewusstseinsinhalts durch das Traumbewusstsein
-der Regel nach ohne Spaltung des Ichs statt, und die Verdoppelung des
-Ich im Traume gehört zu den seltensten Ausnahmen, bei denen vielleicht
-schon eine Uebergangsform zwischen Traum und Somnambulismus oder Traum
-und Wahnsinn<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[&ndash; 231 &ndash;]</a></span> anzunehmen ist. Im alternirenden Bewusstsein des
-Irrsinns fehlt in der Regel jede Umspannung der Vorstellungen des
-einen Zustandes durch das Bewusstsein des anderen und jeder der beiden
-Bewusstseinszustände weigert sich, die ihm von aussen dargebotenen
-Vorstellungen, sofern sie dem anderen angehören, als die seinigen
-anzuerkennen, oder überhaupt kennen zu wollen. Nur wenn der Irrsinn
-dem Traum sich annähert, <span class="nowrap">d. h.</span> Hallucinationen erzeugt, kommt es vor,
-dass das wahnsinnige Bewusstsein als ein anderes Ich aus der Person
-des Kranken (meist mit veränderter Stimme) redet und sich von dieser
-unterscheidet, womit dann die Illusion der Besessenheit gesetzt
-ist. Im Somnambulismus weigert sich nur das wache Bewusstsein, die
-Vorstellungen des somnambulen kennen zu wollen; das letztere aber
-kennt die Vorstellungen des ersteren wohl, erkennt sie aber nicht
-als die seines „eigentlichen“ Ichs, sondern als die des „anderen“
-an. So nimmt ersichtlich der Somnambulismus in dieser Hinsicht eine
-Mittelstellung zwischen Traum und Irrsinn ein, halb dem einen, halb
-dem andern gleichend, und bemüht, die Unterschiede beider durch die
-dramatische Spaltung des Ich zu vermitteln, insofern durch dieselbe
-das alternirende Bewusstsein des Irrsinns in fingirter Weise trotz der
-Umspannung des alternirenden Bewusstseinszustandes aufrecht erhalten
-wird.</p>
-
-<p>Es wird die Vermuthung nahe liegen, dass nicht nur hier, sondern
-überall, wo wir der dramatischen Spaltung und Verdoppelung des Ich
-begegnen, dieser phantastische optische Dualismus eine symbolische
-Personifikation der physiologischen Thatsache ist, dass die
-physiologischen Hauptbedingungen zu einem alternirenden Bewusstsein
-vorhanden sind, wenn auch dasselbe wegen des Fehlens gewisser
-Nebenbedingungen meistens im latenten oder potentiellen Zustande
-verharrt. Andrerseits<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[&ndash; 232 &ndash;]</a></span> werden wir annehmen dürfen, dass überall, wo ein
-alternirendes Bewusstsein besteht, auch die physiologischen Bedingungen
-für die dramatische Spaltung und Verdoppelung des Ich gegeben sind,
-und nur das umspannende Uebergreifen des einen Bewusstseins über das
-andere hinzuzutreten braucht, um die Verdoppelung des Ich wirklich
-herbeizuführen; die Richtigkeit dieses Satzes wird bestätigt in
-denjenigen Fällen des alternirenden Bewusstseins bei Geisteskranken, in
-denen die beiden Zustände nicht plötzlich wechseln oder durch trennende
-Bewusstlosigkeit geschieden sind, sondern allmählich in einander
-übergehen, wo sich dann stets im Uebergangsstadium das Gefühl der
-doppelten Persönlichkeit <span class="nowrap">einstellt. &mdash;</span></p>
-
-<p>Nach allem vorher Angeführten sollte man es für unzweifelhaft halten,
-dass man es beim Somnambulismus mit einem nicht bloss abnormen,
-sondern schlechthin krankhaften Zustand des Organismus zu thun
-hat, mit einem Zustand, der nicht nur seiner Entstehungsursache
-nach, sondern an und für sich pathologisch ist und deshalb auch
-nur pathologisch modificirte Funktionen ermöglicht. Der psychische
-Symptomenkomplex des Somnambulismus lässt sich zusammenfassen als
-eine Auslöschung oder Suspension der psychischen Funktionen im
-Allgemeinen und als koncentrirte Steigerung derselben in derjenigen
-beschränkten Richtung, auf welche das Interesse und die Aufmerksamkeit
-durch den Magnetiseur oder Experimentator hingelenkt ist. Es besteht
-allgemeine Fühllosigkeit, Seelenblindheit, Seelentaubheit, Geruch- und
-Geschmacklosigkeit (Analgesie und Anästhesie), Gedächtnisslosigkeit
-(Amnesie), Willenlosigkeit (Abulie), und völlige Stockung des
-spontanen Vorstellungsverlaufes, alles dies aber gleichzeitig mit
-hochgradiger Sensitivität und Hyperästhesie, Verschärfung der
-sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit, Gedächtnisssteigerung<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[&ndash; 233 &ndash;]</a></span> (Hypermnesie),
-erhöhter Willensenergie (Hyperbulie) und vermehrter Intensität und
-Geschwindigkeit des Vorstellungsablaufes, freilich nur in den ganz eng
-begrenzten Richtungen, auf welche durch Suggestion des Magnetiseurs
-oder auch durch Autosuggestion das Interesse und die unwillkürliche,
-reflektorische Aufmerksamkeit koncentrirt ist. Es ist als ob alle
-psychischen Funktionen durch künstliche Verengerung des Bettes, in
-dem sie sich bewegen, krankhaft gesteigert wären, ähnlich wie die
-Muskelkräfte des Maniakus. Dabei ist freilich nicht ausgeschlossen,
-dass die Ergebnisse der psychischen Funktionen dieses Zustandes logisch
-wahr oder moralisch untadelig seien; <span class="nowrap">z. B.</span> wenn die pathologische
-Verfeinerung der Wahrnehmung das Material zu Erkenntnissen und
-unbewussten Schlussfolgerungen liefert, welche dem wachen Bewusstsein
-verschlossen bleiben, oder wenn das moralische Gefühl des Menschen
-durch die physische und psychische Analgesie des somnambulen Zustandes
-von pathologischen Störungen befreit wird, welche es im wachen Zustande
-entstellen. Aber dieser relative Werth der Ergebnisse jener psychischen
-Funktionen beweist doch nichts dagegen, dass dieselben an und für
-sich pathologischer Natur sind, wie du Prel meint (131, 137, 278).
-Der Beweis dafür ist damit gegeben, dass auch andere pathologische
-Zustände, Sensitivität, Irrsinn <span class="nowrap">u. s. w.</span> gelegentlich richtige und
-ungewöhnliche Ergebnisse durch ihre pathologischen psychischen
-Functionen zu Tage fördern. Anderseits würde die pathologische Natur
-des somnambulen Zustandes nicht hindern können, dass die Natur ihn
-unter Umständen als das kleinere von zwei Uebeln wählt, und dass die
-menschliche Absicht dieses Beispiel der Natur nachahmt, falls das
-Uebergewicht des zu beseitigenden<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[&ndash; 234 &ndash;]</a></span> Uebels und seine Beseitigung durch
-das gewählte Mittel zweifellos sind.</p>
-
-<p>Du Prel geht es wie so vielen Autoren, die sich anhaltend mit einem
-Gegenstande beschäftigt haben, er überschätzt dessen Bedeutung in
-jeder Hinsicht. So wenig es rathsam ist, nach der Weise der Alten die
-Träume auf ihren prophetischen Werth hin zu kultiviren, ebensowenig
-kann man es empfehlen, den Somnambulismus in ausgedehnterem Maasse
-zu psychologischen Experimenten oder gar zu Heilzwecken zu benutzen.
-Wenn es wahrsagende Träume giebt, so müssen dieselben nach du Prel in
-tiefem Schlaf (36) stattfinden, von welchem wir gar keine oder nur
-eine durch den Halbschlaf vermittelte Erinnerung besitzen (49); der
-Halbschlaf aber, der nur werthlose Phantasiebilder liefert (36, 51),
-droht die ohnehin schon symbolisirten Ahnungen des tiefen Schlafs
-noch zu verunstalten, wenn er sie einmal ausnahmsweise der wachen
-Erinnerung überliefert. Die Jagd nach prophetischen Träumen würde
-deshalb sicherlich in der grössern Mehrzahl der Fälle, wo man einen
-solchen vermuthet und nach einer solchen Vermuthung handelt, den
-Menschen zum Narren haben; gesetzt aber auch, man lernte einmal aus der
-Symbolik des Traums, dass man sich im Inkubationsstadium einer noch
-nicht ausgebrochenen Krankheit befände, so würde dadurch die glückliche
-Unwissenheit des Kranken nur um so viel früher zerstört ohne die
-Therapie zu erleichtern, welche doch meist erst in den späteren Stadien
-einer Erkrankung eingreifen kann.</p>
-
-<p>Zur Erweiterung unserer psychologischen Kenntnisse über abnorme
-psychische Zustände wird man wohl thun, sich auf genaue Beobachtung des
-spontanen Somnambulismus zu beschränken; ich würde es eher für zulässig
-halten, an Menschen mit ihrer Zustimmung Vivisectionsexperimente
-zu machen, welche doch nur<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[&ndash; 235 &ndash;]</a></span> ihren Körper vorübergehend schädigen,
-als künstliche Geistesstörungen in ihnen zu erzeugen, welche erst
-bei öfterer Wiederholung interessantere Ergebnisse liefern, dann
-aber auch Körper und Geist dauernd zerrütten.<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> Da der durch
-künstlichen Somnambulismus dem Nervensystem zugefügte Schaden eine
-zweifellose Thatsache, der durch ihn zu erzielende medicinische
-Gewinn aber theils illusorisch, theils zweifelhaft und unsicher ist,
-so wird jeder besonnene Arzt vor der Anwendung des Somnambulismus
-zu Heilzwecken zurückschrecken, ganz unabhängig davon, ob er sich
-denselben <em class="gesperrt">erklären</em> kann oder nicht (237); denn die vorläufige
-Unerklärlichkeit der Wirkungsweise der meisten Heilmittel hat
-noch keinen Arzt von deren Anwendung abgehalten. Ausserdem sind
-es noch Nebengründe, welche die medicinische Verwendbarkeit des
-Somnambulismus, selbst wenn man sie im Princip zuliesse, doch
-praktisch (ebenso wie die örtliche Anwendung des Heilmagnetismus
-ohne Hypnotisirung) auf Ausnahmefälle beschränken würden, nämlich
-die relative Unempfänglichkeit vieler Patienten für magnetische
-Einflüsse, die relative Seltenheit ausreichender magnetischer Kraft
-bei Aerzten und die rasche Krafterschöpfung der Magnetiseure bei
-erwerbsmässiger Thätigkeit. Wollte man aber nach den Vorschlägen
-Fahnestock’s<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> alle Menschen darauf einüben, sich selbst willkürlich
-durch psychische Einflüsse in Somnambulismus versenken zu können, so
-wäre der dadurch im Nervensystem der Menschheit angerichtete<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[&ndash; 236 &ndash;]</a></span> Schaden
-unermesslich, der Gewinn aber höchst zweifelhaft; denn ob bei schweren
-Verwundungen, Brandwunden, Schlangenbissen, Neuralgien <span class="nowrap">u. s. w.</span> der auf
-Selbstsomnambulisirung Eingeübte im Stande bliebe, seinen psychischen
-Vorstellungsablauf so zu beherrschen, dass der Somnambulismus auch
-wirklich einträte, darüber hat Fahnestock, wie es scheint, noch keine
-Versuche angestellt.</p>
-
-<p>Den Nutzen, den der Somnambulismus bringen kann, schlägt du Prel
-viel zu hoch an. Dass dauernde vollständige Schlafentziehung ebenso
-wie Nahrungsentziehung den Menschen tödtet, ist zweifellos; aber es
-ist falsch, aus der Unentbehrlichkeit des Schlafs und der Nahrung zu
-schliessen, dass der Mensch sich desto besser befinden müsse, je mehr
-Schlaf und Nahrung man ihm zuführt (212). Dass Schlafsucht, die zu
-wochenlangem oder monatelangem Schlaf führt, nicht nur nicht heilsam
-ist, sondern meist mit Blödsinn oder Tod endet, ist bekannt. Aber
-gesetzt auch, der Schlaf wäre um so heilsamer, je tiefer er ist, so
-wäre doch die daraus gezogene Schlussfolgerung du Prel’s falsch, dass
-der somnambule Schlaf als der tiefere und intensivere auch heilsamer
-sein müsse als der natürliche (41). Denn erstens beruht dieser Schluss
-auf der falschen Voraussetzung, dass der Somnambulismus eine Vertiefung
-des normalen Schlafes sei, und zweitens lässt sie ausser Acht,
-dass selbst, wenn er dies wäre, er doch nur eine <em class="gesperrt">krankhafte</em>
-Vertiefung desselben wäre, die sich niemals an Heilsamkeit mit dem
-gesunden Schlaf, selbst solchem von <em class="gesperrt">geringerer</em> Tiefe, messen
-kann. So ist <span class="nowrap">z. B.</span> der durch Chloral, Morphium <span class="nowrap">u. s. w.</span> erzeugte Schlaf
-tiefer als der gewöhnliche, und doch sind fünf Stunden natürlichen
-Schlafes erquickender als sieben Stunden eines solchen künstlich
-erzeugten; wer aber keinen natürlichen Schlaf finden kann, greift
-schliesslich<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[&ndash; 237 &ndash;]</a></span> doch zu solchen Mitteln und darf dann wohl von ihnen
-rühmen, dass sie nach langer Schlaflosigkeit ihn wahrhaft erquickt
-haben. So mögen auch Somnambulen, die an Schlaflosigkeit leiden, das
-Erquickende des somnambulen Schlafes rühmen, der ihnen einen gewissen
-Ersatz gewährt; ja sogar sie können, wenn sie an schmerzhaften oder
-quälenden Zuständen und Verstimmungen des Nervensystems leiden, mit
-Recht dem Hypnotismus wegen seiner Analgesie in ihrem subjektiven
-Empfinden einen Vorzug vor dem natürlichen Schlaf einräumen, ebenso
-wie sie ihm oft den Vorzug vor dem ihnen unbehaglichen wachen Zustande
-geben (493). Aus dieser subjektiven Bevorzugung des somnambulen
-Zustandes durch die Somnambulen auf seine objektive Heilsamkeit zu
-schliessen, wäre ebenso voreilig, als wenn man aus dem Verlangen
-eines Morphiumsüchtigen nach neuer Narkose auf die Heilsamkeit der
-Morphiumnarkose schliessen wollte. Dass der somnambule Zustand nicht
-erquickender sein kann, als der gewöhnliche Schlaf, wird dadurch
-objektiv erwiesen, dass er den letzteren nicht überflüssig macht,
-vielmehr bei andauerndem Somnambulismus das Bedürfniss nach natürlichem
-Schlaf ganz ebenso eintritt, wie im wachen Zustande (332).</p>
-
-<p>Uebrigens stehen den Aeusserungen der Somnambulen über die
-Erquicklichkeit des somnambulen Zustandes ebensoviel Aeusserungen
-gegenüber, dass derselbe nicht gut für sie sei, und dass Alles
-vermieden werden solle, was ihren Rückfall in diesen Zustand
-herbeiführen oder begünstigen könnte (369); nur die Aeusserungen der
-letzteren Art sind unverdächtige Kundgebungen des Heilinstinkts,
-während bei denen der ersteren Art der Verdacht nahe liegt, dass
-der Heilinstinkt durch den Drang nach relativer Behaglichkeit des
-subjektiven Befindens verdunkelt werde. Letzteres<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[&ndash; 238 &ndash;]</a></span> wird dadurch
-erhärtet, dass die Somnambulen mit dem Schwinden ihrer subjektiven
-Beschwerden auch aufhören, nach dem somnambulen Zustand Verlangen zu
-tragen; wenn er aber erquicklich und unschädlich zugleich wäre, so
-müssten Alle, die ihn kennen gelernt haben, nach seiner Wiederholung
-Verlangen tragen, gleichviel ob sie gesund oder krank wären. Wenn der
-Somnambulismus darum heilsamer wäre, als der Schlaf, weil er tiefer,
-intensiver als dieser ist, so müsste er um so heilsamer sein, je
-tiefer er ist, am heilsamsten also als Hochschlaf; das Gegentheil
-davon ist wahr: der somnambule Zustand ist um so schädlicher in seinen
-Nachwirkungen auf den Organismus, je tiefer er ist, und der geradezu
-lebensgefährliche Hochschlaf wird von den Somnambulen selbst gefürchtet
-(365). Gegen die prahlerischen Berichte der Magnetiseure über
-wunderbare Heilungen und Regenerationen in anhaltendem Somnambulismus
-ist mehr kritische Vorsicht nöthig, als du Prel anwendet (212, 254),
-und das Gleiche gilt für die wunderbaren Wirkungen der von den
-Somnambulen für sich oder Andere verwendeten Heilmittel.</p>
-
-<p>Da der Somnambulismus ein krankhafter, von dem gesunden Schlaf
-specifisch verschiedener Zustand ist, der den letzteren keineswegs
-entbehrlich macht, wohl aber um so schädlichere Nachwirkungen
-hinterlässt, je tiefer er war und je öfter er sich wiederholte, so
-ist gegen jede Behauptung heilsamer Wirkungen dieses Zustandes die
-äusserste Vorsicht geboten. Der spontane Somnambulismus ist zunächst
-ebenso zweifellos ein Symptom einer Erkrankung des Nervensystems wie
-Epilepsie, Veitstanz oder Irrsinn; nur die unkritische vorgefasste
-Meinung von der Heilsamkeit des Somnambulismus kann zu dem Irrthum
-verleiten, in jedem Fall von spontanem Somnambulismus eine Aeus<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[&ndash; 239 &ndash;]</a></span>serung
-der Naturheilkraft zu sehen. Dabei bleibt natürlich die Möglichkeit
-nicht ausgeschlossen, dass in einzelnen besonderen Fällen der
-spontane Eintritt des Somnambulismus in der That als eine Selbsthülfe
-der Natur aufzufassen ist, <span class="nowrap">z. B.</span> um durch Analgesie dem Organismus
-eine Erholungspause von unerträglichen Schmerzen zu gönnen, oder um
-einen Anfall von nervöser Gleichgewichtsstörung in milderer Form
-verlaufen zu lassen (larvirte Epilepsie, larvirter maniakalischer
-Anfall). Ebenso ist es nicht unmöglich, dass die im Somnambulismus
-stattfindende Funktionsausschaltung gewisser Theile des Organismus
-und die Veränderung in den Bahnen des Blutstroms Gelegenheit geben
-zur Förderung regenerativer Vorgänge. Im ersteren Sinne könnte
-dem Somnambulismus ein symptomatischer Werth (zur Vorbeugung oder
-Unterdrückung bedrohlicher nervöser Anfälle), im letzteren Sinne ein
-Werth für die Linderung der Krankheitsursachen zugesprochen werden.</p>
-
-<p>Aber was so für den spontanen Somnambulismus gelten könnte, ist
-darum noch nicht ohne Weiteres auf den künstlichen Somnambulismus zu
-übertragen, wie du Prel annimmt (140); denn wer steht dafür, dass
-der künstliche Somnambulismus genau derselbe Zustand ist, wie der
-natürliche, dass er der Natur, die es unterlassen hat, ihn spontan
-herbeizuführen, überhaupt willkommen ist, und dass er genau im rechten
-Grade und genau zur rechten Zeit angewendet wird? Insbesondere der
-mehr am Tage liegende prophylaktische Werth als symptomatisches
-Palliativmittel hängt ganz davon ab, dass der Kranke den Magnetiseur
-in jedem Augenblick bei sich hat, was doch viel schwerer ist, als ein
-Chloral- oder Morphiumpulver immer bei sich zu tragen. Zwar kann der
-Arzt dem Patienten in der Hypnose suggeriren, dass der somnambule
-Schlaf jedesmal wiederkehren<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[&ndash; 240 &ndash;]</a></span> soll, sobald er eines von einer Anzahl
-wirkungsloser Pülverchen zu sich nimmt, oder auch sobald er einen
-bestimmten Spruch hersagt; aber solche posthypnotische Suggestionen
-werden nur bei Personen von hochgradiger Nervosität längere Zeit ihre
-Wirkung behalten, und grade bei solchen ist die Herbeiführung des
-Somnambulismus ohne sachkundige Beaufsichtigung am wenigsten zulässig.
-Selbst wenn die körperlichen Nachtheile der narkotischen Mittel ebenso
-gross wären wie die des Somnambulismus (was entschieden zu bestreiten
-ist), würden sie doch, da sie für die Gesundheit dasselbe mit grösserer
-Sicherheit leisten, den Vorzug verdienen, weil die Gefahren für Geist
-und Charakter bei ihnen ungleich geringer sind. Auch der Heilwerth
-der posthypnotischen Suggestionen bei hysterischen Störungen ohne
-anatomische Grundlage (hysterischen Lähmungen, Krämpfen <span class="nowrap">u. s. w.</span>) darf
-nicht überschätzt werden; denn wenn es gelingt, der Krankheit die eine
-Pforte zum Hervortreten auf diese Weise zu verschliessen, so wird sie
-nie in Verlegenheit sein, sich dafür eine andere zu öffnen, so dass
-nicht eine Beseitigung, sondern nur eine fortwährende Aenderung der
-Symptome auf diesem Wege erzielt wird. Immerhin kann die Aufhebung
-besonders lästiger oder schädlicher Symptome durch posthypnotische
-Suggestion unter Umständen ein grosser Gewinn für die ärztliche
-Behandlung sein, und dürfte hierin noch am ehesten die mesmerische
-Praxis eine Zukunft haben.</p>
-
-<p>Nicht minder als den Heilwerth des Hypnotismus überschätzt du
-Prel den Werth der somnambulen Sensitivität und der durch sie
-vermittelten Diagnose eigener und fremder Körperzustände. Die Art,
-wie die Somnambule ihre Körpertheile fühlt, ist unmittelbar nicht in
-Worten auszudrücken, ja nicht einmal unmittelbar vom Bewusstsein zu
-vergegenständlichen; erst der in<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[&ndash; 241 &ndash;]</a></span> Anschauungsbilder umgewandelte,
-d. h. in Gesichtseindrücke übertragene Gefühlseindruck ist in
-Worten wiederzugeben. Gesetzt den Fall, der Gefühlseindruck von der
-relativen Lage und dem Zustand der eigenen Körpertheile wäre genau und
-bestimmt, so würde er doch bei der unwillkürlichen Uebertragung in ein
-Anschauungsbild zum ersten Mal, und bei der Uebersetzung des letzteren
-in Worte zum zweiten Mal entstellt. Entweder fehlt es der Somnambule
-an Worten und technischen Ausdrücken zur Beschreibung ihres Bildes, so
-dass der Deutlichkeitsgrad ihrer Anschauung gar nicht zu kontroliren
-ist; oder sie beherrscht solche Ausdrücke, dann besitzt sie sicherlich
-auch einige unvollkommene Kenntnisse, welche ihrer vermeintlichen
-Selbstschau Grundlage und Richtung geben und deren Ergebnisse entweder
-verfälschen oder ergänzen. Aber schon der Gefühlseindruck selbst ist
-dunkel und unsicher, und es bedarf schon einer Uebung durch häufige
-Wiederholung oder eines ausnahmsweisen hohen Grades von Somnambulismus
-oder einer örtlichen Steigerung der Hyperästhesie durch örtliche
-Magnetisirung (179)<a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>, um die totale, beziehungsweise lokale
-Selbstschau zu einer einigermassen bestimmten zu machen.</p>
-
-<p>Abgesehen von der natürlichen Unbestimmtheit der Diagnose (198)
-und von ihrer Gefährdung durch Einmischung von abstrakten
-Gedächtniss-Vorstellungen (178) und Phantasiespielen (172) wird deren
-Werth noch durch weitere Fehlerquellen verringert. Einerseits kann
-nämlich der Magnetiseur durch vorzeitiges, oder zudringliches oder
-ungeschicktes Fragen die Somnambule zwingen, seinen Ansprüchen durch
-erquälte Antworten zu genügen, die sie theils nach ihrem eigenen
-anatomischen<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[&ndash; 242 &ndash;]</a></span> Kenntnissstand, theils nach dem Wortlaut der Fragen
-eingerichtet (178), und andererseits können, wenn die Annahme der
-Gedankenübertragung vom Magnetiseur auf die Somnambule richtig ist,
-sowohl die bewussten Gedanken des Magnetiseurs über die von ihm
-erwarteten Antworten als auch die unbewussten Vorstellungen oder
-dunklen Ahnungen desselben über den Zustand der Kranken in diese durch
-den magnetischen Rapport übergehen und ihm aus demselben zurücktönen,
-wie ein Echo, das er nicht als Echo erkennt (267). Hält der Magnetiseur
-vorsichtshalber seine Fragen zurück, bis die Somnambule spontane
-Aeusserungen über den Gesundheitszustand vorbringt (178), so wird er
-nur selten eine Diagnose zu hören bekommen, und dann noch eine sehr
-unvollständige und unbestimmte; geht er dann mit Fragen vor, so weiss
-er doch nicht, was aus dem gesteigerten Körpergefühl der Somnambule
-und was aus anderen Quellen stammt. Somnambule zur Diagnose fremder
-Personen zu benutzen, bleibt, ob für Geld oder umsonst geübt, immer
-ein Missbrauch ihrer Person, der sie schwächt und angreift und gegen
-den sie sich mit Recht sträuben (204&ndash;205). Wäre die Ausnutzung der
-somnambulen Sensitivität für Diagnosen etwas Unschädliches und wirklich
-Werthvolles, so wäre nicht abzusehen, warum ein Magnetiseur, der seine
-Somnambule (als Frau, Tochter, Pflegling <span class="nowrap">u. s. w.</span>) unterhält, nicht
-ebenso gut wie ein konsultirender Arzt für die gelieferten Diagnosen
-Honorar annehmen sollte, zumal sie ja von dem Inhalt der Sitzungen und
-ihrer Entlohnung nichts zu erfahren brauchte (370).</p>
-
-<p>Die Behauptung du Prels, dass die somnambule Selbstschau viel
-werthvollere Aufschlüsse über die Anatomie des Menschen als der
-Leichenbefund und <em class="gesperrt">allein</em> werthvolle Aufschlüsse über die
-physiologische<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[&ndash; 243 &ndash;]</a></span> und pathologische Oekonomie des Menschen zu geben im
-Stande sei, weshalb in der Vivisektion nichts als nutzlose Grausamkeit
-zu sehen sei (193), resumirt seine Ueberschätzung der somnambulen
-Selbstschau in drastischer Form und verkennt die Nothwendigkeit,
-sich der schwer zu erreichenden Wahrheit von möglichst vielen Seiten
-her zugleich anzunähern. Nach meiner Ansicht ist der Missbrauch von
-Somnambulen zu Diagnosen und Heilverordnungen für dritte Personen
-ebenso unbedingt auszuschliessen, wie öffentliche Vorstellungen; auf
-dem Gebiet der Selbstdiagnose aber wird nur ganz ausnahmsweise einmal
-eine in den selteneren Graden des Somnambulismus spontan eintretende
-Aeusserung einen diagnostischen Werth für den Arzt haben können. Eine
-Erweiterung unserer anatomischen, physiologischen und pathologischen
-Kenntnisse im Allgemeinen von den Aussprüchen der Somnambulen zu
-erhoffen, erscheint mir phantastisch und mit den bisherigen Erfahrungen
-im Widerspruch. Dagegen erkenne ich bereitwillig den Nutzen an, den das
-objektive Studium dieser pathologischen Zustände der Physiologie des
-Nervensystems bringen kann und zum Theil schon gebracht hat. Derselbe
-würde noch ungleich grösser sein, wenn die Vivisektion sich mit dem
-Somnambulismus redebegabter Individuen verbinden liesse, was leider
-nach den bisherigen Ansichten über die Zulässigkeit der Vivisektion bei
-Menschen nicht angeht.</p>
-
-<p>Aber selbst zugegeben, dass gelegentlich die somnambule Selbstschau
-der ärztlichen Diagnose eine werthvolle Ergänzung oder Berichtigung
-zuführt, so ist damit doch sehr wenig gewonnen; wäre jeder gute
-Diagnostiker darum auch schon ein guter Arzt (176), so würde es uns
-nicht an guten Aerzten fehlen, da in der Diagnose unsere heutige
-Medicin ebenso weit vorgeschritten<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[&ndash; 244 &ndash;]</a></span> ist, als sie in der Heilung innerer
-Krankheiten ohnmächtig geblieben, ja sogar zur Kenntniss ihrer Ohnmacht
-gelangt ist. Steht schon den akuten constitutionellen Erkrankungen der
-Arzt machtlos gegenüber, so noch weit mehr den chronischen; allgemeine
-Kräftigung durch Diät und Hautpflege ist neben vorübergehender
-Linderung einzelner lästiger Symptome das einzige, was ihm der heutige
-Stand unserer Kenntniss zu leisten gestattet, insbesondere bei den
-chronischen Krankheiten des Nervensystems. Wie wenig nützt ihm da
-die Genauigkeit seiner eigenen Diagnose, und wie viel weniger die
-gelegentliche Unterstützung durch die <span class="nowrap">Somnambule! &mdash;</span></p>
-
-<p>Nun darf freilich der Heilinstinkt der Somnambulen nicht ausser Acht
-gelassen werden; aber dieser wird sich meist unabhängig von somnambuler
-Selbstdiagnose und nur ausnahmsweise im Zusammentreffen mit derselben
-äusseren, besonders, wenn man spontane Aeusserungen abwarten will,
-denen allein einiger Werth zugeschrieben werden kann (255). Abgefragte
-Heilverordnungen spiegeln fast immer nur die medicinischen Ansichten
-des Arztes wieder (267), welche mit denjenigen seiner Zeit theils
-übereinstimmen (257), theils mehr oder weniger von ihnen abweichen,
-und zwar nicht bloss seine bewussten Gedanken und Entschliessungen,
-sondern auch das von ihm Geahnte und noch nicht Erfasste, oder das
-von ihm Gewünschte aber noch nicht Gewagte (231, 270). Aber auch
-die spontanen Selbstverordnungen der Somnambulen sind mit so viel
-Fehlerquellen behaftet, dass man niemals wissen kann, ob und wie viel
-der Heilinstinkt dabei mitspricht.</p>
-
-<p>Erstens haben die meisten Laien mehr Kenntniss von Heilmitteln als
-von Anatomie, insbesondere Nervenleidende, an denen schon viel herum
-kurirt worden ist, und die oft eine Masse unverdauter medicinischer
-Kenntnisse<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[&ndash; 245 &ndash;]</a></span> aufgelesen haben (309); es ist daher kein Wunder, dass
-auch die Somnambulen die therapeutischen Systeme ihrer Zeit wenigstens
-den Grundzügen nach widerspiegeln (264), wenn ihre Aeusserungen
-auch mit dem Glauben und Aberglauben der Volksmedicin mehr oder
-weniger gemischt sind. Ebenso wie die vermeintlichen Intuitionen der
-Somnambulen über metaphysische und religiöse Dinge nur phantastisch
-gemodelte unbewusste Reminiscenzen aus dem ihnen geläufigen religiösen
-Vorstellungskreise sind (185), ebenso sind auch die vermeintlichen
-Intuitionen des somnambulen (oder träumenden) Heilinstinkts in
-der allergrössten Mehrzahl der Fälle nichts als erinnerungslose
-Reproduktionen von früher einmal Gehörtem, Gelesenem oder Probirtem,
-welche durch die Hyperästhesie des Gedächtnisses dem Bewusstsein
-zur Verfügung gestellt werden ohne jedes Merkmal, dass sie aus dem
-reflexiven discursiven Wissen stammen (229). Zweitens kreuzen sich bei
-der Somnambulen, als einer Kranken, die perversen krankhaften Instinkte
-mit dem Heilinstinkt, und man kann nie wissen, welcher im gegebenen
-Falle die Oberhand hat; das Verlangen nach den unverdaulichsten
-Dingen (217), nach kolossalen Dosen stark wirkender Medikamente (270
-bis 272), nach Fortdauer und Wiederholung des somnambulen Zustandes
-gehören ohne Zweifel den ersteren an. Drittens schützt der Verzicht
-des Magnetiseurs auf Fragestellung bei engem magnetischem Rapport
-keineswegs davor, dass nicht schon dessen unausgesprochene bewusste
-und unbewusste Vorstellungen und Wünsche in die Somnambule übergehen
-und aus ihr zurücktönen. Viertens kann die somnambule Traumphantasie
-sich in einem Spiel mit ebenso sinnlosen wie unschädlichen Verordnungen
-ergehen (171), denen vom Magnetiseur und demgemäss auch von der Kranken
-irrthümlich eine hohe Wichtigkeit beigemessen wird.<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[&ndash; 246 &ndash;]</a></span> Berücksichtigt man
-endlich, dass Zurückhaltung in der Fragestellung bei den registrirten
-Krankheitsgeschichten von Somnambulen zu den Ausnahmen gehört, so wird
-man ermessen können, einen wie geringen Antheil an den berichteten
-Selbstverordnungen man dem Heilinstinkt zuschreiben darf.</p>
-
-<p>Betrachtet man die berichteten Fälle von günstiger Wirkung der
-somnambulen Verordnungen, so bleibt nach Ausscheidung der schlechthin
-unzuverlässigen Angaben und nach Abzug der Fälle, in denen bekannte
-Heilmittel von anerkannter Wirksamkeit verordnet sind, in der That noch
-genug Material übrig, um das Erstaunen des Laien zu erwecken. Aber
-ganz dasselbe ist der Fall bei den zahllosen irrationellen Systemen
-der Heilkunst, welche auf der Erde im Schwange gehen, ja sogar bei
-Schäfern und wunderthätigen Heiligenbildern; sie alle haben eine Menge
-zweifellos glücklicher Kuren aufzuweisen, insbesondere in Fällen von
-Nervenkrankheiten, die jeder rationellen Behandlung spotten, und bei
-denen noch immer das Wort gilt: Dein Glaube hat Dir geholfen. Wenn
-nun eine Somnambule den festen Glauben gewinnt, dass sie in Folge der
-getroffenen Verordnungen sich bessern oder genesen werde, so kann
-dieser Glaube sehr wohl eine vorübergehende oder dauernde Veränderung
-der Krankheit herbeiführen, ganz abgesehen davon, ob den verordneten
-Mitteln objektiv genommen irgend welche Wirksamkeit zukommt. Aus der
-objektiven Gleichgültigkeit des Inhalts der Verordnung erklärt sich
-die Vorliebe der Somnambulen für anscheinend indifferente Mittel
-oder für homöopathisch kleine Gaben (272), zugleich aber auch die
-Thatsache, dass die Mittel immer nur ihnen selbst helfen, aber in
-anscheinend gleichen Fällen jede Wirkung versagen und zur Abstraktion
-von allgemein giltigen Regeln nicht brauchbar sind (269&ndash;270);<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[&ndash; 247 &ndash;]</a></span> ebenso
-erklärt sich aus der grösseren Kraft des Glaubens an eigene als an
-fremde Verordnungen die Thatsache, dass die Wirkung der somnambulen
-Verordnungen für dritte mit ihnen in Rapport gesetzte Personen soviel
-unsicherer ist, als die Wirkung der Selbstverordnungen.</p>
-
-<p>Hätten die Verordnungen der Somnambulen irgend welche objektive
-Wirksamkeit, so müsste doch unbeschadet der grössten Individualisirung
-der einzelnen Fälle irgend welcher greifbare Gewinn für die Therapie,
-wenn auch nur der allerbescheidensten Art, nachweisbar sein; da dies
-trotz aller Bemühungen der Magnetiseure nicht der Fall ist, muss man
-schliessen, dass die Wirkung der Verordnungen, soweit letztere nicht
-von bereits bekannter objektiver Wirkung sind, nur subjektiver Art
-ist, und zwar nicht nur bei den Somnambulen selbst, sondern auch bei
-denen, welche ihre Hülfe in Anspruch nehmen und an deren Wirksamkeit
-glauben. Darum ist aber auch die Hoffnung abgeschnitten, auf diesem
-Wege jemals einen Fortschritt der medicinischen Wissenschaft zu
-erzielen; die Befolgung der somnambulen Verordnungen, soweit keine
-objektive Wirksamkeit derselben bekannt ist, wird ein verständiger
-Arzt nur zu dem Zwecke zugeben, um von dem aufrichtenden Einfluss des
-Glaubens und Vertrauens Nutzen zu ziehen, welcher durch das Vergessen
-der somnambulen Verordnung im wachen Zustande nicht beeinträchtigt
-wird. Aber kein verständiger Arzt wird den künstlichen Somnambulismus
-herbeiführen in der ungewissen Aussicht, eine Selbstverordnung der
-Kranken zu erzielen, die vielleicht einen günstigen subjektiven
-Einfluss auf das Nervenleiden haben könnte. Ganz unstatthaft aber ist
-das Provociren von Verordnungen für dritte Personen; will man einmal
-Hokus-Pokus treiben, so giebt es andere Mittel genug, um medicinisch
-nützliche Einbildungen in den letzteren hervorzurufen, als<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[&ndash; 248 &ndash;]</a></span> dass
-man zu dem Zwecke durchaus mit der Gesundheit eines ohnehin schon
-Nervenkranken ein frevelhaftes Spiel treiben müsste.</p>
-
-<p>Bei alledem bin ich weit entfernt, die Existenz eines Heilinstinkts
-und seine erleichterte Aeusserung im somnambulen Zustande zu leugnen;
-ich behaupte nur, dass diese Aeusserungen unter einem solchen Wust von
-werthlosen und schädlichen Einfällen und Einbildungen vergraben liegen,
-dass es ein praktisch aussichtsloses und bei seinen unvermeidlichen
-Irrwegen gefährliches Unternehmen wäre, auf dieselben eine indirekte
-hypnotische Behandlung der Kranken gründen zu wollen. Es ist auch die
-Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die Hyperästhesie der Gefühls-
-und Vorstellungsfunktion im somnambulen Zustande das Auftauchen
-hellsehender Intuitionen über allerlei andere als medicinische Dinge,
-ja sogar über transcendent metaphysische Thatsachen erleichtert, und
-trotzdem müssen, wie du Prel zugiebt (184&ndash;185), alle Versuche, „aus
-den Somnambulen Wahrsager zu machen oder gar über metaphysische Fragen
-von ihnen Aufklärungen zu erhalten, als <em class="gesperrt">ganz werthlos</em> angesehen
-werden“. Dieselben Gründe, welche diese Versuche auf dem einen Gebiet
-praktisch werthlos machen, thun es im gleichen Masse auch auf dem
-andern.</p>
-
-<p>Noch unzulässiger als die medicinische Verwerthung ist die pädagogische
-Ausnutzung des Somnambulismus im moralischen Interesse, welche du
-Prel der wohlbegründeten Besorgniss vor unmoralischen Missbrauch der
-Macht des Magnetiseurs über die somnambule Person entgegengestellt
-(357&ndash;358). Das somnambule Bewusstsein ist ein widerstandsloser und
-willenloser Geisteszustand, in welchem blindlings jeder Befehl des
-Magnetiseurs befolgt wird und die Consequenzen des<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[&ndash; 249 &ndash;]</a></span> einmal erhaltenen
-Thätigkeitsimpulses wie bei einem mechanischen Automaten abschnurren;
-die somnambule Widerstandslosigkeit gegen den Willen des Magnetiseurs
-greift aber &mdash; und darin liegt eine furchtbare Gefahr &mdash; auch in
-das wache Leben über, so dass die wache Person die unglaublichsten
-Vorwände aufsucht, um einen im somnambulen Zustande erhaltenen
-Befehl des Magnetiseurs zu rechter Zeit zu erfüllen, obwohl sie
-keine Erinnerung an diesen Befehl hat, sondern nur den dunklen,
-unmotivirten Trieb zum Vollziehen der fraglichen Handlung empfindet.
-Der pathologische Charakter des Somnambulismus und seine Verwandtschaft
-mit der Geistesstörung offenbart sich hier mit voller Deutlichkeit,
-indem die unbewusst fortwirkenden Rückstände des somnambulen Lebens
-bei ihrem Hineinragen in’s normale Leben sich genau so verhalten,
-wie die unmotivirten und doch unwiderstehlich wirkenden Triebe bei
-Wahnsinnigen. Beide Arten von decentralisirten Impulsen kommen aus
-derselben Region des Centralnervensystems, nur dass sie im ersteren
-Fall durch den Magnetiseur, im letzteren Fall durch innere krankhafte
-Reize des Organismus bestimmt sind.</p>
-
-<p>Es ist klar, dass dieses Verhältniss der Somnambule zum Magnetiseur
-den Begriff der Besessenheit objektiv verwirklicht, von dessen
-Verwirklichung in wachen Irrsinnsfällen die blosse Illusion besteht; es
-ist ebenso klar, dass die mit solcher Besessenheit gegebene Aufhebung
-der Selbstbestimmung des Willens das psychologische Fundament der
-Sittlichkeit ganz ebenso wie der spontane Irrsinn zerstört. Ob der
-Inhalt des infiltrirten Willens gut oder böse ist, erscheint relativ
-gleichgiltig, da seine Ausführung dem Handelnden doch nicht mehr
-moralisch zugerechnet werden kann; aber das rein Formelle an diesem
-Verhältniss ist einem Meuchelmord der sittlichen Persönlichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[&ndash; 250 &ndash;]</a></span>
-gleich zu achten, und muss als solcher immer sittlichen Abscheu
-erwecken. Das Hinüberspielen des blinden Automatengehorsams aus
-dem somnambulen in den wachen Zustand kann niemals Früchte von
-sittlichem Werth, sondern höchstens eine maschinenmässige Legalität
-der impulsiven Handlungen erzielen; aber die Legalität ist hier
-nicht, wie in der echten Pädagogik, eine Vorstufe zur Bethätigung
-sittlicher Autonomie, sondern mit dem Preise ihrer Zerstörung bezahlt.
-Nur da, wo durch Geistesstörung ohnehin die psychische Grundlage der
-sittlichen Persönlichkeit aufgehoben ist, kann die Herbeiführung des
-somnambulen Zustandes und die Aenderung der krankhaften Willensimpulse
-und Einbildungen unbedenklich erscheinen; so <span class="nowrap">z. B.</span> wenn man einem
-Irrsinnigen im somnambulen Zustand befiehlt, hinfort nicht mehr von
-einem bösen Dämon sondern von einem guten Genius besessen zu sein,
-oder ihn selbst die Person wählen lässt, mit der er die Vertauschung
-seines wahnsinnigen Ich vornehmen will. Auch die Möglichkeit Somnambule
-auf Befehl bestimmte Vorstellungen für die Dauer vergessen zu lassen,
-könnte zur Bekämpfung von fixen Ideen und Zwangsvorstellungen
-verwerthet werden, obschon die aus einer Wahnvorstellung verscheuchte
-Krankheit sich dann sehr bald in einer andern Wahnvorstellung ein neues
-Ventil zu öffnen pflegt.</p>
-
-<p>Es giebt keine launischeren, selbstsüchtigeren, anspruchsvolleren,
-herrschsüchtigeren, empfindlicheren, kurz, für ihre Umgebung
-unerträglicheren Individuen, als jene Art von Nervenkranken, die
-zum Somnambulismus prädisponirt sind, und die öftere Wiederholung
-des Somnambulismus steigert die nervöse Gleichgewichtsstörung, aus
-der diese Unliebenswürdigkeit des Benehmens entspringt, hat also
-eine entschieden ungünstige Rückwirkung auf die sittliche Haltung
-der<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[&ndash; 251 &ndash;]</a></span> Person, ebenso wie auf ihr Gedächtniss und ihre intellectuellen
-Fähigkeiten. Nur in der somnambulen Krise selbst, wo der störende
-Druck des Nervenleidens auf die Stimmung der Kranken durch die
-Analgesie aufgehoben ist und alle Gedächtnissvorstellungen nur mit
-den ihnen in der Vergangenheit (also in gesunden Tagen) anhaftenden
-moralischen Gefühlswerthen reproducirt werden (317, 319), erscheint
-auch das aus diesen begleitenden Gefühlswerthen abfliessende moralische
-Urtheil wieder so, wie es in gesunden Tagen war. Dieser Zustand
-kann also relativ, <span class="nowrap">d. h.</span> im Vergleich mit der krankhaften Entartung
-des sittlichen Gefühls im wachen Zustande, als eine Steigerung
-und Reinigung des moralischen Gefühls erscheinen (434); aber der
-Somnambulismus erzeugt diese nicht, sondern lässt nur die reineren
-Gefühlswerthe der gesunden Vergangenheit durch das Gedächtniss wieder
-aufwachen, während er die Störungen des gegenwärtigen wachen Lebens
-zeitweilig verdunkelt.</p>
-
-<p>Nach alledem ist der Nutzen des Somnambulismus ebenso problematisch wie
-die Schädlichkeit desselben für Leib und Seele zweifellos ist; alle
-Versuche, aus demselben Nutzen zu ziehen, sind (mit Ausnahme einzelner
-Fälle von Behandlung der Hysterie und des Irrsinns) nicht nur praktisch
-werthlos, sondern befinden sich auf einem gefährlichen Irrwege. Es ist
-praktisch höchst wichtig, daran festzuhalten, dass der Somnambulismus
-ein rein pathologischer Zustand mit ausschliesslich pathologischen
-Funktionen ist, der vor anderen pathologischen Nervenzuständen nichts
-voraus hat und keine einzige neue Funktion des menschlichen Geistes
-enthüllt, sondern nur bekannte Funktionen in anderer Zusammenstellung
-zeigt. Selbst das eigentliche Hellsehen ist eine Funktion, die bei
-wachem Bewusstsein unter Umständen auch vorkommt, und die nur beim
-Somnambulismus wegen<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[&ndash; 252 &ndash;]</a></span> der Hyperästhesie des Gedächtnisses und der
-Phantasie leichter eintritt; aber noch nie hat die Menschheit in
-ihrem Kulturprocess vom somnambulen Hellsehen irgend welche Förderung
-erfahren, weil solche abhängig ist von der Verbindung des Hellsehens
-mit der zielbewussten Besonnenheit der Geistesthätigkeit, die eben im
-Somnambulismus unterdrückt ist.</p>
-
-<p>Die willenlose, decentralisirte, automatenartige Passivität des
-somnambulen Bewusstseins (124) stellt dasselbe tief unter das
-wache Bewusstsein, ebenso wie das gewöhnliche Traumbewusstsein,
-dem gleichfalls das zielbewusste Wollen und die Richtung gebende
-Aufmerksamkeit fehlen (33). Die Geistigkeit und bewusste Vernünftigkeit
-des wachen Lebens bekundet sich eben formell in der Erhebung über die
-anschauliche Bildlichkeit der Vorstellungen zu abstrakten Begriffen
-und zur Gedankenreflexion, inhaltlich in der zielbewussten Leitung
-des Vorstellungs- und Motivationsprocesses, durch welche auch die
-autonome Selbstbestimmung des Willens ermöglicht ist. Ein bloss
-bildliches Bewusstsein, dessen Vorstellungsbilder mechanisch von aussen
-aufgezwungen werden oder ebenso mechanisch nach zufällig entstandenen
-Associationen abschnurren, und dessen Handlungen ebenso mechanisch aus
-den aufgezwungenen oder zufällig aufgetauchten Bildern entspringen,
-entbehrt der Finalität im Vorstellungsablauf und damit der specifisch
-geistigen Vernünftigkeit. Je tiefer der natürliche oder somnambule
-Schlaf ist, desto mehr nimmt diese Lähmung der Spontaneität, diese
-teleologische Vernunftlosigkeit der Bilderfolge und Handlungen zu, und
-nur die wachsende Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie
-bewirkt, dass längere Bilderreihen im Zusammenhang verlaufen. Beim
-normalen Traum, der schon im Halbschlaf oft längere zusammenhängende
-Episoden zeigt, mag bei der Schlafvertiefung<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[&ndash; 253 &ndash;]</a></span> der zunehmende Abschluss
-von den Sinnesreizen die Häufigkeit solcher störenden Unterbrechungen
-vermindern und dadurch zur Verlängerung der zusammenhängenden Episoden
-beitragen (32); im Somnambulismus giebt umgekehrt bei gesteigerter
-Tiefe und damit zunehmendem Aufschluss der Sinne an die Aussenwelt
-der Magnetiseur den spiritus rector ab, welcher den mechanischen
-Bilderfluss im Zügel hält und von unwillkürlichen Abschweifungen aus
-dem Zusammenhang zurückholen kann.</p>
-
-<p>Alles Vernünftige im gewöhnlichen und somnambulen Traum hängt aber doch
-lediglich von der Vernünftigkeit des wachen Bewusstseins ab, nämlich
-bei beiden von der Vernünftigkeit der im Gedächtniss niedergelegten
-Associationen, durch welche die Reihenfolge der Reproduction bestimmt
-wird, und beim Somnambulismus ausserdem von der Vernünftigkeit des den
-Traum der Somnambule leitenden Magnetiseurs. Je tiefer der Schlaf wird,
-desto tiefer versinkt das Traumbewusstsein in mechanische Passivität,
-in gedankenlose Bildlichkeit und in die Neigung zu symbolischer
-Personifikation (99), desto weiter entfernt es sich von der
-vernünftigen Geistigkeit des wachen Bewusstseins; je tiefer und fester
-der Schlaf, desto tiefer wird die Seele in das organische Treiben der
-Natur versenkt (215). Je weiter sich aber der Seelenzustand von der
-vernünftigen Geistigkeit entfernt und je tiefer er in das organische
-Treiben des blossen Naturdaseins versenkt wird, desto mehr steigt er
-auf der Stufenleiter der organischen Entwickelung <em class="gesperrt">abwärts</em>, desto
-unähnlicher wird er dem specifisch Menschlichen und desto ähnlicher dem
-thierischen und pflanzlichen Leben. Das wache Bewusstsein der Thiere
-von den Amphibien abwärts gleicht zweifellos mehr dem somnambulen
-Bewusstsein als dem wachen Bewusstsein des Menschen,<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[&ndash; 254 &ndash;]</a></span> und die
-Sensitivität des somnambulen Zustandes für unorganische und organische
-Einflüsse, für chemische, elektrische und meteorologische Eindrücke
-gleicht mehr dem thierischen und pflanzlichen Verwachsensein mit dem
-Naturganzen als der menschlichen Aussonderung aus demselben.</p>
-
-<p>Wenn man demnach vor die Alternative gestellt wäre, ob der
-Somnambulismus sammt seiner sensitiven Einfühlung in den
-Naturzusammenhang als eine atavistische Gestaltung, <span class="nowrap">d. h.</span> als ein
-Ueberlebsel überwundener biologischer Entwickelungsstufen, oder ob
-er als keimartige Anticipation einer auf Erden noch unerreichten
-höheren biologischen Entwickelungsstufe zu deuten sei, so müsste
-die Antwort zweifellos zu Gunsten des atavistischen Rückfalles in
-niedere Lebensstufen lauten, und die Erörterung, ob die eventuell dem
-Somnambulismus entsprechende höhere Entwickelungsstufe noch hier auf
-Erden, oder in einem besseren Jenseits oder auf anderen Weltkörpern
-erreicht werden wird (387, 125), ist völlig bodenlos. Aber selbst
-die Frage, die jener Alternative zu Grunde liegt, ist schon falsch
-gestellt: denn sie ist nur zulässig bei normalen physiologischen
-Zuständen, die in der gradlinigen Entwickelung liegen, aber unzulässig
-bei pathologischen Zuständen, die aus derselben seitlich heraustreten.</p>
-
-<p>Niemand zweifelt daran, dass ein Irrsinniger mit alternirendem
-Bewusstsein, trotz seines zwiespältigen Bewusstseinslebens,
-und trotzdem er in dem einen Zustand als eine andere geistige
-Persönlichkeit wie in dem andern erscheint, doch nur eine einzige
-geistige Persönlichkeit mit einem einzigen Bewusstsein, aber mit
-wechselnden Zuständen und demgemäss wechselndem Inhalt dieses
-Bewusstseins ist. Nicht das Bewusstsein ist bei solchen Kranken
-doppelt, auch nicht das Vorstellungsmaterial, über das sein
-Bewusstsein insgesammt<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[&ndash; 255 &ndash;]</a></span> verfügt, sondern nur in zwei Gruppen ist das
-Vorstellungsmaterial getheilt, so zwar, dass jede Vorstellung einer
-Gruppe mit jeder derselben Gruppe sich leicht associirt, mit irgend
-welcher Vorstellung aus der anderen Gruppe aber gar nicht oder doch
-sehr schwer associirt. Der Vorrath der einen Gedächtnisskammer scheint
-in zwei Kammern vertheilt (298), weil er in zwei Haufen getheilt ist,
-die untereinander sich nicht berühren. Dass nur ein leerer Raum, aber
-keine Scheidewand zwischen ihnen steht, erhellt daraus, dass manchmal
-beim Uebergang des einen Zustandes in den anderen beide Gruppen doch in
-einander übergreifen, aber sich wegen ihrer Fremdartigkeit abstossen.</p>
-
-<p>Man kann das Bewusstsein mit einer Blendlaterne vergleichen, welche
-durch ihren Lichtkegel immer nur einen engbegrenzten Ausschnitt der
-Umgebung auf einmal beleuchtet; dreht sich die Laterne langsam, so
-rückt der Lichtkegel stetig weiter und die Continuität des wechselnden
-Bewusstseinsinhalts bleibt gewahrt, &mdash; dreht sie sich aber plötzlich
-mit einem Ruck um mehr als den Scheitelwinkel ihres Erleuchtungskegels,
-so sind ganz von einander getrennte Ausschnitte der Umgebung
-beleuchtet, welche bei der Dunkelheit der sie thatsächlich verbindenden
-Brücke als zwei getrennte Bewusstseine erscheinen. Dass dieser Schein
-trügt, ist daraus empirisch zu erweisen, dass die Uebergangsbrücke
-unter Umständen, bei langsamer Drehung der Laterne, wirklich
-beobachtet, also das Vorhandensein des objektiven Zusammenhanges beider
-Gruppen erfahrungsmässig konstatirt wird. Denn wo die Vergleichung
-von Vorstellungen aus den verschiedenen Bewusstseinszuständen
-überhaupt möglich ist, da ist sie es nur unter der Voraussetzung der
-Einheitlichkeit des Bewusstseins in beiden Zuständen; wo sie aber gar
-nicht beobachtet wird, liegt in dieser Nichtwirklichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[&ndash; 256 &ndash;]</a></span> doch noch
-kein Beweis für ihre Unmöglichkeit oder gar (wie du Prel meint &mdash;
-438) für die Doppelheit des Bewusstseins, da auch dann immer noch ein
-identisches Bewusstsein bestehen kann, dem nur die Handhabe dazu fehlt,
-seine Identität mit in seinen Inhalt aufzunehmen.</p>
-
-<p>Nun kennen wir innerhalb desselben menschlichen Organismus keine
-Bewusstseinszustände, zwischen denen nicht wenigstens ausnahmsweise
-ein Uebergang, eine wenn auch nur schwache Grenzberührung stattfände.
-Das wache Bewusstsein erinnert sich vieler Träume und mancher Vorgänge
-aus dem somnambulen Traumleben, besonders wenn für associative
-Erinnerungsbehelfe Sorge getragen wird; ebenso erinnert sich das
-Traumbewusstsein mancher Vorgänge aus dem somnambulen Leben, und das
-somnambule Bewusstsein ausnahmsweise der Vorgänge aus dem Hochschlaf
-(347&ndash;356). Nach den neueren französischen Berichten, ist der
-entschiedene Befehl des Magnetiseurs an die Somnambule, sich nach dem
-Erwachen an bestimmte Vorgänge des somnambulen Zustandes oder die ganze
-Reihe derselben zu erinnern, ausreichend, um die Erinnerungsbrücke
-mit Sicherheit herzustellen.<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> Diese Thatsachen genügen zum
-strengen Beweise des Satzes, dass wir es in allen diesen Fällen nicht
-mit verschiedenen Bewusstseinen innerhalb desselben organischen
-Individuums, sondern mit verschiedenen, physiologisch bedingten
-Zuständen desselben einen und einzigen Bewusstseins zu thun haben, und
-es bedarf dazu kaum<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[&ndash; 257 &ndash;]</a></span> noch des Hinweises darauf, dass das Umspannen
-des einen Bewusstseinszustandes durch den andern nicht die Ausnahme,
-sondern die Regel ist, wenn wir vom Hochschlaf durch das somnambule und
-Traumbewusstsein zu den verschiedenen normalen und abnormen Zuständen
-des wachen Bewusstseins fortschreiten.</p>
-
-<p>Diese Sätze sind so selbstverständlich, dass wohl Niemand darauf
-verfallen wäre, sie in Frage zu stellen, wenn nicht der optische
-Dualismus (148) der phantastischen Spaltung (38) des Ich in manchen
-abnormen Bewusstseinszuständen mit einer Mehrheit relativ gesonderter
-Bewusstseinszustände zusammenträfe. Nun ist aber klar, dass die
-hallucinatorische Deutlichkeit eines Trauminhalts gar nichts für
-dessen Realität beweist, dass es dem Aberglauben verfallen heisst,
-wenn man die Traumfiguren des gewöhnlichen oder somnambulen Traumes
-für wirkliche Personen nimmt (210, 186), und dass die Neigung zur
-Verbildlichung und symbolisch-phantastischen Personifikation mit der
-Tiefe des Traumbewusstseins wächst (99), also <span class="nowrap">z. B.</span> die Zahl der
-Schutzengel und Interlocutoren mit der Steigerung des Somnambulismus
-zunimmt. Wie ist es unter solchen Umständen möglich, die symbolischen
-Personifikationen des Traumbewusstseins ausnahmsweise als Realitäten
-zu behandeln, sobald sie sich auf einen anderen, relativ gesonderten
-Bewusstseinszustand desselben Individuums beziehen, falls nicht schon
-<em class="gesperrt">auch ohnedies</em> ein genügender Grund vorliegt, eine Mehrheit von
-Bewusstseinen oder Personen innerhalb desselben organisch-psychischen
-Individuums anzunehmen? Da wir gesehen haben, dass dazu nicht nur kein
-Grund vorliegt, sondern eine solche Annahme entschieden unstatthaft
-ist, so ist es auch schlechthin unstatthaft, in der Anerkennung des
-phantastisch-illusorischen Charakters aller dramatischen Spaltungen
-des Ich eine Ausnahme zu Gunsten<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[&ndash; 258 &ndash;]</a></span> der Personifikation des normalen
-wachen Bewusstseinszustandes durch den irrsinnigen (343) oder durch den
-somnambulen zu machen (438, 189, 127).</p>
-
-<p>Wäre das statthaft in Bezug auf die somnambule Traumpersonifikation
-des normalen wachen Zustandes durch das somnambule Bewusstsein, so
-wäre es nicht minder geboten in Bezug auf die Personifikation der
-abnormen wachen Bewusstseinszustände durch das somnambule Bewusstsein
-und in Bezug auf die Personifikation des somnambulen Zustandes
-durch das Bewusstsein des Hochschlafs; wir würden also durch diese
-Art, zu schliessen, doch niemals auf zwei, sondern sofort auf fünf
-bis sechs getrennte Bewusstseine und Personen innerhalb desselben
-organisch-psychischen Individuums geführt werden. Die verschiedenen
-abnormen Bewusstseinszustände sind von einander in nicht geringerem
-Grade relativ abgesondert als der normale Bewusstseinszustand von
-den abnormen; es ist also ganz unzulässig, wie du Prel thut, die
-Absonderung des normalen Zustandes von den abnormen zur Scheidegrenze
-zwischen zwei Bewusstseinen oder Personen im Individuum zu stempeln,
-die Absonderung der abnormen Zustände unter einander aber zu
-ignoriren und alle diese Bewusstseinszustände kurzweg als „die zweite
-Person“ im Individuum zusammenzufassen. Der optische Pluralismus der
-Personen ist überall, auch als Dualismus der Personen im somnambulen
-oder Traumbewusstsein, eine phantastische psychologische Illusion
-oder Fiktion, und wenn auch die Thatsache dieser Illusion keine
-illusorische, sondern eine reelle Thatsache ist (114), so darf man
-aus diesem Satze doch unter keinen Umständen zu Schlüssen, welche
-die Realität des Inhalts dieser Illusion unvermerkt voraussetzen,
-fortschreiten (112).</p>
-
-<p>Das wache Bewusstsein und das somnambule Bewusstsein sind also nicht
-zwei Bewusstseine, sondern<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[&ndash; 259 &ndash;]</a></span> zwei Zustände eines Bewusstseins, die durch
-Schwellenverschiebung in einander überfliessen können, und von denen
-der erste vom zweiten zwar durch regelmässige Erinnerungslosigkeit,
-der zweite vom ersten aber nur durch die phantastische illusorische
-Personifikation desselben abgesondert ist. Wenn die Blendlaterne des
-Bewusstseins sich vom wachen zum Traumzustand oder zum hypnotischen
-Zustand hin dreht, so erweitert sich der Lichtkegel nach der Seite
-der sensitiven Gefühlseindrücke, verengt sich aber nach der Seite
-der Sinneswahrnehmungen und der bewussten Zwecke und Interessen des
-Tageslebens; wenn dann der hypnotische Zustand in den somnambulen
-übergeht, so wird die vorherige Verengerung in Bezug auf die
-Sinneswahrnehmungen wieder rückgängig gemacht.</p>
-
-<p>Das Organ der Willkür, der Spontaneität, der Aufmerksamkeit, der
-Besonnenheit, der zielbewussten Leitung des Vorstellungsablaufs, der
-absichtlichen Hervorrufung von Vorstellungen und Motiven und damit der
-Selbstbestimmung des Willens wird beim Uebergang aus dem wachen in den
-träumenden oder somnambulen Zustand gelähmt oder ausser Thätigkeit
-gesetzt; damit hört auch die zügelnde und hemmende Thätigkeit auf,
-welche dieses Organ auf die äussere und innere Reflexthätigkeit der
-übrigen Centraltheile des Nervensystems ausübt und durch welche es
-deren decentralisirende Impulse centralistisch beherrscht. Weil diese
-reflexhemmende, regulirende und leitende Thätigkeit des höchsten
-Geistesorgans am meisten anstrengt und am schnellsten ermüdet, so ist
-auch dieses Organ, das wir der Kürze halber hinfort mit „Willkürorgan“
-bezeichnen wollen, am meisten der Erholung bedürftig, und es ist
-deshalb offenbar als eine teleologische Einrichtung aufzufassen, dass
-es beim Einschlafen zuerst depotenzirt wird.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[&ndash; 260 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Nun ist es aber ein allgemeines physiologisches Gesetz, dass
-die gehemmte Innervationsenergie des Nervensystems eine gewisse
-Beständigkeit besitzt, und wenigstens keinen plötzlichen Schwankungen
-ausgesetzt ist. So <span class="nowrap">z. B.</span> ist die hysterische Anästhesie der einen
-Körperhälfte allemal mit einer entsprechenden Hyperästhesie der andern
-Körperhälfte verbunden, welche beiden Zustände durch einen die gesammte
-Innervationsenergie wieder gleichmässig vertheilenden galvanischen
-Strom in gleichem Masse (wenn auch nur vorübergehend) beseitigt
-werden können. Dem entsprechend muss die plötzliche Anästhesirung des
-Willkürorgans beim Einschlafen eine Hyperästhesirung anderer Theile des
-Nervensystems als unvermeidliche Ausgleichungserscheinung im Gefolge
-haben, und diese theilweise Kompensations-Hyperästhesie wird um so
-intensiver auftreten, auf je beschränktere Theile sie koncentrirt
-ist. Daraus entspringen die lebhaften Träume unmittelbar nach dem
-Einschlafen, wenn die gesammte Innervationsenergie des Organismus
-noch nicht Zeit gehabt hat zu sinken, und vor dem Erwachen, wenn sie
-durch die Kräftigung des genossenen Schlafes sich wieder bis zur
-Höhe des Tageslebens erhoben hat. Dagegen ist anzunehmen, dass die
-erholende Wirkung des tiefes Schlafes um so grösser ist, je tiefer
-die gesammte Innervationsenergie des Organismus allmählich nach dem
-Einschlafen unter das Niveau des Tageslebens gesunken ist, so dass im
-gesunden tiefen Schlaf eine Hyperästhesie irgend welcher Theile des
-Nervensystems nicht stattzuhaben braucht.</p>
-
-<p>Dem Somnambulismus als einem krankhaften Zustand ist es im
-Unterschiede vom gesunden tiefen und ruhigen Schlaf eigenthümlich, die
-Innervationsenergie des wachen Lebens und mit ihr die Hyperästhesie
-gewisser Theile des Nervensystems festzuhalten, und<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[&ndash; 261 &ndash;]</a></span> dies ist der Grund
-dafür, dass einerseits das Traumbewusstsein in ihm niemals erlischt,
-und dass andererseits er nicht wie der Schlaf das Schlafbedürfnis
-befriedigt, sondern bei längerer Dauer geradezu hervorruft. Je höher
-die Hyperästhesie der im Somnambulismus funktionirenden Theile steigt,
-auf einen desto engeren Bezirk muss die gesammte Innervationsenergie
-koncentrirt sein, desto mehr Theile müssen also der Anästhesie
-verfallen sein; es muss also <span class="nowrap">z. B.</span> das Bewusstsein des Hochschlafs auf
-einem beschränkteren funktionirenden Gebiet des Centralnervensystems
-beruhen, als das gewöhnliche somnambule Bewusstsein. Da die
-Hyperästhesie des Gedächtnisses und der Phantasie im Somnambulismus
-diejenigen des gewöhnlichen Traumes nach dem Einschlafen übersteigen,
-trotzdem dass im ersteren die Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen
-in Funktion, in letzterem anästhetisch sind, so lässt sich daraus
-entnehmen, dass (wenn man von der unwahrscheinlichen Annahme einer
-Steigerung der gesammten Innervationsenergie im Somnambulismus gegen
-den wachen Zustand absieht) entweder im Traum schon eine gesunkene
-Gesammtenergie sich bethätigt, oder aber im Somnambulismus ein
-beschränkteres Gebiet des Centralnervensystems funktionirt als im
-Traum. Vielleicht findet beides zugleich statt.</p>
-
-<p>Jetzt erst erhält der obige Vergleich des Bewusstseins mit einer
-Blendlaterne eine bestimmte physiologische Bedeutung. Die Umgebung,
-auf welche der verschiebbare Beleuchtungskegel fällt, ist nicht als
-die äussere Umgebung des Organismus zu verstehen, sondern als die
-Gesammtheit des den Bewusstseinsfunktionen zur organischen Unterlage
-dienenden Centralnervensystems; es zieht immer derjenige Theil den
-Beleuchtungskegel des Bewusstseins auf sich, auf welchen jeweilig
-das Maximum von Innervationsenergie koncentrirt ist,<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[&ndash; 262 &ndash;]</a></span> während die
-zeitweilig anästhetischen Theile im Dunkel bleiben. Je nachdem die
-funktionirenden Theile der einen oder der anderen Art von sensiblen
-und sensorischen Nerven näher oder ferner liegen, sinkt oder steigt
-die Empfindungsschwelle für die betreffende Art von Empfindungen
-und Wahrnehmungen; allen abnormen Bewusstseinszuständen gemeinsam
-aber ist die Hyperästhesie des Gedächtniss- und Phantasieorgans,
-welche deshalb (neben jenen variablen Compensationserscheinungen)
-als die <em class="gesperrt">konstante</em> Compensationserscheinung zur Anästhesie des
-Willkürorgans anzusehen ist. Wenn im wachen Bewusstseinszustände
-Vorstellungen aus dem Vorstellungskreise der somnambulen Krisen berührt
-werden, und dabei ausnahmsweise eine Wiedererkennung stattfindet, so
-heisst das mit anderen Worten: der Beleuchtungskegel des Bewusstseins
-hat diejenigen Theile des Centralnervensystems gestreift, in welchen
-die somnambule Vorstellung sich vollzogen hatte, und in welchen
-demgemäss auch ihr Gedächtnisseindruck niedergelegt ist; der Beweis
-dafür liegt in der Thatsache, dass jede solche Wiedererkennung den
-Wiedereintritt des damals bestehenden Vertheilungszustandes der
-gesammten Innervationsenergie, <span class="nowrap">d. h.</span> den Rückfall in den somnambulen
-Zustand begünstigt und nicht selten wirklich hervorruft (363&ndash;364).</p>
-
-<p>Es ist für die Psychologie ohne Bedeutung, wenn auch von hohem
-psychologischen Interesse, welche Theile des Centralnervensystems im
-Traum und Somnambulismus ausgeschaltet, und welche in gesteigerter
-Thätigkeit sind. Im Allgemeinen ist anzunehmen, dass die Anästhesirung
-im Schlaf und Somnambulismus ebenso wie in der Chloroformnarkose
-von der Peripherie des Centralnervensystems nach dessen Centrum
-fortschreitet (55); doch hilft uns dieser Satz nicht viel, da wir
-nicht überall genau wissen, welchen von zwei Hirntheilen<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[&ndash; 263 &ndash;]</a></span> wir als
-den centraleren ansehen sollen, und da er ausserdem ohne Zweifel
-beträchtliche Ausnahmen erleidet. Nur soviel ist gewiss, dass das
-Willkürorgan in der Rindenschicht der Grosshirnhemisphären zu suchen
-ist, und deshalb im physiologischen Sinne eine peripherische Stellung
-zum Mittelhirn einnimmt, trotz seiner Hegemonie im Gebrauch der
-Leistungsfähigkeit des gesammten Organismus. Als die am meisten
-centralen sind jene Theile zu betrachten, die auch im völlig traumlosen
-tiefen Schlaf noch funktioniren müssen, um den Fortbestand des
-Lebens zu sichern; während diese Theile im gesunden tiefen Schlaf
-besonders günstig funktioniren (wie der stärkende und regenerirende
-Einfluss dieses Zustandes auf den Organismus beweist), scheinen sie
-im somnambulen Hochschlaf (wahrscheinlich wegen fortbestehender
-Hyperästhesie der Perceptionscentra für Sinneswahrnehmungen trotz
-gesunkener Gesammtenergie) bereits in ihrer Funktion bedroht, als ob
-sie im Begriff wären, von Lähmung und Anästhesie befallen zu werden;
-so dass der eigentliche Hochschlaf schon als ein nicht ungefährlicher
-Zustand zu betrachten ist, dessen künstliche Herbeiführung als ein
-durch nichts zu rechtfertigendes Wagniss verurtheilt werden muss.</p>
-
-<p>Der Schwerpunkt des physiologischen Problems liegt in der Frage:
-wo sind im somnambulen Zustande die Perceptionscentra für
-Sinneswahrnehmungen, das Ausführungscentrum für Handlungs- und
-Sprachbewegungen und die Centra für Sach- und Wortgedächtniss, sowie
-für gestaltende Phantasiethätigkeit zu suchen?</p>
-
-<p>Dass sie im Sonnengeflecht nicht zu finden sind, unterliegt keinem
-Zweifel. Das Sonnengeflecht kann höchstens als reflektorisches und
-instinktives motorisches Centrum für einen Theil der vegetativen
-organischen Processe, als Perceptionscentrum für Gefühlseindrücke<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[&ndash; 264 &ndash;]</a></span>
-der eigenen Eingeweide und allenfalls noch für Gefühlseindrücke, die
-aus den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Natur stammen,
-angesehen werden, aber nur soweit die letzteren von gefühlsmässiger
-Unbestimmtheit, <span class="nowrap">d. h.</span> nicht zu Sinneswahrnehmungen differenzirt sind;
-denn eben weil das Sonnengeflecht nicht mit Sinnesnerven in directer
-Verbindung steht, und nicht darauf eingerichtet ist, <em class="gesperrt">deren</em>
-specifisch differenzirte Reize in sich aufzunehmen und zu verarbeiten,
-kann es sich die allgemeine Perceptionsfähigkeit der Ganglien für
-undifferenzirte Gefühlsreize in um so höherem Grade bewahrt haben,
-also wohl geeignet sein, die innere Selbstschau der Somnambulen, ihre
-Diagnosen fremder Krankheiten und ihre Sensitivität für chemische,
-meteorologische und andere Einflüsse zu vermitteln. Um aber die
-so percipirten Reize in Bilder umzusetzen oder zu symbolisiren,
-und um die Bilder wieder in Worte zu übertragen und gar die Worte
-auszusprechen, dazu müssen nothwendig die etwaigen Gefühlsperceptionen
-des Sonnengeflechts zu Hirntheilen hingeleitet werden, welche mit den
-Sinnes- und Sprachbewegungsnerven in unmittelbarer Verbindung stehen.
-Die Aussagen der Somnambulen über ihre Perception durch den Magen
-oder die Herzgrube deuten allerdings auf eine gesteigerte sensitive
-Thätigkeit des Sonnengeflechts und auf einen krankhaft gesteigerten
-Rapport zwischen ihm und dem Gehirn (190, 142); aber mehr lässt sich
-aus denselben sicherlich nicht entnehmen (188, 397&ndash;398), und du Prel’s
-Ueberschätzung des Gangliensystems im Allgemeinen (141, 187, 211)
-entbehrt der thatsächlichen Begründung.</p>
-
-<p>Es bleibt sonach bloss die Wahl zwischen den verschiedenen
-Bestandtheilen des Gehirns. Dass das Willkürorgan nur einen Theil der
-Grosshirnhemisphärenrinde beansprucht, ist als sicher anzunehmen;
-es ist<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[&ndash; 265 &ndash;]</a></span> demnach wohl möglich, dass der ganze übrige Theil der
-Grosshirnhemisphären im Traum und Somnambulismus weiter funktionirt,
-insbesondere das Sprachcentrum, das Gedächtniss und die Phantasie.
-Wenigstens liegt kein zwingender Grund zu der Annahme vor, dass
-die Phantasie des Traumes eine schlechthin und specifisch andere
-als die des wachen Bewusstseins sei, wie du Prel meint (55, 180);
-denn wenn <span class="nowrap">z. B.</span> Walter Scott seinen Ivanhoe im Fieber komponirte,
-ohne nachher von dieser Ausführung seiner allgemeinen Idee etwas
-zu wissen (328), so spricht das dafür, dass die Traumphantasie des
-Fieberdeliriums mit der künstlerischen Phantasie identisch ist. Dass es
-streckenweise Funktionslähmungen des Grosshirngedächtnisses giebt ohne
-Funktionslähmung desselben im Allgemeinen, zeigen eine Menge Beispiele
-(335); es wäre daher auch dann, wenn wir das somnambule Gedächtniss
-als identisch mit dem wachen Gedächtniss des Gehirns betrachten, die
-Erklärung von Erscheinungen nicht ausgeschlossen wie derjenigen, dass
-das wache Gedächtniss die willkürlich eingeprägten und die zu den
-wachen Lebensinteressen in Beziehung stehenden Vorstellungen leichter
-reproducirt, das somnambule Gedächtniss dagegen die unwillkürlich
-percipirten Vorstellungen und Vorstellungsreihen (308). Auch die
-verschiedene Färbung, welche das somnambule und Traumbewusstsein im
-Vergleich zum wachen Bewusstsein seinem Inhalt verleiht, und welche
-besonders beim Wechsel beider Zustände durch den Kontrast spürbar wird,
-würde nach dieser Hypothese erklärbar bleiben; denn wenn in einem
-Orchester auf der einen Seite eine Anzahl Instrumente wegfallen, auf
-der anderen Seite eine Anzahl neuer Instrumente hinzutreten, so muss
-die Klangfarbe des Gesammteindrucks nothwendig eine andere werden.
-Endlich würde die Annahme, dass das somnambule und Traumbewusstsein auf
-einem Zusammenwirken<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[&ndash; 266 &ndash;]</a></span> von Theilen des Grosshirns mit dem Mittelhirn und
-Kleinhirn beruht, den Vortheil haben, noch ein weiteres Gebiet übrig zu
-lassen, innerhalb dessen eine neue Verschiebung des Beleuchtungskegels,
-wie sie im somnambulen Hochschlaf eintritt, geringeren Schwierigkeiten
-der Erklärung begegnet.</p>
-
-<p>Andererseits liegt aber auch keine Nöthigung vor, dass Theile des
-Grosshirns beim Zustandekommen des somnambulen Bewusstseins betheiligt
-sein müssen. Wir wissen, dass die einzelnen Hirntheile relativ
-selbstständige Centralorgane mit selbstständigen Perceptions- und
-Motionscentra, selbstständigem Gedächtniss und selbstständigen
-Reflexen zwischen Empfindung und Bewegung, zwischen Bewusstsein und
-Handlung sind, und wir wissen nicht, ob nicht schon die Phantasie des
-wachen Bewusstseins ihr materielles Substrat ausserhalb des Grosshirns
-liegen hat, da sie weniger als andere Geistesfähigkeiten von der
-Willkür beherrscht wird. Sicher ist, dass das Kleinhirn im Traum und
-Somnambulismus eine erhöhte Thätigkeit entfaltet, womit die Behauptung
-Reichenbachs übereinstimmt, dass die odische Insensität (<span class="nowrap">d. h.</span> die
-Innervationsenergie) im Wachen im Grosshirn, im Schlaf im Kleinhirn
-überwiegt (57).</p>
-
-<p>Das Kleinhirn ist in erster Instanz Gehörs- und Gleichgewichts-Centrum,
-und demgemäss ist die Fähigkeit der Gleichgewichtsbehauptung im
-somnambulen Zustand entschieden gesteigert, so wie das Gehör der erste
-der oberen Sinne ist, durch welchen die Somnambule mit der Aussenwelt
-in Beziehung tritt, und immer derjenige Sinn bleibt, durch welchen der
-Magnetiseur die Somnambule am leichtesten und sichersten beherrscht
-und leitet. Das Kleinhirn besitzt zweifellos ein Gedächtniss für
-Gehörseindrücke, also auch ein Wortgedächtniss, und wahrscheinlich auch
-ein Centrum<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[&ndash; 267 &ndash;]</a></span> der musikalischen Phantasie und ein motorisches Centrum
-für reflektorische Sprachbewegungen. Vermuthlich ist es das Kleinhirn,
-welches die mit dem Ohr, aber nicht mit dem wachen Grosshirnbewusstsein
-aufgefassten Worte eines Dritten percipirt und aufbewahrt und uns
-ermöglicht, sie nachträglich, nachdem sie im Ohr längst verklungen
-sind, mit dem Grosshirnbewusstsein percipiren zu können, wenn wir
-veranlasst sind, unsere Aufmerksamkeit auf dieselben zu richten (363).</p>
-
-<p>Aber was dem Kleinhirn fehlt, ist die nähere Verbindung mit dem
-Sehnerv, und demgemäss die Aufnahmefähigkeit für Gesichtseindrücke
-und Phantasiebilder; diese besitzen dagegen die Vierhügel, und mit
-ihr das Bildergedächtniss und die Fähigkeit, auf Gesichtseindrücke
-reflektorisch zu reagiren. Kleinhirn und Vierhügel zusammen dürften
-demnach für sich allein schon genügen, um die Art des somnambulen
-Verkehrs mit der Aussenwelt und das mechanische Fortspinnen
-somnambuler Träume zu erklären, womit indess keineswegs behauptet
-werden soll, dass keine anderen Hirntheile bei den betreffenden
-Funktionen betheiligt seien. Eine exakte Lösung würde die Frage nach
-der physiologischen Grundlage des somnambulen Bewusstseins und nach
-dem Mass der funktionellen Betheiligung des Sonnengeflechtes und der
-einzelnen Hirntheile nur durch Vivisektionsversuche an somnambulen
-Menschen finden können; indess lässt sich nicht in Abrede stellen,
-dass die Schmerzlokalisationen bei den mehrfach erwähnten Versuchen
-von Binet und Féré auf Theile des Grosshirns als materielle Grundlage
-der somnambulen psychischen Funktionen mit grosser Wahrscheinlichkeit
-hinweisen.</p>
-
-<p>Wie dem auch sei, so viel ist gewiss, dass wir keinen Grund haben,
-die abnormen Bewusstseinszustände von der physiologischen Grundlage
-des Centralnervensystems<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[&ndash; 268 &ndash;]</a></span> abzulösen (187), so lange wir an der
-Unentbehrlichkeit einer solchen für das wache Tagesbewusstsein
-festhalten; denn die psychischen Funktionen dieser abnormen Zustände
-sind, wie wir gesehen haben, weit geistloser, sinnlicher, mechanischer
-und inniger mit dem organischen Naturleben verwachsen als diejenigen
-des normalen Bewusstseinszustandes, und sind es um so mehr, je weiter
-sie sich von dem letzteren entfernen, <span class="nowrap">d. h.</span> je tiefer der Schlaf, je
-gesteigerter der Somnambulismus wird. Will man mit du Prel das normale
-wache Bewusstsein „das sinnliche“ in der engeren Bedeutung des Wortes
-nennen, so sind die abnormen Bewusstseinszustände als „untersinnliche“
-zu bezeichnen, und sie sind um so „untersinnlicher“, je weiter sie
-sich vom normalen sinnlichen Bewusstsein entfernen. Wenn es ein vom
-leiblichen Organismus und seinem Zerfall unabhängiges „leibfreies“
-Bewusstsein hinter dem „sinnlichen“ gäbe, so wäre solches jedenfalls
-in der entgegengesetzten Richtung zu suchen, als in derjenigen,
-welche wir mit der Untersuchung der abnormen „untersinnlichen“
-Bewusstseinszustände beschritten haben, denn es wäre nur als ein dem
-organischen Treiben der Natur entrücktes, „übersinnliches“, dem wachen
-Bewusstsein an teleologisch-vernünftiger Geistigkeit überlegenes zu
-denken. Will man mit du Prel dieses hypothesische leibfreie Bewusstsein
-mit dem metaphysischen „Unbewussten“ des betreffenden Individuums
-gleichsetzen (395, S. VI), so ist jedenfalls der Somnambulismus eine
-schlechtere Eingangspforte zu dieser Region als das ihr näher stehende
-wache Bewusstsein, und am allerwenigsten die einzige Eingangspforte zu
-derselben, wie du Prel meint (158); denn es ist eine Eingangspforte nur
-zu einem Theil des physiologischen oder untersinnlichen Unbewussten,
-welches von dem metaphysischen oder übersinnlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[&ndash; 269 &ndash;]</a></span> Unbewussten streng
-unterschieden werden muss.</p>
-
-<p>Sowohl die normalen wie die abnormen Bewusstseinszustände sind
-Zustände des Hirnbewusstseins, wenn auch der Brennpunkt seiner
-Lage wechselt; sie alle zusammen bilden also das eine sinnliche
-Bewusstsein im weiteren Sinne des Wortes und konstituiren mit dem
-leiblichen Organismus zusammen die Persönlichkeit des Menschen.
-Will man hinter diesem sinnlichen Bewusstsein ein übersinnliches
-annehmen, das in ähnlicher Weise, wie das sinnliche sich auf den
-leiblichen Organismus stützt, sich auf eine materielle Basis von
-unvergleichlich feinerer, ätherischer Beschaffenheit (403, 393), auf
-einen vom Tode des Leibes nicht alternirten Metaorganismus stützen soll
-(522, 523), so würde man damit allerdings eine zweite übersinnliche
-Persönlichkeit hinter der sinnlichen Persönlichkeit des Menschen
-annehmen. Aber dieser hypothesische Dualismus von übersinnlicher und
-sinnlicher Persönlichkeit im Menschen wäre geradezu entgegengesetzter
-Art wie der oben als unhaltbar nachgewiesene hypothetische
-Dualismus zwischen normalem sinnlichen Bewusstsein einerseits und
-der vermeintlichen Mehrheit abnormer untersinnlicher Bewusstseine
-andererseits, und dürfte keinenfalls mit demselben verwechselt oder
-durcheinander gemengt werden, wie du Prel beständig thut<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>. Wäre
-der Dualismus von normal-sinnlichem und abnormem Bewusstsein, wie
-du Prel meint, erwiesen, und die Hypothese einer<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[&ndash; 270 &ndash;]</a></span> übersinnlichen
-Persönlichkeit anderweitig genügend begründet, so hätten wir doch
-immer keinen Dualismus, sondern einen Trialismus von übersinnlicher,
-normal-sinnlicher und abnorm untersinnlicher Persönlichkeit, oder
-genauer einen Septualismus zwischen einer übersinnlichen, einer
-normal-sinnlichen, einer träumenden, zwei somnambulen und zwei bis drei
-irrsinnigen Personen in demselben Menschen. Der verfehlte Dualismus
-zwischen der normal-sinnlichen und der abnorm-untersinnlichen
-Persönlichkeit, die beide gleichmässig mit dem organischen Leibe zu
-Grunde gehen, könnte keinesfalls etwas dazu beitragen, den ebenso
-verfehlten Dualismus zwischen der sterblichen sinnlichen und der
-unsterblichen übersinnlichen Person im Menschen zu begründen oder
-auch nur annehmbarer zu machen. Der Versuch du Prels, die uralte,
-aber in keiner Weise zu begründende metaphysische Weltanschauung des
-„transcendentalen Individualismus“ auf die Erscheinungen des abnormen
-Seelenlebens und insbesondere des Somnambulismus zu stützen, erscheint
-hiernach ebenso misslungen, wie der ihm voraufgegangene Versuch
-Hellenbachs, dieselbe auf die Erscheinungen des Spiritismus zu stützen.</p>
-
-<p>Man würde mich missverstehen, wenn man glaubte, ich wolle du Prel
-einen Vorwurf aus seiner Behauptung machen, dass die psychischen
-Funktionen des Individual-Subjekts nicht mit der sinnlichen
-Bewusstseinsthätigkeit erschöpft sind, sondern dass dasselbe ausserdem
-noch vor und jenseits alles organisch vermittelten Bewusstseins
-liegende Funktionen hervorbringt und trägt, durch welche es einerseits
-den Organismus producirt und erhält (145, 412) und andererseits die
-Bewusstseinsfunktionen sowohl des normalen wie der abnormen Zustände
-durch Inspirationen unterstützt (194, 278). Ich tadle ihn nur deshalb,
-weil er erstens in der offen<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[&ndash; 271 &ndash;]</a></span> stehenden Frage nach der Bewusstheit
-oder Unbewusstheit der fraglichen Functionen den Beweis zu Gunsten
-der Bewusstheit einfach durch die Konfusion zwischen untersinnlichem
-und übersinnlichem, somnambulem und leibfreiem Bewusstsein geliefert
-zu haben glaubt, und zweitens, dass er das so eingeschmuggelte
-übersinnliche Bewusstsein wiederum mit dem dasselbe tragenden
-Individualsubjekt verwechselt; denn dieses letztere muss doch als das
-zwei Bewusstseine oder Personen gemeinsam tragende Subjekt (376) beiden
-gleich fern und gleich nahe stehen, <span class="nowrap">d. h.</span> der unbewusste Producent und
-Träger beider sein, und es ist unmöglich, demselben dadurch näher zu
-kommen, dass man von der Erscheinungswelt des einen dieser Bewusstseine
-in diejenige des anderen hinüberschreitet. Gäbe es also auch hinter der
-sinnlichen Person im Menschen noch eine zweite übersinnliche, so müsste
-man doch, um von der Flächenausdehnung dieses zweiten Bewusstseins
-zum unbewussten gemeinsamen Subjekt beider Personen zu gelangen, ganz
-ebenso in die metaphysische Tiefendimension hinabsteigen, als wenn man
-von dem Bewusstsein der ersten Person ausgeht; denn das Subjekt selbst
-ist niemals empirisch im Inhalt seiner Funktion zu finden, sondern
-nur aus der Funktion durch einen nach rückwärts gehenden Schluss
-intellectuell zu erreichen, weshalb eben Kant es das intelligible
-Subjekt nennt (415).</p>
-
-<p>Wenn es also schon unrichtig ist zu sagen, dass die
-Bewusstseinssteigerung nach der Seite des abnormen Bewusstseins durch
-Anleihen beim übersinnlichen Bewusstsein zu Stande komme (401), so
-ist es doppelt unrichtig zu sagen, dass das im normalen Bewusstsein
-zurückgetretene gemeinsame Subjekt der übersinnlichen und sinnlichen
-Person in abnormen Bewusstseinszuständen „aus dem Unbewussten
-hervortrete“ (139).<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[&ndash; 272 &ndash;]</a></span> Alle etwaigen übersinnlichen Einwirkungen des
-Individualsubjekts auf das organisch vermittelte Bewusstsein können
-von diesem letzteren nur aufgefasst werden, insofern sie zugleich
-in dessen eigene sinnlich-bildliche Form eingekleidet werden (70),
-und wenn auch eine abnorme Hyperästhesie des Gedächtniss- und
-Phantasieorgans in untersinnlichen Bewusstseinszuständen diese
-Auffassung und Einkleidung bis zu einem gewissen Grade erleichtert,
-so beweist doch der Fortbestand des visionär-bildlichen Charakters
-der Eingebungen, dass auch bei den äussersten Graden der somnambulen
-Hellsichtigkeit die organisch-sinnliche Basis des Bewusstseins nicht
-verlassen wird (117&ndash;118) und keineswegs ein direkter Uebergriff oder
-Uebertritt in’s übersinnliche Bewusstsein stattfindet. Ein solcher
-bleibt auch dann ausgeschlossen, wenn durch abnorme Hyperästhesie
-des Gedächtniss- und Phantasieorgans die gewöhnliche Geschwindigkeit
-des Vorstellungsablaufes zur Bilderflucht gesteigert wird, und es
-ist unzulässig, in solchem Falle von „transcendentalen Zeitmass“ zu
-reden (86), oder gar die krankhafte Bilderflucht eines überreizten
-Gehirns mit Kants Lehre von der Idealität der Zeit und des Raumes
-zusammenzurühren (93, 147), da zur Erklärung solcher seltener Beispiele
-nicht einmal die Maximalgeschwindigkeit des wachen Vorstellungsablaufs
-überschritten zu werden braucht (vgl. oben).</p>
-
-<p>Die allen unsern heutigen Ansichten widersprechende Annahme du Prel’s,
-dass das „transcendentale“ Bewusstsein ein leibfreies, <span class="nowrap">d. h.</span> ohne das
-Substrat von Nervencentralorganen zu Stande kommendes Bewusstsein sei,
-ist als der <em class="gesperrt">physiologische</em> Grundfehler seines Standpunktes zu
-bezeichnen; die Verwechselung dieses „transcendentalen Bewusstseins“
-mit dem (unbewussten) „transcendentalen Subjekt“ dagegen ist der
-<em class="gesperrt">logische</em> Grundfehler seines Standpunktes. Du Prel hat in
-seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[&ndash; 273 &ndash;]</a></span> späteren Arbeiten leider keinen Versuch gemacht, meine Kritik
-dieser beiden Grundfehler zu widerlegen, sondern hat unbeirrt auf
-diesen beiden unhaltbaren Voraussetzungen weitergebaut, die bei ihm
-ebenso unbegründet dastehen als sie ihrer Natur nach unbegründbar
-sind. Man kann hiernach ermessen, welcher Werth einer so fundirten
-„transcendentalen Psychologie“ beizulegen <span class="nowrap">ist. &mdash;</span></p>
-
-<p>Die Genauigkeit verlangt zu erwähnen, dass du Prel noch auf
-einem vom Somnambulismus unabhängigen Wege die Bewusstheit der
-übersinnlichen Funktionen des Subjekts zu erweisen sucht. Er verwirft
-nämlich die physiologische Erklärung des Gedächtnisses, wonach
-dasselbe in hinterlassenen Spuren der Vorstellungsfunktion in den
-funktionirenden Gehirntheilen bestehen soll, und setzt an deren
-Stelle eine metaphysische Erklärung, nach welcher alle vom sinnlichen
-Bewusstsein zeitweilig vergessenen Vorstellungen im übersinnlichen
-leibfreien Bewusstsein als aktuelle Vorstellungen fortbestehen, und
-bei der Reproduktion oder Wiedererinnerung aus diesem von Neuem
-in’s sinnliche Bewusstsein hinübertreten (371&ndash;375). Da die abnormen
-Bewusstseinszustände thatsächlich keine gleichzeitige Aktualität aller
-jemals gehabten Vorstellungen aufweisen, da vielmehr das zeitweilige
-Vergessen und Wiedererinnern der Vorstellungen, <span class="nowrap">d. h.</span> das Problem
-des Gedächtnisses, für die abnormen Bewusstseinszustände <em class="gesperrt">ganz
-ebenso</em> besteht wie für den normalen, so kann dasjenige Bewusstsein
-welches den aktuellen Gedächtnissvorrath enthalten und erhalten soll,
-nur als das übersinnliche, in <em class="gesperrt">keiner</em> Erfahrung anzutreffende,
-leibfreie Bewusstsein verstanden werden, welchem dann gleichmässig die
-Aufgabe zufiele, als Gedächtnissvorrathskammer sowohl für das normale
-sinnliche, als auch für das abnorme untersinnliche Bewusstsein zu
-dienen (346).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[&ndash; 274 &ndash;]</a></span></p>
-
-<p>Ich halte diesen Erklärungsversuch aus zwei Gründen für verfehlt.
-Erstens würde das übersinnliche Bewusstsein, wenn es alle jemals am
-Menschen vorübergezogenen Vorstellungen und Gefühle in gleichzeitiger
-Aktualität als seinen Inhalt umfasste, ein sinnverwirrendes
-chaotisches Durcheinander sein, in welchem eben so wenig noch
-bestimmte Vorstellungen enthalten wären, wie in der gleichzeitigen
-Aufführung aller bisher geschriebenen Musikstücke noch Musik wäre; ein
-solches Bewusstsein könnte niemals für irgend welche Erscheinung als
-Erklärungsprincip dienen, auch ganz abgesehen davon, dass die Auswahl
-einer bestimmten Vorstellung aus diesem chaotischen Bewusstsein und
-die Art ihres Ueberganges aus demselben in das sinnliche Bewusstsein
-doch immer noch unerklärlich bliebe. Zweitens aber soll der indirekte
-Beweis für die Richtigkeit dieser Erklärung doch lediglich in der
-Unannehmbarkeit der gewöhnlichen physiologischen Erklärung des
-Gedächtnisses durch Gehirnspuren liegen; der Nachweis der Unhaltbarkeit
-dieser letzteren scheint mir aber entschieden misslungen. Indem
-nämlich du Prel einerseits die Wiederholung gleicher Vorstellungen,
-die Verdichtung ähnlicher zu einem gemeinsamen Gedächtnisseindruck
-ausser Acht lässt und das allmähliche Vergessen der nicht wieder
-aufgefrischten Spuren bis zum absoluten Verschwinden nach einer
-kürzeren oder längeren Zeit leugnet (314, 320), rechnet er grosse
-Zahlen von Gehirnspuren heraus, denen jede Berechtigung fehlt;
-andererseits unterschätzt er die ausserordentliche Feinheit der
-organischen Materie und deren Fähigkeit, eine ungeheure Menge von
-Spuren nicht nur nebeneinander, sondern geradezu ineinander geschoben
-und verschränkt in sich aufzunehmen, wie ja auch eine unglaubliche
-Zahl aktueller Bewegungen in jedem Massentheilchen gleichzeitig vor
-sich gehen. Hätte er aber<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[&ndash; 275 &ndash;]</a></span> in seinen Bedenken gegen die Feinheit
-der organischen Hirnmasse Recht, so würde doch dieses Bedenken
-in noch weit höherem Grade für die ungleich geringere materielle
-Dichtigkeit des Aetherleibes oder Metaorganismus zutreffen, auf dessen
-Molekularbewegung die Summe aller im übersinnlichen Bewusstsein
-gleichzeitig aktuellen Gedächtniss-Vorstellungen und Gefühle sich
-ebenso stützen muss, wie die Summe der im sinnlichen Bewusstsein
-aktuellen Vorstellungen und Gefühle auf die Molekularbewegungen der
-Hirnmasse. Diese verfehlte Theorie des Erinnerungsvermögens würde du
-Prel schwerlich in den Sinn gekommen sein, wenn er nicht vorher schon
-die Existenz eines übersinnlichen Bewusstseins durch die Verwechselung
-mit dem untersinnlichen erwiesen zu haben geglaubt <span class="nowrap">hätte. &mdash;</span></p>
-
-<p>Die Behauptung, dass die für uns unbewussten übersinnlichen psychischen
-Funktionen unseres an und für sich unbewussten Individualsubjekts
-doch ihrerseits von einem übersinnlichen Bewusstsein begleitet seien,
-ist bis jetzt durch nichts erwiesen, und doch liegt die Beweislast
-dem Behauptenden ob; man wird demnach auch ferner logisch im Rechte
-sein, wenn man sie bis auf Weiteres (<span class="nowrap">d. h.</span> bis zur Erbringung des
-Beweises vom Gegentheil) als an und für sich unbewusst betrachtet.
-Es scheint denn doch eine sehr viel einfachere und natürlichere
-Annahme, dass hinter den bewussten Funktionen des Individualsubjects
-ohne Störung der Einheit der bewussten Persönlichkeit noch unbewusste
-Funktionen desselben verlaufen, als dass in jedem Individuum zwei
-Personen verkoppelt sind, deren eine (die sinnliche) durch die andere
-(die übersinnliche) dämonisch besessen ist, ohne etwas davon zu
-ahnen! Insbesondere ist zu beachten, dass die höchst bedenkliche,
-aber schlechthin unentbehrliche Hülfshypothese eines unsterblichen
-Aetherleibes oder Metaorganismus<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[&ndash; 276 &ndash;]</a></span> mit dem Wegfall des übersinnlichen
-Bewusstseins fortfällt; denn bewusste psychische Funktionen brauchen
-zwar ein materielles Substrat, an dem sie erst sich selbst empfindlich
-werden, aber unbewusste psychische Funktionen sind allemal rein
-immaterieller Natur. Alle unbewussten psychischen Funktionen,
-welche sich auf einen individuellen Organismus beziehen, sind durch
-dieses Ziel zu einer individuellen psychischen Gruppe von relativer
-Beständigkeit geeint, ebenso wie sie rückwärts ihren Einheitspunkt an
-dem sie gemeinsam tragenden Subjekt haben.</p>
-
-<p>Auch ich will keineswegs den Individualgeist oder die individuelle
-Psyche überspringen,<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> aber wenn du Prel die Frage, ob dieselbe
-eine substantiell von ihres Gleichen und vom Absoluten getrennte
-Monade, oder eine blosse Einschränkung oder funktionelle Konkretion
-(dramatische Spaltung) des absoluten Subjekts sei, offen lässt
-(72), so habe ich geglaubt, dieselbe zu Gunsten der letzteren Seite
-der Alternative entscheiden zu müssen.<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> Gerade das Problem der
-Inspiration des sinnlichen Bewusstseins durch unbewusste Funktionen
-der Individualseele zwingt in allen Fällen, wo es sich um hellsehendes
-Ahnen von räumlich oder zeitlich weit entfernten Vorgängen handelt, zu
-der Lösung durch den konkreten Monismus überzugehen, weil hier eine
-rückwärtige Verbindung aller Individualsubjekte im absoluten Subjekt
-(gleichsam ein centraler Telephon-Anschluss für die Inspirationen
-der unbewussten Individualseele in’s Bewusstsein) existirt,
-während der monadologische Individualismus nur die Wahl hat, die
-bezüglichen Thatsachen zu leugnen, oder auf eine ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[&ndash; 277 &ndash;]</a></span> gewaltsame
-oder unwahrscheinliche Art als Gefühlswahrnehmungen durch materielle
-Vermittelung zu erklären (198, 421).</p>
-
-<p>Hätte du Prel nicht den pathologischen Charakter des Somnambulismus
-verkannt, und in Folge dessen nicht das untersinnliche Bewusstsein mit
-einem übersinnlichen (transcendentalen) verwechselt, so würde sich
-schwerlich eine Differenz zwischen unseren metaphysischen Deutungen
-der fraglichen Erscheinungsgebiete herausgestellt haben. Von den
-metaphysischen Konsequenzen seiner irrigen Theorien aber werden nur
-zwei Richtungen Nutzen ziehen: der Spiritismus und die christliche
-Apologetik. Die neueren Veröffentlichungen du Prel’s zeigen leider nur
-zu sehr, dass er sich dem Spiritismus nicht zu entreissen vermocht
-hat, nachdem er einmal durch die aufgezeigten Grundfehler demselben
-eine Handhabe geboten hat. Der Mangel an kritischer Vorsicht in der
-Benutzung der Berichte, welcher schon in seiner „Philosophie der
-Mystik“ gerügt werden musste, macht sich in diesen späteren Schriften
-theilweise in einem solchen Maasse geltend, dass dieselben dadurch
-einer wissenschaftlichen Kritik entrückt erscheinen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="ende" name="ende">
- <img class="w10em mtop3 padbot3" src="images/ende.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="reklame">
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s4 center mbot1"><b>Frühere Schriften desselben Verfassers.</b></p>
-
-</div>
-
-<p>Im Verlag der Königl. Hofbuchhandlung von <b>Wilhelm Friedrich</b> in
-<em class="gesperrt">Leipzig</em> erschien:</p>
-
-<p class="s2 center"><b>Der Spiritismus.</b></p>
-
-<p class="center">8 Bogen gr. 8. M. 3.&mdash;.</p>
-
-<p class="s3 center"><b>Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft.</b></p>
-
-<p class="center">Zweite durchgesehene Auflage. 13 Bogen gr. 8. M. 5.&mdash;.</p>
-
-<p class="s3 center"><b>Philosophische Fragen der Gegenwart.</b></p>
-
-<p class="center">19 Bogen gr. 8. Preis M. 6.&mdash;.</p>
-
-<hr class="r65" />
-
-<p class="center mbot1">In <b>Carl Duncker’s</b> Verlag in
-<em class="gesperrt">Berlin</em> erschien:</p>
-
-<p class="s4 center"><b>A. Hauptwerke:</b></p>
-
-<div class="s5">
-
-<p class="hang1_5"><b>Philosophie des Unbewussten.</b> Neunte erweiterte Auflage in
-2 Bänden. Erster Theil: Phänomenologie des Unbewussten. Zweiter
-Theil: Metaphysik des Unbewussten. 62 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 12.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Das sittliche Bewusstsein.</b> Zweite Auflage. 44
-Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 6.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Das religiöse Bewusstsein der Menschheit</b> im Stufengang
-seiner Entwickelung. 40 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 10.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Die Religion des Geistes.</b> 22 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 7.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Aesthetik.</b> Erster Theil. Die deutsche
-Aesthetik seit Kant. 37 Bogen.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 5.&mdash;</p>
-
-<p class="mleft1 hang1_5">Zweiter Theil: Philosophie des Schönen. 53 Bogen. M. 8. Beide
-Bände. 90 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 13.&mdash;</p></div>
-
-<p class="s4 center"><b>B. Nebenwerke:</b></p>
-
-<div class="s5">
-
-<p class="hang1_5"><b>Kritische Grundlegung des transcendentalen Realismus.</b> Zweite
-erweiterte Aufl. von „Das Ding und seine Beschaffenheit“. 12 Bogen
-gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 4.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Gesammelte Studien und Aufsätze</b> gemeinverständlichen
-Inhalts. Zugleich zweite Auflage von „Gesammelte philosophische
-Abhandlungen“, „Schellings positive Philosophie“, „Aphorismen über
-das Drama“, „Shakespeare’s Romeo und Julia“ <span class="nowrap">u. s. w.</span> 46 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 12.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Neukantianismus, Schopenhauerianismus und Hegelianismus</b>
-in ihrer Stellung zu den philosophischen Aufgaben der Gegenwart.
-Zweite erweiterte Auflage der „Erläuterungen zur Metaphysik des
-Unbewussten“. 23 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 7.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Das Unbewusste</b> vom Standpunkt der Physiologie und
-Descendenztheorie. Zweite vermehrte Auflage. Nebst einem Anhang,
-enthaltend eine Entgegnung auf Professor Oscar Schmidt’s Kritik der
-naturwissenschaftlichen Grundlagen der Philosophie des Unbewussten.
-26 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 8.&mdash;</p></div>
-
-<p class="s4 center"><b>C. Kleinere Schriften:</b></p>
-
-<div class="s5">
-
-<p class="hang1_5"><b>Wahrheit und Irrthum im Darwinismus.</b> Eine kritische
-Darstellung der organischen Entwickelungstheorie. 11½ Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 4.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Zur Geschichte und Begründung des Pessimismus.</b> 10 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 3.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Die Selbstzersetzung des Christenthums</b> und die Religion der
-Zukunft. Zweite Auflage. 9 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 3.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Die Krisis des Christenthums</b> in der modernen Theologie. 9
-Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 2.70</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>J. H. von Kirchmann’s erkenntnisstheoretischer Realismus.</b>
-Ein kritischer Beitrag zur Begründung des transcendentalen
-Realismus. 4½ Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 2.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Ueber die dialektische Methode.</b> Historisch-kritische
-Untersuchungen. 8 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 2.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Zur Reform des höheren Schulwesens.</b> 6 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 2.25</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Die politischen Aufgaben und Zustände des deutschen Reiches.</b>
-4 Bogen gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 1.&mdash;</p></div>
-
-<p class="s4 center"><b>D. Erläuterungs- und Vertheidigungsschriften:</b></p>
-
-<div class="s5">
-
-<p class="hang1_5"><b>Lichtstrahlen</b> aus Eduard von Hartmann’s sämmtlichen Werken,
-herausgegeben von Dr. <span class="s4">M. Schneidewin</span>. 22 Bogen kl. 8. Eleg.
-gebunden</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 5.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Das philosophische System</b> Eduard von Hartmann’s. Von Dr.
-<span class="s4">R. Koeber</span>. 26 Bogen gr. 8. (Breslau bei W. Koebner.)</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 9.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Der Kampf um’s Unbewusste.</b> Von <span class="s4">O. Plümacher</span>. Nebst
-einem Anhang, enthaltend ein chronologisches Verzeichniss der
-Hartmann-Literatur von 1868 bis 1880 (circa 770 Nummern). 10 Bogen
-gr. 8.</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 3.&mdash;</p>
-
-<p class="hang1_5"><b>Der Pessimismus in Vergangenheit und Gegenwart.</b>
-Geschichtliches und Kritisches. Von <span class="s4">O. Plümacher</span>. 23 Bogen
-gr. 8. (Heidelberg bei G. Weiss.)</p>
-
-<p class="right mbot1">M. 7.20</p></div>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter padtop3">
-
-<div class="footnotes">
-
-<p class="s3 center mbot1"><b>Fußnoten:</b></p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> In den Kapiteln: „Die Unchristlichkeit des liberalen
-Protestantismus“ und „die Irreligiosität des lib. Prot.“
-(Selbstzersetzung des Christenthums Cap. VI und VII) und in der Schrift
-„Die Krisis des Christenthums“ Abschn. I. 2, II und IV.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> In der Satire: „Das Gefängniss der Zukunft“
-(Gesammelte Studien und Aufsätze A. X.) und in der Kritik des
-socialendämonistischen Princips (Phänomenologie des sittlichen
-Bewusstseins Abth. II, B. I.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Gesammelte Studien und Aufsätze No. I; Philosophische
-Fragen der Gegenwart No. I.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Vergl. „Das sittliche Bewusstsein“, 2. Aufl., S. 415&ndash;418.
-(1. Aufl. S. 516&ndash;518).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Vergl. den Abschnitt über „Das Moralprincip des
-Mitgefühls“ in „Das sittliche Bewusstsein“, 2. Aufl. S. 184&ndash;202 (1.
-Aufl. S. 217&ndash;240).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Man vergleiche zu diesem Abschnitt meine „Phänomenologie
-des sittlichen Bewusstseins“, S. 672&ndash;673, 692&ndash;696; 2. Aufl. S. 536&ndash;537,
-552&ndash;555.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Dieselbe beläuft sich nach medicinischen Annahmen auf 2
-vor dem 20. Jahre, 5 in den 20ger, 3 in den 30ger und 1 in den 40ger
-Jahren, zusammen auf 11. Bei der Verheirathung der Frau mit 26½ Jahren
-sinkt die zu erwartende Kinderzahl auf die Hälfte, <span class="nowrap">d. h.</span> auf 5½, was
-mit dem statistischen Durchschnitt in Deutschland übereinstimmt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Wollte man dem skrupulösesten Gerechtigkeitsgefühl
-Rechnung tragen, so brauchte man nur die Bestimmung in das Gesetz
-aufzunehmen, dass Jungfern durch die eidesstattliche Versicherung,
-niemals einen Heirathsantrag gehabt zu haben, von der Steuererhöhung
-befreit werden. Wer die Frauen kennt, wird keinen Augenblick daran
-zweifeln, dass eine solche Klausel unbenutzt bleiben würde, und dass
-deshalb ihre Aufnahme in’s Gesetz überflüssig und wirkungslos wäre.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Die Besorgniss, dass durch Einreichung des Leitfadens eine
-zu scharfe Kontrole von Seiten der Universitätsbehörden ermöglicht und
-damit die Lehrfreiheit beeinträchtigt werden könnte, scheint mir ganz
-grundlos. Wenn ein Docent Dinge sagt, die den Universitätsbehörden
-Anstoss geben könnten, so sagt er sie in den mündlichen Erläuterungen,
-aber nicht in demjenigen, was er den Studenten diktirt, &mdash; und mehr
-soll ja der Leitfaden nicht enthalten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> <em class="gesperrt">H. Klinkhardt</em>, Das höhere Schulwesen Schwedens.
-Leipzig, J. Klinkhardt, 1887. Einen übersichtlichen Bericht über dieses
-Werk aus der Feder des Grafen Pfeil findet man in der „Zeitung für das
-höhere Unterrichtswesen“ 1887, Nr. 30&ndash;32.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> „Die Zukunft unserer höheren Schulen“ von F. Hornemann.
-Hannover, Carl Meyer, 1887. S. 105 Anmerkung.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Leçons sur les maladies du système nerveux tome III. &mdash;
-Essai d’une distinction nosographique des divers états nerveux, compris
-sous le nom d’hypnotisme. (Comptes rendus de l’Académie des sciences
-1882.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Die Philosophie der Mystik von Dr. Carl du Prel. Leipzig,
-Ernst Günthers Verlag 1885.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Die Philosophie der Mystik von Dr. Carl du Prel. Leipzig,
-Ernst Günthers Verlag 1885.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Vigouroux, Métalloscopie, Métallothérapie,
-Oesthésiogènes.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> „Versuch über das Geistersehen und was damit
-zusammenhängt“, in den „Parerga und Paralipomena“, 2. Aufl. I. Band. S.
-241&ndash;328.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Parerga 2. Aufl. I. S. 262 (vgl. S. 264).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Das Gleiche gilt für Träume, in denen ein äusserer
-Sinnenreiz in den Traum ausnahmsweise einmal in der Art dramatisch
-verwoben wird, dass die letzten Glieder des Traumes durch die Pointe
-bedingt erscheinen; auch hier genügen die 2&ndash;3 Sekunden, die von der
-Perception des Gehörseindrucks (<span class="nowrap">z. B.</span> eines Schlusses) im untersten
-Perceptionscentrum für Gehörseindrücke bis zur Perception desselben
-durch das Organ des Traumbewusstseins sehr wohl verstreichen können (S.
-90 unten bis 91 oben), um 24&ndash;36 Vorstellungsbilder auf einander folgen
-zu lassen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Bekanntlich zeigt der Traum eine Menge Erscheinungen des
-Wahnsinns und macht dadurch viele der gewöhnlichsten Irrsinnsformen
-für jeden, der auf seine Träume achtet, von innen heraus verständlich,
-so <span class="nowrap">z. B.</span> den Verfolgungswahn, verschiedene sexuelle Abnormitäten,
-Verbrecherwahn, Grössenwahn <span class="nowrap">u. s. w.</span></p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Die oben angeführten Versuche von Binet und Féré streifen
-bereits an die Grenze des unheimlich Grausamen auch ohne Anwendung des
-Messers; sie liefern dafür aber auch durch Bestimmung der schmerzenden
-Stelle bei jeder Art von seitlich transferirter Hirnfunktion einen
-höchst schätzbaren Beitrag zur Lokalisation der Hirnfunktionen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Statuvolence oder der gewollte Zustand. Von W. B.
-Fahnestock. Deutsch von Wittig. Leipzig 1883.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Diese lokale magnetische Hyperästhesirung bildet das
-Gegenstück zu der lokalen Anästhesirung durch narkotische Mittel, und
-der lokalen magnetischen Anästhesirung (<span class="nowrap">z. B.</span> bei Brandwunden).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Die Wirksamkeit des Befehls zur Erinnerung ist analog der
-Wirksamkeit des Befehls zum Vergessen und zur Elimination bestimmter
-Wahrnehmungskomplexe aus der Wahrnehmungsphäre. Die Sage von der
-Tarnkappe wird zur Wahrheit, indem die Somnambule nach dem Erwachen
-unfähig ist, eine bestimmte anwesende Person wahrzunehmen, wenn ihr
-diess im somnambulen Zustand befohlen war.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Den äusseren Anlass zu dieser Konfusion giebt der
-Missbrauch des Wortes „transcendental“ in der Bedeutung „latent“
-(443) oder „unterhalb der Schwelle des Bewusstseins gelegen“; denn
-nun bezeichnet der Ausdruck „transcendentales Bewusstsein“ in
-doppelsinniger Weise bald das untersinnliche, bald das übersinnliche
-Bewusstsein. Ich habe deshalb das Wort „transcendental“ in der
-bisherigen Erörterung ganz vermieden, um dieser Verwirrung zu entgehen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> „Religion des Geistes“ S. 226&ndash;228.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Vgl. „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie und
-Descendenztheorie“ 2. Aufl. S. 297&ndash;306.</p></div>
-
-</div>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Moderne Probleme, by Eduard von Hartmann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MODERNE PROBLEME ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
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